1785_Moritz_072 Topic 1

Karl Philipp Moritz

Anton Reiser

Ein psychologischer Roman

Erster Teil

Vorrede

(1785)

Dieser psychologische Roman konnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen grosstenteil/s aaus dem wirklichen Leben genommen sind. Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt und weiss, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfanglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfugigkeit mancher Umstande, die hier erzahlt werden, nicht stossen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzuglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine grosse Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll die vorstellende Kraft nicht verteilen, sondern sie zusammendrangen und den Blick der Seele in sich selber scharfen. Freilich ist dies nun keine so leichte Sache, dass gerade jeder Versuch darin glucken muss aber wenigstens wird doch vorzuglich in padagogischer Rucksicht das Bestreben nie ganz unnutz sein, die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen. In Pyrmont, einem Orte, der wegen seines Gesundbrunnens beruhmt ist, lebte noch im Jahre 1756 ein Edelmann auf seinem Gute, der das Haupt einer Sekte in Deutschland war, die unter dem Namen der Quietisten oder Separatisten bekannt ist, und deren Lehren vorzuglich in den Schriften der Mad. Guion, einer bekannten Schwarmerin, enthalten sind, die zu Fenelons Zeiten, mit dem sie auch Umgang hatte, in Frankreich lebte.

Der Herr von Fleischbein, so hiess dieser Edelmann, wohnte hier von allen ubrigen Einwohnern des Orts und ihrer Religion, Sitten und Gebrauchen ebenso abgesondert, wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschieden war, die es von allen Seiten umgab.

Dies Haus nun machte fur sich eine kleine Republik aus, worin gewiss eine ganz andre Verfassung als rund umher im ganzen Lande herrschte. Das ganze Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen Personen, deren Bestreben nur dahin ging oder zu gehen schien, in ihr 'Nichts' (wie es die Mad. Guion nennt) wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu 'ertoten' und alle 'Eigenheit' auszurotten.

Alle diese Personen mussten sich taglich einmal in einem grossen Zimmer des Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammlen, den der Herr von Fleischbein selbst eingerichtet hatte, und welcher darin bestand, dass sie sich alle um einen Tisch setzten und mit zugeschlossnen Augen, den Kopf auf den Tisch gelegt, eine halbe Stunde warteten, ob sie etwa die Stimme Gottes oder das 'innre Wort' in sich vernehmen wurden. Wer dann etwas vernahm, der machte es den ubrigen bekannt.

Der Herr von Fleischbein bestimmte auch die Lekture seiner Leute, und wer von den Knechten oder Magden eine mussige Viertelstunde hatte, den sahe man nicht anders als mit einer von der Mad. Guion Schriften, vom 'innern Gebet' oder dergleichen, in der Hand in einer nachdenkenden Stellung sitzen und lesen.

Alles bis auf die kleinsten hauslichen Beschaftigungen hatte in diesem Hause ein ernstes, strenges und feierliches Ansehn. In allen Mienen glaubte man 'Ertotung' und 'Verleugnung' und in allen Handlungen 'Ausgehen aus sich selbst' und 'Eingehen ins Nichts' zu lesen.

Der Herr von Fleischbein hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin nicht wieder verheiratet, sondern lebte mit seiner Schwester, der Frau von Pruschenk, in dieser Eingezogenheit, um sich dem grossen Geschafte, die Lehren der Mad. Guion auszubreiten, ganz und ungestort widmen zu konnen.

Ein Verwalter, namens H., und eine Haushalterin mit ihrer Tochter machten gleichsam den mittlern Stand des Hauses aus, und dann folgte das niedrige Gesinde. Diese Leute schlossen sich wirklich fest aneinander, und alles hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen den Herrn von Fleischbein, der wirklich einen unstraflichen Lebenswandel fuhrte, obgleich die Einwohner des Orts sich mit den argerlichsten Geschichten von ihm trugen.

Er stand jede Nacht dreimal zu bestimmten Stunden auf, um zu beten, und bei Tage brachte er seine meiste Zeit damit zu, dass er die Schriften der Mad. Guion, deren eine grosse Anzahl von Banden ist, aus dem Franzosischen ubersetzte, die er denn auf seine Kosten drucken liess und sie umsonst unter seine Anhanger austeilte.

Die Lehren, welche in diesen Schriften enthalten sind, betreffen grosstenteils jenes schon erwahnte vollige Ausgehen aus sich selbst und Eingehen in ein seliges Nichts, jene ganzliche Ertotung aller sogenannten 'Eigenheit' oder 'Eigenliebe' und eine vollig uninteressierte Liebe zu Gott, worin sich auch kein Funkchen Selbstliebe mehr mischen darf, wenn sie rein sein soll, woraus denn am Ende eine vollkommne, selige 'Ruhe' entsteht, die das hochste Ziel aller dieser Bestrebungen ist.

Weil nun die Mad. Guion sich fast ihr ganzes Leben hindurch mit nichts als mit Bucherschreiben beschaftigt hat, so sind ihrer Schriften eine so erstaunliche Menge, dass selbst Martin Luther schwerlich mehr geschrieben haben kann. Unter andern macht allein eine mystische Erklarung der ganzen Bibel wohl an zwanzig Bande aus.

Diese Mad. Guion musste viel Verfolgung leiden und wurde endlich, weil man ihre Lehrsatze fur gefahrlich hielt, in die Bastille gesetzt, wo sie nach einer zehnjahrigen Gefangenschaft starb. Als man nach ihrem Tode ihren Kopf offnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet. Sie wird ubrigens noch itzt von ihren Anhangern als eine Heilige der ersten Grosse beinahe gottlich verehrt, und ihre Ausspruche werden den Ausspruchen der Bibel gleich geschatzt; weil man annimmt, dass sie durch ganzliche Ertotung aller 'Eigenheit' so gewiss mit Gott sei vereinigt worden, dass alle ihre Gedanken auch notwendig gottliche Gedanken werden mussten.

Der Herr von Fleischbein hatte die Schriften der Mad. Guion auf seinen Reisen in Frankreich kennen gelernt, und die trockne, metaphysische Schwarmerei, welche darin herrscht, hatte fur seine Gemutsbeschaffenheit so viel Anziehendes, dass er sich ihr mit eben dem Eifer ergab, womit er sich wahrscheinlich unter andern Umstanden dem hochsten Stoizismus wurde ergeben haben, womit die Lehren der Mad. Guion in Ansehung der ganzlichen Ertotung aller Begierden usw. oft eine auffallende Ahnlichkeit haben.

Er wurde nun auch von seinen Anhangern ebenfalls wie ein Heiliger verehrt und ihm wirklich zugetrauet, dass er beim ersten Anblick das Innerste der Seele eines Menschen durchschauen konne.

Zu seinem Hause geschahen Wallfahrten von allen Seiten, und unter denen, die jahrlich wenigstens einmal dieses Haus besuchten, war auch Antons Vater.

Dieser, ohne eigentliche Erziehung aufgewachsen, hatte seine erste Frau sehr fruh geheiratet, immer ein ziemlich wildes, herumirrendes Leben gefuhrt, wohl zuweilen einige fromme Ruhrungen gehabt, aber nicht viel darauf geachtet. Bis er nach dem Tode seiner ersten Frau plotzlich in sich geht, auf einmal tiefsinnig und, wie man sagt, ein ganz andrer Mensch wird und bei seinem Aufenthalt in Pyrmont zufalligerweise erstlich den Verwalter des Herrn von Fleischbein und nachher durch diesen den Herrn von Fleischbein selber kennen lernte.

Dieser gibt ihm denn nach und nach die Guionschen Schriften zu lesen, er findet Geschmack daran und wird bald ein erklarter Anhanger des Herrn von Fleischbein.

Demohngeachtet fiel es ihm ein, wieder zu heiraten, und er machte mit Antons Mutter Bekanntschaft, welche bald in die Heirat willigte, das sie nie wurde getan haben, hatte sie die Holle von Elend vorausgesehen, die ihr im Ehestande drohete. Sie versprach sich von ihrem Manne noch mehr Liebe und Achtung, als sie vorher bei ihren Anverwandten genossen hatte, aber wie entsetzlich fand sie sich betrogen.

So sehr die Lehre der Mad. Guion von der ganzlichen Ertotung und Vernichtung aller, auch der sanften und zartlichen Leidenschaften mit der harten und unempfindlichen Seele ihres Mannes ubereinstimmte, so wenig war es ihr moglich, sich jemals mit diesen Ideen zu verstandigen, wogegen sich ihr Herz auflehnte.

Dies war der erste Keim zu aller nachherigen ehelichen Zwietracht.

Ihr Mann fing an, ihre Einsichten zu verachten, weil sie die hohen Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Mad. Guion lehrte.

Diese Verachtung erstreckte sich nachher auch auf ihre ubrigen Einsichten, und je mehr sie dies empfand, je starker musste notwendig die eheliche Liebe sich vermindern und das wechselseitige Missvergnugen aneinander mit jedem Tage zunehmen.

Antons Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel und eine ziemlich deutliche Erkenntnis von ihrem Religionssystem, sie wusste z.E. sehr erbaulich davon zu reden, dass der Glaube ohne Werke tot sei, usw.

In der Bibel las sie wirklich zu ganzen Stunden mit innigem Vergnugen, aber sobald ihr Mann es versuchte, ihr aus den Guionschen Schriften vorzulesen, so empfand sie eine Art von Bangigkeit, die vermutlich aus der Vorstellung entstand, sie werde dadurch in dem rechten Glauben irregemacht werden.

Sie suchte sich alsdann auf alle Weise loszumachen. Hiezu kam nun noch, dass sie vieles von der Kalte und dem lieblosen Wesen ihres Mannes auf Rechnung der Guionschen Lehre schrieb, die sie nun in ihrem Herzen immer mehr zu verwunschen anfing, und bei dem volligen Ausbruch der ehelichen Zwietracht sie laut verwunschte.

So wurde der hausliche Friede und die Ruhe und Wohlfahrt einer Familie jahrelang durch diese unglucklichen Bucher gestort, die wahrscheinlich einer so wenig wie der andere verstehen mochte.

Unter diesen Umstanden wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, dass er von der Wiege an unterdruckt ward.

Die ersten Tone, die sein Ohr vernahm und sein aufdammernder Verstand begriff, waren wechselseitige Fluche und Verwunschungen des unaufloslich geknupften Ehebandes.

Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner fruhesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wusste nicht, an wen er sich anschliessen, an wen er sich halten sollte, da sich beide hassten und ihm doch einer so nahe wie der andre war.

In seiner fruhesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zartlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Muhe ihr belohnendes Lacheln.

Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tranen und der Klagen.

Diese ersten Eindrucke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die er durch keine Philosophie verdrangen konnte.

Da sein Vater im Siebenjahrigen Kriege mit zu Felde war, zog seine Mutter zwei Jahre lang mit ihm auf ein kleines Dorf.

Hier hatte er ziemliche Freiheit und einige Entschadigung fur die Leiden seiner Kindheit.

Die Vorstellungen von den ersten Wiesen, die er sahe, von dem Kornfelde, das sich einen sanften Hugel hinanerstreckte und oben mit grunem Gebusch umkranzt war, von dem blauen Berge und den einzelnen Gebuschen und Baumen, die am Fuss desselben auf das grune Gras ihren Schatten warfen und immer dichter und dichter wurden, je hoher man hinaufstieg, mischen sich noch immer unter seine angenehmsten Gedanken und machen gleichsam die Grundlage aller der tauschenden Bilder aus, die oft seine Phantasie sich vormalt.

Aber wie bald waren diese beiden glucklichen Jahre entflohen!

Es ward Friede, und Antons Mutter zog mit ihm in die Stadt zu ihrem Manne.

Die lange Trennung von ihm verursachte ein kurzes Blendwerk ehelicher Eintracht, aber bald folgte auf die betrugliche Windstille ein desto schrecklicherer Sturm.

Antons Herz zerfloss in Wehmut, wenn er einem von seinen Eltern unrecht geben sollte, und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloss furchtete, mehr recht habe als seine Mutter, die er liebte.

So schwankte seine junge Seele bestandig zwischen Hass und Liebe, zwischen Furcht und Zutrauen zu seinen Eltern hin und her.

Da er noch nicht acht Jahr alt war, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn, auf den nun vollends die wenigen Uberreste vaterlicher und mutterlicher Liebe fielen, so dass er nun fast ganz vernachlassiget wurde und sich, sooft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschatzung und Verachtung nennen horte, die ihm durch die Seele ging.

Woher mochte wohl dies sehnliche Verlangen nach einer liebreichen Behandlung bei ihm entstehen, da er doch derselben nie gewohnt gewesen war und also kaum einige Begriffe davon haben konnte?

Am Ende freilich ward dies Gefuhl ziemlich bei ihm abgestumpft; es war ihm beinahe, als musse er bestandig gescholten sein, und ein freundlicher Blick, den er einmal erhielt, war ihm ganz etwas Sonderbares, das nicht recht zu seinen ubrigen Vorstellungen passen wollte.

Er fuhlte auf das innigste das Bedurfnis der Freundschaft von seinesgleichen: und oft, wenn er einen Knaben von seinem Alter sahe, hing seine ganze Seele an ihm, und er hatte alles drum gegeben, sein Freund zu werden; allein das niederschlagende Gefuhl der Verachtung, die er von seinen Eltern erlitten, und die Scham wegen seiner armseligen, schmutzigen und zerrissnen Kleidung hielten ihn zuruck, dass er es nicht wagte, einen glucklichern Knaben anzureden.

So ging er fast immer traurig und einsam umher, weil die meisten Knaben in der Nachbarschaft ordentlicher, reinlicher und besser wie er gekleidet waren und nicht mit ihm umgehen wollten, und die es nicht waren, mit denen mochte er wieder wegen ihrer Liederlichkeit und auch vielleicht aus einem gewissen Stolz keinen Umgang haben.

So hatte er keinen, zu dem er sich gesellen konnte, keinen Gespielen seiner Kindheit, keinen Freund unter Grossen noch Kleinen.

Im achten Jahre fing denn doch sein Vater an, ihn selber etwas lesen zu lehren, und kaufte ihm zu dem Ende zwei kleine Bucher, wovon das eine eine Anweisung zum Buchstabieren und das andre eine Abhandlung gegen das Buchstabieren enthielt.

In dem ersten musste Anton grosstenteils schwere biblische Namen, als: Nebukadnezar, Abednego usw., bei denen er auch keinen Schatten einer Vorstellung haben konnte, buchstabieren. Dies ging daher etwas langsam.

Allein, sobald er merkte, dass wirklich vernunftige Ideen durch die zusammengesetzten Buchstaben ausgedruckt waren, so wurde seine Begierde, lesen zu lernen, von Tage zu Tage starker.

Sein Vater hatte ihm kaum einige Stunden Anweisung gegeben, und er lernte es nun zur Verwunderung aller seiner Angehorigen in wenig Wochen von selber.

Mit innigem Vergnugen erinnert er sich noch itzt an die lebhafte Freude, die er damals genoss, als er zuerst einige Zeilen, bei denen er sich etwas denken konnte, durch vieles Buchstabieren mit Muhe herausbrachte.

Nun aber konnte er nicht begreifen, wie es moglich sei, dass andre Leute so geschwind lesen konnten, wie sie sprachen; er verzweifelte damals ganzlich an der Moglichkeit, es je so weit zu bringen.

Um desto grosser war nun seine Verwunderung und Freude, da er auch dies nach einigen Wochen konnte.

Auch schien ihn dieses bei seinen Eltern, noch mehr aber bei seinen Anverwandten in einige Achtung zu setzen, welches von ihm zwar nicht unbemerkt blieb, aber doch nie die eigentliche Ursach ward, die ihn zum Fleiss anspornete.

Seine Begierde zu lesen war nun unersattlich. Zum Glucke standen in dem Buchstabierbuche ausser den biblischen Spruchen auch einige Erzahlungen von frommen Kindern, die mehr wie hundertmal von ihm durchgelesen wurden, ob sie gleich nicht viel Anziehendes hatten.

Die eine handelte von einem sechsjahrigen Knaben, der zur Zeit der Verfolgung die christliche Religion nicht verleugnen wollte, sondern sich lieber auf das entsetzlichste peinigen und nebst seiner Mutter als ein Martyrer fur die Religion sein Leben liess; die andre von einem bosen Buben, der sich im zwanzigsten Jahre seines Lebens bekehrte und bald darauf starb.

Nun kam auch das andre kleine Buch an die Reihe, worin die Abhandlung gegen das Buchstabieren stand, und er zu seiner grossen Verwunderung las, dass es schadlich, ja seelenverderblich sei, die Kinder durch Buchstabieren lesen zu lehren.

In diesem Buche fand er auch eine Anweisung fur Lehrer, die Kinder lesen zu lehren, und eine Abhandlung uber die Hervorbringung der einzelnen Laute durch die Sprachwerkzeuge: so trocken ihm dieses schien, so las er es doch aus Mangel an etwas Besserm mit der grossten Standhaftigkeit nach der Reihe durch.

Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eroffnet, in deren Genuss er sich fur alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermassen entschadigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Larmen und Schelten und hausliche Zwietracht herrschte oder er sich vergeblich nach einem Gespielen umsah, so eilte er hin zu seinem Buche.

So ward er schon fruh aus der naturlichen Kinderwelt in eine unnaturliche idealistische Welt verdrangt, wo sein Geist fur tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele geniessen konnen.

Schon im achten Jahre bekam er eine Art von auszehrender Krankheit. Man gab ihn vollig auf, und er horte bestandig von sich wie von einem, der schon wie ein Toter beobachtet wird, reden. Dies war ihm immer lacherlich oder vielmehr war ihm das Sterben selbst, wie er sich damals vorstellte, mehr etwas Lacherliches als etwas Ernsthaftes. Seine Base, der er doch etwas lieber wie seinen Eltern zu sein schien, ging endlich mit ihm zu einem Arzt, und eine Kur von einigen Monaten stellte ihn wieder her.

Kaum war er einige Wochen gesund, als ihn gerade bei einem Spaziergange mit seinen Eltern auf das Feld, der ihm sehr etwas Seltnes und eben daher desto reizender war, der linke Fuss an zu schmerzen fing. Dies war nach uberstandner Krankheit sein erster und sollte auf lange Zeit sein letzter Spaziergang sein.

Am dritten Tage war die Geschwulst und Entzundung am Fusse schon so gefahrlich geworden, dass man am vierten zur Amputation schreiten wollte. Antons Mutter sass und weinte, und sein Vater gab ihm zwei Pfennige. Dies waren die ersten Ausserungen des Mitleids gegen ihn, deren er sich von seinen Eltern erinnert, und die wegen der Seltenheit einen desto starkern Eindruck auf ihn machten.

An dem Tage vor der beschlossnen Amputation kam ein mitleidiger Schuster zu Antons Mutter und brachte ihr eine Salbe, durch deren Gebrauch sich die Geschwulst und Entzundung im Fusse wahrend wenigen Stunden legte. Zum Fussabnehmen kam es nun nicht, aber der Schaden dauerte demohngeachtet vier Jahre lang, ehe er geheilt werden konnte, in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft unsaglichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit entbehren musste.

Bei diesem Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem Hause gehen, nachdem er eine Weile zuheilte und immer wieder aufbrach.

Oft musste er ganze Nachte hindurch wimmern und klagen und die abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden erdulden. Dies entfernte ihn naturlicherweise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit seinesgleichen und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Bucher. Am haufigsten las er, wenn er seinen jungern Bruder wiegte, und wann es ihm damals an einem Buche fehlte, so war es, als wenn es ihm itzt an einem Freunde fehlt: denn das Buch musste ihm Freund und Troster und alles sein.

Im neunten Jahre las er alles, was Geschichte in der Bibel ist, vom Anfange bis zu Ende durch; und wenn einer von den Hauptpersonen, als Moses, Samuel oder David, gestorben war, so konnte er sich tagelang daruber betruben, und es war ihm dabei zumute, als sei ihm ein Freund abgestorben, so lieb wurden ihm immer die Personen, die viel in der Welt getan und sich einen Namen gemacht hatten.

So war Joab sein Held, und es schmerzte ihn, sooft er schlecht von ihm denken musste. Insbesondre haben ihn oft die Zuge der Grossmut in Davids Geschichte, wenn er seines argsten Feindes schonte, da er ihn doch in seiner Gewalt hatte, bis zu Tranen geruhrt.

Nun fiel ihm das Leben der Altvater in die Hande, welches sein Vater sehr hochschatzte, und diese Altvater bei jeder Gelegenheit als Autoritaten anfuhrte. So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an: die Madam Guion spricht, oder der heilige Makarius oder Antonius sagt usw.

Die Altvater, so abgeschmackt und abenteuerlich oft ihre Geschichte sein mochte, waren fur Anton die wurdigsten Muster zur Nachahmung, und er kannte eine Zeitlang keinen hohern Wunsch, als seinem grossen Namensgenossen, dem heiligen Antonius, ahnlich zu werden und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in eine Wuste zu fliehen, die er nicht weit vom Tore zu finden hoffte, und wohin er einmal wirklich eine Reise antrat, indem er sich uber hundert Schritte weit von der Wohnung seiner Eltern entfernte und vielleicht noch weiter gegangen ware, wenn die Schmerzen an seinem Fusse ihn nicht genotigt hatten, wieder zuruckzukehren. Auch fing er wirklich zuweilen an, sich mit Nadeln zu pricken und sonst zu peinigen, um dadurch den heiligen Altvatern einigermassen ahnlich zu werden, da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte.

Wahrend dieser Lekture ward ihm ein kleines Buch geschenkt, dessen eigentlichen Titel er sich nicht erinnert, das aber von einer fruhen Gottesfurcht handelte und Anweisung gab, wie man schon vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre in der Frommigkeit wachsen konne. Die Abhandlungen in diesem Buchelchen hiessen also: 'Fur Kinder von sechs Jahren', 'Fur Kinder von sieben Jahren' usw. Anton las also den Abschnitt 'Fur Kinder von neun Jahren' und fand, dass es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, dass er aber schon drei Jahre versaumt habe.

Dies erschutterte seine ganze Seele, und er fasste einen so festen Vorsatz sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mogen. Von der Stunde an befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung usw. in dem Buche stand, auf das punktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen Schritt zur Sunde. Wie weit, dachte er, werde ich nun nicht schon in funf Jahren sein, wenn ich hierbei bleibe. Denn in dem kleinen Buche war das Fortrucken in der Frommigkeit gleichsam zu einer Sache des Ehrgeizes gemacht, wie man etwa sich freuet, aus einer Klasse in die andere immer hoher gestiegen zu sein.

Wenn er, wie naturlich, sich zuweilen vergass und einmal, wenn er Linderung an seinem Fusse fuhlte, umhersprang oder lief, so fuhlte er daruber die heftigsten Gewissensbisse, und es war ihm immer, als sei er nun schon einige Stufen wieder zuruckgekommen.

Dieses kleine Buch hatte lange einen starken Einfluss auf seine Handlungen und Gesinnungen: denn was er las, das suchte er auch gleich auszuuben. Daher las er auf jeden Tag in der Woche sehr gewissenhaft den Abend- und Morgensegen, weil im Katechismus stand, man musse ihn lesen; auch vergass er nicht, das Kreuz dabei zu machen und 'das walte' zu sagen, wie es im Katechismus befohlen war.

Sonst sahe er nicht viel von Frommigkeit, ob er gleich immer viel davon reden horte und seine Mutter ihn alle Abende einsegnete und niemals vergass, ehe er einschlief, das Zeichen des Kreuzes uber ihn zu machen.

Der Herr von Fleischbein hatte unter andern die geistlichen Lieder der Madam Guion ins Deutsche ubersetzt, und Antons Vater, der musikalisch war, passte ihnen Melodien an, die grosstenteils einen raschen, frohlichen Gang hatten.

Wenn es sich nun fugte, dass er etwa einmal nach einer langen Trennung wieder zu Hause kam, so liess sich denn doch die Ehegattin uberreden, einige dieser Lieder mitzusingen, wozu er die Zither spielte. Dies geschahe gemeiniglich kurz nach der ersten Freude des Wiedersehens, und diese Stunden mochten wohl noch die glucklichsten in ihrem Ehestande sein.

Anton war dann am frohesten und stimmte oft, so gut er konnte, in diese Lieder ein, die ein Zeichen der so seltnen wechselseitigen Harmonie und Ubereinstimmung bei seinen Eltern waren.

Diese Lieder gab ihm nun sein Vater, da er ihn fur reif genug zu dieser Lekture hielt, in die Hande und liess sie ihn zum Teil auswendig lernen.

Wirklich hatten diese Gesange, ohngeachtet der steifen Ubersetzung, immer noch so viel Seelenschmelzendes, eine so unnachahmliche Zartlichkeit im Ausdrucke, solch ein sanftes Helldunkel in der Darstellung und so viel unwiderstehlich Anziehendes fur eine weiche Seele, dass der Eindruck, den sie auf Antons Herz machten, bei ihm unausloschlich geblieben ist.

Oft trostete er sich in einsamen Stunden, wo er sich von aller Welt verlassen glaubte, durch ein solches Lied vom seligen Ausgehen aus sich selber und der sussen Vernichtung vor dem Urquelle des Daseins.

So gewahrten ihm schon damals seine kindischen Vorstellungen oft eine Art von himmlischer Beruhigung.

Einmal waren seine Eltern bei dem Wirt des Hauses, wo sie wohnten, des Abends zu einem kleinen Familienfeste gebeten. Anton musste es aus dem Fenster mit ansehen, wie die Kinder der Nachbarn schon geputzt zu diesem Feste kamen, indes er allein auf der Stube zuruckbleiben musste, weil seine Eltern sich seines schlechten Aufzuges schamten. Es wurde Abend, und ihn fing an zu hungern; und nicht einmal ein Stuckchen Brot hatten ihm seine Eltern zuruckgelassen.

Indes er oben einsam sass und weinte, schallte das frohliche Getummel von unten zu ihm herauf. Verlassen von allem, fuhlte er erst eine Art von bitterer Verachtung gegen sich selbst, die sich aber plotzlich in eine unaussprechliche Wehmut verwandelte, da er zufalligerweise die Lieder der Madam Guion aufschlug und eins fand, das gerade auf seinen Zustand zu passen schien. Eine solche Vernichtung, wie er in diesem Augenblick fuhlte, musste nach dem Liede der Madam Guion vorhergehen, um sich in dem Abgrunde der ewigen Liebe wie ein Tropfen im Ozean zu verlieren. Allein, da nun der Hunger anfing, ihm unausstehlich zu werden, so wollten auch die Trostungen der Madam Guion nichts mehr helfen, und er wagte es, hinunterzugehen, wo seine Eltern in grosser Gesellschaft schmauseten, offnete ein klein wenig die Ture und bat seine Mutter um den Schlussel zum Speiseschranke und um die Erlaubnis, sich ein wenig Brot nehmen zu durfen, weil ihn sehr hungere.

Dies erweckte erst das Gelachter und nachher das Mitleid der Gesellschaft nebst einigen Unwillen gegen seine Eltern.

Er ward mit an den Tisch gezogen und ihm von dem Besten vorgelegt, welches ihm denn freilich eine ganz andre Art von Freude als vorher die Guionschen Trostlieder gewahrte.

Allein auch jene schwermutsvolle tranenreiche Freude behielt immer etwas Anziehendes fur ihn, und er uberliess sich ihr, indem er die Guionschen Lieder las, sooft ihm ein Wunsch fehlgeschlagen war oder ihm etwas Trauriges bevorstand, als wenn er z.B. vorher wusste, dass sein Fuss verbunden und die Wunde mit Hollenstein bestrichen werden sollte.

Das zweite Buch, was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen liess, war eine 'Anweisung zum innern Gebet' von eben dieser Verfasserin.

Hierin ward gezeigt, wie man nach und nach dahin kommen konne, sich im eigentlichen Verstande mit Gott zu unterreden und seine Stimme im Herzen, oder das eigentliche 'innre Wort', deutlich zu vernehmen; indem man sich namlich zuerst soviel wie moglich von den Sinnen loszumachen und sich mit sich selbst und seinen eignen Gedanken zu beschaftigen suchte oder meditieren lernte, welches aber auch erst aufhoren und man sich selbst sogar erst vergessen musse, ehe man fahig sei, die Stimme Gottes in sich zu vernehmen.

Dies ward von Anton mit dem grossten Eifer befolgt, weil er wirklich begierig war, so etwas Wunderbares als die Stimme Gottes in sich zu horen.

Er sass daher halbe Stunden lang mit verschlossnen Augen, um sich von der Sinnlichkeit abzuziehen. Sein Vater tat dieses zum grossten Leidwesen seiner Mutter ebenfalls. Auf Anton aber achtete sie nicht, weil sie ihn zu keiner Absicht fahig hielt, die er dabei haben konne.

Anton kam bald so weit, dass er glaubte, von den Sinnen ziemlich abgezogen zu sein, und nun fing er an, sich wirklich mit Gott zu unterreden, mit dem er bald auf einen ziemlich vertraulichen Fuss umging. Den ganzen Tag uber bei seinen einsamen Spaziergangen, bei seinen Arbeiten und sogar bei seinem Spiele sprach er mit Gott, zwar immer mit einer Art von Liebe und Zutrauen, aber doch so, wie man ohngefahr mit einem seinesgleichen spricht, mit dem man eben nicht viel Umstande macht, und ihm war es denn wirklich immer, als ob Gott dieses oder jenes antwortete.

Freilich ging es nicht so ab, dass es nicht zuweilen einige Unzufriedenheit sollte gesetzt haben, wenn etwa ein unschuldiges Spielwerk oder sonst ein Wunsch vereitelt ward. Dann hiess es oft: aber mir auch diese Kleinigkeit nicht einmal zu gewahren! oder: das hattest du doch wohl konnen geschehen lassen, wenn's irgend moglich gewesen ware! und so nahm es sich denn Anton nicht ubel, zuweilen ein wenig mit Gott nach seiner Art bose zu tun; denn obgleich davon nichts in der Madam Guion Schriften stand, so glaubte er doch, es gehore mit zum vertraulichen Umgange.

Alle diese Veranderungen gingen mit ihm vom neunten bis zum zehnten Jahre vor. Wahrend dieser Zeit nahm ihn auch sein Vater wegen des Schadens am Fusse mit nach dem Gesundbrunnen in Pyrmont. Wie freute er sich nun, den Herrn von Fleischbein personlich kennen zu lernen, von dem sein Vater bestandig mit solcher Ehrfurcht wie von einem ubermenschlichen Wesen geredet hatte, und wie freute er sich, dort von seinen grossen Fortschritten in der innern Gottseligkeit Rechenschaft ablegen zu konnen: seine Einbildungskraft malte ihm dort eine Art von Tempel, worin er auch als Priester eingeweiht und als ein solcher zur Verwunderung aller, die ihn kannten, zuruckkehren wurde.

Er machte nun mit seinem Vater die erste Reise, und wahrend derselben war dieser auch etwas gutiger gegen ihn und gab sich mehr mit ihm ab als zu Hause. Anton sahe hier die Natur in unaussprechlicher Schonheit. Die Berge rund umher in der Ferne und in der Nahe und die lieblichen Taler entzuckten seine Seele und schmolzen sie in Wehmut, die teils aus der Erwartung der grossen Dinge entstand, die hier mit ihm vorgehen sollten.

Der erste Gang mit seinem Vater war in das Haus des Herrn von Fleischbein, wo dieser den Verwalter, Herrn H., zuerst sprach, ihn umarmte und kusste und auf das freundschaftlichste von ihm bewillkommt wurde.

Ohngeachtet der grossen Schmerzen, die Anton durch die Reise an seinem Fusse empfand, war er doch beim Eintritt in das Haus des Herrn von Fleischbein vor Freuden ausser sich. Anton blieb diesen Tag in der Stube des Herrn H., mit dem er kunftig alle Abend speisen musste. Ubrigens bekummerte man sich doch im Hause lange nicht so viel um ihn, wie er erwartet hatte.

Seine Ubungen im innern Gebet setzte er nun sehr fleissig fort; allein es konnte denn freilich nicht fehlen, dass sie nicht zuweilen eine sehr kindische Wendung nehmen mussten. Hinter dem Hause, wo sein Vater in Pyrmont logierte, war ein grosser Baumgarten: hier fand er zufalligerweise einen Schiebkarren und machte sich das Vergnugen, damit im ganzen Garten herumzuschieben.

Um dies nun aber zu rechtfertigen, weil er anfing, es fur Sunde zu halten, bildete er sich eine ganz sonderbare Grille. Er hatte namlich in den Guionschen Schriften und anderwarts viel von dem Jesulein gelesen, von welchem gesagt wurde, dass es allenthalben sei und man bestandig und an allen Orten mit ihm umgehen konne.

Das Diminutivum machte, dass er sich einen Knaben, noch etwas kleiner wie er, darunter vorstellte, und da er nun mit Gott selber schon so vertraut umging, warum nicht noch viel mehr mit diesem seinen Sohne, dem er zutraute, dass er sich nicht weigern werde, mit ihm zu spielen, und also auch nichts dawider haben werde, wenn er ihn ein wenig auf den Schiebkarren herumfahren wollte.

Nun schatzte er es sich aber doch fur ein sehr grosses Gluck, eine so hohe Person auf den Schiebkarren herumfahren zu konnen und ihr dadurch ein Vergnugen zu machen; und da diese Person nun ein Geschopf seiner Einbildungskraft war, so machte er auch mit ihr, was er wollte, und liess sie oft kurzer, oft langer an dem Fahren Gefallen finden, sagte auch wohl zuweilen mit der grossten Ehrerbietigkeit, wenn er vom Fahren mude war: so gern ich wollte, ist es mir doch jetzt unmoglich, dich noch langer zu fahren.

So sahe er dies am Ende fur eine Art von Gottesdienst an und hielt es nun fur keine Sunde mehr, wenn er sich auch halbe Tage mit dem Schiebkarren beschaftigte.

Nun aber bekam er selbst mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein ein Buch in die Hand, das ihn wieder in eine ganz andre und neue Welt fuhrte. Es war die Acerra philologika. Hier las er nun die Geschichte von Troja, vom Ulysses, von der Circe, vom Tartarus und Elysium und war sehr bald mit allen Gottern und Gottinnen des Heidentums bekannt. Bald darauf gab man ihm auch den Telemach ebenfalls mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein zu lesen, vielleicht weil der Verfasser desselben, Herr von Fenelon, mit der Madam Guion Umgang hatte.

Die Acerra philologika war ihm zur Lekture des Telemach eine schone Vorbereitung gewesen, weil er dadurch mit der Gotterlehre ziemlich bekannt geworden war und sich schon fur die meisten Helden interessierte, die er im Telemach wiederfand.

Diese Bucher wurden verschiedne Male nacheinander mit der grossten Begierde und mit wahrem Entzukken von ihm durchgelesen, insbesondere der Telemach, worin er zum ersten Male die Reize einer schonen zusammenhangenden Erzahlung schmeckte.

Die Stelle, welche ihn im ganzen Telemach am lebhaftesten geruhrt hat, war die ruhrende Anrede des alten Mentors an den jungen Telemach, als dieser auf der Insel Cypern die Tugend mit dem Laster zu vertauschen im Begriff war, und ihm nun sein getreuer, lange von ihm fur verloren gehaltener Mentor plotzlich wieder erschien, dessen traurender Anblick ihn bis in das Innerste seiner Seele erschutterte.

Dies hatte nun freilich fur Antons Seele weit mehr Anziehendes als die biblische Geschichte und alles, was er vorher in dem Leben der Altvater oder in den Guionschen Schriften gelesen hatte; und da ihm nie eigentlich gesagt worden war, dass jenes wahr und dieses falsch sei, so fand er sich gar nicht ungeneigt, die heidnische Gottergeschichte mit allem, was da hineinschlug, wirklich zu glauben.

Ebensowenig konnte er aber auch, was in der Bibel stand, verwerfen; um soviel mehr, da dies die ersten Eindrucke auf seine Seele gewesen waren. Er suchte also, welches ihm allein ubrigblieb, die verschiedenen Systeme, so gut er konnte, in seinem Kopfe zu vereinigen und auf diese Weise die Bibel mit dem Telemach, das Leben der Altvater mit der Acerra philologika und die heidnische Welt mit der christlichen zusammenzuschmelzen.

Die erste Person in der Gottheit und Jupiter, Kalypso und die Madam Guion, der Himmel und Elysium, die Holle und der Tartarus, Pluto und der Teufel machten bei ihm die sonderbarste Ideenkombination, die wohl je in einem menschlichen Gehirn mag existiert haben.

Dies machte einen so starken Eindruck auf sein Gemut, dass er noch lange nachher eine gewisse Ehrfurcht gegen die heidnischen Gottheiten behalten hat.

Von dem Hause, wo Antons Vater logierte, bis nach dem Gesundbrunnen und der Allee dabei war ein ziemlich weiter Weg. Anton schleppte sich demohngeachtet mit seinem schmerzenden Fusse, das Buch unterm Arm, hinaus und setzte sich auf eine Bank in der Allee, wo er im Lesen nach und nach seinen Schmerz vergass und bald nicht nur auf der Bank in Pyrmont, sondern auf irgendeiner Insel mit hohen Schlossern und Turmen oder mitten im wilden Kriegsgetummel sich befand.

Mit einer Art von wehmutiger Freude las er nun, wenn Helden fielen, es schmerzte ihn zwar, aber doch deuchte ihn, sie mussten fallen.

Dies mochte auch wohl einen grossen Einfluss auf seine kindischen Spiele haben. Ein Fleck voll hochgewachsener Nesseln oder Disteln waren ihm so viele feindliche Kopfe, unter denen er manchmal grausam wutete und sie mit seinem Stabe einen nach dem andern herunterhieb.

Wenn er auf der Wiese ging, so machte er eine Scheidung und liess in seinen Gedanken zwei Heere gelber oder weisser Blumen gegeneinander anrucken. Den grossten unter ihnen gab er Namen von seinen Helden, und eine benannte er auch wohl von sich selber. Dann stellte er eine Art von blinden Fatum vor, und mit zugemachten Augen hieb er mit seinem Stabe, wohin er traf.

Wenn er dann seine Augen wieder eroffnete, so sah er die schreckliche Zerstorung, hier lag ein Held und dort einer auf den Boden hingestreckt, und oft erblickte er mit einer sonderbaren wehmutigen und doch angenehmen Empfindung sich selbst unter den Gefallenen.

Er betrauerte dann eine Weile seine Helden und verliess das furchterliche Schlachtfeld. Zu Hause, nicht weit von der Wohnung seiner Eltern, war ein Kirchhof, auf welchem er eine ganze Generation von Blumen und Pflanzen mit eisernem Zepter beherrschte und keinen Tag hingehen liess, wo er nicht mit ihnen eine Art von Musterung hielt.

Als er von Pyrmont wieder nach Hause gereist war, schnitzte er sich alle Helden aus dem Telemach von Papier, bemalte sie nach den Kupferstichen mit Helm und Panzer und liess sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen, bis er endlich ihr Schicksal entschied und mit grausamen Messerhieben unter ihnen wutete, diesem den Helm, jenem den Schadel zerspaltete und rund um sich her nichts als Tod und Verderben sahe.

So liefen alle seine Spiele, auch mit Kirsch- und Pflaumkernen, auf Verderben und Zerstorung hinaus. Auch uber diese musste ein blindes Schicksal walten, indem er zwei verschiedne Arten als Heere gegeneinander anrucken und nun mit zugemachten Augen den eisernen Hammer auf sie herabfallen liess, und wen es traf, den traf's.

Wenn er Fliegen mit der Klappe totschlug, so tat er dieses mit einer Art von Feierlichkeit, indem er einer jeden mit einem Stucke Messing, das er in der Hand hatte, vorher die Totenglocke lautete. Das allergrosste Vergnugen machte es ihm, wenn er eine aus kleinen papiernen Hausern erbauete Stadt verbrennen und dann nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zuruckgebliebenen Aschenhaufen betrachten konnte.

Ja, als in der Stadt, wo seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen Wunsche, dass das Feuer nicht so bald geloscht werden mochte.

Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahndung von grossen Veranderungen, Auswanderungen und Revolutionen, wo alle Dinge eine ganz andre Gestalt bekommen und die bisherige Einformigkeit aufhoren wurde.

Selbst der Gedanke an seine eigne Zerstorung war ihm nicht nur angenehm, sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollustiger Empfindung, wenn er oft des Abends, ehe er einschlief, sich die Auflosung und das Auseinanderfallen seines Korpers lebhaft dachte.

Antons dreimonatlicher Aufenthalt in Pyrmont war ihm in vieler Rucksicht sehr vorteilhaft, weil er fast immer sich selbst uberlassen war und das Gluck hatte, diese kurze Zeit wieder von seinen Eltern entfernt zu sein, indem seine Mutter zu Hause geblieben war und sein Vater andre Geschafte in Pyrmont hatte und sich nicht viel um ihn bekummerte; doch aber sich hier, wenn er ihn zuweilen sahe, weit gutiger als zu Hause gegen ihn betrug.

Auch logierte mit Antons Vater in demselben Hause ein Englander, der gut Deutsch sprach und sich mit Anton mehr abgab, wie irgendeiner vor ihm getan hatte, indem er anfing, ihn durch blosses Sprechen Englisch zu lehren und sich uber seine Progressen freute. Er unterredete sich mit ihm, ging mit ihm spazieren und konnte am Ende fast gar nicht mehr ohne ihn sein.

Dies war der erste Freund, den Anton auf Erden fand: mit Wehmut nahm er von ihm Abschied. Der Englander druckte ihm bei seiner Abreise ein silbern Schaustuck in die Hand, das sollte er ihm zum Andenken aufbewahren, bis er einmal nach England kame, wo ihm sein Haus offen stande: nach funfzehn Jahren kam Anton wirklich nach England und hatte noch sein Schaustuck bei sich, aber der erste Freund seiner Jugend war tot.

Anton sollte einmal diesen Englander gegen einen Fremden, der ihn besuchen wollte, verleugnen und sagen, er sei nicht zu Hause. Man konnte ihn auf keine Weise dazu bringen, weil er keine Luge begehen wollte.

Dies wurde ihm damals sehr hoch angerechnet und war just einer der Falle, wo er tugendhafter scheinen wollte, als er wirklich war, denn er hatte sich sonst eben aus einer Notluge nicht so sehr viel gemacht; aber seinen wahren innern Kampf, wo er oft seine unschuldigsten Wunsche einem eingebildeten Missfallen des gottlichen Wesens aufopferte, bemerkte niemand.

Indes war ihm das liebreiche Betragen, das man in Pyrmont gegen ihn bewies, sehr aufmunternd und erhob seinen niedergedruckten Geist ein wenig. Wegen seiner Schmerzen am Fusse bezeugte man ihm Mitleid, im von Fleischbeinschen Hause begegnete man ihm leutselig, und der Herr von Fleischbein kusste ihn auf die Stirne, sooft er ihm auf der Strasse begegnete. Dergleichen Begegnungen waren ihm ganz etwas Ungewohntes und Ruhrendes, das seine Stirne wieder freier, sein Auge offner und seine Seele heitrer machte.

Er fing nun auch an, sich auf die Poesie zu legen, und besang, was er sah und horte. Er hatte zwei Stiefbruder, die beide in Pyrmont das Schneiderhandwerk lernten, und deren Meister ebenfalls Anhanger der Lehre des Herrn von Fleischbein waren. Von diesen nahm er in Versen, die er selbst gemacht und auswendig gelernt hatte, sehr ruhrend Abschied, sowie auch von dem von Fleischbeinschen Hause.

Freilich kehrte er nun nicht so wieder von Pyrmont zu Hause, wie er erwartet hatte, aber doch war er in dieser kurzen Zeit ein ganz andrer Mensch geworden und seine Ideenwelt um ein Grosses bereichert.

Allein zu Hause wurden durch die erneuerte Zwietracht seiner Eltern, wozu vermutlich die Ankunft seiner beiden Stiefbruder vieles beitrug, und durch das unaufhorliche Schelten und Toben seiner Mutter die guten Eindrucke, die er in Pyrmont und besonders in dem von Fleischbeinschen Hause erhalten hatte, bald wieder ausgeloscht, und er befand sich aufs neue in seiner vorigen gehassigen Lage, wodurch seine Seele ebenfalls finster und menschenfeindlich gemacht wurde.

Da Antons beide Stiefbruder bald abreiseten, um ihre Wanderschaft anzutreten, so war auch der hausliche Friede eine Zeitlang wiederhergestellt, und Antons Vater las nun zuweilen selber anstatt aus der Madam Guion Schriften etwas aus dem Telemach vor oder erzahlte ein Stuck aus der altern oder neuern Geschichte, worin er wirklich ziemlich bewandert war; denn neben seiner Musik, worin er es im Praktischen weit gebracht hatte, machte er bestandig aus dem Lesen nutzlicher Bucher ein eignes Studium, bis endlich die Guionschen Schriften alles ubrige verdrangten.

Er redete daher auch eine Art von Buchersprache, und Anton erinnert sich noch sehr genau, wie er im siebenten oder achten Jahre oft sehr aufmerksam zuhorte, wann sein Vater sprach, und sich wunderte, dass er von allen den Wortern, die sich auf 'heit' und 'keit' und 'ung' endigten, keine Silbe verstand, da er doch sonst, was gesprochen wurde, verstehen konnte.

Auch war Antons Vater ausser dem Hause ein sehr umganglicher Mann und konnte sich mit allerlei Leuten uber allerlei Materien angenehm unterhalten. Vielleicht ware auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Ungluck gehabt hatte, sich oft fur beleidigt und gern fur beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kranken und zu betruben und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie eine Art von Vergnugen fand.

Leider scheint sich diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kampfen hat.

Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen und ihm sein Anteil hingelegt wurde, ohne dabei zu sagen, es sei der seinige, so liess er ihn lieber liegen, ob er gleich wusste, dass er fur ihn bestimmt war, um nur die Sussigkeit des Unrechtleidens zu empfinden und sagen zu konnen, alle andren haben etwas und ich nichts bekommen!

Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel starker musste er das wirkliche empfinden. Und gewiss ist wohl bei niemanden die Empfindung des Unrechts starker als bei Kindern, und niemanden kann auch leichter unrecht geschehen; ein Satz, den alle Padagogen taglich und stundlich beherzigen sollten.

Oft konnte Anton stundenlag nachdenken und Grunde gegen Grunde auf das genaueste abwagen, ob eine Zuchtigung von seinem Vater recht oder unrecht sei.

Jetzt genoss er in seinem elften Jahre zum ersten Male das unaussprechliche Vergnugen verbotner Lekture.

Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen und drohete ein solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen, wenn er es in seinem Hause fande. Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schone Banise, die Tausend und eine Nacht und die Insel Felsenburg in die Hande, die er nun heimlich und verstohlen, obgleich mit Bewusstsein seiner Mutter, in der Kammer las und gleichsam mit unersattlicher Begierde verschlang.

Dies waren einige der sussesten Stunden in seinem Leben. Sooft seine Mutter hereintrat, drohete sie ihm bloss mit der Ankunft seines Vaters, ohne ihm selber das Lesen in diesen Buchern zu verbieten, worin sie ehemals ein ebenso entzuckendes Vergnugen gefunden hatte.

Die Erzahlung von der Insel Felsenburg tat auf Anton eine sehr starke Wirkung; denn nun gingen eine Zeitlang seine Ideen auf nichts Geringers, als einmal eine grosse Rolle in der Welt zu spielen und erst einen kleinen, denn immer grossern Zirkel von Menschen um sich her zu ziehen, von welchen er der Mittelpunkt ware: dies erstreckte sich immer weiter, und seine ausschweifende Einbildungskraft liess ihn endlich sogar Tiere, Pflanzen und leblose Kreaturen, kurz alles, was ihn umgab, mit in die Sphare seines Daseins hineinziehen, und alles musste sich um ihn, als den einzigen Mittelpunkt, umher bewegen, bis ihm schwindelte.

Dieses Spiel seiner Einbildungskraft machte ihm damals oft wonnevollre Stunden, als er je nachher wieder genossen hat.

So machte seine Einbildungskraft die meisten Leiden und Freuden seiner Kindheit. Wie oft, wenn er an einem truben Tage bis zum Uberdruss und Ekel in der Stube eingesperrt war und etwa ein Sonnenstrahl durch eine Fensterscheibe fiel, erwachten auf einmal in ihm Vorstellungen vom Paradiese, vom Elysium oder von der Insel der Kalypso, die ihn ganze Stunden lang entzuckten.

Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an erinnert er sich auch der hollischen Qualen, die ihm die Marchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen und im Schlafe machten: wenn er bald im Traume lauter Bekannte um sich her sahe, die ihn plotzlich mit scheusslich verwandelten Gesichtern anbleckten, bald eine hohe dustre Stiege hinaufstieg und eine grauenvolle Gestalt ihm die Ruckkehr verwehrte, oder gar der Teufel bald wie ein fleckigtes Huhn, bald wie ein schwarzes Tuch an der Wand ihm erschien.

Als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte, jagte ihm jede alte Frau Furcht und Entsetzen ein, so viel horte er bestandig von Hexen und Zaubereien; und wenn der Wind oft mit sonderbarem Geton durch die Hutte pfiff, so nannte seine Mutter dies im allegorischen Sinn den handlosen Mann, ohne weiter etwas dabei zu denken.

Allein sie wurde es nicht getan haben, hatte sie gewusst, wie manche grauenvolle Stunde und wie manche schlaflose Nacht dieser handlose Mann ihrem Sohne noch lange nachher gemacht hat.

Insbesondre waren immer die letzten vier Wochen vor Weihnachten fur Anton ein Fegefeuer, wogegen er gerne den mit Wachslichtern besteckten und mit ubersilberten Apfeln und Nussen behangten Tannenbaum entbehrt hatte.

Da ging kein Tag hin, wo sich nicht ein sonderbares Getose wie von Glocken oder ein Scharren vor der Ture oder eine dumpfte Stimme hatte horen lassen, die den sogenannten Ruprecht oder Vorganger des heiligen Christs anzeigte, den Anton denn im ganzen Ernst fur einen Geist oder ein ubermenschliches Wesen hielt, und so ging auch diese ganze Zeit uber keine Nacht hin, wo er nicht mit Schrecken und Angstschweiss vor der Stirne aus dem Schlaf erwachte.

Dies wahrte bis in sein achtes Jahr, wo erst sein Glaube an die Wirklichkeit des Ruprechts sowohl als des heiligen Christs an zu wanken fing.

So teilte ihm seine Mutter auch eine kindische Furcht vor dem Gewitter mit. Seine einzige Zuflucht war alsdann, dass er, so fest er konnte, die Hande zusammenfaltete und sie nicht wieder auseinanderliess, bis das Gewitter voruber war; dies, nebst dem uber sich geschlagenen Kreuze, war auch seine Zuflucht und gleichsam eine feste Stutze, sooft er alleine schlief, weil er dann glaubte, es konne ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben.

Seine Mutter hatte einen sonderbaren Ausdruck, dass einem, der vor einem Gespenste fliehen will, die Fersen lang werden; dies fuhlte er im eigentlichen Verstande, sooft er im Dunkeln etwas Gespensterahnliches zu sehen glaubte. Auch pflegte sie von einem Sterbenden zu sagen, dass ihm der Tod schon auf der Zunge sitze; dies nahm Anton ebenfalls im eigentlichen Verstande, und als der Mann seiner Base starb, stand er neben dem Bette und sahe ihm sehr scharf in den Mund, um den Tod auf der Zunge desselben, etwa wie eine kleine schwarze Gestalt, zu entdecken.

Die erste Vorstellung uber seinen kindischen Gesichtskreis hinaus bekam er ohngefahr im funften Jahre, als seine Mutter noch mit ihm in dem Dorfe wohnte und eines Abends mit einer alten Nachbarin, ihm und seinen Stiefbrudern allein in der Stube sass.

Das Gesprach fiel auf Antons kleine Schwester, die vor kurzem in ihrem zweiten Jahre gestorben war, und woruber seine Mutter beinahe ein Jahr lang untrostlich blieb.

Wo wohl jetzt Julchen sein mag? sagte sie nach einer langen Pause und schwieg wieder. Anton blickte nach dem Fenster hin, wo durch die dustre Nacht kein Lichtstrahl schimmerte, und fuhlte zum ersten Male die wunderbare Einschrankung, die seine damalige Existenz von der gegenwartigen beinahe so verschieden machte wie das Dasein vom Nichtsein.

Wo mag jetzt wohl Julchen sein? dachte er seiner Mutter nach, und Nahe und Ferne, Enge und Weite, Gegenwart und Zukunft blitzte durch seine Seele. Seine Empfindung dabei malt kein Federzug; tausendmal ist sie wieder in seiner Seele, aber nie mit der ersten Starke, erwacht.

Wie gross ist die Seligkeit der Einschrankung, die wir doch aus allen Kraften zu fliehen suchen! Sie ist wie ein kleines gluckliches Eiland in einem sturmischen Meere; wohl dem, der in ihrem Schosse sicher schlummern kann, ihn weckt keine Gefahr, ihm drohen keine Sturme. Aber wehe dem, der von unglucklicher Neugier getrieben, sich uber dies dammernde Gebirge hinauswagt, das wohltatig seinen Horizont umschrankt.

Er wird auf einer wilden sturmischen See von Unruh und Zweifel hin und her getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland, auf dem er so sicher wohnte, hat alle seine Reize fur ihn verloren.

Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den fruhesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehullt durch Sturm und Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schon, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergallen sollten.

Da ich einmal in meiner Geschichte zuruckgegangen bin, um Antons erste Empfindungen und Vorstellungen von der Welt nachzuholen, so muss ich hier noch zwei seiner fruhesten Erinnerungen anfuhren, die seine Empfindung des Unrechts betreffen.

Er ist sich deutlich bewusst, wie er im zweiten Jahre, da seine Mutter noch nicht mit ihm auf dem Dorfe wohnte, von seinem Hause nach dem gegenuberstehenden uber die Strasse hin und wieder lief und einem wohlgekleideten Manne in den Weg rannte, gegen den er heftig mit den Handen ausschlug, weil er sich selbst und andre zu uberreden suchte, dass ihm Unrecht geschehen sei, ob er gleich innerlich fuhlte, dass er der beleidigende Teil war.

Diese Erinnerung ist wegen ihrer Seltenheit und Deutlichkeit merkwurdig; auch ist sie echt, weil der Umstand an sich zu geringfugig war, als dass ihm nachher jemand davon hatte erzahlen sollen.

Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahre, wo seine Mutter ihn wegen einer wirklichen Unart schalt; indem er sich nun gerade auszog, fugte es sich, dass eines seiner Kleidungsstucke mit einigem Gerausch auf den Stuhl fiel: seine Mutter glaubte, er habe es aus Trotz hingeworfen, und zuchtigte ihn hart.

Dies war das erste wirkliche Unrecht, was er tief empfand und was ihm nie aus dem Sinne gekommen ist; seit der Zeit hielt er auch seine Mutter fur ungerecht, und bei jeder neuen Zuchtigung fiel ihm dieser Umstand ein.

Ich habe schon erwahnt, wie ihm der Tod in seiner Kindheit vorgekommen sei. Dies dauerte bis in sein zehntes Jahr, als einmal eine Nachbarin seine Eltern besuchte und erzahlte, wie ihr Vetter, der ein Bergmann war, von der Leiter hinunter in die Grube gefallen sei und sich den Kopf zerschmettert habe.

Anton horte aufmerksam zu, und bei dieser Kopfzerschmetterung dachte er sich auf einmal ein ganzliches Aufhoren von Denken und Empfinden und eine Art von Vernichtung und Ermangelung seiner selbst, die ihn mit Grauen und Entsetzen erfullte, sooft er wieder lebhaft daran dachte. Seit der Zeit hatte er auch eine starke Furcht vor dem Tode, die ihm manche traurige Stunde machte.

Noch muss ich etwas von seinen ersten Vorstellungen, die er sich ebenfalls ohngefahr im zehnten Jahre von Gott und der Welt machte, sagen.

Wenn oft der Himmel umwolkt und der Horizont kleiner war, fuhlte er eine Art von Bangigkeit, dass die ganze Welt wiederum mit ebenso einer Decke umschlossen sei wie die Stube, worin er wohnte, und wenn er dann mit seinen Gedanken uber diese gewolbte Decke hinausging, so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein vor, und es deuchte ihm, als musse sie wiederum in einer andern eingeschlossen sein, und das immer so fort.

Ebenso ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott, wenn er sich denselben als das hochste Wesen denken wollte.

Er sass einmal in der Dammerung an einem truben Abend allein vor seiner Hausture und dachte hieruber nach, indem er oft gen Himmel blickte und dann wieder die Erde ansahe und bemerkte, wie sie selbst gegen den truben Himmel so schwarz und dunkel war.

Uber den Himmel dachte er sich Gott; aber jeder, auch der hochste Gott, den sich seine Gedanken schufen, war ihm zu klein und musste immer wieder noch einen hohern uber sich haben, gegen den er ganz verschwand, und das so ins Unendliche fort.

Doch hatte er hieruber nie etwas gelesen noch gehort. Was am sonderbarsten war, so geriet er durch sein bestandiges Nachdenken und Insichgekehrtsein sogar auf den Egoismus, der ihn beinahe hatte verruckt machen konnen.

Weil namlich seine Traume grosstenteils sehr lebhaft waren und beinahe an die Wirklichkeit zu grenzen schienen, so fiel es ihm ein, dass er auch wohl am hellen Tage traume und die Leute um ihn her, nebst allem, was er sahe, Geschopfe seiner Einbildungskraft sein konnten.

Dies war ihm ein erschrecklicher Gedanke, und er furchtete sich vor sich selber, sooft er ihm einfiel, auch suchte er sich dann wirklich durch Zerstreuung von diesen Gedanken loszumachen.

Nach dieser Ausschweifung wollen wir der Zeitfolge gemass in Antons Geschichte wieder fortfahren, den wir eilf Jahre alt bei der Lekture der schonen Banise und der Insel Felsenburg verlassen haben. Er bekam nun auch Fenelons Totengesprache nebst dessen Erzahlungen zu lesen, und sein Schreibmeister fing an, ihn eigne Briefe und Ausarbeitungen machen zu lassen.

Dies war fur Anton eine noch nie empfundene Freude. Er fing nun an, seine Lekture zu nutzen und hie und da Nachahmungen von dem Gelesenen anzubringen, wodurch er sich den Beifall und die Achtung seines Lehrers erwarb.

Sein Vater musizierte mit in einem Konzert, wo Ramlers Tod Jesu aufgefuhrt wurde, und brachte einen gedruckten Text davon mit zu Hause. Dieser hatte fur Anton so viel Anziehendes und ubertraf alles Poetische, was er bisher gelesen hatte, so weit, dass er ihn so oft und mit solchem Entzucken las, bis er ihn beinahe auswendig wusste.

Durch diese einzige so oft wiederholte zufallige Lekture bekam sein Geschmack in der Poesie eine gewisse Bildung und Festigkeit, die er seit der Zeit nicht wieder verloren hat; so wie in der Prose durch den Telemach; denn er fuhlte bei der schonen Banise und Insel Felsenburg, ohngeachtet des Vergnugens, das er darin fand, doch sehr lebhaft das Abstechende und Unedlere in der Schreibart.

Von poetischer Prose fiel ihm Carl von Mosers Daniel in der Lowengrube in die Hande, den er verschiedne Male durchlas, und woraus auch sein Vater zuweilen vorzulesen pflegte.

Die Brunnenzeit kam wieder heran, und Antons Vater beschloss, ihn wieder mit nach Pyrmont zu nehmen; allein diesmal sollte Anton nicht so viel Freude als im vorigen Jahre dort geniessen, denn seine Mutter reiste mit.

Ihr unaufhorliches Verbieten von Kleinigkeiten und bestandiges Schelten und Strafen zu unrechter Zeit verleidete ihm alle edlern Empfindungen, die er hier vor einem Jahr gehabt hatte; sein Gefuhl fur Lob und Beifall ward dadurch so sehr unterdruckt, dass er zuletzt beinahe seiner Natur zuwider eine Art von Vergnugen darin fand, sich mit den schmutzigsten Gassenbuben abzugeben und mit ihnen gemeine Sache zu machen, bloss weil er verzweifelte, sich je die Liebe und Achtung in Pyrmont wieder zu erwerben, die er durch seine Mutter einmal verloren hatte, welche nicht nur gegen seinen Vater, sooft er zu Hause kam, sondern auch gegen ganz fremde Leute bestandig von nichts als von seiner schlechten Auffuhrung sprach, wodurch dieselbe denn wirklich anfing, schlecht zu werden und sein Herz sich zu verschlimmern schien. Er kam auch nun seltner in das von Fleischbeinsche Haus, und die Zeit seines diesmaligen Aufenthalts in Pyrmont strich fur ihn hochst unangenehm und traurig voruber, so dass er sich oft noch mit Wehmut an die Freuden des vorigen Jahres zuruckerinnerte, ob er gleich diesmal nicht so viel Schmerzen an seinem Fuss auszustehn hatte, der nun, nachdem der schadhafte Knochen herausgenommen war, wieder an zu heilen fing.

Bald nach der Zuruckkunft seiner Eltern in Hannover trat Anton in sein zwolftes Jahr, worin ihm wiederum sehr viele Veranderungen bevorstanden: denn noch in diesem Jahre sollte er von seinen Eltern getrennt werden. Furs erste stand ihm eine grosse Freude bevor.

Antons Vater liess ihn auf Zureden einiger Bekannten in der offentlichen Stadtschule eine lateinische Privatstunde besuchen, damit er wenigstens auf alle Falle, wie es hiess, einen Kasum solle setzen lernen. In die ubrigen Stunden der offentlichen Schule aber, worin Religionsunterricht die Hauptsache war, wollte ihn sein Vater, zum grossten Leidwesen seiner Mutter und Anverwandten, schlechterdings nicht schicken.

Nun war doch einer von Antons eifrigsten Wunschen, einmal in eine offentliche Stadtschule gehen zu durfen, zum Teil erfullt.

Beim ersten Eintritt waren ihm schon die dicken Mauern, dunklen gewolbten Gemacher, hundertjahrigen Banke und vom Wurm durchlocherten Katheder nichts wie Heiligtumer, die seine Seele mit Ehrfurcht erfullten.

Der Konrektor, ein kleines muntres Mannchen, flosste ihm, ohngeachtet seiner nicht sehr gravitatischen Miene, dennoch durch seinen schwarzen Rock und Stutzperucke einen tiefen Respekt ein.

Dieser Mann ging auch auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuss mit seinen Schulern um: gewohnlich nannte er zwar einen jeden Ihr, aber die vier obersten, welche er auch im Scherz Veteraner hiess, wurden vorzugsweise Er genannt.

Ob er dabei gleich sehr strenge war, hat doch Anton niemals einen Vorwurf noch weniger einen Schlag von ihm bekommen: er glaubte daher auch in der Schule immer mehr Gerechtigkeit als bei seinen Eltern zu finden.

Er musste nun anfangen, den Donat auswendig zu lernen; allein freilich hatte er einen wunderbaren Akzent, der sich bald zeigte, da er gleich in der zweiten Stunde sein Mensa auswendig hersagen musste, und indem er Singulariter und Pluraliter sagte, immer den Ton auf die vorletzte Silbe legte, weil er sich beim Auswendiglernen dieses Pensums wegen der Ahnlichkeit dieser Worter mit Amoriter, Jebusiter usw. fest einbildete, die Singulariter waren ein besonderes Volk, das Mensa, und die Pluraliter ein andres Volk, das Mensa gesagt hatte.

Wie oft mogen ahnliche Missverstandnisse veranlasst werden, wenn der Lehrer sich mit den ersten Worten des Lehrlings begnugen lasst, ohne in den Begriff desselben einzudringen!

Nun ging es an das Auswendiglernen. Das amo, amem, amas, ames ward bald nach dem Takte hergebetet, und in den ersten sechs Wochen wusste er schon sein oportet auf den Fingern herzusagen; dabei wurden taglich Vokabeln auswendig gelernt, und weil ihm niemals eine fehlte, so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stufe zur andern empor und ruckte immer naher an die Veteraner heran.

Welch eine gluckliche Lage, welch eine herrliche Laufbahn fur Anton, der nun zum ersten Male in seinem Leben einen Pfad des Ruhms vor sich eroffnet sahe, was er so lange vergeblich gewunscht hatte.

Auch zu Hause brachte er diese kurze Zeit ziemlich vergnugt zu, indem er alle Morgen, wahrend dass seine Eltern Kaffee tranken, ihnen aus dem Thomas von Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen musste, welches er sehr gern tat.

Es ward alsdann daruber gesprochen, und er durfte auch zuweilen sein Wort dazugeben. Ubrigens genoss er das Gluck, nicht viel zu Hause zu sein, weil er noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte, den er, ohngeachtet mancher Kopfstosse, die er von ihm bekommen hatte, so aufrichtig liebte, dass er alles fur ihn aufgeopfert hatte.

Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschulern oft in freundschaftlichen und nutzlichen Gesprachen, und weil er sonst von Natur ein ziemlich harter Mann zu sein schien, so hatte seine Freundlichkeit und Gute desto mehr Ruhrendes, das ihm die Herzen gewann.

So war nun Anton einmal auf einige Wochen in einer doppelten Lage glucklich: aber wie bald wurde diese Gluckseligkeit zerstort! Damit er sich seines Glucks nicht uberheben sollte, waren ihm furs erste schon starke Demutigungen zubereitet.

Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward, so liess ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten.

Er musste Wasser tragen, Butter und Kase aus den Kramladen holen und wie ein Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Esswaren einzukaufen.

Wie innig es ihn kranken musste, wenn alsdann einer seiner glucklichern Mitschuler hamisch lachelnd vor ihm vorbeiging, darf ich nicht erst sagen.

Doch dies verschmerzte er noch gerne gegen das Gluck, in eine lateinische Schule gehen zu durfen, wo er nach zwei Monaten so weit gestiegen war, dass er nun an den Beschaftigungen des obersten Tisches oder der sogenannten vier Veteraner mit teilnehmen konnte.

Um diese Zeit fuhrte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem ausserst merkwurdigen Manne in Hannover, der schon lange der Gegenstand seiner Gesprache gewesen war. Dieser Mann hiess Tischer und war hundertundfunf Jahre alt.

Er hatte Theologie studiert und war zuletzt Informator bei den Kindern eines reichen Kaufmanns in Hannover gewesen, in dessen Hause er noch lebte und von dem gegenwartigen Besitzer desselben, der sein Eleve gewesen und jetzt selber schon beinahe ein Greis geworden war, seinen Unterhalt bekam.

Seit seinem funfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte, musste bestandig Tinte und Feder bei der Hand haben und ihm seine Gedanken schriftlich aufsetzen, die er denn sehr vernehmlich und deutlich mundlich beantwortete.

Dabei konnte er noch im hundertundfunften Jahre sein kleingedrucktes griechisches Testament ohne Brille lesen und redete bestandig sehr wahr und zusammenhangend, obgleich oft etwas leiser oder lauter, als notig war, weil er sich selber nicht horen konnte.

Im Hause war er nicht anders als unter dem Namen 'der alte Mann' bekannt. Man brachte ihm sein Essen und sonstige Bequemlichkeiten; ubrigens bekummerte man sich nicht viel um ihn.

Eines Abends also, als Anton gerade bei seinem Donat sass, nahm ihn sein Vater bei der Hand und sagte: "Komm, jetzt will ich dich zu einem Manne fuhren, in dem du den heiligen Antonius, den heiligen Paulus und den Erzvater Abraham wiedererblicken wirst."

Und indem sie hingingen, bereitete ihn sein Vater immer noch auf das, was er nun bald sehen wurde, vor.

Sie traten ins Haus. Antons Herz pochte.

Sie gingen uber einen langen Hof hinaus und stiegen eine kleine Windeltreppe hinauf, die sie in einen langen dunklen Gang fuhrte, worauf sie wieder eine andre Treppe hinauf und dann wieder einige Stufen hinabstiegen; dies schienen Anton labyrinthische Gange zu sein.

Endlich offnete sich linker Hand eine kleine Aussicht, wo das Licht durch einige Fensterscheiben erst von einem andern Fenster hineinfiel.

Es war schon im Winter und die Ture auswendig mit Tuch behangen; Antons Vater eroffnete sie: es war in der Dammerung, das Zimmer weitlaufig und gross, mit dunkeln Tapeten ausgeziert, und in der Mitte an einem Tische, worauf Bucher hin und her zerstreut lagen, sass der Greis auf einem Lehnsessel.

Er kam ihnen mit entblosstem Haupt entgegen.

Das Alter hatte ihn nicht daniedergebuckt, er war ein langer Mann, und sein Ansehn war gross und majestatisch. Die schneeweissen Locken zierten seine Schlafe, und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit hervor. Sie setzten sich.

Antons Vater schrieb ihm einiges auf. "Wir wollen beten", fing der Greis nach einer Pause an, "und meinen kleinen Freund mit einschliessen."

Darauf entblosste er sein Haupt und kniete nieder, Antons Vater neben ihm zur rechten und Anton zur linken Seite.

Freilich fand dieser nun alles, was ihm sein Vater gesagt hatte, mehr als zu wahr. Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knien, und sein Herz erhob sich zu einer hohen Andacht, als der Greis seine Hande ausbreitete und mit wahrer Inbrunst sein Gebet anhub, das er bald mit lauter, bald mit leiserer Stimme fortsetzte.

Seine Worte waren wie eines, der schon mit allen seinen Gedanken und Wunschen jenseits des Grabes ist und den nur noch ein Zufall etwas langer, als er glaubte, diesseits verweilen lasst.

So waren auch alle seine Gedanken aus jenem Leben gleichsam herubergeholt, und so wie er betete, schien sich sein Auge und seine Stirne zu verklaren.

Sie standen vom Gebet auf, und Anton betrachtete nun den alten Mann in seinem Herzen beinahe schon wie ein hoheres, ubermenschliches Wesen.

Und als er den Abend zu Hause kam, wollte er schlechterdings mit einigen seiner Mitschuler sich nicht auf einen kleinen Schlitten im Schnee herumfahren, weil ihm dies nun viel zu unheilig vorkam und er den Tag dadurch zu entweihen glaubte.

Sein Vater liess ihn nun ofters zu diesem alten Manne gehen, und er brachte fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu, die er nicht in der Schule war.

Alsdann bediente er sich dessen Bibliothek, die grosstenteils aus mystischen Buchern bestand, und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch. Auch gab er dem alten Manne oft Rechenschaft von seinen Progressen im Lateinischen und von den Ausarbeitungen bei seinem Schreibmeister. So brachte Anton ein paar Monate ganz ungewohnlich glucklich zu.

Aber welch ein Donnerschlag war es fur Anton, als ihm beinahe zu gleicher Zeit die schreckliche Ankundigung geschahe, dass noch mit diesem Monate seine lateinische Privatstunde aufhoren und er zugleich in eine andre Schreibschule geschickt werden sollte.

Tranen und Bitten halfen nichts, der Ausspruch war getan. Vierzehn Tage wusste es Anton vorher, dass er die lateinische Schule verlassen sollte, und je hoher er nun ruckte, desto grosser ward sein Schmerz.

Er griff also zu einem Mittel, sich den Abschied aus dieser Schule leichter zu machen, das man einem Knaben von seinem Alter kaum hatte zutrauen sollen. Anstatt dass er sich bemuhete, weiter heraufzukommen, tat er das Gegenteil und sagte entweder mit Fleiss nicht, was er doch wusste, oder legte es auf andre Weise darauf an, taglich eine Stufe herunterzukommen, welches sich der Konrektor und seine Mitschuler nicht erklaren konnten und ihm oft ihre Verwunderung daruber bezeugten.

Anton allein wusste die Ursache davon und trug seinen geheimen Kummer mit nach Hause und in die Schule. Jede Stufe, die er auf die Art freiwillig herunterstieg, kostete ihm tausend Tranen, die er heimlich zu Hause vergoss; aber so bitter diese Arznei war, die er sich selbst verschrieb, so tat sie doch ihre Wirkung.

Er hatte es selber so veranstaltet, dass er gerade am letzten Tage der Unterste werden musste. Allein dies war ihm zu hart. Die Tranen standen ihm in den Augen, und er bat, man mochte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen lassen, morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen.

Jeder hatte Mitleiden mit ihm, und man liess ihn sitzen. Den andern Tag war der Monat aus, und er kam nicht wieder.

Wie viel ihm diese freiwillige Aufopferung gekostet habe, lasst sich aus dem Eifer und der Muhe schliessen, wodurch er sich jeden hohern Platz zu erwerben gesucht hatte.

Oft, wenn der Konrektor in seinem Schlafrocke aus dem Fenster sahe und er vor ihm vorbeiging, dachte er: o konntest du doch dein Herz gegen diesen Mann ausschutten. Aber dazu schien doch die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer noch viel zu gross zu sein.

Bald darauf wurde er auch, ohngeachtet alles seines Flehens und Bittens, von seinem geliebten Schreibmeister getrennt.

Dieser hatte freilich einige Nachlassigkeit in Antons Schreib- und Rechenbuche passieren lassen, woruber sein Vater aufgebracht war.

Anton nahm mit dem grossten Eifer alle Schuld auf sich und versprach und gelobte, was nur in seinen Kraften stand, aber alles half nichts; er musste seinen alten treuen Lehrer verlassen und zu Ende des Monats anfangen, in der offentlichen Stadtschule schreiben zu lernen.

Diese beiden Schlage auf einmal waren fur Anton zu hart.

Er wollte sich noch an die letzte Stutze halten und sich von seinen ehemaligen Mitschulern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen, um es zu Hause zu lernen und auf diese Weise mit ihnen fortzurucken; als aber auch dies nicht gehen wollte, so erlag seine bisherige Tugend und Frommigkeit, und er ward wirklich eine Zeitlang aus einer Art von Missmut und Verzweiflung, was man einen bosen Buben nennen kann.

Er zog sich mutwilligerweise in der Schule Schlage zu und hielt sie alsdann mit Trotz und Standhaftigkeit aus, ohne eine Miene zu verziehen, und dies machte ihm dazu ein Vergnugen, das ihm noch lange in der Erinnerung angenehm war.

Er schlug und balgte sich mit Strassenbuben, versaumte die Lehrstunden in der Schule und qualte einen Hund, den seine Eltern hatten, wie und wo er nur konnte.

In der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seinesgleichen den ganzen Gottesdienst uber.

Oft fiel es ihm ein, dass er auf einem bosen Wege begriffen sei, er erinnerte sich mit Wehmut an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden; allein sooft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst und ein nagender Missmut seine besten Vorsatze nieder und machte, dass er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.

Der Gedanke, dass ihm seine liebsten Wunsche und Hoffnungen fehlgeschlagen und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhorlich, ohne dass er sich dessen immer deutlich bewusst war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen.

Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre und gegen sich selbst.

Sein Morgen- und Abendgebet las er punktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung.

Wenn er zu dem alten Manne kam, tat er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen getan hatte, aus Verstellung und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebnen Worten, worin er falschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.

Ja, zuweilen konnte er heimlich lachen, indes der alte Mann sein Geschriebnes las.

So fing er auch an, seinen Vater zu betrugen. Dieser liess sich einmal gegen ihn verlauten: damals vor drei Jahren sei er noch ein ganz andrer Knabe gewesen, als er in Pyrmont sich weigerte, eine Notluge zu tun, indem er den Englander verleugnen sollte.

Weil sich nun Anton bewusst war, dass gerade dies damals mehr aus einer Art von Affektation als wurklichem Abscheu gegen die Luge geschehen sei, so dachte er bei sich selber: wenn sonst nichts verlangt wird, um mich beliebt zu machen, das soll mir wenig Muhe kosten. Und nun wusste er es in kurzer Zeit durch eine Art von blosser Heuchelei, die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu verbergen suchte, so weit zu bringen, dass sein Vater uber ihn mit dem Herrn von Fleischbein korrespondierte und demselben von Antons Seelenzustande Nachricht gab, um seinen Rat daruber einzuholen.

Indes wie Anton sahe, dass die Sache so ernsthaft wurde, ward er auch ernsthafter dabei und entschloss sich zuweilen, sich nun im Ernst von seinem bosen Leben zu bekehren, weil er die bisherige Heuchelei nicht langer mehr vor sich selbst verdecken konnte.

Allein nun fielen ihm die Jahre ein, die er von der Zeit seiner vormaligen wirklichen Bekehrung an versaumt hatte, und wie weit er nun schon sein konnte, wenn er das nicht getan hatte. Dies machte ihn ausserst missvergnugt und traurig.

Uberdem las er bei dem alten Manne ein Buch, worin der Prozess der ganzen Heilsordnung durch Busse, Glauben und gottselig Leben mit allen Zeichen und Symptomen ausfuhrlich beschrieben war.

Bei der Busse mussten Tranen, Reue, Traurigkeit und Missvergnugen sein: dies alles war bei ihm da.

Bei dem Glauben musste eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in der Seele sein: dies kam auch.

Und nun musste sich drittens das gottselige Leben von selber finden: aber dies fand sich nicht so leicht.

Anton glaubte, wenn man einmal fromm und gottselig leben wolle, so musse man es auch bestandig und in jedem Augenblicke, in allen seinen Mienen und Bewegungen, ja sogar in seinen Gedanken sein; auch musse man keinen Augenblick lang vergessen, dass man fromm sein wolle.

Nun vergass er es aber naturlicherweise sehr oft: seine Miene blieb nicht ernsthaft, sein Gang nicht ehrbar, und seine Gedanken schweiften in irdischen weltlichen Dingen aus.

Nun, glaubte er, sei alles vorbei; er habe noch so viel wie nichts getan und musse wieder von vorn anfangen.

So ging es oft verschiedne Male in einer Stunde, und dies war fur Anton ein hochst peinlicher und angstlicher Zustand.

Er uberliess sich wieder, aber bestandig mit Angst

und klopfendem Herzen, seinen vorigen Zerstreuungen.

Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal

von vorn wieder an, und so schwankte er bestandig hin und her und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit, indem er sich vergeblich die unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte und es doch in dem andern nie weit brachte.

Dies bestandige Hin- und Herschwanken ist zu

gleich ein Bild von dem ganzen Lebenslaufe seines Vaters, dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht besser ging, und der doch immer noch das Rechte zu finden hoffte, wornach er so lange vergeblich gestrebt hatte.

Mit Anton war es anfanglich ziemlich gut gegan

gen: allein seitdem er kein Latein mehr lernen sollte, litte seine Frommigkeit einen grossen Stoss; sie war nichts als ein angstliches, gezwungenes, Wesen, und es wollte nie recht mit ihm fort.

Er las darauf irgendwo, wie unnutz und schadlich

das Selbstbessern sei, und dass man sich bloss leidend verhalten und die gottliche Gnade in sich wurken lassen musse: er betete daher oft sehr aufrichtig: Herr, bekehre du mich, so werde ich bekehret! Aber alles war vergeblich.

Sein Vater reiste diesen Sommer wieder nach Pyrmont, und Anton schrieb ihm, wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwarts ginge, und dass er sich wohl darin geirrt habe, weil die gottliche Gnade doch alles tun musse.

Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief fur Heuchelei, wie er denn wirklich nicht ganz davon frei sein mochte, und schrieb eigenhandig darunter: Anton fuhrt sich auf wie alle gottlose Buben.

Nun war er sich doch eines wirklichen Kampfes mit sich selbst bewusst, und es musste also ausserst krankend fur ihn sein, dass er mit allen gottlosen Buben in eine Klasse geworfen wurde.

Dies schlug ihn so sehr nieder, dass er nun wirklich eine Zeitlang wieder ausschweifte und sich mutwillig mit wilden Buben abgab, worin er denn durch das Schelten und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr bestarkt wurde: denn dies schlug ihn immer noch tiefer nieder, so dass er sich oft am Ende selbst fur nichts mehr als einen gemeinen Gassenbuben hielt und nun um desto eher wieder Gemeinschaft mit ihnen machte.

Dies dauerte, bis sein Vater von Pyrmont wieder zuruckkam. Nun eroffneten sich fur Anton auf einmal ganz neue Aussichten.

Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen, wovon nur der eine leben blieb, zu welchen ein Hutmacher in Braunschweig, namens Lobenstein, Gevatter geworden war.

Dieser war einer von den Anhangern des Herrn von Fleischbein, wodurch ihn Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte.

Da nun Anton doch einmal bei einem Meister sollte untergebracht werden (denn seine beiden Stiefbruder hatten nun schon ausgelernt, und jeder war mit seinem Handwerke unzufrieden, wozu er von seinem Vater mit Gewalt gezwungen war), und da der Hutmacher Lobenstein gerade einen Burschen haben wollte, der ihm furs erste nur zur Hand ware: welch eine herrliche Ture offnete sich nun nach seines Vaters Meinung fur Anton, dass er ebenso wie seine beiden Stiefbruder bei einem so frommen Manne, der dazu ein eifriger Anhanger des Herrn von Fleischbein war, schon so fruh konne untergebracht und von demselben zur wahren Gottseligkeit und Frommigkeit angehalten werden.

Dies mochte schon langer im Werk gewesen sein und war vermutlich die Ursach, warum Antons Vater ihn aus der lateinischen Schule genommen hatte.

Nun aber hatte Anton, seitdem er Latein gelernet, sich auch das Studieren fest in den Kopf gesetzt; denn er hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles, was studiert hatte und einen schwarzen Rock trug, so dass er diese Leute beinahe fur eine Art ubermenschlicher Wesen hielt.

Was war naturlicher, als dass er nach dem strebte, was ihm auf der Welt das Wunschenswerteste zu sein schien?

Nun hiess es, der Hutmacher Lobenstein in Braunschweig wolle sich Antons wie ein Freund annehmen, er solle bei ihm wie ein Kind gehalten sein und nur leichte und anstandige Arbeiten, als etwa Rechnungen schreiben, Bestellungen ausrichten und dergleichen ubernehmen, alsdann solle er auch noch zwei Jahre in die Schule gehen, bis er konfirmiert ware und sich dann zu etwas entschliessen konnte.

Dies klang in Antons Ohren ausserst angenehm, insbesondere der letzte Punkt von der Schule; denn wenn er diesen Zweck nur erst erreicht hatte, glaubte er, wurde es ihm nicht fehlen, sich so vorzuglich auszuzeichnen, dass sich ihm zum Studieren von selber schon Mittel und Wege eroffnen mussten.

Er schrieb selber zugleich mit seinem Vater an den Hutmacher Lobenstein, den er schon im voraus innig liebte und sich auf die herrlichen Tage freute, die er bei ihm zubringen wurde.

Und welche Reize hatte die Veranderung des Orts fur ihn!

Der Aufenthalt in Hannover und der ewige einformige Anblick eben derselben Strassen und Hauser ward ihm nun unertraglich: neue Turme, Tore, Walle und Schlosser stiegen bestandig in seiner Seele auf, und ein Bild verdrangte das andre.

Er war unruhig und zahlte Stunden und Minuten bis zu seiner Abreise.

Der erwunschte Tag war endlich da. Anton nahm von seiner Mutter und von seinen beiden Brudern Abschied, wovon der altere, Christian, funf Jahr und der jungere, Simon, der nach dem Hutmacher Lobenstein genannt war, kaum ein Jahr alt sein mochte.

Sein Vater reiste mit ihm, und es ging nun halb zu Fusse, halb zu Wagen mit einer wohlfeilen Gelegenheit fort.

Anton genoss jetzt zum ersten Male in seinem Leben das Vergnugen zu wandern, welches ihm in der Zukunft mehr wie zu haufig aufgespart war.

Je mehr sie sich Braunschweig naherten, je mehr war Antons Herz voll Erwartung. Der Andreasturm ragte mit seiner roten Kuppel majestatisch hervor.

Es war gegen Abend. Anton sahe in der Ferne die Schildwache auf dem hohen Walle hin und her gehen.

Tausend Vorstellungen, wie sein kunftiger Wohltater aussehen, wie sein Alter, sein Gang, seine Mienen sein wurden, stiegen in ihm auf und verschwanden wieder.

Er setzte endlich von demselben ein so schones Bild zusammen, dass er ihn schon im voraus liebte.

Uberhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Namen von Personen oder Stadten zu sonderbaren Bildern und Vorstellungen von den dadurch bezeichneten Gegenstanden veranlasst zu werden.

Die Hohe oder Tiefe der Vokale in einem solchen Namen trug zur Bestimmung des Bildes das meiste bei.

So klang der Name Hannover bestandig prachtig in seinem Ohre, und ehe er es sahe, war es ihm ein Ort mit hohen Hausern und Turmen und von einem hellen und lichten Ansehen.

Braunschweig schien ihm langlicht, von dunklerm Ansehen und grosser zu sein, und Paris stellte er sich nach eben einem solchen dunklen Gefuhle bei dem Namen vorzuglich voll heller weisslichter Hauser vor.

Es ist dieses auch sehr naturlich: denn von einem Dinge, wovon man nichts wie den Namen weiss, arbeitet die Seele, sich auch vermittelst der entferntesten Ahnlichkeiten ein Bild zu entwerfen, und in Ermangelung aller andern Vergleichungen muss sie zu dem willkurlichen Namen des Dinges ihre Zuflucht nehmen, wo sie auf die hart oder weich, voll oder schwach, hoch oder tief, dunkel oder hell klingenden Tone merkt und zwischen denselben und dem sichtbaren Gegenstande eine Art von Vergleichung anstellt, die manchmal zufalligerweise eintrifft.

Bei dem Namen Lobenstein dachte sich Anton ohngefahr einen etwas langen Mann, deutsch und bieder, mit einer freien offnen Stirne usw.

Allein diesmal tauschte ihn seine Namendeutung sehr.

Es fing schon an dunkel zu werden, als Anton mit seinem Vater uber die grossen Zugbrucken und durch die gewolbten Tore in die Stadt Braunschweig einwanderte.

Sie kamen durch viele enge Gassen, vor dem Schlosse vorbei und endlich uber eine lange Brucke in eine etwas dunkle Strasse, wo der Hutmacher Lobenstein einem langen offentlichen Gebaude gegenuber wohnte.

Nun standen sie vor dem Hause. Es hatte eine schwarzliche Aussenseite und eine grosse schwarze Tur, die mit vielen eingeschlagenen Nageln versehen war.

Oben hing ein Schild mit einem Hute heraus, woran der Name Lobenstein zu lesen war.

Ein altes Mutterchen, die Ausgeberin vom Hause, eroffnete ihnen die Tur und fuhrte sie zur rechten Hand in eine grosse Stube, die mit dunkelbraun angestrichnen Brettern getafelt war, worauf man noch mit genauer Not eine halb verwischte Schilderung von den funf Sinnen entdecken konnte.

Hier empfing sie denn der Herr des Hauses. Ein Mann von mittlern Jahren, mehr klein als gross, mit einem noch ziemlich jugendlichen, aber dabei blassen und melancholischen Gesichte, das sich selten in ein andres als eine Art von bittersussen Lacheln verzog, dabei schwarzes Haar, ein ziemlich schwarmerisches Auge, etwas Feines und Delikates in seinen Reden, Bewegungen und Manieren, das man sonst bei Handwerksleuten nicht findet, und eine reine, aber ausserst langsame, trage und schleppende Sprache, die die Worte wer weiss wie lang zog, besonders wenn das Gesprach auf andachtige Materien fiel: auch hatte er einen unertraglich intoleranten Blick, wenn sich seine schwarzen Augenbrauen uber die Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder und insbesondere seiner Nachbarn oder seiner eignen Leute zusammenzogen.

Anton erblickte ihn zuerst in einer grunen Pelzmutze, blauem Brusttuch und braunen Kamisol druber nebst einer schwarzen Schurze, seiner gewohnlichen Hauskleidung, und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen strengen Herrn und Meister statt eines kunftigen Freundes und Wohltaters gefunden hatte.

Seine vorgefasste innige Liebe erlosch, als wenn Wasser auf einen Funken geschuttet ware, da ihn die erste kalte, trockne, gebieterische Miene seines vermeinten Wohltaters ahnden liess, dass er nichts weiter wie sein Lehrjunge sein werde.

Die wenigen Tage uber, dass sein Vater da blieb, wurde noch einige Schonung gegen ihn beobachtet; allein sobald dieser abgereist war, musste er ebenso wie der andre Lehrbursch in der Werkstatt arbeiten.

Er wurde zu den niedrigsten Beschaftigungen gebraucht; er musste Holz spalten, Wasser tragen und die Werkstatt auskehren.

So sehr dies gegen seine Erwartungen abstach, wurde ihm doch das Unangenehme einigermassen durch den Reiz der Neuheit ersetzt. Und er fand wirklich eine Art von Vergnugen, selbst beim Auskehren, Holzspalten und Wassertragen.

Seine Phantasie aber, womit er sich alles dies ausmalte, kam ihm auch sehr dabei zustatten. Oft war ihm die geraumige Werkstatt mit ihren schwarzen Wanden und dem schauerlichen Dunkel, das des Abends und Morgens nur durch den Schimmer einiger Lampen erhellt wurde, ein Tempel, worin er diente.

Des Morgens zundete er unter den grossen Kesseln das heilige belebende Feuer an, wodurch nun den Tag uber alles in Arbeit und Tatigkeit erhalten und so vieler Hande beschaftiget wurden.

Er betrachtete dann dies Geschaft wie eine Art von Amt, dem er in seinen Augen eine gewisse Wurde erteilte.

Gleich hinter der Werkstatt floss die Oker, auf welcher eine Fulle oder Vorsprung von Brettern zum Wasserschopfen hinausgebaut war.

Er betrachtete dies alles gewissermassen als sein Gebiet und zuweilen, wenn er die Werkstatt gereinigt, die grossen eingemauerten Kessel gefullt und das Feuer unter denselben angezundet hatte, konnte er sich ordentlich uber sein Werk freuen als ob er nun einem jeden sein Recht getan hatte seine immer geschaftige Einbildungskraft belebte das Leblose um ihn her und machte es zu wirklichen Wesen, mit denen er umging und sprach.

Uberdem machte ihm der ordentliche Gang der Geschafte, den er hier bemerkte, eine Art von angenehmer Empfindung, dass er gern ein Rad in dieser Maschine mit war, die sich so ordentlich bewegte: denn zu Hause hatte er nichts dergleichen gekannt.

Der Hutmacher Lobenstein hielt wirklich sehr auf Ordnung in seinem Hause, und alles ging hier auf den Glockenschlag: Arbeiten, Essen und Schlafen.

Wenn ja eine Ausnahme gemacht wurde, so war es in Ansehung des Schlafs, der freilich ausfallen musste, wenn des Nachts gearbeitet wurde, welches denn wochentlich wenigstens einmal geschahe.

Sonst war das Mittagessen immer auf den Schlag zwolf, das Fruhstuck morgens und das Abendbrot abends um acht Uhr punktlich da.

Dies war es denn auch, worauf bei der Arbeit immer gerechnet wurde- so verfloss damals Antons Leben: des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner Arbeit aufs Fruhstuck, das er immer schon in der Vorstellung schmeckte, und wenn er es erhielt, mit dem gesundesten Appetit verzehrte, den ein Mensch nur haben kann, ob es gleich in weiter nichts als dem Bodensatz vom Kaffee mit etwas Milch und einem Zweipfennigbrote bestand.

Dann ging es wieder frisch an die Arbeit, und die Hoffnung aufs Mittagessen brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden, wenn die Einformigkeit der Arbeit zu ermudend wurde.

Des Abends wurde Jahr aus, Jahr ein eine Kalteschale von starkem Biere gegeben. Reiz genug, um die Nachmittagsarbeiten zu versussen.

Und dann vom Abendessen an bis zum Schlafengehen war es der Gedanke an die bald bevorstehende sehnlichgewunschte Ruhe, der nun uber das Unangenehme und Muhsame der Arbeit wieder seinen trostlichen Schimmer verbreitete.

Freilich wusste man, dass den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von vorn wieder anfing. Aber auch diese zuletzt ermudende Einformigkeit im Leben wurde durch die Hoffnung auf den Sonntag wieder auf eine angenehme Art unterbrochen.

Wenn der Reiz des Fruhstucks und des Mittagsund Abendessens nicht mehr hinlanglich war, die Lebens- und Arbeitslust zu erhalten, dann zahlte man, wie lange es noch bis auf den Sonntag war, wo man einen ganzen Tag von der Arbeit feiern und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Tor hinaus in das freie Feld gehen und des Anblicks der freien offnen Natur geniessen konnte.

O, welche Reize hat der Sonntag fur den Handwerksmann, die den hoheren Klassen von Menschen unbekannt ist, welche von ihren Geschaften ausruhen konnen, wenn sie wollen. 'Dass deiner Magd Sohn sich erfreue!' Nur der Handwerksmann kann es ganz fuhlen, was fur ein grosser, herrlicher, menschenfreundlicher Sinn in diesem Gesetze liegt!

Wenn man nun auf einem Tag Ruhe von der Arbeit schon sechs Tage lang rechnete, so fand man es wohl der Muhe wert, auf drei oder gar vier Feiertage nacheinander ein Dritteil des Jahres zu rechnen.

Wenn selbst der Gedanke an den Sonntag oft nicht mehr fahig war, den Uberdruss an dem Einformigen zu verhindern, so wurde durch die Nahe von Ostern, Pfingsten oder Weihnachten der Lebensreiz wieder aufgefrischt.

Und wenn dies alles zu schwach war, so kam die susse Hoffnung an die Vollendung der Lehrjahre, an das Gesellenwerden hinzu, welches alles andre uberstieg und eine neue grosse Epoche ins Leben brachte.

Weiter ging nun aber auch der Gesichtskreis bei Antons Mitlehrburschen nicht und sein Zustand war dadurch gewiss um nichts verschlimmert.

Nach einer allgutigen und weisen Einrichtung der Dinge hat auch das muhevolle, einformige Leben des Handwerksmannes seine Einschnitte und Perioden, wodurch ein gewisser Takt und Harmonie hereingebracht wird, welcher macht, dass es unbemerkt ablauft, ohne seinem Besitzer eben Langeweile gemacht zu haben.

Aber Antons Seele war durch seine romanhaften Ideen einmal zu diesem Takt verstimmt.

Dem Hause des Hutmachers grade gegenuber war eine lateinische Schule, die Anton zu besuchen vergeblich gehofft hatte so oft er die Schuler herausund hineingehen sahe, dachte er mit Wehmut an die lateinische Schule und an den Konrektor in Hannover zuruck und wenn er gar etwa vor der grossen Martinsschule vorbeiging und die erwachsenen Schuler herauskommen sahe, so hatte er alles darum gegeben, dies Heiligtum nur einmal inwendig betrachten zu konnen.

Einmal eine solche Schule besuchen zu durfen, hielt er zwar bei seinem jetzigen Zustande beinahe fur unmoglich; demohngeachtet aber konnte er sich einen schwachen Schimmer von Hoffnung dazu nicht ganz versagen.

Selbst die Chorschuler schienen ihm Wesen aus einer hohern Sphare zu sein; und wenn er sie auf der Strasse singen horte, konnte er sich nicht enthalten, ihnen nachzugehen, sich an ihrem Anblick zu ergotzen und ihr glanzendes Schicksal zu beneiden.

Wenn er mit seinem Mitlehrburschen in der Werkstatt alleine war, suchte er ihm alle die kleinen Kenntnisse mitzuteilen, welche er sich teils durch eignes Lesen und teils durch den Unterricht, den er genossen, erworben hatte.

Er erzahlte ihm vom Jupiter und der Juno und suchte ihm den Unterschied zwischen Adjektivum und Substantivum deutlich zu machen, um ihn zu lehren, wo er einen grossen Buchstaben oder einen kleinen setzen musse.

Dieser horte ihm denn aufmerksam zu, und zwischen ihnen wurden oft moralische und religiose Gegenstande abgehandelt. Antons Mitlehrbursche war bei diesen Gelegenheiten vorzuglich stark in Erfindung neuer Worter, wodurch er seine Begriffe bezeichnete. So nannte er z.B. die Befolgung der gottlichen Befehle die Erfulligkeit Gottes. Und indem er vorzuglich die religiosen Ausdrucke des Herrn Lobenstein von Ertotung usw. nachzunahmen suchte, geriet er oft in ein sonderbares Galimathias.

Mit vorzuglichem Nachdruck wusste er sich einiger Stellen aus den Psalmen Davids, worin eben keine sanftmutigen Gesinnungen gegen die Feinde geaussert werden, zu bedienen, wenn er glaubte, durch die Haushalterin oder jemand anders angeschwarzt und verleumdet zu sein.

So waren fast alle Hausgenossen mehr oder weniger von den religiosen Schwarmereien des Herrn Lobenstein angesteckt, ausgenommen der Geselle: dieser warf ihm, wenn er ihm manchmal zuviel von Ertotung und Vernichtung schwatzte, einen solchen totenden und vernichtenden Blick zu, dass Herr Lobenstein sich mit Abscheu wegwandte und stillschwieg.

Sonst konnte Herr Lobenstein zuweilen stundenlange Strafpredigten gegen das ganze menschliche Geschlecht halten. Mit einer sanften Bewegung der rechten Hand teilte er dann Segen und Verdammnis aus. Seine Miene sollte dabei mitleidsvoll sein, aber die Intoleranz und der Menschenhass hatten sich zwischen seinen schwarzen Augenbrauen gelagert.

Die Nutzanwendung lief denn immer, politisch genug, darauf hinaus, dass er seine Leute zum Eifer und zur Treue in seinem Dienste ermahnte, wenn sie nicht ewig im hollischen Feuer brennen wollten.

Seine Leute konnten ihm nie genug arbeiten und er machte ein Kreuz uber das Brot und die Butter, wenn er ausging.

Dem Anton, der ihm vielleicht nicht genug arbeiten konnte, verbitterte er sein Mittagessen durch tausend wiederholte Lehren, die er ihm gab, wie er das Messer und die Gabel halten und die Speise zum Munde fuhren sollte, dass diesem oft alle Lust zum Essen verging, bis sich der Geselle einmal nachdrucklich seiner annahm und Anton doch nun in Frieden essen konnte.

Ubrigens aber durfte er es auch nicht wagen, nur einen Laut von sich zu geben, denn an allem, was er sagte, an seinen Mienen, an seinen kleinsten Bewegungen fand Lobenstein immer etwas auszusetzen; nichts konnte ihm Anton zu Danke machen, welcher sich endlich beinahe in seiner Gegenwart zu gehen furchtete, weil er an jedem Tritt etwas zu tadeln fand. Seine Intoleranz erstreckte sich bis auf jedes Lacheln und jeden unschuldigen Ausbruch des Vergnugens, der sich in Antons Mienen oder Bewegungen zeigte: denn hier konnte er sie einmal recht nach Gefallen auslassen, weil er wusste, dass ihm nicht widersprochen werden durfte.

Wahrend der Zeit wurden die ganz verblichnen funf Sinne an dem schwarzen Getafel der Wand wieder neu uberfirnisst die Erinnerung an den Geruch davon, welcher einige Wochen dauerte, war bei Anton nachher bestandig mit der Idee von seinem damaligen Zustande vergesellschaftet. So oft er einen Firnisgeruch empfand, stiegen unwillkurlich alle die unangenehmen Bilder aus jener Zeit in seiner Seele auf; und umgekehrt, wenn er zuweilen in eine Lage kam, die mit jener einige zufallige Ahnlichkeiten hatte, glaubte er auch, einen Firnisgeruch zu empfinden.

Ein Zufall verbesserte Antons Lage in etwas.

Der Hutmacher Lobenstein war ein ausserst hypochondrischer Schwarmer; er glaubte an Ahndungen und hatte Visionen, die ihm oft Furcht und Grauen erweckten. Eine alte Frau, die zur Miete im Hause gewohnt hatte, starb und erschien ihm bei nachtlicher Weile im Traume, dass er oft mit Schaudern und Entsetzen erwachte, und weil er dann wachend noch forttraumte, auch ihren Schatten in irgendeiner Ecke seiner Kammer noch zu sehen glaubte. Anton musste ihm von nun an zur Gesellschaft sein und in einem Bette neben ihm schlafen. Dadurch wurde er ihm gewissermassen zum Bedurfnis, und er wurde etwas gutiger gegen ihn gesinnt. Er liess sich oft mit ihm in Unterredungen ein, fragte ihn, wie er in seinem Herzen mit Gott stehe, und lehrte ihn, dass er sich Gott nur ganz hingeben solle; wenn er dann zu dem Gluck der Kinder Gottes auserwahlt ware, so wurde Gott selbst das Werk der Bekehrung in ihm anfangen und vollenden usw. Des Abends musste Anton, ehe er zu Bette ging, fur sich stehend leise beten, und das Gebet durfte auch nicht allzu kurz sein sonst fragte Lobenstein wohl, ob er denn schon fertig sei und Gott nichts mehr zu sagen habe? Dies war fur Anton eine neue Veranlassung zur Heuchelei und Verstellung, die sonst seiner Natur ganz entgegen war. Ob er gleich leise betete, so suchte er doch seine Worte so vernehmlich auszusprechen, dass er von Lobenstein recht gut verstanden werden konnte und nun herrschte durch sein ganzes Gebet nicht sowohl der Gedanke an Gott als vielmehr, wie er sich durch irgendeinen Ausdruck von Reue, Zerknirschung, Sehnsucht nach Gott und dergleichen wohl am besten in die Gunst des Herrn Lobenstein einschmeicheln konnte. Das war der herrliche Nutzen, den dies erzwungne Gebet auf Antons Herz und Charakter hatte.

Doch aber fand Anton auch zuweilen im einsamen Gebete noch eine Art von heimlichen Vergnugen, wenn er in irgendeinem Winkel der Werkstatt kniete und Gott bat, dass er doch eine einzige von den grossen Veranderungen in seiner Seele hervorbringen mochte, wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und gehort hatte. Und so weit ging die Tauschung seiner Einbildungskraft, dass es ihm zuweilen wirklich war, als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele vor; und sogleich war auch der Gedanke da, wie er nun diesen seinen Seelenzustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Herrn von Fleischbein einkleiden oder ihn Herrn Lobenstein erzahlen wollte. Es waren also dergleichen eingebildete innere Gefuhle immer eine susse Nahrung seiner Eitelkeit, und das innige Vergnugen, was er daruber empfand, wurde vorzuglich durch den Gedanken erweckt, dass er doch nun sagen konnte, er habe ein solches gottliches, himmlisches Vergnugen in seiner Seele empfunden es schmeichelte ihn immer sehr, wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzustand fur so wichtig hielten, dass sie sich darum bekummerten. Das war der Grund, dass er sich so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete, um dann etwa dem Herrn Lobenstein klagen zu konnen, dass er sich in einem Zustande der Leere, der Trockenheit befinde, dass er keine rechte Sehnsucht nach Gott bei sich verspure usw., und sich alsdann den Rat des Herrn Lobenstein uber diesen seinen Seelenzustand ausbitten zu konnen, der ihm denn auch immer mit vieler fur ihn schmeichelhaften Wichtigkeit erteilt ward.

Ja, es kam gar einmal so weit, dass uber seinen Seelenzustand mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert und ihm eine Stelle in dem Briefe des Herrn von Fleischbein, die sich auf ihn bezog, gezeigt wurde. Was Wunder, dass er auf die Weise veranlasst wurde, sich durch allerlei eingebildete Veranderungen seines Seelenzustandes in seinen eignen Augen sowohl als in den Augen andrer bei dieser Wichtigkeit zu erhalten, da er als ein Wesen betrachtet wurde, bei dem sich eine ganz eigne besondre Fuhrung Gottes offenbarte.

Er bekam nun auch eine schwarze Schurze wie der andre Lehrbursche, und anstatt dass ihn dieser Umstand hatte niederschlagen sollen, trug er vielmehr vieles zu seiner Zufriedenheit bei. Er betrachtete sich nun als einen Menschen, der schon anfing, einen gewissen Stand zu bekleiden. Die Schurze brachte ihn gleichsam in Reihe und Glied mit andern seinesgleichen, da er vorher einzeln und verlassen dastand er vergass uber die Schurze eine Zeitlang seinen Hang zum Studieren und fing an, auch an den ubrigen Handwerksgebrauchen eine Art von Gefallen zu finden, der ihn nichts eifriger wunschen liess, als dieselben einmal mitmachen zu konnen. Er freute sich innerlich, so oft er den Gruss eines einwandernden Gesellen horte, der das gewohnliche Geschenk zu fordern kam; und keine grossere Gluckseligkeit konnte er sich denken, als wenn er auch einmal als Geselle so einwandern und dann, nach Handwerksgebrauch, den Gruss mit den vorgeschriebenen Worten hersagen wurde.

So hangt das jugendliche Gemut immer mehr an den Zeichen als an der Sache, und es lasst sich von den fruhen Ausserungen bei Kindern, in Ansehung der Wahl ihres kunftigen Berufes, wenig oder gar nichts schliessen. Sobald Anton lesen gelernt hatte, fand er ein unbeschreibliches Vergnugen darin, in die Kirche zu gehen; seine Mutter und seine Base konnten sich nicht genug daruber freuen. Was ihn aber in die Kirche trieb, war der Triumph, den er allemal genoss, wenn er nach dem schwarzen Brette, wo die Nummern der Gesange angeschrieben waren, hinsehen und etwa einem erwachsenen Menschen, der neben ihm stand, sagen konnte, was es fur eine Nummer sei: und wenn er denn ebenso und oft noch geschwinder als die erwachsenen Leute diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen und nun mitsingen konnte.

Die Zuneigung des Herrn Lobenstein gegen Anton schien itzt immer grosser zu werden, je mehr dieser nach seiner geistlichen Fuhrung ein Verlangen bezeigte. Er liess ihn oft bis um Mitternacht an den Gesprachen mit seinen vertrautesten Freunden teilnehmen, mit denen er sich gemeiniglich uber seine und anderer Erscheinungen zu unterhalten pflegte, welche zuweilen so schaudervoll waren, dass Anton mit berganstehendem Haare zuhorchte. Gemeiniglich wurde erst spat zu Bett gegangen. Und wenn der Abend mit solchen Gesprachen zugebracht war, so pflegte Lobenstein am folgenden Morgen beim Aufstehen wohl zu fragen, ob Anton die Nacht nichts vernommen, nichts in der Kammer gehen gehort habe?

Manchmal unterhielt sich auch Lobenstein des Abends mit Anton allein, und sie lasen dann zusammen etwa in den Schriften des Taulerus, Johannes vom Kreutz und ahnlichen Buchern. Es schien, als ob zwischen ihnen eine dauerhafte Freundschaft entstehen wurde. Anton fasste auch wirklich eine Art von Liebe gegen Lobenstein, aber diese Empfindung war immer mit etwas Herben untermischt, mit einem gewissen Gefuhl von Ertotung und Vernichtung, welches durch Lobensteins bittersusses Lacheln erzeugt wurde.

Indes blieb Anton jetzt von harten und niedrigen Arbeiten mehr wie sonst verschont. Lobenstein ging zuweilen mit ihm spazieren; ja, er nahm ihm sogar einen Klaviermeister an. Anton war entzuckt uber seinen Zustand und schrieb einen Brief an seinen Vater, worin er demselben auf das lebhafteste seine Zufriedenheit bezeigte.

Nun hatte aber auch Antons Gluck im Lobensteinschen Hause den hochsten Gipfel erreicht, und sein Fall war nahe. Alles sahe ihn mit neidischen Augen an, seitdem ihm der Klaviermeister gehalten wurde. Es wurden hier Kabalen, wie an einem kleinen Hofe gespielt; man verleumdete ihn, man suchte ihn zu sturzen.

So lange Lobenstein gegen Anton hart und unbillig verfahren war, genoss er des Mitleids und der Freundschaft aller ubrigen Hausgenossen; sobald es aber schien, als ob dieser ihm seine Freundschaft und Vertrauen zuwenden wurde, nahm in eben dem Masse ihre Feindschaft und Misstrauen gegen ihn zu. Und sobald es ihnen nur gelungen war, ihn wieder zu sich herunterzubringen, und man es so weit gebracht hatte, dass der Klaviermeister wieder abgedankt war, hatte man auch weiter nichts mehr gegen Anton: man war sein Freund wie zuvor.

Nun hielt es aber nicht schwer, ihn der Gewogenheit eines so argwohnischen und misstrauischen Mannes, wie Lobenstein war, zu berauben; man durfte nur einige lebhafte Ausserungen von ihm erzahlen, man durfte Herrn Lobenstein nur auf verschiedne wirkliche Fehler der Nachlassigkeit und Unordnung, die Anton an sich hatte, bei jeder Gelegenheit aufmerksam machen, um seinen Gesinnungen bald eine andre Richtung zu geben. Dies wurde denn von der Haushalterin und den ubrigen Untergebenen sehr gewissenhaft getan. Indes dauerte es doch noch einige Monate, ehe man vollig seinen Zweck erreichte. Wahrend welcher Zeit Lobenstein sogar Antons Klaviermeister zu bekehren sich Muhe gab, welcher ein sehr rechtschaffner und frommer Mann war, aber Herrn Lobensteins Meinung nach sich Gott noch nicht ganz hingegeben hatte und sich nicht leidend genug gegen ihn verhielt.

Dieser Mann musste denn auch oft bei Herrn Lobenstein speisen, verdarb es aber am Ende dadurch, dass er sich zu viel Butter auf das Brot schmierte. Auf diesen Umstand machte die Haushalterin Herrn Lobenstein aufmerksam, um dadurch ihren Zweck zu erreichen, dem Klavierspielen Antons ein Ende zu machen, damit er nicht mehr uber die andern Hausgenossen erhoben ware.

