1787_Heinse_035 Topic 1

Wilhelm Heinse

Ardinghello und die gluckseligen

Inseln

Erster Band

Vorbericht zur ersten Auflage

Es ist eine Lust, in den italienischen Bibliotheken herumzuwuhlen: man spurt auch in den geringern zuweilen unbekannte Handschriften auf. Ob ich an dieser, von welcher ich hier die getreue Ubersetzung liefre, einen guten oder schlechten Fund getan habe, mag jeder Leser fur sich bestimmen. Ich entdeckte sie bei Cajeta in einer verfallnen Villa, die auf einer reizenden Anhohe den zaubrischen Meerbusen beherrscht, unter alten Buchern und Papieren, als ich mit einem jungen Romer, wahrend er die Verlassenschaft seines Oheims in Besitz nahm, einen glucklichen Herbst dort zubrachte.

Sollte verschiednen, wegen Ferne des Landes und der Zeit, einiges dunkel oder zu gelehrt vorkommen, so konnen sie solches bequem uberschlagen und sich bloss an den Faden der Begebenheiten halten; in der Natur selbst mussen die Weisesten manches so vorbeigehn.

Vielleicht findet mein Freund noch anderswo das ubrige der Geschichte; aus Familiennachrichten scheint hier Fiordimona, die man darin kennenlernen wird, ihre Tage beschlossen zu haben.

Der Verfasser setzt seiner Schrift folgende Fabel vor, um sinnlich zu machen, dass auch das Nutzlichste unschuldigerweise schadlich sein kann: 'Ein wachserner Hausgotze, den man ausser acht gelassen hatte, stand neben einem Feuer, worin edle campanische Gefasse gehartet wurden, und fing an zu schmelzen.' Er beklagte sich bitterlich bei dem Elemente. 'Sieh,' sprach er, 'wie grausam du gegen mich verfahrst! Jenen gibst du Dauer, und mich zerstorst du!' Das Feuer aber antwortete: 'Beklage dich vielmehr uber deine Natur; denn ich, was mich betrifft, bin uberall Feuer.'

Geschrieben im Dezember 1785.

Bei der neuen Auflage dieses Werks ist zu erinnern, dass es 1785 fertig war. Einige Jahre nach Erscheinung desselben haben sich Begebenheiten zugetragen, die der Herausgeber, so plotzlich, nicht ahnden konnte. Man betrachte also manches nicht gegen ihn aus dem verruckten Gesichtspunkte. Auch hat er Gedanken, darin zerstreut, in spatern beruhmten Schriften angetroffen; einen und den andern, seiner Meinung nach, zu weit getrieben.

Er will sich hiermit nur von dem vielleicht sonst kunftigen Vorwurfe befreien, dass er sie daraus genommen habe; und weiss wohl, dass mehrere uber gleiche Gegenstande ahnlich und gleich empfinden und urteilen konnen.

Eine Menge Druckfehler, die ein Nachdrucker hasslich vermehrte, sind ausgemerzt und einige Stellen erganzt und berichtigt worden.

Und nun, Ardinghello, uberlass ich dich deinem Schicksal. Unter welschem Himmel erzeugt und in teutschem Wind und Wetter aufgewachsen, magst du darin bestehen oder vergehen.

Erster Teil

Wir fuhren an einem turkischen Schiffe vorbei, sie brannten ihre Kanonen los: die Gondel wankte, worin ich aufgerichtet stand; ich verlor das Gleichgewicht und sturzte in die See, verwickelte mich in meinen Mantel, arbeitete vergebens und sank unter.

Als ich wieder zu mir gekommen war, befand ich mich bei einem jungen Menschen, welcher mich gerettet hatte; seine Kleider lagen von Nasse an, und aus den Haaren troff das Wasser. "Wir haben uns nur ein wenig abgekuhlt!" sprach er freundlich mir Mut ein; ich druckte ihm die Hande.

Das Fest war fur uns verdorben. Meine vorigen Begleiter eilten nun von dannen. Wir liessen den Bucentoro zwischen tausend Fahrzeugen, unter dem Donner des Geschutzes von allen Schiffen aus den Hafen, in die offne See stechen und den Dogen sich mit dem Meere vermahlen; und er brachte mich mit seinem Fuhrer nach meiner Wohnung.

Hier schied er von mir, ohne dass er mir weder sein Quartier noch seinen Namen sagen wollte; bloss aus der Mundart bemerkte ich, dass er ein Fremder war; jedoch versprach er, mich bald zu besuchen. Wir umarmten uns, und mir wallte das Herz, es regte sich eine Glut darinnen. Seine Jugend stand eben in schoner Blute, um Mund und Kinn flog stark der liebliche Bart an; seine frischen Lippen bezauberten im Reden, und die Augen spruhten Licht und Feuer; gross und wohlgebildet am ganzen Korper, mit einer kuhnen Wildheit, erschien er mir ein hoheres Wesen.

Sein Bild wich den ganzen Tag nicht aus meiner Seele; ich konnte weder essen noch trinken und vor Ungeduld nicht bleiben.

Abends war Gondelrennen, das auf der See, was Wettlauf auf dem Lande; wodurch unsre Leute zu mutigen Schiffern sich bilden: ein Spiel, wo Starke, Gewandtheit und Fuhrung des Ruders den Preis davontragt und welchem nur ein Pindar fehlt, es wie die olympischen zu verherrlichen. Der ganze Grosse Kanal schaumte und war Getummel von schonem Leben; die Fenster der Palaste prangten mit ihren Tapeten, und die untergehende Sonne glanzte daraus wider in unzahlbaren frohlockenden Gestalten.

Ich fuhr an den Markusplatz und ging darauf in Gedanken herum, bis die Nacht einsank und ihre Kuhle verbreitete; die Erleuchtung der Buden mit den Kostbarkeiten der Messe gab eine neue Augenweide. Ich blickte in verschiedene Weinschenken unter den Hallen; in einer dunkte mich, den jungen Mann gesehen zu haben, der mich so grossmutig der Gefahr entzog. Ich kehrte sogleich um und ging in meiner Maske hinein.

Es war der Versammlungsort der Kunstler, und ich hatte recht gesehen. Sie schienen im Streite zu sein. Paul von Verona fuhrte das Wort und sagte:

"Wer uber ein Kunstwerk am richtigsten urteilen kann? Ich glaube, wer die Natur am besten kennt, die vorgestellt ist, und die Schranken der Kunst weiss. Ich verachte die Elenden, die von einem Manne von Geist und Welt verlangen, dass er ein Schmierer wie sie sein soll, eh er uber ein Gemalde urteilen will. Das komische Approbatum sogar, welches die teutschen Rosstauscher an die Pferde vor der Markuskirche mit ihren Namen schrieben, gilt mir zum Exempel mehr hier als jener ganze Tross; in Stutereien geboren und erzogen, fuhlten sie die herrliche lebendige Pferdsnatur und wie jeder von den vier jungen mutigen Hengsten seinen eigenen Charakter hat. Die Vortrefflichkeit ihrer Kopfe und wie sie schnauben und ungeduldig sind, dass sie im Zugel gehalten werden, lernt man durch kein blosses Gekritzel von Zeichnung. Selbst der grosste Maler, der immer auf festem Lande lebte, kann uber kein Seestuck urteilen; und der erste beste Sultan, der liebt und noch Kraft in den Adern hat, darf eher sprechen aus seinem Serail uber eine nackende Venus von unserm Alten als der fromme Fra Bartolommeo."

"Wahr!" versetzte ein andrer, der deutlichen hellen und volltonigen Aussprache nach ein Romer; aber der Geschmack kommt nicht von selbst. Man muss erst wissen, was Kunst ist, und den Vorrat der Kunstwerke mit naturerfahrnem Sinn gepruft haben, sonst geht man der Prozession mit der Madonna von Cimabue hinterdrein und bejubelt sie als das Non plus ultra. Die Leute glauben, es ware nicht moglich, etwas Bessers zu machen, weil sie nichts Bessers gesehen haben; und denken, wie ihnen zumute ware, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen sollten. Daher alle die albernen Urteile von sonst sehr gescheiten und gelehrten Mannern uber die Kunstler der vorigen Zeit; sie schwatzten gleich vom Zeuxis und Apelles, weil sie platterdings von diesen Namen keinen sinnlichen Begriff hatten. Und so wird's bei den Auslandern, wo die Kunst anfangt und die Meisterstucke nicht vorhanden sind, mit euch und dem Tizian und Raffael ergehen; ihr werdet ebenso gemissbraucht werden.

Und dann muss man gewiss mehr als ein Werk und viel von einem Meister gesehn haben, ehe man nur ihn recht kennenlernt. So geht's auch mit den Menschen uberhaupt; die trefflichen muss man studieren. Es ist nichts eitler und torichter als die Reisenden und Hofschranzen, die einen wichtigen Mann gleich beim ersten Besuch und Gesprach weghaben wollen.

Doch um nicht auszuschweifen: "Keiner kann einen Teil vollkommen verstehen, ohne vorher einen Begriff vom Ganzen zu haben, und so wieder umgekehrt. Jedes einzelne Gemalde zum Beispiel macht folglich einen Teil von der gesamten Malerei, so wie sie gegenwartig in der Welt ist; und man muss wenigstens ihr Bestes uberhaupt kennen, ehe man dem einzelnen seinen Rang anweisen will."

Mein junger Mann erwiderte jetzt mit Feuer:

"Ich mag nicht bestimmen, inwiefern der Herr recht hat. Das Gerausch der Messe um uns erlaubt keine nuchterne Beratschlagung; ich glaube, Meister Paul hat das Seinige gesagt, damit, dass ein befugter Richter noch die Grenzen der Kunst kennen muss.

Allein, ihr Lieben, jede Form ist individuell, und es gibt keine abstrakte; eine bloss ideale Menschengestalt lasst sich weder von Mann noch Weib und Kind und Greis denken. Eine junge Aspasia, Phryne lasst sich bis zur Liebesgottin oder Pallas erheben, wenn man die gehorigen Zuge mit voller Phantasie in ihre Bildungen zaubert: aber ein abstraktes bloss vollkommnes Weib, das von keinem Klima, keiner Volkssitte etwas an sich hatte, ist und bleibt meiner Meinung nach ein Hirngespinst, arger als die abenteuerlichste Romanheldin, die doch wenigstens irgendeine Sprache reden muss, deren Worte man versteht.

Und solche unertraglich leere Gesichter und Gestalten nennen die armseligen Schelme, die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen erlernt haben und treiben, wahre hohe Kunst; und wollen mit Verachtung auf die Kernmenschen herunterschauen, die die Schonheiten, welche in ihrem Jahrhundert aufbluhten, mit lebendigen Herzen in sich erbeutet haben.

"Dies ist der wahre Weg", beschloss der Romer. "Inzwischen kann man uber nichts urteilen, wovon man kein Ideal hat; und dies entwirft der Verstand mit der Wahl aus vielem."

Hier trennte sich die Gesellschaft; Paul ging weg und nahm den Jungling in Arm. Ich folgte nach. Sie zogen den Platz ein paarmal herum und horten da und dort der Musik und den Scherzen lustiger Truppen zu. Beim Eingang in die Merceria verliess ihn endlich Paul; ich nahm meine Maske ab und machte mich an ihn.

Er erkannte mich gleich und freute sich, dass mein Zufall keine schlimme Folgen gehabt hatte. Ich bezeugte ihm vom neuen meine Dankbarkeit und wunschte ihm irgendworin fur seine edle Tat Dienste leisten zu konnen.

Dies setzte ihn in Verlegenheit. "Was hab ich getan," erwiderte er, "das ich nicht bei jedem andern Erdensohn getan hatte? hatte tun mussen? Wie mancher Bube holt ein Stuck Geld vom Sand aus der Tiefe und sturzt sich noch obendrein von Hohen in die Flut. Ubertriebnes Lob fur Schuldigkeit macht die Menschen feig und eitel. Das ist ein elendes Volk an Heldenmut und Verstand, wo bei jeder Kleinigkeit eine Ehrensaule muss aufgerichtet werden. Was geschehen ist, sei geschehen!"

"Gross auf Ihrer Seite," verfugt ich, "und gewiss ist der Rettende schon in sich der Gottliche. Inzwischen glaub ich aber doch, dass die Dankbarkeit das festeste und sanfteste Band der Gesellschaft sei, und auch ein wenig Ausschweifung darin eine Nation immer liebenswurdig und den wackern Mannern derselben das Leben froher mache."

Er sah mich hierbei mit einem neuen seelenvollen Blick an, und wir fassten uns traulicher. Ich bat ihn instandig, diesen Abend bei mir zu bleiben; und wir liessen uns am Broglio uber den Kanal setzen.

Wir assen und tranken, und das Tischgesprach wurde immer lebendiger, sobald die Bedienten uns verlassen hatten. Der erste Vorwurf war der heutige Tag. Er ruhmte die Klugheit unsers Senats, dass sie sich aus dem bitterbosen Kriege nach dem Bundnisse bei Cambrai und jetzt aus dem Uberfalle der ganzen turkischen Macht so glorreich gezogen hatten und in der alten Wurde noch mit dem Meere vermahlen konnten. Nur tat es ihm leid, dass der Cypernwein in Italien nun seltner und teurer werden wurde.

"Wir sind unter vier Augen", erwidert ich, um ihm das etwanige Misstrauen gegen einen Nobile zu benehmen; denn ich fuhlte den Zug der Liebe unwiderstehlich. "Nach jenem ungluckseligen Bunde war ein arger Staatsfehler nur einigermassen wieder gutgemacht, den man vorher hatte vermeiden mussen. Und auch jetzt wurden wir das susse Konigreich, die Insel der Liebe, nicht eingebusst haben, wenn man dem Sultan, als der Silen noch Statthalter in Cilicien gegenuber war, einige Fasser von ihrem Nektar wohlfeiler vergonnte; und die christlichen Freibeuter mit seinen weggekaperten schonen Knaben und Sklavinnen nicht allzu sicher zu Famaugusta in der Nachbarschaft einliefen.

Unsre Braut scheint uns ubrigens nicht mehr so treu bleiben zu wollen, wenn man auf Vorbedeutungen gehen darf. Sie wissen, dass das Fest schon vorgestern sollte gehalten werden; aber die wilde Gottin weigerte sich, war Aufruhr und sturmte und warf ein Dutzend ertrunkner Schiffbruchigen zum Grossen Kanal herein bis an den Palast des alten Dogen. Papst Alexander der Dritte, der noch Gewalt uber die Mutwillige hatte, ist leider langst gestorben; und Kolumb, der Held, dessen Genua nicht wert war, und andre welsche Piloten haben dem portugiesischen Heinrich und den kastilianischen Fursten die wahre Amphitrite ausgekundschaftet, wogegen unsre nur eine Nymphe ist. Und uberhaupt gibt sie sich nur den Tapfern und Klugen preis, wie alle freie Schonheit, und es hilft da keine Zeremonie. Wir hatten uns besser um unsre Braut bewerben sollen, anstatt uns um Steinhaufen viel zu plagen, nachdem sie uns einmal gunstig war."

"Vielleicht ist dies Schicksal", antwortete er schalkhaft-bitter; "Ihr Doge vermahlt sich vermutlich nicht umsonst so oft und tragt von jeher die phrygische Mutze mit Hornern! und dann ist so eine Zeremonie gut furs Volk und macht ihm Mut; und was einmal so prachtige Gewohnheit ist, lasst sich so leicht nicht abschaffen. Ihr Herrn tut vielleicht bald wieder einen andern Fang im Archipelagus und fischt ein neues Konigreich. Es ist genug, dass man eins hundert Jahre lang ruhig besitzt. Dreimalhunderttausend Zechinen kann man hernach leicht fur den Genuss bezahlen; dreitausend Zechinen furs Jahr war die Residenz der Venus selbst wohl unter Brudern wert. Dies hat euch eine Venezianerin vermacht, als ihr Gemahl, der Konig, starb und seine Kinder, eins nach dem andern, kurz darauf in eurer Stadt: nun ist die Reihe an euch Junglingen, eine Konigin in Osten zu heuraten."1

Dieser Stachel schnitt ein und verwundete mein damals noch allzu parteiisch-vaterlandisches Herz. Mir geschah, als ob ich vor der Zeit vernunftig gewesen ware; doch gefiel mir uberaus seine Freimutigkeit gegen mich. Er bemerkte mit scharfem Blicke gleich das Unheimliche und fuhr fort: "Aber wir sind doch immer in Venedig, und die Mauern haben da Ohren; sprechen wir von etwas anderm!"

Nach einer kleinen Stille fing er an: "Ich muss Ihnen doch etwas von mir sagen, damit Sie wissen, wer ich bin und wie ich mit andern zusammenhange.

Ich bin ein Maler aus Florenz; und halte mich hier auf, um nach den toskanischen Gerippen mich am venezianischen Fleische zu weiden. Tizian hat den wesentlichen Teil von der Malerei, ohne welchen alles andre nicht bestehen kann. Es ist freilich da, aber ungesund und siech; sei's noch so himmlisch und vortrefflich oder als Gaukelspiel ohne Wahrheit. Wer nicht wie Tizian zu Werke schreitet, wird auch nie ein wahrhaft grosser Maler werden. Die allgemeine Stimme entscheidet hier, nicht die Kunstler. Tizian ergreift alle, die keine Maler sind; und diese selbst im Hauptstucke der Malerei, welches platterdings die Wahrheit der Farbe ist, so wie die Zeichnung der wesentliche Teil der Zeichnung. Malen ist Malen: und Zeichnen Zeichnen. Ohne Wahrheit der Farbe kann keine Malerei bestehen, eher aber ohne Zeichnung."

"Wenn ich als Laie bei Euch strengen Herrn ein Wort reden darf," fiel ich ein, "so mag Ihnen das venezianische Fleisch nach den Knochen und Sehnen des Michelangelo desto besser schmecken und bekommen."

"Dies ist lauter Sophisterei", antwortete er. "Der Maler gibt sich mit der Oberflache ab, und diese zeigt sich bloss durch Farbe; und er hat mit dem Wesentlichen der Dinge im eigentlichen Verstande wenig zu schaffen. Wer sich einmal in diese Grillen verliert, kann so leicht nicht wieder herauskommen. Das Zeichnen ist bloss ein notwendiges Ubel, die Proportionen leicht zu finden: die Farbe das Ziel, Anfang und Ende der Kunst. Es versteht sich, dass ich hier vom Materiellen spreche. Dem Geruste den Rang uber das Gebaude geben zu wollen ist ja lacherlich; dem Zeichen, welches menschliche Schwachheit erfand, vor der Sache selbst, wenn ich so reden darf. Das Hohle und das Erhobne, Dunkle und Helle, das Harte und Weiche, und Junge und Alte, wie kann man es anders herausbringen als durch Farbe? Form und Ausdruck kann nicht ohne sie bestehen. Die scharfsten und strengsten Linien, selbst eines Michelangelo, sind Traum und Schatten gegen das hohe Leben eines Tizianischen Kopfs. Profile kann jeder Stumper abnehmen, da braucht sich der andre nur vors Licht zu setzen, richtiger als sie ein Raffael aus freier Hand zeichnet; aber das Lebendige mit allen den feinen Tinten in ihrer Vermischung und schwindenden Umrissen, die keine blosse Linie fasst: da gehort Auge und Gefuhl dazu, das die Natur nur wenigen gab. Wer sich einmal an das Leichte gewohnt, der kommt mit dem Schweren gar selten fort."2

"Sie mogen im Grunde recht haben", versetzt ich darauf; "nur verfallt man bei Ihrer Art leicht in den Fehler, dass man sich allzusehr an das Materielle halt und das Geistige daruber ausser acht lasst. Inzwischen mochte Ihnen der Romer wahrscheinlich war es einer diesen Abend im Weinhause , was Sie sagten, scharf bestreiten."

"Der Vorurteile sind noch mehr in der Kunst, die ebenso hartnackig verfochten werden", sprach er ferner. "Was das Geistige betrifft, das lernt sich und verlernt sich nicht; da gehort guter Instinkt aus Mutterleibe dazu und vollkommne Gegenstande von aussen herum. Deuten und hinfuhren kann man wohl; aber wo kein Zug, keine innere Richtung ist, kommt lauter Manier hervor, dem Menschen, der seinen Durst loschen will, soviel als nichts und uberdrein vergebliche Muhe; denn er hat sich an den leeren Schein hinbemuhen und untersuchen mussen.

Der Romer hat viel Verstand; nur malen soll er nicht: er hatt ein Schriftsteller werden sollen; jetzt aber ist er einmal im Geleise und schwatzt sich durch. Dieser ahmt eine Natur nach, welche nur noch in Steinen existiert, eine Natur ohne Farbe mit Farbe: und will tauschen! eine feste starre Bewegung von den Millionen Lebendigen, die immer um uns herum entstehen! weil es freilich jedermann leichter und dem schachmatten Stubensitzer bequemer ist, einen bretternen Hirsch zu schiessen als einen, der durch die Walder streicht und uber Busche und Graben setzt; zumal da wir heutiges Tages meist verbotene Jagd haben.

Er hat ein langes und breites an der Hochzeit zu San Giorgio Maggiore von unserm herrlichen Paul getadelt. Christus mit seinen Aposteln sitzt freilich im Mittelgrund am Tische ziemlich unbedeutend; und sie sind bloss deswegen da, weil sie dasein mussen, weil wir andern Menschenkinder uns keinen sinnlichen Begriff von den Gestalten dieser Wundermanner machen konnen.

Die Hauptsache aber bleibt immer der Schmaus, das Fest und der Wein uber alle Weine; erste erfreuliche Bekraftigung unsrer Religion nach dem Johannes. Und in dieser Rucksicht ist das Stuck voll Laune und die Begebenheit darin erzahlt wie eine spanische romantische Novelle. Die Hauptfiguren sind ein Tisch mit Spielleuten, die auf lieblichen Instrumenten Musik machen. Paul selbst spielt eine Geige der Liebe; Tizian den Regenten der Harmonie, den Bass; Bassano, Tintorett andere Instrumente. Sie sind meisterhaft gemalt, haben treffliche Gestalten, passenden Ausdruck und sind schon gekleidet. Am Tische der Braut ist eine Sammlung der ersten Menschen dieser Zeit, alles voll Chronikwahrheit und Laune; sie mussen ihm das Drama auffuhren. Die Luft im Hintergrunde ist gar leicht und heiter. Architektur, Gefasse und Speisen verzieren sehr gut. Die Beleuchtung breitet das Ganze auseinander und scheint vollkommen naturlich. Wer sieht so etwas nicht gern und weidet seine Augen daran!

Derselbe hat gross Argernis genommen an der Verletzung des Kostums in der Familie des Darius beim Alexander mit seinen Helden, und bejammert, dass soviel Herrlichkeit dadurch gestort werde.

Sie kennen das Stuck zu gut, da es bei Ihren Verwandten sich befindet. Man kann es den Triumph der Farben nennen; mehr Harmonie, mehr Pracht, mehr Lieblichkeit ist nicht moglich schier zu zeigen. Ausserdem herrscht noch Wahrheit des Ausdrucks in allen Kopfen, die meistens Portrate sind. Wenn man nicht an die alte Geschichte denkt, und glaubt, es ware der Sieg eines Helden der neuern Zeiten: so ist es ein wahrhaftes Meisterstuck durchaus. Die Architektur im Hintergrunde gibt den Ton zum Ganzen; und es gehorte so tiefes Gefuhl im Auge von Farbe, Pracht und Harmonie derselben dazu, wie Paul hatte, um auf einem solchen weissen Grunde die Gesichter und Stoffe so hervorgehen und leben zu lassen. Die Gruppe der vier weiblichen Figuren, die der Alte in eine Pyramide bringt, ist durchaus reizend, die Gesichter lebendig und von wunderbarer Frischheit. Alexander hat einen schonen Junglingskopf, der freilich eher Weibern gefallen kann als die Welt bezwingen. Dass er ganz bis auf die Fusse von oben herab in Purpur uberein gekleidet ist, macht zwar einen grossen roten Fleck bei langrer Betrachtung; doch hebt es ihn als Hauptfigur hervor. Sie sehen, dass im Wein die Wahrheit liegt! aber Paul kann sie vertragen. Parmenion hat einen herrlichen Kopf und ein zauberisches gelbes Gewand; die Prinzessinnen haben schon geflochten blondes Haar. Und welche Menge Figuren, wie auf der Hochzeit, fast alle in Lebensgrosse! Man kann dies wohl das prachtigste und zauberischeste Gemalde nennen, was Farben betrifft; mit jedem Blikke quillt neuer Genuss daraus furs Auge; nachst dem noch gottlichern und reichern Hingang zum Tempel der Madonna als Kind in der Scuola della Carita von Tizian, dem Triumph aller Malerei. Sie werden lange unubertroffen bleiben und einzeln in der Welt dasein.

Die Vernachlassigung des Kostums ist eigentlich ein Fehler fur die Antiquaren; denn der grosse Haufe weiss nichts davon und merkt's nicht. Freilich war es besser, die Kunstler wahlten keine alte Geschichten, wenn sie Naturwahrheit und Farbenpracht in den Gewandern zeigen wollten; griechische Gestalt und leichte Kleidung ist uns ganz entruckt. O wie verlangt mein Herz, jene gluckseligen Inseln und das feste Land auf beiden Seiten noch heutzutag zu sehen und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet! Ach, wir sind so weit von der Natur abgewichen und von der wahren Kunst zuruck, dass wir fast insgesamt einen bekleideten Menschen fur schoner halten als einen nackten! Das kostbarste, prachtigste, feinste und niedlichste Gewand ist fur den echten Philosophen und das Wesen, das nach klarem frischen Genuss trachtet, ein Flecken, eine Schale, die ihn hemmt und hindert."

"Hatt ich Sie doch damals schon gekannt," sagt ich ihm hierauf, "als ich diesen Zug begann: so war Ihr Wunsch erfullt! So wie Sie mich hier sehen, hab ich dieses alles schon durchwandert; leider zu fruh. Mein Vater nahm mich mit sich nach Griechenland, wohin er von der Republik abgeschickt wurde; und ich blieb mit ihm daselbst drei Jahr. Das Beste, was ich zuruckgebracht habe, ist Kenntnis des Griechischen; ich lese das alte ziemlich gelaufig und schreibe und spreche das neue."

Hier sprang er auf vor Freuden, ganz ausser sich, so dass die Glaser vom Tische flogen, und rief: "O glucklicher, seltner, wunderbarer Zufall! so jung und schon, und voll Verstand und Erfahrung! wir mussen ewig Freunde sein, und nichts soll uns trennen; du bist der Liebling meiner Seele."

So fiel er mir um den Hals. Uns verging auf lange die Sprache, und wir waren zusammengeschmolzen durch Kuss und Blick und Umarmung.

Endlich nahm er wieder das Wort und sagte: "Hier ist nichts als wir! und alles andre in der Welt steht uns nur da zum Dienst."

Ich war ganz erschuttert, durchbrannt von seinem Feuer, seiner Heftigkeit. Es wurde uberhaupt wenig mehr gesprochen ausser unzusammenhangende Reden im lyrischen Taumel, Akzente der Natur. Wir gluhten beide von Wein und Leidenschaft: er riss sich los, schon spat in der Nacht, mit den Worten: "Morgen sind wir wieder beisammen."

Ich legte mich zu Bette. Herz und Seele und alles in mir war wie ein Bienenschwarm, so sumsend, stechend heiss und ungeduldig; ich schlummerte wenig Stunden und fuhr oft dazwischen auf.

Den andern Morgen kam er bei guter Zeit. Mich uberlief bei seinem Anblick ein leichter Schauder vor seinem gestrigen Ungestum; aber er erschien mir von neuem so liebenswurdig, dass ich hingerissen wurde und dem unwiderstehlichen Zuge nachfolgte.

Ich hatte noch keinen Menschen gekannt, mit welchem ich so zusammenstimmte, in der Art zu empfinden und zu handeln; nur war er reicher und starker an Natur als ich, seine Seele voller, aber auch unbandiger, und seine Geburt warf ihn in andre Umstande, unter andre Menschen, in eine andre Laufbahn. Wer einen Freund ohne Fehler finden will, der mache sich aus dieser Welt heraus oder geh in sich selbst zuruck, die Vollkommenheit erscheint hienieden nur in Augenblicken, und diese allein sind unser Genuss. Ein grosser Geist, ein edel Herz wiegt manches Laster auf, wohinein uns die Schlechtigkeit burgerlicher Verfassungen sturzt.

"Wir schieden gestern voneinander wie im Rausche", trat er ins Zimmer. "Gluck ist die grosste Gabe, die Sterblichen zuteil werden kann, nur muss man es mit Verstand brauchen."

Nachdem wir einigemal stillschweigend auf und ab gegangen waren, fragte er mich: "Habt Ihr nie etwas von Kunst getrieben?" Ich antwortete ihm, dass ich nach der hiesigen Erziehung zeichnen gelernt hatte, Augen, Mauler, Nasen, Ohren und Gesichter, und Hande und Fusse nach Vorschriften; im Grunde soviel als nichts: denn bis zum eigentlichen Lebendigen war ich nicht gekommen; welches mir herzlich leid tue! mich reize sie unendlich, und ich mocht es gern darin bis zu einer gewissen Fertigkeit fur mein eigen Vergnugen gebracht haben. Jetzt mach ich nur noch zuweilen die Hauptumrisse schoner Gegenden, der Erinnerung wegen.

"Da ist noch nichts verloren", fuhr er fort; "wir wollen einander helfen. Alle Kunste sind verwandt; sie zusammen erhohen und verstarken die Gluckseligkeit des Menschen, bilden sein Gefuhl, mehr als alles, fur die Schonheiten der Natur und setzen ihn uber das Tier. Wie fangen wir es am besten an, damit Ihr so geschwind als moglich Euch diese Fertigkeit erwerbt? Ich denke," fugt' er scherzhaft hinzu, "Ihr braucht mich zum Modell, nach kurzen Wiederholungen von dem, was Ihr schon wisst; so wie ich Euch dann zuweilen bei meiner Arbeit.

Im Griechischen hab ich mich hauptsachlich nur mit den Dichtern beschaftigt, mit dem Homer, Pindar, Sophokles, Euripides, weil mein Lehrmeister selbst ein Dichter war; und dabei aus den Geschichtschreibern nur die Beschreibungen der glanzenden Siege uber die Perser gelesen. Die Schatze der Weisheit im Aristoteles, Plato, Xenophon kenn ich meistens nur aus Gesprachen und vom Horensagen und habe wenig von den Quellen selbst getrunken. Wir konnten damit manchen folgenden schonen Sommerabend uns himmlisch ergotzen, wenn Euch dazu Zeit ubrigbliebe.

Mein eifrigstes Verlangen aber ist, dass Ihr mich in dem noch Lebendigen dieser Gottersprache, im Neugriechischen, unterrichten mochtet; damit ich bald mit Bequemlichkeit und grosserm Nutzen und Vergnugen eine Wallfahrt beginnen konne nach dem echten klassischen Boden.

Ihr habt genug am Zeichnen, wie einer, der selbst kein Dichter werden, sondern nur die Meisterstucke der Alten und Neuen in ihrer ganzen Vollkommenheit fassen will, an der Poetik des Aristoteles. Jede Kunst, bis zum letzten Ziel erlangt, ist etwas anders und erfordert eines Menschen ganzes Leben. Fur Euch soll's nur Spiel sein; Ihr seid zu Hoherm bestimmt und musst glanzen wie der Morgenstern in Eurer Republik. Dies wird immer neuen Reiz in unsre Freundschaft bringen, und wir werden leben in der Natur, soviel uns mit Sinnen, Phantasie und Verstand vergonnt ist."

"Du erfullst mich mit Hoffnung und Freude", antwortet ich ihm. "Mein Vater ist jetzt in Dalmatien, und ich bin mit meiner Mutter allein. Sie zieht bald aufs Land, vielleicht noch diese Woche. Die Gegend ist eine der angenehmsten der ganzen Lombardei. Das Gut, wohin wir wollen, liegt am Lago di Garda, wo Catull, vor welchem Casar sich neigte, zuweilen vom romischen Taumel ausruhte. Er sang von dem Orte:

Peninsularum, Sirmio, insularumque

Ocelle, quascunque in liquentibus stagnis

Marique vasto fert uterque Neptunus.3

Willst du mich begleiten: so werden wir nach dem Pindar in die Burg des Kronos gelangen, umweht von kuhlen Seeluften; wo in schattigen Garten Goldblumen funkeln, diese der Erd entspriessen und anmutigen Baumen, andre aber der klare Bach erzieht. Wir wollen mit ihren Angehangen und Kranzen uns die Arme umflechten und die Schlafe umwinden.

Vorher aber muss ich dich meiner Mutter vorstellen; jedoch du musst hubsch gescheit sein. Sie ist eine gar gute Frau, die mich zartlich liebt. Sie weiss schon, dass ein junger Mensch mich aus dem Kanale gerettet hat, und es wird ihr gefallen, dass du es bist. Sie hat grosse Freude an schonen Madonnen; und wenn du ihr eine in ihre Kapelle malst und fromm bist: so halt sie dich wie ein Kind."

Es ging hierbei eine sonderbare Bewegung in ihm vor, die mir lange hernach erst erklarlich wurde; er sah mich an, neugierig mit heissen Blicken, und fragte: "Also nicht weit vom Ausflusse des Mincio ist Euer Landsitz?"

"Wenig davon", versetzt ich. Darauf ging er nachdenkend einigemal mit mir auf und ab. Endlich sprach er: "Gut; ich reise mit euch und male deiner Mutter eine Madonna, wenn ich ihr anstehe. An Gescheitheit bei ihr soll's hoffentlich nicht ermangeln."

Es wurde beschlossen, ihn den Abend noch ihr vorzustellen; bei Tische wollt ich alles einlenken.

Hier schied er von mir. Ich brachte die Sache vor; und meine Mutter war's gleich zufrieden, ohne ihn noch gesehen zu haben, aus Willfahrigkeit gegen mich.

Mir schwellte aber die neue Bekanntschaft immer mehr das Herz; einen jungen Maler der Art hatte ich noch nicht gekannt. Ich war uberrascht; es ging alles so schnell fort, und ich konnte keiner gehorigen Uberlegung Raum geben.

Beim ersten Blick und Gesprache schon gefiel er meiner Mutter, wie ihr noch kein Fremder gefallen hatte. Hier erfuhr ich, dass er sich Ardinghello nannte; ich hatte, voll von ihm, nicht daran gedacht, ihn von neuem um seinen Namen zu befragen. Er gab sich hernach verschiedne andre; doch dieser soll ihm forthin bleiben.

Den folgenden Morgen sah ich einige angefangne Gemalde von ihm. Sein Lebendiges war frisch und meisterhaft in der Arbeit und kam dem Tizianischen ziemlich nahe; doch war es nicht Manier, sondern sein eigen und verschieden nach der Natur: wenig Gewand, das meiste nach dem Nackenden; Studien von Madchenkopfen, voll Geist und Lieblichkeit, und Brusten und Leibern, und Rucken, und Schenkeln und Beinen, nackten Buben im Baden, Laufen und Balgen. Fur Bezahlung, sprach er, und nach andrer Belieben hab er noch nichts gemacht. "Das Weitre", fugte er wie unbedeutend hinzu, "will ich dir einmal erzahlen, wenn wir mehr in Ruhe sind."

Er besuchte die Tage darauf den alten Greis Tizian noch einmal und seine Freunde, und zu Ende der Woche reisten wir ab. Meine Mutter fuhr mit ihren Leuten voraus und wir hinterdrein, weil wir zu Vicenza uns einen Tag wegen der Gebaude des Palladio aufzuhalten gedachten. Wegen des Griechischen nahm ich noch die Bucher mit, die nicht in der Bibliothek auf dem Gute sich befanden; und er das notige Gerat zum Malen und Zeichnen.

Als wir eine Strecke vom Grossen Kanal entfernt waren, setzte sich Ardinghello aufs Verdeck der Barke und blickte tief geruhrt nach der Stadt mit unverwandten Augen; die Feuchtigkeit trat hinein, und sein Herz ward erweicht. Seine Seele schien zu ahnden, dass er sie nie wieder sehen sollte. So walzen die Schicksale den Menschen fort wie die Fluten des Meers einen schwachen Trummer! Die Sonne war eben aufgegangen, und die Turme, Kirchen, Palaste und Inseln lagen da im dunnen Nebel.

Mir war wohl, dass ich herauskam. Im Winter ist Venedig angenehm, weil die Menschen so enge beisammen sind und alles zur Ergotzlichkeit treibt, Lage und Regierung; aber im Sommer ist's ein ungesunder und gefahrlicher Ort. Ein Eingeborner kann die Wahrheit besser wissen als ein Dichter aus Neapel. Es mag der Natur nach ein ganz andrer Unterschied sein zwischen Rom und Venedig, ob es gleich prachtig klingt:

Illam homines dices, hanc posuisse deos.4

Wenn einer die Geschichte kennt und da gelebt hat und es beim Ausflusse der Brenta vom Ufer betrachtet: so sieht es richtiger aus wie ein endlich sichrer Zufluchtsort von dem Lande weggeprugelter und weggescheuchter furchtsamer Hasen, die sich hernach gross und zu geflugelten Lowen gemacht haben, als ihnen die Feinde ubers Wasser nicht nachkonnten und sie von fern sicher sehen mussten. Eine unuberwindliche Festung ist's gewiss, weil durch die Sumpfe vom Land aus nichts anders als kleine Barken anlanden konnen und man von der See her in die Hafen den Faden der Ariadne braucht; und eben weil es unuberwindlich und unzukommbar ist ausser Verraterei, tragt es, vom Meer umgeben, eine gewisse Majestat an sich. Gotter aber fluchten sich nicht in Sumpfe. Inzwischen hat Sannazar der reizenden Dichtung wegen seine sechstausend Dukaten doch verdient. Die Wahrheit bezahlt man selten so teuer.

Der grosse Doge Peter Ziani hat sie gar wohl erkannt, als er den kuhnen Entschluss fasste, noch zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts eine neue Volkerwanderung anzustellen. Konstantinopel ist ohne Streit ein gluckseliger Platzchen auf diesem Erdboden. Die Venezianer hatten es damals mit den Franken eingenommen, und wir besassen mehr von Griechenland als jetzt. Er riet mit starkern Grunden als je Demosthenes, diese Lagunen zu verlassen und dort uns anzupflanzen; und Dido und Aneas waren dagegen Luftgestalten. "Wenn der Mond mit seiner Ebbe und Flut unsern Kanalen das Wasser entzieht," sprach er im Grossen Rate, "der Schlamm sich zeigt und seinen Gestank ausdunstet: welche gute Nase kann da vor Ekel auf den Wegen bleiben? Sind nicht immer unsre Lazarette voll und die jahraus, jahrein nicht von dannen schiffen wie gefangen? Uberdies haben wir Erdbeben, noch ausserdem, dass das Meer oft hereinsturmt und unsre Zisternen und Warenlager verderbt. Und welch ein Wohnsitz, um auszuhalten, wo nichts als schlechte Fische Nahrung gibt, weder Korn noch Wein und Ol wachst, weder Baum hervorkommt, noch trinkbar Wasser quillt, wo alle Elemente verdorben sind, Wasser, Luft und Erd und Feuer? und von allen Seiten Feindschaft um uns her? Dort sind wir gleich in unsern Besitzungen, und welche Aussichten in die Zukunft!" Jedoch uberwand ihn der Prokurator von San Marco, der Greis Anzolo Falier, unter funfhunderten mit einer Stimme, indem er nach dem Aristoteles behauptete: dass die Festigkeit, ohngeachtet aller Ubel bei einer Hauptstadt, der glucklichen Lage, ohne dieselbe, vorzuziehen ware; und dass gerade die Unfruchtbarkeit ein Volk zur Tapferkeit zwange und uber andre erhobe.

Darin bestand unsre Unterhaltung bis nach Padua, und Ardinghello beschloss mit folgenden Worten: "Wo die Verstandigen nicht herrschen, ist keine Staatsverfassung gut; jedoch mit dem Unterschiede, dass zum Exempel bei einer Million Burgern in einer Demokratie funfmalhunderttausend und etliche Narren uber viermalhunderttausendundneunhundert gescheite Leute den Ausschlag geben: und in einer Monarchie ein Narr neunmalhunderttausendneunhundertundneunundneunzig Philosophen ins Verderben sturzen konnte, wenn sie nach dem auf Schulen gelehrten Staatsrechte keine Rebellen sein wollten."

Als wir von Vicenza weggereist waren, sprachen wir viel uber die Gebaude zu Venedig und den Palladio. Ardinghello hielt Venedig fur einen der merkwurdigsten Orter in der Baukunst; und sagte: hier ware nicht nur ein Stil, sondern man sahe darin die Geschichte derselben der neuern Jahrhunderte; und erkenne immer, dass ein Senat von vielen Personen da herrsche und nicht ein einzelner oft elender Mensch ohne Talent und Geschmack, weil man nichts ganz Schlechtes unter den offentlichen Gebauden fande wie in andern Residenzen.

Er liebte den Palladio vor allen neuern Baumeistern, nannte ihn eine heitre Seele voll des Vortrefflichsten aus dem Altertum, und dass er davon mitteile, und aus sich selbst, soviel sich fur seine Zeitverwandten schicke.

In Vicenza wird leider von ihm nichts recht ausgebaut, und die Gebaude gleichen fast nur angefangnen Modellen von seinen Ideen; aber welch ein Wunderwerk ist der Palast Cornaro am Kanal! wie schon die Kirchen zu San Giorgio und al redemtore in Venedig! und die Brucke zu Vicenza uber den Bacchilion, so leicht und reizend und sicher in ihrem Bogen wie ein beherzter Amazonensprung! Wie angenehm das durchbrochne Gelander, damit man das erfreuliche Wasser dadurch wegstromen sehe!

Jedoch gefiel Ardinghello das Rathaus nicht, obgleich es Palladio selbst unter die schonsten Werke neuerer Kunst setzt. Die Fassade, an und fur sich richtig und schon, glich doch nur einer Schminke, die einer alten Matrone aufgetragen ware; die Bogen derselben entsprachen nicht denen des gotischen Gebaudes, das uberall schief durchguckte. Julio Romano hatte, damals schon alter und erfahrner, mehr Geschmack gezeigt, als er eine meisterhafte gotische dazu erfand. Es sei etwas anders, einen Riss auf dem Papier anschauen und ein Gebaude aufgemauert in der Luft; dies haben die Ratsherrn, die des Palladio seinen wahlten, wie viele Grosse, die bauen lassen, nicht gewusst.

Unser Gesprach lenkte sich endlich auf die Architektur uberhaupt; und er sagte, soviel ich mich erinnere:

"Von Schonheit in der Baukunst hab ich wenig Begriff, weil sie mir ganz ausser der lebendigen Natur zu sein scheint. Hochstens entspringt ihr Reiz bloss aus der Metaphysik davon, wenn ich das Wort hier brauchen darf, und nicht aus Wirklichkeit; deswegen ihre Verschiedenheit bei allen Volkern, die sich einander nicht nachahmen. Eine strenge Theorie davon verliert sich in das Dunkel der Schopfung. Schonheit ist, was Vergnugen wirkt; was bloss Schmerz stillen und verhuten soll, braucht eigentlich keine Schonheit an und fur sich zu haben. So geht's mit den Gebauden; sie halten bloss Ungemach ab. Sobald das Wetter gut ist, mag ich in keinem bleiben und will ins freie Feld. Alles muss auf Ungemach, Krankheit, Feindseligkeit und Bedurfnis von Zusammenkunften berechnet werden; dies bestimmt hernach ihre Vollkommenheit. Harmonie, Ebenmass, Ubereinstimmung mit jedes Zweck macht dessen Schonheit, wenn man das, was nichts Lebendiges nachahmt, so nennen will;5 was sollen uns alle die uberflussigen, unbedeutenden Zieraten? Ein Gebaude ist ein Kleid, das Menschen und Tiere vor bosem Wetter schutzt, und muss darnach beurteilt werden.

Geht man in die Wildheit zuruck: so findet man Grotten und Waldung, und durchgerissne Felsen, um uber Abgrunde von Stromen zu gelangen. Dies hat zwar der sittliche Mensch zuerst nachgebildet, und noch jetzt sind die Spuren da unter tausend gemachten Bedurfnissen; wir ahmen die ursprunglichen Formen nach, von Fels und Baum in demselben Gebaude durchaus von Stein. Dieser ist inzwischen ungelenk, und wer ihn allzusehr zu leichtem Holze schnitzelt, besonders am Boden, wo er gerade vor Augen liegt, wird abgeschmackt und lacherlich. Holz hat seine naturliche Form in Stamm und Zweigen: woher die Saulen und zum Teil die Gewolbe. Je weniger man von der naturlichen Form abnimmt: desto reiner ihre Schonheit; so ubertrifft eine Saule immer einen Pilaster. Das meiste aber bezieht sich auf Zweck und hat mit Nachahmung der Natur wenig zu schaffen. Die Schonheit der Massen muss aus einem glucklichen geheimen Gefuhl hervorkommen, das sich an der Harmonie der Teile des Menschen, des Grossen in der Natur und uberhaupt alles Lebendigen lange geweidet hat, und wieder mit einem solchen Sinn genossen werden. Hier lassen sich, was Erfindung betrifft, keine bestimmte Regeln geben; ein ganz anders ist, wenn man bloss nachahmt, was Griechen und Romern gefiel."

"Und dies bleibt wohl immer das Zuversichtlichste," fiel ich ein, "da sie ausgemacht die menschliche Natur mehr durchgearbeitet und zur hochsten Vollkommenheit gebildet haben, die wir kennen."

"Wenn der Erdboden durchaus gleiches Klima hatte", versetzte er darauf, "wie die Gegenden, welche sie bewohnten; die Menschen uberall dieselben Bedurfnisse, dieselben Sitten und Gebrauche, die gleiche Idee von Gluckseligkeit, dieselben Feste und Spiele! Und uberhaupt will der Mensch Neues; er hat ohnedies zuviel vom Gesetz zu leiden, das er nicht abwerfen kann; warum von freien Stucken sich eins auf den Nacken legen, das ihm nicht gefallt?

Die Kunst wird, ausser dem Reichtum an schonen Formen und Begebenheiten in der Natur, schon geweckt im Menschen durch vortreffliche Mittel zur Darstellung. Die Obelisken, Pyramiden, Tempel in Agypten hatten ihre Entstehung schon den Marmor, Granit, Porphyr- und Jaspisgebirgen am Roten Meer zu verdanken. Der leichteste Gegenstand in der Natur reizte hernach; zum Beispiel zu Syene die Wendung der Sonne und die Anzahl der Tage im Jahr zu bestimmen. So gab der parische Marmor den Griechen Gelegenheit, die menschlichen Formen nachzuahmen; so ihre Sprache zu verschiednen Silbenmassen und Gedichten. So werden wir von der unsrigen zum Gesange gelockt und zum Bauen vom Reichtum an Baumaterialien. Verschiedne Mittel, als Holz, Backstein und Marmor, veranlassen schon verschiedne Formen.

Ein Umstand allein verandert oft das Ganze. Bei den Griechen und Romern war ein Tempel meistens nur fur einen ihrer vielen Gotter; eine Wohnung, fur denselben abgepasst gewissermassen, wenn er vom Olymp hernieder in die Gegend kam, wie ein Konig aus seiner Residenz in ein Schloss einer seiner Provinzen.

Die Form desselben war also nicht gross; und die Saulen richteten sich nach der Proportion. Jeder Burger opferte entweder einzeln; oder war allgemeines Fest: so ging der Priester oder die Priesterin hinein, und das Volk stand innen und aussen herum. Gleiche Bewandtnis hat es bei ihren Orakelspruchen.

Unsre Kirchen hingegen sind grosse Versammlungsplatze, wo oft die Einwohner einer ganzen Stadt stundenlang sich aufhalten sollen. Ein feierlicher gotischer Dom mit seinem freien ungeheuern Raume, von vernunftigen Barbaren entworfen, wo die Stimme des Priesters Donner wird und der Choral des Volks ein Meersturm, der den Vater des Weltalls preist und den kuhnsten Unglaubigen erschuttert, indes der Tyrann der Musik, die Orgel, wie ein Orkan dareinrast und tiefe Fluten walzt: wird immer das kleinliche Gemacht im Grossen, sei's nach dem niedlichsten Venustempel von dem geschmackvollsten Athenienser! bei einem Mann von unverfalschtem Sinn zuschanden machen.

Wir hatten dafur, deucht mich, eher ihre Theater zum Muster nehmen sollen, die naturlichste Form fur eine grosse Menge, worin jede Person ihren Posten wie in einer Republik, einer Demokratie einzunehmen scheint und ein herrliches Ganzes bildet. Und sind wir nicht gegen das Wesen der Wesen alle gleich? Konig und Bettler, Philosoph und Bauerlein arme blinde Wurmer, die nichts wissen, die hieher gesetzt sind wie verraten und verkauft, in Nacht und Nebel, wo wir vergebens die Kopfe in die Hohe strecken?

Ich habe hier und da in Klostergarten doch gefunden, wie sich die liebe Natur auch in ihrer grossten Einfalt selbst regt. Der Bruder Redner sass unten zwischen alten schattigen Baumen, und vor ihm hatten sie an einem Hugel in hohler Rundung Sitze mit Rasen nacheinander in der Hohe ruckwarts angelegt; und so sassen sie ubereinander und horten zu: und oben an beiden Seiten schlossen das Andachtsortchen wieder Baume, wo der Wind die zarten Zweige bewegte und die Blatter flisterten, als ob Engel darinnen spielten, sich ihrer Frommigkeit freuten.

In unsern Kirchen mit langem gleichplatten Boden kann man nicht einmal das Messamt gehorig verwalten; die hintersten sehen's nicht vor den vordern, was der Priester beginnt, und sie stehen und liegen ohne Ordnung untereinander, im eigentlichsten Verstande wie die Schafe.

Ubrigens ist die Qual aller Baumeister, dass sie fur Sommer und Winter dasselbe Gebaude machen mussen, einen Rock fur die grosste Hitze und die grosste Kalte. Weil sie nun in Suden sich nach dem Sommer richten: so frieren sie im Winter am meisten; und in Norden nach dem Winter: so schwitzen sie dort im Sommer am meisten; ob's gleich nach der Natur ganz umgekehrt sein sollte."

Die Gegend von Vicenza hatte ihm ungemein gefallen, besonders aber der herrliche Spazierplatz des Campo Marzo mit der neu herausempfundenen Triumphpforte vom Palladio zum Eingang. In der Tat lagern sich reizend die schon bewachsnen Hugel darum her, und die Tirolergebirge machen in blauer Ferne susse Augenweide.

Mehr aber gefiel ihm noch Verona wegen der Etsch, der Alpentochter, die wellenschlagend aus den Felsen sich mitten durch die Stadt in Schlangenkrummungen reisst, woruber die Brucke der Skaliger sich in kuhnen Bogen hebt, weiter, heroischer und kunstgebildeter als selbst die Brucke Rialto, das Wunder von Venedig, welche mit ihren sechzig Stufen herauf und hinunter mehr Treppe als fortgesetzter bequemer Weg ist.

Wir machten den letzten Strich in unvergleichlicher Nacht, wo der Mond, beinahe voll, immer mit uns ging und uns durch die schonen Ulmen begleitete, die ihre Kranze von dichtbelaubten Weinranken lieblich zusammenpaarten; und Blitze von einem fernen Gewitter flammten heruber in die heitre Luft. Mond und Abendstern und Sirius und Orion schienen wie Schutzgeister unsrer Sphare naherzuschweben. "Ach, ihr Gotter," rief Ardinghello, "warum so einen kleinen Punkt uns zum Genuss zu geben und nach den unendlichen Welten uns schmachten zu lassen! Wir sind wie lebendig begraben."

Schon regte sich ein leichter frischer Morgenwind und sauselte durch die Blatter; ein milder Lichtrauch stieg auf in Osten, von einzelnen Strahlen durchspielt, als wir bei unserm Landgut anlangten, wo der See sich ausbreitete und seine Ufer von Wellen rauschten. Sie brachen sich ergotzend ubereinander und schaumten; und wir fanden die Beschreibung Virgils: Fluctibus et fremitu assurgens marino,6 ganz nach der Natur. Ich legte mich zu Bette, weil ich den vorigen Tag nicht geschlafen hatte. Ardinghello aber wollte nicht und machte Bekanntschaft mit der Gegend.

Die Zimmer fur uns waren schon zubereitet; den Nachmittag richteten wir uns vollig ein. Ardinghello bekam eins gegen Norden zum Malen, wo er Licht und freien Himmel hatte, wie er wunschte, und uberdies den Ausgang aufs Feld.

Wir beschifften die ersten Tage die Kusten, stiegen da und dort ans Land und schweiften herum an den schonen Hugeln bis nach Brescia. Ardinghello legte alsdenn gleich seine Madonna an fur meine Mutter, damit er in den guten Stunden hernach daran arbeiten konnte.

Im Griechischen waren wir schon einig wegen Ton oder Akzent und Aussprache; wir richteten uns ganzlich hierin nach den, obgleich verwilderten, Abkommlingen der Alten, zumal da wir doppelten Endzweck hatten. Wir gelangen zur Kenntnis toter Sprachen nicht allein durch Vernunftschlusse und Vergleichungen, sondern noch durch Herkommen; und da hat doch das Volk, dessen Sprache die alteste Tochter ist von der abgestorbnen, oder vielmehr selbst noch Mutter, nur durch die Zeit verandert und verwandelt, das nachste Recht zur Erklarung. Kein auswartiger Bucherheld wird mit seinem blossen Buchstabieren auch je dem Runden und Lebendigen desselben bei Lesung der ubriggebliebnen Denkmale gleichkommen.

Man kann wohl sagen, dass wir kein grosser und vollkommner Ganzes vom menschlichen Leben haben als die griechische Sprache, wenn man sie vom Homer an zusammennimmt bis auf unsre Zeiten.

Im Homer steht sie schon als ein starker junger saftiger zweige- und laubvoller Baum da; in den tragischen und komischen Dichtern Athens, dessen Philosophen und Rednern in hochster Schonheit und Fruchtbarkeit, so wie noch nie etwas Menschliches erschienen ist: und bei den Neugriechen zusammengeschrumpft, verwachsen und astezerbrochen, bepfropft mit mancherlei fremdartigen, und doch noch gross und reich; in einem Alter von dreitausend Jahren.

Die feinen Ausbildungen, die geschmeidigen Darstellungen aller Verschiedenheit der Natur sind, so wie die Wirklichkeit selbst, in den Zeiten der Barbarei verlorengegangen. Die Neugriechen haben keinen Dativum in ihren Deklinationen, und ihre Verba sind steif geworden. Das Futurum wird mit dem Hulfsworte wollen gemacht, das reiche Perfektum ist verschwunden und der erste Aorist darein verwandelt. Sie haben keinen Dual, kein Medium, keine Verba in mi, sogar keinen Infinitiv mehr. Die Partizipia sind verunstaltet; die Prapositionen ohne Regierung fast: ihrer bloss acht an und fur sich, haben alle den platten Akkusativum hinter sich; und die Partikeln bringen wenig Geschmeidigkeit mehr hervor.

Und doch hat die Sprache noch Wohllaut und mannigfaltigen Klang; schone ursprungliche Form, aber wenig Beweglichkeit. Die italienische ist aus der romischen weit mehr von Leben und Geist gebildet; das Neugriechische aus dem alten lange nicht so bearbeitet. Vieles darin sieht aus wie zerschmettert und versetztes Bruchstuck, und manches ist noch vollig so wie bei dem alten.

Ich brachte dem Ardinghello bald alles bei, was zum taglichen Leben gehort; obgleich die gemeinsten Dinge bei den Uberfallen verschiedner Volkerschaften hauptsachlich ihre Benennungen verandert erhalten haben. So heisst zum Beispiel jetzt: Brot psomi, Wasser neron, Wein krasy, der Leib kormi, die Tur porta, der Weg strata, das Haus spiti; chrysaphi, asimi Gold und Silber.

Uberhaupt lieben die Neugriechen das I; und man findet oft das alte Wort, wenn man es wegtut, als bei mati Auge, avti Ohr.

Die Evangelien und Episteln versteht man so ziemlich noch im Griechischen des Neuen Testaments, aber vom Xenophon und Plato wenig. Die Geistlichen, Vornehmern und Kaufleute reden, was man Schriftsprache nennen kann. Die grosste Barbarei ist eigentlich auf den Inseln, weil diese mehr als das feste Land von den Fremden uberschwemmt wurden; auch weichen die Sitten hier mehr von den alten ab.

Der Mundarten sind vielleicht mehr als bei den Alten; und so geht's mit der Aussprache. Die jetzigen Spartaner sprechen zum Beispiel ch aus wie die Franzosen.

Uberhaupt war die Aussprache schon bei den Alten verschieden nach Ort und Zeit, wie bei uns und uberall. Die ersten Pelasger sprachen vermutlich ihr Griechisch anders aus als die Athenienser unter dem Perikles, und so Homer und seine Zeitverwandten. Plato beklagt sich im Gesprache Kratylos, kurz nachher, als die zwei langen ionischen Vokalen zu Athen, unter dem Archon Euklid, im zweiten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade in allgemeinen Gebrauch gekommen waren, dass man das Wort, welches den Tag ausdruckt, nicht mehr himera wie die Vorfahren ausspreche, sondern entweder hemera oder neuerdings , und dabei den schonen Ursprung nicht mehr fuhle, dass es von himeros, das Verlangen, herkomme, weil man namlich in der Nacht und Dunkelheit nach dem Licht und Aufgang der Sonne verlangt.

Aus diesem Beispiele durfte man vielleicht schliessen, dass die neuern Griechen in manchem zur Aussprache der altern und selbst Homers wieder zuruckkehrten, und dass auch hier, wie sonst in der Welt, alles im Kreise herumgeht.

Am besten ist es, man richtet sich nach der jedesmaligen lebendigen Aussprache und dem grossen Haufen; und man muss es, wenn man verstandlich sein will.7 Von den Alten lasen wir die Abende bald ein Stuck aus dem Plato, bald aus dem Aristoteles oder Xenophon, kehrten aber von ihrem Scharfsinn und Adel, der reinsten Empfindung und ihren hohen Flugen oft zuruck unter das atheniensische Volk zum Demosthenes und Aristophanes.

Ardinghello hatte den letztern nur dem Namen nach gekannt und weidete seine Seele nun an ihm leibhaftig mit Entzucken. Er brutete so recht uber seinem Witze, seiner Laune, seinen kuhnen Erdichtungen, und hielt seine Possenspiele fur das allerhochste Denkmal menschlicher Freiheit, welchem sich keins unter den Millionen andrer Schriften von weitem nahere. Wer mit den Griechen wetteifern wolle, musse in beiden leben und weben. Hier erscheine der Mensch, wie er sei, mit allen seinen naturlichen Herrlichkeiten und Schlechtigkeiten. Hier entsprangen und rannen die lautersten Lebensbache.

Mein Freund steckte mich mit seiner Meinung an, und Redner und Dichter wirkten machtig auf uns: wir wurden selbst freier im Umgange, und unsre Sprachkenntnis wuchs wie eine uppige Pflanze. Wir hielten uns ganz an Athen vom Themistokles an bis zum Tod Alexanders; drangen immer tiefer ein in dessen Staatsverfassung, Gesetze, Gerichte; ruhten im Schatten an den bemoosten Wurzeln des schonen lebendigen Baums, der seine Zweige uber ganz Griechenland verbreitete; und gingen aus diesem Kreise, und was sich damit verband, selten heraus.

Dabei beschrieb ich ihm den gegenwartigen Zustand der Inseln und des festen Landes; Gesellschaften, Sitten und Gebrauche, Feste und Spiele, Klima, Jahrszeiten, Wind und Wetter, Gewachse und Fruchte, und was von den Alten noch ubrig ist.

Ohngeachtet seiner Lust an dem Aristophanes, der glanzenden Satire der Wolken gegen den Damon des Philosophen und des bittern Angriffs der Lehre desselben, dass kindliche Liebe und Verehrung der Eltern und Verwandten dem Verstande nachstehen musse: hielt er nichtsdestoweniger die Denkwurdigkeiten des Sokrates fur das gediegenste Kleinod aller Weisheit und die Moral aller Moralen.

Ubrigens kamen wir darin uberein, dass man die Wolken nach ihrer und nicht nach unserer Zeit beurteilen musse. Die Menschen waren damals gewohnt, einander nackend zu sehen, und scherzten zur Ergotzlichkeit fur den Augenblick uber ihre Mangel und Gebrechen und vergassen es hernach bald wieder. Aristophanes war so wenig schuld an dem gewiss bis zum Vergessen seines Mutwillens lang hernach erfolgten Tode des Sokrates als an dem des Euripides; und beide wurden im Grunde nicht minder hochgeschatzt, trotz aller Lacherlichkeiten, die er auf sie warf. Welche possierliche Rolle lasst er nicht den Weisen letztern im Feste der Ceres und Proserpina spielen! Bei uns ware freilich so etwas wie Mord und Totschlag. Und ausserdem war man es gewohnt, dass Philosophen und Dichter, und von diesen wieder die tragischen und komischen, sich zur Kurzweil des Volks einander zum besten hatten. Wer weiss, wie hart Sokrates und Euripides vorher dem Aristophanes begegneten? Das beste Zeugnis fur das, was ich sage, ist, dass Plato nicht aufhorte, den komischen Dichter hochzuschatzen.

Dieser hohe Genius schien uns uberhaupt einen viel weitern Gesichtskreis als Xenophon zu haben und selbst uber seinen Lehrmeister hinauszugehen. Wir meinten, nicht wenige seiner Gesprache mussten die Lieblingsschriften fur jeden guten Kopf sein, der sie fertig in der bezaubernden Ursprache lesen kann; und dies zwar hauptsachlich deswegen, weil er selten seine Materie erschopft, aber mit gewaltiger Hand in tiefe, reiche Fundgruben hineinfuhrt. Wir bewunderten oft an ihm, diesen Tag, die allergewandteste attische Feinheit, die so edel kein Schriftsteller, unsers Wissens, weder seiner noch viel weniger irgendeiner andern Nation je erreicht hat; und den folgenden wieder die erhabensten Gedanken in der kuhnsten Sprache.

Demosthenes ist freilich gegen ihn, wie der noch junge, zu strenge Dionys von Halikarnass wahr spricht, Held im Streite, wo es das Leben gilt, und jeder Hieb und Stoss Wunde. Aber ein andres ist Schlachtfeld, ein andres Akademie! wo unter kuhlen Lauben auch zuweilen bloss angenehmes Geschwatz ergotzt, und lyrische Verzuckungen susser Trunkenheit bei sternenheller Nacht am seligsten machen.

Mitten unter dieser Seelenweide legt ich mich eifrig auf die Zeichnung. Ich fing vom neuen damit an, allerlei mathematische Figuren aus freier Hand bis zur Vollkommenheit zu entwerfen, um sie zur Sicherheit im Zuge zu bringen. Alsdenn plagte mich Ardinghello nur kurze Zeit mit menschlichen Gerippen und ging gleich uber auf den Umriss der Teile und ihre Verhaltnisse zueinander; und endlich gelangt ich zum Lebendigen, wie aus einer trocknen Wuste zu schattichten frischen Quellen. Wir waren schon aus der ruhigen Schonheit am Leidenschaftlichen: als eine schreckliche Begebenheit erfolgte, die uns auf lange trennte.

Uber die Verhaltnisse des menschlichen Korpers gingen wir, ausser den Vorschriften der beiden grossen Florentiner, noch ein Werk durch von dem Teutschen Albrecht Durer. Er sagte, wenige hatten die Theorie ihrer Kunst wohl so innegehabt unter allen neuern Malern und Bildhauern als dieser; man fande bei ihm ein erstaunliches Studium: aber zum Hohen und Schonen derselben sei er nicht gelangt, weil niemand aus seiner Nation und seinem Zeitalter konne. Dies hange ausser dem Innern noch gar zuviel von Gluck und Zufall ab. Wir konnten das Lebendige nicht anders nachbilden, als bis wir es entweder selbst gelebt oder mit unsern Sinnen in ergreifender Wirklichkeit empfunden hatten. Ohne Perikles und Aspasia, Alkibiaden, Phrynen und ihresgleichen alt und jung: kein Phidias, Praxiteles und Apelles. Albrecht Durer habe den Nurnberger Goldschmiedsjungen nie vollig aus sich bringen konnen; in seinen Arbeiten sei ein Fleiss bis zur Angst, der ihm nie weiten Gesichtskreis und Erhabenheit habe gewinnen lassen: und bloss deswegen hatte ihn Michelangelo so sehr gehasst. Seine meisten Kompositionen waren Passionsgeschichten und Hexen und Teufel. Er als verlorner Sohn am Troge bei Schweinen, die Trebern fressen; Proserpina, wie sie Pluto auf einem Bocke holt; Diana, wie sie eine Nymphe mit dem Knittel bei einem Satyr prugelt: zeigten genug seine missleitete Phantasie. Sonst sei er ein wackrer Meister, habe Kraft und Starke; und ein guter Kopf von richtigem Geschmack konne viel von ihm lernen.

Wir hatten bei unserm Leben auf dem Lande uns zum Gesetz gemacht, dass keiner den andern in seinem Tun und Lassen storen sollte; und alles Beisammensein war freier Wille von beiden Seiten. Wenn also einer allein sein wollte: so sagte er es dem andern oder schloss die Tur ab. Zuweilen gingen wir miteinander, zuweilen zog einer allein aus: und Ardinghello kam manchen Tag und manche Nacht nicht nach Hause, ohne mir vorher zu sagen, wenn er fortging, und ohne dass es mich befremdete. Die immer grunen, mit hohen Baumen eingefassten Wiesen und die vielen klaren Flusse, von den Seen reingewaschen, erfreuten ihn unendlich in der Lombardei; solche Natur war dem Toskaner fremd. Er nistete sich in den schonsten Dorfern uberall ein und machte Bekanntschaft mit den Landleuten.

Einigemal kam er abends auf einem lustigen Nachen mit Weinlaub und Efeu geschmuckt, der Zither am Arm im Dithyrambengesang gleich einem jungen Bacchus wieder, oder in einem andern Aufzug: und es war immer ein allgemeiner Jubel; denn jedermann wollte ihm wohl. Er liess sich mit jedem ein und drang in dessen Innres, half ihm fort oder machte ihm das Leben froh und leichter. Er hatte eine von den seltnen gefuhligen Stimmen, die das Herz anlocken; ihr Ton war fest und voll; suss und gelind bei Liebe und heftig eindringend wie ein Sturmwind in der Hohe bei widrigen Leidenschaften. Er spielte zwar auch trefflich die Laute: aber die Zither zog er allen Instrumenten zur Begleitung vor. Er sang wenig andrer Dichter Worte, sondern eigne Poesie, wie sie seinem Wesen entquoll, meistens ohne Reime; oder diese, wie sie sich schikken wollten. Es war bezaubernd, dem jungen Schwarmer zuzuhoren, und wie in lachelnder Kuhnheit das Feuer aus ihm wehte. Wie oft haben wir hernach in heitern Nachten uns in den See gesturzt! denn er hatte mir das Schwimmen bald beigebracht; und in der unermesslichen gestirnten Natur frei herumgewallt wie die Gotter!

Noch hab ich ihm eine grossere Geschicklichkeit im Fechten zu verdanken, worin er ein grosser Meister war; wie er denn seinen Korper uberhaupt ausserst gewandt und ausgebildet hatte.

So flog himmlisch leicht unser Leben dahin unter Spiel und Fest und reizender Beschaftigung.

Mit seiner Madonna war er im August schon fertig. Er hatte die Begebenheit der Flucht nach Agypten gewahlt. Sie sass mit dem Kind an der Brust unter einem Ahorn, der seine Zweige weit umher verbreitete und Dammerung herniederwarf; in der Nahe und Ferne standen Pinien und Zypressen anmutig vermahlt und zerstreut. Die Gegend war ein Gebirg, woheraus ein Fluss in Katarakten sich sturzte, in fernem Schaum und Dampf von Silberstaub, dann eine kleine Ebne durchfloss und in einen stillen See ruhig dahinwallte. Die bezauberndste Seite von der romantischen Wildnis unsers Lago war ganz treu hier zu sehen; vom Glanz der untergehenden Sonne blitzten Fels und See und schimmerte das Laub der Baume. Ausserst kuhn gewagt! Die Madonna war eine holde Jungfrau, die ihr erstes Kind in Armen halt und der Geschichte davon in entzuckender Grazie nachdenkt; ein Kopf ganz aus der Natur, nur erhoht und ins reine gebracht, von unaussprechlicher Wirkung auf jeden fuhlenden Menschen. Auch der Bube, so recht in Liebe erzeugt, trug die Spuren der vollen Wonne seines Werdens in der Gestalt; er hielt sich mit dem einen Handchen an der rechten halb entblossten Brust unter dem rotlichten Gewand an, und lachelte von der offnen straff geschwellten jugendlichen linken ab mit seinem blonden Kopfchen in die schone Natur. Das braune Haar der Madonna war in ein rotlicht gestreiftes Netz gebunden, wovon noch einige Locken ins Gesicht und die Backen fielen; der blaue Mantel zerflossen, und die Beine und zarten Fusse ruhten in reizender Lage. Beider Augen, besonders der Madonna, blicken heiter schon, in Empfindung schwimmend. In den Zweigen des Ahorns schweben Engel wie junge Liebesgotter; abwarts weidet der Esel, und Joseph steht auf seinen Stab gelehnt, wie ein alter treuer Warter, der sein Anvertrautes glucklich aus der Gefahr uber die Grenze gebracht hat.

Form und Ausdruck und Kolorit in allen Teilen des Lebendigen, Bekleidung und Beleuchtung und Szene macht eine susse Harmonie zusammen. Das Gemalde war gross, und die Figuren im Vordergrunde an die zwei Drittel in Lebensgrosse; jedoch ging ihm die Arbeit geschwind vonstatten, weil er die Studien zur Madonna und dem Kleinen mitgebracht hatte und nur zum Joseph und den Engeln einen Alten und Kinder aus der Nachbarschaft brauchte.

Meine Mutter konnte sich daruber nicht satt freuen und gewann ihn immer lieber.

Inzwischen bemerkt ich doch bei seinem frohlichen und traulichen Wesen eine leidenschaftliche Hastigkeit an ihm und etwas Verborgnes in seinen Gesichtszugen, auch fiel mir endlich sein Ausbleiben auf. Er sagte zwar: "Ich bin ein Herumschweifer und kann nicht wohl an einer Stelle bleiben"; aber er nahm mich doch zu selten mit sich. Ich wollte wissen, was in ihm vorging; und dies klarte sich denn auf einmal in einer stillen Mitternacht auf, wo alle Winde schwiegen und kein Laut sich regte.

Wir sassen am kuhlsten Platz unsers Gartens auf einer Anhohe, in einer Laube von Lorbeer und Myrtengestrauch, von einem alten Hain gruner Eichen umfasst; und hatten oft die Glaser ausgeleert, und gesungen und gesprochen; viel vom Menschen und den Begebenheiten der Welt, jugendlich, erfahren und unerfahren. Mein Herz stand offen; und ich entdeckt ihm auf die letzt meine kleine Liebesgeschichten, womit ich hier den Lauf nicht unterbrechen will; gestand ihm aber, dass ich noch nicht alles fande, was ich verlangte. "Du wirst mir guten Unterricht geben konnen", fugt ich hinzu; "denn nach deinen Studien in der Malerei und Leibes- und Seelentugenden musst du schon ein Held unter Amors Fahne sein."

Er antwortete hierauf: "Ich spreche nicht gern von diesen Dingen; denn sie machen alle Menschen neidig, Freund und Feind. Aber weil du einmal angefangen hast, so will ich auch dir bekennen. Doch vorher den Todesbund ewiger Freundschaft feierlicher vom neuen; wir kennen uns nun vollkommen."

Hier zog er einen Dolch hervor, streifte sich den linken Arm auf, stach hinein und liess das Blut in den Becher rinnen; uberreichte mir den Dolch: und ich tat, wie von einer furchtbaren Macht ergriffen, voll Glut und Ruhrung dasselbe. "Wie unser beider Blut hier im Weine vermischt ist", rief er aus, "und in unser Leben sich ergeusst: so sollen unsre Herzen und Seelen auf dieser Welt zusammenhalten; dies schworen wir dir, Natur! und deiner Gottheit! Wer scheidet, fall in Elend und Verderben."

Wir tranken, umschlangen uns fester und inniger, stillten darauf die Wunden, und der eine verband mit lachelndem Ernst den andern.

Dies geschehen und aus dem Taumel uns wieder gefasst und in Ordnung, fing er an: "Das herrliche Geschopf, das ich liebe, bekranz als Priesterin unsern Bund! Cacilia ist ihr Name, von der Heiligen, der himmlischen Musik, entlehnt. O du dort oben, walte uber uns! Auch unser Fest ist Saitenspiel und Gesang; und sind wir nicht so fromm als du, wozu nur Auserwahlte gelangen: so ist doch unsre Liebe heilig; denn sie ist ganz Natur und hat mit burgerlichem Wesen nichts zu schaffen. Diese Cacilia wohnt eine Stunde von hier, ist einzige Tochter bei zwei Brudern, ihr Vater leider der grosse C***, und soll sich in kurzer Frist mit dem reichen Mark Anton vermahlen; welches du schon alles weisst." Ich blieb hierbei stumm vor Erstaunen und horte mit beiden Ohren.

"Wir wurden durch einen blossen Zufall naher bekannt", fuhr er fort; "denn schon vorher hatte ich sie als den schonsten weiblichen Kopf in Venedig einigemal in Kirchen auf den Raub abgezeichnet und ein paarmal in Gesellschaft gesehen. Nie aber wollt es mir gelingen, in ihrem Hause Zutritt zu erhalten oder sie allein zu sprechen. Dieses geschah endlich beim Schlusse des letzten Karnevals, auf dem Markusplatz, in einer Ecke an der neuerbauten Kirche San Zeminiano, als es Nacht werden wollte. Ich trug schier eine Maske wie einer ihrer Bruder; sie sah mich im Getummel fur denselben an, ging auf mich zu, fasste mich bei der Hand und flisterte mir etwas freudig ins Ohr. Ob ich sie festhielt und wie, kannst du denken; ich hatte sie schon auf den Platz hereinkommen sehen, auch war ihr lieblich Gesicht wenig verhullt. Manner und Weiber, die sie begleiteten, mochten ebenfalls im Irrtume wie sie sein; denn sie liessen uns beisammen, gaukelten auf dem bunten Welttheater im kleinen ihre Mummereien fort und hatten keinen Argwohn. Ich gebrauchte die schnelle Gelegenheit, so gut mir moglich war. Sie musste mich auch mit einem Blick erkennen konnen: unsre Augen hatten sich schon oft mit Seele begegnet. Ich verlangte zu wissen, ob ich etwas uber sie vermochte; hob ein wenig meine Maske vom Gesicht: und sie wollte sich, errotend von den rundlichen Wangen bis an den schneeweissen Hals, zuruckziehen; allein ich hielt das warme Handchen fest.

Ich blickte rasch umher, und sie desgleichen; wir wurden in der Dammerung nicht beobachtet, und ein Possenreisser hatte uberdies aller Augen auf sich gezogen; und sagte ihr: aber wie kann ich genau die Worte wiederholen! dass ich sie liebte, anbetete; dass ich verschwiegen ware wie ein Stein, eine Mauer, mich der geringsten Gunst nie ruhmen wurde; mich ihr in allem unterwerfen wollte, allen meinen Verstand zu unserm Vorteil anwenden wollte; wir seien fureinander geschaffen, und das Verhaltnis mit andern Menschen solle uns nicht trennen. Alles dies und mehr ging aus meinem Munde wie ein Lauffeuer, leis, aber machtig ihr ins Ohr. Sie trat fort und hielt ein, zuckte mit der Hand und uberliess sie wieder den heissen Wallungen meiner Liebespulse. Endlich riss sie sich los, sagte mir aber mit einer schuchternen gebrochnen Stimme die Honigworte, die wie eiskuhlend und brennendsuss erquickend Labsal durch Mark und Gebein rannen: 'Morgen fruh zu Santi Giovanni e Paolo.'

Ich schwand von ihr weg wie der Blitz, zur ersten Probe meiner Auffuhrung: und schlief die ganze Nacht nicht, war so wach und lebendig, als ob ich nie geschlafen hatte und nie wieder schlafen wurde, durchaus Feuer und geistig Toben. Was hab ich da nicht fur Plane gemacht!

Ich hielt schon lange vor der Zeit Wacht um die Kirche; und wie sie aufging, war ich der erste drinnen. Ich wartete und wartete und verging vor Ungeduld; so langweilig war mir das Messlesen der Priester noch nicht vorgekommen. Wie es allzu lange wahrte, so liess ich mir den Vorhang von dem gottlichen Tizian wegziehen, wo Peter, der Martyrer, von einem Rauber erschlagen wird, sein Gefahrte fluchtet und ein paar reizende Buben als Engel auf die Baume der herrlichen Landschaft herabschweben.

Welch ein Meisterstuck! Die Szene schon ausserst lebendig; welche Lokalfarben haben nicht die schlanken Stamme der hohen Kastanienbaume! wie verliert sich das Land in ferne blaue Felsen! der Morder voll rauberischem Wesen in Gestalt und Stellung und jeder Gebarde bis auf Kleidung und Kolorit! der Heilige hat ganz das Entsetzen eines Uberfallnen und eines guten weichen Mannes, der sein Leben banditenmassig verliert: auf seinem Gesichte ist die Blasse der Todesangst; und mit welcher Natur in der Lage ist er niedergeworfen! der, welcher flieht, ebenso tauschend in allen Teilen. Die drei Figuren machen einen vortrefflichen Kontrast in Stellung, Charakter und Kolorit und den Gewandern von Monchs- und Raubertracht. Welch ein trefflicher Ton im ganzen, und wie schon halt es die Beleuchtung zusammen!

Dies half etwas, aber wenig, ich hatte keine Ruhe. Endlich erschien sie doch, und armer Tizian, wie fielst du weg! O alle Kunst, neige dich vor der Natur! Sie zog zur Pforte herein, den Kopf in eure Tracht versteckt, wie im dunnen Gewolk aufgehende Sonne; vor ihrem Glanz verschwand alles oder bekam Ansehen, Wesen, lenkte sich zu einem Ganzen.

Sie kam mit ihrer Mutter. Beide knieten erst vor dem Altare nieder, wo Messe gelesen werden sollte; und setzten sich hernach, sie mit abgeworfener Hulle vom Haupte. Im Knien blickte sie einigemal gen Himmel und seufzte; ich bemerkte alles. Sie wurde mich hernach im Sitzen gleich gewahr und mass mich mit einer Engelschonheit, ruhig dem Anschein nach, vom Wirbel bis zur Zehe, in tiefem Nachdenken. Was fur Seele aus ihrem weitgewolbten schwarzen Auge blickte, ist nicht zu sagen; und um ihre Lippen regten sich bange Gefuhle, die jedoch in Lacheln ubergingen. Ach, dass ich nicht gleich mit ihr sprechen durfte!

Ich sass nicht weit von ihr rechter Hand, schrag auf der Seite, und verwandte, soviel ich unbemerkt sein konnte, kein Auge. Sie las hernach in ihrem Buche, und nahm ein Zeichen heraus, und deutete mir mit einem Winke darauf.

Die Messe war vorbei, und man ging auseinander; ich folgte ihr auf dem Fusse. Bei der Kirchtur hatt ich im Gedrange, mit der feinsten Wendung, die Karte unvermerkt in der Hand. Ich konnte nicht geschwind genug in einen Winkel kommen und lesen. 'Zwei Stunden nach Mitternacht an der Tur auf die Strasse hinter dem Kanale.' Weiter stand nichts darauf, und es war genug.

Nur dies und sie empfand und dacht ich den ganzen Tag. Gegen Abend ging ich schon dort einigemal auf und ab, und wusste alle Turen und Fenster und Gelegenheiten auswendig. Ich versah mich alsdenn auf allen Fall in meinem Quartiere mit Gewehr; meinen Gondelfahrer hatt ich ohnedies schon vorher immer bei der Hand.

Nach Mitternacht macht ich mich auf den Platz bei Maria Formosa. Wie wurde mir die Zeit so lang! Die Hoffnung hob mich vom Boden weg durch alle Himmel: die Natur hingegen wollte gar nicht fort; Orion, Adler, Schwan und Wagen schienen mich zum besten zu haben, ich hatte sie gern himmelab aus Ungeduld mit den Handen geruckt und sprang oft narrisch in die Hohe, sie zu erreichen.

Endlich schlug die letzte Viertelstunde, und ich eilte an den bestimmten Ort. Alles war still auf den Wegen, und ich lief uber die Brucken weg, und wartete in einer Ecke nahe bei der Tur, in meinen Mantel eingehullt, lauter Ohr und Auge.

Ich war kaum da, so ging sie schon auf. Ich machte mich herbei und vernahm die leisen Worte: 'Herein!'; ich schlupfte durch und war im Dunkeln. 'Die Schuh aus!' flisterte sie, 'mir die Treppe herauf nach!' Und sachte, sachte, Hand in entzuckend zarter, warmer, festhaltender Hand tappten wir in ein Zimmer auf den Kanal; und wieder zugeschoben mit dem Riegel wurde die Pforte des Himmels. Cacilia war in einem leichten Nachtgewande, den Kopf entblosst und das lange Haar nur in einen Knoten gebunden, das weich in den Seiten mir in die Finger fiel.

Ich hielt sie umschlungen und raubte den ersten Kuss, der wie ein susser Blitz mein Wesen durchfuhr; und sie sagte seufzend: 'O was wag ich nicht, Euch naher kennenzulernen! Ich weiss, dass Ihr ein Florentiner seid und hier die Malerei treibt, aber dass dies Eure Bestimmung nicht ist, sondern Nebenbeschaftigung, und Euer Ziel im verborgnen hoher steckt. Eine Freundin Eurer Tante und von mir, die Euch als eine andre zartliche Mutter wohlwill und durch jene Euch Eure Wechsel auszahlt, hat es mir unter dem Siegel des Stillschweigens anvertraut. Eure edle schone Gestalt und Jugend und, es muss nun von meinen Lippen! ein unwiderstehlicher Zug im Innern, den ich noch bei keinem Sterblichen fuhlte, haben mich dazu verleitet.'

'Verlasst euch in Geheimnissen auf Weiber,' dacht ich, 'wenigstens, die sie nicht selbst betreffen!' und geriet in ein Labyrinth.

'Ein andermal von unsern Umstanden', erwidert ich. 'O dass ich dich endlich habe, du Stolz von Venedig und Zierde der Welt! Lass uns jetzt ganz allein sein und die vorubereilenden Augenblicke geniessen in junger feuriger Liebe, o du Seele meiner Seele, Geist und Licht meines Lebens!' Hier hob ich sie mit Macht in meine Arme und trug sie unuberwindlich so auf einen Sofa, der in der Ecke am Fenster stand.

'Unglucklicher,' sagte sie, 'was willst du beginnen?' und stiess mir mit allen Kraften das Gesicht von ihrer Brust. 'Dies ist kein falsches Strauben! Ein einziger Ruf von mir, den meine Bruder horen, und du bist des Todes und ich im Hause auf immer elend!' Dies war in einem so festen sichern Tone gesagt wie ein Schwertschlag die Schulter herein, dass ich nachlassen musste; ich wurde wie voneinandergerissen, als das himmlische warmlebendige Geschopf meinen Armen entwich.

'Nicht so heftig, holder Verwegner! So war es nicht gemeint!' fing sie nach einer kleinen Pause an und streichelte mir die Backen, die Sirene.

Ganz ausser mir, ergriff ich sie wieder mit Gewalt vom neuen. Hier aber geriet sie in bittern Zorn und riss mich mit den Haaren von sich: 'Glaube nicht,' sagte sie, 'dass ich ein Kind bin, das nicht weiss, was es tut, und mit sich anfangen lasst, was ein wutender Mensch will!' Ich konnte nichts dagegen aufbringen, und Unmoglichkeit, Liebe und Bewunderung machten, dass ich meine Leidenschaften bandigte.

Wir setzten uns denn. Ich war auf dem sturmischen Meere, herumgewuhlt von tausend Wogen. Sonderbare Szene! Sie schlang hernach ihren rechten Arm um meinen Nacken und ich meinen linken um ihre Lenden, und die zwei andern Hande schlossen sich in ihrem Schosse zusammen; vor uns stand auf einem Tischchen ein Nachtlicht. Ach, wie sie bluhte! ein voller Rosenbusch im Mai am frischen Morgen im neuen Glanze des Himmels und den Choren der Nachtigallen herum. Ihre jungen festen Bruste kochten und wallten, und im Netz ihrer verwirrten blonden Haare zappelte meine arme Seele wie ein gefangner Vogel.

Ich flog ihr mit flehendem Gesicht an Busen und klagte schmachtend: 'Was hast du mit mir vor, Zauberin?'

'Liebe! Sei ohne Sorge!' antwortete sie darauf; 'sonst wurd ich nicht getan haben, was ich tat; susse Traulichkeit, wo ihrer zwei sich das Leben froh machen, die fureinander geschaffen sind.'

Uns verging die Sprache, und wir sassen lang, eine schmerzlich entzuckende Stille, in heisser Empfindung aneinandergegossen.

Mir rollten endlich unaufhaltbare Tranen ubers Gesicht von dem wutenden Kampf im Innern.

'O ich sehe, dass du liebst', sagte sie und hob mir das Gesicht in die Hohe, das ich knieend wie ein Kind in ihrem Schosse verbarg, nachdem ich ihr wenig Worte von meinen Schicksalen erzahlt hatte, nahm mich auf und kusste mir zartlich, am ganzen Leibe zitternd, die Augen und das blosse Herz, wovon sie das Hemde wegriss. 'Nun geh fort', sagte sie; 'wir konnen jetzt nicht reden und nicht langer bleiben. Versprich, bescheidner zu sein, und komme heut uber acht Tage wieder fruh nach Santi Giovanni e Paolo; wenn ich dir ein Zeichen gebe: so sind wir dieselbe Stunde in der Nacht ebenso beisammen.'

Mir war selbst zu wohl und weh im Herzen, und sie brachte mich unter brennenden Kussen und gluhenden Umarmungen leise wieder von sich. Dies war die erste Zusammenkunft. Morgen, Benedikt, das ubrige, wenn wir wieder dazu gestimmt sind", sagte hier Ardinghello.

Wir machten uns alsdenn berauscht auf unsre Zimmer. "O Freundschaft und Liebe," rief er, nach dem Wunsche, gut zu schlafen, "was ist ohne dich die Welt! Ein Haufen Unsinn fur alle Philosophen."

Was Ardinghello gesagt hatte und die Vorbereitung dazu, machte mich ausserst unruhig; mein Gesichtskreis war zwar erweitert: verlor sich aber in undurchdringlichen Nebel, und mich schreckte die Zukunft. Seine Leidenschaften kummerten mich. Jedoch verliess ich mich wieder auf seinen hellen Geist und sein edel Herz; und schwur ihm vom neuen bei mir ewige Treue und ihn uberall, wo Not an Mann ging, zu unterstutzen. Er sollte mir auf der Stelle forterzahlen, aber er wollte nicht und sagte: "Wir haben ja dazu genug Zeit und Musse; mein Kopf ist zu sehr im Taumel."

Den Tag darauf bekamen wir Besuch; und wer war es? Es war der Brautigam der Cacilia mit ihren Brudern, die ihm bis Verona entgegenritten, welcher ein kleines Geschaft abmachen wollte. Sie selbst war einigemal mit ihrer Mutter bei uns gewesen, und ich hatte nichts gemerkt: so sehr konnten sie sich verstellen. Er gestand mir zwar damals ein, der Schalk, dass sie die schonste weibliche Gestalt ware, die er je gesehen hatte, was Gesicht und Wuchs und Hand und Fuss betrafe; wenn das Verborgne dem Ausserlichen gleichkame, so wusste er nicht, ob die griechische Venus zu Florenz noch das Wunder bliebe; und bedauerte, dass so etwas ungenutzt fur die Kunst vergehen sollte. Allein eben am Verborgnen habe Phryne so sehr die andern Madchen ubertroffen; vollkommne Bildung an diesen Teilen, der Reife nahe, ohne Uberfluss und Magerkeit, die zarten haufigen und doch festen Schwingungen des Lebens in den reinsten Formen mit aller reizenden Mannigfaltigkeit zur grossten harmonischen Einheit durch keine Kleidung und Stubenluft verdorben, immer in gehoriger Munterkeit und Bewegung erhalten, von hohem und heiligem und wollustigem Geist beseelt, ein wenig Uberfulle, wo sie sein musse, uppige sanfte Wolbung und wieder straffer Umriss sei ausserst selten und ein Wunder in der Natur, und man konn es immer, wenn man es fande, als das Allergottlichste auf diesem Erdenrund betrachten. Es fiel mir nun freilich ein, dass sie hoher gluhte, wenn er von fern im Schatten die Laute spielte oder mit seiner verfuhrerischen Stimme zur Zither sang; und sie selbst war es, was er bei mir schilderte.

Ihr jungster Bruder sie war das letzte Kind konnt ihn gleichwohl leiden. Sie besahen sein Gemalde und machten ihm daruber grosse Lobspruche; nur der Brautigam, eine kalte Staatsperucke von widrigem Gesichte, tadelte ihm einiges ohne rechten Verstand, um nach dem gewohnlichen Kniffe der Grossen sich damit ein Ansehen zu geben, welches Ardinghello jedoch gefallig aufnahm, indem er sich damit entschuldigte, dass die Malerei sehr schwer und selten einer in allen Teilen nur ertraglich ware; und ruhmte dabei seine grosse Einsicht. Dies gefiel ihm denn; und er fragte ihn wie einen jungen Malergesellen, ob er ihn und seine Braut abkonterfeien wolle. Ardinghello verbeugte sich und erwiderte, dass ihm dies grossen Ruhm zuwege bringen wurde, wenn es nach Wunsch gelange. Jener beschloss, ihn abrufen zu lassen, sobald es sich schickte. Darauf ritten sie fort, nachdem sie ohngefahr ein paar Stunden angehalten hatten.

Den Abend blieben wir bei meiner Mutter. Sie freute sich uber den Beifall fur sein Gemalde und dass er durch diese Gelegenheit, besonders wenn noch die Portrate gefielen, in dem neuen Palaste des Brautigams viel Arbeit bekommen konne. Geld sei da genug; und dies brauchten die Maler. Die gute Frau war fern, etwas weiter zu mutmassen; aber Ardinghello stellte sich auch so fromm an. Wir mussten bis spat in die Nacht bei ihr aushalten; und er erzahlte, um die Zeit auszufullen, einige ruhrende Marchen.

Wir machten noch vor Schlafengehen aus, den andern Morgen auf dem See ins Gebirg hinein zu schiffen und zum Mittagsmahl das Gehorige mitzunehmen; ich brannte vor Verlangen, mehr und alles von ihm zu erfahren.

