1786_Moritz_073 Topic 1

Karl Philipp Moritz

Andreas Hartknopf. Eine Allegorie

Non fumum ex fulgore

Sed ex fumo dare lucem.

Vorbericht.

Der Buchstabe todtet,

aber der Geist macht lebendig.

Hier will ich still stehen sagte mein lieber Andreas Hartknopf, da er sich plotzlich, auf seiner Wanderschaft an einem breiten Graben befand, und weder Weg noch Steg sahe, der ihn hinuberfuhren konnte; und doch war es schon beinahe dunkle Nacht, und der Wind wehte scharf aus Norden ihm einen seinen Staubregen ins Gesicht, der schon seine Kleider bis auf die Haut durchnetzt hatte er hat nun ausgewandert, der gute Hartknopf aber mir daucht, ich sehe ihn noch da stehen mit seinem langen Knotenstocke, den messingnen Kamm in sein dickes schwarzbraunes Haar geschlagen, und seinen Rock mit den steifen Schossen von oben bis unten zugeknopft

Er war eine gute Seele ob er gleich in der Gottheit vier Personen annahm, und glaubte, dass die ganze Welt aus alkalischem Salz geschaffen sey Diess offentliche Zeugniss von seinem Charakter und seinem Herzen, das gewiss ein Unpartheiischer fallt, moge ihn gegen die Beschuldigungen retten, womit Bosheit und Verlaumdung seinen Nahmen oft ge

Du guter Andreas Hartknopf magst wohl nicht gedacht haben, dass deine besten Freunde, die auch wie du an die Viereinigkeit, und an die Schopfung der Welt aus alkalischem Salze glaubten, und mit dir, wie du meintest, ein Herz und eine Seele waren, dass diese dein Gedachtniss nach deinem Tode so schandlich verunglimpfen wurden.

Ach, es war dir auch nicht bei der Wiege gesungen, wie es dir einmal in der Welt ergehen sollte dass du verstossen, verjagt, von aller Welt verlassen, umherirren, irgendwo ein freundliches Obdach suchen und es nicht finden solltest dass du an die Thuren deiner Bruder, deiner Freunde klopfen, und sie dir nicht aufgethan werden sollten dass du o nichts weiter! meine Seele ergrimmt gegen die Menschen, wenn ich bedenke, dass sie den Edelsten unter sich ausstiessen, den Diamant, der auf diese harten Kieselsteine seinen unnachahmlichen Glanz hatte werfen konnen, wodurch sie auch bemerkt worden waren, wenn man ihn unter ihnen gesucht hatte!

Oft unterhalt sich meine Seele in einsamen Stunden mit dir in Gesprachen; ich sehe dich in meine kleine Kammer treten; wir sehen uns und sehen den Himmel aus dem erofneten Fenster an und ob wir gleich nur gegen ein altes Gemauer blicken, so erhebt sich doch unser Herz, wenn die Sonne darauf scheint, und unsre Seelen ergiessen sich gegeneinander in Liebe und Warme, in sussen Gesprachen von Zukunft und Vergangenheit

Ich soll von dir reden, mein Guter! und rede mit dir Steh' ich muss wieder Abschied von deinem Geiste nehmen, wenn ich von dir reden soll das wird mir schwer o habt Geduld mit mir meine Leser! es ist mir schwer geworden, mich von meinem Freunde zu trennen ich sprach mit ihm, da ich mit euch sprechen sollte denn ich wollte euch doch seine Geschichte erzahlen.

Hier will ich still stehen! sagte er also, da er plotzlich an dem breiten Graben stand, uber den kein schmaler Steg ihn fuhrte er ging eine weite Strecke auf und ab, und fand keinen Weg hinuber die Nacht brach immer tiefer herein der Wind ging immer scharfer, und jagte schon den Regen in grossen Tropfen meinem Wandrer ins Gesicht hinter ihm war ein meilenlanger Wald Hier will ich still stehen, sagte er noch einmal weil ich nicht weiter kann und das will sagte er mit einem gewissen Trotz, aber auch zugleich mit einer Erhabenheit der Seele, womit er dem Regen und dem Sturmwinde zu befehlen und uber die Elemente zu herrschen schien.

Ich will, was ich muss, war sein Wahlspruch bis an den letzten Hauch seines Lebens Es war seine hochste Weissheit, der er bis zum Tode getreu blieb die ihn uber die Dornenpfade seines Lebens sicher hinleitete, die ihm am Rande des Grabes noch einmal ihre freundschaftliche Rechte bot.

Weil ich das nun alles weiss, und ich mich fast eben so in seine Seele hineindenken kann, als in meine eigne Seele so genau waren wir miteinander verwebt so kann ich nun auch das alles von ihm erzahlen, was gewiss sonst niemand leicht von ihm wurde erzahlen konnen: wie seine ganze Seele dabe arbeitete, als er die Worte sagte hier will ich still stehen bleiben! Er fuhlte dabei einen unwiderstehlichen Muth, womit er der Kalte, dem Regen, dem Winde, der Dunkelheit der Nacht, und der Ohnmacht der menschlichen Natur selbst Troz bot er zog sich in sich selbst zuruck, wie der Igel in seine Stacheln, wie die Schildkrote in ihr felsenfestes Haus; seine Brust war mit ehernem Muthe gestahlt, sein Korper zum Leiden abgehartet die rauhen Elemente noch immer seine Freunde, denn sie behandelten ihn gutiger, wie die Menschen.

Legen konnte er sich nicht, denn der Boden war vom Regen durchnasst Er stand und ging am Graben auf und nieder, dann stand er wieder eine Weile, und pfiff die halbe Nacht hindurch im Winde sein Leibstuckchen, dass es weit in die Ferne schallte, wo es der Wind hintrug Ein paar Eulen auf den nahen Baumen fingen an, statt der Nachtigall, ihn zu akkompagnieren, und ein paar Fledermause schwirreten statt der Lerchen ihm um den Kopf und er ward nicht bose daruber, sondern liess sich, da er es nicht besser haben konnte, den Wettgesang gern gefallen, und freute sich, dass selbst in der stillen Todten Nacht, die Natur noch Funken von Leben spruht sie machte ihm itzt, seine sonst so getreue, liebevolle, zwar eine etwas saure Miene und er hatte ihr in der Dunkelheit der Nacht, durch eine sehr unfreundliche Verzerrung seiner Gesichtszuge den Gruss sehr gut erwiedern konnen aber das that er nicht seine Stirne zog sich nicht in dustre Falten, sein Auge blieb so heiter, dass er sich vor der hellen Sonne nicht hatte schamen durfen, wenn sie in diesem Augenblicke sein Antlitz beleuchtet hatte.

Indem er noch so da stand und pfiff, horte er in der Ferne Menschenstimmen, und seine gute Laune, in die er sich hineingepfiffen hatte, erhielt beinahe einen kleinen Stoss bald aber ermannte er sich wieder, und die Menschenstimmen klangen seinen Ohren beinahe wieder so lieblich, als der Gesaug der Eulen, mit denen er vorher in Gesellschaft des rauschenden Windes ein angenehmes Konzert aufgefuhrt hatte.

Die Menschenstimmen tonten wild in die Nacht der Laut war wie von stammelnden Zungen, und ihr Ausruf war, wie der Ausruf derer, die voll sussen Weins sind. Schon waren sie dicht heran, und es war doch schandlich! die Eulen und Fledermause hatten meinem Hartknopf zur Gesellschaft mitgemacht und diese Unmenschen es waren ihrer zwei He da! Landsmann, stammelte der eine, was wankt er hier noch so spat umher? Ich kann nicht uber den Graben I Narr, so schwimm er durch, lachte jener laut auf, und stiess ihn in den Graben hinein Hartknopf rafte sich im Fallen so gut er konnte zusammen, und siehe da, es war eine Grube, wie die, worin weiland Joseph von seinen mitleidigen Brudern hinabgelassen wurde, es war ein Graben, worin kein Wasser war, und durch welchen er gleich anfangs trocknes Fusses hatte durchgehen konnen, wenn er statt seiner philosophischen Resignation, seine beiden Sinne Gesicht und Gefuhl zusammengenommen hatte, um sich vermittelst seines Dornstockes und seiner gesunden Fusse, erst einen Durchgang durch den Graben zu erproben, ehe er sich entschloss, die Nacht uber disseits zu bleiben, und mit seinem Pfeiffen ein paar Eulen zu akkompagniren.

Hartknopf kam nun auf der andern Seite des Grabens wieder in die Hohe, und machte auch nicht einmal in Gedanken seinem Beleidiger Vorwurfe, der ihm freilich wider Willen einen Dienst geleistet hatte, indem er ihn durch einen zwar etwas unsanften, Stoss durch einen Graben half, wodurch ihn vorher alle seine Philosophie nicht hatte helfen konnen. Was aber noch mehr war, so machte Hartknopf sich selber nicht einmal Vorwurfe, dass er wie mit Blindheit geschlagen gewesen war das war nun einmal seine Art so er hielt es fur noch einen kindischen und lappischen Streich mehr, wenn man sich uber irgend einen kindischen und lappischen Streich, den man einmal gemacht hatte, die Haare ausraufen wollte. Ueberhaupt hatte er sich, seitdem er anfing, weise zu werden, die Reue abzugewohnen gesucht, die er nur fur ein Arzneimittel der Thoren hielt. Ich will, was ich muss! war sein Wahlspruch, wenn er von aussen her getrieben wurde, und ich muss, was ich will, wenn ihn etwas von innen trieb. Gefuhl seiner Kraft, insbesondre der widerstrebenden, war seine hochste Gluckseligkeit. Darum mochte er zuweilen gern wider den Strom schwimmen, ob es ihm gleich sauer wurde, und wider die Wand rennen, ob er sich gleich den Kopf zerstiess. Darum war er auch die Nacht disseits des Grabens geblieben, als er nur einige Wahrscheinlichkeit hatte, dass er nicht wurde durchkommen konnen. Und er gefiel sich nun einmal so; und weil ihm die Zeit nicht sehr ubel verstrichen war, so wurde er sich uber jeden Aerger geargert haben, den er uber sich selbst hatte in sich aufsteigen lassen, darum argerte er sich dann am Ende lieber gar nicht.

Er verdoppelte seine Schritte, um sich warm zu gehen, und befand sich ungleich besser, da er wieder auf der Landstrasse war, und mit Zweck und Absicht sich nach einer festern Richtung fortbewegen konnte, als vorher, da er gehen musste um zu gehen, und immer wieder an denselben Fleck zuruckkam Diess fuhrte ihn zu tiefsinnigen Betrachtungen uber die gerade und uber die krumme Linie, und in wie fern die gerade Linie gleichsam das Bild des Zweckmassigen in unsern Handlungen sey, indem die Thatigkeit der Seele den kurzesten Weg zu ihrem Ziele nimmt die krumme Linie hingegen das Schone, Tandelnde und Spielende, den Tanz, das Spatzierengehen bezeichnet indem waren die beiden besoffnen Kerl schon wieder hinter ihm, und fassten ihn bruderlich, der eine unter dem rechten, der andre unter dem linken Arm der unter dem linken Arm hatte ihn in den Graben gestossen, und war wie der bose Schacher zur Linken am Kreutze, die Tugend und Weissheit ging in der Mitten.

Die beiden besoffnen Kerl aber waren ein paar Weltreformatoren und Kosmopoliten und der zur Linken war der Anfuhrer einer kleinen Kosmopolitenbande, die im Lande umherzog, und sich jetzt in einem kleinen Stadtchen aufhielt, um ihr Gaukelspiel da zu treiben, und aus allen vier Enden der Erde Menschen hinzulocken, die sich vor ihrer grossen Bude versammlen, und ihre Markschreier- und Taschenspielerkunste anstaunen sollten

Der Anfuhrer zur Linken hatte grosse schwarze struppigte Augenbraunen, und borstiges Haar, und trug ein sammtnes Kleid vom Schweiss und Blut der betrognen Menschheit Er kniff meinem guten Hartknopf in den Arm, dass es ihm blau wurde, da er ihn untergefasst hatte, und sagte: Du alter Kauz, wie ist dir denn das Schwimmen bekommen? daraus war denn zu schliessen, dass er ihn nicht in einen trocknen sondern mit Wasser angefullten Graben hatte stossen wollen, dieser Borstige.

Der Kosmopolit zur Rechten war der reuige Schacher, und sagte: Lieber Bruder, wir hatten dieses Menschen schonen sollen und hatten ihn nicht sollen in die Grube stossen, worin kein Wasser war der arme Mensch! indem druckte er Hartknopfen sanft die Hand und dieser sagte halb im Schlummer: Heute wirst du mit mir im Paradiese seyn! Er meinte aber den Gasthof in dem Stadtchen, das vor ihnen lag, wo er immer einzukehren pflegte, wo die Zollner und Sunder herbergten, und wohin jetzt sein sehnlichstes Wunschen ging. Die Idee vom Paradiese schlug in den beiden Kosmopolitenkopfen, wie ein Feuerfunken an sie hatte so etwas Erhabenes und Feierliches in der dunkeln, schauervollen Nacht, so wenig Erhabenes sich auch mein guter ehrlicher Hartknopf dabei gedacht hatte Der Schacher zur Rechten und der Schacher zur Linken fuhlten die ganze Macht der Worte, die sie nun wirklich auf sich abgezielt glaubten. Ihre Seelen wurden zerknirscht, Thranen entstromten ihren Augen; sie fingen an, sich wirklich fur ein paar arme Schacher zu halten, welche in ihrem verkehrten Sinn die hohe Wurde der Menschheit beleidigt hatten:

Fuhlst du das, lieber Bruder? sagte der zur Rechten Ich fuhl' es! antwortete der Linke mit bebender Stimme lass uns hier niederfallen im Staube, und den grossen Allvater bitten, dass er uns vergebe die Sunden unsrer Jugend und die Sunden unsrer grauen Jahre; dass er nicht ansehe unsre Missethat, und uns nicht strafe, wie wir es verdient haben denn wo will man einen Reinen finden, unter denen da keiner rein ist Bewahre meinen Fuss und so lang wie er war lag der borstige Betende ausgestreckt da denn sein Gebet war schwarze Heuchelei und verflog in den Luften er mass die Erde mit seiner Lange, denn er hatte sich an einem alten Stubben am Wege sein Schienbein zerstossen, dass es ihn bis in den Wirbel hinauf schmerzte. Das sanfte Erbarmen meines Hartknopfs mit seinem Beleidiger hob den Gefallnen wieder auf und der Gefallne dankte ihm nicht, denn sein boser Geist hatte dem Stubben Hartknopfs Gestalt gegeben und der Gefallne sagte zu dem Schacher zur Rechten: mein Bruder, was meinst du, der Schurke da hat mir ein Bein untergeschlagen, um sich an mir zu rachen! Ei so soll ihn ja auch rief der reuige Schacher, und fing an tuchtig auf meinen Hartknopf losszuschlagen, und der zur Linken war dabei sein getreuer Rath und Assistent aber das Blattchen fing sich bald an zu wenden. Die Weissheit in der Mitte nahm ihren Dornenstock in die Hand, und schlug damit rechts und links um sich, und die Thorheit taumelte an beiden Seiten von ihren wiederhohlten Schlagen zu Boden, und als mein Hartknopf die beiden Besoffnen nach Herzenslust durchgeprugelt hatte, so sagte er: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun!

Und nun hob er sie beide wieder auf, und sie wanderten wieder eintrachtig und bruderlich miteinander fort daruber brach der Tag an, und der Rausch in den Kopfen der beiden Kosmopoliten fing allmalig an zu verfliegen ihr nachtlicher Zwist mit Hartknopfen verlohr sich in ein dunkles Schattenbild und sie sahen jetzt seine offne Stirn und sein edles freies Auge, womit er sie im Glanz der aufgehenden Sonne anblickte, und schlugen beschamt ihre Augen nieder.

Alle drei schienen stillschweigend in einen Vertrag eingewilligt zu haben, alles in der Nacht vorgefallne in ganzliche Vergessenheit zu begraben. Sie unterhieltet sich miteinander uber die Schonheit des Morgens, uber die Pracht der aufgehenden Sonne, und uber den herrlichen Anblick der wiedererwachenden Natur und liessen ihren strafenden Unwillen gegen diejenigen aus, die den schonsten Morgen in ihren Pflaumfedern verschlafen konnten. Dann fragten erst die beiden Kosmopoliten ihren nachtlichen Gefahrten, wo er denn eigentlich herkomme, und wo er eigentlich hinwolle?

Beides wusste er nicht eigentlich zu beantworten. Er kam aus dem Abend, und wanderte gerade gegen den Morgen zu; denn der Weg von Westen nach Osten hatte fur ihn so etwas Reitzendes und Anziehendes, das sich zum Theil mit auf seine besondern Meinungen grundete. Da er nun in Suden und Norden eben so wenig Schatze zu hohlen hatte, als in Osten und Westen, so nahm er seine Richtung immer nach Osten zu, und richtete es gemeiniglich so ein, dass er den ersten fruhen Strahl der Sonne mit seinem Morgengebet begrussen konnte. Welche Stadte und Dorfer nun hier auf seinem Wege lagen, durch diese ging er oft hindurch, ohne nur nach ihrem Nahmen zu fragen, und wenn man ihn denn auch nicht nach seinem Nahmen fragte, sondern wie irgend ein unbedeutendes Wesen, einen Hund oder eine Katze, ihn durchwandern liess, ohne nur einen Blick auf ihn zu werfen, wie froh war er dann!

Als er aber durch das Land kam, wo man am Thore die Geheimnisse seines Herzens und seiner Taschen ausforschen wollte, ehe man ihn durchliess; so nahm er einen weiten, weiten Umweg, wenn er an eine Stadt kam, und musste von seiner geliebten Direktionslinie nach Osten manche Abweichung machen, ehe er wieder in sein Gleis kam dann schuttelte er den Staub von seinen Fussen uber einer solchen Stadt, und freute sich, wenn er in irgend eine durre sandigte Heide kam, wo keine Spur von Taschendurchsuchenden und Geheimnisseerforschenden Menschen zu sehen war, und er nun wieder freier athmen konnte.

Damit der Leser auch keinen Augenblick langer etwa den Gedanken hege, als habe sich Hartknopf von Westen gegen Osten hingebettelt so muss ich versichern denn ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass man diess auch nur von ihm denken konne so muss ich den Leser versichern, dass Hartknopf sich lieber auf irgend einer Vestung oder in irgend einem Zuchthause wurde von selbst angegeben haben, um zu karren oder zu raspeln, ehe er das gethan hatte. Auch brauchte er es nicht: denn er war seines Handwerks ein Grobschmidt und ein Priester, und konnte sich also mit seiner Hande Arbeit sowohl, als vom Evangelium nahren, das er den Leuten gern verkundigte, die es horen wollten aber von der Predigt des Evangeliums nahrte er sich nicht, sondern vom Schmiedehammer; denn er dachte, umsonst habt ihrs empfangen, umsonst sollt ihr es auch wiedergeben. Ein Arkanum fur die Schwindsucht, welches er besass, will ich nicht einmal erwahnen; er besass ein noch weit grossres Arkanum, den Leib des Menschen durch die Seele zu heilen wie oft hat er hiervon Gebrauch gemacht! er nahrte sich aber eben so wenig davon als vom Evangelium, das er verkundigte sondern der Schmiedehammer, den er mit seinem nervigten Arm wohl auf dem Ambos zu fuhren wusste, verschafte ihm Nahrung und Kleider; und wenn er dann mit dem Allernothwendigsten versehen war, so liess er eine Weile seinen Arm wieder ruhen, um seinen Lauf gegen Osten fortzusetzen, und seinen Weg, den er nahm, durch wohlthatige Handlungen zu bezeichnen. Am heissen Mittage begegnete ihm dann die Sonne in ihrem Laufe, und schien, ihm, als ihrem grossen Nachahmer, Beifall zuzulacheln. Das Geheimniss des Erdenlebens meines Hartknopfs ist mir heilig. Mit Ehrfurcht wage ich es, allmalig den Schleier wegzuziehen, der grosse, der Ewigkeit werthe Thaten vor dem Auge der Welt verhullte, die dermaleinst im hochsten Glanze schimmern, und die Thaten der Konige verdunkeln werden.

Du horest sein Sauseln wohl, aber du weissest nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fuhret. Der Fromme geht seinen Gang vor sich hin, so lange er hienieden wallet, ist in sich gekehrt, und merkt auf jeden seiner Schritte, die er thut seine Blicke schweifen nicht umher auf den Tochtern des Landes denn eine ist seine auserwahlte Braut, die verlasst er und sie ihn in Ewigkeit nicht, sie reicht ihm noch ihre sanfte Hand im finstern Thal des Todes, und geleitet ihn in bessre Welten hinuber, wo kein Kosmopolit den muden Wandrer mehr in einen Graben stosst, und kein boser Geist mehr einen Stubben in Hartknopfs Gestalt verwandelt, um ihm von zwei Weltreformatoren eine Tracht Schlage zuzuziehen.

Wohin er eigentlich ginge? fragten ihn also die beiden Weltreformatoren eigentlich habe er sich kein festes Ziel gesetzt, gab er zur Antwort, aber er wolle mir ihnen in das nachste Stadtchen gehen und dort im Paradiese einkehren, wo der Gastwirth noch sein Herr Vetter sey

Das Stadtchen aber, auf welches sie nun zu gingen, hiess Gellenhausen, und war Andreas Hartknopfs Geburtsort den er itzt besuchte, weil er auf seiner Direktionslinie nach Osten lag denn er kam aus dem aussersten Ende von Westphalen, und ging durch ganz Niedersachsen und Obersachsen immer auf das jetzige preussische Pohlen zu, und nun war er bis an Gellenhausen gekommen, ohne bis itzt daran zu denken, dass er da gebohren war bis er, noch den Abend vorher, ehe er an den breiten Graben kam, die hohe Thurmspitze in der Ferne schimmern sahe, welche die einzige in dem Stadtchen war, und mit ihrer Pracht alle ubrigen Hauser, die in einem Klumpchen zusammen gedrangt da lagen, verdunkelte und beschamte.