Anton hatte uberdem nicht viel Genie zur Musik und lernte folglich nicht viel in seinen Stunden. Ein paar Arien und Chorale waren alles, was er mit vieler Muhe fassen konnte. Und die Klavierstunde war ihm immer eine sehr unangenehme Stunde. Auch wurde ihm die Applikatur sehr schwer, und Lobenstein fand immer an der Figur seiner weit ausgespreiteten Finger etwas auszusetzen.

Indes gelang es ihm doch einmal, wie dem David beim Saul, den bosen Geist des Herrn Lobenstein durch die Kraft der Musik zu vertreiben. Er hatte ein kleines Versehen begangen, und weil die Neigung des Herrn Lobenstein gegen ihn schon anfing, sich in Hass zu verwandeln, so hatte dieser ihm des Abends vor dem Schlafengehen eine harte Zuchtigung dafur zugedacht. Anton merkte dies an allem wohl. Und als die Stunde heranzunahen schien, fasste er den Mut, einen Choral, den ersten, den er gelernt hatte, auf dem Klavier zu spielen und dazu zu singen. Dies uberraschte Herrn Lobenstein, er gestand ihm, dass grade diese Stunde zu einer nachdrucklichen Bestrafung bestimmt gewesen ware, die er ihm nun schenkte.

Anton erdreistete sich nun sogar, ihm einige Vorstellungen wegen der anscheinenden Abnahme seiner Freundschaft und Liebe gegen ihn zu tun, worauf Lobenstein ihm gestand, dass seine Zuneigung gegen ihn freilich so stark nicht mehr sei, und dass dieses notwendig an Antons verschlimmertem Seelenzustande liegen musse, wodurch gleichsam eine Scheidewand zwischen ihm und seiner ehemaligen Liebe gezogen ware. Er habe die Sache Gott im Gebet vorgetragen und diesen Aufschluss daruber erhalten.

Dies war nun sehr traurig fur Anton, und er fragte, wie er es denn anzufangen habe, um seinen verschlimmerten Seelenzustand wieder zu verbessern. Seinen Weg in Einfalt zu wandeln und sich ganz Gott zu uberlassen, war die Antwort, sei das einzige Mittel, seine Seele zu retten. Weiter wurden keine nahern Anweisungen erteilt. Herr Lobenstein hielt es nicht fur gut, Gott gleichsam vorzugreifen, der sich selber von Anton abgezogen zu haben schien. Die nachdrucklich ausgesprochnen Worte aber, seinen 'Weg in Einfalt zu wandeln', hatten darauf Bezug, dass ihm Anton seit einiger Zeit zu klug zu werden anfing, zu viel sprach und vernunftelte und uberhaupt wegen der Zufriedenheit mit seinem Zustande zu lebhaft wurde. Diese Lebhaftigkeit war ihm der gerade Weg zu Antons Verderben, der nach dieser Heiterkeit in seinem Gesichte notwendig ein ruchloser, weltlichgesinnter Mensch werden musste von dem nichts anders zu vermuten stand, als dass ihn Gott selbst in seinen Sunden dahingeben wurde.

Hatte Anton seinen Vorteil besser verstanden, so hatte er itzt durch ein niedergeschlagenes, misanthropisches Wesen, vorgegebene Beangstigungen und Beklemmungen seiner Seele noch alles wieder gutmachen konnen. Denn nun wurde Lobenstein geglaubt haben, Gott sei im Begriff, die verirrte Seele wieder zu sich zu ziehen.

Aber weil Lobenstein den Grundsatz hatte, dass derjenige, welchen Gott bekehren wolle, auch ohne sein Zutun bekehrt werde; und dass Gott erwahlet, welchen er will, und verwirft und verstocket, welchen er will, um seine Herrlichkeit zu offenbaren so schien es ihm gleichsam gefahrlich, sich in die Sache Gottes zu mischen, wenn es etwa den Anschein hatte, als ob einer wirklich von Gott verworfen ware.

Mit Anton hatte es nun, seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach, bei dem Herrn Lobenstein wurklich beinahe diesen Anschein. Die Sache war ihm so wichtig gewesen, dass er daruber mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert hatte. Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Herrn von Fleischbein eine Stelle, die ihn betraf; und worin der Herr von Fleischbein versicherte, allen Kennzeichen nach 'habe der Satan seinen Tempel in Antons Herzen schon so weit aufgebauet, dass er schwerlich wieder zerstort werden konne'.

Das war wirklich ein Donnerschlag fur Anton aber er prufte sich und verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden, und es war ihm unmoglich, irgendeinen Unterschied dazwischen zu entdecken; er hatte noch ebenso oft eingebildete gottliche Ruhrungen und Empfindungen wie sonst; er konnte sich nicht uberzeugen, dass er ganz aus der Gnade gefallen und von Gott verworfen sein sollte. Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Herrn von Fleischbein an zu zweifeln.

Dadurch verlor sich seine Niedergeschlagenheit wieder, die ihm sonst vielleicht aufs neue den Weg zu der Gunst des Herrn Lobenstein wurde gebahnt haben, dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnugten Mienen vollends verscherzte.

Die erste Folge davon war, dass ihn Lobenstein aus seiner Kammer entfernte und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen musste, der nun anfing, wieder sein Freund zu werden, weil er ihn nicht mehr beneidete; die andre, dass er wieder anfangen musste, mehr wie jemals die schwersten und niedrigsten Arbeiten zu verrichten, wobei er immer in der Werkstatt bleiben musste und nur selten zu Herrn Lobenstein in die Stube kommen durfte. Der Klaviermeister wurde nur noch deswegen beibehalten, weil Lobenstein das angefangne Werk der Bekehrung in ihm vollenden und also statt einer verlornen Seele Gott wieder eine andre zufuhren wollte.

Der Winter kam heran, und jetzt fing Antons Zustand wirklich an, hart zu werden: er musste Arbeiten verrichten, die seine Jahre und Krafte weit uberstiegen. Lobenstein schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter nichts anzufangen sei, so musse man wenigstens von seinem Korper allen moglichen Gebrauch machen. Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrachten, das man wegwirft, wenn man es gebraucht hat.

Bald wurden Antons Hande durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen ganzlich untauglich gemacht. Er musste fast alle Woche ein paarmal des Nachts mit dem andern Lehrburschen aufbleiben, um die geschwarzten Hute aus dem siedenden Farbekessel herauszuholen und sie dann unmittelbar darauf in der vorbeifliessenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Offnung in das Eis musste gehauen werden. Dieser oft wiederholte Ubergang von der Hitze zum Frost machte, dass Anton beide Hande aufsprangen und das Blut ihm heraussprutzte.

Allein statt dieses ihn hatte niederschlagen sollen, erhob es vielmehr seinen Mut. Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine Hande und betrachtete die blutigen Merkmale daran als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit; und solange diese harten Arbeiten noch fur ihn den Reiz der Neuheit hatten, machten sie ihm ein gewisses Vergnugen, das vorzuglich im Gefuhl seiner korperlichen Krafte bestand; zugleich gewahrten sie ihm eine Art von sussem Freiheitsgefuhl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

Es war ihm, als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen konne, nachdem er ebenso wie die andern gearbeitet und des Tages Last und Hitze wie sie getragen hatte. Unter den beschwerlichsten Arbeiten empfand er eine Art von innerer Wertschatzung, die ihm die Anstrengung seiner Krafte verschaffte; und oft wurde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht haben, worin er sich beim Genuss der strengen und alle Freiheit vernichtenden Freundschaft Lobensteins befand.

Dieser aber fing jetzt an, ihn immer harter zu drukken: oft musste er in der bittersten Kalte den ganzen Tag uber in einer ungeheizten Stube Wolle kratzen. Dies war ein kluglich ausgesonnenes Mittel des Herrn Lobenstein, um Antons Arbeitsamkeit zu vermehren: denn wenn er nicht vor Kalte umkommen wollte, so musste er sich ruhren, soviel nur in seinen Kraften stand, dass ihm Abends oft beide Arme wie gelahmt und doch Hande und Fusse erfroren waren.

Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einformigkeit sein Los am bittersten. Besonders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in Bewegung geraten, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt voruber. Er verlor sich oft in entzuckenden Aussichten. Zuweilen sang er seine Empfindungen, in Rezitativen von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich besonders von der Arbeit ermudet, seine Krafte erschopft und von seiner Lage gedruckt fuhlte, mochte er sich am liebsten in religiosen Schwarmereien von 'Aufopferung, ganzlicher Hingebung' usw. verlieren, und der Ausdruck 'Opfersaltar' war ihm vorzuglich ruhrend, so dass er diesen in alle die kleinen Lieder und Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte.

Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen (dieser hiess August) fingen nun wieder an, einen neuen Reiz fur ihn zu bekommen, und ihre Gesprache wurden vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Nachte, welche sie oft zusammen durchwachen mussten, machten ihre Freunschaft noch inniger.

Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube sassen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewolbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen und ohngefahr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein grosses Kohlenbecken gesetzt und an den Wanden umher die mit Scheidewasser bestrichnen Hasenfelle aufgehangen, deren Haar hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den feinern Huten als Zutat gebraucht zu werden.

Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise sassen Anton und August in dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen musste, und fuhlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauerliche dieses dunklen Gewolbes so fest zusammengeschlossen, dass ihre Herzen oft in wechselseitigen Ergiessungen der Freundschaft uberstromten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.

Lobenstein war, wie der Herr von Fleischbein und alle seine Anhanger, ein Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. Solange also die Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine Kirche in Braunschweig gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die Kirche und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnugen daran fand, die verschiedenen Prediger nacheinander zu horen.

Nun sassen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der Trockenstube und sprachen uber verschiedene Prediger, die sie gehort hatten, als der letztre dem Anton versprach, ihn kunftigen Sonntag mit in die Brudernkirche zu nehmen, wo er einen Prediger horen wurde, der alles ubertrafe, was er sich denken und vorstellen konnte. Dieser Prediger hiess Paulmann, und August konnte nicht aufhoren, zu erzahlen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes erschuttert und bewegt sei. Nichts war fur Anton reizender, als der Anblick eines offentlichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er horte aufmerksam auf das, was August ihm erzahlte. Er sahe schon im Geist den Pastor Paulmann auf der Kanzel, er horte ihn schon predigen. Sein einziger Wunsch war, dass es nur erst mochte Sonntag sein!

Der Sonntag kam heran. Anton stand fruher wie gewohnlich auf, verrichtete seine Geschafte und kleidete sich an. Als gelautet wurde, hatte er schon eine Art von angenehmen Vorgefuhl dessen, was er nun bald horen werde. Man ging zur Kirche. Die Strassen, welche nach der Brudernkirche fuhrten, waren voller Menschen, die stromweise hinzueilten. Der Pastor Paulmann war eine Zeitlang krank gewesen und predigte nun zum ersten Male wieder: das war auch die Ursach, warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war.

Als sie hereinkamen, konnten sie kaum noch ein Platzchen der Kanzel gegenuber finden. Alle Banke, die Gange und Chore waren voller Menschen, welche alle einer uber den andern wegzusehen strebten. Die Kirche war ein altes gotisches Gebaude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewolbe unterstutzten, und ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemalt waren, dass sie nur ein schwaches Licht durchschimmern liessen.

So war die Kirche schon von Menschen erfullt, ehe der Gottesdienst noch begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal ertonte die vollstimmige Orgel, und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien das Gewolbe zu erschuttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller Augen auf die Kanzel geheftet, und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen fast angebeteten Prediger zu sehen, als zu horen.

Endlich trat er hervor und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel, ehe er hinaufstieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem versammleten Volke. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre sein Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Lacheln zu verziehen, seine Augen glanzten himmlische Andacht er predigte schon, wie er da stand, mit seinen Mienen, mit seinen stillgefaltenen Handen.

Und nun, als er anhub, welche Stimme, welch ein Ausdruck! Erst langsam und feierlich, und dann immer schneller und fortstromender: so wie er inniger in seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu blitzen, aus seiner Brust an zu atmen und bis in seine aussersten Fingerspitzen Funken zu spruhen. Alles war an ihm in Bewegung; sein Ausdruck durch Mienen, Stellung und Gebarden uberschritt alle Regeln der Kunst und war doch naturlich, schon und unwiderstehlich mit sich fortreissend.

Da war kein Aufenthalt in dem machtigen Erguss seiner Empfindungen und Gedanken; das kunftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen, ehe das vorhergehende noch vollig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der stromenden Flut verschlingt, so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der folgenden, und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwartigung der vorhergegangnen.

Seine Stimme war ein heller Tenor, der bei seiner Hohe eine ungewohnliche Fulle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven vibriert. Er sprach nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und Unterdruckung, gegen Uppigkeit und Verschwendung; und im hochsten Feuer der Begeisterung redete er zuletzt die uppige und schwelgerische Stadt, deren Einwohner grosstenteils in dieser Kirche versammlet waren, mit Namen an; deckte ihre Sunden und Verbrechen auf; erinnerte sie an die Zeiten des Krieges, an die Belagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zuruck, wo die Not alle gleichmachte und bruderliche Eintracht herrschte; wo den uppigen Einwohnern, statt ihrer jetzo unter der Last der Schusseln seufzenden Tische, Hunger und Teurung, statt ihrer Armbander und Geschmeide Fesseln drohten. Anton glaubte einen der Propheten zu horen, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte und die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt.

Anton ging aus der Kirche nach Hause und sagte zu August kein Wort; aber er dachte von nun an, wo er ging und stund, nichts als den Pastor Paulmann. Von diesem traumete er des Nachts und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine Miene und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingepragt. Beim Wollekratzen in der Werkstatt und beim Hutewaschen beschaftigte er sich die ganze Woche uber mit den entzuckenden Gedanken an die Predigt des Pastor Paulmann und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschuttert oder zu Tranen geruhrt hatte, zu unzahligen Malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die alte majestatische Kirche und die lauschende Menge und die Stimme des Predigers hinzu, welche itzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang er zahlte Stunden und Minuten bis zum nachsten Sonntage.

Dieser kam; und ist je ein unausloschlicher Eindruck auf Antons Seele gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage horte. Die Anzahl von Menschen war womoglich noch grosser als am vorigen Sonntage Vor der Predigt wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen: Herr, wer wird wohnen in deiner Hutte? wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?

Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut und redet die Wahrheit von Herzen.

Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet und seinem Nachsten kein Arges tut und seinen Nachsten nicht schmahet.

Wer die Gottlosen nichts achtet und ehret die Gottesfurchtigen: Wer seinem Nachsten schworet und halts.

'Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenk uber den Unschuldigen. Wer das tut, der wird wohl bleiben.'

Durch dies kurze und erschutternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu grossen und erhabnen Eindrucken vorbereitet, als der Pastor Paulmann mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie ganz in sich versenkt, auftrat und ohne Gebet und Eingang mit ausgestrecktem Arm zu reden anhub und sprach:

"Wer nicht Witwen und Waisen druckt; wer nicht heimlicher Verbrechen sich bewusst ist; wer seinen Nachsten nicht mit Wucher ubervorteilet; wem kein Meineid die Seele belastet; der hebe voll Zutrauen seine Hande mit mir zu Gott empor und bete: Vater unser! usw."

Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Taufer, wo dieser gefragt wird, ob er Christus sei: 'Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte, ich bin nicht Christus!' Von diesen Worten nahm er Gelegenheit, vom Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas gedampften, feierlichern Stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an:

Weh dir, der du gewissenlos

Gott, deinen Herrn, verleugnet!

Was tragst du deine Stirne bloss,

Die schwarzer Meineid zeichnet?

Mit dieser Stirne logst du Gott,

Sein heilger Name war dir Spott,

Wie tief bist du gefallen!

Weh dir, vor Gottes Angesicht

Trittst du er kennet deiner nicht

Unglucklicher von allen,

Die einer Mutter Brust gesaugt

Verzweifle nicht vielleicht, vielleicht,

Dass einst nach deiner Tranen Menge,

Die Flamm in deinem Busen loscht

Und Reue, mit der Jahre Lange,

Die Schuld von deiner Seele wascht.

Der du die Freveltat begannst,

O gib, wenn du noch weinen kannst,

Die Hoffnung nicht verloren

Gott wendet noch sein Angesicht,

Er will den Tod des Sunders nicht,

Sein Mund hat es geschworen.

Diese Worte, mit oftern Pausen und dem erhabensten Pathos gesprochen, taten eine unglaubliche Wirkung. Man atmete, da sie geendigt waren, tiefer herauf, man wischte sich den Schweiss von der Stirn. Und nun wurde die Natur des Meineides untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben nahte sich ihm, wie ein gewappneter Mann, der Sunder erbebte in den innersten Tiefen seiner Seele er rief: "Ihr Berge fallet uber mich, und ihr Hugel bedecket mich!" Der Meineidige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des Ewigen vernichtet.

Hier schwieg er wie erschopft ein panisches Schrecken bemachtigte sich aller Zuhorer. Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch, ob er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe.

Aber nun begann der Zuspruch dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung angekundigt wenn er zehnfach busste, was er Witwen und Waisen entrissen; wenn er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tranen der Reue und guten Werken wieder abzuwaschen suchte.

Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie musste durch Gebet und Tranen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein eignes Gebet und Tranen vor allem Volke vor Gott erringen, indem er sich selbst an die Stelle des seelenzerknirschten Sunders setzte.

Dem Verzeifelnden wurde zugerufen: knie nieder in Staub und Asche, bis deine Knie wund sind, und sprich: ich habe gesundigt im Himmel und vor dir und so fing sich ein jeder Periode an mit: ich habe gesundigt im Himmel und vor dir! und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis: Witwen und Waisen hab ich unterdruckt; dem Schwachen hab ich seine einzige Stutze, dem Hungrigen sein Brot genommen so ging es durch das ganze Register der Freveltaten. Und jeder Periode schloss sich dann: Herr, ist es moglich, dass ich noch Gnade finde!

Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tranen. Der Refrain bei jedem Perioden tat eine unglaubliche Wirkung es war, als wenn jedesmal die Empfindung einen neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum hochsten Grade verstarkt wurde. Selbst die zuletzt erfolgende Erschopfung, die Heiserkeit des Redners (es war, als schrie er zu Gott fur die Sunden des Volks) trug zu der allgemeinen um sich greifenden Ruhrung bei, die diese Predigt verursachte; da war kein Kind, das nicht sympathetisch mitgeseufzt und mitgeweint hatte.

Drittehalb Stunden waren schon wie Minuten verflossen plotzlich hielt er inne und schloss nach einer Pause mit denselben Versen, womit er begann. Mit erschopfter gedampfter Stimme las er nun die offentliche Beichte, das Sundenbekenntnis und die darauf erfolgende angekundigte Vergebung ab; darauf betete er fur diejenigen, welche zum Abendmahl gehen wollten, worin er sich mit einschloss, und dann sprach er mit aufgehobenen Handen den Segen. Der Abfall der Stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte, hatte viel Feierliches und Ruhrendes.

Anton ging nun nicht aus der Kirche, er musste erst den Pastor Paulmann zum Abendmahl gehen sehen. Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig. Mit einer Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wusste, dass der Pastor Paulmann gegangen war. Was hatte er itzt darum gegeben, dass er schon zum Abendmahl hatte mitgehen durfen! Er sahe nun den Pastor Paulmann zu Hause gehen, dessen Sohn, ein Knabe von neun Jahren, nebenherging. Seine ganze Existenz hatte Anton darum gegeben, um dieser gluckliche Sohn zu sein. Wenn er nun den Pastor Paulmann sahe, wie er mit der Gemeine, die ihn von allen Seiten umwallte, uber die Strasse ging und immer von beiden Seiten denen, die ihn grussten, freundlich dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte und unter den ubrigen Sterblichen ein ubermenschliches Wesen dahin wandeln sahe sein hochster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen nur einen seiner Blicke auf sich zu ziehen und als ihm das gelungen war, eilte er schnell nach Hause, um diesen Blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren.

Den folgenden Sonntag predigte der Pastor Paulmann des Mittags von der Liebe gegen die Bruder, und so seelenerschutternd seine Predigt wider den Meineid gewesen war, so sanftruhrend war diese; die Worte flossen nun wie Honig von seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich nach dem Stoff, wovon er predigte, verandert zu haben. Und doch war hierbei nicht die mindeste Affektation. Es war ihm naturlich, sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlasste, zu verweben.

Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern Prediger dieser Kirche zugehort er geriet ein paarmal in eine Art von Wut gegen ihn, da sich alles anliess, als ob er jetzt Amen sagen wurde, und er dann von neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons grosste Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzuhoren, da er sich nicht enthalten konnte, bestandig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal die Predigt des Pastor Paulmann als das hochste Ideal gedacht hatte, welches ihm von jedem andern unerreichbar schien.

Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an dem Pastor Paulmann, die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten, welche Anton nun zum erstenmal von ihm horte. Und nun, in welcher ehrwurdigen Gestalt erschien er ihm itzt! Er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare und sang die Worte: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Gute wahret ewiglich mit einer so himmelerhebenden Stimme und einem so machtigen Ausdruck, dass Anton sich in dem Augenblick in hohere Regionen verzuckt glaubte auch war ihm dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten geschahe, wozu sich sein Fuss nicht nahen durfte wie beneidete er einen jeden, der zum Altar hinzutreten und aus den Handen des Pastor Paulmann das Abendmahl empfangen durfte! Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen Wangen und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat, machte zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen.

Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. Die Idee vom Abendmahl war jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und womit er sich den ganzen Tag uber, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschaftigte; dabei schwebte ihm immer der Pastor Paulmann im Sinne mit seiner sanften, schwellenden Stimme und seinem gen Himmel gehobnen Auge, das von mehr als irdischer Andacht erleuchtet schien. Zuweilen drangte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild des schwarz gekleideten jungen Frauenzimmers mit der blassen Farbe und andachtsvollen Miene wieder vor.

Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert, dass er sich itzt fur den glucklichsten Menschen unter der Sonne wurde gehalten haben, wenn er den kunftigen Sonntag hatte zum Abendmahl gehen durfen. Er versprach sich eine so uberirdische himmlische Trostung beim Genuss des Abendmahls, dass er schon im voraus Freudentranen daruber vergoss; wobei er zugleich ein gewisses sanftes beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand, das ihm nun alles Bittre und Unangenehme seiner Lage versusste, wenn er bedachte, dass ihn doch als Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes wurde berauben konnen. Alle vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor, zum Abendmahl zu gehen, wenn er erst so weit ware und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die Hoffnung mit ein, dass durch dies oftere Zumabendmahlgehen der Pastor Paulmann ihn vielleicht am Ende bemerken wurde: und dieser Gedanke war es wohl vorzuglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Sussigkeit in diese Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen, wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hatte.

Das war ihm unmoglich zu glauben, dass er immer so, wie jetzt, wurde verkannt und vernachlassiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, musste es sich etwa einmal fugen, dass ein edler Mann, der auf der Strasse ihm begegnete, etwas Auffallendes an ihm bemerkte und sich dann seiner annehme. Eine gewisse schwermutige melancholische Miene, die er zu dem Ende annahm, glaubte er, wurde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen. Darum affektierte er sie nun oft noch in hoherm Grade, als sie ihm naturlich war. Ja, oft war er schon beinahe im Begriff, wenn ihm die Physiognomie irgendeines vornehmen Mannes Zutrauen einflosste, ihn geradezu anzureden und ihm seine Umstande zu entdecken. Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zuruck, dass ihn dieser vornehme Mann vielleicht fur narrisch halten mochte.

Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Strasse ging, mit einer gewissen klagenden Stimme einige von den Liedern der Madam Guion, die er auswendig gelernt hatte, und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte; und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen durch ein solches klagendes Lied, das einer singt, Wunderdinge gewurkt werden, wurde es auch ihm vielleicht gelingen, dadurch, dass er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf sich zoge, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben.

Fur den Pastor Paulmann ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als dass er es je hatte wagen sollen, ihn anzureden. Wenn er nahe bei ihm stand, so uberfiel ihn ein Schauder, als ob er sich in der Nahe eines Engels befande. Er konnte es sich entweder gar nicht denken oder suchte den Gedanken mit Fleiss zu vermeiden, dass dieser Pastor Paulmann wie andre Menschen aufstande und zu Bette ginge und alle naturliche Handlungen wie sie verrichtete. Sich ihn im Schlafrock und der Nachtmutze vorzustellen, war ihm ganz unmoglich oder er flohe vielmehr vor diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Lucke in seiner Seele ware hervorgebracht worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmutze ganz etwas Unausstehliches, sooft es ihm bei dem Pastor Paulmann einfiel; es war, als ob dadurch eine Disharmonie in alle seine ubrigen Vorstellungen kame.

Nun fugte es sich aber einmal, dass Anton gerade in der Kirchture stand, als der Pastor Paulmann hereintrat und in plattdeutscher Sprache zu dem Kuster sagte, dass sie nachher noch ein Kind zu taufen hatten.

Wurkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es dieser den Mann, welchen er sich nie anders als mit jenem feierlichen herzerschutternden Tone zu dem versammelten Volke redend gedacht hatte, zuerst plattdeutsch wie der simpelste Handwerksmann mit dem Kuster uber eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu horen; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und womit man einem sagen wurde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen.

Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgotterei gegen den Pastor Paulmann einigermassen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an und liebte ihn desto mehr.

Indes hatte er sich sein Ideal von Gluckseligkeit vollig von dem Pastor Paulmann abstrahiert. Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als, wie der Pastor Paulmann, offentlich vor dem Volke reden zu durfen und alsdann so wie er manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden. Dies letzte hatte insbesondre fur ihn etwas Grosses und Pathetisches so dass er sich oft ganze Tage uber in seinen Gedanken bestandig mit dieser Anrede beschaftigte und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen, uber die Strassen ging und ein paar Jungen sich balgen sahe, nicht unterlassen konnte, im Geiste die Worte des Pastor Paulmann zu wiederholen und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Hohe hob. Wo er ging und stand, harangierte er in Gedanken fur sich selber, und wenn er dann in recht heftigen Affekt geriet, so hielt er die Predigt gegen den Meineid.

So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen Phantasien hin, die ihn das Wollekratzen in der kalten Stube, das Hutewaschen im Eise und den Mangel des Schlafs, wenn er oft mehrere Nachte hindurch wachen musste, fast ganz vergessen liessen. Die Stunden entflohen ihm zuweilen wahrend der Arbeit wie Minuten,wenn es ihm gelang,sich in den Charakter eines offentlichen Redners hinein zu phantasieren.

Allein, sei es nun, dass diese unnaturliche Uberspannung seiner Seelenkrafte oder die fur seine Jahre zu grosse Anstrengung seines Korpers zur Arbeit ihn zuletzt niederwerfen musste er ward gefahrlich krank. Seine Pflege war nicht die beste. Er phantasierte im Fieber und lag oft ganze Tage lang allein, ohne dass sich jemand um ihn bekummerte.

Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch: er ward wiederhergestellt. Eine gewisse Tragheit und Niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser Krankheit zuruck und der menschenfreundliche Herr Lobenstein hatte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein todliches Rezidiv verursacht.

Es war eines Abends in der Dammerung, da Lobenstein in einem dunklen abgelegenen Gemache sich eines warmen Krauterbades bediente, wobei ihm Anton zur Hand sein musste. Da er nun in diesem Bade schwitzte und grosse Angst ausstund, so sagte er zu Anton mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Beine drang: Anton! Anton! hute dich vor der Holle! und dabei sah er starr in eine Ecke hin.

Anton zitterte bei diesen Worten, ein plotzlicher Schauder lief ihm durch den ganzen Korper. Alle Schrecken des Todes uberfielen ihn denn er zweifelte nicht im geringsten, dass Lobenstein in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei; und das habe ihn zu dem furchterlichen Ausruf: Hute, ach! hute dich vor der Holle! bewogen.

Lobenstein stieg nach diesem Ausruf plotzlich aus dem Bade, und Anton musste ihn zu seiner Kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und Lobenstein schien ihm blasser als der Tod auszusehen, da er von ihm wegging.

Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden, so geschahe es itzt von Anton, sobald er allein war; er warf sich in einem Verschlag bei der Werkstatte nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder und flehte zu Gott und bat ihn, wie ein Missetater, uber den schon der Stab gebrochen ist, um sein Leben nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja sterben solle denn ihm fiel ein, dass er mehr als zwanzigmal auf der Strasse gelaufen, gesprungen und mutwillig gelacht hatte und nun lagen alle die Qualen der Holle auf ihm, welche er dafur ewig wurde erdulden mussen. Hute, ach hute dich vor der Holle! gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem Grabe ihm diese Worte zugerufen hatte und er fuhr fort eine volle Stunde nacheinander zu beten und wurde die ganze Nacht nicht aufgehort haben, wenn er keine Linderung seiner Angst verspurt hatte; aber so wie seine Brust einen angstlichen Seufzer nach dem andern ausstiess und endlich seine Tranen flossen, schien es ihm, als sei ihm von Gott Erhorung seiner Bitte gewahrt der nun lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zuschanden werden lassen, als dass er eine Seele verderben liesse. Anton hatte sein Fieber weggebetet, worin er wahrscheinlich wieder zuruckgefallen sein wurde, wenn seine emporten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hatten. So heilt oft eine Schwarmerei, eine Tollheit die andere die Teufel werden ausgetrieben durch Beelzebub.

Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt und stand am andern Morgen wieder gesund auf aber der Gedanke an den Tod erwachte wieder mit ihm hochstens glaubte er, sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung gegeben, und nun musse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle.

Das tat er denn auch, so sehr er konnte; er betete des Tages unzahligemal in einem Winkel auf seinen Knien und ertraumete sich zuletzt dadurch eine feste Uberzeugung von der gottlichen Gnade und eine solche Heiterkeit der Seele, dass er sich oft schon im Himmel glaubte und sich nun manchmal den Tod wunschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen mochte.

Aber es konnte nicht fehlen, dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zuruckkehrte und dann die naturliche Liebe zum Leben um des Lebens willen in Antons Seele wieder erwachte. Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke als solche, wo er wieder aus der gottlichen Gnade gefallen sei, und geriet daruber in neue Angst, weil es ihm nicht moglich war, die Stimme der Natur in sich zu unterdrucken.

Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner fruhesten Kindheit an eingeflosset war seine Leiden konnte man im eigentlichen Verstande die Leiden der Einbildungskraft nennen sie waren fur ihn doch wurkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend.

Von seiner Mutter wusste er, es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes, wenn einem beim Waschen die Hande nicht mehr rauchen nun sahe er sich sterben, so oft er sich die Hande wusch.

Er hatte gehort, wenn ein Hund im Hause mit der Schnauze zur Erde gekehrt heule, so wittre er den Tod eines Menschen; nun prophezeite ihm jedes Hundegeheul seinen Tod. Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krahete, so war das ein untrugliches Zeichen, dass bald jemand im Hause sterben wurde und nun ging hier gerade ein solches ungluckweissagendes Huhn auf dem Hofe herum, welches bestandig auf eine unnaturliche Weise wie ein Hahn krahte. Fur Anton klang keine Totenglocke so furchterlich als dieses Krahen; und dieses Huhn hat ihm mehr trube Stunden in seinem Leben gemacht als irgendeine Widerwartigkeit, die er sonst erlitten hat.

Oft schopfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben, wenn das Huhn einige Tage schwieg sobald es sich dann wieder horen liess, waren alle seine schonen Hoffnungen und Entwurfe plotzlich gescheitert.

Da er nun so schon mit lauter Todesgedanken umging, fugte es sich, dass er das erstemal nach seiner Krankheit wieder zu dem Pastor Paulmann in die Kirche kam. Dieser stand schon auf der Kanzel und predigte uber den Tod.

Das war fur Anton ein Donnerschlag; denn da er nun einmal gelernet hatte, nach dem, was ihm von einer besondern gottlichen Fuhrung in den Kopf gesetzt war, alles auf sich zu beziehen wem anders als ihm sollte nun wohl die Predigt vom Tode gehalten werden? Mit nicht mehr Herzensangst kann ein Missetater sein Todesurteil anhoren als Anton diese Predigt. Der Pastor Paulmann fugte zwar Trostgrunde gnug gegen die Schrecken des Todes hinzu, aber was verschlug das alles gegen die naturliche Liebe zum Leben, die trotz aller Schwarmereien, wovon Anton den Kopf vollgepropft hatte, dennoch bei ihm die Oberhand behielt.

Niedergeschlagnes und betrubtes Herzens ging er zu Hause, und vierzehn Tage lang machte ihn diese Predigt melancholisch, die der Pastor Paulmann, wenn er gewusst hatte, dass sie noch auf zwei Menschen solche Wurkung wie auf Anton tun wurde, wahrscheinlich nicht wurde gehalten haben.

So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre durch die besondre Fuhrung, die ihm die gottliche Gnade durch ihre auserwahlten Werkzeuge hatte angedeihen lassen, ein volliger Hypochondrist geworden, von dem man im eigentlichen Verstande sagen konnte, dass er in jedem Augenblick lebend starb. Der um den Genuss seiner Jugend schandlich betrogen wurde dem die zuvorkommende Gnade den Kopf verruckte.

Aber der Fruhling kam wieder heran, und die Natur, die alles heilet, fing auch hier allmahlich an, wieder gutzumachen, was die Gnade verdorben hatte.

Anton fuhlte neue Lebenskraft in sich; er wusch sich, und seine Hande rauchten wieder es heulten keine Hunde mehr das Huhn horte auf zu krahen und der Pastor Paulmann hielt keine Todespredigten mehr. Anton fing wieder an, des Sonntags fur sich allein spazieren zu gehen, und einmal fugte es sich, dass er, ohne es erst selbst zu wissen, gerade an das Tor kam, wo er vor ohngefahr anderthalb Jahren mit seinem Vater zuerst von Hannover eingewandert war. Er konnte sich nicht enthalten, hinauszugehn und die mit Weiden bepflanzte breite Heerstrasse zu verfolgen, die er damals gekommen war. Sonderbare Empfindungen entwickelten sich dabei in seiner Seele. Sein ganzes Leben von jener Zeit an da er zuerst die Schildwache auf dem hohen Walle hin und her gehend erblickte und sich allerlei Vorstellungen machte, wie nun wohl die Stadt inwendig aussehen und wie das Lobensteinsche Haus beschaffen sein wurde stand jetzt auf einmal in seiner Erinnerung da. Es war ihm, als ob er aus einem Traume erwachte und nun wieder auf dem Flecke ware, wo der Traum anhub; alle die abwechselnden Szenen seines Lebens, die er diese anderthalb Jahre hindurch in Braunschweig gehabt hatte, drangten sich dicht ineinander, und die einzelnen Bilder schienen sich nach einem grossern Massstabe, den seine Seele auf einmal erhielt, zu verkleinern.

So machtig wirkt die Vorstellung des Orts, woran wir alle unsre ubrige Vorstellungen knupfen. Die einzelnen Strassen und Hauser, die Anton taglich wieder sahe, waren das Bleibende in seinen Vorstellungen, woran sich das immer Abwechselnde in seinem Leben anschloss, wodurch es Zusammenhang und Wahrheit erhielt, wodurch er das Wachen vom Traumen unterschied.

In der Kindheit ist es insbesondre notig, dass alle ubrigen Ideen sich an die Ideen des Orts anschliessen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz haben und sich an sich selber noch nicht festhalten konnen.

Es fallt daher auch wurklich in der Kindheit oft schwer, das Wachen vom Traume zu unterscheiden; und ich erinnere mich, dass einer unserer grossten jetztlebenden Philosophen mir in dieser Rucksicht eine sehr merkwurdige Beobachtung aus den Jahren seiner Kindheit erzahlet hat.

Er war wegen einer gewissen bosen Angewohnheit, die bei Kindern sehr gewohnlich ist, oft mit der Rute gezuchtigt worden. Es hatte ihn aber, wie es auch gewohnlich ist, immer sehr lebhaft getraumet, er habe sich an die Wand gestellt und ... Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die Wand gestellt hatte, so fiel ihm die harte Zuchtigung ein, die er so oft erlitten hatte, und er stand oft lange an, ehe er es wagte, einem dringenden Bedurfnis der Natur ein Gnuge zu tun, weil er befurchtete, es mochte wieder ein Traum sein, fur den er wieder eine scharfe Zuchtigung erwarten musste bis er sich erst allenthalben umgesehen und dann auch in Ansehung der Zeit zuruckgerechnet hatte, ehe er sich vollig uberzeugen konnte, dass er nicht traume.

Auch pflegt man des Morgens beim Erwachen oft noch halb zu traumen, und der Ubergang zum Wachen wird allmahlich dadurch gemacht, dass man erst anfangt, sich zu orientieren, und wenn man denn nur erst einmal den hellen Schein des Fensters gefasst hat, so ordnet sich nach und nach alles ubrige von selber.

Daher war es sehr naturlich, dass Anton, nachdem er schon einige Wochen in Braunschweig im Lobensteinschen Hause war, des Morgens noch immer glaubte, er traume, wenn er schon wirklich wachte, weil der Stift, woran er sonst immer des Morgens beim Erwachen die Ideen vom vorigen Tage sowohl als von seinem vorigen Leben anknupfte, und wodurch sie erst Zusammenhang und Wahrheit erhielten, nun gleichsam verruckt war; weil die Idee des Orts nicht mehr dieselbe war.

Ist es also wohl zu verwundern, wenn die Veranderung des Orts oft so vieles beitragt, uns dasjenige, was wir uns nicht gern als wirklich denken, wie einen Traum vergessen zu machen?

In spatern Jahren und insbesondre, wenn man viel gereist ist, verliert sich dies Anschliessen der Ideen an den Ort in etwas. Wo man hinkommt, sieht man entweder Dacher, Fenster, Turen, Steinpflaster, Kirchen und Turme, oder man sieht Wiese, Wald, Acker oder Heide. Die auffallenden Unterschiede verschwinden; die Erde wird sich uberall gleich.

Wenn Anton in Braunschweig auf der Strasse ging, so war es ihm besonders des Abends im Anfange der Dammerung manchmal plotzlich wie im Traume. Auch pflegte sich dies bei ihm zu ereignen, wenn er in irgendeine Strasse ging, die ihm eine entfernte Ahnlichkeit mit einer Strasse in Hannover zu haben schien. Dann deuchte ihm einige Augenblicke sein Zustand in Hannover wieder gegenwartig; die Szenen seines Lebens verwirreten sich untereinander.

Bei seinen Spaziergangen fand er nun immer einen besondern Reiz darin, Gegenden in der Stadt aufzusuchen, wo er noch gar nicht gewesen war. Seine Seele erweiterte sich dann immer, es war ihm, als ob er aus dem engen Kreise seines Daseins einen Sprung gewagt hatte; die alltaglichen Ideen verloren sich, und grosse angenehme Aussichten, Labyrinthe der Zukunft eroffneten sich vor ihm.

Allein es war ihm noch nie gelungen, sein ganzes Leben in Braunschweig mit allen seinen mannigfaltigen Veranderungen in einen einzigen vollen Blick zusammenzufassen. Der Ort, wo er sich jedesmal befand, erinnerte ihn immer zu stark an irgendeinen einzelnen Teil desselben, als dass noch fur das Ganze in seiner Denkkraft Platz gewesen ware; er drehete sich mit seinen Vorstellungen immer in einem engen Zirkel seines Daseins herum.

Um von dem Ganzen seines hiesigen Lebens ein anschauliches Bild zu haben, war es notig, dass gleichsam alle die Faden abgeschnitten wurden, die seine Aufmerksamkeit immer an das Momentane, Alltagliche und Zerstuckte desselben hefteten; und dass er zugleich in den Standpunkt wieder versetzt wurde, aus welchem er sein Leben in Braunschweig betrachtete, ehe er es anfing, da es noch wie eine dammernde Zukunft vor ihm lag.

In diesen Standpunkt wurde er nun gerade versetzt, da er zufalligerweise aus dem Tore ging, durch welches er vor ohngefahr anderthalb Jahren auf der breiten, mit Weiden bepflanzten Heerstrasse hereingekommen war und die Schildwache auf dem hohen Walle hatte hin und her gehen sehen.

Dieser Ort musste es gerade sein, der ihn durch die plotzliche Erinnerung an tausend Kleinigkeiten gerade in den Zustand wieder zu versetzen schien, worin er sich unmittelbar vor dem Anfange seines hiesigen Lebens befand. Alles, was dazwischen lag, musste sich nun in seiner Einbildungskraft zusammendrangen, wie Schatten ineinandergehen, einem Traum ahnlich werden. Denn sein jetziges Dastehen auf der Brucke und den Hohen-Wall-hinaufsehen, wo die Schildwache stand, schloss sich dicht an sein Dastehen und den Hohen-Wall-hinaufsehen vor anderthalb Jahren an. Die Vergangenheit, alle die Szenen des Lebens, das Anton in Braunschweig gefuhret hatte, stellte er sich jetzt wieder vor, wie er sie sich damals vor anderthalb Jahren noch als zukunftig gedacht hatte, und die zu lebhafte Vorstellung und Wiedererinnerung des Orts machte, dass die Erinnerung an den Zwischenraum der Zeit, welche unterdes verflossen war, verlosch oder schwacher wurde anders wenigstens lasst sich wohl schwerlich das Phanomen jener sonderbaren Empfindung erklaren, die Anton damals hatte, und die ein jeder wenigstens einige Male in seinem Leben gehabt zu haben sich erinnern wird.

Mehr als zehnmal stand Anton auf dem Punkte, nicht wieder in die Stadt zuruckzukehren, sondern gerade den Weg vor sich hin wieder nach Hannover zu gehen, wenn ihn nicht der Gedanke an Hunger und Kalte wieder zuruckgeschreckt hatte.

Aber von dem Tage an blieb der Vorsatz fest bei ihm, im Lobensteinschen Hause nicht langer mehr zu bleiben, es koste auch, was es wolle. Er wurde daher auch gegen alles gleichgultiger, weil er sich vorstellte, dass es nun nicht lange mehr so dauren wurde. Lobenstein selbst fing nun an, seiner so uberdrussig zu werden, dass er endlich nach Hannover an Antons Vater schrieb, dieser mochte seinen Sohn, mit dem nichts anzufangen ware, nur immer wieder abholen.

Nichts hatte fur Anton erwunschter sein konnen als die Nachricht, dass sein Vater ihn nun mit nachsten wieder zu Hause holen wurde. In eine Schule, schloss er, musse er doch in Hannover auf alle Falle geschickt werden, ehe er zum Abendmahl zugelassen wurde, und dann wollte er sich schon so auszeichnen, dass man aufmerksam auf ihn werden solle. So sehr er vorher nach Braunschweig zu kommen gestrebt hatte, so sehr verlangte ihn jetzt nach Hannover wieder zuruck, und er wiegte sich nun aufs neue in angenehmen Traumen von der Zukunft ein.

Ohngeachtet seiner harten Lage aber waren ihm dennoch viele Dinge in Braunschweig sehr lieb geworden, so dass sich in seine angenehmen Hoffnungen oft eine Wehmut mischte, die ihn in eine sanfte Melancholie versetzte. Oft stand er einsam an der Oker und sahe irgendeinem vorbeifahrenden kleinen Kahne nach, soweit er ihn mit den Augen verfolgen konnte dann war es ihm oft plotzlich, als habe er einen Blick in die dunkle Zukunft getan, aber wenn er eben das angenehme Blendwerk festzuhalten glaubte, so war es auf einmal verschwunden.

Er suchte sich nun an allen Gegenden der Stadt, die er bisher auf seinen Spaziergangen des Sonntags besucht hatte, gleichsam noch einmal zu letzen und nahm von einer nach der andern wehmutig Abschied, so wie er sie nie wieder zu sehen hoffte.

Er horte von dem Pastor Paulmann noch verschiedne Predigten, worin manche einzelne Stellen nie aus seinem Gedachtnis gekommen sind.

Ganz ausserordentlich ruhrte ihn in einer Predigt vom Leiden Jesu der immersteigende Affekt, womit der Pastor Paulmann die Worte sagte: mitleidsvoll sieht er auf seine Morder herab, und betet, und betet, und betet Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Und in einer Predigt uber die Beichte, welche uber das Evangelium vom Aussatzigen gehalten wurde, der sich dem Priester zeigen sollte, die Anrede an die Heuchler, die alle aussere Gebrauche der Religion gewissenhaft beobachten und doch ein feindseliges Herz im Busen tragen, und wo sich jeder Periode anfing mit: ihr kommt in den Beichtstuhl, ihr zeiget euch dem Priester, aber er kann in euer Herz nicht schauen usw. Dann wurde in dieser Predigt auch oft ein Ausdruck wiederholt, der fur Anton ausserordentlich ruhrend war, dieser klang ihm als: "ihr kommt in den Heben". Das letzte Wort namlich, was immer verschlungen wurde, so dass er es nicht recht verstehen konnte, klang ihm wie Heben, und dies Wort oder dieser Laut ruhrte ihn bis zu Tranen, so oft er wieder daran dachte.

Ebenso reizend klang ihm der Ausdruck, der sehr oft in den Predigten des Pastor Paulmann vorkam. 'Die Hohen der Vernunft' dies hatte aber seine besondern Ursachen, deren Entwickelung nicht unnutz sein wird. Das Chor in der Kirche, wo die Orgel war und die Schuler sangen, schien ihm immer etwas fur ihn Unerreichbares zu sein; sehnsuchtsvoll blickte er oft dahin auf und wunschte sich keine grossere Gluckseligkeit, als nur einmal den wunderbaren Bau der Orgel und was sonst da war, in der Nahe betrachten zu konnen, da er dies alles jetzt nur in der Ferne anstaunen durfte. Diese Phantasie war mit einer andern verwandt, die er noch aus Hannover mitgebracht hatte schon dort war ein gewisser Turm fur ihn immer ein ausserst reizender Gegenstand gewesen; er betrachtete ihn mit Entzucken und beneidete oft die Stadtmusikanten, die oben auf der Galerie standen, um des Morgens und Abends hinunter zu blasen.

Stundenlang konnte er diese Galerie betrachten, die ihm von unten so klein schien, dass sie ihm nicht bis an die Knie reichen wurde, und uber welche doch kaum die Kopfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten; und vollends das Zifferblatt, welches nach der Versicherung verschiedner Leute, die oben gewesen waren, so gross sein sollte wie ein Wagenrad, und ihm doch unten nicht grosser als irgendein Rad in einem Schiebkarren vorkam. Dies alles erregte seine Neugierde im hochsten Grade, so dass er oft ganze Tage lang mit nichts als dem Gedanken und dem Wunsch umging, diese Galerie und dies Zifferblatt einmal in der Nahe betrachten zu konnen.

Nun konnte man auf dem Turme in Hannover durch die Schallocher, welche uber der Galerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die grosse metallne Maschine, die den alles erschutternden Klang verursachte, unter den Fussen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Hohe standen und auf die Balken traten, wechselsweise in die Hohe steigen sahe.

Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Turms geblickt, und als habe sich ihm das geheimnisvolle Triebwerk des wunderbaren Schalles, den er so oft mit Ruhrung vernommen hatte, nun in der Ferne enthullt. Allein seine Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden er hatte nur die eine Halfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Wolbung emporhub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen von der Grosse dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehort, und seine Einbildungskraft vergrosserte das Bild in seiner Seele noch zu unzahligen Malen, so dass er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte.

Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fusse erduldete; bei aller Bedruckung von seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste Traum seiner Kindheit? was sein sehnlichster Wunsch, uber den er oft alles vergass? Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie am neustadtischen Turme in Hannover und der Glocken, die darin hingen.

Langer als ein Jahr hindurch versusste ihm dies Spiel seiner Phantasie die trubsten Stunden seines Lebens aber ach, er musste Hannover verlassen, ohne seines sehnlichsten Wunsches gewahrt zu werden. Doch das Bild vom neustadtischen Turme wich nie aus seinen Gedanken, es verfolgte ihn nach Braunschweig und schwebte ihm dort oft in nachtlichen Traumen auf hohen Treppen in tausend labyrinthischen Krummungen vor, wo er den Turm hinaufstieg, auf der Galerie stand, und mit unaussprechlichem Vergnugen das Zifferblatt am Turme betastete und dann inwendig nicht nur die grosse Glocke, sondern noch unzahlige andre kleinere nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sahe, bis er etwa mit dem Kopfe an den unubersehbaren Rand der grossen Glokke stiess und erwachte.

So oft nun der Pastor Paulmann von den 'Hohen der Vernunft' sprach, so dachte Anton mit Entzucken an die Hohen seines geliebten Turms, an die Glocke darin und an das Zifferblatt und dann auch an das hohe Chor, worauf die Orgel in der Brudernkirche stand dann erwachte auf einmal alle seine Sehnsucht wieder, und der Ausdruck 'die Hohen der Vernunft' presste ihm Tranen der Wehmut aus den Augen.

Der eigentliche abhandelnde Teil von den Predigten des Pastor Paulmann, wo derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach, war fur Anton freilich verloren, weil er ihm mit seinen Gedanken unmoglich folgen konnte. In der Hoffnung aber auf den ermahnenden Teil horte er ihn dennoch mit Vergnugen an es war ihm dann, als wenn sich nun erst die Wolken zusammenzogen, die bald in ein wohltatiges Gewitter oder einen sanften Regen ausbrechen wurden.

Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche, die Predigt des Pastor Paulmann zu Hause aufzuschreiben, und auf einmal war es, als ob es, indem er zuhorte, in seiner Seele licht wurde, seine Aufmerksamkeit hatte eine neue Richtung erhalten vorher hatte er mit dem Herzen zugehort, jetzt horte er zum ersten Male mit dem Verstande zu er wollte nicht nur durch einzelne Stellen erschuttert werden, sondern das Ganze der Predigt fassen, und nun fing er an, den abhandelnden Teil ebenso interessant als den ermahnenden Teil zu finden. Die Predigt handelte von der Nachstenliebe, wie glucklich die Menschen sein wurden, wenn jeder das Wohl aller ubrigen und alle ubrige das Wohl jedes einzelnen zu befordern suchten. Nie ist ihm diese Predigt mit allen ihren Abteilungen und Unterabteilungen aus dem Gedachtnis gekommen, die er mit dem Vorsatz horte, um sie aufzuschreiben, welches er tat, sobald er zu Hause kam und den August, dem er es nun vorlas, sehr dadurch in Verwunderung setzte.

Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue Entwickelung seiner Verstandeskrafte bewirkt. Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich allmahlich untereinander zu ordnen er lernte selbst fur sich uber einen Gegenstand nachdenken er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder ausser sich darzustellen, und weil er sie niemanden sagen konnte, so machte er schriftliche Aufsatze, die denn freilich oft sonderbar genug waren. Denn hatte er vorher mit Gott mundlich gesprochen, so fing er nun an, mit ihm zu korrespondieren, und schrieb lange Gebete an ihn, worin er ihm seinen Zustand schilderte.

Er fuhlte sich jetzt um so mehr zu schriftlichen Aufsatzen gedrungen, weil es ihm ganzlich an aller Lekture fehlte denn Lobenstein hatte ihm schon lange kein Buch mehr in die Hande gegeben, ausgenommen Engelbrechts, eines Tuchmachergesellen zu Winsen an der Aller Beschreibung von dem Himmel und der Holle, welches er ihm geschenkt hatte.

Einen argern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben, als dieser Engelbrecht gewesen sein muss, von dem man geglaubt hatte, dass er wirklich tot ware, und der nun, nachdem er sich wieder erholt hatte, seiner alten Grossmutter weismachte, er sei wirklich im Himmel und in der Holle gewesen; diese hatte es dann weiter erzahlt, und so war dies kostliche Buch entstanden.

Der Kerl entblodete sich nicht zu behaupten, er sei mit Christo und den Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt und habe da die Sonne in die eine und den Mond in die andre Hand genommen und am Himmel die Sterne gezahlt.

Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv so verglich er z.B. den Himmel mit einer kostlichen Weinsuppe, wovon man auf Erden nur wenige Tropfen gekostet hat und die man alsdenn mit Loffeln essen konne und die himmlische Musik war ebenso weit uber die irdische Musik erhaben als ein schones Konzert uber das Geleier eines Dudelsacks oder uber das Tuten eines Nachtwachterhorns.

Und was ihm fur Ehre im Himmel widerfahren war, davon konnte er nicht genug ruhmen.

In Ermangelung besserer Nahrung musste sich nun Antons Seele mit dieser losen Speise begnugen, und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch beschaftigt, sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei er glaubte es weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloss lebhaft vor.

Indes ging jetzt Lobensteins Unwillen und Hass gegen ihn haufig bis zu Scheltworten und Schlagen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste Weise; er liess ihn die niedrigensten und demutigendsten Arbeiten tun. Nichts aber war fur Anton krankender, als wie er zum ersten Male in seinem Leben eine Last auf dem Rucken, und zwar einen Tragkorb mit Huten bepackt, uber die offentliche Strasse tragen musste, indem Lobenstein vor ihm herging es war ihm, als ob alle Menschen auf der Strasse ihn ansahen.

Jede Last, die er vor sich oder unter dem Arme oder an den Handen tragen konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein, als dass er glaubte, sie mache ihm Schande. Nur dass er itzt gebuckt gehen, seinen Nacken unter das Joch beugen musste wie ein Lasttier, indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte zugleich seinen ganzen Mut darnieder und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er glaubte sowohl vor Mudigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu mussen, ehe er mit seiner Burde an den bestimmten Ort kam.

Dieser bestimmte Ort war das Zeughaus, wo die

Hute, welche Kommissarbeit waren, abgeliefert wurden. Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewunscht, die Glocken und das Zifferblatt auf dem neustadtischen Turm in Hannover als dies Zeughaus inwendig zu sehen, vor welchem er so oft, ohne seinen Wunsch befriedigen zu konnen, vorbeigegangen war. Aber wie sehr wurde ihm itzt dies Vergnugen versalzen, da er es in solchem Zustande zu sehen bekam.

Dies Tragen auf dem Rucken schwachte seinen

Mut mehr als irgendeine Demutigung, die er noch erlitten hatte, und mehr als Lobensteins Scheltworte und Schlage. Es war ihm, als ob er nun nicht tiefer sinken konne; er betrachtete sich beinahe selbst als ein verachtliches, weggeworfenes Geschopf. Es war dies eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Leben, an die er sich nachher, so oft er ein Zeughaus sahe, lebhaft wieder erinnerte, und deren Bild wieder in ihm aufstieg, sooft er das Wort Unterjochung horte.

Wenn ihm so etwas begegnet war, so suchte er sich

vor allen Menschen zu verbergen; jeder Laut der Freude war ihm zuwider; er eilte auf das Platzchen hinter dem Hause an die Oker hin und blickte oft stundenlang sehnsuchtsvoll in die Flut hinab. Verfolgte ihn dann selbst da irgendeine menschliche Stimme aus einem der benachbarten Hauser, oder horte er singen, lachen oder sprechen, so deuchte es ihm, als treibe die Welt ihr Hohngelachter uber ihn, so verachtet, so vernichtet glaubte er sich, seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines Tragkorbes gebeugt hatte.

Es war ihm denn eine Art von Wonne, selbst in das Hohngelachter mit einzustimmen, das er seiner schwarzen Phantasie nach uber sich erschallen horte in einer dieser furchterlichen Stunden, wo er uber sich selbst in ein verzweiflungsvolles Hohngelachter ausbrach, war der Lebensuberdruss bei ihm zu machtig, er fing auf dem schwachen Brette, worauf er stand, an zu zittern und zu wanken. Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor; er sturzte in die Flut August war sein Schutzengel; er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm gestanden und zog ihn beim Arm wieder heraus es waren demohngeachtet mehr Leute dazu gekommen das ganze Haus lief zusammen, und Anton wurde von dem Augenblick an als ein gefahrlicher Mensch betrachtet, den man so bald wie moglich aus dem Hause fortschaffen musse. Lobenstein schrieb den Vorfall sogleich an Antons Vater, und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmutsvoller Seele nach Braunschweig, um seinen missratenen Sohn, in dessen Herzen sich nach dem Urteil des Herrn von Fleischbein der Satan einen unzerstorbaren Tempel aufgebauet hatte, nach Hannover wieder abzuholen.

Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher Lobenstein auf, wahrend welcher Zeit Anton noch mit verdoppeltem Eifer in Gegenwart seines Vaters alle seine Geschafte verrichtete und eine Beruhigung darin suchte, noch zuletzt alles zu tun, was in seinen Kraften stand. Von der Werkstatt, von der Trockenstube, vom Holzboden und von der Brudernkirche nahm er nun in Gedanken Abschied und seine allerangenehmste Vorstellung, wenn er wieder nach Hannover kommen wurde, war, dass er dann seiner Mutter von dem Pastor Paulmann wurde erzahlen konnen.

Je naher die Abschiedsstunde herannahte, desto leichter wurde ihm ums Herz. Er sollte nun bald aus seiner engen druckenden Lage herauskommen. Die weite Welt eroffnete sich wieder vor ihm.

Von August war der Abschied zartlich, von Lobenstein kalt wie Eis es war an einem Sonntagnachmittage bei trubem Himmel, da Anton mit seinem Vater wieder aus dem Lobensteinschen Hause ging er blickte die schwarze Ture mit den grossen eingeschlagenen Nageln noch einmal an und wandte ihr getrost den Rucken, um wieder aus dem Tore zu wandern, vor welchem er vor kurzem noch einen so interessanten Spaziergang gemacht hatte. Die hohen Walle der Stadt und der Andreasturm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden, und er sahe nur noch den Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt in truber Dammerung sich in den dicht aufliegenden Wolken verlieren.

Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen; denn dieser betrachtete ihn vollig mit den Augen des Hutmacher Lobenstein und des Herrn von Fleischbein, als einen, in dessen Herzen der Satan einmal seinen Tempel errichtet habe es wurde unterwegs wenig gesprochen, sondern sie wanderten immer stillschweigend fort, und Anton bemerkte kaum die Lange des Weges, auf eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken, wenn er nun seine Mutter und seine Bruder wiedersehen und ihnen seine Schicksale wurde erzahlen konnen.

Die vier schonen Turme von Hannover ragten endlich wieder hervor und wie einen Freund, den man nach langer Trennung wieder sieht, betrachtete Anton den neustadtischen Turm, und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder.

Er sahe sich nun wieder in den Mauern von Hannover, und alles war ihm neu seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Wohnung auf einer abgelegenen Strasse bezogen das war ihm alles so fremd, indem er die Treppen hinaufstieg, als ob er da unmoglich zu Hause gehoren konne. Allein so kalt und abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war, so laut und ausbrechend war itzt die Freude, womit ihm seine Mutter und Bruder entgegen eilten, die seine von Frost aufgesprungenen Hande besahen, und von denen er nun zum erstenmal wieder bedauert wurde.

Als er am andern Tage ausging, besuchte er alle die bekannten Platze, wo er sonst gespielt hatte es war ihm, als sei er wahrend der Zeit alt geworden, und als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zuruck erinnern ihm begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschuler und Spielkameraden, die ihm alle die Hande druckten und sich uber seine Wiederkunft freueten.

Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders tun, als ihr von dem Pastor Paulmann erzahlen? Sie hatte ohnedem eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefuhlen fur den Pastor Paulmann sympathisieren. O welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschutten und stundenlang von dem Manne sprechen konnte, gegen den er unter allen Menschen auf Erden die meiste Liebe und Achtung hatte.

Er horte nun die hannoverschen Prediger, aber welch ein Abstand! Unter allen fand er keinen Paulmann, einen ausgenommen namens N ..., der, wenn er im heftigen Affekt sprach, einige Ahnlichkeit mit ihm hatte.

Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden, wenn er nicht wenigstens so geschwind wie der Pastor Paulmann sprach, und ich weiss nicht, wenn der Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? Der Lehrer muss langsam, der Redner muss geschwind sprechen. Der Lehrer soll allmahlich den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das Herz eindringen mit dem Verstande muss man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will freilich wird der immer ein schlechter Lehrer sein, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wird aber wenn Fox im englischen Parlamente spricht, so geschieht es mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen nicht hat, und in diesem brausenden Strome reisst er alles mit sich fort und erschuttert die Seelen seiner Zuhorer, wie es der Pastor Paulmann durch seine Meineidspredigt tat.

Einen Prediger namens Marquard an der Garnisonkirche in Hannover horte Anton eines Sonntags mit dem grossten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht die mindeste Ahnlichkeit mit dem Pastor Paulmann hatte, sondern in Ansehung seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm war. Anton konnte sich nicht enthalten, da er zu Hause kam, gegen seine Mutter eine Art von Hass zu aussern, den er auf diesen Prediger geworfen hatte aber wie erstaunte er, als diese ihm sagte, dass er bei eben diesen Prediger wurde zum Religionsunterricht und Beichte und Abendmahl gehen mussen, weil er ihr Beichtvater ware, und sie zu seiner Gemeine gehorte.

Wem hatte es Anton geglaubt, dass er diesen Mann, gegen den er damals eine unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal wurde lieben konnen, dass dieser einmal sein Freund, sein Wohltater werden wurde?

Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde todlich krank und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr. Was Anton dabei empfand, lasst sich nicht beschreiben. Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben wurde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. Ganze Nachte durch weinte er oft, wenn er gehort hatte, dass der Arzt die Hoffnung zur Genesung aufgab. Es war ihm, als sei es schlechterdings nicht moglich, dass er den Verlust seiner Mutter wurde ertragen konnen. Was war naturlicher, da er von aller Welt verlassen war und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand.

Der Pastor Marquard kam und reichte Antons Mutter das Abendmahl nun glaubte er, sei keine Hoffnung mehr, und war untrostlich er flehte zu Gott um das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der Konig Hiskias ein, der ein Zeichen von Gott erhielt, dass seine Bitte erhort und ihm sein Leben gefristet sei.

Nach einem solchen Zeichen sahe sich itzt auch Anton um, ob nicht etwa der Schatten an der Mauer im Garten zuruckgehen wollte? Und der Schatten schien ihm endlich zuruckzugehen denn eine dunne Wolke hatte sich vor der Sonne hingezogen oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zuruckgedrangt aber von dem Augenblick an fasste er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich wieder an zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder auf und tat alles, um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus Braunschweig wieder abgeholt, einen bittern, unversohnlichen Hass auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder Gelegenheit empfinden liess jede Mahlzeit wurde ihm zugezahlt, und Anton musste oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit Tranen essen.

Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergange mit seinen beiden kleinern Brudern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den Wallen der Stadt anstellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er mit ihnen gleichsam eine Reise tat.

Dies war seine liebste Beschaftigung von seiner fruhesten Kindheit an, und als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer Ecke der Strasse, wo seine Eltern wohnten, welches die Grenze seiner kleinen Wanderungen war.

Er schuf sich nun den Wall, welchen er hinaufstieg, in einen Berg, das Gestrauch, durch welches er sich durcharbeitete, in einen Wald, und einen kleinen Erdhugel im Stadtgraben in eine Insel um; und so stellte er mit seinen Brudern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten oft viele meilenweite Reisen an er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Waldern, erstieg hohe Klippen und kam auf unbewohnte Inseln kurz, er realisierte sich mit ihnen seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte.

Zu Hause stellte er allerlei Spiele mit ihnen an, wobei es oft scharf zuging er belagerte Stadte, eroberte Festungen, von den Buchern der Madam Guion zusammengebaut, mit wilden Kastanien, die er wie Bomben darauf abschoss. Zuweilen predigte er auch, und seine Bruder mussten ihm zuhoren. Das erstemal hatte er sich denn eine Kanzel von Stuhlen zusammengebaut, und seine Bruder sassen vor ihm auf Fussschemeln; er geriet in heftigen Affekt die Kanzel sturzte ein, er fiel herunter und zerschlug mit dem Stuhle, worauf er stand, seinen Brudern die Kopfe. Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein indem trat sein Vater herein und fing an, ihn fur die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu belohnen. Antons Mutter kam dazu und wollte ihn den Handen seines Vaters entreissen; da sie das nicht konnte, so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte Richtung, und sie fing nun auch aus allen Kraften an, auf Anton zuzuschlagen, dem alle sein Flehen und Bitten nichts half Nie ist wohl eine Predigt unglucklicher abgelaufen als diese erste Predigt, welche Anton in seinem Leben hielt. Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt.

Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt, noch ofter wieder seine Kanzel zu besteigen und ganze geschriebne Predigten mit Evangelium, Thema und Einteilung abzulesen. Denn seitdem er angefangen hatte, zum erstenmal die Predigt des Pastors Paulmann nachzuschreiben, war es ihm auch leichter, seine Gedanken zu ordnen und sie in eine Art von Verbindung miteinander zu bringen.

Kein Sonntag ging hin, wo er itzt nicht eine Predigt nachschrieb, und er bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit, dass er das Fehlende dazwischen durch sein Gedachtnis erganzen und eine Predigt, die er gehort und die Hauptsachen nachgeschrieben hatte, zu Hause beinahe vollstandig wieder zu Papier bringen konnte.

Anton war nun uber vierzehn Jahre alt, und es war notig, dass er, um konfirmiert oder in den Schoss der christlichen Kirche aufgenommen zu werden, einige Zeit vorher in irgendeine Schule gehen musste, wo Religionsunterricht erteilt wurde.

Nun war in Hannover ein Institut, in welchem junge Leute zu kunftigen Dorfschulmeistern gebildet wurden, und womit zu gleich eine Freischule verknupft war, welche den angehenden Lehrern zur Ubung im Unterricht diente. Diese Schule war also eigentlich mehr der Lehrer wegen, als dass die Lehrer gerade dieser Schule wegen dagewesen waren, weil aber die Schuler nichts bezahlen durften, so war diese Anstalt eine Zuflucht fur die Armen, welche dort ihre Kinder ganz unentgeltlich konnten unterrichten lassen; und weil Antons Vater eben nicht gesonnen war, viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen und aus der gottlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden, so brachte er ihn denn endlich in diese Schule, wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich eroffnet sahe.

Es war fur Anton ein feierlicher Anblick, da er gleich in der ersten Stunde des Morgens alle die kunftigen Lehrer mit den Schulern und Schulerinnen in einer Klasse versammlet sahe. Der Inspektor dieser Anstalt, der ein Geistlicher war, hielt alle Morgen mit den Schulern eine Katechisation, welche den Lehrern zum Muster dienen sollte. Diese sassen alle an Tischen, um die Fragen und Antworten nachzuschreiben, wahrend dass der Inspektor auf und nieder ging und fragte. In einer Nachmittagsstunde musste denn irgendeiner von den Lehrern in Gegenwart des Inspektors die Katechisation mit den Schulern wiederholen, welche derselbe am Morgen gehalten hatte.

Nun war das Nachschreiben fur Anton schon eine sehr leichte Sache geworden, und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte, so hatte sie Anton weit besser als der Lehrer stehend in seiner Schreibtafel nachgeschrieben und konnte also freilich mehr antworten, als jener fragte, welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien, die ausserst schmeichelhaft fur ihn war.

Allein damit er sich nun nicht seines Glucks uberheben sollte, stand ihm am andern Tage eine Demutigung bevor, die beinahe jene in Braunschweig noch ubertraf, da er zum ersten Mal mit dem Tragkorbe auf dem Rucken gehen musste.

Es wurde namlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine Buchstabierubung angestellt, wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein buchstabieren und vorschreien und dann die andern alle, wie aus einem Munde, nachschreien mussten. Dies Geschrei, wovon einem die Ohren gellten, und diese ganze Ubung kam Anton wie toll und rasend vor, und er schamte sich nicht wenig, da er sich schmeichelte, schon mit Ausdruck lesen zu konnen, dass er hier erst wieder anfangen sollte, buchstabieren zu lernen, aber die Reihe, vorzuschreien, kam bald an ihn, denn dies ging wie ein Lauffeuer herum; und nun sass er und stockte, und die ganze schone Musik geriet auf einmal aus dem Takt. "Nun fort!" sagte der Inspektor, und als es nicht ging, sah er ihn mit einem Blick der aussersten Verachtung an und sagte: "Dummer Knabe!" und liess den folgenden weiter buchstabieren. Anton glaubte in dem Augenblick vernichtet zu sein, da er sich plotzlich in der Meinung eines Menschen, auf dessen Beifall er schon so viel gerechnet hatte, so tief herabgesunken sahe, dass dieser ihm nicht einmal mehr zutrauete, dass er buchstabieren konne.

War ehemals in Braunschweig sein Korper durch die Burde, die er trug, unterjocht worden, so wurde es itzt noch weit mehr sein Geist, der unter der Last erlag, mit welcher die Worte'dummer Knabe!' von dem Inspektor auf ihn fielen.

Allein, diesmal galt bei ihm, was vom Themistokles erzahlt wird, da dieser auch einmal in seiner Jugend einen offentlichen Schimpf erlitt: non fregit eum, sed erexit. Er strengte sich seit dem Tage, an welchem er diese Demutigung erlitt, noch zehnmal mehr als vorher an, sich bei seinen Lehrern in Achtung zu setzen, um den Inspektor, der ihn so verkannt hatte, gleichsam einst zu beschamen und ihm uber das Unrecht, das er von ihm erlitten hatte, Reue zu erwecken.

Der Inspektor trug alle Morgen in den Fruhstunden den Lehrbegriff der lutherischen Kirche ganz dogmatisch mit allen Widerlegungen der Papisten sowohl als der Reformierten vor und legte Gesenii Auslegung von Luthers kleinem Katechismus dabei zum Grunde. Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem unnutzem Zeuge angefullt, aber er lernte doch Hauptabteilungen und Unterabteilungen machen, er lernte systematisch zu Werke gehen.

Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer starker an, und in weniger als einem Jahre besass er eine vollstandige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der Bibel und einer vollstandigen Polemik gegen Heiden, Turken, Juden, Griechen, Papisten und Reformierten verknupft er wusste von der Transsubstantiation im Abendmahl, von den funf Stufen der Erhohung und Erniedrigung Christi, von den Hauptlehren des Alkorans und den vorzuglichsten Beweisen der Existenz Gottes gegen die Freigeister wie ein Buch zu reden.

Und er redete nun auch wirklich wie ein Buch von allen diesen Sachen. Er hatte nun reichen Stoff zu predigen, und seine Bruder bekamen alle die nachgeschriebenen Hefte von der halsbrechenden Kanzel in der Stube wieder von ihm zu horen.

Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen, bei welchem eine Versammlung von Handwerksburschen war, hier musste er sich vor den Tisch stellen und in dieser Versammlung eine formliche Predigt mit Text, Thema und Einteilung halten, wo er denn gemeiniglich die Lehre der Papisten von der Transsubstantiation oder die Gottesleugner widerlegte, mit vielem Pathos die Beweise fur das Dasein Gottes nacheinander aufzahlte und die Lehre vom Ohngefahr in ihrer ganzen Blosse darstellte.

Nun war die Einrichtung in dem Institut, wo Anton unterrichtet wurde, dass die erwachsenen Leute, welche zu Schulmeistern gebildet wurden, sich des Sonntags in alle Kirchen verteilen und die Predigten nachschreiben mussten, die sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten. Anton fand also jetzt noch einmal so viel Vergnugen am Predigtnachschreiben, da er sahe, dass er auf die Art mit seinen Lehrern einerlei Beschaftigung trieb, und diese, denen er nun die Predigten zeigte, bewiesen ihm immer mehr Achtung und begegneten ihm beinahe wie ihresgleichen.

Er bekam am Ende einen dicken Band nachgeschriebener Predigten zusammen, die er nun als einen grossen Schatz betrachtete, und worunter ihm insbesondre zwei wahre Kleinodien zu sein schienen: die eine war von dem Pastor Uhle, der mit dem Pastor Paulmann wegen der Geschwindigkeit im Sprechen die meiste Ahnlichkeit hatte, in der Agidienkirche gehalten und handelte vom jungsten Gericht. Mit wahrem Entzucken harangierte Anton diese Predigt oft seiner Mutter wieder vor, worin die Zerstorung der Elemente, das Krachen des Weltbaues, das Zittern und Zagen des Sunders, das frohliche Erwachen der Frommen in einem Kontrast dargestellt wurde, der die Phantasie bis auf den hochsten Grad erhitzte und dies war eben Antons Sache. Er liebte die kalten Vernunftpredigten nicht. Die zweite Predigt, welche er unter allen vorzuglich schatzte, war eine Abschiedspredigt des Pastors Lesemann, die er in der Kreuzkirche hielt, und worin derselbe fast vom Anfange bis zu Ende durch Tranen und Schluchzen unterbrochen wurde, so beliebt war er bei seiner Gemeine. Das ruhrende Pathos, womit diese Rede wirklich gehalten wurde, machte auf Antons Herz einen unausloschlichen Eindruck, und er wunschte sich keine grossre Gluckseligkeit, als einmal auch vor einer solchen Menge von Menschen, die alle mit ihm weinten, eine solche Abschiedsrede halten zu konnen.

Bei so etwas war er in seinem Elemente und fand ein unaussprechliches Vergnugen an der wehmutigen Empfindung, worin er dadurch versetzt wurde. Niemand hat wohl mehr die Wonne der Tranen (the joy of grief) empfunden als er bei solchen Gelegenheiten. Eine solche Erschutterung der Seele durch eine solche Predigt war ihm mehr wert als aller andre Lebensgenuss, er hatte Schlaf und Nahrung darum gegeben.

Auch das Gefuhl fur die Freundschaft erhielt jetzt bei ihm neue Nahrung. Er liebte einige von seinen Lehrern im eigentlichen Verstande und empfand eine Sehnsucht nach ihrem Umgange insbesondre ausserte sich seine Freundschaft gegen einen derselben namens R ..., der dem aussern Anschein nach ein sehr harter und rauher Mann war, in der Tat aber das edelste Herz besass, was nur bei einem kunftigen Dorfschulmeister gefunden werden kann.

Bei diesem hatte Anton doch eine Privatstunde im Rechnen und Schreiben, welche sein Vater fur ihn bezahlte denn Rechnen und Schreiben war noch das einzige, welches dieser fur Anton zu lernen der Muhe wert hielt. R ... liess ihn denn bald, weil er schon orthographisch schrieb, eigne Ausarbeitungen machen, die seinen Beifall erhielten, welcher fur Anton so schmeichelhaft war, dass er sich endlich erkuhnte, diesem Lehrer sein Herz zu entdecken und so offenherzig und freimutig mit ihm zu sprechen, wie er lange mit niemandem hatte sprechen durfen.

Er entdeckte ihm also seine unuberwindliche Neigung zum Studieren und die Harte seines Vaters, der ihn davon abhielte, und der ihn nichts als ein Handwerk wolle lernen lassen. Der rauhe R ... schien uber dies Zutrauen geruhrt zu sein und sprach Anton Mut ein, sich dem Inspektor zu entdecken, der ihm vielleicht noch eher zu seinem Endzweck wurde behulflich sein konnen. Das war nun eben der Inspektor, welcher zu Anton, da er beim Buchstabieren nicht vorschreien wollte, mit der verachtlichsten Miene "dummer Knabe!" gesagt hatte, welches er noch nicht vergessen konnte und also noch lange Bedenken trug, einem solchen Manne seine Neigung zum Studieren zu entdecken, der gezweifelt hatte, ob er auch buchstabieren konne.

Indes nahm die Achtung, worin sich Anton in dieser Schule setzte, von Tage zu Tage zu, und er erreichte seinen Wunsch, hier der erste zu sein und die meiste Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehn. Dies war freilich eine solche Nahrung fur seine Eitelkeit, dass er sich oft schon im Geist als Prediger erblickte, insbesondere, wenn er schwarze Unterkleider trug dann trat er mit einem gravitatischen Schritt und ernsthafter als sonst einher.

Am Ende der Woche des Sonnabends wurde immer, nachdem vorher das Lied 'Bis hieher hat mich Gott gebracht' gesungen war, von einem der Schuler ein langes Gebet gelesen, wenn dies an Anton kam, so war das ein wahres Fest fur ihn er dachte sich auf der Kanzel, wo er noch wahrend der letzten Verse des Gesanges seine Gedanken sammelte und nun auf einmal wie der Pastor Paulmann mit aller Fulle der Beredsamkeit in ein brunstiges Gebet ausbrach. Seine Deklamation bekam also fur einen Schulknaben freilich zu viel Pathos, als dass dieses nicht hatte auffallend sein sollen. Der Lehrer liess ihn also nur selten das Gebet lesen.

Ja, es entstand zuletzt sogar eine Art von Neid gegen ihn bei den Lehrern. Einer derselben stellte eine Ubung an, wo eine von Hubners biblischen Historien von den Schulern mit eignen Worten musste wiedererzahlt werden. Anton schmuckte diese Historie mit aller seiner Phantasie auf eine poetische Art aus und trug sie mit einer Art von rednerischem Schmuck wieder vor das beleidigte den Lehrer, der am Ende die Bemerkung machte, Anton solle kurzer erzahlen. Das kunftigemal fasste er also die ganze Erzahlung in ein paar Worte zusammen und war in zwei Minuten damit fertig. Das war dem Lehrer wieder zu kurz und brachte ihn aufs neue auf endlich liess er ihn gar keine Historien mit eignen Worten mehr erzahlen. Des Nachmittags furchteten sich die Lehrer, welche die Katechisation wiederholten, ihn zu fragen, weil er immer mehr als sie nachgeschrieben hatte er konnte also gar nicht einmal mehr dazu kommen, seine Fahigkeiten zu zeigen, welches doch sein hochster Wunsch war, um Aufmerksamkeit auf sich zu erregen.

Voller Unwillen daruber, dass er immer ungefragt und stumm dasitzen musste, ging er endlich einmal mit tranenden Augen zum Inspektor, der ihn in den Morgenstunden nun auch ofter gefragt hatte und sein Urteil uber ihn geandert zu haben schien, dieser fragte ihn, was ihm fehle, ob ihm etwa von einem seiner Mitschuler Unrecht geschehen sei, und Anton antwortete: nicht von seinen Mitschulern, sondern von seinen Lehrern sei ihm Unrecht geschehen, diese vernachlassigten ihn, und niemand fragte ihn mehr, wenn er gleich die Sache besser als andre wusste. Hierin mochte man ihm doch Recht verschaffen!

Der Inspektor suchte ihm das auszureden und entschuldigte die Lehrer mit der Menge der Schuler, von der Zeit an aber fing er an, selbst aufmerksamer auf ihn zu werden, und fragte ihn des Morgens in der Fruhstunde ofter als sonst.

In einer Stunde wochentlich wurde eine Ubung mit den Psalmen angestellt, wo ein jeder der Schuler sich Lehren herausziehn musste; diese wurden auf ein Blatt Papier oder eine Rechentafel geschrieben und dann abgelesen, wobei mancher stark zu schwitzen pflegte. Der Inspektor war dabei. Anton schrieb nichts auf. Als aber die Reihe an ihn kam, ging er den ganzen Psalm durch und hielt eine ordentliche Abhandlung oder Predigt daruber, die fast eine halbe Stunde dauerte, so dass der Inspektor selbst am Ende sagte: es sei nun genug; er solle den Psalm nicht eigentlich erklaren, sondern nur einige moralische Lehren herausziehen.

Auf die Weise ging beinahe ein Jahr hin, wo Anton so ausserordentliche Fortschritte in seinem Fleiss tat und sich so untadelhaft betrug, dass er seinen Zweck, Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, im hochsten Grade erreichte, indem er sich sogar den Neid seiner Lehrer zuzog.

Nun stand er aber auch auf dem entscheidenden Punkte, wo er irgendeine Lebensart wahlen sollte, und die Harte seines Vaters, der nun daran arbeitete, ihn bald loszuwerden, nahm von Tage zu Tage gegen ihn zu, so dass die Schule gleichsam ein sichrer Zufluchtsort fur ihn vor der Bedruckung und Verfolgung zu Hause war.

Sein geliebter Lehrer R ... wurde indes zu einem Dorfschulmeister befordert, und nun hatte er keinen eigentlichen Freund mehr unter seinen Lehrern. Dieser riet ihm bei seinem Abschiede noch einmal, sich geradezu an den Inspektor zu wenden und weil es nun ohnedem die hochste Zeit war, irgendeinen Entschluss zu fassen, so wagte er es eines Tages mit klopfendem Herzen, den Inspektor um Gehor zu bitten, weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe. Dieser nahm ihn mit auf seine Stube, und hier wurde Anton freimutiger, erzahlte ihm seine Schicksale und entdeckte ihm sein ganzes Herz. Der Inspektor schilderte ihm die Schwierigkeiten, die Kosten des Studierens, benahm ihm aber demohngeachtet nicht alle Hoffnung, sondern versprach, sich wo moglich fur ihn zu verwenden, dass er unentgeltlich eine lateinische Schule besuchen konnte indes war das alles sehr weit aussehend, weil er von seinen Eltern zu seiner Unterstutzung gar nichts, nicht einmal Wohnung und Nahrung hoffen durfte, indem sein Vater noch sechs Meilen hinter Hannover eine kleine Bedienung erhalten hatte und also in kurzem ganz aus Hannover wegziehen musste.

Indessen hatte der Inspektor mit dem Konsistorialrat Gotten, unter dessen Direktion das Schulmeisterinstitut stand, Antons wegen geredet, und dieser liess ihn zu sich kommen. Der Anblick dieses ehrwurdigen Greises schlug zuerst Antons Mut darnieder, und seine Knie bebten, da er vor ihm stand als ihn aber der Greis leutselig bei der Hand fasste und mit sanfter Stimme anredete, fing er an, freimutig zu sprechen und seine Neigung zum Studieren zu entdekken. Der Konsistorialrat Gotten liess ihn darauf eine von Gellerts geistlichen Oden laut lesen, um zu horen, wie seine Ausrede und Stimme beschaffen sei, wenn er sich dereinst dem Predigtamt widmen wollte. Darauf versprach er, ihm freien Unterricht zu verschaffen und ihn mit Buchern zu unterstutzen; das sei aber auch alles, was er fur ihn tun konne. Anton war so voller Freuden uber dieses Anerbieten, dass seine Dankbarkeit gar keine Grenzen hatte, und er nun alle Berge auf einmal uberstiegen zu haben glaubte. Denn dass er ausser freiem Unterricht und Buchern auch noch Nahrung, Wohnung und Kleider brauche, fiel ihm gar nicht ein.

Triumphierend eilte er nach Haus und verkundigte seinen Eltern sein Gluck. Aber wie sehr wurde seine Freude niedergeschlagen, da sein Vater ihm ganz kaltblutig sagte: er durfe, wenn er studieren wolle, auf keinen Heller von ihm rechnen wenn er sich also selbst Brot und Kleider zu verschaffen imstande sei, so habe er gegen sein Studieren weiter nichts einzuwenden. In einigen Wochen wurde er von Hannover wegreisen, und wenn Anton alsdann noch bei keinem Meister ware, so mochte er sehen, wo er unterkame und nach Gefallen abwarten, ob einer von den Leuten, die ihm das Studieren so eifrig anrieten, auch fur seinen Lebensunterhalt sorgen wurde.

Traurig und tiefsinnig ging Anton itzt umher und dachte seinem Schicksal nach. Der Gedanke zu studieren war fest in seiner Seele, und sollten sich ihm auch noch weit mehr Schwierigkeiten in den Weg setzen mancherlei Projekte durchkreuzten sich in seinem Kopfe. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass es einst in Griechenland einen lehrbegierigen Jungling gab, der fur seinen Unterhalt Holz haute und Wasser trug, um die Zeit, die ihm noch ubrig blieb, dem Studieren widmen zu konnen. Diesem Beispiele wollte er folgen und war oft schon willens, sich als Tagelohner auf gewisse Stunden zu verdingen, um die ubrige Zeit zu seinem freien Gebrauch zu haben dann konnte er aber wieder die Schulstunden nicht ordentlich abwarten so machte ihn alle sein Nachdenken und Uberlegung immer nur noch tiefsinniger und unentschlossner. Indes ruckte der entscheidende Zeitpunkt immer naher heran, wo er einen Entschluss fassen musste. Er sollte nun die Schule, die er bisher besucht hatte, verlassen, um noch eine Zeitlang in die Garnisonschule zu gehen, weil er von dem Garnisonprediger Marquard konfirmiert werden sollte, dessen Vorbereitungs- und Katechisationsstunden er itzt schon zu besuchen anfing, und der wegen seiner Antworten aufmerksam auf ihn geworden war. Allein er wurde es von selbst nie gewagt haben, diesem Mann, zu welchem er zuerst gar kein Zutrauen fassen konnte, den Kummer seiner Seele zu entdecken.

Da sich nun fur Anton keine solide Aussicht zum Studieren eroffnen wollte, so wurde er doch am Ende wahrscheinlich den Entschluss haben fassen mussen, irgendein Handwerk zu lernen, wenn nicht wider Vermuten ein sehr geringfugig scheinender Umstand seinem Schicksal in seinem ganzen kunftigen Leben eine andre Wendung gegeben hatte.

Zweiter Teil

Vorrede

(1786)

Um fernern schiefen Urteilen, wie schon einige uber dies Buch gefallt sind, vorzubeugen, sehe ich mich genotigt, zu erklaren, dass dasjenige, was ich aus Ursachen, die ich fur leicht zu erraten hielt, einen psychologischen Roman genannt habe, im eigentlichsten Verstande Biographie und zwar eine so wahre und getreue Darstellung eines Menschenlebens bis auf seine kleinste Nuancen ist, als es vielleicht nur irgendeine geben kann.

Wem nun an einer solchen getreuen Darstellung etwas gelegen ist, der wird sich an das anfanglich Unbedeutende und unwichtig Scheinende nicht stossen, sondern in Erwagung ziehen, dass dies kunstlich verflochtne Gewebe eines Menschenlebens aus einer unendlichen Menge von Kleinigkeiten besteht, die alle in dieser Verflechtung ausserst wichtig werden, so unbedeutend sie an sich scheinen.

Wer auf sein vergangnes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts als Zwecklosigkeit, abgerissne Faden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen; je mehr sich aber sein Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmahlich, die abgerissnen Faden knupfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich und das Misstonende loset sich unvermerkt in Harmonie und Wohlklang auf. Der Umstand, wodurch Anton Reisers Schicksal unvermutet eine glucklichere Wendung nahm, war: dass er sich auf der Strasse mit ein Paar Jungen balgte, die mit ihm aus der Schule kamen und ihn unterwegs geneckt hatten, welches er nicht langer leiden wollte; indem er sich nun mit ihnen bei den Haaren herumzauste, kam auf einmal der Pastor Marquard dahergegangen und wie gross war nun Reisers Beschamung und Verwirrung, da ihn die beiden Jungen selbst zuerst aufmerksam darauf machten und ihm mit einer Art von Schadenfreude den Zorn vorstellten, den nun der Pastor Marquard auf ihn werfen wurde.

Was? ich will einst selbst solch ein ehrwurdiger Mann werden, wie daherkommt wunsche, dass mir das itzt schon ein jeder ansehen soll, damit sich irgendeiner findet, der sich meiner annimmt und mich aus dem Staube hervorzieht, und muss nun in der Stellung von diesem Manne uberrascht werden, bei dem ich konfirmiert werden soll, wo ich Gelegenheit hatte, mich in meinem besten Lichte zu zeigen? Dieser Mann, was wird er nun von mir denken, wofur wird er mich halten?

Diese Gedanken gingen Reisern durch den Kopf und besturmten ihn auf einmal so sehr mit Scham, Verwirrung und Verachtung seiner selbst, dass er glaubte in die Erde sinken zu mussen. Aber er ermannte sich, das Selbstzutrauen arbeitete sich unter der erstickenden Scham wieder hervor und flosste ihm zugleich Mut und Zutrauen gegen den Pastor Marquard ein er fasste schnell ein Herz, ging geradesweges auf den Pastor Marquard zu und redete ihn auf offentlicher Strasse an, indem er zu ihm sagte, er sei einer von den Knaben, die bei ihm zur Kinderlehre gingen, und der Pastor Marquard mochte doch deswegen keinen Zorn auf ihn werfen, dass er sich eben itzt mit den beiden Jungen dort geschlagen hatte, dies ware sonst gar seine Art nicht; die Jungen hatten ihn nicht zufrieden gelassen: und es sollte nie wieder geschehen.

Dem Pastor Marquard war es sehr auffallend, sich auf der Strasse von einem Knaben auf die Weise angeredet zu sehen, der sich eben mit ein paar andern Buben herumgebalgt hatte. Nach einer kleinen Pause antwortete er: es sei freilich sehr unrecht und unschicklich, sich zu balgen, indes hatte das weiter nichts zu sagen, wenn er es kunftig unterliesse; darauf erkundigte er sich auch nach seinem Namen und Eltern, fragte ihn, wo er bis jetzt in die Schule gegangen ware usw., und entliess ihn sehr gutig. Wer war aber froher als Reiser, und wie leicht war ihm ums Herz, da er sich nun wieder aus dieser gefahrlichen Situation herausgewickelt glaubte!

Und wie viel froher wurde er noch gewesen sein, hatte er gewusst, dass dieser ohngefahre Zufall allen seinen angstlichen Besorgnissen ein Ende machen und die erste Grundlage seines kunftigen Glucks sein wurde. Denn von dem Augenblick an hatte der Pastor Marquard den Gedanken gefasst, sich naher nach diesem jungen Menschen zu erkundigen und sich seiner tatig anzunehmen, weil er nicht ohne Grund vermutete, dass, sobald des jungen Reisers Betragen gegen ihn nicht Verstellung war, es keine gemeine Denkungsart bei einem Knaben von dem Alter voraussetzte und dass es nicht Verstellung war, dafur schien ihm seine Miene zu burgen.

Den Sonntag darauf fragte ihn der Pastor Marquard des Nachmittags in der Kinderlehre ofter wie sonst; und Reiser hatte nun schon gewissermassen einen seiner Wunsche erreicht, in der Kirche vor dem versammelten Volke wenigstens auf irgendeine Art offentlich reden zu konnen, indem er die Katechismusfragen des Pastors mit lauter und vernehmlicher Stimme beantwortete, wobei er sich denn sehr von den ubrigen unterschied, indem er richtig akzentuierte, da jene ihre Antworten in dem gewohnlichen singenden Ton der Schulknaben herbeteten.

Nach geendigter Kinderlehre winkte ihn der Pastor Marquard beiseite und entbot ihn auf den andern Morgen zu sich welch eine freudige Unruhe bemachtigte sich nun auf einmal seiner Gedanken, da es schien, als ob sich irgendein Mensch einmal naher um ihn bekummern wollte denn damit schmeichelte er sich nun freilich, dass der Pastor Marquard durch seine Antworten aufmerksam auf ihn geworden sei; und er nahm sich nun auch vor, Zutrauen zu diesem Manne zu fassen und ihm alle seine Wunsche zu entdecken.

Als er nach einer fast schlaflosen Nacht den andern Morgen zu dem Pastor Marquard kam, fragte ihn dieser zuerst, was fur einer Lebensart er sich zu widmen dachte, und bahnte ihm also den Weg zu dem, was er schon selbst vorzubringen im Sinn hatte. Reiser entdeckte ihm sein Vorhaben. Der Pastor Marquard stellte ihm die Schwierigkeiten vor, sprach ihm aber doch auch zugleich wieder Mut ein und machte den Anfang zur tatigen Ermunterung damit, dass er versprach, ihn durch seinen einzigen Sohn, der die erste Klasse des Lyzeums in Hannover besuchte, in der lateinischen Sprache unterrichten zu lassen, womit auch noch in derselben Woche der Anfang gemacht wurde.

Bei dem allen glaubte Reiser in den Mienen und dem Betragen des Pastor Marquard zu lesen, dass er noch irgend etwas Wichtiges zuruckbehielte, welches er ihm zu seiner Zeit sagen wurde; in dieser Vermutung wurde er noch mehr durch die geheimnisvollen Ausdrucke des Garnisonkusters bestarkt, dessen Lehrstunden er noch besuchte, und der ihm immer einen Stuhl setzte, wenn er kam, indes die andern auf Banken sassen. Dieser pflegte denn wohl, wenn die Stunde aus war, zu ihm zu sagen: Sein Sie ja recht auf Ihrer Hut und denken Sie, dass man genau auf Sie achtgibt. Es sind grosse Dinge mit Ihnen im Werke! und dergleichen mehr, wodurch nun Reiser freilich anfing, sich eine wichtigere Person als bisher zu glauben, und seine kleine Eitelkeit mehr wie zu viel Nahrung erhielt, die sich denn oft toricht genug in seinem Gange und in seinen Mienen ausserte, indem er manchmal in seinen Gedanken mit allem Ernst und der Wurde eines Lehrers des Volks auf der Strasse einhertrat, wie er dies schon in Braunschweig getan hatte, besonders wenn er schwarze Weste und Beinkleider trug. Bei seinem Gange hatte er sich den Gang eines jungen Geistlichen, der damals Lazarettprediger in Hannover und zugleich Konrektor am Lyzeum war, zum Muster genommen, weil dieser in der Art sein Kinn zu tragen etwas hatte, das Reisern ganz besonders gefiel.

Nie kann wohl jemand in irgendeinem Genuss glucklicher gewesen sein, als es Reiser damals in der Erwartung der grossen Dinge war, die mit ihm vorgehen sollten. Dies erhitzte seine Einbildungskraft bis auf einen hohen Grad. Und da nun der Zeitpunkt immer naher heranruckte, wo er zum Abendmahl sollte gelassen werden, so erwachten auch alle die schwarmerischen Ideen wieder, die er sich schon in Braunschweig von dieser Sache in den Kopf gesetzt hatte, wozu noch die Lehrstunden des Garnisonkusters kamen, der denjenigen, die er zum Abendmahl vorbereiten half, dabei Himmel und Holle auf eine so furchterliche Art vorstellte, dass seinen Zuhorern oft Schrecken und Entsetzen ankam, welches aber doch mit einer angenehmen Empfindung verknupft war, womit man das Schreckliche und Furchterliche gemeiniglich anzuhoren pflegt, und er empfand dann wieder das Vergnugen, seine Zuhorer so erschuttert zu haben, welches ihm wonnevolle Tranen auspresste, die den ganzen Auftritt, wenn er so des Abends in der erleuchteten Schulstube zwischen ihnen stand, noch feierlicher machten.

Auch der Pastor Marquard hielt wochentlich einige Stunden, worin er diejenigen, die zum Abendmahl gehen sollten, vorbereitete; aber das, was er sagte, kam lange nicht gegen die herzerschutternden Anreden seines Kusters, ob es Reisern gleich zusammenhangender und besser gesagt zu sein schien. Nichts war fur Anton schmeichelhafter, als da der Pastor Marquard einmal den Begriff, dass die Glaubigen Kinder Gottes sind, durch das Beispiel erklarte, wenn er mit irgendeinem aus der Zahl seiner jungen Zuhorer genauer umginge, ihn besonders zu sich kommen liesse und sich mit ihm unterredete, dieser ihm denn auch naher als die ubrigen ware, und so waren die Kinder Gottes ihm auch naher als die ubrigen Menschen. Nun glaubte Reiser unter der Zahl seiner Mitschuler der einzige gewesen zu sein, auf den der Pastor Marquard aufmerksamer als auf alle ubrigen ware, allein so schmeichelhaft auch dies fur seine Eitelkeit war, so erfullte es ihn doch bald nachher wieder mit einer unbeschreiblichen Wehmut, dass nun alle die ubrigen an diesem Gluck, was ihm allein geworden war, nicht teilnehmen sollten und von dem nahern Umgange mit dem Pastor Marquard gleichsam auf immer ausgeschlossen sein sollten. Eine Wehmut, die er sich schon in seinen fruhesten Kinderjahren einmal empfunden zu haben erinnert, da ihm seine Base in einem Laden ein Spielzeug gekauft hatte, das er in Handen trug, als er aus dem Hause ging; und vor der Hausture sass ein Madchen in zerlumpten Kleidern ohngefahr in seinem Alter, das voll Verwunderung uber das schone Stuck Spielzeug ausrief: Ach, Herr Gott, wie schon! Reiser mochte etwa damals sechs bis sieben Jahre alt sein der Ton des geduldigen Entbehrens, ohngeachtet der hochsten Bewunderung, womit das zerlumpte Madchen die Worte sagte: Ach, Herr Gott, wie schon! drang ihm durch die Seele. Das arme Madchen musste alle diese Schonheiten so vor sich vorbeitragen sehen und durfte nicht einmal einen Gedanken daran haben, irgendein Stuck davon zu besitzen. Es war von dem Genuss dieser kostlichen Dinge gleichsam auf immer ausgeschlossen und doch so nahe dabei wie gern ware er zuruckgegangen und hatte dem zerlumpten Madchen das kostbare Spielzeug geschenkt, wenn es seine Base gelitten hatte! So oft er nachher daran dachte, empfand er eine bittere Reue, dass er es dem Madchen nicht gleich auf der Stelle gegeben hatte. Eine solche Art von mitleidsvoller Wehmut war es auch, die Reiser empfand, da er sich ausschliessungsweise mit den Vorzugen in der Gunst des Pastor Marquard beehrt glaubte, wodurch seine Mitschuler, ohne dass sie es verdient hatten, so weit unter ihn herabgesetzt wurden.

Grade diese Empfindung ist nachher wieder in seiner Seele erwacht, so oft er in der ersten von Virgils Eklogen an die Worte kam: nec invideo usw. Indem er sich in die Stelle des glucklichen Hirten versetzte, der ruhig im Schatten seines Baums sitzen kann, indes der andere sein Haus und Feld mit dem Rucken ansehen muss, war ihm bei dem nec invideo des letzern immer gerade so zumute, als da das zerlumpte Madchen sagte: "Ach, Herr Gott, wie schon ist das!"

Ich habe hier notwendig in Reisers Leben etwas nahholen und etwas vorweggreifen mussen, wenn ich zusammenstellen wollte, was nach meiner Absicht zusammengehort. Ich werde dies noch ofter tun; und wer meine Absicht eingesehen hat, bei dem darf ich wohl nicht erst dieser anscheinenden Absprunge wegen um Entschuldigung bitten.

Man sieht leicht, dass Anton Reisers Eitelkeit durch die Umstande, welche sich jetzt vereinigten, um ihm seine eigne Person wichtig zu machen, mehr als zu viel Nahrung erhielt. Es bedurfte wieder einer kleinen Demutigung fur ihn, und die blieb nicht aus. Er schmeichelte sich nicht ohne Grund, unter allen, die bei dem Pastor Marquard konfirmiert wurden, der erste zu sein. Er sass auch oben an und war gewiss, dass ihm keiner diesen Platz streitig machen wurde. Als auf einmal ein junger wohlgekleideter Mensch in seinem Alter und von feiner Erziehung die Lehrstunden des Pastor Marquard mit besuchte, der ihn durch sein feines ausseres Betragen sowohl als durch die vorzugliche Achtung, womit ihm der Pastor Marquard begegnete, ganz in Dunkel setzte, und dem auch sogleich uber ihm der erste Platz angewiesen ward.

Reisers susser Traum, der erste unter seinen Mitschulern zu sein, war nun plotzlich verschwunden. Er fuhlte sich erniedrigt, herabgesetzt, mit den ubrigen allen in eine Klasse geworfen. Er erkundigte sich bei dem Bedienten des Pastor Marquard nach seinem furchterlichen Nebenbuhler und erfuhr, dass er eines Amtmanns Sohn und bei dem Pastor Marquard in Pension sei, auch mit den ubrigen zugleich konfirmiert werden wurde. Der schwarzeste Neid nahm auf eine Zeitlang in Antons Seele Platz; der blaue Rock mit dem samtnen Kragen, den der Amtmannssohn trug, sein feines Betragen, seine hubsche Frisur schlug ihn nieder und machte ihn missvergnugt mit sich selbst; aber doch scharfte sich bald wieder das Gefuhl bei ihm, dass dies unrecht sei, und er wurde nun noch missvergnugter uber sein Missvergnugen. Ach, er hatte nicht notig gehabt, den armen Knaben zu beneiden, dessen Gluckssonne bald ausgeschienen hatte. Binnen vierzehn Tagen kam die Nachricht, dass sein Vater wegen Untreue seines Dienstes entsetzt sei. Fur den jungen Menschen konnte also auch die Pension nicht langer bezahlt werden, der Pastor Marquard schickte ihn seinen Anverwandten wieder, und Reiser behielt seinen ersten Platz. Er konnte seine Freude wegen der Folgen, die dieser Vorfall fur ihn hatte, nicht unterdrucken, und doch machte er sich selber Vorwurfe wegen seiner Freude er suchte sich zum Mitleid zu zwingen, weil er es fur recht hielt und die Freude zu unterdrucken, weil er sie fur unrecht hielt; sie hatte aber demohngeachtet die Oberhand, und er half sich denn am Ende damit, dass er doch nicht wider das Schicksal konne, welches nun den jungen Menschen einmal habe unglucklich machen wollen. Hier ist die Frage: wenn das Schicksal des jungen Menschen sich plotzlich wieder geandert hatte, wurde ihn Reiser aus erster Bewegung freiwillig mit lachelnder teilnehmender Miene wieder haben uber sich stehen lassen, oder hatte er sich erst mit einer Art von Anstrengung in diese Empfindung versetzen mussen, weil er sie fur recht und edel gehalten hatte? Der Zusammenhang seiner Geschichte mag in der Folge diese Frage entscheiden!

Alle Abend hatte nun Reiser eine lateinische Stunde bei dem Sohn des Pastor Marquard und kam wirklich so weit, dass er binnen vier Wochen ziemlich den Kornelius Nepos exponieren lernte. Welche Wonne war ihm das, wenn denn etwa der Garnisonkuster dazu kam und fragte, was die beiden Herren Studenten machten und als der Pastor Marquard damals gerade seine alteste Tochter an einen jungen Prediger verheiratete, der eines Sonntags nachmittags fur ihn die Kinderlehre hielt und dieser auf Reisern immer aufmerksamer zu werden schien, je ofter er ihn antworten horte: welch ein entzuckender Augenblick fur Reisern, da derselbe nun nach geendigtem Gottesdienst zum Pastor Marquard kam und der Schwiegersohn des Pastors ihn nun mit der grossten Achtung anredete und sagte, es sei ihm gleich in der Kirche, da Reiser ihm zuerst geantwortet, aufgefallen, ob das wohl der junge Mensch sein mochte, von dem ihm sein Schwiegervater so viel Gutes gesagt, und es freue ihn, dass er sich nicht geirrt habe.

In seinem Leben hatte Anton keine solche Empfindung gehabt, als ihm diese achtungsvolle Begegnung verursachte. Da er nun die Sprache der feinen Lebensart nicht gelernt hatte und sich doch auch nicht gemein ausdrucken wollte, so bediente er sich bei solchen Gelegenheiten der Buchersprache, die bei ihm aus dem Telemach, der Bibel und dem Katechismus zusammengesetzt war, welches seinen Antworten oft einen sonderbaren Anstrich von Originalitat gab, indem er z.B. bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte, er habe den Trieb zum Studieren, der ihn unaufhaltsam mit sich fortgerissen, nicht uberwaltigen konnen und wolle sich nun der Wohltaten, die man ihm erzeige, auf alle Weise wurdig zu machen und in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit sein Leben bis an sein Ende zu fuhren suchen.

Indes hatte der Konsistorialrat Gotten, an den sich Reiser schon vorher gewandt hatte, fur ihn ausgemacht, dass er die sogenannte Neustadter Schule unentgeltlich besuchen konnte. Allein der Pastor Marquard sagte, das durfe nun nicht geschehen; er solle, bis er konfirmiert wurde, noch von seinem Sohne unterrichtet werden, damit er alsdann sogleich die hohere Schule auf der Altstadt besuchen konne, wo der Direktor sich seiner annehmen wolle; und wegen der Eifersucht, die zwischen den beiden Schulen zu herrschen pflegte, wurde er besser tun, wenn er jene nicht zuerst besuchte. Dies musste Reiser dem Konsistorialrat Gotten selber sagen, um den freien Unterricht, welchen er ihm verschafft hatte, abzulehnen, woruber denn derselbe sehr empfindlich wurde und Reisern sehr hart anredete, ihn aber doch zuletzt wieder mit der Aufmunterung entliess, dass er sich auf andre Weise dennoch seiner annehmen wolle.

So schien nun an Reisers Schicksale, um den sich vorher niemand bekummert hatte, auf einmal alles teilzunehmen. Er horte von Eifersucht der Schulen seinetwegen sprechen. Der Konsistorialrat Gotten und der Pastor Marquard schienen sich gleichsam um ihn zu streiten, wer sich am meisten seiner annehmen wollte. Der Pastor Marquard bediente sich des Ausdrucks, er solle nur dem Konsistorialrat Gotten sagen, es waren seinetwegen schon Anstalten getroffen worden und wurden noch Anstalten getroffen werden, dass er zu der hohern Schule auf der Altstadt hinlanglich vorbereitet wurde, ohne vorher die niedere Schule auf der Neustadt zu besuchen. Also Anstalten sollten nun seinetwegen getroffen werden, wegen eines Knaben, den seine eigenen Eltern nicht einmal ihrer Aufmerksamkeit wert gehalten hatten.

Mit welchen glanzenden Traumen und Aussichten in die Zukunft dies Reisers Phantasie erfullt habe, darf ich wohl nicht erst sagen. Insbesondre, da nun noch immer die geheimnisvollen Winke bei dem Garnisonkuster und die Zuruckhaltung des Pastor Marquard fortdauerte, womit er Reisern etwas Wichtiges zu verschweigen schien.

Endlich kam es denn heraus, dass der Prinz Carl auf Empfehlung des Pastor Marquard sich des jungen Reisers annehmen und ihm monatlich ... Rtlr. zu seinem Unterhalt aussetzen wolle. Also war nun Reiser auf einmal allen seinen Besorgnissen wegen der Zukunft entrissen, das susse Traumbild eines sehnlich gewunschten, aber nie gehofften Gluckes war, ehe er es sich versehn, wirklich geworden, und er konnte nun seinen angenehmsten Phantasien nachhangen, ohne zu furchten, dass er durch Mangel und Armut darin gestort werden wurde.

Sein Herz ergoss sich wirklich in Dank gegen die Vorsehung. Kein Abend ging hin, wo er nicht den Prinzen und den Pastor Marquard in sein Abendgebet mit eingeschlossen hatte und oft vergoss er im stillen Tranen der Freude und des Danks, wenn er diese gluckliche Wendung seines Schicksals uberdachte.

Reisers Vater hatte nun auch nichts weiter gegen sein Studieren einzuwenden, sobald er horte, dass es ihm nichts kosten sollte. Uberdem kam die Zeit nun heran, wo er seine kleine Bedienung an einem Ort sechs Meilen von Hannover antreten musste, und sein Sohn konnte ihm also auf keine Weise mehr zur Last fallen. Allein nun war die Frage, bei wem Reiser nach der Abreise seiner Eltern wohnen und essen sollte. Der Pastor Marquard schien nicht geneigt zu sein, ihn ganz zu sich ins Haus zu nehmen. Es musste also drauf gedacht werden, ihn irgendwo bei ordentlichen Leuten unterzubringen. Und ein Hoboist, namens Filter, vom Regiment des Prinzen Carl erbot sich von freien Stucken dazu, Reisern unentgeltlich bei sich wohnen zu lassen. Ein Schuster, bei dem seine Eltern einmal im Hause gewohnt hatten, noch ein Hoboist, ein Hofmusikus, ein Garkoch und ein Seidensticker erboten sich jeder, ihm wochentlich einen Freitisch zu geben.

Dies verringerte Reisers Freude in etwas wieder, welcher glaubte, dass das, was der Prinz fur ihn hergab, zu seinem Unterhalt zureichen wurde, ohne dass er an fremden Tischen sein Brot essen durfte. Auch verringerte dies seine Freude nicht ohne Ursach, denn es setzte ihn in der Folge oft in eine hochst peinliche und angstliche Lage, so dass er oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit Tranen essen musste. Denn alles beeiferte sich zwar, auf die Weise ihm Wohltaten zu erzeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht erworben zu haben, uber seine Auffuhrung zu wachen und ihm in Ansehung seines Betragens Rat zu erteilen, der dann immer ganz blindlings sollte angenommen werden, wenn er seine Wohltater nicht erzurnen wollte. Nun war Reiser gerade von so viel Leuten von ganz verschiedener Denkungsart abhangig, als ihm Freitische gaben, wo jeder drohte, seine Hand von ihm abzuziehen, sobald er seinem Rat nicht folgte, der oft dem Rat eines andern Wohltaters geradezu widersprach. Dem einen trug er sein Haar zu gut, dem andern zu schlecht frisiert, dem einen ging er zu schlecht, dem andern, fur einen Knaben, der von Wohltaten leben musse, noch zu geputzt einher, und dergleichen unzahlige Demutigungen und Herabwurdigungen gab es mehr, denen Reiser durch den Genuss der Freitische ausgesetzt war, und denen gewiss ein jeder junger Mensch mehr oder weniger ausgesetzt ist, der das Ungluck hat, auf Schulen durch Freitische seinen Unterhalt zu suchen und die Woche hindurch von einem zum andern herumessen zu mussen.

Dies alles ahndete Reisern dunkel, als die Freitische insgesamt fur ihn angenommen und keine Wohltat verschmaht wurde, die ihm nur irgend jemand erweisen wollte. An dem guten Willen aber pflegt es nie zu fehlen, wenn Leute einem jungen Menschen zum Studieren beforderlich sein zu konnen glauben dies erweckt einen ganz besondern Eifer jeder denkt sich dunkel, wenn dieser Mann einmal auf der Kanzel steht, dann wird das auch mein Werk mit sein. Es entstand ein ordentlicher Wetteifer um Reisern, und jeder, auch der Armste, wollte nun auf einmal zum Wohltater an ihm werden, wie denn ein armer Schuster sich erbot, ihm alle Sonntagabend einmal zu essen zu geben dies alles wurde mit Freuden fur ihn angenommen und von seinen Eltern mit dem Hoboisten und dessen Frau uberrechnet, wie glucklich er nun sei, dass er alle Tage in der Woche zu essen habe, und wie man nun von dem Gelde, das der Prinz hergebe, fur ihn sparen konne.

