1784_Liebeskind_067 Topic 1

Margareta Sophia Liebeskind

(17651853)

Biographie

1765 22. Februar: Sophia Dorothea Margarete (genannt Meta) Wedekind wird in Gottingen als Tochter des Pfarrers, Schuldirektors und Professors Rudolf Wedekind und seiner Ehefrau Sophia Magdalena, geb. Morrien, geboren. Sie erhalt eine umfangreiche Ausbildung durch ihren Vater, ihre Bruder sowie durch Hauslehrer. 1778 Tod des Vaters. 1781 10. Juni: Heirat mit dem 16 Jahre alteren Johann Nikolaus Forkel, Universitatsmusikdirektor in Gottingen und Begrunder der Musikwissenschaft als Hochschuldisziplin. 1782 Geburt des Sohnes Carl Gottlieb. 1784 "Maria. Eine Geschichte in Briefen" (2 Bande, Briefroman). 1788 Margarete Forkel verlasst ihren Ehemann und siedelt nach Berlin uber. Unter der Anleitung von Johann Jakob Engel fertigt sie Ubersetzungen an. 1790 Ubersiedlung nach Mainz, wo sie unter der Anleitung von Georg Forster Reisebeschreibungen und historisch-politische Werke aus dem Englischen und Franzosischen ubersetzt. 1791 Ubersetzung von Volneys "Ruinen" (mit Georg Forsters Vorrede "Uber den gelehrten Zunftzwang"). 1792 Ubersetzung von Thomas Paines "Die Rechte des Menschen". Freundschaftlicher Verkehr mit fuhrenden Mainzer Jakobinern, darunter mit Georg Forster, ihrem alteren Bruder Georg Christian Gottlieb Wedekind, dem Sekretar des franzosischen Generals Custine Georg Wilhelm Bohmer und dessen Schwagerin Caroline (Michaelis-) Bohmer (-Schlegel-Schelling). 1793 April: Flucht vor den Preussen aus dem von den Franzosen besetzten Mainz. Inhaftierung in Konigstein (zusammen mit Caroline Bohmer). 1794 24. Februar: Scheidung von Johann Nikolaus Forkel. Heirat mit dem Geheimen Oberappellationsrat und Justizkommissar in Konigsberg, Johann Heinrich (von) Liebeskind. Aus der Ehe gehen funf Kinder hervor. 1795 Ubersetzung von William Godwins "Caleb Williams, ein philosophischer Roman". 1797 Johann Heinrich Liebeskind wird preussischer Regierungsrat in Ansbach. Ubersiedlung der Familie nach Ansbach. 1798 Geburt des Sohnes Johann Friedrich August Ernst (Fritz). 1800 Geburt des Sohnes Karl Friedrich Ernst Ferdinand Wilhelm. 1801 AugustSeptember: Besuch von Therese Huber bei Margarete Liebeskind in Ansbach. 1812 In den folgenden Jahren schreibt Margarete Liebeskind fur zahlreiche Zeitungen. 1847 Tod von Johann Heinrich von Liebeskind. 1853 Margarete Liebeskind stirbt im Alter von 88 Jahren in Eichstatt (?).

Margareta Sophia Liebeskind

Roman

Maria

Erstdruck (anonym): Leipzig (Weidmanns

Erben und Reich) 1784.

Margareta Sophia Liebeskind

Maria

Eine Geschichte in Briefen

Erster Theil

Vorbericht

Folgende Briefe sind von einem F r a u e n z i m m e r geschrieben, und wurden wohl schwerlich jemals vor die Augen des Publikums gekommen seyn, wenn der Vorredner die Verfasserinn nicht dazu ermuntert, und die Besorgung der Herausgabe ubernommen hatte.

Es kann seyn, dass ein Theil des lesenden Publikums mir fur diese Muhe wenig Dank weiss. Der andere Theil hingegen ist gewiss mit mir darinn einig, dass gut geschriebene Frauenzimmerbriefe Reize und Schonheiten haben, die Manner nur hochst selten den ihrigen zu geben vermogen. Eine reichere und lebhaftere Einbildungskraft, feinere, sanftere, biegsamere und mannichfaltigere Wendungen im Ausdruck, kurz, alle diejenigen einzelnen Schonheiten, aus deren Zusammensetzung der Charakter des Weiblichschonen entsteht, scheinen das Geprage solcher Ausarbeitungen zu seyn, und werden gewiss bey Lesern von warmer Empfindung nie verfehlen, eine hochst angenehme, und selbst (wenn der Gegenstand darnach gewahlt ist) nutzliche Unterhaltung zu seyn. Sollten auch diese Vorzuge noch nicht allen und jeden Briefen dieser Sammlung in gleichem Maass zu Theil geworden seyn, so wird der Leser doch wenigstens uberall die beste Anlage dazu gewahr werden, und, in diesem Betracht, meine Ermunterung zur fernern Vervollkommnung solcher Anlagen nicht ubel angewendet finden.

Die hier erzahlte Geschichte grundet sich grosstentheils auf Wahrheit; ist also in so ferne nur als Dichtung anzusehen, als Charaktere untergemischt sind, die bloss der grossern Mannichfaltigkeit und der bessern Unterhaltung wegen gewahlt wurden. Einige Hauptcharaktere wird man vielleicht fur ubertrieben und unnaturlich halten, weil sich die Originale dazu in dieser Welt selten finden lassen. Ob es aber uberhaupt eine billige Forderung sey, die man in den neuesten Zeiten an diese Gattung der Dichtungsarten macht, dass sie namlich bloss kopiren, nie aber sich zu nachahmungswurdigen I d e a l e n hinauf schwingen soll, will ich hier unausgemacht lassen. Ich kann aber nicht umhin, zu bemerken, dass nach meinem Bedunken diese Dichtungsart mit allen ubrigen schonen Kunsten das Grundgesetz: einzeln in der Natur befindliche und zerstreuete Schonheiten zu gewissen Zwecken in ein Ganzes zu versammeln, gemein haben muss. Was soll die Darstellung eines Gegenstandes mit allen seinen Gebrechen, Mangeln und Fehlern fur Nutzen stiften? Und liegt nicht eben die grosste Nutzlichkeit aller schonen Kunste und Wissenschaften in der erregten Nacheiferung nach Vollkommenheiten, die in dieser Welt selten vereinigt anzutreffen sind? Mir scheint es daher in der That eine sehr nachtheilige Forderung zu seyn, nach welcher man den Kunstler seines grossten Vorzugs, der in der Schopfung musterhafter Ideale besteht, berauben, und ihn in die enge Sphare eines blossen unnutzen Copisten einschranken will.

Auch unsere neuere Padagogen werden, im Fall ihnen diese Briefe in die Hande fallen sollten, vielleicht einige Steine des Anstosses finden. Die Verfasserinn ist in ihrem Erziehungssystem S i r a c h s eifrige Anhangerinn, und traut in gewissen Jahren dem Stock und der Ruthe weit nutzlichere Wirkungen zu, als den vernunftigsten und gutigsten Vorstellungen. Jedoch erstreckt sich ihre Meynung hierinn bloss auf die ersten Jahre der Kindheit, die aber um so viel wichtiger sind, je gewisser in ihnen der Grund zur ganzen Erziehung des Menschen gelegt werden muss. Da also die neuern A n t i - S i r a c h i a n e r spatere Jahre der Kindheit zum Augenmerk haben, so konnten die geausserten Erziehungsgrundsatze der Verfasserinn dennoch vielleicht ohne betrachtliche Collisionen davon kommen, und wohl gar Gnade vor ihren Augen finden.

Uebrigens wird der Leser in dem Verfolg dieser Briefe bald sehen, dass die Hauptabsicht der Verfasserinn dahin gehe, in dem hochstliebenswurdigen, aber schwachen Charakter der M a r i e die Gefahren und Nachtheile einer allzu grossen Empfindsamkeit, auch selbst dann, wenn sie von den allervorzuglichsten Tugenden des Herzens, Verstandes, und sogar der Religion begleitet wird, zu zeigen. Wenn auch alle diese vereinigte Tugenden im Stande sind, ein allzuempfindsames Herz vor wirklich groben Vergehungen zu bewahren, so konnen sie doch nicht verhindern, dass ein solches Herz am Ende nicht sich selbst aufreibe, und ein in gewissem Betracht zwar erhabener, aber doch unglucklicher Martyrer seiner eignen Gefuhle werde.

Ich wunsche, dass diese Briefe den Lesern eben so viel Vergnugen machen mogen, als sie mir gemacht haben.

Der Herausgeber.

Erster Brief

Sophie an Marien

Waren Sie doch jetzt ein Stundchen bey mir, meine M a r i e ! Es sollte uns an Stoff zur Unterhaltung nicht fehlen. Sie werden zwar wohl meynen, dass ich Ihnen ja meinen Schatz von Neuigkeiten auch schriftlich mittheilen konnte. Aber, beyseite gesetzt, dass Schreiben und alle solche sitzende Handlungen eben nicht die Lieblingsgeschafte meiner fluchtigen Person sind; so kame ich ja um alle Ihre Anmerkungen, oder erhielte sie wenigstens sehr spat, wenn ich vielleicht die ganze Sache schon vergessen habe.

Doch die Vorrede darf nicht so lang, als die Erzahlung selbst, seyn; diese Bemerkung ist mir noch so von meinem letzten Informator hangen geblieben. Also wollen wir zur Sache selbst schreiten.

Hore, F i e k c h e n , sagte diesen Morgen mein Onkel, legte wohlbedachtlich seine Pfeife nieder, schob die weisse baumwollne Mutze um zwey Zoll weiter zuruck, ruckte seinen Stuhl mir naher, und hub folgender Gestalt an:

"Du hast schon einige hubsche Parthien gehabt, die aber alle dein Eigensinn zuruckgewiesen hat. Lege nun deine Grillen ab, mein Kind, und denke ernsthaft daran, dass eine alte Jungfer, die es aus eigner S c h u l d wurde, eine erbarmliche Creatur ist. Ich werde dir heute einen wackern Mann vorstellen, der ein Auge auf dich geworfen hat. Sey ja vernunftig gegen ihn."

Ich hatte zwar so allerley Anmerkungen auf der Zunge, weil aber mein Onkel in einigen Punkten keinen Scherz versteht, so unterdruckte ich sie, ob es mir gleich ein wenig sauer wurde. Ich kleidete mich an, und erwartete vielleicht wohl ein klein wenig unruhiger als sonst den Glockenschlag, der das Signal unserer Visiten ist. Es kamen einige Herren und Damen zum Besuch, die sich bey mir hatten melden lassen. Als eben die ersten. Unterhaltungen vom Wetter und vom jetzigen Moderoman zu Ende waren, trat meine Tante in das Zimmer, gefuhrt von einem Herrn, dessen Gesicht seine Kleidung Lugen strafte; denn diese letztere zeigte einen Jungling von 18 bis 20 Jahren an, da hingegen das erstere wenigstens 38 verrieth. Sein Haar war in kunstlich nachlassige Locken gelegt; keine neidische Halsbinde verdeckte die Schonheit seines magern Halses, der sich ganz entblosst dem Auge zeigte. Ein himmelblaues seidenes Kleid, merde d'oie gefuttert, Strumpfe vom schonsten Karmelit, machten einen vortrefflichen Kontrast, und zeigten, dass Herr S t e r n f e l d Meister in der Farbenmischung sey. Er trug ein paar Schuhe, deren Vordertheil eben hinreichte, die Fusszehen zu bedecken; die Hacken waren so hoch, dass sie mit den meinigen wetteifern konnten. Schnallen, die gerade so breit waren, als die Schuhe; zwey Uhren mit den klingelndsten B e r l o q u e n versehen, welche die Ankunft seiner wichtigen Person schon von weitem verkundigten. Die Beinkleider waren an den Knien mit niedlichen Bandern zugebunden; in der einen Hand trug er ein Stockchen, an der andern fuhrte er meine Tante, die alles angewandt hatte, ihre Reize so zu erhohen, dass sie dieses allerliebsten Fuhrers nicht unwerth schien.

Nachdem dieser Herr ein tiefes Kompliment gegen die Damen, und ein etwas nachlassigeres gegen die Herren gemacht hatte, hupfte er auf mich zu, und kusste mit vieler Grazie meine Hand.

"Diess ist also die Gottinn so sprach er von deren Macht und Reizen ich schon in der Ferne bezaubert worden bin?"

"In der That, Herr S t e r n f e l d , diese Macht der Bezauberung in der Ferne hatte ich mir nie zugetraut. Sie mussen wohl sehr leicht zu bezaubern seyn."

"O wenn so viel Schonheit mit solcher Bescheidenheit vereinigt ist, welches Herz kann dann ungeruhrt bleiben?"

"Mich dunkt, um den wahren Werth einer Sache zu schatzen, muss man doch wenigstens etwas davon selbst besitzen, und das scheint, mit der Bescheidenheit wenigstens, nicht Ihr Fall zu seyn."

Es scheint wohl, als wenn Herr S t e r n f e l d nicht viel aus dem Stegreif zu reden vermag; wenigstens konnte er hierauf keine schickliche Antwort finden. Er drehte sich einmal auf dem Absatz herum, nahm Taback und fieng eine andre Materie an.

"Aber, mon Dieu, was ist heute fur ein heisser Tag! Es ist nicht moglich, eine gescheidte Frisur zu behalten. Sollten Sie es wohl glauben, dass ich heute von Monsieur Dechamp nach der neuesten Pariser Mode frisirt bin? Und doch sieht jetzt mein Kopf so mal goufteux aus, dass ich mich schamen muss, vor den Damen zu erscheinen."

M a m s e l l E b a r d . "O, Ihr Kopfputz hat sich noch recht gut gehalten. Uebrigens aber ist es wahr, die Sonne ruinirt alles. Sehn Sie nur meinen Teint. Ob ich gleich nie ohne Schleyer und Sonnenschirm ausgehe, so bin ich doch gestern auf der Promenade so schwarz gebrannt, wie eine Mohrinn. Nicht wahr, H e r r v o n Grun, ich sehe ganz scheuslich aus?"

H e r r v o n G r u n widerlegte diess naturlich sehr sinnreich, und nun kam die ganze Gesellschaft auf ein sehr interessantes Kapitel: w i e d i e H a u t i m S o m m e r z u c o n s e r v i r e n s e y ? Zwey Mittel, die besonders angepriesen wurden, notirte Herr S t e r n f e l d in sein Taschenbuch. Mit dieser und ahnlichen Unterhaltungen verstrich der Nachmittag, und die Gesellschaft gieng aus einander. S t e r n f e l d empfahl sich mir mit einem sehr zuversichtlichen Wesen, und schien zu glauben, dass er einen sehr gunstigen Eindruck auf mein Herz gemacht hatte.

Und nun sagen Sie, M a r i e , kann ich mir nicht zu einem so liebenswurdigen Brautigam Gluck wunschen? Die mir so oft von Ihnen gepriesne Wahrheit: dass der Ehestand unser Beruf sey, macht jetzt doppelten Eindruck auf mich, da ich einen so niedlichen Gefahrten finde. Wahrhaftig, es wurde eine allerliebste Ehe werden!

Nein, M a r i e , Freyheit ist das edelste Gut, und ich will dessen geniessen, so lange ich kann. Ach! ich kenne die Manner: als Liebhaber sind sie schmeichelnd und kriechend, wie die Schoosshundchen; aber nach der Trauung verandert sich die Scene. Unser unterthaniger Diener wird hochgebietender Herr, und tyrannisirt das arme Weib fur jede Schmeicheley, die er als Brautigam ihr sagte. Und unter ein solches Joch sollte ich meinen Nacken beugen? Nimmermehr! Ich betrachte die Manner als Geschopfe, die zum Scherzen und Tandeln in mussigen Stunden recht gut sind, die man sich aber ja nicht darf zu nahe kommen lassen. Es hat noch kein Mann Eindruck auf mich gemacht, und ich glaube gewiss, dass es auch nie geschehen wird. Mein Herz soll eine unuberwindliche Festung bleiben, und nie andre als die Gefuhle der Freundschaft kennen. Allein diese Empfindungen sind gegen meine M a r i e desto starker, und stets wird mit gleicher Warme fur Sie schlagen das Herz

Ihrer

Sophie.

Zweyter Brief

Marie an Sophien

Ich erkenne Sie ganz in Ihrem muntern Briefe, liebe S o p h i e . Aber ob mir gleich das Lesen desselben viel Vergnugen gemacht hat; so bin ich doch mit Ihrer letzten Erklarung nicht zufrieden. Ich hore meine muntre Freundinn gern scherzen, aber nur nicht uber einen so wichtigen Gegenstand, als die Ehe ist. Sie haben zwar darinnen Recht, dass mit dem Liebhaber als Ehemann oft eine Veranderung vorgeht, aber wer ist mehr Schuld daran, als die Madchen selbst? Sie verlangen als Gottinnen von ihrem Liebhaber angebetet zu werden, und fordern eine kriechende Verehrung von ihm. Ist es nicht sehr begreiflich, dass er diese ihm hochst unnaturliche Lage so bald als moglich ablegt, und dass er nun vielleicht die Rechte ubertreibt, die ihm der Priester vor dem Altare giebt? Dieser neue Ton muss denn wohl freylich die junge Frau sehr befremden.

Sie, meine Freundinn, werden gewiss nie eine solche nachtheilige Veranderung zu befurchten haben. Ich traue Ihnen zu, dass Sie als Braut wohl zartliche Liebe und gegenseitige Gefalligkeit von Ihrem Geliebten fodern, aber nie zugeben werden, dass der M a n n sich zum sklavischen Anbeter erniedrige. Sie werden sich gewiss durch nachgebende Aufmerksamkeit und durch eine genaue Erfullung Ihrer Pflichten die Achtung Ihres Gatten zu erhalten wissen. Und was kann denn wohl schoneres gedacht werden, als die Vereinigung zweyer Personen, die sich verbinden, alle Freuden des Lebens durch gemeinschaftlichen Genuss sich zu verdoppeln, und das Leiden durch gegenseitiges Theilnehmen sich ertraglicher zu machen!

Und welch eine noch grossere Quelle der Freude glanzt uns im Ehestande! Giebt es ein erhabeners Gluck als das, sich selbst wieder in Kindern aufleben zu sehen, mit ihnen aufs neue wiederum die Ruhe und den Frieden zu fuhlen, der so ganz das Eigenthum dieser Jahre der Unschuld ist? Zu sehen, wie eine Seelenkraft nach der andern sich entwickelt? Wie ist es der zartlichen Mutter so leicht, den Keim zu Tugend und Gluckseligkeit in das junge Herz zu legen, und wie arndtet sie schon in dem zarten Alter des Kindes den sussen Lohn ihrer Sorgfalt durch seine unschuldsvolle Anhanglichkeit an sie!

O wie hasse ich die Mutter, die, gleichgultig gegen diese Freude, ihre Kinder fremden Ammen und Warterinnen ubergeben! Durch diese Art der Erziehung hochst unartig und eigensinnig gemacht, muss sich die Mutter bey jeder Gelegenheit der kleinen Unglucklichen schamen. Was ist also zu thun? Sie entfernt sie ganz von sich, und steckt sie in eine Kinderstube. Die Tochter werden unertragliche Geschopfe, die nur ihr Geld, oder ihres Vaters Ansehen an den Mann zu bringen fahig ist. Die Sohne werden auf Universitaten geschickt, ohne das mindeste der dazu nothigen Kenntnisse zu haben. Froh, der Ruthe der Franzosinn entlaufen zu seyn, fuhren sie das ungebundenste Leben, kehren mit leerem Kopf und Beutel zuruck, und sind dann die wurdigen Glieder, von welchen die Bedienungen unsers Staats bekleidet werden.

Nie werde ich meiner Mutter die Sorgfalt genug verdanken konnen, mit der sie mich erzog. Nie kam ich von ihrer Seite. Geschafte. Vergnugungen, alles opferte sie mir auf. Wenn ich noch an die ruhrenden Ermahnungen denke, womit sie zu Pflicht und Tugend mich ermunterte, so fliessen ihrem Andenken heisse Thranen, und ich bitte Gott, dass er mich werth mache, einst meinen Kindern das zu seyn, was die Selige mir war. Gott sey gedankt, dass er mir das Gluck aufbehielt, noch in ihren letzten Stunden ihr Freude zu machen, und sie mit einem zufriedenen Lacheln uber meine Folgsamkeit aus der Welt gehen zu sehen!

Sie wissen die Geschichte meiner Jugend. Sie wissen, dass ich mich lange der Verheyrathung mit Albrecht wiedersetzte, dass auf ihrem Todbette die Selige in mich drang, ihn zu heyrathen. Ich konnte ihren Bitten nicht widerstehen; und ware auch nun mein Ehestand unglucklich, so wurde doch das mir meine Leiden versussen, dass ich durch meine Einwilligung die letzten Stunden einer sterbenden Mutter erheiterte. Aber Gottlob! unglucklich ist er nicht. Mein Albrecht ist ein guter Mann. Er ist zwar etwas zu kalt, um alle Forderungen meines Herzens zu befriedigen, das so ganz zur innigsten Liebe geschaffen ist. Aber ich hoffe, wenn es mir erst gelungen ist, alle Eindrucke vergangner Zeiten, die sich zuweilen mir aufdrangen, vollig zu verbannen, die gar zu grosse Empfanglichkeit meiner Empfindungen zu massigen mein Mann krankt mich oft dadurch, dass er dieses ubertriebne Empfindsamkeit nennt und mein Herz ganz unter die Herrschaft der Vernunft zu beugen, dass dann unser Ehestand einer der glucklichsten seyn wird.

Ganz glucklich zu seyn, ist freylich schwer, wenn die Empfindungen von Natur nicht gleichgestimmt sind. Aber es ist Pflicht fur die Frau, sich nach der Denkungsart ihres Mannes zu bilden, und ihn den Unterschied ihrer Gefuhle so wenig als moglich fuhlen zu lassen. Verzeihen Sie mir diese lange Ausschweifung, meine Liebe. Es wird vielleicht bald die Zeit kommen, da Sie ganz meiner Meynung seyn werden. Ihr Herz wird gewiss nicht immer so unempfindlich bleiben, als es bisher gewesen ist. Es kommt nur darauf an, dass ein gefahrlicherer Feind, als Herr S t e r n f e l d , es angreift. Ihre Beschreibung von diesem hat mich sehr belustigt. Melden Sie mir doch ja immer die weitern Fortschritte, die er bey Ihnen macht. Leben Sie recht wohl, meine S o p h i e .

Marie.

Dritter Brief

Sophie an Marien

Ich habe heute einige komische Originale kennen gelernt, die ich Ihnen, liebe M a r i e , auch bekannt machen will. Wir waren von dem Amtmann C l e b e r g zum Besuch gebeten; er wohnt zwey Stunden von hier zu M a y f e l d , und liess uns in seinem Wagen dahin abholen. Als wir ankamen, stand der Herr Amtmann nebst seiner Frau und zwey Tochtern vor der Thur, um uns zu empfangen. Ihr Anzug war ein sonderbarer Mischmasch von Stadt- und Landmode. Die Frau Amtmanninn freute sich denn sehr der Ehre mich zu sehen, wurde gewaltig bekummert, wie sie horte, dass mir vom Fahren etwas ubel geworden ware, erheiterte sich sehr, da ich versicherte, dass mir jetzt besser ware, und bedauerte nur wiederum, dass ich so mit der Bewirthung ihres schlechten Hauses wurde vorlieb nehmen mussen. Bey dieser letzten Aeusserung zogen sich die Augenbraunen des Herrn Amtmanns etwas merklich zusammen. Ey, mein Kind, man muss nicht auf Kosten der Wahrheit hoflich seyn; du solltest unsern Gasten wohl eine schone Idee von unsrer Einrichtung beybringen! Diess ist freylich nur ein Landhaus, aber es ubertrifft denn doch wohl manche Stadthauser. Sie sollen selbst davon urtheilen. Freylich, als ich hier einzog, sah es ganz anders aus; ich habe alles, was sie Gutes drinn sehen werden, mussen machen lassen. Aber nun ist es auch ein Haus geworden. Jeder, der es sonst gesehen hat, kann seine Verwundrung nicht genug bezeigen. Der Geheime Rath B. klopfte mir noch neulich auf die Schultern: ja, sagte er, unser Amtmann C l e b e r g , das ist doch noch ein Mann von Geschmack, der Papa, unterbrach ihn Minchen, das jungste Madchen, Sie vergessen ja, dass Sie die Fremden herumfuhren wollten.

Nun schleppte er uns, meiner Mudigkeit ungeachtet, durchs ganze Haus, und wir mussten uns an seinen Verbesserungen (so nannte ers, jeder andre hatte es Verschlimmerungen geheissen,) fast ausser Athem bewundern. Ich will Ihnen nur eine dieser Veranderungen anfuhren. Es war ein grosser Saal im Hause gewesen, den man immer, auch seiner schonen Aussicht wegen, als das vorzuglichste Zimmer betrachtet hatte. Der Herr Amtmann aber glaubte, es sey viel schicklicher, wenn eine Gesellschaft sich in mehrere Parthien vertheilen konne, und hielt es fur sehr abgeschmackt, in Einem Zimmer zu seyn. Er liess also vier Wande durchziehen, und machte aus dem schonen Saal funf kleine Zimmerchen. Ein Fenster, das die schone Aussicht hatte, wurde dadurch verbaut. Aber nun zeigte sich ein schlimmer Umstand. Man hatte nun keinen Platz, wo eine zahlreiche Gesellschaft speisen konnte, auch keinen Raum zu den Ballen, die oft zu M a y f e l d gehalten wurden. Was sollte der Herr Amtmann nun anfangen? Den Saal wieder in den vorigen Zustand setzen? Das hiesse ja bekennen, dass man geirrt hatte, und das gesteht er nie ein, es koste auch was es wolle. Er liess also ein ganz neues Nebengebaude errichten, in welchem zwey schone Sale gebauet wurden. Dieses Nebenhaus kostete ihm mehr als dreytausend Thaler, denn er bezahlt alles noch einmal so theuer, als andre Leute, ob er gleich glaubt, alles wohlfeiler zu haben. Dem ohngeachtet aber ist er weit davon entfernt, diess Geld zu bereuen, sondern halt es noch immer fur sehr nutzlich angewandt.

Als wir mit dem Hause fertig waren, wurden wir in den Garten gefuhrt. Dieser war sonst zum Kuchengarten bestimmt gewesen. Er aber fand es angenehmer, ihn auf englische Art zu haben. Es wurden also viele auswartige Gewachse herbey geschafft, und ein Bosquet, Grotten und Einsiedeleyen darinn angelegt. Um aber auch Abwechselung zu haben, liess er einen andern Obstgarten auch umarbeiten. Wo sonst eine kuhle dunkle Laube stand, prangte jetzt ein schones Gewachshaus, und statt der Baume, die sonst so voll Aepfel hiengen, dass die selige Frau Amtmanninn sie nie ohne Freude betrachtete, ragten griechische Busten und Saulen hervor. Um den Theil des Gartens, der aufs Feld gieng, war ein Graben gezogen, wozu das Wasser sehr weit durch Kanale hergeleitet wurde. Man konnte zwar mit einem Sprung bequem heruber kommen, um aber ganz vor Dieben gesichert zu seyn, hatte er eine kostbare Zugbrucke verfertigen lassen, die des Nachts aufgezogen wurde. Auch auf dem Felde waren viel geschmackvolle Veranderungen angebracht. Es ist wahr, sprach er, ich kaufe jetzo viele Fruchte, die mein Vorfahr verkaufte, aber solche Sachen sind auch jetzt so spottwohlfeil, dass es sich wahrhaftig der Muhe nicht verlohnt, sie selbst zu bauen, und das Vergnugen, das meine jetzige Einrichtung mir und meinen Freunden macht, ersetzt mir den kleinen Verlust reichlich, den ich etwa dabey habe.

Nun giengs zur Tafel, die zwar reichlich besetzt, aber gar nicht schmackhaft bereitet war. Zudem war das Tischgerathe nebst Tellern und Schusseln zwar kostbar, aber gar nicht reinlich; auch die Wahl und der Aufsatz der Speisen war abgeschmackt. Die Frau Amtmanninn verlangte ein Glas Wasser; ein Bedienter eilte es ihr zu reichen. Sie bog sich auf einmal so stark zuruck, dass sie dem Menschen das Glas aus der Hand stiess. Nun hatten Sie das Spektakel horen sollen, das sie machte. Der arme Kerl hiess nun ein Tolpel und Flegel uber den andern. Schert euch nur gleich vom Tisch, ihr dummer Klotz, ihr seyd doch zu nichts zu gebrauchen. Dass Johann statt eurer heraufkommt. Nun, ihr Schops, was steht ihr noch? Packt euch, oder ich werde euch das Glas an den Kopf werfen.

M i n c h e n . "Ach liebe Mama, der arme Friedrich konnte ja nichts dafur, dass das Glas hinfiel, Sie waren selbst Schuld daran."

A m t m a n n i n n . "Schweig, dummes Madchen, ich werde dich lehren deiner Mutter widersprechen. Augenblicklich geh vom Tisch, und leiste dem niedertrachtigen Kerl Gesellschaft."

Und nun musste das arme Kind mit einer tuchtigen Ohrfeige zur Thur hinaus wandern. Das ist recht, sprach L o t t e , die alteste Tochter, das kleine Mensch ist auch immer so naseweiss, und will alles besser wissen. K a r l s h e i m , ein liebenswurdiger Jungling, der auch zum Besuch da war, wagte es mit der einnehmendsten feinsten Art von der Welt, der barbarischen Mutter einige Vorstellungen zu M i n c h e n s Besten zu thun; aber sie wiedersprach ihm mit einer solchen Art, die ihn auf immer abhielt ihr noch einmal zu widersprechen, wenn sie auch die ungereimtesten Dinge behauptete.

Nach Tische lenkte sie das Gesprach aufs Lesen. Weil diese Unterredung wirklich merkwurdig ist, so will ich sie Ihnen ganz hersetzen.

F r . A m t m . "Was ist denn jetzt die Hauptlekture in der Stadt, Herr Karlsheim?"

K a r l s h e i m . "Das kann ich wirklich nicht sagen, Frau Amtmanninn, denn ich bin als ein Neuling noch in der Stadt bekannt. Ich lese jetzo zum zweytenmale den M e s s i a s ."

F r . A m t m . "Ey, ist denn das ein hubscher Roman?"

K a r l s h . (lachelnd) "In der That ein sehr erhabener Roman, von dem erhabensten Gegenstande geschrieben."

F r . A m t m . "O so schicken Sie mir es doch, liebster Herr K a r l s h e i m ; so wird wohl vermuthlich viel von Prinzen und Prinzessinnen drinn stehen, so etwas lese ich gar zu gerne."

L o t t e . "Aber so mussen Sie mir auch ein Buch mitschicken, damit die Mama nicht allein eins hat. Horen Sie, vergessen Sie es doch ja nicht."

K a r l s h . "Nein, ich werde es gewiss nicht vergessen. Wenn ich nur wusste, was ich Ihnen schicken sollte. Haben Sie den Wandsbecker Bothen gelesen?"

F r . A m t m . (laut lachend) "Den hinkenden Bothen? O ja, aber das ist schon lange."

K a r l s h . "Verzeihen Sie, den Wandsbecker Bothen meyne ich, der ist von etwas andrer Art, als der hinkende. Ist Ihnen der Name A s m u s mehr bekannt?"

L o t t e . "Ach Mama, ich besinne mich drauf, das ist der Mann, der mit seinen Kindern auf der Erde kroch, und blinde Kuh spielte. Es ist zum Todtlachen schnakisch."

F r a u l e i n B . "Ach ja, zum Lachen fur den gemeinen Mann ist er wohl, aber auch zu weiter nichts. Es geht mir, wie den Leuten, die sich an starke Bruhen und gewurzte Ragouts gewohnt haben; denen schmeckt denn kein Milchbrey mehr. Ich uberlasse den Wandsbecker Bothen gemeinen Leuten. Fur meinen Geist ist er zu simpel."

Nach diesem Ausspruch, den sie gewiss irgendwo entlehnt hatte, warf sie mit einer zufriednen Miene den Kopf zuruck, als hatte sie den Ausspruch der Weisheit gethan. K a r l s h e i m lachelte wieder und schwieg, ohngeachtet sie ihn mit einem Beyfall fordernden Blick ansah.

F r . A m t m . "Ach ja, es war nicht viel Rares daran, das erinnere ich mich auch noch wohl. Ich lobe mir dafur die Geschichte des "

L o t t e . "Ich ja, das ist auch ein herrliches Buch. Es steht so viel vom lieben Mond darinn, und von dem Blumlein "V e r g i ss m e i n n i c h t ," dass es einen recht ruhrt, und das ist so schon, wie Wilhelm sich zu den Fussen seiner Grausamen erstechen will. Es ward mir dabey im Herzen so bange, dass ich uber eine Stunde weinte. Der arme Wilhelm! Ich war so begierig auf das Ende, dass ich druber vergass in die Kuche zu gehen, und da war der Braten ganz verbrannt, und das Gemuse hatte sich an den Topf gehangt. Der Papa keifte so sehr, aber meine Mama sagte, es ware besser, dass ich ein empfindsames Herz hatte, als wenn ich nach der Kuche sahe, sollten auch noch mehr Braten daruber verderben. Papa behauptete zwar, eine gute Mahlzeit sey fur einen hungrigen Magen besser, als Empfindsamkeit, aber Mama belehrte ihn eines andery. Ach, Sie glauben gar nicht, wie weichherzig ich bin. Es geht mir so nahe, wenn ich ein Huhn schlachten sehe; ich mochte uber das arme Thier weinen."

Ein alter gebrechlicher Mann unterbrach sie, und bat demuthig um eine kleine Gabe. Ihr fauler Kerl, schrie L o t t e , konnt ihr nicht arbeiten? ihr seyd ja noch ganz rustig. Ach Mamsell, wenn Sie meine Umstande wussten, so wurden Sie nicht so hart seyn. Was? ihr habt noch ein loses Maul dazu? Gleich packt euch vom Hofe, oder ich lasse die Hunde auf euch hetzen. Der alte Mann blickte seufzend gen Himmel, und schlich gebuckt an seinem Stabe fort. Wahrend dass L o t t e und ihre Mutter sich noch uber das unverschamte Lumpenpack ereiferten, gieng Karlsheim unter einem Vorwande hinaus.

M i n c h e n , das gute Kind, war vors Thor gesprungen, um dem Mann heimlich ein Stuck Brod zu geben, und erzahlte mir nachher, es hatte eine lahme Frau mit zwey Kindern vor dem Thore gesessen; das eine Kind ware dem Alten entgegen gesprungen, und hatte gefragt, ob er viel Brod mitgebracht habe; der Mann hatte sehr betrubt geantwortet. Darauf sey K a r l s h e i m gekommen, und habe dem Alten einige grosse Stucke Geld gegeben, und ware eilig weggegangen. Der alte Mann hatte mit gefaltnen Handen ausgerufen: O Gott! so giebt es doch noch barmherzige Menschen, vergieb mir, Vater, wenn ich eben gegen dich murrte! und darauf waren sie weiter gegangen.

Wir wurden stark genothigt, den Abend da zu bleiben. Mein Onkel aber, dem es auch sehr da misfiel, lehnte es ab, und wir fuhren weg. Ich wurde, von den Danksagungen der Amtmanninn fur meinen angenehmen Besuch ganz betaubt, und von den Liebkosungen der Familie fast erstickt, in den Wagen gefuhrt. M i n c h e n weinte, als ich wegfuhr; auch mir gieng der Abschied von dem kleinen lieben Madchen nahe. K a r l s h e i m fuhr mit uns zuruck. Ich muss gestehen, ich erwartete, dass er nun viele spottische Anmerkungen uber die Familie, die wir verliessen, machen wurde. Aber, wie wurde ich beschamt, als er gar nichts davon erwahnte, sondern uns auf die angenehmste Art von andern Dingen unterhielt! Er ist ein sehr angenehmer Mensch: schlank gewachsen, blondes Haar, blaue schone Augen, die etwas Schmachtendes haben, und oft sehr viel sagen, einen allerliebsten Mund, eine griechische Nase und Stirn, eine sanfte, liebliche Sprache: kurz, er wurde fur jedes Madchen ein gefahrliches Geschopf seyn, ausser fur Ihre Sophie, deren unuberwindliches Herz Sie kennen. Beym Abschiede kusste er mir die Hand: ich glaube, es kam von einer Bewegung des Wagens, dass er sie etwas druckte; ich fuhlte aber doch, dass ich ein wenig roth wurde. Er bat sich die Erlaubniss aus, sich morgen nach meinem Wohlseyn erkundigen zu durfen. Mich soll es Wunder nehmen, ob er kommt; vielleicht vergisst er es wohl. Ich bin vom Schreiben so mude, dass ich Ihnen heute nichts auf Ihren schonen Brief antworten kann. Schlafen Sie recht wohl, liebe M a r i e . Ewig die Ihrige

Sophie.