Das Stadtchen hatte sich auch in dem Thurme ganz verbauet, und der Magistrat von Gellenhausen ware beinahe daruber bei den hochsten Landesgerichten in Inquisition gekommen. Das war aber nun einmal die Art dieses Stadtchens, dass es schimmern wollte, von jeher davon zeugten noch die Ueberreste eines alten Walles, worauf ein paar ungeheure Kanonen gepflanzt waren und ein Prediger, der ein Buch geschrieben hatte unter dem Titel: die sich entknospende Fruhlingsrose oder die Hoffnungen des Christen jenseit des Grabes, wo sie nicht eher ruhten, bis sie ihn in ihr Stadtchen zogen, wo er auf dem Kirchhofe bei Mondschein Predigten hielt, und die Junglinge und Madchen des Ortes auf den Grabhugeln ihrer Vater um sich her versammelte, um ihnen die sich entknospende Fruhlingsrose vorzupredigen.

Nun wird man sich auch leicht erklaren konnen, wie sich in dem Stadtchen eine Kosmopolitenbande einnisteln konnte nachdem eine herumwandernde Truppe Komodianten schon die Halfte von dem Haab' und Gut der armen Einwohner mit sich hinweggenommen hatte.

Das Philantropin in Dessau existirte damals schon seit einigen Jahren, und hatte in den Kopfen der Deutschen einen Schwindel hervorgebracht, der sie damals noch in vollem Wirbel umherdrehte und so wie bei der Theaterepoche, die sich nun auch allmalig ihrem Ende nahert, mancher ehrliche Handwerksmann sich mit in den Wirbel hineinziehen liess, und den Leisten mit dem tragischen Kothurn verrauschte so waren auch Hartknopfs beide Begleiter, der eine zur Rechten Nahmens Kuster, wirklich ein Kuster, und der borstige zur Linken Nahmens Hagebuck, ein ehrsamer Schuster gewesen, der eine hohere Flamme in sich lodern fuhlte, und glaubte, dass er gar wohl fahig sey, in den Kopfen der Menschen ein Licht anzuzanden, deren Fussen er jetzt Schuhe anmessen musste.

Denn er hatte seines grossen Handwerksgenossen Jakob Bohmens Schriften gelesen, dadurch war zuerst der Funke in ihm angefacht worden denn es war ihm einmal, da er gerade den Pechdrath zog, als ob ihm eine Stimme vom Himmel zuriefe: Hagebuck! und er sagte: Herr, was ists? Da rief ihm die Stimme weiter zu: Lass deinen Pechdrath liegen, und wirf deinen Pfriemen von dir, und gehe hin in ein Land, dass ich dir zeigen will!

Er nahm drauf plotzlich von seinem Meister Abschied, welcher seinen verstorten Minen nach zu urtheilen, glaubte, er sey toll im Kopfe geworden, ihm seinen Lohn auszahlte, und froh war, dass er ihm loss wurde denn er war manchmal des Nachts bei Mondschein auf dem Dache herumgeklettert, und hatte das Haue beinahe wegen eines Spuckes in ublen Ruf gebracht; diess war aber ein Fehler, der ihm noch aus seiner Kindheit anklebte; denn er war einer der unheilbarsten Nachtwandler, die es je gegeben hat, und auch einer der geschicktesten: so dass er, wenn man ihn nicht bei seinem Taufnahmen rief, auf einer Dachspitze tanzen konnte.

Hans Hagebuck schnurte also sein Bundel, steckte seinen Jakob Bohme in die Tasche, und wanderte auf Dessau zu. Hier verkannte man seine Talente nicht, und er fand Gelegenheit, den Unterricht des Philantropins zu geniessen, und studirte Basedows Elementarwerk in der deutschen Uebersetzung, dass ihm der Kopf rauchte; der Erfolg davon war, dass er binnen einem Jahre, sich schon stark genug fuhlte wieder ein Lehrer der Menschen zu werden, und in dem Stadtchen Gellenhausen, wohin er berufen wurde, ein Philantropin nach dem Muster des Dessauischen zu errichten.

Sein Mitgehulfe war, wie schon gesagt, ein Kuster, welcher zugleich Kuster hiess Er war aber wegen seines tumultuarischen Charakters seines Dienstes entsetzt worden denn er wollte sich nicht in die gewohnliche Ordnung der Dinge fugen, seinem Pastor nachzutreten, sondern er wollte ihm an der Seite gehen, und den Pastor, wie seinen Freund und Kollegen betrachten er meinte, sie wollten zusammen in bruderlicher Eintracht auf ihr Zeitalter wirken, und dem alten Vorurtheil entgegen kampfen. Der Herr Pastor verstund aber keinen Spass, und verbat sich dergleichen Familiaritaten von seinem Untergebnen; und da der Kuster einmal andre Lieder in der Kirche anschlug, als der Pastor ihm gesagt hatte, so machte dieser einen Bericht aus Konsistorium, worin er diese nebst mehrern groblichen Vergehungen gegen die Subordination anzeigte und wovon die Folge war, dass dieser Kuster, welcher zugleich Kuster hiess, seines Dienstes entsetzt wurde er hatte die Basedowschen Schriften gelesen, und die Weltreformirsucht spuckte ihm auch im Kopfe er reiste also geradesweges nach Dessau, und machte Bekanntschaft mit dem Schuknecht Hagebuck, der so eben nach Gellenhausen abreisen wollte ihre Seelen begegneten sich schon in ihren Blicken; sie umarmten sich schon, da sie kaum einander nennen konnten und ihr Freundschaftsbundniss war auf ewig geschlossen; um es aber noch fester und feierlicher zu machen, liessen sie sich im Gasthofe zum goldnen Scepter, eine Bouteille Pontak geben, und tranken Bruderschaft nachdem sie vorher aus dem Basedowischen Liederbuche das Lied uber die Freundschaft gesungen hatten.

Und nun ging es denn geradesweges auf Gellenhausen zu Da war nun viel aufzuraumen da herrschte noch recht der alte Schlendrian im Schulwesen da regierte noch der Stock und die Ruthe da wurden noch Vokabeln auswendig gelernt Aber wie bald war das alles ganz anders! und Stock und Ruthe wie weggeblasen!

Bald wurde eine Meritentafel in der Kirche mit dem hohen Thurme aufgehangt, und jeder Junge in Gellenhausen, mochte er auch seyn, wer er wollte, bekam fur jede edle That, die er gethan hatte, einen goldnen Punkt darauf und es kamen plotzlich so viel edle Thaten zum Vorschein, dass ganz Gellenhausen daruber erstaunte.

Wer erst eine gewisse Anzahl solcher goldnen Punkte hatte, der bekam ein Ordensband, und da galt, wie billig, kein Ansehen der Person; mochte der Junge auch barfuss gehen, und die Schweine huten, so bekam er ein Ordensband.

Der Rektor des Stadtchens nannte zwar die Hagebuck- und Kustersche Anstalt eine Klippschule, weil kein Latein darin gelehrt wurde, und schlug ein Schnippchen dazu, allein sein Beutel und seine Kuche empfanden es dass diese neue Klippschule in Gellenhausen etwas mehr sagen wolle da flogen Braten und Weinflaschen, und Zuckerhute den beiden Weltreformatoren ins Haus, als ob sie mit dem leidigen Drachen ein Bundniss gehabt hatten.

Aber machten denn diese beiden allein die ganze Kosmopolitenbande aus? nein, es gehorte noch ein Schneider und ein Friseur dazu, die sie unterweges aufgerafft hatten der Friseur musste ihnen alle Morgen auf philantropinische Art ihr abgeschnittenes Haar im Nacken in runde Locken krauseln, um der Natur getreu zu bleiben, und dann erklarte er zugleich den kleinsten Kindern die Kupfer des Basedowischen Elementarwerks der Schneider flickte ihnen ihre Kleider mit seiner Nadel, und ihre Reden mit seinem Witz aus er war zugleich ein grosser Kinderfreund, und lehrte Kinder von vier Jahren lesen, ohne, dass sie erst buchstabiren lernten.

Es wurden nun Spatziergange, Wettrennen, gymnastische Uebungen angestellt Wie stauntest du Gellenhausen, da du zuerst deine hoffnungsvolle Jugend, unter den Augen ihrer vier Lehrer sich offentlich balgen sahest! da du sie zum erstenmal mit Knuppeln vor den Thoren exerzieren, und mit klingendem Spiel in deine Thore einziehen sahest! Da du zuerst den Knaben mit dem Ordensbande auf der Brust hinter den Schweinen hergehen, und sie nun menschenfreundlich und liebevoll von ihm behandelt sahest!

Aber wie stauntest du, mein Hartknopf, da du mit deinen beiden Gefahrten in die Thore deiner Geburtsstadt eingingest, und die ganze nunmehro philantropinisch gewordne Jugend deiner Vaterstadt, angefuhrt von ihren andern beiden Lehrern, dem Schneider und Friseur, in bester Ordnung dir entgegen kam, und deine beiden besoffnen Gefahrten, mit einem lautgellenden Freudengeschrei bewillkommte; und wie deine beiden Gefahrten umhalset und geliebkoset, und im Triumph durch die Strassen der Stadt, bis nach ihrer Wohnung in dem neuen Erziehungshause gefuhrt wurden; das eines der ansehnlichsten Gebaude in der Stadt war.

Der Triumph, womit Hagebuck und Kuster eingehohlt wurden, bezog sich auf eine Wette, die sie angestellt hatten, dass sie in Zeit von vier und zwanzig Stunden sieben Meilen zu Fusse hin und her gehen wollten. Diese Wette hatten sie nun gewonnen, indem sie von dem Orte, der sieben Meilen weit von Gellenhausen lag, Brief und Siegel mitbrachten, dass sie da gewesen waren. Solche Wetten wurden ofter angestellt, um dadurch einen edlen Wetteifer zu befordern Und Hagebuck und Kuster glaubten auch, schon des Beispiels wegen, solche Touren machen zu mussen, damit es nicht schiene, als ob sie selbst ihren Korper nicht abzuharten, und das nicht auszuuben suchten, was sie doch andern predigten. Nun schien aber vorzuglich das zu Fuss reisen, so etwas philantropinisches Weltburgermassiges zu seyn, dass sie nicht mit Unrecht glaubten, es verdiene wohl durch ihr eignes Beispiel den Menschen angepriesen zu werden. Hagebuck hatte von seiner Wanderschaft als Schuhknecht her noch eine grosse Gelaufigkeit in seinen Fussen, ob er gleich mit den Knieen etwas einwarts ging, dass er noch ziemlich munter auf den Beinen war, da Kuster schon anfing ziemlich schachmatt zu werden endlich aber da es gegen Abend ging, konnten sie beide nicht mehr fort und hatten doch noch beinahe funf Meilen vor sich; war es nun diesen Leuten, die es sich um das Beste der Menschheit so sauer werden liessen, wohl zu verdenken, wenn sie, da sie sich mit ein wenig Wein erquicken wollten, des Guten zuviel thaten, und nun die ubrigen funf Meilen in einem weg auf die lustigste Art hintaumelten, die sie sonst auf die langweiligste Art hatten gehen mussen.

Und hatten sie gleich im betrunknen Muthe den armen Hartknopf in einen Graben geworfen, so hatten sie ihm doch nachher bruderlich wieder unter die Arme gegriffen und hatten sie ihm gleich fur sein Mitleid gegen den Gefallnen mit Schlagen gelohnt; so hatten sie ihm doch auch wieder verziehen, da er ihnen doppelt und dreifach vergalt, was ihre blinde Nachsucht an ihm ausubte.

Und Hagebuck denn man muss doch auch dem Teufel Gerechtigkeit wiederfahren lassen war, seine Heuchelei und Verstellung, und seine menschenfeindliche Gemuthsart abgerechnet, die aus seinen schwarzen Augenbraunen hervorleuchtete, ein Mensch, der niemanden leicht etwas zu leide that; ausgenommen wenn es ihm Nutzen brachte, oder er sich etwa einmal einen kleinen Spass machen wollte, wie mit Hartknopfen, den er in den Graben stiess!

Der einzelne Mensch war ihm, wie nichts den unversehens in einen Graben zu stossen, und in den Arm zu kneifen, indem er sich stellte, als ob er ihn bruderlich unterfasste, daraus machte er sich nichts aber die ganze Menschheit konnte er liebevoll umfassen gegen die schlug sein Herz, wie er sagte, mit machtigen Schlagen; fur die opferte er, indem er in vier und zwanzig Stunden sieben Meilen hin und zuruck ging, seine Krafte auf.

Demohngeachtet aber fehlte es ihm nicht an einem wirklich unternehmenden Geiste; und er pflegte sich deswegen auch oft mit Luthern, und seinen Kollegen Kuster mit Melanchton zu vergleichen; und als er auf der Reise nach Gellenhausen begriffen war, so dachte er sich alle die Schwierigkeiten, die dort seinem grossen Reformationsgeschafte von der Geistlichkeit des Orts wurden entgegengesetzt werden, und konnte sich nicht enthalten, seinem grossen Vorganger Luther die merkwurdigen Worte nachzusprechen: wenn auch in Gellenhausen so viel Teufel als Ziegel auf den Dachern waren, so wolle er doch den Sieg behalten; er verstand aber unter den kleinen Teufeln, die Menge der Vorurtheile, die er nun in Gellenhausen besiegen, und was er sonst noch alles ausrichten wurde, so dass sein Angedenken noch nach Jahrhunderten nicht verloschen seyn sollte.

Kuster war eine gute schwache Seele, der allem Beifall gab, und alles fur Orakelspruche hielt, was sein Herr und Meister, Hagebuck nur uber seine weisen Lippen stromen liess. Wenn Hagebuck diktirte, so fasste Kusters Feder seine Worte, wie die Worte eines Heiligen auf, und brachte sie mit zitternder Hand zu Papier, dass ja nicht eine Silbe davon verloren ging denn brach er oft in laute, freudige Ausrufungen uber die hohe Weissheit aus, die in Hagebucks Worten lag, welche er das Gluck hatte niederzuschreiben

Er war Hagebucks getreues Echo wenn dieser diktirte, so schrieb er, und las ihm seine Worte wieder vor; wann dieser auf den Stock und die Ruthe schimpfte, so schalt er auf das Auswendiglernen und die Vokabeln; wenn dieser seinen undankbaren Zeitgenossen fluchte, dass sie ihn nicht zum allgemeinen Weltreformator mit einem Gehalt ernennen wollten, so seufzte er uber das undankbare Gellenhausen, welches doch, wie ich vorher bemerkt habe, was Viktualien anbetraf, sich nichts weniger, als undankbar bewiess; wenn Hagebuck mit dem hochsten Pathos eine Rede uber Menschengluck und Menschenwohlfahrt hielt, und seine Hande fochten, und alle seine Muskeln angestrengt waren; so sahe Kuster wie das Amen zu der Predigt dazu aus und er war auch wirklich das Ja und Amen von allen Reden, die Hagebuck je in seiner Gegenwart gehalten hat.

Man wundre sich nicht, dass dieser Kuster, da er noch wirklicher Kuster war, sich gegen seinen Pastor so ubermuthig betrug das Herz des Pastors war ein noch stolzeres und verzagteres Ding, als das Herz seines Kusters aber Hagebucks Genius war starker als Kusters Genius und sein Uebermuth verwandelte sich gegen diesen in Ehrfurcht und Anhanglichkeit, welche immer bei dem Schwachern gegen den Starkern statt findet, wenn der Starkere einmal sein Herr geworden ist.

Diese beiden Leute wurden nun, wie gesagt, im Triumph in Hartknopfs Vaterstadt eingehohlt, und um Hartknopfen bekummerte sich keine Seele, als ein alter Pudel, der seinem Herrn Vetter dem Gastwirth Knapp im Paradiese gehorte, und auch vor Alter schon auf einem Auge blind, und auf zwei Fussen lahm war. Dieser sprang auf, und liebkosete Hartknopfen, da er vor der Thure des Gasthofes stand, und das uralte Schild besahe, wo noch der Cherubim mit dem flammenden Schwerdte stand, und unsre beiden ersten Eltern nakt und bloss dem schonen Paradiese den Rucken zukehrten. Hier stand Hartknopf denn die beiden Weltburger mit denen er gewandert war, hatten nicht zu ihm gesagt: bleibe bei uns, denn es will Mittag werden, und dich wird wohl hungern; sondern sie sagten: behut' ihn Gott, mein Freund! da sie von ihm Abschied nahmen, und gaben ihm nicht die Hand vor den Leuten, sondern nickten ihm nur ein wenig mit dem Kopfe, und Hagebuck nickte ihm bloss mit seinen schwarzen Augenbraunen zu. Und Hartknopf kehrte nun nach einer langen muhseligen Wanderschaft in seinem Geburtsorte im Paradiese ein. Hier fand er doch Freunde und Bekannte wieder erstlich den alten lahmen Pudel, und dann seinen Herrn Vetter Knapp, die ihn beide herzlich bewillkommten.

Der Herr Vetter Knapp war ein Mann von kurzen Antworten, und seine Rede war im eigentlichen Verstande Ja! Ja! Nein! Nein! wenn man ihn aber auf den rechten Punkt brachte, wo er zu Hause war, und wo ihm eine Sache am Herzen lag, so sprach er mit einem Fluss der Rede, wo er kein Aufhoren finden konnte. Also:

H. Lieber Herr Vetter Knapp kennt er mich noch?

K. Ja! Ja! (indem er ihm die Hand-schuttelte.)

H. Lebt seine Frau noch?

K. Nein! Nein! (indem er sich die Augen wischte.).

H. Kann ich die Nacht hier herbergen?

K. Ja! Ja! (indem er ihn in seine beste Stube fuhrte.)

Knapp besorgte zu essen und zu trinken fur seinen Vetter, und beide setzten sich nun zu Tisch, und sprachen in zwei Stunden kein Wort miteinander, denn Hartknopf kannte seinen Vetter noch voll Alters her. Endlich fing Hartknopf an:

Lieber Vetter, wer sind denn eigentlich die beiden, die mich da unterweges begleitet haben, der Hagebuck und der Kuster, und was machen diese Leute hier?

K. Ja! Ja! mein Freund, da liesse sich viel von reden aber er weiss, das ist nun einmal meine Sache nicht es thut einem in der Seele weh, wenn man der Narrethei und dem Unwesen so zusieht! Erst hat sich der Magistrat in dem grossen spitzen Thurm verbauet was die Feldschlangen auf dem Walle sollen, das weiss der liebe Gott und nun lasst er da ein paar Landlaufer heruber kommen, die uns allen den Kopf toll machen seh er einmal meine beiden Nachbarsjungen: die Jungen sehen aus, wie die Narren, mit ihrem rochen Ordensbande, das sie um ihre schabichten Kamisohler hangen haben der eine hat einmal einen gefangnen Vogel wieder fliegen lassen, und der andre hat fur einen Hund gebeten, der Prugel haben sollte, dafur haben sie nun beide den Orden gekriegt alles wohl gut aber die Jungen wissen nun einmal, was fur ein Aufhebens davon gemacht wird, wenn sie so etwas thun; da werden ihnen nichts als kleine Geschichten erzahlt, wo dergleichen edle Handlungen zu Dutzenden darinn vorkommen; anstatt dass sie nun denken sollten, das musste schon so seyn, das verstunde sich schon von selbst, lernen sie etwas ganz besonderes daraus machen, und thun vor ihren Eltern und erwachsenen Leuten gross damit Lieber Vetter, was soll das? Die alten Tafeln, worauf die zehn Gebote standen, haben sie in unsrer Kirche abgenommen, und dafur eine Tafel mit Punkten hingehangt sehe er nur, das heisst eine Meritentafel, da stehen die Nahmen der Jungen oben angeschrieben, und wer die meisten Meriten hat, der hat auch die meisten goldnen Punkte, nun sag' er mir, was kann so ein Junge wohl fur Meriten haben? Wenn wir von Moral reden wollen, so sind doch die zehn Gebote auch eine recht kurze und nachdruckliche Moral warum sollen wir denn die nun wegen der goldnen Punkte abschaffen? Der Mensch behalt alles so leicht an den Zahlen, er zahlt sich so gern etwas an den Fingern ab Mit den zehn Geboten war man nun einmal so schon eingerichtet man durfte nur sagen, du musst nicht wider das siebente, wider das sechste, wider das achte Gebot, sundigen, und jedermann verstand einen gleich die neue Moral ist zu weitlauftig, Herr! fur uns gemeines Volk! Wir mussen etwas Kurzes und Bundiges haben, das wir auf den Fingern abzahlen konnen, und das uns immer zu rechter Zeit wieder einfallt, wenn wirs brauchen. Wer die funf Species rechnen kann, der hat so viel rechnen gelernt, als er furs Haus braucht, und wer die funf Hauptstucke von Luthers Katechismus im Kopfe und im Herzen hat, der hat auch so viel Christenthum und Moral gelernt, als er furs Haus braucht Was die drei Glaubensartikel anbetrift, so ist mir der von Gott den Vater immer der erbaulichste gewesen, der mich erschaffen hat, und noch erhalt, der mir Vernunft, Augen, Ohren, und alle Sinne gegeben hat, und der ein Schopfer Himmels und der Erden ist die andern beiden Glaubensartikel lasse ich aber auch in ihren Wurden, ob ich sie gleich nicht so ganz verstehe, wie den ersten.