Die Vogel begrussten vielstimmig den neuen Tag. Die Sonne kam herauf im herrlichen Lichtkreis am Ende der Bergstrecke des Monte Baldo und schritt kuhn ubers Gebirg bei Verona im gelben Feuer; die Stirn, womit sie sich emporwarf, war Majestat, die der Blick nicht aushielt; und je voller sie hereintrat: desto ofter musste sich das geblendete Auge von dem gottlichen Glanze wegwenden, der doch so entzukkend nach der blinden Dunkelheit war, dass es immer durstiger sich in den kostlichen Strahlen berauschte.

Breit lag der See da im Morgenduft und die Hugel im dunnen Nebel; ein leises Wehen in der Mitte krauselte die Wellen, und weckte seine Schonheit wie auf, und machte sie lebendig. Die Hauserchen zwischen den Baumen am Ufer schienen allein zu schlummern mit ihrer Unbeweglichkeit und weil die Menschen noch nicht heraus waren.

Unser Nachen wallte leicht mit voll geschwelltem Segel uber die nassen Pfade.

Es war ein heiter Wetter zu Anfang Oktobers und einer meiner unvergesslichen Tage. Sirmio lag lieblich da in Strahlen und sonnte sich; und die unabsehliche Kette der Felsen dahinter, wie eine neue Welt, als ob sie bestimmt ware, lauter Titanen zu tragen. Susser rotlicher Dunst bekleidete glanzend den ostlichen Himmel, und die wollichten Wolkchen schwebten still um den lichten Raum des Athers, worin entzuckt in hohen Flugen die Alpenadler hingen.

Der See ist wurklich einer der schonsten, die ich gesehen habe, so reizend sind dessen Ufer und zugleich majestatisch und wild, mit soviel Abwechslung von Lokalfarben; und Licht und Schatten macht immer neue Szenen. Die Halbinsel Sirmio liegt in der Tat da wie der Sitz einer Kalypso, um von da aus das Land zu beherrschen, und hat das prachtige Theater von ungeheuren Gebirgen vor sich.

Wir kamen bei guter Zeit am bestimmten Ort an und machten uns noch in der Kuhle den Berg hinauf. Als wir die erste Anhohe erstiegen hatten, lagerten wir uns in dem Waldchen von Kastanien unten an den Quell der mit Efeu bekleideten Felsenwand ins weiche Gras, von hohen dunkeln Eichen und Buchen hier umschattet, nachdem wir erst unsre Weinflaschen an den frischesten Platz gestellt, gerade wo der Sprung hervorstrudelte. Dem Schiffer sagten wir, er sollte vor Sonnenuntergang uns wieder abholen; und so blieben wir allein.

Wir ruhten vom Aufsteigen aus und streckten uns die Lange lang auf die bequemsten Fleckchen; noch niedrig beim Aufgehen hatte schon die Sonne durch die Stamme den Tau weggekusst, und es war nun alles trocken. Wir genossen vom neuen das Labsal des letzten Schlummers, als wir so fruh aus den Betten mussten; und die einzelnen Lichtstrahlen zitterten suss von oben schrag durch die bewegten Zweige auf unsre Augenlider und schimmerten in die Dammerung. "O Sonn und Erde," rief endlich Ardinghello, "wie gut macht ihr's euern Kindern, wenn sie sich selbst das Leben nicht verbitterten!" und sprang auf. Auch ich rastete nicht langer: der frische Duft der fortrieselnden Quelle machte den ganzen Korper doppelt rege.

Ich nahm ihn in Arm und ging mit ihm auf und nieder durch die Baume und sagte: "Das ist doch nicht fein, da wir so lange beisammen sind und ich dich liebe wie mein ander Ich, dass du mir noch nichts von deinen Lebensumstanden bekannt gemacht hast und immer damit hinter dem Berge hieltest! Sooft die Rede auf deine Familie kam, bogst du davon aus, als ob du aus dem Kraute gewachsen warest; was Cacilien betrifft, lass ich's noch angehen, und deine Entschuldigung ware bei jedem andern gut gewesen."

"Lieber!" versetzte er darauf, "mein Schutzgeist hat mich davon abgehalten. Ich glaube, dass jeder Mensch einen Damon hat, der ihm sagt, was er tun soll, und dass Sokrates nicht einen allein hatte; wenn wir nur dessen Stimme horen und uns nicht ubereilen wollten! In jedem Menschen wohnt ein Gott; und wer sein inner Gefuhl gelautert hat, vernimmt ohne Wort und Zeichen dessen Orakelspruche, erkennt seinen eignen hohern Ursprung, sein Gebiet uber die Natur und ist nichts untertan.

Ich stamme aus einem der guten Hauser von Florenz: mein Vater war Astorre Frescobaldi und meine Mutter Maria von der verfolgten Familie der Albizi! Beide sind nicht mehr, und ich bin allein noch ubrig, ihr erstes und letztes Kind. Mein Vater entbrannte in Leidenschaft fur Isabellen, die dritte Tochter des Cosmus, vermahlt mit dem Romer Paul Orsini: und sie gab ihm leicht Gehor; er war noch jung, wohlgebildet und hatte tausend Reize, sie zu fesseln. Sie wurde gleichfalls gegen ihn entzundet; und in Abwesenheit ihres Mannes, der von ihr wie geschieden lebte und sich meistens zu Rom aufhielt, hatten sie erwunschte Gelegenheit, ihr Liebesspiel zu treiben. So gebar sie denn zwei Tochter, von welchen wenigstens die erste meine naturliche Schwester ist. Sie hat sich hernach vielen preisgegeben und mag wohl selbst nicht wissen, mit wem sie die ubrigen Kinder erzeugte; jung und schon uber alle Weiber, voll Witz und Geist und Leben, und so durch Erziehung gebildet, dass sie Spanisch, Franzosisch und sogar Lateinisch spricht, verschiedne Instrumente spielt, wie eine Sirene singt, und Verse macht, oft aus dem Stegreif, herrschte sie am Hofe wie eine Gottin und tat, was sie wollte. Noch jetzt ubt sie Gewalt aus, obgleich der Zepter ihres Vaters ihr nun entwandt ist.8 Ihre Liebhaber verfolgten sich einer den andern, und wie die Sonne strahlte die Mutwillige, ungestort vom Krieg der Elemente um sie herum; immer mit neuen Vergnugungen beschaftigt, liess sie ihre Geliebtesten im Elend verderben und machte sich daruber keine Sorge. Ein gottlich schones Ding bloss fur die Gegenwart! ein Feuer, das alles aufzehrt, was sich ihm nahert.

Mein Vater wurde das erste Opfer; der Herzog liess ihn gefangensetzen. Er machte sich los und fluchtete nach Venedig und von dort in die Levante. Man zog seine Guter ein, unter Vorwand von Verschworung und Staatsverbrechen; meine Mutter starb daruber fur Gram. Mich nahm meine Tante Lucrezia zu sich. O guter Freund, du weisst noch nicht, was ein kluger Tyrann tun kann! von fern sieht die Tigerkatze schon aus, wegen ihrer Starke und Behendigkeit. Wenn Cosmus ein zweiter Augustus ist in Unterjochung der Freiheit und Wollust gegen seine Landestochter und in seinen Julien: so ist er noch viel grausamer als sein Urbild.

Durch ein blosses Ohngefahr hab ich die beste Erziehung erhalten. Als Knabe folgt ich meistens meinem Hange, und wurde hernach bei dem gestorten Hausfrieden durch die Leidenschaft meines Vaters gegen Isabellen wenig mit vorgesetzten Lehrmeistern geplagt. Ich ging mit Kindern von allerlei Klassen um, und die fahigsten waren meine Spielgesellen; ich suchte sie zu ubertreffen im Laufen und Ringen und Schwimmen im Arno und in listigen Streichen. Ich habe freilich manche Beule im Balgen und Fallen davongetragen, bin aber davon weder ein Kruppel geworden noch gestorben. Mein Vater, ein mutiger tapfrer Mann, nahm mich im ersten zarten Alter einigemal mit zur See, wo er als Befehlshaber der Galeeren die Kusten gegen die Korsaren bestrich: und die reinen grossen ewigen Gegenstande erfullten hier meine ganze Seele und erregten machtig alle Triebe zum Freien und Edlen.

Wie ich zum Jungling heranwuchs, hatten die bildenden Kunste und hohern Leibesubungen den grossten Reiz fur mich, und nachst diesen griechische und romische Sprache und die Geschichte dieser hohen Volker; auch hierin wollt ich jeden ubertreffen, und Gluck und Gestalt und Wesen fuhrte mich zu den besten Meistern.

In der Zeichnung und Malerei kam ich auf die letzt unter die Hande des Georg Vasari, der zwar nie ein schopferisches Werk hervorgebracht hat, aber voll Kenntnis und Geschmack war, bei allen seinen Vorurteilen. Der alte Schwatzer blies wie ein Boreas mit vollen Backen in meinen Enthusiasmus. Mein Vater, dessen Augapfel ich war, liess mir zwar nach seiner Jovialitat und nach Georgens Verheissungen, dass ich ein Licht werden wurde, alles zu verdunkeln, freien Willen: doch bracht er mich noch kurz vor seiner Gefangenschaft und Flucht zu verschiednen philosophischen Kopfen, in deren Umgang ich nach und nach mich zu einer andern Richtung lenkte. Meine erste Neigung behielt aber immer die Oberhand.

Ich glaube, die Hauptregel bei der Erziehung sei, den Kindern Zeit zu lassen, sich selbst zu bilden. Das beste, was man tun kann, ist, dass man die Triebe scharft und reizt, ein vortrefflicher Mensch zu werden, und ihnen die eigne Arbeit soviel wie moglich dabei erleichtert. Alle Natur, wenn sie gross und herrlich werden soll, muss freie Luft haben. Freilich muss der Stoff dazu in den Urkraften liegen, und ein guter Erzieher sollte doch einigermassen die Vortrefflichkeit der Pflanzen kennen. Jeder gewaltige Geist wirft schon in der Kindheit, obgleich noch im Chaos und Nebel, helle Strahlen von sich. Alkibiades legt sich als spielender Knabe Wagen und Ochsen in den Weg, zwingt den Treiber, zu halten; Scipio erkannte den kunftigen Marius im jungen Soldaten. Ein einziger Gedanke, nur eine Tat, von scharfem tiefen Gefuhl oder vielfacher Uberlegung entsprossen, obgleich noch roh auf verschiednen Seiten, ist eine gluckliche Vorbedeutung; und so Schnelligkeit, zu fassen und zu behalten: hingegen Allgehorsam und Fraubasengutartigkeit, so beliebt bei Pedanten, eine ungluckliche; denn da ist kein Mut und keine Kraft. Alles, was in die jungen Seelen eingetrichtert wird, was sie nicht aus eigner Lust und Liebe halten, haftet nicht und ist vergebliche Schulmeisterei. Was ein Kind nicht mit seinen Sinnen begreift, wovon es keinen Zweck ahndet, zu seinem eigenen Nutzen und Vergnugen: das verfliegt wie Spreu im Winde. So ist die Natur des Lebendigen vom Baum und Gras an, und der Mensch macht davon keine Ausnahme. Jeder geh in sein Leben zuruck und sehe, ob etwas von allen dem Vorzeitigen geblieben ist, wo nicht etwa bloss zum Verderb des Genusses. Viel Natur und wenig Bucher, mehr Erfahrung als Gelerntes hat die wahren vortrefflichen Menschen in jedem Stand hervorgebracht.

Ein Kind muss erst den Boden kennenlernen, worauf es geboren ist, Gewachse, Tiere und Menschen, eh es etwas Auslandisches fassen kann: sonst kommt ein Papagei heraus. 'Keine Schrift,' sagt Plato mit Recht, 'und ware sie von dem echtesten Trismegist, gibt mehr als Erinnerung der Dinge, die man schon kennt', und ist fur den, der sie nicht kennt, ebenso unbedeutend als die Hieroglyphen fur die Romer auf ihren prachtigen Obelisken. Von der sinnlichen Natur aber geht man hernach uber in die Geisterwelt, und macht in Entzucken Bekanntschaft mit den grossen Griechen und Romern und allen ausserordentlichen Wesen, die diese Nacht erleuchten.

"Als mein Vater einige Jahre weg war," fuhr er fort, "bekam ich eine solche Sehnsucht nach ihm, dass ich nicht langer bleiben konnte. Ich fuhlte die Ungerechtigkeit des Grossherzogs wegen seiner buhlerischen Tochter erst recht lebendig, sah meine eigne Gefahr und machte mich ohngeachtet der Vorstellungen meiner Tante auf und reiste ihm nach, ohne zu wissen, wo er sich eigentlich aufhielt.

Ich ging unter anderm Namen nach Venedig, um dort, wahrend ich ihn auskundschaftete, die Werke Tizians zu studieren und vom Paul Veronese und Tintorett zu lernen; und meine Tante schickte mir von meinem Mutterlichen, soviel ich brauchte. Paul gewann mich bald lieb, so wie der Greis Tizian, den ich in seinen letzten Tagen oft mit Singen und Spielen ergotzte; und sie weihten mich in verschiednen von ihren Geheimnissen ein, weil sie Auge bei mir fanden. Es war mir nun lieb, dass ich ausser meinem eignen Vergnugen noch etwas gelernt hatte, womit ich mich auf allen Fall durch die Welt schlagen konnte.

Den Herbst vor meiner Bekanntschaft mit dir erfuhr ich endlich, dass mein Vater zu Kandia als Hauptmann in Diensten eurer Republik stunde, unter dem General Malatesta, einem Florentiner, dessen Sohn Cosmus in den Armen seines Vaters dort umbringen liess, weil er mit seiner ersten Tochter Maria zu tun hatte, die er deswegen selbst, der kalte Barbar ohne Eingeweide, mit Gift hinrichtete. Ich war schon zur Abreise fertig und wartete nur auf ein Schiff zur Abfahrt, als meine Tante mir die neue traurige Nachricht meldete, dass auch er durch Meuchelmorder, eben wie der junge Malatesta, langst, noch vor dem Kriege mit den Turken, das Leben eingebusst habe. Dies traf mich wie ein Wetterschlag; ich schwur in meinem Herzen hohe Rache und kochte lauter Galle. Noch bis jetzt kann ich nichts ausrichten, wenn ich mein junges Blut nicht fur ein altes ausgemergeltes auf der Stelle hingeben will: aber das Verderben reift uber ihren Hauptern."

Dem Edlen standen hier die Tranen in den Augen, er warf sich nieder an die Quelle, mit dem Gesicht auf dem Boden; sein Inneres war beklommen; er schwieg und knirschte mit den Zahnen.

Ich fasste ihn bei der Hand und redt ihm zu: "Mich jammert dein Schicksal, und du hast recht, zu zurnen. Aber die Welt ist voll von Unglucklichern! und du kannst noch stolz sein; wo sind diejenigen, die soviel Leben in ihrem Innern haben wie du, um alles zu bekampfen? Freude und Leid umtanzt und umringt wechselsweise jeden Menschen, und hierin ist kein Unterschied zwischen Konig und Knecht."

"O ihr Venezianer", fuhr er auf, "und ihr Genueser habt gut reden! Euch hat kein Haus, wie uns das Mediceische, so niedertrachtig zugrunde gerichtet, und ihr strahlt frohlockend in Osten und Westen von Italien wie das Zwillingsgestirn am Himmel; Toskana, die alte Glorie von Welschland, liegt da in Schmutz und Trauerkleidern, mit Ketten behangen von seinen eignen Sohnen."

Unser Gesprach ging dann auf die Geschichte dieser Staaten uber, das hier zu weitlauftig ware und ausser meinem Kreise.

Es war schon gegen Mittag, und der Dunst vom Sonnenbrand auf den Gegenden benahm alle Aussicht; unten schien der See zu kochen und eine ungeheure Feuerpfanne von geschmolznem Silber; Eidechsen, Kafer, Mucken und unzahlbare Insekten hielten in der Glut ein allgemeines Fest, und die Grillen betaubten mit ihrem Gezirp wie ein Meerbrausen die Ohren: wir machten uns also an unsere Quelle in die grune kuhle Nacht, wo die undurchdringlichen Eichen und Buchengewolbe und Felsen machtiglich vor der Hitze Dampf beschirmten.

Wir starkten uns mit Speise, und der frische Purpursaft der Traube weckte unbezwinglich die Freude wieder in jeder Nerve. Wie ein paar junge Gotter lagen wir da im Schatten, und unsre Augen und Lippen lachelten vom vergangnen Kummer wie die Blumen des Fruhlings von sussem Abendtau. O Jugend, o gluckselige Jugend, ach, warum verlassest du uns so bald!

Wir schwiegen und uberliessen uns der neuen Wonne; und platscherten, denn wir hatten Roch und Strumpfe ausgezogen, mit den Handen und Fussen in dem klaren Wasser, das ungern in die Warme hinausrann, um uber Klippen zu schaumen. Jeder von uns ahndete so das Gefuhl seiner Laufbahn.

Nachdem wir lange in Genuss und Empfindung gelegen hatten, und mit den Wellen und Kieseln gespielt, und Krautern und jungen Sprossen, brach ich zuerst das Stillschweigen und fragte leise: "Und Cacilia?"

"Ach, Cacilia", erwidert' er hastig, "ist fur mich verloren; ein schwarzer Unhold entfuhrt sie mir. Selige Augenblicke, wo an mir alles Irdische sich bei ihr zu Geist erhohte, ich vor mir selbst verschwand, in einem Meer untergetaucht von unsterblicher Reinheit und Klarheit! Die Arme dauert mich; aber da ist keine Rettung, wo ein Gott nicht hilft.

Das goldne Geschopf hat uber mich vermocht, was ich nie glaubte. Unsre nachtlichen Zusammenkunfte in Venedig waren leider selten, und wir sahen uns einander nur bei grosster Sicherheit. Noch wahrend dieser Zeit warb mancher um sie, so wie schon viele vorher um sie geworben hatten; besonders der junge Bartholommeo F** mit einer volligen verliebten Raserei, ubrigens ein Mann nicht ohne treffliche Eigenschaften, wie du weisst, nur von geringem Vermogen: aber keine Partie war ihren Eltern und Brudern gut genug, und keiner von den Helden ergriff ihr Herz. Mir gab sie nach und nach alles preis, Seel und Leib, nur die letzte Gunst ward mir vorbehalten; ihr Entschluss hierin war stahlfest und unwankbar: weder Beredtsamkeit noch Gewalt und die feinste Verschlagenheit konnt etwas ausrichten. Sie hat mir gute Proben abgelegt, dass ein Weib vor der Verfuhrung sicher sein kann, wenn es nicht verfuhrt sein will. Du magst immer daruber lacheln; aber sie hat es geleistet. Ich sehe dich in Gedanken fragen, was wir zusammen taten. Was Adam und Eva, lieber Freund, ehe sie aus dem Paradiese verstossen wurden. Wir lebten im Stande der Unschuld nach und nach; freilich ging dies auf einmal aus der burgerlichen Welt nicht, wo alles seine sundliche Blosse doppelt und dreifach bedeckt. Wir offenbarten uns so wie von Angesicht zu Angesicht unser Innres. Du kannst mich immer zu dieser Zeit einen holden einfaltigen Schaferknaben nennen: aber ohne solche Vorbereitung gelangst du nie bis in den achten und neunten Himmel; nur hochstens auf die grune Wiese, wo, wie man sagt, diejenigen hinkommen, die weder selig noch verdammt sind. Wer alle Himmel durchwandert hat und in jedem genossen und gelitten zum Aufflug in den hohern: darf von dem Reiche der Liebe reden. Glaube nicht, dass ich hier wie Petrarca schwarme; dieser war ein armer Sunder und hing nur am Schein, nie an der Wirklichkeit; er hat mit seinem Geachz und Jammer schier unsre ganze Poesie zugrunde gerichtet. Die Toren seufzten ihm jahrhundertelang nach, und mancher besang bei einer feilen Dirne die Grausamkeit der beruhmten Provenzalin in unertraglichem Einerlei, anstatt die verschiednen Reize der Erdentochter in ihrer Mannigfaltigkeit wie die heitern Griechen aufzuempfinden. Er selbst zwang die kluge Frau zur unerbittlichen Strenge: sie schwebte ja in augenscheinlicher Gefahr, dass er bei der ersten Gunst noch einen Band Sonette und beruhmtere Oden auf etwas anders als ihre schonen Augen machte.

An Planen von Entfuhrung und ewiger Verbindung wurde von uns im Anfange stark gearbeitet; aber weil wir keine Luftgestalten waren und Sinn hatten, und sie auf keine Weise von ihrer Familie lassen wollte, die sie allzu zartlich liebte, und besonders ihre Mutter totzukranken befurchtete: legten sie sich bei naherer Bekanntschaft nach und nach. Wir sahen die misslichen Folgen bei den grossen Hindernissen zu deutlich, und erkannten inzwischen innig, dass die Natur unter allem burgerlichen Verhaltnis bei Menschen von reiner Empfindung und klarem Begriff immer durchgeh, trotz allen Gesetzen. Sie richten sich zwar im Ausserlichen nach der Ordnung des grossen Haufens: betreiben aber in geheim ihre eigne Art von Gluckseligkeit, ohne welche kein Leben Wert hat. So verstrichen denn die himmlischen Tage, und wir liessen die Gotter walten.

Eben im Fruhling nach geschlossnem Frieden kam endlich Mark Anton G*** aus Griechenland dahergesturmt mit neuem Gold und Schatzen. Sein Weib und seine zwei kleinen Kinder, Tochter, waren dort an der Pest gestorben; und die heissen Strahlen, die Caciliens Schonheit von sich warf, schienen wahrend der ersten Besuche bei ihren Eltern gerade den Reiz zu haben zu andern Erben fur sein Vermogen. Gleich einige Wochen nach seiner Ankunft hielt er um sie an: und sie ward ihm versprochen und musste drein willigen; ob er gleich schon in die Vierzig, sie erst mannbar ist und ihn nicht leiden kann; aber er hat seine grossen Besitzungen bei seiner Statthalterschaft in Kandia noch reichlich vermehrt mit Grausamkeiten und Erpressungen, und Unterschleifen in Verhandlungen mit den Turken, steht in grossem Ansehn; und ihre Familie, obgleich bemittelt, bedarf doch wegen ihrer Bruder einer solchen Verwandtschaft. Unser Liebesknoten schlang sich dadurch nur fester; jedoch drohte das nahe Hagelwetter in der Ferne die Blumen aller unsrer Freuden zu zerschlagen.

Mein Aufenthalt diesen Sommer hier am Lago in kurzen Lustreisen von Venedig aus war schon beschlossen, eh ich mit dir bekannt wurde; und dein Antrag, mit dir zu ziehen, setzte mich anfangs in Verlegenheit: allein ich wusste nun der Sache keinen bessern Rat. Auch Cacilia, die ausserst besorgt ist, wurde furchtsam daruber; doch ist alles insoweit nach Wunsch abgelaufen.

Hier kamen wir weit oftrer zusammen. Sie hat ihre Wohnung auf dem Gut in dem Garten, gerade vor einer Pflanzschule von jungen Baumen, nicht weit von einem Brunnen mit einem weiten Marmorbecken, von hohen Ahornen umgeben, wo man sehr bequem uber die Mauer klettert. Sie kann von der Seite zu einer Tur herein; und uberdies ist ein Fenster in ihr Zimmer wegen des Lattenwerks fur die Reben daran leicht zu ersteigen; welches ich aber doch, aus Furcht, gesehen zu werden, nur einigemal die letzten Nachte, wo es vollig dunkel war und weder Mond noch Stern leuchtete, um die Umschweife zu ersparen, gewagt habe: und ich erstieg immer damit alle neun Himmel; mit der Nachricht von der Ankunft des Brautigams zur Hochzeit erobert ich endlich, ach, unter wieviel Schmeicheleien, beredten Bitten, heissen Wollustkussen und Gewalttatigkeiten! das heilige Palladium, umrungen von Glanz und Feuer, jede Fiber susse Wut."

Ardinghello hatte sich bei den letzten Reden von mir abgewandt, und hielt nun sein Gesicht in den frischen klaren Quell hinein, um die Glut davon abzukuhlen.

Wir machten uns vom neuen uber die Flaschen her, und ich gab ihm den Rat, weder sie noch ihn zu malen, und lieber sich zu rechter Zeit zu entfernen; die Sache kame mir allzu gefahrlich vor.

"Flieh du," antwortete er, "wenn du keinen Willen hast und dir die Fusse gebunden sind! Ja, fliehen mocht ich, aber mit ihr; jedoch wohin?"

Schon senkte sich der Tag, und der Abend ruckte naher; wir erstiegen noch die Hohen und ubersahen weit die Lombardei und ihre Lustreviere. Beim Heruntergehen nahmen wir einige Zeichnungen von reizenden Winkeln und Aussichten ab, fanden alsdenn unsern Steuermann auf uns warten, verliessen Quell und Waldchen und den leichten erhebenden Ather: wandelten wieder in die Tiefe und segelten unter dem lieblichen Zauberspiel von Abendrote nach Hause, zwischen den Gesangen frohlockender Winzer uber den Segen des Herbstes.

Ardinghello wagte noch dieselbe Nacht eine Zusammenkunft mit Cacilien. Sie hielten Rat, und es wurde beschlossen, dass er die Portrate malen sollte, indem es anstossig sein wurde und sogar Verdacht erregen konnte, wenn er es nicht tate. Ubrigens verliessen sie sich auf ihre Gegenwart des Geistes und Verstellungsgabe und nahmen deswegen die sichersten Massregeln.

Den dritten Tag darauf holt' ihn auch ihr jungrer Bruder dazu ab, und er begleitete ihn mit allem Zugehorigen; der Brautigam wollte ihr Ebenbild noch vom Stand ihrer Jungfraulichkeit.

Sie hatte gar nicht notig gehabt, ihm zu sitzen; aber er zauderte mit Fleiss und schien auf nichts achtzugeben, als die eigensten und bedeutendsten Zuge von ihr recht zu fassen. Er bat sie, so ganz bloss als unbekannter Maler, sie mochte sich nur vollig frei ihrem Wesen uberlassen und tun wie sonst in der Gesellschaft oder als ob sie allein ware; er musse von selbst aus den mancherlei Bewegungen ihrer Seele auf der Oberflache des Korpers ihren Charakter abnehmen und seine Phantasie das Ganze bilden. Ein gutes Portrat sei platterdings keine blosse Abschrift, und es gehore dazu das tiefste Studium des Menschen, wovon er noch leider weit entfernt, wozu er auch zu jung ware; aber er wolle nach Vermogen das Seinige tun.

Ihre Mutter war immer dabei zugegen, und der Brautigam und einige von seinen und ihren Verwandten gingen auf und ab. Cacilia war sehr aufgeraumt, sprach und scherzte und hatte die Malerei zum besten; schien zwar dem holden Jungling in seiner Beschaftigung gern zuzusehen, warf sogar unverstellte Blicke auf ihn, wie man auf Schonheit wirft, aber alles wie fremd und zum ersten Mal; und ihre Worte hatten immer etwas von dem vornehmern Ton gegen einen, den man fur seine Arbeit bezahlt.

Die erste Sitzung geschah des Nachmittags gegen Abend. Nach wenig Umriss und Zeichnung fing er sogleich am Kopf an zu malen. Sie sass den andern Morgen beim Fruhstuck noch einmal; und dann wollt er sie nicht weiter plagen, ausser bei der Vollendung, um hier und da nachzuhelfen. Den Nachmittag und ganzen dritten Tag und vierten Morgen bracht er damit fast allein zu: und siehe da! sie kam heraus wie vollig lebendig. Alt und jung bewunderten die erstaunliche Gleichheit. Er hatte sie in einem leichten sommerlichen Morgenanzuge vorgestellt, meist von gruner Seide, worunter die vollkommnen Formen ihrer jugendlichen Glieder reizend aufwallten und durchleuchteten. Sie stand in Lebensgrosse, nachdenkend, wie geruhrt, in die Zukunft blickend, den Kopf in der Linken auf einen Pult gestutzt, in einem Zimmer, wo durch ein ganz offnes Fenster die Aussicht auf den See ging, an welchem Sirmio in der Nahe und ein wenig blaue Ferne von den Gebirgen wohl angebracht waren. Ardinghello hatte im Gesichte schon Zuge von ihrem Charakter ausgespahet, die sich nachher erst entwickelten.

Den funften Nachmittag gab er sich an den Brautigam. Nach den ersten Umrissen gestand er ihm gleich, dass ihm sein Kopf sehr schwer vorkomme und dass er noch keine rechte Idee von der ursprunglichen Einheit seines Charakters in der Einbildung habe. Mit allen grossen Mannern muss' ein Kunstler lange leben, um nur eine von ihren bedeutendsten Aussenseiten in tauschender Wahrheit fest zu haschen; und uberhaupt sei es schier unmoglich, irgend jemand sicher darzustellen, den man nicht an Geist und Kraft gewissermassen ubertreffe.

Es ging hierbei im Mark Anton eine gewaltige Veranderung vor, und er errotete und wurde wieder blass augenscheinlich, so dass er aufstehen und ans Fenster gehen und Ardinghello einhalten musste.

Dieser fasste darauf all sein Bewusstsein zusammen, und jener kam nach einer langen Pause wieder und setzte sich. Ardinghello zeichnete vom neuen, und ihre Blicke begegneten sich einander wunderbar: die des Ardinghello hell und durchdringend, doch von aufgewuhltem Herzen, flammten in die seinigen wie in eine dustre Nacht voll Irrfeuer.

Mark Anton fragte ihn endlich, ob er sich schon lange in Venedig und der Gegend aufhalte. Ardinghello antwortete mit Besinnung: "Es ist noch nicht lange; die Werke des Tizian und Paul von Verona und Tintorett haben mich dahin gezogen; und auch am Johann Bellini ist noch zu studieren und andern; besonders aber an der herrlichen Menschenart zum Kolorit."

"Seid Ihr aus Florenz selbst?" verfolgte er ferner. "Ja", war die Antwort. "Und Euer Vater?" "Mein Vater ist tot, und meine Mutter ist tot, ich ohne Geschwister bin allein ubrig."

"Wer war er, was trieb er?" Diese Frage machte Ardinghellon endlich ungeduldig, er schnickte den Pinsel aus und antwortete: "Er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen."

Bei diesen Worten trat Cacilia herein und hemmte das Gesprach; denn sie waren vorher ganz allein. "Nun, geht's gut?" fragte sie lachelnd. "Es wurde besser gehen," antwortete Ardinghello, "wenn ich das Gluck gehabt hatte, Ihro Exzellenz langer zu kennen." "An mir ist nicht soviel gelegen", erwiderte der Brautigam; "wisst Ihr was, lasst es fur jetzt gut mit mir sein und macht die Signora vollends fertig. Wir werden naher bekannt werden, und kunftigen Winter einmal ist's bessere Zeit."

"Wie Sie befehlen", versetzte Ardinghello und ruckte die Staffelei weg.

"O nein," sprach heftig Cacilia, "im Winter gibt's lauter Nebel und Regen und keine gute Luft zum Malen!"

"Nun gut," sagte der Brautigam, "da kann es ja noch nach unsrer Vermahlung hier geschehen. Jetzt bin ich ohnedies zu sehr beschaftigt; und kann nicht so ruhig sein wie Sie, mein Herz."

Sie nahm ihn bei der Hand, und sah ihn zartlich an, und fuhrte ihn fort. Ardinghello gab seiner Zeichnung einen Nasenstuber, brachte die Sachen in Ordnung, und ging darauf von ihrem Gut, und kam zu mir nach Hause.

Er erzahlte mir, was vorgegangen sei: und mir wurde daruber warm im Kopfe. Ich konnte nicht anders glauben, als Mark Anton habe Lunte gerochen; und warnte und beschwur ihn mit Bitten instandig, ausserst auf seiner Hut zu sein und fur jetzt sich ganz stille zu halten. Er aber meinte, seine Art, rot und blass zu werden, musse von etwas anderm herruhren als Eifersucht; soviel er sich selbst fuhle und an andern beobachtet habe, offenbare sich dieselbe auf eine andre Weise. Jedoch sei wahr, dass die Grundverschiedenheit der Menschen hierin sonderbare Abweichungen mache. Inzwischen hatt er sich noch nirgend so betrogen, wenn dies Eifersucht sein solle; auch reime sich dies nicht zu seinem ubrigen Charakter, wie er ihn aus Horensagen und den wenigen Augenblicken kenne. Dass er auf seiner Hut sein wurde, dafur brauch ich nicht zu sorgen; aber ein Feiger nur flieh alle Gefahr. Man musse standhalten, mit unerschrocknem Mut, solange das Verderben nicht unuberwindlich einbrache; dies allein rette und beglucke den Mann.

Sein Verdacht ging' auf etwas anders; und ein wahrsagerischer Geist geb ihm ein, der Statthalter von Kandia sei bei Ermordung seines Vaters nicht ganz ausser Spiele gewesen und die Ahnlichkeit seiner Gestalt ihm aufgeschossen.

Mir fiel heiss hierbei ein, dass Mark Anton, vor seiner Statthalterschaft von der Republik abgeschickt, einige Zeit zu Florenz gestanden und mit dem Grossherzog auf einem so guten Fuss umgegangen sei, dass er seinen schwierigen Auftrag glucklich ausgefuhrt habe; ich schwieg jedoch hiervon stille, um nicht Ol ins Feuer zu giessen, und sagte im Gegenteil: dies kame mir nicht wahrscheinlich vor, er solle sich deswegen nichts in Kopf setzen.

Den folgenden Morgen bracht er das Bild dahin, dass es im Rahmen konnte aufgespannt werden; und bekam fur seine Arbeit von Cacilien selbst einen schonen goldnen Ring mit einem kostbaren Rubin zum Geschenk, der gerad an den Herzensfinger seiner linken Hand passte. Dies gefiel ihm denn; und er freute sich und lachte daruber, wie die Dinge dieser Welt so sonderbar untereinander laufen. Am dritten Tag hierauf sollte das Beilager gehalten werden; alle Anstalten dazu waren schon gemacht und die Nachbarschaft zu einem festlichen Ball eingeladen.

Ardinghello ging inzwischen tiefsinnig herum, ass wenig und trank viel, und konnt es nicht langer verbergen, dass er vom Stempel der Liebe machtig gezeichnet war; er mied alle Gesellschaft. Morgens, abends und des Nachts kam er nie auf sein Zimmer und schlief nur des Mittags. Ich hatte mit dem Armen Mitleiden: aber da war nicht zu raten; er horte wie ein Meersturm. Die ersten Stunden der Nacht am Tage vor der Hochzeit trat er auf einmal plotzlich hastig auf mein Zimmer, blass und furchterlich; ich schrieb eben an einem Briefe. Wie ich ihn aber so erscheinen sah, fiel mir die Feder aus der Hand, und ich sprang auf: "Was gibt's, was hast du?"

"Mein Argwohn war nur zu gut gegrundet; hore!" sprach er und ging mit mir zum aussersten Ende von der Tur weg.

"Du kennst den schonen einsamen Platz, wo die grossen babylonischen Weiden vom hohen Felsengestad herunter nach dem See hangen und das Ganze zu einer stillen melancholischen Vertiefung sich einschliesst: dahin war die letzte Zeit immer mein liebster Spaziergang; schon vorher sind wir dort beisammen gewesen. Auch diesen Abend ging ich dahin und nahm ein Instrument mit. Es fing an zu dammern, als ich noch auf der entblossten Wurzel der vordersten Weide nach dem Tale zu sass und meine Leiden sang. Der Inhalt von meinem Liede war: 'Ach, mein Vater tot, meine Mutter tot, meines Lebens Lust in fremder Gewalt! Ist dies nicht, ein junges Herz zu brechen? Saitenspiel, klag's mit mir!' Und bei den Worten, nach dem Blick und der Empfindung: 'Flisterst du Luftchen in den Blattern mir Trost zu?', kam's uber mich, als ob ich meinen Vater vor mir und mir winken sahe. 'Warum erscheinst du, was verlangst du von mir?' rief ich und sprang auf. Zugleich erblickt ich nicht weit von mir einen Kerl mit dem Messer in der Hand, welcher alsbald davonging mit diesen Worten: 'Flieh, junger Mensch, du dauerst mich, ich sollte dich ermorden! Flieh, so geschwind du kannst, so weit dich deine Beine tragen, und meide den Mark Anton. Schon wurde durch ihn dein Vater umgebracht. Meide das Gebiet des Grossherzogs.'

Mir wurde dabei das Herz im Leibe umgekehrt; aber ich besann mich doch nicht lange, sondern riss meine Pistole hervor (er ging auf seinen Wegen nie ohne Gewehr aus) und jagte ihm von der Seite eine Kugel durch die Brust, dass er auf der Stelle sturzte. 'Stirb, Elender, fur deine Schlechtigkeit in der Schlechtigkeit, und bereite das Quartier deinem Patron in der Unterwelt!' vernahm er noch die Antwort. Darauf gab ich ihm noch einen sichern Stoss mit seinem eignen Messer und walzte den Korper in die Dornen und das Gestrauch hinein, den Felsen hinunter. Niemand war schon langst mehr auf dem Felde und es schon finster; und der Ort ist uberhaupt, wie du weisst, vollig abgelegen. Den Kerl erkannt ich noch, wie ich ihn naher besah; ich habe vor kurzem in einem Wirtshause zum Zeitvertreib mit ihm a la Mora gespielt und ihm nicht allein seinen Verlust geschenkt, sondern die Zeche obendrein bezahlt."

Dies entsetzte mich; ich sah die grasslichen Folgen bei seiner kuhnen Entschlossenheit voraus und wusste nichts zu antworten als: "Es ist ungeheuer!"

"Du sollst nichts dabei zu tun und nichts dabei zu verantworten haben", fuhr er fort; "nur beschwor ich dich beim Himmel und deinem letzten Tropfen Liebe zu mir, lass mich's ausfuhren, einen hasslichen politischen Meuchelmorder mehr aus der Welt zu schaffen. O Vernunft, breit allen deinen heitern Ather in meinem Verstand aus, dass ich kalt genug zu Werke schreite! Wenn er morgen auf der Hochzeit mit dir von mir sprechen sollte, so sage nur, du habest mich die letztern Tage nicht gesehen, ich streiche so oft im Lande herum und suche Schonheit in Gegenden und unter Menschen; und gib im ubrigen auf alles acht, was vorgeht, besonders auf dem Ball in der Nacht."

Ich war betaubt von allen diesen Dingen und wusste mir nicht zu helfen. Es war da kein Rat, als entweder ihn oder den andern aufzuopfern; und vor dem ersten Gedanken schauderte meine Seele wie vor ihrem Nichtsein; den koniglichen Jungling vom racherischen Arm der Natur bewaffnet, voll innerm Gehalt, der uberall hervorstrahlt: oder den missgeschaffnen Boshaften, der das Vortrefflichste aus kleinlicher Leidenschaft und elendem Interesse wegtilgt? Es fand weder Wahl noch ein ander Mittel statt.

Ich gab ihm nach der Uberlegung zur Antwort: "Du sollst mich als deinen Freund erkennen; an deinem Mut und deiner Klugheit im ubrigen darf ich nicht zweifeln. Jedoch bedenke vorher, was du tust und dass dein Leben selbst dabei in ausserster Gefahr ist."

"Was soll mir ein Leben, das Sklaverei duldet und Unrecht leidet?" erwiderte er, "schandliches Unrecht! und das grausamste! O ich weiss, dass das ewig lebt, was in mir lebt, und dass dies keine Gewalt zugrunde richtet. Ich war, was ich bin, und werd es sein: ein edler Geist, den sein gottlich Urwesen durch alle Zeiten von der Drangsal niedriger Verbindungen immer bald erlosen wird. O waren viele wie ich! der Tyrannei unter unserm Geschlecht sollte bald weniger sein. Aber da furchten sie sich vor dem Wortchen Tod und glauben, sie waren das, was da kalt und bleich und starr ausgestreckt auf dem Brette liegt, da es nur das Gespenst der eigentlichen Unterwelt ist, das ihre niedrigre Gattung von Wesen nach seinen jammerlichen Bedurfnissen herumfoltert, und alle reine Seele mit Apostelstimme den verachtet, der keinen Mut hat, zu sterben und sich von dem Elend frei zu machen."

Mich dunkte, einen Gott reden zu horen: so stolz und gross stand der Mensch vor mir; ich musste ihn an mein Herz drucken.

Allein der misslichste Punkt bei der Sache war Cacilia; dies machte ihm am meisten zu schaffen, und er uberlegte auf allen Seiten. Er glaubte, dass es endlich auch hier gehen wurde, und sei der Gewalt sicher, die er uber ihren Willen habe! sie selbst ins Spiel verflochten, und der ausserordentlichen Biegsamkeit ihres Geistes und ihren andern Fahigkeiten die Rolle nicht zu schwer. Er musse das Ausserste wagen, sie diese Nacht noch zu sprechen: es ware notwendig, dass sie sich vorher darauf bereite.

Ubrigens sahen wir immer klarer in dem, was vorgegangen war. Mark Anton stieg nicht aus blosser Hoflichkeit bei seiner letzten Ankunft an unserm Haus ab, da er es bei den vorigen Besuchen nicht tat, die er bei seiner Braut ablegte; der Grossherzog mochte Wind bekommen haben, wie der junge Frescobaldi heranwuchse und dass kein blosser Maler in ihm stekke, weswegen ihn der Adel zu Florenz gewissermassen verachtete, und wollte beizeiten der gefahrlichen Brut den Nacken brechen. Der Morder des Vaters hatte denselben in Venedig ausgekundschaftet und sein eigen bos Gewissen dazu angetrieben. Das andre ergab sich von selbst; er liess ihn bei sich malen, um ihn genauer kennenzulernen und ob er wirklich gefahrlich ware; und Ardinghello beschleunigte mit den ohne alles Arg gesagten Worten: 'er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen', die ihm vielleicht der Zorn des Himmels eingab, dem Verbrecher das Todesurteil anzukundigen, seinen Untergang, wenn es nicht anders verhangt gewesen ware.

Der Ursprung dieser Begebenheiten war uns aber damals unbekannt, und Ardinghello erfuhr ihn erst, als er wieder nach Florenz kam. Mark Anton verliebte sich dort gleichfalls in Isabellen und bracht es so weit mit seinem Geld und seiner ihr neuen gefalligen venezianischen Mundart, dass auch ihm, der Seltenheit wegen, eine Zusammenkunft versprochen wurde. Allein statt des gehofften Vergnugens fand er durch geheime Veranstaltung des Vaters von Ardinghello in ihrem Zimmer eine alte magre Ziege angebunden; und schlich wieder davon, als ob er nicht dagewesen ware. Lacherlich dadurch bei ihr gemacht, hatte die ganze Liebesgeschicht ein Ende. Mark Anton nahm dies zwar nicht wie einen lustigen Streich bei dergleichen Laufbahnen auf die leichte Achsel; doch konnt er sich sogleich nicht rachen und liess die Sache lieber im verborgnen. Der Grossherzog, in der Folge davon benachrichtiget, gebrauchte ihn hernach, als ein Mann, der seine Leute kannte, zu seinen Absichten. Ardinghello, noch Knabe, bekummerte sich nicht um solche Dinge. So entstehen immer die wichtigsten Folgen aus Kleinigkeiten.

Ich ging darauf zu meiner Mutter, und er schloss sich auf sein Zimmer. Um Mitternacht schlich er heraus und stieg in Caciliens Garten. Sie hatten sich gleich im Anfang ihrer Liebe Zeichen fur Augen und Ohren erfunden, die kein andrer Mensch verstand und die ohne allen Verdacht waren. Sie vernahm ihn und erschrak: diese Zeit uber sollte keine Zusammenkunft mehr gehalten werden; und besann sich, ob sie kommen oder nicht kommen wollte. Als er aber darauf das Zeichen gab, wo alles musste gewagt werden; denn auch dies hatten sie, im Fall, wo sie sich die hochste Gefahr entdecken mussten: so ging sie zitternd nach der Tur, und ihr sanken die Knie ein.

"Cacilia," sprach er zu ihr, wie sie im verborgensten Buschwerk an der Mauer beisammen waren, "ich bin verloren, wenn ich deinem Brautigam nicht zuvorkomme"; und erzahlte ihr die Begebenheit den Abend mit dem Banditen und alles in wenig Worten, was sie noch nicht wusste. "Morgen nachts, wo nur immer moglich, schaff ich ihn aus der Welt, und ich hoff, es soll bei dem festlichen Gerausche nicht an Gelegenheit fehlen, wenn du nicht lieber mich willst hingerichtet sehen."

Jedes Wort war ihr ein Donnerschlag.

"O welch ein Sturm walzt sich uber mich her!" rief sie aus, entsetzt, nach langer Betaubung; "schon tauml ich mitten in den erzurnten Wogen, von Abgrunden zu Abgrunden geworfen, und alle Winde rasen. Ach, war ich mit dir aus dem Schiffbruch auf einer wusten unbewohnten Insel nur! Aber wir gehen unter in den wilden Fluten."

"Mir sagt's mein Herz," erwidert' er darauf, "dass wir glucklich der Gefahr entkommen. Habe Mut, himmlisch Wesen! Der Wellen Ungestum verletzt kein Gestirn; es tritt desto glanzender bald wieder auf und strahlt in ewiger Klarheit.

Niemand weiss von unsrer Liebe (der Edle wollte seinen Freund auf alle Weise ausser Gefahr setzen). Niemand weiss von dem schandlichen Vorhaben des Mark Anton gegen mich; sein Spion und Morder meines Vaters modert schon zwischen Klippen und Dornen: solche Dinge vertraut man nicht, ausser gegen wen man muss. Der Grossherzog ist noch weit von hier, mich soll er so leicht nicht in die Schlinge bekommen. Schlage mich aus dem Sinn die kurze Zeit des Getummels, und tu, als ob du von mir nichts wusstest: und du bist sicher. Uber mich waltet die Vorsicht: sonst war ich dem Tod nicht entgangen, und sie hatte mir meinen Pfad nicht gezeigt."

"O wie kann ich dich, Geliebter, einen Augenblick vergessen? Wie kannst du vergessen meine Seligkeit und mein Leiden?" fiel sie ihm mit Tranen an seine hochklopfende Brust; fuhr aber bald hastig auf und ergriff ihn, zuruckstossend, klammernd bei der Hand: "Fort von hier, uber Berg und Tal, lass mich! O hatt ich dich nie gesehen, o ich Ungluckselige! Ich beschwore dich bei aller unsrer Wonne, bei deiner und meiner Liebe," sturzte sie sich ihm zu Fussen und umwand seine Knie: "uberwaltige dich meinetwegen, der Ruhe meiner Familie wegen, verschiebe wenigstens die Rache! Mich fesselt das grausame Schicksal mit eisernen Ketten an mein Elend, und ich kann ihm nicht entrinnen: du aber geh in ein ander Land, sei glucklich bei allen deinen Vollkommenheiten, und lass mich. O Gott," schluchzte sie, "wer weiss, wenn und wie und wo und ob wir je uns wieder sehen!"

Ardinghello umwand sie fest mit seinen Armen und traufelt' ihr mit der Stimme des lebendigsten Gefuhls ins Ohr: "Welche sklavische Furcht hat sich deiner bemeistert! Komme wieder zu dir, und rede mit Besinnung. Es siege die Liebe, die in der Natur allem andern vorging, und die Gerechtigkeit! Hast du keinen Blick in die Tage der Zukunft? Einem solchen bosartigen Ungeheuer wolltest du an der Seite liegen und deine glanzende Wohlgestalt von ihm schanden lassen, in lauter Gram und Ekel, da die edelsten Junglinge voll Eifer und Feuer vor dir schmachten? Hat dies so machtig wallende Herz in deinem Busen so wenig eigne Kraft, dass es nichts fur sich tut, sondern seine angebornsten Regungen nach andrer Willen umlenkt? O Cacilia, erhabnes Wesen, erkenne deinen Wert! Zu deinem eignen Wohl und weil ich dich kannte, vertraut ich dir das Geheimnis.

Soll ich den Schlechten verklagen, ihn zu einem Zweikampf herausfordern? Wie albern! Warten in der aussersten Gefahr? Wie toricht! Ihn gehen lassen, dulden, leiden, schweigen und mich davonmachen? O ich ware nicht wert, dich an meine Seele zu fassen, nicht wert, auf diesem Boden zu atmen; tief, tief unter der Erde, der armseligste halb zertretenste Wurm musst ich sein.

Die Zeit ist edel, wir haben keine Worte zu verlieren; ich sage dir aus dem Buche des ewigen Verhangnisses: Mark Anton, der niedertrachtige Meuchelmorder, muss sterben von meiner racherischen Hand fur alle seine Bosheiten; oder du musst mich und dich dem Tod und der offentlichen Schmach preisgeben. Es findet hier keine Wahl statt, und ich kenne dazu genug deinen hellen Geist und deine hohen Gefuhle. Meinetwegen hab in jeder Rucksicht keine Sorge: fur dich wird dein scharfsichtiges Auge leicht den Ausweg finden und deine Gewandtheit ohne Verletzung und Gefahr daruber weggleiten."

"Nun, so furchte denn alles, unerbittliches Felsenherz!" versetzte sie ihm aufgebracht; "und wenn du sicher sein willst, so zucke den Stahl zuerst auf mich. O herbeigefuhrt durch die Lufte, steh ich an dem Kessel eines feuerspeienden Gebirgs, Verderben rund um mich, und mir vergehen die Sinnen. O konnt ich mein unabsehliches Elend aller Unschuld zur Schau aufstellen und sie damit vor dem ersten Fehltritt warnen!"

Ardinghello konnt ihr nicht mehr antworten, so schnell riss sie sich von ihm fort nach ihrem Zimmer; doch drehte sie sich unterwegs noch einigemal um, kam aber, ausser sich, nicht wieder zuruck.

Er sagte mir anfangs von dieser Unterredung nur so viel, dass sie ohngefahr den von ihm erwarteten Ausschlag genommen habe.

Den andern Morgen in aller Fruhe geschah die Trauung. Cacilia erschien am Nachmittage, wo das Gelag war, reizender als je; Schlaflosigkeit und die bestandige Uberlegung dessen, was vorgehen sollte, hatte ihre Lebensgeister erhitzt und uberzog ihr Gesicht mit der lieblichsten Schamrote.

Ardinghello bereitete sich den Tag uber auf die Tat: machte sich selbst auf den Notfall eine Maske, kammte sein Haar anders, veranderte Hut und Kleidung, um einen Landmann der Gegend vorzustellen, und setzte sich in gute Verfassung zur Flucht auf jeden Fall. Meine Mutter und ich waren beim Feste.

Eine zahlreiche Gesellschaft hatte sich eingefunden. Pracht und Uberfluss, mit feiner Kunst angeordnet, herrschten an der Tafel und in Salen und Zimmern Glanz und Freude. Die Braut schien in neuen Empfindungen verloren, antwortete aber doch leicht jedem Schalk, und immer in jungfraulicher Bescheidenheit; jedermann schien den Glucklichen zu beneiden, dessen Beute sie ward, und den Wunsch im Herzen zu hegen, mit susser Gier im Liebesbette, statt seiner, der zarten Schonheit Blume zu pflucken.

Gegen Abend erhob sich der Ball. Als die Kerzen brannten, vermisste man bald Braut und Brautigam und lachelte daruber. Der Brautigam kam nach langer Zeit zuerst wieder, und seine Unenthaltsamkeit und Enthaltsamkeit beklatschte ohne Scheu der Mutwill junger Manner. Doch horte man zu seiner Entschuldigung von einer Stimme den frechen fescenninischen Scherz: der versuchte Ritter wird den Morgen schon bei hartem Sturm die Fahne auf die Festung gepflanzt haben. Er lachte, jedoch dunkte mich's nicht das Lacheln der Lust nach gepflogner Liebe, und winkte mit der Hand nach den Fenstern. Und sieh! Raketen stiegen auf in der Luft und kreuzten sich uber dem See und zerknallten, in schonen Kreisen sinkend. Gleich hernach erschien auch die Braut wieder und wurde begluckwunscht von Muttern und Weibern, indes sie gluhte wie eine Rose.

Man fuhrte sie an den Erker zum besten Platz, das Schauspiel anzusehen: und auf einmal rauschte die Girandola gen Himmel wie ein ungeheurer brennender Palmbaum. Darauf folgten mancherlei neue Feuerwerkskunste. Der Ort dazu war auf einem hohen felsichten Ufer des Sees nicht weit vom Palaste; der Brautigam, welcher dergleichen verstand und es angeordnet hatte, lief hernach selbst hinunter, um die Leute, die es abbrannten, zum Eifer zu treiben, weil einigemal starke Pausen vorgingen: und gerad am Ende der Stiege wurd er vom Ardinghello an der Kehle fest gepackt und empfing den scharfsten morderlichsten Dolchstich von unten auf ins Herz. Ardinghello sagt' ihm schleunig noch ins Ohr: "Bin der junge Frescobaldi! Deine Braut war meine Geliebte, die Frucht unsrer Liebe wird dein Vermogen erben statt dessen meines Vaters."

Er lag da und regte sich nicht mehr: Ardinghello entwischte. Niemand bemerkte ihn, die Bedienten unten sperrten alle, weit von dem Palaste, Augen und Mauler auf uber das Feuerwerk und jubelten und larmten; und oben plauderte man gleichfalls und betrachtete.

Er lag da, solange das Feuerwerk dauerte. Wie es vorbei war und die Bedienten wieder hereinsprangen, erscholl auf einmal ein Zetergeschrei. Man drangte sich zu den Turen heraus: "Der Brautigam ist ermordet!" lief plotzlich von einem Mund zum andern. Cacilia rennte mit Geheul hervor, und wie sie deutlich vernahm: "unten an der Stiege mit einem Stoss in die Brust ermordet!" sank sie auf der Stelle nieder in Ohnmacht, und Arm' und Beine welkten, ihr Antlitz entfarbte sich, und der Kopf hing im Nacken. Man hob sie auf und brachte sie auf Sitze, und besprengte sie mit starken Wassern; es war ein allgemeines Gewuhl und Larmen.

Der Tote ward unten in ein Zimmer gebracht; man zog die Kleider weg und besichtigte die Wunde: sie ging nett ins Herz, und da war an keine Hulfe mehr zu denken. Cacilia kam wieder zu sich. "Was ist mir? wo bin ich?" sprach sie stohnend mit verirrten Blikken. "Ach, tot, tot! Wer hat ihn umgebracht! o ich Ungluckselige!" und so zerraufte sie sich die schonen blonden Locken, und riss die Kleidung vom Leibe, und wutete wie eine Bacchantin.

Ich darf sagen, dass, bei Kummer und Sorge fur Ardinghellon, mich doch dies entzuckte. O ihr Weiber, welch ein Mann erreicht je eure Verstellung! Sie wollte mit Gewalt zu ihm, aber man hielt sie ab. "O Gott, welch ein Vermahlungsfest!" schluchzte sie, und die Tranen sturzten ihr aus den Augen. Hatt ich aber alles gewusst, so wurd ich tiefes Mitleiden mit ihr gehabt haben.

Die Verwandten des Mark Anton, worunter eine verheuratete Schwester von ihm war, verstummten und machten allerlei Gesichter und wussten nicht, wo sie angreifen sollten: die Bruder und Eltern der Cacilia verloren aber den Kopf nicht; und der alteste, auch schon verheuratet, ergriff sie bei der Hand und sagte zu ihr: "Fasse dich, was geschehen ist, kann man nicht andern, und sei vernunftig, fur dich ist jetzt ein kritischer Zeitpunkt! Sprich, und rede laut: hat Mark Anton schon wirklich seinen Bund in der Tat mit dir vollzogen oder nicht? Das andre soll hernach, soviel menschmoglich ist, aufs scharfste untersucht werden." Sie warf den Kopf in die Arme und bedeckte die Augen, und sagte seufzend und weinend: "Ach, war es nicht geschehen und ich noch, was ich war!"

Die Schwester antwortete hierauf: "Wir sind hier auf einmal in sonderbare Umstande geraten und werden schwerlich so friedlich auseinandergehen konnen, als wir zusammengekommen sind."

"Damit Sie erkennen," versetzte der Vater der Cacilia, "dass wir nichts Unbilliges verlangen, soll meine Tochter gleich in sichre Verwahrung gebracht werden, und einige von Ihren Verwandten und meine Sohne mogen sie begleiten. Der Fall ist ausserordentlich. Wir ergeben uns dann in den Ausspruch des hohen Rats. Inzwischen wollen wir alles aufs strengste ausfragen und untersuchen."

Die Altesten und Angesehensten von der Republik, die hier zugegen waren, versammelten sich gleich auf ein Zimmer allein und machten einen Kreis; die Verwandten blieben in der Nahe, die ubrigen Gaste im Tanzsaal, und unten wurden die Turen gesperrt. Die Bedienten kamen erst einzeln nacheinander vor. Keiner wusst etwas, und man fand nirgendwo die geringste Spur. Der Gaste waren viel und mancherlei. Man hatte zwar auf ein paar derselben Argwohn, weil sie vor dem Ermordeten um Cacilien warben und gegen denselben heimliche Feindschaft hegten, jedoch durfte man sie so bloss darauf offentlich nicht antasten; man erkundigte sich nur sehr scharf unter der Hand, wo sie wahrend der Tat sich befunden hatten. Sichre Personen legten gut Zeugnis fur sie ab, dass sie in ihrer Gegenwart gewesen waren.

Insoweit war also die Untersuchung vergeblich. Man schickte darauf Leute in die Gegend aus, um jeden Verdachtigen festzuhalten, welches man freilich eher hatte tun sollen: allein im ersten Aufruhr dachte niemand daran; und Ardinghello, einer der schnellsten Fussganger, befand sich zu dieser Zeit schon in Sicherheit.

Was Cacilien betraf, konnte man nicht nach aller Strenge verfahren, da es der Wohlstand und das Ansehen ihrer Eltern und Bruder nicht zuliess, welche beide letztere bei dem Sieg uber die turkische Flotte sich den Namen grosser Helden erworben hatten; alle waren ausserdem dem reizenden Geschopf gewogen und keiner von Herzen dem Brautigam. Mancher machte sich in Rucksicht ihrer Hoffnung, entweder sie ganz zu besitzen, nun eine der reichsten Partien von Venedig, noch unabgeweidet in frischer Blute; oder doch auf irgendeine Gefalligkeit bei solcher Lage Rechnung. Wenn ein Mensch einmal tot ist, hort bald alle Gunst auf; und wer am Leben bleibt, hat immer das beste Spiel. Dies ist in der Natur der Dinge; einem Toten ist doch nicht mehr zu helfen, denken sie, und es kommt dabei nichts heraus. So ging's zu Venedig, wohin Cacilia sich noch dieselbe Nacht unter Begleitung ihrer Bruder und der Verwandten ihres Brautigams, mit etlichen Personen vom Rat, auf den Weg machen musste, bis ihre Schwangerschaft sich vollig offenbarte. Sie wurde zwar nach der Form gehorig bewacht und befragt: allein da man gar keine Angaben, nicht den geringsten Verdacht und sie einen Bartolus und Baldus in derselben Person zum Advokaten hatte, endlich freigesprochen; und sie selbst verstand meisterlich die Seelen zu fesseln und spielte durchaus ihre Rolle vortrefflich: in dem kurzen Umgange mit Ardinghellon hatten sich ihre seltne Naturgaben herrlich noch entwickelt und ausgebildet.

Zu Anfang des neunten Monats darauf wurde sie, in Beisein gerichtlicher Zeugen, von einem gesunden kraftigen Sohn entbunden, welcher in der Taufe die Namen S. Marco Giovanni e Paolo empfing; und niemand wusste die geheime Bedeutung. Sie gelangte damit zum rechtlichen Besitz aller Guter Mark Antons, dem ihre Bruder ein prachtiges Grabmal von dem beruhmtesten Bildhauer mit einer sinnreichen Inschrift von dem besten lateinischen Poeten besorgten, und trauerte lange und hielt sich eingezogen von allen Lustbarkeiten.

Ardinghello hatte sich nach glucklich vollbrachter Tat durch Umwege schnell auf sein Zimmer gemacht und geschwind umgekleidet; er war sicher, von niemand bemerkt worden zu sein, und wollt im Freien unter der fremden Kleidung nicht langer bleiben. In unsre Wohnung konnt er nach Belieben herein und heraus, weil er den Schlussel zu der einen Aussentur von seinem Flugel hatte. Auch war ohnedies alles aus dem Palaste nach einem guten Platz zum Feuerwerk gelaufen, dem zauberischen Schauspiel uber dem See. Inzwischen machte er sich doch behend auf jeden Fall gefasst und lauerte nahe bei seinem Zimmer im Garten, bis ich mit meiner Mutter nach Hause kam und ihm das gluckliche Zeichen gab; das Fest war ganzlich verstort, und ich hielt nur so lange aus, als es sich schickte, um nichts zu versaumen.

Auf ihn fiel nicht der mindeste Verdacht, weder hier noch in Venedig. Dort wurde bei einigen jungen Herren strenge Nachforschung gehalten, die mit heftiger Leidenschaft vorher um Cacilien warben; aber es kam nichts heraus, und die Ermordung blieb ein Ratsel.

Zweiter Teil

Ardinghello wollte nun nicht langer in der Gegend bleiben: die Sonne war hinweg, die ihn an sich zog und um die er sich herumbewegte; aber auch fur jetzt nicht wieder nach Venedig. Und wenn sich dort die Sachen aufs glucklichste setzten, so sah sein Geist in der Zukunft Dinge, die ihn folterten. Sussigkeit vollfuhrter Rache, Gram, von Cacilien geschieden zu sein, Kummer ihretwegen und Sorge fur seine eigne Sicherheit wechselten in seinem Herzen plotzlich auf und ab wie ein Aprilwetter. Sich langer aufzuhalten war gefahrlich, weil man unter den Papieren Mark Antons vielleicht Auftrage von Cosmus finden konnte: und sich gleich aus dem Lande zu machen, schien verdachtig. Endlich entschloss er sich, nach Uberlegung aller Umstande, noch einige Tage zu harren und inzwischen scharf auf seiner Hut zu sein. Es kam uns nicht wahrscheinlich vor, dass der Grossherzog seinen und seines Vaters Tod schriftlich sollte verhandelt haben; und ein Vertrauter, wenn er auch noch da ware, wie nicht zu vermuten, durfte bei Schlechtigkeiten von so ublem Erfolg keinen Larm machen, zumal da er doch nicht sicher ware und nur mutmassen konnte.

Ardinghello stellte sich aufgeraumter an als je; und

wenn in Gesellschaft die Rede auf die Begebenheit kam, so schwieg er entweder oder pries Mark Antonen glucklich, dass er so gerad in voller Freude starb; und auch Cacilien, dass sie so geschwind als moglich von dem harten Joche der Ehe sei ausgespannt worden.

Wir fischten dann auf dem See, gingen auf die Jagd und lasen noch dabei zu guter Letzt die schonsten Oden im Pindar, der seine Seele vom neuen mit hohem Taumel schwellte und in etwas seinen Sinn von der Gegenwart wegwandt. Die Romanze aller Romanzen auf die Insel Rhodos besonders entzuckte ihn so, dass er sie bald auswendig konnte. Seine Phantasie kam wieder ganz in das Gotterreich der Poesie hinein, die Spiele griechischer Jugend rissen sein Herz dahin, susse Liebe und solche Taten pries er allein ein wurdig Fruhlingsleben; alle seine Krafte tobten und wurden ungestum: er wollte fort in die Welt, in Bewegung, auf eine neue Buhne, und war nicht mehr zu halten.

Keine volle zwei Wochen nach Caciliens Abreise brach er auf. Er schrieb vorher an seine Tante um einen Wechsel nach Genua; er gedachte von dort nach Frankreich zu schiffen und dadurch nach Spanien zu wandern, bis an die letzten Kusten von Portugal. Mir band er unterdessen Cacilien aufs Herz und dass ich ihm von ihr bei jeder guten Gelegenheit Nachricht geben sollte. Sobald sie frei ware, musste vermittelt werden, dass wir alle drei zusammen eine Freundschaft ausmachten. Fur unsre Heimlichkeiten bildeten wir uns eine jedem andern unergrundliche Schrift und wollten bei den Hauptpunkten das Neugriechische gebrauchen. Seine Wiederkunft wurde alsdenn von den fernern Umstanden abhangen.

Seine Reise nach Genua nahm er sich vor zu Fusse zu tun, und so sollt es sein Leben lang durch alle schone Gegenden geschehen; er hielt es fur Torheit, sie anders zu machen, wenn man gesund und stark ware und keine notwendige Eile hatte: die Natur von Land und Leuten konne man auf keine andre Weise so gut kennenlernen; und was die Strassenrauber betrafe, so sei man im Wagen der Gefahr weit eher ausgesetzt, und die argsten wurden von Billigkeit zuruckgehalten gegen ein harmloses Geschopf, das ohne burgerlichen Reichtum, wie sie, bloss menschlich einherschreitet.

Er liess mir alle seine Habseligkeiten zuruck und nahm nichts mit sich als einen wohlgespickten Beutel und Hemder und Strumpfe.

An einem Abend beurlaubte er sich von meiner Mutter, die Tranen vergoss und ihn an ihre Brust druckte; er wurde von ihr geliebt wie mein Zwillingsbruder. Sie gab ihm ihren reinsten Segen und bat zu Gott, dass er sie erhoren mochte, da er nicht langer bleiben wollte; und sagte ihm zuletzt, dass sie sich oft nach seinem Umgang sehnen wurde. Ihr machten wir weis, dass er wieder in seine Heimat zoge.

Wir brachten die Nacht alsdenn beisammen zu, so recht wie klare Quellen von Leben, wo alle Blicke durchgehen; ich wunsche mir nie eine grossre Seligkeit. Aber ach! was ist der Mensch? ein Punkt, zerfetzt und zerrissen vom Schicksal auf allen Seiten, und unaufhaltbar fortgetragen in den wilden Fluten der Dinge, wo er weder Anfang noch Ende sieht.

Gegen Morgen fuhr er auf, steckte die alte Handschrift von den Denkwurdigkeiten des Sokrates in die Tasche, die ich ihm fein und wohlgeschrieben mit auf den Weg gab, und die griechischen lyrischen Dichter von Heinrich Stephan; warf seine Zither uber die Schulter, dass sie sturmisch erklang, druckte mich noch einmal an sein Herz und kusste seine ganze Seele auf meine Lippen, und schoss von dannen. Ich erbebte wie von einem Todesschauer und sank wie ins Grab. O Elend und Jammer, hienieden ohne Freund zu sein! und Stolz und Jubel und Kuhnheit, wo zwei ihr Wesen verdoppeln!

Meine Mutter und ich gingen darauf zu Ende Oktobers wieder nach Venedig, wo mein Vater aus Dalmatien schon angekommen war. Der Weg dahin erfullte mich mit Traurigkeit. Gegend und Menschen und Gebaude hatten den vorigen Reiz verloren und standen da wie Schatten. Ich erkannte innig, dass zu allem Genuss zwei Herzen notwendig sind, die sich lieben.

Die Zartlichkeit meines Vaters, meiner altern Bruder und verwittibten Schwester, die ihn begleitet hatten, linderten und versussten allein meinen Gram zu Hause. Cacilia sass noch in strenger Verwahrung: doch war jedermann fur sie, wegen ihrer ehemaligen klugen und bescheidnen Auffuhrung bei aller ihrer Schonheit. Auch ich tat unter der Hand mein Bestes; das zartliche Geschopf hatte sich von dem Zuge der Natur uberwaltigen lassen und konnte hernach nicht anders handeln.

Verschiedne junge Leute, alle von grossem Talent und genaue Bekannten von Ardinghello, kamen zu mir, seinen gegenwartigen Aufenthalt zu erfahren, welchen ich ihnen aber nicht entdeckte, mit Vorspiegelung, er habe in seine Heimat gewollt.

Zu Anfang Novembers erhielt ich folgenden Brief von meinem Freunde:

Genua, November.

Wie ich aus dem fruchtbaren grossen Tale der Lombardei, von hundert Flussen durchstromt, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, durch die wilden kahlen Felsenkrummen des Apennin hinauftrat und endlich aus der Bocchetta hervor, von heitern Luften umspielt, dass die Locken um meine heissen Schlafe flatterten, oben auf der Hohe das tiefe breite Meer unter Abends umlagert: Gott, wie ergriff das mein Herz und alle Sinne! Wie die Thetis Homers mit einem Sprung vom Olymp hatt ich mich in die ewige Lebensfulle hineinsturzen und wie ein Walfisch darin herumtaumeln und alle meine Leiden abkuhlen mogen.

Ich blieb hier die Nacht bei einem alten Schafer, der Chronik der Gegend, und sah die Sterne auf- und untergehen und das Weltlicht wieder erscheinen, und thronte so uber Italien, dies Paradies mit allen seinen Bewohnern von Anbeginn der Zeit, Menschen und Tieren und Pflanzen und Baumen, und ich, machten ein friedliches Eins, so rein und heilig zerflossen war meine Seele.

Den Morgen schritt ich hinab und schlief des Nachmittags in einem reizenden Dorf an der Kuste nicht weit von der Stadt. Gegen Mitternacht wacht ich wieder auf vom Saitenspiel und einer Stimme, die lieblich mein Wesen durchdrang. Ich lauschte und vernahm die Worte und sprang ans Fenster: die Musik kam aus einem alten Gemauer, an einen Hugel gebaut, der in hohen Pinien und Zypressen und niedern Fruchtbaumen sich aus dem Meer hervorstreckte; es waren Stanzen eines Marchens vom Pulci, die ich gar wohl kannte. Als darauf noch eine weibliche Stimme zu der mannlichen einfiel, so zog auch ich meine Guitarra hervor, brachte sie leis in Stimmung und sang, als sie aufhorten, nach einigen Griffen von ihrer traurigen Harmonie in eine frohlichre hinuber: "Wer seid ihr sussen Sanger dort, die ihr mich so entzuckend aus dem Schlafe weckt? Habt Dank, habt Dank, dass ihr den Menschen so Freude macht und ihr Herz ruhrt in der stillen Dammerung."

"Wir sind Vater und Tochter, die ein holdes Kind in Schlummer spielen samt dem Gatten, den der heisse Tag abgemattet", ertonte zur Antwort heruber, indem ein Alter mit langem Bart an den Bogen der Tur sich stellte.

"O ihr Glucklichen!" verfolgt ich darauf und sang, von Begeisterung ergriffen, die Zeiten des Saturnus von Hesperien, wo alle so lebten, wo noch kein Phalaris die goldne Insel der drei Vorgebirge folterte und keine Casarn mit Burgerblute die Felder dungten.

"Und wer bist du, edler Geist?" fragt' er mich dann.

"Ein junger Pilgrim, der nach dem Vortrefflichen auf Erden wandert und seine Seele nun hier an Honig labt."

Er ging herunter, ich ihm entgegen; wir bewillkommten uns und fullten die Becher. Es war ein herrlicher Mann, an die sechzig, ein echter Dichterkopf, viel vom Ideale des Homer, nur nicht blind: wie es der hohe Ionier auch nicht war, der nur nicht sah, was gewohnliche Menschen immer gegenwartig mit ihren leeren Kopfen sehen, wovon er endlich den launigten Namen bekam, und der griechische Kunstler, der sein Bild erfand, richtete sich nach dem Volkswitz.

Wir machten geschwind Bekanntschaft. Er war ein Architekt gewesen und, weil er wenig zu bauen fand, seinem Hange zur Poesie gefolgt; und man hielt ihn nun fur einen der besten Reimer aus dem Stegreife weit und breit, und er zog als ein solcher im Lande herum und ergotzte die Leute. Seine Frau war fruh gestorben, und seine einzige Tochter gab er vor wenig Jahren einem wackern Landmann zur Ehe, der hier ein Gut gepachtet hatte und bei dem er sich meistens aufhielt. Die Wirtschaft war wirklich aus der goldnen Zeit, wie ich hernach mit Vergnugen erfuhr.

Ich sagte ihm, dass ich schier ebenso die Malerei triebe wie er ehemals die Baukunst. Dies freute ihn denn von Herzen; er fasste meinen jungen Kopf und steckte ihn in seinen grauen Bart hinein, und kusste mich uber und uber: ergriff alsdenn das Saitenspiel und sang mit einer Schwarmerei das Lob der Dichtkunst, wie ein wahrer Priester des Apollo, dass ich mich vor Lust nicht regte. Das halbe Dorf kam zusammen und girrte vor den offnen Turen und Fenstern leisen Beifall. Und als er endigte, schien das Meer starker ans Gestade zu brausen, und alle riefen: "Es lebe Boccadoro!" So nannte man ihn.

Zur fernern Kurzweil fing ich darauf einen Gegengesang an und richtete Pindars nach Ort und Umstanden ein; und schilderte zum Beschlusse den Alten vor mir nach dem Leben und erhob seinen Stand uber den eines Konigs. Und mit einem Jubelgeschrei: "Es lebe der schone fremde Jungling und der gottliche Alte!" zog man von dannen, als wir gegen Morgen schieden.

Ich machte, wie es Tag war, einen Spaziergang auf den Hugel und besah die Lage von Genua: ein reizendes Theater, das von jeher seine Bewohner angetrieben hat, das Meer zu beherrschen, und woheraus immer die grossten Seehelden hervorgekommen sind. Heiliger Kolumbus und du, Andreas Doria, die ihr nun mit den Themistoklessen und Scipionen in Elysium Paar und Paar herumwandelt, euch Halbgotter unter den Menschen bet ich im Staube an. Ach, dass auch mir kein solches Los bestimmt ist! Ich sah hinaus in die unermessliche Sphare von Gewasser, und die ungeheure Majestat wollte mir die Brust zersprengen; mein Geist schwebte weit uber der Mitte der Tiefen und fuhlte ganz in unaussprechlicher Wonne seine Unendlichkeit.

Nichts auf der Welt fullt so stark und machtig die Seele; das Meer ist doch das Schonste, was wir hienieden haben. Sonn und Mond und Sterne sind dagegen nur einzelne glanzende Punkte und samt dem blauen Mantel des Athers daruberher nur Zierde der Wirklichkeit. Dies ist das wahre Leben: hierauf gibt sich der Mensch Flugel, die ihm die Natur versagt, und verbindet in sich die Vollkommenheiten aller andern Geschopfe. Wer das Meer nicht kennt, kommt mir unter den Menschen wie ein Vogel vor, der nicht fliegen kann oder der seine Flugel nicht braucht, wie die Straussen, Huhner und Ganse. Hier ist ewige Klarheit und Reinheit; und alles Kleine, was sich in den Winkeln der Stadte in uns nistet, wird hier von den grossen Massen weggescheucht. Wie dort die Seealpen aufsteigen! gleich Helden bei Aspasien und Phrynen; wie die zarte Linie am Horizont sich so weich herumrundet! In den Ozean hinaus mocht ich; wie klopft mir das Herz!

Boccadoro wartete schon auf mich, als ich wieder ans Wirtshaus kam. Er sagte, ich musste ihn heute begleiten zu einem grossen Feste, das die ganze Woche fortdauerte.

Marchese S*** vermahlte sich mit einer jungen Fregosa in allem ersinnlichen Pomp; der Brautigam sei wohl jetzt einer der reichsten Privatedelleute von Europa. Diesen Abend wurde Wettrennen gehalten, darauf Schmaus und Ball; morgen Stierhetze, und so weiter fort, jeden Tag eine andre Lustbarkeit; Komodie, Seiltanzereien und allerlei Kunste sollten sich auf dem Land und Wasser zeigen. Er ware aufgefordert, zwischen andrer Musik bei der Tafel zu singen, und er bate instandig, auch mich darauf vorzubereiten; wir konnten unterwegs ein hubsches Thema zum Wechselgesang ausdenken. Der Palast lage wenige Miglien weit von der Stadt auf der andern Seite der See; ein paar Knechte von seinem Schwiegersohne wurden uns mit ihm selbst und seiner Tochter auf einer Barke dahin fahren. Doch er glaube, dass ich dieses alles schon wisse und vermutlich eben deswegen hier eingetroffen sei.

Ich versicherte ihn, dass ich heruntergekommen ware, ohne das mindeste von dieser Hochzeitfeier zu wissen. Aus dem Stegreife konnt ich in so hoher Gesellschaft nicht singen; und ausserdem musst ich immer erst ein wenig die Art meiner Zuhorer kennen, um leicht den Eingang in ihr Herz und ihre Phantasie zu finden: sonst tue uberhaupt das Vortrefflichste oft nicht seine Wirkung. Doch woll ich ihn begleiten; sein Epithalamium zu horen schon allein reize mich. Er konne mich als Stimmer seiner Zither beim Schmause mit einfuhren.

Ich lernte nun seine Tochter kennen, eine erzgute frohe junge Hausmutter; und ihren Mann, einen muntern trefflichen Wirtschafter; und einen kleinen Engel von Sohnchen: so dass ein schones Ganzes in lebendiger Ordnung war. Das alte mit Efeu bewachsne Gemauer der kleinen Landburg fand ich innen bequem eingerichtet. Ich nahm gegen Mittag bei ihnen ein gesundes kostliches einfaches Mahl ein. Nach Tische schlummerten wir alle ein paar Stunden; und dann fuhren wir ab, und mich ergotzten unendlich die Seewellen, so grunlicht klar und weich und furchtbar lieblich schroff uber den Abgrunden, wo jede auch in ihrer Kleinheit sich majestatisch als Tochter des unermesslichen Ozeans zeigte.

Wir langten gerad auf den Rennplatz an, als die Pferde schon vorgefuhrt wurden. Die Sitze waren lauter Licht und Glanz von schonen und prachtig gekleideten Herren und Damen, mit einer Menge Volks uberall. Der Pferde waren nur drei; aber alle drei mutschnaubende konigliche Tiere, so dass es schwer war, vorauszubestimmen, welches den Preis davontragen wurde. Man hatte deswegen grosse Wetten angestellt; die mehrsten waren fur einen gottlich schonen Rappen, der sich an den Schranken gar nicht wollte halten lassen. Ein Falk stand dagegen still da: doch brach der Blick seines Augs in die Bahn wie ein Sonnenstrahl, und sein Fuss hob sich leicht wie lauter volle Nerve. Wie das Seil fiel, tat auch der Rapp einen Vorschuss; in der Mitte der Bahn aber zog der Falk so aus und uberholte die andern, dass sein Gang schneller war als die Geschwindigkeit eines Sturmwinds uber gelbe Saaten; er flog dahin, und seine Bewegung war das Entzucken aller Augen, selbst derer, die gegen ihn gewettet hatten. Kurz, er gewann den Preis, jedoch mit Not, und ward hernach erst unbandig.

Nach dem Wettrennen war Komodie und nach der Komodie der nachtliche Schmaus. Gegen Ende desselben, als Wein und Gesprach die Lebensgeister in starkre Wallung gebracht hatten, fing Boccadoro an sein Saitenspiel zu ruhren. Es entstand eine allgemeine Stille: und die Tone seiner Griffe waren wie ein leises Flistern am heissen Mittag in kuhlen Waldern von den Seeluften. Sein Geist taumelte darauf durch die alten Zeiten der griechischen Heroen; und er sang die Hochzeit des Peleus und der Thetis, schmuckte die Fabel aus mit lieblichen Worten und ging davon auf die Gegenwart uber, schilderte den Brautigam als einen neuen Peleus, ebenso von den Gottern begluckt, und seine Braut als die jungre Thetis.

Auf einmal wendete sich dann der alte Schalk an mich, der ich hinter ihm unter den andern Spielleuten in der Ecke stand, und zog mich hervor als einen andern Apollo, wenn ich seine Worte wiederholen darf, der plotzlich den Apennin herabgekommen sei, dies Fest noch zu verherrlichen: und uberreichte mir die Zither.

Ich ward uberrascht und gluhte vor Scham auf in der fremden glanzenden Gesellschaft. Ein freudiges Murmeln lief durch den ganzen Saal, und aller Blicke flogen auf mich. Es half hier keine Weigerung, wenn ich nicht wollte zum Gespott und zuschanden werden. Ich entschloss mich also kurz, die Sache so gut abzumachen, als mir moglich war, und wahlte die mir leichteste Versart, nach der Melodie, die den immer starker einschlagenden anapastischen Rhythmus hat und Dich so oft ergotzte.

Nach wenig einfachen Akkorden sang ich geradeso, wie es war, meine Uberraschung und Verwirrung, und dass ich Boccadoren hieher folgte, die Pracht und Schonheit des Festes zu sehen, ganz fremd und unbekannt, ein blosser Wandrer hier, seit wenig Stunden. Doch Euer Ruhm, fuhr ich fort, geht uber Meer und Alpen; und wer ist der kalte neidische Mensch, den Eure gluckliche Liebe nicht begeistern sollte? Nehmt gefallig die wenigen Blumen an, die ich mit geschwindem Raub uber Eure Tafel streue.

Der Sohn der Thetis strahlt nun durch alle Nachwelt, weil er einen Homer zum Sanger hatte: wieviel grosser aber waren Kolumb und Doria? und wie weit kann die Frucht Eurer Liebe an edlern Taten uber ihn hervorragen, als wegen eines verbluhten durchgegangnen Weibes von einem Manne, den die Natur zum Hahnrei bestimmte und der weder in Bund noch Freundschaft mit ihm stand, dreimal um die Mauern von Troja herumzulaufen und alsdenn den ermudeten Feind in den Hals zu stechen! Als wegen eines abgewiesenen Pfaffen einen greulichen Larm anzufangen, und dann seine Geliebte daruber geduldig hergeben und sich ans Meer setzen und weinen!9

Verzeihe mir diese Lasterungen, bester Freund; Du weisst, dass ich die Homerische Natur tiefer fuhle als das vornehme Weltvolk auf der Oberflache, die nicht zu ihren Moden passt. Aber Du kennst das Sprichwort: unter den Wolfen muss man mit heulen.

Ich beschrieb darauf die Gegend von Genua und ihre Bewohner; pries dieser Heldenmut von den fernsten Zeiten an; und dass es besser lage als selbst das alte Rom, die Inseln des Tyrrhenischen Meers und Kusten von Afrika zu beherrschen. Erzog nun im Gesange den jungen Themistokles, die Seligkeit der Mutter und des Vaters uber denselben und die goldnen Zeiten seiner Burger, und machte allen Gasten nach den sussen Gutern das Maul wasserig; jeder schien im Herzen zu schworen, sich dabei anders aufzufuhren als ihre Vorfahren beim Kolumb, von dessen hohem erfindrischen Geiste sie mehr Schimpf und Verachtung als Ehre haben.

Ich wurde wahrend des Liedes bei einigen glucklichen Stanzen von lautem Jubel unterbrochen und erhielt, wie ich aufhorte, grossen Beifall, der mir nur insofern wohlgefiel, weil ich mich aus der Verlegenheit gezogen hatte.

Man stand nun vom Tisch auf, und es ging zum Ball. Als die Braut vor mir vorbeigefuhrt wurde, begrusste sie mich mit einem festen lusternen Blick und wollustigem Lacheln und rief mir zu: "Bravo!" Sie hielt noch den Kopf zuruck, als sie vorbei war, und Mienen und Gebarden gestatteten Kuss und Umarmung, wenn wir allein waren; ganz die Gestalt einer Bacchantin in Glut und Uppigkeit, voll Korperreiz mit frecher Seele: welche Weiber mir nur in gewissen Momenten gefallen konnen. Ich fuhlte wenig Neigung, nahere Bekanntschaft mit ihr zu machen; wohl aber mit einem andern Frauenzimmer, dessen Mutter, was die Formen des Gesichts betrifft, sich an dem Vatikanischen Apollo versehen zu haben scheint, nur ohne Stolz und Zorn, vielmehr alles heilige Gute; ein wunderbares Geschopf!

Ich erfuhr von Boccadoren, es sei eine Freundin der Braut und hielt sich bei ihr auf. Die Eltern waren verungluckte Kaufleute aus Nizza in der Provence gewesen und vor einigen Jahren gestorben. Die Braut heisst Fulvia und die Freundin Lucinde; ich verlangte die letztere tanzen zu sehen, aber sie tanzte nicht.

Etwa zwei Stunden nach Mitternacht darauf, als der Ball am lebendigsten war, horte man einige Schusse fallen, und bei der plotzlichen Stille daruber ein angstlich Schreien und wieder Schusse, und Getummel die Treppe herauf nach dem Saal. Und in einem Augenblick, ehe man eine Hand umwendet, brachen grassliche Manner mit Sabeln und Gewehr in den Handen zur vordern Tur herein. Man stand wie versteinert, und wollte fliehen und konnte nicht, und wusste nicht, wohin. Alles drangte sich auf die Seiten nach den Fenstern und wo nur eine Offnung war; und heulte und jammerte, und alle Gesichter farbte die Todesblasse.

Wir wurden von Seeraubern uberfallen, nach den gelben afrikanischen Gestalten; und an Gegenwehr war wenig zu denken. Ein Teil von denselben besetzte die Tur, wo sie hereinkamen, andre fassten gleich die Braut und griffen zuerst nach den Frauenzimmern und schleppten sie fort. Ich stand zu Ende des Saals an den Fenstern nach dem Garten; die ersten von Adel sprangen mit Gefahr hinaus. Ich wurde fast vom Getummel erdruckt und konnte kaum eine Pistole losreissen, die ich sogleich nach dem starksten Kerl an der Tur abbrannte. Die Kugel traf so glucklich ihn zum linken Ohr hinein, dass er auf der Stelle sturzte. Der Knall verschaffte mir einigen Raum, so dass ich die andre zog und zugleich meinen Degen. Wahrend der Zeit hatten sich noch andre Genueser und Bedienten mit Gewehr versehen und schlugen im Mangel desselben mit Stuhlen drein. Die Rauber hieben mit ihren Sabeln um sich und spalteten etlichen die Kopfe und verwundeten diejenigen, welche voran waren. Doch brachten wir sie endlich zur Tur hinaus, die sie aber von aussen besetzt hielten, so lange, bis ihre Gefahrten mit der Beute bis ans Meer kamen und sie einschifften. Alsdenn wichen sie, und wir hatten das Nachsehen, ohne ihnen viel Schaden zufugen zu konnen, weil sie ihren Angriff zu gut angeordnet hatten.

Der Brautigam selbst bekam eine starke Wunde; und ein paar von den vornehmsten Gasten lagen ohne Hulfe niedergestreckt. Die Wackersten machten sich mit dem Johann Andreas Doria, welcher, wie Du weisst, die turkische Flotte mit besiegen half, von dem Geschlecht des grossen alten, gleich auf nach Genua, um den Raubern nachzusetzen: und ich wollte mit dabeisein. Es war eine Frechheit seit undenklichen Jahren ohne Beispiel.

Wir langten dort gegen Morgen an. Funf Dreiruderige wurden ausgerustet, und wir stachen eine Stunde am Tag in die See, als noch die Sonne mit einem eingefallnen Nebel kampfte; der Wind hatte sich die Nacht geandert, und ein Schirokko blies von Sudosten! Wir wussten nicht, wohin unsre Fahrt zu halten, und machten uns auf die Hohe zwischen beide Kusten. Endlich nach und nach, obgleich langsam, erweiterte sich der Gesichtskreis: und die Gebirge fingen an sich zu zeigen unter der grauen Hulle; und erst gegen Mittag lag die Wasserwelt uns einigermassen vor Augen, jedoch von allen Seiten so mit Dunst umfangen, dass wir nichts entdecken konnten.

Doria beschloss nun, zwei Schiffe abzusondern und dieselben auf Sizilien zu streichen zu lassen: er selbst wollte mit den andern uber Korsika hinaus in die provenzalischen Gewasser. Noch ehe wir ausliefen, wurden auf beide Seiten Jagdboote ausgesendet; keines aber war zuruckgekommen. Ich blieb auf dem Schiffe, wo er selbst war. Es ging nun in vollem Zuge. Noch kannten wir die Starke der Feinde nicht; bei Nacht und Nebel hatten wir die Anzahl ihrer Barken nicht unterscheiden konnen.

Am Abend kam das Jagdboot wieder und verkundigte, dass es den Feind bei Monaco im Gesicht erreicht hatte; die Rauber seien vier grosse Galeeren stark. Wir ruderten die ganze Nacht; und den andern Morgen, als sich das Wetter aufheiterte, erblickten wir ihre Segel. O wie klopfte mir das Herz, bald im Schlachtgetummel zu sein! Der Tod ist dabei doch nichts anders als eine freie Bahn auf die edelste Art in die Geisterwelt aus diesem Chaos von Unwissenheit.

Sie entdeckten uns gleichfalls und verdoppelten ihre Ruderschlage. So strebten wir den ganzen Tag.

Eben als die Sonne, nach dem Stesichoros, aus den Luften in den goldnen Becher trat und den Ozean hinabschwamm zu den finstern Tiefen der heiligen Nacht, taten wir die ersten Kanonenschusse nach ihnen; wir hatten den Vorteil des Windes uber sie, und sie machten darauf halt, weil sie nicht weiter fluchten konnten. Wir griffen sie schier in gerader Linie an und dehnten uns etwas aus, damit sie uns nicht von den Seiten ankonnten. Wir brachten ihnen einige herrliche Lagen bei und waren weit besser als sie mit grobem Geschutz versehen. Nach mancherlei Wendungen kamen wir, als schon die Dammerung sich einsenkte, mit zwei Schiffen aneinander zum Handgemenge, und unser drittes suchte die zwei andern Galeeren abzuhalten, die es entern wollten.

Ich befand mich auf dem erstern und kampfte mit aller Gewalt und Besonnenheit, deren ich fahig war. Noch hatt ich zum Gluck keine Wunde, aber die Kugeln vom kleinen Gewehr und Sabelhiebe streckten manchen an mir nieder. Endlich drangen wir ein in ihre grosste Galeere, und ich war unter den erstern, mit einem starken Dolch in der Linken, und in der Rechten den Degen, und im Gurt noch eine geladne Pistole. Bevor ich ubersprang, stiess ich einen ihrer Kecksten darnieder, der schon im Zuge war, dem Doria mit seinem sichelformigen Damaszenersabel den Unterleib durchzuschneiden, und rettete diesem so das Leben. Mit einem andern auf der feindlichen Barke, der auf mich einhieb, wurd ich hernach bald fertig; doch konnt ich mit dem Dolch seinen Streich aus beiden Fausten nicht so ganz abhalten, dass er mir nicht ein wenig im Herunterschellern den linken Arm streifte: ich traf ihm daruber gerade die Kehle, dass er die Zunge herausstreckte.

Sie wichen und ergaben sich; nur der, welcher der Anfuhrer schien, sprang unters Verdeck: und ich ihm nach. Und sieh! hier steckte die Braut mit der andern Beute. Er holte mit dem Sabel weit nach ihr aus, um ihr den Kopf vom Rumpfe zu hauen: ich aber kam ihm zuvor und stach ihm die Klinge mit ganzem Leibe unter dem aufgehobnen Arm ins Haarwachs, dass er auf die Seite sturzte, zog sie heraus und gab ihm dann vollends den Rest.