Ach, die glanzenden Aussichten, die sich Reiser von dem Gluck, das auf ihn wartete, gemacht hatte, verdunkelten sich nachher sehr wieder. Indes dauerte doch der erste angenehme Taumel, in welchen ihn die tatige Vorsorge und die Teilnehmung so vieler Menschen an seinem Schicksale versetzt hatte, noch eine Weile fort.

Das grosse Feld der Wissenschaften lag vor ihm sein kunftiger Fleiss, die nutzlichste Anwendung jeder Stunde bei seinem kunftigen Studieren war den ganzen Tag uber sein einziger Gedanke, und die Wonne, die er darin finden, und die erstaunlichen Fortschritte, die er nun tun und sich Ruhm und Beifall dadurch erwerben wurde: mit diesen sussen Vorstellungen stand er auf und ging damit zu Bette aber er wusste nicht, dass ihm das Druckende und Erniedrigende seiner aussern Lage dies Vergnugen so sehr verbittern wurde. Anstandig genahrt und gekleidet zu sein gehort schlechterdings dazu, wenn ein junger Mensch zum Fleiss im Studieren Mut behalten soll. Beides war bei Reisern der Fall nicht. Man wollte fur ihn sparen und liess ihn wahrend der Zeit wirklich darben.

Seine Eltern reisten nun auch weg, und er zog mit seinen wenigen Habseligkeiten bei dem Hoboisten Filter ein, dessen Frau insbesondre sich schon von seiner Kindheit an seiner mit angenommen hatte. Es herrschte bei diesen Leuten, die keine Kinder hatten, die grosste Ordnung in der Einrichtung ihrer Lebensart, welche vielleicht nur irgendwo stattfinden kann. Da war nichts, keine Burste und keine Schere, was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen Platz gehabt hatte. Da war kein Morgen, der anbrach, wo nicht um acht Uhr Kaffee getrunken und um neun Uhr der Morgensegen gelesen worden ware, welches allemal kniend geschahe, indes die Frau Filter aus dem Benjamin Schmolke vorlas, wobei denn Reiser auch mit knien musste. Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die Art, indem jeder vor seinem Stuhle kniete, auch der Abendsegen aus dem Schmolke gelesen und dann zu Bette gegangen. Dies war die unverbruchliche Ordnung, welche von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren, wo sie auch bestandig auf derselben Stube gewohnt hatten, war beobachtet worden. Und sie waren gewiss dabei sehr glucklich, aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestort werden, wenn nicht zugleich ihre innre Zufriedenheit, die grosstenteils auf diese unverbruchliche Ordnung gebaut war, mit darunter leiden sollte. Dies hatten sie nicht recht erwogen, da sie sich entschlossen, ihre Stubengesellschaft mit jemanden zu vermehren, der sich unmoglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren etablierte Ordnung, die ihnen schon zur andern Natur geworden war, ganzlich fugen konnte.

Es konnte also nicht fehlen, dass es ihnen bald zu

gereuen anfing, dass sie sich selbst eine Last aufgeburdet hatten, die ihnen schwerer wurde, als sie glaubten. Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten, so musste Reiser in der Wohnstube schlafen, welches ihnen nun alle Morgen, sooft sie hereintraten, einen unvermuteten Anblick von Unordnung machte, dessen sie nicht gewohnt waren, und der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit storte. Anton merkte dies bald, und der Gedanke, lastig zu sein, war ihm so angstigend und peinlich, dass er sich oft kaum zu husten getrauete, wenn er an den Blicken seiner Wohltater sahe, dass er ihnen im Grunde zur Last war. Denn er musste doch seine wenigen Sachen nun irgendwo hinlegen, und wo er sie hinlegte, da storten sie gewissermassen die Ordnung, weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war. Und doch war es ihm nun unmoglich, sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln. Dies alles zusammengenommen versetzte ihn oft stundenlang in eine unbeschreibliche Wehmut, die er sich damals selber nicht zu erklaren wusste und sie anfanglich bloss der Ungewohnheit seines neuen Aufenthaltes zuschrieb.

Allein es war nichts als der demutigende Gedanke des Lastigseins, der ihn so danieder druckte. Hatte er gleich bei seinen Eltern und bei dem Hutmacher Lobenstein auch nicht viel Freude gehabt, so hatte er doch ein gewisses Recht da zu sein. Bei jenen, weil es seine Eltern waren, und bei diesem, weil er arbeitete. Hier aber war der Stuhl, worauf er sass, eine Wohltat. Mochten dies doch alle diejenigen erwagen, welche irgend jemanden Wohltaten erzeigen wollen, und sich vorher recht prufen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden, dass ihre gutgemeinte Entschliessung dem Bedurftigen nie zur Qual gereiche.

Das Jahr, welches Reiser in dieser Lage zubrachte, war, obgleich jeder ihn glucklich pries, in einzelnen Stunden und Augenblicken eines der qualvollsten seines Lebens.

Reiser hatte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen konnen, hatte er das nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehort ein gewisses Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefallig zu machen, muss man vorher den Gedanken haben, dass man auch gefallen konne. Reisers Selbstzutrauen musste erst durch zuvorkommende Gute geweckt werden, ehe er es wagte, sich beliebt zu machen. Und wo er nur einen Schein von Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte, da war er sehr geneigt, an der Moglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung zu werden. Darum gehorte gewiss ein grosser Grad von Anstrengung bei ihm dazu, sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen, von denen er noch nicht wusste, wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen wurden.

Seine Base prophezeite ihm sehr oft, wie ihm der Mangel jenes insinuanten Wesens an seinem Fortkommen in der Welt schaden wurde. Sie lehrte ihn, wie er mit der Frau Filter sprechen und ihr sagen solle: "Liebe Frau Filter, sein Sie nun meine Mutter, da ich ohne Vater und Mutter bin, ich will Sie auch so lieb haben wie eine Mutter." Allein wenn Reiser dergleichen sagen wollte, so wars, als ob ihm die Worte im Munde erstarben; es wurde hochst ungeschickt herausgekommen sein, wenn er so etwas hatte sagen wollen. Dergleichen zartliche Ausdrucke waren nie durch zuvorkommendes, gutiges Betragen irgendeines Menschen gegen ihn aus seinem Munde hervorgelockt worden; seine Zunge hatte keine Geschmeidigkeit dazu. Er konnte den Rat seiner Base unmoglich befolgen. Wenn sein Herz voll war, so suchte er schon Ausdrucke, wo er sie auch fand. Aber die Sprache der feinen Lebensart hatte er freilich nie reden gelernet. Was man insinuantes Wesen nennt, ware auch bei ihm die kriechendste Schmeichelei gewesen.

Indes war nun die Zeit herangekommen, wo Reiser konfirmiert werden und in der Kirche offentlich sein Glaubensbekenntnis ablegen sollte eine grosse Nahrung fur seine Eitelkeit er dachte sich die versammelten Menschen, sich als den ersten unter seinen Mitschulern, der alle Aufmerksamkeit bei seinen Antworten vorzuglich auf sich ziehen wurde, durch Stimme, Bewegung und Miene. Der Tag erschien, und Reiser erwachte, wie ein romischer Feldherr erwacht sein mag, dem an dem Tage ein Triumph bevorstand. Er wurde bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, hoch frisiert und trug einen blaulichen Rock und schwarze Unterkleider, eine Tracht, die der geistlichen gewissermassen sich schon am meisten naherte.

Aber so wie der Triumph des grossten Feldherrn zuweilen durch unerwartete Demutigungen verbittert wurde, dass er ihn nur halb geniessen konnte, so ging es auch Reisern an diesem Tage seines Ruhms und seines Glanzes. Seine Freitische nahmen mit diesem Tage ihren Anfang. Er hatte den ersten des Mittags bei dem Garnisonkuster und den andern des Abends bei dem armen Schuster und obgleich der Garnisonkuster ein Mann war, der das grossmutigste Herz besass und Reisern seinen Lebenslauf erzahlte, wie er auch erst als ein armer Schuler ins Chor gegangen sei, aber schon in seinem siebzehnten Jahre den blauen Mantel mit dem schwarzen vertauscht habe so war doch die Frau desselben der Neid und die Missgunst selber, und jeder ihrer Blicke vergiftete Reisern den Bissen, den er in den Mund steckte. Sie liess es sich zwar am ersten Tag nicht so sehr wie nachher, aber doch stark genug merken, dass Reiser niedergeschlagenen Herzens, ohne selbst recht zu wissen, woruber, zur Kirche ging und die Freude, die er sich an diesem sehnlich gewunschten Tage versprochen hatte, nur halb empfand. Er sollte nun hingehn, um sein Glaubensbekenntnis auf gewisse Weise zu beschworen.

Dies dachte er sich, und ihm fiel dabei ein, dass sein Vater vor einiger Zeit zu Hause erzahlt hatte, wie er wegen seines Dienstes vereidet worden war, dass er nichts weniger als gleichgultig dabei gewesen sei und Reiser schien sich, da er zur Kirche ging, gegen den Eid, den er ablegen sollte, gleichgultig zu sein. Aus dem Unterricht, den er in der Religion bekommen, hatte er sehr hohe Begriffe vom Eide und hielt diese Gleichgultigkeit an sich fur hochst strafbar. Er zwang sich also, nicht gleichgultig, sondern geruhrt und ernsthaft zu sein bei diesem wichtigen Schritte und war mit sich selber unzufrieden, dass er nicht noch weit geruhrter war; aber die Blicke der Frau des Garnisonkusters waren es, welche alle sanfte und angenehme Empfindungen aus seinem Herzen weggescheucht hatten.

Er konnte sich doch nicht recht freuen, weil niemand war, der an seiner Freude recht nahen Anteil nahm, weil er dachte, dass er auch selbst an diesem Tage an fremden Tischen essen musste. Da er indes in die Kirche kam und nun vor den Altar trat und obenan in der Reihe stand, so erwarmete das alles zwar wieder seine Phantasie aber es war doch lange das nicht, was er sich versprochen hatte. Und gerade das Wichtigste und Feierlichste, die Ablegung des Glaubensbekenntnisses, welches einer im Namen der ubrigen tun musste, kam nicht an ihn, und er hatte sich doch schon viele Tage vorher auf Miene, Bewegung und Ton geubt, womit er es ablegen wollte.

Er dachte, der Pastor Marquard wurde ihn etwa den Nachmittag zu sich kommen lassen, aber er liess ihn nicht zu sich kommen und wahrend dass seine Mitschuler nun zu Hause gingen und der zartlichen Bewillkommnung ihrer Eltern entgegen sahen, ging Reiser einsam und verlassen auf der Strasse umher, wo ihm der Direktor des Lyzeums begegnete, der ihn anredete und fragte, ob er nicht Reiserus hiesse und als Reiser mit Ja antwortete, ihm freundlich die Hand druckte und sagte, er habe schon durch den Pastor Marquard viel Gutes von ihm gehort und wurde bald naher mit ihm bekannt werden.

Welche unerwartete Aufmunterung fur ihn, dass dieser Mann, den er schon oft mit tiefer Ehrfurcht betrachtet hatte, ihn auf der Strasse anzureden wurdigte und ihn Reiserus nannte.

Der Direktor Ballhorn war wirklich ein Mann, welcher einem jeden, der ihn sahe, Ehrfurcht und Liebe einzuflossen imstande war. Er kleidete sich zierlich und doch anstandig, trug sich edel, war wohlgebildet, hatte die heiterste Miene, worin ihm sooft er wollte der strengste Ernst zu Gebote stand. Er war ein Schulmann, gerade wie er sein sollte, um von diesem Stande die Verachtung der feinen Welt, womit die gewohnliche Pedanterie desselben belegt ist, abzuwalzen.

Wie es nun kam, dass er Reisern Reiserus nannte, mag der Himmel wissen, gnug, er nannte ihn so, und es schmeichelte Reisern nicht wenig, auf die Weise seinen Namen zum erstenmal in us umgetauft zu sehen. Da er mit dieser Endigung der Namen immer die Idee von Wurde und einer erstaunenswurdigen Gelehrsamkeit verknupft hatte und sich nun schon im Geiste den gelehrten und beruhmten Reiserus nennen horte.

Diese Benennung, womit er so zufalligerweise von dem Direktor Ballhorn beehrt wurde, ist ihm nachher auch oft wieder eingefallen und manchmal mit ein Sporn zum Fleisse gewesen; denn mit dem us an seinem Namen erwachte auf einmal die ganze Reihe von Vorstellungen, einmal ein beruhmter Gelehrter zu werden, wie Erasmus Roterodamus und andere, deren Lebensbeschreibungen er zum Teil gelesen und ihre Bildnisse in Kupfer gestochen gesehen hatte.

Am Abend ging er nun zu dem armen Schuster und wurde wenigstens mit freundlichern Blicken als von der Frau des Garnisonkusters empfangen. Der Schuster Heidorn, so hiess sein Wohltater, hatte die Schriften des Taulerus und andre dergleichen gelesen und redete daher eine Art von Buchersprache, wobei er manchmal einen gewissen predigenden Ton annahm. Gemeiniglich zitierte er einen gewissen Periander, wenn er etwas behauptete, als: Der Mensch muss sich nur Gott hingeben, sagt Periander und so sagte alles, was der Schuster Heidorn sagte, auch dieser Periander, der im Grunde nichts als eine allegorische Person war, die in Bunians Christenreise oder sonst irgendwo vorkommt. Aber Reisern klang der Name Periander so suss in seinen Ohren. Er dachte sich dabei etwas Erhabenes, Geheimnisvolles und horte den Schuster Heidorn immer gern von Periander sprechen.

Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu spat aufgehalten, und als er zu Hause kam, hatten sein Wirt und seine Wirtin schon ihren Abendsegen gelesen und nicht unmittelbar darauf zu Bette gehen konnen, welches seit Jahren nicht geschehen sein mochte. Dies war denn Ursach, dass Reiser ziemlich kalt und finster empfangen wurde und sich an diesem Tage, dem er so lange voll sehnlicher Erwartung entgegengesehen hatte, mit traurigem Herzen niederlegen musste.

Diese Woche musste er nun zum ersten Male herumessen und machte am Montage bei dem Garkoch den Anfang, wo er sein Essen unter den ubrigen Leuten, die bezahlten, bekam, und man sich weiter nicht um ihn bekummerte. Dies war, was er wunschte, und er ging immer mit leichterem Herze hieher.

Den Dienstag Mittag ging er zu dem Schuster Schantz, wo seine Eltern im Hause gewohnt hatten, und wurde auf das liebreichste und freundlichste empfangen. Die guten Leute hatten ihn als ein kleines Kind gekannt, und die alte Mutter des Schusters Schantz hatte immer gesagt, aus dem Jungen wird noch einmal etwas und nun freute sie sich, dass ihre Prophezeiung einzutreffen schien. Und wenn es Reiser je nicht fuhlte, dass er fremdes Brot ass, so war es an diesem gastfreundlichen Tische, wo er oft nachher seines Kummers vergessen hat und mit heitrer Miene wieder wegging, wenn er traurig hingegangen war. Denn mit dem Schuster Schantz vertiefte er sich immer in philosophischen Gesprachen, bis die alte Mutter sagte: Nun Kinder, so hort doch einmal auf und lasst das liebe Essen nicht kalt werden. O, was war der Schuster Schantz fur ein Mann! Von ihm konnte man mit Wahrheit sagen, dass er vom Lehrstuhle die Kopfe der Leute hatte bilden sollen, denen er Schuh machte. Er und Reiser kamen oft in ihren Gesprachen ohne alle Anleitung auf Dinge, die Reiser nachher als die tiefste Weisheit in den Vorlesungen uber die Metaphysik wiederhorte, und er hatte oft schon stundenlang mit dem Schuster Schantz daruber gesprochen. Denn sie waren ganz von selbst auf die Entwickelung der Begriffe von Raum und Zeit, von subjektivischer und objektivischer Welt usw. gekommen, ohne die Schulterminologie zu wissen, sie halfen sich dann mit der Sprache des gemeinen Lebens, so gut sie konnten, welches oft sonderbar genug herauskam, kurz, bei dem Schuster Schantz vergass Reiser alles Unangenehme seines Zustandes, er fuhlte sich hier gleichsam in die hohere Geisterwelt versetzt und sein Wesen wieder veredelt, weil er jemanden fand, mit dem er sich verstehn und Gedanken gegen Gedanken wechseln konnte. Die Stunden, welche er hier bei den Freunden seiner Kindheit und seiner Jugend zubrachte, waren gewiss damals die angenehmsten seines Lebens. Hier war es allein, wo er sich mit volligem Zutrauen gewissermassen wie zu Hause fuhlte.

Am Mittwoch ass er denn bei seinem Wirt, wo das wenige, was er genoss, so gut es auch diese Leute ubrigens mit ihm meinen mochten, ihm doch fast jedesmal so verbittert wurde, dass er sich vor diesem Tage fast mehr wie vor allen andern furchtete. Denn an diesem Mittage pflegte seine Wohltaterin, die Frau Filter, immer nicht geradezu, sondern nur in gewissen Anspielungen, indem sie zu ihrem Manne sprach, Reisers Betragen durchzugehen, ihm die Dankbarkeit gegen seine Wohltater einzuscharfen und etwas von Leuten mit einfliessen zu lassen, die sich angewohnt hatten, sehr viel zu essen und am Ende gar nicht mehr zu sattigen gewesen waren. Reiser hatte damals, da er in seinem vollen Wachstum war, wirklich sehr guten Appetit, allein mit Zittern steckte er jeden Bissen in den Mund, wenn er dergleichen Anspielungen horte. Bei der Frau Filter geschahe es nun wirklich nicht sowohl aus Geiz oder Neid, dass sie dergleichen Anspielungen machte, sondern aus dem feinen Gefuhl von Ordnung, welches dadurch beleidiget wurde, wenn jemand ihrer Meinung nach zu viel ass. Sie pflegte denn auch wohl von Gnadenbrunnlein und Gnadenquellen zu reden, die sich verstopften, wenn man nicht mit Massigkeit daraus schopfte.

Die Frau des Hofmusikus, welche ihm am Donnerstag zu essen gab, war zwar dabei etwas rauh in ihrem Betragen, qualte ihn aber doch dadurch lange nicht so als die Frau Filter mit aller ihrer Feinheit. Am Freitage aber hatte er wieder einen sehr schlimmen Tag, indem er bei Leuten ass, die es ihn nicht durch Anspielungen, sondern auf eine ziemlich grobe Art fuhlen liessen, dass sie seine Wohltater waren. Sie hatten ihn auch noch als Kind gekannt und nannten ihn nicht auf eine zartliche, sondern verachtliche Weise bei seinem Vornamen Anton, da er doch anfing, sich unter die erwachsenen Leute zu zahlen. Kurz, diese Leute behandelten ihn so, dass er den ganzen Freitag uber missmutig und traurig zu sein pflegte und zu nichts recht Lust hatte, ohne oft zu wissen woruber. Es war aber daruber, dass er den Mittag der erniedrigenden Begegnung dieser Leute ausgesetzt war, deren Wohltat er sich doch notwendig wieder gefallen lassen musste, wenn es ihm nicht als der unverzeihlichste Stolz sollte ausgelegt werden. Am Sonnabend ass er denn bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, wo er eine Kleinigkeit bezahlte und mit frohem Herzen ass, und den Sonntag wieder bei dem Garnisonkuster.

Dies Verzeichnis von Reisers Freitischen und den Personen, die sie ihm gaben, ist gewiss nicht so unwichtig, wie es manchem vielleicht beim ersten Anblick scheinen mag dergleichen kleinscheinende Umstande sind es eben, die das Leben ausmachen und auf die Gemutsbeschaffenheit eines Menschen den starksten Einfluss haben. Es kam bei Reisers Fleiss und seinen Fortschritten, die er an irgendeinem Tage tun sollte, sehr viel darauf an, was er fur eine Aussicht auf den folgenden Tag hatte, ob er gerade bei dem Schuster Schantz oder bei der Frau Filter oder dem Garnisonkuster essen musste. Aus dieser seiner taglichen Situation nun wird sich grosstenteils sein nachheriges Betragen erklaren lassen, welches sonst sehr oft mit seinem Charakter widersprechend scheinen wurde.

Ein grosser Vorteil wurde es fur Reisern gewesen sein, wenn ihn der Pastor Marquard wochentlich einmal hatte bei sich essen lassen. Aber dieser gab ihm statt dessen einen sogenannten Geldtisch, so wie auch der Seidensticker; von diesen wenigen Groschen nun musste Reiser wochentlich sein Fruhstuck und Abendbrot bestreiten. So hatte die Frau Filter es angeordnet. Denn was der Prinz hergab, sollte alles fur ihn gespart werden. Sein Fruhstuck bestand also in ein wenig Tee und einem Stuck Brot, und sein Abendessen in ein wenig Brot und Butter und Salz. Dann sagte die Frau Filter, er musse sich ans Mittagessen halten, doch aber gab sie ihm zu verstehen, dass er sich ja huten musse, sich zu uberessen.

So war nun Reisers Okonomie eingerichtet, was seinen Unterhalt anbetraf. Aber auch zu seiner Kleidung wurde nicht einmal von dem Gelde, was der Prinz fur ihn hergab, etwas genommen, sondern ein alter, grober, roter Soldatenrock fur ihn gekauft, der ihm zurechtgemacht wurde und womit er nun die offentliche Schule besuchen sollte, in welcher nun auch der Allerarmste besser als er gekleidet war; ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, gleich anfanglich seinen Mut in etwas niederzuschlagen.

Dazu kam nun noch, dass er das Kommissbrot, welches der Hoboist Filter empfing, holen und unter den Armen durch die Stadt tragen musste, welches er zwar, wenn es irgend moglich war, in der Dammerung tat, aber es sich doch auf keine Weise durfte merken lassen, dass er sich dies zu tun schame, wenn es ihm nicht ebenfalls als ein unverzeihlicher Stolz sollte ausgelegt werden; denn von diesem Brote wurde ihm selbst wochentlich eins fur ein geringes Geld uberlassen, wovon er denn sein Fruhstuck und seinen Abendtisch bestreiten musste.

Gegen dies alles durfte er sich nun nicht im mindesten auflehnen, weil der Pastor Marquard in die Einsichten der Frau Filter, was Reisers Erziehung und die Einrichtung seiner Lebensart anbetraf, ein unbegrenztes Zutrauen setzte. In derselben Woche machte er auch noch seinen Besuch bei diesen Leuten und dankte ihnen, dass sie die nahere Aufsicht uber Reisern hatten ubernehmen wollen, den er nun vollig ihrer Sorgfalt anvertraute. Reiser sass dabei halbtraurig am Ofen, ob er gleich nicht gerne undankbar fur die Vorsorge des Pastor Marquard sein wollte. Aber er hing nun von diesem Augenblick an ganz und gar von Leuten ab, bei denen er die wenigen Tage schon in einem so peinlichen Zustande zugebracht hatte. Bei aller dieser anscheinenden Gute, die ihm erwiesen wurde, konnte er sich nie recht freuen, sondern war immer angstlich und verlegen, weil ihm jede, auch die kleinste Unzufriedenheit, die man ihm merken liess, doppelt krankend war, sobald er bedachte, dass selbst der eigentliche Fleck seines Daseins, das Obdach, dessen er sich erfreute, bloss von der Gute so sehr empfindlicher und leicht zu beleidigender Personen abhing, als Filter und noch weit mehr seine Frau war.

Bei dem allen war ihm nun doch der Gedanke aufmunternd, dass er in der kunftigen Woche die sogenannte hohe Schule zu besuchen anfangen sollte. Das war so lange sein sehnlichster Wunsch gewesen. Wie oft hatte er mit Ehrfurcht das grosse Schulgebaude mit der hohen steinernen Treppe vor demselben angestaunt, wenn er uber den Marktkirchhof ging. Stundenlang stand er oft, ob er etwa durch die Fenster etwas von dem, was inwendig vorging, erblicken konnte. Nun schimmerte von dem grossen Katheder in Prima zufalligerweise ein Teil durch das Fenster wie malte sich seine Phantasie das aus! Wie oft traumte ihm des Nachts von diesem Katheder und von langen Reihen von Banken, wo die glucklichen Schuler der Weisheit sassen, in deren Gesellschaft er nun bald sollte aufgenommen werden.

So bestanden von seiner Kindheit auf seine eigentlichen Vergnugungen grosstenteils in der Einbildungskraft, und er wurde dadurch einigermassen fur den Mangel der wirklichen Jugendfreuden, die andre in vollem Masse geniessen, schadlos gehalten. Dicht neben der Schule fuhrten zwei lange Gange nach den nebeneinander gebauten Priesterhausern. Die machten ihm einen so ehrwurdigen Prospekt, dass das Bild davon nebst dem Schulgebaude Tag und Nacht das herrschende in seiner Seele war und denn die Benennung 'hohe Schule', welche unter gemeinen Leuten im Gebrauch war, und der Ausdruck 'hohe Schuler', welchen er ebenfalls oft gehort hatte, machten, dass ihm seine Bestimmung, diese Schule zu besuchen, immer wichtiger und grosser vorkam.

Der Zeitpunkt wo dies geschehen sollte, war nun da, und mit klopfendem Herzen erwartete er den Augenblick, wo ihn der Direktor Ballhorn in einen dieser Horsale der Weisheit fuhren wurde. Er wurde von dem Direktor gepruft und tuchtig befunden, in die zweite Klasse gesetzt zu werden. Die mit einer naturlichen Wurde verknupfte Freundlichkeit, womit ihn dieser Mann zuerst mein lieber Reiser nannte, ging ihm durch die Seele und flosste ihm das innigste Zutrauen verbunden mit einer unbegrenzten Ehrfurcht gegen den Direktor ein. O, was vermag ein Schulmann uber die Herzen junger Leute, wenn er gerade so wie der Direktor Ballhorn den rechten Ton einer durch Leutseligkeit gemilderten Wurde in seinem Betragen zu treffen weiss!

Den Sonntag nach der Konfirmation ging nun Reiser zuerst zum Abendmahl und suchte nun aufs gewissenhafteste die Lehren in Ausubung zu bringen, welche er sich daruber aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, als die vorhergehende Prufung nach dem Buss- und Sundenspiegel und dann das Hinzutreten zum Altar mit einem freudigen Zittern. Er suchte sich auf alle Weise in eine solche Art von freudigen Zittern zu versetzen; es wollte ihm aber nicht gelingen, und er machte sich selbst die bittersten Vorwurfe daruber, dass sein Herz so verhartet war. Endlich fing er vor Kalte an zu zittern, und dies beruhigte ihn einigermassen.

Allein die himmlische Empfindung und das selige Gefuhl, das ihm nun diese Seelenspeise gewahren sollte, alles das empfand er nicht er schrieb aber die Schuld davon bloss seinem eigenen verstockten Herzen zu und qualte sich selbst uber den Zustand der Gleichgultigkeit, worin er sich fuhlte.

Am meisten schmerzte es ihn, dass er nicht recht zur Erkenntnis seines Sundenelendes kommen konnte, welches doch zur Heilsordnung notig war. Auch hatte er den Tag vorher in einer auswendig gelernten Beichte im Beichtstuhl bekennen mussen, dass er leider viel und mannigfaltig gesundigt mit Gedanken, Worten und Werken, mit Unterlassung des Guten und Begehung des Bosen.

Die Sunden nun, deren er sich schuldig glaubte, waren vorzuglich Unterlassungssunden. Er betete nicht andachtig gnug, liebte Gott nicht eifrig gnug, fuhlte nicht Dankbarkeit gnug gegen seine Wohltater und empfand kein freudiges Zittern, da er zum Abendmahle ging. Dies alles ging ihm nun nahe, aber er konnte es doch mit Zwang nicht abhelfen, darum war es ihm insofern recht lieb, dass ihm fur diese Vergehungen von dem Pastor Marquard die Absolution erteilet wurde.

Dabei blieb er aber doch immer mit sich selber unzufrieden: denn zu der Gottseligkeit und Frommigkeit rechnete er vorzuglich die Aufmerksamkeit auf jeden seiner Schritte und Tritte, auf jedes Lacheln und auf jede Miene, auf jedes Wort, das er sprach, und auf jeden Gedanken, den er dachte. Diese Aufmerksamkeit musste nun naturlicherweise sehr oft unterbrochen werden und konnte nicht wohl uber eine Stunde in einem fortdauern sobald nun Reiser seine Zerstreuung merkte, ward er unzufrieden mit sich selbst und hielt es am Ende beinahe fur unmoglich, ein ordentlich gottseliges und frommes Leben zu fuhren.

Die Frau Filter hielt ihm an dem Tage, da er zum Abendmahl ging, eine lange Predigt uber die bosen Luste und Begierden, die in diesem Alter zu erwachen pflegten, und wogegen er nun kampfen musse. Zum Gluck verstand Reiser nicht, was sie eigentlich damit meinte, und wagte es auch nicht, sich genauer darnach zu erkundigen, sondern nahm sich nur fest vor, wenn bose Luste in ihm erwachen sollten, sie mochten auch sein von welcher Art sie wollten, ritterlich dagegen anzukampfen.

Er hatte bei seinem Religionsunterricht auf dem Seminarium zwar schon von allerlei Sunden gehort, wovon er sich nie einen rechten Begriff machen konnte, als von Sodomiterei, stummen Sunden und dem Laster der Selbstbefleckung, welche alle bei der Erklarung des sechsten Gebots genannt wurden, und die er sich sogar aufgeschrieben hatte. Aber die Namen waren auch alles, was er davon wusste; denn zum Gluck hatte der Inspektor diese Sunden mit so furchterlichen Farben gemalt, dass sich Reiser schon vor der Vorstellung von diesen ungeheuren Sunden selbst furchtete und mit seinen Gedanken in das Dunkel, welches sie umhullte, nicht tiefer einzudringen wagte. Uberhaupt waren seine Begriffe von dem Ursprung des Menschen noch sehr dunkel und verworren, ob er gleich nicht mehr glaubte, dass der Storch die Kinder bringe. Seine Gedanken waren gewiss damals rein; denn ein gewisses Gefuhl von Scham, das ihm naturlich zu sein schien, war Ursach, dass er weder mit seinen Gedanken uber dergleichen Gegenstanden verweilte, noch sich mit seinen Mitschulern und Bekannten daruber zu unterreden wagte. Auch kamen ihm seine religiosen Begriffe von Sunde wohl hiebei zustatten. Es war ihm furchterlich genug, dass es wirklich dergleichen Laster, die er nur den Namen nach kannte, in der Welt gab, geschweige denn, dass er nur einen Gedanken hatte haben sollen, sie naher kennen zu lernen.

Am Montag morgen introduzierte ihn nun der Direktor Ballhorn in die zweite Klasse des Lyzeums, wo der Konrektor und der Kantor unterrichteten. Der Konrektor war zugleich Prediger, und Reiser hatte ihn oft predigen horen. Er war es eben, dessen Art, sich in seinem Priesterornat zu tragen, Reisern besonders gefiel, so dass er dieselbe mit einem gewissen Aufund Niederbewegen des Kinns zuweilen nachzuahmen suchte. Auch war der Pastor Grupen, so hiess er, noch ein sehr junger, der Kantor hingegen war ein alter und etwas hypochondrischer Mann.

In der zweiten Klasse waren schon ziemlich erwachsene junge Leute, und Reiser bildete sich nicht wenig darauf ein, nun ein Sekundaner zu sein.

Die Lehrstunden nahmen ihren Anfang: der Konrektor lehrte die Theologie, die Geschichte, den lateinischen Stil und das griechische Neue Testament. Der Kantor den Katechismus, die Geographie und die lateinische Grammatik. Des Morgens um sieben Uhr fingen die Stunden an und dauerten bis zehn, und des Nachmittags um ein Uhr fingen sie wieder an und dauerten bis um vier Uhr. Hier musste nun also Reiser nebst zwanzig bis dreissig andern jungen Leuten einen grossen Teil seines damaligen Lebens zubringen. Es war also gewiss kein unwichtiger Umstand, wie diese Lehrstunden eingerichtet waren.

Alle Morgen fruh wurde nach der vorgeschriebenen Ordnung zuerst ein Kapitel aus der Bibel gelesen, wie es jedesmal in der Reihe folgte, es mochte nun so lang oder kurz sein, wie es wollte. Darauf wurde denn nach einer gewissen Heilsordnung zweimal die Woche eine Art von Theologie doziert, worin z.B. die opera ad extra und die opera ad intra vorkamen, die vorzuglich eingepragt wurden. Unter den erstern wurden namlich die Werke verstanden, woran alle drei Personen in der Gottheit teilnahmen, als die Schopfung, Erlosung usw., ob sie gleich einer Person vorzuglich zugeschrieben werden; und unter den letztern wurde das verstanden, wodurch sich eine Person von der andern unterschied, und was ihr nur ganz allein zukommt, als die Zeugung des Sohnes vom Vater, das Ausgehen des heiligen Geistes vom Vater und Sohn usw. Reiser hatte diese Unterschiede zwar schon auf dem Seminarium gelernet, aber es freute ihn doch sehr, dass er sie nun auch lateinisch zu benennen wusste. Die opera ad extra und die opera ad intra pragten sich ihm von dem theologischen Unterricht am tiefsten ein.

Zwei Stunden in der Woche trug der Konrektor eine Art von Universalgeschichte nach dem Holberg vor, und der Kantor lehrte die Geographie nach dem Hubner. Das war der ganze wissenschaftliche Unterricht. Alle ubrige Zeit wurde auf die Erlernung der lateinischen Sprache verwandt. Diese war es denn auch allein, worin sich jemand Ruhm und Beifall erwerben konnte. Denn die Ordnung der Platze richtete sich nur nach der Geschicklichkeit im Lateinischen.

Der Kantor hatte nun die Methode, dass er uber eine Anzahl von Regeln aus der grossen Markischen Grammatik wochentlich einen kleinen Aufsatz diktierte, der ins Lateinische ubersetzt werden musste, und wo die Ausdrucke so gewahlt waren, dass immer gerade die jedesmaligen grammatikalischen Regeln darauf konnten angewandt werden. Wer nun auf die Erklarung derselben am besten achtgegeben hatte, der konnte auch sein sogenanntes Exerzitium am besten machen und sich dadurch zu einem hohern Platze hinaufarbeiten.

So sonderbar nun auch die um des Lateinischen willen zusammengelesenen deutschen Ausdrucke zuweilen klangen, so nutzlich war doch im Grunde diese Ubung, und solch einen Wetteifer erregte sie. Denn binnen einem Jahre kam Reiser dadurch so weit, dass er ohne einen einzigen grammatikalischen Fehler Latein schrieb und sich also in dieser Sprache richtiger als in der deutschen ausdruckte. Denn im Lateinischen wusste er, wo er den Akkusativ und den Dativ setzen musste. Im Deutschen aber hatte er nie daran gedacht, dass mich z.B. der Akkusativ und mir der Dativ sei, und dass man seine Muttersprache ebenso wie das Lateinische auch deklinieren und konjugieren musse. Indes fasste er doch unvermerkt einige allgemeine Begriffe, die er nachher auf seine Muttersprache anwenden konnte. Er fing allmahlich an, sich deutliche Begriffe von dem zu machen, was man Substantivum und Verbum nannte, welche er sonst noch oft verwechselte, wo sie aneinander grenzten, als z.B. gehn und das Gehen. Weil aber dergleichen Irrtumer in der lateinischen Ausarbeitung immer einen Fehler zu veranlassen pflegten, so wurde er bestandig aufmerksamer darauf und lernte auch die feinern Unterschiede zwischen den Redeteilen und ihren Abanderungen unvermerkt einsehen, so dass er sich nach einiger Zeit zuweilen selbst verwunderte, wie er vor kurzem noch solche auffallende Fehler habe machen konnen.

Der Kantor pflegte unter jede lateinische Ausarbeitung, nachdem er an den Seiten mit roten Strichen die Anzahl der Fehler bemerkt hatte, sein vidi (ich habe es durchgesehen) zu setzen. Da nun Reiser dies vidi unter seinem ersten Exerzitium sahe, so glaubte er, es sei dies ein Wort, das er selbst immer ans Ende der Ausarbeitung schreiben musse, und dessen Auslassung ihm der Kantor mit als einen Fehler angerechnet habe. Er schrieb also mit eigner Hand unter sein zweites Exerzitium vidi, woruber der Kantor und sein Sohn, der dabei war, laut auflachten und ihm erklarten, was es hiesse. Auf einmal sahe nun Reiser seinen Irrtum und konnte nicht begreifen, wie er nicht selbst auf die richtige Erklarung des vidi gefallen sei, da er doch sonst wohl wusste, was vidi hiess.

Es war ihm, als ob er mit Beschamung aus einer Art von Dummheit erwachte, die ihm angewandelt hatte. Und er wurde auf einige Augenblicke fast ebenso niedergeschlagen daruber, als da der Inspektor auf dem Seminarium einst zu ihm sagte: dummer Knabe, indem er glaubte, dass er nicht einmal buchstabieren konne. Eine solche Art von wirklicher oder anscheinender Dummheit bei gewissen Vorfallen ruhrte zum Teil aus einem Mangel an Gegenwart des Geistes, zum Teil aus einer gewissen Angstlichkeit oder auch Tragheit her, wodurch die naturliche Kraft des Denkens auf eine Zeitlang an ihrer freien Wirksamkeit gehindert wurde.

Noch eine Hauptlektion waren die Lebensbeschreibungen der griechischen Feldherrn vom Kornelius Nepos, wovon wochentlich ein Kapitel aus der Lebensbeschreibung irgendeines Feldherrn auswendig musste hergesagt werden. Diese Gedachtnisubungen wurden Reisern sehr leicht, weil er nicht sowohl die Worte als die Sachen sich einzupragen suchte, welches er allemal des Abends vor dem Schlafengehen tat und des Morgens, wenn er aufwachte, die Ideen weit heller und besser geordnet als den Abend vorher in seinem Gedachtnis wiederfand, gleichsam, als ob die Seele wahrend dem Schlafen fortgearbeitet und das, was sie einmal angefangen, nun wahrend der ganzlichen Ruhe des Korpers mit Musse vollendet hatte.

Alles, was Reiser dem Gedachtnis anvertraute, pflegte er auf die Weise auswendig zu lernen.

Er fing nun auch an, sich mit der Poesie zu beschaftigen, welches er schon in seiner Kindheit getan hatte, wo denn seine Verse immer die schone Natur, das Landleben und dergleichen zum Gegenstand zu haben pflegten. Denn seine einsamen Spaziergange und der Anblick der grunen Wiesen, wenn er etwa einmal vor das Tor kam, war wirklich das einzige, was ihn in seiner Lage in eine poetische Begeisterung versetzen konnte.

Als ein Knabe von zehn Jahren verfertigte er ein paar Strophen, die sich anfingen:

In den schon beblumten Auen

Kann man Gottes Gute schauen, usw.

welche sein Vater in Musik setzte. Und das Gedicht, das er jetzt hervorbrachte, war eine 'Einladung auf das Land', worin wenigstens die Worte nicht ubel gewahlt waren. Dies kleine Gedicht gab er dem jungen Marquard, durch welchen es in die Hande des Pastor Marquard und des Direktors kam, die ihren Beifall daruber bezeigten, so dass Reiser beinahe angefangen hatte, sich fur einen Dichter zu halten. Aber der Kantor benahm ihm furs erste diesen Irrtum, indem er sein Gedicht Zeile vor Zeile mit ihm durchging und ihn sowohl auf die Fehler gegen das Metrum als auf den fehlerhaften Ausdruck und den Mangel des Zusammenhangs der Gedanken aufmerksam machte.

Diese scharfe Kritik des Kantors war fur Reisern eine wahre Wohltat, die er ihm nie genug verdanken kann. Der Beifall, den dies erste Produkt seiner Muse so unverdienterweise erhielt, hatte ihm sonst vielleicht auf sein ganzes Leben geschadet.

Demohngeachtet wandelte ihm der furor poeticus noch manchmal an, und weil ihn jetzt wirklich das Vergnugen, dem Studieren obzuliegen, am meisten begeisterte, so wagte er sich an ein neues Gedicht zum Lobe der Wissenschaften, welches sich komisch genug anhob:

An euch, ihr schonen Wissenschaften,

An euch soll meine Seele haften, usw.

Der Kantor lehrte auch lateinische Verse machen, trug die Regeln der Prosodie vor, die er nachher auf Catonis disticha beim Skandieren derselben anwenden liess. Reiser fand hieran sehr grosses Vergnugen, weil es ihm so gelehrt klang, lateinische Verse skandieren zu konnen und zu wissen, warum die eine Silbe lang und die andere kurz ausgesprochen werden musste; der Kantor schlug mit den Handen den Takt beim Skandieren. Das anzusehen und mitmachen zu konnen, war ihm denn eine wahre Seelenfreude. Und als nun gar der Kantor zuletzt eine Anzahl durcheinandergeworfener lateinischer Worter, welches Verse gewesen waren, diktierte, damit sie wieder in metrische Ordnung gebracht werden sollten, welch ein Vergnugen fur Reisern, da er nun mit wenigen Fehlern ein paar ordentliche Hexameter wieder herausbrachte und von dem Kantor einen alten Kurtius zum Pramium erhielt.

Hier herrschte nun gewiss der sogenannte alte Schulschlendrian, und Reiser kam demohngeachtet in einem Jahre so weit, dass er ohne einen grammatikalischen Fehler Latein schreiben und einen lateinischen Vers richtig skandieren konnte. Das ganz einfache Mittel hierzu war die oftere Wiederholung des Alten mit dem Neuen, welches doch die Padagogen der neuern Zeiten ja in Erwagung ziehen sollten. Eine Sache mag noch so schon vorgetragen sein, sobald sie nicht ofter wiederholt wird, haftet sie schlechterdings nicht in dem jugendlichen Gemute. Die Alten haben gewiss nicht in den Wind geredet, wenn sie sagten: dass die Wiederholung die Mutter des Studierens sei.

Von zehn bis elf Uhr gab der Konrektor noch eine Privatstunde im deutschen Deklamieren und im deutschen Stil, worauf sich Reiser immer am meisten freute, weil er Gelegenheit hatte, sich durch Ausarbeitungen hervorzutun und sich zugleich vom Katheder offentlich konnte horen lassen, welches einige Ahnlichkeit mit dem Predigen hatte, das immer der hochste Gegenstand aller seiner Wunsche war.

Ausser ihm war nun noch einer, namens Iffland, der an dieser Ubung im Deklamieren ein ebenso grosses Vergnugen fand. Dieser Iffland ist nachher einer unsrer ersten Schauspieler und beliebtesten dramatischen Schriftsteller geworden; und Reisers Schicksal hat mit dem seinigen bis auf einen gewissen Zeitpunkt viel Ahnliches gehabt. Iffland und Reiser zeichneten sich immer in der Deklamationsubung am meisten aus. Iffland ubertraf Reisern weit an lebhaftem Ausdruck der Empfindung Reiser aber empfand tiefer. Iffland dachte weit schneller und hatte daher Witz und Gegenwart des Geistes, aber keine Geduld, lange uber einem Gegenstande auszuhalten. Reiser schwang sich daher auch in allen ubrigen bald uber ihn hinauf. Er verlor allemal gegen Iffland, sobald es auf Witz und Lebhaftigkeit ankam, aber er gewann immer gegen ihn, sobald es darauf ankam, die eigentliche Kraft des Denkens an irgendeinem Gegenstande zu uben. Iffland konnte sehr lebhaft durch etwas geruhrt werden, aber es machte bei ihm keinen so daurenden Eindruck. Er konnte sehr leicht und wie im Fluge etwas fassen, aber es entwischte ihm gemeiniglich ebenso schnell wieder. Iffland war zum Schauspieler geboren. Er hatte schon als ein Knabe von zwolf Jahren alle seine Mienen und Bewegungen in seiner Gewalt und konnte alle Arten von Lacherlichkeiten in der vollkommensten Nachahmung darstellen. Da war kein Prediger in Hannover, dem er nicht auf das naturlichste nachgepredigt hatte. Dazu wurde denn gemeiniglich die Zwischenzeit, ehe der Konrektor zur Privatstunde kam, angewandt. Jedermann furchtete sich daher vor Iffland, weil er jedermann, sobald er nur wollte, lacherlich zu machen wusste. Reiser liebte ihn dennoch und hatte schon damals gern nahern Umgang mit ihm gehabt, wenn die Verschiedenheit der Glucksumstande es nicht verhindert hatte. Ifflands Eltern waren reich und angesehn, und Reiser war ein armer Knabe, der von Wohltaten lebte, demohngeachtet aber den Gedanken bis in den Tod hasste, sich auf irgendeine Weise Reichen aufzudringen. Indes genoss er von seinen reichern und besser gekleideten Mitschulern weit mehr Achtung, als er erwartet hatte, welches zum Teil wohl mit daher kommen mochte, weil man wusste, dass ihn der Prinz studieren liesse, und ihn daher schon in einem etwas hohern Lichte betrachtete, als man sonst wurde getan haben. Dies brachte ihm auch von seinen Lehrern etwas mehr Aufmerksamkeit und Achtung zuwege.

Ob nun gleich zum Teil schon erwachsene Leute von siebzehn bis achtzehn Jahren in dieser Klasse sassen, so herrschten doch darin noch sehr erniedrigende Strafen. Der Konrektor sowohl als der Kantor teilten Ohrfeigen aus und bedienten sich zu scharfern Zuchtigungen der Peitsche, welche bestandig auf dem Katheder lag; auch mussten diejenigen, welche etwas verbrochen hatten, manchmal zur Strafe am Katheder knien.

Reisern war der Gedanke schon unertraglich, sich jemals eine solche Strafe von Mannern zuzuziehen, welche er als seine Lehrer im hohen Grade liebte und ehrte, und nichts eifriger wunschte, als sich wiederum ihre Liebe und Achtung zu erwerben. Welch eine Wirkung musste es also auf ihn tun, da er einmal, ehe er sichs versahe und ganz ohne seine Schuld, das Schicksal einiger seiner Mitschuler, welche wegen eines vorgefallenen Larms vom Konrektor mit der Peitsche bestraft wurden, teilen musste. Gleiche Bruder, gleiche Kappen, sagte der Konrektor, da er an ihn kam, und horte auf keine Entschuldigungen, drohte auch noch dazu, ihn bei dem Pastor Marquard zu verklagen. Das Gefuhl seiner Unschuld beseelte Reisern mit einem edlen Trotze, und er drohte wieder, den Konrektor bei dem Pastor Marquard zu verklagen, dass er ihn unschuldigerweise auf eine so erniedrigende Art behandelte.

Reiser sagte dies mit der Stimme der unterdruckten Unschuld, und der Konrektor antwortete ihm kein Wort. Aber von der Zeit an war auch alles Gefuhl von Achtung und Liebe fur den Konrektor wie aus seinem Herzen weggeblasen. Und da der Konrektor nun einmal in seinen Strafen weiter keinen Unterschied machte, so achtete Reiser eine Ohrfeige oder einen Peitschenschlag von ihm ebenso wenig, als ob irgendein unvernunftiges Tier an ihn angerannt ware. Und weil er nun sahe, dass es gleichviel war, ob er sich die Achtung dieses Lehrers zu erwerben suchte oder nicht, so hing er auch nun seiner Neigung nach und war nicht mehr aus Pflicht, sondern bloss, wenn ihn die Sache interessierte, aufmerksam. Er pflegte denn oft stundenlang mit seinem Freunde Iffland zu plaudern, mit dem er denn zuweilen gesellschaftlich am Katheder knien musste. Iffland fand auch hierin Stoff, seinen Witz zu uben, indem er das Katheder, worauf sich der Konrektor mit den Ellenbogen gestutzt hatte, mit dem mecklenburgischen Wappen und sich und Reisern mit den beiden Schildhaltern verglich. Ifflands Schalkhaftigkeit war durch keine Strafen zu unterdrucken, ausgenommen durch eine, wo er einmal eine ganze Stunde lang mit dem Gesicht gegen den Ofen gekehrt stehen musste und also seinen Witz nicht spielen lassen oder gegen jemand irgendeine Pantomime machen konnte. Diese Strafe presste ihm zum erstenmal Tranen aus, und er legte sich im Ernst aufs Bitten, welches er sonst nie tat. So war die Disziplin des Konrektors beschaffen. Es hatte einmal einer aus Versehen seine Nachtmutze statt des Buchs in die Tasche gesteckt, und er liess ihn mit der Nachtmutze auf dem Kopfe eine Stunde lang vor der ganzen Klasse knien, woruber denn Iffland seinen tausend Spass hatte und seinen Nachbarn, die sich uber seine Pantomime und seine drollichten Einfalle zuweilen des Lachens nicht enthalten konnten, manche Ohrfeige zuzog.

Was nun diese Disziplin des Konrektors auf das Gemut und den Charakter seiner Untergebenen fur eine Wurkung getan, was fur ein ruhmliches Andenken er sich dadurch in den Herzen seiner Schuler gestiftet habe, und was fur einen Kranz er sich dadurch erworben habe, mag seinem eigenen Gewissen anheimgestellt sein. Wenn er sich denn oft so recht als ein Held gezeigt hatte, so pflegte er wohl zu sagen: Ich bin keine Schlafmutze wie andre, und deutete damit, dass es jedermann merken konnte, auf seinen Kollegen, den Kantor, der, ohngeachtet seiner hypochondrischen Laune und einiger ihm anklebenden Pedanterie, ein weit besserer Mann war als der Konrektor.

Nie hat Reiser von diesem einen Schlag bekommen, ob derselbe gleich sonst eben nicht karg mit Ohrfeigen und ziemlich freigebig mit der Peitsche war. Aber er sahe doch ein, dass es Reisern im Ernst darum zu tun war, Strafe zu vermeiden, und nun schlug er doch nicht blindlings zu. Bei ihm lernte auch Reiser weit mehr als bei dem Konrektor, weil er aus Pflicht aufmerksam war, wenn ihn gleich die Sache nicht interessierte. Und da es ihm gelang, sich durch die lateinischen Ausarbeitungen bis zum ersten Platze hinaufzuarbeiten: wie aufmunternd war ihm nun das Lob des Kantors und wie eindringend der Zuspruch desselben, dass er sich nun auf diesem Platze solle zu behaupten suchen! Nun erteilte der Kantor immer dem Ersten in der Klasse das Amt eines Zensors oder Aufsehers uber das Betragen der ubrigen, und da nun Reiser sich immer auf seinem ersten Platze behauptete, so gab ihm der Kantor den ehrenvollen Titel eines censor perpetuus oder immerwahrenden Aufsehers. Er verwaltete dies Amt mit der grossten Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit und sahe es oft mit Wehmut an, wie die Buben den guten Kantor, der freilich auch nicht immer den rechten Weg der Disziplin einschlug, argerten und ihm das Leben sauer machten, so dass derselbe oft in der Betrubnis seines Herzens ausrief: Quem Dii odere, paedagogum fecere, wen die Gotter hassten, den machten sie zum Schulmann. Fur den Kantor hatte Reiser alles aufgeopfert, weil er nie ungerecht gegen ihn gewesen war, obgleich das Betragen desselben sonst auch nicht immer das freundlichste war. Wie ruhrend war es Reisern oft, wenn in der Katechismusstunde alles um ihn her larmte und tobte, und der Kantor denn mit Gewalt aufs Buch schlug und sagte: Ich habe Gottes Wort an euch! Nur schade, dass der gute Mann dergleichen Ausdrucke, die, zu rechter Zeit angebracht, ihre Wirkung nicht verfehlen, zu oft anbrachte und gewisse Gemeinplatze als: Torheit steckt dem Knaben im Herzen und dergleichen, alle Augenblicke im Munde fuhrte, wodurch man sich denn am Ende so sehr daran gewohnte, dass niemand mehr darauf achtete, und eben daher entstand die ewige Unruhe in den Lehrstunden des Kantors. Der Konrektor sprach weniger bei seinen Zuchtigungen, darum bewirkten sie mehr Stille und Ordnung.

Da nun Reiser auf eine kurze Zeit die Schule besucht hatte, so kam er auf den Einfall, ins Chor zu gehen; nicht sowohl um Geld zu verdienen, als vielmehr in einen neuen ehrenvollen Stand zu treten, wovon er sich schon als Hutmacherbursche in Braunschweig immer so grosse Begriffe gemacht hatte.

Seine Phantasie hatte hier wieder Spielraum. Das war ihm alles so himmlisch, so feierlich, in die Lobgesange zur Ehre Gottes offentlich mit einzustimmen. Der Name "Chor" tonte ihm so angenehm. Das Lob Gottes in "vollen Choren" zu singen war ein Ausdruck, der ihm immer im Sinn schallte. Er konnte die Zeit kaum abwarten, wo er in diese glanzende Versammlung wurde aufgenommen werden.

Einer seiner Mitschuler, der schon lange im Chor gesungen hatte, versicherte ihm zwar, er sei es so satt und uberdrussig, dass er lieber heute als morgen davon frei sein mochte. Reiser konnte sich das unmoglich einbilden. Er besuchte mit grossem Eifer die Lehrstunde, wo der Kantor Unterricht im Singen erteilte, und beneidete nun jeden, der eine bessere Stimme besass als er.

Nicht weit von Hannover ist ein Wasserfall, wo er auf Anraten des Kantors oft stundenlang hinging, um sich recht auszuschreien und seine Stimme zu uben. Allein es wollte mit dem Singen nie recht fort. Denn es fehlte ihm zugleich an dem, was man musikalisches Gehor nennt. Aber das Theoretische, was der Kantor bei seinem Unterricht mit einfliessen liess, war ihm desto willkommner, und er machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnugen.

Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allenthalben sehr viel Ruhmens von ihm, so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte. Da fugte es sich einmal, dass Reiser dem Kantor fur das gute Zeugnis dankte, das ihm derselbe bei einem seiner Gonner gegeben hatte, und der Kantor erwiderte: Reiser habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben; denn es war ihm wieder zu Ohren gekommen, wie gut Reiser allenthalben von ihm sprach.

Die Freude dieses Augenblicks hatte Reiser um vieles in der Welt nicht gegeben, so angenehm war es ihm, dass sein Lehrer es nun selber wusste, wie sehr er ihn liebte. Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hatte, dem wurde er es nicht geglaubt haben, dass der Kantor einmal so sehr sein Freund sein wurde. Denn der Konrektor war erstlich sein Mann; dessen lachelnde freundliche Miene und glatte Stirne nahmen ihn ein, indes die finstere Miene des Kantors und seine runzelvolle Stirn ihn zuruckscheuchten. Ach, was fur ein artiger freundlicher Mann ist der Konrektor gegen den alten murrischen Kantor! pflegte er im Anfang oft zu sagen: aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald um.

Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der Achtung des Kantors immer fester zu setzen. Dies ging so weit, dass er auf einem offentlichen Spazierplatze, wo der Kantor hinzukommen pflegte, mit einem aufgeschlagenen Buche in der Hand auf und nieder ging, um die Blicke seines Lehrers auf sich zu ziehen, der ihn nun fur ein Muster des Fleisses halten sollte, weil er sogar beim Spaziergehen studierte. Ob nun Reiser gleich an dem Buche, das er las, wirklich Vergnugen fand, so war doch das Vergnugen, von dem Kantor in dieser Attitude bemerkt zu werden, noch weit grosser, und man siehet auch aus diesem Zuge seinen Hang zur Eitelkeit. Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache, obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.

Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiss und pflegte ihm immer anzuraten, dass er seiner Gesundheit schonen sollte. Dies war ihm ausserst schmeichelhaft, und er liess die Leute bei dieser Meinung, obgleich sein Fleiss lange nicht so gross war, wie er hatte sein konnen, wenn das Druckende seiner Lage in Ansehung seiner Nahrung und Wohnung ihn nicht oft trage und missmutig gemacht hatte.

Denn die unwurdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm oft einen grossen Teil der Achtung gegen sich selbst, welche schlechterdings zum Fleiss notwendig ist. Oft ging er mit traurigem Herzen zur Schule, wenn er aber denn einmal darin war, so vergass er seines Kummers, und die Schulstunden waren im Grunde noch seine glucklichsten Stunden.

Wenn er aber dann wieder zu Hause kam und sich manchmal verblumterweise musste zu verstehen geben lassen, wie uberdrussig man seiner Gegenwart ware dann sass er stundenlang und getraute sich kaum Atem zu holen er war dann in einem entsetzlichen Zustande und hatte in der Welt nichts arbeiten konnen, denn sein Herz war ihm durch diese Begegnung zerrissen.

So konnten auch die Blicke der Frau des Garnisonkusters, wenn er dort gegessen hatte, ihn auf einige Tage niederschlagen und ihm den Mut zum Fleiss benehmen.

Sicher ware Reiser glucklicher und zufriedener und gewiss auch fleissiger gewesen, als er war, hatte man ihn von dem Gelde, das der Prinz fur ihn hergab, Salz und Brot fur sich kaufen lassen, als dass man ihn an fremden Tischen sein Brot essen liess.

Es war abscheulich, in was fur eine Lage er einmal geriet, da die Frau des Garnisonkusters uber Tische erst anfing von den schlechten Zeiten und von dem harten Winter und dann von dem Holzmangel zu reden und endlich uber die Besorgnis in Tranen ausbrach, wo man noch zuletzt Brot herschaffen solle; und da Reiser in der Verlegenheit uber diese Reden unversehns ein Stuck Brot an die Erde fallen liess, ihn mit den Augen einer Furie anblickte, ohne doch etwas zu sagen. Da sich Reiser uber diese unwurdige Begegnung der Tranen nicht enthalten konnte, so brach sie gegen ihn los, warf ihm mit durren Worten Unhoflichkeit und ungeschicktes Betragen vor und gab zu verstehen, dass dergleichen Leute, die ihr den Bissen im Munde zu Gift machten, an ihrem Tische nicht willkommen waren. Der gute Garnisonkuster, der Reisern innig bedauerte, aber das Regiment nicht im Hause fuhrte, erbarmte sich seiner und sagte ihm sogleich den Tisch auf. So beschamt, erniedrigt und herabgewurdigt musste nun Reiser aus diesem Hause gehen und durfte es kaum wagen, sich zu Hause davon etwas merken zu lassen, dass er einen Freitisch verloren habe.

Wenn ihm der Garnisonkuster nachher zuweilen auf der Strasse begegnete, druckte er ihm einen halben Gulden in die Hand, um ihn fur die Missgunst und den Geiz seiner Frau schadlos zu halten.

Nun gab es wieder eine Art Leute, welche, wenn sie Reisern eine Mahlzeit zu essen gaben, alle Augenblick zu sagen pflegten, wie gern es ihm gegonnt sei, und dass er sichs nur recht sollte schmecken lassen, denn fur eine Mahlzeit werde es ihm nun doch einmal gerechnet und dergleichen mehr, welches Reisern nicht weniger verlegen machte, so dass ihm das Essen, statt des Vergnugens, was man sonst dabei empfindet, gemeiniglich eine wahre Qual war. Wie glucklich fuhlte er sich, da er am ersten Sonntage, nachdem er den Tisch bei dem Garnisonkuster verloren und es zu Hause noch nicht hatte sagen wollen, ein Dreierbrot verzehrte und dabei einen Spaziergang um den Wall machte.

Es schien, als ob sich alles vereinigt habe, Reisern in der Demut zu uben; ein Gluck, dass er nicht niedertrachtig daruber wurde dann wurde er freilich zufrieden und vergnugter gewesen sein, aber um alle den edlen Stolz, der den Menschen allein uber das Tier erhebt, das nur seinen Hunger zu stillen sucht, ware es bei ihm getan gewesen.

Der Stand des geringsten Lehrburschen eines Handwerkers ist ehrenvoller als der eines jungen Menschen, der, um studieren zu konnen, von Wohltaten lebt, sobald ihm diese Wohltaten auf eine herabwurdigende Art erzeigt werden. Fuhlt sich ein solcher junger Mensch glucklich, so ist er in Gefahr, niedertrachtig zu werden, und hat er nicht die Anlage zur Niedertrachtigkeit, so wird es ihm wie Reisern gehen; er wird missmutig und menschenfeindlich gesinnet werden, wie es Reiser wirklich wurde, denn er fing schon damals an, in der Einsamkeit sein grosstes Vergnugen zu finden.

Einmal schickte ihn die Frau Filter sogar mit einem grossen Stuck Leinwand in des Prinzen Haus, welches dort an die Leute zum Verkauf vorgezeigt werden sollte. Alles Strauben dagegen wurde nichts geholfen haben denn der Pastor Marquard hatte einmal der Frau eine unbeschrankte Gewalt uber Reisern erteilet und jede Weigerung wurde ihm als ein unverzeihlicher Stolz ausgelegt worden sein. Es wurde ihm nicht ins Schild gemalt werden, pflegte dann die Frau Filter wohl zu sagen. Ebenso wenig durfte er sich strauben, das Brot zu holen, welches der Hoboist vom Regiment bekam, und ob er dies gleich immer in der Dammerung tat und die abgelegensten Strassen wahlte, damit ihn keiner seiner Mitschuler sehen mochte, so bemerkte ihn doch einmal einer derselben zu seinem grossten Schrecken, welcher aber zum Gluck so gut gesinnet war, dass er ihm vollige Verschwiegenheit versprach und hielt, ihm aber doch, wenn sie sich in der Klasse zuweilen verunwilligten, drohete, es ruchtbar zu machen.

Endlich wurde ihm denn doch von dem Gelde des Prinzen ein neues Kleid geschafft, weil sein alter roter Soldatenrock gar nicht mehr halten wollte; aber gleichsam, als wenn es recht eigentlich auf seine Demutigung abgesehen ware, wahlte man ihm graues Bediententuch zum Kleide wodurch er wiederum gegen seine Mitschuler fast ebenso sonderbar als mit dem roten Soldatenrock abstach; und das Kleid durfte er anfanglich doch nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn etwa in der Schule Examen war, oder wenn er zum Abendmahl ging, anziehen.

Was ihn aber von allen Demutigungen, die er erlitt, am meisten krankte und was er der Frau Filter nie hat vergessen konnen, war eine ungerechte Beschuldigung, die ihn bis in die Seele schmerzte, und die er doch durch keine Beweise von sich ablehnen konnte.

Die Frau Filter hatte ein kleines Madchen von etwa drei bis vier Jahren von einer ihrer Anverwandtinnen zu sich genommen. Diesem Kinde dachte sie zu Weihnachten eine uberraschende Freude zu machen und hatte zu dem Ende einen Baum mit Lichtern aufgeputzt und mit Rosinen und Mandeln behangen. Reiser blieb allein in der Stube, wahrend die Frau Filter in die Kammer ging, um das Kind zu holen. Nun fugte es sich, da sie wieder hereinkam, dass vermutlich durch die Bewegung der Ture der Baum mit allen Lichtern umfiel und Reiser in demselben Augenblick hinzulief, um ihn aufrecht zu erhalten, da dies aber nicht gehen wollte, sogleich wieder seine Hand davon abzog, welches nun gerade so aussahe, als ob er sich die ganze Zeit uber mit dem Baum beschaftigt habe und nun, da die Frau Filter hereinkam, erschrocken sei und folglich den Baum habe fahren lassen, der nun wirklich umfiel. In den Gedanken der Frau Filter war es nun ausgemacht, dass er von dem Baum hatte naschen wollen und auf die Weise ihr und dem Kinde eine unschuldige Freude verdorben habe.

Diesen entehrenden Verdacht gab sie Reisern mit deutlichen Worten zu verstehen, und wie sollte er ihn von sich abwalzen? Er hatte keinen Zeugen. Und der Anschein war wider ihn. Schon die Moglichkeit, dass man einen solchen Verdacht gegen ihn hegen konnte, erniedrigte ihn bei sich selber, er war in einem solchen Zustande, wo man gleichsam zu versinken oder in einem Augenblick ganzlich vernichtet zu sein wunscht.

Ein Zustand, der eine Art von Seelenlahmung hervorzubringen vermag, welche nicht so leicht wieder gehoben werden kann. Man fuhlt sich in einem solchen Augenblick gleichsam wie vernichtet und gabe sein Leben darum, sich vor aller Welt verbergen zu konnen. Das Selbstzutrauen, welches der moralischen Tatigkeit so notig ist als das Atemholen der korperlichen Bewegung, erhalt einen so gewaltigen Stoss, dass es ihm schwer halt, sich wieder zu erholen.

Wenn Reiser nachher irgendwo zugegen war, wo man etwa eine Kleinigkeit suchte, von der man glaubte, dass sie weggenommen sei, so konnte er sich nicht enthalten, rot zu werden und in Verwirrung zu geraten, bloss weil er sich die Moglichkeit lebhaft dachte, dass man ihn, ohne es sich geradezu merken lassen zu wollen, fur den Tater halten konnte. Ein Beweis, wie sehr man sich irren kann, wenn man oft die Beschamung und Verwirrung eines Angeklagten als ein stillschweigendes Gestandnis seines Verbrechens auslegt. Durch tausend unverdiente Demutigungen kann jemand am Ende so weit gebracht werden, dass er sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht und es nicht mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen er kann auf die Weise in der grossten Unschuld seines Herzens alle die Kennzeichen eines bosen Gewissens an sich blikken lassen, und wehe ihm dann, wenn er einem eingebildeten Menschenkenner, wie es so viele gibt, in die Hande fallt, der nach dem ersten Eindruck, den seine Miene auf ihn macht, sogleich seinen Charakter beurteilt.

Unter allen Empfindungen ist wohl der hochste Grad der Beschamung, worin jemand versetzt wird, eine der peinigendsten.

Mehr als einmal in seinem Leben hat Reiser dies empfunden, mehr als einmal hat er Augenblicke gehabt, wo er gleichsam vor sich selber vernichtet wurde wenn er z.B. eine Begrussung, ein Lob, eine Einladung oder dergleichen auf sich gedeutet hatte, womit er nicht gemeinet war. Die Beschamung und die Verwirrung, worin ein solcher Missverstand ihn versetzen konnte, war unbeschreiblich.

Es ist auch ein ganz besonderes Gefuhl dabei, wenn man aus Missverstand sich eine Hoflichkeit zurechnet, die einem andern zugedacht ist. Eben der Gedanke, dass man zu sehr von sich eingenommen sein konne, ist es, der so etwas ausserordentlich Demutigendes hat. Dazu kommt das lacherliche Licht, in welchem man zu erscheinen glaubt. Kurz, Reiser hat in seinem Leben nichts Schrecklichers empfunden als diesen Zustand der Beschamung, worin ihn oft eine Kleinigkeit versetzen konnte. Alles andere griff nicht so sein innerstes Wesen, sein eigentliches Selbst an als grade dies. In Ansehung dieser Art des Leidens hat er auch das starkste Mitleid empfunden. Um jemanden eine Beschamung zu ersparen, wurde er mehr getan haben, als um jemanden aus wurklichem Ungluck zu retten: denn die Beschamung deuchte ihm das grosste Ungluck, was einem widerfahren kann.

Er war einmal bei einem Kaufmann in Hannover, der gemeiniglich statt der Person, mit der er sprach, einen andern anzusehen pflegte. Dieser bat, indem er Reisern ansahe, einen andern, der mit in der Stube war, zum Essen, und da Reiser die Einladung auf sich deutete und sie hoflich ablehnte, so sagte der Kaufmann mit sehr trockner Miene: Ich meine Ihn ja nicht! Dies Ich meine Ihn ja nicht! mit der trocknen Miene tat eine solche Wirkung auf Reisern, dass er glaubte, in die Erde sinken zu mussen; dies Ich meine Ihn ja nicht! verfolgte ihn nachher, wo er ging und stund, und machte seine Stimme gebrochen und zitternd, wenn er mit Vornehmern reden sollte, sein Stolz konnte dies nie wieder ganz verwinden.

"Wie kann Er glauben, dass man Ihn zum Essen bitten sollte?" So legte Reiser das Ich meine Ihn ja nicht! aus, und er kam sich in dem Augenblick so unbedeutend, so weggeworfen, so nichts vor, dass ihm sein Gesicht, seine Hande, sein ganzes Wesen zur Last war und er nun die dummste und albernste Figur machte, so wie er dastand, und zugleich dies Alberne und Dumme in seinem Betragen lebhafter und starker als irgend jemand ausser ihm empfand.

Hatte Reiser irgend jemanden gehabt, der an seinem Schicksal wahren Anteil genommen hatte, so wurden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so krankend gewesen sein. Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung anderer Menschen nur mit so schwachen Faden geknupft, dass die anscheinende Ablosung irgendeines solchen Fadens ihn plotzlich das Zerreissen aller ubrigen befurchten liess und er sich dann in einem Zustand sahe, wo er keines Menschen Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte, sondern sich fur ein Wesen hielt, auf das weiter gar keine Rucksicht genommen wurde. Die Scham ist ein so heftiger Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, dass die Folgen desselben nicht zuweilen todlich sind.

Die Furcht, in einem lacherlichen Lichte zu erscheinen, war bei Reisern zuweilen so entsetzlich, dass er alles, selbst sein Leben, wurde aufgeopfert haben, um dies zu vermeiden. Niemand hat das

Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit,

Traurig ist das Los der Armut, weil sie die Un

glucklichen lacherlich macht, wohl starker empfunden als er, dem lacherlich zu werden das grosste Ungluck auf der Welt dunkte. Es gibt eine Art des Lacherlichen, welche ihm noch am ertraglichsten war wenn namlich Leute bloss der Sonderbarkeit wegen uber etwas lachen, das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen, ohne es deswegen in einem verachtlichen Lichte zu betrachten.

Wenn er z.B. etwa von sich sagen horte: Der Reiser ist doch ein sonderbarer Mensch, er geht des Abends ganz im Finstern dreimal um den Wall und spricht mit niemand als mit sich selbst, indem er sich die Lektion des Tages wiederholt, usw. so war ihm das gar nicht unangenehm zu horen, es hatte vielmehr etwas Schmeichelhaftes fur ihn, auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu erscheinen. Aber als Iffland seinen Vers:

An euch, ihr schonen Wissenschaften,

An euch soll meine Seele haften,

lacherlich machte, das war fur ihn sehr krankend und beschamend, und er hatte viel darum gegeben, dass er diesen Vers nicht gemacht hatte.

Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht hatte, erreichte er nun auch das so sehnlich gewunschte Gluck, ins Chor zu gehen, wo er die Altstimme sang.

Die Freude uber seinen neuen Stand eines Chorschulers dauerte einige Wochen, solange es namlich gut Wetter blieb. Er fand ein gar grosses Vergnugen an den Arien und Motetten, die er singen horte, und an den freundschaftlichen Unterredungen mit seinen Mitschulern, wahrend dass sie von einem Hause und einer Strasse zur andern gingen.

Ein solches Chor hat viel Ahnliches mit einer herumwandernden Truppe Schauspieler, in der man auch Freude und Leid, gutes und schlechtes Wetter usw. auf gewisse Weise miteinander teilt, welches immer ein festeres Aneinanderschliessen zu bewirken pflegt.

Am meisten hatte sich Reiser auf den blauen Mantel gefreut, der ins kunftige seine Zierde sein wurde. Denn dieser Mantel naherte sich doch schon etwas der priesterlichen Kleidung. Aber auch diese Hoffnung tauschte ihn sehr; denn die Frau Filter liess, um fur ihn zu sparen, aus ein paar alten blauen Schurzen einen Mantel fur ihn zusammennahen, womit er unter den ubrigen Chorschulern eben keine glanzende Figur machte.

Nun bemerkte Reiser gleich am ersten Tage unter den Chorschulern einen, der sich von den ubrigen ganz besonders auszeichnete. Man sahe es ihm gleich an, dass er ein Auslander war, wenn man es auch nicht an seiner Sprache gehort hatte. Denn alle seine Mienen und Bewegungen zeigten mehr Lebhaftigkeit und Gewandtheit als das Aussere der steifen und schwerfalligen Hannoveraner. Reiser konnte sich immer nicht satt an ihm sehen; und da er ihn nun reden horte, so konnte er sich nicht enthalten, seine wohlgesetzten Ausdrucke in dem obersachsischen Dialekt zu bewundern; alles, was die Hannoveraner sagten, kam ihm dagegen plump und abgeschmackt vor. Nun war der Prafektus im Chore ein alter versoffener Kerl, mit dem sich dieser Auslander immer am meisten herumzankte und ihm gemeiniglich sehr treffende und beissende Antworten zu geben pflegte, wenn der Prafektus sich eine Art von Oberherrschaft uber ihn anmassen wollte. Und als dieser unter andern einmal zu ihm sagte, er sei schon zu lange Prafektus, als dass er sich von so einem Gelbschnabel durfe Anzuglichkeiten sagen lassen, so antwortete der Auslander, es bringe ihm freilich eben nicht viel Ehre, dass er so ein alter Knabe und noch immer Prafektus sei. Diese Uberlegenheit des Witzes, womit der Auslander den Prafektus auf einmal niederschlug, machte Reisern noch aufmerksamer auf ihn, und da er sich nach dem Namen desselben erkundigte, erfuhr er, dass er Reiser hiesse und aus Erfurt geburtig sei.

Nun war es Reisern sehr auffallend, dass dieser junge Mensch, den er schon so liebgewonnen hatte, gerade mit ihm einerlei Namen fuhrte, ohngeachtet er wegen der Entfernung des Geburtsortes schwerlich mit ihm verwandt sein konnte. Er hatte gern gleich mit ihm Bekanntschaft gemacht, aber er wagte es noch nicht, weil sein Namensgenosse ein Primaner und er nur ein Sekundaner war. Auch furchtete er sich vor dem Witze desselben, dem er sich nicht gewachsen fuhlte, wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden. Indes fugte sich ihre Bekanntschaft von selber, indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer aufmerksamer wurde und sie sich ohngeachtet dieser Verschiedenheit ihrer Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden.

Dieser Philipp Reiser war gewiss ein vortrefflicher Kopf, der aber auch durch die Umstande, worin ihn das Schicksal versetzt hat, unterdruckt worden ist. Nebst einer feinen Empfindung besass er viel Witz und Laune, wirkliches musikalisches Talent und war zugleich ein vorzuglicher mechanischer Kopf aber er war arm und dabei im hochsten Grade stolz ehe er Wohltaten angenommen hatte, wurde er Hunger gelitten haben, welches er auch wirklich ofters tat. Hatte er aber Geld, so war er freigebig und gastfrei wie ein Konig, dann schmeckte ihm wohl, was er genoss, wenn er reichlich davon mitteilen konnte aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt und hatte daher sehr oft Gelegenheit, sich in der grossen Kunst des freiwilligen Entbehrens von dem, was man sonst gern hatte, zu uben. Ohne jemals Anweisung dazu gehabt zu haben, verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos, welches ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschaffte, die ihm aber freilich bei seiner gar zu grossen Freigebigkeit nicht viel halfen. Dabei hatte er den Kopf bestandig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als horte man einen Liebhaber aus den Ritterzeiten. Seine Treue in der Freundschaft, seine Begierde, den Notleidenden zu helfen, und selbst seine Gastfreiheit kam auf diesen Schlag heraus und grundete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe, womit seine Phantasie genahrt war, obgleich sein gutes Herz der eigentliche Grund davon war denn nur auf dem Boden eines guten Herzens konnen dergleichen Auswuchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen. In einer eigennutzigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die haufigste Romanenlekture nie dergleichen Wirkungen hervorbringen. Man siehet nun leicht ein, warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem nahern Umgange fureinander gemacht zu sein schienen. Der erstere war beinahe zwanzig Jahre alt, da Reiser ihn kennen lernte; die Jahre, die er vor ihm voraus hatte, machten ihn also gewissermassen zu seinem Fuhrer und Ratgeber, nur schade, dass in dem Hauptpunkte, was die Ordnung des Lebens betraf, Reiser keinen bessern Fuhrer und Ratgeber fand. Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen Freund seiner Jugend gefunden, dessen Umgang und Gesprache ihm die Stunden, die er im Chore zubringen musste, noch einigermassen ertraglich machten.

Denn nun war das schone Wetter vorbei, und es stellten sich Regen, Schnee und Kalte ein demohngeachtet musste das Chor seine gewissen Stunden auf der Strasse singen. O, wie zahlte Reiser jetzt, da er vom Frost erstarret war, die Minuten, ehe das lastige Singen vorbei war, das ihm sonst eine himmlische Musik in seinen Ohren dunkte.

Den ganzen Mittwoch und Sonnabendnachmittag und den ganzen Sonntag nahm nun allein das Chorsingen weg denn alle Sonntagmorgen mussten die Chorschuler in der Kirche sein, um vom Chore herunter das Amen zu singen. Auch des Sonnabendnachmittags bei der Vorbereitung zum Abendmahle mussten die jungern Chorschuler mit dem Kantor ein Lied singen und einer von ihnen einen Psalm oben von dem hohen Chore herunter lesen, welches nun fur Reisern wieder ein grosser Fund war durch eine solche offentliche und laute Vorlesung eines Psalms hielt er sich wieder fur alle Beschwerlichkeiten des Chorsingens belohnt. Er dunkte sich nun schon wie der Pastor Paulmann in Braunschweig dazustehen und mit erschutternder Stimme zu dem versammleten Volke zu reden.

Ubrigens aber wurde das Chorsingen fur ihn bald die unangenehmste Sache von der Welt. Es raubte ihm alle Erholungsstunden, die ihm noch ubrig waren, und machte, dass er nun keinem einzigen ruhigen Tage in der Woche entgegensehen konnte. Wie verschwanden die goldnen Traume, die er sich davon gemacht hatte! Und wie gern hatte er sich nun aus dieser Sklaverei wieder losgekauft, wenn es noch moglich gewesen ware. Aber nun war das Chorgeld einmal zu seinen gewohnlichen Einkunften mit gerechnet, und er durfte gar nicht einmal daran denken, je wieder davon loszukommen.

Den Gefahrten seiner Sklaverei ging es grosstenteils nicht besser wie ihm, sie waren dieses Lebens ebenso uberdrussig. Und das Leben eines Chorschulers, der sich sein Brot vor den Turen ersingen muss, ist auch wirklich ein sehr trauriges Leben. Wenn einer den Mut nicht ganz dabei verliert, so ist das gewiss ein seltner Fall. Die meisten werden am Ende niedertrachtig gesinnet und verlieren, wenn sie es einmal geworden sind, nie ganz die Spur davon.

Einen sonderbaren Eindruck auf Reisern machte das sogenannte Neujahrsingen, welches drei Tage nacheinander dauert und wegen der sehr abwechselnden Szenen, die dabei vorfallen, mit einem Zuge auf Abenteuer sehr viel Ahnliches hat. Ein Haufchen Chorschuler steht in Schnee und Kalte dicht aneinander gedrangt auf der Strasse, bis ein Bote, der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird, die Nachricht bringt, dass in irgendeinem Hause soll gesungen werden. Dann geht man in das Haus hinein und wird gemeiniglich in die Stube genotigt, wo denn erst eine Arie oder Motette, die sich auf die Zeit passt, gesungen wird. Alsdann pflegt mancher Hauswirt so hoflich zu sein und die Chorschuler mit Wein oder Kaffee und Kuchen zu bewirten. Diese Aufnahme in einer warmen Stube, nachdem man oft lange in der Kalte gestanden hatte, und die Erfrischungen, die einem gereicht wurden, waren eine solche Erquickung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstande, indem man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene hausliche Einrichtungen und Familien in ihren Wohnzimmern versammlet sahe, machte einen so angenehmen Eindruck auf die Seele, dass man diese drei Tage uber in einer Art von Entzuckung und bestandigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der Witterung gern gefallen liess. Das Singen dauerte bis fast in die Nacht, und die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher. Unter andern wurde auch in einem Hospital fur alte Frauen zum Neujahr gesungen, wo sich die Chorschuler mit den alten Muttern in einen Kreis zusammensetzen und mit gefalteten Handen singen mussten: 'Bis hieher hat mich Gott gebracht' usw. Bei diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein. Man sahe nicht so sehr auf die Rangordnung, die Primaner sprachen mit den Sekundanern, und eine ungewohnliche Heiterkeit verbreitete sich uber die Gemuter.

An diesem Neujahr uberfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut, Verse zu machen. Er schrieb Neujahrwunsche in Versen an seine Eltern, seinen Bruder, die Frau Filter und wer weiss an wen und sprach darin von Silberbachen, die sich durch Blumen schlangeln, und von sanften Zephirs und goldnen Tagen, dass es zum Bewundern war. Sein Vater hatte vorzugliches Vergnugen an dem Silberbach gefunden; seine Mutter aber verwunderte sich, dass er seinen Vater bester Vater nenne, da er doch nur einen Vater habe.

Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen Schriften, die ihm Philipp Reiser geliehen hatte, und die er fast auswendig wusste, so oft hatte er sie durchgelesen. Ubrigens sieht man leicht, dass er, seitdem er ins Chor ging, zu eignen Arbeiten, die von ihm abhingen, eben nicht viel Zeit ubrig behielt. Demohngeachtet hatte er allerlei grosse Projekte; der Stil im Kornelius Nepos war ihm z.E. nicht erhaben gnug, und er nahm sich vor, die Geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden; etwa so wie der Daniel in der Lowengrube geschrieben war dies sollte denn auch eine Art von Heldengedicht werden.

In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komodien gelesen, und schon der Gedanke, dass dieser Autor unter die schweren gezahlt wird, machte, dass er ihn mit grosserm Eifer als etwa den Phadrus oder Eutropius studierte und jedes Stuck, was in der Schule gelesen wurde, sogleich zu Hause ubersetzte.

Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte getan hatte, besuchte er den alten tauben Mann wieder, der nun weit uber hundert Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war, zu aller Verwunderung aber noch ein Jahr vor seinem Tode seinen volligen Verstand wieder erhielt. Reiser wusste seine Stube am Ende des langen finstern Ganges, und ihm wandelte ein kleiner Schauer an, als er von ferne den scharrenden Gang des alten Mannes horte, der ihn, da er hereintrat, sehr freundlich willkommen hiess und ihm mit der Hand winkte, dass er ihm etwas aufschreiben solle.

Mit vielem Entzucken schrieb ihm nun Reiser auf, dass er jetzt studiere und schon den Terenz und das griechische Neue Testament ubersetze.

Der Greis liess sich herab, an Reisers kindischer Freude teilzunehmen, und wunderte sich daruber, dass er bereits den Terenz verstunde, wozu doch schon eine Menge von Wortern gehore. Am Ende schrieb ihm Reiser, um seine Gelehrsamkeit ganz auszukramen, mit griechischen Buchstaben etwas auf und der alte Mann ermunterte ihn zum fernern Fleiss und ermahnte ihn, des Gebets nicht zu vergessen, worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor funf Jahren, da Reiser ihn zum ersten Male sah, wieder mit ihm betete.

Mit geruhrtem Herzen ging Reiser zu Hause und nahm sich vor, sich ganz wieder zu Gott zu wenden, das hiess bei ihm, unaufhorlich an Gott zu denken er erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes, worin er sich als ein Knabe befunden hatte, da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war, was nun fur grosse Dinge in ihm vorgehen wurden. In diesen Erinnerungen lag eine unbeschreibliche Sussigkeit, denn der Roman, den die frommelnde Phantasie der glaubigen Seelen mit dem hochsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen und bald wieder angenommen glauben, bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Grosses und erhalt die Lebensgeister in einer immerwahrenden Tatigkeit, so dass auch die Traume des Nachts sich mit uberirdischen Dingen beschaftigen, wie denn Reisern einst traumte, dass er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in kristallnen Stromen badeten. Ein Traum, der oft wieder seine Einbildungskraft entzuckt hat.

Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen Schriften wieder und erinnerte sich, indem er sie las, an jene glucklichen Zeiten zuruck, wo er seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war. Wenn er nun manchmal durch seine aussern Umstande traurig und missmutig gemacht war und ihm keine Lekture schmecken wollte, so waren die Bibel und die Lieder der Madam Guion das einzige, wozu er wegen des reizenden Dunkels, das ihm darin herrschte, seine Zuflucht nahm. Ihm schimmerte durch den Schleier des ratselhaften Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen, das seine erstorbne Phantasie wieder anfrischte aber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem bestandigen Denken an Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort. In den Verbindungen, worin er jetzt war, bekummerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand, und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung, als dass er auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein hatte getreu bleiben konnen.

Indes besuchte er doch den Greis vor seinem Tode noch verschiedene Male, bis er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr, dass er tot und begraben sei. Seine letzten Worte waren gewesen: Alles! alles! alles! Diese Worte erinnerte sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art von Entzuckung von ihm gehort zu haben. Es schien dann zuweilen, als wollte er mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem Augenblick seine sterbliche Hulle abstreifen. Darum war es Reisern sehr auffallend, da er horte, dass der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei, und doch war es ihm auch, als sei er nicht gestorben, so sehr schien dieser fromme Greis immer schon in einer andern Welt zu leben. Tod und Ewigkeit waren die letzten Male, da ihn Reiser sprach, fast sein einziger Gedanke. Es war Reisern diesmal fast nicht anders, als ob der alte Mann ausgezogen sei, da er ihn habe besuchen wollen, und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgultigkeit, sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes.

Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren, dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte. Er fuhlte sich in manchen Stunden, ohne selbst zu wissen warum, verlassner wie sonst. Die Frau Filter wurde der Last, welche ihr sein Aufenthalt bei ihr machte, ebenfalls immer uberdrussiger und sagte ihm endlich, nachdem sie dreiviertel Jahre lang Geduld gehabt hatte, die Wohnung auf, mit dem wohlgemeinten Rate, dass er sich nun nach einem andern Logis umsehen solle. Indes war der Rektor des Lyzeums abgegangen, und der neue Rektor Sextroh, welcher an dessen Stelle gewahlt wurde, war ein guter Freund von dem Pastor Marquard, der nun darauf dachte, Reisern bei diesem Mann ins Haus zu bringen, und ihn im voraus auf die grossen Vorteile aufmerksam machte, welche ihm dadurch erwachsen wurden, wenn er das Gluck haben sollte, von diesem Manne in sein Haus aufgenommen zu werden. Also bei dem Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehen wie sehr schmeichelte dies seiner Eitelkeit! Denn, dachte er sich, wenn es ihm glucken sollte, sich bei dem Rektor beliebt zu machen, was fur eine glanzende Aussicht sich ihm dann eroffnete, da uberdem nun der Rektor sein Lehrer wurde, indem er nach Endigung seines ersten Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte, worin der Direktor und der Rektor allein Unterricht gaben.

Im Grunde war es ihm ausserst angenehm, dass ihm die Frau Filter die Wohnung aufsagte, weil er es nie hatte wagen durfen, nur ein Wort davon zu erwahnen, dass er von ihr wegziehen wolle. Hiezu kam nun noch, dass er die grosse Erwartung hatte, ein Hausgenosse des Rektors, seines kunftigen Lehrers, zu werden. Allein um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden angefangen, welche auf sein ganzes kunftiges Leben einen grossen Einfluss gehabt hat.

Ich habe namlich schon der Deklamationsubungen erwahnt, welche in Sekunda von dem Konrektor veranstaltet wurden. Dies hatte fur ihn und Iffland einen so ausserordentlichen Reiz, dass alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser nichts mehr wunschte, als Gelegenheit zu haben, mit mehreren seiner Mitschuler einmal eine Komodie aufzufuhren, um sich im Deklamieren horen zu lassen dies hatte einen so unendlichen Reiz fur ihn, dass er eine Zeitlang Tag und Nacht mit diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komodie machte, wo zwei Freunde voneinander getrennt werden sollten und daruber untrostlich waren usw. Auch fand er in Leydings Handbibliothek, die ihm jemand geliehen hatte, ein ruhrendes Drama in Versen: 'Der Einsiedler', welches er gern mit Iffland auffuhren wollte. Er wunschte sich denn eine recht affektvolle Rolle, wo er mit dem grossten Pathos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen konnte, die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt, wo alles so kahl, so armselig zuging, nicht haben konnte. Dieser Wunsch war bei Reisern sehr naturlich; er hatte Gefuhle fur Freundschaft, fur Dankbarkeit, fur Grossmut und edle Entschlossenheit, welche alle ungenutzt in ihm schlummerten; denn durch seine aussere Lage schrumpfte sein Herz zusammen. Was Wunder, dass es sich in einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen naturlichen Empfindungen nachzuhangen suchte!

In dem Schauspiel schien er sich gleichsam wiederzufinden, nachdem er sich in seiner wirklichen Welt beinahe verloren hatte. Darum wurde auch in der Folge seine Freundschaft mit Philipp Reisern beinahe eine theatralische Freundschaft, die oft so weit ging, dass einer fur den andern zu sterben entschlossen war. Nun wurde ihm die Theatergrille so wert, dass die Sucht zu predigen beinahe ganz dadurch aus seiner Seele verdrangt wurde denn hier fand seine Phantasie einen weit grossern Spielraum, weit mehr wirkliches Leben und Interesse als in dem ewigen Monolog des Predigers. Wenn er die Szenen eines Dramas, das er entweder gelesen oder sich selbst in Gedanken entworfen hatte, durchging, so war er das alles nacheinander wirklich, was er vorstellte, er war bald grossmutig, bald dankbar, bald gekrankt und duldend, bald heftig und jedem Angriff mutig entgegenkampfend.

Dabei war ihm nun die Aussicht auf Prima ausserst glanzend denn die Primaner des Lyzeums in Hannover hatten wirklich so viele aussere in die Augen fallende Vorzuge, wie in wenigen Schulen stattfinden mogen. Sie hielten alle Neujahr bei einer grossen Menge Zuschauer einen offentlichen Aufzug mit Musik und Fackeln, indem sie dem Direktor und dem Rektor ein Vivat brachten. Am Abend darauf uberreichten sie das eine Jahr dem Direktor und das andere dem Rektor ein freiwillig zusammengebrachtes Geschenk, das gemeiniglich uber hundert Taler betrug, und wobei derjenige, der es uberreichte, eine kurze lateinische Rede hielt alsdann wurden sie mit Wein und Kuchen bewirtet und durften sich die Freiheit herausnehmen, ihrem Lehrer in seiner Behausung ein lauterschallendes Vivat zu rufen.

Fast ein Vierteljahr vorher wurde immer schon von der Anordnung dieses Zuges gesprochen.

Alle Sommer in den Hundstagen wurde von den Primanern offentlich Komodie gespielt, wo ihnen die Wahl der Stucke und die Anordnung ebenfalls allein uberlassen war. Dies beschaftigte sie fast den ganzen Sommer uber. Dann fiel im Jenner das Geburtsfest der Konigin und im Mai das Geburtsfest des Konigs ein, wo allemal mit grosser Feierlichkeit ein Redeaktus veranstaltet wurde, bei dem der Prinz, die Minister und fast alle Honoratioren der Stadt erschienen. Die Vorbereitung hiezu nahm nun jedesmal sehr viel Zeit weg. Dazu kamen jahrlich noch zwei offentliche Prufungen, die auch allemal mit Ferien begleitet waren. Hiedurch ging freilich viel Zeit verloren. Indes waren dies alles doch so viele glanzende Ziele fur einen ehrgeizigen Jungling, welche ihm den Reiz der Schuljahre immer wieder auffrischten, sobald er verloschen wollte.

Etwa einmal einer der Anfuhrer bei dem Zuge mit Fackeln zu sein oder die lateinische Rede bei Uberreichung des Geschenks zu halten oder eine Hauptrolle in einem der aufgefuhrten Stucke zu bekommen oder gar eine Rede an des Konigs oder der Konigin Geburtstage zu halten, das waren die Wunsche und Aussichten eines Primaners des Lyzeums in Hannover. Hiezu kam nun noch der elegante Horsaal der ersten Klasse, mit dem zierlich gebauten doppelten Katheder von schongebohnten Nussbaumholz und vor den Fenstern die grunen Vorhange, welches alles sich vereinigte, um Reisers Phantasie aufs neue mit reizenden Bildern von seinem kunftigen Zustande anzufullen und seine Erwartung von dem, was nun mit ihm vorgehen wurde, bis auf den hochsten Grad zu spannen. Sogleich nach seinem ersten Schuljahre ein Primaner zu werden, das war ein Gluck, welches er sich kaum hatte traumen lassen.

Erfullt von diesen Hoffnungen und Aussichten reiste er nun in der Ferienwoche vor Ostern mit Fuhrleuten, die denselben Weg nahmen, zu seinen Eltern, um ihnen sein Gluck zu verkundigen. Auf dieser Reise, da der Weg grosstenteils durch Wald und Heide ging, nahm seine vorher erwarmte Phantasie einen ausserordentlichen Schwung; er entwarf Heldengedichte, Trauerspiele, Romane und wer weiss was zuweilen fiel ihm auch der Gedanke ein, sein Leben zu schreiben; der Anfang, den er sich dachte, lief aber immer auf den Schlag der Robinsons hinaus, die er gelesen hatte, dass er namlich in dem und dem Jahre zu Hannover von armen, doch ehrlichen Eltern geboren sei, und so sollte es denn weiter fortgehen.

Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste, es mochte nun zu Fuss oder zu Wagen sein, war unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschaftigsten ein ganzer Zeitraum seines verflossnen Lebens stand vor ihm da, sobald er die vier Turme von Hannover aus dem Gesicht verlor der Gesichtskreis seiner Seele erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen. Er fuhlte sich aus dem umschrankten Zirkel seines Daseins in die grosse weite Welt versetzt, wo alle wunderbaren Ereignisse, die er je in Romanen gelesen hatte, moglich waren dass etwa von jenem Hugel plotzlich sein Vater oder seine Mutter wie aus der Ferne ihm entgegenkommen und wie er denn freudig auf sie zueilen wurde er glaubte schon den Ton der Stimme seiner Eltern zu horen und da er nun das erstemal diese Reise tat, so empfand er wirklich das reinste Vergnugen der sehnlichen Erwartung, bei seinen Eltern zu sein: denn was hatte er ihnen nicht fur grosse Dinge zu erzahlen!

Da er nun am folgenden Mittag hinkam, bewillkommten ihn seine Eltern und seine beiden Bruder mit herzlicher Freude in ihrer landlichen Wohnung. Sie hatten einen kleinen Garten hinter dem Hause und waren soweit recht gut eingerichtet. Aber mit dem Hausfrieden stand es leider, wie er bald sahe, noch nach wie vor. Er horte indes von seinem Vater wieder die Zither spielen und die Lieder der Madam Guion dazu singen. Sie unterredeten sich nun auch uber die Lehren der Madam Guion, und Reiser, der sich in seinem Kopfe schon eine Art von Metaphysik gebildet hatte, die nahe an den Spinozismus grenzte, traf mit seinem Vater oft wunderbar zusammen, wenn sie von dem All der Gottheit und dem Nichts der Kreatur, das die Madam Guion lehrte, sprachen. Sie glaubten sich einander zu verstehen, und Reiser empfand ein unendliches Vergnugen in diesen Unterredungen mit seinem Vater, denn es war ihm schmeichelhaft, dass sich sein Vater, der ihn sonst nur fur einen dummen Jungen zu halten schien, nun selbst uber dergleichen erhabne Gegenstande mit ihm unterredete. Dann besuchten sie den Prediger und die Honoratioren des Orts, wo Reiser allenthalben mit ins Gesprach gezogen wurde und sich auch, weil ihm diese Behandlung Selbstzutrauen einflosste, dabei ganz gut nahm. Die Nachbaren seiner Eltern, und wer sonst hinkam, waren alle aufmerksam auf den Sohn des Lizentschreibers, den der Prinz in Hannover studieren liesse. Die reine, ungetrubte Freude, die Reiser in diesen wenigen Tagen genoss, verbunden mit den angenehmsten Hoffnungen ersetzte ihm reichlich allen Kummer und unverdiente Demutigungen, die er ein ganzes Jahr hindurch erlitten hatte.

So nahe wie seine Mutter nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal teil sooft er sich des Abends zu Bette legte, sprach sie das 'Gott walte' uber ihn und schlug uber seine Stirne das Kreuz dazu, wie sie ehemals getan hatte, damit er sicher schlafen sollte, und kein Abend und kein Morgen verging, wo sie ihn auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloss. Mit Wehmut nahm Reiser Abschied von seinen Eltern, und da er die Turme von Hannover wiedersahe, so beklemmten traurige Ahndungen sein Herz.

Den andern Tag nach seiner Zuruckkunft wurde er von dem Direktor zu der Klassenversetzung gepruft, und da er aus des Cicero Buche von den Pflichten etwas aus dem Lateinischen ins Deutsche ubersetzen sollte, so fugte es sich, dass er in dem Exemplar, das ihm der Direktor gab, unglucklicherweise ein Blatt mit solcher Ungeschicklichkeit umschlug, dass er es beinahe zerrissen hatte. Durch so etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors, der in allem stets die ausserste Delikatesse suchte, gerade am starksten beleidigt werden. Reiser verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinenden Mangel an feiner Empfindung und feiner Lebensart. Der Direktor verwies ihm auf eine sehr bittere Art seine Ungeschicklichkeit, so dass Reisers Zutrauen zu dem Direktor, durch die Beschamung, worin er durch diesen bittern Verweis versetzt wurde, ebenfalls einen gewaltigen Stoss erhielt, wovon es sich nie wieder erholen konnte. Das schuchterne Wesen, das Reiser auf diese Veranlassung von nun an in der Gegenwart des Direktors bewies, diente dazu, ihn bei denselben noch immer mehr herabzusetzen. Kurz, von einem einzigen zu schnell umgeschlagenen Blatte in dem Exemplar des Direktors von Ciceros Buche von den Pflichten schrieben sich grosstenteils alle die Leiden her, die Reisern von nun an in seinen Schuljahren bevorstanden, und welche sich vorzuglich auf den Mangel der Achtung des Direktors grundeten, dessen Beifall, woran ihm so viel lag, er zuerst durch das zu schnelle Blattumschlagen verscherzt hatte.

Hiezu kam nun noch, dass die Frau Filter, ob er gleich von ihr wegzog, ihm doch sein neues Kleid einschloss und er mit einem alten Rock, den er noch von dem Hutmacher Lobenstein hatte, Prima besuchen musste, wo er neben sich fast lauter wohlgekleidete junge Leute sahe. Der Rock gab ihm ein lacherliches Ansehen, weil er ihm zu kurz geworden war. Dies fuhlte er selbst, und der Umstand trug sehr viel zu der Schuchternheit in seinem Wesen bei, das er in Prima mehr wie jemals ausserte. Auch waren der Kantor und der Konrektor ausserst auf ihn aufgebracht, dass er ihnen von seiner Versetzung nach Prima vorher nichts gesagt und ohne ihren Rat diesen Schritt getan hatte. Er entschuldgte sich so gut er konnte damit, dass er es nicht bedacht hatte. Der Kantor verzieh ihm auch bald, aber der Konrektor hat es ihm nie verziehen, sondern es ihn noch lange nachher entgelten lassen. Er machte namlich eine starke Forderung an Reisern fur die Privatstunden, die dieser bei ihm gehabt hatte, und wovon jedermann glaubte, dass er sie ihm umsonst wurde gegeben haben dies Geld liess er Reisern einige Jahre hindurch von seinem Chorgelde abziehen, wenn es dieser oft am notigsten brauchte. Ein Umstand, der ihn ebenfalls sehr niederschlug.

Nun bekam er in dem Hause des Rektors zwar eine Stube und Kammer, aber auch weiter nichts, denn der Rektor war selbst noch nicht recht eingerichtet. Reiser hatte noch eine wollene Decke von seinen Eltern, dazu mietete man ihm ein Kopfkussen und Unterbette, um ja so viel wie moglich zu sparen; wenn es nun des Nachts kalt war, so musste er seine Kleider zu Hulfe nehmen, um sich hinlanglich zu bedecken. Ein altes Klavier, das er hatte, diente ihm statt eines Tisches, dazu hatte er eine kleine Bank aus dem Auditorium des Rektors, uber dem Bette ein kleines Bucherbrett an einem Nagel hangend, und in der Kammer hatte er einen alten Koffer mit ein paar abgetragenen Kleidungsstucken stehen das war seine ganze hausliche Einrichtung, wobei er sich aber doch um ein grosses glucklicher befand als in der Stube der Frau Filter, in welcher sonst weit mehr Bequemlichkeiten waren.

Wenn er nun allein auf seiner Stube war, so befand er sich so weit recht wohl, aber zu dem Rektor konnte er noch kein Zutrauen fassen. Wenn er ihn gleich im Schlafrock und in der Nachtmutze sahe, so schien doch immer ein Nimbus von Ernst und Wurde sich um ihn her zu verbreiten, der Reisern in grosser Entfernung von ihm hielt er musste ihm seine Bibliothek in Ordnung bringen helfen; wenn er denn zuweilen so dicht bei ihm stand, indem er ihm Bucher zureichte, dass er seinen Atem horen konnte, so fuhlte er oft einige anschliessende Kraft in sich aber in dem folgenden Augenblick war die Schuchternheit und Verlegenheit wieder da. Demohngeachtet liebte er den Rektor und sein mit romanhaften Ideen angefullter Kopf liess ihn manchmal den Wunsch tun, dass er doch mit dem Rektor auf irgendeine unbewohnte Insel versetzt werden mochte, wo sie durch das Schicksal gleichgemacht auf einen freundschaftlichen und vertrauten Fuss umgehen konnten.

Der Rektor tat alles, um Reisern Mut und Zutrauen einzuflossen; er liess ihn verschiedne Mal mit sich allein an seinem Tische speisen und unterredete sich mit ihn. Reiser hatte damals schon Schriftstellerprojekte: er wollte die alte Acerra philologika in einen bessern Stil bringen, und der Rektor war so gutig, ihn zu ermuntern, dass er immer dergleichen Projekte fur die Zukunft nahren und sich mit dergleichen Ausarbeitungen beschaftigen solle.

Wenn nun Reiser uber so etwas mit dem Rektor sprach, so fehlte es ihm immer an den rechten Ausdrucken, deren er sich bedienen sollte, welches seine Perioden sehr unterbrochen machte. Denn er schwieg lieber, ehe er das unrechte Wort zu dem Gedanken wahlte, den er ausdrucken wollte. Der Rektor half ihm dann mit vieler Nachsicht zurecht. Er liess ihn auch zuweilen des Abends zu sich auf die Stube kommen und sich von ihm vorlesen.

Reiser erdreistete sich denn auch manchmal, Fragen an ihn zu tun: in wiefern z.B. ein Stuhl ein Individuum zu nennen sei, da man ihn doch immer noch wieder teilen konne, welcher Zweifel ihm bei der Logik, die er vom Direktor horte, aufgefallen war und der Rektor loste ihm sehr herablassend seinen Zweifel auf und lobte ihn dabei wegen seines Nachdenkens uber dergleichen Gegenstande; ja, er scherzte zuweilen gar mit ihm, und wenn er ihm den Auftrag gab, irgendein Buch oder sonst etwas zu holen, so tat er dies nie in einem befehlenden Tone, sondern bittweise. So war nun alles soweit recht gut aber das Blattumschlagen schien nun einmal fur Reisern eine ungluckliche Sache zu sein er musste einmal fur den Rektor geheftete Bucher aufschneiden und machte das so ungeschickt, dass er mit dem Federmesser tiefe Einschnitte in die Blatter machte, wodurch ein paar Bucher fast ganz verdorben wurden. Der Rektor wurde daruber sehr bose und machte ihm den bittern Vorwurf, als ob er aus Bosheit die Einschnitte in die Blatter gemacht habe, um von der Arbeit frei zu sein. Das war nun freilich nicht der Fall der Vorwurf schmerzte Reisern und trug viel dazu bei, seinen allmahlich wachsenden Mut wieder niederzuschlagen.

Indes erholte er sich doch noch einmal wieder, da ihn der Rektor auf einer kleinen Reise nach einer benachbarten katholischen Stadt mitnahm, um die Feier des Fronleichnamsfestes mit anzusehen. Der Rektor, der Konrektor, der Kantor und ein paar Kandidaten der Theologie fuhren auf einem Wagen mit Extrapost, wo Reiser auch ein Platzchen erhielt. Nun horte er diese ehrwurdigen Manner, die durch das Aneinanderschliessen, welches gemeiniglich bei einer kleinen Reisegesellschaft stattzufinden pflegt, vertraulich gemacht waren, sehr lebhaft miteinander scherzen; und dies tat eine ganz besondere Wirkung auf Reisern. Der Nimbus um ihre Kopfe verschwand allmahlich, und er sahe an ihnen zum ersten Male Menschen, wie andre Menschen sind. Denn noch nie hatte er eine Gesellschaft von Schwarzrocken zusammengesehen, die sich ohne Zwang miteinander besprachen und alle das steife, zeremonienmassige Wesen, das ihnen sonst von ihrem Stande anklebt, auf eine Zeitlang gegeneinander ablegten. Nur der gute Kantor behielt immer ein gewisses steifes Wesen bei, und da unterwegs eine grosse Menge Bettler, die geistliche Lieder absangen, dem Wagen entgegenkamen, schraubte man den Kantor mit diesem Auftritt, indem man ihn wegen dieser schrecklichen Disharmonien, wodurch sein Gehor ganz erschuttert wurde, herzlich bedauerte. Es war zum ersten Male, dass Reiser sahe, wie sich solche ehrwurdige Manner auch ebenso wie andre Leute untereinander schrauben konnten. Und diese Erfahrung, die er machte, war ihm sehr nutzlich, indem er nun jeden Priester, den er sonst noch immer gewissermassen als eine Art von ubermenschlichem Wesen betrachtete, sich etwa in den Zirkel einer solchen Reisegesellschaft dachte und ihn denn in seiner Vorstellung von dem Nimbus, der ihn vorher umgab, mit leichter Muhe entblosste.

Allein er fuhlte es demohngeachtet wieder lebhaft, welch ein unbedeutendes Wesen er in dieser Gesellschaft war; und da man alle Merkwurdigkeiten der Kloster und andre Sachen in der katholischen Stadt besahe, wozu noch eine Anzahl zum Teil auch fremder Personen sich gesellte, so fuhlte er, wie es sich immer von selbst verstand, dass er bei allem der letzte war, und dass er dies noch als eine grosse Ehre ansehen musste, die ihm widerfuhr dieser Gedanke machte, dass er sich in der Gesellschaft verlegen, albern und dumm betrug, und dies verlegene und alberne Betragen fuhlte er auch wieder selbst weit starker, als es vielleicht irgend jemand ausser ihm bemerken mochte; darum war er die Zeit uber, in welcher er so viel Neues zu horen und zu sehen bekam, nichts weniger als glucklich und wunschte sich wieder auf sein einsames Stubchen mit der Bank und dem alten Klaviere und dem Bucherbrett, das uber dem Bett am Nagel hing.

Was aber nun vorzuglich anfing, ihm sein Schicksal zu verbittern, war eine neue unverdiente Demutigung, wozu seine gegenwartige Lage, die er doch wiederum nicht andern konnte, die Veranlassung gab.

Als er namlich die ersten Male Prima besuchte, so horte er schon zuweilen hinter sich zischeln: Sieh, das ist des Rektors Famulus! Eine Benennung, mit welcher Reiser den allerniedrigsten Begriff verband; denn er wusste von den Verhaltnissen eines Famulus auf der Universitat noch nichts. Ihm bezeichnete Famulus womoglich noch weniger als einen Bedienten, der seinem Herren die Schuh putzt. Dabei deuchte es ihm, als ob er allgemein von seinen Mitschulern mit einer Art von Verachtung betrachtet wurde. Dann dachte er sich in seinem kurzen Rocke, womit er sich immer selbst in einer lacherlichen Gestalt erschien. In Sekunda war er ohngeachtet seiner schlechten Kleidung von seinen Mitschulern noch geachtet worden, wegen der hohen Meinung, die man davon hatte, dass ihn der Prinz studieren liess. In Prima wusste man dies zwar auch zum Teil, aber die Idee, dass er beim Rektor Famulus war, schien ihn in aller Augen herabzusetzen. Nun kam in Prima ausserordentlich viel auf den Platz an, wo man sass: hohere Platze konnten nur durch langen fortgesetzten Fleiss erlangt werden. Gemeiniglich ruckte man alle halbe Jahre nur eine Bank in die Hohe. Die ersten vier Banke machten den untern und die letztern drei den obern Zotus aus. Wer nun bei den halbjahrigen Versetzungen zuruckblieb, fur den war dies eine der grossten Erniedrigungen.

Nun hatte Reiser gleich am dritten Morgen, wahrend dass ein Primaner von dem untern Katheder ein geschriebnes Gebet ablas, da ihm sein Nachbar etwas sagte, eine lachelnde Miene gemacht, und da er sahe, dass er vom Direktor bemerkt wurde, diese Miene plotzlich in eine ernsthafte zu verwandeln gesucht. Und der Eindruck, welcher noch von dem Blattumschlagen in seiner Seele zuruckgeblieben war, machte, dass diese plotzliche Veranderung seiner Miene nicht im mindesten auf eine edle, sondern vielmehr hochst misstrauische, gemeine und sklavische Furcht verratende Art geschahe, woraus der Direktor mit einem Blick des Zorns und der Verachtung, den er wahrendem Gebet auf Reisern warf, seine niedrige, gemeine Denkungsart zu schliessen schien. Ein solcher Blick vom Direktor war schon etwas, das allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen pflegte. Da nun aber das Gebet vorbei war, so sagte er Reisern ein paar Worte uber das Niedertrachtige in seiner Miene, welche diesen auf einmal der Verachtung der ganzen Klasse aussetzten, der die Ausspruche des Direktors Orakel waren.