Hier hatte nun Herr Knapp eine Saite auf Hartknopfs Seele beruhrt, die sogleich einen hellen und sanften Ton von sich gab, welcher den, der ihn horte, auf eine Weile in angenehme Schwarmereien einwiegte; bis auf einmal seine trockne Laune wieder da war, die den horchenden Traumer aus seinem Schlummer weckte, und ihn wieder auf den gegenwartigen Lebensfleck zuruckbrachte.

Was die Glaubensartikel anbetrift, mein lieber Vetter sagte Hartknopf was die anbetrift, so scheint er mir darinn auf einem recht guten Wege zu seyn, dass er den von Gott dem Vater fur den erbaulichsten halt, und die andern beiden doch auch in ihren Wurden lasst. Lieber Vetter! der Vater ware nicht Vater, wenn der Sohn nicht ware der Vater muss durch den Sohn erkannt werden, wie der Gedanke durch das Wort Das Wort ist das Kleid, das den Gedanken umhullet aber ohne das Wort ware der Gedanke nichts das Wort ist allmachtig es war im Anfange, und war bei Gott, und Gott war das Wort, und durch das Wort ist alles gemacht, was gemacht ist Lieber Vetter, unser ganzes Leben und Seyn drangt sich in ein grosses Wort zusammen, aber ich kann es nicht buchstabieren diess Wort hat den Himmel gewolbet, es hat aus der dunkeln Mitternacht die Morgensterne hervorgerufen Es gehet aus vom Vater, Sohn, und Geist, so wie der Geist vom Vater und Sohn, und der Sohn vom Vater allein ausgehet Viere sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, der Sohn, der Geist, und das Wort, und diese viere sind eins Das Wort aber ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnet, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, als eine Herrlichkeit des eingebohrnen Sohnes Gottes, und Vetter, wir konnen sie noch alle Tage sehen, und durfen sie nicht weit suchen. Die Weisheit stehet auf den Gassen und spricht: kommet her zu mir, und lernet von mir; ich will euch Worte des Lebens sagen! Die Worte des Lebens aber tonen sanft und voll, und wer sie einmal gehort und sein Ohr daran gewohnet hat, dem tonen sie sein ganzes Leben hindurch in einem fort, und sind der harmonische Takt zu allem, was er denkt, und spricht, und thut. Wer auf diesen Takt horcht, dessen Blut fliesst leicht in seinen Adern, seine Seel' ist immer heiter, sein Auge bestandig offen fur den Lichtstrom, der sich aus Gottes Schopfung hinein ergiesst; sein Schlummer ist sanft, sein Erwachen froh sein Tod wie erwunschter Schlaf in der schwulen Mittagshitze Vetter, wir sind ist das hochste, was wir sagen konnen die Welt um uns her ist unendlich gross, und uns ist doch hier so wohl zwischen seinen vier Pfahlen nun lass' er uns auch eine Pfeiffe Toback stopfen, und hort er nicht, sein Junge schreit!

Hartknopf hatte gleichsam den ersten Buchstaben von dem grossen Worte gesagt, und glaubte, sein Vetter wurde vielleicht mit dem zweiten Buchstaben einfallen weil er aber diess nicht that, so lenkte er bald wieder ein, und sagte: lass er uns doch eine Pfeiffe Toback stopfen, und: hort er nicht wie sein Junge schreit?

Der Junge schrie aber erbarmlich, weil ihn einer von den barfussigen philantropinischen Buben, der aber schon ein Ordensband trug, bei den Haaren herumzausste. Er hatte diesen Burschen mit seinem Ordensbande ausgehohnet, und der veestand keinen Spass, sondern fing an von seinem gymnastischen Unterricht itzt die praktische Anwendung zu machen, und baxte den kleinen zehnjahrigen Knapp zur Erde nieder, welches ihm nicht schwer fiel, da er selbst schon ein grosser Tolpel von sechzehn Jahren war.

Vater Knapp lief hinaus, und rettete seinen Sohn aus den Fausten des grossen Hagebuckschen Zoglinges, den er mit einigen fuhlbaren Verweisen entliess, und mit seinem zerzaussten und zerschlagnen Jungen zu seinem Vetter Hartknopf wieder in die Stube trat. Da haben wir nun die Fruchte, sagte er; so muss mein armer Junge es oft entgelten, wenn ich mich uber die Albernheiten aufhalte, und ihn nach meiner eignen Weise ziehe. Und wenn das Wesen noch lange so fortdauret, so werden wir doch am Ende noch alle zu Narren werden

Auf einmal fuhr ein Geist des Eifers in Hartknopfen, als solle er die Kaufer und Verkaufer aus dem Tempel treiben, und er stiess mit seinem Dornstock heftig auf die Erde, und sagte: Vetter, das soll hier gewiss nicht so bleiben.

Nun pflegte aber Hartknopf nichts zu sagen, was er nicht halten konnte. Als sie sich den Abend zu Tische setzten, wurden Rettiche aufgetragen, wovon Hartknopf ein Liebhaber war, und da man nun das Salzfass brachte, ruckte es Hartknopf vor sich hin, und fing daruber leise an zu beten, so dass sich sein Vetter daruber wunderte, und ihn um die Ursach dieses Beginnens fragte, worauf Hartknopf aber weiter nichts antwortete, als dass das Salz eine vorzugliche Gabe Gottes sey, wofur man ihn also auch vorzuglich mit einer aufmerksamen Hinsicht auf die Sache danken musse dabei schien es nun dem Vetter Knapp, als ob Hartknopf immer noch starr auf das Salzfass hinsahe, und mit seinen Augen gleichsam in das Allerinnerste dieser ihm heiligen und geweihten Korner einzudringen suchten Mit diesem Blicke noch immer auf das Salzfass geheftet, fing er an von den gegeneinander wirkenden Kraften in der Natur, von Neuheit und Jugend, von ewiger Auffrischung des Alten und Vergangnen zu reden und Knapp sahe auch aus einem sympathetischen Zuge bald auf das Salzfass und bald wieder auf seinen Vetter, der mit einer Art von heiliger Ehrfurcht, das Salz auf die Rettigscheiben zu streuen schien, indem er sprach und der in jedem Salzkorn auf seiner Zunge einen hohen Sinn, eine wundersame Bedeutung gleichsam zu schmecken schien.

Da sie nun gegessen hatten, so gingen sie in der Stadt umher, und besahen die bekannten Platze, wo Hartknopf als Kind gespielt hatte. Die Hutte, wo zuletzt Hartknopfs Eltern wohnten, war eingefallen sie gingen auf den Kirchhof, um ihre Grabhugel zu sehen es war Mondschein da stand der Verfasser der sich entknospenden Fruhlingsrose und stellte auf den Grabern der Tobten eine dramatische Uebung an. Es hatten nehmlich eine Anzahl Junglinge und Madchen, jeder eine von den Personen, die in Klopstocks Messjade vorkommen, als eine Rolle ubernommen, und die Reden, welche sie sagt, auswendig gelernt: der Fruhlingsrosenentknosper hatte dem Ganzen eine Art von dramatischer Form gegeben, und er selbst spielte denn naturlich die Hauptperson, den Auferstandnen, um den die Weiber weinen und klagen, und der ihnen dann plotzlich erscheinet. Diesen Abend wurden die Junger von Emaus aufgefuhrt, wovon Hagebuck den einen und Kuster den andern, der Stifter des Spiels selbst aber Christum vorstellete. Das Parterre war eine Reihe von Grabhugeln, worauf die Zuschauer sassen, und eine Reihe Lindenbaume, hinter welchen die spielenden Personen hervorkamen, waren die Kulissen. Die Erleuchtung machte, wie gesagt, der Mond. Sie hatten nun die Reden aus der Messiade auswendig gelernt; Hagebuck machte den etwas lebhaftern und Kuster den sanftern Junger; und gerade da der eine sagt: bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget, kamen Knapp und Hartknopf auf den Kirchhof gewandert, und die beiden Junger von Emaus erkannten Hartknopfen, mit dem sie die Nacht gewandert hatten, und ob sie ihn nun gleich in so unangenehmer Gesellschaft kommen sahen denn der Gastwirth Knapp war ihnen immer ein Dorn im Auge gewesen so nothigten sie ihn doch, im Ernst bei ihnen zu bleiben, und mit ihnen vorlieb zu nehmen denn es wurde wirklich, da es so weit kam, dass die beiden Junger von Emaus ihren unbekannten Gefahrten zum Essen einluden, ein artig besetzter Tisch unter einen der Lindenbaume gebracht, und Parterre und Theater floss nun in eins zusammen; denn die bisherigen Zuschauer setzten sich alle mit an den Tisch, und waren also nun Personen mit im Spiele Jesus brach das Brodt und dankte, aber er verschwand nicht, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, sondern liess es sich mit den ubrigen recht gut schmekken, und Hartknopf mit seinem Vetter mussten sich auch mit an den Tisch setzen, ehe liess man ihnen keine Ruhe. Es war diess eine Art von Pickenik, wozu ein jeder das seinige mit beitrug; die beiden Junger von Emaus gingen frei aus; um desto herzhafter aber fingen sie an zu zechen; denn fur gute Leute, sang Hagebuck, ist der gute Wein, und dabei machte er Hartknopfen ein schiefes Maul zu denn so oft ihn Hartknopf ansahe, so war es immer, als wenn der Hahn zum zweitenmal gekrahet hatte Der Blick durchschaute Hagebucks Geist und Seele, aber er war schon zu hart zum Schmelzen, er ging nicht hinaus, und weinte bitterlich, sondern, da er sich nicht anders mehr zu helfen wusste, machte er Hartknopfen ein schiefes Maul zu. Die Verzerrung seiner Muskeln dabei war krampfhaft und furchterlich Du wirst der Schlange den Kopf zertreten, aber sie wird dich in die Fersen stechen. Hartknopf sass erst da, still und unbemerkt und schwieg Die Sonne war untergesunken, das Gesprach lenkte sich auf Tod und Unsterblichkeit Hartknopf sagte ein paar Worte daruber, die der einfaltigste Bauer auch hatte sagen konnen, so kunstloss und ungelehrt waren sie und doch ward eine allgemeine Stille, da er gesprochen hatte, und es getraute sich eine Weile niemand weiter zu reden. So gross war die Herrschaft uber die Gemuther, die Hartknopfen angebohren zu seyn schien.

Man stand nun vom Tische auf, die Gesellschaft zerstreute sich nach und nach und ganz zuletzt taumelten denn die beiden Junger von Emaus auch wohlbezecht von dannen.

Hartknopf und sein Vetter blieben auf dem Kirchhof allein der Mond ging auf und beleuchtete die hohe Spitze des Kirchthurms und die alten langen Fenster der Kirche. Die beiden Vettern suchten den Grabhugel, wo Hartknopfs Eltern lagen. Sie fanden ihn endlich unter vielen heraus er war schon beinahe durch die Zeit geebnet; der Staub darunter war eingesunken, und der Hugel mit

Nahe dabei lag ein alter, abgehauener Baumstamm, sie walzten ihn heran, und setzten sich darauf

Nicht weit von hier sagte Knapp, und zeigte uber zwei fremde Graber weg, nicht weit von hier liegt meine Frau funfzehn Jahre lang habe ich mit ihr glucklich gelebt, und von den funfzehn Jahren gereuet mich auch kein einziger Tag ich habe sie doch gehabt, sagte er, sollte ich denn nun murren, dass ich sie nicht mehr habe?

Eben so wenig wie er murren kann, dass es heute nicht mehr gestern ist, antwortete Hartknopf. Was heisst haben? Wir haben den Tag nicht eher bis er vorbei ist. Niemand schatze sich glucklich, bis seine letzte Stunde da ist Wohl dem, der denn sagen kann: ich habe gelebt Seine Frau hat gelebt, lass er sie in Frieden ruhn!

Mir ist so wohl ums Herz, da ich mit ihm rede, erzahl' er mir doch nun auch seine Lebensgeschichte, wie es ihm zeithero gegangen ist, sagte Knapp er geht doch nun wohl schon stark in die Vierziger, und in Zeit von zwanzig Jahren kann einem schon vielerlei begegnen denn er mochte doch wohl ohngefahr ein Bursche von neunzehn Jahren seyn, da er als Geselle hier auswanderte aber das muss ich sagen, viel Sorge und Kummer muss er die Zeit her nicht gehabt haben, sein Gesicht hat sich fast gar nicht verandert ja! ja! ein Handwerk hat einen guldnen Boden, es lasst niemanden sinken, das habe ich immer gesagt, wenn sein Vater sich die Grille in den Kopf setzte ihn studieren zu lassen hatte sein Vater weniger uber Buchern gesessen, und das verwunschte Laboriren unterwegs gelassen, so ware ihm Haus und Hof nicht mit in Rauch aufgegangen, so hatte er nicht zuletzt in der alten Hutte wohnen, und in Kummer und Elend sterben mussen. Er hatte denn auch nicht auswandern durfen, lieber Andreas, und hatte bei fremden Leuten nicht sein Brodt suchen durfen. Doch das ist im Grunde einerlei, er hat sich doch nun was versucht, und wird sich schon durchgeschlagen haben. Aber Jammer und Schade ist es, um die schone Schmiede, die sein Vater hier hatte Gut war es, dass meine Schwester es nicht erlebte, wie sie verkauft wurde, es war ein schmuckes Madchen, da sie seinen Vater heirathete.

Indem sie noch so miteinander sprachen, kam ein alter Greis gebuckt auf einem Stabe im Mondschein daher geschlichen, bot ihnen einen guten Abend, gesellte sich zu ihnen, und setzte sich auf den Grabhugel bei ihnen nieder.

Es war der Rektor Emeritus von der lateinischen Schule in Gellenhausen, Hartknopfs ehemaliger Lehrer, der itzt von einem Gnadengelde von jahrlich funfzig Thalern kummerlich lebte. Die Belohnung seiner treuen Dienste erwartete ihn dort oben, und nicht hienieden auf Erden.

Er erkannte sogleich seinen ehemaligen Schuler, und eilte mit offnen Armen auf ihn zu: so sehe ich dich denn wieder, mein Getreuer, und sehe dich weise und glucklich, das sagt mir dein Blick und deine Farbe! "und dieser Handedruck!" sagte Hartknopf, und der alte Rektor Emeritus erkannte das Zeichen ihres ehemaligen Bundes der Weissheit und Tugend, den sie ohngeachter der Verschiedenheit des Alters, zu einer ewigen Freundschaft geschlossen hatten in dem Augenblick fuhlte er sich hoch begeistert die Vergangenheit stand mit diesem Zeichen plotzlich in ihrer ganzen Klarheit vor seiner Seele wieder da

Es ist voll Mittag! sagte Hartknopf und

Es ist hoch Mitternacht! antwortete der Greis.

Und Knapp sagte: es ist Zeit, dass wir zu Hause gehen; denn die Luft fangt an, kuhl zu werden.

Seine Geschichte, Vetter, ein andermal! Morgen Abend wollen wir uns hier wieder finden, sagte der Emeritus, und zu Knapp:

Gute Nacht Herr Gevatter! denn Knapps zehnjahriger Sohn war sein Pathe.

Darauf schieden sie voneinander.

Und Knapp und Hartknopf gingen zu Hause und legten sich nieder.

So ward aus Morgen und Abend Hartknopfs erster Tag in seinem Geburtsorte.

Hartknopfs erstes Erwachen in seinem

Geburtsorte.

Als Hartknopf am andern Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hugel sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand.

Von diesem Hugel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste Aussicht gleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage finden sollte, noch zur doppelten Strafe, vorher alle Herrlichkeit der Erde zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem Leibe verlassen musste.

Auf diesem Hugel unter dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt, und mit den andern Knaben des Orts Ball geschlagen. Von diesem Galgenhugel hatte er zuerst in Gottes schone Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne Thorweg unter freiem Himmel bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und schwarzen Knochen darinn aufgehangen hatte? Uebrigens diente ihm das Bild dieses Galgens in der Folge zum Kommentar uber die Geschichte Simsons, und kam ihm vor die Seele, so oft er las, dass Simson ein Stadtthor ausgehoben, und auf einen Berg getragen habe.

Diese Eindrucke waren so fest bei ihm geworden, dass sich ihm, so oft er einen Galgen sahe, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende Gegend sahe, das Bild eines Galgens unwillkuhrlich aufdrangte.

Itzt, da er nun denselben Galgen wiedersahe, an dessen Vorstellung sich alle die sussen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknupften, wurde er plotzlich mit einer unaussprechlichen Wehmuth erfullt was damals bluhte, fing nun schon an zu welken was damals welkte, war nicht mehr

Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knupfte seinen Rock von oben bis unten zu, sahe, ob sein Vetter noch schlief und dann liess er ihn ruhig schlafen, und wanderte an seinem Stabe in der kuhlen Morgenlust dem geliebten Hugel zu und der alte einaugige Pudel begleitete ihn.

Es war noch fruh am Tage die Thuren waren alle verschlossen und Gellenhausen lag noch im tiefen Schlummer begraben Da war ein Ziehbrunnen nicht weit von der ehemaligen Wohnung seiner Eltern. Beim Anblick desselben war ihm sonderbar zu Muthe Es war ihm plotzlich, als ob er einen Blick hinter den undurchdringlichen Vorhang gethan hatte, der irgend ein vergangnes Daseyn von seinem gegenwartigen Daseyn trennte. Er erinnerte sich an einen Zustand, der diesem ganz gleich war, und wusste doch diese Erinnerung nicht an Zeit und Ort zu knupfen.

Endlich fiel ihm ein, dass seine Mutter in seiner fruhesten Kindheit, ihn, wenn er die Frage that, woher er gekommen sey, immer den Brunnen nicht weit vom Hause, als den Urquell seines Daseyns genannt habe.

So oft er nun die Worter Brunn oder Brunnquell horte, entstand jene sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man sich an etwas aus den Jahren seiner allerfruhesten Kindheit erinnert.

Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit diesen Erinnerungen eine ganz eigne Bewandniss, und er hegte hieruber seine ganz besondern Gedanken

"Die allerfruheste Kindheit war ihm gleichsam der Lethefluss, aus welchem wir Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustande trinken Der Faden, der unser gegenwartiges Daseyn an irgend ein vergangnes knupfte, meinte er, sey hier so dunne gesponnen, dass ihn das Auge fast nicht mehr bemerken konnte; durch eine starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest drauf heftet, immer da einen Stern nach dem andern entdeckt, wo man vorher nur das Blaue sahe." Aber nun hat man einen Stern gesehen, und ist fest uberzeugt, dass man ihn gesehen hat, und sucht allenthalben mit den Augen, ohne ihn wieder finden zu konnen. So zahlte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm uber gewisse Dinge ein plotzliches Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch eben so schnell wieder verschwunden allein er wusste denn doch, dass er dieses Licht gehabt hatte und wenn es gleich verschwand, so liess es doch immer einen sanften Schimmer, ein in der Ferne dammerndes Abendroth zuruck, welches uber jede Stunde seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in susse Ahndungen und Traume einwiegte, das er sich denn gern gefallen liess, weil er, wie er sagte, doch nichts damit zu versaumen hatte.

Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnen ging ihm uber alles er betrachtete ihn lange und fest, ob es noch derselbe sey, und es war derselbe, wo er als ein Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war, und seine Mutter mit Geschrei und Schelten herzueilte, um ihn aus der Gefahr zu retten dieser heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken, als den Ursprung seines Daseyns gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam, alle die folgenden unzahligen Bilder seiner Seele zusammenstromten Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben: der grosse Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihm Gegenstande geschienen, die beinahe bis an die Wolken reichten.

Mogen nun Hartknopfs Grillen hieruber gewesen seyn, welche sie wollen ein Ziehbrunnen in einer Landschaft angebracht macht immer einen sonderbaren schwer zu erklarenden Effekt. Sey es nun das Einfache in dem Baue, oder sonst etwas, wodurch das Auge auf eine vorzugliche Art geruhrt wird, so giebt es immer dem Ganzen das Ansehen des Landlichen, des Alterthums, und der simplen Natur.

Eine Zugbrucke hat in der Wirkung fur mich etwas ahnliches mit jenem Bilde. Ich denke mir dabei weite Reisen ferne Stadt Anfang, Ende Kurz es giebt einige korperliche Gegenstande, bei deren Anblick wir eine dunkle Uebersicht unsers ganzen Lebens, und vielleicht unsers ganzen Daseyns erhalten. Diese Gegenstande mogen freilich immer bei einem jeden wieder andre seyn. Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzahlt hat, das habe ich ihm wieder von der Zugbrucke gesagt, und unsre beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung der Wirkung, die diese Gegenstande auf uns thaten, richtig zusammen.

Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unsrer Seelen heraus sprachen, so war es eine Zeitlang, als ob wir unsre Ichheit miteinander vertauscht hatten, wir fuhlten uns ineinander die innerste Folge der Gedanken des einen war fur den andern nicht mehr verschlossen.

Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache Es herrschte zwischen uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Englander a Silent Conversation nennt und welches man aus unsern faden Gesellschaftszirkeln immer mit Gewalt zu verscheuchen sucht indem man dieses heilige Stillschweigen fur eine Beleidigung des Wohlstandes halt.

O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens zu deiner Umarmung wieder erwache, durch was fur unbekannte geheimnissvolle Wege werden dann unsre Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden? wenn das Gewolbe des Ohrs in Staub zerfallen, dieser feuchte Crystall des Auges vertrocknet, und diese Lippe verwesst ist? Wenn diese Brust nicht mehr athmet um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, dass er sich mittheilt von aussen, und in dem Geiste des Horenden sich vervielfaltigt? Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unsern Gedanken befestigt seyn? sollte es unmoglich seyn, dass sie unmittelbar zu einander gelangen konnten o mein Hartknopf, dann warest du fur mich verlohren, und fur mich ware eine ewige melancholische Einsamkeit aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden, da selbst unsre Augen verschlossen waren diese Minuten sollen mir heilig seyn, an der Stutze will ich mich festhalten, wenn manchmal in truben Stunden meine Zuversicht und mein Glaube wankt!