Vierter Brief

Marie an Sophien

Hatte ich doch nicht gedacht, dass meine Prophezeihung so bald bey Ihnen eintreffen wurde! Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben von allen Mannspersonen, zusammen genommen, noch nicht so viel gutes gesagt, als Sie mir jetzt in einem Briefe von K a r l s h e i m schreihen. Eine grosse Ehre fur ihn! Doch muss ich gestehen, dass es mir scheint, nach verschiednen Zugen zu urtheilen, die Sie mir von ihm schreiben, als wenn er Ihres Beyfalls vollkommen wurdig ist. Ich beklage nur den armen Herrn S t e r n f e l d . In einem bogenlangen Briefe gedenkt S o p h i e seiner mit keinem Worte. Der arme Mann! Es ist aber doch ein sichres Zeichen, dass Ihr Geist und Herz ganz mit andern Dingen beschaftigt gewesen ist; sonst ware doch wohl wenigstens sein Name einmal genannt worden. Qualen Sie ihn nur nicht lange, und geben ihm bald seinen Abschied, denn das haben Sie ja doch wohl beschlossen. Und alsdann wunsche ich, dass der kleine Liebesgott sein bald das Herz Ihres neuen Verehrers mit dem Ihrigen zusammen bringen moge. Aber nun auch ein Wortchen im Ernst mit meiner Freundinn. Karlsheim scheint zwar ein liebenswurdiger Junge zu seyn. Erkundigen Sie sich aber doch erst etwas naher nach seinem Charakter; suchen Sie zu erforschen, ob seine Liebe wirklich standhaft und zartlich ist, oder ob sie nur ein vorubergehendes Gefuhl, eine Aufwallung seines vielleicht zur Liebe geneigten Herzens war, damit Sie nicht nachher bereuen mogen, Ihre Liebe zu voreilig ihm geschenkt zu haben.

Verzeihen Sie diese Erinnerungen, meine Liebe. Sie scheinen Ihnen vielleicht eben so uberflussig, als sie es den meisten Madchen zu seyn scheinen, wenn sie lieben. Das junge Herz, zum erstenmal von den Eindrucken der Liebe bezaubert, halt diese fur ewig. Ihr Geliebter widerlegt jeden Zweifel, der etwa bey ihr aufkeimen konnte, und schwort ihr die festesten Versichrungen immerdaurender Liebe. Vielleicht meynt er es wirklich redlich, glaubt in diesem Augenblick, dass nie etwas fahig seyn wurde, seine Zartlichkeit zu schwachen; aber ach! sein Herz, schwach und unerfahren, wird von einem andern Gegenstande hingerissen; er verlasst die Erstgeliebte, und widmet die Neigungen, von deren ewiger Dauer sie so gewiss uberzeugt zu seyn glaubte, einer Andern. Ach S o p h i e , ich werde zu stark von diesem Bilde angegriffen. O Gott, warum musste diess auch meine Geschichte seyn? Doch, weg mit diesen Gedanken! Sie sind nicht mehr fur mich. Ach! da hore ich meinen A l b r e c h t kommen, ich will mich bemuhen, mich bey ihm zu zerstreuen. Schreiben Sie mir doch bald wieder, liebe S o p h i e . In Herzensangelenheiten mussen wir doch eine Vertraute haben. Und die werde ich doch bey Ihnen seyn?

Marie.

Funfter Brief

Sophie an Marien

Liebes boses Weib, hatte ich doch nicht gedacht, dass Sie so schalkhaft seyn konnten. Welch eine ganze Reihe von Schlussen und Vermuthungen folgern Sie aus einem unschuldigen Worte, das mir entfuhr, als wenn ich nicht so gut wie andere Leute einen Mann artig finden konnte. Brauche ich deswegen gleich in ihn verliebt zu seyn? Aber warten Sie, M a r i e , ich werde mich schon an Ihnen rachen. Wasste ich nur gleich, wodurch! Nun es wird sich chon einmal eine Gelegenheit finden. Uebrigens will ich Ihnen, Ihrem Verlangen gemass, recht viel von K a r l s h e i m meynen Sie? o behute! was geht der Sie und mich an? nein, von dem braven Herrn S t e r n f e l d will ich Ihnen recht viel erzahlen. Den andern Morgen nach unsrer Zuruckkunft kam meine Tante. Sie sollen unser ganzes Gesprach horen.

D i e T a n t e . "Guten Morgen, liebes Fiekchen! wie haben Sie denn geschlafen?"

I c h . "Recht sehr gut, liebe Tante."

D i e T a n t e . "O, das ist kein Wunder, in in Ihren Umstanden. Eine Braut schlaft immer gut."

I c h . "Eine Braut? Damit werden Sie mich doch wohl nicht meynen? Ich wusste wahrhaftig nichts Aehnliches zwischen mir und einer Braut."

D i e T a n t e "O Kind, was kann das Zieren helfen? Ihr jungen Dinger thut immer als wars eine Schande, einen Brautigam zu haben. Im Grunde ist es doch nur Verstellung. Ihr hort doch gern vom Heyrathen sprechen."

I c h . "Das kann wohl seyn, Frau Tante, es kommt aber drauf an, mit wem man uns verheyrathen will. Und ich muss gestehen, dass Herr S t e r n f e l d , denn von dem werden Sie doch wohl reden "

D i e T a n t e . "Herr S t e r n f e l d ist ein recht braver Mann. Immer so geputzt und geschniegelt wie eine Puppe. Es ist eine Freude, ihn anzusehen, und wahrhaftig, er ist Ihnen recht gut, das glauben Sie nur, Kind. Er hat Sie sehr gelobt, und ist recht von Ihnen charmirt."

I c h . "Aber ich bin es nicht im mindesten von ihm, und das wurde denn doch wohl erfordert, wenn aus uns ein Paar werden sollte."

D i e T a n t e . "Nein, wahrhaftig, das geht zu weit. Sie sollten es mit Dank erkennen, dass man sich so weit herablasst, Sie gleichsam um Rath zu fragen. Mit mir wurden so viele Umstande nicht gemacht. Hore, Miekchen, sagte mein Vater seliger, der Herr Burgemeister hat um dich angehalten. Er ist ein braver Mann, der einen hubschen Pfennig Einnahme hat. Ich habe ihm das Jawort gegeben; in vierzehn Tagen soll die Hochzeit seyn. Sehr wohl, Papa, sagte ich, und machte einen Knix. Und ich habe es nachher niemals bereut. Es war so ein guter Mann, er that alles, was er mir nur an den Augen ansehen konnte; wahrend unsrer ganzen Ehe hat er mir kaum zweymal widersprochen. Und als ich ihn da nur unfreundlich ansah, standen dem guten Mann gleich die Thranen in den Augen, er bat mich aufs beweglichste um Verzeihung, und "

D e r O n k e l . "Und schluchzte wohl gar dabey, wie ein altes Weib? Du weisst, dass ich das dumme Geschwatz nicht ausstehen kann. Schlimm genug, dass dein Mann eine solche Nachtmutze war, Gott hab' ihn selig! Ich hoffe aber, F i e k c h e n wird ihrem S t e r n f e l d auch nie so begegnen, wie du ihm thatest; auch hoffe ich, dass er es nicht leiden wurde."

I c h . "Ums Himmelswillen, theuerster Onkel, was sagen Sie? S t e r n f e l d , mein Sternfeld? O Sie werden mich doch nicht zwingen wollen, diesen verhassten Menschen zu heyrathen? Sie waren ja immer so gutig gegen mich, wie ein Vater gegen sein Kind seyn kann, und nun wollen Sie so hart seyn? O ich beschwore Sie bey ihrer Zartlichkeit!"

D e r O n k e l . "Zwingen werde ich dich auch nicht, mein Tochterchen, dazu habe ich dich zu lieb; aber ich mochte dich denn doch gern bey meinen Lebzeiten verheyrathet sehen. Sage mir, mein liebes Kind, was hast du denn an S t e r n f e l d auszusetzen? Ein Bisschen geckenhaft kam er mir wohl vor, aber das habt ihr Madchen ja sonst gern, und das wird sich wohl im Ehestande geben."

I c h . "Ach nein, bester Onkel, bey Leuten, die schon so alt sind, wie er ist, und doch noch den Narren spielen, giebt sich das nicht so leicht. Es ist immer ein Zeichen, dass sie wenig Verstand haben, und dass ihnen auch andre gute Eigenschaften fehlen, wenn sie noch im vierzigsten Jahre durch die Thorheiten der jungen Herren zu gefallen suchen. Und S t e r n f e l d ist auch sonst ein schlechter Mensch. Er hat viele Schulden, die er aus keinen loblichen Grunden gemacht hat, und sucht nur eine Frau, mit deren Aussteuer er diese tilgen kann."

Diese Nachrichten hatte mir mein Aufwartemadchen mitgetheilt. Diese wurde nun vorgefordert, und bewies ihre Aussage auf eine Art, die keinen Zweifel an der Wahrheit mehr ubrig liess. Mein Onkel und meine Tante erstaunten, und der erste, der ohnediess eben keinen besondern Gefallen an Herrn Sternfeld gefunden hatte, gab mir denn Erlaubniss ihn zu verabschieden. Der Himmel wird ja dem Madchen schon einen andern Mann zuschicken, der besser fur sie ist, als dieser Schurke, sprach mein Oheim, und ich hatte dabey meine eignen Betrachtungen. Als wir in diesem Gesprach begriffen waren, kam ein Brief von Herrn S t e r n f e l d an mich, in welchen ein gar ruhrendes Gedicht eingeschlossen war, das er gewiss aus irgend einem verjahrten Roman abgeschrieben hatte. Der Brief war auf rothes Papier geschrieben, und ganz erbarmlich buchstabiert. Dass lauter Unsinn darinnen stand, vermuthen Sie wohl, ohne dass ich es Ihnen sage. Ich beantwortete denn stehendes Fusses dieses Sendschreiben, dankte ihm sehr fur die Ehre, die er mir zugedacht hatte, bedauerte aber hochlich, dass ich keinen Gebrauch davon machen konnte, und bewies ihm diess mit so triftigen Grunden, dass er hoffentlich nie wieder etwas von seinen gutigen Gesinnungen gegen mich erwahnen wird.

Ach M a r i e , ich wollte Ihnen nichts von K a r l s h e i m schreiben; aber, was soll ich es Ihnen laugnen? sein Name schwebt mir immer auf dem Papier. Ja, liebe Freundinn, ich glaube mit Ihnen, dass die Liebe sich mit desto starkerer Macht an uns racht, je langer wir ihrer spotten. Ich hielt mich fur unuberwindlich, glaubte, dass nie ein Mann mein Herz wurde ruhren konnen. Ich war so sicher, so voll Selbstvertrauen auf meine Krafte; ach! ich bin dafur bestraft. Ich will es Ihnen nur gestehen. Ich liebe den einnehmenden Jungling mit der starksten Leidenschaft. Auch scheine ich ihm nicht gleichgultig zu seyn. Zwar hat er mir noch nichts von Liebe gesagt, aber seine Blicke sind so redend, sein Betragen so einnehmend, so zartlich. Er hat so viel Achtsamkeit auf jede meiner Bewegungen, auf meine unbedeutendsten Worte; seine Augen folgen mir allenthalben, wo ich hingehe, und wenn denn unsre Blicke sich begegnen, so errothen wir beyde. Doch ich bin wohl Thorinn genug, Ihnen seinen Handkuss, seine Verbeugung, und alle dergleichen Kleinigkeiten zu beschreiben. Ich bitte Sie, M a r i e , spotten Sie nicht uber mich, ich schame mich vor mir selbst. Wie oft habe ich nicht sonst uber die Thorheiten der Verliebten gelacht, die oft so viel Aufhebens von Kleinigkeiten machen! und jetzt sind mir die unbedeutendsten Sachen so wichtig, wenn sie ihn betreffen. So viel habe ich wenigstens daraus gelernt, dass ich nie wieder uber Sachen spotten will, die ich selbst noch nicht gefuhlt habe. Leben Sie wohl, M a r i e , ich bitte Sie noch einmal, lachen Sie nicht uber mich.

Sophie.

Sechster Brief

Marie an Sophien

O meine S o p h i e , welch eine die Menschheit entehrende Scene habe ich angesehen! Ist es moglich, dass deine Geschopfe so ausarten konnen, Vater der Liebe? dass Menschen, die du schufst, um gut und barmherzig gegen einander zu seyn, wie du es gegen uns bist, barbarischer gegen ihre eignen Abkommlinge verfahren konnen, als die Raubthiere des Waldes? O diese sind doch noch gutig gegen ihre Kleinen. Sie entziehen sich selbst ihre Nahrung, um sie ihnen zu geben, und bewachen mit treuer Sorgfalt ihre Jungen, bis sie ihrer Hulfe nicht mehr bedurfen! Doch, S o p h i e , Sie konnen mich nicht verstehen, wenn ich Ihnen nicht die ganze Geschichte erzahle.

Mein Mann bat mich, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen. Wir kehrten ganz heiter zuruck, und kamen vor einem abgelegnen Hause vorbey, in welchem wir ein schwaches Wimmern horten. Ich gieng nahe ans Fenster, um die Ursache davon zu entdecken, und horte eine Mannsstimme sagen:

"Aber, Frau, ein unvernunftiges Vieh wurde mehr Mitleid mit seinen Kleinen haben; ich kann das Gewinsel nicht langer anhoren."

"Halt das Maul, du Schaafskopf, schrie eine weibliche Stimme, oder du sollst mit dem Balge zugleich krepiren."

Wir giengen hinein. Mein Mann fragte mit starker Stimme, was die Ursache des Winselns sey?

"Siehst du, Frau, sagte hier der Mann ganz furchtsam, ich sagte dir wohl, dass die Obrigkeit dazu thun wurde."

Ein paar tuchtige Ohrfeigen hiessen den Mann zu seinem Sitze zurucktaumeln, und das Weib antwortete ganz frech: "es hatte sich niemand darum zu bekummern, was in ihrem Hause vorgienge." Da mein Mann noch ernstlicher in sie drang, sprang sie auf, lief die Treppe hinauf, und schloss die Thur einer Dachkammer zu. Wir folgten ihr, und mein Mann stiess mit leichter Muhe die schwache Thur auf. Hier lag, o Anblick, vor dem sich die Menschheit emport! hier lag in einem Kasten mit Stroh ein sechsjahriges Kind beynahe nackend. In seinem blassen Gesicht herrschte schon der Tod, und der unertraglichste Gestank von seinem eignen Unflath, worinn es lag, war umher verbreitet. Was bedeutet dieser Anblick? fragte mein Mann, starr von Entsetzen, ein Madchen, das uns nachgefolgt war. Das Weib hatte sich gleich fortgemacht. Ach Gott! sagte das Madchen, die Frau hat mit diesem Kinde ein sehr schweres Wochenbette gehabt, und eine Brust dabey verloren, und da that sie, denn sie ist immer ein gottloses Mensch gewesen, den Schwur, der kleine Nickel sollte fur alle die Schmerzen bussen, die er ihr verursacht hatte. Sie hielt auch das arme Kind so hart, dass es einem recht jammerte, liess es halbe Tage hungern, und prugelte es aufs unbarmherzigste, wenn es vor Hunger schrie. Eine Pathe des Kindes nahm es endlich aus Erbarmen zu sich, aber das teuflische Weib konnte es nicht ansehen, dass es ihm so wohl gieng; sie lockte es mit List wieder ins Haus, und da die Pathe starb, hatte sie freye Macht, mit ihm zu schalten, wie sie wollte. Sie qualte nun das arme Kind auf alle ersinnliche Art, bis es endlich krank wurde; da es ihr aber doch mit der Krankheit zu lange wahrte, ob sie es gleich ganz hulflos liegen liess, so sperrte sie es hier ein, und will es verhungern lassen, denn ein altes Weib, das man fur eine Hexe halt, hat ihr prophezeiht: sie wurde nicht eher gesund werden, als bis das Kind sturbe. Es ist nun schon der dritte Tag, dass es hier liegt. Es ist immer ganz stille gewesen; denn wenn es anfieng zu weinen, prugelte es die gottlose Mutter, und drohte ihm, sie wolle es todtschlagen, wenn es noch einen Laut von sich gabe. Ich habe so viel druber geweint, und habe schon zweymal nach der Stadt laufen wollen, um Hulfe fur das Kind zu holen, aber sie hat mich immer wiedergekriegt, und mich so lange geschlagen, bis ich versprach, niemand wieder etwas zu entdecken. Ich habe aber doch Mittel gefunden, dem Kinde einigemal ein Bisschen Brod zuzustecken. Der Vater ist auch ein Bosewicht; allein es jammert ihn doch jetzt auch, er darf aber nichts sagen.

Mein Mann schickte eilig das gute Madchen hin, um die Wache und eine Sanfte zu holen, begleitete es bis an die Hausthur, und schloss ab. Ich nahm das elende Kind aus dem Kasten, aber fast ware ich vor Gestank ohnmachtig geworden. Ich uberwand aber meinen Ekel, reinigte es von dem Unflath, worinn es lag, und bedeckte es mit meinen Kleidern; es sah mich mit einem so ruhrenden Blick an, der mir ins Herz drang, sagte aber nichts. Unterdessen kam die Wache an. Das Weib hatte sich gleich Anfangs im Keller versteckt, man holte sie aber mit Gewalt heraus. Sie tobte, wuthete, fluchte aufs grasslichste, und spie dem einen Kerl ins Gesicht. Aber, alles Straubens ohngeachtet, wurde sie sammt ihrem Mann mit fortgeschleppt. Ich setzte mich in die Sanfte und nahm das Kind auf meinen Schooss, aber nun bat mich Christiane, das Madchen, welches vorhin erzahlte, mit Thranen, sie doch auch mitzunehmen. Ich thats, und will sie so lange behalten, bis ich ihr eine gute Herrschaft ausgemacht habe. Wie ich zu Hause kam, legte ich gleich das arme kleine L i e s c h e n ins Bette, und gab ihm etwas Starkendes. Unterdessen kam der Arzt. Nachdem er seinen Zustand untersucht hatte, fand er, dass. es die Auszehrung habe. Da sie aber noch im Anfang sey, und es eine starke Natur zu haben schiene, so hoffe er es mit Gottes Hulfe noch zu retten. Wird es wieder besser, so werde ich die sonderbare Art, durch die ich es fand, fur einen Wink des Himmels ansehen, und auf alle mogliche Art fur seine gute Erziehung sorgen. Dieser Auftritt hat mich so erschuttert, dass ich heute nicht im Stande bin, Ihren Brief, meine Theure, zu beantworten. Ich muss auch wieder zu dem armen L i e s c h e n gehen. Ewig bleibe ich die Ihrige

Marie.

Siebenter Brief

Sophie an Marien

Ihr Brief hat mich sehr geruhrt, theuerste Freundinn. Denn ob ich gleich oft ein unbesonnenes, lebhaftes Ding bin, so ist doch mein Herz auch fahig, von den Gefuhlen des Mitleids bey dem Leiden andrer Menschen sehr lebhaft durchdrungen zu werden. Der Segen des Himmels muss bey Ihnen wohnen, meine M a r i e , dass Sie zu einem so schonen Werkzeug der Rettung eines unschuldigen Kindes ausersehen wurden.

O! meine Freundinn, mein Herz wird von einem schweren Kummer niedergedruckt. Schon sechs Tage sind vergangen, ohne dass ich Karlsheim sah! Er scheint unser Haus, er scheint meine Gesellschaft zu meiden, und sonst suchte er so eifrig alle Gelegenheit auf, mich zu sehen. Und o, wie schien er so ganz von den zartlichsten Gefuhlen durchdrungen, wenn er bey mir war! Wie entzuckte ihn mein Blick! wie zitterte seine Hand, wenn sie die meinige beruhrte! und jetzt vermeidet er mich. O Gott! und doch fuhle ichs, dass ich ihn noch unaussprechlich liebe, dass ich nur in ihm lebe. O, ich glaubte zu fuhlen, dass die Freuden des Lebens, von denen ich bisher nur die Oberflache beruhrte, in seiner Liebe mir aufbluheten. Unseliger Irrthum! Was mag ihn wohl zu dieser sonderbaren Auffuhrung bewegen? Ich beleidigte ihn ja nie mit einem Gedanken; aber was sollen diese Klagen? Ich will mich bemuhen, den Undankbaren zu vergessen. Leben Sie wohl, M a r i e , und bedauern Sie mich.

Sophie.

Achter Brief

Marie an Sophien

Ich nehme den lebhaftesten Antheil an allem, was Ihnen begegnet, und der Kummer meiner S o p h i e geht mich so nahe an, als mein eigner. Aber verzeihen Sie mir, liebe Freundinn, noch scheinen Sie mir keine gegrundete Ursache zum Klagen zu haben. Vielleicht ist K a r l s h e i m verreist, und sehnt sich aufs starkste nach Ihnen zuruck; vielleicht auch verhindert ihn eine Unpasslichkeit, Sie zu besuchen, oder doch andere wichtige Ursachen. Nach dem, was Sie mir von ihm geschrieben haben, scheint er mir nicht der Mann zu seyn, der Liebe gegen ein Madchen erkunstelt, um ihrer zu spotten. Ich halte ihn zwar fur etwas weich vielleicht zu weich fur fahig schnell Eindrucke zu empfangen; aber Ihre Bekanntschaft mit ihm ist doch noch zu neu, als dass sein Herz schon Ihrer satt seyn konnte, wenn er wirkliche Liebe gefuhlt hat, und diess sein Betragen gegen Sie schien doch von Liebe zu zeugen. Doch vielleicht liegt schon der wiederkehrende K a r l s h e i m zu Ihren Fussen, hat schon Vergebung seines langen Aussenbleibens von Ihnen empfangen, wahrend dass ich sitze und lauter Vermuthungen uber eine Sache Ihnen schreibe, die er selbst bereits Ihnen erlautert hat.

Mein kleines L i e s c h e n bessert sich mit jedem Tage. Heute war sie zum erstenmal aufgestanden, und kam auf ihren schwachen Fusschen in mein Zimmer. Ich hatte ihr ein neues Kamisol und Rockchen von Catun machen lassen, nebst Wasche und allem, was sonst dazu gehort. Sie sah recht artig darinn aus, und blickte einigemal mit einem ziemlich wohlgefalligen Blick in den Spiegel. Ich nahm daher Gelegenheit, mit ihr zu reden, und ihr Gefuhl ihres verbesserten Zustandes zur Dankbarkeit gegen Gott zu leiten. Bey dieser Unterredung sah ich zu meiner grossten Freude, dass sie ein Herz besitzt, jedes Eindrucks zum Guten fahig, und dass sie auch einen guten Verstand hat. Ich werde sie selbst im Lesen und in den fasslichsten Lehren des Christenthums unterrichten, auch werde ich sie weibliche Arbeiten lehren.

C h r i s t i a n e n habe ich bey der guten Inspektorinn F. als Kindermagd untergebracht. Lieschens gottlose Mutter ist auf Zeitlebens ins Zuchthaus gebracht, weil sich Zeugen fanden, die sie selbst den unmenschlichen Vorsatz haben aussern horen, das Kind umzubringen, wenns nicht bald sterben wollte. Der Mann, weil er diess wusste und nicht ernstlich verhinderte, ist auf zwey Jahre zum Karrenschieben verurtheilt.

Ich kann Gott nicht genug danken, dass er uns zu Werkzeugen wahlte, diesen scheuslichen Plan zu zerstoren. Es giebt doch keine reinere Freude hienieden als die, e i n e g u t e n u t z l i c h e H a n d l u n g v e r r i c h t e t z u h a b e n . Diess ist das seligste aller Gefuhle. Es zeugt von der Weisheit des Schopfers, dass er auch hier schon einer jeden guten Handlung, durch die herrliche innre Zufriedenheit, die sie mit sich selbst fuhrt, ihre Belohnung gab.

Ich muss hier abbrechen, liebste S o p h i e . Ich hoffe nachstens einen Brief voll frohlicher Nachrichten von Ihnen zu erhalten. Glauben Sie sicher, meine Beste, dass niemand auf der Welt so lebhaft alles das mitfuhlt, was Sie betrifft, und innigere Freundschaft gegen Sie hegt, als

Ihre ganz eigne

Marie.

Neunter Brief

Sophie an Marien

O M a r i e , wie unglucklich bin ich! von welchen Quaalen, sonst nie gefuhlt, wird mein Herz zerrissen! Er ist fur mich verloren, der falsche, niedrige Verrather! O, dass ich je seine verfuhrerischen Reden anhorte, seine Blicke mit Wohlgefallen gierig verschlang! Doch ich will mich fassen, ich will Ihnen die ganze schandliche Verratherey schreiben; horen Sie nur an!

Diesen Morgen besuchten mich die beyden Demoiselles E b a r d . Nach einigen Gesprachen von nichtswurdigen Kleinigkeiten kam man auf K a r l s h e i m . Ich zitterte beynahe, als sein Name genannt wurde, und musste alle mogliche Muhe anwenden, das heftige Schlagen meines Herzens, und den Wechsel meiner Farbe zu verbergen.

L o t t e E b a r d . "Nein, M i n c h e n , das muss man ihm lassen, er ist ein hubscher Junge, und weiss sich recht gut zu betragen."

M i n c h e n E . "Das mag alles seyn, es ist und bleibt immer ein dummer Streich von ihm, dass er sich sogleich verplempert hat."

I c h . (In grosster Verlegenheit) "Verplempert? Und L o t t e E . "Mein Himmel! Wissen Sie denn M i n c h e n B . "Ach! schweig mir doch von dem i s e sachte:

'Pfui, Kind, zieren Sie sich doch nicht so; solche

Dinge schaden uns in der Achtung der Mannspersonen, und machen unserm Verstande keine Ehre. War das nicht die argste Grobheit? Und was noch das Aergste ist, oft spricht sie in Gesellschaft wie das Buch der Weisheit selbst, ohne dass jemand sie dazu auffodert.'"

L o t t e . "Da sagst du nun auch nicht die Wahr

heit, M i n c h e n . Das muss man L o u i s e n lassen, sie spricht wenig, und nicht leicht anders als wenn "

Hier unterbrach M i n c h e n , durch ihrer Schwe

ster Widerspruch hochst aufgebracht, sie voller Hitze. Doch, M a r i e , was sollte ich Sie und mich durch solche Sachen noch langer ermuden? Sie haben aus diesem Gesprach L o u i s e n gewiss schon kennen gelernt. K a r l s h e i m s Geliebte! K a r l s h e i m s Braut! O Gott, wie qualt mich der Gedanke! Der Falsche, wie zartlich that er nicht! Seine Blicke waren so voller Ausdruck, der Ton seiner Sprache so sanft, wenn er mit mir redete O wenn ich noch dran denke, wie ich zuerst ihn sah, wie er so vor mir stand aber warum denke ich noch an den Ungetreuen? Ich will ihn hassen, verabscheuen, und mit ihm sein ganzes Geschlecht. O! hatte ich das geglaubt, dass meine erste Liebe so unglucklich seyn wurde, ich hatte sie geflohen, wie den Tod. O M a r i e , konnte ich mich doch des Gedankens an ihn entschlagen! Schlafen Sie wohl, Theure. Diese Nacht wird, so wie die vergangnen, schlaflos seyn fur Ihre

Sophie.

Zehnter Brief

Marie an Sophien

Theure Freundinn, wie bedaure ich Sie! O Gott, ich weiss, wie sehr getauschte Liebe schmerzt, wie hart es ist, zartlich und treu geliebt zu haben, und dann den andern untreu zu finden. Ach S o p h i e , ich darf nicht daran denken, ich wurde sonst die Wunde aufreissen, die ich mit unsaglicher Muhe zugeheilt habe!

Ich bin weit davon entfernt, den Schmerz des Leidenden noch durch Vorwurfe zu erhohen. Aber meine Aufrichtigkeit dringt mich doch, Ihnen meine Gedanken zu sagen. Dass Sie Karleheim liebten, ohne ihn genau zu kennen, das war zwar ein Fehler, den aber gewiss nur der tadeln kann, bey dem Alter und Umstande die Gefuhle stumpf gemacht haben. Aber das tadle ich, dass Sie sich gleich von dieser Liebe hinreissen liessen, ohne ihr Widerstand zu thun, dass Sie sie nahrten, ohne K a r l s h e i m s Gesinnung erforscht zu haben, und dass Sie, wie ich furchte, diese Liebe nicht genug vor seinen Augen verbargen. Inzwischen gebe ich Ihnen den Rath, zu fliehen; das ist das beste Mittel. Kommen Sie zu mir, geliebte S o p h i e ; mit Freuden werde ich Sie in meine Arme schliessen, und versuchen, ob die zartlichsten Bemuhungen der Freundschaft Ihr Herz von der Liebe heilen konnen.

Ihr Vorsatz, das ganze mannliche Geschlecht zu hassen und zu fliehen, ist auch ubertrieben. Was konnen die armen ubrigen Manner dafur, dass einer von ihnen den Wunschen meiner Freundinn nicht entspricht? Doch das schrieben Sie auch nur in einer Stunde des Unmuths. Aber dazu wird Ihnen diese Begebenheit dienen, Sie vorsichtiger uber Ihr Herz wachen zu lassen. Ach! dass wir immer erst durch traurige Erfahrungen so klug werden! und doch werden wir es selten eher, bis Kummer und tiefes Leiden unsre Empfindungen so abgenutzt haben, dass wir keines lebhaften Eindrucks mehr fahig sind.

Es gehort wohl unter die schwersten Fragen, ob ein weiches Herz unser Gluck oder Ungluck macht. Wie zufrieden lebt nicht in manchem Betracht der Mann, dessen Leidenschaften alle durch kalte Ueberlegung beherrscht werden. Mit steter Vorsichtigkeit wagt er Schaden und Vortheil gegen einander ab, und wahlt das Zutraglichste. Aber ob gleich seine Seele niemals durch starke Lasten des Kummers niedergedruckt wird, so ist er doch auch nicht fahig, die entzuckende Freude zweyer Seelen zu empfinden, die zum erstenmal ubereinstimmend fuhlen, dass Gott sie fur einander schuf. Welch ein himmlisches Gefuhl, wenn nun der furchtsame Jungling den ersten Kuss der Liebe auf die Wange des sanft errothenden Madchens druckt, wenn dann ihre Lippen sich begegnen, ihre Seelen in Eins sich zu verwandeln scheinen, und Himmel und Erde vor ihren Augen verschwindet!

Aber auch welche Quaal, wenn nun die, die kaum sich gefunden, sich wieder trennen sollen, wenn unuberwindliche Hindernisse sich ihrer Vereinigung in den Weg legen! Der liebenswurdige Jungling, dem nun erst des Lebens Freuden aufzubluhen schienen, sinkt in schwarze Melancholie. Die ruhrende Grazie des Madchens, ihre Reize, durch das Gefuhl der Liebe belebt, sterben plotzlich ab. Wie der Wurm im Innern der Rose, so nagt der Schmerz am zarten Faden ihres Lebens.

Alles das fuhlt das Kaltere nicht. Er wahlt ein Madchen, weil seine Umstande es fordern, und weil dem Menschen vom Anfang an eine Gehulfinn als nothwendig angewiesen ist. Seine Absichten werden vereitelt; gut, er wahlt sich eine andre, wird Gatte, Vater, Wittwer, ohne aus seiner Fassung zu kommen.

Ich gebe zu, dass ein solcher Kaltblutiger dem gemeinen Wesen vielleicht nutzlichere Dienste leisten wird, als jener, aber gewiss nur so lange, als sie aufs strengste mit seinem Nutzen ubereinstimmen. Denn Selbstliebe ist bey ihm die Haupttriebseder aller seiner Handlungen. Er wird seinen Nebenmenschen dienen, so lange es seine Bequemlichkeit verstattet. Aber wird er auch etwas aufopfern, um des andern willen? O da war' ich ein Narr, spricht er.

Ich kenne einen Mann, der nun schon dreyssig Jahre im Ehestande gelebt hat, ohne sich jemals zu argern. Das Gluck hat ihn auf eine ansehnliche Stufe gesetzt, er hat keine Familie, verbraucht kaum den vierten Theil seiner Einkunfte. Nun, da wird er von seinem Ueberfluss den Armen wohlthun, er wird durch einen Aufwand, der seinen Umstanden angemessen ist, den Handwerker, den Burger in Nahrung setzen Nein, dazu ist er zu klug.

"Wer weiss, spricht er, ob ich nicht manchen Armen durch Wohlthaten im Mussiggang unterstutze? Mich nach seinen Umstanden zu erkundigen, erlauben meine Geschafte nicht. Einen grossen Aufwand zu machen, um meinem Mitburger Nahrung zu verschaffen, ist auch meine Sache nicht, das wurde mir nur Unruhe machen. Ich entziehe mir nichts von dem, was ich brauche, ich lebe vergnugt und bequem; warum sollte ich meine Ruhe durch eine grossere Anzahl von Bedienten storen? Die wenigen, die man halten muss, machen schon Sorge genug."

So sammelt er ein grosses Vermogen zusammen, das nach seinem Tode bald genug zerstreut werden wird. Er konnte von seinem Gelde Schatze fur die Ewigkeit sich sammeln, aber im Koffer, denkt er, ist es doch sichrer verwahrt.

Nun wahrhaftig, ich habe grosse Anlage zur Philosophie. Schade, dass mir die Grundlichkeit fehlt. Ich muss gestehen, dass solche Betrachtungen noch immer einen gewissen Reiz fur mich haben; und dazu liegt wohl der Grund in meiner ersten Erziehung. Mein Vater liess mich Sprachen und andre dergleichen Kenntnisse lernen. Das hatte nun aber die schadliche Wirkung auf mich, dass ich im zwolften Jahre ein unertragliches Geschopf war. Voll Stolz und Einbildung auf mein Bisschen Wissen, sah ich verachtlich auf andre Madchen herab, die nur von ihrem Nahzeug reden konnten. Mein sonst so vernunftiger Vater hatte die Schwachheit gegen mich, meinen Einfallen und Urtheilen oft lauten Beyfall zu geben, und diess brachte mir eine grosse Meynung von meinem Verstande bey. Meine vortreffliche Mutter heilte mich zwar von diesem thorichten Stolze ganzlich, aber es blieb mir doch bis zu meiner Verheyrathung noch immer eine gewisse Abneigung vor hauslichen Geschaften. Ich hielt es fur sehr unwurdig, den ganzen Morgen auf die Zubereitung einer Mahlzeit zu wenden, die der wollustige Gaumen in so kurzer Zeit verschlingt. Auch das Mechanische der meisten weiblichen Arbeiten war mir verhasst. Aber, Gott Lob, jetzo denke ich anders. Ich sehe aufs uberzeugendste ein, dass diese Geschafte unsre Bestimmung sind, und dass es unser hochstes Verdienst ist, eine gute H a u s f r a u , eine gute M u t t e r zu seyn. Wer mehr als gewohnliche Fahigkeit von der Natur bekommen hat, findet auch in der Erfullung dieser Pflichten Gelegenheit genug, sie anzuwenden. Gute Erziehung der Kinder, kluges Betragen gegen das Gesinde, Ordnung und Sparsamkeit in der Wirthschaft sehen Sie, das sind weit genug ausgebreitete Felder, um den besten Verstand zu beschaftigen, und die Frau, die diesem allem gut vorzustehen weiss, verdient unsre ganze Hochachtung. Ich bemuhe mich taglich mehr, um Einsicht von diesen Kenntnissen zu erlangen, und ich muss gestehen, dass mir die schonste Stelle eines Buchs kaum so viel Vergnugen gemacht hat, als ich jetzo empfinde, wenn ich ein schmackhaftes Gericht, von meinen Handen bereitet, meinem Mann auftrage, und er mir dann mit Vergnugen fur meine Sorgfalt dankt. A l b r e c h t ist zwar nicht dazu geschaffen, alle die kleinen zartlichen Bemuhungen und Gefalligkeiten zu fuhlen, deren Erfullung bey dem Gatten, der mich, so wie ich ihn aufs innigste liebte, mein grosstes Gluck machen wurde. Aber demohngeachtet halte ich es fur meine Pflicht, alles Mogliche zu thun, um ihn zufrieden und glucklich zu sehen, und mir seine Liebe und Achtung zu erhalten. Und zu diesem letzten Endzweck ist es durchaus nothwendig, die hauslichen Geschafte gut zu besorgen. Strenge Ordnung, auch selbst in Kleinigkeiten, vorzuglich Reinlichkeit, und ein nie vernachlassigter Anzug, erhalten uns die Achtung des Mannes. Bleibt zuweilen Zeit zum Lesen und andern solchen Beschaftigungen des Geistes ubrig, so ist es desto besser; aber mit einer Frau, die bloss liest und schreibt, ist einem Manne eben so wenig gedient, als mit einem Putzaffen, die den ganzen Morgen vor dem Spiegel zubringt, und den Nachmittag und Abend vor dem Koffee- und Spieltisch vertandelt.

Meine Kuche ruft mich vom Schreiben ab, und wenn ich diesem Rufe nicht folgte, so wurde ich mich bey Ihnen in den Verdacht bringen, als gehorte ich unter die Moralisten, welche die schonste Moral schreiben, ohne auch nur einen Satz davon selbst auszuuben. Ich habe Ihnen auch schon einen gewaltig langen Brief geschrieben, und wurde ich nicht, wie jetzt, unterbrochen, so furchte ich, dass ich, weil ich eben im Zuge bin, noch lange in diesem Ton fortfahren wurde, und dazu ist heute die unbequemste Zeit, weil Sie gewiss nicht zum Nachdenken uber solche Gegenstande aufgelegt seyn werden. Ich wunschte inzwischen sehr, dass mein Brief Sie etwas zerstreut haben mochte. Leben Sie wohl, theuerste S o p h i e , und kommen Sie bald in die Arme

Ihrer

Marie.

Eilfter Brief

Sophie an Marien

Wollte Gott, meine Freundinn, dass Ihr Brief, oder irgend etwas anders mich zu zerstreuen vermochte; aber nichts ist fahig, sein Andenken in mir zu vertilgen. Hatte es nicht wenigstens die Hoflichkeit erfordert, einmal zu kommen? Aber nein, seine L o u i s e (meine Hand widerstrebt diess Wort zu schreiben. Ha seine Louise! Ihr K a r l s h e i m ! Verwunschte Ausdrucke!) wird wohl sein ganzes Herz so ausfullen, dass nicht einmal mehr ein Platz fur allgemeine Hoflichkeit darinn leer ist.