Reiser getraute sich von nun an nicht mehr, seine Augen zu dem Direktor aufzuschlagen, und musste sich in den Stunden desselben wie ein Wesen betrachten, auf das nicht die mindeste Rucksicht genommen ward: denn der Direktor rief ihn niemals auf. Ein paar junge Leute, die nach Reisern in Prima kamen, wurden uber ihn gesetzt, und er musste verschiedene Monate lang der letzte von allen bleiben. Der junge Rehberg, ein vorzuglicher Kopf, der sich nachher als Maler beruhmt gemacht hat, sass neben Reisern und schien sich an ihn schliessen zu wollen; allein ein Blick des Direktors, womit derselbe ihn ansahe, da er einmal mit Reisern sprach, dampfte jeden Funken von Achtung, den er gegen Reisern zu haben schien, und machte sein Herz von ihm abgewandt. Das Betragen des Direktors gegen Reisern war eine Folge von dessen schuchternen und misstrauischen Wesen, das eine niedrige Seele zu verraten schien; allein der Direktor erwog nicht, dass eben dies schuchterne und misstrauische Wesen wieder eine Folge von seinem ersten Betragen gegen Reisern war.

Dieser war nun einmal in der Achtung seiner Mitschuler gesunken, und jeder nahm sich jetzt heraus, zum Ritter an ihm zu werden, jeder wollte seinen Witz an ihm uben, und nahm er es gleich mit einem auf, so waren wieder zwanzig andre, die miteinander wetteiferten, ihn zum Ziel ihres Spottes zu machen; selbst seine Bravour, wenn er sich zuweilen mit denen, die es zu arg machten, schlug, wodurch jeder andre sich vielleicht wieder in Achtung gesetzt hatte, wurde lacherlich gemacht. Man zischelte sich nicht mehr in die Ohren: Seht da, des Rektors Famulus! sondern sobald er des Morgens hereintrat, hiess es: Da kommt der Famulus! und diese Ehrenbenennung schallete ihm aus allen Ecken entgegen. Es war, als ob sich alles verschworen hatte, sich auf ihn zu setzen und ihn lacherlich zu machen.

Dieser Zustand wurde ihm eine Holle er heulte, tobte und geriet in eine Art von Raserei daruber, und auch dies wurde lacherlich gemacht. Zuletzt trat denn zuweilen eine Art von Dumpfheit der Empfindung an die Stelle seines bis zur Wut und Raserei beleidigten Stolzes er horte und sahe nicht mehr, was um ihn her vorging, und liess alles mit sich machen, was man wollte, so dass er in dem Zustande ein wurdiger Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein schien.

Was Wunder, wenn er am Ende durch diese fortgesetzte Behandlung wurklich niedertrachtig gesinnt geworden ware? Aber er fuhlte noch immer Kraft genug in sich, in gewissen Stunden sich ganz aus seiner wirklichen Welt zu versetzen. Das war es, was ihn aufrecht erhielt. Wenn seine Seele durch tausend Demutigungen in seiner wirklichen Welt erniedrigt war, so ubte er sich wieder in den edlen Gesinnungen der Grossmut, Entschlossenheit, Uneigennutzigkeit und Standhaftigkeit, sooft er irgendeinen Roman oder heroisches Drama durchlas oder durchdachte. Oft traumte er sich auf diese Weise uber allen Kummer der Erde hinaus, in heitre Szenen hin, wenn er vom Frost erstarrt im Chore sang, und verphantasierte so manche Stunde, wo denn gewisse Melodien, die er horte und mitsang, seinen Traum oft fortpflanzen halfen. Nichts klang ihm z.B. ruhrender und erhabener, als wenn der Prafektus anhub zu singen:

Hylo schone Sonne

Deiner Strahlen Wonne

In den tiefen Flor

Das Hylo allein schon versetzte ihn in hohere Regionen und gab seiner Einbildungskraft allemal einen ausserordentlichen Schwung, weil er es fur irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt, den er nicht verstand und eben deswegen einen so erhabnen Sinn, als er nur wollte, hineinlegen konnte: bis er einmal den geschriebenen Text unter den Noten sahe und fand, dass es hiess:

Hull, o schone Sonne, usw.

Diese Worte sang der Prafektus nach seiner thuringischen Mundart immer: Hylo schone Sonne. Und nun war auf einmal das ganze Zauberwerk verschwunden, welches Reisern so manchen frohen Augenblick gemacht hatte. Ebenso war es ihm immer sehr ruhrend, wenn gesungen wurde: 'Du verdeckest sie in den Hutten' oder: 'lieg ich nur in deiner Hut, o so schlaf ich sanft und gut.'

Er wiegte sich oft so sehr in die sussen Empfindungen von dem Schutz eines hohern Wesens ein, dass er Regen und Frost und Schnee vergass und sich in der ihn umgebenden Luft wie in einem Bette sanft zu ruhen schien.

Allein von aussen her schien sich alles zu vereinigen, um ihn zu demutigen und niederzubeugen.

Da es Sommer wurde, verreiste der Rektor auf einige Wochen, und er blieb nun wahrend der Zeit allein in dessen Hause zuruck, wo er die Zeit zu Hause ziemlich vergnugt zubrachte, indem er sich aus der Bibliothek des Rektors einiger Bucher zum Lesen bediente und unter andern auf Moses Mendelsohns Schriften und die Literaturbriefe verfiel, woraus er sich damals zuerst Exzerpte machte.

Insbesondre zog er sich alles aus, was das Theater anging, denn diese Idee war jetzt schon die herrschende in seinem Kopfe und gleichsam schon der Keim zu allen seinen kunftigen Widerwartigkeiten.

Durch das Deklamieren in Sekunda war sie zuerst lebhaft in ihm erwacht und hatte die Phantasie des Predigens allmahlich aus seinem Kopf verdrangt der Dialog auf dem Theater bekam mehr Reize fur ihn als der immerwahrende Monolog auf der Kanzel. Und dann konnte er auf dem Theater alles sein, wozu er in der wirklichen Welt nie Gelegenheit hatte und was er doch so oft zu sein wunschte grossmutig, wohltatig, edel, standhaft, uber alles Demutigende und Erniedrigende erhaben wie schmachtete er, diese Empfindungen, die ihm so naturlich zu sein schienen und die er doch stets entbehren musste, nun einmal durch ein kurzes, tauschendes Spiel der Phantasie in sich wirklich zu machen.

Das war es ohngefahr, was ihm die Idee vom Theater schon damals so reizend machte. Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht passten. Das Theater deuchte ihm eine naturlichere und angemessnere Welt als die wirkliche Welt, die ihn umgab.

Nun kamen die Sommerferien heran, und die Primaner fuhrten, wie sie alle Jahr zu tun pflegten, offentlich verschiedene Komodien auf. Reiser konnte bei der allgemeinen Verachtung, der er als ein sogenannter Famulus des Rektors ausgesetzt war, sich nicht die mindeste Hoffnung machen, eine Rolle zu erhalten; ja, er konnte nicht einmal von irgendeinem der Mitschuler ein Billett erhalten, um zuzusehn. Dies schlug ihn mehr als alles Bisherige nieder bis er auf den Einfall kam, mit zwei bis dreien seiner Mitschuler, welche auch keine Rollen hatten, gleichsam eine Partie der Missvergnugten auszumachen und auf deren Wohnstube bei einer kleinen Anzahl Zuschauer eine Komodie besonders aufzufuhren.

Hiezu wurde denn Philotas gewahlt, wo Reiser einem andren, der die Rolle des Philotas schlecht machte, sie mit Geld abkaufte und also nun den Philotas spielte.

Nun war er in seinem Elemente. Er konnte einen ganzen Abend lang grossmutig, standhaft und edel sein die Stunden, wo er sich zu dieser Rolle ubte, und der Abend, wo er sie spielte, waren von den seligsten seines Lebens obgleich das Theater nur ein schlechtes Zimmer mit weissen Wanden und das Parterre eine Kammer war, die daran stiess, und wo man statt der ausgehobenen Ture eine wollene Decke angebracht hatte, die zum Vorhang dienen musste; und obgleich das ganze Auditorium nur aus dem Wirt des Hauses, der ein Topfer war, nebst dessen Frau und seinen Gesellen bestand und die ganze Erleuchtung nur mit Pfenniglichtern bewerkstelligt wurde, die auf kleinen an die Wand geklebten Stucken von nassen Leimen brannten.

Zum Nachspiel wurde aus Millers historisch-moralischen Schilderungen der sterbende Sokrates gegeben, worin Reiser nur einen Freund des Sokrates und der eine von seinen Mitschulern, namens G ..., den sterbenden Sokrates selbst machte, welcher denn ordentlich den Giftbecher leerte und zuletzt unter Zukkungen auf einem Bette, das in die Stube gesetzt war, verschied.

Dies letzte Nachspiel war es nun, was Reisern nachher fast seine ganzen Schuljahre verbittert hat.

Die andern Primaner hatten namlich erfahren, dass ausser der ihrigen von denen, welchen sie keine Rollen gegeben hatten, noch besonders eine Komodie aufgefuhrt worden sei sie sahen dies als einen Eingriff in ihre Rechte an, und als ob es gleichsam aus Trotz und Verachtung geschehen sei.

Sie suchten sich fur diese unverzeihliche Beleidigung, wofur sie es hielten, auf alle Weise zu rachen, und von der Zeit an durfte von den vieren, welche den Philotas und den sterbenden Sokrates aufgefuhrt hatten, keiner des Abends sicher auf der Strasse gehen. Diese viere waren von der Zeit an ein Gegenstand des Hasses, der Verachtung und des Spottes, welcher Reisern gerade am meisten traf; denn die andern besuchten die Schulstunden selten. Gegen Reisern hatte man schon vorher nichts als Verachtung bezeigt, die ausser einer Art von unerklarbarer allgemeiner Antipathie gegen ihn ihren Grund vorzuglich in seiner erniedrigenden oder wenigstens fur erniedrigend gehaltenen Situation, seiner bloden Miene und seinem kurzen Rock haben mochte; zu dieser Verachtung gesellte sich nun jetzt noch eine allgemeine Erbitterung gegen ihn, welche den Spott, womit man ihn uberhaufte, so beissend wie moglich zu machen suchte.

Und ob nun gleich nicht er, sondern G ... die Rolle des sterbenden Sokrates in dem Nachspiel gemacht hatte, so hiess er doch von nun an mit einem allgemeinen Spottnamen "der sterbende Sokrates" und verlor diesen beinahe nicht eher, bis diese ganze Generation nach und nach die Schule verlassen hatte; noch ein Jahr vorher, ehe er selbst die Schule verliess, war er eine lange Zeit kranklich gewesen und gar nicht aus dem Hause gekommen; als er nun wieder einer Komodie zusehen wollte, welche die Primaner damals auffuhrten, liess man ihn zwar herein, aber man sahe ihn mit einem verachtlichen, hohnischen Blick an und sagte: Da ist der sterbende Sokrates, so dass Reiser gleich umkehrte und traurig wieder zu Hause ging.

Sonst pflegt doch immer bei den Menschen eine gewisse Gutmutigkeit zu herrschen, dass sie nur denjenigen zum Gegenstande ihres Spottes machen, der gewissermassen unempfindlich dagegen ist; sehen sie hingegen, dass einer durch den Spott wirklich beleidigt und gekrankt wird, so treiben sie's wenigstens nicht unaufhorlich, sondern das Mitleid gewinnt doch endlich uber die Spottsucht die Oberhand.

Aber das war bei Reisern der Fall nicht seine Gestalt verfiel von Tage zu Tage, er wankte nur noch wie ein Schatten umher; es war ihm beinahe alles gleichgultig; sein Mut war gelahmt wo er konnte, suchte er die Einsamkeit aber das alles erweckte auch kein Funkchen Mitleid gegen ihn. So sehr waren aller Gemuter mit Hass und Verachtung gegen ihn erfullt.

Ausser ihm war noch ein gewisser T ... ein Gegenstand des Spottes, der zum Teil durch seine stotternde Sprache Veranlassung dazu gab. Dieser aber schuttete den Spott ab, wie das Tier mit der unempfindlichen Haut die Schlage. Indem man seiner spottete, so rechtfertigte man sich selbst damit, dass ihn der Spott nicht krankte. Bei Reisern nahm man darauf keine Rucksicht. Dies erbitterte endlich sein Herz und machte ihn zum offenbaren Menschenfeinde.

Wo sollte nun wohl bei ihm ein ruhmlicher Wetteifer, Fleiss und Lust zum eigentlichen Studieren herkommen? Er wurde ja ganz aus der Reihe herausgedrangt er stand einsam und verlassen da und suchte nur das, wodurch er sich immer noch mehr absondern und in sich selbst zuruckziehen konnte; alles, was er fur sich allein auf der Stube arbeitete, las und dachte, machte ihm Vergnugen, aber zu allem, was er in den Schulstunden mit andern gemeinschaftlich arbeiten sollte, war er trage und verdrossen; es war ihm immer, als ob er gar nicht dazu gehorte.

Das war nun die schone Erfullung seiner Traume von langen Reihen von Banken, auf denen die Schuler der Weisheit sassen, unter deren Zahl er sich mit Entzucken dachte, und mit denen er einst um den Preis zu wetteifern hoffte.

Der Rektor, bei dem er wohnte, kam nun auch von seiner Reise wieder zuruck und hatte seine Mutter mitgebracht, die seine Wirtschaft auf das genaueste einzurichten suchte. Es wurde Winter, und man dachte nicht daran, Reisers Stube zu heizen er stand erst die bitterste Kalte aus und glaubte, man wurde doch endlich auch an ihn denken bis er horte, dass er sich bei Tage in der Gesindestube mit aufhalten sollte.

Nun fing er an, sich um seine aussern Verhaltnisse gar nicht mehr zu bekummern. Von seinen Lehrern sowohl als von seinen Mitschulern verachtet und hintangesetzt und wegen seines immerwahrenden Missmuts und menschenscheuen Wesens bei niemand beliebt, gab er sich gleichsam selber in Rucksicht der menschlichen Gesellschaft auf und suchte sich nun vollends ganz in sich zuruckzuziehen.

Er ging zu einem Antiquarius und holte sich einen Roman, eine Komodie nach der andern und fing nun mit einer Art von Wut an zu lesen. Alles Geld, was er sich vom Munde absparen konnte, wandte er an, um Bucher zum Lesen dafur zu leihen; und da nach einiger Zeit der Antiquarius ihn kennen lernte und ihm ohne jedesmalige bare Bezahlung Bucher zum Lesen liehe, so hatte sich Reiser, ehe er es merkte, tief in Schulden hineingelesen, die, so klein sie sein mochten, damals fur ihn unerschwinglich waren.

Er suchte diese Schuld zum Teil durch den Verkauf seiner angeschafften Schulbucher zu tilgen, die ihm der Antiquarius fur ein Spottgeld abnahm und ihm dafur aufs neue Bucher zum Lesen lieh, bis er wieder in neue Schulden geriet und denn wieder angstlich auf Tilgung derselben denken musste.

Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedurfnis geworden, wie es den Morgenlandern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betaubung bringen. Wenn es ihm an einem Buche fehlte, so hatte er seinen Rock gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht, um nur eins zu bekommen. Diese Begierde wusste der Antiquarius wohl zu nutzen, der ihm nach und nach alle seine Bucher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder verkaufte, als er sie ihm abgekauft hatte.

Es war unter diesen Umstanden keinem zu verdenken, der Reisern fur einen luderlichen aus der Art geschlagnen jungen Menschen hielt, welcher seine Schulbucher verkaufte, statt seine Kenntnisse zu vermehren und den Unterricht seiner Lehrer zu nutzen, nichts als Romane und Komodien las und dabei sein Ausseres ganz vernachlassigte; denn es war sehr naturlich, dass Reiser keine Lust zu seinem Korper hatte, da er doch niemanden in der Welt gefiel und dann wurde auch alle das Geld, was die Wascherin und der Schneider hatten bekommen sollen, dem Bucherantiquarius hingebracht denn das Bedurfnis zu lesen ging bei ihm Essen und Trinken und Kleidung vor, wie er denn wirklich eines Abends den Ugolino las, nachdem er den ganzen Tag nicht das mindeste genossen hatte, denn seinen Freitisch hatte er uber dem Lesen versaumt und fur das Geld, was zum Abendbrot bestimmt war, hatte er sich den Ugolino geliehen und ein Licht gekauft, bei welchem er in seiner kalten Stube in eine wollene Decke eingehullt die halbe Nacht aufsass und die Hungerszenen recht lebhaft mitempfinden konnte.

Indes waren diese Stunden noch die glucklichsten, welche er gleichsam aus dem Gewirre der ubrigen herausriss seine Denkkraft war vollkommen wie berauscht er vergass sich und die Welt.

Er las auf die Weise nach der Reihe die zwolf oder vierzehn Bande durch, welche damals vom deutschen Theater heraus waren, und weil er Yoriks empfindsame Reisen mit grossem Vergnugen zwei- bis dreimal durchgelesen hatte, so lieh er sich auch von dem Antiquarius die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel.

Nun hatte er damals schon angefangen, sich die Titel der Bucher, welche er gelesen hatte, in einem dazu bestimmten Buche niederzuschreiben und sein Urteil dabei zu setzen, das mehrmalen ziemlich richtig ausfiel; wie er denn z.B. bei die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel das Urteil schrieb: ein exercitium extemporaneum, weil der Verfasser selbst gestand, dass er alle die verschiedenen Sachen in diesem dicken Buche bloss zusammengeschrieben habe, damit man urteilen solle, zu welchem Fach in der Schriftstellerei er sich wohl am besten schicken wurde. Der Verfasser dieser empfindsamen Reisen hat nachher dies exercitium extemporaneum durch seinen Spitzbart hinlanglich wieder gutgemacht.

Aber nicht leicht hat Reisern bei irgendeinem Buche die Zeit, welche er auf das Lesen desselben gewandt hatte, mehr gereut als bei diesen empfindsamen Reisen.

So lernte er nun von selbst allmahlich das Mittelmassige und Schlechte von dem Guten immer besser unterscheiden.

Bei allem aber, was er las, war und blieb nun die Idee vom Theater immer bei ihm die herrschende in der dramatischen Welt lebte und webte er da vergoss er oft Tranen, indem er las, und liess sich wechselsweise bald in heftige, tobende Leidenschaft des Zorns, der Wut und der Rache und bald wieder in die sanften Empfindungen des grossmutigen Verzeihens, des obsiegenden Wohlwollens und des uberstromenden Mitleids versetzen.

Seine ganze aussere Lage und seine Verhaltnisse in der wirklichen Welt waren ihm so verhasst, dass er die Augen davor zuzuschliessen suchte. Der Rektor rief ihn im Hause bei seinem Namen, wie man einen Bedienten ruft; und einmal musste er einen seiner Mitschuler, der ein Sohn eines Freundes vom Rektor war, bei demselben zum Essen bitten; und wahrend dass dieser des Abends bei dem Rektor speiste, musste Reiser Wein holen und in der Gesindestube sein, die gleich neben der Stube war, wo gespeist wurde, und wo er horen konnte, wie sein Mitschuler sich mit dem Rektor unterhielt, wahrend dass er bei der Magd in der Stube sass.

Der Rektor gab verschiedene Privatstunden wenn er nun etwa eine davon nicht halten konnte, so musste Reiser bei seinen Mitschulern, mit denen er doch auch an diesem Unterricht teilnahm, herumgehen und ihnen die Privatstunde absagen, welches den Ubermut derselben gegen ihn noch vermehrte.

Diese Zurucksetzung hatte ihren guten Grund in seinem Betragen er war unteilnehmend an allem, was ausser ihm vorging, und zu jedem Geschaft, was ihn aus seiner Ideenwelt herauszog, trage und verdrossen. Was Wunder, da er an nichts teilnahm, dass man auch wieder an ihm nicht teilnahm, sondern ihn verachtete, hintansetzte und vergass?

Allein man erwog nicht, dass eben dies Betragen, weswegen man ihn zurucksetzte, selbst eine Folge von vorhergegangner Zurucksetzung war. Diese Zurucksetzung, welche in einer Reihe von zufalligen Umstanden gegrundet war, hatte den Anfang zu seinem Betragen und nicht sein Betragen, wie man glaubte, den Anfang zur Zurucksetzung gemacht.

Mochte dies alle Lehrer und Padagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen uber die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, dass sie die Einwirkung unzahliger zufalliger Umstande mit in Anschlag brachten und von diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten, durch ihr Urteil uber das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte, um ihn plotzlich umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine sonderbare Verkettung von Umstanden an seinem schlecht in die Augen fallenden Betragen schuld war.

Anton Reisers Schicksal schien es nun einmal zu sein, Wohltaten zu seiner Qual zu empfangen. Es war Wohltat, dass er ein Jahr lang bei der Frau Filter im Hause war, und in welcher peinlichen und drukkenden Lage brachte er dieses Jahr zu! Es war Wohltat, dass er bei dem Rektor im Hause war, nur was fur unzahlige Demutigungen und Verachtung von seinen Mitschulern zog ihm dieser ihm so reizend geschilderte Aufenthalt zu!

Dem aussern Anschein nach konnte nun auch von Reisern niemand als schlecht urteilen und der Rektor sagte selbst zum Pastor Marquard, es wurde hochstens einmal ein Dorfschulmeister aus ihm werden. Dies hielt der Pastor Marquard nachher Reisern wieder vor, und sein Mut wurde durch dies Urteil des Rektors uber ihn, dem er damals noch nicht viel Selbstgefuhl entgegensetzen konnte, noch mehr niedergeschlagen.

Weil nun der Rektor sicher zu glauben schien, dass aus Reisern doch nie etwas wurde, so brauchte er ihn indes, wozu er noch zu brauchen war, namlich zu allerlei kleinen Diensten, die er ihn in und ausser dem Hause verrichten liess und Reiser wurde nun im Grunde vollig wie ein Domestik betrachtet, ob er gleich ein Primaner hiess.

Einmal genoss er denn doch noch die Vorrechte eines Primaners, da er von dem Chorgelde, das er erhielt, seinen Teil zum Neujahrgeschenke fur den Rektor mit hergab und auch dem Aufzuge mit Fackeln beiwohnte, da dem Direktor und dem Rektor nach hergebrachter Weise zum Neujahr eine Musik gebracht und ein Vivat gerufen wurde.

Ob er gleich bei diesem Zuge der letzte oder einer der letzen in der Ordnung war, so erhob es doch seinen Mut ausserordentlich wieder, da er sich ohngeachtet der vielen Herabwurdigungen und Demutigungen, die er erfahren hatte, doch hier gleichsam wieder in Reihe und Glied mit den ubrigen stehen sahe, einen Degen nebst einer Fackel tragen und das Vivat mit rufen durfte.

Die Musik, die Zuschauer, die Erleuchtung von den Fackeln, die Anfuhrer mit Federhuten und entbossten Degen das alles beseelte ihn wieder mit neuem Mut, da er sich in diesem glanzenden Aufzuge mit befand.

Und da er am andern Tage mit unter der Zahl der Primaner stand und dem Rektor mit einer lateinischen Anrede an ihn das Neujahrsgeschenk, wozu Reiser doch auch seinen Teil beigetragen hatte, auf einem silbernen Teller uberreicht wurde, so fuhlte er sich einmal mit einigem Wohlgefallen wieder in der wirklichen Welt. Er sahe sich doch hier nicht ganz ausgeschlossen und verdrangt. Allein wie sehr verbitterte ihm der Hass und Ubermut seiner Mitschuler auch diese kleine Aufmunterung wieder!

Der Rektor bewirtete die Primaner, welche ihm das Geschenk gebracht hatten, mit Wein und Kuchen. Diese tranken zu wiederholten Malen seine Gesundheit, wobei sie denn am Ende, da ihnen der Wein in die Kopfe stieg, ziemlich laut wurden. Reiser trank einige Glaser Wein, ohne schlimme Folgen zu besorgen allein die ganzliche Ungewohnheit des Weintrinkens machte, dass ihn ein paar Glaser schon etwas berauschten; nun legten es seine edeldenkenden Mitschuler darauf an, ihn ganzlich betrunken zu machen, welches ihnen teils durch List und teils durch Drohungen gelang, so dass Reiser allerlei verwirrtes Zeug redete und am Ende zu Bette gebracht werden musste.

War nun Reiser vorher schon in dem Zutrauen und der Achtung aller derer, die ihn kannten, gesunken, so gab dieser Vorfall seinem guten Kredit nun vollends den letzten Stoss. Vorher war er schon ein trager, unordentlicher und unfleissiger, nun war er auch ein unmassiger und schlechter Mensch, weil er in dem Hause seines Lehrers, der zugleich sein Wohltater war, durch sein unanstandiges Betragen zugleich das undankbarste Herz verraten hatte.

Alle diese Folgen sahe Reiser dunkel voraus, da er am andern Morgen erwachte, und indem er sich anzog, machte er sich schon auf Bitte und Entschuldigung bei dem Rektor wegen seines gestrigen Betragens gefasst.

Er hatte seine Anrede recht gut ausstudiert und versicherte unter andern, dass er diesen Flecken auf alle Weise wieder wurde auszutilgen suchen, worauf ihm denn der Rektor eben nicht sehr trostlich antwortete, dass die nachteiligen Folgen von diesem Vorfall, wenn er bekannt wurde, wohl schwerlich zu verhuten sein wurden.

Der Rektor hatte darin sehr recht denn der Vorfall wurde bald bekannt, und es hiess nun: Wie! der junge Mensch lebt von Wohltaten, selbst der Prinz wendet so viel an ihn, und da er in dem Hause seines Lehrers, seines Wohltaters, der ihm Obdach gibt, gastfreundlich bewirtet wird, betragt er sich so wie niedertrachtig, wie undankbar!

Ohngeachtet nun Reisern diese Folgen ahndeten, und er hochst traurig daruber war, empfand er doch am andern Tage, da er ins Chor kam und seine Mitschuler uber sein blasses und verwirrtes Ansehn, das er noch von dem gestrigen Rausche hatte, lachten, eine Art von sonderbarem Stolz, gleichsam als ob er durch das gestrige Betrinken eine gewisse Bravour bezeigt hatte, dass er sogar affektierte, als ob sein Taumel noch fortdauerte, um dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu erregen.

Denn die Aufmerksamkeit der ubrigen auf ihn, die diesmal mehr mit einer gewissen Art von Beifall als mit Spott verknupft war, schmeichelte ihm. Auch betrachteten ihn die andern so, wie man einen zu betrachten pflegt, der in demselben Fall ist, worin man selbst einmal war denn der Prafektus war fast immer betrunken dies geheime Vergnugen, welches Reiser empfand, da es ihm zu gelingen schien, sich durch das Schlechte bemerkt zu machen, ist wohl die gefahrlichste Klippe der Verfuhrung, woran die meisten jungen Leute zu scheitern pflegen.

Indes wurde dieser Ubermut bei Reisern sehr bald wieder gedampft, da er die nachteiligen Folgen, welche ihm der Rektor prophezeit hatte, nur zu bald empfand. Allenthalben empfing man ihn mit kalten und verachtlichen Blicken. Er liess daher die meisten Freitische einen nach dem andern freiwillig fahren und hungerte lieber oder ass Salz und Brot ehe er sich diesen Blicken aussetzen wollte. Bei dem einzigen Schuster Schantz ging er noch immer mit Vergnugen hin, denn hier wurde er nach wie vor mit freundlichen Blicken empfangen, und man liess ihn hier nicht fur sein widriges Schicksal bussen.

Er war damals weit entfernt, dass er sich gegen sich selbst hatte entschuldigen sollen. Vielmehr trauete er dem Urteil so vieler Menschen mehr als seinem eigenen Urteil uber sich selbst zu er klagte sich oft an und machte sich die bittersten Vorwurfe uber seine Versaumnis im Studieren, uber sein Lesen und uber sein Schuldenmachen beim Bucherantiquarius denn er war damals nicht imstande, sich das alles als eine naturliche Folge der engsten Verhaltnisse, worin er sich befand, zu erklaren. In solcher Stimmung der Seele, wo er gegen sich selbst aufgebracht und seine Phantasie noch durch ein Trauerspiel, das er eben gelesen hatte, erhitzt war, schrieb er einmal einen verzweiflungsvollen Brief an seinen Vater, worin er sich als den grossten Verbrecher anklagte, und der mit unzahligen Gedankenstrichen angefullt war, so dass sein Vater nicht wusste, was er aus dem Briefe machen sollte und fur den Verstand des Verfassers im Ernst zu furchten anfing. Der ganze Brief war im Grunde eine Rolle, die Reiser spielte. Er fand ein Vergnugen daran, sich selbst, wie es zuweilen die Helden in den Trauerspielen machen, mit den schwarzesten Farben zu schildern und dann recht tragisch gegen sich selbst zu wuten.

Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde hatte, was konnte wohl anders sein Bestreben sein, als sich so viel und so oft wie moglich selbst zu vergessen?

Der Bucherantiquarius blieb daher seine immerwahrende Zuflucht, und ohne diesen wurde er seinen Zustand schwerlich ertragen haben, den er sich nun in manchen Stunden nicht nur ertraglich, sondern sogar angenehm zu machen wusste, wenn er z.B. bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, ein kleines, freilich eben nicht glanzendes Auditorium um sich versammlen und dem mit aller Fulle des Ausdrucks und der Deklamation, die ihm nur moglich war, irgendeines seiner Lieblingstrauerspiele, als Emilia Galotti, Ugolino oder sonst etwas Tranenvolles, wie z.B. den Tod Abels von Gessner vorlesen konnte, wobei er denn ein unbeschreibliches Entzucken empfand, wenn er rund um sich her jedes Auge in Tranen erblickte und darin den Beweis las, dass ihm sein Endzweck, durch die Sache, die er vorlas, zu ruhren, gelungen war.

Uberhaupt brachte er die vergnugtesten Stunden seines damaligen Lebens entweder fur sich allein oder in diesem Zirkel bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, zu, wo er gleichsam die Herrschaft uber die Geister fuhren und sich zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machen konnte denn hier wurde er gehort hier konnte er vorlesen, deklamieren, erzahlen und lehren und er liess sich wirklich mit den Handwerksgesellen, welche dort zusammenkamen, zuweilen in Dispute uber sehr wichtige Materien, als uber das Wesen der Seele, die Entstehung der Dinge, den Weltgeist und dergleichen ein, wodurch er die Kopfe verwirrte indem er die Aufmerksamkeit dieser Leute auf Dinge lenkte, an die sie in ihrem Leben nicht gedacht hatten.

Mit einem Schneidergesellen insbesondre, der anfing, an seinen Grubeleien Gefallen zu finden, unterhielt er sich oft stundenlang uber die Moglichkeit der Entstehung einer Welt aus nichts endlich gerieten sie auf das Emanationssystem und auf den Spinozismus Gott und die Welt war eins.

Wenn dergleichen Materien nicht in die Schulterminologie eingehullt werden, so sind sie fur jeden Kopf und sogar Kindern verstandlich.

Bei einem solchen Gesprach pflegte Reiser aller seiner Sorgen und seines Kummers zu vergessen das, was ihn druckte, war denn viel zu klein fur ihn, um seine Aufmerksamkeit zu beschaftigen er fuhlte sich aus dem umringenden Zusammenhange der Dinge, worin er sich auf Erden befand, auf eine Zeitlang hinaus versetzt und genoss die Vorrechte der Geisterwelt wer ihm dann zuerst in den Wurf kam, mit dem suchte er sich in philosophische Gesprache einzulassen und seine Denkkraft an ihm zu uben.

Indes wandte er doch seine Schulstunden ohngeachtet der wenigen Aufmunterung, die er darin genoss, und der vielen Demutigungen, die er darin erduldete, nicht ganz unnutz an. Er schrieb bei dem Direktor neue Geschichte, Dogmatik und Logik und bei dem Rektor die Erdbeschreibung und einige Ubersetzungen lateinischer Autoren nach, wodurch er denn doch immer neben seiner Komodien und Romanlekture noch einige wissenschaftliche Kenntnisse auffing und, ohne es eigentlich mit Absicht zu treiben, auch im Lateinischen noch einige Fortschritte machte.

Das war aber alles nur wie zufallig manche Stunde versaumte er dazwischen, und manche Stunde las er, wahrend dass der Livius oder ein andrer lateinischer Autor gelesen wurde, fur sich heimlich einen Roman, weil er doch einmal wusste, dass der Direktor ihn nicht mehr aufzurufen wurdigte. Denn wenn er in den Schulstunden mitten unter einer Anzahl von sechs bis siebenzig Menschen sass, von denen fast kein einziger sein Freund war, und denen er fast insgesamt ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung war, so musste ihm dies naturlicherweise bestandig eine sehr angstliche Lage sein, wo er sich am meisten gedrungen fuhlte, sich in eine andre Welt zu traumen, in der er sich besser befand.

Aber auch diese Zuflucht missgonnte man ihm und indem er gerade einmal, noch ehe die Stunde anging, in einem Bande vom Theater der Deutschen las, so nahm man, wahrend dass der Rektor hereintrat, ihm das Buch weg und legte es dem Rektor aufs Katheder hin, dem man nun auf Befragen, woher das Buch kame, sagte, dass Reiser wahrend den Stunden darin zu lesen pflegte. Ein Blick voll wegwerfender Verachtung auf Reisern war die Antwort des Rektos auf diese Anklage.

Und dieser Blick kostete Reisern wiederum einen Teil des wenigen Selbstzutrauens, das ihm noch ubrig geblieben war; denn weit entfernt, sich gegen sich selbst zu entschuldigen, glaubte er vielmehr diese Verachtung wirklich zu verdienen und hielt sich in dem Augenblick ebenso sehr fur ein weggeworfnes verachtliches Wesen, als ihn der Rektor nur immer dafur halten konnte.

Er sank durch diesen Vorfall noch tiefer als vorher in der Verachtung des Rektors sein aussrer Zustand verschlimmerte sich daher von Tage zu Tage; und da er einmal vergessen hatte, einen Auftrag, den ihm ein Fremder an den Rektor gegeben hatte, auszurichten, so bediente sich der Rektor zum ersten Male des harten Ausdrucks gegen ihn, diese Vernachlassigung eines ihm gegebnen Auftrags sei ja eine 'wahre Dummheit'.

Dieser Ausdruck brachte auf eine lange Zeit eine Art von wirklicher Seelenlahmung in ihm hervor. Diesen Ausdruck und das "dummer Knabe" vom Inspektor auf dem Seminarium und das "ich meine Ihn ja nicht" von dem Kaufmann S ... hat er nie vergessen konnen sie haben sich in alle seine Gedanken verwebt und ihm lange nachher oft alle Gegenwart des Geistes in Augenblicken benommen, wo er sie am meisten bedurfte.

Ein Freund des Rektors, welcher einige Wochen bei ihm logierte, und fur den Reiser auch einige Gange tun musste, gab der Magd und ihm bei seinem Abschiede ein Trinkgeld. Reiser hatte eine sonderbare Empfindung dabei, da er das Geld nahm; es war ihm, als ob er einen Stich erhielte, wo sich der erste Schmerz plotzlich wieder verlor denn er dachte an den Bucherantiquarius, und in dem Augenblick war alles ubrige vergessen fur das Geld konnte er mehr als zwanzig Bucher lesen sein beleidigter Stolz hatte sich noch zum letztenmal emport und war nun besiegt. Reiser nahm von diesem Augenblick an keine Rucksicht mehr auf sich selbst und warf sich in Ansehung seiner aussern Verhaltnisse vollig weg.

Seine Kleidung, die immer schlechter und unordentlicher wurde, kummerte ihn nicht mehr.

In der Schule, im Chore und wenn er auf der Strasse ging, dachte er sich mitten unter Menschen wie allein denn keiner war, der sich um ihn bekummerte oder an ihm teilnahm. Sein eignes aussres Schicksal war ihm daher so verachtlich, so niedrig und so unbedeutend geworden, dass er aus sich selbst nichts mehr machte an dem Schicksal einer Miss Sara Sampson, einer Julie und Romeos hingegen konnte er den lebhaftesten Anteil nehmen; damit trug er sich oft den ganzen Tag herum.

Nichts war ihm unausstehlicher, als, wenn die Lehrstunden geendigt waren, sich beim Herausgehen unter dem Schwarm seiner insgesamt besser gekleideten, muntern und lebhaftern Mitschuler zu befinden, von denen ihn keiner mehr an seiner Seite zu gehen wurdigte wie oft wunschte er sich in solchen Augenblicken endlich von der Last seines Korpers befreit und durch einen plotzlichen Tod aus diesem qualenden Zusammenhange gerissen zu werden! Wenn er denn etwa durch ein Gasschen, wo niemand neben ihm ging, sich den Blicken seiner Mitschuler entziehen konnte, wie froh eilte er dann in die einsamsten und abgelegensten Gegenden der Stadt, um seinen traurenden Gedanken eine Weile ungestort nachzuhangen.

Der grosste Dummkopf unter allen, welcher auch allgemein verachtet war gesellte sich zuweilen zu ihm, und Reiser nahm seine Gesellschaft mit Freuden an; denn es war doch ein Mensch, der sich zu ihm gesellte wenn er dann mit diesem ging, so horte er oft hie und da einen seiner Mitschuler zu dem andern sagen: Par nobile Fratrum! (Ein edles Paar Gebruder!) Mit diesem wirklichen Dummkopf wurde er also zugleich in eine Klasse geworfen.

Da nun der Rektor auch gesagt hatte, es wurde hochstens ein Dorfschulmeister aus ihm werden, so kam dies alles zusammen, um Reisern sein Selbstzutrauen ganzlich zu rauben, so dass er nun fast alles Zutrauen zu seinen eignen Verstandeskraften fahren liess und oft im Ernst anfing, sich selbst fur den Dummkopf zu halten, wofur er so allgemein erkannt wurde. Dieser Gedanke artete denn aber auch zugleich in eine Art von Bitterkeit gegen den Zusammenhang der Dinge aus er verwunschte in den Augenblicken die Welt und sich weil er sich als ein hochst verachtliches Wesen zum Spott der Welt geschaffen glaubte.

Wie weit das Vorurteil seiner Mitschuler gegen ihn und ihre Uberzeugung von seiner angebornen Dummheit ging, davon mag Folgendes zum Beweise dienen:

Der Rektor hatte ihm erlaubt, die Privatstunden, welche er in seinem Hause gab, mit zu besuchen. Unter andern gab nun der Rektor auch eine englische Stunde. Reiser hatte das Buch nicht, worin gelesen wurde, und konnte sich also zu Hause nicht uben, er musste mit einem andern einsehen; demohngeachtet begriff er in ein paar Wochen von blossem Zuhoren die meisten Regeln der englischen Aussprache; und da ihn der Rektor zufalligerweise auch einmal mit zum Lesen aufrief, so las er weit fertiger und besser als alle ubrigen, die das Buch gehabt und sich zu Hause geubt hatten.

Er horte also einmal in der Nebenstube uber sich sprechen, der Reiser musse doch so dumm nicht sein, weil er die schwere englische Aussprache so bald gefasst hatte; um nun diese gunstige Meinung von ihm ja nicht aufkommen zu lassen, behauptete sogleich einer geradezu, Reisers Vater sei ein geborner Englander, und er erinnre sich also der englischen Aussprache noch von seiner Kindheit her; die ubrigen waren sehr bereit, dies zu glauben und so war denn Reiser aufs neue zu seiner vorigen Niedrigkeit in den Augen seiner Mitschuler herabgesunken.

Man sieht aus diesem allen, dass die Achtung, worin ein junger Mensch bei seinen Mitschulern steht, eine ausserst wichtige Sache bei seiner Bildung und Erziehung ist, worauf man bei offentlichen Erziehungsanstalten bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit gewandt hat.

Was Reisern damals aus seinem Zustande retten und auf einmal zu einem fleissigen und ordentlichen jungen Menschen hatte umschaffen konnen, ware eine einzige wohlangewandte Bemuhung seiner Lehrer gewesen, ihn bei seinen Mitschulern wieder in Achtung zu setzen. Und das hatten sie durch eine etwas nahere Prufung seiner Fahigkeiten und ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf ihn sehr leicht bewirken konnen.

So verstrich nun dieser Winter fur ihn hochst traurig seine kleine Okonomie war ganzlich zerruttet er hatte sich in seinem schlechten Aufzuge nicht getraut, sein monatliches Geld von dem Prinzen zu holen. Bei dem Bucherantiquarius war er fur seine Einkunfte tief in Schulden geraten auch hatte er seine ubrigen notwendigsten Bedurfnisse an Wasche und Schuhen von den wenigen Groschen, die er wochentlich einnahm, und dem Chorgelde, das er erhielt, nicht bestreiten konnen, da er uberdem dem Bucherantiquarius alles zubrachte.

Unter diesen Umstanden reiste er in den Osterferien zu seinen Eltern, wo er den Degen ansteckte, mit dem er sich im Philotas erstochen hatte, und nun seinen Brudern taglich diese Rolle noch einmal vorspielte, sich auch von seinem verlassnen Zustande und der Verachtung, worin er bei seinen Mitschulern stand, hier nicht das mindeste merken liess, sondern vielmehr das Angenehme und Ehrbringende, was er von sich sagen konnte, auf alle Weise heraussuchte dass ihn namlich der Rektor auf einer Reise zur Gesellschaft mitgenommen, dass er in einer Privatstunde Englisch bei ihm gelernt habe, dass er bei dem Aufzug mit Fakkeln und Musik gewesen und wie es dabei zugegangen sei usw.

Auch fur sich selbst suchte er so viel wie moglich alles Unangenehme und Niederdruckende aus seinen Ideen zu verbannen denn er wollte hier nun einmal in einem vorteilhaften, ehrenvollen Lichte erscheinen, so wenig beneidenswert er auch war.

In dieser angenehmen Selbsttauschung brachte er hier einige Tage sehr vergnugt zu allein so leicht wie ihm diesmal geworden war, da er aus den Toren von Hannover gekommen und er die vier Turme der Stadt allmahlich aus dem Gesicht verloren hatte, so schwer wurde ihm ums Herz, da er sich diesen Toren wieder naherte und die vier Turme wieder vor ihm dalagen, die ihm gleichsam die grossen Stifte schienen, welche den Fleck seiner mannigfaltigen Leiden bezeichneten.

Insbesondre war ihm der hohe, eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze versehene Marktturm, da er ihn jetzt wieder sahe, ein furchterliche Anblick dicht neben diesem war die Schule das Spotten, Grinsen und Auszischen seiner Mitschuler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele da das grosse Zifferblatt an diesem Turm war er gewohnt, zum Augenmerk zu nehmen, sooft er die Schule besuchte, um zu sehen, ob er auch zu spat kame. Dieser Turm war so wie die alte Marktkirche ganz in gotischer Bauart von roten Backsteinen aufgebaut, die vor Alter schon schwarzlich geworden waren.

In eben dieser Gegend war es, wo den Missetatern ihr Todesurteil vorgelesen wurde kurz, dieser Marktkirchtum brachte alles in Reisers Phantasie zusammen, was nur fahig war, ihn plotzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu versetzen.

Er hatte in der Tat nicht schwermutiger sein konnen, als er es jetzt war, wenn er auch alles das vorausgewusst hatte, was ihm von nun an in diesem Orte seines Aufenthalts noch begegnen sollte. War aber schon vor einem Jahre, da er auch von seinen Eltern nach Hannover wieder zuruckkehrte, seine Traurigkeit nicht ohne Grund gewesen, so war sie es diesmal noch viel weniger, da ihm einer der schrecklichsten Zeitpunkte in seinem Leben bevorstand.

Ohne indes eine Ahndungskraft bei ihm vorauszusetzen, liess sich seine Schwermut sehr naturlich erklaren wenn man erwagt, dass seine Einbildungskraft jeden engsten Kreis seines eigentlichen wirklichen Daseins, worin er nun wieder versetzt werden sollte, schnell durchlief: die Schule, das Chor, das Haus des Rektors in diesen Kreisen, wovon ihn immer einer noch mehr wie der andre einengte und alle seine Strebekraft hemmte, sollte er sich von nun an wieder drehen wie gern hatte er in diesem Augenblick seinen ganzen Aufenthalt in Hannover gegen den dunkelsten Kerker vertauscht, der gewiss weit weniger Furchterliches und Schreckliches fur ihn gehabt haben wurde, als alle diese angstlichen Lagen.

Indem er nun so in schwermutige Gedanken vertieft einherging und schon nahe am Tore war, schoss auf einmal wie ein Blitz ein Gedanke durch seine Seele, der alles aufhellte und wodurch sich ihm alles wieder in einem schonern Lichte malte er erinnerte sich, dass er schon zu Hause bei seinen Eltern gehort hatte, es ware eine Schauspielergesellschaft nach Hannover gekommen, die den Sommer uber dort spielen wurde. Dies war die damalige Ackermannsche Truppe, welche fast alle die jetzt hin und her zerstreuten Zierden aller Buhnen Deutschlands in sich vereinigte.

Mit schnellen Schritten eilte nun Reiser der Stadt zu, die ihm vorher so verhasst und nun plotzlich wieder uber alles lieb geworden war ohne erst zu Hause zu gehen (es war noch Vormittag, denn er war die Nacht an einem Orte unterwegens geblieben, von welchem er nur noch ein paar Meilen bis nach Hannover zu gehen hatte), eilte er sogleich nach dem Schlosse, wo er wusste, dass der Komodienzettel mit dem Personenverzeichnis angeschlagen war, und las, dass man an demselben Abend noch Emilia Galotti auffuhren wurde.

Sein Herz schlug ihm fur Freuden, da er dies las, gerade dies Stuck, bei dem er schon so manche Trane geweint und so oft bis ins Innerste der Seele erschuttert worden, und was bis jetzt nur noch in seiner Phantasie aufgefuhrt war, nun auf dem Schauplatz mit aller moglichen Tauschung wirklich dargestellt zu sehn.

Er ware den Abend nicht aus der Komodie geblieben, hatte es auch kosten mogen, was es gewollt hatte da er nun zu Hause kam, so wurde die Stube, worin er schlief, geweisst und etwas darin gebaut, wodurch sie ganz unbewohnbar gemacht wurde. Dieser misstrostende Anblick des Orts seines eigentlichsten Aufenthalts trieb ihn noch mehr aus der wirklichen ihn umgebenden Welt hinaus er schmachtete nach der Stunde, wann das Schauspiel anheben wurde.

Wohin er kam, konnte er seine Freude nicht verbergen; da er bei der Frau Filter in die Stube trat, war sein erstes Wort die Komodie, welches sie ihm lange nachher vorwarf und ebenso war es, da er zu seinem Vetter, dem Peruckenmacher, kam, wo er nun einige Nachte auf dem Boden schlafen musste, wahrend dass seine Stube in dem Hause des Rektors erst wieder bewohnbar gemacht wurde.

Folgende Rollenbesetzung mag ohngefahr einen Begriff davon geben, was Emilia Galotti als das erste Schauspiel, das er in dieser Stimmung der Seele sahe, fur eine Wirkung auf ihn musse gehabt haben.

Die verstorbene Charlotte Ackermann spielte die Emilia, ihre Schwester die Orsina, und die Reinecken spielte die Claudia, Borchers den Odoardo, Brockmann den Prinzen, Reineck den Appiani und Dauer den Conti. Wo mag Emilia Galotti wohl je wieder so aufgefuhrt worden sein?

Wie machtig musste Reisers Seele hier eingreifen; da sie nun die Welt ihrer Phantasie gewissermassen wirklich gemacht fand! Er dachte von nun an keinen andern Gedanken mehr als das Theater und schien nun fur alle seine Aussichten und Hoffnungen im Leben ganzlich verloren zu sein.

Was er nun irgend an Geld auftreiben konnte, das wurde zur Komodie angewandt, aus welcher er nun keinen Abend mehr wegbleiben konnte, wenn er es sich auch am Munde abdarben sollte. Um der Komodie willen ass er oft den ganzen Tag uber nichts als etwas Salz und Brot, wenn ihm nicht etwa die alte Mutter des Rektors Essen auf seine Stube schickte, welches sie doch zuweilen aus Mitleid tat.

Und weil es nun Sommer war, so genoss er auch der Wonne, auf seiner Stube wieder allein sein zu konnen welches ihm mehr wert war als die kostlichsten Speisen, die er hatte geniessen konnen. Die Aussicht auf die Komodie am Abend trostete ihn, wenn er am Morgen zu einem traurigen Tage erwachte, wie er denn nie anders erwachte. Denn die Verachtung und der Spott seiner Mitschuler und das dadurch erregte Gefuhl seiner eignen Unwurdigkeit, welches er allenthalben mit sich umhertrug, dauerte noch immer fort und verbitterte ihm sein Leben. Und alles, was er tat, um sich hievon loszureissen, war im Grunde eine blosse Betaubung seines innern Schmerzes und keine Heilung desselben, sie erwachte mit jedem Tage wieder, und wahrend dass seine Phantasie ihm manche Stunde lang ein tauschendes Blendwerk vormalte, verwunschte er doch im Grunde sein Dasein.

Die haufigen Tranen, welche er oft beim Buche und im Schauspielhause vergoss, flossen im Grunde ebensowohl uber sein eignes Schicksal als uber das Schicksal der Personen, an denen er teilnahm, er fand sich immer auf eine nahere oder entferntere Weise in dem unschuldig Unterdruckten, in dem Unzufriednen mit sich und der Welt, in dem Schwermutsvollen und dem Selbsthasser wieder.

Die druckende Hitze im Sommer trieb ihn oft aus seiner Stube in die Kuche oder in den Hof hinunter, wo er sich auf einen Holzhaufen setzte und las und oft sein Gesicht verbergen musste, wenn etwa jemand hereintrat und er mit rotgeweinten Augen dasass.

Das war wieder the Joy of Grief, die Wonne der Tranen, die ihm von Kindheit auf im vollen Masse zuteil ward, wenn er auch alle ubrigen Freuden des Lebens entbehren musste.

Dies ging so weit, dass er selbst bei komischen Stucken, wenn sie nur einige ruhrende Szenen enthielten, als z.B. bei der Jagd, mehr weinte als lachte was aber auch ein solches Stuck damals fur Wirkung tun musste, kann man wieder aus der Rollenbesetzung schliessen, indem die Charlotte Ackermann Roschen, ihre Schwester Hannchen, die Reinecken die Mutter, Schroder den Toffel, Reineck den Vater und Dauer den Christel spielte.

Wenn irgend aussere Umstande fahig waren, jemanden einen entschiednen Geschmack am Theater beizubringen, so war es, Reisers Vorliebe und seine besondern Verhaltnisse abgerechnet, der Zufall, welcher diese vortrefflichen Schauspieler damals in eine Truppe zusammenbrachte.

Man kann nun leicht schliessen, wie Romeo und Julie, die Rache von Young, die Oper Klarisse, Eugenie, welche Stucke auf Reisern den starksten Eindruck machten, gegeben werden mussten.

Dies hatte nun auch so sehr alle seine Gedanken eingenommen, dass er alle Morgen den Komodienzettel gleichsam verschlang und alles, auch das: der Anfang ist prazise um halb sechs Uhr und der Schauplatz ist auf dem koniglichen Schlosstheater, gewissenhaft mitlas und fur einen vorzuglichen Schauspieler, den er etwa auf der Strasse erblickte, fast so viel Ehrfurcht wie ehemals gegen den Pastor Paulmann in Braunschweig empfand. Alles, was zum Theater gehorte, war ihm ehrwurdig, und er hatte viel darum gegeben, nur mit dem Lichtputzer Bekanntschaft zu haben.

Vor zwei Jahren hatte er schon den Herkules auf dem Oeta, den Grafen von Olsbach und die Pamela spielen sehen, wo Ekhof, Bock, Gunther, Hensel, Brandes nebst seiner Frau und die Seilerin die vorzuglichsten Rollen spielten, und schon von jener Zeit her schwebten die ruhrendsten Szenen aus diesen Stucken noch seinem Gedachtnis vor, worunter Gunther als Herkules, Bock als Graf von Olsbach und die Brandes als Pamela fast jeden Tag wechselsweise einmal in seine Gedanken gekommen waren und mit diesen Personen hatte er denn auch bis zur Ankunft der Ackermannschen Truppe die Stucke, die er las, in seiner Phantasie grosstenteils aufgefuhrt.

Es fugte sich also gerade bei ihm, dass er, wenn jene mit diesen zusammengenommen wurden, nun alle die vorzuglichsten Schauspieler Deutschlands zu sehen bekommen hatte, die jetzt in ganz Deutschland zerstreut sind.

Dadurch bildete sich ein Ideal von der Schauspielkunst in ihm, das nachher nirgends befriedigt wurde und ihm doch weder Tag und Nacht Ruhe liess, sondern ihn unaufhorlich umhertrieb und sein Leben unstat und fluchtig machte.

Weil er ehemals Bock und jetzt Brockmannen die Rollen spielen sahe, wobei am meisten geweint wurde, so waren diese auch seine Lieblingsakteurs, mit denen sich seine Gedanken immer am meisten beschaftigten.

Allein bei alle den glanzenden Szenen, die aus der Theaterwelt bestandig seiner Phantasie vorschwebten, wurden seine aussern Umstande von Tage zu Tage zu schlechter. Er verlor immer mehr in der Achtung der Menschen, geriet immer tiefer in Unordnung, seine Kleidung und Wasche wurden immer schlechter, so dass er am Ende Scheu trug, sich vor Menschen sehen zu lassen er versaumte daher, so oft er konnte, die Schule und das Chor und hungerte lieber, als dass er irgendeinen seiner noch ubrigen Freitische besucht hatte, ausgenommen den bei dem Schuster Schantz, wo er auch unter diesen misslichen Umstanden noch immer gastfreundlich empfangen und mit der liebreichsten Art bewirtet wurde.

Da nun dem Rektor endlich Reisers inkorrigible Unordnung und insbesondere das immerwahrende spate Zuhausekommen aus der Komodie unausstehlich wurde, so sagte er ihm das Logis auf.

Reiser horte die Ankundigung des Rektors, dass er zu Johanni ausziehen und sich wahrend der Zeit nach einem andern Logis umsehen sollte, mit ganzlicher Verhartung und Stillschweigen an, und da er wieder allein war, vergoss er nicht einmal eine Trane mehr uber sein Schicksal denn er war sich selbst so gleichgultig geworden und hatte so wenig Achtung gegen sich und Mitleid mit sich selber ubrig behalten, dass, wenn seine Achtung und Empfindung des Mitleids und alle die Leidenschaften, wovon sein Herz uberstromte, nicht auf Personen aus einer erdichteten Welt gefallen waren, sie notwendig sich alle gegen ihn selbst kehren und sein eignes Wesen hatten zerstoren mussen.

Da ihm der Rektor das Logis aufgesagt hatte, so zog er daraus die sichere Folge, dass nun auch der Pastor Marquard sich nicht weiter um ihn bekummern wurde, und so war es nun auf einmal mit allen seinen Aussichten und Hoffnungen vorbei. Die paar Wochen, welche er noch bei dem Rektor blieb, brachte er nach seiner gewohnlichen Weise zu dann zog er bei einem Burstenbinder ins Haus, wo nun das Vierteljahr, welches er von Johanni bis zu Michaelis zubrachte, das schrecklichste und furchterlichste in seinem ganzen Leben war, und wo er oft am Rande der Verzweiflung stand.

Da er nun hier eingezogen war, so fuhlte er sich auf einmal aus alle den Verbindungen, die er vormals so angstlich gesucht hatte, herausgesetzt und zwar, wie er selbst glaubte, durch seine eigne Schuld herausgesetzt. Der Prinz, der Pastor Marquard, der Rektor, alle die Personen, von denen sein kunftiges Schicksal abhing, waren nun nichts mehr fur ihn, und damit verschwanden zugleich alle seine Aussichten.

Was Wunder, dass sich durch diese Veranlassung eine neue Phantasie in seiner Seele bildete, in der er von nun an Trost suchte und sie Tag und Nacht mit sich umhertrug, und welche ihn von der ganzlichen Verzweiflung rettete.

Er hatte namlich damals unter andern die Operette Klarissa oder das unbekannte Dienstmadchen gesehen, und nicht leicht hatte in seiner Lage irgendein Stuck mehr Interesse fur ihn haben konnen als dieses.

Der vorzuglichste Umstand, wodurch dies grosse Interesse bei ihm bewurkt wurde, war, dass ein junger Edelmann sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und auch wirklich seinen Entschluss ausfuhrt. Reiser nahm auf die Veranlassung, die ihn dazu brachte, weil er namlich das unbekannte Dienstmadchen liebte usw., gar keine Rucksicht, sondern es war ihm eine so reizende Idee, dass ein gebildeter junger Mensch sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und nun ein so feiner, hoflicher und gesitteter Bauer ist, dass er sich unter allen ubrigen auszeichnet.

In dem Stande, worin sich Reiser begeben, war er nun einmal ganz zuruckgesetzt, und es schien ihm unmoglich, sich je wieder darin emporzuarbeiten. Allein fur einen Bauer hatte doch sein Geist einmal weit mehr Bildung erhalten, als es sonst zu diesem Stande bedarf als Bauer war er uber seinen Stand erhoben, als ein junger Mensch, der sich dem Studieren widmet und Aussichten haben soll, fand er sich weit unter seinen Stand erniedrigt. Die Idee, ein Bauer zu werden, wurde also nun bei ihm die herrschende und verdrangte eine Zeitlang alles ubrige.

Nun besuchte damals eines Bauern Sohn, namens M ..., die Schule, dem er im Lateinischen zuweilen einigen Unterricht gegeben hatte diesem sagte er seinen Entschluss, ein Bauer zu werden, worauf ihm dann derselbe eine detaillierte Schilderung von den eigentlichen Arbeiten eines Bauernknechtes machte, die Reisern seine schonen Traume wohl hatten verderben konnen, wenn seine Phantasie nicht zu stark dagegen angewurkt und nur immer die angenehmen Bilder mit Gewalt nebeneinander gestellt hatte. Sonst kommt auch selbst in der Operette Klarissa schon eine Stelle vor, wo ein Bauer dem jungen Edelmann, der ihm sein Gutchen abkaufen will, von seinem Vorsatz abrat und am Ende eine sehr ausdrucksvolle Arie singt, wie der Landmann gerade im besten Arbeiten begriffen ist, und auf einmal steigt ein Gewitter auf:

Die Blitze schiessen,

Die Donner rollen,

Und der Landmann geht verdriesslich,

Verdriesslich zu Hause.

Das 'verdriesslich' insbesondere war durch die Musik so ausgedruckt, dass die ganze Zauberei der Phantasie schon durch dies einzige Wort hatte zerstort werden konnen welches gleichsam das Gegengift aller Empfindsamkeit und hohen Schwarmerei ist, womit das Schmerzhafte, das Schreckliche, das Niederbeugende, das in Zorn Setzende, aber nur das Verdriesslichmachende nicht wohl bestehen kann.

Aber dies Gegengift half bei Reisern nicht er ging ganze Tage einsam fur sich umher und dachte darauf, wie er es machen wollte, ein Bauer zu werden, ohne doch in der Tat einen Schritt dazu zu tun vielmehr fing er an, sich in diesen sussen Schwarmereien selbst wieder zu gefallen wenn er sich nun als Bauer dachte, so glaubte er sich doch zu etwas Besserm bestimmt zu sein und empfand uber sein Schicksal wieder eine Art von trostendem Mitleid mit sich selbst.

Solange ihn nun diese Phantasie noch emporhielt, war er nur schwermutsvoll und traurig, aber nicht eigentlich verdriesslich uber seinen Zustand. Selbst seine Entbehrung der notwendigsten Bedurfnisse machte ihm noch eine Art von Vergnugen, indem er nun beinahe glaubte, dass er fur sein Verschulden doch zu sehr bussen musse, und also noch die susse Empfindung des Mitleids mit sich selbst behielt.

Endlich aber, nachdem er zum ersten Male drei Tage ohne zu essen zugebracht und sich den ganzen Tag uber mit Tee hingehalten hatte, drang der Hunger mit Ungestum auf ihn ein, und das ganze schone Gebaude seiner Phantasie sturzte furchterlich zusammen er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand, wutete und tobte und war der Verzweiflung nahe, da sein Freund Philipp Reiser, den er so lange vernachlassigt hatte, zu ihm hereintrat und seine Armut, die freilich auch nur in einigen Groschen bestand, mit ihm teilte.

Indes war dies nur ein sehr geringes Palliativ denn Philipp Reiser befand sich damals in nicht viel bessern Umstanden als Anton Reiser.

Dieser geriet nun wirklich in einen fortdaurenden furchterlichen Zustand, der der Verzweiflung nahe war.

Sowie sein Korper immer weniger Nahrung erhielt, verlosch allmahlich seine ihn sonst noch belebende Phantasie, und sein Mitleid uber sich selbst verwandelte sich in Hass und Bitterkeit gegen sein eignes Wesen. Ehe er nun einen Schritt zu der Verbesserung seines Zustandes getan oder sich an irgendeinen Menschen nur mit dem Schein einer Bitte gewandt hatte, unterwarf er sich lieber freiwillig mit der beispiellosesten Hartnackigkeit dem schrecklichsten Elende.

Denn mehrere Wochen hindurch ass er wirklich die Woche eigentlich nur einen einzigen Tag, wenn er zum Schuster Schantz ging, und die ubrigen Tage fastete er und hielt mit nichts als Tee oder warmen Wasser, das einzige, was er noch umsonst erhalten konnte, sein Leben hin. Mit einer Art von schrecklichem Wohlbehagen sahe er seinen Korper eben so gleichgultig wie seine Kleider von Tage zu Tage abfallen.

Wenn er auf der Strasse ging und die Leute mit Fingern auf ihn zeigten und seine Mitschuler ihn verspotteten und hinter ihm her zischten und Gassenbuben ihre Anmerkungen uber ihn machten so biss er die Zahne zusammen und stimmte innerlich in das Hohngelachter mit ein, das er hinter sich her erschallen horte.

Wenn er aber dann wieder zum Schuster Schantz kam, so vergass er doch alles wieder. Hier fand er Menschen, hier wurde auf einige Augenblicke sein Herz erweicht, mit der Sattigung seines Korpers erhielt seine Denkkraft und seine Phantasie wieder einen neuen Schwung, und mit dem Schuster Schantz kam wieder ein philosophisches Gesprach auf die Bahn, welches oft stundenlang dauerte, und wobei Reiser wieder an zu atmen fing und sein Geist wieder Luft schopfte dann sprach er oft in der Hitze des Disputierens uber einen Gegenstand so heiter und unbefangen, als ob nichts in der Welt ihn niedergedruckt hatte. Von seinem Zustande liess er sich nicht eine Silbe merken.

Selbst bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, beklagte er sich nie, wenn er zu ihm kam, und ging weg, sobald er sahe, dass gegessen werden sollte aber eines Kunstgriffes bediente er sich doch, wodurch es ihm gelang, sich vom Verhungern zu retten.

Er bat sich namlich fur einen Hund, den er bei sich zu Hause zu haben vorgab, von seinem Vetter die harte Kruste von dem Teig aus, worin das Haar zu den Perucken gebacken wurde, und diese Kruste nebst dem Freitische bei dem Schuster Schantz und dem warmen Wasser, das er trank, war es nun, womit er sich hinhielt.

Wenn nun sein Korper einige Nahrung erhalten hatte, so fuhlte er ordentlich zuweilen wieder etwas Mut in sich. Er hatte noch einen alten Virgil, den ihm der Bucherantiquarius nicht hatte abkaufen wollen; in diesem fing er an, die Eklogen zu lesen. Aus einer Wochenschrift, die Abendstunden, die er sich von Philipp Reisern geliehen hatte, fing er an, ein Gedicht, der Gottesleugner, das ihm vorzuglich gefiel, und einige prosaische Aufsatze auswendig zu lernen. Aber mit dem bald wieder fuhlbaren Mangel an Nahrung erlosch auch dieser aufglimmende Mut wieder, und dann war die Tatigkeit seiner Seele wie gelahmt. Um sich vor dem Zustande des todlichen Aufhorens aller Wirksamkeit zu retten, musste er zu kindischen Spielen wieder eine Zuflucht nehmen, insodern dieselben auf Zerstorung hinausliefen.

Er machte sich namlich eine grosse Sammlung von Kirsch und Pflaumenkernen, setzte sich damit auf den Boden und stellte sie in Schlachtordnung gegeneinander die schonsten darunter zeichnete er durch Buchstaben und Figuren, die er mit Tinte darauf malte, von den ubrigen aus und machte sie zu Heerfuhrern dann nahm er einen Hammer und stellte mit zugemachten Augen das blinde Verhangnis vor, indem er den Hammer bald hie, bald dorthin fallen liess wenn er dann die Augen wieder eroffnete, so sah er mit einem geheimen Wohlgefallen die schreckliche Verwustung, wie hier ein Held und dort einer mitten unter dem unruhmlichen Haufen gefallen war und zerschmettert dalag dann wog er das Schicksal der beiden Heere gegen einander ab und zahlte von beiden die Gebliebenen.

So beschaftigte er sich oft den halben Tag und seine ohnmachtige kindische Rache am Schicksal, das ihn zerstorte, schuf sich auf die Art eine Welt, die er wieder nach Gefallen zerstoren konnte. So kindisch und lacherlich dieses Spiel jedem Zuschauer wurde geschienen haben, so war es doch im Grunde das furchterlichste Resultat der hochsten Verzweiflung, die vielleicht nur je durch die Verkettung der Dinge bei einem Sterblichen bewirkt wurde.

Man sieht aber auch hieraus, wie nahe damals sein Zustand an Raserei grenzte und doch war seine Gemutslage wieder ertraglich, sobald er sich nur erst wieder fur seine Kirsch und Pflaumensteine interessieren konnte ehe er aber auch das konnte; wenn er sich hinsetzte und mit der Feder Zuge aufs Papier malte oder mit dem Messer auf den Tisch kritzelte das waren die schrecklichsten Momente, wo sein Dasein wie eine unertragliche Last auf ihm lag, wo es ihm nicht Schmerz und Traurigkeit, sondern Verdruss verursachte wo er es oft mit einem furchterlichen Schauder, der ihn antrat, von sich abzuschutteln suchte. Seine Freundschaft mit Philipp Reisern konnte ihm damals nicht zustatten kommen, weil es jenem nicht viel besser ging und so wie zwei Wandrer, die zusammen in einer brennenden Wuste in Gefahr vor Durst zu verschmachten sind, indem sie forteilen, eben nicht imstande sind, viel zu reden und sich wechselsweise Trost einzusprechen, so war dies auch jetzt der Fall zwischen Anton Reisern und Philipp Reisern.

Allein eben der G ..., welcher einst den sterbenden Sokrates gespielt hatte, wovon Reiser noch immer den Spottnamen trug, entschloss sich, bei ihm zu ziehen, und war auch gerade in denselben Umstanden wie Reiser, nur mit dem Unterschiede, dass er durch wirkliche Liederlichkeit hineingeraten war an ihm fand also Reiser nun einen wurdigen Stubengesellschafter.

Es dauerte nicht lange, so zog auch der Bauernsohn, namens M., zu diesen beiden, der ebenfalls in keinen bessern Umstanden war. Es fand sich also hier eine Stubengesellschaft von drei der armsten Menschen zusammen, die vielleicht nur je zwischen vier Wanden eingeschlossen waren.

Mancher Tag ging hin, wo sie sich alle drei mit nichts als gekochtem Wasser und etwas Brot hinhielten. Indes hatten G ... und M ... doch noch einige Freitische.

G ... war im Grunde ein Mensch von Kopf, der sehr gut sprach, und gegen den Reiser sonst immer viel Achtung empfunden hatte.

Einmal bekamen beide auch noch eine Anwandlung von Fleiss und fingen an, Virgils Eklogen zusammen zu lesen, wobei sie wirklich das reinste Vergnugen genossen, nachdem sie eine Ekloge mit vieler Muhe fur sich selbst herausgebracht hatten, und nun ein jeder eine Ubersetzung davon niederschrieb allein dies konnte naturlicherweise unter den Umstanden nicht lange dauern sobald ein jeder seine Lage wieder lebhaft empfand, so war aller Mut und Lust zum Studieren verschwunden.

In Ansehung der Kleidung war es mit G ... und M ... ebenso schlecht wie mit Reisern bestellt sie machten daher, wenn sie ausgingen, zusammen einen Aufzug, der das wahre Bild der Liederlichkeit und Unordnung schien, so dass man mit Fingern auf sie wies, weswegen sie denn auch immer auf Abwegen und durch enge Strassen aus der Stadt zu kommen suchten, wenn sie spazieren gingen.

Diese drei Leute fuhrten nun auch vollig ein Leben, wie es mit ihrem Zustande ubereinstimmte sie blieben oft den ganzen Tag im Bette liegen oft sassen sie alle drei zusammen, den Kopf auf die Hand gestutzt, und dachten uber ihr Schicksal nach; oft trennten sie sich, und ein jeder liess fur sich seiner Laune freien Lauf Reiser ging auf den Boden und musterte seine Kirschkerne M ... ging bei sein grosses Brot, das er sorgfaltig in einem Koffer verschlossen hatte und G ... lag auf dem Bette und machte Projekte, die denn nicht die besten waren, wie sich bald nachher zeigte. Zwei Bucher las doch Reiser damals, weil er kein anders hatte, zu verschiedenen Malen durch, indem er auf dem Boden zwischen seinen Kirschkernen sass das waren die Werke des Philosophen von Sanssouci und Popens Werke nach Duschens Ubersetzung, die er beide von dem Schuster Schantz geliehen bekommen hatte.

Diese drei Leute gingen nun auch eines Tages zusammen in einer schonen Gegend von Hannover langs dem Fluss spazieren, in welchem sich eine kleine Insel erhob, die ganz voller Kirschbaume stand.

Fur unsre drei Abenteurer waren diese Kirschbaume, die alle voll der schonsten Kirschen sassen, ein so einladender Anblick, dass sie sich des Wunsches nicht enthalten konnten, auf diese Insel versetzt zu sein, um sich an dieser herrlichen Frucht nach Gefallen sattigen zu konnen.

Nun fugte es sich gerade, dass eine Menge Flossholz den Fluss hinuntergeschwommen kam, welches sich in der Verengung des Flusses zwischen dem Ufer und der Insel zuweilen stopfte und eine anscheinende Brucke bis zu der Insel bildete.

Unter G ...s Anfuhrung, der in der Ausfuhrung solcher Projekte schon geubt zu sein schien, wurde nun ein Wagestuck unternommen, das leicht allen dreien das Leben hatte kosten konnen. Sie zogen namlich da, wo das Flossholz sich gestopft hatte, ein Stuck nach dem andern aus dem Wasser heraus und trugen es alle auf einen Fleck, wo ihnen die Passage uber den Fluss zwischen dem Ufer und der Insel am engsten zu sein schien, und nun bauten sie die Brucke, woruber sie gehen wollten, erst vor sich her, indem sie ein Stuck Holz nach dem andern vor sich hinwarfen, um festen Fuss zu fassen naturlicherweise musste diese Brucke unter ihnen zu sinken anfangen, und sie kamen sehr tief ins Wasser, ehe sie kaum die Halfte ihres gefahrlichen Weges zuruckgelegt hatten endlich landeten sie denn doch, obgleich mit Lebensgefahr, auf der Insel an.

Und nun bemachtigte sich aller dreier auf einmal ein Geist des Raubes und der Gier, dass ein jeder uber einen Kirschbaum herfiel und ihn mit einer Art von Wut plunderte.

Es war, als hatte man eine Festung mit Sturm erobert; man wollte fur die uberstandene Gefahr, die man sich selbst gemacht hatte, Ersatz haben und dafur belohnt sein.

Da man sich sattgegessen hatte, wurden alle Taschen, Schnupftucher, Halstucher, Hute, und was nur etwas in sich fassen konnte, von Kirschen vollgestopft und in der Dammerung wurde der Ruckweg uber die gefahrliche Brucke, wovon indes schon ein Teil weggeschwommen war, wieder angetreten und ohngeachtet der Beute, womit die Abenteurer belastet waren, mehr durch Zufall als Geschicklichkeit oder Behutsamkeit, glucklich geendet.

Reiser fand sich zu dergleichen Expeditionen gar nicht ubel aufgelegt dies deuchte ihm eigentlich nicht Diebstahl, sondern nur gleichsam eine Streiferei in ein feindliches Gebiet zu sein, die wegen des Muts, der dabei erfordert wird, immer noch eine ehrenvolle Sache ist.

Und wer weiss, zu welchen Wagestucken von der Art er noch unter G ...s Anfuhrung mit geschritten ware, wenn er langer bei diesem gewohnt hatte.

Allein dieser G ... gehorte denn doch im Grunde mehr zu den abgefeimten als zu den herzhaften Parteigangern denn er war niedertrachtig genug, selbst seine beiden Stubengesellschafter und Gefahrten, Reisern und M ..., zu bestehlen, indem er ihnen ein paar Bucher und andre Sachen, die sie noch hatten, nahm und heimlich verkaufte, wie sich nachher zeigte. Kurz, dieser G ..., mit dem Reiser so nahe zusammen wohnte, war im Grunde ein abgefeimter Spitzbube, der, wenn er den ganzen Tag uber auf dem Bette lag und nachsann, auf nichts als Bubereien dachte, die er ausfuhren wollte und der demohngeachtet von Tugend und Moralitat sprechen konnte wie ein Buch, wodurch er Reisern zuerst eine solche Ehrfurcht gegen ihn eingeflosst hatte.

Denn von der Tugend hatte er sich damals ein sonderbares Ideal gemacht, welches seine Phantasie so sehr einnahm, dass ihn oft schon der Name Tugend bis zu Tranen ruhrte.

Er dachte sich aber unter diesem Namen etwas viel zu Allgemeines und dachte dies Allgemeine viel zu dunkel und mit zu weniger Anwendung auf besondre Vorfalle, als dass es ihm je hatte gelingen konnen, auch den aufrichtigsten Vorsatz, tugendhaft zu sein, auszufuhren denn er dachte immer nicht daran, wo er nun eigentlich anfangen sollte.

Einmal kam er an einem schonen Abend von einem einsamen Spaziergang zu Hause, und der Anblick der Natur hatte sein Herz zu sanften Empfindungen geschmolzen, dass er viele Tranen vergoss und sich in der Stille gelobte, von nun an der Tugend ewig getreu zu sein! und da er diesen Vorsatz fest gefasst hatte, so empfand er ein so himmlisches Vergnugen uber diesen Entschluss, dass es ihm nun fast unmoglich schien, je von diesem begluckenden Vorsatze wieder abzuweichen. Mit diesen Gedanken schlief er ein und da er am Morgen erwachte, so war es wieder so leer in seinem Herzen; die Aussicht auf den Tag war so trube und ode; alle seine aussern Verhaltnisse waren so unwiederbringlich zerruttet; ein unuberwindlicher Lebensuberdruss trat an die Stelle der gestrigen Empfindung, womit er einschlief er suchte sich vor sich selbst zu retten und machte den Anfang tugendhaft zu sein damit, dass er auf den Boden ging und in Schlachtordnung gestellte Kirschkerne zerschmetterte.

Dies nun zu unterlassen und statt dessen etwa in dem alten Virgil, den er noch hatte, eine Ekloge zu lesen, ware der eigentliche Anfang zur Ausubung der Tugend gewesen aber auf diesen zu geringfugig scheinenden Fall hatte er sich bei seinem heldenmutigen Entschlusse nicht gefasst gemacht.

Wenn man die Begriffe der Menschen von der Tugend prufen wollte, so wurden sie vielleicht bei den meisten auf ebensolche dunkle und verworrene Vorstellungen hinauslaufen und man sieht wenigstens hieraus, wie unnutz es ist, im allgemeinen und ohne Anwendung auf ganz besondre und oft geringfugig scheinende Falle von Tugend zu predigen.

Reiser wunderte sich damals oft selbst daruber, wie seine plotzliche Anwandlung von Tugendeifer so bald verrauchen und gar keine Spur zurucklassen konnte aber er erwog nicht, dass Selbstachtung, welche sich damals bei ihm nur noch auf die Achtung anderer Menschen grunden konnte, die Basis der Tugend ist und dass ohne diese das schonste Gebaude seiner Phantasie sehr bald wieder zusammensturzen musste.

Sooft es ihm wahrend dieses Zustandes noch moglich gewesen war, einige Groschen zusammenzubringen, so oft hatte er sie auch in die Komodie getragen da aber die Schauspielergesellschaft in der Mitte des Sommers wieder wegzog, so war nun eine Wiese vor dem neuen Tore nicht nur das Ziel seiner Spaziergange, sondern fast sein immerwahrender Aufenthalt er lagerte sich hier zuweilen den ganzen Tag auf einen Fleck im Sonnenschein hin oder ging langs dem Flusse spazieren und freute sich vorzuglich, wenn er in der heissen Mittagsstunde keinen Menschen um sich her erblickte.

Indem er hier ganze Tage lang seinen melancholischen Gedanken nachhing, naherte sich seine Einbildungskraft unvermerkt mit grossen Bildern, welche sich erst ein Jahr nachher allmahlich zu entwickeln anfingen.

Sein Lebensuberdruss aber wurde dabei aufs ausserste getrieben oft stand er bei diesen Spaziergangen am Ufer der Leine, lehnte sich in die reissende Flut hinuber, indes die wunderbare Begier zu atmen mit der Verzweiflung kampfte und mit schrecklicher Gewalt seinen uberhangenden Korper wieder zuruckbog.

Dritter Teil

Vorrede

(1786)

Mit dem Schluss dieses Teils heben sich Anton Reisers Wanderungen und mit ihnen der eigentliche Roman seines Lebens an. Das in diesem Teil Enthaltne ist eine getreue Darstellung der Szenen seiner Junglingsjahre, welche andern, denen diese unschatzbare Zeit noch nicht entschlupft ist, vielleicht zur Lehre und Warnung dienen kann. Vielleicht enthalt auch diese Darstellung manche nicht ganz unnutze Winke fur Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen konnten, in der Behandlung mancher ihrer Zoglinge behutsamer und in ihrem Urteil uber dieselben gerechter und billiger zu sein! Auf diese Weise brachte er zwolf schreckliche Wochen seines Lebens zu, bis ihn endlich der Pastor Marquard durch die dritte Hand selbst wissen liess, dass er sich seiner wieder annehmen wolle, sobald er sich zur ernstlichen Abbitte und Reue uber sein Betragen bequemte.

Dies erweichte endlich sein Herz, da er uberdem seines hartnackigen Trotzes und des darauffolgenden langwierigen Elendes mude war. Er setzte sich hin und schrieb einen langen Brief an den Pastor Marquard, worin er sich selbst mit der grossten Erbitterung gegen sich herabsetzte sich als den unwurdigsten Menschen schilderte, den je die Sonne beschienen habe und sich kein besser Schicksal prophezeite, als dass er dereinst vor Armut und Durftigkeit unter freiem Himmel das Ende seines Lebens finden wurde Kurz, dieser Brief war in den uberspanntesten Ausdrucken der Selbstverachtung und Selbstherabwurdigung, die man sich nur denken kann, abgefasst und war doch nichts weniger als Heuchelei.

Reiser hielt sich wirklich damals fur ein Ungeheuer von Bosheit und Undankbarkeit und schrieb den ganzen Brief an den Pastor Marquard mit einer Erbitterung gegen sich selbst nieder, wie sie vielleicht nur bei irgendeinem Menschen moglich ist er dachte nicht daran, sich zu entschuldigen, sondern sich noch immer mehr anzuklagen.

Indes sahe er doch so viel ein, dass die Wut, Romanen und Komodien zu lesen und zu sehen, die nachste Veranlassung seines gegenwartigen Zustandes war aber wodurch ihm das Lesen von Romanen und Komodien zu einem so notwendigen Bedurfnis geworden war alle die Schmach und die Verachtung, wodurch er schon von seiner Kindheit aus der wirklichen in eine idealische Welt verdrangt worden war darauf zuruckzugehen hatte seine Denkkraft damals noch nicht Starke genug, darum machte er sich nun selbst unbilligere Vorwurfe, als ihm vielleicht irgendein anderer wurde gemacht haben in manchen Stunden verachtete er sich nicht nur, sondern er hasste und verabscheuete sich.

Die Beichte, welche er daher dem Pastor Marquard in dem an ihn gerichteten Briefe ablegte, war schrecklich und einzig in ihrer Art so dass der Pastor Marquard erstaunte, da er sie las denn vielleicht war ihm in seinem Leben nie so gebeichtet worden.

Da Reiser diesen Brief abgegeben hatte, so wartete er nur darauf, wann er bei dem Pastor Marquard wurde vorgelassen werden; und es wurde ihm ein Tag bestimmt, welchem er nun mit sonderbaren, vermischten Empfindungen von Furcht und Hoffnung und resignierter Verzweiflung entgegensahe.

Er hatte sich dabei auf eine sehr theatralische Szene gefasst gemacht, die ihm aber ganzlich missling. Er wollte namlich dem Pastor Marquard zu Fussen fallen und seinen ganzen Zorn auf sich herab erbitten. Die ganze Anrede an ihn hatte er sich schon in seinen Gedanken entworfen, und nun trug er sich bestandig mit dieser Idee herum, wo er ging und stund; bis zu dem Tage, wo er bei dem Pastor Marquard sollte vorgelassen werden.

Allein wahrend der Zeit ereignete sich fur ihn ein hochst verdriesslicher Umstand. Sein Vater hatte von seinem Zustande gehort und war nach Hannover herubergekommen, um Furbitte fur ihn einzulegen, welches Reisern deswegen hochst unangenehm war, weil er keiner fremden Fursprache zu bedurfen glaubte, sondern sich selbst schon fur fahig genug hielt, durch seine affektvolle Anrede, die er sich erlernt hatte, das Herz des Pastor Marquard zu ruhren.

Endlich erwachte er zu dem wichtigen Tage, wo er den Pastor Marquard sprechen sollte und seine Phantasie ging nun mit lauter grossen Dingen schwanger wie er voll Reue und Verzweiflung sich dem Pastor Marquard zu Fussen werfen und dieser ihn dann geruhrt aufheben und ihm verzeihen wurde.

Und da er nun endlich in das Haus des Pastor Marquard kam und sich diesem so lange vorbereiteten Auftritte mit schauervoller Sehnsucht naherte; indem er draussen wartete, bis man ihn hereinrufen wurde, kam endlich der Bediente heraus und sagte ihm, er solle nur hereinkommen, sein Vater sei schon bei dem Pastor Marquard.

Diese Nachricht war ein Donnerschlag fur ihn er stand eine Weile wie betaubt da in dem Augenblick scheiterte sein ganzer Plan er wollte den Pastor Marquard ohne Zeugen sprechen denn nur ohne Zeugen fuhlte er sich imstande, die ganze Szene mit dem Niederknieen vor dem Pastor Marquard und der ruhrenden und pathetischen Anrede an ihn zu spielen. In Gegenwart eines Dritten und vorzuglich in Gegenwart seines Vaters vor dem Pastor Marquard niederzuknieen, war ihm unmoglich.

Er schickte den Bedienten wieder herein und liess sagen, er musste den Pastor Marquard notwendig allein sprechen. Dies Gesprach wurde ihm abgeschlagen, und statt der glanzenden und ruhrenden Szene, die er zu spielen dachte, musste er nun, indem er hereintrat, ohne ein einziges Wort von seiner ganzen langstentworfenen Anrede vorbringen zu konnen, durch die Gegenwart seines Vaters bis zur Verachtung gedemutigt, wie ein Missetater dastehen.

Es bemachtigte sich seiner hiebei ein Gefuhl, das er in seinem Leben noch nicht gekannt hatte seinen Vater neben sich in bittender Stellung vor dem Pastor Marquard stehen zu sehen, war ihm unertraglich alles in der Welt hatte er darum gegeben, dass dieser in dem Augenblick hundert Meilen weit entfernt gewesen ware.

Er fuhlte sich in seinem Vater doppelt gedemutigt und beschamt und dann kam der Verdruss dazu, dass ihm die ganze Fussfallszene misslungen war alles ging nun so kalt, so gemein, so gewohnlich zu Reiser stand so unausgezeichnet wie ein ganz gemeiner, alltaglicher Bosewicht da, dem man uber sein Betragen die verdienten Vorwurfe macht und er wollte sich doch selbst als einen recht grossen Bosewicht schildern und selbst die harteste Strafe fur sein Verbrechen nun auf sich herab erbitten.

Allein kein Zufall in seinem Leben fugte sich vielleicht mehr zu seinem wahren Vorteil als eben dieser. Ware es ihm diesmal mit der angelegten Szene gelungen, wer weiss, wozu er in der Folge noch geschritten, und was fur Rollen er wurde gespielt haben. Vielleicht war dies eben der entscheidende Augenblick, wo sein Schicksal, ob er ein Heuchler und Spitzbube werden oder ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch bleiben sollte, auf der Spitze stand.

Die ganze Fussfallszene ware doch im Grunde, obgleich nicht offenbare Heuchelei und Verstellung, doch wenigstens Affektation gewesen, und der Ubergang von der Affektation zur Heuchelei und Verstellung, wie leicht ist der!

Es war gewiss eine wahre Wohltat fur Reisern, dass der Pastor Marquard alle die uberspannten Ausdrucke in seinem Briefe keiner Aufmerksamkeit wurdigte und, statt dadurch geruhrt zu sein, sie lacherlich fand und sie fur die unreife Geburt einer durch Romanen und Komodienlekture erhitzten Phantasie erklarte; mit dem Beifugen, wenn Reiser wirklich so ein Bosewicht ware, als er sich in dem Briefe geschildert hatte, so wurde er sich nicht das mindeste mehr um ihn bekummern, sondern ihn als ein Ungeheuer verabscheuen.

Und statt sich nun weiter in Erklarungen einzulassen, dass ihm das Vergangene verziehen sein solle, wenn er kunftig sich anders betruge und dergleichen, kam der Pastor Marquard auf eine gar nicht empfindsame Art sogleich auf Reisers zerrissene Schuhe und Strumpfe und auf die Schulden, die er gemacht hatte, und wie diese nun bezahlt und seine zerrissenen Kleidungsstucke wieder hergestellt wurden sollten. Nicht einmal zu feierlicher Angelobung kunftiger Besserung oder so etwas Ruhrendem liess er Reisern kommen. Sein ganzes Benehmen gegen ihn, ob er sich gleich seiner nun wieder annahm, war rauh und hart aber eben dies rauhe und harte Betragen war es, was Reisern aus seinem Schlummer weckte und ihn aus seiner idealischen Romanen und Komodienwelt wieder in die wirkliche Welt versetzte, insbesondere, da ihm sein Roman, den er mit dem Pastor Marquard zu spielen gedachte, misslungen war und er doch nun auch wieder aus seinem schrecklichen Zustande durch keine leere Phantasie, ein Bauer zu werden und dergleichen, sondern wirklich herausgerissen werden sollte.

Unzahlige gute Vorsatze und Entschliessungen drangten sich nun mit dieser Wendung seines Schicksals in seiner Seele wieder empor, die misslungene Fussfallszene schmerzte ihn zwar noch immer; endlich aber sohnte er sich auch daruber mit dem Schicksal aus und so fing nun eine neue Epoche seines Lebens an.

Er zog von dem Burstenbinder aus und wurde bei einem Schneider eingemietet, bei dem er in derselben Stube wohnen und auf dem Boden schlafen musste. Die Frau Filter und der Hofmusikus, welche in demselben Hause wohnten, nahmen sich seiner wieder an, indem sie ihm wochentlich einmal zu essen gaben.

Die Frau Filter liess ihn das kleine Madchen, welches sie bei sich hatte, im Schreiben und im Katechismus unterrichten er besuchte die Schule wieder regelmassig, man schopfte wieder neue Hoffnung von ihm selbst der Prinz liess ihn zu sich kommen und sprach ihn in Gegenwart des Pastor Marquard, der das Geld zu seiner Unterstutzung vom Prinzen fur ihn in Empfang nahm und damit seine Schulden tilgte.

So ging nun alles wieder so weit gut und er fing nun an wieder fleissig zu sein obgleich seine aussere Situation auch hier seinem Studieren eben nicht zu gunstig war denn in der Stube des Schneiders hatte er nichts wie sein angewiesenes Platzchen, wo sein Klavier stand, das ihm zugleich zum Tische diente, und unter welchem er zugleich seine ganze Bibliothek in ein kleines Bucherbrett aufgestellt hatte. Wenn er nun fur sich las und arbeitete, so konnte er um sich her nicht Stille gebieten; und solange der Winter dauerte, war er doch genotigt, in der Stube seines Wirts zu bleiben im Sommer zog er mit seinem Klavier und Buchern auf den Boden, wo er schlief und einsam und ungestort war.

Er war kaum einige Wochen aus seinem vorigen Logis und von seinen vorigen Stubengesellschaftern G ... und M ... weggezogen, so ereignete sich ein furchterlicher Vorfall, der ihn die Grosse und Nahe der Gefahr, in welcher er geschwebt hatte, sehr lebhaft empfinden liess.

G ... wurde namlich eines Tages, da er im Chore sang, auf offentlicher Strasse in Verhaft genommen und sogleich geschlossen in eines der tiefsten Gefangnisse auf dem ... Tore gebracht, welches nur fur die argsten Missetater bestimmt ist.

Reisern ergriff Beben und Entsetzen, da er ihn hinfuhren sahe und was das sonderbarste war, so machte der Gedanke, man mochte ihn etwa fur einen Mitschuldigen des noch unbekannten Verbrechens seines ehemaligen Stubengesellschafters halten, dass sich gerade solche Merkmale der Scham und Verwirrung bei ihm ausserten, als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen ware so dass seine Angst beinahe so gross wurde, als ob er wirklich selbst ein Verbrechen begangen hatte. Dies war eine naturliche Folge seines von Kindheit an unterdruckten Selbstgefuhls, das damals nicht stark genug war, den Urteilen anderer von ihm zu widerstehen hatte ihn jedermann fur einen offenbaren Verbrecher gehalten, so wurde er sich zuletzt vielleicht auch dafur gehalten haben.

Endlich kam es denn heraus, dass sein ehemaliger Stubengesellschafter G ... einen Kirchenraub begangen, Tressen von Altardecken bei der Nacht entwendet und, um die in den Stuhlen verwahrten mit Silber beschlagenen Gesangbucher zu stehlen, sogar Schlosser aufgebrochen hatte.

Das waren denn die Projekte gewesen, auf welche er ganze Tage hindurch auf dem Bette liegend gesonnen und gegrubelt hatte.

Den eigentlichen Kirchenraub aber hatte er erst verubt, nachdem Reiser schon von ihm weggegangen war, ob er gleich vorher sich schon verschiedener Diebereien schuldig gemacht hatte.

Auf sein Verbrechen stand nun eigentlich der Strang und Reisern wandelte immer die Furcht vor einem ahnlichen Schicksal an, sooft er dachte, wie nahe er diesem Menschen gewesen war, und wie leicht er stufenweise von ihm zu einem Wagstuck nach dem andern hatte verfuhrt werden konnen, da mit der Expedition auf der Kirscheninsel schon ein so heroischer Anfang gemacht worden war. Reiser wurde in dem nachtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als Niedertrachtiges gefunden haben, und es wurde G ... vielleicht nicht schwerer geworden sein, ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf der Kirscheninsel zu bereden.

Wer weiss, ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewusstsein mit zu Reisers Verwirrung beitrug, sooft von G ... gesprochen wurde es deuchte ihm nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen, zu dem er hatte verleitet werden konnen, dass es ihm ging wie einem, dem vor einem Abgrunde schwindelt, von welchem er noch weit genug entfernt ist, um nicht hereinzusturzen, der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam hingezogen fuhlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt.

Die leichte Moglichkeit, an G ...s Verbrechen teilzunehmen, welche Reiser bei sich empfand, erweckte bei ihm fast ein ahnliches Gefuhl, als ob er wirklich daran teilgenommen hatte, woraus sich also seine Angst und Verwirrung sehr gut erklaren lasst.

Indes kam es mit G ... so weit nicht, dass er gehangen wurde, sondern nachdem er einige Monate im Gefangnis gesessen hatte, ward sein Urteil dahin gemildert, dass er uber die Grenze gebracht und des Landes verwiesen wurde. Reiser hat von seinem Schicksale nachher nichts weiter erfahren konnen. So endigte es sich also mit dem eigentlichen sterbenden Sokrates, von welchem Reiser so lange den Spottnamen tragen musste, da er doch nicht den sterbenden Sokrates selbst, sondern nur einen unbedeutenden Freund desselben vorgestellt hatte, der nicht viel mehr tat, als dass er in einem Winkel stand und weinte, indes der sterbende Sokrates zur Ruhrung aller Zuschauer den Giftbecher trinken und sich auf dem Todbette noch in dem glanzendsten Lichte zeigen konnte.

Reiser hatte damals schon seit langer als einem Jahre angefangen, sich ein Tagebuch zu machen, worin er alles, was ihm begegnete, aufschrieb. Dies Tagebuch geriet denn ziemlich sonderbar, weil er keinen einzigen Umstand seines Lebens und keinen einzigen von den Vorfallenheiten des Tages, er mochte so unbedeutend sein, wie er wollte, darin ausliess. Da er nun nur lauter wirkliche Begebenheiten und seine Phantasien, die er den Tag uber hatte, nicht mit aufschrieb, so mussten die Erzahlungen von den Begebenheiten des Tages ebenso kahl und abgeschmackt und ohne alles Interesse sein, wie diese Begebenheiten selbst waren. Reiser lebte im Grunde immer ein doppeltes, ganz voneinander verschiedenes inneres und ausseres Leben, und sein Tagebuch schilderte gerade den aussern Teil desselben, der gar nicht der Muhe wert war, aufgezeichnet zu werden. Den Einfluss der aussern wurklichen Vorfalle auf den innern Zustand seines Gemuts zu beobachten, verstand Reiser damals noch nicht; seine Aufmerksamkeit auf sich selbst hatte noch nicht die gehorige Richtung erhalten.

Indes verbesserte sich doch sein Tagebuch mit der Zeit, indem er anfing, nicht nur seine Begebenheiten, sondern auch seine Vorsatze und Entschliessungen darin aufzuzeichnen, um nach einiger Zeit zu sehen, was er davon in Erfullung gebracht hatte. Er machte sich schon damals selber Gesetze, die er in seinem Tagebuche aufschrieb, um sie in Erfullung zu bringen. Auch tat er sich selbst zuweilen feierliche Gelubde, z.B. fruh aufzustehen, den Tag seine Stunden ordentlich einzuteilen und dergleichen mehr.

Aber es war sonderbar gerade die feierlichsten Vorsatze, welche er fasste, pflegten gemeiniglich am spatesten und kaltesten in Erfullung zu gehen wenn es zur Ausfuhrung im kleinen kam, so war das Feuer der Phantasie erloschen, womit er sich die Sache im ganzen und mit allen ihren angenehmen Folgen zusammengenommen gedacht hatte wenn er sich hingegen alles schlechtweg und ohne allen Prunk und Feierlichkeit vornahm, so ging die Ausfuhrung oft weit eher und besser vonstatten.

An guten Vorsatzen war er unerschopflich. Dies machte ihn aber auch bestandig mit sich selber unzufrieden, weil der guten Vorsatze zu viele waren, als dass er sich selber jemals hatte ein Genuge tun konnen.

Drei Tage, wo er einmal ununterbrochen mit sich zufrieden gewesen war, zeichnete er als eine grosse Merkwurdigkeit in seinem Leben auf, welche es auch wirklich fur ihn war denn diese drei Tage waren, fast so lange er denken konnte, die einzigen in ihrer Art. Es war aber gerade diese drei Tage uber ein glucklicher Zusammenfluss von Umstanden, heiteres Wetter, gesundes Blut, freundiche Gesichter bei denen Personen, zu denen er kam, und wer weiss was mehr, wodurch ihm die Ausfuhrung seiner guten Vorsatze nun merklich erleichtert wurde.

Er nahm ubrigens zu allerlei Mitteln seine Zuflucht, um sich fromm und tugendhaft zu erhalten. Vorzuglich suchte er alle Morgen edle und gute Gesinnungen in sich zu erwecken, indem er Popens allgemeines Gebet, das er sich englisch aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, hersagte und wirklich, sooft er es sagte, dadurch geruhrt und zu guten Vorsatzen und Entschliessungen aufs neue belebt wurde. Dann hatte er eine Anzahl Lebensregeln aus einem Buche ausgeschrieben, die er des Tages uber zu gewissen bestimmten Zeiten las und ein paar Chorarien, welche etwas zur Tugend und Frommigkeit vorzuglich Aufmunterndes hatten, wurden ebenfalls taglich zu bestimmten Stunden sehr gewissenhaft von ihm gesungen.

Waren nun hiebei seine aussern Verhaltnisse nur etwas gunstiger und aufmunternder geworden, so hatte Reiser mit diesen Vorsatzen und Bestrebungen, die doch bei einem jungen Menschen in seinem Alter (er war damals etwas uber sechszehn Jahr) wohl sehr selten sind, ein Muster von Tugend werden mussen.

Aber dies war es, was ihn immer wieder niederschlug, die Meinung der Menschen von ihm, welche er mit Gewalt nicht umandern konnte, und die doch ohnerachtet aller seiner Bestrebungen, ein bessrer Mensch zu werden, sich nicht ganz wieder zu seinem Vorteil lenken wollte er schien es nun einmal zu sehr verdorben und zu sehr die Erwartung aller von ihm getauscht zu haben, als dass er sich je die vorige Achtung und Liebe der Menschen hatte wieder erwerben konnen.

Insbesondre war ein Verdacht auf ihn gefallen, der ihn sehr unverdienterweise traf dies war der Verdacht der Luderlichkeit, weil er bei einem so luderlichen Menschen, wie G ... war, gewohnt hatte. Reiser war so weit hievon entfernt, dass ihm drei Jahre nachher, da er zufalligerweise ein anatomisches Buch zu sehen bekam, uber gewisse Dinge ein Licht aufging, wovon damals seine Begriffe noch sehr dunkel und verworren waren.

Sein Lesen aber bei dem Bucherantiquarius und sein Komodiengehn wurde ihm am schlimmsten ausgeleget und immer noch fur ein unverzeihliches Vergehen gehalten.

Nun fugte es sich gerade, dass eine Gesellschaft Luftspringer nach Hannover kam, und weil ein Platz nur eine Kleinigkeit kostete, so ging er einen einzigen Abend hin, um diese halsbrechenden Kunste mit anzusehen man hatte ihn erblickt und weil dies nun auch eine Art von Komodie war, so hiess es, sein alter Hang sei nun wieder erwacht, und es gehe kein Abend hin, dass er nicht den Schauplatz bei den Luftspringern besuchte; da truge er nun wieder sein Geld hin man sehe hieraus schon, dass doch nun nichts aus ihm werden wurde.

Seine Stimme war viel zu ohnmachtig, um sich gegen die Aussage derer zu erheben, die ihn alle Abend bei den Luftspringern wollten gesehen haben kurz, der einzige Abend, an welchem er hierher ging, brachte ihn wieder weiter in der Meinung der Menschen zuruck, als ihn sein ganzer bisheriger Fleiss und regelmassiges Betragen darin hatte vorwarts bringen konnen.

Hiezu kamen nun noch einige Sachen, die ihn sehr niederschlugen. Das Neujahr kam wieder heran, und er freute sich schon darauf, dass er nun bei dem Aufzug mit Fackeln und Musik doch wieder die Vorrechte seines Standes geniessen, in Reihe und Glied mit den ubrigen gehen und auch nun nicht mehr, wie das vorigemal, einer der letzten in der Ordnung sein wurde.

Um nun aber die Fackel und seinen Anteil zur Musik und sonstigen Kosten bezahlen zu konnen, wartete er nur auf die Austeilung des Chorgeldes, das er sich mit saurer Muhe im Frost und Regen hatte ersingen mussen, und indem er nun zum Direktor kam, um es in Empfang zu nehmen, war es dem Konrektor eingefallen, fur die Privatstunden, die Reiser in Sekunda bei ihm gehabt und nicht bezahlt hatte, Beschlag darauf zu legen. Reiser ging zu dem Konrektor hin und bat ihn flehentlich, ihm nur die Halfte von dem Chorgelde zu lassen; allein dieser war unerbittlich; und da Reiser wieder zum Direktor kam, so machte ihm auch der die bittersten Vorwurfe, dass er aufs neue in der Komodie bei den Luftspringern gewesen ware und sich sogar auf dem Markte vor der Schule Honig und Brot gekauft und das auf der Strasse gegessen habe. Eine Sache, die Reiser fur sehr etwas Unschuldiges und auch nicht fur erniedrigend hielt, die ihm aber jetzt als die grosste Niedertrachtigkeit ausgelegt wurde, und woruber ihn der Direktor einen schlechten Buben schalt, der weder Ehre noch Scham hatte, und mit dem er sich nicht weiter befassen wollte.

Nicht leicht war Reiser wohl in seinem ganzen Leben trauriger und niedergeschlagener gewesen, als da er jetzt vom Direktor zu Hause ging. Er achtete Wind und Schneegestober nicht, sondern irrte wohl anderthalb Stunden auf dem Wall und in der Stadt umher und uberliess sich seinem Gram und seinen lauten Klagen.

Denn alles war ihm nun auf einmal fehlgeschlagen; sein Bestreben, sich bei dem Direktor durch sein Betragen wieder in Gunst zu setzen; seine Hoffnung, ein gutes Chorgeld zu erhalten, welches ohnedem zu Neujahr immer am betrachtlichsten zu sein pflegte; und sein sehnlicher Wunsch, am morgenden Tage dem Aufzuge mit Fackeln und Musik beizuwohnen und dort offentlich mit in Reihe und Gliede zu gehn.

Was ihn aber am meisten schmerzte, war doch im Grunde das letzte und dies war sehr naturlich; denn durch seine Teilnehmung an dem Aufzuge fuhlte er sich gleichsam in alle Rechte seine Standes, die ihm so sehr verleidet waren, wieder eingesetzt davon ausgeschlossen zu bleiben, deuchte ihm eine der grossten Widerwartigkeiten, die ihm nur begegnen konnte. Das war auch die Ursach, weswegen er den Konrektor um Erlassung der Halfte von dem Chorgelde so flehentlich gebeten hatte, welches zu tun er sich sonst nie wurde erniedrigt haben.

Alle sein Sinnen und Denken, Geld zu bekommen, half nichts; er konnte sich keine Fackel kaufen und musste den folgenden Abend, wahrend dass alle seine Mitschuler im glanzenden Pomp unter einer Menge von Zuschauern uber die Strasse zogen, traurig an seinem Klavier zu Hause sitzen er suchte sich zu trosten, so gut er konnte; aber da er von fern die Musik horte, so tat dies eine sonderbare Wirkung auf sein Gemut er dachte sich lebhaft den Glanz der Fakkeln, die Menge der Zuschauer, das Getummel und seine Mitschuler als die Hauptpersonen dieses prachtvollen Schauspiels und sich nun ausgeschlossen, einsam und von aller Welt verlassen dies versetzte ihn in eine Wehmut, die derjenigen vollig ahnlich war, da seine Eltern ihn oben auf der Stube allein gelassen hatten, wahrend dass sie unten bei dem Wirt bei einer Gasterei waren, von welcher das frohe Gelachter und Klingen mit den Glasern zu ihm hinauf erschallte, und er sich da auch so einsam und von aller Welt verlassen fuhlte und sich aus den Liedern der Madam Guion trostete.

Dergleichen Vorfalle drangten ihn dann immer wieder aus der Welt in die Einsamkeit er war nicht vergnugter, als wenn er allein bei seinem Klavier sitzen und fur sich lesen und arbeiten konnte und wunschte nichts sehnlicher, als dass es bald Sommer sein mochte, um auf dem Boden, wo sein Bette stand, den ganzen Tag allein zubringen zu konnen.

Und da nun dieser sehnlich gewunschte Sommer kam, so genoss er nun auch zuallererst die Wonne des einsamen Studierens. Er liehe sich seit einiger Zeit wieder Bucher vom Antiquarius; aber sein Geschmack fiel nun auf lauter wissenschaftliche Bucher. Seine Romanen und Komodienlekture hatte seit jener schrecklichen Epoche seines Lebens ganzlich aufgehort.

Sobald die Luft nun anfing, warm zu werden, eilte er auf seinen Boden und brachte da die vergnugtesten Stunden seines Lebens mit Lesen und Studieren zu.

Er hatte sich von dem Bucherantiquarius unter andern Gottscheds Philosophie geliehen, und so sehr auch in diesem Buche die Materien durchwassert sind, so gab doch dies seiner Denkkraft gleichsam den ersten Stoss er bekam dadurch wenigstens eine leichte Ubersicht aller philosophischen Wissenschaften, wodurch sich die Ideen in seinem Kopfe aufraumten.

Sobald er dies merkte, nahm auch sein Eifer, die Sache bald zu ubersehen, mit jedem Tage zu. Er sah, dass das blosse Lesen nichts half er fing also an, sich auf kleinen Blattchen schriftliche Tabellen zu entwerfen, wo er das Detail immer dem Ganzen gehorig unterordnete und sich auf die Weise einen anschaulichen Begriff davon zu machen suchte.

Das simple Abschreiben des Hauptinhalts brachte fur ihn schon ein vorzugliches Interesse in die Sache denn indem er nun das Blatt, auf welches er die in dem Buche enthaltenen Materien niedergeschrieben hatte, beim Lesen des Buches vor sich hinlegte, erhielt er dadurch den Vorteil, dass er bei dem Einzelnen nie das Ganze aus den Augen verlor, welches doch beim philosophischen Denken immer ein Haupterfordernis ist und auch die grosste Schwierigkeit macht.

Alles, was er noch nicht durchdacht hatte, lag auf dieser Karte wie ein unbekanntes Land vor ihm, welches genauer kennen zu lernen er eine ordentliche Sehnsucht empfand.

Die Umrisse, das Fachwerk war durch die allgemeine Ubersicht des Ganzen einmal in seiner Seele gemacht, er strebte nun von den Lucken, die er erst jetzt empfinden konnte, eine nach der andern auszufullen. Und dasjenige, was ihm erst blosse leere Namen gewesen waren, wurden nun allmahlich vollgefullte deutliche Begriffe, und wenn er nun eben den Namen wieder las oder wieder dachte und ihm auf einmal alles so licht und helle wurde, was ihm vorher dunkel und verworren gewesen war, so bemachtigte sich seiner ein so angenehmes Gefuhl dabei, als er noch nie empfunden hatte er schmeckte zuerst die Wonne des Denkens.

Die immerwahrende Begierde, das Ganze bald zu uberschauen, leitete ihn durch alle Schwierigkeiten des Einzelnen hindurch. In seiner Denkkraft ging eine neue Schopfung vor. Es war ihm, als ob es erst in seinem Verstande dammerte und nun allmahlich der Tag anbrache und er sich an dem erquickenden Lichte nicht satt sehen konnte.

Er vergass hieruber fast Essen und Trinken und alles, was ihn umgab, und kam unter dem Vorwande von Kranklichkeit in einer Zeit von sechs Wochen fast gar nicht von seinem Boden herunter in dieser Zeit sass er vom Morgen bis an den Abend mit der Feder in der Hand bei seinem Buche und ruhete nicht eher, bis er vom Anfang bis zum Ende durch war.

Was hierbei seinen Eifer nie erloschen liess, war, wie schon gesagt, das bestandige Vor-Augen-halten des Hauptinhalts und das immerwahrende Unterordnen und Klassifizieren der Materien in seinem Kopfe sowohl als auf dem Papiere.

Er brachte also diesen Sommer, ohngeachtet seine aussern Verhaltnisse sich eben nicht sehr verbessert hatten, doch ziemlich vergnugt zu.

Wenigstens musste er die einsamen Stunden, welche er auf dem Boden zubrachte, immer unter die glucklichsten seines Lebens zahlen. Auch war er uberhaupt von nun an minder unglucklich, weil seine Denkkraft angefangen hatte, sich zu entwickeln.

Wo er ging und stund, da meditierte er jetzt, statt dass er vorher bloss phantasiert hatte und seine Gedanken beschaftigten sich mit den erhabensten Gegenstanden des Denkens mit den Vorstellungen von Raum und Zeit, von der hochsten vorstellenden Kraft usw.

Allein schon damals war es ihm oft, wenn er sich eine Weile im Nachdenken verloren hatte, als ob er plotzlich an etwas stiesse, das ihn hemmte und wie eine bretterne Wand oder eine undurchdringliche Decke auf einmal seine weitere Aussicht schloss es war ihm dann, als habe er nichts gedacht als Worte.

Er stiess hier an die undurchdringliche Scheidewand, welche das menschliche Denken von dem Denken hoherer Wesen verschieden macht, an das notwendige Bedurfnis der Sprache, ohne welche die menschliche Denkkraft keinen eignen Schwung nehmen kann und welche gleichsam nur ein kunstlicher Behelf ist, wodurch etwas dem eigentlichen reinen Denken, wozu wir dereinst vielleicht gelangen werden, ahnliches hervorgebracht wird.

Die Sprache schien ihm beim Denken im Wege zu stehen, und doch konnte er wieder ohne Sprache nicht denken.

Manchmal qualte er sich stundenlang, zu versuchen, ob es moglich sei, ohne Worte zu denken. Und dann stiess ihm der Begriff vom Dasein als die Grenze alles menschlichen Denkens auf da wurde ihm alles dunkel und ode da blickte er zuweilen auf die kurze Dauer seiner Existenz, und der Gedanke oder vielmehr Ungedanke vom Nichtsein erschutterte seine Seele es war ihm unerklarlich, dass er jetzt wirklich sei und doch einmal nicht gewesen sein sollte so irrte er ohne Stutze und ohne Fuhrer in den Tiefen der Metaphysik umher.

