1788_Ehrmann_009 Topic 1

Marianne Ehrmann

Amalie

Eine wahre Geschichte in Briefen.

Von der Verfasserin der Philosophie eines

Weibs

Erster Band

Vorerrinnerung des Herausgebers.

Feinheit der Gedanken und Leichtigkeit des Ausdruks zeichneten von jeher die Schriften der Frauenzimmer aus, welche sich zu Selbstdenkerinnen emporgeschwungen hatten.

Auch diese Briefe tragen das Geprage dieses karakteristischen Kennzeichens an sich, woran die Leser und Leserinnen der Geschichte Amaliens leicht das Frauenzimmer erkennen werden, das ihnen durch ihre so liebenswurdige Philosophie schon allzuwol bekannt seyn wird, als dass ich nothig hatte, meiner wenigen Beredsamkeit aufzubieten, um ihr Lobredner zu werden.

Das edle, jedem Wohlwollen offne Herz, der ausgebildete Verstand, der muntre, kuhne Wiz dieser Denkerin, bedarf keiner Empfehlung an alle Die, welche Tugend und Geistesfahigkeiten zu schazzen wissen; aber Schade ist es, dass bisher die Talenten dieser liebenswurdigen Schriftstellerin nicht allgemeiner bekannt geworden sind; da doch so manches Frauenzimmer im lieben Deutschland auf den Flugeln wohlwollender Freude zum Tempel des Ruhms emporgetragen wird, welcher vielleicht selbst vor der Hohe schwindelt!

Warum sollte es nicht Pflicht seyn, im Verborgenen schimmernde Talenten hervor ans Licht zu ziehen, damit auch Andre sich drob freuen, sich daran laben konnen; damit sie bluhen, diese verkannte Talenten, und Fruchten tragen mogen zum Vortheile der Gesellschaft?

Einen kleinen Theil dieser Pflicht glaube ich nach meinem wenigen Vermogen zu erfullen, indem ich dem Publikum dies Werkchen vorlege, dessen unverkennbare Schonheiten das Zischen des Neides uberstimmen werden, der so selten den Verdiensten eines denkenden Frauenzimmers Gerechtigkeit widerfahren lasst!

Es sind Briefe, die eine im Grunde wahre Geschichte enthalten; Briefe, in welchen die feinsten Empfindungen mit den edelsten Grundsazzen verwebt sind; Briefe, deren naturlicher, ungeschminkter, launigter Ton, deren warmgefuhlte Ausdrukke, und kuhne, vorurtheilfreye Schreibart, sich den Lesern ebensowohl, als das Interessante der Geschichte selbst empfehlen werden.

Treffende Schilderungen von Situazionen tiefe Blikke ins menschliche Herz launigte Erzahlungen satirische Anmerkungen kuhne Ausfalle auf verjahrte Vorurtheile wechseln mit der Sprache des Gefuhls und der Leidenschaften ab, die mit ihren feinsten Schattirungen in diesen Briefen ausgemalt werden.

Unter die ersten Verdienste dieses Werkchens gehort auch die edle Freimuthigkeit, mit welcher unsre Denkerin die Thorheiten bekriegt, und dem verkappten Laster die Maske vom Gesichte reisst; nicht in heiliges Dunkel verhullte Rechte tief eingewurzelter Vorurtheile, nicht Furcht vor dem Gekrachze blodsinniger Dummkopfe halt sie ab, die selbstgefuhlte Wahrheit zu denken und zu schreiben; und jeder Denker wird mit innigem Vergnugen ein Werk lesen, das blos ein Kind der Natur ist, und als ein solches ohne kunstlichen Wortprunk, ohne gesuchten Schmuk, ohne Ziererei so geradehin sich jedem Freunde der Aufklarung empfiehlt, der den Kern nicht uber der Schale vergessen, und an pedantischen Wortklaubereien hangen bleiben wird.

Wenn man schon gewohnlich dem schonen Geschlechte das Denken untersagt, weil es Kopfweh machen soll, so glaube ich doch meine Leser versichern zu durfen, dass selbst Manner von geubterem Nachdenken bei der Grosse der Gedanken und Empfindungen dieser Schriftstellerin staunen, und, wenn ihre Eigenliebe es ihnen schon verbietet, ihre Fruchte des Nachdenkens zu bewundern, doch den stillen Beifall nicht versagen werden.

Ich bin zu wenig von den Kunsten gedungener Lohntrompeter unterrichtet, als dass ich es wagen wollte, durch meinen Posaunenton das laute Jubelgeschrei zu uberstimmen, womit so manche, weniger denkende Frauenzimmer von gewissen Leuten ausgeschrieen werden, deren Stimme auch bei der besten Lunge doch am Ende heischer wird.

Ich schweige dies Werk mag seine Verfasserin selbst empfehlen, und diese Wirkung wird es auch bei jedem Freunde des Nachdenkens hervorbringen, der geborgten Wiz von dem eigenthumlichen Gedankenschwunge einer Schriftstellerin zu unterscheiden weis, die ohne auf das Pradikat einer Gelehrten Anspruch zu machen, vielleicht weiter denkt, als manche von hoher und tiefer Gelehrsamkeit strozzende Dame.

Genug davon! Die Leser dieses Werks werden sicher mit mir darinne ubereinstimmen, dass es unverantwortlich ware, eine Schriftstellerin nicht aufzumuntern, deren erste Arbeiten uns noch so vieles fur die Zukunft erwarten lassen.

Aber freylich ist es das gewohnliche Loos der Frauenzimmer, die sich erkuhnen, ihre Geistesprodukten dem Publikum vorzulegen, dass man ihnen die Ehre, Verfasserinnen zu seyn, rauben will, wenn ihre Arbeiten sich uber das Mittelmassige erheben, und sie mit lautem Spotte belohnt, wenn sie ihre Gedanken nicht gerade nach der einmal ublichen Form gemodelt haben; wenn ihre Schreibart nicht eben so fehlerfrey ist, als der Styl des Gelehrten, der seine Jugendjahre mit Silbenstechereien zugebracht hat.

Der Beifall der Denker wird der Verfasserin dieses Werks Reiz genug seyn, auch fernerhin der Lesewelt ihre Arbeiten aufzutischen.

Mehr darf ich izt nicht sagen, und ich glaube schon zu viel gesagt zu haben, als dass ich mich nicht gefasst machen sollte, mich mit den Abgesandten des Neides recht schriftstellerisch herumzubalgen, die wohl nicht unterlassen werden, auch dies Werk mit ihrem Gifte zu besudeln.

Fur alle Andere bedarf es keiner Empfehlung, es empfiehlt sich selbst; und ich befurchte den Unwillen der Leser auf mich gezogen zu haben, da ich sie durch meine geschwazzige Vorrede so lange von der Lektur des Werkes selbst abhielt. Im Dezember 1787. T. F. E.

I. Brief

Amalie an Fanny

Besste theuerste Freundin!

Wenn Du jenes gutherzige Madchen bist, so offne deinen Busen meinem Kummer. Seit einer Stunde! Gott im Himmel! Seit einer Stunde ist meine Mutter todt! Diese theure, fur mich so gutige Freundin ist nicht mehr! O, fuhle, wenn Du kannst, die Last dieses Schmerzens! Aber Du kannst unmoglich das mit mir fuhlen, denn Du verlorst keine Mutter, keine Fuhrerin, keine Beschuzzerin, wie ich! O Mutter! Mutter! Konnten Dich meine Thranen zurukrufen! Konntest Du sehen, wie dieser Verlust in mir tobt; wie er mir hineingreift in das Innerste meiner Seele; wie es mich druckt, dieses Andenken; wie es mich angstigt; meine Leiden spannen sich auf den hochsten Grad der schwarzen Schwermuth! O Fanny! Sage mir doch nie wieder, dass Enthusiasmus die Menschen gluklich mache! Matt und ohne Thranen uberdenke ich meine Lage, finde nirgends Trost, und ausser deinem Busen scheint mir alles hart und unbarmherzig! Die Menschen sagen immer, Luft musse man sich machen und seinen Brokken Elend wegseufzen. Gut ware dies fur mich besonders gut! Aber sind doch die meisten Menschen zum wahren Antheil so ungeschikt, so holzern! Doch Du, meine Freundin, bist keine von diesen, Du bist nicht von der Alltagsgattung, dein Gefuhl ist fein genug, um mich zu verstehen. O! ich erinnere mich noch recht gut, wie sich deine Thranen mit den meinigen mischten. Und wenn ich dann gleichwohl diese Thranen unter starkern Herzensstossen herausweinte, so war mein Weinen doch nicht so bitter, weil Du mitweintest. Wahrhaftig es rollt diesen Augenblik etwas feuchtes aufs Papier! o, Gott sey Dank, es ist eine Thrane! Jezt kommen sie, diese Erleichterungen meines schweren Herzens; ich will sie zu tausenden wegschluchzen, und dann sez ich meinen Brief weiter fort. Um etwas ist es mir jezt leichter, doch freilich ist dieses Etwas nur wenig. Glaube mir, Fanny! auch bei kalterem Blute scheint mir der Verlust meiner Mutter grasslich! Alles erinnert mich augenbliklich daran. Die Leere in unsern Zimmern, der Mangel meiner Mutter in allen Anlassen, ihre mussigen Kleidungsstukke! Gott! Gott! ich habe sie verloren, sie kommt nicht wieder, meine innigstgeliebte Mutter! Bis izt war ihr Tod fur mich blos ein halbwahrer, dumpfer Gedanke, mein Gehirn war zu heiss, um seiner Ursache nachzudenken; aber jezt, liebe Mutter, erinnere ich mich, dass Ungluk und Misvergnugen deine Morder waren! Die Blute deiner Jahre ist doch ein zu theurer Preis! Nicht wahr, Fanny, Du kennst die Gute meines Vaters? Wehe uns armen Kindern, wenn sein verheiratheter Bruder fortfahrt, auf den Sturz unsers Hauses anzutragen! Er ist ein verschwenderischer Heuchler, und mein Vater ist zu gut und zu leichtglaubig. Welch eine gefahrliche Gabe ist doch ein gutes Herz! Wie oft muss es sich tretten lassen, und wie wenig bindet es sich an Erfahrung! Selten entwischt ein zu gutes Herz der Gefahr betrogen zu werden, und wenn es ihr entwischt, so wirkt eigner Unwille kontrastmassig auf seinen Hang zur verschwenderischen Gutheit; immer wird so ein Herz von Bosewichtern umgeben und bezaubert, und ehe sich der Betrug sonnenklar entwikkelt, bleibt solch ein Herz gewis hartnakkig gut. Lebe wohl, gutes, liebes Madchen, und bedaure deine arme

Amalie.

II. Brief

Amalie an Fanny

Meine Besste, Liebste!

Weist Du es wohl, dass der denkende Mensch weit mehr leidet, als der nichtdenkende? Der lezte fuhlt weiter nichts als den ersten Streich des Ungluks, aber der erstre den ganzen Wiederhall. Die Grade unsres Gefuhls misst unsre Einbildungskraft ab, und wo der Tiefsinn mehr oder minder wirkt, da drukt er mehr oder weniger. Enge Kopfe und steife Herzen sind arme, aber ruhige Geschenke. Das ist nun richtig, dass auch mit meiner Einbildung mein Kummer wachst. Jener unersattliche Oheim reisst unser Vermogen mit Riesenmacht ins Verderben. Vater, dacht ich lezthin, deine Gute ist Verschwendung, aber keine lasterhafte Verschwendung, mochte Dich der Himmel entschuldigen! Weiter wurd' ich noch gedacht haben, aber mein Herz war Wachs, Thranen rollten gewaltig auf meinen Busen. Nun Madchen! jezt wirst Du ausrufen, zu was all dein Jammern? Hast schon Recht, Fanny! Wenn nur die lokkende Hofnung kein so elender Trost ware, so mocht ich mich an diesen Pfad allein halten; aber sich von dieser Heuchlerin tauschen, und so oft tauschen lassen, das ist hart! Nicht wahr, Liebe! Gluk und Ungluk hat einen gewissen Lauf, und wen das leztre schlagt, der hat Starke nothig, seine Streiche auszuhalten? Denn es ist eine so hartnakkige Schlange, die sich von einem Gliede zum andern windet, uberall den Elenden verwundet und doch nicht todtet. Wenn fur mich eine so lange Reihe von Martern bestimmt ware! Wie ich mich doch so eigensinnig in die Zukunft drangen mochte! Das Hineingukken ist eine Plage, die der melancholische Mensch uberall mit sich schleppt; klein und rasch sind seine Erholungen, aber anhaltend und schwarz seine darauffolgende Leiden. O Fanny! mein Vater scheint gebeugt, und ich bin zu blode, um ihm seinen Kummer abzuzarteln. Ich mochte ihm kein Gestandnis ablokken, das ihm hart ankame. Ach Mutter! Warum bist Du hin, fur uns alle hin? Madchen! mir ahndet, und meine Ahndung ist gewis nicht ohne Grund. Mein Vater stekt in Schulden, und die rohen Menschen gaben ihm nur wenige Wochen Termin. Kein Ausweg ist vorhanden, keine nahe Rettung lasst sich blikken. Gott! wir sind im Elend!

Amalie.

III. Brief

Fanny an Amalie

Liebe unglukliche Freundin!

Wenn es Mittel gabe, einen so tiefen Gram, wie der deinige ist, zu lindern, dann hatt ich Dich gewis nicht so lange warten lassen, was hatt ich Dir wohl mitten in deinem Jammer sagen sollen? Es gehort eine gewisse Kunst dazu, Unglukliche zu trosten, und Du sagtest mir schon selbst, dass ich hiezu sehr ungeschikt ware. Ich habe Dich also im Innern bedauert und viele stille Thranen fur Dich verweint. Wenn ich schon nicht, wie Du, alles exzessmassig fuhle, so fuhle ich doch gewis tief, sehr tief. Troste Dich, besste Amalie, troste Dich uber den Verlust deiner Mutter, uberdenke das menschliche Schiksal, und sieh zu, ob dieses Opfer nicht eine Folge der Menschlichkeit sey? Wahr ist es, die Natur emport sich, wenn ein so theurer Theil sich in Nichts verwandelt, wenn es aber so seyn will, so seyn muss, warum soll denn ein Mensch gegen eine unabanderliche Bestimmung rasen? Ja, Freundin! Enthusiasmus macht gluklich, wenn er nicht uberstimmt wird, und Du besonders, liebes Kind! Du raumst ihm nur im Tragischen einen Plaz ein; deine Einbildung wird mehr dein Tirann als dein Wohlthater. Besstes Madchen, suche Dich gelassener zu stimmen; vielleicht ist es noch Zeit, wenn Du anders deine Heftigkeit nicht schon zu stark gezogelt hast. Und dann, meine Liebe, wo ist dein Zutrauen auf die Vorsicht? Willst Du nicht lernen gross denken und im Elend sich fest an Den halten, der die Thranen der Ungluklichen zu belohnen weis; an Den, der uns retten kann, wenn wir es verdienen gerettet zu seyn? Dein Vater, Du und deine Schwester sind bedaurungswurdig. Es ist eine grausame Gabe um ein gutes Herz; es lasst sich so leicht bis zum Leichtsinn heruntertauschen. Doch, liebes Madchen, es ist einmal dein Vater; ehre seine Wurde und beweine seine Handlungen. Ich kenne dein Herz, besste Amalie, es ist so edel gestimmt, es schlagt so rein, glaube deiner Freundin, es kann nicht unbelohnt bleiben. Nein es kann nicht! Gutes Madchen! Wie edel ist nicht dein Kummer uber einen innerlichen Vorwurf deines Vaters! Du duldest so viel, und bist doch noch so sanft, so ausserst gutherzig. Amalie! Dein Gefuhl hat einen Werth, der sich nicht bestimmen lasst, weil es so selten unter Kindern zu finden ist. All dein Ungluk muss Dich doch weniger drukken, wenn Du denkst, mein Herz verehrt ihn dennoch, Den der mir das Leben gab. Fahre fort, Freundin, so zu handeln, ich will Dich ewig verehren und nie aufhoren zu seyn, deine theuerste

Fanny.

IV. Brief

An Fanny

Theures Madchen!

Was mit uns vorgeht, verdient aller Menschen Mitleid. Mein Vater weint, und seine Tochter badet sich in seinen Thranen. Die fuhllosen Glaubiger! Die garstigen Menschen! Ich weis es freylich schon, dass die bestimmte Zeit vorbei ist. Man schreit um Geld, und Freunde entfernen sich. Welch ein Anblik! Wie barbarisch muss der Vorwurf an meines Vaters Herzen nagen! Seine Liebkosungen gleichen einer freudigen Verzweiflung. Er flieht mich zuweilen! Ja, ja, er flieht! Ha! Das schroklichste, was er mir thun kann! Du gutige, sanfte Stimme des Bluts, hang dich an ihn, reiss ihn mit Gewalt an den Busen seiner Tochter hin, lass es ihm nicht fuhlen, lass ihm seine Schuld nicht fuhlen! Man sagt mir, er wurde seinen Aufenthalt andern, wenn es wahr ware! wenn er sich von seinem Bruder losrisse! wenn er es thate! O Gott! leite sein Herz! Wie gerne, wie warm, wie zartlich sollte er von mir seine Tage verlangern sehen! Sein Alter ware fur mich ein Heiligthum, dass ich ohne Aufhoren kussen und verehren wurde. Mit der sorgfaltigsten Aufmerksamkeit wurde ich seiner pflegen, dem unbedeutendsten seiner Wunsche zuvorkommen, um ihn der moglichsten Ruhe geniessen zu lassen. Kein Elend durfte sich zu unserer Oekonomie drangen; ich wurde eine gute Hausmutter machen, alles so massig einzurichten suchen als moglich, nicht prahlen und doch gluklich seyn. Sein gutes Herz wurd ich geizig an mich ziehen, und sein Bruder sollt und konnt es sodann nicht weiter aussaugen. Ich wurde ihn aufzuraffen suchen, und mitten im muthwilligsten Scherze wollt' ich ihm Freudenthranen ablokken, ihm um den Hals fallen und sagen: Vater! wir sind so gluklich! Wie gefallt Dir mein Ideal? meinst Du wohl, dass es wahr werden konnte? Du glaubst nicht, was ich mir oft fur himmlische Situazionen zu schaffen weis? O wenn doch nur einige wahr wurden! Wie leicht lies sich hernach aller Gram wegdenken! Lebe wohl, und sey meiner Zartlichkeit gewis.

Amalie.

V. Brief

An Fanny

Liebe, gute Fanny! unsre Abreise ist nach Verfluss einiger Tage festgesezt. Freue Dich! Das ist nun seit zwei Jahren der erste Brief, den ich Dir mit leichtem Herzen schreibe. Mein Gefuhl ist also der Freude noch offen? Aber wenn mein Ausschnaufen nur ein Anschein von Erholung ware, und wenn sich alles das bald wieder ins Trube zoge! Unglukliche sind doch gegen alles mistrauisch! Mein Vater uberliess einen Theil seiner Guter den Glaubigern, und der Ueberrest ist fur seine noch ubrigen Tage bestimmt! Klein und rasch ist diese Erholung! Doch, wenn er sich von diesem Wuste losreisst, so kann uns kein hulfloses Elend drohen. Gluklicher Entschluss, der Himmel hat dich gezeugt! Jezt scheint mir der gute Mann nicht mehr so finster, seine Zartlichkeit wirkt ubernaturlich auf mein Herz. Er zurnt nicht mehr, und fahrt mich auch nicht mehr so hizig an. Wenn schon mein ganzes Wesen ihm zu lebhaft scheint, so lachelt er und zankt nicht. Mich dunkt es, als ob er sich uber meine Haspelei freute, und, wenn ich mich nicht irre, so sieht er meine Lebhaftigkeit fur eine gute Grundlage an. Mehrmal nennt er mich einen kleinen Husar, und ich saume gar nicht, diesen Namen zu verdienen. Zu Dir im Vertrauen! Oft dacht ich bei mir selbst: ein wakrer Junge mochte ich gar zu gerne seyn! Das ist ein Wunsch, den ich bestandig im Kopf herumjage und dessen Grund ich kaum angeben kann. Wenn ich mich oft so selbsten frage: warum? dann bleibt meine Antwort uber dem Zwang unsres Geschlechts stehen. Kann etwas Unbemerkteres auf der Welt seyn, als ein Weibergeschopf, und giebt es was Elenderes, wenn sie zu stark bemerkt wird? Sind wir nicht ein wahres Schlachtopfer eines gewissen Vorurtheils, und ist dieses Vorurtheil bei unsrer Erziehung nicht nothig um unsre Eitelkeit zu schrokken und der Manner Herrschsucht ihr Opfer zu bringen? Das ist doch allerliebst! Was uns zum Laster angerechnet wird, das ziert ihre Freiheit, und wenn es ihnen gleichwohl keinen Ruhm macht, so bestraft oder beschnarcht sie doch Niemand daruber, am wenigsten aber sie sich selbsten untereinander. Sie reizen uns zu Fehltritten, wir geben ihnen Gehor, und wenn es alsdann fehlschlagt, so fallt die ganze Last nur auf uns. Sie nennen uns schwach, und wir sind doch in gewissen Fallen weit starker als sie. Ueberhaupt finde ich sie in vielen Stukken ausserst ungerecht, und gabe es unter uns nicht so viele leere, hirnlose Puppen, ich wurde die erste Rebellin werden, alle andere zur gesunden Vernunft aufzuhezzen. Dass man uns so fad erzieht, und dass sich so wenige von uns auszeichnen und zu regieren wissen, das mag wohl die Ursache eines so strengen Gesezzes seyn; und da haben die Manner Recht. Denn dumme Weiber sind oft aus Nothwendigkeit tugendhaft, und gescheide Weiber schweifen aus Eitelkeit aus. Bei einem andern Anlass ein Mehreres uber diesen Punkt. Gute Nacht, Liebe!

Amalie.

VI. Brief

An Amalie

Lose Freundin, schon wieder kein Mittelweg! Wie reimen sich wohl deine leztern Briefe mit den ubrigen? Meine Lage ist anders, also auch andere Briefe: wirst Du sagen. Ja ja! Aber lauter, lauter Extreme in allen Sachen. Doch um deine Briefe zu beantworten: Dein Vater hat also seinen Wohnort geandert? Nu, das mag gut gehen, nur wunscht ich, dass er recht weit wegzoge! Doch was nuzt mein Wunsch? Es wird doch gehen, wie es gehen muss, und wir Menschen wissen meistens zum Voraus, dass wir fur Nichts wunschen, und doch wunschen wir. Er mag schon Recht haben, dass in Dir zu viel Feur braust. Madchen, Madchen! sieh zu und mach es mir nach, sonst wirst Du bald sturmischer, als ein junger Bursche; und Du weisst, wie gram die meisten Geschopfe bei unsrer Zeit einer Amazonin sind. Kleine Narrin! wie kommst Du auf den Einfall: ich mochte ein Junge seyn! Glaubst Du wohl, dass die Manner so gar vielen Vorzug vor uns haben? Du hast Recht, sie konnen freier handeln als wir, aber im Gegentheil sezzen sie sich auch mehreren Zufallen aus. Ihr Leben steht bei ihnen bestandig auf der Waagschale; ein Streit, ein Krieg und weg ist es. Es ist nun einmal so eingefuhrt, dass wir auf dieser Weltbuhne als zerschiedene Geschopfe agiren mussen. Kann es wohl anders seyn? Man legt uns Zwang an; aber es giebt wurdige Weiber, fur die kein Zwang bestimmt ist; Zwang ist nur fur armselige, blode, widerspenstige Weiber, die sich an Kleinigkeiten binden und grosse Pflichten verabsaumen, weil sie in allen Stukken aus Dummheit maschinenmassig nachhandeln mussen. Ein ungebildetes Weib ist das schlimmste Geschopf auf Erden; ein Ding, dass der Menschheit zur Last herumwandelt; ein Geschopf voll Eigensinn und Hochmuth; eine Kreatur, die alles, was um sie ist, fast zu Tode martert. Wenn ein Weib boshaft ist, so ist sie es in einem Grade, wozu kein Mann gelangen kann. Siehst Du, Freundin, so ist unser Geschlecht bestellt. Glaubst Du also wohl, dass solche Geschopfe keinen Zwang nothig haben? Was wurde wohl aus einer menschlichen Gesellschaft werden, wenn man einen solchen Haufen (denn auszeichnen thun sich nicht viele) wenn man sie nach ihrer bloden Einsicht und ihrer Dummheit angemessen handeln liesse? Meine Amalie! es ist so schon recht! bleib du immer ein Madchen, kannst dessentwegen doch mannlich denken! Lebe wohl und schlafe wohl!

Fanny.

VII. Brief

An Fanny

Das Abschiednehmen ist doch eine unnuzze aber traurige Sache. Liebe hat bis daher von mir noch keinen Tribut gefodert; aber ebendeswegen, weil sie mich so lange durchschlupfen lies, schnurt sie mich jezt bis zur Tirannei. Wenn ich nur in diesem Fache mich zu massigen wusste! Aber es reisst so gewaltig an meinem Herzen und drukt so stark in meinem Kopfe, dass ich selbst nicht weis, ob es mich zum Weinen oder zum Seufzen zwingen will. Wenn ich so nacheinander meine Wunsche untersuche, dann gehen sie wie Lauffeuer straks zu Dem hin, der mir gefallt, und wenn sie dort sind diese Wunsche, und ich mit ihnen, dann ist es mir wohl. Du glaubst es nicht, Besste, das ist ein so namenloser Hang, den ich nicht Laster, aber auch nicht Tugend nennen kann. Jezt wieder auf das Abschiednehmen! Ich stehe mit einem Jungen in Bekanntschaft, ich mochte mich gerne bereden, dass er mir gut ware, aber gegen meine Zartlichkeit, gegen meine Warme ist es ausgemacht, ist er ein wahrer Hakstok. Ich versuche alles, um ihn recht oft zu sehen; aber so zornig bin ich, wenn ich mich an den verzweifelten Kontrast seiner Kaltblutigkeit erinnere. Warum fuhlt er nicht auch meine Unruhe? Warum ist er nicht auch eifersuchtig, wenn andere Herrchen mich reizend finden? Seine Seele ist so gedankenlos, so einbildungsleer, wenn ich so im Taumel von Zufriedenheit recht unschuldig und doch wie Glut an seiner Seite sizze. Ich sollte also fortfahren ihn zu lieben? Mich qualt es ja doch, und ich finde kein wahres Mitleid. Halt, Amalie, wirst Du denken, Du fiengst deinen Brief mit Abschiednehmen an, und nun ist Liebe dein Thema! Vielleicht hast du Recht! aber wer plaudert denn nicht gerne von Liebe, besonders wem sie noch so fremd ist? Alle, Alle mussen opfern, nur ist diese Einbildung ohne Ende so verschieden. Gestern um diese Stunde sah ich ihn das leztemal, ich weinte, eins, zwei, drei Thranchen, und er er zupfte indessen an seinen Manschetten. Pfui, pfui! dacht ich, meine Zartlichkeit ist ubel angerannt. Adieu Monsieur, und husch zur Thur hinaus. Ich schreibe Dir bald wieder. Lebe wohl!

Amalie.

VIII. Brief

An Amalie

Nicht wahr, liebes Madchen, wie sich meine Laune Troz meinem Flegma nach der deinigen stimmt, da ich sonst jeden deiner Briefe nicht so geschwind beantwortete? Aber nun siehst Du, dass ich Dir schon zum zweiten Male keine Antwort schuldig bleibe. Freilich ist das Abschiednehmen eine unnuzze Sache und ein Zeremoniel, wider welches alle empfindsame Herzen protestiren sollten. Doch zu was Wichtigerm! Gott helfe Dir! Du dauerst mich, denn Liebe ist fur ein Herz, wie das deinige, eine gefahrliche Sache. Ich erschrak, als ich die Ausdrukke, die Dir deine erhizte Einbildungskraft eingab, uberlas. Madchen, Du hast viele Anlagen zu einer ungluklichen Schwarmerin. Wenn ich Dir rathen darf, so schranke deine Einbildungskraft mehr ein, wenn sie Dir so feurig von Liebe vorschmeichelt; und thust Du das nicht, so glaube mir, Du wirst gewis noch elend. Sei nicht bose uber meine Einwendung; ich kenne Dich, und nie wurde ich Dir so nahereden, wenn ich nicht wusste, dass dein zukunftiges Loos aus Traumen bestehen konnte. Wahr ist es, jezt lachest, jezt tandelst Du noch; deine Seele ist nur obenhin beruhrt, Leichtsinn und Unerfahrenheit lassen Dir und deinem Kopfe nicht so vielen Raum ubrig, um Dich unzufrieden und taub zu machen. Findest Du aber einmal Den, der sich in dein Herz schleicht, Den, worauf sich dein Eigensinn steif angeheftet hat, dann magst Du Acht haben, was aus Dir werden wird! Du bist keine gemeine Seele, die ohne Kopf lieben wird; deine Eigenliebe wird sich stark ins Spiel mischen, Du wirst Gegenliebe fodern, und vielleicht von einem Menschen, den der Zufall zu ungeschikt geschaffen hat, um deine Eitelkeit zu nahren. Das wird Dich aufbringen, und doch! wenn Du vielleicht schon zu stark hingerissen bist, so wirst Du leiden, und dennoch mit Dem nicht brechen, der Dich von der Weiber Lieblingsseite zu kuzzeln weis. Nun wird sich noch Eifersucht, Furcht, Wunsche, und was weis ich alles, dazu gesellen; dann merk auf, wie Dirs um das Herz seyn wird? Du wirst Dir Ideale in deinem Liebling schaffen, und findest Du Dich in etwas getauscht, so wirst Du murren und uble Laune bekommen. Dein Stolz wird sich emporen, Du wirst keinen Anbeter nach deinen Schimaren stimmen wollen; widerspricht er Dir, so wirst Du toll werden; dann wird es Zank absezzen, und nach diesem Maulhenkerei, und nach diesem Thranen, Schwermuth, und so kann es sich leicht fugen, dass Du Dich schlaflose Nachte hindurch mit deiner Todfeindin, mit der Liebe, herumbalgest. Morgen sag ich Dir noch mehr, magst sauer oder suss drein sehen, musst es doch wissen. Lebe wohl!

Fanny.

IX. Brief

An Fanny

Theure Fanny! Wir kamen in W** gluklich an. Der Graf empfieng uns sehr gut. Mein Vater ist jezt heiterer als jemals. Die Reise und das Losseyn von seinem Bruder machten ihn munter. Meine Hausgeschafte sind haufig, alles liegt mir jezt auf dem Halse. Doch Kleinigkeiten fur ein williges Madchen! Mein Schwesterchen wachst recht artig heran, sie ist der Liebling meines Vaters, und da er mir nebst dem auch noch ziemlich wohl will, so kann ich die haufigen Liebkosungen an sie leicht ertragen. Nun fur Dich ein Reisehistorchen: Wir kamen in F*** Abends in einer ehrbaren, saubern Schenke an; ein halbreifer Junge empfieng uns an der Treppe. Mein Vater hatte Louisen an der Hand und gieng der Stube zu, ich hintendrein, und das an der Seite besagten Kerlchens. Seine emsige Bedienung, sein: Mademoiselle schaffen sie nicht? machten mich lachen. Mein Vater merkte den Eifer dieses Jungen nicht, weil er sich eben mit Fremden in ein Gesprach eingelassen hatte; aber stelle Dir nur vor: Der Flegel machte sich dieser Gelegenheit zu Nuzze und wich nie von meiner Seite. Er that sein Moglichstes, aber mit dem half es bei mir nichts. Halte mich ja nicht etwa fur sprode! aber lies zuvor die Schilderung dieser drolligten Kreatur: Ein junger mussiger Held, mit glattem Kinn, ohne Gehirn, kraftlos und ungeschikt in seinen Ausdrukken und im Hut verliebt wie eine Kazze. Du weist, dass ich der Liebe gar nicht feind bin; aber da hiess es: Mein Herr! Sie sind zu gutig! ich wunschte Ihnen eben so viele Vorsicht, und so weiter. Aber Mademoiselle, konnen sie mir verdenken, wenn ich in Sie rasend verliebt bin? Ich konnte unmoglich rasende Leute entschuldigen. So haben sie denn kein Herz? O ja, sagte ich, und das ein recht zartliches. Nun wenn das so ist, warum denn? jezt fiel ich ihm in die Rede: Das Warum und das Darum sind keine Sachen fur Sie. Sie wollen also meine Pein? Sie wollen, dass ich Hier haben Sie mein Riechflaschchen, wenn Sie es nicht mehr ausstehen konnen. Lose Schone! schrie er aus, wie schalkhaft sind Sie nicht! und Sie mein Herr! wie unertraglich sind Sie nicht! Ich? ich? fragte er betroffen; bin doch gegen Sie mit keinem zweideutigen Worte aufgetretten! Das hatten sie noch wagen sollen, um ganz ihre Schwache von einem Madchen bestrafen zu lassen! O diese Strafe ware ja suss. Noch hatte er den halben Gedanken im Munde, als der Papa rief: Amalie! nimm deine Schwester bei der Hand, wir gehen zu Bette. Und das thaten wir auch, schliefen so ziemlich wohl, stunden wieder fruh auf, und nun giengs weiter nach W** zu. Bleibe mir gut, Besste! Du weist wie sehr ich bin

Deine Amalie.

X. Brief

An Amalie

Vermuthlich musst Du, meine Liebe, deinen lezten Brief, den ich Dir heute auch beantworten werde, abgeschikt haben, ehe Du meine leztre Antwort erhieltest. Ich sagte Dir rund heraus, wie es Dir gehen konnte, wenn Du Dich einmal im Ernste vergaftest. Freilich kannst Du mir entgegenschreien: Freundin! nicht Allen muss es so gehen! Lass sehen, armes Kind, was Du allenfalls einzuwenden hast. O, schon hore ich Dich widersprechen! Wenn ich liebe, so werde ich aus Simpathie und nicht aus Eigensinn lieben. Gut, meine Besste, muss ich Dir sagen, konnen wir uns nicht tauschen? Glaubt nicht oft ein enthusiastischer Kopf, dass er da oder dort Simpathie erhascht habe? Lass ihn nur wieder kalter werden, diesen Kopf; lass ihn seinen Abgott, den er sich nach seiner ganzen gluhenden Hizze so schuf, wie es ihm gefiel, noch einmal, lass ihn denselben mit kaltem Blute und kritischer Menschenkenntniss untersuchen, dann gieb Acht, ob es noch Simpathie ist! Glaubst du denn, dass die Menschen so leicht und so oft simpathisiren? Ist nicht der grosste Menschentheil so sehr verdorben, dass man unter einer grossen Zahl Geschopfe wenige wahre Menschen findet? und wird nicht ein gutes, gefuhlvolles Herz zehnmal betrogen, ehe es das Gluk hat, eine andere gute Seele zu finden? Es giebt gleichdenkende Menschen, aber selten oder nie findet man sie. Sey mistrauisch, liebes Madchen, ich bitte Dich, wenn Du dein Herz keinen Mishandlungen aussezzen willst. Ich mag Dir nun keine Silbe mehr weiter zureden, Du mochtest sonst Ekkel bekommen, und das mag ich nicht; also zu deiner Reisebeschreibung: Du bist ein nakkisches Ding! Wenn Du deine Avanturen alle so komisch behandeln konntest, dann wurde ich weniger Sorge haben; aber nicht allemal wird deine Kritik uber deine Neigung siegen; so lang dein Herz noch gesund bleibt, und deine Einbildung nicht verstimmt wird, so hast Du nichts zu furchten; wenn Dich aber einmal wizzige, galante schone Herrchens, statt solchen halbreifen Jungen, verfolgen werden, wie wird es dann aussehen? Es giebt Manner, die unser Geschlecht so gut kennen, und die uns tandelnd zur Liebe zu reizen wissen. Du bist offenherzig und empfindsam, Du hast Menschen gesehen aber sie nicht studiert, und was braucht es mehr, um deine Leichtglaubigkeit zu tauschen? Der Himmel bewahre Dich vor solchen Ruhestorern! Sey aufrichtig gegen mich, und Du wirst finden, dass Dich niemand mehr liebt als deine

Fanny.

XI. Brief

An Fanny

Besste! Ich mochte Dir von uns Neuigkeiten sagen, und weis doch keine. Bisher geht alles im alten Trabe fort, und ausser deiner Amalie giebts in unserm Hause nichts Abentheuerliches. Du kennst ja meinen Oheim in K**? er ist ein seelenguter Mann! Von ihm erhielt ich zwei schone Kopfzeuge, die mir aber mein Vater recht sehr verbitterte. Ihm will die alte Mode durchaus nicht aus dem Kopfe, und ich habe mich ganz in die neue vergaft. Wir Madchen haben ja unsern besondern Abgott, ich kann eben nicht sagen, dass ich ihm eigensinnig durchaus alles opfern will; aber eitel bin ich doch, wie wir alle sind. Die Manner sind es mit einem gelindern Ueberzug, und wir sind es in Kindereien. Wenn doch dieser Vater nur suchte, meine Eitelkeit mit gelindern Mitteln zu bandigen! Aber so raschweg, alles, was nicht erst grossmuttermassig aussieht, zu verbieten, das schmerzt. Vorhin gieng ich nie so oft zum Spiegel, aber seit mein Vater mir es so macht, bespiegle ich meine altfrankische Haube so oft, und sinne auf Alles, um ihn zu bewegen, dass er mich einen andern Puz tragen lasst. Mein Oheim weis auch schon, dass eine ziemliche Porzion Eitelkeit in mir stekt; aber er zankt nicht in seinen Briefen, er larmt nicht, vielmehr sucht er sie auf Nachahmung und Ehrgeiz festzusezzen; und wenn ich mein Herz recht untersuche, so ist es mehr auf das Ernsthafte, Nuzliche, als auf das Lacherliche angewandt. Es wird sich zeigen. Wenn Du, meine Liebe, wissen konntest, was fur eine Menge avanturische Hofnungen mir durch den Kopf kreuzen, Du wurdest lachen. Sollten das wohl Ahndungen von einer besondern Zukunft seyn? Das wollen wir uns von heute in acht Jahren sagen konnen. Noch Eins! Ich bin eben so faul nicht, wie Du Dir vorstellest; meine Tagesordnung scheint mir doch so ziemlich wohl eingerichtet und vollstandig. Aufstehen und ankleiden, in die Kirche gehen, und nach diesem hurtig im Hause herumhupfen und anordnen, so wird es Abend, ehe ich mir es versehe. Dann heisst es meinem Vater vorlesen, eins mit ihm in Karten spielen, hernach auf mein Zimmer, noch eins lesen, und ins Bett. Du kennst ja den jungen B***, den mein Vater vor zwei Jahren nach Mainz schikte? Er bildet sich treflich und schreibt wakkere Briefe. Und wenn er ja gleichwohl ein Kind von jenem vielgeliebten Bruder meines Vaters ist, so zeichnet er sich doch aus. Mein Vater liebt ihn unaussprechlich, ich bin ihm auch recht gut; und da meine Bruder todt sind, so wunsch ich einen Ersaz in ihm. Wie lebst denn Du? Steht es gut um deine Gesundheit? Bist du noch immer so flegmatisch? Wie gluklich bist Du nicht mit deinem ruhigen Temperament! Ich liebe Dich gewis feurig, glaube es deiner

Amalie.

XII. Brief

An Fanny

Gutes Madchen! So hat doch nichts eine Dauer. Schon wiederum Auftritte, die mein Vater mit mir durchlebte, und nun laufen Nachrichten ein, die uns schon wieder drohen. Mir scheint es naturlich was man sagt. Stelle Dir nur einen Mann vor, wie sein Bruder ist, der durch uble Kinderzucht alles in Abgrund liefert; einen Mann, der auf der Haut meines Vaters ruhig forttrommelte, und nun fehlt ihm Lezteres; er ist blos sich selbst und der Verschwendung seiner Kinder uberlassen. Der Aufwand ist gros, die Stuzze ist weg; also wohin? wo aus? Das mag die Vorsicht wissen, ich nicht. Himmel! wenn dieser Bruder uns samt seinem Anhang wieder Nein, ich mag es nicht ausdenken! Wie! eine solche Last sollte uns wieder aufs neue drukken? Klein ist jezt unser Aufwand, aber doch hinlanglich. Ja, weis Gott! wenn er grosser wurde, so ware bitteres Elend unser Ziel! O Freundin! wir sollten darben? Kennst Du was Grausamers? Es schrekt mich der blose Anblik, wenn ich Andere in solch einer bedaurungswurdigen Lage sehe; wie schwer wurde mich erst die Erfahrung selbst drukken! Der Philosoph schrankt seine Wunsche ein, aber was Natur und Gesellschaft fodert, an das wird er sich doch nicht wagen. Seitdem wir Menschen so viele Bedurfnisse haben, seitdem sind wir auch ungluklicher. Es ist ja Alles so unregelmassig ausgetheilt, der Schurke ist reich und der Rechtschaffene arm, und doch reich, aber nur in seinem Herzen. Der Mensch muss dem Interesse nachjagen, weil er dazu gezwungen wird. Meinetwegen mochte man Alles versuchen, um ehrlicher Weise Geld zu gewinnen, wenn nur die Menschen es wieder fur andere Menschen verwendeten; aber wer hat mehr Geld als viele Menschen? und wer ist hartherziger als eben diese? Hore doch noch was! Mein Vetter in Mainz schreibt mir vieles artiges Zeugs. Der Lose, wie er meiner Eitelkeit kuzzelt! er nennt mich ein erhabnes Madchen; er schwort mir Liebe, Freundschaft und Treue zu. Was meinst Du wohl? Sind denn die Manner so gutherzig wie wir? Dies Geschlecht ist noch fur mich ein Rathsel. Mochte es immer eins bleiben! aber ich zweifle. Mein Gefuhl wachst, und ich wunsche mir bald ein solches Unthier. Mein Herz, mein Enthusiasmus, Alles in mir ist zum Lieben geschaffen. Oft, wenn ich einsam bin, fuhle ich mich so leer, so ode, uberdies so wunschvoll, und Thranen sind gemeiniglich das Ende meiner Schwarmerei. Wie nothig hatte ich jezt den Rath meiner Mutter! Aber ach! Freundin! Du musst sie seyn; nicht wahr, Du willst?

Amalie.

XIII. Brief

An Fanny

Dass doch meine Ahndungen fast immer eintreffen mussen! Begreife, wenn Du kannst, liebes Madchen, meinen wirklichen Zustand. Vor wenigen Wochen kam der Bruder meines Vaters mit acht Kindern hier an; mein Vater vergass bei diesem Anblikke, Folgen und Zukunft, nahm sie auf, und nun ist unser Schiksal ganzlich in des Himmels Handen. Ja, Freundin! ware auch diese Last unsern okonomischen Umstanden angemessen, so wurde doch eine solche pobelhafte Gesellschaft fur mich Zuchthausstrafe seyn. Funf Madchen und drei Buben, lauter grobe, boshafte Kinder, die kurzweg Kontraste von meiner Erziehung sind. Kreaturen, die zur Plage andrer guten Menschen in der Gesellschaft herumirren. Geschopfe, die ohne Grundsazze erzogen wurden, und im Unflate aufwachsen. Mancher Plage kann man, wenn man sie vorsieht, ausweichen; aber dummen, bosen Menschen, die taglich um uns sind, wie ist es moglich diesen auszuweichen? Ach Fanny! wie bitter ist doch die Jugend deiner Amalie! Mein Leben besteht aus zu manchfaltigem Verdruss, als dass in mir nicht verschiedne Wunsche entstehen sollten. Ich liebe meinen Vater, aber ich wurde seine Kniee weit feuriger umfassen, wenn er sich von den Unwurdigen loszureissen suchte; aber sein gutes Herz lasst ihn nicht; geduldig sturzt er sich in sein eigenes Verderben, und ist ungehalten, wenn ihn seine Tochter deswegen ahndet. So ganz von Gram ubertaubt fiel mir lezthin ein, weg weit weg von diesem Hause! Undankbare! Deinen Vater kannst du verlassen? Gott kennt mein Herz, es ist nicht Undank; es ist eine volle Seele, die alles dieses nicht langer ertragt. Ueberdenke nur, Freundin! wie graslich mir alle die Ausschweifungen, alle die unsinnigen Schwarmereien meiner Vettern und Basen auffallen mussen. Keine Ordnung, keine Ehre, keine Tugend lasst sich in der geringsten Handlung blikken. Meinem Vater selbst muss es heimlich uber diese zugellose Kinder ekkeln. Unser Haus gleicht einem Zuchthause, in dem man alle Gattungen von Gebrechen antrift; nur bin ich unter diesen Tollen am meisten zu bedauren; denn ich muss das werden aus Gram, was die andern aus Leichtsinn sind. Wahrhaftig, meine Besste, ich fuhle mich ganz am Rande des Trostes. Ich ehre die Vorsicht, aber wenn der Mensch sich selbst gedankenlos sturzt, dann verdient er ja diese Vorsicht nicht. Und was thut denn mein Vater anders, als aus seinen Kindern Elend zogeln? Meinem Oheim zu K*** werde ich schreiben; der soll reden, der muss reden, sonst ist er mein Oheim nicht. Schlafe wohl! Es schlagt zwei Uhr, und noch versagt mir die Natur ihren Zoll.

Amalie.

XIV. Brief

An Amalie

Liebe Freundin! Dein Schiksal ist wirklich wider Dich, und besonders in Ruksicht deiner wirklichen Lage. Schon freute ich mich uber deine Ruhe, schon dachte ich, es wird besser werden, denn sie sind fort von Dem, der sie zu Grunde richten wollte. O Freundin! wie oft tauschen wir Menschen uns doch, und freuen uns uber ein Nichts! Das ist gerade der Fall, wenn ich auf Dich zuruksehe; ich mochte Dich so gerne grundlich trosten: aber finde ich wohl hinlanglichen Trost, um Dich zu beruhigen? Ich will thun was mir moglich ist. Wahr ist es, das ungeschliffene Betragen deiner Basen ist und muss fur Dich auffallend seyn. Denn deine Bildung und ihre Ungezogenheit sind zu starke Widerspruche, als dass Du dadurch nicht solltest gekrankt werden. Doch was ist zu thun? Aendern wirst und kannst Du sie nicht; dulde sie, so lange es dein Schiksal fodert, beruhige Dich mit einem edlen Stolz, der Dich weit uber sie wegsezzen muss. Es giebt Geschopfe in der Welt, die man nicht einmal einer Verachtung wurdiget, und Verachtung ist doch der lezte Grad, mit dem man einen Beleidiger strafen kann. Deine Basen verdienen Mitleid, aber ihre Eltern verdienen Verachtung, denn ihr Betragen ist eine blose Folge ihrer Erziehung. Strafbar sind jene Eltern, die ein so wichtiges Werk versaumen, wovon unser ganzes Leben abhangt; aber noch ungluklicher sind ihre Kinder, wenn sie ein Opfer der dummen Nachlassigkeit ihrer Eltern werden mussen. Dein Vater ist sehr bedaurungswurdig, und ihr armen Kinder seyd es mit ihm. Siehst du, Freundin, dass zu gut nicht gut ist? Ein allzu guter Mensch ohne Ueberlegung gleicht einem tragen Insekte, das sich aus Schlafsucht tretten lasst, ohne seinen Untergang zu fuhlen. Nie muss man uber Andern sich selbst vergessen. Die Menschheit selbst burdet uns keine Pflicht auf, wenn sie auf Unkosten unsers eigenen Wohls geht. Es giebt auch blode Menschen, die man fur gut ausgiebt, und im Grunde sind sie es nicht. Ihre Wohlthaten verschwenden sie mehr aus Schwachheit als aus uberzeugter Gute. Jede Wohlthat muss ihren Endzwek haben; aber bei solchen Menschen kann sie keinen haben, weil sie sie ohne Vernunft so oft unwurdig verschwenden. Das ist wirklich der Zustand deines Vaters, er macht sich und seine Kinder elend, thut Gutes aus Unbesonnenheit, und nahrt das Laster, weil es uber seine Schwachheit siegt. Traue auf Den, der die Quelle deines Kummers einsehen muss. Ich bin zu sehr uber deinen Gram geruhrt, als dass ich Dir mehr sagen konnte. Schreibe mir bald wieder, nie soll es an mir fehlen, Dir ewig zu sagen, dass ich Dich mit Thranen in den Augen heute verlasse. Lebe wohl, Amalie!

Fanny.

XV. Brief

An Fanny

Ich schrieb Dir lange nicht, Besste, und wurde es jezt noch nicht thun, wenn Du nicht ein so gutes Geschopf warest. Es muss Dir ja uber meinen Ton ekkeln; doch nur mein Schiksal und deine Gute sind Anlas zu meinen Klagen. Ich konnte es nicht allein ertragen, wenn ich es auch nicht mittheilen durfte. Oft weine ich so in einem Winkel und umfasse eine Saule oder einen Fensterstok und bilde mir ein, er nehme Antheil an meinen Leiden. Konnten wir uns nicht mittheilen, wir waren weit ungluklicher; das ist so etwas, worinn wir fuhlen, wie gut unser Schopfer ist. Stelle Dir nur vor, liebe Freundin, ein neuer Mischmasch von Unordnungen nimmt jeden Tag in unserm Hause seinen Anfang, und endet nicht eher, bis diese Kreaturen sich genug herumgebalgt haben. Ihre Spotteleien, ihre Bosheiten, ihre Tollheiten sind mir unertraglich, sind Sachen, woruber ich den Verstand verlieren mochte. Selbst mein Vater, ihr Wohlthater, dient ofters zum Gegenstand ihrer Ungezogenheit; kurz, wo ich nur immer hinsehe, sehe ich nichts, als garstige, unflatige Herzen, Kinder, die im Zorne Gottes mussen geschaffen seyn; wie schroklich bange ist mir fur meine arme Schwester! Gott im Himmel! was konnte wohl aus einem so zarten Kinde bei einem solchen Beispiele werden? Das Madchen muss um sie seyn, ich kann es nicht andern. O konnte ich das, Fanny, konnte ich das! heute noch wurde ich sie mir alle vom Halse schaffen; aber Du weisst es, Freundin, ich kann es nicht, gar nicht, denn mein Vater verbot mir die geringste Anmerkung uber diesen Punkt und drohete mir dabei so furchterlich, dass ich es nun nicht mehr wage, meine Thranen an seinem Busen zu verweinen. Auch dieser Trost ist fur mich nicht mehr; ich zittre jezt mehr als je vor seinen Blikken und verberge meinen Kummer, der so tief in meiner Seele herumschleicht. Glaube mir, Freundin, jezt schon fangen wir alle an die Folgen einer solchen Last zu fuhlen, denn es geht so abgekurzt in unsrer Oekonomie zu, als ob sie schon an Mangel granzte. Mein Vater sucht es zu verbergen, aber fur mich nuzzen solche Kunstgriffe nichts; denn ich allein, vor allen Andern, uberrechne unsre Ausgaben, und jammere gewis nicht um des blosen Schattens willen. Konnte mein Gram uns retten, so hattest Du, meine Liebe, heute gewis den lezten Abriss unsers Elends. Lebe wohl! Denke doch an deine

Amalie.

XVI. Brief

An Fanny

Liebe Fanny! Siehe doch, wie geschwind das Menschenschiksal sich andert! Du weisst, wie sehr ich mich hinwegsehnte, und schon heute erhaltst Du diesen Brief aus meiner Vaterstadt. Geschafte, die Niemand anders besorgen konnte, bestimmen mich hieher. Meinen Vater verlies ich unter tausend Thranen, und ohne seinen Willen ware ich gewis nicht fort. Er selbst fand es nothig, ich sah es auch ein, und so reiste ich in Gesellschaft seines Bruders und eines seiner Sohnen ab. Mude bin ich noch ziemlich, denn wir mussten die Reise aus Geldmangel zu Fusse machen. Es war ein kleiner Spaziergang von dreissig Meilen, schlechter Weg und eine hartherzige Gesellschaft dazu. Das Leztere besonders fiel mir schwer, sehr schwer; auch mein Herz empfand eine solche Demuthigung; aber dennoch uberhupfte meine Jugend diese Epoche mit einer Art von Leichtigkeit. Meine Begleiter waren, wie gesagt, hartherzig und unartig; oft verdoppelten sie ihre Schritte, liessen mich stundenlang in den furchterlichen Gegenden zuruk, und dann musste ich sie athemlos einholen. Ja, Freundin, so muss ich mein Schiksal nachschleppen. Ich gewohne mich nach und nach an verschiedene Arten von Unbequemlichkeiten, und lerne recht fleissig Sachen ertragen, die nur fur Unglukliche bestimmt sind; zum Glukke, dass mein Korper dauerhaft ist, sonst musste ein Madchen von meinem Alter gewis unterliegen. Tausend Dank meiner Mutter, dass sie mich ohne Weibersucht erzog. Wenn mich auf dieser Reise meine Einbildung gemartert hatte, wenn ich uber ein rohes Luftchen, uber eine Erhizzung, einen Jammer, aus Gewohnheit, andern Leuten zur Last angestimmt hatte, da Fanny, ware es mir gewis ubel ergangen! aber geduldig, wie ein Schulfrazze, mussten mich meine Beine fortschleppen; fort hiess es, und so kamen wir hier an. Ein Vetter und eine Base nahmen mich in ihr Haus auf. Mit Nachstem etwas weitlaufiger von dieser Base. Fur jezt schlaf wohl, recht wohl! Ich bin

Deine Amalie.

XVII. Brief

An Fanny

Besste, theuerste Freundin! Wieder ein neuer Auftritt, und fur mich ganz neu. Meine Base, die Thorin, ist auf mich eifersuchtig. Was wird mein Vater sagen, wenn ihm das tolle Weib im Taumel ihrer Leidenschaft schreibt? Doch er kennt mich, wird nichts schlimmes glauben. Gewis, Freundin, ich bin unschuldig. Ich konnte ja die kleinen Gefalligkeiten ihres Mannes nicht mit Gewalt von mir abwenden. Oft stund mir der Schweis auf der Stirne, wenn er so auf mich lauerte und nach jeder Gelegenheit haschte, um mir seinen Eifer zu zeigen. Bis jezt kann ich Dir in Ruksicht seiner keinen Bescheid geben, denn wenn er nicht dringender wird, so mag es noch immer hingehen. Indessen kummert mich doch diese Avanture, denn zu was ist wohl eine eifersuchtige Frau nicht fahig? Ich wunschte Dich bei mir, um von Dir zu lernen, wie man dergleichen Auftritte mit Vernunft ausharren muss. Jezt noch ein Bischen von meinen hiesigen Verrichtungen: Du weist, dass meine Mutter ein Vermogen hinterlies, so fur uns Kinder in Verwahr genommen worden. Du kannst leicht denken, wie es aussehen mag, da mein Vater schon seit zwei Jahren keine Rechnung von unserm Vormunde erzwingen kann. Stelle Dir vor, ich bin hier, um meinen rohen, fuhllosen Vormund zur Gewissenhaftigkeit zu zwingen, und das mag wohl eine nicht kleine Unternehmung seyn, denn mein Vormund sieht einem geizigen Advokaten ahnlich, der unter dem Schein der Rechtschaffenheit seinen Beutel spikt. Er empfieng mich mit einer Staatsmine die an Barbarei granzt. In wenig Tagen mehr von diesem Toffe. Jezt rufen mich Geschaften. Lebe wohl, meine Fanny!

Deine Amalie.

XVIII. Brief

An Amalie

Nicht wahr, meine Besste, meine Kleinmuth, die Du in meinem lezten Briefe magst bemerkt haben, war Ursache, dass Du mir so lange nicht schriebst? Vergieb mir, ich bitte Dich! Es war Liebe zu Dir, die mir auf einmal das Herz brach und mich zur armseligsten Philosophin machte. Es giebt gewisse Augenblikke wo man fuhlt, dass man Mensch ist, und keine Moral ist in einem solchen Zeitpunkte kraftig genug, unserm Kummer Schranken zu sezzen. Du hieltest mich immer fur flegmatisch; aber nicht Flegma war es, sondern eine Art von Philosophie, die ich mir fruhe schon eigen machte, um etwas ruhiger die Leiden der Menschheit zu durchwandern. Doch auch im Auge eines Philosophen steht eine mitleidige Thrane reizend. Und nun, meine Liebe, bist Du also in deinem Vaterland? Furwahr deine Reise war ziemlich monchenmassig. Nicht wahr, Freundin, wie kunstlich das Schiksal uns auch an Unbequemlichkeiten zu gewohnen weis? Hatte Dich deine Mutter in der Erziehung verzartelt, so wurdest Du nicht mit solchem Muth eine Reise vollendet haben, die Dir Ehre macht. Man kann vieles Elend ertragen, wenn es nur nicht durch Lasterzungen verbittert wird. Einem Menschen von guter Geburt und Erziehung ist die Erniedrigung mehr Qual, als dem Bettler, weil er nie was anders als Bettler war und noch ist. Aber was, meine Theuerste, was sagst Du? Deine Base ist auf Dich eifersuchtig? Mein Gott! Welcher Unsinn! Ein Madchen, die nicht die geringste Spur von Ausschweifung an sich blikken lasst; wie kann man die mit Argwohn kranken? Uebrigens, meine Liebe, hast Du Ueberlegung genug, die Gefalligkeiten deines Vetters zu untersuchen, findest Du sie anstossig, so giebts ja Mittel und Wege, seinen Lusten zu entgehen. Jedes Madchen muss so viel Vernunft besizzen, um den Mannern Ehrfurcht einzuflossen; wollen sie nicht nachgeben, je nun, so straft man ihre Verwegenheit durch eine tuchtige Satire! Die Manner sind nun einmal zum Angriffe bestimmt und gewohnt, und oft kommt es auf uns Madchen an, sie durch Delikatesse zu gewinnen. Giebt ein solcher sturmischer Ritter nicht nach; dann verdient er weiter nichts als einen troknen Verweis. Das, liebe Freundin, ist mein angenommenes Sistem und meine unmassgebliche Meinung in Ansehung der Herren Manner. Und ich denke immer, die Angriffe von Seiten der Manner wurden seltener seyn, wenn die meisten Madchen mehr Denkkraft uber diesen Punkt im Kopfe trugen. Nun noch eins, meine Traute; ich bin recht zufrieden uber den guten Fortgang deiner Geschafte; gieb mir bald nahere Nachrichten von ihrem Ausgang und sey indessen der Redlichkeit deiner Fanny gewis.

XIX. Brief

An Fanny

O, meine Besste! Ich bin ganz ausser mir! Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund jagt mir taglich mehr Galle ins Blut. Unter seiner schwarzen, zerzaussten Perrukke stekt eine grosse Portion Spizbuberei verborgen. Du kannst Dir leicht vorstellen, dass dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schandlichen Eigennuz aufopfert. Er entwandte uns einige Kleinodien von grossem Werthe, und ich armes Madchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen, ob ich sie gleichwohl sichtbarlich entdekte. Aber, so wahr Gott lebt! Er soll es mir gewis unter vier Augen zu verstehen bekommen, wie klar ich seine betrugerische Larve durchsah! Und nun, meine Theuerste, zu etwas anderm: Du erinnerst Dich doch noch jener eifersuchtigen Base, wovon ich Dir schon einmal schrieb? Das Weib wird immer wutender, und bald macht sie mir es zu bunt! Du lieber, gutiger Himmel! Was diese Kreatur fur Bosheiten in sich tragt. Sie macht selbst Seitensprunge und sucht sorgfaltig die Laster in ihrem Manne auf, um die ihrigen damit zu vermanteln. Jeder Bissen Brod, den ich in diesem Hause geniesse, wird mir von ihr verbittert; sie ist ein gallsuchtiges Unthier, nahrt sich vom Mistrauen, und lauert dabei auf jeden meiner Schritte. Meine selige Mutter hat viele Wohlthaten an sie verschwendet, und mich lohnt sie dafur mit Undank. Freundin! Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt giebt, als ich bis jezt kennen lernte, so ist ja die Welt ein Sammelplaz von Misgeburten, die sich an der sanften Mutter Natur, versundigen. Mochte sich doch das eifersuchtige Fieber meiner Base von selbst heilen; durch mich soll es wenigstens nicht todtlich werden; eher brech ich auf, und ziehe weiter. Zu dem wird ihr Mann gegen mich immer dringender. Seine Sinnen scheinen ganz betaubt, aber die meinigen um desto wachender, und so hat es noch keine nahe Gefahr. Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings fur mich ekkelhaft, wenn ich so einen Sklaven der Wollust um mich herum muss kriechen sehen. Doch, Freundin, wundere Dich ja nicht uber meine Kalte gegen so viele Versuche auf mein siedheisses Blut; halte sie nicht fur Romanenstarke; sie ist die naturlichste Folge meiner noch unentwikkelten Empfindung. Ich bin zu wenig noch mit dem Gebrauch der Sinnen bekannt, um nach dem lustern zu seyn, was mein sauberer Vetter mir wider meinen Willen abdringen will. Mein Herz ist frei von Leidenschaft und Interesse; das sind zwo gefahrliche Klippen, woran so viele Madchen scheitern. Nicht, dass ich etwa ein Triumphlied uber meine Enthaltsamkeit anstimmen will; mich deucht, ich wurde dadurch die Menschheit lastern, wenn ich ihre Triebe fur unbezwinglich hielte. Ich glaube zwar gerne, dass einige Madchen von gelindem Temperamente, gewisse Jugendjahre rein platonisch durchwandern; nur ahndet mir, (ob mich meine Ahndung betrugt, weis ich nicht) dass der dummere Theil strauchelt, noch eh er Hymens Brautbett besteigt. Ein Madchen, das nicht denkt, kann ihren Sinnen ja keine Ueberlegung entgegensezzen. Der Vernunft einiger Romandichter muss es also sehr sauer ankommen, wenn sie durchaus alle Madchen blos schimarisch engelrein in Romanen handeln lassen. Mir scheint, dergleichen Bucher bilden aus jungen Leuten Fantasten, und dienen dem Menschenkenner zum Gespotte. Du wirst mir sagen, ob mein Schluss richtig ist. Ware es denn nicht besser, die jungen Madchen durch eine wahre Schilderung der Welt von Irrwegen abzuhalten, als durch eine erdichtete Romanenmoral ihre Einbildung bis zur Engelssphare zu spannen, damit sie noch tiefer fallen, wenn ein empfindsamer Schurke an ihrer Seite seine Rolle gut zu spielen weis? Ich meines Theils wurde nicht halb so neugierig seyn; wenn ich ganz wusste, wie es in der Welt zugeht, und was allenfalls das Verhaltnis der menschlichen Krafte nicht uberstiege. Nicht wahr, Freundin, eine allerliebste Anmerkung, fur so ein junges Ding von meiner Art? Je nun! Bin ich denn nicht alt genug, um uber eine Sache zu plaudern, die alle, durchaus alle Madchen von Fleisch und Blut angeht. Also nichts fur ungut! Und nun gute Nacht von

Deiner Amalie.

XX. Brief

An Amalie

Vortrefliches Madchen! Du rasonnirst ziemlich deutsch uber einen fur euch junge Madchen so gefahrlichen Punkt. Doch das Mehrere hieruber hernach. Fur jezt wunsche ich Dir Geduld, bis dein verworrener Handel mit deinem Vormund zu Ende geht. Indessen troste Dich, Theure! Es giebt ja doch noch viele gute Menschen in der Welt, leider, dass eben die meisten davon ungluklich sind, und sich aus eigenem Elend ihren Mitmenschen nicht bemerkt machen konnen. Aber nun rathe ich Dir, Madchen, mache Dich von deinem dringenden Verfuhrer bald los; wir sind Menschen, und eh wir es uns versehen, fuhlen wir es nur zu sehr, dass wir es sind. Gegen unsere Sinnen lasst sichs weder tandeln, noch trozzen; das erstere ist gefahrlich, und das leztere lacherlich. Wohl Dir! Meine Liebe, wenn deine Eimpfindung noch lange unentwikkelt bleibt, sonst wurdest Du vielleicht zu bald erfahren, wie schwach wir alle sind. Du kennst Dich selbst und unser Geschlecht zu wenig, wir haben so reizbare Nerven, so feurige Sinnen, eine so baufallige Vernunft und konnen so leicht uberrascht werden, ware es auch blos aus Gutherzigkeit. Viele Manner sind undankbar genug, diese Himmelsgabe an uns Weibern zu ihrem Vortheil zu nuzzen. Was nun den Dichter eines Romans betrift, so will ich Dir sagen; dieser muss seine Heldin engelrein schildern, um zu beweisen, dass er blos als Dichter und nicht als Mensch schreibt. In so vielen Duzzend Romanen erscheinen die meisten Heldinnen mit Larven; was darhinter stekt, muss sich der Vernunftige selbst denken, denn die Falle in der Welt sind zu verschieden und die wenigsten originell geschildert. Ware der Stoff des Dichters immer Original, so wurde die Welt voll von unschuldigen Madchen strozzen. Dergleichen gute Beispiele sollen nun freilich zur guten Nachahmung fuhren, sie wurden auch ihren Zwek erreichen, wenn ihr Verfasser nicht uber die Menschheit hinausschwarmte, und nicht unnachahmlich ware. Wir wissen ja, dass es in der Natur des Menschen liegt, Fehler zu begehen; warum wollen wir sie verlaugnen? Und findet man auch zuweilen einige seltene Menschen in der Welt, die beinahe vollig Herren uber ihre Sinnen sind, so konnen doch diese einzelne nicht zum Beweis fur viele hundert schwachere dienen, worunter der Haupttheil von grobern Empfindungen, blos zur Einschrankung ihrer Begierden, nicht aber zu Heldenzugen von ganzlicher Enthaltsamkeit, Anlage in sich fuhlt. Zur Ausubung einer geistigen Schwarmerei gehoren ganz eigne Kopfe; bisweilen finden sich solche gleichgesinnte Enthusiasten: Furcht Neuheit der Liebe Stolz Blodigkeit gegenseitige Schamhaftigkeit und Ehrfurcht schrokken die warmsten Begierden zuruk, ob aber dies reine platonische Feuer nach mehreren Jahren von Umgang rein bleibt? Diese Frage beantworte ich mir ganz still in mein eignes Ohr, und fur Dich junges Madchen mags so lang ein Geheimnis bleiben, bis Du mir einstens selbst die Frage bejahest oder verneinest. Liebe, traute Kleine! Sey wahrend deiner Unerfahrenheit geizig auf die Ruhe deiner Seele und die Reinheit deines Korpers, die Stunden sind selig so lang der leztere schweigt. Tobende Leidenschaft moge Dich nie qualen! das ist der aufrichtigste Wunsch

Deiner Fanny.

XXI. Brief

Amalie an Fanny

Nun ists entschieden, meine liebe Fanny! Die Eifersucht meiner Base wurde mir unausstehlich! Ich verlies dieses Haus, gieng zu einer andern Verwandtin, und nun endlich gar von dem nemlichen Orte weg. Auch erhaltst Du jezt diesen Brief aus dem Hause meines Oheims von mutterlicher Seite, der in L*** wohnt. Auch dessen Weib, ist eine von den Alltagsseelen, die man so haufig gerade unter Blutsverwandten findet. Sie empfieng mich mit einer stolzen Fuhllosigkeit, die mich beim ersten Eintritt zurukgeschrokt hatte, wenn mir nicht meine gute Grossmutter desto zartlicher um den Hals gefallen ware. Die arme alte Frau! Wie dauert sie mich! Sie hatte die gutherzige Unbesonnenheit, ihr ganzes Vermogen ihrem Sohne und seiner unbarmherzigen Ehehalfte zu uberlassen. Wofur sie sich ein Leben voll Zank und Mishandlungen eintauschte. Die junge ausgemastete Schwiegertochter poltert, schreit, larmt, wie eine Furie, in ihrem Hauswesen, und stopft mit der armen Alten die Dienste einer Kindsmagd aus. Die bittern Thranen einer grauen Mutter ruhren den Sohn nicht, weil ihn sein Weib bei seiner Schwache pakt, und ihm alle Klagen dieser Frau als Grillen des Alters schildert. Hier denke ich wohl nicht lange mehr zu verweilen, denn ich kann die allzusauren Gesichter meiner Tante eben so wenig leiden, als die allzusussen, womit mich mein Oheim beehrt. Blos um meiner lieben Grossmutter willen zogere ich noch einige Tage, denn das Bild meiner verlornen Mutter erneuert sich in mir durch ihren Anblik. Auch wunscht mich mein lieber Vater, durch seine Briefe, mit jedem Posttage zuruk. Und wie leid thut es mir, dass ich ohne Rechnung von meinem Vormund zurukkehren muss, da dies doch eigentlich die Absicht meiner Reise war. Muss mich nun mein Vater nicht fur nachlassig in diesem Geschafte halten? Aber wer kann Schurken zur Redlichkeit zwingen? Wenigstens konnte ich keine Rechnung von ihm erzwingen. Auch muss ich Dir noch sagen; nicht weit von der hiesigen Stadt, wohnt eine Bekannte von mir, die ich ehemals als ein gutes Madchen kannte; vorher noch will ich diese besuchen, und dann kehre ich in die Arme meines Vaters zuruk. Dieses Madchen hat sich erst vor Kurzem verheirathet, und ich bin ausserst neugierig, wie ihr das neue Eheband schmeckt? Ehemals sprachen wir Beide oft miteinander von Liebe, aber sehr wenig von der Ehe, weil wir zu verschiedene Begriffe davon hatten, und uns oft ein wenig daruber zankten. Sie hielt den Ehestand fur Tandelei, fur Blumenfesseln; ich hingegen hielt ihn fur den gefahrlichsten Schritt in unserer weiblichen Laufbahne. Sie war eine Schakkerin von der ersten Gattung, und immer etwas leichtsinniger als ich. Eben darum bin ich begierig, wie es mit ihr ausgefallen ist. Das nachstemal ein mehreres, lebe wohl, liebe ernsthafte Freundin!

Deine Amalie.

XXII. Brief

An Amalie

Liebe Freundin! Dass doch fast alle deine Blutsverwandte, ein einiger ausgenommen, so roh dich behandeln! Was mag wohl fur Blut in diesen Geschopfen rinnen, wenn sie die Stimme dieses Bluts so wenig horen wollen? Sey froh, dass Du entfernt von der eifersuchtigen Base bist, sie ist deiner zu ihrer Beruhigung los und Du ihrer. Der kalte Empfang deiner Tante ist Hochmuth, und dieser ist fast uberall die Folge der Dummheit. Sezze Dich daruber hinweg, dies ist die besste Rache des Vernunftigen. Deiner bedaurungswurdigen Grossmutter bin ich herzlich gut, und ich wunsche ihr hinlangliche Seelenstarke, die Bosheiten ihrer Schwiegertochter mit Geduld zu ertragen. Hat denn ihr undankbarer Sohn keine Augen, keine Ohren? oder tragt er diese blos fur sein boshaftes Weib? So einem Halbmann gehort die Ruthe, der sich von seinem Weibe bis zur Hartherzigkeit einschlafern lasst. Was ist das fur eine Schande, wenn der Mann ein kriechender Hausknecht seines Weibes ist! So einer feigen Memme konnt ich mehr gram seyn, als einem in seinen Schranken sturmischen Manne, der sein Hausrecht nicht so leicht vergiebt. Doch genug hievon! Du bist jezt vermuthlich schon bei dem jungen Eheweibchen? Ich bin sehr neugierig auf Nachrichten von ihrer neuen Verbindung. Der Ehestand wird ihren Leichtsinn schon dampfen, er ist ein tuchtiges Mittel wider die gute Laune, besonders wenn er nach der alltaglichen Mode gestiftet wird. Zum Ehestand gehort eine grosse, standhafte Vernunft, um eines Andern Gebrechen und Thorheiten mit Gute zu bessern oder geduldig zu ertragen. Und dann die ewige Gewohnheit, die jedem Dinge den bessten Geschmak raubt, bringt oft im Ehestand Wirkungen hervor, die grasslich sind, wenn nicht durch beiderseitige Nachsicht und Gute des Herzens alle ubeln Folgen verhutet werden. Der Ehestand ist bei den Meisten ein Kaos voll rosenfarbenen Elendes. Du hast Recht, Madchen, diesen Schritt fur gefahrlich, fur entscheidend zu halten; er reizt, lokt, beglukket und vergiftet eben so geschwind das Leben, je nachdem man's trift; und leider sind so wenig Treffer in diesem Glukstopfe! Ich mochte Dir zwar nicht gerne einen ubeln Vorschmak von einem Stande beibringen, der auch Deiner wartet. Aber kann ich wohl von einer Sache schweigen, die in unserm Leben eine so unglukselige Epoche ausmacht? Neigung, Vernunft, Gute des Herzens sollten diese Bande knupfen, und nicht Eigennuz, Uebereilung, Sinnlichkeit, Konvenzionen, oder Eitelkeit. Die wenigsten Ehen haben wahre Harmonie der Herzen zum Grund, und die jungen Eheleute finden sich eben darum nach dem abgekuhlten Taumel getauscht. Grobe Herrschsucht, Gebieterei des Mannes wekt die Eitelkeit, den Starrsinn des Weibes auf; Zank, Widerspruch, Brausen gegen einander sind die richtigen Merkmale zweier misverstandener Gemuther. Ekkel und beiderseitige Verbitterung, ist die Glokke, welche der Liebe zu Grabe lautet, und das Ende davon, ein schandliches beiderseitiges Lasterleben, unter dem Dekmantel der heiligsten Verbindung. Lass uns abbrechen, Freundin, von so schroklichen Auftritten der Menschheit! Ein Madchen, wie Du, darf vorsichtig wahlen, aber deswegen sich nicht abschrokken lassen. Schreibe mir bald wieder und erinnere Dich deiner bessten

Fanny.

XXIII. Brief

An Fanny

Dass ich zu dem neuverheiratheten Weibchen reisen wollte, sagt ich lezthin, und dass ich nun bei ihm bin, sag ich Dir heute. O Gott! Wie hat sich dies Geschopf geandert! Weg ist aller Leichtsinn, weg alle Lebhaftigkeit, weg alle Freuden der Jugend! Sie lebt mit ihrem Manne in einer Kalte, die nahe an Gleichgultigkeit granzt. Sie schweift nicht aus, aber erfullt murrisch ihre Pflichten, sie lasst ihn keine Bosheit fuhlen, aber zeigt ihm auch kein gutes Herz, sie ist nicht munter, aber auch nicht empfindsam traurig, sie liebt nicht und hasst nicht, kurz sie ist eine freudenlose Maschine. Ihr Mann ist auf sie eifersuchtig und mistrauisch, und sezt dem guten Weibchen gerade auf der rohen Seite zu. Gelinde Vorwurfe sind dermalen schon von beiden Seiten aus ihrem Umgange entfernt, und es wird nicht lange dauern, so bricht eine Rebellion gegen das Bischen Duldung aus, das sie einander aus Wohlstand noch schuldig sind; und dann gute Nacht Hausfrieden, gute Nacht Ehre! Ich mag jezt der Ungluklichen keine Vorwurfe uber den zu leichten Begriff, den sie von der Ehe hatte, machen; sie wurde sonst den Betrug und ihr Elend doppelt fuhlen. Und zu Dir im Vertrauen, liebe Freundin, ich habe wenig Hofnung zu gluklichern Zeiten fur diese zwei jungen Leutchen, denn beide besizzen einen so halsstarrigen Eigensinn, der fur den Zuschauer bis zum Ekkel geht. Ueberdies noch sind die Mutter und Schwester des Mannes sehr wider die junge Frau eingenommen, und die schieben Holz zum Feuer, so oft und viel sie konnen. Uebrigens bin ich hier wohl aufgenommen und gut bewirthet worden. Auch will ich mich einige Tage langer hier aufhalten, und ware es auch blos um eines gewissen Doktors willen, der mir so ziemlich ans Herz geht. Du weist ja, dass es nur einer schmachtenden, sussen Schwarmerei bedarf, um meiner schon fertig gestimmten Einbildungskraft zu begegnen. Und denk Dir nur, das allerliebste Herrchen scheint mich ganz zu verstehen. Er ist wizzig, schakkernd, tandelnd, und bringt meiner Eigenliebe manches Opfer. Sturmisch ist er nicht, aber sanft, gut und gefallig; kurz, was weis ich, was meine gahrende Einbildung noch alles fur Vorzuge in ihm entdekt? Du wirst mir wieder mit einem tuchtigen Sittenspruch in deiner Antwort entgegen kommen, das weis ich schon zum Voraus. Aber bei einer Traumerin von meiner Gattung, bleibt es leider immer beim Sittenspruch und nicht bei seiner Wirkung. Sage mir aber dennoch deine Meinung daruber; aber, liebe Freundin, nur nicht mehr so strenge. Ich freue mich auf deine Strafpredigt und kusse Dich zur guten Nacht.

Deine Amalie.

XXIV. Brief

An Amalie

Kannst wirklich froh seyn, ausgelassnes Dingelchen! dass ich Dir mitten in meinen vielen Geschaften doch antworte. Ohne Strafpredigt wird's zwar nicht ablaufen, das darfst Du Dir nicht einbilden; aber vorher zur Sache des jungen Weibchens. Die hat sich also so sehr geandert? Ja, mein liebes Madchen! Die Manner im Ehestand bleiben weiter nichts, als Manner, und keine Anbeter, die ehemals auf den Knieen krochen, und jezt mit den Fussen stampfen, wenn das liebe Weibchen nicht hubsch folgen will. Im Ehestand fallt der Schleier von beiden Seiten weg, und man erblikt sich als Mensch, wo man zuvor den Engel sah. Die Wunsche sind befriedigt, und keine Furcht einander zu verlieren, halt die gegenseitigen Ungefalligkeiten im Zaum. Der Mann wird finster, befehlend; das Weib, das ehedessen an tausend Schmeicheleien gewohnt war, rasst, tobt gegen so neue Auftritte, und wird zulezt ein unnachgiebiger Haust****. Fehlt es dergleichen Eheleuten obendrein an Erziehung, dann sind niedrige Schlagereien der tagliche Schluss eines solchen Jaunerlebens. Doch denke ich, die meisten Ehen wurden gluklicher seyn, wenn mehrere Menschen hinlanglich gute Herzen hatten, um dasjenige, was man aus tausend Grunden nicht mehr schwarmerisch lieben kann, doch wenigstens nicht zu verachten und nicht zu kranken. Es giebt eine Art von vernunftiger Duldung, die jede Ehe vor offentlichen Auftritten schuzt. Es muss aber sowohl vom Manne als vom Weibe dazu beigetragen werden, sonst arbeitet der eine Theil blos, um den andern in der Bosheit zu bestarken. Von beiden Seiten gutwillig nur halb seine Pflicht erfullen, ist besser, als sie ganz zu erfullen scheinen, und dabei besonders von Seiten des Mannes mancherlei Betrugereien hinter dem Rukken zu spielen. Hinterlist, heimlicher Aufwand von einem luderlichen Ehemanne, ist tausendmal straflicher, als seine Unbestandigkeit in der Liebe. Unsere Neigung ist das Spiel eines Augenbliks, und nicht jeder findet liebenswurdige Abwechslung genug in seinem Weibe, um sie ewig fort leidenschaftlich lieben zu konnen. Aber sein Weib mishandeln, seine Kinder ins Elend sturzen, aus Unbestandigkeit sogar hartherzig werden, so was kann nur ein Schurke thun. Seine Gattin freundschaftlich ehren, sein Hauswesen nicht versaumen, seine Kinder gut erziehen, das hangt von jedem Ehemann ab, er mag ubrigens auch noch so flatterhaft denken. Aber sogar, wie es jezt Mode wird, sein Weib verlassen, das ist teuflisch und unmenschlich! Wie wenig kostet nicht einem vernunftigen Ehemanne Gute des Herzens gegen die ehemalige Schopferin seiner Freuden? Ist es nicht Pflicht, ist es nicht Stimme der Natur, dass man seine unglukliche Gattin wenigstens mit einer schonen Luge schadlos halt? Und dann sie mit Sanftmuth und Aufrichtigkeit belehren, dass Kalte gegen sie, nicht Mangel an Pflicht, sondern blos in der unbestandigen Menschheit liege, dass zu langer Besiz endlich ermude und die Einbildungskraft in etwas abspanne? Jedes vernunftige Weib wird sodann mit ihrem Manne Mitleid fuhlen und das nicht mit Gewalt fodern, was ihre Bemuhung, durch Grossmuth, durch Nachsicht mit den Schwachheiten ihres Mannes, wieder nach und nach zu erlangen hofft. Wie viele wurdige Weiber bezauberten schon ihre Manner aufs Neue durch Nachgiebigkeit, durch Ruksichten, die ein Undankbarer nicht vermuthet hatte. Und wie viel, Freundin, konnte ich Dir noch uber diesen Punkt sagen. Aber nun zur Geschichte deines Doktors. Ich sage deines, und kann mich doch nicht bereden, dass er dein ist, oder werden wird. Warum? wirst Du fragen. Aufrichtig, Freundin, um Dir Schwarmerin ans Herz zu gehn, brauchts eben so viel Muhe nicht. Ob aber Du ihm wirklich auch ans Herz gehst? Ja, das ist nun eine andere Frage. Es braucht ein wenig mehr, als blos lebhafter Wiz, um der Manner ihre ernsthafte Seite zu treffen. Sie tandeln oft statt der Liebe mit unserer Eitelkeit, wir desgleichen mit der ihrigen, bis eine jungere Tandelei der altern Plaz macht. Die Herrchen sind galant, weil es ihnen nur um Galanterie zu thun ist; wizzig, um mit ihrem Wiz zu glanzen; aus Stolz nicht sturmisch, aber desto schlauer im Schleichen. Du verstehst mich doch? Ueberhaupt, Madchen, bist Du zu leichtglaubig. Mistrauen am rechten Ort angebracht, ist ein trefliches Mittel fur junge unerfahrne Seelen. Lebe wohl, lose Schwarmerin! Lebe wohl!

Deine Fanny.

XXV. Brief

An Fanny

Herzliebe Freundin! Du bist ja eine leibhafte Misanthropin geworden Freudenstorerin will ich eben nicht sagen, denn dazu liess es dein gutes Herzchen nicht kommen. Aber sag mir nur, warum bist Du denn so ausserst mistrauisch gegen die Manner? Die armen Narren dunken mich doch so gut, oder wenigstens scheinen sie es zu seyn. Freilich konnte Leichtglaubigkeit bei mir ein Fehler werden, aber noch ist er es nicht. Ich kann mir doch nicht vorstellen, dass ich gerade das Ungluk haben musse, auf einen Modegekken zu stossen, der mich betrugen will? Noch hab ich am Doktor keine Spur von Schleicherei bemerkt. Lass mir doch diese liebe Traumerei; ist doch alles Traum, was man Gutes hat auf der Welt! Wenn ich in der Liebe kein Vergnugen suchen durfte, wo sollt' ich es denn finden? Menschen, die nicht lieben, haben Sand im Herzen und Wasser im Gehirne. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft fodert durchaus Liebe, und alle deine Kernworte werden diese gluhende Einbildungskraft vielleicht leiten, aber nicht abkuhlen. Der liebe Wohlstand mag es mir nicht ubeldeuten, wenn ich ungeheuchelt einem Triebe folge, den ich mir nicht in die Seele gelegt habe. Alle Einwendungen, die ich mir daruber mache, sind ein schwacher Damm, die den Strom zwar aufhalten, aber desto heftiger anschwellen. Es wohnt in mir nur ein grosser, feuriger Gedanke, und wenn ich ihn verdrangen will, so theilt er sich in tausend kleinere, aber husch ist der grosse Gedanke wieder in meinem Kopfe da und herrscht in meiner Seele. Kurz, Freundin, meine Einbildungskraft muss ziemlich brennen, denn weil ich mir unter Tags Zwang anthun muss, so rebellirt sie desto heftiger bei der Nacht. Als ich lezthin, Schakkerei halber, bei meiner Freundin im nemlichen Bette schlief, (ihr Mann war abwesend) begieng ich einen Streich, der mich des andern Morgens schamroth machte. Denk dir einmal: Im Schlaf umfasste ich meine Freundin, kusste, herzte sie und seufzte laut den Namen des Doktors dazu. Die boshafte Beischlaferin storte mich gar nicht in meiner Freude, und als ich aufwachte, schamte ich mich fast zu Tode, denn ich erinnerte mich nur zu gut meines begeisterten Traumes. Laugnen half jezt nichts und der unschikliche Ort, wo ich meine Gefuhle ausdrukte, war fur mich eine argerliche Erinnerung. Was mich aber vor Zorne weinen machte, war der Leichtsinn, mit dem meine Freundin diesen Vorfall dem Doktor erzahlte. Nun ist der junge Herr von meiner Schwachheit ganz uberzeugt. Wirklich Schwachheit, denn meine Neigung ist um viele Grade heftiger, als die seinige. Bin ich nicht eine Thorin, dass ich meinem Gefuhl so den Zugel lasse? Vielleicht wieder fur einen Undankbaren lasse? Nun ja wieder! Liebte ich nicht schon einmal, und das umsonst, ohne Gegenliebe? Hilf mir der liebe Gott! Was wird aus meinem weichen Herzchen werden, wenn es nicht bald seinen Wiederhall findet? Und ist denn ein solcher Wiederhall so leicht zu finden? Gegenliebe scheint mir ein so seltenes Ungefahr, dass es einem schaudern sollte, welche zu suchen. Haben denn die Manner in der Liebe wirklich so selten eine ernsthafte Seite? Was gabe ich nicht, Freundin, wenn ich ganz mistrauisch seyn konnte! Wie soll ich es denn anfangen, um es zu werden? Mein ganzes Wesen ist offen, und immer dachte ich mir andere Menschen auch so. Und besonders Dich, Freundin, kann ich zu meinem Trost nicht anders, als ausserst redlich und ausserst liebevoll denken.

Amalie.

XXVI. Brief

An Amalie

Wahrhaftig! Du bist ein tolles Madchen! In deiner verliebten Schwarmerei sehr gefahrlich fur deine eigene Ruhe. Es wurde Dir sehr ubel bekommen, wenn man Dich so deinen Trab fortschlendern liess. Hore, Madchen, meine Furcht in der Liebe hat ihre Ursachen, wenn Dir diese Liebe, die bei Dir so herzlich willkommen ist, so oft und so garstig den Kopf verrukt hat, wie mir, denn wirst Du Dich gewiss auch vor ihr huten. Noch einmal! Du bist zu leichtglaubig gegen die Manner; oder hast Du etwa mit den Zufallen in der Welt einen Bund geschlossen, dass sie just dich vor einem Modegekken schuzzen? Dunkt Dich denn die Zahl der bieder Liebenden so gross? Warum willst Du Dich so leicht von einer Hoffnung tauschen lassen, die so lokkend zum Abgrunde fuhrt, und nur Wenige nicht betrugt? Blinde Traumerin! Dein Doktor wird so dumm nicht seyn, und sein Schleichen merken lassen. Dem Feind zur Schlacht Muth machen, thut kein erfahrner Kriegsheld. Fahre meinetwegen fort, so oft und so lange zu lieben als Du willst, nur nicht zu aufrichtig, zu heftig, eh Du gewis bist, dass man Dich wieder liebt. Freundin, sey mir nicht zu gutherzig gegen die Manner; die wenigsten verdienen es. Adle deine Neigung mit Mistrauen, hernach darfst Du Dir nicht so vielen Zwang anthun; denn jedes Madchen, das in der Liebe sich verstellt, stolpert um desto geschwinder, weil Zwang einen feurigern Ausbruch zubereitet. Es giebt Menschen, die eine Zeitlang unterdrukt handeln, aber um so viel narrischer nach der Hand, wenn der Daum wieder wegglitscht, den sie auf die Leidenschaften drukten. Dein Traum vom Doktor war drolligt; so etwas muss freilich die Eitelkeit eines Liebhabers kizzeln. Nur hatte deine Freundin ihn nicht wieder erzahlen sollen, das war unvorsichtig von ihr gehandelt. Es taugt gar nicht, dass er nun ganz uberzeugt von deiner Liebe ist. Wer weis, ob er bei dieser Gewisheit nicht aufs Neue nach einer andern lustern wird, wenigstens ist dies die herrschende Krankheit unserer jezzigen Adamssohnen. Ich wunsche zum Schluss von Herzen, dass Du bald einen harmonischen Wiederhall finden mogest fur izt kann ich es noch nicht glauben. Lebe wohl!

Deine Fanny.

XXVII. Brief

An Fanny

Freundin! Die Zeit meiner Abreise kam, ich musste zuruk zu meiner alten Grossmama. Kannst Dir leicht denken wie mir's so bang war, dass ich alle meine guten Bekannten verlassen musste. Der Abschied vom Doktor war von meiner Seite ausserst angreifend, er aber zeigte sich kalter und munterer als ich, und das gieng mir durch die Seele. Wahrend als mein Wagen einige Stunden fortrollte, schwarmte ich in einer Hizze fort von dem Zurukgelassenen, und mein Blut war so in Wallung, dass ich gar nicht mehr weis, wie ich in das Haus meines Oheims zurukkam. Der zweite Empfang meiner hochnasigten Tante schien mir etwas milder, ich war aber gar nicht heiter genug, um auf das was vorgieng, hinlanglich aufzumerken, denn mich verlangte nach Einsamkeit; ich trug eine Last im Herzen, die mich sehr drukte. Wenn alle Verliebten sich so lange fuhlen, wie ich mich fuhlte, so sind sie arme Wurmchen, die sich mit Herzensfreude tretten lassen, und sich wenig um die Folgen kummern. Ich war so ganz voll Qual, voll Unruhe, voll Leiden! Meine heitere Laune, wo ist sie hingekommen? Ich wage es kaum Dir zu sagen: der Doktor liebte mich nie. Ware er nicht noch zum lezten Abschied in meine Arme geflogen? Er versprach mir heilig nach L*** zu kommen, ehe ich ganzlich diese Gegenden verlassen wurde. Aber der Elende kam nicht! Heisst das nicht hartherzig seyn? Auch nicht einmal schrieb er mir. Warum wekte der Leichtsinnige meine Empfindung auf? Warum reizte er mich zur Liebe? Warum nahrte er einen Hang in mir, den kein ehrlicher Mann nahrt, wenn er nicht wieder lieben will? Man sagte mir, er habe schon ein Madchen vor mir geliebt; sie soll sehr schon seyn; wenn das wahr ist, dann muss ich es leiden. Muss! Ein garstiges Wort fur freigeborne Menschen! O meine verwunschte Eigenliebe! die war an der ganzen Geschichte Schuld! Diese garstige Betrugerin ist es, die mir von Gegenliebe vorschwazte; und nun bin ich getauscht. Aber mit Blut will ich das Wort Tauschung in mein Herz schreiben, und der es ausloschen will, muss es tausendfach wurdig seyn, oder es bleibt stehen. Ich weis auch gar nicht, warum die Manner kuhn genug sind, mit uns zu wizzeln, und mit jedem Wort auf Liebe zu zielen, wenn sie denn durchaus nur lugen und nicht lieben wollen. Das sind doch abgefeimte Heuchler, die ihre Lugen mit so vieler Anmuth in ein junges Madchenherz hineinrasonniren! Mich reut meine gute Laune, mit der ich den Bosewicht so viele Stunden unterhielt. Aufs Gesicht hatt ich's ihm schreiben sollen: Du bist ein Betruger! Damit das vor mir betrogene Madchen noch fruhe genug von ihrem Schiksal ware unterrichtet worden. Ich mag wohl seinem Kopf besser, als seinem Herzen getaugt haben sonst hatte er nicht so viele Stunden mit mir verplaudert. Ware ich von seiner ersten Bekanntschaft unterrichtet gewesen, so hatte ich ihn wie Gift geflohen, und kein nagender Gram hatte sich meiner bemachtigt. Nun sey es aber geschworen, ich will die Manner von nun an furchten, ich will sie fliehen, ich will ihnen ausweichen, wenn sie mein Gefuhl in Versuchung fuhren wollen. Aber die verwunschte Verkettung meines Schiksals bringt mich auch immerfort in die Gesellschaft der Manner; es dauert nur wenige Tage, so muss ich schon wieder mit zween andern zu meinem Vater reisen. Aber ich betheure Dir, Freundin, sie mogen gut oder bose seyn, wild oder zahm, mein Herz soll Stein bleiben. Es sollen, so wie ich hore, Kaufleute seyn, denen mich meine okonomische Tante nur deswegen ubergiebt, damit ihre Borse besser geschont werde, denn diese ist ihr Abgott. Es mag nun bequem oder nicht bequem seyn, meine Reisegefahrten mogen hofliche oder unhofliche Leute seyn, mir ist es gleichviel; nur von Liebe soll mir keiner sprechen, wenn er nicht Zank haben will. Du erhaltst bald eine vollstandige Reisebeschreibung von deiner bessten

Amalie.

XXVIII. Brief

An Fanny

Vergieb mir, Freundin, dass ich schon wieder an Dich schreibe, eh ich Antwort von Dir erhielt. Du weist, Aufrichtigkeit ist fur mich Bedurfnis geworden. Eben mit der nemlichen Aufrichtigkeit muss ich Dir doch zeigen, was ich fur ein flatterhaftes Ding bin. Stell Dir einmal vor, auf der ganzen Reise dachte ich sehr wenig auf den hinterlassenen Doktor. War's Zerstreuung der Reise, oder was war's? Das ist nun sehr naturlich, jede Schwarmerei muss aufhoren, wenn sie nicht erwiedert wird. Aber so geschwind meinem Herzen Richtung zu geben, das habe ich mir nicht vermuthet. Was ich Dir lezthin von Standhaftigkeit gegen die Manner vorschwazte, war ein Vorsaz, wie aller Menschen Vorsazze sind; feurig, wenn man sie nimmt, aber um desto schwacher, wenn es zur Ausfuhrung kommt. Denn meine Schwure, keine Artigkeiten mehr vom andern Geschlecht anzuhoren, sind gebrochen. An hartnakkiger Unglaubigkeit lies ich es Anfangs gegen einen meiner Reisegefahrten nicht fehlen, aber sein sanftes ehrerbietiges Wesen reizte mich doch zur Aufmerksamkeit; aber weiter soll es auch nicht kommen. Er ist ein feingebildeter Protestant, ganz Duldung, ganz edler Mensch, ganz voll von allem dem, was diese Art von guten Menschen an sich haben, die mehr empfinden, als sie sagen konnen. Alle seine Reden waren uberdacht, und so mit einer gewissen reizenden Schwermuth begleitet, dass ich ihn bewunderte. Er saumte gar nicht mit seiner Menschenkenntnis einen Blik in mein Herz zu werfen, und wenn ich aus Groll gegen die Manner ganz bittere Sazze vertheidigte, so versicherte er mich, dass das nicht die Sprache eines aufrichtigen, eines redlichen Gefuhls ware, und dass nichts in der Welt existirte, das nicht eine Ausnahme litte. Er traf meinen Sinn so stark, dass ich mit allem meinem Geplauder gutwillig schwieg und nur ihm zuhorte. Dieser Mann, liebe Freundin, ist furwahr ein ganz neues Original; er hat gar nichts von der grellen Lusternheit, von der lacherlichen Selbstgefalligkeit, die so viele seines Geschlechts haben. Er ist so viel moglich Herr uber seine Begierden, und Mann uber seine Eigenliebe. Seine Gefuhle sind nicht entlehnt, oder auf Worte geschraubt, sie kommen vom Innern und gehen wieder dahin zuruk. Nun auch ein paar Wortchen von seinem Mitgesellschafter. Dieser gehort ohne Widerrede unter die Alltagsmenschen und empfindet weiter nichts als das Quantum seiner Prozenten. Mich deucht es also wohl nicht der Muhe werth, weiter von ihm zu sprechen. Endlich kamen wir alle sehr guten Muths in St*** an. Meines Freundes Gattin drukte, kusste mich blos, weil ich in Gesellschaft ihres Mannes war. Ich musste mit Gewalt einige Tage da verweilen, sah die schone Gegend ganz, und mir ward recht wohl. Tausend Menschen, die einen ahnlichen Fall nicht kennen, werden es nicht begreifen wollen, dass ausser einem schuchternen Maulchen, mit meinem Freund weiter nichts vorgieng. Ich verehrte den Mann so, dass er mir in wenig Tagen nach meiner Abreise unentbehrlich wurde. Seine Lehren, seine Macht uber sich selbst, seine Grossmuth, meine Schwachheit nicht einmal prufen zu wollen, seine Gefalligkeiten nahren in mir ein ewiges, heiliges Andenken! Von seiner Hand gefuhrt, stieg ich ins Schiff, das mich von ihm trennen sollte, er drukte mir mit dem Ausdruk einer kampfenden Seele einen Kuss auf, unter den Worten: Freundin! Leben Sie wohl, bis aufs Wiedersehen, ist es hier nicht, so ist es dort! Das ausgeredt und verschwunden war er aus meinen Augen. Ich weinte ihm haufige Thranen des Danks nach und empfand um mich herum eine Leere, die meine Reise zur See sehr traurig machte. Denn izt erst lernte ich den Verlust wahrer Menschen kennen. Nun bin ich zu Hause, und gestern traf wider Vermuthen ein Brief von meinem sanften Freunde ein. Vor der Hand hatte ich nicht so viel Zeit gefunden, das Bild dieses vortreflichen Mannes, meinem Vater zu entwerfen. Mein Vater stuzte gewaltig uber den Anblik dieses Briefs, weil er uberzeugt ist, dass ich ihm nie etwas verhele. Auch hatt' ich nie Ursache ihm etwas zu verbergen, denn er ist ausserst duldend gegen junge Leute. Nur kann er keine Verstellung leiden; denn daher, sagt er, kame das Verderbnis der jungen Herzen. Sehr ernsthaft stellte er mich vor Erofnung des Briefs zur Rede, aber kaum las er die Zuge eines herrlichen Mannes, so freute er sich herzlich uber diese Bekanntschaft, und befahl mir, ihm zu antworten. Hier hast Du die ganze Beschreibung dieser Reise, so wie ich Dir's versprach. Lebe wohl, und vergiss dein Malchen nicht.

XXIX. Brief

An Amalie

Ja wohl, Freundin, bist Du ein flatterhaftes Madchen! Mit einem solchen Grade Ueberspannung uber den Verlust eines Liebhabers zu winseln, und dann doch diesen Verlust nicht langer beklagen, als bis sich der Ort aus den Augen verloren, den er bewohnt! Ich wurde Dir Vorwurfe uber diese geschwinde Veranderung machen, wenn es der Undankbare nicht um Dich verdient hatte. Siehst Du, wir Menschen alle sind in unsern Handlungen so widersprechend! Besonders ist die Liebe ein unbeschreibliches Wesen, die von Umstanden und Begriffen ihre Karakteristik erhalt, und da die meisten Menschen sich in jeder Handlung ihres Lebens so wenig verstehen und mit einander nicht ubereinkommen, so muss also auch die Liebe dieser Unordnung und Verschiedenheit der Gemuther ausgesezt seyn. Fur nichterwiederte Liebe ist Stolz das besste Heilungsmittel. Man muss sich seine Ruhe durch stolze Verachtung wieder zurukbringen, die so ein Schandbube vielleicht auf einige Zeit raubte. Doch ist bei einem empfindsamen Madchen der feste Entschluss, nicht wieder zu lieben, ein elendes prahlendes Nichts, dass bei der ersten bessten Gelegenheit, wie ein Hauch zusammensturzt. Diese Erfahrung habe ich leider mehrmalen selbst gemacht; und beinahe glaube ich, dass Du, Madchen, mit der Zeit mehr von diesem Punkt wirst sprechen konnen als ich; wenigstens ist deine Anlage dazu gefahrlicher. Ich habe schon manches betrogne Madchen wahrend ihren Thranen uber einen verlornen Liebhaber aus Eitelkeit lacheln gesehen, wenn ein geschikter Schmeichler ihre schwache Seite zu beruhren wusste. Ich kann einmal nicht anders von unserm Geschlechte sprechen; die Gute unserer Herzen und die Reizbarkeit unserer Nerven machen uns zu schwachen Geschopfen. Ein Weib mit dem bessten Herzen wird am leichtesten uberrascht, weil ihre Gutheit in der Liebe keinen Widerspruch kennt. Blos Religion, Vernunft und Ehre kann uns Weiber im Zaum halten, aber die Liebe spielt uber kurz oder lang ihre Rolle, und wir alle spielen mit, mehr oder weniger, doch gerade so viel, als uns Schiksale und Umstande ins Spiel mischen. Indessen freut es mich doch, dass Du Dich mit deinem neuen Freunde so tapfer hieltest, und um so mehr freut es mich, weil es so wenig Manner giebt, welche die Gesellschaft eines reizenden Madchens bei einer solchen Gelegenheit nicht misbraucht hatten. Dein sanfter Freund muss bessere Grundsazze haben, als unsere meisten brutalen Madchensturmer, die alles, was ihnen unter die Hande kommt, pflukken wollen. Doch, Madchen, erlaube mir auch uber deinen Freund eine Anmerkung: Glaube ja nicht, dass ein Mann mit so vielem Gefuhl, wie dieser war, lange um Dich herum ohne Leidenschaft hatte ausdauern konnen. Der strengste Moralist uber diesen Punkt ist so wohl Mensch als andere, wenn ein uberraschender Augenblik ihn hinreisst. Und wenn er vielleicht seine Gattin blos ehrt und nicht liebt, was wurde ihm ubrig geblieben seyn, als ein volles Herz und unbefriedigte Wunsche fur Dich? Du bist nun schon in den Jahren, wo man so etwas mit Dir sprechen darf; schaffe Dir das leichtglaubige Zeug aus dem Kopfe und schaue den Mannern scharf hinter ihre Larve und Du wirst Menschen finden. Doch ist ein Mann, der mit seinen Leidenschaften kampft, viel verehrungswurdiger und reizender, als ein frecher Weichling, der, ohne Ruksicht auf die Person, blos den Trieben seines Temperaments folgt. Es schmeichelt uns Weibern gar zu sehr, wenn wir an unserer Seite einen so stillschmachtenden Liebhaber seufzen sehen, der aus lauter Ehrfurcht sich beinahe zu Tode martert. Die Manner heissen das Koketterie. Lass Dir aber nichts daruber in Kopf sezzen. Ein Madchen muss bis zur Ueberzeugung dass es wahrhaft geliebt wird, ein wenig die Kokette spielen, sonst weh' ihrem guten Herzchen, es wurde zerrissen, getretten, und ausserst oft betrogen. Ich weis, dass Dir diese Lehre nicht behagen wird, denn ich kenne deine Liebe zum Romanenmassigen. Kunftig ein Mehreres uber dieses Kapitel von

Deiner Fanny.

XXX. Brief

An Fanny

Liebe ernsthafte Freundin! Du ahndest in deinem Leztern meine Flatterhaftigkeit; aber sag mir nur, was blieb mir bei einer so traurigen Verfassung ubrig? Musste ich nicht Den vergessen lernen, der mich betrog? Ganz vergessen hab ich ihn demungeachtet nicht, es giebt dann und wann noch stille ungestorte Augenblikke, wo das Bild des Undankbaren lebhaft vor meinen Augen schwebt. Aber sich so fest an etwas zu ketten, wie ich mich zu ketten pflege, ist Unsinn, ist Hollenmarter! Doch was nuzt es? ich bin einmal schon so ungluklich gestimmt, und Betrug ist mir so wenig bekannt, dass ich ihn hinter keinem Sterblichen vermuthe. Ja wohl sind wir Menschen widersprechend in unsern Handlungen, ja wohl ist die Liebe eine Sache, die vom Zufall regiert wird. Ich glaube immer, die mehresten Menschen fangen umgekehrt zu lieben an. Wenn unser Geschlecht ein Widerspruch in der Liebe ist, so liegt es gewis in unserer unfesten Erziehung. Bis dahin haben mich die Herren Manner mit Temperamentsversuchen so ziemlich in Ruhe gelassen. Mein sanfter Freund war gerade von Denen einer, die ihre Seligkeit nicht blos im Korper finden. Und was in Zukunft aus ihm geworden ware das hatte ich erwarten mussen. Dass der Kampf eines wunschenden Liebhabers fur uns ein Opfer ist, mag wahr seyn; doch, liebe Fanny! Lass mir meinen Glauben an platonische Liebhaber; es wurde ubel genug fur mich seyn, wenn ich vom Gegentheil uberzeugt seyn musste. Koketterie, heisst in meinen Augen so viel, als seine Empfindungen vertuschen, und Freude an den Martern der Manner haben. Gott bewahre mich vor einer solchen Verstellung! Ich wurde ja mein Herz lastern und die liebe Natur beleidigen, die uns zum Fuhlen schuf! Weh dem, der einst mein redliches, aufrichtiges Gefuhl nicht erwiedert, und doppelt weh ihm, wenn mich die Rukerinnerung schmerzte, wenn ich mich ihrer zu spat schamen musste! Hier hast Du meine Gesinnung; noch sind wir um ein ziemliches in unserer Denkungsart von einander entfernt. Vielleicht kommt ein Tag, wo Du Recht erhalten wirst; aber fur jezt lass mir meinen gluklichen Schlendrian in der Liebe. Doch, demungeachtet, hore von mir noch ein Gestandniss: Es wacht in mir seit der Zeit meines hiesigen Aufenthalts ein gewisser avanturischer Geist auf, der mir die einsame Lebensart meines Vaters unschmakhaft macht. Ich mochte so gerne die Welt sehen und mehrere Menschen kennen lernen. Eben aus dieser Ursache wandte ich mich an meinen Oheim in K***, der nichtsweniger als geizig ist. Er ist mir sehr gut und wird den Mittler zwischen mir und meinem Vater machen; denn mein Vater will von meinem Wunsche (bald wieder in die Welt hinein zu reisen) nichts weiter horen; aber mein Oheim ist desto billiger und wird gewis bald Auswege finden, mich unter fremde Leute zu bringen, damit ich mich in Puzarbeiten so gut als moglich fur die Zukunft bilden kann. Giebt mein Vater aber seine Einwilligung nicht, so reise ich nicht, denn ungehorsam war ich nie. Bald schreibe ich Dir wieder, dann kannst Du mir mit einer Muhe zween Briefe beantworten. Deine besste

Amalie.

XXXI. Brief

An Fanny

Ueber dein Stillschweigen bin ich weiter nicht bose, und um Dich vollkommen davon zu uberzeugen, so fiel mir's gerade jezt ein, an Dich zu schreiben; und zwar eine Neuigkeit, die darinn besteht, dass ich mit nachstem nach A*** abreisen werde. Ich komme dort in das Haus einer Bekannten, um als Kostgangerin Modearbeiten zu lernen. Mein Vater gab, auf das gutige Ansuchen meines Oheims, seine Einwilligung, weil er einsieht, dass alle Arten Arbeiten fur ein Madchen nothig sind. Wie es mir dorten gehen wird und was ich auf der Reise fur Bemerkungen machen werde, sollst Du alles horen. Es hat sich hier wahrend dieser Zeit ein junger Laffe an mich gemacht, der mir unausstehlich ist. Nur Schade, dass ihn mein Vater gut leiden kann und er uns unter diesem Vorwande ofters besucht. Ich glaube, mein Vater hatte Lust mir dieses Geschopf zum Manne anzuhangen. Das ware entsezlich, wenn ich so einem jungen Springer zu Theil wurde! Er stuzt seine Neigung fur mich auf das Ansehen meines Vaters und wird dabei den Kurzern ziehen, denn in meinen Herzensangelegenheiten kenne ich keinen Zwang. Dieser Mensch hat mir seit meinem Hierseyn schon manche bittere Stunde gemacht; ich wurde mich daruber argern, wenn mich nicht der Umgang meines Vetters aus Mainz dafur schadlos hielte. Erinnerst Du Dich noch, was ich Dir einmal alles fur gute Sachen von diesem Jungen sagte? Er war immer mein Liebling und hat sich auf der Universitat treflich gehalten. Wir bewohnen einen der schonsten Garten in unserer Gegend, und oft schleichen wir beide zusammen ganz Gefuhl mit einem Buch in dem Garten herum. Er ist noch weit romanenmassger als ich, und waren wir beide nicht so nahe verwandt, so gabe es aus uns ein nettes Parchen. Der Junge liest so reizend vor, und empfindet so vieles dabei, dass ich ihm mit der grossten Wollust manche liebe Stunde zuhore. Auch sind seine Gefuhle so harmonisch mit den meinigen, er fuhlt alles so heftig, und wird leider mit seinem Herzen eben so wenig gluklich werden als ich! Er ist sehr traurig uber meine baldige Abreise. Auch meine Schwester ist durch seine Leitung ein artiges Madchen geworden, nur Schade, dass sie noch so jung ist. O, Freundin, konnt ich doch das Gluk dieser Lieben machen! Sie darben nicht, aber wenn mein Vater sterben sollte, dann weh den Hinterlassenen! Diesmal verlass ich meine Familie mit schwerem Herzen. Gott soll meine Ahndung nicht ubel ausschlagen lassen! Ich kusse Dich herzlich und bin wie allezeit

Deine Amalie.