Auf heute Nachmittag sind wir zu Hofrath G. gebe

ten. Er wird vermuthlich da seyn, gewiss auch L o u i s e . Wie werde ich ihren Anblick ertragen konnen? Wie wird sie sich brusten, die Stolze! Ich wollte erst nicht hingehen; aber hatte das nicht geschienen, als flohe ich vor ihm? Er sollte sich wohl gar eingebildet haben, ich ware empfindlich uber seine Gleichgultigkeit. Nein, den Triumph soll er nicht haben. Ich werde hingehen, ich werde ihm mit dem Kaltsinn begegnen, den er verdient. Aber ich werde ganz den Schein vermeiden, als befremde mich seine Grobheit. Ich werde mich zur Lustigkeit zwingen; will mit den jungen Herren scherzen, ihre Einfalle belachen, nur den seinigen durch verachtliches Lacheln antworten. Ich will sogar mit ihm und seiner Braut scherzen. Kurz, ich will meine Rolle meisterhaft spielen.

Fortsetzung.

Der Tag ist voruber. O M a r i e , wie schwach sind wir doch! Gott, wie reizend sah er aus! Eine gewisse Traurigkeit, die in seinem Gesichte herrschte, hatte beynahe meinen ganzen Zorn vertilgt. Mit einem seelenvollen Blick fragte er nach meinem Befinden. Was kostete es mich nicht, ihm mit einer kalten Miene und einem gleichgultigen Ton zu antworten! Ach! und ich furchte, es gelang mir nur halb. Es war mir unmoglich, lustig zu seyn, und mit Beschamung gesteh' ichs, ich musste alle Gewalt anwenden, um Thranen zu verbergen, die hervorbrechen wollten; aber sie fielen bitter auf mein Herz. Wenn sein Blick mir begegnete, so schlug er errothend die Augen nieder, und einmal glaubte ich Thranen darinn zu sehen. Als wir nach Hause gehen wollten, bot er mir seine Begleitung an. Ich schlug sie unter einem Vorwande aus; er wurde hochroth und stutzte, entfernte sich aber gleich mit einer tiefen Verbeugung, und ich war sehwach genug, meine abschlagige Antwort zu bereuen. Doch ich Thorinn! die Ursache seines Schmerzes war ja nur, weil Louise ihm fehlte. O so sey es auch verschworen, je wieder an dich zu denken, falscher K a r l s h e i m ! Uebermorgen komme ich zu Ihnen, M a r i e .

Sophie.

Zwolfter Brief

Karlsheim an Wilhelm B.

Ich bin verloren, Freund! Dieses Herz, das immer den Meister uber mich spielt, wird auch diessmal siegen. Du solltest sie sehen, und du wurdest mich entschuldigen. Ein Engel kann nicht reizender seyn. Grazie in jeder ihrer Bewegungen, die liebenswurdigste Lebhaftigkeit des Geistes, mit dem gefuhlvollsten Herzen, machen sie zur Liebenswurdigsten ihres Geschlechts. Nenne mich nicht schwach, W i l h e l m , ich habe gekampft, gerungen; habe zehn Tage (die quaalvollsten meines Lebens!) sie nicht gesehen. Oft riss meine Empfindung mich zu ihr hin. Ich sah schon von ferne das Haus, die Wohnung meines angebeteten Engels, und doch siegte ich uber mich, und kehrte um. Nun war mein Zimmer mir ein Ort der Quaal; ich selbst mir eine Last. Mochtet ihr niemals wiederkehren, schreckliche Stunden! Ach! W i l h e l m , heute sah ich sie. Ich war zu Hofrath G. gebeten. Sie trat ins Zimmer. Eine lebhafte Rothe uberzog ihre Wangen, als sie mich sah. Mein Herz schlug unbandig, ich musste zu ihr hin. Aber, Gott, sie empfieng mich so kalt; ich glaubte Unwillen in ihren schonen Augen zu sehen, und so kalt und traurig blieb sie den ganzen Tag. Der lebhafteste Schmerz herrschte in ihrem Gesichte; tiefe, halb unterdruckte Seufzer schwellten ihre Brust empor. Einmal sah ich eine Thrane in ihren Augen, die sie schnell verbarg. O, theure, kostbare Thrane! wem warst du geweiht? Warest du mir und der Liebe geflossen, willig wollte ich mein Leben hingeben. Hatte ich mich doch zu ihren Fussen hinwerfen konnen, um nach der Ursache ihres Kummers zu fragen! Hatte sie dann mich nur eines solchen Blicks gewurdigt, wie der war, den sie beym Aussteigen aus dem Wagen mir gab, als wir von M a y b e r g zuruckkehrten! Glucklichster Tag meines Lebens, noch entzuckt mich dein Andenken! Aber nein, ihre Blicke waren nur selten auf mich gerichtet, und dann oft kummervoll, oft auch unwillig. Beym Nachhausegehen schlug sie meine Begleitung ab. O Wilhelm, wie krankte mich das im Innern! Kaum konnte ich von meinem Wirth Abschied nehmen. Sophie, theures geliebtes Madchen, womit beleidigte ich dich, oder was ist dein Kummer? Ha, was fallt mir ein? Sollte ein Nebenbuhler Entsetzlicher Gedanke! dass du in der tiefsten Holle warst! Sophie, das Eigenthum eines andern? Ich muss hin zu ihr, ich muss mein Schicksal erfahren. O ware doch der Morgen erst da!

Den andern Morgen.

Ich wollte schlafen, aber der Schlaf floh mich. S o p h i e stand immer vor meiner Einbildungskraft. Und dann dachte ich wieder an deinen Brief, an J u l i e n . Aber was soll mir J u l i e ? Sinds nicht zwey J a h r e , dass ich nichts von ihr horte? liess sie nicht zwey Briefe unbeantwortet? reiste ich nicht selbst nach D.? Erfuhr ich wohl etwas von ihr? Hatte sie mir nicht einmal schreiben mussen, wenn sie mich noch liebte? Gewiss ist sie langst das Eigenthum eines andern, und ich Thor sollte um sie mein Gluck, S o p h i e n , verscherzen? Nein, das ware wahnsinnig gehandelt. Ich habe mehr gethan, als sie hatte fordern konnen; ich habe genug gekampft; ist es meine Schuld, dass eine innre Macht mich unwiderstehlich nach S o p h i e n zieht? Soll eine jugendliche Neigung mich auf ewig zum Martyrer machen? Mich von dem herrlichsten Geschopf zeitlebens trennen? Nein, W i l h e l m , das ist zu viel gefordert. Es ist wahr, ich liebte J u l i e n , aber sie ist selbst Schuld an unsrer Trennung. Liebte sie mich noch, und hatte sie mir nur einmal geschrieben, gewiss, Freund, dann wurde ich ihr treu bleiben, wenn auch dieses Herz noch so sehr widerstrebte. Aber gewiss bin ich ihr gleichgultig. Ich muss hin zu S o p h i e n , mein ganzes Herz ihr entdekken, und Tod oder Leben von ihren Lippen empfangen.

Fortsetzung.

O W i l h e l m , kann ich die Fulle der Wonne tragen? erliege ich nicht bey dem schnellen Wechsel? Vom tiefsten Kummer so schnell auf der hochsten Stufe des Glucks zu stehen! Sie ist mein. S o p h i e mein sie liebt mich. Es ist kein Traum, es ist Wahrheit, diese Lippen beruhrten sie, dieser Arm umschlang sie. Ich fuhlte das edelste Herz fest am meinigen schlagen; nun hat beyde ein ewiges Bundniss vereinigt, und keine Macht der Erde soll sie aus meinen Armen reissen. O Gott, wenn ich mir den Engel denke, wie sie bebend an meine Brust sank, wie die reinsten Thranen der Liebe in ihren Augen glanzten, wie ich, trunken von Wonne, sie umarmt hielt. Du Theure, Innigstgeliebte! jeder meiner Blutstropfen wallt nur dir; jede Ader hupft vor Entzucken. Ich fuhle mich uber mich selbst, uber Welt und alles erhaben, in eine hohere Sphare hinaufgeruckt. O Geliebte, mein ganzes kunftiges Leben sey nur ein Bestreben, dich glucklich, mich deiner werth zu machen! Und nun bitte ich dich, W i l h e l m , komm mir nicht mit kalter Moral, mit keinen Sentenzen, und verbittre mein Gluck mir nicht.

Karlsheim.

Dreyzehnter Brief

Sophie an Marien

Ich glaube wirklich, ich bin schwindlich von allem, was sich mit mir zugetragen hat. Ich muss nur einmal an meinen Kopf greifen, um zu sehen, ob er noch auf seiner rechten Stelle steht.

Ja, er steht zwar noch, aber es sieht so konfus darinn aus, dass es mir schwer werden wird, Ihnen eine umstandliche Erzahlung von allem zu geben; doch ich will mich dazu zwingen, so schwer es mir auch werden wird.

Voller Unruhe brachte ich die vorige Nacht hin. Sonst schloss der Schlaf meine Augen, sobald ich mich niederlegte; aber diese Nacht war schlaflos. Abgemattet vom Weinen, stand ich auf. Kaum war ich angekleidet, war nach dem Morgengruss von meinem Onkel wieder auf mein Zimmer geeilt, als K a r l s h e i m herein trat. Ich erschrack, und verfarbte mich. Er bemerkte es:

"Verzeihen Sie, Mademoiselle, sagte er mit sehr ehrerbietiger Miene, dass ich es wage, Sie vielleicht zur Unzeit zu belastigen. Ich sah gestern Kummer in ihren Augen; und ob ich gleich kein Recht habe mich nach der Ursache zu erkundigen, so interessirt mich doch alles, was sie angeht, viel zu sehr, als dass ich unbekummert dabey bleiben konnte. Auch glaubte ich, Zeichen des Unwillens gegen mich bey Ihnen zu sehen. Erlauben Sie mir, theuerste Mademoiselle, Sie zu fragen, wodurch ich das Ungluck gehabt habe, Sie zu beleidigen?"

Ich musste die ausserste Muhe anwenden, mich zu fassen, und mit gleichgultigem Ton zu sagen:

"Sie haben sich in Ihren Vermuthungen gewiss geirrt, Herr K a r l s h e i m . Ich wusste gar nicht, wodurch Sie mich konnten beleidigt haben, und ubrigens dachte ich, der Kummer jedes andern Frauenzimmers musste dem Geliebten von L o u i s e D a l b e r g gleichgultig seyn."

"L o u i s e D a l b e r g , die ich kaum ein paar male gesprochen habe? Glauben Sie, Mademoiselle, es thut weh, sich so verspottet zu sehen."

"Ich sehe nicht ein, warum Sie eine Verbindung laugnen wollen, von der man allenthalben ganz laut spricht. Man hat sogar den Verlobungstag mir gesagt. Und L o u i s e ist wirklich ein Madchen, das gewiss das vortreffliche Eigenschaften besitzt. "

"Und wenn sie deren noch mehr besasse, mir ist sie sehr gleichgultig, und ich musse gleich hier vor ihren Augen vernichtet werden, wenn je ein Gedanke an sie in meine Seele kam. Aber ach! es giebt ein Frauenzimmer, die mit unumschrankter Macht in meinem Herzen herrscht, die ich aufs innigste verehre, die ich auch dann noch lieben werde, wenn schon meine brechenden Augen sich schliessen. Wenn meine Zunge schon stammelt, werde ich noch ihren theuren Namen nennen, den die Liebe mit der starksten Macht in mein Herz grub. O wenn ich es wagen durfte, sie Ihnen zu nennen! Theuerste, lasst mich dieses Errothen hoffen, dass ich Ihnen nicht ganz verhasst bin? O reden Sie ein Wort."

"K a r l s h e i m sagte ich mit einer Bewegung, uber die ich nicht mehr Herr war Sie mir verhasst? Es gelang mir, mich wieder zu fassen Ihr bisheriges Betragen zeigte wohl, dass Sie unser Haus mieden, und liess eben nicht vermuthen "

"Endigen Sie Ihre Rede nicht; ich weiss, was Sie sagen wollen. Ja, Theuerste, ich kampfte mit meiner Leidenschaft, ich wollte die Gelegenheit fliehen, den brennenden Funken noch starker anzufachen, aber vergebens; diese Neigung sass zu tief in meiner Seele, als dass irgend etwas auf der Welt fahig ware, sie auszurotten. Ewig wird sie in meinem Herzen wohnen; auch dann noch, wenn Sie mit Ihrem Hass meine Verwagenheit strafen, auch dann noch wird der ungluckliche, von Ihnen verbannte K a r l s h e i m Sie zeitlebens verehren."

Er fasste meine Hand, ich war zu sehr geruhrt, um sie wegzuziehen. Mit dem Ton der starksten Leidenschaft sagte er:

"S o p h i e !"

"K a r l s h e i m !"

"Gott! ist es moglich, bin ich der Seligkeit werth?"

Und nun fuhlte ich zum erstenmal, da unsre Lippen sich begegneten, was der Kuss der reinen Liebe ist. O M a r i e , ich hatte nie geglaubt, dass mein leichtsinniges Herz solcher Empfindungen fahig ware. Eine Stunde war uns wie ein Augenblick entflohen, als mein Onkel herein trat. Er sah uns befremdet an.

"So? Das ist also das Hinderniss, das S t e r n f e l d e n im Wege stand?"

Ich sprang auf, seine Hand zu kussen; K a r l s h e i m that ein Gleiches. Unsre Blicke redeten mehr als unsre Worte. Geruhrt gab uns der wurdige Alte seinen Segen. Und nun, M a r i e , brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, dass ich morgen nicht zu Ihnen kommen werde.

Sophie.

Vierzehnter Brief

Ferdinand an Eduard

Vielen Dank fur deinen Brief, lieber Freund. Ich habe ihn mit Vergnugen gelesen. Die Ermahnungen, die darinn waren, hatten freylich wohl weg bleiben konnen. Auch deine Abschilderung des akademischen Lebens scheint mir etwas ubertrieben zu seyn. Ich habe zwar noch wenig Studenten hier kennen gelernt, aber die wenigen gefielen mir recht wohl, und schienen brave Kerle zu seyn. Es herrscht freylich kein pedantischer Ton unter ihnen; sie sind lustig und geniren sich um niemand, und das gefallt mir sehr. Ich habe die Schulfuchse mein Tage nicht ausstehen konnen. Einer von diesen Studenten heisst K l i n g e . Ich habe ihn recht liebgewonnen; er scheint auch in grossem Ansehen unter seinen Bekannten zu stehen, und ist Senior der Landsmannschaft. Heute sagte er zu mir: Man kann ein ehrlicher Kerl seyn, und was Rechts lernen, ohne darum immer hinter den Buchern zu liegen. Die Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in alle Kollegia laufen, und sich eine Todsunde draus machen, einmal zu schwanzen, haben gewohnlich keinen Kopf, und bringen es auch zu nichts. Wer Genie hat, kann in einer Stunde mehr lernen, als ein solcher in zwey Tagen. Das viele Studieren machts nicht aus. In unsern Jahren muss man des Lebens geniessen und lustig seyn. Im Alter hat man Zeit genug, zu murren und hinter dem Ofen zu sitzen.

Mich dunkt, dass K l i n g e hierinn ganz recht hat. Es ist nur Schade, dass sein Vater, ein alter Filz, ihn so genau halt. Dem Himmel sey Dank, dass ich Geld genug habe, um einen ehrlichen Kerl zu unterstutzen. Mein Vater ist nicht karg, und hat mir eine ansehnliche Summe ausgesetzt, die ich fur mich allein nicht verbrauchen werde. Meine drey Jahre sollen mir hier recht gut verfliessen, und ich denke sie auch nutzlich anzuwenden. Ich werde meine Kollegia fleissig besuchen, und auch zu Hause arbeiten. Die Zeit, die mir dann ubrig bleibt, sey dem Vergnugen gewidmet.

Ich wollte, du warst auch hier, E d u a r d . Ich denke noch oft an die frohe Zeit, da wir als Knaben zusammen spielten, und, unsers ungleichen Alters ohngeachtet, immer fest zusammen hielten. Auch jetzt noch wollte ich willig Blut und Leben fur dich lassen, liebster Bruder, das glaube mir. Du warst mir aber doch noch einmal so viel werth, wenn du die zartlichen Schaferideen ablegtest, und den Gedanken an deine unsichtbare Prinzessinn fahren liessest. Beym Henker, ware ich mit einem so reizenden Madchen in einem Hause, so wollte ich die Zeit besser nutzen, ohne sie mit Winseln uber eine entfernte Schone zu verderben, die in drey Jahren nichts von sich horen liess. Siehst du, dass ich auch moralisiren kann?

Dein treuer

Ferdinand.

Funfzehenter Brief

Eduard an Ferdinand

Es befremdet mich gar nicht, lieber F e r d i n a n d , dich uber meine Lage spotten zu horen. Ich glaube wohl, dass es nur wenige Menschen giebt, denen meine standhafte Neigung gegen M a r i e n nicht ubertrieben scheinen wird. Ich fuhle aber, dass ich so handeln muss, wenn ich mich vor kunftigen Vorwurfen sichern will.

Denke dir einmal, wenn ich meine M a r i e , und alle heiligen Betheurungen der Liebe, die ich ihr gab, vergasse, wenn ich einer andern das Herz schenkte, das sonst bloss Liebe zu ihr athmete, und ich fande sie dann noch treu, noch zartlich gegen mich: Gott, wie elend ware ich dann! Und ich weiss gewiss, dass sie mich noch liebt, noch eben so mit ganzer Seele an mir hangt, wie ehedem. Ihr Herz gehort nicht unter die wankelmuthigen, und wie liebten wir uns nicht!

Ja, M a r i e , theuerster Abgott meiner Seele, meine Ahndung tauscht mich nicht, ich finde dich wieder, so treu, so zartlich, wie du am Tage des Abschieds es warst. Nie werde ich es vergessen, wie sie da weinend an meinem Halse hieng, wie ich noch in weiter Entfernung ihre weisse Gestalt sah, immer noch ihre sanfte Stimme zu horen glaubte. Und da ich nun zum letztenmal das Land betrachtete, das meine liebsten Wunsche in sich schloss, da glaubte ich zu vergehen; es war mir als wurde ich von der ganzen Welt getrennt; ich sank in eine Betaubung, aus der ich erst nach einigen Stunden erwachte, und so war mirs die ganze Reise durch.

Hier zerstreuten mich zwar Geschafte, aber keine Geschafte sind fahig, das Andenken an die lebhaften Freuden in mir auszuloschen, die ich mit M a r i e n genoss. Dass ich auf funf Briefe, die ich ihr schrieb, keine Antwort erhielt, schmerzt mich freylich; aber ich bin gewiss, dass besondere Zufalle diese Briefe unrecht gefuhrt, oder dass Hindernisse, ihr unubersteiglich, ihre Antworten gehindert haben. Denn M a r i e kann gewiss nie mir untreu werden, nie mich vergessen. Dazu war unsre Liebe zu fest geknupft.

Ich wunschte aber doch bald aus dieser quaalvollen Ungewissheit zu kommen, und auch noch andre Ursachen, als meine heisse Sehnsucht nach ihr, machen meine Entfernung nothwendig. K a r o l i n e ist wirklich ein gefahrliches Geschopf. Denke dir ein Madchen von sechzehn Jahren, deren Reize eben sich entfalten, die ein vortreffliches Herz hat, einen guten Verstand, der freylich noch nicht ganz ausgebildet ist, eine Unschuld, die selbst dem verworfensten Bosewicht heilig seyn wurde, mit der liebenswurdigsten Naivitat vereinigt, die mir taglich Beweise einer reinen unschuldsvollen Zuneigung giebt, und dann urtheile selbst, ob da nicht zuweilen strenge Zuruckhaltung schwer wird. Und diese muss ich doch aufs gewissenhafteste beobachten, wenn ich nicht die Ruhe eines liebenswurdigen Madchens untergraben will.

K a r o l i n e hat ein sehr gefuhlvolles Herz. Sie

lebte in steter Entfernung von Mannspersonen mit ihrer Mutter auf dem Lande, bis nach deren Tode ihr Onkel sie zu sich nahm. Zwar habe ich, Gott sey mein Zeuge, ihr immer mit der Zuruckhaltung begegnet, die man, bey einem verschenkten Herzen, jedem jungen Frauenzimmer schuldig ist. Aber demohngeachtet ist es doch bey ihren Jahren naturlich, dass ein junger Mann, dessen Denkungsart sie mit der ihrigen ubereinstimmend fuhlte, mit dem sie stets bey Tische und auch sonst oft beysammen seyn muss, Eindruck auf sie macht. Ich werde es mir aber von nun an zur Pflicht machen, ihre Gesellschaft, so viel moglich, zu meiden. Es wird mir schwer werden, denn nach M a r i e n ist K a r o l i n e das reizendste Geschopf, das ich kenne. Aber der Gedanke an die Gebieterinn meines Herzens, an alles, was sie fur mich duldete, da ihr Vater sich unsrer Liebe widersetzte, wird mir den Sieg leicht machen.

Du hast meine Ermahnungen, wie du das zu nennen

beliebst, unrecht verstanden, lieber F e r d i n a n d . Geniesse die Freuden deiner Jugend, so viel du kannst, aber vergiss dabey nicht den Zweck, um dessen willen du nach G. reistest. Das Vergnugen muss auf der Akademie nur Nebensache seyn, und unsre Hauptabsicht muss immer nur dahin gehen, die Kenntnisse fur den Geist einzusammeln, die uns so nothwendig sind, wenn wir einst brauchbare Glieder des Staats werden wollen.

Das, was dein Freund K l i n g e davon sagt, scheint mir nicht so ganz richtig zu seyn. Man braucht, um gelehrt zu werden, freylich nicht den ganzen Tag hinter den Buchern zu liegen, aber ohne anhaltenden Fleiss und Uebung ist es nicht moglich, grundliche Kenntnisse in irgend etwas zu erlangen. Zum Studieren mussen wir alle unsre Seelenkrafte beysammen haben, und das ist nicht moglich, wenn man nur dann und wann eine Stunde arbeitet, und sich oft durch allerley Lustbarkeiten zerstreuet. Die Arbeiten des Geistes sind nicht von der Art, dass man dabey den Faden so oft abreissen und wiederum anknupfen kann, als man will. Und deswegen, ich wiederhole es noch einmal, mussen wir die Vergnugungen durchaus nicht anders als in Nebenstunden suchen. Auch noch in anderm Betracht hat dieses grossen Nutzen. Ein massiger Genuss der Freuden des Lebens hat die beste Wirkung auf Leib und Seele; aber ein ubertriebner Gebrauch macht uns vor der Zeit stumpf und unfahig im mannlichen Alter noch Theil an den Vergnugungen zu nehmen.

Noch eine Erinnerung wirst du mir verzeihen, bester F e r d i n a n d . Suche so viel als moglich zu verbergen, dass du vieles Geld zu verzehren hast. Es giebt auf Universitaten hauptsachlich der Leute so viel, die nicht Geld genug haben, um alle die Ausschweifungen mitzumachen, zu denen sie oft grossen Hang fuhlen, und die dann, in Burschenranken eingeweiht, unter allerley Vorwand sich der Wechsel anderer, besonders der Neulinge, zu bedienen suchen. Ich weiss, liebster Freund, dass dein gutes Herz oft deiner Ueberlegung vorspringt; aber bemuhe dich ja, vorsichtig in der Anwendung deiner Wohlthaten zu seyn. Es giebt der Unglucklichen genug, die gerechte Anspruche auf unsre Mildthatigkeit haben, und an diesen begehen wir einen Raub, wenn wir gegen Unwurdige freygebig sind.

Du schreibst mir ja nichts von unserm B a r t h o l d . Du setzest doch noch die Freundschaft mit ihm fort, die ihr auf der Schule hattet? Er ist ein trefflicher Jungling, mit dem du manche angenehme Stunde zubringen kannst, und dessen Erfahrung, da er schon so lange in G. ist, dir in manchen Sachen nutzlich seyn wird.

Ich hoffe, liebster F e r d i n a n d , dass du diese kleinen Erinnerungen aus keinem falschen Gesichtspunkt ansehen wirst. Sie fliessen aus einem dich liebenden Herzen, das die Beschaffenheit des akademischen Lebens aus eigner Erfahrung kennt. Lebe recht wohl, Lieber, und schreibe mir bald wieder.

Eduard.

Sechzehnter Brief

Ferdinand an Eduard

Es hat mir sehr weh gethan, aus den letzten Stellen deines Briefs zu sehen, dass du eine schlechte Meynung von K l i n g e n zu haben scheinst. Ich merke wohl, dass du auf ihn zielst, wenn du ihn gleich nicht nennst. Aber gewiss, du irrst dich sehr. Er ist der bravste, uneigennutzigste Kerl von der Welt, der mir viel Freundschaft und Gefalligkeit erzeigt.

Vergangnen Sonntag nahm er mich mit in einen Garten, wo grosser Burschenkommerz war. Es wurde tuchtig gepunscht. Es ist hier so gewohnlich, dass der Jungste, mit dem die andern zum erstenmal Bruderschaft trinken, die Zeche bezahlt. Diess fiel dann auf mich, und du kannst denken, dass ich mich nicht lumpen liess. Man sang den Landesvater, und jeder liess sein Madchen hoch leben, und verlachte mich, dass ich hier noch keins hatte. Es wurde dann auch Pharao gespielt. Ich wollte anfangs nicht dran, weil ich mich wohl erinnere, dass ich sonst deiner Meynung von solchen Spielen vollkommen Beyfall gab; aber es versicherten mich alle, dass hier in Burschengesellschaften immer gespielt wurde. Und K l i n g e zog mich beyseite, und sagte mir: man hatte mir eine besondre Ehre gethan, dass man schon Bruderschaft mit mir getrunken, da ich doch noch ein Fuchs sey; das pflegte sonst nie zu geschehen. Er bate mich also, ich mochte mich doch durch solche Weigerungen, die noch gar zu sehr nach der Schule rochen, nicht lacherlich machen. Ich spielte und verlor funfzehn Louisd'or.

Aber die andern versicherten mich, dass das beym Anfang im Spielen ein sehr gewohnlicher Verlust sey, und dass man eine solche Summe das kunftigemal oft doppelt wieder gewonne.

Beym Anbruch des Morgens trennten wir uns. Ich verschlief nun freylich diessmal meine Kollegia, aber das werde ich leicht wieder einholen. K l i n g e hat mir auch gerathen, meine Stunden des Nachmittags aufzugeben, weil ich mich sonst im ersten halben Jahre zu sehr uberhaufen wurde.

Du riethest mir doch einmal, Familienbekanntschaft hier zu suchen, und empfohlst mich an Professor T. Aber dahin zu gehen, ist mir unmoglich. Es ist da ein gewaltig steifer Umgang, sagt mir K l i n g e . Er wolle mich dafur in einem andern Hause einfuhren, wo man sehr artig und ungezwungen ware, und das ist mir gerade recht; denn das infame Complimentiren und Ceremonienmachen ist gar meine Sache nicht. Eben darum gefallt mirs in unsern Gesellschaften so wohl, weil man sich da gar nicht genirt. Adieu, E d u a r d . Ich werde dir nachstens etwas von meinem Besuch in dem eben erwahnten Hause melden.

Ferdinand.

Siebenzehnter Brief

Eduard an Ferdinand

In einer so heitern Stimmung, wie sie mir in meiner Lage nur moglich ist, schreibe ich dir heute, liebster Ferdinand.

Ich gieng gestern auf einem Spazierwege, den ich deswegen sehr liebe, weil seine Einsamkeit mir Freyheit lasst, meinen Traumereyen ungestort nachzuhangen. Meine Seele hatte sich nach dem schonen heitern Abend gestimmt; und in sussen Gedanken an meine M a r i e vertieft, kehrte ich wieder heim. Ich sah im Mondenschimmer zwey Gestalten, Arm in Arm gelegt, in stummen Tiefsinn versenkt, neben einander stehen. Von ihnen unbemerkt, gieng ich naher, und horte nun den sanftklagenden Ton einer weiblichen Stimme:

"Nein, J a k o b , du sollst um mich dein Gluck nicht verscherzen. O Gott, aus uns kann ja doch nun nie ein Paar werden. Nimm die Bedienung an, so bist du doch wenigstens vor Mangel geschutzt."

"Wie kannst du mir nur einen solchen Antrag thun? Dich sollte ich verlassen, K a t h r i n e , dich, der ich immer so gut war, jetzt, da du schwanger von mir bist? Nimmermehr!"

Nun fieng K a t h r i n e jammerlich an zu weinen, und ihr J a k o b klagte mit ihr. Ich wurde bewegt, und zugleich neugierig ihre Geschichte zu horen. Ich redete sie also an, bezeugte ihnen mein Theilnehmen, und bat sie, mich naher von ihrem Zustande zu unterrichten; vielleicht konnte ich ihnen Hulfe leisten. Es kostete zwar im Anfang etwas Muhe, ihr Vertrauen zu gewinnen, aber sie fuhlten doch bald, dass ich aus dem Herzen zu ihnen redete, und vertrauten mir ihren Kummer an. K a t h r i n e ist die Tochter eines Pachters, und schon in ihrer Kindheit waren sie und J a k o b , des Schulmeisters Sohn, einander gut gewesen. Ihre Liebe wuchs mit ihren zunehmenden Jahren, und beyde schmeichelten sich mit einer baldigen Verbindung, als der Schulmeister starb, und er, den man immer fur reich gehalten hatte, kaum so viel hinterliess, als die Beerdigungskosten betrugen. Dieser Vorfall machte auf K a t h r i n e n s Vater einen starken Eindruck, und er wollte nun durchaus nicht zugeben, dass seine Tochter einen Mann ohne Vermogen heyrathete. Sie war ein hubsches Madchen, und hatte schon manchen guten Antrag um J a k o b s willen ausgeschlagen, weswegen sie nun tausend harte Vorwurfe von ihrem Vater anhoren musste. Sie entdeckte ihrem Geliebten ihren Kummer, und dieser besanftigte den Alten dadurch, dass er ihm sagte, der Amtmann des Dorfs habe seinem Vater oftmals die Versichrung gegeben, dass er den sehr eintraglichen Schulzendienst, mit dem auch noch die Stelle eines Einnehmers verknupft war, sobald er vakant wurde, bekommen sollte. Der junge Mensch hatte sich auch aus diesem Grunde vorzuglich auf Schreiben und Rechnen gelegt, und hatte sich durch Geschicklichkeit, Redlichkeit, und das allgemeine Zeugniss einer guten Auffuhrung, dieses Dienstes vollkommen werth gemacht. Der alte Schulze, schon seit einigen Jahren schwachlich, starb, und J a k o b saumte nicht, sich bey dem Amtmann zu melden. Er wurde sehr hoflich empfangen, erhielt die beste Hoffnung, und sein Gonner, der eben einige Leute bey sich hatte, sagte ihm, als er weggieng, er mochte doch den andern Tag wiederkommen, weil noch einiges zu verabreden ware. Voller Freuden eilte J a k o b zu seinem Madchen, und diese eroffnete ihm, was sie bis jetzt sich zu sagen geschamt hatte, dass sie die Frucht ihrer Vertraulichkeit an einem Abend einer landlichen Lustbarkeit, wo er vom Wein, und sie von Tanz und Liebe berauscht war, unter ihrem Herzen truge. Diese Nachricht erhohte seine Freude noch mehr, und kaum konnte er den andern Morgen erwarten, von dem er die vollige Versichrung seines Glucks erwartete.

Zehnmal griff er nach seinem Hut, und eben so oft hieng er ihn wieder hin, weil es ihm noch zu fruh dunkte, zum Amtmann zu gehen. Endlich machte er sich auf. Mit dem freundlichsten Gesicht empfieng ihn der Amtmann, der eben sein Morgenpfeifchen rauchte. Nach einigen gleichgultigen Gesprachen kam er auf das rechte Kapitel:

"Es ware doch gut, J a k o b , wenn er nun bey seinem Dienste auch auf eine junge Frau bedacht ware. Mit einem jungen Manne will es doch immer so nicht recht fort, so lange er unverheyrathet ist. Meynt er das nicht auch?"

"O ja, da haben Sie vollkommen Recht, Herr Amtmann. Ich bin auch gar nicht abgeneigt. Ich habe auch "

"Er hat das auch schon gedacht, nicht wahr? Ja und da wusste ich ihm im ganzen Dorfe keine bessere Person vorzuschlagen, als meine Kochinn. Sie ist ein hubsches Madchen, versteht eine gute Haushaltung zu fuhren, und lachelnd sie wird auch, weil sie mir treu gedient hat, ein arriges Heyrathsgut von mir erhalten. "

Er hielt seiner Kochinn die schon seit einigen Jahren seine bekannte Hure war noch eine lange Lobrede, von der aber der arme J a k o b kein Wort horte, so ganz war er von Schrecken betaubt. Er dachte zwar daran, ob er zum Schein thun wolle, als willige er in den Vorschlag, aber sein redliches Herz verabscheute diese Falschheit. Er sagte also zwar blass und zitternd, aber doch mit Standhaftigkeit, dem Amtmann seine Liebe zu K a t h r i n e n , und erklarte, dass er nie eine andre nehmen konnte. Nach einigen fruchtlosen Vorstellungen, sagte ihm dieser mit hochst zornigem Gesicht und gebietrischem Ton, wenn er sich weigerte, die Kochinn zu heyrathen, so sey gar nicht daran zu denken, dass er den Dienst erhielte; es wurde sich schon ein andrer finden, der mit Freuden diese Bedingung annehmen werde. Und nun wies er ihm auf eine hochst grobe Art die Thur. K a t h r i n e stiess einen lauten Schrey aus, als J a k o b , blass wie eine Leiche, ins Zimmer trat. Der alte Pachter schimpfte zwar sehr auf den niedertrachtigen Amtmann, verbot aber den jungen Leuten, unter vielen Drohungen, nie wieder an einander zu denken. Aus Furcht vor seiner Harte wagte es seine Tochter nicht, ihm ihren Zustand zu entdecken.

Verzweifelnd gieng J a k o b fort, und K a t h r i n e verabredete noch heimlich eine letzte Zusammenkunft mit ihm auf den Abend, und eben hier traf ich sie an.

Von ihrer Erzahlung durchdrungen, verliess ich sie, und gab ihnen trostende Versichrungen. Der Geheimde Rath war noch nebst K a r o l i n e n auf seinem Zimmer. Ich erzahlte mit vieler Warme die Geschichte. K a r o l i n e n s Thranen flossen dem Schicksal des armen Paars. Auch ihr wurdiger Onkel, dem jede Ungerechtigkeit ein Greuel ist, nahm lebhaften Antheil daran. Er gab mir den Auftrag, genauere Erkundigung einzuziehen, ob auch alle Umstande sich so verhielten. Ich brachte ihm den andern Morgen unbescholtne Zeugen, welche die Wahrheit von J a k o b s Aussage bekraftigten, und so wohl ihm als K a t h r i n e n die besten Zeugnisse gaben. Und nun schrieb der vortreffliche Mann einen eigenhandigen Brief an den Amtmann, der gewissermassen unter seiner Gerichtsbarkeit steht, und verwies ihm sein Betragen in der Sache sehr ernsthaft.

Dieses hatte denn die Wirkung, dass der gestrenge Herr Amtmann selbst erschien, sich aufs beste entschuldigte, und den Geheimden Rath instandigst bat, die Sache nicht weiter zu treiben. Der G. R. versprach diess, aber unter den Bedingungen: erstlich, dass J a k o b den Dienst erhielte; zweytens, dass ihm der Amtmann nicht durch allerley Krankungen in seinem Aemtchen sein Leben verbittre; drittens, dass er ihm die hundert Reichsthaler Heyrathsgut gabe, die er ihm mit der Kochinn versprochen habe.

Diese Bedingungen, besonders die letzte, giengen ihm zwar schwer ein, aber er musste sich doch dazu verstehen, um grossern Ungelegenheiten auszuweichen.

Der Pachter, J a k o b und K a t h r i n e wurden nun geholt. Aber diese Scene, die Freude der Liebenden und die Verwundrung des Alten, ist unbeschreiblich. In acht Tagen wird die Hochzeit seyn, und zwar auf unserm Gute. K a r o l i n e ordnet alles hierzu mit liebenswurdiger Geschaftigkeit an.

Ich hatte dir wohl manches auf deinen Brief zu sagen, liebster F e r d i n a n d . Aber im Grunde kannst du diess alles finden, wenn du den Schluss meines vorigen Schreibens noch einmal aufmerksam durchlesen willst. Ich sage dir also heute nichts mehr, als das, wovon du gewiss schon lange uberzeugt bist: dass mir dein Wohl so nahe am Herzen liegt, wie mein eignes, dass ich wunschte, den Mann aus dir werden zu sehen, der du nach deinen Fahigkeiten werden kannst, wenn du dir ihre Ausbildung sorgfaltig angelegen seyn lasst, und dass ich endlich nie aufhoren werde zu seyn

Dein eifrigster Freund,

Eduard.

Achtzehnter Brief

Ferdinand an Eduard

Bey meiner Treu, E d u a r d , du bist ein braver Kerl. Deine Geschichte, die du da schreibst, gefallt mir sehr. Ich mochte gleich aus der Haut fahren, wenn ich solche Niedertrachtigkeit sehe. Ich wollte nur, dass der Schurke, der Amtmann, starker bestraft ware. Warte, du Bube, ich wollte dich anders haben tanzen lassen! Zwar mogen ihm die hundert Thaler wohl genug an der Seele gedruckt haben, aber die Strafe bleibt doch immer noch zu klein.