Die Hauptgaleere war nun ubermannt, allein die andre wehrte sich desto furchterlicher. Ein junger Mann, noch ohne Bart, focht wie ein Verzweifelter und hatte neben sich viele Toten liegen; und er wurde sich frei gemacht haben, wenn wir andern nicht den Unsern zu Hulfe gekommen waren. Auch dieser musste sich dann ergeben. Inzwischen fluchteten die zwei andern, nachdem sie unser drittes Fahrzeug eroberten, mit diesem. Wir setzten ihnen nach, verloren sie aber in der Dunkelheit: und den Morgen darauf waren sie uns aus dem Gesichte, und wir konnten ihren Weg nicht entdecken.

Doria kehrte argerlich nach Hause, dass die Sache nicht besser abgelaufen war. Vielleicht hatt er gar nicht angegriffen, wenn nicht einer seiner Verwandten aus dem Tanzsaal mit ware weggeschleppt worden, den er nun doch wieder frei machte. Es ging hier Not an Mann, und die ausserste Gefahr war in der Saumnis. Die zwei andern Schiffe hatt er freilich nicht nach Sizilien ausschicken sollen; aber wer kann alles vorhersehen? Wer wusste, dass die Rauber so stark waren? Nach geschehener Tat ist jeder Tropf kluger als Hannibal und Casar.

Ich hingegen war glucklich wie ein Gott; mich dunkte, dass ich erst das wahre Leben recht geschmeckt hatte. Doria, der Strenge, machte bei allem seinen Verdruss mir grosse Lobspruche und sagte offentlich: "Du hast einen schonen Anfang gemacht, Junge; wenn du langer lebst und so fortfahrst, wird ein beruhmter Held aus dir werden." Fulvia, deren Schutzengel ich gewesen war, dankte mir mit Tranen voller Zartlichkeit. Aber mehr als alles, auch die schone Provenzalin Lucinde befand sich unter den Geretteten; die nur noch jammerlich an der Seekrankheit litt und bis aufs Blut von sich gab. Ich hatte nicht die geringste Anwandlung davon gespurt; und es erquickte mich durch Mark und Bein, dass ich dieses Element und dessen lebendige Bewegung noch immer von meinem Knabenalter an so wohl vertrage.

Wir liefen gegen Abend in dem Hafen von Villafranca ein, nachdem wir den ganzen Tag vergebens herumgekreuzt hatten, um die Verwundeten zu pflegen, unsre Toten zu begraben (die gebliebnen Feinde warfen wir gleich uber Bord) und den abgeharmten Frauenzimmern einige Ruhe geniessen zu lassen; nur ein Paar Vermahlte unter denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden, die ubrigen alle blieben unversehrt. Wir fuhrten sie den Berg hinauf in das Stadtchen, das hinten im Kessel unter dem gahen Felsen mit wenigen Hausern nur wie eine Einsiedelei liegt zwischen Olbaumen. Ich nahm Lucinden in Arm, die auf dem festen Boden gleich wieder zu sich kam, und sprach ihr Mut ein nach uberstandner Gefahr. "Ach," antwortete sie seufzend, "warum leb ich noch, um auf immer unglucklich zu sein! Niemand weiss mein Leiden. O war ich nur dort oben bei den Auserwahlten unter den Heiligen und Engeln!" Und hier tat sie einen schmachtenden Blick aus ihren grossen schwarzen Augen gen Himmel und zerschmelzte mir ganz mein Herz damit. "So viel Schonheit ist nicht gemacht," versetzt ich ihr, "um hienieden sich zu qualen; wirf allen Kummer weg; und sei selbst so selig, als du andere selig machst." Sie schwieg, und neigte das Haupt wie eine welke Blume, und ging, ohne auf meine Reden achtzugeben, mit mir voran; ihre traurige Miene und blasse Farbe, ihr verwirrtes Haar und losgegangnes Gewand vollendeten das Bild einer bezaubernden Heiligen. Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein, und sie wurden gut verpflegt und gewartet. Ich selbst blieb in dem Stadtchen und ruhte die Nacht aus; meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten.

Den andern Morgen nach der Messe unterhielt ich mich noch ein paarmal auf den Raub wenige Augenblicke allein mit Lucinden, die nun wieder zu Kraften gekommen war; und erfuhr, dass der Anfuhrer der Raubergaleeren, den ich niedergestossen hatte, ein Liebhaber von Fulvien gewesen sei, ein Genueser, der gefangen seinen Glauben verleugnete und alsdenn unter dem beruhmten Ulazal diente, grosstem Seehelden unsrer Zeiten. In sie entbrannt, ohne dass seine Leidenschaft je ihr Ziel erreichte, unternahm er die Tat nach hinlanglich eingezogner Nachricht von allen Umstanden der Hochzeit, und hatte sie bald glucklich ausgefuhrt. Er war Bastard von einem Adorno, und man nannte ihn zu Genua Biondello. Jungfraulich versicherte sie mir, dass die Braut noch ihre Ehre bewahrt hatte mit heissen Bitten und Beschworungen, dass er sie nur so lange verschonen mochte, bis er ans Land kame, bei ihrem ublen Befinden; und sie sei rein bis auf einige Kusse, die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten mussen. Die andern waren meistens noch viel arger als die Braut von der Seekrankheit befallen gewesen, so dass die Barbaren selbst Mitleiden und Barmherzigkeit gegen sie gehabt hatten, ohne sie weiter noch zu martern. Ausserdem habe die Not, in Sicherheit zu kommen, die Rauber zu ausserster Geschaftigkeit angetrieben, und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum gehalten; und so seien sie noch glucklich der Schand entrissen worden, und eine konne fur die andre zeugen. Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus Eifersucht niedersabeln wollen, als ich sie errettet hatte. "Heilloses Geschenk der Schonheit," rief sie aus, "in wie viele Drangsale sturzest du uns! Und wenn wir andre damit glucklich machen, so geraten wir dadurch selbst in das ausserste Elend. Wie die Konige, die alles vermogen, nur dass unsre Herrschaft kurze Zeit dauert, haben wir durch dich keinen Freund; und die vortrefflichsten Manner, mit allen Vollkommenheiten ausgerustet, wie zum Exempel Ihr seid, legen uns hassliche Fallstricke."

Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf, und ich fiel in Staub vor der Himmlischen nieder.

Nachmittags drehte sich der Wind, und wir fuhren mit Rudern und Segeln wieder ab. Auf unser Schiff war mit einigen andern Gefangnen der junge Held gebracht worden, der auf der zweiten eroberten Galeere so tapfer kampfte, so dass wir unser drittes Fahrzeug daruber einbussten. Ich horte ihn hernach im Neugriechischen mit einem seiner Gefahrten sprechen; und er stampfte noch mit dem Fusse vor Zorn, dass die zwei andern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten; jedoch mit Unrecht: denn jene wurden gleich im Anfang des Gefechts von unserm Geschutz sehr ubel zugerichtet. Er sprach inzwischen so frei und ohne Furcht in der Gefangenschaft, und seine Gestalt war so schlank und edel in der wilden Farbe von Meer und Sonnenbrand, dass mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte. Ich beschloss, alles mogliche anzuwenden, ihn von der Knechtschaft loszumachen, welches mir denn auch gluckte; noch ehe wir zu Genua einliefen, schenkt' ihn mir Doria zur Belohnung. Ich nahm ihn zu mir, wie wir von Bord traten, erklarte ihm seine Freiheit, woruber er mir an die Brust flog, und liess ihn wenig Tage darauf mit einem venezianischen Schiffe nach Konstantinopel abfahren. Er bat mich vorher um meine Zuschrift, die ich ihm denn an Dich gab.

"Du sollst dich nicht in mir betrogen haben", sprach er zu mir beim Abschied; "solche Menschen wie wir mussen einander ihr Leben lang helfen."

Die Manner, die ihre schonen jungen Weiber wiederbekamen, freuten sich wenigstens, dass ihnen Grund und Boden geblieben war; und die Vater und Mutter hofften bei ihren Tochtern das Beste. Wegen der Braut wurden insgeheim von der Familie des noch verwundet darniederliegenden Brautigams verschiedne Personen besonders in Verhor genommen; und als ihre Aussagen ubereinstimmten und derselben Unschuld bekraftigten, so uberliess man sich wieder ganz der Freude.

Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben und lasse mich nie in Untatigkeit schmachten; von Cacilien und Dir geschieden zu sein aber tut mir weh im Herzen. Wenn wird einmal wieder die Zeit der Vereinigung kommen! Ach, wenn es ihr nur wohl geht! Dies ist jetzt alles, was ich von ihr verlange.

Ardinghello

Ich meldete Ardinghellon den Empfang seines Briefs, und dass die Sachen der Cacilia erwunschten Ausschlag nahmen, und dass man auf ihn gar keinen Verdacht hatte, und andre Dinge, die mich betrafen und nicht zu dieser Geschichte gehoren; und erhielt von ihm im Dezember folgende weitere Nachricht:

Genua, Dezember.

Die See ist hier doch etwas ganz anders als in Euren Brentasumpfen! Die Sturme machen mir jeden Tag ein neues Schauspiel; und ich begreife nun, wie Kolumben der Mut im Herzen erwuchs, sich mit einer Bande Gesindel in den unwirtbaren Ozean hinauszuwagen, gleich einem Gotte, der Wasserfluten und Orkane kennt und in ihr grausames wildes Spiel sich zu finden weiss, kuhner als Herkules und alle Helden der vorigen Zeitalter. Wenn die Wogen so den Hafen hereinbrechen und sich an seine hohe Mauer hinaufwalzen, bis uber die Dacher der Hauser, die da stehen, und Schaum und Meer wie ein Wolkenbruch wieder herabstromt, und mit dem neu herbeirauschenden UnNatur da in meinem Sinn und ergreift mit ihrer Musik mein Wesen!

Ich habe angefangen, es mit Farben darzustellen, aber alles wieder weggeworfen: dahin reicht keine Kunst; sie bleibt hier zu sehr bloss toter winziger Buchstabe.

Dafur geb ich mich desto mehr mit den hiesigen Seeleuten ab; studiere den Schiffbau; lasse mir ihre Zuge durch das Mittellandische Meer erzahlen, ihre Gefechte, Gefangenschaften, ihren Handel; bewirte die besten oft, und teile ihnen wieder von demjenigen mit, was ich weiss; und erkenn immer mehr, dass der Mensch eher so gut ist, als er sein kann, als dass er so bose ware, als er sein konnte, im ganzen genommen.

Zufriedner bin ich mit ein paar Skizzen, die ich aus den Begebenheiten gemacht habe, welche ich Dir in meinem vorigen Brief erzahlte. Die eine stellt die Szene vor, wie die Rauber in den Tanzsaal fielen und Braut und Frauenzimmer entfuhrten; doch wurde mir die nachtliche Beleuchtung bei der Ausfuhrung im Grossen schwer werden. Die andre ist, wie ich den Biondello unter dem Verdeck niederstiess. Wenn ich den Ausdruck der Wut und Verzweiflung in seinem Kopf erreichen konnte, und den hochsten Schrecken, der an die Ohnmacht grenzt, in den schonen Weibergestalten, die ich in ihren Gruppen und zerzausten Kleidungen ganz nach der Natur genommen habe, samt den zwei Niedergeschmetterten: so musste dieses Bild im Grossen jedermann ergreifen. Fulvia besitzt sie, und sie mag sich dieselben einmal von einem andern ausmalen lassen. Ich bin mit ihr schon bekannter geworden, als ich anfangs wollte.

Ich stecke in einer Lage, die ich Dir kaum mit Worten andeuten kann. Wenn Lucinde an Fulvias Stelle ware, so fuhrten wir ein Gotterleben; so aber ist Natur und burgerlicher Stand einander ganz entgegen. Fulvia hat eine Phrynenseele; und diese sollte Lucinde haben, um das gluckseligste Geschopf zu sein. Ich habe Gesprache mit der letztern gehabt, mich auf ewig mit ihr zu fesseln, wenn die Ehe nicht der Tod bei lebendigem Leibe fur meinen freien Sinn ware. Ach, es geht bei ihr alles so schon hinuber und heruber! Was dies weibliche Wesen fur einen sussen Klang hat, ist unaussprechlich. Und ihre Ahndungen und Gefuhle von unsichtbaren Welten, so fremd und sonderbar und kindlich zuweilen sie mir auch vorkommen, ergotzen mich doch wie Homerische und Platonische Dichtungen.

Es ist mancher von ihr angebrannt und lustern bis zur Wut nach ihrem Ambrosia und Nektar: aber wen sie etwa mochte, der will oder darf sie nicht heuraten; und so ist der Engel melancholisch und unglucklich. Sie will mir wohl, das seh ich, und leidet Pein, und tut sich die ausserste Gewalt an. Warum mussen wir so gebunden sein und jeden Tropfen Lust mit Ach und Weh erkaufen! Alles in der Natur ist glucklich, nur der Mensch nicht; das, was wir Vernunft nennen, steht ihm immer als ein tyrannischer Zuchtmeister zur Seite; und diejenigen, welche man ihrer Vollkommenheit wegen bewundert, sind die Armseligsten unter allen.

Als ich mich einst an einem Abend tiefer mit ihr im Gesprach hieruber verlor, und ihr dieses einleuchten machen, und sie, wie mich dunkt, auf ihren rechten Lebenspfad fuhren wollte: sah ich auf einmal Fulvien neben uns, die ich im Eifer nicht bemerkt hatte; wir sonderten uns vorher von der Gesellschaft ab und standen an einem Fenster im Saal mit der Aussicht ubers Meer hin. Der Ernst kehrte sich dann in Kurzweil; Fulvia foppte mich als einen bloden Schafer, und in Rucksicht auf sie war der Spott nicht ungerecht: und Lucinden sagte sie einige unanstandige Dinge, welche deswegen errotend ausschied.

Folgenden Nachmittag erhielt ich durch ein Weib, das Lucinden bediente, ein Zettelchen, worauf geschrieben stand: 'Ich muss Sie allein sprechen, mich zwingt die Not dazu; warten Sie eine Stunde nach Einbruch der Nacht unten am Palaste; die Uberbringerin wird Sie an Ort und Stelle fuhren.'

Ich wusste nicht, was ich denken sollte, und von der Frau war weiter nichts herauszubringen; inzwischen versprach ich, gewiss zu kommen.

Dieselbe fuhrte mich auch die bestimmte Zeit die Treppe hinauf und oben durch den kleinen Garten. Es war finster, und regnete, und der Wind sauste. Alsdenn machte sie ein Zimmer auf, schloss mich hinein, und ich war vollig im Dunkeln. Sogleich wurd ich von einer warmen Hand fest gefasst und auf ein Ruhebettchen gebracht, schuchtern erst und endlich inbrunstig umarmt und gekusst unter heissen Seufzern, ohne weiter nur ein Wort zu horen. Mein ganzes Blut geriet in Wallung an den in Liebe klopfenden Brusten; ich glaubte, Lucinde sei plotzlich eine heitre Griechin geworden und wollt ihr himmelschones junges Leben geniessen und mit mir den Anfang machen. Mir wich das Gewand unter immer mehr verfuhrerischem Strauben; und ich gelangte bei dem hochsten Reize, den junge zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit fur unsern starksten Sinn nur haben konnen, zum entzuckendsten Ziel meiner entflammten Begierden.

Das bacchantische Leben, das endlich alle Verstellung vergass, brachte mich hernach doch etwas aus meiner Unuberlegung, obgleich noch ganz im Rausche. "Lucinde, Lucinde," rief ich, "welch eine gluckliche Verwandlung! Lass mich deine Stimme horen."

"O du mein alles!" hort ich nun Fulvien statt ihrer, "verzeihe mir diesen Betrug: was ich bin und habe, ist dein Eigentum, du bist mein Herr und Meister! Du hast mir das Leben errettet, und ich kann nichts weniger tun als dir wie Magd und Sklavin dienen, Engel, Gott! Wo find ich einen Namen, der alles das ausdruckt, was ich in dir umfasse? Auch Lucinde soll dir zuteil werden! Stolz und Eifersucht samt der Person will ich deinem Vergnugen aufopfern." Hier umrang sie mich aufs heftigste und biss mich wie rasend in die Brust.

Ich musste mir's gefallen lassen; ich war angefuhrt

auf eine Weise, die mir hohe Lust gewahrte. Wenn ich auch ein Joseph hatte sein wollen, so war die Flucht zu spat. Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft; aber wer kann dafur, dass er einfaltig ist und kein besser Schicksal verdient? Warum hat er so geheuratet? Dies sind naturliche Folgen, die selten ausbleiben. Fulvia hat ein heisses Temperament, und er ist schwach und kalt und trage: solch ein Paar tut kein gut zusammen, wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden mochte.

Ich verwunderte mich uber den Schritt, den sie

getan hatte; freute mich ihrer Liebe und pries ihre Reize; gestand ihr aber aufrichtig, wie narrisch der Mensch sei, und dass mein Herz auch beim lebendigsten Genuss der Wonne noch nach Lucinden schmachte.

"Und warum sollen wir dich nicht als Freundinnen

lieben konnen? O du bist ein so teuer Gut, dass wir beide an dir uberflussig genug haben; und ihrer mehrere, wenn du willst. Du sollst als der edelste Wein nur zum hochsten Fest aufgespart werden, der mit seinem Balsam allen kostlichen Geschmack uberflugelt. Warum sollen vernunftige Schwestern nicht friedlich miteinander an dir Teil nehmen? Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten lassen, die bloss fur den Pobel sind, eben weil er Pobel ist, der sich nicht selbst regieren kann?"

Du siehst hieraus, dass ich doch mit einem gutartigen Geschopfe noch zu tun habe. Ich musste uber ihre Aspasienberedsamkeit und feinen Lobspruche lacheln; band ihr aber aufs Gewissen, behutsam zu sein; und so war der neue Liebeshandel fertig.

Es lauft mir heiss uber den Leib, da ich mit Dir von Cacilien sprechen will, und ich errote wie ein Unheiliger; sie bleibt immer die Krone von Venedig. Mochte sie und Lucinde nur so Schwestern sein, wie Fulvia sagte! Aber ich bin ein Tor und unersattlich. Ach, die Arme wird verlangen, Nachricht von mir zu horen; und dies ist noch nicht einzulenken. Wie, bin ich strafbar, dass ich mich mit dem Schonen zu vereinigen suche, wo ich's finde? Ist dies nicht der edelste Trieb unsers Geistes? Ist der nicht ein Elender, ein von Gott Verworfner, der diesen Trieb nicht hat, nicht ausubt? In was fur einer Welt bin ich, wo dies Naturlaster sein soll? Den Menschen zerruttende blosse burgerliche Ordnung ist es. Komm, gottlicher Plato, und sturz alle die barbarische Gesetzgebung uber den Haufen, und fuhre deine Republik ein, wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer Liebe heilig und frei sind.

Ardinghello

Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur selben Zeit ein Kastchen von Smyrna an Ardinghellon, und konnt es ihm sogleich durch einen Veroneser, einen alten Bekannten von unserm Hause, welcher in Handlungsgeschaften nach Genua abreiste, ubersenden. Dabei meldete ich ihm die vollige Befreiung seiner Cacilia. Im Februar schrieb er mir wieder wie folgt, mit dem von Verona bei dessen Zuruckkunft.

Genua, Februar.

Sieh, teurester Schatz meines Lebens, edles Herz, hoher Geist, gute Taten bleiben nicht unbelohnt! Lies dieses kostbare Zettelchen: fur Dich hab ich kein Geheimnis. 'Du hast den Sohn des Kalabresers Ulazal gerettet, ein Kind der Liebe, das er mit einer Griechin aus Rhodos erzeugte. Nimm hier einen kleinen Dank dafur, und reiss Dich los und komm in meine Arme. Du mich immer ausfinden; dahin richte auch Deine Antwort. Ich versichere Dich, dass kein besser Leben ist, als vom Archipelagus bis an die Saulen des Herkules auf den klaren Wassern in bestandiger Bewegung zu sein und durch seine Tapferkeit die Schonheit aller der reizenden Kusten zu geniessen. Koniglicher Jungling, erquicke bald mit Deinem mutigen Anblick meine Seele!

Diagoras Ulazal'

In dem Kastchen sind Edelsteine und Ringe und einige andre orientalische Kostbarkeiten von grossem Wert.

Alle diejenigen, die wir ihm gefangennahmen, hat er schon frei gemacht und meistens mit andern Christensklaven ausgewechselt. Er versprach es ihnen, wenn sie ihn nicht entdecken wurden; und die auserlesene Schar war entschlossen genug dazu: solche Zuneigung hatte jeder fur den jungen Helden.

Nun hore meine andre Begebenheiten! Den Antrag des Diagoras mussen wir weiter uberlegen; ich kann mich noch nicht entschliessen, das schone Italien zu verlassen, da ich noch so wenig davon gesehen habe.

Fulvia nahm uber sich, Lucinden zu bekehren; meine Leidenschaft gegen dieselbe schwoll immer mehr an, je harter und unerbittlicher sie wurde. Vor vierzehn Tagen ohngefahr liess sie endlich etwas von ihrer Strenge nach; da sie vorher immer alle Gesellschaft mied, wo sie wusste, dass ich zugegen war. Eine gewisse Heiterkeit und Fruhlingsrosenrote ging in ihrem himmlischen Antlitz auf, das sonst ein innrer Gram mit einer melancholischen Lilienblasse uberzog, die mir so das Herz zusammenklemmte, dass ich aus der Haut fahren mochte, um dem Engel zu helfen. Sie gestattete sogar, dass ich auf einem vermummten Ball eine Menuett mit ihr tanzte. Gott! welcher hohe Reiz enthullte sich in jeder Bewegung ihres schlanken Korpers! wie heiss die Augen in mich sonnten, und sich doch so selbst uberlassen! wie suss die zarten Lippen in so frischer feuchter Rote lachelten, und die festen glanzenden Bruste von der Ebbe und Flut der Jugend wallten! Ich ward umflochten von einem unzerreisslichen Liebesnetz; und die Beruhrung ihrer Finger entflammte mich, als ob ich lauter Salpeter und Schwefel ware. Wo ich den Blick hinrichtete, entstanden neue Zaubereien; so hatten mich ihre behenden sichren Fusse nie entzuckt, und nie so ihre braunen sich hebenden Locken uber den schonen weissen Hals, samt aller ihrer Kleidung. Wir schwebten umeinander wie klare lichte Empfindung; sie schien zu fuhlen, was ich fuhlte, und zitterte auf die letzt vor Bangigkeit, so dass wir plotzlich aufhoren mussten.

Noch dieselbe Nacht ward eine Verraterei gegen sie ausgedacht und vollfuhrt. Ich stahl mich mit Fulvien vom Ball weg, und diese verbarg mich in einen grossen Schrank, der in Lucindens Schlafzimmer stand, worin einige alte Familienkostbarkeiten hingen; Fulvia liess mich allein und kam unbemerkt wieder zuruck.

Lucinde machte sich gleich darauf vom Tanzsaal; ich erbebte vor Schrecken und Lust, wie ich sie hereinrauschen horte. Sie sang alsdenn beim Auskleiden ein provenzalisch Lied, mit einer Stimme, woraus die Tone so gefuhlig und rein wie Perlen hervorkamen, die ich noch nie vernommen hatte: nur befremdete mich ausserst dessen Inhalt. Es war der Seelenjubel einer Jungfrau, die ihren Geliebten wiederfindet, frei von Not und Drangsal, worin er lang geschmachtet hat, und ihn mit tausend Kussen, Liebkosungen und Zartlichkeiten empfangt. Doch vielleicht, dacht ich, ist es etwas auswendig Gelerntes, und es fallt ihr eben so ein; aber es machte mir heftige Unruhe, als sie beim Schluss in die Hande klatschte und ausrief: "O hatt ich dich schon, mein Florio! aber wie weit bist du noch entfernt! doch Flugel wieder meiner Hoffnung, dass du noch lebst. O du heilige Magdalena, beschere mir den Holden, die du auf deinem Felsen zu Marseille schon oft uber ihn gewaltet hast und den Verwegnen aus den Fluten des Meers und todlichen Gefahren nach meinen Bitten errettet! O du liebe heilige Magdalena, ich falle hier vor dir nieder und fleh dich an, uberlass, o Freundin des Erlosers, mein Gemut nicht immer dem bittern Kummer! Mache mein Herz leicht und wieder froh, und stehe bei meiner Liebe! Ardinghello, der Fluchtling, heuratet mich doch nicht. Was hilft mir's, wenn ich seine Qual auch noch so hoch treibe: er machte mich endlich unglucklich. Wohlwollen muss ich ihm, ach ja! er ist ein verfuhrerischer Bube. O Florio, erscheine bald! Heilige, gib mir ihn!"

Ich wurde fast zum Narren, so griffen mich diese Reden der Unschuld in meinem Schrank an; und musste alle meine Krafte zusammenspannen, um auszuhalten. Noch war ich unentschlossen, was ich tun wollte, Tumult und Aufruhr in allen Nerven und Adern. Und so harrte ich, bis sie sich zu Bette legte, und harrte noch hernach uber eine Stunde; und lange und lange, bis ich endlich in der Verzweiflung, mit meinen Gedanken und Gefuhlen ins reine zu kommen, leise die Tur eroffnete und heraustrat.

Den Mantel hatte ich schon vorher abgeworfen und die Schuh ausgezogen; ich ging auf den Zehen und hielt mich mit den Handen im Gleichgewicht. Sie lag vom Schlaf aufgelost mit dem Kopf uber den rechten Arm und den linken sanft ausgestreckt, mit den Knien jungfraulich ein wenig zusammengezogen, die Decke von sich geworfen, und nur den Unterleib mit dem leinenen Tuche verhullt; es war eben eine laue Nacht.

Ich besah alsdenn ihr Zimmer. Vor einer Madonna mit dem Kinde, nach der reizenden von Raffael auf dem Stuhl von einem seiner besten Schuler kopiert, brannt eine Lampe; und ebenso brannt eine andre vor einer Magdalena, gewiss von dem Wundermanne der Lombardei Antonio Allegri: solch eine unbeschreibliche Anmut war in den Umrissen ihres Gesichts, so lieblich die Farbe, und unubertrefflich das blonde Haar gemalt, uber die jungen Bruste reizend wie von einem Luftchen verweht. Vor beiden standen Blumenstocke; vor der Magdalena aufgebluhte Rosen und Knospen, vor der Madonna Lilien und Nelken, die sie sich selbst den Winter erzog. Auf dem Tische vor jener lagen die Gedichte des Petrarca; und Schreibzeug, Federn und Tinte und Papier und beschriebne Blatter. Ich las das eine, wo ausgestrichen und verandert war: und fand das Lied im Provenzalischen, was sie gesungen hatte. Das wusst ich auch noch nicht, dass sie ihre Gefuhle in so schone Form von Worten bringen konnte: mir wallte dabei eine Glut nach der andern auf im Herzen. Im Petrarca war das Gediegenste, immer gerade das wenige Vortrefflichste, mit ausgetrockneten verschiednen Blumenblattern belegt und bezeichnet; besonders in den Reimen nach dem Tode der Laura. Neben der Madonna stand ihre Naharbeit in einem Rahmen; sie hatte angefangen, die lebendigen Rosen und Lilien vor sich dahinein zu sticken. Mich uberlief ein Schauder, als ob ich in den Tempel der Keuschheit eingebrochen ware und lasterlichen Frevel ausuben wollte. Ich blickte durch das Fenster am Bette, und der volle Mond wich hinter die Seealpen, den Greuel nicht anzusehen; unten rauschte zurnend das Meer auf. Ich ward erschuttert, und es fehlte nicht viel, dass ich mich wieder in den Schrank verborgen hatte; doch kniet ich vor sie hin und stemmte mich sachte mit beiden Handen auf ihr Lager; ihr ambrosischer Atem beruhrte mich wie Wonne des Himmels. So lag ich eine Weile in ihrem Anschauen versunken und verloren und meiner endlich nicht mehr machtig. Ich warf die Kleider von mir und naherte mich nach und nach leise mit ganzem Leibe dem Schonsten, was die Welt hat. Ich schob alsdenn mit den aussersten Fingern das Hemd auf beide Seiten von den Brusten, die mich mit ihren Knospen der Unschuld anlachelten, als ob sie Verschonen ihrer Jungfraulichkeit baten; und so bracht ich das Tuch von ihren reinen trocknen Fusschen und den netten Beinen bis an die Mitte der wie Saulen runden uppig hinaufschwellenden Schenkel, worunter es festhing.

O all ihr Machte des Himmels und der Erden, welche Vollkommenheiten habt ihr hier vereinbart! Ich zerrann in nicht mehr zu hemmendes Entzucken und riss das Tuch los: und sie fuhr auf und tat einen Schrei unter meinen Kussen.

"Habe keine Furcht," stammelt ich ihr, "ich bin Ardinghello und werde dir kein Leid zufugen." Sie horte nicht und rief: "Bosewicht! Schandlicher! Hulfe!" und wand sich los und bedeckte sich und weinte in voller Verzweiflung: ich war wie von einem Wetterstrahl durchschlagen in allen Gebeinen.

"Vergib, o Himmelskind, einem von unwiderstehlicher Liebe ganz Niedergeworfnen und Uberwaltigten diese Frechheit. Ich schwore dir bei allen deinen und meinen Heiligen, ich werde dir kein Leid zufugen!" so fasst ich sie mit Gewalt bei ihrer Rechten und hielt sie an mein laut schlagend Herz.

"Weg von mir, grausamer Verderber!" schluchzte sie.

"Komm wieder zu dir, Lucinde", sprach ich ihr ein; "sieh! ich beruhre dich nicht mehr. Ich bin schon glucklich, wenn ich dich nur sehe; und wenn ich von dir bin, ist alles vor mir in Leerheit. Deine Gestalt allein, auch ohne Wort und Zuneigung, ist mir mehr als andrer feurige Liebe. Sende mich in Gefahren, worin ich tausendmal mein Leben wage: dein Wink wird mein Gesetz sein. Du bist meine bessre Seele, die alle meine Fahigkeiten fullt. Du herrschest uber mich wie mein strengster Verstand; sieh! das zeig ich dir; und alles kann ich fur dich tun, ausser was mir unmoglich ist."

"O Ardinghello! Ardinghello!" weinte sie, "verlass mich! o verlass mich!" "Gottliche, und warum? Warum konnen zwei Menschen, wie wir sind, nicht ohne Sunde so beisammen sein! Warum immer eine Scheidewand von Mauer und Kleidung und mechanischer Gesellschaft dazwischen! Bedenke, wie die Seligen im Himmel sind und unsre erste Eltern waren. Alles dies dient nur, wenn man unter dem grossen Haufen ist."

"Und was willst du von mir? was kann ich fur dich tun, ohne mich unglucklich zu machen?" versetzte sie etwas ruhiger, sich rundum einhullend.

"Sage mir, wen du liebst", fuhr ich fort; "denn dass du liebst, das weiss ich, und weiss noch, dass du unglucklich geliebt hast."

"Ach," antwortete sie darauf nach einigem Stillschweigen, "den Hauptmann einer Galeere! der mich, wie ich noch ein kleines Kind zu Nizza war, schon aufbluhender grosser Knabe, bei meinen Eltern lesen und schreiben lehrte. Hernach legte er sich auf die Handlung und fuhrte mit der Zeit Kauffahrteischiffe; und endlich wurd er Anfuhrer einer spanischen Galeere. Als solchen sah ich ihn nach langer Zeit vor zwei Jahren in Genua wieder, wo wir uns einander versprachen und die Vermahlung feiern wollten, wenn er wieder aus dem Turkenkriege kame. Allein er kam nicht wieder; und ich hielt ihn fur tot, bis ich vor wenig Tagen die zugleich frohe und traurige Botschaft horte, dass er zu Konstantinopel in harter Sklaverei sich befinde. Mir brachte sie ein alter Schiffer aus Antibes, der von dort abfuhr und uns beide kennt. Nun hoff ich, dass man ihn erlosen und ihm seinen ehemaligen Posten wiedergeben und wir endlich glucklich sein werden."

"Zartliche," verfugt ich darauf, "deine Hoffnung steht auf schwachen Fussen. Spanien ist noch im heftigen Kriege mit den Turken; und wenn dein Brautigam ein Held war, so werden sie ihn so leicht nicht herausgeben." Hier verbarg sie ihr Gesicht ins Kussen und seufzte und weinte, und ich fuhr fort: "Doch wenn es von Spanien aus nicht geschieht, so kann vielleicht ein andrer ihn frei machen; und was schenkst du mir, Englische, wenn ich es ware?" druckt ich ihr mit der Rechten in die Hand und mit der Linken ins Herz; "und ich will es dir fast so gut als gewiss versprechen; ich hab einen Freund am turkischen Hofe selbst, der alles kann." Sie verbarg ihr Gesicht noch tiefer und sagte gebrochen unten hervor: "Ach, mein Bestes! aber du bist grausam!" "Und die Versicherung?" redt ich ausser mir ihr zu. "Gib dort mir her Feder, Papier und Tinte, und leuchte!" Dies war nun mein Wille nicht, aber ich verlangte zu wissen, was das schwarmende Madchen beganne; und nahm die Lampe von der Magdalena, Feder, Tinte und Papier, und den Petrarca zur Unterlage; und die Fromme schrieb, und lachelte unter Tranen:

'Wenn Ardinghello mir meinen Brautigam Florio Branca aus der Sklaverei erlost und frei wieder herstellt, und zartlich liebt und schweigt, so soll er meine erste hochste Gunst haben mit diesen Zeilen oder Madonna mich nie zu Gnaden annehmen, aber eher auch nicht einen gutigen Blick verlangen.

Lucinde'

Darauf gab sie mir das Zettelchen mit einem strengen Blick voll Bedachtsamkeit und sagte: "Nun gehorche, und verwahr es sorgfaltiglich, wenn ich so viel uber dich vermag, als du sprichst. Und noch eins: wer hat dich hiehergebracht?"

Hier musste mir nun platterdings eine Luge aus der Not helfen; ich sagte, ich sei ihr nachgegangen und habe mich dort hinter den Schrank versteckt, ohne von ihr bemerkt zu werden. "Bist du so ein Tausendkunstler?" sagte sie spottend.

Der Morgen brach an; ich wollt ihr einen Kuss zum Abschied geben, aber er ward mir nicht verstattet. Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht und verliess sie, machte fur Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen, dass nichts geschehen sei und sie schweigen sollte, eroffnete sachte die Tur des Palastes und schlich in meine Wohnung.

Den ganzen Morgen konnt ich kein Auge zutun; und als ich des Nachmittags ein paar Stunden geschlummert hatte, dunkte mich alles ein Traum.

Als es dunkel wurde, ging ich zu Fulvien in Gesellschaft: sie und ihr Gemahl hatten mir ein- fur allemal Erlaubnis gegeben, zu kommen, wenn ich wollte. Es befanden sich mehrere Personen vom gestrigen Ball da; man sprach daruber und spielte hernach. Lucinde sass unterdessen fur sich am Fenster, mit dem Kopf in der Hand, und blickte mich nicht an, und war in geheimer Betrachtung verloren. Ich machte mich alsdenn zu ihr; sie schlug die grossen schonen feuchten Augen nieder und seufzte und errotete uber und uber. Ich getraute mich kein Wort zu reden. Endlich legte sie den andern Arm auch ins Fenster und betrachtete mich still mit einer gewissen Wehmut voll Empfindung; wir sassen allein, und sie sagte nun leise mit Engeltonen zu mir: "Was hab ich getan! was hast du getan die vorige Nacht!"

Inzwischen holt ich einen Ring hervor mit dem grossten strahlendsten Diamant unter denen vom Diagoras und schob ihn ihr unbemerkt an den vorletzten Finger ihrer linken leichten Charitinnenhand, und antwortete Aug und Aug in sussem Liebesgenuss: "Nimm hin, du Braut meiner Seele!" Sie erschrak und war zwischen Weigern und Zartlichkeit, und blickte darauf und um sich; und verbarg dann die Hand im Schoss, und zitterte und gluhte.

"Sag mir nur noch, mein Leben," fragt ich sie flisternd, "ob der alte Schiffer aus Antibes hier ist und wie er heisst, damit ich ihn ausfragen kann, wo man den Florio in Konstantinopel findet."

"Er heisst Gabriotto", versetzte sie hastig, "und liegt mit seinem Schiff im Hafen." Dabei stand sie behend auf, trat zu Fulvien an deren Spieltisch, die eben einen feinen Streich machte, woruber gelacht wurde, und verlor sich dann aus dem Saale und kam nicht wieder zum Vorschein.

Mit Fulvien hatt ich noch vor Mitternacht eine kurze Zusammenkunft, die sich den ganzen Tag bedachtsam auffuhrte und nichts merken liess, und erzahlte ihr, dass ich nicht ubers Herz habe bringen konnen, Lucinden Gewalt anzutun, und es auch vergebens gewesen sein wurde. Machte ihr eine ganz andre Beschreibung, wie sie mir ihren Geliebten entdeckt hatte, der in der Sklaverei lebe; und, mit einem Wort, dass ich das himmlische Madchen zu hoch schatze, um es zu verfuhren und unglucklich zu machen. Ich bat sie ihrer selbst wegen, von diesem allen stille zu sein.

Sie war's gar wohl zufrieden und antwortete, dass sie die Geschichte wisse. Auch sie woll ihr moglichstes beitragen, dass der Armen geholfen werde; sie liebe sie als ihre beste Freundin und eine der vollkommensten Personen ihres Geschlechts: nur konne sie ihre allzugrosse Frommigkeit, Eingezogenheit und Kalte nicht vertragen; die Jugend unsers Lebens, besonders beim Frauenzimmer, sei zu kurz, um sie so ungenossen wegstreichen zu lassen, und in diesem Punkt Lucinde gewiss immer albern.

Darauf ging es an das Catullische Da mihi basia mille, wovon ich mich bald losmachte. In solche nekkende Handel geraten wir Liebesritter! Aber ich stelle mich auch auf keinen philosophischen Lehrstuhl, wo man zu sein befiehlt, was der Mensch nie war.

Den andern Morgen sucht ich den Gabriotto auf, und traf ihn endlich gegen Mittag in einem Weinhause, nachdem ich ihn im Hafen nicht gefunden hatte. Es ist ein herrlicher Alter, in seinem Leben von mancherlei Schicksalen durchgearbeitet. Dreimal war er in Sklaverei, in Agypten, Mauritanien und Griechenland; und sah Mekka und das Heilige Grab, zog mit seinen Patronen uber den Kaukasus und Atlas und kam jedesmal wunderbar wieder los; fuhrte nun ein Kauffahrteischiff und liess sich's wohl sein in seinen letzten Tagen. Was ist eines Konigs Leben, der seine Zeit durchgahnt, gegen die Wanderungen und Gefuhle eines solchen Erdensohns? O gutiger Himmel, lass mich nur nie auf einer Stelle klebenbleiben! Ich machte bald mit ihm Bekanntschaft, er liebte die lehrbegierige Jugend: wir setzten uns in einen Winkel allein, und ich sorgte dafur, dass wir nicht Durst litten.

Ich verschwieg im Anfange mein Geschaft, und wir kamen auf die agyptischen Pyramiden zu sprechen. Er machte die gescheite Bemerkung dabei, dass die Leute damals entsetzlich unter der Zucht ihrer Konige mussten gestanden haben, um so ungeheure Steinhaufen aus ferner Gegend her zusammenzutragen, die am Ende doch nur eine Kleinigkeit gegen die vielen Felsen des Kaukasus, Atlas und der Alpen waren, welche die Regen des Himmels binnen den Jahrtausenden zu ebensolcher unzerstorbaren Form gespult. Ich erzahlte ihm dabei zum Scherz aus dem Herodot das Marchen von der reizenden Konigstochter, die bloss durch ihre Liebhaber sich eine erbaut habe, der sie fur jede Gunst doch nur einen Stein herbeischaffen durften; und dass folglich bei allen die Arbeit nicht gleich sauer gewesen sein moge. "Wer den letzten lieferte", antwortete er lachend, "und dem Werk die Krone aufsetzte, muss wenigstens guten Mut gehabt haben."

Er machte mir alsdenn eine angenehme Beschreibung von den Sitten mancher Lander, die er durchstrichen war. Zum Exempel von Georgien und Cirkassien, wo die schonsten Menschen leben, sagt' er, dass die Kinder da hervorkamen wie die Blumen und Fruchte auf dem Felde und man von keiner Eifersucht wisse. Die Manner hielten sich bloss fur das Mittel ihrer Entstehung, und bildeten sich nicht ein, als ob sie dieselben etwa selbst verfertigten, wie ein Kunstwerk, und waren dabei eitel auf ihren Verstand oder ihre Geschicklichkeit wie bei uns; und alle Welt lebte glucklicher ohne die Ketten und Fesseln.

Von der Schonheit, besonders der Weiber dort, gingen wir auf unsre Landestochter uber; und von diesen behauptete er doch, dass sie mehr Geist und Form in ihrer Gestalt hatten, obgleich nicht die Zartheit und die Blute des Fleisches jener. "Als hier in Genua", fugte er hinzu, "ist ein junges Frauenzimmer, Lucinde von Montefeltro, die ich allem Reiz vorziehe, den ich dort gesehen habe."

Diese Reden gingen mir, wie Du leicht denken kannst, gar suss vom Ohr zum Herzen durch all mein Wesen. Wir tranken dabei mit durstigern Zugen. Der Zaubertau des Weinstocks setzte ihn in meine Jugend zuruck und durchgluhte seine Adern wieder mit der ersten Lebenswarme. Ich fragte ihn darauf, ob er diese Lucinde von Montefeltro genau kenne.

"Wie oft hab ich den Engel als Kind auf meinen Armen getragen, und ihr Leibchen rundum bepatscht und gestreichelt, was ich noch immer tun mochte, ohn ihr mehr Schaden zuzufugen!" fuhr er lieblich zu sprechen fort. "Ihr Vater war ein heruntergekommener Edelmann, der, um sich wieder zu erholen, hernach Handlung trieb. Mit seiner ersten Frau zeugte er keine Kinder; alsdenn schon in die funfzig, vermahlte er sich mit einer armen, aber jungen und ausserst schonen Anverwandtin der Mutter der Fulvia Fregosa, die nun in das Haus S*** getreten ist, bei welcher sich Lucinde aufhalt. Sie hiess Sophia und lebte mit dem alten Montefeltro schier an die drei Jahr in Ehe, als sie wider Verhoffen schwanger wurde und mit Lucinden niederkam.

Jedoch unter den Rosen der Gastfreundschaft! Es hielt sich damals zu Nizza wegen des milden Winterklimas unter fremdem Namen ein wunderschoner und tapfrer portugiesischer Prinz auf, der eine Wunde im Krieg mit den Sarazenen bekommen hatte, die in seinem Lande nicht recht heilen wollte. Dieser mietete sich einen Garten neben dem des Montefeltro auf dem Weg uber den Berg nach Villafranca; und wir alle haben nie anders gemeint, als er habe mit Fug und Recht getan, was der Alte nicht konnte. Und so ward ein suss verlassen Weib glucklich gemacht, und es lebt ein himmlisch Geschopf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzucken.

Als Lucinde ohngefahr zehn Jahr alt war, starb ihre Mutter, die sie als ihr einzig Kind mit aller Zartlichkeit liebte; ihr Vater tat sie darauf zur Erziehung in ein adelig Nonnenkloster. Nachher ward ich von einem schrecklichen Sturm verschlagen, zum drittenmal gefangen und diente bei einem reichen Kaufmann in Griechenland. Wie ich nach einigen Jahren wieder loskam, hatte sich alles verandert; dem Montefeltro waren etliche reiche Schiffe nacheinander teils weggenommen worden, teils zugrunde gegangen, zu gleicher Zeit brachen einige starke Bankerotte in Marseille aus, wobei er so viel einbusste, dass die Glaubiger sich seines ubrigen Vermogens bemachtigten. Er fluchtete zuvor mit wenigem hieher, da der Reichtum der Kaufleute mehr in Forderungen als barem Gelde besteht, und gab binnen kurzem vor Kummer seinen Geist auf. Lucinden nahmen aus dem Kloster ihre mutterlichen Anverwandten zu sich. Und so strahlt sie denn wie der Morgenstern, der bei einer Nacht ohne Mond aus den sturmischen Wellen der See aufgeht und Glanz von sich traufelt, am genuesischen Himmel.

Aber o ware sie auch so glucklich, als sie schon ist und alle weibliche Tugenden besitzt! Sie konnt es sein, wenn das Schicksal ihr nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Florio Branca liebte sie und ihn Lucinde; und sie lebten schon in seliger Ehe miteinander, wenn er nicht in Sklaverei geraten ware. Er wuchs an den Ufern des Varo auf, kam in das Haus ihres Vaters, ging alsdenn zur See und bildete sich zu einem Helden.

Im Dienste von Spanien lief er mit einem Geschwader nach der Neuen Welt aus und streifte in Mexiko und Peru herum. Kam wieder zuruck mit Ruhm und Schatzen, und sah das edle Reis zu einem schonen Baum emporgeschossen in susser Blute stehen, und wollte sich unter dessen anmutigem Schatten letzen, als er unter dem Johann von Austria mit der Galeere, die er anfuhrte, gegen die Unglaubigen musste. Die Flotte der Feinde von zweihundertundsechzig Schiffen wurde zwar geschlagen und von den Christen bei den Echinadischen Inseln der grosste Sieg seit langen Zeiten erlangt, den sie sich nur jammerlich zunutze machten: allein Ulazal, der tapfre Korsar, entkam, mit dreissig Dreiruderigen, und fuhrte den Florio mit sich nach Konstantinopel gefangen; welcher unter dem Doria beim ersten Angriffe sich befand und nach vielen Wunden nicht mehr imstande war, von den Scharen umzingelt, sich durchzukampfen. Sie kennen ihn dort wie die Reiger den schnellen gewandten Falken; und werden ihn nicht loslassen. Er dient als Sklave beim Grosswesir selbst; ich hab ihn gesprochen und ein Briefchen von ihm seiner traurigen Geliebten hier uberbracht, worin er sie beschwort, ihn zu vergessen und einen Glucklichern zu wahlen, wenn er noch ein Jahr lang ausbleibt."

Diese Nachricht wuhlte mir das Herz auf, und Florio dauerte mich; ich seufzte heftig bewegt und im Gesichte gluhend: Armer Schelm!

Der Alte fuhr fort: "Wenn du ihn sahest, mein Sohn, du wurdest ihn lieben; er ist ein gar guter junger Mann bei soviel rauher Tapferkeit. Wie oft haben wir vor wenigen Jahren zusammengesessen und einander erzahlt! Wenn ich ihm vom Kaukasus und Atlas sprach, so beschrieb er mir, wieviel hoher die Gebirge von Amerika waren; und wir gerieten dann in einen freundschaftlichen Streit. Ich hatte die unendlich schonern Weiber, Manner und Tiere von weit edlerer Natur fur mich: und er pries und ruhmte zum Scherz die reichen Gold- und Silberminen, womit man die ganze Alte Welt erkaufen konnte, wenn man alle Beute herausholte."

Wir tranken alsdenn auf seine Gesundheit und baldige Befreiung.

Ich fragte den Gabriotto noch, ob er vielleicht den Ulazal von Person kenne; und er sagte mir, dass er ihn einmal zu Rhodi gesehen habe, und schilderte mir ihn als einen andern Hannibal auf der See. Er machte hierbei die Beobachtung, wurdig eines solchen Graubarts: "Colonna zog zu Rom im Triumph ein wegen seines Drittelsiegs; wenn einer aber die Taten beider in jenem Treffen genau abwiegen konnte, in welchem Glanze wurde da noch der fluchtige Kalabreser vor ihm erscheinen! Ein solcher sichrer Ruckzug eines einzelnen Mannes mit seinen Freunden, nachdem er Wunder des Verstandes und der Tapferkeit fur die Flotte der andern Admirale getan hatte, aus der vollen Macht der Uberwinder, bezeugt die grosste Unerschrockenheit, Ubersicht und Erfahrung. Schade, und ewig schade, dass er unserm Glauben abtrunnig geworden ist."

"Zumal", setzt ich hinzu, "da ihn der Heilige Vater Pius wieder zu Gnaden annehmen wollte und Philippen beredete, alles anzuwenden, dem Helden Herrschaften und Reichtumer zu schenken, wo er sie nur immer haben mochte, in Spanien, seinem Vaterlande, oder Sizilien, wenn er die Heiden verliesse. Doch gefallt mir nicht, dass man denselben mit solchen Antragen bei dem Sultan wenigstens verdachtig machen sollte, damit er ihn selbst aus der Welt schaffte: weil man keine andre Mittel dazu vor sich sahe. Ulazal aber war zu klug fur solche Versprechungen, scheute uberdies die kunftige feige schale Rolle und trat folgenden Fruhling nun selbst als Admiral auf, mit einer neuen Flotte.

Es ist narrisch, dass man von den Kalabresern verlangt, sie sollen nicht zu den Turken ubergehn. Die Turken plundern ihre Gegenden und fuhren sie selbst in Sklaverei; und ihre Fursten sehen gelassen zu, ohne sie zu verteidigen, und saugen sie noch obendrein mit allerlei Auflagen aus. Sie werden also mit doppelten Ruten gezuchtigt. Was hat ein Mann, der Kopf hat und Mut im Herzen, anders zu tun, da er allein sich nicht wehren kann gegen beide Feinde, die ihn berauben? Er schlagt sich zur Partei der Sieger."

"Ich will doch lieber in dem Glauben leben und sterben, worin ich geboren und erzogen bin, und ein wenig Unrecht leiden", erwiderte der Alte; "das Dulden ist auch suss, wenn man das Vermogen noch in sich fuhlt, auszudauern, und grosse Belohnung dereinst unter seinen Geliebten dafur erwartet."

"Ein guter Glaube uberwindet freilich alles", antwortet ich ihm darauf; und dachte im Herzen, wer damit nur immer in der gluckseligen Dunkelheit herumtappen konnte!

Noch denselben Abend lief ein franzosisches Schiff im Hafen ein, mit dem neuen Gesandten und Konsul fur Konstantinopel und Smyrna, das nur Wasser einnahm und mit dem ersten guten Wind wieder absegeln wollte. Ich bediente mich der Gelegenheit, eilte sogleich nach Hause und schrieb an den Diagoras, so rein und frei, wie's in meinem Geiste lebte, frisch von der Hand weg; und bat hernach den Edeln instandig, den Florio Branca zu befreien, wenn er konnte, oder mir wenigstens die Art zu melden, wie es moglich ware, ohn ihm jedoch etwas von mir zu sagen; und dann nach Genua zu schicken.

Die Aufschrift macht ich an seine Mutter, damit der Brief desto sichrer mochte abgegeben werden. Der Patron des Schiffs erhielt von mir schon zum voraus eine Belohnung; und ich versprach ihm mehr, wenn er mir gute Antwort bringen wurde, und sagte ihm zugleich, was es betrafe. Er gelobte mir heilig an, ihn aufs beste zu besorgen.

Den andern Morgen gegen Mittag ging das Jagdboot auch wieder ab, und mir schwoll das Herz von verschiednen Leidenschaften, sowie der Wind die Segel schwellte. Ich muss selbst uber das Gleichnis lacheln, und doch ist's wahr und gefallt mir; ach, unsre Gedanken und Empfindungen sind so zart und veranderlich, und heiter und wild und sturmisch wie die Lufte.

Ardinghello

Hierauf gab ich dem Ardinghello keine Antwort und erhielt im Marz wieder folgenden Brief von ihm:

Genua, Marz.

Sie hat mich zum ersten Mal gekusst, freiwillig; und meine Lippen schmachten in einem fort nach ihrem sussen Munde. Schuchtern, jungfraulich und doch naturnotwendig, wie der Magnet sich zieht, flog unerwartet plotzlich der himmlische Kuss auf mich. Wie selbst darein verwandelt schlief ich die Nacht, ein wollustig stechend Feuer, und bin nun erwacht wie ein seliger Engel. O ein glucklicher Tag der gestrige! wie der neue Fruhling ging die Sonne auf und unter. Wir sassen gegen Abend oben allein im Garten, unten hatte Fulvia und ihr Gemahl Gesellschaft; und die See spielte in kleinen Wellen, um, wie zartliches Leben, sich in die Lufte zu verbreiten. alsdenn sangen wir zusammen, und unsre Herzen ergossen sich endlich ineinander durch Gesprach und Blicke. "Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden!" seufzte sie auf die letzt wehmutig, nach mancherlei Reden uber Welt und Dasein und Bestimmung, und kehrte die Augen von mir ab gen Himmel; "gefesselt auf allen Seiten, durfen wir keinen freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, ohne Schmach und Schande. Nicht uber die Strasse konnen wir gehn allein und sonder Mama und Base, wenn man uns fur wohlgebildet halt, ohne dass die Lasterzungen auf uns stechen. Natur und Leben und Sitten und Gebrauche in andern Gegenden zu sehen und zu horen ist uns ganzlich versagt: wir mussen auf einer Stelle bleiben, wie die Pflanzen, und glauben, was man uns vorlugt, ohne sinnlichen Begriff; Wahn und Traum und Gehorsam unser Eigentum: kein Tropfen Wahrheit, die Seele zu erquicken.

Wenn eine schon ist, so legt man ihr uberall Schlingen; und derjenige selbst, welchem sie in einer gewitterhaften Stunde gefallig war, verleumdet sie oft hernach am argsten, und tritt zum schimpfenden Pobel uber, wenn er einen andern vorgezogen glaubt; oder sie wird von unvernunftiger Eifersucht noch fester eingekerkert.

Sind wir nicht schon, so erwerben wir keine Liebe mit aller Weisheit und allen Kunsten der Musen und der Minerva; und ausserdem heisst's immer noch: sie ist doch nur ein Weib, und kann und darf nichts recht sehen, wie es ist; Pedanterei und Ziererei ohne Zweck und Nutzen! Ein Weib hat weder Starke noch Uberlegung, etwas Grosses in irgendwo zu erlangen und zu fassen; die Guten und Verstandigen haben Mitleiden mit dessen Schwache, und die Boshaften verspotten es und suchen es mit ihrem Lobe vollends zur Narrin zu machen. So geht man mit uns um.

Am besten war es, nie geboren worden zu sein; denn was wir wollen und lieben, durfen wir doch nicht haben! oder, sobald diese Neigungen in unserm Herzen aufgehn, geschwind von der Erde weggenommen zu werden. Unser Los ist Traurigkeit und Leiden und wenig heitre Augenblicke; ein vergnugter sichrer Zustand ist uns nicht beschieden: unser Leben ein schwacher Kahn im sturmischen Meer, oft von Wellen uberschlagen."

Aber warum schreib ich Dir den toten Sinn und Buchstaben von dem, was sie so gottlich in bezaubernden Worten, Tonen und Gebarden sagte!

Ich hielt ihre Linke in meinen beiden Handen, und sie uberliess die entzuckenden Wallungen ihrer innern Schonheit ruhig meinem heissen Gefuhl.

"O Lucinde," antwortet ich ihr darauf, "du hast viel Wahres gesagt, wir sind ungerecht gegen euch! aber auch unser Los ist hart. Uns liegt die Arbeit ob, und ihr wirkt still wie die Sonne, und macht schon glucklich bloss durch eure Schonheit. Wir mussen alles erringen und erkampfen; und ihr strahlt nur um euch: so liegt man euch zu Fussen.

Hohe Schonheit ist freilich ausserst selten; aber auch eine Jungfrau, die sie besitzt und zu gebrauchen weiss, ist, was bei uns Alexander und Casar mit Heeren von Helden; es kommt nur auf sie an, was sie erobern will! Das ewige Schicksal hat ihr alle Herzen unterworfen.

Liebe und Geist ist eins und dasselbe unter verschiednen Namen, nur dass man Uberfluss von Geist Liebe nennt: hohe Schonheit beherrscht alle Geister. Sie vereinigt sich deswegen gern mit grosser Gewalt oder grossem Verstande, weil da die Liebe am machtigsten ist. Der Mensch fur sich allein, uberhaupt jedes Wesen, abgesondert, ist unglucklich. Was kummert den Vortrefflichen im Grunde Wahn und burgerliches Vorurteil? Das Gesetz ist toll und toricht, das ihm Eigentum und freien Gebrauch seiner Person abspricht; und er tritt es mit Fussen, sobald er kann."

"Ich mochte lieber Ardinghello sein", versetzte sie schnell in leisem Nachtigallenton, ganz auf mich geheftet, "als Semiramis und Laura, so jung und schon mit soviel Tapferkeit und Talent!" und hier neigte sie ihre Lippen nach den meinigen, ich ward von einem sussen Blitz durchschlangelt, und meine Seele schwebte in der Herrlichkeit des Entzuckens wie aufgelost von allen Banden. So hielten wir uns lang umschlungen, bis unsre Blicke in Wollusttranen untergingen und sie ausrief, rosenrot und lilienblass, und sich losriss: "O du, mein Abgott, was wird noch aus mir werden!" ohne mir mehr zuzugestehen.

Fulvia kam bald darauf, als ich noch an einen Baum gelehnt stand und mit den Armen die Augen zuhielt, um nichts Irdisches zu betrachten. Die Schlaue merkt alles und erkennt die Momente wie ein edles Raubtier.

So schiff ich denn zwischen einer Scylla und Charybdis im Wonnemeere der Liebe; und lasse mich von ihren Strudeln herumwalzen in Gefahren, damit mein Mut nicht mussig liege. Doch erschreck ich zuweilen vor Lucinden; sie hat in manchen Punkten nicht die Biegsamkeit ihres Geschlechts, und in ihrer Gestalt entdeck ich Zuge von furchterlicher Heftigkeit; und eben diese sind es, was mich so gewaltsam ergreift und an sie fesselt. Ich fuhle durch und durch, was das himmlische Geschopf verlangt, und dies foltert mich, da es unmoglich geschehen kann: und doch ist der Engel zu schon fur die Welt, die ihn mit ihren Sitten angesteckt hat, als dass ein Natursohn ihr ihn so ungenossen sein Leben lang uberlassen sollte.

Ubrigens studier ich hier immer mehr die Schiffahrt und streiche ofters an der Kuste herum. Zu Korsika bin ich auch schon gewesen, und das rauhe Volk gefallt mir: es liegt Stoff darin. Es kommt kein Schiff an und geht keins ab, das ich nicht ausforsche. Und so beschaftigt sich auch noch meine bildende Kunst mit der See; ich habe die eine Skizze, wo ich den Biondello niederstosse, im grossen angelegt.

Den Helden Doria besuch ich fleissig und lerne viel aus seinen Gesprachen; er will mir wohl, das seh ich aus seinen Mienen und Gebarden und seiner Offenherzigkeit. Er weiss, wer ich bin, und Fulvia und ihr Gemahl wissen es mit Lucinden; ich bin gleich anfangs von einem meiner Landesleute verraten worden, der mich erkannte. In Venedig blieb ich eher verborgen, wahrend des Kriegs mit den Turken und weil es dort viel Maler gibt, worunter man sich leicht verstekken kann; hier sind deren kaum ein paar. Auch kam ich bei Euch in keine so vornehme offentliche Gesellschaften. Inzwischen hab ich keinen Schaden davon, sondern Vorteile; man schatzt mich desto mehr, und ich habe, wo ich will, freien Zutritt.

Vor dem Tyrannen von Toskana furcht ich mich nun wenig mehr; meine Tante meldet mir, dass es ubel mit ihm aussieht. Er hat durch seine Ausschweifungen schon langst seine Gesundheit zugrunde gerichtet und bei der Camilla Martella die Neige seiner Krafte vollends so abgezapft, dass ihm die Zunge steif geworden ist und verdorrt und er nicht mehr sprechen kann. Alles dies ist buchstablich wahr, und so unklug wirtschaftete kein Tiberius auf der Insel Capri und kein Nero in beiderlei Gestalt, die noch immer wussten, wenn sie fur sich aufhoren sollten. Ein neuer Hippokrates von Macchiavell wird den jungen Tarquinen auch noch hierin die Anfangsgrunde vorbuchstabieren mussen; denn von selbst wird selten einer so gescheit sein.

Der neue Herzog, sein Sohn, fuhrt sich auf wie ein Blodsinniger, und Eure beruhmte Bianca behandelt ihn auch so mit Fug und Recht.

O Cacilia, Aphrodite des adriatischen Paphos, wie lebst Du und unsre Liebe? Du sollst gewiss noch dereinst voll Zartlichkeit Lucinden und auch Fulvien als Deine Gespielinnen umarmen. Meine Seele schmachtet nach ihr und Dir; sei nicht so karg mit Deinen Worten.

Ardinghello

Zu Ausgang des Marz schrieb ich ihm, da ich aus dem Schluss seines Briefes sah, dass er ohngeachtet seiner Leidenschaft doch den Kopf noch nicht verlor und immer den Edelmut im Grunde seines Herzens hatte.

Venedig, Marz.

Ich mochte mich lieber mit Dir nur wenige Augentigsten Buchstabenwechsel.

Ich habe Cacilien schon zum zweitenmal gesprochen; das erstemal in Gesellschaft und darauf vor wenig Tagen allein. Sie ist hoch schwanger, gesund und bei Kraften; und Mutter und Bruder und Freunde und Gespielinnen geben sich alle Muhe, ihr neue Ergotzlichkeiten zu verschaffen. Es ist eine wahre Augenweide, eine so junge reizende Frau am Ziel ihrer Bestimmung zu sehn; und einem Fremden, der nichts von ihr hofft und erwartet, muss sie so selbst schoner und vollkommner sein, als sie als Madchen war; geschweige dem glucklichen Geliebten, der die susse Frucht seiner Liebe so heranreifen sahe. Ardinghello, Du bist ein Gottersohn, zu hohem Wohl erkoren; nur verscherze Dein Heil nicht!

Das erstemal wagte sie nicht nach Dir zu fragen; aber das Spiel ihrer Blicke um mich, Deinetwegen, war mir ein Himmelreich. Sie errotete, wurde blass, seufzte, suchte sich zu verbergen: doch die Natur triumphierte: ihr Busen wallte starker, und sie kam endlich zu mir und liess sich mit mir in ein Gesprach ein, lieblich und traulich. Ich fasste mich dabei so, als ob ich in diesen Augenblicken Deiner nicht gedachte; und sie ging froher von mir, sie mochte nun argwohnen oder nicht argwohnen: denn sie musste fuhlen, dass ich ihr wohlwollte, und dies schon vorher wissen.

Vor wenig Tagen liess ich mich bei ihres Vaters Palast anfahren, bei welchem sie noch immer wohnt, bis nach ihrer Niederkunft, um ihren jungsten Bruder zu besuchen, den ich nun naher kenne; und als er nicht zu Hause war, ging ich inzwischen zu seiner Mutter, und traf Cacilien gerade bei ihr. Die Mutter verliess uns denn eine Weile wegen Geschaften, und wir blieben allein. Ihre schonen grossen Augen ruhten lang hell und klar auf mir, und ihre Lippen lachelten, wie wenn man einen zum Reden zwingen will. Mich dauerte die Verlassne, und ich fing an von dem Gemalde zu sprechen, das eben vor uns hing; und kaum hatte sie mir den Meister gesagt, so war die Frage darauf: "Wo ist jetzt Ihr Freund Ardinghello? Ich hab ihn nicht wieder gesehen, seitdem er mich gemalt hat: er wird also wohl nicht mehr in Venedig sein."

Ich antwortete: "Den letzten Brief von ihm hab ich aus Genua; es geht ihm dort sehr wohl." Du hattest sehen sollen, wie sie darauf lebendig ward und sich alles an ihr regte; ein neuer Morgen ihr Gesicht mit heissen Sonnenblicken. Nicht mehr festhalten konnt ihr Herz: "Es ist ein trefflicher Mensch, voll Verstand und Talent, und das Geringste ist der Maler an ihm, so weit er's auch schon in seiner Kunst gebracht hat." Hier gluhte sie auf wie eine Rose und fugte lachelnd hinzu, sich fuhlend: "Ich glaube, dass ich in ihn verliebt geworden ware; es ist gut, dass er weg ist."

Mir waren hier die Daumenschrauben aufgesetzt: aber doch bekannt ich nicht wegen ihrer selbst, und Deiner und meiner; noch scheint es mir nicht Zeit zu sein. Ich antwortete wie kalt und schier eifersuchtig darauf: "Dies wurde den jungen Herrn bis ins kleinste Gelenk kitzeln, wenn ich ihm so etwas berichtete; er war ganz bezaubert von Ihrer Schonheit, wie er Sie malte, und beneidete mutwillig Ihren unglucklichen Gemahl."

Dies Wort kam wie eine finstre Wolke vor ihrer Schonheit Glanz, sie entfarbte sich und versetzte: "Nun, so arg und gefahrlich ist es nicht; Sie brauchen ihm auch nichts hiervon zu schreiben; doch grussen Sie ihn von mir und melden ihm, dass ich seine Kunst bewundre, und grosse Dinge von ihm erwarte, und den eifrigsten Willen habe, ihm in Zukunft nutzlich zu sein." Hieruber trat die Mama wieder ins Zimmer, und ich verliess sie bald darauf.

Du siehst daraus, dass alle Verstellung ein Ende hat gegen einen, der Person und Sache kennt: es ist ein Gluck fur Euch, dass kein solcher unter ihren Richtern sass. Wer die Wege gut weiss, geht auch im Nebel sicher; und ein Wollustling von Auge sieht oft die Gegenstande darin mit mehr Freude als bei hellem Wetter. Inzwischen dauert sie mich doch von Grund der Seele; denn sie ist unglucklich.

Dein Umgang mit Lucinden gefallt mir nicht. In Rucksicht ihrer wenigstens kann ich die Grundsatze nicht billigen, die Du ihr einflossest; besonders wenn Florio der Mann ist, wie ihn der alte Schiffer schildert: ich befurchte, dass es schlimme Handel absetze. Uberhaupt muss sich jeder nach dem Staate richten, worin er lebt, wenn er ihn nicht gewissermassen ubersieht und heraus kann, wenn er will: sonst trifft am Ende das Sprichwort ein: 'Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er zerbricht.' Wenn Lucinde Deinen Geist hatte bei ihrer Jugend und Schonheit: o dann stunden ihr Konigreiche zu Gebot; so aber musst Du sie erst in das alte Korinth oder Athen bringen, wenn sie nach Dir glucklich sein soll. Und noch dazu scheint mir ihr Charakter sich nie recht zu bequemen. Mit einem Worte: sobald ein Weib eines Mannes Frau wird, begibt es sich im Punkt der Liebe seiner Freiheit, hernach eine andre Wahl zu treffen; und was opfert der Mann nicht dafur auf, dass ihm dasselbe treu sein moge? Schonheit und Keuschheit beisammen wird ewig eine hohere Vollkommenheit sein als Lais und Phryne, setze sie in einen Staat, in welchen Du willst. Doch red ich, was Lucinden betrifft, in der Ferne; und ein einziger Blick auf sie und wenig Worte von ihren Lippen konnten vielleicht meine eigne Moral wegbannen. Das Zettelchen, welches sie Dir im Bette schrieb, bleibt immer ein wunderbarer Flug, von dem andern Erdenvolkchen weg, wozu eine starke Leidenschaft gehort, die alle Furcht von Vorurteilen uberwaltigt.

Es schweben Gefahren uber ihr und Dir; aber wer sich selbst nicht raten kann, dem ist nicht zu helfen. Jeder weiss am besten, wie ihn die Umstande umringen.

Fulvien geb ich Dir gerne preis, nimm mir's nicht ubel! echte Genueserin nach dem Sprichwort;10 ein Gesetz, von keiner Gewalt in Ausubung gebracht, ist kein Gesetz in Wirklichkeit. Wer seine Rechte nicht behauptet, der hat keine; so geht's allen Mannern, die nicht auf ihrer Hut sind. Dies sahen die Spartaner wohl ein; und welcher Kopf nicht, der noch Vernunft hat?

Ich mag nicht daran denken, dass Du mir vom Diagoras sollst entrissen werden. Bleib in Deinem Italien, und lies das andre in Geschichten und Reisebeschreibungen; der Mensch braucht zu seinem Glucke nicht den ganzen Erdboden. Die See ist weiter nichts als ein ungeheurer leerer Weg etc. Erst in der Mitte des Mai erhielt ich wieder einen Brief von ihm, und zwar aus Lucca, welches mir sonderbar auffiel. Er lautete wie folgt:

Lucca, Mai.

Auch Du bist schuld daran! Lucinde ist von Sinnen

Florio Branca kam, erlost vom Diagoras, und obendrein mit Geschenken ausgestattet; ein Held wie ein junger Diomed, nur im Gesicht voll Ehrennarben. Er wusste nicht, dass ich sein Retter war, und wir wurden bald Freunde. Er drang auf seine Vermahlung: zu Messina, wo ein Teil der spanischen Flotte liegt, war ihm von den obersten Befehlshabern nicht allein sein voriger Posten, sondern eine weit ansehnlichre Stelle zugesichert worden. Ich befand mich eben nicht in Genua, wie er seine Braut uberraschte; Fulvia erzahlte mir, sie sei in Ohnmacht gefallen, als sie ihn so unerwartet plotzlich vor sich gesehen hatte. Man schrieb es der Freude zu. Sie fasste hernach alle ihre Krafte zusammen, alte Liebe und Verstellungskunste: und Florio hielt sie in seinen Armen stumm vor Heftigkeit der Wonne nach so vielen Drangsalen.

Ich traf bei meiner Ankunft den Florio zuerst bei ihr und Fulvien und ihrem Gemahl in Gesellschaft. Seine Gestalt und sein Wesen machte gleich auf mich grossen Eindruck; starker Gliederbau, scharfe Gesichtszuge, kleines blitzend verwegnes Auge, verbrannte Farbe, krauses Haar und derbes Fleisch und wenig Worte zeigten mir ein Muster von Seemann; und sein Knebelbart und kurzer Sabel vollendeten das Bild. Ich wunschte beiden herzlich Gluck uber ihre Wiedervereinigung. Lucinde sah mich still an und glich einem Gewitter von Empfindung.

Die Tage darauf macht ich nahere Bekanntschaft mit dem Florio; und meine kalte Vernunft rang immer mehr, meine heissen Begierden zu bekampfen; der Tapfre war die edelste der Blumen ganz wert.

Ich sprach Lucinden alsdenn allein im Garten. Sie jammerte uber die Unruhen des Seelebens und die Kriegsgefahren. O wie mein Herz ihr entgegenschlug, als ich die Morgenrote von Kussen um ihre Lippen schweben sah! Aber ich verwustete schandlich alle Inbrunst der Natur wie ein Gotteslastrer, und gab ihr das teure Zettelchen wieder, und stammelte die tollen Silben hervor: "Ich kann deine Gunst nicht annehmen; Florio ist deiner Liebe ungeteilt wert: in mir ist jede Fiber Wunde; aber seid glucklich miteinander, rein und ohne Flecken."

Sie blieb wie eine Saule stehen, las die Zeilen ihrer Hand und zerpfluckte darauf langsam mit den Zahnen das Blatt, Stuckchen vor Stuckchen, indes ich von ihr ging und mir die Tranen in die Augen tobten.

Dies geschah nach der Mittagsmahlzeit. Fulvia, die von diesem allen jedoch nichts wusste und auch nie erfahren soll, berichtete mir, dass sie den ganzen Abend in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen ware und sie niemand weiter gesehen hatte bis spat den andern Morgen, wo man mit einem andern Schlussel dasselbe aufgemacht und sie in ihrer Kleidung auf dem Bette gefunden, die Hande ringend, mit dem Oberleibe aufgerichtet und seufzend mit vor sich niedergeschlagnen unverwandten Augen. Weder Fulvia noch der Brautigam, noch irgend jemand hat nach der Zeit ein Wort von ihr herausbringen konnen, so dass sie vollig die Sprache verloren zu haben scheint. Sie lasst sich geduldig hinfuhren, wohin man will, geht auch fur sich herum, ringt aber immer die Hande und seufzt, versteht platterdings nichts mehr, was man sagt, und nimmt an keinem Gesprache mit Mienen und Gebarden Anteil. Sie isst und trinkt wenig; sobald sie aber genug hat, ringt sie wieder die Hande und seufzt. Es sind von den Arzten verschiedne Mittel versucht worden, aber alles vergeblich. Sie kennt Fulvien nicht mehr, ihren Brautigam nicht mehr, und mich nicht mehr; wie sie dieser kussen wollte, hat sie nach ihm geschlagen und ihn ins Gesicht gekratzt. Auch von ihren Freundinnen leidet sie dies nicht; sonst ist sie in allem geduldig. Ich mochte mir immer mit einem Strick die Gurgel zusammenziehn, wenn sie mich so starr ansah und die Hande rang und seufzte.

Jetzt steckt sie nun in einem Nonnenkloster zur Verpflegung. Florio war im Begriff, sich eine Kugel vor den Kopf zu schiessen, und ist nun bei der Flotte, um in der Verzweiflung gegen die Tuneser sein Ende zu finden; und ich habe mich so auf den Weg nach Florenz gemacht. O Natur, deine schonste Zierde ist zerruttet und zugrunde gerichtet! Das arme Madchen, zur Lust erschaffen und aller Augen und Herzen zu entzucken, hat nie die hochste Sussigkeit des Daseins gekostet und lebt nun ein unaufhorlich Gefuhl von unaussprechlichem tiefen Leiden.

Du hast so etwas nicht erfahren und kannst Dir's folglich auch nicht denken: so schon, so reizend, so geliebt, so liebend und so voll Geist, und nun auf einmal alles im Ruin ohne Zusammenhang; dasselbe nicht mehr dasselbe, es ist grasslich! Wer sie kennt, vergiesst Tranen uber ihr Schicksal; ganz Genua trauert. Weide dich, barbarische Moral, Feindin des Lebendigen, mit Wolfsgrimm hier an deinem Opfer!

Aber auch ich, o Gott, wo werden mich meine heftigen Leidenschaften nicht noch hinreissen! Ach, ich habe ihren Zugel nicht so am sichern Griff, dass sie auf halsbrechenden Wegen nicht einmal mit mir davonrennen, der Wagen uberschlagt und Ross und Fuhrer in den Abgrund taumeln, wo man Blut und Gehirn noch lange dem Wandrer an Klippen zeigt, bis die Regengusse des Himmels die Reste des Verwegnen vom Felsen waschen!

Ardinghello

Ich konnt ihm hierauf nicht antworten, weil er mir keine Zuschrift meldete. Die Begebenheit war entsetzlich und ging mir selbst durchs Herz. Je mehr ich daruber nachdachte, desto naturlicher aber kam sie mir vor. Fulvia mochte wohl die grosste Schuld haben, und weit weniger Cacilia und ich; ausser der eignen Grossmut von Ardinghello. Lucinde war mit allen Reizen bei ihrer Jungfraulichkeit zu beklagen: ein schwacher Feind in der Festung ist furchterlicher als der starkste von aussen.

Seine Reise nach Florenz schien mir immer gewagt, ob ich gleich schon langst wusste, dass Cosmus gestorben war.

Dritter Teil

Lucca, Mai.

Ich sitze hier an den Hohen des Tals von Lucca, wo uber mir der Wind durch die Buchen sauselt und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele, wie am Scheidewege meines Lebens. O wer die Zukunft aufhullen konnte! Aber diese kennt niemand als der, der alles weiss; wir sind nur Funken, unsers Schicksals ungewiss, die in dem Unermesslichen herumstauben. Wohl dem, der wie ein Schmetterling sich an den Blumen ergotzt, die er vor sich findet! Hat der, welcher mit Gefahren kampfte und sein Ziel errang, am End etwas Bessers? Genuss jedes Augenblickes, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die Gotter. Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart? Traum ohne Wirklichkeit alles ubrige.

Doch weg mit dieser Muckenweisheit! Unser Geist hat mehr Tiefe. Nur die Kraft ist selig, die Widerstand nach ihrem Mass uberwaltigt und ihn nach ihrem Wesen ordnet, sei's auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, als er den Antaus bezwang, rannen die Schweisstropfen susser hervor aus seiner Stirn, als ihm je die Umarmungen einer schwachen gefalligen Dirne machte, verdiente die Liebe des Helden.

Meine Tante schrieb mir nach dem Tode des Cosmus, dass wichtige Veranderungen am Hofe vorgefallen waren und unsre Feinde einen starken Stoss erlitten hatten; ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen: sie sei versichert, dass alles gut gehen und ich meine vaterlichen Guter wiedererhalten wurde; und noch ausserdem woll ihr der Kardinal wohl, der alles vermoge.

Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen, nach Lucindens Verwirrung; ich hatte ganz andre Dinge im Kopfe zur Ausfuhrung: aber niemand kann sich von seiner Wurzel losreissen; und so bin ich auf der Grenze. Der junge Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa und bei ihm Bianca, von welcher man sagt, dass sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe: so sehr halt sie ihn an sich gefesselt. Beide gebrauchen die Bader, weil sie gern einen Erben von ihm bekommen mochte.11

Es geht mir hart an, dass ich in diese Sphare hinein soll; wenn ich hineinkomme, so erlieg ich vielleicht unter den Trummern.

Ardinghello

Pisa, zu Ausgang des Mai.

Da sieh mich nun schon am Hofe! Noch aber bin

dem zahmen Federvieh, das mit aller Macht herbeigelaufen und -geflattert kommt, wenn man ihm Futter hinwirft, und seine Eier legt.

Ich horte von einer neuen Art olympischen Spielen, die in den Badern sollten gehalten werden; und ging den Tag, der zum Fest anberaumt war, bei guter Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Tal uber den Berg.

Unentschlossen, wie von einem andern Wesen geleitet, wandelt ich herunter und langte bei den Hausern an; mir widerstand die Luft, und ein geheimer Ekel hielt mich so ab, dass ich zusammenschauderte und mir die Ohren brausten; doch aber drang ich durch.

Ich hatte mich kaum im Wirtshause zu einem Fruhstucke niedergesetzt, als zwei von meinen ehemaligen Kameraden hereintraten, mich anstaunten und mir um den Hals fielen; wir waren wie in einer neuen Welt beieinander, und mein Blut sturmte in Katarakten von meinem Herzen. "Willkommen! willkommen, Prospero!" riefen sie; "bleibst du bei uns? O du musst bei uns bleiben! Es soll dir wohl gehen, du hast uns immer gefehlt."

Mich freuten die naturlichen Aufwallungen, ihre Blicke schienen nicht erlogen, und ich vergass gleich zum erstenmal das des Sizilianers.12

Ich antwortete ihnen bloss auf ihre Fragen, dass ich nach Rom reisen wolle und jetzt von Genua kame, und soeben in Lucca von ihrem Feste gehort hatte. Wahrenddem uberraschten mich noch verschiedne andre alte Bekannten, und sie liessen nicht ab, bis ich versprach, mit Anteil an ihren Spielen zu nehmen. Offentlich konnte man mir nichts zuleide tun; ich war weder verbannt, noch hatt ich etwas gesundigt.

Ein Teil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang; und ich suchte, durch eingeleitete Gesprache mit diesem und jenem, nach und nach geschwind kennenzulernen, was sich seit meiner Abwesenheit verandert hatte.

Zu Mittage speist ich in grosser Gesellschaft; und bemerkte bald ein paar Spurhunde, die auf mich ausgesandt waren; und fuhrte ihre Nasen auf allerlei Abwege. Das Volkchen war uberaus lustig und witzelte und sang und scherzte; aber uberall fehlte der edle Kern der Selbststandigkeit, bis auf einen meiner alten Freunde, Mazzuolo, der seinen Geist wunderbar gestarkt hatte: und wir teilten einander unsern Seelenjubel mit im Winkel durch Blick und Kuss und Handedruck und kurze abgebrochne Reden.

Nach einundzwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten; und gleich darauf wurden die Spiele mit Trompeten und Paukenschall eroffnet. Das erste war ein Pistolenschiessen und der Preis ein herrlicher spanischer Hengst aus seinem Marstall. Der Mitstreiter waren mit mir sechzehn, lauter junge Leute aus den besten Hausern im Florentinischen, der alteste nicht uber dreissig Jahre und der jungste nicht unter siebzehnen.

Sie baten insgesamt fur mich um Erlaubnis mitzustreiten, zumal da einer an der geraden Zahl fehle, der plotzlich krank geworden war. Der Herzog liess mich in meinen Reisekleidern vor sich und sagte, nachdem ich ihm einen Lobspruch wie einem andern Herkules gemacht hatte: es gefall ihm, dass ich eben bei dieser Gelegenheit von meiner langen Reise zuruckkomme. Bianca, die zugegen war, blickte mich an mit einer grossen Neugierde, und tausend Fragen schwebten auf ihren Lippen.

Du wirst Dich verwundern uber meine Kuhnheit und mich vielleicht fur unbesonnen halten: allein furs erste reizten mich die Spiele selbst, und mein ganzer Mut sagte mir, dass ich wenigstens in einem den Preis davontragen wurde, da ich meine Gegenstreiter so vor mir sah; und dann scheint es mir allemal zutraglicher, von ohngefahr mit den Tyrannen der Welt Bekanntschaft zu machen, als durch lange Vorbereitungen, wo die Zeremonien alle Natur ersticken.

Ich will Dich nicht lange mit der Erzahlung aufhalten. Wir schossen mit Pistolen zu Fuss und zu Pferde, und ich traf allemal bei weitem das Ziel, dreissig Schritt entfernt, am besten. Es war ausgemacht, dass im andern Falle die zwei ersten Schutzen noch einmal um den Preis kampfen sollten; dies unterblieb also, und die adriatische Zauberin uberreichte mir den Zugel des stolzen jungen Rosses mit diesen Worten: "Seid auch so trefflich im Streite, wo es das Leben gilt, furs Wohl des Vaterlandes." Ich sah sie an mit einem kuhnen Blick und wieder schamhaft, und beruhrte ihre schone Hand wie in der Zerstreuung zartlich mit den letzten Fingern der meinigen, und antwortete: "O ware schon die Gelegenheit da, Euch, o Wunderfrau, und demselben meinen Eifer zu zeigen."

Darauf wurde aus freier Hand mit Buchsen nach der Scheibe geschossen, zweihundert Schritt weit, und Mazzuolo kam dem Mittelpunkte vor mir naher; ich hatte hier mein eigen Gewehr nicht. Der Preis bestand in einem andern neapolitanischen Hengst und einem schonen Jagdhunde.

Den andern Tag waren die Fechterspiele. Erst fochten acht Paar nach dem Lose, einzeln jedes Paar. Die den Stoss beibrachten, machen dann wieder vier Paar; diese vier alsdenn zwei, bis endlich eins und einer allein der Sieger blieb.

Die Herrchen fochten mit vieler Zierlichkeit und sagten ihre Lektionen her; ich aber gewann ihnen mit gegenwartigem Auge und fast lauter geraden Stossen, womit ich in ihre Gaukeleien hineinfuhr, den Preis ab; dem letzten und Geschicktesten schlug ich zweimal mit starken unhoflichen Paraden das Rapier aus der Hand und setzte ihm alsdenn noch obendrein nach einer Sekundenfinte eine Quart uber den Arm, gerad auf den rechten Zitz, so dass der schwarze Fleck eine vollkommne sichtbare Finsternis auf seiner weissen Weste machte.

Fur dieses Probstuck gab mir Isabella, die Geliebte meines Vaters, einen goldnen mit Steinen besetzten Degen; und mir schwoll die Hand von Grimm, wie ich ihn am Griffe fasste: "Tapfrer," sprach sie leise zu mir mit blitzenden Augen und Honiglippen, "ziehe stolz damit wieder in Florenz ein, und trag ihn mir zum Angedenken."

Den dritten Morgen, nachdem Bianca sich gebadet hatte, war Wettlauf in sandiger Bahn, und abends Ringen, wovon Mazzuolo und ich ausschieden, um weder aus Hoflichkeit uns uberwinden zu lassen, noch den andern vielleicht auch diese Preise wegzunehmen und so die allgemeine Freude zu storen. Und damit es uns kein stolzes Ansehen gab, schieden noch mehrere davon aus. Zu Elis hatten wir dieses nicht notig gehabt; aber man merkte noch ausserdem, dass wir uns nicht in Griechenland befanden: der Olivenkranz ware mir lieber gewesen als Ross und Degen; sie blieben immer eine kindische, tyrannische und sklavische Belohnung.

Mir uberlief die Galle, wie ich abends zu Pisa einritt und sehen musste, dass man mehr das Pferd und den Degen als mich betrachtete; und wahrlich nicht etwa deswegen, weil ich auf meine Person eitel ware, sondern dass die Nation seit weniger als hundert Jahren so den grossen Sinn verlor, wodurch sie sich in den Zeiten der Freiheit auszeichnete.

Mit einem Wort: eine Weiberanstalt. Bianca wollte dem Herzog eine Kurzweil machen und zugleich den jungen Adel von Florenz sich verbinden; an einen andern Zweck wurde wenig dabei gedacht; denn wenn man im Ernste daran gedacht hatte, so war alles unterblieben.

So sieht man oft bei einer Ausfuhrung ohne Gedanken, dass Furstin und Furst etwas Gutes in einem Buche mag gelesen haben.

Ardinghello

Pisa, Junius.

Ich werde die Guter meines Vaters wiedererhalten, Bianca hat es mir versprochen, mit welcher ich oft im Gesprach bin; und dies ist mir sichrer, als ob es mir der Herzog selbst versprochen hatte. Sie ist wirklich ein reizendes Weib, voll Schlauheit und Verstellung, weiss das Leben zu geniessen und fuhrt bei ihrem Honig einen scharfen Stachel. Sie macht Venedig, der Anzahl Ehre; und es ergotzt sie, dass ich dies so gut kenne. Das gefallige Wesen, das sie dabei hat, wie alle vorzugliche Personen ihres Geschlechts, warmt und erheitert mich sehr angenehm. Sie weiss sich wie die meisten ein wenig viel mit ihrem Spiegel; und dies muss man benutzen.

Auch der Herzog will mir wohl, vermutlich durch sie. Ich habe schon verschiednemal mit ihm Schach spielen mussen, worin er sich einbildet, ein grosser Meister zu sein. Ich verlor mit Fleiss das erste Spiel und gab ihm Gelegenheit zu feinen Zugen, die meine Stellung sehr spannten; doch macht ich ihm seinen Sieg noch sauer, welcher ihn dann hochlich freute. Das zweite Spiel dreht ich so lange, bis keiner mehr gewinnen konnte; und uberliess ihm wieder das dritte. Beim vierten und funften aber macht ich den Herrn schachmatt in einer Reihe von Kettenzugen, ruhmte seine Geschicklichkeit und entschuldigte ihn mit kleinen Versehen. Bis an den zehnten und zwolften Zug und in die Mitte spielt er in der Tat vortrefflich, hat punktliche Erfahrung, und man muss bei jeder Art von Spiel wohl auf seiner Hut sein; aber bei den Ausgangen, was eigentlich nur Freude macht und tief verwikkelte Mannigfaltigkeit hat, hapert's.

Soweit ging es nun alles gut; aber Isabella ist in mich verliebt! Mir sagen es ihre wollustigen Augen und das Herneigen ihrer Seele, wenn ich in ihre Gesellschaft komme. Sie halt wie ein Lammchen und scheint zwischen Blutsfreundschaft und andrer Liebe, gegen die Gesetze des Judenlykurgs, keinen Unterschied zu machen; oder die erstre dunkt ihr vielleicht ohne diese ein leerer Name, wobei niemand vom Ursprung an einen sinnlichen Begriff habe. Und ihr Vater und ihre drei Bruder lebten so mit ihr nach der allgemeinen Rede. Stammen sie etwa wie Alexander der Sechste und dessen Sohne und Lukrezia von einer besondern Menschenart? Es mag Fehler der Erziehung sein oder von dem Mord herruhren: mir kommt es abscheulich vor, und ich werde zuverlassig mit ihr keinen Bastarden von Magus zeugen.

Ich finde hier eine gute Schule, den Menschen zu studieren, wo er in verschiednen Punkten seine Vorurteile abgelegt hat und bloss nach seiner innern Natur lebt; schier wie unter den Imperatoren Claudius und Nero. So viel ist wenigstens richtig: man trifft unter ein Dutzend Personen von beiderlei Geschlecht beisammen, wie in wohlgeordneten Staaten, kaum drei oder vier an, die jederseits Pein litten, wenn sie sich einander helfen konnten. Sorgten nur die Gesetze fur die Folgen, wie in Sparta!

Mit klopfender Sehnsucht hoff ich auf Nachricht von Euren Gewassern.

Prospero Frescobaldi

Ardinghello schien mir schon von dem Wirbel des Hofs ergriffen, und mir war bange vor den Gefahren, die ihn umgaben. Ich glaubte, dass, was ihm so schnell und heftig aufeinander begegnete, sein junges Gemut in etwas aus seiner Grundverfassung gesetzt habe; und rief ihm zu als warmer Freund von fern unter manchem andern:

'Kein hoher Geist, der frei sein kann, verpflichtet sich an den Hof eines Despoten; er erwahlt lieber Wasser und Brot. Bei einem schlechten Fursten kann keiner ausdauern, ohne schlechte Streiche zu begehn: es ist platterdings nichts anders zu tun fur einen Edeln, der sich retten will, als zu fliehen. So hatte Seneca unter dem schicklichsten Vorwand erst Agrippinen und dann den Nero verlassen, wenn er ein Stoiker, wie sich gebuhrt, hatte bleiben wollen. Allein es gefiel dem Herren zu herrschen: er blieb bei den Tigern und duckte sich unter ihre Klauen.'

Ich erinnerte ihn an seine ehemaligen republikanischen Gesinnungen, warnte ihn vor den Ausschweifungen in der Liebe; und beschloss mit der Nachricht, die ihm so freudenvoll sein musste, dass Cacilia schon vorigen Monat auf dem Landgut ihres Vaters am Lago di Garda von einem gesunden und starken Knablein ohne lange Mutterwehen glucklich entbunden worden sei; und ich mich nun wieder in der Nachbarschaft befinde, wo unsre Freundschaft so frisch und machtig aufgrunte und in unsern Herzen unzerstorliche Wurzeln schlug. Er konne nun alles einlenken, sein Leben in Zukunft ausserst angenehm zu machen.

Florenz, Julius.

Deine zartliche Sorge fur mein Heil ruhrt mich bis ins Innerste, und die Nachrichten von Cacilien freuen mich herzlich: allein die Zeiten meiner Ruhe, des gluckseligen Maulwurflebens sind noch nicht gekommen.

Ich verstehe alles, was Du sagst: nur mocht ich das Blattchen umwenden und behaupten: bei einem trefflichen Fursten kann keiner ausdauern, ohne schlechte Streiche zu begehen. Die Sokratische Philosophie hat den Fehler, dass sie fast alles auf den Nebenmenschen und die Gesetze des Staats bezieht und nichts an und fur sich betrachtet, welches naturlicherweise allemal vorgeht. Nach der Meinung des alten Patrioten, der doch den Schierlingsbecher zu seinem eignen Besten ausleerte, ware nur der Lowe gut und schon, der seinen Atheniensern Hasen fing. Nero, der zwar immer im Taumel lebte und selten klar sah und bei Uberlegung, hat wenigstens damit der wahren Politik ein Ziel gesteckt, dass er sagte: keiner habe so wie er vor ihm verstanden zu herrschen. In der Tat zeigt die GeEinfalt der damaligen Zeiten, und Sylla, Augustus und Tiberius sind schon Virtuosen dagegen im Despotismus.