XXXII. Brief

An Amalie

Lass Dir mein Stillschweigen nicht auffallen, meine Liebe; Du weist, man kann nicht allezeit wie man will. Du willst also schon wieder reisen, oder musst vielmehr zu deinem Nuzzen reisen? Die Absicht deiner Reise ist gut, nur bin ich bose, dass dein unruhiger Kopf nirgends fest halt. Zu was soll all das Avanturische in deinem Kopfe? Die verwunschten Romanen haben deine Einbildung mit Schimaren angefullt. Glaube mir, Madchen, unter jedem Himmelsstriche findet man mehr Boses als Gutes, und ein Madchen wird heute oder morgen unzufrieden, wenn es sich in seinen Hoffnungen getauscht sieht. Dein Wunsch, die Welt zu sehen, ware so ubel nicht, aber dass Du Dir von der Welt mehr versprichst, als Du erhalten wirst, ist fur mich ein trauriger Gedanke. Du kennst den Wirrwarr unter den Menschen zu wenig, um nicht davor zu zittern. Leider bist Du eines von jenen Geschopfen, die wider ihren Willen den Aenderungen des Schiksals ausgesezt sind; aber deine bestimmten Wege vernunftig durchzuwandern, ist nun deine Pflicht. Schreib mir, so oft Dir etwas Widriges aufstosst, Du kennst mein Herz, mit dem ich Dich immer leitete und noch ferner leiten werde. Ich bin in der That froh, wenn Du von deinem schwarmenden jungen Vetter wegkommst; der wurde Dir den Kopf vollends verrukken. Empfindelei und wahres Gefuhl sind zwei verschiedene Dinge; das erstere ist schadlich, das leztere fur die Menschheit ruhmlich. Dass man Dich in dem Hause, worein Du bestimmt bist, lieb haben wird, dafur ist mir nicht bange, denn Du hast eine Art von gutem Willen an Dir, der Jedermann an sich reisst. Die Stadt, worein du kommst, ist gross und folglich mit mehreren Verfuhrern angefullt; Du weist, was ich sagen will, und dessen magst Du Dich erinnern, wenn es nothig seyn wird. Schreibe deinem lieben Vater oft, damit er nicht Anlass bekommt, uber Dich zu murren. Sey rechtschaffen, liebenswurdig und bescheiden, wenn Du deiner Fanny Freude machen willst.

XXXIII. Brief

An Fanny

Vor allem, Fanny, muss ich Dir den ersten Saz deines Briefs beantworten. Ist es wohl meine Schuld, wenn sich eine Art avanturischer Hang in meiner Einbildung festgesezt hat? Mich deucht, jeder Mensch reitet sein Stekkenpferd, und das ist nun gerade das meinige. Ich wurde diesen Hang ganz unterdrukken lernen, wenn mich nicht mein abwechselndes Schiksal darinn bestarkte. Ware ich zu einem ruhigen, einfachen Leben bestimmt, so wurde sich mein fluchtiger Geist nach und nach legen, so aber wird er durchs Reisen und durch die vielen unwillkuhrlichen Abanderungen genahrt. Wenn meine Ahndung wahr spricht, so wartet auf mich eine gewaltig unruhige Zukunft. Wer nicht Meister uber seine okonomischen Umstande ist, der muss sich in der Welt wie ein Ball herumwerfen lassen; und dann bei solchen Lagen, wohl dem Madchen, das Grundsazze hat! Dass es so viele bose Menschen in der Welt giebt, habe ich, wie mich dunkt, schon bemerkt; es wird Ungluk genug fur mich seyn, wenn ich in der grossen Welt die wenigen guten eben nicht finde. Ob ich nun meine Schiksale gelassen und vernunftig durchwandern werde das weis Gott; aber dass meine Schwachheiten nicht zu Bosheiten ausarten sollen, dafur steh ich. Dann musste mich alles Gefuhl meiner Erziehung verlassen haben, und der Gedanke an eine Freundin nicht mehr in meinem Herzen wohnen, die so nachsichtsvoll mich von jedem Irrwege zurukrufen wurde. Mein phantasirender Vetter schreibt mir jezt eben so phantasirende Briefe, und ich gesteh es, seine Schwarmerei ist fur mich anstekkend. Ich bin nun schon einige Wochen hier; der Abschied von meinem Vater war mir diesmal ausserst drukkend; ich weinte bitter, und doch riss mich die Nothwendigkeit von den Meinigen weg; Nothwendigkeit ist ein grasslicher Tirann unter den Menschen, sie trennt die bessten Geschopfe. Ich stieg so traurig, so schluchzend in den Postwagen, dass meine Reisegefahrten, die schon im Wagen sassen, daruber stuzten. Ich fuhlte mich zwo Stunden lang ausserst fremd unter dieser Gesellschaft, und mein Herz wollte sich durchaus nicht der Freundlichkeit offnen, mit der mir alle diese Leute begegneten. Ich weis nicht, war es Zagheit; genug ich war den ganzen Tag fur alles kalt, was um mich vorgieng. Die Gesellschaft bestund aus einem Frauenzimmer, zween jungen Offiziers und einem Juristen. Man schakkerte, lachte, philosophirte, moralisirte durcheinander bis es dunkel ward. Ich blieb bei allem dem stumm, und wurde es ferner geblieben seyn, wenn mich der Wohlstand nicht zum Danken genothigt hatte, indem der Wagen stille hielt, und mich gleich darauf der eine Offizier heraushob. Jezt gieng alles ins Posthaus, das Madchen an der Seite des einen Offiziers, und ich mit meinem Nachbar, der mir um vieles schuchterner zu seyn schien, als sein Reisegesellschafter. Man ass, man trank, und wahrend als ich mit meinem Nachbar und mit dem Juristen schwazte, verlor sich jener Offizier mit unserer Reisegefahrtin und kamen beide nach einer halben Stunde sehr zerstort zur Gesellschaft zuruk. Was zwischen ihnen unterdessen vorgegangen, mag der Gottin der Wollust besser bekannt seyn, als mir. Das Madchen schien mir an das lobliche Handwerk schon ziemlich gewohnt, denn sie schakkerte mit einer Frechheit, die mich erzurnte; doch dunkte sie mich dabei ausserst arm, und eben darum entschuldigte ich sie mit einer Duldung, die jeder Vernunftige seinem Nebenmenschen schuldig ist. Endlich fieng der Postillion an zu blasen, wir stiegen wieder in den Wagen, und rollten so die ganze Nacht durch fort. An meiner Seite sass jezt der sturmische Krieger, dem es vermuthlich nach etwas Neuem gelustete, weil es ihm an seiner ersten so leichten Eroberung schon zu ekkeln schien. Es war dunkel, und was braucht es mehr um das Zugellose eines solchen Geschopfes zu reizen? Der Ritter fieng an, an meiner Seite unruhig zu werden, und zwar so unruhig, dass ich, um mich vor ihm zu sichern, ihm seine neugierigen Hande fast blau zwikte. Schreien wollt ich nicht, denn das schien mir zu affektirt, zu heldenmassig, und plagen wollt ich mich doch auch nicht lassen; also was glaubst Du wohl, dass ich in dieser kritischen Lage that? Ich nahm ein Paar Steknadeln zu Hulfe, und peinigte seine Hande so, dass er heimlich daruber zu allen Teufeln fluchte. Das Schnaufen, das Gerausche der Kleider mussten einige im Wagen bemerkt haben, denn die Dirne fieng helllaut an zu lachen und wollte eben zotigte Anmerkungen daruber machen, als der andere sanftere Offizier sich meiner annahm und sagte: Bruder, lass mir deinen Plaz und nimm Du den deinigen wieder; denn gleich und gleich gesellt sich gerne. Nun wechselte man die Plazze; ich verkroch mich in eine Ekke des Wagens und hutete mich sehr meinem neuen Nachbar nur mit einem Finger zu begegnen. Zwo Stunden vergiengen ganz ruhig, alles schnarchte wieder, nur ich und mein Nachbar schliefen nicht. Durch ein Ungefahr erhaschte er meine Hand, hielt sie fest und drukte sie an seine Lippen. Mir fieng bei diesem neuen Sturm an bange zu werden; doch als ich merkte, dass er sehr mit sich selbst kampfte und nicht so unverschamt wie der andere war, schlief ich ruhig ein. Aber wie das zugieng, weis ich nicht; genug, als ich erwachte, fand ich, dass mein Kopf an seinen Busen gelehnt war. Ob mich nun das fatale Stossen des Postwagens in diese Stellung gebracht, oder ob der junge Herr mich im Schlafe selbst hinzog; ist mir unbewusst. Doch schlief ich in dieser Lage ruhig und suss, und, wenn ich mich nicht irre, so traumte mir's, als ob mich mein Nachbar im Schlafe recht sanft gekusst hatte. Wir Madchen sind doch narrische Dinger; nichts reizt uns mehr, als wenn die Manner sanft genug sind, mit ihren eignen Trieben recht lange zu kampfen und mit uns recht platonisch zu schwarmen. Fanny, lose mir doch dies Rathsel in deiner Antwort auf; ich bitte Dich darum. Auf diese Art also verstrich der erste Tag meiner Reise, und fur heute nichts weiter mehr, als lebe wohl!

Deine Amalie.

XXXIV. Brief

An Amalie

Madchen, gruble mir nicht schon wieder in die Zukunft hinein! Dass Du zu einem abwechselnden Schiksale bestimmt bist, glaube ich selbst; dafur hat Dir aber auch der Schopfer Geist und Talente gegeben, nun kommts auch viel auf Dich an, guten Gebrauch davon zu machen. Du hast vollig Recht, dass die okonomischen Umstande den Menschen in der Welt manchmal zum Unthiere machen. Denn man sagt gewohnlich: Noth hat keine Gesezze; und der grosste Philosoph ist ein elender Wurm, wenn ihn hungert. Massig essen und uns standsmassig kleiden, das mussen wir, wenn aber uns alles das Troz unserer Bemuhung versagt wird? Nicht wahr, dann fallen wir Menschen in die rohe Natur zuruk, suchen, wo wir finden, um unsere Bedurfnisse zu befriedigen, die wir unwillkuhrlich an uns haben? Es giebt nun eine Menge dummdenkender Kopfe, die weder die Welt, noch ihre Zufalle, und am allerwenigsten das heimlich dringende Elend mancher Ungluklichen kennen. Diese Strohkopfe behaupten, es durfe kein Mensch verhungern, wenn er nur arbeiten wolle. Der Bettler verhungert auch nicht, wenn er nur taglich seine Kapuzinersuppe geniesst. Aber giebt es nicht noch tausend andere Klassen von Menschen, denen sogar diese armselige Suppe versagt ist? Giebt es nicht Winkel der Erde, wo Schande, Gefuhl, Mangel und Verzweiflung an den Herzen der Nothleidenden nagt? Findet man nicht oft in den finstersten Lochern arme Familien aufs Stroh hingestrekt, die von ihrem Kummer sich nahren, ihren Durst mit eignen Thranen stillen, und dem Zufall fluchen, dass er seine Reichthumer blos an hartherzige Teufel verschwendet hat? Keine Tugend ist seltener als Menschenfreundlichkeit, und keine wird so wenig geubt, als eben diese. Der Reiche pralt mit diesem herrlichsten Gefuhle der Schopfung, und kennt es nicht, will es nicht kennen, oder wendet dieses Gefuhl gerade nicht da an, wo er dazu aufgefodert wird. Der wahre Menschenfreund muss geizig jeden Anlass suchen, die Thranen der Nothleidenden zu stillen; er muss Gefuhl, gutes Herz, Menschenkenntnis besizzen, er muss vom Vorurtheil frei, ohne Ruksicht auf Stand oder Person, das Elend oder die gekrankte Ehre untersuchen, er muss sich vor der ganzen Welt nicht schamen einen zerfezten Elenden an seinem Arm zu fuhren, wenn er in ihm das gelungene Meisterstuk der Schopfung entdekt hat. Er muss stolz auf eine solche Handlung seyn, weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott unterscheidet. Er muss selbst dem Spotter kaltblutig den Rukken zeigen, und sich grosser dunken als der tapferste Krieger, der sich durch seine Mordsucht adelt. Er muss im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschopf seyn und das nur fur Zufall ansehen, dass er reicher als sein Nebenmensch ist; auch muss er seine Wohlthaten bescheiden und mit der feinsten, sanftesten Kunst austheilen, sonst martert er das fuhlende Herz eines Ungluklichen weit arger, als ihn der langsam verzehrende Mangel mordete! Elend ohne Zeugen ist fur den Denkenden schwer, aber Elend mit Zeugen ist noch schwerer, besonders fur Den, der nicht Vernunft genug hat, sich auch in der Armuth erhaben zu fuhlen und den ubel ausgetheilten Durcheinander fur weiter nichts als Kaos anzusehen. Wenn Du langer in der Welt lebst, meine Liebe, wirst Du noch viele solche durftige Geschopfe finden, die aus Mangel an Nahrung mit ihrem Korper Gewerb treiben mussen, doch giebt es mehrere dergleichen Madchen, die aus Liebe zum Puz, aus Hang zum Wohlleben, aus Gewohnheit und Uebertaubung, aus Faulheit und Unverschamtheit, aus Mangel an richtigem Gefuhl und Erziehung, sich im Lasterleben fortwalzen, bis zu gewissen einsamen Stunden, wo der Ekkel der Natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit arger martert, weit arger zerreisst, als Reue uber ihre Sunden, deren sie aus Verzweiflung, aus Abscheu gegen sich selbst, keiner mehr fahig sind! So ungefahr kommt mir der Zustand dieser Bedaurungswurdigen vor. Denn, wenn weder Gesez noch Religion ware, so liegt doch wider ein solches Leben etwas Schauderndes in der Natur! Woher kame sonst die Verachtung, der Abscheu, die Scham, der Ekkel eines abgekuhlten Wollustlings gegen so eine Verworfene? Ich habe mehr als einmal das Gestandnis der grossten Weichlinge mit Erstaunen angehort, die mich versicherten, dass der bitterste Hass auf den Genuss folge, und dass der erste Augenblik von Ueberlegung ein bitterer Fluch uber sich und die Gehulfin ihrer Ausschweifungen seye! Was ist nun dieses Erwachen anders, als Scham uber sich selbst? Was ist es anders, als Eingestandnis des Lasters und Meineids an der Liebe? Was ist es anders, als ein ubelverschwendeter Instinkt, der einem jeden ohne Herz, ohne reine Liebe, ohne Empfindung, ohne Dank erwiedert wird. Muss sich da nicht bei kaltem Blute der Stolz eines jeden sich fuhlenden Mannes emporen, dass er seine Triebe mit so etwas Allgemeinem beschmuzte? Ist sein eigener Werth nicht dadurch sehr erniedrigt? Ein Mann, der denkt, opfert seine Triebe einer Herzensfreundin und der Liebe. Mich deucht, nur Manner, die sich unwurdig fuhlen wahrhaft geliebt zu werden, konnen Schritte thun, wovor sie sich selbst im Innern schamen mussen. Genug hievon! Nun zu deiner Steknadelanekdote: Du bist wahrlich eine tapfere Heldin! Glaube mir, Madchen, wenn sich alle bosen Buben durch Steknadeln zurukschrokken liessen, so wurden ihrer eine Menge mit blutenden Handen umherlaufen. Der Einfall war indessen launigt und fein ausgedacht, nur glaub ich nicht, dass Du immerfort bei jedem Angriffe mit Steknadeln bei der Hand seyn wirst. Dass Sturmer Dir nichts abgewinnen, das weis ich schon lange, aber um desto gefahrlicher sind deinem empfindsamen Herzen die sanften Manner. Nimm Dich in Acht, Malchen, und schlafe mir ja nicht so leicht ein, wenn Du wieder an die Seite eines solchen Nachbars zu sizzen kommst! Die Manner lauren immerfort, und heucheln sich zuerst in unser Zutrauen, damit sie hernach mit einem unwiderstehlichen Feuer uns um desto sicherer uberraschen konnen. Heute deucht mich genug geplaudert zu haben. Lebe wohl, Besste!

Deine Fanny.

XXXV. Brief

An Fanny

Traute, liebe Freundin! Ich habe Dir in meinem lezten Briefe vieles von meiner zurukgelegten Reise vorgeplaudert, dass ich Dir gar nichts in Ruksicht des Hauses, darinn ich mich gegenwartig aufhalte, sagen konnte. Die Familie, bei der ich wohne, besteht aus Vater, Mutter und einer erwachsenen Tochter. Von dem Karakter der beiden Alten lasst sich eben nicht viel Gutes, aber auch nicht viel Boses sagen. Sie folgen beide dem gewohnlichen Schlendrian alter Leute, der in Andachtelei und pedantischer Moral besteht. Die Tochter aber lebt schon auf einem aufgeklarteren Fuss, und liebt mich eben so herzlich als ich sie. Wir schakkern und lesen oft zusammen und schwazzen uberdies von unsern kleinen Liebeshistorchen. Lezthin erlaubte uns Frau Mama, nach vielen Bitten, das Schauspielhaus zu besuchen. Fur mich war's ganz was Neues; denn in meinem Leben hatte ich noch kein Schauspiel gesehen. Wie stark aber dieses erste auf meine Nerven wirkte, kann ich Dir nicht sagen. Ich weinte... staunte... fuhlte... und das Bild der Liebe, das darinn erschien, riss mich bis zum Entzukken hin! Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden, die fur mich mehr zur Leidenschaft werden konnte, als eben diese. Als wir beiden Madchen wieder zu Hause waren, sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort, ass nichts, und traumte unaufhorlich von dem, was ich gesehen hatte. Die Vorstellung war ein Trauerspiel, Romeo und Julie genannt. Ob die Schauspieler gut spielten, kann ich Dir nicht sagen, weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist. Aber so viel weis ich, dass mir die Liebe des guten, liebevollen Romeo ausserst ins Herz drang, und dass ich vollkommen das angstliche, ungeduldige Sehnen und Warten der Julie mitfuhlte, wenn sie voll Liebe und Wollust, voll Furcht und Zartlichkeit, bange nach ihrem Geliebten seufzt! Unter so vielen unangenehmen Dingen, denen die Menschen unterworfen sind, deucht mich fur einen feurig, ungeduldig wunschenden Kopf das Warten das allergrausamste. Wie schroklich mag es wohl erst fur Verliebte seyn, wenn furchtsame Phantasien ihre Augenblikke zu Jahrhunderten schaffen! Ich muss jezt von dem Artikel der Liebe abbrechen, sonst wurde er zu sehr auf mein Herz wirken; und nun zu einigen Stellen deines Briefs gerukt! Deine Aeusserung, dass die Noth so viel Unheil unter den Menschen stiftet, erfullte mich mit Traurigkeit. Bald hatte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in der Welt zu verwunschen, welche die Menschen aus Eigennuz erfunden haben. Die Natur fodert doch so wenig, und giebt uns alles, was wir am nothigsten brauchen. Hatte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen, so wusste man nichts vom Reichthum, nichts vom Vorzug, nichts von uberflussigen Wunschen; aber so mussen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben, wovon dem einen ein grosses Stuk, dem andern aber gar nichts zu Theil wird. Und hat denn der Arme, der vom gleichen Stoff, wie der Reiche, geschaffen ist, nicht Ursache sich zu beklagen? Was kann er dafur, dass ihm seine Eltern in einem Augenblikke des Vergnugens sein Daseyn gaben, um ihn durch unverdiente Armuth von dem Schiksale martern zu lassen. Unsere Geburt ist unwillkuhrlich, und die Last unserer Schiksale drukt uns so oft unschuldig, aber desto schroklicher! Ich will gerne glauben, Freundin, dass es Dummkopfe giebt, die das heimliche Elend so vieler Menschen nicht kennen. Ueberfluss macht den Reichen faul, gedankenlos und hart. Wenn die lusternen Wunsche des Reichen befriedigt sind, dann wird er schlafrig, unthatig, auch ist die Vernunft und das Gefuhl da am wenigsten zu Hause, wo Taumel von aller Art Wollust herrscht. Fast gar keine Reiche giebt es, die mitten im Wohlleben der Menschheit eine Thrane zollen. Du hast, meine Liebe, das Bild eines Menschenfreundes so vortreflich entworfen, dass sich selbst der Schopfer daruber freuen musste, wenn er Viele unter seinen Geschaffenen fande, die diesem Bilde glichen! Auch muss die Wollust, die der Menschenfreund nach einer schonen That empfindet, die grosste Seligkeit seyn. Kein Andenken in der Welt grabt sich tiefer ins fuhlende Herz, als Menschenfreundlichkeit und die Erinnerung an eine gute Handlung; alle ubrigen wezt die Zeit aus, aber der Gedanke, einen Elenden unterstuzt zu haben, bleibt ewig, und muss dem Wohlthatigen in seiner lezten Todesstunde Vorgeschmak des Himmels seyn! Die Thranen des Danks... Die Freude eines Geretteten... Die Verlangerung seines Lebens... sind lauter Lorbeeren, die sich der Menschenfreund um sein Haupt sammelt, die seine Todesstunde versussen und ihn triumphirend zum gerechten Richter fuhren! Wie viele Laster kann der Menschenfreund verhindern, die oft von Generation zu Generation erblich sind, wenn Armuth die Quelle davon war. Den Grossen der Erde und ihren Vertrauten kame es zu, in ihren Stadten jeden Stand in Klassen einzutheilen, und Alles, was darinn lebt und webt, durch vernunftige Anstalten so viel moglich vor Mangel zu schuzzen. Warum richtet man nicht fur so viele mussige Freudenmadchen eine Art von Fabrikke auf, wo jede ihrem Stand angemessene Beschaftigung bekame? Dirnen, die aller Besserung unfahig waren, warfe man, nach allen nur moglichen vorhergegangenen Versuchen, an den Ort, der fur offentliche Bedurfnisse privilegirt ware. Dann bekame doch das Laster lauter freiwillige Auswurflinge und keine Unschuld mehr durch Armuth verfuhrt zum Raub! Ueberhaupt, um bessere Grundsazze der Jugend einzuflossen, als sie oft bei ihren nichtswurdigen Eltern bekommen, ware ein allgemeines Erziehungshaus fur arme Kinder der zutraglichste Ort, von dem unsere Nachkommlinge bessere Sitten zu hoffen hatten. Wider den Willen der Eltern hatten die Grossen das Recht, nach befundener ubler Erziehung und Armuth, fur das Wohl der Jugend zu sorgen und sie in besagtes Haus aufzunehmen. Gewalt zum Guten hat jeder regierende Herr. Wenn von der Erziehung nicht so viel geschrieben und mehr ausgefuhrt wurde, so bekame die Menschheit eine ganz andere Wendung. Denn in der Erziehung liegt Gluk oder Verderben. So ungefahr, meine Freundin, denke ich mir die Sachen. Lebe wohl, meine Besste!

Deine Amalie.

XXXVI. Brief

An Amalie

Mich freut es ausserordentlich, liebe Amalie, dass Du Dich bei so redlichen Leuten befindest. Lass dem Alter immer seine Gewohnheiten, dafur sind wir jung um diese Schwachheiten zu ertragen. Du warst also in dem Schauspiele? Will es gerne glauben, dass es deinen Sinnen auffiel. Du hast ja ohnehin Ueberfluss an Gefuhl, ein unverdorbenes Herz, und Sinnen, die reizbar sind. Und nichts bringt diese Sinnen mehr in Gahrung, als eben das Schauspiel. Es ist der Weg zur Bildung fur junge Leute, wenn es nicht von einer falschen Seite genommen wird, aber auch zur Ausschweifung. Uebrigens hast Du ganz Recht, meine Freundin, Armuth und Noth sind die herrschenden Leiden in dieser Welt, und es wird so wenig uber diese zween Gegenstande nachgedacht, dass es unglaublich scheint, wenn so viele Elende, Verlassne, ohne bemerkt zu werden, heimlich ihr Grab finden! Der uberflussige Aufwand ist nun einmal eingefuhrt, wer ihn nicht bestreiten kann und der Tugend getreu bleiben will, wird verspottet, verachtet und verhont. Kein Wunder, wenn sich so viele Schwache an der Armuth zu rachen suchen und nur zu oft auf Irrwegen nach Hulfe schnappen. Der einzige Trost, der einem Armen ubrig bleibt, ist Religion; diese allmachtige Mutter kann Starke, kann Seelenkraft geben, und wo diese nicht ist, tritt Ausschweifung und Verzweiflung an ihre Stelle. Was konnte sonst den darbenden Armen vom Selbstmord abhalten, wenn er nicht auf eine bessere Belohnung hoffen durfte? Er musste gegen die Vorsicht murren, statt, dass er sie im Herzen segnet; er musste uber sein Leben bitter eifern, wenn er nicht eine Seele hatte, die auf dauerhaftere Glukseligkeit Anspruche machen konnte. Religion macht den Armen duldsam, den Elenden standhaft, den Verfolgten erhaben, den Gekrankten stark, den Verlassenen muthig, uberall hofft der Unglukliche von seinem Schopfer Hulfe. Er uberlasst sich der Vorsicht, und grubelt nicht uber ihre herrlichen Fugungen nach, weil er sie verehrt. Dass es nun in der Welt so wenig Menschenfreunde giebt, ist auch wieder Mangel an Religion. Liebe Gott und deinen Nachsten, sind Worte, die man der katholischen Jugend zu wenig ins Herz schreibt. Ueberflussige Bigotterie, sinnloses Gebet, Frazzereien, damit wird ein junges Herz angefullt. Liebe, Gefuhle und Duldung fur seine ungluklichen Mitgeschopfe wird es nicht gelehrt. Daher so viele Afterchristen, die ihre Religion zum Handwerk machen, und grausame Unthiere statt liebender Bruder werden. Wie kann der Mensch in seinen alten Tagen menschlich handeln, wenn er in seiner Jugend nicht hat fuhlen gelernt? Wie kann er Mitleid empfinden, wenn er nicht gelernt hat, seine Bruder zu lieben? Wie kann die Stimme der Religion auf ihn Eindruk machen, wenn er nicht durch sie uberzeugt wird, dass wir alle Bruder und Schwestern sind? Auch der niedrigste Pobel hat wenigstens ein Funkchen Gefuhl fur seinen Mitmenschen im Herzen, wenn es durch die Lehrer der Religion erhalten, statt erstikt wird. Aber Unmenschlichkeit, Menschenhass, Hollenfluch, ist meistens die Sprache der bigottischen Lehrart; ihr Eigensinn, ihre Dummheit macht der Natur Schande, die uns doch alle fur einander schuf. Ist es nicht ein hassliches Vorurtheil, dass man den gemeinen Katholiken das Lesen so vieler vortreflichen Bucher verbietet, oder seine Leichtglaubigkeit durch Sundenfurcht abschrokt? Wenn der Mensch fuhlen will, so muss er zuerst denken lernen, und wie kann der gemeine Mann bei den Katholiken uber die Pflichten der Religion und Menschenliebe denken, wenn er so selten durch ein gutes Buch, durch eine vernunftige Predigt, oder durch die sanfte Anweisung seines Seelsorgers dazu geleitet wird? Gebt dem gemeinen Manne so viel Aufklarung, als er nothig hat, und er wird ein gutherzigerer Mensch und ein besserer Christ werden. Aber nun, meine Besste, will ich dir das Uebrige deines Briefs beantworten: Du hast Recht, meine Freundin, die Grossen der Erde konnten alles, was unter ihrer Obsicht steht, vor Mangel schuzzen, wenn sie nur wollten, oder wenn sich ihre Vertrauten weniger in der Wollust herumwalzten, damit es ihnen zu dergleichen ruhmlichen Projekten nicht an Zeit fehlte. Den grossen Schwarm von Freudenmadchen zu vertilgen, stunde blos in der Gewalt der Grossen, weil durch ihre Schuld so viele tausend Menschen vom Tode hingerafft werden, und durch deren Abschaffung oder Verminderung diesem Uebel gesteuert wurde. Wenn man die haufigen Opfer in mehreren Stadten Deutschlands bedenkt, die an Lustseuchen elend dahin sterben, so mochte man bis zu Thranen geruhrt werden! Dein Vorschlag, meine Liebe, Fabrikken zu errichten, konnte fur die Zugellosigkeit unseres Zeitalters trefliche Dienste thun, wenn sich die Grossen der Erde mit Ernst darein mischen wollten. Doch mussten diese Hauser mit den mildesten, vernunftigsten Gesezzen geziert werden, damit Vernunft und Religion, durch anstandige Freiheiten, die man diesen Madchen zukommen lies, uber sie den Sieg erhielten, der vielleicht noch bei vielen zu finden ware, die aus Armuth und Verfuhrung zum Lasterleben hingerissen wurden. Man durfte nur die Verfertigung und den Verkauf der Puzwaaren ausserhalb diesen Fabrikken verbieten, und es wurden dadurch die Einkunften hinlanglich genug, alle Madchen nach ihrem Stande zu nahren, zu kleiden und zu beschaftigen. Die Madchen mussten nach Maassgabe ihrer Auffuhrung Freiheit geniessen. Den vernunftigen Aufseherinnen stunde es dann zu, die Madchen zu untersuchen, ob mit Sanftmuth, oder mit Gewalt mehr auszurichten ware? Die, welche Troz aller Ermahnungen die Stimme der Ehre uberhorten, mussten dann einer scharfern Zuchtigung ubergeben werden. Fremde und Einheimische konnten in einem solchen Hause zu einer Besserung ihres Schiksals gelangen. O, meine Besste! Welch eine Wonne ware es fur uns, wenn diese unsere gute Meinung in die Hande eines Menschenfreundes fielen, und irgend einem Grossen der Erde zum Wohl der Menschheit ubergeben wurden. Lebe wohl, meine Liebe!

Deine Fanny.

XXXVII. Brief

An Fanny

Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies, so schreibe diese Nachlassigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens. Die vielen Modearbeiten gaben mir und meiner Freundin so viel zu thun, dass ich mein Lieblingsgeschaft, Dir zu schreiben, hintansezzen musste. Ich habe seither im Puz wakker arbeiten gelernt, und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleisses ofters das hiesige Schauspielhaus besuchen. Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte als gute Stukke. Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu entwikkeln, weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und beobachte. Da wird denn nun vieles uber diese Kunst gesprochen und kritisirt, bei welcher Gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke. Das Schauspiel ist mir nun nicht mehr so neu, als da ich es zum erstenmale besuchte, und eben darum sind jezt meine Urtheile mit kalterm Blute abgefasst und wie mir dabei dunkt, richtiger, als zu Anfang, wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig verschlang, was ich vorher noch nicht gesehen hatte. Der Direktor der Gesellschaft ist Herr Sch***, ein schoner junger Mann; Schade nur, dass seine Gesundheit durch ein unregelmassiges Leben auf der Neige steht. Eine gewisse M*** spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Buhne mit viel treuer Schwarmerei; wenn sie nur ausser der Buhne nicht das Gegentheil behauptete! Des Direktors Weibchen ist ein lebhaftes, feuriges Ding, handelt aber wie die meisten Schauspielerinnen, denen es an Erziehung fehlt, ohne Grundsazze, blos sinnlich. Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem Haupte davon an guten Sitten, so weis man, was sich von den Uebrigen denken lasst. Wahrend der Zeit, dass diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt, fielen unter ihnen einige merkwurdige Auftritte vor, die dem Zuschauer jede Moral, die aus dergleichen Leute Munde kommt, unwahrscheinlich machen muss. So feurigen Hang ich in mir fuhle, mich einstens dieser Kunst widmen zu konnen, so sehr schrokt mich der zugellose Wandel dieser Leute davon ab. Ist es nun zu verwundern, wenn der gesittete Mann die Thure vor solchen Geschopfen schliesst? Ist es zu verwundern, dass der gemeine Mann, der nicht Einsicht genug hat, hie und dort eine Ausnahme zu machen, den Schauspieler bei lebendigem Leibe fur verdammt halt? Ich finde es unverzeihlich, dass die Obrigkeit auf reisende Schauspieler kein wachsameres Auge hat. Sie machen doch einen wichtigen Gegenstand aus, und sollten eben darum, weil sie zu Verbesserung der Sitten bestimmt sind, zu einem exemplarischern Lebenswandel, als andere Menschen, gehalten werden. Doch jezt zu andern Neuigkeiten! Ich schrieb meinem Vater von hier aus schon einige Briefe, und lezthin antwortete mir der junge schwarmerische Vetter B**** im Namen meines Vaters. Ich kann Dir nicht genug sagen, wie sehr er meine Schreibart erhebt. Lies einmal eine Stelle aus einem seiner Briefe, die ich Dir hersezzen will. Du bist ein theures vortrefliches Geschopf, und wirst einstens manchem von unserm Geschlecht den Kopf verdrehen! Dein Geist bildet sich taglich mehr, und welche Wonne fur Den, der Dich einstens mit deinen Engelsvorzugen ganz besizzen wird! Ei, du kreuzbraver Schmeichler! dachte ich mir bei Lesung seines Briefs, und antwortete ihm mit einer beissenden Satire. Aber, nicht wahr, meine Freundin, er hat sie verdient? Warum schreibt mir der Junge Albernheiten von der Art? Die gefahrlichen Jungens, wenn sie kaum lallen konnen, so fangen sie schon an uns zu schmeicheln, und wissen recht gut, dass das bei den meisten Madchen der Weg zum gefallen ist. Zu allem Ungluk fur uns hat uns die Natur weich genug gemacht, diesen Weihrauch mit Gute des Herzens zu erwiedern. Ich wunschte, dass alle Madchen philosophisch dachten, um jedes Gefuhl vom andern Geschlecht fur Betrug anzusehen und die Manner so lange mit Ungewisheit zu kranken, bis sie uns besser und treuer behandelten. Ueberall findet man so viele von beiden Geschlechtern betrogen. Woher kommt denn doch ein so ungeheures Kaos von beiderseitigem Betrug? Ich bin so bose, wenn ich die wechselseitigen Lugen betrachte, die man sich in der Liebe so leicht, so ungezwungen hinsagt. In meinen vaterlandischen Alpen, da geht's nicht so zu, man sagt einander nie was von Liebe, wenn man es nicht fuhlt, aber wenn man es sagt, dann halt man sich auch Wort. Mich deucht, nur standhafte Liebe allein kann das Band der Glukseligkeit im menschlichen Leben knupfen, und ich freue mich so herzlich, wenn ich so von ungefahr auf zwei Verliebte stosse, ich mochte alsdann den Schopfer laut loben, der der Urheber dieser beiderseitigen namenlosen Gutherzigkeit ist, die zwei Zartliche so granzenlos mit einander theilen! Langer kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen, und ausser einem Maulchen, das ich dir aufdrukke, sag ich blos noch, dass ich bin

Deine Amalie.

XXXVIII. Brief

An Amalie

Hattest Du mir noch einen Monat langer nicht geschrieben, so wurde ich mich schon bei Dir selbst gemeldet haben, denn mir war fur dein Schiksal bange. Uebrigens, meine Liebe, bin ich mit deinen Bemerkungen uber das Schauspiel sehr zufrieden, und will Dir izt auch meine Meinung daruber sagen: Die Sitten reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben. Der Grund davon liegt in unendlichen, wovon ich nur den Haupttheil beruhren will. Die Buhne ist der lezte Zufluchtsort aller Gattung verlassner Menschen. Die meisten sind luderliche Bursche, oder ausgelassne Madchen, die die Kunst blos zum Dekmantel wahlen. Die allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglukliche, die aus Schiksal, aus Mangel diesen Stand wahlten. Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung, ohne Ehrengefuhl, mit granzenlosen Leidenschaften begabt, eine Bahn betreten, wo so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen, so mussen solche Menschen weit ausschweifender werden als andere, die in den engen Schranken ihres burgerlichen Lebens nichts vom Neid, nichts vom Eigennuz und nichts von der Wollust wissen. Schwache der Seele, wenige Moral bei so haufigen Versuchungen sind die Fehler dieser Ungluklichen, die sich den Lusten eines Jeden darstellen mussen und nicht Starke genug haben, den Angriffen auszuweichen, die das Vorurtheil so frei, so allgemein, besonders bei den Schauspielerinnen wagt. Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden, und die meisten leider beweisen es auch mit der That, dass man ihnen nicht Unrecht thut, sie darunter zu rechnen. Veranderung der Lage, Armuth, weibliche Eitelkeit, Liebe zur Verschwendung, die durch schwarmerische Rollen gereizte Nerven, Neuheit der Bekanntschaften, wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet werden, alles das zusammen genommen, bringt diese Schwachen zu so vielen Ausschweifungen; und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass die Moral, die sie taglich auf der Buhne im Munde fuhren, auf sie selbst nicht mehr wirkt. Ich habe Schauspielerinnen gekannt, die es so weit im Mechanismus brachten, dass sie hinter den Koulissen manche der Moral widrige Handlungen trieben, und einen Augenblik hernach mit allem moglichen Schein auf der Buhne ernsthafte Empfindungen und eine Art Traume nachahmten, dass der grobere Theil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte. Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch, und weis recht gut zu unterscheiden, was fur Gefuhle Mutter Natur in eine Schauspielerin gelegt hat, oder nicht. Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Zuge der Karakteristik eines Schauspielers zu entziffern, als sein Spiel selbst; besonders bei dem Frauenzimmer kann man es beinahe auf den Wink errathen, welcher Karakter im burgerlichen Leben ihnen eigen ist, wenn man sie lange und ohne Vorurtheil beobachtet. Die Kokette wird in der sanftesten Rolle mit einer gewissen Frechheit hervorblikken, und das gutgezogene Madchen wird im Gegentheil in der ausschweifendern Rolle der Kokette doch hervorschimmern. Und gesezt, beide von dieser Art Schauspielerinnen hatten es auch in ihrer Kunst so weit gebracht, die Tauschung fast glaubbar zu machen, so ist es doch fur den achten Menschenkenner nichts Unmogliches, so eine Person in Rollen, die sie blos als Kunstlerin liefert, zu karakterisiren und ihren sittlichen Wandel zu entdekken. Wenn der Kopf einer Schauspielerin in Rollen, die nicht auf ihren Karakter passen, allein arbeitet, so merkt es der feinfuhlende Kenner recht gut, dass das Herz dabei fehlt. Wenn gewisse Sinnen des empfindsamen Zuschauers nicht durch das vollkommene Spiel des Schauspielers befriedigt werden, so wird er uber kurz oder lang das Fehlende am Schauspieler entdekken, woraus er die Hauptleidenschaften seines Karakters von seiner spielenden Rolle unterscheiden kann. Der Schauspieler selbst, so weit er es auch im Studium gebracht hat, muss es an sich fuhlen, dass ihm entweder der Ton, das Gefuhl, oder das Wahre fehlt, wenn er in einer Rolle spielt, die nicht mit seinem Karakter harmonirt. Erinnere Dich, meine Liebe, dieser Bemerkungen, und sie werden Dich zu Kenntnissen fuhren, die blos in der Natur liegen und also untruglich sind. Es gehort aber lange Erfahrung und eine genaue Beobachtung dazu, sonst kann man sich leicht irren; besonders junge Madchen, die des Schauspielers sittlichen Karakter blos aus der glanzenden Rolle beurtheilen, und ihm eben die Tugenden ausserhalb der Buhne zuschreiben, die ihnen ihre Neigung fur sein Spiel (es mag gut oder schlecht seyn) eingiebt. Man ist auch gar zu sehr geneigt, den Karakter im sittlichen Leben nach der Gute einer Rolle abzumessen und man betrugt sich nur zu oft grasslich, denn die Moral ist auch in dem Munde eines Nichtswurdigen geduldig, und straubt sich nicht, ob sie ein guter oder boser Mensch auf die Welt bringt. Dazu gehort aber tiefe Kenntnis der Kunst, wenn man unterscheiden will, ob der Spielende der Natur seines Karakters gemass arbeitete; ob er die Moral als trugloser Heuchler so darstellte, dass man es fur Harmonie mit seinen Tugenden halten kann; oder ob er blos durch die Kunst eine glanzende Larve tragt, die durch Festigkeit auf der Buhne, durch seine eigne Einsicht fur den Zuschauer so tauschend wird, dass man das fur die Sprache der Tugend halt, was blose Gewohnheit im Handwerk ist. Manchem unschuldigen Madchen glitscht so ein moralischer Pasquillant unvermerkt ins Herz, und reizt mit seinem Flitterstaat ihr Auge so sehr als ihr Zutrauen. Denn dem Madchen oder dem Jungen ohne Erfahrung ists unbegreiflich, dass es Schauspieler geben konne, die mit der Moral so vertraut sind, und doch dabei so ausschweifend handeln. Die Jugend ist gar zu sehr geneigt fur die Schauspieler und Schauspielerinnen Leidenschaften der Liebe zu empfinden, weil ihre vortheilhaften Rollen und uberhaupt ihr ganzes Aeusserliches unendlich reizt! Nun zum Beschluss ein warmes Maulchen von deiner Freundin!

Fanny.

XXXIX. Brief

An Fanny

O theure, Besste! Schlag, auf Schlag donnert das Elend meine Jugend nieder! Noch kann ich die entsezliche Nachricht kaum fassen, die mich vollends zur Waise machte! Mein Vater ist todt, und mit ihm alle Freuden der Schopfung, die mich durch die vertrauten Bande der Natur noch an sie fesselten. So schnell, so fruh hat sie ihn mir entrissen, die Hand des Schiksals! Und mich nebst meiner noch unerzognen Schwester zu verlassnen Waisen gemacht! Alle Menschen, die um mich herum waren, suchten mit dem aussersten Gefuhl des Mitleids mir diese herzerschutternde Neuigkeit zu verbergen, weil man die Heftigkeit meines Grams kennt. O, das war ein grausam barmherziger Aufschub! Denn die Ungewisheit, die ich auf allen Gesichtern im Hause las, folterte meine Seele um so mehr, weil ich zum Voraus von der Krankheit meines Vaters unterrichtet war. Sinnlose Betaubung, so behutsam diese Menschenfreunde ihre Nachricht einkleideten, schlug mich zur Erde hin!!! Und als ich zum neuen Menschenelend wieder erwachte, war anhaltender Gram mein Loos! Die Trennungen des Bluts sind die schroklichsten in der Natur; wenn diese Urheberin unsers Daseyns einen Theil ihrer schonsten Harmonie von uns reisst, dann fuhlt sich der ubrig gebliebene einem krankelnden Blumchen ahnlich, das blos noch zur marternden Strafe sein Leben behalt. Ich dunke mich jezt elternlos so verloren in der ganzen weiten Schopfung! Gepeinigt von dem drukkenden, fur glukliche Menschen so unbegreiflichen Kummer, und erst jezt bin ich uberzeugt, dass Furcht, Zagheit und ausserster Jammer das Erbtheil des nervenschwachen Weibes sind! Meine Schwester! Das unschuldige Opfer des Zufalls! Meine Schwester! Was wird aus ihr werden? Ihre Erziehung, die ich aus Mangel an Gluksgutern nicht besorgen kann, ist ein Gegenstand mehr, der mir meinen Kummer noch verbittert! Gott im Himmel, wie mich der Gedanke durchzittert! Dass vielleicht ihre junge, weiche Seele aus Zwang in die Hande ihres Vormunds fallt, unter die Aufsicht eines Manns, der zwischen Thier und Mensch blos den Unterscheid der Gestalt tragt. Ich muss hin zu meiner Schwester, ich will sie ihm aus den geizigen Klauen reissen, diese arme verwaiste Unschuld; deren verwahrloste Bildung mich einstens schroklich in meiner lezten Stunde drukken wurde! Die Natur hat mir Jugend, ein gutes Herz, Kopf und Gesundheit gegeben, ich muss dies alles mit meiner Schwester theilen, das sagt mir die wohlthatige Stimme der Natur, das sagt mir mein Gewissen, das sagt mir der Geist meines Vaters, der mich diesem Kinde zur Trosterin, zur Mutter hinterlies! Wie viel bittere Thranen wird das arme Madchen auf dem Grabe ihres Vaters verweinen! Was sie jammern wird, die Verlassne, um meine Zurukkunft! Was ihrem jungen Gefuhle die Bilder des Grams fur Wunden schlagen werden! Kaum ofnet sich ihr zartes Herz den Eindrukken der Freude, und schon wird diese Freude durch Angst und Leiden getrubt! O Schiksal! Du bist manchmal gegen deine Untergebenen zu hart, dass du nicht einmal die bluhende Unschuld verschonst! Fanny! Wenn ich mir das Kind, neben dem kalten Leichnam meines Vaters, blass und verweint denke, wie sie da steht, einsam und verlassen, seine starre Hand ergreift, sie tausendmal kusst, und nicht weis, an welches fuhlende Menschenherz sie sich wenden soll, weil ihr mit dem Vater Alles starb, woran sie sich ketten konnte! Ich muss mich wegwenden von diesem schroklichen Bilde, sonst beugt es mich zu tief! Gott! Wie elend ist der Mensch, wenn er das Bischen Freude wegrechnet, das er wahrend seines unschuldigen Puppenspiels geniesst! Mit ihm wird Gram und Drangsal geboren und die Freude uber seine Geburt ist der Tod seiner Zufriedenheit. Traum des menschlichen Gluks, du bist es, der das hervorragende Elend nur mehr vergiftet! Weil du die lusterne Sinnen der Menschen auf einige Minuten zu belugen weisst! Immer behalt das Ungluk unter der Menschheit die Oberhand, und wer sich auf etwas besseres freut, halt sich an eine Seifenblase, die mit jedem Hauche wieder verschwindet. Bei meinem Alter sollte mich die Natur von allen Seiten anlachen, und doch ist finsterer Tiefsinn das Loos, was sie mir zuwarf! Nicht einmal ein wenig Leichtsinn gab sie mir, diese Mutter ihrer Kinder; nein! So barmherzig war fur mich die Natur nicht; sie hat mich dafur tief fuhlen gelehret, sie hat mir weiche Nerven gegeben, damit ich die Harte meiner Schiksale weit schroklicher als ihre Lieblinge empfinde, die mit ihren kalten Herzen eben dieser Natur nicht einmal eine Thrane des Danks zu weinen im Stande sind! Theuerste! Du allein bist Zeuge meiner ungluklich verlebten Tage, sey also auch Zeuge meines Dankes, den ich jezt knieend dem Schopfer bringe, der mich zu allen diesen Martern bestimmt hat! Bitte mit mir, Fanny, den Vater im Himmel um seinen Beistand fur meine trostlose Schwester und mich! Gerne wurde ich jezt beim Troste der Religion mit Dir verweilen, aber man ruft mich wegen einem Brief, der vom guten Oheim aus K*** eintraf. Ich muss hineilen, vielleicht enthalt er Trost! Und dann, meine Liebe, bin ich bald wieder bei Dir...... Fanny! Das Herz meines Oheims in K*** ist einer Krone werth! Ist es moglich, dass der Mann bei seinen wenigen Einkunften die reiche Tiegerbrut meiner ubrigen Anverwandten in der Grossmuth so sehr beschamt! Im Kloster S... G..... lebt noch ein reicher Oheim zu mir. Ein Mann, der heimliche Schazze besizt und sich aus Fuhllosigkeit in die Kutte wikkelte. Kalt, hartherzig, voll Bigotterie und Pfaffenstolz ist seine Seele. Geiz und Eigennuz haben die Unmenschlichkeit in ihm erzeugt, auch nicht eine Thrane dringt von uns armen Waisen in sein Felsenherz, das er mit Heuchelei der leidenden Menschheit verschliesst. Und dieser Unmensch, der der geistlichen Wurde Schande macht, ist eben sowohl mein leiblicher Oheim als der in K***. Lezterer hat ihn zur Hulfe fur uns elternlose Kinder aufgefordert, und ein lugenhaftes Kazzengeschrei von geschworner Armuth und dergleichen Gaukeleien war seine Antwort. Es ist doch bewiesen, dass dieser harte Mann jahrlich eine ansehnliche Summe Spielgeld von seinen Obern erhalt, die er freilich mit mehr Sinnlichkeit verschwenden wird, als wenn er es fur die hinterlassenen Kinder seines gegen ihm so wohlthatig gewesenen Bruders anwenden wurde. Es scheint unbegreiflich, dass so verschiedene Herzen durch das nemliche Blut belebt werden konnen. Auch mein theurer, gutiger Oheim in K*** ist ein Diener Gottes, aber zur Ehre dieses Gottes gefuhlvoll und menschlich, wohlthatig, aufgeklart, barmherzig, ohne Heuchelei, und nicht wie jener unreine Priester der Religion, der aus Eigennuz die Stimme der Natur erstikket. Vergieb mir, meine Liebe, wenn ich keine Larve leiden kann, die mancher gutherzige Thor nicht so leicht durchsieht, wenn sie ihm unter dem Dekmantel der Andachtelei aufgetischt wird. Tugend an einem Gesalbten zu vermissen, krankt mich weit mehr, als an andern Menschen, weil er als ein treuer Diener der Tugend, wenigstens nur offentlich, erscheinen soll. Wahr ists, der wurdige Priester hat, bei den so sehr verdorbenen Sitten der Priesterschaft, Starke der Vernunft nothig, um das Vorurtheil zu beschamen, und verdient Lorbeeren, wenn er seine Moral aufs gute Beispiel und auf das Wohl der Menschheit festsezt. In diese leztere Klasse gehort gewis mein wurdiger Oheim in K***. Er steht in Diensten seines Fursten, hat keine andere Einkunften, als die Belohnung seiner Dienste, und ist doch dabei so uberschwenglich menschenfreundlich, als ob ihm das Schiksal uberflussige Gluksguter zugeworfen hatte. Reich an gutem Herzen wird dieser Mann von allen Ungluklichen verehrt, geliebt und, ich darf es wohl sagen, als eine feste Stuzze der Religion, als ein duldender Christ, als ein sanfter biederer Freund der Elenden beinahe angebetet. O, dieser Gute! Er beschwort mich, uber den Verlust meines Vaters nicht meine Gesundheit aufs Spiel zu sezzen, er wundert sich uber meine ubertriebene Kleinmuth und offnet mir sanft sein neues Vaterherz, drukt mich in Gedanken trostend an seinen Busen, und ist willig, sein Aeusserstes fur uns arme Waisen zu thun. Nur bittet er um Zutrauen, um Beruhigung, um Schonung meiner Gesundheit. In wenig Tagen reise ich auf seinen Wink zu dem Grabe meines Vaters und in die Arme meiner bessten einzigen Schwester. Vergiss deine gebeugte Amalis nicht!

XL. Brief

An Amalie

Liebe, theure, unglukliche Freundin! Wenn mich in meinem Leben jemals, mit all meiner Religion, ein Schiksal gebeugt hat, so ist es das deinige! So anhaltend so unaussprechlich, wie es Dich verfolgt, so Kummer auf Kummer ist meinem Gefuhle unbegreiflich. Die feurigste Einbildungskraft des geschiktesten Dichters ware zu schwach, um das hartnakkige Ungluk so hinlanglich zu ersinnen, wie die Wahrheit deines bittern Schiksals es mit sich fuhrt. So bist Du denn zum Leiden geboren? Bist Du denn geboren, um Alles neben Dir ungluklich zu machen, was mit Dir harmonirt? Die gutige, sonst so mitleidige Natur racht sich wahrlich an Dir, denn sie gab Dir ein schmelzendes Herz, einen ungluklichen Schwung der Einbildungskraft, Weiberschwache und ein unendliches, ineinander gewebtes, unerbittliches Schiksal! Aber sie gab Dir auch Vernunft, eine Vernunft deren Starke uber die leidenden Theile des Korpers machtig zu herrschen im Stande ist. Lass sie immer auf den gekrankten Busen rinnen, die Thranen des schwachlichen Korpers, lass es ausklopfen das bange, vom Schiksal geangstigte Herz, es ist das Loos der unvollkommnen Menschheit, es ist die Versicherung kunftiger Belohnungen, wenn wir mit Christenstandhaftigkeit die Hand kussen, die uns dazu bestimmte. Wenn der Tod einen Vater oder eine Mutter vom Kinde reisst, so lasst dieser traurige Verlust einen Wiederhall zuruk, der die ganze Natur im Kinde erschuttert! Trift es nun ein fuhlendes, bebendes, schwaches Madchen, dann schleppt er sie hin, der zehrende Gram zum Altar der Thranen und der Wehmuth! Ich begreife deinen Jammer, fuhle ihn mit, und wenn warme Thranen der innigsten Theilnahme Linderung schaffen konnen, nun so drukke ich Dich an mein Herz, Amalie, und diese Thranen seyen Dir so lange geweint, bis es Dir leichter wird ums kranke Gemuth. Du mildes, gutes Geschopf! Mit welcher Engelsgute sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester! Er wird deine Seufzer horen, der machtige Vater der Waisen, er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit, die Gute deines unverbesserlichen Herzens! Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner Gute wird, so seyd ihr zwei Madchen, die der Schopfung zur Ehre ihr Daseyn erhielten. Ich will Dir nicht schmeicheln, aber innigst geruhrt uber den grossmuthigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmundigen Schwester, mochte ich es die ganze Welt wissen lassen, was Du fur ein Madchen bist! Vortrefliche Freundin! Die schonste Gabe Gottes ist dein Herz, ein Geschenk, worinnen fur Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt! Wohl fur Andere, weil es sich so granzenlos mittheilt, aber auch Weh fur Dich, weil es zu unaussprechlich tief fuhlt! Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwore ich Dich, verkurze die Tage deines Lebens nicht durch ubermassigen Gram! Lerne Dich selbst schonen um deines bessten Oheims, um meinetwillen! Die Stunden unsers Traums sind so kurz, und warum willst Du in der Blute deiner Jahre mit gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen? Deine Schwermuth ist Dir zur Wollust geworden, ich gonne sie Dir gerne, diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen Tiefsinns, ich selbst opfere dieser Gottin der denkenden Leiden oft genug mit blutendem Herzen, aber nur uberlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden Gifte, das deine Gesundheit untergrabt. Ich kann zwar die allzu lustigen Madchen auch nicht leiden, denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und verjagt jedes Gefuhl, was zum ernsthaftern Glukke der Menschheit beitragt. Eine zum stillen Leiden gewohnte Seele ist allen Eindrukken der Tugend offen, nur muss Wiz und Laune bei einem ganz liebenswurdigen Madchen durch eigne Ueberlegung die Wunde der Schwermuth zuweilen ausheilen, die durch die Kenntniss des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden. Dein Oheim in S... G..... ist das, wozu ihn der Eigennuz umschuf; das abscheulichste aller Laster! Ein Laster, das alle andere uberwagt und den Menschen zur grasslichsten Hartherzigkeit verleitet. Siehst Du nun, meine Liebe, die gute Mutter Natur hat Schatten ins Licht geworfen, da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf, damit der Leztere das in der Religion verherrliche, was der Andere, der gleichfalls ihr Beschuzzer seyn sollte, an ihr versaumte. Die Priester sind Menschen wie wir, und hangen, was ihren moralischen Karakter betrift, von der Erziehung, vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab, die nur darum auf Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen, weil man so wenig Priester in ihrer Jugend fuhlen und unterscheiden lehrt. Deinem Herzen muss freilich ein solcher grausamer Mann Zentnerschwer auffallen! Aber, glaube mir, ein einziger guter Geistlicher, der sein Herz vor Religionshass, vor Dummheit und Vorurtheil verwahrt, halt uns fur alle ubrigen schadlos. In jedem Stande findet man eine grossere Anzahl Sunder als Tugendhafte, nur ist dieser geheiligte Stand mehr den Vorwurfen ausgesezt, weil er von der Religion zum guten Beispiel bestimmt ist. Die Beschreibung deines edeldenkenden Oheims in K*** versusste mir den Aerger wieder, den mir dein anderer Oheim verursachte. Was fur ein trefliches Herz, was fur gute Grundsazze muss dieser Menschenfreund nicht haben? So ein glanzendes Beispiel der Menschheit sollte billig die Verehrung eines jeden granzenlos geniessen. Tausend Segen dem Wohlthatigen, und Dir tausend Kusse von

Deiner Fanny.

XLI. Brief

An Fanny

So wie ich Dir lezthin schrieb, reisste ich von A... nach W... und diese gefuhlvolle Thrane, die jezt in meinem Auge glanzt, hat sich auf dem einsamen Grabe meines Vaters darein gedrangt! Wie war es mir moglich diesen schaudernden Anblik zu ertragen, als ich in das furchterlich stille Zimmer trat, wo blos der Geruch des Todes und meine arme, weinende Schwester mich bewillkommten? Das arme Kind fiel mir hastig um den Hals und stotterte etwas vom Papa und dergleichen. Dieser Auftritt der sprechenden Natur wurde jedem eine Thrane des Mitleids entlokt haben, wenn er anders zum geheiligten Tempel der Empfindung jemals Zutritt gehabt hatte. Ein treues, gutes Dienstmadchen, die sich schon lange bei uns aufhalt und meine Schwester leidenschaftlich liebt, entzukte mich bei dem Eintritt ins Haus durch den herzlichen Antheil, den sie an unserm Schiksal nahm. Gewis, Fanny! Auch unter gemeinen Leuten giebt es Seelen von hoherm Schwung der Empfindungen, und manches gute Menschengefuhl geht im niedrigen Stande verloren, weil es so selten Anlass bekommt sich zu uben. Der junge Vetter B*** ist auch noch hier, empfieng mich aber fluchtiger, als ich vermuthet hatte. Man sagt der gute Junge hienge an dem Umgang eines Weibs, die eben nicht viel taugte, und daher mag wohl sein ehmaliges Gefuhl fur Freundschaft und Wohlwollen einen kleinen Stoss erlitten haben. Indessen war er doch ausserst gebeugt uber den schnellen Hintritt meines Vaters und seines Wohlthaters. Man versicherte mich, dass er beim Begrabniss desselben, in ein lautes, furchterliches Stohnen ausgebrochen ware. Der Bedaurungswurdige verlor mit mir Unterstuzzung und Trost, und wird eben so wohl als ich dem fluchtigen, ungewissen Schiksale Preis gegeben. Noch ist unser Aller Schiksal unentschieden. Unser Oheim in K*** befahl sein Gutdunken daruber abzuwarten. Was mich aber sehr krankt, ist der verachtungswurdige, niedertrachtige Vormund, der so bald er den Todesfall erfuhr, unverzuglich hieher reiste, vermuthlich um seine interessirte Grausamkeit aufs Aeusserste zu treiben. Er uberraschte mich mit der schroklichen Nachricht, dass er entschlossen ware, meine Schwester mit sich zu fuhren und von den Interessen unsers Vermogens im Kloster erziehen zu lassen. Ich verbat mir diese Unternehmung aufs Ernsthafteste und berief mich auf die Entscheidung unsers Oheims, der jezt Vaterstelle bei uns Kindern vertretten wurde. Grosser Gott! Freundin! Was hore ich? Was ist das fur ein Larm, der mein Ohr erschuttert? Ich muss nachsehen; mein Herz schlagt angstlich! Bald bin ich wieder bei Dir. . . . . . . . . . . .......................................... . . . . . . . . . . . O, bei dem Allmachtigen; das ist zu viel! Zu viel in einer Christenheit, die uns Gerechtigkeit vorheuchelt und dabei Barbarei ausubt!!! Ha! So hat er es denn mit Gewalt weggerissen, das Opfer seines unersattlichen Geizes! O, meine Schwester! Meine Schwester! Du bist auf ewig fur mich verloren! Theure, einzige! So bist du denn wirklich in der Gewalt dieses hungrigen Satans, der zu sehr Andachtler ist, um kein Bosewicht zu seyn! Barmherziger Richter der Gekrankten! In diesen, von den Thranen armer Waisen feuchten Handen liegt also die ewige und zeitliche Glukseligkeit meiner Schwester! Wenn mir dieser einzige Gedanken nicht meine Seele zerreisst, o! dann hat diese Seele Heldenstarke, um mehrere Angriffe von dergleichen Scheusalen zu ertragen! Verzeihe, Liebe, dem Schwindel meines Kopfs und den Bangigkeiten meines Herzens, wenn ich in Wildheit ausarte! Wenn mir jezt die Sinnen nicht ihren Beistand versagen, so will ich Dir erzahlen, was ich gesehen, was ich gehort habe: Als ich mich dem Auftritt nahte, der mich im Schreiben dieses Briefs unterbrach, fand ich wegen der Uebergab meiner Schwester den heftigsten Streit zwischen Vetter B*** und meinem vor Galle rasenden Vormund. Wir alle straubten uns bis zum Entsezzen gegen sein Vorhaben, wir hielten das Kind fest, das er uns mit Gewalt wegreissen wollte, B*** eilte nach Hulfe, mich riss in dem entscheidenden Augenblik meine Heftigkeit zur Sinnlosigkeit hin. Gewalt gieng wahrend dieser Pause uber Recht; er schleppte das wehrlose Kind zum Wagen, und fuhrte sie mit sich ins Kloster. Die Natur hatte mir wahrend dieser Ohnmacht nicht den lezten Stoss gegeben; ich musste noch einmal zum neuen Elend erwachen! Heulend lief ich zum Richter, foderte meine Schwester; aber seine Fuhllosigkeit gieng so weit, dass er sie in den Handen dieses Mannes fur besser versorgt hielt, als in den meinigen, indem er mir meine Jugend und meine wenige Erfahrung vorwarf. Gebeugt bis zum Unsinn kehrte ich jammernd in meine Wohnung zuruk, und nun mag der Menschenvater aus mir machen, was er will, ich bin meiner nicht mehr Meister!!! Deine bitterweinende

Amalie.

XLII. Brief

An Fanny

Ich zittre, liebe Freundin, Dir die Verstimmung meiner Seele zu entdekken; sie ist nur allein mir begreiflich, an jedem andern Kaltblutigern glitscht sie ab... muss abglitschen! Eine furchterliche Kleinmuth, ein feuriges Sehnen nach Auflosung, kuhne, wollustige Reize, die nach gluklichern Gegenden verlangen, sezzen meine grasslich arbeitende Phantasie in Bewegung. Die Angst des Todes scheint sich von mir zu entfernen und der Gedanke meiner Rettung tritt verfuhrerisch lokkend an ihre Stelle. Die Religion allein halt noch die schwachen Bande, da es blos eines muthigern Augenbliks bedurfte, um sie zu zerreissen! Der Selbstmord ist nicht immer Zagheit der schwachen Seele, er ist nur gar zu oft ein Rathsel, das in dem ewigen Kaos verborgen liegt. Jemehr die Einbildungskraft feurigen Schwung hat, jemehr naht sie sich jener ungluklichen Sphare, wo die Vernunft vom Gram ubertaubt, nicht mehr machtig genug ist, dem Sturm zu gebieten. Der Schwermuthige sieht hoffnungslos dem Labyrinthe seines Elends entgegen, traumt sich in einer andern Welt bessere Zeiten und nahrt den lindernden Gedanken einer augenbliklichen Zernichtung so lange in seinem jammernden Busen, bis der schwindelnde Kopf sich vergisst und den innerlich tobenden Leidenschaften zum Ausbruch den Weg offnet! Der Hang zur Schwermuth liegt bei vielen Menschen im Temperamente, nur wird er durch Nachsinnen und durch harte Schiksale mehr in einem Herzen genahrt, dass sich von allen Seiten gepeitscht, zerfleischt, und getretten sieht. Der heimliche Wurm, der im Innern frisst, ist dem Gesunden, dem Nichtschwermuthigen so fremd, als dem Schwermuthigen die Freuden sind, die von seinen stumpfen, kranken Nerven zurukprellen. O wenn nur kein diknerviges Menschengeschopf diesen Brief einstens zu lesen bekommt, die Empfindung darinn wurde mich noch in der Ewigkeit reuen! Es giebt leere Kopfe genug, die den Zustand eines Schwermuthigen nicht fassen konnen; die es sogar wagen uber solche Unglukliche zu spotten. Mir sind diese Art Martirer ihrer Leidenschaften, ihres feinen Gefuhls nicht neu. Verrukkung der Sinnen ist ja eine Krankheit, die man so haufig in der so vielen Gebrechen unterworfenen Menschheit erblikt. Und braucht es denn mehr, als einen Augenblik Verrukkung um einen Selbstmord zu begehen und dem kochenden Blute Luft zu machen, das wie sprudelndes Feuer sich nach dem Gehirne drangt? Eine Melankolie, die schon zur Krankheit geworden, hat ihre reifenden Zeitpunkte; rasch steigt manchmal durch eine Gahrung die wurkende Galle auf und geschehen ists um das Leben eines Menschen, auf dessen Vernunft man Hauser gebaut hatte. Ich zeige Dir heute mit Vorbedacht die Spuren meiner krankelnden Vernunft, damit Du sie, durch deine milde, sanfte Gute wieder in die Schranken zurukbringst, worinnen sie als Fuhrerin des duldenden Menschen ihren Wohnsiz zum Triumph der Religion behaupten soll. Ja, meine Liebe, scharfe Vorwurfe wurden mir jezt todtendes Gift seyn!!! Denn nichts in der Welt ist delikater zu behandeln und leichter zu Grunde zu richten, als ein schwermuthiger Mensch, dem man roh begegnet. Wenn bei solchen Elenden das Fieber sich meldet, wenn furchterliche Stosse das schwellende Herz baumen, wenn die Nerven sich verdahnen, wenn die Thrane aus dem Auge flieht, wenn der Zustand der eiskalten Fuhllosigkeit, dem dikken Blute seinen Lauf hemmet, wer kann denn da die Gefahren des Selbstmords begreifen, wenn er diesen Zustand nicht schon selbst empfunden hat? Und es giebt leider nur zu viel Menschen in der Welt, deren Seelen eben so bengelstark als ihre Nerven sind, und Weh dann dem Schwermuthigen, wenn er in solche Gesellschaft gerath! Solche Klozze von Menschen opfern oft aus Mangel an Menschenkenntniss und Gefuhl manches unglukliche Wesen dem Selbstmord. Erst kurzlich hat ein liebekrankes Madchen sich in die kalten Arme des Todes gesturzt. Das ruhigere, kalter gestimmte Gefuhl ihres Liebhabers ahndete nichts Arges, hielt ihre Schwermuth fur Romanensprache und trauete einer weichgeschaffenen Weiberseele den Muth nicht zu, eigenmachtig ihren Kerker zu sprengen. Du wirst Dir's leicht vorstellen, meine Theure, warum der finstere, melankolische Ton von mir heute so unendlich verfolgt wird; warum ich mich so lange bei Schilderungen aufhalte, die meinem armen Herzen so eine gewisse Erleichterung geben? Das ungewisse Schiksal meiner so sehr geliebten Schwester, die kalte Begegnung des jungen B***, der tukkische Troz seines protegirten Weibes, das frische Grab meines Vaters, die unendlichen Gefuhle meiner herumirrenden Seele, Alles das wird Dir hinlanglich seyn, um mich heute zu verstehen.

Deine Amalie.

XLIII. Brief

An Amalie

Zween Briefe auf einmal will ich Dir heute beantworten! doch ist der erstere nicht so wichtig fur deine Ruhe, als der leztere. Um Gotteswillen, reiss Dich weg, Freundin, von dem Grabe deines Vaters; dies traurige Andenken wutet zu sehr in deinem Innern! Eben darum will ich Dich so viel moglich von diesen Gedanken abzuleiten suchen. Und nun zu einer andern Stelle deines Briefs! Freilich, meine Besste, giebt es manchmal unter gemeiner Gattung Menschen recht gute Herzen, weil die Natur sie einformig und ohne Falten schuf. Auch sind die Wunsche gemeiner Menschen massiger, als derjenigen ihre, welche seit ihrer Geburt an Ueberfluss und Bedurfnisse gewohnt worden sind. Menschen von gemeiner Gattung bleiben meistens ohne raffinirten Eigennuz, ohne Forderungsgeist, ohne Lusternheit, unverdorben und zufrieden mit jener Lage, worein sie ihre niedrige Geburt sezte. Doch weiter! Wahrhaftig, meine Liebe, der junge B*** muss seinen Verstand verloren haben, dass er Dir nicht mit derjenigen Sanftmuth und Liebe begegnet, die deinem blutenden Herzen so nothig ist. Es ist in der That unstreitig; die Leitung eines Weibs, kann den Mann gut oder schlimm machen. Das Wort Mann verfangt sich so leicht in den Schlingen der Wollust und verliert durch einen einzigen hinreissenden Blik seine Starke. Denn nie ist das Herz eines Mannes zur Tugend und zum Laster empfanglicher, als wenn er in den Armen der Liebe schwelgt. Sonst ware es schon mancher Buhlerin nicht gerathen, ganze Lander zu Grunde zu richten. Ich verzeihe zwar diesem Jungen eine Schwachheit gerne, aber nur soll er nicht ein Madchen roh behandeln, das die Schonung aller Menschen verdient. Weist Du noch, was der Junge Dir ehemals fur enthusiastische Briefe schrieb? Und das Alles sollte blos Federwiz gewesen seyn, wovon sein Herz keine Silbe wusste? Aber so machen sie's die Helden der Falschheit; schwarmend schreiben sie ihre Moral, ohne ihr Herz zu fragen, ohne Ueberlegung aufs geduldige Papier hin, uben ihren Wiz, und ihr Herz bleibt nicht langer an diesen schonen Lugen kleben, als bis der Brief aus ihren Handen ist. Es ist mir wirklich unbegreiflich, wie man so von Grundsazzen, von Moral, von Grossmuth, von Liebe und Standhaftigkeit in Briefen windbeuteln kann, ohne darnach zu handeln. Ich selbsten habe mich einstens sechs Monate lang von dergleichen giftigen Lokspeisen hintergehen lassen; und als ich nach der Hand die Briefe gegen den Handlungen abwog, da entsezte mich der Abstand, und ich zitterte fur junge Madchen, die sich so gerne und so oft solche gefahrliche Speise auftischen lassen, um nach der Hand zu rasen, wenn das Zutrauen gegen ihren Liebhaber durch seinen Wankelmuth in Koth sinken muss! Jezt ein Paar Worte von deinem Vormunde! Mir graute uber sein Betragen. Aber beruhige Dich, Besste, er wird nicht Unmensch genug seyn, um deine Schwester darben zu lassen. Du kannst Dich ja bisweilen unter der Hand nach ihr erkundigen, oder dein Schiksal andert sich vielleicht wahrend dieser Zeit, damit Du sie selbst retten kannst. Der tobende Ausbruch deiner leidenschaftlichen Schwesterliebe uber die Christenheit, war von Dir sehr stark, sehr feurig. Du fangst an stark kolerisch zu werden. An deinem Feuer gienge ein Mann verloren, Du wurdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit manchem lokkern Buben die Holle warm gemacht haben. Doch nun zur Beantwortung deines leztern Briefs, den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst! Aber Liebe und Gute seyen allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepressten Herzen, zu diesem Herzen, dessen Leiden einen grossen Theil seiner Veredlung ausmachen. Du bist eine duldende Streiterin fur das unsterbliche Wohl deiner Seele, und nie wirst Du es wagen uber unsere sterbliche Hulle zu murren, die nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreisst! Lass, meine Traute, deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken, er ist zu grossen Opfern bestimmt, und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz, wenn ihn keine gemeine Tugend adelt. So, meine Amalie, kenn' ich den Werth deiner Seelenstarke, und so, meine Freundin, wollen wir einst eng aneinander geschlossen hin zum barmherzigen Richter, wenn dieser Richter endlich die Fesseln der rebellischen Menschheit von uns losst. Sanfte, gute Seele, kniee hin vor den allmachtigen Troster der Ungluklichen, ruf ihm deine Leiden mit warmer, feuriger Zuversicht zu, lass sie ausbrechen, die lindernden Seufzer der Wehmuth; weine laut, weine so lange, bis es Dir leichter wird! Denn der gutige Vater im Himmel lasst auch nicht eine Thrane unvergolten! Ich weis es recht gut, dass der Schwermuthige bei der kalten alltaglichen Moral nur noch schwermuthiger wird, dass er seinen eignen, den verrukten Sinnen angemessnen Ton haben will, wenn er von dem schaudernden Scheideweg unverlezt zurukkehren soll, der zwischen seinem verhassten Daseyn und dem Tode liegt. Der Selbstmord konnte ganz gewis ofter verhutet werden, wenn Menschen fur Menschen aufmerksamer, vernunftiger und sanfter handelten. Derjenige, welcher am meisten denkt und nachsinnt, nahrt auch diese Krankheit am meisten in seinem Korper, und gesellt sich dann die hinreissende Wirkung eines gallsuchtigen Temperaments noch dazu, so wird sie zur gefahrlichen Hypochondrie, deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments die gefahrlichsten sind! Fast uberall wirket die Sorgfalt der Aerzte in jeder andern Krankheit zur Ehre ihrer Kunst; aber in dieser Art Krankheit sind noch wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden. So viele Aerzte kennen nicht einmal das heimlich schleichende Gift der innern Schwermuth, und werfen dabei keinen Blik in die stille Seelenkrankheit, die beim ruhigsten Puls um sich frisst und manchmal plozlich den Faden des Lebens abreisst, eh sichs der Arzt versieht. Ich fodere durchaus, dass ein Arzt ein vorzuglicher Menschenkenner seyn muss. Ich fodere, dass er die Theile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung von Krankheiten genau kennen muss. Ich fodere, dass er die verschiedenen Grade der Reizbarkeit der Nerven zu unterscheiden weis. Ich fodere, dass er solche Patienten so gelassen, so gefuhlvoll, so sanft, so gutherzig, wie ein Kind, behandelt; denn wenn der Arzt den Grad der Krankheit nicht durch Zutrauen zu erfahren sucht, wenn er blos den dummen, troknen, Pulsverkundiger beim Krankenbett vorstellt, so prellt seine Kur am melankolischen Kranken ab und er bleibt Doktor furs Geld und weiter nichts. Ich bin weit in der Welt gekommen, und die meisten Aerzte, die ich antraf, waren entweder alte, steife, eigensinnige Pedanten, deren Gefuhl eben so rostig als ihre Beurtheilungskraft aussah, oder junge, fluchtige, schwindelnde, unerfahrne Gekken, die ihre Kunst eben so handwerksmassig trieben, als ob es in der lieben Natur eine Luge ware, dass alle Krankheiten nach den Verschiedenheiten der Temperamenten mussten behandelt werden. Einsicht, Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, Ueberlegung, genaue Untersuchung des herrschenden Temperaments werden immer die Wege seyn, die einem schlussfahigen Mann seine Kuren bei Melankolischen erleichtern. Eine starke Gemuthsbewegung, wilde Konvulsionen, eine Erstarrung der Glieder, dumpfes Aechzen, die Ergiessung des Bluts durch Mund und Nasen, und dann die darauf folgenden Schwachheiten sind lauter Grade der Krankheit, denen besonders das weibliche Geschlecht unterworfen ist, und die dem forschenden Auge des Arztes nicht entgehen durfen. Nur ist es leider traurig, dass die Herren Doktoren dergleichen Krankheiten manchmal nicht zu unterscheiden wissen, von welchen Leidenschaften sie eigentlich herruhren, und das ofters fur Mannssucht halten, was im Grunde die tiefste, eingewurzeltste Schwermuth ist, deren Wirkung von der Verschiedenheit der Schiksale herkommt. Unvermerkt eilt der Raum dieses Briefs zu Ende, und Du, meine Besste, hattest Ursache uber seine Lange zu klagen, wenn Du mich nicht liebtest.

Deine ganz eigne Fanny.

XLIV. Brief

An Fanny

Dank, Millionen Dank, meine Wertheste, fur den Trost, den Du mir in deinem leztern Brief mittheiltest. Du walztest mir durch deine vortrefliche Moral den Stein der drukkenden Schwermuth vom Herzen. Wie kunstlich Du mir in meinem verstokten Zustand des Schmerzens Thranen abzulokken wusstest! Wie Du hineindrangst in die schwache emporende Natur, wie Du sie hervorsuchtest, die wankende Tugend aus dem gefahrlich kranken Korper! Gott lohne deine Muhe, deine Gute! Lass nicht ab, Freundin, mich von den Abgrunden zurukzurufen, denen mich mein tirannisches Schiksal Preis giebt. Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst Du den Lohn deiner Bemuhungen einarndten. O, Freundschaft! Gutige Wohlthaterin der Menschheit! Dein Besiz ist Gotterseligkeit fur den Ungluklichen! Mit einem Herzen voll unaussprechlicher Gute, mit einem Kopf voll Sorge und Wachsamkeit uber den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Guts, hangst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes, ruhst nicht eher, als bis der Friede wieder in seine Seele zurukkehrt, woraus ihn namenlose Leiden verbannten. Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls, dieses Zittern bei irgend einer Gefahr seines Freundes, diese unersattliche gegenseitige Gutheit, diese lautschreiende, nachsichtsvolle Stimme im bekummerten Herzen gegen die Schwachheit eines Freundes, dieses Echo der unauflosslichen Harmonie, ist Uebereinstimmung der Seele, ist Freundschaft, ist Wohlthat, die der Schopfer nur Wenigen ertheilte. Kein Alter, kein Stand ist von dieser festen Vereinigung ausgeschlossen; es braucht nur ein unverdorbenes Herz, gleiche Grundsazze dazu, und geknupft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft. So gar Lasterhafte fuhlen eine Art von Entzukken in ihren Verbindungen, und wie weit seliger mussen die Reize seyn, wenn Rechtschaffenheit, wenn Religion, wenn Streben nach dem Zwekke unserer Bestimmung, wenn standhaftes Dulden, wenn Menschenpflichten dieses Band unauflosslich durcheinander schlingen, bis der Tod zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reisst, um es sodann vor dem gutigen Schopfer desto fester auf ewig zu binden! Die Menschen sind blind, dass sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen, als nach der zweklosen, unveranderlichen Freundschaft. Die Menschen sind rasend unbesonnen, dass sie so kalt, so wenig aneinander gekettet, so freudenlos, ohne Freundschaft ihr Leben verschlummern. Die Freundschaft hat ihren Wohnsiz im Heiligthum des Herzens, die meiste Liebe klebt am Korper und stirbt ohne Freundschaft fur alle Menschen nach der Sattigung. Nur Freundschaft kann sie zur Bestandigkeit anfeuern. Der Kopf des Liebenden muss in dem Gegenstand seiner Liebe, durch Betrachtung seiner moralischen Vorzuge, Beschaftigung finden; seine Verehrung muss fur diesen Gegenstand zunehmen, so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich verliert; die Reize der Seele mussen die Wollust zu neuen Entzukkungen auffodern; es muss nach dem Genuss der Liebe eine ausgedahnte Freundschaft daraus entspringen, sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe, und das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten. Doch, meine Freundin, rede ich hier nur von denkenden Menschen, denn die ubrigen gehoren unters Vieh und werden wie Missethater von dem Tempel der Freundschaft ausgeschlossen. So viel sagt mir meine naturliche Vernunft, so viel sagt mir mein Herz, das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten will. Wenn also je ein Gluk in der Welt noch auf mich harret, so will ich es in der Freundschaft erwarten. Doch wie kann ich vom Warten sprechen? Fand ich dieses Gluk nicht schon uberschwenglich in Dir? Bist Du nicht meine Fuhrerin, meine Wohlthaterin, meine Freude, mein Alles? Sind wir beide nicht blos eine Seele, blos ein Gedanke? Giesst sich nicht mein ganzes Daseyn mit dem schroklichsten Gewebe seiner Leiden in deinen fur mich offnen Busen? Lass uns dieses Ineinandergiessen mit dem feurigsten Kuss versiegeln; lass uns einander unaufhorlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten Aufrichtigkeit begegnen, und die Wirkung dieses Betragens wird machtiger auf unsere schwachen sundhaften Anlagen zur Besserung wirken, als das donnernde Gebrumm im Beichtstuhl eines gewalthatigen, unduldsamen, halsstarrigen Priesters, der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht, ohne Ueberlegung, ohne in die Natur der Dinge zu dringen, mit Feuer und Schwerd, als strenger Theolog, mehr fodert, als er selbst in der nemlichen Lage zu vollbringen im Stande ware. Auch im Beichtstuhl, so wie am Krankenbette, meine Freundin, gehort tiefe Menschenkenntnis und viele, sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen von dem Boshaften, den Bigotten von dem wahren Andachtigen, den vernunftigen Mann von dem leichtglaubigen, phantastischen Burger zu unterscheiden. Auf das Herz, auf den guten Willen des Menschen, auf seine Begriffe von der Sunde muss der einsichtsvolle Priester einen Blik werfen, da muss er hineindringen, und das Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen. Er muss nicht Einen wie den Andern mit der nemlichen feuerspeienden Moral behandeln: Der Pobel will sklavisch sein Urtheil horen, der Vernunftige will uberzeugte Beruhigung haben. Aendert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste Umstand, der zur Entschuldigung des armen Sunders angefuhrt werden kann, das Todesurtheil; warum denn nicht im Beichtstuhl, wenn die Fehler aus der Natur der Dinge in etwas konnen entschuldigt werden? Die Protestanten beichten freiwillig und offentlich ihre Fehler, und diese Fehler werden von ihnen keinem schwachen, gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt. Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum Schopfer, als wenn die Reue blos aus Furcht der Hollenstrafe bei den Katholiken von ihren Priestern erpresst wird. Man lasse dem katholischen Pobel die Ohrenbeicht, weil es einmal heisst, dass die Gewohnheit hie oder dort einige Schamhafte von der Sunde abhalt; doch gehort diese mechanische, diese von der Politik erzwungne Tugend in die Reihe jenes pobelhaften Verdienstes, das nicht aus freiwilliger Pflicht das Bose unterlasst. Wenn der Priester in der Beicht nicht kunstlich in das menschliche Herz zu schleichen weis, wenn er den Grund desselben nicht zu erforschen sucht, wenn er nicht hartnakkige Laster von Schwachheit, Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des Sunders zu unterscheiden weis, was nuzt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen ein solches einformiges Geschwaz von Zuspruch, das an dem Erstern aus Gewohnheit abglitscht und den Leztern gar nicht ruhrt? Ueberhaupt, meine Freundin, ich konnte Dir uber diesen Punkt noch vieles sagen, was meinem Verstand unbegreiflich ist, wenn ich nicht dachte, dass dergleichen Spekulationen fur andere Kopfe als die unsrigen gemacht sind. Und nun zu einer Neuigkeit: Mein lieber Oheim in K*** hat sich entschlossen mich bei einem anverwandten Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen. Eine Aussicht zu deren Ergreifung mich die Nothwendigkeit zwingt, auch weil mir der hiesige Aufenthalt beim jungen B*** taglich saurer gemacht wird. Du weist ja, dass mein Oheim keine eigne Wirthschaft fuhrt, sondern am geistlichen Hofe lebt und mich nicht zu sich nehmen kann. Von dem Karakter dieses Landgeistlichen weis ich Dir nichts zu sagen, aber so viel weis ich, dass sich mein Oheim sehr lange bedachte, eh er sich entschloss, mich ihm zu ubergeben. Er hatte gewis nicht darein gewilligt, wenn ich ihn nicht so dringend um die Abanderung meiner verdrusslichen Lage gebeten hatte. Der junge B*** taumelt jezt blind fort in den Armen seiner Buhlerin. Gluk der Liebe kann es fur diesen Jungen nicht seyn, denn sie stekt sein Herz zur Verderbnis an. Ich bedaure ihn herzlich und wunschte, dass ihn ein wurdigeres Geschopf von dieser garstigen Leidenschaft heilte, die ihm diese kunstliche Kokette einzuflossen wusste. Fur heute genug des Geschwazzes; und nun lebe wohl, Besste, Einzige, Liebe aller Lieben!

Deine Amalie.

XLV. Brief

An Amalie

Liebes, gutes Malchen! Dein lezter Brief freute mich unendlich, weil er das Geprage der wieder heranrukkenden Heiterkeit auf deiner Stirne an sich trug. Deinem Herzen ist Antheil nothig. Ich fuhle es, ich bin es uberzeugt, dass Du die ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten konnen, woran Du Dich nicht in deinen Trubsalen ketten kannst; das ist das Schiksal jedes gefuhlvollen Herzens, jedes feurigen Kopfes; sie mussen sich ergiessen, sie mussen sich mittheilen konnen, sonst gerath dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an Mittheilung auf Abwege, die nach dem Gang des Temperaments schon manchmal in gefahrliche Leichtglaubigkeit ausarteten. Dein Temperament ist nun eben nicht das gluklichste, es granzt zu sehr an Schwermuth. Doch lass es gut seyn, meine Freundin, und arbeite ihm wakker entgegen, diesem Feind deiner heitern Stunden. Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen, und wie unendlich sind diese Gefuhle furs Gute und Schone in der lieben Natur, die deine Aufmerksamkeit beschaftigen konnen. Der Denkende hat nie Langeweile; der Denkende fuhlt jedes Gluk doppelt; der Denkende ist auch einsam zufrieden. Nur hute Dich, Dir zum Denken solche Gegenstande zu wahlen, die deine Schwermuth reizen und dein Temperament in Gahrung bringen. Deine Empfindungen uber die Schwermuth sind meisterlich aus deinem Herzen entworfen. Mit Wollust las ich diesen herrlichen Schwung von Einbildungskraft, mit Entzukken wiederholte ich diese Gefuhle der innigsten, vertrautesten Freundschaft unter uns, und bedaure die Menschen, denen dieser Vorgeschmak des Himmels nicht zu Theil wird. Wie ist es moglich, dass man das Wort Freundschaft in der Welt so mishandelt? Der Schurke, der Heuchler, der Lasterhafte, der Fuhllose, der Dumme, der Niedertrachtige, Jeder verschwendet dieses heilige Wort so leichtsinnig an den ersten Bessten, der ihm begegnet. Es wird zur gemeinen Waare herabgewurdigt, ein Schleichhandel des Eigennuzzes wird damit getrieben, Betrugereien angesponnen, Gutherzige damit hintergangen, Unschuldige verfuhrt, Weinende auf lugnerische Art getauscht, und das alles unter der Larve der Freundschaft! Warum ist doch diese sanfte Leiterin der menschlichen Fehler so selten unter den Menschen? Fehlt es denn in der Welt so sehr an Gutmuthigen, an Verstandigen, an Tugendhaften? Mich dunkt, der Jungling ist aus Uebermas seiner zugellosen Leidenschaften nicht so leicht der Freundschaft fahig; wird er zum Mann, dann halt ihn Eigennuz und murrische Laune davon zuruk; wird er zum Greis, o dann ist sein Herz vollends kalt fur diese herrlichste der Gaben! Und bei unserm Geschlecht, da, meine Besste, sieht es vollends traurig um die Freundschaft aus. Das junge tandelnde Madchen hascht gieriger nach einem Kopfpuz als nach einer Freundin. Der Neid, die Eitelkeit, die Verlaumdungssucht halten fruhe schon eine weiche Weiberseele in ihrem Nezze, und erstikken jedes Gefuhl fur Wohlwollen und Freundschaft, noch ehe der junge Verstand reift. Die meisten Weiber haben ihren angewohnten Ton unter sich, feiner oder grober, nach der Art ihrer Erziehung; doch ist es immer der kalte Komplimententon, das abgeschmakte Alltagsgeschwaz, das am Ende doch immer mit Verlaumdung aufhort. So wenig Weiber wissen liebenswurdige Lebhaftigkeit in Gesellschaften ohne Koketterie, Offenherzigkeit ohne Ziererei, Anstand ohne Sprodigkeit, Freimuthigkeit ohne sklavische Furcht anzubringen. Da sizzen sie zusammengeschraubt, an die fade Etikette gebunden, an teuflische Verstellung und Politik gewohnt, falsch eine gegen die andere, aus Hochmuth, aus Dummheit, oder aus Eifersucht. Der Mund ist suss, die Komplimenten zierlich und das Herz eiskalt und zurukhaltend. Wurden die Weiber ihrem Leben durch naturlichen, wizzigen, gesellschaftlichen Umgang, mehrere Nahrung geben, so wurden beide Geschlechter gluklicher seyn, und die Verlaumdung musste aufhoren, wenn man bei den Weibern etwas mehr, etwas besseres, als blossen Genuss ihres Korpers suchen konnte. Aber so lange es so wenig unterhaltende Weiber im Umgange giebt, eben so lange wird die Vernunftige an der Seite ihrer Besuche mit all ihrer Unschuld unter die Buhlerinnen gerechnet. Die meisten zur guten Gesellschaft unfahigen Weiber kennen nur zween Wege im Umgang, den fleischlichen oder den gleichgultigen. Daher kommt der Unglauben an den reinen Umgang einer vernunftigen Frau mit Mannern. Doch nun wieder zur Freundschaft zuruk: Da nun die Verlaumdungssucht den dummen Weibern so sehr anhangt, so sind sie ohne Grundsazze fur Menschenliebe, ohne Standhaftigkeit im Karakter, ohne Gefuhl furs wahre gesellschaftliche Leben; blos Insekten, die sich untereinander vertilgen, so oft sie konnen, und durchaus mit solchen Denkungsarten zur Freundschaft unfahig. Die Weiber theilen sich mit ihren Thorheiten und Bosheiten in Klassen ein, und jede Klasse hat ihr Anstossiges, woran die Bande der Freundschaft scheitern. Die Wizzige ist nasenweise und verschliesst ihr zu wenig gutes Herz aus Stolz. Die Eitle opfert der Misgunst ihr Herz fur ihre Moden, fur ihre Stuzzer; wagt es eine andere in der Gestalt einer reizenden Freundin ihren Neid zu emporen, o dann stosst die Eitle den blutigen Dolch der Rache der Freundschaft, die ihr begegnet, tief ins Herz! Die Geschwazzige naht sich der Freundschaft mit dem leichtsinnigen Geplauder einer faselnden, unsinnigen Thorin, beschimpft die Tugend der Freundschaft durch niedriges Gassengewasch... und so wird auch die Geschwazzige als eine Unwurdige von jedem fuhlenden Herzen zurukgestossen. Die Fuhllose schleppt ihr Maschinenherz in der Welt herum, und wird, von der Freundschaft ungesucht, dem elenden Schlendrian ihres ungeselligen Lebens uberlassen. Die ganz Dumme ist todt fur die Natur, todt fur die Freundschaft, todt fur die Liebe, und ein unertragliches Unthier, das jede Gesellschaft mit ihrer Dummheit zum Stillschweigen zwingt. Die Spielerin erstikt durch ihren Eigennuz die wohltatige Freundschaft und sezt ihrer gottlichen Grossmuth Geldbegierde entgegen. Die Kokette misbraucht die arme Freundschaft in lauter Lugen, sie zerfezt sie, und wirft die Theile davon verschwenderisch uberall hin, und wird doch am Ende, als eine unwurdige Tochter derselben, aus dem Tempel der Redlichkeit und der Freundschaft verbannt. Die Buhlerin ist ohnehin schon von der Natur von jedem Genusse des feinen Gefuhls ausgeschlossen, und folglich auch von der Freundschaft. Die Heuchlerin entsezt sich bei den offnen, freien Blikken der Freundschaft und kriecht beschamt zum heimlichen Laster zuruk. Die Andachtlerin ermudet dieselbe mit ihrer Afterreligion und erhascht zu ihrer Geisel einen skrupulosen Schwarzrok zum Vertrauten ihres Aberglaubens. Die freudenlose, finstere Hausmutter wagt es auch nicht, sich den Freuden zu nahen, die sie verschafft, und wird von der geselligen Freundschaft zum Umgang ihrer Bosheits-vollen, pobelhaften Dienstboten verdammt. Die adeliche Dame versagt dem unadelichen ehrlichen Manne nur zu oft aus Ahnenstolz ihre Freundschaft, und gerath, zur Schande ihrer wenigen Philosophie, aus Langerweile, aus Bedurfniss, in die freundschaftlichen Arme ihres unadelichen Kammerdieners. Ist es nicht traurig, meine Freundin, dass es unserm Geschlecht so sehr an einer guten, zur Freundschaft fahigen Denkungsart fehlt, die doch das Gluk der meisten Weiber machen wurde? Ich staune uber mein Geschlecht, bemitleide es, und schweige. Doch nun zur katholischen Beicht: Der Menschenkenner, der Philosoph im Beichtstuhl ist mir immer verehrungswurdig, aber den ubrigen Lasttragern der Bigotterie sollte man dieses Amt durchaus verbieten. Sie machen den gemeinen Mann zum Martirer seiner Sunden, und haben nicht Kopf genug, das Zutrauen des Denkers zu gewinnen. Warum wahlt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts, so viel moglich, aus der aufgeklarten Klasse von Menschen? Nicht wahr, blos darum, damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe? Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen. Die Vernunft muss da ohne Vorurtheil mit offnen Augen hinblikken, das Ohr muss mit Weltkenntniss zu unterscheiden wissen, und das weiche Herz des Priesters muss da Mitleid fuhlen, wo es selbst vielleicht schon oft mit der nemlichen Schwachheit gefehlt hat. Nun aber, meine Liebe, will ich abbrechen, mit dem Gefuhl der ewigen festen Freundschaft

Deine Fanny.

XLVI. Brief

An Fanny

Ha! Meine Freundin! So ist denn alles Betrug, Heuchelei und Verfuhrung, wo ich nur immer meinen Fusstritt hinsezze! Der Oheim in K*** rief mich vor kurzem zu sich und ubergab mich mit Thranen der Ruhrung jenem weitschichtigen geistlichen Vetter, wovon ich Dir lezthin sprach. Du hattest sie horen sollen, die seelendringende Moral, mit der mich mein Oheim diesem schwarzrokkichten Heuchler empfahl. "Sie kennen meine Lage, sagte er zu ihm; Sie wissen, dass ich dieses Madchen nicht bei mir behalten kann, handeln Sie grossmuthig, handeln Sie edel an ihr, sie ist eine Waise, und in den Jahren, wo sie Schuz, wo sie Hulfe benothigt ist. Die Rechtschaffenheit dieses Madchens sey Ihnen heilig! Sie ist lebhaft, aber hat dabei ein gutes Herz. Rein und unverdorben ist ihr Karakter, er theilt sich mit vollem Zutrauen Andern mit. Sie hat Vernunft, aber nicht hinlangliche Menschenkenntnis. Sie ist gerade in den Jahren, wo jeder Trieb in ihr zum Kampf und jede Leidenschaft zur Gefahr wird." So dringend sprach dieser Edle dem Verfuhrer ins Herz. Endlich reiste ich in seiner Gesellschaft ab. Die Reise gieng nach einem benachbarten graflichen Hofe, wo eben dieser Geistliche noch zuvor den Grafen, seinen Freund, besuchen wollte. Arglos, voll Zutrauen sass ich neben ihm im Wagen, dachte an nichts, als an meinen zurukgelassenen Oheim. Der Stern, den dieser Elende auf der Brust trug, glanzte machtig, aber um destoweniger das Herz, das darunter schlug. Seine prachtige Equipage, die vielen Bedienten, die auf jeden Wink von mir lauerten, um ihn zu erfullen, kurz der grosse Ton, auf den wir reisten, gefiel meiner Eitelkeit unbeschreiblich, bis mir endlich auf einmal die schleichenden Gefalligkeiten dieses Weichlings verdachtig wurden. Ich hatte eher die Welt verwettet, als von so einem Manne Absichten auf mich armes verlassenes Ding vermuthet. Und doch, meine Fanny, fiel es diesem Verworfnen ein, mich mit Reden zu angstigen, die mir die ganze Abscheulichkeit seiner Seele verriethen. Gott! Was werden das fur Tage werden, in der Gewalt eines solchen Weichlings! Zwar ist mir mein freier Wille und mein Abscheu furs Laster Burge fur jeden Fehltritt, wenn derselbe auch zu unverschamt dringend wurde. Ein Madchen, das Ehrengefuhl und Kopf hat, lauft wohl Gefahr geplagt, aber nicht so leicht uberrascht zu werden. Doch weiter: Wir blieben also etliche Wochen an obbemeldtem Hofe. Die Tage, die ich daselbst verlebte, waren mir zur Last. Ich sahe da die Falschheit mit Schmeicheleien, mit Buklingen und mit Kussen verschwistert; ich sahe die Luge im goldenen Kleide prangen; ich sahe Wollust, Hartherzigkeit, Eigennuz, Betrug, Heuchelei vom Morgen bis in die spate Nacht in voller Bewegung. Dummheit, Neid, Thorheit, Verlaumdung wurden in das Gewand des Wizzes gehullt. Redlichkeit, Gefuhl, Menschenliebe hatte der Ueberfluss sogar aus dem Herzen des untersten Kuchenjungen verjagt. Diese Hoflinge schwelgten wie unsinnig im Laster und waren unter einander so wenig vertraut, dass sich Einer vor dem Betrug des Andern furchtete. Du kannst Dir leicht denken, was bei diesem Gaukelspiel das arme simple Naturmadchen fur eine alberne Rolle spielte. Man gaffte mich an, ich machte es wieder so, man lachte, ich weinte, und als man mich um die Ursache fragte, war meine Antwort, in meinem Lande ware es gebrauchlich, die Verrukten aus Mitleid zu beweinen: und doch kusste man mir fur diese aufrichtige Grobheit die Hand. Diese Begegnung gab mir Muth bei jedem andern lacherlichen Anlass ohne Herzdrukken zu rasonniren. Es geschah rundweg, schweizerisch, wie ich mir es dachte. Einige Zofen rumpften zwar bisweilen die Nase daruber, aber die Manner hielten mich dafur ziemlich schadlos. Es ist doch immer wahr, dass es leichter ist mit Mannern fortzukommen als mit Weibern, besonders wenn die leztern einmal anfangen ins Antike zu gehen, dann mischt sich die Schlange Eifersucht gleich ins Spiel. Auf einmal hatte nun dieser Hofbesuch ein Ende und wir reiseten der Pfarrei zu. Der Ort besteht aus einem grossen Schloss, das Dorf ist eine halbe Stunde weit davon entfernt. Diese Pfarrei hat sieben Kirchen unter sich, ist gross, und ihre Einkunften betrachtlich. Sieben Kaplane sind zur Besorgung der Pfarrei bezahlt. Sie halten sich im Schloss auf, speisen mit uns und verfaullenzen ihre ubrigen Stunden auf ihren einsamen Zimmern. Ich kann Dir die wenige Lebensart und den Mangel an Aufklarung dieser Klozze nicht hinlanglich beschreiben. Ihr Verstand ist verwildert, ihre Sitten sind pobelhaft, ihre Andacht maschinenmassig und ihr Umgang bis zum Entsezzen roh und baurisch. Es scheint sogar, dass sie ihr Bischen auf den Schulen gelernten Studentenwiz vergessen haben, denn sie reden die ganze Tischzeit entweder gar nichts, oder doch alles mit einem solchen gravitatischen Tone, den sie sich gewis bei den Bauren mussen angewohnt haben. Wenn mir so von ungefahr die Namen Gellert, Gessner u.s.w. entwischen, o dann rasen diese Bigotten vollends und nennen mich offentlich einen Freigeist. Ich habe die Wuth des Despotismus nirgends furchterlicher gefunden, als sie hier in B** unter diesen Sohnen der Dummheit herrscht. Menschenscheu, ungesellig, murrisch leben sie, alle von einander entfernt. Einer von diesen Kaplanen ist dem Geize bis zum Entsezzen ergeben. Er verbirgt sein zusammengescharrtes Geld in alte Scherben von zerbrochnen Krugen, er tragt, so wie unsere Bedienten sagen, bei der Sommerhizze kein Hemde, um die Wasche zu ersparen, und lauft im blossen Schlafrok im Zimmer herum. Er rafft auf der Strasse die kleinsten Stukchen Papier zusammen und schreibt seine Predigten darauf; brennt kein Licht und hort fleissig Beicht, weil sie hier in B** bezahlt wird. Er halt sich eine alte Rosinante von Pferd, um beim schlimmen Wetter auf die Pfarre und beim guten Wetter zu den Baurinnen auf die Sammlung zu reiten. Sein Anzug besteht aus einem uralten Kapotrokke, aus einem schmuzzigen Haubchen, aus dem man Oehl sieden konnte, aus selbstgeflikten Schuhen, die Peitsche in der Hand und den Sporn im Kopf, macht er manchen solchen Ritt, und kommt nie ohne Beute zuruk. Ich erstaunte, als ich diese Priester sahe, die unmoglich zur Ehrfurcht reizen konnen. Sie haben lezthin uber mich und meine kleinen Spottereien meinem Vetter, dem Pfarrer, heimlich in die Ohren geflustert, als stunde ich mit meiner Lebhaftigkeit auf dem geraden Weg zur Holle. Wunderlich! Als ob die Tugend nirgends, als in einem geschraubten Wesen stekken konnte. Ich habe sie alle zusammen bei Tische fur diesen Einfall bussen gemacht, ich nekte sie dafur, bis ich satt war, die Herren in Harnisch kamen, murrisch aufstanden und brummend meine Gesellschaft verliessen. So einsam dieser Ort ist, so unterhalt mich doch die drolligte Karakteristik dieser Herren mit Herzenslust. So viel also, meine Liebe, fur heute. Lebe wohl, und erinnere Dich deiner bessten

Amalie.

XLVII. Brief

An Fanny

Du musst gewis auf deinem Landgut seyn, meine Freundin, dass Du mir meinen lezten Brief so lange unbeantwortet lassest; oder es halten Dich vielleicht deine vielen Geschaften ab. Bei mir ist es nun ganz anders, ich habe dann und wann ein mussiges Stundchen, das ich Dir schenken kann, und meine Leidenschaften haben in meiner Seele nicht allein Plaz, sie mussen sich ergiessen konnen. Wirklich liefert mir mein Schiksal hinlanglichen Stoff, um taglich davon schreiben zu konnen. Stell Dir vor, unsere Haushalterin bekam aus Eifersucht auf einmal den Raps, davon zu laufen. Nun so muss mich denn der Neid immer und ewig verfolgen? Ich habe diesem Geschopf nichts zu Leide gethan; es mussen Heimlichkeiten dahinter stekken, sonst hatte sie nicht den Muth gehabt, mich, als Anverwandte, um kleine Vorzuge zu beneiden, die mir der Herr des Hauses einraumte. Ich habe nun um ein anderes Madchen geschrieben, der dieser Dienst sehr willkommen seyn wird. Es wird mir in jedem Betracht sehr lieb seyn, wenn diese neue Haushalterin bald eintrift. Denn der Herr Pfarrer, mein Vetter, wird taglich sturmischer gegen mich, und sein Betragen schmerzt mich um so mehr, weil es das Zutrauen meines Oheims hintergeht. Ich wage es nicht, diesem Wohlthater etwas von den zugellosen Absichten dieses Mannes zu melden, es mochte ihn zu sehr schmerzen. Ich studiere Tag und Nacht, um diesem Verfuhrer mit Vernunft auszuweichen. Meine hulflose Lage, entfernt von meinem Oheim, fodert durchaus eine gemassigte Sprodigkeit und doch die strengste Rechtschaffenheit, wenn er es zu weit triebe. Ungluk macht den Menschen uberlegen, und nothigt ihn zu handeln, wie es die Klugheit fodert. Leib und Seele zittern mir oft, wenn er mich zur Ausrede umsonst und um nichts auf sein Zimmer rufen lasst. Ich habe immer, eh ich dahin komme, eine Treppe zu steigen, auf welcher ein Kruzifix steht. Die Gefahr des drohenden Fehltritts emport sich in mir bei dem Anblikke dieses Bildes unsers Erlosers. Mein unverdorbnes Herz wallt der religiosesten Empfindung entgegen, und noch immer flehte ich knieend vor diesem Bild um Muth, um Standhaftigkeit in diesen Versuchungen. Schamhaftigkeit und Ehrengefuhl haben mich bis jezt noch nie verlassen, und ich kann es nicht begreifen, warum just ich, ohne schon zu seyn, doch die Sinnen reizen muss? Just ich, muss durch solche Gefahren laufen, da mir die Natur reizbare Nerven und ein fuhlendes Herz in den Busen gab. Doch ist wahrlich der Kampf eines jungen Madchens, die ihr Herz frei hat, kein so grosser Triumph, wie ihn die Romanendichter schildern, denn der Widerstand gegen einen Ungeliebten streitet mit keiner Neigung, und die Verachtung gegen den Verfuhrer erwekt in dem Madchen hinlanglichen Ekkel, der es zu jenem halsstarrigen Eigensinn der Widerspenstigkeit bringt, den ein solches Madchen mehr der Disharmonie der Gemuther als der Tugend zu verdanken hat. Meine Sinnen habe ich so ziemlich durchs Denken in Ordnung gebracht, und wenn mich Liebe einstens nicht uberrascht, dann glaube ich schwerlich, dass es andere Wege dahin bringen werden. Es ist ubrigens ein trauriges Schiksal um dasjenige eines Madchens, der die Natur keine Gluksguter zuwarf. Armuth ist fast immer das Grab der Unschuld, und ein armes Madchen muss ausserst aufmerksam die lokkenden Wunsche zum Wohlleben aus ihrem Herzen zu verbannen suchen, wenn ihre Enthaltsamkeit nicht wanken soll. Gestern erhielt ich einen Brief von meiner lieben Schwester: Der Vormund hat sie ins Kloster gestekt, wo sie zwar ordentlich bedient wird, aber wenig Hoffnung zur Bildung ihres Geistes haben kann. Sie beschreibt mir mit sehr naiven Zugen die steife Erziehungsart der Nonnen, und bittet, ich mochte sie so bald als moglich aus diesem Hause der Sklaverei erretten. Bitter nagt der Gedanke der Unmoglichkeit an meinem Herzen. Mit der feurigsten Wollust wurde ich es thun, wenn es in meiner Gewalt stunde. Wenn ich mich je einstens zu einer Heirath entschliesse, geschieht es blos um den Schuz dieses Madchens auszumachen. Nun, meine Besste, schreibe mir bald, deine Briefe sind fur mich alles, was man Entzukken in den Stunden der truben Einsamkeit nennt. Lebe wohl bis dorthin! Das wunscht Dir dein trautes

Malchen.

XLVIII. Brief

An Amalie

Schon wieder, meine gutige, nachsichtsvolle Freundin, lies ich zween Briefe von Dir zusammenkommen; aber da Du meine Familiengeschaften kennst, so wirst Du mir es gewis nicht ubel deuten. Dein Schiksal, liebes Malchen, hasst Dich entsezlich, dass Du immerfort auf unrechte Menschen stossest, gerade als ob alle blos auf Dich lauerten, nur um Dich zu kranken und zu martern. Du hast Dich indessen unverbesserlich in einer Lage gezeigt, wo jedes Madchen vielleicht gestrauchelt hatte. Bleib standhaft, meine Freundin, der Tag der Rettung ist vielleicht nicht mehr ferne. Mit Abscheu durchdrang mich die Schilderung jenes Mannes, der deinem Oheim hoch und theuer versprach Vaterstelle an Dir zu vertretten; jenes Mannes, der mit der heiligsten Wurde seine Begierden nicht zu bemeistern weis; jenes Mannes, der mit seinem grauen Kopfe auch graue Leidenschaften in sich nahrt. Glaube mir, meine Liebe, wenn sich die katholischen Geistlichen begatten durften, so geriethen sie auch minder auf Abwege. Die Natur ist eine machtige Besturmerin des menschlichen Herzens und wenig Menschen sind ihrer Triebe machtig. Ich begreife nicht, warum man in dem Menschen durch Gesezze Empfindungen erstikken will, die dem Schopfer und seiner Macht Ehre machen. Der Mensch ist ein Thier, dessen Willen der Vernunft untergeordnet ist, er hat durch diesen Willen seine thierischen Triebe einzuschranken, zu verfeinern gelernt, aber aus dem Korper ganz vertilgt sind sie darum nicht, diese Triebe der schwachen Menschheit; und eben darum verdienen die Menschen, die man zwingt den Keim der gahrenden Menschheit zu unterdrukken, mein wahrhaftes Mitleid. Nur mussen Geistliche von gewissem Alter, wie dein Verfuhrer ist, nicht darunter gerechnet werden, denn da sind es nicht mehr Wallungen der hinreissenden Jugend, es sind Ueberbleibsel der sich angewohnten Wollust. Du hast vollkommen Recht, Dich so gegen diesen Mann zu betragen, wie es deine Grundsazze erlauben. Die Tugend verdient erst alsdann eine Krone, wenn sie von der Vernunft einen strengen und wichtigen Sieg erhalt. Die Beschreibung deines Hoflebens war lebhaft. Am Hofe findet man freilich das meiste Verderbnis. Haufig eilen da die Herzen der Faulnis zu, die Vernunft wird durch das Gerausch verjagt, die Ueberlegung vom Taumel ubertaubt, und die Sitten durch das Beispiel vergiftet. Kaltblutig lernen da die Menschen lugen, der Leichtsinn ist die herrschende Triebfeder, Galanterie die Sprache der Gewohnheit, und so weicht das Menschengefuhl fur Wohlwollen und Tugend aus dem Herzen eines Hoflings. Mistrauen wird einem jeden Hofling zur Regel, weil er selbst schwarze Falschheit im Busen tragt, und eben darum furchtet er diese Falschheit mit so vieler Ueberzeugung an Andern. Wenn dann unter diese Menschen hinein ein unverdorbnes Herz gerath, so wird es von ihnen gleich einem Fremdlinge betrachtet. Die Weiber buhlen bei Hofe bis es ihnen die Natur versagt, und die Manner werden durch fruhe Ausschweifungen zu jungen Greisen. Doch weiter zu deinen possierlichen Kaplanen. Nimmermehr hatte ich mir in einem Winkel der Erde solche Originale getraumt. Ist es moglich, dass man sie duldet, ist es moglich, dass das Vorurtheil noch so in voller Starke da thront? Diese Menschen mussen gar nicht denken, sonst wurde sie die Natur selbst der Aufklarung etwas naher bringen. Ich bilde mir ein, dass diese Geschopfe ihre Stunden so gleichgultig wegschlummern, so lange sich die Maschine, in der sie stekken, fortwalzt. Unwissenheit ist ihnen zu vergeben, denn es ist Mangel an Erziehung, an Einsicht; aber Eigensinn, Verdammungsgeist, Theologenwuth, ist straflich, ist Meineid an der Natur, die alle Menschen von jeder Religion zum ewigen Frieden schuf. Der Mensch kommt unwillkuhrlich zur Welt, der Mensch wird in der Folge das, was seine Eltern aus ihm ziehen; und wer wollte es da wagen, dem Unschuldigen die Belohnung abzustreiten, die ihm von der Vorsicht in seiner Religion geoffnet wurde? Wozu denn Eigensinn und Zankereien in der Religion, wenn es dem machtigen Richter im Himmel selbst gefiel, mich in dieser oder jener Religion geboren werden zu lassen? Das Kind in Mutterleib ist das Werk der Allmacht; seine Geburt macht es zum Menschen, die Erziehung zum Christen, und die gute Ausubung seiner Pflichten zum Seligen. Man lasse jedem, was ihm zur Beruhigung dient, und zanke sich nicht blos untereinander, um den gegenseitigen Hochmuth zu emporen. Die Religion braucht keine Vertheidiger, sie vertheidigt sich in ihren wichtigsten Punkten selbst. Jeder Schulfuchs glaubt sich an Dinge wagen zu durfen, die blos dem Vernunftigen, dem Hellsehenden zur Entscheidung uberlassen werden mussen. Die Kopfrebellion ist die gefahrlichste, weil die Dummheit am meisten in den Kopfen stekt. Duldung fur Alle ruft uns der Schopfer zu, und wer seine Stimme uberhort, sundigt gegen die Rechte der Religion und Menschheit. Der Kern der Moral ist einfach, ein jeder geniesse ihn nach seiner Weise. Der Willen steigt zum Ewigen, das Uebrige ist das Werk der unruhigen Kopfe. Und nun auch noch ein Wortchen von deinem geizigen Kaplan. Ich habe mich uber diese Schilderung fast krank gelacht. Dass doch die Leidenschaften uberall ihren Wohnsiz haben! So ein Mann hat ja sein Auskommen, warum wagt er es, sich und seine Wurde durch Geiz zu erniedrigen? Was sagt denn der Pfarrer zu dieser Auffuhrung? Oder ist es vielleicht schon so stark zur Gewohnheit geworden, dass man diese Unanstandigkeiten gar nicht mehr ahndet? Ueble Gewohnheiten fassen tiefe Wurzeln, die der Wohlstand nicht so leicht mehr ausrottet, wenn sie verjahrt sind. Spare ubrigens deinen Wiz nicht gegen solche Menschen; vielleicht lasst sich einst noch ein Schein von Empfindung blikken. Was Du mir nach der Hand von der Eifersucht der Haushalterin erzahlst, ist mir nicht unbegreiflich, ich kenne dieses Ungeheuer, das immer tief in dem Herzen der Weiber wohnt. Wenn die neue Haushalterin eintrift, so gieb Acht, sie ist gewis kaum warm, so wirds das Nemliche seyn. Schone deinen Oheim noch mit der Nachricht von den Verfolgungen, die Du duldest, es ist noch Zeit genug, ihm Kummer zu machen, wenn Dir sonst keine Rettung mehr ubrig bleibt. Zum Beschluss eine feste Umarmung, und gute Nacht!