Manchmal, wenn er itzt im Chore sang und, statt dass seine Mitschuler sich miteinander unterredeten, einsam vor sich wegging und diese dann hinter ihm sagten: da geht der Melancholikus! so dachte er uber die Natur des Schalles nach und suchte zu erforschen, was sich dabei mit Worten nicht ausdrucken liess. Dies trat nun in die Stelle seiner vorigen romantischen Traume, womit er sich sonst so manche trube Stunde verphantasiert hatte, wenn er an einem traurigen Wintertage in Schnee und Regen im Chore sang.

Er liehe sich nun von dem Bucherantiquarius Wolfs Metaphysik und las auch die nach der einmal angefangenen Weise durch und wenn er nun zu dem Schuster Schantz kam, so war der Stoff zu ihren philosophischen Gesprachen weit reichhaltiger wie vorher und sie kamen von selbst auf alle die verschiedenen Systeme, welche von den Weltweisen der alten und neuern Zeiten vorgetragen und immer von einer unzahligen Menge nachgebetet sind.

Wahrend der Zeit war nun auch der Direktor Ballhorn, von dessen Freundschaft Reiser so viel gehofft hatte und so sehr in seiner Hoffnung getauscht war, nach einer kleinen Stadt nicht weit von Hannover als Superintendent befordert worden und ein andrer namens Schumann an dessen Stelle gekommen.

Diese Veranderung interessierte Reisern eben nicht sehr, der damals an nichts als an seine Metaphysik dachte. Der neue Direktor war ein alter Mann, welcher aber Kenntnisse und viel Geschmack besass und von Pedanterei, welches bei alten Schulmannern ein so seltener Fall ist, ziemlich frei war.

Wahrend dieser Veranderung fielen eine grosse Menge Schulstunden ohnedem aus. Reisers Versaumnis wurde also eben so merklich nicht. Und wenn nun ja eine Versaumnis von offentlichen Schulstunden gut genutzt worden ist, so war es die seinige in welcher er in Zeit von ein paar Monaten mehr tat und sein Verstand mit weit mehr Begriffen als seine ganzen akademischen Jahre hindurch bereichert wurde.

Nie horte er wenigstens den ganzen Kursus der Philosophie so ausfuhrlich wieder vortragen, als er ihn damals fur sich durchdacht hatte auch die ubrigen Wissenschaften, als Dogmatik, Geschichte usw., horte er nie auf der Universitat so ausfuhrlich wieder, als er sie zum Teil in Hannover auf der Schule gehort hatte.

Er hatte in seiner Jugend keinen Unterricht als im Rechnen und Schreiben genossen, welcher itzt fast ganzlich fur ihn verloren ging, weil er das Rechnen nicht zu uben Gelegenheit hatte und seine Hand durch das Nachschreiben verdarb. Nun fugte es sich, dass er einige Information im Schreiben bekam, die ihm zwar wenig oder gar nichts einbrachte, wobei er aber doch merklich seine Hand ubte; da er nun wieder anfing, die Schularbeiten mitzumachen, und dem Rektor seine Exerzitien brachte, so wunderte sich dieser sehr uber die Verbesserung seiner Hand und gab ihm sogleich etwas abzuschreiben, welches aber dort im Hause geschehen musste, so dass er auf diese Weise wieder Zutritt zu dem Rektor erhielt; welches ihn denn auch mit einiger Hoffnung, sich wieder in Kredit zu setzen, belebte, die aber bald niedergeschlagen wurde, da sein Vater einmal nach Hannover heruberkam und der Pastor Marquard demselben keinen andern Trost gab, als dass sein Sohn ein Schl ...l sei, aus dem nie etwas werden wurde.

Da sein Vater wieder wegreiste, begleitete er ihn bis vors Tor hinaus, und hier war es, wo ihm derselbe die trostlichen Worte des Pastor Marquard hinterbrachte und ihm dabei die bittersten Vorwurfe machte, dass er die Wohltaten, welche man ihm erwiesen, so schlecht erkennte, wobei er ihn zugleich auf den Rock, den er trug, verwies und ihm diesen als ein unverdientes Geschenk von seinen Wohltatern schilderte. Dies letztere brachte Reisern auf; denn der Rock, welcher von groben grauen Tuch war, das ihm ein volliges Bedientenansehen gab, war ihm immer verhasst gewesen, und er liess sich daher gegen seinen Vater verlauten, dass ein solcher Bedientenrock, den er zu seinem Arger tragen musse, eben kein grosses Gefuhl von Dankbarkeit bei ihm erwecken konne.

Daruber geriet sein Vater, dem die Grundsatze von der Demutigung und Ertotung alles Stolzes und Eigendunkels aus den Schriften der Madam Guion heilig waren, in eine Art von Wut drehte sich schnell von ihm und gab ihm seinen Fluch auf den Weg. Reiser wurde ebenfalls hiedurch in einen Zustand versetzt, worin er sich noch nie befunden hatte, alles, was er bisher von seinem widrigen Schicksal gelitten und geduldet hatte, und dass nun auch sein Vater sogar ihn von sich stiess und ihm seinen Fluch gab, fuhr ihm auf einmal durch die Seele.

Er stiess, indem er nach der Stadt zuruckging, laute Gotteslasterungen aus und war der Verzweiflung nahe er wunschte sich wirklich vom Erdboden verschlungen zu sein und der Fluch seines Vaters schien ihn im Ernst zu verfolgen.

Dies hemmte wieder auf eine Weile alle seine guten Vorsatze und seinen bisher freiwillig ununterbrochenen Fleiss.

Der Sommer ging nun zu Ende und ein anhaltender korperlicher Schmerz fing nun ofter wieder an, seinen Geist niederzudrucken. Er hatte von dieser Zeit an unaufhorliches Kopfweh, welches ein ganzes Jahr anhielt, so dass fast kein Tag und keine Stunde dazwischen ausfiel, wo er sich von diesem fortdaurenden Schmerz befreit gefuhlt hatte.

Der Schneider, bei dem er nun ein Jahr gewohnt hatte, sagte ihm auch das Logis auf, und er zog in einer abgelegenen Strasse bei einem Fleischer ins Haus, wo noch einige Schuler nebst ein paar gemeinen Soldaten im Quartier lagen.

Er musste sich hier auch mit unten in der Stube aufhalten, und seine Einrichtung mit dem Klavier und dem Bucherbrette darunter blieb wie vorher statt des Bodens aber erhielt er oben ein kleines Kammerchen, wo er mit noch einem Chorschuler schlief, und im Sommer, wenn es warm war, jeder fur sich allein sein konnte.

Der Umgang mit seinem Wirt, dem Fleischer, mit den beiden Soldaten, die dort im Quartier lagen, und ein paar luderlichen Chorschulern, die noch nebst ihm da wohnten, konnte zur Bildung und Verfeinerung seiner Sitten eben nicht viel beitragen.

Alles versammlete sich im Winter des Abends in der Stube, und weil er bei dem Gerausch und Larmen doch nicht arbeiten konnte, so mischte er sich lieber mit unter den Haufen und amusierte sich mit den Leuten, die nun einmal den nachsten Kreis um ihn her ausmachten, so gut er konnte.

Ohngeachtet seiner immerwahrenden Kopfschmerzen arbeitete er doch auch, sooft er nur ein wenig in Ruhe sein konnte, fur sich und lernte auf die Weise in Zeit von einigen Wochen Franzosisch, indem er sich einen lateinischen Terenz mit der franzosischen Ubersetzung liehe und sich taglich ununterbrochen selbst eine Lektion gab; er kam dadurch wenigstens so weit, dass er von der Zeit an jedes franzosische Buch ziemlich verstehen konnte.

Da sich indes sein ausserer Zustand nicht verbesserte und uberdem noch korperlicher Schmerz ihn unaufhorlich druckte, so versetzte ihn dies in eine Seelenstimmung, wo ihm Youngs Nachtgedanken, die er damals zufalligerweise erhielt, eine hochst willkommene Lekture waren es deuchte ihm, als fande er hier alle seine vorigen Vorstellungen von der Nichtigkeit des Lebens und der Eitelkeit aller menschlichen Dinge wieder. Er konnte sich nicht satt in diesem Buche lesen und lernte die Gedanken und Empfindungen, welche darin herrschen, beinahe auswendig.

Die einzige Linderung bei seinen Kopfschmerzen war, wenn er ausgestreckt rucklings auf dem Bette liegen konnte in dieser Stellung blieb er denn oft ganze Tage lang und las dies war der einzige ihm ubriggebliebene Genuss des Lebens, an dem er sich noch festhielt, da sonst die totendste Langeweile ihm das elende Leben, was er noch fortschleppte, unertraglich gemacht haben wurde.

Um sich nun zuweilen dem Gerausch, das ihn umgab, zu entziehen, scheute er manchmal weder Regen noch Schnee, sondern machte des Abends, wenn es dunkel wurde und er sicher war, dass er von niemanden gesehen, noch von irgendeinem Menschen wurde angeredet werden, einen Spaziergang auf dem Walle um die Stadt; und bei diesen Spaziergangen war es, wo sich sein Geist immer etwas wieder ermannte und ein Funke von Hoffnung, sich aus seinem schrecklichen Zustande herauszuarbeiten, in seiner Seele wieder emporglimmte.

Wenn er dann auf den Strassen, die an den Wall grenzten, in den Hausern Licht angesteckt sahe und sich nun dachte, dass in jeder erleuchteten Stube, deren in einem Hause oft so viele waren, eine Familie oder sonst eine Gesellschaft von Menschen oder ein einzelner Mensch lebte, und dass eine solche Stube also in dem Augenblick die Schicksale und das Leben und die Gedanken eines solchen Menschen oder einer solchen Gesellschaft von Menschen in sich fasste, und dass er auch nun nach dem vollendeten Spaziergange in eine solche Stube wieder zuruckkehren wurde, wo er gleichsam hingebannt und wo der eigentliche Fleck seines Daseins ware, so brachte dies bei ihm zuerst eine sonderbare demutigende Empfindung hervor, als sei nun sein Schicksal unter diesen unendlichen verwirrten Haufen sich einander durchkreuzender menschlicher Schicksale gleichsam verloren und werde dadurch klein und unbedeutend gemacht. Dann erhoben aber auch eben diese Lichter in den einzelnen Stuben in den Hausern am Walle zuweilen seinen Geist wieder, wenn er einen Uberblick des Ganzen daraus schopfte und sich aus seiner eigenen kleinen einengenden Sphare, wodurch er sich unter allen diesen im Leben unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mitverlor, herausdachte und sich ein besonderes ausgezeichnetes Schicksal prophezeite, wovon die susse Vorstellung, indem er dann mit schnellen Schritten vorwarts ging, ihn aufs neue mit Hoffnung und Mut belebte.

Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksalen er ebensowenig als sie von den seinigen wusste, hat nachher bestandig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt die Eingeschranktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich.

Er fuhlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur einer.

Sich in das ganze Sein und Wesen eines andern hineindenken zu konnen, war oft sein Wunsch wenn er so auf der Strasse zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging so wurde ihm der Gedanke der Fremdheit dieses Menschen, der ganzlichen Unbewusstheit des einen von dem Namen und Schicksalen des andern so lebhaft, dass er sich, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andrangte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphare zu kommen und zu versuchen, ob er die Scheidewand nicht durchdringen konnte, welche die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte. Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht nicht unschicklich, hier herangezogen zu werden er dachte sich damals zuweilen, wenn er andere Eltern als die seinigen hatte und die seinigen ihn nun nichts angingen, sondern ihm ganz gleichgultig waren. Uber den Gedanken vergoss er oft kindische Tranen seine Eltern mochten sein, wie sie wollten, so waren sie ihm doch die liebsten und er hatte sie nicht gegen die vornehmsten und gutigsten vertauscht. Aber zugleich kam ihm auch schon damals das sonderbare Gefuhl von dem Verlieren unter der Menge, und dass es noch so unzahlig viele Eltern mit Kindern ausser den seinigen gab, worunter sich diese wieder verloren

Sooft er sich nachher in einem Gedrange von Menschen befunden hat, ist eben dies Gefuhl der Kleinheit, Einzelnheit und fast dem Nichts gleichen Unbedeutsamkeit in ihm erwacht. Wieviel ist des mir gleichen Stoffes hier! welch eine Menge von dieser Menschenmasse, aus welcher Staaten und Kriegsheere, so wie aus Baumstammen Hauser und Turme gebauet werden!

Das waren ohngefahr die Gedanken, die damals ein dunkles Gefuhl in ihm hervorbrachten, weil er sie nicht in Worte einzukleiden und sie sich nicht deutlich zu machen wusste.

Einmal, da vier Missetater auf dem Rabensteine vor Hannover gekopft wurden, ging er unter der Menge von Menschen mit hinaus und sahe nun vier darunter, welche aus der Zahl der ubrigen ausgetilget und zerstuckt werden sollten. Dies kam ihm so klein, so unbedeutend vor, da der ihn umgebenden Menschenmasse noch so viel war als ob ein Baum im Walde umgehauen oder ein Ochse gefallt werden sollte und da nun die Stucken dieser hingerichteten Menschen auf das Rad hinaufgewunden wurden und er sich selbst und die um ihn her stehenden Menschen ebenso zerstuckbar dachte so wurde ihm der Mensch so nichtswert und unbedeutend, dass er sein Schicksal und alles in dem Gedanken von tierischer Zerstuckbarkeit begrub und sogar mit einem gewissen Vergnugen wieder zu Hause ging und seinen Haarteig auf dem Wege verzehrte denn es war damals gerade sein schreckliches Vierteljahr, wo er manche Tage bloss von diesem Teige lebte. Nahrung und Kleidung war ihm gleichgultig so wie Tod und Leben ob nun eine solche bewegliche Fleischmasse, deren es eine so ungeheure Anzahl gibt, auf der Welt mehr umhergeht oder nicht! Dann konnte er sich nicht enthalten, sich immer an den Platz der zerstuckten und in Stucken auf das Rad gewundenen hingerichteten Missetater zu stellen und dachte dabei, was schon Salomo gedacht hat: 'Der Mensch ist wie das Vieh; wie das Vieh stirbt, so stirbt er auch.'

Wenn er von dieser Zeit an ein Tier schlachten sahe, so hielt er sich immer in Gedanken damit zusammen und da er es bei dem Schlachter auch so oft zu sehen Gelegenheit hatte, so ging eine ganze Zeitlang sein blosses Denken dahin den Unterschied zwischen sich und einem solchen Tier, das geschlachtet wird, auszumitteln. Er stand oft stundenlang und sah so ein Kalb mit Kopf, Augen, Ohren, Mund und Nase an; und lehnte sich, wie er es bei fremden Menschen machte, so dicht wie moglich an dasselbe an, oft mit dem torichten Wahn, ob es ihm nicht vielleicht moglich wurde, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres hineinzudenken es lag ihm alles daran, den Unterschied zwischen sich und dem Tiere zu wissen und zuweilen vergass er sich bei dem anhaltenden Betrachten desselben so sehr, dass er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben. Kurz, wie ihm sein wurde, wenn er z.B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein anderes Tier ware das beschaftigte von Kindheit auf schon oft seine Gedanken. Und da er sich nun den Unterschied zwischen Korper und Geist gedacht hatte, so war ihm nichts wichtiger, als zugleich irgendeinen wesentlichen Unterschied zwischen sich und dem Tiere aufzufinden, weil er sich sonst nicht uberreden konnte, dass das Tier, welches ihm in seinem Korperbau so ahnlich war, nicht ebenso wie er einen Geist haben sollte.

Und wo blieb nun der Geist nach der Zerstorung und Zerstuckelung des Korpers? Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen, die vorher durch die Scheidewand des Korpers bei einem jeden voneinander abgesondert waren und nur durch die Bewegung einiger Teile dieser Scheidewand einander wieder mitgeteilt wurden, schienen ihm nach dem Tode der Menschen in eins zusammenzufliessen da war nichts mehr, das sie absonderte und voneinander trennte er dachte sich den ubrig gebliebenen und in der Luft herumfliegenden Verstand eines Menschen, der bald in seiner Vorstellungskraft zerflatterte.

Und dann schien ihm aus der ungeheuren Menschenmasse wieder eine so ungeheure unformliche Seelenmasse zu entstehen wo er immer nicht einsahe, warum gerade so viel und nicht mehr und nicht weniger da waren, und weil die Zahl ins Unendliche fortzugehen schien, das Einzelne endlich fast so unbedeutend wie nichts wurde.

Diese Unbedeutsamkeit, dies Verlieren unter der Menge war es vorzuglich, was ihm oft sein Dasein lastig machte.

Nun ging er einmal eines Abends traurig und missmutig auf der Strasse umher es war schon in der Dammerung, aber doch nicht so dunkel, dass er nicht von einigen Leuten hatte gesehen werden konnen, deren Anblick ihm unertraglich war, weil er ihnen ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein glaubte.

Es war eine nasskalte Luft und regnete und schneiete durcheinander seine ganze Kleidung war durchnetzt plotzlich entstand in ihm das Gefuhl, dass er sich selbst nicht entfliehen konnte.

Und mit diesem Gedanken war es, als ob ein Berg auf ihm lag er strebte sich mit Gewalt darunter emporzuarbeiten, aber es war, als ob die Last seines Daseins ihn darnieder druckte.

Dass er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen, mit sich schlafen gehen bei jedem Schritte sein verhasstes Selbst mit sich fortschleppen musste.

Sein Selbstbewusstsein mit dem Gefuhl von Verachtlichkeit und Weggeworfenheit wurde ihm ebenso lastig wie sein Korper mit dem Gefuhl von Nasse und Kalte; und er hatte diesen in dem Augenblick ebenso willig und gerne wie seine durchnetzten Kleider abgelegt hatte ihm damals ein gewunschter Tod aus irgendeinem Winkel entgegengelachelt.

Dass er nun unabanderlich er selbst sein musste und kein anderer sein konnte; dass er in sich selbst eingeengt und eingebannt war das brachte ihn nach und nach zu einem Grade der Verzweiflung, der ihn an das Ufer des Flusses fuhrte, welcher durch einen Teil der Stadt ging, wo dasselbe mit keinem Gelander versehen war.

Hier stand er zwischen dem schrecklichsten Lebensuberdruss und der instinktmassigen unerklarlichen Begierde fortzuatmen, kampfend, eine halbe Stunde lang, bis er endlich ermattet auf einem umgehauenen Baumstamm niedersank, der nicht weit vom Ufer lag. Hier liess er sich noch eine Weile gleichsam der Natur zum Trotz vom Regen durchnetzen, bis das Gefuhl einer fieberhaften Kalte und das Klappern seiner Zahne ihn wieder zu sich selbst brachte und ihm zufalligerweise einfiel, dass er den Abend bei seinem Wirt, dem Fleischer, frische Wurst zu essen bekommen wurde und dass die Stube sehr warm geheizt sein wurde. Diese ganz sinnlichen und tierischen Vorstellungen frischten die Lebenslust in ihm aufs neue wieder an er vergass sich, so wie er sich nach der Hinrichtung der Missetater vergessen hatte, ganz als Mensch und kehrte in seinen Gesinnungen und Empfindungen als Tier wieder heim.

Als Tier wunschte er fortzuleben; als Mensch war ihm jeder Augenblick der Fortdauer seines Daseins unertraglich gewesen.

Allein wie er sich schon so oft aus seiner wirklichen Welt in die Bucherwelt gerettet hatte, wenn es aufs ausserste kam, so fugte es sich auch diesmal, dass er sich gerade vom Bucherantiquarius die Wielandsche Ubersetzung von Shakespeare liehe und welch eine neue Welt eroffnete sich nun auf einmal wieder fur seine Denk und Empfindugskraft!

Hier war mehr als alles, was er bisher gedacht, gelesen und empfunden hatte. Er las Macbeth, Hamlet, Lear und fuhlte seinen Geist unwiderstehlich mit emporgerissen jede Stunde seines Lebens, wo er den Shakespeare las, ward ihm unschatzbar. Im Shakespeare lebte, dachte und traumte er nun, wo er ging und stund und seine grosste Begierde war, das alles, was er beim Lesen desselben empfand, mitzuteilen und der nachste, dem er es mitteilen konnte, und welcher Gefuhl dafur hatte, war sein Freund Philipp Reiser, der in einer abgelegenen Gegend der Stadt wohnte, wo er sich eine neue Werkstatte angelegt hatte und Klaviere zimmerte, dabei sang er noch immer im Chore mit, aber nicht in dem, worin sich Anton Reiser befand. Sie waren also durch ihre aussern Verhaltnisse eine lange Zeit ohngeachtet ihrer ersten vertrauten Freundschaft voneinander getrennt worden.

Nun aber, da Anton Reiser seinen Shakespeare unmoglich fur sich allein geniessen konnte, so wusste er zu keinem Bessern damit zu eilen als zu seinem romantischen Freunde.

Diesem nun ein ganzes Stuck aus dem Shakespeare vorzulesen und auf alle dessen Empfindungen und Ausserungen dabei mit Wohlgefallen zu merken, war die grosste Wonne, welche Reiser in seinem Leben genossen hatte.

Sie widmeten ganze Nachte zu dieser Lekture, wo Philipp Reiser den Wirt machte, um Mitternacht Kaffee kochte und Holz im Ofen nachlegte dann sassen sie beide bei einer kleinen Lampe an einem Tischchen und Philipp Reiser hatte sich mit langem Halse herubergebeugt, sowie Anton Reiser weiter las und die schwellende Leidenschaft mit dem wachsenden Interesse der Handlung stieg.

Diese Shakespearenachte gehoren zu den angenehmsten Erinnerungen in Reisers Leben. Aber wenn auch durch irgend etwas sein Geist gebildet wurde, so war es durch diese Lekture, wogegen alles, was er sonst Dramatisches gelesen hatte, ganzlich in Schatten gesetzt und verdunkelt wurde. Selbst uber seine aussern Verhaltnisse lernte er sich auf eine edlere Art hinwegsetzen selbst bei seiner Melancholie nahm seine Phantasie einen hohern Schwung.

Durch den Shakespeare war er die Welt der menschlichen Leidenschaften hindurchgefuhrt der enge Kreis seines idealischen Daseins hatte sich erweitert er lebte nicht mehr so einzeln und unbedeutend, dass er sich unter der Menge verlor denn er hatte die Empfindungen Tausender beim Lesen des Shakespeare mit durchempfunden.

Nachdem er den Shakespeare und so, wie er ihn gelesen hatte, war er schon kein gemeiner und alltaglicher Mensch mehr es dauerte auch nun nicht lange, so arbeitete sich sein Geist unter allen seinen aussern druckenden Verhaltnissen, unter allem Spott und Verachtung, worunter er vorher erlag, empor wie der Verfolg dieser Geschichte zeigen wird.

Die Monologen des Hamlet hefteten sein Augenmerk zuerst auf das Ganze des menschlichen Lebens er dachte sich nicht mehr allein, wenn er sich gequalt, gedruckt und eingeengt fuhlte; er fing an, dies als das allgemeine Los der Menschheit zu betrachten.

Daher wurden seine Klagen edler als vorher die Lekture von Youngs Nachtgedanken hatte dies zwar auch schon gewissermassen bewirkt, aber durch den Shakespeare wurden auch Youngs Nachtgedanken verdrangt der Shakespeare knupfte zwischen Philipp Reisern und Anton Reisern das lose Band der Freundschaft fester. Anton Reiser bedurfte jemanden, an den er alle seine Gedanken und Empfindungen richten konnte, und auf wen sollte wohl eher seine Wahl gefallen sein als auf denjenigen, der einmal seinen angebeteten Shakespeare mit durchempfunden hatte!

Das Bedurfnis, seine Gedanken und Empfindungen mitzuteilen, brachte ihn auf den Einfall, sich wieder eine Art von Tagebuch zu machen, worin er aber nicht sowohl seine aussern geringfugigen Begebenheiten wie ehemals, sondern die innere Geschichte seines Geistes aufzeichnen und das, was er aufzeichnete, in Form eines Briefes an seinen Freund richten wollte.

Dieser sollte denn wiederum an ihn schreiben, und dies sollte fur beide eine wechselseitige Ubung im Stil werden. Diese Ubung bildete Anton Reisern zuerst zum Schriftsteller; er fing an, ein unbeschreibliches Vergnugen daran zu empfinden, Gedanken, die er fur sich gedacht hatte, nun in anpassende Worte einzukleiden, um sie seinem Freunde mitteilen zu konnen so entstanden ihm unter den Handen eine Anzahl kleiner Aufsatze, deren er sich zum Teil auch in reifern Jahren nicht hatte schamen durfen.

Die Ubung war zwar einseitig, denn Philipp Reiser blieb mit seinen Aufsatzen zuruck aber Anton Reiser hatte doch nun jemanden, dem er Gefuhl und Geschmack zutrauete, dessen Beifall oder Tadel ihm nicht gleichgultig war, und an den er denken konnte, sooft er etwas niederschrieb.

Nun war es sonderbar; wenn er im Anfang etwas niederschreiben wollte, so kamen ihm immer die Worte in die Feder: "Was ist mein Dasein, was mein Leben?" Diese Worte standen daher auch auf mehreren kleinen Stuckchen Papiere, die er hatte beschreiben wollen und dann, wenn es nicht ging, wieder wegwarf.

Seine dunkle Vorstellung vom Leben und Dasein, das wie ein Abgrund vor ihm lag, drangte sich immer zuerst in seiner Seele empor er fuhlte sich gedrungen, erst diesen wichtigsten Punkt seiner Zweifel und Besorgnisse zu berichtigen, ehe er irgend etwas anders zum Gegenstande seines Denkens machte. Es war also sehr naturlich, dass ihm wider seinen Willen diese Worte immer wieder in die Feder kamen, wenn er sich bemuhte, Gedanken niederzuschreiben.

Endlich arbeitete sich denn doch der Ausdruck durch die Gedanken durch und das erste, was ihm in ziemlich passende Worte einzukleiden gelang, war etwas Metaphysisches uber Ichheit und Selbstbewusstsein.

Denn da er nun weiter denken und Gedanken niederschreiben wollte, so lag ihm naturlicherweise nichts naher als dies: er wollte erst mit sich selbst gleichsam in Richtigkeit sein, ehe er zu etwas anderm schritte.

Nun fing er an, den Begriff des Individuums zu verfolgen, der ihm schon seit einigen Jahren, da er zuerst etwas von Logik gehort hatte, vorzuglich wichtig geworden war und da er nun endlich auf den hochsten Grad des Bestimmtseins von allen Seiten und des vollkommen sich selbst Gleichseins stiess so war es ihm nach einigem Nachdenken, als ob er sich selbst entschwunden ware und sich erst in der Reihe seiner Erinnerungen an das Vergangene wieder suchen musste. Er fuhlte, dass sich das Dasein nur an der Kette dieser ununterbrochenen Erinnerungen festhielt.

Die wahre Existenz schien ihm nur auf das eigentliche Individuum begrenzt zu sein und ausser einem ewig unveranderlichen, alles mit einem Blick umfassenden Wesen konnte er sich kein wahres Individuum denken. Am Ende seiner Untersuchungen dunkte ihm sein eignes Dasein eine blosse Tauschung, eine abstrakte Idee ein Zusammenfassen der Ahnlichkeiten, die jeder folgende Moment in seinem Leben mit dem entschwundenen hatte. Durch diese Begriffe von seiner eignen Eingeschranktheit veredelten sich seine Begriffe von der Gottheit er fing an, nun in diesem grossen Begriffe sein eignes Dasein zu fuhlen, das ihm ohnedem unter den Handen zu verschwinden, ohne Zweck, abgerissen und zerstuckt zu sein schien.

Aus diesen Reflexionen bildete sich der erste schriftliche Aufsatz, den er entwarf, und dem er die Form eines Briefes an seinen Freund gab, mit welchem er sich uber diese Materie oft zu unterreden pflegte, und der ihn wenigstens immer zu verstehen schien.

Dabei dauerten seine Kopfschmerzen immer fort allein er gewohnte sich zuletzt so daran, dass ihm sein Zustand ordentlich gefahrlich oder unnaturlich vorkam, wenn er einen Tag einmal keine Kopfschmerzen hatte.

Seine Zusammenkunfte mit Philipp Reisern wurden nun immer haufiger und er erhielt unvermuteterweise zu diesem noch einen Freund; dies war der Sohn des Kantors, namens Winter, einer seiner Mitschuler, gegen dessen Miene und Gesichtsbildung er fast immer eine Art von Antipathie gehegt und sich zugleich von ihm verachtet geglaubt hatte.

Dieser wusste von seinem Vater, dass Anton Reiser einmal Verse gemacht hatte, und weil er nun selbst fur jemanden ein Gedicht auf einen Geburtstag zu machen versprochen hatte, so suchte er Reisern auf und bat ihn um die Verfertigung dieses Gedichts, das er selbst auszuarbeiten nicht Lust oder Zeit hatte. Dies war fur Reisern die erste Veranlassung, seine ganz vernachlassigte Poesie wieder hervorzusuchen. Das kleine Gedicht gelang ihm nicht ubel. Winter besuchte ihn von der Zeit an ofter und versprach ihm einstmals, dass er ihm die Bekanntschaft eines merkwurdigen Mannes verschaffen wolle, der ubrigens ganz im Dunkeln lebe und nichts weiter als ein Essigbrauer sei. Reiser war sehr begierig auf diese Bekanntschaft es zog sich aber noch eine ganze Weile damit hin. Durch die Verse, welche ihm fur Winter gelungen waren, war seine schlummernde Neigung fur die Poesie wieder aufgeweckt allein seine Tragheit zog ihn zu der harmonischen Prosa zuruck, wozu sich sein Ohr durch die wiederholte Lekture der vortrefflichen Ebertschen Ubersetzung von Youngs Nachgedanken gewohnt hatte und nun fehlte es nur an einer aussern Veranlassung, die seiner Einbildungskraft einen ungewohnlichen Schwung zu geben vermochte.

Diese Veranlassung ereignete sich an einem truben und regnigten Sonntagnachmittage wo er im Chore sang er hatte erst mit Winter gesprochen, und dieser erkundigte sich unter andern nach seiner Lekture und wunderte sich, dass er ihn bestandig lesend getroffen habe. Reiser antwortete ihm, das sei ja noch das einzige, wodurch er sich wegen der Verachtung, der er so allgemein in der Schule und im Chore ausgesetzt ware, einigermassen schadlos halten konnte.

Durch dies Gesprach mit Winter, da er in kurzem seine Situation uberdachte, war sein Herz einmal lebhaften Eindrucken geoffnet worden und nun fugte es sich gerade, dass eben der Verclas, mit dem er einst nebst G ... den sterbenden Sokrates aufgefuhrt hatte, ihn zum Gegenstande seines groben Witzes machte und durch allerlei Anspielungen ihn bei seinen Mitschulern wieder lacherlich zu machen suchte, die denn auch bald mit einstimmten, so dass Reiser fast eine halbe Stunde lang das Ziel ihrer witzigen Einfalle war.

Er sagte auf alles dies kein Wort und krankte sich, indem er einsam vor sich wegging, innerlich daruber; und ob er sich gleich bemuhte, seine Krankung in Verachtung zu verwandeln, so wollte es ihm doch nicht recht damit gelingen; bis er sich endlich unvermerkt in eine bittere menschenfeindliche Laune hineinphantasierte, die durch nichts als das Andenken an seinen Philipp Reiser wieder gemildert wurde. Da nun auch der Vorsatz, seine Empfindungen und Gedanken an ihn niederzuschreiben, herrschend geworden war, so behielt derselbe auch diesmal selbst uber seinen Verdruss und seine Krankung zuletzt die Oberhand; er suchte sich das Krankende, was er empfunden hatte und noch empfand, in Worte einzukleiden, um es seiner Einbildungskraft desto lebhafter vorstellen zu konnen. Und ehe das Chorsingen noch geendigt war, war auch schon der Aufsatz, den er zu Hause niederschreiben wollte, unter allen Gerausch und Spott und Hohngelachter, das ihn umgab, vollig vollendet und die Freude daruber erhob ihn gewissermassen uber sich selbst und seinen eigenen Kummer. Sobald er zu Hause kam, schrieb er mit einer sonderbaren gemischten wehmutigen Empfindung, voll Schmerz uber seinen Zustand und voll Freude, dass es ihm gelungen war, durch die Sprache ein lebhaftes Bild von seinem Zustande zu entwerfen, folgende Worte nieder:

An Reiser!

Wie traurig ist doch das Dasein der Menschen und dieses nichtige Dasein machen wir uns noch selbst einander unertraglich, statt dass wir durch vertrauliche Geselligkeit uns in dieser Wuste des Lebens einander unsre Last erleichtern sollten.

Ist es nicht genug, dass wir im bestandigen Wahn und Irrtum wie in einem bezauberten Lande herumirren?

Mussen uns auch noch Ungeheuer anschreien? Muss auch noch ein boshafter Satyr uns mit seinem Hohngelachter die Seele durchbohren?

Wie ode, wie traurig ist hier alles um mich her! Und ich muss verlassen und einsam hier herumirren keine Stutze, kein Fuhrer!

Wohl mir! einen Haufen erblick ich dort; Menschen, mir gleich, auch diese Wuste durchirrend.

"O nehmt mich auf, Freunde, nehmt mich auf, dass ich mit euch diese Wuste durchziehe; und sie wird mir zur grunenden Aue werden!"

Sie nehmen mich auf wohl mir!

Weh mir! was seh ich? Sind das noch die Menschen, meine Bruder?

Ach, ihre Larve fallt ab und Teufel sinds und zur Holle wird mir nun die Wuste.

Ich fliehe, und ihr Hohngelachter heulet mir nach

'So habt ihr mich betrogen, menschliche Larven? Ha, keine Larve soll mich wieder betrugen! Nun sei mir willkommen, Nacht, und du Einsamkeit, und du, schwarzeste Melancholei. Alle ihr lachenden Scherze und alle ihr tobenden Freuden, Larven des Todes, seid auf ewig von mir verbannt! '

So ging ich und dachte, und finsterer Gram erfullte meine Seele.

Als plotzlich ein Jungling vor mir stand den Freund verkundigte sein Blick Empfindung sprach sein sanftes Auge schleunig wollt ich entfliehn aber er fasste so vertraulich meine Hand und ich blieb stehn er umarmte mich, ich ihn unsre Seelen flossen zusammen.

Und um uns wards Elysium. Reiser hatte wirklich kein wahreres Bild als dieses von seinem damaligen Zustande entwerfen konnen in allem, was er sagte, war nichts Ubertriebenes denn die Menschen, mit denen er zunachst durchs Leben ging, wurden wirklich fur ihn qualende Geister und zu den anschreienden Ungeheuern gehorte vorzuglich Verclas, dessen grober und doch boshafter Witz Reisern den Sonntagnachmittag bis tief in die Seele gekrankt hatte, da dieser Verclas doch sonst immer von ihm ein Freund hatte sein wollen wenigstens war er und der Landesverwiesene G ... noch die einzigen, die nach der Auffuhrung der Komodie mit Reisern umgingen, weil sie mit ihm ein gleiches Schicksal des Hasses und der Verachtung aller ihrer Mitschuler teilten und selbst dieser Verclas stellte sich nun mit auf die Seite derer, welchen Reiser ein Gegenstand des Spottes war und veranlasste diesen Spott sogar durch seine groben Witzeleien, womit er sich auf Reisers Kosten lustig machte. Dies alles vereinigte sich nun, ihn in die menschenfeindliche Laune zu versetzen, worin er den vorhergehenden Aufsatz entwarf. Durch das Andenken an Philipp Reisern, und weil doch auch der Sohn des Kantors, sein ehemaliger Feind, anfing, sein Freund zu werden, milderte dies schon seine bittere Laune so weit, dass er am Schluss seines Aufsatzes einlenkte und den sanften Empfindungen wieder Gehor gab.

Auf diese Weise hatte er nun in seinem Tagebuche schon verschiedene kleine Aufsatze an seinen Freund entworfen, als der Fruhling wieder herankam und zu Ostern die gewohnliche offentliche Schulprufung gehalten wurde, wobei er denn auch erschien.

Aber wie sehr wurde sein Mut niedergeschlagen, da er sich gegen die ubrigen betrachtete und sich gerade unter allen am schlechtesten gekleidet sahe er sass da wie verloren; auf ihn wurde gar keine Rucksicht genommen keine einzige Frage an ihn getan.

Den Vormittag hielt er es aus aber als er den Nachmittag wieder hinging und sich aufs neue unter dem ihn umgebenden Haufen wie verloren sahe konnte er es nicht langer aushalten er ging wieder fort, ehe noch die Prufung anging.

Und nun eilte er gerade zum Tore hinaus es war ein truber neblichter Himmel und ging auf ein kleines Waldchen zu, das nicht weit von Hannover liegt.

Sobald er aus dem Gewuhle der Stadt war und die Turme von Hannover hinter sich sah, bemachtigten sich seiner tausend abwechselnde Empfindungen. Alles stellte sich ihm auf einmal aus einem andern Gesichtspunkte dar er fuhlte sich aus alle den kleinlichen Verhaltnissen, die ihn in jener Stadt mit den vier Turmen einengten, qualten und druckten, auf einmal in die grosse offene Natur versetzt und atmete wieder freier sein Stolz und Selbstgefuhl strebte empor sein Blick scharfte sich auf das, was hinter ihm lag, und fasste es in einem kleinen Umfange zusammen.

Er sahe da die Priester mit ihren schwarzen Manteln und Kragen die Treppe hinaufsteigen und seine Mitschuler versammlet und Pramien unter sie austeilen, und dann wie ein jeder wieder nach Hause ging und sich alles so im Zirkel drehte und in dem Umfange der Stadt, die nun hinter ihm lag, und von der er sich immer weiter entfernte, alles das sich durckreuzende Gewimmel. Alles schien ihm da so dicht, so klein ineinander zu laufen, wie der zusammengedrangte Haufen Hauser, den er noch in der Ferne sahe und nun dachte er sich hier auf dem freien Felde die Stille, und dass ihn niemand bemerkte, niemand ihm eine hamische Miene machte und dort das larmende Gewuhl, das Rasseln der Wagen, denen er aus dem Wege gehn musste, die Blicke der Menschen, die er scheute das alles malte sich in seiner Einbildungskraft im kleinen und erweckte ein wunderbares Gefuhl in ihm, wie am Abend der Tag sich von der Dammerung scheidet und die eine Halfte des Himmels noch vom Abendrot erhellt ist, indes die andere schon im Dunkel ruht.

Er fuhlte ungewohnliche Kraft in seiner Seele, sich uber alles das hinwegzusetzen, was ihn darnieder druckte denn wie klein war der Umfang, der alle das Gewirre umschloss, in welches seine Besorgnisse und Bekummernisse verflochten waren, und vor ihm lag die grosse Welt.

Aber dann kehrte wieder das wehmutige Gefuhl zuruck: wo sollte er nun in dieser grossen oden Welt festen Fuss fassen, da er sich aus allen Verhaltnissen herausgedrangt sahe? Da wo auf einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen Schicksale zusammenlaufen, war es nichts, gar nichts!

Ihm fiel ein, dass verdrangt zu werden von Kindheit an sein Schicksal gewesen war wenn er bei irgend etwas zusehen wollte, wobei es darauf ankam, sich hinzuzudrangen, so war jeder andere dreister wie er und drangte sich ihm vor er glaubte, es sollte etwa einmal eine Lucke entstehen, wo er, ohne jemanden vor sich hinwegzudrangen, sich in die Reihe mit einfugen konnte aber es entstand keine solche Lucke und er zog sich von selbst zuruck und sahe nun in der Ferne dem Gedrange zu, indem er einsam dastand.

Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, dass er dem Gedrange nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen, schon einigen Ersatz fur die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu sehen bekam allein fuhlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel verloren.

Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte uber den Verdruss, den er zuerst empfand dass er an den Haufen sich nicht anschliessen konnte, drangte ihn in sich selbst zuruck und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen.

Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem truben und regnigten Nachmittage, wo er den hamischen Blicken seiner versammleten Mitschuler und der ganzlichen Vernachlassigung und dem unertraglichen Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er aus dem Tore von Hannover dem einsamen Walde zueilte.

Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei als alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen.

Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefuhl erhohte, seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf eine Zeitlang an keine Verhaltnisse mehr geknupft war, sondern in sich und fur sich selbst bestand.

Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er zuerst das Grosse im Leben von dessen Detail unterscheiden.

Alles, was ihn gekrankt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Muhe des Nachdenkens wert.

Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf die er schon lange bei sich genahrt hatte uber den in undurchdringliches Dunkel gehullten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins uber das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben die ihm so schwer gemacht wurde, ohne dass er wusste, warum? Und was nun endlich aus dem allen kommen sollte.

Dies erregte in ihm eine tiefe Melancholie. So wie er muhsam uber die durre Heide vor dem Walde im gelben Sande fortwanderte, umzog sich der Himmel immer truber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte als er in den Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort da kam er an ein Dorf und machte sich eben allerlei susse Vorstellungen von dem stillen Frieden, der in diesen landlichen Hutten herrschte, als er sich in einem der Hauser ein paar Leute, die wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein Kind schreien horte.

Also ist uberall Unmut und Missvergnugen und Unzufriedenheit, wo Menschen sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort.

Die einsamste Wuste wurde ihm wunschenswert und da ihn endlich auch in dieser die todliche Langeweile qualte, so blieb das Grab sein letzter Wunsch und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in der Welt von allen Seiten hatte mussen drucken, stossen und wegdrangen lassen, so zweifelte er endlich an einer vernunftigen Ursach seines Daseins sein Dasein schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefahrs.

Es wurde fruher wie gewohnlich Abend, weil der Himmel trube war und es starker anfing zu regnen und da er zu Hause wieder anlangte, war es schon vollig dunkel er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp Reisern:

'Vom Regen durchnetzt und von Kalte erstarrt kehr ich nun zu dir zuruck, und wo nicht zu dir zum Tode denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zweck sehe, unertraglich. Deine Freundschaft ist die Stutze, an der ich mich noch festhalte, wenn ich nicht unaufhaltsam in dem uberwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will.'

Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. Dies war gleichsam die neue Stutze, woran sich seine Lebenslust wieder festhielt und da den Nachmittag alle seine Empfindungen so ausserst stark und lebhaft gewesen waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder zuruckzurufen. Er hub also an:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,

O konnten dir es Worte sagen:

Ich weiss, du fuhltest meinen Schmerz

Mich krankt nicht hoffnungslose Liebe,

Nicht krankten unerfullte Triebe

Nach Ehr und Gold mein Herz.

Dieser Anfang bezog sich zum Teil auf Philipp Reisers verliebte Launen, womit ihn dieser oft qualte, indem er ihm alle die allmahlichen Fortschritte erzahlte, die er in der Gunst seines Madchens getan hatte und seine Hoffnungen und Aussichten, die sich alle auf die Erreichung der Gegengunst seines Madchens beschrankten. Wofur nun Anton Reiser gar keinen Sinn hatte, dem es nie eingefallen war, sich die Liebe eines Madchens zu erwerben, weil er es fur ganz unmoglich hielt, dass ihm bei seiner schlechten Kleidung und bei der allgemeinen Verachtung, der er ausgesetzt war, je ein solcher Versuch gelingen wurde.

Denn so wie er die Verachtung, welche auf seinen Geist fiel, gleichsam mit zu sich selber rechnete, so rechnete er auch die schlechte Kleidung mit zu seinem Korper, der ihm denn ebenso wenig liebenswurdig als sein Verstand achtungswurdig vorkam. Kurz, es war ihm der ungereimteste Gedanke von der Welt, dass er je von einem Frauenzimmer geliebt werden sollte. Denn von den Helden, die in den Romanen und Komodien, die er gelesen hatte, von Frauenzimmern geliebt wurden, machte er sich ein so hohes Ideal, das er nie zu erreichen imstande zu sein glaubte.

Die eigentlichen Liebesgeschichten waren ihm daher auch hochst langweilig, und am langweiligsten die Erzahlungen von den Liebesabenteuern, womit ihn sein Freund Philipp Reiser unterhielt, und die er manche Stunde bloss aus Gefalligkeit fur ihn anhorte.

Ubrigens fielen diese Erzahlungen seines Freundes immer sehr ins Romanhafte. Die ganze Prozedur vom ersten freundschaftlichen Handedruck bis zur eigentlichen wechselseitigen Liebeserklarung mit allen Zweifeln, Besorgnissen und allmahlichen Fortschritten, die dazwischen liegen, ging ihren vorgeschriebenen Gang wie in den Romanen und was nun Anton Reiser in den Romanen ganzlich ubergeschlagen oder doch nur fluchtig durchgelesen hatte, das musste er sich jetzt von seinem Freunde der Lange nach erzahlen lassen.

Der Gedanke, dass ihn z.B. nicht hoffnungslose Liebe, sondern ganz andre Dinge krankten, war also der naturlichste Eingang zu dem Gedicht an Philipp Reisern.

Seine Zweifel und Besorgnisse wegen seines angstlichen zwecklosen Daseins waren es, die ihn niederdruckten, und er fuhr fort:

Die Qual, die meine Seele fuhlet,

Die morderisch im Herzen wuhlet,

Verbannet jede andre Pein

Wer gab, in Tiefen hinzuschauen,

Um selbst mein Elend mir zu bauen,

Mir doch den tollen Vorwitz ein?

Grundlose Tiefen, die den Blicken

Nur Nacht und Graun entgegen schicken,

Und lohnen mit Melancholei

Sie kommt, dass auf dem ehrnen Throne

Sie nun in meiner Seele wohne,

Und rufet ihr Gefolg herbei.

Nun kam das Gefolge: die Sorgen, der Gram:

Ihm folgt, den Tod in ihren Blicken,

Verzweiflung, ihre Kocher schicken

Die letzten Pfeile auf mich ab

Nun sank die Melodie der aufeinanderfolgenden Empfindungen wieder in sanftes Mitleid mit sich selber zuruck:

Ja, jede Lust muss ich nun meiden,

Mir bluhen nicht des Lenzes Freuden, usw.

Hievon erhob sich der Gang der Ideen zu allgemeinen Betrachtungen uber das Leben, die sich aber zuletzt wieder in eben den schrecklichen Zweifeln endigten, von welchen die Melodie ausgegangen war:

Mein Pfad geht uber durre Heide,

Hier flieht mich hohnend jede Freude

Und lasst nur Ekel mir zuruck.

Ich wandre doch wohin ich reise?

Woher? das sage mir der Weise,

Der mehr als ich mich selber kennt

Mein Dasein das sich kaum entschwinget

Dem Augenblick, der es verschlinget,

Und bang nach seinem Ziele rennt;

Wem soll ich dieses Dasein danken?

Wer setzt ihm diese engen Schranken?

Aus welchem Chaos stiegs empor?

In welche greuelvolle Nachte

Sinkts wenn des Schicksals ehrne Rechte

Mir winket zu des Todes Tor?

Dies Gedicht floss gleichsam aus seiner Seele. Selbst der Reim und das Versmass machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in weniger als einer Stunde nieder. Nachher fing er bald an, Gedichte zu machen, bloss um Gedichte zu machen, und dies gelang ihm nie so gut.

Aber der Fruhling und Sommer des Jahres 1775 verfloss ihm nun ganz poetisch. Die angenehmen Shakespearenachte, welche er im Winter mit Philipp Reisern zugebracht hatte, wurden nun durch noch angenehmere Morgenspaziergange verdrangt.

Nicht weit von Hannover, wo der Fluss einen kunstlichen Wasserfall bildet, ist ein kleines Geholz, welches man nicht leicht irgendwo angenehmer und einladender finden kann.

Hierher wurden Wallfahrten noch vor Sonnenaufgang angestellt die beiden Wanderer nahmen sich ihr Fruhstuck mit, und wenn sie nun im Walde angelangt waren, so beraubten sie eine Menge Baumstamme ihres Mooses und bereiteten sich einen weichen Sitz, worauf sie sich lagerten und, wenn sie ihr Fruhstuck verzehrt hatten, sich einander wechselsweise vorlasen. Hierzu wurden besonders Kleists Gedichte ausgewahlt, die sie bei dieser Gelegenheit beinahe auswendig lernten.

Wenn sie dann am andern Tage wieder hinkamen, so suchten sie im ganzen Waldchen erst ihren gestrigen Platz wieder und fanden sich nun hier wie zu Hause in der grossen freien Natur, welches ihnen eine ganz besondere herzerhebende Empfindung war. Alles in diesem grossen Umkreise um sie her gehorte ihren Augen, ihren Ohren und ihrem Gefuhl das junge Grun der Baume, der Gesang der Vogel und der kuhle Morgenduft.

Wenn sie dann wieder heimkehrten, so ging Philipp Reiser in seine Werkstatt und machte Klaviere, indes Anton Reiser die Schule besuchte, wo nun grosstenteils schon eine ganz andere Generation seiner Mitschuler war, so dass er auch hier mit leichterm Herzen hingehen konnte.

In manchen Stunden suchte dann Anton Reiser auch seine geliebte Einsamkeit wieder, ob er nun gleich einen Freund hatte und wenn irgendein schoner Nachmittag war, so hatte er sich auf einer Wiese vor Hannover langst dem Flusse ein Platzchen ausgesucht, wo ein kleiner klarer Bach uber Kiesel rollte, der sich zuletzt in den vorbeigehenden Fluss ergoss. Dies Platzchen war ihm nun, weil er es immer wieder besuchte, auch gleichsam eine Heimat in der grossen ihn umgebenden Natur geworden; und er fuhlte sich auch wie zu Hause, wenn er hier sass, und war doch durch keine Wande und Mauern eingeschrankt, sondern hatte den freien ungehemmten Genuss von allem, was ihn umgab. Dies Platzchen besuchte er nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben. Hier las er Blandusiens Quell, und wie die eilende Flut

Obliquo laborat trepidare rivo.

Von hier sahe er die Sonne untergehen und betrachtete die sich verlangernden Schatten der Baume. An diesem Bache vertraumte er manche gluckliche Stunde seines Lebens. Und hier besuchte ihn auch zuweilen die Muse, oder vielmehr, er suchte sie. Denn er bemuhte sich jetzt, ein grosses Gedicht zustande zu bringen, und weil er diesmal bloss dichten wollte, um zu dichten, so gelang es ihm nicht wie vorher; der Wunsch, ein Gedicht zu machen, war diesmal eher bei ihm da als der Gegenstand, den er besingen wollte, woraus gemeiniglich nicht viel Gutes zu folgen pflegt. Die Gedanken waren diesmal gesucht oder gemein man sahe, was er schrieb, hatte sollen ein Gedicht werden. Indes schimmerte auch durch diese schlechten Verse allenthalben seine schwermutige Laune durch jedes lachende und angenehme Bild war gleichsam mit einem Flor uberzogen. Die Blatter farbten sich nur mit jungem Grun, um wieder zu verwelken. Der Himmel war nur heiter, um sich wieder zu truben.

Philipp Reiser erteilte diesem Gedichte seinen Beifall nicht; und doch hatte Anton Reiser bei jedem Reime, den er muhsam hersetzte, darauf gerechnet. Aber sein Freund war ein strenger und unparteiischer Richter, der nicht leicht einen matten Gedanken, einen gesuchten Reim oder ein Flickwort ungeahndet liess. Besonders machte er sich uber eine Stelle in Anton Reisers Gedicht lustig, die hiess: So wechselt Lust und Schmerz im ganzen Leben ab, Und selbst das Leben sinkt ins stille kuhle Grab. Philipp Reiser konnte nicht aufhoren, uber diese Stelle, die er in einem komischen Tone deklamierte, seinen Witz spielen zu lassen. Er nannte seinen Freund seinen lieben Hans Sachs und machte ihm mehr dergleichen Lobspruche, die eben nicht allzu aufmunternd waren. Indes liess er ihn doch nicht ganz sinken sondern hob einige ertragliche Stellen aus dem Gedicht heraus, denen er denn seinen Beifall nicht ganz versagte.

Durch eine solche wechselseitige Mitteilung und fruchtbare Kritik wurde nun das Band zwischen diesen beiden Freunden immer fester geknupft, und Anton Reisers Streben, er mochte Verse oder Prosa niederschreiben, ging unablassig dahin, sich den Beifall seines Freundes zu erwerben.

Damals ereignete sich nun ein Vorfall, der Anton Reisers Herzen eben nicht viel Ehre zu machen scheint, ob er gleichwohl in der Natur der menschlichen Seele gegrundet ist.

Der Sohn des Pastor Marquard, welcher wahrend der Zeit die Universitat bezogen hatte und von dort schwindsuchtig wieder zuruckgekommen war, wurde, nachdem man alle moglichen Mittel vergeblich angewandt, von den Arzten aufgegeben, die in diesem Fruhjahr seinen Tod als gewiss prophezeiten; und Reisers erste Gedanken, da er dies horte, waren, wie er auf diesen Vorfall ein Gedicht machen wollte, das ihm Ruhm und Beifall und auch vielleicht die Gunst des Pastor Marquard wieder zuwege brachte. Kurz, er hatte das Gedicht schon acht Tage vorher angefangen, ehe der junge Marquard starb.

Statt nun dass er dies Gedicht hatte machen sollen, weil er uber diesen Vorfall betrubt war, suchte er sich vielmehr selbst in eine Art von Betrubnis zu versetzen, um auf diesen Vorfall ein Gedicht machen zu konnen. Die Dichtkunst machte ihn also diesmal wirklich zum Heuchler.

Allein der junge Marquard hatte sich auch die letzte Zeit um Reisern eben nicht viel bekummert und sich seiner gegen die Spottereien und Beleidigungen seiner Mitschuler nicht angenommen sondern, so wie es zuweilen kam, wohl selbst mit eingestimmt.

Dass Reisern also sein Gedicht auf den jungen Marquard mehr am Herzen lag als der junge Marquard selbst, war wohl sehr naturlich, obgleich es wieder nicht zu billigen war, dass er Empfindungen log, die er nicht hatte er war auch dabei nicht ganz einig mit sich selber, sondern sein Gewisse machte ihm haufige Vorwurfe, die er denn dadurch ubertaubte, dass er sich selbst zu uberreden suchte, er empfinde wirklich eine solche Wehmut uber den fruhen Tod des jungen Marquard, der in der Blute seiner Jahre allen Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft dieses Lebens entrissen ward.

Weil nun dies Gedicht im Grunde Heuchelei war, so gelang es ihm auch wiederum nicht und erhielt auch den Beifall seines Freundes nicht, der fast an jeder Zeile etwas zu tadeln fand auch der Pastor Marquard, dem er das Gedicht uberreichen liess, nahm keine besondere Rucksicht darauf, und er erreichte also seinen Zweck dadurch gar nicht.

Aber es ereignete sich bald darauf ein Vorfall, der ihm Veranlassung gab, sich auf eine weniger affektierte Art in poetische Begeisterung zu versetzen. Es fugte sich namlich im Anfang des Sommers, dass ein junger Mensch von neunzehn Jahren, der ein ansehnliches Vermogen besass und ein sehr guter Freund von Philipp Reisern war, beim Baden im Flusse ertrank.

Philipp Reiser trug bei dieser Gelegenheit seinem Freunde auf, dass er auf diesen Vorfall ein Gedicht, so gut es nur in seinen Kraften stunde, verfertigen sollte er wollte es drucken lassen, und wenn es auch nicht gedruckt wurde, so wurde es doch immer, wenn es gut geriete, als ein Produkt des Geistes schatzbar sein.

Dieser Auftrag von seinem Freunde machte Anton Reisers ganzen Ehrgeiz rege; er suchte sich den Vorfall so lebhaft wie moglich vors Auge zu bringen, und nachdem er anderthalb Tage lang Ausdruck gegen Ausdruck abgewogen und seine Seelenkrafte angestrengt hatte, um sich den Beifall seines Freundes zu verdienen, waren ihm am Ende folgende Strophen gelungen: Wenn seufzend unterm Druck schwer auf ihn ruh'nder

Jahre

Ein frommer Greis erblasst, wird Wehmut unser Herz; Doch legt ein rascher Tod den Jungling auf die Bahre, Der kaum zu bluhn begann so wird die Wehmut

Schmerz.

Der braunen Nacht entstieg der schonste

Sommermorgen,

Und ruhig atmete noch fruh des Junglings Brust Ein sanfter Schlaf verscheucht rund um ihn her die

Sorgen,

Bis ihn Aurora weckt zu einem Tag voll Lust. Er sahe diesen Tag und tausend frohen Tagen Sah er entgegen noch voll starker Zuversicht Nicht bange Ahndungen, die seinen Tod ihm sagen, Beklemmen seine Brust, die nur von Freuden

spricht.

Am heitern Himmel glanzt die unumwolkte Sonne Dem Jungling freundlich zu und winkt ihn auf die

Flur

Da strahlte um ihn her in hoher stiller Wonne Und ernst in ihrer Pracht die feiernde Natur. Doch welch ein Schatten bebt dort durch den goldnen

Schimmer?

Und immer naher bebt's? o Jungling, zieh zuruck Den allzukuhnen Fuss zu spat! Welch ein

Gewimmer!

Ach Gott! den Jungling trifft sein trauriges

Geschick.

Es lauerte der Tod auf ihn in stillen Fluten, Und uber seinen Raub rauscht er nun stolz dahin Des Junglings Freunde sehn's, und ihre Herzen

bluten,

Sie fuhlen den Verlust und klagen laut um ihn. Doch welch ein Wonnetod, wo solche Zahren fliessen, Wo sanft ein Auge weint, aus dem der Himmel

lacht

O selig, wenn nun einst sich meine Augen schliessen, Wenn dann auch um mich hier die Freundschaft

zartlich klagt!

Das letztere bezog sich auf den Umstand, dass ein junges schones Frauenzimmer, die eine nahe Anverwandtin von dem Ertrunkenen war, und mit deren Bruder sich dieser eben gebadet hatte, auf die erhaltene Nachricht von dem unglucklichen Vorfall sogleich aus der Stadt herbeieilte und bei der Menge Menschen, die am Flusse standen, ihre Tranen nicht verbarg, welches Anton Reiser mit Ruhrung bemerkte, so dass er den Toten fast beneidet hatte, um den solche Tranen flossen.

Reiser war namlich auch in der Absicht, sich zu baden, an den Fluss gegangen, und eben, da er hinkam, war der junge Mensch ertrunken, dessen Gefahrte sich noch nicht einmal wieder angekleidet hatte; er sahe darauf die gleichgultigen und bei der Sache uninteressierten Zuschauer sich allmahlich versammlen, sahe den Korper des jungen Menschen, den er selbst durch Philipp Reisern sehr gut gekannt hatte, herausziehen und alle Mittel, ihn wieder zum Leben zu bringen, vergeblich anwenden dies alles machte einen so lebhaften Eindruck auf ihn, dass das Gedicht, welches er auf diesen Vorfall verfertigte, eine gewisse Wahrheit im Ausdruck erhielt und sich dadurch von dem Gedicht auf den Tod des jungen Marquard sehr merklich unterschied.

Dies Gedicht fand nun, einige Harten ausgenommen, Philipp Reisers Beifall wieder, welches fur Anton Reisern so aufmunternd war, dass er nun auch ohne Veranlassung durch eigne Aufsatze in Prosa und in Versen sich seines Freundes Beifall zu erwerben suchte.

Allein die Aufsatze und Gedichte ohne eigentliche Veranlassung wollten ihm nie recht gelingen er qualte sich vierzehn Tage lang mit einem Gegenstande, den er sich zu besingen vorgenommen hatte; dies war eine Gegeneinanderstellung des Weltmanns, dessen Hoffnung sich mit diesem Leben endigt, und des Christen, der eine frohe Aussicht auf die Zukunft jenseits des Grabes hat.

Diese Idee war ein Uberbleibsel seiner Lekture von Youngs Nachtgedanken, und da ihm der Gegenstand, woruber er Verse machen wollte, gleichgultig war, indem er keine besondre Veranlassung zum Dichten als seine Neigung und das Streben nach dem Beifall seines Freundes hatte, so drangte sich ihm das Resultat seiner Lekture von Youngs Nachtgedanken am ersten auf, dem er noch eine ziemlich vernunftige Wendung gab, indem er seinen Christen alle erlaubten Freuden des Weltmanns geniessen liess und ihm dennoch den Vorteil einer frohen Aussicht in die Ewigkeit dazu gab, so dass er gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen musste. Aus dieser zwar richtigen, aber zu gesuchten und gekunstelten Idee entstand denn folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reisers Beifall nicht erhielt, und womit er auch selbst, ohngeachtet der Muhe, die es ihm gekostet hatte, nie zufrieden war:

Der Weltmann und der Christ

Einst gingen ubern Blumenwiesen

Ein Christ und Weltmann einen Pfad:

Hier, wo der Freude Bache fliessen,

Ward jeder susser Freuden satt.

Der Weltmann nutzte klug sein Leben,

Er hielts fur seine Ewigkeit

Nie konnte sich sein Geist erheben

Bis uber sich und Welt und Zeit.

Mit Klugheit nutzt' er jede Freude,

Die die Natur umsonst ihm bot:

Ihm lacht die Flur im Blumenkleide,

Ihm glanzet fruh das Morgenrot.

Vor diesen edlern Erdenfreuden

Verschloss auch nicht der Christ die Brust,

Und, nicht geboren nur zu Leiden,

Genoss auch er des Weltmanns Lust.

Nur mit dem kleinen Unterscheide:

Der Freude Anfang war ihm da,

Wo jener seiner kurzen Freude

Furchtbarem End' entgegen sah.

Dieser Sommer war also fur Anton Reiser ein recht poetischer Sommer. Seine Lekture mit dem Eindruck, den die schone Natur damals auf ihn machte, zusammengenommen, tat eine wunderbare Wirkung auf seine Seele; alles erschien ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte, wohin sein Fuss trat. Aber ohngeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch vorzuglich die einsamen Spaziergange. Nun war vor dem neuen Tore in Hannover der Gang auf der Wiese langst dem Flusse nach dem Wasserfall zu besonders einladend fur seine romantischen Ideen.

Die feierliche Stille, welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese herrschte; die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbaume, welche mitten im Sonnenschein, so wie sie einsam standen, ihren Schatten auf das Grune der Wiese hinwarfen ein kleines Gebusch, in welchem man versteckt das Rauschen des Wasserfalls in der Nahe horte am jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme Wald, in welchem er mit Reisern des Morgens in der Fruhe spazieren gegangen war in der Ferne weidende Herden; und die Stadt mit ihren vier Turmen und dem umgebenden, mit Baumen bepflanzten Walle, wie ein Bild in einem optischen Kasten. Dies zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare Empfindung, die man hat, sooft es einem lebhaft wird, dass man in diesem Augenblicke nun gerade an diesem Orte und an keinem andern ist, dass dies nun unsere wirkliche Welt ist, an die wir so oft als an eine bloss idealische Sache denken.

Es fallt einem ein, dass man sich bei der Lekture von Romanen immer wunderbarere Vorstellungen von den Gegenden und Ortern gemacht hat, je weiter man sie sich entfernt dachte. Und nun denkt man sich mit allen grossen und kleinen Gegenstanden, die einen jetzt umgeben, z.B. in Vorstellung eines Einwohners von Peking dem dies alles nun ebenso fremd, so wunderbar deuchten musste und die uns umgebende wirkliche Welt bekommt durch diese Idee einen ungewohnten Schimmer, der sie uns ebenso fremd und wunderbar darstellt, als ob wir in dem Augenblick tausend Meilen gereist waren, um diesen Anblick zu haben. Das Gefuhl der Ausdehnung und Einschrankung unsers Wesens drangt sich in einen Moment zusammen, und aus der vermischten Empfindung, welche dadurch erzeugt wird, entsteht eben die sonderbare Art von Wehmut, die sich unserer in solchen Augenblicken bemachtigt.

Reiser fing schon damals an, uber dergleichen Erscheinungen bei sich selber nachzudenken und zu untersuchen, wie die Gegenstande solche Eindrucke auf ihn machen konnten allein die Eindrucke selbst waren noch zu lebhaft, als dass er kaltblutige Reflexionen daruber hatte anstellen konnen auch war seine Denkkraft noch nicht geubt und nicht stark genug, sich die aufsteigenden Bilder der Phantasie gehorig unterzuordnen dazu kam eine gewisse Tragheit und Hinsinken in der Behaglichkeit des Genusses, wodurch ebenfalls seine Reflexionen wieder gehemmt wurden.

Demohngeachtet aber hatte er schon seit dem vorigen Sommer im Sinn gehabt, einen Aufsatz uber die Liebe zum Romanhaften zu schreiben und diesen in das Hannoversche Magazin einrucken zu lassen er sammlete hiezu bestandig Ideen und hatte genug Gelegenheit, sie zu sammlen, weil seine eigene Erfahrung sie ihm taglich an die Hand gab. Allein mit dem ganzen Aufsatze kam er doch nicht zustande.

Auch konnte er damals nicht begreifen, warum die einzelnen auf der Wiese hin und her zerstreuten hohen Baume mit ihrem Schatten in der Mittagssonne einen so wunderbaren Eindruck auf ihn machten er fiel nicht darauf, dass eben der einsame Stand derselben in grossen und unregelmassigen Zwischenraumen der Gegend das majestatische feierliche Ansehen gab, wodurch sein Herz immer so geruhrt wurde. Diese einsamen Baume machten ihm seine eigne Einsamkeit, indem er unter ihnen umherwandelte, gleichsam heilig und ehrwurdig sooft er unter diesen Baumen ging, lenkten sich seine Gedanken auf erhabene Gegenstande, seine Schritte wurden langsamer, sein Haupt gesenkt und sein ganzes Wesen ernster und feierlicher dann verlor er sich in dem naheliegenden niedrigen Gebusch und setzte sich in den Schatten eines Gestrauchs, wo er denn beim Gerausch des nahen Wasserfalls sich entweder in angenehmen Phantasien wiegte oder las.

Es ging auf die Weise fast kein Tag hin, wo seine Phantasie nicht mit neuen Bildern aus der wirklichen sowohl als aus der idealischen Welt genahrt worden ware.

Zu diesem allen kam nun noch, dass gerade in diesem Jahre die Leiden des jungen Werthers erschienen waren, welche nun zum Teil in alle seine damaligen Ideen und Empfindungen von Einsamkeit, Naturgenuss, patriarchalischer Lebensart, dass das Leben ein Traum sei usw., eingriffen.

Er bekam sie im Anfange des Sommers durch Philipp Reisern in die Hande, und von der Zeit an blieben sie seine bestandige Lekture und kamen nicht aus seiner Tasche. Alle die Empfindungen, die er an dem truben Nachmittage auf seinem einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das Gedicht an Philipp Reisern veranlassten, wurden dadurch wieder lebhaft in seiner Seele. Er fand hier seine Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in seinen Aufsatz uber die Liebe zum Romanhaften bringen wollte seine Betrachtungen uber Leben und Dasein fand er hier fortgesetzt ;155;Wer kann sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle vorbeiflieht?;139; Das war eben der Gedanke, der ihm schon so lange seine eigne Existenz wie Tauschung, Traum und Blendwerk vorgemalt hatte. Was aber nun die eigentlichen Leiden Werthers anbetraf, so hatte er dafur keinen rechten Sinn. Die Teilnehmung an den Leiden der Liebe kostete ihm einigen Zwang er musste sich mit Gewalt in diese Situation zu versetzen suchen, wenn sie ihn ruhren sollte denn ein Mensch, der liebte und geliebt ward, schien ihm ein fremdes, ganz von ihm verschiedenes Wesen zu sein, weil es ihm unmoglich fiel, sich selbst jemals als einen Gegenstand der Liebe von einem Frauenzimmer zu denken. Wenn Werther von seiner Liebe sprach, so war ihm nicht viel anders dabei, als wenn ihn Philipp Reiser von den allmahlichen Fortschritten, die er in der Gunst seines Madchens getan hatte, oft stundenlang unterhielt.

Aber die allgemeinen Betrachtungen uber Leben und Dasein, uber das Gaukelspiel menschlicher Bestrebungen, uber das zwecklose Gewuhl auf Erden, die dem Papier lebendig eingehauchten echten Schilderungen einzelner Naturszenen und die Gedanken uber Menschenschicksal und Menschenbestimmung waren es, welche vorzuglich Reisers Herz anzogen.

Die Stelle, wo Werther das Leben mit einem Marionettenspiel vergleicht, wo die Puppen am Draht gezogen werden, und er selbst auf die Art mit spielt oder vielmehr mit gespielt wird, seinen Nachbar bei der holzernen Hand ergreift und zuruckschaudert erweckte bei Reisern die Erinnerung an ein ahnliches Gefuhl, das er oft gehabt hatte, wenn er jemanden die Hand gab. Durch die tagliche Gewohnheit vergisst man am Ende, dass man einen Korper hat, der ebensowohl allen Gesetzen der Zerstorung in der Korperwelt unterworfen ist als ein Stuck Holz, das wir zersagen oder zerschneiden, und dass er sich nach eben den Gesetzen wie jede andere von Menschen zusammengesetzte korperliche Maschine bewegt. Diese Zerstorbarkeit und Korperlichkeit unsers Korpers wird uns nur bei gewissen Anlassen lebhaft und macht, dass wir vor uns selbst erschrecken, indem wir plotzlich fuhlen, dass wir etwas zu sein glaubten, was wir wirklich nicht sind und statt dessen etwas sind, was wir zu sein uns furchten. Indem man nun einem andern die Hand gibt und bloss den Korper sieht und beruhrt, indem man von dessen Gedanken keine Vorstellung hat, so wird dadurch die Idee der Korperlichkeit lebhafter, als sie es bei der Betrachtung unseres eignen Korpers wird, den wir nicht so von den Gedanken, womit wir ihn uns vorstellen, trennen konnen und ihn also uber diese Gedanken vergessen.

Nichts aber fuhlte Reiser lebhafter, als wenn Werther erzahlt, dass sein kaltes freudenloses Dasein neben Lotten in grasslicher Kalte ihn anpackte. Dies war gerade, was Reiser empfand, da er einmal auf der Strasse sich selbst zu entfliehen wunschte und nicht konnte und auf einmal die ganze Last seines Daseins fuhlte, mit der man einen und alle Tage aufstehen und sich niederlegen muss. Der Gedanke wurde ihm damals ebenfalls unertraglich und fuhrte ihn mit schnellen Schritten an den Fluss, wo er die unertragliche Burde dieses elenden Daseins abwerfen wollte und wo seine Uhr auch noch nicht ausgelaufen war.

Kurz, Reiser glaubte sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen bis auf den Punkt der Liebe im Werther wieder zu finden. 'Lass das Buchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigner Schuld keinen nahern finden kannst.' An diese Worte dachte er, sooft er das Buch aus der Tasche zog er glaubte sie auf sich vorzuglich passend. Denn bei ihm war es, wie er glaubte, teils Geschick, teils eigne Schuld, dass er so verlassen in der Welt war; und so wie mit diesem Buche konnte er sich doch auch selbst mit seinem Freunde nicht unterhalten.

Fast alle Tage ging er nun bei heiterm Wetter mit seinem Werther in der Tasche den Spaziergang auf der Wiese langst dem Flusse, wo die einzelnen Baume standen, nach dem kleinen Gebusch hin, wo er sich wie zu Hause fand und sich unter ein grunes Gestrauch setzte, das uber ihm eine Art von Laube bildete weil er nun denselben Platz immer wieder besuchte, so wurde er ihm fast so lieb wie das Platzchen am Bache und er lebte auf die Weise bei heiterm Wetter mehr in der offenen Natur als zu Hause, indem er zuweilen fast den ganzen Tag so zubrachte, dass er unter dem grunen Gestrauch den Werther und nachher am Bache den Virgil oder Horaz las.

Allein die zu oft wiederholte Lekture des Werthers brachte seinen Ausdruck sowohl als seine Denkkraft um vieles zuruck, indem ihm die Wendungen und selbst die Gedanken in diesem Schriftsteller durch die oftere Wiederholung so gelaufig wurden, dass er sie oft fur seine eigenen hielt und noch verschiedene Jahre nachher bei den Aufsatzen, die er entwarf, mit Reminiszenzien aus dem Werther zu kampfen hatte, welches der Fall bei mehrern jungen Schriftstellern gewesen ist, die sich seit der Zeit gebildet haben. Indes fuhlte er sich durch die Lekture des Werthers ebenso wie durch den Shakespeare, sooft er ihn las, uber alle seine Verhaltnisse erhaben; das verstarkte Gefuhl seines isolierten Daseins, indem er sich als ein Wesen dachte, worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel darstellt, liess ihn, stolz auf seine Menschheit, nicht mehr ein unbedeutendes weggeworfenes Wesen sein, das er sich in den Augen andrer Menschen schien. Was Wunder also, dass seine ganze Seele nach einer Lekture hing, die ihn, sooft er sie kostete, sich selber wiedergab!

Nun fiel auch in diesen Zeitpunkt gerade die neue Dichterepoche, wo Burger, Holty, Voss, die Stollberge usw. auftraten und ihre Gedichte zuerst in den Musenalmanachen drucken liessen, die damals ihren Anfang genommen hatten. Der diesjahrige Musenalmanach enthielt vorzuglich vortreffliche Gedichte von Burger, Holty, Voss usw.

Die beiden Balladen Leonore von Burger und Adelstan von Holty lernte Reiser sogleich auswendig, wie er sie las und diese beiden auswendig gelernten Balladen sind ihm nachher auf seinen Wanderungen oft sehr zustatten gekommen. Schon damals versammlete er ofters in der Dammerung des Abends entweder bei seinem Wirt zu Hause oder bei seinem Vetter, dem Peruckenmacher, einen Zirkel um sich her und deklamierte Leonore oder Adelstan und Roschen und teilte auf die Weise mit den Verfassern das Vergnugen des Genusses von dem Beifall, den ihre Werke erhielten denn so gut war er gesinnt, dass er diesen Beifall immer in ihrer Seele fuhlte und sie sich in denselben Zirkel wunschte. Aber seine Verehrung gegen die Verfasser solcher Werke, wie die Leiden des jungen Werthers und verschiedene Gedichte im Musenalmanach waren, fing auch nun an, ausschweifend zu werden er vergotterte diese Menschen in seinen Gedanken und wurde es schon fur eine grosse Gluckseligkeit gehalten haben, nur einmal ihres Anblicks zu geniessen. Nun lebte Holty damals in Hannover, und ein Bruder desselben war Reisers Mitschuler und hatte ihn leicht mit dem Dichter bekannt machen konnen. Aber so weit ging damals noch Reisers Selbstverkennung, dass er es nicht einmal wagte, Holtys Bruder diesen Wunsch zu entdekken, und sich selbst mit einer Art von bitterm Trotz dies ihm so naheliegende und so sehr gewunschte Gluck versagte indes suchte er jede Gelegenheit auf, mit Holtys Bruder zu sprechen, und jede Kleinigkeit, welche dieser ihm von dem Dichter erzahlte, war ihm wichtig und wie oft beneidete er diesen jungen Menschen, dass er der Bruder desjenigen war, welchen Reiser fast unter die Wesen hoherer Art zahlte; dass er mit ihm vertraulich umgehn, ihn, sooft er wollte, sprechen und ihn 'du' nennen konnte.

Diese ausschweifende Ehrfurcht gegen Dichter und Schriftsteller nahm nachher mehr zu als ab; er konnte sich kein grosseres Gluck denken, als dereinst einmal in diesem Zirkel Zutritt zu haben denn er wagte es nicht, sich ein solches Gluck anders als im Traume vorzuspiegeln.

Seine Spaziergange wurden ihm nun immer interessanter; er ging mit Ideen, die er aus der Lekture gesammlet hatte, hinaus und kehrte mit neuen Ideen, die er aus der Betrachtung der Natur geschopft hatte, wieder herein. Auch machte er wieder einige Versuche in der Dichtkunst, die sich aber immer um allgemeine Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation hinneigten, die doch immer seine Lieblingsbeschaftigung war.

So ging er einmal auf der Wiese, wo die hin und her zerstreuten hohen Baume standen, und seine Ideen stiegen auf einer Art von Stufenleiter bis zu dem Begriff des Unendlichen empor. Dadurch verwandelte sich seine Spekulation in eine Art von poetischer Begeisterung, wozu sich denn die Begierde, den Beifall seines Freundes zu erhalten, gesellte er dachte sich ein Ideal eines Weisen, eines Menschen, der so viele Ideen hat, als einem Sterblichen nur moglich sind und der dennoch immer eine Lucke in sich fuhlt, die nur durch die Idee vom Unendlichen ausgefullt werden kann, und so brachte er dann wieder mit einigem Zwang wegen des Ausdrucks folgendes Gedicht zuwege:

Die Seele des Weisen

Des Weisen Seel' in ihrem Fluge

Erhub sich uber Wolken hoch;

Und folgte kuhn dem innern Zuge,

Der machtig himmelan sie zog.

Sie strebt, das Leere auszufullen,

Das sie in sich mit Ekel sieht,

Und forscht, um die Begier zu stillen,

Nach Wahrheit, die ihr stets entflieht.

Sie turmt Gedanken auf Gedanken,

Durchschauet kuhn der Himmel Heer,

Erschwingt den Weltbau ohne Schranken,

Doch der Gedanke lasst sie leer.

Sie wagt es nun, sich selbst zu denken,

Sich, die so oft sich selbst enflieht;

Wagt's, in ihr Sein sich zu versenken,

Und sieht, dass sie sich selbst nicht g'nugt.

Da hub sich hoch mit Adlerschwingen

Des Weisen Seele uber sich

Zu dir, den alle Wesen singen,

Und dachte, Gott, Jehova, dich.

Und nun fuhlt sie die weite Leere

In sich erfullt mit Seligkeit,

Und schwimmt in einem Freudenmeere,

Weil sie sich ihres Gottes freut.

So wie er nun den Begriff von Gott in ein Gedicht gezwangt hatte, suchte er auch den Begriff von der Welt in Verse zu bringen. So lief seine ganze Dichtkunst auf allgemeine Begriffe hinaus. Das Detail der Natur in und ausser dem Menschen zu schildern, dahin zog ihn seine Neigung nie. Seine Einbildungskraft arbeitete bestandig, die grossen Begriffe von Welt, Gott, Leben, Dasein usw., die er mit seinem Verstande zu umfassen gesucht hatte, nun auch in poetische Bilder zu kleiden und diese poetischen Bilder selbst waren immer das Grosse in der Natur, als Wolken, Meer, Sonne, Gestirne usw.

Das Gedicht uber die Welt war weit mehr Spekulation als Gedicht und wurde daher das Gezwungenste, was man sich denken kann, es hub sich an:

Der Mensch entschwinget sich dem Staube

Und mit ihm seine Welt

Dem Grabe wird der Mensch zum Raube

Und mit ihm seine Welt

Philipp Reiser tadelte dies Gedicht durchweg, ausgenommen folgenden Vers, den er ertraglich fand:

Der hauft sich seine Welt mit Schatzen

Und der mit Lorbeern an;

Und jeder findet sein Ergotzen

Am Spiel, das er ersann.

Reisers Phantasie lag jetzt mit seiner Denkkraft im Kampfe; sie wollte bei jeder Gelegenheit in das Gebiet derselben eingreifen und die allerabstraktesten Begriffe wieder in Bilder hullen. Dies war fur Reisern oft ein angstlicher qualvoller Zustand und in einem solchen Zustande hatte er das Gedicht uber die Welt hervorgebracht, das weder eigentliche Spekulation noch Poesie, sondern ein verunglucktes Mittelding von beiden war.

Da nun eine Zeitlang regnigtes Wetter einfiel, so wich Reiser dennoch nicht von seiner einsamen poetischen Lebensart ab.

Er schloss sich in seine Kammer ein, wo er ein altes baufalliges Klavier fur sich selbst, so gut er konnte, wieder zurecht brachte und es mit vieler Muhe stimmte. Bei diesem Klaviere sass er nun den ganzen Tag und lernte, da er die Noten kannte, fast alle Arien aus der Jagd, aus dem Tod Abels usw. fur sich selber singen und spielen dazwischen las er den Tom Jones von Fielding und Hallers Gedichte verschiedenemal durch und brachte einige Wochen in dieser Einsamkeit fast ebenso vergnugt zu als die, wo er in seinem vorigen Logis auf dem Boden Philosophie studierte. Hallers Gedichte konnte er beinahe auswendig.

Hier besuchte ihn Philipp Reiser einmal eines Nachmittags und gab ihm den Auftrag, eine Chorarie zu verfertigen, die er alsdann in Musik setzen wolle. Dies war fur Anton Reisern ein so ehrenvoller und ermunternder Auftrag, dass er sich, sobald er allein war, zum Dichten hinsetzte, und indem er immer einen Akkord auf dem Klavier dazwischen anschlug, in weniger als einer Stunde folgende Verse hervorgebracht hatte:

Der Herr ist Gott o falle nieder

Und rausche machtig hohe Lieder

Dem Ewgen, der dich schuf, Natur!

Rauscht eures Gottes Lob, ihr Winde,

Verkundigt es, ihr stillen Grunde,

Ihr Blumen, duftet's auf der Flur!

Ihr Wolken donnert ihm zu Ehren,

Seid nicht zu seinem Lobe stumm,

Ihr Hohlen und ihr Felsengange,

Und widerhallt die Lobgesange

Zu eures grossen Schopfers Ruhm!

Und was nur lebt und denkt auf Erden,

Das musse ganz zum Danke werden

Und loben Gott durch Frohlichkeit

So wird dem Schopfer aller Wesen

Von dem, was er zum Sein erlesen,

Ein ewigtonend Lied geweiht.

Philipp Reiser setzte also diese Verse in Musik, und sie wurden nun wirklich im Chore gesungen, ohne dass jemand den Verfasser wusste. Das neue Stuck fand viel Beifall, und jedermann war besonders mit dem Text zufrieden es schmeichelte auch Anton Reisern nicht wenig, da er seine eignen Worte von seinen Mitschulern, die ihn so verachteten, singen und sie ihren Beifall daruber bezeigen horte, aber er sagte keinem einzigen, dass die Verse von ihm waren sondern genoss lieber bei sich selbst des stillen Triumphs, den ihm dieser ungesuchte Beifall gewahrte.

Seine Gedanken waren es doch, die jetzt zu so oft wiederholten Malen, als das neue Stuck gesungen wurde, die Aufmerksamkeit einer Anzahl Menschen, die sangen, und derer, die zuhorten, beschaftigten wenn irgend etwas fahig ist, der Eitelkeit eines Menschen, der Verse macht, Nahrung zu geben, so ist es, wenn man die Gedanken und Ausdrucke desselben fur wurdig halt, in Musik gesetzt zu werden. Jedes Wort scheint dadurch gleichsam einen hohern Wert zu erhalten und die Empfindung, welche Anton Reisern daruber anwandelte, wenn er seine Arien singen horte, mag vielleicht bei einem jeden, der einmal sein eigenes Singestuck vollstimmig und bei einer betrachtlichen Anzahl Zuschauer auffuhren horte, sich im Innern seiner Seele geregt haben; auch hat man lebende Beispiele davon, was dergleichen Triumphe fur unerhorte Ausbruche der Eitelkeit bei gewissen Personen veranlasst haben.

Anton Reisers Triumph dauerte nicht lange denn sobald man erfuhr, wer der Verfasser dieser Verse sei, so fand man daran allerlei zu tadeln, und einige von den Chorschulern, welche Kleists Gedichte gelesen hatten, behaupteten geradezu, dass sie aus dem Kleist ausgeschrieben waren. Nun mochten freilich wohl Reminiszenzien darin sein, aber der letzte Gedanke, von dem, was Gott zum Sein erlesen habe, drehte sich wieder um Reisers metaphysische Spekulation, inwiefern nur den lebenden und denkenden Geschopfen eigentliches Dasein zugeschrieben werden konne. Philipp Reiser war mit diesem Gedichte auch insoweit zufrieden, bis auf die Natur, die wie eine Dame vor Gott niederknieen sollte welches zu gewagte Bild er tadelte. Wahrend dass Philipp Reiser also Klaviere machte, um zu leben, beschaftigte sich Anton Reiser damit, Verse zu machen, welche jener ihm kritisieren musste, der selbst nie einen Vers zu machen versucht hatte und also auch nicht eifersuchtig war auf ihn vielmehr gab er ihm zuweilen selbst ein Thema zu bearbeiten wie unter andern einmal, dass er Philipp Reisers Zustand, seine verliebten Leiden, sein Emporarbeiten und wieder Sinken in dessen Namen besingen sollte und ohne dass damals noch an den Mond so viele Seufzer und verliebte Klagen wie nachher im Siegwart und unzahligen Liedern gerichtet waren, hub Reiser seinen Gesang an:

Was blickest du so mitleidsvoll

Vom Himmel, stiller Mond, mich an?

Weisst du vielleicht den Kummer wohl,

Den ich nur leise klagen kann? usw.

Und dann in einem der folgenden Verse in Beziehung auf Reisers Zustand:

Oft will ich mich erheben

Und sinke schwer zuruck;

Und fuhle dann mit Beben

Mein trauriges Geschick.

Bei diesem allen versaumte auch Anton Reiser damals seine offentlichen Schulstunden nicht, wo der neue Direktor, der, wie schon erwahnt ist, bei ein wenig Pedanterie doch im Grunde ein Mann von Geschmack sowohl als Kenntnissen war, Deklamationsubungen anstellte, die Reisers ganzen Ehrgeiz rege machten.

Allein derjenige, welcher nun zum Deklamieren offentlich auftreten wollte, musste wenigstens ein gutes Kleid haben, welches Reisern fehlte, der ausser seinem Kleide von bedientenmassigen grauen Tuche nichts als einen alten Uberrock hatte, und in keinem von beiden wagte er es aufzutreten. Seine schlechte Kleidung war es also, welche ihm hier aufs neue im Wege stand und seinen Mut niederschlug.

Endlich wurde denn doch auch dies Hindernis gehoben, indem der Prinz wieder so viel fur ihn hergab, dass ihm ein gutes Kleid konnte geschafft werden.

Und nun ging alle sein Denken und Trachten dahin, wie er ein Gedicht verfertigen wolle, das er fur wurdig hielt, es offentlich zu deklamieren.

Nun war es gar nicht gewohnlich, dass irgend jemand ein Gedicht, welches er deklamieren wollte, selbst verfertigte, sondern ein jeder schrieb sich irgendwo eins aus und legte beim Deklamieren das Papier vor sich hin oder gab es dem Direktor, welcher nachlas.

Reiser hatte sich nun aber einmal darauf gesetzt, das Gedicht, welches er zuerst deklamieren wollte, selbst verfertigt zu haben er war nun nur noch um einen wurdigen Stoff verlegen, vorzuglich wunschte er einen solchen Stoff zu bearbeiten, wobei sich viel Deklamation anbringen liesse.

Und da er nun einmal an einem schonen Abend bei hellem Mondschein ganz voll von diesem Gedanken um den Wall spazieren ging, so erinnerte er sich an ein Gedicht gegen die Gottesleugner, das er ein paar Jahre vorher wegen des deklamatorischen Ausdrucks, der darin herrschte, fast auswendig gelernt hatte, das ihm aber in Ansehung der Gedanken jetzt hochst abgeschmackt vorkam indes wurde dieser Gegenstand ihm in dem Augenblick so lebhaft dass er noch einmal den Spaziergang um den Wall machte und wahrend dieser Zeit sein Gedicht der Gottesleugner in seinem Kopfe vollendet hatte.

Seine Gedanken hatten eine eigne Wendung genommen, welche von der alltaglichen in dem Gedichte, das er auswendig wusste, ganz verschieden war. Er dachte sich den Gottesleugner als den Sklaven des Sturmwindes, des Donners, der tobenden Elemente, der Krankheit und der Verwesung, kurz als den Sklaven aller der unvernunftigen leblosen Wesen, die starker sind als er, und die nun seine Herren geworden sind, da er den Geist voll ewger Huld nicht verehren will. Das Bedurfnis, einen Gott zu glauben, erwachte bei dieser Gelegenheit, da er erst bloss damit umging, ein Gedicht zu verfertigen und zu deklamieren, so machtig in Reisers Seele, dass er gegen den, der diesen Trost ihm rauben wolle, gleichsam eine Art von gerechter Erbitterung fuhlte und sich in diesem Feuer erhalten konnte, bis sein Gedicht vollendet war, das sich mit der frohen Uberzeugung von dem Dasein einer vernunftigen Ursach aller Dinge, welche sind und geschehn, anhub und endigte, und bei aller Unregelmassigkeit und dem oftmals Gezwungnen im Ausdruck doch ein Ganzes von Empfindungen ausmachte, welches Reisern bis jetzt hervorzubringen noch nicht gelungen war. Die Mitteilung dieses Gedichts wird daher in dieser Rucksicht nicht uberflussig sein, wenn es gleich um sein selbst willen keine Aufbewahrung verdiene:

Der Gottesleugner

Es ist ein Gott wohl mir! Dem Vater meiner Tage, Ihm dank' ich mein Geschick er wog mir jeden

Schmerz

Und jede Freude zu er kennet jede Plage, Die ich hier leiden soll drum weine nicht, mein

Herz!

Wenn sich der Morgen schon aus brauner Nacht

enthullet,

So tone froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf! Und wenn sein Donner laut in hohlen Luften brullet, So tone froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf! O freue fruh und spat dich seiner, meine Seele! Lob' ihn denn ein Gedank' an ihn ist Seligkeit, Und leben ohne Gott und denken ist die Holle, Und jeder Seelenblick ein Quell von ewgem Leid. Du, der du zweifelst, ob ein Gott im Himmel wohnet, Tor, o verbanne schnell den Zweifel aus der Brust Der dir mit tausend Qual und mit der Holle lohnet, Und denke einen Gott und fuhle Himmelslust! Du kannst, du willst ihn nicht, den guten Gott,

erkennen,

Den Geist voll ewger Huld, zum Herren uber dir? Wohl! so erkenne denn die Qualen, die dich

brennen,

Der Elemente Wut zu Herren uber dir Droht dir am Himmel hoch ein schwarzes

Donnerwetter,

Braust dort das hohle Meer ruft hier ein offnes

Grab

Dann, Frevler, bete an! denn das sind deine Gotter, Die dir Vernunftigen dein toller Wahnsinn gab! Und droht die Krankheit dir mit schreckendem

Gefieder

Nagt nun am Herzen dir und grinset dann der Tod, Des Grabes Schreckenbild dich an so falle nieder Vor ihm und bet ihn an! Verwesung ist dein Gott! Dann sinke in dein Grab vereine mit dem Staube Die Seele, die dein Wahn hier in dir selbst begrub Und werde, wenn du kannst, dem ewgen Nichts zum

Raube,

Du, den zum denkenden Geschopfe Gott erhub. Wer seinen Gott verkennt, dem wird die Welt zur

Holle

Er selbst ist nur ein Traum, und um ihn her ist

Wahn

Doch denke einen Gott, und schnell wirds um dich

helle

Und deine Seele schwingt sich machtig himmelan. Durch die Empfindungen, welche wahrend der Zeit, dass er dies Gedicht verfertigte, in ihm abwechselten, war wirklich seine ganze Seele erschuttert er bebte vor dem schrecklichen Abgrunde des blinden Ohngefahrs, an dessen Rande er schon stand, mit Schaudern und Entsetzen zuruck und schmiegte sich gleichsam mit allen seinen Gedanken und Empfindungen in die trostende Idee von dem Dasein eines alles regierenden und lenkenden gutigen Wesens hinein.

Da nun dies Gedicht auch seines Freundes volligen Beifall fand, so lernte er es auswendig, und den nachsten Tag in der Woche, da Deklamationsubung war, nahm er sich vor, es zu deklamieren. Er erschien hierbei mit seinem neuangeschafften Kleide, das sich ziemlich gut ausnahm und das erste feine Kleid war, welches er in seinem Leben trug das war ein nicht unbedeutender Umstand bei ihm. Das neue Kleid, wodurch er sich nun seinen Mitschulern, von denen er so lange durch seine schlechte Kleidung ausgezeichnet gewesen war, wieder gleichgesetzt sahe, flosste ihm Mut und Zutrauen zu sich selber ein; und was das Sonderbarste war, so schien es ihm auch mehr Achtung bei andern zu erwerben, die nun erst mit ihm sprachen, da sie sich vorher gar nicht um ihn bekummert hatten.

Und da er nun vollends in dem Horsaale, wo er so lange ein Gegenstand der allgemeinen Verachtung gewesen war, auf dem Katheder vor seinen versammleten Mitschulern offentlich auftrat, um sein von ihm selbst verfertigtes Gedicht zu deklamieren, so erhob sich sein niedergedruckter Geist zum ersten Male wieder, und es erwachten wieder Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft in seiner Seele.

Er hatte dem Direktor eine Abschrift von dem Gedichte zum Nachlesen gegeben, die ihm dieser wieder zuruckgab, ohne dass Reiser in Versuchung geriet, ihm zu sagen, dass er das Gedicht selbst verfertigt habe er war mit dem innern Bewusstsein davon zufrieden, und es war ihm angenehm, wenn seine Mitschuler sich bei ihm erkundigten, wo das Gedicht, das er deklamiert hatte, stunde, und er ihnen dann irgendeinen Dichter nannte, woraus er es abgeschrieben habe.

Reiser bat sich vom Direktor die Erlaubnis aus, in der kunftigen Woche noch einmal deklamieren zu durfen, und da er diese erhielt, anderte er das Gedicht an Philipp Reisern:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen

etwas um und gab ihm die Uberschrift: 'Die Melancholie.' Er liess dies Gedicht nun anfangen:

Der Seele Leiden will ich klagen

Konnt ihr es, Worte, halb nur sagen,

O sagts und lindert meinen Schmerz!

Die letzte Strophe:

Wem soll ich dieses Dasein danken?

Wer setzt ihm diese engen Schranken?

Aus welchem Chaos stiegs empor?

In welche greuelvolle Nachte

Sinkts, wenn des Schicksals ehrne Rechte

Mir winket zu des Todes Tor?

deklamierte er mit einem wirklichen Pathos, das er in Stimme und Bewegung ausserte, und blieb, nachdem er schon stillgeschwiegen hatte, noch einen Augenblick mit emporgehobnen Arm stehen, der gleichsam ein Bild seines fortdaurenden unaufgelosten schrecklichen Zweifels blieb.

Da er nun von dem Direktor die Abschrift seines Gedichts wieder zuruckerhielt, gab ihm dieser seinen Beifall mit seiner Deklamation zu erkennen und sagte zugleich, die beiden Gedichte, welche er deklamiert hatte, waren sehr gut ausgewahlt.

Dies war denn doch zu viel fur Reisern, als dass er langer der Versuchung hatte widerstehen konnen, den Direktor wissen zu lassen, dass die Gedichte von ihm selber waren, und den Beifall, der jetzt nur seine Auswahl traf, fur seine Arbeit einzuernten.

Indes schwieg er jetzt noch stille und wartete ein paar Tage, bis er ohnedem zu dem Direktor gehen musste, um ihm einen lateinischen Aufsatz, den er, so wie seine Mitschuler, wochentlich zur Ubung im Stil verfertigen musste, zur Durchsicht zu bringen; und bei dieser Gelegenheit uberreichte er denn dem Direktor eine Abschrift von den beiden Gedichten, die er deklamiert hatte, und sagte ihm, dass er selbst der Verfasser davon ware.

Des Direktors Mienen, der ihn sonst ziemlich gleichgultig angesehen hatte, heiterten sich sichtbar gegen ihn auf, da er dies sagte, und von dem Augenblick an schien dieser Mann sein Freund zu werden er liess sich mit ihm in ein Gesprach uber die Dichtkunst ein, erkundigte sich nach seiner Lekture, und Reiser ging mit freudenvollen Herzen uber die gute Aufnahme seiner Gedichte zu Hause. Den andern Tag verkundigte er Philipp Reisern sein Gluck, der sich aufrichtig mit ihm daruber freute, dass man nun einmal aufhoren wurde, ihn zu verkennen, und nun vielleicht glucklichere Tage auf ihn warteten.

Nun fugte es sich, dass Reiser in der folgenden Woche am Montag Morgen etwas spat in die erste Lehrstunde kam, welche der Direktor hielt, und in welcher er die lateinischen Aufsatze ohne Nennung der Namen offentlich zu beurteilen pflegte. Und da er nun in den Horsaal trat, horte er den Anfang seines Gedichts 'Der Gottesleugner' vom Direktor, der auf dem Katheder sass, ablesen und Zeile vor Zeile kritisieren. Reiser konnte erst kaum seinen Ohren trauen, da er dies horte sobald er hereintrat, waren aller Augen auf ihn gerichtet denn diese offentliche Kritik war die erste in ihrer Art.

Der Direktor mischte so viel aufmunterndes Lob unter seinen Tadel und bezeigte uber die beiden Gedichte, die Reiser deklamiert hatte, im Ganzen genommen so sehr seinen Beifall, dass dieser von dem Tage an die Achtung seiner Mitschuler, deren Spott er so lange gewesen war, erhielt und auf die Weise eine neue Epoche seines Lebens anfing.

Sein poetischer Ruhm breitete sich bald in der Stadt aus er bekam von allen Seiten Auftrage, Gelegenheitsgedichte zu machen und seine Mitschuler wollten alle von ihm in der Poesie unterrichtet sein und das Geheimnis, wie man Verse machen konne, von ihm lernen. Auch wurden dem Direktor nun so viele Verse ins Haus gebracht, dass dieser es endlich untersagen musste auch hat er nachher nie wieder offentlich Verse kritisiert.

Was Reisern am meisten bei der Sache freute, war der merkliche Fortschritt, den er seit einem Jahre in Ansehung der Bildung seines Geschmacks getan zu haben glaubte, da ihm vor einem Jahre das Gedicht an die Gottesleugner, welches er jetzt hochst abgeschmackt fand, noch so sehr gefallen hatte, dass er es der Muhe wert hielt, es auswendig zu lernen. Aber in dies Jahr hatte sich auch die Lekture des Shakespeare, des Werthers und der vielen vorzuglichen Gedichte in den neuen Musenalmanachen nebst seinem Studium der Wolfischen Philosophie zusammengedrangt, wozu noch die Einsamkeit und der stille ungestorte Naturgenuss kam, wodurch sein Geist zuweilen in einem Tage mehr als vorher in ganzen Jahren an Kultur gewann. Man fing nun auch an, wieder auf ihn aufmerksam zu werden, und diejenigen, welche bisher geglaubt hatten, dass nichts aus ihm werden wurde, fingen nun wieder an zu glauben, dass doch noch wohl etwas aus ihm werden konnte.

Bei dieser bessern Wendung seines Schicksals behielt Reiser demohngeachtet noch immer seine schwermutige Laune bei, woran er nun einmal ein besonderes Behagen fand; und selbst an dem Tage, da ihm die unerwartete Ehre der offentlichen Kritik seiner Gedichte widerfahren war, ging er den Nachmittag einsam und schwermutig bei dem truben und regnigten Wetter in der Stadt umher und wollte am Abend zu Philipp Reisern gehen, um diesem sein Gluck zu sagen. Da er nun hinkam, fand er ihn nicht zu Hause, und alles war ihm nun so tot, so ode er konnte sich seines Glucks, die Achtung der Menschen, die ihn zunachst umgaben, in gewissem Masse gewonnen zu haben, nicht recht freuen, weil er es seinem Freunde nun nicht hatte erzahlen konnen.

Und da er nun traurig vor sich hin wieder nach Hause kehrte, verfolgte er die Idee des Nichtzuhausefindens, des Ruckkehrens mit kummerbeladenem Herzen, wenn er seinem Freunde ein Leiden hatte klagen wollen, bis zu dem furchterlichen Gedanken, dass er ihn tot gefunden habe und nun verzweiflungsvoll selbst sein Gluck verwunschte, weil er das grosste Gluck des Lebens, einen treuen Freund, verloren hatte. Daraus bildeten sich denn wieder folgende Verse, die er aufschrieb, als er zu Hause kam

Ich suchte meinen Freund,

Wollt' ihm sagen meine Leiden

Und fand ihn nicht

Da ging ich bekummert

Mit schwerem Herzen

In meine Hutte zuruck.

Ich suchte meinen Freund,

Wollt' ihm sagen meine Freuden

Und fand ihn nicht

Da ward ich so traurig,

Als freudig ich vor war,

Und ging und schwieg.

Ich suchte meinen Freund,

Wollt' ihm sagen mein Gluck

Und fand ihn tot

Da verflucht' ich mein Gluck

Und tat einen Schwur,

So lange mein Auge noch Tranen weint,

Zu trauren um diesen einen Freund,

Denn diesen einen Freund hatt' ich nur.

Um diese Zeit machte er nun auch durch den Sohn des Kantors Winter eine sehr interessante Bekanntschaft mit dem philosophischen Essigbrauer, womit ihn dieser schon vor einem halben Jahre hatte bekannt machen wollen und immer nicht dazu gekommen war.

Winter holte ihn also eines Abends ab, und Reiser war voller Erwartung unterwegs unterrichtete ihn Winter, wie er sich bei dem Essigbrauer nehmen, dass er nicht guten Abend und, wenn er wegginge, nicht gute Nacht sagen solle. Dann kamen sie auf der langen Osterstrasse, die voller altfrankischen Hauser ist, durch den grossen Torweg uber einen langen Hof in das Brauhaus, wo der Essigbrauer hinten hinaus sein abgesondertes Revier hatte, in welchem die Fasser in einem grossen Verschlage, wo bestandig eingeheizt ist, reihenweise nebeneinander standen, so dass sie eine Art von langen Gangen bildeten, in welchen man sich verlieren konnte. Wenn man hier sprach, so schallte es dumpf wieder. Da nun hier niemand zu sehen war, so fing Winter an zu rufen ubi? und eine Stimme in der Ferne antwortete hic! sie gingen darauf in das eigentliche Brauhaus dicht neben dem Revier, wo die Fasser standen, und der Essigbrauer in seinem weissen Kamisol und blauen Schurze mit aufgestreiften Armen stand am Fenster und schrieb er ware gleich fertig, sagte er, darauf gab er an Winter ein Papier, worauf einige lateinische Verse standen, die er soeben fur ihn verfertigt hatte.

Der Essigbrauer schien Reisern ein Mann von ohngefahr dreissig Jahren zu sein in jeder Bewegung seiner Muskeln, in dem zuckenden Blick seiner Augen schien sich in sich selbst zuruckgedrangte Kraft zu aussern. Gleich der erste Anblick des Essigbrauers flosste Reisern Ehrfurcht ein dieser aber schien sich erst gar nicht um ihn zu bekummern, sondern sprach mit Winter uber einige neue Musikalien und andere Sachen, wobei er kein Wort anders als plattdeutsch sprach und sich doch dabei so richtig und edel ausdruckte, dass selbst das grobste Plattdeutsch in seinem Munde einen gewissen Reiz gewann, der verursachte, dass man mit Vergnugen und Bewunderung, wenn er sprach, an seinen Lippen hing, wie Reiser nachher oft erfahren hat, wenn dieser Essigbrauer zwischen seinen Fassern Weisheit lehrte.

Weil es schon ein ziemlich kalter Herbstabend war, so fuhrte der Essigbrauer seine beiden Gaste in seinen geheizten Prunksaal, wo die langen Reihen Fasser standen, und wo er ihnen eine Art von sussem, sehr wohlschmeckenden Bier vorsetzte, wobei denn das Gesprach allgemein wurde; und da die Rede auf einen gemeinschaftlichen Bekannten, einen alten Mann, fiel, der sehr viel Drollichtes und Sonderbares an sich hatte, fing der Essigbrauer an, den ganzen Charakter dieses Mannes mit Sternischer Laune bis auf das kleinste Detail zu schildern. Hernach las er etwas aus dem Tom Jones mit solchem Ausdruck und einer so wahren und richtigen Deklamation vor, dass Reiser nicht leicht irgendwo eine bessere Unterhaltung gefunden hatte und dem jungen Winter beim Weggehen sein Vergnugen uber diese Bekanntschaft nicht genug beschreiben konnte.

Er besuchte von nun an entweder in Winters Gesellschaft oder allein den Essigbrauer fast alle Abend und fand sich hier, wenn sie bei der hangenden Lampe zwischen den Fassern am warmen Ofen auf ihren holzernen Schemeln sassen und im Tom Jones lasen oder Charakterschilderungen machten, so glucklich und vergnugt, als er noch nie, ausgenommen mit Philipp Reisern, gewesen war allein in dem Umgange mit dem Essigbrauer fuhlte er sich allemal erhoben und gestarkt, sooft er bei sich erwog, dass ein Mann von solchen Kenntnissen und Fahigkeiten sich mit solcher Geduld und Standhaftigkeit der Seele seinem Schicksale unterwarf, welches ihn von allem Umgange mit der feinern Welt und von aller Nahrung des Geistes, die ihm daraus hatte zustromen konnen, ganzlich ausschloss. Und eben der Gedanke, dass ein solcher Mann so versteckt und in der Dunkelheit lebte, machte Reisern den Wert desselben noch auffallender so wie ein Licht in der Dunkelheit starker zu leuchten scheint, als wenn sein Glanz sich unter der Menge andrer Lichter verliert.

Als Essigbrauer war K ..., so hiess er, wirklich ein grosser Mann, das er vielleicht auch als Gelehrter, nur nicht in dem Mass gewesen ware weil ohne diesen Kampf mit seinem Schicksale die erhabene duldende Kraft seiner Seele nicht so hatte geubt werden konnen. Es mochte wohl keine menschenfreundliche Tugend geben, welche ihm in seiner Lage auszuuben moglich war, und die er nicht ausgeubt hatte.

Von seinem sauer erworbenen Verdienst ersparte er immer so viel, dass er einige junge Leute, zu deren Bildung beizutragen die Freude seines Lebens machte, zuweilen des Abends an seinem Tische bewirten und auch wohl manchmal einen Spaziergang mit ihnen machen konnte, wobei er sich allemal das Vergnugen machte, zu bezahlen, was sie verzehrten. Auch unterstutzte er noch uberdem eine arme Familie taglich mit einem Groschen, den er sich von seinem geringen Verdienst abzog denn er war eigentlich nur Knecht in dieser Brauerei, worin sein Vetter, ein alter abgelebter Greis, fur den er die Arbeit mit verrichtete, Meister war.

Winter und Philipp Reiser und der Essigbrauer waren jetzt Reisers vorzuglichster Umgang, wozu noch ein junger Mensch kam, der, durch Reisers Beispiel aufgemuntert, ohngeachtet der Armut seiner Eltern auch den Entschluss gefasst hatte, zu studieren. Auch diesen suchte der Essigbrauer durch Winter an sich zu ziehen, um zu der Bildung seines Geistes beizutragen. Seine Unterredungen waren grosstenteils wahre sokratische Gesprache, die er oft mit dem feinsten Spott uber die kindische Torheit oder Eitelkeit seiner jungen Gesellschafter wurzte.

Da nun der Winter herankam, widerfuhr Reisern eine Aufmunterung, die noch mehr als alles Vorhergehende wieder seinen Mut belebte. Er erhielt namlich vom Direktor den ehrenvollen Auftrag, auf den Geburtstag der Konigin von England, welcher im Januar eintraf, eine deutsche Rede zu verfertigen, die er bei dieser Feierlichkeit halten sollte.

Dies war nun das hochste und glanzendste Ziel, wornach ein Zogling dieser Schule nur streben konnte und wozu nur sehr wenige gelangten: denn gemeiniglich wurden sonst die Reden an des Koniges und der Konigin Geburtstage nur von jungen Edelleuten gehalten. Bei dieser Feierlichkeit pflegten der Prinz und die Minister nebst allen ubrigen Honoratioren der Stadt zugegen zu sein welche einem solchen jungen Menschen, der nun als die Hoffnung des Staats betrachtet wurde, nach geendiger Rede ordentlich Gluck wunschten ein Anblick, der Reisern oft niederschlug, wenn er dachte, dass er zu so etwas Glanzendem nie in seinem Leben gelangen wurde.

Und nun fugte es sich so plotzlich, da er noch im Anfange desselben Jahres allgemein verachtet und hintangesetzt war, dass ihm ohne sein Zutun ein so ermunternder Auftrag geschahe, zu dessen Ausfuhrung er nun auch gleich mit dem grossten Eifer schritte.

Er nahm sich vor, seine deutsche Rede in Hexametern zu verfertigen; nun hatte ihm der Direktor die Literaturbriefe geliehen und sie ihm zur sorgfaltigsten Lekture empfohlen da stiess er denn auch unter andern auf die Rezension, wo Zacherias Ubersetzung von Miltons verlornem Paradiese wegen der schlechten Hexameter getadelt und zugleich uber den Bau des Hexameters, seine Einschnitte usw. viel Vortreffliches gesagt wird. Dies fasste Reiser auf und suchte nun seinen Hexameter mit der grossten Sorgfalt auszufeilen. Manchen Tag kam er kaum mit drei bis vier Versen zustande jeden Abend ging er dann zu Philipp Reisern und liess seine Verse noch einmal dessen Kritik passieren, wobei sie denn zusammen alle Bande der Literaturbriefe miteinander durchlasen und auch in diesem Winter ihre Shakespearenachte wieder erneuerten.