Hartknopf eilte nun weiter dem Thore zu, welches auf den Galgenberg fuhrte er sahe die breite Heerstrasse vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft, als Schmiedeknecht, angetreten hatte. Hier fuhlte er sich in seiner ganzen jugendlichen Starke wieder die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals auch fuhrte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu er war auch auf seiner ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgeruckt, hatte sich aber nachher wieder weit gegen Westen geschlagen da ging ihm denn die Sonne seines Glucks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf.

Das Erdreich fing sich an zu heben, der Horizont wurde immer weiter Thurme von Dorfkirchen und einzelne Hauser, die Hartknopfen alle bekannt waren, stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn, wie ihren alten Freund und Bekannten wieder zu begrussen Gellenhausen lag tief im Thale, und er konnte bis in die Strassen hinabsehen

Endlich walzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben, am Himmel herauf, und rothete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hugel, und dann die Spitze des hohen Thurms in Gellenhausen Endlich kam sie nun gerade hinter den Galgen zu stehen, der Hartknopfen wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie Simsons grosses Thor vorkam, und eine Ehrenpforte zu seyn schien, wodurch die majestatische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte.

Gerade unter dem Galgen war der weiteste Pro

spekt, und mit welchen Entzucken nun Hartknopf da stand, und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung genoss, vermag ich nicht zu beschreiben. Er faltete seine Hande zu Gott empor, der ihn bis hieher gefuhrt habe.

So stand Hartknopf und betete, sein Gesicht gegen

Osten gekehrt, zu dem Erhalter des Weltalls in der stillen Einsamkeit, unter dem Hochgerichte bei Gellenhausen Dieser Hugel war sein Altar, und die ganze Natur sein Tempel.

Auf den Altaren in den Kirchen, die mit Menschen

handen gebauet sind, steht zum Schmuck ein Creutz; diesen grossen Altar schmuckte ein Galgen, an welchem vielleicht schon mancher, als ein Opfer der unerbittlichen strafenden Gerechtigkeit, unschuldig gelitten hatte. Und hatte auch nur ein einziger unschuldig daran gelitten, so war diess Holz dadurch schon eingeweiht.

Ach, und die Schuldigen die hier einen schmahli

chen und schandlichen Tod fanden wer hat das Labyrinth ihrer von Kindheit auf verflochtnen Schicksale durchschaut? welcher Richter in die innersten Falten ihres Herzens geblickt? wer den Uebergang von dem Gedanken zur That bemerkt? bemerkt, von welchen Gegenstanden, wahrend dieses Uebergangs, Lichtstrahlen ins Auge, Tone ins Ohr sich stahlen? ob der Himmel heiter oder trube war, die Sonne sich hinter einer Wolke verbarg oder sanft dem noch nicht gewordnen Verbrecher ins Auge glanzte? Wie manchen hat der Anblick der vollen Natur, der Anbruch des Morgens von einer That zuruckgehalten, woruber seine Seele in nachtlicher Stille gebrutet hatte? Ja, wer hat sein eignes Herz durchschaut, um ein Richter seiner eignen Handlungen seyn zu konnen? Verzeihe mir, Herr, die verborgnen Fehler! sagte Hartknopf, indem sahe er sich um, und hinter ihm stand sein aller Vektor Emeritus, der sich eben von einem Husten erhohlte, den ihm das Aufsteigen auf den Berg, und die kuhle Morgenluft verursacht hatte. Sie setzten sich nieder, und fingen, ihr Antlitz gegen Osten gekehrt, folgendes Gesprach an: Hartknopfs Unterredung mit seinem alten Lehrer

unter dem Galgen von Gellenhausen.

Der Emeritus. Ich glaubte dich hier zu finden, mein lieber Andreas, und ich sehe, dass ich mich nicht geirrt habe mit Entzucken lese ich heute noch wie gestern, in deinem Auge, in deinen bluhenden Wangen, auf deiner heitern Stirn, dass unser Bund der Weissheit und der Tugend noch fest steht, und dass er fest stehen wird, wenn diese meine morsche Hutte langst zerfallen ist Sonnen sind aufgegangen und Sonnen sind untergegangen, seit ich dich nicht gesehen habe, Menschen sind in Staub gesunken, und Menschen sind geworden, der Schnee hat oft diese Hugel and diese Thaler bedeckt, und ist wieder von den Strahlen der Sonne hinweggeschmolzen, seit ich dich nicht gesehen habe dennoch ist der Faden, womit sich meine Gedanken an die deinigen knupften, nicht abgerissen wir sprachen, da wir vor ein und zwanzig Jahren zuletzt auf diesem Hugel voneinander Abschied nahmen von meiner alten messingnen Studierlampe mit dem grunen Schirm da wollen wir also wieder anfangen: wie doch so ein Ding ausdauren kann die Lampe steht dir noch unversehrt auf dem Schrank hinter der Thure, und meine alte Haushalterinn scheuert sie alle acht Tage so blank, dass sie wie ein Spiegel glanzt, und doch ist sie noch wenig oder gar nichts abgenutzt wie manchen Abend hat sie uns beiden, Weissheit und Wahrheit durch das Auge in die Seele geleuchtet, und der grune wohlthatige Schirm milderte ihren Schein, dass unser Auge nicht ermudete Du hast nachher wohl bei mancherlei Lampen gesessen aber ich bin dieser einen getreu geblieben Du sollst sie auch wieder sehen! Lieber Andreas, was ist diese Hulle von Staub? Dieser hinfallige Korper, den eine alte Studierlampe uberlebt Es ist doch Schade, dass dieser kunstreiche Bau des Auges, durch welches Licht und Wahrheit in die Seele stromt, eher wieder in Staub versinken soll, als die Lampe, die ihm leuchtete Diese Hand liess es ihr nie an Oehl und Tacht gebrechen, und in kurzem wird sie verwesst seyn was waren wir, lieber Andreas, wenn das, was wir unsre Hulle nennen, unser ganzes Ich ware? Aber es kann nicht so seyn, und es ist nicht so du sollst mich auf meinem Todtbette beobachten, wenn meine Augen brechen, und meine Lebensgeister hinsinken, und indem meine Brust zu athmen aufhort, werd ich dir noch einen Druck mit der Hand geben der soll dir sagen, dass ich noch bin, in dem Augenblick, da ich aufhore zu leben. (Er gab drauf Hartknopfen die Hand auf die Art, wie er sie ihm auf dem Todbette geben wollte und Hartknopf vergoss keine Thrane, da er den Emeritus so reden horte, sondern es leuchtete vielmehr eine himmlische Heiterkeit und Zuversicht aus seinem Auge hervor Der Handedruck hatte etwas Erhabenes, Nerven- und Seelenerschutterndes, und eine uberzeugende Kraft, die mehr als der bundigste Syllogismus wirkte.)

Hartknopf. O mein Elias! diess war sein Taufnahme, und da sie den Bund schlossen, hatte der Rektor Hartknopfen, ihn immer so zu nennen befohlen lass deinen Geist zwiefach auf mir deinem Junger ruhn, wenn du auffahrest! Ich will dir nachblicken, so weit ich kann, aber lass auch deine Gedanken mit meinen sich zusammen finden! wenn du noch bist, so muss das geschehen, wenn ich dich nicht mehr hore und nicht mehr sehe, so muss doch mein Geist mit deinem Geiste noch Umgang pflegen wenn ich rede, musst du mir antworten, wenn ich dich rufe, musst du nicht ferne seyn

Der Emeritus. Ja, um wieder auf die Lampe zu kommen, weisst du auch, wie wir einmal beim Shakespear sassen der schonen Shakespearabende hast du dich gewiss oft erinnert wir lasen den Othello. Wir sahen eine Welt von Leidenschaften vor unsrer Seele aufsteigen und unsre Erwartung der schrecklichen Katastrophe war aufs hochste gespannt, als plotzlich die Lampe verlosch und wir konnten sie nicht wieder anzunden das ganze erhabne Zauberwerk war verschwunden, bloss weil eine armseelige Lampe verlosch wir legten uns missvergnugt zu Bette. Und wenn nun das Oehl in dieser Lebenslampe versiegt, und der Tocht vertrocknet ist, und die leuchtenden Sterne dieser Augen auf immer verloschen sind dann ist auf einmal der sonst feste Zusammenhang so vieler Dinge fur uns abgeschnitten wir legten uns damals missvergnugt zu Bette, als die Lampe verloschen war weil wir den Zusammenhang einer blossen Phantasie, einer Schopfung der Einbildungskraft nicht weiter verfolgen konnten. O mein Freund, wie gut ist es, sich nicht zu tief in den Lebenstext hereinzulesen immer auf der Warte zu stehn um bereit zu seyn, sobald die Ordre zum Aufbruch gegeben, und das grosse Feldsignal aufgesteckt wird, dass wir kennen.

Ist es dir nicht oft im Traume gewesen, mein lieber Andreas, als ob du das Erwachen furchtetest; und wenn du erwachtest, wunschtest du denn nicht manchmal wieder einzuschlafen, um nur den Faden von dem abgerissnen Traume wieder anzuknupfen aber wenn du recht erwacht, und deiner selbst dich vollig wieder bewusst warest, musstest du da nicht uber dein Beginnen lacheln?

Sieh, so lange, bis wir erst recht und vollkommen von diesem Lebensschlaf erwacht sind, werden wir auch noch immer wunschen den schonen Traum wieder anzuknupfen, der durch den Tod unterbrochen wird aber wenn uns erst die Schlummerkorner aus den Augen gewischt sind dann werden wir ins Freie schauen dann werden wir uns in der Wahrheitswelt erst wieder zu orientieren suchen, so wie wir beim Erwachen aus dem Schlafe nach irgend einem Fenster oder einer Thure fest hinblicken, und uns die Gegenstande rund um uns her merken, um uns zu uberzeugen, dass wir nicht mehr traumen sondern wachen dann wird der Zusammenhang der Dinge, den wir durchschauen, den gegenwartigen eben so sehr ubertreffen, als wie der Tag die Nacht an Klarheit ubertrift.

Warum sollte diese Stufenfolge nicht statt finden, mein Lieber? mir hat oft getraumet, dass ich aus einem Traume erwacht sey, und ich habe im Traume uber meinen gehabten Traum nachgedacht und beim Erwachen konnt' ich uber beides nachdenken. Der Traum war wegen seiner grossern Deutlichkeit eine Art von Erwachen gegen den ersten diess anscheinende Erwachen aber war doch wieder nur ein Traum gegen das ordentliche Erwachen und diess ordentliche Erwachen, wer sagt uns, dass es gegen eine noch deutlichere Einsicht in den Zusammenhang der Dinge, uns nicht wieder wie ein Traum dereinst vorkommen wird.

Jemehr Zusammenhang, jemehr Wahrheit jemehr Ordnung, jemehr Licht. Wie vieles ist uns hier noch dunkel und verwirrt es kann unmoglich das rechte Wachen seyn.

Indem der Emeritus noch so sprach, wurde auf einmal sein Auge starr, und seine Lippen bewegten sich nicht mehr Hartknopf erschrak allein der entzuckte Greis kam bald wieder zu sich, druckte Hartknopfen die Hand, und sagte:

Das war eine sonderbare Empfindung indem ich eben itzt so lebhaft dachte, dass diess unmoglich das rechte Wachen seyn konnte so war es mir gerade als wenn einem im Traume einfallt, dass man traumt; man pflegt denn zu erwachen mir daucht, ich war itzt auf dem Wege zu erwachen, aber well ich dich vor mir sahe, so war mir der Traum zu suss; ich mochte ihn noch nicht fahren lassen, und der Faden, welcher zu zerreissen drohte, ist noch einmal wieder angeknupft Ich gab dir aber doch die Hand, wenn er etwa reissen sollte bald wird er reissen, das fuhl' ich wohl, mein Lieber!

Hartknopf vergoss wiederum keine Thrane, da er diess horte, sondern sein Antlitz schien sich bei diesen Gesprachen zu verklaren, so wie das Antlitz seines Lehrers und Meisters

Hier war wohl ein rechtes Tabor obgleich ein Galgen die hochste Spitze des Berges schmuckte; so hatte man doch wohl sagen konnen, hier ist gut seyn, hier lasset uns Hutten bauen denn das Verwessliche war hier im Begriff anzuziehen das Unverwessliche und der unsterbliche Geist durchbrach hier seine Hulle, und strahlte aus Auge und Stirn hervor Der Emeritus schwieg, und Hartknopf hub mir halb gedampfter Stimme an zu singen:

Wenn ich einst aus jenem Schlummer,

Welcher Tod heisst aufersteh,

Und von dieses Lebens Kummer

Frei, den schonern Morgen seh

O, dann wach' ich anders auf,

Schon am Ziel ist dann mein Lauf,

Traume sind des Pilgers Sorgen,

Grosser Tag, an deinem Morgen!

Diess war schon seit einiger Zeit Hartknopfs Morgenlied gewesen und diess Lied war nun gleichsam die Musik zu dem grossen Text, den der Emeritus so eben abgehandelt hatte. Darum schlug es in dessen Seele Feuer er liess es sich zu dreienmalen von Hartknopfen wieder vorsingen da war es seinem Gedachtniss eingepragt, das lange schon Neues zu fassen aufgehort hatte, um nur das Alte noch muhsam zusammen zu halten.

Die erhabne Melodie zu diesem Gesange scheint wie das Feuer des Prometheus einer andern hohern Sphare entwandt zu seyn, mit solchen unbekannten Empfindungen fullt sie die Seele, und macht das Herz

Erst hebt sie sich sanft und stuffenweise, bis sie sich bald in hohern Regionen zu verlieren scheint, aus denen sie nun beruhigt, gestarkt, und getrostet mit festem Tritt wieder herabsteigt, um sich aufs neue im hohern Fluge mit Jauchzen emporzuschwingen sanft hinwegzugleiten uber diese niedre Welt mit Lacheln herabzuschauen auf die Sorgen und muhevollen Arbeiten der Bewohner dieser Erde und dann in einem einzigen grossen Gefuhl der erweiterten Ichheit allen Kummer des Lebens mit einemmal zu versenken.

O es liegt ein grosses Geheimniss in dem Fall dieser melodischen Tone, die, so wie sie auf und absteigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche Worte nicht auszudrucken vermogen Welch ein weitlauftiges Gebiet von Ideen liegt hier ausser den Grenzen der Sprache: wo ist der neue Kolumbus, der diesen bisher noch leeren und unbeschriebnen Raum auf der grossen Charte der menschlichen Kenntnisse, durch neue Entdeckungen ausfullt?

Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler.

Indem Hartknopf und der Emeritus noch im tiefen Gesprach begriffen waren, horten sie Fusstritte den Berg herauf, und wunderten sich, dass sie schon so fruh Gesellschaft bekamen als sie von der westlichen Seite die beiden Weltreformatoren Kuster und Hagebuck hinaufklimmen sahen, welche mit einem Trupp der Gellenhausischen Jugend die Sonne wollten aufgehen sehen sie waren aber ein wenig zu spat gekommen.

Sie kamen mit viel Gerausch und Lerm, und Hartknopf und der Emeritus zogen sich in eine kleine Bucht am Abhange des Hugels zuruck und uberliessen ihren Platz den Weltreformatoren diese nahmen ihn denn auch feierlich in Besitz; Hagebuck liess seine Zoglinge sich im Kreise umherstellen, und zeigte ihnen von dieser Hohe alle Herrlichkeit der Welt darauf stellte er sich hin, und hielt eine Rede an den ganzen Erdkreis, den er aufforderte, das Licht, welches ihm nun so wohlthatig aufgesteckt wurde, willig anzunehmen, und die Nacht der Vorurtheile fahren zu lassen hierauf redete er von dem Berge die Stadt Gellenhausen an, dass sie doch ihr wahres Wohl nicht verkennen, und sich dem wohlthatigen Einfluss der allgemein sich verbreitenden Aufklarung nicht widersetzen mochte dann redete er die Gellenhausische Jugend an, dass sie diess erhabne Schauspiel des Aufgangs der Sonne doch recht empfinden sollten Und nun fing er an, ein Gedicht in Hexametern auf den Sonnenaufgang vorzulesen, welches sich anhub:

O seht, wie die blitzende Sonn' im Strahlengewande

emporsteigt,

In majestatischer Pracht, ihr Volker grusst ihr entgegen,

Jud', und Turke, und Christ, und selbst der schwarzeste

Neger,

Sey von Danke belebt, dass ihm der Sonn' Antlitz

zulachelt

Indem nun Hagebuck noch weiter fortlesen wollte, zog sich auf einmal ein truber Nebelschleier vor die Sonne, der schon lange im Aufsteigen begriffen war, und sie nun ereilte; dadurch war Hagebucken sein ganzes Koncept verdorben denn das Gedicht war ganz lokal, und es sollte nun eins nach dem andern daran kommen; Hugel, Bache und Thaler, wie sie allmalich vom Strahl der Sonne vergoldet wurden, und wie nun der Thau auf den Blumen blitzte Das war nun alles vergeblich der Thau blitzte nicht mehr auf den Blumen die Spitzen der Hugel wurden nicht mehr vergoldet Hagebuck machte eine lange Pause, und wartete, dass der Nebel sich wieder wegziehen sollte aber der Nebel zog sich nicht wieder weg der alte lahme Pudel des Gastwirths Knapp, der Hartknopfen begleitet hatte, zu nahe kam, so gab er ihm mit dem Fuss einen Stoss, dass das arme schwache Thier nach einem lauten Schrei verschied Das war also an diesem Morgen des Pudels letzter Gang gewesen

Dass er von Hagebuck den unsanften Stoss erhielt, kam bloss daher, well er dem Gastwirth Knapp angehorte, der Hagebucken bestandig ein Dorn im Auge gewesen war denn er warnte das Volk und so oft Hagebuck mit ihm reden wollte, war seine Rede bestandig ja! ja! nein! nein! gewesen. Hartknopf hatte in seiner Bucht den Schrei des Hundes vernommen, und der Emeritus hatte den Stoss gesehen Da ergrimmte Hartknopf im Geiste, und sprang auf, pakte den erschrocknen Hagebuck bei der Brust und sagte: "Unmensch, was hat dir der Hund gethan, dass du ihn todtgetreten hast?" Er ist mir zu nahe gekommen er hat mich gebissen stammelte Hagebuck zitternd und zagend "Er ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht zu nahe gekommen und hat dich auch nicht gebissen" erwiederte Hartknopf und schuttelte ihn noch starker Um Gottes willen lass mich, flehte Hagebuck, und mach mich nicht zu Schanden vor dem Volk! Ich will dir fur den Hund ein Stuck Geld bezahlen musste er denn nicht so bald verrecken "Dass du verdammt seyst mit deinem Gelde!" sagte Hartknopf, und stiess ihn von sich, dass er einige Schritte ruckwarts taumelte, dann seinen Haufen um sich her versammelte, und schnell mit ihnen den Berg herunter eilte.

Und als er unten am Fuss des Berges war, mussten sich alle niedersetzen, und er hielt ihnen eine Vorlesung, von der boshaften Nachsucht, und stellte Hartknopfen zum Beispiel auf und von der Grossmuth und der sussen Pflicht zu verzeihen, wozu er die Beispiele grosstentheils aus seinem eignen Leben hernahm.

Oben auf dem Berge war nun das Feld wieder rein Hartknopf und der Emeritus nahmen noch eine Weile ihren Platz wieder ein und der Nebel verzog sich, sobald Hagebuck verschwunden war, und die Sonne glanzte wieder in aller ihrer Klarheit.

Diess ware nun freilich so etwas zufalliges, das kaum bemerkt zu werden verdiente wenn nicht in den Seelen der Menschen eine gewisse Harmonie und Disharmonie mit der sie umgebenden Natur statt fande so dass bei dem einen alle aussere Veranderungen in der Natur, in die naturlich auseinander folgenden Veranderungen seines Ichs harmonisch eingreiffen und hingegen bei dem andern eine ewige Dissonanz aller aussern Umstande mit seinen innern Wunschen und Bestrebungen statt findet.

Hartknopfs Seele traf immer wie eine richtig gestellte Uhr mit dem Lauf der Sonne, mit Abend und Morgen, mit der Abwechselung der Jahrszeiten, mit Sturm und Regen sowohl, als mit dem Sauseln des Westwindes, auf einen Punkt zusammen und eben so war es auch bei dem Emeritus Elias sie gaben wie nicht zu schlaff und nicht zu stark gespannte Saiten in dem grossen Konzert der Schopfung immer den rechten Ton an ihnen konnte nichts mehr unerwartet kommen, nichts den Frieden ihrer Seelen storen sie waren in dem grossen Zusammenhange der Dinge, und in sich selbst gesichert.

Als hingegen Hagebuck seine Hexameter deklamiren wollte, so zog sich auf einmal ein Nebelstreif vor die Sonne und es war auf einmal zwischen ihm und der Natur eine ganzliche Dissonanz, die der arme lahme Pudel noch vermehrte, den er auch dafur in den Staub darnieder trat Was hatte er wohl mit der ganzen Natur gethan, ware er in diesem Augenblick ihr Herr gewesen? aber er fuhlte seine Ohnmacht, da Hartknopf ihn schuttelte und knirschte in der Tiefe seiner Seele, dass er die Obermacht des Gerechten anerkennen, und vor ihm wieder in Staub versinken musste.