Nimm mirs nicht ubel, E d u a r d , ich erinnere mich eben nicht, im Schluss deines vorletzten Briefs etwas besonders Anziehendes gelesen zu haben, und, ihn noch einmal durchzulesen, habe ich unmoglich Zeit. Sogar mit dem Studieren wills nicht recht mehr fort, seitdem ich das Wettermadchen gesehen habe. Ich nehme wohl ein Buch in die Hand, aber gleich schmeisse ich es wieder fort, um wenigstens vor ihrem Hause vorbey zu gehen, wenn ich nicht hinein gehen darf. Mein Seel, es ist auch ein nettes Madchen, viel angenehmer als weiland L o t t e , unsers Rektors Tochter, der wir alle sonst so vielen Weihrauch streuten. Doch ich muss dirs wohl vom Anfang an erzahlen.

K l i n g e holte mich, seinem Versprechen gemass, ab, um mich in dem Hause der verwittweten Rathinn B . einzufuhren. Wir fanden sie nahend an einem Tische sitzen; ein ungemein hubsches Madchen sass auch da, und half ihr. Wir wurden sehr freundlich empfangen, und K l i n g e , der ein Vetter von Hause ist, unterhielt die Alte von Familiensachen. Wahrend dessen sprach ich mit der Tochter. Ein dralles Madchen von achtzehn Jahren. Recht schon, und so munter, dass es eine Freude ist, mit ihr umzugehen. Und dabey soll sie sehr sittsam seyn, wie mir K l i n g e sagt, und wie ich aus ihren Reden schloss.

Wir blieben den Abend da. Es kam noch mehr Gesellschaft von jungen Leuten, auch noch ein paar Frauenzimmer, gegen H e n r i e t t e n zwar Fratzengesichter, aber doch ganz umganglich. Wir spielten Pfander und waren sehr lustig. Beym Abschiede druckte mir H e n r i e t t e die Hand, und bat mich, bald wieder zu kommen. K l i n g e sagt mir, sie hatte schon sehr viele Anbeter gehabt, aber noch keiner von allen hatte Eindruck auf sie machen konnen. Den andern Morgen gieng ich hin, und fragte, wie sie geschlafen hatte. Das Madchen sah in ihrem Morgenzeuge allerliebst aus. Ich gestehe es, sie hat mich ganz bezaubert. Auch scheine ich ihr eben nicht verhasst zu seyn. Sie sieht so freundlich aus, wenn ich komme.

"Wollen Sie schon weg? sagte sie heute, als ich bereits eine Stunde da gewesen war."

"Ich muss in die Institutiones."

"Ach was wollen Sie mit dem trocknen Zeuge, das horen Sie sich doch noch satt. Bleiben Sie immer noch ein Stundchen hier."

Ein freundlicher Blick von ihr, und ich blieb. Das wirst du, zartlicher Schafer, mir doch gewiss vergeben?

Ferdinand.

Neunzehnter Brief

Eduard an Ferdinand

Bester F e r d i n a n d ! Wenn noch die Bitten eines Freundes, der dich aufs zartlichste liebt, etwas uber dich vermogen, wenn du noch kindliche Empfindungen gegen deinen alten Vater hegst, der seine ganze Hoffnung auf dich grundet, der gewiss stundlich, fur dein Wohl besorgt, zu Gott betet, o so flieh K l i n g e n , seine Bekannten und H e n r i e t t e n !

K l i n g e ist gewiss ein ausgelernter Bosewicht, der dich so unschuldsvollen guten Jungen zu verderben sucht. Dein Herz, gut und bieder, glaubt, dass andre Menschen auch so sind, und hat keinen Begriff von den Ranken andrer, da List und Bosheit von dir fern ist. Siehst du denn nicht, betrogner Freund, dass H e n r i e t t e eine verschmitzte B u h l e r i n n ist, in deren Netze man dich zu fangen sucht? dass ihre Sittsamkeit blosse Affektation ist?

Geh einmal ihr B e t r a g e n unpartheyisch durch, und sage dann selbst, ob es mit der Sittsamkeit eines Madchens besteht, einem jungen Menschen, den sie zum erstenmal sieht, die Hand zu drucken, und ihn zum oftern Wiederkommen zu nothigen; beym zweyten Besuch ihn zum langern Bleiben zu bereden, sollte er auch ein Kollegium druber versaumen? Bey einem unerfahrnen jungen Madchen liesse sich das noch entschuldigen; aber so unerfahren ist ein Frauenzimmer auf einer Universitat nicht, die oftern Umgang mit Studenten hat. Es ist gewiss K l i n g e n s Absicht, dich durch diese Bekanntschaft, und durch allerley andre Zerstreuungen, vom Studieren abzuziehen, und dich so fest an sich zu ketten, dass er mit unumschrankter Macht uber deinen Geldbeutel herrschen kann.

Ich bitte dich, bester F e r d i n a n d , reiss dich von dieser Gesellschaft los, und halte dich zu dem braven B a r t h o l d . Ich weiss, dass du beym Lesen dieses Briefes aufbrausen wirst; aber lies ihn noch einmal durch, und denke, dass dein treuer Freund ihn schrieb, der selbst von den Verfuhrungen des Studentenlebens noch nicht gar lange entfernt gewesen ist, und der die jungen Herren aus mehrjahriger Erfahrung besser kennt, als du. Denke zuruck, F e r d i n a n d , an die glucklichen Zeiten unsrer Kindheit, an meine Liebe zu dir in diesen Jahren; wie ich oft willig die Schuld deines Versehens uber mich nahm, um dich vor der Strafe zu schutzen; wie wir so ganz unzertrennlich waren; wie dem einen immer etwas zu fehlen schien, wenn er den andern nicht hatte: und dann urtheile selbst, ob etwas anders, als innige Liebe zu dir, meine Feder fuhren kann.

Mein Zustand wird von Tage zu Tage angstlicher. Du weisst, dass es mein fester Vorsatz war, K a r o l i n e n zu vermeiden. Ich befolgte ihn treulich. Vor einigen Tagen war ich des Morgens in dem Garten. K a r o l i n e kam bald nach mir auch. Mit dem ruhrendsten Ton der Unschuld beklagte sie sich, dass ich ja fast gar nicht mehr hieher kame, und ihre Gesellschaft zu meiden schiene. Sie sey schon oft deswegen bekummert gewesen, und habe nachgesonnen, ob sie mich durch etwas beleidigt hatte; sie konnte aber nichts in ihrem Betragen finden.

"Nein, Beste! Durch was konnten Sie mich wohl beleidigen? Ueberhaufte Geschafte hindern mich nur, so oft von meinem Zimmer zu gehen, als sonst, und allerley Unannehmlichkeiten machen mich oft seit einiger Zeit mismuthig."

Nun nahm sie den lebhaftesten Antheil an meinem Kummer, und ich weiss gewiss, meine M a r i e selbst wurde mir den feurigen Kuss verziehen haben, den ich auf des liebenswurdigen Madchens Hand druckte. Sie errothete sanft, und zum guten Gluck kam ihr Onkel zu uns.

Aber, aller solcher Gefahren ungeachtet, werde ich dir treu bleiben, theuerste Geliebte. Nie soll dein Bild in meinem Herzen verloschen; nichts auf der Welt soll mich jemals gleichgultiger gegen dich machen. Nie, o! nie wird dein E d u a r d sich deiner unwerth betragen, und keine andre Begierde soll jemals das Herz entweihen, das so ganz dein Eigenthum ist!

Schreib mir bald wieder, lieber Freund. Alles, selbst jede Kleinigkeit, die dich angeht, interessirt auch mich.

Eduard.

Zwanzigster Brief

Eduard an Barthold

Heute ist F e r d i n a n d die hauptsachliche Ursache meines Schreibens an dich, lieber B a r t h o l d . Ich schrieb dir zwar neulich schon meine Besorgnisse fur ihn, aber damals war doch die Gefahr noch nicht so dringend, als jetzt. Hier hast du seine zwey letzten Briefe, aus denen du seine ganze Lage sehen wirst. Thue doch ja dein Moglichstes, um ihn von seiner jetzigen Gesellschaft abzuziehen. Es ware ewig Schade, wenn der Junge verdorben wurde. Er hat viel Anlage zum Guten, viel Feuer und Thatigkeit, aber noch das ganz offne Wesen und die Unerfahrenheit, die seinen Jahren eigen ist. Seine Seele kennt kein Mistrauen, und jeder Schurke kann mit leichter Muhe sein Vertrauen gewinnen. Er besitzt vielen Ehrgeiz, der sich freylich jetzt noch auf ganz falsche Gegenstande grundet, und der niedertrachtige K l i n g e weiss ihn bey dieser schwachen Seite zu fassen, und lenkt ihn, wohin er will. Wird er nicht bald von seinem jetzigen Wege zuruckgezogen, so ist er gewiss verloren. Sey doch ja bemuht, ihn zu retten, und schreib mir den Erfolg davon. Der Junge liegt mir sehr am Herzen. Ich bin wie immer

Dein treuer Freund

Eduard.

Einundzwanzigster Brief

Sophie an Marien

Kommen Sie doch zu mir, theure Freundinn, und seyn Sie Zeuginn meines Glucks. Mein K a r l s h e i m wurde Ihnen gewiss gefallen. Ich habe ihm auch schon die tiefste Ehrfurcht gegen Sie eingepragt, und der Artikel, dass Sie ihm nach mir versteht sich die liebste Person unter dem ganzen weiblichen Geschlechte seyn sollen, wird in unsern Ehepakten einen der hauptsachlichsten ausmachen.

Braut zu seyn, das ist doch eine Sache, die unser eins nicht so leicht verschweigen kann. Um also mein Herz ausschutten zu konnen, bat ich heute Madchengesellschaft zu mir. Da hatten Sie denn die Gluckwunsche horen sollen. Neid und Unmuth verbargen sich unter so mancher tiefen Verbeugung; einige gratulirten mir mit gezwungnem Lacheln, und schielten dabey mit einem unterdruckten Seufzer verstohlen nach meinem neuen Ringe hin. Mehr als alle andere dauerte mich die gute W . Von fruher Jugend an liebte sie einen Jungling, den nun vor einem Jahre seines Vaters Harte von ihr trennte, und dem man eine andre Frau aufzwang. Vor vier Wochen reisete er heimlich hierher, um in dem Waldchen, welches sonst der Ort ihrer Liebe war, sie noch einmal zu sehen, und auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. Alle diese Erinnerungen wachten bey dem guten Madchen auf, da sie mich in meiner jetzt so glucklichen Lage sah. Der Gedanke an ihren ehemaligen Geliebten drang mit Macht in ihre Seele. Sie entfernte sich, und sprach, mich umarmend: "O S o p h i e , ich wunsche Ihnen ein glucklicheres Schicksal, als das meinige war." Dieses durchdrang mich, ich warf es mir als eine hochst strafliche Unvorsichtigkeit vor, dass ich sie hatte bitten lassen, und ein kalter Schauer uberlief mich.

Als ich wieder herein kam, sagte die alteste Mamsell B e r g ein Frauenzimmer von sieben und dreyssig Jahren, die jetzt, da sie sich nicht mehr fur einige zwanzig jahrig ausgeben kann, wie sie sonst noch immer that, anfangt die Prude zu spielen :

"Ich dachte, die W . konnte doch nun auch das Winseln seyn lassen, und sich vielmehr freuen, dass sie noch mit so gnadiger Strafe fur ihre Thorheit davon gekommen ist. Das fruhzeitige Versprechen der jungen Leute taugt gar nichts. Man muss die Frucht erst reif werden lassen, ehe man sie vom Baum abbricht."

"Ja, Mamsell B e r g sprach eine junge lebhafte Brunette wenn man sie aber so lange sitzen lasst, bis sie wurmstichig wird, und vom Baum abfallt, so ist auch niemanden mehr damit gedient."

Die ganze Gesellschaft belachte diesen Einfall; nur Mamsell B e r g , so roth wie ein gereizter Puter, der eben auffliegen will, antwortete:

"Sie sind wohl sehr besorgt, mein Kind, dass das einmal Ihr Schicksal werden mochte, sonst wurden Sie nicht so viel Muhe anwenden, sich bey jeder Gelegenheit den Mannspersonen aufzudringen."

"O, wenn das Aufdringen nur hilft, so geht es doch noch an; aber, Mamsell, es giebt Leute, die sich immer aufdringen, und denen doch nichts dafur zu Theil wird."

Nun war unsre alte Schone in Feuer und Flammen; denn sie hielt diess fur eine Anspielung auf eine Geschichte, die sie kurzlich mit einem jungen Magister hatte, der ihr ihm angetragnes sieben und dreyssig jahriges Herz, in ein niedliches Korbchen gepackt, ihr zuruckschickte. Der Streit wurde nun so laut, und so allgemein, denn der geheime Groll aller anwesenden Frauenzimmer war froh, eine Gelegenheit zum Ausbruch zu finden dass mein Onkel von seinem Studierzimmer herunter kam und Frieden gebot; die Ausfalle gegen einander wahrten aber doch noch immer fort denn alle Zungen waren nun einmal im Gange und horten auf, mich zu belustigen, weil sie gar zu pobelhaft wurden; so dass ich froh war, als die Zeit des Aufbruchs kam, und alle sich entfernt hatten, mich in meines K a r l s h e i m s Armen von diesen Langweiligkeiten erholen zu konnen. Ich bin sehr besorgt, meine liebe M a r i e , weil ich so lange keinen Brief von Ihnen gehabt habe, und sehe mit Ungeduld einer Nachricht von Ihnen entgegen, auf die ich schon so lange gewartet habe.

Sophie.

Zweyundzwanzigster Brief

Marie an Sophien

Es ist ungerecht, dem Glucklichen seine Freude durch Klagen zu verbittern, und das ist die Ursache, warum ich so lange nicht schrieb. Ich bin in einer so melancholischen Stimmung, dass nichts mich zu erheitern fahig ist. Ich wollte meine Traurigkeit bekampfen, aber ich vermag es nicht.

Das Theilnehmen des Freundes mildert den Schmerz, und meine S o p h i e soll ihn mir tragen helfen.

Ich suchte neulich nach einem alten Briefe einer meiner Freundinnen ein Kastchen durch, das ich in einigen Jahren nicht geoffnet hatte. Und da fand ich einen Brief von E d u a r d , den er einst im Entzucken der Liebe mir schrieb, wie er von mir gegangen war, und die erste Versichrung meiner Neigung mit sich genommen hatte. Blass und zitternd wollte ich ihn zerreissen, aber es war mir unmoglich; ich wurde hingerissen, ich las ihn.

Und, o Gott! welch ein Brief! Meine Seele wurde von allen den Erinnerungen niedergedruckt, die nun mit Macht in mich drangen. Matt, mit wankenden Knien, mit Thranen, die gewaltsam aus meinen Augen brachen, sank ich auf einen Stuhl.

Und nun sah ich ihn vor mir stehen, den liebenswurdigen Jungling, wie er furchtsam um meine Liebe bat, wie ich mit gesenktem Blick ihm nicht zu antworten vermochte, wie er wonnetrunken an meine Brust sank, und nun unaussprechliche Gefuhle uns durchdrangen.

Und du, den ich so innig liebte, der du so oft die heiligsten Betheurungen ewiger Liebe mir gabst, du konntest untreu werden? Gott! Unmoglich! Und doch muss ich es glauben. Schrieb er wohl ein einzigesmal nach seiner Abreise? Sah ich nicht die Beweise seiner neuen Liebe in meines Oheims Handen? E d u a r d ! du, der zartlichste Jungling, konntest eine andre Geliebte wahlen, mich vergessen? Und doch kann ich dich nicht hassen; doch bringt noch dein blosser Name eine Erschutterung in mein ganzes Wesen?

O du, den ich sonst so heiss, so unaussprechlich liebte, wusste ich nur, dass du glucklich warest: ich wollte dir verzeihen, wollte meine Thranen trocken. Aber gewiss! du bist es nicht. Fremde Reize rissen dein weiches Herz hin, ach, das meinige hatte sich nicht hinreissen lassen, warst du auch zehn Jahre von mir entfernt gewesen; denn selbst der untreue E d u a r d sass noch zu tief in meinem Herzen, als dass ich je in eine andre Verbindung hatte willigen konnen. Aber das Dringen einer sterbenden Mutter besiegte mich Man eilte wohl, dich zu verbinden. Aber gewiss dachtest du bald nachher an dein armes Madchen, wie sie jammerte, die Hande ringend nach dem fernen Geliebten seufzte, der nun das Eigenthum einer andern war! Und ach, ich furchte, dein Herz, fur jedes Leiden gefuhlvoll, empfand nur zu tief das meinige; und dieses Andenken verbittert dir gewiss dein ganzes zukunftiges Leben.

O Gott! straf ihn nicht so hart fur den Fehler, den er begieng; ach! es war das Versehen eines schwachen, nicht eines boshaften Herzens. Mochte er doch beruhigt seyn, keine Gewissensbisse fuhlen! Dieser Wunsch sey noch das Gebet meiner letzten Stunde. Wenn schon Todesschauer mich ergreift, wenn schon meine Seele den letzten Kampf der sterbenden Natur zwischen Tod und Leben kampft, dann noch wird dein Bild in meiner Brust seyn, und meine kalten Lippen werden noch Wunsche fur dein Wohl zu Gott hauchen!

O Sophie! Wenn ich die seligen Tage unsrer Liebe mir denke! Wenn ich so den Tag mit Geschaften mancherley Art zugebracht hatte, und dann der Abend kam, und ich ans Fenster trat, und mich nach ihm umsah; wenn ich ihn dann erblickte: o wie wallte mein Herz ihm entgegen! mit welchem Entzucken schloss er mich dann in seine Arme! wie war unsre Liebe so rein, ein so heiliges Feuer!

Ich weiss, ich fuhle, dass es Sunde ist, mich diesem Gedanken zu uberlassen, strafliches Vergehen gegen A l b r e c h t . Aber ich kann sie nicht los werden, die reizenden und quaalvollen Bilder; sogar wenn meine Augen, vom Weinen abgemattet, endlich sich schliessen, verlassen sie mich nicht. Bey Tage suche ich mich zu zerstreuen, suche meinen Kummer vor A l b r e c h t zu verbergen, und heiter zu scheinen. Aber was mein armes Herz dabey leidet, ist unbeschreiblich; oft dunkt mich, es musste unter seiner Last zerspringen. Wissen Sie Trost fur mich, S o p h i e , o! so schreiben sie ihn der unglucklichsten Ihrer Freundinnen.

Marie.

Dreyundzwanzigster Brief

Sophie an Marien

Ihr Brief, liebste M a r i e , hat mich sehr geruhrt. Unzahlige Thranen habe ich dabey vergossen. Aber wie lehrreich ist er nicht auch fur mich! Meine M a r i e ertragt das schwerste Leiden mit unaussprechlicher Sanftmuth und Geduld. Ihr sanftes Herz, weit entfernt an ihrem untreuen Geliebten Rache zu nehmen, ist noch besorgt fur sein Wohl. Wie beschamt mich Ihr Beyspiel, meine Freundinn! Wie brausete ich nicht bisher auf, wenn mir etwas unangenehmes begegnete! Wie ungeduldig machten mich nicht gleich kleine Leiden! Aber ich will an mir arbeiten, ich will mich bemuhen, die Sanftmuth meiner M a r i e nachzuahmen.

Meines Geliebten schones Herz entdeckt sich mir mit jedem Tage mehr. Gestern waren wir in einer Gesellschaft, in der sich auch Herr F r i t z l e b e n befand. Sie wissen, dass dieser sonst den Anbeter von mir machte. Er konnte es nicht verschmerzen, dieses Amts durch K a r l s h e i m so ganz entledigt zu seyn; er nahm also sein Bisschen Witz zusammen, und wagte verschiedne Ausfalle auf K a r l s h e i m . Dieser liess sie anfangs ganz unbemerkt hingehen. Da aber F r i t z l e b e n es zuletzt gar zu auffallend machte, schlug er ihn mit einer einzigen geistvollen Antwort nieder. Aber weit entfernt, nunmehr, da F r i t z l e b e n beschamt schwieg und die Gesellschaft dem Sieger Beyfall lachelte, eine triumphirende Miene anzunehmen, lenkte er auf eine so feine Art ein andres Gesprach ein, dass bald der ganze Vorfall vergessen wurde.

Eins nur befremdet mich an ihm. Seine Blicke scheinen zuweilen einen gewissen Kummer zu verrathen, den er zwar sorgfaltig zu verbergen sucht, der aber doch oft hervorscheint. Ich werde die Ursache davon zu erforschen suchen.

Leben Sie wohl, beste Freundinn. Mochte doch Beruhigung in Ihr leidendes Herz fliessen, und Ihre Seele wieder so unbefangen und heiter werden, wie sie es vorher war, ehe der (verzeihen Sie, M a r i e , bald hatte ich gesagt verwunschte Brief; denn so wenig ich auch Ihren Kummer vergrossern will, so kann ich Ihnen doch mein Misfallen, dass Sie ihn lasen, nicht bergen ) ungluckliche Brief in Ihre Hande kam.

Sophie.

Vierundzwanzigster Brief

Wilhelm an Karlsheim

Unglucklicher Weise war ich verreist, und erhielt deine Briefe erst heute. K a r l s h e i m ! was hast du gethan! Alle deine Entschuldigungen vermogen nicht dein Betragen vor dem Richterstuhl des Gewissens zu verantworten. Hatte J u l i e dir nichts als bloss gewohnliche Zartlichkeit geschenkt, so konnten deine angefuhrten Grunde dich vielleicht entschuldigen. Aber du weisst, dass sie mehr, dass sie ihre Unschuld dir aufgeopfert hat, und dafur bist du ihr Ersatz schuldig, und solltest billig in keine andre Verbindung treten, so lange dir J u l i e n s Schicksal unbekannt ist.

Sie denkt gewiss zu edel, um einen andern Mann zu wahlen, dem sie nicht mehr des Madchens grosste Zierde, unbefleckte Unschuld, zubringen kann. Sie hat dir zwar nicht geschrieben, aber konnen nicht die Briefe verloren gegangen seyn? Ist es darum ausgemacht, dass sie auch nicht mehr an dich denkt? Hattest du nicht noch emsiger in deinen Nachforschungen seyn mussen?

Wenn es nicht schon zu spat ist, so ziehe dich noch wieder zuruck. Entdecke dich S o p h i e n . Ist sie wirklich das treffliche Madchen, das du mir beschreibst, so wird sie dir verzeihen, wird deine Nachsuchungen um J u l i e n begunstigen. O K a r l s h e i m , uberlege, was du thust, damit nicht einmal der Gedanke an ein liebenswurdiges Madchen, durch dich unglucklich gemacht, dein Leben verbittre!

Wilhelm.

Funfundzwanzigster Brief

Karlsheim an Wilhelm

W i l h e l m ! welch ein schneidendes Schwerd hast du in mein Herz gestossen! Ich wanke zwischen Pflicht und Liebe. Beyde zerreissen mit grausamer Macht mein Innres. Oft uberwaltigt mich der Gedanke an J u l i e n . Ich gehe hin zu S o p h i e n , will mich zu ihren Fussen werfen, ihr alles entdecken. Und wenn ich dann komme, hupft sie mit der lebhaftesten Munterkeit mir entgegen, reicht mir ihre schone Hand, und fragt mich zartlich: wo ich denn so lange geblieben sey? Und die Frohlichkeit und Ruhe dieses reizenden Madchens solltest du zernichten? Das entzuckende Feuer dieses Auges in Thranen verwandeln? Dieser Mund, dessen zaubrischem Lacheln selbst der kalteste Einsiedler nicht wurde widerstehen konnen, sollte in Wehklagen uber dich ausbrechen? Dieses holde Geschopf wolltest du den Spottereyen der ganzen Stadt, die um unsre nahe Verbindung weiss, der Harte und den Vorwurfen ihrer Verwandten aussetzen?

So denke ich, und mein fester Entschluss wankt. Ich wills wenigstens verschieben, bis auf einen andern Tag, wenn sie ernsthafter gestimmt ist. Der andre Tag kommt. Ihr gutiger Onkel spricht mit geruhrter Freude von unsrer Verbindung, durch die alle seine Wunsche erfullt werden. Errothend hort S o p h i e von kunftigen Enkeln ihn reden. Ihre Blicke begegnen den meinigen. Sie sinkt in meine Arme. Ich kusse die Thrane der Freude weg, die verstohlen ihrem Auge entfliesst, und dann an ihren Busen gelehnt, ihren schonen Mund auf meine heissen Lippen gedruckt, wie konnte ich da dem Gedanken an Trennung Raum geben?

Karlsheim.

Sechsundzwanzigster Brief

Marie an Sophien

Ach, unbefangen und heiter war ich wohl nie. Ich hatte zwar mein Herz einigermassen betaubt, und schien glucklich zu seyn, aber ich war es nicht. Die Erinnerung an E d u a r d wachte oft bey mir auf. Zwar gelang es mir dann eher, sie los zu werden, aber ich konnte sie doch selten ganz unterdrucken, wohl eigentlich nie.

Und was noch meinen Schmerz vergrossert, ist die wenige Nachsicht, die A l b r e c h t gegen meinen Kummer hat. Ich suche ihn zwar so viel moglich zu verbergen, aber ganz kann ich es doch nicht.

"Ist denn des Winselns und Weinens noch kein Ende? sprach er heute, da er unvermuthet in einer meiner traurigsten Stunden ins Zimmer trat. Ich mochte nur wissen, was dir eigentlich fehlt."

"Liebster Mann, habe Geduld mit mir, ich habe zuweilen solche traurige Stunden, in welchen ich mir selbst zur Last bin. Der Grund dazu mag wohl in meinem schwachen Korper liegen."

"Der Grund dazu liegt in deiner ubertriebnen Empfindsamkeit. Das ist es, was deinen Korper und deine Seele schwacht. Wenn du diese verwunschte Mode unsers jetzigen Zeitalters ablegen wolltest, so warest du mir noch zehnmal so lieb; dann wurdest du auch uber keine Schwachlichkeiten zu klagen haben."

Damit gieng er zur Thur hinaus. O A l b r e c h t ! hattest du mehr von dieser Empfindsamkeit, wie du es nennst, so wurden unsre Seelen sich gleicher fuhlen, als jetzt. Aber so, wenn ich bis zu Thranen geruhrt bin, bist du noch gar nicht einmal bewegt, und so geht es immer. U n s r e Empfindungen treffen niemals zusammen, und das ist sehr hart fur mich.

Doch, S o p h i e , wie unartig und verkehrt ist mein Herz! Ich suche den grossten Theil meiner Schuld auf A l b r e c h t zu schieben, und sie liegt doch bloss auf mir.

Musste ich nicht, seiner Kalte ohngeachtet, ihn dennoch lieben, musste ich nicht meine Empfindungen nach den seinigen zu stimmen suchen? Ist es nicht hochst strafbar, dass ich die Neigung, die ihm allein gehoren sollte, auf einen andern Gegenstand fallen lasse? Musste ich nicht jeden fremden Eindruck bekampfen?

Ach! ich kampfe wohl. Mein Herz ist redlich, aber schwach. O du, der du seine Schwache kennst, vergieb mir, reiche deinem hulflosen Geschopfe die Hand, dass es nicht ganz unterliege! Ziehe mich wieder zu dir, Allliebender! Ach! sonst fullte deine Liebe ganz allein dieses Herz! Jeder Wunsch meiner Seele gehorte nur dir an! Ein fremder Gotze hat dich verdrangt. Reiss ihn aus meinem Herzen, sollte es auch bluten. Matt und thranenvoll flehe ich zu dir, Gutiger! Starke mich.

S o p h i e , ich wollte beten, aber mein Gebet wurde Sunde seyn. Immer mischt der Gedanke an ihn sich unter den Gedanken an Gott. Ach! dieser Zustand ist der grausamste fur mich; mochte es mir doch gelingen, mein Herz wieder zu beruhigen!

Mein kleines L i e s c h e n fragte mich heute: ob ich bose auf sie sey? Ich hatte sie ja so lange nicht lesen lassen. Dieser Vorwurf ruhrte und beschamte mich. Ich kusste sie, und hiess sie ihr Buch holen. Freudig sprang sie hin. Ja, S o p h i e , ich fuhle, dass das beste Mittel, meinen Kummer zu zerstreuen, stete Beschaftigung ist, und die will ich mir zu machen suchen, so viel ich kann.

Seyn Sie mit Ihrem K a r l s h e i m so glucklich, wie Sie beyde es verdienen. Der Himmel schutze Ihre Liebe vor allen widrigen Zufallen, und lasse Sie, Hand in Hand gepaart, freudig durchs Leben hingehen. Diess ist der eifrigste Wunsch Ihrer bekummerten

Marie.

Siebenundzwanzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Ich muss dir aufrichtig gestehen, dass ich beym Lesen der ersten Zeilen deines Briefes ihn unmuthig wegwarf, und ihn beynahe zerrissen hatte. Ich uberwand mich aber doch, ihn durchzulesen, und das Ende versohnte mich einigermassen wieder mit dir. Indessen kann ich dir doch die schlechte Meynung nicht vergeben, die du von K l i n g e n und H e n r i e t t e n hast. K l i n g e ist der rechtschaffenste Kerl von der Welt. Er liebt mich aufs uneigennutzigste, und sorgt bloss aus Liebe zu mir fur mein Vergnugen.

Zum Beweise, dass er gar nicht mein Geld an sich zu reissen sucht, will ich dir einen Vorfall erzahlen. Gestern war er bey mir. Es kam jemand und brachte ihm einen Zettel. Er wurde ganz blass, und erschrack heftig als er ihn las. Ich fragte ihn, warum er so erschrocken ware? Er bat mich aber sehr, nicht in ihn zu dringen, weil er mir doch unmoglich die Ursache davon sagen konne. Hochst niedergeschlagen gieng er weg, und liess aus Versehen den Zettel auf die Erde fallen. Ich hob ihn eilig auf, und sah, dass es ein Mahnbrief war, von einem Glaubiger geschrieben, der eine Summe von ihm zu fordern hatte, und der ihm mit dem strengsten Arrest drohte, wenn er nicht heute noch Rath schaffte. Ich lief K l i n g e n eilig nach, und bot ihm meine Borse an; aber er wollte sie durchaus nicht annehmen.

"Du brauchst dein Geld selbst, liebster Bruder, sprach er. Ich will nicht, dass meine Freunde um meinetwillen leiden sollen."

Nur mit vieler Muhe brachte ich ihn dahin, meine Hulfe anzunehmen, und ich konnte dir mehr solcher Falle nennen, da ich ihm mein Geld habe recht aufdringen mussen.

Auch H e n r i e t t e kennt keinen Eigennutz. Diesen Morgen brachte ich ihr einige Geschenke, die ich auf K l i n g e n s Rath eingekauft hatte, der es der Mutter wegen fur gut hielt; denn diese denkt nicht ganz so uneigennutzig, wie das treffliche Madchen. Aber, wie erschrack ich, als sie sich sehr dadurch beleidigt fand!

"Meine Liebe lasst sich nicht durch Geschenke erkaufen. Nehmen Sie sie wieder mit, F e r d i n a n d , ich werde sie nicht annehmen. Ich sehe bey der Wahl eines Geliebten bloss auf das Herz. Reichthum wird mich nie ruhren. Die Liebe bedarf keiner Guter; sie muss eben so glucklich in Mangel und Elend als im Ueberfluss seyn."

Siehst du nun, E d u a r d , was sie fur ein herrliches Madchen ist? Ich musste die Geschenke durchaus wieder mitnehmen, und gab sie heimlich der Mutter, mit der Bitte, sie H e n r i e t t e n auf irgend eine Art beyzubringen.

Schreib mir doch nicht so oft von B a r t h o l d . Ich kann mit ihm nicht umgehen; denn er ist ein Feind von K l i n g e n . Sie haben sich einmal gezankt, und die Ursache des Streits macht B a r t h o l d e n keine Ehre, wohl aber K l i n g e n . Und diesem letzten bin ich fur seine Freundschaft doch wohl so viel Dank schuldig, dass ich kein Bundniss mit seinem Feinde errichte. Also sage mir von diesem Punkte nichts mehr.

Ferdinand.

Achtundzwanzigster Brief

Barthold an Eduard

Bis jetzt ist noch alle meine Muhe um F e r d i n a n d vergeblich gewesen. Ob er mir gleich wirklich einigemal auf eine beleidigende, geringschatzige Art begegnete, so bin ich doch zweymal bey ihm gewesen; ich habe ihn aber nicht antreffen konnen. Ich machte verschiedne Versuche ihn auf der Strasse zu sprechen, aber vergebens. Sein Complot halt ihn stets so fest umlagert, dass es nicht moglich ist, ihm beyzukommen; ich glaube fast, sie wittern meine Absicht. Kollegia besucht er gar nicht mehr. Den grossten Theil des Tages ist er bey H e n r i e t t e n , den andern bey seinen Genossen; den Abend wird getrunken, gespielt, geschwarmt, und F e r d i n a n d muss die Zeche bezahlen. K l i n g e ist ein ausgelernter Bosewicht. Er ist schon lange auf Universitaten und kennt alle Burschenranke genau. Er hat von Natur viel Verstand, ist aber im ersten Jahre seines akademischen Lebens so ausschweifend geworden, dass er durch die ausserste Luderlichkeit sowohl seinen ausserordentlich starken Korper, als auch seine Geisteskrafte ruinirt hat: er besitzt aber doch noch List und Bosheit genug, um unter seinen Bekannten ein gewisses Ansehen zu behaupten, und die jungen Ankommlinge, deren Bekanntschaft er sucht, zu verfuhren.

Er hat die Geschicklichkeit, so ziemlich den Ton desjenigen anzunehmen, auf den er seine Absicht gerichtet hat. Er wollte auch einmal mit mir Freundschaft errichten, aber zum guten Glucke war ich vor ihm gewarnt, und mied seinen Umgang sorgfaltig. Seit der Zeit hat er einen Groll gegen mich gehegt, und ich vermuthe auch, dass er F e r d i n a n d von mir abhalt.

Um dir seinen Charakter zu schildern, will ich dir einige Zuge von ihm erzahlen:

Zu Ja, wo er zuerst studierte, war er durch seine Lebensart so sehr heruntergekommen, dass er keinen Pfennig Geld, und, was noch schlimmer war, auch keinen Credit mehr hatte. Er machte mit einer alten reichen Wittwe Bekanntschaft, schmeichelte ihr ungemein, schwatzte von Liebe und dergleichen, kusste in einer Minute zehnmal ihre durren Hande, und wandte sich dann auf die andre Seite, um auszuspucken. Dass ichs kurz mache, er entzuckte die Alte der man in der Bluthe ihrer Jahre nicht halb so viel Susses gesagt hatte, als sie jetzt bestandig von K l i n g e n horte so sehr, dass sie im ganzen Ernst den Entschluss fasste, ihn zu heyrathen. Er schien daruber vor Freuden ausser sich zu seyn, ob ihm gleich an der Ehre nicht viel lag; denn er wusste, dass die alte Dame, alles guten Willens ohngeachtet, ihn nie zum Erben einsetzen konnte, weil ihr Vermogen schon rechtmassigen Anverwandten bestimmt war.

Eines Tages gieng er zu ihr, und nachdem er durch die starksten Schmeicheleyen und Liebkosungen die gute Wittwe in die zartlichste Stimmung gesetzt hatte, sagte er ihr:

Er sahe mit starkster Sehnsucht dem Tage ihrer Verbindung entgegen, und hoffte auch diesem glucklichen Zeitpunkte nahe zu seyn. Es ware ihm eine Bedienung angetragen, nur die einzige Schwierigkeit sey dabey, dass er, um sie zu bekommen, zweyhundert und funfzig Thaler anwenden musse, und die wusste er sogleich nicht zu schaffen.

"O! wenn weiter nichts ist, unterbrach ihn eilig seine Schone, dazu wollen wir wohl Rath finden. Hier in meinem Schranke ist die Summe, und noch wohl mehr."

"Ihre Gute ruhrt mich, theuerste Frau! Aber man soll mir nicht den Vorwurf machen, als missbrauche ich dieselbe. Ich erwarte in einigen Wochen meinen Wechsel, und nehme das Geld unter keiner andern Bedingung an, als dass es bloss ein Darlehn bis dahin seyn soll. Ich gebe Ihnen eine Verschreibung, die Sie selbst zur grossten Sicherheit unterschreiben sollen." Die Alte wurde von seiner Grossmuth entzuckt. Sie gab ihm das Geld, und ihren Namen auf einen Bogen Stempelpapier geschrieben. Er setzte zu Hause eine Verschreibung von eben der Summe uber den Namen, und gieng mit diesem Papier, das nun ein formlicher Wechselbrief war, zu einem Juden, der ihm willig mit gehorigem Abzug zweyhundert und funfzig Thaler darauf auszahlte: denn die Wittwe war als eine sehr reiche Frau bekannt. Er liess die Verschreibung in des Juden Handen, miethete ein Pferd, und ritt mit seinen funfhundert Thalern in der Tasche zum Thor hinaus, und eilte in vollem Gallop nach G. Der Jude drang zwar bald nachher auf seine Bezahlung bey der Wittwe, und diese sah dann den Betrug ein, den man mit ihr gespielt hatte. Sie schamte sich, gab dem Juden das Geld, und noch etwas druber, damit er verschwiegen blieb, und nahm sich, indem sie K l i n g e n verwunschte, vor, kunftig nicht so leichtglaubig zu seyn.