Im November war Reiser ohngefahr mit der Halfte seiner Rede fertig und ging damit zum Direktor, um sie ihm zur Kritik zu zeigen. Dieser bezeigte ihm seinen grossen Beifall uber seine Arbeit, kundigte ihm aber zugleich an, dass er die Rede nicht offentlich wurde halten konnen, weil dies verschiedene Kosten erforderte, die Reiser wohl nicht wurde aufbringen konnen. Kein Donnerschlag hatte Reisern mehr zu Boden schlagen konnen als diese Nachricht alle seine glanzenden Aussichten, womit er sich wahrend der Verfertigung seiner Rede geschmeichelt hatte, waren auf einmal wieder verschwunden, und er fiel wieder in sein voriges Nichts zuruck. Der Direktor suchte ihn hieruber zu trosten aber er ging mit schwerem Herzen und melancholischen Gedanken, dass er zur ewigen Dunkelheit bestimmt sei, von dem Direktor weg, und nun fielen ihm die Verse ein, die er fur Philipp Reisern gemacht hatte, und die sich jetzt auf seinen Zustand passten:

Oft will ich mich erheben

Und sinke schwer zuruck;

Und fuhle dann mit Beben

Mein trauriges Geschick.

Und als an einem andern Tage im Chore unter andern in einer Arie die Worte gesungen wurden:

Du strebst, um glucklicher zu werden,

Und siehst, dass du vergebens strebst

so deutete er dies ebenfalls auf sich und kam sich auf einmal wieder so verlassen, so verachtlich, so unbedeutend vor, dass er selbst Philipp Reisern nicht einmal von seinem neuen Kummer etwas sagen mochte und lieber nicht zu ihm ging, um nicht von seinem Schicksal mit ihm reden zu durfen, das nun anfing, ihm wieder verhasst zu werden und der Muhe des Nachdenkens nicht mehr wert zu scheinen.

Da er sich indes hieruber endlich satt gequalt hatte, so dachte er auf ein Mittel, wie er doch noch seinen Zweck erreichen konnte und dies bot sich ihm, da er nur erst daruber nachdachte, sehr bald dar er durfte nur zu dem Pastor Marquard gehen, welcher doch wieder Hoffnung von ihm zu schopfen angefangen hatte, und durfte diesen nur bitten, ihm bei dem Prinz so viel, als zur Anschaffung eines guten Kleides und ubrigens zur Bestreitung der Kosten bei Haltung der Rede erfordert wurde, auszuwirken, worin auch der Pastor Marquard sogleich willigte und Reisern schon im voraus einen guten Erfolg versprach. Reisers Besorgnisse waren also nun auf einmal wieder gehoben, und er konnte nun die angefangene Rede mit frohem Herzen vollenden, um sie am Geburtstage der Konigin zu halten. Da es nun aber wieder anfing zu frieren, so konnte er oben auf seiner Kammer nicht mehr allein sein, sondern musste wieder des Abends unten bei den Wirtsleuten in der Stube sitzen, wo die einquartierten Soldaten nebst dem Wirt ihn mit zu ihren Spielen notigten, mit denen sie sich die langen Winterabende vertrieben. Hier verfertigte er nun grosstenteils des Nachmittags und des Abends in der Dammerung, indem er sich mit dem Kopf an den Ofen legte, seine Rede. Und nun hatte er auch ein schones Mittel gegen seine schwermutige Laune gefunden; sooft er namlich merkte, dass sie anfing, seiner Herr zu werden, ging er im grossten Regen und Schnee des Abends, wenn es schon dunkel war, aus und einmal um den Wall spazieren, und es fehlte ihm niemals, dass sich nicht, sowie er mit schnellen Schritten vorwartsging, neue Aussichten und Hoffnungen unvermerkt in seiner Seele entwickelt hatten, von welchen freilich die glanzendste ihm am nachsten lag. Bei diesen Spaziergangen um den Wall gelangen ihm auch die besten Stellen in seiner Rede, und Schwierigkeiten in Ansehung des Versbaues, die ihm oft, wenn er sich mit dem Kopf am Ofen gelehnt hatte, unuberwindlich schienen, hoben sich hier wie von selbst.

Der Wall um Hannover war von seiner Kindheit an der vorzuglichste Schauplatz seiner angenehmsten Phantasie und romanhaftesten Ideen gewesen denn er sahe hier die dichtineinandergebaute Stadt und die landliche offene Natur mit Garten, Ackern und Wiesen so nahe aneinandergrenzend und doch so ausserordentlich verschieden, dass dieser Kontrast einer lebhaften Wirkung auf seine Phantasie nie verfehlen konnte. Dann drangten sich auch in die Umgebung des Ortes, der seine meisten Schicksale gleichsam in seinen Umfang einschloss, immer tausend dunkle Erinnerungen an die Vergangenheit in seiner Seele empor, welche mit seiner gegenwartigen Lage zusammengehalten gleichsam mehr Interesse in sein Leben brachten, und vorzuglich des Abends machte der Anblick von den auf den Zimmern hin und her zerstreuten Lichtern in den dicht an den Wall grenzenden Hausern allemal die schon vorher beschriebene Wirkung auf ihn.

Seitdem er nun die Verse deklamiert hatte, wurde er fast von allen seinen Mitschulern geachtet. Das war ihm ganz etwas Ungewohntes er hatte in seinem Leben so etwas noch nicht erfahren ja, er glaubte kaum, dass es moglich sei, dass man ihn noch achten konne nach allen den bisherigen Erfahrungen bildete er sich ein, es musse wohl etwas in seiner Person oder seinen Mienen liegen, wodurch er vielleicht, so lange er lebte, lacherlich und ein Gegenstand des Spottes sein wurde. Diese Empfindung der Achtung erhohte sein Selbstbewusstsein und schuf ihn zu einem andern Wesen um sein Blick, seine Miene verwandelte sich sein Auge wurde kuhner und er konnte, wenn jemand seiner spotten wollte, ihm jetzt so lange gerade ins Auge sehen, bis er ihn aus der Fassung brachte.

Seine ganze aussere Lage anderte sich auch nun auf einmal.

Durch die Verwendung des Rektors und des Pastor Marquard, die nun beide wieder die beste Hoffnung von ihm geschopft hatten, bekam er bald so viele Unterrichtsstunden, dass ihm eine fur seine damaligen Bedurfnisse ziemlich betrachtliche monatliche Einnahme daraus erwuchs, welche ihm denn freilich auch eine ganz ungewohnte Sache war, womit er nicht gehorig umzugehen wusste. Keiner seiner reichen und angesehenen Mitschuler schamte sich nun mehr, mit ihm umzugehen und ihn in seiner schlechten Wohnung zu besuchen. Er sahe sich auch noch in diesem Jahre gedruckt, indem er verschiedene kleine Neujahrwunsche in Versen fur einen Buchdrucker verfertigte, welcher dergleichen gedruckte Wunsche verkaufte ob nun gleich sein Name nicht hiebei bemerkt war und niemand wusste, dass die Verse von ihm waren, so machte ihm doch der Anblick dieser ersten gedruckten Zeilen von seiner Hand ein unbeschreibliches Vergnugen, sooft er sie ansah. Und als nun gar einige Tage vorher, ehe die Rede gehalten wurde, auf einem lateinischen Anschlagbogen sein Name nebst den Namen noch zweier seiner Mitschuler von den angesehensten Eltern offentlich gedruckt stand; und er nun auf diesem Anschlagbogen wirklich 'Reiserus' hiess, wie ihn der vorige Direktor einst genannt hatte; und die Zwischenzeit zwischen jener mundlichen und dieser gedruckten Benennung 'Reiserus' mit alle dem, was er darin verschuldet oder unverschuldet gelitten hatte, sich ihm lebhaft darstellte so presste ihm dies Tranen der Freude und der Wehmut aus denn von dieser plotzlichen Wendung seines Schicksals hatte er sich vor einem Jahre, vor einem halben Jahre noch nichts traumen lassen. Dieser lateinische Bogen mit seinem Namen war nun am schwarzen Brette vor der Schule und an den Kirchturen offentlich angeschlagen, so dass Leute, die vorbeigingen, still standen, um ihn zu lesen.

Nun war es ublich, dass die jungen Leute, welche bei dergleichen Vorfallen Reden hielten, die Honoratiores der Stadt selbst einige Tage vorher dazu einladen mussten. Welch eine Veranderung, da Reiser, den sonst wegen seiner schlechten Kleider selbst seine Mitschuler nicht einmal auf der Strasse anzureden oder mit ihm zu gehen wurdigten nun mit dem Hut unterm Arm und den Degen an der Seite ordentlich seine Cour bei dem Prinz machte und ihn zu der Feier des Geburtsfestes seiner Schwester, der Konigin von England, einlud und wie er nun bei diesem Einladungsgeschaft sich den vornehmsten Einwohnern der Stadt zeigen konnte und von allen mit den aufmunterndsten Hoflichkeitsbezeugungen aufgenommen ward. Er hatte also, ehe er sichs versah, und da er schon ganzlich Verzicht darauf getan hatte, das ehrenvollste Ziel erreicht, nach welchem ein Primaner in Hannover nur streben konnte, und welches nur von wenigen erreicht wurde.

Diese den jungen Leuten selbst ubertragene Einladungen haben wirklich etwas sehr Aufmunterndes und sind in mancher Absicht zur Nachahmung zu empfehlen ... Reiser ward durch diese Einladungen wahrend einer Zeit von wenigen Tagen in eine Welt gefuhrt, die ihm bisher ganz unbekannt gewesen war er unterhielt sich mit Ministern, Raten, Predigern, Gelehrten, kurz mit Personen aus allerlei Standen, die er bisher nur in der Entfernung angestaunt hatte, Mund gegen Mund; und alle diese Personen liessen sich mit Hoflichkeitsbezeugungen zu ihm herab und sagten ihm etwas Angenehmes und Aufmunterndes, so dass Reisers Selbstgefuhl in diesen wenigen Tagen mehr als vorher in Jahren gewann. Er lud auch den Dichter Holty ein, den er aber bei dieser Gelegenheit nur wenig kennen lernte; denn Reisers Schuchternheit konnte nur durch eine gewisse Zutraulichkeit, die man ihm bewies, gehoben werden, und diese war Holtys Sache nicht, der bei der ersten Unterredung mit einem Unbekannten allemal etwas verlegen war. Reiser nahm diese Verlegenheit fur Verachtung, die ihn desto mehr krankte, je grosser seine Achtung fur Holty war, und so wagte er es nicht, ihn wieder zu besuchen.

Wenn er nun den Tag uber seine glanzende Rolle ausgespielt hatte, so ging er des Abends zu seinem Essigbrauer, wo denn auch Philipp Reiser und Winter und der andre junge Mensch, den sein Beispiel zum Studieren aufgemuntert hatte, waren, die ihn mit offenen Armen empfingen und denen er von seinen Besuchen und den Personen, die er kennen gelernt hatte, erzahlte und auf die Weise die Freude uber seinen Zustand mit ihnen teilte.

Die Frau Filter und sein Vetter, der Peruckenmacher, und alle die Leute, welche ihm Freitische gegeben hatten, bewetteiferten sich nun, ihm ihre Freude und Teilnehmung zu bezeigen. Seine Eltern, die lange nichts von ihm gehort und ihre Hoffnung auf ihn schon langst aufgegeben hatten, waren ganz erfreut, da sie diese plotzliche gunstige Wendung seines Schicksals vernahmen und den lateinischen Anschlagbogen erhielten, worauf der Name ihres Sohnes mit grossen Buchstaben gedruckt stand.

Bei allen diesem aussern Glanz blieb nun Reiser immer noch in seiner alten Wohnung, wo sein Wirt, der Fleischer, dessen Frau und Magd und ein paar Soldaten, die dort im Quartier lagen, seine Stubengesellschaft ausmachten.

Wenn ihn nun, ohngeachtet dieser schlechten Wohnung, einer von seinen reichen und angesehenen Mitschulern besuchte, so machte ihm dies ein geheimes Vergnugen dass er auch, ohne ein einladendes Logis oder sonst aussere Vorzuge zu haben, bloss um sein selbst willen gesucht wurde. Dies machte, dass er zuweilen auf seine schlechte Wohnung ordentlich stolz war.

Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran, wo er auf die auffallendste Art, die nur in seiner Lage moglich war, offentlich Ehre und Beifall einernten sollte aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondre schwermutige Empfindung auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wunschen und Trachten gespannt gewesen bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines grossen Teils von Menschen auf ihn und wenn nun dies vorbei ware, so sollte das alles nachlassen, und die ganz alltaglichen Szenen des Lebens sollten dann wiederkommen. Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren, im Ernst gemeinten Wunsch, dass er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben mochte. Nun fugte es sich, dass gerade an dem Tage, da die Rede gehalten wurde, eine ausserordentliche Kalte einfiel, wodurch mancher zuruckgehalten wurde, so dass die Anzahl der Zuhorer etwas kleiner wie gewohnlich, aber die Versammlung doch immer noch glanzend genug war. Indes kam Reisern an diesem Tage alles so tot, so ode vor; die Phantasie musste zurucktreten das Wirkliche war nun da und eben dass nun dies, wovon er so lange getraumt hatte, schon wirklich und nichts weiter als dies war, machte ihn nachdenkend und traurig denn nach diesem Massstabe mass er nun die ganze Zukunft des Lebens ab alles war ihm hier wie im Traume, wie in dunkler Entfernung er konnte es sich nicht recht vors Auge bringen mit melancholischen Gedanken bestieg er den Katheder und wahrend dass die Musik ertonte, ehe er noch anfing zu reden, dachte er an ganz etwas anders als an seinen gegenwartigen Triumph er dachte und fuhlte die Nichtigkeit des Lebens die angenehme Vorstellung seines gegenwartigen wirklichen Zustandes schimmerte nur wie durch einen truben Flor durch. Um die Fortschritte, welche er damals in Ansehung des Ausdrucks seiner Gedanken gemacht hatte, zu bezeichnen, ist es vielleicht nicht unzweckmassig, aus der Rede, die er hielt, einige Stellen herauszuheben. Sie hub an: Welch ein Weihrauch steigt so sanft von

Wonnegefilden

Durch den Ather hinauf bis hin zum Throne der

Gottheit?

O sie sind's die Gebete glucklicher Volker sie

wallen

Fur Charlotten so sanft hinauf zum Ewgen und

flammen usw.

Georg! rauscht Harfen! tonet Jubelgesang von ganzen begluckten Nationen laut! Und verstumme mein Lied! Denn

vergebens

Wagst du's, sein Lob, Georgens Lob zu

erschwingen so wagts oft

Kuhn des Adlers Flug bis zur Sonne sich zu erheben, Schwingt sich hoch uber Felsen und Berg' und

Wolken empor, dunkt

Nun sich ihr naher und merkt nicht, dass sein

Schneckenflugimmer

Doch auf der Erde verweilt, die ihm schon

entschwand welche Tone

Klangen stark und harmonisch genug, Georgens

erhabner

Tugend gottliche Harmonie nur schwach

nachzubilden? usw.

Und Georg hebt sich nun auf den Gipfel Seiner Gross' empor denkt ernst an das Wohl seiner

Volker,

Denkt es und schafft es Und unerschuttert vom

Donner

Steht er nun da wie die Zeder Gottes mit ihrem

wohltatgen

Schatten schutzt sie Gevogel und Wild und der

Sturmwind verschwendet

An ihren Blattern sein Toben und krauselt ihr

laubigtes Haar. So

Sicher in den Sturmen, die seine Scheitel umdonnern, Steht Georg Wenn Volker toben Doch du getreues Volk deinem Konig, verhulle nur dein Antlitz und

weine!

Siehe nicht, wie dein Bruder im fernen Lande sich

auflehnt

Gegen seinen Konig. usw. Jedes fuhlende Herz wallt heute Charlotten entgegen Und verzeihts dem schwachern Jungling der es auch

wagte

Und Charlotten sang doch still, mein Lied, denn

von fern rauscht

Schon des Volks Frohlocken, das seiner Konigin

heute

Seinen Weihrauch streut und laut: es lebe Charlotte! Ruft, dass Wald und Geburg' es widerhallen: sie lebe! Reiser hatte sich bei Verfertigung dieser Rede ein Ideal in seinem Kopfe gebildet, das ihn wirklich begeisterte wozu denn das kam, dass er von diesen Gegenstanden offentlich reden sollte.

Der Gedanke fullte gleichsam die Lucken aus, wo seine Begeisterung aufhorte oder ermattete.

Da er aber nun freilich von seinem Gegenstande wenig oder gar nichts wusste, so bemuhte er sich, eine Anzahl Lobreden, die auf den Konig und die Konigin schon gehalten waren, in die Hande zu bekommen; diese las er durch und abstrahierte sich daraus sein Ideal, ohne sonst aus einer einzigen sich auch nur eines Ausdrucks zu bedienen dies vermied er so sorgfaltig, als er nur immer konnte; denn vor dem Plagiat hatte er die entsetzlichste Scheu so dass er sich sogar des Ausdrucks am Schluss seiner Rede: 'dass Wald und Geburg' es widerhallen', schamte, weil einmal in Werthers Leiden der Ausdruck steht: 'dass Wald und Geburg' erklang' ihm entschlupften zwar oft Reminiszenzien, aber er schamte sich ihrer, sobald er sie bemerkte.

An dem Tage nun, da er die Rede gehalten hatte, war er, wie ich schon bemerkt, niedergeschlagener wie jemals denn alles war ihm doch so tot, so leer und es war nun vorbei womit seine Einbildungskraft sich so lange beschaftigt hatte.

Den Nachmittag wurde er nebst den andern beiden, die Reden gehalten hatten, bei dem ersten Burgermeister, der zugleich Scholarch war, zum Kaffee gebeten; dies war ihm eine ganz ungewohnte Ehre er wusste sich nicht recht dabei zu nehmen und wurde nicht eher wieder heiter, als bis er sein schones Kleid ausgezogen hatte und des Abends wieder zu seinem Essigbrauer kam, wo Winter und S ... und Philipp Reiser auch schon waren, die sich seines Glucks nun wirklich freuten, und deren Teilnehmung ihm mehr wert war als alle das Glanzende dieses Tages.

Reiser erhielt nun noch mehr Unterrichtsstunden, wodurch sich seine Einnahme so verbesserte, dass er sich ein bessres Logie mieten, zuweilen einige seiner Mitschuler zum Kaffee bitten und fur einen Primaner auf einen ganz ansehnlichen Fuss leben konnte nun aber deuchte ihm das Geld, was er einnahm, gegen seine sonstigen Einkunfte und Bedurfnisse gehalten so viel, dass ihm die Kostbarkeit desselben und die Notwendigkeit des Zusammenhaltens auch nicht im mindesten einleuchtete er wurde auf die Weise durch seine starkere Einnahme armer, als er vorher war; und eben das, was eine Wirkung seines gunstigen Glucks war, wurde in der Folge wieder die Quelle seines Unglucks.

Da er nun aber die Achtung aller derer, die ihn kannten, und derer, von welchen sein Gluck abhing, so plotzlich und so unerwartet wiedergewonnen hatte, so machte dies naturlicherweise einen Eindruck auf sein Gemut, der ihn zu einem edlen Bestreben anspornte, diese Achtung immer mehr zu verdienen er fing an, die Stunden des offentlichen Unterrichts sorgfaltiger wie jemals zu nutzen und vorzuglich durch Aufschreiben sich, soviel er nur konnte, davon zu eigen zu machen.

Die Ubungen im Deklamieren wahrten fort und Reiser verfertigte zu diesem Endzweck noch ein Gedicht uber die Mangel der Vernunft ein Thema, das der Direktor zur Ausarbeitung aufgegeben hatte. Reiser brachte hier alle seine Zweifel hinein, die er schon so lange mit sich herumgetragen hatte. Die Begriffe Alles und Sein als die hochsten Begriffe des menschlichen Verstandes gnugten ihm nicht sie schienen ihm eine enge und angstliche Einschrankung zu sein dass nun damit alles menschliche Denken aufhoren sollte ihm fielen die Worte des sterbenden alten Tischers ein alles, alles, alles! dass er gleichsam da, wo sich ein neues Dasein von dem alten scheidet, diesen hochsten Grenzbegriff so oft wiederholte die Scheidewand sollte gleichsam durchgebrochen werden. Alles und Dasein mussten wieder untergeordnete Begriffe von einem noch hohern, vielumfassendern Begriffe werden alles, was ist muss noch etwas neben sich leiden, etwas das zugleich mit allem, was ist, unter etwas Hoherem, etwas Erhabenerem begriffen wird warum soll unser Denken die letzte Grenze sein? wenn wir nichts Hoheres sagen konnen als alles, was da ist, soll denn eine hohere und die hochste Denkkraft auch nichts Hoheres sagen konnen? Der sterbende Tischer wollte vielleicht mehr sagen, als er sein 'alles' zweimal wiederholte, aber seine Zunge oder seine Gedanken versagten ihm und er starb.

Dies waren die sonderbaren Ideen, die Reiser in sein Gedicht uber die Mangel der Vernunft brachte, das unter andern die Worte enthielt: Das All, das die Vernunft im kuhnsten Flug

erschwingt,

Wie weit ists noch von dem, wonach der Seraph

ringt?

Zuletzt endigte sich denn das Gedicht auf eine sehr orthodoxe Weise, dass man also doch zu dem Licht der Offenbarung am Ende seine Zuflucht nehmen musse: Ein Licht, das vor uns her durch dunkle Schatten geht Und unsern Pfad erhellt weh dem, der es

verschmaht!

Den Schluss billigte der Direktor sehr; das Ganze des Gedichts aber hielt er, wie auch sehr naturlich war, fur unverstandlich.

Ein andermal arbeitete Reiser wieder ein Gedicht uber die Zufriedenheit gleichsam zu seiner eignen Belehrung oder zur eignen Richtschnur seines Lebens aus nachdem er nun aber alle Beruhigungsgrunde bei den Widerwartigkeiten des Lebens durchgegangen war und sich gleichsam in eine sanfte Stille eingewiegt hatte, so erwachte doch am Ende wieder seine schwarze Melancholie und er beschloss die Reihe der sanften Empfindungen, welche in diesem Gedicht ausgedruckt waren, doch am Ende mit folgenden Ausdrucken der Verzweiflung:

Doch machen ungemessne Leiden

Dir hier dein Leben selbst zur Qual

Und findest du dann keinen Retter

Und keinen End'ger deiner Not

Sieh auf! er kommt im Donnerwetter

O grusse, grusse deinen Tod!

Indem er einem solchen Gedanken nachhing, empfand er oft eine Art von qualenvoller Wonne, wenn es dergleichen geben kann.

Dies Gedicht war gleichsam ein Gemalde aller seiner Empfindungen, die, wenn sie auch sanft und ruhig anhuben, sich doch gemeiniglich auf die Weise zu endigen pflegten. Zu diesem Gange der Empfindungen war nun einmal durch alle die unzahligen Krankungen und Demutigungen, die er von Jugend auf erlitten hatte, sein Gemut gestimmt bei der heitersten lachendsten Aussicht zog sich das schwarze Melancholische immer wieder wie eine Wolke vor seine Seele.

Sobald sich auch sein Ausdruck dahin lenkte, wurde er naturlich und wahr. Wie er denn einmal den Auftrag erhielt, fur jemanden verliebte Klagen zu dichten. Eine Situation, in welche er sich mit aller Anstrengung nicht versetzen konnte, denn weil er gar nicht glaubte, dass er von einem Frauenzimmer je geliebt werden konnte indem er sein ganzes Aussre einmal fur so wenig empfehlend hielt, dass er ganzlich Verzicht darauf getan hatte, je zu gefallen; so konnte er sich nie in die Lage eines solchen setzen, der daruber klagt, dass er nicht geliebt wird was er also hievon wusste, das dachte er sich bloss, ohne es je empfinden zu konnen. Demohngeachtet gerieten ihm die verliebten Klagen, die er entwarf, nicht ganz ubel, weil er das kurz darin zusammendrangte, was er aus Romanen und Philipp Reisers Unterredungen wusste.

Zuletzt aber dachte er sich nun den Liebhaber in einem Zustande, wo er vom Uberrest seiner Leiden niedergedruckt der Verzweiflung nahe ist, und ohne nun ferner auf die Ursach der Verzweiflung Rucksicht zu nehmen, dachte er sich nun den Verzweiflungsvollen und konnte sich wieder in seine Stelle versetzen. Der letzte Vers dieser verliebten Klagen schien ihm daher auch unter den Handen zu geraten.

Im tiefsten, schwarzen Hain,

Wohin kein Wandrer kam,

Wo Todes Vogel schrein

Am ausgehohlten Stamm

Der Eiche will ich trostlos weinen,

So lange Stern' am Himmel scheinen,

Bis unter meiner Klagen Laut

Der Morgen taut.

Zuweilen fing ihm nun auch sogar das Zartliche an zu gelingen, wenn es mit einer gewissen sanften Schwermut vergesellschaftet war so machte er z.B. fur jemanden ein Abschiedsgedicht an dessen Geliebte das sich nach einer bittern Klage uber die Trennung schloss:

Den Abschied? O ich kann nur weinen

Mein Herz ist schwer und tranenvoll

Dir mussen heitre Tage scheinen

Geliebte o leb wohl, leb wohl!

Und in seiner Rede an der Konigin Geburtstage war folgende Stelle, die ich vorher nicht mit ausgezogen habe, eigentlich diejenige, wobei er am meisten und am wahrsten empfunden hatte: Sie lachelt und die Frohlichen jauchzen Und die Traurigen trocknen vom nassen Auge die

Zahre,

Heitern den truben Blick auf zur Freud' und lacheln

und segnen

Auch dem Tag entgegen, der ihnen Charlotten zum

Trost gab.

Auch er rechnete sich in Gedanken mit unter diese Zahl der Traurigen, die den truben Blick zur Freude aufheitern. Und er fand weit mehr Sussigkeit darin, sich unter der Zahl der Traurigen als unter der Zahl der Frohlichen zu denken. Dies war wiederum the Joy of grief (die Wonne der Tranen), wohin von Kindheit an sein Herz hing.

So brachte er nun den Winter ziemlich glucklich zu aber da nun einmal seine Phantasie so lebhaft angeregt und sein Gemut durch so viele sich durchkreuzende Wunsche und Hoffnungen bis auf den starksten Grad in Bewegung gesetzt war, so musste er notwendig anfangen, das Einformige in seiner Lage zu empfinden. Er war in seinem neunzehnten Jahre funf Jahre hatte er schon die Schule besucht und wusste noch nicht, wann er die Universitat wurde beziehen konnen. Es fing an, ihm wieder so enge in Hannover zu werden, beinahe wie damals, da ihm die Reise nach Braunschweig zu dem Hutmacher bevorstand. Alle seine Gedanken fingen allmahlich an, ins Weite zu gehn er traumte sich in eine romanhafte Zukunft hin.

Und da nun der Fruhling herankam, so erwachte auf einmal eine sonderbare Begierde zum Reisen in ihm, die er bis dahin noch nie in dem Grade empfunden hatte.

Bremen liegt zwolf Meilen von Hannover, und bis an den Ort, wo Reisers Eltern wohnten, war grade die Halfte Weges bis nach Bremen und nun von Bremen die Weser hinunter bis nach der See zu fahren das war das grosse Projekt, womit sich Reiser schon seit einigen Wochen trug und seine Einbildungskraft spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor.

Der Anblick der Weser der Schiffe einer Handelsstadt beschaftigten seine Seele im Wachen und im Traume. Er liess sich von einem seiner Mitschuler an dessen Bruder, welcher in Bremen ein Kaufmannsdiener war, einen Brief mitgeben und trat nun mit einem Dukaten in der Tasche seine Reise zu Fusse an.

Dies war nun die erste sonderbare romanhafte Reise, welche Anton Raiser tat, und von der Zeit fing er eigentlich an, seinen Namen mit der Tat zu fuhren.

Er hatte sich zu dieser Reise mit einer Spezialkarte von Niedersachsen einem tragbaren Tintenfass und einem kleinen Buche von weissem Papier versehen, um uber seine Reise unterwegs ein ordentliches Journal fuhren zu konnen.

Mit jedem Schritte, den er tat, nachdem er aus den Toren von Hannover war, wuchs gleichsam seine Erwartung und sein Mut und er war von seiner Reise so begeistert, dass er schon ein paar Meilen von Hannover sich auf einem Hugel an der Landstrasse setzte, sein Tintenfass, das mit einem Stachel versehen war, vor sich in die Erde pflanzte und auf diese Weise halbliegend anfing, in seinem Journal zu schreiben es fuhren unten einige Kutschen vorbei, und die Leute, denen ein schreibender Mensch auf einem Hugel an der Landstrasse freilich ein sonderbarer Anblick sein musste, lehnten sich weit aus dem Schlage, um ihn zu betrachten dies beschamte ihn etwas aber er erholte sich bald wieder von der unangenehmen Wirkung, die dies neugierige Angaffen zuerst auf ihn tat, indem er sich in Ansehung dieser Menschen, die ihn nicht kannten, seine Existenz hinwegdachte er war fur diese Menschen gleichsam tot darum schloss er auch den Aufsatz, welchen er auf dem Hugel an der Landstrasse in sein Taschenbuch schrieb, mit den Worten:

Was kummert mich der Leute Tun,

Wenn ich im Grabe bin?

Und nun setzte er seinen Stab weiter fort, kam am Abend in der Dammerung vor dem Dorfe, wo seine Eltern wohnten, dicht vorbei, erkundigte sich nach dem nachsten Dorfe, das auf dem Wege nach Bremen zu lag, und da es nur noch eine Viertelmeile weit war, so ging er bis dahin und ubernachtete in diesem Dorfe. Den andern Tag wanderte er denn uber die ode durre Heide fort und erfragte sich den Weg von einem Dorfe zum andern konnte aber Bremen nicht erreichen sondern musste noch einmal in einem Dorfe, welches das letzte von Bremen war, ubernachten und den dritten Tag erreichte er denn seinen sehnlichsten Wunsch er erblickte die Turme von Bremen sahe nun das wirklich vor sich, womit seine Phantasie sich schon so lange beschaftigt hatte. Er hatte ausser Hannover und Braunschweig noch keine betrachtliche Stadt gesehen und Bremen war ihm schon durch den Klang des Namens so merkwurdig geworden seine Phantasie hatte der Stadt ein graues schwarzliches Ansehen gegeben er war nun ausserst begierig, die Stadt inwendig zu betrachten und wagte es, ohne Pass ins Tor zu gehen, indem er sich auf Befragen, wer er ware, fur einen Einwohner der Stadt, und da man noch genauer fragte, fur einen von den Leuten des Prinzipals von dem Kaufmannsdiener ausgab, an den er einen Brief abzugeben hatte, worauf man ihn denn passieren liess.

Sobald er nun in der Stadt war, durchwanderte er erst ein paarmal die Strassen, und dann war sein erstes, dass er sich erkundigte, ob nicht etwa einer von den grossen Kahnen, die auf der Weser lagen, nach der Mundung schiffen wurde, wo noch zu Bremerlehe die hessischen Truppen lagen, die nach Amerika bestimmt waren und damals gerade absegeln sollten.

Es fugte sich, dass gerade einer von den Kahnen abging, und Reiser begab sich nun zum ersten Male in seinem Leben zu Schiffe und fuhr noch an demselben Tage bis sechs Meilen jenseit Bremen, wo angelegt und in einem Dorfe ubernachtet wurde.

Diese Schiffahrt, ob es gleich sturmisches und regnigtes Wetter war, machte Reisern unendliches Vergnugen, indem er mit seiner Landkarte in der Hand auf dem Verdeck stand und die Orter an beiden Ufern, deren Namen er nun wusste, die Musterung vor sich vorbeipassieren liess er ass und trank mit den Schiffern und kehrte am Abend mit ihnen in die Herberge ein.

Von da wollte er den andern Morgen mit einem andern Schiffe weiter bis an die Seekuste fahren, er sah schon in Gedanken die ungeheuren Wasserfluten vor sich, und seine Einbildungskraft war gerade bis auf den hochsten Grad gespannt, da ihm plotzlich eine Sache einfiel, die er die ganze Reise uber noch nicht reiflich erwogen hatte, ob namlich auch seine Borse zureichen wurde und wie erschrak er, da er sich von dem Schiffer seine Rechnung machen liess und, nachdem er sie bezahlt hatte, nur noch wenige Groschen ubrig behielt.

Er getraute sich nun den Abend nicht zu essen, sondern gab Kopfweh vor und liess sich sogleich sein Bette zeigen hier machte er fast die halbe Nacht Entwurfe, wie er nun mit Ehren aus diesem Gasthofe kommen sollte, wenn etwa seine Zeche mehr betruge als die wenigen Groschen, die er noch ubrig hatte.

Da er sich nun am andern Morgen erkundigte, wieviel er bezahlen musse, so langten zufalligerweise die wenigen Groschen, die er noch hatte, gerade zu, aber er behielt auch nicht einen Heller ubrig und befand sich nun achtzehn Meilen von Hannover, zwolf Meilen von dem Ort, wo seine Eltern wohnten, und sechs Meilen von Bremen. Er gab vor, dass er nun nicht nach der Seekuste mitfahren konne, weil er uberlegt habe, dass es ihn doch zu lange aufhalten wurde, und so wanderte er nun, froh, dass er noch so mit Ehren davongekommen war, aus seiner nachtlichen Herberge den geraden Weg wieder auf Bremen zu.

Sein Brief an den Kaufmannsdiener in Bremen war nun noch seine einzige Hoffnung ohne diesen war er, zwolf Meilen weit bis zu dem Wohnorte seiner Eltern, von aller Welt verlassen.

Er war noch nuchtern, wie er seine Reise antrat, und musste sich nun darauf gefasst machen, den ganzen Tag so zu bleiben. Der Weg, welcher anfangs langst dem Ufer der Weser hinging, war sandigt und ermudend demohngeachtet aber ging er gutes Muts fort, bis er gegen Mittag kam und die Sonnenhitze brennend wurde.

Hunger, Durst und Mudigkeit uberfielen ihn zugleich mit dem Gedanken, dass er hier auf dem oden Felde fremd, ohne Geld und gleichsam von aller Welt verlassen war er suchte sich einige Brotkrumen aus der Tasche zusammen und fand bei dieser Gelegenheit noch zwei sogenannte Bremergroten, wovon jeder ohngefahr vier Pfennige betragt.

Dies war ihm unter allen Umstanden so lieb, als hatte er einen Schatz gefunden; er raffte alle seine ubrigen Krafte zusammen, um bald nach dem nachsten Dorfe zu kommen, wo er sich fur den einen Groschen ein wenig Bier geben liess, das ihm nun eine ganz ungehoffte Erquickung war, denn er hatte sich einmal darauf gefasst gemacht, die sechs Meilen bis Bremen nuchtern zuruckzulegen.

Der Trunk Bier flosste ihm wieder neuen Mut ein, sowie das Vierpfennigstuck, das er doch nun noch in der Tasche hatte.

Freilich stellte sich auch der Hunger wieder ein, aber er suchte ihn zu uberwinden und blieb resigniert. Ein armer Handwerksbursch gesellte sich unterwegens zu ihm, der in dem Dorfe einkehrte und sich etwas zusammenbettelte. Und Reisern machte das sonderbare Verhaltnis eine Art von Vergnugen, dass dieser arme Handwerksbursch, der ihn vielleicht als einen wohlgekleideten Menschen beneiden mochte, doch jetzt im Grunde reicher war als er.

Den Nachmittag erreichte er Vegesack und betrachtete hier mit hungrigem Magen, was er noch nie gesehen hatte, eine Anzahl dreimastiger Schiffe, die in dem kleinen Hafen lagen. Dieser Anblick ergotzte ihn ohngeachtet des misslichen Zustandes, worin er sich befand, unbeschreiblich und weil er an diesem Zustande durch seine Unbesonnenheit selber schuld war, so wollte er es sich gleichsam gegen sich selber nicht einmal merken lassen, dass er nun damit unzufrieden sei.

Gegen Abend erreichte er Bremen; aber ehe er an die Stadt kam, musste er sich erst an das jenseitige Ufer der Weser ubersetzen lassen, wofur gerade eine Bremergrote bezahlt werden musste dass er nun diesen gerade noch gespart hatte, deuchte ihm wiederum ein ordentlicher Glucksfall, weil er sonst die Stadt nicht mehr wurde erreicht haben, woran ihm jetzt doch alles lag.

Mit Sonnenuntergang kam er denn endlich noch an das Stadttor, und weil er ordentlich gekleidet war und das ganze Wesen eines Spazierengehenden annahm, der zuweilen still stehet und sich nach etwas umsieht und dann wieder ein paar Schritte weitergeht so liess man ihn ungehindert durchpassieren.

Er fand sich also auf einmal wieder in dem Bezirk einer volkreichen Stadt, wo ihn aber niemand kannte und er so verlassen und allein, indem er traurig uber das Gelander in die Weser hinabsahe, auf der Strasse dastand, als wenn er auf einer unbewohnten wusten Insel gewesen ware.

Eine Weile gefiel er sich gewissermassen in diesem verlassnen Zustande, der doch so etwas Sonderbares, Romanhaftes hatte. Da aber das vernunftige Nachdenken uber die Phantasie wieder den Sieg erhielt, so war freilich seine erste Sorge, von seinem Briefe an den Kaufmannsdiener Gebrauch zu machen.

Wie gross war aber sein Erschrecken, da er sich in der Wohnung desselben nach ihm erkundigte und erfuhr, dass er erst den Abend spat zu Hause kommen wurde. Er blieb auf der Strasse nicht weit von dem Hause stehen die Dunkelheit der Nacht brach herein in einen Gasthof getraute er sich ohne Geld nicht zu gehen alle seine romanhaften Ideen, die ihm vorher diesen Zustand noch erleichtert hatten, waren verschwunden, er empfand nichts als die grausame Notwendigkeit, diese Nacht, von Hunger und Mudigkeit gequalt, mitten in einer volkreichen Stadt unter freiem Himmel zubringen zu mussen.

Indem er nun melancholisch dastand und sich verlegen nach allen Seiten umsah, kam ein wohlgekleideter Mann dahergegangen, der ihn genau betrachtete und ihn mit mitleidiger Miene fragte, ob er etwa hier fremd sei? allein er konnte sich nicht uberwinden, diesem Manne seinen Zustand zu entdecken sondern war entschlossen, lieber auf alle Falle die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, welches er auch wurde getan haben, wenn nach so vielen Widerwartigkeiten sich jetzt nicht wiederum ein glucklicher Umstand fur ihn ereignet hatte. Der Kaufmannsdiener hatte sich namlich aus der Gesellschaft, worin er sich befand, losgerissen, um zu Hause etwas Notwendiges zu besorgen, und da er horte, dass jemand einen Brief von seinem Bruder an ihn habe abgeben wollen, der nachher in der Nahe am Wasser spazieren gegangen ware, so eilte er gleich, um den Uberbringer des Briefes, dessen Anschein man ihm beschrieben hatte, womoglich aufzusuchen, und traf auch Reisern, den er gleich erkannte, wirklich an, da dieser schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, die Nacht ein Obdach zu finden.

Sobald der junge Kaufmann nur die Handschrift seines Bruders erblickte, war er gegen Reisern ausserst freundschaftlich und gefallig und erbot sich sogleich, ihn in einen Gasthof zu fuhren. Reiser entdeckte ihm denn seinen wahren Zustand, freilich mit einigen Erdichtungen; er sei namlich wider seine Gewohnheit zum Spiel verleitet worden und habe alle seine Barschaft verloren denn dass er sich mit zu wenigem Gelde zu dieser Reise versehen habe, schamte er sich zu sagen, weil er dadurch noch mehr in der Meinung des jungen Menschen, von dem er jetzt allein Hulfe erwarten konnte, zu verlieren glaubte.

Aber nun anderte sich auf einmal sein widriges Schicksal der Kaufmann erbot sich sogleich, ihm so viel vorzustrecken, dass es ihm an nichts fehlen sollte er fuhrte ihn in einen angesehenen Gasthof, wo Reiser auf seine Empfehlung auf das beste bewirtet wurde und nun den Abend so vergnugt zubrachte, dass ihm alle Beschwerden des Tages vielfaltig ersetzt wurden.

Einige Glaser Wein, die er noch in Gesellschaft des Kaufmannsdieners trank, taten nach der Ermudung und Entkraftung eines ganzen Tages eine so ausserordentliche Wirkung auf seine Lebensgeister, dass er fast die ganze Gesellschaft, die sich alle Abend hier zu versammlen pflegte, mit Anekdoten von Hannover und lustigen Einfallen, die ihm sonst gar nicht gewohnlich waren, unterhielt und sich den Beifall aller der Personen in diesem kleinen Zirkel erwarb, worunter sich auch derjenige mit befand, der ihn den Abend traurig und verlassen auf der Strasse stehen sah und unter allen den vorubergehenden Leuten der einzige gewesen war, dem ein ganz fremder Mensch, welcher traurig und verlassen dastand, wichtig genug schien, dass er sich um ihn bekummerte und ihn anredete. Reiser gewann dadurch eine ausserordentliche Zuneigung zu diesem Manne, denn ein solches Anreden und Besorgtsein um den Zustand eines ganz fremden Menschen, der wie verlassen und hulfebedurftig zu sein scheint, ist doch eigentlich die allgemeine Menschenliebe, woran man den frommen Samariter von dem vorubergehenden Priester und Leviten unterscheiden kann.

Reiser hatte nicht leicht in seinem Leben einen Abend vergnugter zugebracht als diesen, wo er sich in einer fremden Stadt in einem ganz fremden Zirkel von Menschen geachtet sahe, ins Gesprach gezogen und mit aufmunterndem Beifall angehort wurde.

Der Kaufmannsdiener notigte ihn nun selbst, sich noch einige Tage in Bremen aufzuhalten, zeigte ihm die Merkwurdigkeiten der Stadt, und Reiser fand nun an eben dem Orte, wo er erst fremd, von keinem Menschen bemerkt, einsam und verlassen auf der Strasse stand, so viele Menschen, die sich fur ihn interessierten, mit ihm sich unterredeten und mit ihm ausgingen, dass er an diese Personen, die ihm so viele zuvorkommende gutmutige Hoflichkeit und Freundschaftsbezeigungen erwiesen, eine Art von Anhanglichkeit bekam, welche es ihm schwer machte, sich nach einer so kurzen Zeit schon wieder auf immer von ihnen zu trennen.

Er speiste des Mittags in einer ansehnlichen Tischgesellschaft, wo ihm als einem Fremden immer mit ausgezeichneter Hoflichkeit begegnet wurde, eine Behandlung, die er bis jetzt noch eben nicht gewohnt gewesen war. Der Kaufmannsdiener streckte ihm so viel vor, dass er nicht nur seine Rechnung im Gasthofe bezahlen, sondern auch mit Bequemlichkeit wieder nach Hannover zuruckreisen konnte, welches er nun freilich zu Fusse tat.

Und da ihm nun diesmal sein unbesonnener Anschlag so gut gelang, so bildete sich zuerst unvermerkt der Keim zu dem Gedanken in ihm, sein Gluck nicht langer in seiner bisherigen eingeschrankten Lage abzuwarten, sondern es in der weiten Welt, die ihm offen stand, selbst aufzusuchen.

Er hatte in einer fremden Stadt eine ganze Anzahl Menschen gefunden, die sich um ihn bekummerten, teil an ihm nahmen und ihm seinen Aufenthalt angenehm machten; lauter Sachen, die er in Hannover nie gewohnt gewesen war. Er hatte Abenteuer uberstanden und in einem kurzen Zeitraum den schnellsten Gluckswechsel erfahren indem er kaum eine Stunde vorher noch von aller Welt verlassen und unmittelbar darauf sich in einem Zirkel von Menschen befand, die alle auf ihn aufmerksam waren und ihn in ihre Gesprache zogen.

Was Wunder, dass nun dadurch der Gedanke bei ihm rege wurde, die traurige Einformigkeit seines bisherigen Aufenthalts und seiner bisherigen Verhaltnisse mit dergleichen Abwechselungen zu vertauschen wodurch er, ohngeachtet aller Beschwerlichkeiten, die er daruber erdulden musste, doch seine Seele auf eine angenehme, vorher noch nie empfundene Art erschuttert fuhlte.

Selbst die Wehmut, die er empfand, da ihm nun die Tore der Stadt, in welcher er noch gestern mit einer Anzahl ihm wohlwollender Menschen vertraulich an einem Tische gesessen hatte, aus den Augen schwanden und er also nun sogar die letzten hervorragenden Spuren dieses ihm in der kurzen Zeit so liebgewordenen Ortes aus seinem Gesichtskreise verloren hatte selbst diese Wehmut hatte einen nieempfundenen Reiz fur ihn er kam sich selber grosser vor, weil er eigenmachtig ganz ohne irgendeinen aussern Antrieb nun zum ersten Male eine Reise nach einer ganz fremden Stadt getan hatte, in der er binnen ein paar Tagen mehr Menschen fand, die ihm wohlwollten, als er in Hannover ganze Jahre hindurch nicht hatte finden konnen.

Das Wandern fing ihm an, so lieb zu werden er phantasierte sich durch tausend angenehme Vorstellungen die Ermudung hinweg wenn es dunkel wurde, so betrachtete er den vor ihm sich hinschlangelnden Weg, auf den er bestandig sein Augenmerk heften musste, gleichsam wie einen treuen Freund, der ihn leitete. Dies wurde ihm denn zuletzt eine dichterische Idee es wurde Bild, Vergleichung, woran er tausend Dinge kettete. 'Wie sich ein Wandrer an seinen Weg halt; so getreu wie der Weg dem Wandrer so und so '. Dies Ideenspiel verfolgte er im Gehen und das Einformige der Gegend bei der umgebenden Dunkelheit und des immerwahrenden Fussaufhebens verschwand ihm unmerklich und machte ihn nicht verdriesslich.

Es war schon ganz dunkel, da er zu seinen Eltern kam, die sich freilich wunderten, dass er dicht vor ihnen vorbeigegangen, erst nach Bremen gereist und dann zu ihnen gekommen war. Demohngeachtet aber nahmen ihn seine Eltern wegen der vielen angenehmen Nachrichten, die sie von ihm erhalten hatten, diesmal mit Freuden auf.

Und Reiser hatte nun so viel Stoff zu mystischen Unterredungen mit seinem Vater gesammlet, dass sie diesmal sich oft bis in die Nacht unterhielten. Reiser suchte namlich alle die mystischen Ideen seines Vaters, die er aus den Schriften der Madam Guion geschopft hatte von 'Alles und Eins', vom 'Vollenden in Eins' usw., metaphysisch zu erklaren, welches ihm sehr leicht wurde indem die Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen, als jene oft eben das vermittelst der Einbildungskraft zufalligerweise herausgebracht hat, was in dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist. Reisers Vater, der dies nie in seinem Sohne gesucht hatte, schien nun auch eine hohe Idee von ihm zu bekommen und ordentlich eine Art von Achtung gegen ihn zu hegen.

Die Neigung zur Schwermut aber behielt auch hier bestandig bei Reisern das Ubergewicht. Er stand mit seiner Mutter an der Ture, da das Kind eines Nachbars begraben wurde und der Vater in tiefer Trauer mit hangendem Haar und nassem Auge folgte. Wenn sie mich nur auch erst so hintrugen, sagte Reisers Mutter, die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte, und Reiser, der sich doch noch viel Freude versprechen konnte, stimmte innerlich so herzlich in diesem Wunsch mit ein, als ob ihm das grosste Herzeleid widerfahren ware.

Er nahm diesmal bei seiner Abreise von seiner Mutter und seinen Brudern mit mehrerer Ruhrung wie gewohnlich Abschied und wanderte zu Fuss wieder nach Hannover. Da er nun die vier Turme wieder erblickte, die er schon unter so mancherlei verschiedenen Verhaltnissen wiedergesehen hatte, so wandelte ihm diesmal aufs neue ein angstliches Gefuhl an, da er aus der weiten Welt nun wieder in diesen kleinen Umkreis aller seiner Verhaltnisse und Verbindungen zuruckkehren sollte, das Allzubekannte dort deuchte ihm so fade. Aber auf einmal erheiterte sich seine Seele wieder, da er ins Tor getreten war und gleich an einer Ecke einen Komodienzettel angeschlagen fand. Dies uberraschte ihn auf die angenehmste Weise sein erster Gang war wie vor drei Jahren nach dem Schlosse, wo das Theater war, und wo der Hauptzettel mit dem Verzeichnis der Personen angeschlagen stand man spielte den Clavigo, Brockmann den Beaumarchais, Reinecke den Clavigo, die alteste Dem. Ackermann (die jungere war damals schon gestorben) spielte die Maria, Schroder den Don Carlos, die Reinecken die Schwester der Maria, Schutz den Buenco und Boheim den Freund des Beaumarchais.

So vortrefflich war die Rollenbesetzung in diesem Stuck bis auf die unbedeutendsten Nebenrollen. Reiser kannte alle diese vortrefflichen Schauspieler war es wohl zu verwundern, dass seine Erwartung auf das hochste gespannt wurde, aufs neue die Vorstellung eines Stucks von ihnen zu sehen, das er zwar noch nicht gelesen hatte, wovon er aber wusste, dass es von dem Verfasser der Leiden des jungen Werthers war?

Durch diesen zufalligen Umstand, vergesellschaftet mit der Ruckerinnerung an die Abenteuer, die er auf seiner Reise gehabt hatte, bildete sich eine sonderbare romantische Idee in seinem Kopfe, die nun wieder auf einige Jahre seines kunftigen Lebens einen sehr grossen Einfluss hatte. Theater und Reisen wurden unvermerkt die beiden herrschenden Vorstellungen in seiner Einbildungskraft, woraus sich denn auch sein nachheriger Entschluss erklart.

Er versaumte nun wieder nicht leicht einen Abend die Komodie dadurch aber wurde sein Kopf wieder so voll von theatralischen Ideen, dass ihm seine eigentlichen Geschafte des bestandigen Lernens und Lehrens denn er hatte fast den ganzen Tag mit Unterrichtsstunden besetzt schon zuweilen nicht recht mehr zu schmecken anfingen und er sich dann kein Bedenken machte, dann und wann eine der Stunden, wo er lehrte oder lernte, zu versaumen, indem er dann jedesmal rechnete, dass es doch nur eine Stunde sei.

Nun wurden damals die Zwillinge von Klinger zuerst aufs Theater gebracht und freilich mit aller moglichen Kunst dargestellt, indem Brockmann den Guelfo, Reinecke den alten Guelfo, die Reinecken die Mutter, die Ackermann die Kamilla, Schroder den Grimaldi und Lambrecht den Bruder des Guelfo spielte.

Dies schreckliche Stuck machte eine ausserordentliche Wirkung auf Reisern es griff gleichsam in alle seine Empfindungen ein. Guelfo glaubte sich von der Wiege an unterdruckt das glaubte er von sich auch ihm fielen dabei alle die Demutigungen und Krankungen ein, denen er von seiner fruhesten Kindheit an, fast so lange er denken konnte, bestandig ausgesetzt worden war. Er vergass den Furstensohn und alle die Verhaltnisse eines Furstensohnes und fand nur sich in dem unterdruckten Guelfo wieder. Die bittre Lache, die Guelfo in der Verzweiflung uber sich selbst aufschlug, griff in Reisers innerste Empfindungen ein er erinnerte sich dabei aller der furchterlichen Augenblicke, wo er wirklich am Rande der Verzweiflung stand und eben eine solche Lache uber sich aufschlug indem es sein eignes Wesen mit Verachtung und Abscheu betrachtete und oft mit schrecklicher Wonne in ein lautschallendes Hohngelachter ausbrach.

Der Abscheu vor sich selber, den Guelfo empfand, indem er den Spiegel entzweischlagt, worin er sich nach der Mordtat erblickt und dass er nun nichts wunscht, als zu schlafen zu schlafen das alles schien Reisern so wahr, so aus seiner eignen Seele, die bestandig mit dergleichen schwarzen Phantasien schwanger ging, gehoben zu sein, dass er sich ganz in die Rolle des Guelfo hineindachte und eine zeitlang mit allen seinen Gedanken und Empfindungen darin lebte.

Wahrend dass also nun auf dem Koniglichen Operntheater von der Schroderschen Gesellschaft Komodie gespielt wurde, kam auch die Zeit der Sommerferien heran, wo die Primaner jahrlich offentlich eine Komodie aufzufuhren pflegten.

Reiser zweifelte nicht, dass man ihm diesmal eine Rolle antragen wurde, da er doch nun, seitdem er die Rede auf der Konigin Geburtstag gehalten hatte, einer der angesehensten unter seinen Mitschulern war und daher auch gar nicht glaubte, dass man ohne ihn die Sache anfangen wurde.

Wie sehr erstaunte er also, da er vernahm, dass man die Sache dennoch ohne ihn angefangen und sogar schon die aufzufuhrenden Stucke bestimmt und ihm nicht einmal eine Rolle darin zugeteilt hatte. Da er jetzt wirklich viele Freunde und vielen Anhang unter seinen Mitschulern hatte, so konnte er sich diese Zuruckstellung erst gar nicht erklaren, bis er denn freilich merkte, dass hier ein solcher Rollenneid und ein so angstliches Bemuhen, einander den Rang abzulaufen, stattfand, dass ein jeder genug fur sich zu sorgen hatte und, wer sich nicht mit Gewalt hinzudrangte, auch nicht gerufen wurde.

Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben zuruckerinnert und Betrachtungen daruber angestellt, wie in diesen kindischen Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache, als eine Rolle in einem Stucke war, das von den Primanern in Hannover aufgefuhrt wurde, sich doch das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollstandig entwickelte, als ob es die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hatte; und wie das Streben gegeneinander, dies Verdrangen und wieder Verdrangtwerden ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im kleinen war, dass Reiser alle seine kunftigen Erfahrungen hierdurch schon gleichsam vorbereitet sahe.

Dies kam nun freilich wohl mit daher, weil den Primanern die Anordnung der Schauspiele und die Besetzung der Rollen aus ihrem Mittel ganzlich uberlassen war. Der Geist wurde dadurch gleichsam republikanisch es konnten sich mehrere Krafte entwikkeln List und Verschlagenheit gebraucht und Kabalen geschmiedet werden; wie es nur irgend bei der Wahl eines Parlamentsgliedes geschieht denn es wurden uber dergleichen offentliche Angelegenheiten, auch wenn z.B. ein Aufzug mit Musik und Fackeln sollte veranstaltet werden, ordentlich Stimmen gesammlet, wodurch einer zum Anfuhrer bei dem Zuge oder zu sonst etwas Offentlichem gewahlt wurde.

Reiser sahe sich also nun auf einmal wieder, da er es am wenigsten vermutete, von demjenigen ausgeschlossen, woran sein ganzes Herz jetzt mehr wie jemals hing, und weswegen er vordem schon so viel erduldet hatte. Er suchte sich zwar mit dem Gedanken zu trosten, dass man ihn verkenne, dass ihm von seinen Mitschulern Unrecht geschehen sei aber dies wollte doch auf die Lange nicht zureichen vorzuglich krankte es ihn, dass sein Freund Winter ihm nichts davon gesagt hatte, der mit von der Gesellschaft der Spielenden war, und der es wusste, wie sehr sein Herz an dieser Sache hing.

Aber dieser glaubte selbst in einem zu unvorteilhaften Lichte zu erscheinen, wenn er denjenigen als ein Mitglied in Vorschlag brachte, auf den die Aufmerksamkeit keines einzigen ausser ihm gefallen war. Winter meinte es deswegen ubrigens noch gar nicht bose mit Reisern, sondern war nach wie vor sein Freund, nur bis auf diesen Punkt nicht. Eine Erfahrung, die mancher vielleicht in seinem Leben ofter zu machen Gelegenheit gehabt hat. Es halt schwer, in der Freundschaft standzuhalten, wenn sich alles wider jemanden erklart man fangt an, seinem eignen Urteil nicht recht mehr zu trauen, das immer noch einer Stutze ausser sich zu bedurfen scheint, sei sie auch so klein sie wolle wenn die Sache nur noch von einem einzigen in Regung gebracht wird, so will man gern der zweite sein, der einstimmt, nur der erste scheut sich ein jeder zu sein und die Freundschaft muss schon einen sehr hohen Grad erreicht haben, wenn sie hier der entgegenstrebenden Politik nicht unterliegen soll.

Winter war sonst ein sehr aufrichtiger Mensch und da Reiser ihn fragte, was unter ihm und einer Anzahl seiner Mitschuler, die immer zusammenkamen, im Werke sei, so gab ihm Winter erst ohne Umschweife zu verstehen: er wolle es ihm nicht sagen bis Reiser weiter in ihn drang und dann doch die ganze Sache erfuhr wo dann jener sich damit aus der Verlegenheit zog, dass er die ganze Sache als unbedeutend vorstellte und als etwas, das doch wohl schwerlich zustande kommen wurde usw.

Diese Erfahrung, die Reiser damals zuerst an seinem Freunde Winter machte, hat er nachher nur zu oft in seinem Leben wieder bestatigt gefunden.

Ausser Reisern war nun Iffland, von dem ich schon erwahnt habe, dass er nachher einer der beliebtesten dramatischen Schriftsteller geworden ist, derjenige, welcher sich unter der damaligen Generation der Primaner in Hannover in Ansehung seines Kopfes am mehrsten auszeichnete und an den sich Reiser schon vor einigen Jahren anzuschliessen gesucht hatte. Allein die Verschiedenheit ihrer Glucksumstande hatte dieses Aneinanderschliessen damals gehindert.

Da nun aber Reiser angefangen hatte, sich auszuzeichnen, so fing Iffland von selber an, sich an ihn zu schliessen und sie unterredeten sich oft bei ihren einsamen Spaziergangen uber ihre kunftige Bestimmung in der Welt. Iffland lebte auch ganz in der Phantasienwelt und hatte sich damals gerade ein sehr reizendes Bild von der angenehmen Lage eines Landpredigers entworfen er war also entschlossen, Theologie zu studieren, und unterhielt Reisern fast bestandig mit der Schilderung jener stillen, hauslichen Gluckseligkeit, die er dann im Schoss einer kleinen Gemeinde, die ihn liebte, in seinem Dorfchen geniessen wurde. Reiser, welcher dergleichen Spiele der Phantasie aus eigner Erfahrung kannte, prophezeite ihm im voraus, dass er diesen Entschluss zu seinem eignen Besten wohl nie in Erfullung bringen wurde: denn wenn er Prediger wurde, so wurde er wahrscheinlich ein grosser Heuchler werden er wurde mit der grossten Hitze des Affekts und mit aller Starke der Deklamation doch immer nur eine Rolle spielen. Ein geheimes Gefuhl sagte Reisern, dass dies bei ihm selber wohl der Fall sein wurde, darum konnte er jenem so gut den Text lesen.

Iffland ist nun freilich nicht Prediger geworden aber es ist doch sonderbar, jene Ideen von hauslicher stiller Gluckseligkeit, die er damals so oft gegen Reisern geaussert hat, sind doch nicht verloren gegangen, sondern fast in allen seinen dramatischen Arbeiten realisiert, da er sie in seinem Leben nicht hat realisieren konnen.

Da nun aber die Schauspieler wieder nach Hannover kamen, so wurden bei Iffland alle jene reizenden Phantasien von stiller Gluckseligkeit auf einem Dorfe sehr bald verdrangt, und die herrschende Idee war nun bei ihm sowie bei Reisern wieder das Theater.

Iffland war nun einer der vorzuglichsten Mitglieder der Gesellschaft, die sich zum Auffuhren der Komodie verbunden hatten, aber hier hatte er dennoch seinen Freund Reiser auch vergessen. Diese Vernachlassigung von denen, die er noch fur seine besten Freunde hielt, bei einer Sache, die ihm so sehr am Herzen lag wie diese, war ihm ausserst krankend. Er sprach mit Iffland daruber, der sich damit entschuldigte, er habe nicht geglaubt, dass Reiser zu der Sache noch Lust habe. Und was Reisern am meisten krankte, war, als er horte, dass er bei der Rollenausteilung nicht etwa Feinde unter der Gesellschaft gehabt, die ihn hatten ausschliessen wollen, sondern dass man gar nicht einmal an ihn gedacht, seiner nicht einmal erwahnt hatte.

Da er sich nun indes erklarte, dass er an der Gesellschaft teilnehmen wolle, so war man ihm nicht zuwider, wenn er mit einer von den Rollen, die noch ubrig waren, vorliebnehmen wollte. Er musste sich denn hiezu entschliessen und erhielt in dem ersten Stuck, das aufgefuhrt wurde, in dem Deserteur aus Kindesliebe, noch die Rolle des Peter, welche ihm freilich nicht die angenehmste war, die er doch aber lieber als gar keine nahm.

Man wird die Erzahlung dieser anscheinenden Kleinigkeiten nicht unwichtig finden, wenn man in der Folge sehen wird, dass sie auf sein kunftiges Leben einen grossen Einfluss hatten, und dass die Rollenausteilung bei den Komodien, die er mit seinen Mitschulern auffuhrte, gleichsam ein Bild von einem Teile seines kunftigen Lebens war.

Er wollte sich nicht zudrangen und war doch wieder nicht stark genug, es zu ertragen, wenn man ihn vernachlassigte.

Da er nun ein Mitglied der theatralischen Gesellschaft geworden war, so verleitete ihn dies zu vielen Ausgaben, die seine Einkunfte uberstiegen und zu vielen Versaumnissen, die seine Einkunfte verminderten. Er musste die Gesellschaft zuweilen zu sich bitten, wie es ein jeder tat und der oftern Proben wegen, die angestellt wurden, manche seiner Unterrichtsstunden, die er gab, versaumen. Uberdem war sein Kopf nun wieder bestandig mit Phantasien erfullt er war zu keinem anhaltenden und ernsthaften Nachdenken, zu keinem Fleiss im Studieren mehr aufgelegt.

Es bildeten sich nun schon Schriftstellerprojekte in seinem Kopfe er wollte ein Trauerspiel 'der Meineid' schreiben. Er sah schon den Komodienzettel angeschlagen, worauf sein Name stand seine ganze Seele war voll von dieser Idee und er ging oft wie ein Rasender in seiner Stube wutend auf und nieder, indem er alle die grasslichen und furchterlichen Szenen seines Trauerspiels durchdachte und durchempfand. Der Meineid gereute den Meineidigen zu spat, und Mord und Blutschande war schon die Folge davon gewesen, als er eben im Begriff war, von unaufhorlicher Gewissensangst getrieben, den Meineid durch Aufopferung seines ganzen Vermogens, das er dadurch gewonnen hatte, wieder gutzumachen und der schmeichelhafteste Gedanke fur Reisern war, wenn er dies Stuck noch in seinem jetzigen Stande, noch als Schuler vollenden wurde, was man denn fur Erwartungen von ihm schopfen wie es dann noch weit mehr ihm zum Ruhm gereichen musste.

Schon in seinem neunten Jahre, da er in die Schreibschule ging, hatte er sich mit einem seiner Mitschuler vorgenommen, dass sie zusammen ein Buch schreiben wollten und beide schmeichelten sich schon damals mit der Idee, wie ihnen dies zum ewigen Ruhme gereichen wurde. Der Knabe, welcher damals den Entwurf zu dem Buche mit ihm machte, das ihre beiderseitigen Lebensgeschichten enthalten sollte, war ein sehr guter Kopf, der sich aber nachher durch einen ubertriebenen Fleiss zugrunde richtete und im siebzehnten Jahre starb.

Mit diesem spielte er auch schon damals zuweilen, ehe die Stunde anging, und wenn der Lehrer noch nicht da war, Komodie und fand immer in dieser Art von Belustigung ein unbeschreibliches Vergnugen ob er gleich damals noch gar keine Komodie gesehen, sondern nur aus Erzahlungen andrer einen ganz dunklen Begriff davon hatte. Was aber die Verfertigung des Buchs anbetraf, so war ihm das damals schon eine so erhabene Idee ein Buch war ihm eine so heilige und wichtige Sache, deren Hervorbringung er kaum einem Sterblichen, wenigstens keinem noch lebenden Sterblichen zutrauete.

Uberhaupt war es ihm noch lange nachher immer eine sonderbare Idee, wenn er horte, dass die Personen, die irgendein beruhmtes Werk geschrieben hatten, noch lebten und also assen, tranken und schliefen wie er. Da er in seinem sechzehnten Jahre zum ersten Male Moses Mendelssohns Schriften las, so kam der Name, der alte Homerskopf auf dem Titel, alles zusammen, um eine sonderbare Tauschung bei ihm hervorzubringen, als ob dieser Moses Mendelssohn irgendein alter Weiser sei, der vor Jahrhunderten gelebt hatte und dessen Schriften nun etwa ins Deutsche ubersetzt waren er trug sich lange mit diesem Wahn herum, bis er einmal zufalligerweise von seinem Vater horte, dass dieser Mendelssohn noch lebe, dass er ein Jude sei, auf den die ganze judische Nation sehr stolz ware, und dass Reisers Vater ihn selbst in Pyrmont gesehen habe, und wie er aussahe usw. Dies brachte in Reisers Ideenzustande auf einmal eine grosse Veranderung hervor seine Vorstellungen vom Alten und Neuen, Gegenwartigen und Vergangnen mischten sich sonderbar durcheinander. Er konnte sich nur mit Muhe zu dem Gedanken gewohnen, sich einen Mann als noch lebend vorzustellen, den seine Einbildungskraft so lange in die vergangnen Jahrhunderte zuruckversetzt hatte. Er dachte sich einen solchen Mann wie eine unter den Menschen wandelnde Gottheit und solche Menschen einst von Angesicht zu Angesicht zu sehen, mit ihnen sich zu unterreden, das war der hochste seiner Wunsche.

Und nun hatte er sich doch im Ausdruck seiner Gedanken auf verschiedene Art versucht; er fing an zu hoffen, dass ihm vielleicht einmal ein Werk des Geistes gelingen wurde, wodurch er sich den Weg in jenen glanzenden Zirkel bahnte und sich das Recht erwurbe, mit Wesen umzugehen, die er bis jetzt noch so weit uber sich erhaben glaubte. Daher schrieb sich vorzuglich mit die Schriftstellersucht, welche schon damals anfing, ihn Tag und Nacht zu qualen.

Ruhm und Beifall sich zu erwerben, das war von jeher sein hochster Wunsch gewesen; aber der Beifall musste ihm damals nicht zu weit liegen er wollte ihn gleichsam aus der ersten Hand haben und wollte gern, wie es der naturliche Hang zur Tragheit mit sich bringt, ernten ohne zu saen. Und so griff nun freilich das Theater am starksten in seinen Wunsch ein. Nirgends war jener Beifall aus der ersten Hand so wie hier zu erwarten. Er betrachtete einen Brockmann, einen Reineck immer mit einer Art von Ehrfurcht, wenn er sie auf der Strasse gehen sahe, und und was konnte er mehr wunschen, als in den Kopfen anderer Menschen einst ebenso zu existieren, wie diese in seinem Kopfe existierten. So wie jene Leute vor einer so grossen Anzahl von Menschen, als sonst nur selten oder nie versammlet sind, alle die erschutternden Empfindungen der Wut, der Rache, der Grossmut nacheinander durchzugehen und sich gleichsam jeder Nerve des Zuschauers mitzuteilen, das deuchte ihm ein Wirkungskreis, der in Ansehung der Lebhaftigkeit in der Welt nicht seinesgleichen hat.

Allein er war nun freilich zu spat zu der theatralischen Gesellschaft getreten, um eine Rolle, wie er sie sich wunschte, zu erhalten, welches ihn ausserordentlich krankte. Indes freute es ihn doch wieder, dass er nur noch eine Rolle bekam, da er den Ersatz erhielt, dass ihm die Verfertigung eines Prologs zu dem Deserteur aus Kindesliebe aufgetragen wurde, welcher nebst dem Personenverzeichnis gedruckt werden sollte.

Nun wartete man nur darauf, bis die ordentlichen Schauspieler wieder wegreisen wurden, um alsdann ebenfalls auf dem grossen Koniglichen Operntheater zu spielen, wozu sich die Primaner selbst die Erlaubnis erbeten hatten so dass diesmal diese dramatischen Ubungen so glanzend wurden, wie sie noch niemals gewesen waren. Die ganze Einrichtung war dabei den jungen Leuten selbst uberlassen und da nun Reiser mit von der Gesellschaft war, so nahm er doch auch an allen offentlichen Beratschlagungen und Debatten teil eine Sache, die er von altersher nie gewohnt gewesen war, und die ihm daher fremd vorkam es war ihm ordentlich, als kame es ihm nicht recht zu, wenn man ihn auch mit in Betrachtung zog.

Ob er nun gleich eben keine aussere Veranlassung dazu hatte, so war ihm doch die Einsamkeit noch immer lieb und seine vergnugtesten Stunden waren, wenn er etwa eine Strecke vor das Tor hinaus nach einer Windmuhle ging, wo ringsumher in einem kleinen Bezirk eine romantische Abwechselung von Hugeln und Talern war, und wo er sich im Garten in einer Laube eine Schale Milch geben liess und dabei las oder in seine Schreibtafel schrieb. Dies war schon vor mehrern Jahren einer seiner liebsten Spaziergange, und er war auch oft mit Philipp Reisern da gewesen.

Als Werthers Leiden erschienen, fiel ihm bei den reizenden Beschreibungen von Wahlheim sogleich diese Windmuhle ein und die manchen sussen Stunden, welche er einsam da genossen hatte.

Dann war vor dem neuen Tore ein kunstlich angelegtes, ganz kleines Waldchen, worin so viele Krummungen und sich durchschlangelnde Pfade angebracht waren, dass man das Waldchen wenigstens fur sechsmal so gross hielt, als es war, wenn man darin herumirrte man hatte ringsumher die Aussicht auf eine grune Wiese, wo in der Ferne hinter den einzelnen hohen Baumen, unter denen Reiser so gern zu wandern pflegte, und hinter dem kleinen Gebusch, wo er sich so oft gelagert hatte, der Fluss hervorschimmerte, mit dessen Ufern er ebenfalls, durch seine oftern Spaziergange an demselben, unter so manchen verschiednen Situationen seines Lebens vertraut geworden war. Oft wenn er am Ende dieses Waldchens auf einer Bank sass und in die weite Gegend hinausschaute, stiegen alle die vergangnen Szenen seines Lebens, der Kummer und Sorgen, die er dort an so manchem schwulen Sommertage mit sich herumgetragen hatte, wieder vor ihm auf, und das Andenken daran versetzte ihn in eine stille Wehmut, der er mit Vergnugen nachhing. Er konnte auch in der Ferne die Brucke sehn, die uber den Bach ging, an dem er so manche Stunde gesessen und so manches gelesen und gedichtet hatte. Weil nun das Waldchen so nahe vor der Stadt war, so pflegte er oft des Abends im Mondschein hinauszugehn und auch wohl mitunter ein wenig zu 'siegwartisieren', ohne doch den Siegwart gelesen zu haben, der erst ein Jahr nachher erschien.

Hier hatte er in dem vorigen Jahre, da er neunzehn Jahr alt war, an einem rauhen Septemberabend seinen Geburtstag gefeiert und sich selber die heiligsten Gelubde getan, sein kunftiges Leben besser als das vergangne zu nutzen.

Auf diesen einsamen Spaziergangen verfertigte er denn auch seinen Prolog, der sich wie seine Rede mit 'welch ein' anfing; denn in das sanft klingende 'welch ein' hatte er sich ordentlich verliebt, es schien gleich eine solche Fulle von Ideen zu fassen und alles Folgende hineinzufugen er konnte sich keinen vollklingendern Anfang denken und hub daher denn auch seinen Prolog an:

Welch eine Gottin geusst Entzucken

Ins Herz des Fuhlenden?

Lasst mitleidsvoll vor seinen Blicken

Oft Szenen sanfter Freud' entstehn,

Und bildet ihre Haine schon

Sanfttraurender Melancholie?

Sie ists, des Himmels Phantasie

Oft wandelt sie auf Blumenwegen

Mit ihm ins stille Tal hinab,

Zeigt ihm die Unschuld da in Hutten

Und Freuden, welche Gott ihr gab, usw.

Dieser Prolog wurde nun nebst dem Personenverzeichnis wie ein kleines Buch gedruckt, und auf dem Titel stand: 'verfasst von Reiser, gesprochen von Iffland'. Reiser sah sich also aufs neue gedruckt, und was noch mehr war, so erhielt er von seinen Mitschulern den Auftrag, den Prinzen selbst zu der Komodie einzuladen, welches er denn mit dem Degen an der Seite und in seinem Galakleide, worin er die Rede gehalten hatte, tat.

Die Noblesse und Honoratioren der Stadt wurden nun auch von den jungen Leuten selbst eingeladen, und Reiser erhielt hier wiederum Gelegenheit so wie damals, da er die Rede gehalten hatte, einen Teil der grossen Welt in der Nahe zu sehen, den er vorher nur noch aus einer grossen Entfernung angestaunt hatte er sahe, dass die Minister, Grafen und Edelleute, mit denen er nun Gesicht gegen Gesicht sprach, nicht so erstaunlich von ihm verschiedene Wesen waren, sondern dass sie in ihren Ausserungen ebenso wie die gemeinsten Leute manchmal etwas Sonderbares und Komisches hatten, wodurch der Nimbus um sie verschwand, sobald man sie nur reden horte und sich in der Nahe mit ihnen unterhielt. So glanzend nun Reisers Zustand schien, wenn er so uber die Strasse paradierte und in den ersten Hausern seine Cour machte, so war dieser Zustand doch im eigentlichen Verstande ein glanzendes Elend zu nennen denn durch das schlechte Verhaltnis seiner Ausgaben gegen seine Einkunfte wurden seine Umstande immer misslicher, seine Lage immer angstlicher. Uberdem druckte ihn das Einformige seiner Lage, und dass er noch keine Aussicht vor sich sahe, die Universitat mit Anstand zu beziehen auch war ihm nun jener Beifall aus der ersten Hand, den ein Schauspieler einernten kann, so wichtig und so lieb geworden, dass sein Hang immer mehr nach dem Theater als nach der Universitat war.

Es war wirklich damals gerade die glanzendste Schauspielerepoche in Deutschland, und es war kein Wunder, dass die Idee, sich in eine so glanzende Laufbahn, wie die theatralische war, zu begeben, in den Kopfen mehrerer jungen Leute Funken schlug und ihre Phantasie erhitzte das war denn damals auch der Fall bei der dramatischen Gesellschaft in Hannover sie hatte gerade die vortrefflichsten Muster, einen Brockmann, Reineck, Schroder zu einem Zweck der Kunst vereinigt, taglich Lorbeern einernten sehen, und es war wirklich kein unruhmlicher Gedanke, solchen Mustern nachzueifern.

Und um nun diesen Endzweck zu erreichen, brauchte man nicht erst drei Jahre auf der Universitat studiert zu haben. Dann kam bei Reisern die unwiderstehliche Begierde zum Reisen hinzu, welche sich seit der abenteuerlichen Wallfahrt nach Bremen seiner bemachtigt hatte und der Gedanke, sich aus allen seinen bisherigen Verhaltnissen, wo selbst das Beste ihm doch immer nur halb gegluckt war, hinauszuversetzen und sein Gluck in der weiten Welt zu suchen, fing allmahlich an, bei ihm der herrschende zu werden es war aber nur noch ein blosses Spiel seiner Phantasie; er war noch nicht eigentlich entschlossen, die Sache selbst ins Werk zu richten.

Wahrend dieser Zeit besuchte ihn nun sein Vater in Hannover, den er jetzt zum ersten Male in seiner Stube, die mit sehr guten Mobeln versehen und schon austapeziert war, bewirten konnte. Seinem Vater suchte er nun seine Lage von der angenehmsten und vorteilhaftesten Seite zu schildern und stellte ihm das Auffuhren der Komodie als eine Sache vor, wodurch er nun sowohl wegen des gedruckten Prologs als auch, weil er den Prinz selbst dazu eingeladen hatte, wieder neue Aufmerksamkeit auf sich errege und sich ebenso wie durch die Rede an der Konigin Geburtstage im auffallenden Lichte wieder zeigen konnte.

Reisers Vater ausserte bei dieser Gelegenheit einen sehr wichtigen und wahren Gedanken, dass solche Vorfalle, wo einer sich offentlich zu seinem Vorteil zu zeigen Gelegenheit hat, wie z.B. bei der Rede an der Konigin Geburtstage, gleichsam wie ein Sieg zu betrachten waren, den man verfolgen musse, weil dergleichen im Leben sich nur selten ereigne.

Reiser begleitete seinen Vater bei dessen Ruckreise eine Stunde vor das Tor hinaus, und da sie nun an eben den Fleck kamen, wo ihm derselbe einst seinen Fluch gegeben hatte, so standen sie zufalligerweise still es fiel Reisern nachher erst ein, dass dies derselbe Fleck war sie hatten sich bis dahin uber die wichtigsten und erhabensten Gegenstande, worin die Mystik und die Metaphysik zusammentreffen, unterredet, und nun schloss Reisers Vater einen Bund mit seinem Sohne, dass sie von nun an gemeinschaftlich jenem grossen Ziele der Vereinigung mit dem hochsten denkenden Wesen naher zu kommen streben wollten; worauf er ihm denn auf eben dem Fleck durch Auflegung der Hand seinen Segen erteilte, wo er ihm ehemals seinen Fluch gab.

Reiser kehrte also nun in einer sehr guten Stimmung wieder zu Hause und blieb darin, bis nun wieder eine neue Rollenbesetzung von den Stucken, die ausser dem Deserteur aus Kindesliebe noch aufgefuhrt werden sollten, seine Phantasie erregte und seine durch vernunftiges Nachdenken eingewiegten romanhaften Ideen wieder erweckte.

Die Stucke, die noch aufgefuhrt wurden, waren Clavigo, der Mann nach der Uhr und der Edelknabe. Er hatte im Deserteur aus Kindesliebe mit einer unbedeutenden Nebenrolle vorlieb genommen und rechnete nun darauf, wenigstens die Rolle des Clavigo zu erhalten so wie nun alle Wunsche seines Herzens sich auf das Theater hefteten, so waren sie insbesondre auf diese Rolle gleichsam gespannt und man teilte sie nicht ihm, sondern einem andern zu, der sie offenbar schlechter spielte, wie Reiser sie gespielt haben wurde.

Reisers Krankung hieruber war so gross, dass ihn dieser Vorfall in eine Art von wirklicher Melancholie sturzte. Wem dies unwahrscheinlich oder unnaturlich vorkommt, der erwage, dass sein ganzer Wunsch, den er schon jahrelang bei sich genahrt hatte, jetzt gerade auf der Spitze der Erfullung oder Nichterfullung stand, offentlich vor den versammleten Einwohnern seiner Vaterstadt seine Talente zu entwickeln und zeigen zu konnen, wie tief er empfand, was er sagte, und wie machtig er wieder das durch Stimme und Ausdruck zu sagen imstande ware, was er so tief empfand solche erschutternde Empfindungen wieder bei Tausenden zu erregen, wie Reineck, der den Clavigo spielte, in ihm erregt hatte, das war fur ihn ein so grosser, stolzer und die Seele erhebender Gedanke, wie vielleicht nie fur irgendeinen Sterblichen eine Rolle in einem Trauerspiel gewesen sein mag. Hier ware nun alles das weit uber seine Erwartung erfullt worden, was er sich schon vor mehr als funf Jahren gewunscht hatte. Denn das Auditorium war hier so glanzend und zahlreich, wie es vielleicht nie gewesen sein mochte. Das Schauspielhaus, welches einige tausend Personen fasste, war so voll, dass niemand mehr Platz darin fand, und unter den Zuschauern befand sich der Prinz nebst dem ganzen Adel, die Geistlichkeit und die Gelehrten und Kunstler der Stadt. Vor einem solchen Auditorium und dazu in einer Stadt, die beinahe seine Vaterstadt war, worin er erzogen und so mancherlei widerwartige Schicksale erlebt hatte, sich mit aller der Starke der Empfindungen und des Ausdrucks, die er bis jetzt nur fur sich allein hatte entwickeln konnen, offentlich zu zeigen konnte in seiner Lage wohl etwas Wunschenswerteres fur ihn sein?

Aber vom sterbenden Sokrates an schien der Genius der Schauspielkunst auf ihn zu zurnen.

Er suchte sich die Rolle des Clavigo zu erbitten und zu ertrotzen, aber beides half nichts; sein Nebenbuhler siegte. Dies griff ihn auf seiner verwundbarsten Seite, auf dem zartlichsten Fleck seines Lebens an alles ubrige wurde ihm nun dadurch verbittert. Keiner unter allen, der ihm die Rolle des Clavigo abgetreten hatte, wurde so viel darunter verloren haben als er, dass er sie nicht erhielt. Da sein eigentlicher gegenwartiger Lebensfleck ihm so verdunkelt war, so zog es sich auch wieder uber sein ganzes ubriges Leben wie ein Flor; alles hullte sich ihm in melancholische Trauer er suchte die Einsamkeit wieder, wo er nur konnte, und fing an, sich in seinem Aussern zu vernachlassigen.

Philipp Reiser machte indes auf seiner Stube Klaviere und nahm an allen diesen Possen keinen Teil. Anton Reiser war seit seiner Verbindung mit der dramatischen Gesellschaft selten zu ihm gekommen jetzt, da es ihm so wenig nach Wunsch ging, besuchte er ihn wieder ofter, hing bei ihm seiner Schwermut nach, ohne ihm doch den eigentlichen Grund davon zu sagen denn er wollte sich gegen sich selbst nicht einmal recht merken lassen, dass seine Schwermut bloss davon herruhrte, weil er die Rolle des Clavigo nicht erhalten hatte, sondern er wollte sich lieber uberreden, dass dieselbe eine Folge von seiner Betrachtung des menschlichen Lebens uberhaupt sei.

Indes wurde ihm von der Zeit an, dass er die Rolle des Clavigo nicht erhielt, sein Aufenthalt in Hannover lastig, er fing von der Zeit an, unstet und fluchtig zu werden. Sein jahrelanger sehnlichster Wunsch musste in Erfullung gebracht werden, mochte es nun auch sein, wo es wollte er musste irgendwo alles das wirklich machen, was bis jetzt durch eine so lang anhaltende Komodienlekture und seinen schon so lange fortdaurenden Hang zum Theater in seiner Phantasie reif geworden war.

Als der Clavigo probiert wurde, hatte er sich in eine der Logen versteckt und wahrend dass Iffland als Beaumarchais auf dem Theater wutete, wutete Reiser, der in der Loge ausgestreckt am Boden lag, gegen sich selber, und seine Raserei ging so weit, dass er sich das Gesicht mit Glasscherben, die am Boden lagen, zerschnitt und sich die Haare raufte. Denn die Erleuchtung, die Blicke unzahliger Zuschauer alle auf ihn allein hingeheftet und sich, vor allen diesen forschenden Blicken seine innersten Seelenkrafte aussernd, durch die Erschutterung seiner Nerven auf jede Nerve der Zuschauer wirkend das alles wurde ihm in dem Augenblick gegenwartig und nun sollte er nichts wie unter der Menge verloren ein blosser Zuschauer sein, wie er jetzt war, wahrend dass ein Dummkopf, der den Clavigo spielte, alle die Aufmerksamkeit auf sich zog, die ihm, dem starker Empfindenden, gebuhrt hatte.

Nach alle den vorhergehenden Situationen, worin er sich seit Jahren befunden hatte, war ihm nun die Rolle des Clavigo gleichsam Zweck seines Lebens geworden, das durch tausend druckende Lagen einmal ganz unter die Herrschaft der Phantasie zuruckgedrangt war, die nun uber dasselbe ihre Rechte ausuben wollte.

Die Saite war bis zur hochsten Spannung hinaufgewunden, und nun sprang sie.

Als diese schreckliche Probe vorbei war, so fand sich Reiser wieder ganz allein, ohne einen Freund, ohne einen, der sich seiner annahm. Er wollte doch jemanden seinen Kummer klagen und ging zu Iffland, der sich von dem Augenblick fester wie jemals an ihn schloss: weil gerade dasselbe Bedurfnis bei ihm war, was Reisern zu ihm trieb.

Ifflands Phantasie war ebenfalls bis auf den hochsten Grad gespannt, und sein Hang zum Theater uberwiegend geworden, er bedurfte einen, dem er seine geheimsten Wunsche und seinen Kummer entdecken konnte.

Nun hatten sein Vater und sein alterer Bruder nicht ohne Grund befurchtet, dass der Hang zum Theater durch den grossen Beifall, den er sich durch sein Spiel erwarb, zu sehr genahrt und am Ende uberwiegend werden mochte, und ihm daher untersagt, an den dramatischen Ubungen ferner teilzunehmen, wogegen er nun freilich alle moglichen Einwendungen machte und eben jetzt noch deswegen mit seinem Vater in Unterhandlung stand. Er machte nun Reisern zum Vertrauten von seinem Vorsatz, sich ganz dem Theater zu widmen, so wie er ehmals mit ihm uber seinen Entschluss, ein Dorfprediger zu werden, gesprochen hatte.

Die Rolle, welche Iffland schon gespielt hatte, war der Deserteur im Deserteur aus Kindesliebe und der Jude im Diamant, der als Nachspiel zum Deserteur gegeben wurde. Den Juden hatte er so meisterhaft gespielt, dass er nachher mit ebendieser Rolle unter Ekhofs Augen debutierte und seine theatralische Laufbahn eroffnete so wie er sich nun durch den Juden im hochsten Komischen gezeigt hatte, so zeigte er sich durch den Beaumarchais im hochsten Tragischen, und sein Spiel war wirklich in dieser letztern Rolle so hinreissend, dass man Brockmann selbst zu horen und zu sehen glaubte; und das Vergnugen, sich in dieser Rolle offentlich zu zeigen, sollte ihm nun verleidet werden. Er notigte Reisern, die Nacht bei ihm auf seiner Stube zu bleiben, wo sie sich denn in reizenden Traumen von der Gluckseligkeit, die der Stand eines Schauspielers gewahrte, verloren, bis sie beide daruber einschliefen.

Jetzt waren sie beide fast unzertrennlich und Tag und Nacht beisammen. Und einst, da sie an einem warmen aber truben Morgen vors Tor hinausgingen, sagte Iffland, dies ware gutes Wetter, davonzugehen und das Wetter schien auch so reisemassig, der Himmel so dicht auf der Erde liegend, die Gegenstande umher so dunkel, gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Strasse, die man wandern wollte, hingeheftet werden. Die Idee wurde in beider Kopfen so rege, dass nicht viel fehlte, sie hatten sie gleich ins Werk gerichtet indes wollte doch Iffland womoglich in Hannover noch seinen Beaumarchais spielen sie kehrten also nach der Stadt wieder um so sehr sich nun auch Iffland fur Reisern mit bewarb, so war es doch unmoglich, dass dieser die Rolle des Clavigo erhalten konnte statt dessen trat ihm endlich der, welcher den Clavigo spielte, den Fursten im Edelknaben ab und in dem Manne nach der Uhr erhielt Reiser die Rolle des Magister Blasius.

Reiser war nun daruber melancholisch, dass er den Clavigo nicht spielen sollte, und Iffland, dass er uberhaupt nicht mehr mit Komodie spielen sollte beide aber suchten sich zu uberreden, dass sie des Lebens um sein selbst willen uberdrussig waren, und luden sich einmal des Nachts zwei Pistolen, womit sie fast die ganze Nacht hindurch Kurzweil trieben, indem sie 'sein oder nicht sein' hertragierten. Bei Reisern ging indes der Lebensuberdruss in der Tat so weit, dass er nicht aus der Stelle wich, wenn Iffland die geladene Pistole auf ihn hielt und den Finger anlegte, um sie abzudrucken, indes Reiser ebendasselbe wieder gegen ihn tat.

Am andern Tage aber hatte er einen etwas ernsthaftern Auftritt mit Philipp Reisern, den er besuchte. Er hatte die Nacht nicht geschlafen, eine dumme Tragheit blickte aus seinen hohlen Augen hervor, der Lebensuberdruss sass auf seiner Stirne, alle Spannkraft seiner Seele war dahin er sagte zu Philipp Reisern guten Tag! und dann stand er da wie ein Stock.

Philipp Reiser, der ihn schon ofter aber noch nie in dem Grade in einem solchen Zustand der Erschlaffung gesehen hatte und der nun zu furchten anfing, dass es wohl ganzlich mit ihm vorbei sein mochte tat ihm im ganzen Ernst den Vorschlag, dass er ihn totschiessen wollte, ehe ein verworfner und schlechter Mensch aus ihm wurde, wie jetzt der Fall ware. Mit Philipp Reisern, dessen Begriffe ebenfalls romanhaft und uberspannt waren, war in solchen Fallen nicht zu spassen. Anton Reiser verbat sich also diese Kur noch fur jetzt und versicherte, dass er sich wohl noch einmal von seiner jetzigen Erschlaffung wieder erholen wurde.

Indes fing nun seine Lage an, immer misslicher zu werden durch die Ausgaben, welche sein Teilnehmen an der Auffuhrung der Komodien erforderte, die seine Einkunfte weit uberstiegen, und durch die Versaumnis der Lehrstunden, welche er gab, sturzte er sich immer tiefer in Schulden und fing bald an den notwendigsten Bedurfnissen des Lebens wieder an Mangel zu leiden, weil er nicht die Kunst gelernt hatte, auf Kredit zu leben.

Seine Garderobe als Furst im Edelknaben, die er sich, so wie jeder die seinige, selbst anschaffen musste, kostete ihm allein so viel, als wovon er einen Monat lang alle seine Ausgaben hatte bestreiten konnen und fur dies alles erreichte er doch nicht einmal seinen Zweck, sich in einer auffallenden tragischen Rolle zeigen zu konnen, welches doch eigentlich von jeher sein Wunsch gewesen war.

Von den drei Stucken, die an einem Abend nacheinander aufgefuhrt wurden, war Clavigo das erste, der Mann nach der Uhr das zweite, und der Edelknabe blieb bis zuletzt.

Wahrend dass nun der Clavigo aufgefuhrt wurde, suchte Reiser in der Anziehstube dicht bei dem Theater so viel wie moglich seine Sinne zu betauben und sich die Ohren zu verstopfen jeder Laut, den er vom Theater horte, war ihm ein Stich durch die Seele denn hier war es, wo nun eben das schonste Gebaude seiner Phantasie, woran jahrelang gebaut worden war, wirklich scheiterte, und er musste es selbst mit ansehen, ohne es im mindesten verhindern zu konnen er suchte sich mit den beiden Rollen, die er noch zu spielen hatte, zu trosten und alle seine Aufmerksamkeit darauf zu heften, aber es war vergeblich wahrend dass die Rolle des Clavigo nun von einem andern vor einer solchen Menge von Zuschauern wirklich gespielt wurde, war ihm zumute wie einem, der alle sein Hab und Gut ohne Rettung in den Flammen aufgehen sieht noch bis zum letzten Tage hatte er immer gehofft, diese Rolle, es koste auch, was es wolle, zu erhalten nun aber war alles vorbei.

Und da nun wirklich alles vorbei und Clavigo zu Ende gespielt war, so wurde ihm wieder etwas leichter. Aber ein Stachel blieb doch immer in seiner Brust zuruck. Er spielte nun im Mann nach der Uhr, worin Iffland den Mann nach der Uhr machte, die Rolle des Magister Blasius mit allem Beifall. Aber dies war nicht der rechte Beifall, den er sich gewunscht hatte. Er wollte nicht zum Lachen reizen, sondern durch sein Spiel die Seele erschuttern. Der Furst im Edelknaben war nun zwar eine edle, aber doch eine zu sanfte Rolle fur ihn und uberdem misslang es gewissermassen mit der ganzen Auffuhrung des Stucks denn da der Clavigo und der Mann nach der Uhr zu Ende waren, so gingen die meisten Zuschauer weg, weil es schon sehr spat war, und es blieb nicht der dritte Teil da, welche den Edelknaben noch abwarteten dies und der qualende Gedanke an den Clavigo, den er immer noch nicht unterdrucken konnte, war Ursach, dass Reiser den Fursten im Edelknaben sehr nachlassig und weit schlechter spielte, als er ihn hatte spielen konnen und da nun alles geendigt war, missvergnugt und traurig nach Hause ging. Er dachte aber dabei doch noch dereinst seine Lust zu bussen, sich auf dem Theater in einer heftigen und erschutternden Rolle zu zeigen, mochte es auch kosten, was es wolle. Dass ihm zum ersten Male dieser Genuss versagt war, reizte seine Begierde darnach nur noch starker und wie konnte er sicherer die Erfullung seines hochsten Wunsches hoffen, als wenn er das zum eigentlichen Geschaft seines Lebens machte, woran ohnedem schon sein ganzes Herz hing. Der Gedanke, sich dem Theater zu widmen, bekam daher, statt niedergedruckt zu werden, noch immer mehr Gewalt uber ihn.

Allein so wie man immer zu dem, was man zu tun wunscht, sich selbst die dringendsten Bewegungsgrunde zu schaffen sucht, um sein Betragen gleichsam gegen sich selbst zu rechtfertigen so suchte sich auch Reiser die Bezahlung der kleinen Schulden, die er zu machen verleitet war, als eine so unmogliche Sache und die Entdeckung derselben als etwas so Missliches vorzustellen, dass er schon dieserwegen sich aus Hannover entfernen zu mussen glaubte. Aber seine eigentlichen Bewegungsgrunde waren der unwiderstehliche Trieb nach Veranderung seiner Lage und die Begierde, sich auf irgendeine Weise so bald wie moglich offentlich zu zeigen, um Ruhm und Beifall einzuernten, wozu ihm nun freilich nichts bequemer als das Theater scheinen musste, wo es einem nicht einmal darf zur Eitelkeit angerechnet werden, dass er sich so oft wie moglich zu seinem Vorteil zeigen will, sondern wo die Sucht nach Beifall gleichsam privilegiert ist.

Indes finden seine kleinen Schulden freilich auch an, ihn zu drucken, wozu noch ein paar Demutigungen kamen, die ihm vollends seinen langern Aufenthalt in Hannover zum Ekel machten.

Die eine bestand darin, dass ein junger Edelmann, den er unterrichtete, und mit dem er sich auf der Stube desselben manchmal noch ein wenig zu unterhalten pflegte, zu ihm sagte, er habe die Ehre sich ihm zu empfehlen, ehe sich Reiser selbst noch empfohlen hatte. Es war sehr wahrscheinlich, dass jener wirklich geglaubt hatte, Reiser mache Miene zum Weggehen, und also mit dem Abschiedskomplimente ein wenig zuvorkommend gewesen war aber eben dies Zuvorkommende war fur Reisern so erschrecklich auffallend und druckte auf einmal so sehr sein ganzes Wesen darnieder, dass er, da er schon hinaus war, noch eine Weile still stand und ihm die Arme am Korper niedersanken dies zuvorkommende 'ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen' gesellte sich plotzlich in seiner Idee zu dem 'dummer Knabe!' des Inspektors auf dem Seminarium, zu dem 'ich meine Ihn ja nicht!' des Kaufmanns, zu dem 'par nobile Fratrum' der Primaner und zu dem 'das ist ja eine wahre Dummheit!' des Rektors. Er fuhlte sich auf einige Augenblicke wie vernichtet, alle seine Seelenkrafte waren gelahmt. Der Gedanke des auch nur einen Augenblick Lastig-gewesen-seins fiel wie ein Berg auf ihn er hatte in dem Moment dies irgendeinem Geschopf ausser ihm so lastige Dasein abschutteln mogen.

Dann ging er aus dem Tore nach dem Kirchhofe, wo der Sohn des Pastor Marquard begraben lag, und weinte bei dessen Grabe die bittersten Tranen des Unmuts und Lebensuberdrusses. Alles erschien ihm auf einmal in einem traurigen melancholischen Lichte die ganze Zukunft seines Lebens war duster er wunschte mit dem Staube vermischt zu sein, den sein Fuss betrat, und dies alles noch wegen des zuvorkommenden 'ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen'. Diese Worte liessen einen Stachel in seiner Seele zuruck, den er vergeblich wieder herauszuziehen suchte ob er dies gleich sich selber nicht eigentlich gestand, sondern seinen Unmut und Lebensuberdruss aus allgemeinen Betrachtungen uber die Nichtigkeit des menschlichen Lebens und die Eitelkeit der Dinge herzuleiten suchte freilich fanden sich denn auch diese allgemeinen Betrachtungen ein, die aber ohne jene herrschende Idee nur seinen Verstand beschaftigt, nicht aber sein Herz in Bewegung gesetzt haben wurden. Im Grunde war es das Gefuhl der durch burgerliche Verhaltnisse unterdruckten Menschheit, das sich seiner hiebei bemachtigte und ihm das Leben verhasst machte er musste einen jungen Edelmann unterrichten, der ihn dafur bezahlte und ihm nach geendigter Stunde auf eine hofliche Art die Ture weisen konnte, wenn es ihm beliebte was hatte er vor seiner Geburt verbrochen, dass er nicht auch ein Mensch geworden war, um den sich eine Anzahl anderer Menschen bekummern und um ihn bemuht sein mussen warum erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden? Hatten ihn seine Verhaltnisse in der Welt glucklich und zufrieden gemacht, so wurde er allenthalben Zweck und Ordnung gesehen haben, jetzt aber schien ihm alles Widerspruch, Unordnung und Verwirrung.

Da er nun zu Hause ging, so wurde er auf der Strasse erstlich von einem seiner Glaubiger gemahnet und da er mit gesenktem Haupte melancholisch vor sich hinging, so horte er hinter sich einen Jungen zum andern sagen: da geht der Magister Blasius! Dies brachte ihn so auf, dass er dem Jungen auf der Strasse ein paar Ohrfeigen gab, welcher nun hinter ihm herschimpfte, bis Reiser seine Wohnung erreichte.

Von dem Tage an war Reisern der Anblick von den Strassen in Hannover ein Greuel und vor allem war die Strasse, wo der Junge hinter ihm hergeschimpft hatte, ihm am verabscheuungswurdigsten; er vermied es, wo er konnte, durch dieselbe zu gehen, und wenn er doch durchgehen musste, so war es ihm, als ob die Hauser auf ihn fallen wollten wohin er trat, glaubte er hinter sich den spottenden Pobel oder einen ungeduldigen Glaubiger zu horen.

Diese Demutigungen waren zu schnell nacheinander gekommen, als dass er sich unter dem Druck, welcher ihm von nun an den Ort seines Aufenthalts verhasst machte, noch einmal hatte wieder emporarbeiten konnen. Der Gedanke, Hannover zu verlassen und sein Gluck in der weiten Welt zu suchen, wurde von nun an fester Entschluss, den er aber doch niemanden als Philipp Reisern entdeckte dieser war damals sehr mit sich selber beschaftigt, weil er wieder einen verliebten Roman spielte und alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte, wie er seinem Madchen gefallen wollte. Anton Reisers Schicksal war ihm daher etwas weniger wichtig, als es ihm zu einer andern Zeit wurde gewesen sein.

Ohngeachtet Anton Reiser vielleicht in wenigen Tagen Hannover auf immer zu verlassen im Begriff war, so unterhielt ihn sein Freund dennoch mit dem ganzen Detail seiner Liebschaft, als wenn jener den Erfolg von dem allen hatte abwarten konnen. Dies argerte ihn denn zuweilen wohl aber Philipp Reiser war doch einmal sein nachster Vertrauter und er hatte niemanden ausser ihm, dem er sich hatte entdekken mogen.

Weil er doch aber nun, um sein Gluck in der weiten Welt zu suchen, sich irgendeinen Ort in der weiten Welt zum Ziel seiner Wanderung machen musste, so wahlte er Weimar hierzu, wo sich damals die Seilersche Truppe, uber welche Ekhof die Direktion fuhrte, aufhalten sollte. Hier wollte er seinen Entschluss, sich dem Theater zu widmen, ins Werk zu richten suchen.

Wahrend nun, dass er mit diesem Gedanken umging, erlitt er noch eine Demutigung, die ihn vollends in seinem Entschluss bestarkte.

Er ging namlich eines Nachmittags mit einer Anzahl seiner Mitschuler, die von der dramatischen Gesellschaft waren, in einem offentlichen Garten vor der Stadt spazieren. Nun mochten ihm wohl die Gedanken, womit er umging, ein sonderbares zerstreutes Aussehen geben, wodurch er sich vor seiner Gesellschaft eben nicht zu seinem Vorteil auszeichnete und seine Mitschuler fielen, ehe er sichs versahe, auf einmal wieder mit einem solchen Spott uber ihn her, dass es ihm auch nicht moglich war, gegen alles, was sie sagten, nur ein Wort vorzubringen. Da nun ihr Witz freien Spielraum fand, so war des Witzelns kein Ende und da nun uberdem ein paar Offiziere in der Nahe standen, die dem Gesprach zuhorten, so konnte Reiser nicht langer ausdauern er schlich sich vom Tische weg, bezahlte dem Wirt, was er fur seinen Teil schuldig war und eilte, so schnell er konnte, fort und so bald er nun allein war, brach er aufs neue in laute Verwunschungen uber sich und sein Schicksal aus. Er spottete uber sich selbst, weil er sich zum Spott und zur Verachtung geboren glaubte.

Woher kam es denn auch, dass er zum Spott der Welt gleichsam an der Stirne gebrandmarkt war? was haftete denn fur ein Mal des Lacherlichen an ihm, das durch nichts konnte ausgeloscht werden? das ihn jetzt, da er doch von seinen Mitschulern geachtet war, aufs neue wieder in einer bosen Stunde ihrem Gelachter preisgab?

Es war die unverantwortliche Seelenlahmung durch das zurucksetzende Betragen seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern konnen. Es war ihm unmoglich geworden, jemanden ausser sich wie seinesgleichen zu betrachten jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt als er zu sein daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung weil er nun glaubte, verachtet werden zu konnen, so wurde er wirklich verachtet und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein anderer mit mehr Selbstgefuhl nie wurde dafur genommen haben. Und so scheint nun einmal das Verhaltnis der Geisteskrafte gegeneinander zu sein; wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft vor sich findet, da reisst sie ein und zerstort wie der Fluss, wenn der Damm vor ihm weicht. Das starkere Selbstgefuhl verschlingt das schwachere unaufhaltsam in sich durch den Spott, durch die Verachtung, durch die Brandmarkung des Gegenstandes zum Lacherlichen. Das Lacherlichwerden ist eine Art von Vernichtung und das Lacherlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefuhls, die nicht ihresgleichen hat. Von allen ausser sich gehasst zu werden ist dagegen wunschens- und begehrenswert. Dieser allgemeine Hass wurde das Selbstgefuhl nicht toten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen konnte. Aber keinen Freund und nicht einmal einen Feind zu haben das ist die wahre Holle, die alle Qualen der fuhlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich fasst. Und diese Hollenqual war es, welche Reiser empfand, sooft er sich aus Mangel an Selbstgefuhl fur einen wurdigen Gegenstand des Spottes und der Verachtung hielt seine einzige Wonne war dann, wenn er fur sich allein war, in lautes Hohngelachter uber sich selber auszubrechen und das nun selber gleichsam an sich zu vollenden, was die Wesen ausser ihm angefangen hatten. 'Wenn diese Wesen mich verspotten und zerstoren, 'Die starker und vollkommner sind als ich, 'Warum soll ich des Mitleids Stimme horen 'Und weinen schandlich uber mich? ' Da er nun also dem hohnlachenden Zirkel seiner Mitschuler entflohen war so schweifte er in der einsamen Gegend umher und entfernte sich immer weiter von der Stadt, ohne ein Ziel zu haben, wohin er seine Schritte richtete. Er ging immer querfeldein, bis es dunkel wurde da kam er an einen breiten Weg, der zu einem Dorfe fuhrte, das er vor sich liegen sahe der Himmel fing an, sich immer dustrer zu umziehn, und drohte Regenwetter die Raben fingen an zu krachzen, und zwei, die immer uber seinem Kopfe hinflogen, schienen ihm das Geleite zu geben bis er an den kleinen engen Kirchhof des Dorfchens kam, welcher gleich vornean lag und mit unordentlich ubereinandergelegten Steinen eingefasst war, die eine Art von Mauer vorstellen sollten. Die Kirche mit dem kleinen spitzen Turme, der mit Schindeln gedeckt war, in der dicken Mauer nach jeder Seite zu nur ein einziges Fensterchen, durch welches das Licht schrag hereinfallen konnte die Ture wie halb in die Erde versunken und so niedrig, dass es schien, man konne nicht anders als gebuckt hineingehen. Und ebenso klein und unansehnlich, wie die Kirche war, so enge und klein war auch der Kirchhof, wo die aufsteigenden Grabhugel dicht aneinander gedrangt und mit hohen Nesseln bewachsen waren. Der Horizont war schon verdunkelt; der Himmel schien in der truben Dammerung allenthalben dicht aufzuliegen, das Gesicht wurde auf den kleinen Fleck Erde, den man um sich her sahe, begrenzt das Winzige und Kleine des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare Wirkung das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen der enge dumpfe Sarg war das letzte hierhinter war nun nichts weiter hier war die zugenagelte Bretterwand die jedem Sterblichen den fernern Blick versagt. Das Bild erfullte Reisern mit Ekel der Gedanke an dies Auslaufen in einer solchen Spitze, dies Aufhoren ins Enge und noch Engere und immer Engere wohinter nun nichts weiter mehr lag trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem winzigen Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der dunklen Nacht, als ob er dem Sarge, der ihn einzuschliessen drohte, hatte entfliehen wollen. Das Dorf mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens, solange er es noch hinter sich sahe auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt was er so oft gewunscht hatte, schien ihm gewahrt zu werden, das Grab schien seine Beute zu fordern und noch stets, sowie er flohe, hinter ihm seinen Schlund zu eroffnen erst da er ein andres Dorf erreichte, war er wieder ruhiger.

Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte, war die Vorstellung des Kleinen, die, sowie sie herrschend wurde, in seiner Seele eine furchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unertraglich war. Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden, der Vernichtung die Idee des Kleinen ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt das Grab ist das enge Haus, der Sarg ist eine Wohnung, still, kuhl und klein Kleinheit erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit Traurigkeit ist der Vernichtung Anfang unendliche Leere ist Vernichtung. Reiser empfand auf dem kleinen Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung der Ubergang vom Dasein zum Nichtsein stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Starke und Gewissheit dar, dass seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu zerreissen drohte.

Nun war also auf einmal aller Lebensuberdruss bei ihm verschwunden er suchte in seiner Seele wieder eine gewisse Ideenfulle hervorzubringen, um sich gleichsam nur vor der ganzlichen Vernichtung zu retten und da er von ohngefahr auf die Heerstrasse nach Erichshagen geriet, wo seine Eltern wohnten, und ihm nun auf einmal diese ganze Gegend bekannt war so nahm er sich erst vor, die ganze Nacht durch zu gehen und seine Eltern noch einmal mit einem unvermuteten Besuch zu uberraschen. Eine Meile war er schon von Hannover und hatte also ohngefahr noch funf Meilen zuruckzulegen.

Allein der Gedanke, dass er seinen Eltern nichts von seinem Entschluss hatte entdecken durfen und doch mit schwerem Herzen von ihnen hatte Abschied nehmen mussen, verleidete ihm diesen Vorsatz wieder, da es uberdem gegen Mitternacht stark zu regnen anfing. Er ging also aufs neue mitten im Regen und Dunkel durch das hohe Korn querfeldein nach der Stadt zu es war eine warme Sommernacht, und der Regen und die Dunkelheit waren ihm bei dieser menschenfeindlichen nachtlichen Wanderung die angenehmsten Gesellschafter er fuhlte sich gross und frei in der ihn umgebenden Natur nichts druckte ihn, nichts engte ihn ein er war hier auf jedem Fleck zu Hause, wo er sich niederlegen wollte, und dem Anblick keines Sterblichen ausgesetzt. Er fand zuletzt eine ordentliche Wonne darin, durch das hohe Korn hinzugehen ohne Weg und Steg durch nichts, nicht einmal durch ein eigentliches Ziel gebunden, nach welchem er seine Schritte hatte richten mussen. Er fuhlte sich in dieser Stille der Mitternacht frei wie das Wild in der Wuste die weite Erde war sein Bette die ganze Natur sein Gebiet.

So wanderte er die ganze Nacht hindurch, bis der Tag anbrach und als er die Gegenstande allmahlich wieder unterscheiden konnte, so deuchte es ihm nach der Gegend, als ob er ohngefahr noch eine halbe Meile von Hannover ware auf einmal aber befand er sich, ehe er sichs versahe, dicht an einer grossen Kirchhofsmauer, die er sonst nie in dieser Gegend bemerkt hatte er nahm alle seine Nachdenken zusammen und suchte sich zu orientieren, aber es war vergeblich er konnte die lange Kirchhofsmauer aus dem Zusammenhange der ubrigen Gegenstande nicht erklaren; sie war und blieb ihm eine Erscheinung, welche ihn eine Zeitlang wirklich zweifeln liess, ob er wache oder traume er rieb sich die Augen aber die lange Kirchhofsmauer blieb immer da uberdem war auch durch sein sonderbares Nachtwandern und durch das Wegfallen der gewohnten Pause, wodurch die Vorstellungen des Tages der Natur gemass unterbrochen werden, seine Phantasie zerruttet er fing selbst an, fur seinen Verstand zu furchten, und war vielleicht wirklich dem Wahnwitz nahe, als er endlich die vier Turme von Hannover wieder durch den Nebel sahe und nun wusste, wo er war. Die Morgendammerung hatte ihn getauscht, dass er die Gegend fur eine andre hielt, die noch eine halbe Meile von Hannover lag und mit dieser, die dicht vor der Stadt war, sehr viel Ahnlichkeit hatte. Der grosse Kirchhof, in dessen Mitte eine kleine Kapelle stand, war der ordentliche Kirchhof dicht vor Hannover, und Reisern war nun auf einmal die ganze Gegend wieder bekannt er erwachte wirklich wie aus einem Traume.