Wohl dem, wer sich mit der grossen Natur so steht wie Hartknopf und der Emeritus! der darf nicht Pest, nicht Theurung, nicht Ueberschwemmung furchten nicht Krankheit, nicht Verwesung er schlummert so sicher auf dem Schooss und in dem Schooss der Erde, wie das Kind im Schooss der Mutter

Der alte lahme einaugige Pudel lag nun da in susser Ruhe er musste in seinem Leben oft Hunger und Kalte ausstehen, musste manchen Fusstritt erdulden aber keiner war ihm doch so hart gefallen, als der von Hagebuck, welcher seinem sinkenden Alter den Rest gab. Eine Leichenpredigt auf einen alten lahmen und

einaugigen Pudel.

Wohl dir! sagte Hartknopf, da er mit untergeschlagenen Armen, den Kopf gesenkt, auf die Leiche herunter sahe und: wohl dir! stimmte der Emeritus ein

Sie scharrten darauf mit ihren Staben, so gut sie konnten, ein Loch in die Erde, legten den Pudel sanft hinein, und scharrten mit den Fussen einen kleinen Hugel von Erde uber ihn zusammen darauf gingen sie Hand in Hand den Berg herunter, und wanderten wieder dem Thore zu, und als sie nun bald am Thore waren, kam ihnen der Gastwirth Knapp entgegen, und fragte, ob sein Pudel nicht bei ihnen ware; denn er pflegte sonst immer des Morgens vor sein Bette zu kommen, und ihn durch ein sanftes Bellen zu wekken und heute habe er die Zeit verschlafen

Sey er unbekummert, sein Pudel verschlaft auch die Zeit, sagte Hartknopf, er liegt in guter Ruhe der Scharfrichter Hagebuck hat ihn auf dem Galgenberge durch einen sanften Stoss vom Leben zum Tode gebracht und wir haben ihn ehrlich begraben, dass kann er versichert seyn will er ihm auch ein Epitaphium setzen, so will ich ihm den Fleck zeigen, wo er liegt.

Ja, ja! sagte der Gastwirth Knapp, er hat gut Reden der Pudel ist ihm wohl freilich nicht so aus Herz gewachsen aber er wird doch auch zuruckdenken konnen, dass ich und der Pudel ihm noch das Geleite gaben, da er auf die Wanderschaft ging, und das ist doch keine kleine Zeit her wodurch wachst einem denn eine Sache ans Herz, als durch die Zeit? Zwar er hat wahrend der Zeit mit dem Pudel weiter keinen Umgang gehabt, und hat auch durch Briefe nichts von ihm erfahren mich aber hat er alle Morgen fruhzeitig geweckt, indem er vor mein Bette kam, und sanft bellte. Lieber Vetter, der Hund ist meine Uhr gewesen ich konnte mich nach ihm richten, wenn es Essenszeit war; dann scharrte er an der Thure, und ich fand immer, dass es gerade die rechte Zelt zum Essen war dass er mir zweimal das Leben gerettet hat, wird er wissen, oder weiss er es nicht, so will ich es ihm erzahlen.

Ich weiss es, er hat es mir gestern erzahlt, sagte Hartknopf Nun so wird er doch auch wissen, dass er dabei das erstemal lahm wurde, und das zweitemal ein Auge verlohr darum lass' er meinen Pudel in Frieden ruhen, und spotte er nicht mit dem Epitaphium!

Ich spotte nicht, sagte Hartknopf sondern wenn er will, so will ich ihm selbst eine Grabschrift machen helfen, die wollen wir aufschreiben und wie eine Fahne an einen Stock heften, dass sie Hagebuck morgen fruh mit seinen Zoglingen lesen kann:

Der einaugig und lahm

Hier sein Ende nahm,

War einaugig und lahm,

Weil er zweimal seinem Herrn

In Todesnoth zu Hulfe kam.

Ein Schuft erschlug ihn,

Sein Herr beweint ihn,

Die Erde deckt ihn,

Sie deck' ihn leicht!

Schreib' er mir doch das auf Vetter, sagte Knapp und Hartknopf schrieb es ihm auf

Drauf trostete der Emeritus seinen Gevatter Knapp, uber den Verlust seines Pudels, und sagte, der Pudel sey gleichsam ein Emeritus, oder ein ausgedienter gewesen, der denn doch auch einmal in Ruhe zu seyn wunschte.

Aber er war auch gewiss ein sehr meritirter Emeritus, erwiederte Knapp war er es nicht?

Allerdings, sagte der Emeritus das verlohrne Auge war sein Stern, und das lahme Bein sein Ordensband

Das Gleichniss hinkt! sagte Hartknopf Lass er es hinken! erwiederte der Emeritus.

Der hohe Beruf eines Gastwirthes.

Wahrend diesen Gesprachen waren sie wieder bis an den Gasthof zum Paradiese gekommen der Emeritus nahm Abschied und ging zu Hause er wohnte aber nicht weit um die Ecke nach der Kirche zu, in einem alten Schulhause, wo ein kleines Fenster in seiner Kammer auf den Kirchhof zu ging; aus diesem Fenster hatte er den Abend vorher, die dramatische Uebung mit angesehen, und drauf hatte er Hartknopfen mit seinem Vetter Knapp kommen sehen, und war zu ihnen heruntergeeilt.

Man wird sich wundern, dass Hartknopf nicht gleich bei seiner Ankunft nach dem Emeritus fragte aber er war nicht von vielen Fragen und der Emeritus war ihm in seinem Herzen sicher genug, er mochte nun leben oder todt seyn.

Seinen Vetter Knapp aber fragte er jetzt, wie er denn gelebt hatte, und ob er auch den hohen Beruf eines Gastwirths nach allen seinen Kraften zu erfullen gesucht hatte Knapp meinte, er hatte noch weit mehr thun konnen, er wollte aber das Versaumte noch so viel wie moglich wieder nachzuhohlen suchen. Weiter sagte er nichts.

Da nun des guten Knapps Bescheidenheit ihn so stumm machte, so muss ich wohl das Wort fur ihn nehmen, und etwas weniges von seiner Lebensweise beibringen, das ihn dem Leser bemerkenswerther macht, als er ihm bisher vielleicht geschienen hat.

Ich habe schon bemerkt, dass im Gasthofe zum Paradiese die Zollner und Sunder, die Niedrigsten aus dem Volke herbergten wer zu Ross oder zu Wagen kam, der kehrte schwerlich im Paradiese ein, wenn nicht die drei Kronen oder der goldne Hirsch schon besetzt waren aber der ermudete Wandrer, fand hier eine sichre und wohlfeile Herberge Der Handwerksbursch der mit seinem Felleisen belastet, oft mit leerem Beutel und leerem Magen, bloss wandert um zu wandern, und den strengen Zunftgesetzen ein Gnuge zu leisten, die ihn aus seiner sussen Heimath, von seiner verlobten Braut, und von den Gespielen seiner Jugend auf eine Anzahl Jahre verbannen damit er einst bei seiner Zuruckkunst von der grossen Glocke in Erfurt, von dem Munster in Strasburg, und dem grossen Fasse zu Heidelberg zu erzahlen wisse.

Diese, und hochstens etwa einmal ein Fuhrmann, oder irgend ein in Fortunens Ungnade gefallner Erdensohn, den vielleicht in bessern Tagen selbst der goldne Hirsch und die drei Kronen eine zu schlechte Herberge gewesen waren, kehrten itzt hier im Paradiese ein, und nahmen willig mit einer Streue vorlieb, die ihnen der Gastwirth Knapp, so gut und bequem, wie irgend einer, machen liess, und ihnen, wenn der Schlafer nicht zu viele waren, gern noch ein Kopfkussen dazu gab.

In welchem Lichte aber wird der Gastwirth Knapp erscheinen, wenn ich sage, dass von allen denen, die je bei ihm herbergten, keiner war, der nicht besser wieder aus dem Paradiese ging, als er hereingekommen war Da war kein Bettler, kein Zigeuner, den Knapp nicht mit liebevollen Augen sahe; keiner, den er als einen wildfremden Menschen nicht seiner Aufmerksamkeit werth geachtet hatte.

Knapp hatte nicht durfen ein Gastwirth werden, wenn er nicht gewollt hatte; es standen ihm in seiner Jugend tausend Wege offen auch fehlte es ihm nicht an Kopf er hatte die lateinische Schule besucht der Emeritus, der jetzt Gevatter zu seinem Sohne war, war auch sein Lehrer gewesen und mit dem hatte er uberlegt, was er fur eine Lebensart wahlen wollte

Und sein Hang floss uber von Mitleid gegen den armen verachteten Wandrer, gegen den herumziehenden Erdensohn, um den sich niemand bekummert dem niemand mit Rath und Trost zu Hulfe eilet; gegen den Bettler am Wege, dem der mitleidige Vorubergehende eine Gabe in den Hut wirst, aber ihn seines Zuspruchs nicht wurdigt, oder nicht Zeit hat, sich aufzuhalten, weil seine Geschafte ihn zu etwas andern rufen, als der im Elend versunknen Menschheit wieder aufzuhelfen.

Mogen andre fur die Glucklichen sorgen, sagte Knapp zu sich selber, dass sie noch glucklicher werden, durch schone Gemahlde, schone Statuen, und schone Gedichte wenn ich nur etwas dazu beitragen kann, dass die Unglucklichen nach ihrer Art ein wenig glucklicher werden, durch Gesundheit, Zufriedenheit, und Arbeit Das grosse Gebaude der menschlichen Gluckseligkeit mussen doch auch einige von unten angreifen, wenn es nicht einmal plotzlich zertrummern soll.

Gesundheit, Arbeit, und Zufriedenheit sind doch die grosse feste Basis, worauf alle die leichtern Zierrathen von schonen Gemahlden, Statuen, und Gedichten ruhen mussen, wenn wir uns ihrer mit gutem Gewissen freuen sollen

So dachte Knapp oft in einsamen Stunden, und so hatte ihn der Emeritus denken lehren. Nun fasste er bald seinen Entschluss, kaufte sich den Gasthof zum Paradiese, dessen voriger Eigenthumer gestorben war, und mit dem sich keiner gern wieder befassen wollte, weil er gemeiniglich die Bettelherberge genannt wurde und hier stellte er sich nun freudig an seinen Posten, fing das grosse Geschaft seines irrdischen Lebens an, und wartete den taglichen Zufluss der verworfensten und verachtetesten Menschenklasse, mit der Treue und Gewissenhaftigkeit eines vom Himmel bestellten Wachters der menschlichen Gluckseligkeit ab

Wo er noch einen Funken nicht ganz erstorbenen Menschengefuhls entdeckte, den suchte er wieder aufzublasen und durch Uebung brachte er es in dieser Kunst gewiss sehr weit; ob er gleich noch kein Adept war, wie Hartknopf und der Emeritus, und die andere Halfte zu dem grossen Worte nicht deutlich hatte buchstabieren konnen und obgleich seine Rede ja! ja! nein! nein! war, so bald er nicht mehr Worte nothig fand das Wort war ihm so heilig, wie es Hartknopfen nur immer seyn konnte, ob er es gleich nicht, als die vierte Person in der Gottheit verehrte darum war er so sparsam mit seinen Worten, um sich gleichsam alle Kraft und allen Nachdruck der Rede zu dem Augenblicke aufzusparen, wo er in der Seele eines Menschen gleichsam eine neue Schopfung bewirken, und das Licht von der Finsterniss scheiden wollte.

Wie es bei einem Meisterwerke, wenn es vollkommen seyn soll, fast mehr darauf ankommt, dass der Kunstler die wenigen Flecken, die etwa noch darinn sind, auszutilgen wisse, als dass er noch immer mehr neue Schonheiten hinzufugt, wodurch vielleicht das Ganze mehr verliert, als gewinnt, so scheint derjenige auch den sichersten Weg gewahlt zu haben, dessen Bemuhung in seinem Leben dahin geht, in dem grossen Meisterstucke des grossten Kunstlers, mehr dem entgegen zu arbeiten, wodurch das Ganze entstellt zu werden scheinet, als neue kunstliche Verzierungen zu demselben hinzuzufugen. Denn was ist Pracht und Zierrath gegen Reinlichkeit? heisst doch Mundus nicht umsonst die Welt. Wer auf die Weise bloss negativ zu Werke gehet, wird freilich nicht den Ruhm eines Weltreformators davon tragen aber ihn wird das selige Gefuhl beglucken, dass er mit seinen Bestrebungen in den Plan der ewigwurkenden Liebe harmonisch einstimmt Er fuhlt es, dass jeder Stein des Anstosses, den er weggeraumt hat, Gewinn fur das Ganze ist und weiss es, dass ein einziger ausgetilgter Fleck aus diesem grossen Gemahlde es der Vollkommenheit naher bringt, als der zierlichste Rahmen, worinnen es eingefasst wird.

O ihr Menschenfreunde, die ihr den Willen und die Kraft habt, ausser euch zu wirken, stellt euch doch wie Knapp, und Hartknopf, und der Emeritus, und wie der gute Pestalozze in der Schweitz, unten an, wenn ihr wirken wollt das sinkende Gebaude braucht Stutzen, und nicht Statuen. Wollt ihr anders wirken, so ist es um den wahren Frieden eurer Seele, und den schonen Takt eures Lebens, wodurch ihr allein in das grosse Ganze eingreift es ist um euren achten innern Werth geschehen!

Knapp hatte sich in dieser Welt unten an gestellt, und es wird ihm in jener Welt gewiss nicht gereuen.

Er hat hier unten im Paradiese manchen Hungrigen umsonst gespeiset, manchen Durstigen umsonst getranket, und manchen Bekummerten getrostet und aufgerichtet; dafur wird er einst in jenem Paradiese dort oben wieder getrostet werden.

Durch die tagliche Uebung hatte sich Knapp eine solche Fertigkeit in der Beurtheilung der Menschen erworben, dass er immer nach wenigen Minuten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schliessen konnte, ob an einem Menschen noch was zu thun sey oder nicht aber wie ungern, gab er dennoch ganzlich alle Hoffnung zur Bessrung auf musste er sie aufgeben, so machte ihn das auf viele Tage traurig und niedergeschlagen; er schob die Schuld immer mehr auf den Arzt, als auf die Krankheit. Er verzweifelte nicht daran, selbst fur den Seelenschaden, der am unheilbarsten scheint, noch ein bewahrtes Heilungsmittel zu finden.

Darauf ging sein Tichten und Trachten sein ganzes Leben lang denn er fuhlte es nur allzuwohl, dass nicht Hunger und Durst, nicht Lahmheit oder Blindheit, die wahren Uebel des Lebens ausmachen; sondern dass eingewurzelter Neid, eingewurzelter Eigennutz, die eigentlichen Flecken sind, welche diese schone Schopfung Gottes entstellten.

Diese Flecken, wo er nur konnte, auszutilgen, dass war ihm mehr werth, als grosse Schatze zu gewinnen. Und unter lausenden ist es ihm bei zwei Menschen gelungen, wovon der eine taub und stumm, und der andre ein verarmter hollandischer Seelenverkaufer war, der in seinem Alter in Deutschland sein Brodt betteln musste, und nun auch nach Gellenhausen kam, wo er im Paradiese einkehrte, und der Gastwirth Knapp seine Seele vom Verderben rettete.

An diesen beiden Menschen machte aber auch Knapp ein wahres Meisterstuck denn er hielt selbst ihre Krankheit fur unheilbar den Tauben und Stummen, weil er nicht durch die Sprache auf ihn wirken konnte, und den ehemaligen Seelenverkaufer, weil er schon ein Greiss war, und in seinem Alter die schwere Hand des Schicksals, die ihn darnieder druckte, sein hartes Herz nicht hatte erweichen konnen.

Knapps unaufhorlichen Bemuhungen gelang es, den Seelenverkaufer so weit zu bringen, dass er sich nicht freute, da dem Nachbar ein Haus abbrannte; uber einen Dachdecker, der den Tag vor seiner Hochzeit vom Dache herunter sturzte, und sich den Kopf zerschmetterte, sogar eine mitleidige Thrane weinte; und anfing, ein Vergnugen daran zu finden, mit Knapps einaugigen und lahmen Pudel zuweilen sein Brodt zu theilen.

Der Taube und Stumme war sehr verhartet; ohngeachtet nie in sein Ohr die Sprache des Verfuhrers eindringen konnte, so hatte doch Neid und Eigennutz so tiefe Wurzel bei ihm geschlagen, dass er der Blume den Sonnenschein, und der Heerde die sich unter einen Baum gelagert hatte, den Schatten missgonnete Alle seine Mienen und Bewegungen waren widerwartig und liefen auf Zerstorung und Verderben hinaus.

Es war ruhrend anzusehen, wie Knapp sich oft Stunden lang mit einer eiserner Geduld damit beschaftigen konnte, diesem Taubstummen durch die Zeichensprache nur erst einigen schwachen Begriff von Sanftmuth und Menschenliebe beizubringen, die sein Herz bis itzt noch gar nicht gekannt hatte.

Diess waren denn die beiden unheilbarschelenden, an deren Herzen Knapp gleichsam eine Art von Wunderkur verrichtet hatte Die Art nun, wie er mit ihnen zu Werke gegangen ist, verdiente freilich wohl allgemein bekannt zu werden allein die Beschreibung davon wutde ein eignes Buch erfordern, und doch vielleicht unvollkommen und unverstandlich bleiben denn wer kann Knapps Mienen, Knapps Auge, und jede seiner Bewegungen beschreiben, und den sanften liebevollen Handedruck, womit er seine Reden begleitete?

Wenn in einer bessern Welt dereinst des Taubstummen Zunge gelosst seyn wird, mit welchem lauten Jubel wird er da noch seinem Erretter danken; und der Seelenverkaufer, dessen Seele durch Knapp vom Verderben gerettet wurde, wo wird er Worte hernehmen, um seinen Dank zu stammeln!

Und alle die getrosteten Betrubten, die traurig und niedergeschlagen in dem Gasthofe zum Paradiese einkehrten, und vergnugt und frohlich wieder von dannen gingen; wenn sie einst auftreten und sagen werden: dieser hat unsre Thranen auf Erden abgetrocknet; mit welchem gekronten Haupte wurde dann der Gastwirth Knapp wohl tauschen?

Wenn die gekronten Haupter nun da stehen werden, beschamt und niedergeschlagen, und Millionen um sie her, die auf Erden von ihnen mit eisernem Scepter beherrscht, und um alle die unschuldigen naturlichen Freuden des Lebens, um die Rechte der Menschheit gebracht; und wie eine in ihren einzelnen Theilen unbedeutende Masse, in ein Ganzes umgeformt wurden, wie etwa Holz und Steine, behauen und beschnitten werden, um zusammen ein Gebaude auszumachen, wodurch jedes einzelne erst brauchbar wird.

Weh euch dann, die ihr den Menschen ihren einzelnen achten Werth raubtet, um Lucken mit ihnen auszustopfen; wenn ihr es nothig fandet, Moraste mit ihnen auszudammen, damit dem stampfenden Ross ein Weg zum Feinde gebahnet sey die ihr um einer Chimare, um eines allgemeinen abstrakten Begriffs willen, den ihr Staatskorper nennt, den Menschen nicht mehr um sein selbst, sondern bloss um dieser Chimare, um dieses abstrakten Begriffs willen, wollt existiren lassen!

Also damit es einen Staat gebe, mussen so viele tausende auf alle Anspruche Verzicht thun, wozu sie ihre angestammte Menschenwurde berechtiget?

Sie mussen sich fur bloss nutzbare Wesen halten, wie das Korn, das gemahet, und der Baum, der gefallt wird, damit der eine dem Menschen Warme und Obdach, und das andre ihm Nahrung gebe.

Tausende mussen sich von Jugend auf gewohnen, zu denken, dass sie nur um andrer willen, keiner aber um ihrentwillen da ist, und dass sie keinen eignen fur sich bestehenden Werth haben. O wenn einst alle dieser willkurlich angenommener Unterschied verschwunden ist, und nun wieder jene allgemeine naturliche Gleichheit herrscht, wodurch ein jeder in seinem wahren Lichte erscheint, nachdem aller Flitterstaat von Titeln und Ordensbandern hinweggenommen ist; wie wird alsdann der Gastwirth Knapp, unter vielen tausenden hervorleuchten!

Wer wird dann wohl zweifeln, dass dieser getreue Knecht uber vieles wird gesetzt werden, nachdem er hier uber weniges getreu gewesen ist.

Dazu war Knapp ein Padagoge, wie es wohl weniges auf Erden giebt ohne den Emil und Basedows Elementarwerk gelesen zu haben, war er auf gewisse Geheimnisse in der Erziehungskunst gefallen, welche dicke Bunde von Erziehungstheorien unnothig machen wurden, wenn sie bekannt waren aber sie lassen sich eben so wenig vollkommen beschreiben, als seine Methode, einen eingewurzelten Schaden der Seele zu heilen Knapps zehnjahriger Sohn aber wird einmal aufstehen, und wirken, und alle Philantropine beschamen, wenn er anfangen wird, das im Grossen auszuuben, was sein Vater im Kleinen that Knapps Sohn wird einst seines Vaters Andenken durch seine Thaten auf die Nachwelt fortpflanzen, wenn es schon langst in Gellenhausen verloschen ist.

Des Gastwirth Knapps Padagogik.

Knapp erzog seinen Sohn auf seine eigne Weise, und nicht nach der Weise Hagebucks des Weltreformators.

Sobald er gehen konnte, setzte er ihm ein Ziel, und setzte ihm allerlei Hindernisse, als Blocke, Stuhle, und dergleichen, in den Weg, wodurch er sich den kurzesten Weg zum Ziele durcharbeiten musste.

Wenn er ein Kartenhauschen bauete, so hielt er ihn an, es immer wieder zu bauen, wenn es auch zehnmal umfiel, und am Ende belohnte er ihm seine Geduld mit einem wurmstichigen Apfel.

Als er etwas mehr heranwuchs lehrte er ihn die grosse Kunst, nicht zwei Wege nach etwas zu thun, das man auf einem Wege hohlen kann; oder, was man mit einem grausamen Spruchworte nennt, mit einer Klappe zwei Fliegen schlagen.