Fanny.

XLIX. Brief

An Fanny

Drei volle Monate schrieb ich Dir nicht, weil mich seither die Schwermuth, die Verwirrung meines Schiksals davon abhielt. Dafur sage ich Dir aber auch heute sehr vieles. Erstens hat deine Prophezeihung bei der Haushalterin eingetroffen. Der Anlass zu dieser Frechheit liegt in einem Geheimnis, das Du leicht errathen kannst. Wenn die Herren ihre Untergebenen zu Vertrauten machen, denn ist es immer schlimm in einem solchen Hause zu wohnen. Ich habe dieses Madchen aus dem Staub des Elendes gezogen, ich habe ihr Brod verschafft, und nun ist sie samt dem Pfarrer meine erklarte Feindin. Wo des erstern Verfolgung herruhrt, weisst Du schon lange, und die Feindschaft der leztern liegt in der Herrschsucht, im Eigennuz, in der weiblichen Eitelkeit. Sie arbeitet mit aller Macht ihrer Reize wider mich. Was nun der fuhllose, unmoralische Pfarrer weiter aus mir machen wird, weis ich nicht. Wir haben jezt eine Menge Gaste in unserm Hause, worunter sich auch der junge Vetter B*** befindet. Seine Donna hat ihn betrogen, beschimpft und verlassen. Das ist so das gewohnliche Ende von unvorsichtigen Liebeshandeln. Die ubrigen Gaste bestehen aus einer adelichen Familie von M***, die hier der freien Landluft geniessen. Mann, Frau und Stieftochter des erstern. Der Vater ist ein ausschweifender Mann, der sein liebes Stieftochterchen zur Verzweiflung der Mutter mit schandlichen Absichten verfolgt. Die Mutter ist ein Weib in ihren bessten Jahren, voll Gefuhl und Menschenliebe; das Fraulein ein junges vortrefliches Madchen und ganz das Ebenbild ihrer Mutter. Der junge schone Vetter B***, die Einsamkeit auf dem Lande, die schwarmerischen Bucher, das einfache Landleben, das wallende Blut eines feurigen Madchens, rissen diese liebenswurdige Unschuld bald zu den Gefuhlen hin, die dem Vetter B*** und ihrer Mutter sehr willkommen waren, aber um desto wuthender raste im Stillen der Stiefvater daruber. Der Umgang wurde nun diesen beiden jungen Leuten von demselben untersagt, die Leidenschaften baumten sich um desto heftiger, und jezt sah man sich heimlich, aber desto ofter. Diese durch einander geflochtene Intrigue von Eifersucht und Liebe, von Stolz und gahrenden Leidenschaften, bringt manchen bittern Streit unter dieser Familie hervor. Der Vater widerspricht, die Mutter widerspricht, und die Tochter kampft furchterlich mit dem Gefuhl der Liebe und des Gehorsams. Das Madchen ist mir in die Seele gewachsen, wir schlafen beide in einem Zimmer. Sie weint ganze Nachte durch, die arme Gekrankte. Ihr Zustand wirkt auf den meinigen, die Leiden des Ungluks sind fur mein wundes Herz anstekkend, und wir beide sind durch die Bande der theilnehmenden Freundschaft unzertrennlich aneinander gekettet. Sie ist nun freilich als ein Stadtfraulein eitler als ich, aber unsere Seelen harmoniren durch gleiche Grundsazze. Und dann hangt die Arme, wie eine eigensinnige Klette, immer an meinem Halse, wenn es ihr nicht gegonnt ist, den jungen B*** zu sehen. Die liebe Schwarmerin sagt, ich ware sein Baschen, und sie glaubte an meinem Busen sein Herz schlagen zu horen. Die Mutter ist ganz die Vertraute dieser Leidenschaft, und wunscht dem jungen Vetter B*** bald eine gute Versorgung, um das Gluk ihrer Tochter zu machen. Das Madchen und der junge Mann sehen hoffnungslos einer finstern Zukunft entgegen, und doch fuhlen sie sich zu ohnmachtig, ihre schroklich herrschenden Leidenschaften zu unterdrukken! Ich bin trostlos fur meine Freundin, ich leide mit ihr! Sie nahrt in ihrem Busen eine zehrende Schwermuth, und das Mitleid ihrer Mutter brachte sie auf den Einfall, mich zur trostenden Gesellschaft auf einige Zeit vom Pfarrer auszubitten. Noch hat er ihr es nicht zugesagt. Wenn es diese Dame dahinbringt, so warten auf mich in der grossen lebhaften Stadt M*** einige Tage Erholung fur ein Jahr voll ausgestandner Leiden. Schon vor einigen Wochen drang der eifersuchtige Vater meiner Freundin auf die Abreise, aber die vernunftige Gattin wusste es mit Anstand zu verhindern, denn seither ist sie noch immer mit Entwurfen beschaftigt, die jungen Leute zu verbinden und ihre Tochter den Augen des straflichen Stiefvaters zu entziehen. Eben dieser Mann ist gar mein Freund nicht, weil ihn das Vertrauen seiner Tochter zu mir argert. Er blikt mit einem gewissen kalten Stolz auf mich herab. Er ist der Busenfreund des Pfarrers, weil gleiche Grundsazze, gleiche Laster die Harmonie ihres Umgangs befestigen. Man begegnet mir in diesem Hause jezt schroklich erniedrigend; es scheint, als ob man mir mit jedem Blik die wenigen Wohlthaten vorwerfen wollte, die man mich so aus ungefahrer Barmherzigkeit geniessen lasst. So ist denn uberall die Tugend den wuthenden Fusstritten des Lasters ausgesezt! Wird sie denn so fortdauern diese feste, aneinanderhangende Kette von unendlichen Verfolgungen? Bei Gott! Es ist unbegreiflich, dass ich rastlos und ohne Aufhoren, wo ich nur hinkomme, Menschen finde, die mich durch und durch peinigen und verfolgen! Dieses hartnakkige, unleidentliche Schiksal muss mit mir zur Welt gekommen seyn, sonst konnte es mich nicht so grasslich anhaltend verfolgen! Manchem wurden diese schnell aufeinander folgende Ungluksfalle unbegreiflich scheinen, und doch sind es lautere, reine Wahrheiten. Wer kann in das unendliche Kaos der Schiksale hineindringen? Wer kann es fassen, dass eine Waise von der ganzen Natur gehasst wird? Wem wird es glaublich scheinen, dass die Jugend eines elternlosen Madchens der Tirann ihrer Ruhe ist? Will so ein Madchen der Stimme ihrer rechtschaffenen Erziehung folgen, will sie, ohne ins Abentheuerliche zu verfallen, ihr Herz rein behalten, was fur Sturmen ist sie da nicht ausgesezt? Es giebt ja der Niedertrachtigen so viele, die auf die Verfolgung einer schwachen, wehrlosen Waise ein Recht der Unverschamtheit zu haben glauben. Die Menschen sind fast alle verdorben, und nach dem Sturze desjenigen lustern, der sich durch seine Unschuld auszeichnet. Wenn der ewige Vater nicht uber mich wacht, so weis der Himmel was in der Zukunft noch aus mir wird. Wer burgt mir fur Standhaftigkeit in granzenlosen Verfolgungen, in unbeschreiblichen Lagen? Romanenheldinnen doch nicht? Die Menschheit bleibt Menschheit, und der Gebeugte unterliegt oft da am ersten, wo er sich sicher glaubt. Ich habe bisher alle Grunde der Moral streng zu meiner Beruhigung hervorgesucht, ich habe mich fest an sie gekettet, ich habe jede Lage wohl uberdacht; aber wer steht mir bei drohendem Mangel fur die Zukunft? Mein Oheim ist gutig, aber nicht reich; meine Schwester lebt von meinen Zinsen, die gerade fur sie hinlanglich sind; durch Handearbeit zu leben, dazu brauchts Ueberlegung, Geld um sich dazu einzurichten, und hinlangliche Kunst sich mit Prahlerei zu empfehlen. Du kennst meine Schuchternheit, Freundin, besonders da sich bei so einem Gewerbe eine gewisse Art Schamhaftigkeit bei mir einschleicht. Ich bin nicht dazu geboren; nur das Schiksal wurde mich dazu erniedrigen. Zwar tausendmal besser als lasterhaft werden, aber doch immer ein schwerer Kampf fur die Eitelkeit eines Madchens von gutem Hause. Wahrlich, meine Theure, ich wurde noch einen solchen Brief anfullen, wenn ich Dir die Gedanken uber mein kunftiges Schiksal ganz hersagen sollte, wie sie in meinem Kopf herumirren. Nahrungssorge ist eine schrokliche Sache fur ein denkendes Madchen! Du wirst so gut seyn und mir nicht eher schreiben, als bis Du wieder einen Brief von mir erhaltst. Ich mochte etwa wahrend dieser Zeit abreisen und der Brief in unrechte Hande kommen. Lebe wohl!

Deine Amalie.

L. Brief

An Fanny

Wie wirst Du aufspringen vor Wuth, meine Fanny! wenn Du horen wirst, was seither mir begegnete! Die unbarmherzigste, grasslichste Handlung ist nun an mir vollendet! Von jenem geistlichen Vetter vollendet, der mich aus Rache verstossen, hulflos, ohne Geld, der Verfuhrung, dem Elend und der grossen Welt Preis gab! Schroklich wird der Richter einst von ihm Rechenschaft fodern fur eine junge Seele, die er auf eine so niedertrachtige, schlechte Art in die Welt hineinstiess. Die Verzweiflung mag nun aus mir machen, was sie will, so geht es auf Rechnung dieses Ungeheuers, der mich gewissenlos und heuchlerisch von sich entfernte. Er hat die Pflichten der Menschheit leichtsinnig zerrissen, er ist meineidig geworden an meinem Oheim, er hat an Gott und an mir ein Verbrechen begangen, das man nur bei Barbaren und nicht unter gesalbten Christen suchen wurde. Sein Groll, die Anstiftung seiner Haushalterin, die gute Gelegenheit mich mit einer schiklichen Ausrede vom Halse zu bringen, alles half dazu, seine giftigen Anschlage zu erfullen. Sie waren gut ausgesonnen, diese Schlingen der uberdachten Bosheit. Man lies mich ruhig und ohne dass ich je diese Falschheit hatte merken konnen, mit der Dame und ihrer Familie nach M*** abreisen. Wir alle argwohnten nichts, sassen zufrieden beisammen im Wagen, und vollendeten in zween Tagen unsere kleine Reise. Ein feiler Schurke von Bedienten wurde mir unter dem Vorwand, dass er mich bedienen sollte, mitgegeben. Kaum waren wir in M***, als dieser Bote des Lasters mir ein Billet folgenden Innhalts von seinem Herrn zustellte: "Madememoiselle! Sie haben sich durch ihre wenige Vertraglichkeit ihres hiesigen Aufenthaltes unwurdig gemacht. Wenn man nicht viel Vermogen hat, muss man sich in alle Menschen schikken konnen. Schreiben Sie sich nun alle Folgen selbst zu. Sie sind jung, schon, gesund und wizzig; suchen Sie nun ihr Gluk in der grossen Welt. Das Versprechen, das ich Ihrem Oheim that, war willkuhrlich, und folglich in meiner Gewalt es aufzuheben. Wenn Sie Ihren eignen Vortheil verstehen, so werden Sie in dem Hause Ihres jezzigen Aufenthalts so lange schweigen, bis sich Ihnen einige Aussichten offnen, damit Sie nicht zu fruhzeitig das Recht der Gastfreiheit verscherzen. Der Bediente hat Ordre unter einem politischen Vorwand zurukzukehren, und von ihm werden Sie auch ihre wenigen Kleidungsstukke zu Ihrem Gebrauche erhalten. Ich wunsche, dass Ihr Kopfchen geschmeidiger werde, und mehr konnen Sie doch wahrhaftig nicht von mir fordern."

Ihr ergebner Diener

******

Ha! Fanny! Ich glaubte zu versinken, als ich diese Beweise der marmorherzigen Grausamkeit las! Ich warf mich wie unsinnig aufs Bett! Ich fuhlte die Trostlosigkeit eines Fremdlings, der, wie ein uberflussiges Mitglied, von keinem Menschen geschazt und geliebt, freudenlos in der Natur herumwandelt! Meine Borse war so schlecht bestellt, dass sie mir fur keinen Monat Unterhalt burgte. Unentschlossen der Dame vom Haus etwas zu entdekken, mistrauisch gegen ihren Mann, niedergebeugt und schuchtern gegen das junge Fraulein, verlebte ich zween schrokliche Tage. Meine Schwermuth lag mit hellen Zugen auf meiner Stirne; Thranen glanzten in meinen Augen, so oft man mich um die Ursache dieser Schwermuth fragte. Die Verstellung, die Unterdrukkung meines Kummers presste meine Seele zusammen, mein Kampf machte Aufsehen, und die Dame drang in mich. Antworten konnte ich durchaus von Anfang nicht, denn die Wehmuth erstikte mich beinahe. Ich gab ihr das empfangene Billet und harrte zitternd auf ihren Entschluss. Zu allem Gluk beruhigte mich diese Mendass dieser Vorfall ihrem Gemahl noch ein Geheimnis bleiben musste, bis sie die Entscheidung meines Schiksals von meinem Oheim, dem sie den ganzen Vorfall berichten wollte, erhielte. Das Fraulein, die bei dieser Unterredung zugegen war, brausste feurig auf uber die schlechte Behandlung eines Verwandten, eines Geistlichen. Mit dem heftigsten Feuer der beleidigten Freundschaft eilte sie zur Feder, und schrieb diesem Unmenschen einen sehr beissenden, empfindlichen Brief. Sie lies ihn alle die Verachtung fuhlen, die er verdiente. So harre ich ungewis und bange, bis zu ferneren Nachrichten von meinem Oheim. Gewis, meine Liebe, nichts ist qualender, als wenn man es weis, wenn man es fuhlt, dass man der Menschenhulfe bedarf. Ich sass oft mit marternder Furcht bei Tische, wagte es kaum, das Bischen Gastfreiheit zu geniessen, weil ich alle Minuten ahndete, dass der Herr des Hauses meine Lage erfahren und mich fur einen uberflussigen Gast ansehen konnte. Er war ohnehin kalt und murrisch gegen mich, und das blosse Wiedervergeltungsrecht fur die bei dem Pfarrer genossenen Hoflichkeiten hielten diesen Mann noch in den Schranken des Wohlstandes. Auf diese Art, meine Freundin, ist deine arme Amalie fur diesmal in den Handen des Ungefahrs. Ob es mich nun in Abgrund hinschleudert oder nicht..... das sollst Du bald horen von deiner ungluklichen

Amalie.

LI. Brief

An Amalie

Ich wurde lugen, meine Theure, wenn ich diese schandliche Entehrung der Menschheit kaltblutig ubergehen konnte! Ha! Religion! Ha! Tugend! Ha! Menschlichkeit! Was ist aus euch geworden? So seyd ihr denn von einem Strafbaren auf einmal heruntergewurdigt, der nicht einmal den Schein seiner Wurde zu behaupten wusste. So hat er es denn ohne Bedenken gewagt, dieser Elende, deine Jugend, deine Schwachheit dem Laster und seinen Lokkungen entgegen zu stossen? Mir steht vor Kummer der Verstand stille, wenn ich das Getummel der grossen Welt uberdenke, dem er Dich ohne Ruksicht, ohne Mitleid, ohne Gewissensangst, ohne Vorwurf blosgab! Mit Abscheu ist meine Seele fur so ein Andenken angefullt! Und ein Priester wagte es, die Unschuld den Verfuhrungen des Lasters zu opfern? Wo soll die Tugend Trost finden, wenn er ihr von den Dienern der himmlischen Moral versagt wird? Ist so ein Aergerniss nicht tausendmal mehr Sunde, als das strafbarste Laster, das doch wenigstens vor den Augen der Welt verborgen bleibt! Wenn Nachstenliebe in so einem Mann ihren Wohnsiz nicht hat, wo soll man sie denn finden? So hat denn die Unschuld keinen Retter, die Tugend und Menschheit keine Stimme mehr? Kein Vieh lasst sein Junges verhungern, und Menschen begegnen sich einander so fuhllos? Menschen, die durch die Vernunft ihre Pflichten kennen, mit dem Mund vor den Augen Gottes Wahrheit schworen, und dabei eine garstige, rachsuchtige Seele im Busen tragen! Ich bin hingerissen vom Gefuhl der aussersten Traurigkeit, uber die Bosheit, die in dem Herzen der Menschen sich heimlich einnistet. Es ist ein trostloser Gedanke fur den Guten, wenn er seinen Nebenmenschen bis in Staub der Niedertrachtigkeit gesunken neben sich erblikt. In welchem Sturm der zerrutteten Leidenschaften mag dieser harte Mann wohl das fur dich drukkende Billet geschrieben haben? Verblendung fur jene Dirne muss ihn hingerissen haben, sonst ware es unmoglich, dass er mit einem Herzen im Leibe so hatte gegen Dich handeln konnen. Ich will Dir gerne glauben, meine Inniggeliebte, dass Dir dieser lezte unvermuthete Streich des gebrandmarkten Zutrauens bis in die Seele sturmte! Nichts ist grasslicher, als auf unsere Unkosten das Lasterhafte zu entdekken, wo ein geheiligtes Ansehen uns fur das Gegentheil burgte. Falschheit, Mishandlung, boses Herz, drukken den Verfolgten weit arger, wenn sie unerwartet erscheinen. Nun, meine Liebe, halte Dich indessen an jene Dame, die nun deine einzige Beschuzzerin ist. Wie entzukte mich der gutige Eifer des wakkern jungen Frauleins. Unverdorbene Menschen mussen uber die schwarzen Handlungen von Bosewichtern brausen, weil es ihnen schwer fallt, fremdes Laster zu dulden, wovon ihr eignes Herz so rein ist. Wie beschamend ist die Moral eines so jungen Madchens fur einen Mann, der nach seinem Berufe eben diese Moral Andern predigen sollte. Wenn dieser Verdorbene diese Stimme der Warnung fuhlen konnte, wenn er merken wollte, dass ihm der Himmel eben durch die Moral dieses Frauleins Besserung zuruft! Aber wie kann er es fuhlen, wie kann er es merken, wenn die Gewohnheit schon die Gewissensbisse ubertaubt hat? Doch uberlassen wir ihn der angstlichen Stunde des Todes, da mag er dann ringen um die granzenlose Barmherzigkeit, die der gutige Schopfer Keinem versagt, wenn er sein Laster wahrhaft bereuet. Uebrigens, meine Liebe, sind die wenigen Wohlthaten, die Du bei dieser Familie geniessest, nur so lang Wohlthaten, bis sie dein Oheim bezahlt, welches denn auch geschehen wird. Geniesse sie also nicht mit so grosser Zaghaftigkeit, Du mochtest dadurch dem unartigen Hausherrn zum Argwohn Anlass geben, eh es Zeit ist. Heitere Dich auf, Amalie, noch ist keine nahe Gefahr, dass Du Dich mit Handarbeiten abgeben musst. Du wirst sehen, dass die Hulfe am nachsten, wenn das Ungluk am grossten ist. Und nun ein Kuss von deiner theilnehmenden

Fanny.

LII. Brief

An Fanny

Heute, meine gutige Fanny, kann ich Dir schon etwas Mehreres von meinem Schiksal sagen. Der liebe Oheim will in Zukunft fur meinen Unterhalt sorgen. Doch wunschte er mich in dem stillen Aufenthalt eines Klosters zu sehen. Ich bin seinem Wunsche gar nicht entgegen; mich verlangt selbst nach Einsamkeit, nach Ruhe. Nur furchte ich, dass die Stille des Klosters zu stark auf meinen lebhaften Geist wirken wird, und dass sich meine Leidenschaften erst dann zu emporen anfangen werden, wenn der Mangel an Freiheit sie aufwekt. Dieser Aufenthalt wird mir Anfangs ein Grab scheinen, wo man leblos den Freuden der Natur entsagt, und sich der Schopfung nur verstohlner Weise in den traurigen Winkeln der Zellen freuen darf. Nie wurde ich mich entschliessen, ein Mitglied dieses unsinnigen Vorurtheils zu werden. Aber so als Zuschauerin, als Beobachterin dieser heimlich Unzufriedenen auf einige Zeit einen solchen Aufenthalt zu wahlen, dient mir zur Menschenkenntnis. Da mich mein Oheim nicht dazu zwingt, so ist meine Neugierde die Triebfeder meines freien Willens. Man wollte mich versichern, dass es in solchen Gefangenschaften eben so viel Zufriedene, als Unzufriedene gebe. Dies kann ich unmoglich glauben; bald sollst Du hieruber mein Urtheil aus Erfahrung horen. Der Mann meiner Wohlthaterin hat nun meine Lage durch ein Ungefahr erfahren. Dieses und die fortdauernde Liebe des Frauleins mit meinem Vetter B*** hat ihn so sehr in Harnisch gejagt, dass er mir es derb fuhlen liess. Seine Frau wusste diesem Groll vorzubeugen, und gab mich in das Haus ihrer Schwester. Das Fraulein und ihre Mama eiferten freilich wider meine Klostergedanken und haben mir zu einer Heirathsabsicht die Bekanntschaft eines Mannes angezettelt, der jezt eine ansehnliche Stelle beim hiesigen Hofe begleitet. Dieser Mann hat Talenten, stund ehedessen in spanischen Diensten als Offizier. Er hat Amerika, Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und mehrere Lander durchreist. Das stille burgerliche Leben will nun freilich seinem unruhigen Geiste nicht behagen, er wird nachstens in andere Kriegsdienste treten, und dieser junge Mann buhlt um meine Liebe. Sein Blik ist etwas finster und untersichgeschlagen, er hat Lektur genug, um von Moral zu plaudern. Was ubrigens fur Leidenschaften in ihm herrschen und wie sein Herz aussieht, weis ich nicht, denn er ist mehr verschlossen, als offen in seinem Wesen. Frau von D***, das Fraulein und meine Hausfrau loben ihn ubrigens mit vielem Affekt. Er scheint in seinen Briefen einen fliegenden Enthusiasmus zu behaupten, denn er schrieb mit feurigem Schwung der Liebe wegen meiner an meinen Oheim. Wenn ich mich je entschliessen konnte, so ein Band zu knupfen, so ware meine liebe Schwester die Hauptursache davon. Denn ich muss das Madchen bald in meine Arme rufen, sie ist es satt, eines Kerkers satt, den sie aus Zwang wahlen musste. Indessen bleibt mein Entschluss fur jezt fest, mich auf einige Zeit nach A*** ins Kloster zu begeben. Vielleicht entscheidet die Vorsicht bald mein Schiksal, wenn mein Freier mit Standhaftigkeit auf meine Liebe dringt. Er hat zwar nicht vollkommen das an sich, was die Eitelkeit eines Madchens befriedigen konnte. Doch ist er ohne hasslich zu seyn, nur etwas steif und kalt, nach spanischer Art. Wenn ich nun sein Herz besser kennen lernen wollte, so musste das meinige weniger gut seyn, denn eben dieses zu gute Herz macht mir bei jeder kritischen Anmerkung einen Dunst vor die Augen, der am Ende mein Ungluk machen konnte. Ich bin durchaus nicht im Stande Menschen zu untersuchen, weil es mir an Erfahrung und hinlanglicher Kalte fehlt, die Menschen zu erforschen. Ich finde aus angeborner Gutheit uberall mein Echo, bis die leidige Ueberzeugung von Menschenfalschheit mich leider zu spat immer vom Gegentheile uberfuhrt. Noch warte ich deine Antwort ab, und dann fort ins Kloster. Bis dorthin

Deine Amalie.

LIII. Brief

An Fanny

Freundin! Dein Malchen wird zur Lugnerin, ich muss Dir noch, eh Du mir schreibst, vor meiner Abreise die gefahrlichen Auftritte fur mein Herz erzahlen. Das ist ausgemacht, entschieden, und ich bins auch jezt zum erstenmale in meinem Leben uberzeugt, dass die Liebe beim ersten Anblik einer Person hinreisst, bis zur sussen Schwermuth hinreisst! Mein Ungluksstern fuhrte mich gestern ins Schauspiel, ich kam gerade neben einem schwarzbraunen schonen Jungen zu sizzen. Kaum war der dustere Nebel, von dem man gewohnlich beim Eintritt uberfallen wird, meinen Augen entflohen, so stieg mir auf den ersten Blik, den ich auf meinen Nachbar warf, eine brennende Rothe ins Gesicht! Wir sassen beide sprachlos, wie angenagelt, nur zuweilen begegneten wir uns mit Blikken. Er fieng endlich zu sprechen an, ich antwortete ihm so gut ich konnte, und dabei bat er mich um die Erlaubnis, mich bis an meine Hausthure zu begleiten. Schon wartete ich auf den Antrag einer Bekanntschaft, aber mit einer getauschten Hofnung, die mir durch die Seele zitterte, sah ich mich auf einmal betrogen. "Lange schon, fieng er nun an, liebe ich Sie, mich deucht, dass sie erwiedert wurde von Ihnen, diese Liebe, wenn mich die Ehre nicht davon abhielt, nach einem Gut zu greifen, dessen Entbehrung mich vielleicht eben so schroklich fur immer verdammt! Ich bin arm, unversorgt, um ihre Hand buhlt ein Anderer, der Sie wenigstens durch seinen Stand gluklich machen kann. Gott segne Sie beide, und mir gebe er Ruhe, oder.... Tod!" Rasch flog dieser Jungling von mir, und ich sah ihn seither nicht wieder, auch weis ich nicht einmal wer er ist. Sein Andenken ist ein schleichender Wurm in meinem Herzen, und meine schmeichelnde Eigenliebe sagt mir immer, er hatte nicht entfliehen sollen, der Undankbare! Wahrend dieser Zeit wuchs die Leidenschaft meines Freiers bis zum Grade, dass er Mitleiden verdient. Der obige Auftritt hat mein Herz in etwas gegen ihn verstimmt, und da er mit seiner Leidenschaft vorbeieilte, ohne auf den Grad der meinigen zu achten, so sind wir beide noch um ein ziemliches von einander entfernt. Mitleiden wallt in meinem Herzen fur ihn, aber Mitleiden ist noch lange nicht Liebe. Er hat ubrigens einen Anschein von stiller Gemuthsart, wenn es Soliditat ist, dann ware schon ein starker Grad meines Zutrauens gewonnen. Die Leute, die mit aller Ueberredungskunst auf diese Heirath dringen, behaupten durchaus, dass es wirklich ein fester, gebildeter Karakter seye. Furcht, Angst und Begierde nach Versorgung, um meine Schwester zu retten, streiten in meinem Kopfe. Ich bin das elendeste Madchen unter der Sonne, wenn sich mein gutes Herz leichtglaubig ins Spiel mischt, ehe die Vernunft und ihre Ueberlegung den Rath zu dieser Heirath giebt. Du weist, ich habe noch ein artiges Vermogen, auch spricht er mir davon, dass er welches besasse... Doch was kummert mich Vermogen, wenn nur mein armes Herz Ruhe bei ihm fande! Ich bin traurig bis zum Tiefsinn! Lebe wohl! Deine schwermuthige

Amalie.

LIV. Brief

An Amalie

Nun so verfallst Du denn schon wieder ins Abentheuerliche, meine Besste! Ich muss Dich zanken uber deinen Klostergedanken. Vielleicht kommt dieser Brief zu spat, und dann gute Nacht heitere Tage meiner Amalie! Du, mit deiner Anlage zur Schwermuth willst die Einsamkeit suchen? Du, mit deiner Lebhaftigkeit willst Dich unter die Kostgangerruthe beugen? Du, mit deinem Freiheitssinn willst heucheln lernen.... oder Dich hassen lassen? Du, mit deiner Anlage zum Naturlichen, willst Dich in das Joch des Ueberspannten werfen? Du, mit deinem Herzen voll Liebe, willst zwischen Riegel und Gitter die Manner entbehren? O! Du wirst gewis auf meine Grunde der Warnung denken! Ich wette, was Du willst, dein Brautigam siegt in dieser Lage uber deine Liebe. Du bist dann entfernt von allen andern Mannern; dein Herz muss Beschaftigung haben, und die Nothwendigkeit wird gewis das Loos auf deinen Freier lenken. Wenn mir je eine Uebereilung im Geiste vorgeht, so ist es gewis diese hier. Und warum wahltest Du denn dieses Leben, da dein Oheim es nicht geradezu foderte? Nicht wahr aus Dankbarkeit, um diesen lieben Mann auch nicht mit einem Winke zu widersprechen? O! Ich kenne deine Grossmuth; Du bist aus Freundschaft und Dankbarkeit grosser Handlungen fahig. Was wurdest Du erst aus Liebe thun, wenn Dich Einer recht zu bezaubern wusste. Es ist ewig Schade, dass der braune Junge so schnell von Dir ablies. Ihr zwei wurdet euch fest aneinander gekettet haben. Harmonische Liebe ware das Losungswort gewesen, und eine glukliche Ehe die Belohnung fur deine Drangsalen. Dass doch die bessten Menschen arm seyn mussen! Dass es dort liegen muss, das elende Metall, auf einem Haufen an der Seite des fuhllosen Dummkopfs. Doch, Freundin! Hange dem Verlust dieses Junglings nicht zu sehr nach; er war Dir nicht von der Vorsehung beschieden. Was nun deinen Freier betrifft, so hast Du mich fast durch einige Anmerkungen uber ihn erschrokt. Wenn mich anders nicht die Versicherung deiner Wohlthaterin in Betreff seines Karakters beruhigt hatte, so wurde ich dieses zurukhaltende Wesen in ihm fur verborgene Heuchelei halten. Sey vorsichtig, die Frau von D*** kann mit dem bessten Herzen mit Dir betrogen werden. Du kannst leicht die Zuge seines Karakters unrecht deuten, und das fur Ruhe nehmen, was oft boses Gewissen oder tukkisches Wesen ist. Ueberhaupt, Menschen, die keinen offnen Karakter haben, sind gefahrlich. Ich will lieber Spuren der Leidenschaften in einem Mann erblikken, so kann man doch untersuchen, wie weit diese Leidenschaften gehen. Dasjenige, was verschlossen ist, wutet beim Ausbruch desto heftiger. Ich zweifle gar nicht, dass Du seine Begierden entflammt hast. Ein so hubsches, schlankes, vollbusigtes, lebhaftes Schweizermadchen, kann schon Zerruttungen in den Sinnen eines Mannes stiften. Doch ware es mir weit lieber, wenn dein Anbeter minder heftig und mehr mit Ueberlegung liebte. Treibt man die Leidenschaften zu hoch, dann spannen sie sich um desto geschwinder ab. Untersuche deine Wunsche wohl, prufe Dich selbst, ob Du ihn lieben konntest? Denn die Ehe ist ein ewiges Band, und knupft auch ewiges Verderben, wenn nicht Liebe den Grund dazu legt. Lebe wohl in deiner Einsamkeit, wenn Du allenfalls schon darinnen seyn solltest! Deine treue

Fanny.

LV. Brief

An Fanny

Dein lezter Brief, meine Liebe, wurde mir ins Kloster nach A*** nachgeschikt. Mit allem Fleis hab ich ihn einen ganzen Monat bis zur Beantwortung liegen lassen. Um Dir jezt desto besser sagen zu konnen, wie mir meine Einsamkeit behagt. Du hast alles errathen, meine Freundin! Die furchterlich stillen Mauern reizen mich zum tiefsten Nachdenken. Das von Menschen entfernte Leben hauft Empfindungen in meinem Herzen, die in eine vollige Sehnsucht der Mittheilung ausbrechen. Ich finde, dass die Natur durchaus keinen andern Zwang leidet, als den, der von der gesunden Vernunft gebilligt wird. Ein Herz, das mit gesunden Gefuhlen und mit einem heitern Kopfe geschaffen worden, muss etwas haben, wo es sich anschmiegen kann. Liebe ist nun freilich das erste, nach welchem ein solches Herz greift, und wenn es dann im Kerker des Vorurtheils eingesperrt nichts erhaschen kann, was zur Befriedigung seiner Leere beitragt, dann ist es lebendig todt, dieses Herz. Unzufrieden, mit einer todkranken Seele schleichen die armen Nonnen dem Grabe zu, das ihrer Jugend von Naturfeinden, von Menschenhassern so fruhzeitig ist gegraben worden. Das ist nun der erbarmliche Zustand so mancher gefuhlvollen Nonne, die aus Leichtglaubigkeit oder Uebereilung auf ewig der Liebe und ihren Seligkeiten entsagte! So manches gute Madchen welkt da mit den tobenden Trieben der Natur im Busen als eine Martirin der Grausamkeit dahin! Die ganze Natur erinnert sie im dustern Klostergarten an Freiheit, an Liebe; mit Wehmuth sieht sie die kleinsten Insekten sich paaren, und schroklich schwer drukt dann der Gedanke der Unmoglichkeit ihr unglukliches Herz. Sie flucht im Stillen der Schopfung, weil sie ihr Triebe gab, die ihr zur lebenslanglichen Marter dienen. Zwang reizt ohnehin jede Schwachheit zum Laster, und eine gute Seele braucht keine Schranken, weil sie sie selbst hinlanglich zu sezzen weis. Dummkopfe und von der Natur Verwahrloste schleppen blind die Kette des Vorurtheils, und kleiden ihre Ausschweifungen in die Maske der Heimlichkeit ein. - - - - Es ist zum Entsezzen, was man da leblose, gebeugte Madchen an den hohen furchterlichen Klostermauern herumschleichen sieht. Die Ungluklichen konnen sich der Natur nicht freuen, weil sie ihnen eine furchterliche Tirannin scheint, der sie mit tausend Kampfen, mit tausend Thranen entgegenstreiten mussen. Natur und Vernunft konnen recht gut miteinander bestehen, und die leztere giebt der erstern mit gewisser Massigung nach. Aber Dummheit, Vorurtheil, Bigotterie und Natur sind von jeher die schroklichsten Feinde gewesen. Mich deucht, die Einsamkeit des Klosters ist der Tugend eben so schadlich, als das grosse Getummel der Welt. Das leztere uberstimmt die Tugend, und fuhrt aus Taumel, aus Zerstreuung, aus Beispiel zum Laster, und die erste aus Langerweile, aus Mangel der nothigen Erholung, wozu die Natur uns schuf. Aber im mittelmassigen Burgerleben, entfernt von den Thorheiten, frei vom Zwang in den Armen eines Gatten, (scheint mir) ist der Weg zur zeitlichen und ewigen Glukseligkeit. Der Mensch braucht in diesem muhsamen Leben Aufmunterung, und wo findet er sie besser, als in den Armen der tugendhaften Liebe? Weich gestimmt ist dann seine Seele, und selten wird man einen wahrhaft Liebenden lasterhaft sehen. Zufrieden im Zirkel seiner Wunsche arbeitet er fleissig, flieht das Gerausch, und lebt ohne ubrige Leidenschaften, blos fur sich und seine Familie. O meine Theuerste! Die Liebe hat fur mich unendlich viele Reize. Noch kenne ich zwar ihre Schiksale nicht ganz, aber wenn sie sich meinem schonen Ideal nur halb nahen, dann verlasse ich diese Mauern in aller Eilfertigkeit, so bald sich die Liebe meldet. Zum Denken ist mir zwar dieser Ort reizend, aber das Denken macht wollustig, und eben dadurch fuhlt ein junges Herz die traurige Leere desto heftiger. Ich habe hier eine Freundin; sie ist schon seit einigen Jahren Nonne. Jung, feurig und voll Schwarmerei musste sie aus tollem Eigensinn ihrer Eltern den Schleier ergreifen. Sie kann weder dem Gefuhle der Liebe, noch der Frommigkeit opfern; ihr Wille ist zwar der Sklave ihrer Handlungen, aber ihr Herz, ihr Kopf murrt bis zum Grausen uber die vorgesezten Regeln, womit man die Natur tirannisirt. Die Frommigkeit, die man in Gesezze einkleidet, ist immer das Werk der traumenden Bigotten, und nicht des freiwilligen Herzens. Wenn das arme menschliche Herz nicht von selbst aus Ueberzeugung nach Moral greift, so ist das ubrige ein erpresstes Opfer aus Gewohnheit, aus Menschenfurcht. Andacht und Laster haben ihre Extremen, beide werden zur kalten Gewohnheit, und manchmal ist das leztere nicht weit vom erstern, wenigstens in Gedanken. Mich deucht, man kann in der Welt eben so gut das Gute uben und das Bose lassen, wie in Klostern, und vielleicht besser, denn wer will in diesen Hausern des Haders dem Neid und der Feindschaft entgehen? Es giebt ja in Klostern vollkommene Sundenerfinderinnen, die in ihren phantastischen Kopfen an ihrem Nebenmenschen Alles als strafbar verdammen. Kurz, unser Geschlecht ist zu seicht im Kopfe, um die reine Moral nicht ins Abentheuerliche zu verwandeln. Ebendeswegen sollte man durchaus keine solche Pflanzschulen des Aberglaubens dulden. Die Weiber, die sich auf ein Haufchen sammeln, sind zu blodsichtig, um das Ehrwurdige der Religion nicht auf lacherliche Abwege zu leiten. Ihre Absicht in den Mauern, der Natur zum Troz, aus Selbstbezwingung zu vergrauen, mag fur kurzsichtige Weiberkopfe gut seyn, aber fur hellere taugt sie nicht. Die Tugend, die keinen offentlichen Streit auszuhalten vermag, hat keinen Werth. Die Gelegenheit zur Sunde, die man in der Welt freiwillig meidet, verdient weit mehr Belohnung, als die Aufopferung seiner Begierden in Klostern, die nie anders als durch eigne Gedanken gereizt werden. Wenn ein Madchen in der Welt fruhe ans Denken gewohnt wird, wenn ihre Leidenschaften geordnet, ihr Herz gefuhlvoll und gut ist, dann wird sie triumphirend mit ihrem Ehrengefuhl durch das Verderbnis der Welt hinwandern, und wenn sie auch zuweilen strauchelt, so versohnt ihre empfindsame Reue den Schopfer weit besser, als jene monotonen Bussgebeter der Nonnen, die nur die Oberflache von den bei ihnen im stillen wutenden Leidenschaften beruhren. Du wirst uber meine Anmerkung lachen, und beinahe glauben, dass ich diesen Aufenthalt blos wahlte, um die darinn herrschenden Thorheiten auszukundschaften. Ganz Unrecht hast Du darinn wohl nicht. Lebe wohl! Deine

Amalie.

LVI. Brief

An Amalie

Es freuet mich, meine Liebe, dass bei Dir meine Prophezeihung in Ansehung deines Klosterlebens eingetroffen hat. Nun siehst Du doch, dass meine Ueberlegungen eben nicht die unrichtigsten sind. Das Einformige, die wenige Beschaftigung in Klostern nahrt uberhaupt alle Leidenschaften. Die Wunsche haben da mehr Macht in den Herzen der Menschen zu toben, weil keine Hofnung, diese Wunsche jemals zu erfullen, diese Macht hindert. Unzufriedenheit, nagende Schwermuth ist das Erbtheil dieser ungluklichen Schlachtopfer. Melankolie, Hypochondrie, sezt sich in ihrem Busen fest, und wahlt zum Gegenstand ihrer Nahrung, diese oder jene Leidenschaft. Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual fur solche arme Madchen. Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe, ihre Gesundheit, ihre Seligkeit auf, denn Verzweiflung ist gewohnlich die Nachbarin der Sklaverei. Selbst die reinste, unerfahrenste Unschuld fuhlt nicht so leicht Hang zum Laster, aber doch Hang zur Liebe, zur Begattung. Die grosste Schwarmerei der Religion ist nicht vermogend einen Trieb zu besanftigen, der so unwillkuhrlich im menschlichen Korper wohnt. Auch die grossten Bigotten halten im Stillen Liebe nicht fur straflich, und wenn sie uber diese grosse Menschenbezwingerin siegen, so ist es tief eingewurzeltes Vorurtheil, Heuchelei, oder glukliches Temperament. Der Mensch hat da keinen freien Willen, wo die Natur ihr Recht fodert: aber diese Natur nicht durch gesezwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand der Zugellosigkeit zu machen, dazu hat der Mensch vom Schopfer freien Willen erhalten. Jedes Madchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der urtheilenden Vernunft in sich. Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der Langweile laut ins Ohr rufen: Thorin! Die Natur hat Dich frei geschaffen, und Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual, Dich von Unwissenden in das Joch einer gezwungenen Enthaltsamkeit werfen zu lassen! Die Religion selbst billigt Liebe, und zwischen Liebe und Laster ist ein grossmachtiger Unterschied. Die Klostermenschen versaumen immer die erstere, und haschen nach dem leztern. Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust, mit Sinnlichkeit. Liebe hat ihre besondere Gesezze, und das ist eben nicht Liebe, was man ohne Vereinigung der Moral, blos zur Befriedigung der Begierden geniesst. Wenn die Nonnen von ihren Eltern den wahren, wurdigen Gebrauch der Liebe gelernt hatten, wenn sie gelernt hatten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft, mit Ueberlegung, ohne Absichten, blos zur Seelenentzukkung zu geniessen, welche Nonne wurde nicht uber die Mauern hinaus ohne Sundenfurcht in die Arme der Liebe springen? Die Begriffe, die man diesen armen Kindern beibringt, gehen meistens auf Unkosten der tugendhaften Liebe; man malt diesen unerfahrnen Madchen Ausschweifungen statt gemassigten Trieben vor, man zeigt ihnen Laster, statt Tugend, in der wahren Liebe. Man schreit uber die bose Welt, und endlich uberrascht von solchen schwarzen Schilderungen, eilt das junge leichtglaubige Madchen hin zum Altar, und von diesem in ewige Fesseln. So verlieren aus Gewohnheit, aus Uebermas der Andachtelei, die wenig zufriedenen Nonnen, die etwa noch in Klostern zu finden sind, ihr Gefuhl fur Gott und die Menschen. Denn wer fur Wohlwollen, fur die Natur, fur das gesellige Leben kein Gefuhl hat, der hat auch keines fur seinen Schopfer. Unnuz furs Gute, leben diese Geschopfe blos der Nahrung, dem Schlaf, dem Neid, der Weiberei, und der mechanischen Religionsubung, die sie eben so wenig verstehen, als die Erziehung der Kinder, mit der sich einige Kloster zum Unheil der Menschheit beschaftigen. Du hast Recht, meine Liebe, ein mittelmassiges Leben ist dem Kloster und dem Gerausch der grossen Welt vorzuziehen. Beides ist uberspannt, beides gefahrlich. Indessen musst Du Dir in den Armen eines Gatten nicht lauter Himmel versprechen; es kommt erst darauf an, in wie weit deine Wahl gut ausschlagt. Nicht jeder Jungling hat gutes Herz genug, in der Ehe die beiderseitige Zufriedenheit zu befestigen. Du weisst, was Du mir selbst lezthin uber jenes junge Weibchen schriebst. Fur dein Herz, fur deine Vernunft steh ich gut, wenn Du nur an Jemanden gerathst, der dieses Herz mit Gute zu leiten weiss. Nur, meine Freundin, sind die bessten Herzen immer die schwachsten, und gerathen sehr leicht auf Irrwege, wenn ihnen Rohheit, oder brutales Betragen entgegengesezt wird. Du bist lebhaft, meine Theuerste! Du hast einen hellen Geist und sehr wenig Vorurtheil; zu welchen Exzessen warest Du nicht aufgelegt, wenn Dich ein Gatte ubel behandeln sollte! Ueberlege deine Heirath wohl, und versage deiner Freundin das Zutrauen nicht.

Fanny.

LVII. Brief

An Fanny

Theuerste, besste Fanny! Ich muss mich heute schon wieder ans Klosterleben halten, denn dieses liefert mir taglich mehr Stoff zum Lachen und zum Erbarmen. Zwar sind diese Sammelplazze der Dummheit in den kaiserlichen Landern jezt sehr vermindert; aber um desto schroklicher schmachten die armen Nonnen in andern Gegenden ohne Rettung, umsonst nach Freiheit, und beneiden jene um das Gluk ihrer Sklaverei entledigt zu seyn. Nun will ich Dir doch das Wichtigste vom Klosterleben entwerfen. Gehorsam und unverlezte Keuschheit ist der Nonnen Hauptregel. Die geringste Uebertretung des erstern wird unter ihnen frazmassig gestraft. Da kann man alle Tage Nonnen am Kazzentischchen, andere mit holzernen Kochloffeln im Munde, wieder andere auf der Erden sizzend sehen, u.s.w. Zwanzigjahrige Madchen mussen da wie Kinder vor der Ruthe ihrer Mutter zittern; mussen der Vernunft widrige Strafen dulden, die ihnen durch Weibergesezze aufgelegt werden. Mussen einer kindischen Moral folgen, die ihren Kopf zum Starrsinn, und ihr Herz zur Fuhllosigkeit bringt. Steif zusammen gedrangt, trauen sich die armen Kinder kaum Gottes freie Luft zu geniessen. Denn wohin reicht nicht das scharfe Auge einer stolzen, aufgeblasenen wurdigen Mutter? Der Neid und die naturliche Schwazhaftigkeit der Weiber dringt in den Klostern bis zu den geringsten Fehlern des Nebenmenschen. Man besucht sich unter einander, blos um Anmerkungen unter sich zu machen; man plaudert zusammen, um Neuigkeiten zu erfahren; kurz man macht willkuhrlich Jagd auf die Vergehungen Anderer, um sie zu verachten und der Misgunst Nahrung zu geben. Was nun die Keuschheit betrifft, diese wird in Heuchelei eingekleidet, so gut es einer Jeden moglich ist. Freilich sind ihre Gedanken dabei zollfrei. Nun wollen wir ihre Andachtsubungen untersuchen. Die Nonnen beten viel, und doch nichts. Sie beichten oft, aber immer, aus Gewohnheit, kalt. Der Schlaf wird bei ihnen um Mitternacht gestort, aber desto trager, desto untuchtiger sind sie in ihren Empfindungen zum Lobe des Schopfers, weil es ihrem Korper an der nachtlichen Ruhe mangelt. Bei Tische geniessen sie die Fruchten der gutigen Natur mit milzsuchtiger Laune, denn ihre melankolischen Vorlesungen hemmen die Safte der Verdauung. Ein barbarisches Stillschweigen... man denke sich das Wort Weib hinzu... martert ihre Seele, und macht sie jede Frohlichkeit vermissen, die der gute Gott blos zur Erholung der Tugendhaften schuf. Speis und Trank muss ihnen zur Last seyn, weil sie es unter der Obsicht der Tirannei geniessen. Es ist zum Entsezzen, wie erfinderisch der Unsinn da jede Freiheit vergiftet, die der liebe Vater im Himmel, uns Allen zur Erholung, der leidenden Menschheit mittheilte. Die Erholungsstunden der Nonnen bestehen aus Gaukeleien, aus Kinderspielen, woruber die Vernunft weinen mochte. Die jungen Nonnen unterhalten sich aus Raserei, aus Langerweile, mit dergleichen lappischen Possen, weil ihnen jede geschmakvollere Unterhaltung untersagt ist. Die alten Nonnen verkriechen sich murrisch in ihre Zellen, und freuen sich sehnsuchtsvoll auf ihren Tod. Bucher sind durchaus bis auf ein Paar Kapuzinerautoren bei hoher Strafe verboten. Schreiben darf keine Nonne ohne die Erlaubnis ihrer Oberin. Alle Briefe werden von dieser versiegelt, und auch die Antworten wieder von ihr gelesen. Das ist doch eine unverzeihliche Nasenweisheit! Das beweist doch recht, dass man den Nonnen jeden Weg abschneidet, freiwillig im Kloster zu bleiben und freiwillig sich der Enthaltsamkeit zu opfern. So verleben diese Armseligen im ewigen Streit ihrer Leidenschaften, mit dem herznagenden Hang zur Freiheit ihre Tage, entfernt von allen Freuden des Lebens, entfernt von der gesunden Vernunft, entfernt von den Rechten der Menschheit. Unwissenheit, Menschenhass, Vorurtheil, Einfalt begleitet die Vorsteherin solcher Haufchen uberall. Ja wohl, meine Freundin, ist Klostererziehung die abgeschmakteste von der Welt. Wie konnen die Frauenzimmer, denen es selbst an Weltund Menschenkenntnis fehlt, junge Seelen bilden? Wie konnen sie in jungen Madchen Leidenschaften erforschen, wenn sie uber ihre eigenen nicht nachdenken durfen? Wie konnen sie die rohe Natur in Kindern zu verfeinern suchen, wenn sie die Stimme derselben in sich selbst erstikken und mit ubertriebener Selbstverlaugnung brandmarken mussen? Wie konnen sie das Temperament eines Kindes nach seiner gehorigen Art zur Tugend ordnen, wenn in ihren eigenen Kopfen nichts als Rohheit, verwirrte Leidenschaften und wutender Gahzorn herrscht? Unzufriedene Menschen sind uberhaupt murrisch, und unfahig das zarte Herz eines weichen Kindes zu bilden. Wie viele zufriedene Nonnen haben wir denn, denen es nicht an Geduld zur Erziehung fehlte? Diese Eigenschaft, die, nebst eigener Erziehung, zu diesem Geschafte hochst nothig ist, mangelt den Nonnen vorzuglich. Das wenige Menschengefuhl, das sie ins Kloster bringen, wird durch Vorurtheil unterdrukt, verdorben, oder gar ausgerottet; und im Gefuhl liegt doch der grosste Keim der Tugend. Aber um zu fuhlen, muss man zuerst denken lernen, und um gut zu handeln, muss man fuhlen lernen. Es ist ein wahres Elend, wenn man die an Seel und Sitten schwachen Klosterkostgangerinnen betrachtet. Unerfahren, steif, blode, ohne Herz, ohne wahren Begriff von Gott, ohne Menschenverstand, schuchtern wie Hasen, trippeln sie mit abgemessenen Schritten, in der Schule umher. Jeder Keim von aufsteigendem Wiz wird in diesen Schulerinnen zurukgeschrekt. Die Lebhaftigkeit der Kinder wird in tukkisches Wesen verwandelt. Sie lernen heucheln, lugen, sie lernen sich aus sklavischer Furcht verstellen, sie lernen Falschheit und Bosheit. Man spricht den Kindern von Lastern, und offnet ihnen dabei den Weg, daruber nachzudenken. Man lehrt sie die Mannspersonen ohne Ausnahme verabscheuen; Liebe zu ihnen schildert man den jungen Zoglingen als Verbrechen. Sie lernen dieses Geschlecht nicht anders als mit Vorurtheil kennen; bleiben von ihm entfernt so lange die Natur schweigt, uberlassen sich dann aber desto zugelloser den Schmeicheleien der Stuzzer, wenn sie in die Welt tretten, und nehmen in ihrer Leichtglaubigkeit das fur baare Munze an, was ihnen jeder Gek vorlugt. Unerfahrenheit, Neuheit, wachsende Leidenschaften, Eitelkeit, Liebe zum Weihrauch, sind die baufalligen Saulen ihrer Klostertugend. Ihr Larvchen blendet den Wollustling, und ihr Korper wird allen Denen zu Theil, die den Muth haben, sie zu uberraschen. Ein dummes Madchen ist tausendmal schwacher, als ein vernunftiges. Wiz, Wohlstand und Beurtheilungskraft sind fur junge Madchen durchaus nothige Dinge, wenn sie nicht das Spiel eines jeden Angrifs werden will. Und wie ist es denn moglich, meine Besste, dass ein Madchen zwischen den Mauern die Welt kennen lernen kann? Wie ist es moglich, dass man Nonnenerziehung nicht vollig abschafft? Sie taugt zu nichts, kann zu nichts taugen. Jezt nur noch etwas weniges von meinem Freier: Er schreibt mir so schwarmerische Briefe, die gewis jedes andere Madchen zur unheilbarsten Leidenschaft hinreissen wurden. So viel mich deucht, liebt mich der Mann mit einiger Leidenschaft; nur thut es mir leid, dass diese Leidenschaft ihn so sehr martert. Denn man schreibt mir, dass er seit meiner Abwesenheit kranklich seye. Was nun aus dieser Bekanntschaft noch werden wird, sollst Du bald horen von deiner ewig treuen

Amalie.

LVIII. Brief

An Fanny

Ich konnte unmoglich Deine Antwort abwarten, denn heute habe ich Dir viele und wichtige Dinge zu sagen. Meine arme Schwester schreibt mir und ruft mich im Tone des aussersten Jammers um Hulfe an! Der Vormund ist im Begrif sie wider ihren Willen zur Nonne zu machen. Die ubrigen Nonnen, die um sie herum sind, wenden alle Kunstgriffe an, dieses unschuldige Geschopf zum Vortheil ihres Klosters zu erobern. Sie schreibt, sie vermuthe ganz sicher, der Vormund habe mit den Nonnen einen gewissen Kontrakt geschlossen, kraft dessen der vierte Theil ihres Vermogens dem Vormund in Handen bliebe, der Ueberrest aber dem Kloster bestimmt ware. Eigennuz muss doch dahinterstekken, sonst wurde mein Vormund nicht so gewaltig auf die Einkleidung meiner Schwester dringen. Sie lebt wirklich aus Zwang in den Tagen der Prufung, und schaudert vor Furcht, wenn man sie zu einem Schwur zwingen sollte, wovon ihr Herz durchaus nichts wissen will. Ewiger Gott! Ich wurde rasend, wenn ich sie musste hinschleppen lassen, diese arme Waise, zum Altar, und schworen lassen, die schwarzeste Luge! Sturmen wollte ich den Altar, und laut ausrufen: Betruger gebt mir sie zuruk! Wie doch die lasterhaften Kreaturen aus Eigennuz um das Ungluk einer Seele buhlen! Wie sie da stehen die Heuchlerinnen, mit Zukkerbrod, um das leichtglaubige Madchen in das grassliche Joch einer ewigen Gefangenschaft zu lokken! Wie die Frazzenpriesterinnen der Tugend dem Kinde mit tauschender Wahrscheinlichkeit blos das wenige Gute des Klosterlebens schildern, und dabei das Uebermass der Plagen verschweigen! Wie sie die Laster der Welt herzahlen, und dabei ihre eigene verbergen! Nein! Beim Allmachtigen! ich kann meine Schwester nicht einer so granzenlosen Verzweiflung zueilen lassen! Ich will, ich muss auf Rettung denken, und wenn es auch auf Kosten meiner eigenen Ruhe ware! Der Kopf mochte mir bersten, weil ich mir ihn durch unaufhorliches Projektiren beinahe verrukte. Seit dieser Nachricht ist der Schlaf aus meinen Augen entflohen; so wie ich das Bett besteige, ist marterndes Nachsinnen meine unzertrennliche Gesellschaft. Den Anbruch jedes Tages erlebe ich mit offnen Augen. Matt von den Anstrengungen einer schlaflosen Nacht, sind meistens bittere Thranen mein erstes Fruhstuk. Fanny! Fanny! Was wird es noch werden mit deiner armen Amalie? Wie werde ich mich herausreissen aus diesem neuen Auftritt meines unglukseligen Lebens? Alles sturmt wieder mit neuen Kraften auf mich los! Mein Oheim in K*** ist mit seinem Fursten auf sechs Monate in entfernte Lander verreisst, und kommt zu meiner Schwester Verderben zu spat zuruk. Er befahl mir in meinem jezigen Aufenthalt bis zu seiner Zurukkunft ruhig zu harren. Noch will er nicht zu meiner Verheirathung seine Einwilligung geben, und mein Freier dringt jezt mehr als jemals auf meine Entscheidung. Seine Klagen uber Ungewisheit zerreissen mein Herz! Es ist mir unmoglich, jemanden um meinetwillen leiden zu sehen! Er war vor einigen Tagen heimlich hier, und jammerte so furchterlich, dass mein banges Herz daruber laut pochte! Ich bin ausserst traurig uber seinen Zustand; seine Leidenschaft erwekt in mir jene taumelnde Unruhe, die so oft an Liebe granzt. Ich fuhle, dass ich ihm mehr, als blos gut bin.... Die Entfernung von andern Mannern, sein eifriges Bestreben, sein weiches Herz, die Hofnung, dass ich durch diese Verbindung meine unglukliche Schwester retten konnte; o diese Hofnung ist es, die einen Wunsch in mir nahrt, den ich mir kaum einzugestehen traue. Ich will ihn zum Vertrauten meiner Leiden machen, diesen rechtschaffenen Mann, ich will ihn bitten, sich meiner Schwester anzunehmen, und er wird es thun. Dann meine Liebe, dann gebe ich ihm zum Lohne meine Hand. Frau von D*** schreibt mir, dass ich die Hofnung dieses jungen Mannes nicht langer martern sollte. Sie schreibt, dass er seit unserer lezten Zusammenkunft weit ungluklicher herum irre als vorher. Dass er zum Spotte der Menschen, wie ein bleicher Schatten herumschleiche, und dass sie es mir auf mein Gewissen gabe, wenn ich die Verbindung nur noch um einen Monat verzogerte. Aber um Gotteswillen, die Frau muss nicht wissen, dass mein Oheim abwesend ist, und dass mir seine Befehle heilig sind! Sie muss nicht wissen, dass ich keinen Schritt aus dem Kloster wagen darf, der meine Ehre, meinen guten Namen, und das Zutrauen meines Oheims entheiligen wurde! Warum will mich denn die Frau zu einem Verbrechen zwingen, um die schmachtende Leidenschaft eines Mannes zu befriedigen, der mein Mitleid, meine Liebe ohnehin schon hat? Die Frau hat fur diesen Mann viel gutes Herz; sie hat alles angewandt, meine Eitelkeit fur ihn in Gahrung zu bringen. Sie schilderte mir ihn so reizend, als es ihr nur moglich war. Sie schreibt, dass er wirklich wieder in Kriegsdienste getretten ware, und dass er mir in der niedlichen Uniform gewis mehr als vorher gefallen wurde. Das ist wohl eine bose Frau von D***! Nicht wahr, Fanny?

Amalie.

LIX. Brief

An Amalie

Liebstes, besstes Malchen! Ich bin Dir zwo Antworten schuldig. Aber Du sollst sie heute reichlich ersezt bekommen. Also zum Voraus zu deinem erstern Briefe, in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst: Du bist gluklich, dass Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehorst. Menschen, die sich mit gesundem Korper begraben! Menschen, die es wagen, aus Eigendunkel der Schopfung zu widersprechen! Menschen, die aus Fantasterei ihren Leib kasteien, und dabei ihre Seele zu Grunde richten! Menschen, die dem Ewigen freventlich ins Richteramt greifen! Kurz, arme, bedaurungswurdige Menschen, die blind nach Fesseln, nach ewiger Unzufriedenheit haschen! Mochte es doch jedem Monarchen einfallen, Bande zu losen, die unmoglich zur Seligkeit dienen konnen. Mochten die Grossen der Erde mit forschendem Blik hineinschleichen in die von Thranen der Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers! Mochten sie fuhlen, mochten sie horen, wie der wutende Gram so vieler Nonnen laut wimmert! O dass eine milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Madchen trosten und retten mochte! O, dass diese Hand rachen mochte die misbrauchten Rechte der Natur! Dies, meine Theuerste, sind gewis die warmsten Wunsche meines Innern! Was nun die Erziehung anbelangt, die in Klostern gegeben wird, so ist es leicht zu begreifen, dass sie die Kinder mehr verderbt, als bessert, Weiber, die aus Vorurtheil sich untereinander selbst martern, konnen unmoglich gute Menschen bilden. Das leidige Vorurtheil ist das Grab der Vernunft, der Tod der Tugend und des guten Herzens. Man muss hell sehen, selbst empfinden und viel denken, wenn man Kinder erziehen will. Es erfodert den scharfsten Blik, die reifste Ueberlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, die in jedem Kinde verschieden wirken. Besonders sollten die Nonnen einen mitleidigen, nachsichtsvollen Blik mehr auf mannbare Madchen werfen, bei denen sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt. Sie sollten sich dieser jungen Madchen Zutrauen zu erwerben suchen; dies ware der einzige Weg, sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu fuhren. Aber wie roh, wie unmenschlich, wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen Madchen behandelt. Man bewacht ihre Handlungen, aber nicht ihre Begierden, man droht ihren Leidenschaften, und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten, man kerkert sie ein, und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen, frechen Zusammenkunften. Die Nacht muss alsdann die Stelle des Tages vertretten, und tollkuhn besteigt das feurig verliebte Madchen die hohen, festen Mauern der Unempfindlichkeit, schwelgt, von dem Verbote gereizt, in den Armen ihres Lieblings. Liebe kann auch die bessten Herzen zu Grunde richten, wenn ihr Zuchtigung oder hasslicher Kontrast entgegengesezt wird. Das unverdorbene Madchen kampft willig mit ihrer Leidenschaft, aber eine theilnehmende, vernunftige Vertraute muss ihr Aufmunterung und Hulfe darbieten. Heftig brennt das Feuer der ersten Liebe, und gewaltsame Mittel fachen es nur noch mehr an. Vernunft! mochte ich laut diesen Schulvorsteherinnen zurufen! Nun zu deinem zweiten Briefe: Das Schiksal deiner Schwester liegt auf einer gefahrlichen Wagschale; sie steht am Scheideweg, die Arme, ihres ewigen Ungluks! Man will ihr barbarisch eine Freiheit rauben, deren Werth in dem Buche des gerechten Richters musste verrechnet werden! Der Vormund und die Nonnen sind leichtfertige Menschen, dass sie sich an den Willen eines Madchens wagen, dem selbst der Schopfer Freiheit gab. Es ist unverantwortlich, den freigebornen Menschen auf Zeit Lebens mit Leib und Seele dem Eigennuz zu verhandeln! Die Nonnen geben zwar diesem Freiheitstausche einen ganz andern Namen, sie nennen es Beruf, wenn ein junges unwissendes Madchen aus Furcht, aus Mangel an Selbstkenntniss, gereizt von falschen Lokspeisen ein zaghaftes Ja daherstottert. Der freie Willen eines Madchen wird vom oftern Zureden ubertaubt; ihre Vernunft ist noch zu schwach, um den Folgen nachzudenken; sie sieht nur das Gegenwartige, und will Denen, die uber ihr sind, nicht gerne widersprechen; sie kann aus Mangel an Erfahrung nicht urtheilen, und halt das selbst fur Beruf, was ihr Leben vergiften wird! Das was die Nonnen Noviziat nennen, ist keine wahre Prufung, sondern eine blosse Spiegelfechterei ihrer eigennuzzigen Absichten. Das schuchterne, an tausend Bussen gewohnte Madchen kann ihre Geduld in diesen Prufungstagen nicht viel mehr auf die Probe sezzen, als in der Kostgangerschule, wo sie eben so oft beten, fasten und auf dem Boden sizzen musste. Blos zu Rettung ihres guten Namens brauchen die Nonnen bei der Aufnahme einer Schwester diese Zeremonie, damit die Welt glauben solle, dass jedes Madchen seinen eignen Willen dazu gabe. Nun kann doch ein Madchen vor funf und zwanzig Jahren zu einem solchen Schwure keinen freien Willen haben, besonders, wenn sie die Welt gar nicht kennt, und mehr Boses als Gutes von ihr weis. Ich bleibe bei meinem Saz. Jede Einkleidung eines jungen unerfahrnen Madchens ist ein morderischer Raub an dem Menschengeschlecht. Raffe Dich auf, Freundin! und schleppe sie weg vom Altar, deine arme Schwester, wenn es je so weit mit ihr kommen sollte! Dein Oheim ist abwesend, Du bist diesem Kinde Elternpflicht schuldig. Doch beschwore ich Dich, handle mit Vorsicht, und begehe keine Uebereilung. Ich kenne deinen hizzigen Kopf, und zittere fur Dich! Schreibe Dir diese Worte tief ins Herz, meine theure, unglukliche Amalie! Jezt auch noch ein Wortchen von deinen Herzensangelegenheiten: Du liebst also deinen bestimmten Brautigam? Doch nicht mit der lebhaften Leidenschaft glaub ich, wie er Dich liebt. Eben dieser Unterschied, meine Liebe, verspricht mir von deiner Seite mehr Standhaftigkeit, als von der seinigen. Man will behaupten, was in der Liebe zu uberspannt seye, musse brechen. Doch in der Liebe ist nicht leicht zu rathen, ich muss Dich fur diesmal schon deiner eigenen Fuhrung uberlassen, weil ich den Mann nicht kenne, der sich mit Dir verbinden will. Nur scheint er mir vergieb mir meine Aufrichtigkeit durch seinen zugellosen Wunsch, Dich so bald zu besizzen, etwas verdachtig. Ist es Furcht Dich zu verlieren? Du bist ja im Kloster gut verwahrt! Ist es reine granzenlose Liebe! Nun, sie wird ihm ja erwiedert! Aber, meine Liebe, wenn es blos Begierde nach Genuss ware? Wenn es ein sturmisches Sehnen nach Sattigung seiner Wollust ware? Ich wurde unsinnig, wenn Du Dich tauschtest! Sey vorsichtig! Das ruft Dir zu deine liebe

Fanny.

LX. Brief

An Fanny

Meine Besste! Es seye nun in der Welt wie es wolle, wir Menschen hangen unstreitig von gewissen Augenblikken ab: Gestern trat er zu mir ins Zimmer, der liebe Junge! Du musst aber auch wissen, dass ich ausser der Klausur wohne, und folglich unter der Aufsicht meiner Aufseherin den Besuch meines Brautigams annehmen darf. Also gestern sah ich ihn in seinem volligen Glanze. Er war gepuzt wie ein Engel, und die Uniform steht ihm gottlich! Wie sie da stund vor mir die symmetrisch gepuzte Puppe, meinem Auge so reizend, und meiner Eitelkeit so lokkend. Der stille Gram der Liebe hat sein Gesicht gebleicht: und dieses schmachtende Aussehen stimmt ganz mit seinen langen blonden Haaren uberein. Meine Sinnen hiengen heute zum erstenmal an der aussern Seite eines Junglings, und irrten verschwiegen und wollustig auf seinen Reizen umher. Man mag mir sagen was man will, ein artiger Junge in der Uniform ist fur das Auge eines Madchens gefahrlich, besonders wenn kein zugelloser Wildfang darinnen stekt, der zu wenig der Delikatesse der Madchen schont. Es ist nichts reizender, als ein milder, denkender, empfindsamer, gutgezogener, bescheidener junger Offizier. Ueberrascht von einem so seltenen Funde, muss jedes freie Madchenherz schmelzen, wenn es anders die rohe Wildheit, die ungezogene Brutalitat, die Verlaumdungssucht der meisten ubrigen Offiziers kennt. Ich fodere nicht, dass ein Krieger Weib seyn soll. Aber an der Seite seines Madchens, in den Armen der Liebe gewinnt seine Lebhaftigkeit unendlich, wenn weiches Gefuhl der Dankbarkeit, wenn sanfter Affekt seine fuhlende Seele adelt! Sturmerei im Umgang, Unverschamtheit der Sitten, ist doch immer die Sache des gemeinen Mannes, und lasst in der Uniform gar nicht. Ich habe schon mehrere Offiziere von diesem Schlag in Gesellschaft gefunden, und es schien, als ob ihnen die Uniform ein Recht zur Ausgelassenheit gabe. Sie erhoben ofters ihren gebietenden Hochmuth uber die Tugend eines armen Madchens, gerade als stunde diese Tugend unter der Subordinazion ihrer Begierden. Doch mein zukunftiges Mannchen ist artiger, wenigstens hat er sich bis daher sehr liebevoll betragen. Du sprichst mir zwar in deinem Brief von Begierde nach Genuss. O du lieber Gott! Wer kann die Absichten eines Liebhabers so genau bestimmen? Er zeigt sich immer auf der bessten Seite, und weis unsere Leichtglaubigkeit so tauschend zu beruhigen. Ich versichere Dich, meine Besste, je mehr man den Liebhaber studirt, je weniger kennt man ihn. Ich schmeichle mir doch auch ein Bischen Gehirne zu haben, und doch bin ich mit meiner unendlichen Bemuhung ihn zu untersuchen nicht weiter gekommen, als bis dahin, wo er mich vielleicht mit voller Ueberlegung wollte kommen lassen. Denn der Mann hat Kopf. Was ist nun zu thun? Wie ubel ist derjenige daran, der zwischen Liebe und Furcht zu wahlen hat.? Die erstere ist bisweilen so ubereilt, so geschwind entschlossen, dass keine spate Reue den Schritt mehr zuruk thun kann, den sie vielleicht unbesonnen, blos aus Uereilung wagte. Mit banger Aengstlichkeit werde ich mich vielleicht einer Verbindung nahen, die mich zum gluklichen Weibe, oder zum elendesten Wurm machen kann. So eben erhalte ich durch einen expressen Boten einen Brief von meiner Schwester. Ich will ihn lesen, und wenn er Wichtigkeiten enthalt, so werde ich ihn Wort fur Wort hier einrukken.

Ja wohl enthalt er Wichtigkeiten dieser Brief! Die schroklichsten, die wir Beide uns je denken konnten! Lies und schenke ihr eine Thrane, der Verfolgten! .....

"Liebe, gute Schwester! Schreibe mein langes Stillschweigen auf die Rechnung meiner Gefangenschaft, in der ich seit deinem leztern Briefe halb verzweifelt schmachte! Du hieltst diese Pause meines Schiksals vermuthlich fur eine gute Wendung; aber Du irrst Dich, denn mein Elend ist aufs Hochste gestiegen! Meine Prufungszeit geht in wenig Tagen zu Ende, und dann will man mich hinschleppen zu jenen furchterlichen Gebrauchen der Einkleidung! Sie haben mir meine Einwilligung abgezwungen, die grausamen Morder meines Seelenheils! Ich werde mich in die finstere Todtengruft unter die rasselnden Knochen, meiner verweseten Vorfahrerinnen verbergen, wenn Du, einzig geliebte Schwester, mich nicht rettest! Meine Gesundheit ist ohnehin angegriffen; aber doch mochte ich die wenigen Tage meines Lebens nicht unter dem Drukke einer schandlichen Luge verseufzen! O meine verstorbene Eltern! Hort, hort eure nach Hulfe schreiende Tochter! Steigt hervor aus dem Grabe ihr schleichenden Schatten meiner Erlosung! Reisst es weg, das Leichentuch, wenn man es mir nahe am Altar der milden Gottheit uber meinen Kopf wirft! Ich will den Kranz meiner Unschuld, den Brautschmuk meines Hochzeittages in Stukken zerfezzen, denn mein Schwur ist gezwungen, und folglich ungultig! Ich bin eine Waise; Alles ist taub fur mein Geschrei! Man wusste meine Zunge durch Furcht und Zagheit zu binden. Die Gutherzigkeit einer verliebten Nonne half mir zu dieser Gelegenheit an Dich zu schreiben. Zogerst Du nur noch auf wenige Tage, so ist auf ewig fur Dich verloren deine jammernde Schwester Louise von B***." Verloren auf ewig fur mich! Fuhle diesen Schlag, der mein Herz zerreisst, wenn Du kannst, und lass mich!!!

LXI. Brief

An Fanny

Es ist geschehen, meine Freundin! Zittere nicht; deine Amalie ist vermahlt! Und nun ist sie aus dem Kloster entflohen. Die harten Nonnen haben mir meine Bitte abgeschlagen, zu meiner Schwester zu reisen, und was war mir in einer so dringenden Lage anders ubrig? Ich bin undankbar an meinem Oheim geworden, ich habe pflichtlos an ihm gehandelt, und den Nonnen einen Streich gespielt, an [den] sie denken werden! Ich habe einem Mann mit Zittern die Hand gegeben, dessen durstende Leidenschaft den entscheidenden Zeitpunkt zu benuzzen wusste! Ich habe vielleicht unsinnig, rasend gehandelt, und das alles aus Liebe zu meiner Schwester! Aber eigennuzzig hatte mein Gatte meine Hand nicht erschleichen sollen; es verrath zu viel Liebe zur Befriedigung. Doch, was konnte ich da in so verwirrten Augenblikken viel untersuchen? Ich sah meine Schwester im Todtengewande vor meinem Bette knieen, ich sah sie im Sarg liegen, sprang hastig aus meinem Schlafzimmer, und kroch im Dunkeln uber Stiegen und Brukken, offnete mit Kuhnheit Schlosser und Thuren, achtete nicht des nachtlichen Grausens, das mir durch die Glieder schauerte; und so kam ich eine Stunde vor unserer Abrede in den Klostergarten. Schweiss und Kalte lag auf meiner Stirne, das Rauschen eines jeden Blattes folterte mein Gewissen bis zur Todesangst! Ich fluchte der Erde, ihren Bewohnern und dem Schiksal! Ich fuhlte Rache gegen die Nonnen im Herzen, weil sie mir meine Bitte abschlugen; und doch zitterte ich vor dem Anblik dieser Schwestern der Fuhllosigkeit. Bang, wie ein entspringendes Reh, irrte ich im finstern Garten herum. Mein Freund Mond hatte sich verhullt, um meinen Frevel zu bedekken, den ich aus Schwesterliebe begieng. Bald sah ich vor meinen Augen den durch mich gekrankten Oheim, bald den funkelnden Zorn der beleidigten Nonnen, die mir mit Bigottengrausamkeit nachfluchten, sobald sie meine Flucht entdekten. Mit Seelenangst erwartete ich jede Minute meinen Liebhaber! Furchterlich, bis zum Entsezzen tobte der Gedanke der Ungewisheit in meinem Busen. Wenn er dich nicht heirathet! Wenn er dich blos entfuhrt und entehrt! fuhr mir dann bei seinem langen Ausbleiben donnernd durch den Kopf! Schon hob ich den Fuss um ins Zimmer zurukzukehren, wo das Andenken meines Vergehens unausloschlich eingepragt bleiben wird. Aber eine heilige sympathetische Macht hielt mich zuruk. Ich sah meine Schwester mir wieder leibhaft nachschleichen; ich fuhlte gleichsam wie sie mich am Rokke festhielt; ich sah sie ihre Hande ringen; ich horte ihr dumpfes Aechzen; sie bat mich um die lezte schwesterliche Umarmung; ich haschte nach ihr mit leidenschaftlicher Phantasie, als auf einmal der Wurf eines Steines meinen Sinnen wieder Richtung gab! Ich eilte schnell dem Orte zu, da dieses Zeichen gegeben worden sank ohnmachtig.... wohin? in die Arme meines Geliebten! Mein Herz schlug heftig an seinem Busen; ich bat ihn um Schonung und um Rettung meiner Schwester! Kampf, Furcht, weniges Zutrauen durchkreuzten meine Seele. Ich hatte leichte Kleider an, war ohne Schuhe, und der Morgenthau uberfiel mich mit einer fieberhaften Kalte. Meinem Liebhaber war fur meine Gesundheit bange; er schwur mir vor Gott, noch eh der Tag anbrache mein Gatte zu werden! So liess ich mich fortschleppen, um das unauflosliche Band des Ehestandes zu knupfen. Er hielt auch Wort; denn ehe zwo Stunden vergiengen, waren wir vermahlt. Berauscht von Liebe und Wollust, taumelten wir einige Stunden fort! Doch granzte mein Entzukken mehr an Wehmuth, als an das gewohnliche Entzukken junger Eheleute! Mein Gatte machte sich Tages darauf fertig zur Reise nach dem Kloster, wo meine Schwester mit Angst seiner wartete. Er hatte den Entschluss gefasst, sie gutwillig oder mit Gewalt den Handen der Grausamkeit zu entreissen. Jede Stunde erwarte ich Briefe von ihm, und schroklich angstlich sehne ich nach der Entwiklung dieses traurigen Romans! Theure! Bleib doch meine Freundin, meine Vertraute im Kummer! Solltest Du in meiner Handlung Schwachheit entdekken, so ahnde sie mit Nachsicht; denn sie kommt gewiss aus dem bessten Herzen

Deiner Amalie.

LXII. Brief

An Amalie

Madchen, Du lasst mich Dinge erleben, die mein Herz angreifen! So wirst du denn immer und ewig fortbrausen im Wirbel deiner hizzigen Leidenschaften? Ich mochte die Klosterweiber bei den Kopfen kriegen, dass sie Dir die Ausfuhrung einer Handlung versagten, die deinem guten Herzen Pflicht war! Warum hast Du ihn aber auch gewahlt, diesen Aufenthalt der eigensinnigen Bosheit? Ich wusste es schon vorher recht gut, dass dein Temperament durchaus keinen Widerspruch dulden wurde und besonders da nicht, wo Natur, Theilnahme und Rechtschaffenheit Dich zur Rettung auffoderten. Ewiges Weh uber die Nichtswurdigen, wenn dein ubereilter Schritt ubel ausschlagt! Gutes unbegreifliches Geschopf! Aus Gutherzigkeit opferst Du Dich selbsten auf, um deine Schwester zu retten. Aus Gutherzigkeit wagst Du Ehre, guten Namen und vielleicht die ganze Ruhe deines Lebens! Wer kann so ein Herz begreifen? Wer kann es bezahlen? Wer kann ihm an Gute gleichkommen? Es ist wahr, der Brief deiner Schwester dringt bis ins Innerste! Aber Freundin! Freundin! Wie kuhn und mannlich wagtest Du es, aus einem Kloster zu entspringen, da unbeschreibliche Schande dein Loos gewesen ware, wenn man Dich eingeholt hatte! Du bist rasch in deinen Unternehmungen, Du bist standhaft in deinen Entschlussen, Du bist furchterlich in deinem Zorne, wenn man ihn reizt! Darf ich es sagen, ohne Dich zu beleidigen? Du besizzest grosse Tugenden, hast aber auch zugleich Anlage zu grossen Ausschweifungen. Blos dein Herz burgt mir dafur, dass die lezteren nie zum Ausbruch kommen werden, wenn es so gefuhrt wird, wie ich es wunsche. Also jezt, liebes Malchen, bist Du in den Armen deines Gatten, ruhst unter dem Schuzze Dessen, der dir Alles seyn muss? Amalie! Darf ich Dich wohl mit wenigen Worten um Nachsicht, um Sanftmuth, um die strengste Erfullung deiner Pflichten gegen ihn bitten? Erwarte in deinem Mann blos den Menschen mit allen seinen anklebenden Gebrechen, und Du wirst Dich dadurch weniger selbst tauschen, Du wirst Geduld mit seinen Fehlern haben. Die Manner sind oft launigt, murrisch und roh. Fasse Dich auf alles, liebes Kind, dann wirst Du jeder seiner Leidenschaften mit Vernunft begegnen. Wenn dein Mann seine Pflichten erfullt, so bist Du ihm die der deinigen doppelt schuldig als Gattin und als dankbare Freundin. Und wirst Du endlich einst Mutter, o dann theile mir deine Freude mit, lass mich sie mitempfinden diese reizende Hofnung deines verjungten Ebenbildes. Gerne wurde ich mich heute langer mit Dir unterhalten, aber die Krankheit meiner Mutter halt mich davon ab. Lebe ruhig gluklich und mir hold. Das wunscht deine ewig zartliche Freundin

Fanny.

LXIII. Brief

An Fanny

Von tiefem Schmerz angeschwollen ist mein Herz uber die Streiche meines grausamen Schiksals! Sie ist hin, meine innig geliebte Schwester, sie ist todt! Der Gram hat sie geopfert! Sie haben ihren Zwek erreicht, die Morder ihres Lebens! Sie haben sie so lange gequalt, gemartert, gepeinigt, bis der schwache Korper murbe war zum Grabe, das man ihr vorsezlich grub! Menschen-Grausamkeit geht uber allen Ausdruk, denn sie ist so manchfaltig, und hat so viele heimliche Triebfedern zu ihrer Ausubung. Ich glaube, dass der Richter einst nichts so unbarmherzig strafen wird, als die Thranen, die man seinem Nebenmenschen abpresst. Wenigstens scheint in der Natur nichts straflicheres, als dieses! Und doch richten sich die Menschen untereinander lachend zu Grunde! Also habe ich denn jezt Alles mit dieser einzigen Schwester verloren, was meinem Herzen theuer war? Nun so bin ich denn hingeworfen, in die weite, fur mich trostlose Schopfung! Vater, Mutter, Schwester, alles ruht in der unendlichen Ewigkeit! Sie haben mich zurukgelassen, die Grausamen, in einer Welt, wo vielleicht keine Seele mehr mein Herz zu schazzen weis. In einer Welt, wo ich, ohne von den Banden des Bluts gefesselt zu seyn, verlassen herumirre. Nichts werde ich diesen Theuren mehr mittheilen konnen, jede Last muss ich jezt allein tragen! Zutrauen, Mittheilung, Linderung im Kummer, in welchem Menschenherz werde ich euch wieder finden? Wenn mein Gatte mein unendlich fuhlbares Herz verkennte, wenn er mit Leichtsinn daruber hinweghupfte? Wenn ihm die Feinheit meiner Empfindungen unbegreiflich ware? Wenn ich mich irren sollte in seinem Karakter? O Tod! Tod! wie willkommen warst du mir dann! Noch ist er nicht zuruk, dieser einzige Mann in der Natur, auf dem mein Wohl oder mein Elend beruht. Er schrieb mir, dass er meine Schwester mitten im hizzigen Fieber angetroffen hatte, dass ihr erster und lezter Laut mein Namen gewesen ware, dass es ihn fast vor Wehmuth erstikt hatte, diese Unschuld, diese Jugend am Rande des Grabes zu finden! Dass die Nonnen die Ursache ihrer Krankheit laugneten, und dass der Vormund mehr als jemals den Heuchler spielte. Mit Engelssanftmuth starb diese Dulderin der Menschenbosheit! Mit inniger Seelengute drukte sie meinen Mann, statt meiner, an ihre sterbenden Lippen. Mit der heiligsten Wahrheit einer Sterbenden beschwor sie ihn, mir Alles zu werden, was zu meinem Trost gereichen konnte! Und so, meine Fanny, flog ihr Geist in die Arme ihres Erlosers. Ewig wird mir diese einzige geliebte Schwester unvergesslich bleiben! Ich liebte sie eben so leidenschaftlich, wie ich uberhaupt ohne Unterschied des Geschlechts zu lieben pflege. Denn meine Liebe ruht in der Gute des Herzens und nicht in der Wollust. Mit brennender Sehnsucht, mit marternder Ungeduld, kann ich den Tag kaum erwarten, wo mein Gatte zurukkehren wird. Er wird mein Vermogen mitbringen, und wie gluklich bin ich, dass ich dadurch das seinige vergrossern kann! Bis jezt hab ich aus Verwirrung der Umstande nicht im geringsten Einsicht in seine okonomische Lage bekommen. Wenn er ein Betruger seyn wollte, er konnte sein Vermogen ganz verschwenden, ohne dass ich den geringsten Anspruch darauf machen konnte, denn ich habe mich in der rasenden Angst blos an seine Ehrlichkeit verheirathet. Glaube mir, Fanny, der Mensch gehort in gewissen entscheidenden Augenblikken nicht sich selbst zu. Ist meine Heirath nicht ein Beweis davon? Die Leidenschaft des Mitleidens bemachtigte sich meiner, und die kalte Ueberlegung bei einem so gewagten Schritt kam da zu spat, wo die Schwesterliebe so machtig sprach! Ich habe gelernt das Elend Anderer tiefer zu fuhlen als das meinige. Ich habe ein Herz, das nur dann zufrieden ist, wenn Andere es auch sind, Nachstenliebe war mir von Jugend an heilig und feurig ins Herz geschrieben, und wenn es etwa eine Strohseele gelusten sollte, meine Handlung fur ubertrieben anzusehen, die will ich auf das Gesez Gottes zurukweisen, das uns laut zuruft; Liebe deinen Nachsten wie dich selbst! Und wer war mir naher als meine Schwester? Wen liebte ich dazumal feuriger als meine theure Louise? O du holder verklarter Schatten blikke zuweilen herab mit Mitleiden auf deine hinterlassene Amalie! Sey mein Schuzgeist im Leiden, meine Fuhrerin auf den felsigten Wegen der gefahrlichen Welt! Deine Unschuld sey meine Fursprecherin vor dem Throne des Allmachtigen! Deine Tugend meine Begleiterin, und dein Andenken halte mein Herz der Rechtschaffenheit offen. Traurig ohne Dich werden meine Tage dahinschleichen; aber die Hofnung, Dich einstens dort wieder zu sehen, wird mir Starke und Muth verleihen. Die Thranen, die ich jezt wahrend dieses Briefs weine, seyen deiner Liebe geweiht, die Du mir in deinem lezten Athemzug noch zuhauchtest. Liebste, besste Fanny! Schreibe es meiner Lage zu, wenn ich deine Seele mit Bildern der finstern Schwertnuth anfulle. Wer sollte nicht daruber nachdenken and empfinden? wenn eben diese Lage mein Herz von allen Seiten angreift! Hab Geduld, habe Nachsicht mit deiner unendlich leidenden

Amalie.

LXIV. Brief

An Amalie

Liebe, gute Amalie! Die neue Wunde, die Dir wieder dein Schiksal schlug, muss tief in dein Herz gedrungen seyn! Aber ist es nicht der Vorsehung Werk? Beruhige Dich um Gotteswillen, du bist es Dir, Du bist es deinem Gatten, Du bist es deiner Fanny schuldig! Ich will Dir ja mit einem fuhlenden Herzen Alles seyn, Schwester, Mutter und Freundin! Kannst Du in einer an guten Menschen darbenden Welt mehr fodern? Mein Geschik ist zwar neidisch genug, mich nicht an deiner Seite zu lassen. Aber Trost, Freundschaft, Rath, Thranen, Mitleid, das alles, mit Dir, auch in der Entfernung zu theilen, ist fur mich Gotterwollust! Lass es austoben dein hartes Schiksal, es kann nicht immerfort so rasen, es muss brechen, wenn seine Wut auf den hochsten Gipfel gestiegen ist. Troste Dich mit dem Leiden Anderer, es giebt noch weit Ungluklichere. Es giebt Menschen in der Welt, die im Stillen am tiefsten Gram dahinzehren. Die sich nicht einmal konnen, nicht einmal durfen mittheilen, die finster, in sich geschlossen zurukgeschrokt von der Menschheit, durch die Folter ihrer Ruhe bis zum Grabe hingeschleppt werden! Verlust der Ehre, des guten Namens, Gefangenschaften, verfolgte oder betrogne Armuth, Falschheit der Freunde, Todesfalle, unglukliche Ehen, boses Gewissen, sind so ungefahr die herrschenden Plagen dieser Welt, auf die wir uns gefasst halten mussen. Schon hast Du mehrere dieser Klassen durchwandert, und Dir dadurch einige Stufen zum ungestorten Leben jenseits gebaut. Ist diese Hofnung nicht reizend? Ist sie nicht ein starker Schuz gegen die Kleinmuth? Sagt Dir nicht deine Vernunft, es eilt dahin dies traumende Leben zu einem bessern? Werden nicht alle irrdischen Hofnungen in dem ungluklichen Menschengehirn gestort? als gerade diese nicht, wenn sie in einem Herzen liegt, das sich der Religion offnet. Diese Stimme, die jeden Christen bei den Abgrunden seines grausamen Schiksals zurukruft, muss untrugliche Warheit seyn, denn sie ist zu machtig, zu trostend fur den armen Wanderer! Sey billig, meine Freundin, gegen die Fugungen des Schopfers. Empfinde sie, aber murre nicht. Dein Herz ist zu gross, deine Seele zu erhaben, um nicht uber kurz oder lang mit Standhaftigkeit eine Aenderung abzuwarten. Anhaltendes Ungluk untergrabt freilich unsere Gesundheit, wenn die Natur uns schwache Nerven gab, aber es bildet das Herz, veredelt die Seele, klart den Verstand auf, und macht uns zu wahren denkenden Menschen. Unsere Empfindung wird durchs Ungluk feiner, unser Herz mitleidiger, und unsere Tugend erhabner. Ich glaube immer, der wahre gute Mensch muss wenigstens einmal in seinem Leben ungluklich gewesen seyn, sonst kann er nicht wahrhaft gut seyn, denn Befriedigung aller Wunsche im menschlichen Leben stumpft die Seele ab, erwekt Ekkel und Hartherzigkeit. Die Menschen, die in ungestorten Freuden des Lebens dahin taumeln, mit nichts zu kampfen haben, besizzen wenig Seelenkrafte, und besonders gar keine Standhaftigkeit, wenn es darauf ankommt Andern zu helfen oder mit ihnen zu fuhlen. Sie sind Maschinen, die, wenn sie dem Wohlleben entrissen werden, nichts weiter empfinden, als den Verlust ihrer unbefriedigten Sinnlichkeit. Im Ungluk lernt man denken und moralisch handeln, denn kein Herz das einmal selbst geblutet hat, wird ein anderes zum bluten bringen. Man muss die Leiden selbst empfunden haben, wenn man Andere damit schonen will. Man muss schon mehrmalen das Opfer der Untreue, der Falschheit, der Niedertrachtigkeit gewesen seyn, um sie nicht an Andern auszuuben. Kurz, das Herz wird unstreitig durchs Ungluk besser. Streite also muthig, Freundin, mit deinem Schiksale. Nimm es auf, wie es die Absicht des gutigen Schopfers ist. Hattest Du nicht mit so unendlichen Schwierigkeiten zu kampfen, wer weis, ob nicht Leichtsinn und Ausschweifung bei deiner aussersten Lebhaftigkeit Dir zu Theil geworden ware. Wer weis, ob Du nicht schon als ein Opfer der Wollust auf dem Krankenbette jammertest. Wer weis, ob dein Herz nicht stolz, ob alle deine Leidenschaften nicht uber den Kopf geherrscht hatten. Komm, meine Amalie, lass uns fest entschlossen, mit aller Tugend der Sanftmuth, mit aller Ergebenheit fur die Geheinmisse des unbegreiflichen Schiksals, bis zu jenen schaudernden Augenblikken fortwandeln, wo die Natur ihr Nichts wieder zurukfodert, und der Schopfer eine Seele erwartet, die er zu seiner Verherrlichung in einen zertrennlichen Korper legte. Das ist unser Endzwek, meine Theure; das ubrige, was in dem menschlichen Leben vorgeht, ist ein Traum, der langer oder kurzer dauert.

Deine Fanny.

LXV. Brief

An Fanny

Du liebe Freundin wirst uber mein Stillschweigen gestaunt, gezittert und unablasslich der Ursache davon nachgeforscht haben. Ich weis, dass ich dadurch dein Herz zerrissen, deine Freundschaft beleidigt und deiner Seele Kummer gemacht habe. Es war nicht meine Schuld, Fanny; halte es zuruk dein Verdammungsurtheil! Ich habe deinen leztern Brief wohl tausendmal gelesen, eben so innig gefuhlt, und ihn bei seiner Durchlesung durch Thranen des guten Willens vollig aufgezehrt. Bei Gott sey es geschworen, meine Freundin! Ich habe alles versucht, mein neues Ungluk, das deine ganze Vernunft niederdonnern wird, zu dulden! Ich lebte vier ganzer Monat ohne Trost mit der Gelassenheit einer Christin; aber nun harre ich nicht langer in der entsezlichen Lage aus, ich muss mir Luft machen! Du sollst es erfahren, was mit deiner Amalie vorgeht; Du sollst mich in der Welt allein bedauern, denn von Andern mag ich nicht bedauert seyn! Ich kann ihn nicht wieder zurukthun, diesen Schritt, der mir eine schaudervolle Zukunft verspricht! Er ist geknupft vor dem Altar der Knoten meines ewigen Kummers! Und nun hore wie deine Freundin fur ihr gutes Herz belohnt wird. Ungefahr einen Monat nach der Zurukkunft meines Mannes, genos ich noch selige, wonnevolle Tage, doch die Tauschung wurde kurz hernach in eine schrokliche Aussicht verwandelt. Ich entdekte in meinem Manne den leidenschaftlichsten Spieler, den je die Erde trug! Er war schon so tief in diesem Laster gesunken, dass er mich in dem zweiten Monate meiner Ehe ganze Nachte durch von ihm verlassen mit der Verzweiflung ringen lies. Ich versuchte alles, um ihn durch Sanftmuth davon abzuhalten, anfanglich schien es auf ihn zu wirken, er versprach mir Besserung, aber der Schwache tauschte sich selbst, denn er war wieder auf dem alten Weg, eh er mir nur Zeit lies, neue Kunstgriffe der Zartlichkeit gegen ihn anzuwenden. Die Gewohnheit des Spiels half ihm zur Verstellung, zur Luge, er tauschte meine Leichtglaubigkeit mit Unwahrheit, wenn er sein langes Ausbleiben mit nichts anders zu entschuldigen wusste. Er ist kalt, rauh, leichtsinnig, nachlassig in seiner Pflicht durchs Spiel geworden. Er nahrt nur den Endzwek des Eigennuzzes, und diesen verfolgt er auf Kosten seiner Ehre und seines guten Namens. Er war von jeher Spieler von Profession; und die niedertrachtigen Stifter meiner Ehe, sagten mir es nicht, oder wussten es vielleicht selbst nicht. Aus Barmherzigkeit, Freundin, gieb mir Rath, gieb mit Auskunft, wie ich mich in dieses Elend finden soll! Mein Mann herrscht unumschrankt uber unser beiderseitiges Vermogen, und ist schon so weit verwildert, dass er mir keinen Blik in seine okonomische Lage erlaubt. Er befriedigte zwar bis jezt die Bedurfnisse des Hauses, lies es mir an nichts fehlen, aber ist ubrigens verschlossen und geheimnisvoll. Ich habe ihn beobachten lassen; er verspielt taglich grosse Summen und gewinnt selten; er hat noch uberdies die rasende Sucht an sich, das Spiel zwingen zu wollen, und nichts bringt ihn vom Spieltisch weg, wenn er sichs in den Kopf gesezt hat zu gewinnen. Gott! Gott! Wie kann ein fuhlender Mensch seine Ruhe, die Liebe seines Weibs, die Glukseligkeit seines Hauses dem eigensinnigen Gluk des Spiels entgegensezzen? Lokkere Gesellen sind sein Umgang, eine Art kalter Sorglosigkeit seine Philosophie, Ekkel an Allem, ausser dem Spiel, scheint seine Seele zu bemeistern. Sein Herz dunkt mich nicht ganz bose, aber seine Grundsazze sind nicht weit her. Er scheint mich mehr im Taumel seiner Leidenschaften zu vergessen als zu verachten. Seine Liebe sucht nicht die moralische Nahrung in meinem Herzen, die unser Beider Gluk ausmachen konnte. Er sieht mehr auf die Befriedigung korperlicher Pflichten bei mir, als auf die Beruhigung meines verstimmten Gemuths. Er hat nicht unbefangenen Geist genug, um in den innern ungluklichen Zustand meines Herzens zu dringen. Er halt mein sprachloses Leiden fur Schuchternheit, meine Thranen fur Schwachheit, meine Gutheit fur Einfalt, mein Nachgeben fur Sklaverei, meine Liebe fur uberspannt. So beurtheilt er mich, und so bin ich sein Geschopf, aus dem er machen kann, was er will. Heimliche Raserei hat sich schon oft meiner bemachtigt, oft war ich im Begrif bei Erblikkung der nachsten lebenden Kreatur in lautes Geheul auszubrechen und ein Menschenherz zu suchen, das Antheil an meinen Leiden nahme! Blos die Schonung unsers beiderseitigen guten Namens hielt mich bis jezt noch von Entschlussen ab, die furchterlich ausfallen konnten! In vier Wochen kommt mein Oheim von seiner Reise zuruk; wie werde ich mein Verbrechen vor ihm entschuldigen konnen? Wie werde ich erscheinen, vor einem Manne, der Freude an mir zu erleben glaubte? Wie werde ich beben, ihm das Gestandniss meiner ubel getroffenen Ehe zu entdekken! Wie grasslich wird mein selbstgewahltes Schiksal seine Vorwurfe erschweren! Er wird mich von sich stossen, er wird mich meinem Gram uberlassen! Ich werde erliegen unter der Last meines Elends! O Freundin! Mitleiden Mitleiden mit deiner ausserst schwermuthigen

Amalie.

LXVI. Brief

An Amalie

Du hast mich, meine Liebe, wahrend dieser vier Monaten manche Thrane vergiessen machen! Nichts ist qualender, als Ungewisheit uber den Zustand einer Freundin, die man so liebt, wie ich Dich liebe. Oft nahm ich mir vor, Dir zu schreiben, aber doch wagt ich es nicht, weil ich eine Ahndung im Herzen fuhlte, die mich zurukschrokte! Wer weis, in welcher Lage sie lebt? Wer weis, ob sie Briefe ohne Aufsehen empfangen kann? Wer weis, ob sie ihrem Gatten diese geheime und offenherzige Korrespondenz anvertraut hat? So, und dergleichen sagt ich mir wohl tausenderlei vor, bis endlich dein Brief kam, der mich bis zum unbegreiflichsten Gefuhl beugte! Ueber jedes andere Laster, das dein Gatte an sich haben mochte, ware ich nicht so erschrokken, als uber seine Spielsucht, denn diese ist das entsezlichste unter allen! Ein Spieler vergisst Gott, Natur und Menschen! Jedes Laster der Manner kann gesattigt werden, wenn ein vernunftiges Weib den Zeitpunkt zu nuzzen weis, wo die Leidenschaften den Mann zum Kinde machen. Aber Spielsucht ist ohne Sattigung, ist beinahe untilgbar aus dem Herzen eines Mannes, der das Spiel zur Hauptleidenschaft werden lies. Der Wollustling kehrt zuruk, wenn die Nachsicht seines Weibs ihn zur Ueberlegung zwingt, wenn er einzusehen anfangt, dass er das reine Herz seiner Gattin mit dem feilen Korper einer Buhldirne vertauschte. Der Trinker entsagt manchmal dem Trunk, wenn ein vernunftiges Weib seine Ehre vor den Menschen hinlanglich zu reizen weis, oder wenn er durch den Trunk seine Gesundheit in Gefahr sieht. Der Geizige vergisst aus Liebe zu seiner Gattin den Reiz des Geldes, und uberlasst ihr willig seine Oekonomie, wenn sie sich sein Zutrauen zu gewinnen weis. Der Brausende mildert sein Feuer, wenn eine verstohlne Thrane im Auge seiner Gattin ihn entwaffnet. Der Unthatige wird fleissig, wenn er sein liebes Weibchen dankbar dafur sieht. Der Leichtsinnige lernt denken, wenn ihm die Tugenden seiner Gattin so haufig begegnen, dass er ihnen selbst folgen muss. Aber der Spieler ist fast fur alles fuhllos, denn der Reiz des Gewinnstes versusst ihm die Gefahr des Verlusts und tilgt in ihm den Vorwurf der Verschwendung. Sein lasterhaftes Ideal ist auf eine trugerische Hofnung gegrundet. Die Gewohnheit macht kuhn, die Kuhnheit im Spielen unternehmend, und nicht selten ist Verzweiflung, Dieberei und andere Niedertrachtigkeiten, das endliche Loos eines leidenschaftlichen Spielers. Es schmerzt mich schroklich theure Amalie, dass ich Dir alles das sagen muss, es geschieht auch blos um Dich anzufeuern, dein Allerausserstes zur Besserung deines Mannes anzuwenden. Wer weis, vielleicht hat diese Leidenschaft nicht gar zu tiefe Wurzeln! Vielleicht ist es Langweile oder Verfuhrung! Mache ihm ja keine Vorwurfe daruber, Du wurdest ihn in dieser Gewohnheit starken. Such ihn zu Hause in Gesellschaft guter Freunde zu unterhalten. Vielleicht vergisst er nach und nach seine ubrigen Bekanntschaften. Zeig ihm nicht zu viel Gutheit, aber auch keinen Troz; suche seine Vernunft durch ein muntres Gesprach zu fesseln; lass nur unvermerkt ein Wort in Betreff seiner ublen Gewohnheit fallen. Vielleicht gelingt Dir ein Meisterstuk der Besserung an ihm. Ich hoffe alles von deinem Kopfe und Herzen. Ich weis, dass, wenn er sich nicht bessert, es gewis nicht deine Schuld ist. Darum bitte ich Dich, Liebe, Theure, lass deinen Gram nicht zu hoch steigen! Es ist ja nicht deine Schuld, wenn er durchaus mit vollen Schritten dem Verderben zueilt. Du verkennst ubrigens das Herz deines Oheims, wenn Du Bitterkeiten von ihm erwartest, die gewis nicht in seinem Karakter liegen. Er wird freilich ein wenig uber deinen Ungehorsam zurnen, aber nie wird er ihn auf Rechnung deines Herzens schreiben. Ein Mann, wie dieser, kann keine Handlung verdammen, die aus Ueberfluss des Gefuhls unternommen wurde. Er wird uber deinen Ehestand trauren, weinen, aber Dich nie aus einem Herzen verstossen, worinn Du so tief eingegraben bist. Sey ruhig in Ansehung dieses, meine Liebe; Du kannst es seyn, Du darfst es seyn! Schreib mir, ich bitte Dich, bald wieder, denn meine Angst um dein Wohl ist nicht klein. Mitleiden gegen deinen Mann und Liebe fur Dich, erfullen meine ganze Seele, und stundlich flehe ich den Himmel an, Dir in deiner traurigen Lage Geduld zu verleihen.

Deine Fanny.

LXVII. Brief

An Fanny

Vier Wochen sind wieder vorbei, und ich habe sie durchgeweint und durchgeseufzt! Es ist aus, meine Fanny, mit der Besserung meines Mannes! Ich habe Alles angewandt, Alles versucht, und nichts hat auf ihn gewirkt! Er fangt an uber meine Sanftmuth murrisch zu werden, er bleibt jezt des Nachts langer als jemals aus. Wenn er dann zu Hause kommt, so beherrscht ihn eine Laune, die mich durch und durch erschuttert! Schlaflos, voller Furcht, unter banger Erwartung schleichen meine Stunden des Nachts dahin, bis ich die Thure offnen hore. Mein ganzer Korper fangt an zu zittern, noch eh er sich mir naht. Erwurgen mochten mich beinahe der innerliche Schmerz uber beleidigte Liebe, der Verdruss und Aerger uber seine Zugellosigkeit; und doch wagte ich es noch nie, nur eine Silbe von Vorwurf gegen ihn fahren zu lassen. Ich bin gewis, dass in dieser kurzen Zeit unser halbes Vermogen verspielt worden ist. Dieser Gedanke an seine Verschwendung tobt furchterlich in mir; ich betrachte ihn als einen Niedertrachtigen; der mich unsinnig dem Elend Preis geben wird. Du weisst, Freundin, wir sind Menschen, wir haben Galle... und wenn Du empfandest wie eiskalt mir seine Schmeicheleien, denen er sich bisweilen aus Temperament uberlasst, durch den ganzen Korper schaudern, Du wurdest Dich entsezzen, und fur meine Liebe zittern! Ich habe sein Herz, seinen Antheil an mir verloren, und nichts ist mir ubriggeblieben, als die Bedurfnisse seines Temperaments. O das ist eine abscheuliche Entheiligung der Liebe, wenn ihre Triebe nicht aus gutem Herzen quillen! Und wie kann sein Herz gut seyn, wenn er mich mit sich zur Durftigkeit hinschleppt? Wenn er mich hinschleppt zu jenen Abgrunden der Armuth, die das wohlgezogene Weib entweder zum Grab fuhren oder wenn sie nicht standhaft genug ist, wenn sie glitscht, die Elende, in die Arme der Ausschweifung. Gott! Ich kann den Ueberrest unsers Vermogens durch keine Zwangsmittel verwahren lassen. Ich laufe Gefahr von seiner Wut mishandelt zu werden! Und wer lasst uberhaupt gerne die Streitigkeiten der Ehe wissen? Gutgezogene Menschen scheuen sich ihr Ungluk offentlich bekannt zu machen; denn der Mitleidigen sind wenige, aber desto mehr der Verlaumder, besonders bei einer ungluklichen Ehe, wo die Stimmen so getheilt sind. Oft trag ich in Gesellschaft, worein mich der Wohlstand zwingt, die lachende Gestalt der Freude, und im Herzen sieht es finster wie die Nacht aus. Der Kummer welkt meine bluhende Farbe, sie sind beinahe abgepflukt vom Gram, die Rosen des Fruhlings. Alles neigt sich bei mir immer mehr und mehr zur Schwermuth. Jede Kleinigkeit ruhrt mich bis zu Thranen, jeder Hauch erschuttert mich, jeder Schatten macht mich zittern; sie fangen an zu sinken die weichen Nerven der weiblichen Natur! Und wenn ich denn vollends einen Blik auf mein Kind werfe, das ich unter dem Herzen trage, o dann wacht alles Feuer der Leidenschaft wieder in mir auf, ich mochte ihm dann um den Hals fallen, dem Vater meines Kindes; ich mochte so lang an seinem Halse hangen bleiben, bis mein Schluchzen die Natur erweichte! Kurz war die Freude, die diese Nachricht meiner Schwangerschaft auf sein Herz machte; kalt ist dieses Andenken des Entzukkens in ihm; ubertaubt ist sein Gefuhl vom Eigennuz. Kein Mitleid, keine Schonung, keine Sorgfalt fur die Mutter seines Kindes lasst er blikken. Das Spiel macht ihn grausam, hart und unmenschlich! Gott! gieb mir Massigung! Ich furchte, ich furchte, wenn meine Heftigkeit einstens losbricht, dass ich dann die Schranken der Gattin ubertretten werde!!! Lange lasst sich der Wurm tretten; aber wenn er sich loswindet, so sind seine lezten Krummungen die schrekhaftesten! Blos um meines Kindes Willen trag ich die Last mit der moglichsten Duldung. Aber wer burgt mir fur die Standhaftigkeit dieses Vorsazzes? Wer ist fuhlloser Mensch genug, mich zur andauernden Marter zu verdammen? Fanny! Fanny! Ich bin in der gefahrlichsten Stimmung! Nur die Religion ist mir noch ehrwurdig, sonst wurde ich sie zerreissen diese Bande der Barbarei, die den Pflichtlosen an den Unschuldigen, zu des Leztern Verzweiflung, ketten! Mein Oheim ist zuruk; er hat mir vergeben, und fodert Rechenschaft von meines Mannes Verhalten. Weh mir! Was kann ich ihm sagen, als .... o Gott! Lass mich nicht murren, lass mich dulden, so lange es Dir gefallig ist!

Deine Amalie.