Mit der Idee von einem vollkommnen Staate kann man leider geschwinder fertig werden als der Wirklichkeit; da legen Grund und Boden, Ursprung und Geschichte des Volks, gegenwartige Starke an Leib und Seele, dessen Glauben, Meinungen und Sitten und Nachbarn unuberwindliche Schwierigkeiten in den Weg und kommen lauter unbezwingliche borstige Ungeheuer zum Vorschein. Hier hast Du kurz mein Glaubensbekenntnis; und ich will Dir reinen Wein einschenken:

Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen, die man einen Staat nennt, am besten als ein Tier, das von innen Krafte, Proportion aller Teile haben und gesund sein muss, und volle Nahrung, um fur sich auf die Dauer zu existieren und glucklich zu sein; und von aussen Starke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen die Feinde zu erhalten; denn alles von aussen, wie Kindern bekannt, ist Feind.

Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz, wie bei jedem lebendigen Dinge; und jede Staatsverfassung, wo nur ein Teil sich wohl befindet oder gar abgesondert ware, ist ein Ungeheuer, eine Missgeburt.

Ein Despot also, das ist, ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des Ganzen entspringen, uber die andern herrscht, bloss nach seinem Gutbefinden, ist kein Kopf am Ganzen des Staats, sondern ein Ungeziefer, ein Bandelwurm im Leibe, eine Laus, Mucke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute nahrt; oder will man lieber: ein Hirt, weil doch dies das beliebte Gleichnis ist, der seine Schafe schiert und melkt und die jungen Lammer schlachtet und die fetten Alten, wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten.

Der Staat ist endlich ein Tier, das seine Gesetze hat, weder von Kuhen noch Schafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und kein Mensch ist so uber andre wie ein Hirt uber seine Herde. Ein vollkommner Staat muss ein Tier sein, das sich selbst nach seiner Natur, seinen Bedurfnissen und Erfahrungen regiert, wie ein Ulysses fur sich nach den Umstanden und gegen andre.

Eine reine Aristokratie, wo mehrere bestandig herrschen nach ihrem Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen, nur mit Gesetzen fur ihr Wohl, die sie nach Belieben andern, ist eine vielkopfige Hyder von Despotismus, viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines.

Ein Staat von Menschen, die des Namens wurdig sind, vollkommen fur alle und jeden, muss im Grund immer eine Demokratie sein; oder mit andern Worten: das Wohl des Ganzen muss allem andern vorgehn, jeder Teil gesund leben, Vergnugen empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand der Gesellschaft muss herrschen, nie bloss der einzelne Mensch.

Diese Lage aber zu erhalten, dazu gehort ein durchgearbeitetes Volk, das sich selbst, seine Krafte und sein Interesse kennt und sich in einen Punkt vereinigen kann; und selten ist einer, der an der Spitze steht, aus Liebe oder Gewalt, imstande, eine andre Verfassung in eine solche umzuandern, geschweig ein Philosoph auf seinem Studierzimmer. Die ursprungliche Ungleichheit der Menschen und die daraus entspringende ausserliche Ungleichheit der Besitzungen und der Gewalt und des Ansehens machen noch uberdies den gordischen Knoten, der durch keine Vernunft an und fur sich, ohne Rucksicht auf die jedesmalige Verfassung, aufzulosen ist. Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von Menschen wie uberein gedrechselte Maschinen in einen Raum, wo kein Grad der Breite von Europa, Afrika, Asien und Amerika ist, hinstellen und in beliebige Ordnung bringen.

Was fur Muhe kostete es nicht dem romischen Volke, das in dieser ersten Kunst uber alle Nationen hervorragt, ehe es sich von der Gewalt der Konige losmachte und hernach durch seine Tribunen die Aristokraten bandigte! O es ist dem Menschen so suss, uber andre zu herrschen, deren Knaben und Tochter und Weiber sich aufwarten zu lassen, ihren besten Wein zu trinken, ihre besten Fruchte, ihr bestes Gemus und Fleisch zu schmausen, sie im Sonnenbrand arbeiten zu sehen und selbst in kuhlen Schatten faulenzen, sie unter den Schwertern und dem donnernden Geschutz der Feinde zu wissen, wenn junge zarte Dirnen ihm sorgsam die Fliegen wegwedeln! Jeder will dazu Recht haben, und gottliches Recht haben, sobald er im Besitz ist, und liess eher den letzten Kopf von allen seinen Untertanen, Vater und Sohn, Mutter, Bruder, Schwester, Tochter, uber die Klinge springen, die es rebellisch leugneten, und befande sich lieber allein in einer Wuste zwischen der Pest der Hingerichteten, als dass er zum Exempel einem Rom gestattete, ausser seiner Unterjochung das erste Volk der Welt zu sein. Dies ist in der Natur; so elend ist der Mensch; alle unsre Moral ist gemacht und steht nur in Buchern: lehrt es nicht alle Geschichte?

Dasselbe tut man, um Herrschaft zu erlangen, und dungt die Felder mit Burgerblute; Du kennst die Verse des Euripides, die Casar im Munde fuhrte.

Sie haben allerlei Blendwerk von Beschonigung ausersonnen, worunter das tauschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaffen und behende Starke zu geben; und sie stellen sich an, als ob sie nur dessen erste Diener waren und grosse Lasten auf sich trugen. Wie ist aber einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn uber sich erkennt? Wie ist einer Bedienter, der nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keins annimmt? nach Willkur ohne Gesetze straft? Gesetzt auch Ruh und Ordnung: ist dies Gluckseligkeit? Im Kerker ist auch Ruh und Ordnung.

Behende Starke? Xerxes erfuhr sie anders von den Themistoklessen der Griechen; und die Diktatoren der Romer, die Camille, sind andre Leute, als vielleicht je einer unter ihnen war, und kosteten sicherlich weniger zu unterhalten. Doch wenden wir unsre Ohren ab von diesem Larifari, die Sache springt von selbst in die Augen. Kein Tyrann wird wohl je so ein Narr sein und sein Sklavenreich einem freien Rom, Athen oder Sparta vorziehen, strahlende Namen durch alle Zeitalter; allein wenn er gescheit ist und mit einem Gescheiten unter vier Augen spricht, ganz etwas anders behaupten; etwa folgendes:

'Jedes Wesen darf von Natur um sich greifen, soviel es Macht hat, es sei unter seinesgleichen oder andern Dingen. Du zurnst, dass du gehorchen musst? Gehorche nicht, wenn du kannst! und du erhaltst ein ander Recht. Dass ich, Sultan, zu Konstantinopel herrsche, da es mir Millionen und Millionen Sklaven erlauben, wie nimmst du das mir ubel? Willst du uber nichts herrschen? Ist nicht jeder Mensch ein Sultan, wenn er kann, nicht jeder Stier und Hirsch? Die Verstandigen werden freilich nie gehorchen, wenn sie nicht mussen. Gehorchet nicht, wenn ihr konnt, solange bis ihr alle Herren seid! und euer Staat ist die Vereinigung des reinsten Ganzen, eine Sonne, wo jeder Teil Licht hat und flammt und brennt, und einer den andern verstarkt und entzuckt, und alle insgesamt dann fremde trage Erdenkorper zum Leben erwecken wie jetzt allein ich.'

Es liess sich vielleicht hierauf noch immer antworten: 'Dass der Lowe minder starke Tiere zerreisst und ihr Blut aussaugt, ist nun freilich einmal so in der Natur und erhalt ihn und macht ihn glucklich. Dass du Sultan aber uber Millionen herrschest, ist Stelzenwerk und macht dich im Grunde unglucklich; denn du lebst nur im Traum und Nebel, ohne eigentlichen Genuss. Der Zufall hat dich obenan geschleudert, nicht deine Kraft hingestellt. Du fullst deine Sphare nicht aus und bist immer in einem ohnmachtigen Streben, Gefuhl von Schwache; hast den Anschein von Held und Sieger und das Innre von einem niedergetretnen Uberwundenen!' und so weiter, wenn man ohngeachtet aller Traulichkeiten Lust hatte, auf der Stelle gespiesst zu werden.

Um zum Beschluss hiervon nach der Schule noch zu reden: so teilt man die Staaten ein in Demokratien, Aristokratien und Monarchien; und sagt, jede Verfassung sei schier gleich vortrefflich, wenn die Menschen gut da waren, das ist: wenn jeder, oder doch diejenigen, welche regieren, die andern lieben wie sich selbst und ihr Wohlsein nur in dem des Ganzen finden; und fuhrt zu Beispielen an Athen nach dem Pisistrat, Rom nach der Vertreibung der Konige und den Theseus und Cyrus und Romulus aus den dunkeln Zeiten der Fabel.

Weil aber ein boses principium im Menschen stekke und der reine Geist nicht allein in ihm herrsche, welches alle die Schlechtigkeiten bewiesen, die sonst unerklarlich blieben: so habe jede von diesen gluckseligen Verfassungen nur ausserst kurze Dauer und arte bald entweder in Tyrannei aus, denn fast allemal folge auf einen raren weissen Raben Mark Antonin eine Menge Commodusse, oder in Oligarchie, wie nach den Scipionen und Gracchen in Rom unter dem Marius und Sylla, Pompejus und Casar; oder Anarchie und zugellose Frechheit. Und in Betrachtung der Natur dieser Dinge schmieden sie denn einen Staat zusammen, der aus allen dreien Verfassungen zugleich besteht, und erhalten ihn unsterblich und ewig vollkommen durch ihre Gesetze, als ob das Leben sich festhalten liesse, besser als Metall und Holzwerk bei Maschinen! Inzwischen sind solche Ideale der Vollkommenheit von scharfsinnigen und erfahrnen Mannern ausserst erspriesslich und verdienen warmen Dank und hohen Ruhm und Preis, ob ich mich gleich lieber an Rom und Sparta halte, den edelsten und vollkommensten Greisen unter allen Staaten, die wir kennen und die vielleicht je gelebt haben. Jeder, der in der burgerlichen Welt sich herumschlagt und da und dort gross und herrlich und menschenfreundlich wirken will oder irgendwo an der Spitze steht, les' ihre Geschichte und denke sie tief durch mit einer Seele voll Erfahrung: und sie wird ihm ganz ander Licht gewahren als auch die besten Massregeln eines einzelnen Politikers.

Einem Tyrannen den Dolch ins Herz: andert allein noch keinen Staat um, wenn er nicht reif zu einer bessern Verfassung ist; das gottliche Wesen, und wenn es sich auch lauter und rein erkennt, als es von seinem Ursprung gekommen ist, muss sich uberall nach der Materie bequemen, wohinein es vom unerbittlichen Schicksal getrieben fuhr. Einer, der aus beiden Brutussen zusammengesetzt ware, wurde nun bei uns immer als Pobel herumgehen, wenn er ohne Hoffnung sich selbst immer gram bleiben konnte.

Unsre Tarquine hatten wir schon verjagt, allein sie wurden uns von einer unendlich grossern Macht als der des Porsenna wieder aufgebunden, und unsre innerliche Einrichtung war bei weitem noch nicht so wie die romische zur Republik gediehen; und noch ausserdem war der heidnische toskanische Konig gewiss ein bessrer Mensch als der orthodoxe Karl der Funfte. Dieser, voll Ehrgeiz und kalter List und Schlauheit, ohne eigentlichen weitsehenden Verstand, kam zu fruh zur Regierung von grossen Reichen, um ein Mann von naturlichem Gefuhl bleiben zu konnen. Er ging ubrigens noch auf dem Welttheater mit den Menschen um wie hernach in der Einsamkeit mit seinen Uhren; und es gehorte ein Sturm von Leben wie beim Ruckzug von Algier dazu, und Untergang und Verderben mussten grasslich vor Augen liegen und seine eigne Person ergreifen, bevor sein Herz in warmere Wallung gebracht und gegen fremde Not empfindlich wurde. Geboren zu Anfang des Jahrhunderts, hat er mit wunderbarem Gluck die ganze erste Halfte desselben durchgeherrscht, und alles musste gewissermassen sich in seinen Ton stimmen. Unsre Freiheit und die Gluckseligkeit von Millionen kunftiger Seelen vernichtete er so ganz ohne Gefuhl, wie ein Vogelsteller einem Gramsvogel im Garn die Brust eindruckt.

Es bleibt uns nun nichts anders ubrig, nachdem der eiserne Arm mit Gericht und Beil uber uns vereinzeltem bunten Haufen schwebt, der sich nicht mehr vereinigen kann, als dass einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen kluglich anrege und wenigstens den einen grossen Grundsatz auf die sinnlichste Weise ausbreite, dass der Staat der beste sei, wo alle uberhaupt und die Bessern und der ausbundig Vortreffliche bei den Vorfallenheiten ihre Rechte geniessen; und dass man dabei nicht allein auf glucklichre Zeiten hoffe, sondern dieselben herbeileite. Unter dem Cosmus hat der Despotismus schon zu tiefe Wurzeln gefasst, und sein Sohn mag so schwach sein und immer mehr schwach werden, als er will: so lasst er sich sogleich nicht ausrotten.

Ich fur mein Teil darf mich jedoch wenig uber Franzen beklagen: er hat mir nun meine vaterlichen Guter wiedergegeben, in besserm Stand, als sie waren, und, um mich sich desto mehr zu verbinden, noch eine kleine dichterische Villa dazu geschenkt, nahe bei Cortona, mit der reizenden Aussicht uber das fruchtbare Tal der Chiana und den Trasimenischen See; und mich zugleich zum Oberaufseher aller seiner Kunstsachen, Schlosser und Gebaude angestellt. Freilich, wenn ich Isabellen sehe, flammen nichtsdestoweniger immer aufs neue racherische Blitze von meinem Herzen.

Meine Tante und der Kardinal Ferdinand13, der ein ganz andrer Mann ist, scheinen sich das Leben sehr froh zu machen; so wunderbarlich laufen die Begebenheiten ineinander.

Wegen meiner Ausschweifungen in der Liebe brauchst Du nicht sehr bange zu sein: der hat gewiss ein verwahrlostes Haupt, der nicht beizeiten erkennt, dass die Gesundheit der Grund und Boden aller unsrer Gluckseligkeit ist, ohne welchen kein Vergnugen bestehen kann; und uberhaupt, dass volle Existenz das hochste Gut in der Welt ist und alles andre dagegen nur Freude von kurzer Dauer.

Ohnerachtet dieser Grundsatze schweb ich vom neuen in Gotterwonne, mehr als jemals. Ich war noch keine funfzehn Jahr, als ich mit einem kleinen Engel aus der Nachbarschaft, noch unter meinem Alter, eine Tochter zeugte. Meine Eltern vermittelten, verbargen und bemantelten die Sache mit der Schwiegermama, der hinterlassnen Witwe von einem Buchhandler, so gut als es geschehen konnte. Meine Geliebte ward in ein Kloster getan und den Augen der Leute so entruckt, und die Frucht der Unschuld mit lachelnder Zartlichkeit erzogen.

Ich habe beide wiedergefunden. In einem Garten voll Blumen aus einem Traubengelander flog Emilia auf mich und hing an meinen Lippen, an meinem Herzen mit tausend neuen Reizen; und fuhrte mir behende dann das susse Geschopf zu, das liebkosend mit ausgestreckten Armen nach mir aufsah und "Vater! Vater!" entzuckend mir durch Mark und Bein frohlockte.

Sobald ich's moglich machen kann, reis' ich zu Euch; ich muss Cacilien selbst sehen und sprechen, mit Briefen ist's nicht getan; und Du begleitest mich dann hieher. Wir wollen wie in einem Paradiese leben.

Frescobaldi

Cacilia an Ardinghello

Nur die Liebe zu Dir hat mich erhalten. O dass ich nicht bei Dir bin! Welch ein Gegenstuck zu unsrer bangen furchtbaren Trennung! Aber noch ist mir die Sonne der Freude nicht ganz aufgegangen; doch weiden sich meine Blicke an ihrer lieblichen Morgenrote, und schon wall ich auf den purpurnen ostlichen Fluten entgegen ihrem blendenden ersten Feuer.

O Du mein alles, Licht und Leben und Heiterkeit meiner Seele, wenn werd ich mich wieder um Dich winden? mich in Dich verwandeln, nur voll von Dir, nichts mehr, Dein unaussprechliches entzuckendes Selbst sein?

Wie eine Rebe den Ulmbaum werd ich Dich umflechten, und die susse Traube soll Dich schmucken.

Hand in Hand wollen wir nun die Gestirne blinken und den Mond aufgehn sehen, im kuhlen erquickenden Geflister der bewegten Zweige, ohne Furcht bei der Nacht; und uns laut kussen und unsre Wonne girren, zwischen Rosen gelagert unter dem hohen Ahorn, worin die muntern Philomelen seufzen und zwitschern und schlagen.

Lange lebt ich eine Gefangne, mit schrecklichen Phantasien und Traumen: nur Du, nur Du, mein Abgott, und war ich auch ein Vogel in den Luften, bist in der weiten Welt meine Freiheit.

Fulvia an Ardinghello

Grosster und strahlendster Diamant von allen jungen Rittern!

O war ich so die schonste und grosste Perle! nur Deinetwegen.

Fortuna und Victoria halten nun den Rosen- und Lorbeerkranz uber Deinen Scheitel verschlungen hinten auf Deinem Triumphwagen: aber ich war auch glucklich! die Glucklichste unter den Weibern. Jene Konigin der Amazonen musste den Uberwinder von Asien aufsuchen: und Du kamst zu mir, Genua zu verherrlichen, und den schwachen kraftlosen Stamm, womit ich vermahlt bin.

Ich trage mit uppiger Hoffnung die Frucht unter meinem Herzen, und sie beginnt zu reifen. Die Parzen selbst haben ihr kunftig Leben aus Deinem Munde gesungen. Die Korsaren und das Misstrauen meiner Verschwagerten machten, dass ich noch unverdorben in Deine Arme kam.

Dir fehlt zum Konig aller Konige nichts als ein Konstantinopel, ein Ispahan.

Florenz, September.

Man muss das Eisen schmieden, weil es warm ist. Wir Besten haben es miteinander abgekartet und den Minister gesturzt, eh er sich's versah. Es war mit dem alten Ziegenfussler ohne Bestechung nichts anzufangen, und er hat uns Tort und Drangsal genug angetan. Wir sind jedoch sauberlich mit ihm verfahren, und er darf in Einsamkeit und Musse noch seine Beute uberzahlen. Die Kammerjungfer der Bianca und der Kammerdiener des Grossherzogs schlugen ihm fur eine Summe Zechinen das Bein unter; das ist: sie brachten ihm aus den Morgenstunden falsche, ganz entgegengesetzte und doch fein und wahrscheinlich erdichtete Nachrichten von dem, was man gern sahe: und er plumpte hinein. Wir warfen bei der Gelegenheit noch einige Lacherlichkeiten auf ihn und empfohlen unvermerkt den, welchen wir an seine Stelle wollten.

Ich hatte den Posten vielleicht fur mich erobern konnen; aber ich mocht ihn nicht. Auch bei einem wackern Fursten, dem ein schlaues Weib gelustet, kommt der trefflichste Mann zu kurz; er halt ihn mit seinen allerweisesten Ratschlagen doch nur immer bei den Ohren: und die reizende Kreatur, mit geringerm Aufwande, weit starker anderswo in nektarsussen Banden. Uberdies musst ich scheuen, bei erster Gelegenheit ein Opfer der Eifersucht zu werden.

Der neue lasst sich gut an; er scheint ein Mann von Kopf und hat Aufwallungen von Mut, doch merk ich Winkelzuge. Wir wollen sehen, wie lang er aushalt: noch ist er den Zauberfelsen der Sirenen nicht vorbei und keine Scylla und Charybdis durch, und an seiner Stelle werden die mehrsten bald uber einen Leisten geschlagen. Jetzt gefallt er sehr der Bianca und dem Fursten. Es war eben kein Bessrer da. Ich hab ihn beredet, sogleich in der Stadt und auf dem Lande einige neue Anordnungen einzurichten, die erspriessliche Folgen haben durften.

Furs erste ist die Anzahl der taglichen Lehrstunden in den offentlichen Schulen vermindert, das bloss leere scholastische Geschwatz, soviel moglich, daraus verbannt; und es sind andre wackre Meister in verschiednen Fachern mit guten Besoldungen angesetzt worden.

Die Geschichte von Florenz und dessen burgerlicher Verfassung wird nun gelehrt, woran man nicht mehr dachte, nebst der von Griechenland und Rom, nach kurzen einfachen vorlaufigen Begriffen von menschlicher Gesellschaft uberhaupt.

Alsdenn die Naturgeschichte des Landes; mit sinnlicher Anzeige dessen, was der Boden gut hervorbringt, am besten zum Lebensunterhalt dient und am besten verkauft wird. Noch uberdies sollen die Zoglinge wahrend der Ferien bei den Wallfahrten alles an Ort und Stelle in eignen Augenschein nehmen.

Ferner haben wir den Festen und Spielen der Jugend einen edlern Zweck zugesellt; und man wird nun Schwert und Schiessgewehr mit Leichtigkeit bei Beleidigungen gebrauchen lernen. Zugleich sind sie unvermerkt Gelegenheit, dass der Kern der Mannschaft sich geschwind vereinigen kann, wenn es die Not erfordert. Alle Woche ist in den Stadten und wichtigsten Flecken eine Fechtakademie und doppelte Ehrenpreise, weil die Verdorbnen die Belohnung doch gleich in der Hand haben mussen; und in Stadt und auf dem Lande wird ebenso nach dem Ziele geschossen.

Und endlich sind nun fur Knaben und Madchen offentliche Musikschulen und Tanz- und Zeichnungssale; was ist Leben ohne Freude?

In das Seewesen hab ich mich noch nicht einmischen konnen. Mehr ist nicht moglich, fur jetzt zu tun: so ist das Volk schon gesunken.

Unser junger Monarch ist ubrigens leicht zu leiten; und er findet, obgleich nicht ohne gute naturliche Anlagen und manche helle Blicke, doch dies, aus einer sonderbaren Schwachheit, selbst zu handeln, fast immer das beste, was der letzte Wohlredner ihm entschlossen vortragt.

Ausserst selten tut er etwas aus sich: Hulfe und Gesellschaft muss er uberall haben.

Gewohnheit ist eine schreckliche Tyrannin! Die Quelle des Ubels liegt darin, dass die bequemlich gewordnen Romulusse und Casarn durch blosse Geburt von Kindheit an bei der geringsten Kleinigkeit bedient werden und hernach Maschinen sind, von einer Menge Leuten zusammengesetzt, nie ganz und unabhangig, eher Schnecken und Schildkroten als Adler in den Luften, die sie doch sein mochten. Bauer und Bettler haben mehr Gefuhl eigner Existenz als sie und geniessen grossre Gluckseligkeit.

Noch isst und trinkt er gern etwas Gutes; und er hat seine Zunge im Geschmack so ausgebildet wie ein grosser Tonkunstler sein Ohr und ein Correggio sein Auge. Auch lasst er die besten Reben kommen von Osten und Westen und pflanzt sie an in Toskana: und dies verdient gewisslich allen Dank. Die Zunge ist der Massstab seiner Gesundheit; wenn sie namlich gerade das Mittel halt zwischen Trocken und Feucht, befindet er sich am besten. Suss und Bitter unterscheidet er nach allen Graden wie Licht und Finsternis mit ihren Farben.

Frescobaldi

Rom, Oktober.

Ich bin mit dem Kardinal hieher gereist, um Kunstsachen zu kaufen und in Ordnung zu bringen; und streiche nun herum wie eine Flamme, so ist alles bei mir in Bewegung.

Wer Rom in seinen Ruinen und seiner Versunkenund dreifach grosser Marius auf den zerstorten und zerfallnen Kaiserpalasten des Monte Palatino sitzen. Kein Mensch auf dem heutigen Erdboden vermag dies; alles ist dagegen zu klein, was herkommt und was da ist. Meine Tranen rinnen auf die heilige Asche der Helden, und ich schaudre zusammen in der Unwurdigkeit, wozu mich das Schicksal verdammt hat. Welch ein Gluck, bei seiner Geburt in ein Rom zu den Zeiten der Scipionen auf die Welt geworfen zu werden! Aber dies kann niemand mehr begegnen.

Wer sich eine Idee von der romischen Gegend machen will, muss sie an einem heitern Morgen oder Abend auf dem Turme vom Kapitol sehen. Weit, voll grosser reinen Gegenstande, ein entzuckend Stuck Welt, zu handeln und wieder auszuruhn, ist sie; schone Hugel, fruchtbare Flachen, ferne Ketten kuhl Gebirg und das unermessliche Meer in der Nahe zum leichten Ausflug in alle Nationen. Und wie stolz und koniglich nun Rom in der Mitte liegt auf seinen freundlichen mannigfaltigen Hohen, an der Schlangenwindung des Tiberstroms, als stark anziehender Vereinigungspunkt! Zeigt mir eine andre Stadt in der Welt, im herrlichen Europa, von wo aus man dasselbe und Afrika und Asien so bequem beherrschen konne, gerad im mildesten menschlichsten Klima zwischen Hitze und Kalte!

Es bleibt dabei: Luft und Land macht den Hauptunterschied von Menschen: alsdenn kommt Zufall und die Kette der Begebenheiten, Neuheit und Ablebung; alles geht im Kreis und Taumel, und die Bewegung lauft immer fort. Es kann nicht fehlen, jede Gegend stimmt mit der Zeit die Seelen der Einwohner nach sich. Rom ist weit, glanzend und gross in prachtigen Fernen, schon in der Nahe; still auf seinen bekranzten Hugeln und einsam zum Genuss und Nachdenken: und so die Romer von jeher, was die Form betrifft, und sie werden's bleiben. Jetzt geben ihnen ihre eignen Ruinen etwas Zerstorendes, das noch entferntere Gegenden als ehemals empfinden.

O dass Du nicht hier bist und mich begleiten kannst! Doch ist auch wieder Genuss und Ruhrung starker bei traurigen Gefuhlen, wenn der Mensch allein ist.

Ich bin die ersten Tage in den Gebirgen herumgeritten zu Tivoli, Palestrina, Frascati und Albano; und hernach an der See herum zu Nettuno, Ostia, Civitavecchia. Wie ein Hannibal such ich es einzunehmen, das unbandige Rom: aber es wird mir wie ihm nicht gelingen. Alsdenn hab ich es wieder von seinen Hohen betrachtet: und nun sturz ich mich hinein in die Tiefe. Meine Seele kann wegen der vorigen Sturme noch keine rechte Ruhe finden, und dies treibt mich oft nach kurzem Schlummer vom Lager auf; hier will ich Dir denn, um mich zu zerstreuen und vielleicht zu Deinem Vergnugen etwas beizutragen, zuweilen einige Worte uber mein gegenwartig Leben hinwerfen. Fur Eingeweihte ist das willkurliche Zeichen immer ein guter Zauberstab, die Gefuhle eines andern wieder hervorzurufen, zumal wenn sie dereinst dieselben Gegenstande vor sich haben.

Gestern fruh bin ich an dem Kolosseum herumgeklettert. Es liegt auf dem herrlichsten Platze, den man sich denken kann; gerad in der Mitte des alten Roms, in dem Tale zwischen den drei Hugeln Palatino, Celio und Esquilino; und war der bequemste Freudenort fur alle Einwohner. Es ist ruhrend und schrecklich zugleich, wie einige Zwergenkel der heroischen Urvater und die Barbaren an den erhabnen, in schoner Form erbauten Massen genagt und zerstort haben und sie doch nicht zugrund richten konnten. Die eine Halfte der aussern Einfassung ist weggetragen, und aus den geraubten Trummern sind die stolzesten Palaste der neuern Welt aufgefuhrt; die andre steht noch, ein weiter Kreis in hoher grauer Majestat mit lauter Quaderstucken von Felsen und dreifachen festen Saulen ubereinander mit korinthischen kleinen Pilastern oben gekranzt. Die Zusammenfugungen von Stein auf Stein hat das Maulwurfsgeschlecht uberall durchlochert, um die metallnen Pflocke herauszuholen; und die breiten Sitze von Bausteinen stehen auf Gewolben noch zum Teil rundum in Trummern, und zum Teil hat sie die Zeit in Ruinen darniedergesturzt, und sie liegen unten im Schutte.

Gras und Kraut und Gestrauch mit Lorbeerstauden grunt und bluht uberall, wie auf einem Anger von fruchtbarem Boden, und das Oval der Arena ist eine vollkommne Wiese.

Eine solche Gestalt hat jetzt das ehemalige Wunder der Welt, das achtzigtausend Zuschauer fasste, welche alle binnen wenig Minuten wieder auf der Strasse sein konnten, und erschuttert noch den kuhnsten der heutigen Erobrer. Herum trauern der Esquilino und Palatino und Celio mit ihren zerfallnen Tempeln, Badern, Wasserleitungen und niedern Gewolben.

Der Plan zum Ganzen ist ausserst einfach. Die Rundung eiformig; und der grossere Durchmesser teilt sich in vier kleine, von denen zwei die Arena einnimmt und einen auf jeder Seite der Gang vom Gebaude selbst, die zusammen etwas uber achthundert Palme ausmachen; die Peripherie hat deren drittehalbtausend.

Die Hohe besteht aus vier Absatzen. Die drei untern sind mit Saulen nach dorischer, ionischer und korinthischer Ordnung in Bogen ubereinander, der vierte ist mit kleinen korinthischen Pilastern geziert und schliesst ohne Bogen mit einem prachtigen dreigestreiften Gebalke. Die ganze Hohe macht zweihundertundzweiunddreissig Palme.

Es muss viel Holz darinnen gewesen sein, weil es verschiednemal abbrannte, und zuweilen bloss einfach und zuweilen reich verziert und vergoldet war. Die innre Aussicht ging in eine Ordnung von einzelnen Saulen aus, die das Zelt festhielten, nach den Munzen des Titus und Domizian.

Die Schonheit der Saulen besteht mehr im Verhaltnis der Teile als der Arbeit; ihre Form ist rauh und einfach, wie es die ungeheure Festigkeit erheischt.

Das Amphitheater von Verona ist kleinlich und provinzial dagegen.

Mir winkte obenauf durch Ruinen und Gestrauch, ewig jung und unversehrbar, die Pyramide des Cestius von fern in blauer Luft, und ich konnte nicht erwarten, dahin zu gelangen; strich an dem halb eingefallnen Septizonium des Severus vorbei durch die Niederlagen des Circus Maximus zwischen den Aventinischen und Palatinischen Bergen nach dem Tiberstrom zu und daran fort, bis ich der reinen schroffen Felsenspitze immer naher kam. Ach, wie alle die Herrlichkeit so verwustet liegt! Und doch sind die Uberbleibsel der Verwustung nur klein gegen das, was stand: vom Circus Flaminius, Agonalis, Florealis, Vaticanus, von denen des Sallust und Nero ist keine Spur mehr zu finden. Und was waren die Gebaude selbst in ihrer Vollkommenheit gegen das ungeheure Leben darin! Die Phantasie des Menschen mit ihrer Gotterkraft scheut sich zuruck, wenn sie sich eine Vorstellung machen soll, wie nach dem Siege des Metellus in Sizilien uber Karthago hundertundzweiundvierzig Elefanten auf einmal kampften und erlegt wurden, und von hundert Lowen unter dem Sylla es bis auf sechshundert unter dem Pompejus kam. Unter den Kaisern vollends folgte hierin eine Ausschweifung auf die andre. Trajan gab nach dem Dacischen Kriege und dem Tode des Decebalus hundertunddreiundzwanzig Tage lang dergleichen Schauspiele, wo zuweilen bis auf zehntausend zahme und wilde Tiere und unzahlbare Gladiatoren kampften; und Commodus brachte nach dem Lampridius hundert Elefanten mit eigner Hand um.

Es ist klar genug, dass ein solches Volk, welches noch uberdies wirkliche Konige und Helden am Leben, wie Jugurtha, ihren letzten Tropfen Existenz in seinen offentlichen Gefangnissen bis auf den aussersten Hunger ausdauern sah, der kleinern atheniensischen Tragodie nicht bedurfte, um das Herz nach dem Aristoteles von Furcht und Schrecken zu reinigen. Und was sind wir, denen die Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen?

Es ist wohl wahr, der Mensch bezieht alles auf sich selbst, und also auch die Werke der Kunst; sein Gefuhl ist wie sein Charakter. Ein Miltiades, Themistokles, ein Sylla und Casar konnen bei Gegenstanden Vergnugen empfinden, die bei einem Schwachen Abscheu erregen und ihn martern, weil er nicht die grosse starke Selbststandigkeit hat, die Leiden andrer ausser sich zu fuhlen, ihre Natur und Eigenschaften wie jene mit ihren Kraften zu ergrunden und zu erkennen, die Sphare seines Geistes dabei zu erweitern und zugleich uber alles dies emporzuragen, ohne sich als Teil damit zu vermischen und selbst zu leiden. Griechen und Romer vergnugte vieles, wovor wir fromme moralische Seelen Abscheu haben. Der letztern Fechter waren meist zum Tode verdammte Sklaven; und die Tragodien der erstern zeigten ihnen, wie Menschen untergehen, die nicht vollkommen genug sind, und wie Held und Heldin bei Ausubung hoher Tugenden leiden soll oder sich weise mit ganzem Bewusstsein unter das Gesetz der Notwendigkeit, den ungefahren Zusammenstoss der Begebenheiten beugt. Dies ergreift mannliche Seelen, und ein solch ausgewahlt Leben, von trivialen Lumpereien fern, dringt in nichtsdestoweniger rein und scharf fuhlende Herzen; es ging nach dem grossen paradoxen, unsrer empfindelnden Welt unbegreiflichen Grundsatze der Stoiker: der Weise erbarmt sich, hat aber kein Mitleiden.

Die Pyramide ist ein gar herrlich Werk, hundert und etliche Fuss hoch. Sie steht ewig jung da, obgleich das Grun von Gestrauchen sich hineingenistet hat, wie ein gediegner Feuerwurf aus der Erde, so scharfflammend; grade gegen die vier Weltteile mitten zwischen den Ringmauern, die Seite nach der Stadt gegen Norden. Uppig fest trotzt sie der Luft, dem Himmel und seinen Wolken. Eine dauerhaftere Form gibt's nicht: alles, was von oben herunterfallt und in der Erde anzieht, macht sie starker, die machtigste Feindin der Zerstorung. Aber was hilft's? Der Geist und das Leben ist doch weg aus dem Menschen, der darunter begraben liegt; sein Name bleibt indessen immer etwas. Wie das zarte Schwarz dem innen blendendweissen Marmor so lieblich lasst! Sie steigt hervor so naturlich wie ein Gewachs, und die agyptische Nachahmung schlagt alle romische Grabmaler, selbst die der Metella, des August und Hadrian, darnieder.

Da ich so nahe mich befand, wandelte ich noch zum Tore hinaus uber die alte Via Ostia nach der Sankt-Pauls-Kirche, die Konstantin der Grosse angelegt haben soll. Welch ein Eindruck von verschiednen Empfindungen! Schonheit und Pracht in ihrer grossten Herrlichkeit entzuckt Augen und Phantasie: und die Armseligkeiten darum her setzen einem das Messer an die Kehle wie Diebsgesindel. Man hat hier Roms ungeheure Macht und Ruin beisammen.

Sie ist von innen wie ins Kreuz gebaut, doch merkt man's kaum, und sie bleibt ein Oblongum; nachher erst hat man die Verehrung vom Kreuz ins Alberne getrieben. Die vierzig gestreiften haushohen korinthischen Saulen und die vierzig kleinen glatten unter dem Schiffe machen, mit den uber doppelt breiten mittlern, funf Gange, die ihresgleichen in der Welt nicht haben. Unter den gestreiften sind zwei Dutzend von parischem Marmor in hochster Schonheit. Das Scheurendach und Obergebaude daruber mit den acht Fenstern macht damit einen wunderbaren Kontrast, der aber doch einfach ist und gewissermassen dem Untern entspricht, und dies gibt dem Ganzen eine furchtbare Grosse; die entzuckendste griechische Schonheit muss, vom Schicksal unwiderstehlich genotigt, den wilden Barbaren dienen.

Der Boden ist aus Marmortrummern, worin hier und da noch Fetzen von Inschriften sich befinden. Im Kreuzgange, wenn ich ihn so nennen darf, sind sechs grosse und zwei kleine Altare mit dreissig Porphyrsaulen, alle, zwei oder drei etwa ausgenommen, aus einem Stuck, wie die achtzig weissen Marmorsaulen; und noch tragen da die Decke sechs ungeheure von agyptischem Granit und vier ebenso grosse von Marmor. Der herrliche freie Raum tut einem ungemein wohl zwischen den Saulen, samt der uneingeschrankten Hohe.

Diese Kirche bleibt die hochste Pracht der Welt, und nichts ubertrifft sie. Man mag von den gefangnen ruhrenden Schonheiten nicht weggehn, wie von lauter Iphigenien in Tauris, und die ganze Seele stimmt sich daran rund und geschmeidig.

Man sagt, die Saulen waren vom Grabmale Hadrians, der jetzigen Engelsburg, genommen, und es ist sehr wahrscheinlich. Die Asche des Kaisers muss dort wie in Blumen gelegen haben; ungluckliche Manen! Ubrigens ist es den Romern wieder ergangen, wie sie es den Griechen machten; und derjenige, welcher diese Kirche baute, hat vielleicht, wie Mummius bei Fortschaffung der geplunderten Statuen von Korinth den Schiffern, ebenso den Baumeistern gedroht, sie sollten andre Saulen machen lassen, wenn sie etwas daran verdurben oder zerbrachen.

Mich uberfiel der Mittagsbrand, wie ich wieder in der freien Sonne war, als ob ich aus einem kuhlen Bade kame; und ich verdoppelte meine Schritte nach dem Tore, wo die zwei wilden Turme aus den mittlern Kriegszeiten und die mit Efeu dicht behangne alte Stadtmauer neben der Pyramide mit ihrem Schatten mich erfreulich an sich zogen. Mir schien der Weg zu weit bis auf den Spanischen Platz, und ich begab mich unter die Pinien, Zypressen, grune Eichen und Maulbeerbaume, nach den frischen Weinkellern des Monte Testaccio; liess mir's kostlich bei einem alten Wirt, einem Sizilianer und Sohn des Atna, schmekken, und legte mich nach wohlgehaltnem Mahl und angenehmem Geschwatz in ein Zimmer gen Norden zur sussen Ruh nieder, und fiel in einen erquickenden Schlaf.

Gegen Abend erwacht ich wieder und horte in einem Saale neben mir: 'Michelangelo, Raffael und Antiken' und unten Trommel und Geige. Ich sprang auf, und sah zwischen den Baumen Fest und Tanz und Schonheit, und trat in den Saal. Der Streit war so heftig, dass man mich nicht bemerkte. "Michelangelo", sprach ein reizender junger Mensch, "gehort gar nicht unter die Maler, so wenig als einer, der bloss den Kontrapunkt versteht, unter die grossen Sanger und Geiger. Was hat er denn hervorgebracht? Seine Capella Sixtina, und weiter nichts als seine Capella Sixtina. Ist dies gemalt? Ist dies Natur? Wer kann sich erinnern, irgend etwas in der Welt gesehen zu haben, das seinen Herrgottern, Propheten und Sibyllen und vollends seinen Seligen und Verdammten gliche? Geschopfe einer ungeheuren Einbildungskraft, die zwar erstaunlich viel fur Studium den Kunstlern, aber wenig fur Volksverstand und nichts fur Auge und Herz sagen.

Der elende Florentinerschmeichler Vasari hat mit dem Dampf von seinem Weihrauchkessel, den er dem alten Kunstdespoten unter der Nase herumschwenkte, damit er durch dessen Empfehlung etwas zu malen bekame, den Leuten das Gehirn benebelt. Und ist dies gross im Geiste, wie er die gutige himmlische Seele, den Raffael, verfolgt hat? Weil er selbst sein Unvermogen in der Farbe erkennen musste, so zeichnete er mit aller seiner Gelehrsamkeit die Umrisse dem Venezianer Bastian, und dieser sollte mit seinem Kolorit den Pfeil vergiften. Aber was kam zum Vorschein in Pietro Montorio? Ein Zwitterding, welches seiner Einsicht wahrlich wenig Ehre macht, und der Gottliche blieb, wer er war. Raffael hingegen, der edle reine Jungling, der nur die Vollkommenheit der Kunst im Auge hatte, sonder Neid, strebte in Unschuld, das zu dem Seinigen noch zu gewinnen, was der weit Altere, der Mann in Rucksicht seiner, Vortreffliches besass; und wahrlich meistens aus kindlicher Gutherzigkeit: denn die Antiken sind doch auch hierin ganz andre Muster, und Michelangelo ist dagegen ein Wilder. Und endlich konnte Raffael wohl von Michelangelo lernen, aber Michelangelo nicht von ihm; denn was den Raffael zum ersten Maler macht, lehrt und lernt sich nicht."

Ein Landsmann von mir, der eigentlich mit diesem im Klopfgefechte begriffen war, wurde daruber vor Arger grun und gelb, und die Nase schwoll ihm zusehends: doch konnt er vor Zorn nichts hervorbringen, so wortreich er auch sonst ist, und hatte bald wie Markus Tullius Cicero vor dem schonen Clodius, dem rebellischen Tribun, das Hasenpanier ergriffen, wenn ich nicht einigermassen seine Partie aufnahm. Ich antwortete:

"Die Herrgotter von Michelangelo konnt Ihr freilich nicht in der Welt gesehen haben: aber gibt's in der neuern Kunst erhabnere Gestalten? und entsprechen sie nicht doch alle dem, was der gemeine Mann bei uns sich als Zauberer vorstellt? Eure Gestalt selbst, Freund, ist zu edel und Eure Blicke zu hochgeistig," fuhr ich fort, "als dass der Gott, der die Sonne schafft, und der, welcher die Eva schafft, Euch nicht ergriffen haben sollten. Das Erhabne schlagt ein wie ein Wetterstrahl und beruhrt am ersten die grossen Seelen. Die Propheten und Sibyllen sind lauter machtige Charakter in Feuer, Eifer und Begeisterung. Und im 'Jungsten Gericht' verdammt Christus streng, droht die Sunder majestatisch mit aufgehobner Rechten fort: indes die zartliche Mutter mit angelegten Armen und Handen an die Brust die Seligen heraufwinkt; und es ist ein Spiel der Phantasie, wo der menschliche Korper in allen moglichen Stellungen wunderbar sicher ausgezeichnet ist.

Ich habe vor wenig Tagen", fugt ich hinzu, "ein kleines Gemalde von ihm gekauft, welches vorstellt Christum am Kreuz, wo der Erloser gesagt hat: 'Weib, siehe, das ist dein Sohn!' und zu dem Junger, den er liebhatte: 'Siehe, das ist deine Mutter!' Unten auf beiden Seiten mit der Mutter und dem Johannes, sie rechts, dieser links; und an den Armen des Gekreuzigten schweben zwei Engel in einem Gewitterhimmel voll Dunkelheit und Feuergewolk.

Christus und die Madonna sind die erhabensten tragischen Gestalten, die ich je in Malerei gesehen habe. Christus ist ein leidender Alexander, Hannibal, Casar und was man Grosses und Erhabenes von Menschheit kennt. Ein gottlicher Jungling voll Gute fur den grossen Haufen, welcher der Menge unterlag: ein Tiberius Gracchus, und die Mutter eine Cornelia, voll Geistesstarke und Grosse.

O wie verschwinden alle Madonnen und wie ist selbst Raffael, den ich bewundre und liebe wie den neuern Apelles, klein dagegen und gewohnlich! Stellung von ihr, Blick zu ihm, zu seinem schmerzenbandigenden scharfen Aug und hohen Angesicht; herabgehaltne Rechte, voll Kraft und Zorn angehaltner linker Arm, Daum und Zeigfinger nach dem Junger hin gerichtet; der Wurf des blauen Mantels uber das rote Gewand: alles harmoniert und macht ein Ganzes. Johannes sinkt vor Schmerz zusammen mit ubereinandergeschlagnen auf die Brust gelegten Handen.

Welch Meisterwerk von Zeichnung ist der Korper des Gekreuzigten! Wahrheit bis in die kleinsten Teile und zugleich Leben und Leiden durchaus in Einheit.

Man fuhlt wirklich hier etwas von dem, was Vasari im allgemeinen sagt, der zuweilen so golden beschreibt, ob es gleich wahr ist, dass ihn seine antike Vaterlandsliebe zu Ungerechtigkeiten gegen die drei grossen Apostel der Kunst, Raffael, Tizian und Correggio, verleitet: es ist, als ob ein himmlischer kraftvoller Genius heruntergekommen ware und Mitleiden mit allen den Stumpern gehabt und denselben gezeigt hatte, wie ein Christus am Kreuz und eine Madonna und ein Johannes dabei vorzustellen sei. Er ist bis zur Tauschung angenagelt und bewegt sich gerade dazu, wie es sich schickt.

Die Mutter ist ein hohes Weib, noch in unverwelkter Schonheit, ihres Adels bewusst, die uber die Grausamkeit zurnt, welche man an dem Sohn ausubt, sein ganzes Leiden fuhlt mit dem weinenden Feuerblick: aber in der Zerknirschung noch solche Festigkeit und Erleuchtung hat, um erhabner als eine Niobe dabeizustehen und anzuschauen."

Der junge Kunstler fuhr auf, druckte mir beide Hande, freudig und verschamt im Gesichte gluhend, und sprach freundlich zu mir: "Ich habe nur gelastert, um den dort zu schrauben; und uberhaupt erfahrt man mit den bittersten Widerspruchen am besten die Wahrheit, die man sonst selten aus den verborgnen Tiefen eifersuchtiger Virtuosen hervorholt. Ich kenne das kleine Gemalde von Michelangelo wohl; wievielmal ist es nicht kopiert worden! Nur wunscht ich, dass die Figuren in Lebensgrosse waren. Ich kann das Kleine nicht leiden, es geht mir wider den Sinn; und ist ein Schlupfwinkel, wohinein sich Mittelmassigkeit und Schwache verbirgt und bei Weibern und Kindern und Unverstandigen grosstut."

Ich antwortete ihm, dass ich hierin gar sehr seiner Meinung ware, dass aber doch am Ende alle Kunst bloss Zeichen sei und Verstand und Geist am mehrsten von einem Menschen entscheide; und dass, wer keinen Verstand habe, nirgendwo obenan stehen konne. Michelangelo hatte sich uberaus mit seinen Enakskindern, den Propheten und Sibyllen genug gerechtfertigt. Unterdessen sei wieder wahr, es konn einer ausserordentlich viel Verstand und Erhabenheit in der Denkungsart haben und doch ein schlechter Maler sein.

Hier tat einer in der Ecke mit hamischem Blick und boshaftem Lacheln den Mund voll gerader weisser scharfer Zahne aus einem prachtigen schwarzen Bart auf, streckte die rechte Hand hervor aus einem abgetragnen grauen Mantel, fuhr in meiner Rede fort und sagte:

"Und einer blutwenig Verstand haben und ein sehr beruhmter, vielleicht auch guter Maler sein.

In dieser Kunst kann es einer ohne Schopfungskraft, Erfindungsgeist, ohne eigentlichen Verstand, oder wie Ihr das heisst, was im Leben einen Menschen uber den andern setzt, nach dem allgemeinen Urteile weiter bringen als in irgendeiner andern, wenn er nur ein gutes Auge hat, sich eine fertige Hand erwirbt im Schweisse seines Angesichts und uberdies Achtung gibt, was denen gefallt, die reich sind und kaufen. Und je mehr er blosser Kopist der Natur ist, desto mehr wird er gefallen. Und er muss behaupten, dies sei das Wahre, und alle Uberfluge der Einbildungskraft, die nur hie und da einige Sonderlinge aufhielten, als leeres Zeug verachten und fragen, was nennt ihr erhaben?"

Ich wusste nicht, ob ich dies fur Mutwillen, Satire oder Ernst aufnehmen sollte; doch hetzt' es mich schnell auf, und ich antwortete geradezu, wie es die Lage der Sachen erheischte.

"Erhaben?" versetzt ich, "ist ein hoher Wesen, das in uns eindringt mit Empfindungen, Gedanken, Gestalt, Gebarde, Handlung; und man bedarf da keiner weitlauftigen Schreiberei von Sophisten. Wer nicht uber andre ist, soll sie nicht zu Paaren treiben und ihnen vorpredigen wollen, es sei, worin es sein mag. Pracht lasst sich wohl damit vereinigen, aber Pracht ist nicht Erhabenheit. Erhaben im hochsten Grade, was die Krafte des Menschen unendlich ubersteigt. Uberall fullt es die Seele mit Entzucken, Schauder und Erstaunen, dass sie die Zeit vergisst, und versetzt den Menschen unter die Gotter."

"Wir werden nie mit der Kritik nur einigermassen ins reine kommen," erwiderte er darauf kalt und trokken, "wenn wir nicht die Grenzen jeder Kunst bestimmen und feststellen, was sie uberhaupt selbst ist. Und wir sind jetzt da, uns zu freuen, und nicht, den Weg durch dieses Labyrinth auszuspahen. Lassen wir es also bei dem Gesagten bewenden."

"Nein, nein!" riefen hier einstimmig verschiedne, "es ist noch hoch am Tage, und die schonste Zeit dazu; setzen wir das angenehme Gesprach weiter fort." Und so baten sie ihn: und der so heftig gegen Michelangelo sprach, streichelte ihn liebkosend am Barte, bis er folgendermassen anfing:

"Das erste und heftigste Verlangen der Seele, welches sie nie verlasst, ist Neuheit, und dann Durchschauung, und endlich Vollkommenheit oder Zerstorung der Dinge. Dies treibt die Unsterbliche durch alle Welten. Sie schafft und wirkt, ihre Schwingen sind unermudlich und verlieren ihre Kraft nie, und sie kann nicht aufhoren, sich zu bewegen und bewegt zu werden; so bescheiden gegen sich, dass sie von sich selbst nichts weiss: aber die Iliade zeugt uberall genug von Homeren.

Nun ist der Mensch selten in der Lage, dass seine Seele in der Wirklichkeit hienieden nach diesen ihren Neigungen glucklich sein konnte: sie wirft sich also aus Verzweiflung in die Kunst und treibt damit ihr Spiel. Wohl derjenigen, die lange in den seligen Traumen hinschwebt, ohne zu erwachen!

Alle Kunst ist Darstellung eines Ganzen fur die Einbildungskraft. Sie unterscheidet sich nach den Mitteln, die sie dazu braucht; und diese sind in jeder Art ihre notwendigen Schranken, wohinein sich ein Weiser leicht bequemt und woruber nur die Unklugen hinauswollen.

Aristoteles, und wer ihm folgt, schrankt die Poesie auf Handlungen ein, als ob die Sprache nichts anders sinnlich vorstellen konnte: aber selbst die griechischen Dichter haben sich nie diesem Gesetz unterworfen; und Virgils Georgica und die Natur der Dinge des Lukrez und manche hohe Hymne blosser Empfindung werden Meisterstucke bleiben.

Die meisten haben wunderliche Begriffe von Poesie und meinen, sie konne ohne Nebel und Wolken nicht bestehen, und musse platterdings ein Rausch, eine Raserei sein, und scheue das Licht der Vernunft; und die albernsten Pobelmarchen und Kinderfabeln waren ihr Bestes und Wesentliches, und wurdigen sie so herab von ihrem Adel. Wenn sie nur den Sophokles und Euripides wollten sprechen horen, die diese Kunst zur Vollkommenheit gebracht, so konnten sie sich leicht von ihrem Wahn befreien.

Die Bildhauerei und Malerei stellt Oberflachen von Korpern dar, die letztere, insoweit sie sich durch Farben zeigen.

Ein neues Ganzes, wie schon gesagt, oder ein altes neu auf die wahrste und lebendigste Weise den Menschen in die Seele bringen ist Kunst. Das Schicklichste fur den Dichter sind Handlungen, oder Bewegungen im Zeitraum, weil seine Zeichen, das sind Worte, nur nach und nach konnen gehort werden; aber doch kann er immer auch damit Dinge nebeneinander oder Korper darstellen, und der Zuhorer denkt sie sich zusammen, wie er am Ende bei den Begebenheiten selbst muss. Homer wurde wohlgetan haben, wenn er die Gegend von Troja nicht fur bekannt angenommen und die Jahrszeit, worin alles geschah, sinnlicher gemacht hatte. Wer denkt an Zeit, wenn ich einem mit Worten etwas beschreibe und dieser getauscht dasselbe dabei sich vorstellt? Bei jedem Genusse sind wir ewig und scheinen die Zeit nicht mehr zu fuhlen.

Unser Leben ist kurz: wer uns ein Ganzes tauschend am geschwindesten in die Seele bringt, erhalt den Vorzug.

Wenn einer inzwischen gar zu grosse Begierde hat, ein neues Ganzes zu wissen: so behilft er sich auch mit dem mangelhaftesten Mittel, bis er ein bessers vorfindet.

Ein Dichter muss dem Maler immer in Schilderung korperlicher Gegenstande unterliegen: und geradeso geht's dem Maler im Gegenteil mit Handlungen. Nichtsdestoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkurlichen Zeichen uber alle ihre Schwestern hervor. Kein Maler kann die Grosse der Alpen, das unendliche Meer, den unendlichen Himmel schildern auf seinem Lappchen Leinwand; und kein Tonkunstler Kanonenschall, Donner und Orkan, ob er gleich das seelenergreifendste Mittel unter allen hat, da das Lebendigste, woraus wir bestehen, selbst Luft und Feuer ist.

Die Musik uberhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus und wirkt mit blossen verschiednen Arten von Bewegung, die von der Materie nur den Punkt zu ihrem Aufflug nehmen, und durch ihre Proportionen Empfindungen erregen: und ich glaube schier nach dem Pythagoras, dass das eigentliche Element, worin die Geister existieren, reiner Klang und Ton ist.

Geschichtmaler ist ein wahrer Widerspruch, da ein Maler nur einen Moment vorstellen kann und Geschichte notwendig eine Reihe von Begebenheiten erheischt. Es versuch es nur einer und erzahle mir mit seiner Malerei Begebenheiten, die ich nicht schon weiss, von Menschen, die ich noch nicht kenne! Und gesetzt auch, einer stellte mir eine Geschichte zum Beispiel vom altern Scipio mit lauter Portraten dar, so wahr und vortrefflich, als ob sie alle Tizian gemacht hatte: was weiss ich dadurch mehr als den Moment? Weiss ich, was entweder vorher oder nachher geschehen ist, da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiss, was er vorher getan hat oder nachher tun wird? So tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wirkungen. Und wo ist der Zauberer, der mir aus einer Tat oder aus tausend Taten das Gesicht nur eines Mannes darstellt, das er noch nicht sah, mit allem seinen Eigentumlichen? Dazu gehort der Gott Platons, um den sich das Weltall rollt, und kein Sterblicher. Alles, was der Maler erfinden kann, ist Ideal von Gestalt dieser oder jener Klasse von Menschen, oder Gattung von Geschopfen im allgemeinen.

Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von Leidenschaft ist alsdenn doch nur eine unaufgeloste Dissonanz. Das vollkommenste historische Gemalde, das ist, wo der interessanteste Moment aus einer Begebenheit gewahlt ist und man das Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann, bleibt also immer an und fur sich schon ein qualendes Fragment, das weder Herz noch Geist befriedigt.

Um hieruber nicht zu streiten, so bleibt ausgemacht: das Vortrefflichste derselben ist das schone Nackende; mit dem Ausdruck geht's hernach wie bei der Musik: er ist die Blute der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die Vollkommenheit selbst. Jeder Sinn hat sein eignes Element, worin der Ausdruck nur schwimmt. Die Poesie arbeitet zwar fur alle, aber doch ist auch die Sprache und Harmonie derselben fur das Ohr ihr Grundstoff. Die schlechten Kunstler meinen, sie hatten genug getan, wenn sie nur eine ruhrende interessante Geschichte mit ihren Wechselbalgen ausstaffieren und ein schmachtend Auge hineinbringen: Ihr Toren! eine einzige vortreffliche griechische Statue ohne Kopf und allen Ausdruck von Leidenschaft geht bei dem Kenner von kunstfertigem Sinn uber all Euer Fratzenwesen von unreifen Gesichtszugen, noch so affektiert geworfnen Gewandern und tausenderlei nachgeafftem Kostume. Aber auch im Gegenteil ist's nicht genug getan, wenn einer einen Haufen nackender Korper hervorheckt, die weiter nichts haben als ihre gehorige Anzahl von Rippen und Knochen, und Muskeln, und Augen, Maulern, Nasen, Ohren.

Mit einem Worte: die Schonheit nackender Gestalt ist der Triumph bildender Kunst; viel fur Auge und den ganzen korperlichen Menschen, wenig fur den innern. Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht; dazu gehort etwas, was selbst gleichwie unmittelbar von der Seele kommt und ihrer regenden unbegreiflichen Kraft: Leben, Bewegung. Und dies haben unter allen Kunsten allein Musik und Poesie: neigt euch, ihr andern Schwestern, vor diesen Musen."

Ich sahe wohl, mit was fur einem Feind ich's hier zu tun hatte; ein Federmesserstich von ihm verwundete todlicher als der Schlag von einer Keule; doch wollt ich ihn erst ganz herauslocken und bat: er mochte die Grenzen jeder Kunst naher bestimmen, und insbesondere von Bildhauerei und Malerei, und alsdenn uns seine Begriffe von der Schonheit entdecken. Und freute mich unaussprechlich, einen solchen Meister so unvermutet plotzlich anzutreffen. Er wollte abbrechen: allein wir liessen ihn nicht. Ich setzte mich ihm gegenuber, und wir stutzten die Glaser an, die von dem besten Monte Giove schaumten.

"Die Bildhauerei ist eigentlich fur einzelne Figuren", fing er vom neuen an; "die Malerei hat die Not emporgebracht, mehrere vorzustellen. Sie hat dies den Siegen der Griechen zu verdanken, besonders nach der Schlacht bei Marathon. Der Bruder des Phidias, Panaos, malte dieselbe, da dieser selbst sie in Stein nicht vorstellen konnte, weil kleine Figuren darin nicht wirken und die Materie furs Weitlauftige zu unbehulflich ist.

Es ist wohl keine Frage, welche von beiden Kunsten die Formen des Menschen besser darstellen kann. Die Malerei ist eine bestandige Luge und ihre Erhabenheit und Tiefe erkunstelt. Wir lassen uns tauschen, weil vollige Wahrheit und Wirklichkeit wie bei Bildhauerei unmoglich ist, und geben uns zu unserm eignen Vergnugen alle Muhe, die Kopfe und uberhaupt das Nackende zum Beispiel vom Tizian rund und hervorgehend und die Fernen und Mittelgrunde seiner Landschaften im gehorigen Abstand zu sehen. Ihre eigentlichen Gegenstande sind, wo die Farbe, leichte Bewegung und zarter Stoff einen vorzuglichen Teil ausmacht. Die Neuheit hauptsachlich und dann die uberwundne Schwierigkeit machten sie unter dem Zeuxis und Apelles so reizend; und gewiss ist's, dass die Farbe viel zur Tauschung, im ganzen genommen, beitragt. Auf den ersten Blick wirkt ein gemaltes Bild auch auf den Verstandigen mehr als eine ebenso vortreffliche Statue in ihrer Art; aber wenig Zeit und Besinnung macht die Malerei dagegen ganz verschwinden. Unter tausend Gesichtern findet man ferner in einem guten Klima nur ausserst wenige fur den Marmor, aber weit mehrere fur die Farbe. Die Bildhauerkunst ist die echte Probe schoner Form und geht ins Wesentlichre und das Erhabne: die Malerei gibt sich mit allem ab, wo sie nur ein wenig Reiz findet.

Die letztere muss sich also vor allem huten, was schon die Bildhauerei vollkommen darstellen kann; und beide mussen sich davor huten, das Reich der Poesie zu beschreiten: denn jede bleibt uberwunden, sobald sich nur ein gewohnlich guter Meister der andern Kunst an den Kampf macht. Poesie enthalt sich der Formen und Farben; Bildhauerei enthalt sich der Farben und Geschichten von vielen Figuren; Malerei enthalt sich alles dessen, was sich bloss durch Form zeigt, und so wie die Bildhauerei noch der Geschichten, wo man das Ganze nicht mit einem Blicke herausnehmen kann. Dienste und Gefalligkeiten mogen sie sich ubrigens gern erzeigen. Rom allein ist voll von Beispielen, wie gute und wackre Meister verungluckt sind, indem sie uber diese Regeln hinauswollten, und den schonsten Teil ihres Lebens umsonst dagegen kampften.

Apelles nahm sich wohl in acht, kein blosses Portrat vom Alexander zu machen; hierin musst er allezeit dem Lysipp wegen seiner Formen nachstehen. Er bildete ihn also mit dem Blitz in der Hand; mit dem Kastor und Pollux und der Victoria; auf einem Triumphwagen mit dem Krieg hinterdrein, diesem die Hande auf den Rucken gebunden. Dies musste Lysipp so naturlich wohl bleiben lassen. Aber Bildhauerei behalt doch immer den Rang; denn sie zeigt das edelste der bildenden Kunst, namlich die Form, am vollkommensten. Bei Weibern, es ist wahr, und bei Knaben ist die Farbe auch sehr reizend; allein sie ist doch bloss ein seichter Augengenuss, der nicht in den ganzen Menschen so eindringt wie die Form.

Das Klassische uberall ist das gedrangt Volle, wenn einer alles Wesentliche und Bezeichnende von einem Gegenstande herausfuhlt und nachahmt; und in diesem Verstande kann man gewiss schon aus einer Hand oder irgendeinem Teil am menschlichen Korper bei einem Kunstler den grossen Mann erkennen, wie aus der Klaue den Lowen. Phantasie, die aus Tausenden zusammentragt, aber nicht das Rechte, sondern Ausserwesentliche, ist das Gegenteil und Bettlerarmut; Lumpen und Lappen und kein ganz Stuck. Ein Ding recht fassen, zeigt den trefflichen Menschen und macht den Virtuosen.

Der schone Mensch im blossen Gefuhl seiner Existenz ohne Leidenschaft in Ruhe ist der eigentlichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Kunstlers, und seine Nummer eins; in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste Harmonie der Schonheit, und sie passt am allerbesten zu dem ganzlichen Mangel an Bewegung seiner Werke. Alle Leidenschaft, alle Handlung zieht, leitet unsre Betrachtung von ihren schonen korperlichen Formen ab. Zur Schonheit selbst gehort der Charakter oder das, wodurch sich eine Person von der andern unterscheidet. Schonheit mit lebendigem Charakter ist das Schwerste der Kunst.

Bei Gruppen von Figuren sind Spiele, Scherze, die wenig bedeuten, die besten Handlungen, weil sie von der Schonheit und den angenehmen Stellungen der Formen am wenigsten abziehen. Die entzuckendste Handlung fur den Betrachtenden hierbei ist freilich, wo gerad ein Korper den andern geniesst: Kuss, Umarmung

Nach diesen Grundsatzen arbeiteten die Alten: nicht, wie einige Antiquaren sagen, weil die Stille der eigentlichste Zustand der Schonheit ware, wie bei der See, und die schonsten Menschen uberhaupt von gesittetem Wesen zu sein pflegten. Das Meer ist im Gegenteil naturlich immer in Bewegung, und gewiss schoner im Sturm als in der Stille; und Alkibiades, und Phryne, und Thais, welche Persepolis in Brand steckte, die schonsten Menschen unter den Griechen, sind wahrlich nicht beruhmt wegen ihres stillen gesitteten Wesens; und Clodius nicht, und die Faustinen, und die grossten Schonheiten. Es sind die Schranken der Kunst! Sie kann das hohe Leben, schnelle Bewegung selten darstellen; und es ist wunderlich, dies deswegen mit Verachtung in der Wirklichkeit selbst ansehen wollen.

Wenn das Kunstwerk eine Geschichte darstellen soll: so muss der Ausdruck herrschen; denn dieser ist alsdenn der Hauptzweck, und Schonheit in Stellung und Formen und Gestalten muss hier der Wahrheit aufgeopfert werden. Allein Geschichte, Szenen aus Dichtern bleiben immer die letzten Vorwurfe der bildenden Kunst; weil sie dieselben nie ganz und nie so mit dem ergreifenden Leben darstellen kann wie ein Herodot und Homer. Der bildende Kunstler begibt sich ausserdem von selbst schon hierbei ganz unter den Geschichtschreiber und Dichter und schafft als Gehulfe zu dessen Leben und Bewegung nur die Korper alsdenn; augenscheinlich hat dieser das Ganze und er nur den Teil.

Die alten Kunstler wagten es ausserdem nicht, den Kern von manchen tragischen Geschichten darzustellen, weil sie bloss das Grausame wurden dargestellt haben, und das andre nicht konnten, was die Tat mildert; zum Beispiel Medeen im Morden ihrer Kinder: die vereinzelte Szene hatte durch ihre Gegenwart alle Geschichte uberblendet. Nur Agesander und Michelangelo unter den Neuern sind daruber hinausgegangen: der eine der Kunst, der andre der Religion wegen. Ahnliche Bewandtnis hat es bei wahrer Darstellung einer alten Hekuba; man denkt sich bei der gerunzelten Haut ihr ganzes Leben nicht, um davon geruhrt zu werden. Und eine junge oder noch schone Hekuba ist Widerspruch und Unsinn.

Kurz, eine lebendige Gestalt von einem Charakter sich vorzustellen, in aller Vollkommenheit und Schonheit, ist das Meisterstuck des bildenden Kunstlers; welches wenige noch bis dato geleistet haben.

Schonheit uberhaupt in allen Kunsten ist, wie mich dunkt, leichtfassliche Vollkommenheit fur Sinn und Einbildungskraft. Wer damit nicht zufrieden sein will, kann sich an die Erklarung des Erzbischofs della Casa halten, welcher das weltberuhmte Kapitel uber den Backofen geschrieben hat; dieser sagt: Schonheit ist eins, soviel nur immer moglich; und Hasslichkeit im Gegenteil ist viel. Allein der Kunstler bedarf solcher tiefen Philosophie nicht bei seiner Arbeit. Vergebt ubrigens, lieben Bruder und Freunde, wenn ich an dem Ziele vorbeigeschossen habe, und macht es besser."

Der Mann zog mich doch an sich, trotz aller seiner hamischen Blicke auf bildende Kunst und besonders Malerei, und ich verlangte genauere Bekanntschaft mit ihm zu machen. "Schade," rief ich aus, "dass ich kein junges Lorbeerreis habe, Euer weises Haupt zu bekranzen! ob ich gleich in manchem nicht Eurer Meinung sein kann. Um Kopf und Schweif gleich zusammen zu paaren: so glaub ich nicht, dass ein Kunstler etwas Gutes hervorbringen werde, der ohne deutlichen Begriff, ohne klares Gefuhl von Schonheit zu Werke schreitet.

Nach Platons Erklarung, den Ihr mir wohl zu kennen scheint, ist die Schonheit die ursprungliche Idee der Dinge in Gott. Und die Seelen, die sein Anschauen genossen und diese Ideen erkannten, schaudern, wenn sie in diesem Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken, erinnern sich dunkel ihres vorigen Zustandes, erschrecken und werden entzuckt. Ihre Schwingen regen sich, gehen vom warmen Einfluss auf, der Federstock keimt und so weiter.

Es ist gewiss eine erhabne Hymne auf die Liebe und liegt tiefe Wahrheit zugrunde.

Was sich selbst bewegt, ist Seele, ewig, ohne Anfang: davon alles Werden und alle Korper, die sich bewegen. Schonheit ist die vollkommenste Harmonie der Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand. Schonheit gibt der Seele das lauterste Gefuhl ihres Daseins. Schonheit ist die freieste Wohnung der Seele. Schonheit erinnert die Seele an ihre Gottheit, an ihre Schopfungskraft, und dass sie uber alle die Korperwelt, die sie umgibt, ewig erhaben ist. Im Anfang macht ihr dies Freude, aber endlich Pein; sie sieht sich gefangen, und dass sie nicht mehr ist, was sie war: und die Tranen rinnen uber ihren nichtigen gegenwartigen Zustand. Doch starkt sie wieder ihre ewige Natur, und die susse himmlische Hoffnung regt ihre Fittige, dass sie doch bald aus dieser Dunkelheit, aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Scharen der seligen Geister, wo weder Frost noch Hitze abwechseln, und alles ist in seiner mannigfaltigen Wahrheit und ursprunglichen Schonheit.

Nicht geboren werden ubertrifft alle irdische Gluckseligkeit; und wenn du da sein wirst, so ist, je geschwinder, je besser, wieder dahin zu kehren, wo du herkommst. Sobald die Jugend sich einstellt mit ihren tollen Streichen, wer windet sich mit aller Arbeit daraus? wer steckt nicht in Plagen und Leiden? Morde, Parteien, Streitigkeiten, Gefechte und Neid. Auf die letzt uberschleicht uns das unzufriedene, schwache, menschenscheue, verhasste Alter, wo alle Ubel haufenweise zusammen wohnen.

So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner glucklichen und glanzenden Laufbahn.

Ihr sagt: Schonheit nackender Gestalt sei viel fur Auge und den ganzen korperlichen Menschen, wenig fur den innern? Sie allein ergriff das Unsterbliche nicht?

Wenn wahr ist, was Ihr selbst behauptet, dass, wer ein Ganzes tauschend am geschwindesten in die Seele bringt, den Vorzug erhalte: so steht wohl bildende Kunst aller andern voran; die Seele geniesst vor ihren Werken, der muhseligen Zeitlichkeit entruckt. Ihre Zeichen, wodurch sie darstellt, scheinen die Sache selbst zu sein, so leicht verschwinden sie; sie sind die naturlichsten und sichersten und gelten uberall einerlei ohne Missverstand. Ich habe hier volle Gewissheit, da ich bei Poesie immer traumen muss und nach Wirklichkeit hasche. Bei ihr hab ich alles zusammen mit einem Blick, und dies ergreift den Niedrigsten bis zum Hochsten. Mit einem Wort: ihr ist allein die Schonheit im strengsten Verstand eigen; denn diese muss mit einem Blick aufgewogen werden konnen."

Hier wurd er erbittert und schuttete auf einmal das Kind mitsamt dem Bad aus, und fiel in meine Rede:

"Alle bildende Kunst", behauptete er streng, "ist am Ende bloss Oberflache. Und dies ist die Ursache, warum wahrhaftig grosse Menschen unter den Kunstlern mit ihren Werken so selten zufrieden waren. Sie konnten nur wenig von dem hineinbringen, was sie fuhlten; und dies nicht einmal so rein bestimmt, dass es gerade dasselbe Leben wieder erregte. Ein gen Himmel gekehrtes Auge, nehmen wir das edelste Glied, das am deutlichsten vom Innern spricht, was kann dies zum Exempel nicht fur vielerlei ausdrukken? Ich brauch es nur obenhin; denn ich weiss wohl, dass alle Professoren im Grunde der Natur keins nachmachen. Bei einem Volke von Stummen, da mochten die bildenden Kunste in der Tat viel vermogen; denn sie hatten da mehr Natur fur sich nachzuahmen; bei uns andern Menschen aber, die wir den grossten Teil unsrer Empfindungen und Gedanken mit der Sprache ausdrucken, wo sich besonders bei den Vortrefflichen am wenigsten die Gebarden andern, die, wie man sogar bei Gelegenheit des Laokoon bemerkt hat, auch bei den heftigsten Gefuhlen sich selten von aussen regen, lasst sie ihnen vielleicht gerade das Schlechteste ubrig; und der grosste Kunstler kann oft so wenig von einem Sokrates, Lykurg und Epaminondas darstellen als von einem unvergleichlichen Sanger oder Geiger.

Nehmen wir vollends, wie sauer, und selbst nach dem Ausspruch des alten Michelangelo, kinder- und weibermassig auch dies Schlechteste muss nachgeahmt werden, und welch eine unertraglich mechanische Ubung auch fur Menschen von der hochsten Fahigkeit dazu gehort, ehe sie es zur Vollkommenheit bringen; und dass das meiste Wirkliche der bildenden Kunst in den Salen der Grossen jammerlicher Wust und Unsinn ist: so gehort wahrlich ein starker Entschluss dazu, sich in ihr Feld zu wagen. Ihre besten Gegenstande bleiben gewiss die andern Tiere und Pflanzen, Gras und Baume; diese konnen sie darstellen, die Kunstler! den Menschen sollen sie dem Dichter uberlassen. Die Landschaftsmalerei wird auch endlich alle andre verdrangen. Und also konnen wir gewissermassen die Griechen ubertreffen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstande machen, die sie verfehlt haben.

Nichts wirkt recht auf den Menschen, was stillesteht; aller Stillstand wird bald Tod.

Es bleibt gewiss eine Kleinigkeit, einen Casar, einen Brutus von aussen auch vertrefflich zu malen und zu bildhauen, gegen das herauszuholen, was in ihnen steckt. Auf der Oberflache kann man den Menschen leicht kennenlernen: aber im Innern, in der Tiefe? Da gehort ganz andrer Gehalt und Stand dazu.

Wer behaupten wollte, dass die bildende Kunst uber Poesie, Beredtsamkeit und Philosophie ginge, musste behaupten: dass eine Statue oder Brustbild vom Homer, Pindar, Demosthenes, Aristoteles, oder nehmen wir neuere, dass ein vollkommen, wie moglich auch, getroffnes Bild in Farbe oder Stein von Ariost, Machiavell uber ihre Schriften ginge. Und gewiss mocht ein Gott mehr daran haben, wenn sie mit Haut und Haar so waren wie sie selbst; welches jedoch menschlicher Hand unmoglich: aber ein Sterblicher muss eine gigantische Einbildung von seinem physiognomischen Sinn haben, um dies zu wollen. Ein solcher versuch es einmal und ersetz uns aus dem ubriggebliebnen Kopfe des Sophokles seine hundert verlorne Trauerspiele!

Man schaue einen Sokrates an, einen Plato, einen Euripides: wer wird ihre Marmorbusten fur ihre lebendigen Reden und Gedichte nicht gleich weggeben? Wir konnen an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen, auch in dem namlichen Moment, was wir denken und empfinden; und sogar verschiedne Leidenschaften zeigen sich bis auf ihre hohen Grade im Gesicht uberein. Die ganze bildende Kunst ist ein vages unbestimmtes Wesen, das seinen Hauptwert eigentlich von der Schonheit der Formen und Umrisse enthalt; und dann ausserwesentlich ist sie eine grosse Zierde der Poesie und Geschichte, die aber ganz naturlich ohne sie bestehen konnen. Poesie ist das innre Leben selbst: Bild von Farbe oder Stein bloss das Zeichen; wer jenes nicht schon in sich hat, kann bei diesem wenig fuhlen und erkennen.

Wo hat in aller Welt je ein Gemalde die Wirkung hervorgebracht, die die Odipe und Iphigenien hervorbrachten? Und wo wird es je moglich sein, dass eins solche hervorbringen konne, wenn man auch den Raffael, Correggio und Tizian in ein Wunderwesen zusammenschmelzte? Es versteht sich wahrlich, dass hier nicht davon die Rede sei, was papstliche Neffen und Monchs- und Nonnenkloster teurer bezahlen.

Ich leugne ubrigens gar nicht, dass eine erstaunliche Phantasie und Fulle von Leben dazu gehort, sich einen Alkibiades, Perikles oder die Aspasia so vorzustellen und ihre Bilder durch die spatere Kunst lange Zeit nach ihnen so wirklich zu machen, aus blossen Geschichtbuchern, wie sie lebendig waren und handelten; denn in der Tat hat es auch keiner noch getan. Allerlei Gestalten traumen mag man sich wohl, und wer sich an leerer Spreu satt isst, mag darnach gaffen und hinlaufen: aber Wahrheit, physiognomische mit Leib und Leben wie Wirklichkeit, ohne Miene und Gebarde Punkt fur Punkt von der Natur selbst abzukonterfeien, diese aus blossen Erzahlungen und selbst eignen Reden der Menschen zu erfinden: geht uber des Menschen Krafte; dazu haben wir noch keine Wissenschaft, keine Grunde und Regeln, weder Ja noch Nein. Unser Bestes sind noch die allgemeinen Zuge der Leidenschaften und andern Empfindungen, die sich in Bewegungen besonders von aussen zeigen, durch oftre Wiederholung bei wirklichen Menschen sich in die Gestalt pragen und nach und nach Charakter bilden; aber mit dem Allgemeinen wird man bald fertig, und es entsteht endlich ein rasendes Einerlei.

Kurz, ich habe von dem Menschen, ausser der wirklichen Vermischung, hauptsachlich Genuss durch seine Reden und Handlungen, durch Worte und Bewegungen; beides kann mir die bildende Kunst nicht geben. Man stelle sich seinen Freund auch in dem interessantesten Moment der Freundschaft auf einmal wie zu einer Buste versteinert, unveranderlich mit seinen Mienen und Gebarden vor! Mit Erinnerung der Worte aller vor und nach dem Moment wird das Bild gewiss lieblich in die Seele leuchten und anfangs einen Freudenschauer erregen. Aber wie die Erinnerung sich schwacht, wird es nach und nach immer weniger bedeuten und bei den Gedanken an hundert andre Szenen endlich leer und sogar Spott werden: statt dass nur ein herzlicher Brief von demselben immer neu die Seele erquickt, sooft man ihn notig hat wieder durchzulesen. Was soll nun so ein Bild auf andre fur Wirkung machen, die sich dabei platterdings nichts Gewisses vorstellen konnen, die die Person nicht kennen, nicht gekannt haben, nichts von ihr aus der Geschichte wissen?

Geschieht dies bei wirklichen Menschen: was wollt Ihr mit Euren Idealen, wovon Ihr nicht eine Form als wahr beweisen konnt? Die schonsten Bilder sind weiter nichts als ein geistig Licht in die Seele, die sie aufheitern und allerlei unbestimmte susse Gefuhle in ihr erregen, wie ein reiner, vollkommner Akkord auf einem wohlklingenden Instrumente. Und solche Schonheit ist das eigentliche Wesen der bildenden Kunst, und keine Handlung, die die Poesie weit wahrer und lebendiger vorstellt. Die Handlung kann hochstens nur dienen, der Schonheit den besondern Charakter zu geben; das ist, die Handlung ist des Korpers wegen und der Korper nicht der Handlung wegen da.

Es ist wahr, die Schonheit ist ein momental Gefuhl und unterscheidet sich dadurch von blosser Vollkommenheit, die fur den Verstand, so wie jene fur den Sinn, gehort. Wo sie aber in der Zeit folgt, wie bei Tanz und Melodie und Gedicht, ist sie hauptsachlich fur die Seele, eigentliche Seelenschonheit, tiefe, lebendige; denn die Seele hat die Kraft, eine Folge sich wie ein Beisammen auf einmal vorzustellen und zu denken. Daraus die Regel: dass ein solches Ganzes nicht zu verwickelt sein musse, damit man wie in einem Atem alle dessen Teile und ihre Verbindung im Geist ubersehe. Dies erregt dann, was man Begeistrung nennt. Ein schones Gedicht, eine schone Musik, ein schoner Tanz muss diese allezeit auf die letzt hervorbringen: so wie der Dichter, Tonkunstler, Tanzer sie vorher in der Seele haben muss, ehe er sie in einen Strom dahinwallt; eine volle Seele, die sich ausschuttet und eine andre wieder schwangert.

Alle bloss bildende Kunst macht auch den starksten Liebhaber und Besitzer uber kurz oder lang zum Tantalus. Das schonste Bild, sei's auch eine Venus vom Praxiteles, wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft, es regt und bewegt sich nicht und verwandelt sich nach und nach wieder in den toten Stein oder Ol und Farbe, woraus es gemacht war; und fur den lebendigsten Menschen am geschwindesten. Ich glaube, dass, wenn die goldnen Zeiten der Griechen langer gedauert hatten, sie endlich alle Statuen wurden ins Meer geworfen haben, um des unertraglich Toten, Unbeweglichen einmal ledig zu werden. Und wir finden auch nicht, dass Themistokles, Plato und Euripides und die andern grossen Griechen der ersten Zeiten sich schon viel darum bekummert hatten: die Bildsaulen gingen immer die Religion und das gemeine Volk an. Alkibiades schlug sogar vor Uberdruss einer Menge offentlicher Hermen die Nasen entzwei; und hernach gehorten sie mit den Gemalden zum Luxus der Reichen, die vor ihrer gewohnlichen Langenweile nicht wussten, was sie anfangen sollten. Plutarch fragt ehrlich in seinem Perikles: 'Welcher gutartige Jungling wird Phidias oder Polyklet sein wollen wegen des Olympischen Jupiters oder der Juno zu Argos?', und so setzt der verstandige Horaz eine Ode von Pindar uber hundert Statuen; und die aufgeheitertsten Kaiser zu Rom, Antonin und Mark Aurel, waren wirklich schon des steinernen Volkes satt: und so ist das steinerne und gemalte Volk bei den heutigen Romern blosser Prunk, und man sieht es den besten an, dass auch sie dessen von Herzen satt sind. Die Natur ubt ihr Recht aus und zeigt ihnen mit Gewalt, dass es doch nur eitel Traumerei ist.

Die beste Kunst ist ein blosses Denkmal verflossnen Genusses oder Leidens fur den Kunstler selbst, das ihm lediglich Anlass gibt, sich das Ganze wieder vorzustellen und in sein Gedachtnis zuruckzurufen. Welch ein Abstand von Poesie und ihrer Gewalt uber die Herzen! Uberhaupt ist die bildende Kunst eine jugendliche Sache, wo der Mensch noch an der Hulle herumschwebt. Ein alter Maler, ein armer Sunder! Wenn einer innen ist, kann er nicht mehr aussen sein. Es kame darauf an, ob Raffael nicht den Pinsel wurde weggeworfen haben, wenn er alter geworden ware! Wenigstens sind seine ersten Gemalde im Vatikan die besten, und er trachtete nicht umsonst nach dem Kardinalshut."

Sein Mund glich einem vollen Springbrunnen, so goss er hervor. Mir riss endlich die Geduld, und ich ergrimmte. "Bist du noch nicht fertig, Barbar, Bildersturmer?" zurnt ich ihm entgegen.

"Was du wahr gesagt hast, trifft alle menschliche Kunst. In der Natur haben wir freilich alles beisammen, und die verschiednen Kunste teilen sich nur in sie. Jede muss dagegen ihre Mangel, ihre Schranken erkennen. Die Malerei hat keine wirkliche Bewegung, nur den Schein davon, Zeichen; die Poesie kann keine Gestalt, keine Schonheit fur den Sinn darstellen, bleibt ewig ungluckselig blind; und Musik an und fur sich ist ohne bestimmten Ausdruck und nur eine Magd der Musen.

Der Dichter ahmt und stellt im Grunde nicht einmal etwas Wirkliches selbst dar, sondern nur Mittel, namlich die Reden der Menschen; und wie weit liegt die erste Natur der Sprache in den Abgrunden der Zeit verborgen! Fur uns Schaumblasen auf ihren Tiefen ist sie meistens bloss willkurlicher Schall. Wir haben allen unsern Genuss durch Korper, und von diesen kann er nichts Individuelles darstellen; alles ist bei ihm allgemein, bis auf die Namen schier Peter, Paul, und Lukas und Johannes, wenn ihm gute Schauspieler nicht zu Hulfe kommen. Dafur hat er freilich ein weitschweifig Reich und flattert uberall an, wo die Malerei und Bildhauerkunst wegen enger Schranken ihrer unbeweglichen Mittel nicht hin kann.

Das hochste Leben ist das schwerste in allen Kunsten, sowohl in den bildenden als Poesie und Musik: Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann, Seelenvereinigung zwischen Mann und Weib, und Trennung, Abgeschiedenheit verliebter Seelen. Das Tote kann auch der blosse Fleiss darstellen, aber das Leben nur der grosse Mensch. Wen beim Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der Gottheit entzundet, der wird weder ein hohes Kunstwerk noch eine erhabne Handlung hervorbringen. Schonheit ist Leben in Formen und jeder Regung, und nichts Totes ist schon, ausser in einem Verhaltnis von Leben.

Warum ist der Torso schon, warum die Kolossen auf dem Monte Cavallo, warum unsre Venus? Weil sie in hochster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen Genuss ihrer Existenz sich befinden. Warum Apollo, warum der Fechter? Weil ihr Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt. Warum Laokoon, Niobe? Weil auch ihr hochstes Leben einer starkern Macht unterliegt. Der Dichter deutet's mit Worten an, der bildende Kunstler stellt's mit dessen Oberflache selbst dar.

Zu der Zeit, wo die Menschen am mehrsten lebten und genossen, war die Kunst am grossten: zu der Zeit, wo sie am elendesten waren, am schlechtesten; dies ist die Geschichte derselben in wenig Worten.

Wie bis zum blossen Tier herabgesunken, kalt und gefuhllos muss der Mensch sein, den es nicht ergreift, dessen Herz es nicht erhebt, wenn er in die Hallen tritt, wo die Helden unsers Geschlechts, die Weisen, die Dichter von Phidiassen und Praxitelen aufgestellt wie lebendig atmen! Der Armselige wird erschrecken wie in einer Gotterversammlung, der Edle schuchterne aber begeistert werden, die glorreiche Bahn zu verfolgen; welche Kunst kann ihr hohes Leben sinnlicher in die Seele blitzen? Und eine Fromme, die alle Morgen die schonen himmlischen Figuren an den Wanden im Tempel mit inniger Freude schaut, kann kein hassliches und boses Kind gebaren.

Die Griechen mussten denn doch mehr Leben in der Malerei finden als Bildhauerkunst, weil sie dieselbe, wo sie am verstandigsten waren, mehr als diese belohnten und beforderten. Ein Bild in Stein war ihnen nur Zeichen einzelner Wahrheit, namlich der Form: die Malerei aber Zeichen aller Wahrheit und Wirklichkeit und von ungleich grosserm Umfange; jenes gleichsam nur Dammerung, Ding im Mondschein: Gemalde von Apelles, Gestalten wirklicher Welt in ihrem Tage; und Zeichen bleibt immer weiter nichts als Zeichen, sei's von Stein oder Farbe. Und eben dies ist es, warum die Bildhauerei sank, nachdem die Malerei emporstieg, und bei uns nun nie wird fortkommen konnen, solang es noch gleich gute Maler als Bildhauer gibt.

Welcher Bildhauer wollte zum Exempel die Waffenlaufer des Parrhasius ubertreffen, wo der eine im Lauf zu schwitzen schien, der andre aber die Waffen ablegte und keuchte? Freilich kannte dieser Wollustling den hochsten Reiz des Eigentumlichen seiner Kunst.

Fur Gestalt gibt es keine mathematische Wissenschaft, wo man alles und jedes mit Zirkeln und Linien und Zahlen beweisen konnte; das gelauterte Gefuhl erfahrner hoher Menschen entscheidet hier allein endlich und hat zu aller Zeit jedem Kunstwerk seinen Rang angewiesen. Deswegen aber beruht Ideal nicht auf blossen Hirngespinsten, sondern die Natur selbst ist die ewige Regel: und ein Kunstler muss von ihren Quellen schopfen, wenn er neue Schonheit und neuen unsterblichen Reiz hervorbringen will. Durch Ubung gewinnt man nach und nach doch auch sichre wissenschaftliche Fertigkeit.

Was bildet den lebendigen Korper von innen hervor, vom ersten Stoff zum Dasein an, so wie er ist, die erste regende Kraft; hernach sein Leben in der Welt?

Kann ich von der aussern Bildung auf die Art des Geistes schliessen?

Warum nicht? Vom Werk auf den Meister; nur gehort Erfahrung und Verstand genug dazu und Adlerheit uber andre, es mit Gewissheit zu konnen und nicht eine Ursache fur die andre zu halten. Jede Gestalt zeigt Ursprunglichinnres, wenigstens was jung in Tatigkeit war, das Leben in der Welt und die Begriffe und Einbildungen daruber. Und wer das Innre nicht kennt, kennt gewiss auch schlecht das Aussere.

Warum soll der Kunstler keine Handlungen darstellen durfen? Korper und Handlungen machen hier eins aus, das ist: Leben; und beides ist dafur da; hohes edles Leben; dies ist sein letzter Endzweck. Bei einzelnen Figuren gibt dies Schonheit; bei mehrern zu Darstellung einer Begebenheit kann und muss er zuweilen gar die Hasslichkeit abbilden, wie zum Beispiel den Maxentius in einer Schlacht vom Konstantin, einen Attila, einen Heliodor. Vollkommenheit zeigt sich von aussen durch Schonheit, Unvollkommenheit durch Hasslichkeit; und die mehrsten Begebenheiten in der Welt sind ein Kampf zwischen Tugend und Laster. Soll er das Laster schon darstellen? Und ist er deswegen ein Kotmaler, wenn er es hasslich darstellt? Hasslichkeit verandert hier seinen Namen und wird zu Schonheit der Kunst. Die Geschichte soll auch bei dem Maler nicht bloss Augenweide sein, sondern tiefer dringen. Der Kunst dieses nehmen wollen heisst sie zum schalsten Zeitvertreib machen. Ausserdem sind immer diese dreierlei Gattungen getrieben worden, wie schon in Griechenland, wo, nach dem Aristoteles, Polygnot die Menschen besser malte, als sie waren, Pauson schlechter und Dionys nach der Wirklichkeit.

An Ausdruck und Bewegung von Leidenschaften wird die Natur hoffentlich immer ebenso unerschopflich bleiben als an neuen Gesichtern und Gestalten.

Kurz, der Kunstler stellt wie ein Zaubrer fur den Verstandigen mit einem Blick auf einmal die wirkliche Tat dar, wo der Augenschein uber alle andre Vorstellung hinreisst; und daruber macht der Geschichtschreiber und Dichter fur die Unwissenden nur eine Bruhe darum her, gleichsam seines Evangeliums Ausleger und Dolmetscher, stellt die schonsten Denkmale der Begebenheiten auf fur Herrscher, Philosophen und Volker dem ersten feinsten Sinn des Geistes, und ihm am naturnachsten, dem Auge. Und es ist nicht mehr als billig, dass Zaubrer nicht darben.

Die Dichter, die einen Epaminondas auffuhren, wie er leibte und lebte, lasst sie auch alles in der Geschichte dazunehmen, werden so rar sein wie die Maler, die seine Gestalt so treffend aus ihrem Kopf erfinden, dass sie seinem Portrate gliche; und es erwachst dem Praxiteles und Apelles daraus wohl wenig Nachteil, dass ihre Phryne den neuen Namen Venus aus der Mythologie, oder Helena oder Iphigenia aus den Dichtern, oder einen andern in ihren Kunstwerken aus der Geschichte habe: so wie dem Raffael, dass sein Oheim Bramante in der durch alle Zeiten gottlichen Gruppe der Schule den Archimedes vorstelle, wenn sich auch einmal des letztern Bildnis finden sollte."