Er lehrte ihn funf Weinglaser in der Hand zwischen den Fingern tragen, und beim An- und Ausziehen lehrte er ihn zu gleicher Zeit beide Hande brauchen, so dass er sich mit einemmal beide Schuh aufschnallen konnte.

Sein Haar musste er zuweilen lange unausgekammt lassen, und es sich denn am Ende selbst auskammen, wenn es ganz ineinander gerathen war sobald er dann ungeduldig wurde, riss er sich und verursachte sich selber Schmerzen; wenn er aber geduldig einen Schopf Haar nach dem andern vornahm, und das Verwirrte auseinander zu bringen suchte, so konnte er den Schmerz vermeiden auf die Weise musste er sich in der Geduld uben.

Er lehrte ihn bei jeder Gelegenheit die Kurze des Lebens empfinden, und machte ihn aufmerksam auf den Seigerschlag Er machte ihn allmalig mit dem Tode in der ganzen Natur bekannt, von dem kleinsten verwelken Grashalm, bis zum verdorrten Eichbaum, und von dem zertretnen Wurme, bis zu den ehrwurdigen Ueberresten des zerstorten Bau's menschlicher Korper.

Und wie oft hat dieser Sohn seinem Vater diese Lehre nicht verdankt! Diesem von Kindheit auf seiner Seele fest eingepragten Bilde des Todes, verdankt er den sichern und ruhigen Genuss, aller der Freuden seines Lebens diess ist es allein, was ihn standhaft in Gefahren, muthig und unerschrocken bei allen Vorfallenheiten seines Lebens gemacht hat. Diess ist die Ursach, warum er auch nie eine Viertelstunde lang den qualenden Ueberdruss der Langenweile schmeckte Wie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht?

Dieser feste Gedanke heiterte ihm die trubsten Stunden seines Lebens auf denn wenn kein Wechsel ihm mehr bevorzustehen schien, so blieb ihm doch diese einzige grosse Veranderung gewiss.

Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuss jeder Freude verdoppelte, und jeden Kummer ihm versusste. Der wollustreiche Gedanke des Aufhorens drangte seine ganze Lebenskraft immer in den gegenwartigen Augenblick zusammen, und machte, dass er in einzelnen Tagen mehr, als andre Menschen in Jahren, lebte.

Niemand hat wohl mehr in ihrer Fulle, und ungetrubter alle einzelne Vergnugungen des Lebens, die jedem Alter zukommen, genossen, als der Sohn des Gastwirths Knapp weil er wusste, dass er keinen Augenblick zu versaumen hatte, weil ihm jeder Tag, jede Stunde, ein Ganzes war.

Besonders war ihm immer die gegenwartige Stunde lieb, und der Seigerschlag das angenehmste Geton in seinen Ohren denn es wurde ihm dadurch merklich, wie er immer den Lebensstrom hinunterschifte, und alles in unaufhorlicher Bewegung blieb durch jeden Seigerschlag wurde der Reiz des Lebens wieder aufgefrischt und wenn ein Tag, eine Woche, ein Jahr verflossen war, so empfand er die Wonne des Lebens in immer grossern Masse Er kannte keinen Verlust der Zeit, denn fur jede Minute seines Lebens hatte er Weisheit und Selbstzufriedenheit eingekauft.

So wie ohne Tod kein Leben ist, so ist ohne wahres Gefuhl des Todes auch kein wahres Gefuhl des Lebens aus der dunkeln Mitternacht bricht das Morgenroth hervor und aus dem Schatten der Nacht bildet sich der schone Tag

O pflanzt den Gedanken an den Tod fest in die jungen Seelen, ihr Padagogen unsrer Zeiten, und ihr werdet wieder Manner statt Knaben ziehen Euer ganzes Gebaude wird sich fester auf diese Basis stutzen; wenn die Menschen erst wissen werden, dass sie leben, dann erst werden sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen und wenn sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen, dann erst ist Euer Werk gekront.

Denn hin und wieder eine wohlangewandte Stunde oder ein wohlangewandter Tag ist mehr ein Werk des Zufalls, als ein Werk der Kunst. Die Lebenskunst muss durch alle Stunden und Minuten durchgehen, wie die Regel durch das Werk.

Dazu ist nothig, dass der Mensch in jedem Augenblick wisse und empfinde, dass er lebe, welches ohne den festen Gedanken an den Tod unmoglich ist. Wer sich aber den einmal zu eigen gemacht hat, der kann sein

memento mori

mit eben so unumwolkter und heitrer Stirne sagen, womit er im Kreise seiner Freunde ein frohliches Trinklied singt. und denn auch noch darin, dass er seinen Sohn empfinden lehrte, wie thoricht es sey, einen Stein, an den man sich gestossen hat, mit dem Stocke zu schlagen, oder sich gegen den Regen, die Kalte, und den Sturmwind aufzulehnen er lehrte ihn fruh die Nothwendigkeit, sich der unvernunftigen Starke zu unterwerfen.

Am meisten aber suchte er seine Lebensgeister bestandig in Bewegung zu erhalten, und war in den Augenblicken am aufmerksamsten auf ihn, wo er mit dem Finger Figuren in den Sand zeichnete, oder mit Kreide auf den Tisch mahlte, oder die Gestalt der Wolken am Himmel zu aufmerksam betrachtete.

Das A B C liess er ihn lernen, da er zehn Jahre alt war, und vor dem vierzehnten Jahre durfte er den Nahmen Gottes nicht aussprechen.

Etwas von Nageln und Schlossern.

Was Wunder nun, dass Hartknopf seine Wanderung gegen Osten eine Zeitlang unterbrach, da er hier solch einen Vetter und solch einen Freund an dem Emeritus wiedergefunden hatte obgleich Hagebuck und Kuster, und der empfindsame und aufgeklarte Prediger ihm nicht so sehr behagen konnten, dass er um ihrentwillen langer in Gellenhausen geblieben ware.

Mit der Erzahlung seiner Schicksale aber, die er seinem Vetter Knapp versprochen hatte, hielt es etwas hart hie und da einmal ein Stuck aus seinem Leben, wo er es nutzlich und schicklich fand, das war alles, was man aus ihm herausbringen konnte.

Ich werde also wohl auch fur ihn nur das Wort nehmen mussen, wenn der Leser etwas erfahren soll.

Woher ich nun aber mehr von ihm weiss, und erfahren habe, als Knapp und der Emeritus, und in was fur Verhaltnissen ich mit ihm gestanden habe, und wie es mir gelungen ist, mir seine Freundschaft in dem Grade zu erwerben, dass er mich in das Innerste seiner Seele hat blicken lassen; davon sollte ich wohl ein Wortchen beibringen es wird aber zu seiner Zelt geschehen.

So viel habe ich schon verrathen, dass Hartknopf seines Handwerks ein Priester und ein Grobschmidt war seiner leiblichen Geburt Nach war er nehmlich ein Grobschmidt seiner geistlichen Geburt nach aber ein Priester, von Kindheit auf geweiht, kein Unheiliges anzuruhren, um einst in Unschuld und Reinigkeit des Herzens in dem grossen Tempel des Heiligen und Wahren als ein Priester Gottes zu dienen.

Thubalkain war sein grosser Ahnherr man fand diesen Nahmen in sein Petschaft eingegraben, und auf dem Taschenmesser stand er auch, das er sich selbst geschmiedet hatte denn Messer konnte er auch schmieden.

Da er noch ein Kind war, lernten seine zarten Hande zuerst mit dem grossen schweren Hammer spielen, der er kaum zu heben vermochte aber sein Arm wurde fruh nervigt, und stark; bald musste unter seinen wiederhohlten Schlugen der Ambos seufzen, und das gluhende Eisen geschmeidig werden. Der Nagel war das erste, was durch seine Hande aus der unformlichen Masse Bildung und Form erhielt, die Fugen des losen zu befestigen, das zertrennliche unzertrennbar zu machen, und auf die Weise eine Schopfung neuer Wesen zusammenzuzwangen, woruber die alte Natur erstaunt, wenn sie aus der Tiefe der grauen Vorzeit auf die neuen Geburten emporschaut, die in ihrem Schooss erstanden sind

Dass der Mensch, von ihr gezeugt, in ihre Eingeweide herabstieg, und das Eisen hervorgrub, womit er sie zu einer neuen Geburt beschwangerte; dass aus den Waldern und Steinbruchen Stadte mit Pallasten und Thurmen sich erhuben, Schiffe auf dem Rucken des Meeres emporstiegen; der aufgerissnen Erde der Saamen eingestreut, und volle Erndten aus ihrem Schooss hervorgezwangt wurden; dass der zersagte Eichenstamm sich zum Stuhle krummte, und zum Tische erhub, auf dessen glatter Flache Auge und Hand sanft hingleitet.

Das machtige Schloss verwahrt und schutzt das Eigenthum, und hat Gemeinschaft und Absondrung in des Menschen Willkuhr gesetzt.

Ist es nicht Thubalkain, der verschlossne Thuren erofnet?

Ihm klingt auch das frohe Spiel der Sensen an schwulen Erndtetagen ihm tonet das Gehammer vor den dampfenden Feuerofen ihm das Leben und Wirksamkeit athmende Gerausch, aus den Werkstatten der Kunstler und Arbeiter in allerlei Stein und Erzt

Ihn preisen die Chore der arbeitsamen Sanger mehr als den Flotenspieler.

Aber ach, die Scharfe des Eisens wendet sich die Geister der gefallten Eichstamme seufzen durch die Lufte, und verkundigen Unheil uber das Menschengeschlecht

Das Spiel der Sensen ertont nicht mehr Feuerschlunde erofnen sich die Bombe kracht Schwerster wuhlen in menschlichen Eingeweiden Ketten klirren laut Despoten lachen, Sklaven heulen.

Die Chore der arbeitsamen Sanger stehen einsam und weinen, in das Gewand der Trauer gehullt, und singen Klagelieder und seufzen: Thubalkain!

Was soll ich aus dem Jungen machen? fragte Hartknopfs Vater den Emeritus: nichts anders als einen Grobschmidt, war des Emeritus Antwort, und Hartknopfs Vater schuttelte den Kopf: er hat doch so ein vortreffliches Ingenium! desto besser! sagte der Emeritus.

Der Emeritus kam alle Tage in des alten Hartknopfs Schmiede sie wurde von ihm zum Heiligthum der Weissheit und hoher Geheim, nisse eingeweiht der junge Hartknopf sass da zu seinen Fussen und sog die sussen Lehren von seinen Lippen ein unter ihm bildete sich sein Geist, und wuchs mit seinem Korper, den die Arbeit abhartete und gesund erhielt.

Aber leider, wich der alte Hartknopf von der rechten Strasse ab nur noch einen Schritt, so ware er vor dem gefahrlichen Abgrunde vorbei gewesen aber er that ihn nicht, und nun konnte nichts ihn retten. Er eilte unaufhaltsam seinem Verderben zu Gold, Gold, Gold! war sein einziger Gedanke, vom fruhen Morgen an bis in die spate Mitternacht, und das edle Eisen war verdrangt

Mitleidig streckte der Emeritus noch seine Hande nach ihm aus, und wollte ihn retten, aber vergeblich, er versank in dem Abgrunde, vor dem ihn sein Freund so oft gewarnt hatte.

Der Ungluckliche musste im Elend sterben sein Vermogen war im Rauch aufgegangen, die Schmiede verkauft und in einer armseeligen Hutte musste er seinen Erloser, den Tod, erwarten. Dieser kam, und er empfing ihn mit freudigem Entzucken, nachdem der Emeritus vorher noch seine Beichte gehort, und ihm im Nahmen Gottes die Absolution ertheilet hatte.

Da der Emeritus den Vater nicht hatte retten konnen, so hatte er doch den Sohn zu retten gesucht, und sobald der Vater anfing zu laboriren, trieb er, dass der Sohn auf die Wanderschaft gehen musste, da er erst neunzehn Jahr alt war und diess war auch hohe Zeit, wenn er nicht an eben der Klippe scheitern sollte, woran sein Vater gescheitert war.

Auri Sacra Fames.

Schrieb der Emeritus mit ein wenig Bleistift auf des alten Hartknopfs Leichenstein.

O du verfluchter Durst nach Gold! von welchem Satan stammst du her? War es nicht jener gefallne Geist, der statt sein Auge zu Gott seinem Urheber emporzuheben, nur immer auf das goldne Estrich des Himmels seine Blicke heftete, ehe die Hand des Ewigen ihn in den Abgrund hinunter schleuderte?

Ein jeder, der die achte Weissheit suchte, kam an diesen Scheideweg wenige vermieden den zur Linken

Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwahler.

Hier liegt der Grenzstein, der die Weissheit von der Thorheit scheidet ein ungeheurer Klumpen Gold wer ihn mit Gleichmuth betrachtet und vorubergeht den hat die Weissheit schon in der Wiege angelachelt, und ihn zu ihrem Schuler eingeweiht den leitet sein guter Genius zum Ziele hin, und lasst ihn den achten Stein der Weisen finden, den Hartknopfs Vater vergeblich gesucht hatte, weil sein Sohn ihn einst finden sollte.

Der den Vater verworfen hatte, der hatte den Sohn erwahlet es musste ein solcher Vater seyn, um einen solchen Sohn zu zeugen! aber auch eine solche Mutter, wie Hartknopfs Mutter war saust und mild, wie das Abendroth sie welkte dahin, nachdem sie diesen einzigen Sohn gebohren hatte sie hatte mit ihm ihr Ziel erreicht:

Denn nach Unsterblichkeit sehnet sich nur der

Himmelgebohrne,

Aber Vernichtung ist suss dem muden Waller im

Staube

Ware Hartknopfs Vater den Goldklumpen vorbeigegangen Doch er ist es nun einmal nicht seine Asche ruhe im Frieden!

Tausende sind wie er von der rechten Bahn abgewichen, und welchen noch taglich davon ab denn blendend und lockend ist die Frucht des Baumes, von dem da nicht essen sollst, wenn du nicht willst eines doppelten Todes sterben.

Gold siegt uber die Kraft des Eisens sprengt Schlosser auf; halt Schwerdter in den Scheiden loset das Verbundne auf, und bindet das Gelosste wieder bildet Armeen bauet Stadte; lasst Pallaste himmelan steigen befestiget Konige auf ihren Thronen und sturzt sie herab welch ein allmachtiges Spielwerk ist das Gold in der Hand des Sterblichen!

Was Wunder, dass Thoren bis zu ihrem letzten Athemzuge darnach die Hande ausstrecken, und Weisen Muhe haben, hier nicht Thoren zu seyn! Was Wunder dass oft selbst der missverstandne Bund der Weissheit und der Tugend im Chor der arbeitsamen Sanger, nach diesem hochsten Gute zu streben heischt, wie ein Irrlicht durch seinen falschen Schimmer auch zuweilen das Auge des vorsichtigen Wandrers blendet, und ihn in Sumpfe und Moraste fuhrt, wo sein Fuss keinen Grund mehr findet, und er ohne Rettung versinken muss.

Verstopfet eure Ohren, ihr Schuler der Weissheit, vor dem heisern Geschrei der falschen Wegweiser, die euch zu dem Quell fuhren wollen, woraus Gold unter dem dreifach gestalteten rothlichen Quaderstein in hellen Stromen hervorquillt

Horcht nicht auf ihre Stimme der Goldstrom ist nicht rein die Quelle ist getrubt und der rothliche Quaderstein ist mit falschen Farben angestrichen ein Betruger hat ihn hingewalzt den rechten hat eine unsichtbare Hand hinweggenommen.

Hartknopfs Gesellenjahre.

Als Schmiedeknecht wanderte Hartknopf in Erfurt ein, als Kandidat der Theologie wanderte er wieder aus, ohne dass er deswegen aufgehort hatte, ein Schmidt zu seyn.

In einem halben Jahre hatte er sich so viel gespart, dass er fuglich ein halb Jahr ohne Arbeit leben konnte und diese Zeit uber befriedigte er den brennenden Durst nach Wissenschaft, der ihn schon so manche Thrane gekostet hatte

Freilich hatte er vom Emeritus in Gellenhausen mehr gelernt, als ihn alle Doktoren in Erfurt lehren konnten aber es war ihm doch auch nun um Ausbreitung des Geistes, es war ihm um das Extensive zu thun, da er es in dem Intensiven schon ziemlich weit gebracht hatte.

Er horte Mathematik, Geschichte, Naturlehre, u.s.w. Aber er las mehr, als er horte Die Erfurter Universitatsbibliothek mag wohl lange ihren geringen Schatz nicht so sorgfaltig gebraucht gesehen haben, als es von Hartknopfen geschahe.

Hartknopf machte erstaunliche Fortschritte; denn zu allem was er begann, brachte er ein Licht mit, das ihm der Emeritus angezundet hatte, und wodurch es ihm da schnell Tag wurde, wo es andern oft lange Nacht bleibt, ehe sie sich durch die Finsternisse durchgearbeitet haben.

Er lebte ubrigens in Erfurt sehr verborgen und ich habe ihn dort im Jahr 177*, bei einem gewissen Doktor Sauer, der nun todt ist, kennen lernen.

Moge die Asche des Doktor Sauers in Frieden ruhen; er verdiente wohl von Hartknopfen gekannt zu werden; ob ihn gleich die Welt nicht gekannt hat. Welche herrliche Talente, welch ein Umfang von Kenntnissen sind mit diesem Manne begraben worden, der die Bewunderung seiner Zeitgenossen hatte seyn konnen, wenn der edle Sprossling nicht in der Jugend zerknickt worden ware.

Solch ein Kopf mit solch einem Herzen vereinigt, musste ohne eine Spur hinter sich zu lassen, unruhmlich in die Verwesung ubergehen. Er wohnte in einer kleinen Ggsse, in eines Schusters Hause, und da man seinen Sarg heraustrug, fragte nicht einmal ein Nachbar: wen begrabt man da? Und keine Thrane wurde ihm nachgeweint.

Hier lernte ich Hartknopfen dem Leibe nach und zum Theil auch dem Geiste nach kennen die eigentliche Bekanntschaft unsrer Seelen aber fallt in das Jahr 178*, zwei Jahr vor seinem Martyrerstode.

Als ich ihn nun beim Doktor Sauer zuerst erblickte, war es mir, als sahe ich einen Unsterblichen hereintreten Er kam aber in der Dammerung, da es Feierabend war, und hatte sein Schurzfell vor denn es war damals gerade sein Arbeitshalbesjahr. Da er dem Doktor Sauer die Hand gab, so war es, als wolle er mit seinem starken nervichten Arm, das zerknickte Rohr wieder aufrichten; jedes seiner Worte goss neuen Muth in die Seele des darniedergebeugten dem die Fuhrer seiner Jugend, da sie ihn Bescheidenheit lehren wollten, unglucklicher Weise das Selbstzutrauen, diese unentbehrliche Stutze des schwachen Sterblichen aus den Handen entwunden hatten Hartknopf wollte sie ihm wiedergeben, aber auch die Hande waren schon gelahmt, die sie ergreifen und festhalten sollten.

Unaufhaltsam sank der Hulflose hinab; die Krafte seines Geistes und seines Korpers verzehrten sich in sich selber. Um nicht vor Hunger umzukommen, musste er das elende Geschmiere eines marktschreierischen Arztes fur ein Spottgeld ins Lateinische ubersetzen; und dieser erwarb sich dennoch, bei der Welt, die einmal betrogen seyn will, Ruhm und Ehre damit, und wurde mit einem ansehnlichen Gehalt irgendwo, als Brunnenarzt befordert, wahrend dass der ehrliche Sauer die Zollner und Sunder heilte, und fur das Geld, was er mit dem Uebersetzen verdient hatte, noch die Arzeneien anschafte, die er statt Bezahlung von den Kranken zu nehmen, ihnen noch unentgeldlich dazu gab. Der Schwung seines Geistes in einigen vortrefflichen Gedichten wurde einem elenden Geschmiere von Wochenschrift zu Theil, das ein Buchdrucker in Erfurt herausgab, fur welchen Sauer zuweilen als Korrektor Tagelohnerarbeit verrichtete. Endlich schien ihm die Gluckssonne ein wenig zu lacheln; der Stadthalter von Dahlberg lernte ihn kennen, und dachte auf seine Beforderung, als der Tod ihn weit schneller und besser beforderte, wie alle Fursten und ihre Stadthalter hatten thun konnen. Ok..rd, wo du auch seyst, der du von ohngefahr dieses liesest, erinnere dich mit mir des guten Sauers, mit dem wir manche frohe Stunde verbrachten, der dich auch Weissheit lehrte, und lass uns seinem Andenken noch eine freundschaftliche Thrane weihen! Hast du je den Schmiedegesellen bei ihm gesehen, so erinnere dich, wenn du kannst, seiner Gestalt und seiner Rede, und wisse, dass dieser mein Hartknopf war. Nachdem ich ihn das erstemal beim Doktor Sauer gesehen hatte, sprach ich ihn nur noch einigemale; denn er verliess bald darauf Erfurt, wo er sich eine geraume Zeit aufgehalten hatte, ohne dass man sich um ihn bekummerte da es sonst in Erfurt, weil die Universitat sehr klein ist, fur einen der sich mit den Wissenschaften beschaftigt, schon ziemlich schwer halt, ganz unbemerkt zu bleiben; nun war aber Hartknopf ordentlich als Student inskribirt weil er jedoch nach dem ersten halben Jahre nur noch selten die offentlichen Vorlesungen besuchte, in keine Studentengesellschaft ging, und uberhaupt sich nicht viel offentlich sehen liess, so betrachtete man ihn, als ob er gar nicht da gewesen ware.