LXVIII. Brief

An Fanny

Gegenwartiger Brief wird meinen leztern an Gram ubertreffen, denn er hat seither in meinem Herzen Wurzeln gefasst, dieser Gram, ist gewachsen und reif geworden! Alles sturmte auf mich los! Und ich wagte in der Verzweiflung einen Schritt, den nur eine Wahnsinnige wagen kann. Lebhafte Temperamente sind die Morder der Ueberlegung; man rast der ersten bessten Aussicht entgegen, die man sich im Anlauf der Galle so willkommen sieht! Hizzige, gallsuchtige Kopfe, denen es an guten Herzen fehlt, nehmen meistens ihre Rache an dem Beleidiger; aber ich nahm sie an mir selbst, an meinem Kinde, an meiner Gesundheit, an meiner Ehre, an meiner Familie! Es ist freilich wahr, ich wurde mit morderischer Hand mishandelt! Mein Kind ist durch Grausamkeit vertilgt worden aus dem Schoos ihrer Mutter! Sie ist dahin die Frucht meiner sussesten Hofnungen! Ein wutender Augenblik meines Mannes hat mich bis zu dem Rande des Todes geschleppt, dem ich mit entzukkender Erwartung entgegen sah! Ich will Dir diesen Auftritt seiner abscheulichen Leidenschaften schildern, um Dir, wenn es moglich ist, nur einen Schatten meines Elendes zu zeigen! Mein Mann blieb einstens, wie gewohnlich, bis spat in die Nacht hinein in seiner Spielgesellschaft. Was ich wahrend diesen langen sechs Stunden, die ich schlaflos auf ihn vergebens harrte, ausstund, das lasst sich nicht beschreiben! Angst, Furcht, Schrekken, grassliche Bilder der Zukunft, der hofnungslose Gedanke seiner Besserung, die Kalte meines Oheims, den er durch Heuchelei zu gewinnen wusste, Sehnsucht nach einem andern bessern Herzen, die Herannahung der drohenden Durftigkeit machten meine Seele in einem Labyrinth des unbegreiflichsten Schmerzens verirren! Ich konnte weder weinen, noch klagen, ich konnte weder schlafen, noch wachen, ich traumte fort bis es mein Gehirn angriff, und der trostlose Zustand meiner Lage mich beinahe ums Leben brachte! Auf einmal horte ich Larm und Gepolter; ein kalter Schauer durchzitterte meine Nerven, mein Mann sturzte rasend, mit zerrissenen Haaren, ins Zimmer, ich bebte, er sprang auf mich zu, fasste mich an und fluchte schroklich! Die Todesangst trieb mich aus dem Bette, ich suchte ihn zu entwaffnen, sturzte zu seinen Fussen, aber seine Raserei wurde immer heftiger, er wand meine langen Haare um seine Hand und schleppte mich barbarisch im Zimmer herum! Ich schrie nicht, ich klagte nicht, und das machte ihn noch boshafter, denn er hatte gern eine Furie in mir getroffen, um seiner Wut mehr Nahrung zu geben. Er tobte uber meine Gelassenheit, und sehnte sich nach Anlass, mir mit Recht so begegnen zu konnen. Meine Standhaftigkeit, meine Seelengrosse schien seine Wut zu verdoppeln! Er schaumte nach einer Mordthat, und wusste nicht, ob er sich oder mich zuerst umbringen sollte! Meine Natur und meine Leibesfrucht wurden uber diesem Auftritt erschuttert! Ich sank in Betaubung hin, und er liess mich mehrere Stunden sinnlos ohne Hulfe liegen. Keine Seele von unsern Bedienten durfte ins Zimmer, worinn ich mit ihm war. Endlich fiel ihm der Gedanke an sein Kind ein und erweichte ihn in etwas; er nahte sich mir und fragte um meinen Zustand? Die erste Thrane zitterte jezt seit so vielen Stunden aus meinem Auge! Ich verhelte ihm die Gefahr meiner Frucht und meines Lebens; fragte ihn sanft um sein Befinden und um die Ursache seiner Krankheit? Er gestand mir, dass er diese Nacht beinahe das ganze Vermogen verspielt hatte, dass Verzweiflung sich seiner bemachtigt hatte, die ihn am Leben ekkelnmachte, dass er mich in dem Augenblik gehasst hatte, weil ihm mein Anblik eine todtende Erinnerung seiner Ausschweifungen gewesen sey! Er gestund es selbst, dass ihn ewig und ewig nichts von der Spielsucht retten konnte! Er schien mich zu bedauern, und gieng doch wieder aufs Kaffeehaus, seiner Neigung entgegen. Wahrend dieser Zeit verliessen mich meine Kraften, ich verlor mein Kind, und niemand zweifelte an meinem nahen Tode. Man hinterbrachte ihm diese Nachricht, er schien daruber zu stuzzen, aber kam demungeachtet mehrere Tage nicht nach Hause. Die Sorgfalt der Aufwarterin und meine Jugend beforderten bald wieder meine Gesundheit. Man rieth mir, meinen Mann zu verlassen, um mein Leben zu schonen, das bei ihm in augenbliklicher Gefahr stunde. Ich hielt diesen Rath anfangs fur abscheulich, bis ich endlich uberlegte, dass die Pflichten gegen sich selbst immer die ersten sind, und verliess ihn heimlich, zwar ohne Plane, blos mit der kleinen Hofnung auf die Hulfe meines Oheims; und so harre ich schon seit mehreren Wochen auf das Gutdunken desselben. Wie's weiter mit mir gehen wird, weis ich nicht, aber so viel weis ich, dass ich die Elendeste unter den Sterblichen bin!

Amalie.

LXIX. Brief

An Amalie

Arme, bedaurungswurdige Freundin! So ist denn immer und ewig wahr, dass Du die Ungluklichste unter den weiblichen Geschopfen bist! Grasslich ist deine Lage, grausam das Betragen deines Mannes, tirannisch dein Schiksal; ich mochte weinen, bis mir das Herz brache, ich mochte trauern, bis zum Tage deiner Auflosung, wenn ich der Stimme ganz Gehor geben wollte, die mir laut zuruft: Herr Jesus! Wie wird mit deiner Amalie gehandelt! Man martert Dich bis auf den Tod! Man raubt Dir Gesundheit und Seelenruhe! So jung, und so unendlich ungluklich! So jung, und so erbarmlich mishandelt! Mein Gott! Mein Gott! Wenn ich nur bei Dir seyn konnte! Wenn ich sie nur auffangen konnte, die Streiche deines schroklichen Schiksals! Wenn ich nun vollends deine Lebhaftigkeit bedenke; wenn ich denke, dass ein beleidigtes gutes Herz zu Allem fahig ist; wenn ich denke, dass Dich einst Verzweiflung zu Allem verleiten konnte; o dann schwindelt mir vor der Zukunft! Aber wie? Auch dein guter Oheim ist fur Dich nicht mehr das, was er war? Nein, das ist unmoglich, Malchen! Die Heuchelei deines Mannes hat blos die Oberflache beruhrt, sie ist nicht in sein Herz gedrungen. Ich kenne sein Menschengefuhl, ich kenne seine Liebe fur Dich. Vaterliebe, Gewissen, Vernunft, Mitleiden, werden bald wieder an die Stelle dieser Kalte tretten; Du wirst siegen uber ihn, dein Mann mag ihm geschrieben haben, was er will! Hat dieser Oheim Dich nicht erzogen? kennt er nicht die innersten Falten deines Herzens? Liebt er Dich nicht innig und warm? Getrost, Liebe! bald wird dein Oheim Dich selbst trosten. Herr Gott im Himmel! Wie der Gedanke an deinen Mann wieder von neuem in meinem Kopf sturmt! Und dieses Ungeheuer hatte den Muth, Dich arme Dulderin bey den Haaren herumzuschleppen? Und Du Engel der Sanftmuth, liessest Dich ohne Murren, ohne den geringsten Laut von Dir zu geben, so teuflisch behandeln! O diese Standhaftigkeit ist unbegreiflich, ist die grosste Seelenstarke, die je in einem Weibe wohnte! Auftretten mag sie, das Weib in der Schopfung, wenn es noch eine giebt, und mit Dir um Preis einer solchen Tugend ringen! Malchen! Malchen! Du musst schon Ueberdruss an deinem Leben fuhlen, sonst konntest Du nicht mit der Gelassenheit die Gefahr Deiner Gesundheit ertragen. Herrliche, brave Seele von einem Weib! Schone Dich um Gottes Willen, kehre zuruk zu den Freuden der Natur! Hore auf, Dich selbst zu todten! Welches Gesez wird es billigen? Hore auf, dein Leben zu Grunde zu richten! Natur, Gott und Menschen sind nicht so grausam, dass sie eine Unschuldige mit den Ausschweifungen eines Lasterhaften geisseln wollen! Dein Mann ist verloren, keine Besserung ist mehr zu hoffen! Sein Gefuhl ist weg fur Dich, fur ihn selbst! Wer konnte Dir rathen an der Seite eines Barbaren zu schlafen, der alle Augenblikke bereit ist, dein Morder zu werden! Wer ware unempfindsam genug, ein holdes weibliches Geschopf langer unter der Tirannei eines Verrukten zu lassen? So ein armes schwaches Weibchen sollte, bei dem geringsten Gerausche, bei dem mindesten Knarren der Wand, zittern, beben, und Todesangst fuhlen? sollte sich gutherzig unter den Klauen eines Unsinnigen wurgen lassen? Und warum? Weil ihre Gutheit an einen Unglukseligen gerieth, der sie nicht zu schazzen weis! An einen Mann, der seine Uebermacht blos darum fuhlt, weil seine Frau nicht pobelhaft genug ist, bei dem Richter Hulfe zu suchen. Bei Gott! Das ware wider die Menschheit! Da sinkt sie hin in einem Winkel des Zimmers, das Opfer der schroklichsten Grausamkeit, kampft mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr, schreit zu Gott um Beistand, ringt die Hande, und bittet im Stillen ihren Henker um den lezten Todesstreich! So ein armes, schwaches, empfindsames Weib sollte noch langer ihre feinen Glieder peinigen lassen! O menschliches Gesez, ich wurde dich verabscheuen, wenn du das fodern wolltest! Du hast wohl gethan, Freundin, Dich zu entfernen, jede Pflicht ist nur dann heilig, wenn unsere Selbsterhaltung nicht darunter leidet! Wie kann die Religion, wie konnen die Gesezze von Dir ein so theures Opfer fodern? Ist Deine Entfernung nicht Klugheit? Nimmermehr kann ich zugeben, dass Du Dich neuen Auftritten blosgiebst. Lass ihn fortwandeln, den Verworfnen auf dem Wege, der zum Abgrunde fuhrt! Bleib seinem Auge verborgen; sorge fur deine Gesundheit, und bitte den Allgutigen um Standhaftigkeit in deinem Entschluss. O Amalie! Was ware Dir bevorgestanden, wenn Du geblieben warest! Mord und Tod ware vielleicht das Ende dieser unglukseligen Ehe! Wer weis, ob Dich nicht Raserei zu einem blutigen Entschluss verleitet hatte! Ich kenne den Grad deiner Leidenschaften und deiner Melankolie. Dank dem Ewigen im Himmel, dass Du weg bist! Nimm hin tausend Kusse von Deiner

Fanny.

LXX. Brief

An Fanny

Dein lezter Brief traf mich etwas ruhiger. Nimm meinen warmsten Dank fur dein Mitleiden. Noch nie hab ich Dich mit solchem Feuer mein Wohl vertheidigen gehort. Noch nie hast Du Dich unterstanden, als aufgeklarte Philosophin, Pflichten gegen Andere mit der gesunden Vernunft abzuwagen. Die Liebe zu mir riss Dich hin, die Liebe zu mir lies Dich vergessen, dass kleine Tugend kleines Opfer, und grosse Tugend grosses Opfer fodert. Was ware es denn auch gewesen, wenn er ihn zum Kruppel gestossen hatte, diesen elenden Korper, der uber kurz oder lang doch zu Staub werden wird? Seine Mishandlung war doch im Grunde blos Uebereilung und Krankheit des Gehirnes. Ware ich so gluklich nur eine Spure von Besserung in ihm zu entdekken, so mussten tausend solche Mishandlungen nichts gegen meine Geduld seyn! Die ganze Welt sollte mich dann nicht von ihm trennen, die ganze Menschheit nichts uber mich vermogen, und alle Leiden meines kranken Korpers wurde ich fur lauter Andenken ansehen, die mir halfen uber mich selbst zu siegen. Tugend ist in wahrhaft tugendhaften Menschen eben so ausserst standhaft, als gross das schwelgende Laster beim Niedertrachtigen ist. Unverdorbene Menschen konnen unmoglich mit Willen lasterhaft werden, denn die Leidenschaften unterjochen ihre Begierden, aber nicht ihren Willen. Noch hangt mein gutes Herz an dem bedaurungswurdigen Gegenstand der schroklichsten Erinnerung. Noch kann ich mir den Gedanken der sussen Wiedervereinigung nicht aus dem Kopfe bringen. Was wird er machen? Wie wird er gerast haben uber meine plozliche Entfernung? Wie wird ihn in einsamen Stunden das Andenken an sein Weibchen angstigen? Wie werden beissende Vorwurfe seinen Schlaf storen und sein Leben vergiften! O du gutiger Gott im Himmel, und an allem dem bin ich Schuld! Warum verlies ich einen ungluklichen Gatten, den die Leidenschaft des Spiels zu Boden drukte, um diese Frazze von einem jugendlichen Gesicht, um diese murben Knochen zu schonen? Ha! Ich bin eine Verworfene! Eine Pflichtlose! Eine Nichtswurdige! Wie konnte ich mich so zur gemeinen Gattung von Weibern herabstimmen? Wie konnte Rache in meinem Herzen Plaz finden, das blos der Pflicht offen stehen soll? Freundin, deine Philosophie mag gut seyn, aber sie beruhigt weder mich, noch mein Gewissen! Lass mich hineilen in die Arme meines Gatten, der mir gewis verzeihen wird! Handlungen, die nicht aus bosem Herzen kommen, verzeiht man ja so leicht! Auch mein Oheim wunscht unsere Wiedervereinigung. O Gott! Wenn das Zurukkehren nur schon uberstanden ware! Ich schame mich vor meinem Manne zu erscheinen, der jezt Beweise von meiner wankenden Tugend hat. Nun habe ich sein Zutrauen verloren, ich Arme! Sieh herab, Vater meines Schiksals, sieh herab auf mich Elende, erfulle meinen feurigsten Wunsch, wieder zu meinen ehemaligen Pflichten zurukkehren zu konnen! Sunde ist ja nur das, was mit Vorsaz und Bosheit geschieht; und davon weis ich nichts. Schwachheit ist das Erbtheil eines gefuhlvollen Herzens; aber Tugend wohnt darinn, wenn der Gram es nicht verwildert. O hatte mein Gatte Ueberlegung genug, drange er mit tiefer Untersuchung in mein Herz, wie gluklich konnte er seyn! Ich fuhle mich so ganz Nachsicht gegen seine Fehler, so ganz Gutheit gegen sein wildes Wesen, so ganz Sorgfalt fur sein Wohl! Es sollen nicht zween Tage vergehen, so bin ich wieder bei ihm, diesen Schritt bin ich den Augen der Welt und meiner Pflicht schuldig. Ist es wieder nicht von Dauer, so habe ich mir doch nichts vorzuwerfen, so bin ich doch nicht straflich. Siehst Du, Freundin, so kampft der Mensch auf dieser armseligen Erde mit Tugend und Laster, mit Leben und Tod, mit Elend und Glukseligkeit, mit Rechtschaffenheit und Versuchung, bis sie heranrukt die Stunde, wo wir Rechenschaft geben mussen, und wo der barmherzige Richter alles selbst untersucht. Wohl mir, wenn ich einst vor ihm mit reinem Herzen erscheinen kann; wohl mir, wenn er nur Schwachheit und kein Laster in mir entdekt; und doppelt wohl mir, wenn mir die Belohnung zu Theil wird, die auf alle guten Seelen wartet! Lebe wohl Fanny! Antworte mir nicht, bis Du wieder Nachrichten von mir hast. Es kusst Dich innig

Deine Amalie.

LXXI. Brief

An Fanny

Seit wenigen Wochen bin ich wieder an dem Orte meiner Bestimmung. Mein Mann holte mich selbst zuruk. Er schien Reue uber sein Betragen zu fuhlen. Er bleibt nun Nachts nicht mehr so lange aus, wie sonst; aber ich denke, dass seine leere Borse die Ursache davon ist; denn er lasst mich jezt formlich darben. Bald wird mir meine Haushaltung den Spott der Dienstboten zuziehen; bald werde ich ausser Stand gesezt seyn, mit Anstand vor der Welt zu erscheinen. Einige Nichtswurdige von seinen Freunden nahmen sich die Kuhnheit heraus, mir Unterstuzzung anzubieten. Wenn das eine Probe von Seiten meines Mannes ist, so konnte ich ihn verachten! Und eine Probe muss es seyn, denn sonst hatten diese Elenden den Muth nicht, so etwas zu wagen. Armuth ist ohnehin fur Tausende eine Klippe; aber fur mich ist sie es nicht, denn ich habe denken und entbehren gelernt. Ich bin auf Alles gefasst; ich murre uber nichts, als uber den Verlust seines Herzens! Todtliche Langeweile plagt ihn jezt sehr oft, Geldmangel versagt ihm das Spiel, und so sizt er oft acht ganzer Tage in stummer Hypochondrie zu Hause; sorgt fur nichts, arbeitet nichts, und scheint heimlich sein Schiksal zu verfluchen! Es ist traurig, wenn zween Menschen zur bestandigen Gesellschaft so aneinander gekettet sind, um sich das Leben zu verbittern. Er rast und tobt nicht mehr mit mir, aber dagegen lebt er so unempfindlich fort, ohne an sein Daseyn oder an meine Ruhe zu denken. Wenn ich ihm schmeichle, so stosst er mich mit einer geschikten Ausrede von sich. Und ich muss gestehen, Freundin, dass mein Herz seit dem leztern Auftritt eine gefahrliche Wunde bekommen hat, die ich in der Abwesenheit nicht so fuhlte, und die mir nichtsweniger als Abneigung schien. So bald Eheleute gegen einander die Achtung verlieren, dann ist Liebe und Zartlichkeit ebenfalls dahin. Diese Achtung allein beherrscht das Herz, den Kopf und die naturlichen Triebe. So bald es unter Eheleuten zu niedrigen Auftritten kommt, so mischt sich eine Art von Hass ins Spiel, man vergisst wohl die Mishandlung, aber der Eindruk bleibt doch, und der beiderseitige Stolz ist unversohnlich beleidigt. Ich vergebe meinem Manne von Grund der Seele, aber Mistrauen, ubler Begrif ist an die Stelle der Achtung getretten, mit der ich einen sanften, guthandelnden Gatten verehren wurde. Ein gutgezogenes Weib ist in diesem Punkt ausserst delikat. Mit guter Art, mit wohl eingerichter Behandlung kann ein Mann von Erziehung alles mit einem solchen Weibe ausrichten. Aber wenn er sich durch sein Betragen bis zum Pobel erniedrigt, wenn er sich an ihren Korper wagt o dann duldet das gute Weib, aber entsezt sich dennoch uber so ein gemeines Betragen. Doch weg davon, Liebe! Ich hoffe, dass er sich nicht so leicht wieder vergessen wird, denn in weniger Zeit reisen wir beide zu meinem Oheim, er ist dorten fur die Werbung bestimmt. Mein Oheim lernt ihn bei dieser Gelegenheit naher kennen: denn, ich muss Dir sagen, dieser gute Oheim ist, dem Vorgegangenen ungeachtet, noch sehr fur meinen Mann eingenommen; er lasst sichs nicht aus dem Kopf reden, dass er nach seinen Briefen mehr Gefuhl haben musse, als ich ihm zugestund. Er erwartet uns beide mit Verlangen. Niemand ist daruber froher als ich. Da ist denn der Ort, wo sich mein Ungluk dem Auge meines Oheims klar zeigen wird. Vielleicht bessert dieser gute Vater meinen Mann durch seinen Umgang. Vielleicht offnet er sein Herz, seinen Karakter, die so sehr verschlossen sind; vielleicht erhalte ich seine Liebe wieder. Ach! Wie viele Vielleicht wusste ich mir noch zu sagen, um meinem kranken Herzen Freude zu machen. Aber leider, dass es nur blosse Vielleicht, und keine Gewisheiten sind! Ich muss Dir noch einen Sturm erzahlen, den mein Herz durch einen Leichtfertigen ertrug: Jener Junge, den ich vor meinem Mann kannte, und der mich so grossmuthig zum Altar hinschleudern lies, hatte die Kuhnheit, mir einen sehr schwarmerischen Brief heimlich zuzuschikken. Er klagt uber die Heftigkeit seiner jezt aufwachenden Leidenschaften; er flucht den Banden, die mich fesseln; er erfuhr mein Ungluk, und verabscheut seinen Urheber. Der Unglukselige macht mich zu einer heimlichen Verbrecherin, indem er jenes alte Feuer der Leidenschaft wieder anfacht, und in einer Lage anfacht, wo es nur zu gerne und zu geschwinde in helle Flammen ausbrechen konnte. Mitleid, Misvergnugen, Anlage zu schwarmerischen Neigungen, Leere meines Herzens, der Wunsch leidenschaftlich beklagt zu seyn, alles das reizte mich unwiderstehlich zum Antworten. Er ist zwar von mir entfernt, aber bin ich dadurch minder strafbar? Das Herz eines empfindsamen Weibes ist doch ein unbegreifliches Rathsel, das sich so leicht und so strafbar auflosst. Da sezte ich mir so philosophische Sazze in Kopf, und bildete mir ein, dass sie nicht erwiedert wurde meine Liebe, die ich fur meinen Mann nahrte und hielt sie also fur Verschwendung. Undank schmerzt schroklich, und unbelohnte Liebe ist Holle fur ein zur Liebe geschaffenes Weib. So viel heute von deiner unzufriedenen

Amalie.

LXXII. Brief

An Amalie

Du bist also wieder bei deinem Manne, und mein Brief, worinn ich Dich so innig bat, von ihm weg zu bleiben, that auf Dich keine Wirkung? Liebes, liebes Malchen, diese Tugend ist ubertrieben, aber sie macht demungeachtet deiner Denkungsart Ehre. Gott gebe, dass es lange bei ihm gut thun moge! Wenn ich aber aufrichtig reden soll, so zweifle ich sehr daran. Ihr beide habt nun einmal eure Herzen gegen einander verstimmt, und schwerlich werden sie sich wieder finden. Ist es moglich, dein Mann vernachlassigt sein Hauswesen und lasst Dich darben? Wahrhaftig Stoff genug zur vollkommenen Abneigung! Ein Herz dessen Gute durch die Noth muss auf die Probe gestellt werden, halt selten die Probe aus. Ich zweifle nun nicht an der Gute deines Herzens, aber Mangel macht doch den willkuhrlichen Urheber desselben verabscheuen. Wenn es in einer Haushaltung zu fehlen anfangt, o dann kommen tausend unerwartete Verdrusslichkeiten dazu, die dem bessten Menschen seine Geduld benehmen. Schulden, Troz von Seiten der Dienstboten, Kummer fur Nahrung beugen ein empfindliches Herz zu sehr, als dass es nicht oft in uble Laune ausarten sollte. Man fuhlt sein Ungluk weit lebhafter, wenn man die Ursache davon vor Augen sieht; die Galle wirkt heftiger, sobald ihr der Stoff dazu alle Augenblikke aufstosst. Gute Herzen sind zwar nicht unversohnlich, aber wenn gute Herzen zu stark beleidigt werden, dann werden sie gleichgultig. Dass Dir in deiner harten Lage niedertrachtige Mannspersonen Unterstuzzung anboten, daruber wundere ich mich keineswegs. Es giebt ja eine Menge solcher Elenden, die ein kummervolles, zerrissenes Herz blos um ihrer teuflischen Wollust willen unterstuzzen. Wie kann man doch an einem Korper Freude haben, wenn die Seele darinn blutet? Wie kann der reiche Schwelger um sein Geld bei armen, aber fein denkenden Frauenzimmern Gunstbezeugungen geniessen, wenn jeder Angrif von ihm ein Schlangenbiss fur so eine Unglukliche ist? O Menschen, wie lange wird es noch dauern, bis ihr denken lernt, und dadurch euer Gefuhl verfeinert? Doch, um jezt auf was anderes zu kommen: ja wohl ist es traurig, meine Freundin, dass oft so disharmonirende Karakter in der Ehe ewig an einander gefesselt bleiben mussen! Wir haben doch nur eine Glukseligkeit im menschlichen Leben, die in der Zufriedenheit eines mit uns gleichdenkenden Geschopfs besteht, und wenn wir nun gerade das Ungluk haben, an etwas Unrechtes zu gerathen, so ruht der Fluch einer zeitlichen Verdammniss schwer auf unserm Herzen. Sie schleichen dahin, die schroklichen Tage des Hasses, in Gesellschaft einer Person, mit der man nichts gemein hat, als den Zwang sich einander zur Last seyn zu mussen. So lange die Eltern nicht in der Wahl fur ihre Kinder vorsichtiger werden, so lange die Madchen und Jungens nicht denken und absichtlos, blos aus Gute des Herzens und mit Ueberlegung lieben lernen, eben so lange werden die vielen unzufriedenen Ehen nicht aufhoren, und die Menschheit wird durch dieses gottliche Band mehr ungluklich als gluklich seyn. Galanterie schleicht sich an die Stelle der Liebe, Eigennuz an die Stelle der Gute, Verstellung an die Stelle der Redlichkeit, Widerspruch an die Stelle der Nachsicht, Falschheit an die Stelle des Nachdenkens; und so leben diese Miethlinge des Lasters mit entferntem Herzen, blos zum Schein, in einer entlehnten und nie empfundenen Glukseligkeit ihre Tage fort, ohne Vergnugen, ohne Zutrauen, ohne wechselseitigen Antheil, kalt gegen einander bis ins Grab. Die adeliche Dame schamt sich des Worts Mann, sie nennt ihren Gatten den Herrn von .... Sie mag der Redlichkeit keine Luge aufburden, wenn sie ihren Gatten nach deutscher biederer Art ihren Mann nennen wurde. Der vertrauliche Ton der gefuhlvollen Gutherzigkeit ist aus den adelichen Ehen verbannt. Komplimenten, steife Zurukhaltung, susse Betrugereien, affektirte Zierereien, ist der Gang ihrer beiderseitigen Lebensart. Der Mann schlaft in der vordern Ekke des Hauses voll Projekten fur das Wohl seiner Konkubinen; die Frau in der hintern Ekke voll Beschaftigung fur die Erhaltung ihrer Sklaven. Keines kummert sich um das Andere. Die Kinder, wenn je der erste Taumel der Triebe noch welche erzeugt hat, werden wie Fremdlinge, weit von Vater und Mutter erzogen, lernen, wenn sie wieder zu ihnen kommen durfen, Stolz und Fuhllosigkeit vom Vater, Thorheit und Eitelkeit von der Mutter. Das sind die sogenannten adelichen Verbindungen, wo bei der Wahl weder gesunde Vernunft noch Neigung, sondern blos Eigennuz und Konvenienz herrscht. Doch nun wieder auf deine Ehe zuruk: Du bist wirklich geschaffen das Gluk eines guten Mannes zu machen. Musstest Du denn gerade auf so einen Wildfang stossen, der dein Herz verstimmt und deinen Kopf widerspenstig macht? O Schade! Schade, Amalie, fur Dich! Das will ich Dir wohl glauben, dass seine rohe Behandlung deine Neigung verkleinert. Wenn sich der Stoff zur Hochachtung fur einen Mann durch sein Betragen verliert, was bleibt denn dem guten Weib ubrig, als Mitleid und Abneigung? Wir Weiber sind in diesem Stuk zu tieffuhlend, um den Mann schwarmerisch fortzulieben, der sich selbsten unserer Hochachtung unwurdig machte. Wir bleiben einem solchen Manne wohl so treu, als moglich, aus Pflicht; aber Pflicht ist doch noch lange nicht das entzukkende Opfer der Liebe! Ein Opfer, das sonst ein schwarmerisch liebendes Weib so frei, so feurig ihrem Gatten bringt! Wenn es den Mannern gerath ein Weiberherz zur wirklichen Liebe zu reizen, o dann darf, bei Gott, keiner besorgen, dass sie ihm untreu werde. Aber er muss Vernunft, Leidenschaft, Gute des Herzens besizzen und das Ehrengefuhl eines Weibes anfachen konnen, auch manchmal kleinen Grillen auszuweichen wissen, und dann mochte ich das empfindsam denkende Weib sehen, die so einen Gatten nicht blos lieben, sondern anbeten wurde! Versteht sich, wenn anders ihr Herz noch von Modesucht und Lastern frei ist. Die angeborne Gute eines Weibes ist so leicht fur die Glukseligkeit eines Mannes zu gebrauchen, wenn der Mann Feinheit genug hat, diese Gute zu seinem Vortheil zu nuzzen und ihren Schwachheiten mit mannlichen Grundsazzen zu Hulfe kommt. Das Weib ist nicht als Furie geboren, sie wird erst zur Furie gemacht, wenn ihre Gute durch Mishandlung verhartet, ihre Schwachheit durch Bosheit gereizt, und ihre Sanftmuth durch Undank beleidigt wird. Das, meine Liebe, ware gerade dein Fall, Du wurdest das besste, getreueste, herrlichste Weibchen auf Gottes Erdboden seyn, wenn deine Gute erkannt und nach Verdienst behandelt wurde. Harre standhaft meine Traute, vielleicht knupfest Du einst ein anderes Band, das Dir doppelte Seligkeiten verspricht. Doch noch Eins: Brich den Briefwechsel mit dem Jungen ab, der an Dich schrieb; er ist ein undankbarer Tollkopf, der zu spat an deine Rettung dachte. Die Liebe ist erfindsam, sie zwingt zwar nicht immer die Umstande, aber bei kalten, furchtsamen Menschen zwingen immer die Umstande die Liebe. Ein Weibergeklatsch, das Gebrumm der Verwandten kann leicht einen haasenfussigen Liebhaber wanken machen. Aber so etwas, das wanken kann, war nie Liebe es war Luge, es war Betrug, es war elender Alltagskram! Warum liess denn der Einfaltige von Dir ab, sobald er fand, dass Du das Madchen warest, welches sein Leben beglukken konnte? Warum uberliess er ein junges, unerfahrnes Madchen dem Ungefahr der Lage? Warum uberdachte er nicht statt Deiner die Folgen deiner Verbindung? Du gabst ihm ja Nachricht von deinen Aussichten; hatte er sich nicht wenigstens als Menschenfreund, um den Karakter deines Mannes erkundigen sollen? Er brachte Dir aus Stolz ein Opfer seiner Leidenschaft, und liess sich dabei fuhllos, unvorsichtig einem Abgrund zugangeln, worein er sich jezt selbst gerne noch sturzen mochte. Brich ab, Amalie, mit diesem unvernunftigen Geschopfe, und erinnere Dich deiner Dich liebenden

Fanny.

LXXIII. Brief

An Fanny

Zurne doch nicht, Herzensfreundin, dass ich Dir erst jezt Nachricht von mir und meinem Schiksal gebe. Gerade so, meine Traute, wie ich Dir lezthin schrieb, kam es mit dem Werbungsgeschaft zu Stande; ich und mein Mann sind dermalen schon bei meinem Oheim in K... Du wurdest staunen, Liebe, wenn ich Dir die vielen Verdrusslichkeiten hinlanglich beschreiben konnte, die mir aus ubler Wirthschaft meines Mannes noch vor meiner Abreise uber den Hals fielen. Ich glaube, es kann keine verdrusslichere Lage in der Welt seyn, als die, wenn man Schulden bezahlen soll, und es aus Unvermogen nicht kann. Ich meines Theils, wusste mich in diese Lage gar nicht zu finden. Mein Mann kummerte sich gar nichts darum, lief aus dem Hause, und uberliess mich armes schuchternes Ding leichtsinnig den Grobheiten des Pobels. Du glaubst nicht, was ich da fur eine einfaltige Figur spielte, als man Anforderungen an mich machte, zu stolz, um eine solche Erniedrigung nicht zu fuhlen, und zu redlich, um unsere Glaubiger mit Lugen abzuweisen. Endlich raffte ich mein Bischen Geschmeide zusammen, zahlte wie ich konnte, und wir reisten in Gottes Namen ab. Dass uns nun mein Oheim mit aller Warme empfieng, das versteht sich von selbst, und davon bist Du auch zum Voraus uberzeugt, weil Du sein Herz kennst. Dass aber mein guter Oheim beim ersten Anblik meines Mannes blind war, das wirst Du wohl nicht ganz begreifen konnen? Es war wirklich ein sonderbarer Auftritt! Denn Du weisst, mein Mann tragt die untruglichste Larve eines sehr soliden Mannes an sich. Der feinste Menschenkenner hat Muhe verborgene Leidenschaften auf seinem Gesichte zu entdekken. Er scheint gleichgultig gegen alle Versuchungen des Lasters und tragt das Ansehn eines tiefdenkenden Philosophen auf seiner Stirne. Als ihn nun mein Oheim mit dieser Maske zu sehen bekam, rief er mir bei Seite, und flusterte mir ins Ohr: Malchen, Malchen! Du hast mir die Unwahrheit geschrieben; dein Mann sieht zu redlich aus, um das zu seyn, was du behauptest... Nur Geduld, lieber Oheim, sagt ich ihm wieder ganz leise zuruk es wird sich schon zeigen, wenn Sie ihn einst naher kennen. Jezt wurde mein Mann auf unsere geheime Unterredung aufmerksam, und wir kehrten beide wieder zur Gesellschaft zuruk, die sich eben versammelt hatte. Dann fieng man zusammen an zu essen, zu trinken und sich wechselseitig uber unsere Ankunft zu freuen. Ich sass sehr nahe an der Seite meines guten Oheims, griff nach seiner Hand, so oft es sich schikte, und kusste sie mit Entzukken! Mein Herz klopfte diesem herrlichen Manne bei jeder Bewegung entgegen, und ich argerte mich uber die eiskalten Gesprache von Reisen und dergleichen, mit denen man sich wahrend der Essenszeit unterhielt. Mein von Dankbarkeit volles Herz war unter dieser Zeit zum Weinen, zum Kussen gestimmt. Ich hatte gerne mit der feurigsten Liebe alles gethan, was nur ein fuhlendes zartliches Kind zu thun im Stande ist, wenn es nach einigen Jahren seinen Wohlthater, seinen Erzieher, seinen Vater wieder findet. Allgutiger im Himmel, wie gluklich ich mich da dunkte! wie ich mich auf die Tage freute, die ich nun an der Seite dieses guten Vaters verleben wurde! O liebe, liebe Freundin, der Mann ist gar zu sanft, gar zu gut gegen mich, ich verdiene es beinahe nicht. Aber schroklich stark fuhlte ich den Abstand zwischen der Behandlung meines Mannes und ihm. Was der liebe Vater sich meiner freute; wie er jedem Ausdruk von mir holden Beifall zulachelte; wie er heimlich stolz war auf mein Herz, dessen Bildung sein Werk ist; wie er mit Vergnugen sahe, dass ich seit einigen Jahren Abwesenheit so gewachsen seye, und wie er dann wieder sein Auge von wir wegwandte, um einer melankolischen Thrane Luft zu machen! Gott! dabei muss ihm das Ungluk meines Ehestandes eingefallen seyn! Und denk Dir nur, meine Gute, alle diese Auftritte sah mein stoischer Mann mit einer fuhllosen Kalte mit an. O du lieber Gott, was es doch fur Menschen in der Welt giebt! Nichts ruhrte den Empfindungslosen, als blos die vorzuglich gute und hofliche Behandlung, mit der ihm mein Oheim und die Uebrigen des Hofes begegneten. Sehr naturlich musste so etwas seiner Eitelkeit schmeicheln, denn der Furst selbst hatte, in Ruksicht meines Oheims, viele Gnaden fur ihn. Den nemlichen Abend gieng mein Oheim um unserer Gesellschaft willen, nicht zur furstlichen Tafel. Wir speisten alle zusammen auf seinem Zimmer, und kaum waren wir einige Minuten zusammen, so versammelten sich mehrere Kavaliers, und freuten sich uber unsere Ankunft. Baron Sch... war auch einer davon; wahrlich, ein sehr herrlicher junger Mann! Er ist der besste Freund meines Oheims, und so ganz gefuhlvoller Mensch, ohne Ahnenstolz, ohne Forderungsgeist; nebst einer grossen Seele tragt er ein vortrefliches Herz im Busen und den lebhaftesten Geist im Kopf, der ihn weit uber alle Andern erhebt; es ist ein Mann ohne Vorurtheil, der blos der Freundschaft, der Redlichkeit und der Tugend lebt. Er ist sanft ohne Schuchternheit, gut ohne Schwachheit, lustig ohne Wildheit, erhaben ohne Hochmuth, wizzig ohne Ziererei; kurz das Muster eines sehr wurdigen Kavaliers. Die ubrigen, so zugegen waren, sind muntere Herrchens, denen man es ansieht, dass es ihnen nicht am Wohlleben fehlt. Du kannst Dir nicht vorstellen, liebe Fanny, wie aufgewekt den namlichen Abend mein Oheim noch geworden ist. Ich saumte gar nicht meinen ganzen Wiz aufzubieten, um alles so gut als moglich zu unterhalten. Du kennst ja meine Lebhaftigkeit, wenn ich anfange munter zu werden? Schon oft wurde ich nachher uber mich selbst argerlich, wenn meine Ueberlegung mir sagte, dass eben diese Lebhaftigkeit mir den Schein des Leichtsinns gabe, der doch gar nicht in meinem Karakter liegt. Aber ich bin nun einmal schon so, und kann nichts halb geniessen, sondern alles ganz, alles ausserst. Doch freut mich in Gesellschaften nichts mehr, als wenn ich Anlass bekommen kann, die Manner recht tuchtig zu satirisiren. Oefter treffen mich dann dabei auch tuchtige Hiebe; und, Fanny, ich bin Dir dann Mauschenstille dazu, wenn man mir wieder die Wahrheit zuruksagt. Ueberhaupt gefallt mir der fein-satirische Ton in Gesellschaften unendlich. Er muss zwar an keine Beleidigungen granzen, aber er muss munter, vernunftig frei, nach Laune handeln durfen. Es ist in Gesellschaften eine wahre Freude, wenn man die Stunden, so unter frohem Gelachter dahineilen sieht. O mochten sich doch die Frauenzimmer mehr aufs Gesellschaftliche verlegen! Mochten doch die langweiligen, unnuzzen Geschopfe lernen die Manner mit etwas Besserem, als mit ihrem blosen Korper zu unterhalten. Ausschweifung und Verachtung wurde dann weniger obwalten, wenn die Manner nicht an der Seite der Weiber zur erstern aus Langerweile, und zur leztern aus Ueberzeugung schreiten mussten. Es ist eine ewige Schande, dass die Manner bei den Weibern, blos Genuss suchen konnen, und dass die Weiber nichts Besseres zu geben wissen. Daher kommt die gewaltige Mishandlung der Manner, weil so wenig Weiber den guten Ton der Gesellschaft verstehen. Lebe wohl, besste, liebste meiner Freundinnen!

Deine Amalie.

LXXIV. Brief

An Fanny

Da bin ich Dir schon wieder, meine Theuerste, und will mich recht herzlich mit Dir unterhalten. Wenn Du mir aber so oft antworten musstest, als ich Dir schriebe, so wurdest Du wahrlich nicht viele andere Geschafte darneben treiben konnen. Indessen will ich es mit Dir nicht so genau nehmen, wenn Du mir auf drei Briefe nur eine Antwort zukommen lassest, so bin ich vollig zufrieden. Genug ich habe es mir einmal vorgenommen, Dir so oft und so viel zu schreiben, als es mich gelusten wird. Und auf diese Art, sollst Du heute schon wieder etwas von meinem ungezogenen Mann zu lesen bekommen. Bedenke einmal, kaum sind wir Beide einige Wochen hier, und schon fangt der Leichtsinnige seine alten Ausschweifungen wieder an, ohne sich Schranken zu sezzen. Mein guter Oheim hat ihm mit dem besten Zutrauen Geld vorgestrekt; das war gerade sein Verderben, weil er wieder damit aufs Neue zu spielen anfieng. Ich habe bis jezt seine Auffuhrung mit allem Fleiss blos um nachher meinen Oheim desto augenscheinlicher davon zu uberzeugen verborgen gehalten. Wenn der Elende aber so fortfahrt, so wird er sich selbst bald in einem Lichte zeigen, woruber mein Oheim staunen wird. Da er nebst dem so viele Werbungsgelder in Handen hat, so angstige ich mich fast zu Tode, denn es sind lauter Reize furs Spiel. Auch ist er sehr unordentlich und nachlassig in seiner Pflicht. Gott! wie kann bei so einem Betragen sein guter Name vor den Stabsoffizieren ohne Argwohn bleiben? Selbst seine Untergebnen murren uber seine Luderlichkeit; und Militardienste sollten doch heilig seyn; die geringste Nachlassigkeit darinn ist ein Verbrechen. Will denn um Gotteswillen dieser Mann nicht begreifen lernen, dass er ganz anders handeln muss, wenn er seiner Uniform Ehre machen will? Allgutiger, gieb ihm doch Vernunft und Rechtschaffenheit! O mochte er als ehrlicher Mann sein Leben durchwandeln! Mochte es mir nie an Geduld fehlen, seine Auffuhrung zu ertragen; denn bessern werde ich ihn doch nimmermehr! Nun aber, holde Fanny, will ich von diesem Punkte abbrechen, sonst werde ich wieder schwermuthig, und schade meiner Gesundheit. Also zu etwas anderm! Und das ware? Was meinst Du wohl? Eine kleine Beschreibung vom hiesigen Orte will ich Dir jezt liefern: Der Hof ist ein altes adeliches Stift, das aus lauter stiftsmassigen Kavalieren besteht. Sie erwahlen unter einander selbst ihren eigenen Fursten, der zugleich souveraner Herr seines Landes wird. Dieser Furst halt sein eigen Militar und alle Zierden eines vornehmen Hofes, ist aber nebst den ubrigen Stiftsherren einem geistlichen Orden zugethan, zu dessen Pflichterfullung einige Stunden des Tages in der Fruhe gewiedmet werden. So bald nun diese Stunden der Andacht voruber sind, so geniessen die Geistlichen alle moglichen Freuden eines weltlichen Hofes. Sie halten grosse Tafel, fahren, reiten, haben prachtige Zusammenkunften, ergozzen sich auf ihren Landgutern, stellen Jagden an, u.s.w. Doch geschieht dies alles, wie ich glaube, mit Erlaubnis ihres Fursten. Ich muss uberhaupt die ganze schone Einrichtung dieses Hofes loben; nur eines gefallt mir nicht; und es will mir durchaus nicht in den Kopf, dass zwischen diesem Hofe und der so nahe daran gebauten protestantischen Stadt, bei unsern aufgeklarten Zeiten, noch ein Bischen Religionshass Plaz findet. Aber leider ist es nur zu wahr, man nekt sich von beiden Seiten; man ist gegen einander mehr kalt als bruderlich, mehr mistrauisch als gutig, mehr bose als christlich, und das alles aus eingewurzeltem Vorurtheil, das sich wie Klettensamen in den Familien fortpflanzt. Uebrigens haben bei allem dem die schonen Wissenschaften auch in der Stadt ihren Wohnsiz. Versteht sich, wie in den meisten Reichsstadten, nur in einigen Hausern. Eben das ist auch die Ursache, warum der vortrefliche, aufgeklarte junge Baron Sch..., so wie mein Oheim, sehr freundschaftlich mit diesen Hausern verbunden ist. Es herrscht unter diesen Denkern, troz der Verschiedenheit ihrer Religion, eine Harmonie des Geistes, die kein katholischer Bigottismus und kein protestantischer Eigensinn zerstoren kann. Pressfreiheit, Duldung der bessten Schriften ist auch da zu Hause; und was braucht es mehr, um sich einstens die herrlichste Aufklarung von beiden Seiten zu versprechen? Mein Oheim arbeitet unermudet an der beiderseitigen Duldung. Ueberall erblikke ich in ihm den thatigen Menschenfreund. Wirklich hat er auch einen jungen Anverwandten bei sich, den er selbst erzieht. Was der neunjahrige Knabe fur Talenten zeigt, ist nicht zu beschreiben; und dann die liebevolle, schone Art meines Oheims ihn zu bilden, lasst mir von diesem Jungen alles Gute hoffen. Er ist jezt schon frei und naturlich in seinem Betragen, offenherzig, gut und sanft, sein Herz offnet sich allem Guten, das in der lieben Natur liegt. Der wakkere Junge liebt seinen Oheim eben so sehr, als ich ihn liebe. So viel fur heute, traute, liebe Fanny, von deiner Dich gewis liebenden

Amalie.

LXXV. Brief

An Amalie

Willkommen, liebe Freundin, mit deinen herzigen zween Briefen! Armes bedaurungswurdiges Malchen, so qualt Dich denn dein Mann noch immerfort! Der Unbesonnene, konnte Dir vor eurer Abreise durch seine Schulden noch Plagen verursachen! Weis denn der Fuhllose nicht, dass, um Schuldner zur Geduld zu verweisen, eine gewisse Unverschamtheit oder Schamlosigkeit erfodert wird, die Du gewis nicht in deiner Gewalt hast? Fast immer ziehen mit Schulden beladene Menschen, denen es an Kuhnheit mangelt, den Kurzern, und werden von eigennuzzigen Glaubigern aufs empfindlichste beleidigt. Besonders, wenn sie es mit Pobel, oder noch weit arger, wenn sie es mit judischen Kaufleuten zu thun haben. Nichts macht den Kaufmann hartherziger als Eigennuz. Man wird sehr wenig wahre gutherzige Leute in dieser Menschenklasse finden. Der hassenswurdige Eigennuz macht die meisten von ihnen grausam, unempfindlich und stolz. Um dieses Lasters willen haben die wenigsten Kaufleute Gefuhl fur Grossmuth und furs gesellschaftliche Leben. An den Eigennuz gewohnt, fuhlen sie nicht den Mangel Anderer; von dem Geize beherrscht, tirannisiren sie ihre Nebenmenschen; im Ueberfluss vergraben, kennen sie die Empfindungen der Armuth nicht; und so bleiben sie von der Gesellschaft zurukgezogen fur sich, stolz auf ihr Geld, und unertraglich fur den Vernunftigen. Kann man etwas Widrigeres sehen, als einen alten Geizhals von Kaufmann, der steif wie Holz und murrisch wie ein Menschenhasser, hinter seinem Geschaftpult neben seinem Geldkasten sizt? Taub fur das Elend der Durftigen, lebt derselbe blos fur seinen Eigennuz. Mochte sich doch dieser Stand mehr fur Menschenfreundlichkeit bilden! Mochten die lieben Leutchen in ihren Reichsstadten aufhoren ihre steife Etikette zu behaupten, welche sie zum Spott fur Fremde und zur Ehre ihrer Geldkisten beibehalten. Manner und Weiber aus diesem Stande verfallen fast immer auf zwo Extremitaten: Die erstern sind entweder kahle, pedantische, unertragliche Murrkopfe; oder aufgeblasene franzosirende, junge Gekken. Und so geht es gerade mit den Weibern auch: Ein Theil opfert der Alfanzerei und dem Vorurtheil, und der andere dem Hochmuth und der Koketterie. Ich kenne keinen dummern, hervorstechendern Stolz, als den Stolz einer Kaufmannsfrau. Bald werden sie anfangen sich in Gesellschaften ihre Kapitalien vorzurechnen, um dadurch den ersten Plaz auf einem Sofa zu erringen. Wem dies etwa unglaublich scheint, dem mag folgende wahre Geschichte zum Beweise dienen:

Zwei hochmuthige, auf ihr elendes Geld stolze Kaufmannsweiber, befanden sich vor einigen Wochen in einem Schauspielhause, und nahmen den Plaz einer dreisizzigen Loge ein. Die Loge war nicht geschlossen, sondern furs Geld dem ersten Bessten zu Befehl. Ein braves munteres Weibchen, die Gattin eines Tonkunstlers, gerieth aus Zufall in diese nemliche Loge, und wollte den dritten noch unbesezten Plaz einnehmen. Die Kaufmannsweiber, von sinnloser Eitelkeit hingerissen, weigerten sich dieser Frau Plaz zu machen; aber unser Weibchen, die als Kunstlersfrau sich besser fuhlte, als diese seichten, lieblosen Seelen, bestund auf dem begehrten noch freien Sizze, und lies sich fur ihr Geld nicht abweisen; nach langem Zanken mussten die Kaufmannsweiber dennoch rukken; aber jezt gieng es unter ihnen an ein Ohrenflustern, das gar kein Ende nahm. Unser liebes kleines Weibchen aber dachte indessen auf Wiedervergeltung fur diese abgeschmakte Auffuhrung; und siehe da, auf einmal wusste sie die schonste Ohnmacht zu fingiren, die ihre Nachbarinnen nicht wenig erschrokte. Nun trat Heuchelei bei diesen Frazzenseelen an die Stelle der Menschenliebe, und geschwind wurde der Ohnmachtigen mit Riechflaschchens zu Hulfe geeilt. Das Weibchen wurde geruttelt, aufgeschnurt und mit wohlriechenden Wassern begossen, bis sie sich wieder erholte und die eine Kaufmannsfrau sie fragte: Madame, wird Ihnen noch nicht besser? O Sie haben uns sehr erschrokt! Ach nein! erwiederte die boshafte Kranke Ach nein! Es kann mir hier unmoglich besser werden, denn es riecht zu stark nach Stokfischen, nach Oehl, nach Sardellen, u.s.w. Im nemlichen Augenblikke erscholl von den Umstehenden ein lautes Gelachter, und jede Ekke des Theaters war mit dieser Anekdote in einem Hui angefullt. Alles, was im Schauspielhause war, fieng an zu zischen, zu stampfen, und zu pfeifen, bis die zwo Huldgottinnen der Dummheit von einer Menge Buben begleitet nach Hause eileten. Die Kunstlersfrau aber trug das Lob eines wizzigen Weibes davon, und wurde um diesen Preis wohl gerne noch mehr solche Ohnmachten ausstehen.

Und nun, meine Besste, hast Du hier den wahren Beweis meines obigen Sazzes, uber den hervorragenden Hochmuth der meisten Kaufmannsweiber. Doch jezt auch ein Paar Wortchen uber die Liebe zu deinem Oheim: Dieser Edle muss nun ganz gewis seine Herzenslust an Dir gehabt haben, wenn Du so gluhend von Dank an seiner Seite sassest. O wie sehr verdient dieser Vortrefliche deinen Dank, und Du das namenlose Entzukken danken zu konnen. Uebrigens, Theuerste, kummere Dich nicht in Gesellschaften uber das Vorurtheil in Ansehung deiner Lebhaftigkeit. Der Umgang eines denkenden Madchens muss Feuer, muss Freiheit haben, sonst thut er keine Wirkung, und macht die Manner in Gesellschaften gahnen. Munterkeit und ein Bischen wildes Wesen an einem Madchen ist reizender, als der geschraubte, angstliche Ton der Bloden, die unter dem Wort Wohlstand ihre wenige Beredsamkeit und ihre flegmatische Dummheit verbergen. Gerade diese Madchen mussen die Manner lehren den blosen Schein vom Laster selbst zu unterscheiden. Sie mussen sie lehren einen Blik ins Innere eines Madchenherzens zu werfen. Sie mussen uber alles das die Manner lehren, dass nichts als ein liebenswurdiger Umgang das achte Mittel ist, die Manner vom Thierischen abzuhalten. Die herrlichste aller weiblichen Kunsten ist, die Manner mit Kopf zu unterhalten. Dieser Vorzug gehort der Hasslichen so wie der Schonen, und nur zu oft welkt die leztere durch Krankheit fruhe schon dahin, dahingegen die erstere mit ihren untilgbaren Reizen ihr ganzes Leben hindurch glanzet. O Madchen, Madchen! wie lange wird es noch dauern, eh ihr die Kunst, durch Vernunft zu gefallen, so hinlanglich werdet studirt haben, dass die Manner (den Korper ausgenommen) uber euern Umgang nicht mehr die Nase rumpfen? So eben unterbricht man mich. Noch einen Kuss, und jezt ein warmes Lebewohl von

Deiner Fanny.

LXXVI. Brief

An Fanny

Liebe, traute Freundin! Muss mich doch gleich hinsezzen und Dir dein Leztes beantworten: der Stoff, den Du darinn uber den Stolz der Kaufmannsweiber beruhrst, verdient wirklich meine Aufmerksamkeit. Deine Gedanken daruber sind richtig; ich selbst habe es auf meinen Reisen erfahren, wie trokken, ungesellig, hochmuthig und von oben herab einer Fremden in den meisten Handelsstadten begegnet wird. Und was mich noch dabei am empfindlichsten argerte, ist die niedrige Behandlung ihrer Dienerschaft. Wenn ich so von ungefahr einen Blik in ein Komptoir that, was ich da fur dummen Stolz erblikte! Dieser unzeitige Despotismus der Kaufleute gegen ihre Bedienten schien mir ungerecht und verachtungswurdig. Jeder Untergebene gehort in der Menschheit in eine gewisse Klasse; aber dass die Kaufmannsbedienten nicht in die Livereiklasse gehoren, ist doch gewiss Jedem begreiflich. Kann der grosse vorurtheilsfreie Kaiser Joseph zu dem lezten seiner Beamten Sie sagen, so dunkt mich, wirds der Kaufmann gegen seine Bedienten auch thun konnen, wenn er anders nicht beim blosen Haringsfang ist erzogen worden. Der Kaufmann und sein Bedienter verrichten beide die nemlichen Geschafte, und wenn der erstere den grossten Nuzzen davon zieht, so sehe ich gar nicht ein, warum er dem leztern grob begegnen soll. Der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem Diener besteht nicht in der niedrigen, sklavischen Behandlung, wohl aber in der gegenseitigen Achtung, die sich beide verhaltnismassig und nach Masgabe des beiderseitigen Betragens schuldig sind. Geld und Gluk giebt uns kein Recht, auf minder Glukliche verachtlich herabzusehen. Verdienste, Fleis und Talente sind unserer Achtung wurdig, sie mogen wohnen in welcher Gegend der Erde sie wollen. Es muss einem Handlungsdiener von gutem Hause ausserst empfindlich seyn, wenn er mit den Livereibedienten per Er behandelt wird. Woher hat ein Kaufmann das Recht seinem Mitgehulfen so viel Uebergewicht fuhlen zu lassen? Vorurtheil ist es, vom Stolz erzeugtes Vorurtheil, das ohnehin harte Schiksal eines Untergebenen nicht erleichtern zu wollen. Wenn der Herr sein Ansehen auf keine gelindere Art, als durch dergleichen Herabsezzung zu behaupten weis, dann ist er mit seinen Untergebenen zu beklagen, weil der erstere die ihm gehorige Ehrerbietung sklavisch erzwingt, und der leztere aus Zwang blos murrisch seine Pflichten erfullt. Der Kaufmannsstand sollte sich in unsern Gegenden so viel moglich von den Sitten des Pobels zu unterscheiden suchen. Es ist ein wurdiger, nuzlicher Stand; Fleiss und gute Einrichtung sind seine ersten Pflichten; schmuzziger Eigennuz aber, Rohheit und Hochmuth erniedrigen ihn. Es ist mir unbegreiflich, wie man unter diesem Stande, bei so haufigen Gluksgutern, doch so wenig Bildung des Herzens und der Sitten trift? Der Fehler liegt in der Erziehung. Kaufmannssohne werden in ihrer ersten Jugend als Ladenjungen zu Knechtsarbeiten verdammt. Mancherlei niedrige Verrichtungen und schmuzzige Arbeiten sind ihre Beschaftigungen. In Gesellschaft von Knechten und Magden vergessen sie ihr Herkommen, lernen eine pobelhafte Lebensart, in welcher sie sich noch zu vervollkommnen suchen, weil es ihnen Pflicht scheint, sich in diese Gesellschaft schikken zu mussen. Endlich geht in so einem armen Jungen alles Ehrengefuhl verloren, erhabene Begriffe werden bei ihm erstikt, er lernt nicht denken, nicht empfinden, und lebt wie ein gutwilliges Lastthier auf seiner unwurdigen Laufbahn fort, bis ihn sein Schiksal zum Bedienten erhoht. Da sizt er nun wieder vom Morgen bis in die spate Nacht am Schreibtisch wie angenagelt, krizzelt seinen troknen Schlendrian fort, und zittert wie ein Gefangener, wenn ihn sein roher, eigennuzziger Gebieter in einer augenbliklichen Erholung uberrascht. So viele mit Vorurtheil bestrikte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren Bedienten nuzliche Bucher zu verbieten, und schranken junge Leute bei mussigen Stunden zuchthausmassig ein. O der steifen Dummheit, die ihrem Nebenmenschen jeden Weg zur Weltkenntniss und zur Bildung abschneidet! Wie kann so ein junger Mensch Geist und Denkkraft erhalten? Wie kann er ein taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden? Wie kann er als Herr einst vernunftiger gegen seine Untergebenen handeln, wenn er selbst so elend ist behandelt worden? Pobelhafte Sitten, Unempfindlichkeit, Grobheit, Vorurtheil mussen bei ihm ewig hervorscheinen, weil es die ersten Eindrukke sind, die er, als sogenannter Hundsjunge, in seiner fruhen Jugend einsog. Vater und Mutter, lasst euere Kinder Zuschauer von allen Beschaftigungen werden, die zu diesem Stande gehoren; aber hutet euch wohl, sie ausser einem Nothfall selbst an niedrige Arbeiten zu gewohnen, sie kommen dadurch mit dem Pobel in Gemeinschaft. Ladenkehren, Einheizen, Kinder herumschleppen, Betten machen, u.s.w. sind lauter unwurdige Beschaftigungen, die ihr Herz und ihre Bildung verunedeln. Bald schreib ich Dir wieder mit eben dem Herzen, das nur Dir gehoret.

Amalie.

LXXVII. Brief

An Fanny

O meine gutherzige Freundin! Das war wieder fur mich ein entsezlicher Auftritt! Ein Auftritt, der jedes warme, fuhlende Menschenherz zum innigen Mitleiden hinreissen muss! Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt, wenn ich es vermag: Vor einigen Tagen musste mein Mann einen Transport Mannschaft nach G.... liefern. Mein Oheim befurchtete diese Mannschaft mochte in den Handen der Unteroffiziere eben nicht am sichersten seyn. Aus diesem Grund rieth er meinem Mann, er mochte aus Vorsicht selbst mitreiten. So sauer nun diese kleine Reise meinen Mann ankam, so durfte er meinem Oheim doch nicht widersprechen, und es geschah. Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den Weg, gerieth aber auf der Rukreise in eine Spielgesellschaft und Gott erbarme sich seiner und meiner! Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd, Geld und alle ubrigen Kostbarkeiten, die er bei sich fuhrte. Ha! Meine Fanny! Wie erschrak ich, als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir anlangte! Der Kerl versicherte mich, dass Verzweiflung auf dem nachsten Dorf sich seines Herrn bemachtigt hatte! Starrend, staunend sah ich dem Burschen ins Gesicht, konnte weder denken noch handeln, alle Fassung hatte mich verlassen! Es war mir unmoglich dieses Elend meinem Oheim anzukundigen! Ich sah jezt seine Wuth, seine Verwunschungen zum voraus! Und konnte ich es ihm verdenken diesem guten Manne, der sein ganzes Vermogen, seine Ruhe, seine Gesundheit an einen luderlichen Spieler gewagt hatte? Ja, Fanny, Alles, Alles, blos aus Liebe zu mir, aus Menschenfreundlichkeit, aus Hofnung, dass er sich bessern wurde. Er gab diesem Undankbaren was er nur immer entbehren konnte; und nun betrogen, von einem Elenden, dessen Auffuhrung ihm und seiner Ehrenstelle bald offentliche Schande gedroht hatte! Jesus Christus! Ich komme fast von Sinnen, wenn ich die Folgen bedenke, die unserer Familie zur ewigen, unausloschlichen Beschimpfung durch diesen Leichtsinnigen noch bevorstehen. Trostlos kampfte ich lange mit furchterlicher Bangigkeit, unentschlossen irrte ich im Hause herum, mehr als zehen Mal nahte ich mich der Treppe, um diese Nachricht meinem Oheim zu bringen; aber umsonst, es war mir geradezu unmoglich! Was? den grossten Wohlthater unter den Sterblichen soll ich so schroklich beugen! Dies fuhr mir dann wieder durch den Kopf. Endlich fieng ich an zu rasen, zu wuten, mit den Zahnen zu knirschen, warf mich aufs Bett, rang die Hande, bis meine sinnlose Betaubung meine Qual einschlaferte. Ich phantasirte, rief meinem Mann mit grasslicher Stimme so viel erzahlte man mir nachher Rette dich, armer Sunder! schrie ich rette dich vor den Handen der Henker! Siehst du, wie sie dich pakken wollen! Siehst du! Haltet ein! um Gotteswillen haltet ein! Hier ergriff ich den Bedienten beim Halse, der jammernd an meinem Bette stund, und riss ihm in der Verzweiflung seinen Halskragen in Stukke. Der arme Junge wand sich von mir los, und lief mit Angstschweis bedekt nach Hofe zu meinem Oheim. Gott! wie dieser gefuhlvolle Mann zusammenfuhr, wie er hereilte zu meinem Krankenbette! Mit aller Warme eines leidenden Freundes bemuhte er sich lange umsonst, mich ins Leben zurukzurufen. Grasslich schwer drukte der Anblik meines so schnelldrohenden Todes sein blutendes Herz! Dieses angstliche Gefuhl schien den Eindruk zu lindern, den er durch die pflichtvergessene Auffuhrung meines Mannes tief empfunden hatte. Wenn mehrere Leiden auf den Sterblichen zusammensturmen, sagte er mir nach der Hand, so sind doch immer diejenigen am starksten, wofur sich die Stimme des Bluts verwendet! Meine kalte, konvulsivische Erstarrung dauerte noch so lange, bis die Thranen und Kusse meines Oheims mich wieder zum Leben erwekten. In seinen Armen offnete ich meine Augen, an seinem Herzen fuhlte ich das meinige wieder zum ersten Male klopfen. Hoch pochte mein Busen auf, aber sprachlos war meine Zunge, bis mein Oheim mich versicherte, dass er von Allem unterrichtet ware. Jezt fieng bei dieser Erklarung neuer Schrekken an durch meine Glieder zu schaudern; alle Umstehenden zitterten vor einem Rukfall der Krankheit, und mein Oheim beschwor mich um seiner Liebe willen, ruhig zu seyn! Die Natur hatte sich ermattet, ein schwermuthiger Schlaf gab mir die wenigen Kraften wieder, die sich noch in meinem krankelnden Korper zu neuen Leiden befanden. Als mich nun mein Oheim etwas starker glaubte, fieng er mit Mannerkraft an uber die Zugellosigkeit jenes Ehrvergessenen auszubrechen: Er ist ein Betruger! Er mordet dich und mich! Wir wollen dieses Ungeheuer der menschlichen Gesellschaft verabscheuen! Fliehe ihn, meine Tochter! Fliehe ihn! Er hat muthwillig, mit Vorsaz alle Bande zerrissen! Ach! um seines Seelenheils willen, mein Oheim, nur diesmal noch Verzeihung! Nur diesmal! Heilige Mutter Gottes, hilf mir bitten! Nur diesmal noch! Strafbares, zu gutherziges Weibchen, versezte er, soll ich seine Laster durch neue Unterstuzzung nahren? Soll ich mich der Gefahr aussezzen, Schimpf und Schande an einem Buben zu erleben, der die Kuhnheit hatte, fremde Gelder anzugreifen? Soll ich mein Ansehen, meinen guten Ruf, meine geistliche Wurde dem Tadel Preis geben, verstokte Sunder durch unbesonnene Gutheiten im Laster gestarkt zu haben? Gewis, liebes Malchen, ich bin es bei Gott mude, langer einen Undankbaren zu schonen! Er hat meine Ruhe zerstort, er hat dich, meinen Liebling, dem Grab zugeschleppt; er hat mich an Gluksgutern entblost; was will er denn mehr, der Verwegene? Um der Barmherzigkeit Gottes willen, mein Oheim, nicht weiter! Sie todten mich! Vergieb, arme gute Seele, vergieb! Der Eifer riss mich hin! Siehst Du, mein Kind, Dir zu Gefallen will ich jezt Mann seyn, und aus Liebe zu Dir, Herzens-Malchen, will ich auch diesmal auf Mittel denken, unsere allerseitige Ehre zu retten. Nur hute Dich, dass mir dein Mann nicht zu fruhe unter die Augen kommt; denn noch blutet die Wunde, die der schwarzeste Undank mir schlug! Noch siehst Du blass aus, wie der Tod, meine Arme, und tragst die Zeichen der Grausamkeit auf deinem Gesichte! Ich gab diesem Edeln mein Wort, dass ich dafur sorgen wurde, meinen Mann seinem Anblik zu entziehen, und so verlies mich der gute sanfte Vater. Es dauerte aber nur wenige Stunden, so folgte eine Summe Gelds die dieser Herrliche auf seinen Kredit hin geborgt hatte, zum Ersaz fur meines Mannes Rukstand. Tages darauf kam der niedrige Sklave seiner Leidenschaften wie ein Verdammter von seiner Reise zuruk. Sein Gesicht war zerstort, seine Zuge in Unordnung, seine Augen hohl, seine Farbe gelb, seine Haare zerrauft, seine Kleider kothigt, und seine Laune stumm. Rasch trat er ohne Gruss ins Zimmer! Angst, Seelenangst uberfiel mich Armselige! Er schien weder meine Krankheit, noch meinen Gemuthszustand bemerken zu wollen. Der beleidigte Hochmuth emporte sich in ihm bei dem Gedanken straflich zu seyn, und ubermannte ihn so sehr, dass er sich einen ganzen Tag lang ohne Speise zu sich zu nehmen in sein Zimmer verschloss. Er schien gar keine Reue zu fuhlen. Die Nothwendigkeit, wieder von meiner Seite Hulfe annehmen zu mussen, machte ihn beinah rasend! Und doch zwangen ihn seine Werbungsgeschaften, dass er mir durch seinen Diener Geld abfodern lies. Ohne den mindesten Vorwurf schikte ich ihm die ganze Summe. Seit dieser Zeit sah ich ihn mit keinem Auge. Mein Ungluk ist meine einzige Gesellschaft! O Fanny! Warum nicht auch der Tod? Wenn es in einer solchen Lage Verbrechen ist, ihn zu wunschen, o so vergieb Allsehender, der gebeugten

Amalie.

LXXVIII. Brief

An Amalie

Holdes, liebes Malchen, es wurde mir Sunde scheinen, Dich in deiner wirklichen Verstimmung nicht zu trosten. Meine Amalie, ich schrieb eine Luge! Denn welches menschliche Wesen hat in einer solchen Lage Trost fur Dich? Keine Macht, keine Grunde, keine bittende Freundschaft vermogen Dich von einem Unthier zu trennen, das Dich mit Hohngelachter zum Abgrunde hinschleppt! Bist Du denn seiner Misshandlungen noch nicht mude? Hangt dein Herz noch immer an einem Barbaren, der Dich lebendig tausendfach wurgt und doch nicht todtet! O das Weiberherz ist eine geringe Waare, die jeder Schandbube misbrauchen kann, wenn er sie einmal im Besiz hat. Theure Martirerin der unaussprechlichsten Leiden, komm in meine Arme; verlass ihn den verabscheuungswurdigsten Unmenschen; er ist fur Dich und fur die Tugend unwiederbringlich verloren! Wo Ehre weicht, weicht alles was zum rechtschaffnen Mann gehort. Gott im Himmel! Er sturzt Dich und deinen Oheim ins Verderben! Sey vorsichtig, entferne Dich, dieweil es noch Zeit ist! Deine Standhaftigkeit ist eine Sunde, die Du auf Kosten deines Lebens und deiner Gesundheit begehst. Warum hortest Du nicht schon lange auf meine Warnungen? Warum folgtest Du nicht meinem Rathe? Warum offnetest Du ihm wieder ein Herz, das der Leichtfertige in Stukke zerreisst? Du bist Weib im vollen Verstande, ein schwaches Weib, sonst wurdest Du deinem Morder nicht selbst den Nakken darbieten. Deine strafliche Gutherzigkeit ist anstekkend, Du bethorst damit deinen Oheim, reissest ihn mit ins Verderben! Grausames, unbesonnenes Geschopf! Hore die Wahrheit deiner Dich liebenden Freundin, und folge der Stimme der Vernunft! Ich bitte, ich beschwore Dich jezt zum lezten Mal, folge meinem Rath! Wer kann, wer darf ihn tadeln? Ist er nicht der Menschheit angemessen? Grausamkeit zu dulden, kann kein Gesez fodern! Verhartetes Laster muss hier oder dort gestraft werden, sonst weh dem Unschuldigen, wenn Niemand seine Klagen horen will! Und, gesezt denn auch, die Ohren der geistlichen Richter waren unter euch Katholiken fur so ein Elend taub, so durfen es doch die deinigen nicht seyn, gegen ein Leben, dessen Verkurzung Du einstens schwer deinem Schopfer wirst verrechnen mussen! Was konntest Du wohl langer einem Schurken an seiner Seite nuzzen, der sich mit Lasterwut im Kothe herumwalzt? Oder sind Spielsucht, Mordsucht und Betrugerei etwa nicht hinlangliche Grunde zur ewigen Trennung? Wenn der eigene Mann sein angetrautes Weib durch Spielsucht der Armuth und ihren Versuchungen Preis giebt; ist er denn nicht straflicher, als der gekannte Boswicht, der nicht wie dieser offentlich, sondern im Stillen, unter dem Dekmantel der Religion Seelen mordet? Wenn so ein Meineidiger der am heiligsten Altar Fleis, Sorgfalt und alle Arten von Pflichten schwur, wenn so ein heuchlerischer Lugner mit Satans Grausamkeit, durch Hunger, selbstverursachten Mangel und Misshandlung die Gesundheit seiner Gattin schwacht, und ihr Leben verkurzt: O dann sagt mir, ihr eiskalten Richter, wo giebt es unter der Sonne einen verdammungswurdigern Morder, als in einer solchen Ehe? Wie er dann im Dunkeln das an ihn gefesselte Weib dahinwurgt! Wie er als Mann uberall den Starkern behaupten kann; wie die Menschen geneigt sind, Mannerharte zu entschuldigen, und wie sie dann schreien und wimmern kann, die arme gepeinigte Unschuld, bis der Tod sie von Banden befreit, die leider nur bei den wenigen vernunftigen Protestanten, auf dieser Erde gelosst werden konnen. Beim Himmel! Meine Freundin, zu wenig kann das Auge des Richters in die verschlossene Mauern so vieler ungluklichen katholischen Eheleute dringen, wo Tirannei des Mannes und sanfte Duldung des gekrankten Weibes, das leztere hinwelken machen, weil dasselbe zu viel Ehrengefuhl besizt, um zur Schande des erstern, ihr Hauskreuz offentlich bekannt zu machen! Es ist doch die schroklichste Unmenschlichkeit, dass Tugend und Laster in einer solchen Ehe in einem Hause wohnen, an einem Tische speisen und in einem Bette schlafen muss! Wie leicht kann eine unerfahrne junge Waise, aus Umstanden, aus Uebereilung, mit einem leidenschaftlichen Bosewicht ein Band knupfen und sich dadurch fur die ganze Zeit ihres Lebens eine Holle bereiten! Bei jeder Klage, die uber uble Ehen vor den Richter kommt, sollte derselbe genau alle Umstande der beiderseitigen Unzufriedenheit untersuchen: Oft sind es disharmonirende Gemuther, oft Ausschweifungen und verhartete uble Gewohnheiten, die eine Ehe ohne Hofnung, dass sie besser werden konnte, vergiften. Wir haben in katholischen Landern kein haufigers Uebel, als unzufriedene Ehen. Wurde man die vielen menschlichen Teufel, die einander taglich, stundlich wie Furien plagen, ohne Umstande von einander scheiden, so gabe es minder boshafte Kinder und minder unglukliche Ehen. Der Richter muss Menschenkenner genug seyn, um ins Innere zweier Gemuther zu dringen, er muss mit Ueberlegung untersuchen, ob wegen Verschiedenheit der Herzen, der Temperamenten, der Gemuthsarten, der Grundsazze, alle Hofnung verloren ist, solche Leute je wieder zu vereinigen, dass kein Rukfall zu befurchten ist. Eingewurzelte, uberwiesene Ausschweifung oder Sorglosigkeit des Mannes sind auch Ursachen, die durchaus Ehen fur immer scheiden sollten; besonders dann, wenn keine Kinder vorhanden sind. Man urtheile nur selbst, ob nicht die Religion weit mehr durch die Unmoglichkeit der Trennung eines Bandes entheiligt werde, welche oft beide Eheleute zur Verzweiflung bringt, und sie in ihrem heimlichen Lasterleben nur noch hartnakkiger und verstokter macht, als durch die Losung desselben, vermoge welcher vielleicht noch Besserung fur den einen oder den andern Theil zu hoffen ist. Zwang nahrt uberhaupt alle Laster, aber freiwillige Tugend macht der Religion und ihren sanften Banden Ehre. Es geschieht dann doch im Stillen in solchen Ehen so viel Uebels, als man sich kaum denken kann. Und ist denn bei dergleichen Entdekkungen das Aergerniss nicht weit straflicher als die Trennung? Sollen denn zwei abgeneigte, verbitterte Gemuther wie Kettenhunde so lange mit Wut an ihren Ketten nagen, bis sie von selbst zerbrechen? O Menschheit! Menschheit! Wenn werden deine Gesezze anfangen der lieben Vernunft und der schonen Natur Ehre zu machen? Aber nun, meine bedaurungswurdige Amalie, sey Dir das genug gesagt, von einem Gesez, das auch Dich ungluklich macht! O, meine Arme, wach auf aus deinem gutherzigen Schlummer, suche Ruhe, suche Zufriedenheit; Du bist nicht dazu geschaffen, Dich durch eines Andern Laster in Staub tretten zu lassen. Amalie! ich fuhle dein Elend jezt wieder aufs Neue zu tief... um Dir etwas weiter zu sagen, als dass ich mit Dir ungluklich bin! Deine fuhlende

Fanny.

LXXIX. Brief

An Fanny

Ja wohl, meine einzige, vortreflichste, gutherzigste Freundin! Ja wohl, scheint mir Alles in meiner Lage trostlos! Nicht taub gegen deine Bitte, nicht taub gegen die Vernunft, aber unfahig zu jeder Unternehmung, schleppe ich meine Geschikke von Gedanke zu Gedanke, und kann keinen finden der mich beruhigt. Ob ich der Mishandlungen meines Manns nicht mude bin? O meine Besste! Mein schwacher Korper ist es schon lange, aber mein Herz ist es nicht. Lass es immer an dem Pflichtvergessenen hangen, dieses zu gute Herz; mag er es bis zum lezten Schlage peinigen, so bleibt ihm die Strafe und mir die Belohnung dort oben ubrig! Und wenn denn doch Schandbuben so leicht aus teuflischem Leichtsinn das Herz eines guten Weibes zerfleischen konnen, so muss es unter unserm Geschlecht auch Weiber geben, die es bei ihnen so lang als moglich auszuhalten wissen. Wo bliebe sonst das sanfte, gutherzige Gefuhl der Natur, das blos dem Weibe zur Zierde von dieser gutigen Fuhrerin zugetheilt wurde? Mein Gatte ist nun auf ewig fur mich verloren! aber werde ich gluklicher seyn, wenn die Entfernung von ihm an meiner Seele noch schroklicher nagt? Er hat mich arm gemacht, in Schande gesturzt, aber bin ich denn bei seiner Abwesenheit reicher? Ha! Meine Fanny, ich will Dir folgen, wenn Du mir die Seelenruhe wieder geben willst, deren Verlust mich sonst martern wurde! Meine Standhaftigkeit ware Sunde, sagst Du? O, dann ist seine Behandlung teuflisch und mein Nachgeben himmlisch! Doch pfui! was meine Eigenliebe mir da wieder vorgaukelt! O, ich schame mich! Das zu thun, wozu wir verbunden sind, verdient kein Lob, sonst verliert es seinen Werth. Aber wahrlich, wahrlich, Du hast Recht, liebenswurdige Denkerin, ich bin ein schwaches, schwaches Weib, die gutwillig ihrem Tod zueilt! Bei Gott! das Weib ist, wie es alle Menschenkenner sagen entweder Engel oder Teufel. Und nun auch zum lezten Mal, meine Freundin: lass ab von deiner Foderung, ich kann, ich darf ihn nicht verlassen! Was wurde die Welt, was wurden meine Feinde sagen? Die Richter meinst Du? O, die Richter unserer Religion sind blos Maschinen, die vom Vorurtheil oder vom Eigennuz in Bewegung gebracht werden! Soll ich mich ihren fuhllosen Untersuchungen und wenigen Einsichten Preis geben? Mein Schmerz wurde mich vor ihrem Angesichte stumm machen, da indessen der kaltblutige, beredtere Ehemann seine Sache unter dem Schuz der Bigotterie mit Nachdruk vertheidigen wurde. Sollte ich unverschamt genug seyn konnen, ihm vor Andern seine Fehler vorzurukken, und mir selbst durch seine Galle vergrosserte andichten lassen? Nur gemeine Weiber konnen in den Gerichtssaal hinstehen und ihre Manner mit sich offentlich beschimpfen! Und wenn sie dann auch zu meinem Vortheil vollendet wurde diese Scheidung, was wurde es mir bei meiner Religion nuzzen? Bin ich hernach freier? Kann ich meine Hand einem Andern geben, die ewig durch Kirchengesezze gefesselt bleiben muss! O des grasslichen Gedankens, der mir jezt zentnerschwer aufs Herz fallt! Hinsturzen mochte ich zu den Fussen eines Josephs, und seine Weisheit, sein Menschengefuhl mit aufgehobnen Handen anflehen! Dieser grosse Monarch, der die bigottische Tirannei von dieser Art auch im Einzelnen untersucht, der ohne Geld, ohne Nebenwege gedrangten Eheleuten zu Hulfe eilt. Ha! Meine Fanny! Das war blos ein kleiner vorubereilender Trost, der mir in meiner kummervollen Lage nichts hilft. Zaghaft ist jeder Unglukliche, und selten wagt es ein Weib sich dem Throne eines Fursten zu nahen, wenn es auf Unkosten eines Gatten gehen soll. Und nun sage selbst, meine Freundin, was bleibt mir ubrig? Soll ich mich an geistliche Richter wenden, die eine unglukliche Ehe kaum dem Namen nach kennen? Soll ich diesen harten ans Zolibat gewohnten Menschen meine Leiden vorjammern, die nur zu oft fremdes Elend gar nicht einmal begreifen. Angejocht an ihren geistlichen Stand, tragen sie zu wenig Kenntnis der Welt in ihrem umnebelten Kopfe, um sich hinlanglich in die Lage einer ungluklichen Ehe hinein denken zu konnen. Und wenn denn auch unter diesen Richtern zuweilen ein denkender Kopf ist, der von keinem Vorurtheil sein Gefuhl erstikken lasst, was wurde mir dieser einzelne nuzzen, da hingegen so viele andere zum Unheil der Menschheit ihre eingefuhrten grausamen Rechte behaupten mussen! O! fur mich ist in dieser Welt keine menschliche Hulfe mehr! Ich bin an Bande gefesselt, die Menschendummheit so enge, so unaufloslich bei meiner Religion zusammenknupfen! Es ist schroklich, schroklich, die ganze Zeit seines Lebens lebendig todt ans Laster verheirathet seyn zu mussen; aber doch ist es nun einmal so, und der gutige, gerechte Gott im Himmel gebe mir Starke, das furchterliche Verhangnis zu dulden, das mir seine Geschopfe auflegten! Glaube mir, Fanny, wenn unsere Geistlichen sich begatten durften, so wurde hie oder dort einer fuhlen, wie ubel ausgeschlagene Ehen das Leben zur Holle machen konnen. Ha! Wie wurden sie eilen diese nun so kurzsichtigen Schwarmer, um ein Band zu losen, unter dessen Druk auch sie schmachten mussten. Nun aber leben diese vom Vorurtheil selbst gefolterte Menschen schwer schwer ihrer erzwungenen Enthaltsamkeit nach, und befriedigen ihre Triebe im Stillen, mehr oder weniger, nach der Anlage ihres Temperaments und vermoge ihrer Grundsazze. Mich deucht, dass nur durch langes langes Nachdenken und durch strenge Beobachtung ihrer selbst in ihnen konnen Triebe erstikt werden, denen so viele Tausend unterliegen. Der Korper wird beim bequemen Leben, bei nahrhaften Speisen so leicht Herr uber die Seele, wenn er nicht durch ausserste Aufmerksamkeit fleissig bewacht wird. So viel gestund mir lezthin ein helldenkender, braver junger Geistlicher selbst. Doch, liebe Fanny, wo gerathe ich hin? ich moralisire uber Andere und vergesse mein eigenes Elend. Vergessen? O gewis nicht gewis nicht! Meine theilnehmende Freundin! es drukt zu schwer in dem Herzen deiner armen, armen

Amalie.

LXXX. Brief

An Amalie

Meine theuerste Amalie! Was kann ich Dir auf deinen lezten Brief weiter sagen, als was ich Dir schon zu wiederholten Malen gesagt habe? Du bist zu gut, zu nachsichtsvoll gegen Fehler, die einer dritten Person Abscheu erwekken mussen. Nicht immer, meine Freundin, ist Gutheit Tugend. Wenn diese Gutheit das Laster nahrt, dann wird sie straflich. Erschopft sind beinahe meine Worte, Dich zu einem Entschlusse zu bewegen, den Du uber kurz oder lang doch ergreifen musst. Ich wollte mein Leben daran sezzen, dass dein heilloser Mann Dich noch einstens von selbst verlasst! Gieb Acht, wenn die Hulfsmittel erschopft sind, an denen er sich bis hieher erholte, was dann geschieht? Ich sehe ins Innerste seines Herzens: Eigennuz halt ihn noch an Dich, und sonst kein anderes Gefuhl. Dein Heldenmuth, Dich im Stillen martern zu lassen, ist uberspannt. Der gutige Gott im Himmel fodert von seinen Geschopfen kein so theures Opfer, das dieselben zernichtet. Er schuf uns zur Eintracht, und wenn wir in der Welt ungluklich genug sind, diese Eintracht unter unsern Mitbrudern nicht zu finden, dann ist es unsere Pflicht, die Verfolger zu bedauern, aber nicht unsere gebrechlichen Korper unter ihre leichtsinnigen Bosheiten zu schmiegen. Ein jedes getrettene Thierchen sucht Rettung und Hulfe; und wenn es sich dann zur Vertheidigung zu ohnmachtig fuhlt, dann ist Flucht der erste Trieb dem es folgt. Und kann denn etwas Hufloseres unter den Menschen gefunden werden als ein Weib, die in Ansehung der Starke sogar bei ihrer Schopfung den Kurzern zog? Wenn Sanftmuth und Thranen das Herz eines Mannes nicht zum Mitleiden bewegen, was bleibt ihr dann ubrig, einen so machtigen Wutrich zu besanftigen? Das Vorurtheil hat schon von Anbeginn der Welt seinen Thron aufgeschlagen; der Mann fuhlt sein Uebergewicht und lasst es so oft dem armen schwachern Weib auch wieder fuhlen. Aber jezt, meine Werthe, komme ich auf den Punkt, ob Du in der Entfernung von deinem Manne gluklicher seyn wirst oder nicht. Hier sagt mir meine Vernunft: Ja, Du wirst gluklicher seyn. Ist es nicht besser, blos das traurige Andenken seiner Misshandlungen zu tragen als die Misshandlungen selbst? Und wie kann Dir dein Gewissen uber einen Schritt Vorwurfe machen, zu dem er Dich selbst durch sein Betragen reizt? Du verlasst ja keinen Gatten, Du verlassest einen Peiniger, der Dich nur desto arger martert, weil er deine Muthlosigkeit kennt. Ich wette alles, dass er sich in lokkern Stunden, uber deine Gutherzigkeit noch tapfer lustig macht. Ich kenne das menschliche Herz: hat es einmal einen ubeln Bug, dann ist es zu tausend Verwirrungen fahig. Wenn das Herz eines Gatten an kleinen Gefuhlen, die zur hauslichen Glukseligkeit gehoren, keine Freude mehr hat, so ist in einer solchen Ehe der Friede auf ewig verloren! Rechnen wir einmal die grossen Laster deines Mannes hinweg, und bleiben wir blos bei den Kleinigkeiten stehen, die ein sorgender Mann seiner Gattin schuldig ist: Aber weh uns, meine Freundin! Ich finde nicht einen Zug in ihm, der von Menschlichkeit zeugte! Ist er nicht murrisch, gebieterisch, starrsinnig, unordentlich in seinem ganzen Wesen? Musst Du ihn nicht wie einen achtjahrigen Knaben pflegen? Bist Du nicht seine Magd, die aus Gutherzigkeit seine Erziehungsfehler mit Engelsgeduld ertragt? Genug davon, Amalie, ich weis tausend Dinge, die Du mir nicht einmal schriebst, und die Dich in meinen Augen zur unbegreiflichsten Martirerin machen! Uebrigens, meine Freundin, was kummert Dich das Gezisch deiner Feinde, bei einer Trennung, die jeder Vernunftige nach genauer Untersuchung billigen muss? Die Welt und deine Feinde, geben Dir ja deine Gesundheit nicht wieder, wenn Du vor Gram da liegst, am Rande deines jungen Lebens! Dass Du Dich nun, meine Liebe, in deinem Ungluk keinen geistlichen Richtern anvertrauen willst, billige ich recht sehr. Sie wurden Dir unstreitig dein Elend noch schwerer machen, wenn Du bei Menschen Hulfe suchen wolltest, die Dir sie am Ende des Prozesses doch nur zur Halfte reichten. Du hast selbst Vernunft und edles Herz genug, um in dieser Sache dein eigner Richter zu seyn. Wozu brauchst Du Erlaubniss zu einer Trennung, die die naturlichste Folge einer so ungluklichen Ehe ist? Lass sie auftretten, die strengen Richter, und deine Standhaftigkeit bei solchen ausgestandenen Leiden mit der ihrigen abwagen, und ich will verloren seyn, wenn einer davon Dir den Sieg streitig machen wurde? Was nun, traute Amalie, die Art bei euch Katholiken Ehen zu scheiden betrift, kraft welcher man Unzufriedene von Tisch und Bett trennt, so gefallt mir dieselbe durchaus nicht. Die gegenseitigen oft vorkommenden skandalosen Klagen, sind fur denkende Zuhorer solcher Prozessfuhrungen ekkelhaft, und die Kosten solcher Prozesse zu gross, um eine blose Trennung von Tisch und Bette dadurch zu erhalten. Diese Art Trennung macht, im Grunde genommen, Eheleute noch weit ungluklicher. Sie entgehen freilich dadurch vielen Zankereien, aber nur zu oft werden feurige an Ehestand gewohnte Temperamente noch weit unzufriedener. An solche harte Fesseln gebunden zu seyn, die Natur fur alle Triebe wegen diesen Fesseln erstikken zu mussen, fuhllos gegen alles zu werden, was uns aus Liebe das Leben versusst, mag so ein Zustand nicht eine schleichende Verzweiflung hervorbringen? Doch, Liebe, jezt kein Wort weiter mehr uber einen Zustand, der mich fur Dich, arme, gedrangte, gefuhlvolle Seele, so manche Thranen kosten wird! Sey stark, meine Besste, bring darinn der Tugend ein Opfer, das mehr werth ist, als tausend heuchlerische Ordensgelubde einer Gattung Menschen, die sich so leicht der Enthaltsamkeit wiedmen konnen, weil ihre Gefuhle abgestorben sind. Doch bei dieser Gelegenheit etwas mehr uber die Geistlichen von deiner Religion, wozu mir dein Anmerkung Anlass giebt: Erst seit einigen hundert Jahren trauern diese Armen unter der Last des Zolibats. Vorzeiten war es ihnen erlaubt an dem sanften Busen einer Gattin hinzuschmelzen und im Gefuhl der Liebe ihren Schopfer zu preisen, der Natur zu danken, und ihr Herz warmer zu stimmen fur Religion und Rechtschaffenheit, die sie jezt ehelos und kalt treiben mussen. Es ist eine wahre Freude, wenn man den zartlichen, den warmen, gefuhlvollen protestantischen Geistlichen betrachtet; wie er sein von Gattenliebe angefulltes Herz jedem seiner Nebenmenschen offnet, wie er weich ist fur Religion und Pflicht, wie er als Vater seiner Kinder, als guter Burger seine Tage in den Armen seines liebevollen Weibes dahineilen sieht. Da indessen der katholische Geistliche sein Gefuhl tirannisirt, von Langerweile gemartert wird, die Religion kalt und unzufrieden ausubt, oder gar aus Menschenschwache auf argerliche Irrwege gerath. Gott! Gott! Warum duldest Du im Menschen so viele Erfindungskraft, sich unter einander selbst zu Grunde zu richten? Warum legtest Du Gefuhle in die Natur, deren massiger Gebrauch uns unaussprechlich gluklich macht? Und warum werden denn diese Gefuhle von versengten Menschengehirnen uns zum Laster angerechnet? O du guter Gott! Besser bist Du in deinen Geboten, als es die Menschen sind! Du strafst nur den Misbrauch deiner Wohlthaten. Du schufst uns ja zur Liebe, zur Begattung; und Menschen wollen es wagen deine Schopfung zu tadeln, Triebe zu unterdrukken, die uns doch so weich zum Guten machen. Es ist unstreitig wahr, meine Amalie, nur tugendhafte, auf Grundsazze befestigte Liebe macht den Menschen zum wahren Menschen. O, was man da alles fuhlt! In den Armen der Liebe ist Seligkeit genug, um jede andere Leidenschaft mit leichter Muhe zu unterdrukken! Aber so lange die Menschen nicht lieben, und nicht durch das Lieben denken lernen, eben so lange wird das Laster noch uberall seinen Wohnsiz behaupten. Lebe wohl fur heute, theures Malchen!

Deine Fanny.

Zweiter Band

LXXXI. Brief

Amalie an Fanny

Liebenswurdigste!

Ich habe Dir heute eine sehr interessante Begebenheit zu erzahlen, und kann mich also nicht an die Beantwortung deines lezten Briefs binden. Zudem ist ja der Inhalt desselben auch schon beiderseits beantwortet, also nichts weiter davon! Es wird Dir aber fast unbegreiflich scheinen, wenn ich Dir sage, dass mein Mann zu seinen ubrigen Fehlern auch noch Tollkuhnheit hinzusezt. Eine Tollkuhnheit, die vom wahren Muth zu weit entfernt ist, um Lob zu verdienen. Aber nun hore! Ganz von Ungefahr lief vor einigen Tagen durch unsere Unteroffiziere die Nachricht ein, dass sich an dem jenseitigen Ufer des hiesigen Flusses sechs sehr wohlgewachsene Desertors aufhielten, die auf einen fremden Werboffizier passten, der sie anwarbe und ubers Wasser brachte. Eigennuz und Unbesonnenheit rissen meinen Mann bei dieser Nachricht bis zum kuhnsten Entschlusse hin! Er wagte es ohne Ueberlegung, mit seinem Bedienten in falscher Uniform ein fremdes Gebiet zu betretten, wodurch er Ehre und Leben aufs Spiel sezte, wenn mich nicht die Vorsicht noch fruhe genug zu seiner Rettung gesandt hatte. Ich beschwur ihn mit angstlicher Ahndung, einen Schritt zu unterlassen, der mein ganzes Wesen erschutterte! Aber es half nichts; er lief wie ein Rasender von der Werbungswut beseelt zu einem Schiffer an unserm Ufer. Donnernde Offiziersdrohungen und Geld beschleunigten eine Fahrt auf deren Unternehmung mit Militarpersonen der Verlust des Kopfes steht, wenn ein Schiffer es wagt solche Dienste zu leisten. Aber genug, die kleine Reise gieng vor sich, und bald kam mein Mann an den Ort hin, wo diese Ungluklichen mit heisshungriger Rettungsbegierde seiner warteten. Er fand sie in einer Scheune aufs Stroh hingestrekt, mit Verzweiflung und Hunger ringend. Schon mehrere Tage harrten die Elenden unter Kummer und Jammer auf den nahen Tod, den ihnen Verzweiflung oder Strafe drohten, wenn sie entdekt wurden. Muthlos lagen die Kerls mit dem angstigenden Gefuhl des Verbrechens im Herzen da. Blos mit leichten Leinwandkitteln bedekt starrten ihre sonst nervigten Glieder vor dem rauhen Frost des herannahenden Winters. Die Furcht erkannt zu werden, machte sie diesen armseligen Anzug wahlen. Einige davon fluchten jezt bei reiferer Ueberlegung ihrem Schiksale, das sie sich selbst so unbesonnen zugezogen; andere wurden gerne den Rukweg angetretten haben, wenn sie nicht die Furcht der Strafe davon zurukgeschrokt hatte. Endlich kam mein Mann und kundigte ihnen eine Erlosung an, bei der er selbst alles wagte, um sie zu Stande zu bringen. Nun wurde die Abrede genommen und der Entschluss gefasst, erst bei der dunkeln Nacht den Weg ihrer Rettung miteinander anzutretten. Das Schwelgen raubte nun Allen die Besinnungskraft, und keiner davor ahndete das nahe Ungluk, das ihnen wegen der herumstreifenden Hascher drohte. Meines Mannes Bedienter allein blieb bei gesundem Verstand, und eilte, so geschwind er konnte, auf seinem Pferd zu mir zuruk. Todesfurcht hatte unterdessen meine Einbildungskraft gefoltert! Schon sah ich meinen Mann in den Handen der Gerechtigkeit fur sein Vergehen bluten! Der Bediente traf mich in einer Verstimmung an, die an stumme Verzweiflung granzte! Seine Erscheinung ohne meinen Mann drang mir ein lautes Geschrei ab, denn er schien mir ein Bote des Ungluks zu seyn. Der gute Kerl beschwur mich um Gotteswillen meine Sinnen zu sammeln, und auf eilige Mittel zu denken, seinen Herrn aus dieser schroklichen Gefahr zu retten! Ungluk macht erfinderisch, und die Angst bringt oft gute Kopfe in der Eile zu den bessten Entschlussen. Von der Furcht getrieben riss ich schnell meine Kleider vom Leibe, zog burgerliche Mannskleider an, lies mir ein Pferd satteln und meine Frauenzimmerkleidung dem Burschen in den Mantelsak stekken. Wie wir beide eilten, kannst Du leicht denken, und dass unsere Eile nothig war, ist unstreitig; denn kaum waren wir ein halbes Stundchen vorwarts galoppiert, so begegneten uns jene furchterlichen Diener der Gerechtigkeit, die auf dem Lande herumstreiften, um Strafbare aufzufangen. Diese schnurrbartigen Manner hielten den guten Lorenz an, und fragten nach meinem Namen, da ich gerade eine Strekke Weges vorausgeritten war. Aber der brave, treue Kerl hatte Muth genug, ihnen trozzig zu erwiedern: "Mein Herr ist ein Jurist aus dieser Gegend, der sich mit einem Spazierritt erlustigt." Doch ohne ihre Antwort abzuwarten, spornte er sein Pferd, und wir kamen in einer Stunde an den Ort, wo mein verwegner Mann ruhig im Taumel des Schlafes schnarchte. Kaum vermochte ich so viel uber den flegmatischen Wagehals ihn leise zu bereden meine Kleider anzuziehen, seine Uniform mit Steinen beschwert ins Wasser zu werfen und auf meinem mitgebrachten Pferde zurukzureiten. Zum Glukke schliefen die berauschten Desertors hart genug, um von unserer Unterredung nichts zu vernehmen, sonst waren sie aus hofnungsloser Verzweiflung vielleicht die ersten Verrather an meinem Manne geworden. Denn nun war fur diese Armseligen alle Hofnung der Rettung verloren. Sie mussten entweder ihren Rukken der Spiesruthe bieten, oder sich ins Wasser sturzen, da sie ohne Beistand eines Schiffmanns nicht uberkommen konnten. Wahrend dieser geheimnisvollen Umkleidung musste der wakkere Lorenz Wache halten; dabei sah er mit bebendem Herzen die Hascher in der Gegend umher lauern. Mein Mann stund izt in Burgerskleidern bereit zum Rukweg, und ich hatte nun auch meine mitgebrachten Frauenzimmerkleider wieder angezogen. Endlich sezte sich mein Mann aufs Pferd und sprengte mit Lorenz in diesem Aufzug unerkannt vor den herumschwarmenden Haschern vorbei! Meine List hatte den erwunschtesten Erfolg, man sah ihn jezt fur mich an. Laut pochte aber mein Herz bei dieser gewagten Unternehmung, die vor meinen Augen eine furchterliche Wendung hatte nehmen konnen, weil man schon lange zuvor bei ahnlichen Anlassen der Kuhnheit meines Mannes nachgespurt hatte. Ich folgte mit bebenden Schritten hintendrein zu Fusse, und sah meine Fluchtlinge den Zoll ohne Anstand passiren. Das Gluk war auch meiner Verkleidung gunstig, und bei meiner gluklichen Nachhausekunft dankte ich feurig dem Vater im Himmel fur diesen Muth bei Drangsalen von so besonderer Art! Mein Mann schien sich der uberstandenen Gefahr zu freuen; aber doch wurmten ihm noch die schonen hinterlassenen Rekruten im Kopfe. Statt des Dankes erhielt ich von ihm ein unzufriedenes Gebrumm uber ubereilte Zagheit eines furchtsamen Weibes und so weiter. Mein Oheim hingegen drukte und kusste mich fur diese Handlung. Du, meine Fanny, sollst mich aber bei Leibe nicht daruber loben. Horst Du, Liebe? Besser, gar keine Antwort auf diesen Brief! Denn Du weist ja, Lob verderbt nur zu gerne das ohnehin so sehr zur Eitelkeit gestimmte Herz eines Weibes. So denkt Dein

Dein Malchen.

LXXXII. Brief

Amalie an Fanny

Innigstgeliebte Freundin!

Funf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile! Gewis, meine Theuerste, ich wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen Kummer verursachen. Ein schleichendes Fieber hat mich seither keinen Tag verlassen. Die Aerzte bezweifeln mein Aufkommen, und behaupten, es ware verschlossner Gram, der im Innern wutete. Mein Zustand gleicht jezt einem im Stillen lodernden Feuer, das heimlich um sich frisst. Bei mir sind die Leiden nun so hochgespannt, dass ich weder weinen noch klagen kann. Eine sprachlose Kalte fur alles was in der Natur ist, hat meine Seele eingenommen, und beherrscht mich von fruhe bis Abends. Diese stumme Fuhllosigkeit sagen die Aerzte seye meiner Gesundheit weit nachtheiliger als das in laute Klagen ausbrechende Gefuhl, das sonst bei geringern Leiden, als die jezzigen sind, bei mir gewohnlich war. Mich dunkt, eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in meiner Seele eingeschlichen, und der lezte empfindliche Streich, den mir mein Mann ohnlangst versezte, wird vielleicht auch der lezte Stoss seyn, den er meinem Leben gab! Ich fuhle so etwas Drohendes in diesem kranken Korper, das mir izt sehr willkommen seyn wurde, wenn es lindernde Ankundigung meiner nahen Auflosung ware! Aber ach, eine so schnelle und glukliche Erlosung gonnt mir die Natur nicht! Sie hat sich an mir vergriffen, da sie meinem Korper dauerhafte Anlage schenkte, diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens! Sie hat mich zur anhaltenden Verzweiflung geschaffen, und ahndete wohl nicht, dass granzenloses Elend meine armseligen Tage verbittern wurde! Doch wozu diese Klagen fur ein Herz, das nicht einmal mehr die susse Wonne der Mittheilung fuhlt? Sonst war es mir Linderung, Dir Thranen vorzuweinen, die mir das Ungluk abnothigte. Aber nun ist sie vertroknet die Quelle dieser Erleichterung; aller Trost ist unvermerkt aus meiner Seele gewichen, und dumpfe Raserei an seine Stelle getretten! Ich will Dir izt mit dem eiskalten, verstokten Gefuhl einer Trostlosen die barbarische Grausamkeit erzahlen, die ich wieder aufs Neue von meinem Manne duldete! Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewohnlich, gehasst. Schon rukten die schwermuthigen Dammerungsstunden heran, und noch harrte ich seiner, von bangen Ahndungen gemartert, am Fenster. Tausendmal blikte ich mit hochangeschwollenem Herzen den schonbeleuchteten Himmel an, als ob ich seine Gestirne um Mitleid anflehen wollte! Die schauerliche Stille der Nacht harmonierte so ganz mit dem Kummer, der schwer auf meinem Herzen lag! Eine wollustige Schwermuth riss mich zu Traumen hin, die man gedankenlos geniesst, wenn der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melankolischen ein Kaos von unnennbaren Ideen erzeugt. Nur bisweilen wekte mich die schauervolle Erinnerung meines abwesenden Mannes aus diesem furchterlichen Schlafe! Ich sah ihn jezt am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hizze darwerfen, zur Befriedigung des schandlichen Eigennuzzes seiner lokkern Mitgesellen! Meine Thranen rollten auf seine straflichen Hande, und flehten um Mitleid, um Erbarmung! Erschrokken blikte der Leichtsinnige um sich, und sah sein vom Kummer blasses Weib vor seinen Augen stehen! Das Gefuhl schien einige Minuten seine Rechte behaupten zu wollen, aber rasch, von dem ubermannenden Laster hingerissen, vergass er im nemlichen Augenblikke wieder seine leidende Gattin, die zitternd am Spieltische ihr Schiksal erwartete! So, meine Freundin, schwarmte meine herumirrende Phantasie fort, bis das Knarren meiner Thure mich darinn storte, und der Bediente Licht brachte. Es war schon neun Uhr vorbei, und noch schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters, da indessen meine Thranen stromweise flossen! Ich hatte nicht den Muth mich um ihn zu erkundigen, denn wie leicht wurde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht haben! So oft nun die Glokke eine neue Stunde anzeigte, eben so oft fuhr mir ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewisheit durch die Seele! In dem Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Buchern, und wahlte Caciliens Leiden zur Zerstreuung. Der Jammer dieser Dulderin milderte auf einige Minuten den meinigen. Ich sah dieses gutherzige Madchen als eine Gehulfin meiner Leiden an, die durch gleiches Schliksal an mich gekettet, meine Drangsalen mit mir theilte! Ganz in diese fur mich so passende Lekture vertieft, durchblatterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schonen Buchs, das so ganz meinem Kummer Nahrung gab! Auf einmal offnete sich die Thure des Zimmers, und mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wutrichs! Kaum vermochte ich mich aufrecht zu halten! Noch staunte ich ihn zitternd an, als er rasch mit verbissner Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den Boden warf! Wie eine unschuldige zum Gericht verurtheilte arme Sunderin hob ich das Buch mit ganzlicher Ergebung wieder vom Boden auf! Ich fuhlte den Angstschweiss auf meinem Gesichte; doch, ohne den geringsten Laut von mir zu geben, erwartete ich jeden Augenblik den lezten willkommenen Druk von einem Rasenden, der seine Vernunft verloren hatte! Auch hatte das Leben fur mich wirklich zu wenig Reize mehr, um wegen dieser elenden Last nach Hulfe zu rufen. Ich schamte mich seiner Ausschweifungen zu sehr, um ihre schandlichen Folgen fremden Leuten zu offenbaren. Ehrengefuhl ubertaubte jezt in mir die Furcht des Todes, und so sehr sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plozliche Zernichtung straubte, so war doch meine Seele stolz genug, mit Mannerstarke den Ausgang dieser Morderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten! Kaum hatte ich dem Schopfer einen reuigen Seufzer uber meine Sunden zugeschikt, so ergriff mich das Ungeheuer beim Halse, und war zum Morden bereit!!! Jesus sey mir gnadig! rief ich ihm halb rochelnd zu! Dieser halb erstikte Schrei brachte ihn wieder zur Vernunft, und er lies ab von einer Handlung, die ihn in Henkershande wurde geliefert haben, wenn er sie vollendet hatte! Die Todesangst mit all ihren Bangigkeiten trieb mich Arme jezt von einem Zimmer ins andere! Ueberall suchte ich Erbarmen und Rettung! Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der Thure zutaumelte, forteilte zu meinem Oheim, und mehr todt als lebendig zu seinen Fussen hinsturzte! Ich lag bis den andern Morgen betaubt im Blute, das durch die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drangte! Die geschwinde Oeffnung einer Ader kuhlte aber auch bald wieder die fieberischen Zukkungen ab, welche diese Angst mir zugezogen hatte. Doch kaum konnte ich meinen Mund vor Schwachheit wieder offnen, so war mein erstes Wort: Verzeihung dem Unsinnigen, der blos aus kranken Sinnen nach meinem Blute durstete! Noch stand mein Oheim versteinert an meinem Bette, als diese Erinnerung ihn schnell aufwarmte zur feurigsten Rache!!!

"O des marmorherzigen Morders! schrie er jezt Ha! Bei meiner Priesterwurde seys geschworen, ich will ihm durch meinen Fursten Schranken sezzen lassen, diesem grasslichen Unthier! Ich will hineilen zu den Fussen meines Fursten; meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der Wahrheit geben! Ich will ihm diese brennenden Thranen eines Greises auf sein Herz weinen; er wird mich horen, er wird ihn aufsuchen lassen, den Boswicht, der meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet! Lass mich, mein Kind! lass mich! Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden! "

Schon wollte der gefuhlvolle Mann aus meinen kraftlosen Handen sich loswinden, als ich meine lezten Krafte sammelte, und mich ihm fest an den Hals warf! Mein heulendes, dumpfes Schluchzen tonte unserm nahen Freunde grasslich in die Ohren! Ganz unvermuther kam jezt Baron von Sch.... angstlich ins Zimmer geeilt, und fand uns beide in dieser erschutternden Stellung! Aber doch war dieser wurdige Mann stark genug, meine fest angeklammerten Hande von dem Halse meines Oheims zu losen. Er wandte alle Kunste der Beredsamkeit an, ihn zu besanftigen.

"Nein, mein Freund, sagte er Sie mussen sich nicht durch ihn beschimpfen, wenn Sie seine Schande dem Richter aufdekken. Trennen Sie Amalien auf ewig von ihm, und uberlassen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhangnis! "

Nun, liebste, theuerste Fanny, hast Du hier eine Nachricht, die Dir gewis willkommen seyn wird. Gott gebe mir Kraft zur Ausfuhrung, und Dir gebe er gluklichere, zufriedenere Stunden, als deine Amalie erlebt!

LXXXIII. Brief

Fanny an Amalie

Meine Besste!

Wollte der Himmel, dass alle Martern deiner sinkenden Krafte deinem abscheulichen Manne auf die Seele fielen, damit er bussen mochte fur deine Gesundheit, die er Dir so morderisch raubte! Gott! verzeihe mirs! Noch nie hat mein Herz Boses gewunscht. Aber ware es denn auch moglich, den Werth und die Leiden einer Amalie zu kennen, und nicht Dem zu fluchen, der so einen Engel mishandelt? O meine gutherzigste Dulderin! Wenn Du mich je liebtest, so raffe Dich auf von den Gefahren des Todes, die so drohend deiner warten! Um Gotteswillen pflege mit aller Vorsicht deiner Gesundheit! Bei meiner Liebe, bei den heiligsten Banden der Freundschaft beschwore ich Dich, muntere Dich auf, verscheuche durch Zerstreuung den Kummer, der dein armes Herz benagt! Der Gedanke, Dich vielleicht zu verlieren, ist fur mich eine folternde Angst, und reisst mich zur tiefsten Wehmuth hin! So selten findet man auf Erden ein Herz wie das deinige, und wer wurde mir denn die Wonne der sussesten Vereinigung wiedergeben, wenn Du fur mich hinwelktest in den Staub der Verwesung? Ha! deine furchterliche Schwermuth hat mich durch und durch erschuttert! Was doch dein Schiksal ein unglaubliches Labyrinth ist! nur wenige Menschen wurden seine andauernde Harte begreifen. Ich selbst mit all meiner Ueberzeugung stand schon oft staunend dabei stille, und schlug die Hande uber mir zusammen, wenn mir die Erfahrung fur die Wirklichkeit burgte. Die meisten Menschen wurden deine Geschichte fur das Hirngespinste irgend eines melankolischen Dichters halten, wenn sie ihnen unter die Augen kame, denn man ist zu sehr gewohnt, in Romanen Lugen zu finden. Auch fehlt es den meisten Menschen zu sehr an Erfahrung, um das so mannigfaltige heimliche Elend ihrer Mitmenschen zu glauben. Bosheit und Verfolgung wird unter ihnen zu heuchlerisch getrieben, um den Umfang ihrer Vertilgung zu kennen. Nur dem Auge des Menschenkenners sind solche Schiksale begreiflich, der grosse Haufen hupft daruber weg, sobald er das Ungluk nicht auf dem offentlichen Markte ausgeschrieen findet. Besonders gehen in der Liebe und Ehe oft Dinge unter beiden Geschlechtern vor, die man bei den wildesten Nazionen kaum antrift. Es scheint, als ob alle Gute des Herzens bei Mannern und Weibern in der Liebe und Ehe verschwunden ware. Man findet gerade da die unmenschlichsten Grausamkeiten, wo die sanften Bande des Gefuhls ihre besste Wirkung thun sollten. Da doch aber Liebe und Ehe in dem menschlichen Leben die grossten Epochen ausmachen, so sollten sich die Moralisten besonders Muhe geben, die gegenseitigen, so sehr einreissenden Mishandlungen durch gute, vernunftige Lehren zu verhindern. Wenn die Liebe den Menschen zum sanften Nachdenken hinreisst, warum sollte die Liebe nicht auch in jedem Stand Gutherzigkeit und Vernunft hervorbringen? Aber leider wird in unsern verdorbenen Zeiten die Liebe zur Buhlerei herabgewurdigt! Man knupft ihre tugendhaft seyn sollende Bande nur korperlich, und dann bleibt ihr nichts mehr ubrig, als Sattigung. Selbst die Romanendichter entheiligen die Liebe mit ihren unachten Schilderungen. Sie machen diese vortrefliche Lehrmeisterin zur empfindelnden Sucht, oder im Gegentheil zur heuchlerischen Heldin, die in der schwachen Menschheit keine Nachahmer findet. Die Menschen wurden ihre beiderseitigen Betrugereien in der Liebe weit eher unterlassen, wenn das Manner- Herz durchs Denken moralischer, besser, und das weibliche starker wurde. Von ubelm Beispiele angestekt, scheut sich kein Jungling mehr, die Liebe durch Leichtsinn zu entweihen, und eine weinende, genossene Unschuld barbarisch der offentlichen Schande zu opfern! Eben so wenig als eine diebische Kokette es fur Verbrechen halt, ganze Reihen voll Junglinge an Seel und Leib zu Grunde zu richten. Gerade so sundhaft geht es in den jezzigen meisten Ehen zu. Der Mann brutalisirt das schwachere Weib, und sie beschimpft ihn dafur im Dunkeln in den Armen eines Eheschanders! Doch weg, meine Freundin, von einem Gemalde, das jezt gar nicht fur dein blutendes Herz taugt. Konnt ich Dich doch mit etwas Besserm trosten, als mit der Hofnung einer gluklichern Zukunft, die Dir in diesem Leben noch alles versussen muss, was Dich bisher so grasslich peinigte! Ha! Wie gerne wurde ich all meine Vernunft zu diesem Vorsaz aufbieten, die meiner Freundin vielleicht Linderung verschaffte! Aber wir arme Menschen sind so ohnmachtig in unsern Unternehmungen, und konnen weiter nichts als blos wunschen. Doch sey ruhig, mein liebes, gutes, sanftes Malchen, und freue Dich uber ein wohlwollendes, freundschaftlich pochendes weibliches Herz, weil Du keines unter den Mannern fandest, das feurig genug fur Dich schlug! Ist dieses Andenken in einer so feindseligen Welt nicht Trost genug, um die Stunden deines Harrens zu erleichtern? Fasse Dich, meine sanfte Amalie! Fasse Dich, und wahle Dir je eher je lieber einen ruhigern Aufenthalt, wo bessere Tage deiner warten, als in dem Umgang eines blutdurstigen Tiegers, der Dich in seiner Gallsucht unmenschlich wurgte! Tausend Segen, Theuerste, zu deiner Trennung und von mir Millionen Kusse mit einem Herzen voll schwesterlicher Liebe!