"Vortrefflich, mutiger, tapfrer, edler Jungling!" rief er mir hier zu, "und nun genug. Wir haben den Kreis durchlaufen und sind unvermerkt auf derselben Seite wieder angekommen, wovon wir ausgingen. Ich reich Euch zum Frieden die Hand, schlagt ein; ich hoffe, dass wir gute Freunde sein werden, sobald wir uns ein wenig besser im Innern kennen. Man behauptet in der Hitze des Streits oft Dinge, die man selbst fur falsch und ubertrieben halt. Zuhorer, die Verstand haben, nehmen von selbst das Wahre heraus; und die keine Unterscheidungskraft besitzen, mussen uberall Schwarmern oder der grossen Herde wie die Kalber folgen. Der Abend ist zu schon, als dass wir ihn hier im Zimmer verplaudern sollten; und die unten tanzen und sich ergotzen, haben uns schon langst gerufen."

Wir umarmten uns denn beide mit gluhendem Gesicht und klopfendem Herzen.

Unten erfuhr ich, dass mein Mann ein Grieche sei aus der Insel Scio, den die Giustiniani als Knaben mit sich genommen hatten. Er hielt sich nun fur bestandig in Rom auf und lebte frei von einer kleinen Pension aus diesem Hause, und erwarb sich das ubrige damit, dass er griechische Handschriften aus der vatikanischen Bibliothek fur auswartige Gelehrten teils kopierte, teils die verschiednen Lesarten daraus sammelte. Er heisst Demetri und mag an die vierzig Jahr alt sein. Sein Wuchs ist gross und stammicht, und seine Gestalt so kuhn und unabhangig, und seine Sitte so gegen alles Vornehme, dass er wie Diogenes dem Dionysios von Syrakus zu Korinth hatte sagen konnen: er sei des glucklichen Lebens nicht wert, das er nun fuhre. Wie mir dies in meinen Eingeweiden herumging, kannst Du Dir leicht vorstellen.

Der bildschone Jungling, welcher den Streit erregte, heisst Tolomei, ist ein weitlauftiger Anverwandter von ihm, Sohn eines griechischen Kaufmanns zu Brindisi, treibt hier die Malerei und steht unter seiner Aufsicht.

Ich sah ihn mit einer schlanken Romerin tanzen und musste lacheln, dass der holde Bube den alten strengen Michelangelo so hart angegriffen hatte; das Ratsel liess sich nun leicht auflosen. Das susse Paar wallte in jeder Bewegung neue entzuckende Schonheit von sich; der Knabe schien ein Madchen und die Jungfrau mit ihrem zundenden Blick ein verkleideter Jungling. Die Menge stand umher, und kein Auge verwendete sich von ihnen aus den erheiterten Gesichtern.

Der Monat Oktober wird in Rom und auf dem Lande herum ganz der Freude gewidmet: jedes spart dafur den Sommer auf.

Ich machte mich bald wieder an den Griechen; ich hatte noch manchen Punkt mit ihm ins reine zu bringen, der kaum war beruhrt worden. Er erzeigte sich gefallig. Wir stiegen den Monte Testaccio hinauf, um die Gegend zu uberschauen, und trafen oben Kunstler an, die nach der Natur zeichneten. Man hat hier reizende Aussichten hin uberall und verschiedne Landschaften, jede so vollkommen fur Gemalde, um sie schier nur abzunehmen. Pyramide, die das Kleinod der Gegend bleibt; Sankt Paul und Tiber; Steffano rotondo, alte Wasserleitungen, Kolosseum, Grabmal der Metella; Pietro Montorio; Porta Portese zeigen immer neue bezaubernde Seiten mit Pinien, romantischen Villen, Rebenhugeln und den herrlichen Fernen der Gebirge von Frascati, Tivoli und dem Sabinerlande. Wir setzten uns nieder, und jeder drehte sich dahin und dorthin; die grosse Augenlust machte uns eine Weile stumm, und alle die andern Sinnen verloschen.

Wir fingen endlich an, von Rom zu sprechen, dem alten und dem neuern, gingen uber auf Griechenland und dessen ehemaligen und gegenwartigen Zustand: und unsre Reden stimmten so schon zur untergehenden Sonne an der unvollendeten Peterskuppel des unsterblichen Michelangelo! "Ach, alles geht auf und unter, Volker und wir, und die Werke der Menschen! Der Mensch ist ein stolzes Geschopf", rief ich aus; "er hat die Oberflache der Erde gebildet, beherrscht den Adler und Lowen und bandigt das ungeheure Meer mit seinen Schiffen: aber er weiss nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fahret; erscheint, verandert sich augenblicklich, unsicher, ob er ein eignes Wesen ausmacht, und verschwindet. O ihr, die ihr um uns herum schlummert, ihr Scipionen, Camille, Lucrezien und Cornelien, was und wo seid ihr? Konnt ihr nicht erwachen und uns belehren?"

"Ein andermal hiervon," gab er zur Antwort, "wenn wir mehr in Einsamkeit sind, nicht umgeben von soviel zerstreuender Herrlichkeit." Er hielt diese Kuppel selbst fur den kuhnsten kolossalischen Gedanken eines Riesengeistes und glaubte, dass die alten Griechen und Romer ihn bewundern wurden.

Wir kamen alsdenn wieder auf unser altes Thema, die bildende Kunst, und deren Wesentliches, den Menschen, und die Vollkommenheit seiner Gestalt; und unser beider Schluss war, dass der neuern hierin der Kern mangle. Man kann wohl sagen, dass die Werke der alten griechischen Meister eine Frucht ihrer Gymnasien waren, und dass, wo diese nicht sind, sie schwerlich kann eingeerntet werden. Der erfahrne und geubte Sinn des ganzen Volks am Nackenden, dies ist die Hauptsache, die uns fehlt, nebst dem der Arbeiter selbst; das schonste Nackende der Kunst wird endlich nur durch Erinnerung geschaffen und genossen.

Man kann die Natur nicht abschreiben; sie muss empfunden werden, in den Verstand ubergehen und von dem ganzen Menschen wieder neu geboren werden. Alsdenn kommen allein die bedeutenden Teile und lebendigen Formen und Gestalten heraus, die das Herz ergreifen und die Sinnen entzucken; die Regung in vollstimmiger Einheit durch den ganzen Korper des gegenwartigen Augenblicks bildet kein blosser Fleiss nicht. Je grosser und erhabner der Kunstler, desto edler und eingeschrankter die Auswahl. Im Nackenden der bei uns gewohnlich bekleideten Teile, also des ganzen Korpers bis auf Kopf und Hande und Fusse, konnen wir den Alten nicht gleichkommen, weil wir ihre Gymnasien und Thermen nicht haben. In Kopfen, Handen und Beinen und Kindern halten wir ihnen vielleicht die Waage, insoweit wir noch Periklesse, Platonen, Alkibiadesse und Aspasien und Phrynen haben. Die hochste Vollkommenheit ist uberall der letzte Endzweck der Kunst, sie mag Korper oder Seele oder beides zugleich darstellen, und nicht die blosse getroffene Ahnlichkeit der Sache und das kalte Vergnugen daruber. Der Meister sucht sich dann unter den Menschen, die ihn umgeben, zu seiner Darstellung das beste Urbild aus und erhebt dessen individuellen Charakter mit seiner Kunst zum Ideal. Die Schonheit muss allgemein, der Charakter aber individuell sein, sonst tauscht er nicht und tut keine Wirkung; und das Individuelle kann der Mensch so wenig als das Gold erfinden. Dies ist das Problem, an dessen Auflosung so viele scheitern.

Der ganz ausserordentlichen Menschen sind bei allen Nationen ausserst wenig gewesen; es gehort eine unendliche Menge von glucklichen Umstanden dazu, solche alleredelste Gewachse und Herrlichkeiten der Natur hervorzubringen. Nehmen wir den Griechen, der bei weitem geistreichsten Nation unter allen, die wir in der Geschichte kennen, auf Erdboden, nur ein Dutzend dieser hervorragenden Manner: einen Lykurg, Themistokles, Pythagoras, Sokrates, Aristoteles, Homer, Sophokles, Aristophanes, Perikles, Demosthenes, Phidias, Apelles: und wir werden sehen, wie ihr Sonnenfeuer zu den Sternen andrer Volker zuruckweicht, zumal wenn wir bedenken, dass ihre ubrige Vortrefflichen grossenteils nur von diesen bestrichne Magnetnadeln waren.

Die Ehre des Volks und der Fursten besteht darin, solche seltne Erscheinungen bei ihrem Aufgang zu erkennen und sie zu pflegen und zu warten. Bei ihnen konnte kein Larmmacher so leicht mit seinen ausgeschickten Trabanten das erfahrne Ohr ubertauben, das scharfe geubte Auge benebeln; sie kannten den nakkenden Menschen aus ihren Gymnasien und die hohen Gestalten aus ihren gemeinen Versammlungen. Die Verstandigen pruften, gaben Rat, verdammten, belohnten. Eins trieb und vervollkommte das andre.

Und so ging's noch bei den Romern. August hat keinen Virgil und Horaz hervorgebracht; aber weil sie einmal jung da waren, so hielt er sie warm.

Ausserdem hatten die Alten mehrere Arten von Schonheiten, und wir kennen die reizende Mannigfaltigkeit nicht von Ringern, Faustbalgern, Wettlaufern, Wurfpfeilschutzen, Diskuswerfern und dergleichen; und so machten ihre Gotter wieder verschiedne allgemeine Klassen. Bei uns ist alle Gestalt in ein einzig doppelartig gabelformig vollkommen Tier zusammengeschrumpft.

Die Sonne war prachtvoll untergegangen, und das schonste Abendrot zog lieblich hintennach. "Wenn ich ein Landschaftsmaler ware," rief Demetri, "ich malte ein ganzes Jahr weiter nichts als Lufte, und besonders Sonnenuntergange. Welch ein Zauber, welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel, und Wolkenformen und heiterm Blau! Es ist die Poesie der Natur. Gebirge, Schlosser, Palaste, Lusthaine, immer neue Feuerwerke von Lichtstrahlen, Riesen, Krieg und Streit, flammende Schweife wechseln mit neuen Reizen ab, wenn das Gestirn des Tages in Brand und Gluten untersinkt. Aber leider mit eurem Licht in der Malerei sieht es ubel aus!"

"Und was man davon malen kann," fuhr ich fort, "dauert nur wenig Momente; die glucklichste Phantasie und Empfindung gehort dazu, es aufzubewahren, nach Hause zu tragen, und wunderbare Kunst, es tauschend langsam hinzupinseln."

Wir gingen wieder hinunter; es war leer geworden, und die ubrigen zogen auch noch von dannen. Endlich blieben ein halb Dutzend Madchen, ebensoviel Kunstler, Demetri, Tolomei und ich. Wir machten uns zusammen wieder auf den Saal, eine auserlesene Gesellschaft. Die Madchen waren echte Romerinnen an Wuchs und Gestalt, mit der erhabnen antiken, noch republikanischen Gesichtsbildung, die auch auf fremde Fursten wie nur Barbaren herunterschaut. Sie hatten, wie die alten, dem hohen Senat mit berichten lassen, wenn sie das Verbot gegen eine gewisse Lustbarkeit von ihnen nicht aufhuben, dass sie nicht mehr gebaren wollten.

Paar und Paar standen im vertrauten Umgang miteinander; die reizenden Geschopfe liessen sich von ihren Geliebten als Modelle brauchen und gaben ihre Schonheiten deren Kunst preis. Sie machten sich selbst Musik und tanzten lauter Nationaltanze, wo wenig gezogner, gedehnter, franzosischer Schritt, sondern immer neuer Freudensprung ist. Ich liess dabei wacker auftischen und einschenken und wurde selbst von dem Wirbel ergriffen.

Nach Mitternacht ging es in ein echtes Bacchanal aus; das erhitzte Leben blieb nicht mehr in den gewohnten Schranken, und jedes tobte nach seinem Gefuhl und seiner Regung. Demetri machte seinen Einfall zu einem spartanischen Tanz laut, und dieser wurde mit Jauchzen ausgefuhrt. Doch machte man vorher den feierlichen Vertrag, nichts Schandliches zu beginnen und die Leidenschaften bis ans lange Ziel gleich olympischen Siegern im Zugel zu halten, wie's braven Kunstlern gezieme.

Man entkleidete die Jungfrauen, die, Glut in allen Adern, sich nicht sehr straubten, zuerst bis auf die Hemder, und schlitzte diese an beiden Seiten auf bis an die Huften; und die Haare wurden losgeflochten. Demetri schlug die Handtrommel, und ich spielte die Zither.

Sie schwebten in Kreisen, druckten einzeln ihre Empfindungen aus, und jede enthullte in den sussesten Bewegungen ihre Reize, bis Paar und Paar wieder sich fassten und hoben und wie Spharen herumwalzten. Es war gewiss ein Gotterfest, soviel mannigfaltige Schonheit herumwuten und herumtaumeln zu sehen, und ich habe in meinem Leben noch kein vollkommner weiblich Schauspiel genossen.

Man holte hernach aus der nahen Villa Sacchetti Efeu zu Kranzen und belaubte Weinranken mit Trauben zu Thyrsusstaben, und jeder Jungling warf alle Kleidung von sich. Es ging immer tiefer ins Leben, und das Fest wurde heiliger; die Augen glanzten von Freudentranen, die Lippen bebten, die Herzen wallten vor Wonne.

Wir fuhrten auf die letzt allerlei Szenen auf, aus Fabel, komischen und tragischen Dichtern und Geschichte, in himmlischen Gruppen, wo eine wahrhaftige Phryne an Schonheit darunter mit errotendem und lachelndem Stolze sich endlich ganz nackend zeigte, in den verschamtesten und mutwilligsten Stellungen.

Tolomei wetteiferte mit ihr; er hatte wirklich Schenkel wie ein junger Gott, entzuckend Feuer schon der Hand, und die Sprossen zum kunftigen Strauchwerk waren an seinem Leibchen eben angeflogen.

Demetri glich dem Zeus, und ihm fehlte dazu nur Donnerkeil und Adler.

Die Phryne riss alsdenn der andern Schonsten das Hemd weg und beide den ubrigen, und nun ward ich von ihr wie von einer wutenden Penthesilea gefasst, der hochste bacchantische Sturm rauschte durch den Saal, der alles Gefuhl unaufhaltbar ergriff, wie donnerbrausende Katarakten, vom Senegal und Rhein, wo man von sich selbst nichts mehr weiss und gross und allmachtig in die ewige Herrlichkeit zuruckkehrt.

Gegen Morgen macht ich die Zeche richtig, und wir schwarmten im Geisterglanze des Vollmonds unter Chor und Rundgesang an dem Tiber vorbei und hernach durch die hehren Ruinen und Triumphpforten uber den Tarpejischen Felsen.

Zweiter Band

Vierter Teil

Rom, Oktober.

Ich habe seit meiner letztern Begebenheit mit Lucinden gerungen und gekampft, in keine solche Torheit wieder hineinzugeraten; aber alles muss seiner Natur folgen. Ich zittre und knirsche mit den Zahnen, dass es nicht anders ist: der Mensch hat keine Freiheit. Sieh die Inseln der Gluckseligkeit vor Dir, mit vor Verlangen kochendem Herzen nach ihrer Lust, von uppigem Mut alle Nerven geschwellt: und widerstehe mit kalter Uberlegung der Gefahren, die vielleicht auf Dich warten, indes der gunstigste Wind uber Dir in den Wipfeln hinsauselt! Was ist das, dass der Mensch so nach Ruhe trachtet und sie hernach doch nicht leiden kann? Dass das Ziel keins mehr fur ihn ist, sobald er es erreicht hat, und er immer ein neues haben muss? Ach, unser Wesen hat keinen Frieden, und Brand und Glut in und uber alles ist dessen erste Urkraft!

Wo ich gehe und stehe, schwebt sie mir vor Augen; ich strecke meine Arme nach ihr aus, und meine Fusse bewegen sich von selbst nach dem Ort ihres Aufenthalts. In diesen Kreis bin ich wie gebannt, und mir scheint kein ander Licht. O sie ist so ganz, was ich wunsche! und alles andre, was ich schon genossen ihrer Seligkeit. Fiordimona, o Fiordimona, mit dir mocht ich ewig leben und unaufloslich mich mit dir verflechten! Du allein kannst bei allen Reizen der Schonheit meine Freundin sein; einen so hohen kraftigen Geist hab ich bei deinem Geschlechte noch nicht gefunden.

Glaub indessen nicht, Benedikt, dass ich mich aus Musse und Langerweile verliebe; ich beschaftige mich gerade mit den ersten Werken der bildenden Kunst, der alten und der neuern: allein das Leben selbst triumphiert uber alles und gewinnt im Gegenteil dadurch noch mehr Starke.

Der Oktober ist hier wie Wetter aus dem Paradiese, jeder Tag heiter und Fest schon an und fur sich. Ich habe mich auf eine Woche in das Vatikan eingesperrt und genosse Gotterlust, wenn mein Herz ruhiger ware. Ich wohne oben im Belvedere bei dem Manne, der die Antiken in seiner Verwahrung hat, und die Aussicht von meinem Zimmer ist bezaubernd. Rom liegt still da, wie ein friedlich Uberbleibsel von der Herrschaft der Welt; wie ein junger Spross steigt es hervor aus dem uralten hohlen Stamme der ehemals erhabnen ungeheuern Eiche. Voran grunt das fruchtbare lange und breite Tal, wodurch der Tiber stromt, zwischen reizenden Hugeln, die schone Villen bekranzen; und in grauem Duft und blauer Ferne lagern sich die Gebirge von Sabina, Tivoli und Frascati majestatisch herum. Man sieht so den Aufenthalt von sussen Geschopfen vor sich, mit denen man auf allen Seiten, da und dort in die Hohen, um allein zu sein, hinaus fluchten konnte.

Die Nachwelt hat die grossten Meisterstucke der Malerei dem wilden und kuhnen Papst Julius zu verdanken; und es ist ein seltnes Gluck, dass der Heftige einen so scharfen und sichern Blick fur das Wesentliche hatte und sich durch kein Geprange oder Hoflingsgeschwatz tauschen und irrefuhren liess. Er erkannte das wahre Talent und verachtete dagegen allen Modekram. Die beruhmtesten Kunstler damaliger Zeit hatten schon in den Stanzen die Wande mit allerlei Larven bemalt, woran vielleicht nach ihren Regeln nichts auszusetzen war, als Bramante den Raffael von siebzehn Jahren herbeibrachte, dass auch er in einem Zimmer sich versuchen mochte. Die alten Meister lachelten hohnisch und spotteten unter sich uber die Unerfahrenheit des Knaben. Der hohe Jungling liess sich nicht storen und entwarf in seiner Phantasie, dem Schauplatz angemessen, vier Bilder: von der Theologie, der Philosophie, Poesie und Gerechtigkeit, und legte gleich im ersten Feuer Hand an die Theologie.

Die Philosophie war noch nicht ganz vollendet, als Julius von der Wahrheit und dem Reiz der Gemalde so entzuckt wurde, dass er auf der Stelle befahl, alles, was die andern gemacht hatten, wieder herunterzuschlagen: dieser junge Mensch sollte die Zimmer allein ausmalen. Die alten Herrn schrien uber Tyrannei und Unverstand, aber Welt und Nachwelt hat diesen harten Ausspruch gerechtfertigt.

Ein solcher Schutz der Kunst macht Ehre, und keine Millionen, die man an Stumper und ein buntes Gemisch von Kunstsachen verschwendet, indes der eigentliche Mann bei seiner Bescheidenheit entweder verborgen bleibt und darbt oder doch nur als ein gewohnlicher Taglohner sein Stuck Arbeit nebenher durch irgendeines Vernunftigen Empfehlung von ohngefahr bekommt.

Die Theologie ist ein geistig Bild der Religion; die vornehmsten Personen des Alten und Neuen Testaments sind hier beisammen, jede nach ihrem Charakter. Das Ganze stellt gleichsam die christliche Kirche vor im Werden.

Gott der Vater schwebt obenan als Architekt mit freundlichem Ernste, dass alles so ist, wie er's haben wollte. Christus ruht selig auf einem Wolkenthron in der Glorie der Ausfuhrung, die Mutter voll Zartlichkeit neben ihm. Patriarchen, Junger und Apostel umgeben ihn als ihren Mittelpunkt, auf Wolken von Engeln getragen. Und unten auf dem Erdboden handeln noch die ersten Kirchenlehrer und Christen in der Grundlage des Gebaudes.

Die Hauptgestalten zeugen von der lebhaftesten jugendlichen Einbildungskraft und haben wunderbare Bestimmtheit in den Umrissen. Die vier grossen Kirchenlehrer gehen mit ihrer Kraft allen andern hervor. Wenn irgend ein Sterblicher zum Maler geboren war, so ist es gewiss Raffael. Seine Figuren sind mit einer Quelle von Leben hervorgefuhlt und voneinander unterschieden bis auf eine eigne Art von Reiz im Ausdruck.

Die Schule von Athen ist ebenso ein geistig Bild der Philosophen beisammen. Pythagoras fangt an, Sokrates folgt, alsdenn kommt Plato mit dem Aristoteles und weiter Archimed. Die Gruppe des letztern mit den vier Junglingen ist wirklich unaussprechlich schon und reizend, ein entzuckend Bild von einem Meister mit seinen Schulern; die Aufmerksamkeit zweier, die Verwunderung und Begeisterung des Aufblickenden besonders gottlich hingezaubert, gerad im Momente, wo er die Erklarung des schweren Problems findet. Gesicht mitsamt dem Haar ist von hoher Schonheit und Wahrheit. Archimed selbst voll Scharfe des Verstandes und Uberlegung. Zeichnung und Malerei uberall spricht den grossen Meister von heiterm Sinn. Der eine studiert; der andre begreift; der dritte hat's begriffen und verwundert sich; und der vierte frohlockt und mochte jemand, der's auch lernte.

Fur ein Gymnasium von Philosophen ware das Ganze ein wahrer Zauber und wurde jederzeit die Seele zur Empfanglichkeit stimmen. In verschiednen Kopfen von Raffael herrscht eine Wirklichkeit, wobei man uber die frische Kraft seiner Phantasie erstaunen muss. Sein heiliger Gregorius muss ein Theolog sein, sein Pythagoras ein Philosoph und keine andre Menschen.

Der Parnass ist wieder so ein geistig Bild der Poesie. Homer improvisiert, von Begeisterung hingerissen; Apollo ist mit seinen schonen Augen verzuckt in himmlische Phantasien; Musen, Laura, Sappho und die besten Dichter, die theatralischen ausgenommen, sind dabei zugegen.

Die Gerechtigkeit besteht aus drei vortrefflichen allegorischen Figuren: Klugheit, Starke zur Rechten, Massigkeit zur Linken.

Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom; es bleibt aber doch das vorzuglichste wegen Menge und Adel von Gestalten. Seele und Auge jedes verstandigen und in der Welt erfahrnen Menschen mussen sich so recht daran wie an sussem Kern weiden. Uberall blickt da und dort eine himmlische Blume hervor, und je tiefer man sich mit seinem Stachel hineingrabt, desto nahrhafter Honig findet man. So hat mich spat noch erfreut sein Evangelist Johannes in der Theologie, neben dem David, welcher vor der Menge grosserer Figuren einem erst nach und nach mit seinem sussen Lacheln und halb zugedruckten innigseligen Blick aus seiner Engelsschonheit ins Herz blitzt. Das blonde Haar wallt ihm reizend nieder auf die Schultern, und er scheint einen Liebesbrief zu schreiben.

Die Schule von Athen ist mir das angenehmste von allen seinen Werken: eine solche Fulle von Heiterkeit und Ruhe kommt mir daraus entgegen; ob das Ganze im Grunde gleich einen Streit vorstellt, namlich den Sieg der Aristotelischen Philosophie uber die Platonische, wie die triumphierenden und widerlegten Gesichter zeigen. Alles neben den beiden grossen Helden scheint sich darauf zu beziehen. Plato hat zur Seite den Sokrates mit dem Alkibiades und den Pythagoras, Aristoteles den Kardinal Bembo14 und Archimed. Wahrscheinlich fehlen deswegen Epikur und Zeno mit ihrem Anhange. Welche vollkommne Meisterstucke sind darin Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Archimed oder Bramante mit dem jungen Herzoge von Mantua! Alles ist hier so Natur, dass man die Kunst vergisst und nicht an sie denkt: so voll und verliebt darein und fertig war der Meister. Die Gruppen sind schon zusammengehalten, und jede richtet sich nach dem Philosophen, der Unterricht erteilt. In die antiken Gewander hat er sich gut hineingedacht, und man merkt nichts Gezwungenes.

Zusammengedrangte Jahrhunderte machen in jedem von den drei Gemalden ein einzig Bild fur die Phantasie.

In dem Zimmer darauf tut der Genius Raffaels, wenn ich mich so ausdrucken darf, pittoreskere Fluge, ist aber nicht mehr so reich an hoher individueller Gestalt.

Sein Heliodor ist vielleicht die schonste Allegorie neuerer Zeiten. Das Ganze teilt sich in drei Gruppen und tut grosse Wirkung. Die Gruppe der Engel mit dem niedergeworfnen Heliodor gehort unter Raffaels Hochstes; sie sind durchaus Natur in Gestalt, Gebarde und Bewegung; er hat sie vermutlich von feurigen romischen Buben in Zorn und Sprung abgesehn. Der Engel zu Pferde in der Kirche ist etwas ungereimt, aber er macht ein herrlich Bild von Schnelligkeit und unwiderstehlicher Gewalt. Heliodor und seine Gefahrten schreien; und es gehort zur Schonheit des Ganzen, ob sie gleich gegen die Theorie einiger Antiquaren dazu den Mund auftun mussen.

Die Gruppe von Weibern neben dem Papste, der von Schweizern, nach der Natur kopiert, hereingetragen wird, macht einen reizenden Kontrast; die Kopfe der beiden Frauen, die mit den Handen zeigen, sind die schonsten, und der dritte daneben hat einen wunderbaren Ausdruck. Julius schaut voll Majestat, als ob seine Befehle gut ausgefuhrt wurden.

Der Hohepriester in der Mitte am Altar bittet voll Zuversicht in Ergebung. Der Bube, welcher auf den Saulenfuss steigt, um recht zuzuschauen, ist sehr pittoresk, wie uberhaupt alles samt der Beleuchtung.

Dies Gemalde gehort gewiss zu dem Vortrefflichsten, was Raffael hervorgebracht hat; und zu der Zeit, wo soeben erst die Franzosen von Italien hinausgetrieben waren, muss es jedermann innig ergotzt haben. Man sieht inzwischen deutlich, dass ihm seine Schuler an den Nebensachen halfen. Es ist ein ungeheurer Unterschied, wenn man Raffaelen nach den meisten gegenwartigen Malern sieht; bei ihm lebt alles und bedeutet, und greift ein ins Ganze. Man kommt bei ihm einmal wieder zu einem verstandigen Menschen.

Damit Du aber siehst, dass ich doch nicht schwarme, so meld ich Dir dagegen, dass der bewunderte Attila gegenuber auf mich wenig Wirkung macht. Ich finde darin kein recht zusammenhangend Ganzes in der wirklichen Malerei und den Charaktern, obgleich die Anlage trefflich ist, und zuviel Kompliment auf Leo den Zehnten, dessen Kopf sich wahrlich zu keiner solchen Szene schickt. Attila sieht viel zu gutig aus fur einen Hunnenkonig, ohnerachtet der ungefuhlten Worte von Griechenheit daruber, und Leo zu feist fur einen Heiligen. Die Apostel sind zu schwer, zu gross und zu nah in der Luft fur schwebende Figuren, haben wenig Gestalt und bitten eher, als dass sie drohen sollten, und halten ihre Schwerter wie die Weiber.

Nichtsdestoweniger bleibt das Gemalde mit den Portraten, Pferden und verschiednen Gewandern eine reizende Wandverzierung fur einen geistlichen Fursten, und es ist darin immer mehr naturliche Gestalt fur Verstand und Auge als vielleicht in hundert neuern.

Das Wunder bei der Messe ergotzt besonders wegen Einheit und Mannigfaltigkeit des Ausdrucks durch alle die verschiednen Gesichter, die meistens Portrate sind, und zeigt so recht Raffaels wunderbare Einbildungskraft. Es ist der lebendige Glaube. Der uberfuhrte Priester, mit den Augen kaum blinzend und voll Beschamung und Erstaunen in den Lippen, und Julius der Papst sind hohe Meisterstucke. Das Ganze ist am besten gemalt unter allen.

Petrus, befreit aus dem Gefangnisse, ist ein angenehmes Spiel von Licht und Schatten, wozu jedoch kein Raffael gehorte, und das Ganze gut entworfen, der erschrockne Soldat auf der Treppe meisterlich.

In diesem Zimmer merkt man schon, dass Raffael seine Schuler bei seinen Arbeiten brauchte; aber noch weit mehr in dem dritten, hintersten, wo das meiste von diesen ist.

Der Burgbrand ist hier das Vorzuglichste. Viele Gestalten sind darin vortrefflich, nur war die Szene selbst eher ein Vorwurf fur den Tizian oder Correggio. Uberhaupt aber sind Wunder eher fur Poesie als bildende Kunst; sie tauschen das Auge selten, weil man naturlicherweise nichts so gesehn hat.

Die Dirne mit dem Krug auf dem Kopfe ist eine gottliche Figur, eine Amazone unter den modernen Weibern, voll Leben und Frischheit in ihren Formen und reizend in dem vom Wind angewehten Gewande. Die knienden Frauen sind gleichfalls trefflich und die Gruppe des Sohns, des Aneas, der seinen Vater rettet, mit dem Buben daneben Meisterwerk. Der Tumult der Weiber und Kinder, weinend und schreiend, flehend und erschrocken, ergreift die Phantasie, und es gibt da schone Gestalten. Jedoch ist er am Nackenden gescheitert; dies muss gut koloriert sein, wenn es Wirkung hervorbringen soll. Der nackende Kerl, welcher herabspringt, ist ziegelfarbig und sieht aus wie geschunden.

Leo der Vierte, welcher auf das Evangelium schwort. Die Hauptfigur ist das Beste im Ganzen; man kann gutes Gewissen nicht trefflicher ausdrucken im grossen, kraftigen, freien Charakter. Herrlicher Blick gen Himmel! Ausserdem sind noch einige meisterhafte Kopfe darin; scharfer Verstand, Getrostheit, und Verwunderung und Aufmerksamkeit darum her, und die Menge mit verschiednen Empfindungen. Es ist reizend, uberall den tiefen Seelenklang zu finden. Er war in der Tat ein klares stilles tiefes Wasser, worin sich die beste Natur rein abspiegelte.

In der Schlacht bei Ostia ist das Beste der geharnischte Soldat mit den grunen Hosen; ein christlicher Held. Das ubrige in diesem Stucke ist unbedeutend; der Papst selbst hat eine fromme Schafsgestalt.

In der Kronung Karls des Grossen macht Karl selbst eine einfaltige Figur und passt so gut zu dieser Szene, die mit viel Empfindung und Feinheit ausgefuhrt ist; er sieht wie ein alter Schweizerkorporal aus und kniet mit abgestutztem Haar vor dem Papst.

Es sind in diesem Gemalde ganz vortreffliche Kopfe, besonders unter den Bischofen und geharnischten Schweizern. Die Gescheitesten sind am entferntesten von ihm und um die Handlung her, und zum Teil mit ernsthaftem und heiterm Nachdenken. Die Bischofsmutzen sind sehr fatal fur die Malerei und ihr Weiss in doppelter gerader Reihe besonders im Vordergrunde grell. Die Einheit des Ganzen verbreitet sich bis auf die Sanger in der Ecke oben. Die Kerl, welche Geschenke tragen, silbernen Tisch und Gefasse, bringen Mannigfaltigkeit hinein. Es ist viel zusammengedrangte Pracht darin.

Im vierten und letzten Zimmer, beim Eingang das erste und grosste, ist alles bloss nach Raffaels Zeichnungen und Anlage, bis auf zwei Figuren, die er selbst in Ol ganz ausgemalt hat, namlich die Gerechtigkeit und Gutigkeit, welche, obgleich nur allegorisch und wenig bedeutend, doch mit ihrer Wahrheit und Wirklichkeit alles von Julio Romano und Fattore niederschlagen. Es kommt einem vor, als ob Raffaels warmes Leben kalt geworden ware; er ist's, und ist's nicht mehr. Er selbst ist ganz lebendig: hier sind's nur seine Masken. Es fehlt die Bestimmtheit in allen Teilen, fehlen die feinen entscheidenden Zuge, die nur von der schopferischen Phantasie allein unmittelbar in die Hand quellen. Man muss sich zwingen, die Personen wirklich zu sehen; bei ihm kann man nicht anders.

Die Schlacht Konstantins gehort mit der Verklarung unter Raffaels grosste Kompositionen; sie macht ein schones Ganzes und ist vortrefflich angeordnet. Die Hauptfiguren gehen gut hervor. Konstantin druckt noch Zorn aus, und die Freude regt sich bei ihm uber den Sieg. Der Kopf des Maxentius stellt einen schlechten, grausamen und elenden Tyrannen dar uberhaupt, wohl meistens von Julio erfunden, und jetzt in Verzweiflung und ganzlicher Ohnmacht und der Gefahr, uberall umzukommen. Sein Pferd und wie er sich beim Untersinken im Wasser daran halt, der Strom und die darin schwimmen, in die Barke steigen wollen und sie umwerfen, ist trefflich. Sonst sind die Haufen vielleicht zu voll, der Feind zu fluchtig, ohne allen Widerstand; es bleibt aber doch die erste Schlacht wegen Wahrheit der Gestalten. Die Gruppe, wo einer vom Pferde heruntergebohrt wird, und die des gefallnen Sohns mit der Fahne bei seinem Vater tun grosse Wirkung.

Die drei ubrigen Gemalde in diesem Saale kommen nach den andern wenig in Betrachtung. Die Anrede Konstantins mit dem erscheinenden Kreuz in der Luft ist noch das beste; sie ist nach den Anreden Trajans auf Konstantins Triumphbogen. Einige Portrate nur ziehen das Auge an sich, als die zwei Junglinge unter Konstantin.

In der Schenkung Konstantins sind im Vordergrunde auf beiden Seiten ein paar schone Gruppen von Weibern, samt denen, die sich durch die Saulen drangen.

Vor den Stanzen sind die Logen, mit lauter kleinen Gemalden aus dem Alten Testamente und am Ende mit einigen wenigen aus dem Neuen verziert. Raffael selbst hat nur ein paar Erker etwa selbst fluchtig ausgemalt und hier und da Hand angelegt, alles andre ist von seinen Schulern nach seinen Zeichnungen. Und so die Arabesken. Alles voll schoner reizender Ideen. Ich betrachte diesen Gang als die Schule Raffaels im eigentlichen Verstande, den trefflichen Meister unter seinen grossen und kleinen Schulern, und es freut mich zu sehen, wie sie die Schwingen versuchen.

Man kann nicht wohl umhin, unter den grossen Meistern der neuern Zeit den Michelangelo und Raffael obenan zu stellen; jenen wegen Richtigkeit im Nackenden und Erhabenheit seiner Denkungsart; doch hat er wenig Gefuhl fur schone Form gehabt und ein elendes Auge fur Farbe, und war arm an Gestalt.

Raffael ist lauter Herz und Empfindung, und eine Quelle von Leben und Schonheit, wie je wenig Sterbliche. Edel und liebenswurdig, und bereit, von seiner Fulle mitzuteilen fur jedermann, hat er die Gunst und Bewunderung von dem Kerne der Menschheit erhalten. Alles Nackende, was zu unsern Zeiten am Menschen sichtbar ist, besitzt er in seiner Gewalt. An Gestalt ist keiner reicher als er, und darin fuhlt er einige Gattungen von Seelenschonheit aufs lebendigste. Die Farbe war ihm zu sehr Oberflache; im Nackenden hat er aber doch oft ihren Reiz gefuhlt und besonders bei Kopfen in hochster Vortrefflichkeit ubergetragen. Die Zaubereien von Hell-Dunkel sind ihm fremd. Sein Fehler ist seine Gefalligkeit uberall, auch wo sie nicht sein soll. Es scheint, als ob er nie ein widerwartig Gesicht recht habe ansehen konnen; in seinen Kopfen von Attila und Heliodor, und Mordern schier, ist Grazie und Gefalligkeit. Heldencharakter, welche fur sich bestehen, einen Apollo, Herkules, Jupiter, und diesen Ahnliche unter Menschen hat er nie oder hochst selten durch blosse Kopie erreicht. Sein Nackendes in den Teilen, die man nach unsern Sitten nicht sieht, ist wie aller andern Neuern meist Abschrift eines Modells; doch freut einen darin seine feste Hand. Die Vollkommenheit unsrer besten Antiken kannt er nicht; und sein Vortrefflichstes ist wahrlich nicht das wenige, worin er sie nachgeahmt hat. Dies Nackende, wenn er sich auch noch so sehr plagte, tut wenig Wirkung; es ist nicht wieder andre Natur geworden wie bei den Griechen, ausgenommen Kinder, Arme, Beine, Bruste, Hande, Fusse.

Ubrigens sieht man recht im Vatikan, dass er mit den vorzuglichsten Personen seines Zeitalters umging und ihre Gestalten, Mienen und Gebarden, Stellungen und Bewegungen und den Reiz in den Gewandern seiner Kunst eigen machte. Welche Meisterstucke Archimed, Aristoteles, Plato, Pythagoras, seine Theologen und Kirchenlehrer! Um sie so wohl zu fassen, dazu gehort gewiss ein verliebter Umgang mit grossen Mannern. Sappho, Laura, die drei Musen neben dem Apollo im Parnass, Pindar, Horaz, welche Gestalten! Und wieder welch ein unschuldiges unbehulfliches und doch unbesorgtes Wesen in seinen Kindern zum Beispiel im Burgbrande!

Die Schonheit von Ausdruck und Empfindung hat er verstanden wie keiner. Auch dem Gemeinsten hat er immer einen Anstrich von Empfindung gegeben, ihn wie in Seele getunkt. Er konnte fast nichts anders machen; und die gefuhligen Gebarden von inniger Ruhrung sind bei ihm zuweilen fur den scharfen Denker blosse Manier und finden sich, wo sie sich nicht hin schicken. Seine wahrhaftig schone Seele hat sich von Kindheit an dazu gewohnt.

Gefuhlvolle Gestalten, die nicht sprechen, sind aber auch der eigentlichste Gegenstand der Malerei; wo diese nicht das Hauptwerk in einer historischen Komposition ausmachen, ergreift das andre wenig.

Die vorige Woche war eine Seligsprechung zu Sankt Johann im Lateran, und dabei wurden Raffaels Tapeten ausgehangt, das Fest zu schmucken. Sie machen die andre grosse Reihe von Gemalden aus, wenn man sie so nennen will, die sich von ihm hier befinden, und belaufen sich an die zwanzig Stucke. Es sind Bilder aus dem Leben Jesu und der Apostelgeschichte. Raffael malte die Kartons dazu, wenig Jahre vor seinem Tode, auf Verlangen Leo des Zehnten, und sie wurden in Flandern unter Aufsicht zwei seiner guten dortigen Schuler gewirkt.

Man trifft darunter Vorstellungen an von hoher Vortrefflichkeit und Schonheit: bei einigen aber gab er sich freilich nicht viel Muhe; doch erblickt man auch hierin einzelne Figuren, die entzucken. Er musste sich darauf einschranken, was auf Tapeten Wirkung tut, und konnte nicht ins Feine gehen, in die zarten Zuge, die oft soviel entscheiden. Deswegen hat man vermutlich auch aus einer schandlichen Nachlassigkeit die Originale zuruckgelassen; und der Himmel weiss, wo sie in den Nebellandern hingeraten sind.

Der Kindermord, die Auferstehung, die Austeilung der Schlussel, wo man dem Paulus opfern will, derselbe im Areopag, Petrus, der einen Gichtbruchigen heilt, der blinde Zaubrer, der Fischzug gehoren unter die besten. Es ist wunderbar, wie das Leben aus der groben Materie hervorbricht und die Herzen ergreift; und man wird selbst zum glucklichen, seligen Kinde, wenn das Volk so daran vorbeizieht, da und dort stillesteht und sich dieses und jenes Schone zeigt, sich dabei der Religion freut und fromm und gut nach Hause geht.

Vor seinem Kindermorde muss jeder andre Kunstler die Segel streichen. Ich habe manches schone Weib davor Tranen vergiessen sehen, so ruhrend ist die Mutterliebe und die Unschuld der Kinder auf mancherlei Art ausgedruckt. Die Mutter, welche mit ausgebreiteten Armen und flatternden Haaren im Schrecken flieht; welche sitzt und uber ihr totes Kind weint; welche den Morder wutend fortstosst, indes das Kind sich an sie festklammert: sind gottliche Gestalten.

Es ist ein unendlicher Reiz von Leben, Bewegung und Schonheit in diesem Stucke, das aus drei grossen Tapeten besteht.

Wie Petrus den Gichtbruchigen heilt, ist ein gleiches Meisterstuck und hat die trefflichsten Naturgestalten zur Begebenheit und macht noch ein vollkommner Ganzes. Ein gleiches, wo dem Paulus geopfert wird und wo Petrus die Schlussel empfangt.

Wie Christus aufersteht, ist ausserst sinnlich erfunden. Die Wache erschrickt und flieht davon, wie vor einem Gespenste. Der Hauptmann mit dem Spiesse, der im Entsetzen noch tapfer aushalten will, und der Soldat, der sich vor Furcht an ihn schmiegt, und ein andrer mit Schild und Armen uber dem Kopfe, und der, welcher ausreisst, sind Meisterwerk. Die drei Marien in der Ferne vollenden die Heiterkeit des Ganzen.

Es lasst sich wenig daruber sagen, wenn man nicht selbst davorsteht und auf die Schonheiten hindeuten kann. Auch muss man vieles aus einer nahern Bekanntschaft mit Raffaelen nur ahnden.

Unter allen seinen theologischen Werken behalt aber doch immer den Preis sein letztes, die Verklarung, weil es gewissermassen die Quintessenz aller seiner heiligen Gefuhle in sich halt, den Zuschauer in den Mittelpunkt der christlichen Religion zaubert und die Vollkommenheit seiner Kunst ist. Schade nur, dass das Gemalde die Haltung verloren hat, die Schatten alle schwarz geworden, die feinen Tinten verschwunden sind und die Luft keine gute Wirkung tut. Inzwischen mussen die Gestalten der hohen Menschen, die hier versammelt sind, schon an und fur sich ergreifen. Jeder von den untern Aposteln mochte gern voll Gutherzigkeit helfen, aber kann nicht. Auch die Notleidenden sind edle Seelen, und die kniende Jungfrau mit dem koniglichen Profil erhebt besonders die Szene. Der besessne Bube ist ein gutes Kind; der Kopf hat in der Tat den Ausdruck, als ob ihm ein boser Geist etwas angetan hatte, und sein Arm ist ein Meisterstuck von Wut der Qual. Der Kopf des Weibes, welches ihn mit der Hand halt, voll Angst und blasser Melancholie, ruhrt bis zur Bangigkeit.

Oben auf dem Berge wird der gottliche Jungling, der das menschliche Geschlecht von seinem Elend befreit und auf welchen die untern Gefahrten zeigen, in Verzuckung emporgehoben vom Boden, und ihn umschweben die grossten Geister der Vorwelt herab vom Himmel. Die eingeschlummerten Begleiter erwachen auf der Anhohe von der Glut der Begeisterung.

Jede Gestalt ist ausserst rein und bestimmt, individuell, voll Physiognomie und Schonheit in grossen Formen. Dabei sind die Kopfe doch fast alle Natur aus der romischen Welt und tauschen deswegen so sehr. Ein Fremder kann es nicht so geniessen wie einer, der diese kennt.

Mit einem Wort, es ist, was es sein soll: eine wahre Verherrlichung und Verklarung; die Doppelszene, so vereinigt, fullt den Moment so machtig, als die Malerei nur leisten kann; und was leere Kritiker tadeln, entzuckte gerade den Meister bei der Erfindung und macht den Triumph der Kunst fur den Menschen von Gefuhl aus.

Man muss gewiss erstaunen uber die grosse Anzahl seiner Werke bei so kurzem Leben und seinem Hange zur Wollust, besonders wenn man das meiste so gefuhlt und ausempfunden sieht. Bei blosser Manier und Fabrik lasst sich grosse Anzahl leicht begreifen, wo arme Sunder denselben Puppenkram, den kein Vernunftiger mehr erblicken mag, nur in andre Stellungen versetzen; aber alles Vollkommne, aus der Natur hergeholt, will reine volle Seele und kostet Anstrengung.

Raffael hat sich innig, von zarter Kindheit an, als einzig liebes Kunstlersohnchen voll frischer Kraft selbst zum Maler in der Einsamkeit und beim Leben in der Welt gebildet, und fruh sich angewohnt, Gestalten und Bewegungen derselben sich in der Phantasie zu sammeln und vorzustellen; und diese Ubung und Gewohnheit ist nach und nach bei ihm zur starksten Fertigkeit geworden. Seine Hand hat er gleichfalls geubt wie Auge und Phantasie, und dabei seines Geistes Sphare erweitert; und so ist der gottliche Jungling zum Vorschein gekommen. Die Hauptsache, worin er alle ubertrifft, bleibt eben die vollkommne Fertigkeit, sich Gestalten vorzustellen, die Grund in der Natur haben, mit Zweck und Absicht. Daher die wunderbare Menge seiner Gemalde. Das Hochste in der Malerei, Gestalt, wobei sich andre, zuweilen die scharfsinnigsten Kopfe, vergebens abmartern, war sein Leichtestes, ging von ihm aus wie Quelle. Aber doch sieht man bei seinen Kompositionen deutlich allemal die Figuren, wo er sich angestrengt und die wirkliche Natur nachgeahmt hat. Er besass einen gar guten Volksverstand und dachte und empfand bei jeder Geschichte gleich das Naturlichste; und seine Gestaltenphantasie und sein kernhafter Stil, wo alles bestimmt ist, machte das Ganze gleich lebendig.

Nach diesem allen seh ich mich doch genotigt, ein Gegenlied von dem Lobe anzustimmen, was ich dem Papst Julius gab. Es war ein Gluck fur Raffaelen, dass dieser seiner Kunst Arbeit verschaffte, und vielleicht auch keins und das Gegenteil; denn dadurch ist er fast zum blossen Kirchenmaler geworden. Das einzige grosse Werk ausser seinen theologischen Gemalden und Portraten ist die Geschichte der Psyche in der Farnesina; und diese gehort, einzelne vortreffliche Figuren ausgenommen, nicht unter sein Bestes. Die Gotter und Gottinnen darin machen einen grossen Abstand gegen die Antiken.15 Jedoch muss man zu seiner Entschuldigung sagen, dass er das vom Apulejus so kostbar erzahlte Marchen schier lucianisch behandelte; das Ganze ist ein Malerscherz und stellt ein kokettes Weib vor, welches keine reizende Schwiegertochter haben will und sie endlich haben muss.

Er und seine Schuler scheinen uberdies sich auf Kosten des reichen Kaufmanns Chigi von Siena, der aus verschwenderischer Pracht bei einer Mahlzeit fur Kardinale und Pralaten die silbernen Gefasse, sowie sie abgetragen wurden, in den vorbeifliessenden Tiberstrom werfen liess, sich mehr nur einen Zeitvertreib gemacht zu haben, als dass ihnen, von der vatikanischen Strenge her, die Arbeit Ernst gewesen ware; und der welsche Amsterdamer musste ihm dabei noch ein Zimmer fur seine Geliebte einraumen, damit er sie allemal gleich bei der Hand hatte, sooft ihm die Lust unter den wollustigen Zeichnungen der nackenden weiblichen Gestalten zu ihr ankame.

Die Allegorie mit den Liebesgottern ist das Sinnreichste, Venus und Psyche ubrigens einigemal bezaubernd, Zeus und Amor beisammen griechisch empfunden, Merkur und die Grazie vom Rucken Meisterwerk. Und Johann von Udine hat bei seinen Blumen einen himmlischen Fruhling genossen.

In seiner Galatee neben diesem Saal ist die Zartlichkeit und Empfindung der ersten Liebe ausgedruckt; sie hat viel Unschuld im Blick, aber noch etwas Unreifes in der Gestalt, und ihr Gesicht ist noch nicht so klar und rein wie zum Exempel die Kopfe in der Verklarung. Die drei fliegenden Bubchen schweben reizend in schonen Umrissen.

In den Stanzen sind zwar einige Gemalde, die nicht zur Kirchengeschichte gehoren, allein er musste die Personen darin doch dem Orte nach so fromm behandeln, dass sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Athen fur die Apostel Petrus und Paulus ansah und ein andrer Unwissender dieselben mit dem heiligen Schein in Kupfer stach. Sein Parnass wurde vermutlich in einem Saale von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden sein.

Und wie sind die Zimmer alle an und fur sich schon schlecht beleuchtet und angeordnet, mit Malerei uberladen! Man sollte fast denken, der Halbgott habe den grossten Teil seines Lebens mit seinen Schulern hier gefangen gesessen und einem theologischen Tyrannen zu gefallen alle Wande vollgepinselt, um ihn zur Erlosung zu bewegen.

Raffael hat durch diesen Druck ausserst wenig und vielleicht nichts gemacht, wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefuhlen und Neigungen und Erfahrungen ins Spiel gekommen ware, wo die Sonne seines himmlischen Genius ganz auf einen Brennpunkt gezundet hatte.

Es ist zwar wahr, aus der freisten oder schlupfrigsten Szene der Welt kann der Kunstler eine Gestalt in das frommste Gemalde ubertragen; allein es geschieht doch allemal mit Zwang, der, anstatt dass eine Begebenheit aus der profanen Geschichte oder Fabel die Phantasie erhobe und begeisterte, die eigentlich lebendigen Zuge verwirrt und verunstaltet, so dass sie ihre beste Kraft verlieren. Wie wurden Raffaels Weiber, zum Exempel, dieselben Gestalten zu seinem Kindermorde, zu seinen vortrefflichen Sibyllen in der Kirche alla Pace, zu verschiednen seiner Madonnen noch andre Wirkung in den Vorstellungen aus dem Leben einer Sophonisbe, Kleopatra, Cornelia, der Geschichte des Coriolan hervorbringen?

Es bleibt ausgemacht: Das Element der grossen Geister ist die Freiheit; und wer sie unterstutzen will, muss diese ihnen erst gewahren. Aller Zwang hemmt und druckt die Natur, und sie kann ihre Schonheit nicht in vollem Reize zeigen. Deswegen die Athenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der hochste Gipfel der Menschheit.

Rom, November.

Ich freue mich, dass Du mit mir auf gleichen Lebenspfaden gehst und also leichter an meinen Schicksalen teilnehmen kannst; nur ist Deine Chiara von ganz andrer Art als meine Fiordimona; sie hat mich nicht so lange schmachten lassen, ihrer Macht und Herrlichkeit bewusst. Das hab ich noch nicht erfahren, in der Liebe so von einem Weibe uberflogen zu werden. Ich habe Nebenbuhler, und vielleicht gluckliche Nebenbuhler: nur schein ich der glucklichste zu sein; und dies fesselt mich an ihren Triumphwagen, worauf die stolze junge Romerin einherzieht wie ein alter Sylla nach den Siegen uber die grossten Konige der Erden und die ersten Helden seines Vaterlandes. Und ich fuhl es, ach ich fuhl es, dass sie mich so ganz unund wie es mein Wesen in vollen Schlagen durchkreuzt, kann niemand fassen, als wer selbst in Feuer und Flammen unter einem solchen schrecklichen Gewitter gestanden hat.

Das erste Mal, als wir unsre Seelen vereinigten, geschah in der Nacht auf den Raub, zwischen Gebusch und Gestrauch, unter den ewigen Lichtern des Himmels, auf dem Gipfel des Monte Mario. O Gott, wie war ich da in Reiz versunken und verloren! Ach, wenn es ein Leben gibt, das so unaufhorlich fortdauert, in welcher Tiefe von Elend winden wir uns herum! Sie riss sich allzubald mit heissen Kussen los, damit ihre Abwesenheit vom Ball, den ein Prinz ihretwegen auf der Villa Melini gab, nicht bemerkt wurde; und ich wandelte ausser mir, nicht mehr derselbe, noch lange zwischen den Baumen herum, tat Freudensprunge wie ein Knabe und jauchzte vor unfassbarem Entzucken hinab in die Taler des Tiberstroms, dass alle Hugel widerhallten.

Du solltest sie sehen! Eine erhabne Gestalt, die das Auslesen hat; bei Lusternheit sprodes Wesen. Ein froh und edel wollustiger Gesicht gibt's nicht. Mit Adleraugen schaut sie umher und bezauberndem, doch nicht lockendem Munde. Das stolze Gewachs ihres schlanken Leibes schwillt unterm Gewand so reizend hinab, dass man dieses vor Wut gleich wegreissen mochte; und die Bruste drangen sich heiss und uppig hervor wie aufgehende Fruhlingssonnen. Wangen und Kinn sind in frischer Blute und bilden das entzuckendste Oval, woraus das Licht der Liebe glanzt. O wie die braunen Locken im Tanze bacchantisch wallten, der himmlische Blick nach der Musik und Bewegung in Sussigkeit schwamm, die netten Beine in jugendlicher Kraft sich hoben, wie schnelle Blitze verschwanden und wiederkamen! Doch warum beginn ich ein unmogliches Unternehmen? Der geniesst das hochste Los des Daseins, den ihre zarten Arme wie Reben umflechten; mehr hat kein Konig und kein Gott.

Ach, und sie ist mehr Wunder der Natur noch am Geiste! eine Kreatur, woruber ich zum ersten Mal mit geheimen Ingrimm rase, dass sie so vortrefflich ist. 'O lass mich!' ruf ich zuweilen fur mich in Verzweiflung aus; doch muss ich dem unbandigen Zuge folgen und unterliegen. Ich habe nie geglaubt, dass eine Dirne derart mich in Ketten und Banden legen wurde, und tobe uber mich selbst; aber niemand weiss, was ihm bevorsteht.

Ich will Dir gleich den falschen Wahn benehmen, der bei Dir aufsteigen wird. Sie ist reich, besitzt ein unmassiges Vermogen und hat weder Vater, Mutter noch Geschwister. Ihr Vater war der Sohn eines papstlichen Neffen, und sie ist nun allein geblieben. Wie um sie geworben wird, kannst Du Dir leicht vorstellen; aber sie will ihre Freiheit behaupten und sich platterdings nicht vermahlen.

Kurz darauf bracht ich bequemer und freier eine ganze Nacht mit ihr zu in ihrem Schlafgemach, bis Morgenrot und Sonne die Blumen ihrer Schonheit bestrahlten und ich so ganz in ungestortem Genusse mein Dasein mit allen Sinnen darinnen wiegte. Welche Reden! welche Gefuhle! wie schwand die Zeit dahin; welcher susse Scherz, was fur Mutwill, was fur Spiel, kindlich und himmlisch! Trunken und lechzend taumelt ich von dannen. Wohl recht hatte jener Weise: wenn man die Wollust dem Leben abzieht, so bleibt nichts als der Tod ubrig. Sie hat so ganz das, was Sappho bei Weibern allein Grazie nennt, das Liebreizende, was so oft den schonsten und verstandigsten fehlt. Diese versteht die Kunst, zu lieben, und kennt die Wirklichkeit der Sache mit allen ihren Mannigfaltigkeiten; sie ist eine Virtuosin darin, und andre wissen dagegen kaum die Anfangsgrunde. Bei ihr konnte Sokrates mit allem seinen unendlichen Verstande noch in die Schule gehen; Natur selbst ubersteigt alle Einbildung. O wie sie so bloss als erquikkende Frucht an einem hangt, als volle susse Traube, woran man mit durstigen Zugen saugt: und dann wieder bezaubernde unuberwindliche Tyrannin ist des Herzens und des Geistes! Sicher bei ihrer Vollkommenheit, bedarf sie die Zierereien der andern nicht. Die Grausame begnugt sich, gleich der Spinne, nicht an einer Seele und verlangt nicht, wie sie sagt, gegen die Unmoglichkeit zu streben; o ich mochte toricht werden!

"Lass uns aufrichtig sein!" sprach sie an einem andern Abend im Spazierengehen nach Saitenspiel und Gesang bei meinen Liebkosungen und Klagen der Eifersucht.

"Jedes muss sich selbst am besten der Krafte zu seiner Gluckseligkeit bedienen, womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und Sphare, wohinein es bei seiner Geburt gesetzt wurde. Dies hebt den Menschen uber Menschen und macht einen weit grossern Unterschied zwischen den Graden ihres Genusses, als zum Exempel zwischen den verschiednen Weinen und ihrem Geschmack ist, wo man nicht glauben sollte, dass sie alle von derselben Rebe herkamen. So waren die Konige Halbgotter und Lowen unter Rindern, wenn sie ihre Stelle zu gebrauchen wussten.16

Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefallt, erwuchs und Vermogen besitzt, wenn es sich das unauflosliche Joch der Ehe aufbinden lasst. Eine Gottin bleibt es unverheuratet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von jedem wackern Manne, auf solang es will. Es lebt in Gesellschaft mit den verstandigsten, schonsten, witzigsten und sinnreichsten; erzieht seine Kinder mit Lust, als freiwillige Kinder der Liebe; erhoht sich zum Manne: da es hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden ware, nichts mehr vermochte nach Gesetz und Gewohnheit, und sich endlich von dem kleinen Sultan selbst, welchem es sich aufgeopfert hatte, verachtet sehen musste, ohn einem andern Vortrefflichen seine Hochachtung wirklich auf eine seelenhafte Art, nicht bloss mit Tand und Worten, erkennen geben zu durfen.

Ich werde dies einem Prospero nicht weiter auseinanderzusetzen brauchen, und ferner nicht, ob das Wohl des Staats oder Ganzen dadurch gewinnt oder verliert. Die etwanige Sunde kann man sich ja vergeben lassen! und eigentlich ist es bei uns nicht einmal eine gegen das sechste Gebot, sonst wurden diese Lebensart fromme Regierungen nicht gestatten.

Was die Eifersucht betrifft, so ist sie gewiss, wenigstens auf Eurer Seite, eine unnaturliche Leidenschaft und entsteht ganz allein aus armseliger Schwache, Mangel oder Vorurteil; Bruder und Helden, jeder wert, ein Mann zu sein, sollten sich eine Freude daraus machen, ein schones Weib gemeinschaftlich zu lieben. Der geringste Genuss wird durch Anteilnehmung mehrerer verstarkt und gewinnt dadurch erst seinen vollen Gehalt: warum sollte es nicht so sein bei dem grossten? Und ist eine junge Schonheit nicht imstande, ihrer viele zu vergnugen? Verliert der eine etwas, wenn der andre auch von der Quelle trinkt, woran er schon seinen Durst geloscht hat? In einer guten burgerlichen Gesellschaft sollte platterdings auch gesellschaftliche Liebe und Freundlichkeit sein; allein wir konnen uns von dem Krebsschaden der Vorurteile vieler Jahrtausende noch nicht heilen. Eins und eins ist wahrlich nicht viel mehr als einsiedlerisch und gegen die Natur; sie behauptet deswegen auch immer ihre Rechte, wie jeder weiss, der nicht ganz blind ist. Bei der grossen Mannigfaltigkeit war es Unsinn, jederzeit von blossem Brot zu leben. Jeder Mensch existiert fur sich und in keinem andern; wenn dies die Natur gewollt hatte, so waren wir zusammengewachsen. Und geht's nicht so unter allen andern Gattungen von Tieren, Gras und Kraut und Baumen? Jedes vereinigt sich mit dem andern nach Gelegenheit. O ihr Armseligen, die ihr keinen Begriff von Leben und Freiheit habt und Grossheit des Charakters! Dass dies die reine wahre Lust ist, mit seiner ganzen Person, so wie man ist, wie ein Element gottlich einzig unzerstorbar, lauter Gefuhl und Geist, gleich einem Tropfen im Ozean durch das Meer der Wesen zu rollen, alles Vollkommne zu geniessen und von allem Vollkommnen genossen zu werden, ohne auf demselben Flecke klebenzubleiben. Sobald etwas ganz genossen ist, weg davon! Dies ist das allgemeinste Gesetz der Natur, wodurch sie sich ewig lebendig und unsterblich erhalt."

Ich erschrak und erstaunte uber diesen pindarischen Schwung; so weit hatt ich meine Philosophie noch nicht getrieben. Was lernt man nicht in Rom! Es bleibt gewiss in jeder Rucksicht die Hauptstadt der Welt. Ich sah sie an wie ein junges arabisches Ross, das nie Zugel und Gebiss erfahren, mit flatternden Mahnen durch die Fluren schweift und mit uppiger Kraft uber alle Hecken und Graben setzt.

Sie lachelte uber meine Verwunderung, milderte ihren feurigen kuhnen Adlerblick, fasste mich zartlich bei der Hand und fuhr fort:

"Wenn man mit euch Weisen spricht, so muss man wie Zeno und Plato reden und sich dem Hochsten nahern, sonst habt ihr nur Mitleiden mit uns Schwachen. Glaube nicht, dass mein Herz aus mir sprach; es waren nur Abstraktionen kalter Vernunft und leichte Fluge mutwilliger Phantasie, dich zu necken und zu warnen. O du bist mein Abgott, ich werde dich immer lieben, solange du mir getreu bleibst; und ich habe keine Furcht vor einem andern, solange du es sein wirst. Kennst du etwa einen, der so viel uber mich vermochte als du? so viel uber mich vermocht hatte? Nur schweig und verbirg, und lass uns unsre Gluckseligkeit im stillen geniessen; denn du siehst, ich bin von Feinden umringt, die mich und meine Guter zur Beute machen wollen."

Alles dies ist Schatten und nichts schier gegen das, was und wie sie es gesagt hat, mit einer Leichtfertigkeit, und einem Spiel von Mienen und Gebarden, und Pausen und Fragen und Antworten und Errotungen und Wegwendungen des Gesichts, und als ob ihr manches nur entschlupfte, dass ich mich schame, es hingeschrieben zu haben. Doch mag der blosse Inhalt allein Deiner Moral, wenn Du noch die alte hast, genug zu schaffen geben; ich wenigstens bin mit meinem Latein am Ende und denke keine Spanne weiter mehr daruber hinaus, von den Wonnestrudeln des paradiesischen Lebens bei meiner Zauberin ergriffen und festgehalten.

Nach diesem sonderbaren Liebesgesprach ist noch sonderbarer, dass sie keiner Ausschweifungen beschuldigt wird und alle Abbati nichts wissen, die sich an ihr blind schauen. Sie halt sich eingezogen in ihrem Palast auf, wenn sie sich nicht auf ihren Landgutern befindet, und hat eine alte Base bei sich; und so fuhrt sie die Wirtschaft mit ihren Kammerweibern und Bedienten. Sie weiss sich so von jedem Ehrerbietung und Gehorsam zu verschaffen, dass sie keines Mannes dazu bedarf und ihr alter Vormund, den sie noch erbt, gute Musse hat. Entweder ihr Vater oder ihre Mutter mussen ausserordentliche Menschen gewesen sein: sonst kann ich es nicht begreifen. Beide sind erst vor wenig Jahren nacheinander gestorben.

Etwas von dem Ratsel kann Dir noch das erste Gesprach aufschliessen, wodurch ich mit ihr bekannt wurde, welches wir zusammen in einer Gesellschaft hielten, wohin ich kurz nach meiner Ankunft den Kardinal begleitete. Es betraf die drei grossen Lichter der welschen Literatur, den Dante, Petrarca und Boccaccio. Von dem letztern behauptete sie, dass er am mehrsten Mensch und der Klugste und, gegen die gewohnliche Meinung, am mehrsten Dichter gewesen ware. Aus seinen Novellen allein leuchte unendlich mehr Erfindungsgeist hervor als in den Werken der beiden andern, und dies bestimme doch hauptsachlich den Rang der Dichter. Vers und Reim sei nur Verzierung, wie Licht und Schatten bei der Malerei, und nicht das Wesentliche. Und auch in Charakter und Sprache durfe man ihn den guten Klassikern an die Seite setzen.

Ich wandt ihr dagegen verschiednes ein und scherzte uber ihre Verteidigung dieses gefahrlichen weiblichen Moralisten. Sie zog sich mit unbeschreiblicher Anmut und leichtem Witz aus der Schlinge und beschloss, er habe die Sitten seiner Zeit geschildert, und es gehore zur Vollkommenheit von Held und Heldin, alle Wege und Abwege eines Landes zu kennen; und es habe noch niemand zum Vorwurf gereicht, durch andrer Schaden klug zu werden. "Ich betrachte die Komodie des Dante", fugte sie ernsthaft hinzu, "eigentlich nur als eine Satire uber seine Feinde. Ubrigens war er ein Mann wie ein Fels, welches auch seine Gestalt zeigt, voll hohen Ehrgeizes. Der letztere hat ihn vermutlich zu seiner unverstandlichen Theologie und Philosophie verleitet; er wollte uber die beruhmtesten Personen seines Zeitalters hervorragen. Wenn er Kraft genug gehabt hatte, die Modemanner zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedichte wahlte als ein so gotisches Gewirr, so war er vielleicht eine neue Art Homer fur uns. Er hat Starke, Feuer, tiefes Gefuhl, Einbildung und mannliche Wurde. Die Schicksale nach seiner Verbannung liessen ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug.

Petrarca geht zuviel in der Luft; doch entzuckt nicht selten lauter und rein sein himmlischer Geist, in guter Gesellschaft gebildet. Allein Boccaccio hat am mehrsten Natur und war am mehrsten unter seinen Menschen: und hat deswegen auch am mehrsten gewirkt. Was an ihm zu tadeln ist, muss man billig auf Rechnung seines Zeitalters setzen."

Ich wurde einen Mann wegen dieser Urteile nicht bewundert haben; aber sie bezauberten mich von so schonen Lippen aus zwei Perlenreihen Zahnen hervor. Was fur innrer Gehalt gehorte nicht dazu, dieselben in Beisein eines Kardinals auszusprechen!

Es ist ein Gluck fur mich, dass ich sie so fand; mit ihr hatt ich die Torheit begehen konnen, zu heuraten und alle meine brennenden Begierden und Hoffnungen in ihrer Liebe dampfen zu wollen. Bei den Grundsatzen, die sie wenigstens auszudenken imstande war, wenn sie dieselben auch nicht ausuben sollte, wurde mir dieses eine erspriessliche Ehe geworden sein! Inzwischen ist wieder wahr: mit Verstand kann man alles anfangen; sie wurd es schon so gemacht haben, dass auf beiden Seiten nichts Boses erfolgt ware. Jedoch nur der fernste Gedanke, in einen gewissen Orden hineinzugeraten, treibt mich auf und von dannen.

Aber ich weiss selbst nicht recht, woran ich bin, und die Heillose foppt mich. Noch einen Hauptpunkt hab ich vergessen, Dir zu erzahlen: Sie macht und singt aus dem Stegreif vortreffliche Verse, mit einer so tonvollen silbernen Stimme, dass sie alle Augenblick eine Muse auf dem Parnass oder eine Sirene in den Fluten vorstellen kann. Dies bringt zwischen uns grosse Ergotzlichkeit hervor in Einsamkeit und Gesellschaft; und sie sagt im Scherz, wir waren so fureinander geschaffen, um die erste Ehe stiften zu konnen, wenn nicht schon ein ander Paar den Fluch aller Unglucklichen, die an diesem Joche ziehn, auf sich geladen hatte.

Ach, wer weiss, wie dies enden wird! Mir ist so warm in der Brust, dass mich's wie auf einen Punkt brennt, und dabei zuweilen bange. Eine Glut scheint mein innerstes Leben anzugreifen und davon zu zehren; ich gehe herum wie ein Tier, das an einem Schusse blutet. In Augenblicken fahr ich vor Schrecken zusammen wie ein junges Rind, dem der Lowe brullt. Ich habe meine Freiheit verloren und kann mich nicht ermannen. Aber wenn ich meine Krafte anspanne, kann ich noch einen Strick zerreissen. Ist sie eine Semiramis, dass ich weit und breit vor ihr in Suden und Norden keine Freistatt finde? Gott im Himmel, dass sie so allen Reiz haben muss, wornach mir je gelustete! Sie hat einen Blitz in den Augen, womit sie alles niederschmettert.

Doch was rase ich? Bin ich nicht glucklich, emporgehoben zu den Sternen? Der Wahnsinn muss Dir in Deiner Lage gefallen.

Ich sitze noch im Vatikan, weil ich hier am bequemsten zu ihr komme. Von der Villa Medicis ist es zu weit, und ich befurchte, man mochte uber mein Ausbleiben Verdacht schopfen und mich beobachten. Der Kardinal ist ein Schalk; o ich merke, dass er seinen Bogen auch auf dieses Ziel spannt und seinen Pfeil dahin richtet.

Mein Petrus ist eine junge hubsche Mohrin vom Senegal, die noch wenig Italienisch versteht. Fiordimona halt sie so in der Zucht, dass sie bei der geringsten Untreue befurchten muss, auf der Stelle niedergestossen zu werden.

Die noch immer schonen und heitern Morgen bring ich im Belvedere zu, lasterlich! bloss um mich zu zerstreuen und auf andre Gedanken zu kommen. Aber Apollonios und Agesander verstehen ihre Kunst doch auch so, dass sie mich allemal fruh oder spat mit ihrer Schonheit und Wahrheit an sich locken und einnehmen. O wie erhebt dies meinen Geist, dass er solche Bruder hat! Wir sind ewig, unsterblich, bewegen uns selbst und schaffen; nichts kann uns Schranken setzen! Die Materie, die meinen freien Vogelflug hemmt, werf ich ab, sobald ich will.

Ich bin fur heut ins Schwarmen hineingeraten; morgen mehr.

Rom, Dezember.

Nach einigen Tagen Schirokko, der Regen in Wolkenbruchen ergoss, hat sich heute wieder eine klare Tramontana eingestellt; Hugel und Taler und Gebirge schweben weit und breit in lauter erquickendem Himmel, und ein leichter Ather hebt von der Erd empor und von dannen. Dies sind meine letzten Stunden im Vatikan; ich will, ich muss nun scheiden. Ach, scheiden von der Kunst uberhaupt! Sie ist meine Bestimmung nicht; ich habe mich nur jugendlich getauscht. Nach dem geheimen Gefuhl, dass der Endzweck aller und dass Gott selbst keine andre Gluckseligkeit habe, wahnt ich, am ersten meine Beruhigung in der Malerei zu finden, und arbeitete mich herum mit Traum und Schatten. Herz und Geist trachtet nach einer kraftigern Nahrung und findet diese allein in der lebendigen Natur und Gesellschaft der Menschen, in wirklichem Kampf und Krieg und Liebe und Friede mit denselben. Wir sind die Quintessenz der Schopfung fureinander, allein unsre Freunde und Feinde und einer des andern Beute, sind fureinander die hochste Sphare zu handeln.

Aber ach, Scheiden ist der eigentliche Tod, vor dem die Natur schaudert! Mein Leben blutet, und ich kann mich noch nicht ganz losreissen. War ich Kunstler und Mitgenoss einer alten Republik, so konnt ich vielleicht ausharren, bis mich der Schlangenstrom der Ewigkeit wieder in seine klare Flut aufnimmt oder als neuen Schaum an ein ander Ufer im Weltall setzt. Goldne Zeiten von Athen, wo seid ihr hin? Werd ich keinen Schatten von euch auf diesem Erdenrunde wieder finden?

Doch was sag ich: Mitgenoss einer alten Republik?

Hatt ich in dem glanzenden Zeitalter gelebt, worin Sokrates aufwuchs, so hatt ich meine Malerei gewiss noch eher als er seine Bildhauerei verlassen, und sie ware nicht einmal Spiel fur mich gewesen. Plutarch lallte freilich kindisch, wie manches, nach, in ganz andern Umstanden: 'Welcher gutartige Jungling wird Phidias oder Polyklet sein wollen!' Noch brennt mich der Pfeil, den mir Demetri tief ins Leben abdruckte.

Nach der Schlacht bei Plataia bis in den Peloponnesischen Krieg hinein war Athen ein halbes Jahrhundert das Rom von Griechenland, jeder Burger uber die Inseln und Kleinasien schier Furst und Herr, und alle Kunst ihm unanstandig, die nicht zum Helden und Staatsmann bildete.

Uberhaupt aber hatte schon vorher Solon mit seinen Funfhundertschefflern, Reitern und Halbreitern und so fort, obgleich von der Lage der Sachen vielleicht dazu genotigt, doch argerliches Mass und Gewicht fur das Verdienst eingefuhrt: jeder war unedel, der nicht von seinen Renten lebte, er mochte mit gottlicher Wissenschaft und Kunst sich seinen Unterhalt erwerben.

Die erhabnen Sieger uber den grossen Konig hatten recht, sich diesen verwunschten Massstab vom Halse zu schaffen; ware hernach nur ihr Senat und Areopag bei seiner Wurde geblieben. Doch ich will hiervon nichts weiter reden; Lukian hat es, mit dem treffendsten Witze in seinem Meisterstucke, dem Zeus Tragikos, genug lacherlich gemacht.

Der Lehrer des Weltbezwingers wies alsdenn nach der reinen Vernunft den Kunsten im Staat ihren Rang an und sagt: alle Kunst ist unedel, die Leib und Seele der Gewandtheit beraubt, sich frei zu regen und zu bewegen; folglich jede, wobei man sitzen oder in einer gezwungnen Stellung und Lage sein muss.

Die bildenden Kunste mochten freilich nach dieser Regel ubel wegkommen, besonders die Malerei, wenn die Arbeit dabei, wie Michelangelo behauptet, kinderund weibermassig ist. Jedoch auch selbst die Philosophie: wenn man so viel lesen und schreiben musste, als der Stagirit gelesen und geschrieben hat; und noch mehr, um soweit Freiheit der Seele die des Leibes ubersteigt, die ehrwurdigsten Amter. Mein Nachbar hier mit seiner dreifachen Krone ware der Hauptsklav; gebunden wie ein Wickelkind, der alle Welt lost!

Aber das beste ist, man weiss sich bei diesem allen schon schadlos zu halten und versteht dies nur auf wenige Tage und Stunden.

Ubrigens hatten die Griechen darin recht, dass derjenige sich zum Handwerker erniedrigt, welcher seine Kunst des blossen Gewinsts wegen eines andern beliebigen Befehlen unterwirft. Das Werk behalt hingegen auch wieder immer seinen Rang; und eine Venus von Tizian bleibt auf alle Weise eine Venus von Tizian und gerat nie an Wert von Erfindung und Arbeit unter die Hosen und Stiefeln von Schustern und Schneidern. Selbst die Gesetze der hohen Ehre sollen die Kunst nicht zu streng und gewaltsam fesseln; keiner ist gleich am Ziele! jeder hilft sich fort nach den Umstanden, bis er dahin gelangt und einigermassen herrscht unter wenig echtem Gefuhl und einem Haufen Wahn und Mode.

Fur jetzt nur noch einige Zeilen als geringe Spuren meines glucklichen Aufenthalts in dem wahrhaftigen Belvedere von innen und aussen.

Wehmutig muss man zwar das Haufchen Ruinen betrachten, wenn man an die unzahlbaren Schatze des Altertums denkt: an die hundert metallne Kolossen der Insel Rhodos allein oder die manchen hundert Meisterstucke von Lysipp, geschweige die Volkerschaften von Statuen zu Delphi und Elis, die Pracht und Herrlichkeit von Athen, Korinth, Gnid, Ephesos. Ein Grieche vor den romischen Raubereien wurde die heutigen Antiken insgesamt gleichsam ansehen wie ein Lucull, von der Tafel aufgestanden, ein paar verschimmelte Brocken aus eines Bettlers Sack. Und doch schlagen sie allen unsern Stolz nieder und zeigen uns deutlicher unsre Barbarei als irgend etwas, was ubriggeblieben ist.

Man begreift nicht wohl, wo die Alten die Kosten nur der Materie hernahmen, binnen so kurzer Zeit eine so grosse Menge von Kunstwerken aufzustellen, da heutzutag nicht die grosste Monarchie zu leisten imstand ist, was zum Beispiel in dem kleinen Sizilien nur das Sandkorn, das kaum bemerkbare Girgent, tat. Die Verwunderung des Xenophon, in den bluhendsten Zeiten der Kunst und wo die Griechen schon selbst von ihrer strengen Lebensart sehr abgewichen waren, uber die Schwelgerei der Perser, dass sie ihre Schlafzimmer mit Tapeten belegten,17 damit der unnachgiebige Boden nicht zu hart gegen ihre weichlichen Fusse anstrebte, kann uns einigermassen den Schlussel dazu verleihen. Hohe Selbststandigkeit des Menschen, Vergnugen des Herzens und Freude des Geistes an Wahrheit und Schonheit ging aller leeren Pracht vor; die Starke scheute den Kitzel erschlaffter Sinnen. Und die kleinste Republik, wo zu gemeinschaftlicher Lust jeder so denkt und fur seine Person sich abbricht, kann Berge versetzen und eine andre Natur schaffen.

So glanzt jedoch, zur Ehre unsrer Religion sei es gesagt, die noch das einzige allgemeine Band ist, ohne weitere Vergleichung mit den Alten, auch jetzt manches armliche Stadtchen in Italien mit einem himmlischen Bilde von Raffael oder Correggio wie ein Stern hervor gegen ungeheure Reiche in Norden, nachtliche Wusten, wo keine Schonheit erscheint.

Lysipp, der wie Apelles in seiner Art den hochsten Gipfel der Kunst erreichte, goss alle seine Bilder aus Erz: weil der Gesang der entzuckendste, wo man die Musik, und die Poesie die vollkommenste ist, wo man die Sprache nicht merkt; und so geht es in den bildenden Kunsten mit der Arbeit und der Materie, dem Zeichen.

In den feierlichen Werken des Phidias und Polyklet von Gold und Elfenbein erscheint die Kunst noch wie eine geschmuckte unreife Jungfrau, in denen des Praxiteles und Lysipp wie eine Phryne aus dem Bad hervor, alles Fremde, Verdunkelnde abgeworfen, in lebendiger Vollkommenheit. Sie wollten die Formen, das Wirksame nur, gleichsam in die Seelen zaubern, das Wesentliche, schier unsichtbar dabei wie die Gotter; und verbannten alle Pracht, die das Auge abzieht und den Geist dampft.

So gebrauchten die grossen Maler dieser Zeit nur die notwendigsten Farben; und gleiche Bewandtnis hat es mit den Reden des Demosthenes, der weit von dem nicht selten eitlen Wortschwall des Cicero entfernt ist. Und so findet man beim Sophokles und Euripides, die fruher zur reinen Schonheit gelangten, ausserst wenig oder nichts von dem spanischen Pomp.

Uns ist von den Meistern, welche die Kunst auf eine hohere Stufe setzten, namentlich nichts ubrig. Das meiste sind Bilder und Kopien von Lehrlingen, die man auf die Gipfel der Tempel und Palaste zu Rom und von dessen Landhausern stellte, welche mit der Zeit und in dem Getummel des Kriegs und der Barbarei heruntersturzten, zerschmettert und im Schutt der verwusteten Gebaude begraben wurden. Nach langen Jahrhunderten grasslicher Nacht, die in diesen Gegenden die Menschheit benebelte, hat man, wie nach Gold- und Silberminen, die Wunschelrute wieder auf sie angelegt. Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange weggefuhrt worden, in Schiffbruchen und auf ihrem ursprunglichen Boden in Griechenland selbst in mancherlei Zerstorungen verschwunden. Und doch haben wir daran genug, um wenigstens den Geschmack zu bekommen, wie an etlichen, obgleich nicht den besten, Flaschen Rest Lacrimae Christi und andrer kostlichen Getranke von in Erdbeben untergegangnen Weinlagern.

Die Sache hat folgende Bewandtnis:

Die alte Kunst teilte sich in besondre Klassen von Schonheiten, und die grossen Meister beeiferten sich, das Ideal von jeder vollkommen darzustellen. Wenn nun einmal das Hochste da war, so blieb den andern nichts ubrig, als ein ahnliches nachzumachen, wenn sie in dieser Klasse arbeiten sollten. Man kann sagen: Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgelost, und sein Bild davon genoss allgemeine Verehrung an dem beruhmtesten Schauplatz. So ging es mit der Venus des Praxiteles und Apelles, den beruhmten Apollen, Merkuren, Junonen, Minerven, Amazonen; die andern mussten ihren Weg einschlagen oder wurden nicht verstanden oder geachtet, wenn sie dieselben nicht ubertrafen. Ein guter Kopf schaut auch durch schwache Nachahmungen der ersten erhabnen Manner Gefuhl fur Form und eigentumliche Schonheit jedes Ganzen.

Der Torso, der Farnesische Herkules, der (Borghesische) Fechter sind zum Beispiel gewiss hohe Meisterstucke; doch finden wir die Namen ihrer sich nennenden Arbeiter bei den Alten nicht aufgezeichnet. Warum? Sie waren bloss Nachahmer des schon Erfundnen und brachten nichts Neues hervor, um besondre Aufmerksamkeit zu erregen. Und so konnen wir noch in Rom den Geist des Phidias, Polyklet und Praxiteles schauen, ohne etwas von ihnen selbst zu haben. Freilich wurde fur den innigen Wollustsinn noch ein grosser Unterschied bei ihren Originalen sein.

Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere, und, nebst wenigen andern, auf dem ganzen Erdboden, sind der Apollo, der Torso, der Laokoon und sogenannte Antinous; nachdem der letztern doch einmal der ehrenruhrige Name von blinden Antiquaren aufgehangt ist. Man hat dieselben in Versen und Prosa bis zum Ekel beschrieben, ihre Gipsabgusse wie Apostel zu Turken und Heiden versandt, jeder neue Ankommling tragt Anmerkungen daruber in sein Tagebuch ein: und bei allen Predigern auf den Dachern sind wir schlimmer geworden; kein Leonardo da Vinci, kein Michelangelo, kein Raffael ist mehr aufgestanden. Anstatt das Licht zum Wegweiser zu wahlen, hat man sich die Augen daran verblendet.

Das grosste Aufsehen hat der Laokoon gemacht, weil Plinius noch mitten unter allen den hochsten Meisterstucken der Kunst davon meldet, er sei ein Werk, allen andern der Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen, und man bei dem Alles-Aus-und-Abund-Aufschreiber glauben durfte, dies sei nicht seine eigne Lieblingsmeinung, sondern die Stimme des damaligen romischen Publikums gewesen.

Einige, voll von den Wundern des Phidias, Polyklet und Praxiteles, gingen so weit, dass sie mutmassten, der Laokoon mochte aus dem Zeitalter des Geschichtschreibers der Natur selbst und sein Lob ein gewohnliches Gelehrtenkompliment sein; allein der Augenschein zeigt jedem Erfahrnen, dass die Gruppe aus der schonsten Blute der Kunst stammt.

Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem Vatikan wehe zu tun, jedoch gar zur blossen Kopie machen, weil Plinius ferner sagt, die allervortrefflichsten Kunstler hatten nach gemeinschaftlich gepflognem Rate den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt; und sie bestehen offenbar aus zwei Stucken, und wenn Agesander und seine Freunde nicht Zeit und Arbeit vergebens verschwenden wollten, aus mehrern, da der Sohn zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerei willen unsinnige Muhe wurde gekostet haben. Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bei dem rechten Sohne noch sind, wenn man nicht hinsteigt; und es war schon in den alten Zeiten Mode, dass die Aufseher den Ankommenden Marchen wie Religion vorschwatzten; und der Geschichtschreiber der Natur hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich aufbinden lassen, wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen hatte. Inzwischen will ich dem wackern Manne hier nicht zu Leibe gehn; er sagt sonst Dinge mit gottlichem Verstand, und zuweilen erhabne Poesie. Sein Werk ist wahrscheinlich der erste Zusammenraff des ungeheuern Ganzen, und die Wolkenbruche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn, bevor er nur die zweite Hand daran legte.

Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmoglichkeit, dass ein Kunstler, der so hatte arbeiten konnen, einige der kraftigsten Jahre seines Lebens mit blossem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben und dass die Kopie, gerade wo das Original stand, durch ein Wunder vom Himmel gefallen und das Original dafur verschwunden ware: um sich bei Erorterung dieses silbenstecherischen Verdachts langer zu verweilen.

Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder fur bloss ubertrieben hingesagt gehalten und sich unter den verlornen hochsten Meisterstucken der ersten Kunstler, vom Phidias an bis zum Lysipp, ungleich vortrefflichre Bilder vorgestellt, oder die Dichter haben nur den schonen Ausdruck der Vaterliebe in der Gruppe angepriesen, und der grosse Haufe hat mit seinen Augen uberhaupt keinen wahren Endzweck aus der Vorstellung holen konnen und gedacht: es ist unglucklich genug fur uns, dass Lowen und Schlangen in der Welt sind; warum soll man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Marmor qualen sehen?

Es war erfreulich, wenn man schon aus der Theorie der Kunst und den blossen Nachrichten beweisen konnte, dass das Lob des Plinius gerecht sei, auch ohne den Olympischen Jupiter vor sich zu haben.

Und gewiss, wem zuerst die Idee von der Gruppe des Laokoon in der Seele aufging, und wer in seinem Herzen, in seiner Hand Mut und Fertigkeit genug fuhlte, sie auszufuhren: der war zum Bildhauer geboren wie Sophokles zum Dichter. Man darf kein grosser Psycholog sein, um zu erkennen, dass das Ganze nur von einem Wesen stammt und dass die zwei andern Triumvirn allein ihre Geschicklichkeit dazu herliehen.

Die schonsten Formen aller Art an der Doppelgattung des menschlichen Korpers waren von dem feinsten Gefuhl, dem heitersten griechischen Sinn in den manchen tausend Statuen schier erschopft, als die Gotterkraft unsers Geistes im Agesander noch den kuhnsten Flug begann und alles uberschwebte.

Der hohe Meister fand den herrlichsten Vorwurf zu seinem Kunstwerk in der griechischen Religion und umgriff damit Himmel und Erde. Die Gruppe des Laokoon ist von derselben Gattung wie die der Niobe, nur atmet daraus mehr tragischer und bildender Geist. Lesen wir zuerst, was von seiner Geschichte aufgezeichnet steht, im Hygin.

'Laokoon', erzahlt dieser, 'war ein Sohn des Akotes, Bruder des Anchises und Priester des Apollo. Da er wider dessen Willen heuratete und Kinder zeugte und ihn alsdenn das Los traf, dass er dem Neptun am Gestade opfern sollte, sandte Apollo bei der Gelegenheit von Tenedos her durch die Fluten des Meers zwei Drachen, damit sie seine Sohne Antiphas und Thymbraos umbrachten. Laokoon wollte denselben Hulfe leisten, wurde aber selbst umflochten und getotet. Welches die Phrygier deswegen geschehen zu sein glaubten, weil er einen Spiess in das Trojanische Pferd warf.'

Servius gibt jedoch die bessere Erklarung und sagt, es sei deswegen geschehen, weil er seine Frau aus Unenthaltsamkeit im Tempel des Apollo beschlafen habe.

Das Ganze vom Laokoon zeigt einen Menschen, der gestraft wird und den endlich der Arm gottlicher Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch Erkenntnis seiner Sunden. Uber dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus beiden ist der hochste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Korper zittert und bebt und brennt schwellend unter dem folternden totenden Gifte, das wie ein Quell sich verbreitet.

Seine Gesichtsbildung mit dem schonen gekrauselten Barte ist vollig griechisch und aus dem taglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen weggefuhlt, und druckt einen gescheiten Mann aus, der wenig ander Gesetz als seinen Vorteil und sein Vergnugen achtet, und der dazu den besten Stand in der burgerlichen Gesellschaft gewahlt hat; voll Kraft und Starke des Leibes und der Seele. Die zwei Buben werden mit umgebracht, als Sprossen vom alten Stamme; das ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt.

Es leidet ein machtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Gotter, und man schaudert mit einem frohen Weh bei dem furchterlichen Untergange des herrlichen Verbrechers. Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feierlich und naturgross in ihrer Art, wie Erdbeben die Lander verwusten.

Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schon; alle Muskeln gehn aus dem Innern hervor, wie Wogen im Meere bei einem Sturm. Er hat ausgeschrien und ist im Begriffe, wieder Atem zu holen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird derweile festgehalten, und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends kurzen Prozess machen.

Selbst die Schamteile des Alten richten sich empor von der allgemeinen Anspannung, Hodensack und Glied zusammengezogen; und Hand und Fuss ist im Krampfe. Die linke Seite mag wohl zum Hochsten gehoren, was die Kunst je hervorgebracht hat.

Die Sohne haben gerade so viel Ausdruck, als ihnen gebuhrt. Der eine ist im Sterben wie tot schon, und der andre leidet noch nicht an Gift und Wunde und entsetzt sich bloss. Der Vater zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

Der Gruppe fehlt ein Hauptteil, der rechte Arm des Laokoon. Michelangelo wollte denselben ansetzen, hatte schon das Modell dazu gemacht und angefangen, ihn in Marmor auszuhauen; aber welcher andre will sich in das lebendige warme Fleisch und die ganze Natur hineinfuhlen? Er war so bescheiden und verwarf seine Arbeit. Es ist jammerschade, dass der alte Arm verlorengegangen ist, wegen des Zugs der einen Schlange und weil Laokoon damit seine starkste Kraft muss geaussert haben.

Diese flog mit grimmigem Satze rechts her18 von oben herein, umflocht den aufgehobnen Arm, der sie abhalten wollte, schwingt sich geschwollen um den Rucken herum, an der Seite uber dessen linken und um den rechten Arm des altern noch lebendigen Sohns beim Ellenbogen, windet sich um den obern Arm, und schlingt sich dann um den untern wieder, und macht einen schrecklichen Knoten darum her, schiesst nach der linken Hufte des Vaters mit dem Kopfe, der sie mit machtiger Faust am Halse noch ergriff, und setzt morderlich den Zahn ein. Alles Strauben, alle Rettung ist vergebens und hort auf: es ist geschehen, die Tat vollzogen.

Die andre Schlange fahrt linker Seite her von unten auf durch die Beine, kuppelt sie wie Raub und Beute zusammen, umschlingt dem Sohne rechts den linken Arm und hinter dem Rucken herum den andern, und setzt ihm den giftigen scharfen Zahn ein nach dem jungen Herzen. Der Vater sank auf den kleinen Altar zuruck, weil er sich nicht mehr halten konnte; der altere Sohn linker Hand steht auf dem rechten Beine, und der andre mit dem linken Fuss auf den Zehen, und die Schlange halt ihn oben an den Altar gelehnt noch aufrecht. Alle warfen die Gewander ab, zu entfliehen.