Der Doktor Froriep stellte damals mit einigen Studenten Predigtubungen in der Universitatskirche an, die in der Woche bei verschlossnen Thuren gehalten wurden. Hier hat auch Hartknopf, wie ich weiss, einmal gepredigt, ich glaube aber schwerlich, dass sich der Doktor Froriep seiner erinnern wird; denn wenn er in sich zuruckgezogen da stand, so hielt man ihn fur einen ausserst unbedeutenden Menschen.

Nachdem ich ihn nur erst einmal beim Doktor Sauer gesehen hatte, sass ich an einem Sontagabend einmal oben am Steigerwalde, und las in Klopstocks Messiade Der Steiger ist ein Wald nahe bei Erfurt, auf einer Anhohe, von welcher man die ganze Stadt ubersehen kann, die mit ihrer unbeschreiblichen Menge Garten rund umher einen sehr schonen Prospekt macht Hier lag ich also im Grase hingestreckt, und erwartete, indem ich in Klopstocks Messiade, die Erzahlung von den beiden Jungern von Emaulas, den Untergang der Sonne.

Indem kam Hartknopf den schragen Abhang herausgegangen, seinen blauen Sontagsrock mit gelben Knopfen und steifen Schossen von oben bis unten zugeknopft, und seinen Dornstock in der Hand grusste mich, und setzte sich neben mich

Und ich machte schnell mein Buch zu, und wollte es einstecken, denn es war mir, als ob ich mich, ich weiss selbst nicht aus was vor Ursachen, vor ihm schamte. Ich fuhlte mich auf einmal so klein, so schwach in seiner Gegenwart da ich mir noch kurz vorher gar nicht so vorgekommen war sein Blick durchdrang mein Innerstes, und schlug mich nieder.

Aber heilig soll mir dieser Abend seyn, so lang ich lebe

Das Gesprach lenkte sich von der Schonheit des Abends, bald auf die Schonheit und Aufrichtigkeit der Seele, die einen solchen Abend nur allein empfinden kann, wenn sie von allen Schlacken der Eitelkeit und Selbsttauschung gesaubert, die schone Natur wie ein reiner und heller Spiegel in sich darstellt.

Es war ja wohl recht schon am Steiger die Sonne untergehen zu sehen, und dabei in Klopstocks Messiade zu lesen aber die Scene musste nicht gleichsam herbeigezwungen werden, bloss um denn nachher, auch nur zu sich selber, sagen zu konnen: ich habe am Steiger die Sonne untergehen sehen, und Klopstocks Messiade dabei gelesen ich bin doch gewiss kein gemeiner Mensch so etwas lasst doch schon im Leben, wenn man so zuruckschaut.

O unbegreifliche Eitelkeit! nicht genug dass du andre durch falschen Schimmer zu tauschen suchst, willst du vor dir selbst mit Zwang eine dir nicht abgemessene Rolle spielen Die Sonne mit dem Buche in der Hand untergehen zu sehen, ist dir Arbeit nicht Genuss Du machst die Scene, sie fugt sich nicht von selbst; deine Seele ist nicht aufrichtig, deine Empfindungen sind erkunstelt, der Abdruck der schonen Natur in dir ist verfalscht!

Diess ist ohngefahr der Inhalt von dem, was ich an dem Abend von Hartknopfen gelernt habe. Es ist ein sehr angenehmer Spaziergang bei Erfurt nach den sogenannten drei Brunnen, wo sich der Weg zwischen Garten und Gebuschen in mancherlei Krummungen hinschlangelt, indess sich von allen Seiten her kleine Bache ergiessen, an deren schmalen Ufern man hinwandelt Hinter sich sieht man denn die alten hohen Kloster und Thurme der Stadt, die mit der erstaunlichen Menge bluhender Garten umher einen so angenehmen Kontrast machen

Hier trafen wir uns einmal um Mitternacht, da der Vollmond am Himmel stand und Hartknopf war doch gewiss keiner der empfindsamen Nachtwandler, die uber dem Anschauen des Mondes ihr Tagewerk versaumen. Er hatte seit einiger Zeit angefangen, die Kunst des grossen Saumeisters in dem gestirnten Himmel bewundern zu lernen.

Er hatte sich wirklich astronomische Kenntnisse erworben, und kam itzt, mit einem kleinen Tubus in der Hand, eine Anhohe herunter, auf welcher er einige Stunden zugebracht hatte. Er hatte eine besondre Gabe, dergleichen Kenntnisse mitzutheilen Seine Astronomie war keine leere Nahmenkenntniss von Sternbildern Es war ein machtiges Eingreifen der Gedanken in den grossen Weltplan, wovon nur so ein kleiner Theil von unsern Sinnen gefasst wird.

Ich sitze im Zimmer ein Strahl der Sonne fallt hinein, und macht einen Strich der Staubwolke sichtbar, die sich auf und nieder walzt in dem erleuchteten Striche schwimmen unzahlige Sonnenstaubchen, und drehen sich theils umeinander, theils ein jedes um seine eigne Axe der Bewohner eines solchen Sonnenstaubchens schaut uber sich, und sieht eine unzahlbare Menge ahnlicher kleiner Korper, die sich alle in einem und ebendemselben Lichtstrahl drehen, und ruft mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches Weltgebaude, wer misset dich?

Ich erofne das Fenster, und sehe den Himmel an, der nachtlich mit Millionen Sternen besaet ist, die sich alle, wie unser Erdball in einem, grossen Lichtmeer walzen; und rufe mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches Weltgebaude, wer misset dich Und ein hoheres Wesen lachelt vielleicht, indem es alle diese Welten mit einer Hand zusammenfasst, uber meinen Ausruf; so wie ich uber den Ausruf des Weltburgers auf einem Sonnenstaubchen.

Man denke nicht dass Hartknopf lehrte, wenn er so sprach nein, Lehren, das war gewiss seine Sache nicht er warf nur Vermuthungen hin, gab Winke hullte die herrlichen Wahrheiten in demuthige Zweifel ein liess aus der Dunkelheit der Zweifel allmalich das Licht hervorbrechen und wusste Empfindung und Gedanken auf eine so wunderbare Art zu verflechten, dass man kaum mehr zu unterscheiden wusste, ob man die Wahrheit aus Liebe zu ihr, oder aus fester Ueberzeugung annahm.

War ich je in einem Augenblick meines Lebens fest und unerschutterlich von der Fortdauer meines Geistes uberzeugt, so war ich es in jener Nacht, wo ich mit Hartknopfen spazieren ging Und oft habe ich mich noch nachher an der Erinnerung von jener Ueberzeugung, die ich doch damals wirklich hatte, festgehalten, wenn meine Zuversicht wieder wanken wollte.

Ich habe oft Youngs Nachtgedanken gelesen, aber keinen Schatten von her Empfindung haben sie in meiner Seele hervorgebracht, welche damals Hartknopfs kurzes Gesprach in mir erweckte.

Young ist in vielen Stellen erhaben auch zuweilen ruhrend und seelenschmelzend; aber er war nur in den Zelten der Lieblingsdichter meines Herzens, wo meine Seele selbst verstimmt war Er hat die Nacht aus der Natur herausgeschnitten, und sie einzeln aufgestellt er hat die Finsterniss vom Lichte gesondert er hat uns in einem vollen geruttelten Masse die Schrecken des Todes aufgetischt, dass wir auf einmal den Gaumen unsere Geistes daran laben sollen.

Hartknopf lehrte mich die Nacht lieben ohne den Tag zu scheuen, und den Tag ohne die Nacht zu scheuen. Finsterniss und Licht Tod und Leben Ruhe und Bewegung mussten in sanfter Mischung sich ineinander verschwimmen.

Der Blick zum Himmel gekehrt, musste sich von neuem Lichte gestarkt, wieder zur Erde senken um Dort und Hier Gegenwart und Zukunft in schone Harmonie miteinander zu vereinen.

O wie ich damals an seinen Lippen hing es war eine warme Sommernacht wir sassen auf einem Rasenhugel zu unsern Fussen rauscht' ein Bach, uber uns hing ein grunes Gestrauch in der Ferne sahe man das Kartheuserkloster Der Himmel umschloss uns von oben

So war alles zusammen bis auf den innersten Gedanken in unsrer Seele ein vollendetes Ganze.

Ich fuhlte mein Daseyn zum erstenmale; fuhlte mich in dieser grossen Kette eingezwangt; sicher, fest, und unerschutterlich

Ich ward zum erstenmal auf den rechten Lebensfleck gefuhrt Ich lernte die grosse Weissheit:

Des Alles im Moment.

Ich ward zum neuen geistigen Leben gebohren.

Von dem Augenblick an war es ruhig in meiner Seele Die tobenden Sturme des Ehrgeizes legten sich die Furcht verschwand, die Hoffnung ward Zuversicht.

Die Stille der Seele hatte einen wohlthatigen Einfluss auf meinen Korper; mein Pulsschlag war wieder sanft und regelmassig leicht und ungehindert stromte das Blut in frohen Kreisen fort

Mein kranklicher Korper ward durch die Seele geheilt; ich fuhlte mich an Leib und Geiste neugebohren.

Diese Nacht war es, wo ich Hartknopfen dem Geiste nach kennen lernte. Das heisst, sein Geist war mir nun gesichert, er mochte abwesend oder gegenwartig, todt oder lebend seyn Ich blickte durch den Geist in seine Augen, so wie ich vorher durch das Auge in seinen Geist geblickt hatte.

Unsere Zusammenkunft in dieser Nacht schien ein Werk des Zufalls aber sie war es nicht denn ich mochte doch nicht gern die nothwendige Gluckseligkeit meines Lebens an etwas schuldig seyn, das sich eben so leicht nicht hatte fugen konnen, als es sich gefugt hat.

Nein, in eben dem ewigen Zusammenhange, worin mein ganzes Daseyn gegrundet ist, worin ich mich so gesichert fuhle war auch jener Augenblick meines Lebens fest gegrundet, wo sich Hartknopfs Seele gegen die meinige aufschloss; und ich weiss es gewiss, dass er mir nicht entgehen konnte.

Hartknopf fand mich der Mittheilung seines Geistes werth; welches er gewiss nicht gethan haben wurde, wenn seine erste Lektion am Steigerwald bei mir nicht angeschlagen hatte aber er sahe, dass meine Seele aufrichtig war; dass ich mich der thorichten Verstellung, und des thorichten Zwanges schamte; dass ich die Nacht nicht herausgegangen war, um zwischen der Natur und mir gleichsam eine feierliche Scene zu veranstalten; sondern dass ich diessmal einem lockenden Rufe gefolgt war, und dass mein Herz sich willig erofnete, um den reinen Lichtstrohm aus ihr aufzunehmen.

Ich war so gestimmt, dass ich mich an der Figur eines Blattes auf den Wipfeln der Baume ergotzen konnte, und alles aus meinen Gedanken verbannt war, was diese schone Ordnung der Natur, die sich jetzt unverfalscht in mir abdruckte, hatte storen konnen.

Diese wohlthatige Stimmung bemerkte Hartknopf sogleich, und nutzte sie mit solcher Macht, dass er, ehe ich es noch selbst wusste, eine neue Schopfung in mir hervorgebracht hatte.

Das Licht hatte sich von der Finsterniss gesondert, der Morgen war angebrochen.

Das verwirrte Chaos der Ideen, die von Jugend auf in meine Seele gestromt waren, ordnete sich plotzlich zu einem schonen Ganzen.

Selbst das, was ich glaubte unnutz und umsonst gelernt, und in Buchern gelesen zu haben, fand hier seinen angewiesenen Platz und da war nichts mehr, das nicht in den schonen Plan gehort hatte.

Die Fluthen, die vorher sich mit dem Erdreich vermischt, und es schlammicht und bodenloss gemacht hatten, sonderten sich jetzt in Meere und Flusse, und stellten das Antlitz des Himmels dar, der sich darin spiegelte, und die Erde ward fest und hart, dass Menschen und Thiere drauf wandeln, und Baume und Pflanzen drauf emporschiessen konnten.

Wahrlich ich sage dir, es sey denn, dass jemand gebohren werde, aus dem Wasser und Geist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Wer nicht den ganzen Nutzen von dem, was er gelernt, gethan, gedacht, gelebt hat, in einen Moment zusammen ziehen kann, bei dem ist die neue Schopfung noch nicht vorgegangen, und noch nicht alles so geordnet, wie es soll.

Der Moment ist und bleibt der letzte Punkt, wohin alle Weissheit der Sterblichen streben kann und muss alles andre ist Chimare und Einbildung.

O wer leihet mir Hartknopfs Sprache, womit er in meine Seele rief: es werde Licht!

Wer lenkt meine Feder, dass sie nur ein schwaches Bild jener unnachahmlichen Sprache durch gemahlte Tone auf dem Papier entwerfe.

Gottliche Kunst, die du die Gedanken des schwachen Sterblichen auf kommende Geschlechter hinuber tragst wenn sein Mund schon lange im Grabe verschlossen ist o, wie engst du den Geist ein, der sich dir hingiebt; der den zusammengedrangten Lichtstrahl schwacht, damit er sich weit umher verbreite!

Der Buchstabe todtet, aber der Geist macht lebendig.

Hartknopf nahm seine Flote aus der Tasche, und begleitete das herrliche Recitativ seiner Lehren, mit angemessnen Akkorden er ubersetzte, indem er phantasierte, die Sprache des Verstandes in die Sprache der Empfindungen: denn dazu diente ihm

die Musik.

Oft, wenn er den Vordersatz gesprochen hatte, so bliess er den Nachsatz mit seiner Flote dazu.

Er athmete die Gedanken, so wie er sie in die Tone der Flote hauchte, aus dem Verstande ins Herz hinein.

Bewafnetes Auge, bewafneter Mund, bewafnete Hand, pflegte er wohl zu sagen:

Der Tubus, die Flote, und der Hammer.

Auf dem Klavier hat er sich manche verworrne Idee herausgespielt, und ins klare gebracht

Sein Studium aber ging darauf, die Musik zur eigentlichen Sprache der Empfindungen zu machen, wozu sich die artikulirten Tone nicht so wohl schikken, als die unartikulirten, die das Ganze nicht erst zerstucken, um es dann wieder zusammenzufassen, sondern die es gleich, so wie es ist, ganz und in seiner Fulle lassen.

Er verstand die Kunst, durch die Musik auf die Leidenschaften zu wirken darum trug er immer seine Flote bei sich in der Tasche und durch unablassige Uebung hatte er es so weit darin gebracht, dass er oft durch ein paar Griffe, die er, wie von ohngefahr that, aufgebrachte Gemuther besanftigen, Bekummerte aufrichten, und den Verzagten neue Hoffnung einflossen konnte.

Es war weiter nichts kunstliches bei der Sache, als dass der gewahlte Ton grade eingreifen musste, wo er sollte. Und denn war es oft eine sehr simple Kadanz, oder Tonfall, welche die wunderbare Wirkung hervorbrachten.

Ein jeder wird einigemale wenigstens in seinem Leben die Bemerkung an sich gemacht haben, dass irgend ein sonst ganz unbedeutender Ton, den einer etwa in der Ferne hort, bei einer gewissen Stimmung der Seele, einen ganz wunderbaren Effekt auf die Seele thut; es ist, als ob auf einmal tausend Erinnerungen, tausend dunkle Vorstellungen mit diesem Tone erwachten, die das Herz in eine unbeschreibliche Wehmuth versezzen.

Da hatte nun Hartknopf der Natur auf die Spur zu kommen, und das in Kunst zu verwandeln gesucht, was sich sonst nur zuweilen wie durch Zufall ereignet.

Freilich musste er den schon etwas kennen, auf welchen seine Tone dergleichen Wirkung hervorbringen sollten aber er lernte auch wieder durch die Wirkung, welche diese Tone machten, allmalig das Herz dessen immer besser kennen, mit dem er umging.

Das hochste in der Musik liegt in der Kenntniss ihrer einfachsten Elemente.

Hartknopf ware ein grosser Musikus gewesen, wenn er gleich nie hatte die Flote blasen, und das Klavier spielen lernen.

Er verband aber mit Fleiss ein Blaseninstrument, mit einem Seiteninstrumente. Das Blaseninstrument ist ganz Ausdruck der Empfindung, das Seiteninstrument schon zum Theil den Ideen geweiht durch das Seiteninstrument entwickelte sich Hartknopf, was er durch Blaseninstrumente im Ganzen empfunden hatte.

Die Blaseninstrumente sind dem Herzen naher.

Die Violine ahmet durch die geschleiften Tone die Blaseninstrumente nach, und macht gleichsam den Uebergang zwischen ihnen, und den mit immer wiederhohlten Unterbrechungen vibrirenden Seiteninstrumenten.

Dass durch gleiche Takttheile Ernst und Wurde durch ungleiche lebhafte Empfindungen durch drei oder vier kurze Tone zwischen zwei langern, Frolichkeit durch einen oder zwei kurze Tone vor einem langen Wildheit, Ungestum durch das Schwerfallige ausgedruckt wird wie geht das zu? Worin liegt hier die Aehnlichkeit zwischen den Zeichen und der bezeichneten Sache?

Wer das herausbringt, der ist im Stande ein Alphabet der Empfindungssprache zu verfertigen, woraus sich tausend herrliche Werke zusammen setzen lassen. Ist nicht die Musik der Sterblichen eine Kinderklapper, sobald sie sich nicht an die grosse Natur halt, sobald sie die nicht nachahmt?

Musik und Astronomie war Hartknopfen nahe miteinander verknupft Er lehrte mich in jener Nacht einen Theil der Astronomie bloss durch die unnachahmlichen Tone seiner Flote die eines Kenners Ohren gewiss wurden beleidigt haben, weil sie sogar einfach waren.

Eigentlich geschahe diess aber nur, well er das Klavier nicht zur Hand hatte, durch das lehrte er sonst die meisten Wissenschaften und vorzuglich auch Lebensweissheit und Moral. Noch ein sehr merkwurdiger Gegenstand seiner Beobachtung, in Ansehung der Musik, waren die verschiedenen Veranderungen des Pulsschlages bei den verschiedenen Veranderungen der Leidenschaften.

Mit der Musik verband er aber auch

die Dichtkunst

im hohen Grade und nahm seine Zuflucht oft zu ihr, wenn er kranke Seelen heilte. O dann flossen die Worte im metrischen Silbenfall, wie Balsam von seinen Lippen

Nicht, dass er so ein Wunderdichter gewesen ware, der gleich aus dem Stegereif auf jeden Vorfall in Versen etwas Vortreffliches hatte sagen konnen sondern alles, was er von andern vortrefflich gesagtes auswendig wusste, hatte er sich in seiner Seele so gemerkt, dass er es immer zur rechten Zeit in Bereitschaft hatte.

Und so wie fleissigen Bibellesern manchmal ein auswendig gelernter Spruch, gerade zur rechten Zeit einfallt, wo er ihnen, mitten in der Verzweiflung Trost und neuen Muth einflosst so brauchte Hartknopf auch die Dichtkunst, wozu sie eigentlich da ist, zur Veredlung und Erhebung des Geistes, zur Beruhigung der Leidenschaften sie diente ihm oft nach vielen misslungenen Versuchen zu einer heilsamen Seelenarzenei, wo alles andre fehlschlug.

Darum war auch unter den Alten Horaz sein Lieblingsdichter, weil er mit wohl abgemessnen, reizenden Silbenfall den rechten Takt des Lebens lehrt und sein Lieblinsgedicht unter den Neuern war Wielands Musarion.

Hartknopf machte zwar selbst auch Verse allein er that es nur, um irgend eine Pflicht zu erfullen, wie Sokrates einst kurz vor seinem Tode sich noch durch den Genius, der ihm immer zur Seite war, gedrungen fuhlte, einige Aesopische Fabeln in Verse zu bringen.

Seine grosste Starke aber bestand in der Deklamation; diese hatte er so in seiner Gewalt, dass er sich des Fremden, was er vorlass, gleichsam bemachtigte, und es sich zu eigen machte.

Es war ihm auch im Grunde nichts fremd, was irgend ein unverfalschtes Produkt des Geistes war sondern so wie die Strahlen der Sonne ein gemeinschaftliches Gut sind, dessen sich alle Sterblichen freuen, so schienen ihm auch die Strahlen des Geistes, sie mogen sich nun ausbreiten, wie und wo sie wollen, ein gemeinschaftliches Gut denkender und vernunftiger Wesen zu seyn, dessen sie alle ohne Ruckhalt froh werden sollen Dieser Gedanke machte, dass Hartknopf auch nie einen Funken von Neid empfand, so oft er etwas las, was ihm Bewunderung und Erstaunen einflosste, indem er sich nicht zutrauere, dass er es selbst wurde haben hervorbringen konnen.

Er nahm demohngeachtet an der Ehre des menschlichen Geistes Theil, und vergass, wie ein achter Republikaner, sein eignes Individuum, in der Vorstellung von der grossen Geisterrepublik, mit welcher verbunden er nur sich selber schatzte, und seiner eignen Existenz einen Werth beilegte.

Denn unter allen sogenannten philosophischen Systemen, war ihm das der Egoisten das abgeschmackteste von der Welt ob er gleich als Knabe einigemal Anfalle von dieser subtilen Raserei gehabt hatte da es ihm einfiel, alle die Wesen ausser ihm, waren eigentlich nur Traumbilder, die in ihm da waren, und er ware das einzige einsame Wesen in dieser weiten oden Welt; die denn, wie eine Schaumblase mit ihm aufgestiegen sey, und auch mit ihm wieder in ihr Nichts versinken wurde.

Wie gesagt, er hatte nur als Knabe diese Anfalle, und da er ein Mann geworden war, dachte er wie ein Mann, und druckte seinem Nachbar freundschaftlich die Hand, und blickte seinem Freunde getrost ins Auge, ohne sie nur eine Minute lang fur Traumbilder oder Wesen seiner Einbildungskraft zu halten.