Mit diesem Gelde nun lebte er ganz seinem Hange gemass in G. Leider aber war es bald durchgebracht, und er kam so sehr in ubeln Rufdass ihm niemand mehr borgen wollte, sogar der Jude und Weinschenke nicht.

Jetzo lebt er wieder herrlich und in Freuden, und ruhmt sich der mannichfaltigen List, durch die er F e r d i n a n d s Einfalt zu berucken weiss. Noch neulich hat er durch einen erdichteten Schuldbrief, den einer seiner Genossen schrieb, und den er als von ohngefahr bey F e r d i n a n d verlor, von diesem eine starke Summe erpresst, und er weiss sich dabey so schlau zu betragen, dass der arme Betrogne ihm immer das Geld aufdringen, und sich ihm verbunden glauben muss, dass er ihm die Ehre erzeigt, es anzunehmen.

Zum Ungluck halt man hier F e r d i n a n d fur sehr reich. Er hat also allenthalben Credit, und ich habe von unglaublich starken Schulden gehort, die er hier schon gemacht haben soll. Wie bedaure ich den guten Jungen, dass er schon so fruh in die Hande dieses listigen Verfuhrers fiel!

O Freund, wie mancher Jungling hat hier F e r d i n a n d s Schicksal! Gut und unbefangen kommt er her, mit den besten Vorsatzen, seine Zeit klug zu nutzen. Das erste Vierteljahr ist er fleissig, im zweyten schon weniger. Das kunftige halbe Jahr besucht er nur selten die Kollegia, und so uberlasst er sich nach und nach allen Ausschweifungen. Kommen einmal Gewissensbisse, so wird er von seinen Bekannten ubertaubt und verlacht. Wo sollte er auch an seine Pflichten erinnert werden? Die Vorlesungen seiner Lehrer besucht er nicht mehr. In die Kirche zu gehen, wie lacherlich ist das fur einen Studenten! Hochstens lauft man einmal hindurch, um die andern Zuhorer in der Andacht zu storen. Der Vater und die zartlich besorgte Mutter schreiben vergebens Briefe voll ruhrender Ermahnungen.

"Wie leicht wird es denen, uns zu ermahnen, sagen seine Freunde, fur die das Vergnugen keinen Reiz mehr hat! In ihrem Alter wollen wir auch moralisiren. Als sie in unseren Jahren waren, machten sie es wie wir. "

So wird alles unterdruckt, was den armen Jungling zu seiner Pflicht zuruckfuhren konnte. Im Taumel der Luste verlebt er seine Zeit, und nun geht er mit siechem Korper zuruck, den Geist und das Herz leer von allen den Kenntnissen und Gesinnungen, um deren willen er auf die Universitat gesandt ward; und doch besitzt er wohl Unverschamtheit genug, seine blassen eingefallnen Wangen fur Folgen des Fleisses und nachtlichen Studierens auszugeben.

Der Vater dringt jetzt in ihn, sich um ein Amt zu bewerben. Er sinkt entweder ganz in Muthlosigkeit, und ergreift einen verzweiflungsvollen Entschluss, oder die Vorwurfe seines bisher schlafenden Gewissens wachen nunmehr auf. Er fuhlt lebhaft seine Unwurdigkeit, er strengt sich an, das Versaumte nachzuholen. Sein geschwachter Korper vermag nicht, dieses anhaltende Arbeiten, dieses nachtliche Studieren auszuhalten. Hypochondrie, mit ihrem schrecklichen Gefolge, kommt uber ihn. Hochstens schleppt er sein elendes Leben, sich selbst und andern zur Last, bis an vierzig fort. Und dann, da er billig erst die Freuden des Lebens recht geniessen sollte, stirbt er dahin. Seine Wittwe wenn er das Herz hatte, eine Frau zu wahlen ringt wehklagend die Hande; seine Kinder, deren ganzes Erbtheil ein siecher Korper ist, irren verlassen umher. Bedaurenswurdige Ungluckliche! Doch gewohnlich entreisst sie ein fruher Tod dem auf sie wartenden Elend.

Nenne dieses Gemalde nicht ubertrieben, lieber E d u a r d . Leider zeigen uns taglich traurige Erfahrungen genug, dass es mehr als zu oft gegrundet ist. Zwar giebt es der Unverschamten genug, die, ihrer Unwurdigkeit ohngeachtet, mit dreister Stirn um Aemter anhalten. Angesehene Familie oder Geld (beydes gilt oft mehr als Verdienst ) verschaffen ihnen auch wohl eine brillante Stelle. Aber ohngeachtet des aussern Scheines sind sie doch im Herzen nicht glucklicher, als jene. Die Strafe der Jugendsunden bleibt auch hier schon nicht aus.

Wie danke ich es meinem Schopfer, dass er meine Jugend rein von solchen Vergehungen erhielt, die in der Folge der Jahre mich schmerzen konnten! Mit frohem Muthe kann ich doch nun meinem Vater, meiner zartlichen Mutter zueilen; bey ihren Freudenbezeugungen, bey ihren Liebkosungen, wird doch kein peinliches Gefuhl mir sagen, dass ich ihrer unwerth bin.

Mochte doch unser F e r d i n a n d auch wieder von seinem Irrwege zuruckkommen! Ich habe einige Hoffnung, wenigstens den schandlichen Plan zu entdekken, den gewiss H e n r i e t t e mit ihm im Sinn hat. Es wohnt ein junger Mensch in ihrem Hause, dem ich einst einen wichtigen Dienst erzeigte, fur den er mir noch immer dankbar ist. Diesen will ich zum Kundschafter brauchen. Er ist verschlagen, und wird seine Sachen gewiss gut machen. Gott, welche Freude fur mich, wenn es mir gelange, unsern F e r d i n a n d zu retten! Ich schreibe dir bald wieder.

Barthold.

Neunundzwanzigster Brief

Ferdinand an Eduard

O dass deine ernste Moral es dir zuliesse, sich mit mir zu freuen! Ich bitte dich, E d u a r d , lege den steifen Ton einmal ab, und nimm Theil an meinem Gluck, dessen hochste Stufe ich erstiegen habe.

Heute Mittag trank K l i n g e ein paar Bouteillen Wein mit mir, weil er besonders frohlicher Laune war. Nach Tische lasen wir in einem Buche, welches er eben in der Tasche hatte, dessen Verfasser freylich kein Lehrer der Keuschheit ist, das aber einen ungemein hubschen, interessanten Stil hat. Ganz voll von dem, was ich gelesen hatte, gieng ich zu H e n r i e t t e n , und o, in welch einer verfuhrerischen Stellung traf ich sie nicht! Sie schlummerte auf einem Ruhebette. Die schonste Rothe auf ihrem Gesicht, ihr wollustiger Busen fast ganz entschleyert, ihr schlanker Leib nur von einem dunnen Gewand umgeben; so lag sie, reizend, wie eine Gottinn.

Entzuckt naherte ich mich ihr. Sie erwachte von meinen feurigen Kussen. Beschamt verwies sie mir meine Dreistigkeit, und hiess mich fortgehen. Ich schloss sie fester in meine Arme. Meine Einbildungskraft war entflammt: sie widersetzte sich meinen Liebkosungen, aber vergebens. Ich besiegte sie.

Aber welch einen Auftritt hatte ich nun!

"Was hast du gethan, Nichtswurdiger! rief sie aus Du hast mich unglucklich gemacht. Meine Tugend, Ehre, Gluck, alles ist dahin. Arme Henriette!"

Sie zerfloss fast in Thranen. Geruhrt sank ich zu ihren Fussen, aber sie stiess mich zuruck, und floh aus dem Zimmer. Ihre Mutter kam herein, und weckte mich aus der Betaubung, in die ich gefallen war. Das Wehklagen ihrer Tochter hatte ihr das Geschehene entdeckt. Auch sie uberhaufte mich mit Vorwurfen. Ich erbot mich zu jeder Genugthuung, schwur, dass ich H e n r i e t t e n nie verlassen wurde.

"Es ist leider kein andres Mittel ubrig, als dass Sie meiner Tochter eine Eheversprechung geben. O! dass ich das erleben muss, mein Kind, das schon die besten Parthien ausgeschlagen hat, an einen Studenten versprechen zu mussen!"

Ich beruhigte sie, so viel ich konnte; die Sache wurde richtig gemacht, und ich bin nun der glucklichste Mensch, H e n r i e t t e n s Verlobter, geworden. Mein Vater wird vielleicht nicht ganz zufrieden mit meiner Verbindung seyn, denn er befahl mir beym Abschiede ausdrucklich, mich mit keinem Madchen zu verplempern; aber er braucht ja auch noch nichts davon zu wissen. Und wenn er es ja eher erfahrt, als ich wunsche, so werden H e n r i e t t e n s Annehmlichkeiten mich gewiss bey ihm entschuldigen. Du solltest das Madchen sehen, und du wurdest mich beneiden, wenn deine M a r i e nicht ware. Adieu, E d u a r d . Store mein Gluck nicht durch unnothige weise Anmerkungen. Sie wurden sehr am unrechten Orte bey mir angebracht seyn.

Ferdinand.

Dreyssigster Brief

Barthold an Eduard

Wo soll ich meine Erzahlung anfangen? Ich bin ganz betaubt von allen den Begebenheiten, die sich hier zugetragen haben. Du wirst uber die Bosheit und Ranke erstaunen, die man dem armen F e r d i n a n d spielte. H e n r i e t t e ist eine verschmitzte Buhlerinn, die mit Liebhabern wie mit Spielzeug wechselt. In ihrem vierzehnten Jahre war sie ich habe ihren ganzen Lebenslauf erfahren ein liebenswurdiges Madchen, voller Geist und Schonheit.

Sie erregte allenthalben Aufmerksamkeit, und zog durch die allgemeine Bewundrung der Mannspersonen gar bald den Neid ihrer Gespielinnen auf sich. Sie selbst wurde bald durch die Schmeicheleyen der jungen Herren verwohnt, und wurde eine der gefahrlichsten Coketten, die mit dem verbuhltesten Herzen stets von Tugend und Sittsamkeit reden. Sie fieng viele der reichsten jungen Leute in ihr Netz, erschopfte sie durch unmassige Geschenke, die sie ihr machen mussten, und wenn sie dann den einen ganz ausgesogen hatte, so gab sie ihm den Abschied und wahlte einen andern. Es fehlte ihr auch nie an einem Liebhaber, weil sie wirklich sehr viel Angenehmes besass.

Endlich aber kam ihr funfundzwanzigstes Jahr heran. Sie gab sich zwar noch immer fur achtzehnjahrig aus, es gab aber der Leute viele, die zu gut rechnen konnten, um dieser Aussage vollen Glauben beyzumessen. Sie stand nunmehr in so sehr ublem Ruf, und kam in so merkliche Abnahme, dass ein Mensch, der noch etwas Ehre besass, sich ihres Umgangs schamte.

K l i n g e lernte sie kennen, verliebte sich in sie, und er, den sie sonst kaum angesehen hatte, wurde jetzt erhort. Ihr Umgang wurde bald sehr vertraut; denn sie so wenig als er waren zur platonischen Liebe geschaffen, und eine gewisse Veranderung, die sie an sich spurte, liess sie etwas befurchten, davon sie sich, als eine Kennerinn, bald mit Gewissheit uberfuhrte. Was war nun zu thun? So bald Papa zu werden, war gar nicht nach K l i n g e n s Wunsch. Auch vermochte sein Beutel nicht die Unkosten zu tragen, die gewohnlich mit dieser Ehre verknupft sind. Er konnte sich auch nicht von ihr losmachen, und sie hatte Geschicklichkeit genug, ihn so verliebt zu erhalten, dass er noch immer den lebhaften Wunsch behielt, sein Einverstandniss mit ihr fortzusetzen.

Da nun Delikatesse in der Liebe eben nicht seine Schwachheit war, so entwarfen beyde den Plan, einen reichen Tropf in H e n r i e t t e n s Garn zu ziehen, der den Namen und die Kosten des Vaters vom Kinde truge. Diesen fand man, wie man ihn nur wunschen konnte, in F e r d i n a n d . Er war unerfahren genug, um aus dem schleunigen Betrieb, den die Sache foderte, nicht den mindesten Argwohn zu schopfen. Es kostete K l i n g e n eben so wenig Muhe, ihn zur Liebe anzufeuern, als H e n r i e t t e n , die Tugendhafte vor ihm zu spielen. Er lief selbst in die Fallstricke hinein, die man ihm legte, und glaubte H e n r i e t t e n s Unschuld zu Fall gebracht zu haben, da sie die seinige zu Grunde richtete.

Sie verliess wehklagend das Zimmer, um in einem andern mit K l i n g e n F e r d i n a n d s Einfalt zu belachen, der verzweifelnd seiner Geliebten Ungluck beklagte, und sich glucklich schatzte, das Geschehene durch eine Eheversprechung wieder gut machen zu konnen. Dieses gieng uber ihre Erwartung. So viel hatten sie sich kaum vorgestellt. K l i n g e n s Freude war unbandig. Er wollte nun uber eine Weile F e r d i n a n d s Vater einen Theil der Sache stecken lassen. Dieser, hoffte er, wurde sich aus allen Kraften der Verbindung seines Sohnes widersetzen. H e n r i e t t e sollte dann so viel von Tugend und vom Raub ihrer Ehre schwatzen, dass der reiche Alte sich glucklich schatzen wurde mit ein paar tausend Thalern von der Sache los zu kommen. Mit diesem Gelde wollte sich dann K l i n g e einrichten, und seine Schone heyrathen. So dachte er. H e n r i e t t e aber dachte anders.

Sie war seiner Liebe satt, empfand mehr Wollust in F e r d i n a n d s Armen, als bey ihm, den die Folgen eines schlecht gefuhrten Lebens matt und kraftlos gemacht hatten. Auch war F e r d i n a n d reich und konnte sie ernahren. Bey K l i n g e n aber fiel es bloss auf sie, fur ihren Unterhalt zu sorgen, denn er, nur in Nanken geschickt, war unfahig es je zu etwas zu bringen. Hingegen fand ihr Stolz sich nicht wenig geschmeichelt, wenn sie dachte, welch eine vornehme Dame sie noch einmal bey F e r d i n a n d werden konnte. Sie legte es also im ganzen Ernst darauf an, ihn zu heyrathen. Dieses aber verbarg sie sorgfaltig vor K l i n g e n , und indem sie in seinen Plan einzustimmen schien, dachte sie heimlich darauf, sich ihn vom Halse zu schaffen.

Diess alles erfuhr ich durch K o c h so heisst der junge Mensch, von dem ich vorigesmal dir schrieb und erstarrte. Zugleich sagte er mir auch die Zeit, in der K l i n g e bey ihr zu seyn pflege; es waren gerade die zwey Stunden, welche F e r d i n a n d auf dem Fechtboden und im Reitstall zubrachte; dieses waren die einzigen Uebungsstunden, die er noch besuchte.

K l i n g e pflegte ihn in die Strasse zu begleiten, und dann nach H e n r i e t t e n s Wohnung zu gehen. Ich begab mich in den langen Gang, der zum Fechtboden fuhrt. F e r d i n a n d kam, und stutzte, als er mich sah. Ich gab vor, dass ich einen wichtigen Brief von dir ihm zu geben hatte, und bewegte ihn, mit mir an einen abgelegnen Platz zu gehen. Hier suchte ich sein Herz zu erweichen. Ich erinnerte ihn an die Freundschaft unsrer Kindheit, an seinen alten Vater. Anfangs war alles umsonst, und ich erstaunte uber die schnellen Wirkungen, die ein schlechter Umgang auf das Herz macht. Ich merkte aber doch, dass er zuletzt dem Eindruck nicht langer zu widerstehen vermochte, den die Vorstellungen von seinem Vater auf ihn machten. Er wollte seine Ruhrung verbergen. Ich warf mich um seinen Hals.

"Bester F e r d i n a n d , verbirg nicht diese Ruhrung, die deinem Herzen Ehre macht!"

"Barthold! Ists moglich, du noch mein Freund?" Er lag nun schluchzend an meinem Halse. Was ich fuhlte, kann ich dir nicht beschreiben. Nun, glaubte ich, sey der rechte Zeitpunkt. Ich entdeckte ihm den ganzen Plan der Verschworung gegen ihn. Aber, aller Vorsicht ungeachtet, brauste er hier wie rasend auf. Er fluchte, schimpfte mich einen Verlaumder, und wollte nichts von dem, was ich sagte, glauben.

Zuletzt blieb mir kein andres Mittel ubrig, als ihn zu fragen, ob er mit mir zu H e n r i e t t e n gehen, und sich selbst uberzeugen wolle.

"Ja schrie er wuthend das will ich, aber hast du gelogen, so sollst du ein schreckliches Opfer meiner Rache werden."

Er lief erst eilig nach Hause, und in einer Minute war er wieder da. K o c h hatte mir den Schlussel zu einer Hinterthur gegeben, durch die man unbemerkt ins H a u s kommen konnte. Wir giengen hinein, und ich fuhrte ihn an einen Ort, von dem man eine Stube ubersehen konnte, die in den Hof gieng, und die, ihrer einsamen Lage wegen, von H e n r i e t t e n zu dem Gemach ihrer geheimen Liebesgeschichten ausersehen war. Hier sah er, auf eben dem Sopha, auf welchem er zuerst ihrer genoss, sein treues Madchen auf K l i n g e n s Schooss, der sich allerley Freyheiten bey ihr heraus nahm.

Ich Thor, ich wollte ihn bewegen, wieder mit mir umzukehren, und nur durch Verachtung sich an dem niedertrachtigen Paar zu rachen. Aber weit gefehlt! Er war nach Hause geeilt, um zwey Degen, unter seinem Mantel verborgen, zu holen. Wuthend sturzte er ins Zimmer: "Stirb, schandlicher Verrather! Aber da, Memme, vertheidige dich! Fast schaumend eilte er mit dem Degen auf ihn los." Der verratherische K l i n g e brachte dem unbesonnenen F e r d i n a n d hinterlistig einen Stich bey, der wohl, seiner Absicht nach, todtlich seyn sollte, und nun wollte er aus dem Hause entspringen; aber die Jagerwache, durch den Larm aufmerksam gemacht, hielt ihn an, und auch F e r d i n a n d , der zum Gluck von dem Stich, welcher fehl traf, nur leicht verwundet war, so wohl als ich erhielten Stubenarrest. Ich verliess den beynahe sinnlosen F e r d i n a n d sehr ungern. Morgen werden wir vor Gericht erscheinen.

Barthold.

Einunddreyssigster Brief

Sophie an Marien

Sie haben den ersten Schritt auf dem Wege der Beruhigung gethan, da Sie den Entschluss fassten, Ihrem Kummer durch stete Beschaftigung entgegen zu arbeiten. Mochte doch Ihre vortreffliche Seele vollig uber Ihren Schmerz siegen!

E d u a r d ist auch der Thranen meiner Freundinn unwerth. Er, der nicht edel genug dachte, um die trefflichen Eigenschaften meiner M a r i e nach ihrem ganzen Werth zu schatzen, er, der leichtsinnig genug war, um in den ersten Monaten seiner Trennung von ihr eine andre Geliebte zu wahlen, verdient auf keine Weise ihre Zartlichkeit.

Der Tag unsrer Verbindung ruckt nun heran. K a r l s h e i m sieht ihm zwar auch mit dem Entzukken. eines Liebhabers entgegen, aber doch herrscht noch immer, und jetzt fast mehr noch, als sonst, zuweilen eine gewisse Aengstlichkeit, eine Schwermuth bey ihm, die ich nicht zu erklaren weiss. Es ist mir unmoglich, ihn um die Ursache davon zu befragen. Ich begnuge mich lieber damit, den Nebel durch meine muntere Laune zu zerstreuen. Es gelingt mir auch gewohnlich; dann nennt er mich eine kleine Zauberinn, die mit ihm machen kann, was sie nur will, und er ist zartlicher als vorher. Ich glaube also, dass diese traurige Stimmung wohl in seinem Korper liegt, und dass ich sie mit leichter Muhe werde ganz wegschaffen konnen.

Wenn ich Ihnen jetzo nicht so oft schreibe, so werden Sie es meiner Lage zu gute halten, Meine Liebe gegen Sie ist, aller Zerstreuungen ohngeachtet, immer von gleicher Starke. Doch alles das will ich Ihnen weit besser mundlich sagen; denn Sie werden doch meinen Hochzeittag feyern helfen? Das versteht sich, hoffe ich, von selbst. Meine Freundinn wird mir diese Bitte nicht abschlagen. Auch Ihr Albrecht wird uns willkommen seyn, und wir wollen einmal sehen, ob seine Kalte von unserm Hochzeitfeuer nicht auch wird entzundet werden.

Jetzt ruft mich ein Geschaft fur jedes Madchen wichtig vom Schreibtisch. Meine Tante und noch einige Bekanntinnen warten meiner im Nebenzimmer, um den Brautputz auszusuchen. Es hat schon viele Streitigkeiten uber diesen Punkt gegeben; denn eine jede will dabey ihrem Geschmack Ehre machen. Auch jetzt hore ich die Stimmen sehr laut und unterscheidend reden.

"Nein sagt meine Tante himmelblau ist die beste Farbe zum Brautkleide."

"Ach! gehn Sie doch mit Blau, das ist ja so gemein. Merde d'oye muss sie wahlen."

"Merde d'oye kleidet keiner Brunette; auch fangt diese Farbe schon an, aus der Mode zu kommen. Am Hochzeittage muss man eine sanfte Farbe wahlen. Blassroth, die Farbe der Liebe, wurde ihr am schonsten stehen."

"Blau ist die sanfteste Farbe unter allen ruft meine Tante, durch den Widerspruch der beyden Madchen aufgebracht und kleidet jedermann gut. Mich dunkt, ich habe auch hier das grosste Recht zu sprechen, ich weiss durch langere Erfahrung als ihr jungen Dinger, was sich schickt. Blau, mit weissen Schleifen, soll S o p h i e tragen. Das war mein Hochzeitputz."

"Warum nicht lieber mit grunen Schleifen und karmoisinrothen Schuhen? Das ware noch elegant! hahaha!"

Dieser unhofliche Spott scheint meine Tante sehr aufzubringen; denn das Gezank wird so arg, dass ich kein Wort mehr verstehe. Ich muss nur dem Streit ein Ende machen. Weissen Sommerstoff werde ich wahlen, mit blassrothem Bande. Das ist der Geschmack meines K a r l o h e i m s . In diesen Farben sah er mich zuerst.

Sophie.

Zweyunddreyssigster Brief

Marie an Sophien

Denken Sie an, S o p h i e , A l b r e c h t ist verreiset. Dringende Geschafte machten seine Abwesenheit auf einige Monate nothwendig. Beym Abschiede umarmte er mich ziemlich kalt.

"Ich bitte dich, M a r i e , suche dich wahrend meiner Entfernung aufzuheitern. Du weisst, ich kann das weinerliche Wesen nicht ausstehen. Lass mich dich heiter wieder finden, meine Liebe. Ich habe W i l d b e r g aufgetragen, dich unter der Zeit so viel moglich zu zerstreuen, und dir auch bey etwan vorkommenden Fallen mit gutem Rathe beyzustehen."

Mit diesen Worten verliess er mich, und meine muhsam aufgehaltnen Thranen flossen nun reichlich. Gott, ist das der Abschied, den er von mir nimmt, auf so lange Zeit! Der ganze Abschied, diese wenigen kalten Worte! Ach! wenn E d u a r d nur auf einige Tage, nur auf wenige Stunden sich von mir trennte; wie waren dann unsre Empfindungen so ganz anders gestimmt!

Ich bemuhte mich diese Gedanken zu verbannen, aber vollig verscheuchen konnte ich sie nicht. O S o p h i e ! Sie beurtheilen E d u a r d ganz falsch. Er war weder leichtsinnig noch unedel. Sein Herz war nur grossen Empfindungen offen. Ich wiederhole es Ihnen noch einmal: nur ganz besondre Umstande konnten ihn zu dem Schritt bewegen, den er that.

Warum musste A l b r e c h t zu meinem Gesellschafter in seiner Abwesenheit W i l d b e r g e n wahlen? Ihn, dessen Schmeicheleyen, dessen Aufdringen mir so verhasst ist! Doch, was furchte ich von ihm? Ich werde mich so gegen ihn betragen, wie Pflicht und Klugheit es gebieten.

Wie gern brachte ich die Zeit meiner Wittwenschaft bey Ihnen zu, liebe Freundinn! Ich furchte, die Einsamkeit wird die traurige Stimmung meines Herzens nahren. Sie wird den Bau wieder einreissen, den ich mit so vieler Muhe anfieng. O dass meine Vernunft so sehr Sklavinn der Empfindung ist! Ware ich bey Ihnen, S o p h i e , so wurde zwar ihr lebhafter Geist meine Seele aufheitern, aber ach! tausend Erinnerungen an das Vergangne wurden auch in mir erwachen, wenn ich Sie und K a r l s h e i m sahe; die Ausbruche Ihrer Zartlichkeit wurden meine Augen mit Thranen fullen; ich wurde in ihm die sanfte Stimme meines ehmals so innig geliebten E d u a r d s wieder zu horen glauben; ich wurde nur eine Storerinn ihrer Freude seyn.

Das, was sie mir von K a r l s h e i m s Schwermuth sagen, zusammen genommen damit, dass er im Anfang seine Liebe zu Ihnen bekampfen wollte, macht mich unruhig. Versaumen Sie doch ja nicht, mit zartlichem Ernst in ihn zu dringen, um die Ursache seines Kummers zu erfahren. Vielleicht kann sie noch gehoben werden.

Ihren Hochzeittag werde ich hier mit stiller Wehmuth feyern. Meine Seele wird Sie umschweben, und meine innigsten Wunsche werden Sie bis zum Altar begleiten, wo Sie beyde ein festes Band auf ewig zusammen knupfen wird. Kein Wolkchen musse an diesem schonen Tage den heitern Himmel truben, und die ganze Natur sich mit Ihnen freuen. Und wenn Sie dann wonnetrunken an Ihres Junglings Seite sitzen, so denken Sie an Ihre M a r i e , fur die hienieden die Freuden der Liebe dahin sind, und wunschen Sie ihr, bald einer Welt entruckt zu werden, die ausser meinen Freunden nichts Anziehendes mehr fur mich hat.

Marie.

Dreyunddreyssigster Brief

Karlsheim an Wilhelm

Noch drey Tage, und ich bin auf ewig der Ihrige. O W i l h e l m , oft ist dieser Gedanke der Wonne Quaal des Todes fur mich. Und doch kann ich nicht zuruck. Ich bin mit festen Ketten gleichsam angeschmiedet. Meine Zunge ist wie gelahmt, wenn ich reden will. Und nun ists auch zum Reden zu spat. Oft, wenn ich an des besten Madchens Seite sitze, entzuckt von ihrem himmlischen Reiz, auch dann, selbst im Taumel der Liebe, erscheint mir J u l i e n s Bild. S o p h i e n s Kuss zaubert dann zwar den Schmerz von meiner Seele weg, aber in der Einsamkeit durchdringt er mich wieder.

Diese Nacht sah ich J u l i e n , in ein Leichentuch gehullt, auf mich zu gehen. Sie winkte mir, ich folgte ihr nach; sie verschwand, und ich sank in eine tiefe Gruft. Ich erwachte, und Todesschweiss stand auf meiner Stirn. Und noch schwebt immer die schreckliche Leichengestalt vor mir.

W i l h e l m , wenn du noch mein Freund bist, so reise hin, schicke hin, erforsche ihren Aufenthalt; damit ich erfahre, ob sie lebt, oder ob ihr schoner Geist schon entflohen ist. Eher ist doch keine Ruhe fur mich moglich.

Karlsheim.

Vierunddreyssigster Brief

Sophie an Marien

O M a r i e , hatte nicht dein sanfter Geist mich umschwebt, dein Edelmuth im Leiden meine Seele gestarkt, gewiss, so hatte ichs nicht uberstanden. Nun ist es geschehen, es ist vorbey, und nur das Gefuhl, gut und pflichtmassig gehandelt zu haben, vermag mich aufzurichten.

Ich sass und nahte die letzten Stiche an den Brautigamsmanschetten fur K a r l s h e i m , als ein fremdes Frauenzimmer um die Erlaubniss bitten liess, ein paar Worte mit mir zu sprechen. Eine dunkle Ahndung durchschauerte mich.

Sie kam herein. Nie sah ich eine ruhrendere Gestalt. Ein Madchen von mittler Grosse, blondes Haar, grosse blaue Augen, die einen sehr melancholischen Ausdruck hatten, der von tiefem Gram zeigte, das einnehmendste Gesicht, Wangen, auf denen sonst Rosen gebluht zu haben schienen, die aber jetzt die blasse Farbe des Kummers hatten. Ihre Blicke hatten einen Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann, und waren dabey so anziehend, dass man gleich alles hingegeben hatte, um den Schmerz zu heben, der sie niederzudrucken schien.

"Verzeihen Sie sagte sie mit einnehmender, aber bebender Stimme dass eine Unbekannte es wagt, sich Ihnen zu nahern; nur meine traurige Lage, und die vortreffliche Schilderung, die man mir von Ihrem Charakter gemacht hat, konnte mich so dreist machen."

"So wenig auch meine eigne Ueberzeugung Ihre schmeichelhafte Meynung von mir rechtfertigt: so ist doch gewiss eine meiner Hauptneigungen die, jedem Kummer meines Nebenmenschen so viel beyzustehen, als es in meinen Kraften ist, und wenn nun vollends das Ungluck in einer so einnehmenden Gestalt erscheint, wie die Ihrige ist, wer wurde da nicht aufs lebhafteste geruhrt werden?"

"Ihre Gute, Mademoiselle, macht mir meinen Vortrag nur noch schwerer. O Gott, ich werde Ihr Gluck, Ihre Ruhe untergraben! Ich werde "

"Sie machen mich zittern. Ach! nur eine Frage: Betrifft das, was Sie sagen wollen, K a r l s h e i m ?"

"Leider Ihn selbst! Glauben Sie sicher, mein Herz denkt gut genug, um meine Ruhe willig I h r e m . Gluck, seinem Gluck zu opfern; aber heiligere Pflichten, die Pflicht der Mutter gegen ein hulfloses Kind, heischen diesen Schritt von mir."

"O Gott, ich errathe die ganze Geschichte. War das dein geheimer Kummer, Karlsheim? Verbargst du ein so unedles Herz unter der zartlichsten schonsten Larve?"

"Ists moglich? Er hatte Kummer? Ach! so dachte er noch vielleicht an die ungluckliche J u l i e ? Darf ich Ihnen die ganze Geschichte erzahlen? Oder hassen Sie ein armes Madchen, das eine so grausame Storerinn Ihres Glucks ist? "

"Wie konnte ich Sie hassen, (ich schloss sie mit Thranen in meine Arme ) weil Sie auch den liebenswurdig fanden, der es in so hohem Grade ist? Sagen Sie mir alles, ich bitte Sie darum."

"Ich bin die Tochter eines Professors in L. In dem zartesten Alter verlor ich meine Mutter. Mein Vater war uber diesen Verlust untrostlich, und wandte nun alle Sorgfalt, die ihm bey seinen Geschaften moglich war, auf meine Erziehung, die ihm die letzten Bitten der Sterbenden noch anempfohlen hatten. Mein sechzehntes Jahr ruckte heran. Ich hatte Kenntnisse von mancherley Dingen, nur noch nicht von Liebe. Ach! nur leider zu bald lernte ich auch diese kennen.

Mein Vater befahl mir einst, ein gutes Abendessen zu veranstalten, weil er den Sohn eines Freundes, der ihm empfohlen war, und bey uns wohnen sollte, erwarte. Der Erwartete kam. Ich sah ihn bey Tische, und fuhlte ein gewisses Etwas, mir bisher unbekannt, bey seinem Anblicke. Ich hatte oft schon Manner gesehen, war oft von Ihnen geschmeichelt worden; aber mein Herz war bey allen ihren Galanterien gleichgultig. Noch nie hatte ich den Eindruck gefuhlt, den jetzt K a r l s h e i m auf mich machte. Noch niemals war ich so roth geworden, als eben diesen Abend, bey einem schmeichelhaften Lobspruch, den er von ohngefahr mir gab. Ich, die sonst gleich lebhafte man sagte witzige Antworten fertig hatte, beantwortete das, was er mit mir sprach, mit so ungewohnter Blodigkeit, dass mein Vater mich durch die Frage ob mir was fehle? noch verlegner machte. Auch K a r l s h e i m s Blicke waren bestandig auf mich geheftet, und folgten jedem meiner Schritte.

Nach einigen Gesprachen, die den jungen Mann auch meinem Vater werth machten, kam man auf die englische Sprache. Mein Vater ausserte den Wunsch, mich darinn unterrichtet zu sehen. K a r l s h e i m , der das Englische sehr gut verstand, erbot sich zu diesem Geschafte. Er lehrte mich diese Sprache, und mit ihr die Liebe. Wie feurig ubersetzte er mir die Dichter, die von Liebe sangen! Wie bald lernte ich sie verstehen! Mit welchem Antheil lasen wir eine gefuhlvolle Stelle! Unsre Empfindungen trafen stets auf einen Punkt zusammen, und stimmten so ganz uberein!

So schwanden zwey Jahre, durch die Freuden der Liebe beseligt, uns wie Augenblicke dahin. K a r l s h e i m s Abreise, und granzenlosee Kummer unsrer Herzen mit ihr, ruckte heran. Wir sassen, in zartlichen Unmuth versunken, einst in einer einsamen Laube. Es war der schonste Abend, den ich jemals sah; nur der Mond liess seinen blassen Schimmer auf uns fallen. Unsre Empfindungen waren aufs hochste gespannt ersparen Sie mir ein demuthigendes Bekenntniss K a r l s h e i m s Liebkosungen wurden mir zu machtig, dieser reine heitre Abend wurde das Ende meiner Ruhe. O wie oft habe ich nachher in deinem Schatten gekniet, einsame Laube, die du das Grab meiner Unschuld warest! Mit aufgehobnen Handen, mit thranenden Augen habe ich mich vor dir angeklagt, keuscher Mond, reine Gottheit, zu der ich nicht mehr hinaufzusehen wagte.

Der Gedanke, in K a r l s h e i m s Achtung verloren zu haben, machte mir seine Abreise noch quaalvoller. Er vernichtete meine Befurchtungen, schwur, dass seine Liebe ewig in ihm mit gleichem Feuer leben wurde, und unter den zartlichsten Betheurungen steter Liebe und Treue verliess er mich, von seinen Kussen und Thranen bedeckt. Seine ersten Briefe athmeten lauter Zartlichkeit. Sehen Sie selbst den Beweis in einem Schreiben von ihm, das ich immer noch als ein heiliges Andenken aufbewahre."

"O Gott! rief ich aus, wie ich ihn gelesen hatte welch ein Brief! welche ein hinreissender Ton der Liebe! Nie las ich etwas Ruhrenders. Und dieses Feuer konnte erloschen! Ach ich hatte ihm nach diesem Briefe ewige Dauer zugetraut."

"Ja, Mademoiselle, auch ich glaubte, eher wurde das Feuer der Sonne erkalten, als K a r l s h e i m s Liebe. Unglucklicher Wahn! Mein Vater starb plotzlich. Eine alte Tante nahm mich zu sich. Ich musste mit ihr nach Holland reisen, und alles gieng so eilig zu, dass ich nicht vorher an K a r l s h e i m schreiben konnte: denn meine Tante eine Feindinn aller Versprechungen, die eher als vier Wochen vor der Hochzeit geschahen liess mich nicht aus den Augen. Ich fand aber doch unterwegs Gelegenheit ihm zu schreiben. Ich schrieb noch zweymal, und erhielt auf keinen Brief Antwort.

Sein Schweigen bekummerte mich sehr. Seine letzten Briefe waren schon minder feurig als die ersten; nun schrieb er mir gar nicht. Kein Wort des Trostes in dem Kummer um einen geliebten Vater, der erblichen war. Mir schien also seine Untreue gewiss. Und nun wurde noch das Trostlose meines Zustandes durch die Gewissheit vermehrt, mit der ich die Frucht meines Vergehens unter meinem Herzen fuhlte. Ich verbarg meinen Zustand so lange als moglich meiner Tante, deren Harte in einem solchen Fall ich genug kannte. Endlich aber entdeckte sie selbst meine Schwangerschaft. Ich warf mich zu ihren Fussen. Aber meine ruhrendsten Bitten, meine Thranen konnten sie nicht erweichen. Sie stiess mich fort, belegte mich mit niedrigen Schimpfnamen, und mit den hartesten Worten hiess sie mich aus dem Zimmer gehen.

Halb sinnlos gieng ich fort. Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, kam ich wieder vor ihr Zimmer, um noch einen Versuch zu machen. Aber ach! die Thure war verschlossen. Sie liess mir durch eine alte Magd sagen: ihr Haus wurde mir nie wieder geoffnet werden; ich solle nur gleich meine Sachen zusammen suchen und mich fortpacken, mich auch nie wieder unterstehen, vor ihre Augen zu kommen; sie wolle einen solchen Nikel, der ihre Familie mit Schande belegte, nie wieder ansehen. Verzweiflungsvoll packte ich meine Sachen ein, entschlossen zu gehen, es sey wohin es wolle.

L i e s e , ein junges Madchen, das bey meiner Tante diente, kam herauf. Ich hatte sie oft bey meiner Tante vertreten, und ihr mancherley Dienste geleistet, fur die ihr gutes Herz sich sehr dankbar gegen mich fuhlte. Sie brachte mir zwanzig Louisd'or, die meine Tante noch in Betracht meines redlichen Vaters mir sandte. Seine Erbschaft hatte kaum hingereicht, die Schulden zu bezahlen, die er hinterliess; denn von einer uneintraglichen Bedienung hatte er viele Ausgaben zu bestreiten.