Man mochte die Gruppe in den Zeiten, fur welche sie bestimmt war, betrachten, wie man wollte: so musste sie die starkste Wirkung hervorbringen; entweder als Naturtrauerspiel fur das ganze menschliche Geschlecht: ein Vater, der bei Rettung seiner Kinder umkommt; oder als Strafe der Gotter. Und als Kunstwerk konnt ihr kein anders den Rang der ersten Klasse streitig machen. Fur uns bleibt sie Naturtrauerspiel, und die Kreatur seufzt dabei im Innern uber die notwendigen Leiden auch des Guten und Gerechten und schaudert in ihr Unvermogen, ihre Unwissenheit zuruck.

Wenn man die Vorstellungen, wo der Korper leidet und das Leben vergeht, unter eine besondre Klasse bringen wollte, so mochte das Lob, welches Plinius dieser Gruppe erteilt, wohl am wenigsten konnen bestritten werden und sie unter allen dieser Art mit der Niobe obenan stehen. Der an seiner Wunde Sterbende des Ktesilaos, woran man sehen konnte, wieviel noch Seele ubrig war, gehorte als einzelne Figur dahin, so wie der Hinkende, vielleicht Philoktet, des Leontinischen Pythagoras, dessen Geschwures Qual die Betrachtenden zu empfinden meinten; die Verwundeten Amazonen, bis auf den beruhmten Hund des Lysipp im Kapitol, der voll Schmerz und naturlicher Todesschrecken in abgesetztem Lauf und Hast seine Wunde leckte und fur welchen die Aufseher mit ihrem Leben stehen mussten.

Der letzte Akt unsers Drama hienieden scheint vorzuglich ein Vorwurf der Malerei gewesen zu sein: Apelles tat sich darin hervor; alle aber ubertraf der Landsmann Pindars: Aristides. Konig Attalus erkaufte einen Kranken von ihm mit hundert Talenten; und Alexander liess das Gemalde, wo die an ihren Wunden sterbende Mutter das sich anklammernde Kind von der Brust abhielt, damit es kein Blut saugte, nach seinem Geburtsort bringen. In eben dieses Meisters Schlacht mit den Persern von hundert Figuren war ohne Zweifel manches Vortreffliche dieser Art. Die Farbe macht hier keine Kleinigkeit aus und reisst, gut aus der Natur empfunden, mit Gewalt zur Tauschung. Unter den neuern Werken mag Peter der Martyrer von Tizian wohl hierin obenan stehen.

Fur Sultane sind dies heilsame Bilder, um sie zuweilen an ihre Menschlichkeit zu erinnern; und das grosste Meisterstuck davon stand in den kaiserlichen Badern an seinem rechten Platz. Ich aber fur mich muss aufrichtig gestehen, dass ich in meinem Bad oder Schlafzimmer ein Kunstwerk erfreulichrer Art aufgestellt haben mochte; war es auch der verstummelte Herkules, an welchem meine Phantasie noch obendrein immer zu schaffen hatte; denn fur bestandig mocht ich die Gnidische Venus nicht.

Der Torso ist das Hochste von einem Ringerkorper; der Sohn der Wundernacht, aus dessen Armen sich der dreifache Geryon nicht loswand, ruht und sitzt auf seinem Lowenfell. Man findet nichts mehr ubrig von alter Kunst, wo Kernstarke schoner und vollfleischiger und alles in der lebendigsten Form mit dem feinsten Wahrheitsgefuhl so abgewogen ware. Er senkt die rechte Seite und hatte den linken Arm in der Hohe. Das machtige Brustbein ist so zart gehalten und mit nerviger Fettigkeit uberzogen, dass man es kaum merkt. Brust und Schultern und Mark vom Rukken herum sitzen uber der schlanken Mitte ganz unuberwindlich und erdruckend. Die Schenkel sind lauter Kraft. Alles ist an ihm in Fluss und Bewegung in den allergelindesten Umrissen. Man sieht alle Teile und ihre Macht und Gewalt, jede Fiber ist in Regung: und doch tritt weder Muskel noch Knochen scharf hervor. Es ist recht das hochste Vermogen in hochster Bescheidenheit und Schonheit.

Vielleicht hat er ein susses Geschopf der Lust auf seinen Armen gewiegt; denn sie trugen, und die Zapfenlocher der Stutzen sind noch in den Schenkeln. Gluckseligste Sphare der Welt, an dieser Achse du von ihm Geliebte! Du musstest ganz in Entzucken schweben und hangen und von aller andern Beruhrung frei und los sein! Doch dies zum Scherze; so wie ich beim Demetri behauptete: der fromme, zornige und schnellfussige Achill Homers komme gegen diesen Helden nicht auf.

Der Farnesische Herkules hat den Charakter von einem Faustbalger, so feist und breit und vollgenahrt sind die Formen gegen die Cestusschlage. Seine Starke fallt zentnermassig uber das Gefuhl eines heutigen schwachen Romers; aber auch ausserdem macht er alle Welt zu Hunden und Katzen gegen einen Lowen in seiner vollsten Kraft.

Er hat im Farnesischen Hof einen zu niedrigen Standpunkt; deswegen schwillt die Brust zu sehr aus ihrer naturlichen Grossheit, und noch Huften und Seiten.

Sein Kopf ist vollkommen Eisen und Stahl unuberwindlichen Mutes und unerbittsam im Zahneinschmeissen.

Der Kunstler, welcher ihn erfand, scheint ihn nach dem Ideale des Sophokles gebildet zu haben, wo der Held aller Helden ein ganzes Reich verheert, um Iolen in seine Gewalt zu bekommen; Vater und Bruder ermordet, weil sie bei einem Besuch ihren sussen Reiz ihm nicht zum heimlichen Beischlafe geben wollten; Dorfer und Stadte verbrennt und die Einwohner als Sklaven gefangen fuhrt: so tobte in ihm die Liebe.

Ich habe bei dieser Gelegenheit zu guter Letzt nicht unterlassen konnen, noch eine Skizze nach diesem Sonnenmut der Lust von sich strahlenden, jetzt meinem Lieblingsstucke unter allen des tragischen Dichters zu entwerfen, um mir damit eine eigne Kopie von der heroischen Gestalt und dem Farnesischen Stier aufzubewahren.

Dieser ist das grosste Meisterstuck in Marmor von allen Tieren aus der Zeit der Griechen. Man kann kein naturlicher Ochsenfleisch sehen, und Myrons Kuh war vielleicht nicht besser. Nur die Beine daran sind neu, sonst ist an ihm selbst alles wohlerhalten. Wahrhaftige wilde Stiernatur in Stellung, Bewegung durch den ganzen herrlichen Korper! Besonders strotzt die Kraft wunderbar vom Hintern uber den koniglichen Rucken. Schones Bild von Starke, um Herden zum Preise davonzutragen!

Die Skizze stellt den gottlichen Chor vor, wo Herkules und der Fluss Acheloos als Rind, beide von Kraft geschwellt, um Dejaniren miteinander kampfen, welche in zarter Wohlgestalt am fernglanzenden Ufer sitzt und den Gatten erwartet, schuchtern wie ein Kalb von der Mutter fern: ob es der Sohn des Zeus sein werde oder das vierfussige Tier, indes der Lowenwurger, nach langem Kriege, diesem das gewaltige Horn ausreisst.

Der erfreulichste Genuss dieser Werke ist fur uns verschwunden, weil wir keine olympischen Kampfe und Siege mehr daran sehen. Beide Athenienser verherrlichen mit diesen hohen Mustern noch hier ihre Vaterstadt; doch mocht ich lieber der Apollonius des Torso sein als der Glykon des farnesischen Keulenschwingers.

Der sogenannte Antinous, welcher einen jungen Helden, vielleicht den Meleager, vorstellt, wie man aus einem andern Bilde schliessen kann, das in Figur und Stellung ahnlich ist, wo unten zu den Fussen der wilde Schweinskopf sich befindet, hat fur uns unter den vier Hauptstatuen die mehrste Wirklichkeit.

Eine echte griechische jugendliche Schonheit voll geistigen Reizes und susser lieblichen Hoheit. Er blickt empfindend zur Erde, als ob er sich besanne, zu welchem Madchen er gehen wolle; und Lippen, Stirn und Wangen und Kinn sehen recht kraftig, zartnervig und anhaltend im Genuss aus. Die Formen am Unterleibe sind nicht klar hervor, und er muss im Ringen noch zusammengeschlungen und seine Natur geubt werden. Die Brust, besonders vom rechten Arm her, schwillt milchig; und ich kenne nichts so Verfuhrerisches fur ein Weib zur Umfassung. Mit einem Wort, es ist der schonste junge Mensch unter allen alten Statuen. Der Bauch allein ist ein wenig zu flach gehalten, vielleicht verhauen.

Will man auf eine andre Weise lieber: so sinnt der junge Held, wie er einen Kampf mit dem besten Verstand abmachen soll. Der Zug des Denkens ist uber dem rechten Auge, wodurch der Knochen scharfer hervorkommt als bei dem linken; und das Heroische sitzt in der kraftigen Stirn, und dem gefassten Blick, und den Lippen, wo sich das Gefuhl seiner bewussten Starke offnet und hervorbluht. Wenn er ein Zeichen hatte, so konnte man sich noch den Sohn der Maja unter ihm vorstellen, der seine Gesandtschaft uberdenkt. Es ist ein himmlisches Bild und erregt auf jede Art entzuckende Gefuhle, dessen Schonheiten am leichtesten und sichersten in die neuere Kunst uberzutragen sind.19

So wie dieser Jungling am mehrsten an die Menschheit grenzt, so ist hingegen Apollo ganz Gott, und es herrscht eine Erhabenheit durchaus, besonders aber im Kopfe, die niederblitzt; gottliche Schonheit in allem von dem nachlassig sanft gewundnen Haare bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen, ihre geistigste Blute, nicht die irdische Fulle. Stand und Blick, und Lippen voll Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen. Die Augen sind selig, leicht aufzutun und zu schliessen, in weiten Bogen. Sein kurzer schlank und zart geformter Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besondern Art von Wesen und gibt ihm Ubermenschliches.

Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie! Das Problem ist aufgelost: da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hervorgeholt und in weichem Marmor festgehalten fur die Melancholischen, die ihr Leben lang nach einem solchen Blicke schmachteten. Es ist der hochste Verstand und die hochste Klugheit mit Zornfeuer und Ubermacht gegen Verachtliches; darauf zweckt alle Bildung. Was Apollo hat, ist ihm eigen und lasst sich wenig durch Nachahmen ubertragen.

Auch dessen Altertum hat man angetastet und ihn zwar fur keine Kopie, doch fur ein Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen; weil der Marmor karrarischer zu sein schien, welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde, und kein parischer, woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsaulen verfertigten.

Wenn man dieses beweisen konnte, so war es wohl ausgemacht wahr; allein daran fehlt viel. Der parische ist nicht durchaus gleich, und man hat sichre neuere Proben kommen lassen, die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht unterschieden sind. Und ferner gibt es so zarten karrarischen, dass er mit dem besten parischen ubereinkommt. Und wo ist der ubergrosse Marmorkenner, der von irgendeinem Stucke sagen will, gerade woher es sei, da dieser Stein in jedem Klima zu finden ist? Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon und andrer griechischen Bildsaulen; vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt war. Er ist augenscheinlich fur einen bestimmten Platz gemacht, und das Bild tut nur Wirkung, wenn man es von der linken Seite im gehorigen Standpunkte betrachtet; von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltanzer, so gespannt, und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter, viel zu weit von der Mitte. Wenn man denselben von seiner Richtung zurechtdrehte, so war es abscheulich. Aber von der linken Seite betrachtet, wohin er schaut, ist es homerischer Apollogang; man sieht ihn fortschreiten, sieht das Gesicht ganz, und der Kopf kommt in die Mitte. Ein wahrer Gott des Lichts dann und der Musen! Man darf sich ihm nicht viel nahern; er kann keinen Flekken leiden, und man musste bei ihm immer haarscharf gescheit sein und vernunftig sich auffuhren: so erhaben ist er uber die Menschheit.

Wenn man dies einmal gefasst und seine Schonheit im ganzen genossen hat, so mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen, wie man will, und er bleibt ein erstaunlich Werk von Vollkommenheit. Er ist zwar lauter Ideal, nichtsdestoweniger hat der Kopf Natur, die man gesehen hat, welches der Ausdruck noch verstarkt. Ein ausserordentlicher Jungling gab gewiss den Stoff dazu her, und der Kunstler brachte das Hochste und Ausserste von lebendiger Einheit hinein.

Einige stolze Erdensohne konnen dies bewunderte und schier noch angebetete Bild nicht ohne Verdruss und Widerwillen betrachten; und behaupten, ihr Gefuhl empore sich allezeit, sooft sie sich das Gesicht als griechisch denken wollten. Der Kopf des Perikles und auch des Alexander habe schon im blossen Portrat viel gottlichre Art von Erhabenheit; Apollo sei dagegen eher hager und argerlich im ganzen, und es wittre daraus etwas von einem romischen Kaiserprinzen, etwas Neronisches, das nicht auf eigner naturlicher Kraft beruhte; und dies ware fur sie ein andrer Beweis als der von Marmor.

So verschieden sind die Meinungen der Menschen!

Gegen solche Atheisten will ich nicht predigen; ihr eigen Missvergnugen sei ihnen Strafe, und der Neid an andrer Freude.

Gewiss ist, dass das Bild verliert, weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht und man nicht weiss, woruber der Gott zurnt. Hatt er zu einer Gruppe der Niobe gehort, wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdrucken, so wurden die Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der unglucklichen reizenden Familie haben. Doch ist eher wahrscheinlich, dass dem Meister der Apollo des Leontinischen Pythagoras vorschwebte, welcher den Pythischen Drachen erlegte. Und beiden war ohne Zweifel der Homerische, von den Gipfeln des Olymp herunter, das Urbild.

Genug von diesen Heiligtumern!

Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod Alexanders; das ubrige sind Nachahmungen und Treib- und Gewachshauser. Wenn man bedenkt, was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit getan haben, so sind wir ganz tot dagegen; welch eine Menge von Statuen und Gemalden und Gedichten nur fur so ein kleines Volk! Welch eine Menge von Helden, Philosophen und Rednern! So etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bei der besten Regierung vor sich gehen. Lysipp allein hat mehr Bildsaulen verfertigt als alle neuere Bildhauer zusammen, und jede zeigt den Mann von hoher Schopfungskraft.

Der Kunstler von gelautertem Gefuhl, der nicht bloss nach Brot und eitler Ehre trachtet, sondern sich selbst genugtun will, befindet sich heutzutag in einem Zustande von immerwahrender Verzweiflung; er sieht die Vollkommenheit vor sich und erkennt deutlich die Unmoglichkeit, sie zu erreichen. Und diese Wermut im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht. Es ist damit nicht genug getan, ein Bildchen einzelner schoner Natur wegzufangen! Dies bleibt jedem Fremden, wie alles blosse Portrat, unverstandlich, und er kann es nicht mit Saft und Kraft geniessen, viel weniger damit, dass er ein Knie, einen Unterleib, eine Brust den Alten wegstiehlt und gleichsam mit etlichen Phrasen aus dem Demosthenes oder Cicero ihre Sprache sprechen und den grossen Redner machen will: die Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen, als des hochsten Vorwurfs der Kunst, und seiner mannigfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in der Wirklichkeit verhullt oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer Welt.

Lass mich frei reden! Die Kunst hat so lange gedauert, als die Gymnasien dauerten, der Tanz spartanischer, chiischer Jungfrauen, ihr Ringen, selbst mit den Mannern, offentliche Sitte war und die Priesterinnen der Liebesgottin zu Athen und Korinth Religion feierten. In Venedig ist von dem letztern noch ein Schatten, und der Kunstler hat jahraus, jahrein immer eine Menge frischer neuer Modelle, Augen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden. Deswegen haben auch keine andre Maler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona hervorgebracht; und der Malernestor lebt an der Grenze von hundert Jahren, da der gottliche Raffael auf eigne Kosten sein junges Leben einbussen musste.

Bei einer gotischen Moral kann keine andre als gotische Kunst stattfinden. Solange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen Tag uber die Strasse zu einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf, um ihre Schonheit in Augenschein zu nehmen, wird es nicht anders werden. Es ist wohl klar jedem, der Welt und keine Welt hat, dass nicht die Hasslichen diese Lebensart erwahlen.

Vielleicht red ich hier bei manchem bittrer gegen die Kunst als Demetri in seiner Laune; allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel? Die schulgerechten Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebesgott und mit Abscheu von Phrynen und Bathyllen, wie die Toren, die nicht wissen, was sie wollen. Freilich kommt bei der geringsten Untersuchung das geheuchelte konventionelle Geschwatz zum Vorschein und die innre geheime Denkungsart, wo sich Drachen mit Tauben paaren. Die heiligen Katharinen spazieren nicht vom Wirbel bis zum Fuss nackend mit losgebundnen Haaren vor den Malern herum, und keine Lucrezia lasst sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allein von einem Pinsel- und Palettmann in beliebige Stellung legen; und kein Kunstler kann von so festem Gletschereis sein, dass er bei Blicken von Sommersonnen nicht schmelzen sollte. Und doch wollen die ehrwurdigen Herrn bei dem allgemeinen Menschenverstand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen, dass sie sich auf die Seite der zuchtigen Koer stellten, welche die bekleidete Venus vorzogen und kauften, da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten, und noch bis heutzutage als Tropfe verlacht werden.

Hiermit sehen wir das Nackende, ausser dem einzelnen von Geliebten, am Menschen jedoch nur entweder frech oder in unregsamer Albernheit; und die starkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln, dass es die freie gebildete Natur des Alten hatte, wozu die Edelsten und Weisesten und Wohlgebildetsten des Volks von jedem Alter auf den Ringplatzen in unaufhorlicher immer neuer Abwechslung die Modelle abgaben.

Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm unmundigen kindischen Wesen wieder zur reifen Menschheit gelangen und die Gymnasien der Griechen, ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen, so wird die ehemalige Kunst auch verloren bleiben. Und dennoch hatten wir damit ihre Religion noch nicht, die fruchtbare Mutter der schonsten Gestalten.

Wenn wir wenigstens nur noch die Bekleidung der Alten hatten! Bei unsrer wirklichen sieht man meistens bloss den Schneider und wenig oder nichts von der eignen Art des Menschen, zu handeln und sich zu bewegen, und den Formen seines Gewachses; und alle Schonheit erliegt und versinkt unter den Falten und Wulsten oder wird im Gegenteil steif gepresst und geschnurt und mit eckichten hasslichen Lappen ohne Zweck behangen. Die Lage der Unterkleider, den Wurf der Mantel und Togen konnen wir an den Bildsaulen der Alten noch weit weniger nachahmen als die Form der Glieder; denn uns fehlt dabei ganz die Natur. Wir suchen uns zwar wie Amphibia mit eigen erfundner malerischer Tracht zu helfen; aber sie bleibt fast immer eine blosse Ziererei, ohne Reiz und Wirkung fur den, welcher Natur und Wahrheit verlangt, und ist aller Tauschung zuwider.

Und obendrein noch sind die Kunstler weit ubler dran, wenn sie den Gang der Alten einschlagen wollen, als die Philosophen, Redner, Dichter; diese haben immer das unermessliche Reich der Natur und Sprache unter den Menschen vor sich, und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder. Wenn einer auch an Vollkommenheit den Phidias oder Polyklet, Praxiteles, Lysipp, Zeuxis und Apelles erreichen konnte: was hat er vom nackten Menschen in der Geschichte, der heutigen Fabel, unsrer Religion vorzustellen, das wahrscheinlich und naturlich, nicht erkunstelt und bloss erlernter fremder Kram ware? Das Hochste ist eine allgemeine, ewig einerleie idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter ohne Zweck und Charakter.

Nehmen wir zum Beispiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung unsrer Tempel! Was hat der menschliche Korper mit dem Gott der Christen zu schaffen? Welche Schonheiten von Apollo, Merkur, anderm griechischen himmlischen Jungling oder wirklichem Erdensohn soll man, technisch zu reden, dem ganz ausserordentlichen jungen Juden anbilden, ohne auf irgendeine Weise in Widerspruch zu geraten? Jede griechische Gottheit war nur ein Ideal einer besondern Klasse menschlicher Vollkommenheit. Sein Bild ist lediglich ein Werk ubernaturlichen Ausdrucks im Gesichte, und neue Art ubriger Schonheit findet hier nicht statt. Der Kunstler macht vor den Leiden und ans Kreuz und beim Herunternehmen davon einen richtigen ordentlichen Leib, sonst hat die eigentliche Kunst da kein weiter Feld, hohere Formen aus der Natur zu schopfen.

An gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken: geschweige, sie langsam mit dem Reiz der alten Kunstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen freies Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden.

Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte ubergehen und unsre Vorstellungen daraus hernehmen, so erhalten wir meistens nur einen verwirrten Nachklang, ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Silben wiederholt. Wer ist ausserdem so frech eitel, dass er sich einbilden kann, einen bessern Apollo als den Vatikanischen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen, eine schonere Juno, Venus und so weiter zu erkunsteln als die Alten? Und wird es nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu kopieren, mit den angewiesnen Platzen zu schanden? Steht nicht fast allemal der hohe strahlende Purpurlappen lacherlich und argerlich fur den Erfahrnen in einem Harlekinsgewande?

Und doch tut es so weh, uns in unsre Armut und Durftigkeit einzuschranken! Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Kunsten, wie zu Konstantins und den mittlern Zeiten, setzen aus den zertrummerten Tempeln und Palasten der zuruckgewichnen Erdengotter die Saulen aller Ordnungen nebeneinander und fuhren ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unformlich, ohne klare und dunkle Idee, wie es werden will, darum her und daruber auf, im Schweiss und der Affenfreude unsers Angesichts.

Rom, Dezember.

Nacht ist doch die schonste Beruhigung von Geschaften, wo die Phantasie die freisten Fluge tut und der Mensch am mehrsten seiner selbst geniesst. So raste ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer. Rom schlaft; der blaue unermessliche Ather schwebt daruber wie eine Henne uber ihren Kuchlein, und blinkend hell Gestirn erleuchtet selig die Gegenden. Alles ist still; nur platschern angenehm die Springbrunnen: heilige Symbole des ewigen Lebens in der Natur.

Mit der Einbildung uberschau ich unter mir den alten Campus Martius in der lieblichen Dunkelheit; und mir fangt das Herz starker an zu schlagen, und Feuer rinnt durch meine Adern. Hier balgt sich die romische Jugend auf grunem Rasen herum im Schatten hoher Platanusse und treibt ihre kriegerischen Spiele; dort schwimmen sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tiberstrom, die Ufer hieben und druben mit schonem Gestrauch bewachsen; und in der nahen Ferne lagern sich die Hugel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestatischem Kreise, wo der Edeln Gefuhl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen, Camillen und Scipionen gegenwartig erkennt. Hier steigt der Sonnenobelisk empor, dort die prachtiHallen, runden und hohen Mausoleen, feierlichen Tempel. Die Vater des Volks gehen auf und ab in den kuhlen Hainen und pflegen Rat uber den Erdboden. Nebenan prangen die schonen Garten.

Ich habe heute wieder einen schonen Tag gehabt! Es ist ein unaufhorlich Vergnugen, in Rom zu sein; man findet immer Neues, was von der Gewalt und Herrlichkeit des alten Volks zeugt und oft einen entzuckt oder erschuttert. Es ist eine wahre Tiefe von Menschheit; die andern Stadte sind dagegen wie erst angepflanzt. Besonders reizen und ruhren vom Kapitol an die ungeheuern Ruinen, welche die neuen Villen mit ihren Pinien, Lorbeern, Zypressen und bestandig grunen Eichen ausschmucken.

Den Vormittag zog ich hier herum und ging dem ersten Ursprung dieser heroischen Republik nach, und gelangte von den Rostris und dem Tempel des Romulus am Monte Palatino, gleich daneben in einem Winkel, zur Quelle der Juturna, die kristallhell gerade beim Anfang der Cloaca maxima aufsprudelt und sich dahinein nun ferner ungebraucht ergiesst. Ich schopfte mit der hohlen Hand daraus, und trank und ward erquickt, und konnte nicht mude werden, sie rinnen zu sehen. Ein heiliges Platzchen, rundum verbaut und eingemauert! Die Wande sind uberall mit breitblatterigem Efeu uberzogen und kleinem Gestrauch bewachsen. Man kennt sie nicht mehr vor den stolzen Wasserleitungen; und gewiss war sie doch die Hauptursache, warum Romulus oder vor ihm ein junger Ausflug Griechen hier sich annistete, da in den jetzigen weiten Ringmauern sich keine andre Quelle befindet.

In schwarmerischen Betrachtungen verloren wand ich hernach in den Farnesischen Garten fur sie einen Myrtenkranz mit allerlei Blumen, holte aus der Nachbarschaft ein Gefass mit Milch und Honig, goss es in sie aus, bekranzte sie und sang ihr wehmutig ein kurzes Trauerlied bei dem Opfer, das sie Jahrtausende nicht genoss.

Ein Zusammenklang von lauter ruhrenden Gefuhlen, wandelt ich nach Hause durch die drei noch ubrigen Triumphpforten von den ehemaligen sechsunddreissigen. Ein solcher Freudenbogen, ausgeziert mit den schonsten Lebensszenen dessen, den man empfangt, ist doch ein so recht verliebter Gedanke. Herzlicher und dauerhafter kann ein Volk einem Helden keine Ehre antun.

Die Kunst bleibt ein sonderbares Ding; sie scheint ganz ihren Weg fur sich zu gehn. Wenn man von ihrer Vortrefflichkeit auf die Vortrefflichkeit der Menschen zu gleicher Zeit sollte schliessen konnen und umgekehrt: welche Popanzen mussten die Romer zu Septimius' und Konstantins Zeiten gewesen sein gegen die unter Trajans? Der Kontrast ist gar zu possierlich an des christlichen Kaisers Bogen, wo die Bildhauer unter ihm zu den Wechselbalgen seiner Geschichte die Meisterstucke von Figuren aus einem andern zum Ruhme des Siegers von Dazien hineingeflickt haben. Was konnte Alexander dafur, dass er keinen Homer fand bei seinem Leben, uberhaupt keinen grossen Dichter, der ihn besang?

Ferner ist ruckwarts gewiss, dass die Kunst bei gleich vortrefflichen Menschen nur nach und nach zur Hohe wuchs; so schwer ist es, alles Lebendige vollkommen zu bilden und nichts, was noch ruhrt und reizt, auszulassen, und dafur bloss mathematische Linien und Placken hinzustellen. Das Ganze wird nur nach und nach gewonnen; das Individuelle lebendige geistige bleibt aber immer das, was den grossen Menschen von dem andern unterscheidet. Und so kann einer zwar ein ungleich grossrer Kunstler als ein andrer, aber ein weit kleinrer Mensch sein. So war der Jupiter und die Minerva des Phidias wahrscheinlich erhabner als manches andre Bild, das nachher ein weit naturlicher Fleisch und mehr lebendiges in der Materie hatte. Und darauf kommt's doch an, die unterscheidenden wesentlichen Zuge von jedem Dinge bestimmt zu fassen und dem Empfinder und Denker gleich darzustellen. Das Hauptvergnugen an einem Kunstwerke fur einen weisen Beobachter macht immer am Ende das Herz und der Geist des Kunstlers selbst und nicht die vorgestellten Sachen.

Den Nachmittag ging ich nach der Rotunda; ich hatte den Mann mit den Schlusseln dahin bestellen lassen, um obenhinauf zu steigen. Sie ist das einzige Werk von alter Architektur, was in Rom noch ganz ist; das vollkommenste in seinen Verhaltnissen und prachtigste dabei wegen seiner Saulen auf dem Erdboden; die Paulskirche erscheint dagegen doch nur als Flickwerk.

Wenn man in die Vorhalle tritt, so ist es, als ob man in das schonste Platzchen eines Waldes von lauter hohen herrlichen Stammen kame, die ein Gott zu einer Zeit gepflanzt hatte.

Wie breit und machtig einen dann das Innre selbst umfasst und bedeckt, ist lauter Majestat; und feierlich stehen unten die Saulen umher und der dammernde Raum dahinter, wie das Allerheiligste der Gottheiten. Was dies fur eine Ruh ist! wie einen so nichts stort! wie die Rundung mit Liebesarmen empfangt, wie ein leiser Schatten einen umgibt, so dass man das Gebaude selbst nicht merkt! Oben Heiterkeit und Freiheit, und unten Schonheit. Uberall ist der Tempel schon und harmonisch, man mag sich hinwenden, wo man will; uberall wie die schone Welt in ihren Kreisen von Sonn und Mond und Sternen. Endlich scheint alles lebendig zu werden und die Kuppel sich zu bewegen, wenn man an dem reinen sussen Lichte des Himmels oben durch die weite Offnung sich eine Zeitlang weidet. Sooft ich mich so ins Stille hinsetze und meinem Gefuhl uberlasse, werd ich da entzuckt wie von einem Brunnquell unter kuhlen Baumen zur heissen Zeit. Es ist das erhabenste Gebaude, das ich kenne; selbst Schopfung und nicht bloss Nachahmung. Die Schonheit voll Majestat scheint alle Barbaren von der Verwustung zuruckgeschreckt zu haben.

Freilich hat man, was daran zu plundern war, ohne die Mauern niederzureissen und in Schutt zu sturzen, doch daraus und davon weggeraubt. Es stand hier eine Minerva aus Gold und Elfenbein von der Hand des Phidias und eine beruhmte Venus, welche die halbe Perle zum Ohrgehenke hatte, von der die andre Halfte Kleopatra trank, um den Antonius im Verschwenden zu ubertreffen, und die man fur sich allein auf eine halbe Million Scudi schatzte. Konstantin der Dritte schleppte auch diese Bilder wahrscheinlich mit den andern schonsten Statuen nach Syrakus, so wie er die Silberplatten samt dem Bronz- und Schmelzwerk herausschlagen liess, womit das Gewolbe oben verziert war.

Die ursprunglichen Kapitaler von Erz nach dem Plinius an den innern Saulen sind hernach wieder abgenommen worden und mit weissem Marmor gut erganzt, der dem Giallo antico des Schaftes lieblich lasst. Davon sind noch die Basen und das Gesims, das letztre mit Streifen von Porphyr. Die erhaltnen aussern aber von Granit wie die kolossalischen Saulen selbst gehoren unter die schonsten der korinthischen Ordnung, die ubrig sind, und machen mit den drei freistehenden Saulen auf dem Campo Vaccino und dem Bogen des Titus20 die Muster hierin aller neuern Baukunst. Wo an einem Gebaude keine Saulen sind, fehlt gewiss die edelste, starkste und schonste Form. Die korinthischen haben, wenn die Blatter rein gearbeitet sind, am mehrsten Leben und den grossten Reiz; und die gefugten, welche die Rinde nachahmen, erhohen noch Natur und Leichtigkeit.

Der Plan des Ganzen ist zirkelrund, und der Durchmesser davon enthalt mit der Dicke der Mauern zweihundertundfunfzig Palme und der Umfang siebenhundertundfunfundachtzig. Die Mauern betragen achtundfunfzig Palme. Die Hohe hat gerade die Breite des Bodens. Der Bogen innen von der aussen in der besten Proportion viereckten Tur den funften Teil dieses Masses; und der Bogen gegenuber, jetzt vom Hauptaltar, ist etwas grosser, wodurch der Eingang unmerklicher erscheint.

In der Antike trugen ohne Zweifel die Karyatiden, wovon Plinius spricht; jetzt sind an deren Statt kleine platte Saulen ohn einigen Vorsprung mit einem Gesims daruber, worauf die Kuppel ruht. Man glaubt wegen der Arbeit, dass die Veranderung unter den Antoninen und dem Kaiser Pertinax geschah. Es muss ein paradiesischer Zauber an dem Auge des Himmels gewesen sein! Nun ist das ehemalige junge bluhende Gesicht im reizenden Schmuck gewissermassen zur Matrone im Trauerschleier geworden; doch dauert die erhabne Form noch und halt die Moden und Sitten aller Zeiten aus, wie wahre Schonheit.

Es ist wohl klar und augenscheinlich, dass die Rotunda anfangs einen Teil der Bader des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende Stirn derselben; noch sind die Ruinen davon angemauert und erstrekken sich weit dahinter. Die prachtige Vorhalle wurde hernach hinzugefugt und das Innre ausgeschmuckt; und der Tempel gehorte alsdenn mit dem des Jupiter Maximus auf dem Kapitol und dem des Friedens unter die ersten Wundergebaude Roms. Agrippa wurde in einem Triumphwagen auf den Giebel an dem Portikus gestellt, aus Erz gearbeitet, mit den zwei Lowen von Granit zu beiden Seiten und der porphyrnen Urne mit seiner Asche dazwischen, die jetzt noch unten vor der Halle stehen. Er schenkte seine Bader und Garten dem Volke mit Einkunften zur Unterhaltung.

Der sogenannte Tempel der Minerva Medica, eine der pittoreskesten Ruinen bei der Porta maggiore, war eben ein solcher Anfang von Badern: und noch ebenso jetzt, die Kirche des heiligen Bernhard von den Badern Diokletians. Sie kommen in der Hauptform mit der Rotunda vollig uberein. Bei der uberschwenglichen Pracht durften die Gotter nicht vergessen werden, und man errichtete ihnen gleichsam diese Wachthauser voran als Beschutzern. Das Pantheon war dem racherischen Jupiter, der Ceres und allen Gottern gewidmet.

Ihre breiten Gewolbe in weiten Bogen leuchten gleich beim Eintritt Erhabenheit in die Seele, die die unermessliche Peterskirche dagegen mit ihrem schmalen und engen des mittlern Schiffs nie erregen wird, der eher einen Sarg als einen Bogen vom freien schonen gestirnten Himmel Gottes nachahmt; weswegen die Leute sich verwundern, dass sie nicht erstaunen.

Die Romer liebkosten den Sinn des Gefuhls mit Baden wie wir ohngefahr unsre Nasen mit Duften und unsre Zungen mit Bruhen und Weinen. Sie fingen vom Heissen an und gingen alsdenn alle Grade der Warme durch, teils im Wasser, teils in lauer Luft, bis zum Kalten: Wollust, die alle verschiedne Warme der Existenz nachahmt, vom heissesten Herzensgetummel der hohen Leidenschaften bis zur frischen Besonnenheit; alle Grade des physischen Gefuhls, ohne das Seelenleben, das Geistige, welches sie sich doch in gewisser Rucksicht auch vorphantasieren konnten, indem ihre weiblichen Schonheiten sich unter den Kaisern, wenigstens zuverlassig vom Domitian an, offentlich nackend mit den Mannern badeten. Sie ahndeten etwas vom Paradiese und dem Stande der Unschuld, ohne die Bucher Mosis gelesen zu haben. Und uberdies hatten sie gleich daneben ihre Fechterspiele und Ringplatze.

Die Thermen in Italien entstanden aus den Gymnasien der Griechen; nur waren bei diesen die Leibesubungen das Vornehmste und bei den Romern das Baden. Darnach mussten sich die Architekten in der Anlage der Gebaude richten.

Die Bader waren eigentlich der Hauptgenuss, den die stolzen Enkel des Romulus und seiner Rauberbande von den Siegen ihrer Vorfahren uber die Welt hatten, und die Gebaude dazu das Hochste der Architektur, was wir mit den agyptischen Labyrinthen und einigen Tempeln der Griechen in der Geschichte der Menschheit kennen. Es war da alles, was das Leben freut und angenehm macht, beisammen. Wir konnen uns, ohngeachtet der ungeheuern Ruinen, wenig davon vorstellen, weil uns diese Gattung Genuss ganz entruckt ist. Wenn wir ein halbes Sakulum alter Romer und Romerinnen der ersten Jahrhunderte erwecken konnten, so wurden sie sich aus Ekel, Langerweile und Verzweiflung uber das heutige Elend binnen wenig Tagen aufhenken.

Das Dachgewolbe der Rotunda, mit starkem Blei gedeckt, ist, wie schon gesagt, ausserst flach gehalten; man steigt zur weiten Offnung auf wenig grossen Stufen, rundum aber laufen an die vierzig kleinere im Kreise. Wenn man hineinschaut, kommt das Innre einem vor wie ein runder hoher Turm.

Als ich oben stand, mich umsah und die verkleinerten Leute auf den Strassen betrachtete, wurd ich den Demetri gewahr und rief ihm zu, heraufzukommen, welches er auch gleich tat.

Demetri ist ein wackrer Mann, viel Kern mit wenig Schale; der Mensch ist bei ihm recht durchgearbeitet und ins reine gebracht. Er herrscht in Rom uber die Geister, mehr als irgendein andrer, geniesst hohe Gluckseligkeit und ist der Leithammel von einer Menge jungen Leuten. Unter diesen hab ich nicht wenig gefunden voll Lebensmut und den grossten Fahigkeiten, genaue Bekanntschaft mit ihnen errichtet und unbeschreiblich Vergnugen in ihrem Umgange genossen. Wie jammert's mich, dass soviel herrliche Kraft wegen schlechter Regierungsverfassung ungenutzt versauren soll!

Im Neugriechischen bin ich bei ihm noch sehr gewachsen. Auch hat er mir manche dunkle Stelle der griechischen dramatischen Dichter, besonders in den Choren, ins klarste Licht gesetzt und meisterhaften Unterricht uber den unendlichen Reiz ihrer Silbenmasse gegeben. Bei seinem Brotgeschafte mit alten Handschriften sind ihm eine Menge bessrer Lesarten aufgestossen; und er konnte wie ein andrer Herkules die Aldinischen und Juntischen Ausgaben ausmisten, wenn ihm der Silbenkrieg am Herzen lage.

Uberhaupt aber halt er Ruhm fur ein notwendig Ubel, wobei man leicht selbst zur Bildsaule auf dem Markte werden und sich endlich fast nicht mehr regen und bewegen konne. Wirken, frei und machtig handeln nach Art seiner Natur! Dies sei die allererste und ursprunglichste Gluckseligkeit.

Der Kernmensch gebrauche Ruhm als Hulfstruppen und stosse den einen von sich, wenn es sein musste, sobald er in eine andre Sphare schreite.

Nur einen Fehler kenn ich an ihm, und dieser ist, dass er in dem heillosen Labyrinthe der Metaphysik herumkreuzt. Du sollst hier in der Unterredung mit mir eine starke Probe davon sehen, obgleich ihn noch nicht in seinem ganzen Wesen, weil er sich nach mir richten musste, der ich hierin bloss meiner eignen Vernunft folge, ohne mich mit andrer Hypothesen viel zu plagen. Wenn er mutwillig ist, spricht er keinen Tag wie den andern. Mich trieb er vorzuglich nur in dem angegebnen System herum und sagte zuweilen verwirrte hochtrabende Dinge, um auszuweichen oder vorzubereiten und zu sehen, was ich damit anfing. Wenig Auserwahlten reicht er auf die letzt den Faden der Ariadne, den er andern, wegen der heiligen Inquisition, bedachtlich zu verbergen weiss, die ihm die einzige esoterische Philosophie vielleicht der alten Kirche bald mit langsamer Glut ausbraten wurde; an dessen Sicherheit er aber selbst noch scheint zu zweifeln.

Vielleicht macht Dir eine und die andre komisch ernsthafte Behauptung gerade das mehrste Vergnugen, da Du wohl weisst, dass man hier nur meinen kann, weil unsre Sinnen nicht bis dahin dringen.

"Jetzt ist wenig hier zu schauen", sprach er, wie er zu mir kam; "aber zu mancher andern Zeit mocht ich da gestanden haben!"

Wir setzten und legten uns bald in die Sonne, die das Dach angenehm erwarmt hatte, und sagten erst dieses und jenes uber alte und neuere Architektur. Der Schluss war, dass der Zweck, der vom Plan und den grossen Massen an bis aufs geringste einzelne und die Verzierungen aus allem rein hervorleuchte, die alten von den neuern Gebauden unterscheide, wo oft blosse nachgeahmte Kunst und leere Schonheit sei, auch bei den besten, sonder Absicht und Nutzen. Ubrigens liessen wir doch dem Bramante, Antonio da San Gallo, Michelangelo, Palladio und den andern grossen Meistern ihr gebuhrend Lob vollig angedeihen und waren der Meinung, dass kein alter Architekt vielleicht einen heroischern Palast dem Casar als der Palast Farnese und einen lieblichern glanzendern der Kleopatra als der Palast von Cornaro zu Venedig wurde haben erbauen konnen.

"Bei unsern Kirchen," fugte Demetri hinzu, "worauf wir das mehrste wenden, haben wir die reizende Mannigfaltigkeit nicht der Alten; Tempel des Jupiter, Apollo, Mars, Bacchus: Tempel der Juno, Pallas, Diana, Venus. Jeder machte ein eigen Ganzes in Plan, Verzierung und Ausschmuckung und Gegend."

Die Meister sollten sich mehr nach den Heiligen richten, versetzt ich, denen die Kirchen geweiht werden. Der Papst, welcher die Rotunda hier allen Heiligen einweihte, so wie sie ehemals allen Gottern geweiht war, scheint so etwas im Sinn gehabt zu haben.

Es ist doch sonderbar, entfuhr mir hierbei, dass die Griechen, das aufgeheiterte Volk, sich mit den Fabeln uber die Gottheit so ernsthaft und zuweilen so aberglaubisch grausam beschaftigen konnten, da sie, der vielen andern Weisen nicht zu gedenken, einen Anaxagoras hatten.

"Grausam", versetzt' er, "sind sie in Vergleichung mit uns zu ihren guten Zeiten nur wenigemal gewesen. Und dann lassen sich Meinungen, wo nicht offenbare Widerspruche sind und das Gewisse tief verborgen steckt, nicht so leicht wegarbeiten. Es halt bei den ausgemachtesten Dingen schwer, den grossen Haufen unter einen Hut zu bringen, wenn er sich mit eingewurzelten Vorurteilen dagegen straubt.

Mit den griechischen Gottheiten ging es gewissermassen wie mit vielen Wortern in jeder Sprache; wir haben einen deutlichen oder dunkeln Sinn dabei, wissen aber ihren ersten Ursprung nicht und wo sie herstammen; und jene waren schon vor Mosen und den Propheten in der agyptischen Zeittiefe, ehe noch ein Trismegist unter den Sterblichen die Buchstaben erfand. Homer hat damit seine Iliade ausgeziert, wie mit Edelsteinen, Gold und Perlen, und zuweilen lauter Schmuck gemacht, wie den Kampf des Skamander mit dem Vulkan.

Religion wurde, dunkt mich, in der burgerlichen Gesellschaft zuerst bestimmt eingefuhrt, um den Streit uber verschiedne Verehrung der Gottheit bei Familien zu verhuten.21 Jeder Staat oder Gesetzgeber ergriff eine Partei der Ordnung wegen und liess andern Republiken und Selbstkopfen naturlicherweise ihre Freiheit, uber das Weltall zu denken, was sie wollten, wenn sie nicht mit Fackel und Schwert seine Verfassung storten.

Bei den Griechen musst es einer sehr arg machen, wenn Richter und Volk Meinungen dagegen ahnden sollten. Was hat nur Aristophanes nicht fur Witz uber die Gotter ausgegossen! Wir im heiligen Rom erschrecken noch nach Jahrtausenden uber seinen Mutwillen, wenn wir uns einmal mit der Phantasie in dessen Zeiten gedacht haben. Das Scherzen uber die Bewohner des Olymp mochten die Griechen, scheint es, sehr wohl leiden; nur durfte sie einer nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen und als Schwarmer deren Bildsaulen zerschlagen, ohne ihnen dafur andre Freuden, andern Zeitvertreib zu gewahren. Jeder begriff an sich selbst, dass sich das Gefuhl der Wahrheit und Falschheit nicht so ganz bandigen lasst, wenn man den Burger nicht als blossen Sklaven haben will. Burgerliche Ordnung soll nur Gewalttatigkeit hemmen, und nicht den freien Gebrauch der Seelenkrafte: sonst bleibt der Mensch nicht Mensch mehr und wird zum Tier der Herde, verliert seine eigentumliche Gluckseligkeit und allen Wetteifer, wie wir in den tyrannischen Staaten sehen, wo die Natur auch ihre geistigsten Gaben am reichlichsten ausspendet, in den Gefilden der Wahrheit und Schonheit nach Lust immer weiter zu schreiten und hienieden die hochsten Gipfel zu ersteigen, wo er Meer und Land uberschaut.

Die mehrsten Streitigkeiten uber Gott kommen davon her, dass Laien selten wissen, was sie wollen; und Philosophen meistens fur den eingefuhrten Glauben, sei's unter Heiden, Juden, Christen, sich von ihm ein Ideal bilden, und ihn nicht annehmen und zu ergrunden suchen, wie er in Natur sich befindet; als ob er sich bei der Menge verachtlich machte, wenn er ware, was er ist.

Anaxagoras unter den Griechen gab mit seinem Verstandwesen fur die folgenden Zeiten hauptsachlich dazu Anlass. Das System des Lehrers des Perikles und Euripides hat durch ihr sinnliches und gluckliches Zeitalter geherrscht, trotz den schulwidrigen Behauptungen vielleicht grossrer Scheidekunstler, erhielt sich bis in die christlichen Jahrhunderte und herrscht gewissermassen trub und dunkel wieder jetzt, obgleich die erste Quelle nun unbekannt geworden ist. Er stattete eine Weltseele, die alle Materie der Elemente durchdringt und uber sie Gewalt hat, in dem in der Erde steckendsten Wurm und himmelhochsten Adler dieselbe.22

Sokrates verwarf alles System, ahndete nur und betete an in heiligem Stillschweigen nach seinem tiefsten Forschen; verehrte ubrigens die Gottheit nach den Landesgesetzen unter mancherlei Namen, ohne sie naher zu bestimmen, und riet seinen Freunden dasselbe.

Dem Plato, Aristoteles und andern Denkern aber war damit wenig gedient, und sie gingen so weit, als sie nur vermochten. Jener sprach uber den allgemeinen Verstand in erhabnen Dichtungen; und der kuhne Titan von Stagira belagerte regelmassig endlich nach den feinsten Erfindungen der scharfsinnigsten Taktik; und seine Anhanger behaupten, er sei in die innerste Festung eingedrungen. Darauf und daran muss der Herrliche, der in so vielem andern an der Spitze der Menschheit stand, gewiss gewesen sein.

Plato schreibt noch am Ende seiner Tage den Gestirnen den hochsten Verstand zu. Anfangs bedacht er sich lang uber die Sonne und konnte nur damit nicht ins reine kommen, wie wir lebten und so hell im Geiste sahen, wenn sie unterginge und es Nacht ware.23 Dass alles Lebendige erfrieren, zu toten Klumpen erstarren musste, wenn nichts von ihren Strahlen zuruckbliebe, wird ihm wohl einmal im Winter die Bedenklichkeit gehoben haben. Vielleicht schloss er gar noch ferner, dass alles Licht und alles Feuer und alle Warme auf unserm kleinen Erdboden bloss in Materie gefahrne Strahlen der Gottlichen und der Gestirne sind, die jene, von nichts gehemmt, durchdringen, regen, richten; woher alles einzelne Lebendige denn Bildung, Form und sein Recht hat; bis sie wieder von andern aufgenommen werden oder sich selbst absondern in Ruckerinnerung der alten uberschwenglichen Wonne; und dass die Massen und Korper, die deren am mehrsten enthalten, die lebendigsten sind. Wenigstens ist dies der Grundstoff zu seinem glanzenden theologischen System, woruber Julian noch abtrunnig wurde.

Uberhaupt hielten die mehrsten alten Philosophen das Feuer fur das Gottlichste in der Natur."

"Die grossen Dichter dieser hohen Zeiten fur die Menschheit", fiel ich ein, "hatten um eine Stufe naturlichre Metaphysik und nahmen das Sinnlichre und Nahere. Sie meinten, wir schopften die bewegende Kraft mit dem Atem, und sie sei in der Luft befindlich, und nannten sie Zeus, nach dem wortlichen Sinn, wodurch sie lebten; und einige Philosophen schlugen sich zu ihrer Partei.

Sophokles sagt: 'Zeus, der alles fasst, in alles dringt, uns naher verwandt ist als Vater, Mutter, Bruder, Schwester.' Und an einem andern Orte: 'Welcher Menschen Ubermut, o Zeus, hemmt deine Macht, die der uralte Schlaf nicht ergreift und die unermudlichen Monden! Unalternd durch der Jahre Wechsel nimmst du Herrscher den strahlenden Glanz vom Olymp ein; dir ist der Augenblick, die Zukunft und Vergangenheit untertan.'

Und Euripides sagt geradezu: 'Siehst du uber und um uns den unermesslichen Ather, der die Erde mit frischen Armen rund umfangt? Das ist Gott!'

Und Aristophanes, sein Antagonist, ruft ebenso aus: 'Unser Vater Ather, heiligster, aller Lebengeber!'

Und Pindar ging schon vorher noch weiter und singt stolz in lyrischer Begeisterung: 'Eins das Geschlecht der Menschen! Eins das der Gotter! Alle beide atmen von einer Mutter.'

Nach der altesten Meinung seines Volks glaubte Thales das Gottliche im Wasser zu finden, weil alles Lebendige sich davon nahrt und aller Same feucht ist. Die Erde aber blieb immer nur Pflanzstatte, die das Himmlische durch Wind und Regen empfangt und Tiere und deren Nahrung damit gebiert; obgleich Mutter aller, selbst ohne Geist und Leben. Manche hielten sie nicht einmal fur Element, sondern wie Hesiodus nur ersten Korper.

Alles kehrte zuruck, wo es herkam; was von der Erde entspross, zur Erde: das Himmlische wieder in die lustschwebenden atherischen Zartlichkeiten.

Doch, gestehen wir es nur, wir tappen damit noch in Nacht und Ungewissheit! wie die Alten selbst; von denen nur einer mehr oder weniger als der andre dreust war mit seinen Behauptungen. Ein bestimmtes deutliches System hieruber darf man bei keinem Sterblichen suchen; die grossten Weisen haben fur sich keins gehabt und nicht klar gesehen, wie kein Mensch die ganze Welt klar durchschauen kann. Sie nahmen gewisse Satze an und bauten darauf hin, und wurden immerwahrend von der Natur wieder in Verwirrung gesetzt.

Eines jeden Gefuhl muss ihm sagen, dass er etwas Getrenntes von einem Ganzen ist und dass er sucht, sich wieder mit demselben zu vereinigen. Als Menschen suchen wir dies am ersten bei andern Menschen zu bewerkstelligen: die Natur leitet den Mann zum Weibe und das Weib zum Manne. Beide finden alsdenn doch noch nicht dies in sich allein und suchen ihr Ganzes bei mehrern ihresgleichen. Wo dieser Trieb lauter wirkt: die gluckseligste Republik. Aber auch hier wird der Mensch endlich seine freie Vollkommenheit, sein Ganzes nicht finden. Es ist also klar, dass uns entweder der Tod mit diesem vereinigt oder doch nahert oder nach mancherlei Durchwanderungen von Korpern wieder dahin bringen muss. Aus diesem Gefuhl stirbt eine Alkeste fur ihren Gatten, als der minder edle Teil des Ganzen, und ubergibt sich ein Regulus freiwillig Schmach und Leiden. Aus diesem Grunde sieht man mehrere Menschen, jeden schier von demselben Schlag und Gehalt, zusammen fur verstandiger an und ein ganzes Volk fur die klare ausgemachte Weisheit; und wir konnen oft mit der sichersten Gewissheit von dem Gegenteil und dem starksten Vorsatz nicht auf gegen die Macht der Tauschung."

"O wie lieb ich das," rief Demetri mir mit lebendigern Augen froh lachelnd zu, "wenn so einer aus dem andern Funken schlagt! O konnten wir uns Licht machen und einander einen Pharos anzunden in diesem nachtlichen Meer, wo Boreas und Sud und Ost und West verschiedner Meinungen sturmisch ungestume Wogen walzen! wenigstens einer den andern wie ein noch scheues edles Ross vor den furchterlichen Einbildungen auf allen Seiten herumfuhren.

Welches der Konig der Elemente ist: Luft oder Feuer, war also der Streit bei den griechischen Dichtern und Philosophen. Um das Hochste und Edelste zu sein, muss er die Massen aller andern durchdringen, Gewalt daruber haben, sie an sich ketten und nach seiner eignen Natur formen und bewegen. Nach diesem Grundsatze wurden die Dichter wohl den Philosophen nachgeben und alle lebendige Wesen eine Art von Flamme sein; Feuer so uber Luft wie Bewegung des Lichts gegen Schall.

Auch war das Wesentliche zwei der altesten Religionen des menschlichen Geschlechts in der Mitte der zwei grossten Weltteile, Asien und Amerika, Verehrung der Sonne und des Feuers; und ihre Frommen bemitleideten die so mit geistiger Blindheit Geschlagnen, dass sie in Finsternis nach Gespenstern herumtappen, vom Lichte der Natur, durch alle Himmel dasselbe, lieblich und freundlich und erwarmend hell lebendig umstrahlt. Selbst in Rom, da edle Weisheit und Tapferkeit in seinem Senate noch den Erdboden regierte, bewahrten jungfrauliche Hande dessen Glut als das Allerheiligste.

Lassen wir aber auch noch einen Priester des Zeus mit seinem Pomp in diese Versammlung treten und die Religion seines Volks behaupten, weil wir einmal im erfreulichen Schwarmen der Phantasie daruber sind:

'Toren ihr alle!' ruft er aus; 'die Welt macht nur ein Ganzes, und ihr haltet euch an den Teil. Alle verschiedne Urwesen in der Natur sind gottlich, jedes so ewig als das andre, und keins kann von dem andern herkommen und geworden sein.

Rein abgesondert nennen wir sie Elemente; untereinander vermengt, fur uns ohne Ordnung und Schonheit, nennen wir sie Materie.

Wie alle diese Krafte zusammengekommen sind, sich verbinden und scheiden und allerlei Erscheinungen hervorbringen, hat noch kein menschlicher Kopf fur Sinn und Verstand erklart.

Tun wir den aussersten Flug menschlicher Einbildungskraft und nehmen Anfang an, wo es nur immer moglich ist.

Stellt euch das Chaos vor, das alle Gotter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Metalle und Steine gebar, wie einen unermesslichen heissen Nebel im unendlichen Raume, worin Sonnen und Planeten noch zerstaubt schwimmen mit den Meeren, Erden und Luften.

Es begann die Zeit: Feuer und Lufte und Wasser und Erden schieden sich, und ein gleichartiges Wesen gesellte sich seiner ewigen Natur nach zu dem andern. Die jungen Sonnen walzten sich und wuchsen, bis jede sich aus ihrer Sphare gleich ewigen blendenden Gewittern von lauter Blitzen und Wetterstrahlen (wovon wir an unsern Wolken zuweilen nur winzige dunkle Schatten sehen) zusammengesammelt hatte, und besaeten die Himmel. Die grobern Massen sanken unter, jede nach ihrem verschiednen Grade, und machen nun die Planeten aus, die immer schwebend herumtanzen, sich wieder mit dem holden Lichte zu vereinigen, aber wegen ihrer Schwere nicht zum Anflug gelangen.

Und die Liebe ward geboren, der susse Genuss aller Naturen fureinander, der schonste, alteste und jungste der Gotter, von Uranien, der glanzenden Jungfrau, deren Zaubergurtel das Weltall in tobendem Entzukken zusammenhalt. Und alle lebendigen Geschopfe erhaschten in diesem Getummel ihren Anfang; und vermehren sich nach alter Art immer wieder aus einem kleinen neuen Chaos von Elementen, nach Anzahl, Mass und Form der ersten Zusammensetzung.

Das Element, das alles fullt, das sich am freisten und ungebundensten durch das Unermessliche breitet, ohne welches nichts bestehen kann, was lebt, selbst das Feuer nicht, ist die Luft. Wir Trismegisten und Orpheuse gaben ihm den Namen Zeus und stellten diesen den Volkern in Wolken auf einem Donnerwagen mit dem flammichten zackichten Keil voll furchtbarer Majestat als dessen Regenten vor, weil sie nicht bis zu dem Unsichtbaren gelangen und Gestalt fur den Sinn haben mussen.

Sein erstgeborner Sohn, Licht und Feuer, ist Apollo, der Sonnengott.

Der Beherrscher der Wasser, Zeus' Bruder, Neptun.

Den Erden, den Sammlungen unzahlbarer andrer Elemente, setzten wir das Heer der ubrigen Gotter vor und erteilten dem dritten Bruder Pluto in den Unterwelten den hochsten Zepter.

Eure Grossvater, die Pythagorasse und Homere, haben hernach unsre kuhnen grossen Erfindungen angenehm und lieblich und erfreulich ausgearbeitet und die Phidiasse und Polyklete denselben das Siegel aufgedruckt. Und so waren die Urkrafte der Natur fur die Phantasie geordnet und jeder von ihren Lieblingskindern, den Menschen, schone Tempel aufgestellt.'

Verwundert Euch nicht, Freund," fuhr Demetri fort, "uber die astronomischen Ketzereien, die ich meinen Priester sagen lasse! Es wird eine Zeit kommen, und nach der Freiheit, womit die grossen Geister schon anfangen ihre Flugel zu schwingen, kann sie nicht mehr fern sein, wo die Sonne und die Fixsterne auch bei den Menschen ihren erhabnen Posten behaupten werden wie in der Natur und unsre kleine Erde mit den andern Planeten um ihre Lebendigmacherin herumrollen wird;24es wird die Zeit kommen, wo der kleinste Nebelstern Sonne sein wird und ein hellerer Morgen in unsern Kerker einbrechen, bis wir uns endlich alle Bande abstreifen und des ewigen Daseins, unsers Eigentums, als echte Kinder Gottes geniessen, in unaussprechlicher Wonne, sonder Grausen vor den armseligen Schreckwortern Tod und Zerstorung.

Es war besser, dass Millionen Sonnen sind, um nur Zahl zu nennen, als eine, die zu ungeheuer gewesen sein wurde! Die Billionen Planeten hatten sich zu oft darumher einander verfinstert und die rasende Masse von Feuer sie verzehrt.

Alles Wesen besteht aus unergrundlich Kleinem. Was unendlich klein ist, kann nur wenig Kraft und Bewegung haben. Um freier und gewaltiger zu sein, paart es sich mit seinesgleichen und vermehrt sich bis zu Sonnen- und Planetenspharen, die sich durch die Himmel walzen und schweben fur uns in unbegreiflicher Fulle von Wonne; paart sich mit seinesgleichen und anderm, was es wie zum Fuhrwerk oder gleichsam Reittier brauchen kann. Und dies hat's auch wieder gut, indem es an der Lust des Edlern teilnimmt und fur seinen Dienst reichlich versorgt wird.

Das Zusammengesetzte aber aus Verschiednem ist in Betrachtung des Einfachen eine wahre Kleinigkeit. Was sind alle Vogel, Tiere und Fische gegen die unermessliche Luft, das blendende Gewimmel der Gestirne und gegen Meere und Erden in ihrer ursprunglichen Reinheit? Zusammengerottete winzige Sonderlinge! Die grossen Massen allein leben und schweben in ewiger angestammter Wonne und Gluckseligkeit: nur wir Heterogenen leiden und sind elend und plagen uns mit unsrer Erhaltung, immer in der jammerlichen Furcht, zu vergehen. Mitteldinger zwischen Sein und Nichtsein! Zusammengeballte Grenzen des Verschiednen! Die sich mit Traumen plagen und ihre eigentliche Natur nicht finden konnen; und auf das kranke Gewinsel zerrutteter Kreaturen horchen, da uns das ewige Licht in die Augen blitzt, Meere in die Ohren rauschen und alles augenblicklich in uns strebt, sich mit dem grossen Machtigen wieder zu vereinigen.

Die Toren glauben, sie kamen einmal in eine ganz andre Welt, wo keine Sonne ware, weder Mond noch Sterne, noch Meer und Land wie bei uns, und sie hatten vielleicht dort doppelte goldne Huften, wie hier nur eine Pythagoras hatte.

Unsre Philosophen nehmen sich sehr in acht, wenn sie von Seele reden, auf Erde, Wasser, Luft und Feuer zu kommen, vermutlich, um sich nichts zu vergeben. Nicht also die Griechen! Wir zucken die Achseln deswegen uber sie? Je erhabner der Mann, desto eher der Kinder Spott!"

Demetris Wangen wurden roter in diesem lyrischen Taumel; ich rief ihm zu: "Massigt Euren Schwung, wenn ich nachfolgen soll!

Etwas Besonders, Adler oder Mensch und zum Beispiel Alexander zu sein nach gewonnenen Schlachten", fugt ich leise hinzu, "macht doch auch grosse Freude und kommt einem angenehmer vor, als wenn man sich zu unendlich kleinen Teilchen von Erde, Luft und Wasser und Feuer denkt. Jedes einzelne Wesen wird seine Existenz bloss durch andre gewahr; je reiner es sich damit vereinigt, desto grosser wahrscheinlich seine Gluckseligkeit. Alles in der Natur strebt deswegen, sich in andres zu verbreiten."

Demetri. Bei solchem Einfachen gibt's kein Teilchen; jedes, wenn man sich es auch denkt, gehort so zum Ganzen, dass das Ganze zusammengenommen nichts Bessers ist. Das Teilchen ist wie das Ganze und das Ganze wie das Teilchen; eins wirkt und regt sich wie das andre, jedes Gefuhl blitzt durch das ganze All. Was das eine angeht, das geht auch das andre an; es ist eins so machtig, so ungeheuer und unermesslich gross, wenn man eine solche Grosse annehmen will, wie das andre. Die Meere und Tiefen von ursprunglichen Elementen sind es, woraus wir immer neu stromen und zusammenrollen; und unsre Urnatur ist unendlich gottlicher und erhabner als das augenblicklich zusammengeballte Eins verschiedner Krafte; nach dem hohen Plato nur eine Stockung im unsterblichen Flusse der Gluckseligkeit.

Ardinghello. Aber dass etwas sein muss, was das Weltall zusammenhalt, ist wohl klar genug! eine unbekannte Ursache an und fur sich, doch bekannt in ihren Wirkungen; ein Wesen, das die andern Elemente zusammenbandigt von ihrem Schlafe zum Leben, zur Existenz, zur Harmonie und Einheit.

Wenn ich meinen Korper betrachte und bedenke, dass ich ihn selbst soll zusammengearbeitet und gebildet haben, und doch nichts davon weiss oder, welches einerlei ist, dass das erste Menschenpaar dies soll getan haben: so dunkt mir augenscheinlich, dass ich nicht von mir selbst abhange und dass eine unbekannte Ursach im Spiel ist. Anfang und Ende ist fur keines Menschen Kopf und ebenso unbegreiflich, wie Verschiednes ein lebendiges Eins macht. Unsre offenbare Willkur, der vorher bestimmte Endzweck aller unsrer Sinnen zum Beispiel, das Forterhalten der Gattungen, bleibt unerklarlich und ubersteigt die feinste Philosophie.

Demetri. Vielleicht wird sich dies noch aufhullen.

Wir erkennen uns bloss als Zusammensetzung, als Wirkung und nicht als Ursache. Bei uns ist sie mit unserm Verstand eins, und es findet da kein Gezweites statt; bei andern Dingen lasst sie vielleicht den Sonnenstrahl, so wie ihn unser grobes Auge blickt, nicht in ihre Verborgenheit. Rein existiert sie bloss in ihrer ursprunglichen Vortrefflichkeit, schwebt im Genuss ihrer selbst: und vermischt erkennt sie nur die Vermischung.

Liebe und Krieg ist ewig auf den Grenzen verschiedner Natur; jene nennen wir Ordnung, Leben, Schonheit, und wie die Namen alle lauten. Wie Kinder scheuen wir Tod und Vergehen; wir wurden bei bestandiger Dauer in immer einerlei Zusammensetzung vor Langerweile endlich auf ewiger Folter liegen in unsrer kleinen Eingeschranktheit. Die Natur hat sich aus eignen Grundtrieben dies Spiel von Werden und Auflosen so zubereitet, um immer in neuen Gefuhlen selig fortzuschweben; und unser Beruf ist, dies zu erkennen und gluckselig zu sein. Pythagoras hatte recht: die Welt ist eine Musik! Wo die Gewalt der Konsonanzen und Dissonanzen am verflochtensten ist, da ist ihr hochstes Leben; und der Trost aller Unglucklichen muss sein, dass keine Dissonanz in der Natur kann liegenbleiben. Die hochsten Granitfelsen der Alpen und des Kaukasus zermalmen endlich die Regen des Himmels und die Katarakten der Eisdecken auf ihren Gipfeln, und unsre Jahrtausende sind Momente der Ewigkeit. Kommen wir einmal zum Teil in den Mittelpunkt des Ozeans und der Erdkugel, so kommen wir auch in Sonnen und Gestirne und werden eins damit.

Jedes Element hat nach hohern und mindern Graden von Regsamkeit die Eigenschaft, zu leben, zu empfinden; und die mancherlei Proportion gibt jedem einzelnen Dinge seinen besondern Urcharakter. Dem Affen ein wenig Licht und Luft mehr im Urton: und er stund auf der Leiter der Schopfung uber den Homeren und Zenonen, freilich alsdenn auch in andrer Gestalt. Unser Gehirn scheint der hohe Rat der Republik zu sein, sich augenblicklich zu bewegen und die neuen Erscheinungen und Gefuhle der Sinnen aufzunehmen und darnach fur das kleine Ganze zu sorgen.

Wer hat die Elemente so untersucht, dass er einem allein das Leben und Denken zuschreiben will? Warum sollten nicht alle mehr oder minder dazu fahig sein und die ganze Natur leben, denken und empfinden?

Der Mensch macht ein Ganzes aus, und es ist alte Pedanterei, denselben nur in zwei ganz entgegengesetzte verschiedne Halften zu teilen, wie man hernach bei allen Tieren und der kleinsten Mucke tun muss. Aber Gewohnheit zwingt alles unter ihre eiserne tyrannische Herrschaft, bis auf die sich frei wahnendsten philosophischen Haupter, die davon nichts traumen.

Ardinghello. Auf einen Hieb fallt kein Baum, geschweig eine Zeder, die so viele Jahrhunderte, durch alle bekannte Zeitalter steht und mit ihrem immer grunenden Gipfel jedem Sturm trotzt. Die Menschen werden heutzutag schwerlich glauben, dass das Beste von ihnen nur Sonne war und die Planeten erleuchtete; sie sind zu stolz dazu geworden. Geschweige dass ihre Korper nur eine gewisse Ordnung seien, Wohnungen, Gasthofe der Elemente, die augenblicklich durch sie reisten, sich nur Momente aufhielten, sie lebendig, vollkommner und bequemer fur die nachfolgenden machten.

Demetri. Und doch muss auch dem Dummsten auffallen, dass er alle Woche wenigstens ander Fleisch und Blut hat; dass ihn sein Magen jeden Tag ein paarmal an neuen Ersatz erinnert; dass er stundlich stirbt und wieder aufersteht; immer etwas anders ist, immer ist wie das Wetter, das er sieht und einatmet. Und was wollt Ihr mit allen bekannten Zeitaltern? Habt Ihr vielleicht den Aristoteles gelesen?

Ardinghello. Seine metaphysischen Schriften nur durchblattert! teils, weil sie mir zu weitlauftig und gleich anfangs mit Fleiss dunkel und ratselhaft geschrieben schienen, und teils, weil ich fur wahr hielt, was Xenophon beim Eingange der Denkwurdigkeiten vom Sokrates meldet, namlich: die Metaphysiker waren ihm vorgekommen wie Rasende, da die beruhmtesten derselben schnurstracks sich entgegenstehende Meinungen behaupten. Die ganze Wissenschaft sei zu nichts nutze; und er hatte sich verwundert, wie es ihnen nicht offenbar ware, dass unser Verstand daruber nichts Gewisses erfinden konnte. Die menschlichen Dinge allein machten uns genug zu schaffen.

Demetri. Auch beim Sokrates ist nicht alles Gold! Dies war zuverlassig in die Luft gesprochen, ohne hinlangliche Uberlegung. Das Allgemeine konnen wir wissen, aber nicht das Besondre. Ohne Arbeit und Mut wird dem Menschen nichts Grosses verliehen. Wer weiss, wie viele Jahrhunderte noch dazu gehoren, ehe wir in Erkenntnis der Natur so weit gelangen, als unser Verstand reicht, und das hochste Ziel beruhren! Viele verzweifeln daran, nur etwas Wahres zu finden, und wollen immer im Finstern herumtappen; aber es kommen Augenblicke, wo sie erschrecken, ein blosses Nichts zu sein, ohne sich mit der Natur zusammen zu denken. Harmonie mit dem Weltall ist das hochste Gut! und welcher gute Kopf will sein Lebelang zu dem Gesindel gehoren, das die Wetterfahne aller Meinungen ist? Jeder muss hier endlich so weit, als er kann; und es hilft da kein Strauben. Unsre Bestimmung, wenn wir eine haben sollen, kann keine andre sein, als die verschiednen Naturen des Weltalls in der Zusammensetzung zu fassen, woraus wir bestehen. Der Mensch selbst ist gleichsam eine herumwandelnde Metaphysik; wer wollte sich nicht damit beschaftigen? Sie ist die erste und hochste aller Wissenschaften.

Wenn wahr ist, wie es denn allen Schein der Wahrheit an sich tragt, was Alkibiades vom Sokrates in Platons Gastmahl erzahlt, so hat auch hierin der, den das Orakel (vielleicht hauptsachlich deswegen, was Ihr eben aus den Denkwurdigkeiten von ihm angefuhrt habt!) zum Weisesten erklarte, doch auch hierin seine Schuldigkeit beobachtet. Er stand einst im freien Felde vom Morgen an, den ganzen Tag uber und die Nacht durch, unbeweglich auf einem Fleck in dem allertiefsten Nachdenken versunken und verloren: und betete die Sonne an, als ihre reine volle Feuersphare uber die ostlichen Gipfel Strahlen des Lebens wehte.

In den geringsten Wissenschaften und Kunsten herrschen verschiedne Meinungen; und es ist naturlich, dass in der hochsten die mehrsten herrschen, weil alle zum steilen Gipfel wollen und nur ausserst wenige dazu genug Atem in der Brust, Starke in den Knochen und ausdauernden Mut und Verstand gegen alle die Gefahren haben, die in den halsbrechenden Pfaden auf sie lauern.

Nutzen? Soll man denn alles des Mauls und Magens wegen tun? und macht Erkenntnis der Wahrheit nicht schon an und fur sich gluckselig? ist sie nicht die hochste Gluckseligkeit? Gehort das Vergnugen, die Freude nicht zu Nutzen?

Freilich muss jeder den Weg endlich selbst machen. Es muss erst einer wissen, wo der Atna liegt, eh er hinauf will. Und dann ist fur uns die Reise durch die Scylla und Charybdis die kurzeste, und durchaus zu Pferd ist nicht moglich. Oder: man muss ohngefahr so weit sein, als sie selbst waren, ehe man die Systeme grosser Philosophen vollkommen versteht; und ferner sie nicht auf den ersten Seiten vollkommen begreifen wollen; man muss sie erst ganz kennen, ehe man nur etwas von ihnen in allem seinen Verhaltnis einsieht.

Das System des Aristoteles liegt, es ist wahr, noch zum Teil da im Chaos; aber binnen zweitausend Jahren hat sich kein bessrer Architekt gezeigt. Er trug allen philosophischen Reichtum jener glucklichen Zeiten zusammen und brutete daruber wie ein Gott. Seine physischen und metaphysischen Werke sind ein langwieriges Studium, und es lasst sich in einem Gesprache davon kein Auszug machen. Ihr musst sie selbst lesen; und es wird Euch Lust sein, zu sehen, wie er die Natur herumarbeitet und bis auf ihre kleinsten Bestandteile zergliedert, wenn Ihr auch nur den Tiefsinn des Menschen an ihm bewundern solltet.

Fur jetzt nur noch einige Rhapsodien nach ihm und gegen ihn, und Launen und Einfalle. Stellt Euch das Universum wie eine Laute vor, worauf ich Euch nach augenblicklicher Lust und Liebe vorphantasiere. O nichts ist reizender und lockender dazu! es ist der schonste Gegenstand meiner Poesie in der Einsamkeit. O es macht mich glucklich, und mich uberlauft wieder zuweilen ein menschlicher Schauder, wenn ich bedenke, was ich vielleicht schon war und ferner sein werde! was ich jetzt bin und den folgenden Morgen, die folgende Stunde schon vom neuen anfange zu sein. Ubrigens geniess ich jeden Moment der Spanne meines gegenwartigen Lebens, so gut ich kann, und ergebe mich Kleinigkeit in die Umwalzungen der ungeheuern Massen.

Was Demetri darauf ferner sagte, davon mehr nur den Inhalt als seine Worte, insoweit ich denselben gefasst habe. Ich blieb bis jetzt noch immer der Meinung des Sokrates, dass auch die beste Metaphysik ein schones Gebaude sei, welches bloss in der Luft schwebt, und dass man sich nur damit beschaftigen musse, um sich nichts weismachen zu lassen und seinem Vergnugen in dieser Rucksicht ungestort nachzuhangen.

"Die Sinnen allein zeigen uns," begann er vom neuen,25 "dass etwas ausser uns da ist: Verstand selbst ist die Wurzel der Sinne. Von Sinn und Verstand alle unsre Erkenntnis; und was finden wir da?

In uns gekehrt die wunderbare Sicherheit, dass wir Wirkliches und kein Nichts sind, und allen Grund zu denken und zu handeln. Ausser uns Sonne, Mond und Sterne im unermesslichen Ather, und Luft und Meer und Land voll unzahlbarer lebendiger Dinge.

Doch solche Menge Verschiedenheiten entdeckt nur das Auge, unser reichster, aber auch flachster Sinn; wir haben einen andern, der tiefer dringt und zu einfachern kommt: das Gefuhl. Kein Tier kann ohne dasselbe, aber ohne die andern Sinnen bestehen.

Und dieser Sinn erkennt?

Warm und Kalt und Feucht und Trocken.

Nichts weiter! denn alles ubrige fallt in eins von diesen; daraus besteht die unendliche Mannigfaltigkeit des Weltalls.

Doch werden wir auch mit diesem so machtig ergreifenden Sinn nur Oberflachen gewahr; allein tiefer in die Natur der Dinge konnen wir nicht eindringen, wenn wir nicht sie selbst werden. Und dann hort aller Sinn auf; wir sind es selbst und schweben im Genuss ohne alle wissentliche Unterscheidung.

Warm und trocken ist das Feuer. Warm und feucht die Luft. Kalt und trocken die Erde. Kalt und feucht das Wasser. Mit Flamme und Eis fangt Stockung und Zerstorung an, daraus keine Zeugung.

Wenn Feuer sich in Luft verwandelt, braucht es nur die Feuchtigkeit anzunehmen, und so, wenn Wasser sich in Erde, nur die Trockenheit. Wasser wird Luft durch die Warme; Luft wird Wasser durch die Kalte. Feuer verwandelt sich in Erde durch die Kalte, Erde in Feuer durch die Warme. Leicht ist dann der Ubergang einer Natur in die andre und leicht Werden und Zeugen. Wenn aber Feuer Wasser werden soll und Wasser Feuer, Luft Erde und Erde Luft: dann ist ein doppelter Damm durchzusturmen; allein der Schleichweg ist bald gefunden. Feuer wird erst entweder Luft oder Erde; und so bleibt der Ubergang auch bei den andern immer leicht.

Daraus alle die sonderbaren Erscheinungen! Und so verandert sich ewig in sich die Welt, begattet sich mit sich selbst und bringt neue Geschopfe hervor und Blumen und Fruchte.

Dies sind die vier Elemente, die der gemeine Menschenverstand durch alle Zeiten anerkannt hat; und sie sind die Grundverschiedenheiten nicht nur fur das Gefuhl, sondern auch fur die ubrigen Sinne, die alle verschiedene Abarten desselben sind und darauf beruhen.

Dass die Luft wieder so verschieden sein konne, als wir die Erde erkennen, wer will dies leugnen? und so das Wasser, und vielleicht noch das Feuer; wer hat die Elemente so untersucht? und wie wenig wissen wir noch von den Erden? Genug, dass der Ubergang eines Elements in das andre gefunden ist.

Doch warum suchen wir Vervielfaltigung der Elemente! Es hat Philosophen gegeben, die behaupteten, dass das Weltall, welches wir zusammen mit einem Namen Natur nennen, durchaus eins und dasselbe sei; die alle Evidenz leugneten, um ihren Verstand an einem Mutterwesen zu weiden, das bloss reiner Stoff und nichts von allem andern ist, was wir kennen, sondern alles zugleich in jedem Punkte; andern Menschen schier ebenso undenkbar wie Alles aus Nichts und Nichts aus Allem, das es auch bedeutet.

Die altesten der Art blieben jedoch noch bei einem Elemente. Heraklit meinte, das Feuer sei der gemeinschaftliche Quell aller Dinge: und Thales das Wasser; beide aus dem heitern Ionien, von den Griechen, sonderbarlich! fur die fruhesten echten philosophischen Kopfe anerkannt und der erste als Stammvater aller eigentlichen Weisheit zum Sprichwort bei ihnen durch alle Zeiten geworden. Das organische Wasser, zum Beispiel der Mensch, ersaufe in dem einfachen Wasser; und das organische Feuer verbrenne in dem Feuer, das die Lust verliert, etwas anders zu sein. Feuer, Luft und Erde sei Wasser, und Wasser sei Erde, Luft und Feuer, und alles eins und dasselbe. Feuer sei heiss und kalt, und Wasser sei nass und trokken.

Andre suchten in der Folge den Widerspruch wenigstens im Ausdrucke zu vermeiden und setzten fur irgendein Element uberhaupt: Eins ist Alles und Alles Eins.

Nach dem Aristoteles war Xenophanes der erste, der dem Wesen seine eigentliche Reinheit gab, aber auch nichts weiter daruber bestimmte, sondern nur mit erhabner Stirn in den unermesslichen Ather hin schaute und sagte: Das Eins ist Gott.

Parmenides, sein Schuler, brutete nach ihm mehr daruber und suchte zu beweisen, dass Wesen der Vernunft nach notwendig nur Eins sein konne, fur die Sinnen aber musse man zwei Ursachen: Kalt und Warm, annehmen. Kalt sei das Unwesen und Warm das Wesen. Andre setzten dafur das Dicke und Dunne; namlich das Wesen dehne sich aus und ziehe sich ein; und daraus alles Werden und Zeugen, alle Erscheinungen. Wenn es sich verdunne, werd es Luft und Feuer; und verdickt sei es Erde und Wasser; aber alles im Grund eins und dasselbe."

Ardinghello. Wenn also die unendliche Ausdehnung, ausser den einzeln Bewegungen, durchaus sich einmal recht einzoge, so wurden wir vielleicht alle zusammen mit ihr den allergrossten Stein ausmachen und die Welt als ein Diamant im leeren Raume hangen.

Demetri (ein ander Gesicht annehmend). Wer weiss, was geschehen kann! Zeit hat sie nun in der Ewigkeit genug dazu, zur Kurzweil sich in allerlei Gestalten zu verwandeln.

Diese Philosophen gaben ubrigens keine Ursache der Veranderung an und liessen noch Ruh und Bewegung unerortert.

Wer beweisen will, dass aus Einem Alles sei, muss erst dartun, dass aus Allem Eins werde; und so weit hat es noch keine Chemie gebracht.

Wenn bloss Eins ist, so muss es in Ruhe sein; denn ohne Reiz keine Bewegung, und das Gleichformige reizt nicht.

In den Elementen liegen die Quellen der Bewegung. Sie ist allen eigen, und keins hat sie als einen besondern Vorzug; nur scheint das Feuer einen weit hohern Grad von Reizbarkeit dazu zu haben als Erde, Luft und Wasser. Alles in der Natur regt sich von selbst und hat Freiheit, Erkenntnis und Begierde. Jeder Teil, den wir von einem ihrer unvermischten Ganzen annehmen, hat alle innerliche Eigenschaften des Ganzen; ihre Wesen sind unendlich zart, verbreiten und verlieren sich ineinander, unergrundlich allen unsern Sinnen. Je mehr das Kleine einerlei Art beisammen, desto grosser seine Macht und Starke; und so kann Erde, Luft oder Wasser das Feuer uberwaltigen, und so unterliegt beim Menschen der sogenannte Geist der Materie. Doch nur im Einzeln kann dies geschehen, denn im Weltall selbst herrscht Geist unermesslich und ohne Schranken. Geist bringt die Welt in Ordnung und Schonheit nach seiner Natur, und selbst in uns fuhr er deswegen; und dadurch hat der Mensch Gewalt uber den Erdboden.

Bewegung ist Wirksamkeit der Kraft auf einen Gegenstand. Wo Kraft und Gegenstand ist, ist auch Bewegung. Wo doppelte Kraft aufeinander wirkt: Liebe oder Krieg, Neueswerden oder Abprallung.

Gedanke ist Anfang und Ziel der Bewegung, Anfang und Mittel und Ende der Bewegung zusammen Handlung. Alles in der Natur hat das Vermogen, zu denken und zu empfinden, und das Selbstgefuhl ist Grund und Boden; denn alles, was ist, hat Kraft, wodurch es ist, was es ist.

Und folglich hat das System des Anaxagoras seinen guten Grund in der Natur. Verstand hat die Welt gebildet: nur in allem auf seine eigne Art. Verstand ist prufende und unterscheidende Fassung des Ganzen; Verstand, in der Zusammensetzung, das Meer, wohin alle Empfindungen laufen, sich begegnen und sich lautern; und besteht selbst nur aus empfindender Kraft. Es ist der eigentliche Kern jedes einzelnen Lebendigen, jedes Ganzen, das schlechterdings an und fur sich mit einer ersten Empfindung beginnen und sich mit gleichartigen und andern Wesen paaren und hernach zusammenschaffen und bilden musste. Wenn nun Verstand ursprungliche Empfindung ist, so ist er auch der Schopfer von allem Individuellen.

Der erste Trieb in jedem Lebendigen ist das Vergnugen oder nicht allein und vereinzelt zu sein. Der zweite weitere Erkenntnis und grossere Kraft zugleich: dadurch erhob sich die vereinzelte Natur vom Wurm an bis zum erhabnen, freien, vielfassenden und verbindenden klaren Menschen, der deswegen die Sprache und alle Kunste erfand. Der dritte, ungeheure, der alles unglucklich macht, die ganze Welt zu erkennen und sie sein zu wollen; und in der Tat tobt immer das dunkle Gefuhl in uns auf, sie einmal gewesen zu sein und wieder zu werden.

Ardinghello. Ich erstaune uber Eure kuhnen Behauptungen, und es wird mir vieles Nachdenken kosten, deren Wahrheit oder Falschheit zu finden.

Wenn Feuer sich in Luft verwandelt: bleibt es Feuer oder nicht? Und ferner: so wie nur eine gewisse Materie ist, die Licht hat, und eine, die Ton hat, so kann es ja auch eine geben, wenn man das Wort hierbei brauchen darf, die nur denkt und Verstand hat, Ursache der Bewegung ist, immer wirkt und nie leidet, bis das ganze Gebaude um sie her zusammenfallt.

Demetri. Wenn Feuer sich in Luft verwandelt, so entsteht eben ein neues Ganzes aus Luft und Feuer. Und so sind wir selbst ein Ganzes aus verschiednen Elementen, so rein und harmonisch verschmolzen, dass wir in uns bei gesundem Zustande durch das feinste Bewusstsein nichts unterscheiden.

Wenn nicht jede Art von Element sich selbst regte und bewegte, so wurde jeder Leichnam ewige Mumie sein und der Wind immer von Osten her wehen.

Was den Verstand betrifft, so nimmt Aristoteles selbst, wie Plato, nach dem Anaxagoras, dessen Meinung ich freilich nach meinem eignen Begriff erklarte, eine eigne Materie fur den Verstand an und unterscheidet sie von aller andern, und sogar von der Seele, die, wie er sagt, im ganzen Korper sich befindet. Die Seele des Auges ist das Sehen, die Seele des Ohrs das Horen und so die des Gefuhls das Fuhlen. Die Seele des Baums ist, dass er wachst und seine Nahrung mit den Wurzeln einsaugt. Sie ist in allem Lebendigen dieselbe. Kraft in Ausubung ist ihm Seele, und kein Korper, kein Element ohne Seele. Aber Verstand hat seine eigne Natur, behauptet er, die nicht leidet. Das Auge kann verblendet, das Ohr betaubt werden, der Verstand hingegen von dem tiefsten Denken unbefangen auf das leichteste ubergehen. (Vielleicht nur bei dem Fursten der Philosophen! Andre mussen wenigstens ein Schachspiel dazwischensetzen.) Und doch soll derselbe ein besonder eigen Teilchen, wie er sich ausdruckt, nur der menschlichen Seele sein, und sagt, diejenigen hatten recht, die ihn darin den Ort der Formen nennten; Denken, Urteilen ware Aufnehmung, Schaffung von Formen. Die sinnliche Kraft der Seele konne nicht ohne Korper bestehen, der Verstand aber davon abgesondert werden; er sei sich allein Materie. Nur sei er leidend und verganglich, insofern er etwas denke und sich an etwas erinnere; gleichsam wie der Sonnenstrahl, wenn er an den Dingen Farbe wird. Das Denken aber und Erinnern mache sein Wesen nicht aus; an und fur sich selbst denk er nichts, und so sei er unsterblich.

Folglich ist die Seele, als Verstand betrachtet, nur unsterblich, insofern sie nichts denkt.

Dies ist wohl eine von den schwachen Seiten seines Systems, um den Vorrang des Menschen vor andern Tieren zu erklaren; und hierin weicht er ab vom Anaxagoras, der seinen Verstand allem Lebendigen zuschreibt.

Wenn der Verstand nur unsterblich ist, insofern er nichts denkt, so ist alle andre Materie auf eben die Weise unsterblich, namlich insofern sie ausser der Zusammensetzung gedacht wird; und wenn ich den Verstand auf eine andre Art erklaren kann, so brauch ich keinen Gott, den Knoten des Drama aufzuhauen. Kurz, es ist ein Schlupfwinkel, worin wir nicht weiterkommen.

Der Beweis, womit Anaxagoras, Plato und Aristoteles das Dasein des Verstandes dartun, ist: es muss ein Wesen geben, das unvermischt ist und alles durchdringen kann, damit es Gewalt daruber habe und erkenne.

Furs erste also ist jedes Element in seiner Reinheit unvermischt; und so Haufen Elemente in ihrer Reinheit beisammen.

Sind die Elemente an ursprunglicher Feinheit verschieden, so ist, nach aller Erfahrung, wahrscheinlich das Feuer oder Lichtelement das feinste. Folglich hatte das Feuer alle Eigenschaften, die sie zu ihrem Verstand erheischen.

Ist dies Seele, was, nach dem allgemeinen Begriff, andres durchdringt, so kann man auch mehrere Arten von Seelen annehmen. Feuer durchdringt die Luft; Luft und Feuer durchdringen das Wasser; und Feuer, Wasser und Luft durchdringen die Erde, und bandigen sie nach ihrem Wohlgefallen, und bequemen sich wieder als der Grundfeste freundlich nach ihr. Und so uberhaupt eins nach dem andern. Herrschen ist Wohltun, alle andre Gewalt Tyrannei. Wer weiss, ob der Gegensatz von Feuer und Erde nicht zu stark ist, ob Erde nicht zu grob und Feuer nicht zu fein gegeneinander sind, um vollkommen aufeinander zu wirken? Ob nicht Mittel dazwischen sein mussen? (wie zum Exempel in den mildern Erdstrichen; in Griechenland, dem Klima der Schonheit.)

Uberhaupt sagt uns alles, dass da die hochste Vollkommenheit und Gluckseligkeit ist, wo die hochste Fulle. Wenn die Zusammensetzung so harmonisch, so proportioniert ist, dass jedes Element sich regen kann nach seinen Kraften, entsteht der hochste Verstand; eins erkennt das andre auf diese Weise am reinsten und vollkommensten. Und dies mochte wohl der Aristotelische Verstand sein, der durch alle die feinen Rohren des menschlichen Gebaudes im Gehirne sich absondert; die reinsten Verschiedenheiten von Feuer, Luft und Wasser und Erde kommen hier lauter zusammen und machen ein gottliches Ganzes, wie in unendlichen Massen die Welt ist.26 Bei den andern Tieren sondern sie sich nur nicht so rein und in der Fulle und Proportion ab, von Urbeginn durch den Druck der umgebenden Krafte daran verhindert.

Ardinghello. Aber die ersten Geschopfe Paar und Paar, Tier und Mensch, und Gras und Baum, wo leitet Ihr und Aristoteles diese her?

Demetri. Wie unser Verstand in der Zusammensetzung Wissenschaften und Kunste aus verschiednen Erfahrungen der Sinne bildet, aus Empfindungen, die mit Bewegung und Sturm und Aufruhr in uns kommen, eine Iliade, einen Odip, so kann er auch von Anbeginn mit Hulfe der ganzen Natur die Gestalten der verschiednen Gattungen gebildet haben. Man muss bei Zeugung und Untergang allezeit auf Elemente kommen, die unzerstorbar sind und aus welchen alles Zusammengesetzte wird.

Unser Erdboden hat ohne Zweifel, nach Vernunft und Naturgeschichte, einmal in einer weit glucklichern Lage zu Entstehung der Geschopfe geschwebt als jetzt. Und wer weiss, ob nicht die edelsten nach Aufhorung derselben untergegangen sind? Die Geschopfe sind ihrer Natur nach nicht in einem Lande und wahrscheinlich nicht auf einmal entstanden.

Aristoteles braucht gewohnlich das Gleichnis: Der Mensch und die Sonne erzeugt den Menschen; doch erklart er sich etwas deutlicher hieruber in seiner Lehre von Gott und der Zeugung. Und sehen wir nicht, dass die Sonne noch jetzt Ursache des Fruhlings und der Begattung ist? Warum sollte sie nicht auch im Anfange bei den ersten Geschopfen Hulfe gewesen sein? Jedes Geschopf wachst aus seinen Elementen hervor, und die Sonne lost mit ihrer Warme deren Krafte, dass sie frei wirken konnen.

Jedoch haben immer uber die Entstehung des Einzeln die alten Weisen die sonderbarsten Meinungen behauptet. Einige nahmen fur jedes Geschopf ein verschieden Element an, und nicht allein fur jedes Geschopf, sondern fur jedes Glied desselben. Da waren zum Beispiel verschiedne Elemente fur den Menschen, die sich wieder fur Kopf und Hand und Fuss abteilten und zerstreut in der Natur lagen. Die Weiber sammelten dieselben bei der Begattung in sich, wo sie sich alsdenn zu einem Ganzen vereinigten. Freilich die leichteste Art, das Ratsel aufzulosen! wenn noch andre Schwierigkeiten dadurch gehoben wurden. Wie geht es zu, dass ein Weib immer so vollkommen alle Teile sammelt, und nicht bloss Kopfteile oder Herzteile oder Arm- und Beinteile? Und so genau alle von derselben Proportion? Und wie halten sich diese Teile in den Speisen auf, wovon sie sich nahren? Das Herz eines Alexander in Tauben und Hasen, und Prokoli und Blumenkohl, und anderm Fleisch und Gemuse, wovon Olympia ihre Mahlzeiten hielt? Der Kopf Homers in Huhnern und Gansen und den Fischen des Ionischen Meers? Offenbare Albernheiten!