Ich begreife auch kaum, wie man den Gedanken des eigentlichen Egoismus nur einen Augenblick lang, ohne sich der Raserei zu nahern, ertragen kann. Es ist das allerfurchterlichste und schrecklichste; ohne Hulfe, ohne Rettung bin ich mir selbst, als einem sich verzehrenden, sich selbst mit tausend Gefahren und dem Untergang drohenden Ungeheuer, uberlassen. Ich kann mir selbst nicht mehr in den Arm eines Freundes entfliehen denn der Arm des Freundes ist eine Tauschung meiner Sinne, ein mir verhasstes Selbst und doch wer rettet mich von den furchterlichen Gedanken? Doch kann ich in alle Ewigkeit von dem wirklichen Daseyn irgend eines Wesens uberzeugt werden, so wie ich es von meinem eignen bin keinen Augenblick lang kann ich das Ich eines Wesens ausser mir seyn wie kann ich da wissen, ob diess Wesen auch ein Ich ist, ob es je den Gedanken Ich gehabt hat

Das waren die Anfalle von Egoismus in Hartknopfs Knabenalter Seit jenem feierlichen Tage aber, da er sich in die grosse Republik der Geister aufgenommen fuhlte, verschwanden alle diese Zweifel, wie Nebel vor der Sonne Es war ein Geist, der durch ihn, und den Emeritus, und Knapp auf die Menschen wirkte, eine reine Flamme, die den Erdkreis erleuchtet, aber verschieden in tausend Farben und Gestalten der Dinge, die unter ihrem wohlthatigen ununterbrochnen Einfluss erst Bildung und Form erhalten

Diesen seinen eignen Geist fand Hartknopf im Emeritus, und dem Gastwirth Knapp, nicht aber in Hagebuck und Kuster wieder diese reine Flamme, die ihn selbst durchgluhte, grusste er in Wielands Musarion, in Homers Gesangen, in Horazens Briefen, in Rousseau's Emil, in Mendelsohns Phadon, und wurde sie in Lessings Nathan den Weisen gegrusst haben, hatte er ihn je gelesen. In Youngs Nachtgedanken hatte er sie nicht gefunden; auch wurde er sie nicht in dem Buche uber Irrthumer und Wahrheit gefunden haben, wenn es ihm je zu Gesichte gekommen ware.

Diess Wiederfinden desselben Geistes, der ihn durchwehte, in andern, war der erhabne Egoismus zu welchem er sich emporschwang, der die Seele seiner Freundschaft war, und ihm zugleich seine Unsterblichkeit sichern half: denn er fuhlte, dass er sich nie selbst verlieren konnte Er fand sich wieder, wohin er blickte.

Meine Zusammenkunft mit Hartknopfen in

einem Karthauserkloster.

Das war das letztemal, dass ich ihn in Erfurt sahe, und hier war es, wo er mir das letzte memento mori in die Seele rief, das seitdem nie wieder durch irgend einen Freudenschall daraus verdrangt ist.

Ob es denn etwa Karthauser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles vollstandig seyn soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, woran wir uns spiegeln sollen? denn ein solches Bild ist ein Karthausermonch, so wie sein Kloster das klare Bild des Grabes.

Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ohngefahr und doch auch nicht von ohngefahr, so wie die Nacht in den grunen Gangen nach den drei Brunnen, hier zusammentrafen. Es war des Nachmittags die Sonne schien hell ins Kirchfenster, und beleuchtete den Kranz des Altarblattes, und die grunen Blatter der duftenden Citronenbaume, womit die kleine Kirche an diesem hohen Feste geschmuckt war Die Monche sassen in zwei Reihen auf ihren erhabnen Sitzen, und vor jedem Sitze stand ein gruner Orangebaum in einem mit Erde gefullten Behaltnisse Die Monche sassen noch, ihre weisse Kappen uber das Gesicht gezogen, in feierlicher Stille da, und die Baume warfen einen sanften Schatten auf ihr langes weisses Gewand, dessen weite Ermel herunter hingen.

Dumpf und traurig, in tiefen Tonen hub darauf ihr Gesang an dann warfen sie sich auf ihr Antlitz nieder, und zogen indem sie anbeteten ihre Kappen uber das Gesicht herunter.

Da standen Greise mit kahler Scheitel, und Junglinge mit blassen Wangen, die einst gebluhet hatten.

Vor dem Altar hangt von oben ein Seil herunter, woran die Glocke gezogen wird, und so wie der erste Monch hereintritt, thut er den ersten Zug an dem Seile, und uberreicht es denn seinem Nachfolger, der den zweiten thut, so dass alle an dem Lauten Theil nehmen, und alle in diesem Tempel dienen, ohne sich dienen zu lassen. Eben so ist es auch wieder beim Weggehen.

Hartknopf war nicht umsonst hier, er besuchte einen neunzehnjahrigen Jungling, dem der Freund seiner Jugend an seiner Seite vom Blitz erschlagen war und der dadurch einen Ekel an allen Freuden des Lebens bekommen hatte, welcher ihn hieher trieb, wo er dem Grabe entgegen welkte.

Bei ihm gelang es Hartknopfen das zerknickte Rohr wieder aufzurichten er erhielt auf sein dringendes Anhalten, vom Prior die Erlaubniss, den Jungling in seiner Zelle zu besuchen: und dieser liess sich durch den erhabnen Ton seiner Stimme, durch seinen mitleidsvollen Blick, bewegen, ihn anzuhoren und da er ihn erst anhorte, so fesselte ihn Hartknopf schnell mit starken Banden der erbarmenden Liebe und Freundschaft. Solch ein Ton war noch nie in des armen Junglings Ohr gedrungen, seit er seinen Freund verlohren hatte. Hartknopf brachte ihm diesen wieder, und sicherte ihm sein Daseyn, und nun wurde der Jungling allmalig ruhig aber Hartknopf hutete sich wohl, bei den lebend Begrabnen den Reiz des Lebens zu sehr wieder anzufrischen Er lehrte ihn, in sich selber, in tausend kleinen Beschaftigungen seine Gluckseligkeit finden, die er vorher nicht gekannt hatte.

Hartknopf folgte in der Behandlung dieses Junglings der Natur, welche den Mangel des einen Sinnes dadurch einigermassen zu ersetzen sucht, dass sie die ganze Kraft desselben in einen andern Sinn zusammendrangt, der dadurch bis zu einem ausserordentlichen Grade erhohet wird so suchte Hartknopf bei diesem Jungling den Mangel des Entzuckens, welches nur die Mittheilung gewahrt, in dem Umgang mit seinem edlern Ich, in die grossen Beschaftigungen mit seinem eignen Geiste zuruckzudrangen er lehrte ihn in sich eine Welt finden, da die Welt ausser ihm, auf immer vor ihm verschlossen war.

Trauben von den Dornen und Feigen von den Disteln lesen, war Hartknopfs Wahlspruch, so oft er etwas bemerkte, was aus dem grossen Plane der Natur hinweggeruckt zu seyn schien Hier ist das Kunsteln nothig, sagte er, um das Verdorbne wieder gut zu machen. Was ein Unvernunftiger zu einem schlechten Endzwecke hervorgebracht hat, kann der Vernunftige immer noch zu einem bessern Endzwecke nutzen Die Unvernunft kann nichts so sehr verderben, dass die Vernunft es nicht sollte wieder gut machen konnen Die Unvernunft reisst nieder, damit die Vernunft wieder etwas zu bauen habe, so bleibt alles in Thatigkeit.

Wer sich einmal lebendig begraben will, der thur doch immer noch am besten, wenn er sich in ein Karthauserkloster begrabt, wo er sich doch sein Grab selbst nach Gefallen ausschmucken, und sich, wenn es ihm beliebt, darin umwenden kann, ob er gleich auch nicht wieder heraus darf.

Oft wenn ich aus meinem Stubenfenster uber die alte Stadtmauer nach dem Karthauserkloster hinuberblickte, fuhlte ich eine geheime Sehnsucht nach diesen stillen Hutten die ihren sehr guten Grund in meinem damaligen Verhaltnisse gegen die Welt, und gegen die Menschen hatte.

Die Karthauser wohnen nicht, wie andre Monche in einem Hause, wo ein jeder seine besondre Zelle hat, sondern ein jeder Monch hat hier sein eignes kleines Haus, das nur ein Stockwerk hat, und mit einer hohen Mauer umgeben ist, innerhalb welcher ein kleiner Garten bei jedem dieser Hauser befindlich ist. Die einzelnen Hauser sind durch die hohen umgebenden Mauern so voneinander abgesondert, dass man durch keine Thure aus einem ins andre, wohl aber aus allen gemeinschaftlich in die Kirche und den Speisesaal kommen kann. Auf diesen Gangen ist es also allein wo sich die Monche begegnen, und sich durch ihr unverbruchliches memento mori miteinander unterhalten.

Ein jeder hat in seinem Hause seine eigne kleine Einrichtung, bauet selbst seinen kleinen Garten, spaltet sich selber sein Holz zum brennen, hat auch wohl eine Drechsel- oder Hobelbank, womit er sich die Zelt verkurzt, und seinem Korper eine heilsame Bewegung giebt. Sein Lager ist auf der blossen Erde, zu seinen Fussen steht ein Todtenskelet, und ein harter Block dient ihm zum Kopfkussen. Dreimal die Nacht uber muss er sich des sussen Schlafs erwehren, wenn ihn bei vollem Einbruch der Finsterniss, um Mitternacht, und gegen Morgen die Stunde zum Gebete weckt

Einmal im Jahr am Fest des Ordensstifters bekommt er Fleisch zu essen, und Wein zu trinken, der sonst nie seine Lippen beruhren darf Ueber Tische herrscht ein unverbruchliches Stillschweigen.

Keiner, der sich aus der Welt innerhalb dieser geweihten Mauern gefluchtet hat, darf eine Erlosung daraus hoffen, wenn ihn je sein Entschluss wieder gereuen sollte. Und wer es wagen wollte, diese Mauern zu uberspringen, den wurde, wenn man ihn ergriffe, ein schreckliches Schicksal erwarten, und ware er vorher noch nicht lebend begraben gewesen, so wurde er es dann seyn.

Hartknopf hatte sich diesen Karthausermonch ausgesucht, um an ihm seine Weissheit zu versuchen denn hier war es, wo sie die Probe halten musste. Wenn es eine wahre Weissheit giebt, so muss sie lehren, wie man auch als Karthausermonch, sobald man es einmal ist, auf seine Weise glucklich seyn kann.

Freilich ist es besser, wenn sie einen vorher schon gelehrt hat, dass man nie ein Karthausermonch werden musse aber was hilft das besser, wenn das schlechter nun einmal da ist.

Das Schlechtere was da ist, muss doch wohl mehr die Aufmerksamkeit des Weisen an sich ziehen, als das Bessre, was nicht da ist. Aber die Afterweisen, die Weltreformatoren, die Hagebucks, schwarmen in den Zaubergefilden des Bessern was nicht da ist, mit ihrer mussigen Phantasie umher, und lassen indes auf dem verwilderten Acker des wirklichen festen Erdbodens, auf den sie treten, Dornen und Disteln wachsen.

Das that nun Hartknopf nicht der suchte die Dornen und Disteln auszujahren, wo er sie nur fand; und aus der Seele des Junglings hatte er einen sehr schmerzenden Dorn gezogen, indem er ihm seinen vom Blitz erschlagenen Freund wiedergab, und ihm in sich eine Welt zeigte, die ihn fur die Ausschliessung der aussern Welt schadloss hielt.

Dieser junge Mensch konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit berechnen, dass er sein ganzes Leben hindurch keinen einzigen Tag Langeweile haben wurde, wenn er den Weg verfolgte, den ihm Hartknopf vorgezeichnet hatte.

Ja er musste sich sogar ein ziemlich langes Leben wunschen, wenn er in diesem Leben einige betrachtliche Fortschritte thun wollte, die ihm dort zu statten kommen konnten.

Und das war es, was ihm fast immer Angst und Furcht gemacht hatte, nicht der Gedanke des Todes, der war ihm suss und erquickend, sondern der Gedanke an die unertragliche Last des Lebens an alle die leeren Stunden, die er mit nichts auszufullen wusste, oder wo doch die Quellen mit denen er sie auszufullen strebte, immer sobald versiegten.

Ach, in das einsamste voll der Welt abgeschiedenste Leben, das der Nacht des Grabes am nachsten kommt, lasst sich noch, wie mich Hartknopf gelehrt hat, eine unnennbare Seligkeit des Genusses legen.

Eben so wie dem die Ewigkeit nie zu lang werden konnte, der von den Millionen Welten, die aus dem Firmamente leuchten, eine nach der andern im ungehemmten Fluge bereiste, und die unendliche Verschiedenheit des Wesens der Bewohner aller dieser Welten nach und nach kennen lernte eben so wenig kann dem die Dauer seiner irrdischen Tage zu lang scheinen, der nur einen Blick in sich selbst, in seine innere Welt gethan, und die unermesslichen Gefilde des Denkens uberschaut, die sich da vor seinem Blicke erofnen.

Und diese Wonne des Denkens, des in sich Blikkens kann doch auch der dunkelste Kerker dem unsterblichen Geiste nicht rauben

Selbst der Verlust des sussen Augenlichts kann den Tag nicht verfinstern, der noch immer in der Seele des Weisen und des Denkers strahlt

Nicht den Tag, der in Homers, und Miltons, und Ossians Seele glanzte, da sie die Geschichte der Vorwelt sangen.

Hartknopf sprach: es werde Licht! und es ward Licht in der truben Seele des Junglings. Die Morgendammerung des reinen Denkens brach hervor: die Nebel der Vorurtheile walzten sich allmalig von dem hellen Horizont hinweg und bei dem allen blieb feste Resignation in Ansehung dessen, was einmal nicht zu andern war. Hartknopf lehrte den Jungling die Reue uberwinden er liess ihn einen Blick in die nothwendige Verbindung der Kette der menschlichen Schicksale thun, welcher Trost in seine Seele goss. Er sprach sich selber frei, ohne das Schicksal anzuklagen. Er unterwarf sich der Nothwendigkeit, und lernte sie lieben.

Und Hartknopf sahe an, alles, was er hervorgebracht hatte, und siehe da es war sehr gut

Darum glanzte sein Auge so heiter, da ich ihn am Feste des heiligen Bruno in der Kirche des Karthauserklosters traf. Er sahe in der Miene des Junglings, edle Lebenslust, Entschlossenheit und Standhaftigkeit nicht nur auf den kommenden Tag, sondern auf kommende Jahre und nun sahe er mich da stehen, in dem er seine neue Schopfung angefangen, aber noch nicht vollendet hatte.

Er fand diesen Ort zu einem wichtigen Fortschritt schicklich er sagte mir mit einer so kalten, festen, und trocknen Miene, dass ich sterben sterben musse wie es mir noch nie in meinem Leben gesagt war, wie ich es mir selbst noch nie gesagt hatte es war, als hatte er mich mit diesem Blick von Haut und Fleisch entblosst

Und indem er meine Hand dabei anfasste, und schnell wieder fahren liess

Fuhr mir der Gedanke an die Verwesung durch die Seele, und erschutterte mein Innerstes

Also Staub, wie der, auf dey ich trete ohne Gestalt, ohne Form, ohne Umriss in der ganzen weiten Welt gleich und eins die Todtenasche aller Sterblichen, wenn sie sich zusammen mischt

Die Schaumblase ist zerplatzt dem Bilde ist sein Umriss genommen

Abgeschieden von der Welt, stehen sie hier die geweihten Opfer des Todes, in das weisse Sterbegewand gehullt, und singen sich selbst ihren Grabegesang

Hinweg mit dem tauschenden Schleier! Hier ist nicht der Jungling mit der umgekehrten Fackel hier ist schreckliche, schandliche Verwesung das Meisterstuck der Schopfung liegt zertrummert da, und der Wurm nagt an seinen Ueberresten sind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger werth, als Augen von Glass geschliffen? dass diese modern, wenn jene dauern?

Ist es moglich, dass dieser Korper, den ich an mir trage, der so nahe in mein Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schopfung werde? Nicht nur moglich, sondern gewiss; so gewiss, dass es itzt schon wirklich ist und ich sollte nicht vor mir selber zuruckbeben? vor mir selber?

Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hort es auf? Wo verschwimmt es sich in die umgebende Welt? Kann ich nicht alles mit in den Kreis meines Daseyns ziehen, und kann ich nicht alles wieder heraus denken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang?

Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie schnell wieder fahren, wie die Hand eines Todten.

Eins muss mir heraus helfen, oder ich bin auf ewig in diesem Labyrinthe verloren.

Das hochste Studium des Psychologen sind:

die Verba Auxiliaria.

Hab' ich denn eine Hand? Hab' ich einen Korper, so wie ich ein Kleid, und eine Wohnung habe? Hab' ich eine Denkkraft?

Wo hort denn das Haben auf? wo nimmt das seyn seinen Anfang?

Ich habe ich bin.

Was hab' ich? was bin ich?

Das ist der Aufschluss:

Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe.

Haben ist der mehrumfassende Begriff Haben bezeichnet: zusammenhangen; seyn bezeichnet den starksten Grad des Zusammenhanges den letzten Knoten, worin sich alles zusammenschlingt.

Das Haben nahert sich dem Seyn, je starker der Zusammenhang wird

Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein, weil es in nahern Zusammenhange mit mir, als mit sonst irgend etwas in der Welt steht.

Das Kleid, das ich trage ist mehr mein, schmiegt sich naher an mein Ich, als das Haus, worin ich wohne, und der Korper wieder mehr, als das Kleid, das ich trage, und die Gedanken, womit ich mir meinen Korper vorstelle, wieder mehr als der Korper selbst.

Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrangter.

Das Haben verliert sich unmerklich ins Seyn.

Das Seyn ist der Stift in dem Wirbel. Ohne Mittelpunkt ist kein Cirkel, ohne Seyn ist kein Haben.

Ich kann nicht so gut mehr sagen: ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes Wesen, als ich sagen kann: ich habe einen Korper Ich bin ein denkendes Wesen.

Konnte je der innere feste Zusammenhang meiner Gedanken aufgelosst werden, so wie der Bau meines Korpers zerstort wird, dann wurde ich aufhoren zu seyn

Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie wieder fallen, wie die Hand eines Todten und ich schauderte nicht mehr zuruck vor der Verwesung, denn ich fuhlte mich in mich selbst zuruckgedrangt, fest und unerschutterlich, mein Korper war ausser mir; war ein gleichgultiger Gegenstand meiner Betrachtung.

Je enger der Cirkel von aussen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in sich selber zuruck, gedrangt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang meiner Gedanken in sich selber; desto fester und unerschutterlicher das Gefuhl meines Daseyns.

Der Karthausermonch, den Hartknopf die Weissheit des Lebens lehrte, war fast bis aufs Grab umschrankt, so wenig Zusammenhang mit der aussern Welt blieb ihm ubrig, und er fand dennoch Fulle des Daseyns in sich selber.

Zu guter letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weissheit, bei welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der sanfte Gang der Tone ein so lebhaftes Bild des ruhig abgemessnen Lebensschrittes; und die Harmonie des Ganzen so Herzeindringend ist; dass einige Verse aus diesem Liede gesungen, gleich einem wohlthatigen Zauber, manchmal eine plotzliche Veranderung in meinem Gemuth hervorgebracht; und meine emporten Leidenschaften wieder besanftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen Liede, war mir irgend eine von Hartknopfs grossen Lehren geknupft, die nun alle mit einemmale in meiner Seele erwachten, und durch die einfache und doch gedankenvolle Melodie, in ein simples System gebracht, so leicht und ohne Muhe von mir umfasst werden konnten, wie die Wolbung meines Ohrs jeden sanften Ton auffing, den die beruhrte Saite meines Herzens, wie ein getreues Echo wieder gab Das Lied in die Weissheit, was mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer wohlbekannten Sammlung steht, hiess:

O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens

Zum grossen Ziele freudig gehn,

Und einst am Grab, in Aussicht, nicht vergebens,

Den steilen Pfad erstiegen sehn.

Durch die ein beifallgebendes Gewissen

Uns Gluck und stillen Frieden beut,

Und Blumchen lockt hervor zu unsern Fussen,

Und auf die Dornenpfade streut;

Geleite mich die Dornenbahn des Lebens

Getrost und muthig fernerhin,

Und lehre mich, dass ich zu Licht vergebens

Durch Licht nicht auserkohren bin!

Mein Leben sey ein steter sanfter Friede

Und Wohlklang, wie das Saitenspiel!

Nie meine Hand zum Bau des Tempels mude

Vollendung meiner Arbeit Ziel!

Geordnet sey mein Leben nach dem Masse

Des simplen Ganzen der Natur,

So wird die Muh auf dieser Wanderstrasse,

Zur Freude einer Blumenflur.

Hell vor uns her blickt schon im Morgensterne

Auf meine Bruder, schaut froh in die Ferne,

Dir lohnend uns entgegen lacht!

Senkt nie den Blick auf die Beschwerden nieder

Dort ist der Quell, und dort ist Heil!

Der Geist streb' auf, kehr lichterhellter wieder

Und nehm' verklart am Lichte Theil!

Die Weissheit, welche Hartknopf seine Schuler lehrte, ist einzig, fest, und unerschutterlich;

sie heisst:

Resignation.

Der diese Weissheit lehrte, erprufte sie, da er den Emeritus und den Gastwirth Knapp zu ihrer Hinrichtung auf den Rabenstein von Gellenhausen begleitete, den sie auf Satan Hagebucks Anstiften besteigen mussten. Er versiegelte sie funf Jahre nachher mit seinem Martirertode.

Mors ultima linea rerum est.