Das gute Madchen (wie ich hernach erfuhr, so hatte ich auch diese letzte Beysteuer meiner Tante ihr zu danken ) wurde durch meine traurige Lage sehr geruhrt, und bot mir an: sie wolle mich in das Haus einer Verwandtinn bringen, die eine sehr ehrliche Frau sey; daselbst konnte ich meine Niederkunft halten. Ich nahm ihren Vorschlag mit Dankbarkeit an. Sie fuhrte mich in ein armseliges Haus, und liess mir meinen Koffer nachbringen. Hier wohnte ich in einer erbarmlichen Kammer. Die treue Sorgfalt meiner ehrlichen Wirthinn suchte zwar meinen Zustand, welcher der Verzweiflung nahe war, etwas zu mildern, aber vergeblich. Mein Herz war jedem Troste verschlossen. Sobald ich mich wieder etwas besinnen konnte, schrieb ich noch einmal an K a r l s h e i m . Selbst ein Ungeheuer wurde durch diesen Brief bewegt worden seyn. Und doch bekam ich keine Antwort. Zur Ehre des menschlichen Herzens, das der Schopfer gut und edel bildete, hoffe ich, dass er ihn nicht bekommen hat. Nein, gewiss, das hat er nicht. Seine Seele, den Eindrucken des Mitleids so offen, ware geruhrt worden. Ware auch seine Liebe zu mir abgestorben gewesen, so hatte doch gewiss Menschlichkeit ihn zu mir geleitet. Der Gedanke an seine sonst so geliebte J u l i e , der er so oft schwur, sie sey ihm theurer als sein Leben, die mit so unbefangner Liebe an ihm hieng, die noch jetzt willig sich selbst seinem Gluck aufopfern wurde, die in einer elenden Hutte den Schmerzen der Geburt fast unterlag; hatte sein Herz erschuttert; er ware mir zugeeilt!

O! verzeihen Sie, meine Theure, dass meine Empfindungen so oft den Faden der Erzahlung abreissen. Ich will mich bemuhen, durch sie ungestort fortzufahren.

Ich kam mit einem Knaben nieder. Oft badete ich ihn mit meinen Thranen; oft auch war sein Anblick Erquickung in meinem Schmerz. Der Gedanke, dem Kinde, wenn es einst lallend nach seinem Vater mich fragen wurde, nur mit Seufzern antworten zu konnen, war mir mehr als Todesquaal. Ich entschloss mich, so bald es meine Krafte zuliessen, nach meinem Vaterlande zu reisen, und K a r l s h e i m aufzusuchen. Nach einem halben Jahre fuhlte ich mich und das Kind erst stark genug, die Reise auszuhalten. Mein Geld war geschmolzen. Ich hatte mich die Zeit uber mit allerley Arbeiten genahrt, die meine Wirthinn zum Verkaufe trug; denn ich schamte mich auszugehen. Aus dem Verkaufe meiner Sachen, von denen ich nur das Nothwendigste behielt, und aus der Verausserung eines Ringes eines theuren Andenkens meiner Mutter losete ich so viel, dass ich glaubte, die Reisekosten damit bestreiten zu konnen. L i e s e begleitete mich. Sie war bald nach meiner Abreise von meiner Tante verabschiedet, und wollte gern nach ihrem Vaterlande zuruck. Es gieng meiner Schwachlichkeit und meines Kindes wegen sehr langsam. Endlich kam ich an den Granzen meines Vaterlandes an. Ich sah die Thurme der Stadt, in der ich geboren ward, und durfte mich aus Furcht vor der Schande ihr nicht nahern. Die Erinnerung an alle Freuden meiner Jugend, die ich da genoss, drang in meine Seele; in stummen Tiefsinn versenkt, sass ich auf dem Pestwagen.

Endlich kam ich in der Stadt an, wo K a r l s h e i m wohnte. Ich schickte nach seinem Hause hin; aber, welch ein Schmerz fur mich, die eine so weite beschwerliche Reise um ihn gemacht hatte! er war schon uber ein Jahr von dem Orte weggezogen, und sein ehemaliger Wirth wusste auch nicht, wohin. Ich spahte einen Bekannten von ihm aus, und erfuhr von diesem, dass K a r l s h e i m eine Reise in einige Stadte Deutschlands gemacht, und seit kurzem in D. wohne, wo er eine Bedienung erhalten habe.

Nun glaubte ich die Erklarung seines Stillschweigens gefunden zu haben. Ich dachte ihn mir, voller Besorgniss uber meinen Zustand, uber meinen Aufenthalt, den er nicht hatte erfahren konnen. Ich malte mir mit den lebhaftesten Farben die Freude, die er empfinden wurde, wenn er mich wiedersahe. Mit einer Eile, die mir nicht einmal ein Nachtlager zu nehmen zuliess, reiste ich nach D. Und konnen Sie nun das Schrecken, die Verzweiflung sich denken, die mich uberfiel, als ich horte, in wenig Tagen wurde seine Hochzeit seyn? Lange kampfte ich mit mir, ob ich gehen und schweigen, und alle Gedanken auf den Besitz desjenigen wollte fahren lassen, dessen Liebe allein mich beglukken konnte, dessen Herz aber mir nicht mehr gehorte. Welch eine erbarmliche Verbindung, die Zwang und Mitleid schliessen! Ich glaube, diese Vorstellungen hatten die Oberhand behalten. Ich wurde, fern von ihm, mein ungluckliches Schicksal beweint haben. Aber ein Blick auf mein Kind, auf das Elend, das seiner warten wurde, wenn es vaterlos, ohne Unterstutzung, einsam umher irrte! Und ich entschloss mich zu Ihnen zu gehen, deren Edelmuth man mir geruhmt hatte.

Aber selbst jetzt noch liebe ich ihn zu sehr, um ihn zu einer Verbindung mit mir zu nothigen, wenn sie nicht sein eigner Wunsch ist. Hat der Treulose mich ganz vergessen, bin ich ihm verhasst, o! so soll meine Gegenwart ihn nicht qualen; er sorge nur fur mein ungluckliches Kind, und ich will die wenigen Tage, die der Gram meinem Leben noch ubrig lassen wird, von ihm entfernt zubringen, und mich auf das stille Grab freuen, das alle Leiden der ungluckchen Julie enden wird! "

Sie zerfloss fast in Thranen. Auch ich war ausserst bewegt.

"Theure ungluckliche J u l i e ! Konnen Sie glauben, dass ich noch einen Gedanken an den Besitz desjenigen haben kann, der mit so vollem Recht Ihnen gehort? Er liebt Sie gewiss noch. Seine Unruhe zeigt es deutlich genug."

"Ach! wenn das wahr ware, K a r l s h e i m ! Nur ein zartlicher Blick auf mich, auf dein Kind, und ich habe nichts gelitten."

"Wir wollen ihn erforschen. Erinnern Sie sich noch wohl des letzten Briefes, den Sie ihm aus Holland schrieben?"

"Ach! die Empfindungen, die ich damals aufs Papier brachte, stehen noch aufs lebhafteste vor meiner Einbildung."

"Gut, liebste J u l i e , schildern Sie ihm Ihren damaligen Zustand noch einmal, so ruhrend wie Sie ihn mir erzahlten. Wir wollen den Brief in einen Umschlag schliessen, als sey er bis jetzt liegen geblieben, weil man nun erst erfahren habe, wo der wohne, an den er gerichtet sey. Er soll ihm, als kame er von der Post, in meiner Gegenwart eingehandigt werden. Ich will die Wirkungen beobachten, die er bey ihm hervorbringt, und wenn er dann in grosster Angst wegen Ihres Schicksals schwebt, so sollen Sie ihm erscheinen."

J u l i e war von Dank und Ruhrung so bewegt, dass sie kein Wort sagen konnte. Ich liess sie in ein andres Zimmer gehen. Unterdessen dass ich schrieb, liess ich ihr Kind holen. Aber ich hatte noch ein schweres Geschaft vor mir: meinen Onkel in den Plan zu ziehen. Ich gieng zu ihm, und trug ihm die Sache vor. Er war sehr aufgebracht, wollte von keiner Trennung zwischen mir und K a r l s h e i m horen, beschuldigte mich romanhafter Grillen, und schalt J u l i e n fur eine Landstreicherinn.

Ueberzeugt, dass ihr ruhrender Anblick mehr wirken wurde, als meine Reden, fuhrte ich ihn zu ihr, bat ihn aber instandig, ihrer zu schonen. Er stutzte, als er sie sah.

"Was sehe ich! Das Bild meines ehrlichen B e h r w a l d s ? O, sind Sie die Tochter des Mannes, der mein Busenfreund war, dem ich so vieles verdanke? Gott, ein unseliges Misverstandniss musste uns die letzten Jahre trennen. Sein Tod, den ich kurzlich erst erfuhr, hat mir manche bittre Stunde gemacht. Sie sind die J u l i e , die ich als Kind so oft auf meinem Schooss hielt? Komm in meine Arme, liebes Madchen, und erzahle mir selbst deine Geschichte."

Ich war hochst erfreut uber diese gluckliche Wendung, und rettete J u l i e n v o n einer nochmalen Wiederholung ihrer Begebenheit. Jetzt kam der kleine Junge. Nie sah ich ein liebenswurdigers Kind. Sein kleines Gesicht ist ganz der Abdruck von den Zugen seines Vaters. Eben dieses susse Lacheln, das K a r l s h e i m so schon steht. Holder Knabe, bald, bald hatte ich deinen Vater dir entzogen! Ach M a r i e , der Antheil a n J u l i e n s Schicksal, die Beschaftigung mit meinem Plan, alles das liess mich damals nicht an mein eignes Herz denken. O, wie schame ich mich jetzt oft seiner Schwache! K a r l s h e i m kam. Wie liebenswurdig sah er aus! Das Bewusstseyn, dass seine Liekosungen mir nicht mehr gehorten, machte, dass ich dabey bebte. Ich musste mir viel Gewalt anthun, damit er meinen Zustand nicht merkte. Unter einem Vorwand verliess ich das Zimmer, und gieng durch eine andre Thur in meinen Alkoven, aus dem ich ihn genau beobachten konnte.

Man brachte ihm den Brief. Er offnete ihn, wurde todtenblass, als er die Hand erkannte, und sank ganz ausser sich auf einen Stuhl. Er sprang wieder auf, gieng heftig im Zimmer umher, rang die Hande, rief einigemal J u l i e , und fiel wieder auf den Stuhl zuruck. Sein Zustand gieng mir so nahe, dass ich nur mit ausserster Muhe mich enthielt ihm alles zu sagen. Aber ich uberwand mich noch; denn er hatte diese Strafe verdient, und die Wirkung war desto besser, wenn er J u l i e n nicht gleich sah. Ich gieng ins Zimmer.

"Was fehlt Ihnen, K a r l s h e i m ? Sie sind ja ganz ausser sich."

"Lassen Sie mich, S o p h i e . Ich bin ein Ungeheuer, nicht werth, dass Sie mit mir reden! Gott! ist diess das Traumbild, das mich schreckte? Gewiss ist sie todt. J u l i e ! ich sehe deinen Schatten auf mich zueilen, o wie furchterlich, wie bleich! Stoss mich hinab! Hinab in die Gruft mit dem Nichtswurdigen, der dich todtete! Aber was seh ich? Du weinst, du winkst mir. Seliger Geist, Bild des sanften Engels, durch mich zu Grunde gerichtet, vergieb mir, ich folge dir nach."

Mir ward bange fur ihn.

"K a r l s h e i m ! theurer K a r l s h e i m ! kommen Sie zu sich, was ist Ihnen?"

"Da, lesen Sie, und verabscheuen mich Elenden. Verzeihen Sie mir, S o p h i e , ich bin ausser mir."

"Das sehe ich; aber, K a r l s h e i m , ich sehe nicht, warum Sie es sind. Sie haben sich freylich gegen das Frauenzimmer, das diesen Brief schrieb, nicht so betragen, wie Sie gesollt hatten. Aber jetzt muss alles unter Ihnen und ihr vorbey seyn. Sie sind mein verlobter Brautigam: und ich habe die gerechtesten Anspruche auf Sie."

"S o p h i e ! Ich verkenne Sie ganz. Nein, ich muss abreisen, um zu sehen, ob sie noch lebt, wo sie ist, wo das Kind ist, das sie mir gebar. Ach Gott! wahrscheinlich ist auch diess kleine Schlachtopfer nicht mehr."

"Was hor' ich! Sie wollten mich verlassen, und unser Hochzeittag ist schon bestimmt? Das geb' ich nie zu. Lebt das Kind noch, so wollen wir es zu uns nehmen, aber die Mutter "

"Soll in Elend und Schande verschmachten? Nein, S o p h i e . Ich bin Ihnen viel schuldig, Ihre Liebe hat mir gluckliche Stunden gemacht; aber die arme J u l i e hat starkere Anspruche als Sie."

Ich glaubte nun J u l i e n s Bitten, ihn auf eine starke Probe zu setzen, Genuge geleistet zu haben; auch weigerte sich meine Zunge, langer so ganz gegen meine Ueberzeugung zu sprechen. Unsrer Abrede gemass hatte ich ihn zwar noch etwas angstigen sollen eigentlich war diese Abrede nur zwischen meinem Onkel und mir getroffen; denn J u l i e ist zu zartlich und sanft, als dass sie Rache nehmen konnte aber er war schon genug auf der Folter, und sein Schmerz gieng mir zu nahe.

Ich hiess ihn mit mir gehen, offnete eine Thur, und nun sah er J u l i e n , mit dem Kinde an ihrer Brust. Sie erwartete ihn nicht, und schrie laut, als sie ihn sah.

"Was seh' ich? Tauscht mich meine Phantasie? Sie ist es selbst! Zu ihren Fussen: J u l i e , kannst du mir verzeihen?"

"O K a r l s h e i m , o Geliebter! Wie belohnt mich dieser Augenblick fur alles, was ich litt! Du liebst mich noch? Ich bin dir nicht ganz gleichgultig geworden?"

"J u l i e mir gleichgultig? Engel, voller Huld und Sanftmuth, du vergiebst dem Reuvollen, dem Wiederkehrenden. An dieser himmlischen Gute erkenne ich meine J u l i e wieder."

Er lag an ihrer Brust. Ihre Thranen vermischten sich mit den seinigen. O! gewiss, Engel sahen mit Wonne diesem Auftritt zu; der Allliebende selbst sah gewiss gutig auf ihn herab. Meine Seele fuhlte sich erhoben; noch nie hatte ich eine reinere Freude, ein seligeres Gefuhl geschmeckt. Alles, was ich je in K a r l s h e i m s Armen empfand, war nichts gegen die Zufriedenheit, die ich jetzt fuhlte, als er bald mit Thranen der Zartlichkeit das Kind an seine Brust druckte, bald wieder zur Mutter gieng. Doch, M a r i e , das muss empfunden, nicht erzahlt werden. Das Bewusstseyn, gehandelt zu haben, wie ich sollte und musste, beruhigt mich auch jetzt, wenn zuweilen ein schwermuthiger Gedanke mich uberfallt.

Sophie.

Funfunddreyssigster Brief

Marie an Sophien

Wie soll ich Sie genug bewundern, vorireffliche Freundinn? Ich wusste immer, dass Sie das beste liebenswurdigste Herz besassen, aber so viel Starke des Geistes, so viel Edelmuth hatte ich kaum von Ihnen erwartet. Der Segen des Himmels belohne dich, herrliches Madchen! Gewiss fuhlst du jetzt grossere Wonne uber deine edle Handlung, die einem unglucklichen Madchen ihren Geliebten, einem verwaisten Kinde seinen Vater wieder gab, als du je wurdest gefuhlt haben, wenn K a r l s h e i m der Deinige geworden ware. J u l i e muss ein liebes Geschopf seyn. Ihr Ungluck hat mich bis zu Thranen geruhrt. Dem Himmel sey Dank, dass K a r l s h e i m sie noch liebt; sonst ware das arme Geschopf doch unglucklich. Denn welch ein Schmerz kann grosser fur eine empfindliche Seele seyn, als der, einem Gatten anzugehoren, der gleichgultig gegen uns ist, den blosses Mitleid zu uns leitete, und dem wir es taglich anmerken, dass ihn die Verbindung mit uns gereut?

S o p h i e , fuhren Sie mich ja nie mehr als ein Muster an. Sie wissen nicht, was fur beschamende Gefuhle Sie dadurch in mir erwecken. Ich fuhle es nur zu sehr, dass ich weit unter Ihnen stehe. Nie, o! nie werde ich Ihre Starke des Geistes im Leiden haben. Denken Sie, wie schwach ich bin. J u l i e n s Geschichte, statt mich zu heilen, erinnerte mich nur lebhaft an mein Schicksal, an meinen E d u a r d : und die Thranen, die ich vergoss, flossen nicht allein ihr; der grosste Theil davon gehorte ihm. Haben Sie Geduld mit mir, S o p h i e , mein Korper ist sehr schwach. O! dass Sie doch zu mir kamen, und Beruhigung in meine Seele flossten, die des Trostes so sehr bedarf! Mit inniger Zartlichkeit wurde ich Sie an meine Brust drucken, und die Freude, Sie zu sehen, wurde mich gewiss sehr erheitern. Erfullen Sie, wenn es moglich ist, die Bitte

Ihrer

Marie.

Sechsunddreyssigster Brief

Sophie an Marien

Ja, Theuerste, ich will zu Ihnen kommen. In acht Tagen bin ich bey Ihnen. Ich fuhle, dass auch mir eine Entfernung von hier nothig ist. Dann wollen wir zusammen weinen, und eine in der andern Kummer Trost suchen. Auch mein Herz blutet noch oft, wenn ich an K a r l s h e i m denke.

J u l i e ist seit der Entwicklung ihres Schicksals ein ganz andres Geschopf geworden. Ihr Auge ist heller, ihre Wange lebhafter; auch ihre Munterkeit und ihr Witz, durch das Ungluck niedergedruckt, kommt wieder hervor. Kurz, sie ist jetzt ein liebenswurdiges Madchen, die auch durch andre Mittel, als durch die redende Miene ihres Kummers, die Herzen einzunehmen weiss. Ihre Hochzeit wird kunftigen Donnerstag seyn.

Mein gutiger Onkel hat mir erlaubt, ihr meine Aussteuer zu schenken; auch mein Brautkleid und den dazu gehorigen Putz hat sie bekommen. Als ich ihr dieses antrug, wurde sie hochst geruhrt, und sagte mir vieles zu meinem Lobe, das ich nicht ganz verdiene. Ware ich nicht das schandlichste Geschopf, wenn ich anders hatte handeln konnen? Und doch halt der grosste Theil unsres Publikums meine Handlung fur ubertrieben. Meine Bekanntinnen spotten mit hamischer Schadenfreude daruber, und nur wenige giebt es, die mich recht beurtheilen.

Neulich musste ich in der Komodie ein Gesprach einiger Frauenzimmer anhoren, die es nicht wussten, dass ich hinter ihnen sass.

"Wer hatte das gedacht, dass die Sache einen solchen Ausgang nehmen wurde?"

"Ja wohl, wer hatte das denken sollen? Sie that ja so dick mit ihrem K a r l s h e i m ; wenn sie auf der Strasse mit ihm gieng, sah sie triumphirend umher, als wollte sie aller Welt sagen: Seht, das bin ich. Es war ja kaum, als wenn sie einen noch kennte. Ich glaube auch, es ware K a r l s h e i m nie eingefallen, auf sie zu denken, wenn sie ihm nicht so nachgelaufen ware. Allenthalben war sie ja hinter ihm her."

"Ja, sie war bis uber die Ohren in ihn verliebt, und man sagt auch, ihr Onkel mochte wohl gemerkt haben, wie sehr es ihr um einen Mann zu thun ware, und dass es vielleicht nothwendig ware, ihr bald einen zu geben; er habe sie ihm also angetragen. Ich glaube es auch wohl, denn sie baten ihn ja gleich anfangs immer zu Gaste, und suchten ihn an sich zu ziehen."

"Ich hatte ihn wahrhaftig nicht genommen, wenn er zu mir gekommen ware. So ein Fremdling, den man nicht kennt! Ach! er that anfangs so suss gegen mich " (er hatte sie erst kennen gelernt, als ich sie nebst den andern Madchen an jenem Nachmittage, den ich Ihnen beschrieb, zu mir gebeten hatte ) "dass es allen Leuten auffiel; aber ich sah ihn kaum an, und fuhrte ihn bey jeder Gelegenheit ab."

"Das habe ich nun zwar niemals bemerkt. Aber, wie gesagt, S o p h i e hat recht dumm gehandelt. Da er nun einmal ihr Brautigam war, so hatte sie ihn auch sollen fest halten. Die andre muss ein listiges Mensch seyn, dass sie so bis auf die letzte Stunde gewartet hat. Es ist ihr gewiss nur um ein gut Stuck Geld zu thun gewesen, denn, im Vertraun gesagt, sie soll nur eine gemeine Hure seyn, und wer weiss, ob das Kind nicht mehr Vater hat, als K a r l s h e i m allein? und da hatte ich doch lieber meinen Staat ein wenig eingeschrankt, und ihr eine Summe hingeschmissen, als mich so blamirt."

"Ja, ja, das Ding muss so einen eignen Haken haben. Aber das weiss ich gewiss, so stolz sie auch immer that, so wird, aller ihrer Coketterie ohngeachtet, sich gewiss kein Liebhaber wieder zu ihr finden."

"Werdet Ihr noch nicht aufhoren, durch Eure Lasterzungen eure Nachbarn zu storen? S o p h i e wird gewiss eher zehn vernunftige Freyer finden, als Ihr einen. Ihr solltet es gar nicht einmal wagen, von ihr zu reden, da Ihr gar nicht einmal fahig seyd, ihr edles Betragen zu beurtheilen. Schamt Euch Eures Geschwatzes, aus dem doch bloss Neid und Schadenfreude hervorleuchtet. Alles Zierens ohngeachtet ist doch gewiss keine einzige unter Euch, die nicht mit grosster Freude K a r l s h e i m s Hand wurde angenommen haben, und bloss Eure getauschten geheimen Hoffnungen machen Eure Zungen so hamisch. Es ist nur gut, dass Euer Tadel wahres Lob fur den ist, auf welchen er er fallt."

So sprach die alte geheimde Nathinn B., eine verehrungswurdige Frau, von allen Guten geliebt, und von den Bosen gefurchtet, und sie schwiegen, wie vor den Kopf geschlagen. Der Beyfall dieser vortrefflichen Matrone ist mir wichtiger, als aller Spott und Tadel der Ganschen unsrer Stadt. Man lasst sie schnattern, ohne auf sie zu horen, und dann verstummen sie bald.

K a r l s h e i m und J u l i e sind zwar uber diese kleinen Geister zu sehr erhaben, um nur im mindesten auf sie zu horen; um sich aber doch gar keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen, wird ihre Hochzeit bey einem Pachter meines Onkels, eine Stunde weit von hier, gefeyert werden. Doch das alles beschreibe ich Ihnen im nachsten Briefe.

Sobald sie verbunden sind, und ich ihre Einrichtung besorgt habe; denn Julien sind die Preise der Sachen und alle solche Dinge hier ganz unbekannt: so komme ich zu Ihnen, liebe M a r i e , um in Ihren Armen auszuruhen.

Sophie.

Siebenunddreyssigster Brief

Karlsheim an Wilhelm

Vergieb mir, W i l h e l m , wenn es mir unmoglich ist, dir heute etwas Zusammenhangendes zu schreiben. Die himmlische Gute meiner wiedergefundnen J u l i e , die mir alles vergiebt, und mich noch eben so zartlich liebt wie sonst, die mir bisher unbekannten, unbeschreiblich sussen Vaterfreuden, S o p h i e n s beyspiellose Grossmuth, alles das macht einen zu machtigen Eindruck auf mich. Ewige Vorsehung! wie sind deine Wege so unerforschlich, und doch so weise! Mit heissester Inbrunst danke ich dir, dass du mir Unwurdigen noch ein solches Gluck bereitetest, bey dem keine Gewissensbisse mich beunruhigen werden, dass du noch zu rechter Zeit mich rettetest.

Gott, noch zwey Tage, und es ware zu spat gewesen. Eine furchterliche Reihe schrecklicher Vorwurfe hatte dann ewig mich gemartert. Eine durch mich elend gemachte Mutter; ein verwaistes Kind; eine Gattinn, der mein Anblick mit jedem Tage Kummer und Abscheu eingeflosst haben wurde! Ich mag nicht daran denken. Dank dir, gutiger Gott, dass du von diesem Abgrunde mich zuruckzogst.

Liebster, bester Freund, komm zu mir, dass ich auch dich um Vergebung bitte, dich, dessen treuen Rath ich nicht horte, dass ich alle Empfindungen meines Herzens vor dir ausschutten kann. Nicht ich allein, auch meine geliebte J u l i e , S o p h i e und ihr trefflicher Onkel sehen dir mit Verlangen entgegen.

Dein glucklicher

Karlsheim.

Achtunddreyssigster Brief

Marie an Sophien

O S o p h i e , kommen Sie zu mir. Nicht nur mein innres Leiden zehrt mich ab; auch noch der nichtswurdige W i l d b e r g sucht mich zu kranken. Er belastigt mich taglich mit seiner Gegenwart, weint mit heuchlerischen Thranen, als nahme er den grossten Antheil an meinem Schmerz, fragt mich unruhig nach der Ursache meines Kummers und schwort, dass ihm sein Leben selbst nicht zu theuer seyn soll, um es fur meine Zufriedenheit aufzuopfern. Bisher begnugte ich mich damit, ihm ausserst kalt zu begegnen, und hutete mich, so gegen ihn zu verfahren, wie ich sonst wurde gethan haben, um nicht A l b r e c h t zu beleidigen, der sein eifriger Freund ist, und dem ich die wahre niedrige Gesinnung W i l d b e r g s nicht entdecken mochte.

Diesen Morgen wurde er so unverschamt, mir ohne Scheu von Liebe vorzuschwatzen, und der Freche wollte sogar einige Liebkosungen wagen; aber ich verliess ihn mit der ganzen Verachtung, die er verdiente, und befahl meinen Leuten, niemand ungemeldet vor mich zu lassen. Mein Madchen sagte mir, er hatte vor Zorn mit den Fussen gestampft, und im Weggehen drohende Worte ausgestossen. Mag er doch. Mir soll seine Wuth nicht schaden. Aber, meiner Maassregeln ohngeachtet, konnte er es vielleicht doch noch einmal versuchen wollen, zu mir zu kommen. Und ich wunschte mir Ihre Gegenwart, um mich vor allen solchen Unfallen zu schutzen.

Gott, ware Albrecht doch erst wieder da! Es ist mir immer, als lage eine gewisse Ahndung schwer wie Bley auf mir. Es ist mir unmoglich, mich in den hiesigen Gesellschaften zu zerstreuen. Der Ton, der darinn herrscht, stimmt zu wenig mit meinen Grundsatzen und Empfindungen uberein. Mich dunkt immer, es sey ein ungerechter straflicher Raub, die Zeit, die Gott zu so edlen Endzwecken uns schenkte, damit zu todten, dass wir sie vor dem Spiegel und Putztisch verschwenden, um den Nachmittag am Kaffeetisch mit Nichtswurdigkeiten, oft gar mit den schandlichsten Verlaumdungen hinzubringen. Mein Innres emport sich immer, wenn es anhoren muss, dass so hamischer Weise dem Nachsten Ehre und alles geraubt wird. Ich kann mich nicht enthalten, ihn zu vertheidigen, ob ich gleich wohl einsehe, dass es nichts hilft, und mich nur verhasst macht.

Noch kurzlich nahm eine solche machtige vornehme Verlaumderinn von einer monatlichen Abwesenheit eines jungen Madchens Gelegenheit, ihr die schandlichsten Dinge nachzusagen, sie zu einer Hure und dergleichen mehr zu machen, die nur deswegen verreiste, um ihr Wochenbette heimlich zu halten. Ich kannte die Unschuld des Madchens, das zwar sehr lebhaft ist, aber gewiss noch ein reines Herz hat, in welchem noch nie ein lasterhafter Gedanke entstand. Ich widerlegte die Beschuldigung, und bewies, dass sie falsch ware. Was halfs indessen? Man schwieg zwar beschamt, aber bald sahen alle mit hamischem Lacheln einander an, und nachher haben sie denn gefunden, dass ich die Unterhandlerinn des jungen Frauenzimmers und ihres Galans sey.

Und was ist die Ursache dieses schandlichen Lasters? Bosheit? Nein, Vater, so verkehrt schufst du das Herz deiner Menschen nicht! Gewiss giebt es nur wenige Menschen, bey denen eigentliche Bosheit der Trieb zu diesem Laster ist: Langeweile und Eitelkeit. Manches unerfahrne Madchen oder Weib geht vor Langerweile in Gesellschaft. Anfangs hort sie mit Unruhe die Lasterungen an, aber aus Gefalligkeit schweigt sie dazu. Bald sieht sie, dass Spottereyen, skandaleuse Geschichten und dergleichen der Weg sind sich angenehm zu machen, Beyfall und Lob sich zu erwerben. Sie wendet also ihr Bisschen Witz dazu an. Nach und nach erstirbt auch der letzte Funken moralischen Gefuhls, und sie durchschneidet des Nachsten Ehre eben so leicht, wie ein Stuckchen Flor.

Gott im Himmel! wenn du einst von jedem unnutzen Worte Rechenschaft von uns foderst, was wirst du dann von solchen Verlaumderischen fur Verantwortung heischen! Mochten doch in der Seele einer jeden, die nun da sitzt, und mit hamischem Witz die kleinste unschuldigste Handlung der andern verdreht, schrecklich die Worte erschallen: S o w i e i h r r i c h t e t , werdet ihr auch wieder gerichtet w e r d e n ! Mochte sie dann schnell ihre Rede endigen, und sich bemuhen, das geschehene Unrecht nach allen Kraften wieder gut zu machen! Eile daheim, Unbesonnene, wirf dich vor deinem Gott nieder, und lies mit Andacht und Ehrfurcht die Bergpredigt unsers Erlosers, diess gottliche Meisterstuck! Und ist dann dein Herz ganz von den seligen Empfindungen der Bewundrung, der Liebe und Dankbarkeit durchdrungen, o so ruf ihn an dass er dein Herz heilige, und es mit den erhabnen Gefuhlen der Menschenliebe erfulle.

Sie fragen mich, S o p h i e , wie denn dem Uebel abzuhelfen sey? ob man sich durch Widerspruch dem Hass, den Bitterkeiten einer ganzen Menge aussetzen solle? Suchen Sie solche Gesprache zu vermeiden. Haben Sie Witz und Talente, o, so wenden Sie sie an, die Gesellschaft mit andern Dingen zu unterhalten. Suchen Sie dieselben so interessant vorzutragen als moglich. Erzahlen Sie merkwurdige edle Handlungen von andern. Will alles das nicht helfen; gahnt die ganze Gesellschaft: nun, so vermeiden Sie in Zukunft solche Besuche. Ist das nicht ganz moglich, so sprechen Sie von Putz, und dergleichen. Muss durchaus verlaumdet werden, so wahlen Sie zum Gegenstand ihrer Spottereyen kleine unschadliche Thorheiten das muss aber Ihr letztes Mittel seyn und fallen doch Verlaumdungen vor, die Ihrem Nachsten schaden konnten, so widerlegen Sie dieselben herzhaft, aber sanft und ohne Bitterkeit, und kehren Sie sich nicht daran, wenn eine oder die andre Ihnen ein scheeles Gesicht macht. Fur diess scheele Gesicht wird einst der Unschuldige Ihnen danken, dessen Ehre Sie retteten.

Verzeihen Sie meine Weitschweifigkeit, liebe Freundinn. Sie wissen ja einmal meine Art. Erfullen Sie meine Bitte, und kommen Sie bald in die Arme

Ihrer M a r i e .

Neununddreyssigster Brief

Sophie an Marien

Der Himmel mochte unsern Assembleen und Kranzchen gnadig seyn, wenn Sie Prasidentinn unsrer Obrigkeit waren. Sie wurden mit eben so viel Strenge als Sultan M a ss o u d die Verlaumdung ahnden. Aber Scherz beyseite, meine M a r i e , ich pflichte Ihrer Meynung vollkommen bey. Ihr Brief hat eine sehr ernsthafte Wirkung auf mich gehabt, und ich empfand bittre Schaam und Reue uber die unvorsichtigen Reden, zu welchen mich zuweilen meine gelaufige Zunge verfuhrte. Ich habe auch den festen Vorsatz gefasst, sorgfaltiger uber mich zu wachen, und mich nie wieder durch meinen Leichtsinn zur Tadelsucht gegen andre hinreissen zu lassen. Da es mir aber doch ein Bisschen schwer fallen mochte, alle spottischen Anmerkungen zu unterdrucken, so will ich in Zukunft nur uber meine eignen Thorheiten spotten. Mit diesem Vorsatz sind Sie doch zufrieden, liebste M a r i e , nicht wahr?

Den Tag vor der Hochzeit kam W i l h e l m an. K a r l s h e i m flog in seine Arme. Ihre Liebkosungen waren ausserst zartlich, und W i l h e l m schien sich sehr uber die Wendung zu freuen, die seines Freundes Schicksal gehabt hatte. Wie ihre Freudenbezeugungen etwas voruber waren, bemerkte er auch uns, J u l i e n und mich und kam auf uns zu. Wir hatten uns vorgenommen, ihm nicht zu sagen, welche von uns die Braut ware; sein Scharfsinn errieth es aber gleich. Er kusste mit Warme J u l i e n s Hand, und sagte auch mir viel Schones, aber gar nicht in dem Ton der Schmeicheley unsrer jungen Herren. Ueberhaupt haben alle seine Handlungen etwas Charakteristisches, das ihm sehr gut steht, und jede seiner unbedeutendsten Handlungen anziehend macht.

Ich wurde nicht so viel von ihm geschrieben haben,

wenn ich nicht aus einem Gemalde, das er im Ringe tragt, wusste, dass er eine Braut hat. Und ware auch das nicht, so ist doch mein Herz, durch meine Begebenheit mit K a r l s h e i m , der Liebe auf ewig verschlossen. Ich gebe es zu, dass der Ehestand unsre Bestimmung ist, aber es giebt auch Ausnahmen. Man hat auch im ledigen Stande Gelegenheit genug, gut und nutzlich zu seyn. Sie sollen mich in der Erziehungskunst unterrichten, liebe M a r i e , und dann will ich mir ein susses Geschaft daraus machen, kleine Madchen zu mir zu nehmen und zu erziehen. Mein sonst so flatterhafter leichtsinniger Geist, den Sie so oft vergebens auf ernsthafte Gegenstande zu richten suchten, findet jetzt selbst Geschmack an ernsten Dingen; alle andere Spielereyen, die sonst mich ergotzten, sind mir verhasst.

J u l i e war an ihrem Hochzeittage schon, wie ein Engel. Das schmachtende Wesen, welches ihr ehemaliger Kummer so fest in ihre Gesichtszuge gewebt hat, mit der stillen Freude, das Ziel ihrer Wunsche nun erreicht zu sehen, vereinigt, machte eine hochst liebenswurdige Vermischung in ihrem Gesichte. Sie trug ein simples weisses taffetnes Kleid mit einer blassblauen Brustschleife. Sie hatte einen leichten Florputz um den Hals, und eben solche Aermel Spitzen wollte sie nicht annehmen. Statt der jungfraulichen Krone hatte sie eine Rose auf ihrem blonden Haar, und einen Straus von Vergissmeinnicht vor ihrer Brust. K a r l s h e i m betrachtete sie mit Entzucken, und sagte ihr, sie sey ihm jetzt schoner als an dem Tage, da er sie zuerst sah. Sie wurden in einer landlichen Kirche getraut. Wir hatten den Weg dahin mit Blumen bestreut. Auch die Pfeiler und den Altar hatten wir mit Blumenkranzen umwunden, und die jungen und alten Bewohner des Gutchens folgten paarweise uns nach. Die Traurede war kurz und ruhrend. Nach der priesterlichen Einsegnung kehrten wir in des Pachters Wohnung zuruck. Vor dem Hause ist ein grosser freyer Platz. Hier wurden drey Tafeln gedeckt. An der ersten sassen Braut und Brautigam, der Prediger und seine Frau ein rechtes gutes Weib W i l h e l m , mein Onkel, ich, unser Wirth, einige Aeltesten des Orts, in allem zwolf Personen. An der zweyten sassen alle Manner und Weiber, die alten und jungen, an der dritten das unverheyrathete junge Volk und die Kinder. Mein Onkel hatte fur alle Tafeln simpel, aber gut zubereiten lassen; auch Wein und Bier floss reichlich, und es herrschte bald eine ungezwungne Frohlichkeit unter allen Gasten.

Nach der Mahlzeit wurde getanzt. Dieses war zwar nicht nach dem Geschmack des jungen Ehepaars, welches den Tag der Verbindung lieber in stiller Freude, ohne Gerausch, gefeyert hatte; aber sie mussten meinem Onkel nachgeben, der alles nach seinem Geschmack veranstalten wollte. Er selbst tanzte auch sehr rasch fur seine Jahre mit der Braut und mit allen Weibern und Madchen Menuet, und sah nachher mit vielem Antheil den englischen und schwabischen Tanzen zu. Je lustiger es dabey zugieng, um desto mehr erfreute es den alten Mann, und er litt durchaus nicht, dass vor dem Anbruch des Morgens aufgehort wurde. Ein feyerlicher Kehraus musste den landlichen Ball schliessen, und das junge Paar wurde von Anwesenden, unter Musik und Tanz, in das Brautgemach gefuhrt. Einigemal rief mein Onkel mit geruhrter Stimme aus: Wollte Gott, dass der alte B e h r w a l d noch lebte, und dass ich ihm durch die Feyer dieses Tags vergelten konnte, was er an mir that!