Andre glaubten, der Same jedes Individuums ware von Ewigkeit im Weltall und folglich nur eine gewisse Anzahl von Menschenkernen, Lowen- und Adlerkernen, die kommen und wieder gehen und jedesmal sich in die vorhandne Materie kleiden. Zum Beispiel: Alkibiades war einmal da zu Athen und so ein andermal zu Rom und Konstantinopel und Lappland und Peru. Es gehorte nur Gluck oder Ungluck dazu, dass er von diesem oder jenem Winde da- oder dorthin gefuhrt und von einer Konigin oder Magd aufgefangen und geboren wurde; und seine Individualitat anderte sich jedesmal nach den Umstanden.

Diese Meinung hat weniger Schwierigkeiten. Aber aller Same ist zusammengesetzt: und wie erhalt sich die Zusammensetzung in der unaufhorlichen Zermalmung desselben, die wir bei allem Einzelnen in der Natur sehen? Und noch finden wir uberall, dass Same wird und nicht ist.

Im Gegenteil ist sehr wahrscheinlich, dass, wenn alles, was auf unsrer Erdkugel Mensch werden konnte, auf einmal wirklich Menschen und unzahlbare Scharen von Volkern ware und man sie an einen neuen Ort, in andre Planeten versetzte: dass, sag ich, vielleicht wenig von derselben ubrigbleiben und wir alsdenn erkennen wurden, dass sie, samt allen Tieren, Pflanzen und Baumen, nur ein runder Klumpen Kirchhof gewesen sei, wo die Lebendigen von den Toten assen. Und ist's nicht augenscheinlich, dass immer ein neu gesundes Paar aus den Fruchten von wenig Hufen Landes alle andre Zonen bevolkern konnte?

Kurz, jedes Einzelne ist nur durch die zusammengesetzte Form das, was es ist; jede Art von Wesen ist sich ubrigens gleich. Und die Form entsteht durch die innre Proportion verschiednen Wesens mit Hulfe der aussern Dinge.

Ardinghello. Also konnte die Erdkugel moglicherweise zu ebenso ungeheuern Scharen Eseln, Maulwurfen, zu einem unendlichen Muckenschwarm werden als zu unzahlbaren Volkern von Menschen; und Mann und Weib sind weiter nichts als Anlass zu neuen Mannern und Weibern, wozu sich die Elemente von selbst bilden? Der Mensch zum Beispiel ist also nur eine gewisse Proportion verschiedner Elemente? Ein Knabe von dreissig Pfund bestund ohngefahr aus sechzehn Pfund Erden und Salzen, dreizehn Pfund Wassern und einem Pfunde Luften und Feuern; und der einzige Unterschied zwischen ihm und einem Kalbchen ware, dass dies etwa nur ein halbes Pfund Lufte und Feuer zu seinen Bestandteilen habe! Dies allein veranderte die Form und machte Sokraten und Platone zu Kalbern und Kalber zu Platonen und Sokraten?

Der Schluss daraus, ist er nicht, dass alle Geschopfe die Gegenstande nur nach ihrer Form empfinden und beurteilen und wir so vielerlei Wahrheit von demselben Dinge haben, als verschiedne Gattungen schon von Tieren sind? Jedes handelte und dachte nach seiner Form und hatte nach derselben seine Begierden; und es gabe uberhaupt keine allgemeine Wahrheit, und die ganze Welt sei ein Tollhaus? Also war es wohl keine Fabel mehr, dass Medea einen Greis in kleine Stucke zerhacken und wieder jung machen konnte, wenn sie nur den gehorigen Grad der Warme trafe, wodurch sie sich wieder zu einem harmonischen Ganzen zusammenzogen?

Demetri. Richtig, mein Freund, wenn sie den gehorigen Grad der Warme trafe und wieder hinzubrachte alle Augenblicke, was vom gehorigen Wesentlichen abdunstete, wie im Mutterleibe geschieht, und die vorige Lebenszeit schon abgedunstet ware.

Die zusammengesetzte Form ist nur das Mittel: das Wesen selbst erkennt, wie vom Urbeginn, die Wahrheit. Alle Sinnen fassen nur einseitig: Verstand das Ganze, und der reinste Verstand am vollstandigsten. Die Tiere sind nur dadurch verschieden, wie der Mensch, dass sie mehr oder weniger, vollkommen gelautert oder minder vollkommen, davon besitzen. Und eben dieser ist die erste gegebne Proportion ihrer ganzen Zusammensetzung.

Ardinghello. Aber wieder alle Gattungen von Tieren und Pflanzen, Paar und Paar von dem Grashalmchen an bis zum Menschen? Mannchen und Weibchen, wie wollt Ihr dies erklaren?

Macht der Verstand in den Elementen allein Mann und Weib, so muss einmal, nach dem komischen Einfall des Aristophanes beim Plato, Mann und Weib bei allen Gattungen zusammengewachsen gewesen sein und ein Ganzes gebildet haben: sonst bleibt's unerklarlich, wie die Geschopfe sich aus sich selbst so verschieden und doch paarweise sollten geformt haben.

Demetri. Man kann gewiss leichter uber diese Dinge schreiben als ein Gesprach fuhren! Dort lasst man solche Fragen aus, und ich habe noch bei keinem Weisen hieruber eine Antwort aus blosser Vernunft gefunden. Weil ich aber einmal, wie einst der Platonische Sokrates, die Lowenhaut umgeworfen habe, so will ich aushalten.

Alles, was ich darauf sagen kann (fuhr er lachelnd fort), ist folgendes: Wenn ich keine Menschen- und Eselelemente, keine Nasen- und Lippen- und Lefzenelemente anzunehmen Ursach finde, so find ich es eher notwendig, mannliche und weibliche Elemente in der Natur anzunehmen. Der Mann ist der vollkommenste, der ganz aus mannlichen Elementen zusammengesetzt ist, und das Weib vielleicht das vollkommenste, welches nur gerade so viel weibliche Elemente hat, um Weib bleiben zu konnen; so wie der Mann der schlechteste ist, der gerade nur so viel mannliche Elemente hat, um Mann zu heissen.

Mannliche und weibliche Elemente machten ausserdem am begreiflichsten die Natur lebendig und erklarten die ewige unaufhorliche Bewegung und den wutenden Trieb zur Begattung, welche Aristoteles fur die Bestimmung jedes einzelnen Dinges halt, am besten. Liebe, Hochzeit, Ehe und Ehescheidung: daraus bestunde die Welt. Ferner ware das Ratsel aufgelost, welches noch niemand, soviel ich weiss, beruhrt hat, warum von jedem Geschlechte, fast durch alle Tiere, ohngefahr soviel von dem einen als andern geboren wurden.

Wem dies nicht gefallen sollte, der konnte jedoch noch immer annehmen, dass zu einem Ganzen ein Paar gehort und dass der Verstand von Anfang an alles paarweise hervorgebracht hat, ohne dass eben das Zusammengewachs mehr als jetzt notig war: in einer solchen bequemen Lage von Materialien zu Schaffung seines machtigen Ganzen befand er sich.

Ardinghello. Ihr geht wie ein echter Kretenser, Zogling des Minos, mit dem schonen Geschlecht um! Ich glaube, dass ein Madchen wie ein Mann immer ein unnaturliches Ding sei und dass die tapferste Amazone selbst unter einer Phryne stehe. Ich will Euch hieruber zu keiner neuen Hypothese treiben; wiederholen wir noch einmal Euer Hauptstuck.

So von allem Wirklichen abgesondert mag es wohl endlich leicht sein, zu denken, Verstand des Menschen hat den Menschen hervorgebracht, und ebenso, Verstand jedes Dinges hat das Ding hervorgebracht, durch Hulfe einer Kraft, die allem Raum schafft, sich nach Willkur oder Verlangen zu bewegen; allein sich die Sache auch nur einigermassen sinnlich vorzustellen ist gewiss ohne Vergleich schwerer.

Nehmen wir einmal, wie der Verstand des ungebornen ersten Kindes sich das Auge gebildet hat, nur eins furs erste.

Wozu braucht er das Auge?

Zum Sehen.

Kann er nicht sehen ohne dasselbe?

Allerdings; da er alles durchdringt, beruhrt er an und fur sich auch gewiss die Sonnenstrahlen oder wird ihre Wirkung gewahr auf Oberflachen.

Was will er also damit?

In einen Korper eingeschlossen sich eine Offnung fur dieselben machen.

Gut. Warum schliesst er sich aber in einen Korper ein, da er ohne Auge sehen kann? und demnach auch ohne Ohren horen, ohne Zunge schmecken, ohne Nase riechen und ohne Finger und andre Glieder fuhlen?

Es scheint, er ist des Herumvagierens mude und will einmal einen steten Punkt haben; oder eine Portion Verstand hasst die andre, wie sich Spinnen, und verlangt abgesondert ihr eigen Nest; oder er will weder unendlich gross noch unendlich klein beisammenbleiben, sondern in bequemer Anzahl und ergotzlichem Masse, wie die feinen Wollustlinge unter Griechen und Romern nur soundso viel Gaste an ihren Tafeln verlangten; oder uberhaupt, er kann die Materie in allen Arten von Zusammensetzungen nicht besser geniessen, als wenn er sich selbst in sie hineinsteckt; oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu, ob dies gleich fur ein Wesen, das alles durchdringt und folglich nicht gebunden werden kann, ungereimt ist. Kurz, dem mag sein, wie ihm will: er macht alles auf einmal zusammen, sich in grosserm Umfang, und wie Pygmalion, seine Geliebte. Nach Euern Begriffen ist freilich Verstand selbst so verschiedner Gattung, als Elemente sind; und nur einer ist der Konig. Also der menschliche Verstand selbst macht einen Bund aus von verschiednen Elementen; und jedes prasidiert darin im Namen der ubrigen seiner Gattung und dringt auf besondern und eignen Genuss dafur.

Warum aber ist der Verstand des Kindes, wenn es fertig oder vollig ausgebildet ist, nicht mehr so gescheit, als er im Anfang war?

Demetri. Das ist er und bleibt es, durch alle Stufen des menschlichen Alters derselbe; alle Teile, die abgehen, ersetzt er wieder und bedient sich uberdies seiner neuen Sinne. In der Komposition selbst, deren Ursprung ich schon auf verschiedne Weise beruhrte, muss er freilich erst Erfahrung sich erwerben. Verstand kommt von stehen27; er muss alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung gestanden haben, ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durcherkennt und sich davon ein Ideal bildet.

Einige Alten behaupteten auch, dass er schon lange studiert habe, bevor er ein so herrliches Ganzes wie den Menschen ausklugelte; es liesse sich dieses aus der auffallenden Ahnlichkeit, grossern und mindern Vollkommenheit der Teile von Tieren schliessen. Die Pythagoraer nahmen nach dem Aristoteles als einen Grundsatz an: Speise und Raub ist eher gewesen, als was sich davon nahrt; und wahrscheinlich! je ausgearbeiteter die Speise, desto leichter der Ubergang zu hoherm Leben. Kein vernunftiger Arzt wird daran zweifeln, dass der Mensch selbst die beste Kost fur den Menschen ware. Wer weiss, ob die Welt jetzt so vollkommen ist, als sie sein kann. Obgleich ewig, mag sie doch Kind, Jungling und Mann, Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden; denn sie ist nicht ganz vollkommen solange noch Unvollkommenheit darinnen da ist.

Ardinghello. Von Menschenfressern also hatten wir die eigentliche Verklarung zu erwarten, das tausendjahrige Reich? Ein starker Kontrast mit den Schulen der Weisen!

Demetri. Aus dem scheusslichsten Dunger, wenn ich ein verkehrtes Gleichnis brauchen darf, wachsen die schonsten Blumen und Fruchte. Wir schatzen unsern Korper viel zuwenig; und doch muss jeder fuhlen, dass ihn ein Handedruck, Kuss und Umarmung von einer schonen Person ganz anders ergreift als der wohlstilisierteste ciceronianische Brief von blossem Geist oder einer, die er nicht kennt.

Ardinghello. Wir schweifen aus; wieder zur Sache!

Warum wissen wir aber nicht, dass der Verstand die Teile ersetzt, die er im Korper nicht festhalten kann und die demselben durch die Zeit abgehen?

Demetri. Wir wissen nur durch unsre aussern grobern Sinne; und dahin dringt keiner.

Ardinghello. Erstaunliche Richtigkeit und ein Gefuhl von Mass, das das der Goldwaage zentillionenmal ubersteigt, gehort gewiss dazu, ein Bein nicht kurzer und langer gleich im Anfang zu machen als das andre, und so einen Arm wie den andern, und Auge wie Auge; und so die Zahne und die Rippen in hochst genauer Proportion; und dann zu vergrossern und zu erhalten! Und dies sind nur grobe Sachen gegen anders bei Insekten.

Demetri. Er ist auch nicht umsonst so fein! und es gelingt nicht immer; die Alkibiaden und Phrynen sind bei jeder Tierart selten.

Ardinghello. Auf einer andern Seite betrachtet, ist's nun wieder gar nichts Ausserordentliches und Erhabnes; weil er wie ein Affe alles nur nachahmt, wie er's vor sich findet, und gar nichts andert: so recht im alten Schlendrian der lieben Gewohnheit versunken und verloren. Er gibt sich gar nicht mehr die Muhe, etwas Neues zu erdenken.

Demetri. Woher wisst Ihr das? Und doch schon genug, wenn er sich so wohl befindet! Er kann nicht mehr als die Materie aufs beste verarbeiten, in die er kommt. Die Natur geht ausserst langsam und bedachtig in ihren Fortschritten, sie hat unendliche Jahrtausende vor sich und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in der Komposition, sie zu beobachten.

Ardinghello. Mich deucht, Ihr hattet schon gesagt, im Anfange war alles besser gewesen. Vielleicht sind wir doch von der Hohe des Bogens herunter!

Aber Freund, warum kann der Verstand den Korper nicht umandern, wenn er ungestaltet, hasslich oder krank ist? warum nicht verjungen?

Wolken, lieber Demetri, nichts als Wolken und metaphysische Traume! Nehmen wir lieber doch noch die gewohnliche Meinung an, die Ihr kurz vorhin verwarft. Ich glaube, dass, so wenig sich der Mensch jetzt selbst hervorbringt, er von Ewigkeit sich nicht selbst hervorgebracht hat. Er ist! aber es muss allezeit ein machtiger Wesen ihm den ersten Stoss und die Bequemlichkeit zum vollen Dasein verschaffen.

Die vier Aristotelischen Elemente allein werden nie in allen moglichen Zusammensetzungen mehr als die vier Aristotelischen Elemente sein; es gehort gewiss noch etwas anders zu meinem Ich und deinem Du.

Wenn wir etwas ohne fernern Grund annehmen, warum strauben wir uns, alles, was wir nicht anders erklaren konnen, ohne fernern Grund anzunehmen? Jedes Individuum ist von Ewigkeit der Form nach da in der Natur und von allem andern unterschieden; und keine Urform lasst sich weder schaffen noch zerstoren. Nur gehort ein hoher Wesen dazu, sie in die Bequemlichkeit zu setzen, dass sie sich in ihre hochste Fulle verbreite. Wie unendlich vieles wird bloss Blute oder Frucht, ohne zum Baume zu gedeihen!

Auch gibt Aristoteles selbst nicht undeutlich zu verstehen, dass er derselben Meinung anhange; die menschliche Seele oder uberhaupt der Mensch, dessen Form sie enthalt, ist ihm eine von Ewigkeit fertige Vollkommenheit. Und so war jedes lebendige Ding der Form nach oder in seinem ersten Keime unzerstorbar von Ewigkeit da, und die Sonnenwarme, oder sein Gott, lost es nur von den Banden und setzt es in freie Wirksamkeit, wo es so lange geniesst und leidet, als es sich mit seinem neuen Umkreis halten kann oder bis es die umgebenden Krafte wieder in seinen unzerstorbaren Punkt zuruckdrangen. Deswegen sagt der Weise auch, es gibt nur wenig Menschen, die gottlichen Verstand haben. Und gewiss, denen, in deren Urkraft er nicht liegt, kann denselben keine Bildung und Erziehung geben. Wer fuhlt dies nicht durch all sein Wesen, wenn er einen ursprunglichen Laffen und Toren vor sich hat? Er war von Ewigkeit Tor, und weder Sparta noch Rom wird ihn je zu einem Brutus oder Leonidas umschaffen. Theophrast konnte sich in seinem neunundneunzigsten Jahre noch immer nicht genug verwundern, woher unter demselben Himmelsstriche und bei derselben Erziehung die Menge von verschiednen Charaktern herkame. Sobald man dies annimmt, hort die Verwunderung auf oder verliert sich in die Unbegreiflichkeit alles Daseins, des grossten aller Geheimnisse.

Wir sind, was wir sind und werden nie etwas anders werden. Wohl dem, der edel und herrlich ist! Er bleibt es ewig.

Demetri. Erhaben; wenn's nur wahr ware und nicht dieselben Schwierigkeiten stattfanden! Anaxagoras hatte schon kluger deswegen in der Verzweiflung alles: Knochen, Haare, Nagel, Klauen, fur von Ewigkeit fertige Vollkommenheiten gehalten, wenn dem Stagiriten bei der Seele so etwas in Sinn gekommen ware, als Ihr von ihm meint. Schwerlich kann ein arabischer Hengst je in Danemark wiedergeboren werden und ein Epaminondas in einem grossmogulischen Serail! Inzwischen wird dieser bezaubernde stolze Glaube an personliche Unsterblichkeit, die man freilich alsdenn auch jedem Wurm wie Alexandern und Casarn zuerkennen muss, noch lange herrschen.

Jedoch es ist Zeit, von diesen Dunkelheiten auf den Aristotelischen Gott zu kommen, den Konig der Elemente, der alles auflost und aus seiner Tragheit in die Freiheit, zu handeln, setzt.

'Eine Bewegung', sagt der Weise, 'muss die erste oder muss ewig sein, die durch keine andre hat konnen hervorgebracht werden. Sie bedarf der Regung nicht von etwas anderm, sondern ist selbststandig, immer in Wirklichkeit und nie bloss in Moglichkeit, sonst wurde aller Grund von Leben und andrer Bewegung fehlen. Sie ist schlechterdings notwendig, und man muss sie an und fur sich annehmen.

Wir konnen uns keine andre Bewegung in sich selbst ewig denken als die kreisformige, und kreisformig ist sie der Vernunft und der Tat nach.

Sie bewegt, von nichts bewegt, fur sich das Begehrliche und Verstandliche.

In ihr schwebt der Himmel und die Natur. Ihr Leben ist das beste, so wie wir es nur kurze Zeit haben; denn sie bleibt immer dieselbe, welches uns unmoglich ist. Ihre Wirksamkeit ist Wollust; durch sie ist das Wachen, die Empfindung, das Denken das erfreulichste. Hoffnungen und Erinnerungen stammen davon.

Das Denken an und fur sich selbst gehort zum Besten an und fur sich selbst und das abgezogenste zum Vortrefflichsten. Der Verstand denkt sich aber durch Annehmung von Verstandlichem; und verstandlich wird er beruhrend und denkend, so dass Verstand und Verstandliches dasselbe; denn das Fassende des Verstandlichen und des Wesens ist Verstand. Er wirkt im Haben, so dass jenes mehr als dieses, was der Verstand Gottliches zu haben scheint, und die Betrachtung ist das Erfreulichste und das Beste.

Wenn also Vollkommenheit ist, wie wir zuweilen beschaffen sind, so ist Gott immer verehrungswurdig; wenn Hoheres, noch verehrungswurdiger. Und so verhalt es sich.

Auch herrscht wahrhaftig Leben in ihm; denn Wirksamkeit des Verstandes ist Leben, und er ist die Wirksamkeit. Die Wirksamkeit aber an und fur sich ist sein bestes und immerwahrend Leben. Und wir sagen, dass Gott ein immerwahrend bestes lebendiges Wesen sei, so dass Gott Leben und bestandige immerwahrende Dauer hat. Denn das ist Gott.

Das Gute und Beste ist aller Natur Zweck. Sie gleicht einer Armee mit ihrem Feldherrn, und das Wohl besteht in der Ordnung. Vogel, Tiere und Pflanzen, und was schwimmt, hat seine gewisse; keins aber scheint fureinander, sondern es ist Eins, wofur alles geordnet ist.

Alles in der Natur hat wieder etwas Boses in sich, insofern es nicht das Eins ist, auf welches sich alles bezieht. Wir alle nehmen Anteil an Gott, und er macht das Ganze.'

Kurz, es ist eine allgemeine Bewegung, die alle Elemente zu ihrem Vergnugen in Ordnung erhalt und macht, dass sie sich ihrer Natur nach zu einzelnen Ganzen formen, und jedem von sich mitteilt wie ein Hausvater seinen Kindern, Sklaven und Tieren. Jedes ist gluckselig nach Art seiner Bestandteile und tragt so die Ubel seiner Zusammensetzung. Gott allein ist ewig im Genuss seines reinen Wesens, wie jedes nur die wenigen Momente seiner hochsten Kraft und Einheit.

Darauf folgert er: 'Es sind so viel Gotter als selbststandige kreisformige Bewegungen, der Fixsternhimmel fasst sie, und alle insgesamt machen nur einen.

Wenn Wesen verschieden ist, so muss wohl eine Art davon das beste und machtigste sein.' Die Sonne hatte sich geneigt, und wir stiegen vom Gewolbe der Rotunda wieder hinab.

Ich beschloss auf der Treppe:

"Jeder versteht sich selbst am besten; und so mag auch Aristoteles am besten verstanden haben, was Wahres und Ertraumtes in seiner gestirnten Nacht von Worten liegt. Uber Wesen, dessen Begierde und Scheu, Ruhe und Bewegung und Entstehen des Einzelnen werden wir uns noch lange vergebens die Kopfe zerbrechen und die erhabensten Manner Schwachheiten vorbringen. Wenn alles in der Welt so begreiflich ware, wie wir verlangen, so wurden wir nicht halb so glucklich leben und vor Langerweile uber aller der Klarheit und Deutlichkeit vergehen. Es mussen Wunderdinge fur uns sein! Wir mussen Ratsel haben, wie die Kinder, um das, was in uns denkt, damit zu beschaftigen." Wir traten wieder in das Pantheon. Und um diese Zeit muss man es sehen, wenn die stille Dammerung sich einsenkt! Da fuhlt man unaussprechlich die Schonheit des Ganzen; die Masse wird noch einfacher fur das Auge und erquickt es lieblich und heilig. Dann ist es so recht der weite hohe schonheitsvolle Zauberkreis, worin man von dem Erdgetummel in die blauen heitern Lufte oben wegverzuckt wird, und schwebt, und in dem unermesslichen Umfange des Himmels atmet, befreit von allen Banden.

Wir setzten uns in den sussesten Punkt und genossen.

Nach langer Stille umschlang mich Demetri zartlich und sagte einige Worte uber die ehemalige Minerva des Phidias (Tochter aus dem Haupte des Zeus, Verstand aus dem Wesen) und die griechische Venus hier (Lust der Sinnen, Wonne des Daseins) und fuhr geruhrt dann weiter fort:

"Gott ist entweder die ganze Natur oder ein Teil der Natur, oder die Natur besteht fur sich aus ewiger notwendiger Bindung und Losung verschiedner Wesen, und es ist kein Gott, sonder lauter Schicksal.

Dass Gott die ganze Natur selbst sei, ist der alteste Glaube.

Dass er ein Teil der Natur sei, der jungere; das edelste beste Leben darin, wie Aristoteles sagt; ein Wesen, das sich von selbst in sich, seinen Einheiten, wenn ich mich so ausdrucken darf, immerfort bewegt, ganz aus Tatigkeit besteht. Dessen Charakter gerad es ist, nie gebunden zu werden, es sei von was es wolle; das lieber das Bose freiwillig tate als das Gute gezwungen, wenn es ein Boses fur dasselbe geben konnte. Das vermoge dieses Charakters alles andre lost, was sich seiner minder regsamen Natur nach bindet; kurz, eine unendliche Unruhe in der unendlichen Uhr der Zeit.

Anaxagoras fuhrte zuerst diesen Glauben ein, Plato verschonerte ihn mit Dichtungen, Aristoteles plagt sich, denselben in ein vernunftig System zu bringen, scheint aber mit sich selbst daruber noch nicht einig.

Verstand dunkt ihm das Gottlichste unter allem, was wir kennen; und dies zwar wegen des Denkens, welches keine zufallige Eigenschaft, sondern immer rege Wirksamkeit, selbststandig Leben sei, indem es dem Verstande sonst beschwerlich werden musse.

Wenn aber der Verstand das Gottlichste und selbststandige Wirksamkeit sein solle, so konn er, dunkt ihm ferner, nichts anders als sich selbst denken; denn er wurde, wenn er etwas anders dachte, zu einer bloss zufalligen Eigenschaft, und konnte denken und nicht denken, ausser dem, dass er sich erniedrigte.

Ich sehe nicht ein, was uns ein solcher Gott hilft, auf was fur Art er alles bewegt, wie er sich den Geschopfen mitteilt. Und was ist dann Materie, was sind Elemente? Wo kommen sie her, und wie sind sie mit ihm in Zusammenhang, Ordnung und Schonheit? Wenn die Natur selbst lebt und wirkt und ihre notwendige Art zu sein hat und alles Einzelne aus sich hervorgeht und sich selbst forthilft: wozu brauch ich einen Gott? und welch ein Greuel, im andern Fall, das hochste Lebendige, das sich mit dem Tode gattet? Lauter Lucken und Mangel, die nach seinem System nicht auszufullen sind und wobei wir wieder von vorn anfangen mussen.

Hypothesen und Hypothesen! Aber es kommt darauf an, welche die denkbarste und vernunftigste ist. Einer, der keine Lust hat, auch fur sich zu glauben, was man will, oder blinde Fenster der blossen Ordnung wegen an einem Gebaude vertragt, wo gerade das beste Licht hereinbrechen und die schonste Aussicht sein sollte, kann nicht eher Ruhe finden."

Ardinghello (fur sich). Die Mudigkeit wird's ihn schon endlich lehren.

Demetri. Dass alles ewig ist, in sich sein wird, was es war, mussen wir wohl ohne fernern Grund annehmen, denn es ist die Grenze des Nichts.

Wie es aber verschieden ist, sich bindet und scheidet, was alles will und nicht will, daruber hat mir das System noch keines Philosophen Genuge geleistet.

Ruhe und Bewegung! Wer davon die eigentlichen Ursachen entdeckte, wurde den Kapitalschlussel zum Palaste der Wahrheit und ihrem innersten Kabinette finden.

Bewegung ist Streben nach Genuss oder Flucht vor Leiden. Genuss ist Beruhrung, Ruhe deren moglichste Fulle und Werden eines neuen Ganzen, das wieder nach Beruhrung trachtet. So fuhlt sich das Wesen und taumelt von Zone zu Zone, durch alle Himmel des Weltalls.

Nehmen wir die einfachste Substanz von Leben, die Einheit von irgendeinem Element an und denken sie uns allein und abgesondert weit ausser der Welt in den leeren Raum hin.

Vorstellen kann sie sich nichts, weil sie nichts um sich hat. Innerliches Leben, Verstand in Ausubung, Gedachtnis, Einbildung findet nicht statt, weil sie ganz ohne Teile ist und sich nicht regen kann; ein Etwas wie das Nichts und der letzte Begriff von Tod; ein Punkt von Selbstbewusstsein mag in ihr stecken.

Nun gesellen wir dieser Substanz eine andre zu:

Erster Ursprung von Gefuhl.

Nehmen wir nach dem Demokrit in beiden Urform an und denken sie uns zum Exempel vollkommen rund.

Und sie werden nicht satt werden, sich umeinander zu bewegen und sich zu beruhren.

Platt oder eckicht:

Und sie werden aneinander festhangen, weil sie nicht herum konnen.

Eckicht und rund beisammen:

Vermischte Empfindung, Freude und Leid.

Denken wir nun das Weltall als himmelunendliche Menge solcher Substanzen mit ewigem Streben nach neuem Genuss, an Stoff und Feinheit und Form zentillionenfach verschieden und ahnlich und gleich, und daraus notwendigerweise von selbst die beste Ordnung zur allervollkommensten und mannigfaltigsten Beruhrung, und wir werden, glaub ich, uns der Erklarung des Ratsels nahern und einigermassen obenhin begreifen lernen, warum die Gestirne in Flammen sich walzen, die Winde rasen, die Meere toben, die Erden fest halten und dass der Strahl in einen Pulverturm glucklicher sein kann als Herkules bei allen seinen Liebeshandeln.

Man konnte auf diese Weise aber wohl doch noch die sonderbare Meinung des Xenophanes und seiner Schuler Parmenides und Melissos erklaren, dass Eins Alles und Alles Eins sei. Namlich, aller Grundstoff ist sich gleich, nur die Form seines unendlichen Wesens verschieden.

Des Exempels wegen; denn was wissen wir Bestimmtes hieruber mit unsern groben Sinnen? In den Sonnen rund, in der Luft rund und halbrund, im Meere platt und eckicht, in der Erde platt. Und Platt kame unserm Gefuhle kalt und trocken vor, und Rund in heftiger Bewegung heiss und trocken, und so weiter. Das Platte werde wieder platt und eckicht, Erde Meer. Wasser durch Ausdunstung zu Wolken und Regen. Und das Runde und Halbrunde endlich ganz rund, wie auf unsrer Erde im grossen sich Berg und Tal und Ebne umandert. Das Runde ubrigens herrsche wegen seiner leichten Bewegung. Und so mache sich das Wesen in moglichster Lust die Ewigkeit zu kurzer Zeit.

Gewiss bleibt's allemal, dass Verschiedenheit und Anderung, die unsre Sinnen am Wirklichen empfinden und wir Qualitat, Organismus nennen, bloss in innrer Form besteht und dass man ohne Form alles nur einerlei, ein Wesen denken muss.

Alle Form ist ferner Wirkung und kann sein und nicht sein; das Wesen allein ist notwendig und ewig.

Wie dies Eins aus seiner Formlosigkeit zu Form gekommen ware und sich in unendliche Gestalten verwandelt? Wie gesagt, durch Streben nach Genuss, um lebendig zu sein, aus Ekel vor Tod, an sonst unendlicher Langerweile; durch Bewegung, Ausdehnung und Anziehung, bis ins Innerste uns freilich unbegreiflich, die wir jedoch durch die ganze Natur wahrnehmen und Forscher bis auf den Embryon verfolgen, wo sie Sinn und Erfahrung verlasst. Wenn wir Anfang von Zeit annehmen wollen, so ginge sie hier aus der Ewigkeit hervor, und es hatte seine Richtigkeit: Gott schuf die Welt aus Nichts.

Das Problem ware aufgelost, wie die Welt Eins sei und doch verschieden, und Ruhe und Bewegung in ihren ersten Lagerstatten gefunden.

Also sinnlich und jedermann fasslich gesprochen!

Im Anfange war Alles Eins, das Wesen so zart zerflossen, fein und dunn wie der Raum schier.

Und es regte sich; da ward Form.

Aus der unvollkommnen ging die vollkommnere hervor; und so entstanden die Elemente: Wasser, Luft, Erde, Feuer; Pflanzen, Tiere und Mineralien.

Alles wechselt miteinander ab und geht wieder in das Eins zuruck. Vater Ather, aller Lebengeber!

Und so wird und vergeht ewig alles, was ist.

Das Holz zum Exempel brennt und wird Feuer, Rauch und Erde. Feuer und Rauch wird Luft, und Luft wird Wasser; und jedes kehrt wieder zuruck, wo es herkam. Erde, Wasser, Luft und Feuer wird Pflanze, Pflanze Tier, Tier und Pflanze das Herz einer Victoria Colonna, der Kopf eines Machiavell. Form und Wesen, und Wesen und Form, das sind die zwei Pole des Weltalls, um welche sich alles herumdreht.

Die bildende Kraft liegt in dem Wesen und ist ein Streben nach Genuss.

Es bleibt wahr, was den Alten ohne Sinn so oft ist nachgesagt worden: Gott der grosste Geometer.

Wenn Wesen an Wesen sich fuhlt, entsteht das reinste Bewusstsein.

Wenn es sich zu den ersten Formen bildet, entsteht das abgezogenste Denken. Das Wesen beruhrt sich und wird verstandig, indem es Verstandliches zu sich nimmt; und kann nichts anders als sich selbst denken, wie Aristoteles tiefsinnig sagt. Denken uberhaupt ist Verwandlung des Wesens in Formen; und Wesen muss alles selbst werden, was es denkt.

Wenn Wesen sich zu Idealen formt, entsteht Phantasie.

Wenn es die Ideale in sich und die Formen ausser sich befestigt, Gedachtnis. Sonnen und Planeten und Kometen sind nichts anders in der grossen Welt: Formen in Bewegung, Denkmale von Leben.

Alle Gefuhle, alle Arten von Leidenschaften, Schmerzen und Vergnugen sind nur verschiedne Formen in dem Wesen.

Ohne diesen fruchtbarsten aller Grundsatze von reinem Wesen und Form, ohne Kontinuum, das alle mogliche Formen wird, scheint die ganze Welt, aller Zusammenhang, Erhalten, Wachsen, Zeugen, Vergehen, der Mensch, sein Denken und Empfinden, sein Dichten und Trachten, kurz, alle Art Verwandlung vollig unerklarlich.

Die Vollkommenheit des Weltalls besteht in allen moglichen Arten von Formen.

Alle Geschopfe sind bloss Gedanken Gottes und des hochsten Vergnugens in ihrem Masse fahig.

Gott dachte: 'Es werde Licht!' und es ward Licht.

Dass Gott demnach als Griechen gegen sich, die Trojaner, streitet; als Paris sich, die schone Helena, verfuhrt; Stier, und Hund und Zwiefel, und das Verachtlichste, nach unsern Begriffen, wird, sich selbst isst und verdaut, darf uns wenig kummern; denn dieses folgt wohl aus den meisten eingefuhrten Systemen. Die alten Agyptier verehrten vielleicht Gott erhabner, als der heutigen Menschen Verstand reicht; und wir sind gegen sie, was unsre Hauslein gegen ihre Obelisken und Pyramiden. Gott ist unendlich Eins, und in jedem Punkt Eins, und Eins in jedem angenommnen Masse, das dann Verhaltnis in Bewegung und Verbindung nach seiner Realitat und Form zueinander hat.

Wie er unendlich wirkt und ist, allgegenwartig, erhaltend und uber seine Schopfung erhaben, was weiss der Mensch! das geht nicht in uns, wie er ein Ganzes sei nichts ausser ihm; solche Gewalt und Schonheit ist der verschwindenden Kleinheit allzu unermesslich. Wir erliegen und konnen nur anbeten, bewundern und erstaunen.

Aber den Grund und die Wahrheit von allem andern Lebendigen haben wir in uns, wovon die Sinnen nur die Oberflachen oder einzelne Ausserungen empfinden; oder das Wesen hat die Regeln von allem in sich, wie es Verschiednes wird und ist.

Wesen, als das erste, ohne Form, und Form in Bewegung, gedacht, ist weder Verstand noch Korper; beide konnen nicht ohne Form bestehen, handeln nicht, sondern sind Handlung, Wesen in Form, und Wesen an und fur sich in beiden gleich. Jedes kann die Folge von dem andern in dem Wesen sein, wie ein Gedanke von dem andern; denn beides, Gedanke und Korper, samt dessen Bewegung ist von demselben Wesen Tat. Wesen vollendet ein zusammengesetztes Ganzes in Folgen von Handlungen, eine Salaminische Schlacht, einen Olympischen Jupiter, wie Geschopfe. Sein Bewusstsein, das auf einmal alle Folgen fasst, gibt die Einheit.

Dass Gott unendlichen Verstand habe und unendliche Welten ausmache, scheint ein Widerspruch; denn alle Form ist Schranke. Gewiss dunkt mir schon, dass ich, und so jeder andre Mensch, und jedes andre lebendige Geschopf nicht immer lauter Wesen in Form sei. Die Freiheit, etwas anzufangen, Ursache von einer Wirkung zu sein und nicht zu sein, sich von der Stelle zu bewegen oder nicht zu bewegen, Form anzunehmen und nicht anzunehmen, welche nicht kann geleugnet werden, wenn nicht alles von einem grundlosen Schicksale gepeitscht handeln soll, erfordert ein reines Wesen ohne Form, einen Mittelpunkt der Sammlung.

Und dies ist das Heilige (welches einige Alten fur Feuer, Ursprung der Lebenswarme hielten, weil Feuer ware: Wesen in seine grosste Freiheit verbreitet), wovon alles in jedem lebendigen Eins ausgeht, sinnlich wird und erscheint und in dessen Liebesschoss sich alles wieder einsenkt; vor dessen Sein und wunderbarer Allmacht, Despotismus und allertiefstem Gehorsam jede Philosophie verstummt, nur erkennt: es ist, und ihm seine Art zu handeln ablauert.

Manches in der erhabnen Beschreibung des Aristoteles von Gott scheint hierauf zu passen.

Dies ist das unbegreiflich Gottliche, was in allem lebendigen Einzeln verdaut und Korper wieder zu reinem Wesen auflost, sich selbst und dieses wieder nach Form seines gegenwartigen Eins verwandelt, neue derselben Art erzeugt und auf deren immer grossere Vollkommenheit und mehrere Freuden denkt.

Wenn Eins Alles ist, so ist jede Form desselben ursprunglich freie Handlung; denn es lasst sich kein Grund denken als seine Lust, warum es aus sich so mancherlei wird. Und Allgenuss seiner Kraft ist die hochste Freiheit.

Das Wesen hat also die Welt nach seiner Lust aus sich erschaffen und in mannigfaltige, fur uns unendliche Formen geordnet. Wie, und ob auf einmal oder nacheinander, konnen wir nicht ergrunden. Soviel wissen wir, dass sich die Schopfung durch immerwahrende Erneuerung immerfort erhalt. Genug; die erste Form muss einen Anfang gehabt haben, weil keine notwendig und ewig ist. Unendliches lasst sich nur von einem Wesen denken, und der Verstand kann nur in einem seine Ruhe finden.28

Durch Wirken und Gegenwirken ist das All in schonem Leben. Das Wesen aussert immer seine Kraft, so wie immer die Sterne leuchten und umeinander durch die Himmel schweben. Auch wenn wir schlafen, bewegen wir unsern Erdball um seine Sonne. Wie vieles andre mag das Wesen in uns tun, ohne dass wir uns dessen bewusst sind und wofur die Sinne keine Sprache haben! Unsre innige Vereinigung mit dem Ganzen herrscht immerfort, und wir sind nur zum Schein ein Teil davon und jedes besondre Ding ein Spiel, ein Mutwille des Wesens, und kann keinen Augenblick ohne das Ganze bestehen.

Das ist eine ganz andre Hoffnung, Sicherheit von Unsterblichkeit, wenn ich Sturme durch die Atmosphare brausen hore und in mir fuhle: bald wirst auch du die Wogen walzen und mit dem Meer im Kampf sein! Wenn ich den Adler in den Luften schweben sehe und denke: bald wirst auch du in machtigem Fluge so uber dem Rund der Erde hangen, als Komet durch die Himmel schweifen, Sonne Welten beglukken! und, stolzer Gedanke! wieder in das Meer des Wesens der Wesen einstromen!

Aber auch das Verachtlichste werden?

Wer weiss alles, woran das Wesen seine Freude hat? Offenbar erscheint es uns in unendlichen Gestalten. Und dann konnten wir noch fur so viel Genuss ein wenig leiden, fur so lange Herrschaft kurze Zeit dienen.

Eins zu sein und Alles zu werden, was uns in der Natur entzuckt, ist doch etwas ganz anders als das Schlaraffenleben, welches, vernunftigerweise und aller Erfahrung nach undenkbar, bezauberte Phantasien sich vorstellen.

Und warum sollten wir nicht in der ewigen Natur noch verehren, was wir immer wirksam, schon und gewaltig darin empfinden? Die ersten Ausgesandten Diener Gottes? uns sinnlich vereinigen mit den hohern Schwestern und Brudern? Nur Verstand von wenigen dringt durch all das prachtige Getummel durch bis zum Throne des Herrn! Warum wollen wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist?

Aber wir alle sind uber kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden, und das Wesen trachtet immer nach Neuem. So viel mogen wir wohl auch bei dem hartnackigsten Zweifler herausgebracht haben, dass etwas ausser uns ist, unermesslich unsern Sinnen; und da Anfang aus Nichts der Realitat nach unmoglich ist, notwendig und ewig; und dass dies Wesen, bis auf das allerausserste aufgelost, entweder durchaus einerlei sein muss oder verschieden.

Wenn verschieden, so muss eine Art davon, wo nicht das Hochste, Beste und Machtigste, doch wenigstens so gut sein als die Art Wesen, die in uns (und allem Lebendigen) denkt und Verstand hat. Und wo nicht verschieden, so muss es wenigstens wieder ebenso gut sein, da es alles ist. Und da wir augenscheinlich nur geringe Kleinigkeiten sind gegen das Universalwesen entweder unsrer Art oder das Wesen uberhaupt, so war es arg, wenn wir es nicht als etwas Hoheres verehren wollten.

Das letztere ware denn die allerreinste Weltmonarchie.

Und darauf beruhte vielleicht (denn wer kann die farbenwechselnden Einbildungen der Hohenpriester und Schriftgelehrten daruber bestimmt ansagen?) das judische System und das geheime agyptische und noch das christliche. Jesus, der Stifter des letztern, ware mit seiner gottlichen Natur Symbol des unendlichen Wesens in Formen,29da das unendliche Wesen ganz und vollkommen, ohne Widerspruch kein Mensch in Person sein kann. Die alten Agyptier mochten bei Verehrung verschiedner Geschopfe und Gewachse ahnliches denken. Und noch andre alte morgenlandische Religionen scheinen davon auszugehn.

Das erstere ware entweder reine Weltaristokratie, jedes Element namlich so gottlich als das andre; wo nach dem Homer Juno, Neptun und Apollo den Zeus binden konnten. Oder aristokratische Weltmonarchie; ein Element unter den andern der Konig. Oder demokratisch-aristokratische Weltmonarchie; Tiere und Pflanzen schon der Form nach von Ewigkeit da, wie Ihr oben selbst meintet.

Aus diesem haben die Griechen ihre reizenden Dichtungen und schonen Gottergestalten geschopft; und die erhabensten Philosophen dieser gefuhlvollen Nation, wie selbst Aristoteles und Plato, konnten sich davon nicht losmachen. Wenn ein grosser Haufe zusammen glaubt, kann er leicht einen guten Mann uberwaltigen! Durch Lesung ihrer Meisterstucke von Poesie und Beredtsamkeit und bezaubernden sinnlichen Vorstellungen wissen wir aus unserm eignen Glauben nicht mehr recht klug zu werden. Wer ihren Nektar rein und unverfalscht von der athletisch schonen Ursprache gekostet hat, kann sich schwerlich in anderm Getranke berauschen. Die Namen ihrer Gottheiten ertonen noch immer von den Lippen der Edlern des aufgeklarten Europa und erheitern die Gesichter der Zuhorenden, auch verhunzt und entstellt.

Gesetzt noch das Allerausschweifendste und Letzte, es gabe gar kein Universalwesen, die Welt bestunde aus lauter unteilbaren Staubchen, grosser oder kleiner und verschieden in ihrer Form, ohngefahr wie die Buchstaben, die sich gatten und scheiden und von selbst Sinn oder Unsinn hervorbringen: so mussten wir doch billig Hochachtung vor der wiewohl komischen und bunten ungeheuern Menge haben, obgleich diese Meinung bei keinem, der den Abgrund des Athers anschaut, und fuhlt und denkt, Ernst sein kann, sondern ein grillenhaftes Nadelspitzensystem ist.

Und dies ware denn Weltdemokratie oder das eigentliche atheistische System, welchem nun wohl einige unentschieden anhangen, in der Verzweiflung, sich Gott als ein frei wirkendes Ganzes vorzustellen, da sie alles in der Natur verschieden und in notwendiger Verbindung sehen. Sie selbst aber mussen sich folglich als ein erstaunliches Ratsel vorkommen und, auch noch so bescheiden, mehr einbilden als Sonne, Mond und Sterne.

Sich des Daseins freuen unter allen Formen und Gestalten, diese dazu vervollkommnen, und sie zernichten, sobald sie nicht mehr dazu taugen oder in Sklaverei taugen konnen, und alle Traurigkeit fliehen, predigt die Natur. Und dann, nichts Unnutzes heischen und beginnen.

Alles Wesen ist frei, sobald es frei sein will; das ist, es kann fur sich allein handeln und reisst sich los, sobald es kein Vergnugen mehr in der Verbindung hat. Tyrannei dauert hochstens uberall nur bis auf den Grad, wo die letzte Lust wegfallt. Unser kleines Ganzes verliert sich bald mit allen seinen Folgen im Unendlichen; aber Wesen kann von keinem Gott vernichtet werden. Dies ist der Grundpfeiler des Adels und der Starke bei tiefen Gefuhlen. Zertrummre mich tausendmal mit deinen Wetterstrahlen, ich stehe immer jung wieder auf! Aber du verlangst nichts von mir, was ich dir versagen konnte; und ich kann dir nichts zuwider tun. Was ich tue, tu ich durch dich.

Ardinghello. Ihr seid auf eine andre Weise zu der gottlichen Sicherheit und Furchtlosigkeit gekommen, weswegen die Lehre des Epikur so geschwind um sich griff, dessen Atomen nach Zufall und abwechselnder Lust und Unlust alles hervorbringen und wieder zerstoren, Menschen, Mucken und Elefanten, Fische und Sterne, und womit er den beschwerlichen Herrn und Aufseher, der alles beobachtet und von allem Rechenschaft verlangt, aus der Natur verbannte, den alberne Philosophen und Physiker, nach seinem Bedunken, zu Auflosung ihrer Knoten herbeirufen, damit er niederschlage, wenn's anziehen, und aufhebe, wenn's in die Hohe steigen soll.

Das beste fur den, der Zweifel hat, bleibt immer, sich zur Partei der edelsten Menschen von allen Nationen zu halten.

Ob diese aber den altern oder jungern Glauben gehabt habe und habe oder zu welchem von den drei Systemen sich die Vernunft neige, werden wohl allezeit die mehrsten gegenwartigen Stimmen entscheiden. Denn notwendige verschiedne Natur, die das Zusammengesetzte bildet, ist nicht schwerer zu begreifen als Anfang desselben von einem Wesen.

Wie hat sich Euer Eins geregt? Vermutlich verschieden! Vorher war es etwa in der Aristotelessischen Bewegung, da sich Leben nicht wohl ohne Bewegung denken lasst. Und irgendwo! Denn ganz konnt es nicht Form werden. Und welcher Teil Form und Korper geworden ware, den musste wahrscheinlich das Los getroffen haben; denn Verstand war noch nicht da; der kann nur werden, wenn schon mehr Formen da sind, welche das Wesen in seinem Bewusstsein vereinigt.

An Grenzenloses will ich gar nicht denken; denn unendliche Realitat sind ein paar Worter, die man wohl zusammen sprechen und schreiben, aber nicht denken kann. Und Euer formloses Wesen, fein wie Ather und Raum schier, musste schon eine Lucke im Unendlichen machen, wenn es sich nur in einen Zentner Gold zusammenzoge, geschweig in eine reiche Mine, in ganz Peru, da ging gewiss ein Sonnensystem Grosse von Formlosigkeit zugrunde. Und ich seh Euern Beweis noch nicht ein, dass keine Form notwendig und ewig ware, worauf lediglich Euer Eins beruht. Die Frage woher? bleibt so gut bei einem Wesen als bei mehrern; und wie ich Eins notwendig und ewig annehme, kann ich ihrer Zentillionen annehmen. Und denn musst es sich verzweifelt plagen, eh es die mancherlei Qualitaten nur fur unsre Sinne herausbrachte; wer weiss, ob es nicht noch Geschopfe mit andern Sinnen gibt! mit einem rednerischen Exempel: von Holz in Feuer, Rauch und Asche; und, es lasst sich nicht anders erklaren, mit tauschender, selbst wahrhafter Schilderung von dem Regenten in uns ist's nicht genug getan. Was den Verstand oder das Wesen betrifft, das in uns denkt, so konnte Anaxagoras gar wohl recht haben und das feinste Wesen sich nach den andern richten mussen (die, wie Ihr selbst bewiesen habt, nichts weniger als tot sind), wenn es dieselben brauchen will, ohne dass wir eben wissen, wie es zugeht. Man kann freilich das Liebesgeheimnis nicht bis ins Innerste aufdecken, wie Verschiednes ein lebendiges Eins wird, und so fortdauert, und zusammen handelt; aber ebenso schwer lasst sich das Wesen, welches Gedanke und Verstand, und das, welches Korper wird, als Eins erklaren. Qualitat ist so etwas Sonderbares, dass es blosse verschiedne Art von Ausdehnung und Anziehung nicht uberall hervorbringen kann. Der Verstand bleibt dabei ein Blindgeborner, trotz aller moglichen Anwendung von Figur und Dauer; und sie ist allein Gegenstand der Empfindung. Jede voll Majestat in ursprunglicher Reinheit eigne Substanz und Vollkommenheit der Natur, welche Volker von lebhaftem Sinn und scharfem Gefuhl, deren Vernunft Ursachen fur Augen und Ohren mit Einbildungen nie ganz umtauscht, immer als gottlich verehrten; denn Glaube ohne Empfindung ist Grille. Ihr habt oben, um Eure Gesinnung auch mir so wie andern zu verbergen, aus Scherz gesagt: Wer beweisen will, dass aus Einem Alles sei, muss erst dartun, dass aus Allem Eins werde. Widerlegt Euch nun im Ernste.

Und denn behaupten die Spotter, Vorsehung, Plan von einer allmachtigen Regierung in der Welt ware nicht so auffallend sichtbar, und Propheten, Apostel und Geschichte hatten uns mehr dawider als dafur hinterlassen. Es stunde mit uns nicht besser, weil sie dagewesen waren, und sie selbst mochten lieber in Athen zu den Zeiten des Perikles leben und in dem alten Rom als in dem neuern, wo es auch am frommsten da zuging.

Ihr sagt, der Verstand konne nur in einem einzigen notwendigen unendlichen Wesen, das Alles ist, seine Ruhe finden; und ich weiss nicht, wie es zugeht: mir klopft das Herz vor Angst und sausen die Ohren, je langer ich daruber nachdenke. Es bleibt immer einerlei, es mag werden, was es will (ein Herr ohne Untertanen, Widerspruch! oder der selbst sich in seinen Geschopfen lobpreist oder selbst bestraft), und kann seinem Schicksal der grasslichen Einode nicht entrinnen; ist schlimmer daran, als die alten Feen in den Ritterbuchern, die sich bei widrigen Begebenheiten die Augen zerweinen, dass sie sich nicht ermorden konnen. Alle Lust und Pracht und Herrlichkeit der Welt wird zum Gaukelspiel und schwindet zuruck, fur uns in ein Unding.

Aristoteles ertrug nie ein solches Wesen und straubt sich dagegen aus allen Kraften; und mich dunkt, der Hohe, Edle hatte recht.30

Es fallt uns schwer, bei Betrachtung des Weltalls Sinn und Verstand in reiner und keuscher Verbindung zu bewahren. Die einen lassen lediglich und allein nur Verstand gelten und ziehen, wo moglich, alle Natur aus: und die andern halten sich zu sehr an die sinnlichen Vorstellungen und taumeln mit ihrer Einbildungskraft herum in Paradiesen und Hollen. Hohe Schonheit ist ein Gewachs auf seltnem Boden und wird nur Glucklichen zur Beute.

Und glucklich die Gesellschaft, die einen solchen freudenreichen Glauben nach Klima und Verfassung fur ihr Dasein auf diesem Erdenrund bekommen hat oder selbst erwahlt! Sei er auch, um alle zu befriedigen, eine mystische Komposition von Weltmonarchie, Aristokratie und Demokratie. Ihr werden Manner, die mit der Natur und dem Volke gelind umgehn, und sie den Philosophen hold sein. Warum sollten wir, wenn das vorige Zeitalter barbarische Begriffe hatte, uns auch damit schleppen? Der Mensch kann nichts Gottlichers als Verstand ergrunden, muss man wohl der Schule des Anaxagoras zugeben; auch bleibt er in ihm mit Sinnen samt Vernunft die hochste Regel der Wahrheit, und gegen ihre vereinigten Ausspruche gilt weder Verjahrung, Wunder noch Zeugnis.

Je mehr man das Weltall und seine Verbindung damit kennt, desto vortrefflicher die Religion.

Und wer den reizbarsten, innigsten Sinn fur die Schonheiten der Natur hat, ihre geheimsten Regungen fuhlt, deren Mangel nicht vertragen kann und denselben abhilft nach seinen Kraften, der ubt aller Religionen Wahrstes und Heiligstes aus. Sein Tempel ist das unendliche Gewolbe des Himmels; sein Fest jede schone Sommernacht, ein herrlicher Aufgang; und er bringt seine Opfer dar an Menschen, an Tiere, die ihrer bedurfen, an alles Lebendige.

Metaphysik hat Gott allein, sie ist sein Ehrenamt! sagte derselbe Dichter Simonides, welcher sich so klug uber die Frage Was ist Gott? beim weisen Hieron auffuhrte. Aristoteles will dies zwar nicht zugeben und meint: Gott ware nicht so neidisch; sie sei die Glorie des Menschen und es einem freien Mann unanstandig, sie nicht zu erforschen. Plato aber, sonst so stolz gegen die leichten geflugelten heiligen Wesen, wie er die Dichter nennt, gestand, obgleich bei einer andern Gelegenheit, demutig: Simonides habe selten unrecht; er sei ein verstandiger und gottlicher Mann.

In den Sonnensystemen des Orion, der Milchstrasse steigen wir vielleicht zu einer hohern Religion auf.

Demetri. Solch ein Angriff gefallt mir! Das ist eine Gymnastik des Verstandes und auf beiden Seiten Gewinn; entweder geubte nacktere gelenkere Wahrheit oder Befreiung von dem schadlichen Ubel der Falschheit. Wer weiss, was Menschen sind und was er selbst ist, der verwundert sich weder uber Ost noch West, sondern untersucht ferner fort getrost, woraus sie beide bestehen.

Ardinghello. Aber die Saulen hullen ihre jungfrauliche Schonheit schon ins Dunkel, und oben ist kaum noch Dammerung. Der Pfortner wartet, die Tur zu schliessen. Wer unrecht hat (druckt ich ihn zartlich und traulich bei der Hand), will immer das letzte Wort behalten.

Demetri. Nur die Hauptpunkte! Das ubrige ein andermal, welches uberdies hauptsachlich auf eines jeden Gefuhl beruht und womit hinuber und heruber Mutwille kann getrieben werden.

Wie ich merke, habt Ihr von Belvedere noch nicht ganz Abschied genommen! Inzwischen spielt Ihr trefflich die Rolle, die ich bei der Pyramide; nur dass ich schon da zu Hause war, wo Ihr vielleicht erst einkehrt.

Ohne Eins, das sich in verschiedne Formen verwandelt, bleibt alles vollig unerklarlich; ich mag daruber nicht wiederholen, was ich schon gesagt habe. Und denn:

Gott ist nicht Mensch, Anthropomorphit! und Ihr selbst musst Eure Menschheit ablegen, wenn Ihr ihn denken wollt, und Eure stolzen republikanischen und spartanischen Gesinnungen.

Und doch konnen wir schon in unserm Punktchen, Platzchen von Formen nach dem Aristoteles, Ideen gross und klein, also irgendwo darin, erdenken, umbilden, aufbewahren und wieder neu beleben. Reines Wesen kann in blossem Bewusstsein harren, das ist sein Leben, aber auch Formen in sich schaffen und sammeln, das ist sein Geschaft und seine Lust.

Woher es ist, unendlich? Wie es war, wust und leer? wie der erste Gedanke in ihm entstand? und Korper? hier ist's noch immer finster auf der Tiefe; Abgrund, wir versinken, und Abgrund! Ewigkeiten! Ewigkeiten! Kein Untertaucher, nicht die beruhmtesten der Schulen von Syme,31vermochten zu entdekken.

Aristoteles hat nicht zuviel gesagt, wohl Simonides. Aber Freunde werden wir sein, solange wir leben, und selige Stunden miteinander haben.

Funfter Teil

Terni, Jenner.

Neid und Eifersucht sind die Dornen im Rosengarten der Liebe.

Ich habe von Rom abreisen mussen, der Herzog ruft mich zu Geschaften. Aber ich erkenne wohl, der Kardinal wollte mich fort; er hatte schon langst ein Auge auf mich und fand bei meinem Aufenthalte nicht seine Rechnung.

Ich reise vorwarts und meine Phantasie ruckwarts; Herz und alle Freude ist in Rom geblieben. Zahren des tiefsten Gefuhls rannen unaufhaltbar hervor mit ihren letzten heissen Seelenblicken; wir schieden aus gluhender Umarmung. O sie liebt mich, gross und edel! Erhabnes Wesen!

Ich befinde mich hier in einer Wasserwelt; die Fluten rauschen, und Strome sturzen sich mit donnerndem Gebrull von den Gebirgen: und doch ist mein Sinn nur wie im Taumel gegenwartig. Das Wetter ist ausserordentlich lau und warm fur die Jahrszeit; aller Schnee auf dem Apennin schmilzt. Die Nera ist machtig angeschwollen, und der konigliche Velino reisst sich wie eine Sundflut aus seinem See schrag ubers Gebirg herab, setzt alle Garten und Felder der Terner Schutte.

Ruhrend ist bei dem furchterlichen Schauspiel, wie die hulflosen Menschen so gut und freundlich und gesellig gegeneinander bei der allgemeinen Not werden und jeder erkennt, wie wenig er fur sich selbst vermag.

Im schmalen Tal, an der Nera, vor dem Einflusse des Velino, liegt ein Dorfchen von wenig Hausern, Torrosina, wie in einem kleinen Kessel. Nachdem ich die ganze Lage besehen hatte, so fand ich, dass die Terner weit weniger und fast nichts leiden wurden, wenn man oben auf dem Gebirge den Velino dahin fuhrte, dass er in die Felsenkluft, wo die Nera furchtsam hervorschleicht, sich mit seinem Tartar sturzte. Ausserdem gewannen sie noch das ganze breite Bett des Flusses an die zwei Miglien lang fur ihre Waldung; und der senkelrechte Sturz selbst wurde an Hohe und Schonheit seinesgleichen nicht in Europa haben, da er jetzt nur gemach schrag herabrauscht. Weil aber Grund und Boden den Torrosinern gehort, so mussten sie denselben ihnen abkaufen, welcher jedoch an und fur sich keinen Wert hat, da er lauter Felsen ist, und den etwanigen zukunftigen Schaden zu ersetzen versprechen, der fur sie entstehen konnte, wenn die Nera bei grossen Wassern vor der einbrechenden Gewalt des Velino sollte zuruckgehalten werden.

Ich ging darauf in die Ratsversammlung von Terni und machte mein Gutachten als ein Werksverstandiger bekannt. Alle, keiner ausgenommen, gaben dazu ihren Beifall; und dieser und jener sagte, dass er dies schon langst auch gedacht hatte. Und siehe da, man schickte kluge Redner zu den Torrosinern ab, und der gute Anschlag wurde mit wenig Kosten genehmigt.

Aus Furcht, dass es diesen gereuen mochte, will man sogleich Hand ans Werk legen und oben das kurze neue Bett ausgraben, welches ich diesen Morgen half abstecken.

Die Sache wegen Verlegung des Velinosturzes ist alt und wurde schon zu Ciceros Zeiten verhandelt. Es scheint, die Torrosiner sind gutherziger geworden, dass sie jetzt so bald nachgaben; oder der grosse Schaden und Jammer der Terner hat sie mehr als jemals ergriffen und zum Mitleiden bewogen, da ihr zukunftiger Verlust gegen dieser ihren doch nur ausserst klein sein kann und vergutet werden wird.

Perugia, Jenner.

Ich streiche durch alle die himmlischen Gegenden ohne rechten Genuss, und nur ergreift mich noch des Wasserelements Sturm und Aufruhr und die Luft mit ihren Gewittern und Wetterstrahlen.

Der Ort enthalt einen Schatz von Gemalden, und sie und die prachtig gepflasterten Strassen und schomaligen Wohlstand der Freiheit.

Fur jetzt fluchtige Anzeige einiger Raffaele auf meinem Wege.

Foligno hat deren zwei, die allein wert sind, in dies Paradies zu reisen. Im Nonnenkloster delle Contezze ein Altarblatt, welches die Madonna vorstellt, vom Himmel herniederschwebend, wie sie der heilige Franziskus, Hieronymus, Johannes der Taufer und ein Kardinal anbeten. Es ist aus des Meisters bester Zeit. Welche Gestalten, welche Charakter! Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt! Echte klassische Arbeit.

Der Kopf der Madonna ist einer der schonsten welschen weiblichen Kopfe. Wie klar die Stirnen, wie reizend das lichte Kastanienhaar nach den Ohren weggelegt, der braunliche Schleier wie sanft und lieblich, in den holden herniederblickenden Augen welche Gute! wie schon die grossen Augenlider, vollen jugendlichen Wangen mit Schamrote uberzogen, wie jungfraulich, wie suss der vollige Mund, das zarte Kinn, und die Nase wie edel herein! welch ein schones Oval und wie reizend auf der rechten Seite herum im Schatten gehalten! wie reizend schwellen die Bruste unter dem roten sittsamen Gewand hervor!

Welch eine feurige, eifrige Frommigkeit und Wahrheit im Kopfe des Heiligen von Assisi und welch ein schoner kniender Akt! Wie kraftig der Kopf des heiligen Hieronymus gemalt und in welchem feierlichen Ernste von Betrachtung! Johannes ist ein echter wilder Eremit, der sich nicht auf burgerliche Hoflichkeiten versteht und dreust sagt, was er denkt. Der Kardinal bloss Portrat voll Bewunderung.

Der Engel unten mit dem Tafelchen ist trefflich gemalt, nur weiss man nicht, was er soll, weil man vergessen hat, es daraufzuschreiben.

Das Kolorit in den Kopfen ist tauschend abgewechselt, wie die Natur tut. Die Figuren sind alle in Lebensgrosse und die Madonna noch daruber, um sie zur ersten Person zu erheben. Sie ist am lebendigsten und wirft Glanz um sich wie Sonne. Unten ist freies Feld und ein Flecken, wo die Heiligen sich beisammen befinden, sie anrufen und anbeten und in Betrachtung verloren sind.

Im Dom eben hier am Ende des linken Kreuzgangs ein Halbbogen, worin Madonna mit dem kleinen Christus zur Linken und dem kleinen Johannes zur Rechten vor sich; zwei holde nackte Bubchen in schoner Bewegung. Hinter ihr zur Rechten der heilige Joseph und zur Linken der heilige Antonius und auf beiden Seiten neben ihr zwei Jungfrauen. Alle sind in kniender Stellung, ausser den Kindern. Die drei Weiber haben treffliche Gewander; besonders ist das Madchen zur Linken, von welchem man den blossen linken Fuss sieht, ganz wollusterregend und gottlich, so zeigt sich das Nackende und die schone Form des Unterleibs, der vollen Huften und Schenkel; das Gewand macht eine ungekunstelte Falte zwischen den Schenkeln und zieht sich im Knien an; das lusterne Auge des Meisters sah diesen Reiz der Natur ab. Die jungen Brustchen schwellen lockend uber dem Gurtel hervor. Die Kleidung von allen dreien ist rot, griechisch, wie leichte Hemder.

Die Gesichter sind voll Huld, und die Madonna hat besonders etwas mutterlich Susses in Aug und Mund und blickt in stiller Entzuckung nieder.

Alle sind vertieft in die Kinder, die aufeinander kindlich zeigen und sich freuen. Der Kopf des heiligen Joseph ist zugleich gemalt wie vom Tizian nebst dem herrlichen Ausdruck. Der heilige Antonius allein weicht sehr von den andern ab und ist mittelmassig durchaus, als ob er ihn nur weggejagt hatte, um fertig zu werden. Alles andre ist mit Liebe entworfen, und es herrscht die stille Raffaelische Empfindung.

Nach Rom kann man Raffaelen zu Perugia am besten kennenlernen. Das meiste von ihm ist hier in der Kirche des heiligen Franziskus. Uberhaupt will ich Dir in Perugia nur drei Stucke von ihm vorzuglich empfehlen, eins aus seinem Knabenalter, eins aus seiner Junglingschaft und eins, das er wenig Jahre vor seinem Tode vollendete, in einem Nonnenkloster vor der Stadt, welches zum Teil alles ubertrifft, was er je aus sich hervorgebracht hat; das ubrige wirst Du leicht einmal selbst finden.

Die zwei erstern sind bei den Franziskanern; das jungste, in der Capella degli Oddi, stellt vor die Himmelfahrt der Madonna. In der Luft empfangt sie der Heiland, ihr Sohn mit Engeln, die Musik machen, und kront sie; unten stehen die zwolf Apostel an ihrem offnen Sarge. In der Einfassung, die auf dem Altar ruht, sind noch drei ganz kleine Gemaldchen angebracht: der Englische Gruss, die Anbetung der Heiligen Drei Konige und die Beschneidung. Alles ein himmlischer Inbegriff einer Menge schoner Gestalten, die in seiner Seele aufbluhten.

Der Kopf der Madonna ist heilig und selig im neuen Schauen; in einigen Engelsgestalten susse Anmut, besonders der mit der Handtrommel eine wahre Volkslust. Aber das Wunderbarste sind die zwolf Apostel; welche Charakter schon Paulus, Petrus und Johannes! Paulus hat viel von seinem Aristoteles, Johannes von dem aufblickenden Jungling beim Bramante.

In dem ersten Gemaldchen unten erscheint der Engel der Madonna in einem korinthischen Tempel. Sie betet und blickt erhaben vor sich hin, ohne ihn anzusehen; in einem Landschaftchen davor zeigt sich Gott der Vater und der Heilige Geist als Taube.

In der Anbetung der Heiligen Drei Konige sind eine Menge Figuren, worunter einige voll Ausdruck mit Erstaunen. Die Hutte in zerfallnen Ruinen und das Landschaftchen ist kindlich angenehm und erfreulich.

Die Beschneidung ist das beste unter den kleinen. Ein ionischer Tempel; die zwei Priester mit trefflichen Kopfen voll Charakter und Ausdruck, und die Seitenfiguren gefuhlt und gedacht.

Das Ganze ist freilich ausserst hart und die Formen unausgebildet; alle Natur arbeitet bei ihm nur auf das erste Bedurfnis: gestaltlos; aber das Wesentliche, wobei man das andre bei Anfangern ubersehen soll.

Das zweite ist die Abnehmung vom Kreuze. Das Gemalde hat zehn Figuren, funf Manner und funf Weiber, mit dem toten Christus und der in Ohnmacht gesunknen Mutter, die viel grosser sind als im vorigen, ohngefahr zwei Drittel Lebensgrosse.

Es ist in zwei Gruppen geordnet; die eine macht der von zweien getragne Tote, und Joseph von Arimathias, und Magdalena, und hinten vermutlich noch Johannes: und die andre die Mutter mit den Jungfrauen; der den Leichnam bei den Beinen halt, verbindet sie beide.

Die Hauptfiguren leuchten gleich hervor, der tote Jungling, die schone Magdalena voll Schmerz, und die Mutter. Besonders aber ist die Gruppe der letztern das Vortrefflichste. Alle Gestalten sind voll Seele, jede lebt, und empfindet dabei nach ihrem Charakter. Die Madchen, welche die Mutter fassen, sind wie die drei griechischen Grazien; vorzuglich hat das, welches den Kopf derselben halt, eine Gestalt so tiefen grossen Gefuhls und hoher Schonheit durchaus in Formen und Bekleidung, dass man sie gleich zu einer Euripidischen Polixena brauchen konnte.

Uber die ganze Szene verbreitet sich ein sanftes Abendlicht.

Dies war seine letzte Arbeit, bevor er nach Rom kam; und man sieht darin, wie sich seine Kunst schon ihrer Vollkommenheit nahert. Sie ist das Hochste aus dieser Zeit von ihm.

Ich kann hier nicht unterlassen, ein Gemalde von Correggio anzufuhren, welches dieselbe Szene vorstellt und in der Johanniskirche zu Parma in einer Seitenkapelle befindlich ist. Nach meinem Gefuhl hat er alle ubertroffen und erhalt den Preis wie ein Sophokles: so streng und einfach und ruhrend, mit Verleugnung seiner sonstigen bluhenden Farbenpracht und lachelnden Manier behandelt er die Begebenheit.

Erblasst und ausgestreckt liegt der gottliche Jungling da. Magdalena sitzt an seiner Seite und vergiesst fur sich in Wehmut versunken heisse Tranen, wie eine untrostliche Geliebte; und der Schmerz der zartlichen Mutter an seinem Haupt uber das entsetzliche Schicksal grenzt an des Todes Bitterkeit. Ein trubes Regenlicht um sie her; alles in Lebensgrosse.

Man soll nie bei Bewunderung des einen schulerhaft gegen andre ungerecht sein. Raffael selbst Martyrer fur Amorn, hat ferner nie das Entzucken der Liebe, den hochsten Vorwurf vielleicht fur alle bildende Kunst, mit so tiefem Seelenklang und heitrer Phantasie zugleich ausgedruckt als der bei seinen Lebenstagen unberuhmte hohe Lombard, Ariosts Nachbar, in seiner Io; wenn ihm auch die antike kleine Leda, mit der im Stehen sich Zeus als Schwan begattet (welche treffliche wollustige Gruppe ihr zum Zeichen eurer freien Denkungsart offentlich gerade vor dem Eingange der Markusbibliothek aufstelltet), Anlass zur ersten Idee davon gegeben haben sollte.

Das dritte und Hauptgemalde von Raffael zu Perugia ist in dem Nonnenkloster zu Monte Luce, welches er drei Jahre vor seinem Tode vollendete. Ein Altarblatt, die Figuren vollig in Lebensgrosse.

Es stellt wie das erste vor die Himmelfahrt und Kronung der Muttergottes; aber alle Spur von seines Lehrmeisters enger und schmaler Manier ist hier verschwunden. Die zwolf Apostel stehen um den Sarg, statt der Madonna mit Blumen, Rosen, Lilien, Nelken und Jasminen, angefullt, und blicken erstaunt auf, wo ihr Sohn sie von Wolken emporgetragen mit Engeln empfangt und kront.

Die Mutter ist eine der frischesten weiblichen Gestalten, noch bluhend wie eine Jungfrau, doch voll edlem Ernst, wie eine Matrone, und heisser wunderbarer Empfindungen der Seligkeit, im Taumel neuer Gefuhle, wie vom Erwachen, alles gross an ihr und herrlich schon. Sie faltet die Hande kreuzweis an die Bruste und blickt durchaus geruhrt mit entzucktem Aug auf ihren Sohn. Ihr Gesicht ist nach ihm hingewandt, und man sieht ganz die rechte Seite und vom linken Auge nur den heissen Blick; grosse schwarze Augen mit einem zarten Bogen Augenbraue, und dunkelblondes Haar unter dem langen grunen Schleier, der sich hinter dem rechten Ohr hinabzieht.

Christus ist feurig im Gesicht, wie ein sonnenverbrannter Kalabrier aus seinem starken Bart um die Kinnbacken, und sein ausgestreckter rechter Arm voll Kraft und Nerve, womit er ihr den Kranz aufsetzt. Der Engel mit Blumen in der Rechten an ihm hat einen Kopf voll himmlischer Schonheit, sonniglich entzuckt; es scheint ihm uberall Glanz aus seinem Gesicht hervorzubrechen.

Die Anordnung durchaus ist reizend und bildet das schonste Ganze. Madonna ist oben in der Mitte, Christus zu ihrer Linken, an beiden ein Jungling von Engel bekleidet, unter diesen bei jedem ein zart nakkend Bubchen, und uber allen der Heilige Geist in einem dichten Duft von gelbem Himmelsglanz.

Die Auffahrt geschieht ganz gemach auf einer dunkeln dicken Wolke mit lichtem Saum und hat nicht das leichte Schweben wie in andern Gemalden davon; aber eben dadurch gewinnt die Handlung Natur und Majestat. Raffael hatte eine sehr reine klare Empfindung, die ihn minder fehlen liess als andrer scharfer Verstand.

Je langer man den Christus betrachtet, desto mehr findet man etwas ubernaturlich Gottliches, das sich nur gutig herablasst; das Demutige der Madonna vor ihm stimmt einen nach und nach dazu. Es ist etwas erstaunlich Machtiges und Gebieterisches in seinem Wesen, das mehr im Ausdruck liegt als den Formen selbst; wunderbare Strenge und Gute miteinander vereinbart. Ich habe noch wenig neuere Kunstwerke gesehn, die den Eindruck in der Dauer immer tiefer und tiefer auf mich gemacht hatten. Je mehr man nachdenkt und fuhlt und Gestalt nachgeht, desto wahrer findet man diesen Christuskopf. Ich kann von diesem Gemalde nicht wegkommen und mochte tagelang mit Wonne daran hangen. Hoher gottlicher Jungling, der du warst, Raffael! Unsterblicher, empfang hier meine heisseste aufrichtigste Bewunderung, und nimm gutig meinen zartlichen Dank auf. Es gehort unter das Hochste, was die Malerei aufzuzeigen hat, diese Mutter und dieser Sohn und die vier Engel um sie her; und ich kann mich nicht von der Herz und Sinn ergreifenden Wahrheit und Hoheit wegwenden. Die zwei Hauptfiguren sind ganz wunderbar gross gedacht, in der Tat Pindarische Grazie und des Thebaners Schwung der Phantasie bis in die Draperien, die machtige Falten werfen. Welch ein Arm, Christus aufgehabner rechter mit den weiten Armeln! wie ganz vollkommen gezeichnet und gemalt, und welche wetterstrahlende Wirkung tut er in der ganzen Gruppierung! und wie bescheiden zeigt sich daneben das Nakkende der Mutter und fullt leicht das blaue Obergewand! So kraftig hat er nichts anders gemalt, und nirgend anderswo sind seine Formen so vollkommen reif, stark in der Art Schonheit, die ihm eigen war.

Die Apostel unten sind schwach und matt dagegen und nur wie verwelkend sterblich Fleisch, des Kontrasts wegen, aber durchaus vortreffliche Mannergestalten, besonders Petrus und ein andrer im Vordergrunde, in Bewegung und Leben.

Mit denen in der Verklarung sind in drei Gemalden allein sechsunddreissig Apostel; und in jedem sehen sie anders aus und keiner wie der andre; und doch scheinen die meisten trefflich zu sein und zu passen.

Die Malerei ist wie die Musik; zu denselben Worten konnen grosse Meister, kann einer allein ganz verschiedne Melodien machen, die alle doch in der Natur ihren guten Grund haben; es kommt nur darauf an, wie man sich den Menschen denkt, der sie singt.

Nehmen wir zum Beispiel ein Lied der Liebe! Bei denselben Worten wutet ein Neapolitaner: und ein andrer im Gletschereise der Alpen bleibt ganz gelassen.

Ausserdem lieben wenige immer uberein stark schon bei derselben Person; und es wird anders geliebt bei einer Blonden und Schwarzen, einer Sizilianerin von zwolf Jahren und einer nordischen Patriarchin. Und diese selbst lieben wieder anders Knaben, Junglinge, Manner und Greise.

Dichter und Maler und Tonkunstler nehmen von allem diesen das Vollkommenste, was am allgemeinsten wirkt, welches aber weder Rechenmeister noch Philosoph zu keinem Zeitalter bestimmt festsetzen konnten. Und dies hat die Natur sehr weislich eingerichtet; sonst wurde unser Vergnugen sehr eingeschrankt sein oder bald ein Ende haben.

Die Kuppel des Correggio zu Parma in der Johanniskirche, welche Christus' Himmelfahrt vorstellt, gehort zu einer besondern Gattung der Malertaktik und macht ein eigen Kunstwerk aus, das sich mit dem des Raffael, was malerische Wirkung betrifft, nicht vergleichen lasst, ohne diesem unrecht zu tun.

Man erstaunt dort, wenn man in den Kreis tritt, und wurzelt am Boden fest wie bezaubert, und sieht: einen wirklichen Jungling von ubernaturlichen Gaben in ferne Hohen steigen, von dienstbaren Sturmwinden emporgetragen, die liebkosend mit seinem weiten Purpurmantel spielen. Selbst Apelles und Zeuxis und die ganze griechische Zunft wurden dem Gotterfluge mit entzuckender Bewunderung nachschaun und keiner das Herz haben, zu sagen: anch' io son pittore!

Florenz, Jenner.

Ich habe mich unterwegs langer aufgehalten, als ich wollte, und auf meinem Gute bei Cortona verschiedne Anstalten zu Pflanzungen und bessrer Einrichtung der Gebaude gemacht. Die Kunstsachen, die ich in Rom teils ankaufte, teils schon bei dem Kardinal vorratig fand, waren vor mir angekommen.

Der Herzog empfing mich heiter und freundschaftlich und bezeugte alsdenn seine grosse Freude daruber, so wie Bianca und die andern Damen und Herrn vom Hofe.

Man stand hier noch im Handel uber eine nackende Venus vom Tizian und wartete nur auf meine Entscheidung. Sie ist ungezweifelt ganz von seiner Hand; und der Kauf wurde gleich richtiggemacht.

Jetzt lass ich in der Galerie, die mein alter Lehrmeister Vasari erbaut hatte, ein Zimmer fur das ausgesucht Vollkommenste zubereiten, das seinesgleichen hernach wohl schwerlich in der Welt haben wird, Belvedere ausgenommen.

Von der griechischen Venus will ich den neuen unlassen, weil er allzu schlecht erganzt ist; der rechte von der Schulter an ist zwar auch nicht zum besten, doch will ich noch damit warten. Es ist ein Wunder, dass dies hohe Meisterstuck so glucklich brach, dass die Teile nichts gelitten haben und alle so gut ineinander passen. Die Figur der Gottin selbst ging in dreizehn Bruchstucke und das Ganze in die dreissig Trummern.

Der Kopf ist am Halse angesetzt und etwas klein in Proportion, wie aber bei andern griechischen weiblichen Bildsaulen; jedoch ganz von demselben Marmor, derselben Arbeit; der Zug des Halses passt so trefflich und alles harmoniert so bis auf die allerschonsten Fusschen, dass an seiner Echtheit zur Figur keinen Augenblick zu zweifeln ist. Ein Gesicht voll hohem Geist und ionischer Grazie! Die Nase schiesst nur ein klein wenig von der Stirn ab, nicht den dritten Teil wie ein Strahl im Wasser. Der Leib ist die frischeste, kernigste, ausgebildete Wollust; Brust und Schenkel schwellen markicht vorn und hinten. Sie hat durchaus den sussesten uberschwenglichen Reiz eines soeben reif gewordnen himmlischen Geschopfes vor der ersten Liebesnacht, welches Vater Homer mit dem Wundergurtel hat ausdrucken wollen.

Sie hat ein Grubchen im Kinn: Zeichen von Fulle und Kraft zugleich und Reifheit der gottlichen Frucht, und nur halb eroffnete oder zugehaltne Augen, die das Innre nicht erkennen lassen wollen, sprodiglich.

Kurz, es ist Erscheinung eines uberirdischen Wesens, von dem man nicht begreift, wo es herkommt; denn es hat hienieden keine Leiden ausgestanden, alles ist zur Vollkommenheit ungestort an ihm geworden. Selbst der schonste und edelste Jungling unter den Sterblichen muss sich vor ihm niederwerfen; und das Hochste, was er verlangen kann, ist ein Moment, nicht Huldigung auf ein ganzes Leben.

Schonheit, zur Reife gediehen und gedeihend, noch ungenossen. Das sich regendste Leben wolbt sich sanft hervor in unendlichen Formen und macht eine entzuckende ganze. Adel, fur sich bestehend, blickt aus den sussen lustseligen Augen, ein sonnenheisser Blick von Liebesfulle; flammt die Stirn herab, schwebt auf dem Munde, wo Stolz und Zartlichkeit zusammenschmelzen.

Die Mitte des Oberleibs ist kraftig und gar nicht dunn; die Schultern sind vollig so breit wie die Huften und gehen noch daruber hinaus, sanft vom Halse herabgesenkt. Der Unterleib hat zwei zarte Einwolbungen, bis wo die Hohen der Freuden sich heben. Die Schenkel steigen wie Saulen hernieder und verbergen den Eingang der Lust mit einem gelinden Druck.

Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen, ohne auszuschweifen.

Sie erscheint von den Seiten her schmal und von dem Rucken breit; alles Fleisch lebt, und nichts ist leer und mussig.

Aus dem Ganzen spricht jungfraulicher Ernst und Stolz, nichts Lockendes; es ist Inbegriff hochster weiblicher Liebesstarke. Sie blickt auf wie eine Jugendgottin, von den Edelsten angebetet.

Sie erhalt den ersten Preis unter den weiblichen antiken Schonheiten. Ihr Gesicht schon fur sich, das glucklich ganz unversehrt blieb, ergreift unaussprechlich reizend, mehr als irgendein andres, ist gewiss ursprunglich in der Natur selbst voll Geist und hohem eigentumlichen Wesen aufgebluht und stammt wahrscheinlich von einer Lais oder Phryne. Bei der Niobe und ihrer schonsten Tochter, bei der Juno und einer kolossalischen Muse in Rom mag man mehr Erhabenheit finden; aber sie haben den lautern Quell von Leben nicht, der den Durst nach aller Art von Gluckseligkeit im Menschen erquickend stillt. Hier ist alles beisammen, Korperreiz und Seelenreiz, Feuer und Schnelligkeit der Empfindung und heller ausgebildeter Verstand bei jedem Vorfall in der Welt.

Doch was verschwend ich Worte daruber; komm und sieh! und fuhle! und traure herzinniglich, dass sie nicht den Mantel von Dir sich umwirft, Dich zu begleiten.

Tizians Venus wird eine schlimme Nachbarin an ihr erhalten.

Diese ist eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren, mit schmachtendem Blick, aufs weisse widerstrebende Sommerbett, im frischen Morgenlichte, faselnackend vor innrer Glut von aller Decke und Hulle, bereit und kampflustern hingelagert, Wollust zu geben und zu nehmen; die, anstatt die Hand vorzuhalten, schon damit die stechende und brennende Sussigkeit der Begierde wie abkuhlt und mit den Fingerkoppen die regsamsten gefuhligsten Nerven ihres hochsten Lebens beruhrt.

Bezaubernde Beischlaferin und nicht Griechenvenus, Wollust und nicht Liebe, Korper bloss fur augenblicklichen Genuss.

Ihre Formen machen einen starken Kontrast mit der griechischen. Wie das Leben sich an dieser in allen Muskeln regt und sanft hervorquillt und hervortritt: und bei der Venezianerin der ganze Leib nur eine ausgedehnte Masse macht! Aber es ist schier nicht moglich, ein schmeichelnder und sich ergebender und suss verlangender Gesicht zu sehen.

Sie neigt den Kopf auf die rechte Seite, sonst liegt sie ganz auf dem Rucken. Das linke Bein in schoner Form ist reizend gestreckt, und das erhobne rechte Knie lasst unten die susse Fulle der Schenkel sehen. Der Kopf hat die Gestalt nach der Natur, ist aber, hingelassen nachdenkend mit dem zerflossnen Korper, matt und wenig gebildet gegen die Griechin.

Die Blumen in der Rechten geben Hand und Arm durch den Widerschein bezaubernde Farbe und drukken den Leib zuruck. Ihr Haar ist kastanienbraunlich und lieblich verstreut uber die rechte Schulter mit einem Streif auf den linken Arm. Der Schatten an der Scham und die emporschwellenden Schenkel davor im Lichte sind ausserst wollustig, so wie die jungen Bruste. Die grossen grunlichtbraunen Augen mit den breiten Augenbraunen blicken in Feuchtigkeit. Sie ist lauter Huld, es recht zu machen in reizender sommerlicher Lage, und gibt sich ganz preis, und wartet mit gierigem Verlangen furchtsamlich auf den Kommenden. Man sieht's ihr deutlich an, dass das Jungfrauliche schon einige Zeit gewichen ist, und sie scheint nur Besorgnis vor mehrern zugleich zu haben wegen der Eifersucht.

Tizian wollte keine Venus malen, sondern nur eine Buhlerin; was konnt er dafur, dass man diese hernach Gottin der Liebe taufte? Sein Fleisch hat allen Farbenzauber, ist mit wahrem jugendlichen Blut durchflossen; was er darstellen wollte, hat er besser als irgend ein andrer geleistet.

Unter den Antiken aber, die ich mitgebracht habe, ist ein himmlischer Bube, ein junger Apollo, welcher stark mit der Gottin wetteifern wird. Er lehnt sich mit der Linken an einen Stamm mit uber den Kopf geschlagner Rechten; die ganze Stellung ist voll Reiz, besonders der schlanke Zug der rechten Seite. Das Gesicht bluht wonniglich selig und edel in seiner Gottheit auf. Das Leibchen ist ausserst zart gehalten, und doch regt und bildet sich alles. Es ist eine wahre Wollust, Venus und ihn zugleich von hinten zu sehen, das Weibliche und uppig Bubliche des Gewachses; Venus ist ein Schwall von hinten, etwas speckicht: Apollo lauter susser Kern. Ebenso kernfleischig spaltet sich sein Rucken; die Schenkel sind am vollsten und schier zirkelrund. Die zwei Hande muss ich erganzen lassen und noch die Nase.

Der Ausdruck ist bezaubernd; er empfindet in sich und sinnt in Stille. Erste Ahndung von Verlangen in Ungewissheit, und doch mit dem entzuckendsten Blick der Liebe.

Zwei junge Ringer aus einem Block Marmor gehoren unter die gelehrtesten Arbeiten, die uns aus dem Altertum ubrig sind. Sie sind im schonsten Moment eines Ringspiels verflochten, und es kann dazu keine auserlesenere Stellung geben. Die angestrengten Sehnen zeigen ihre Kraft in hochster Starke und doch nicht schroff, und nichts erscheint gekunstelt, wie unsre Meister schon bei Korpern in Ruhe prahlen.

Noch hab ich Bruchstucke von einem Merkur, wo zum Ganzen nur die Hande fehlen. Das Gewachs ist zart und schlank, der Kopf voll Schonheit und Kraft und stellt einen klugen sinnreichen Jungling dar. Er tragt einen Helm, wie einen Teller, mit Flugeln; die Haare waren abgeschnitten, und es sind kleine Lockchen wieder daraus geworden.

Von Gemalden, deren viel sind, will ich Dir nur ein Paar von Raffael anfuhren:

Papst Julius den Zweiten. Man kann nichts Wahrers von Gestalt sehen; und wie gemalt! Es halt sich neben dem besten Tizian. Erhabenheit und Scharfsinn im Nachdenken bilden ein Ideal von Heiligem Vater. Welch ein gediegnes festes Feuer in der ganzen Arbeit! Der schone herabfliessende Bart wie herrlich aufgesetzt! Hande, Stellung im Stuhl mit beiden aufgestutzt, alles vortrefflich. Es ist die Natur. Die Stirn ist stark beleuchtet und geht hervor, und so fallt noch Licht auf den Bart; ein Meisterstuck auch hierin.

Das zweite ist ganz klein, wenig uber einen Fuss lang und breit und von ihm die grosste Seltenheit, jedoch mit aller Liebe in seiner besten Zeit vollendet.

Gottvater sitzt auf einem Adler in den Luften, von zwei Engeln, wovon besonders der rechter Hand wunderschon ist, an den Armen leicht gehalten; und unter ihm sind die vier Evangelisten mit ihren Tieren; dann Wolken, dann Erde mit Baumen. Um den Ewigen vergeht eine Glorie andrer geflugelter Buben im Glanze.

Der Kopf ist lauter Erhabenheit, ganz derselbe des Michelangelo in der Capella Sixtina, welcher die Sonne schafft. Das Nackende der Brust bis auf die bekleideten Schenkel in seiner Kleinheit vollkommen wie eine schone Antike. Er stutzt die Fusse auf den geflugelten Stier und Lowen und sieht jovialisch gut und stark und machtig in die Bestien und Menschen. Haar und Bart fliegen im Winde. Ein himmlisch Bildchen; reizende apokalyptische Laune!

Bianca freute sich daruber kindlich; und ich hab ihr damit ein Geschenk gemacht, weil ich's fur mich erkaufte. Der Herzog nahm es ubergnadig auf, und sie druckte mir eifrig die Hand dafur.

Die Schlaue stellt sich hochschwanger. Jetzt will er ihr einen Palast in eine unsrer angenehmsten Gegenden bauen lassen; und ich wurde gerufen, alles zu besorgen.

Florenz, Februar.

Florenz gefallt mir nicht mehr; ich gehore nicht zu dem Hasengeschlechte, das nirgends am liebsten ist, als wo es geheckt ward. Unsre grossen Manner haben wir gehabt; Tacitus sagt mit Recht, dass nach der Schlacht bei Actium in Rom kein grosser Mann mehr aufstand. Wo der Burger nichts mehr zu sagen hat, da ist es mit der Vaterlandsliebe eitel Ziererei.

Ein so grosser Freund ich auch von Geschaftigkeit bin, so ekelt mich doch die blosse Schuster- und mulus, der hohe Geist, verbot aus gutem Grunde jedem Mitgenossen seiner Republik die niedern Handwerke; und dies wurde hernach so zur Sitte, dass noch jetzt im dritten Jahrtausend die Teutschen und Spanier und Franzosen dieselben schier allein noch in den Ruinen der alten Herrlichkeit treiben. Sokrates wollte den nicht zum Gefahrten durchs Leben, der auf Geld und Gut erpicht zu nichts Edlerm Musse hatte; und bei den stolzen Ottomanen kann der Uberwundne und Sklave noch heutzutag alle Schuld deswegen aufs Schicksal schieben.

Florenz macht einen starken Kontrast mit Rom, alles regt und bewegt sich, und lauft und rennt und arbeitet; und das Volk kommt einem trotzig und ubermutig und ungefallig vor gegen das Stille, Grosse und Schone der Romer. Der Romer uberhaupt hat gewiss einen hohern Charakter. Die Politiker mogen die menschlichen Ameisenhaufen ruhmen und preisen, sosehr sie wollen, und diese selbst auf ihre Arbeitsamkeit sich noch soviel einbilden: Maul und Magen, denn dieserwegen geschieht's doch, ist wahrlich nicht, was den Menschen uber das Vieh setzt! Wo nicht gemeinschaftliche Freiheit der Person und des Eigentums und Rang in menschlicher Wurde vor seinen Nachbarn der erste Trieb und das Hauptband einer burgerlichen Gesellschaft ist, veracht ich alles andre, und jedes Verdienst kommt in kurze Berechnung.