Deine zartliche Fanny.

LXXXIV. Brief

An Fanny

Sie ist vollbracht die Trennung, meine Fanny, die meinem Herzen doch noch so viel Muhe kostete! Mich dunkt, es ist fur eine gute Seele leichter, sich martern zu lassen, als Jemand zu kranken. Mein Herz bleibt mir ein ewiges Rathsel! Wenn alle Weiberherzen so viel Schwachheit besizzen, dann wundere ich mich nicht mehr uber die vielen gutherzigen Fehler, die unserm Geschlechte so haufig ankleben. Kannst Du es begreifen, meine Freundin? Ich habe bei seinem Abschiede noch Thranen der aussersten Wehmuth vergossen. Er schien mir jezt ein hingeworfenes Opfer, das auf dem schlupferigen Pfade des Lasters ohne Freunde dem Abgrunde zustrauchelt! Der Friede wurde geschlossen, die Werbungen eingeschrankt, und er musste zu seinem Regimente zuruk. Mein Oheim verliess den Armseligen mit einer empfindsamen Bitterkeit, die seinem so sehr beleidigten mannlichen Karakter leicht zu vergeben ist.

"Nimmermehr sagte er lezthin soll er es wieder wagen, dich oder mich zu beunruhigen! "

Er hat aber auch diesen guten Oheim fast ganz an Gluksgutern entblost, und nun zwingt ihn die Noth, die Hulfe eines Freundes zu meiner fernern Unterstuzzung anzurufen. Ich habe mir selbsten eine Art Kloster zu meinem Aufenthalte gewahlt, dessen Orden mehr ans Weltliche granzt. Ich werde bald mit gewissen kleinen Vorbehaltnissen dorten als Kostgangerin meine traurigen Tage verleben. Die Welt ist mir jezt zu verhasst, um ihrer Reize zu geniessen, denen mein armes Herz sich gewis nicht offnen wurde. Wenn die Schwermuth einmal Wurzel gefasst hat, dann hat sie ihre stillen Entzukkungen, und man geniesst ihrer im einsamen Nachdenken. Ich kann oft heftig zurnen, wenn es Jemand wagt, mich in einer Seligkeit zu storen, die ich in den stillen, sanften Stunden einer denkenden Schwermuth geniesse! Traurigkeit wird durch Gewohnheit zu einer Leidenschaft, die uberall Stoff zur Nahrung findet, wenn sie in einem fuhlenden Herzen ihren Wohnsiz hat. Das Ungluk macht denken, das Denken wehmuthig, und diese Wehmuth vergilt dann wieder mit susser, unaussprechlicher Wonne den Eindruk des ersten Schmerzens. Wenn die Menschen das entzukkende, stille Gefuhl einer schleichenden Melankolie recht zu empfinden wussten, sie wurden es gerne mit den wilden, rauschenden Vergnugungen vertauschen, die nur den grobern Theil des Menschen sattigen. O Fanny! Ich will mich laben an meiner Lieblingslaune in den stillen Mauern der Einsiedelei! Kein Zwang wird mich dann wie ehmals nach den Freuden der Welt lustern machen. Ich werde freiwillig einer Unterhaltung entsagen, deren Genuss in meiner Willkuhr stunde. Du wirst Dich wundern, Fanny, ich darf Besuche annehmen, und auch wieder geben, nur alles unter gewissen Einschrankungen. Auch will ich in meinen Buchern schon Unterhaltung genug finden, die mich sattigen wird an Leib und Seele; und denn wird es ja doch im Kloster etwa eine gute Seele geben, an die ich mich werde ketten konnen, sonst wurde ich die Leere wohl nicht aushalten, das fur empfindsame Herzen eine vollige Unmoglichkeit ist. Ich will dann auch, meine Fanny, Dir zu Gefallen einer Gesundheit so viel moglich pflegen, von welcher deine Ruhe so sehr abhangt. Das Andenken meiner vorigen Tage soll mir dann die Ruhe der gegenwartigen schmekken lassen und sollten sich dann auch meine ubrigen lebhaften Leidenschaften melden, die so stark in meinem Korperbau liegen, dann sey Du, meine Freundin, der Schuzengel, der mich leitet. Du hast einen so aufgeklarten Verstand, dass ich Dir nicht einmal meine Fehler verschweigen wurde, weil ich deine sanfte Leitung kenne. Aber nun, meine Theuerste, Reiseanstalten machen den heutigen Brief etwas kurzer! Doch nichts in der Welt soll im Stande seyn, ein Herz mit Kalte zu erfullen, das ewig, ewig nur an Dir hangen wird.

LXXXV. Brief

An Amalie

Millionen Glukwunsche zu deiner Erlosung, gutes, sanftes Weibchen! Die Nachricht davon erfullte mich mit unbeschreiblichem Entzukken! Meine Freude uber deine Rettung brachte mich in einen Taumel von Seligkeit, dem ich mich nachher freiwillig uberlies, um mich von der Wirklichkeit derselben ganz zu durchdringen. O du gute, vortrefliche Seele, vergossest noch Thranen bei dem Abschiede eines Undankbaren, der Dich vielleicht fur die ganze Zeit deines Lebens ungluklich gemacht hatte! Aber, meine geliebte Amalie, deine gutherzige Schwachheit ist demungeachtet weit von jener sinnlosen Schwache verschieden, die man bei unserm Geschlechte leider so oft findet! Ein Weib, das nicht denkt; und wie viele denken denn? Ein Weib ohne moralisches System, ist ein Wesen ohne Grundfeste, das der blose Hauch des Lasters zu jeder Ausschweifung hinreissen kann. Wenn der Kopf eines Weibes ihrer Reizbarkeit nicht Grundsazze entgegensezt, dann ist sie verloren fur Ehre und Tugend. Mangel an Denken macht sie bei ihrer ohnehin schwachen Anlage wankelmuthig, leichtsinnig, eitel, und bereitet ihr am Ende manchmal unwillkuhrlich das Grab ihrer Tugend. Bei den meisten Weibern wird Liebe und Freundschaft verwahrloset oder gar verrathen, wenn ihre angeborne Schwachheit durch Gewohnheit zum Laster ausartet. Ihr Herz fuhrt sie ohne Beistand des Kopfs bei den geringsten Versuchungen irre. Das weibliche Herz ist von der Natur zu weich geschaffen, und ist durch seine Schwache, wenn es nicht durch Vernunft zum Nachdenken geleitet wird, allzu empfanglich furs Bose. Die Ausschweifung der Weiber hat von jeher an Grosse und Mannigfaltigkeit die Tollheiten der Manner ubertroffen. Man wird immer weit mehr strafliche Weiber als strafliche Manner finden; denn der Kopf taugt bei den wenigsten Weibern etwas, und dann sinken sie gedankenlos hin in alle Fehler der Menschheit, die sich ihrer Schwachheit darbieten: Bosheit, Dummheit und Eitelkeit sind ihre machtigsten Triebfedern zu allen ubrigen Ausschweifungen. Die meisten Weiber sind zu wankelmuthig, um in der Liebe und Freundschaft jene Standhaftigkeit zu behaupten, die das Gluk derselben ausmacht. Aus Romanensucht verliebt sich wohl hie und dort ein Madchen; aber kaum hat sie die Hindernisse der Liebe uberstiegen, so gelustet es ihrem lekkern Gaumen schon wieder nach etwas anderem. Das Wort Weib ist ein ewiges Geheimnis, dessen Karakteristik nie kann entwikkelt werden. Ich habe manches Weib durch Liebe sehr gluklich gesehen, die in den Armen ihres Gatten alle nur mogliche Glukseligkeit zu geniessen schien, und doch war oft der elendeste Stuzzer im Stande, die geheiligten Bande eines Biedermannes zu beflekken. Die abscheuliche Eitelkeit macht so viele Weiber zu tandelnden Kindern, denen man so leicht Flittergold, statt dem achten, in die Hande drukken kann. Das nichtdenkende Weib bleibt blos am Sinnlichen hangen und ist samt seinem weichen Herzen nur zu oft das Opfer eines schongewachsenen Schandbubens. Schmeichelei und Eigennuz macht den grossten Haufen von Weibern zu elenden Werkzeugen der Wollust, dessen sich jeder Bosewicht bedienen kann, wenn er Kunst dazu besizt. Siehst Du, Amalie, so ist unser Geschlecht beschaffen. Ein Geschlecht, dem die meisten mannlichen Schriftsteller so vielen Weihrauch streuen, so dass es sich nicht einmal bessern kann, wenn es auch schon wollte. Fehler aus Hoflichkeit nicht aufdekken wollen, war nie meine Sache, und das Bestreben die Mangel meines eigenen Geschlechts zu verbergen, wurde mich zu jener elenden Eigenliebe herabwurdigen, die so leicht an kriechendes Wesen granzt. Wenn ich mir denn auch das Nasenrumpfen meiner eitlern Mitschwestern dadurch zuziehe, so ertrage ich es weit leichter als die Beschuldigung einer heuchlerischen Schilderung, die mir von Kennern zur Last gelegt werden konnte, die mit Aufmerksamkeit unser Geschlecht studiert haben. Giebt es nun unter unserm Geschlechte zuweilen auch Ausnahmen, so mogen mir diese Wenigen durch ihr ruhiges Gewissen beweisen, dass sie uber eine Wahrheit nicht bose seyn konnen, die nur die Schuldigen trift. Keine Wurdige wird sich so leicht in meine Schilderung eindringen, dahingegen eine Getroffene sich vielleicht von selbst aus beleidigter Eitelkeit verrath. Aufrichtigkeit war von jeher mein erster Grundsaz, und ich kann unmoglich durch dieselbe meine Mitschwestern beleidigen, wenn bei ihnen die Verstellung nicht schon ganz die Aufrichtigkeit verdrangt hat. Zu dem kummere ich mich auch um unser Geschlecht zu wenig, als dass sein Zorn mich kranken konnte. Weiberzorn ist ja oft so ungegrundet, und granzt so sehr an tausendfache Dummheit! Der Neid meines Geschlechts war von meiner ersten Jugend an mein Gegner, und meine Gespielinnen verfolgten mich oft aus Gewohnheit, aus Langerweile, aus Hang zur Verlaumdung, aus Misgunst, nie aber aus Ueberzeugung eines an mir entdekten Lasters. Ich liebte sie als Menschenfreundin alle, wie sie mir aufstiessen, aber schazzen konnte ich, wegen ihren abgeschmakten Bosheiten, nur wenige. Wirklich, meine Amalie, ausser Dir wird wohl mein Herz ewig der Freundschaft und Achtung fur dieses Geschlecht verschlossen bleiben. Aber, nicht wahr, meine Theuerste, heute verweile ich zu lange bei einem Punkte, der fast den ganzen Raum dieses Briefs anfullt? Nun will ich aber auch geschwind wieder zu dem Aufenthalt deines Klosters zurukeilen: Ich zittere fur deine Gemuthsruhe, meine Liebe; ich entdekte in deinem Briefe zu viel Schwermuth, um diese einsamen Mauern nicht als deine heimlichen Morder zu betrachten, die Dich durch ihre betrugerischen Reize zur todtlichen Melankolie hinreissen werden! Es liegt eine gefahrliche Anlage zur Verrukkung der Sinnen in Dir; Du nahrst mit Wollust einen Hang, den das Ungluk schon so tief in deiner Seele Wurzel fassen lies, um ihn wieder so leicht ausrotten zu konnen. Hute Dich, Amalie, vor zu langwieriger Einsamkeit, sie wurde in kurzer Zeit dein Blut vollends verdikken. Und dann, wenn ich noch die Bedurfnisse deiner Empfindsamkeit bedenke, o, so mochte ich laut aufrufen: O gutiger Allvater im Himmel! schenke meiner Amalie bald wieder einen andern, bessern Gatten, in dessen Armen sie fur Leib und Seele Nahrung findet! Lebe wohl, liebenswurdiges Weibchen, und vergiss nicht deine traute

Fanny.

LXXXVI. Brief

An Fanny

Seit vierzehn Tagen bin ich hier, bei den sogenannten englischen Fraulein. Das Kloster ist ein sehr altes Gebaude, hat aber einen sehr hubschen Garten. Die Damen dieses Stifts sind meistens adeliche, die aus Familienverdrusslichkeiten, aus Hang zur Einsamkeit, oder sonst aus geheimen Ursachen diesen Aufenthalt wahlten. Auch nach dem Gelubde haben sie immer noch die Freiheit zu heirathen. Ihr Orden scheint blos eine Geburt des weiblichen Eigensinns zu seyn, um unter Mussiggang und verschiedenen Zankereien ihren Launen abzuwarten. Die altern Fraulein hangen sich an Bigotterie und ihre hasslichen Folgen; die jungern ergeben sich den schonen Wissenschaften und der Liebe. Doch muss ich es gestehen, es giebt unter diesen Damen, troz den vielen mannlichen Besuchen, selten auffallende Szenen, die ans Aergerliche granzten. Sie misbrauchen ihre Freiheit nicht, sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernunftigen Oberin, wenn sie das Gluk haben, eine solche Fuhrerin zu besizzen. Die Beschaftigung einiger Damen ist Erziehung der Jugend, und die Schulen, worinnen mehrerlei Sprachen gelehrt werden. Aber auch da hat das Vorurtheil in der Erziehungsart seine Stelle eingenommen; freilich nicht so stark, wie in andern Nonnenklostern; aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmakt erzogen. Ein mechanisches Einerlei ist die Beschaftigung ihrer Kostgangerinnen von fruhe bis Abends. Die Arbeiten dieses Haufchens von jungen Madchen theilen sich unter Nahen, Strikken, Beten, Essen, Schlafen, Schwazzen und die Erlernung eines unregelmassigen Dialekts der franzosischen Sprache. Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig Muhe, die aufkeimenden Gefuhle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen Kostgangerinnen zu studieren. Das achtzehnjahrige Madchen wird eben so strenge als das achtjahrige bewacht, und muss seine Gefuhle heuchlerisch unterdrukken. Manner statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab, und reizen dadurch die Einbildungskraft eines empfindsamen Madchens, die bei ihrer harten Einschrankung sich das nemliche Vergnugen wunscht. Und dann die Verschiedenheit der Herkunft dieser Madchen, die alle beisammen wohnen und schlafen mussen, ist die gefahrlichste Lage fur ein gutartiges Gemuth, das, vom ubeln Beispiele hingerissen, alle Unsittlichkeiten einsaugt, die durch Kinder aus dem Pobel getrieben werden. Die jungern werden von den altern in allerhand Untugenden unterrichtet, und lernen oft vor der Zeit die Triebe der Natur kennen. Schwazhaftigkeit, Neid, Boshaftigkeit und andere uble Gewohnheiten, keimen unter ihnen im Stillen, durch boses Beispiel erzeugt, hinter dem Rukken ihrer Lehrmeisterinnen auf, die ihre kurzsichtigen Augen nicht uberall haben konnen, um so viele Kostgangerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten. Die Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Burgermadchens beschamt, und dann im Gegentheil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster eines Burgermadchens verdorben, ohne dass es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr wird. Keine von diesen Madchen erhalt ihrem Stand angemessene Bildung. Mich dunkt, der blose Eigennuz ist der Endzwek dieser Erziehungsanstalt; denn mehrmalen wird eine reiche unartige Burgerstochter im Schoosse ihrer bestochenen Lehrmeisterin verzartelt, da indessen die armere adeliche unter der rohen Behandlung des grossen Haufens mitlaufen muss. Man untersagt zwar den Kindern die Lesung guter Bucher nicht, aber man lehrt sie uber kein Buch urtheilen; offentliche Vorlesungen, durch welche die Kinder so viele Vortheile auf einmal erhalten, sind gar keine hier gebrauchlich. Man sucht den Kindern blos das Gedachtnis durch Auswendiglernen zu uberladen, ob sie dann mit oder ohne Gefuhl lesen, das ist den Lehrmeisterinnen vollig gleich. Diese mechanische Lesart erzeugt Dummkopfe, welche in der Zerstreuung hastig und eintonig die schonste Moral hinwegplappern, wobei sie gar nicht denken, und also ihrem Geiste wenig oder gar keine Nahrung dadurch geben konnen. Wer nicht beim Lesen denken lernt, kann nichts verstehen, und wer nichts versteht, der fuhlt auch nichts. Das laute Vorlesen beschaftigt fast alle Sinnen und giebt jedem eine regelmassige Richtung. Die Fertigkeit im Lesen, der edle Ausdruk, werden unvermerkt einer solchen Schulerin zur Gewohnheit; da indessen ihr Herz, ihr Verstand, ihr Gefuhl, ihre Beurtheilungskraft auch unendlich viel dabei gewinnen. Man lege den jungen Madchen Fragen uber das Vorgelesene vor, damit solche von einer jeden nach ihren Begriffen schriftlich beantwortet werden; und dann wird die Lehrmeisterin entdekken konnen, wer mit Vortheil gelesen oder zugehort hat. Diese Art junge Seelen unterhaltend zu bilden, ist die grosste Kunst, Menschen leicht denken und schliessen zu lehren. Es giebt auch bei Tische und in den Erholungsstunden so viele nuzliche Unterhaltungen, die den jugendlichen Geist lehrreich und angenehm beschaftigen; aber freilich dazu gehort ein Bischen mehr, als blos ein weiblicher Klosterkopf, um so eine Unterhaltung zum Nuzzen anzuwenden. Jedes Alter unter denen Kostgangerinnen sollte seine besondere Lehrmeisterin, seinen besondern Tisch und seine besonderen Zimmer haben. Kinder mussen wieder kindisch und spielend zum Denken und Fuhlen angeleitet werden; hingegen Madchen von gewissen Jahren mussen durch ernsthaftere Anweisung, die gerade zu den sich allmahlich entwikkelnden Ideen passt, gefuhrt werden. Liebe, Freundschaft, Grossmuth, Ehestands- und Mutterpflichten, Religion und Lebensart mussen ihnen im reinen Lichte ohne Fantasterei, ohne Vorurtheil vorgelegt werden, damit sie untereinander durch solche ungezwungene Unterredungen erhaben denken und handeln lernen. Alle Moral hat fur die Jugend ihre Reize, wenn sie ihr sanft und offenherzig genug, so wie es der gutige Schopfer haben will, ins Herz gepragt wird. Die Lehrmeisterinnen durfen an einem Zogling in Ruksicht auf Liebe durchaus keine Verstellung dulden, sie lehrt heucheln, und ist der erste Grund zum Verderben eines jungen Herzens. So bald aber die jungen Madchen einsehen lernen, dass reine, wahre Liebe nicht straflich ist, so haben sie sich nicht eines Triebes zu schamen, der ofters blos aus Zwang ausartet. Die zu scharfen Verbote einer sinnlosen Lehrerin in Ansehung der Liebe verderben die bessten Herzen. Ohne Zutrauen gegen ihre strenge Fuhrung folgen dann solche Madchen heimlich ihren Wunschen, und finden den Weg zum doppelten Laster, zur Luge, und zur fleischlichen Befriedigung. Das Verbot macht ihnen die Sunde kennbar, wo eine bessere Leitung in der Liebe sie zur Rechtschaffenheit gefuhrt hatte. Doch genug, meine Fanny, von einer Erziehungsart, die unter Weibern ewig nie zu Stande kommen wird. Warum? Das beantworte Dir selbst! Und nun fur heut ein recht warmes Maulchen von

Deiner Amalie.

LXXXVII. Brief

An Fanny

Meine Traute!

Ich kann unmoglich deine Antwort abwarten, die Zeit wurde mir sonst todtlich lange werden! Ich habe Dir lezthin die hiesige Erziehung in etwas entworfen. Aber wie viel Stoff ware noch vorhanden, um sie auszumalen, diese elende Erziehungsart. Taglich erwekt sie mir mehr Ekkel. Wo ich nur hinblikke, fallen meinem Auge neue Mangel darinn auf. Kaum kehrt die Lehrmeisterin ihren Zoglingen den Rukken, so geht es an ein Hadern, an ein Schreien unter diesen Madchen, dass man gehorlos werden mochte. Schwazhaftigkeit ist ohnehin von Natur der Fehler unsers Geschlechts. Man denke sich nun so ein Haufchen weiblicher Geschopfe in ihrer Freiheit zusammen, die in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin keinen Laut von sich geben durften. Da sizzen sie dann die armen Schlachtopfer der Dummheit, flustern sich einander heimlich in die Ohren, und zittern bei dem geringsten Wort ihrer murrischen Lehrerin. Durch das strenge Verbot gereizt, werden sie lustern nach Freiheit, und hangen dann in Gedanken dieser Lusternheit so sehr nach, dass ihr Geist unfahig wird zum Lernen. Unter einer vernunftigern Einschrankung frei und munter begreifen die Kinder mit unendlich weniger Muhe. Der gute Willen eines Kindes durch Ehre angefeuert, erfullt weit leichter und besser seine Pflichten, und fuhrt dem Zwekke naher, als die rauhe Art, womit man sie dazu zwingen will. Sie werden durch eine solche strenge Art verstokt, hinterlistig, verschmizt, und lernen nie aus eigenem Trieb ihre Pflichten kennen. Auch die Art, die etwas altern Madchen zu bestrafen, will mir durchaus nicht gefallen! Durch offentliche kindische Zuchtigungen wird das Ehrengefuhl eines solchen armen Madchens mehr verdorben als gebessert. Sobald das erwachsene Madchen mit dem Kinde einerlei Strafe dulden muss, so wird ihm diese kindische Beschamung zur Gewohnheit, und erstikt in ihr jene edle Begriffe von wahrer Schamhaftigkeit, die fur ihre Jahre die erste Triebfeder zum Guten werden konnten. Doch weg hievon, meine Fanny; und in den Speisesaal dieser Kostgangerinnen: Du wirst Dich wundern, wie sie ihr franzosisches Tischgebet so kalt und fluchtig daherschnattern, dass es dem lieben Gott im Himmel gewis nicht gefallen kann. Weder ihr Herz, noch ihr Kopf sind von den dankbaren Gefuhlen durchdrungen, die wir doch Alle so warm dem Ewigen schuldig sind! Gemein weg, wie man es unter so vielen Katholiken antrift, sind ihre Begriffe von Gott; nie das, was sie seyn sollten. Ihr Religionsgefuhl ist der seichten Lehrart ihrer Vorsteherinnen angemessen. Sie werden Christinnen ohne Empfindung, blos dem Munde nach. Der Mangel ihres Gefuhls lasst sie nicht weiter uber die Grosse Gottes nachdenken, als ihre Begriffe ihn fassen konnen, diesen so gutigen Gott, dessen Allmacht sie nicht einmal aus der Natur einsehen und verehren lernen! Weinen mochte man daruber, dass der heiligste Gegenstand der Religion in der weiblichen Erziehung so verstummelt wird! Bei ihren Mahlzeiten geniessen diese armen Kinder Gottes gutige Gaben mit der aussersten Schuchternheit. Keine Silbe von Gesprach, durch welches man die Denkungsart der Kinder so leicht kennen lernt, darf in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin unter ihnen gefuhrt werden! Sie lernen nicht einmal mit Anstand, ohne Zwang ihre Speisen geniessen; die Furcht schraubt sie in jeder ihrer Bewegungen wie Dratpuppen zusammen. Nach Tische besteht ihre Erholung in einem Spaziergang im Garten; aber auch hier durfen sie nicht einmal der lieben Freiheit geniessen. Wenn nun zwo sympathisirende Freundinnen sich einander gerne allein ihr Herz mittheilen mochten, so werden sie wie ein Bliz von der mistrauischen Lehrmeisterin getrennt, weil sie befurchtet, ihr Herz mochte sich dem Gefuhl der Freundschaft offnen. Sonntags mussen die Zoglinge paarweis in Gesellschaft einer Lehrerin, den Junglingen zur Schau, eine Hauptkirche besuchen. Ganze Reihen junger Mannsleute stellen sich ihnen alsdann in den Weg, und reizen die schon zu fuhlen beginnenden Madchen zu heimlichen Leidenschaften. Diese sklavische Behandlung bringt sie nach und nach zur schandlichsten Erkaltung in der Religion. Hingerissen beim Kirchengehen vom Wohlgefallen am mannlichen Geschlecht, opfern sie bei ihrer Andachtsubung eher dem Gott der Liebe, als dem Allgewaltigen im Himmel! Kann man die Religion den jungen Madchen gefahrlicher einkleiden, als in solche gleissnerische Bigotterie? Kurz, meine Fanny, uberall finde ich, dass dieser Erziehungsplan gar nicht zum Wohl der Menschheit entworfen ist. Ware ich auch mit Kindern uberhauft, so wurde ich sie lieber an meiner Seite einfach, nach dem schonen Wink der Natur erziehen, als an solche Orte hingeben, wo jedes gute Gefuhl in ihnen erstikt wird. Die Erziehung ist ja so wichtig fur unsere Glukseligkeit; und doch giebt es Eltern, die sogar ihr Vermogen daran wenden, ihre Kinder an solchen Orten verderben zu lassen. Kein Monarch sollte Erziehungshauser dulden, wenn sie nicht vorher strenge untersucht worden sind. Vorurtheil, Religionshass, Bigotterie und Weibergrille sollten da durchaus nicht ihren Wohnsiz haben, wo es darauf ankommt, liebenswurdige Gattinnen, vernunftige Mutter und rechtschaffene Burgerinnen zu bilden. Aber was meinst Du wohl, Fanny, wenn die Weiber unter einander es wussten, dass ich es wage Anmerkungen uber sie zu machen? Hu! wie wurde mich ihre gereizte Eitelkeit verfolgen! Doch, Misbrauche mit Wahrheit anfeinden, darf eine jede Denkerin. Ich schwore Dir, dass ich es ungerne thue, Dinge zu entdekken, die unserm aufgeklarten Jahrhundert nichts weniger als Ehre machen. So viel fur heute von

Deiner Amalie.

LXXXVIII. Brief

An Amalie

Deine beiden Briefe, meine Freundin, bestatigen ganz meinen Grundsaz, dass mit den wenigsten Weibern etwas vernunftiges anzufangen ist. Ich kann nicht begreifen, wie man ihren Kopfen, die beinahe alle verdorben sind, das Werk der Erziehung anvertraut. Die Nonnen erschleichen sich durch den Schein der Frommigkeit das Zutrauen der leichtglaubigen Eltern, auf Unkosten der armen Jugend. Die Eltern sind gewohnt, das Kloster als eine sichere Festung der Tugend fur ihre Kinder zu betrachten. Riegel und Schlosser scheinen solchen blodsichtigen Leuten das besste Mittel, das jugendliche Feuer eines raschen Madchens einzuschranken. Die Kurzsichtigen begreifen nicht, dass gerade das der Weg ist, ihre Tochter dem Abgrund zu nahern, dem sie an der Seite einer guten Mutter leichter entgehen wurden. Lebhafte Temperamente bahnen sich durch Einsperrung den Weg zum hartnakkigen Laster. Das besste Madchen wird dann durch Zwang zur boshaften Dirne, und befolgt nur widerspenstig ihre Pflichten. Klostererziehung ist eine verderbende Seuche, die durch schiefe Leitung die bessten Herzen zur Faulnis bringt. Doch ist die uble Lehrart unter diesen Weibern nicht so sehr Nachlassigkeit, als Mangel an Einsichten. Dumme Erziehung pflanzt sich von einer Nonne zur andern fort, und nur selten giebt es ein Weib, die Fahigkeit genug besizt, Menschen (im ganzen Verstande dieses Wortes) zu bilden. Ihr Despotismus ist gerade das gefahrlichste Mittel, junge Seelen zu Grunde zu richten. Gutheit, Sanftmuth, Vernunft, Nachdenken, Ergrundung der Temperamenten ist zwar nicht die Sache einer Jeden, weil ihr dieser Weg, aus Mangel an eigener Erziehung, selbst fremd ist. Solche Nonnen arbeiten meistens furs liebe Brod, und kummern sich wenig um das einzelne Wohl eines Zoglings, der fur sein Geld sich seinen Untergang eintauscht. Ware es diesen Weibern um das Gluk ihrer Zoglinge zu thun, so wurden sie nicht mehr Kostgangerinnen annehmen, als sie ubersehen konnen. Die Vernunftigste unter ihnen kann denn doch in ihren Mauern die nothige Erfahrung nicht haben, um ein Madchen mit Welt- und Menschenkenntnis zu erziehen. Wo findet man unter den Weibern so leicht selbsterworbene Menschenkenntnis? Ihre Kopfe sind mit etlich Duzzend Alltagssazzen angefullt, und auf diese grundet sich ihre ganze Erziehung, ohne Ruksicht auf die Verschiedenheit der Temperamente. Die klugern Protestanten lehren ihre Kinder in keinem Kloster, sondern im Kindersesselchen schon die Pflichten gegen Gott und ihre Nebenmenschen kennen; da hingegen die katholischen Klosterzoglinge manchmal ihr ganzes Leben hindurch kaum ihr Daseyn fuhlen. Das Buch der gottlichen Offenbarung ist ihnen eben so fremd, als das schone Gefuhl der lieben Natur, worinn die Allmacht des Schopfers so kennbar geschrieben steht. Gellert, dieser vortrefliche Lehrer der erhabensten Begriffe von der Herrlichkeit Gottes ist in den Augen der meisten Nonnen ein Kezzer. Ihre rasende Ignoranz geht bis zum Abscheu! Die Wut des Vorurtheils sizt machtig stark in ihren elenden Kopfen; und so pflanzen sie die Unertraglichkeit auch in ihren Zoglingen fort. Die Protestanten sind weit gutherziger, und sorgen feuriger fur das Wohl ihrer Kinder. Ich selbst war einst Augenzeuge, dass die katholischen Starrkopfe von Nonnen ein protestantisches junges Madchen nicht in ihre Verpflegung aufnehmen wollten. Kann man den unsinnigen Hass weiter treiben? Wer giebt diesen Boshaften das Recht, eine andere Religion anzufeinden? Die Elenden wagen es, ihrem unschuldigen Nebenmenschen Liebesdienste zu verweigern, die der Heiland selbst nicht versagte! Von elenden Grillen angestekt, wandeln sie auf dieser Erde den verdienstlosen Weg fort, der ihnen von einem gallsuchtigen Gewissensrath vielleicht in der Beicht ist angewiesen worden. Wie kann denn ein junges Herz bei so einem Beispiel Menschenliebe lernen? Wer das Ungluk seiner Mitbruder nicht erleichtert, wer sie nicht liebt, sie mogen auch hingehoren, wo sie wollen, der wird meineidig am Schopfer! Und nun genug von einer Sache, die wir doch nicht andern werden! Lebe wohl, gutes Malchen! Lebe wohl!

Fanny.

LXXXIX. Brief

An Fanny

Theuerste!

So einsam mein Aufenthalt auch immer ist, so findet sich doch immer etwas zum plaudern. Durch meine Beobachtungen erweitere ich meine Kenntnisse, und erhalte dadurch eine Beschaftigung, die mich vor Langerweile schuzt. Unter den Menschen findet man uberall Stoff genug zum Denken. Unvermerkt lernt man Tugend von Gleissnerei, Schwachheit vom Laster unterscheiden. Wie nuzlich ware jedem Frauenzimmer Menschen- und Sittenkenntnis. Wie unterhaltend ist dieses Studium fur ein denkendes Weib! Die Frauenzimmer waren in der Glukseligkeit zu beneiden, wenn sie ihre mussigen Augenblikke dazu verwendeten. Sie wurden eigene Fehler durch fremde kennen lernen, und uberall den schlechten Zustand des menschlichen Herzens entdekken. Sie wurden auch ihre Stunden weniger mit Puz an der Toilette todten, und dadurch ihrer straflichen Eitelkeit eine Nahrung benehmen, die so oft in Laster ausartet. Sie wurden dann aufhoren ihre ubrige Zeit mit verlaumderischer Schwazhaftigkeit zu brandmarken. Kurz, sie wurden denken lernen, und durchs Denken fuhlende, nuzliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden. Weibliche Tandeleien, die den Kopf stumpf und das Herz zum Biedersinn unfahig machen, sind die unruhmlichen Beschaftigungen, womit sich unser Geschlecht abgiebt. Die Weiber sind oft in ihrem funfzigsten Jahre noch unmundige Kinder, die in ihren eiteln Puz verliebt, vom fruhen Morgen bis Nachts damit spielen; leer im Kopf, und fuhllos furs Moralische im Herzen, freuen sie sich einer Arbeit, die blos dem thorichtsten Gott der Mode opfert. Schopfer und Pflichten werden uber diesen allwichtigen Punkt ihrer Eitelkeit vergessen, und nur selten bleibt ein junges eitles Weib blos eitel. Ist doch eine Modekleinigkeit im Stande ihr schwaches Herz zu entzukken, um so viel leichter wird es die Schmeichelei eines Stuzzers zum Laster bereden. Die Liebe zum Puz wird unter den Frauenzimmern zur umsichfressenden Seuche, und raubt, unterstuzt vom Eigennuz, ihnen ganz gewis Ehre, Tugend und guten Namen. So viele Weiber machen aus Eitelkeit die Schande ihrer Manner, den Fluch ihrer Eltern und den Abscheu eines ganzen Publikums aus! Sie wollen durch Verschwendung ihre Larve zum gefallen zwingen, und erkaufen sich diese Reize durchs Laster, um sie wieder zum Laster zu benuzzen. Es ist zum Erbarmen, wenn man unser Geschlecht betrachtet, wie erfinderisch es sich bemuhet, durch Korper zu gefallen! Die Manner werden gleichsam gezwungen, nur nach dem lokkenden Korper zu haschen, weil sie darinn fast uberall eine edle Seele vermissen. Die ganze Zeit ihres Lebens an physische Reize gewohnt, laugnen die Manner sogar die seltene Tugend der Frauenzimmer rundweg. Wurden die Frauenzimmer nicht ihre Verehrer blos durch blendende, sinnliche Reize an sich ziehen, so gabe es nicht eine so grosse Menge Lotterbuben, die durchgehends dem blosen Genus nachjagen. O Freundinnen! Bei dem geheiligten Gefuhl der Mutterliebe beschwore ich euch, um das Wohl euerer kunftigen Tochter, leitet das verwohnte Mannergeschlecht durch moralische Vorzuge zu der Achtung zuruk, die es unserm Geschlecht schuldig ist! Lehrt es die wahre Liebe im Glanz ihrer gottlichen Zufriedenheit kennen! Macht das durch Brutalitat verwilderte Mannerherz sanft, empfanglich fur eine Liebe, die der Schopfer zur Triebfeder alles Guten so wonnevoll in den Bau unsers Korpers legte! Liebe Freundinnen! denkt uber die Antrage der Manner selbst nach, und lernt genau, Liebe von Wollust, Gutherzigkeit von Galanterie, Temperament von wirklicher Zartlichkeit unterscheiden. Beide Geschlechter werden dann aufhoren unter dem Vorwand der Liebe einander zu hintergehen, und gegenseitige Treue wird in der wahren Liebe das blose schandliche Bedurfnis beschamen, das man ausser dieser so thierisch untereinander befriedigt. Gewis, meine Fanny, wenn ich den traurigen Zustand der gegenwartig herrschenden Mishandlungen, von Afterliebe erzeugt, uberdenke, so kostet es mich Thranen, wenn ich sehen muss, dass so viele Unschuldige den schandlichsten Betrugereien ihren Nakken aus Leichtglaubigkeit darbieten. Jeder Betrug wird doch von den Gesezzen scharf bestraft, aber Betrug in der Liebe ahndet keine Seele, da er doch unter jungen Leuten um tausend Grade starker als der andere getrieben wird. Man wechselt jezt unter beiden Geschlechtern blos Korper um Korper, und kein leichtsinniger Schurke bedenkt, dass oft die Seligkeit eines beschimpften Madchens auf dem Scheideweg steht zur ewigen Verdammnis! Befriedigt sind nun seine Triebe im Schoose einer vertraulichen Unschuld, die, durch Schwure erweicht, das hingab was an ihr heilig seyn sollte, um dann durch seinen gebrochnen Eid reif zu werden, als Kindermorderin, zum Schaffot! Schroklich wird Gott einst so einen Bosewicht richten, der mit Tiegergrausamkeit zwei Geschopfe auf einmal mordete! Wie er dann da stehen wird, der meineidige Ehrendieb eines gutherzigen Geschopfs, die von Kunstgriffen besiegt, ihm eine lange Ewigkeit durch flucht! Gott! Gott! wie mich dieser Gedanke hinreisst zum heftigsten Eifer! Ich muss abbrechen, Fanny! Mein Herz fuhlt zu viel, bei einer Sache, die man in der Welt so haufig antrift. Gute Nacht fur diesmal! gute Nacht!

Amalie.

XC. Brief

An Amalie

Herzens-Weibchen!

Du hast in deinem Brief mit Wahrheit und Nachdruk uber den beiderseitigen Betrug in der Liebe gesprochen, und ich stimme Dir von Grunde des Herzens darinn bei. Nur zuerst noch ein Wortchen von der weiblichen Eitelkeit: Ja, meine Freundin, diese abscheulichste aller Thorheiten beherrscht das weibliche Geschlecht bis zur Straflichkeit. Auch das dummste Weib ist selten zum Puz zu dumm. Es scheint, als ob die Eitelkeit im Mutterleibe schon auf die Tochter fortgepflanzt wurde. Diese strafliche Neigung halt unser Geschlecht vom Denken ab, und macht aus Menschen blos Affen, die sich nach der Modegrille drehen. So viele Weiber taumeln traumend, mit ihrer Eitelkeit beschaftigt, die Tage ihres Lebens durch, und erinnern sich erst auf dem ungepuzten Sterbebette, dass sie Diebinnen der kostbaren Zeit waren. Der Fehler ruhrt von der Mutter her, weil sie durch eigenes Beispiel ihrer Tochter leichtsinnig den Weg des zeitlichen und ewigen Verderbens zeigt. Ein elender Wunsch zu gefallen, macht die alte Matrone eben so erfinderisch im Puzze, als das junge schlecht erzogene Madchen, die unter der Leitung ihrer koketten Mutter ihre grossten Pflichten uber der Mode versaumt. Die erfinderischen eiteln Frauenzimmer haben die Reinlichkeit in kostbaren Staat verwandelt, der Ehemanner zu Grunde richtet, und Jungfrauen zu Buhldirnen macht. Dieser abscheuliche Hang offnet das Herz eines Weibes dem Neid und der Misgunst. Ehrabschneiderei hat unter den Frauenzimmern am meisten ihren Aufenthalt, weil ihre eiteln Herzen so leicht uber den schonern Puz ihrer Gespielinnen bluten. Kurz, Eitelkeit ist fur ein schwaches weibliches Herz der erste Wegweiser zu allen Ausschweifungen. Kein Laster halt schwerer unter den Weibern auszurotten, als gerade Eitelkeit. Eben durch diese wird oft im ehrlichsten Weibe eine heimliche Eroberungssucht genahrt, die uber kurz oder lang ihren Mann gewis beschimpft. Nur die liebende Gattin unterhalt mit Geschmak und massigem Aufwande ihre reinlichen Kleider, und gefallt ihrem liebenden Manne weit besser, als die ubertunchte Kokette ihrem buhlenden Stuzzer, dessen flatternder Neigung sogar am schonsten Puzze ekkelt. Wurden die Weiber uber ihre Bestimmung mehr nachdenken lernen, so bliebe ihnen zur verschwenderischen Eitelkeit keine Zeit ubrig, die sie dann mit Buhlen oder Schminken todten mussen. Sie tragen ja blos ihre verhunzte Larve zu Markte, und kummern sich nicht, um den leichtglaubigen Kaufer, wenn er nur ihre Eitelkeit, ihren Eigennuz befriedigt. Die Manner haschen mit ihren feurigern Trieben blos nach dem, was sich ihnen so leicht darbietet, und vergessen im Taumel ihrer Befriedigung, dass sie eine offentlich feile Waare vor sich haben. Eine Menge solcher feiler, eitler Weiber sind nicht im Stande, eine Mannerseele zu reizen, und mitten im Genuss schon verlieren sie des Mannes Achtung. Dann eilt dieses Mannervolk auf den Flugeln der Wollust und Galanterie von Korper zu Korper, und vermisst bei so vielen Weibern das, wodurch er zur ernsthaften moralischen Liebe gefesselt werden konnte. Gewis, Freundin! Viel ist es auch die Schuld der Weiber, dass die Mannsleute uberall hin flattern und so oft der blossen Schale nachjagen. Die uble Gewohnheit, nur Bedurnisse zu befriedigen, reisst unter jungen Leuten so sehr ein, dass sie daruber Menschenliebe, Ehre, gutes Herz und Rechtschaffenheit aus der Acht lassen. Wenn ihre rohen Triebe gesattigt sind, dann kummern sie sich wenig um das Geschehene, und wenn es auch die grasslichsten Folgen nach sich zoge! Der vorbeieilende Taumel des Temperaments verhartet das Herz eines Junglings gegen das Weheklagen eines Gegenstandes, der seinem Korper blos augenblikliche Dienste leistete. Kopf und Seele wird bei einer solchen Handlung zu wenig in dem flatternden Jungling interessirt, als dass eine solche Gehulfin durch ihren Dienst auf einige Schonung und Ruksicht hoffen konnte. Die blos thierische Befriedigung ist der aussersten Hartherzigkeit fahig. Junglinge, die ihre Leidenschaften nicht durchs Denken verfeinern, verkennen am Rande des Grabes noch ihr eigenes Blut; und nur zu oft fliessen die Thranen einer verfuhrten Unschuld fur ihren angewohnten Leichtsinn ohne sie zu ruhren; leicht vergessen ist von den Grausamen ein Madchen, die sich ihren Lusten anvertraute. Treulosigkeit in der Liebe ist ein so gemeines Laster, dass man es unter den Menschen schon ohne Ahndung duldet. Der Fehler dieser Unbestandigkeit liegt auch sehr viel im weiblichen Geschlechte, weil es die Manner aus Mangel am Denken zu nichts Besserm gewohnt. Leichtsinn in der Liebe ist so ublich unter den Mannsleuten geworden, dass ein rechtschaffenes Frauenzimmer bei einem Liebesantrag eher zwanzig Junglingen ins Gesicht schlagen sollte, ehe sie es wagte, Einem zu glauben. Die gutherzigsten Madchen werden gerade am meisten betrogen, weil ihnen Unbestandigkeit fremd ist. Wie manche gute weibliche Seele uberlasst ihr ganzes Daseyn einem heuchlerischen Schurken, der schlechtes Herz genug hat, sie nach dem Genuss zu verlassen. Aber alle Fluche der Erde sind eine zu leichte Strafe, fur so einen Lugner, der die Kuhnheit hat, die ganze Ruhe eines armen Geschopfs zu zernichten! Galere und Gefangnisse sollten fur dergleichen Ungeheuer eben so wohl offen stehen, als fur andere Missethater, die vielleicht nie mit Vorsaz ein gutes Herz zerfleischten! Wenn der vertrauliche Umgang eines ehrlichen Frauenzimmers so schandlich misbraucht wird, so hat die Arme das Recht einer Natur zu fluchen, die ihr Triebe gab, um sie aus Gefuhl und Gutherzigkeit zur ewigen Schande von einem Ehrenrauber misbrauchen zu lassen. So bald der Ruf eines Frauenzimmers untadelhaft ist, so begeht ein Jungling das grosste Verbrechen, wenn er sie nach dem Genuss verlasst! Dieses enge, entzukkende Band der seligsten Wonne, kann von einem denkenden Jungling nie ohne Meineid gebrochen werden. So wie es ihm bei der feilen Befriedigung keine Pflichten, nur Abscheu auflegt; eben so unzerreisslich muss es ihn in den Armen eines ehrlichen gefuhlvollen Frauenzimmers binden, die voll Zutrauen ihre Ehre, ihre Ruhe, ihre ganze Seligkeit einem Geliebten uberlies. O der unmenschlichen Grausamkeit! nach so einem warmen Zutrauen, nach so vielen Entzukkungen diejenige zu verlassen, welche die Schopferin eines Vergnugens war, das man ewig nie in den Armen einer feilen Dirne findet. Mochten nun Junglinge und Madchen uber meine Beobachtung nachdenken, Sie wurden hineilen in die Arme der Liebe und Schwelgerei, Eitelkeit und Bedurfnis nur den Lasterhaften uberlassen. Nachstens ein Mehreres von deiner Dich liebenden

Fanny.

XCI. Brief

An Fanny

Liebes Fannchen!

Ich habe Dir heute einen komischen Auftritt zu beschreiben, der Dich gewis unterhalten muss! Was thut doch das Vorurtheil nicht; besonders unter einer gewissen Art Menschen, die ohnehin einen teuflischen Eigensinn besizzen! Vor einigen Wochen fuhlte ich grosse Anlage zu meiner gewohnlichen Schwermuth. Ich fiel daruber auf den Gedanken, mir mit unsern Kostgangerinnen einen nuzlichen Zeitvertreib zu verschaffen, um durch Zerstreuung dieser Krankheit vorzubeugen. Du kennst nun meinen grossen Hang zu Schauspielen. Schon lange hatte ich darinnen gerne meine Anlage gepruft, aber bis izt hatte es sich noch nie schikken wollen. Zwo von unsern aufgeklarten jungen Damen, wovon die Oberin eine ist, billigten mein Vorhaben, und halfen mir in den Anstalten zur Auffuhrung eines Trauerspiels, worinnen ich nebst einigen wenigen von diesen Kostgangerinnen zu spielen bestimmt waren. Ich unternahm da eine Sache, die mit nicht wenigen Schwierigkeiten verbunden war; denn ich musste mich dazu entschliessen, Madchen fur Madchen abzurichten. Die wohlgebautesten wahlte ich zu mannlichen Rollen, und die ubrigen zu Nebenrollen. Das war fur mich eine schwere Unternehmung, denn keine von den Madchen hatte im mindesten Kenntnis vom Schauspiel. Einige darunter haben ihre ganze Lebenszeit kein Schauspielhaus betretten. Naturliche Anlage, den Dichter bei Lesung zu verstehen, und ihn wieder richtig auf die Welt zu schaffen, war bei keinem von diesen Madchen zu finden. Demungeachtet nahm ich mir vor, durch fleissigen Unterricht die Madchen wenigstens mechanisch nur zu einer einzigen Rolle tauglich zu machen. Ich theilte unter ihnen die Rollen so gut als moglich nach ihren Temperamenten aus; und befahl, dass sie dieselben blos leise in Gedanken recht fest memoriren sollten. Eine solche Arbeit war den jungen Madchen sehr willkommen, und sie befolgten auch willig meine Vorschrift. Nun nahm ich eine um die andere auf mein Zimmer, und lies sie ihre Rolle ohne die mindeste Deklamation blos eintonig herunterbeten. Meine Absicht war, zu entdekken, ob sie gut memorirt hatten, um dass sie nach der Hand bei Erlernung der Deklamation nicht irre wurden. Die Madchen waren izt bald in ihren Rollen fest, aber plapperten sie auch erbarmlich eintonig herab. Nach diesem ersten Schritt in der Kunst, unterstrich ich in ihren Rollen diejenigen Worte, wo der Nachdruk hingehorte. Dann mussten sie mir diese Unterscheidungsworter des Sinns, aufs Neue memoriren. Endlich schritt ich mit ihnen zur lauten Deklamation, und lies sie fast alle Stellen so lange wiederholen, bis sie den achten Konversazionston in etwas trafen. Das war fur mich nun freilich eine unbeschreibliche Muhe, und doch glukte es mir, diese Madchen in Zeit von einem Monat, ohne eigene Kenntnis, blos papageimassig zu einer ertraglichen Vollkommenheit zu bringen. Ihren Gang, Bewegung und Mienenspiel, reinigte ich so viel moglich von lacherlicher Stellung, von Grimassen und falschen Gesten. Genug, die Kinder machten mir die ausserste Freude. Ich lies sie ofters in ihren bestimmten Mannskleidern probieren, um durch die Uebung eine Gewohnheit zur Natur zu machen. Das vielfaltige Wiederholen brachte sogar in diesen Madchen Empfindung hervor, und schon fiengen sie an ihre Worte mit besserm Gefuhl herzusagen. Ihr Herz nahm an der Handlung einigen Theil, so wenig auch ihr Kopf davon verstund. Jede Stelle des Stuks erklarte ich ihnen so richtig, als es seyn konnte, und hielt mit den Madchen Vergleichungen aus dem menschlichen Leben, um ihnen den Sinn des Autors begreifen zu machen. Die wizzigsten davon fanden eine tausendfache Unterhaltung in dieser Beschaftigung, und die dummern brachten mir, aller Muhe ungeachtet, eine Menge oratorischer Mistone hervor, und ich hatte ausserordentlich viel Arbeit, um wenigstens die wichtigsten Stellen vor falschem Sinn und Monotonie zu schuzzen. Mein muhsames Werk war nun beinahe vollendet und Niemand, ausser den zwo Damen, wusste im Kloster ein Wortchen davon. Bei dieser Verschwiegenheit bis zur Auffuhrung glaubte ich den Verdrusslichkeiten desto leichter zu entgehen, die mir zum voraus ahndeten. Ich hatte ziemliche Unkosten gehabt, und aus meiner Borse im grossen Gartensaal ein artiges Theater aufrichten lassen. Der Tag, der zur Auffuhrung des Stuks bestimmt war, rukte heran; die lezten Hauptproben wurden gehalten; die Noblesse der Stadt dazu eingeladen; kurz, alles war jezt richtig. Als auf einmal der Satan zwei alte Fraulein mit Furien-Zorn zur Oberin fuhrte, die darwider feierlich protestirten. Man lies mich zur Oberin rufen, und ich musste von den Weibern Dinge anhoren, die mich bis zur Tollheit argerten! "Was? fiengen die Betschwestern an was? Sie wollen unser Kloster durch solches Teufelszeug entehren? Sie wollen junge Madchen in Beinkleider stekken, und ihnen mit uns Anfechtungen bereiten? Sie wollen der ganzen Stadt Anlass geben, uber unsere Auffuhrung zu lastern? Sie wollen Komodiantinnen aus unsern Madchen ziehen, damit sie samt Ihnen der Holle zufahren konnen? O du keuscher, heiliger Aloysius! Steh den armen Kindern und uns bei, gegen die Versuchungen des Fleisches! Nein, Madame, das geschieht gewis nicht! Eher wollen wir unsern Schuzpatron bitten, dass er das ganze Haus samt der Teufelskapelle, worinn sie spielen wollen, abbrennen lasse. Ei das ware schon! fuhren die Weiber in einem Athem fort ei, das ware schon! dass Sie uns durch ihre Komodie den Weg zur Unkeuschheit zeigten! Wir haben ohnehin genug Feinde! und kaum betritt ein ehrwurdiger Pater unsre Schwelle, so schreit die Welt gleich, er sey unser Liebhaber; da wir doch noch so rein, wie Kinder im Mutterleibe sind." Zehenmal wollte ich diese hizzigen Schnatterganse unterbrechen, aber erst nach einer halben Stunde kam ich zum Wort. Meine Damen, fieng ich an: legen Sie meine Absicht nicht so schwarzgallicht aus; ich kann Sie versichern, sie ist gut. Ich will weder Andere, noch Sie dadurch verfuhren, wenn Sie nicht schon lange ohnehin zum Verfuhren reif waren. Die Beinkleider konnen fur Sie, meine Damen, keine Versuchung seyn, wenn Sie noch unschuldig genug sind, ihr Herkommen nicht zu kennen! Wer heisst Sie uber die Vorzuge der Beinkleider nachdenken? Wer nothigt Sie, den Unterschied zu bemerken, ob sie einen weiblichen oder mannlichen Korper bedekken? Ihre Tugend muss sehr schwach seyn, wenn der blose Anblik von Beinkleidern Sie wanken macht. Lernen Sie erst Ihren Gedanken gebieten, wenn Sie den Willen in Ihrer Gewalt haben wollen, sonst gebe ich fur ihre Enthaltsamkeit nicht einen Heller, die beim blosen Beinkleideranschauen schon lustern wird. Aber sehen Sie, meine Damen, ehe Sie die Beinkleider fliehen, mussen Sie zuerst dem Mannerbesuch entsagen, denn Versuchungen von der Art sind weit gefahrlicher, als die Beinkleider an Madchenkorpern. "O, du heiliger Antonius von Padua! " wollte mich jezt eine davon, vor Galle schaumend, unterbrechen. Erlauben Sie, Madame! versezte ich kalt dass ich ihre Vorwurfe vollends beantworte! Glauben Sie nicht, dass vernunftige Leute in der Stadt uber die Auffuhrung eines moralischen Stuks lastern werden! Diese Beschaftigung gehort ja zur Erziehung, und bildet in den Zoglingen Herz, Kopf und Verstand. Auch wird keine davon so leicht eine offentliche Schauspielerin werden. Und, gesezt denn auch! so wird sie alsdann blos ihre Auffuhrung, nicht aber ihr Stand zur Holle liefern. Wenigstens gerath eine wohlgesittete Schauspielerin nicht so geschwind, wie Sie, in Versuchung uber unschuldige Beinkleider. "Aber ums Himmelswillen! schrie die eine so horen Sie doch einmal auf diesen sundlichen Namen zu wiederhoholen! Wahrhaftig, Sie machen mich ganz weich zum weinen! " Doch nicht aus Schamhaftigkeit, Madame? Aber nun genug, meine Damen! Ich habe die Erlaubnis der Oberin und werde von meinem Vorhaben nicht abstehen, Sie mogen meinetwegen mit Bigottenwut das Kloster besturmen, es gilt mir gleich viel! Jezt brannte das Feuer aufs Neue uber mich los! "So fahren Sie denn hin, verstokte Sunderin, ins.... Gott verzeihe mir! bald hatte ich geflucht! Aber dass Sie es nur wissen, schrieen die Weiber zusammen dass Sie es nur wissen, unsere Oberin hat nicht Macht, so was zu erlauben! Und kurz und gut, wir wollen gewis Mittel finden, diese Kezzerei zu hintertreiben! Gott bewahre uns! Unser Gotteshaus soll nicht so angefochten werden von einer Freigeistin! Nein, das soll es nicht! " Und so rasten die Furien zur Thure hinaus, und schlugen sie hinter sich zu, dass alle Wande zitterten. Der armen Oberin wurde izt ein Bischen bange; sie lief hinter ihnen drein, um sie zu besanftigen; kam aber bald wieder zuruk, um mir einen Vorschlag zu machen, der mich beinahe vor Lachen erstikt hatte.

So weit treibt es das Vorurtheil! Die Weiber liessen mir durch die Oberin den Vorschlag machen ich sollte den Madchen wenigstens Schurzen vor die Beinkleider hangen; dann sollt ich ihrentwegen das Stuk auffuhren sie wollten schon den Himmel bitten, dass der Teufel nicht sein Spiel dabei triebe. "Madame! die Frauleins sind neidisch, sie beneiden sogar Andere um diesen Anblik. Nein, das kann ich unmoglich eingehen, liebe Frau Oberin; ich wurde mich und das Trauerspiel lacherlich machen! Fur heute schlafen Sie nur ruhig, morgen ein Mehreres von ihrer ergebensten Dienerin!" Und so verlies ich sie. Du sollst nachstens den Ausgang der Geschichte erfahren. Das verspricht Dir

Deine Amalie.

XCII. Brief

An Fanny

Denk um aller Welt willen, liebe Fanny! Denk, das Weibergeschmeiss hatte den Muth mich beim hiesigen Bischoff wegen der Auffuhrung des Trauerspiels zu verklagen. Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem Manne manche Luge ins Ohr, die ihren Klagen uber mich sicher Gewicht gegeben hatten, wenn sie nicht zum Glukke an einen wurdigen, vorurtheilfreien Mann gerathen waren. Dieser brave, unpartheiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu sich rufen, und foderte mit Sanftmuth und Menschenliebe Beruhigung uber eine Sache, der man den Schein des Bosen angehangt hatte. Was mir die Kuhnheit dieser Weiber im Kopfe wurmte! O das kann ich Dir nicht genug sagen! Demungeachter aber antwortete ich dem Bischoff mit einer satirischen Fassung, die mehr an Spott als an Bitterkeit granzte. Der vernunftige Vorsteher lachte am Ende selbst uber die tolle Grillenfangerei, womit die Weiber ihn besturmt hatten. Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsezzen, auf der ich jezt eigensinniger als jemals beharrte. Die Andachtlerinnen verkrochen sich wahrend dieser Zeit brummend in ihre Zellen. Eine lief izt zur andern, und es gieng an ein heimliches Flustern, dass der Himmel sich daruber hatte erbarmen mogen! Ebenfalls von Galle gereizt, lies ich diesen Friedensstorerinnen geradezu den Eintritt in mein Schauspiel verbieten, und kummerte mich wenig um die ihrige, die sie jezt untereinander uber mich verspruzten. Alle meine Anstalten zum Stuk waren so larmend, so pompos, dass ich dadurch nicht wenig, ungeachtet ihres Zorns, die Neugierde dieser Bigotten reizte. Kaum hatten die schonen Vorbereitungen ihren Anfang genommen, und die glanzende Gesellschaft von Zusehern sich versammelt, als eine nach der andern, aus Neugierde hinzuschlich, und sich unter der Menge versteckte. Der Saal war enge angefullt von Zusehern, welche grosstentheils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte, weil sie hier hinlanglichen Stoff dazu zu finden glaubten. Schongeister, Stuzzer, Muttersohnchen, Maulaffen, Komodianten, allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet der guten Anstalten unter die Zuseher gedrangt. Nur die Noblesse sass voll nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orte und machte ihrer Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande; wenigstens geschah es nicht laut. Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer Rolle erhalten, die zu sehr zu meiner Schwermuth passte, als dass mich izt Bangigkeit hatte uberfallen konnen. Auch selbst meine Schulerinnen waren zu gut geubt, um nicht weit ertraglicher zu spielen, als so viele holzerne Schauspieler, die mit ihrer stumpfen gefuhllosen Seele so manches gute Publikum verstimmen. Endlich war das Stuk aufgefuhrt, und Vernunftige waren mit uns zufrieden, Fuhlende weinten, Spotter schwiegen, und einige gegenwartige eitle Gekken schlichen beschamt davon. Mehrere Personen kamen zu mir hinter die Koulissen, und kussten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer Begeisterung, die mich entzukte. Ich fuhlte aber auch ohne Eigenliebe mit meiner eigenen Theaterkenntnis, dass uns Allen, ausser gehoriger Einrichtung des Theaters, nicht viel zur guten Auffuhrung eines Stuks gefehlt hatte, dessen Gang rasch auf einander folgte, so wie es die Leidenschaften erfoderten. Selbst die boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten uber die richtige Vorstellung des Gefuhls. Reichlich durch den allgemeinen Beifall fur die Verdrusslichkeiten belohnt, die ich vorher auszustehen gehabt hatte, verlies ich mit innigem Vergnugen den Gartensaal. Gewis, Freundin! Es kostet mich Muhe, diesem leidenschaftlichen Hang furs Theater zu widerstehen. Aber der Himmel bewahre mich ja vor seiner Befriedigung an offentlichen Oertern! Nein ausser der dringendsten Noth wurde ich nie so einen Schritt wagen! Zu viel kenne ich die jezzige schandliche Verfassung der meisten Buhnen, als dass mich nicht eine solche Aussicht abschrokken sollte! Leb fur izt tausendmal wohl, gute, besste, liebste Freundin!

Amalie.

XCIII. Brief

An Amalie

Theuerste, liebste Amalie!

Ich habe mich satt uber deinen Weiberkrieg gelacht! Der Sieg, den Du aber auch davon trugst, war herrlich! Du hast es gewagt, dem Vorurtheil und seinen Anhangern zu beweisen, dass man ihnen trozzen kann, wenn man anders den Muth dazu hat. Aber nimm Dich in Acht, Amalie, Du wirst uberzeugt werden, dass diese Geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird. Die Nonnen werden Dich durch tausend Nekkereien so lange qualen, bis Du ihr Kloster gerne freiwillig verlassest. Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnakkig, und ruht nicht eher, als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht, oder zu Boden liegt! Wie viele brave Manner haben leider dies Schiksal schon erlebt! Der ausserste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistatte fur solche Martirer der Wahrheit, die es wagten, den Misbrauchen und Vorurtheilen die Stirne zu bieten. Kaiser Joseph und Konig Friedrich waren die Schuzgotter so vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Ungluklichen, die mit der Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten, womit gutherzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden. Sei vorsichtig, meine Liebe! die Schlingen unter dem Dekmantel der Religion gelegt, sind weit gefahrlicher, als Du Dir vorstellst. Weisst Du nicht, Weiberhass ist granzenlos, er erreicht erst dann sein Ende, wenn die so ihn besizt in den lezten Zugen liegt. Also vorsichtig, mein Malchen! Doch nun zu der Unterrichtung deiner Kostgangerinnen, die mir ausserst wohlgefiel. Es durfte sich wohl mancher Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken, damit er sein Hauschen ertraglicher stimmte, als die vielen herumschweifenden schlechten Gesellschaften, die ausser dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das geringste von der Kunst verstehen. Du hast es durch deine Bemuhung bewiesen, dass die Kunst blos durch starke Uebung und Fleis zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen ist. Aber noch immer verfehlt die deutsche Buhne ihren Endzwek; noch immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes, schaffet mehr unertragliches Zeugs als Unterhaltung. Noch immer nicht ist diese Buhne rein von schlechtem Lebenswandel und abscheulichen Lastern. Noch immer predigt die Ausschweifung selbst eine verdachtige Moral, die im Munde des luderlichen Schauspielers entheiligt wird. Ordnung und Gesezze zieren nur ganz wenig einige Nazionaltheater; unmoglich sind diese wenigen gutgesitteten Theater im Stande, den moralischen Nuzzen zu ersezzen, der von so vielen herumziehenden Dieben und Diebinnen der Tugend durch ihr ubles Beispiel geraubt wird. Man mochte vor Entsezzen schaudern, wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den kleinsten Stadten willkommen sieht. Keine Obrigkeit scheint sich um diese heimlichen Stifter des Verderbens zu kummern. Wurde man nur wenige Buhnen dulden, und diese wenigen durch scharfe Gesezze in Ansehung der Sittlichkeit im Zaume halten, so hatte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres Brod zu geniessen, und die ubrige Menge von Landstreichern wurden in ihre schandliche Atmosphare zurukkehren, woselbst sie dem Zuchthause gewis nicht entgangen waren, wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden hatten. Amalie, um Gotteswillen thue nur in der aussersten Noth diesem Hang zum Theater Genuge! Du wurdest Dir unbeschreibliche Leiden uber den Hals laden. Denke nur einmal dem giftigen Neide nach, der Dich armes gefuhlvolles Madchen so geschwind ins Grab drukken wurde. Ewig nie wurdest Du, eben so wenig als ich, mit deiner Aufrichtigkeit die wetterlaunische Gunst der boshaften Theaternimphen erhalten; gerade so wenig, als Du mit deiner Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern entgehen wirst. So naiv, launigt und wahr Du sie skizzirtest, so wird sie doch ihrer Heuchelei, mit der sie gewohnt sind, ihre Keuschheit zu ubertunchen, ein grosses Hindernis seyn. Diese heimlichen Sunderinnen scheuen sich nur, offentlich von Beinkleidern zu sprechen, und sattigen dann ihre verborgene Lusternheit unter vier Augen. O, man traue nur keinem Weibe, wenn sie Ziererei affektirt! denn dadurch verrath sie gerade Kenntnis des Lasters. Ein schuldloses Geschopf giebt jedem Kleidungsstuk den einfachen Sinn, und findet ohne Erfahrung des Gegentheils nicht leicht eine Zweideutigkeit darinne. Glaube mir, Besste; die Frauenzimmer, welche am ersten uber ein anstossiges Wort in Gesellschaft schreien, horen es am liebsten, und entdekken nichts Neues darinn. Die wahre Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt, und hangt unerschutterlich fest an den Grundsaulen ihrer Reinheit. Das Frauenzimmer, das beim ubeln Beispiel zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet, ist gewis das vernunftigste und tugendhafteste. Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer eben so wenig, als ganz gewis eine grobe, kuhne Zote sie in Gesellschaften beschamt. Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den Frauenzimmern, und nur wenige wissen sich durch feinen Wiz die Achtung eines Menschenkenners zu erwerben, der heuchlerische Ziererei von der Aechtheit des Karakters zu unterscheiden weiss. Wenn die Weiber uber ihr Loos nachdenken wollten, sie wurden bis zu ihrer lezten Stunde nicht fertig. Doch, meine Besste, fur heute muss ich von Dir Abschied nehmen, weil es meine Geschafte erfodern. Leb indessen ruhig, zufrieden, bis deine Fanny Dir bald wieder sagen wird, wie sehr sie Dich liebt!

XCIV. Brief

An Fanny

Liebste, Theuerste!

Lass mich an deinem Busen ausweinen, und hilf mir dann tragen! Der Kummer fangt wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen und meine Schwermuth rukt an ihre vorige Stelle. O des elenden Kerls von einem Manne! Er schreibt seit seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim. Er kummert sich mehr um seine Hunde, als um sein armes Weib. Durftigkeit und Gram konnten mich hinraffen, ehe der Undankbare nur einen Laut von Erbarmung von sich horen liesse. Das Herz dieses Ruchlosen ist verstokt; er hat mich izt auf ewig verlassen. Nun so lebe denn wohl, grausamer Storer meiner zeitlichen Ruhe! Geniesse dein leichtsinniges Leben, Bosewicht, bis wir uns einst an jenem Tage wiedersehen, wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwagen wird! Gott moge an dir die Fluche nicht ahnden, die dein Leichtsinn mir abzwingt! Du du Verworfener! wusstest mich in Ketten zu lokken, die ich nun mein ganzes Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muss! Gebunden ist izt meine Freiheit an dich, Sunder! O Freundin! verloren sind in der Zukunft fur mich alle Freuden der Liebe! Erstikken soll ich meine Gefuhle fur fremde, aber bessere Herzen. Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken, bis mein Blut aus Raserei stokt! Gott im Himmel! Sieh herab auf meine Kampfe! Erbarme dich meines Handeringens! Sieh, wie ich ringe und streite, um der Menschen grausame Gesezze zu befolgen! Sieh, wie die Wallung meines jugendlichen Bluts mir Angstschweis kostet! Schon in meinen Kinderjahren war Liebe fur mich das einzige Geschenk deiner Gute, das fur mein fuhlendes Herz so sehr passte. Liebe war die einzige Empfindung, nach welcher ich so feurig haschte! Mein ganzes Wesen schien nur Liebe zu athmen. Alle meine Glukseligkeit suchte ich blos in ihr; und die seligste Wonne, mich an etwas Liebendes vertraut schmiegen zu durfen, wurde mir dann zum Bedurfnis. Feurig klopfte mein warmes Herz einem zukunftigen Gatten entgegen, und.... O Allmachtiger! wie grasslich fand ich mich betrogen!!! So soll ich denn auf immer meine Stunden so einsam verwimmern? Soll ich ganzlich entsagen allen meinen schonsten Hofnungen, die mir dieses irdische Leben in den Armen eines gutdenkenden Gatten schon zum voraus zum Paradiese schufen! Und das alles um eines Bubens willen, der mich so kunstlich zu einem unzerbrechlichen Schwur vor dem Altare lokte! Ha! weh mir! weh mir! Ich werde entweder rasend, oder unterliege! Ausser der Liebe ist fur mich alles zu einsam, zu leer; eine todtliche Langeweile richtet mich zu Grunde! Meine unbeschaftigte Einbildungskraft kann sich an nichts mehr halten, was ihr in der Liebe Schwungkraft zu allem Entzukken gab. O, die Augenblikke des herrlichsten Vergnugens, wo die starkste Liebe um noch starkere gegenseitige zu erringen sich bemuhet, durfen sich mir von nun an nicht mehr nahern! Ich kann nicht hinsinken an den Busen eines andern Gatten, um dorten unter wollustigen Thranen meinen Kummer zu verschwarmen! Das feurigste Verlangen nach einer andern harmonischeren Vereinigung darf in meinem Herzen nicht auflodern! Ich bin verbannt aus dem Vergnugen der seligsten Gattenliebe, fur immer und ewig! Man wurde mich sonst als eine Verbrecherin mit Schande belegen, bei einer Religion, die keinen mislungenen Schritt zurukthun lasst! Und wenn ich daruber meinen Verstand verlore, so muss ich Fesseln tragen lernen, die mir meine gutherzige Leichtglaubigkeit aufburdete! Gott! Gott! wie werde ich mich in einen Zustand schikken konnen, der alle meine Gefuhle fur Liebe in mir lebendig begraben soll? Freundin! Der hiesige Aufenthalt ist mir izt schroklich zur Last! Die Nonnen schleichen um mich herum, wie falsche Kazzen. Schon bei ihrer Erschaffung theilte die Natur diesen Weibern den Fluch der Unempfindlichkeit mit; und ich verachte sie um ihres wenigen Gefuhls willen. Auch nicht einer einzigen davon mochte ich eine Thrane anvertrauen! Ihr kalter, dummer Trost wurde mich vollends unsinnig machen. Das Blut in ihren Adern ist zu eingefroren, um dem meinigen harmonisch zu begegnen. Nur die wenigen gefuhlvollen Nonnen haben meine Achtung, wenn sie wonnetrunken an dem Busen ihrer Lieblinge schwarmen. Doch auch diese Auftritte reizen mich izt zum schroklichsten Fluche uber mein wirkliches Loos! Ich beneide die Freuden dieser Gluklichen, und empfinde dann meine Leiden desto schwerer!!! Gerechter Himmel! nimm zuruk ein Leben, das ich nicht langer mehr zu schleppen vermag. Liebe Fanny! o habe Mitleiden mit

Deiner kampfenden Amalie.

XCV. Brief

An Fanny

Meine Besste!

Vor einigen Tagen hat man mir auf die lezten Pulsschlage gewartet! Dass Krankheit in mir lag, musst Du aus meinem lezten Briefe schon gemerkt haben. Dass es aber so weit in dieser Krankheit mit mir kommen wurde, hatte ich selbst nicht geglaubt. Kaum war der Brief aus meinen Handen, so uberfiel mich ein unuberwindlicher Menschenhass! Ich floh alles im ganzen Kloster, gieng nicht zum Tische, und sass ganze Tage allein auf meinem Zimmer. Von fruhe bis Abends dachte ich in einer unbeweglichen Stellung blos der Schroklichkeit meines Schiksals nach! Selbst die Nonnen durften es nicht wagen, meine stille Schwermuth zu storen. Ich verriegelte mit der grossten Entschlossenheit meine Thure, und blieb einstens einen Tag lang ohne Nahrung. Sie schrieen und pochten umsonst. Ich blieb troz ihrem Gelarme fest auf meinem Stuhl, wie angenagelt, und horte aus Uebermacht des Grams nicht weiter auf ihr Geschrei. Endlich entschlossen sie sich vermittelst einer Leiter in mein Zimmer zu steigen, weil sie mich fur todt hielten. Kaum aber erblikte ich am Fenster den Kopf einer Nonne, so brach auch auf einmal meine schlummernde Wut los!!! Sie hatten Muhe mich von Gewaltthatigkeit abzuhalten! Ich pakte sie an, aber man bemachtigte sich meiner! Meine gallsuchtige Raserei stieg von Minute zu Minute, bis zu einem Grad, dass mich die Nonnen wirklich an Ketten legen wollten! Der eilends beschikte Arzt war wahrend dieser Zeit auch gekommen, und verbot den Nonnen ihre furchterliche Unternehmung. Schon hatten diese Unbesonnenen meine Hande gefesselt, und eine blaurothe Farbe auf meinen schwachen Knochen bewies die Schwere dieser drukkenden Eisen. Der Arzt zogerte izt nicht lange, mir zwo Adern auf einmal zu offnen, und lies das sprudelnde Blut so lange herauslaufen, bis Kraftlosigkeit meine Raserei entwaffnete! Ohnmachtig sank ich dann in seine Arme; und Dank sey es seiner Sorgfalt! bald erhielten meine Sinnen wieder ihre vorige Richtung. Dieser Mann war bescheiden genug, nicht in das Geheimnis meines Kummers zu dringen, ob er gleichwohl eine starke Gemuthskrankheit in mir entdekte. Er schrieb sogleich durch einen Expressen an meinen Oheim. Was? das weis ich bis auf die jezzige Stunde noch nicht. Zween Tage darnach kam der Bote zuruk, und stellte mir ein Briefchen von meinem guten Oheim zu, worinnen er mir schrieb, dass ich mich zu Herstellung meiner Gesundheit entschliessen mochte, eine Lustreise zu unternehmen. Die Wahl einer Stadt, in Italien oder Frankreich, uberlies mir dieser gefuhlvolle Mann. Doch ware ihm das erste Land weit lieber, weil er mich dort Anverwandten empfehlen konnte, u.s.w. Freudig dankte ich izt dem gutigsten der Menschen fur diesen neuen Beweis seiner Liebe, und beschaftigte mich von nun an mit Reiseanstalten. Die Nonnen hatten Befehl, mir in der Eile fur ein Dienstmadchen zu sorgen, und es dauerte nicht lange, so brachten sie mir zu dieser Absicht eine etwas altliche Figur aufs Zimmer. Das Gesicht dieses Madchens gefiel mir ganz und gar nicht, aber die gute Empfehlung der Nonnen und meine Eile machten bald alle Schwierigkeiten vergessen. In etlichen Tagen reise ich nebst ihr von hieraus mit dem Postwagen nach Venedig. Ein kuhner Entschluss fur meine Jugend, nicht wahr? Aber doch nicht zu kuhn gegen meine Grundsazze, die mir auch ausser den Mauern eines Klosters fur alles burgen. Du weist ubrigens, dass ich die italienische Sprache hinlanglich spreche, um durchzukommen; auch meine Borse hat der gute Oheim in den nothigen Stand gesezt; und nun fehlt mir nichts als die vollige Herstellung meiner Gesundheit, um Dir bald eine umstandliche Reisebeschreibung zuschikken zu konnen. Lebe indessen wohl, meine ewig geliebte Freundin, und nimm hin diese Kusse auf Abschlag, bis deine Amalie wieder nach Teutschland zurukkehrt!

XCVI. Brief

An Amalie

Ich eile, meine theure Amalie, Dir deine zween Briefe zu beantworten: Holdes Weibchen! Vergiss doch einmal deinen abwesenden Henker! Hast Du denn je von ihm was anders erwartet, als dass Dich der Verabscheuungswurdige nicht auch ganz vergessen wird? Du armes gutherziges Kind willst immer den Wiederhall deines guten Herzens finden, und wirst dann am Ende schroklich betrogen! Tilg ihn aus diesen unwurdigen Namen aus deiner Brust, in der ihm zu wohnen nicht mehr vergonnt seyn soll! Lass deinen Muth nur nicht sinken, Besste, Liebste, die Freuden der Liebe konnen Dir einst wieder werden, wenn ihn sein ausschweifendes Leben hinruft in die Arme des fruhen Todes. Der Schopfer gab Dir nicht umsonst ein Herz voll Liebe, seine weisen Absichten werden Dir auch Trost geben. All dein Jammer muss Dir noch an dem Busen eines edlern Gatten vergolten werden. Dein Herz halt izt die grosste Prufung aus, und sein Werth wird durch seine Leiden erhoht. Nur nicht zaghaft, liebe Kleine! Schiksale, die wir nicht andern konnen, werden durch zu vieles Nachdenken nur noch unertraglicher. Du zerruttest deine Gesundheit, harmst Dich ab, und erweichst doch nicht die unbarmherzigen Gesezze. Deine Thranen und dein Jammer dringen nicht ins Priester-Ohr, das sich fur Dich, und andere Unglukliche so eigenmachtig verschloss! Der Heiland selbst wurde in der Ehe gutherziger richten, wenn er wieder auf dieser Erde in Menschengestalt herumwandelte. Dieser gute Menschentroster im Himmel kann nichts dafur, dass seine Geschopfe seinen Willen nach ihrem eigenen Kopf drehen. Er gab ihnen zum urtheilen Vernunft, und wenn sie nun die Stimme derselben aus Eigendunkel uberhoren, so muss ganz gewis auf diese Unbiegsamen das schroklichste Strafgericht warten! Alle Ungluklichen von der Art, werden sich einstens versammeln, und dann jenen grausamen Priestern ewigen Fluch zuwerfen! Diese kuhnen Starrkopfe sind es, die es wagten, aus einem burgerlichen Vertrag unzertrennliche Bande zu machen. Konnen die Priester durch Ansehen und Geld die katholischen Ehen losen, warum denn nicht ohne dieses schandliche Hulfsmittel? Selbst der Schopfer urtheilt von der schwachen Menschheit mit Ausnahme, warum denn nicht seine Gesalbten bei ubereilten Ehen? Hat der Aermere ein starkeres Herz, die Leiden einer fehlgeschlagenen Verbindung zu ertragen, die von der andern Seite mit Betrug, blos aus Absichten, geknupft wurde? Es ist zum Erstaunen, wenn man dieser Ungerechtigkeit bei deiner Religion nachdenkt! Wer nicht Glanz oder Vermogen hat, muss lebenslanglich an etwas Widersprechendes gefesselt bleiben; und doch giebt es so viele Unschuldige, die unter diesem Joch seufzen. Aber lass uns abbrechen von einer Sache, die mir Abscheu erwekt. Sag mir, liebe, theuerste Amalie, ob es nun um deine Gesundheit besser steht. Ob Du mir versprechen willst, es durch Nachgrubeln nie mehr so weit kommen zu lassen. Ob Du mich noch hinlanglich liebst, um diese Bitte zu erfullen. Ob Du izt wohl schon auf der Reise bist. Und ob Du auch uberall das Bild deiner Freundin im Herzen tragst, die Dich mit Millionen Kussen durch die ganze Welt begleitet.

Deine besste Fanny.

XCVII. Brief

An Fanny

Schon aus Venedig, meine Traute, erhaltst Du diesen Brief. Ja, ja, aus Venedig schon! Nicht wahr, das heisst zugefahren? Aber mein armer Korper fuhlt es auch tuchtig! O! der abscheuliche Postwagen stiess mir fast alle Rippen entzwei! Demungeachtet soll mich die ausserste Mudigkeit nicht abhalten Dir meine Reise zu beschreiben. Nun wo blieb ich denn im lezten Brief an Dich stehen? Ach Ha! weiss schon! Als nun die altern Nonnen den Tag meiner Abreise festgesezt sahen, so fiengen sie an, mich mit Skapuliren, Amuleten, und mit mehr dergleichen Kinderpossen schwer zu beladen. "Ja, sagten diese einfaltigen Narrinnen: Ja, auf der Reise, da haben die Hexen just am meisten Gewalt! und glauben Sie sicher, Madame, dass Ihre lezte Krankheit gar nicht naturlich war; selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestattigt, als wir ihm Ihre Krankheit beschrieben. Gott segne von heute an alle ehrlichen Mutterkinder! Hier schikt Ihnen der Pater Guardian ein Pakchen hochgeweihtes Pulver, das Sie taglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Spruchelchen mit Weihwasser gemischt, einnehmen mussen." Ich musste mit Gewalt diesen Schwachkopfen ein bereitwilliges Ja zunikken, blos um ihrer los zu werden. Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sundhaften Postwagen, der nach ihrer Prophezeihung einstens mit samt den Passagieren schnurstraks zur Holle fahren wurde! Es sass ein junger und ein alter Italiener im Wagen, die ich beide fur Kaufleute hielt. Aber lange wurde meine Neugierde nicht befriedigt, weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte; ich beschaftigte mich indessen mit Nachdenken. Jemehr ich den jungen schwarzbraunen Mann betrachtete, desto minder konnte ich entdekken, zu welchem Stande er eigentlich gehorte! Sein Wesen war hoflich, aber dabei geheimnisvoll. Sein Betragen mehr kriechend, als edel stolz, und seine Reden gar nicht zusammenhangend. Kurz, sein Karakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu seyn. Uebrigens war er nicht ungesellig, aber dennoch ausserst verschlossen, niemand konnte errathen, wohin seine Reise gienge. Der alte Kaufmann hingegen gestund uns allen mit der aussersten Offenherzigkeit, dass er ein Burger aus Verona ware, und dorthin zu reisen gedachte. Dieser Mann gewann bald meine Achtung, und, so viel ich sah, ich auch die seinige. Zuweilen argerte sich der gute Alte freilich ein Bischen, wenn der jungere Reisegefahrte mir hoflich begegnete; da gab es dann wechselsweis grimmige Augen. Doch schien mir, als ware der junge Held zu feige, um laute Anmerkungen uber den Kaufmann zu machen; daher lies er mich auch ruhig mit demselben fortplaudern, und, um sich schadlos zu halten, schakkerte er unterdessen mit meinem Kammermadchen. Das alte affektirte Ding fand sich ganz wohl dabei, und glaubte ganz sicher, dass ihre abgestandenen Reize mit Beihulfe der Kloster-Reliquien Mirakel gewirkt hatten. Fast hatte mich beinahe selbst die Kraft des Klosterfrauen-Krams in Erstaunen gesezt; bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flusterte: Der junge Ritter heuchelt blos aus Neugierde dem verrunzelten Gesichte Schmeicheleien vor! So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrautthun mit dem jungen Menschen verwehrte, so konnte ich es doch nicht verhindern, dass sie nicht zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten. Doch da mir ihre Hasslichkeit fur alle Folgen burgte, so storte ich sie auch nicht weiter in ihrer mirakulosen Eroberung. Indessen rollte izt unser Wagen unter starken Erschutterungen weiter; schon waren wir uber einen guten Theil eines Tirolerbergs weg. Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle, und hurtig wikkelte mich der sorgfaltige alte Kaufmann in seinen Pelzrok ein. Meine Kammerzofe fieng izt auch an uber Kalte zu winseln, und geschwinde versah man sie mit einer Dekke. Doch das Geschopf gebardete sich demungeachtet, als ob ihre Haut von Fliesspapier ware. Ich argerte mich nicht wenig uber so viel Ziererei, und durfte doch um des Wohlstandes willen meiner Galle nicht Luft machen. Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T... an, wo jeder Mitreisende aufs Neue bezahlen musste. Das unbarmherzige Stossen des Wagens hatte alle so schwindelnd gemacht, dass keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuss auf die Erde sezzen konnte. Es herrschte izt eine allgemeine Zerstreuung unter uns, und der junge Mensch benuzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vortheil recht herrlich. "Mein Freund! (rief er dem Kaufmann zu) sind Sie doch so gutig, und bezahlen einstweilen meinen Plaz auf der Post bis Verona. Ich komme im Augenblik wieder. Ein kleines Geschaft nothigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen! " Der truglose Mann gab ihm sein Jawort, und flugs verschwand unser Ritter durch die Gasse. Wir beide eilten nun dem Postamt zu, und bezahlten unsere Plazze. Noch hatte der Postillion nicht geblasen, und die nachste Wirthsstube musste uns indessen vor Kalte schuzzen. Ich lies mir izt den sussen Tirolerwein recht gut schmekken! Selbst das verjahrte Blut meines alten Begleiters wurde durch diesen herrlichen Trank aufgewarmt. Wir beide schwazten nun mit gelaufigerer Zunge uber verschiedene moralische, philosophische Gegenstande, und der gutherzige Alte taumelte vor Entzukken uber mein Bischen Unterhaltung. Er trieb seine Zufriedenheit so weit, dass er so gar daruber die Forderung an den jungen Menschen vergass, der wahrend dessen auch wieder zu uns gekommen war. Wir fuhren nun ab, und unterwegens machte mir der Alte einen Lobspruch um den andern, worinn der junge Bursche feurig beistimmte. Holla! dachte ich izt bei mir selbst der Vogel pfeift mit aus Eigennuz, und ist vielleicht gar ein Betruger! Doch auf einmal sahen wir unter muntern Gesprachen die Stadt Verona vor uns liegen. Der Postillion klatschte, und der Wagen hielt stille. Ein schmuzziger Wirth, dem der italianische Eigennuz auf der Stirne geschrieben stund, hob mich unter vielen Buklingen aus dem Wagen; schnell haschte der gute Kaufmann nach meiner Hand und fuhrte mich die Treppe hinan. Wahrend dieser kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube, und prellte den guten Kaufmann um sein ausgelegtes Geld. Es schien diesen alten ehrlichen Mann gar nicht zu befremden; er zukte kaltblutig die Achseln, und eilte dann in die Arme seiner Familie. Nun nahm ich mir vor, diesen Rasttag recht nuzlich in dieser beruhmten Stadt zuzubringen. Schon schlich ich in Gedanken bei den Alterthumern Veronens umher, als plozlich das laute Geheul meines Madchens mich in diesem Traum storte: Sie gab vor, das Heimweh uberfiele sie, und that dabei wie halb verrukt! Ich fragte sie hin und her, was ihr ware. Lange wollte sie nicht mit der Sprache heraus; als ich aber der Dirne Ernst zeigte dann fieng sie an die reine Wahrheit zu beichten: "Ach! Herzens-Madame! (schluchzte sie) ich glaube, der junge Mensch hat mich um mein halbes Geld betrogen!" Ei, (schrie ich lebhaft) warum hast du dich betrugen lassen? "Ja, versezte sie Sehen Sie nur diese Brieftasche an! Er gab mir sie zum Unterpfand. Da, sehen Sie nur ein Bischen hinein!" (das Leder war auf einer Seite etwas zerschnitten, um den Betrug glaublicher zu machen) "Schauen sie nur; es sieht wirklich einem Freimaurerpatent ahnlich! Aber reissen Sie das Schloss bei Leibe nicht auf! ich darf es bis zu seiner Zurukkunft nicht erbrechen; die Freimaurer wurden ihn sonst lebendig radern lassen, wenn sie erfuhren, dass dies Patent in Weiberhande gefallen ist! Es ist sein einziges Hab und Guth, fuhr sie fort und wer weiss, ob der arme Mensch wirklich so..." Plozlich sprang ich izt mit beiden Fussen auf das Schloss der Brieftasche, und die arme Alte fiel daruber fast sinnlos auf die Erde hin, als sie lauter altes Papier herausrollen sah! Nun gieng es bei ihr an ein Schimpfen, an ein Fluchen, an ein Schreien, dass ich ihr aus lauter Angst eilfertig die Geschenke des Pater Guardians auf die Stirne band. Doch fur diesmal half es nicht. Ich glaube, wenn ich ihr den frommen Pater Guardian selbst in eigener hochwurdiger Gestalt aufgebunden hatte, es wurde bei dieser wutenden Furie wenig genuzt haben. Seine kraftigsten Benediktionen waren gewis an der wilden Kreatur abgeprellt, so sehr tobte sie! Ich wusste mir nun nicht mehr anders zu helfen, als ich versprach ihr, um sie zu besanftigen, den Verlust ihres Geldes zu ersezzen. Plozlich riss dann die eigennuzzige Kreatur mit eigenen Handen alle Heiligthumer von ihrer Stirne los! Gewis, Freundin! ich bin sonst nicht feindselig gegen meine Dienstleute; aber dieses Madchen scheint mir eine alte Kupplerin zu seyn, die ehedessen vom Handwerk lebte. Ich kann sie gar nicht ausstehen, und wunschte sie gern wieder nach Teutschland zuruk. Morgen erhaltst Du die Fortsezzung meiner Beschreibung; izt unterbricht mich der Wirth!

XCVIII. Brief

An Fanny

Hinaus mit dir, elender Kuppler! schrie ich dem italienischen Wirth nach und schlug die Zimmerthure hinter seinem Rukken zu, dass die Fenster zitterten! Was sich der infame welsche Kerl nicht alles unterstund! Was? mir, einer biedern, ehrlichen Teutschen, italienisches Laster anzubieten? Dafur hab ich ihn auch wakker heruntergehudelt, den bestochenen Schandbuben! Hu! was meine Alte uber diesen Auftritt fur grosse Augen machte! Sie hat gewis die liebe goldene Zeit zurukgewunscht, wo sie der Unzucht noch um baare Munze Opfer bringen konnte; aber sie durfte sich bei allem dem nicht unterstehen, einen Laut von sich zu geben, sonst hatt ich sie wahrhaftig die Treppe hinuntergeworfen. Es ist ubrigens doch sehr traurig, dass ein Frauenzimmer nicht allein reisen darf, ohne sich dem Vorurtheil auszusezzen. Die Menge herumziehender feiler Dirnen ist daran Schuld. Ein Frauenzimmer muss nur in solchen Fallen nicht blode seyn, sonst spottet das freche Laster der Unschuldigen ins Gesicht, und halt sie fur eine Romanenheldin. Diesmal kam mir mein Feuer recht gut zu Statten, sonst hatte mich der Wirth und die Alte gewis heimlich verkuppelt. Die ubrigen Stunden meines Aufenthalts hielt ich mein Zimmer verschlossen, und die Alte durfte mir nicht von der Stelle. Der Morgen meiner Abreise rukte heran; ich eilte dieses Haus zu verlassen, ohne Veronens Merkwurdigkeiten gesehen zu haben. Es gieng nun unter uns Zweien ganz einformig zu, denn der Postwagen war ausser uns ganz leer. Unter Denken, Grillenmachen und Schlafen kamen wir endlich in der schwarz gemauerten Stadt Padua an. Das nachste besste Wirthshaus musste uns bis zur Abfarth des Marktschiffes fur einen Tag lang zum Aufenthalt dienen. Von essen und trinken war ich satt, Schlaf hatt ich keinen, und Madame Langeweile fieng an mich grasslich zu martern. Gretchen! schrie ich, pak meine Mannskleider aus, und zieh meine Amazone an! "Ei, Madame, was wollen Sie?" Nicht lange gefragt, Jungfer! unterbrach ich das neugierige Ding. Sie brachte mir dieselben, und in wenig Minuten waren die Kleider am Leibe, der Mantel nach Stuzzerart bis uber die Nase geschlagen, und so schlenderten wir beide einem Kaffeehause zu. Alle Gaste lachten bei meinem Eintritt uber die alte Matrone, und mich armen jungen Lekker schien man herzlich zu bedauern. Da es aber in Italien eine Menge dergleichen hungeriger Burschen giebt, die den alten Damen ums Geld ihre sussen Gewohnheiten forttreiben helfen, so lies man mich auch in diesem Betracht ruhig. Ich sezte mich ganz getrost an ein Tischchen und stellte meine Beobachtungen uber die versammelten Gaste an. Bescheidenheit lasst mir nicht zu, zu sagen, aus wie vielen Klassen dieselben bestunden, und es wurde demjenigen unglaublich scheinen, der nicht selbst Augenzeuge davon war. Jeder von dieser schonen Gesellschaft passte mit begierigen Augen auf seine Kundleute, um den Hunger zu stillen. An diesen Tischen wurde gebuhlt, an jenen moralisirt, wieder an andern einander geheimnisvoll ins Ohr gelogen, oder laut die Ehre abgeschnitten. Hier wucherte ein alter Geizhals mit den Reizen seiner Tochter; dort verschwendete ein ungerathner Sohn die vom Vater gesammelten Reichthumer; da horte man plumpe Grobheiten; dort hofliche Lugen; einer rauchte, der andere schnarchte, der dritte fluchte, der vierte seufzte, der funfte schwadronirte, u.s.w. Es war ein jammerlicher Durcheinander. Was in einem so grossen Narrenhaus alles gelogen, betrogen, geheuchelt, gekuppelt und gewindbeutelt wird, ist nicht zu beschreiben. Selbst meine gute Alte verlor fast ihre Sinnen uber dem Schwarm von Mussiggangern und Stuzzern, die aus Neugierde um uns herumflatterten. Diese frechen Tagdiebe redeten mich mit einer Kuhnheit an, als ob es zwischen uns Bruderschaft galte. Ho! Ho! dachte ich mir, und blieb wie ein fester Teutscher auf meinem Stuhle sizzen, bis ich endlich ihre Neugierde mit fremden Sprachen ermudete, die sie nicht verstunden. Nun bekam ich auf einmal Luft meinen Kaffee in Ruhe auszuschlurfen. (In Italien ist es Mode den Kaffee auszuschlurfen.) Aber was? schon neun Uhr? Hurtig, Gretchen, lass sie uns eilen! Und nun trippelten wir dem Gasthause zu; aber hernach? ins Bett, meine Liebe!

Madame, belieben Sie doch aufzustehen, sonst versaumen wir das Marktschiff! (raunte mir das Madchen schon sehr fruhe ins Ohr.) Husch, flog ich aus dem Bette, trank meinen Thee, bezahlte meine Zeche, und eilte mit meiner Alten dem Ufer des Kanals zu. Schon war das Schiff uber und uber mit Leuten angefullt. Dienstfertige Nimphen, die ihren Fleischhandel hin und her trieben, alte Seelenverkauferinnen, Juden, Bonzen, Mausfallkramer, Fleischhakker, Murmelthiertrager, welsche Sbirren und eine grosse Menge auslandischer vertriebener Spizbuben eilten izt mit den ubrigen der freien Republik Venedig zu. Ich sah hin und her um ein gutes abgesondertes Plazchen zu finden. Endlich erblikte ich ein Seitenstubchen, worinn sich vermuthlich die Stiftmassigen dieser loblichen Versammlung aufzuhalten schienen. Nu, nu, das ist eine saubere Gesellschaft! Ei was? Dachte ich mir, Noth hat in dringenden Fallen kein Gesez! Also kurz und gut; und ich befahl dann meinem Madchen ins Seitenstubchen zu steigen. "O du heiliger Johann von Nepomuk, steh mir bei!" rief sie laut, indem sie sich hartnakkig weigerte. Poz alle tausend und ... wollte ich schon anfangen, als ich mich plozlich fasste, und einem Lasttrager herbeirief, der mir sie mit Gewalt ins Schiff schleppen musste. Izt riss die ganze Versammlung uber meine Entschlossenheit Augen und Nasen auf! Ueberall bot man mir (vermuthlich aus Neugierde) Plaz zum sizzen an; was konnte ich in dieser Lage besseres thun, als mein Gesicht in Falten ziehen, um das freche Laster abzuschrekken, das sich so gerne an reisende Frauenzimmer wagt. Doch, dem finstern Gesichte ungeachtet, wagte es ein landstreicherischer Abbe meine ernsthafte Stille mit sussen Fragen zu unterbrechen. Ich konnte diesen Zudringlichen durchaus nicht los werden; er plapperte vieles von fremden Landern; kramte seine Zeugnisse so bereitwillig aus, als ob er mir seinen verdachtigen Kredit mit Gewalt aufzudringen suchen wollte. Ich fieng an dieses Kerlchen mit einigem Beifall zu beglukken, und er gluhete daruber vor Entzukken. Schon glaubte der Windbeutel meine Leichtglaubigkeit uberredet zu haben, als ich ihm plozlich mit bitterm Spotte das Gegentheil bewies. Nichts destoweniger bat er mich dringend um den Namen meines Absteigquartiers. Und siehe da, der Graf Sakonello (so war sein entlehnter Name) war in wenigen Tagen vor meiner Hausthure, von welcher er aber recht hoflich abgewiesen wurde. Doch, lassen wir diesen Einfaltspinsel ein Bischen stehen, um ans Ufer zurukzukehren! Alles drangte sich da noch haufenweis unter sumsen, larmen und schreien aus dem angekommenen Marktschiffe. Es herrschte lauter Getummel und Verwirrung; nur der Herr Abbe und ich blieben ganz ruhig bei dieser komischen Auswanderung im Schiffe an unserm Orte sizzen, bis mir auf einmal die am Ufer stehenden, mit prachtigen Uhrketten behangten und vergoldeten Herrchen in die Augen fielen, welche gierig auf jeden aussteigenden Weiberrok lauerten.

Was mogen denn dies fur Maulaffen seyn? fragte ich den Abbe; der mir dann ganz geheimnisvoll ins Ohr flusterte: "Es sind lauter Kuppler, die auf fremde Madchen passen, um sie durch kunstlichen Betrug in Bordels zu verhandeln. Nehmen Sie sich in Acht, Sie sind auch jung und nicht hasslich!" Herr Graf, erwiederte ich, jeder kehre vor seiner Thur! und so stieg ich ans Ufer, und er, er bukte sich, und gieng; ich hingegen miethete eine Gondel, und fuhr darinn sanft bis an die Behausung meiner Anverwandten. Und?... Nicht zu viel gefragt, meine Freundin! Morgen das Weitere!

Endlich, meine Liebe, hat das Kussen und Herzen unter uns so ziemlich ein Ende, um auch wieder mit Dir plaudern zu konnen: Die Lage meiner Wohnung ist ganz nach meinem Geschmak. Das Haus liegt in einer einsamen Gegend und wird von einem Garten geziert, dessen Aussicht auf den lebhaften Kanal geht. Da sizze ich dann am Fenster dieses Gartens, und manche liebe Stunde durch betrachte ich die vielen vorbeischwimmenden Gondeln, die grosse Welt samt ihren grossen Thorheiten. Zu Wasser und zu Lande findet man Verschwendung und Luxus; uberall beherrscht der Menschen Eitelkeit, Wollust und Schwelgerei. In Teutschland fahren die Vornehmen in prachtigen Wagen, und hier in gezierten Gondeln; dorten ziehen rasche Pferde ihre Herrschaft, und hier die ausgelassenen Gondolieri; bei uns schmukk man die Pferde mit Silber und bunten Federbuschen, hier die Gondolieri mit weiten Pumphosen und buntschakkiger Kleidung. In Teutschland sind die Pferde die unwissenden Kuppler ihrer Herrschaft, und hier sind es die Gondolieri mit Vorbedacht. Hier ist es durchaus nothig, dass der Gondolieri die Kupplerei aus dem Grunde versteht; bei uns uberlasst es der Kutscher dem Bedienten oder dem Kammermadchen. In Venedig kann kein Bursche sich auf den Dienst einer Dame Hofnung machen, wenn er nicht gefallig und a Tempo den Vorhang in einer Gondel zu ziehen weis; in Teutschland hingegen begnugen sich die Damen mit einer langsamern Bedienung. Hier muss der Gondolieri die Schwelgereien seiner Gebieterin geduldig abwarten, und bei uns gebietet der begunstigte Lakai seiner Dame, wenn er sie mit einem vielbedeutenden Blik an ihre heimlichen Schwachheiten erinnert. In Venedig jagen die Damen den Fremdlingen nach; in Teutschland sind sie mit ihren einheimischen Leuten zufrieden. Landlich, sittlich! dachte ich mir bei der Verschiedenheit dieses Geschmaks. Die Weiber sind ja in allen Landern in allen Stukken eigensinnig, folglich auch in der Wahl ihrer Bedienten. Doch sind die hiesigen Damen in ihren Bequemlichkeiten weit mehr zu beneiden: Sie schwimmen ganze Tage in den Armen ihrer Lieblinge unbemerkt herum; da hingegen unsere guten Damen ohne Ruksicht auf ihre adelichen Schwachheiten so leicht wegen ihren heimlichen Ausschweifungen unter dem Pobel verschrieen werden. Was zahlte nicht bei uns manche Dame fur so eine allerliebste Gondel, vermittelst welcher sie ihre minder verborgenen Schlupfwinkel entbehren konnte! Selbst der Puz der hiesigen Damen wird in diesen sanft fortschleichenden Behaltnissen weniger verschoben, als in einem engen Gefarthe in Teutschland, wo der schmachtende Nachbar unwillkuhrlich durch das Stossen des Wagens vom Strichrok bis zum Kopfpuz alles in Unordnung bringen muss. Auch bedienen sich hier die Damen keiner Schminke mehr, weil die dunkle, verschlossene Gondel und der wohl abstechende Anstrich derselben ihre Wangen ohnehin schon hochroth farbt! Es ist eine allerliebste Erfindung um die Gondeln! sagte lezthin ein flatterhafter Ehemann zu mir, dem unter dem mitleidigen Schuz derselben manche galante Unternehmung geglukt war; und bei uns, schrie eine verbuhlte, leichtsinnige, hizzige italienische Brunette, bei uns kann kein beleidigter Ehemann seine Equipage mit eifersuchtigen Augen verfolgen; denn bei uns sind die Gondeln alle gleich; sie tragen die feurige Prinzessin mit ihrem Liebling eben so geheimnisvoll, als die ausschweifende Opersangerin mit ihrem ausgemergelten Prinzen. Bei Ihnen (fuhr sie fort) mussen die armen Damen ihre Kammermadchen, Bedienten, Weiber, oder gar Kupplerinnen um schweres Geld zu jeder kleinen Lustpartei erkaufen, und hier in Venedig versieht die Gondel den gleichen Dienst weit geringer. Ueberall herrscht hier Freiheit und Liebe zur zeitlichen Freude. Selbst die andachtigste Dame schwimmt hier, ohne sich dem mindesten Verdacht auszusezzen, mit ihrem Gewissensrath in die Kirche... oder in seine Arme. Belieben Sie einzuhalten. Madame! (unterbrach ich sie) In Teutschland schleicht das Laster nur kaltblutig unter den Menschen herum, und hier in Italien galoppiert es aus allen Kraften, besonders unter der Maske der Frommigkeit! Bei uns ist man aus ubelm Beispiel oder aus Zufall lasterhaft, und bei Ihnen aus naturlicher Anlage und weniger Kultur. Hier vergiesst der Eigennuz taglich Blut, und bei uns treibt er es selten zu so einem Schritt. Bei Ihnen liegt Falschheit und Mordsucht im Herzen, und bei uns kommen sie blos zuweilen durch uble Erziehung oder Verfuhrung hinein. Ihre Damen beten viel und buhlen viel. Die unsrigen beten weniger, aber buhlen auch weniger. Das welsche Frauenzimmer ist betrugerisch, rachgierig, ausgelassen und wild; das teutsche wohlthatiger, sanfter, aber desto mehr koket. Die teutschen Damen foppen mit ihren kalten Temperamenten die Manner nach Herzenslust, und die Italienerinnen wollen Sieg oder Mord. Uebrigens ist Modesucht, Eigenliebe, Grillen und Ziererei unter unserm Geschlecht bei allen Nazionen zu finden. Wenn es aber unter den Weibern auf Betrugerei und Verstellung ankommt, so lauft in dieser Kunst doch immer die Italienerin der Teutschen den Rang ab. Unser Geschlecht ist zwar uberall ziemlich verdorben, nur verleitet die angeborne Gutherzigkeit eine Teutsche weniger zu Betrug. Das, Madame, sind meine unmassgeblichen Gedanken! Und nun leben Sie wohl! sagte ich zu dem brunetten Frauenzimmer, und trollte mich gerades Weges nach Hause. Bald das Mehrere von

Deiner Amalie.

XCIX. Brief

An Amalie

Meine theuerste Amalie!

Ich durchlas deine Reisebeschreibung mit innigem Vergnugen, und freute mich herzlich uber deine muntere Laune, die mir wieder fur die Herstellung deiner Gesundheit burgte. Du bleibst doch immer das alte feurige Madchen, das uberall geschazt werden muss. Aber weisst Du auch, dass Du dabei eine recht lose Schakkerin bist, die ihre Anmerkungen in den launigsten Wiz einzukleiden weis? Hatten die Nonnen nur die Oberflache deiner Grundsazze gekannt, ich wette, sie wurden Dich nicht mit ihren gesegneten Gaukeleien beladen haben. O Aberglaube, der du die Menschen so verfinsterst, verrukke doch die armen Nonnen nicht weiter; und du ehrwurdige gesunde Vernunft, sey ihren fantastischen Kopfen gnadig! Lass ihre schwache Leichtglaubigkeit nicht ferner durch schmarozzerische Monche anfachen. Ist es moglich, dass die wahre Religion in ihrer schonen naturlichen Gestalt durch solche Possen so tief kann heruntergesezt werden? Ihr bonzischen Morder der gesunden Vernunft, jagt dem schwachen Volke Furcht und Angst ein, blos um euere Bauche zu masten! Gesegnet sey Kaiser Joseph, der in seinem Lande auf einmal diesem Puppenspiel ein Ende machte! Doch izt vorwarts zu der Geschichte deines jungern Reisegesellschafters: Jeder Reisende (dachte ich bei dieser Geschichte) muss im Postwagen Augen, Ohren, Herz und Borse wohl in Acht nehmen, wenn er nicht betrogen seyn will, denn fast immer sind die Postwagen von dergleichen Rittern und Ritterinnen angefullt, die darauf Jagd machen; indessen ist es (die Unbequemlichkeit weggerechnet) im Postwagen ausserst unterhaltend zu reisen. Die Verschiedenheit der Gesellschaft unterhalt den denkenden Kopf, und nirgends wird lebhafter raisonnirt und mehr geschakkert, als in den Postwagen. Madame Neugierde ist da die Beherrscherin aller Herzen. So viel uber diesen Punkt! Aber nur Geduld, Leichtsinnige, nur Geduld! Der Pater Guardian wird sich einst schon an Dir rachen! Mache Dir ja auf die ganze Zeit deines Lebens auf keinen Kapuzinersegen Rechnung; horst Du! Was? Du hattest die Kuhnheit uber seine dikke Unwissenheit zu spotten? Warte nur, boses Weibchen, der rachsuchtige Bonze wird Dich bald behexen, und nicht enthexen, so sehr hast Du seine hochwurdige Dummheit angegriffen! Aber nun lass uns auch ein Bischen von dem italienischen Wirth schwazzen: Recht gethan! recht gethan, dass Du ihn aus dem Zimmer jagtest! Ehrengefuhl ziert das Weib eben so schon, als den Mann. Glaub's wohl, dass deine Alte uber diesen Auftritt die Augen verzerrte, denn unser Geschlecht hat zu wenig gelernt die Tugend ausser den Mauern ohne Affektation zu behaupten. Suche Dir die Alte vom Halse zu schaffen, sie taugt fur deine Denkungsart eben so wenig, als jene saubere Kaffeehausgesellschaft. Siehst Du nun, meine Liebe, wie es in der grossen Welt drunter und druber zugeht? Wenn junge Leute noch unverdorben in solche Versammlungen eintretten, wie leicht konnen sie dann an solchen Orten durchs uble Beispiel ihre Unverdorbenheit verlieren! Aber um Gotteswillen, meine Liebe! hute Dich in Venedig, dass Dir deine Aufrichtigkeit nicht etwa Verdrusslichkeiten zuziehet! Lass ja kein Wortchen wider den Staat fahren, sonst bist Du ohne Rettung verloren! Auch sind die Italiener verschmizte Bursche, die einer Teutschen mit leidenschaftlicher Hizze nachzustellen wissen, um sie ins Garn zu lokken. So unverschamt und zudringlich die Manner in Venedig sich auffuhren, eben so tollkuhn treiben es die Weiber mit teutschen Junglingen: ihr hizziges Naturel macht sie zu jedem Laster fahig. Gott segne Dich und wache uber Dich, meine Amalie!

C. Brief

An Fanny

Also, wie gesagt, meine Besste, als ich die Gesellschaft der brunetten Dame verlies, gieng ich nach Hause, legte mich zu Bette, und schlief herrlich, bis mich meine Base des andern Morgens aufwekte.

"Kommen Sie, Sie mussen heute mit meinem Mann den Markusplaz besehen!" (sagte sie mir ganz sanft ins Ohr.) Ich rieb mir noch etliche Mal die Augen, und taumelte dann hin zur Toilette. Nun wollte mich die gute Frau nothigen eine Maske vor mich zu nehmen, aber ich straubte mich tapfer dagegen! Nicht doch, Frau Base! Warum soll ich das Gesicht, das mir Gott gegeben hat, verkappen? Darf ich dasselbe nicht sehen lassen?

"O ja, mein Kind! Aber Sie mussen sich maskieren, es ist hier zu Lande durchaus nothig, um den Nachstellungen der Mannsleute zu entgehen."