Es mussen besondre Umstande unter ihm und dem Seligen vorgefallen seyn; denn er gedenkt seiner niemals, ohne dass Thranen in seine Augen steigen. Ich muss doch einmal nach der wahren Ursache forschen.

Kunftigen Sonnabend bin ich bey Ihnen, meine Liebe, und hoffe in Ihrer Gegenwart mein Herz vollig zu heilen. J u l i e n scheint meine Entfernung nahe zu gehen. Wenn sie mich ansieht, so dringt noch immer eine Thrane der Ruhrung in ihr Auge, und ich habe oft Muhe, die haufigen Ausbruche ihrer Dankbarkeit zu unterdrucken.

Leben Sie wohl, Theuerste! Der Himmel gebe, dass Sie mit erheiterter Seele finden mag

Ihre

Sophie.

Vierzigster Brief

Barthold an Eduard

Ich bin noch auf meinem Zimmer, und kann nur durch die dritte Hand Nachricht von F e r d i n a n d erfahren. Morgen aber hoffe ich von meinem Arrest befreyt zu werden. Wie ich vor Gericht meine Aussage gethan hatte, erstaunten alle. Der Prorektor sagte mir nachher beym Herausgehen: "Er bedaure, dass ihn die Gesetze abhielten, meinen Arrest aufzuheben. Er sey aber von meiner Unschuld in der Sache hinreichend uberzeugt, kenne mich auch schon lange von einer guten Seite, und wurde suchen, mir bald meine Befreyung zu verschaffen."

K l i n g e wird wohl relegirt werden: auch furchte ich, dass das Schicksal des armen F e r d i n a n d s schwerlich viel besser seyn wird; denn man straft den Zweykampf hier sehr strenge.

Eben bekomme ich einen Brief von F e r d i n a n d s Vater. Man hat ihm den Verlauf der Sache geschrieben, nebst der unglaublichen Summe Schulden, die F e r d i n a n d hier gemacht hat. Der dienstfertige Scribent hat, allem Ansehen nach, die Sache noch ubertrieben, und das Betragen seines Sohns ausserst schwarz gemalt; denn der Alte scheint sehr aufgebracht. Du kennst ja seine unbandige Hitze, ob er gleich sonst der beste Mann und zartlichste Vater ist. Er ist schwer zu reizen, und ubersieht besonders die Fehler seines Sohns nur zu sehr. Ist er aber auch einmal aufgebracht, so kennt man in ihm den Vater nicht mehr. Er hat einen Brief an F e r d i n a n d eingeschlossen. Ich mochte ihn fast zuruck behalten; er durfte den jungen Menschen zu sehr niederdrucken. Doch nein, er soll ihn haben. Vielleicht werden diese gehauften starken Eindrucke desto besser dazu dienen, ihn auf immer vor Ausschweifungen zu sichern. Ich schreibe dir bald mehr.

Barthold.

Einundvierzigster Brief

Der alte Gudheim an seinen Sohn

Ungerathner Bosewicht, den ich nicht mehr meinen Sohn nennen kann, der mein graues Haar vor der Zeit in die Grube bringt! O dass ich das an dem Jungen erleben muss, der meine einzige Freude war, von dem ich hoffte, er wurde mein Alter mir versussen, und mein Trost im Leiden seyn! Aber nein! Ich habe dem Ungeheuer schon zu lange gelebt. Er konnte meinen Tod nicht erwarten, und sucht ihn durch seine schandliche Auffuhrung zu beschleunigen. Das ist dir nun zwar gelungen ich fuhle, dass ich dieses nicht lange uberleben werde; aber die Fruchte, die du von meinem Tode hoffest, sollst du nicht geniessen. Ich habe dich nichtswurdigen Buben enterbt, und mein Vermogen zu andern Endzwecken bestimmt, damit es doch nicht in luderlichen Wollusten verschwendet wird. Untersteh dich nicht, mir jemals wieder vor Augen zu kommen. Dein Anblick wurde mich auf der Stelle todten. Meine alte Hand zittert mehr zu schreiben; ich muss aufhoren, an den Bosewicht zu denken, dem ich das Leben gab.

Zweyundvierzigster Brief

Barthold an Eduard

O Gott, E d u a r d , was ist aus dem armen F e r d i n a n d geworden! Eben bringt man mir die Erlaubniss wiederum auszugehen. Ich laufe zu F e r d i n a n d . Das ganze Haus und die Wache ist in Aufruhr. Er ist in der Nacht entwischt, und niemand weiss, wohin. Auf dem Tische lag ein kleiner Zettel des Inhalts:

"Verzweiflung und Schande treiben mich von hier. Verflucht seyn meine Verfuhrer, mein verdammtes Schicksal und ich selbst! "

Der arme Junge! Gewiss hat ihn seines Vaters harter Brief zu dem verzweifelnden Entschluss bewogen. Wer weiss, was nun aus dem Unglucklichen wird! O ich Thor, dass ich ihm den Brief gab! Ach! ich dachte nicht, dass er eine solche Wirkung haben wurde. O F e r d i n a n d ! warst du doch wieder da! Konnte ich mein Versehen wieder gut machen! Man setzt ihm scharf nach. Hascht man ihn wieder, so wird seine Strafe sehr vergrossert seyn.

Gott, welch ein neuer Auftritt! Sein Vater ist hier. Gleich nachdem er seinen harten Brief abgesandt hatte, bereute ers. Er hatte sich die Verzweiflung seines F e r d i n a n d s vorgestellt. Seine Liebe war wieder aufgewacht, und hatte ihn hergetrieben. Nun hort er die Entweichung seines Sohns. O! du solltest den alten Mann sehen, wie er winselt und die Hande ringt, wie er sich die grossten Vorwurfe uber seine Harte macht. Sein Zustand ruhrt auch die Wildesten zu Thranen.

K l i n g e ist auf Bitten seines Vaters auf zehn Jahre ins Zuchthaus verbannt. Man hat noch schandliche Dinge von ihm entdeckt. Zwey seiner Bekannten, die auch mit in F e r d i n a n d s Geschichte verwikkelt waren, sind relegirt. Alle diese schrecklichen Auftritte haben mich so erschuttert, dass ich meinen Brief schliessen muss.

Barthold.

N. S. Wie kommts, dass ich so lange nichts von dir horte?

Dreyundvierzigster Brief

Eduard an Barthold

Ein solches schreckliches Ende der Begebenheit unsers F e r d i n a n d s hatte ich nicht erwartet. Ich war ganz ausser mir, als ich deinen Brief zuerst las. Armer Jungling! Hattest du dir im Anfange diese harten Folgen deines Fehlers vorgestellt! Gewiss, du hattest die Bahn der Tugend und des Fleisses nie verlassen. Wer weiss, wo er jetzt umher irrt, ein Raub der Verzweiflung! O dass doch sein ungluckliches Beyspiel allen zur Warnung dienen mochte, die, unbesonnen wie er, den ersten Schritt zum Laster thun! Mochten sie doch vom Rande des Abgrundes zuruckschaudern, vor dem sie stehen, und aufs neue Tugend und Fleiss liebgewinnen!

Gestern war auch noch in anderer Rucksicht ein

angstvoller Tag fur mich. Du kennst meine Lage. Ich war meinem Vorsatze treu geblieben, hatte K a r o l i n e n gemieden. Dieses bewirkte eine gewisse Melancholie in ihrem Wesen, die ihren Reiz sehr vergrosserte. Auch ich war stets in einer angstlichen Lage bey ihr, und konnte meine Unruhe nicht ganz verbergen.

Ihr Onkel, der sie sehr zartlich liebt, bemerkte bald

die Veranderung, die mit ihr vorgieng; auch meine Unruhe entwischte seinem scharfen Auge nicht. Er glaubte, dass unsre Liebe gegenseitig sey, und dass ich zu furchtsam ware, die meinige zu gestehen. Er hat viel Neigung fur mich, und wunschte unsre Verbindung, ob gleich K a r o l i n e n s Schonheit und Vermogen auf die glanzendste Parthie Anspruch machen konnen.

Ich merkte wohl, dass er gestern Mittags etwas auf dem Herzen hatte. Nach einigem Rauspern fieng er nach Tische an:

"Sie haben nun lange genug dem Posten eines Sekretairs mit Fleiss und Treue vorgestanden. Ihre Geschicklichkeit macht Sie einer andern Versorgung werth, in der Sie Ihre Talente besser und thatiger nutzen konnen. Die ** Stelle ist jetzt an unserm Kollegio offen. Unser Furst hat mir aufgetragen, ein Subjekt dazu vorzuschlagen. Ich weiss keinen jungen Mann, der fahiger ware sie gut zu bekleiden, als Sie. Aber ich sehe, dass Sie stutzen. Ich kenne Ihr feines Gefuhl in solchen Sachen. Ich denke aber, es wird sich beruhigen, wenn ich Ihnen versichre, dass ich diesen Vorschlag nicht zuerst geaussert habe, sondern dass einige wurdige Manner gleich auf Sie fielen. Sie konnen also diese Stelle sicher annehmen, ohne den Vorwurf zu befurchten, als hatte ich sie Ihnen verschafft. Auch andre Wunsche Ihres Herzens sind mir nicht unbekannt, liebster Sohn."

(so nennt mich der wurdige Alte gewohnlich )

"Ich habe schon lange Eure Neigung bemerkt. Ich werde Eurer Liebe kein Hinderniss in den Weg legen. Meinen Segen und meine Einwilligung gebe ich euch von Herzen. Ihr seyd eines des andern werth."

Die sanfteste Purpurfarbe bedeckte K a r o l i n e n s Wangen. Meine Augen begegneten den ihrigen, und verschamt senkte sich ihr Blick zur Erde. Meine Verlegenheit war unbeschreiblich. Und hatte nicht die Liebe selbst M a r i e n s Namen mit den feurigsten Zugen in meine Seele geschrieben, ich ware uberwaltigt worden, hatte das liebenswurdige Madchen in meine Arme gedruckt. Aber ein Gedanke an die Erstgeliebte meines Herzens vernichtete schnell alle die Eindrucke, die des Madchens Liebreiz und des Alten Gute auf mich machten.

"K a r o l i n e n s Herz ist ein unschatzbares Kleinod sprach ich geruhrt aber es muss nur einem solchen Besitzer zu Theil werden, der es nach seinem ganzen Umfang zu schatzen weiss, bey dem es unumschrankt regiert. K a r o l i n e muss in der Seele ihres kunftigen Gatten ohne andre Nebengotzen herrschen. Ich verehre mit tiefer Werthschatzung die trefflichen Eigenschaften, die sie zu einem so liebenswurdigen Gegenstande machen, aber meine Liebe gehort schon seit mehreren Jahren einem Frauenzimmer, die auch eine der wurdigsten ihres Geschlechts ist. Ohngeachtet dieser Verbindung blutet mein Herz, die Gute eines so ganz verehrungswurdigen Mannes, und den Besitz des liebenswurdigsten Madchens ausschlagen zu mussen, der ware meine M a r i e nicht auf der Welt meine kuhnsten Wunsche ubersteigen wurde. Entschuldigen Sie mich, ich bin zu bewegt und muss in der Einsamkeit mich zu fassen suchen. Glauben Sie, dass ich die ganze Grosse des Opfers fuhle, welches ich M a r i e n bringe."

Ich gieng hinaus, und sah Todtenblasse auf K a r o

l i n e n s Wangen. Mein Herz blutete fur sie; ich sank betaubt auf eine Rasenbank.

"Wie, wenn M a r i e einen andern Gelieb

ten "

Ich zitterte, mochte den Gedanken nicht weiter den

ken. Nein, es ist unmoglich. Schone Seele! die du nur Zartlichkeit fur mich athmetest, du bist mir treu, du liebst mich noch! Vergieb mir, angebeteter Abgott meines Herzens, vergieb deinem E d u a r d diesen Zweifel. Nie komme ein ahnlicher wieder in meine Seele. Aber ich muss von hier abreisen. Es sey morgen.

Das war der Entschluss, den ich nach einer quaal

vollen Stunde endlich fasste. Der geheimde Rath kam mir entgegen.

"Konnen Sie mir verzeihen, theuerster Mann?

"O! reden Sie nicht von Verzeihen, lieber E d u a r d ! Ich verehre Ihre Treue gegen Ihre Geliebte. Aber warum waren Sie so geheim mit Ihrer Geschichte? Hatte K a r o l i n e Ihre Lage gewusst, so wurde sie ihr Herz vor dem Eindruck der Liebe bewahrt haben; auch ich hatte dann ihre aufkeimende Neigung gleich anfangs erstickt."

"Wenn meine Unvorsichtigkeit traurige Folgen fur K a r o l i n e n s Ruhe haben sollte, so wurden mich diese Vorwurfe ewig qualen; aber ich furchte nicht, dass mich der Himmel so hart strafen wird."

"Ich furchte fur ihr empfindliches Herz. Doch, Madchenliebe kommt und geht. Ich hoffe, dass auch meine Nichte sich in die Umstande wird zu finden wissen. Aber dieser verungluckte Plan hebt meinen ersten Entwurf nicht auf. Ich trug Ihnen die Bedienung nicht an, um dem Gatten meiner Nichte eine Versorgung zu verschaffen, sondern um den Platz mit einem Mann zu besetzen, dem ich die Geschicklichkeit zutraue, ihm gut vorzustehen."

Ich wurde von seinem Edelmuth durchdrungen, und erzahlte ihm aufrichtig die ganze Geschichte, meine vorhabende Reise, und die Schwierigkeit, dass M a r i e mir hieher folgen wurde. Er schuttelte den Kopf:

"Lieber Sohn, Sie konnen vielleicht glauben, dass die Liebe zu meiner Nichte mich so reden lasst, aber ich kann es Ihnen nicht bergen: Ihr Entschluss scheint mir unuberlegt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Sie ein Madchen, von dem Sie in drey Jahren nichts horten, noch treu, noch auf sich wartend finden werden."

"Sie kennen die standhafte Seele meiner M a r i e nicht. Unsre Liebe war kein Bundniss des Eigennutzes, oder sinnlicher Triebe; es war die Vereinigung zweyer Seelen, die es fuhlen, dass sie ganz Eins sind, dass keins ohne das andre leben kann, ohne sich von sich selbst getrennt zu glauben."

"Hatte ich Ihnen doch nicht so viel Empfindsamkeit zugetraut" (sagte er mit einem Lacheln, das bey jedem andern mich wurde beleidigt haben, bey ihm aber schmerzte es mich bloss ) Es ware grausam, Sie von Ihrem Vorsatz abzuhalten. Reisen Sie ab, sobald es Ihnen beliebt, und ich wunsche aufrichtig, dass Sie die Gebieterinn Ihres Herzens Ihren Wunschen getreu finden mogen. "

Ich antwortete bloss mit einer Verbeugung, und eilte auf mein Zimmer, voller Schmerz, mich so von ihm verkannt zu sehen; denn dieses musste ich aus dem zweydeutigen Ton und Gesichte schliessen, mit dem er die letzten Worte sagte. Mags doch seyn! Es verkenne mich die ganze Welt, beurtheile meine Handlungen falsch, nenne mich immerhin einen empfindsamen Schwarmer; ein Blick von dir, meine M a r i e , wird fur das alles mich schadlos halten. Was kummert mich die Welt mit allen den kalten fuhllosen Menschen, die drauf herum wandeln? Wenn du nur mich liebst! Wenn nur eine Thrane von dir meine treue Liebe segnet, so bin ich unaussprechlich glucklich!

Ich werde morgen in aller Fruhe hier abreisen, ohne K a r o l i n e n zu sehen. Eine Zusammenkunft wurde uns beyde verlegen machen. Mochte doch das gute Madchen ihr Herz beruhigen, und einen andern Gegenstand finden, der ihre Liebe besser zu schatzen weiss als ich!

Der Gedanke, nun bald meine M a r i e wieder zu sehen, bringt mein ganzes Wesen in Wallung. Ware ich nur erst bey dem himmlischen Geschopfe! Wie unertraglich langsam werden mir die Tage wahrend der weiten Reise schleichen! O! gienge sie so schnell wie meine Wunsche: so lage ich schon jetzt zu ihren Fussen.

Eduard.

Vierundvierzigster Brief

Amalie an Wildberg

Der verwunschte alte Geck nebst seiner hochweisen Frau Gemahlinn! Mir einen solchen Queerstrich durch meine Rechnung zu machen! Alle meine Plane sind vereitelt. Womit mag ich wohl das Schicksal beleidiget haben, dass es immer meine Absichten vernichtet, wenn ich der Erfullung so nahe bin? Doch, wenn Sie mich verstehen sollen, muss ich Ihnen wohl eine umstandlichere Erzahlung machen. Wir sind ja nun einmal durch sonderbare Umstande seit anderthalb Jahren vertraute Freunde geworden, und haben seit der Zeit keine Geheimnisse mehr fur einander gehabt.

Ich schrieb Ihnen doch vor einiger Zeit von dem jungen Baron L . dem Vetter meiner gnadigen Frau. Er ist ganz gut gebildet, ist der einzige Erbe eines reichen Vermogens, hat nur gerade so viel Verstand, als er braucht, um dereinst den Befehlen seiner kunftigen Frau Gemahlinn, ohne weitere Untersuchung und Widerrede, Folge zu leisten, ist also ganz der Mann, den ein Frauenzimmer von meiner Denkungsart sich nur wunschen kann. Dieser junge Herr also verliebte sich gar ernstlich in mich. Ich spielte die Sprode gegen ihn sehr gut, redete viel von Tugend und Ehre, liess ihn mondenlang seufzen, ohne ihm die mindeste Hoffnung zu machen, und als seine Liebe nun auf dem hochsten Punkt getrieben war, und er zu meinen Fussen kniend aufs dringendste um Erhorung flehte; da stellte ich mich auch geruhrt. Ich bat ihn mit Thranen, mich zu verlassen, verwunschte den Unterschied des Standes, der das Hinderniss unsrer Liebe ware, denn ich wurde nie einem Manne mein Herz schenken, mit dem nicht priesterliche Einsegnung mich verbande. Zum ersten und letzten mal gestande ich ihm, dass er den tiefsten Eindruck auf mich gemacht hatte, aber ich beschwore ihn, wenn er einige Zartlichkeit fur mich besasse, mich nie wieder zu sehen, und mich m e i n e m unglucklichen Schicksal zu uberlassen.

Diese Erklarung uberwog bey einem so schwachen Kopfe, wie meines Barons seiner war, alle adelichen Vorurtheile. Er trug mir seine Hand an. Die Einwendungen, die ich zum Schein machte, wurden leicht gehoben, und es wurde eine heimliche Heyrath verabredet. Dieses hatte ich gewunscht. Er war der einzige Sohn einer Mutter, und ihr Abgott. Waren wir einmal verehlicht, so hoffte ich sicher, dass seine Bitten und meine Schmeicheleyen die Alte erweichen wurden. Dann war ich gnadige Frau Sie wissen, W i l d b e r g , dass ich den adelichen Stand sehr liebe Besitzerinn eines Vermogens, mit dem ich nach meinen Phantasien schalten und walten konnte. Herrliche Aussichten! O warum mussten sie so vereitelt werden?

Meine einzige Sorgfalt gieng nun dahin, unser Verstandniss bis nach der Trauung geheim zu halten. Vergebliche Vorsicht! Der Baron war nicht dazu gemacht, sich zu verstellen. Die gnadige Frau merkte Unrath. Sie liess uns belauren; wir wurden behorcht, als wir eben von unsrer Verabredung sprachen, und sie erfuhr die ganze Geschichte. Man liess sich gegen uns nichts merken, aber der gnadige Herr sandte einen heimlichen Boten an die alte Baronesse, und malte ihr in einem Briefe die Gefahr ihres Sohns so gross ab, dass er Vollmacht von ihr erhielt, mit demselben alle die Maassregeln zu nehmen, die er fur die zutraglichsten halten wurde. Ich musste auf einen ganzen Tag mit der gnadigen Frau auf ihr Landgut reisen. Unterdessen nahm ihr Gemahl meinen Baron auf sein Zimmer, stellte ihm die schadlichen Folgen vor, die eine Heyrath mit mir haben wurde, und redete zuletzt mit so viel Ernst, dass der furchtsame Tropf aufs feyerlichste versprach, auf immer von mir abzulassen. Der gnadige Herr, der schon vorher alle dazu nothigen Anstalten getroffen hatte, sandte ihn nun noch denselben Tag an den Hof zu B . Ein erfahrner Hofmeister begleitete ihn, und hatte den strengsten Auftrag, ihn die zwey Monate seines dortigen Aufenthalts keinen Augenblick aus den Augen zu lassen.

Als wir am Abend zuruckkamen, war der Baron fort, und Ihro Gnaden erlauterten mir nun gnadigst die ganze Sache. Diese Erlauterung war nichts weniger als angenehm fur mich, zumal da sie mit einigen ernstlichen Verweisen verknupft war. Ich suchte mich, so gut ich konnte, zu entschuldigen, aber vergebens. Man erklarte mir, dass ich binnen acht Tagen das Haus verlassen sollte. So lange wollte man mir Zeit lassen, theils darum, damit niemand die wahre Ursache meiner Verabschiedung ahndete, theils auch, damit ich mich erst nach einer andern Stelle umsehen konnte.

Es bleibt mir also kein andres Mittel ubrig, als wieder nach meiner Vaterstadt zuruckzukehren. Ich werde denn freylich die Ursache meiner Wiederkunft ganz anders erzahlen, als ich sie Ihnen geschrieben habe. Genug, dass mir der infame Vorfall ausserst fatal ist. Glauben Sie wohl, W i l d b e r g , dass es mich jetzt sehr gereut, dass ich A l b r e c h t nicht fester gehalten habe? Hatte ich mir nicht damals sichre Rechnung auf den Hauptmann von B . gemacht, ware ich nicht, als ihn sein Regiment nach S s rief, um mit ihm in einer Stadt zu seyn, als Gesellschafterinn mit meiner gnadigen Frau gereist, so hatte wahrlich A l b r e c h t niemals der empfindsamen M a r i e zu Theil werden sollen. Es ist wahr, man hatte ihm meinen Umgang mit dem Hauptmann verdachtig gemacht; seine Liebe zu mir war schon im Abnehmen; er hatte M a r i e n in einer Gesellschaft gesehen; war so druckte er sich damals aus von ihrem vortrefflichen, reellen Geist und Charakter bezaubert worden. Aber, aller dieser mislichen Umstande ohngeachtet, ware es mir doch ein leichtes gewesen, ihm seinen Verdacht zu benehmen, seine Liebe zu mir wieder anzufeuern, und ihm M a r i e n als die abgeschmackteste Person vorzumalen, wenn ich nur gewollt hatte.

Ich Thorinn, dass ich nicht wollte, dass ich Titel und Rang einem guten Auskommen vorzog! Der undankbare Hauptmann. Wie schlecht belohnte er meine Liebe! Doch ich mag an diese Dinge nicht denken, sie machen mich nur noch melancholischer. Ich lege Ihnen hier ein Zettelchen, in unsrer Sprache geschrieben, bey. Sie werden daraus sehen, dass mir daran liegt, die darinn enthaltnen Dinge vor meiner Abreise beantwortet zu sehen. Schreiben Sie also mir eiligst Nachricht darauf. Ich wunschte, dass Sie mir einen recht langen interessanten Brief schrieben, mit welchem ich mich in der Postkutsche amusieren konnte; denn meine Reisegesellschaft wird sehr trauriger Art seyn.

A propos, W i l d b e r g , es fallt mir eben ein, dass Sie selbst einmal stark von M a r i e n angeschossen waren. Das ist doch, hoffe ich, langst voruber, sonst wurden Sie mir wohl meine Aeusserung von ihr nicht verzeihen. Ich mochte nur wissen, was das wimmernde, moralisirende Geschopf Anzugliches fur die Manner haben kann. Leben Sie wohl, und lassen Sie mich kunftigen Posttag nicht vergebens auf einen Brief warten. Ich glaube, es sind wenigstens acht Wochen, dass ich nichts von Ihnen sah und horte.

Amalie.

Funfundvierzigster Brief

Wildberg an Amalien

Ich nehme den grossten Antheil an Ihrem Kummer, A m a l i e . Der Ruckfall von der Baronesse zum burgerlichen Madchen mag nicht der angenehmste seyn. Sie hatten sich mit Ihrem jungen Herrn Baron hurtiger expediren sollen, ehe Ihnen die Alten in die Queer hatten kommen konnen. Dass die verschlagne A m a l i e nicht merkte, warum man mit ihr aufs Landgut reiste, wundert mich sehr.

Sehen Sie, dieser spottische Ton den ich gern

noch weiter fortsetzte, wenn ich Sie nicht zu sehr zu beleidigen furchtete ist Wiedervergeltung fur das, was Sie mir von M a r i e n schrieben. Ein Frauenzimmer kann so wenig von dem andern urtheilen, als der Blinde von der Farbe; denn ihre Augen, so hell sie auch sonst sehen mogen, werden in diesem Fall immer von einerley Leidenschaften geblendet. Also wundert es mich gar nicht, Sie uber M a r i e n spotten zu horen. Um eben so aufrichtig zu seyn, wie Sie, muss ich Ihnen auch offenherzig gestehen, dass ich oft uber mich selbst spotte, und nicht begreifen kann, wie es moglich ist, dass ich ein Frauenzimmer von M a r i e n s Art schon seit so langer Zeit mit der grossten Heftigkeit liebe, dass ich auch noch jetzt ob ich gleich aufs bitterste von ihr beleidigt bin, ob ich gleich in meinem Herzen ihr die starkste Rache schwur dennoch zu Zeiten ihren Besitz wunschen kann.

A l b r e c h t ist verreiset. Er trug mir auf, wahrend seiner Abwesenheit oft zu seiner Frau zu gehen. "Sie ware seit einiger Zeit sehr melancholisch, ich mochte doch suchen, ihren Kummer zu erforschen und zu zerstreuen; denn das weinerliche Wesen hasse er bis in den Tod."

Der Tropf! Er wusste nicht, dass er den B o c k zum Gartner machte, und dass es gewiss nicht an mir lag, wenn er ohne Hauptschmuck von seiner Reise wiederkehrte. Ich benutzte die Gelegenheit M a r i e n zu sehen sehr haufig. Ich sparte keine Bitten, keine Schmeicheleyen, sogar wusste ich Thranen aus meinen Augen zu pressen. Alles umsonst. Sie war taub gegen meine Bitten, horte mit verachtlichem Blick meine Schmeicheleyen, und blieb bey meinen Klagen und Thranen fuhllos. Dieser Widerstand erhitzte mich nur noch mehr. Als mein Flehen nichts half, versuchte ich Gewalt. Ich wollte sie in meine Arme schliessen. Sie sass auf einem Kanapee, welches mir auch noch zu andern Liebkosungen bequem schien, zu denen ich bey ihr hinaufzusteigen hoffte; aber, hilf Himmel, mit welch einem Wesen riss sie sich los! Sie gab mir kaum kann ich vor Wuth diese verdammten Worte schreiben eine Ohrfeige und gieng aus dem Zimmer. Beynahe schaumend gieng ich fort, und schwur mich zu rachen, es koste auch was es wolle. Und diesen Schwur will ich halten. Diess ist die erste Ohrfeige, die ich bekam, und du sollst sie theuer bussen. Zorn und Rache haben meine Liebe uberwaltigt. Du sollst sehen, was W i l d b e r g vermag, wenn man ihn aufbringt!

Ich habe da so einen Plan, A m a l i e , der Sie auch mit angeht. Wir wollen mundlich davon reden. Sie werden aus der Beylage sehen dass ich es aus Ursachen fur besser halte, wenn Sie sich eine halbe Viertelstunde von der Stadt bey der Wittwe A. eine Wohnung miethen. Diess ist wirklich weit besser als in der Stadt selbst, und erweckt Ihnen, ausser den Ihnen bekannten Grunden, weit besser den Ruf einer anstandigen eingezognen Lebensart; denn da Ihre Tante todt ist, konnen Sie doch, als ein lediges Frauenzimmer, nicht mit Anstand eine Wohnung hier beziehen.

Ich werde Ihnen eine Stunde weit entgegen kommen, und freue mich sehr, Sie wieder zu sehen. Ich bin heute gar nicht in der Laune einen langen Brief zu schreiben, glaube auch ubrigens, dass Ihre eignen Gedanken weit mehr vermogend seyn werden, Sie auf Ihrer Reise zu beschaftigen, als mein Brief.

Der Ihrige

Wildberg.

Sechsundvierzigster Brief

Sophie an Julien

Ihre zartliche Freundschaft, meine J u l i e , ist gewiss bey dem heftigen Gewitter fur mich besorgt gewesen. Wir bekamen es auch wirklich unterwegs. Bey unsrer Abreise war der Himmel so schon und heiter, dass auch wir diese Stimmung annahmen. Auf einmal erschienen Wolken. Es wurde furchterlich dunkel; die Arbeiter eilten alle von den Feldern; sogar die Vogel schienen in ihre Wohnungen zu fliehen. Wir stiegen aus, und indem zersplitterte ein starker Schlag die majestatische alte Eiche, unter deren Zweigen wir Schutz suchten. Unsre Pferde wurden fluchtig, und liefen mit dem Kutscher und Wagen davon.

Ich war ganz betaubt, und mein Onkel schleppte mich mit vieler Muhe fort, um mit mir auf ein Dorf zu kommen, welches wir vor uns liegen sahen. Es fiel ein starker Platzregen, der den Erdboden so glatt machte, dass ich bey jedem Schritt wieder zurucksank. Endlich kamen wir abgemattet und durchnasst in einem Bauernhause an. Ohngeachtet es schon dunkel war, sandten wir doch gleich einen Boten der sich freylich nur durch vieles Bitten und Geld dazu brauchen liess nach unserm Kutscher und Wagen aus. Man fand beydes am Fusse eines steilen Bergs, den die Pferde herunter gesturzt waren. Der arme F r i e d r i c h lag ganz zerquetsche da, gab aber doch noch Zeichen des Lebens von sich. Ich machte ihm Umschlage von warmem Wein, und schickte nach einem Chirurgus. Dieser giebt zwar Hoffnung zu seiner Genesung, aber ein Bein wird er wohl verlieren. Der arme Kerl! Es war eine gute treue Seele; sein Schicksal geht mir nahe. Denn wenn auch mein Onkel fur seinen lebenslangen Unterhalt sorgt, so ist doch nichts vermogend, ihm den Verlust seiner Gesundheit zu ersetzen.

Ach! man sollte doch ja stets gut und liebreich gegen Dienstboten seyn. Diese armen Leute mussen sich fur uns so manchen Gefahren ausfetzen, und doch belohnen wir sie gewohnlich nur mit Harte und Unterdruckung, sind so besorgt, Ihnen jede kleine Lebensfreude zu verbittern, und sie stets die tiefe Abhangigkeit fuhlen zu lassen, in der sie gegen uns stehen. Ein liebreiches und sich immer gleiches ernstes Betragen wurde uns die Herzen dieser armen Menschen gewinnen, und weit besser auf sie wirken, als die grosse Strenge, mit der wir gegen sie verfahren. Aber leider sind sie der Gegenstand, an dem man gewohnlich jede uble Laune auslasst; und indem manche oft zu andern Zeiten allzugrosse Vertraulichkeit gegen sie hegen, und ihnen Geheimnisse aller Art anvertrauen, machen sie dieselben falsch und niedertrachtig, und setzen sich allen Folgen der Geschwatzigkeit ihres Gesindes aus. Es ist wahr, es ist sehr schwer, die Mittelstrasse zwischen Familiaritat und zu grosser Entfernung zu halten. Beydes verdirbt gleichviel.

Ich glaube, man muss mit seinen Leuten nicht mehr reden, als die Umstande nothig machen, aber dieses Wenige mit Gute und Sanftmuth. Man muss sie nie zu Vertrauten seiner eignen Handlungen machen, wohl aber in den ihrigen ihnen mit Rath beystehen. Man muss nie befehlen, ohne erst den Befehl gehorig uberlegt zu haben, damit man nicht oft nothig hat zu widerrufen; dadurch verliert er sonst den Eindruck, und wir gerathen bey ihnen in Verdacht, dass wir ohne Grund befehlen, und bloss unsern Launen folgen, und dieses macht sie unwillig uns zu gehorchen. Man muss ihnen aber doch auch zu Zeiten erlauben, uns in Dingen, worinn sie mehr Erfahrung haben, als wir, mit Bescheidenheit Grunde anzufuhren, wenn ihnen das, was wir befohlen, nicht vortheilhaft fur uns scheint. Und alsdann muss man auch nicht hartnackig seyn, ihrem Rathe zu folgen, wenn er wirklich gut ist. Dieses hat fur uns einen vorzuglichen Nutzen, wenn wir Neuerungen oder Abweichungen ihrer gewohnlichen Art zu handeln von Ihnen fodern, weil uns alsdann ihre Einwendungen Gelegenheit geben, sie desto besser von unsrer Sache zu uberzeugen. Merkt man aber, dass sie sich uns aus blossem Eigensinn und Verdrossenheit widersetzen, so muss man sie strenge anhalten, uns genaue Folge zu leisten.

Versehen sie etwas, so verweise man es ihnen nach Maassgabe des Fehlers, doch ohne Schimpfreden; denn diese erniedrigen uns bis zu ihnen, oft unter sie, machen uns verachtlich, und dienen nur, sie zu erbittern und boshaft zu machen. Uebrigens halte man sie gut im Essen und Trinken, gebe ihnen einen guten Lohn denn das sind die Dinge, die vorzuglichen Eindruck auf sie machen, weil alle ihre Handlungen hauptsachlich durch sinnliche Gefuhle geleitet werden halte sie aber auch dafur zu strenger Ordnung und Arbeitsamkeit in Geschaften an. Man gewohne sie durch sein Beyspiel zur Reinlichkeit; man halte sie zu den Uebungen der Religion an, und zeige ihnen, dass man s e l b s t Gott von ganzem Herzen verehrt. Beobachtet man dieses Betragen, so wird man gewiss selten Klagen uber das Gesinde zu fuhren brauchen.

Ich sehe Ihr Erstaunen uber meine Weisheit, liebe J u l i e , denn man ist sonst eben nicht gewohnt, dergleichen ernsthafte Betrachtungen aus meinem Gehirne kommen zu sehen. Ich will Ihnen auch nur lieber gleich gestehen, dass ich mit einem fremden Kalbe gepflugt habe, und dass ich Sie nur uberraschen wollte. Horen Sie also an:

Wir giengen, wie ich Ihnen schon erzahlt habe, in ein Bauernhaus. Aber dieses Haus hatte nur eine Stube, und diese Stube war so voll von Alten und Kindern, von Knechten und Magden, dass es unmoglich war, noch ein Platzchen fur uns darinn zu finden.

"Ist denn hier im Dorfe kein gutes Wirthshaus? fragte mein Onkel."

"Nein! fur vornehme Leute ist es wohl eben nicht eingerichtet, denn es trifft sich sehr selten, dass jemand hier ein Nachtlager sucht."

"Weisst du was, Christoffel, sprach die Frau bring sie hin nach der Pfarre. Da unser Pastor und die Frau Pastorinn so liebreich gegen unser einen sind, so werden sie es ja auch gegen diese Fremden seyn. "

Nun sprachen auf weiteres Nachfragen meines Onkels alle die Bauern mit solcher Ehrfurcht und Liebe von ihrem Pfarrherrn, dass wir begierig wurden, diese Familie kennen zu lernen. Wir liessen uns also hinfuhren. Sie schienen eben zu Bette gehen zu wollen; als wir aber den Unfall erzahlten, der uns hergefuhrt hatte, empfiengen sie uns sehr freundlich. Die Pastorinn besorgte reine Wasche und trockne Kleider fur uns, und war so gutig, uns mit einer starkenden Suppe, die sie sehr geschwind verfertigte, zu erquikken.

Der Pfarrer ist ein Mann von sechzig Jahren, aber noch so stark und munter, als ware er erst vierzig. Eine stete Heiterkeit, ein heller Verstand, Kenntnisse mit Erfahrung vereinigt, machen ihn zum angenehmsten Gesellschafter. Er ist nun schon vierunddreyssig Jahre Prediger in diesem Dorfe, welches wegen der schlechten und rauhen Lebensart seiner Einwohner bekannt war. Er hatte erst einige saure Jahre; aber zuletzt gelang es ihm, durch unermudeten Fleiss, durch stete Leutseligkeit, und vorzuglich durch seinen frommen Wandel, die Herzen seiner Bauern zu gewinnen. Er gieng oft selbst zu ihnen, erzahlte von seinen Universitatsjahren, von seinen Reisen, und, ohne dass sie selbst seine Absicht merkten, wusste er bestandig gute Lehren in seine Erzahlungen zu mischen, und so besserte er zugleich ihr Herz, und klarte ihren Verstand auf. Seine Predigten waren stets fasslich, und griffen an das Herz. Im Anfange giengen die Bauern selten zur Kirche, jetzt aber war es ein Wunder, wenn Sonntags mehr als einer in einem Hause zuruck blieb. Man konnte dann gewiss auf eine Krankheit rechnen.