Der Boden tragt freilich auch viel hierzu bei; Rom hat das Mark von dem mittlern Italien und Toskana die Knochen, nach dem alten Sprichwort. Auch erhebt die Gegend nicht so, und Florenz fehlen die majestatischen romischen Fernen.

An unserm Hofe herrscht eine unertragliche Langeweile; alles muss sich in den Ton des Monarchen stimmen.

Der Minister ist geschwind schon ein Chamaleon geworden und nimmt alle Modefarben an. Verschiedne von meinen angegebnen Einrichtungen sind wieder abgeandert, und die andern werden nachlassig betrieben. Alle Heilungsmittel eines Hippokrates sind vergeblich, wo die Natur sich nicht selbst hilft. Ich muss auf und davon, weil ich das Verderben nicht mehr mit Augen ansehen kann. Wenn man nichts Bessers weiss, so mag es sich ertragen lassen; o Griechenland und Rom, wie glucklich macht ihr unsre Phantasie und elend unser wirklich Leben! Aber wo soll ich hin in dem ganzen jetzigen Italien? Da ist keine Ausflucht, keine Sphare fur einen gesunden Kopf und Arm zu handeln. Mut und Geschick schmachtet uberall ohne Gegenstand und Ausubung wie im Kerker.

Um noch einmal von dem leidigen Minister zu reden: so hat der Fuchs ein paar bestialische Grundsatze angenommen, von welchen der erste ist: man durfe nie gescheiter scheinen als der Herr; und der zweite: alle guten Kopfe, denn jeder ist ihm ein Dorn im Auge, besonders Gelehrten, in der Ferne halten. Fur einen, der gern im truben fischt, hatte sie kein Machiavell besser ausdenken konnen. Und bei den meisten Hofen erkennt man gleich daraus, dass da keine Philippe, Alexander, Casarn und Mark Antonine herrschen. Es kann eben keiner hoher, als ihm die Flugel gewachsen sind.

Florenz, Februar

Unser Karneval ist mit einer wirklichen ungeheuern Tragikomodie beschlossen worden, die mir aber all mein Eingeweide, Galle und Lunge und Leber und Herz emport hat, so dass ich hier keine bleibende Statte mehr finde.

Bianca, wie ich Dir schon geschrieben habe, stellte sich die ganze gehorige Zeit vom Herzoge schwanger an, spielte ihre Rolle meisterlich und wahlte dies festliche Gerausch, weil zugleich die erkauften Weiber auf dem Lande die Mutterwehen nahe fuhlten, niederzukommen. Eine Woche lang tragodierte sie die Geburtsschmerzen, und der gute Herr war zitternd und zagend fur ihr Leben bange. Endlich trat gegen Mitternacht die alte abgefaumte Kupplerin von Amme mit dem eben gebornen Knablein, welchem der Mund schreien konnte, in einer Schachtel unter dem Mantel, wie mit Gerat, zur Tur in einem Nebenzimmer herein und winkte das verabredete Zeichen. Bianca rief alsdenn mit Hand und Mund zum Herzoge, der mit dem Kopf in Armen am Fenster stand: "Geht, geht, o Teurester! o weh! ich fuhle mich in der Entbindung."

Er ging freudig fort mit den eifrigsten Wunschen.

Der Komodie wurde bald ein Ende gemacht. Die Alte tat das Kind heraus, nachdem sie das ubrige der Szene tauschend zubereitet und die Gebarerin laut genug geachzt hatte, zog ihm das Wachs aus dem Munde, und dies fing an zu schreien. Sie eilte zum eingebildeten Papa und zeigte und frohlockte: "Euch ist ein Lowe, ein Lowe geboren, ganz Euer Geprage! O seh Eure Hoheit das derbe gewundne Gemachtchen, wie es den Heldensamen verkundigt!"

Ich beschreib es Dir aristophanisch, weil es sich geradeso zugetragen hat. Ihm war es Gotterwonne, etwas Lebendiges von sich zu erblicken, was er noch nie schaute; und er krahte vor Jubel, gleichsam wie ein Hahn, ohne weiter ein Wort hervorbringen zu konnen.

Dies ist eine Posse, welche jedoch grosse Folgen haben kann, die wir heiss durch die Kammerjungfer erfuhren. Diese und die Alte mogen sich vor der Hochstrebenden in acht nehmen, wenn sie nicht bald den Styx und Phlegeton wollen sieden und brausen horen.

Der andre Auftritt aber ist grasslich.

Don Paolo, der Gemahl der Isabella, kam vor wenig Tagen von Rom und nahm einen gewissen Scherz und Leichtsinn an uber ihre vorige Auffuhrung, bis er sie tauschte und sie froh sich wieder mit ihm versohnt glaubte.

Gerade dieselbe Nacht, wo Bianca ihre Farce spielte, so wunderbar fugen sich die Begebenheiten! fuhrte er sie nach seinem Schlafgemach; sie hatte zwar Anstand, ihn zu begleiten, und hielt einigemal ein; ihr Geist mochte ihr Schicksal vorausahnden! Doch folgte das ergiebige Geschopf endlich seinem Handedruck und hielt die racheheissen fur liebewarme.

Im Zimmer umarmt er sie und kusst sie und sinkt wie unenthaltsam mit ihr aufs Bett. Als sie auf der Breite desselben so hingestreckt liegt, wird ihr hinten ein Strick um den Hals geworfen von einem gedungnen Morder und sie mit langer Marter erdrosselt. O du Elender! warum nicht kurz mit Gift, mit einem Dolchstich, wenn du sie doch aus der Welt schaffen wolltest?

Sie wurde die andre Nacht schon zu ihrer Familie in die Kirche San Lorenzo begraben; und man sprengte aus, sie sei plotzlich an einem Steckfluss gestorben. Allein ihr schwarzes Gesicht war jedem, der sie zu sehen bekam, ein unverwerflicher Zeuge der Tat.

Ihre Verwandten schweigen; aber Florenz murrt laut und bejammert das scheussliche Ende ihres noch so bluhenden Lebens.32

Marz, bei Cortona.

Der Herzog hat mir erlaubt, den kunftigen Fruhling hier auf meinem Gute zu sein; doch unter der Bedingung, dass ich zuweilen nach Florenz komme und den schon angelegten Palast der Bianca besorge. Ubrigens hab ich dort eine gute Partei fur mich zuruckgelassen, und in manchem Hause lebt die Hoffnung, mich zum Gemahl und Schwiegersohn zu erhalten.

Polybios und die Gegend ist nun mein Geschaft, und zur Abwechslung bau und pflanz ich. Der deutliche Sinn mancher Worter in der Taktik der alten Griechen und Romer hat mir anfangs bei ihm zu schaffen gemacht; doch bin ich bald durchgedrungen und damit zu Rande gekommen. Dies ist ein Geschichtschreiber, wie sie sein sollen; der das verstand, woruber er schrieb, noch zur rechten Zeit lebte und Menschen und Orter kannte.

Unter allen Heldenzugen ergreift mich keiner so wie der des Hannibal durch Italien; und es geschieht nicht bloss deswegen, weil ich Land und Boden und die Geschichte der kriegenden Volker besser kenne. Der des Alexander durch Persien ist romantischer und hat mehr barbarisches Getummel um sich; aber der nathletengeist; und es ist ein ganz ander grosses Naturschauspiel, zwei solche Republiken sich in den Haaren liegen zu sehn als einen blossen Darius und Sohn Philipps.

Von seinem Satz an uber den wilden schnellstromenden Rhodan unter Avignon und kuhnem Marsch durch die reissenden Wetterbache, uber den hundertjahrigen Schnee und das schneidende Eis der grasslichen tiefen Taler und himmelhohen Alpenklippen dunkt mich in jeder Schlacht nur ein olympisches Faustbalgerspiel zu sehen. In der bei der Trebbia, am Trasimenischen See, besonders am Aufidus, packt er uberall mit seinem tapfer gebildeten Haufen so gewandt seinen starken ungelenken Gegner und wirft ihn zu Boden, und schlagt ihm Zahn und Nase und Ohren und Backen in einen blutigen Brei zusammen. Er verstand die Kunst zu siegen wie keiner, behandelte Armeen von Hunderttausenden vor und mitten und nach der Schlacht wie einen einzelnen Mann, an jedem Fleck, bei jeder Schwache voll Vorsicht, Bewegsamkeit, Mut und Schlauheit und Gegenwart der Seele: bis auf so einfache Grundsatze hatte er das weitlauftige Kriegshandwerk von der ersten Jugend an gebracht. Halbgotter erkennt man erst recht bei wichtigen Zeitpunkten.

Welche Reihe Taten nacheinander! Was sind Millionen Menschen gegen diesen einen, die ihr Leben lang nicht eine einzige solche Stunde haben! Ein Heldengedicht mocht ich singen uber ihn von den Pyrenaen an bis wo die Scylla um den Fuss des Apennin rauscht.

Wie ein echter unbezwinglicher racherischer Lowe streift er Italien durch, reisst Rinder und blokende Herden nieder; und das vom Homer schon verbrauchte Gleichnis ist zum erstenmal wahr geworden.

Das romische Volk, das seine Bildsaulen in die Strassen stellte, wo sie am furchtbarsten gesehen wurden, und sich hernach seinetwegen noch an den Mauersteinen von Karthago ereiferte, zeigt den Mann auch bei dem Feind, und anders als die ungerechten Horaze und Liviusse; und Virgil krummt dem Uberwinder bei Canna mit seiner Hofspotterei der Dido kein Haar.

Der Ausbund von Karthaginenser ging dem romischen Staatskorper auf das Herz los; und ausserdem kannt er die Menschen gut genug, um zu wissen, dass jeder seine grossten Feinde in der Nahe hat: und fand es so bei den welschen Galliern.

Die Schlacht an meinem See ziert mir hier die Gegend ganz anders aus als Konstantins Schlacht vom Raffael das Vatikan. Die furchtbaren Worter, die wunderbar davon noch immer ubriggeblieben sind, als Ponte Sanguinetto,33 Ossaja,34 Spelonca 35 gehen mir immer wie eine Brandfackel in die Seele, wenn ich da herumreite, so dass ich zuweilen vor Hitze und Ungeduld nicht auf dem Pferde bleiben kann und herunter in ein Wirtshaus muss, um einen frischen Zug zu tun von Romergrimm, der hier ins Gras biss und noch die Weinfelder dungt.

Treve, April.

Ich schreibe Dir im Fluge, weil ich Dich kunftigen Sommer bei mir haben muss, um Dir die Schonheit und den Reiz auch meiner Gegenden zu zeigen und sie mit Dir zu geniessen, glucklicher noch, als ich mit Dir die Lombardei an Deinem Lago genoss. Mache Dich beizeiten auf und kehre bei meiner Tante zu Florenz ein, wo wir uns treffen werden.

Ich lag bei Passignano, nicht weit von meiner Wohnung, auf einer fruchtbaren Anhohe, wo man den See uberschaut, unter hohen Ulmen und Eichen, zwischen alten Olbaumen und Zypressen und bluhenden Wipfeln, den neuen Gesang der Nachtigallen um mich, noch fruh am Morgen; und tat nichts als horen und betrachten in Freude, wie ein Kind ohne weitere Gedanken; doch ahndeten susse Regungen in meinem Herzen entzuckende Dinge.

Und sieh!

auf einmal reitet aus dem Hohlwege, mit einem

Boten voran, ein junger Ritter hervor auf einem kastanienfarben koniglichen Rosse, dem auf einem andern er naher kam in rundem Hut mit Federbusch, kurzem spanischen scharlachnen Mantel, Halbstiefeln, die vollen Schenkel und den schlanken Leib in weiches Leder gekleidet, ein blitzend Schwert uber den Rukken an seinen Lenden und Pistolen im Sattel.

Ich kannte das halbversteckte Gesicht und wusste mich nicht dreinzufinden. 'Ist sie es, oder tausch ich mich?' fuhr ich schnell auf, wie der reizende Ritter bald bei mir war.

Er erblickte mich, hielt ein mit lachelnder Verwundrung, sprang vom Pferde: und Fiordimona und ich hielten uns umschlungen mit wonneglanzenden Blikken, gierigen Seelenkussen.

Ich schrieb ihr noch von Florenz aus; auch sie begab sich ohne weitere Nachricht auf eins ihrer Guter in der Nachbarschaft, wovon sie mir nie etwas gesagt hatte, und kam nun, mich zu uberraschen und zu einer Lustreise abzuholen. Zu Perugia, wo sie den Tag zuvor eintraf, sass sie gegen Morgen noch in der Dunkelheit auf und war bei mir in wenig Stunden.

Sie blieb nur zwei Gottertage bei mir; alles, was zu Cortona Liebe fuhlen kann, geriet schon im Vorubergehen bei ihrer Annaherung in eine solche Feuersbrunst, dass wir uns plotzlich in der Stille davonmachen mussten, damit meine Wohnung nicht wie Lots Haus belagert wurde.

Fiordimona veranderte ihre Kleidung in etwas, und ich gab ihr andern Hut und Mantel, um weniger bemerkt zu reisen. Sie scherzte selbst uber ihren vorigen Putz und dass die Weiber ihn nie vergessen konnten, und so verkappten wir noch ihre Mohrin. Ich nahm meinen jungen treuen Schweizer Hal, einen Gemsjager aus Wallis von den Quellen des Rhodan, mit mir; und Paar und Paar zogen wir in der Nacht ab. Vorher schrieb ich an den Herzog eine notwendige Luge und an meine Tante um ein paar starke Wechsel.

Zu Perugia weideten wir uns inniglich, nach eingenommenem Fruhstuck, an den Raffaelen, welcher ihr Liebling ist, und den Werken seines Lehrmeisters. Ritten dann die Hohen herab nach den anmutigen Talern und uber die Johannisbrucke, worunter der Tiberstrom reissend in rauschenden wilden Fluten wegschiesst, und hielten Mittagsrast auf dem schonen Hugel Assisi im heiligen Kloster.

Die Nacht blieben wir in Foligno. Den Morgen darauf zogen wir durch das reizende Tal, das an malerischen Schonheiten und Fruchtbarkeit seinesgleichen nachst der Lombardei vielleicht nur wenig auf dem ganzen Erdboden hat, und schieden uns bei Treve abgeredetermassen.

Sie begab sich wieder auf ihr Gut, welches nicht weit davon liegt und wo wir zusammenkonnen, wenn wir wollen.

Mein Lustortchen hat die schonste Lage der ganzen Gegend und ist an einen runden, nicht hohen Berg die Halfte herum gebaut, der einen weiten Olivenwald ausmacht. Die Menschen scheinen sich wie Vogel in die Baume mit ihren Hausern obenhin genistet zu haben. Man ubersieht von hier aus das ganze Tal von Spoleto bis Foligno, Assisi und Perugia, und der Flecken heisst mit Recht der Balkon von Umbrien.

Fiordimona hat ihren Aufenthalt in uppigen Garten von Fruchtbarkeit und Lieblichkeit bei den Quellen des Clitumnus (le Vene), die am Fuss des hochsten Bergs im ganzen Umkreis, Campello, aus einem Felsen kommen, mit vielen uralten Feigenbaumen bewachsen, in unzahlbaren Sprungen. Es ist ein unaussprechliches Vergnugen, wie das klare, kristallhelle, frische gesunde Nass aufquillt, von der Macht zu zarten Blaschen getrieben, unter dem erfreulichen Schatten, alles innerlich sich regt und bewegt und die Fulle von selbst auf ebner Flache fortrinnt. Nahe dabei wallen sie in Bachen zu den Garten Fiordimonens hinein und drangen sich da in einen lebendigen Teich zusammen, dessen Ufer hohe Ahornen, Pinien, Lorbeern, Reben und Haselstauden beschatten; und aus diesem stromt der Clitunno schon ein ansehnlicher Fluss, voll schneller Forellen, so dass ich in Italien keine so starke Quellen kenne.

Etwa tausend Schritte davon steht ein kleiner Tempel mit korinthischen Saulen zierlich in der Ferne, obgleich aus spatern Zeiten, dem Flussgott zu Ehren, der den Romern ihr Vieh so weiss machte. Auch haben wirklich alle Rinder dieses Tals ein glanzendes Silberweiss und sind ausserordentlich gutartig mit ihren ungeheuern grossen Hornern. Der Strom, denn diesen Namen darf man ihm wohl geben, bleibt das ganze lange Tal durch kristallhell.

Ich gebe mich in meinem Wirtshause fur einen Maler aus; und wahrlich ist da genug zu malen und zu zeichnen an Menschen, Vieh und den Bergen mit ihren herrlichen Formen und Tinten, wenn mir Zeit dazu ubrigbliebe. Die ganze Nachte steck ich bei Fiordimonen, und wir mussen zuweilen unsern Brand bei der heissen Witterung in dem lieblichen See des Clitunno abkuhlen, denn sie schwimmt wie ein Fisch, von zarter Kindheit dazu angelehrt; wo wir die Schwane von ihrem Schlummer aufwecken, deren sie eine Herde darauf hat. Dieser Konig der Wasservogel ist ihr Lieblingsvogel; und wo gibt es auch einen schonern? und ein lockender lebendiger Bild der Lust, wenn sie ihre Halse umflechten und vor Entzucken leis kreischen und zusammengirren und mit ihren Flugeln schlagen, dass der Gesang der Nachtigall davor verschwindet und zu geschwatzigem und unaufhorlichem Geton wird. Die meisten lasst sie wild fliegen; sie kennen das Platzchen und kommen immer wieder.

Morgen geht die Woche schon zu Ende, seitdem wir hier sind; Himmel, wie schnell! Wir wollten nur einen oder zwei Tage haltmachen, aber es war gar zu erfreulich. Sie lasst alles zuruck, und die Mohrin, und begleitet mich allein. Ubermorgen in der Nacht brechen wir heimlich auf und streichen weiter; im Hause glaubt man, dass sie nach Rom reise.

Terni, Mai.

Ich bin im Himmelreiche! Wie ein paar kuhne Adler jagen wir durch die weiten Lustreviere! Freiheit, Quellenjugend und feurige Liebe und Zartlichkeit!

Gestern abend kamen wir durch den rauhen Wald und das wilde Gebirg von Spoleto hier an, und diesen Morgen sind wir gleich nach dem neuen Sturz des Velino in aller Fruhe ausgezogen. Wir wollten ihn zuerst von oben betrachten.

Der Weg dahin ist voll reizender Aussichten; die Berge wolben sich immer einer hoher als der andre weiter fort gen Himmel, um gleichsam dieses Paradies ganz von der irdischen Welt abzusondern. Die Sonne ging eben auf, als wir nach der Hohe zu ritten, gerade uber dem Gebirg den Felsenriss hinein, worin eine herrliche See von befruchtendem Taunebel in der Mitte schwamm.

Der Wasserfall ist nun eine entzuckende Vollkommenheit in seiner Art, und es mangelt nichts, ihn feindselig gegen ein unschuldiges Volkchen handelte, muss sich, gebandigt durch einen tiefen Kanal sturmend, in wilden Wogen walzen, mit allerlei sussem lieblichen Gestrauch umpflanzt, als hohen grunen Eichen, Ahornen, Pappeln, Zypressen, Buchen, Eschen, Ulmen, Seekirschen, und in die greuliche Tiefe senkelrecht an die zweihundert Fuss hinabsturzen, dass der Wasserstaub davon noch hoher von unten heraufschlagt. Alsdenn tobt er schaumend uber Felsen fort, breitet sich aus, rauscht zurnend um grune Bauminseln, und hastig schiesst er in den Grund von dannen, zwischen zauberischen Garten von selbstgewachsnen Pomeranzen, Zitronen und andern Frucht- und Olbaumen.

Sein Fall dauert sieben bis acht Sekunden oder neun meiner gewohnlichen Pulsschlage von der Hohe zur Tiefe. Das Aufschlagen in den zuruckspringenden Wasserstaub macht einen heroisch sussen Ton und erquickt mit nie gehorter donnernder Musik und Verandrung von Klang und Bewegung die Ohren, und das Auge kann sich nicht mude sehen.

Fiordimona jauchzte vor Freude in das allgewaltige Leben hinein und rief ausser sich unter dem brausenden Ungestum: "Es ist ein Kunstwerk so vollkommen in seiner Art als irgend eins vom Homer, Pindar oder Sophokles, Praxiteles und Apelles, wozu Mutter Natur Stoff und Hand lieh."

Gewiss aber lasst es sich mit keinem andern vergleichen und ist einzig in seiner Art; die grosse Natur der herrlichen Gebirge herum, der frische Reiz und die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Baume, das einfache Ganze, was das Auge so entzuckt, auf einmal ohne alle Zerstreuung, so wollustig verziert und doch so vollig wie kunstlos, nahrt des Menschen Geist wie lauter kraftiger Kern.

Wir sassen alsdenn wieder auf und ritten dem Velino oben weiter entgegen, bis wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See kamen, worin er sich klarwascht. Die Mannigfaltigkeit des Stroms von hier aus, der bald langsamere, bald schnellere Lauf, das mit schoner Waldung eingefasste Bett uberall, der See in seiner Rundung von einem Amphitheater sich nacheinander verlierender hochster Gebirge umlagert; alles, das fruchtbare Tal der Szene, der ehemalige Streit der Nachbarn um ihn, macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreifender.

Man hat ihn schon abgemalt und zeigte mir gestern bei unsrer Ankunft die Kopie von dem Original. Aber gemalt bleibt er immer ein armseliges Fragment ohn alles Leben, weil kein Anschauer des Gemaldes, der die Natur nicht sah, sich auch mit der bluhendsten Phantasie das hinzuzudenken vermag, was man nicht andeuten kann. Und uberhaupt ist es Frechheit von einem Kunstler, das vorstellen zu wollen, dessen Wesentliches bloss in Bewegung besteht. Tizian zeigt kluglich allen Wasserfall nur in Fernen an, wo die Bewegung sich verliert und stillezustehen scheint.

Terni selbst, das Vaterland des Geschichtschreibers Tacitus, liegt ausserst angenehm zwischen lauter Garten. An der Nordseite erhebt sich noch ein Bogen von Hugeln mit lustigen Landhausern, meistens zwischen Olbaumen, die einen kleinen Wald ausmachen.

Aus der Nera, worin der Velino seinen Namen verliert, werden eine Menge Kanale abgeleitet, die die Stadt und alles Land herum, unter immer lebendigem Rauschen, zur hochsten Fruchtbarkeit bewassern.

Tivoli hatte einen so grossen Reiz fur die alten Romer, weil es nahe an Rom lag, und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer. Es hat etwas Feierliches, was Terni nicht hat. Aber dies hat im Grunde grossere Natur um sich her und lasst an Fruchtbarkeit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu; dieses ist durres und odes Land meistens und Terni lauter Mark.

Die Romer verstunden zu leben! Sie genossen den wahren Reiz von jedem und wussten zu wahlen aus tausenderlei Erfahrungen. Scipio der Jungere wahlte Terni, dessen Landsitz man noch zeigt, der Altere Cajeta und seine erhabne Tochter Cornelia das Misenische Vorgebirg, welche letztern Orter wegen des Meers freilich uber alles gehen; denn nichts ist doch lebendiger als das Meer und hat mehr Mannigfaltigkeit und Bewegung. O wie freu ich mich, das alte gluckselige Baja bald zu finden!

Die Terner erweisen uns alle Ehre, und dies setzt Fiordimonen nicht wenig in Verlegenheit; sie befurchtet, erkannt zu werden; und ausserdem wollen sich ihre mutwilligen Bruste, stolz auf ihre junge Schonheit, mit aller Kunst nicht vollkommen verbergen lassen. Dies macht mich oft lacheln und sie erroten. Wir begeben uns deswegen platterdings in keine sitzende Gesellschaft und sind gegen Abend wieder nach dem Wasserfall untenhin geritten; morgen eilen wir weiter.

Unten ist man recht der Mutter Natur im Schoss und geniesst die Hohen und Tiefen der Erde, ihr Schaffen und Wirken und die Fulle ihres Lebens. Ein enges Tal von neuen und ausserst reizenden Kontrasten; welsche Milde und Schweizerrauheit vereinbart. Himmelan strebende Gebirge, donnernder Wassersturz, hereinbrausende wilde Fluten; und daneben: die zarten Pomeranzen- und Olbaume, Lorbeerngange, susse Reben und Feigen; und mittendrin im Felsen eine Kapelle der heiligen Rosalia, die Bildsaule der Heiligen, die auf einem weichen Lager ruht, mit Blumen bekranzt, um sie her leisschwebende Engel.

Portici, Junius.

Die Freude lauft mir durch alle Glieder, dass Du mich besuchen willst; o ein Gotterjahr, dies Jahr in meinem Leben! Ich habe meiner Tante schon geschrieben, Quartier fur Dich bereitzuhalten; bei meiner Ankunft hoff ich Dich zu Florenz zu treffen. Die nachsten Tage werden wir von hier abreisen.

Von unsern Abenteuern hatt ich Dir so viel zu erzahlen, dass ich jetzt nicht wusste, wo ich anfangen sollte; ich verspar es, bis wir Herzen und Seelen mundlich gegeneinander ausschutten. O welch ein Jubel, mit Dir noch durch die bezaubernden Platze von Umbrien zu streichen! Fiordimona und ich sind nun vollig ein Wesen, so zusammengeschmolzen von tausendfachem Entzucken; alles Hohe und Schone, Kuhne und heroisch Erduldende der menschlichen Natur ist in ihr vereinbart. Endlich werden wir denn doch noch das Band der Ehe der burgerlichen Ordnung wegen tragen; aber wahrlich nicht deswegen, dass es uns zusammenhalten soll. O sie ist der gluckliche Hafen aller meiner sturmischen Wunsche! Wir kennen uns nun von innen und aussen bis auf unsre geheimsten Regungen.

Unsre Reise war eine immerwahrende Augenlust. Wir haben den Weg uber Monte Cassino genommen. Hier fuhlt man erst recht die Schonheit von Italien und hat sinnlich vor sich, wie sich der Apennin in seiner ganzen Majestat durch dessen Mitte lagert, zur Erfrischung mit seinen luftigen und waldichten Gipfeln fur den Sommer und reizenden Talern und Ebnen an beiden Meeren fur den Winter. In weiten Kreisen turmt sich immer ein Gebirg uber das andre, und das Farbenspiel geht in unendlichen Hohen und Tiefen durch alle Tone in sussen und furchtbaren Harmonien.

Der heilige Benedikt hat trefflich fur seine Schar gesorgt, und die Monche zu Monte Cassino leben wie die Fursten. Jeder hat seine drei Bedienten, das Kostbarste vom Lande zu essen und zu trinken und schlaft in weichen Betten auf Stahlfedern. Das ubrige versteht sich von selbst; aus Vorsorge bereitete ich meiner Fiordimona eine Krankheitsschminke und gab sie fur meinen Bruder, einen Sanger, aus, der seiner Gesundheit wegen in die Bader von Baja zoge. Und kaum so sind wir durchgekommen; denn die schelmischen Faune witterten doch die bluhende Gesundheit und das Fleisch wie Mandelkern unter dem angestrichnen Gelb.

Ihr prachtiges Kloster liegt auf einem steilen Absatze von einem der hochsten Berge, von unten wie eine Burg des Zeus, nur dass umgekehrt von oben das Wetter des Jahrs wenigstens ein paarmal da einschlagt, und wird in kurzer Ferne von einem stolzen Amphitheater von Gebirgen umgeben, wo die Sonne bei ihrem Untergang immer neue zauberische Schauspiele hervorbringt.

Wir haben uns nur einen Tag zu Neapel selbst aufgehalten und sind gleich aufs Land hieher gezogen, wenn man es Land nennen kann, denn Portici ist gleichsam nur Vorstadt; bewohnen den Garten einer jungen Witwe, von Tarent geburtig, die mit Recht den lieblichen Namen Candida Graziosa fuhrt, im besten Punkt, dies wirkliche Paradies zu beschauen; denn von Neapel aus ist das gottliche Meer zu eingeschlossen.

Die Stadt selbst sieht man hier am wahrsten und besten; sie ist so recht ein Sitz des Vergnugens, voll Adel, voll der lebhaftesten Menschen, rundum in Schonheit und Fruchtbarkeit! zu strenger und erhabner Weisheit ist's fast nicht moglich, hier zu gelangen. Zur Linken die reizende Kuste von Sorrent; dann die Fahrt nach Elysium Sizilien; dann die Insel der Freuden des Tiberius, Capri; dann die unendlichen Gewasser breit und offen, wo sich das Auge verliert; und daneben und daruberhin die alten Feuerauswurfe der Insel Ischia, und Procida, und den entzuckenden Strich Hugel des Pausilipp, und das Gebirg der Kamaldolenser; welche bezaubernde Mannigfaltigkeit! Darunter wieder das Gemisch von unzahlbaren Felsenhutten von Neapel, wo eine halbe Million Menschen sich gutlich tun; und bei uns, hinter dem schuchternen Portici, in schrecklicher Majestat Vesuv. Ein echter wonneschaumender Becher rundum, dieser grosse Meerbusen!

Hier schwimmt alles und schwebt in Lust, im Wasser, am Ufer und auf den Strassen. Die Feuermassen scheinen dies Land der Sonne naherzurucken; es sieht ganz anders als die ubrige Welt aus. Gewiss waren alle Planeten ehemals selbst Sonnen und sind nun ausgebrannt, und Neapel ist noch ein Rest jener stolzen Zeiten. Man glaubt in der Venus, im Merkur, einem hohern Planeten zu wohnen. Immerwahrender Fruhling, Schonheit und Fruchtbarkeit von Meer und Land, und Gesundheit von Wasser und Luft.

Gleich die erste Woche haben wir uns mit der ganzen Gegend und der besondern Art Menschen bekannt gemacht; und den dritten Tag schon waren wir oben auf dem Vulkan und genossen den Anblick der hochsten Gewalt in seinem Krater, die man auf Erdboden schauen kann. Die Risse von unten heraus, trichterformig, gehen uber alle Macht von Wetterschlagen, auffliegenden Pulverturmen und Einbruchen sturmenden Meeres. Erdbeben, die Lander bewegen wie Winde Wasserflachen, sind dagegen nur schwache Vorboten. Man glaubt in die Wohnung der Donnerkeile wie ein Schlangennest hineinzusehen, so blitzschnell ist alles aus unergrundlicher Tiefe gerissen, von Metall bespritzt und Schwefel beleckt: ein entzuckend schauerig Bild allerhochster Wut.

Sein Gipfel besteht aus lauter Schlacken; dies gibt ihm von fern eine haarichte Riesengestalt. Dann wachst lauter Heide; und dann in der Mitte fangen Garten und Baume an.

Der Vesuv ist augenscheinlich ein uralter Berg, dessen Krater einst zusammensturzte, wovon die Risse noch an der Somma zu sehen sind. Alsdenn hat er sich vom neuen durch viele Ausbruche wieder aufgeturmt. Vorher war es ein einziger Berg; jetzt mag er nicht so schon mehr sein, aber desto furchtbarer.

Wir sind mehr als einmal oben gewesen, so hat uns dies Schauspiel und die Aussicht ergotzt.

Unser Aufenthalt im Garten der Candida hat uns grosses Vergnugen gewahrt, aber auch viel von unsrer Freiheit benommen und ist Ursach, dass wir fruher zuruckreisen, als wir wollten. Nebenan bewohnt einen andern die Geliebte des Sohns vom Vizekonig, eine reizende Spanierin, kaum sechzehn bis siebzehn Jahre alt, sogenannte Grafin von Coimbra. Diese brennt vor Leidenschaft gegen Fiordimonen; und Candida hat sich mit weniger Geschmack, aber besserm Instinkt in mich und meinen jungen Bart vergafft. Beide sind wir so belagert. Coimbra ist eifersuchtig auf mich und Candida auf Fiordimonen, und der Sohn vom Vizekonig ward es endlich auf uns beide und schopfte Verdacht gegen alle. Die Komodie fing sich damit an.

Wir kauften gleich bei unsrer Ankunft in Neapel eine Laute und Zither zum Zeitvertreib; und die erste Nacht in Portici hielten wir einen Wechselgesang. Coimbra ward entzuckt schon von der Stimme Fiordimonens, die, mocht ich sagen, wie ein Arm so stark aus ihrer Kehle stromt mit aller Geschmeidigkeit und Mannigfaltigkeit, vom leisen Lispel bis zum Sturm und in Laufen von erstaunlichem Umfang, jeder Ton perlenrein und herzig.

Den andern Abend horten wir ein Lied von unsrer Nachbarin, wozu sie sich auf einem Psalter begleitete. Ihre Stimme ist nur schwach, einfach und von wenig vollen Tonen, aber silbern und suss von Empfindung; was sie sang, war ein Meisterstuck spanischer Poesie, und wir haben davon nur die ersten Strophen behalten.

Quando contemplo el cielo

de innumerables luces adornado;

y miro hazia el suelo

de noche redeado

en sueno y en olvido sepultado:

El amor y la pena

despiertan en mi pecho un ansia ardiente,

despide larga vena

los ojos hechos fuente,

Oloarte, y digo al fin con voz doliente:

"Morada de grandeza

templo de claridad y hermosura,

el alma, que a tua alteza

Nacio, que desventura

la tiene en esta carcel baxa escura? "36

Der Jungling war vermutlich bei ihr; denn wir horten hernach sprechen und seufzen und Stille zu Kuss und Umarmung in der dichten Laube. Ach, es war in der Tat ein schoner Abend! Kuhlender Duft senkte sich nieder und hullte nach und nach das Gebirg ein, alles wurde verwischt, und Form dammerte nur unten, indes oben die reinen vollkommnen Sterne blinkten. Wir meinten, wir mussten uns sogleich mit dem Liede der holden Spanierin emporheben und unsre Stelle verlassen. Es ist unten doch alles so Nichts, wenn es nicht von dem klaren himmlischen Licht seine Gestalt empfangt!

Dann ging der stille Mond am wilden dampfenden Vesuv auf; dunkel lag das Meer noch in Schatten und erwartete mit unendlichen leisen platschernden Schlagen seine Ankunft. Die Menschen kuhlen sich ab in den Fluten, machen Chorus und scherzen und geniessen weg ihr Dasein.

Es ist entzuckend, wie man die Erde mit sich gen Osten unaufhaltbar fortrollen sieht und die ganze Harmonie des Weltalls fuhlt!

"Du bist glucklich, Mond", seufzte Fiordimona; "du laufst deine Bahn ewig fort, dein Schicksal ist entschieden!

Ach Gott, wer wusste, was das Licht ware, das so schon leuchtet, und es erkennen konnte! Es ist doch gewiss ein heilig Wesen; und tot ist es nicht, weil es sich so schnell fortbewegt!

O wer in den grossen Massen, Himmel und Meer und Mond und Sternen, Frescobaldi, an Deinem liebevollen Herzen immer so schweben konnte! Was dies fur eine Ruh und Seligkeit ist! Man atmet so recht aus und schopft mit jedem Zuge Lust und Erquickung!"

Denke noch zu solchen Wonnelauten, unmittelbar von ihren Quellen, Kuss und Blick und Umarmung der Erhabnen!

Coimbra machte hernach mit uns Bekanntschaft und redt uns zuerst an, als wir einander auf einem Spaziergange begegneten; ein durchaus gefuhlig zartes Wesen, worin aber kuhne Blitze von Leidenschaften herumkreuzen. Wortliche Liebeserklarung erfolgte bald, wie Fiordimona sich, zu unerfahrner Jungling, bei Handedruck und schmachtenden Seufzern und Blicken bezeugte. Fiordimona spielte ihre Rolle trefflich, um sich nicht erkennen geben zu durfen und Tatlichkeiten bis zu unsrer Fortreise abzuhalten; und wir sind wahrend der Zeit in der ganzen Gegend herumgestrichen und wenig anders zu Hause geblieben, als zu schlafen. Von Quartier wollten wir nur im hochsten Notfall andern, wegen Anlass vielleicht zu gefahrlichen Auftritten.

Am meisten sind wir zu Baja, am Pausilipp und einige Tage an der Kuste von Sorrento gewesen. Von allen diesen Zaubereien mundlich weitlauftig.

Zu Baja ist ein Wunder der Natur an dem andern; und in der alten Romer Zeiten war noch dabei ein Wunder der Kunst an dem andern, wovon die herrlichen Ruinen ausser den Beschreibungen der Dichter zeugen. Was der Archipelagus sein muss, wo das immerwahrende Leben so um unzahlbare Inseln herumwallt, wie hier nur um drei oder vier! Gluckliche Griechen! wenigstens zwei Drittel bewohnten und bewohnen noch schone Seekusten.

Das Grabmal Virgils, an dessen Echtheit man keinen Grund zu zweifeln hat, ist in der Tat ein ruhrender Winkel, der innerste Punkt des alten Parthenope; der Mittelsitz der Ruhe von der See her, die Spitze des Winkels von der Bucht. Ich wunschte selbst an einem solchen Ort meine Asche; ohne Pomp, still, ein kleines Gemauer. Es liegt gerad am Pausilipp in der Hohe uber der vor alters durchgehauenen Grotte nach Pozzuolo. Die Pinien schienen allemal voll Ehrfurcht sich zu seinem Schatten zu neigen und nur leis zu bewegen, um seinen Schlummer nicht zu storen. Es ist schon, eine solche Stelle zu haben, wo sich die Erinnerungen an einen grossen Menschen alle lieblich zusammensammeln!

Das Denkmal an der mit so warmer und heller Empfindung gewahlten Statte ist mit mancherlei Gestrauch bekranzt; Efeu und wilde Weinranken schlingen sich uberall herum; und auf der Decke selbst, wo in den vielen Jahrhunderten sich eine Schicht Erdreich festgesetzt hat, grunt es am dichtesten. Ein Lorbeer steigt in der Mitte stolz hervor, der nur nicht lange dauern wird, weil alle Reisenden, Dichter, Prinzen und Damen davon abbrechen, um Anteil an dem Ruhme des Unsterblichen zu haben.

Man geniesst hier Neapel und den erfreulichen Meerbusen in einem der schonsten Gesichtspunkte.

Sorrent liegt von Bergen eingeschlossen in einem kleinen Tal, das die Form wie ein Hufeisen hat. Es ist das bezauberndste Platzchen des weiten Paradieses der Gegend, wohinein das Meer noch eine besondre kleine Bucht macht. Dessen Ufer sind hohe senkelrechte Felsen, so dass es wie auf einer Buhne sich zeigt. Man muss aus der See eine halbe Stunde lang auf einem Wege von Terrassen hinansteigen. Die niedlichen Hauser und Palastchen stecken in einem Gartenwald von Ol, Pomeranzen, Zitronen- und Fruchtbaumen; hier wachsen die kostlichsten Melonen.

Der Vesuv ist davon in seiner einfachsten, allergrossten und furchtbarsten Gestalt zu sehen, so stolz und erhaben, dass die hochsten Alpen davor verschwinden. Er sieht aus wie ein Wesen, das sich selbst gemacht hat, alles andre ist wie Kot dagegen, und der Dampf aus seinem offnen Rachen ist im eigentlichsten Verstand entsetzlich schon. An keinem andern Orte mocht ich seine Feuerauswurfe betrachten; es muss ein wahres Bild rasender Holle sein. Unten am Fuss sind die Menschen mit ihren Wohnungen wie unschuldige Lammer, die er sich zur Beute herschleppte; und die alte Mutter, die See, zieht vergebens zartlich rauschend heran, sie zu retten.

Ein entzuckender Morgen, wie wir wieder Portici hinuber schifften! Ein leichter Nebel deckte dasselbe wie eine zarte Bettdecke. Auf dem Gewasser waren tausend Nachen, die unbesorgten Fische zu fangen, welche aus ihren Tiefen sich dem neuen Lichte naherten. Leis wallend, wie ein unermesslicher Lebensquell, verlor sich das Meer in ein Chaosdunkel, woraus Capri kaum sichtbar in grauem Duft noch hervortrat. In blassem Purpur rotete sich auf den Apenninen der Himmel, und der Vulkan atmete schrecklich der Sonn entgegen in majestatischer Ruhe seinen schweren Dampf aus, der sich an den Seiten herabwalzt. Und nun steigt sie empor in Strahlenglut, vollkommen und unveranderlich, der Geist ihrer Welt, die alles mit Liebe fasst, und in ihrem Glanze spielen die Wellen.

Was mir ubrigens an Neapel doch nicht gefallt, ist, dass man weder Sonne noch Mond und Morgen- und Abendstern im Meer auf- und untergehen sieht.

Nachschrift: Wir mussen fort, noch heute. Coimbra brennt in lichterlohen Flammen und drang gestern in einem herzbrechenden Briefe darauf, Fiordimona solle sie entfuhren. Candida schlich sich diese Nacht, aller feinen Wendungen uberdrussig, in mein Zimmer schier nackend und uberraschte mich mit Fiordimonen, deren Geschlecht sie erkannte. Und Hal, der so treue, dass er selbst seinen Genuss bei dem Kammermadchen der Spanierin drangibt, verkundigt uns Mord und Tod und die ausgestellten Wachten und Posten des getauschten Liebhabers. Diesen letztern Brief erhielt ich erst zu Florenz von seiner Tante, einer jungen Witwe ohne Kinder, voll Geist und Anmut im Umgang und mannigfaltigen Reizen. Ardinghello war noch nicht wiedergekommen bei meiner Ankunft daselbst, und sie erteilte mir anfangs uber sein Ausbleiben zweifelhafte Nachrichten von furchterlichen Begebenheiten, die sich hernach nur zu gewiss bestatigten. Doch vorher etwas von mir und meiner Reisegesellschaft! Ich habe aus seinen Briefen alles weggelassen, was meine Angelegenheiten betraf, um die Geschichte nicht zu verwickeln und weitlauftig zu machen.

Auch ich stand auf dem Punkte, mich zu verheuraten, als meine Geliebte von der Seuche weggerafft wurde, die von Trient nach Verona und von da nach Venedig kam und sich hernach durch die Lombardei verbreitete. Ich folgte nun mit Begier der Einladung meines Freundes, um mich von den traurigen Gegenstanden zu entfernen, und sagte davon Cacilien.

Sie konnte gleich vor Ungeduld nicht bleiben, die Reise mitzumachen. Noch hatt ich ihr immer nicht entdeckt, dass ich alles von ihr und Ardinghellon wusste; ich scheute die Lage, in welche mich dies versetzen wurde. Nur gab ich ihr zuweilen von ihm Nachricht, mit Verschweigung seiner Liebesgeschichten, und sie hatten sich auch einander selbst geschrieben, welche Briefe mir aber nicht in die Hande gekommen waren, so dass ich nicht wusste, was fur Wendungen er bei ihr brauchte und wie sie zusammen standen. Ich mochte mich nicht mehr dreinmischen und einem Tauben predigen, liess aber nun doch, gewissermassen dazu genotigt, der Sache ihren baldigen Ausgang.

Cacilia beredete gleich ihren Vater und ihre Mutter zu einer Wallfahrt nach Loretto. Von ihren Brudern war einer zu Korfu, und der andre blieb zu Hause. Und so brachen wir denn in der Geschwindigkeit zusammen auf. Sie nahm ihr Sohnchen mit, einen kleinen Engel. Wie ein Vogel, der dem neuen Fruhling zueilt, war alles an ihr.

"O unsern Ardinghello muss ich doch auch gleich

sehen!" hiess es zu Florenz. Das Gerucht war schon in der Stadt, dass er einen jungen Anverwandten des Papsts ermordet und sich darauf aus dem Staube gemacht habe. Ich sagt es ihr geradezu, damit sie bei keinem andern durch ihre Leidenschaft Verdacht erregte. "O Gott!" war ihr Wort; und blass wie eine Lilie und verstummend begab sie sich beiseite. Ihre Eltern befurchteten darauf, sie habe die Krankheit. Sie litt Todesqualen, als sie ferner erfuhr, die Tat sei um Mitternacht vor dem Palaste der Fiordimona geschehen. Die Ungluckliche liebte ihn wahrhaftig, und von Grund der Seele.

Sonderbarerweise hielt sich in demselben Gasthofe

Fulvia mit ihrem Gemahl auf; sie hatten Genua wegen der burgerlichen Unruhen verlassen, worin schon verschiedne Edle dort ihr Leben einbussten. Ein allgemeines Strafgericht schien wirklich uber Italien nach dem Ausspruch der Gottesgelehrten wegen seiner Sunden und Bosheiten verhangt. Auch sie fuhrte ihr Sohnchen, das sie aus voller mutterlichen Liebe selbst saugte, bei sich. Eine wahrhafte Bacchantinfigur, wie von einem griechischen Basrelief oder einer alten Gemme weg ins wirkliche Leben gezaubert! Die Glut schlug aus ihren schwarzen Augen, und ihre Lippen schienen berauscht zu dursten. Auch sie musste das Gerucht von Ardinghellon erfahren haben. Doch lief dabei noch ein andres herum: der Kardinal, Bruder des Grossherzogs, habe den Anverwandten des Papsts ermordet, und nicht Ardinghello. Dieser sei entwichen, vermutlich, um nicht in Verhaft genommen zu werden und die Schuld fur den machtigen Kardinal zu bussen. So schwebten wir zwischen Furcht und Hoffnung.

Fulvia machte sich nach Rom auf, obgleich vor kurzem erst aus dem Kindbette und von der von Genua nach Florenz gemachten Reise ermudet, und wir bald ihr nach, um an die Quelle zu gelangen. Ich ging gleich zu Demetrin, welcher von nichts weiter etwas wissen wollte, als was jedermann sagte, ob ich ihm gleich meine Freundschaft mit Ardinghellon aus deutlichen Proben anzeigte. So schlau und sicher betrug er sich. Auch glaub ich, dass Ardinghellos Tante der ganzen Begebenheit kundig war; aber beide liebten ihn schier wie sich selbst, und bei solchen Gefahren kann man nicht genug behutsam sein.

In Rom erfuhren wir noch, dass der Kardinal sich dieselbe Nacht, wo der Anverwandte des Papsts sei ermordet worden, die Hande und Arme von zwei der geschicktesten Chirurgen habe verbinden lassen, die ihm mit starken Wunden waren verhauen gewesen. Tags darauf hab er und Fiordimona Wache vor ihr Zimmer bekommen, seien aber bald wieder davon befreit worden; nur hatte der Papst ohne weitere Untersuchung Fiordimonen von Rom verbannt und auf ihre Guter verwiesen. Die Sache lage so vertuscht, und man laure Ardinghellon doch als dem Tater auf und habe Kundschafter allerorten nach ihm ausgesandt.

Gewissere Nachricht konnten wir nicht erhalten. Wir reisten von Rom ab nach Loretto und hielten uns Sommer und Herbst in den Gebirgen des Apennin auf; Cacilia und ich mit tiefer Trauer in der Seele, dass der Kardinal unsern Liebling heimlich mochte aus dem Wege geraumt haben. Nach und nach wurden wir vertrauter uber diesen Punkt; sie gestand mir endlich von selbst ihre Leidenschaft und fasste Mut auf meine tiefe Treue, weinte wie ein Kind uber ihre unseligen Schicksale und dass sie endlich hatte, wo sie ihr angeschwollnes Herz erleichtern konnte. So umschlang uns beide das Band einer vertrauten und innigen Freundschaft.

Endlich im November erst empfing ich einen Brief von diesem, der schon im August geschrieben, aber von Demetri oder seiner Tante, denn von der letztern kam er zu mir, verspatet worden war. Mir dunkte, als ob ich von einem furchterlichen Traum erwachte und den Glanz der Morgenrote schaute, als ich die Zuge seiner Hand erblickte.

Brindisi, August.

Meine widerwartigen Schicksale erheben mich mehr, als dass sie mich niederschlagen sollten; je starker der Widerstand, desto gedrungner und geschwellter regt sich alles in mir. Ich glaubte schon in Genuss und Ruhe zu sein, und jetzt erst beginnen meine Arbeiten. Ich seh in ein neues Leben hin, und das hohe Getummel ergreift meine Sinnen. Gut, dass ich nicht wie ein Kind hineinkomme! Das Leben des Junglings ist Liebe, das Leben des Mannes Verstand und Tat.

Ach, dass ich Dich nicht noch einmal sprechen durfte! Wir kamen bei Nacht zu Rom an; ich schickte Halen mit meinen Pferden voraus und wollte mit Fiordimonen auf ihr Gut alle Vene nachfahren, um uns dort zu vermahlen. Sie hatte deswegen in der Stadt verschiednes zu besorgen und mitzunehmen; aber es ist alles nun zerstort und zerrissen. Ich versteckte mich auf die drei oder vier Tage bei Demetrin, damit mich der Kardinal nicht wittern mochte; sie hatte mir manches erzahlt, wie er sie mit seiner Liebe verfolgte und dass sie ihn nicht leiden konnte.

Die zweite Nacht kam ein furchterliches Donnerwetter ohne Regen uber Rom, und es schmetterte Schlag auf Schlag, als ob alles untergehen sollte. Statt dass ich sonst grosse Freude an diesen Naturbegebenkann, wurde mir diesmal selbst bang im Herzen. Der Mensch ist ein sonderbares Wesen und voller dunkeln Gefuhle, die kein Philosoph aufklart; es war gewiss Ahndung dessen, was mir bevorstand. Ich warf meinen Mantel um mich und nahm den blossen Degen auf alle Gefahr unter den Arm und ging fort, um Fiordimonen in der schrecklichen Nacht nicht allein zu lassen; in ihrem Palaste waren den Sommer uber nur ein paar alte Bedienten und Frauen zuruckgeblieben. Sie hatte mir den Schlussel zu einer Seitentur gegeben. Ich eilte, und ging oft wieder langsam, und hielt im Schritt ein. Endlich kam ich in das kleine Gasschen an den Garten, wo ihr Schlafzimmer ist, und wurde plotzlich angefallen mit einem Dolchstoss in die Seite. Ich sprang zuruck, Blitze machten die Finsternis hell und zum Tage; erblickte den Morder, der mir nicht ausweichen konnte. Er rennte noch einmal auf mich zu, mich zu unterlaufen, und ich stiess ihn auf der Stelle nieder. Bei diesem allen wurde kein Wort ausgesprochen, indes der Donner um uns brullte, dass die Erde drohnte.

Kaum war dies vorbei und ich im Begriff, den Leichnam wegzuschleppen, so tritt eine andre verkappte Gestalt auf und setzt mit Tigersprungen auf mich ein, dass ich mit Not den Augenblick erhasche, mich zur Wehre zu stellen. "Vermaledeite Brut!" hort ich die Stimme meines Kardinals, der in die vorgehaltne Klinge mit der Brust lief, die ich bepanzert fuhlte. Erstaunt und erschrocken uber alle die Folgen, tat ich nichts als ihn von mir abhalten, gebrauchte meine ganze Starke und war bald so glucklich, dass ich ihm den Degen herausschlug, hieb ihn auf die Hande, womit er in Raserei mein Gewehr fassen wollte, schonte sein Leben und lief dann davon und durch Nebenwege wieder zu Demetrin.

Diesem erzahlt ich gleich, was geschehen war, und vertraute ihm das Hauptsachlichste meiner Geschichte mit Fiordimonen; und sein grosser edler Charakter erhielt hier Gelegenheit, sich zu zeigen. Er verbarg mich unerforschlich und half mir die folgende Nacht fort, nachdem wir erfuhren, dass der Ermordete, den wir zuerst fur einen Banditen hielten, selbst Vetter des Papsts, der jungere B*** sei. Auch dieser war wutend in Fiordimonen verliebt, ob sie mir gleich nie etwas von ihm gesagt hat. Meine Wunde ging nur gestreift uber die Rippen weg; das Stichblatt vom Degen im Arm hielt den Stoss auf, und wir brauchten dazu keinen Chirurgen. Tolomei verkleidete sich mit mir in einen Franziskaner, und so sind wir die Pontinischen Sumpfe zu Fuss durch und von Capua durch Kalabrien nach Brindisi. Heroen, echte wie Theseus und Perithoos, wie Orestes und Pylades, Demetri und er. O der Mensch kann gross sein in jedem Zeitalter, und das Edle in seiner Natur bleibt immer irgendwo noch auf Erdboden!

Fiordimona dauert mich; was kann das Feuer dafur, dass es brennt? Demetri hat kurze Nachricht vom fernern Erfolg an Tolomein nach Brindisi gegeben, unter andern Dingen, die er ihm meldete, dies wie im Vorbeigehen, wenn ohngefahr der Brief sollte aufgefangen werden: sie und der Kardinal haben des Mordes wegen Arrest bekommen. Um alles noch zu tun, was ich kann, hab ich selbst an den Heiligen Vater geschrieben, und an den Grossherzog, und noch an den Kardinal; und ihnen allen die Naturlichkeit und Notwendigkeit der Begebenheit und meine Unschuld vorgestellt.

Und nun denn hinein in die Wasserwelt; o wie klopft mir das Herz! O Vaterland, Vaterland, dass ich dich in Ketten und Banden sehen muss und von dir scheiden! Lebe wohl, schones Italien, lebe wohl! Lebe wohl, Venedig, Genua und Rom! O du warst es wert, stolzes Land, vor allen andern einmal die Herrschaft uber die Welt zu haben! Umarm und kusse Cacilien statt meiner; das himmlische Geschopf wird an keines andern Brust besser aufgehoben und glucklicher sein als der meines Freundes. Befurchtet keine Sunde; der Grosste der Halbgotter gab Iolen mit der empfangnen Frucht seiner Liebe seinem eignen Sohne zur Gattin. Lucinde, du allein brennst mich auf dem Herzen; aber ich will alle Verfolgungen des erzurnten Himmels dulden, wenn ich's bussen kann.

Lebt wohl, ihr Hohen des Apennin und ihr entzukkenden Taler! wohl, du koniglicher Po, und du, Tiber und Arno! ach, und ihr klaren Quellen des Clitumnus! Ein gunstiger Wind schwellt die Segel, und ich flieg Ionien entgegen. Ich reisse mich von Eurem Herzen, o all Ihr Lieben, um Eurer wurdig zu sein.

Ardinghello

Fiordimona war leider an allem schuld; sie mochte nun erkennen, wohin ihr schones System fuhre. Sie hatte vermutlich erst dem Neffen des Papsts Gehor gegeben, und hatte dann dem Kardinal Gehor gegeben, und suchte beide loszuwerden, wie sie Ardinghello mit ganz andrer Lust und Freude und Schonheit und Inbrunst an sich fesselte; und dieser liess sich in jugendlichem Taumel von ihren uberschwenglichen Reizen fangen. Die verwegne Reise nach Neapel machte sie wahrscheinlich deswegen, um die erstern ganz von sich abzubringen, welche vielleicht auch den Weg zu den Quellen des Clitumnus wussten, und den Ardinghello in aller moglichen Lust ungestort zu geniessen. Ein Weib kann seine Natur nicht verleugnen: sie kam den folgenden Winter mit Zwillingen von beiderlei Geschlecht nieder und fand es doch ihrem Stande gemass, den Vater derselben als Gemahl zu besitzen.

Die Mohrin musste unter den heftigsten Drohungen ohne Zweifel dem Kardinal ihre Reise mit Ardinghellon anzeigen, konnte aber nicht sagen, wohin. Und zu Rom und alle Vene wurde voll Rache auf ihre Zuruckkunft gelauert. In der Leidenschaft hatte das zartliche Paar seine Massregeln nicht behutsam genug genommen.

Ardinghello wurde allgemein bedauert, und auch Fiordimonen tadelte man nicht sehr: sie machten miteinander das vollkommenste Paar aus, das man weit und breit hatte finden konnen. Das Verstandnis der letztern mit dem Neffen und dem Kardinal liess sich durch den Ausgang nur mutmassen und blieb ausserdem im verborgnen; ihre seltne Schonheit und hohe Naturgaben und Reichtumer sprachen ubrigens fur sie, und das Geschwatz der Weiber hielt man fur Neid und gewohnliche Lasterung. Jeder Triumph hat seine Schmahlieder vom Pobel hinterdrein; dies ist in der Natur. Der Mann im Purpurhute schwieg hieruber weislich und sagte nicht mehr, als was er sagen musste, ins Ohr dem Richter. Ich habe hernach in lauter neuem Vergnugen vergessen, sie hieruber auszuforschen.

Von den Gutern des Ardinghello wurde nichts eingezogen, der Kardinal musst es doch gross finden, dass er sein Leben schonte, da er es in seiner Gewalt hatte; und seine Tante ubernahm deren Verwaltung, als Schwester seines Vaters. Sie verkaufte einen Teil davon und tilgte die Schulden; der Edle hatte manchem Mann von Talent aus der Not geholfen und in eine bequemere Verfassung gesetzt, welches nun bekannt wurde.

Erst den Fruhling darauf erhielt ich wieder kurze Nachricht von ihm; ein Brief war unterdessen mit einem venezianischen Schiffe verlorengegangen, das im Sturm bei Korfu scheiterte.

Im Hafen zu Scio, Mai.

All mein Wesen ist Genuss und Wirksamkeit; heiter der Kopf, immer voll heller Gedanken, reizender Bilder und bezaubernder Aussichten, und das Herz schlagt mir wie einer jungen Bacchantin im ersten ganz freien Liebestaumel.

Diagoras durchstreicht mit mir den Archipelagus, damit ich jeden gefahrlichen Pass und alle Hafen kenne. Von Smyrna sind wir ausgelaufen, den langen Golfo durch, nach Mytileni, Tenedos, an den Dardanellen herum, nach Stalimene, den herrlichen Posten Skyros und von hier ferner in jeden guten Hafen der Kykladen. Jetzt sind wir an den Kusten von Asien und werden bis Rhodos, in den Golfo von Makri segeln und von dort nach Agypten. Die Arbeit wird mir leicht; denn er hat von seinem Alten die trefflichsten

Uberall weiss mein edler Fuhrer, wo die neuern Helenen, Aspasien und Phrynen stecken, und hat mit mancher schon in Korsarenehe37 gelebt; Liebesgotter umgaukeln uns, sooft wir einlaufen.

Demetri hat einen glucklichen Geburtsort gehabt. Scio ist die schonste Stadt aller griechischen Inseln; und die Rebenhugel und Taler und Garten zwischen den Gebirgen im Innern des Landes mit ihren Pomeranzen, Zitronen- und Granatenhainen, von klaren herabsturzenden Bachen erfrischt und belebt, sind entzuckend und bezaubernd.

Jedoch so schon ist alles, wie Du langst weisst, unter diesem seligen Himmel; fast immerwahrender Fruhling, und fur die Sommerhitze kuhle Nachte; dichte Schatten, spielende Seelufte, Menge von Quellen und Uberfluss an gesunden und erquickenden Fruchten.

Paradies der Welt, Archipelagus, Morea, Karien und Ionien, o dass ich wurdig werde, euer ganz zu geniessen!

Die Griechen sind noch immer an Gehalt und Schonheit die ersten Menschen auf dem Erdboden, ihre Liebe zur Freiheit und ihr Hass gegen alle Art von Unterdruckung noch ebenso wie bei den Alten. Sobald sie nur ein wenig Luft bekommen von der ungeheuern Masse des Schicksals, die sie druckt, wie regt sich alles und ist Leben und Feuer! und wie halten sie an, wie blitzschnell durchdringt ihr Verstand bei Gefahr, ubersieht das Ganze und schlagt den rechten Weg ein! Die Mainotten auf den Gebirgen von Sparta sind noch nie bezwungen worden, sie und Montenegriner, Illyrier und Karier Helden wie ihre Urvater bei Plataia.

Kunst und mildere Sitten sind nur Ausbildung und machen weder eigentlichen Kern noch Genuss aus.

Und der Hang zur Freude, zur Lust, zu Gesang und Tanz, wie klopft er dennoch ebenso in ihren Adern! und wie machtig das Gefuhl fur Schonheit.

O Du und Cacilia, Ihr meine Geliebten, eilt hervor aus Euern Sumpfen!

Ardinghello

Im Herbste schrieb er mir von Sizilien aus, in dessen Gewassern er herumkreuzte und reiche Beute machte, 'am Fuss der Saule des Himmels, des sturmigen Atna, aus dessen hohlen Eingeweiden die lautersten Quellen unergrundlichen Feuers geworfen werden'.

Ulazal, der beruhmte Kalabreser, das Schrecken der Mittellandischen See, welcher die turkische Flotte anfuhrte und schon verschiedenemal die Spanier schlug, hatte ihn mit Freuden aufgenommen. Er tat sich bald hervor durch Verstand und Tapferkeit; bekam alsdenn eine Galeere unter seine Befehle, worin meistens italienische Renegaten und Griechen dienten; und es wurde durch Vermittelung des Diagoras, des Sohns vom Admiral, so unter der Decke getrieben, dass er nicht einmal seinen Glauben abschworen durfte und man dies fur geschehen annahm. Er und dieser junge Held, sein Todesbundesfreund, streiften nun jeder mit einem kleinen Geschwader als raublusterne Adler an den Kusten von Kalabrien, Sizilien und Spanien herum.

Den Winter darauf machten sie den Anfang mit Ausfuhrung eines der kuhnsten und feinsten Plane. Der alte Ulazal und besonders sein Sohn galten alles bei dem jungen Sultan Amurath. Diese begehrten die Inseln Paros und Naxos, um eine italienische Kolonie hier anzulegen. Beide waren durch Krieg schier unbewohnt geblieben. Die wenig ubrigen Griechen wollte man reichlich wegen ihrer Besitzungen entschadigen und an andre Orter verpflanzen, und zwar deswegen, weil die Abkommlinge ihre eigne Religion auszuuben verlangten und damit weder storen noch darin gestort sein wollten. Es waren in diesem Jahrhundert mancherlei Sekten unter den Christen entstanden, die sich einander bis aufs Blut hassten und verfolgten, unter andern eine, die sich Todesleugner nennten und glaubten, dass die Natur ein ewiger Quell von Leben und der Trieb alles Daseins Freude sei; deren Meinungen mit der Lehre Mahomeds in wesentlichen Punkten ubereinkamen. Zu dieser hielten sich die edelsten und reichsten Junglinge und Frauenzimmer und hofften am ersten unter seiner Herrschaft Schutz.

Ein Held aus ihnen, einer von ihren Anfuhrern, habe fluchten mussen, diene bei ihnen und verrichte seinen Grundsatzen gemass die tapfersten Taten. Eine Menge wurde diesem nachfolgen, wenn sie Sicherheit fur ihre Personen und ihr Eigentum wussten. Der grosse Vorteil fur sein Reich dabei ware augenscheinlich; ausserdem durften wohl wenige Muselmanner an Feuer im Gefecht gegen die sogenannten Orthodoxen ihnen gleichkommen.

Amurath wollte den Ardinghello sehen.

Dieser trat auf in mannlicher Jugend und Schonheit, kuhn, als ob er selbst ein Sultan ware, und gefallig wie vor einer Semiramis. Sie sprachen Neugriechisch miteinander, und Amurath blieb von ihm bezaubert; sie waren schier von gleichem Alter, und Ardinghello schmeichelte lieblich und machtig seiner geheimsten Denkungsart.

Sie erhielten, was sie wollten.

Ardinghello schrieb gleich an Demetrin, den er bei seiner Schwache fasste. Jeder Mensch, auch der festeste Charakter, hat seinen Grad von Schwarmerei; die reinste Vernunft so wie die geringste Insektenseele, ihre Ebbe und Flut unter dem Mond. Und sandte geheime sichere Werber aus nach Venedig, Genua, Florenz mit starken Summen zu Reisegeldern. Er kannte die vortrefflichste Jugend in allen diesen Stadten, und sein Name schon allein war genug Verfuhrung.

Den neuen Fruhling bewegte sich alles in den lustigen Inseln. Sie befestigten zuerst die Hafen von Paros und machten besonders den Hafen Nausa, wo die grossten Flotten sicher liegen, ganz unuberwindlich. Demetri kam bald mit zwei Schiffen voll jungen tapfern Romern und bluhenden Romerinnen in den zauberischen Gegenden seiner Geburt an, und Kunstlern: Architekten, Bildhauern, Malern, ausserst missvergnugt vorher uber ihren Lebenswandel, und hatte seinen Abzug mit wunderbarer Klugheit bewerkstelligt.

Sie brachen Marmor in den reichen Gangen des Bergs Kapresso zu Tempeln, offentlichen Palasten mit Versammlungshallen; das alte Athen unter dem Perikles schien wieder aufzuleben. Und es lebte wirklich und verklart auf. Nach Vertrag und Ubereinkunft mit dem Ardinghello und Diagoras predigte Demetri erst insgeheim Auserwahlten seine neue Religion; die mehrsten andern fielen hernach diesen bald bei, und endlich alle. Tolomei tat Wunder mit seiner Schonheit und einschmeichelnden Zunge. Wir waren meistens lauter unbefangne Jugend.

Ein neues Pantheon wurde der Natur aufgefuhrt, ein Tempel der Sonne und den Gestirnen, ein Tempel der Erde, ein Tempel der Luft und einer auf einem Vorgebirg in die See hin thronend dem Vater Neptun, und dann noch ein Labyrinth angelegt von Zedern und Eichen zur kunftigen schauervollen Nacht fur Zweifler dem unbekannten Gotte. Der Tempel der Erde, der Tempel der Luft und das Labyrinth kamen nach Naxos, der Tempel der Erde in ein entzuckendes Tal.

Wahrend der Zeit hatte Fiordimona den grossten Teil ihrer Guter zu Gelde gemacht und uberraschte mit einem kleinen Kastor und einer kleinen Helena den glucklichen Ardinghello; sie ward von der Coimbra begleitet, die sich mit List und Gewalt zu Neapel mit ihr einschiffte, und einer auserlesnen Schar.

Ich konnte Cacilien nicht langer widerstehen, ihrem Gram und Kummer. Sie schien dieselbe nicht mehr, die sie bei den grossen Szenen ihres Lebens war; aber eben dies machte sie mir immer liebenswurdiger. Nach dem Tode meiner Braut und unsrer Reise glaubte man in Venedig allgemein bei unserm vertrauten Umgange, und selbst ihre Bruder und Eltern, dass wir uns bald vermahlen wurden. Sie verkaufte unter allerlei Vorwand ihre reichsten Guter; wir segelten, wie zu einer Lustreise, aus der alten Residenz des heiligen Markus nach Ancona, schifften uns dort ein nach Smyrna und kamen auch an. Welch ein Auftritt, Ardinghello, sie und ich! So hat die Freude ihren Nektarrausch noch in wenig Herzen ergossen.

Alles ging nach Wunsch, nur Fulvia war unglucklich. Sie fluchtete auf einem Schiffe Genueser, dem man nachsetzte. Es kam bei dem Golfo von Tarent zu einem morderlichen Gefechte, wo sie die volle Ladung eines Morsers traf und in Trummern zerfleischte. Die jungen Helden schlugen sich jedoch durch und langten an, und brachten zugleich die Nachricht: Lucinde sei zu Lissabon, vermahlt mit dem Florio Branca, welchen der Konig zum obersten Admiral seiner ganzen Schiffahrt gemacht habe.

Gabriotto band dem Ardinghello nichts auf, als er ihm erzahlte, ein portugiesischer Prinz sei der wahre Vater von Lucinden. Dieser war vor kurzem auf den Thron gestiegen und liess nun die provenzalische Frucht seiner Liebe aufsuchen, weil er mit seiner Gemahlin ohne Kinder blieb. Und Lucinde kam schon vorher in der klosterlichen Einsamkeit wieder zu sich von ihrer Leidenschaft, wofur sie genug gebusst hatte, und liess ihren wohl grosstenteils verstellten Wahnsinn. Sie ward wie im Triumph mit einem prachtigen Schiff unter Bedeckung von andern abgeholt. Die Grossen des Reichs lagen der himmlischen Schonheit bald zu Fussen; aber das edle Herz wahlte seine erste Liebe.

Ihre Ehe war ausserst glucklich; sie zeugten viel Sohne und Tochter, von welchen jene der Vater zu Helden bildete und diese die Mutter durch ihr unvergleichliches Beispiel zu trefflichen Wirtschafterinnen und frommen, zartlichen und keuschen Frauen.

Ardinghellon war ein ander Los beschieden, eine andre Gluckseligkeit, von mancherlei Sturmen und Gefahren durchwutet.

Mazzuolo brachte mit einem starken Trupp Florentinern Emilien noch in seine Arme, und er schien fur jetzt Mahomed im Paradiese bei lebendigem Leibe.

Demetri ward zum Hohenpriester der Natur von allen einmutig erwahlt. Ardinghello zum Priester der Sonne und der Gestirne, Diagoras zum Priester des Meers. Fiordimona zur Priesterin der Erde und Cacilia zur Priesterin der Luft. Coimbra und ich pflegten und warteten das Labyrinth.

Demetri und Ardinghello und Fiordimona setzten Gesange auf aus dem Moses, Hiob, den Psalmen, dem Hohenlied und dem gottlichen Prediger; und aus dem Homer, dem Plato und den Choren der tragischen Dichter und ihrer eignen Begeistrung im Italienischen fur sich und die andern Priester und Priesterinnen und die Gemeinde, und erfanden heilige Gewander in echter alter ionischer Grazie und Schonheit. Und die Feierlichkeiten ergriffen bei dem Reize fur Aug und Ohr noch mit den starken Bildern aus wirklicher Natur den ganzen Menschen, dass alle Nerven harmonisch drohnten wie Saiten, von Meistern gespielt, auf wohlklingenden Instrumenten. Alles leere Pobelblendwerk ward verworfen, und wir wandelten in lauter Leben.

Darauf richteten wir unsre Staatsverfassung ein nach Rom und Griechenland und studierten fleissig dabei die Republik des Lykurg, des Plato, die Politik des Aristoteles, und den Fursten vom Machiavell, um uns vor diesem zu bewahren. Platons doppelten Burgerstand, wo die eine Klasse die Ehrenstellen haben und die andre den Ackerbau treiben soll, vermieden wir weislich, behielten aber die Gemeinschaft der Guter gegen den Aristoteles. Der Haufen Ubel, den wir dadurch verbannten, war allzu gross, und der scharfsinnige Prufer aller zu seiner Zeit bekannten Republiken schien uns hierin die Vorurteile der Erziehung nicht genug abgelegt zu haben. Inzwischen fand noch immer Eigentum statt, namlich offentliche Belohnungen; und jedem blieb, was er mit sich brachte, bis ans Ende seiner Tage.

Ferner waren die Weiber nach dem erhabnen Schuler des Sokrates, jedoch auch nur gewissermassen, gemeinschaftlich, und so die Manner; das ist: jedes hatte vollige Freiheit seiner Person, und alle Gewalttatigkeit wurde hart bestraft. Fur gute Ordnung war dabei wohl gesorgt; Manner und Weiber wohnten voneinander abgesondert. Den Weibern und Kindern uberliessen wir ganz Naxos, die schonste Perle aller Inseln, von den Alten schon wegen ihrer Fruchtbarkeit und Lieblichkeit das kleine Sizilien genannt. Ihr Wein und ihre Fruchte haben an Kostlichkeit ihresgleichen nicht auf dem weiten Erdboden. Schade nur, dass sich jener nicht verfuhren, nicht einmal auf die See bringen lasst, ohne sogleich zu verderben. Wahrer Nektar, dem Himmel unentwendbar! Alles schien fur uns, von der Natur selbst, schon vorherbereitet. Naxos hatte keinen Hafen fur Schiffe, nur die Barken der Verliebten konnen anlanden: hingegen Paros deren funf, rundum einen immer schoner als den andern.

Fur die Jugend, bevor sie mannbar ward, hatte man noch andre Einrichtungen getroffen.

Auch die Weiber hatten Stimmen bei den allgemeinen Geschaften und wurden nicht als blosse Sklavinnen behandelt, doch nur zehn Prozent in Vergleich mit den Mannern. Fiordimona, die unbegreiflich allein wer kann des Menschen Charakter fassen? dem Ardinghello treu blieb, hatte dies durchgesetzt, wie noch andres Amazonenhafte fur ihr Geschlecht; dass sie zum Beispiel auch Schiffe ausrusteten und auf Streifereien ausliefen. Sie waren Mitglieder vom Staat, obgleich die schwachern; und ihnen blieb das Recht, gut oder nicht gutzuheissen, besonders was sie selbst betraf.

Ubrigens war immer der Hauptunterschied, dass die Manner erwarben und sie bewahrten.

So schwang die Liebe in allerhochster Freiheit ihre Flugel; jedes beeiferte sich, schon und liebenswurdig zu sein, und konnte sich weder auf Geld und Gut noch Pflicht und Schuldigkeit verlassen. Was die Bevolkerung betraf, wollten wir uns in der Folge nach dem Spartaner richten, von welchem die erstaunte Priesterin zu Delphi nicht wusste, ob sie ihn als Sterblichen oder Gott begrussen sollte; die Kinder gehorten dem Staate, und der Tod dunkte uns bei weitem nicht das grosste Ubel.

Kurz, wir vermieden alle die Unbequemlichkeiten, die Aristoteles und zum Teil schon Aristophanes in seiner weiblichen Volksversammlung bei solchen Einrichtungen beruhren.

Um jeden Tempel, auf Bergen und Anhohen, mit den Aussichten auf die reizenden Inseln umher, war ein schoner Hain gepflanzt, bestimmt noch ausser Festen zur Erziehung der Jugend. Nebenan fuhrte man nach und nach Gymnasien auf. Wir hielten die Ubung des Korpers fur die Hauptsache, welcher alsdenn die Bildung des Geistes durch zweckvollen Unterricht und im Umgange leicht nachfolgt. Alle Tugenden und Kunste mussen sich allemal nach dem gegenwartigen Staate richten, wenn sie wirken und Nutzen bringen sollen, oder uberhaupt jede Tugend nach der Person.

Binnen wenig Jahren hatten wir schon alle Kykladen im Besitz und starken Einfluss auf dem festen Lande. Bei den Griechen, fast durchgehends heitern Sinnes, rotteten wir in gesellschaftlichen Gesprachen bald den Aberglauben aus und verschafften ihren Geistlichen auf anstandigre Weise Unterhalt. Die Turken, die sich um uns, mitten im Meer, wenig bekummerten, liessen wir in der Meinung, die verschiednen Tempel seien nur fur verschiedne christliche Heiligen, als fur den Heiligen des Feuers, der Wasser, der Lufte. Uberhaupt herrschte uber diesen Punkt, die Fortpflanzung, und andre bei uns unerhorte Verschwiegenheit; wir schienen durchaus ein Orden dieser Tugend. Auf allen Fall hielten wir uns des Schutzes vom Sultan fur versichert.

Wir machten uns die gesellschaftlichen Burden so leicht wie moglich zu ertragen und genossen alle Wonne dieses Lebens unter dem milden Himmelsstrich bei den erspriesslichen und allgemein beliebten Gesetzen; und das Ganze fugte sich immer lebendiger zusammen und wuchs zur reifen Schonheit durch neue auserwahlte Ankommlinge, worunter sich die schonste und heldenmutigste griechische Jugend aus beiderlei Geschlecht befand, die wir mit Behutsamkeit in unsern Geheimnissen einweihten. Kriegerische Schiffahrt und Handlung zwischen Kleinasien, dem Schwarzen Meer und den westlichen Landern, und hochste Freiheit, susses Ergotzen und frohe Geschaftigkeit im Innern, darauf zweckte alles; durch jene erhielten wir Sicherheit und verdienten Schutz, und durch beides gewannen wir Sklaven und Sklavinnen und Uberfluss an allen Bequemlichkeiten. Bei aller dieser Seligkeit glaub ich jedoch, dass auf dem ganzen Erdboden kein andrer Platz war, wo man sich so wenig vor dem Tode scheute.

Jeden Fruhling war allgemeine Versammlung, worin wir die notigen neuen Einrichtungen oder Abanderungen fur das ganze Jahr trafen; sie wurde mit feierlichen Spielen und Lustbarkeiten beschlossen.

Kurz, wir kamen beieinander, so verschieden auch mancher vorher dachte, in folgenden Grundbegriffen uberein: Kraft zu geniessen, oder, welches einerlei ist, Bedurfnis, gibt jedem Dinge sein Recht, und Starke und Verstand, Gluck und Schonheit den Besitz. Deswegen ist der Stand der Natur ein Stand des Krieges.

Das Interesse aller, die sich in eine Gesellschaft vereinigen, bildet darauf Ordnung, stiftet Gesetze und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabei, wie bei jedem andern lebendigen Ganzen, immer nach den Umstanden.

Der beste Staat ist, wo alle vollkommne Menschen und Burger sind; und diesem folgt, wo die mehrsten es sind. Hier wird kein Nero gedeihen! Derjenige Mensch und Burger ist vollkommen, welcher seine und seines Staats Rechte kennt und ausubt.

Jedes hat furs erste das Bedurfnis zu essen, zu trinken, mit Kleidung und Wohnung sich zu schutzen und zu sichern, die Wahrheit von dem Notwendigen einzusehen und, wenn es mannbar ist, das der Liebe zu pflegen. Vermag es nicht, sich dieses friedlich zu verschaffen, so darf es dazu die aussersten Mittel brauchen; denn ohne dasselbe erhalt es weder sich noch sein Geschlecht.

Auf gleiche Weise geht es hernach mit den Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens. Ein armer schwacher Staat mag sich an den ersten rohen begnugen; allein dieses ist zur Gluckseligkeit nicht hinlanglich. Der starke und tapfre hat zu mehrerm Recht, eben weil er weitre Bedurfnisse hat. Das beste Instrument gehort dem besten Virtuosen, das koniglichste Ross dem mutigsten und geubtesten Bereiter. Land fur Themistoklesse und Scipionen, fur Praxitelesse und Horaze keinen Monchen und Barbaren.

Wirkliche (nicht bloss eingebildete und ertraumte) Gluckseligkeit besteht allezeit in einem unzertrennlichen Drei: in Kraft zu geniessen, Gegenstand und Genuss. Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen, verstarken und verschonern.

Der Krieg richtet greuliche Verwustungen an, es ist wahr; bringt aber auch die wohltatigsten Fruchte hervor. Er gleicht dem Elemente des Feuers. Es ist nichts, was den Menschen so zur Vollkommenheit treibt, deren er fahig ist. Das goldne Jahrhundert der Griechen kam nach den Schlachten gegen die Perser. Das goldne Jahrhundert der Romer war mitten unter ihren Burgerkriegen, und ihr Geist fing an zu erschlaffen bei dem langen Frieden unter Augusten. Florenz ragt in den neuern Zeiten hervor bei innerlichem Tumult und Aufruhr.

Die hochste Weisheit der Schopfung ist vielleicht, dass alles in der Natur seine Feinde hat; dies regt das Leben auf! Sterben ist nur ein scheinbares Aufhoren und kommt beim Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was atmet, und wenn es auch Nestor wird, ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr dasselbe.

Ruh und Friede ist ein herrlicher Stand, zu geniessen und sich zu sammeln; aber der Mensch, ohne gereizt zu werden, trage, versinkt dabei in Untatigkeit. Besser, dass immer etwas da ist, das ihn aus seinem Schlummer weckt. Wir sollen einander bekriegen, weil kein hoher Geschopf es kann.

Was das ganze menschliche Geschlecht betrifft, durch Meere und Gebirge und Klima, durch Sitten und Sprachen abgesondert, welcher Kopf will es in Ordnung bringen? Die Natur scheint ewig wie ein Kind in das Mannigfaltige verliebt und will zu jeder Zeit deswegen rund um die Erdkugel Skythen, Perser, Athen und Sparta.

Das besondre Geheimnis unsrer Staatsverfassung, welches nur denen anvertraut ward, die sich durch Heldentaten und grossen Verstand ausgezeichnet hatten, bestand darin: der ganzen Regierung der Turken in diesem heitern Klima ein Ende zu machen und die Menschheit wieder zu ihrer Wurde zu erheben. Doch vereitelte dies nach seligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal.

Fussnoten

1 Es wurde allzu weitlaufig sein, die hier beruhrten Punkte der venezianischen Geschichte im Zusammenhange zu erzahlen; wer sie noch nicht wissen sollte, kann leicht anderswo davon Nachricht finden. 2 Man stosse sich nicht an diese jugendlichen Ausfalle auf die romischen und florentinischen Schulen; in der Folge wird sich alles deutlicher entwickeln. Inzwischen liegt schon Wahres hier zum Grunde. Es ging dem jungen Mann wie allen, die in zu strenger Lehre standen: sobald sie in Freiheit kommen, verabscheuen sie das Joch. Allein treffliche Naturen bequemen sich nach und nach wieder zu dem Guten, was es mit sich brachte. 3 Sirmio, Augapfel aller Halbinseln und Inseln, die der Gott der Wasserwelt in sussen Seen und dem ungeheuren Meer umfasst. 4 Du wirst sagen, dass jene Menschen, diese Gotter erbaut haben. 5 In der Folge wird man den Begriff von Schonheit allgemeiner und richtiger und nicht mehr so jugendlich sinnlich finden. 6 ... der wie ein Meer aufsteigt in rauschenden Fluten. 7 Bei unsern teutschen Ubersetzungen ist dies jedoch der Fall nicht; und wir haben recht, einzelne Namen zum Beispiel so echt altgriechisch dem Laute nach zu ubertragen, als wir zu bestimmen imstande sind. Der Laut wird inzwischen immer schwer mit einem Zeichen vollkommen richtig zu bestimmen sein, da ihn wahrscheinlich schon die Alten verschieden aussprachen; namlich nachdem die zwei Vokalen waren, die er ausdruckte. Die neuern Griechen machten es nach und nach damit wie die Englander mit ihrem ee und ea und ergriffen endlich noch eine festere Partie. Auch ist der Ubergang von ee und ea in i den Sprachorganen leichter und naturlicher, als es auf dem Papiere aussieht. Den Neugriechen klingt ausserdem hira oder hiri, aphroditi und so fort so zartlich, weiblich und lichtvoll als uns cidli, silli und dergleichen. Auf ahnliche Weise andern die Sizilianer das Toskanische um. Uber Wohlklang eines Vokals vor dem andern lasst sich im allgemeinen nichts entscheiden; es kommt auf jedes Wort selbst, den Gebrauch und das Ohr des Volks an. Was uns fremd lautet bei allen andern Nationen, lautet ihnen nicht fremd. 8 Fu amata dal Cosmo suo padre, di maniera, che era voce per la citta, che egli avesse commercio carnale seco, sagt eine florentinische Handschrift aus der damaligen Zeit hieruber. 9 Man erinnere sich hier, dass Poesie in Italien so gemein war und noch ist, dass Handwerksleute Homerische Fabel und Mythologie kennen. 10 Mare senza pesce, donne senza vergogna, Uomini senza fede; hat vermutlich seinen Ursprung aus Venedig, der naturlichen Feindin von Genua. 11 Bianca war die Tochter eines venezianischen Edelmanns, Bartolomeo Capello. Dessen Palast gegenuber hatte das Haus Salviati zu Florenz eine Bank und darin zum Kassierer den Pietro Bonaventuri. Dieser verliebte sich in ihre aufbluhende Schonheit, selbst jung und wohlgebildet, und klug und kuhn, obgleich unter ihrem Stand und ohne Vermogen. Sie glaubte, er selbst habe Anteil an der Bank, und gab seiner Leidenschaft unter Versprechung der Ehe Gehor, schlich sich oft des Nachts zu ihm und kehrte vor Anbruch des Morgens wieder zuruck. Einst, da sie auch die Tur von ihrem Hause angelehnt hatte, kam, wie damals in Venedig gewohnlich, fruh der Backer an die Fenster, um den Magden zu sagen, dass der Backofen fur den Brotteig geheizt ware, und zog die Tur zu, in der Meinung, es sei gestern nachts vernachlassigt worden. Bianca war mit ihrem Geliebten eingeschlummert, und beide hatten sich verschlafen. Sie ging, und erschrak. Eine alte Vertraute horte weder auf Pfeifen von Bonaventuri noch Rufen. Sie trug die Frucht der Liebe schon unter ihrem Herzen; auf freie Einwilligung ihrer Eltern durfte sie nicht hoffen: Bonaventuri musste mit ihr plotzlich sogleich nach Florenz durchgehen, wo sie zu Anfang ein kummerlich Leben fuhrte und die niedrigsten Arbeiten beim Vater ihres Gatten verrichtete; sie hatten sich nun vermahlt. Hier wurde hernach der junge Herzog gegen sie entzundet, als er ihre Reize von ohngefahr auf einem Spazierritt am Fenster erblickte; und sein Hofmeister Mondragone, ein Spanier, und dessen Frau machten die Unterhandler. Der neue Liebhaber ernannte den Bonaventuri zum Guardaroba maggiore und schenkte ihm einen prachtigen Palast in Via Maggio, wo er mit der Bianca in allem Uberfluss lebte. Als dieser aber sich bald zu ubermutig betrug, so liess ihn der Herzog bei Nacht auf der Strasse ermorden, wo er sich noch lange wehrte. Ihr einzig Kind, eine Tochter mit Bonaventuri, wurde mit Ulyss Bentivoglio verheuratet und reich ausgestattet. Keine zwei Monate nach dem Tode der Johanna von Osterreich, seiner Gemahlin, (einige Jahre nach dem gegenwartigen Lauf dieser Geschichte) vermahlte sich der Herzog mit Biancen in geheim; welches er ein Jahr darauf allen Hofen bekanntmachte. Nach Venedig sandt er den Grafen Sforza von Santa Fiore: und sie lauteten alle Glocken der Stadt, brannten die Kanonen ab und erklarten die Bianca fur vera e particolar figliola della Republica; e cio in considerazione di quelle preclarissime e singolarissime qualita, che degnissima la fanno di ogni gran fortuna. Das ist: erklarten sie fur eigentliche und vorzugliche Tochter der Republik; und dies in Betrachtung der glanzenden und ausserordentlichen Eigenschaften, die sie vollkommen wurdig jedes Thrones machten.

Sie wurde darauf als Tochter von Sankt Markus

noch einmal ihm offentlich angetraut. Aus

einer gleichzeitigen Handschrift.

12 Epicharmos; 'Traue nicht!' sagt er, 'dies ist alles Gelenk der Klugheit.' 13 Bruder des Grossherzogs. 14 Platoni artifices disserendi, non interpretes naturae aut doctores sapientiae, war damals die Meinung. 15 Vielleicht sprach Poussin bei dieser Gelegenheit das folglich hochst einseitige Urteil aus, dass Raffael gegen die Antiken ein Esel ware; denn was mochte sonst er selbst sein? 16 Hieron beim Xenophon spricht daruber anders aus Erfahrung. 17 Kyropadie, 8. B., 8. K. 18 Die Seiten sind hier und uberall immer nach dem Bilde genommen. 19 Poussin hat es auch oft genug kopiert. 20 Nebst einigen Uberbleibseln in Griechenland, die damals noch nicht bekannt waren. 21 Religion selbst kommt nach dem Cicero her von relegere, dem fleissigen Lesen dessen, was uber den Gotterdienst war festgesetzt worden. Die dies taten, hiessen religiosi. 22 Seine Lehre findet man kurz beisammen in folgenden Worten des Plato: , ' , . Kratylos 23 Sieh eben seinen Kratylos. 24 Das System des Preussen Kopernikus wurde am spatesten im Kirchenstaate angenommen, und Galilei war zu dieser Zeit kaum geboren. Man kann das Folgende fur eine Prophezeiung auf ihn halten. 25 Ich habe dieses jugendliche Gesprach eine Streiferei in die Metaphysik damaliger Zeit, wo Aristoteles noch auf dem Throne sass, des Zusammenhanges wegen nicht ausgelassen. Wohl uns, wenn wir ein paar Jahrhunderte hoher stehen! Ein Barbar aus Preussen, einer von der Themse hatte schon den tiefsinnigsten Griechen viel vergeblichen Kopfbrechens ersparen konnen. 26 Auch einige Alten hatten diese Idee; vom Licht kame das Auge, von der Luft das Ohr her, vom Wasser Geruch und Geschmack und von der Erde das Gefuhl. 27 Im Griechischen, was hier im Original gebraucht wird, von schwimmen. 28 Uber Pro und Contra in diesen Dingen sind wir jetzt durch grundlich denkende Manner, die es sich zum Hauptgeschafte machten, besser im klaren. Demetri hat die Idee des Xenophanes (damals in Rom, wie es scheint, noch ziemlich unbekannt), die schon langst vor diesem da war und in den neuern Zeiten (nach dem Cartesianischen Beweise) in Europa, mit bewunderten Systemen daruber, allgemein angenommen wird, auf seine Art behandelt. Ich wollte nichts daran umandern und den ersten rohen Entwurf lassen, weil es immer wenigstens ein kunstlerisches Vergnugen macht, auch des Geringsten eignen Gang wahrzunehmen. 29 Das Intelligibile, wie Leibniz in seiner Verteidigung der Dreieinigkeit, per nova reperta logica, sagt; so wie Gott der Vater das Intellectivum und der Heilige Geist, der von beiden ausgeht, die Intellectio. 30 Das Scharfsinnigste gegen das formlose Wesen findet man kraftig dargestellt im ersten Buche des Lucrez, an welchen Demetri und Ardinghello bei ihrer Unterredung nicht gedacht zu haben scheinen. Sein Nihilum ist gerade dasselbe. 31 Syme ist das Vaterland der Untertaucher in der Levante, eine kleine Insel mit einer Stadt bei Rhodi, dem grossen Magazin der turkischen Seemacht. Niemand erhalt das Burgerrecht, ohne vorher Beweise seiner Geschicklichkeit im Untertauchen gegeben zu haben. Hernach werden sie in die Hafen weit und breit herum verschrieben und untertauchen. Gleichsam Akademien und Hallen von Metaphysikern; nur dass sie bei ihrer auch gefahrlichen Kunst glucklicher sind und ofter Verlornes ergrunden und fest packen als Plato und Leibniz. 32 Eine gleichzeitige handschriftliche Chronik meldet dabei, jeder habe gesagt: che bisognava aver rimediato prima, che il padre, e il Granduca Francesco, il Cardinale, & altri suoi fratelli si servissero del mezzo suo per cavarsi le lor voglie, e con le altre donne della cita menandola tutta notte fuori vestita da Uomo, e voler poi, ch'ella fusse stata santa senza il marito. den andern schier ein gleiches erzahlt hat: e questo fu il misero fine delle figliole del Duca Cosmo de Medici. 33 Blutbrucke. 34 Knochenberg. 35 Das Mordloch. 36 Wenn ich den Himmel betrachte, mit unzahlbaren Sternen ausgeziert, und nieder auf den Boden schaue, von Nacht umgeben, in Schlaf und Vergessenheit begraben: So erwecken Kummer und Liebe in meiner Brust eine heisse Bangigkeit, und die Augen, zu Quellen geworden, vergiessen einen Bach von Tranen, Oloarte, und ich sag endlich mit klagender Stimme: "Aufenthalt der Herrlichkeit, Tempel der Klarheit und Schonheit, welch ein boses Schicksal halt die Seele, fur deine Hohen geboren, in diesem tiefen dunklen Kerker? " 37 Ist in den griechischen Hafen so im Gebrauch, wie bei den Englandern die Soldatenehe.