Ei was Mannsleute! die werden mich doch nicht mit Gewalt am hellen Tag anpakken! Nein, so wahr ich eine Teutsche bin, Frau Base, ich verdekke mein Gesicht nicht! Und so zog ich meinen Vetter mit mir zur Thur hinaus. Aber kaum hatten wir ein paar schmale Gasschen durchwandert, so streiften schon eine Menge Masken sehr nahe und unglimpflich an mir vorbei. Ich schob dieses Betragen auf die Rechnung des engen Raums der Strasse, bis mein Vetter auf einmal zu brummen anfieng, und mich uberzeugte, dass seine Frau Recht gehabt hatte. Die hiesigen Masken nehmen sich gegen ein fremdes unmaskiertes Frauenzimmer die ungezogensten Frechheiten heraus. Eine Fremde muss sich in Mannskleider stekken, wenn sie ungestort uber die Strasse gehen will. Bei uns sezt diese Art Verkleidung ein Frauenzimmer in ubeln Ruf, und hier dient sie zu seiner Vertheidigung. O Vorurtheil, du widersprechendes Wesen! sagte ich zu mir selbst als wir gerade unter den gedekten Seitengangen auf dem Markusplaz anlangten. Hu! wie mir da der Kopf zu schwindeln anfieng, als ich die Menge Masken erblikte, die auf Strohsesseln vor den Kaffeebuden sassen, und mich dabei so starr angafften, dass es mir ganz heiss in die Wangen stieg. Fast alle meine Sinnen waren uber und uber beschaftigt. Ich sah izt in den offenen Kaffeebuden verwegen spielen, unverschamt buhlen, und jedes lasterhafte Gewerb in voller Uebung treiben. Auf allen Seiten unterhielten sich diese beschaftigten Mussigganger mit ihren Modelastern. Spionen lauerten; Spieler zankten; Buhlerinnen schakkerten emsig mit ihrer feilen Waare; Andachtlerinnen seufzten uber die Unertraglichkeit ihrer Keuschheit; alte Weiber brummten an der Seite ihrer ungetreuen Anbeter; junge Damen warfen nach ihrer Gewohnheit ihre Nezze aus; Bonzen liebaugelten; Schurken lehnten sich tiefsinnig an die Seitenwand, und dachten auf spizbubische Anschlage; Stuzzer strikten Filet, fremde junge Windbeutel trugen ihre Figur zu Markte, und Auslander, die kaum dem Galgen entronnen waren, genossen hier der goldenen Freiheit! Alles war in lebhafter Thatigkeit, und jeder schwelgte nach seiner Weise. Mit zerstreuter Verwunderung schlenderte ich einigemal an dem Arm meines Vetters den Seitengang hin und her. Der uberraschende Larm hatte meinen Korper in etwas aus seinem Gleichgewicht gebracht. Ich schmiegte mich nahe an die rechte Seite meines Fuhrers, und lehnte meine rechte Hand rukwarts auf meine Hufte. Schon glaubte ich in dieser Stellung unter dem Getummel unbemerkt durchschlupfen zu konnen; schon fieng ich an uber alle diese Tollhauser philosophisch nachzudenken, als ich plozlich meine rukwarts gelehnte Hand feurig gepresst fuhlte! Aergerlich blikte ich hinter mich, und sah... lauter gleich gekleidete Masken. Es schien mir in diesem Falle schwer den Thater zu unterscheiden; ich zog daher meine Hand ganz stillschweigend aus dieser Stellung. Um Streitigkeiten zu verhindern, verschwieg ich diese neue Unverschamtheit meinem Vetter, indem ich glaubte nun sicher und ruhig an seiner Seite fortwandeln zu konnen. Aber umsonst, kaum hatte ich einige Schritte vorwarts gethan, so tandelte schon wieder eine Maske an meinen Haaren, die bis uber meine Huften hinunter hiengen. Endlich zwang mich die Nothwendigkeit mit meinem Vetter in eine Gondel zu steigen, um nach Hause zu fahren. Hier hast Du nun die Geschichte des heutigen Tags von

Deiner bessten Amalie.

CI. Brief

An Fanny

Wenn wir gutchristlichen Katholiken in eine fremde Stadt gerathen, so eilt sonst gewohnlich unser erster Schritt der Kirche zu. Bei mir war es zwar nicht der erste, aber der lezte soll es gewis seyn! Ich begab mich in eine Kirche; aber die schandliche Auffuhrung der italienischen Nazion im Tempel Gottes hat mich sehr geargert! Als ich in den Vorhof der Kirche trat, drangten sich die alten Bettelweiber haufenweis auf mich zu, und baten zur Liebe des heiligen Antonius um ein Allmosen. Ich gab hin so viel ich konnte, ob ich gleichwohl beim Weggehen einige von diesen nemlichen alten Weibern besoffen in Winkeln liegen sah. Die Kirche war dicht angefullt; alles murmelte mit verkehrten Augen Gebete daher. Die Damen zerschlugen sich aus Andacht die Brust, und die Manner schwizten heuchlerisch im Gedrange. Die ganze Versammlung behauptete den Schein einer ausserordentlichen Frommigkeit. Schon fieng ich an mich uber diese eifrigen Diener des Herrn zu freuen; schon beklagte ich die kalten Teutschen, die in der Verehrung des Schopfers so wenig Feuer im Aeusserlichen zeigen. O! dachte ich, welch ein Unterschied! Hier strozzen die Kirchen an Werktagen von Andachtigen, und bei uns kaum an Sonntagen; und so wurde ich weiter Vergleichungen angestellt haben, wenn mich nicht der verstohlne Seitenblik einer eifrig betenden Nachbarin darinn gestort hatte. Die gute fromme Scheinheilige schien nach etwas begierig zu schmachten, bis sich auf einmal ein frecher Bursche zu ihr hindrangte, und in ihr Gebetbuch ein Liebesbriefchen stekte. Sie nahm dann ihr Buch zu sich, klopfte ans Herz, rief einigemal: O Dio santo! dazu, und verlor sich. Als dieser Auftritt, den die ubrigen frommen Christen nicht einmal bemerken wollten, sein Ende erreicht hatte, wollte ich nach meiner Uhr sehen, aber siehe da man hatte mir sie gestohlen! Ich sah ganz naturlich links und rechts nach dem Dieb, und erblikte nichts, als Grimasse der Frommigkeit. Was blieb mir nun ausser der christlichen Geduld ubrig an einem Orte, wo jeder Heuchler der Religion Ehre zu machen schien? Demungeachtet drangte sich mein Blut haufig dem Kopf zu, und es war mir unmoglich mich langer in einem Hause aufzuhalten, wo Andachtelei dem Laster den Schein der Ehrlichkeit borgen muss. Ich drangte mich hin und her durch alle Lukken durch, um in die freie Luft zu kommen. Eine alte cara Mama zupfte mich rukwarts am Arme, und schien mir zu folgen. Was mag denn die wollen? fuhr mir durch den Kopf, indem ich sie aufmerksam betrachtete. Sie brummte ihre Gebeter halb laut fort, hielt ihren Rosenkranz fest, sties andachtige Seufzer aus, und folgte mir bis an die Treppe. Carissima bella Signorina! redete sie mich an. Geh zum Henker, Alte, mit deinen Schmeicheleien! schrie ich ihr zu, als sie mich ganz andachtig bei Seite zog, und mir einen formlichen Antrag zu einer Lustparthie machte: Schandlose Heuchlerin! lass mich mit Friede, oder... auf einmal war sie izt weg und wieder in der Kirche. So geht es also hier im Tempel Gottes zu! Das ist das fromme, andachtige Volk! sagte ich unwillig zu mir selbst und besuchte aus Neugierde mehrere Kirchen nach einander. Alle fand ich eben so voll wie jene. Gott im Himmel! wie viel falsches Scheinopfer bringt man dir! seufzte ich dann laut und kehrte zuruk nach Hause.

Ja, meine Fanny! die Geschichte in der Kirche hatte mich so sehr erzurnt, dass ich mehrere Tage keinen Schritt aus dem Hause thun wollte. Auf einmal wurde meine uble Laune dem guten Vetter zur Last, und ich musste ihm mit Gewalt in eine adeliche Gesellschaft folgen.

Aber ums Himmels willen, lieber Vetter, ich bin ja nicht stiftmassig; die Damen werden Bedenken tragen, mich unter sich aufzunehmen! sagte ich ihm straubend.

"Ei was stiftmassig! antwortete mein Vetter, hier braucht ein Fremder das nicht; geben sie unserer Noblesse nur ihren Exzellenz-Titel, und Sie sind gewis mit Ihrer Lebensart willkommen."

Genug ich lies mich aus Neugierde bereden, und besuchte mit ihm eine solche Versammlung. Als wir in Cassino anlangten, so wimmelten schon die Vorzimmer voll Bedienten. Ich streifte mit philosophischem Unwillen an diesem schimmernden Ungeziefer vorbei, das sich kriechend bis zur Erde beugte; dann stellte man mich einigen Damen vor. Ich muss gestehen, ich fand einen himmelweiten Unterschied zwischen ihnen und unsern aufgeblasenen, stolzen Nasenrumpferinnen in Teutschland: Sie empfiengen mich mit einer vernunftigen Gute und Leutseligkeit, die so willig eher dem Verdienst als einer blos zufalligen Geburt ihre Arme offnen. Sie marterten mich mit keiner steifen Etikette, womit man Fremde in Teutschland zu qualen pflegt. Freiheit, Munterkeit und gute Laune herrschten uberall in dieser Gesellschaft. Die Damen flusterten einander keinen Ahnenstolz in die Ohren, und fielen mir nicht mit naseweisen Fragen zur Last; eben so wenig, als ich von ihnen geschraubte, hochmuthige Antworten erhielt. Keine gaffte mich mit teutscher Grobheit an, als ob sie sagen wollte: "Selbst dein Anzug ist nicht einmal hochadelich! " In wenig Minuten achtete ich mich in dieser Versammlung schon nicht mehr fremde. Man lies mir Freiheit, ohne mich aus Verachtung zu vergessen, und man schien mich zu vergessen, blos um mir Freiheit zu lassen. Niemand zwang mich zum Spiele. Jedem stund es frei, sich mit Kopf und Herz nach seiner Weise zu unterhalten; weder Eifersucht noch Misgunst trubte die Damen unter einander. Jede hielt ihren Liebling fest, ... und storte nicht durch Koketterie die Ruhe einer andern.Alle hatten fur sich hinlangliche Herzens-Beschaftigungen. Kurz, die hiesigen Damen sind selbst bei ihren raschen Leidenschaften weit ertraglicher als die in Teutschland. Liebe ubertaubt alle ihre ubrigen Leidenschaften; und was Liebe nicht angreift, das beleidigt sie auch nicht. Sie haben uberhaupt im Durchschnitt mehr Kultur als die Manner. Mutter Natur war ihre Leiterin. Ziererei Vapeurs und Grillen scheinen sie gar nicht zu kennen. In Gesellschaften handeln sie viel freier als die Teutschen, und bei Weitem nicht so geschraubt. Die Hizzigkeit ihres Temperaments gestehen sie offenherzig, und verderben nicht ihr Herz durch heuchlerische Verstellung. Unsere teutschen Damen hingegen verbergen ihre Herzens-Angelegenheiten, und werden dabei doppelte Sunderinnen. Hier rechnen sichs die Damen zur Schande, mehr als Einen zu lieben, und bei uns schamen sie sich dieser einfachen Zahl, und tandeln mit allen, die ihnen aufstossen, aus Schwachheit, aus Ueberraschung oder aus Zufall. Liebe wird bei den Italienern zum ernsthaften Geschafte, bei den Teutschen hingegen zur Galanterie, oder Heuchelei. Wechsel ist hier Verbrechen, der den Stolz einer Dame beleidigt und bei uns wechselt man mit der Liebe eben so gleichgultig, wie mit Handschuhen. Die hiesigen Damen lernen ausser ihrer Muttersprache selten eine andere, und saugen nicht, wie bei uns, mit der franzosischen Sprache zugleich franzosischen Leichtsinn ein. Sie studieren fleissiger ihre Muttersprache, als manche teutsche Dame, welche die ihrige kaum buchstabieren kann. Auch Eigennuz verunstaltet ihre Seele nicht so leicht, weil sie weniger als bei uns dem Spiel, sondern mehr der Liebe nachhangen. Verlaumdungssucht ist ihnen fast durchaus fremde, denn sie verschakkern ihre Stunden meistens in der Gesellschaft ihrer Liebhaber. Selbst Eitelkeit hat sie weit weniger vergiftet, weil die Einformigkeit ihrer Masken keinen so grossen Aufwand erfodert. Waren nur die hiesigen Damen ihren Mannern getreuer, verschwelgten sie nur weniger ihre Gesundheit in den Armen der Wollust, man konnte diese Engel von Weibern nicht besser wunschen, als man sie hier unter dem adelichen Stande findet. So weit gieng meine heutige Beobachtung. Morgen auch etwas weniges von den hiesigen Mannern; und nun gute Nacht, meine Liebe, von

CII. Brief

An Fanny

Wort halten, ist Pflicht! ruft uns die alte teutsche Redlichkeit zu. Also muss ich wohl heute ihrer Stimme folgen, und Dir, meine Fanny, mein Versprechen erfullen. So eben komme ich wieder aus einer adelichen Gesellschaft zu Hause; und ich kann Dich versichern, dass die hiesigen Edelleute mannlichen Geschlechts fast durchaus uber eine Form gemodelt sind. Ich fand in einem die andern alle. Ihr Wesen ist einfach, und ihre Nazional-Mundart ist dem einen wie dem andern eigen. Selbst Liebe, die doch bei der italienischen Sprache sehr gewinnt, wird durch ihre Nazionalsprache verunstaltet. Schon einige haben es versucht, auf mein Herz Ausfalle zu wagen, aber sie prellten ab. Das Zuhausesizzen versagt ihnen die nothige Kultur. Sie besizzen die hochmuthige Grille, dass keiner von ihnen ohne furstlichen Aufwand reisen durfe; und doch haben die wenigsten davon Gluksguter genug, um diese Grille zu befriedigen; also bleiben sie lieber an ihrem Kaminfeuer sizzen, und gewohnen sich dabei an eine simple nazionale Lebensart, dass es dem Fremden schwer wird, den Edelmann vom Lakaien zu unterscheiden. Sie lesen wenig, studieren (ihre Landesgesezze ausgenommen) fast gar nichts, und bleiben bis an ihr Ende gutwillige Pagoden zur Bedienung ihrer aufgeklarteren Damen. Ihre besondere Hoflichkeit, ihr hubscher Korperbau und ihre feurige Liebe fur unser Geschlecht, sind noch die einzigen kleinen Vorzuge, die sie ertraglich machen; demungeachtet sind sie sehr zur Schwelgerei geneigt. Wenn ein junger Venezianer ohne Liebesfesseln lebt, dann lebt er gewis bis zum Ekkel ausschweifend. Nun so ist denn doch Ausschweifung immer das gewohnliche Extrem eines Gelehrten oder eines Dummkopfs! (fuhr mir bei dieser Anmerkung durch den Sinn...) Doch weiter! Wiz besizzen sie gar keinen, aber desto mehr Nazionalspruchelchen. Vernunft findet man noch am meisten unter den Advokaten, weil sie ihnen Geld eintragt. Gekken sind sie fast alle, denn ihr Mussiggang macht sie dazu. Stolz auf ihre Freiheiten erlauben sie sich in ihren Masken viele kindische Thorheiten. Bigottismus und Wollust schlurfen sie ohne den mindesten Vorwurf aus einem Becher, weil sie gewohnt sind, ihre Rechnung alle Monate wenigstens einmal in dem Beichtstuhl abzulegen. Der Grundzug ihres Karakters bleibt so lange gutherzig, bis er von einer Leidenschaft auf die Probe gestellt wird; alsdann erst artet er in feurige Rachsucht aus. So bald man ihren vaterlandischen Stolz nicht beleidigt, so ist gut mit ihnen auszukommen. Litteratur und schone Wissenschaften verrosten ganzlich unter ihnen; aber desto fleissiger uben sie Rechtsgelahrtheit und Handelschaft. Sie machen gutwillig die Kuchenjungen ihrer Weiber; aber nie die Sklaven ihrer Vorgesezten. Ein Venezianer lauft leichter mit dem Gemuskorb auf den Markt, als dass er nur um ein Haar seine Freiheit verlezzen liesse. Sie lieben auch die Fremden, aber trauen ihnen nicht gerne. Eine grosse Menge Advokaten leben da auf Kosten ihrer Klienten, deren Rechtssache sie auf dem Rathhause offentlich vertheidigen mussen. Die Landestracht wird von dem Nobili und Advokaten nur an Gerichtstagen getragen, und besteht aus einer Knotenperukke, einem langen schwarzen Rokke mit einer silbernen Kette um den Leib. Der Staat unterhalt nur wenig Soldaten, aber destomehr Sbirren. Man behauptet, dass der Magistrat durch die Geschiklichkeit dieser Sbirren in kurzer Zeit den Namen und das Gewerb eines Fremden wissen kann, wenn ihm die Neugierde ankommt. Hm! hm! Wie mag denn das zugehen? (fragte ich mich selbst) da man doch hier zu Lande keinen Fremden mit dem Namenaufschreiben tirannisirt? Aber desto aufmerksamer ist unsere Polizei, die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt! (flusterte mir mein Vetter ins Ohr, der mein Selbstgesprach musste gehort haben). Liebschaften, Matressen, und alles, was ins Reich der Frau Venus gehort, steht nicht unter dem mindesten Zwang, wenn nicht Mordthaten, oder Diebstahle damit verknupft sind. Wer sich in offentlichen Hausern beschmuzzen will, kann es ohne Hindernis wagen. Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Manner weit weniger diesen Oertern zu, als bei uns, wo Vorurtheil, Fraubasen-Geklatsch, oder der bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig storen. Jeder unterhalt sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maasstab seiner Einkunfte. Die offentlichen Bedurfnishauser werden meistens nur von Fremden, oder von den allerluderlichsten Einheimischen besucht. Ich habe diesen Saz meinem Vetter nicht glauben wollen; aber morgen, sagte er, mussen Sie Beinkleider anziehen, und ich will Sie davon uberzeugen. Lebe wohl unterdessen, meine Besste!

Deine Amalie.

CIII. Brief

An Amalie

Liebste, Besste!

Landlich, sittlich! so sagtest Du lezthin selbst, und doch weigertest Du Dich, Dich zu maskiren; wie kommt denn das? O Du eigensinniges Weibchen, Du! Verhulle in Zukunft dein bluhendes Gesichtchen, sonst laufst Du Gefahr ferner beunruhigt zu werden. Es muss ubrigens doch fur eine Fremde ein sonderbarer Anblik seyn, wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblikt! Mir wurde zwar dieses Getummel nicht behagen; Mitleiden und Abscheu wurden mich zur tiefsten Traurigkeit hinreissen! Schroklich ist es, meine Freundin, zu horen, dass selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird! Christen sollen das seyn? Christen, die die Grosse und Allmacht ihres Schopfers weder fuhlen, noch kennen! Christen, die aus keinem reinen Unterricht gelernt haben, die Gegenwart Gottes zu furchten! Diese Verworfenen beten zu oft, um mit wahrer Zerknirschung des Herzens, mit wahrer Andacht beten zu konnen. Ihr kaltes, fluchtiges, abwesendes Herz wiedmet sich aus Langerweile unter ihrem mechanischen Gebet blos sundhaften Nebenbeschaftigungen. Sie hullen ihre Laster in AndachtsUebungen ein, um desto freier ausschweifen zu konnen. Bigottismus ist der Sunden Schuz, und ihr gleissnerisches Gebet ist ein grassliches Verbrechen an der Majestat Gottes! Schein der Frommigkeit ist bei den Italienern fast immer der Vorbote des Lasters. Man halt in diesen Landern vieles auf ausserliche Gebrauche, aber desto weniger auf das innere Gefuhl eines denkenden Christen, der mit einem Worte seinen gutigen Schopfer anzubeten weis. Da zwingt man die Menschen zum Gottesdienst; sie mussen Predigten anhoren, beichten, und alle Gebrauche mitmachen, wenn sie der Bonzen Wut entgehen wollen. Der freie Willen wird unterjocht, und offnet dann das Herz der Heuchelei und der Falschheit. Wenn der Diener seinem Herrn nur aus Zwang unterwurfig ist, dann entfernt sich sein Gefuhl weit von dem guten Willen, der das Lob seiner Herrschaft verewigen sollte. Die Katholiken werden mit Gewalt zur Religions-Uebung geschleppt, und ihr widerspenstiges wildes Gefuhl artet dann bei diesem Zwang in Luge aus, die sie blos zum Schein dem Allmachtigen taglich vorheucheln. Man verschliesse diesen Afterchristen die Kirche, um sie erst den Werth Gottes fuhlen und kennen zu lehren! Man rufe ihnen die donnernde Allmacht des Ewigen feurig ins Ohr, um sie aufmerksamer zu machen auf die Herrlichkeit Gottes, der blos auf das Herz des Menschen sieht! Mit gefuhlvoller Beredsamkeit sollten es die Seelsorger versuchen, ihr angewohntes kaltes Gebet in warme, innige Empfindung zum Lobe des Allgutigen umzustimmen! Priester! ihr seyd die Seelen-Hirten der Christen, ihr seyd die Abgesandten des Weltheilandes! Euch kommt es zu, mit Eifer ins menschliche Herz zu dringen; euch ist es Pflicht, das Gefuhl fur den Urheber der Natur darinnen aufzuwekken und es zu reinigen von falschen Empfindungen! Dringt mit Kunst, mit Menschenkenntnis, mit Gute und Sanftmuth hinein; macht es willig zum Dienste Gottes! Ruhrt den freien Willen des Menschen, und ihr werdet siegen! ...................

Ei, da bin ich ja gar zum Prediger geworden, und nahm mir doch vor recht launigt zu schreiben. Lass sehen, ob ichs jezt wieder dazu bringen kann! Ich fur mein Theil, meine Liebe, will mich eher mit Ruthen streichen lassen, als in die Gesellschaft unserer adelichen Damen tretten. Ein fuhlendes Geschopf muss sich da mit Leib und Seel entsezzen uber den stolzen, schnippischen Blik, womit sie empfangen wird, wenn es ihr anders noch gelingt in eine solche Versammlung zu kommen. Es ist gar zu drolligt, wenn manchmal der aufgeklarte Kopf einer Burgerin dem adelichen Strohkopf mit einer tiefen Verbeugung zunikt! Ist es moglich? So muss denn das wahre Verdienst des Herzens vor der Dummheit im Staube liegen bleiben? Natur, Nachstenliebe und Menschlichkeit werden von diesen Weibern erstikt. Wer nicht das Gluk hat, Ahnen zu zahlen, muss mit dem edelsten Herzen, mit dem aufgewektesten Geiste im Winkel stehen bleiben und die adelichen Ganschen bewundern. Wurden die Weiber sich durch Tugend und Bildung auszuzeichnen suchen, dann mochte es wohl mancher Dame nicht gelingen, ihr Herz mit einer Unadelichen im Gleichgewicht zu halten. Der unertraglichste Ahnenstolz verrukt das kranke Gehirn so vieler teutschen Damen, die sich aus Mangel an eigenem Verdienste durch dieses Unding allein wichtig machen mussen. Geburt ohne Philosophie ist ein Geschenk, das so gerne durch Hochmuth bis zur Unmenschlichkeit ausartet; denn wie oft vergessen nicht die Adelichen die Stimme des Mitleidens gegen ihre Untergebenen? Wenn das Andenken verdienstvoller Voreltern unter den Sohnen zur Aufmunterung fortgepflanzt werden kann, so geht es doch die Tochter nichts an. Ihre ganzen Heldenthaten bestehen, wie die der Burgerin, im Heirathen, Kindergebahren und Sterben. Sind das nicht Thorinnen, die mit entlehntem Verdienste prahlen wollen? Herablassung! Herablassung, meine adelichen Damen, ruft ihnen der gesunde Menschenverstand zu! Blos Geistesvorzug, Talenten, Menschenfreundlichkeit und edles Herz werden sie wahrhaft in aller Welt Augen adeln; alles ubrige ist Eigensinn, Eitelkeit oder Hirngespinst.

Doch lass uns izt auch noch ein Bischen die unterscheidenden Vorzuge der jungen Kavaliers untersuchen: So simpel, gutherzig und albern die Venezianer auch immer seyn mogen, so sind sie doch gewis ertraglicher, als unsre spottischen, dummdreisten, naseweisen Stuzzerchen, die mit boshaftem Herzen in Gesellschaften ihren geborgten franzosischen Wiz auskramen. So ein gereister Zieraffe hat Dreistigkeit genug, das ehrwurdige Alter eines biedern Mannes lacherlich zu machen. Ihre geistlichen Hofmeister, die sie meistentheils begleiten, lassen uber der Neuheit der grossen Welt das Herz ihrer Zoglinge aus der Acht, und geniessen mit ihnen die Sussigkeiten der Schwelgerei. Uebles Beispiel, unerfahrne Hofmeister und Ueberfluss verderben auf Reisen so viele junge Leute. Flatterhaftigkeit, Laster, GalanterieKrankheiten, Weichlichkeit, sind fast immer die Fruchten ihrer Reisen. Nur selten kehrt ein junger Edelmann aufgeklart, als wahrer Patriot und muthiger Held zuruk. Das ganze Verdienst dieser verwohnten Muttersohnchen besteht in der Windbeutelei und franzosischem Unsinn. Diese wollustigen Gekken verstehen die allerliebste Kunst, den Damen Strumpfbander zu knupfen, wohlriechende Wasser zu verspruzzen und mit Herzhaftigkeit eine Fliege todt zu schlagen, wenn sie es wagt auf eine hochadeliche Nase zu sizzen. Der Kriegsdienst, dem sich unsere Edelleute wiedmen, macht sie gar zu oft brutal und unverschamt. Wie oft wird ihr stumpfes, verdorbnes Gefuhl von den bessern Empfindungen eines gemeinen Soldaten ubertroffen! Unschuldige Madchen verfuhren, den guten Namen ehrlicher Weiber verschreien, sich mit Gassennimphen beschmuzzen, Schulden machen, Burger prugeln, ist alsdann die Beschaftigung, die sie in der Uniform in voller Uebung treiben. So roh unsre alten Teutschen auch immer waren, so hielten sie doch auf Zucht und Ehre, und befolgten als Biedermanner strenge ihre Gesezze, die nach ihren Begriffen gut waren. Aber izt, meine Freundin, ist alte Redlichkeit in Staub gesunken! - Milchbarte haben ihr Andenken entehrt! O das ist traurig, meine Amalie! Doch ich muss schliessen! Ewig

Deine Fanny.

CIV. Brief

An Fanny

Denke nur, meine Liebe, mein Vetter lies mir nicht eher Ruhe, bis ich mich entschloss, mit ihm in Mannskleidern offentliche Lusthauser zu besuchen; er wollte mir durchaus die Wahrheit seines Sazzes beweisen; und er behauptete ihn mit Recht; denn wir fanden in diesen offentlichen Lusthausern mehr Auslander, als Einheimische. Da es eines Abends anfieng dunkel zu werden, fuhrte er mich in eines dieser Hauser. Eine sehr dunkle Treppe leitete uns in ein Vorzimmer, worinnen ein altes Weib sass, die laut betete. Sie lies uns gerade so lange stehen, bis sie noch einige Korallen ihres Rosenkranzes hin und her geschoben hatte; dann schlug sie das Kreuz uber die Brust, gieng ohne ein Wort zu reden ins Nebenzimmer, und eilte bald wieder mit der Antwort zuruk: "Dass ihre Tochter bereit ware, uns zu empfangen." Gerechter Himmel! schon wieder eine solche heuchlerische Satans-Christin, die ihre lasterhafte Tochter unter frommer Luge verkuppelt! So wollte ich eben laut seufzen, als wir gerade in das Zimmer der Buhlerin eintraten. Die Dirne empfieng uns mit einer frechen, zuversichtlichen Miene, und war schon so in ihrer schandlichen Kunst erfahren, dass sie mein Geschlecht auf den ersten Blik entdekte. "Mit Ihnen, junger Herr, ist wohl nicht viel zu unternehmen; und du alter Kamerad, (redete sie uns an) du bist der Freude auch schon abgestorben; also muss ich wohl auf andere Mittel denken, euch zu unterhalten! " Dann warf sie eiligst ihre schlampigten Kleider vom Leibe, und machte die schandlichsten wollustigen Stellungen. Das Blut stieg mir wie Feuer ins Gesicht; ich wandte meine Blikke von dieser Schandmezze weg; sie merkte meine Verlegenheit, und spottete laut uber die blode Schamhaftigkeit der Teutschen. Gott! welcher Abscheu durchschauderte meine Seele! Thranen des Entsezzens rollten uber meine Wangen! Die ganze Natur emporte sich in mir! Ich griff hastig nach meiner Borse, und warf dieser elenden Kreatur etwas Geld hin, wornach sie heisshungerig schnappte. Mein Vetter konnte mich kaum mehr trosten, so schroklich hatte mich dieser grassliche Auftritt verstimmt. Gebeugt, schwermuthig, durchirrten wir einige Strassen; als uns plozlich das laute Weinen einer weiblichen Stimme aufmerksam machte. Der Schall kam aus einem Stubchen, dessen Fenster nicht hoch von der Erde waren; die ganze Wohnung hatte das Ansehen eines Bordels, worinnen das Laster sich durch Armuth selbst zu strafen schien. Die Neugierde trieb uns hinein; wir fanden den Hauswirth im heftigsten Streite mit einem jungen Madchen, das verzweiflungsvoll die Hande rang! Als dieser Kerl uns erblikte, stimmte er augenbliklich seinen Ton um, kneipte das betrubte Madchen in die Wangen, wunschte uns kriechend gute Unterhaltung, und verlies das Zimmer. Das arme Geschopf warf sich dann jammernd zu unsern Fussen, bat um Barmherzigkeit, um Schonung! So sehr auch diese Art Madchen die Gewohnheit an sich haben, ganze Romanen zu erdichten, um ihren Lebenswandel zu entschuldigen, so fand ich doch bei dieser eine geheime Stimme der Wahrheit, die mein Herz zum warmen Mitleid ruhrte. Mein Gott! fuhr mir in teutscher Sprache uber die Zunge, als die Arme mit feurigem Entzukken laut ausrief: Gott sey Dank! Sie sind ein Teutscher; Sie werden mich retten! Mit kurzen Worten erzahlte sie mir nun ihre Geschichte. Sie ist eine Kaufmannstochter aus A....; ein Boswicht entfuhrte sie, und uberlies sie dann in einem fremden Lande dem Mangel. Sie gerieth durch Kuppelei in die Hande dieses Wirths, dessen Eigennuz sie mit ihrem noch ungewohnten Korper nicht hinlanglich befriedigte, und der sie eben deswegen schon seit einiger Zeit tirannisch behandelte. Sie rang in dieser Gefangenschaft des Lasters schon lange mit der aussersten Verzweiflung. Ihr Flehen ruhrte keinen Wollustling, keiner schonte ihrer Tugend, alle genossen die Straubende mit teuflischer Lust, und achteten nicht der heissen Thranen, die auf ihre gewaltthatige Hande brannten! Grosser Weltbeherrscher! warum zogerte deine Strafe uber diese Schander der Menschheit? Warum gefiel es der unendlichen Barmherzigkeit nicht, sie augenbliklich auszurotten? O menschliches Gefuhl! wo sind deine Rechte? Wo ist deine Stimme? Kommen Sie, lieber Vetter, ich kann es nicht mehr aushalten! Ich kusste die Bedaurungswurdige auf die Stirn versprach ihr Hulfe, empfahl ihr Verschwiegenheit und eilte nach Hause. Dass ich dann noch in der nemlichen Stunde an ihre Eltern schrieb, wirst Du gewis von meinem Herzen hoffen, dessen Empfindungen Du so genau kennst. Lebe wohl, meine Theuerste! Lebe wohl!

Amalie.

CV. Brief

An Fanny

Ich wundere mich sehr, meine Theuerste, dass Du mich so lange ohne Nachrichten lasst. Doch keine Vorwurfe! Vielleicht kreuzzen sich unsere Briefe, oder Du hast Geschaften, welche Dich abhalten. Freue Dich mit mir, besste Fanny, jenes unglukliche Madchen, von dem ich Dir im lezten Briefe sprach, ist gerettet! Sie ruht nun im Schoose ihrer ausgesohnten Familie! Dir Allgutiger! sey dafur ewiger Dank gesagt, dass Du mir Gelegenheit gabest, einem meiner Nebenmenschen zu dienen. O! dieses selige Gefuhl halt mich izt fur alle Leiden meines Lebens schadlos! Venedig soll mir um dieses Gluks willen nie aus meinem Andenken schwinden, so wenig ich sonst hier Unterhaltung fur Kopf und Herz fand. Selbst im Schauspiel genoss ich keine Geistes-Nahrung, weil es so ausserst schlecht bestellt ist. Ton- und Tanzkunst ausgenommen, sind die hiesigen Schauspiele keinen Heller werth. Elende Harlekinaden, Marionettenspielereien, Possenreissereien, damit wird der Zuschauer bis zur Langeweile eingeschlafert. Ich habe keine einzige Komodie gesehen, deren Verfasser mit gesundem Kopfe geschrieben hatte. Goldoni's Burlesken werden hier so zotenmassig vorgestellt, dass man es dabei nicht aushalten kann. Trauerspiele hat man fast gar keine, und die wenigen schlechten, die man hier giebt, werden durch frazhafte Episoden bis zum Ekkel heruntergesezt. Man mochte toll werden, wenn man die steife, empfindungslose Opernsangerin wie eine Dratpuppe in einem Trauerspiel agieren sieht. Sie arbeitet so viel mit ihren Handen, deklamiert so widersinnig, als ob Kopf und Herz mit dem kalten Fieber behaftet waren. Eine hiesige Opernsangerin ist so sehr Maschine, dass sie sich blos hinter der Gardine horen lassen muss, wenn sie nicht will, dass fast alle Sinnen des Zuschauers, ausser dem Gehor, ihre Anklager werden. Was kummert mich eine helle Kehle, wenn ihre Besizzerin nicht die Kunst versteht, die Tone durch Seelen-Affekt in mein Herz zu giessen? Ein bloses musikalisches Instrument thut mehr Wirkung auf die Empfindung der Zuhorer, weil das Auge dabei keine Foderung machen darf. Ich hore hier allen Opernsangerinnen mit geschlossenen Augen zu, um mir den Aerger uber ihre holzerne Geschmaklosigkeit zu ersparen. Schade ist es fur eine so feurige Nazion, dass ihr die noch nothige Kultur fehlt; sie konnte grosse Fortschritte in der Schauspielkunst machen, wenn sie durch Lektur und gute Anleitung gefuhrt wurde. Ich habe diese Bemerkung in ihren Balletten gemacht, die mir noch am bessten gefielen. Die Lebhaftigkeit giebt ihr einen so feurigen Schwung der Affekten, dass ich ihre leidenschaftlichen Pantomimen mit Vergnugen bewunderte. Uebrigens sind die Sitten dieser Leute noch fast verdorbener, als bei uns. Die Mutter einer Schauspielerin wuchert ganz offentlich mit der Unschuld ihrer Tochter, und bewahrt ihr Kind den Meistbietenden auf. Bei jedem Theatereingange findet man eine Menge von andern Freudenmadchen, und zur Seite des Schauspielhauses ganze Reihen von Bordellen. Die Thuren sind zu ebener Erde, eine jede davon ist numerirt, und mit einem Marienbildchen, nebst einem kleinen Wachslichte geziert, welches alle Sonnabende von der Nimphe angezundet wird. Diese Kreaturen stehen am Eingang der Thure, um die Vorubergehenden zur Verfuhrung zu lokken; und da die Gassen sehr enge sind, so schlupfen viele Mannspersonen (vermuthlich aus Furcht zerdrukt zu werden) in diese unreinen Winkel. - Wenn aber eine von diesen Nothhelferinnen des Lasters ohne Bekehrung schnell dahinstirbt, so wird sie in einem Sak ins Meer geworfen. Jede davon tragt einen Dolch zur Vertheidigung bei sich. Man hat mich versichert, dass es Manner gegeben habe, die nach Befriedigung ihrer viehischen Begierden ihre Raserei so weit aus Abscheu getrieben hatten, dass sie ihre Gehulfin auf der Stelle ermordeten. Bisweilen sezt es wegen Bezahlung oder Dieberei Streitigkeiten ab, dass man schon mehrmalen dergleichen Weibsleute oder Mannsleute todt antraf. Was nun die Einrichtungen ihrer Gesundheits- Umstande betrift, so soll man in Berlin weit bessere getroffen haben. Die hiesige Polizei mischt sich nicht so scharf in diese einzelnen Umstande, und uberlasst es dem verdorbenen Geschmak eines Jeden sich der Gefahr auszusezzen. Gerade ruft mich mein Vetter zu Tische. Nimm also diesen eiligen Kuss von

Deiner Amalie.

CVI. Brief

An Amalie

Liebes, gutes Malchen!

Eine kleine Lustreise hielt mich bis izt ab, deine lezteren Briefe zu beantworten! Du schreibst es doch nicht auf Rechnung meines Herzens? O ich habe wohl unterdessen recht oft an Dich gedacht; und dein erster Brief uberraschte mich gerade in dieser liebevollen Beschaftigung. Ich durchlas ihn mit innigem Vergnugen; nur befurchtete ich dabei zu sehr, dass Du Dich durch dein offenherziges Betragen einigen weibischen Lastermaulern blosgeben mochtest. Sie werden nicht begreifen wollen, dass auch ein Frauenzimmer als Philosophin reisen kann, und dass es ihrem kritischen Auge ebenmassig erlaubt ist, Stoff zum Denken zu suchen. Aber richtiger werden dafur die wenigen Vernunftigen urtheilen, die kein gallsuchtiges, neidisches Herz im Busen tragen. Was kummert uns ubrigens das Vorurtheil einiger abgelebten Matronen, die ohnehin blos zum Ofensizzen und Gansehuten geschaffen sind. Du lernst dadurch das menschliche Herz kennen; und das ist einem jeden Vernunftigen Pflicht, der in der Welt nicht unthatig leben will. Aber noch staune ich, meine Amalie, uber den italienischen Bigottismus, der, mit dem Laster verschwistert, einer Religion Schande macht, die im reinsten Gewande prangen konnte, wenn verdorbene Begriffe sie nicht zur Heuchelei entstellte. Giebt es denn in Venedig keine Priester, die solche abscheuliche Misbrauche zu verhindern wissen? Warum duldet man dergleichen Gebrauche? Ist das die reine Lehre Christi, die das menschliche Herz veredeln sollte? Die Italiener mussen den Werth der Religion eben so wenig kennen, als die Hasslichkeit des Lasters, sonst wurden sie ihn nicht zur Ausubung solcher Misbrauche anwenden. Den Priestern kame es zu, Religion und Laster im achten Lichte den Menschen zu zeigen, und dann es ihrem Herzen zu uberlassen, wenn es noch boshaft genug seyn konnte, beides nach erlangter Kenntnis mit einander zu vermengen. Wer sich dann troz diesem den offentlichen Bedurfnissen Preis geben wollte, der konnte es auf Unkosten seiner eigenen Ruhe wagen. Die Gewissensstimme ware denn der verborgene Tirann, der so ein Herz bei mussigen Stunden grausam zerfleischte! Nicht immer unterdrukt Schamlosigkeit den Ekkel der Natur. Es giebt Augenblikke, wo das Bildnis einer langen Ewigkeit so eine Kreatur grasslich martert! Indessen kann ich doch diese Hauser nicht ganz misbilligen. Sie verhuten grossere Ausschweifungen, und bieten dem verdorbenen Geschmak der Menschen Befriedigung an. Die Triebe der Natur arten blos durch Weichlichkeit und Bosheit zum Laster aus. Der blose Instinkt strebt nur nach genugsamer Befriedigung, aber die Einbildungskraft der Menschen schafft ihn zur ausschweifenden Wollust um. Man betrachte das Thier; es hat nur seine gewisse Zeiten zur Befriedigung; aber der Mensch, dieser edlere Theil der Schopfung, ist in seinen Lusten unersattlich, weil er der Einbildungskraft den freien Zugel lasst. Die meisten Menschen denken zu wenig, um ihre Begierden einschranken zu konnen. Ihre Sinnen verirren sich so leicht bei jedem neuen Gegenstande, wo hingegen das Thier keinen Unterschied kennt, um ausser seiner gehorigen Zeit lustern zu werden. Gott gab den Menschen Vernunft, um ihre Handlungen nach der Massigkeit einzurichten; aber die wenigsten horen auf ihre Stimme, sondern folgen, vom Beispiel hingerissen, den Reizen des Lasters auf Kosten ihrer Ehre, ihrer Gesundheit. O! die Menschheit ist ein unglukseliges, schwaches Wesen, das so leicht ausglitscht, wenn nicht genaue Aufmerksamkeit uber sich selbst und Religion dieselbe leitet. Man darf sich nur einen geringen Fehler nicht vorwerfen, dann eilt man schnell bis zum aussersten Grade des Lasters. Fleissige Selbstbeobachtung ist der erste und sicherste Weg zur Tugend. So bald aber der Mensch leichtsinnig alles Gefuhl in sich erstikt, dann wird er gerade so verstokt, so lasterhaft, wie jene Wollustlinge, die das arme teutsche Madchen im Bordell wider derselben Willen geniessen konnten. Gott segne die Gerettete in den Armen ihrer Familie, und Dich lohne er dafur einstens mit unaussprechlicher Glukseligkeit! dein Herz verdient es in der That!

Aber izt weiter zu deinem zweiten Brief: Dass es in Italien ausser der Malerei und Tonkunst mit den ubrigen Wissenschaften schlecht bestellt ist, wusste ich schon lange. Die Nazion muss ausserst trage seyn, dass sie Schauspielkunst und Lektur so sehr vernachlassigt. - Sie ist von jeher in der Aufklarung eine der lezten gewesen, und hat in der Litteratur von ihren Geistesfruchten wenig aufzuweisen. Wenn ihr Gefuhl durch Denken verfeinert wurde, dann konnte sie nicht zu dem aussersten Grade des Lasters fahig seyn. Roh und gedankenlos folgt sie blos der Stimme ihres leidenschaftlichen Bluts, und uberlegt aus Mangel der Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen. Lebhaftigkeit fuhrt zur Tugend oder zum Laster, je nachdem sie geleitet wird. Eigennuz ist auch ein Hauptfehler dieser Nazion; um ihrer Befriedigung willen sind sie in Possenreissereien so erfinderisch. Selbst bei uns belustigen sie einige teutsche Fursten mit unsinnigen Frazzen. Mancher Hof bezahlt schweres Geld fur eine welsche Opersangerin, die in Italien ums Allmosen in Kaffeehausern ihre schmuzzigen Liedchen heruntertrillerte. Bald werden die italienischen Landstreicher mit ihren Murmelthierchen auf teutschen Buhnen ihr Gluk machen, da es einmal so sehr Mode ist, welsche Insekten zu dulden. Keine auswartige Nazion lokt die unsrige zu sich und futtert sie. Wir gutherzigen, schwachen Teutschen allein bezahlen auslandischen Unsinn und ungesittete Auffuhrung. Und warum? Aus Vorurtheil! So lange der Teutsche dem inlandischen Talent Schuz und Aufmunterung versagt, eben so lange bleibt er ein alberner Affe, der nach der verstimmten Pfeife eines Fremdlings tanzen muss. O! die Grossen, die Grossen konnten vieles anders einrichten, wenn sie wollten! Ist es nicht Schande, dass man fremde faule Waare auf Unkosten der fleissigern, aufgeklartern einheimischen duldet. Einige Hofe strozzen voll italienischer Comte und Markisse, die es durch Speichellekkerei so weit zu bringen wussten, dass man ihre zerlocherten Adelsbriefe nicht einmal in Verdacht hat; besonders wenn sie das Gluk hatten, irgend einer empfindsamen Furstin zu gefallen. Diese Abentheurer machen sich der teutschen Gutherzigkeit zu Nuzze, und wandern haufig aus ihrem Vaterland, um den Hunger zu stillen und die bessten Aemter verdienstvollern Patrioten wegzukapern. Bisweilen mislingt ihnen dann ihre Rolle, und der Herr Comte verwandelt sich in einen Lakaien, der seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betruger entfloh. Teutschland ist mir der Aufklarung ungeachtet in vielen Stukken ein Rathsel! So viel von

Deiner bessten Fanny.

CVII. Brief

An Fanny

O Vorsehung! wie wunderlich sind doch deine Wege! Unverhofft, Freundin, bin ich auf einmal, wenigstens in einem Punkt gluklich, ruhig an Seel und Leib, denn ich habe meine Freiheit wieder! Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann fruher hingerafft, als es von seinem Alter zu vermuthen war. Er ist dahin; Gott gebe seiner Seele Friede, und mir die vorige Gesundheit wieder! Nichts hat er mir hinterlassen, als eine Menge Schulden, wofur mein guter Oheim noch bei seiner Lebzeit burgte. Dieser zu fruhe Hintritt kann vielleicht doch fur meinen Oheim und fur mich uble Folgen haben. Gott! Wenn ich dadurch die fernere Unterstuzzung meines Oheims verlore! Ich krankle ohnehin eine Zeit her, und werde wohl nimmermehr meine vollige Gesundheit wieder erhalten! Schon seit einigen Wochen verlasse ich mein Zimmer nicht. Die grosse Welt ist mir zur Last, ich sehne mich von ihr hinweg! Das unruhige Getummel fullt mein leeres Herz nicht aus! Du kannst nun leicht einsehen, dass Schwermuth fur mich eine Nahrung ist, der ich aus Langerweile nachhangen muss. Mein Mistrauen gegen die Manner geht izt bis zur Menschenfeindlichkeit; ich wurde keinem trauen, und wenn er sich in der Gestalt eines Engels zeigte. Dass mich doch meine Vernunft nie verlassen moge; dass sie mir beistehe bei Begebenheiten, wie ich lezthin eine erlebte! An einem Morgen meldete mir mein Gretchen, dass ein Fremder mich zu sprechen verlange; ich lies ihn, so wie ich es in Ansehung der Mannspersonen immer that, abweisen. Er beharrte aber auf seiner Bitte, und lies mir melden, dass er Briefe von meinem Oheim zu ubergeben hatte. Die lebhafteste Freude durchstromte mich bei dieser Nachricht; ungeduldig wartete ich izt seiner; er kam, zog eilig seine Brieftasche heraus, und ubergab mir den Brief. Hastig, ohne die Schrift zu unterscheiden, riss ich das Petschaft auf und fand.... einen buhlerischen Antrag vom romischen Konsul! Versteinert stand ich da, fasste mich aber eilig wieder; griff nach einem Terzerol, und jagte den Kuppler aus meinem Zimmer! Dann sah ich Gretchen ihm nachschleichen, welches mich vermuthen liesse, dass sie mit ihm einverstanden sey! Taglich wird mir diese Kreatur verhasster! Sie darf ohne meinen Befehl mit keinem Fuss mein Zimmer betretten; demungeachtet wagte es die freche Plaudertasche mich durch kahle Entschuldigungen zum Zorne zu reizen! Sie trieb es in Lugen so weit, dass ich ihr aus Aerger ein Glas nachwarf! Die Uebereilung war hizzig, ich gesteh es selbst; aber derjenige, welcher weis, wozu mich die beleidigte Gute meines Herzens bringen kann, entschuldigt sie leicht! Morgen erst schliesse ich diesen Brief. Des andern Tags.

Nun so muss ich denn immer Schlangen im Busen nahren! So ist es denn mein ewiges Geschikke an Nichtswurdige zu gerathen! Mein undankbares Dienstmadchen hat mich nun gar bestohlen! Ich fand den Beweis in der Rechnung, als ich meine Borse untersuchte. Die Dirne laugnete anfangs hartnakkig, bis ich sie uberwies; alsdann erst flehte sie kniefallig um Schonung. Sie soll von dieser Stunde an meinen Anblik meiden, und so mag sie, bis ich selbst abreise, bei mir bleiben. Ich werde ohnehin vermuthlich in wenig Wochen nach Teutschland zurukkehren mussen. Dann kann ich Dir, liebe Fanny, vielleicht mundlich sagen, wie warm mein Herz fur Dich schlagt.

Amalie.

CVIII. Brief

An Fanny

Schon einige Wochen sind voruber, und ich schrieb nicht an Dich! Die Erzahlung meines Abentheuers soll Dich aber fur diese kleine Nachlassigkeit recht sehr entschadigen. Du magst dann entscheiden, ob ich mich nicht dabei verhielt, wie es mir zustand? Vor einiger Zeit fuhrte mich mein Vetter Abends in sein gewohnliches Kaffeehaus. Um bei diesen lezten Karnevalstagen dem Schwarme der haufigen Masken auszuweichen, eilten wir beide einem Seitenstubchen zu. Es waren daselbst nur wenige Masken zugegen; die einen davon spielten, die andern plauderten, die ubrigen schliefen auf den Banken herum. Ich hatte eine Kouriersmaske an, und sezte mich mit den plumpen Stiefeln so derbe zwischen zwo schlafende Masken, dass sie daruber aufwachten. Nun fiengen die Masken an sich die Augen zu reiben, trage Tone herauszustammeln, und ihre Larve vom Gesicht zu lupfen, um mich desto bequemer betrachten zu konnen. Questo e una Donna! sagte die eine Maske; nein, erwiederte die andere, es ist kein Frauenzimmer. Sie zankten sich wegen meiner aus Neugierde hin und her, bis die eine davon folgendes Gesprach mit mir anfieng:

Die Maske

Schone Maske! hatten Sie nicht Lust, unsern Streit durch Ihr eigenes Bekenntnis zu entscheiden?

Ich

Wenn ich erkannt seyn wollte, wurde ich mich nicht maskiert haben.

Maske

O! Ihre Stimme verrath Sie! - Sie sind ein Frauenzimmer.

Ich

Aber demungeachtet doch nicht gemacht, um ihre Neugierde zu befriedigen.

Maske

Wenn wir Sie aber recht freundlich bitten, uns ihr liebes Gesichtchen zu zeigen; wurden Sie uns diese Gefalligkeit abschlagen?

Ich

Es ist wider meine Gewohnheit, mit meiner Larve zu prahlen, um so weniger wurde ich es wagen, da mein Gesicht dem Wuchs nicht das Gleichgewicht halt.

Maske

Das ist unmoglich! Verzeihen Sie, schone Maske; auf so einem zierlichen Korper muss auch ein hubsches Gesichte ruhen. - -

Ich

Ihr Schluss leidet Ausnahme; denn die Natur hat an mir nicht so verschwenderisch gehandelt.

Maske

Klagen Sie Ihre Wohlthaterin nicht an! Mich dunkt, sie hat Ihnen Alles gegeben; Schonheit und Gefuhl. Warum handeln Sie denn so neidisch mit ihren Gaben?

Ich

Weil ich diese Gaben, wenn ich sie auch besasse, nicht der Gefahr aussezzen will, ubel belohnt zu werden.

Maske

Sie halten uns also fur Betruger?

Ich

Das nicht; aber fur Leute aus der grossen Welt. Hier wurde mir fur diese Wendung so feurig die Hand gekusst, dass der laute Schall davon plozlich mehrere Masken herbeilokte. Aber die vorige Maske lies sich nicht storen, und fragte mich weiter:

Maske

Sie sind also unerbittlich und wollen uns das Gluk Ihrer Bekanntschaft durchaus nicht gonnen?

Ich

Es ist erst noch die Frage, ob es fur Sie ein Gluk seyn wurde; ich mochte nicht gerne meine Eigenliebe auf eine so gefahrliche Probe sezzen; denn wer weis, in welche Vorzuge Sie eigentlich Ihr Gluk sezzen?

Maske

Auf die, die wir schon zum voraus an Ihnen bemerken. Wagen Sie es kuhn, ihr Gesicht sehen zu lassen, wenn es auch nicht ganz unserm Ideal entsprache; Ihre ubrigen Verdienste halten uns gewis schadlos.

Ich

Genug meine Masken! der gefasste Entschluss bleibt fest, ich demaskiere mich nicht; weil Sie sich doch blos nach einer glatten Haut sehnen, so mogen Sie fur diesmal neugierig schlafen gehen; - mir ist um keine Eroberung zu thun. Unser Gesprach fieng an hizzig zu werden. Alle umstehenden Masken streuten mir Weihrauch; jede drangte sich an mich hin, um ihre Neugierde zu befriedigen. Nur die Maske zu meiner Linken hatte bis izt ohne den mindesten Laut an meiner Seite gesessen. Ein verschwiegener, sanfter Handedruck war alles, was sie zuweilen gegen mich wagte. Schon war ich im Begrif mein Gesprach an sie zu wenden, als mich wieder auf einmal die vorige Maske unterbrach.

Maske

Sie sind eine Dame von der bessten Erziehung, das fuhlen wir Alle, und Sie sollen sehen, dass wir Sie zu schazzen wissen! Nur eine Bitte versagen Sie uns nicht, bei deren Erfullung Sie mehr gewinnen als verlieren!

Ich

Und worinn bestunde denn diese Bitte?

Maske

Einige von uns werden sich die Freiheit nehmen an Sie zu schreiben. Versprechen Sie uns nur unsern Brief an einem dritten Orte abholen zu lassen; und dann mogen Sie selbst entscheiden, wer unter uns Ihrer Bekanntschaft wurdig ist!

Ich

Nun denn so viel verspreche ich Ihnen; aber sehen Sie nur, mein Vetter gahnt; er hat Schlaf. - Bona sera! sagte ich zu meinem Nachbar zur Linken, der bei meinem lezten Wort tief seufzete, und gieng dann mit meinem Vetter nach Hause. Der ganze Vorfall war mir des andern Morgens aus dem Kopfe verschwunden; als auf einmal mein Vetter lachend mit drei Briefen in der Hand bei mir erschien. "Da lesen Sie einmal Baschen! - Lesen Sie doch! Ich habe diese Briefe aus Spass am dritten Orte abholen lassen. " Er drang so launigt in mich; ich musste sie erbrechen. Zween von diesen Briefen enthielten lauter unsinnige Schmeicheleien; aber geschwind flogen sie dann auch aus meiner Hand ins Kaminfeuer. Nur der lezte hielt mich seiner sonderlichen Sprache wegen fur die ubrigen schadlos. Hier hast Du ihn; ich habe seinen Inhalt ins Teutsche ubersezt.

Verehrungswurdige Dame!

"Die vielen kriechenden Schmeichler, die gestern um Sie herum flatterten, machten mich an Ihrer linken Seite stumm. Sie mussen mein Stillschweigen bemerkt haben, sonst waren Sie die Denkerin nicht, die Sie sind. Nur im Stillen uberstromte mein Herz von der Hochachtung, die ein Jeder Ihren Vorzugen schuldig ist. Ein biederer Mann, der sich in den Augen einer solchen Menschenkennerin nicht verdachtig machen will, konnte bei dieser Gelegenheit nichts anders thun, als schweigen und fuhlen. Ich trage ein redliches Herz im Busen; bin Advokat; wohne bei meinen Eltern in Campo Sant Crisostomo. Wollen Sie mir auf diese Versicherung hin das Gluk Ihrer Bekanntschaft schenken, so verbinden Sie durch dieses Zutrauen un

Ihren

ehrfurchtsvollsten Diener

Geronimo Lustrini, Avocato.

Ist dieser Brief nicht allerliebst naiv? Lies einmal meine Antwort!

Mein Herr!

"Mit Mitleid sah ich gestern auf die Schmeichler herab, die durch alltagliche Kunstgriffe meiner Eitelkeit Schlingen legten, um dadurch ihre lusterne Neugierde zu befriedigen. Ich kenne die Welt, und halte aus Erfahrung mehr auf Gefuhl, als auf leere Worte. Hatte ich nun das Gluk ein ertraglicheres Gesicht zu besizzen, so wurde ich keinen Augenblik anstehen, ihre Bekanntschaft zu machen. Aber leider, so flustert mir meine weibliche Eitelkeit ins Ohr, dass ich bei diesen traurigen Umstanden in Ihren Augen unendlich verlieren wurde. Die meisten Manner hangen doch am Sinnlichen, und blose Seelenvorzuge machen Sie uber kurz oder lang kalt. - Um also diesem empfindlichen Streich auszuweichen, muss ich mir die Ehre ihrer Besuche verbitten. "

Amalie von ***

Nicht wahr, Fanny, das heisst fein gequalt? Aber genug, ich bleibe bei diesem Vorwand; und eh er nicht die Probe ausgehalten hat, soll er mit keinem Fuss mein Zimmer betretten. Lies folgenden Briefwechsel, und dann urtheile von meiner Standhaftigkeit!

Madame!

"Sie rechnen mich also auch unter die Wollustlinge, die der blosen Schonheit nachjagen? Hab ich dies wohl bei meinem ernsthaften Betragen um Sie verdient? Was kummert mich Ihr Gesicht, wenn ich in Ihrem Umgang Nahrung fur meinen Kopf und mein Herz finde? Ich dunke mich Philosoph genug, um es der weiblichen Eitelkeit nie fuhlen zu lassen, dass ihr Gesicht von der Natur ist vernachlassigt worden. Und warum wollen Sie mir demungeachtet ein Vergnugen versagen, das meine Glukseligkeit ausmachen wurde? Empfangen Sie mich zu allen Zeiten, maskiert, wenn Sie wollen, und ich willige ein; wenn Sie aber uber diesen Vorschlag meinen feurigsten Wunsch noch langer nicht befriedigen, so bringen Sie mich auf den Gedanken, dass Sie auf Ihre Seelenvorzuge sehr neidisch sind. Sie haben das Wort Mann misbraucht! Nicht Manner, sondern Lekker hangen blos dem Korperlichen an, und werden kalt, wenn eine andere Neuheit sie reizt. Doch ist ungefahr meine Meinung mit der warmsten Bitte vereinigt, mich nicht langer nach ihrem liebenswurdigen Umgang ringen zu lassen, den Sie einem jeden Rechtschaffenen gonnen mussen, wenn Sie anders nicht als Nonne sterben wollen. "

Ihr ergebenster Verehrer,

G. Lustrini.

Mein Herr!

"Ich bin sehr weit davon entfernt, Sie fur einen Wollustling zu halten; sonst wurde ich wahrlich nicht gesaumt haben, Ihren Brief mit den ubrigen ins Feuer zu werfen. - Ihr Betragen hat das Ansehen eines Denkers, der mich verstehen kann, wenn er mich anders verstehen will. Nur mussen Sie mich dann auch grundlicher zu uberzeugen suchen, dass Ihnen an meinem Gesichte sehr wenig gelegen ist, denn dass Sie aus bloser Gefalligkeit meiner weiblichen Eitelkeit schonten, konnte meinen Stolz doppelt schmerzen. Was sagen Sie? Ich sollte Sie bestandig in der Maske empfangen? Bedenken Sie einmal die grosse Unbequemlichkeit, die damit verknupft ware; und konnten Sie denn uber alles das so unartig seyn, und mir durch diese Verkappung das Andenken meiner Hasslichkeit fuhlbarer maschon auf eine so schlupfrige Probe stellten? Oder wollen Sie den Triumph geniessen, sich mit eigenen Augen von meiner ungluklichen Gestalt zu uberzeugen, damit Sie mir nach der Hand Ihr philosophisches Mitleiden zuwerfen konnten? Ist es etwa fur ein weibliches Herz nicht genug, mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst zu sprechen? Konnten Sie wohl um Ihres Wunsches willen fodern, dass ich Sie gar der Gefahr aussezte, bei meinem ersten Anblik aus dem Zimmer zu fliehen? Ich bin auf meine Seelenvorzuge nicht neidisch, aber ausser der Maske weis ich sie in der grossen Welt nirgends hinzustellen, wo sie nicht eine barmherzige Figur machen wurden. Ohne korperlichen Empfehlungsbrief prellen sie gewis uberall an der menschlichen Thorheit ab, die so sinnlich selbst bei manchem Philosophen ihren Wohnsiz hat. Man hat wenig Beispiele, dass Philosophen sich an ein verunstaltetes weibliches Gesichte nahten, um seine Abscheulichkeit zu lieben. Diese Herren lieben entweder gar nicht, oder suchen doch wenigstens ein mittelmassiges Gesicht; wenn ich es mit meinen Seelenvorzugen nur so weit bringe, in der Entfernung von einem Philosophen geliebt zu werden; ware ich dann nicht eine Thorin, auf Unkosten meiner Eitelkeit mehr zu fodern? Was kann ich fur das Wort Weib, dessen Loos es ist, durchaus gefallen zu wollen? Stekt nun hinter Ihren Wunschen keine sinnliche Neugierde, so werden Sie mit meinem Briefwechsel eben so zufrieden seyn, als ich es mit dem Ihrigen bin. Philosophen sollen ja so leicht ihre Sehnsucht unterjochen konnen, hat man mir gesagt. Uebrigens denke ich, nicht als Nonne, sondern vielmehr als Philosophin zu sterben. "

Ihre Ergebenste

Amalie von ***.

Madame!

"Sie sind eine schalkhafte Sophistin, die mich ganz aus meiner philosophischen Ruhe herausschleudert! Waren Sie minder Spotterin, so wollte ich Ihnen von einem Gefuhl vorsagen, welches Sie uberzeugen konnte, wie ausserst nothig Ihr Umgang fur meine Glukseligkeit ist. Noch einmal beschwore ich Sie, mir nichts ferner von Ihrer ungluklichen Gesichtsbildung vorzusagen! Ich ertrage sie gerne, sie mag aussehen, wie sie immer will! Lieben konnte ich sie so gar bei ihren andern bessern Vorzugen, wenn ich die Erlaubnis dazu erhielte. Mein Herz ist gewohnt, in solchen Fallen willig meinem Kopf zu folgen. Seyen Sie versichert, Madame, Sie sollen mein Mitleiden nicht erbetteln! Bald werde ich aber wohl das Ihrige anflehen mussen, so sehr erhizzen Sie durch Ihren Wiwelcher Zufriedenheit wurde ich vorbereitet zu Ihnen eilen! Ihr Herz, Ihr Verstand, Ihr Wiz, sind Verdienste, die mich weit uber die Gestalt Ihres Gesichts erheben! Lassen Sie doch auch einmal fur mich Ihr Gefuhl sprechen, und sorgen Sie dann nicht um das Uebrige! Ich ware gluklich genug, Sie lebenslanglich blos mit verbundenen Augen schazzen zu durfen; wenn mir dann nur Ihr Mistrauen nicht vergonnte, an Ihrer Seite zu sizzen, Sie zu horen und zu bewundern! Warum verdammen Sie mich eigensinnig zu einer Entfernung, die mir taglich bitterer wird? O, gelange es mir doch Sie zu uberzeugen, dass ich nur ihre schone Seele anbete! Wollen Sie denn unerbittlich meinen sehnsuchtsvollen Kummer Ihrer grausamen Eitelkeit opfern? Gott sey mein Zeuge, dass ich es nie an der gehorigen Hochachtung werde gegen Sie ermangeln lassen! Das versichert Sie mit wahrem Gefuhl"

Ihr

redlicher Freund und wahrer Verehrer

G. Lustrini.

Mein Herr!

"Kann man wohl in diesem flatterhaften Jahrhunderte Sophistin genug seyn, um nicht betrogen zu werschleudern, da ich nichts von Ihrer Liebe wusste? Nie werde ich uber Gefuhl spotten; nur ist es mir unbegreiflich, dass Sie sich taglich mehr nach meinem hasslichen Gesichte sehnen. Konnte ich doch mein Gesicht wahrend Ihres Umgangs in ein Winkelchen hinlegen, dann wurden wir heute noch einig! Aber so bin ich verzagt genug, zu glauben, dass Sie wohl keinen zweiten Besuch mehr bei mir machen wurden, wenn Sie mich gesehen hatten. Und uberdenken Sie dann den Zustand, in dem Sie mich zurukliessen? Hatte ich nicht Ursache meine unbesonnene Leichtglaubigkeit zu verwunschen? Nein, mein Herr! so weit soll meine Uebereilung nicht gehen, so sehr Sie sich auch darum mit Feinheit bemuhen. Sagen Sie mir doch, wie kann ich durch einen Widerstand Ihre Einbildungskraft erhizzen, da es Ihnen doch blos um meine moralischen Verdienste zu thun ist? Konnen Sie diese nicht hinlanglich auch abwesend schazzen? Ich glaube nicht, dass Herz, Vernunft und Wiz Sie an meiner Seite so zufrieden stellen konnten, als es meine weibliche Eitelkeit verlangen wurde, wenn Sie mir auch gleichwohl zuvor Ihr Wort gegeben hatten, an meiner Seite ganz auf mein Gesicht zu vergessen. Mein Gefuhl wurde dann von Ihnen Nachsicht fodern, und das Ihrige mir Sie gerne gewahren, wenn... ja, wenn Ihre andern Sinnen sich nicht so machtig gegen diese Nachsicht straubten. Wissen Sie nicht, dass das Auge sehr stark auf die ubrigen Sinnen wirkt? Es kann freilich beim Philosophen durch die Einbildungskraft viel nach seinen Wunschen geleitet werden; wenn aber die Einbildungskraft gar nichts in einem entstellten Gesichte findet, woran sie sich halten kann, dann muss sie nebst dem Auge bis zum Ekkel scheitern. Opfern Sie Ihren Kummer der Klugheit auf, ich will den meinigen der Vorsichtigkeit opfern; und so werden wir immer bei aller Entfernung die bessten Freunde bleiben. "

Amalie von ***.

Madame!

"Kann man wohl ein grillenhafteres Frauenzimmer finden, als Sie sind? So bald Sie mir den Karakter eines ehrlichen Mannes zutrauen, so muss die Furcht, betrogen zu werden, bei Ihnen auch wegfallen. Ich Thor, habe Sie meine Liebe schon zu viel merken lassen, um nicht tirannisirt zu werden! Sie befriedigen mit Herzenslust ihre unersattliche Eitelkeit an meinem Gram! Alle meine Grunde werden auf Worte geschraubt und fein abgewiesen. Immer geben Sie die Hasslichkeit Ihres Gesichtes vor, wenn ich Sie gleich immer mit Warme versicherte, dass mein Herz diesem unerachtet schon so leidenschaftlich an Ihnen hangt! sucht; es liegt in der weiblichen Natur, Unschuldige aus Eigensinn zu kranken! Noch einmal betheure ich Ihnen, dass, wenn Sie auch bis zum Abscheu hasslich waren, so wurde mich doch Ehre zurukhalten, Sie nur mit einem Schatten zu beleidigen! Ihr Mistrauen krankt meine Seele, und doch sehnt sie sich noch mitten unter dem Schmerz nach Ihrem Umgange! Sie zertretten bei Gott ein Herz, dessen Werth Sie nicht einmal kennen! Schazte ich Ihren Karakter nicht so unendlich hoch, bald wurde ich vermuthen, dass kokettische Kunstgriffe Sie so hart machten. Gott! was fuhr mir da uber die Zunge! Verzeihen Sie es einem Gepeinigten, der wie verloren herumirrt! "

G. Lustrini.

Nun hatte ich Zeit einzulenken; der junge Herr fieng an trozzig zu werden; und da es mir doch in etwas um seine Beruhigung zu thun war, so schrieb ich ihm folgendes Briefchen:

Mein Herr!

"Um Ihre Achtung nicht zu verlieren, die Sie mir schenkten, muss ich wohl ihrem Troz nachgeben. So schwer es mich auch ankommt, mein Gesicht Ihrer Entscheidung darzustellen. Bringen Sie ja eine starhaben moge, mein Geschik zu beklagen. Und nun leben Sie wohl, bis ich Ihnen mundlich sagen kann, mit welcher Achtung ich bin

Ihre Ergebenste

Amalie von ***.

Kaum erhielt er diese wenige Zeilen, so eilte er zu mir, mit der volligen Gewisheit, die hasslichste Gestalt auf Gottes Erdboden zu finden! Noch sehe ich ihn an meiner Zimmerthur staunen uber ein Gesicht, das eben nicht schon, aber doch auch nicht hasslich ist.

"Und Sie konnten mich so auf die Probe stellen? So konnten Sie mich hintergehen?" rief er mir entgegen.

Ich musste laut lachen, unterhielt ihn aber dafur mit einer guten Laune, die ihn hinlanglich fur meine Schakkerei zu entschadigen schien. Innigste Zufriedenheit lachelte auf seinem Gesichte; und doch war er so bescheiden, seinen ersten Besuch abzukurzen. Aber ich, meine Fanny! ich muss wohl diesen Brief auch abkurzen, sonst wird er zu lange.

Deine Amalie.

CIX. Brief

An Amalie

Innigen Dank dem Allmachtigen, dass er Dir durch deines Mannes Tod wieder die vorige Freiheit schenkte!

Richte Dich auf, meine Liebe, vielleicht ruhest Du bald wieder an dem Busen eines bessern Gatten! Kummere Dich nicht zu viel uber die Zukunft, es schwacht deine Seelenkrafte!

Du wirst zwar in der grossen Welt nie die sanfte Ruhe finden, deren Du bedarfst. Sie ist fur Herzen von unserm Schlage nicht gemacht. Redlichkeit und Tugend tragt da die Larve der Verstellung, deren wir unfahig sind! Dass Du aber, meine Theuerste, keiner Mannsperson mehr trauen willst, ist eine Luge, die Dir blos deine Schwermuth in dustern Stunden eingiebt. Vielleicht hat Lustrini izt schon dein Herz in Versuchung gefuhrt! Du hast den guten Jungen doch ausserst gemartert. Er wird sich schon rachen, wenn es ihm gelingt deine Neigung zu reizen. Handle ja aufrichtig gegen mich uber diesen Punkt, wenn Du mir wieder schreibst. Um Dir mit gutem Beispiel vorzugehen, sollst Du izt offenherzig etwas von meinem Karl zu horen bekommen.

Ja, ja, Amalie! von meinem Karl, von dem ich Dir noch kein Wort schrieb. Schon seit langer Zeit hielt er die grossten Prufungen der Standhaftigkeit aus. So sehr mir auch das Andenken betrogener Liebe noch im Kopfe schwirrte, so konnte ich doch dem guten Jungen nicht langer widerstehen. Er liebt mich mit einem Feuer, das einstens meine Glukseligkeit ausmachen wird, weil es ihm gelang, die Wunden ganz zu heilen, die mir ein Treuloser schlug.

Liebe hat troz der kaltesten Vernunft eine so unumschrankte Gewalt uber das menschliche Herz, dass es den grossten Philosophen nicht immer gelingt ihr zu entgehen. Mein Karl und ich sizzen oft ganze Stunden beisammen und plaudern von Dir. Er ist im Umgang ein allerliebster Junge, hat Kopf, Herz und vieles Gefuhl. Mochten doch unsere Gluksumstande eine bessere Wendung nehmen um Dich deinem ungewissen Schiksale entreissen zu konnen! Du wirst doch nicht vorbeireisen, ohne bei uns einzukehren? Aber bringe uns dein Gretchen nicht mit, sie taugt nicht unter uns. Schaffe sie Dir mit Anstand vom Halse, sie ist ein verdorbenes, elendes Geschopf.

Du magst es bei deiner Ankunft entscheiden, ob ich es aufs Neue wagen darf, ein Band zu knupfen, das Karl so leidenschaftlich wunscht! Wenn er nur keine Stiefmutter hatte! Wenn er nur schon mit mir am Altar stunde! Wenn.... Ha! Ich habe der Wenn noch so viele, die mir Kummer machen! Schreib mir doch noch vor deiner Abreise, und sey meiner freundschaftlichen Liebe versichert, mit der ich immer seyn werde

Deine traute Fanny.

CX. Brief

An Fanny

Ausgelacht, schone Philosophin! Ausgelacht! Endlich hat Herr Amor auch wieder einmal sein Spiel mit Dir! Ei, Ei! so etwas hatte ich mir doch nie traumen lassen! Gluk zu, Fanny! Ich wunsche Dir mit deinem Karl allen Segen des Himmels, aber auch ein Bischen Eifersucht dazu, wenn ich bei Dir eintreffe, und deinen Karl mit gewissen Augen betrachte, die seine hochgepriesene Standhaftigkeit in Versuchung fuhren sollen.

Was meinst Du wohl, darf ich es wagen? Wirst Du Philosophin genug seyn, um eine junge Wittwe nicht zu furchten, die blos den siebenden Tag in der Woche in ihrer Gewalt hat, um in Gesellschaft nicht den Kopf zu hangen; die sich uber die geringste Kleinigkeit mit ihrer zugellosen Einbildungskraft ganze Tage langen Kummer schafft; die manchmal alles flieht, was menschliche Tone von sich giebt, sich menschenfeindlich in ihr Zimmer verschliesst und der Schwermuth nachhangt? Dunkt Dir so ein Weibchen nicht gefahrlich? Sey nur ruhig! ich habe zu viel mit mir selbst zu schaffen, um Andere storen zu konnen.

Lustrini tragt fur mich starke Leidenschaft im Busen, das merke ich taglich mehr. Als ich ihm meine Abreise ankundigte, anderte sich seine Gesichtsfarbe; der gute Junge dauert mich! Aber kann ich mein Schiksal andern? Darf ich darinn meinem Oheim widersprechen der es so gut mit mir meint? Der arme Junge suchte mich auf alle nur mogliche Weise zu bereden, in Venedig zu bleiben; er wollte so gar an meinen Oheim selbst schreiben; bis ich ihm die Unmoglichkeit seines Wunsches durch Grunde bewies; dann verlies er mein Zimmer in tiefster Traurigkeit.

Der gute Junge hat das Ungluk, eine sehr wankende Gesundheit zu besizzen. Verschiedene Schiksale und ein fuhlbares Herz sind die Ursachen davon. Dass doch die bessten Menschen auf dieser Welt so sehr leiden mussen! Dass sie austrinken mussen bis auf den lezten bittern Tropfen den Becher des Schiksals!

Morgen, meine Theuerste, reise ich von hier ab. Ich kehre uber Padua zuruk, und schikke dann mein Madchen seitwarts uber K.... nach ihrer Vaterstadt, aus der ich sie zwar nicht mitnahm; demungeachtet will ich ihr die Wohlthat erweisen, und sie frei dahin zurukliefern; dann mag sie zusehen, was aus ihr wird! Behalten kann ich sie nicht mehr.

Noch eins! Ich mache fur diesmal meine ganze Reise in Mannskleidern aus Bequemlichkeit und aus Eigensinn. Bald erhaltst Du wieder eine Reisebeschreibung von deiner bessten

Amalie.

CXI. Brief

An Fanny

Theuerste!

Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hatte! denn es ist die Quelle unendlicher Leiden.

Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiede ich weinte ganz naturlich auch mit! Gott segne den braven Dulder, der gluklicher zu seyn verdiente, als er ist! Traurig schlich er vom Ufer hinweg, als meine Gondel seinen Blikken entfloh. Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben. Ohnehin zur Schwermuth geneigt, krankten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur tiefsten Melankolie! Warum musste ich denn die lezten Tage meines Aufenthalts noch diese gute Seele kennen lernen? Ohne ihn wurde ich Venedig gleichgultig verlassen haben; und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt theuer. Bald wird er mir schreiben, ich werde ihm mit Vergnugen antworten. Dies ist doch alles, was ich in dieser Lage fur ihn thun kann!

Unter solchen finstern Phantasieen langte ich in Padua an. Aus Zerstreuung eilte ich ins Schauspiel, und fand es eben so schlecht bestellt, als in Venedig. Da der Wagen erst des andern Morgens spat abfuhr, so trieb mich die Langeweile in die Kirche des heiligen Antonius. Das Gebaude ist majestatisch schon, gross, aber etwas duster. Das Grabmal des ebengemeldten Heiligen bietet sich dem Auge dar, sobald man eintritt. Meine Kenntnisse in der Baukunst sind zu gering, um dessen Werth beurtheilen zu konnen. Die heilige Stille, die in dieser Kirche herrschte, riss mich zur andachtigsten Empfindung hin! Ich wurde sie mit einer tief gefuhlten Seelenruhe verlassen haben, wenn mich nicht an der Kirchenthure die Bettelweiber, Kupplerinnen und andere luderliche Waare durch ihre unverschamte Zudringlichkeit verstimmt hatten. Dieses Ungeziefer trieb zuvor allerhand ausgelassenes Gespotte, sobald es mich aber uber der Schwelle erblikte, so musste ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen, um durch Bettelei meine Ungeduld zu reizen.

Der italienische Pobel ist ausserst eigennuzzig; ums Geld ist er zu jeder Niedertrachtigkeit fahig. Die Armuth mag wohl die starkste Triebfeder dazu seyn; denn mich dunkt, es sind in diesem Lande zu wenig gute Anstalten, um dem Hunger vorzubeugen. Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen zu dem Postwagen. Keine andere Seele sass darinne, ich hatte bis Verona Musse genug meinen Grillen nachzuhangen. Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft unterrichtet, und empfieng mich sehr artig. Ich bat ihn, mich in die sogenannte Recca zu begleiten. Ein grosses Thor fuhrte uns an den Ort, wo die Alten ehedessen ihre offentlichen Thierhezzen hielten. Der Anblik dieses grossen runden Plazzes durchschauderte meine Seele! Lebhaft zeigte mir da meine Einbildungskraft die von Christenblut gefarbte Erde! (Denn man sagt, dass hier die Christen mit den wilden Thieren kampfen mussten.) Mitten darinn ist ein tiefer Brunnen, und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern, worauf die Zuschauer sassen, und deren Gewolber die tiefsten Kerker in sich schliessen. Ich wagte es mit einem Blik diese furchterlichen Gefangnisse zu ubersehen. Aber Entsezzen uberfiel mich bei dem Andenken jener Ungluklichen, die vorzeiten als Martirer da bussen mussten! Von da giengen wir auf die Akademie, die bei ihrem kleinen Umfange doch sehr artige Alterthumer enthalt. Am Ende sah ich dann in einem Burgershause ein prachtiges Naturalien-Kabinet, dessen Sammlung ausnehmend schon, und wie mich dunkt, so ziemlich vollstandig ist. Da es aber anfangt spat zu werden, so muss ich wohl meine Reisebeschreibung fur heute beschliessen.

Am folgenden Tage.

Diesmal war der Postwagen dicht angefullt. Einige Kaufleute, eine italienische Dame, nebst einem barmherzigen Bruder aus M.... waren meine Gesellschafter. Die Dame war jung, schon und feurig, schien aber nicht in den bessten okonomischen Umstanden zu seyn. Sie sass an meiner Seite und schmiegte sich nahe an mich hin. Die muss eine grosse Liebhaberin von teutschen Milchbarten seyn: fiel mir dabei ein, und ich lies sie bei ihrer Tauschung. Einige aus der Gesellschaft erriethen unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht; nur die Dame und der barmherzige Bruder schienen mich fur einen Jungling zu halten. So oft wir ausstiegen, hieng mir das Weib am Arme. In jedem Gasthause fieng ich an mit den Aufwarterinnen zu schakkern, um der Verlegenheit zu entgehen, in die mich ihre Zudringlichkeit sezte. Aber auf einmal uberhaufte mich die eifersuchtige Italienerin mit Vorwurfen.

Sie sprach: Wenn alle Teutschen so grob sind, gemeine Dirnen Damen von Stande vorzuziehen, dann wunsche ich mir lieber einen italienischen Handwerkspurschen an die Seite!

Ich

Madame! Meinen Sie mich?

Dame

Wen sonst, als Sie? Sie zeigen sehr wenig Erziehung.

Ich

Madame! Ich bin frei geboren, philosophisch erzogen, und halte nur dasjenige fur grob, wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt; da ich nicht das Gluk habe mit Ihnen in einiger Verbindung zu stehen, so kann ich auch leicht der Ehre entbehren, der Vorganger eines italienischen Handwerkspurschen zu werden.

Dame

Hoflichkeit steht aber einer jeden Nazion gut; Sie sollten sich schamen, das fur Zudringlichkeit zu halten, was vielleicht ein anderer fur sein grosstes Gluk schazzen wurde.

Ich

Was Andere thun, geht mich nichts an; auch hat das Gluk bei Frauenzimmern gar verschiedene Farben. Uebrigens glaube ich gerne, dass Madame Verdienste besizzen, die meine bloden Einsichten uberwagen. Schieben Sie mein Betragen auf die Kalte meines Temperaments, das den meisten Teutschen angeboren ist. Was? den Teutschen angeboren? schrie ein junger Gek aus vollem Halse aus einer Ekke der Stube hervor, und lies dabei auf die Dame einen feurigen Blik schiessen. Da irren Sie sich sehr, mein Herr! Es giebt Teutsche, denen es nicht am Feuer fehlt. Dreissig, vierzig, funfzig, sechszig Zekini und meiner Margreth einen Unterrok, wenn wir des Handels einig werden wollen! So traumte izt ein schlafender Kaufmann. Ein allgemeines Gelachter unterbrach nun unsern Streit, und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussohnung in die Bakke. Sie schien mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen. Die Neigung dieses Weibes fieng an mir zur Last zu werden; ich zitterte vor ihrer Rache, und hatte doch nicht den Muth ihr mein Geschlecht zu entdekken; ich dachte hin und her, wie ich mich, ohne offentliches Aufsehen zu erregen, aus der Schlinge ziehen mochte, als sich auf einmal jener junge Gek, der zuvor das teutsche Feuer vertheidigt hatte, zu ihr hinschlich, und ihr etwas ins Ohr flusterte. Es muss meine Verkleidung betroffen haben, denn sie warf mir einen grimmigen Blik zu, und eilte an seinem Arm schnell in ein Seitenzimmer. In wie weit sie da ihren Streit uber die Kalte des teutschen Temperaments entschieden haben, kann ich nun nicht mehr erfahren, denn ich nehme Extrapost, schikke mein Gretchen seitwarts, und eile zu Dir. Du erhaltst diesen Brief noch ehe ich ankomme. Lebe indessen wohl, meine Theuerste, und liebe

Deine Amalie.

CXII. Brief

An Fanny

Theure Herzens-Freundin!

So bin ich denn wieder auf einmal deinen liebevollen Armen entrissen! Wie kurz dauerte dieser entzukkende Traum; und wie viel Wonne genoss ich doch in diesen wenigen Tagen an deinem Busen! Sag deinem Karl alles Schone von mir... O es ist ein vortreflicher Junge, ganz deines Herzens wurdig! Gabe doch der Himmel euch beiden bessere Aussichten, so ware auch mein ungewisses Schiksal gehoben. Wien gefallt mir recht wohl; nur wird mein hiesiger Aufenthalt durch okonomischen Kummer getrubt. Meine Ahndung ist erfullt! Lies hier den Brief meines Oheims.

Liebste Nichte!

Mein Vaterherz mochte zerspringen, wenn ich die Umstande uberdenke, die mich ausser Stand sezzen, dich fernerhin zu unterstuzzen. Die hinterlassenen Schulden deines Mannes sezzen mich taglich mehr in Verlegenheit. Sie dringen auf Bezahlung und da ich Burgschaft leistete, so kann ich ohne mein Ansehen zu verlezzen, sie zu keiner Geduld mehr verweisen. Du weisst, dass die Summe gross ist, und ich werde mich lange einschranken mussen, um sie wieder einzubringen. Fasse dich, meine Liebe, und suche irgendwo als Gouvernantin unterzukommen. Hier und da werde ich trachten, dir noch kleine Unterstuzzungen zufliessen zu lassen, aber deine Bedurfnisse standsmassig zu bestreiten, steht leider nicht mehr in meiner Gewalt, so sehr ich es auch mit meinem gefuhlvollen Herzen wunsche!

Dein besstgeneigter Oheim,

.....

Siehst Du, meine Freundin, wie das Schiksal mich Schlag auf Schlag verfolgt? O, meine Fanny, der Kummer presst mich heute zu sehr, um Dir mehr sagen zu konnen, als dass ich mit Schwesterliebe bin

Deine Amalie.

CXIII. Brief

An Fanny

Ich habe Dir mit Vorbedacht schon einige Wochen nicht mehr geschrieben, um Dir doch etwas mehreres von meinem Schiksal berichten zu konnen. Glaubst Du wohl, dass es mir hier mit einer Gouvernantenstelle gar nicht glukken will? Troz aller Muhe, nebst den bessten Empfehlungen werde ich uberall abgewiesen. Der einen Dame bin ich zu jung, der andern zu teutsch, der dritten zu lebhaft, der vierten zu belesen, u.s.w. O! was ich mich uber diese adelichen Dummkopfe argerte! Ich gehe izt ganz von dem Gedanken ab, je wieder solche Dienste zu suchen, wo man so sehr mit Weiberdummheit zu kampfen hat. Und was meinst Du wohl, was fur einen Stand ich izt wahlen will und wahlen muss, aus dringender Noth wahlen muss! Erschrekke nicht bei dem Wort Theater; habe Mitleiden mit mir, und urtheile ohne Vorurtheil. Du kennst meine gute Anlage so wie meinen leidenschaftlichen Hang zu dieser Kunst. Nun kommt gar das Schiksal noch dazu; wie kann ich also in einer solchen Lage anders? Mich Jemanden anzuvertrauen, ware fur mich zu bitter. Ich muss, meine Fanny, ich muss; mir bleibt sonst nichts ubrig, als die ausserste Durftigkeit. Sey versichert, dass es meinem Herzen nicht schaden soll. Es ist freilich ein Plaz, wo jeder gute Karakter Gefahr lauft verdorben zu werden: aber bei meinen festen Grundsazzen darf ich es kuhn wagen. Der Anblik so vieler Ausschweifungen wird mich noch mehr zum Denken leiten; und Denken ist der sicherste Weg zur dauerhaften Rechtschaffenheit. Taglich erwarte ich die Erlaubnis meines Oheims zu diesem Schritte. Er ist ein Mann ohne Vorurtheil, und so schwer es ihm auch ankommt, so wird er es doch bei diesen dringenden Umstanden zugeben. Auch dein Gutdunken erwartet

Deine besste Amalie.

CXIV. Brief

An Amalie

Gott im Himmel! was ist das? Du auf die Buhne? Du aus Noth an einen Plaz hingestellt, wo jeder Weichling seinen wollustigen Scherz an Dir kuhlen wird! O, das hat mich ganz zu Boden geschlagen! Ich verwunschte im ersten Augenblik dein und mein Schiksal! Ich war untrostlich, weil ich die bittern Folgen zum voraus sah, die Du wirst dulden mussen. Nicht Vorurtheil gegen den Stand, aber gegen die, die ihn zum Dekmantel brauchen, ist es, was mich darwider eifern macht. Gott! was wirst Du da alles ertragen mussen! Neid, Verfolgung, Unterdrukkung und alle erdenkliche Mishandlungen werden dein Loos seyn. Dein Herz wird zwar nichts dabei verlieren; Du kennst die Welt zu viel, um Reize an ihr zu finden. Aber bedenke einmal die schroklichen Kabalen, die oft unter dem Publikum herrschen, wenn eine Schauspielerin sich nicht jedem Wollustling Preis giebt, und dann die schlechten okonomischen Umstande, in denen sich die meisten Schauspielerinnen durch ihre schlechten Besoldungen bei herumirrenden Gesellschaften befinden. Sie erhalten ja kaum so viel, um sich ernahren zu konnen; und wo bleibt denn der Puz, den sie bestreiten mussen? Gehort da nicht ein fester Karakter dazu, um sich uber das alles wegsezzen zu konnen? O Amalie! Amalie! Bedenke es wohl! Konnte ich Dich an meinen Busen zurukrufen! Ware ich unabhangig, wie bald solltest Du bei mir seyn! Ist Dir mit einer kleinen Hulfe gedient, so will ich Dir mein Spielgeld schikken. Grosser, gutiger Gott! warum bin ich izt noch nicht die Gattin meines Karls!

Wenn es doch nicht anders seyn kann, so waffne Dich mit Standhaftigkeit; sey munter, und betrette die Buhne mit einem edeln Selbstgefuhl; damit Du Dich auszeichnest von jenen unverschamten Buhlerinnen, die mit frecher Stirne auf Eroberung ausgehen. Es muss in dem Wesen einer gutgezogenen Schauspielerin ein gewisses Etwas liegen, das den meisten Zuschauern Hochachtung einflosst. Sanfte Bescheidenheit entwischt dem Auge des Kenners nie. Du hast ohnehin zuweilen einen tiefsinnig leidenden Blik an Dir, der den Zuschauer fur Dich einnehmen wird. Lass deine Lebhaftigkeit nicht zu viel hervorblikken, sie konnte Dir den Schein des Lasters geben. Und dann wandle hin mit meinem Segen an einen Ort, an den ich nicht ohne Thranen denken darf!

Fanny.

CXV. Brief

An Fanny

Edle Freundin!

So sehr mein Herz blutet, meinem Schiksale folgen zu mussen, so will ich Dir dennoch eine sehr komische Unterredung zwischen mir und dem Direktor der Gesellschaft erzahlen, unter der ich nun bald werde aufgenommen werden.

Ich

Mein Herr! ich bin Schauspielerin, und wunsche bei Ihnen aufgenommen zu werden.

Direktor

Legen Sie ihren Mantel ab und lassen Sie sehen, ob Sie keine Kissen in der Schnurbrust tragen, ob Sie gut gewachsen sind, ob Sie einen schonen Fuss, eine schone Hand haben. (Nun drehte er mich rund um, und fuhr fort) Ihr Wuchs mag gut seyn! Aber schminken mussen Sie sich, denn ihre dunkelrothen Wangen sind baurisch.

Ich

Mein Herr! Sie scheinen Fleischhakker gewesen zu seyn, dass Sie mich von oben bis unten so betrachten, als ob Sie mich zur Schlachtbank fuhren wollten.

Direktor

Ja, meine schone Madame! das mussen Sie sich nicht verdriessen lassen! Unser einer muss gar genau auf eine schone Figur sehen, wenn er sein Geld nicht einbussen will.

Ich

Sie handeln also mit schonen Korpern, und treiben die Kunst blos zur Ausrede?

Direktor

Die Sprache ist mir zu hoch, und ich nehme nicht gerne so schnippische Aktrisen an. Wenn Sie bei mir bleiben wollen, so mussen Sie nicht bose werden, wenn ich auch noch mehrere Untersuchungen anstelle.

Ich

Nur keine wider den Wohlstand, dann erlaube ich Ihnen jede andere Frage.

Direktor

Sind Sie schon auf einer andern Buhne gewesen? Wo? Wie lange? Und was haben Sie denn da gespielt?

Ich

Ich stund schon zwei Jahre in St... (das musste ich sagen, um nicht als Anfangerin gehunzt zu werden,) und spielte immer erste Rollen.

Direktor

Ja! erste Rollen, die kann ich Ihnen nicht immer geben! Doch wir wollen sehen, ob Sie dem Publiko gefallen. Was wollen Sie Besoldung?

Ich

Wochentlich neun Gulden.

Direktor

Sind Sie toll? Ich gebe keinen Heller mehr als sechs Gulden, und wenn Madame Sakko selbst kame!

Ich

Darum wollen wir uns nicht streiten; nur bitte ich mir mehr Zutrauen aus!

Direktor

Zutrauen! Ja, das sollen Sie haben; aber konnen Sie auch lesen?

Ich

Herr!!!

Direktor

Nur nicht so hizzig! Ich habe noch selten eine Aktrise gehabt, die lesen konnte. Und hier zu Lande konnen ohnehin die wenigsten lesen. Der Souffleur muss Ihnen die Rollen eintrichtern.

Ich

Ha, ha, ha!

Direktor

Nu! was lachen Sie denn so?

Ich

Ueber die sauberen Schauspielerinnen, die ihr Talent der Barmherzigkeit des Souffleurs abborgen! Das mussen doch allerliebste Schulfrazzen seyn, die alles aus einem andern Hirnkasten mechanisch daher plappern.

Direktor

Und ich kann Sie doch versichern, dass meinen Aktrisen allezeit rasend Beifall zugeklatscht wird.

Ich

Ja, mein Herr! das glaub ich gerne; aber der Beifall gilt nur selten der Kunst.

Direktor

Genug, wenn Sie Lust haben, so komme ich morgen mit einem Theaterkenner zu Ihnen, und wir sprechen das weitere.

Ich

Ich will Sie erwarten. Leben Sie wohl! Warte Dummkopf, du sollst es bekommen; und den nemlichen Abend machte ich noch folgenden Aufsaz.

"Wenn ein Schauspiel-Unternehmer seiner Buhne mit Ehre und Vortheil vorstehen will, so muss er die Schauspielkunst selbst aus dem Grunde studiert haben, sonst scheitert in der ersten Woche schon seine Ehre nebst dem Kredit. Streng muss er unter seinen Leuten auf Zucht und gute Sitten halten, sonst versaumt er den moralischen Endzwek und wird ein privilegierter Bordellwirth. Gute Wirthschaft muss er nicht mit dem Schweis seiner Untergebenen treiben, die ihm eben darum blos aus Hunger arbeiten, und das gute Publikum um sein Geld betrugen.

Partheilichkeit im Rollenaustheilen, Kabale, Feindschaft soll er durch sanfte, vernunftige Leitung zu versammen, eh es vollig aufgefuhrt ist. Wenn ein Unternehmer nicht selbst Lektur genug hat, um gute Stukke und wakkere Schauspieler zu wahlen, so gebe ich fur seine ganze Unternehmung nicht einen Kreuzer. Leider sind dermalen nur zu viele Unternehmer, die Oberherren einer Zigeunerbande, die auf schmuzzige Abentheuer herumzieht. "

Fertig ist jezt mein Aufsaz, und morgen soll der Tolpel tuchtig fur seine tolle Frage dadurch beschamt werden! O ich kann den morgenden Tag kaum erwarten! Holla, man pocht.... Nur herein! Ah ha! Sind Sie es Herr Direktor? Noch so spat habe ich die Ehre? Ich habe Sie erst morgen erwartet.

Direktor

Ja, morgen habe ich zu viel Geschafte; und ich habe die Ehre Ihnen diesen Abend noch diesen Herrn aufzufuhren. Lassen Sie uns horen, ob wir des Handels einig werden konnen.

Ich

Zweifle gar nicht daran; nur erst eine Bitte! Da hat man mir heute diesen Aufsaz zugeschikt; wollten der Herr Direktor wohl die Gefalligkeit haben und mir ihn vorlesen.

Direktor

Ich Madame? Ich?

Ich

Ja, Sie! Wenn Sie so gut seyn wollen.

Direktor

Ja, sehen Sie... ich... ich... (jezt rieb er sich die Augen) ich kann die kleine Schrift nicht lesen; denn meine Augen sind etwas schwach.

Ich

Ei was Augen! Ei was kleine Schrift! Kommen Sie, kommen Sie; stellen Sie sich doch gerade, als ob Sie nicht lesen konnten. Dann hielt ich ihm den Aufsaz mit Gewalt vor die Nase, und er fieng an zu lesen: We...nn ... We...nn ... We...nn e...in ... ei...n ein Unter... Unter... nehmer... Unternehmer Der Fremde lachte izt aus vollem Halse, nahm den Auffaz, und las ihn selbst vor. "Eine schone Moral! merken Sie sich's, Herr Direktor, und fragen Sie Madame nicht weiter unuberlegt; Sie sehen izt, wie viel Talent dieses Frauenzimmer hat. Handeln Sie wurdig gegen sie; sie verdient es. " Ach ja! (seufzte der gute Jost von Bremen) und beide empfahlen sich. Bald horst Du das Weitere von

Deiner Amalie.

CXVI. Brief

An Fanny

Meine Liebste!

Die Abreise der Schauspieler-Gesellschaft wurde festgesezt, der kleine Zug gieng nach S.... Ich genoss den Vorzug mit dem Direktor und seiner Favoritin zu fahren. Die Reise endigte sich mit ziemlichen Anstand. Das erste Stuk wurde gewahlt, und die Hauptrolle darinn mir bestimmt. Ich hatte diese Rolle zum voraus schon studiert, um glauben zu machen, als ob sie von mir schon anderswo gespielt worden ware. Die Favoritin, eine kleine dikke Kokette, die den Direktor unter ihren Pantoffel schiebt, hat die Direktion dieser Gesellschaft. Sie zeigte ihre Herrschsucht besonders bei den Proben; machte dummdreiste Anmerkungen, hunzte die Schauspieler, lies aus Bosheit Szenen wiederholen, u.s.w.; nur mich ganz allein schonte sie, weil ich ihr fuhlen lies, dass ich ihrer Fuhrung gar nicht bedurfte. Der Abend war herangerukt, das Schauspielhaus angefullt; mir pochte das Herz; meine Rolle nahm ihren Anfang, aber kaum hatte ich eine Stelle geendigt, so schallte schon lauter Beifall uber und uber. Die feierlichste Aufmerksamkeit herrschte wahrend meines Spiels. Die Rolle harmonierte mir meinen Leidenschaften, sie war tiefsinnig schwarmerisch. Diese Uebereinstimmung der Affekten war es, die in mir alle Theaterfurcht ubertaubte. Ich genoss jene Wonne, die ein heimlich Leidender immer geniesst, wenn der innere Gram durch heftigen Ausbruch Luft bekommt.

Kein Mensch kam auf den Einfall in mir eine Anfangerin zu vermuthen. Das Publikum vergass uber dem Feuer meiner Deklamazion die Unrichtigkeit des Theaterspiels. Meine zu Boden gesenkten Augen hielt man fur die Folge einer hervorragenden Schwermuth, die mir durch Temperament eigen zu seyn schien, und die so gut zu der traurigen Rolle passte. Nun gieng das Schauspiel zu Ende, der Direktor kneipte mich in die Bakke, seine Favoritin rumpfte die Nase, die Schauspielerinnen flusterten ihren Neid hinter den Koulissen aus und ich gieng demungeachtet vergnugt auf mein Zimmer. Der Beifall des Publikums schmeichelte mir zu sehr, um ihre Misgunst zu fuhlen. Aber wenig Tage hernach musste ich eine etwas kaltere Rolle spielen, worinnen meine heftigen Leidenschaften keine hinlangliche Beschaftigung fanden; dann fuhlte ich zum erstenmal die Furcht einer Anfangerin in mir. Doch verlies mich die Gegenwart des Geistes nicht, und niemand wusste, was in mir vorgieng. Ob es aber in Ansehung der Oekonomie in die Folge bei dieser Gesellschaft Dauer haben wird, daran zweifle ich sehr. Weiberregiment und schlechte Anstalten drohen ihr den baldigen Sturz; bis izt erhielte ich meine richtige Bezahlung; aber: aber... Die eitle Favoritin spielte lezthin eine meiner Rollen, wurde aber durchs misvergnugte Publikum mit Auspfeifen zu Hause geschikt. Nun rast sie furienmassig, und schreit es fur angezettelte Kabale meiner Anbeter aus, ob ich gleichwohl noch keine mannliche Seele auf meinem Zimmer sah. Das Laster ist gar zu sehr geneigt, seines gleichen zu suchen. Unter der ganzen Gesellschaft ist nicht eine Seele, mit der ich Umgang haben mochte. Sie schrieen mich meiner einsamen Lebensart wegen fur stolz aus, und nekken mich hier und da so viel sie konnen. Gott gebe mir Standhaftigkeit, es ferner zu ertragen. Sollte wahrend dieser Zeit eine Veranderung vor sich gehen, so sollst Du es erfahren von deiner Freundin

Amalie.

CXVII. Brief

Fanny an Amalie

Besste Amalie!

Du hast ihn also wagen mussen den Schritt zum Theater! Du, ein Madchen von gutem Herkommen, musstest Dich dem Urtheile eines Dummkopfs Preis geben, um eines Bissen Brodes willen, der Dir nebst deiner harten Arbeit noch schroklich vergallt wird. Gott! wie verschieden sind doch Menschenschiksale! Kann es eine grossere Demuthigung geben, als aus Noth, der Dummheit, dem Neid, der Bosheit, dem Laster, der Verfolgung seinen Nakken darbieten zu mussen? Und dies, armes Weibchen, ist jezt dein Loos! Doch wann der Mensch Vernunft besizt, so weis er auch dieses zu ertragen; er wird mit Gewalt philosophisch. O Theuerste! die Vorsicht wacht uber Dich, lass dich nicht beugen.

Der Beifall, den Du bei deinem Debut erhieltst, freut mich eben so sehr, als mich der Neid schmerzt, der Dich schon im Anfange zu verfolgen beginnt. Dieser abscheuliche Entehrer der Menschheit wutet beim Theater am argsten! Ich glaube nicht, dass bei der Buhne in die Lange ein einziges Herz unverdorben bleiben kann. Fuhrt nicht der Neid immer eine Reihe anderer Laster mit sich? Gar zu selten trift man einen Schauspieler, dessen Herz nicht voll Vertilgungsgeist ist; besonders sind die Weiber beim Theater ausserst zur Bosheit geneigt. Sie hangen sich gerne an die Wollust des Direktors, um andere Schauspielerinnen desto grasslicher verfolgen zu konnen. Die schmuzzigste Buhlerin wird nur zu oft der wahren verdienstvollen Schauspielerin vorgezogen. Es geschehen Dinge beim Theater, die schnurstraks der gesunden Vernunft und der guten Ordnung zuwider sind.

Mochtest Du, Edle, nie mehr erfahren, als Du izt schon weisst! Mochtest Du bald wieder diesem elenden Stande entsagen konnen! O wie feurig wird deine Freundin den Himmel um diese Wohlthat anflehen! Deine liebende

Fanny.

N. S. Mein Karl grusst Dich herzlich.

CXVIII. Brief

An Fanny

Gott wolle mich ferner vor dergleichen SchauspielerGesellschaften bewahren! Ich gerieth unter ein wahres Gesindel. Einige davon wagten es sogar unter einer Ausrede in mein Zimmer zu schleichen, von meiner Toilette Silberzeug wegzukapern, Geld und Kleider von mir auszuleihen, wofur ich von diesem Lumpengepak nie wieder einen Ersaz zu hoffen habe. Das Elend dieses Volks hat seinen aussersten Grad erreicht. Meine Ahndungen sind erfullt. Der Direktor hat Bankrott gemacht. Die Schuldner nahmen ihm sogar seine Garderobe hinweg. Einige von der Gesellschaft konnen kaum mehr ihren Hunger stillen; und doch lasst sich dieses Volk durch einen teuflischen Leichtsinn beherrschen. Ich wurde unsinnig, wenn mich die Schande alle trafe, die diesem Gesindel von seinen Glaubigern zu Theil wird.

Der Pobel ist doch ein unverschamtes Wesen; walzt sich im Kothe, ohne es zu fuhlen. Unser Direktor mit seinem Konkubinchen gedenket wieder nach Wien zurukzukehren. Auch ich fuhre das Nemliche im Sinn, und will Dir in wenig Tagen, ehe ich diesen Brief schliesse, das Weitere von meinem gefassten Entschluss melden.

Das gute Gluk schikte dem Direktor eine Retourkutsche zu, und ich entschloss mich in seiner Gesellschaft zu fahren. Als wir drei kaum im Wagen sassen, machte uns ein lauter Larm aufmerksam. Wir strekten unsere Kopfe heraus, und sahen einen tollen Auftritt.

Zween von unsern Schauspielern balgten sich mit einigen Handwerksmannern gewaltig herum. Ein Schuster hatte dem einen die unbezahlten Stiefel ausgezogen, und ein Schneider dem andern die Weste. Nun stunden die lokkern Hallunken halb entkleidet da, und schamten sich nicht vor den Gassenbuben, die sie mit Koth warfen. Um der offentlichen Schande, die uns alle traf, ein Ende zu machen, rief ich die Glaubiger vor den Wagen hin, und bezahlte die kleine Summe; dann liefen diese Bursche singend und pfeifend neben unserm Wagen her, bis wir den ersten Gasthof erreichten, wo es dem Direktor zukam seine hungerigen Gaste zu futtern, ob er gleichwohl nicht einen blutigen Heller in der Tasche hatte. Der leichtglaubige Strohkopf verlies sich auf die Borse seiner Favoritin; aber die Mahlzeit war geendigt, und sie blieb ihm verschlossen. So zeigt sich im Nothfall das Herz einer Kokette! sagt ich ihm ins Ohr und drukte dabei eine kleine Summe in seine Hande. Der Mann fuhlte innig meine Handlung! Sein Dank hatte mich beinahe verrathen.

So gering diese Ausgaben auch waren, so fuhlte ich sie in meiner Lage doch. Eine kleine Unterstuzzung, die ich von meinem Oheim erhielt, hat mich wieder dafur entschadigt. In wenig Tagen reise ich nach P.... vielleicht gelingt es mir auf einem grossen Theater besser; und ich kann Dir dann in Zukunft vergnugtere Nachrichten mittheilen.

Deine Amalie.

CXIX. Brief

An Fanny

Wie ich nach P.... kam, brauchst Du wohl nicht zu wissen, die Reise ist zu klein und zu unbedeutend; was aber da mit mir vorgieng, mag jede brave Schauspielerin zur Warnung lesen, damit sie sich vor einem solchen flegelhaften Direktor huten moge, wie mir einer aufsties Als ich in seine Wohnung eintrat, schnurrte mir ein Bedienter im Vorzimmer entgegen.

"Mein Herr ist heute nicht zu sprechen! "

Und warum denn nicht?

"Weil der Namenstag der Mad. K... gefeiert wird. "

Ei! wer ist denn die Mad. K...?

"Eines andern dummen Kerls sein Weib aber izt die Favoritin des Direktors und eine sehr gute Komodiantin, sie spielt alle ersten Liebhaberinnen."

Dass dich doch! so finde ich denn uberall lauter Favoritinnen! Nun da komme ich wieder schon an. Hier, mein Freund, etwas weniges fur seine Aufrichtigkeit; aber sag er mir doch, war diese Mad. K... nicht ehmals Matresse eines gewissen Kardinals?

"Ja freilich ist das die nemliche aber Sie mussen mich nicht verrathen; sie hat diesen Kardinal vollig ausgesogen, er stekt izt in Schulden bis uber die Ohren und sie mag ihn nun auch nicht weiter. Dann kam sie hieher, schikte sich furs Geld in alle Stande, niedrig und hoch, wie sie kamen; Bedienten, Kavaliere, Handwerkspursche, Fuhrknechte, Pfaffen, Studenten, Juden, Alles hatte freien Zutritt; bis sich endlich unser Herr der sein armes Weib in Hamburg im Elend sizzen lasst, in sie verliebte. Und nun thut sie den ganzen Tag nichts als uns arme Teufel plagen, dem Herrn Horner aufsezzen, mit dem Grafen K.... spazieren fahren, von den andern Schauspielerinnen Handkusse mit stolzer Miene empfangen und spielt alle Rollen, die ihr gefallen. "

Genug fur einmal! dachte ich mir, und gieng nach meinem Gasthof. Des andern Tags lies mich der Grobian von Direktor erst eine Stunde im Vorzimmer passen, eh es ihm gefiel mir seine plumpe Herrlichkeit zu zeigen, die noch ausserst nach der Werkstatte roch, wo er ehedessen im Eisen gearbeitet hatte. Endlich offnete sich auf einmal der Tempel des Hochmuths; ich sah eine aufgeblasene, hochnasigte, vierschrotigte Figur im Sessel sizzen, die mich kaum des Dankes wurdigte.

"Herr, ich bin Schauspielerin! " fuhr ich zornig heraus, weil mir der Handwerksflegel keinen Stuhl anbot.

"Kann wohl seyn, dass sie Schauspielerin ist" (antwortete der unverschamte Kerl, der sich der einzige geschikte Schauspieler zu seyn dunkt und seine Rollen doch dabei so affektirt herunterschnarrt, wie der argste Stuzzer, der bei der Toilette einer eiteln Dame durch diese Mode-Gewohnheit sein Gluk machen will. Alles, was dieser Hasenfuss spielt, tragt das Geprage des Hochmuths an sich, in jeder Rolle sieht man diese Leidenschaft hervorblikken. Despoten, stolze Narren spielt er mit vieler Natur; ob er gleich den Muth hatte unsern unsterblichen Schroder in seiner Kunst anzugreifen, und ihm aus Neid den Beifall in Wien streitig machen wollte. Doch nun wieder auf meine Antwort, die ich ihm gab:)

"Herr! wollen Sie bewiesen haben, dass ich Schauspielerin bin, so lassen Sie mich debutiren. "

"So etwas erlaube ich bei meiner Buhne durchaus nicht."

"So despotisch kann nur ein Monarch sprechen, und kein Direktor, der vom Publiko abhangt! " In vollem Zorn schlug ich ihm die Thure vor der Nase zu, und gieng zu Herrn von H..., der mir ohne Anstand einen Debut zusagte. O dann fieng der Direktor und sein Kebsweib vollends zu rasen an, zettelten unter dem Publikum Kabalen wider mich an, so viel sie nur konnten. Ich lies dem boshaften Kerl verschiedene Stukke vorschlagen, worinnen gute Rollen waren, aber sie wurden mir unter verschiedenen Ausreden von ihm versagt. Ich musste am Ende in einer Rolle auftretten, die nicht so empfehlend fur mich war, als ich sie gewunscht hatte. Demungeachtet entschloss ich mich troz aller Kabale zum Debut. Der Zufall wollte es, dass sich gerade zu dieser Zeit die meisten Herrschaften auf dem Lande befanden, und die Zuschauer bestunden meistens aus zugellosen Offiziers und Schulbuben; nur in den vordern Logen schienen stille Kenner des Theaters zu sizzen. Wie man mein Spiel aufnahm, sollst Du hernach horen; izt zur Probe des Stuks zuruk, die am gleichen Tage meines Debuts gehalten wurde. Als ich in das Schauspielhaus eintrat, sassen die mitspielenden Personen in der Garderobe, und bewillkommten mich mit lautem Gelachter. Eine gewisse Kreatur Namens R..., und ihre Konsortin Z... spieen ihren giftigen Geifer gerade so zugellos uber mich aus, wie es einer ausgeschamten Zuchthaus-Kandidatin eigen ist, die einige Jahre zuvor zum Schubkarrenziehen nach Temeswar mit andern H.... verurtheilt war. Es erinnern sich einige Leute noch recht gut, wie eben diese saubere R... wegen luderlicher Auffuhrung P... verlassen musste. Es ist zu wunschen, dass sie sich izt in Russland besser auffuhrt. Wer beim Theater sein Brod suchen muss, hute sich vor den zwei Schandweibern R... und Kr... Selbst die Holle speit keine schwarzern Kreaturen aus, als diese zwei Weiber sind. Die leztere wird zwar fur ihr Lasterleben hinlanglich gestraft, sie zigeunert als Thaliens Lasttragerin bei kleinen Gesellschaften im Lande herum.