Aber wenn irgend etwas fahig ist, jemanden dem Wahnwitz nahe zu bringen, so sind es wohl vorzuglich die verruckten Orts- und Zeitideen, woran sich alle unsre ubrigen Begriffe festhalten mussen. Dieser neue Tag war fur Reisern wie kein neuer Tag, weil zwischen diesem und dem vorhergehenden Tage keine Unterbrechung der Wirkungen seiner vorstellenden Kraft stattgefunden hatte. Er ging in die Stadt; es war noch fruhmorgens, und auf den Strassen herrschte eine Totenstille. Das Haus, die Stube, worin er wohnte, alles kam ihm anders, fremd und sonderbar vor. Diese Nachtwanderung hatte eine Veranderung in seinem ganzen Gedankensystem hervorgebracht er fuhlte sich in seiner Wohnung von nun an nicht mehr zu Hause die Ortsideen schwankten in seinem Kopfe hin und her er war den ganzen Tag uber wie ein Traumender bei dem allen aber war ihm die Erinnerung an die Nachtwanderung angenehm. Das Krachzen der beiden Raben, die uber seinem Kopfe hinflogen, der kleine Dorfkirchhof, die durchwanderten Kornfelder, alles drangte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammen und machte zusammen eine dunkle Gruppe, ein schones Nachtstuck aus, woran sich seine Phantasie noch oft nachher in einsamen Stunden ergotzt hat.

Allein sein Aufenthalt in Hannover wurde ihm von nun an womoglich noch verhasster und der Wandergeist hatte sich seiner nun ganz bemachtigt dies war aber auch der Fall bei mehrern von den jungen Leuten, welche mit Komodie gespielt hatten. Einer namens Timaus, der vorher ein ausserst stiller, fleissiger und ordentlicher Mensch war, entdeckte Reisern im Vertrauen seine Unzufriedenheit mit seinem kunftigen Stande eines Theologen, wozu er bestimmt war, und unterredete sich mit ihm uber die Gluckseligkeit, welche der Schauspielerstand gewahrte, wobei er gegen die Vorurteile deklamierte, die diesen ehrenvollen Stand noch immer unverdienterweise herabsetzten.

Dies Gesprach hielten beide auf einem Spaziergange nach einem kleinen Dorfe vor Hannover; und sie hatten sich so in ihrer Unterredung vertieft, dass sie von der Nacht uberfallen und in dem Dorfe zu bleiben genotigt wurden. Dies ungewohnliche Ubernachten an einem fremden Orte setzte beiden noch mehr romanhafte Ideen in den Kopf es deuchte ihnen schon, als ob sie auf Abenteuer ausgingen und Gluck und Ungluck miteinander teilten. Der kuhne Vorsatz dieser beiden Abenteurer, sich uber alle Vorurteile der Welt hinwegzusetzen und ihrer Neigung oder ihrem Beruf, wie sie es nannten, zu folgen, blieb denn auch nicht unausgefuhrt. Reiser machte den Anfang, und Timaus folgte ihm bald, wurde aber noch glucklich wieder zuruckgebracht.

Reiser machte indes, ehe er seinen Vorsatz ausfuhrte, noch eine nachtliche Wanderung mit Iffland, der ihn des Abends um eilf Uhr mit noch einem von der dramatischen Gesellschaft besuchte und ihn zu einem Spaziergange nach dem Deister, einem Berge, der drei Meilen von Hannover entfernt ist, einlud. Reiser, dem dergleichen nachtliche Wanderungen nun schon anfingen eine gewohnte Sache zu werden, war sogleich entschlossen es war eine warme mondhelle Sommernacht. Die Unterhaltung unterwegens war ganz poetisch, zuweilen etwas affektiert und dann wieder wahr, nachdem es fiel. Wo sie durch ein Dorf kamen, duftete ihnen der frische Heugeruch entgegen. Und diese Nachtwanderung war wirklich eine der angenehmsten, die man sich nur denken kann, so dass sie recht vom Zufall veranstaltet zu sein schien, um Reisers Phantasie noch mehr zu erhitzen und seiner einmal angefachten Lust zum Wandern das vollige Ubergewicht uber die Vernunft zu geben.

Die drei Abenteurer erreichten noch vor Tagesanbruch ein Dorf, das dicht am Fuss des Berges lag, wo sie einkehrten und noch einige Stunden schliefen. Da sie aber am andern Morgen fruh aufstanden, so waren alle die schonen Bilderchen aus der Zauberlaterne verschwunden; die kahle Wirklichkeit mit allen ihren unvermeidlichen Unannehmlichkeiten stand wieder vor ihrer Seele da sie sassen uber eine Stunde einander gegenuber und jahnten sich an. Wenn irgendetwas Reisern von seiner Phantasie noch hatte heilen konnen, so ware es dieser Morgen nach solch einer Nacht gewesen es war ihnen nun leid geworden, den Berg zu besteigen, sie fuhlten sich mude und matt und nahmen den nachsten Weg wieder nach der Stadt zuruck, der ihnen wegen der brennenden Sonnenhitze ziemlich beschwerlich wurde allein sie fingen unterwegs an, Reime zu extemporieren, womit sie sich die Einformigkeit des Gehens einigermassen erleichterten.

Reiser blieb demohngeachtet vollig entschlossen zu wandern, mochte auch sein Schicksal sein, was da wollte er zog alles, was ihm begegnen konnte, dennoch der traurigen Einformigkeit und dem nicht halb und nicht ganz glucklich sein in Hannover vor.

Alle seine Gedanken gingen nun einmal ins Weite. Er sahe uberdem kein Mittel vor sich, seine Schulden zu tilgen, ohne sie dem Pastor Marquard aufs neue zu entdecken, dessen Achtung und Freundschaft er dann vollig zu verlieren gewartigen musste. Auch die verschiedenen Demutigungen, die er seit kurzem wieder hatte ertragen mussen, waren ihm noch im frischen Andenken und machten ihm den Aufenthalt in Hannover sowohl als die Gegenden umher verhasst.

Er wusste seinem einzigen Vertrauten, Philipp Reisern, seine Lage auch so misslich vorzustellen, dass dieser endlich selbst seinen Entschluss, Hannover zu verlassen, billigte und ihm die Reiseroute nach Erfurt, so wie er den Weg selbst von dorther bis Hannover zu Fusse gemacht hatte, vorschrieb. Von da wollte denn Anton Reiser nach Weimar gehen, um bei der Seilerschen oder vielmehr Ekhofischen Schauspielergesellschaft als Mitglied angenommen zu werden und von da aus wollte er denn, wenn ihm dies gelange, seine Schulden in Hannover bezahlen und seinen guten Ruf wieder herzustellen suchen, indem er dort gleichsam wieder aufstande, nachdem er hier burgerlich gestorben ware. Dies letzte war ihm insbesondre eine der angenehmsten Vorstellungen, womit er sich trug.

Er brachte nun Philipp Reisern seine wenigen Bucher und Papiere und gab sie ihm in Verwahrung seine Kleider hatte er zum Teil versetzt, um die Kosten zur Komodie zu bestreiten und seine ubrigen wenigen Sachen liess er seinem Wirt zur Schadloshaltung fur die Miete. Diesem sagte er, dass sein Vater sehr krank geworden sei und dass er, um diesen zu besuchen, auf eine Woche verreisen wurde, wenn etwa jemand nach ihm fragen sollte.

Und nun war er so weit in Richtigkeit bis auf die Barschaft, womit er eine Reise von mehr als vierzig Meilen antreten sollte. Diese bestand denn, nach allem, was er hatte auftreiben konnen, aus einem einzigen Dukaten, womit er Mut genug hatte, sich auf den Weg zu machen, ohngeachtet Philipp Reiser ihm die Unbesonnenheit dieses Unternehmens genug vorstellte. Aber mit Gelde konnte ihn dieser aus dem sehr wichtigen Grunde nicht unterstutzen, weil es ihm selbst gemeiniglich und gerade jetzt ganzlich daran fehlte.

Anton Reiser konnte also nun im eigentlichen Verstande von sich sagen, dass er alle das Seinige mit sich trug. Das gute Kleid, worin er die Rede auf der Konigin Geburtstag gehalten hatte, nebst einem Uberrock war seine ganze Garderobe dabei trug er einen vergoldeten Galanteriedegen an der Seite und Schuh und seidene Strumpfe. Ein reines Oberhemde nebst noch ein paar seidenen Strumpfen, Homers Odyssee in Duodez mit der lateinischen Version und der lateinische Anschlagbogen von der Redeubung an der Konigin Geburtstage, worauf sein Name gedruckt stand, war alles, was er in der Tasche bei sich trug.

Es war in der Mitte des Winters, an einem Sonntagmorgen, den er noch bei Philipp Reisern zubrachte, wo er sich vollig reisefertig machte, um den Nachmittag seine Wanderschaft anzutreten und, weil die Tage schon lang waren, noch drei Meilen bis zu der nachsten Stadt auf seiner Tour zuruckzulegen.

Es war heitrer Sonnenschein die Leute gingen in ihrem Sonntagsschmuck auf der Strasse und zum Teil vor das Tor spazieren, um am Abend in ihre Hauser wieder zuruckzukehren, und Reiser sollte nun an diesem Tage auf immer aus Hannover scheiden dies machte ihm eine sonderbare Empfindung, die weder Schmerz noch Wehmut, sondern mehr eine Art von Betaubung war. Der Abschied aus Hannover presste ihm keine Trane aus, sondern er war dabei fast so kalt und unbewegt, als ob er durch eine fremde Stadt gereist ware, der er nun wieder den Rucken zukehren musste, um weiterzugehen. Selbst der Abschied von Philipp Reisern war mehr kalt als zartlich. Philipp Reiser machte sich viel mit einer neuen Kokarde an seinem Hute zu schaffen und unterhielt dabei seinen scheidenden Freund noch in der letzten Stunde, die sie zusammen zubrachten, von seinem verliebten Romane, den er damals gerade spielte, gleichsam, als wenn Anton Reiser den Verfolg davon hatte abwarten konnen. Kurz, die ganze Unterhaltung war so, als ob sie am andern Tage wieder zusammenkommen und alles denn nach der alten Weise fortgehen wurde. Was aber Anton Reisern am meisten argerte, war das Putzen der Hutkokarde, womit sich sein einziger Freund in der letzten Abschiedsstunde noch so eifrig beschaftigen konnte. Diese Hutkokarde schwebte ihm noch lange nachher vor Augen und machte ihm allemal eine verdriessliche Ruckerinnerung, sooft er daran dachte. Auch wurde ihm der Abschied aus Hannover von seinem einzigen Freunde durch dies Putzen der Hutkokarde sehr erleichtert. Philipp Reiser meinte es aber demohngeachtet gut mit ihm, nur hatte diesmal seine kleine Eitelkeit und seine verliebten Schwarmereien uber die freundschaftliche Teilnehmung die Oberhand behalten, und seine Hutkokarde, worin er vielleicht seiner Schonen gefallen wollte, war ihm auch ein sehr wichtiger Gegenstand geworden, wofur nun Anton Reiser freilich keinen Sinn hatte.

' So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.'

Diese Worte aus Werthers Leiden hatten Anton Reisern diesen ganzen Morgen im Sinne gelegen, und da ihm Philipp Reiser den grossen Torweg offnen wollte, durch den nun doch der eigentliche Trennungspunkt bewirkt wurde, weil Philipp Reiser, um nicht Verdacht zu erwecken, als ob derselbe um seine Abreise wusste, ihn mit Fleiss nicht begleiten sollte, so blieb er noch eine Weile inwendig stehen, sahe Philipp Reisern starr an, und in dem Augenblick war es ihm, als klopfte er so kalt und starr an der ehernen Pforte des Todes an. Er gab Philipp Reisern, der ihm kein Wort sagen konnte, die Hand, zog darauf den Torweg hinter sich zu und eilte, um die nachste Ecke zu kommen, damit sein nun von ihm geschiedener Freund ihm nicht etwa nachsehen mochte.

Darauf ging er schnell uber den Wall nach dem Agidien-Tore zu und sahe noch einmal seitwarts nach seiner ehemaligen Wohnung im Hause des Rektors, die er vom Walle aus bemerken konnte. Es war des Nachmittags um zwei Uhr, und man lautete zur Kirche er verdoppelte seine Schritte, je naher er dem Tore kam. Es war ihm, als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eroffnete. Da er aber nun die Stadt mit ihren grunbepflanzten Wallen im Rukken hatte und die Hauser, wie er zuruckblickte, sich immer dichter zusammendrangten, so wurde ihm leichter und immer leichter, bis endlich die vier Turme, welche den bisherigen Schauplatz aller seiner Krankungen und Bekummernisse bezeichneten, ihm aus dem Gesichte schwanden.

Vierter Teil

Vorrede

(1790)

Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen eigentlich die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wahlen imstande sei.

Er enthalt eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von Selbsttauschungen, wozu ein missverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrnen verleitet hat.

Dieser Teil enthalt auch einige vielleicht nicht unnutze und nicht unbedeutende Winke fur Lehrer und Erzieher sowohl als fur junge Leute, die ernsthaft genug sind, um sich selbst zu prufen, durch welche Merkzeichen vorzuglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet.

Man sieht aus dieser Geschichte, dass ein missverstandener Kunsttrieb, der bloss die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, ebenso machtig werden und eben die Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich aussern, welches auch das Ausserste erduldet und alles aufopfert, um nur seinen Endzweck zu erreichen.

Aus den vorigen Teilen dieser Geschichte erhellet deutlich: dass Reisers unwiderstehliche Leidenschaft fur das Theater eigentlich ein Resultat seines Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen Welt verdrangt wurde und, da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war, mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebte das Theater als die eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese Widerwartigkeiten und Bedruckungen sein. Hier allein glaubte er freier zu atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.

Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefuhl von den reellen Dingen in der Welt, die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte, da er doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fuhlte.

Dies machte, dass er mit sich selbst im immerwahrenden Kampfe war. Er dachte nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und dabei mit sich selber zufrieden zu sein; und wiederum hatte er nicht Festigkeit genug, um irgendeinen reellen Plan, der sich mit seiner schwarmerischen Vorstellungsart durchkreuzte, standhaft zu verfolgen.

Eigentlich kampften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches von beiden obsiegen wurde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustande, in die er geriet, zur Genuge erklaren lassen.

Widerspruch von aussen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben.

Es kommt darauf an, wie diese Widersprucke sich losen werden! Sowie nun Reiser die Turme von Hannover aus dem Gesicht verloren hatte und mit schnellen Schritten vorwarts ging, atmete er freier, seine Brust erweiterte sich die ganze Welt lag vor ihm und tausend Aussichten eroffneten sich vor seiner Seele.

Er dachte sich den Faden seines bisherigen Lebens gleichsam wie abgeschnitten er war nun aus allen Verwickelungen auf einmal befreiet denn hatte er auch die Universitat in Gottingen bezogen, so hatte ihn auch dort sein Schicksal hin verfolgt; die ganze Zeitgenossenschaft seiner Jugend hatte auch dort wieder auf ihn gedruckt, und sein Mut hatte ganz erliegen mussen.

Denn so lange, wie er in jenen Kreis hingebannt war, konnte er kein Zutrauen zu sich selber fassen und wenn sein Mut sich erholen sollte, so musste er so bald die Menschen nicht wieder sehen, die vielleicht unvorsetzlich ihm die Tage seiner Jugend verbittert hatten.

Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden. Der Schauplatz seiner Leiden, die Welt, worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte, lag hinter ihm er entfernte sich mit jedem Schritt von ihr und konnte, so wie er sich eingerichtet hatte, acht Tage wandern, ohne dass ihn ein Mensch vermisste.

Nun fand er eine unbeschreibliche Sussigkeit in dem Gedanken, dass ausser Philipp Reiser niemand um sein Schicksal und um den Ort seines Aufenthalts wusste, dass selbst dieser einzige Freund sich bei seinem Abschiede nicht sehr bekummert hatte; dass er nun ausser allen Verhaltnissen und allen Menschen, zu denen er kam, vollig gleichgultig war.

Wenn das ganzliche Hinscheiden aus dem Leben durch irgendeinen Zustand kann vorgebildet werden, so muss es dieser sein.

Sowie nun die Hitze des Tages sich legte, die Sonne sich neigte und die Schatten der Baume langer wurden, verdoppelte er seine Schritte und machte denselben Nachmittag die drei Meilen bis Hildesheim ununterbrochen, wie einen Spaziergang; auch betrachtete er es vollig wie einen Spaziergang; denn er war nun in Hildesheim so gut wie in Hannover zu Hause.

Als er an das Stadttor kam, schlug er sich vorher den Staub von den Schuhen, brachte sein Haar in Ordnung, nahm eine kleine Gerte in die Hand, mit der er im Gehen spielte, und schlenderte auf die Weise langsam uber die Brucke, auf der er zuweilen stehen blieb, als ob er jemanden erwartete oder nach etwas sich umsah. Und da er uberdem in seidenen Strumpfen ging, so hielt ihn niemand in diesem Aufzuge fur einen Reisenden, der uber vierzig Meilen zu Fuss zu wandern im Begriff ist.

Keine Schildwache fragte ihn, und er wanderte mit den Einwohnern der Stadt, die auch von ihren Spaziergangen zuruckkehrten, in die Tore von Hildesheim. Und der Gedanke war ihm wiederum ausserst beruhigend und angenehm, dass er diesen Leuten gar nicht als fremd auffiel, niemand nach ihm sich umsah, sondern dass er gleichsam zu ihnen mitgerechnet wurde, ohne doch zu ihnen zu gehoren.

Da ihn nun niemand von allen diesen Menschen kannte und niemand sich um ihn bekummerte, so verglich er sich auch mit keinem mehr; er war wie von sich selbst geschieden; seine Individualitat, die ihn so oft gequalt und gedruckt hatte, horte auf, ihm lastig zu sein; und er hatte sein ganzes Leben auf die Weise ungekannt und ungesehen unter den Menschen herumwandeln mogen.

Als er nicht weit vom Tore einen Gasthof suchte, kam ihm die Strasse bekannt vor, und er erinnerte sich wieder an die Zeit, als er vor vier Jahren mit dem Rektor, bei dem er wohnte, am Fronleichnamsfeste hier war, und an die angstliche und peinliche Lage, in der er sich damals befand, weil er von der Gesellschaft, mit der er ging, weder ausgeschlossen war, noch eigentlich dazugehorte. Es walzte sich ihm wie ein Stein vom Herzen weg, da er sich das alles nun als ganzlich vergangen dachte.

In dem Gasthofe, worin er nun einkehrte, empfing und bewirtete man ihn nach seiner Kleidung, und er hatte nicht den Mut, es von sich abzulehnen, sondern liess es sich gefallen, dass man ihm ein Abendessen zubereitete, ein Bette zum Schlafen anwies und ihm am andern Morgen seinen Kaffee brachte. Den trank er noch in Ruhe und las im Homer dazu, als er auf einmal wie aus einer Art von Betaubung erwachte, da er sich lebhaft vorstellte, dass er mit seiner Barschaft, die aus einem einzigen Dukaten bestand, nicht nur uber vierzig Meilen weit reisen, sondern notwendig an Ort und Stelle noch etwas davon ubrig haben musste.

Er bezahlte schnell seine Zeche, die ihn um nicht weniger als den sechsten Teil seines ganzen Vermogens armer machte, erkundigte sich nach der Strasse, die auf Seesen fuhrte, und wanderte mit sorgenvollen Gedanken und schwerem Herzen aus dem Tore von Hildesheim.

Es war noch fruh am Tage der Weg fuhrte ihn durch eine angenehme Gegend, wo Wald und Flur miteinander abwechselten und der Gesang der Vogel ihm entgegentonte, indes die Morgensonne auf die grunen Wipfel der Baume schien.

Sowie er nun schneller vorwarts ging, fuhlte er auch nach und nach wieder sein Gemut erleichtert; heitere Gedanken, reizende Aussichten und kuhne Hoffnungen stiegen allmahlich wieder in seiner Seele auf, und nun entstand in ihm ein Vorsatz, der ihn auf einmal uber alle Sorgen hinwegsetzte und der ihn auf seiner ganzen Wanderung reich und unabhangig machte.

Er durfte nur seine ganze Nahrung auf Brot und Bier einschranken, auf der Streu schlafen und niemals wieder in einer Stadt ubernachten, um seinen Unterhalt wahrend der Reise mit wenig mehr als einem Groschen taglich zu bestreiten. Auf die Weise konnte er langer als einen Monat unterwegens sein und war am Ende der Reise doch noch nicht ganz entblosst.

Sobald er diesen Vorsatz, den er von dem Tage an standhaft ausfuhrte, gefasst hatte, fuhlte er sich wieder frei und glucklich wie ein Konig selbst diese freiwillige Entsagung aller Bequemlichkeiten und diese Einschrankung auf die allernotigsten Bedurfnisse gab ihm eine Empfindung ohnegleichen; er fuhlte sich nun beinahe wie ein Wesen, das uber alle irdische Sorgen hinweggeruckt ist, und lebte deswegen auch ungestort in seiner Ideen- und Phantasiewelt, so dass dieser Zeitpunkt bei allem anscheinenden Ungemach einer der glucklichsten Traume seines Lebens war.

Unmerklich aber schlich sich denn doch ein Gedanke mit unter, der sein gegenwartiges Dasein, damit es nicht ganz zum Traume wurde, wieder an das vorige knupfte. Er stellte sich vor, wie schon es sein wurde, wenn er nach einigen Jahren in dem Andenken der Menschen, worin er nun gleichsam gestorben war, wieder aufleben, in einer edlern Gestalt vor ihnen erscheinen und der dustere Zeitraum seiner Jugend alsdann vor der Morgenrote eines bessern Tages verschwinden wurde.

Diese Vorstellung blieb immer fest bei ihm sie lag auf dem Grunde seiner Seele, und er hatte sie um alles in der Welt nicht aufgeben konnen; alle seine ubrigen Traume und Phantasien hielten sich daran und bekamen dadurch ihren hochsten Reiz. Der einzige Gedanke, dass er dieselben Menschen, die ihn bis jetzt gekannt hatten, niemals wiedersehen wurde, hatte damals alles Interesse aus seinem Leben hinweggenommen und ihm die sussesten Hoffnungen geraubt.

Als nun der Mittag herannahte, so kehrte er in einem Dorfe in einem geringen Wirtshause ein, wo er ohnedem ausser Bier und Brot auch fur Geld nichts hatte haben konnen und also der Fall nicht eintrat, dass man ihm eine bessere Bewirtung angeboten und er sie hatte ablehnen mussen.

Es machte ihm nun unbeschreiblich Vergnugen, dass er fur wenige Pfennige ein so grosses Stuck schwarzes Brot erhielt, welches ihn den ganzen Tag gegen den Hunger sicherstellte. Er brockte sich einen Teil davon ins Bier und hielt auf die Weise das erste Mittagsmahl nach seinen eigenen strengen Gesetzen, von welchen er von nun an wahrend der Reise nicht abging.

Er eilte denn aber, dass er schnell wieder aus der dumpfigen Gaststube ins Freie kam, wo er unter einem schattigten Baum sich niedersetzte und zur Mittagserholung in Homers Odyssee las. Mochte nun dies Lesen im Homer eine zuruckgebliebene Idee aus Werthers Leiden sein oder nicht, so war es doch bei Reisern gewiss nicht Affektation, sondern machte ihm wurkliches und reines Vergnugen denn kein Buch passte ja so sehr auf seinen Zustand als grade dieses, welches in allen Zeilen den vielgewanderten Mann schildert, der viele Menschen, Stadte und Sitten gesehen hat und endlich nach langen Jahren wieder in seiner Heimat anlangt und dieselben Menschen, die er dort verlassen hat und nimmer wiederzusehen glaubte, auch endlich noch wieder findet.

Der Weg ging nun immer bergauf, bergab. Die Hitze war ziemlich gross, und Reiser loschte seinen Durst, sooft er einen klaren Bach antraf, aus welchem ihm umsonst zu schopfen freistand.

In dem Dorfe, wo er die erste Nacht blieb, war die Gaststube voller Bauern, die einen grossen Larm machten, so dass es ihm nicht moglich war zu lesen; er beschaftigte sich also mit seinen Gedanken; und eine steinalte Frau, die im Lehnstuhle sass und mit dem Kopfe bebte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Diese Frau war hier erzogen, hier geboren, hier alt geworden, hatte immer die Wande dieser Stube, den grossen Ofen, die Tische, die Banke gesehen nun dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau so sehr hinein, dass er sich selbst daruber vergass und wie in eine Art von wachenden Traum geriet, als ob er auch hier bleiben musste und nicht aus der Stelle konne. Ein solcher Traum war bei der plotzlichen Veranderung, die sein Zustand gelitten hatte, sehr naturlich und als seine Gedanken sich sammleten, fuhlte er das Vergnugen der Abwechselung, der Ausdehnung, der unbegrenzten Freiheit doppelt wieder er war wie von Fesseln entbunden, und die alte Frau mit bebendem Haupte war ihm wieder ein gleichgultiger Gegenstand.

Diese Art aber, sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken und sich selbst daruber zu vergessen, klebte ihm von Kindheit an es war einer seiner kindischen Wunsche, dass er nur einen Augenblick aus den Augen eines andern Menschen, den er vor sich sahe, mochte heraussehen und wissen konnen, wie dem die umstehenden Sachen vorkamen.

Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich nieder; seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu. Seine Gedanken aber liessen ihm keine Ruh, die Zukunft wurde immer glanzender und schimmernder vor seinen Blicken; die Lampen waren schon angezundet, der Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung, der entscheidende Moment war da.

Daruber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen; und als er am Morgen erwachte, war auf einmal der Schauplatz ganz verandert; die ode Gaststube, die Bierkruge, das schwarze Brot und erschlaffende Mudigkeit hier rachten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und Lebensuberdruss, der uber eine Stunde wahrte.

Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder einzuschlummern, bis die ermunternden Strahlen der Sonne, die ins Fenster schienen, ihn wieder zum Leben weckten, und sobald er sich nur erst auf den Weg gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war, verschwand auch schnell sein Unmut wieder, und das reizende Ideenspiel begann von neuem.

Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben, eins in der Einbildung und eins in der Wirklichkeit. Das Wirkliche blieb schon und harmonierte mit dem Eingebildeten bis auf die Gaststube, das Gelarm der Bauern und die Streu dies aber wollte sich nicht recht dazu reimen denn es war auf die unbegrenzte Freiheit am Tage eine zu grosse Beschrankung am Abend; weil er doch nun bis zum andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser.

Freilich hatten die aussern Gegenstande einen immerwahrenden Einfluss auf die inneren Gedankenreihen; mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knupfte sich immer gern eine neue Aussicht in das Leben.

Einmal war er lange muhsam bergan gestiegen, als auf einmal eine weite Ebene vor ihm dalag und er in der Ferne ein Stadtchen an einem See erblickte dieser Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf. Er konnte seine Augen von dem Gewasser in der Ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem Mut beseelte, die Ferne aufzusuchen.

Seine Reiseroute von Hildesheim ging namlich uber Salzdethfurt, Brockenem und Seesen auf Duderstadt, von wo er denn uber Muhlhausen geradezu nach Erfuhrt und von dort auf Weimar gehen wollte, welches das Ziel seiner Wunsche war.

Dort glaubte er namlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden, und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen. Nun spielte er unterwegens auf seinen Wanderungen alle die Rollen in Gedanken durch, die ihn dereinst mit Ruhm und Beifall kronen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen sollten.

Er glaubte, es konne ihm nicht fehlschlagen, weil er jede Rolle tief empfand und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszufuhren wusste er konnte nicht unterscheiden, dass dies alles nur in ihm vorging, und dass es an ausserer Darstellungskraft ihm fehlte. Ihm deuchte, die Starke, womit er seine Rolle empfand, musse alles mit sich fortreissen und ihn seiner selbst vergessen machen.

Dies geschahe auch wirklich, denn wahrend dem Gehen seine Einbildungskraft immer erhitzer wurde und er denn endlich auf dem Felde, wo er sich ganz allein glaubte, mit Beaumarchais laut zu toben, mit Guelfo zu rasen anfing.

Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover eine seiner Lieblingsrollen geworden; denn er fand sein Hohngelachter uber sich selber, seinen Selbsthass, seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder. Und der Akt, wo Guelfo nach dem Brudermord den Spiegel, in welchem er sich sieht, zerschmettert, war Reisern ein wahres Fest. Alle dies uberspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht er taumelte in dieser Trunkenheit uber Berg und Tal und wo er ging, da war sein Schauplatz unbegrenzt.

Clavigo, der ihm so viel Tranen gekostet hatte, war ihm nun zu kalt, und Beaumarchais trat an seine Stelle. Dann kamen Hamlet, Lear, Othello an die Reihe, die damals noch auf keiner deutschen Buhne vorgestellt wurden, und die er seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nachten vorgelesen und alle diese Rollen selbst durchgespielt, selbst durchempfunden hatte.

Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst; so sanft und melodisch floss sein Vers dahin, und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse, dass sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen musste. Er wusste zwar noch nicht eigentlich, was dies nun fur ein Gedicht sein sollte, aber im ganzen war es das schonste und harmonischste, was er sich denken konnte, weil es getreuer Abdruck seiner vollen Empfindungen war.

Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es, als er dicht bei Seesen einen Fusspfad ging, der ihn von der Strasse ab uber eine Wiese fuhrte, wo gerade ein Scheibenschiessen war, das allen seinen schimmernden Aussichten in die Zukunft beinahe ein plotzliches Ende gemacht hatte: denn eine Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem Kopfe vorbei, wahrend dass alles ihm zuschrie, er solle von dort weggehen er eilte schnell durch Seesen durch und wanderte ruhig weiter, bis er in einem kleinen Dorfe wieder ubernachtete.

Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser uber einen Teil des Harzgeburges, und es war noch fruh am Tage, als er zur Rechten an der Heerstrasse die Mauren einer zerstorten Burg auf einer Anhohe liegen sah; er konnte sich nicht enthalten hier hinaufzusteigen, und als er oben war, verzehrte er sein Stuck schwarzes Brot, das er sich zum Fruhstucke mitgenommen, in den Ruinen dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstrasse durch den Wald hinunter.

Dass er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstorten Gemauer wieder sein Morgenbrot verzehrte und an die Zeiten dachte, wo hier noch Menschen wohnten, die auch auf diese Heerstrasse durch den Wald hinuntersahen dies machte ihm einen der glucklichsten Momente es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung aus jenen Zeiten, dass diese Mauren einst ode stehen, dass der Wanderer sich dabei ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern wurde.

Sein Stuck schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit er stieg gestarkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Strasse fort, indem er die hohern Harzgeburge linker Hand liegen liess.

Das Wandern ward ihm nun so leicht, dass der Boden unter ihm eine Welle schien, auf der er sich hob und sank, und dass er so von einem Horizont zum andern sich fortgetragen fuhlte er verhielt sich bloss leidend, und immer stieg eine neue Szene vor seinem Blick empor.

Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald voruber, und er befand sich wieder in der freien offenen Natur. Diese Einkehr aber war ihm doch beschwerlich, und er dachte schon darauf, sich auch von dieser zu befreien, als er einmal uber ein Kornfeld ging und ihm die Junger Christi einfielen, welche am Sonntage Ahren assen.

Er machte sogleich den Versuch, eine Handvoll Korner aus den Ahren herauszustreifen, aus welchen Kornern er das Mehl sog und die Hulsen ausspuckte. Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib, als dass es ihm eigentlich das Einkehren hatte ersparen sollen. Das Angenehme dieses Nahrungsmittels lag vorzuglich in der Idee davon, welche den Begriff von Freiheit und Unabhangigkeit noch vermehrte.

Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte, kehrte er ohnweit Duderstadt in einem kleinen Dorfe ein, wo in dem Wirtshause niemand zu Hause war.

Es war noch vor der Dammerung der Torweg zum Hofe bei dem Wirtshause stand offen und auf dem Hofe war eine Laube, in welcher ein Tisch aber weder Stuhl noch Bank stand.

Reiser, um sich auszuruhen, legte sich also auf den Tisch, und weil er zum Lesen noch sehen konnte, so las er in der Odyssee die Stelle von den Menschenfressern, die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern und seine Gefahrten ergreifen und verzehren.

Auf einmal war der Wirt zu Hause gekommen und sahe, da es schon anfing dunkel zu werden, einen Menschen in seinem Hofe in der Laube auf dem Tische liegen und in einem Buche lesen.

Er redete Reisern erst ziemlich unsanft an; da dieser sich aber aufrichtete und der Wirt in ihm einen wohlgekleideten Menschen sah, so fragte er ihn sogleich, ob er ein Jurist sei, welches in diesen Gegenden die gewohnliche Benennung fur einen Studenten ist, weil die Theologen grosstenteils in Klostern studieren und schon als Geistliche betrachtet werden.

Dem Wirt war seine Frau gestorben, und ausser ihm war niemand im ganzen Hause. Der Mann war aber gesprachig, und Reiser hielt seine Abendmahlzeit, die wie gewohnlich aus Bier und Brot bestand, in seiner Gesellschaft.

Der Mann erzahlte ihm von vielen sogenannten Juristen, die bei ihm logiert hatten, und Reiser liess ihn dabei, dass er auch im Begriff sei, nach Erfurt zu gehen, um dort zu studieren.

Alle dergleichen Unterredungen, die an sich unbedeutend gewesen waren, erhielten in Reisers Idee einen poetischen Anstrich durch das Bild von dem homerischen Wanderer, welches ihm immer vor der Seele schwebte, und selbst die Unwahrheiten in seinen Reden hatten etwas Ubereinstimmendes mit seinem poetischen Vorbilde, dem Minerva zur Seite steht und wegen seiner wohluberdachten Luge ihm Beifall zulachelt.

Reiser dachte sich seinen Wirt nicht bloss als den Wirt einer Dorfschenke, sondern als einen Menschen, den er nie gekannt, nie gesehen hatte und nun auf eine Stunde lang mit ihm zusammentraf, an einem Tische mit ihm sass und Worte mit ihm wechselte.

Dasjenige, was durch die menschlichen Einrichtungen und Verbindungen gleichsam aus dem Gebiete der Aufmerksamkeit herausgedrangt, gemein und unbedeutend geworden ist, trat durch die Macht der Poesie wieder in seine Rechte, wurde wieder menschlich und erhielt wieder seine ursprungliche Erhabenheit und Wurde.

Der Mann war nicht einmal eingerichtet, eine Streu zu machen, weil selten jemand hier ubernachtete; und Reiser schlief auf dem Heuboden, der ihm ein angenehmes Lager gewahrte.

Am andern Morgen fruh setzte er seine Reise weiter fort, und der Aufenthalt in diesem Hause mit dem Wirt ganz allein blieb ihm eine seiner angenehmsten Erinnerungen.

An diesem Tage ging es in seiner innern Gedankenwelt besonders lebhaft zu. Er hatte sich nun um ein Merkliches seinem Ziele genahert, und die Besorgnis trat doch nun bei ihm ein, was er auf den Fall tun wurde, wenn seine Aussichten zu unmittelbarem Ruhm und Beifall ihm misslingen und die Entwurfe zu seiner theatralischen Laufbahn ganzlich scheitern sollten.

Nun traten auf einmal die Extreme auf, ein Bauer oder Soldat zu werden, und auf einmal war das Poetische und Theatralische wieder da, denn seine Ideen vom Bauer und Soldat wurden wieder zu einer theatralischen Rolle, die er in seinen Gedanken spielte.

Als Bauer entwickelte er nach und nach seine hohern Begriffe und gab sich gleichsam zu erkennen; die Bauern horchten ihm aufmerksam zu, die Sitten verfeinerten sich allmahlich, die Menschen um ihn her wurden gebildet.

Als Soldat fesselte er die Gemuter seiner Schicksalsgenossen allmahlich durch reizende Erzahlungen; die rohen Soldaten fingen an, auf seine Lehren zu horchen: das Gefuhl der hohern Menschheit entwickelte sich bei ihnen; die Wachtstube ward zum Horsaale der Weisheit.

Indem er also glaubte, dass er gerade auf das Entgegengesetzte vom Theater sich gefasst gemacht habe, war er erst recht in vollkommen theatralische Aussichten und Traume wieder hineingeraten.

Es lag aber fur ihn eine unbeschreibliche Sussigkeit in dem Gedanken, wenn er Bauer oder Soldat werden musste, weil er in einem solchen Zustande weit weniger zu scheinen glaubte, als er wirklich ware.

Wahrend er sich mit diesen Gedanken beschaftigte, kam er durch Stadt Worbes, wo ihm einige Franziskanermonche aus dem dasigen Kloster begegneten, die ihn freundlich grussten.

Als er vor dem Kloster vorbeiging, horte er inwendig den Gesang der Monche, die da nun von der Welt abgeschieden, ohne Sorgen, Plane und Aussichten lebten und alles das, was sie sein wollten, auf einmal waren.

Dies machte zwar einigen Eindruck auf sein Gemut, aber lange nicht so stark als nachher der erste Anblick eines Kartauserklosters, dessen Einwohner durch ihre Mauern ganzlich von der Welt geschieden auch nie mit einem Fusse den Schauplatz wieder betreten, den sie einmal verlassen haben.

Durch die wandernden Franziskanermonche aber wurde die Idee von Abgeschiedenheit kleinlicht und abgeschmackt. Der schnelle Gang vertrug sich nicht mit dem Ordenskleide, und das Ganze hatte auch nicht einmal poetische Wurde.

Ubrigens tonte die hochdeutsche Sprache der Leute in diesen Gegenden immer angenehm in Reisers Ohren, weil dadurch die Idee seiner nunmehrigen Entfernung von dem plattdeutschen Lande immer lebhaft wieder in ihm erweckt wurde.

Nun war diesen Tag auch sehr schones Wetter gewesen, und Reiser kehrte den Abend in einem Dorfe namens Orschla ein, um den andern Morgen von dort aus nach der Reichsstadt Muhlhausen seinen Weg fortzusetzen.

Das Dort ist katholisch; und als er an den Gasthof kam, stand eine Menge Leute vor der Ture, unter denen sich der Schulmeister des Orts befand, welcher ihn mit den Worten anredete: esne litteratus? (ob er nicht ein Gelehrter ware?)

Reiser bejahte dies wieder in lateinischer Sprache, und auf Befragen, wohin er ginge, sagte er wieder: er ginge nach Erfurt, um dort die Theologie zu studieren; denn dies schien ihm immer das Sicherste zu sein.

Wahrend der Zeit standen die Bauern umher und horchten zu, wie ihr Schulmeister mit dem fremden Studenten lateinisch sprach. Der Sohn des Schulmeisters kam auch dazu, der in Hildesheim studiert hatte und jetzt seinem Vater adjungiert war.

Reiser ging nun in die Stube und legte zu noch mehrerem Beweise, dass er ein Literatus sei, seinen Homer auf den Tisch, welchen denn auch der Schulmeister gleich kannte und den Bauern auf deutsch sagte, dass das der Homer ware.

Mit Reisern aber fuhr er immer fort Latein zu sprechen, so gut es gehen wollte, wobei denn viel Komisches mit unterlief; da er sehr viel von seinem gelehrten Unterricht sprach, so fragte ihn Reiser, ob er auch mit seinen Schulern die Kirchenvater lase? woruber er erst ein wenig in Verlegenheit geriet, sich aber doch bald wieder fasste und sagte: alternatim.

Er nahm nun Abschied von Reisern, der den andern Morgen fruh schon weiter gehen wollte, und warnte ihn, sich vor den kaiserlichen und preussischen Werbern in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohung schrecken zu lassen, wenn sie etwa ausserten, dass sie ihn mit Gewalt nehmen wollten.

Reiser lege sich auf seine Streu ruhig schlafen als er aber am andern Morgen erwachte, regnete es so stark, dass er in seiner Kleidung mit Schuhen und seidenen Strumpfen nicht aus dem Hause gehen, viel weniger seine Reise fortsetzen konnte, da uberdem hier ein leimigter Boden ist, der bei jeder Nasse das Gehen auf der Landstrasse ganz ausserordentlich beschwerlich macht.

Dies war nun freilich etwas Unvermutetes fur Reisern er hatte dem Wetter in dieser Jahreszeit zuviel zugetrauet und war auf diesen Fall nicht vorbereitet, da er weder mit Stiefeln, noch sonst mit Kleidung zum Regenwetter versehen war und sein bestandiger Anzug auch seinen ganzen Kleidervorrat ausmachte.

Hier war also nichts zu tun als auszuharren, bis der Himmel sich wieder aufklaren und das Erdreich sich wieder trocknen wurde. Es horte aber diesen und den folgenden Tag nicht auf zu regnen.

Nun kam schon in aller Fruhe ein kaiserlicher Unteroffizier in die Gaststube, der in diesem Orte auf Werbung lag, sich mit seinem Krug Bier ganz vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von weitem mit ihm zu sprechen anfing, bis er nach und nach immer zudringlicher wurde und ihm endlich geradezu versicherte, dass er doch vor den preussischen und kaiserlichen Werbern nicht uber Muhlhausen kommen wurde und sich also lieber nur gleich von ihm fur sieben Gulden Handgeld anwerben lassen mochte so dass es den Anschein hatte, als wenn nun der Soldat in Reisers Phantasie, ehe als er gedacht hatte, realisiert werden konnte.

Als der Soldat hinausgegangen war, trat der Schulmeister wieder herein, der Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte, sich vor dem Werber in acht zu nehmen, ob er gleich selbst das Soldatenleben fur so schlimm nicht hielte; denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen, und wer keinen Pass habe, konne hier schwerlich durchkommen.

Reiser versicherte ihm, dass er alles Notige, um sich zu legitimieren, bei sich habe. Dies war namlich der lateinische Anschlagbogen von dem Schulaktus in Hannover, da er am Geburtstage der Konigin von England eine Rede hielt, und worauf sein Name nicht Reiser sondern Reiserus gedruckt stand. Und ausserdem noch den gedruckten Prolog zu dem Deserteur aus Kindesliebe, worauf sein Name als Verfertiger stand, nebst einem Gedicht auf die Einfuhrung eines Lehrers, wo sein Name unter den ubrigen Primanern gedruckt mit aufgefuhrt war.

Er wollte diese sonderbaren Dokumente zuerst nicht gerne vorzeigen, bis es ihm ausserst nahegelegt wurde und man ihm nicht undeutlich merken liess, dass man ihn fur einen Landstreicher hielte.

Nun brachte er seine gedruckten Zeugnisse zum Vorschein, die eine bessere Wirkung taten, als er anfanglich geglaubt hatte, weil er sie nach und nach vorlegte.

Zuerst legte er den grossen lateinischen Anschlagbogen auseinander und zeigte auf seinen Namen Reiserus. Der Schulmeister hatte hier wieder Gelegenheit, seine Starke in der Latinitat zu zeigen, indem er den Anschlagbogen ins Deutsche ubersetzte; und so hatte Reiser schon viel bei ihm gewonnen.

Darauf zog er den Prolog hervor und wies die Anwesenden auf seinen deutsch gedruckten Namen; dies stimmte also uberein, und der Schulmeister erzahlte bei der Gelegenheit, dass er auch auf der Jesuitenschule mit Komodie gespielt und sein Name gedruckt worden sei.

Zuletzt legte Reiser noch das Gedicht vor, wo sein Name aufs neue in der Liste aller seiner Mitschuler gedruckt erschien und nun vollends aller Zweifel verschwand, dass er der nicht wirklich ware, der seinen Namen so oft und auf so verschiedene Weise gedruckt aufzeigen konnte. Der Werber selbst wurde stille und schien vor Reisern einigen Respekt zu bekommen.

Dies verschaffte ihm Ruhe. Er liess sich Feder und Papier geben und fing an, eine von den Hymnen des Homers in deutsche Hexameter zu ubersetzen. Den Abend kam der Schulmeister wieder und unterhielt sich mit ihm: so ging dieser Tag voruber, und Reiser legte sich ruhig schlafen.

Als er aber am andern Morgen erwachte, den Himmel wieder ebenso trube wie gestern sahe und den Regen ans Fenster schlagen horte, fing ihm an der Mut zu sinken. Er stand von seiner Spreu auf und setzte sich traurig an den Tisch; es wollte mit den homerischen Hymnen nicht vorwartsgehen er stellte sich ans Fenster und sahe zu, ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklaren wollte, als der Soldat schon wieder hereintrat, um ihm seine Morgenvisite zu machen.

Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte, fing der Kriegsmann wieder an, ihm uber seine Grosse und uber die Lange seines Haars sehr viele Komplimente zu machen, und wie schade es um ihn sei, dass er nicht in den Kriegsstand treten wolle.

Der Schulmeister kam nun auch dazu; sie hatten seit gestern uberlegt, dass alle die vorgezeigten Dokumente kein Siegel gehabt hatten, und brachten nun diesen Umstand gegen Reisern vorzuglich in Anregung, dass er doch vor den Werbern nicht durchkommen wurde, und dass er sich also lieber dem gonnen sollte, der doch die ersten Anspruche auf ihn hatte.

So dauerte es nun den ganzen Tag uber, welcher fur Reisern, der nicht fort konnte, einer der traurigsten war, bis es gegen Abend sich aufklarte und auf einmal sein Mut wieder erwachte.

Er nahm alle seine Uberredungskraft zusammen, um die Leute durch die nachdrucklichsten Vorstellungen zu uberzeugen, dass es wirklich sein Vorsatz sei, in Erfurt zu studieren, wovon ihn nichts in der Welt abbringen konne, dass diese ihm endlich zu glauben schienen.

Der Schulmeister sagte ihm auf lateinisch, wenn er morgen fruh auf Muhlhausen zureiste, so wurde ihm der Wirt von diesem Gasthofe begegnen, der auch lateinisch sprache und verreist gewesen sei, um die Seinigen (suos) zu holen.

Der Soldat aber versprach Reisern zu seinem Schrecken, ihn den andern Morgen zu begleiten und ihn durch ein Geholz auf den Weg zu bringen.

Den andern Morgen in aller Fruhe war der Soldat schon wieder da, um ihn zu begleiten, und wollte im Gasthofe Reisers Zeche bezahlen, welches dieser aber mit Gewalt nicht zugab.

Sie gingen nun aus dem Dorfe Orschla auf Hahnichen zu eine Anhohe herauf, der Soldat sprach kein Wort, und da sie durch ein Geholz kamen, so erwartete nun Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals, dem er doch nicht entgehen konnte.

Auf einmal stand der Soldat still und hielt Reisern eine ordentlich pathetische Anrede, er sollte sich noch einmal prufen, ob er sich wirklich getraute, nicht in die Hande anderer Werber zu fallen; denn das einzige wurde ihn nur argern, wenn er horte, dass Reiser doch Soldat geworden ware und ihn also gleichsam betrogen hatte: wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei zu studieren und nicht Soldat zu werden, so wunsche er ihm Gluck zu seinem Vorhaben und eine gluckliche Reise.

Hiermit ging er fort, und Reiser traute immer noch nicht recht, bis er erst eine ganze Strecke gegangen war und ihm nichts Auffallendes begegnete, ausser einem pucklichten Mann, der zwei Schweine vor sich hertrieb und ihn lateinisch anredete, weil er ihn fur einen Studenten hielt.

Dies war der Gastwirt aus Orschla, wovon der Schulmeister gesagt hatte, dass er (suos) die Seinigen holte, welcher aber (sues) Schweine geholt hatte, die der Schulmeister in Orschla nach der zweiten Deklination dekliniert und sie dadurch zu den Seinigen erhoben hatte.

Sobald sich nun Reiser wieder im Freien sahe und niemand gewahr wurde, der ihm aufgelauert hatte, so war ihm dies ein unerwartetes Gluck die Gefahr aber, welcher er entronnen war, machte doch, dass er im Gehen sehr ernsthaft uber sein kunftiges Leben nachdachte.

Er erwog, dass es ihm bei allen Leuten ein ehrliches Ansehn gab, wenn er sagte, dass er auf die Universitat gehen und studieren wolle. Die Idee war ihm auch selber nicht zuwider; dies dauerte aber nur so lange, bis die Kulissen mit den Lichtern in seiner Einbildungskraft wieder hervortraten und alle andern Aussichten weichen mussten.

Er wanderte bis gegen Mittag auf eine ziemlich unbequeme Weise, weil der Boden noch nicht trocken war, wobei nun zu seinem Schrecken seine Schuh zu leiden anfingen, die unter seinen Umstanden gewissermassen einen unersetzlichen Teil seines Selbst ausmachten.

Er fuhlte den drohenden Verlust mit jedem Schritte, den er tat, als um die Mittagsstunde der Himmel sich wieder mit Wolken umzog, die einen neuen Regenguss prophezeieten, welcher sich auch sehr bald einstellte und Reisers Wanderschaft zum zweitenmal unterbrach.

Zum Gluck erreichte er bald ein Jagerhaus, das mitten auf einem rund umher mit Wald umgebenen Felde lag, und wo er ebenso voller Zutraun einkehrte, als er hoflich und gut aufgenommen und bewirtet wurde.

Es war, als ob sein Empfang schon vorbereitet ware, so freundschaftlich nahmen ihn die Leute in dieser einsamen Wohnung auf.

Es war, als ob es sich bei diesen Leuten von selbst verstande, dass man in einem solchen Wetter einen Wanderer aufnehmen musse. Es horte den ganzen Tag nicht auf zu regnen, und die Leute notigten ihn selber, die Nacht zu bleiben.

Als sie ihn nun zum Abendessen notigten, verbat es sich Reiser, weil er nicht hinlanglich mit Gelde versehen sei, um diese Bewirtung zu bezahlen; indem er eine weite Reise vor sich habe und sich ausserordentlich einschranken musse; worauf der Jager aber mit einer Art von Unwillen ihn an den Tisch zog.

Es war fur Reisern ein Gefuhl ohnegleichen, sich von ganz unbekannten Menschen so wohl aufgenommen zu sehen.

Er fand sich hier wie zu Hause; man wies ihm die Nacht ein gutes Bette an, das ihm nun zum ersten Male auf seiner Wanderung wieder geboten wurde.

Am andern Morgen weckte man ihn zum Fruhstuck und notigte ihn, den ganzen Tag dazubleiben, weil es noch immerfort regnete.

Der Mann ging ins Holz und verwies Reisern auf seine Bibliothek, dass er sich wahrend der Zeit damit unterhalten sollte.

Diese Bibliothek bestand aus einer grossen Sammlung von alten Kalendern, Totengesprachen, der Geschichte eines gottingschen Studenten und einem erfurtischen Wochenblatt, der Burger und der Bauer, wo der Bauer im thuringschen Dialekt sprach und der Burger ihm in hochdeutscher Sprache antwortete.

Reiser amusierte sich herrlich mit diesen Sachen und gab von Zeit zu Zeit wieder seinen Gedanken Raum; denn sein gutiger Wirt und Wirtin waren von wenigen Worten und nicht im geringsten neugierig, sondern fragten ihn nicht einmal, wohin er ginge und woher er kame, so dass er also durch nichts in seinen Gedanken gestort wurde.

Diese gastfreundliche Stube mit dem kleinen Fenster, wodurch man weit ubers Feld nach dem Holze sahe, indes der Regen sich draussen stromweise ergoss, blieb eins der angenehmsten Bilder in Reisers Gedachtnis.

Am dritten Morgen hatte sich der Himmel aufgeklart; und als Reiser nun von seinen Wohltatern Abschied nahm, suchten sie ihm sogar noch den Dank zu ersparen, indem sie eine nicht nennenswerte Kleinigkeit an Gelde als eine Bezahlung fur die dreitagige Bewirtung von ihm annahmen und, da er wegging, nicht einmal nach seinem Namen fragten.

Das Andenken an diese Leute machte Reisern wahrend dem Gehen noch manche frohe Stunde und gab ihm zugleich wieder Mut und Zutrauen zu den Menschen, unter die er sich nun wie in einem Ozean verlor.

Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich; weil aber die Sonne heiss schien, so trocknete der Boden bald wieder, und Reiser erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Muhlhausen, welche nun als ein neuer ungewohnter Anblick mit ihren Turmen vor ihm lag.

Hier stand ihm nun, wie er gewarnt war, die meiste Gefahr von den Werbern bevor. Er gab sich also diesmal alle mogliche Muhe, ehe er ins Tor ging, sorgfaltig seine Toilette zu machen; und die schon einmal versuchte Rolle eines unbefangnen Spaziergangers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in Hildesheim, so dass er, ohne von einer Schildwache befragt zu werden, glucklich durchs Tor in die Stadt kam.

Durch die Stadt eilte er so schnell wie moglich, erkundigte sich nach dem Tore, aus welchem der Weg nach Erfurt geht, und verdoppelte seine Schritte, sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ahnliches nur von fern erblickte.

Wie froh schuttelte er den Staub von seinen Fussen uber diese Stadt, als er den letzten Schlagbaum zuruckgelegt hatte und keinen preussischen Werber hinter noch neben sich sahe.

Die grunen Turmspitzen blieben das einzige Bild, was er von diesem Hauserhaufen mit sich nahm; alles ubrige war verloschen; so schnell war seine Einbildungskraft uber die Gegenstande hinweggegleitet.

Er naherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das Zuruckgelegte mit stillem Vergnugen, wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und harte Lebensart einen sussen Triumph gewahrten, da nun die Beschwerlichkeiten beinahe uberstanden waren. Demohngeachtet aber fuhlte er wiederum eine Art von Angstlichkeit, je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen Aussichten wurde.

Denn das, was in der Einbildungskraft keinen Anstoss gelitten hatte, sollte nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kampfen, die sich schon im voraus darstellten. Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schonen und angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen.

Drum hatte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewunscht, wenn er imstande gewesen ware, seine Wanderung weiter fortzusetzen. Eine traurige Bemerkung aber, die er an seinen Schuhen machte, deren Verlust fur ihn in den Umstanden, worin er sich befand, unersetzlich war, hemmte auf einmal alle seine weiten Aussichten wieder und machte, dass er ernsthaft uber seinen Zustand nachdachte.

Es ist merkwurdig, wie die verachtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in die glanzendsten Gebaude der Phantasie eingreifen und sie zerstoren konnen und wie auf eben diesen verachtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann.

Reisers Gluck, das er in der Welt machen wollte, hing jetzt im eigentlichen Sinne von seinen Schuhen ab; denn von seinen ubrigen Kleidungsstucken durfte er nichts veraussern, wenn er mit Anstande erscheinen wollte: und doch machten zerrissene Schuhe, die er durch neue nicht ersetzen konnte, seinen ganzen ubrigen Anzug unscheinbar und verachtlich.

Dies versetzte ihn, indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war, in traurige und schwermutige Gedanken, bis ein Bauer und ein Handwerksbursch, die eben desselben Weges gingen, sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprachen unterhielten.

Der Handwerksbursch erzahlte von seinen Reisen in Kursachsen, und der Bauer hatte eine Klagesache, die er selbst in Dresden bei dem Kurfursten anbringen wollte.

Es war kurz nach Mittag und eine druckende Hitze. Dem Handwerksburschen druckten seine Stiefeln Reiser sahe mit jedem Tritte seine Schuhe sich verschlimmern, und der Bauer klagte uber entsetzlichen Durst, als sie auf dem Felde einige Arbeitsleute antrafen, die einen Eimer Wasser neben sich stehen hatten und den drei ermudeten Wanderern zu trinken gaben.

Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedurfnis und gemeinschaftlichen Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt voneinander gewesen waren; so etwas hielt Reisern fur alles Unangenehme auf seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnugen daran zuruckerinnern.

Seine Gefahrten verliessen ihn vor der Stadt Langensalza, in der er sich nicht aufhielt, sondern noch den nachsten Ort zu erreichen suchte, wo er ubernachten wollte.

Er kam spat in dem Gasthofe an, wo er nun die letzte Nacht vor seiner Ankunft in Erfurt zubrachte. Als er am andern Morgen erwachte, so war sein erster Gedanke an einen Schuster; und wie gross war nun seine Freude, als er an diesem Orte einen fand, der um wenige Groschen, wahrend dass er darauf wartete, seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte, und er dadurch auf einmal aus der grossten Verlegenheit befreit war.

Nun ging er also rasch auf Erfurt zu. So wie er gekleidet war, durfte er nun vor jedermann erscheinen, und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich selber.

In dem letzten Dorfe vor Erfurt liess er sich einen Trunk Bier geben. In dem Gasthofe war es sehr lebhaft. Man bemerkte schon die Nahe der Stadt, aus welcher sich viele Einwohner hier befanden, unter denen auch ein Gelehrter war, mit dem die andern von seinen Werken sprachen.

Von diesem Dorfe aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu Gesichte mit dem alten Dom, den vielen Turmen, den hohen Wallen und dem Petersberge. Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers, wovon ihm dieser so viel erzahlt hatte. Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbaume gepflanzt. Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt die Leute gingen vor dem Tore spazieren und als Reiser auf diesem Wege an Hannover zuruckdachte, so war es ihm auch gerade, als habe er von dort bis hieher einen leichten Spaziergang gemacht, so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum, den er zuruckgelegt hatte.

Eine so grosse Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen; der Anblick war ihm neu und ungewohnt; er kam durch die breite und schone Strasse, welche der Anger heisst, und konnte sich nicht enthalten, noch ein wenig in der Stadt umherzugehen, ehe er seinen Stab weiter setzte; denn er wollte noch bis zum nachsten Dorfe gehen, das auf dem Wege nach Weimar liegt.

Bei diesen Wanderungen durch die Strassen von Erfurt kam er in eine der Vorstadte und kehrte, weil es noch nicht spat war, in einem Gasthofe ein.

Hier sass der Wirt, ein dicker Mann, am Fenster, und Reiser fragte ihn, ob die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar ware? Nichts! antwortete er, sie ist in Gotha! Reiser fragte weiter, ob Wieland noch in Erfurt ware? Nichts! antwortete jener wieder, er ist in Weimar! Das Nichts! sprach er jedesmal mit einer Art von Unwillen aus, als ob es ihn verdrosse, Nein! zu sagen.

Und dies harte Nichts! in der Antwort des dicken Wirtes verruckte auf einmal Reisers ganzen Plan. Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet da, glaubte er, wurden sich unerwartete Kombinationen finden er wurde da den angebeteten Verfasser von Werthers Leiden sehen. Und nun klang auf einmal Gotha statt Weimar in seinen Ohren.

Er liess sich aber auch dies nicht irren, sondern stand eilig auf, um sich noch denselben Abend auf den Weg nach Gotha zu begeben und, um von seiner strengen Regel nicht abzuweichen, im nachsten Dorfe zu ubernachten.

Ehe die Sonne unterging, hatte er Erfurt schon wieder im Rucken, und ehe es ganz Nacht wurde, erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gotha. Der Dom und die alten Turme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner Seele, das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort einzuladen schien.

In dem Dorfe aber, wo er einkehrte, hatte er noch zu guter Letzt auf seiner Streu sehr unruhige Nachbaren. Dies waren namlich Fuhrleute, die von Zeit zu Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten, worin besonders ein Wort vorkam, das hochst widrig in Reisers Ohren tonte und immer mit einer Menge von hasslichen Nebenideen fur ihn begleitet war: die Bauern sagten namlich immer: 'er quam' anstatt 'er kam'. Dieses 'quam' schien Reisern ihr ganzes Wesen auszudrucken; und alle ihre Grobheit war in diesem 'quam', das sie immer mit vollen Backen aussprachen, gleichsam zusammengedrangt.

Kaum dass Reiser ein wenig eingeschlummert war, so weckte ihn dies verhasste Wort wieder auf, so dass diese Nacht eine der traurigsten war, die er je auf einer Streu zugebracht hatte. Als der Tag anbrach, sahe er die schwammigten, aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden, welche vollkommen mit dem 'quam' ubereinstimmten, das ihm noch in den Ohren gellte, als er den Gasthof schon verlassen hatte und nun am fruhen Morgen mit starken Schritten auf Gotha zuwanderte.

Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte, waren seine Gedanken auf dem Wege nach Gotha eben nicht sehr heiter, wozu noch kam, dass mit jedem Schritte seine Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte.

Es war an einem Sonntage, und ein Schuster, der die Woche aufs Land gegangen war, um Schulden einzufordern, kehrte mit ihm nach Gotha und sagte ihm unter andern, dass es dort sehr teuer zu leben sei.

Diese Nachricht war fur Reisern sehr bedenklich, der nun ohngefahr noch einen Gulden im Vermogen hatte und dessen Schicksal in Gotha sich also sehr bald entscheiden musste.

Das Gesprach mit dem Schuster, der ihm als ein Einwohner von Gotha seine Not klagte, war fur ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab, da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte, wo noch kein Mensch ihn kannte, und wo es noch sehr zweifelhaft war, ob irgend jemand an seinem Schicksal teilnehmen und auf seine Wunsche merken wurde.

Diese unangenehmen Reflexionen machten, dass ihm der Weg noch beschwerlicher und er mit jedem Schritte muder wurde, bis sich die beiden kleinen Turmchen von Gotha zeigten, wovon ihm der Schuster sagte, dass der eine auf der Kirche und der andre auf dem Komodienhause stande.

Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte, dass sein Gemut sich allmahlich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen Gefahrten wieder in Atem setzte.

Denn das Turmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck, wo der unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wunsche des ruhmbegierigen Junglings gekront wurden.

Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet, in welchem das Talent sich entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten Falten vor einem lauschenden Publikum sich enthullen konnten.

Da war nun der Ort, wo die erhabene Trane des Mitleids bei dem Fall des Edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde, der mit Macht die Seelen zu tauschen, die Herzen zu schmelzen wusste.

Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schone Losung und Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente, wo alles das, was die Vorwelt empfand, noch einmal nachempfunden und alle Szenen des Lebens in einem kleinen Raume wieder durchlebt wurden.

Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Turmchens vom Gothaischen Komodienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte, und worin sich die Klagen des Schusters, der ihn begleitete, und seine eigenen Sorgen wie in einem Meere verloren.

Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fuhlte sich Reiser begluckt wie ein Konig, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des Turmchens in Gotha umgaukelten und Reisern einen schonen Traum in die Zukunft aufs neue vorspiegelten.

Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren, liess Reiser seinen Gefahrten vorangehen und setzte sich gemachlich unter einen Baum, um so gut wie nur irgend moglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in Gotha seinen Einzug zu halten.

Dies gelang ihm so gut, dass einige Handwerksleute, die eben vor dem Tore vor Gotha spazieren gingen, wie vor einem vornehmen Manne den Hut vor ihm abzogen, welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte, der auf seiner ganzen Reise mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glanzende Figur gespielt hatte.

Er kam nun durch das alte Tor von Gotha in eine etwas dunkle Strasse, die er hinaufging und bald zur rechten Seite den Gasthof zum goldnen Kreuze ansichtig wurde, wo er denn einkehrte, weil dieser Gasthof ihm keiner der glanzendsten zu sein schien.

Als er eben hereintrat, fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm von Handwerksburschen, die schrien und larmten; und er wollte schon wieder umkehren, als der alte Wirt zu ihm kam, der ihn freundlich anredete und fragte, ob er etwa hier logieren wolle? Reiser erwiderte: dies sei wohl eine Herberge fur Handwerksburschen? Das tate nichts, sagte der Wirt, er solle mit seinem Logis schon zufrieden sein, und hierauf notigte er Reisern in seine eigene wohleingerichtete Stube, wo ein alter Hauptmann, ein Hoflakai und noch einige andere wohlgekleidete Leute waren, in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt introduzieret und auf das hoflichste behandelt wurde. Denn man tat keine einzige unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine schmeichelnde Aufmerksamkeit.

In diesem Zimmer stand ein Flugel, auf welchem ein junger Mann, namens Liebetraut, sich horen liess. Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem zufalligerweise in eben diesen Gasthof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten bekannt geworden, auf deren Zureden, weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten, er den Gasthof in Pacht ubernommen hatte, so dass er also eigentlich der Wirt war, obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die Wirtschaft bekummern mussten.

Dieser junge Liebetraut liess sich sehr bald mit Rei

sern in ein Gesprach uber schone Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem Geschmack und Bildung, und was das Sonderbarste war, so schien er nicht undeutlich darauf anzuspielen, dass Reiser wohl hierher gekommen sei, um sich dem Theater zu widmen.

Dieser liess sich fur jetzt nicht weiter aus, und ihm

wurde nun auch eine Stube angewiesen, wo er allein sein konnte. Hier sammelten sich nun seine Gedanken wieder, und er machte sich nun einen Plan, wie er am andern Tage seinen Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte.

Wahrend er auf seiner Stube allein mit diesen Ge

danken beschaftigt war und am Fenster stand, kamen die Chorschuler vor das Haus und sangen eine Motette, die Reiser wahrend seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte.

Dies erinnerte ihn an jenen ganz truben Zeitraum

seines Lebens, wo immer Missmut, Selbstverachtung und ausserer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte, wo alle seine Wunsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von Hoffnung ubrig blieb.

Sollte denn nun, dachte er, nicht endlich einmal die Morgenrote aus jenem Dunkel hervorbrechen? Und eine trugerische tauschende Hoffnung schien ihm zu sagen, dass er dafur, dass er so lange sich selber zur Qual gewesen, nun auch einmal werde Freude an sich selber haben, und dass die gluckliche Wendung seines Schicksals nicht weit mehr entfernt sei.

Sein hochstes Gluck aber war nun einmal der Schauplatz; denn das war der einzige Ort, wo sein ungenugsamer Wunsch, alle Szenen des Menschenlebens selbst zu durchleben, befriedigt werden konnte.

Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn jedes Schicksal, das ausser ihm war, desto starker an; daher schrieb sich ganz naturlich wahrend seiner Schuljahre die Wut, Komodien zu lesen und zu sehen. Durch jedes fremde Schicksal fuhlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den Druck von aussen beinahe erloschen war.

Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als ausser sich darzustellen. Er wollte fur sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert.

Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag. Er tauschte sich selbst, indem er das fur echten Kunsttrieb nahm, was bloss in den zufalligen Umstanden seines Lebens gegrundet war. Und diese Tauschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm geraubt!

Hatte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewusst, dass, wer nicht uber der Kunst sich selbst vergisst, zum Kunstler nicht geboren sei, wie manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hatte ihm dies erspart!

Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem wurklichen Zustande ein immerwahrender Misslaut herrschte, und die sich fur jeden schonen Traum nachher mit bittern Qualen rachte.

Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in Gotha in sanftem Schlummer zu, und als er am andern Morgen fruh erwachte, so war es, als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluss aus einer Arie, welche die verwunschte Alte singt, entgegentonte:

Vielleicht ist dies der Morgen,

Der aller meiner Sorgen

Erwunschtes Ende bringt.

Wahrend dass diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten, zog er sich an und erkundigte sich bei seinem jungen Wirt, wo Ekhof wohnte, dem er nun diesen Vormittag seinen Besuch machen wollte.

Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft, den er in Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte, und durch welchen er hier vorzuglich Eingang zu finden hoffte.

Der junge Gastwirt Liebetraut notigte ihn noch vorher mit ihm zu fruhstucken und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnugen zu finden, indem er zugleich anfing, ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen, welche darin bestand, dass er den Gasthof gepachtet habe, um ein junges Frauenzimmer, das er liebte, je eher je lieber heiraten zu konnen.

Reiser ging nun zu Ekhof, und auf dem Wege dahin drangten sich alle seine Entwurfe, die er vom Anfang seiner Wanderung an gemacht, noch einmal wieder in seine Seele zusammen, da er sich so nahe am Ziel seiner Reise sahe; die Melodie und der Vers aus Lisuart und Dariolette tonten noch immer in seine Ohren, und diesmal wenigstens tauschte ihn seine Hoffnung nicht. Ekhof empfing ihn uber Erwartung gut und unterhielt sich beinahe eine Stunde mit ihm.

Reisers jugendlicher Enthusiasmus fur die Schauspielkunst schien dem Greise nicht zu missfallen er liess sich mit ihm uber Gegenstande der Kunst ein und missbilligte es gar nicht, dass er sich dem Theater widmen wollte, wobei er hinzufugte, dass es freilich gerade an solchen Menschen fehlte, die aus eigenem Triebe zur Kunst und nicht durch aussere Umstande bewogen wurden, sich der Schaubuhne zu widmen.

Was konnte wohl aufmunternder fur Reisern sein als diese Bemerkung er dachte sich schon im Geist als einen Schuler dieses vortrefflichen Meisters.

Nun zog er auch seinen gedruckten Prolog hervor, der Ekhofs vollkommnen Beifall erhielt und den sich derselbe sogar von ihm ausbat und bemerkte, wie nahe das Talent zum Schauspieler und zum Dichter miteinander verwandt sei und wie eins gewissermassen das andere voraussetze.

Reiser fuhlte sich in diesem Augenblick so glucklich, als sich ein junger Mensch nur fuhlen konnte, der vierzig Meilen weit bei trockenem Brote zu Fusse gereist war, um Ekhof zu sehen und zu sprechen und unter seiner Anfuhrung Schauspieler zu werden.

Was nun sein Engagement anbetrafe, sagte Ekhof, so musse er sich deswegen vorzuglich bei dem Bibliothekarius Reichard melden, mit welchem er selbst auch Reisers wegen sprechen wolle.

Reiser versaumte keinen Augenblick dieser Anweisung zu folgen und ging von Ekhof, der in einem Bakkerhause wohnte, nach dem Hause des Bibliothekarius Reichard, der ihn zwar auch hoflich empfing, aber sich doch nicht so viel wie Ekhof mit ihm einliess. Indes machte er ihm zu einer Debutrolle Hoffnung, welches Reisers hochster Wunsch war, denn wenn er nur dazu kame, zweifelte er nicht, seinen Endzweck zu erreichen.

Mit Heiterkeit im Gesichte kehrte er nun zu Hause, weil er diesen Anfang seiner Unternehmung fur hochst glucklich hielt und unter diesen gunstigen Umstanden sich so viel zutraute, dass nun sein Wunsch ihm nicht mehr fehlschlagen konne.

Und ob er sich gleich seinem Wirt nicht ganz entdeckte, so schien dieser doch gar nicht mehr daran zu zweifeln, dass er nun in Gotha bleiben und seine theatralische Laufbahn hier antreten wurde.

Voller Zutrauen zu sich selbst und seinem Schicksale brachte nun Reiser in der Gesellschaft des alten Hauptmanns, des Hoflakaien und seines Wirts den Mittag hochst angenehm zu; und voll von schimmernden Aussichten, worin ihn alles bestarkte, uberschritt er durch dies Mittagsessen zum erstenmal im Taumel der Freude den Bestand seiner Kasse und dunkte sich nun dadurch um desto fester an diesen Ort und an die hartnackigste Verfolgung seines Plans gebunden.

Er machte nun fast taglich bei Ekhof seinen Besuch, und dieser riet ihm, furs erste die Proben im Schauspielhause fleissig zu besuchen, welches Reiser tat und den alten Ekhof hier ganz in seinem Elemente sahe, wie er auf jede Kleinigkeit aufmerksam war und auch den ersten Schauspielern noch manche Erinnerung gab. Auch wurde Reisern erlaubt, die Komodie unentgeltlich zu besuchen, wo das erste Mal ein gewisser Bindrim mit dem Vater in der Zaire debutierte.

Weil nun dieser keinen besondern Beifall fand und Reiser in sich fuhlte, wie bei den meisten Stellen der Ausdruck hatte ganz anders sein mussen, so spornte ihn dies noch mehr an, nun selber so bald wie moglich in einer Debutrolle den Schauplatz zu betreten, und er lag Ekhof dringend an, dass in einem der nachstaufzufuhrenden Stucke ihm eine Rolle mochte zugeteilt werden.

Und da das nachstemal die Poeten nach der Mode aufgefuhrt wurden, so tat Reiser den Vorschlag, die Rolle des Dunkel zu ubernehmen, welches ihm aber Ekhof aus dem Grunde widerriet, weil er selbst diese Rolle spiele und es fur einen angehenden Schauspieler nicht ratsam sei, sich gerade in einer Rolle zuerst zu zeigen, die man schon von einem alten geubten Schauspieler zu sehen gewohnt ware.

So verschob sich nun sein Debut von einem Spieltage bis zum andern, wahrend dass seine Hoffnung dazu immer genahrt wurde und auf dieser Entscheidung nun sein ganzes Schicksal beruhte.

Bei Ekhof holte sich nun Reiser immer Trost und neue Hoffnung, sooft er anfing verzagt zu werden; denn dass dieser sich gerne mit ihm unterhielt, flosste ihm wieder Selbstzutrauen und neuen Mut ein.

Demohngeachtet aber waren auch ein paar Ausserungen von Ekhof ausserst niederschlagend fur ihn; denn als einmal von seinem Engagement die Rede war und Reiser sich auf einen jungen Menschen berief, der in den Poeten nach der Mode die Rolle des Reimreich gespielt hatte, so sagte Ekhof, man habe diesen vorzuglich seiner Jugend wegen angenommen, und schien dadurch zu verstehen zu geben, dass dieser Beweggrund bei Reisern nicht mehr stattfinde; der damals doch auch erst neunzehn Jahr alt war, aber, wie es schien, von jedermann fur weit alter gehalten wurde; so dass bei dem Verlust aller Freuden der Jugend auch nicht einmal der Anschein der Jugend geblieben war.

Und ein andermal, als von Goethen gesprochen wurde, sagte Ekhof, er sei ohngefahr von Reisers Statur, aber gut physiognomiert, welches 'aber' allein schon den Schauspieler in Reisern ganz vernichtet haben wurde, wenn nicht Ekhof gleich darauf zufalligerweise ihm wieder etwas Aufmunterndes gesagt hatte, indem er ihn fragte, ob er ausser dem Prolog sonst nichts gedichtet habe? welches Reiser bejahte und, sobald er zu Hause kam, seine Verse, die er auswendig wusste, niederschrieb, um sie Ekhof zu uberbringen.

Er brachte wohl ein paar Tage mit dieser Arbeit zu, und sein Wirt geriet auf den Gedanken, dass Reiser ein dramatisches Werk fur die Schaubuhne verfertigte. Dies liess er sich auf keine Weise ausreden und wunschte Reisern schon im voraus Gluck zu der glanzenden Laufbahn, die er nun betreten wurde.

Als Ekhof die Gedichte gelesen hatte, bezeigte er Reisern seinen Beifall daruber und sagte, er wolle sie auch dem Bibliothekarius Reichard zu lesen geben. Dies war fur Reisern eine Aufmunterung ohnegleichen, weil er sich immer noch an Ekhofs ersten Ausspruch erinnerte, wie nahe der Schauspieler und der Dichter aneinander grenzten.

Er zweifelte nun nicht, dass diese Gedichte ihm seinen Weg zum Theater noch mehr bahnen und ihn bald seinem Ziele naher bringen wurden. Dazu kam noch, dass der Schauspieler Grossmann, welcher sich damals in Gotha aufhielt und Reisern einmal auf der Strasse begegnete, ihm neuen Mut zusprach, indem er den Grund anfuhrte, dass man ihn gewiss nicht wurde so lange aufgehalten haben, wenn man nicht gesonnen sei, ihn vielleicht ohne Debut fur das Theater zu engagieren; denn es war nun schon in die dritte Woche, dass Reiser sich hier aufhielt.

Diese trostenden Worte und die freundliche Anrede von Grossmann waren damals ein wahrer Balsam fur Reisern, der bei dem Schlosse, wo gebauet wurde, einsam auf und nieder ging und gerade mit finsterm Unmut uber sein noch ungewisses Schicksal nachdachte.

Reiser ging nun mit guter Hoffnung zu Hause und brachte den Tag bei seinem Wirt noch sehr vergnugt zu.

Am andern Morgen ging er in die Probe, und man fuhrte den Tag gerade die Operette der Deserteur auf, worin ein fremder Schauspieler, namens Neuhaus, den Deserteur und dessen Frau die Lilla spielte.

Ekhof bewies sich bei der Probe besonders geschaftig, und Reiser stand hinter den Kulissen und sahe mit Vergnugen zu, wie durch Anstrengung und Aufmerksamkeit eines jeden einzelnen das schone Werk entstand, das am Abend die Zuschauer vergnugen sollte.

Er dachte sich lebhaft die Nahe, in der er sich nun bei diesen reizenden Beschaftigungen fand, und dass auf eben diesem Schauplatze mit seinem Spiele sich auch zugleich sein Schicksal entscheiden und seine Existenz auf diesem Flecke sich entwickeln wurde.

Denn auf diesen engumschrankten Schauplatz waren nun nach der weiten Reise alle seine Wunsche beschrankt; hier sah er sich, hier fand er sich wieder. Hier schloss die Zukunft ihren ganzen reichen Schatz von goldenen Phantasien fur ihn auf und liess ihn in eine schone und immer schonere Ferne blikken.

So hatte er schon oft zwischen den Kulissen in Gedanken vertieft gestanden und stand auch diesmal wieder so, als er auf einmal den Bibliothekarius Reichard auf sich zukommen sah, von dem er schon seit einigen Tagen eine entscheidende Antwort erwartet hatte.

Die Miene desselben verkundigte schon nichts Gutes, und er redete Reisern mit den trocknen Worten an, es tate ihm leid, ihm sagen zu mussen, dass aus seinem Engagement beim Theater nichts werden und dass er auch zur Debutrolle nicht kommen konne. Mit diesen Worten gab er Reisern die geschriebenen Gedichte zuruck, indem er gleichsam zum Trost hinzufugte, es herrsche eine leichte Versifikation darin und er solle dies Talent ja nicht vernachlassigen.

Reiser, der an Leib und Seele gelahmt war, konnte kein Wort hierauf antworten, sondern ging hin, wo das Theater mit seinem letzten Vorhange ganz am Ende an die kahle Mauer grenzt, und stutzte sich verzweiflungsvoll mit dem Kopfe an die Wand. Denn er war nun wirklich unglucklich und doppelt unglucklich.

Der eingebildete und der wurkliche Mangel traten in furchterlicher Eintracht zusammen, um sein Gemut mit Schrecken und Grauen vor der Zukunft zu erfullen.

Er sahe nun keinen Ausweg aus diesem Labyrinthe, in welches seine eigene Torheit ihn geleitet hatte hier war nun die kahle ode Mauer, das tauschende Schauspiel war zu Ende.

Er eilte vors Tor hinaus und ging in der Allee, wo er sich schon oft mit den angenehmsten Vorstellungen beschaftiget hatte, verzweiflungsvoll auf und nieder; die Menschen gingen kalt vor ihm vorbei; niemand wusste, dass er in diesem Augenblick die einzige Hoffnung seines Lebens verloren hatte und einer der verlassensten Menschen war.

Und sonderbar war es, dass gerade in diesem allerverlassensten Zustande sich ein unbekanntes Gefuhl von Liebebedurfnis in ihm regte, da seine Verzweiflung in Mitleid mit seinem eigenen Zustande sich verwandelte und ihm nun ein Wesen fehlte, das dieses Mitleid mit ihm haben konnte.

Er getrauete sich den Mittag nicht zu Hause zu gehen, sondern ass nicht und kehrte erst den Nachmittag wieder zuruck und am Abend ging er in die Komodie, wo nun die Operette der Deserteur aufgefuhrt wurde, die ihm den Tod seiner Hoffnungen bezeichnete.

Nie aber in seinem Leben ist seine Teilnahme an

einem fremden Schicksale starker gewesen, als sie es gerade diesen Abend an dem Schicksale der Liebenden war, welche durch den drohenden Todesstreich getrennt werden sollten. Es traf bei ihm zu, was Homer von den Madchen sagt, die um den erschlagenen Patroklius weinten, sie beweinten zugleich ihr eigenes Schicksal.

Selbst die Musik ruhrte ihn bis zu Tranen, und

jeder Ausdruck erschutterte sein Innerstes. Am starksten aber fuhlte er sich durch die Szene bewegt, wo der Deserteur, der schon sein Todesurteil weiss, im Gefangnis an seine Geliebte schreiben will und sein betrunkener Kamerad ihm keine Ruhe lasst, weil er ihn ein Wort soll buchstabieren lehren.

Reiser fuhlte es hier tief, wie wenig ein Mensch

den andern Menschen ist, wie wenig den andern an seinem Schicksal liegt; und sein Freund mit der Hutkokarde stand wieder vor seiner Seele da. Weswegen putzte aber jener seine Hutkokarde, als um seinem Madchen, der einzigen zu gefallen, die damals seine Gottin war, in der er sich wiederfinden und wieder von ihr geliebt sein wollte.

Das Schauspiel endigte sich froh, die Ungluckli

chen wurden getrostet, das Weinen verwandelte sich in Lachen, das Trauren in Frohlichkeit aber betrubt und mit schwerem Herzen ging Reiser in seine Wohnung vor ihm war alles dunkel, und er sahe nun keinen Strahl von Hoffnung mehr.

Als er zu Hause kam, legte er sich sogleich zu Bette seine Sinne waren stumpf seine Gedanken wussten keinen Ausweg mehr zu finden und der Schlaf war das einzige, was ihm ubrig blieb. Es war ihm, als ob er aus diesem Schlafe nicht wieder erwachen wurde denn alle Lebensaussichten waren ihm abgeschnitten, und er hatte keine Hoffnung mehr, wozu er erwachen sollte.

Der Gedanke von Auflosung, von ganzlichem Vergessen seiner selbst, von Aufhoren aller Erinnerung und alles Bewusstseins war ihm so suss, dass er diese Nacht die Wohltat des Schlafes im reichsten Masse genoss denn kein leiser Wunsch hemmte mehr die ganzliche Abspannung aller seiner Seelenkrafte; kein Traum von tauschender Hoffnung schwebte ihm mehr vor alles war nun vorbei und endigte sich in die ewigstille Nacht des Grabes.

So wohltatig reicht die Natur den Hoffnungslosen auch schon die Schale dar, aus der er Vergessenheit seiner Leiden trinken und alle Erinnerungen an irgend etwas, das er wunschte oder wornach er strebte, aus der Seele verwischt werden sollen.

Als Reiser am andern Morgen spat aus seinem tiefen Schlafe erwachte, fuhlte er sich wunderbar an Leib und Seele gestarkt er fuhlte Kraft in sich, alles zu unternehmen, um auch selbst unter diesen Umstanden noch zum Ziel seiner Wunsche zu gelangen.

Es stieg ein Gedanke in ihm auf, sich hier um Unterrichtsstunden zu bewerben; sich durch seinen eigenen Fleiss zu nahren und auf dem Theater umsonst zu dienen. Dieser Entschluss wurde immer lebhafter bei ihm, und er traute seinen Kraften alles zu, sobald er nur wieder einen Schimmer von Hoffnung vor sich sahe, sein Ziel zu erreichen.

Wahrend dieser Gedanken zog er sich an und ging zu Ekhof, dem er seinen Entschluss entdeckte und dessen Rat er sich ausbat, indem er versicherte, dass er fur sich selbst leben konne, ohne doch von der Art, wie er zu leben dachte, sich etwas merken zu lassen.

Ekhof lobte und billigte seine Standhaftigkeit und sagte ihm, er zweifle nicht, dass dies Anerbieten werde angenommen werden. Der Bibliothekarius Reichard, welchem Reiser eben diesen Entschluss bekannt machte, versprach ihm den andern Tag Bescheid darauf zu geben.

Und nun kehrte Reiser voll neuer Hoffnung wieder zu Hause sein ganzes Beginnen kam ihm nun selber noch ehrenvoller vor, weil er mit der Kunst zugleich den Fleiss in nutzlichen Geschaften und nahrendem Erwerb verband und alle seine ubrigen Stunden der Kunst zum Opfer brachte.

Er ass nun diesen Mittag wieder voll Zutrauen bei seinem Wirt und fuhlte in sich einen unwiderstehlichen Mut, der Kunst zuliebe das Harteste im Leben zu ertragen, sich auf die notwendigsten Bedurfnisse einzuschranken und Tag und Nacht nicht zu ruhen, um sich in der Kunst zu uben und zugleich seine Unterrichtsstunden gehorig abzuwarten.

Mit diesen Entschlussen, die ihm einen recht heroischen Mut einflossten, kam er am andern Morgen wieder zu Reichard und horte nun sein Endurteil, dass man sich auch auf sein Anerbieten, umsonst auf dem Theater zu dienen, nicht einlassen konne und jetzt schlechterdings kein neues Engagement bei diesem Theater mehr stattfinden solle. Wenn Reiser einige Wochen eher gekommen ware, so hatte sich etwas fur ihn tun lassen, nun aber sei alles vergeblich.

Diese ganz unerwartete zweite abschlagige Antwort versetzte Reisern in eine Art von innerer Erbitterung er fing in diesem Augenblicke an, sich selbst zu hassen und zu verachten, und fragte: ob er denn nicht etwa Souffleur oder Rollenschreiber oder Lichtputzer beim Theater werden konne? Reichard antwortete: es tate ihm leid, da Reiser so viel Feuer furs Theater verriete, dass sein Unternehmen ihm hier misslungen ware, indes wurde es ihm vielleicht anderwarts gelingen.

Reiser ging nun in tiefen Gedanken von Reichard weg, und ging bei dem Bau am Schlosse auf und nieder, wo einige in Schiebkarren Steine zufuhrten, andere sie ordneten. Er stand wohl an eine Stunde da und sahe immer dieser Arbeit zu dabei entstand eine sonderbare Begierde in ihm, sein gutes Kleid auszuziehen und mit den ubrigen Tagelohnern auch Steine zu diesem Bau auf den Schiebkarren herbeizufuhren.

Es war schon gegen Mittag, und die Sonne schien immer heisser. Die Hande der Arbeiter wurden lass sie ruheten sich aus und verzehrten auf der Erde ihr Mittagsmahl. Reiser gab sich mit dem einen ins Wort und fragte ihn, wie viel sein Tagelohn betruge. Es war eine Anzahl Groschen, die Reiser nicht mehr in seinem Vermogen hatte; und das Geld konnte in einem Tage verdient werden.

Der Entschluss, um diesen Tagelohn zu arbeiten, war in dem Augenblicke bei Reisern schon so gewiss, dass er innerlich lachen musste, dass der Arbeiter, wahrend er mit ihm sprach, die Mutze vor ihm abnahm und nicht wusste, dass sie vielleicht morgen Kameraden sein wurden.

Das einzige, was seine Erbitterung und Selbsthass und Selbstverachtung mildern konnte, war dieser Entschluss, worin er sich selbst wieder ehrte. Denn nun wollte er seinen wahren Zustand seinem Wirt entdekken, seinen Degen, sein Kleid ihm fur die Bezahlung lassen und dann beim Schlossbau Steine zufuhren.

Wahrend nun dies in seinen Gedanken vorging, glaubte er selbst, es sei sein wahrer Ernst, und wusste nicht, dass seine Einbildungskraft ihn wieder tauschte und dass er schon wieder in Gedanken eine Rolle spielte.

Denn als Handlanger beim Schlossbau war er nun das Niedrigste, was er nur sein konnte; diese selbstgewahlte freiwillige Niedrigkeit hatte einen ausserordentlichen Reiz fur ihn er lebte nun wie die ubrigen von seinem Stande, ging des Sonntags fleissig in die Kirche und war ein stiller religioser Mensch in einsamen Stunden ergotzte er sich denn mit Shakespeare und Homer und hatte dasjenige reelle Leben in sich, was er nicht ausser sich haben konnte.

Besonders ruhrend war ihm bei dergleichen Vorstellungen immer der Gedanke, dass er am Sonntage fleissig in die Kirche gehen und dem Prediger recht aufmerksam zuhoren wurde. Denn hierdurch vernichtete er gleichsam sich selbst, weil er alles, was auch der schlechteste Prediger ihm sagen wurde, doch fur sich noch sehr lehrreich hielt, und nicht kluger als der einfaltigste Mensch sein wollte.

Er dachte sich nun wieder in dem Zustande, worin er als Hutmacherbursch gewesen war, wo er den Prediger, der ihm gefiel, wie ein Wesen hoherer Art und selbst die Chorschuler auf der Strasse mit Ehrfurcht betrachtete. Vom Theater durfte er in diesem Zustande kaum einen Begriff haben und doch war es ihm wieder, als ob eben dieser Zustand auf eine wunderbare Weise ihn seinem ersten Wunsche vielleicht wieder naher bringen konnte.

Ehe er sich nun aber um die Stelle eines Tagelohners bei dem Bau am Schlosse wirklich bewarb, konnte er doch nicht unterlassen, noch einmal zu Ekhof zu gehen, um ihm Lebewohl zu sagen und ihm zugleich zu erzahlen, dass auch seine letzte Hoffnung gescheitert sei.

Er konnte diese Erzahlung nicht ohne Beklemmung und Ruhrung vorbringen, weil er sich seinen ganzen nunmehrigen Zustand und also weit mehr dabei dachte, als er sagte.

Der gute Ekhof redete ihm zu: er solle den Mut nicht sinken lassen; drei Meilen von hier in Eisenach sei jetzt die Barzantische Truppe; es wurde ihm nicht fehlen, bei dieser Truppe angenommen zu werden; er solle sich bei derselben nur erst eine Weile zu uben suchen und dann wieder nach Gotha kommen, wo vielleicht gunstigere Umstande sich fur ihn ereignen und seine Aufnahme desto leichter sein wurde, wenn er schon eine zeitlang bei einer Truppe gestanden hatte er konne dies ja leicht versuchen und den Weg von Gotha bis Eisenach auf der Chaussee wie einen Spaziergang machen.

Mit dieser Anrede von Ekhof war auf einmal das ganze Projekt mit dem Steinezufuhren und dem Arbeiten ums Tagelohn aus Reisers Gedanken verschwunden. Denn das Ziel, wohin er doch am Ende wollte, sahe er auf einmal wieder nahe vor sich, und alle Bedenklichkeiten horten auf, da er sich den Weg von Gotha nach Eisenach wie einen Spaziergang dachte, wodurch er gar keine Untreue an seinem Wirt beging, dem er von Eisenach als Schauspieler doch eher und leichter wie von seiner Tagelohnerarbeit bezahlen konnte.

Er ging also, da es hoch Mittag war, aus Ekhofs Hause, so wie er war und ohne sich umzusehen, gerade auf Eisenach zu. Und dieser Weg wurde ihm nun auch wurklich so leicht wie ein Spaziergang. Denn alle die erstorbenen Hoffnungen waren nun auf einmal in seiner Seele wieder erneuert und machten einen lebhaften und angenehmen Kontrast gegen die melancholischen Ideen, womit er sich an diesem Vormittage noch zum Tagelohner hatte verdingen wollen.

Er dachte sich immer nahe bei Gotha, und wie er am andern Tage zuruckkehren und seinem Wirte eine angenehme Nachricht bringen wurde. Dies machte, dass die Schonheiten der Natur ihn wieder ergotzten; er wandelte mit innigem Vergnugen durch die romantischen Taler zwischen den Bergen hin, und als er die Turme der alten Wartenburg, von der er schon in seiner Kindheit gehort hatte, zuerst erblickte, so umfasste sein Gemut die Gegenstande umher mit einer Warme und Anschliessung, die ihm alles doppelt schon machte; es war ihm, als ob er in einem sussen Traume schwebte, worin, was er ehmals gedacht hatte, eins nach dem andern sich ihm nun wurklich darstellte.

Es war ihm, als ob er allenthalben sein konnte, wo er wollte, da er sich so auf einmal in wenigen Stunden von Gotha nach Eisenach versetzt sahe, woran er den Morgen desselbigen Tages noch gar nicht gedacht hatte.

Seinen Uberrock und andre Sachen, die er sonst bei sich trug, hatte er zu Hause gelassen und wanderte in seinem besten Anzuge mit dem Degen an der Seite, so wie er bei Reichard und Ekhof seinen Besuch gemacht hatte, in Eisenach ein. Zufalligerweise steckten seine geschriebenen Gedichte und der lateinische Anschlagbogen, worauf sein Name stand, noch in seiner Rocktasche, der Homer aber und ein Teil der Wasche, die er bei sich trug, war samt dem Uberrocke zuruckgeblieben.

Als er in die Stadt kam, schien ihm alles ein frohes und heiteres Ansehn zu haben; die Menschen schienen gleichsam zur Freude gestimmt zu sein, so dass er mit lauter frohen Ahndungen in den Gasthof trat, wo er die Nacht bleiben wollte und sich, nachdem er sich kaum niedergesetzt hatte, erkundigte, ob diesen Abend nicht etwa Komodie gespielt wurde?

Welch ein Donnerschlag war es fur ihn, als man ihm antwortete: die Barzantische Schauspielergesellschaft sei gerade diesen Morgen nach Muhlhausen abgereist! Also war es nun, als ob ein feindseliges Schicksal ihm immer auf dem Fusse nachfolgte und ordentlich wie mit Absicht alle seine Hoffnungen vereitelte.

Dazu kam nun wieder, dass er nicht nur in der Einbildung, sondern wirklich und doppelt unglucklich war, weil die einzige Hoffnung, seinen Unterhalt zu finden und zugleich seine Schuld in Gotha zu tilgen, auf seiner Annahme bei der Barzantischen Truppe in Eisenach beruhte und diese nun gerade an demselben Tage ihren Weg ebendahin genommen hatte, wo er hergekommen war.

Sein Zustand brachte ihn der Verzweiflung nahe und machte, dass er zum erstenmal sich uber sein Schicksal wegsetzte und in eine Art von Vergessenheit seiner selbst geriet, welche ihn dem Anscheine nach froh und aufgeraumt machte. Dabei war es ihm, als ob er durch diesen gar zu unerwarteten und hamischen Streich des Schicksals von allen Verbindungen losgesprochen ware und sich nun selbst wie ein vernachlassigtes und verworfenes Wesen ansehen durfe, das in gar keinen Betracht mehr kommt.

Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und liess sich den Abend Bier und Brot und auf die Nacht ein Bette geben, wo er des sanftesten Schlafes genoss, weil er auf keine Zukunft mehr rechnete und von keinem einzigen Gedanken an die Zukunft oder an sein eigenes Schicksal mehr gestort wurde, denn nun war er mit seinen Aussichten ganz am Ende.

Am andern Morgen aber fuhlte er, dass dieser wohltatige Schlaf aufs neue seine schlummernden Krafte erweckt hatte er fuhlte wieder statt der Lahmung einen gewissen Trotz und Erbitterung gegen das Schicksal, wodurch er Mut bekam, noch einmal alles zu dulden und alles zu wagen, um seinen Endzweck dennoch zu erreichen: er entschloss sich, der Barzantischen Schauspielergesellschaft nachzureisen und von Eisenach bis Muhlhausen denselben Weg, den er gekommen war, wieder zuruckzugehn.

Nachdem er nun in dem Gasthofe seine Zeche bezahlt hatte, so blieben ihm von seinem ganzen Vermogen noch funf oder sechs Dreier ubrig, womit er auf die Wartenburg stieg und von da die weite und schone Gegend vor sich ubersahe.

Der Unteroffizier auf der Wartenburg redete Reisern sehr hoflich an und fragte ihn, ob er nicht die Merkwurdigkeiten besehen wollte? worauf Reiser erwiderte: er wurde den Nachmittag mit einer Gesellschaft wiederkommen, jetzt wolle er sich nur in der Gegend ein wenig umsehen.

Er fuhlte sich, indem er um sich her blickte, auf diesem Standpunkte uber sein Schicksal erhaben; denn aller Widerwartigkeiten ohngeachtet war er doch bis auf diesen Fleck gekommen, und diesen schonen Moment einer reizenden Aussicht in die umgebende Natur konnte ihm doch niemand rauben. Er sammlete sich gleichsam Starke zu der Muhe und sorgenvollen Wanderschaft, die er nun aufs neue wieder antreten wollte.

Sein Plan, den er sich hiezu entworfen hatte, bestand in nichts Geringerm, als die wenigen Dreier, die ihm noch ubrig waren, bloss zu Schlafgeld anzuwenden und bei Tage sich von den Wurzeln auf dem Felde zu nahren, denn er hatte es auf dem Herwege von Gotha schon einmal versucht, ein paar Wurzeln auf dem Felde auszuziehen, die ihm, da er den ganzen Tag nichts genossen hatte, eine sehr angenehme Erquickung gewahrten.

Hieran hatte er sich hier gleich den Morgen beim Erwachen erinnert, und dies war es vorzuglich, was ihm den Trotz gegen das Schicksal einflosste, von dem er sich nun beinahe ganz unabhangig dachte.

Er fing noch an diesem Tage an, seinen Entschluss mit eben dem Selbstgefuhl durchzusetzen, womit er auf seiner ersten Wanderung sich auf den blossen Genuss von Bier und Brot beschrankte, und fuhlte sich nun doppelt so unabhangig wie damals; denn wahrend dass der Unteroffizier auf der Wartenburg ihn mit der Gesellschaft zuruckerwarten mochte, um ihm die Merkwurdigkeiten des Schlosses zu zeigen, verzehrte Reiser schon auf dem Felde sein Mahl von rohen Wurzeln, die er sich mit einem alten Einlegemesser, das er noch von seinem Freunde Philipp Reisern besass, in Scheiben schnitt und sie mit dem grossten Wohlgeschmack verzehrte.

Nun war er aber, weil er sich zu lange auf der Wartenburg aufgehalten hatte, kaum erst eine Meile von Eisenach, und ihn uberfiel, da er seine Wurzeln verzehrt hatte, eine unwiderstehliche Tragheit, so dass er mitten auf dem Felde einschlief und erst am Abend bei Sonnenuntergang wieder erwachte.

Da er nun nach dem nachsten Dorfe zugehen wollte, so kam er vom rechten Wege ab und erreichte erst spat einen Gasthof, wo er nichts verzehrte, sondern am andern Morgen bloss die Streu bezahlte.

Von diesem Dorfe aus verirrte er sich am andern Tage wieder zwischen den Feldern, wo er Wurzeln suchte, die gestrige Tragheit uberfiel ihn wieder, die Hitze war druckend, und wo er den Schatten eines Baumes fand, da legte er sich nieder, und sogleich uberfiel ihn der Schlaf; so dass er auf dem Wege von Eisenach bis Gotha, den er auf der Hinreise in wenigen Stunden zuruckgelegt hatte, beinahe vier Tage zubrachte.

So labyrinthisch wie sein Schicksal war, wurden auch nun seine Wanderungen, er wusste sich aus beiden nicht mehr herauszufinden; vor Gotha schien sich seine Strasse zuruckzubiegen, und er musste doch wieder durch, wenn er seinen Weg nach Muhlhausen fortsetzen wollte; und weil er nun die gerade Strasse scheute, so war es ihm gewissermassen lieb, wenn er sich verirrte.

Sein lateinischer Anschlagbogen half ihm auf diesem Wege zweimal durch; einmal, da man ihn fur eine verdachtige Person hielt, weil er keinen Pass vorzeigen konnte; und ein andermal, da man einen Pass von ihm verlangte, dass er nicht aus einer Gegend kame, wo damals die Viehseuche herrschte; er zeigte seinen lateinischen Anschlagbogen vor und fugte hinzu, dass er ein Student sei und deswegen einen lateinischen Pass bei sich fuhre. Der Dorfrichter oder Schulze des Orts, welcher sich gegen seine Frau und die andern Bauren das Ansehen geben wollte, als ob er Latein verstande, las mit einer wichtigen Miene den Anschlagbogen durch und sagte, es sei recht gut!

Wahrend nun Reiser diese Tage in einer Art von Betaubung gleichsam wie in der Irre umherging, herrschte bloss die Imagination in ihm; denn da er nun auf dem Felde lebte, so schien er sich an gar nichts mehr gebunden und liess seiner Einbildungskraft den Zugel schiessen.

Nun war ihm aber sein Schicksal nicht romanhaft genug. Dass er hatte Schauspieler werden wollen und sein Wunsch ihm misslungen war, das war eine abgeschmackte Rolle, die er spielte er musste irgendein Verbrechen begangen haben, das ihn in der Irre umhertrieb; ein solches Verbrechen dachte er sich nun aus: er stellte sich vor, dass er mit dem jungen Edelmann, den er in Hannover unterrichtete, die Universitat in Gottingen bezogen und von diesem im Trunk zum Zweikampf genotigt worden ware, wo er sich bloss verteidigte und jener wutend in seinen Degen gerannt sei, worauf er die Flucht genommen habe, ohne zu wissen, ob jener tot oder lebend sei.

Diese von ihm selbst gemachte Erdichtung drangte sich ihm bei seinem Herumirren im Felde fast wie eine Wahrheit auf; er traumte davon, wenn er einschlief; er sah seinen Gegner im Blute liegen, er deklamierte laut, wenn er erwachte, und spielte auf die Weise mit seiner Phantasie mitten auf dem Felde zwischen Gotha und Eisenach die Rollen durch, welche man ihm auf dem Theater verweigert hatte.

Und dies allein war es, was ihn von der Verzweiflung rettete; denn hatte er sich seinen Zustand vollig so leer und abgeschmackt gedacht, wie er wirklich war, so wurde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken sein.

Nun aber wurde ihm das Bitterste ertraglich: am zweiten Tage auf seiner Ruckkehr von Eisenach nach Gotha war es gerade Sonntag und eine druckende Hitze. Reiser kam vom Felde durch ein Dorf und suchte Schatten, den er nicht anders finden konnte als auf einem grunen mit Baumen bepflanzten Platze gerade der Kirche gegenuber. Er liess sich in einem Bauerhause erst ein Glas Wasser geben; dann legte er sich unter den Baumen nieder, wahrend dass in der Kirche gegenuber gesungen wurde; unter dem Singen schlief er ein und wachte nicht eher wieder auf, als bis der Prediger aus der Kirche kam, mit dem sein Sohn ging, der auch erst von der Universitat zuruckgekommen war. Beide gingen auf Reisern zu und fragten ihn, woher er kame und wohin er ginge? er gab verwirrte Antworten und gestand endlich, dass er wegen eines Duells, das er in Gottingen gehabt habe, fluchtig sei. Es war ihm selber, als ob ihm dies Gestandnis ausserst schwer wurde, und der Gedanke an die Unwahrheit der Sache fiel ihm fast gar nicht mehr bei: denn da er einmal bloss in der Ideenwelt lebte, so war ihm ja alles das wirklich, was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingepragt hatte; ganz aus allen Verhaltnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrangt, drohte die Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Einsturz.

Der Prediger notigte ihn in sein Haus und wollte ihn bewirten. Reiser aber, gleichsam wie von Angst getrieben, entfernte sich so bald wie moglich wieder. Denn er musste in seinem imaginierten Zustande die Gesellschaft der Menschen fliehen.

Nahe vor Gotha notigte ihn wiederum ein Prediger in sein Haus, der sich wohl einen halben Tag lang mit ihm unterhielt und ihm erzahlte, dass vor ein paar Jahren auch so zu Fusse und wohlgekleidet ein reisender Gelehrter hier durchgekommen, der sich lange mit ihm unterhalten; er habe sich den Tag im Kalender bemerkt und zweifle fast nicht, dass es der Doktor Barth gewesen sei.

Nun erzahlte dieser Prediger Reisern seine Geschichte, wie er sich erst lange als Hofmeister herumgetrieben und hier nun endlich in dieser alten Pfarre eine Ruhestatte gefunden habe, wo er dem, was in der Welt vorginge, nur so ganz von ferne zusahe.

Reiser erzahlte nun dem Prediger auch seine eigene imaginierte ungluckliche Geschichte, wobei ihm der Prediger in einem Kaffeeschalchen einige Erfrischungen von eingemachtem Obst vorsetzte und ihm dabei Mut zusprach, dass er sein Verbrechen vielleicht noch wieder gutmachen konne; dabei sah er auf die weisse Scheide von dem Degen, welchen Reiser trug, und fragte ihn, ob eine solche Degenscheide denn wirklich das Zeichen der Freimaurer und ob Reiser nicht in diesem Orden sei? Je mehr dieser es verneinte, desto fester glaubte der Prediger, demohngeachtet einen Freimaurer vor sich zu sehen, der sich ihm nur in diesem Punkt nicht entdecken wollte.

Dieser Prediger betrachtete Reisern manchmal vom Kopf bis zu Fuss und schien sich uberhaupt sonderbare Vorstellungen von ihm zu machen. Er hielt ihn fur einen Menschen, der viel mehr verschwieg als er sagte, und mit dem er nicht recht wusste, wie er dran war. Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen, immer noch Fragen an ihn zu tun, bis Reiser endlich, da die Sonne sich schon zum Untergange neigte, von ihm Abschied nahm und der Prediger ihm noch die Ermahnung mit auf den Weg gab, vorzuglich sein Verbrechen durch Reue zu bussen.

Durch die lange Unterhaltung mit dem Prediger und durch dessen Ermahnungen war Reisers Imagination noch mehr erhitzt. Er kam in der Abenddammerung in Gotha an und ging in einer Art von hartnackiger Betaubung und Fuhllosigkeit dicht vor dem goldnen Kreuze vorbei, wo er logiert hatte, aus dem Tore wieder heraus, in welches er das erstemal nach Gotha gekommen war, und nahm wieder den Weg auf Erfurt zu, um dann von da nach Muhlhausen zu gehen und endlich die Barzantische Schauspielergesellschaft zu erreichen.

Denn als er nur erst wieder durch Gotha war, verschwand auch allmahlich die imaginierte Geschichte, die ihn drei Tage vor Gotha in der Irre herumgetrieben hatte, die erste Aussicht offnete sich noch einmal wieder; Gotha lag wieder hinter ihm und war wieder der Mittelpunkt seiner Bestrebungen; so wie von Eisenach, hoffte er auch von Muhlhausen und zwar mit besserm Gluck dorthin zuruckzukehren.

Nun war es aber schon dunkel, ehe er ein Dorf erreichen konnte, und er verirrte sich und ging beinahe eine Meile um; indes kam er zuletzt doch wieder auf die rechte Strasse und langte in demselben Gasthofe an, wo er auf seiner Hinreise von Erfuhrt nach Gotha eine der widerwartigsten Nachte in der Gesellschaft von den groben Fuhrleuten zugebracht hatte, deren Quam ihm noch in frischem Andenken war.

In diesem Gasthofe fand er noch alles lebhaft und einen Handwerksburschen unter den Bauern auf dem Flur sitzend, denen er seine Reisen in Kursachsen erzahlte. Gerade als Reiser in den Gasthof kam, trat der Wirt herzu und gebot dem Erzahler Stillschweigen, weil es schon spat in die Nacht und Zeit sei, sich schlafen zu legen.

Der Handwerksbursch und die Bauern legten sich nun auf die Streu, die schon zubereitet war und worauf auch Reiser Platz nahm. Der Handwerksbursch konnte sich uber die Grobheit des Wirts gar nicht zufrieden geben und gar nicht daruber einschlafen, indem er unzahligemal versicherte, dass ihm in ganz Kursachsen noch keine solche Grobheit von irgendeinem Wirt widerfahren sei.

Als Reiser nun hier am andern Morgen seinen Dreier Schlafgeld bezahlt hatte, war sein Vermogen bis auf neun Pfennige geschmolzen; und nun fing er an, auf einmal sich so erschopft zu fuhlen, da rohe Wurzeln schon seit mehrern Tagen seine einzige Kost gewesen waren, dass der Gedanke an eine Meile, die er gehen sollte, ihn mit Schrecken erfullte; denn er fuhlte sich diesen Morgen wie gelahmt, und der Raum zwischen Muhlhausen und hier kam ihm wie eine furchtbare Wuste vor, durch die er ohne einen Labetrunk und ohne Starkung reisen sollte.

Der Handwerksbursch, der den Abend vorher von seinen Reisen in Kursachsen bis in die spate Nacht erzahlt hatte, machte sich nun auf den Weg nach Erfurt und fragte Reisern, ob er auch des Weges ginge? Dieser bejahte es, und sie wanderten in einem nicht ubereilten Schritt miteinander fort.

Der Handwerksbursch, welcher ein Buchbindergeselle und schon ziemlich betagt war, fragte Reisern nach seiner Profession, und dieser antwortete: er sei ein Schuhknecht, und fand ordentlich eine Art von Wurde darin, indem er sich einen Schuhknecht nannte; denn als ein solcher war er doch etwas, als einer, der ein blosses Blendwerk seiner Phantasie verfolgte, war er nichts.

Der Buchbindergeselle schien seiner Erzahlung nach schon seit vielen Jahren aus dem Reisen ein eigenes Geschaft gemacht zu haben und war gegen seinen Gefahrten mit seinen Erfahrungen nicht zuruckhaltend, indem er ihn unterrichtete, wie man besonders im Sommer und in der Obstzeit mit einem halben Gulden sehr weiter Touren machen konne, ohne doch dabei Not zu leiden.

Obst, meinte er, wurde einem nirgends versagt und Brot auch nicht leicht; auf die Weise brauche man des Tages oft nur wenige Pfennige zu verzehren. So sei er schon mehrmalen ganz Kursachsen durchgereist und habe sich wohl dabei befunden; kurz, er hielt Reisern wurdig, in seinen Orden initiiert zu werden, dessen Vorzuge und Annehmlichkeiten er ihm auf die reizendste Art beschrieb, weil es ein Leben voll immerwahrender Veranderung und Unabhangigkeit war.

Reiser aber fuhlte seine Knie wanken, und seine Mudigkeit nahm so sehr bei jedem Schritte zu, dass er in diesem Augenblick das einformigste und abhangigste Leben sich gerne hatte gefallen lassen, wenn sich ein ruhiger Aufenthalt ihm dargeboten hatte.

Sein Gefahrte schien seinen Kummer zu merken und suchte ihm Trost und Mut einzusprechen, als sie schon nahe vor Erfurt an einen kuhlen und klaren Quell kamen, der dem Buchbindergesellen schon bekannt war und wo sie bei der druckenden Hitze beide ihren Durst loschten.

Nicht leicht kann diese wohltatige Quelle, die den Einwohnern von Erfurt wohlbekannt ist, fur einen Wanderer erquickender gewesen sein, als sie es fur Reisern war, der sich ganz erschopft daran niederwarf und den Labetrunk, den er oft von Menschen kaum zu fordern wagte, nun unmittelbar aus dem Schatz der Natur empfing.