Doch izt zu meinem Debut. Kaum erblikte man meinen Kopf, noch hatte ich kein Wort gesprochen, so gieng es schon an ein Rauspern, an ein Sumsen im Parterre, als ob die Kabale Luft hatte, mir den Hals umzudrehen, noch eh ich zu spielen anfieng. Ich gestehe es offenherzig, die Angst stokte meinen Athem, ich spielte nicht so gut, wie ich es sonst in der Gewohnheit hatte; aber die Kabale trieb es auch so teuflisch, das jedes Menschenfreundes Herz geblutet haben muss! Kaum klatschten einige mir Beifall zu, so trieben die bestochenen Buben so lange ihren Unfug, bis sie den Beifall ubertaubt hatten. Mochte sich jedes fuhlende Herz in meine damalige Lage versezzen konnen und den Jammer empfinden, der meine Seele durchwuhlte! Ich war in einer wilden, verzweiflungsvollen Laune! Hatte es die Kabale bis zum offentlichen Auspfeifen getrieben, mein Ehrengefuhl wurde mich in der Wut zu einer Mordthat verleitet haben. Doch zum Gluk liess man mich mit getheiltem Beifall durchschlupfen; besonders wurde meine Geistesgegenwart in einer Stelle ausserst applaudirt, wo die boshafte Z..., als mein Kammermadchen, mir in der Sterbszene den Stuhl wegzog, um diesen Auftritt durch mein Bodensinken ins Lacherliche zu bringen; aber kaum hatte ich die todtliche Wunde empfangen, so blikte ich rukwarts, gab meinem Korper ein gutes Gleichgewicht, und sank so kunstlich auf den Boden hin, dass das Bild unendlich viel dabei gewann.

Ich duldete mehrere dergleichen Streiche, unter andern spielte der Herr Direktor an meiner Seite den Liebhaber mit halb weggewandtem Gesichte, u.s.w. Endlich gieng das Schauspiel zu Ende, und ich eilte mit zerrissenem Herzen nach Hause.

Ein gewisser Direktor Seipp schreibt mir izt aus Temeswar, und begehrt mich zu seiner Gesellschaft. In wenig Tagen reise ich dahin ab. Lebe indessen wohl, meine gutige Freundin, und grusse mir deinen Karl tausendmal!

Amalie.

CXX. Brief

An Fanny

Noch ehe ich P... verlies, konnte ich mich nicht enthalten, folgendes Briefchen an dortigen Direktor zu schreiben.

Mein Herr!

"So unverschamt und pobelhaft Sie und Ihre Rotte mich auch immer behandelten, so kann ich doch den hiesigen Ort nicht verlassen, ohne noch ein Paar Wortchen mit Ihnen zu sprechen. Glauben Sie sicher, Sie hatten es mit keiner Huttenspielerin zu thun, bei der Sie es wagen durften, ihren lacherlichen Hochmuth blikken zu lassen. Zu Ihrem Stolz stunde bessere Erziehung recht gut; dann wurden Sie vielleicht Ihre luderlichen Untergebenen in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten wissen, womit Sie fremden Leuten begegnen sollten. Bei den kleinsten Schauspielergesellschaften findet man kaum ein solches boshaftes, muthwilliges Zigeunergesindel, wie das, wovon Sie, mein Herr, das Oberhaupt sind. Gott moge nie wieder eine gute Seele unter Ihre ausgelassene Bande gerathen lassen! Verzweiflung wurde sonst bei so einer schandvollen Behandlung das Loos einer Jeden seyn, die weniger Selbstgefuhl im Busen tragt, als ich. Sie, Herr Direktor, nahren ein Haufchen Lasterhafte, deren gebrandmarkte Herzen einstens zu ihrer Schande ganz aufgedekt werden mussen. Buhnen, wie Sie eine unterhalten, sind die wahre heimliche Pest in einem Staat, die unter dem Vorwand der Sittenverbesserung jede Moral untergraben. Blos um in Zukunft einer andern armern reisenden Schauspielerin den bei andern Theatern gewohnlichen Debut auch bei Ihrer Buhne zu eroffnen, habe ich an hohern Orten mit Gewalt auf eine Rolle gedrungen. Theilen Sie mein mir angehoriges Geschenk unter die Armen aus, damit sie den Himmel um Verbesserung Ihres Herzens anflehen mogen; uberdies schenke ich Ihnen noch den Ersaz der Ausgaben, die mir die Anschaffung des zu meiner gespielten Rolle nothigen Puzzes verursachte, und die ich uber mich zu nehmen gezwungen ward, weil sie mir aus Neid von Ihrer Favoritin versagt wurde. Ich weis recht gut, dass sie sogar Leute anstiftete, um mich zum Gespotte des Publikums zu einer widersinnigen Kleidung zu bereden. Aber sowohl diese Kabale, als so viele andere sinnreiche Streiche prellten an mir ab. Ware ich Mann, so wurde ich fur alle die ausserst gallsuchtigen Beleidigungen auf eine andere Art Genugthuung fodern; aber so begnuge ich mich mit der Verachtung, die Sie und Ihre Anhanger verdienen, und die Ihnen hiemit in vollem Mase zusichert"

Amalie *****

So bald ich dieses Briefchen dem Direktor zugeschikt hatte, so reiste ich ab.

Wenn Du die Gegenden in Ungarn kennst, so wirst Du leicht begreifen konnen, wie langweilig meine Reise war. Eine sehr schlechte Reisegesellschaft, uble Bewirthungen und die bangste Furcht, als ich uber die unermesslichen entvolkerten Haiden fahren musste, wurden mir zu Theil. Wir trafen in den Wirthshausern meistens Kerls an, die alle Raubern ahnlich sahen. Menschen, die sich wie das rohe Vieh in ihrem Schafpelz im Schnee hinlagern, und nur bei der Nacht in ihre Hutten kriechen, die alle tief in die Erde gebaut sind. Unter heftiger Kalte und andern Unbequemlichkeiten kam ich endlich in Temeswar an. Herr Seipp nebst seinem Weibchen empfiengen mich sehr gut. Sie ist ein Fraulein von K.... aus P... und verrath viel Erziehung; er, ein vernunftiger, einsichtsvoller, auf Ehre haltender Mann, ein braver Schauspieler, halt streng auf gute Ordnung, versteht das Theaterwesen vollkommen, ist selbst Dichter und der Erfinder der bessten Einrichtung, die ich noch jeSchauspieler wollen ihm keine Gerechtigkeit wiederfahren lassen, weil er ihre Sitten sowohl, als ihre elenden Fahigkeiten zu verbessern suchte. Ich kann Dir aber auf Ehre versichern, dass er und sie meine vollige Hochachtung gewonnen haben. Sie ist ein gutes wirthschaftliches Weibchen liebt ihren Mann hat Theatertalent und Kopf. Kurz, beide sind ein wahres Muster moralischer Sitten, woran sich so viele andere spiegeln konnten; sie sohnen mich wieder ganz mit der Buhne aus. Gespielt habe ich hier noch nicht, weil die Gesellschaft gerade auf dem Punkt steht, nach Herrmannstadt abzureisen. So bald wir dorten sind, beschreibe ich Dir unsere Reise. Schreib Du auch bald wieder

Deiner bessten Amalie.

CXXI. Brief

An Amalie

Um Gottes willen, Freundin! was hast Du seither nicht alles erlebt, und wie weit bist Du izt von mir entfernt! Nicht wahr, meine Gute, ich habe Dir die schroklichen Theaterschiksale zum voraus verkundigt. Alle nur moglichen Niedertrachtigkeiten scheinen diesen Leuten von Natur anzukleben; sie lassen ihre Herzen so tief im Morast versinken, dass ihnen alle Laster zur kalten Gewohnheit werden, womit sie Tugendhafte tirannisiren, wenn diese das Ungluk haben unter sie zu gerathen.

In diesem Stande sind gute Ausnahmen von rechtschaffenen Seelen so ausserst selten zu finden, weil sich bei den vielen Buhnen eine Menge Pobel zusammenrottet, und den Freiheiten dieses Standes einen ewigen Schandflek anhangt. So manche Schauspieler-Gesellschaft gleicht einem Schwarm streifenden Ungeziefers, das sein Gift uberall zuruklasst; dass man aber die Bosheit und Schadenfreude so weit treiben konnte, wie es das Haufchen Buben und Bubinnen in P... gegen Dich trieb, hatte ich doch nie vermuthet. Mein Karl sagte: "Unter den Hunden giebt es tausendmal bessere Herzen."

Von der Erzbuhlerin R.... habe ich schon ofters abscheuliche Streiche erzahlen gehort. Sie ist in der halben Welt als die argste Mezze bekannt, die die Obrigkeit wieder aufs Neue ins Zuchthaus stekken sollte. Was ware denn aber auch von einem Schustersweibe besseres zu erwarten, deren Mann um den Uebermuth seines Weibes willen, den Leist verlassen musste. Er soll ein braver komischer Schauspieler gewesen seyn; Gott gonn ihm izt in jener Welt die Ruhe, die er hier an der Seite seines ehrvergessenen Weibes nicht genoss. Auch sie sagt man spiele die Rollen niedertrachtiger Weiber, unverschamter Buhlerinnen, komischer Kupplerinnen, boshafter, zankischer, lasterhafter Kreaturen mit vieler Natur; ... nur in edeln Karakteren, in den Rollen moralischer, guterzogener Mutter, ware sie unausstehlich. So viel erzahlte mir lezthin ein unpartheiischer Theaterkenner selbst.

Gott schenke Dir izt bei Seipp alles Vergnugen, das Du verdienst; weil er selbst Talenten besizt, wird er gewis die deinigen nicht verkennen. Nur Dummkopfe unterdrukken aus Neid die Vorzuge an Anderen. Dass dieser brave Mann unter seiner Gesellschaft so tapfer auf gute Sitten halt, freut mich unendlich; nur der Kummer wegen deiner gefahrlichen Reise angstigt mich noch ein Bischen, bis ich einmal weis, dass Du gluklich angekommen bist! Man versichert mich, Siebenburgen ware ein wahres Rauberland.

Ich und mein Karl wunschen Dir allen Segen von Gott, und uns dabei eine geschwinde Nachricht von deiner gluklichen Ankunft. Hier diesen Kuss zum Zeichen meiner unveranderten Liebe.

Fanny.

CXXII. Brief

An Fanny

Gott sey ewiger Dank gesagt, dass auch diese Reise vollendet ist! So ausserst elend habe ich noch keine zu machen gehabt. Die Strassen waren abscheulich schlecht; je tiefer wir unter die Wallachen hineinkamen, desto grasslicher wurde unsere Furcht und alle Arten von Unbequemlichkeiten.

Die Rauber schonten uns, der Himmel sey gepriesen! ob es gleich hier zu Lande sehr gewohnlich ist, ganze Rotten von dreissig bis funfzigen zu treffen, die alle mit vierfachem Schiessgewehr versehen sind. Da sie sich auch gerne in Wirthshausern einnisten, so zwang uns die Klugheit, uns mit Militarorder zu versehen, um bei Dorfrichtern Herberge zu nehmen, und zogen aus dieser Ursache vor auf Heu zu schlafen, selbsten zu kochen, u.s.w. Es war eine allerliebste Wirthschaft! Unsre Mannsleute mussten Geflugel zuschleppen, die Wallachinnen gaben uns Spek, und wir Weiber besorgten die Kuche. Seipp sorgte ohne Eigennuz, als wahrer Vater, fur seine Kinder; sein armes schwangeres Weibchen duldete auf dieser Reise sehr vieles mit Standhaftigkeit; nur ein einzigesmal uberfiel sie Wehmuth, die dann der rechtschaffene theilnehmende Gatte mit warmer Zartlichkeit zu zerstreuen wusste. O, diese zwei Leutchen lieben sich wie die Engel; ein liebenswurdiger dreijahriger Knabe knupft das Band ihrer Gattenliebe noch enger. Sie gehoren zur protestantischen Religion, und sind eifrige Christen; in ihrem Betragen herrscht uberall Punktlichkeit, und ihre Auffuhrung ist untadelich. Seipp duldet unter seinen Leuten keine von schlechten Sitten. Die Mitglieder der Gesellschaft sind aber auch so geehrt, dass jedem davon der Eintritt in die angesehensten Familien offen stehet.

Schon seit vier Jahren durfte wegen schlechter Auffuhrung keine Schauspieler-Gesellschaft mehr uber die hiesigen Granzen; nur unserm braven Seipp gelang es durch Empfehlungen von etlichen Ministern, durchzudringen. Alle lieben und schazzen ihn. Das Publikum sturmt zahlreich ins Schauspielhaus, und verlasst es wieder mit enthusiastischem Beifall. Wir bekommen Alle richtige Bezahlung, und stehen gut, weil es hier ausserst wohlfeil zu leben ist.

Lezthin spielte ich zum erstenmale, und wurde recht gut vom hiesigen Publiko aufgenommen. Ich lass es aber auch nicht am Fleiss mangeln, und arbeite mit Lust, weil uns keine Stuzzer hinter den Koulissen storen durfen. Es ist allen jungen Leuten untersagt, weder bei den Vorstellungen selbst, noch bei den Proben auf Abentheuer hinter den Koulissen herumzuschleichen. Auch keiner der Mitspielenden darf es wagen, uber einen andern nur eine Miene von Anmerkung zu machen. Seipp weis den Neid in Schranken zu halten. Sein enthusiastischer Eifer fur die Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bischen hizzig, aber nicht pobelhaft, wie es seine Feinde vorgeben. Ich gedenke mich recht gut in seine Anfuhrung zu schikken, und verehre seine Kenntnisse mit inniger Zufriedenheit.

Und nun, liebe Fanny, kusse mir deinen Karl, und danke ihm in meinem Namen fur seine Sorgfalt!

Deine Dich liebende Amalie.

CXXIII. Brief

An Fanny

Zurne doch nicht, liebes Fannchen, dass ich Dir einige Monate gar nicht schrieb. Mein Direktor uberhaufte mich seither mit einer Menge Rollen. Sein Weibchen ist nahe an ihrer Niederkunft, und mich trift es izt, ihre Rollen ganz allein zu spielen. Es bleibt mir ausser meinen Berufsgeschaften kaum so viel Zeit ubrig, zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen. Uebrigens lebe ich recht zufrieden. Das Publikum ist mir hold; der Direktor behandelt mich gut; was will ich also mehr? Nur ein einzigesmal uberraschte mich sein gewohnlicher Eifer fur die Kunst etwas feuriger als sonst, bei einer Probe; der gute Mann kannte mein zu weiches Herz nicht, und wurde erst nach der Hand uberzeugt, dass seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch bloder machte. Ich nahrte dadurch heimliches Mistrauen gegen mich selbst, und Zagheit bemeisterte sich meiner wahrend meines Spiels; nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in das Geleise zuruk, woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte. Er sah wohl ein, dass es fur meinen Kopf und mein Gefuhl nur des kleinsten Winkes bedurfe, um mich nach seinem Willen abzurichten. Der Mann besizt ausserordentlich viele Kenntnisse, dringt mit seinem Fleiss bis ins Innerste der Kunst, und ich bin stolz darauf, Seippens Schulerin zu seyn! Es ist unbegreiflich, was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer Gesellschaft fur Muhe giebt, um sie zu belehren; er halt ordentliche Schulen, giesst ihnen die Rollen so zu sagen ein, studiert den Hang eines Jeden, giebt ihm angemessene Rollen; alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten Plazzen; da erblikt man keine Spur von Partheilichkeit. So oft das Schauspiel zu Ende ist, tritt er unter die Schauspieler hinein, sagt einem jeden sein und auch des Publikums Urtheil mit biederer Wahrheit ins Gesicht. Lezthin kam die Reihe zuerst an mich. "Madame! (sagte er.) Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden, bis auf die wenige Schuchternheit, die ihre Stimme unterdrukt, und sie etwas unverstandlich macht." "Und Sie, Mademoiselle! (sagte er zu einer andern) Sie haben in ihrem Kammermadchen durch Ihre unbescheidene Manieren blos dem Pobel gefallen, u.s.w."

Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren? Wurde die Buhne nicht bald der Wohnsiz der Rechtschaffenheit seyn, wenn es mehrere dergleichen gabe?

Noch ein Anekdotchen von ihm: Einige Stuzzer, welche die Schauspielerinnen blos fur feile Geschopfe ansehen, zu denen ihre Begierden ein volles Recht hatten, sagten einstens zu ihm:

"Aber Herr Seipp, Sie haben ja gar kein einziges recht schones Frauenzimmer unter ihrer Gesellschaft!" Worauf er antwortete: "Meine Herren, alle meine Frauenzimmer sind hinlanglich schon, um in ihren Rollen jene Tauschung zu erwekken, die dazu erfodert wird. Ich bin der Unternehmer einer gesitteten Schauspieler-Gesellschaft und keiner Fleischbanke, wo jeder Wollustling seine Bedurfnisse hinzutragen Lust hatte. Meine Frauenzimmer sollen blos zu Schauspielerinnen und nicht zu Lustnimphen taugen."

Von dieser Zeit an wagte kein Weichling mehr die mindeste Anmerkung zu machen; wir leben alle in dem unbescholtensten Rufe. Aber sage mir jezt auch, meine Liebe, was macht denn dein Karl? Werde ich euch zwo theure Seelen auch bald wieder zu sehen bekommen? O ich hatte wohl noch recht viele Fragen, wenn mich nicht die Pflicht zu meinen Geschaften riefe.

Lebe wohl, Theure, Einzige.

Ich bin ewig Deine Amalie.

CXXIV. Brief

An Amalie

Theuerste!

Endlich hat unser Kummer ein Ende, und wir wissen, dass Du gut versorgt bist. Karl war entzukt uber diese Nachricht; dass ich es auch bin, das weisst Du ohnehin. Wir beide haben ein Projekt zur Sitten-Verbesserung der Buhnen entworfen, und theilen es Dir zur gutigen Einsicht mit.

Unser grosse Kaiser Joseph hat uber alle Gegenstande in seinen Landern gute moralische Anstalten getroffen, und wir hoffen, dass er auch noch auf die Reinigung der Buhnen kommen wird, wenn es ein Patriot einmal wagt ihm den wahren Zustand derselben zu schildern. Bis izt streifen noch immer schwarmweis kleine Schauspieler- nicht doch KomodiantenGesellschaften dem Burger zur Last und den Sitten zur Schande in unsern Landern herum; fuhren das abscheulichste Leben, verbreiten Zoten, sind der Zufluchtsort so vieler Tagdiebe, Herumstreicher, verjagter Friseurs, luderlicher Studenten, fauler Handwerkspursche, verloffner Dienstmadchen, u.s.w.

Erstens ist ihre Auffuhrung argerlich, und verbreitet, bestarkt das Vorurtheil uber besser gesittete Schauspieler, benimmt dem Publikum den Glauben an jede Moral, die auf gesittetern Buhnen vorgetragen wird, weil die Menschen daran gewohnt werden, zu glauben, dass dort wie da der Fuchs blos den Gansen predigt.

Zweitens fuhrt diese hungerige KomodiantenWaare schandlose, argerliche, sundliche Frazzen auf, und verwildert dadurch die Sitten des Pobels noch mehr, der ohnehin schon zugellos genug ist.

Drittens kommen sie durch ihre Schwelgerei in Schulden, betrugen den Burger, verfuhren seine Sohne und Tochter, fahren in allen Bierschenken herum, nahren im gemeinen Volk Aberglauben und Vorurtheil, verleiten es zu Abentheuern, Schazgrabereien, Taschenspielereien, und dergleichen; durch ihre Ausschweifungen pflanzen sie also auf alle Schauspieler den schmuzzigen Begriff fort, den man ehedessen von den offentlichen Possenreissern und Marktschreiern hatte. Zur Schande der Schauspielkunst verderben sie das leichtglaubige Herz des Burgers, und wurden ihrem Landesherrn unter der Muskete gewis bessere Dienste leisten.

Sobald der Monarch uberzeugt ist, dass eine gesittete Buhne zur Aufklarung beitragt, so wird er auch bei grossen und kleinen Buhnen jeden Schein auszurotten suchen, der diesem moralischen Endzwek widerspricht. Bei der ubersezten Menge von kleinen fliegenden Gesellschaften sollte nothwendiger Weise Musterung gehalten werden, damit es dem fahigern Schauspieler nicht an Versorgung fehlte, die diese Herumstreicher ihm mit einer geringern Besoldung hier oder da vor dem Munde wegschnappen. Zu viele Gesellschaften in einem Lande richten einander selbst zu Grunde, weil das Publikum sie nicht alle zu nahren vermag. Nur in den ansehnlichsten Stadten jeder Provinz sollte eine gute Schauspielergesellschaft geduldet werden, auf deren sittliche Auffuhrung die Obrigkeit ein wachsames Auge haben sollte und den ubrigen kleinen herumziehenden Gesellschaften sollte bei Strafe das Land verboten werden. Die Direktoren sollten verbunden seyn, miteinander alle Jahre ihren Ort zu verwechseln, damit jede Provinzstadt um ihr Geld Abwechslungen zu sehen bekame.

In der Hauptstadt Wien sollte von Professoren oder sonst unpartheiischen Theaterkennern eine Art Prufungsschule errichtet werden, wo jeder brodsuchende Schauspieler seine Probe ablegen musste; wo man die Fahigkeiten und Lebensart der Schauspieler einige Zeit prufte, und sie dann mit einem guten Zeugnisse einem Provinz-Theater zuschikken konnte, dessen Direktor verbunden seyn musste sie anzunehmen, und nach dem Masstab ihrer Talenten zu besolden. Viele hundert Halunken beiderlei Geschlechts wurden diese Prufung scheuen, und weniger ihre Zuflucht zum Theater nehmen. Ein wurdiger Schauspieler hatte dann nicht mehr Ursache aus Unterdrukkung und Kabale am Bettelstab herumzuirren; das Publikum wurde besser bedient; die Sitten dieser Leute wurden nach und nach reiner; der gute Endzwek der Schaubuhne erfullt, und die Herren Direktoren vor so vielen Bankrotten gesichert, die ihnen meistens durch die Kabale dieses herum schwarmenden Volks zugezogen werden. Nur mussten die Aufseher der Prufungsschule nicht aus Schauspielern bestehen, sonst liefe sicher Partheilichkeit mit unter; denn der grosste Schauspieler tragt immer heimlichen Neid im Busen, und kann in einer solchen Sache nie als Richter dienen. Ueberhaupt sollten alle Schauspieler strenger als andere Burger in ihrem Lebenswandel gehalten werden, um das Vorurtheil auszurotten; der Moral, die sie predigen, Ehre zu machen, um durch ihr so offentliches Lasterleben unter dem Volk nicht so viel unverantwortliches Aergernis zu erregen.

Was haltst Du von meinem Gedanken? Ich habe ihn nur so obenhin entworfen! Mochte ihn ein Menschenfreund besser uberdenken ausarbeiten und dem grossen Kaiser Joseph vorlegen, wie gluklich wollte ich mich schazzen! Die Einrichtungen deines jezzigen Direktors gefallen mir sehr wohl. Es muss ein wurdiger Mann seyn! Der Himmel segne ihn und seine Familie! Schreibe mir mehr von seiner guten Fuhrung; ich hore es ausserst gerne. Karl und ich wollen Dich dann recht herzlich dafur kussen wann wir Dich einst wiedersehen. Das verspricht Dir

Deine Fanny.

CXXV. Brief

An Fanny

Dass Dich doch! Schon wieder eine Reisebeschreibung? wirst Du deinem Karl ins Ohr flustern. Ja, meine Liebe; und uberdies eine recht artige Geschichte, die mir mit einer ganz fremden Dame begegnete, uber die meinetwegen Spotter lachen mogen; genug ich burge fur ihre Wahrheit.

An einem Tage musste unsere ganze Gesellschaft in einer elenden Hutte ihr Mittagsmahl halten. Die Wirthsleute waren ausserst arm, und hatten kaum so viel, um den Hunger unserer Pferde zu stillen. Ich will Dir die Unruhe von etlich dreissig Personen nicht schildern, wovon nur wenigen ein hartes Stukchen Fleisch, den andern gar nur troknes Brod zu Theil wurde.

Ganz niedergeschlagen sassen einige von uns an einem Tische und staunten auf die holzernen Bestekke hin, die uns vorgelegt wurden; als plozlich ein Wagen mit vier Pferden den Hof hereinrasselte und uns die Neugierde aus dem Zimmer trieb. Zween Bediente hoben ein Wesen aus dem Wagen, das seiner Kleidung nach einer Mannsperson glich. Eine Art Kaput, Stiefel und Hut war seine Kleidung. Der Fremdling blieb einige Minuten stehen, sah uns alle nach der Reihe an, besonders aber mich... und flog mir mit einem Mal feurig an den Hals! Ich erschrak, hielt es fur Frechheit, und wollte mich loswinden. "Furchten Sie nichts, meine Besste! (horte ich eine Weiberstimme sagen) Ihre Phisiognomie gefallt mir; wollen Sie meine Freundin seyn?" Dann zog sie mich in das Kammerchen, wo die holzerne Bestekke lagen, befahl ihren Bedienten unsern Tisch mit Silbergeschirr zu bedekken, Wein und Essen aus dem Wagen hereinzutragen, um uns auf die freundschaftlichste Weise zu bewirthen. Wahrend der Mahlzeit liebkoste sie mir wie einem Kinde, und wiederholte ofters: "Haben Sie nicht Lust nach Siebenburgen zurukzukehren? Welcher Zufall brachte Sie zu diesem Stande? Schreiben Sie mir doch, hier haben Sie meine Addresse!" Am Ende beschenkte sie mich noch mit verschiedenen Sachen, und stieg dann weinend in den Wagen.

Sie ist eine gewisse Baronesse von L... aus Klausenburg, ihr Betragen ist lebhaft, aber mit einer heimlichen Schwermuth durchwebt; ihr Gesicht tragt die Spuren der Redlichkeit. Nur Schade, dass ich die Liebenswurdige so bald verlassen musste, die sich aus wahrer Sympathie meinem Herzen naherte. Seither hat sie mir schon einmal geschrieben, und mit einer Warme, die ganz ihrem edeln Herzen eigen ist.

So viel von dieser Geschichte. Nun endlich auch einmal zur Beantwortung deines leztern Briefes.

Wie vortreflich, meine Theure, ist dein Entwurf; und wie vielen moralischen Nuzzen konnte es bei den jezzigen so zugellosen Theater-Sitten schaffen, wenn er ausgefuhrt wurde! Es wundert mich sehr, dass noch kein Moralist auf diesen Gedanken gerieth; dass man die Reinigung der Buhnen so lange anstehen liess, bis ihre moralischen Sitten schon fast bis in Grund verdorben sind; wo Jeder dabei treiben kann, was seinem Laster gelustet; wo man ungeahndete Freiheit geniesst, sich in jeder Weichlichkeit herumzuwalzen; wo sich die wenigsten Polizeien um die Auffuhrung des Schauspielers kummern; wo die meisten Direktoren blos Pflanzschulen der schandlichsten Ausschweifungen unterhalten; wo Religion, Ehre und Redlichkeit keinen Wohnsiz haben. Und solche Buhnen werden nicht untersucht; es werden ihnen keine Schranken gesezt?

Kaum ist es begreiflich; da doch schon so viele wurdige Schriftsteller daruber jammerten und all ihr Gefuhl anstrengten, um den Staat aufmerksam darauf zu machen. Nur einige Fursten gaben in Ruksicht dessen kluge Gesezze heraus, und liessen sie in offentlichen Blattern einrukken, um sie uberall bekannt zu machen und um Nachahmer zu finden. Mochten diese edeln Absichten von mehreren genehmiget werden! Mochten Minister und Polizei-Rathe von keinem Privat-Interesse verleitet werden, ausschweifende Schauspielerinnen zu schonen, und es nicht ferner verhindern, dass die Stimme der bessern Einrichtung so selten bis zum Ohr des Herrschers dringen kann. So denkt

Deine Amalie.

CXXVI. Brief

An Fanny

Liebe Herzens-Freundin!

Heute muss ich Dir wieder einmal deinen Willen erfullen, und Dir etwas mehreres von den guten Einrichtungen unsers wakkern Seipps schreiben. Bedenke nur einmal diesen Hauptpunkt, der durch seine Klugheit unter uns Weibern so herrlich Statt findet: Seine eigene Frau spielt neben mir erste Rollen; und doch sezte es unter uns noch nicht den geringsten Streit ab.

Der unpartheiische Mann weis fur uns beide die Rollen so gut einzutheilen, dass auch selbst die ehrgeizigste Schauspielerin nichts dagegen einzuwenden wusste. Madame Seipp spielt unschuldige, naive, leidende junge Madchen allerliebst! Ihr niedlicher kleiner Wuchs, ihr naturliches Gefuhl, ihr Fleiss, ihre durch Lektur erhaltene Kenntnisse machen sie zur guten Schauspielerin. Hatte sie das Gluk eine starkere Brust zu haben, sie wurde sich auch in heftigen, affektvollen Rollen vielen Beifall zu versprechen haben. Sie hat bei andern Buhnen aus Kabale nur unbedeutende kleine Rollen zu spielen bekommen, wo ihr Talent, so wie das von mancher ihrer Mitschwestern, unerkannt blieb. Aber seit der Direktion ihres Mannes darf sie es in ihren unschuldigen Rollen kuhn wagen, sich jedem Kenner zu zeigen; denn seither wurde das vergrabene Talent in Uebung gebracht, das fahig ist dem Publikum Freude zu machen, Feurige Heldinnen, rasche Liebhaberinnen, und uberhaupt Rollen, worinnen heftige Leidenschaft herrscht, und wozu starke Brust erfodert wird, wurden mir zugetheilt. Herr Seipp spielt alle Rollen ertraglich aber ausserst gut spielt er feine Intriken-Rollen, gefuhlvolle Manner und Vater. Gott! wie viel der Mann in seiner Deklamazion Natur behauptet! Was er hineinzudringen weis in die feinste Kunst, um sie durch den herrlichsten Konversazionston zur unleugbaren Natur zu machen! Wie lebhaft er seine Leidenschaften mit den unbegreiflichsten Abwechslungen hervorbringt! Wie er seine Organen nach dem Sinn des Autors und nach seinem Gefuhl zu stimmen weis! Wie er die schwersten Erzahlungen so ausdruksvoll, von aller Monotonie entfernt, dem Zuschauer vormalt! Wie er Seele, Gefuhl, Feuer, Stimme, Korper, Wendung, Uebergang in seiner Gewalt hat, um das Publikum in gewissen Rollen bis zum lezten Grad der Wahrheit zu tauschen! Selbst den schiefen Sinn eines schwulstigen Autors, weis er wahrend seines Spiels zu verbessern. Es ist eine wahre Freude an der Seite dieses braven Schauspielers zu agieren. Wie oft schmolz sein Gefuhl in das meinige uber, wenn ich an seiner Seite die Rolle der Tochter spielte, und wie oft gab er meiner arbeitenden Leidenschaft den Nachdruk, der sich dann noch machtiger in das fuhlende Herz des Zuschauers ubergoss; und doch ist dieser gute Schauspieler bis izt noch so wenig fur seine Verdienste belohnt worden! Er musste immer im Dunkeln arbeiten, ohne dass ihn der Posaunenklang hervorzog! Ei! Ei! Theatergluk, wie rathselhaft bist du!

Doch nun weg von dem, und auch ein Bischen etwas vom hiesigen Orte: Temeswar ist unstreitig troz des kleinen Umfangs eine der lebhaftesten Stadte. Man ist hier ausserst zum Wohlleben geneigt. Das viele Militar, die Menge gutbesoldeter Beamten, die wohlfeile Nahrung, tragen zu den hiesigen Lustbarkeiten unendlich vieles bei. Unsere Leute mussen sich ordentlich verstekken, oder wichtige Beschaftigungen vorgeben, wenn sie nicht taglich zu einem Gastmahl wollen gezogen werden. Hier herrscht in Ruksicht der Stande nicht das geringste Vorurtheil. Man lebt untereinander in der zufriedensten Freiheit. Wenn der lange hagere Mann mit seiner Sense nicht so oft und so grasslich durch die bestandig herrschenden Fieber in den Familien Zerruttungen anstellte, nichts wurde den Freiheitssinn unter diesen Leuten truben. Bis auf diese Stunde ist, ausser der guten Madame Seipp, bei unserer Gesellschaft noch Alles gesund. Hier ist es grosse Mode Chinarinde statt Tabak zu schnupfen, und wer uberdies nicht im Stande ist dreissig bis vierzig Doses China in Zeit zwei Tagen zu verschlingen, der bleibe von Temeswar weg sonst kommt er auf den Kirchhof. Gieb deinem Karl fur mich ein recht warmes Maulchen, und denke ofters an deine besste

Amalie.

CXXVII. Brief

An Fanny

Dass doch das Ungluk nur immer rechtschaffene Seelen verfolgt. Ich kann Dir den Jammer nicht hinlanglich beschreiben, der sich izt bei unserer Gesellschaft eingeschlichen hat. Schon seit sechs Wochen liegen alle bis auf mich am kalten Fieber darnieder. Nur erst seit wenig Tagen macht dieser hassliche Gast izt auch bei mir seinen taglichen Besuch. Du solltest mit deinem gefuhlvollen Herzen sehen, wie die Leute aus Liebe fur ihren guten Direktor ihre lezten Kraften anstrengten, und ohne dass er es einem zumuthet, von selbst aus gutem Willen mitten im Fieber spielten. Bis izt wechselte das Fieber unter einigen ab, und nicht alle wurden gerade zu der Stunde der Vorstellung davon uberfallen, sie konnten daher unter einander mit Spielen abwechseln, so dass unser Schauspielhaus an den bestimmten Tagen nicht verschlossen bleiben durfte. Aber nun hat das taglich anhaltende Fieber die Kraften eines Jeden so abgemattet, dass sie alle zum Spielen untauglich sind; alle Hofnung ist nun verloren, fernerhin Vorstellungen geben zu konnen. Der menschenfreundliche Direktor zahlt seinen Leuten schon seit einiger Zeit grosse Summen, ohne die geringste Einnahme zu haben. Endlich aber wird dieser brave Mann aus Liebe fur seine Familie gezwungen die Direktion vollig aufzugeben, um mit seiner kranken Gattin zu seiner Swiegermutter nach P... zu reisen. Hore seine vortreflichen Anstalten in einer Lage, wo jeder minder fuhlende Direktor gewis nicht so edel handeln wurde: Er liefert auf seine eigenen Kosten die ganze Gesellschaft bis Wien, giebt jedem noch sechs Wochen Gage obendrein, und empfiehlt sie der Vorsehung. Kann der wurdige Mann bei einem solchen starken Verlust mehr thun? O, es schmerzt mich unendlich, diese brave Familie verlassen zu mussen!

In wenig Tagen reisen wir alle zusammen von hier ab. Gott! wenn nur diese Reise schon ihr Ende erreicht hatte! Denke Dir einmal ein solches Haufchen kranker Leute zusammen, die alle durchs Reisen noch kranker zu werden befurchten mussen. Der Allmachtige moge unser Geleitsmann seyn! Ei, das ist doch argerlich! Schon wieder schaudert der Fieberfrost durch meine Glieder, und ich muss wegen starken Kopfschmerzen aufhoren mich mit Dir zu unterhalten. Kummere Dich nicht um meinetwillen, meine Freundin, es wird besser werden; ich habe seit einigen Tagen schon ausserordentlich viel China zu mir genommen.

So bald ich in Wien anlange, und mich nicht uberhaufte Geschaften daran hindern, erhaltst Du wieder Nachricht von meiner Gesundheit. Sollte sie sich noch mehr verschlimmern, so lass ich Dir durch jemand andern schreiben. Sey also ruhig, und liebe fernerhin deine arme kranke Freundin

Amalie.

CXXVIII. Brief

An Fanny

Meine Liebste!

Wirklich hat die Wiener-Luft meine Gesundheit vollig wieder hergestellt. Ich eile, um Dir diese gute Nachricht zu melden: Als ich hier anlangte, nahm ich mir fest vor, Niemanden meinen Schauspieler-Stand zu entdekken. Der Zufall leitete mich bei meiner Ankunft zu einer alten Obrists-Wittwe, bei der ich auf einen Monat ein Zimmer zu miethen suchte:

Diese alte Dame musste sich wegen eingeschrankter Pension mit Vermiethung solcher Zimmer abgeben; war aber ein Weib, das gute Erziehung genossen hatte. Uebrigens soll es ausser ihrer Gewohnheit gewesen seyn, je ein junges Frauenzimmer in ihr Haus zu nehmen, wie man mich versichert hat. Sie mag ihre Grunde gehabt haben, die vermuthlich darinn bestunden, damit kein Frauenzimmer von schlechter Lebensart ihr Haus in ubeln Ruf bringen mochte. Ich weis nicht, war es meine offene, glukliche Gesichtsbildung, oder was sonst; genug, die Dame liebte mich beim ersten Anblik, und nahm mich ohne das geringste Vorurtheil in ihr Haus. Sie drang in mich, um etwas genauer mit meinem Schiksal bekannt zu werden, ich hielt an mich so lang es mir nothig schien, bis ich ihr endlich meinen Schauspieler-Stand offenherzig eingestand, und sie mir versprach, ihn vor Jedermann geheim zu halten. Aber auch nur einige Wochen hielt sie Wort, und in weniger Zeit wurde der Direktor vom hiesigen Karnthnerthor-Theater Herr uber ihr Geheimnis. Ihm war um eine gute Schauspielerin zu thun, weil er eben im Begriffe stand mit einer neuen Gesellschaft seine Buhne zu eroffnen, und er ihrer sehr bedurfte. Die Dame und er wandten alle Schmeicheleien an, um mich zu einem Debut zu bereden. Man versprach mir glanzende Besoldung, und alle mogliche Vorzuge. Kurz, die zwei Leutchen drangen so lange in mich, bis ich endlich nachgab. Da ich aber den Gang der Wienerischen Kabale kannte, so handelte ich vorsichtig.

Hier ist es nicht gebrauchlich den Namen der Schauspieler auf den Anschlagzettel zu sezzen. Ich benuzte dies, und der Herr Direktor G..... durfte weder meinen Namen, noch weniger die Ankundigung meines Debuts darauf bekannt machen. Theils wollte ich das Publikum mit meinem Bischen Fleiss uberraschen, theils mochte ich mich keinem Vorurtheil Preis geben, das jeder von einer unbekannten Schauspielerin zum voraus hegt. Der Tag meines Debuts wurde festgesezt, die Stunde rukte heran; schon war der erste Aufzug des Schauspiels geendigt, und einige Mitspielende ausgezischt worden, als ich noch in tausendfacher Angst hinter den Koulissen harrte, bis die Reihe zu spielen an mich kame. Meine Rolle war kurz, aber in ihrem innern Werth eben so empfehlend, als mein ausserlicher Anzug. Ich stellte die Gattin eines Helden vor, die aus Leidenschaft fur ihren Mann in Mannskleidern bis ins Lager drang, um ihn aus der Gefangenschaft zu retten. Das Feuer, womit ich aus der Koulisse heraussturzen musste, verjagte auf einmal alle meine Furcht, und ich fuhlte mich in dem Augenblik ganz das, was ich vorstellte. Noch war mein erster Dialog nicht zu Ende, als mir Seine Konigl. Hoheit Prinz Maximilian ein lautes Bravo zuriefen, dem das ganze Publikum folgte, ohne dass eine Seele darunter meinen Namen wusste. Wenn je ein Beifall unpartheiisch war, so war es gewis dieser. Ware der Direktor ein besserer Wirth, so wurde es mir bei dieser Gesellschaft gefallen; der Mann hat Kenntnisse, und schazt die Kunst.

Was mit mir ferner geschieht, sollst Du bald horen von deiner Freundin.

Amalie.

CXXIX. Brief

An Amalie

Es scheint, meine Liebe, dass das Ungluk auch auf mich loszusturmen anfangt! Kaum erhielt ich die Nachricht von deiner Krankheit, so wurde auch mein Karl mit einem hizzigen Fieber uberfallen. Der arme Junge war dem Tode und ich der Verzweiflung nahe! Jesus Christus! wie ich da mit der aussersten Trostlosigkeit rang, als die Aerzte mir alle Hofnung seiner Herstellung absprachen! Hatte ich ihn verloren, den Mann meines Herzens, ein freudenloses, elendes, jammervolles Leben wurde dann meiner gewartet haben! Ich ware in der hauslichen Glukseligkeit an jedes Andern Seite zur armsten Bettlerin geworden! Denn ausser meinem Karl ist fur mich unter den Menschen keine Harmonie mehr; ob uns gleich das Schiksal noch nicht ganz vereinigt hat, so sind doch die wenigen Stunden, die wir izt schon mit einander verlebten, ein Vorgeschmak des Himmels, der uns einstens bei naherer Verbindung erwartet! O! diese Bilder der seligsten Zukunft waren dann durch seinen Verlust alle auf einmal zusammengesturzt! Ha! Ich wurde es nicht uberlebt haben!

Allgutiger! dir sey ewiger, inniger Dank gesagt, dass du mir ihn wieder schenktest! O, was der gute Junge in seiner Krankheit fur Engels-Geduld zeigte! Wie ich an seinem Krankenbette mit nassen Augen ganze Nachte durch wachte und alle seine Schmerzen doppelt fuhlte! Bei einem solchen Anlass kann der Werth eines guten Herzens am bessten erkannt werden. Da ist der Zeitpunkt, wo eine Geliebte durch tausend kleine Gefalligkeiten ihre Gefuhle an Tag geben kann. Selbst mein Karl sagte wahrend seiner Krankheit, dass die geringste Wohlthat in solchen Fallen dem Kranken Himmels-Wonne ware, die er von der gutherzigen Hand einer Geliebten erhielte. Noch ist er sehr schwach, der Gute, aber ganz ausser aller Gefahr, und grusst Dich herzlich.

Seippens Misgeschik, das Dir einen so guten Direktor entriss, hat uns Alle sehr gebeugt.

Gott! Wie sehr wunsche ich, dass Du des unbestandigen Theater-Lebens bald satt seyn und doch einmal mit Ernst auf eine andere Versorgung denken mogest. Das besste Theater-Schiksal ist doch fast uberall mit Galle und Gift untermengt, die der Neid auf eine oder andere Art einmischt. Du wirst vielleicht keinen Seipp mehr finden; und doch, meine Amalie, und doch, ungeachtet der unertraglichsten Beschwerlichkeiten, die dieses Leben mit sich fuhrt, nahrst Du noch in deinem Herzen einen leidenschaftlichen Hang dafur? Lass ab, meine Freundin, von diesen falschen Freuden des Beifalls, die meistens ihr Ende erreichen, so wie der Vorhang fallt. Wage das Bischen Schmeichelei mit den vielen Kabalen ab, die Dir bei jedem andern Theater drohen, und es bleibt Dir gewis nichts ubrig, als ein blutendes Herz, das die Bosheit zerfleischte! Die Theater-Sitten sind noch lange nicht das, was sie seyn sollten. Weh dem, der mit einem fuhlenden Herzen das Opfer dieser verdorbenen Sitten wird!

O, meine Freundin! wenn Du deine Leidenschaft fur die Buhne nach und nach zu unterdrukken trachtetest; wenn Du irgendwo einen Freund suchtest, der Dir ein ruhigeres, zufriedeneres Leben anbote, der Dich diesem Herumirren entzoge! wie gluklich warest Du nicht? Du bist zu empfindsam, um ferner die Mishandlungen, Ranke und Kabalen zu ertragen. Suche doch, meine Liebe, deinem Schiksal bald eine andere Wendung zu geben, und Du wirst um vieles beruhigen

Deine besste Fanny.

CXXX. Brief

An Fanny

Besstes Madchen!

Wie sehr bedauerte ich Dich, als ich vernahm, dass das unbarmherzige Schiksal Dir gedroht hatte deinen guten Karl zu entreissen. Ich kann mir den Kummer lebhaft vorstellen, den Du dazumal musstest gefuhlt haben! Wenn man seine ganze zeitliche Glukseligkeit auf einen einzigen Gegenstand sezt, und das Schiksal uns denselben zu entziehen drohet, ist es nicht, als ob wir einen Theil unseres Selbst verlieren sollten?

Aber nun muss ich Dich doch auch ein Bischen uber einen andern Punkt zanken: Was hattest Du denn dazumal fur eine abscheuliche hypochondrische Laune, als Du mir wegen meiner Leidenschaft furs Theater eine so derbe Lektion zuschriebst? Ist denn meine Leidenschaft so unheilbar, oder ist sie auf tollen Eigensinn gegrundet, dass du so kraftig daruber losziehest? So lange mir das Verhangnis keine bessere Bestimmung gonnt, so lange das Theater meine einzige okonomische Aussicht bleibt, muss ich ja diese Leidenschaft nahren, denn sie spornt doch immer den Fleiss an, der mir ausser ihr gewis mangeln wurde. Einem Stand, den man nicht andern kann, muss man doch wenigstens Ehre zu machen suchen. So reizend und lokkend meine Leidenschaft furs Theater auch immer ist, so beraubt sie mich doch bei ruhigen Stunden der Ueberlegung nicht. Ich sehe dann recht gut ein, dass sie mit der Zeit auf Kosten meiner Seelenruhe und Gesundheit in eitle Thorheit ausarten konnte. Auch nicht der Beifall des Publikums ist es, der mich in dieser Leidenschaft starkt. Er muntert mich zwar auf; aber ich sehe ihn nie fur eine hinlangliche Belohnung fur die Erduldung der grausamen Streiche des Neides an, denen jeder Schauspieler von seinen Nebenarbeitern ausgesezt ist. Meine innerlichen heftigen Affekte sind es, die diesen Hang in mir nahren, weil sie durch schwermuthige Rollen Anlass zum Ausbruch bekommen. Die Ergiessung meiner Melankolie verschafft mir dann jene Erleichterung, die meinem gepressten Herzen so nothig ist, worinnen so sturmische Leidenschaften toben! Kennst Du denn die Lebhaftigkeit meines Temperaments und meiner Einbildungskraft noch nicht genug? Kannst Du denn nicht begreifen, dass ich entweder auf der Buhne in einer Rolle, oder ausser dieser an dem Busen eines Freundes schwarmen muss? War ich denn je eine von jenen tragen Seelen, deren Gefuhl sich so willig in die engen Schranken ihrer frostigen Einbildungskraft einkerkern lasst? Meine Gefuhle sind feurig, sie haben sich emporschwingen gelernt, sie lassen sich nicht gerne einschranken, sie mussen Beschaftigung, sie mussen einen Gegenstand haben, woran sie sich halten konnen. Ehedessen war Liebe meine Hauptbeschaftigung, aber seitdem ich ihre Bitterkeiten kostete, ist es der Hang zum Theater geworden. So bald mir das Schiksal wieder einen andern Ausweg zeigt, will ich ihm ja gerne folgen. So viel, meine Freundin, verspreche ich Dir in die Zukunft! aber fur izt kann ich einmal nicht anders; ich muss noch eine Zeitlang bei der Buhne bleiben.

Das hiesige Theater ist nun vollig eingegangen. Eine fremde reisende Dame bot mir bis F... einen Plaz in ihrem Wagen an. Ich werde mitreisen, und mir dann bei dieser Gelegenheit einen andern Direktor suchen. Hier in Wien ist ohnehin keine fernere Aussicht fur mich mehr zu hoffen. Beim Nazionaltheater ist alles ubersezt, und zu einer kleinen Gesellschaft mag ich mich nicht anwerben lassen.

In F... soll sich dermalen ein guter Direktor aufhalten. Ein hiesiger, angesehener Mann, giebt mir ein Empfehlungsschreiben an ihn mit.

Lebe indessen gesund, Theuerste, und grusse mir Karln recht herzlich!

Deine Amalie.

CXXXI. Brief

An Fanny

Die Dame, mit welcher ich hieher reiste, ist eine unausstehliche Prozess-Kramerin. Sie hat mir den ganzen Weg uber nichts als von ihren Streitigkeiten vorgeplaudert. Ich musste alle nur mogliche Geduld zusammennehmen, um nicht aus dem Wagen zu springen; so sehr hat sie mir die Ohren voll geschrieen. Was das Weib noch uberdies ihre armen Dienstleute grillenhaft qualte, wie die guten Geschopfe immerfort von ihr geschimpft und gehudelt wurden, ist wahrlich unverantwortlich.

Nichts ist unertraglicher, als an der Seite einer gewissen Art adelicher Damen zu sizzen, die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod zu plagen im Gebrauch haben. Was man da fur ein Schreien, fur ein Gezanke, fur ein Gewinsel anzuhoren hat, wenn dem Schooshundchen oder der gnadigen Grillenfangerin etwas zustosst, und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind! O der belachenswurdigen Verzartlung dieser Thorinnen, die so gerne mit der lieben Natur hadern mochten, dass sie ihre bequemen Korper nicht nach einem andern Modell gebaut hat, damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den Burgerinnen gemein hatten. Granzenlos ist doch der weibliche Hochmuth! Der Himmel schenke unsern deutschen Damen bald mehrere Philosophie, damit sie aufhoren mit den Geburten ihrer undenkenden Kopfen ihre bedaurungswurdigen Untergebenen zu plagen.

Als wir in F... ankamen, empfahl sich die Dame; ich gieng in einen Gasthof, und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor, der mir sehr einsilbigt begegnete. So warm ich ihm auch immer empfohlen war, so kalt und herzlos empfieng er mich doch. Man hatte mir vieles von seinen Talenten, von seinen guten Umstanden gesprochen, aber niemand hatte ein Silbchen von seiner Unleutseligkeit erwahnt. Der kostbare Ton, womit er mir wahrend meines Besuchs nur abgebrochne Reden zufliessen lies, stieg mir gewaltig in Kopf, ich hatte grosse Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu geisseln, als wir plozlich unterbrochen wurden, und ich die Zimmerthure suchen musste, und zwar ohne ein Wort von einem Debut gesprochen zu haben. Der kleine spiznasigte Mann gab sich die ausserordentliche Muhe, mich bis an die Treppe zu begleiten; aber uberrascht von dieser direktorischen Gnade, verneigte ich mich auch bis zur Erde. Ich werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen, denn ein gewisser Direktor M..... aus A... hat meinen hiesigen Aufenthalt erfahren und mir gute Anerbietungen gemacht. Ich bin der ferneren Unthatigkeit mude, deshalben habe ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt, weil A.... nur ein Paar Meilen von hier liegt, und mich Herr M.... in seinem Kabriolet selbst abholen wird. Alle Stunden erwarte ich ihn. Ich bin doch neugierig, was es bei dieser Gesellschaft wieder fur allerlei Dinge absezzen wird.

Der Direktor ist zugleich Autor, und seine Gesellschaft soll keine der schlechtesten seyn. Diesen Brief schliesse ich erst nach seiner Ankunft, um Dir, nachdem ich ihn werde gesprochen haben, in etwas seinen Karakter schildern zu konnen.

Gestern ist M... gekommen; aber der Bursche hatte mir vom Halse bleiben konnen! Ware mein Koffer nicht schon in seinen Handen, und befurchtete ich nicht Verdrusslichkeiten, die fur mich daraus entstehen konnten, wenn ich den Kontrakt brache, den ich bereits unterschrieben habe, so wahr Gott lebt, ich wurde nimmermehr unter seine Gesellschaft tretten, so unverschamt hat mich der Bube beim ersten Besuche schon beleidigt. Urtheile von seinem Karakter aus folgendem Gesprache.

M..

Sind Sie, Madame, die Schauspielerin, die mit mir den Kontrakt schloss?

Ich

Ja, mein Herr, ich bin's. Und Sie sind vermuthlich Herr M....?

M..

Ja, meine schone Gottin! Und zur Bestatigung hier diesen Kuss... Sie gehoren izt ohnehin unter mein Kommando.

Ich

Sachte, mein Herr! Mit wem glauben Sie zu sprechen?

M..

Hm! Mit einem Theater-Frauenzimmer, wovon keine unerbittlich ist.

Ich

Und warum nicht?

M..

Weil diese Frauenzimmer an Galanterieen gewohnt sind, und meistens vom Direktor zuerst welche annehmen. Man weis ja, wie's bei den Theatern zugeht. Sie werden doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen?

Ich

Ja, mein Herr, das will ich! Und wenn Sie tausendmal schoner gebildet waren, als Sie wirklich sind. Ihre Kuhnheit hat meinen ganzen Stolz emport! Sie mussen ihren Reden nach immer saubere Waare unter ihrer Gesellschaft gehabt haben, die ihrer Zugellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl stunde. Schamen Sie sich, ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln!

M..

Ah! pah pah! Erziehung! Wir sind alle Menschen, und die meisten Weiber affektiren sie gar zu gerne, blos um desto besser geschmeichelt zu werden!

Ich

Herr M...., Sie werden immer beleidigender! Sie sind der grosste Wollustling, der mir je aufsties. Ihre Grundsazze sind die Sprache des lasterhaften Wizlings. Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin, daruber bin ich Ihnen keine Antwort schuldig; eben so wenig, als ich izt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe.

M..

Holla! Mein liebes Taubchen! Gewis irgendwo in Jemanden verliebt? Pfui! Sie mussen Ihren Ton beim Theater herabstimmen, er macht sie gar zu lacherlich.

Ich

Das kummert mich wenig! Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch immer ein schandliches Geschopf! Doch genug hievon! Wenn Sie blos gekommen sind dem Laster eine Moral zu predigen so belieben Sie mein Zimmer zu verlassen.

M..

Nicht so bose, mein schones Weibchen! Nicht so bose! Darf man Sie denn nicht lieben?

Ich

Herr! Sie haben eine Gattin; Sie haben Kinder; und doch...

M..

Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen, so jung auch mein Weib ist. Kommen Sie, liebes Weibchen! Kommen Sie; einen Kuss

Ich

Den Augenblik mir Ruhe gelassen! Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen! Und von dieser Minute an sey aller Kontrakt aufgehoben; ich reise nicht mit. Schikken Sie mir meinen Koffer zuruk!

M..

Ha, ha, ha! Das werde ich wohl schon bleiben lassen! Der Kontrakt ist izt einmal unterschrieben. Und was konnen Sie denn wider mich fur Klagen anbringen, wenn es zum Streit kommt? Haben Sie denn Zeugen? Sie werden also wohl die Gefalligkeit haben mitzureisen.

Ich

Eher mit dem Satan, als mit dir, tukkischer Bube! Zum lezten Mal! verlassen Sie mein Zimmer!

M..

Nicht eher, als bis ich weis, ob Sie mir Wort halten werden; sonst muss ich mich bei der Obrigkeit melden. Nun wollen Sie reisen, oder nicht?

Ich

Ich will nicht aber ich muss! Doch gewis nicht an Ihrer Seite, erst morgen im Postwagen.

M..

Wie's beliebt, Madame! Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugend nicht doch ihren Eigensinn zu preisen! Leben Sie indessen wohl, mein kostbares Weibchen! Gott! Was muss ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden! Verfuhrung, Spott, Grobheiten sind ihr Loos! Jeder lasterhafte Bube reibt sich an ihr! Jezt wird dieser Elende mein Feind werden. Ich werde unter seiner Direktion glukliche Tage zu erwarten haben! O unerbittliches Schiksal! wie lange, wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen.

Amalie.

CXXXII. Brief

An Fanny

Liebste, Besste!

Dass die Gesellschaft, unter der ich mich gegenwartig befinde, unter einer schlechten Direktion steht, wirst Du aus dem Gesprach mit dem Direktor geschlossen haben. Uebrigens ist sie zahlreich, aber darbend an guten Schauspielerinnen. Die Manner zeigen mehr Talent als die Weiber, und M.... spielt unter ihnen die lokkern Burschen-Rollen am bessten. Dass mich das Publikum gut aufnahm, kannst Du leicht vermuthen. Der Direktor scheut sich izt, mich mit offenem Blikke anzusehen. O Gewissen! wie beredt ist deine Stimme! Sein Weibchen ist mir sehr gut, und ihn qualt vermuthlich die Furcht an sie verrathen zu werden. Er muss sein unbesonnenes Betragen izt besser uberdacht haben. In dieser Ruksicht hatte ich also nicht Anlass uber seine Verfolgungen zu klagen. Aber sonst will mir die ganze Einrichtung nicht gefallen. Es ist gar zu argerlich, wenn so wenig gute Schauspielerinnen bei einer Gesellschaft sind! Man wird zu sehr mit Arbeit uberhauft, und dadurch entgeht dann einer Schauspielerin die Gelegenheit, mit einer andern in die Wette zu spielen.

Madame M.... spielt mit vieler Lebhaftigkeit Kammermadchen, listige Bauermadchen, lose Frauleins, u. dgl. Ihr Wuchs schikt sich ganz vortreflich dazu. Sie wurde in diesen Rollen mehr als mittelmassige Schauspielerin werden, wenn ihr Ton, ihr Wesen, ihr Gang nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fielen. Sie lasst die ausgelassne Dirne zu auffallend hervorblikken, und trift so selten zwischen zugelloser Wildheit und naivem Muthwillen die Mittelstrasse.

Madame K.... spielt ihre unschuldig leidenden Madchen auch nicht ganz ubel. Aber gar zu oft nur kalt und fluchtig. Sie arbeitet mehr aus Handwerk, als aus Lust, und karakterisirt unter funf Rollen kaum eine. Ihre Empfindung stunde ihr ziemlich zu Gebote, aber leider, wie so viele Schauspielerinnen, besizt sie einen zu leeren Kopf, um diese Empfindungen wahrend des Spiels zu benuzzen. Die Rollen, die ihr gerathen, gerathen ihr mehr aus Zufall und Theater-Festigkeit.

Madame L... g ist die elendeste Schauspielerin unter der Sonne! Ich begreife nicht, wie die Frau die Frechheit haben konnte, auf mehreren grossen Theatern zu debutiren. Doch Ungeschiklichkeit ist immer am kuhnsten, weil sie die Schwierigkeit der Kunst nicht einsieht. Zu Liebhaberinnen ware ihre Figur ganz artig, aber ausser dieser ist sie auf der Buhne ein bloser Kloz. Ihr schwabischer Dialekt, ihre falschen Tone, ihre unsinnigen, kauderwelschen, verdrehten Worte, die ihr der Menge nach entfahren, machen sie unausstehlich.

Madame J.... hingegen spielt Mutter und Heldinnen mit vieler Wurde und Feuer. Es entgeht ihr selten eine Stelle, worinn sie nicht Werth zu legen weis. Ihr Nachdruk hat Gewicht und ist gut angebracht. Kurz sie besizt Beurtheilungskraft, Kenntnisse und vielen Fleiss. In mancher Stelle dient sie mir zum Muster.

Die Uebrigen von der Gesellschaft sind zu unbedeutend, um ihrer zu erwahnen. Es werden hier viele gute Stukke aufgefuhrt, nur Herr M.... durfte uns mit seinen eigenen Wischen verschonen, die er blos aus Eitelkeit zusammenschmiert. Mit den moralischen Karaktern unserer Schauspielerinnen sollst Du im nachsten Briefe etwas naher bekannt werden. Fur heute tausend Kusse von

Deiner Freundin Amalie.

CXXXIII. Brief

An Amalie

Theure, gute Seele!

Wie war es Dir moglich, mich auch nur einen Augenblik zu verkennen? Wenn ich Dir die Beschwerlichkeiten des Theater-Lebens schilderte, so geschah es blos um Dich aufmerksamer zu machen, aber nicht um Dich zu zanken, da Du es bis izt noch nicht verlassen konntest. Ich sehe recht gut ein, dass es Dir annoch unmoglich ist, weil Dich das Schiksal daran kettet. Meine Bitte zielte nur dahin, um Dich aufzumuntern, Dich um eine andere Aussicht thatiger zu bemuhen. Ich bin versichert, dass deine Leidenschaft nicht unheilbar ist, im Falle Dir das Verhangnis eine annehmungswurdige gonnet. Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht er ist Dir in deiner jezzigen Lage sehr nothig. Wenn Dich aber der Beifall des Publikums bethoren konnte, wie sehr warest Du zu beklagen, weil eben dieser Beifall oft so schief, so ungerecht, und so vielem Wechsel unterworfen ist. Jedes Publikum hat seine Laune, und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und Kabale gestimmt.

In Teutschland haben wir nur wenig aufgeklarte Publikums, die im Stande sind Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schazzen. Der besste Schauspieler ist doch immer der Sklave des Publikums, von dessen Willkuhr er immer abhangt, er mag eine Buhne betretten, welche er will. Oft ist ein halb Duzzend herumschwarmender, prahlender Dummkopfe fahig das Vorurtheil wider ihn anzuhezzen; und ein Kunstler wird an einigen Orten eben so leicht ausgepfiffen, als dem grossten Esel geklatscht wird.

O meine Freundin, mochten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in den sanften Busen eines Gatten ergiessen konnen! Mochtest Du da wieder deine innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch verschwarmen konnen! Nein, ich hore nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden, bis der Allmachtige ihn erhort und erfullt. Ich weis recht gut, dass die Nahrung deiner Gefuhle, die Du in schwermuthigen Rollen geniessest, deiner Gesundheit schadlich ist. Sie unterhalt deinen Hang zur Melankolie, sie ergozt deine Einbildungskraft, aber sie schwacht deine Seelenstarke. Untersuche Dich selbst, und Du wirst finden, dass ich wahr rede. Allzu traurige Menschen sind fur Alles, was ausser ihrer Lieblings-Leidenschaft ist, unthatig. So viel zu deiner Anleitung uber diesen Punkt!

Jene Art von Damen, wie die eine war, mit welcher Du nach F... reistest, ist mir nicht fremde. Ich kenne mehrere dergleichen Narrinnen, die mit ihrer bissigen Zunge alles anpakken, was ihrem stolzen Hochmuth nicht behagt. Auch der stolze Direktor in F.... hat nicht so sehr Dich beleidigt, als denjenigen, der Dich ihm empfohlen hat. Lass Dich seinen Stolz nicht anfechten; es ist Schwachheit, die ihm Jedermann zur Last legt. Uebrigens soll dieser Mann die strengste Obsicht uber seine Leute halten; ein Verdienst, das dein jezziger Direktor nicht besizt. So viel ich aus deiner Schilderung sah, ist Herr M.... ein Weichling, der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen gewis nicht in der gehorigen Ordnung erhalten kann. Das Schiksal der Madame M.... ist unter den Schauspielerinnen allgemein. Die meisten taugen besser furs Niedrig-Komische, als zum Erhaben-Wizzigen; denn die wenigsten Schauspielerinnen haben Erziehung genug genossen, um jenen wurdigen Anstand, jenes bescheidene Wesen auf der Buhne zu behaupten, das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit erhoht, wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist. Es ist zum Erbarmen, wenn man die frechen, unverschamten Dirnen spielen sieht, die ihre pobelhafte, hassliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen konnen.

Auch Madame K.... hat viele Mitschwestern bei der Buhne, welche die gefuhlvollsten Rollen leichtsinnig, sinnlos, ohne Fleiss, unbestimmt, eintonig wie's Vaterunser wegplappern. Die naturliche Empfindung allein thut bei einer Schauspielerin nicht viel Wirkung, wenn sie nicht durch hinlangliche Kenntnisse unterstuzt wird. Eine gute Schauspielerin muss die Worte des Schriftstellers verstehen, sie muss bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne desselben lebhaft auszudrukken wissen. Gar zu wenig Schauspielerinnen verstehen, was sie sprechen. Sie gewohnen sich durch diese Uebung an eine Art selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamazion, und spielen alle Rollen nach der nemlichen Form. Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer andern guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel, einen leidenschaftlichen Uebergang, eine uberraschende Stellung oder so etwas dergl., und tauschen dann damit das gutherzige Publikum, troz ihren leeren Kopfen, die gar keine Originalitat in sich haben. Sobald aber der Kenner dieses grundlose Gebaude durchsucht, sturzt es vor seinem Blikke zusammen, weil es nach keinen Regeln der Kunst gebaut ist. Das ist leider der Zustand so vieler unserer nichtdenkenden Schauspielerinnen.

Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehort unumganglich Kopf, Lektur, Erziehung, Gefuhl, heftige Leidenschaften, sanfte Organen, starke Einbildungskraft, eine weiche empfangliche Seele, eine schone teutsche Sprache, gute Brust, Enthusiasmus fur Tugend, Hang zur Schwermuth, ein gutes Gedachtnis, Fleis, viel Beurtheilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nemliche Lage hineinzudenken! Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt, so ist sie keine gute Schauspielerin.

Siehst Du, meine Freundin, so sehr ich an Dir treibe, diesen Stand zu verlassen, so sehr schazze und verehre ich doch die Schauspielerkunst, und habe in etwas ihre Regeln studiert, ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben.

Madame L...g wurde auch besser thun, wenn sie bei ihrem Strikbeutel sizzen bliebe, als dass sie das Publikum nothigte des Aergers wegen Temperirpulver einzunehmen. Gerade ihre Dreistigkeit beweist, dass sie an Spott und Schande gewohnt ist, sonst wurde sie sich wohl huten, sich der Gefahr auszusezzen, uberall ausgepfiffen zu werden. Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in Leipzig. Leider streifen noch eine Menge solcher unfahigen Kunstmorderinnen zu Thaliens Schande, blos aus Nebenabsichten, von einer Buhne zur andern. Ihr glattes Larvchen, ihr Bischen Wuchs dunkt ihnen hinlanglich Verdienst; sie verlassen sich auf die Stimme der Wollust, und kummern sich wenig darum, ob auch Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden. Selbst einige dumme Direktors bestarken diese unverschamten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von sich selbst, indem sie wurdigern Schauspielerinnen, denen es an einem schonen Gesicht, an einer glatten Haut fehlt, Rollen entziehen und sie diesen Stumperinnen zum verhunzen uberlassen. Eine Schauspielerin braucht keine glanzende Schonheit zu seyn; wenn sie einen regelmassigen Wuchs hat, so kann ihr Gesicht vermittelst der Schminke fur den Vernunftigen Tauschung genug zuwegebringen. Wer mit dem nicht zufrieden ist, sucht gewis bei ihr Privat-Interesse.

Madame J.... hat auch meine ganze Achtung, weil sie die deinige hat. Ich kenne ihr Herz; es ist keines Neides fahig. Aber nicht wahr, Malchen, heute hab ich Dich gewis fur die etlichen Antworten entschadigt, die ich Dir lezthin schuldig blieb?

Mein Karl ist wieder ganz gesund; er kusst Dich mit mir.

Deine Fanny.

CXXXIV. Brief

An Fanny

Tausend Kusse, meine Liebe, fur dein schones Briefchen! es ist gar zu zierlich geschrieben! Dafur halte ich Dir aber auch heute mein Versprechen, und theile Dir die Bemerkungen uber die moralischen Karakter unserer Schauspielerinnen mit. Ich wurde diese Beschreibung gewis nicht unternehmen, wenn mir nicht mein Gewissen fur die Wahrheit burgte.

Madame M.... ist im Grunde genommen ein gutes Weibchen, die ihre Pflichten als Gattin und Mutter genau erfullt; nur fehlt es ihr an guten Grundsazzen, um aus Ueberlegung rechtschaffen zu handeln. Rollen-Neid zeigt sie gar keinen, aber desto mehr andere kleine Bosheiten, wodurch sie die ubrigen Schauspielerinnen ihre Direktrisen-Herrschaft fuhlen lasst. Sie besizt vielen naturlichen Wiz; aber ohne Kultur und Erziehung treibt sie ihn gar oft bis zur Unbescheidenheit. Von ihrem Manne wird sie auf die grausamste Weise mishandelt, und behauptet dann dabei eine Tugend, die so wenig Weibern eigen ist, wenn ihre Manner im Zorn sind, sie kann schweigen.

Madame K... s ist ein Fleischbrokken, der jedem zu Befehl steht. Ihre abscheuliche Sinnlichkeit granzt an die ausserste Verachtung, die ihr von den Mannern zu Theil wird, die sie kennen. Ihre Eroberungssucht, Eitelkeit, Eigennuz, u.s.w. fallen beim ersten Anblik dem Beobachter in die Augen. Ihr Mann wird wie ein Bube von ihr behandelt; sie drohet ihm mit Schlagen, wenn er es wagt uber ihren Lebenswandel nur die geringste Anmerkung zu machen. Da er einer von jener Gattung zaghafter Schwachkopfe ist, so geniesst sie bei ihrer Buhlerei die ungestorteste Freiheit. Ich habe doch in der Welt immer bemerkt, dass die allerdummsten Weiber allezeit die ausschweifendsten sind. So viel von diesem Karakter; und nun zur Madame L.... g.

Diesem Weibe wurde man im Umgang ihre Ungeschiklichkeit in der Schauspielkunst gar nicht anmerken. Sie weis recht artig zu plaudern, empfindet so gar zuweilen aus Buchern; aber alles verliert unendlich bei ihrer schwabischen Aussprache. Auch Koketterie sizt tief in ihrem Herzen; wahre Liebe ist ihr fremd, und bei allem dem ist sie auch die grosste Puznarrin im ganzen Orte. Aus Eitelkeit wirft sie ihr Nezchen aus, so lang es angeht, aber mit mehr kostbarer Ziererei und Verstellung, als eine ganz pobelhafte Buhlerin.

Madame J... hingegen entschadigt den Beobachter fur die ubrigen alle: sie ist ein braves soliddenkendes Weib, deren Denkungsart untadelhaft und rechtschaffen ist. Sie theilt ihre Beschaftigung zwischen Religion und Berufspflicht, und lebt in der gluklichsten, zufriedensten Ehe. Eine Menge ausgestandener Theater-Schiksale entzogen ihr jene Gluksguter, die sie ihres Talents und Fleisses wegen so sehr verdient hatte. Ungluk hat das gute Weib sanft und weise gemacht; sie fodert wenig vom Schiksale, und geniesst das Wenige mit reinem, vorwurfsfreiem Gewissen. Wie sehr verdient diese Edle alles Erdengluk!

Die ubrigen Weibsleute bei unserer Gesellschaft sind meiner Beobachtung ganz unwurdig. Ich wurde Dir auch etwas weniges von den moralischen Karaktern unserer Schauspieler schreiben, aber da ich keinen Umgang mit ihnen pflege, so ist es mir wohl nicht moglich sie genauer zu kennen. Die Stunde ist da; die Post wird abgehen; ich muss also schliessen, meine Fanny.

Lebe wohl!

Deine Amalie.

CXXXV. Brief

An Fanny

Nun so hat sich denn das Schiksal wider mich verschworen! So muss ich denn so oft wider meinen Willen von einer Buhne zur andern reisen?

Wer hatte denn izt diese geschwinde Veranderung wieder vermuthet, an der die Schurkerei eines schlechten Kerls Schuld ist? M.... hat seine Buberei vollendet, und ist vor einigen Tagen mit einigen unserer bessten Schauspieler entloffen! Die Veranlassung dazu war ein heftiger Streit mit seinem armen Weibchen und einer luderlichen Mezze von Figurantin, die ihn vermuthlich zu diesem Schritte verleitete. Der schandliche Bosewicht konnte sein Weib und seine Kinder dem Hunger und dem Elend Preis geben! Er konnte ein Haufchen von Menschen ins Elend sturzen, die sich auf diesen Schritt nicht vorgesehen hatten! Nun sizt sie da sein armes Weib, mit zwei noch unerzogenen armen Wurmchen, und wird von den Glaubigern ihres verloffenen Manns beinahe zerrissen! Gott im Himmel! Was ist das fur ein Anblik! Wenn nicht einige Menschenfreunde zu Hulfe eilen, so muss dies arme Weib zu Grunde gehen!

O Armuth! wie schroklich sind deine Folgen! Die Gesellschaft ist nun durch diese schlechte Handlung des Direktors ganz auseinander, und unfahig ferner fortzuspielen. Alle werden sich in wenig Tagein trennen; und mussen sich dann dem Ungefahr uberlassen, ob es ihnen bald wieder ein Stukchen saures Brod zuzuwerfen Lust hat!

Madame J... reist nach F....; wie weh thut es mir, diese wakkere Frau verlassen zu mussen! Was wird izt aus ihr, was wird aus mir werden? Zum Glukke ist meine Borse noch hinlanglich versehen, um nach W... reisen zu konnen, wo sich der Direktor N... aufhalten soll. Dann mag der Himmel ferner fur mich sorgen! O meine Theuerste! Nun fange ich an, die Last eines unbestandigen Theater-Schiksals ganz zu empfinden! Und dennoch muss ich diese Last noch tragen; dennoch muss ich ein Leben fortfuhren, wobei man aus Nahrungssorge, Gram und Kummer lebendig vermodert!

Bei meiner Ankunft in W... schreibe ich Dir gleich, damit Du ausser aller Sorge seyn mogest. Wie geht es mit Karls Gesundheit? Schreibe mir doch auch wieder etwas von ihm!

Gottes Segen uber Dich, holdes Madchen, bis zu fernerer Nachricht von deiner bessten

Amalie.

CXXXVI. Brief

An Amalie

Ha! meine Freundin! Dein Kummer ist ein Schatten gegen dem meinigen! Mein Karl! O mein Karl ist gewis auf ewig fur mich verloren! Ein niedertrachtiger Ehrenschander hat es in seiner Gegenwart gewagt, meinen guten Namen anzutasten! Du kennst seine feurige Liebe fur mich; die Hizze seines Temperaments riss ihn hin, und ein ungluklicher Zweikampf machte ihn zum morderischen Fluchtling! Gerechter Gott! Wie der arme Gebeugte beim Abschiede mit zitternder Angst an meinen Lippen hieng! Wie dann meine Thranen ihn fast erstikten! Er wollte nicht weichen von meinem Busen, hatte ihn mein Bruder nicht mit Gewalt weggerissen!

O Ehre, wie barbarisch sind deine Begriffe! Du musst deine Vertheidigung im Blute deines Nachsten suchen! Ist denn ein Verlaumder, ein Ehrenschander, ein schlechter Kerl noch so viel werth, um das Leben eines ehrlichen Mannes, die Ruhe einer Geliebten seinetwillen aufs Spiel zu sezzen? Sollte nicht die Obrigkeit mit der strengsten Strafe dergleichen Ehrendieben drohen? Warum zuchtigt man bose Mauler nicht durch offentliche Schande? Der ruhige Biedermann hatte dann nicht nothig sich mit solchen Ehrenbanditen zu beschmuzzen. Und gerade meinem armen unschuldigen Karl musste so ein elender Bube aufstossen? Er, mit seinem edeln, gefuhlvollen Herzen, wurde gezwungen Blut zu vergiessen, musste seine Fanny auf Kosten seines Lebens vertheidigen! O mein geliebter Karl, wie elend hast Du uns beide gemacht! Noch lebt der von ihm Verwundete, aber jede Stunde droht ihm Tod und meinem Karl Verbannung! Stirbt der Elende, dann hin ich verloren! dann ist an Karls Rukkehr nicht mehr zu denken. Dann ist er fur mich dahin, der besste Gatte, der vor Gott schon lange der meinige war!

Ha! Amalie! Die Leiden der Trennung drukken schwer, aber die Leiden einer hofnungslosen Liebe drukken noch schwerer! Du kennst meine Verfassung; kann ich ihm wohl nacheilen? Kann ich eine Familie verlassen, deren einzige Hofnung ich noch bin? O die Liebe ist allgewaltig! Ja, ich kann's, ich will's, ich muss, ich werde ihm nacheilen! Stirbt der Verwundete, dann halt mich nichts mehr auf! Um meinetwillen ist er fluchtig! Um meinetwillen irrt er izt in der Welt herum! Mir kommt es zu, ihn zu trosten, seinen Jammer zu lindern! Er soll mich wiedersehen, es ist mir Pflicht, einem Geliebten zu folgen, der ohne mich dahinwelken wurde!!!

Fanny.

N. S. Lies beigeschlossnen Brief vom armen Karl!

Weib, meiner Seele! Du einzige Geliebte meines Herzens! Massige um Gottes willen deinen Kummer, trokne deine Thranen! Erhalte deinem armen Karl eine Gattin, die vor den Augen Gottes mit ihm vermahlt ist!

Schroklich ist zwar unser Schiksal, dass wir entbehren mussen die Seligkeiten eines Umgangs, der uns beide so himmlisch entzukte! Noch fuhle ich die Warme deines Busens, wenn er an den meinigen gelehnt mir Glukseligkeit zuklopfte! Sie sind verschwunden diese Stunden der granzenlosesten Glukseligkeit! O meine Fanny! Wann wird dein armer Fluchtling Dich wiedersehen? Wann wird er Dich wieder an dies Herz drukken konnen?

Ha! Ich bin ein Elender! Noch rauchen meine Hande vom Blut! Noch hore ich den todtblassen Gegner zu meinen Fussen rocheln! Weh mir! Ich wurde unschuldig zum Morder! Dass doch der unglukselige Verlaumder mein Temperament reizen musste! Dass er Dich Engel so schandlich beleidigen musste! Nur ein Bosewicht oder ein Nebenbuhler kann die Ehre eines rechtschaffenen Madchens so teuflisch verdachtig machen! Du meine Gattin, mein Stolz, mein Alles, Dich hatte ich sollen so erniedrigen lassen? O bei Gott! die blose Erinnerung gluht mir wieder durch alle Adern!

Sey mir willkommen Verbannung! Sey mir willkommen! Ich dulde dich gerne, um meiner Gattin willen, die mir auch ins Elend folgen wird! Willst Du? Willst Du Edle, einem Gatten folgen, der ohne Dich nicht weiter an dieses Leben gefesselt seyn will? Ich kenne Dich, gottliches Madchen! Liebe ist die einzige Triebfeder deiner Seele! Du kannst deinen Karl nicht elend machen!

Wenn diese Hofnung mich Ungluklichen nicht belebte, ich wurde mein Schiksal verfluchen!

Lass mich bald wissen, Theure, ob Du mir folgst, oder ob ich wieder zurukkehren darf in deine Arme? Gott! wie schroklich ist es, wenn lebhafte Menschen auf solche entscheidende Nachrichten harren! Dein ungluklicher, ewig Dich liebender

Karl ***.

CXXXVII. Brief

An Fanny

Arme Freundin!

Entsezzen uberfiel mich bei der Nachricht deines Ungluks! Gott! Wenn Dich nur deine Leidenschaft zu keinem ubereilten Schritte verleitet! Wenn Du nur nicht etwa unbesonnener Weise den Armen deiner Familie entfliehst, ohne wenigstens deinen guten Bruder zum Vertrauten gemacht zu haben! So jung er ist so ist er doch Mann, und wird Dir und deinem Karl Gutes rathen. Hat dieser Brief das Gluk Dich noch anzutreffen, o dann beschwore ich Dich bei meiner Liebe, uberlege alles wohl zum voraus! Karl liebt Dich zu feurig, um in der Hizze jener Ueberlegung fahig zu seyn, die fur euch beide so nothig ist. Ist denn eine kurze Entfernung nicht leichter zu ertragen, als eine Reihe Jahre voll Durftigkeit, die ein unuberlegter Schritt euch zuziehen konnte? Sey vernunftig, meine Liebe! Ueberlass Dich keinem Taumel, der Dir Reue bringen konnte. Freundin! Ich muss Dir in diesem Augenblik hart scheinen! Aber ich bin es nicht! so wahr Gott lebt, ich bin es nicht!

Liebt euch, ihr Edeln! Liebt euch auf immer! Aber baut euere Liebe auf Aussichten fur euere kunftige Ruhe. Dein Karl soll auch nur der geringsten Einkunften gewis seyn dann folge ihm. Aber beide als Fluchtlinge herumirren, sich jedem Zufall Preis geben, die schroklichsten Folgen der Armuth ertragen; wolltest Du das? Konntest Du das? Kaum kann ich deine Antwort abwarten, so sehr jammert mich dein Zustand! Reisse mich so geschwind als moglich aus dieser angstvollen Ungewisheit!

Von einer sehr beschwerlichen Reise abgemattet, kam ich vor einigen Tagen in W... an.

Direktor N.... und sein Weibchen sind herzgute Leute, aber in sehr misslichen Umstanden. Der gute Mann hat es mit einem ausserst undankbaren Publikum zu thun, das seine Verdienste nicht zu schazzen weis. Er besizt als rechtschaffner Mann nicht die eintragliche Gabe in Vorzimmern herumzukriechen und dem hiesigen Adel den Staub von den Fussen zu lekken. Wenn der Kunstler sich zu so einem Geschaft erniedrigen konnte, wo bliebe denn der Werth seiner Kunst? Die Matresse aus Kabale und Liebe wurde von mir zur Debut-Rolle gewahlt. Noch keine Rolle kostete mich so viel Kopfanstrengung, um den feinen, feurigen Sinn eines Schillers zu studieren, als diese. Aber auch noch keine Rolle spielte ich mit so vielem Vergnugen. Selbst das Publikum empfieng mich mit weit grosserm Enthusiasmus als sonst in andern Rollen. Im grossen Monolog, wo Lady dem Ferdinand ihr Schiksal erzahlt, gab ich mir alle Muhe die Situazionen mit gehoriger Abwechslung zu malen. Du kennst das Stuk und sagtest mir selbst schon, dass eben dieser schone, lebhafte Monolog von so vielen Schauspielerinnen kaltblutig geradebrecht und eintonig, sinnlos dahergeraunt wurde. Dieses Vorwurfes glaubte ich mich schuldig gemacht zu haben, bis Direktor N.... mit der feurigsten Entzukkung eines Kunstlers mir aus den Koulissen lauten Beifall zurief! Immer genug fur einen Direktor, die sonst aus Eigennuz nimmer gewohnt sind ihren Untergebenen Zufriedenheit merken zu lassen!

Die Aufmunterung dieses kenntnisvollen Mannes war mir mehr Belohnung, als der Schall eines Publikums, dessen Triebfedern oft nicht die richtigsten sind. Schade, dass der brave N.... in keinen bessern Umstanden ist, die mir fur fernere Aussichten burgten; nie wurde ich diese Gesellschaft verlassen!

Die Nothwendigkeit zwang mich in dieser Ruksicht an den Direktor K.... nach St.... zu schreiben. Von seiner Antwort hangt nun das kunftige Schiksal deiner Freundin ab.

Amalie.

CXXXVIII. Brief

An Amalie

Meine Freundin!

Wie doch der gefuhlvolle Mensch in seinen leidenschaftlichen Augenblikken so hofnungslos larmen kann! Der Gram zeigt ihm in seiner Begeisterung den Abgrund schon offen, noch eh er sich geoffnet hat. Aber auch nur liebende Menschen sind im Ungluk zaghafter als andere, weil diese Hauptleidenschaft die geschwindeste und starkste Zerruttung in ihrem Gehirne anrichtet!

So gieng es gerade mir. Ich bin eine von jenen Schwachen, die sich immer das Aergste traumen! Wo bleibt doch mein Zutrauen in die Vorsehung? Vergieb mir, gutes Weibchen, wenn ich Dich durch meinen leztern Brief zu sehr angstigte! Das Ungluk kam zu uberraschend, um mir jene Fassung zu lassen, deren ich bedurft hatte. Doch dir, o Menschenbeherrscher, sey's gedankt, dass du mir mit meinem Karl auch meine Ruhe wieder schenktest!

Der Verwundete starb nicht; die Sache blieb geheim; und mein einziger, besster Karl wird in wenig Tagen wieder in meine Arme fliegen! Feurig will ich ihn dann an mein Herz drukken und aufrufen: Ich habe dich wieder!!! Ich habe dich wieder!

Diese wenige Wochen seiner Abwesenheit dunkten mir eine schroklich lange Ewigkeit zu seyn! So sehr bin ich an den Umgang dieses Lieblings gewohnt, dass es mir eine Unmoglichkeit scheint ihn jemals entbehren zu konnen. Wie kann es doch Eheleute geben, die einander zur Last werden konnen? Eine Verbindung, die auf gutes Herz, Rechtschaffenheit, Vernunft und wahre harmonische Denkungsart gegrundet ist, hat ja keine Flitterwochen. Wie konnen die Reize eines denkenden Mannes in den Augen eines denkenden Weibes ihre Neuheit verlieren, wenn eben dieser Mann durch tausend hausliche Gefalligkeiten, durch sein gutes Herz, durch seine Nachsicht diese Reize alle Augenblikke auszudehnen und zu erneuern weis? Die Empfindsamkeit eines denkenden Weibchens muss dann aus Dankbarkeit gegen ihren Gatten auf die nemliche Weise handeln. Ketten sich denn nicht solche Herzen mit der seligsten Zufriedenheit immer mehr und mehr zusammen? Selbst das Sinnliche unter zwei denkenden Eheleuten verliert seine Neuheit nicht, weil Denken seinen Gebrauch zu verfeinern weis. Es gab eine Zeit, wo mir eheliche Glukseligkeit unbegreiflich war; wo ich blos nach dem Beweis so vieler misrathenen Ehen urtheilte; wo mir diese Sprache Romanensprache dunkte. Aber nun bin ich anders uberzeugt, und werde von nun an jedem denkenden Madchen zurufen: Suche dir einen Gatten, der mit dir empfindet, der der Wiederhall deines Herzens ist, und der dich verstehet!

Bald, meine Amalie, hoffe ich mit meinem Karl auch vor der Welt vereinigt zu werden. Stosst dir dann einstens wieder ein guter Junge auf, o so folge doch meinem Beispiel!

Ist es moglich! Also auch der gute Direktor N.... erlebt in dem traurigen W... das Schiksal so vieler Kunstler? Pfui der Schande, dass Durftigkeit und Verfolgung gemeiniglich Belohnung der bessten Talenten ist! Aber der Adel muss sich selbst zuerst auszeichnender aus der Dummheit herausschwingen, wenn er Verdienste will zu schazzen wissen.

Nicht wahr, Amalie, Du meldest mir doch bald, wo Du Dich hinzuwenden gedenkest, und glaubst mich doch immer

Deine unveranderliche Freundin

Fanny.

CXXXIX. Brief

An Fanny

Dein lezter Brief hat mich wieder ganz beruhigt, und ich kann Dir izt mit aufgewekterem Kopfe von meinem kunftigen Schiksal sprechen. Dann magst Du dieses Schiksal an der Seite deines Karls durchdenken, durchlesen, und mir sagen, was Du davon haltst! Gieb indessen deinem Karl ein recht warmes Maulchen fur mich, Du liebe Schwarmerin, wenn Du ihn wieder an deiner Seite hast! Und nun hore!

Mein guter Direktor N... steht vollig auf der Neige. Zum Glukke bieten sich mir gerade zu rechter Zeit Aussichten in St... an, die zwar mit einigen Bitterkeiten verbunden sind; aber da mir wohl keine andere ubrig bleiben, so muss ich sie wohl annehmen. Dass nun diese Aussichten nach meinem Wunsche ausfallen werden glaube ich schwerlich; denn die Briefe dortigen Direktors K.... beweisen mir gerade das Gegentheil.

Erstlich rasonniert Herr K.... erzgrob gegen ein Frauenzimmer in seinen Briefen; er scheint mir daher besser zum Stallknecht als zum Direktor zu taugen. Zweitens dunkt er mir ein eigennuzziger Dummkopf zu seyn, der so wie viele andere die Sinnlichkeit des Publikums zu befriedigen sucht.

"Madame, wenn Sie nicht recht gut gewachsen sind, so kommen Sie ja nicht zum Debut!" So lauten die Worte dieses Grobians der sich schon zum voraus als Oberaufseher eines Lustnimphen-Chors zeigt. Ware in meiner Lage guter Rath nicht so theuer, ich wurde mich nie zu diesem Niedertrachtigen begeben haben. So viel Mistrauen er auch immer in mein Talent sezt, so kummert mich doch sein Gewasche nicht im geringsten, und ich wage es kuhn auf den blosen Debut nach St.... zu reisen. Gefalle ich dem Publikum, so bin ich angeworben; gefalle ich ihm nicht, so verliert der Direktor die Reisekosten und ich meine weitere Aussicht.

So weit gienge nun meine Entschliessung, die Du nach beiliegendem Brief selbst billigen wirst, der mir von dem guten ungluklichen N.... geschrieben wurde. Mein kunftiges Gluk hangt nun vom Zufall ab; willst Du fur mich indessen ein Paar hohle Seufzer zur Gottin Thalia schikken, damit sie die Laune des Publikums zu meinem Vortheil stimmt, so magst Du es immer thun. Ob deine Seufzer erhort worden oder nicht, sollst Du im nachsten Briefe erfahren. Bei meiner Ankunft schreibe ich Dir gleich. Uebrigens bin ich wie allezeit dein ergebenes, aufrichtiges

Beilage zum vorhergehenden Briefe.

Madame!

Wie leid thut es mir, Ihre Theater-Verdienste nicht fernerhin nach meinem Willen belohnen zu konnen! Es schmerzt mich unendlich, eine so wurdige Schauspielerin entlassen zu mussen. Sie kennen meine Achtung fur Ihre Denkungsart und Talente. Bedauern Sie die elende Verfassung eines Mannes, der sich alle nur mogliche Muhe gab, seine Gesellschaft nicht eingehen zu lassen, und dem seines Fleisses ungeachtet jede Hofnung einer kunftigen Aussicht fehlschlug. In verschiedenen Stadten ist mir die Erlaubnis zu spielen nicht ertheilt worden. Bin ich nun nicht zu der Aufhebung meiner Gesellschaft gezwungen, da ich es bei der geringen Unterstuzzung des hiesigen Adels nicht langer mehr an einem Orte aushalten kann, wo man mich mit Gewalt zu sturzen sucht? Die Damen trieben es so weit, dass sie zusammen schwuren, meine Buhne mit keinem Fuss mehr zu betretten. Und warum? Lachen Sie nicht, Madame! Es herrscht in kleinen Stadten unter den Damen eine gewohnliche Seuche, die Burgerinnen um ihres Anzuges willen gar grimmig zu verfolgen.

Meine Frau ist die Tochter eines hiesigen Burgers. Seitdem Sie an meiner Seite Schauspielerin wurde, tragt sie etwas modernere Kleidung, als vorhin, die denn freilich mit geringen Kosten ihren Korper besser zieren, als der buntschakkigte Puz einer solchen kleinstadtischen Mode-Aeffin. Diese boshaften Thorinnen sind es, die einem ehrlichen Manne um einer Bettelei willen den Untergang zugedacht haben! Hatten Sie wohl je bei adelichen Damen aus beleidigter Eitelkeit so eine kleine Handlung vermuthet? Wahrlich eine lobenswurdige Kultur herrscht in der Reichsstadt W.... unter den Weibern.

Verzeihen Sie, Madame, wenn ich nicht den Muth hatte, Ihnen Ihre Entlassung mundlich zu melden. Ersparen Sie mir Ihren fernern Anblik; es wurde mein Gefuhl zu sehr reizen, eine Schauspielerin von Ihrer Gattung entbehren zu mussen. Reisen Sie gluklich, von Leuten gesegnet, die Sie gewis schazten. Das wunscht Ihnen meine Gattin nebst mir, der ich mit aller Hochachtung immer seyn werde,

Madame,

Ihr ganz ergebenster Diener,

N...

CXL. Brief

An Fanny

Meine Theuerste!

Die Gesellschaft, die ich im Postwagen bis hieher hatte, war nicht merkwurdig genug, um Dir etwas ausgezeichnetes davon sagen zu konnen; also muss ich wohl blos bei St.... stehen bleiben. Aber, wie ich es zum voraus vermuthete, der Direktor bewies mir beim ersten Anblik die Leere seines Kopfs, und seine wichtige Miene kurzte meinen Besuch ab. Was mag denn diesen Mann so aufgeblasen machen? fragte ich in einer Gesellschaft, in die ich eben eintrat. Dann schrieen die anwesenden bosen Weiber mir entgegen:

"Seine Borse ist seit einiger Zeit durch die Gutherzigkeit der treuen Ehehalfte so gespikt worden, dass er nun nicht mehr nothig hat als Hanswurst mit dem holzernen Degen Possenstreiche zu machen. Ein reicher Kauz schoss ihm Kapitalien vor, verschrieb Leute, und gab aus Empfindsamkeit dem ganzen Theaterwesen bald ein anderes Ansehen. Nun tragen die Schauspieler keine papiernen Manschetten mehr, wie ehedessen und die Schauspielerinnen durfen in keinen wollenen Kleidern mehr ihre Rollen aus Aerger verhunzen. Aber wie dergleichen Leute es nun machen (fuhren die plauderhaften Frau Basen fort) wie sie es nun machen; sobald sie ein Bischen fliegen konnen, flattern sie dann wieder andern Eroberungen entgegen. So machte es gerade unsere Direktrise auch. Ihr fluchtiges unbesonnenes Temperament, womit sie sogar durch ubles Beispiel die Verfuhrerin ihrer eigenen Kinder wurde, riss sie bald wieder von dem reichen Kauzen weg und aus Zufall fiel sie dann in einer starken Erhizzung ganz ohnmachtig in die Arme eines Tanzers. Sie sollten diesen Gekken nur erst kennen! Er stinkt vor Hochmuth, tragt eine Eselsnase, womit er zu riechen vorgiebt, dass alle Frauenzimmer in ihn verliebt seyn mussen. Er soll auch dabei ziemlich brutal seyn, und unsinnig uber alles wizzeln, was ihm aufstosst ob er gleichwohl der grosste Dummkopf von der Welt ist." Die geschwazzigen Dingerchen hatten Lust mir noch mehr ins Ohr zu sagen, aber ich musste mich entfernen, um der ganzen Gesellschaft meinen Besuch abzustatten.

Ganz naturlich wies mich die Etikette zuvorderst an die Thure der ersten Favoritin des Direktors. Da fand ich dann ein runzlichtes, eingefallenes, uberschminktes, gelbhautiges Ding, das mich mit ziemlich spottischem Nasenrumpfen empfieng. Die schwarzen buhlerischen Augen bestattigten den schlechten Ruf, den ich in einigen Landern schon von diesem Geschopf gehort hatte.

Bei meiner Durchreise in D.... sagte man mir, dass sie wegen ihrer Buhlerei mit dem dortigen Landesfursten von seiner Gemahlin, nebst der ganzen Schauspielergesellschaft, seye fortgejagt worden; und seither darf auch keine Schauspielergesellschaft mehr an diesem Orte spielen.

Auf der Universitat E... soll ein neunzehnjahriger Jungling in seiner lezten Stunde ihr Bildnis in Stukke zerrissen haben, weil sie ihm hinlangliches Gift mitgetheilt hatte, um ins Elysium hinuber zu segeln. Mehrere solcher Historchen hat man mir auf meiner Reise von ihr erzahlt. Mein Herz war schon mit Abscheu angefullt, noch eh ich sie sah. Sie schwazt recht artig von der Theaterkunst; stellt sich aber dabei so albern, ziert sich so hochmuthig, ist so verschlossen fur Gefuhl und Ehre, dass man sie bei der ersten Unterredung hassen muss. Ich wette tausend gegen eins, in Koketten- und buhlerischen Rollen ist sie Meisterin.

Von da gieng ich zur Madame ....; ein Weib, die von Eigenliebe strozt, und die ziemlich boshafte, neidische Launen haben mag. Ihr ganzes Wesen verrath Mangel an Bildung und Erziehung. So faul und kalt sie auch immer scheint, so hat sie demungeachtet ein ziemlich spizziges Zungelchen, ihre Nebenschauspielerinnen durchzuhecheln.

Nun fuhrte mich mein Weg zur Mademoiselle ...., einem erzdummen Ganschen von der ersten Gattung. Sie affektiert heuchlerisch die Tugendhafte und soll doch ihre ganze Garderobe von ihren Anbetern erhalten haben. Wie das zugieng das mag ich nicht untersuchen geht mich auch nichts an.

Endlich zur Madame ....; ein Weib, die in ihrem Betragen mehr einem Grenadier ahnelt, als einer Dame, wofur sie sich ausgiebt. Sie hatte einen franzosischen Windbeutel geheirathet, der sie hernach sizzen lies. Sie hat im Gebrauch, ziemlich von ihren Verdiensten zu schwadronnieren rasonniert von der Schauspielkunst wie eine blinde Kuhe zeigt ihre Garderobe jedem der sie besucht ist falsch verlaumderisch, pobelhaft und affektiert die Vielwisserin.

Von den ubrigen Frauenzimmern weis ich nichts zu sagen weil ich keine weiter besuchte. In einigen Wochen soll ich debutiren; bis dorthin bekomme ich Anlass mehrere Beobachtungen zu machen. Unterdessen verbleibe ich deine Dich auf das zartlichste liebende Freundin

Amalie.

CXLI. Brief

An Fanny

Diesmal, liebes Madchen, lasst Du mich gar zu lange auf Nachrichten warten! Was mag wohl die Ursache seyn? Ist etwa Dir oder deinem Liebling wieder ein neues Ungluk zugestossen? Nicht doch! dann hatte ich ja schon Briefe! Unglukliche Botschaften laufen geschwinder als andere; und diese Grille soll mich nun nicht in meinen ferneren Beobachtungen storen.

Jezt kann ich Dir, meine Liebe, die Theater-Talenten der ganzen hiesigen Gesellschaft schildern. Ich habe sie schon alle spielen gesehen, und Madame K.... soll mir zum Anfang dienen.

Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen, die ihr gefallen, sie mogen ihr passen oder nicht. Ihr eigentliches Fach ware naive Madchen und Soubretten. Bliebe sie dabei, so konnte ihr kein Kenner seinen Beifall versagen, den er ihr unstreitig in Trauerspiel-Heldinnen versagen muss. Sie besizt weder Brust, noch Kraft, noch Organen zu einer feurigen Trauerspiel-Heldin. Selten errath sie den Sinn des Dichters, und noch seltener die Natur einer Situazion. Alle Rollen von dieser Art werden von ihr durchgeheult, durchgeschluchzt, und durchgrimassiert. Man mochte bei ihrem unausstehlichen Geraunz, womit sie vom Anfange bis zum Ende die Ohren der Zuschauer martert, davon laufen. Diese Einformigkeit der Deklamazion beweist, dass sie solche Rollen ohne Kenntnis spielt. Ihr Bischen Gefuhl, das nur von Zeit zu Zeit hervorblikt, liegt in dem Bau ihrer Nerven, und ihr Herz kann unmoglich Theil daran haben, sonst ware sie nicht aufgelegt, in der Zwischenzeit hinter den Koulissen die ausgelassensten Schakkereien zu treiben. Eine enthusiastische Schauspielerin, die mit geruhrtem Herzen spielt und deren Seele Antheil an dem Spiel nimmt, kann da, wo die Leidenschaften in der feurigsten Gahrung sind, keiner entgegengesezten Zerstreuungen fahig seyn sonst ist sie nicht gute Schauspielerin aber wohl eine bezahlte Komodiantin, die dem Publikum Scheingefuhl auftischt. Genug hievon!

Nun zur Madame E..., die sich ebenmassig von einer unerhorten Rollenwut beherrschen lasst, da sie doch den wenigsten gewachsen ist. Das muss man ihr indessen nachsagen: sie spielt ihre Koketten mit einer Gewisheit, mit einer Uebung, mit einer Frechheit, mit einer kalten Fuhllosigkeit, mit einer verschmizten Bosheit, mit einem heuchlerischen Eigennuz, mit einer kunstlichen Eroberungs-Sucht, mit einem gebrandmarkten Herzen, so gut als man es nur von der Natur eines solchen Karakters fodern kann. Auch einige karakterisirte Konversazions-Rollen gerathen ihr. Besonders wenn Verstellung, Stolz, oder Neid darinnen liegt. Hingegen verhunzt sie in allen gutartigen Rollen jede einzelne Stelle, die Gefuhl ausdrukt; in Trauerspielen ist sie ganz und gar nicht zum Ansehen, noch zum Anhoren. Jede moralische Empfindung der Liebe oder Tugend wird von ihr so steif, so antheillos, so unempfunden dahergesagt, dass es Jammer und Schade fur die gefuhlvollen Arbeiten eines Autors ist, wenn sie in ihre Hande fallen. Ihre Deklamazion in Trauerspielen besteht aus hunderterlei singenden Mistonen, wobei ihr in den Hauptaffekten das moralische Gefuhl und ihre schwache Brust jeden Dienst zur richtigen Vorstellung versagen. Ich sah sie die Konigin im Macbeth spielen; aber mit solchem zusammengefrornem Herzen, mit solcher Monotonie und mit solcher unverschamten Dreistigkeit habe ich noch niemalen eine Konigin spielen gesehen. Bei dem Auftritt, wo die Gewissensbisse die Konigin unruhig umhertreiben; wo sie mit der Todesangst kampfend in das schon halb angebrannte Zimmer sturzt und zu dem Allmachtigen um Barmherzigkeit fleht kam Madame E... ganz flegmatisch hereingeschlichen, beugte ihre Kniee sehr gemachlich zur Erde, hob ein halb lachelndes Gebet an, gerade so eiskalt, so zuversichtlich, so hochmuthig, wie eine unverschamte Kokette, die am Rande des Grabes sich noch in den Himmel hineinzubuhlen sucht. Hab' ich Dir nicht schon einmal gesagt, dass der sittliche Wandel bei einer Schauspielerin fur den Kenner auf der Buhne in entgegengesezten Rollen ausserst hervorsticht? Hier hast Du nun den wahren Beweis an dieser Madame E....

Jezt also weiter zur Madame P..., einem langen hagern Bilde von einem Weibe, die, ihrer Figur nach, wohl Mutter und ansehnliche Frauen spielen konnte, wenn ihre trage Seele nicht an der Schlafsucht krankelte. Sie ist in ihren gefuhlvollen Rollen noch weit weniger als eintonig, weil ihr das naturliche Flegma und die so sehr angewohnte Faulheit kaum erlaubt, fur den Zuschauer vernehmliche Worte uber die Zunge zu stossen. Nicht einmal den doch sonst gewohnlichen Handwerks-Eifer besizt sie, ihre Rollen gut zu memoriren. Wurden dann von ihr die Rollen auch noch so unsinnig deklamirt, so ware es doch weit ertraglicher zu horen, als jener schleppende Ton, womit sie jede Silbe Ellen lang ausdehnet. Sie versteht weder Pausen, noch weniger einen Uebergang der Leidenschaften im hohen Tragischen. Komische Rollen konnten ihr noch besser gelingen, wenn sie nicht eitel und eigensinnig genug ware, sich vollkommen zu glauben. Es ist mir unbegreiflich, wie das Weib so ganz ohne das mindeste Feuer die interessantesten, leidenschaftlichsten Strophen uberhupfen kann; eben so wenig als ich begreife, wie der Direktor der Mademoiselle S.... nur die geringste Rollen anvertrauen mag. Ein Madchen, die kein richtiges Wort teutsch spricht, die keine Silbe ohne Anstoss lesen kann untersteht sich Liebhaberinnen und Kammermadchen zu spielen! Die ist, weis Gott, in den Augen eines jeden unpartheiischen Kenners gewis nur das, was das Null bei den Zahlen ist. Freilich weis sie sich ein Bischen zu puzzen, ist jung, hat einen vollen Busen! Genug! wird der Direktor denken, um die Stuzzer ins Theater zu lokken.

Nun kommt die Reihe an Madame Mu...., die eigentlich nur Tanzerin ist, welcher aber doch zuweilen die Lust ankommt, dem Publikum auf ein Vierteljahr lang Ekkel einzujagen. Sie will Soubretten spielen; kleidet sich in kurze Rokke, wie eine Kolombine; spricht baierisch bis zum Uebelwerden, und treibt auf der Buhne so pobelhafte Streiche, wie ein wahres ausgeschamtes Alltags-Mensch. Lezthin hatte sie das unwillige Publikum bald in der Rolle der Barbara, in dem Stukke: Gluk bessert Thorheit, mit Pfeifen zu Hause geschikt.

Ferner darf ich auch die andre Tanzerin, Madame Ma..., nicht vergessen; sie ist eine gute Tanzerin aber eine blutschlechte Schauspielerin. Ob sie gleichwohl die Raserei besizt, um Rollen zu buhlen. Ihr mannliches Wesen, ihre Bassstimme, die mit widrigen, durch die Nase laufenden Tonen bis zur Abscheulichkeit akkompagnirt wird machen aus ihr in jeder ernsthaften Rolle die lacherlichste Karrikatur.

Endlich ist noch da Madame F...., welche nur spielen muss, was die andern nicht spielen wollen und folglich keiner Foderung entsprechen kann.

Hier hast Du nun die leibhafte Schilderung unserer Schauspielerinnen. Da ich diesen Stand bald zu verlassen gedenke, so kann sie an keine Partheilichkeit granzen und ich getraue mir, sie vor jedem TheaterKenner zu vertheidigen.

Deine Amalie.

CXLII. Brief

An Amalie

Beruhige Dich, Theuerste, es ist weder Karln noch mir ein Ungluk zugestossen; ich bin ihm mit meinem Bruder entgegen gefahren; dies war die Ursache meines Stillschweigens. Nun ist er wieder an meiner Seite, der edle Jungling! Denke Dir die Seligkeiten unserer Wiedervereinigung; fuhle sie, Malchen denn beschreiben kann ich sie nicht!

Doch izt zur Beantwortung deiner Briefe: Ist es moglich, meine Liebste, dass man den ehrlichen Direktor N..., dessen Verdienste bekannt sind, dass man diesem Biedermann in W... so begegnen konnte? Dass doch in der Welt so viel Unheil blos von den Weibern herruhren muss! Besonders in kleinen Stadten treiben sie jede lasterhafte Thorheit, um ihre Nebenmenschen zu unterdrukken. Wie gerne hatte ich Dich langer unter der Fuhrung dieses gutgesinnten Direktors gesehen, wenn es das Schiksal gewollt hatte!

Direktor K... ist gewis der Mann nicht, der Dich wird zu schazzen wissen. Er hat samt seiner Gesellschaft einen sehr ubeln Ruf, spielte ehedessen in osterreichischen Landen in holzernen Buden, gab Zoten-Stukke, Hanswurstiaden, und uberhaupt niedriges Possenspiel. Der grosste Beweis seines unmoralischen Karakters ist die Duldung, womit er seinem Weibe alle Zugellosigkeiten erlaubt und anderen verschrieenen Schauspielern Brod giebt.

E..., samt ihrer luderlichen Schwester B..., sind schon wegen ihrer niedertrachtigen Auffuhrung in einer offentlichen Monatschrift hinlanglich geschildert. Es sind Kreaturen, an denen jede Besserung verloren ist, folglich auch nicht der Muhe werth, dass wir uns langer mit ihnen aufhalten.

Dass Madame K... blos fur naive Madchen- und Soubretten-Rollen gemacht ist, bestattigen mehrere gedrukte Theater-Rezensionen; folglich ist dein Urtheil unpartheiisch und richtig. Glaubs wohl, meine theuerste Amalie! Glaubs wohl! dass Madame E... ihre Koketten-Rollen unverbesserlich spielt. Geubte Laster konnen ihre Natur nicht verlaugnen.

Madame P... war von jeher auf der Schaubuhne eine Erz-Schleicherin, und noch nirgends gefiel sie.

Von der S... spreche ich gar nichts weil es mich nicht der Muhe werth dunkt; die ist unter der Kritik: schrieb mir lezthin ein Gelehrter aus St....!

Madame M... spielte doch sonst noch nicht viel. Als sie in M... war, sah man sie blos tanzen! Wie kommts, dass sie ihre Unwissenheit erst izt zu Markte tragt? Ists Brodmangel oder Eitelkeit?

Auch Madame M... durfte mit dem Ruhm, den sie als gute Tanzerin hat, zufrieden seyn, und sich nicht zum Gespotte machen. Alle Schuld dieser Unordnung liegt indessen blos am Direktor. Ware er ein Mann, der die Wichtigkeit der Schauspielkunst verstunde, so wurden es diese Weiber wohl bleiben lassen, ihre Nasen in Dinge zu stekken, die ausser ihrer Bestimmung sind. Ich kann die Gelassenheit des Publikums nicht genug bewundern, das sich um sein Geld so gerne affen lasst. Kaum kann ich den Augenblik deines Debuts erwarten! Schreibe mir ja gleich, so bald sich dein Schiksal entschieden hat.

Eben kommt mein Karl dahergesturmt! Verzeihe, Amalie, wenn ich aus den Armen der Freundschaft in die Arme der Liebe eile.

Deine Fanny.

CXLIII. Brief

An Fanny

Sey munter, meine Liebe! Sey munter! Mein Debut ist mir gelungen, ich habe dem Publikum gefallen, und bin nun formlich angeworben!

In wenig Tagen reist die ganze Gesellschaft nach U... Indessen soll mich das doch nicht abhalten, Dir auch die Theater-Talenten unserer Mannsleute zu schildern. Der Direktor spielt selten, und thut dabei recht wohl, weil ihm der Hanswurst noch leibhaftig aus den Augen sieht.

Herr H.... hingegen spielt alle ersten Rollen; aber... das Gott erbarm! so ausserst schlecht, als man es nur von einem Tanzer fodern kann, der sein Talent in den Fussen und nicht im Kopfe stekken hat. Die Leute sagen zwar, dass die Direktrise es so haben will; dass sie ihm so gar erste Liebhaber-Rollen aufdringt. Warum? Vermuthlich weil ihr an seiner Seite die ersten Liebhaberinnen am bessten gelingen. Es kam mir selbst wunderlich vor, dass Tanzer H... bei dieser Gesellschaft zum ersten Liebhaber ist erhoht worden. Aber warum soll ich ihm denn die Freude nicht gonnen, sich bewundern zu lassen, jede Rolle zu afverfehlt freilich den Weg zur lieben Natur, spricht kein einziges Wort, welches nicht aus seinem Mund gestottert, herausgeplazt, oder gepredigt kommt. Aber was thut das zur Sache? So uberspannt, affektiert sein Spiel auch immer ist, so besizt der Bursche doch gut gewachsene Knochen, mit denen die Frau Direktrise aus Eitelkeit vor dem Publikum Wind macht. Zuweilen wandelt dem Helden so gar die Lust an, seine Geberden fur Anstand auszuschreien, was doch weiter nichts als Tanzer-Posituren und Verdrehungen des Korpers sind. Sein eingebogener Rukken sieht einem krummgewachsenen Baume ahnlich, der seiner Seltenheit wegen Jedermann zur Bewunderung einladet. Wenn doch der geschraubte Gekke in seinem Wesen nur der Natur den Lauf liesse, er wurde wahrlich unter den Damen weit mehr Eroberungen machen, worauf er es eigentlich zum Leidwesen seiner ersten Liebhaberin antragt.

Nun kommt Herr P.... zum Vorschein; ein ganz artiger junger Mann, der ehedessen auch das Gluk genoss, sich nach Gutdunken und mit Bewilligung der gutherzigen Frau Direktrise Rollen zu wahlen, aber nun, seitdem Ritter H... zum Vorschein kam, mit lauter Nebenrollen vorlieb nehmen muss. Sein TheaterTalent ist nicht uneben: Obgleich ein Bischen leichtsinnig im Memoriren, besizt er dennoch die Kunst, seine Liebhaber-Rollen mit einem sanftschleichenden Wesen vorzustellen. Zu Affekt-Rollen ist seine Brust zu schwach.

Dann haben wir noch einen gewissen H... n; auch ein junger Schauspieler, der sehr schmelzende Organen hat; nur fehlt es ihm an gehoriger guter Anleitung, besserer Rollen-Einsicht, mehrerem Feuer und Dreistigkeit, sonst konnte er einstens ein braver Schauspieler werden.

Auch Herr R.... spielt bisweilen beim hiesigen Theater einige Liebhaber-Rollen, hat Anstand, Theaterspiel, aber zu viel singende Tone in seiner Deklamazion, besonders im Tragischen. Wenn er sich daran gewohnte, im Sprechen die Zahne besser von einander zu thun, dann wurde seine Aussprache mannlicher ausfallen, und in seinen Helden-Rollen nicht den sussen, tandelnden Stuzzer verrathen. Diesem Schauspieler wunsche ich zu seinen Kenntnissen mehrere Vollkommenheit der Stimme.

Endlich zum Hauptschauspieler, Herrn N...., der bei uns alle ersten Vater-Rollen spielt, aber auch dabei seine Eigenliebe nicht um eine Welt hingabe. Ein wahrer Jesuitischer Starrkopf, der weit grossere Einbildung als Talente besizt. Wahr ist's, er memorirt gut hat Enthusiasmus fur die Kunst, erreicht zuweilen durch diese enthusiastische Eitelkeit das gehorige Feuer in gewissen Rollen, aber ubertreibt es dabei in seinen Gradationen bis zur aussersten Raserei einer um Beifall bettelnden Eigenliebe. Sein Fleiss konnte ihn zum guten Schauspieler machen, wenn in ihm nicht schon vom Jesuiten-Gift alle gute Gefuhle ekstikt worden waren. Anstand Erziehung Weltton fehlen ihm durchaus. Der gute verunglukte Bonze verlasst sich zu sehr auf den Beifall des Publikums, welches hier daran gewohnt ist, ausgezeichnete Stellen zu beklatschen, sie mogen auch noch so ubertrieben vorgestellt werden. Mochte Herr N... sich auf burgerliche Rollen legen sie wurden ihm weit besser gelingen, als erhabene Rollen, die mit Wurde mussen vorgestellt werden, wozu sein Korper gar nicht gebaut ist. Das Wort Jesuit, mag Dir von seinem moralischen Karakter einen Begrif geben. Er folgt ihrem Beispiel getreulich; macht heimliche Intriken; ubt im Stillen Verfolgungen und Bosheiten aus; unterdrukt die Nebenschauspieler; reisst ihnen mit heuchlerischer Miene den Bissen Brod aus dem Munde; schmiedet Kabalen; kriecht wie ein Wurm vor der Direktrise; schmiegt sich bei Grobheiten und drukt Jeden, der seiner Eitelkeit nicht schmeichelt, im Stillen den Dolch ins Herz; hingegen zittert der Feige, wie jeder Bosewicht, wenn ihm der ehrliche Mann kuhn die Stirne bietet. So viel hat man mir von ihm erzahlt, und so viel habe ich auch selbst an ihm bemerkt.

Nun endlich zu den Bedienten-Rollen, wovon Herr K... die ersten bei uns uber sich hat! Ein Schauspieler, der keine einzige Rolle ohne Kenntnis spielt; Nur wunschte ich, dass er nicht zuweilen zu stark der komischen Laune des Publikums folgte, und in einigen seiner Rollen nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fiele. Auch das Komische hat seine Schranken, wenn wir es von den Hanswursten-Zeiten entfernen wollen. Die Rollen-Einsicht dieses aufgeklarten Schauspielers ersezt ihm hinlanglich den Fehler seiner heisern Stimme. Er weis durch Nachdruk der Worte und Gestikulazion den Zuschauer fur diesen Naturfehler schadlos zu halten.

Herr K... r spielt die lezten Bedienten-Rollen, von deren Unwichtigkeit sich gar nichts sagen lasst. Diejenigen, die bei uns Nebenrollen spielen, will ich gar nicht beruhren.

So bald ich in U.... anlange, erhaltst Du nahere Nachricht von

Deiner Amalie.

CXLIV. Brief

An Fanny

Endlich, meine Besste, bin in hier in U..., und danke dem Himmel, dass eine Reise ihr Ende erreicht hat, wobei mein Herz so vieles dulden musste. Die sauern Gesichter, die neidischen Blikke, die spottischen Anmerkungen, das kalte, herzlose Betragen, womit die Schauspieler auf dieser Reise einander begegneten, krankten mein neidloses Herz unendlich.

Gott! Das mussen schroklich bose Menschen seyn! dachte ich traurig in einer Ekke des Zimmers, indem eine verborgene Thrane ahndungsvoll uber meine Wange rollte!

Seit ich St... verlies, ist mir ohnehin Schwermuth eigen. Ein junger Mann, der viel Uebereinstimmendes mit mir zu haben schien, sturmte vor meiner Abreise mit aller Macht einer enthusiastischen Empfindsamkeit auf mein Herz los! Die Kurze seiner Bekanntschaft entzog mir die Gelegenheit ihn naher kennen zu lernen; doch zog er meine Aufmerksamkeit auf sich, und wusste auch durch eine feurige, begeisterte Unterredung mein Mitleiden rege zu machen. Mit einem ausserst warmen Gefuhl, das mir unverfalscht schien, verfluchte er an meiner Seite die Untreue seiner vorigen Geliebten. Das Feuer, womit er ihr in Stukke zerrissenes Bildnis in ein vorbeifliessendes Wasser warf, die Thrane, die ihm das erlittene Unrecht entlokte schienen mir heilige Beweise seines zur Liebe geschaffenen Herzens zu seyn. Stoff genug fur mein leeres Herz, um sich in die Zukunft Hofnungen zu schaffen, die mich vielleicht tauschen werden! So sehr er mir auch durch seinen fleissigen Briefwechsel das Gegentheil beweist! Lies innliegende Beilage von ihm, und dann urtheile!

Gott! wenn es nur ein brausendes, vorubereilendes Feuer ware! Wenn sein Gefuhl nicht anhielte, und ich dann mein Herz an ihn gekettet hatte, so fest gekettet hatte, dass es im Wegreissen eine blutige Wunde bekame, so bald er keiner achten Liebe fahig ware! Ich darf diesen Gedanken nicht nahren. Mein Herz kann die abscheuliche Leere nicht langer ertragen; es ist wieder reif zur Liebe; und doch zittere ich bei dieser Wahl, ohne zu wissen, warum?

Er scheint izt seine ganze Glukseligkeit blos in mich zu sezzen! Er schreibt mir mit einer Entzukkung, die jedem Frauenzimmer schmeicheln wurde, wenn ihr Herz auch minder gefuhlvoll als das meinige ware! Seine Liebe scheint uneigennuzzig, weil er sie auch entfernt von mir mit vieler Lebhaftigkeit unterhalt! Ob sie aber auch standhaft ist, diese Liebe? Ob seine fluchtige Seele jener Grosse fahig ist, der ich bedarf? Das mag die Zukunft entscheiden! Ich muss mich wieder einmal an ein Wesen halten, das mein Herz ausfullt! Wie lange suchte ich schon ein solches Wesen, und fand es nicht? Du bist gluklicher als ich, meine Freundin; Du besizzest ein gepruftes Herz, das deiner wurdig ist! Deine Stunden schleichen nicht wie die meinigen unter murrischer Laune und Langerweile dahin. Dein sanftes Gefuhl wird durch keine stuzzerische Thorheiten beunruhigt, wie das meinige. Mein Stand wird mir taglich mehr zur Last wegen den vielen Gekken, die sich mit der grossten Unverschamtheit noch an jedem Orte an mich hindrangten. O! die Elenden kranken durch ihre Sprache der Weichlichkeit mein Ehrengefuhl aufs Aeusserste! Oft, wenn ich in guter Laune bin, behandle ich sie mit Spott, aber auch oft macht mich ihre Zudringlichkeit tiefsinnig und schwermuthig. Ich fuhle dann die niedrigen Mishandlungen im Innersten, denen mich mein bitteres Schiksal aussezt. Dieses Misvergnugen ist auch ein Beweggrund, dass ich die mir angebotene Bekanntschaft zu unterhalten suche. Vielleicht rettet mich dieser junge Mann aus Liebe, oder doch aus Freundschaft und Menschenfreundlichkeit!

Geschafte, meine Liebste, halten mich heute ab, weitlaufiger zu seyn; ich muss also mit der alten unveranderlichen Freundschaft schliessen, mit der ich immer bin

Deine aufrichtigste Amalie.

Beilage.

Liebes Malchen!

Du bist fort, und meine Seele ist Dir nach! Das mag Dir der Anblik dieses Briefes beweisen, der vor Dir in U... eintreffen wird. Holdes, vortrefliches Weibchen! Wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt! Wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust, der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern wurde! Heute besuchte ich jenes grune Plazchen auf dem bewussten Spaziergange, wo sich mein Herz Dir ganz aufschloss. Die Erinnerung riss mich von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermuth hin! Ich bin nun so ganz gluklich, seitdem Du mir Hofnung machtest, einstens dein gottliches Herz ganz zu besizzen, dass ich mich vor Entzukken selbst nicht mehr kenn! O! wenn mir doch mein Schiksal bald die Freude gonnte, Dich, gutes Weib, fur deine ausgestandene Leiden schadlos zu halten! wie ausserst froh wollte ich dann seyn! Meine Lage ist noch etwas unvermogend, aber sie wird bald besser werden, um Dich, Theuerste, von

Dass ich Dich ohne sinnliche Absichten liebe, das hast Du an dem Morgen unseres Abschiedes gesehen. Wusste ich mir nicht zu gebieten? Sag, hab ich Dich auch nur mit einer Miene beleidigt? Ehe Du ganz mein bist, will ich unser Band nicht enger knupfen. Aber horst Du, ganz musst Du mein werden! ganz! denn das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe.

Wenn Dir etwas zustosst, oder was Dich immer fur ein Schiksal treffen mag, so wende Dich an mich; ich bin ja dein einziger besster Freund! Wie lange wirst Du wohl noch ausbleiben? Doch nicht uber sechs Monate? Schreibe mir ja recht bald, damit ich Dir wieder sagen kann, mit welcher inniger Zuneigung und granzenloser Liebe ich bin

Dein Zartlichster Freund

*****

N. S. Nicht wahr, Fanny! der weis ein fuhlendes weibliches Herz in Gahrung zu bringen? Kann der wohl diesem Brief nach ein Heuchler seyn?

CXLV. Brief

An Amalie

Ich will heute deinen ersten Brief ganz ubergehen, weil er mehr das Theater-Wesen als Dich selbst betrift; und mich eben deswegen blos an den zweiten halten.

Kummere Dich nicht, meine Amalie, uber die Feindseligkeiten die unter eurer Gesellschaft herrschen. Entferne Dich von diesen Leuten, so viel es Dir nur moglich ist; erfulle deine Pflicht, und uberlass dann das Uebrige dem Allgewaltigen.

Nun eile ich zu einem Geschafte, das mir vielleicht deinen Unwillen zuziehen wird, wenn ich es mit der aussersten Aufrichtigkeit werde vollendet haben. Wird sich nicht dein ganzes Herz gegen mich emporen wenn ich deine Lieblings-Idee zu storen wage? wenn ich aus dem mir mitgetheilten Briefe in jenem jungen Manne Zuge entdekke, die mir nicht gefallen wollen? Traue deinem Herzen nicht so leicht wieder; es war immer die Quelle deines Ungluks! Begeisterung augenblikliche Empfindsamkeit eines Junglings, sind noch lange nicht Festigkeit in der Liebe.

Wie kann ein denkender junger Mann, den Verlust einer Geliebten beklagen indem er um eine andere buhlt? Ist er von ihrer Untreue uberzeugt, besizt er Ehrenliebe, dann muss sie ganz aus seiner Seele verbannt seyn! Ist er es nicht, dann begeht er ein doppeltes Verbrechen: hintergeht die erste und betrugt die zweite.

Auch kann er ihr Bildnis eben so wohl aus beleidigter Eitelkeit zerrissen haben, als aus wahrem Schmerz. Diese rasche Handlung beweist unuberlegtes Feuer aber deswegen noch nicht ein zur Liebe geschaffnes Herz. Die wahre Liebe, meine Besste, zeigt sich mit mehr sanftem Gram, der untilgbar in der kranken Seele umherschleicht. Der junge Mann scheint ein brausender, empfindlicher Kopf zu seyn, der seine Neigungen wenig auf Ueberlegung grundet. Ich muss es sagen, denn ich bin es der Freundschaft schuldig, so schwer es mich auch ankommt.

Was soll denn das Du gegen ein Frauenzimmer, mit der er noch in keiner so nahen Verbindung steht? Ist das nicht Uebereilung? Ist es nicht Geringschazzung? Doch weiter zum ersten Absazze seines Briefs:

"Du bist fort, und meine Seele ist Dir nach! Das mag Dir der Anblik dieses Briefs beweisen, der noch vor Dir in U... eintreffen wird."

Die Eilfertigkeit seines Briefs beweist weiter nichts, als eine hochgespannte Schwarmerei, die durch Abwesenheit und Langeweile gereizt wurde. Wenn ihn auch dein Umgang zu diesem Enthusiasmus hinriss, so konnte er in so kurzer Zeit eben so wenig dein Herz kennen, als Du das seinige kanntest. Kann man ein redliches Herz mit so vieler Unbesonnenheit hinwerfen?

"Holdes, vortrefliches Weibchen! wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt; und wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust, der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern wurde! "

Fuhltest Du denn die Beleidigung dieses Sazzes nicht? Was? deine Vorzuge sollen nur dazu gemacht seyn, ein Herz auszuflikken, das eine andere Undankbare zerriss? Wie kann dieser Junge solche Gleichnisse anstellen?

"Heute besuchte ich jenes grune Plazchen auf dem bewussten Spaziergange, wo sich mein Herz Dir ganz aufschloss. Die Erinnerung riss mich dann wieder von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermuth hin."

Wie kann ein zartlicher Liebhaber uber eine Liebe freudig entzukt seyn, die er selbst noch auf Hofnungen hinaussezt? Der wahre leidenschaftliche Liebhaber zittert bei einer solchen Ungewisheit, und fuhlt nicht eher ruhige Freude, als bis er mit seinem Madchen vor dem Altare steht.

"O! wenn mir doch mein Schiksal bald die Freude gonnte, Dich, gutes Weib, fur deine ausgestandenen Leiden schadlos zu halten! wie ausserst froh wollte ich dann seyn!"

Dazu braucht es die Gunst des Schiksals nicht! Besizt der junge Herr, Kopf, Talenten, Fleiss, und liebt er Dich ohne glanzende Absichten, dann wird er auch das Schiksal zwingen konnen.

"Meine Lage ist noch etwas unvermogend, aber sie wird bald besser werden, um Dich, Theuerste, von meiner Liebe uberzeugen zu konnen."

So spricht der Biedermann nicht! Fuhlt er die Unmoglichkeit einer Verbindung, dann reizt er kein gutes Geschopf zur Leidenschaft. Liebe, diese allmachtige Bezwingerin, muss ihm Starke geben durchzudringen, und dann schildert er aufrichtig seine Lage und berathschlagt sich daruber mit seinem Liebchen.

"Dass ich Dich ohne sinnliche Absicht liebe, das hast Du am Morgen unseres Abschiedes gesehen. Wusste ich mir nicht zu gebieten? Sag, hab ich Dich auch nur mit einer Miene beleidigt? "

So etwas ist ja die Schuldigkeit eines jeden ehrliebenden Mannes, wenn er es mit einem wohlgezogenen Frauenzimmer zu thun hat. Folglich kein Verdienst, womit man prahlen soll.

"Ehe Du ganz mein bist, will ich unser Band nicht enger knupfen. Aber, horst Du, ganz musst Du mein werden; das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe."

Und der Liebe besste Sicherheit, eheliche Verbindung. Wenn es ihm wirklich Ernst ware, Dich zu heirathen, dann wurde er deutlicher sprechen.

"Wenn Dir etwas zustosst, oder was Dich immer fur ein Schiksal treffen mag, so wende Dich an mich; ich bin ja dein einziger besster Freund!"

Hier blikt eine Spure gutes Herz hervor, wenn es nicht Eitelkeit ist.

Und nun, meine Besste, waren das meine Gedanken uber deine neue Bekanntschaft. Schlagt dein Herz ohne Eitelkeit, ohne Verblendungssucht, blos fur mich, dann kannst Du nicht zurnen uber die Aufrichtigkeit einer Freundin, die mit ungeheuchelter Wahrheit blos fur dein Wohl besorgt ist.

Fanny.

CXLVI. Brief

An Fanny

Aber sage mir, Madchen, wer sollte auch bei deiner beissenden Rezension gelassen bleiben konnen? Ich habe Dich ja blos zur Rathgeberin und nicht zur Spotterin aufgefodert. Ich dachte, Du warest dem jungen Mann doch um meinetwegen mehr Schonung schuldig! Jeden ubereilten Ausdruk von ihm schreibst Du auf Rechnung seines Herzens.

Klugheit und Vorsicht bei der Wahl eines Gatten, fodert die Vernunft, aber zu viel grillenhafter Verdacht ist immer die Folge eines eigensinnigen Vorurtheils. Wenn wir von den Menschen gar nichts Gutes hoffen durfen, wer wurde sich wohl wunschen in einer solchen Furien-Welt zu leben? Unbesonnen wurde ich erst alsdann handeln, wenn ich mich jezt gleich mit ihm verbande ohne ihn grundlicher kennen zu lernen.

Taglich werden seine Briefe haufiger und feuriger; wenn er mir abwesend so fleissige Rechenschaft von seiner Leidenschaft giebt so wird er doch bei meiner Ankunft nicht wanken. Muss ich das nicht fur Standhaftigkeit halten, da er freie Wahl hatte es zu unterlassen? Ich habe wirklich Beweise seines guten Herzens. Die ubrigen Fehler, die deine Menschenkenntnis in ihm zu entdekken glaubt, will ich jezt in der Entfernung nicht untersuchen. Zeit genug, wenn ich einstens wieder in seiner Vaterstadt anlange. Alles was ich thun kann, ist, mich bei meiner Ankunft keiner zu heftigen Schwarmerei zu uberlassen, wenn ich bis dorthin Veranderung in seinen Briefen entdekken sollte.

Mehr kannst Du von einem Weibchen nicht fodern, deren empfindsames Herz Du kennst. Die wenigen Zweifel, die mir lezthin noch aufstiegen, sind nun durch seinen fleissigen Briefwechsel fast ganz in mir erloschen. Warum soll er mir die feurigste Leidenschaft und die sehnsuchtsvollste Liebe vorplaudern, wenn er flatterhaft genug ware, in seiner Vaterstadt Befriedigung zu suchen? Warum soll er gegen eine Abwesende ohne den mindesten Vortheil heucheln? Warum soll er ein gutes Herz zur Leidenschaft reizen, wenn er Bosewicht genug seyn konnte schonere, reichere Frauenzimmer zum Verfuhren zu finden?

Geh geh Fanny, einer solchen teuflischen Heuchelei ist er doch nicht fahig! Kennt er mich nicht aus meinen Briefen? Weis er nicht, dass er es mit keinem Alltags-Geschopfe zu thun hat, die er aus Eitelkeit, oder aus Leichtsinn affen kann? Liebe ist bei mir keine Galanterie. Ich bin ein biederes teutsches Weib; habe ihm meine ganze Lage, alle meine Fehler und Schwachheiten zum voraus geschildert; wenn er nun troz dem ein wankelmuthiger Knabe seyn will, dann verzeih ihm's Gott! Gesezt auch, er ware eine elende Memme, die sich vom Vorurtheil unter die Ruthe beugen liesse, was verlore ich denn auch an so einem Geschopf? Ich glaube, mein Selbstgefuhl, mein Stolz wurde mich nach so einer Ueberzeugung noch vom Altar zurukreissen und wenn mein leidenschaftliches Herz auch daruber in Stukke zersprange!

Es ist wahr, ich liebe heftig; aber mein Kopf, meine Ehrliebe, ist doch fahig, meiner Leidenschaft zu gebieten, so bald ich Fehler in einem Gegenstand entdekke, die ich als Denkerin verabscheuen muss. So sehr dieser Junge mein Zutrauen besizt, eben so schnell wurde er meiner Verachtung theilhaftig werden, wenn ich von seiner Unwurdigkeit uberzeugt wurde. Aber mein gutes Herz von so etwas zu uberzeugen, das wird schwer halten! Falschheit in der Liebe ist mir unbegreiflich! Eitelkeit und Eigenliebe mischen sich dann auch gerne in die Liebe; und man ist gar zu sehr geneigt sich davon blenden zu lassen und jeden Widerspruch zum eigenen Vortheil auszulegen.

Er schwarmt izt ausserordentlich in seinen Briefen spricht von den Seligkeiten einer gluklichen Ehe u.s.w. Wenn er bei meiner Ankunft so fortfahrt, dann bin ich gluklich! Aber mit durchdringender Aufmerksamkeit will ich ihn beobachten. Fur mich bleibt er die einzige Hofnung und ich zittere bei dem Gedanken einer Untersuchung. Ich schenkte ihm mein ganzes Zutrauen er bewies sich menschenfreundlich! O er ist gewis unfahig eine gute Seele ungluklich zu machen die ihm nichts zu Leide that!

Riethest Du mir nicht selbst, liebe Freundin, mich bald wieder mit einem Gegenstand zu vereinigen? Die Manner, die einen guten moralischen Karakter verrathen, sind nicht so haufig zu finden. Also, meine Besste, keine Vorwurfe mehr, wenn ich fur diesmal meinem guten Herzen folge. Deine Dich immer liebende

Amalie.

CXLVII. Brief

An Amalie

Dacht ich's doch, liebes Malchen! Dacht ich's doch! dass Du mir meine ungeheuchelte Sprache ubeldeuten wurdest. So bitter behandelst Du deine Fanny? Du brandmarkest sie gar zur boshaften Spotterin, da ich Dir doch blos aus reifer Ueberlegung meine Herzens-Meinung schrieb. Warum soll ich glimpflich gegen den jungen Mann verfahren, wenn er mit aller Macht des Leichtsinns auf deine Ruhe lossturmt?

Liebe kann Dich, gutes Weibchen, zur gluklichsten Gattin, aber auch zur ungluklichsten Martirerin machen wenn Du von ihr betrogen wirst. Ich wunsche deinem fuhlenden Herzen eben so sehr Liebe, als ich mir Muhe gab, Dich gut wahlen zu machen. Hat Dich der Schaden noch nicht klug gemacht? Bist Du noch immer so gutherzig und leichtglaubig? Kennst Du deine Heftigkeit nicht, wenn Du Dich in eine Leidenschaft hineinwagst? Sey nicht schwach, meine Amalie! Prufe, ehe Du Dich derselben uberlassest! Wenn der junge Mann Dir auch alle Minuten noch warmere Briefe schriebe, so ist das doch kein Beweis seiner Standhaftigkeit. Deine Briefe schmeicheln seiner Eitelkeit; und da ihn niemand im Schreiben stort, so kann er leicht seine augenblikliche Schwarmerei aufs Papier hinkrizzeln.

O, ich bitte Dich, schranke dein Zutrauen ein, bis Du ihn naher kennen lernst. Bedenke, was das fur dein gutes, weiches, vortrefliches Herz fur ein Schlag seyn wurde, wenn sein Feuer eben so schnell wieder verlosche, als es aufbrasselte? Der edle Stolz wurde freilich deinem Herzen nach und nach gebieten, aber doch gewis nicht unter geringem Leiden! O wann das Herz einmal spricht, dann kostet es die schroklichste Gewalt, es unter die Vernunft zu beugen. Ich betheure Dir ein fur allemal, seine Briefe, die Du mir mittheiltest, konnen mir durchaus nicht gefallen! Er spricht nicht als Mann denkt an keine Zukunft, macht keine vernunftige Plane zu einer Vereinigung, vertheidigt Widerspruche, und scheint ausserst zaghaft zu seyn. So viel kann ich Dir bei dem unausloschlichen Feuer meiner freundschaftlichen Liebe schworen!

Freundin! Freundin! Du verkennst mein Herz, oder willst es mit Gewalt verkennen, wann man deine gespannte Einbildungskraft an Klugheit erinnert! Hast Du mir wegen meiner Leidenschaft nicht auch derbe Dinge gesagt? Und sag, brauste ich je daruber auf? Da ich doch meines Karls Denkungsart schon Jahre lang gepruft hatte! Gott! soll ich so eine edle, biedere Seele, die durch ihre Redlichkeit jeden Vorzug verdient, hintergehen lassen? Du bist keine thorichte, gefuhllose Kokette, um eine Falschheit leichtsinnig ertragen zu konnen, die Dir vielleicht ein unbesonnener, eitler Gek zubereiten will. Weist Du nicht, dass uns Weibern keine Rache bei dem schandlichen Verfahren eines solchen Bubens ubrig bleibt; dass wir im Gegentheil nur Spott und Hohn von einer Welt zu gewarten haben, worinnen so Wenige wahre Liebe verstehen?

Geh hin und weine dann in einem solchen Falle einer vermeinten Freundin vor; und sie wird Dir mit ihrem kalten, unmoralischen, lieblosen Herzen unbarmherzige Vorwurfe uber deine Leichtglaubigkeit machen; denn das ist die Art der meisten Weiber, die blos Genuss und Koketterie kennen. Aber ich, meine Amalie, will Dich auch im Ungluk wenn es Dich treffen sollte sanft behandeln, so rasch auch immer dein lezter Brief war.

Fanny.

CXLVIII. Brief

An Fanny

Verzeihung, Edelste! Verzeihung einer Undankbaren, die Dich im lezten Briefe mit so ubereilter Hizze behandeln konnte! Ich mache mir izt selbst die bittersten Vorwurfe uber die tolle Eigenliebe, womit ich Dir widersprach. Du sollst sehen, dass ich in der Bekanntschaft mit dem jungen Mann mit aller Vorsicht handeln will. Indessen muss ich seine Liebe doch zu unterhalten suchen, weil sie mir bei meiner Rukkunft in St... Erleichterung meines Schikals verspricht. Durch dieses Freundes Vermittelung wird mich dann der Direktor mit mehrerer Schonung behandeln mussen. Es ware uberflussig, Dir die vielen Schikanen zu schildern, womit mich izt der alte Sunder und sein loblicher Anhang zu unterdrukken sucht. Seit etlichen Monaten wurde mir kaum eine gute Rolle zu Theil. Die ubrige Zeit sizze ich mussig, oder muss dann zum Nothstok dienen, wenn eine andere Schauspielerin gahling krank wird. Es ist unverantwortlich, wie der Idiot mit mir verfahrt! Die granzenlose Eitelkeit seines Weibes und seiner Matresse zwingen den Dummkopf wider seinen eigenen Vortheil zu handeln. Lezthin schikten sogar einige Herrschaften ihre Bedienten in meine Wohnung, und liessen sich um die Ursache erkundigen, warum ich so selten auf der Buhne erschiene. Als sie erfuhren, dass es aus Kabale geschahe, stellten sie den Direktor daruber zu Rede, der sich aber durch allerlei Lugen meisterhaft aus der Sache zu ziehen wusste. Mir ist eine Besoldung zur Last, die ich im Stande bin ohne Faullenzen und Mussiggang durch mein Talent zu verdienen.

In wenig Wochen kehrt die Gesellschaft nach St... zuruk; dann muss sich das Blatt wenden!

Indessen hore ein allerliebstes Abentheuer, das mir hier begegnete: Ein gewisser Furst von *** besuchte vor einigen Tagen inkognito unsere Buhne, sah mich, und bekam die Grille mir ein Billet zuzusenden, wovon ich Dir die Abschrift, so wie von meiner Antwort beischliesse, damit Du sehen kannst, wie bescheiden ich ihn zurukwies.

Grosse Herren haben grosse Schwachheiten; das ist nun einmal richtig. Bis izt hat mich mein Gesicht, das auf keine blendende Schonheit Anspruch machen kann, noch ziemlich vor solchen Avanturen geschuzt; und ich war dessen herzlich froh; denn ich hielt es immer fur die grosste Beleidigung, bei den Mannern blos aufs Sinnliche zu wirken.

Darinnen ist gewis meine Denkungsart von derjenigen anderer Weiber sehr unterschieden; und wenn mir auch die Natur alle mogliche Reize zugetheilt hatte, so wurde ich sie in der Liebe doch nur als ein glukliches Ungefahr betrachten, als eine Gabe, die beim geringsten Fieber verschwinden kann, und alsdann so vielen Frauenzimmern blos einen leeren Schadel zuruklasst; durch welche Veranderung ihnen die Eroberungen, die blos auf das Korperliche angesehen waren, eben so geschwind wieder entgehen, als sie dieselben gemacht hatten.

Der denkende Anbeter liebt ein mittelmassiges Gesicht auch schwarmerisch, wenn angenehmer Umgang, Geist, Herz und Vernunft eines Frauenzimmers seine Einbildungskraft zu beschaftigen wissen. Die Schonheit verliert durch die Gewohnheit; die mittelmassige Gestalt hingegen gewinnt durch die Reize des Geistes, die keine Gewohnheit veraltert. Ein Philosoph ein Denker muss noch mein Mann werden oder ich heisse nicht

Amalie.

Billet des Fursten von ***.

Madame!

Ich habe Sie gestern in einem Trauerspiel spielen gesehen. Das Feuer, womit Sie in Affekt geriethen, gefiel mir ausserst, und brachte mich auf den Gedanken, liegen mussen. Um dieses Vorzuges willen konnte ich leicht Ihre mittelmassige Bildung einer Schonheit vorziehen. Ich liebe eigentlich rasche Frauenzimmer, und duldete noch nie an meinem Hofe kaltblutige Schlafmuzzen.

Zu dem hat man mich auch versichert, dass Sie Vernunft und Bildung besassen; welches bei ihrem lebhaften Geiste leicht zu glauben ist. Konnen Sie sich entschliessen bei mir die Stelle einer Gesellschafterin anzunehmen, so soll Ihre ohnehin misvergnugte Lage bald eine bessere Wendung bekommen.

Ich bin zwar nicht mehr in den Jahren, wo ich Ihnen gefallen kann; aber meine Bemuhung soll Sie ein kummervolles Leben vergessen machen; und die werden Sie doch nicht mit Undank belohnen wollen? Ich erwarte eine Antwort, und bin

Ihr geneigter Furst von ***.

Antwort.

Ihro Durchlaucht!

Wenn Ihnen mein gestriges Spiel gefiel, so bin ich unendlich fur meine Muhe durch Ihren gnadigen Beifall belohnt. Uebrigens bin ich gewis, dass alles Feuer meiner Leidenschaften nicht fur Ihro Durchdiese Leidenschaften unter der Herrschaft meiner Vernunft stehen, und nach meinen Grundsazzen nie ins Sinnliche ausarten durfen. Obgleich Sie meiner mittelmassigen Bildung die Gnade anbieten, sie einer Schonheit vorzuziehen, so wurde mir doch mein grossmuthiger Stolz nie erlauben, Dero geschmakvollen Sinnen Zwang aufzuburden.

Dass Ihro Durchlaucht rasche Frauenzimmer lieben, ist leicht zu vermuthen: Der Ueberfluss, worinnen Sie als Furst leben, kann Ihre Leidenschaften leicht in den Grad der Warme bringen, worinnen Sie dann gerne den Wiederhall in Andern erblikken mochten.

Ob ich nun Vernunft und Bildung besizze, darf ich aus Bescheidenheit nicht selbst entscheiden. Aber so viel liegt unstreitig in meiner Erziehung, dass ich mich nie entschliessen konnte, die Gesellschafterin eines Fursten zu werden, der mich blos zum Zeitvertreib wahlte, da indessen mein feineres Gefuhl sich daruber emporen wurde.

So misvergnugt meine Lage auch immer ist, so geniesse ich doch einer Ruhe, die mir aller Glanz nicht verschaffen konnte. Auch denke ich zu redlich, um Ihro Durchlaucht in Dero Jahren zu hintergehen; und ich bin nicht gesonnen meine Neigung um Wohlthaten hinzugeben, wozu mir weder mein Stand noch mein Herz Erlaubnis giebt.

Ihro Durchlaucht werden geruhen, einem Frauenzimmer diese lebhafte Aufrichtigkeit nicht ubel zu deuten, die gewohnt ist, gerade so bieder zu sprechen, als sie denkt.

In dieser Zuversicht habe ich die Ehre mit aller Unterthanigkeit zu seyn

Amalie.

CXLIX. Brief

An Fanny

Liebste Freundin!

Die unertraglichsten Verdrusslichkeiten, die ich eine Zeit her von meinem starrkopfigen Direktor zu dulden hatte, hielten mich so lange ab, Dir meine Ankunft in St... zu melden. Ohne mein Bischen Philosophie wurde mich der Verdruss in meiner jezzigen Lage umbringen! Die Verfolgungen des Direktors sind so stark, dass es einige Personen versuchten, mir bei dieser Gesellschaft von Teufeln Ruhe zu schaffen. Aber was kummert sich der Direktor ums Publikum, dessen allgemeine Nachgiebigkeit er kennt?

Nun giebt er mir durchaus unbedeutende Nebenrollen, welche ich, ob sie gleich ausser meinem Fach sind, annehme, um taglichen Zankereien auszuweichen. Doch meiner Nachgiebigkeit ungeachtet, die ihn nur noch dreister machte, drang er mir lezthin wider alle Billigkeit eine sehr starke Rolle auf, die ich wegen Kurze der bestimmten Zeit nicht einzustudieren vermochte. Und sieh da, der Erzbosewicht benuzt diese gesuchte Schikane, und dankt mich unter dem Vorwand, als ware ich eine nachlassige Schauspielerin, plozlich ab, ob ich ihn gleichwohl sehr dringend bat, das Stuk nur auf einige Tage zu verschieben.

Zu meinem Glukke waren seine Briefe noch in meinen Handen, worinnen er mir auf ein Jahr Engagement anbot, wenn ich dem hiesigen Publikum gefallen sollte. Was blieb mir also ubrig, als ihn zu verklagen, wenn gleichwohl der hochmuthige Narr daruber fast unsinnig wurde, als ihn das Gericht zur Erfullung seines Worts anhielt?

Noch blutet mein Herz, wenn ich an die pobelhaften Grobheiten denke, mit denen ich von diesem ungezogenen Flegel bei diesem Vorfall uberhauft wurde. Die bitterste Galle, die unverschamtesten Lugen geiferte er mir so lange ins Gesicht, bis ihn die Richter endlich schweigen hiessen. Er musste sogar versprechen, mir in Zukunft passende Rollen zuzutheilen. Aber so etwas lies Herr Urian wohl bleiben, sonst wurde ihm seine hizzige Ehehalfte die Perukke vom Kopfe gerissen haben, so sehr war sie gegen mein Spiel erbittert! Das ehrgeizige Geschopf muss sich selbst wenig Talent zutrauen, weil sie neben sich keine andere gute Schauspielerin dulden will. Ist das nicht ein redender Beweis ihrer Schwache? Beweist sie durch diesen Neid nicht deutlich genug, dass sie leicht kann ubertroffen werden? Je mehr andere Schauspielerinnen mit mir in die Wette spielen, desto lieber ist es mir. Dann bekomme ich erst Anlass meinen Fleiss anzustrengen und mich zu uben. So denke ich uber diesen Punkt. Das hiesige Publikum konnte leicht dieser Kabale vorbeugen, wenn es unter sich einstimmiger ware und mit vereinigten Kraften sich an den Eigensinn des parteiischen Direktors wagte; aber so etwas ist bei der Disharmonie, die unter demselben herrscht, nicht zu hoffen. Ich muss also wohl mein Geschik noch einige Monate gelassen ertragen lernen, da ich es doch nicht auf der Stelle andern kann.

Der junge Mann, mein Freund, bezeugte sich bei diesen Streitigkeiten sehr menschenfreundlich, und lies gegen mich viel gutes Herz blikken. Fast hatte ich ihm bei diesem Anlass auch Standhaftigkeit in der Liebe zugetrauet. Schon sprach mein dankbares Gefuhl zu seinem Vortheil; als er mich plozlich durch sein unbesonnenes Betragen, durch sein wildes Wesen im Umgang vom Gegentheil uberzeugte. Er scheint mir izt in der Liebe ganz und gar meinen Forderungen nicht zu entsprechen eben so wenig als meinem Ideal, das ich mir aus seinen schwarmerischen Briefen zusammenfantasiert hatte. Hatte ich ihn doch keine Neigung merken lassen! Zwar erneuert er seine Liebe gegen mich durch ofter wiederholte Schwure; aber seine fluchtigen Besuche, seine leichtsinnigen Launen machen mich zittern! Und doch bin ich Thorin genug, diesen Spuren seiner Flatterhaftigkeit einen gutherzigen Anstrich zu geben. O Weiberherz, wie truglos bist du, wenn keine grobe Leidenschaften deine Gestalt verunedelt haben. Nachstens eine nahere Beschreibung von ihm. Lebe indessen zufrieden in den Armen deines vortreflichen Karls.

Amalie.

CL. Brief

An Amalie

Nu, nu, liebes Herzens-Malchen, ich habe Dir ja schon lange verziehen! Ich war nicht einmal bose auf Dich. Und damit Du siehest, dass mir meine gute Laune recht Ernst ist, so will ich Dir heute eine recht freudige Nachricht mittheilen: In Zeit von neun Monaten gehe ich mit meinem Karl... wohin meinst Du wohl? Zum Altar, meine Traute! O freue Dich doch mit mir, meine Theuerste! freue Dich mit mir! Nun sollen bei dieser Aussicht deine Schiksale bald ihr Ende erreichen; und Du geniessest dann an meinem Busen jene ruhige Wonne der unzertrennlichsten Freundschaft!

Streite bis dorthin noch muthig deinen Widerwartigkeiten entgegen; bald sind sie uberstanden, und ich theile dann mit Dir alles, was der Himmel mir an Gluksgutern schenkte.

Karls Familien-Hindernisse sind izt alle gehoben, und der gute Junge taumelt vor Entzukken uber diese glukliche Veranderung. Kaum kann der liebe Schwarmer den Augenblik erwarten, der ihn zum zartlichsten Gatten einweihen wird!

Schreibe doch geschwind an Malchen! schrie er mir zu; und ich musste nach der Feder greifen. Ich sollte Dir zwar heute deine drei Briefe nach der Reihe beantworten. Aber kannst Du das von einer entzukten Braut fodern? Ueberdies mag ich Dir die erzschlechte, niedertrachtige Behandlung deines Direktors nicht ins Gedachtnis zurukrufen. Also weg von diesen unangenehmen Erinnerung, und hin zu deiner Fursten-Anekdote, woruber ich und Karl aus vollem Halse lachten!

Du hast ihm seine Antrage mit dem feinsten Spott erwiedert. Ich mochte sein gnadiges Gesicht beobachtet haben, als er dein Billet las! Denn die grossen Herren sind meistens daran gewohnt, mit Geld und Despotismus uberall durchzudringen.

Bald, meine Besste, sollen alle diese Erniedrigungen aufhoren! Ei dass dich! Sieh, sieh, Karl lasst mich vor seinen Kussen nicht weiter schreiben. Du musst also schon fur heute zufrieden seyn mit deiner bessten, liebsten

Fanny.

CLI. Brief

An Fanny

Die Ueberraschung, als ich dein Gluk vernahm, hat mir eine dankbare Freuden-Thrane entlokt! Warm dankte ich dem Schopfer fur die ewige Verbindung zwoer so edler Seelen! Aber darf ich es wohl ohne Errothen gestehen, dass mich dein gutiger Antrag nicht so ganz entzukte, als es seine Grossmuth verdient hatte? Es blieb in meinem Herzen ein gewisses unbefriedigtes Etwas ubrig. Und was meinst du wohl, dass es seyn mochte? Ists moglich? Du bist Braut, schwarmst in den Armen der Liebe, geniessest Seligkeiten, um die Dich Engel beneiden, kennst mein Gefuhl, und errathst es doch nicht! Auch mein Herz klopft einem Gatten entgegen! Auch ich nahrte Hofnungen, auf die ich schon lange eine idealische Glukseligkeit grundete! Auch ich suchte schon lange einen biederen teutschen Jungling aber umsonst!

Die Liebe warf mir in meiner Geburts-Stunde ihren Fluch zu! Fur mich hat der Himmel Niemand geschaffen, der mir mit Gatten-Liebe die Beschwerlichkeiten des Lebens tragen halfe! Selbst die Bekanntschaft mit dem jungen Manne wird mir fehlschlagen; ich ahnde mein Schiksal schon zum voraus! Deine Prophezeihung trift ein! Lies folgende Karakteristik von ihm, die ich blos fur Dich entwarf.

Im Grunde ein gutes Herz, aber dabei fluchtig, eitel, und ohne feste Grundsazze. Ueberfluss an Wankelmuth, der aus Mangel an Ueberlegung entsteht und den lokkern Jungen eben so geschwind wieder von der Liebe wegreissen wird, als ihn Lebhaftigkeit des Temperaments daran fesselte.

Hinlangliche Vernunft, Gutes vom Bosen zu unterscheiden, doch zu faselnd, zu zerstreut, um daruber nachzudenken. Nicht fuhllos, aber vom ubeln Beispiel und franzosischer Galanterie schon zu sehr verdorben, empfindet er die Liebe nur augenbliklich und verliert dieses Gefuhl eben so leicht wieder, wenn ihn neue Reize oder Eitelkeit zur Ausschweifung einladen. Nur selten uberdenkt er eine Sache, handelt meistens aus Ungefahr, wie es der Anlass gerade mit sich bringt. Sein Enthusiasmus in der Liebe ist Stroh-Feuer, brennt schnell, brasselt, stinkt, und verloscht!

Gutherzigkeit treibt er bis zur Verschwendung, nur nicht aus Grundsazzen, mehr aus Schwachheit, als aus Ueberlegung. Oft offenherzig bis zur Unbesonnenheit, und dann wieder zur Unzeit verschlossen, bis zur Heuchelei und Luge. Roh, unbescheiden gegen unser Geschlecht und in gewissen leichtsinnigen Augenblikken der ungereimteste Wildfang, den ich je kannte. Er studiert weder sein eignes Herz, noch seine Leidenschaften; seine Grundsazze sind zusammengeraffte Waare, die ein widersprechender Hauch zertrummern kann! Ueber sich selbst denkt er nie nach, als wenn ihn Widerwartigkeiten oder Langeweile dazu zwingen. Rasch in seinen Entschlussen, aber verzagt wie ein Kind, wenn er Widerstand findet. Das sanfte Gefuhl der Liebe kennt er nur aus Buchern. Sein Herz ware vielleicht noch einer Besserung fahig, wenn wahre Liebe die Seele zum Denken, zur Sanftmuth und zur strengsten Untersuchung seiner Handlungen leitete. Doch dazu glaub ich nicht, dass es mit ihm ein Frauenzimmer bringen wird, und wenn sie auch aus dem Elysium kame! Welche Sterbliche ware wohl fahig, Lugen aus einem Herzen zu tilgen, die durch Leichtsinn, Gewohnheit, Flatterhaftigkeit schon so tief hinein gegraben wurden?

Durch die sanfte, nachgebende Gute eines Weibes wird er noch zugelloser, das habe ich schon erfahren und durch strenge Vorwurfe wird er gar halsstarrig und verzagt.

Das ist ungefahr das Bildnis dieses Junglings, der dem allem ungeachtet doch so artige Briefe schrieb, die mich zu seinem Vortheil einnahmen. Gute Nacht, Liebe! Gute Nacht!

Deine Amalie.

CLII. Brief

An Fanny

Nun, da haben wir's ja!!! Sagt ich's nicht zum voraus, der milchbartige Junge wurde wie eine feige Memme zurukbeben, wenn das Burger-Vorurtheil die Zahne gegen ihm blokte? Da haben ihm einige alte Weiber unter seinen Verwandten wegen meiner Bekanntschaft die Ruthe gezeigt, und der furchtsame Knabe verkroch sich dann zitternd in den Winkel.

Unsre jezzigen Junglinge gleichen den alten Biedermannern eben so an Standhaftigkeit, als wie die Mukke dem Elephanten an Starke.

Die hinfalligen, morschen Buben krochen unsern Alten aus ihren Schweislochern. Die Natur wollte sich vom Unrath reinigen, dann schuf sie Junglinge furs achtzehnte Jahrhundert.

Weiber, die beim Zukkerbrod erzogen wurden, beschamen diese ohnmachtige Auswurflinge durch Redlichkeit, Starke des Geistes und Festigkeit des Karakters. Geschopfe, die vom Vorurtheil unter Schwachlinge gerechnet werden, machen diesen unbartigen Bastarten das Wort Mann, streitig.

Pfui! dass sich doch die Luge keinen bessern Stoff wahlte, als in diesen Unwurdigen liegt! So weit sank die Redlichkeit, dass sich sogar die Unwahrheit ihrer schamt.

Manner-Kraft, Seelen-Starke, Ehrlichkeit sind unter den teutschen Junglingen in Staub gesunken. Die Natur verlangert die Tage dieser kraftlosen Insekten blos darum, damit sie bei guter Laune uber ihre erzeugten Misgeburten spotten kann, die sie wahrend einer Verstimmung aus Zorn schuf. Wenn die Alten ihr Wort hingaben, dann wurde es mit Wahrheit versiegelt und mit Redlichkeit gehalten. Aber wenn unsere jezzigen Milchbuben Treue schworen, dann wird sie schon zur Luge, noch dieweil der modische Sussling im Begriffe ist, den schlaffen Handschlag zu thun.

Ha! Ware es doch unter uns Weibern eingefuhrt, dergleichen schmelzende Zukker-Puppchen mit dem kleinen Finger zu zerquetschen; mit welcher HerzensLust wurde ich die erste Ausfuhrerin dieser Rache werden! Bei einer Treulosigkeit schlagt sich das andere Geschlecht mit den Waffen; nur fur uns ist keine Vertheidigung ubrig! Wir bleiben ewig das Spielwerk jedes muthwilligen Buben, der sich's erlaubt, unter teuflischer Heuchelei um unser Herz zu buhlen! Aber bei meinem Stolz sey's geschworen; ich will mich in Zukunft an diesem verratherischen Geschlecht rachen! auf eine Art rachen, die nicht alltaglich seyn soll! Mein Herz soll schweigen meine sanften, redlichen Gefuhle sollen schlafen, und meine Zunge soll so lange eine tauschende Neigung heucheln, bis ich die Thrane irgend eines leidenschaftlichen Anbeters unter schmerzlicher Verwirrung, unter angstlicher Ungewisheit von seinem unruhigen Auge rollen sehe!!! O, und dann soll stolze, kalte Fuhllosigkeit, bitteres Gespott uber das mannliche Aftergefuhl, der Lohn seiner Leiden seyn!

Du weist, dass ich nicht eitel bin; aber alle weiblichen Kunstgriffe will ich von nun an aufbieten, um die schlafrigen Sinnen der Manner anzureizen, und sie dann so lange mit Falschheit foppen, bis sie ihren wenigen moralischen Werth selbst einsehen lernen. Wenn ich mir je ausgezeichnete korperliche Reize gewunscht hatte, so ware es gewis zu dieser Stunde. Doch auch meine wenigen Reize sollen hinlanglich seyn, mit Beihulfe meines Wizzes ein Geschlecht bei der Nase herumzufuhren, worunter die meisten ihre Schand-Herzen, den armen leichtglaubigen Weibern zur Schau tragen. Es soll mir herzlich lieb seyn, wenn ich in offentlichen Gesellschaften die herumfaselnden Jungen an einander hezzen kann, die, so flatterhaft sie auch immer sind, doch wenigstens durch mich von ihrer beleidigten Eitelkeit sollen gequalt werden. Der Ruf meines unterhaltenden Umgangs zog mir immer theils neugieriges, theils eitles Manner-Volk zu. Aber kommt nur, ihr nasenweise Lekker, ihr falschen Krokodillen, ihr sinnlichen Weichlinge; ich will euch begegnen, wie es euer Geschlecht verdient! Die wenigen Guten darunter bleiben ohnehin an dem treuen Busen ihrer Madchen hangen, und fur die ubrigen herumirrenden Lotterbuben ist die boshafteste weibliche Intrike noch eine zu barmherzige Strafe.

Gott! so weit treibt mich der Gram meines mishandelten Herzens! So schroklich emport sich mein hintergangenes Zutrauen, das mich beinahe unversohnlich macht! Nichterwiederte Redlichkeit wutet grasslich in einem Herzen, darinnen edler Stolz wohnt! Der schuchterne Hase schrieb mir meinen Abschied, worinnen After-Moral und sehr falsche Grundsazze herrschen, vermuthlich um dadurch seinen Wankelmuth zu entschuldigen. Doch bei mir entschuldigt ihn Nichts! Die Schwure der Liebe, die ein Mann einem unbescholtenen Weibe ablegt, kann Nichts brechen, als boshafter Meineid, oder Tod. Zu einer solchen Standhaftigkeit braucht's weder Romanen-Tugend, noch uberspannte Ideen, sondern edler mannlicher Stolz, Feinheit des Gefuhls und Ueberlegung, ehe man ein fuhlendes Weiber-Herz zur Liebe reizt.

Schiksale, Verfolgungen, schlechte okonomische Umstande mussen unter zwei bieder Liebenden wechselseitig getragen werden, sonst sieht die Liebe einer verratherischen Betrugerei ahnlich, die sich bei jedem Zufall aus schandlichem Eigennuz an der Standhaftigkeit racht. Gerne hatte ich dem Wortbruchigen diese derben Wahrheiten mundlich unter die Augen gesagt; aber er floh meine Gegenwart, scheute meinen Anblik, wich mir aus, und schien sich aus bosem Gewissen nicht vertheidigen zu wollen. Dann riss ich in der ersten Hizze sein Bildniss von der Wand und trat es mit Fussen!

Eine Zeitlang kampfte ich noch mit beleidigtem Stolz und gutem Herzen. Endlich siegte der erstere und gab mir wieder jene ruhige Richtung, die immer den lindernden Trost eines Unschuldigen ausmacht.

Das ware nun der Gang einer Geschichte, die ich aus meinem Gedachtnisse verbannen will. Vielleicht habe ich sie mir auch selbst zu verdanken; warum war ich nicht mistrauischer? warum horte ich nicht genug auf deine Warnungen? warum lies ich mich durch einige Duzzend Briefe bethoren, die aus Eitelkeit an mich geschrieben wurden? Merkt's euch, Freundinnen! so giengs der gutherzigen

Amalie.

CLIII. Brief

An Fanny

Meine neue Lebensart thut herrliche Wirkung! Ich werfe in offentlichen Gesellschaften mein Nez aus, fange lusterne Fliegen, und lasse sie dann wieder aus, wenn ich sie genug gequalt habe. Die Zahl meiner kriechenden Sklaven vermehrt sich taglich. Ich sehe sie mit kaltem Gefuhl kommen, und lasse sie wieder mit leerem Herzen abziehen. Es ist doch ein elender, freudenloser, bettelmassiger Zustand um ein Herz ohne Liebe! Aber es ist auch ein schaudernder Gedanke um die Furcht betrogen zu werden!

Also wieder zu meinen Mussiggangern zuruk, die in galanter Beschaftigung um mich herumsumsen. Wie sich die eiteln Thoren zu mir hindrangen! Wie sie um meine spottische Unterhaltung wetteifern! Wie einer den andern zum kritisiren reizt! Wie jeder mit Emsigkeit um den Vorzug buhlt! Und wie ich troz alle dem dies Fliegen-Geschmeiss in einer gewissen Entfernung zu erhalten weis, dass keiner unverschamt wird. Das ist wahrlich kein kleines Studium. Die Klugheit eines Weibs hat doch granzenlose Auswege, wenn sie Welt- und Menschenkenntnis besizt. Es soll mir gewis keiner meinen Plan verderben, eh ich des Plagens von selbst mude werde; dann will ich mich in philosophischer Stille der Einsamkeit zuziehen, und lachen, oder weinen, wie es meine Laune mit sich bringen wird. Ich habe meine Helden in Klassen eingetheilt, und weis jedem nach Verdienst zu begegnen. Alle tragen ihre Schellen-Kappen, und jeder behauptet seinen eigenen Ton. Zum Exempel:

Der Dummkopf schwazt Unsinn; der Prahler schwadronirt; der Stuzzer spricht von wichtigen Kleinigkeiten; der Waghals poltert; der Hagestolze schimpft uber die Ehe; der Vielwisser lasst Lugen schneien; der Grosssprecher ruhmt sich ungeschehener Dinge; der Zier-Affe seufzt uber die feuchte Witterung; der Gek lasst sich bewundern und erzahlt seine Eroberungen; der Wollustling bietet seine Schatulle an; und der verhartete Bosewicht posaunt die genossenen Gunstbezeugungen aus; u.s.w. Kurz, jeder thut das seinige, um mir die Langeweile zu vertreiben, oder einem Nebenbuhler Galle zu machen. Das Ungeziefer vertilgt sich selbst untereinander. Sie nekken, foppen, schikaniren sich, verdrehen einander die Worte, dass es einem wahren Lustspiel ahnlich sieht. Ich nehme dann oft die Parthei von diesem; satirisire einen andern, beschame einen dritten, oder nekke einen vierten, bis keiner mehr weis, wo ihm der Kopf sizt. Dann stehen sie da, die Maulaffen, starren sich wechselsweise an, und lachen einander selbst aus. Dazu hab ich's schon ofters gebracht. Eine meiner Freundinnen, ein biederes, braves Weib, die mein schuldloses Herz kennt und bei dergleichen Auftritten immer an meiner Seite sizt, lacht oft aus vollem Halse, und wunscht ihnen dann beim Weggehen gute Verdauung! Nur einer von diesen Schmetterlingen macht sich besonders zudringlich. Die Natur macht ihn zwar durch sichtbare Merkmale kennbar, die jedes gutgesinnte Herz vor ihm warnen konnen. Wahrlich, die Natur lugt nicht an ihm; denn seine Seele ist eben so verdreht, eben so disharmonisch, wie der schielende Blik seiner Augen. Er kann schleichen, heucheln, lugen, betrugen, hofiren, spioniren, karessiren, prahlen, verlaumden, Ehr abschneiden, alles in ausgelernter Uebung. Seinen welken Korper, seine kranke Seele tragt er uberall an, und wird auch uberall abgewiesen. Er besizt die unverschamte Kuhnheit, alle Frauenzimmer nach einem Schlag zu beurtheilen. Die vielen Lustnimphen, die er ehedessen besuchte, haben sein Gehirn mit Vorurtheil angestekt, dass er glaubt, unter dem Frauenzimmer finde keine gute Ausnahme mehr Statt. Er treibt seinen Verdacht so weit, dass er so gar wegen der Auffuhrung rechtschaffener Personen offentliche Wettungen anstellt. Dieses doppelzungige Ungeheuer hat nun seinen Eigensinn auf mich festgesezt. Aber nur Geduld, du sollst deinen Theil Galle schlukken! Bei allen seinen Ausschweifungen habe ich die neidigste Eifersucht an ihm bemerkt. Anlass genug um ihn tausendfach zu kranken.

Nun sagt mir noch einmal ihr Menschenkenner, dass Eifersucht die Folge der Zartlichkeit sey, wenn sie in einem solchen verdorbenen Wollustling stekken kann! Bald ein mehreres, meine Freundin; fur heute genug nicht wahr?

Amalie.

CIV. Brief

An Amalie

Dass die Weiber doch so sehr geneigt sind auf Extremitaten zu verfallen! Ein unstreitiger Beweis, dass unsere weichen, empfanglichen Herzen nur zu leicht in Schwachheiten ausarten, besonders wenn wir nicht daran gewohnt sind aufmerksam uber uns selbst zu wachen.

Theure Amalie! Bei Allem, was Dir werth ist, beschwore ich Dich, gieb in deiner Lage auf dein Herz Acht! Uebersiehst Du darinnen nur den geringsten Flekken, dann bist Du fur Ehre und Rechtschaffenheit verloren! Ich kenne zwar deine reine, unbefangene Seele, deine eingeschrankten Begierden, deine Ehrliebe, und bin uberzeugt, dass Dich blos Lebhaftigkeit und Hass gegen das andere Geschlecht zu solchen kleinen Eitelkeiten verleitet, woruber Dir beim Nachdenken selbst ekkeln wird. Ich bin versichert, dass bei deiner lachenden Gestalt, bei dem Schein deiner Frohlichkeit dein gefuhlvolles Herz im Stillen an der todtlichsten Langeweile krankelt! Der Ton der grossen Welt ist eine armselige Sache, weil weder Redlichkeit noch aufrichtige Herzenssprache seine Unterhaltung leitet. Sich wechselsweise vorlugen; einander die lacherlichsten Thorheiten zu Markte tragen helfen; sich vieles sagen, woran das Herz keinen Theil hat; seine offene, vertrauliche Seele in heimliches Mistrauen hullen zu mussen; das Laster in der ganzen Hasslichkeit unter mancherlei Gestalten ertragen lernen; Schurken und Betruger nicht anfeinden durfen; was haltst Du von so einem Zustand? Kann es fur ein empfindsames Herz etwas Unertraglicheres geben? Sind nicht innerliches Misvergnugen und Abscheu die heimlichen Morder deiner Zufriedenheit? Stort nicht das Getummel deine sanfte Gemuthsruhe, wenn die Augenblikke der Ueberlegung zurukkehren? Warum willst Du Dich auf deine Unkosten an Unwurdigen rachen, die doch immer ungebessert bleiben werden? Ist so ein herzloses Betragen, so eine verstellte Vermummung deinem erhabenen Geiste wohl angemessen gewesen? Dein Herz muss bittere Unzufriedenheit fuhlen, wenn Dir diese glattzungigen Heuchler mit schamloser Stirne Dinge vorschwazzen, die deine gutartige, unverdorbene Seele emporen! Wenn sie Dir auch in offentlichen Gesellschaften, von der Eitelkeit und vom Beispiel angespornt, vorschmeicheln, bis Du aus ihren Augen verschwindest; treiben sie dann nicht hinter deinem Rukken mit Vorurtheil und ubler Meinung ihr teuflisches Gespott und ihre ehrenschanderische Verlaumdung?

Warum willst Du Dich wegen einem schlechtgesinnten Menschen ganzen Schaaren seines gleichen aussezzen? Dein Herz wird dadurch nach und nach alles Gefuhl fur Wohlwollen und Liebe verlieren. Die Gewohnheit des Welttons wird Dich zur gefalligen Maschine umschaffen, die sich mit abwesendem Herzen, mit boser Neigung, mit gallsuchtigen Ideen nach den Wunschen der Mode dreht. Du wirst Andern eben so wenig Gutes zutrauen, als sie Dir zutrauen werden. Nein, Amalie! das ist nicht der Weg, dein Herz vom Manner-Hass zu heilen. Leichtsinn wurde sich dabei einschleichen; und Leichtsinn ist schon ein grosser Sprung zur Verderbnis des Herzens und zur Verunedlung der Seele. Rechne die immerwahrenden Verdrusslichkeiten, das uble Urtheil, die schiefen Auslegungen der Andern und die Bitterkeiten weg, die Du hie und da von bosen Maulern uber dein Betragen wirst horen mussen; und was bleibt Dir dann ubrig, als ein zerrissenes Herz? Ich kenne deine Empfindlichkeit fur deinen guten Namen; ich weis, dass die geringste Anmerkung Dich bis in den Tod kranken kann. Und nun urtheile von meinem Kummer uber deine kleinen Verirrungen.

Halte meine Erinnerungen nicht fur Verdacht wegen deinem Lebenswandel. Ich kenne das Innerste deines Herzens, weis recht gut, dass es blos Schiksale und erlittene Mishandlungen sind, die Dich zuweilen auf eine kurze Zeit verstimmen. Dein gutes Gemuth, deine fuhlende Seele, dein feuriger Kopf bedurfen blos einer guten Leitung. Die sanfte Vermahnung einer guten Freundin wird dein gekranktes Herz, deine verwirrten Sinnen von den Irrthumern reinigen, die Dir am Ende gefahrlich werden konnten. Du bist warm fur Tugend und Moral, und wirst nie eines Lasters fahig seyn. Aber auch Schwachheiten muss die Denkerin zu vermeiden suchen; Schwachheiten, die ihr den Schein der Rechtschaffenheit benehmen. Die Lobspruche Anderer zu erwerben, soll nie die Triebfeder unserer guten Handlungen seyn, sondern eigene Ruhe und Bestreben nach Glukseligkeit, zu der wir geschaffen sind. Ich kann zwar von deiner Jugend nicht jene zurukhaltende Ernsthaftigkeit fodern, welche zu behaupten dein Feuer nicht zulasst; nichtsdestoweniger bitte ich Dich, handle mit Klugheit, bewache dein Herz, verunstalte nicht durch Leichtsinn deine Seele, und liebe

Deine besste Fanny.

CLV. Brief

An Fanny

Meine theuerste, liebste Freundin!

Sey doch ruhig! meine fieberische Hizze hat sich gelegt; der abscheuliche Nebel ist vor meinen Augen verschwunden; mein Blut stromt wieder gelassener, und ich schame mich izt meines Leichtsinns! Wie konnten mich doch die Thorheiten Anderer ergozzen, die sich unterdessen uber meine eigenen belustigten? Wo nahm ich die Geduld her, in Gesellschaften der grossen Welt meine Ohren mit Unflat anfullen zu lassen, da sich indessen mein unverdorbenes Herz daruber entsezte? Eroberungen von dieser Art sind der Auswurf der Natur, weil dadurch gutdenkende Frauenzimmer so leicht verfuhrt werden. Und ich Verblendete erinnerte mich nicht eher an diese Wahrheit, bis jener schielende Wollustling mich zur feilen Buhlerin herabwurdigen wollte!

Bei einer Gelegenheit, wo seine verabscheuungswurdigen Begierden den hochsten Gipfel erreicht hatten, nahm er seine Zuflucht zum elendesten Hulfsmittel, das man jeder Verworfenen antragt zum Eigennuz. In einer unbegreiflichen Geschwindigkeit lag ein Wechsel in meinem Schoose. Nur der Wohlstand hielt mich noch zuruk, das Papier in Stukke zu zerreissen und ihm dieselben ins Angesicht zu werfen! Schon hob ich in dieser Absicht meine Hand in die Hohe, als ich darauf die Unterschrift jenes jungen Mannes erblikte. Eine Andere wurde sich vielleicht aus Rache an dieses Geschenk gehalten haben, um denjenigen als Schuldner demuthigen zu konnen, der auf eine so niedrige Art bei mir eine Bekanntschaft endigte, die er mit so vielen Betheurungen der Liebe angefangen hatte. Aber auch nicht der kleinste Gedanke einer solcher Entschadigung stieg in meiner Seele auf. Ein angstliches, wehmuthiges Gefuhl bemachtigte sich meiner; die Thranen rollten haufig auf meinen Busen, und schluchzend stellte ich dann dem Wollustling den Wechsel wieder zu. Beleidigte Ehre uber diesen schandlichen Antrag, erneuertes Andenken an den Unwurdigen, das Wonne-Gefuhl mich nicht rachen zu wollen, erzeugten in mir ein Gemische der unbeschreiblichsten Empfindungen. Izt erst fieng ich an zu fuhlen, welchen Beschimpfungen mich meine leichtsinnige Schakkerei ausgesezt hatte. Ich empfand die ganze Demuthigung dieser Behandlung; sah mich erniedrigt, herabgesezt und empfindlich beleidigt! Mein Herz, meine Ehrliebe, meine Vernunft und meine moralische Ueberlegung wachten plozlich in mir auf; und nun trat meine sonst gewohnliche tiefsinnige Laune wieder an ihre vorige Stelle. Sey mir gesegnet Nachdenken! dir allein habe ich meine Rukkehr zu danken, und durch dich werde nun jede meiner Handlungen geleitet, welche Bezug auf meine Ruhe, auf die Verbesserung meines Herzens, auf meine Glukseligkeit haben kann.

Bist Du nun mit deiner reuigen Freundin zufrieden, liebe Fanny? Wurdest Du mich wohl zanken, wenn ich Dir izt die Nachricht von einer neuen Bekanntschaft mit einem jungen Manne mittheilte? Aber gewis einer Bekanntschaft, die Dir in Ruksicht meiner keinen Kummer machen darf, und die meiner Achtung nicht unwurdig ist, sonst wurde ich sie nicht angefangen haben.

So viel kann ich Dich versichern, dass der erste Besuch dieses Junglings meine ganze Aufmerksamkeit rege gemacht hat. Sein offenes Wesen ist beim ersten Anblik ausserst auffallend, begleitet mit einem gewissen edeln Stolz, der sich nicht zu den gewohnlichen Schmeicheleien herabwurdigte, womit mich sonst die meisten jungen Leute uberhauften.

Noch ist zwar das Mistrauen gegen das mannliche Geschlecht zu tief in mein Herz eingepragt, um die guten hervorragenden Zuge des moralischen Karakters eines Individuums aus demselben in unserm verdorbenen Jahrhunderte nicht fur eine blose Erscheinung zu halten. Vielleicht bald ein mehreres von diesem jungen Manne. Lebe indessen wohl, meine Besste, und erinnere Dich recht oft an

Deine Amalie.

CLVI. Brief

An Amalie

Gewis, meine Freundin, ich wusste es zum voraus, dass Du bald wieder von deinem Leichtsinn zurukkehren wurdest. Galanterie-Beschaftigungen, leeres Wortspiel mit deinen faselnden Anbetern gab deinem Herzen nicht jene beruhigende Nahrung, deren es zu seiner Zufriedenheit bedarf. Der Grund der Rechtschaffenheit ist in deiner Seele schon zu stark befestigt, als dass ihn das voruberrauschende lokkende Laster erschuttern, noch viel weniger zerstoren konnte. Deine kleinen Fehler sind blos das Werk eines Augenbliks, wozu Dich meistens deine angeborne Lebhaftigkeit verleitet. Ein einziges gutes Wort zur rechten Zeit angebracht, ist hinreichend deine weiche, furs moralische Gefuhl so empfangliche Seele zu ruhren. Siehst Du, liebes, trautes Malchen, so gut kenne ich Dich!

Jener schielende Wollustling hat Dich auf die niedertrachtigste Art angegriffen; kein Wunder, dass er von deinem edeln Stolz mit aller Verachtung abgewiesen wurde. Dass Du Dich bei diesem Anlass an deinem ehemaligen Anbeter nicht rachtest, sieht deinem Herzen ganz ahnlich, weil es von Jugend auf zur Grossmuth gebildet wurde. Indessen glaube ich doch, dass der Wankelmuth dieses jungen Mannes wirklich mehr aus Mangel an festem Karakter, als aus Bosheit herruhrte; obgleich ein gutes Herz ohne Standhaftigkeit eine bettelhafte Gabe ist.

Ich fur mein Theil mochte nicht das Weib eines Mannes werden, der noch in Knaben-Schuhen stekt. So ein schuchternes Mannchen kann ja jede Fraubasen-Grille zittern machen. Nach meinem Begriff muss derjenige, der auf das Wort Mann Anspruch machen will, Kopf zum Denken, Kraft zum Ausfuhren und Starke zur Vertheidigung seiner Unternehmungen besizzen; vorausgesezt, dass der uberlegende Mann nichts unternimmt, was er nicht auszufuhren im Stande ist.

Wenn sich das Machtwort Mann nicht durch seine feste Beharrlichkeit auszeichnete, so konnte jeder Swachkopf, jeder Taugenichts, jedes unnuzze Burschchen damit auftretten. Aber es sind zwei verschiedene Dinge, blos damit prahlen, und mit der That beweisen, dass man diesen Namen zu tragen verdient! Was in der Liebe nicht wider Rechtschaffenheit und Tugend geht, soll fur den Mann gar kein Hindernis seyn. Lasst er sich durch Vorurtheile einnehmen und wird wortbruchig, so ist er nicht Mann, sondern ein Kind, dem man die Ruthe geben muss, wenn es, an das Gangelband gewohnt, allein zu gehen wagt, eh es die Kraften dazu besizt, und dann fallt und schreit; durch die Zuchtigung gewarnt, lasst es sich alsdann gutwillig wieder das Gangelband anlegen. Genug von dem herrlichen Worte Mann, das leider durch die meisten, die sich dasselbe zueignen, geschandet wird. Die wenigen guten Ausnahmen, die diesem Worte Ehre machen, mussen uns fur die ubrigen entschadigen. Da ohnehin so ein gebrechliches Mannchen von einem Weibe, oder wohl gar von einem feurigen, muntern Schulknaben uber den Haufen kann gestossen werden, und ohne alle Schonung, aus Strafe, meistens in den Koth sinkt; je nun so lassen wir den Feigen liegen, bis ihn ein Riechflaschchen wieder aus seiner Ohnmacht zu Sinnen bringt.

Uebrigens, theures Malchen, bin ich mit deiner Reue sehr wohl zufrieden. Aber was soll denn die Schuchternheit, womit Du mir deine neue Bekanntschaft entdekkest? Ist sie vielleicht wohl gar der Beweis, dass Du wegen der Gefahr, der Du Dich abermals dadurch aussezzest, Vorwurfe zu verdienen glaubst? O ich werde Dir uber den Umgang mit dem andern Geschlechte nie welche machen, besonders wenn Du Dich von den haufigen Schmeichlern zu entfernen suchest. Diese kriechenden, giftigen Insekten ubertauben so gerne die Vernunft eines Frauenzimmers, um desto bequemer den Zutritt zu ihrer Leichtglaubigkeit zu finden. In der That, meine Freundin, edler Stolz in einem Jungling ist schon ein Karakterzug, welcher Verehrung verdient, weil durch ihn das Gefuhl der Rechtschaffenheit in Thatigkeit gebracht wird.

Oft zeigt sich aber auch unter dieser Larve nur Afterstolz, indem sich mancher Jungling dadurch aus Eitelkeit als Sonderling auszeichnen will. O, der Karakter der Manner ist in so vielen Stukken unerklarbar! Irre Dich ja nicht uber diesen Punkt, wenn Du jenen Jungling naher zu untersuchen Lust hast! Du kennst ja meine Besorglichkeit und die Liebe, mit der ich ewig bin

Deine Fanny.

CLVII. Brief

An Fanny

Nicht wahr, theures Madchen, Du wirst doch ungefahr wohl merken, warum ich Dir schon einige Wochen nicht schrieb? Wenn man so mit der philosophischen Untersuchung eines Karakters beschaftigt ist, wie ich, kann man dann wohl viel ubrige Zeit zum schreiben finden? Du hast es errathen, Freundin! Ganz gewis hatte ich Lust den moralischen Karakter meines neuen Freundes (denn so darf ich ihn izt ohne Bedenken nennen) naher kennen zu lernen. Seine ofteren Besuche, die er ununterbrochen fortsezt, erleichtern mir meine Einsamkeit unendlich. Wir philosophiren oft ganze Stunden zusammen; taglich verrath sein Karakter mehr Festigkeit und Warme fur Freundschaft und Tugend. Sein Betragen ubertrift ganz meine Erwartung, so wie es vielleicht die deinige ubertreffen wurde, wenn Du ihn solltest naher kennen lernen. Nein, liebe Fanny, nicht After-Stolz besizt er, sonst wurde er sich an meiner Seite schon langst bis zum Gekken herabgewurdigt haben, der sich aus verstekter Eitelkeit so gerne vom Frauenzimmer bewundern lasst, weil er Verdienste zu besizzen glaubt.

Er ist gerade das Gegentheil; ich kann sein biederes, ungeziertes, offenes Betragen nicht genug bewundern, das so ungeschminkt ist und nicht an die geringste Galanterie granzt, woran die meisten unserer jezzigen Junglinge krankeln. Ein eitleres, undenkendes Frauenzimmer wurde vielleicht in seinem philosophischen Umgange wenig Zeitvertreib finden; selbst meine kleine Eitelkeit fand bei seinem troknen Betragen nicht ihre Rechnung; ich wusste mir seine Zurukhaltung bei den so oft wiederholten Besuchen nicht recht zu entrathseln; ganz naturlich hies mich mein Stolz den nemlichen Ton bestimmen, und so blieben wir beide einige Zeit lang in einer gewissen Entfernung, die mir fur unsere Freundschaft zu kalt dunkte, und die mich, ohne zu wissen warum, heimlich argerte.

Endlich wurdigte er mich seines Zutrauens; ich musste horen, dass er ein Madchen liebte... mehr liebte, als sie es nach seiner Erzahlung verdient. Er hatte immer mit dieser Nachricht noch schweigen konnen; sie hat mich so sehr gegen dies undankbare Geschopf aufgebracht, dass er vielleicht gar meinen Unwillen bemerkt hat. Ewig Schade fur sein Herz, dass es in solche Hande gerathen musste!

Ich mochte doch das nasenweise Ding gerne kennen, das mit der leidenschaftlichen Neigung eines Junglings wie eine wahre Kokette spielt. Und doch ist der gute Junge noch so entzukt, so begeistert von diesem Madchen! O ware er nicht so sehr mein Freund, ich wurde ihm Unbesonnenheit vorwerfen. Ich muss mich in dieser Sache uber alles das sehr behutsam gegen ihn betragen, sonst konnte er leicht auf den Gedanken gerathen, ich beneidete einigermassen sein Madchen. Er ist zu viel Menschenkenner, als dass ich ihm entwischen konnte. Ob er gleichwohl nicht die geringste Eitelkeit besizt, so mochte ich mich doch von dieser Seite nicht gerne blos geben, weil es mir zu sehr um seinen Beifall zu thun ist. Und wurde ich diesen moralischen Beifall nicht verscherzen, wenn ich nicht Herr uber den so naturlichen weiblichen Neid seyn konnte? O, ich will gewis alles anwenden, um als Freundin seiner ganzen Achtung wurdig zu werden!

Aber sein Madchen wird doch nicht den tollen Einfall bekommen, ihn aus Eifersucht meinem Umgang zu entreissen? Ohne seinen herrlichen Umgang wurden mir izt die Stunden todtlich lange, und er ware wahrlich gegen sich selbst strenge genug, mir seine Besuche zu entziehen, wenn sie auf diesen neidischen Gedanken gerathen sollte, und das wurde mich sehr kranken!

Lezthin empfand ich uber seine Gewissenhaftigkeit in der Liebe Freude und Aerger zugleich: Aerger, weil mir seine ubertriebene Kalte ein Bischen unertraglich wurde, und Freude, weil ich ihn als ein Muster der Rechtschaffenheit bewundern musste, der es in seiner Treue so weit treibt, dass er noch nicht einmal eine von meinen Handen beruhrt hat. Mich dunkt, ein Bischen warmer durfte er denn doch gegen eine Freundin immer seyn; er kennt ja meine Denkungsart; ich wurde ihn nie zu einer Treulosigkeit verleiten. Du weist, wie sehr ich so etwas hasse, weil es mein Herz ebenfalls zerreissen wurde, wenn ich an seines Madchens Stelle ware. Aber es ist bei allem dem so verdrusslich, dass er meine Hand so nachlassig herunterhangen lasst, wenn er mich bisweilen am Arme fuhrt. In der That sein Madchen ist sehr gluklich! O die Bosartige, dass sie ihn nicht mit offnen Armen empfangt und ihn fur seine ausserste Liebe noch mit Ungewisheit martern kann!

Gestern ubermannte mich der Eifer so sehr, dass ich ihn geradezu fragte, ob denn dieser Verlust unersezlich ware. Ich erschrak sehr uber meine unuberlegte Frage, aber sein argloses, unbefangenes Herz gab ihr keine uble Deutung. Dass er sich aber auch so leidenschaftlich um die Liebe eines Madchens bemuhet, die seiner unwurdig zu seyn scheint! Gott! wie ungluklich sind Seelen von dieser Gattung in der Liebe, wenn sie der Zufall auf fuhllose Geschopfe stossen lasst!

Was mich noch am meisten staunen machte, ist seine Beharrlichkeit bei allem ihrem abscheulichen Betragen, indem er mir rund weg ins Gesicht sagte:

"Nein, Madame, so lange mein Madchen keine Entscheidung von sich giebt, eben so lange befiehlt mir mein Ehrengefuhl an keinen Ersaz zu denken. Ich merke zwar, dass sie nicht das Madchen ist, die mein Ideal ausfullt, aber sie zeigte mir heimliche Leidenschaft; sie ist vielleicht zu schuchtern, um sich ganz zu erkennen zu geben; und sollte ich Bosewicht genug seyn konnen, ihre Hofnungen zu tauschen?"

Mit diesen Grundsazzen kannte ich noch keinen Mann! Thranen sturzten mir uber die Entdekkung seines feinen Gefuhls in die Augen; zum Glukke wandelten wir gerade auf einem Spaziergang im Dunkeln und er bemerkte meine Ruhrung nicht. Mein Herz war beklommen, mit Mitleid angefullt uber sein Schiksal, und so verliessen wir uns.

Was haltst Du von einem solchen Jungling? Ist sein Madchen nicht gluklicher als deine Freundin, der das ungunstige Schiksal ein solches edles Geschopf zuschikte? Tausend Kusse von

Deiner Amalie.

CLVIII. Brief

An Amalie

Nun da haben wirs ja; schon wieder verliebt! und noch obendrein so ernsthaft, so verborgen, dass Du selbst nicht einmal weist, was in deinem Herzen vorgeht.

Noch schleicht die Liebe, diese allmachtige Beherrscherin, bei Dir unter dem Dekmantel der Freundschaft umher, aber nimm Dich in Acht, Freundschaft unter zwei Gefuhlvollen ist ein gefahrlicher Schleichhandel, der schon so oft in Liebe ubergieng.

Wenn dein ernsthafter, empfindsamer Freund wirklich so ernsthaft ist, als Du mir ihn schilderst, dann ist er gewis auch meiner Achtung wurdig. Doch wer burgt mir in deinem jezzigen Zustande fur die Richtigkeit deiner Beurtheilung? Sein liebenswurdiger Karakter ist zu ausgezeichnet, als dass er auf ein Frauenzimmer, wie Du bist, keinen Eindruk machen sollte. Er mag immer ein vortreflicher junger Mann seyn, Du bist es ihm schuldig, ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, aber deine heimliche Neigung konnte leicht mehr fur ihn sprechen, als deiner Ruhe dienlich ware.

O, es ist fur ein denkendes Frauenzimmer eine zu reizbare Versuchung, den Mann zu entdekken, der auch die geringsten seiner Begierden zu unterjochen weis, der sich in der Liebe nicht durch kleine Galanterien zu grossern Vergehungen verleiten lasst. Und dieser so schone Zug aus deines Freundes Karakter, hatte er wohl deine unzufriedne Ahndung verdient, wenn dein Herz nicht im Stillen Wunsche nahrte, deren sich deine Vernunft schamt? Schluge dein Inneres nicht jezt schon fur Liebe, die Nachricht von seiner Verbindung mit jenem Madchen wurde Dich gewis nicht so erschuttert haben. Merkst Du denn noch nicht, wo dein Herzchen mit all diesen Aeusserungen hinaus will? Hat dein feuriger Unwille, der merkbare kleine Neid, der noch immer mit der schuchternen Zurukhaltung streitet, etwa nichts zu bedeuten, das an Liebe granzt? He, Weibchen! He! Glaube mir, in der Freundschaft bedauert man einander nicht mit solcher sturmischen Heftigkeit; Mitleiden in dergleichen Fallen ist der nachste Schritt zur Liebe.

Aber um Vergebung, besstes Malchen, sollte ich deiner Neigung hierinnen nicht ein Bischen Uebereilung zur Last legen? Hast Du denn auch die Folgen uberdacht? Um Gotteswillen bedenke, wenn sein Madchen wirklich heimliche Leidenschaft fur ihn fuhlte, wie er vermuthet, und er fuhlte dann, ohne es selbst recht zu wissen, fur Dich und Du fur ihn; was entstunde wohl hieraus fur ein Kaos? Und wer musste sonst wohl das Opfer dieser Leidenschaft werden, als Du? Tauscht euch ja nicht langer, lieben Kinder, mit eurer Freundschaft; brich entweder die Bekanntschaft auf der Stelle ab, oder Er mag ihr eine andere Wendung geben, so bald er uberzeugt wird, dass sein Madchen eine Undankbare ist.

So viel mich dunkt, kettete ihn der Zufall und ein leeres, unbeschaftigtes Herz an sie, und ich wollte alles darauf sezzen, das Madchen gefallt ihm nicht mehr, seitdem er Dich kennt; noch streitet er mit Liebe und Pflicht; noch kampft er mit unbekannten Empfindungen, aber gewis nahrt sein Herz den heimlichen Wunsch, dass ihn sein Madchen zurukweisen mochte; so viel habe ich aus seiner Aeusserung gegen Dich geschlossen. So stumm auch immer sein Mund ist, so ubereilt auch seine Handlungen sind, so wenig er sich auch an deiner Seite zu deinem Vortheil zeigt, desto mehr sprechen seine haufigen Besuche.

Werde mir aber ja nicht eitel, Malchen, wenn ich Dir sage, dass ich in das Herz deines Freundes und in das deinige hineindrang, und in dem ersten Spuren entdekte, die deiner Eigenliebe schmeicheln konnen. Der junge Mann besizt Kopf, Gefuhl und Geschmak; glaubst Du also nicht, dass er in der Liebe etwas ihm ahnliches suchen wird? Ich kenne zwar sein Madchen nicht, aber ich weis, dass es wenige Madchen giebt, die einen verdienstvollen Denker zu fesseln wissen. Blos aus Pflicht hangt er noch an ihr! Ein schones Wort fur den ehrlichen Mann! aber welch ein Unterschied zwischen kalter Pflicht und wirklicher Liebe! Sey behutsam, theure Freundin! sey behutsam! warne deinen Freund vor Selbst-Tauschung, flosse auch ihm Behutsamkeit ein, und erinnere Dich an die Ermahnungen deiner Freundin

Fanny.

CLIX. Brief

An Fanny

Liebe Fanny, mit aller deiner philosophischen Beurtheilungskraft hast Du Dich fur diesmal, wie mich dunkt, doch geirrt! Oder beharrst Du denn ganz eigensinnig auf deiner Entdekkung? Liebe ist mir doch nicht so unbekannt, um ihr Daseyn nicht zu bemerken. Man muss ja nicht gleich lieben; kann man denn nicht mit der sussen Freundschaft zufrieden seyn, wenn man Kopf genug genug hat, die Wonne derselben ohne Begierden zu geniessen? Ich wurde mich zu Tode schamen, wenn mein Freund hierinnen mehr Selbstbeherrschung besizzen sollte, als ich!

Was kann denn ich davor, wenn seine Denkungsart, sein Betragen, sein Herz mir taglich mehr gefallt, mich mehr entzukt? Das sind Verdienste, die eine moralische Zuneigung erzeugen konnen, welche aber von der Liebe (bei der sich doch immer etwas Sinnliches einmischt) noch weit entfernt ist.

Ich gestehe es, seine Grundsazze in der Liebe sind hinreissend, werden ein jedes Madchen gluklich machen, aber.... sie sind nicht fur mich, sie sind fur eine andere bestimmt! Es kann seyn, dass sich mein Herz im Stillen vorubergehenden kuhnen Wunschen offnete; was thut man nicht aus Uebereilung? Die Nachricht seiner Verbindung hat mich niedergedonnert, es ist wahr, doch mehr in Betracht der unverschamten Koketterie seines Madchens, als der Entdekkung einer Neuigkeit, die mir willkommen seyn musste. Oft glaubt der Mensch sein Ziel erreicht zu haben, und greift.... nach einem Schatten! Dass ich sein Madchen beneide, laugne ich auch nicht; aber beneidet man nicht auch oft Dinge aus Grille? Ich habe noch mehr gethan, als ihn blos bemitleidet ich habe ihn sogar angefeuert bei seinem Madchen auf die Entscheidung seines Schiksals zu dringen, damit er doch einmal ruhig wird, der gute Junge, der um dieser Zaudererin willen mit der schroklichsten Ungewisheit ringt. War ich diesen Rath nicht der Freundschaft schuldig? Du mochtest mich doch gar zu gerne verliebt sehen!

Welches feindselige Geschikke ihn zu diesem unwurdigen Madchen fuhrte, weis ich nicht; aber so viel weis ich, dass er schon oft sagte, sie ware wirklich nicht mehr das Madchen, die seinen moralischen Forderungen entsprache: Ob er nun an mir etwas besseres findet, darf ich aus Bescheidenheit nicht bestimmen; wenigstens kampft er seit einiger Zeit mit der aussersten Schwermuth ohne sich jemals herauszulassen, dass ich ihm mehr als Freundin bin.

Ich bleibe bei meinem Saz: das Madchen ist und bleibt eine fuhllose Kokette, sonst wurde sie ihm nicht einen Tag alle moglichen Aufmunterungen der Liebe anbieten und den folgenden durch Sprodigkeit und Ziererei wieder alle Hofnungen zernichten! Empfande ich nicht Mitleiden mit seinem Kampfe, ich wurde ihm diese gutherzige Blindheit derb verweisen. Aus Mitleid, aus Freundschaft habe ich ihn zu einer Untersuchung ihrer Gefuhle beredet. Ich uberlasse die Entwiklung dem Schiksale, und bin mit seinen Fugungen zufrieden.

Ha! Man pocht! Es ist mein Freund; er kommt von seinem Madchen.... Ich weis nicht, warum ich so zittere.....

Er rief mir freudig entgegen: "Mein Schiksal ist entschieden! Ich bin gluklich!"

Gott im Himmel! Was gieng in diesem Augenblik in mir vor?.... Die Wehmuth ubermannte mich... sie presste mir bei dieser Nachricht Thranen aus. Ich konnte an der Zufriedenheit meines Freundes keinen wahren Antheil nehmen; sein Gluk dunkte mich der Anfang meines Ungluks... O meine Fanny! Deine weissagende Seele! Du hast Recht.... ich liebe ihn!!!

Ha! ich mochte vor Schamrothe vergehen, dass ich Dich, dass ich ihn, dass ich mich so lange tauschen konnte! Um deiner Liebe willen halte mein Laugnen nicht fur Verstellung; ich wusste selbst nichts von dieser Leidenschaft! Gott! was ist der Mensch fur ein schwaches Wesen! Wie wenig kennt er sich selbst, bis ihn die Leidenschaften uberraschen!

Ich kann Dir, liebe Fanny, diesen Auftritt nicht so lebhaft schildern, als ich ihn fuhlte... O die grasslichen Worte: Mein Schiksal ist entschieden! Ich bin gluklich! raubten mir alle Fassung! Kaum vermochte ich noch die Frage herauszustottern: "Und wie ist es denn entschieden?"

Die Freude, die ich bei dem Eintritt auf seinem Gesichte las, todtete in mir alle Hofnung, ihn je zu besizzen! Schon fuhlte ich die entwikkelte Liebe und mein Ungluk in all seiner Starke, meinen Verlust in seinem ganzen Gewichte, meine hofnungslose Liebe mit einer Ewigkeit voll Jammer begleitet!!! Nach meinen Empfindungen zu urtheilen, muss dies der einzige Mann in der Schopfung seyn, der mir bis izt mangelte!

Aber stelle Dir mein heimliches Entzukken vor, als er mir in wenigen Minuten darauf gerade das Gegentheil von dem sagte, was mich so gebeugt hatte, als er mit frohlichem Herzen anfieng:

"Sie haben mich unrecht verstanden. Ich bin frei; das Madchen liebt mich nicht, hat mich nie geliebt; sie hob auf meine dringende Bitte alle Hofnung zur Gegenliebe auf, aber mit einer Kalte, mit einer Kalte, die meinen ganzen Stolz emporte!"

Dieser rasche Uebergang, diese glukliche Tauschung wirkte so sehr auf mich, dass ich in lautes Weinen ausbrach! Ich beredete ihn, dass es Thranen der Theilnahme, Thranen der Freundschaft waren, aber es waren Thranen... der Liebe. O meine Freundin, wenn er meine Leidenschaft nur nicht bemerkt hat! Wenn er nur auch fur mich so viel empfande! Oder wenn er nur nicht so viele ausgezeichnete moralische Reize besasse!

Darf ich Den zu lieben errothen? Den, der alle Geistesvorzuge besizt, der die Beleidigung dieser Kreatur mit keinem bittern Wortchen ahndete, der wie ein sanfter Engel ihre Falschheit bemitleidete und seinem Herzen aus edelm Selbstgefuhl Richtung gab? Den, der so ganz das Ebenbild meines Ideals ist? Den, auf dessen Herz, auf dessen moralischen Karakter, auf dessen Talenten eine jede Denkerin stolz seyn wurde?

O Dank dir, Alltags-Madchen, Dank dir, dass du ihn nur der Schaale nach beurtheiltest, dass du in ihm den galanten Modegekken vermisstest, der deiner dummen Eitelkeit besser wurde geschmeichelt haben; dass du seinen innern Werth aus eigner Verdienstlosigkeit nicht entdektest! Verzeihe, meine Freundin, wenn ich hier abbreche! Giebt es fur meine Empfindungen eine Sprache?

Amalie.

CLX. Brief

An Amalie

Liebes Malchen!

Ich sollte Dich zwar ein Bischen zanken, weil Du mir deine Leidenschaft so eigensinnig weglaugnetest, aber es liegt einmal in der Natur der Liebenden, dass sie sich lange genug selbst tauschen, und dann was verzeiht man nicht einer Freundin, deren feurige Einbildungskraft, deren fuhlende Seele so leicht von der Liebe kann uberrascht werden?

Alles gut, liebes Malchen, alles gut; dein Freund ist ein herrlicher Junge! Melde mir aber noch mehrere Zuge aus seinem Karakter, und dann will ich Dir erst sagen, ob Du ihn zum Gatten wahlen darfst. Verstelle Dich gegen ihn wenigstens nur so lange, bis Du gewis bist, dass er Dich eben so heftig liebt, dass er sein voriges Madchen ganz vergessen hat, oder ob es bei ihm nur augenbliklicher Affekt war. Die Liebe ist eine wunderliche Sache; je mehr ihr Hindernisse aufstossen, desto eigensinniger wird sie. Ich bin zwar uberzeugt, dass dein Freund Denker genug ist, um ein Madchen zu verachten, zu vergessen, die ihn so mishandelte.

Dieser Bedenklichkeiten ungeachtet befiehlt Dir der Wohlstand, deine Liebe nicht eher zu zeigen, bis Du dazu aufgefodert wirst. Lasse Dir nur die Zeit nicht lange werden, dein Freund wird bald mit einer Erklarung von selbst herausrukken. Mich dunkt, seine Frohlichkeit uber die Entscheidung seines Schiksals ist... nichts weiter, als Liebe fur Dich! Mit deinen Thranen hattest Du wohl an Dich halten konnen; es lasst gar nicht schon, wenn verliebte Frauenzimmer weinen. Doch Spass beiseite, sey aufmerksam auf die fernere Handlungen deines Freundes, und statte mir treulichen Bericht davon ab. Ich wurde Dir heute gerne mehr schreiben; aber mein Karl will durchaus mit mir spazieren gehen, und... ei, sieh da! nun nimmt er mir gar mein Dintenfass weg. Ich muss also wohl schliessen.

Deine Fanny.

CLXI. Brief

An Fanny

Traute, liebe Freundin!

Du krankst mich doch mit deinen vielen Bedenklichkeiten noch halb zu Tode! Ich danke Dir immer fur deine gutige Sorgfalt, aber Du musst dich auch von dem guten Karakter meines Freundes uberzeugen wollen. Zu viel Furcht verbittert das Leben; nach mehreren Prufungen wird ubertriebenes Mistrauen endlich zur Beleidigung. O und seine Seele ist doch so truglos, seine Vernunft so gebildet, sein Herz so rein, dass man ihm gut seyn muss! Mitunter ist er freilich ein Bischen Brauskopf, eine Folge seiner Lebhaftigkeit, die aber die sanfte Gute seines Herzens gleich wieder entwaffnet. Jede seiner Handlungen wird von dem feinsten Ehrengefuhl geleitet, er fuhlt die Erhabenheit seiner Seele, aber ist demungeachtet weder eitel, noch hochmuthig; selbst in der Liebe (die seine einzige Glukseligkeit auszumachen scheint) kann er nicht kriechen.

"Fur jezt, (sagte er mir lezthin) fur jezt bin ich mit Ihrer Freundschaft zufrieden. Konnen Sie mir einstens mehr schenken, dann ist mein Gluk ohne Granzen! Aber ich werde nichts erbetteln, nichts erschleichen, nichts ertrozzen."

Wie gefallt Dir dieser neue Zug aus seinem Karakter? Ist er nicht der Beweis seines gefuhlvollen, edeln Stolzes? Wie unterscheidet sich der Edle von den gewohnlichen Mannern, die bei der Bekanntschaft eines Frauenzimmers alle Kunstgriffe anwenden, um eine eigennuzzige Eroberung zu erhaschen. Wie absichtslos, wie unbefangen zeigt sich seine Liebe; wie weich, wie empfanglich ist seine Seele fur jedes Gefuhl der Tugend! Und in dies Geschopf sollte ich noch Mistrauen sezzen? Ich sollte ihn noch langer von mir entfernen? Noch langer nicht hinsinken an seinen warmen, klopfenden Busen?

Rede mir doch in Zukunft nichts mehr von seinem vorigen Madchen! Er hat, er musste die Elende ganz vergessen, sonst wurde mir seine Vernunft verdachtig geworden seyn. Noch nie fand ich ihn in seinen Entschlussen wankend; er ist in seinen Leidenschaften nicht Weichling; er kennt den Werth der wahren Liebe, und weis sie durch Standhaftigkeit zu adeln. Bis Morgen bleibt dieser Brief noch ungesiegelt; hernach das Weitere.

Des andern Tages.

Er ist vorbei der Augenblik der seligsten Vereinigung! Unsere Herzen haben sich einander ganz aufes auch ewig bleiben! Ha! der Wonnetrunkenheit, die mich berauschte, als er den ersten warmen Kuss auf meine gluhenden Lippen drukte! Als er mich mit hinreissender, feuriger Begeisterung seine Gattin nannte! Wie er dabei so feurig mich an sein lautpochendes Herz drukte, und wie er doch mitten im Taumel der Liebe Herr uber seine gereizten Sinnen blieb! Ist das etwa nicht der grosste Beweis seiner auf Hochachtung gegrundeten Neigung? Erhebt ihn nicht seine bescheidene Schuchternheit uber tausend andere Alltags-Liebhaber? Wo ich nur hinblikke, entdekke ich in ihm Seelen-Vollkommenheiten, die mich entzukken! Gott! Wie granzenlos sind die Glukseligkeiten der achten Liebe! Und alle diese Glukseligkeiten warten in Wilhelms Armen auf mich!!!

Einige Tage hernach.

So sind denn die Freuden dieses Lebens immer mit Bitterkeit gewurzt! Hatte ich dies wohl vor einigen Stunden vermuthet? Mein Gatte (denn das ist er izt vor Gott) mein Gatte leidet wegen meiner von seinen Verwandten die schroklichsten Verfolgungen! Sie hatten ihn gerne von mir gerissen, die Habsuchtigen, aber es gelang ihnen nicht; er kampfte wie ein Biedermann, bot dem Vorurtheile Troz, und ist jezt viel feuriger, viel schwarmerischer (wenn es je moglich ist) ger Sporn; aber er wird diese Hindernisse alle ubersteigen! Kummere Dich nicht, meine Freundin, er ist Mann; tausend noch argere Kabalen werden ihn doch nicht von der Seite seines Weibes reissen! O, ich kenne ihn; er tragt ein teutsches Herz im Busen und wurde aus Liebe einer Holle trozzen, wenn sie sich gegen ihn auflehnte! Gross ist seine Seele, entschlossen sein Muth und unnachahmlich seine Zartlichkeit! Kunftigen Posttag die sichere Nachricht von meinem Brauttag, wenn nicht der Fluch des Schiksals auf mir ruht, nie, nie gluklich werden zu durfen!!!

Amalie.

CLXII. Brief

An Amalie

Mein Malchen, das verzeihe ich Dir in Ewigkeit nicht, dass Du mir bis jezt den Namen deines Freundes verschwiegst! Wilhelm B.... wird dein Gatte? Der liebe B...., der so oft an dem vertrauten Busen meines Karls lag, als sie zusammen in G.... studierten? Jener B...., dessen grosse Seele, dessen menschenfreundliche Handlungen in ganz G.... bekannt sind? Jener B...., der sich zum Aerger Anderer schon so fruhe zum Denker emporschwang, der allen Ergozlichkeiten der Jugend entsagte, um die Nothleidenden unterstuzzen zu konnen! Mein Karl betheuert, dass er nie einen biederern Freund gehabt habe, als ihn. Er betheuert, uberall herrsche Feuer, Wohlwollen, mit reizender Begeisterung begleitet, in seinen Handlungen. O Du glukliches, glukliches Weibchen! Karl taumelt vor Entzukken! Eine herrlichere Ueberraschung hattest Du uns gewis nicht bereiten konnen, ob sie gleich vielleicht wider deinen Willen geschah, denn ich glaube nicht, dass Du von der ehemaligen Verbindung dieser zween Freunde etwas gewusst hast. Das Schiksal entfernte sie von einander, der junge B.... gieng auf Reisen, mein Karl hatte das Gleiche im Sinne, bis ich ihm dazwischen kam, seinen Plan scheitern machte, und ihr Briefwechsel aus Zufall unterbrochen wurde.

Aber sage mir doch, wie geriethest Du denn an diesen vortreflichen Jungling? Wo lerntet ihr euch kennen? Wie gieng denn das zu? Wie kam es? O dass Du mir nicht auch alles bis auf den kleinsten Umstand schriebst! Um aller Welt willen, verhele ihm meine mistrauischen Anmerkungen! Er musste mir gram werden, dass ich ihn, freilich unbekannter Weise, so beleidigen konnte. O Malchen! Malchen! mein Entzukken uber diese Entdekkung ist granzenlos!

Schmiege Dich fest an den Edeln, und wenn seine Verwandten sich in Furien verwandelten, so lasse ihn doch nicht! An der Seite eines Wilhelm B.... wird jedes Weib zur beneidungswurdigen Sterblichen! Und gesezt, sie entzogen ihm alle Gluks-Guter, so wirst Du bei seinen ausgezeichneten Talenten doch nie darben durfen.

Wenn ich ihn doch nur schon von Person aus kannte; Karl und ich konnen den Augenblik kaum erwarten, wo wir ihn sehen werden! Guter, guter Vater im Himmel, so machst du denn meine Amalie auf einmal ganz gluklich! Hast Du ihn endlich gefunden, Freundin, den, der einer Amalie wurdig ist, den, der Dir in Allem so gleicht, als ob die Natur bei der Schopfung nur Einen Gedanken, nur Einen Endzwek zur engsten Harmonie gehabt hatte, den, der Dir alle truben Schiksale wird vergessen machen, den, der Dir, mir und meinem Karl Thranen der innigsten Freude entlokt! Amalie, es giebt Wonne-Gefuhle, die die Zunge fesseln, aber das Herz desto mehr erweitern zur Empfanglichkeit fur die Freuden der Freundschaft; das ist jezt der Zustand deiner entzukten

Fanny.

CLXIII. Brief

An Fanny

Theuerste, liebste Fanny!

Ich habe Dir mit Vorbedacht den Geschlechts-Namen meines Wilhelms nicht fruher entdekt, um dein Urtheil desto unpartheiischer zu vernehmen. Von der Freundschaft zwischen Karl und Wilhelm, deren Erneuerung meinem Gatten die unaussprechlichste Freude machen wird, wusste ich nicht das geringste; blos der glukliche Zufall hat es entdekt. Ich halte mich uberhaupt bei der Schilderung eines Freundes nicht gerne lange bei Nebensachen auf, am allerwenigsten bei korperlichen Reizen, an denen nur sinnlose, eitle, undenkende Frauenzimmer kleben bleiben. Gluklicher Weise gehort meine Wahl auch in diesem fur mich so unbedeutenden Stukke nicht unter die geschmaklosen, wie Du von deinem Karl horen wirst. In der gluklichen Liebe mussen die korperlichen Reize immer den moralischen nachstehen, sonst wird dieselbe zur niedrigen Alltags-Waare. Es wurde meinem Kopf ewig Schande machen, wenn ich mich je bei der Wahl eines Gatten (vorausgesezt, dass er von der Natur nicht ganz verwahrlost worden ist) bei meinen philosophischen Grundsazzen so weit hatte verirren konnen.

Ja, meine Theuerste, Wilhelm B.... ist es, der meine zeitliche und ewige Glukseligkeit ausmacht! Er ist jezt mein Fuhrer, mein Freund, mein Gatte, mein Alles in Allem! Wie ich an ihn gerieth, wurde zum erzahlen zu weitlaufig werden; also nur in Kurzem: Er lernte meine Denkungsart, so wie ich die seinige, durch die Schilderung einiger Freunde kennen. Aus Ahndungen entstunden Wunsche, und diese Wunsche fuhrten uns durch einen gluklichen Zufall zur Bekanntschaft, der wir beide mit Sehnsucht entgegen sahen.

Du weist, wie ich gerade zu derselbigen Zeit im Begriff war, aus murrischem Menschenhass zum Leichtsinn uberzugehen, als plozlich Wilhelm kam und mich zurukrief. So weit, wie ich es trieb, treibt es der schwache Mensch, wenn ihn das Schiksal verwirrt macht, wenn sein gutes Herz von allen Seiten zerrissen und seine Vernunft beinahe irre gefuhrt wird. Gott Lob, sie sind voruber diese Zeiten! ich erhielt einen Begleiter auf diesem gefahrlichen Pfade, wo man so leicht strauchelt!

Aber, liebe Fanny, sey doch kein Kind, wie konnte Dir denn Wilhelm gram werden, wenn Du unbekannter Weise fur mein Wohl sorgtest? Habe ich deinem antheilnehmenden Herzen nicht schon bei der ersten Wahl eines Gatten den unuberlegtesten, leichtsinnigsten Streich gespielt? war ich nicht taub gegen deine Ermahnungen? horte ich nicht blos auf meine gutherzige Hizze, um mir unbeschreibliches Elend einzutauschen? Du hattest ganz Recht mich zu warnen: ein junges Frauenzimmer hat nie zu viel Welt, nie zu viel Kopf, um in der Liebe vorsichtig genug zu handeln. Mochten sich meine Leserinnen mein ausgestandenes Elend tief in ihr Herz schreiben, wenn ein Spieler, ein Wollustling oder sonst ein niedriger Schurke ihre Leichtglaubigkeit, ihre Sinnen durch heuchlerische Schmeicheleien, durch zudringliche Kunstgriffe zu ubertauben sucht!

Doch endlich, meine Besste, sind sie zu Ende meine Leiden, und die Verfolgungen, die wir wegen unserer Liebe dulden mussten, durch die Standhaftigkeit meines Wilhelms uberwunden! Mein SchauspielerStand beleidigte seine hochnasigte Familie, die sich doch der meinigen nicht zu schamen hat. Aber Wilhem trozte diesen Schimaren und horte blos auf die Stimme der Vernunft, der Redlichkeit und der Liebe! Seine feurige Einbildungskraft giebt der Liebe einen Schwung, den vielleicht wenig Junglinge in unserm flatterhaften Jahrhunderte erreichen werden, wenigstens gewis nicht mit solchen durchdachten Grundsazzen, mit so vieler Ueberzeugung einer zukunftigen Glukseligkeit, mit dem warmen Ausguss des bessten Herzens, wie meines Wilhelms Liebe ist.

Gott ist mein Zeuge, dass aus diesem braven Jungling nicht uberspannte Romanen-Sprache spricht; seine Liebe ist auf Ueberlegung gegrundet; sie entstand allmahlig; er lernte mich durch Umgang kennen, fand seine Wunsche in Wirklichkeit gebracht, und Seelen-Harmonie vereinigte uns auf ewig. Alle Nebenabsichten, denen der schwachkopfige Jungling anhangt, mussten bei seiner beispiellosen Liebe weichen Nicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte seine Sinnen, sondern tiefe Ueberzeugung, dass ich das Gluk seines Lebens ausmachen wurde, entschied seine Wahl. Glanzendere Aussichten, die Gunst seiner Familie, Verschiedenheit unseres Standes, Unterschied der Religion, (dein Karl wird Dir vermuthlich schon gesagt haben, dass er ein Protestant ist) und noch mehr dergleichen tirannische Vorurtheile unterjochte er mit einem philosophischen Muth, der mich staunen machte!

Unnennbar ist meine jezzige Glukseligkeit! Entzukken, Wonne, Gatten-Liebe und die susseste Schadloshaltung fur meine ehemalige Schiksale stromen nun mit unaussprechlicher Freude in mein Herz! Oft lasst mich diese Himmelswonne kaum zu Athem kommen! Oft muss mein Wilhelm die Thranen der Freude stromweis von meinen Wangen wegkussen, um das susse melankolische Gefuhl zu zerstreuen, das mich auf Kosten meiner Gesundheit zur traumenden Schwarmerin macht. In diesem Zustande wurde ich blos taumeln und nicht wachen.

Alle meine Wunsche sind jezt erfullt! Mein gutes Herz hat noch ein besseres gefunden; meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergiessen; mein Geist findet durch Wilhelms Vernunft Nahrung; meine kleinen Schwachheiten stehen izt unter der Obsicht eines gutigen, liebevollen Gatten; meine Grundsazze werden durch seine herrliche Philosophie fester, und mein Herz findet Anlass sich mehr zu veredeln, um es der Glukseligkeit empfanglich zu machen, zu der wir von der ewig weisen Vorsicht bestimmt sind.

O, du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung, Gefalligkeit und Sanftmuth seyn, die mit der feurigsten, zartlichsten Leidenschaft verknupft sind und unsere Tage zum Elysium schaffen. Unsere Religion ist Liebe fur den Allmachtigen und Liebe fur unsere Bruder; unsere Lebensart, stille von der grossen Welt entfernte Weisheit; unsere Unterhaltung, gegenseitiges gutes Herz, in heitern Augenblikken mit unschuldigen Schakkereien gewurzt, und der Endzwek unserer Handlungen, willige Ausubung der allgemeinen Pflichten fur das Wohl der Menschheit und fur unser eigenes.

Dies, meine Fanny, ist nur obenhin das Bild meiner gluklichen Ehe, die Du in ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblikken sollst. Ja, ja, meine Freundin, Du und dein Karl, ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glukseligkeit werden! Mein Gatte gab mir sein Wort wir besuchen euch auf unserer Reise nach der Schweiz und mein Wilhelm halt sein gegebenes Wort gewis! Gewis halt er es; ich kenne meinen Wilhelm! Also nur Acht gegeben, wenn Du einen Wagen rollen horst, so denke nur, es kommt Niemand anders, als

Deine glukliche Amalie.

Nachschrift

an die Leser und Leserinnen.

So viel, meine werthesten Freunde und Freundinnen, kann ich Sie versichern, dass dieses mein Werkchen eine wahre Geschichte und kein idealischer Roman ist. Ich werde wohl nicht nothig haben, fur den Welt- und Menschenkenner diese Behauptung deutlicher zu erklaren, wenn er den geraden, naturlichen Gang meiner Geschichte eingesehen hat, die so weit von den abentheuerlichen Episoden, romanenhaften Windbeuteleien, u.s.w. entfern ist, und blos bei der lieben Natur, bei wirklichen Auftritten aus dem menschlichen Leben stehen bleibt. Mich dunkt, dass man aus dieser ganz begreiflichen Art Schiksale, aus dergleichen wahrscheinlichen Begebenheiten am bessten Herzen, Menschen und Sitten studieren lernt, weil sie auf keine Schimaren, auf keine Ideale gegrundet sind. Ob nun diese meine gute Absicht bei meiner Arbeit von den Denkern und Denkerinnen so verstanden wird, wie ich es wunsche, dies wird die Folge weisen.

Vielleicht hat diese ungezierte, an erdichteten Verwiklungen und gehauften Intriken so leere Geschichte nicht das Gluk dem verwohnten Geschmak zu gefallen, der leider so gerne bei Hirngeburten und bei lugenhaften Geniestreichen verweilt. Es sollte mir wahrlich leid thun, weil ich mit allem Vorbedacht bei der punktlichen Wahrheit der Geschichte stehen blieb und nicht gerne Erdichtungen einflikken wollte, um meine Leser und Leserinnen nicht mit Marchen aus dem Reiche der Moglichkeit zu tauschen, die unsere meisten Romanen ohnehin genug anfullen.

Meine Arbeit musste ein Kind der Natur werden; wollen sich nun die Abgesandten der Vorurtheile und dienstfertige Grubler daran wagen, dasselbe zu nekken, so wird seine Mutter aus Erfahrung wohl so viel kaltes Blut gesammelt haben, um ihre Nekkereien mit philosophischer Gleichgultigkeit zu ertragen oder es zu vertheidigen, je nachdem es kommt!

Die Verfasserin.