Und dann erhielt so etwas fur Reisern einen doppelten Wert, weil er das Poetische mit hinzutrug, das nun bei ihm wirklich wurde und wovon man sagen konnte, dass es die einzige Schadloshaltung fur die notwendigen Folgen seiner Torheit war, fur die er selbst nicht konnte, weil sie nach naturlichen Gesetzen in sein Schicksal von Kindheit auf sich notwendig einflechten musste.

Als nun die alten Turme von Erfurt wieder aus dem Tale emporstiegen und Reiser nun hoffnungslos dahin zuruckwanderte, wo er noch vor kurzem mit dem jugendlichen Schimmer der ersten Hoffnung ausgereist war, so fiel es ihm sonderbar auf, da sein Gefahrte, der Buchbindergeselle, auf einmal zu ihm sagte: er glaube nicht, dass Reiser ein Schuhknecht sei, sondern hielte ihn fur einen Studenten, der auf der Universitat in Erfurt studieren wolle.

Reiser, der schon wieder bis zum Hinsinken ermattet war, fuhlte sich durch diese zufalligen Worte des Buchbindergesellen wie ins Leben zuruckgerufen.

Sobald er in dieser Stadt, die so nahe vor ihm lag, studieren und bleiben wollte, war sie das Ende seiner muhseligen Wanderung; sie war der Endzweck, das Ziel seiner Reise, das er nun so nahe vor sich sahe, und wo er noch dazu auf eine ehrenvolle Weise mit seinem Plane umwechseln konnte. Je mehr seine Mudigkeit zunahm, je reizender und wunschenswerter wurde ihm der Gedanke an den Aufenthalt in dieser weiten Stadt, worin doch auch, wie er dachte, noch wohl ein Platzchen fur ihn sich finden wurde.

Dieser hoffnungslose traurige Zustand des Umherirrens, worin er sich nun schon seit mehrern Tagen befand, konnte durch keinen Reiz einer angespannten erhitzten Einbildungskraft mehr ubertragen werden, sondern der Gedanke der ganzlichen Hulflosigkeit ermudete ihn mit jedem Schritte noch mehr, und die Mudigkeit vermehrte wieder den Gedanken der Hulflosigkeit, die vorzuglich aus dem Sinken seines Mutes und aus der Erschopfung seiner Krafte entstand.

Sie kamen nun in die Stadt vor einem Backerhause vorbei, wo auf dem Laden eine Menge Brote aufgeturmt lagen: Reiser wollte sich eins darunter aussuchen, und als er es kaum beruhret hatte, schoss beinahe der ganze Haufe von Broten auf die Strasse herunter. Die Leute im Hause fingen einen grossen Larm an, und Reiser musste mit seinem Gefahrten sich nur schnell um eine Ecke wenden, um den Schmahungen zu entgehen. So verfolgte Reisern sein widriges Geschick bis aufs ausserste.

Sie kehrten nun in einem Gasthofe ein, wo Reiser dem Durst nicht widerstehen konnte und fur die letzten neun Pfennige, die er noch ubrig hatte, sich Bier geben liess. Fur diesen einen Trunk hatte er also sein Schlafgeld auf noch drei kunftige Nachte ausgegeben, und ihm blieb nichts weiter ubrig, als ganz unter freiem Himmel zu wohnen.

Bei diesem Gedanken war es ihm, als ob er nun mit dem Trunk Bier die Vergessenheit alles Kunftigen und Vergangenen trinke und von allem Kummer auf einmal befreiet werden sollte. Denn nun gab er sich ganz seinem Schicksale hin und betrachtete sich wieder wie ein fremdes Wesen, fur das er nicht mehr denken konnte, weil es unwiederbringlich verloren war; so schlummerte er ein und schlief eine Stunde lang.

Als er erwachte, war es noch eine Stunde vor Mittage, sein Gefahrte war weggegangen, und er sass, den Kopf auf die Hand gestutzt, in stummer Verzweiflung da, als ein Mann, der gerade gegen ihm uber sass, ihn anredete und sich erkundigte, ob er nicht ein fremder Student sei?

Als dies bejahet wurde, erzahlte der Mann, gleichsam als ob er um Reisers Zustand gewusst hatte, dass der jetzige Prorektor der Universitat, der Abt vom Benediktinerkloster auf dem Petersberge, ein ausserst menschenfreundlicher Mann sei, der erst vor kurzem einem jungen Manne, der auch mit Nichts hiehergekommen sei, sogleich Unterstutzung verschafft und sich seiner auf das menschenfreundlichste angenommen habe. Wenn Reiser diesen Pralaten besuchen wollte, so solle er nur dreist zu ihm gehen; er wurde gewiss eine gutige Aufnahme bei ihm finden. Hierauf kamen andere Leute, mit denen der Mann sich ins Gesprach gab.

Reiser aber, den die ganzliche Erschlaffung aller seiner Seelen- und Korperkrafte und der wohltatige Schlummer, der hievon eine Folge war, schon wieder etwas gestarkt hatten, fuhlte sich auf einmal wieder mit neuer Hoffnung und neuem Mut beseelt, da er sich den Pralaten im Benediktinerkloster auf dem Petersberge dachte.

Er machte sich sogleich auf den Weg und erkundigte sich nach dem Petersberge; ein junger Student, der ihm begegnete, gab ihm nicht nur hoflich Bescheid, sondern begleitete ihn sogar eine Strecke, um ihn gehorig zurechtzuweisen. Dies war ihm ein gutes Omen. Er stieg den befestigten Petersberg hinauf, und die Wachen liessen ihn ungehindert durch.

Er kam in der Wohnung des Pralaten an, dessen Bedienter ihn mit einem freundlichen Gesicht empfing, und sobald er sagte, dass er ein Student sei, ihn sogleich bei dem Pralaten zu melden versprach.

Er ward eine Treppe hoch in einen grossen Saal gefuhrt, in welchem Gemalde hingen, unter denen das eine den Petrus vorstellte, wie er sich in des Hohenpriesters Hause am Feuer warmt. Indem Reisers Blicke noch auf dies Gemalde geheftet waren, trat der Pralat in seiner schwarzen Ordenskleidung mit dem Brevier in der Hand heraus, und Reiser richtete eine kurze lateinische Anrede an ihn, die er sich beim Hinaufsteigen auf den Petersberg ausgedacht hatte, und deren Inhalt war, dass er vom widrigen Gluck umhergetrieben nach Erfurt gekommen sei und hier einige Unterstutzung zu finden hoffte, um auf irgendeine Weise sein angefangenes Studium hier fortzusetzen.

Der Pralat fragte ihn mit grosser Leutseligkeit wieder in lateinischer Sprache, ob er katholisch sei oder sich zur Augspurgischen Konfession bekenne, und als Reiser das letztere bejahte, so antwortete ihm der Pralat fast mit seinen eigenen Worten wieder: es tate ihm zwar leid, dass Reiser vom widrigen Gluck umhergetrieben sei, doch sahe er noch kein Mittel, wie er gerade auf dieser Universitat Unterstutzung finden wurde. Indes wolle er ihm die Hoffnung nicht dazu benehmen.

Hierauf fragte er nach Reisers Geburtsort, und da dieser Hannover nannte, so fuhr der Pralat fort: er gabe ihm den Rat, sich an den Doktor Froriep zu wenden, weil dieser gewissermassen sein Landsmann sei. Bei dem mochte er sich also melden und dann wieder zu ihm kommen. Mit diesen Worten druckte er Reisern ein Stuck Silbergeld in die Hand und fugte hinzu: er mochte mit diesem kleinen Mittagsmahl vorliebnehmen.

Wenn ja etwas den Mut des Zerschlagenen wieder aufrichten und den vollig Gesunkenen von der Verzweiflung retten kann, so ist es die Miene und der Ton, womit der Pralat Gunther damals Reisers Bitte beantwortete und ihm seinen Rat erteilte.

Von dieser Behandlung beinahe bis zu Tranen geruhrt eilte Reiser fort und glaubte zu traumen, da er wieder draussen vor der Ture stand, sein Stuck Geld besahe und sich auf einmal wieder im Besitz von einem halben Gulden sahe; da es ihm kurz vorher noch an einem Dreier fur ein Nachtlager fehlte. Dieser halbe Gulden dunkte ihm jetzt ein unschatzbarer Reichtum, und war es auch wurklich fur ihn, weil er ihm wieder den Mut einflosste, woran sein ganzes Schicksal hing.

Er ging nun nach einem Speisehause und genoss zum ersten Male wieder warmes Essen. Gleich nach Tische aber erkundigte er sich nach der Kaufmannskirche, bei welcher der Doktor Froriep wohnte. Er traf ihn gerade, da er eben um zwei Uhr des Nachmittags ein Kollegium lesen wollte, und redete ihn auf eine ahnliche Weise wie den Abt Gunther lateinisch an.

Da der Doktor Froriep von Reisern horte, dass er aus Hannover sei, nahm er ihn ausserordentlich freundlich auf und fuhrte ihn mit sich in seinen Horsaal, wo die Studenten schon mit den Huten auf den Kopfen sassen, welches fur Reisern ein ganz ungewohnter Anblick war; um so viel mehr, da er merkte, dass man sich uber ihn aufhielt, weil er nicht auch bedeckt blieb.

Er sahe sich also nun auf einmal in Erfurt in dem Horsaale eines Professors mitten unter Studenten sitzen, da er am Morgen eben dieses Tages noch weiter nichts als das offne Feld, das er durchwanderte, zu seinem Aufenthalt vor sich sahe.

Der Doktor Froriep las Kirchengeschichte, wobei auch manche lustige Anekdote mit unterlief, die das Auditorium aufmunterte und von den Musensohnen oft mit einem schallenden Gelachter begleitet wurde. Dies alles war Reisern noch wie ein Traum. Er erinnerte sich an die Jahre seiner Kindheit, wo ihm der Horsaal der Schule schon heilig war, und itzt fand er sich auf einmal in einem akademischen Horsaale, uber dem nun nichts Hohers mehr war.

Als das Kollegium zu Ende war, nahm der Doktor Froriep Reisern mit sich auf seine Stube und fragte ihn um seine Geschichte, der er nun die neue Wendung gab, dass er sich in Hannover durch eine Schrift, die ubel ausgedeutet sei, den Hass eines vornehmen Mannes zugezogen und von dort habe weggehen mussen. Da er nun weiter keine Aussicht gehabt, so sei er auf die Gedanken gekommen, sich dem Theater zu widmen, nach reiflicher Uberlegung aber habe er diesen Entschluss fahren lassen, weil er wohl einsehe, dass er sich auf immer fur die Zukunft durch diesen Schritt schaden wurde; und darum habe er nun gedacht, sich in Erfurt aufs neue dem Studieren zu widmen.

Nun war es merkwurdig, wie Reiser diese Luge, die er sich wahrend dem Kollegium des Doktor Frorieps ausgedacht, sich selbst, ehe er sie sagte, in Wahrheit zu verwandeln suchte und wie jesuitisch er sich dabei selber tauschte. Er suchte sich namlich in seinen Gedanken zu uberzeugen, dass er nun wirklich die Torheit seines Unternehmens vollkommen einsehe und dass er nun ganz freiwillig seinen Entschluss geandert habe und fest bei diesem Vorsatz bleiben wurde, wenn sich ihm auch gleich jetzt die beste Gelegenheit den Schauplatz zu betreten von selbst darbote.

Und was die erste Halfte seiner Luge anbetraf, so suchte er sich einzubilden, dass in seiner Rede, die er an der Konigin Geburtstage gehalten, wirklich einige verfangliche Stellen waren, die wohl jemand zu seinem Nachteil ausgedeutet haben konnte. Ob dies nun wirklich geschehen sei, das beruhrte er nun nicht weiter, sondern beruhigte sich diesmal bei der Moglichkeit, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.

Denn er durfte nicht sagen, dass er aus Neigung zum Theater aus Hannover gegangen sei, wenn sein Trieb zum Studieren wahrscheinlich bleiben sollte, und die Duellgeschichte passte hier auch nicht her.

Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben, allein er fasste eine hohere Idee von Reisern, als dieser erwarten konnte, indem er ihn fur einen Sohn angesehener Eltern hielt, mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen er nur verschwiege. Reiser fand es fur sich schmeichelhaft, dass man eine solche Meinung von ihm hegen konnte, die ihm um desto lieber war, weil sie auf die gefalligste Art seine Luge zudeckte, indem der Doktor Froriep die Unwahrheit, welche er selbst nicht glaubte, doch am besten entschuldigte.

Und was nun kam, war uber alle seine Erwartung. Der Doktor Froriep redete ihm zu, er mochte nur gutes Mutes sein; er wolle furs erste Tisch und Wohnung fur ihn besorgen. Reiser, der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller Welt verlassen sahe, trauete den trostenden Worten kaum, die er jetzt vernahm, und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich zu sehen.

Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen, womit er am andern Morgen wieder zu dem Abt Gunther gehen sollte, der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student immatrikulieren wurde.

Ein so glucklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen Zustand, der ihn aller seiner Widerwartigkeiten vergessen machte, so dass ihn seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete, da sie ihn einen solchen Zeitpunkt erleben liess, von dem sich wohl niemand eine vollkommne Vorstellung machen kann, der nicht auch einmal in seinem Leben von aller Hulfe entblosst und an Korper und Seele gelahmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war.

In der Freude seines Herzens eilte er in den Gasthof, wo er die Nacht bleiben wollte, liess sich Papier holen und fing an, seine eigenen Gedichte, die er auswendig wusste, nacheinander wieder aufzuschreiben, um sie am andern Tage dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermassen seiner Aufmerksamkeit wert zu zeigen.

Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig. Am andern Morgen fruh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den Petersberg hinauf; und der gutmutige Abt Gunther freute sich, ihn wiederzusehen, gewahrte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus, wobei er ihm die akademischen Gesetze gedruckt ubergab und deren Befolgung durch einen Handschlag sich angeloben liess.

Diese Matrikel, worauf stand: Universitas perantiqua, die Gesetze, der Handschlag waren fur Reisern lauter heilige Dinge, und er dachte eine Zeitlang, dies wolle doch weit mehr sagen, als Schauspieler zu sein. Er stand nun wieder in Reihe und Glied, war ein Mitburger einer Menschenklasse, die sich durch einen hohern Grad von Bildung vor allen ubrigen auszuzeichnen streben. Durch seine Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.

Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und brachte ihm zugleich seine Gedichte, die diesmal weit mehr Gluck machten, als er erwartet hatte. In Erfurt war namlich das Studium der schonen Wissenschaften unter den Studenten noch etwas Seltenes, und dem Doktor Froriep war es lieb, einen mehr zu haben, der in diesem Fache den andern einigermassen zum Beispiel diente.

Diese Gedichte bewurkten also, dass Reisers neuer Gonner sich nun noch weit mehr fur ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gasthofe liess, sondern sogleich dem Universitatsquartiermeister, der zugleich Fechtmeister war, den Auftrag gab, ihm ein Logis zu verschaffen. Dieser quartierte ihn dann furs erste bei einem alten Studiosus Medicina ein, welcher bei ihm im Hause wohnte, und weil er zugleich die Besorgung des Freitisches fur die Studenten hatte, so zog er ihn furs erste an seinen eigenen Tisch.

Bei diesen glucklichen Umstanden wurde nun Reiser wieder auf manche Stunde lang der unglucklichste Mensch von der Welt, weil ihn seine Erziehung und der Kummer von seinen Schuljahren druckten. Die Idee von den Freitischen, die er als Schuler hatte geniessen mussen, lag wie eine Last auf ihm, und er fuhlte sich im Grunde weit unglucklicher, wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen sollte, als wie er auf dem Felde zwischen Gotha und Eisenach rohe Wurzeln ass.

Dies machte, dass er bei den Studenten, welche auch mit ihm bei dem Fechtmeister assen, fur einen timiden und bloden Menschen gehalten wurde; und da sein Wirt, der mit Studenten nach ihrer Art umging, auch nicht viel Umstande mit ihm machte, so wurde dadurch sein Zustand noch unertraglicher; er schien sich auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niedertrachtigste Abhangigkeit wieder versunken zu sein.

Ohngeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn, und dies hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken, wovon der Doktor Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte, und die ihm, ohne dass er selbst es wusste, unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen gemacht hatten, so dass man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner Dichtergabe schrieb.

Es fehlte ihm nun ganzlich an Wasche, und hatte er einiges Zutrauen zu den Menschen gehabt, so hatte er auch itzt diesen Mangel sehr leicht ersetzen konnen. Allein es war ihm unmoglich, diesen Mangel zu gestehen, der ihm am druckendsten war und im Grunde seine meiste Traurigkeit verursachte, die er aber immer selbst auf etwas anders schob, woruber er zu trauren gegen sich selbst affektierte, weil ihm der Mangel an Wasche ein zu kleiner und unpoetischer Gegenstand schien.

Der Fechtmeister wies ihm nun ein bleibendes Quartier bei einem Studenten, namens R ..., an, bei dem er auch auf der Stube wohnen musste, und der sogleich eine Wochenschrift mit ihm gemeinschaftlich herausgeben wollte, weil er sich von Reisers Dichterund Schriftstellertalent schon grosse Vorstellungen gemacht hatte. Reiser dachte auch bald einen Plan zu einer Wochenschrift aus, welche sich mit einer Satire auf diese Art Schriften anheben und die letzte Wochenschrift heissen sollte; als aber sein neuer Stubengenosse merkte, dass er kein Geld bei sich fuhre und auch keine sehr bestimmte Aussicht habe, welches zu erhalten, fing er an ziemlich kalt gegen ihn zu werden und riet ihm, furs erste seinen Degen zu versetzen, welches Reiser tat und nun auf einmal wieder freundlichere Blicke erhielt. Denn der Herr R ..., der ein sehr ordentlicher Mann war, wollte bei ihrer beiderseitigen literarischen Unternehmung nicht gerne Auslagen machen.

Sie gingen nun beide hin zu einem Buchdrucker in Erfurt, namens Gradelmuller, und brachten den Plan ihrer neuen Wochenschrift zum Vorschein: dieser stellte ihnen aber sehr nachdrucklich vor, wie misslich ein solches Unternehmen und wie viel sicherer es sei, seine Aufsatze in ein Blatt zu geben, welches schon einmal bekannt und vom Publikum beliebt ware, wie z.E. die Wochenschrift der Burger und der Bauer, welche er selbst herausgab, und die von Betteljungen in den Bierhausern von Erfurt herumgetragen wurde.

Das war also eben der Burger und Bauer, den Reiser auf seiner ersten Wanderung bei dem Jager nicht weit von Muhlhausen vorgefunden hatte und zu dessen Mitarbeiter er nun nebst seinem Stubengenossen von dem Verleger und Herausgeber erwahlt wurde. Beide mussten nun den Abend bei dem Buchdrucker speisen, und es wurden Rettig und eine Art sehr harter langlichter kleiner Kase, die in Erfurt gewohnlich sind, aufgetragen, wovon die beiden Mitarbeiter unaufhorlich assen, wahrend dass die Frau des Buchdrukkers manchmal darzu sehr sauer sahe.

Der erste Aufsatz, den nun der Student R ... in die Wochenschrift der Burger und der Bauer lieferte, war eine prosaische Nachahmung von dem Beatus ille des Horaz. Und der erste Aufsatz von Reiser war sein steifes Gedicht uben die Welt, das er schon in Hannover auf der Schule gemacht hatte.

Da nun aber fur diese Aufsatze weiter kein Honorar erfolgte, und der Plan des Studenten R ..., durch eine Wochenschrift, die er mit Reisern herausgeben wollte, ein Ansehnliches zu gewinnen, auf die Weise ins Stocken geriet, so hatte auch Reiser weiter kein Interesse mehr fur ihn; welches ihm nicht zu verdenken war, da Reiser wegen seiner Melancholie, die vorzuglich bei ihm aus dem Mangel an Wasche und nun auch wieder von dem schlechten Zustande seiner Schuhe entstand, nur ein trauriger Gesellschafter sein konnte.

Der Student R ... suchte also Reisern nach Verlauf von acht Tagen, die er bei ihm gewohnt hatte, schon wieder in einem andern Logis unterzubringen. Dies war auf der Kirschlache in der Wohnung eines Brauers, wo noch ein Student logierte und der Sohn im Hause ebenfalls die Schule besuchte.

Hier bekam Reiser nun wiederum kein Zimmer fur sich allein, sondern musste so wie der andre Student mit der Familie zusammenwohnen. Das Haus aber hatte eine angenehme Lage es stand in einer Reihe kleiner Hauser, vor denen ein schmales Gewasser vorbeifliesst, dessen diesseitiges Ufer mit Baumen bepflanzt ist.

Es war also keine ganz eingeengte Strasse, sondern

das voruberfliessende Wasser und selbst die Kleinheit der Hauser trugen dazu bei, dieser Gegend der alten Stadt ein freies landliches Ansehn zu geben.

Hinter dem Hause war gleich die alte Stadtmauer,

von welcher man die Aussicht nach dem Kartauserkloster hatte. Die Mauer war oben zum Teil mit Gras bewachsen und an verschiedenen Orten halb eingefallen, so dass man bequem hinaufsteigen und alsdann die grossen Plane von Garten, womit Erfurt noch innerhalb seiner Mauren umgeben ist, ubersehen konnte.

Wahrend dieser Zeit erhielt nun Reiser auch den or

dentlichen Freitisch von der Universitat, und die Idee des ruhigen Bleibens behielt nun auf einmal wieder so sehr bei ihm die Oberhand, dass er jetzt, da er neunzehn Jahr alt war, an seinen Freund in Hannover schrieb, er hoffe und wunsche nunmehr den Rest seiner Tage in Erfurt zu beschliessen.

Seine lernende Laufbahn sollte namlich hier unmit

telbar in die lehrende ubergehn, und so sollte das Ziel aller seiner Wunsche und Hoffnungen dann erreicht sein. Auf alles ubrige Glanzende glaubte er nun Verzicht getan zu haben, und alle die schimmernden Theaterphantasien schienen auf eine Zeitlang aus seinem Kopfe verschwunden zu sein.

Er war nun doch auf einmal in eine neue Welt versetzt und hatte gegen seinen Aufenthalt in Hannover immer erstaunlich viel gewonnen.

Wenn er auf den Wallen von Erfurt um die Stadt spazieren ging, so fuhlte er lebhaft, dass er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unertraglichen Zustande gerissen und seinen Standpunkt in der Welt aus eigner Kraft verandert hatte.

Wenn er dann die Glocken von Erfurt lauten horte, so wurden allmahlich alle seine Erinnerungen an das Vergangene rege der gegenwartige Moment beschrankte sein Dasein nicht sondern er fasste alles das wieder mit, was schon entschwunden war.

Und dies waren die glucklichsten Momente seines Lebens, wo sein eigenes Dasein erst anfing, ihn zu interessieren, weil er es in einem gewissen Zusammenhange und nicht einzeln und zerstuckt betrachtete.

Das Einzelne, Abgerissene und Zerstuckte in seinem Dasein war es immer, was ihm Verdruss und Ekel erweckte.

Und dies entstand so oft, als unter dem Druck der Umstande seine Gedanken sich nicht uber den gegenwartigen Moment erheben konnten. Dann war alles so unbedeutend, so leer und trocken und nicht der Muhe des Denkens wert.

Dieser Zustand liess ihn immer die Ankunft der Nacht, einen tiefen Schlummer, ein ganzliches Vergessen seiner selbst wunschen ihm kroch die Zeit mit Schneckenschritten fort und er konnte sich nie erklaren, warum er in diesem Augenblicke lebte.

Im Anfange seines Aufenthalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur wenige er ubersah das Leben immer mehr im ganzen die Ortsveranderung war noch neu seine Einbildungskraft war durch das Immerwiederkehrende noch nicht gefesselt.

Dies Immerwiederkehrende in den sinnlichen Eindrucken scheint es vorzuglich zu sein, was die Menschen im Zaum halt und sie auf einen kleinen Fleck beschrankt. Man fuhlt sich nach und nach selbst von der Einformigkeit des Kreises, in welchem man sich umdreht, unwiderstehlich angezogen, gewinnt das Alte lieb und flieht das Neue. Es scheint eine Art von Frevel, aus dieser Umgebung hinauszutreten, die gleichsam zu einem zweiten Korper von uns geworden ist, in welchen der erstere sich gefugt hat.

Reisers Wohnung auf der Kirschlache schien auch gerade dazu gemacht zu sein, um seine Einbildungskraft aufs neue wieder zu fesseln.

Die Aussicht uber die Garten nach dem Kartauserkloster hin hatte namlich so etwas Romantisches, das Reisern unwiderstehlich anzog und seine Blicke auf jenen stillen Sitz der Einsamkeit heftete, nach welcher er eine heimliche Sehnsucht empfand. Da das Gebaude seiner Phantasie gescheitert war und er die gerauschvollen Weltszenen weder im wirklichen Leben noch auf dem Theater hatte durchspielen konnen, so fiel er nun, wie es gemeiniglich zu geschehen pflegte, mit seiner ganzen Empfindung auf das andere Extrem.

Ganz von der Welt vergessen, von Menschen abgeschieden in der stillen Einsamkeit seine Tage zu verleben, hatte einen unaussprechlichen Reiz fur ihn und diese Abgeschiedenheit erhielt in seinen Gedanken einen desto hohern Wert, je grosser das Opfer war, das er brachte. Denn das, worauf er Verzicht tat, waren seine liebsten Wunsche, die in sein Wesen eingewebt schienen. Die Lampen und Kulissen, das glanzende Amphitheater war verschwunden, die einsame Zelle nahm ihn auf.

Die hohe Mauer, welche das Kartauserkloster umschliesst, das Turmchen auf der Kirche, die einzelnen Hauschen, die innerhalb der Mauer in einer Reihe nacheinander stehn und wovon jedes durch eine Mauer vom andern abgesondert ein eigenes Fleckchen zum Garten hat; dies alles macht einen sehr interessanten Anblick, und diese Hohe der Mauer, diese einzelnen Hauser und diese Gartchen dazwischen bezeichnen sehr auffallend und bedeutend die Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Bewohner dieses Orts.

Sooft die Glocke auf dem Turmchen angezogen wurde, tonte sie in Reisers Ohren wie die Sterbeglokke aller irdischen Wunsche und Aussichten in die Zukunft dieses Lebens.

Denn hier war nun das Ziel von allem nie durfte der Fuss des Eingeweihten wieder aus dem Bezirk dieser Mauren treten er fand hier seine immerwahrende Wohnung und sein Grab. Das Gelaute der Kartauser wird noch mehr durch die Art, mit der es geschieht und durch seine Langsamkeit traurig und melancholisch.

Sowie namlich die Kartauser sich auf dem Chor versammlen, tut jeder nach der Reihe einen Zug an der Glocke und nimmt darauf seinen Platz ein, bis alle vom Altesten bis zum Jungsten hereingetreten sind.

Nun horchte Reiser auf den Schall dieser Glocke zuweilen in der stillen Mittagsstunde, zuweilen um Mitternacht oder bei fruhem Morgen, und jedesmal erneuerte sich der Eindruck davon so lebhaft in seinem Gemute, dass immer das ganze Bild der Einsamkeit und Stille des Grabes mit erwachte.

Es kam ihm vor, als ob diese abgeschiedenen Menschen ihren eigenen Tod uberlebten, in ihren Grabern umherwandelten und sich einander die Hande reichten.

Mit dieser Idee wurde er nach und nach so vertraut, und sie wurde ihm so lieb, dass er sie manchmal um die angenehmsten Aussichten in das Leben nicht hatte vertauschen mogen.

Er hatte nun auch wieder einen Brief von Philipp Reiser aus Hannover erhalten, der ebenso wie ehemals die Gesprache desselben statt einer besondern Teilnehmung an seines Freundes Schicksale eine etwas weitlauftige Schilderung seiner damaligen Liebe enthielt, und wie weit er nun schon in dieser Liebe gekommen sei, und was ihm noch fur Hindernisse im Wege standen.

Demohngeachtet trug Reiser diesen Brief bestandig bei sich und las ihn zum oftern durch, weil Philipp Reiser doch sein einziger Freund war.

Ohnweit der Kirschlache war ein angenehmer Spaziergang, wo zwischen grunem Gebusch im Tale sich ein klarer Bach ergoss. Die Aussicht war rundumher gehemmt, und man befand sich in einer reizenden Einsamkeit.

Hier brachte Reiser manche Stunde auf dem grunen Rasen am Ufer des Baches zu und dachte uber sein Schicksal nach, und wenn er zu denken mude war, so las er den Brief seines Freundes durch, den er, so wenig ihn auch der Inhalt interessierte, am Ende fast auswendig lernte denn er hatte doch einmal nichts zu lesen, was ihm naher gewesen ware als dieser Brief.

Dazu kam noch der Umstand, dass Philipp Reiser aus Erfurt geburtig war; sie hatten also beide ihre Vaterstadte vertauscht und Anton Reiser befand sich nun auf demselbigen Fleck, wo sein Freund die ersten Tage seiner Jugend verlebt und die ersten Eindrucke von der ihn umgebenden Welt erhalten hatte.

Er durchlebte hier in Gedanken Philipp Reisers

Kinderjahre und verdoppelte sich in ihm, wenn er in dem Tal am Bache sass und seinen Brief las, der ihm denn sein ganzes Wesen wieder in Erinnerung brachte.

Darum war ihm unter den Studenten auch Ockord

so lieb, der Philipp Reisern in Erfurt noch gekannt hatte, und mit dem er sich am oftersten von ihm unterredete.

Dieser Ockord war damals ein junger liebenswurdi

ger Schwarmer, vor seiner Phantasie schwebte noch der jugendliche Lebensreiz und ihn beseelten hohe Freundschaftsgefuhle zuweilen lief ein klein wenig Affektation mit unter, im Grunde aber hatte er wirklich ein gefuhlvolles Herz.

An ihm fand Reiser seinen Mann und ruhte nicht

eher, bis er an einem Sonntage mit ihm in die Kartauserkirche ging; denn allein hatte er sich, weil es ihm zu auffallend schien, noch nicht getraut hereinzugehen.

Sie hatten sich unterwegens von der Nichtigkeit

und Kurze des Lebens unterhalten, wobei zu bemerken ist, dass Reiser damals neunzehn und Ockord zwanzig Jahr alt war, und wussten nicht, was sie mit dem Rest ihrer Tage anfangen sollten, als sie in dem Kloster anlangten und in die Kirche traten, welche schon durch ihre leeren weissen Wande und den einsamen Chor die Stille des Grabes predigte.

Die Kirche wird namlich ausser den Kartausern selber fast von niemand besucht, und weil keine Gemeinde dazu gehort, so ist hier weder Kanzel noch Stuhle oder Banke, sondern nichts als die leeren Wande und der flache Boden, welches dieser Kirche bei dem dammernden Lichte, das von oben durch die Fenster fallt, ein sehr ernstes und melancholisches Ansehn gibt. Ockord und Reiser knieten ganz allein an einem Pult vor dem Chore, als die weissgekleideten Monche einer nach dem andern hereintraten und jeder sich buckend seinen Zug an der Glocke tat.

Sie setzten sich an ihre Pulte auf dem Chor und stimmten ihren Bussgesang in tiefen, traurigen Tonen an bald standen sie auf und sangen Hymnen, die traurig zuruckerschallten; dann fielen sie auf ihr Angesicht und flehten in tiefen klagenden Tonen um Erbarmung. Ganz an dem einen Ende des halben Zirkels stand ein Jungling mit blassen Wangen von ausnehmend schoner Bildung. Reiser konnte seine Augen nicht von den seinigen wenden, die er andachtsvoll gen Himmel schlug. Ockord kannte diesen Unglucklichen, der in den Orden der Kartauser getreten war, weil der Blitz seinen Jugendfreund an seiner Seite erschlagen hatte und Reisern schwebte das Bild dieses Junglings von nun an bestandig vor der Seele.

Halbe Tage brachte er auf der alten Mauer hinter seiner Wohnung zu und sehnte sich in den Bezirk jener stillen Mauren hin, die seiner Meinung nach eine ganze Welt mit allen ihren Tauschungen und Blendwerken ausschlossen. Mit jenem Jungling wollte er dort verbluhen und dem Grabe zuwelken dort wollte er selber sein einsames Gartchen bauen, den sanften Strahl der Abendsonne in seiner Zelle begrussen und allen irdischen Wunschen und Hoffnungen entnommen mit Ruhe und Heiterkeit dem Tode entgegensehen.

In dieser Stimmung machte er nun auf den alten eingefallnen Mauern hinter seiner Wohnung folgendes Gedicht: Du stille geweihte Behausung, des Grabes ruhrendes

Vorbild,

Welch eine geheime Empfindung heftet mein Auge

voll Tranen

Auf deine einsamen Hutten? Ehrwurd'ger Greis, du

Bewohner

Des Orts der Stille und der Andacht, Heil dir! vom

leeren Gewimmel

Der gaukelnden Eitelkeit fern und fern vom

Gerausche des Stolzes,

Kannst du mit eignen Handen dein einsames Gartchen

dir bauen

Und deine Seele, die oft mit edlem Unwillen strebet, Aus ihrem Kerker zu fliehen, mit jedem kommenden

Tage

Dem Himmel wurdiger machen Heil dir! geniesse

die Segen

Der gottlichen Einsamkeit ganz, dass dein von

Erdegedanken

Schon lang entwohnter Geist in Engelgefuhlen

zerfliesse

Und zu seinem ewigen Ursprung sich jauchzend

emporschwinge herrlich,

O Greis, war so das Los deiner Tage! Du aber, den

Jahre,

Voll Kummer des Lebens durchlebt, noch nicht die

sinkende Scheitel

Bereiften, rust'ger Mann, und du, starker, bluhender

Jungling,

Der fur die Freuden des Lebens die einsame Zelle sich

wahlte;

O warst du vielleicht das Ziel der Verachtung, des

hohnenden Stolzes?

Betrog dich vielleicht ein falscher Freund? oder

fuhltest du lebhaft,

Wie alle die Wunsche der Menschen und ihre

Hoffnungen alle

So nichtig und doch so stolz sind? War's verbitternder

Ekel

Vor diesen schalen, unschmackhaften Freuden des

Lebens, der dir einst

Den blumigten Schauplatz der Welt zur traurigen

Einode machte;

Dann wohl auch dir! dass du eine sichere Freistatt vor

allen

Den list'gen Ranken der Bosheit fandst und vor dem

Gerausche

Der Toren und vor der Verfuhrung des schon

gleissenden Lasters

Und vor des Lebens betruglichen Freuden fandst!

Doch was seh ich?

Im Aug' eine stumme Zahre zittert langsam die

Wange

Des Junglings herab, der abgeharmt und bleich sein

gebrochnes,

Hinsterbendes Leben verweinet und wie die lechzende

Blume

In schwulen Tagen dahinwelkt. Der du im

geheiligten Kerker

Von keinem Strahl erquickt aus Zwang und

Unbedacht schmachtest,

O weine, Jungling, weine! Dein Gott vergibt dir die

Zahren,

Die der unschuldige Wunsch der Natur aus der Seele

dir presste!

O konnt' ich doch meine Tranen mit deinen Tranen

vermischen

Und sanften lindernden Trost in deine Seele

hinweinen!

Sanftlachelnd geht die Sonn' am Fruhlingsabend dir

unter,

Noch rotet ihr letzter Strahl mitleidig dein einsames

Fenster,

Du legst dich hin auf dein Lager und traumst von

kunftigen Tagen

Voll glanzender Aussichten, schwimmst in

Wonnegefuhlen, verlierst dich

In Labyrinthen von Freuden, erwachst vom

glucklichen Schlummer

Und siehest ach, deiner traurigen Zelle ode vier

Wand', und

Kein Strahl von Hoffnung lachelt hinein o sauselt,

Zephire,

Um dieses Junglings Haus, liebkoset und trocknet

mitleidig

Vom Aug' die Zahr' ihm! Bluhet, ihr Blumen, in

seinem Garten,

Und um seine Fenster erschalle dein trostendes Lied,

Philomele!

Bis der Alliebende einst von des Lebens qualenden

Banden

Die leidende Seele befreit, dann wirst du voll

zartlicher Wehmut

Noch oft in durchtaueten Nachten um seine Grabstatte

klagen.

Reiser war wirklich so mit ganzer Seele bei den Kartausern, dass er anfing im Ernst darauf zu denken, wie er auch so abgeschieden von der Welt seine Tage zubringen konnte und dann von allem, was ihn druckte, von seinen Wunschen und Begierden, die ihn qualten, auf einmal und auf immer befreit sein wurde.

Als er schon einige Tage in diesen Gedanken vertieft gewesen war, kam Ockord zu ihm und sagte, dass die Studenten in Erfurt willens waren, eine Komodie zu spielen, und dass einige Rollen noch unbesetzt waren.

Diese Anrede wirkte so machtig auf Reisers Phantasie, dass auf einmal das Kartauserkloster mit seinen hohen Mauren tief im Hintergrunde stand und die Kulissen mit den Lichtern sich plotzlich wieder vordrangten; da nun Ockord uberdem noch hinzufugte, dass man damit umgehe, in dem Stucke, das man aufzufuhren willens sei, Reisern eine Rolle anzutragen, so war vollends jeder ernste und melancholische Gedanke wie verschwunden.

Das Stuck namlich, was die Studenten in Erfurt auffuhren wollten, hiess Medon oder die Rache des Weisen, und man konnte davon sagen, dass es die ganze Moral in sich enthielt, so erstaunlich viel Tugend wurde von allen Personen darin gepredigt.

In diesem Stucke nun sollte Reiser die Rolle der Clelie, der Geliebten des Medon, ubernehmen, weil sich an seinem Kinne noch die wenigste Spur von einem Barte zeigte und weil auch seine Lange als Frauenzimmer eben nicht auffiel, da der, welcher den Medon spielte, von einer fast riesenmassigen Grosse war. Ohngeachtet der auffallenden Sonderbarkeit dieser Rolle konnte Reiser dennoch seinem Hange, das Theater auf irgendeine Weise zu betreten, nicht widerstehen, um so weniger, da sich ihm die Gelegenheit dazu so ganz ungesucht und von selbst darbot.

Wahrend der Zeit hatte nun der Doktor Froriep nach Hannover geschrieben und sich wegen Reisers Auffuhrung bei seinem ehemaligen Lehrer, dem Rektor Sextroh, wo er im Hause gewohnt hatte, erkundigt, und dieser hatte ihm ganz wider Reisers Vermuten ein Zeugnis gegeben, welches ihn bei dem Doktor Froriep noch weit mehr in Gunst brachte.

Der Rektor Sextroh hatte namlich geschrieben, dass man allerdings von den Anlagen dieses jungen Menschen sich viel versprochen hatte. Und dies war fur den Doktor Froriep genug, um das Nachteilige, was dies Zeugnis enthielt, mit Schonung und Nachsicht zu betrachten und sich nun Reisers mit verdoppeltem Eifer anzunehmen, um ihm womoglich auch die Gnade des Prinzen wieder zu verschaffen.

Das Zeugnis selbst aber war auch schonend und nachsichtsvoll abgefasst, ausgenommen einen Punkt, wo man Reisern wegen seiner nachtlichen Spaziergange im Verdacht der Liederlichkeit gehabt hatte und ihn also gerade einer Sache beschuldigte, wovon er am weitesten entfernt war, weil er schon durch das Druckende seines Zustandes, durch seine Selbstverachtung und selbst durch seine Schwarmereien davon abgehalten wurde.

Dann war sein Hang zum Theater dasjenige, worauf man nicht ohne Grund seine ubrigen Unregelmassigkeiten schob und wodurch damals so viele junge Leute auf der Schule in Hannover waren hingerissen worden.

Und gerade indem nun dieser Brief ankam, war Reiser schon wieder im Begriff, mit den Studenten in Erfurt Komodie zu spielen. Der Doktor Froriep widerriet es ihm zwar; da er aber sahe, wie sehr sein Herz daran hing, sahe er ihm auch noch diese Torheit nach und entzog ihm daruber nichts von seiner Gunst.

Die Vorbereitungen zu der Komodie wurden nun gemacht; Reiser lernte die Rolle der Clelie auswendig, und nun wurden haufige Proben gehalten, wodurch Reiser mit dem grossten Teil der Studenten in Erfurt bekannt wurde, die sich alle gegen ihn sehr hoflich betrugen und alle eine vorteilhafte Meinung von ihm hegten, wodurch er sich in eine Welt versetzt fand, die von derjenigen ganz verschieden war, worin er von Kindheit auf gelebt hatte.

Zwischen diesen Komodienproben versaumte nun Reiser nicht, des Doktor Frorieps Predigerkollegium fleissig zu besuchen. Dies bestand aus einer Anzahl Studenten, die sich in der Kaufmannskirche in Gegenwart des Doktor Froriep und der ubrigen Studenten bei verschlossnen Turen im Predigen ubten.

Hier wunschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu konnen, um seine Deklamation hier horen zu lassen, und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten, wenn der Doktor Froriep ihm einmal verstatten wurde, hier die Kanzel zu besteigen. Auch hatte er sich schon ein Thema ausgedacht, worin er die Schonheiten der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten mit poetischen Farben schildern und mit den glanzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine pathetische Weise seine Predigt beschliessen wollte. Allein es kamen immer Hindernisse dazwischen, dass ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewahrt wurde.

So wie man nun an allem zweifelt, was man heftig wunscht, so zweifelte er auch immer, ob die wirkliche Auffuhrung der Komodie zustande kommen und er seine Rolle darin behalten wurde. Dieser Wunsch wurde ihm dann gewahrt. Er wurde mit aller Sorgfalt als Clelie geschmuckt. Die Lichter wurden angezundet, der Vorhang rauschte empor, und er stand nun da vor einem zahlreichen Auditorium und spielte ganz unbefangen seine lange Rolle durch, ohne dass ihm ein einzigesmal das Unnaturliche davon eingefallen ware, so sehr war er in dem Gedanken vertieft, dass er in einer theatralischen Darstellung nun wirklich mit begriffen und dass seine Mitwirkung in jedem Augenblick dazu notwendig war.

Dies Vertiefen in seinen Gegenstand machte, dass er sich selbst vergass und dass auch die Zuschauer das Unnaturliche der Rolle weniger bemerkten und er uber sein Spiel sogar noch Beifall erhielt. Da er also nun den Schauplatz betreten hatte und doch dabei Student blieb, so machte ihm dies doppeltes Vergnugen, und er fuhlte sich in der Wiedererinnerung an diesen Abend ein paar Tage uber so glucklich, dass ihm alles das, was ihm in den wenigen Wochen, die er nun in Erfurt zugebracht hatte, schon begegnet war, halb wie im Traume vorkam.

Er ruckte nun auch in die Wochenschrift der Burger und der Bauer von Zeit zu Zeit Gedichte ein, wodurch sein Name als Schriftsteller unter den Erfurtischen Burgern bekannt wurde. Dabei besorgte er Korrekturen fur den Buchdrucker Gradelmuller und wurde durch diesen mit einem Gelehrten bekannt, den bei den grossten Vorzugen des Geistes und Herzens bis an seinen Tod ein widriges Schicksal verfolgte, weil er durch den langwierigen ununterbrochenen Druck der Umstande verlernt hatte, seinen Wert geltend zu machen, und gerade die Kraft, wodurch er in der Welt festen Fuss fassen und seinen Platz behaupten musste, bei ihm gelahmt war.

Dieser Doktor Sauer hatte fur den Buchdrucker Gradelmuller eine Wochenschrift geschrieben unter dem Titel Medon oder die drei Freunde, wovon ein Jahrgang herausgekommen war. Man sahe auch hieran, wie er mit dem Druck der Umstande hatte kampfen mussen; wie schwer es ihm musste geworden sein, eine Anzahl trivialer Aufsatze niederzuschreiben, wobei noch immer die Funken des unterdruckten Genies hervorspruhten.

So aber musste er schreiben und wochentlich seinen Bogen liefern, um wiederum ein Jahr lang von seinem muhseligen Leben zu atmen. Da nun die Wochenschrift aufhorte, so war er genotigt, wieder von Korrekturen sein Dasein zu erhalten. Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Wert in seinem Pulte liegen hatte, die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen, musste er fur einen vornehmen Herrn in Erfurt mit aller Sorgfalt und Korrektheit eines Kopisten ein Trauerspiel fur Geld abschreiben, um mit dem Abschreiberlohn wiederum einige Tage lang sein Leben zu fristen.

Als Arzt verdiente er nichts: denn er fuhlte einen besondern Hang in sich, gerade den Leuten zu helfen, die der Hulfe am meisten bedurfen und denen sie am wenigsten geleistet wird. Und weil dies nun gerade diejenigen sind, welche die Hulfe nicht zu bezahlen vermogen, so geriet der Arzt selber in grosse Gefahr zu verhungern, wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben, Korrekturen besorgt und Trauerspiele abgeschrieben hatte.

Kurz, er liess sich fur seine Kuren nichts bezahlen und brachte auch dazu den armen Leuten noch die Arzenei ins Haus, die er selbst verfertigte und das Wenige, was ihm ubrig oder nicht ubrig blieb, darauf verwandte. Weil er sich nun dadurch gleichsam weggeworfen hatte, so hatten die Leute aus der grossen und vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm; niemand zog ihn zu Rate, und unter den meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt, ob er sich gleich als Arzt schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte.

Er hatte auch in diesem Fache schon eigene vortreffliche Ausarbeitungen geliefert, die aber das Ungluck hatten, sich unter der Menge zu verlieren und ebenso wie ihr Verfasser von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden. Und wahrend dass er nun seine ubrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte verschlossen hielt, musste er die Schrift eines franzosischen Arztes, der nach Erfurt kam und besser als der Doktor Sauer sich wusste bemerken zu machen, ins Lateinische ubersetzen, um von dem Ubersetzerlohne zu leben und fur seine hulflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten.

Der musste ganz abgestumpft sein, der diese Unwurdigkeiten und Demutigungen vom Schicksal nicht fuhlen sollte. Der Doktor Sauer machte eine lachelnde Miene dazu, allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demutigungen und Herabwurdigungen seine Tatkraft und lahmte seinen Mut. Wie konnte er seinem innern Werte noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.

Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker Gradelmuller, fur welchen er die Korrekturen besorgte, gab er nun auch zuweilen Aufsatze in die beruhmte Erfurtische Wochenschrift der Burger und der Bauer; und da las Reiser einmal ein Gedicht von ihm auf die freigewordenen Amerikaner, welches wohl verdient hatte, in einer Sammlung von den vorzuglichsten Poesien der Deutschen zu stehen, und nun in einem Blatte sich verlor, das in den Bierhausern von Erfurt feilgeboten wurde.

Es war, als ob in diesem Gedichte sein unterdruckter Geist alle sein Freiheitsgefuhl noch einmal ausgehaucht hatte, ein solcher Schwung und feurige Teilnehmung herrschte in den Gedanken.

Ganz entzuckt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen, bis er die Bekanntschaft eines so vorzuglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Burger und der Bauer gemacht hatte. Es hielt aber schwer, bis er diesen Wunsch erreichte, weil der Doktor Sauer eben keinen grossen Hang in sich fuhlen konnte, sich noch ferner an irgendeinen aus der Klasse von Wesen anzuschliessen, die ihn gleichsam ausgestossen hatte.

Indes fand sich doch ein Weg dazu, weil Reiser sein Studium der englischen Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte, dass er sich erbot, dem Doktor Sauer Englisch zu lehren, weil dieser schon einige Male den Wunsch geaussert hatte, mit dieser Sprache bekannt zu sein. Dies Anerbieten wurde dann angenommen, und so erhielt Reiser Gelegenheit, wochentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Mann zusammenzukommen, an den er sich nun so nahe wie moglich anzuschliessen wunschte.

Bei dieser Gelegenheit wurde er nun immer offner gegen Reisern und erzahlte ihm von den mannigfaltigen Unterdruckungen, denen er von seiner Kindheit an von seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war, und nachher alle die Streiche des Schicksals nacheinander, die ihn bis in den Staub darniedergebeugt hatten; so dass Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht enthalten konnte, die Verkettung hamisch zu nennen, worin ein denkendes und empfindendes Wesen gleichsam absichtlich so eingeengt und gequalt wird.

Wahrend dass nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen ausserte, verzog sich Sauers Mund zu einem sanften Lacheln, wodurch er freilich uber diesen Unwillen erhaben, aber auch zugleich von den irdischen Banden schon gelost war und seiner baldigen vollkommnen Befreiung ahndungsvoll entgegensahe. Sein Kampf war beinahe durchgekampft, er brauchte weiter keine widerstehende Kraft, keinen Trotz gegen das Schicksal.

Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf. Er hoffte zuweilen noch gluckliche Tage zu sehen und hatte einen grossen Eifer zur Erlernung des Englischen, weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach, um vorzuglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu nutzen und dann auch durch Ubersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben.

Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von Versorgung in Erfurt dar und dies war ihm nun schon eine sehr gluckliche Wendung, die er besonders seinem Ausharren zuschrieb. Wer in Erfurt zu etwas kommen wolle, pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen, der musse nur lange Zeit ausharren und die Geduld nicht verlieren! So bescheiden und massig war er in seinen Wunschen, und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glucks ihm schon aufmunternd.

Er wusste nicht, dass alles aussere Gluck ihm nicht mehr helfen konnte, weil der Quell des Glucks in ihm selber versiegt und die Blume seines Lebens zerknickt war, so dass ihre Blatter notwendig welken mussten.

Reiser fuhlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen, als ob das Schicksal dieses Mannes sein eigenes oder mit dem seinigen doch unzertrennlich verknupft gewesen ware. Es war ihm, als musste dieser Mann noch glucklich werden, wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.

Reisern trog aber diesmal, so wie nachher noch oft seine Ahndung und sein Glaube an eine Entschadigung fur erlittenen Kummer, die notwendig noch auf Erden stattfinden musse. Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren, ohne bessre Tage gesehen zu haben. Da ihn von aussen das Gluck ein wenig anlachelte, waren seine innern Krafte zerstort; und er blieb unbemerkt und unbekannt bis an seinen Tod; so dass in der kleinen Gasse, wo er wohnte, seine nachsten Nachbaren, als man den Sarg hinaustrug, fragten: wer denn da begraben wurde? Ein Grad des Nichtbemerktwerdens, der in einer so unbevolkerten Stadt wie Erfurt hochst auffallend ist.

Die wenigen Tage nun, welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte, waren fur ihn hochst wichtig, weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoss gaben: er raffte sich gegen alle die Unterdrukkungen zusammen, welche jenen Geist so sehr hatten lahmen konnen. Und der Unwille, den er daruber empfand, flosste ihm einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen und das gewissermassen durch Widerstand zu rachen, was jener gelitten hatte.

Sie waren eines Tages nach einem Dorfe vor Erfurt

zusammen spazieren gegangen, und Ockord war mit von der Gesellschaft. Als sie gegen Abend zuruckkehrten, kamen sie an ein Gewasser, das mit dickem Gebusch umgeben war und schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch. Hier blieb Sauer stehen und suchte mit dem Stocke die Tiefe zu messen, die er aber nicht abreichen konnte. Er blieb stehen und sahe mit untergeschlagenen Armen in das Wasser und bemerkte die schwarze Flache, und wie langsam fliessend es dahinkroche. Das Bild, wie Sauer mit blassen Wangen und untergeschlagenen Armen bedeutungsvoll in diesen Stygischen Fluss herunterblickte, kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele, als er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem Tode vernahm. Denn wenn irgendein bedeutendes Bild sich formte, wo Zeichen und Sache eines wurden, so war es hier.

Fur Reisern aber eroffneten sich wieder frohliche

Aussichten: denn die Studenten kamen auf den Einfall, noch eine Komodie aufzufuhren, weil sie an diesem Vergnugen nun einmal Geschmack bekommen hatten.

Die Stucke, welche man wahlte, waren der Argwohnische und der Schatz von Lessing: in dem ersten erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen, die er mit Umkleidung spielen musste, und in dem andern die Rolle des Maskaril, und nun war sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestiget, dass man es als eine Gefalligkeit von ihm ansahe, wenn er diese Rollen ubernehmen wollte, und er sich also auf keine Weise dazu drangen durfte.

Wahrend dass nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten theatralischen Vorstellung gemacht wurden, fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung uber die Empfindsamkeit an, womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte. In dieser Schrift sollte die affektierte Empfindsamkeit lacherlich gemacht und die wahre Empfindsamkeit in ihr gehoriges Licht gestellt werden.

Die seinsollende Satire gegen die Empfindsamkeit geriet nun freilich ziemlich grob, indem er sie mit einer Seuche verglich, vor der man sich zu huten habe und jedwedem, der aus einer Gegend kame, wo die Empfindsamkeit herrschte, den Eingang in Stadte und Dorfer versperren musse.

Dieser Unwille war vorzuglich durch die empfindsamen Reisen, die nach und nach in Deutschland erschienen, und durch die vielen affektierten Nachahmungen von Werthers Leiden bei Reisern erweckt worden, ob er sich gleich selber auch heimlich dieser Sunde anklagen musste; um desto heftiger suchte er nun auch zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern.

Gerade, da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb, trat der Buchdrucker Pockwitz aus Hannover in die Stube und brachte ihm einen Brief von Philipp Reisern. Dies war eben der Buchdrucker, fur den er in Hannover eine Anzahl kleiner Neujahrswunsche verfertigt und sich zum erstenmal in denselben gedruckt gesehen hatte.

Als Reiser den Buchdrucker vor die Ture hinausbegleitete, druckte ihm dieser ein kleines Goldstuck in die Hand, welches hinlanglich war, einen Menschen, der nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblosst war und sich doch seinen Mangel nicht wollte merken lassen, auf einmal aus dem Staube zu heben.

Dies unvermutete Geschenk erhielt noch einen grossern Wert durch die Art, womit es gegeben wurde, indem der Buchdrucker Pockwitz die Worte hinzufugte: es sei diese Kleinigkeit eine alte Schuld, die er abtruge, weil namlich Reiser Neujahrwunsche, Gedichte usw. bloss der Ehre wegen in Hannover fur ihn verfertigt hatte.

In Reisers Umstanden hatte ein Goldgulden, woraus dies Geschenk bestand, fur ihn einen unschatzbaren Wert und riss ihn auf einmal aus einer Menge kleiner Verlegenheiten, die er keinem Menschen hatte sagen durfen. Dies machte, dass er nun in Erfurt wirklich einige gluckliche Tage erlebte, wo er eben durch nichts weder von innen noch aussen gedruckt wurde und auch in die Zukunft keine trube Aussichten hatte.

Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende; denn er enthielt die Nachricht, dass verschiedene von Reisers Mitschulern, welche mit ihm zugleich in Hannover Komodie gespielt hatten, seinem Beispiele gefolgt und auch zum Teil heimlich fortgegangen waren, um sich dem Theater zu widmen.

Darunter war vorzuglich Iffland, der im Clavigo den Beaumarchais gespielt hatte; der Sohn des Kantor Winter der Prafektus aus dem Chore, namens Ohlhorst, und ein gewisser Timaus, eines Predigers Sohn, mit dem Reiser kurz vor seinem Abschiede noch einige romantische Spaziergange bei Hannover gemacht hatte. Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin, da er doch von allen diesen nachgeahmt war, dass er zuerst den Mut gehabt hatte, einen solchen Schritt zu tun.

Dann schrieb ihm Reiser in seinem uberspannten Stile, dass der Dichter Holty in Hannover gestorben sei, und schloss am Ende mit den Worten: freue dich, Dichter! weine, Mensch! Von dem Fortgange seines Liebesromans enthielt dieser Brief nur wenig.

Wahrend dass nun Reiser mit den Rollen in der zweiten Komodie beschaftigt war, fand er einen neuen Freund in Erfurt, einen Studenten, namens Neries, aus Hamburg geburtig, der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte, welcher ihm eine Abschrift von Reisers Gedichte das Kartauserkloster gezeigt und dadurch dem Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte.

Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.

Der junge Neries hatte wirklich ein gefuhlvolles Herz, er liess sich aber auch durch den Strom hinreissen und spielte bei jeder Gelegenheit den Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern gegen das Lacherliche einer affektierten Empfindsamkeit weil er aber nicht bloss vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es fur sich selber wirklich zu sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies nun als eine ganz ernsthafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog Reisern allmahlich mit in diesen Wirbel hinuber, der die Seele so lange hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerat, den man sich denken kann.

Reisern war es schon aufmunternd, dass ohngeachtet seiner durftigen Umstande sich jemand an ihn schloss, dem es nicht an aussern Glucksgutern fehlte. Nach und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhanglichkeit an den jungen Neries, welche durch dessen wahre Freundschaft fur Reisern immer vermehrt wurde, so dass sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander naherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise einander mitteilten.

Dies geschahe nun vorzuglich auf ihren einsamen Spaziergangen, wo sie nur gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Szene veranstalteten, indem sie etwa bei Sonnenuntergang die Junger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem truben Tage Zacharias Schopfung der Holle usw.

Vorzuglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem man die Stadt Erfurt mit ihren alten Turmen und ihrem ganzen Umfange von Garten kann liegen sehen. Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt haufig spazieren, machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den Kaffee, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.

Hier sassen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Muhe und Arbeit und ein peinlicher Zustand fur sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: 'Wir haben am Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schonen Werke der Dichtkunst genahrt.'

Wenn man erwagt, wie viele kleine Umstande sich ereignen mussen, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen empfindsamen Szenen kampfen mussten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.

Neries fand nun einen vorzuglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade Reisern ganz vorzulesen; bei der entsetzlichen Langenweile nun, die diese Lekture beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber kaum zu gestehen wagten, hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens, womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt, zu horen und uber das Gehorte entzuckt zu sein, welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem Leben gemacht hat, deren er sich zu erinnern weiss, und welche ihn am meisten zuruckschrecken wurden, seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder durchzugehen. Denn keine grossere Qual kann es wohl geben als eine ganzliche Leerheit der Seele, welche vergebens strebt, sich aus diesem Zustande herauszuarbeiten und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die Schuld beimisst und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt, dass sie von den erhabenen Tonen, die unaufhorlich in ihre Ohren klingen, nicht geruhrt und erschuttert wird.

Ob nun gleich Neries und Reiser fast unzertrennlich beisammen waren, so sehnte sich der letztre doch wieder nach einsamen Spaziergangen, die ihm immer das reinste Vergnugen gewahret hatten; allein dies hatte er sich nun auch verleidet; denn gemeiniglich versprach er sich von einem solchen Spaziergange zu viel und kehrte verdriesslich wieder zu Hause, wenn er nicht gefunden hatte, was er suchte; sobald das Dort nun Hier wurde, hatte es auch alle seinen Reiz verloren, und der Quell der Freude war versiegt.

Der Verdruss, der dann in die Stelle der gereizten Hoffnung trat, war von einer so groben, gemeinen und niedrigen Art, dass auch nicht der mindeste Grad von einer sanften Melancholie oder etwas dergleichen damit bestehen konnte. Es war ohngefahr die Empfindung eines Menschen, der ganz vom Regen durchnasst ist, und indem er vor Frost schaudernd zu Hause kehrt, auch noch eine kalte Stube findet.

Ein solches Leben fuhrte Reiser und schrieb dabei immer an seiner Abhandlung gegen die falsche Empfindsamkeit fort, wobei er denn bei seinen einsamen Spaziergangen einmal eine sonderbare Ausserung von Empfindsamkeit bei einem gemeinen Menschen bemerkte, bei dem er dieselbe am wenigsten erwartet hatte.

Er ging namlich zwischen den Garten von Erfurt spazieren, und da es gerade in der Pflaumenzeit war, so konnte er sich nicht enthalten, von einem uberhangenden Aste eine schone reife Pflaume abzupflucken, welches der Eigentumer des Gartens bemerkte, der ihn sehr unsanft mit den Worten anfuhr, ob er wohl wisse, dass die Pflaume, die er da abgepfluckt hatte, ihm einen Dukaten kosten wurde.

Reiser suchte abzudingen, musste aber zugleich gestehen, dass er keinen Heller Geld bei sich habe. Um nun aber den Eigentumer des Gartens wegen der geraubten Pflaume einigermassen zu befriedigen, musste er ihm sein einziges gutes Schnupftuch aus der Tasche geben, dessen Verlust ihm sehr leid tat.

Als er nun traurig wegging, sah er, nachdem er nur wenige Schritte getan hatte, ein schones Einlegemesser vor sich auf der Erde liegen; er hob es geschwind auf und rief den Gartner wieder zuruck, dem er einen Tausch antrug, ob er nicht fur das gefundene Messer ihm sein Schnupftuch zuruckgeben wolle?

Wie erstaunte Reiser, als nun der Gartner, der vorher so grob gegen ihn gewesen war, ihm auf einmal um den Hals fiel und kusste und sich seine Freundschaft ausbat; weil Reiser notwendig ein Gunstling der Vorsehung sein musse, da sie ihn gerade das Messer habe finden lassen, welches niemand anders als der Gartner selbst verloren hatte, der nun Reisern sein Schnupftuch mit Freuden wiedergab und ihn zugleich versicherte, dass sein Garten ihm zu jeder Zeit offen stande, um so viel Pflaumen, wie er wollte, zu pflukken, und dass er ihm in jeder Sache dienen wurde, wo er nur konnte; denn ein so ausserordentlicher Fall sei ihm noch nicht vorgekommen.

Als Reiser im Weggehen uber diesen sonderbaren Zufall nachdachte, fiel er ihm um so mehr auf, weil dies das erstemal in seinem Leben war, dass ihm ein eigentlich gluckliches Ereignis begegnete, wobei mehrere Umstande sich vereinigen mussten, die sich sonst selten zu vereinigen pflegen.

Sein Gluck scheinet sich in dieser Kleinigkeit gleichsam ganz erschopft zu haben, um ihn im Grossen wieder desto mehr bussen zu lassen, was er auf keine andre Weise als durch sein Dasein verschuldet hatte.

Es war wie bei dem Landprediger von Wakefield, der einen ganz ungewohnlich glucklichen Wurf mit den Wurfeln tat, indem er mit seinem Freunde um wenige Pfennige spielte, kurz vorher, ehe er die Nachricht von dem Bankerott des Kaufmanns erhielt, durch welchen er sein ganzes Vermogen verlor.

Noch eine kleine Weile hielt das Schicksal die Demutigungen zuruck, welche es Reisern zugedacht hatte, und liess ihn noch ungestort in seinem Vergnugen, das ihm nun die zweite Komodienauffuhrung gewahrte und worin ihm drei Rollen zuteil geworden waren.

Sein sehnlichster Wunsch war doch also nun einigermassen erfullt, ob er gleich in keiner tragischen Rolle hatte glanzen konnen. Und was noch mehr war, so hatte man eine Art von Zutrauen zu seinen theatralischen Einsichten, man fragte ihn um Rat, und er wurde nun durch seine Teilnehmung an der Komodie sowohl als durch seine geschriebenen Gedichte unter den Studenten noch mehr bekannt, die ihm mit Hoflichkeit begegneten, welches ihm fur seine Lage auf der Schule in Hannover ein angenehmer Ersatz war.

Dabei besuchte er nun fleissig die Universitatsbibliothek, wo er einen besondern Gefallen daran fand, des Du Halde Beschreibung von China zu studieren, und sehr viele Zeit damit verschwendete.

Grade damals erschien auch: Siegwart, eine Klostergeschichte, und er las mit seinem Freunde Neries das Buch zu mehreren Malen durch, und beide taten sich bei der entsetzlichsten Langenweile Zwang an, in der einmal angefangenen Ruhrung alle drei Bande hindurch zu bleiben.

Am Ende hatte Reiser nichts weniger im Sinne, als die ganze Geschichte in ein historisches Trauerspiel zu bringen, wozu er wurklich allerlei Entwurfe machte und die schone Zeit damit verschwendete.

Wenn es ihm dann nicht, wie er wunschte, geraten wollte, so hatte er nach jeder vergebnen Anstrengung dieser Art die trubseligsten und widrigsten Stunden, die man sich nur denken kann. Die ganze Natur und alle seine eigenen Gedanken hatten dann ihren Reiz fur ihn verloren, jeder Moment war ihm druckend, und das Leben war ihm im eigentlichen Verstande eine Qual.

Die Leiden der Poesie

konnen daher wohl in jedem Betracht eine eigene Rubrik in Reisers Leidensgeschichte ausmachen, welche seinen innern und aussern Zustand in allen Verhaltnissen darstellen sollen und wodurch dasjenige gewiss werden soll, was bei vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch ihnen selbst unbewusst und im Dunkeln verborgen bleibt, weil sie Scheu tragen, bis auf den Grund und die Quelle ihrer unangenehmen Empfindungen zuruckzugehen.

Diese geheimen Leiden waren es, womit Reiser beinahe von seiner Kindheit an zu kampfen hatte.

Wenn ihn der Reiz der Dichtkunst unwillkurlich anwandelte, so entstand zuerst eine wehmutige Empfindung, in seiner Seele, er dachte sich ein Etwas, worin er sich selbst verlor, wogegen alles, was er je gehort, gelesen oder gedacht hatte, sich verlor, und dessen Dasein, wenn es nun wurklich von ihm dargestellt ware, ein bisher noch ungefuhltes, unnennbares Vergnugen verursachen wurde.

Nun war aber noch nicht ausgemacht, ob dies ein Trauerspiel oder eine Romanze oder ein elegisches Gedicht werden sollte; genug, es musste etwas sein, das wurklich eine solche Empfindung erweckte, wovon der Dichter gewissermassen schon ein Vorgefuhl gehabt hatte.

In den Momenten dieses seligen Vorgefuhls konnte die Zunge nur stammelnde einzelne Laute hervorbringen. Etwa wie die in einigen Klopstockschen Oden, zwischen denen die Lucken des Ausdrucks mit Punkten ausgefullt sind.

Diese einzelnen Laute aber bezeichneten denn immer das Allgemeine von gross, erhaben, Wonnetranen und dergleichen. Dies dauerte denn so lange, bis die Empfindung in sich selbst wieder zurucksank, ohne auch nur ein paar vernunftige Zeilen zum Anfange von etwas Bestimmten ausgeboren zu haben.

Nun war also wahrend dieser Krisis nichts Schones entstanden, woran sich die Seele nachher hatte festhalten konnen, und alles andre, was wurklich schon da war, wurde nun keines Blickes mehr gewurdiget. Es war, als ob die Seele eine dunkle vorstellung von etwas gehabt hatte, was sie selbst nicht sein konnte und wodurch ihr eigenes Dasein ihr verachtlich wurde.

Es ist wohl ein untrugliches Zeichen, dass einer keinen Beruf zum Dichter habe, den bloss eine Empfindung im allgemeinen zum Dichten veranlasst und bei dem nicht die schon bestimmte Szene, die er dichten will, noch eher als diese Empfindung oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist. Kurz, wer nicht wahrend der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detail der Szene werfen kann, der hat nur Empfindung, aber kein Dichtungsvermogen.

Und gewiss ist nichts gefahrlicher, als einem solchen tauschenden Hange sich zu uberlassen; die warnende Stimme kann nicht fruh genug dem Jungling zurufen, sein Innerstes zu prufen, ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft tritt, und weil er diese Stelle nie ausfullen kann, ein ewiges Unbehagen die Strafe verbotenen Genusses bleibt.

Dies war der Fall bei Reisern, der die besten Stunden seines Lebens durch misslungene Versuche trubete, durch unnutzes Streben nach einem tauschenden Blendwerke, das immer vor seiner Seele schwebte und, wenn er es nun zu umfassen glaubte, plotzlich in Rauch und Nebel verschwand.

Wenn nun je der Reiz des Poetischen bei einem Menschen mit seinem Leben und seinen Schicksalen kontrastierte, so war es bei Reisern, der von seiner Kindheit an in einer Sphare war, die ihn bis zum Staube niederdruckte und wo er, bis zum Poetischen zu gelangen, immer erst eine Stufe der Menschenbildung uberspringen musste, ohne sich auf der folgenden erhalten zu konnen.

So ging es ihm nun jetzt wieder in seiner ausserlichen Lage; er hatte eigentlich keine Stube fur sich, sondern musste, da es nun anfing kalter zu werden, mit in der gemeinschaftlichen Stube wohnen, deren Einwohner, wenn ausgefegt wurde, so lange herausgehen mussten.

In dieser Stube wohnte die ganze Familie nebst Reisern und noch einem Studenten, und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an; es wurde darin erzahlt, von Kindern gelarmt, gesungen, gezankt und geschrieen; und dies war nun die nachste Umgebung, worin Reiser seine philosophische Abhandlung uber die Empfindsamkeit schreiben und seine poetischen Ideale ausser sich darstellen wollte.

Hier sollte also nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden, das sich mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub, welches immer Reisers Lieblingsidee und die Lieblingsidee fast aller jungen Leute zu sein pflegt, welche sich einbilden, einen Beruf zur Dichtkunst zu haben.

Dies ist sehr naturlich, weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermassen an sich selber schon Poesie ist und der Dichter seinen Stoff schon beinahe vorgearbeitet findet.

Wer aber zuerst auf solche Gegenstande fallt, bei dem ist es auch fast immer ein Zeichen, dass bei ihm keine echte poetische Ader stattfinde, weil er die Poesie in den Gegenstanden sucht, die in ihm selber schon liegen musste, um jeden Gegenstand, der sich seiner Einbildungskraft darbietet, zu verschonern.

So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen, wenn das vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfallt; denn freilich macht sich hier das Poetische auch schon von selber, und die innere Leerheit und Unfruchtbarkeit soll durch den aussern Stoff ersetzt werden.

Dies war der Fall bei Reisern schon in Hannover auf der Schule, wo er Meineid, Blutschande und Vatermord in einem Trauerspiele zusammenzuhaufen suchte, das der Meineid heissen sollte, und wobei er sich dann immer die wirkliche Auffuhrung des Stucks und zugleich den Effekt dachte, den es auf die Zuschauer machen wurde.

Dies zweite Zeichen sollte ebenfalls fur jeden, der

sich wegen seines poetischen Berufes sorgfaltig pruft, schon abschreckend sein. Denn der wahre Dichter und Kunstler findet und hofft seine Belohnung nicht erst in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnugen und wurde dieselbe nicht fur verloren halten, wenn sie auch niemanden zu Gesicht kommen sollte. Sein Werk zieht ihn unwillkurlich an sich, in ihm selber liegt die Kraft zu seinen Fortschritten, und die Ehre ist nur der Sporn, der ihn antreibt.

Die blosse Ruhmbegier kann wohl die Begier ein

hauchen, ein grosses Werk zu beginnen, allein die Kraft dazu kann sie dem nie gewahren, der sie nicht schon besass, ehe er selbst die Ruhmbegier noch kannte.

Noch ein drittes schlimmes Zeichen ist, wenn junge

Dichter ihren Stoff sehr gerne aus dem Entfernten und Unbekannten nehmen; wenn sie gern morgenlandische Vorstellungsarten und dergleichen bearbeiten, wo alles von den Szenen des gewohnlichen nachsten Lebens der Menschen ganz verschieden ist; und wo also auch der Stoff schon von selber poetisch wird.

Dies war denn auch der Fall bei Reisern; er ging

schon lange mit einem Gedicht uber die Schopfung schwanger, wo der Stoff nun freilich der allerentfernteste war, den die Einbildungskraft sich denken konnte, und wo er statt des Detail, vor dem er sich scheute, lauter grosse Massen vor sich fand, deren Darstellung man denn fur die eigentlich erhabene Poesie halt und wozu die unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben als zu dem, was dem Menschen naheliegt; denn in dies letztere muss freilich ihr Genie die Erhabenheit erst hereintragen, welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben.

Reisers aussere Lage wurde hiebei mit jedem Tage druckender, weil die gehoffte Unterstutzung aus Hannover nicht erfolgte und seine Hausleute ihn immer mehr mit scheelen Blicken ansahen, je mehr sie inne wurden, dass er weder Geld besitze noch welches zu hoffen habe. Sein Fruhstuck und Abendbrot, was er hier genoss, war er nicht mehr imstande zu bezahlen, und man liess ihm deutlich merken, dass man nicht langer willens sei, ihm zu borgen; da man also keinen Nutzen von ihm ziehen konnte und er uberdem ein trauriger Gesellschafter war, so war es naturlich, dass man seiner los zu sein wunschte und ihm die Wohnung aufkundigte.

So wenig auffallend dies nun an sich war, so tragisch nahm es Reiser. Der Gedanke des Lastigseins und dass er von den Leuten, unter denen er lebte, gleichsam nur geduldet wurde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhasst. Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drangten sich zusammen. Er haufte selber alle Schmach auf sich und wollte verzweiflungsvoll sich einem blinden Schicksal aufs neue uberlassen.

Er wollte noch an diesem Tage wieder aus Erfurt gehen, und tausenderlei romanhafte Ideen durchkreuzten sich in seinem Kopfe, worunter eine ihm besonders reizend schien, dass er in Weimar bei dem Verfasser von Werthers Leiden wollte Bedienter zu werden suchen, es sei unter welchen Bedingungen es wolle; dass er auf die Art gleichsam unerkannter Weise so nahe um die Person desjenigen sein wurde, der unter allen Menschen auf Erden den starksten Eindruck auf sein Gemut gemacht hatte; er ging vors Tor und blickte nach dem Ettersberge hinuber, der wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinen Wunschen lag.

Nun ging er zu Froriep, um Abschied von ihm zu nehmen, ohne ihm eine eigentliche Ursache sagen zu konnen, weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle. Der Doktor Froriep schob diesen Entschluss auf seine Melancholie, redete ihm zu, dass er bleiben solle, und entliess ihn nicht eher, bis Reiser ihm versprochen hatte, wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen.

Diese Teilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar fur Reisern wieder sehr schmeichelhaft; sobald er sich aber wieder allein fand, verfolgte der Gedanke des Lastigseins in seiner nachsten Umgebung ihn wie ein qualender Geist, er hatte nirgends Ruhe noch Rast, streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt umher, in der Gegend des Kartauserklosters, wohin er sich nun im Ernst wie nach einem sichern Zufluchtsorte sehnte und wehmutig nach den stillen Mauern hinuberblickte.

Dann irrte er weiter umher, bis es Abend wurde, wo der Himmel sich mit Wolken uberzog und ein starker Regen fiel, der ihn bald bis auf die Haut durchnetzte. Der Fieberfrost, welcher sich nun zu den innern Unruhen seines Gemuts gesellte, trieb ihn in Sturm und Regen umher bei altem Gemauer und durch einsame ode Strassen; denn in seine bisherige Wohnung zuruckzukehren, davon konnte er den Gedanken nicht ertragen.

Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf, band sich ein Tuch um den Kopf und suchte sich unter altem Gemauer eine Weile vor dem Regen zu schutzen. Vor Mudigkeit fiel er hier in eine Art von betaubendem Schlummer, aus dem er durch einen neuen Regenguss und durch das Getose des Windes wieder erweckt wurde und aufs neue durch die Strassen irrte.

Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug, fiel ihm die Stelle aus dem Lear ein: to shut me out, in such a night as this! (die Turen vor mir zu verschliessen, in einer Nacht wie diese!) Und nun spielte er die Rolle des Lear in seiner eigenen Verzweiflung durch und vergass sich in dem Schicksale Lears, der, von seinen eigenen Tochtern verbannt, in der sturmischen Nacht umherirrt und die Elemente auffordert, die entsetzliche Beleidigung zu rachen.

Diese Szene hielt ihn hin, dass er sich eine Zeitlang den Zustand, worin er war, mit einer Art von Wollust dachte, bis auch dies Gefuhl abgestumpft wurde und ihm nun am Ende nichts als die leere Wirklichkeit ubrig blieb, welche ihn in ein lautes Hohnlachter uber sich selbst ausbrechen liess.

In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zuruck, der nun schon eroffnet war, und wo die Chorherren sich zur Fruhmette bei Licht versammleten. Das alte gotische Gebaude, die wenigen Lichter, der Widerschein von den hohen Fenstern machten auf Reisern, der die ganze Nacht umhergeirrt war und sich hier auf eine Bank niedersetzte, einen wunderbaren Eindruck. Er war wie in einer Behausung vor dem Regen geschutzt, und doch war dies keine Wohnung fur die Lebenden. Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte, den schien dies dunkle Gewolbe einzuladen, und wer eine Nacht, wie Reiser die vergangene, durchlebt hatte, konnte wohl geneigt sein, diesem Rufe zu folgen. Reiser fuhlte sich auf der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt, die etwas unbeschreiblich Angenehmes fur ihn hatte, die ihn auf einmal allen Sorgen und allem Gram entruckte und ihn das Vergangene vergessen machte. Er hatte aus dem Lethe getrunken und fuhlte sich in das Land des Friedens sanft hinuberschlummern. Dabei heftete sich immer sein Blick auf den blassen Widerschein von den hohen Fenstern, und dieser war es vorzuglich, welcher ihn in eine neue Welt zu versetzen schien: es war dies eine majestatische Schlafkammer, in welcher er seine Augen aufschlug, nachdem er wild die Nacht durchtraumt hatte.

Denn wie Traume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in Reisers Leben, aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen Schicksalen von seiner Kindheit an. Denn war es nicht immer Selbstverachtung, zuruckgedrangtes Selbstgefuhl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwahrenden Druck von aussen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall schuld war als die Menschen?

Als der Tag angebrochen war, kehrte Reiser mit ruhigerm Gemute aus dem Dom zuruck und begegnete auf der Strasse seinem Freunde Neries, der schon fruh ein Kollegium besuchte und welcher erschrak, da er Reisern ins Gesicht sahe, so sehr hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt.

Neries ruhete nicht eher, bis Reiser ihm seinen ganzen Zustand entdeckt hatte. Nach freundschaftlichen Vorwurfen, dass Reiser nicht mehr Zutrauen zu ihm gehabt, brachte er ihn wieder nach seiner alten Wohnung, suchte ihn dort den Leuten in einem andern Lichte darzustellen und tilgte die geringe Schuld seines Freundes.

Diese aufrichtige Teilnehmung seines Freundes starkte bei Reisern wieder das erkrankte Selbstgefuhl; er war gewissermassen stolz auf seinen Freund und ehrte sich in ihm.

Nun bedung er sich aus, um allein sein zu konnen, einen Verschlag auf dem Boden des Hauses zu beziehen, wohin man ihm auch ein Bette gab und wo er nun wieder, ganz sich selbst gelassen, ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte.

Er las und studierte hier oben und wurde in dieser Abgezogenheit vollig glucklich gewesen sein, wenn ihn sein Gedicht uber die Schopfung nicht gequalt hatte, welches machte, dass er oft wieder in eine Art von Verzweiflung geriet, wenn er Dinge ausdrucken wollte, die er zu fuhlen glaubte und die ihm doch uber allen Ausdruck waren.

Was ihm die meiste Qual machte, war die Beschreibung des Chaos, welche beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm und worauf er mit seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte, aber immer fur seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrucke finden konnte.

Er dachte sich eine Art von falscher tauschender Bildung in das Chaos hinein, welche im Nu wieder zum Traum und Blendwerk wurde; eine Bildung, die weit schoner als die wirkliche, aber eben deswegen von keinem Bestand und keiner Dauer war.

Eine falsche Sonne stieg am Horizont herauf und kundigte einen glanzenden Tag an. Der bodenlose Morast uberzog sich unter ihrem trugerischen Einfluss mit einer Kruste, auf welcher Blumen sprossten, Quellen rauschten; plotzlich arbeiteten sich die entgegenstrebenden Krafte aus der Tiefe empor, der Sturm heulte aus dem Abgrunde, die Finsternis brach mit allen ihren Schrecknissen aus ihrem verborgenen Hinterhalt hervor und verschlang den neugeborenen Tag wieder in ein furchtbares Grab. Die immer in sich selbst zuruckgedrangten Krafte bearbeiteten sich mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen und seufzten unter dem lastenden Widerstande. Die Wasserwogen krummten sich und klagten unter dem heulenden Windstoss. In der Tiefe brullten die eingeschlossenen Flammen, das Erdreich, das sich hob, der Felsen, der sich grundete, versanken mit donnerndem Getose wieder in den alles verschlingenden Abgrund.

Mit dergleichen ungeheuren Bildern zerarbeitete sich Reisers Phantasie in den Stunden, wo sein Innres selber ein Chaos war, in welchem der Strahl des ruhigen Denkens nicht leuchtete, wo die Krafte der Seele ihr Gleichgewicht verloren und das Gemut sich verfinstert hatte; wo der Reiz des Wirklichen vor ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung, Licht und Wahrheit.

Und alle diese Erscheinungen grundeten sich gewissermassen wieder in dem Idealismus, wozu er sich schon naturlich neigte und worin er durch die philosophischen Systeme, die er in Hannover studierte, sich noch mehr bestarkt fand. Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz, wo sein Fuss ruhen konnte. Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.

Dies war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Boden und Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Traumen noch seine vergnugtesten Stunden zubrachte, und dies war es, was ihm zugleich fur das Romantische und Theatralische den unwiderstehlichen Trieb einflosste.

Durch seinen gegenwartigen innern und aussern Zustand war er nun wiederum ganz und gar in der idealischen Welt verloren, was Wunder also, dass bei der ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum seine Gedanken auf das Theater heftete, welches bei ihm nicht sowohl Kunstbedurfnis als Lebensbedurfnis war.

Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald, da die

Speichsche Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt, auf dem Ballhause zu spielen, wo auch die Studenten ihre Komodien aufgefuhrt hatten.

Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte

sogar einen gewissen Ruf wegen seiner Schauspielertalente erhalten, wodurch er dem Prinzipal dieser kleinen Truppe sogleich bekannt wurde, der ihn engagieren wollte, sobald er Lust hatte, Schauspieler zu werden.

Diese Versuchung, dass ihm das, wornach er mit

allen Muhseligkeiten des Lebens kampfend vergeblich gestrebt hatte, nun auf einmal wie von selbst sich anbot, war fur Reisern zu stark. Er setzte jede Rucksicht aus den Augen und lebte und webte nur in der Theaterwelt, fur die er nun wieder wie in Hannover bis auf den Komodienzettel enthusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete.

Einer, namens Beil, der sich damals unter dieser

Truppe befand und nachher ein beruhmter Schauspieler geworden ist, zog am meisten seine Neugier auf sich. Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser Truppe am vorzuglichsten aus, und Reiser wunschte nichts sehnlicher, als seine Bekanntschaft zu machen, welches ihm auch nicht schwer wurde; er diesem Beil seinen Wunsch, der ihn denn auch in seinem Entschluss, sich dem Theater zu widmen, bestarkte und an welchem Reiser nun zugleich einen Freund zu finden hoffte.

Er setzte nun jede Rucksicht beiseite, suchte den Gedanken an den Doktor Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie moglich vor sich selber zu verbergen und engagierte sich, ohne jemanden etwas davon zu sagen, bei dem Prinzipal der Truppe; er hatte den Mut und die Hoffnung, in der ersten Rolle sich so zu zeigen, dass jedermann seinen Entschluss billigen wurde.

Nun kam es auf die erste Rolle an, worin er auftreten sollte; und zufalligerweise traf es sich, dass in einigen Tagen die Poeten nach der Mode gespielt werden sollten, worin man ihm eine Rolle antrug.

Er wunschte sich, den Dunkel zu spielen, und hatte die Rolle schon auswendig gelernt, als sein neuer Freund, der Schauspieler Beil, ihm davon abriet, weil er selbst immer diese Rolle gespielt habe und sie ihm vorzuglich gut gelungen sei, Reiser mochte also lieber den Reimreich ubernehmen, weil ein wenig bedeutender Schauspieler diese Rolle besitze.

Reiser liess sich auch dies sehr gern gefallen, weil er durch den Maskaril und den Magister Blasius, welche Rollen er doch beide mit Beifall gespielt, sich auch einige Starke im Komischen zutrauete.

Er schrieb sich also seine Rolle auf und lernte sie auswendig. Er war wirklich in der Aussicht auf seine theatralische Laufbahn vollkommen glucklich, als eine Bemerkung, die unter diesen Hoffnungen die furchterlichste fur ihn war, ihn mit Angst und Schrekken erfullte. Ihm war es wie einem, den des Satans Engel mit Fausten schluge: er bemerkte, dass ihm der Verlust seines Haars drohte.

Gerade jetzt also, da er einen Korper ohne Fehl am notwendigsten brauchte, betraf ihn dieser Zufall, der ihn schon im voraus gegen sich selber mit Abscheu erfullte.

Er eilte in dieser Not zu seinem treuen Freunde, dem Doktor Sauer, der ihm zu der Erhaltung seiner Haare wieder Hoffnung machte; und so fand er sich denn am Abend, wo die Poeten nach der Mode aufgefuhrt werden sollten, in der Garderobe hinter den Kulissen ein und kleidete sich komisch genug, um den Reimreich in seinem lacherlichsten Lichte darzustellen; sein Name stand an diesem Tage schon auf dem Komodienzettel an allen Ecken mit angeschlagen.

Als das Schauspiel bald angehen sollte, kam sein Freund Neries auf das Theater und machte ihm die bittersten Vorwurfe; Reiser liess sich durch nichts in dem Taumel seiner Leidenschaft storen und war ganz in seine Rolle vertieft, woran sogar sein Freund Neries zuletzt mit teilnahm und uber seinen komischen Anzug lachte, als auf einmal ein Bote erschien, welcher dem Prinzipal ankundigte, dass der Doktor Froriep sogleich zum Statthalter fahren und Beschwerde uber ihn fuhren wurde, wofern er es wagte, den Studenten, dessen Name auf dem Komodienzettel gedruckt stande, das Theater betreten zu lassen; Verlust seiner Konzession hier zu spielen wurde die unausbleibliche Folge davon sein.

Reiser stand wie versteinert da, und der Prinzipal wusste in der Angst nicht, wozu er greifen sollte, bis sich ein Schauspieler erbot, die Rolle des Reimreich, so gut es gehen wollte, nach dem Souffleur zu spielen; denn man pochte schon im Parterre, dass der Vorhang sollte aufgezogen werden.

Wutend ging Reiser hinter den Kulissen auf und ab und zernagte seine Rolle, die er in der Hand hielt. Dann eilte er so schnell wie moglich aus dem Schauspielhause und durchirrte wieder alle Strassen bei dem sturmischen und regnigten Wetter, bis er gegen Mitternacht auf einer bedeckten Brucke, die ihn vor dem Regen schutzte, vor Mattigkeit sich niederwarf und eine Weile ausruhte, worauf er wieder umherirrte, bis der Tag anbrach.

Diese aussersten Anstrengungen der Natur waren das einzige, was ihm das Verlorne in dem ersten bittersten Schmerz daruber einigermassen ersetzen konnte. Das fortdauernde Leidenschaftliche dieses Zustandes hatte in sich etwas, das seiner unbefriedigten Sehnsucht wieder neue Nahrung gab. Sein ganzes misslungenes theatralisches Leben drangte sich gleichsam in diese Nacht zusammen, wo er alle die leidenschaftlichen Zustande in sich durchging, die er ausser sich nicht hatte darstellen konnen.

Am andern Tage liess ihn der Doktor Froriep zu sich kommen und redete ihm wie ein Vater zu. Er bediente sich des schmeichelhaften Ausdrucks, dass Reisers Anlagen ihn zu etwas Besserm als zu einem Schauspieler bestimmten, dass er sich selbst verkennte und seinen eigenen Wert nicht fuhlte.

Da nun Reiser doch die Unmoglichkeit einsah, seinen Wunsch in Erfurt zu befriedigen, so tauschte er sich wiederum und uberredete sich selber, dass er freiwillig der Idee sich dem Theater zu widmen entsage, weil sich alles gleichsam vereinigte, um seinen Entschluss zu hintertreiben, und die Art, wie der Doktor Froriep ihn davon abmahnte, zugleich so viel Schmeichelhaftes fur ihn hatte.

Kaum aber war er wieder fur sich allein, so rachte sich seine Selbsttauschung durch erneuerten bittern Unmut, Unentschlossenheit und Kampf mit sich selber, bis nach einigen Tagen ihn der harteste Schlag traf, den er noch immer zu vermeiden hoffte, er musste sein Haar verlieren.

Der Gedanke, nunmehro in einer Perucke, welches unter den Erfurter Studenten ganz etwas Ungewohnliches war, erscheinen zu mussen, war ihm unertraglich. Mit dem wenigen Gelde, was er noch ubrig hatte, ging er an das ausserste Ende der Stadt, wo er sich in einem Gasthof einquartierte, in welchem er aber nur schlief und des Abends sich etwas Bier und Brot geben liess, um desto langer mit seinem Gelde zu reichen.

Bei Tage ging er grosstenteils in oden Gegenden umher, suchte, wenn es regnete, in den Kirchen Schutz und brachte auf die Weise beinahe vierzehn Tage zu, in welcher Zeit niemand wusste, wo er geblieben war; bis endlich denn doch einer seiner Freunde ihn ausspahte und er auf einmal von Neries, Okkord, W ... und noch einigen, die sich fur ihn interessierten, in dem Gasthofe unvermutet uberrascht und uber seine Entfernung ihm freundschaftliche Vorwurfe gemacht wurden.

Er konnte nun sein Haar vor der Stirn uber die Perucke schon etwas uberkammen, und wenn er sich dann stark puderte, so hatte es einigermassen den Anschein, als ob er eigenes Haar truge.

Er entschloss sich also, mit den Freunden, die ihn abholten, wieder in die menschliche Gesellschaft zu gehen, aber er wollte auch so viel wie moglich nur unter ihnen sein und wunschte auch auf alle Weise entfernt und einsam zu wohnen.

Auch diesen Wunsch suchte man ihm zu gewahren. Der gutmutige W ... sprach gleich mit seinem Onkel, dem damaligen Regierungsrat und Professor Springer in Erfurt, und stellte ihm Reisers Zustand und sein Bedurfnis einer einsamen Wohnung lebhaft vor.

Der Regierungsrat Springer liess Reisern zu sich kommen, und wenn dieser jemals aufmunternd angeredet und mit wahrer Teilnehmung aufgenommen wurde, so war es von diesem Manne, gegen welchen Reiser die innigste Zuneigung und Verehrung fasste.

Er las damals ein statistisches Kollegium, welches Reiser ein paarmal mit anhorte und, da ihn die Sache sehr interessierte, vom Regierungsrat Springer aufgefordert wurde, sich diesem Fache zu widmen, wobei er ihn auf alle mogliche Weise unterstutzen wolle.

Den Anfang dieser Unterstutzung machte nun der Regierungsrat Springer sogleich damit, dass er Reisern seinem Wunsche gemass eine einsame Wohnung gab, indem er ihm sein eigenes Gartenhaus einraumte, wozu Reiser den Schlussel bekam und wo er aus seinem Fenster die schonste Aussicht uber einen Teil der aneinandergrenzenden Garten hatte, welche ganz Erfurt umgaben.

Reiser genoss auch wieder seinen Freitisch, der Doktor Froriep nahm sich seiner auf das tatigste an und suchte ihm auf alle Weise Unterstutzung zu verschaffen; er fing sogar an mathematische Kollegia zu horen, seine guten Freunde zogen ihn mit zu allen ihren literarischen Zusammenkunften und lasen ihm zum Teil ihre Ausarbeitungen vor, so dass die Sache nunmehro im besten Gange war, wenn ein neuer unglucklicher Anfall von Poesie nicht alles wieder verdorben hatte.

Zuerst mochte wohl sein neuer Aufenthalt in der einsamen romantischen Wohnung nicht wenig dazu beitragen, seine Einbildungskraft aufs neue zu erhitzen. Dann kam ein Brief dazu, den er an Philipp Reisern in Hannover schrieb und welcher seinen Ruckfall beschleunigte.

Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Wertherschen Briefe abgefasst. Die patriarchalischen Ideen mussten auch auf alle Weise wieder erweckt werden, nur schade, dass es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte.

Denn um diesen Brief schreiben zu konnen, schaffte sich Reiser erst einen Teetopf an und lieh sich eine Tasse, und weil er kein Holz im Hause hatte, kaufte er sich Stroh, welches man in Erfurt zum Brennen braucht, um sich selber in seinem Stubchen in dem kleinen Ofchen seinen Tee zu kochen, womit er endlich, nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war, zustande kam.

Und als dies nun nur erst einmal geschehen war, so schrieb er gleichsam triumphierend an Philipp Reisern.

Jetzt, mein Lieber! bin ich in einer Lage, welche ich mir nicht reizender wunschen konnte. Ich blicke aus meinem kleinen Fenster uber die weite Flur hinaus, sehe ganz in der Ferne eine Reihe Baumchen auf einem kleinen Hugel hervorragen und denke an Dich, mein Lieber, usw. Ich habe die Schlussel dieser einsamen Wohnung und bin hier Herr im Haus und Garten usw. Wenn ich denn manchmal so dasitze an dem kleinen Ofchen und mir selbst meinen Tee koche usw.

In dem Tone ging es fort und ward ein stattlicher und langer Brief; und als nun Reiser es nicht uber das Herz bringen konnte, diesen schonen Brief nicht auch seinem kritischen Freunde, dem Doktor Sauer, zu zeigen, so verdarb dieser vollends die Sache, indem er ihm nach seiner gutmutigen Hoflichkeit das Kompliment machte: wenn ihm Reisers Gegenwart nicht selbst zu lieb ware, so wurde er wunschen, entfernt zu sein, um nur solche Briefe von Reisern zu erhalten.

Und nun war auf einmal der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei Reisern wieder angefacht. Er suchte nun zuerst sein Gedicht uber die Schopfung vollends durch das Chaos durchzufuhren und hub mit neuer Qual an, in der Darstellung von grasslichen Widerspruchen und ungeheuren labyrinthischen Verwikkelungen der Gedanken sich zu verlieren, bis endlich folgende beide Hexameter, die er aus der Bibel nahm, ihn aus einer Holle von Begriffen erlosten. Auf dem stillen Gewasser rauschte die Stimme des

Ewigen

Sanft daher und sprach: es werde Licht! und es ward

Licht.

Merkwurdig war es, dass ihm nun die Lust verging, dies Gedicht weiter fortzufuhren, sobald der Stoff nicht furchterlich mehr war. Er suchte also nun einen Stoff aus, der immer furchterlich bleiben musste und den er in mehreren Gesangen bearbeiten wollte; was konnte dies wohl anders sein als der Tod selber!

Dabei war es ihm eine schmeichelhafte Idee, dass er als ein Jungling sich einen so ernsten Gegenstand zu besingen wahlte; daher hub er denn auch sein Gedicht an: Ein Jungling, der schon fruh den Kelch der Leiden trank, usw. Als er nun aber zum Werke schritt und den ersten Gesang seines Gedichts, wovon er den Titel schon recht schon hingeschrieben hatte, wirklich bearbeiten wollte, fand er sich in seiner Hoffnung, einen Reichtum von furchterlichen Bildern vor sich zu finden, auf das bitterste getauscht.

Die Flugel sanken ihm, und er fuhlte seine Seele wie gelahmt, da er nichts als eine weite Leere, eine schwarze Ode vor sich erblickte, wo sich nun nicht einmal das vergeblich aufarbeitende Leben wie bei der Schilderung des Chaos anbringen liess, sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte und ein ewiger Schlaf alle Bewegungen fesselte.

Er strengte mit einer Art von Wut seine Einbildungskraft an, in diese Dunkelheit Bilder hineinzutragen, allein sie schwarzten sich, wie auf Herkules' Haupte die grunen Blatter seines Pappelkranzes, da er sich, um den Cerberus zu fangen, dem Hause des Pluto nahte. Alles, was er niederschreiben wollte, loste sich in Rauch und Nebel auf, und das weisse Papier blieb unbeschrieben.

Uber diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen Dichtungstriebes erlag er endlich und verfiel selbst in eine Art von Lethargie und volligem Lebensuberdruss.

Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette und blieb die Nacht und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen, aus der ihn erst am Abend des folgenden Tages, wo es gerade Weihnachten war, ein Bote von seinem Gonner, dem Regierungsrat Springer, weckte, dessen Frau an Reisern ein sehr grosses Weihnachtsbrot zum Geschenk ubersandte.

Dies war nun gerade, was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch bestarkte. Er schloss sich mit diesem grossen Brote ein und lebte vierzehn Tage davon, weil er nur wenig genoss, indem er Tag und Nacht wo nicht in einem immerwahrenden Schlafe, doch, die letzten Tage ausgenommen, in einem bestandigen Schlummer im Bette zubrachte. Hiezu kam nun freilich der Umstand, dass er kein Holz hatte, um einzuheizen; er hatte aber auch nur ein Wort sagen durfen, um dies Bedurfnis zu befriedigen, wenn es ihm nicht gewissermassen selbst lieb gewesen ware, den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren Lebensart vorschutzen zu konnen.

Reiser wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestort, weil er gegen diese oft den Wunsch geaussert hatte, dass er nur einmal ein paar Wochen lang ganz einsam zu sein wunschte.

Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare Wirkung auf Reisern: die ersten acht Tage brachte er in einer Art von ganzlicher Abspannung und Gleichgultigkeit zu, wodurch er den Zustand, den er vergeblich zu besingen gestrebt hatte, nun gewissermassen in sich selber darstellte. Er schien aus dem Lethe getrunken zu haben und kein Funkchen von Lebenslust mehr bei ihm ubrig zu sein.

Die letztern acht Tage aber war er in einem Zustande, den er, wenn er ihn isoliert betrachtet, unter die glucklichsten seines Lebens zahlen muss.

Durch die lange fortdaurende Abspannung hatten sich allmahlich die schlafenden Krafte wieder erholt. Sein Schlummer wurde immer sanfter; durch seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten; seine jugendlichen Hoffnungen erwachten wieder eine nach der andern; Ruhm und Beifall kronten ihn wieder; schone Traume liessen ihn in eine goldne Zukunft blicken. Er war von diesem langen Schlafe wie berauscht und fuhlte sich in einem angenehmen Taumel, sooft er von dem sussen Schlummer ein wenig aufdammerte. Sein Wachen selber war ein fortgesetzter Traum; und er hatte alles darum gegeben, in diesem Zustande ewig bleiben zu durfen.

Wenn er daher die gefrornen Fenster ansah, so war ihm dies der angenehmste Anblick, weil er dadurch genotigt wurde, immer noch einen Tag langer im Bette zu bleiben. Sein grosses Brot auf dem Tische betrachtete er wie ein Heiligtum, das er so sehr wie moglich schonen musste, weil von der Dauer dieses Brots mit die Dauer seines glucklichen Zustandes abhing.

Nun fuhlte er sich aber auch wieder, sobald es gelten sollte, zu nichts zu schwach. Das Theater stand wieder so glanzend wie jemals vor ihm da; alle die theatralischen Leidenschaften durchsturmten wieder eine nach der andern seine Seele, und die Gemuter der Zuschauer wurden durch sein Spiel erschuttert.

Als nun sein Brot verzehrt war, stand er gegen Abend auf, ordnete seinen Anzug so gut wie moglich, und sein erster Gang war ins Theater, wo er sich in einen Winkel setzte und erstlich ein Stuck, namens Inkle und Yariko, alsdann aber die Leiden des jungen Werthers auffuhren sahe. Der Verfasser des letztern hatte fast nichts getan, als die Wertherschen Briefe in Dialogen und Monologen verwandelt, die denn freilich sehr lang wurden, aber doch das Publikum sowohl als die Schauspieler wegen des ruhrenden Gegenstandes ausserordentlich interessierten.

Nun ereignete sich aber gerade bei der tragischen Katastrophe des letztern Stucks ein sehr komischer Zufall. Man hatte sich namlich irgendwo ein paar alte verrostete Pistolen geliehen und war zu nachlassig gewesen, sie vorher zu probieren.

Der Akteur, welcher den Werther spielte, nahm sie vom Tische auf und sagte denn alles, wie es im Werther steht, buchstablich dabei: "Deine Hande haben sie beruhrt; du hast selber den Staub davon abgeputzet usw." Dann hatte er sich auch, um alles genau und vollstandig darzustellen, einen Schoppen Wein und Brot bingen lassen, wozu denn der Aufwarter nicht ermangelte, auch ein Brotmesser mit auf den Tisch zu legen.

Am Ende aber war das Stuck so eingerichtet, dass Werthers Freund Wilhelm, indem er den Schuss fallen horte, hereinsturzen und ausrufen musste: "Gott! ich horte einen Schuss fallen!"

Dies war alles recht schon; als aber Werther das ungluckliche Pistol ergriff, es an die rechte Stirne hielt und auf sich losdruckte, so versagte es ihm in seiner Hand.

Durch diesen widrigen Zufall noch nicht aus der Fassung gebracht, schleuderte der entschlossene Schauspieler das Pistol weit von sich weg und rief pathetisch aus: "Auch diesen traurigen Dienst willst du mir versagen?" Dann ergriff er plotzlich die andere, druckte sie wie die erste los, und, o Ungluck! auch diese versagte ihm.

Nun erstarb ihm das Wort im Munde; mit zitternden Handen ergriff er das Brotmesser, das zufalligerweise auf dem Tische lag, und durchstach sich damit zum Schrecken aller Zuschauer Rock und Weste. Indem er nun fiel, sturzte sein Freund Wilhelm herein und rief "Gott! ich horte einen Schuss fallen!"

Schwerlich kann wohl eine Tragodie sich komischer wie diese schliessen. Dies brachte aber Reisern nicht aus seiner hochschwebenden Phantasie, vielmehr bestarkte es ihn darin, weil er so etwas Unvollkommenes vor sich sahe, das durch etwas Vollkommenes ersetzt werden musste.

Er horte, dass in acht Tagen die Schauspieler von Erfurt abreisen und nach Leipzig gehen wurden; er horte ferner, dass der geschickteste Schauspieler unter dieser Truppe, namens Beil, einen Ruf nach Gotha erhalten hatte; er hatte also nun keinen Nebenbuhler mehr zu furchten; Leipzig war der Ort, um zu glanzen; seine Perucke konnte er sehr geschickt unter den wiedergewachsenen Haaren verbergen. Wie viele neue Grunde, um der Leidenschaft, die schon vorher da war und nur eine Weile geschlummert hatte, aufs neue uber die Vernunft den Sieg zu geben.

Er machte seinen Freunden sogleich den Entschluss bekannt, dass er gesonnen sei, mit der Speichschen Truppe nach Leipzig zu gehen, dass er einen unwiderstehlichen Trieb in sich fuhle, der ihn unglucklich machen wurde, wenn er ihn uberwinden wollte, und der ihn in allen seinen Unternehmungen doch immerfort hindern wurde.

Er stellte seine Grunde so leidenschaftlich und stark vor, dass selbst sein Freund Neries ihm nichts dagegen sagen konnte, der ihm sonst schon die reizendsten Schilderungen gemacht hatte, wie sie im kunftigen Fruhling wieder auf dem Steigerwalde den Klopstock lesen wurden usw.

Reiser hielt sich nun schon bei den Schauspielern auf und brachte dem Regierungsrat Springer den Schlussel zu dem Gartenhause wieder, indem er ihm auf das lebhafteste seinen unglucklichen Zustand schilderte, wenn er den Trieb zum Theater unterdrukken wollte.

Der Regierungsrat Springer behandelte Reisern auch hier noch auf die toleranteste Art. Er riet ihm selber, wenn der Trieb bei ihm so unwiderstehlich sei, demselben zu folgen, weil dieser Trieb, der immer wiedergekehrt war, vielleicht einen wahren Beruf zur Kunst in sich enthielte, dem er sich alsdann nicht entziehen solle. Ware aber das Gegenteil und sollte Reiser sich selber tauschen und in seiner Unternehmung nicht glucklich sein, so mochte er sich unter jeden Umstanden und in jeder Lage dreist wieder an ihn wenden und seiner Hulfe versichert sein.

Reiser nahm mit so geruhrtem Herzen Abschied, dass er kein Wort vorbringen konnte, so sehr hatte die Grossmut und Nachsicht dieses Mannes sein Gemut bewegt. Er machte sich selber beim Weggehen die bittersten Vorwurfe, dass er sich einer solchen Liebe und Freundschaft jetzt nicht wurdiger zeigen konnte.

Als nun Reiser, um Abschied zu nehmen, zum Doktor Froriep kam, welcher seinen Entschluss durch Neries schon wusste, so wurde er von diesem ebenso nachsichtsvoll wie von seinem andern Gonner behandelt; und der Doktor Froriep erklarte sich, dass er seinen Entschluss ihm nicht nur nicht widerraten, sondern ihn vielmehr darin bestarken wurde, wenn die Schaubuhne schon in dem Masse eine Schule der Sitten ware, als sie es eigentlich sein konnte und sein sollte.

Eine kleine Ironie fugte er denn doch am Ende nicht ohne Grund hinzu, indem er zu seiner kleinen Tochter, die er auf dem Arme trug, sagte: Wenn du gross bist, so wirst du denn auch einmal von dem beruhmten Schauspieler Reiser horen, dessen Name in ganz Deutschland beruhmt ist! Aber auch diese sehr wohlgemeinte Ironie blieb bei Reisern fruchtlos, der sich demohngeachtet mit inniger Ruhrung und bittern Vorwurfen gegen sich selber an alles das erinnerte, was der Doktor Froriep fur ihn schon getan hatte und wovon er nun selbst den Endzweck vereitelte.

Allein es schien ihm nunmehro Pflicht der Selbsterhaltung, allen diesen innern Vorwurfen kein Gehor zu geben, weil er sich fest uberzeugt glaubte, dass er der unglucklichste Mensch sein wurde, wenn er seiner Neigung nicht folgte.

Die Speichsche Truppe aber war die letzten Wochen wegen Mangel an Einnahme in die ausserste Armut geraten. Der Direktor Speich reiste mit der Garderobe allein nach Leipzig voraus, und von den ubrigen Schauspielern musste ein jeder selbst zusehen, dass er so gut wie moglich den Ort seiner Bestimmung erreichte; einige reisten zu Pferde, andere zu Wagen und noch andere zu Fuss, nachdem es die Umstande eines jeden erlaubten, denn die gemeinschaftliche Kasse war langst erschopft: in Leipzig aber hoffte man nun, bald sich wieder zu erholen.

Reiser machte sich denn auch denselben Nachmittag, wo er Abschied genommen hatte, zu Fuss auf den Weg, und sein Freund Neries begleitete ihn zu Pferde bis nach dem nachsten Dorfe auf dem Wege nach Leipzig, wo Neries am kunftigen Sonntage predigen wollte.

Nachdem sie im Gasthofe eingekehrt waren und sich noch einmal aller der seligen Szenen erinnert hatten, die sie genossen haben wollten, wenn sie am Abhange des Steigers Klopstocks Messiade zusammen lasen, so machte sich Reiser wieder auf den Weg, und Neries begleitete ihn noch eine ganze Strecke hin, bis es dunkel wurde.

Da umarmten sie sich und nahmen auf die ruhrendste Weise voneinander Abschied, indem sie sich bei diesem Abschiede zum erstenmal Bruder nannten. Reiser riss sich los und eilte schnell fort, indem er seinem Freunde zurief: Nun reit zuruck!

Als er aber schon in einiger Entfernung war, sah er sich wieder um und rief noch einmal: Gute Nacht! Sobald er dies Wort gesagt hatte, war es ihm fatal, und er argerte sich daruber, sooft es ihm wieder einfiel. Denn die ganze empfindsame Szene hatte selbst in der Erinnerung dadurch einen Stoss erlitten, weil es komisch klingt, einem, dem man auf lange Zeit oder vielleicht auf immer schon Lebewohl gesagt hat, nun noch einmal ordentlich eine gute Nacht zu wunschen, gleichsam als wenn man am andern Morgen wieder einen Besuch bei ihm ablegen wurde.

Es war eine schneidende Kalte. Reiser aber wanderte nun, ohne irgendeine Burde zu tragen, mit reizenden Aussichten auf Ruhm und Beifall seine Strasse fort.

Oft, wenn er auf eine Anhohe kam, stand er ein wenig still und ubersah die beschneiten Fluren, indem ihm auf einen Augenblick ein sonderbarer Gedanke durch die Seele schoss, als ob er sich wie einen Fremden hier wandeln und sein Schicksal wie in einer dunkeln Ferne sahe. Diese Tauschung verschwand aber ebenso bald, wie sie entstand; und er dachte dann wieder im Gehen vor sich, wie Leipzig aussehen, in was fur Rollen er auftreten wurde usw.

Auf die Weise legte er den Weg von Erfurt nach Leipzig sehr vergnugt zuruck; im Gehen aber sprach er haufig den Namen Neries aus, den er wirklich liebte, und weinte heftig dabei, bis ihm das komische 'gute Nacht' einfiel, welches er gar nicht in den Zusammenhang dieser ruhrenden Erinnerung mit zu bringen wusste.

In Erfurt hatte man ihm schon gesagt, dass er in Leipzig in dem Gasthofe 'Zum goldenen Herzen' einkehren musse, wo die Schauspieler immer logierten und gleichsam dort ihre Niederlage hatten.

Als er in die Stube trat, fand er denn auch schon eine ziemliche Anzahl von den Mitgliedern der Speichschen Truppe vor, die er als seine kunftigen Kollegen begrussen wollte, indem er an allen eine ausserordentliche Niedergeschlagenheit bemerkte, welche sich ihm bald erklarte, als man ihm die trostliche Nachricht gab, dass der wurdige Prinzipal dieser Truppe gleich bei seiner Ankunft in Leipzig die Theatergarderobe verkauft habe und mit dem Gelde davongegangen sei. Die Speichsche Truppe war also nun eine zerstreuete Herde.