Der Kranken nahm sich die Frau Pastorinn vorzuglich an. Sie pflegte und wartete sie selbst mit unermudeter Sorgfalt, erquickte sie durch starkende Speisen, und war bemuht die Vorurtheile auszurotten, welche gewohnlich die Krankheiten dieser Leute hartnackig zu machen pflegen.

Auch in der Kinderzucht machte sie manche heilsame Veranderung. Die Kinder waren bisher bis ins zwolfte Jahr ganz ohne Aufsicht, wie das liebe Vieh, umher gelaufen, und wussten, wenn sie confirmirt wurden, kaum die zehn Gebote und die drey Glaubensartikel papageyenmassig herzuplappern. Der Pfarrer setzte einen wackern Schulmeister her, der die Kinder treu und gut unterrichtete, und sie lesen lehrte. Nachher machte er selbst ihnen die heiligen Wahrheiten unsrer Religion bekannt; er brachte ihnen auch in einer andern Stunde die nothigen Kenntnisse vom Feldbau bey, und lehrte sie oft in Spaziergangen aufs freye Feld die Weisheit und Grosse des Schopfers bewundern.

Die Frau Pastorinn lehrte zu gewissen Stunden des Tags die Madchen allerley weibliche Arbeiten, und sie hat die jungen Bauerinnen wirklich so weit gebracht, dass sie jetzt jahrlich durch Weissnahen grosse Summen aus der Stadt verdienen. Auch verfertigen sie alle ihre Kleidungsstucken selbst, und sogar der Mannspersonen ihre.

"Aber so unterbrach ich sie wo nehmen sie denn die Zeit dazu her? Leidet nicht die Haushaltung und die Feldarbeit darunter? Ihr Einwurf, meine Liebe, ist sehr vernunftig. Wenn nicht die Zeit zu solchen Arbeiten auf eine andre Art erspart wurde, so waren diese Beschaftigungen sehr schadlich fur meine Landleute, und der Gewinn ihrer Arbeit wurde lange nicht hinreichen, den Schaden zu ersetzen, der aus der Vernachlassigung ihrer Haushaltung entstunde. Sonst brachten die Bauerinnen wochentlich drey halbe Tage damit zu, um dem wollustigen Stadter an den Wochenmarkten die Lebensmittel aus ihrer Haushaltung zuzutragen, die sie oft sich selbst entzogen. Dieses hat viele schadliche Folgen fur sie. Sie nehmen dadurch manche uppige Stadtsitte an, sie werden zum Wohlleben gewohnt, lernen allerley Bedurfnisse kennen, von denen sie vorher nichts wussten. Wenigstens ein Drittel dessen, was sie losen, wird fur Naschereyen oder andre eben so entbehrliche Dinge ausgegeben. Sie bekommen Geschmack am Mussiggehen und Herumschlendern, und entblossen ihre Haushaltung von allerley nothigen Sachen, die sie selbst brauchen mussten, theils aus Geldgier, theils um nur einen Vorwand zu haben, nach der Stadt zu gehen, mancher andern schadlichen Folgen nicht einmal zu gedenken. Es hat mir unsagliche Muhe gekostet, diesen ublen Gebrauch abzustellen; aber endlich bin ich doch, mit Hulfe meines Mannes, durchgedrungen."

"Aber wo lassen denn die Bauern das, was sie uberflussig haben? Oder bauen sie nicht mehr Fruchte als sie brauchen?"

"Gerade umgekehrt. Sie bauen mehr zum Verkaufe als sonst. Jeder sammelt seine Eyer, seine Butter, seine Gartenfruchte, und was er sonst Entbehrliches hat, zusammen. Alle Monate gehen zwey Fuhren von hier ab, nach einer Stadt, die eine Stunde weiter von hier entfernt liegt, als die, nach welcher sonst die Bauern giengen, und in der man die Victualien nicht so theuer bezahlte. Auf diesen Wagen packt nun jeder seinen Vorrath besonders zusammen. Zwey bejahrte Manner und Frauen, welchen die Dorfschaft dafur eine gewisse kleine Einnahme giebt, und die wegen ihrer Ehrlichkeit bekannt sind, fahren mit, und verkaufen die Sachen. Ein jeder bekommt das, was aus seinem Vorrathe geloset ist, und hat den Vortheil, das Geld auf einem Haufen einzunehmen, das er sonst groschenweise einnahm, und wieder durch die Finger gehen liess, ohne grossen Nutzen davon zu haben. So aber, da er mehr auf einmal einnimmt, wendet er das Geld an, die grossen Punkte seiner Ausgaben damit zu bestreiten und vertandelt nichts davon. Die Weiber bringen die Zeit, welche sie sonst zu ihren Wanderungen nach der Stadt brauchten, mit Nahen zu, und auch die kleinen Kinder, die sonst sehr lange mussig herum liefen, werden gleich fruh zur Arbeitsamkeit gewohnt.

Auch den Juden, und den herumziehenden Galanteriekramern, die sonst unsern Landleuten manchen Groschen und Thaler fur unnutze Waaren abschwatzten, und ihnen fur ihr baares Geld den Ausschuss dessen gaben, was der Stadter nicht wollte, haben wir den Eingang verschlossen. Dasjenige, was unsre Einwohner an Kleidungsstucken nothwendig brauchen, lasse ich in Quantitat kommen, und sie stehen sich viel besser dabey. Dieses ist aber ein seltner Fall; denn die meisten Kleidungsstucke, die hier die Manner und Weiber tragen, bestehen aus Zeugen, die ich sie selbst machen lehrte, und die, ihrer Starke und ihres guten Aussehens wegen, auch ausserhalb dieses Dorfs von ihnen verkauft werden."

Ich horte dieser Frau mit Aufmerksamkeit und Bewundrung zu. Sie sagte dieses alles gar nicht im Lehrton, oder mit einem gewissen ruhmredigen Wesen, sondern ihr Vortrag war so sanft und leutselig, dass es immer schien, als wollte sie in manchen Dingen mich um meine Meynung fragen, und sich daraus belehren.

Auf mein Befragen erzahlte sie mir denn auch ihre Verfahrungsart mit ihrem Gesinde, deren ich oben gedacht habe. Nur vermag ich nicht ihren schonen fasslichen Vortrag nachzuahmen.

"Auf diese Art, sprach sie, gelingt es mir, stets gute Leute zu haben, die sich nur dann von mir trennen, wenn sie heyrathen. Dieses geschieht nun zwar haufig; denn da ich immer junge Madchen in meine Dienste nehme, die ich unterweise, so drangen die Alten unsers Dorfs ihre Sohne, ihnen diese Madchen zu Schwiegertochtern zu geben. Die jungen Kerls bewerben sich auch von selbst lieber um sie, als um andre, weil sie gute arbeitsame Haushalterinnen von ihnen erwarten."

Es ist eine Lust, zu sehen, wie flink und reinlich die Madchen der Pastorinn sind

"Es ist zwar etwas lastig fur mich, so oft neue Madchen zu haben, die ich denn immer erst an meine Art gewohnen muss; aber ich nehme diese Muhe gern uber mich, und die Madchen erleichtern sie mir auch durch ihre Willfahrigkeit und Aufmerksamkeit; denn jede freuet sich, wenn ich sie in Dienste verlange. Gewohnlich aber wahle ich die Unwissendsten dazu, um unser Dorf, so viel moglich, mit lauter guten Hausfrauen zu versehen."

Diese bescheidne Frau sagte mir nicht einmal alles. Sie giebt jedem dieser Madchen eine artige Aussteuer mit, und theilt uberhaupt grosse Wohlthaten im Dorfe aus. Die jungen Bauerinnen, die sich verheyrathen wollen, lasst sie zu sich kommen, und unterrichtet sie in den neuen Pflichten, die im Ehestand ihrer warten. Der Pfarrer thut ein Gleiches mit den jungen Burschen. Alle Einwohner verehren auch diese trefflichen Menschen fast bis zur Anbetung, und wurden willig ihr Leben fur sie lassen. Das ganze Dorf ist in einem bluhenden Zustande; den Armen hat man Arbeit und Unterhalt zu verschaffen gewusst, und ein vorsatzlicher Mussigganger wird auf das harteste bestraft.

Ich bin von den tiefen Eindrucken, die diese ehrwurdige Frau auf mich gemacht hat, ganz durchdrungen. Gott, was ist doch eine solche Person, die mit vernunftig geleiteten Empfindungen dem menschlichen Uebel abzuhelfen sucht, gegen eine empfindsame Seele, wie es deren so viele giebt, die zwar aufs innigste von dem Elend ihrer Nebenmenschen geruhrt werden, und deren Herz allen Eindrucken des Guten offen steht, die es aber bloss beym Empfinden bewenden lassen, ohne durch thatige Hulfe dem Nachsten beyzustehen!

Welches Verdienst ist grosser: derjenigen ihres, die bloss innige schone Empfindungen hat, ohne denselben gemass zu handeln, oder das Verdienst der andern, die mit minder starkem Gefuhl gute und nutzliche Handlungen verrichtet? Welches Empfinden ist das wahre? Welcher Lohn wird in der Ewigkeit grosser seyn?

Ich erstaune selbst uber meine ernsthaften Betrachtungen. Sonst waren mir solche gar nicht eigen. Aber das Bild dieser Matrone, die mit jedem Tage neue Fruchte fur die Ewigkeit einsammelt, hat meine Seele durchdrungen, und ich bitte Gott, dass er auch mich fahig mache, meinen Nebenmenschen wirklich Gutes zu thun, damit auch ich einem so freudigen Alter entgegen sehen kann. Auf dem Todbette dieser wurdigen Matrone werden viele Gebete derer, welchen sie Gutes that, mit den ihrigen vereint, zu Gott empor steigen, und unter heissen ungeheuchelten Zahren und Dankgebeten wird ihr seliger Geist zu Gottes Thron hinauf eilen. O mochte ich doch auch einst mit einer so himmlischen Freude meinem Tode entgegen sehen konnen!

Es stand ein Klavier im Zimmer, auf dem die Gellertschen Oden mit der Bachischen Composition aufgeschlagen lagen. O J u l i e , konnte ich Ihnen den herrlichen Ausdruck beschreiben, der das Gesicht des Greises und seiner Gattinn beseelte, als er das unnachahmlich schone Lied: Trost des ewigen Lebens spielte und sang, und nun auf den Vers kam:

"Dann ruft, o mochte Gott es geben!

Vielleicht auch mir ein Selger zu:

Heil sey dir; denn du hast mein Leben,

Die Seele mir gerettet, du!

O Gott, wie muss das Gluck erfreun,

Der Retter einer Seele seyn!"

Wir mussten bis den andern Mittag in B e r g h a u s e n ( so heisst das Dorf ) bleiben, weil unser zerbrochner Wagen ausgebessert werden musste. Mit ausserster Ruhrung trennte ich mich von diesen vortrefflichen Leuten. Sie umarmten mich; und ich empfieng ihren Kuss mit Ehrfurcht, und erhielt von ihnen die Erlaubniss bald wieder kommen zu durfen, um mich durch ihren Umgang aufs neue im Guten zu starken.

Ein unangenehmer Zufall halt uns auch noch eine Stunde unterwegs auf. In so fern ist es mir zwar lieb, weil ich dadurch Gelegenheit habe, Ihnen, liebe Freundinn, zu schreiben; aber ich besorge nur, dass sich das zartliche Herz meiner M a r i e uber meine verzogerte Ankunft angstigen wird. Leben Sie wohl, liebe J u l i e , der Fuhrmann ruft mich vom Schreiben ab.

Sophie.

Siebenundvierzigster Brief

Sophie an Julien

Gott! wie hat mich M a r i e n s Anblick erschreckt! Wie blass, wie abgezehrt sieht sie aus! Ich kannte sie kaum mehr. Ihr Leiden scheint ihre Gesundheit ganz zu Grunde gerichtet zu haben. Sie freute sich sehr uber meine Ankunft; aber selbst in ihrer Freude war etwas Krankes. O! hatte sie etwas mehr Gewalt uber ihr Herz und weniger Empfindsamkeit: so ware sie ein unverbesserliches Muster fur unser Geschlecht. Sie hat die grosste Anlage zum Edeln und Guten, und wurde taglich die herrlichsten Handlungen verrichten; nur Schade, dass sie vor allzuvielem Gefuhl selten zum Handeln kommt.

Ich werde alles Mogliche anwenden, sie zu zerstreuen, und ihren Geist auf andre Gegenstande zu leiten; aber ich furchte fast, dass ich vergebens arbeiten werde, denn E d u a r d sitzt zu fest in ihrer Seele. Ware er ihrer werth, so wurde ich ihr noch eher verzeihen; aber einen Ungetreuen, der sie so bald vergessen konnte, noch nach Jahren zu lieben, durch das blosse Lesen eines ehemals von ihm geschriebnen Briefs wiederum so zu ihm hingezogen zu werden, als waren sie beyde im starksten Zeitpunkte der Liebe, das kann ich meiner M a r i e , so sehr ich sie auch liebe, nicht vergeben. Ich muss diese Gedanken sorgfaltig vor ihr verbergen.

Heute beleidigte ich sie dadurch, dass ich etwas davon gegen sie ausserte. Mit Thranen verliess sie das Zimmer, und ich machte mir selbst den Vorwurf, dass ich vielleicht nicht fein genug in der Behandlung eines leidenden Herzens gewesen war. Von ihrem Kummer durchorungen, folgte ich ihr nach, und wollte sie durch die zartlichsten Bitten wieder beruhigen; aber ehe ich zum Reden kommen konnte, warf sie sich um meinen Hals, und bat mich, ihr zu verzeihen, wenn sie mich durch ihre schleunige Entfernung beleidigt hatte. Sie fuhle leider, dass meine Vorwurfe nur allzugegrundet waren, und beweine die Schwache ihres Herzens.

Ich schreibe Ihnen des Nachts; denn ich habe mir vorgenommen sie bey Tage nicht zu verlassen, um die schadlichen Folgen zu verhuten, welche die Einsamkeit bey ihr hervorbringen mochte. Schreiben Sie mir doch ja bald, liebste J u l i e , grussen Sie Ihren Mann, und kussen Sie Ihren allerliebsten Jungen von mir. Ich bin stets mit grosster Zartlichkeit

die Ihrige

Sophie.

Achtundvierzigster Brief

Julie an Sophien

Konnte ich Ihnen doch alle Empfindungen meines Herzens gegen Sie schildern, Theuerste! Welch ein lebhaftes Gemalde der innigsten Liebe und Dankbarkeit wurden Sie dann bekommen! Allein so haben Sie allzugrossmuthig sogar den Ausbruch dieser Empfindungen in meinen Briefen mir untersagt, und ich muss mich Ihren Befehlen unterwerfen. Aber in der stillen Einsamkeit, oder bey dem Gefuhl, dass wir jetzt unaussprechlich glucklich sind, segnen wir gemeinschaftlich die edle S o p h i e , die Schopferinn unsers Glucks. K a r l s h e i m s Herz hat sich ganz wieder zu mir geneigt; er ist der zartlichste, beste Gatte gegen mich, und unsre Ehe wird gewiss immer glucklich bleiben.

Ich bin hier noch nirgends zum Besuch gewesen. Wir wollen erst die haufigen Stadtgesprache uber uns etwas verrauchen lassen, und alsdann unsern Umgang doch nur auf sehr wenige einschranken. Ich bin gar nicht fur grosse Gesellschaften und Zerstreuungen, sondern finde mehr Vergnugen daran, die stillen Pflichten der Mutter und Hausfrau zu erfullen, und in meinem hauslichen Kreise das Gluck meines Lebens zu finden.

K a r l s h e i m denkt hierinn mit mir einstimmig. Die rauschenden Freuden der grossen Welt haben auch fur ihn keinen Reiz. Wenn ihm von seinen Geschaften Zeit ubrig bleibt, so mag er sie lieber zu einsamen Spaziergangen anwenden, auf welchen wir nur von unserm kleinen Gustav begleitet werden. Alsdann gehen wir auf einem schonen Wege nach einem etwas entlegnen Dorfe, wo wir bey einer Schaale Milch oder einem andern landlichen Gerichte, im Schatten einer dunkeln Linde verzehrt, koniglich vergnugt sind. Unterwegs unterrichtet mich mein Mann in der Naturgeschichte und andern solchen Kenntnissen, die mir nothwendig sind, um meinem Vorsatze gemass die Erziehung meines Knaben so lange als moglich allein zu besorgen. In dieser Rucksicht danke ich es meinem Vater, dass er mich in allerley Dingen unterrichtete, die man sonst nur dem mannlichen Geschlechte beyzubringen pflegt; was ich davon vergass, werde ich durch Lesen zweckmassiger Bucher nachzuholen suchen.

Leben Sie wohl, beste, edelmuthige Freundinn! Ich wunsche, dass Ihre Bemuhungen, Ihre leidende M a r i e zu beruhigen, von dem besten Erfolg seyn mogen. K a r l o h e i m kusst Ihnen ehrerbietigst die Hand.

Julie Karlsheim.

Neunundvierzigster Brief

Sophie an Julien

Unsre arme M a r i e leidet noch immer sehr. Es ist mir aber doch schon gelungen, sie um vieles ruhiger zu machen; aber, sie ganz zu beruhigen, das werden ihre gar zu hoch gespannten Empfindungen wohl nicht zulassen.

Ich suche sie so viel moglich zu zerstreuen: ich habe sie auch ein paarmal bewogen, mit mir in Gesellschaft zu gehen; aber ich sehe, dass dieser Weg nicht der rechte bey ihr ist. Ernsthafte Betrachtungen uber allerley Materien machen noch den grossten Eindruck auf sie, und sind in guten Stunden ihre liebsten Unterhaltungen. Sie wurden mich sehr verbinden, liebste J u l i e , wenn Sie mir in Ihren Briefen Stoff zu dergleichen geben wollten. Es wurde von grossem Nutzen fur meine Freundinn seyn, wenn ich sie so oft als moglich zum Nachdenken uber solche Gegenstande bewegen konnte. Die lebhaften Erinnerungen an ihren E d u a r d wurden dadurch etwas verbannt werden.

Verzeihen Sie, dass mein B r i e f diesesmal so kurz ist, und dass ich nicht Zeit habe, Ihnen mehr zu schreiben, als die Versichrung, dass es mich unaussprechlich freut, Sie und Ihren K a r l s h e i m so glucklich zu sehen, als Sie beyde es zu seyn verdienen. Ich bitte Sie recht sehr, liebe J u l i e , machen Sie mir doch ja kein Verdienst mehr aus einer Handlung, die nichts mehr als meine Pflicht war, und deren Unterlassung mich unter die niedrigste Klasse der Menschen wurde gesetzt haben. Leben Sie wohl, meine theure Freundinn, und lieben Sie immer so zartlich wie jetzt

Ihre

Sophie.

Funfzigster Brief

Julie an Sophien

Heute habe ich Stoff genug zu ernsthaften Betrachtungen; und wenn Ihnen, liebste Freundinn, etwas daran liegt, so will ich Ihnen denselben gern mittheilen, nebst der angenehmen Art, wie ich dazu gekommen bin. Mein G u s t a v liegt schon in sussem Schlummer; eben bog ich mich uber sein Bettchen, und sah mit Entzucken den schuldlosen Ausdruck der Ruhe und Zufriedenheit auf seinem kleinen Gesichte. Mein K a r l s h e i m ist heute bey dem Hofrath G. zu Gaste. Ich fuhle diesen Abend einen besondern Trieb mit meiner S o p h i e zu schwatzen. Sehen Sie, meine Liebe! Aussichten genug, Sie mit einem lange Briefe zu bedrohen.

Ich gieng heute Nachmittag unsern gewohnlichen Weg spazieren, bloss von meiner treuen L i e s e , welche meinen Kleinen trug, begleitet. Dieser Weg fuhrt auf lauter schonen Wiesen an der Krummung eines breiten Bachs hin. Ist man so eine halbe Stunde gegangen, so kommt man durch ein kleines Buschwerk in eine artige Weidenallee, welche zu der Muhle fuhrt, die Ihnen bekannt seyn wird. Dann pflege ich gewohnlich in einer Laube am Wasser Platz zu nehIch stutzte ein wenig. Sie aber kam mir gleich mit h e l m ein Kind von funf Vierteljahren, begehrte etwas, das er nicht haben sollte, und fieng an zu weinen. Man horte gar nicht auf ihn. Als er starker schrie, gab ihm seine Mutter ein paar Schlage mit der Ruthe, und legte ihn ganz gelassen in eine entfernte Ecke. Ich erwartete nun ein verdoppeltes Weinen. Aber weit gefehlt. Er schwieg augenblicklich still, kam zu seiner Mutter er fangt eben an zu gehen und flehte mit den schmeichelndsten Geberden sie an, ihn auf den Schooss zu nehmen. Sie wies ihn ab; er zog ein weinerliches Gesicht; sie drohte ihm mit dem Finger, sagte ein ernsthaftes W i l h e l m ! und der Junge spielte auf der Erde so vergnugt, wie vorher.

"Ich bewundre Ihre Standhaftigkeit, Frau Kriegsrathinn. Ich muss gestehen, dass ich es nicht so weit gebracht habe, und dass mir der jetzt mit Macht wachsende Eigensinn meines G u s t a v s viel Sorge macht."

"Glauben Sie mir, meine Liebe, es ist kein besseres Mittel, diesen Eigensinn gleich fruh zu unterdrucken, als wenn man dem Kinde gar keine Achtsamkeit auf sein Weinen zeigt."

"Aber, mein Gott, wie ist das moglich? Die Thranen eines so hulflosen Geschopfes zu sehen, ohne sie zu trocknen! Ich muss gestehen, dass das Weinen eines kleines Kindes oft die starksten Vorsatze seiner Erziehung in mir zernichtet hat."

"Diese Weichheit dient gewiss nur dazu, dem Uebel einen Augenblick abzuhelfen, um es nachher desto starker zu machen. Das Kind wird bald den Eindruck merken, den seine Thranen auf Sie machen. Es wird bald Dinge fodern, welche Sie ihm ohne den grossten Nachtheil nicht gewahren konnen, und wird alsdann bey jeder Verweigerung in das gellendste Geschrey ausbrechen."

"Aber ein starkes Schreyen kann doch der Gesundheit gefahrlich werden?"

"Das ist der Deckmantel, unter dem sich gewohnlich die Schwache der Mutter verbirgt. Ich habe uber diesen Punkt mehrere Aerzte befragt, und immer die Antwort erhalten, dass das Weinen einem Kinde nicht schade, wenn es nicht allzuheftig und oft wiederholt wurde, und auch dann schade es ihm nur ausserst selten. Man kann das ja auch an den Kindern sehen, die, aller Verpapelung ohngeachtet, doch oft mehrere Stunden hinter einander schreyen, ohne nachtheilige Folgen fur ihren Korper davon zu haben. Und dann, meine Beste, kann ich Ihnen aus der Erfahrung bezeugen, dass ein Kind, welches man anfangs einigemal vergeblich weinen liess, eines solchen heftigen Geschreys gar nicht fahig ist, da hingegen ein solches, dem man immer nachgiebt, gar wohl im Stande ist, wenn ihm einmal etwas verweigert wird, so heftig zu weinen, dass es aus Bosheit Verzuckungen bekommt und ganz blau wird, wie ich schon mehrmal gesehen habe, und das kann denn wohl freylich der Gesundheit schaden, ob gleich immer auch in diesem Fall die Ruthe das beste Mittel bleibt."

"Ich sehe freylich wohl ein, dass diese Zartlichkeit falsch ist, und dem Kinde selbst sehr nachtheilig wird; aber sagen Sie mir, beste Frau, wie wollen Sie unterscheiden, ob ein ganz kleines Kind aus wahrem Bedurfniss oder aus Eigensinn weint? Und im ersten Fall werden Sie selbst es doch wohl fur hart halten, ihm nicht beyzustehen."

"Allerdings. Aber bey einem kleinen Kinde sind die Bedurfnisse bloss Hunger, Schlaf und Reinlichkeit. Diese muss ich immer befriedigen und "

"Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche. Rechnen Sie denn die Unpasslichkeit dieser Kleinen gar nicht?"

"Wenn das Kind von gesunder Leibesbeschaffenheit ist; wenn die Mutter es durch Massigkeit vor Leibkneipen und Blahungen schutzt; wenn sie durch kein festes Einwickeln seine kleinen Glieder zusammen presst; wenn sie alle Sorgfalt darauf wendet, es stets reinlich zu halten, und durch trockne Wasche und ofteres kaltes Waschen es fur Wundwerden zu huten, und uberhaupt bemuht ist, seinen Korper durch eine harte Erziehung abzuharten: so glaube ich, dass es von keinen Schmerzen wird beunruhigt werden. Und wenn es ja ein unangenehmes Gefuhl hatte, sagen Sie mir, konnen Sie dadurch, dass Sie es aufnehmen und hatscheln, seinen Schmerz vertreiben?"

"Das wohl nicht. Aber ich kann es doch dadurch zerstreuen."

"In der That, Sie sind eine gefahrliche Gegnerinn. Ich denke aber doch, dass es besser ist, es gleich so zu gewohnen, dass es zu seiner Zerstreuung und Belustigung so wenig als moglich fremder Hulfe bedarf. Indessen will ich Ihnen nur meine eigne Schwache gestehen. Mein W i l h e l m krankelte vor kurzem an einem Stickhusten. Ich war so besorgt und zartlich fur ihn, dass ich allen seinen Einfallen wahrend der Krankheit nachgab, und habe dafur das Misvergnugen, ihn jetzt wie Sie erst gesehen haben viel eigensinniger zu finden, als er sonst war."

"Wer konnte aber ein krankes Kind mit Harte behandeln?"

"Es ist allerdings schwer, und oft bat mich ein ihm gegebner Schlag eine heimliche Thrane gekostet, und ich bin nur mit ausserster Muhe standhaft geblieben. Aber ist es nicht noch weit trauriger, wenn eine Krankheit in so kurzer Zeit den ganzen Bau verdirbt, den wir so muhsam auffuhrten? Wenn der Korper des Kindes gesund, aber seine Seele verdorben wird? Und das geschieht so leicht! Das Kind merkt, dass wir starker besorgt, aufmerksamer auf seine Wunsche sind, als gewohnlich; es macht einen Versuch, Sachen zu begehren, die man ihm sonst nicht wurde erlaubt haben; es sieht, dass es ihm gelingt. Ein wunderliches Begehren folgt dem andern; alle werden erfullt und der kleine Tyrann ist da. Diesem kann man gewiss vorbeugen, wenn man sich auch in der Krankheit gleich anfangs seinen ungewohnlichen Einfallen widersetzt. Ein gut erzognes Kind wird durch eine solche Verweigerung in kein heftiges Weinen, oder andre ahnliche Ausbruche des Unwillens gerathen, und wenn es also sieht, dass man es ganz so wie gewohnlich behandelt, und seine Unarten eben so wie sonst bestraft, so wird die Krankheit gewiss keine nachtheilige Veranderung in seinem Betragen bewirken. Ueberhaupt, dunkt mich, ist es sehr vortheilhaft fur die Kinder selbst, wenn man sie daran gewohnt, ihre Wunsche oft unbefriedigt zu sehen. Gewohnt man sie, alle thorichte Neigungen zu erfullen: so macht man sie in altern Jahren unglucklich. Denn es wird sich doch oft bey ihnen zutragen, dass Menschen oder Umstande nicht die unweise Nachgiebigkeit ihrer Eltern gegen sie haben, und dann werden sie unwillig und ungeduldig werden, und unfahig seyn, das geringste Leiden zu ertragen."

"Ich fuhle mit Beschamung, dass ich bisher nur schwach, und nicht mit weiser Zartlichkeit gegen mein Kind handelte. Aber sagen Sie mir, meine Beste, woher haben Sie diese trefflichen Einsichten erlangt?"

"Ach Gott! die Einsichten machen es nicht allein aus. Man kann sie haben und doch zu schwach seyn, ihnen gemass zu handeln. Ueberhaupt ist es ein ganz andres Ding, idealische Erziehungsplane zu lesen, und ein Kind im Lauf des menschlichen Lebens wirklich zu erziehen. Ich war schon als Madchen lebhaft davon uberzeugt, dass es eine Thorheit sey, ein Kind in den Jahren, wo es noch keine Vernunft hat, durch vernunftige Vorstellungen leiten zu wollen. In den ersten Jahren ist der Mensch bloss Thier, und muss durch sinnliche Gefuhle geleitet werden. Ihn ohne Schlage erziehen zu wollen, ware eben so thoricht, als wenn ich einen Jagdhund verzeihen Sie das Unedle des Gleichnisses zu dressiren dachte, ohne den Stock zu gebrauchen. Es versteht sich, dass man nur wenn es nothwendig ist, und ohne Hitze, schlagen muss. Aber ohne dieses Mittel ist es nicht moglich, dem Kinde Gehorsam gegen die Eltern einzupragen. Und strenger Gehorsam muss die Hauptstutze der Erziehung seyn. Von allem diesem also war ich durch eine vortreffliche Frau, deren letzte Ausbildung ich genoss (gesegnet sey ihre Asche!) lebhaft uberzeugt, und doch kostete es mich viel, meiner Ueberzeugung gemass zu handeln; ich war einigemal im Begriff, zu der so guten Methode, ein ungestum weinendes Kind zu schlagen, die sehr unvernunftige hinzuzusetzen, es aufzunehmen, wenn es fortfuhr, oder sich fest um meine Knie klammerte. Aber Dank sey es meinem vernunftigen Mann, dass er meiner Schwache widerstand!"

"Aber wird nicht die Neigung des Kindes durch solche harte Mittel von der Mutter abgewandt?"

"Das war auch meine Besorgniss. Allein ich habe sie dadurch vernichtet, dass ich mich selbst zur einzigen Warterinn meiner Kinder machte, sie futterte, kurz, dass ich auch das, was sie vergnugte, durch niemand anders ihnen thun liess, als durch mich, und dafur hangen auch meine Kinder mit unaussprechlicher Zartlichkeit an mir. Ich wurde es auch nicht ertragen konnen, wenn sie ein Dienstmadchen oder sonst jemand mehr liebten als mich."

"Es ist mir auch immer ein schlechter Beweis fur die Gute der Mutter, wenn ihr Kind mehr an ihren Magden als an ihr selbst hangt, und ich habe es auch mir immer zur Pflicht gemacht, meinen G u s t a v selbst zu warten: aber bey dreyen Kindern ist es doch nicht moglich, ihre Wartung allein zu besorgen."

"Und warum nicht, meine Liebe? Mir ist es moglich gewesen. Freylich, wenn man sie an ein stetes Tragen oder Wiegen gewohnt, so ist es nicht moglich. Aber das ist sehr lastig fur die Mutter, und auch lange nicht so gut fur die Kinder, als wenn man ihnen selbst den freyen Gebrauch ihrer Glieder uberlasst. Ich habe meine Kinder gleich anfangs auf ein Kussen auf die Erde gelegt, und sie da sich selbst uberlassen."

"Aber verlangte denn das Kind nicht aufgenommen zu werden?"

"Weil es von Anfang an nicht anders gewohnt wurde, so wusste es auch nichts Bessers. Aber einige Tage lang hielten mich unabanderliche Geschafte von ihm so entfernt, dass ich selten bey ihm seyn konnte, als wenn ich es saugen liess. Eine Tante, die bey mir war, hatte es, meiner Bitten ohngeachtet, oft in der Zeit getragen, und nun wollte ihm das Liegen nicht mehr schmecken. Aber ich liess es ohngeachtet mir der Kummer seines kleinen Herzens in die Seele drang ruhig liegen und schreyen, bis es endlich vor Mattigkeit einschlief. Dieses versuchte ich einigemal, und es liess sich nicht einfallen, sich aufs neue wiederum durch unnutze Arbeit zu erschopfen. Die Wartefrau und Tante schrien zwar uber mich, und konnten nicht aufhoren, den armen Wurm zu bejammern; mein Gesinde brachte mich in der ganzen Stadt in den Ruf einer unmenschlichen Grausamkeit; aber ich setzte mich uber alles das hinaus, uberzeugt, dass meine anscheinende Harte zu des Kindes wahrem Besten gereichte."

"Sollte denn das viele Liegen den Kindern nicht schadlich seyn? Sie bedurfen doch so gut der Bewegung, wie wir."

"Ich habe Ihnen schon gesagt, dass der Mensch in diesen ersten Jahren bloss Thier ist. Und wer tragt wohl jemals die jungen Thiere? Und doch sind sie verhaltnissmassig weit starker als unsre Kleinen. Ich habe meine Kinder nur die ersten acht Tage, und doch nur des Nachts, ganz locker wickeln lassen. Ich habe. ihr Waschwasser mit jedem Tage weniger lauwarm machen lassen, so dass ich sie mit der dritten Woche schon ganz kalt badete. Ich hielt sie nur gerade so bedeckt, als es nothig war, um sie vor der aussersten Kalte zu schutzen, gewohnte sie stufenweise alle Arten von Luft zu ertragen, und auf diese Art wurden sie so stark, dass sie sich bald auf ihrem Kussen bewegten, und herunter zu kriechen anfiengen."

"Ich sehe an den geraden Beinen Ihrer Kinder, dass auch die Besorgniss ungegrundet ist, als wenn das Kriechen ihre Fusse schief machte."

"Sie werden zuweilen wohl etwas krumm, aber das Manteltragen giebt ihnen eine noch ungleich schiefere Richtung. Und dann werden ihre Fusse von selbst gerade, wenn sie gehen lernen."

"Auch das haben ihre Kinder wohl von selbst gelernt. Aber sind sie nicht oft dabey gefallen?"

"Sie fielen anfangs sehr haufig, aber ohne Schaden zu nehmen; denn ihr Korper, sich selbst uberlassen, hatte seine kleinen Glieder so gut brauchen lernen, dass sie sich immer zu helfen wussten, und diese Gelenkigkeit ihrer Glieder soll ihnen auch, hoffe ich, noch in der Folge gute Dienste thun. Ich hute mich auch sehr, sie zu bedauern, und erschrocken zu thun, wenn sie fallen; denn dieses macht, dass sie weinen, nur selten verursacht es der Schmerz. Sollten sie einmal in Thranen ausbrechen, so muss man sie zuerst zerstreuen, und ihnen, wenn es nothwendig ist, Hulfe leisten, aber ja keine Aengstlichkeit, kein Bedauren, oder gar Unwillen auf den Gegenstand, uber welchen sie fielen, merken lassen. Man muss aber ein Kind so wenig als moglich an fremde Hulfe gewohnen; denn es kommt ihnen in der Folge ihres Lebens sehr zu Statten, wenn sie darinn geubt sind, sich stets selbst zu helfen. Aber verzeihen Sie, dass ich Ihnen so viel von meinem Lieblingsgegenstande vorgeplaudert habe."

"Ich kann Ihnen nicht genug danken, dass Sie meine Begriffe uber diese Materie so sehr aufgeklart haben. Ich werde von nun an mit gedoppelter Sorgfalt uber die Erziehung meines G u s t a v s wachen, und sollte es mir einmal an Geduld und Standhaftigkeit gebrechen, so komme ich zu Ihnen, meine Theure."

Diese liebe Frau antwortete mir mit vieler Gute, und trug mir ihre Freundschaft an, die mir unendlich viel werth ist. Wir kehrten unter den angenehmsten Gesprachen nebst unsern Kindern nach Hause zuruck, und ich konnte nicht unterlassen, Ihnen, liebe S o p h i e , meinen neu erworbnen Schatz mitzutheilen. Gott! wie ehrwurdig ist doch eine Mutter, die ihre Kinder gut erzieht! Ach diese kleinen unschuldigen Geschopfe sind es gewiss wohl werth, dass man alles aufopfert, um fur ihre Bildung zu sorgen. Menschen fur die Ewigkeit zu erziehen, welch ein Gedanke! Gott! starke mein Herz, an meinem Kinde dein grosses Beyspiel gegen uns nachzuahmen. Entferne alles aus meiner Seele, was seine gute Erziehung hindern konnte, und reinige und bessre mein Herz, damit ich mehr durch Beyspiel, als durch Lehren, es zum Guten anfuhre!

Es ist ausgemacht, dass jede gute Handlung ihre schonen Folgen mit sich fuhrt, aber gewiss wird keine derselben eine so schone Quelle des Glucks fur uns seyn, als die gute Erziehung unsrer Kinder; so wie hingegen eine Vernachlassigung derselben uns durch ihre ungerathne Gemuthsart aufs empfindlichste bestraft.

Ich bin ganz mude vom Schreiben, und Sie werden viele Muhe haben, mein unleserliches Geschmier zu verstehen. Schlafen Sie wohl, meine Theure. Morpheus gaukle mit den angenehmsten Bildern um ihre Phantasie. Mochte doch unter denselben auch befindlich seyn

Ihre

Julie Karlsheim.

Einundfunfzigster Brief

Sophie an Julien

Vielen Dank, liebes bestes Weib! fur Ihren vortrefflichen Brief. Er hat uns auf die angenehmste Art unterhalten, und wir bewundern die liebenswurdige C h a r l o t t e B . M a r i e aber glaubt doch, dass sie kaum zu einer solchen Erziehung Standhaftigkeit genug haben wurde. Ich meiner Seits aber denke dereinst bey meinen Kindern ganz dieser Methode zu folgen, die mir sehr vernunftig scheint. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich krankt, diese Frau bisher nicht genau gekannt zu haben, und wie ich mich schame, dass ich so oft in Spottereyen uber ihre Kinderzucht mit einstimmte, von der ich doch bis jetzt einen ganz falschen Begriff hatte. Ich horte von ihr nur als von einer Frau reden, die gar keine mutterliche Liebe gegen ihre Kinder hatte, die sie vielmehr hassete, und dieses sagten Weiber, welche wirklich durch eine ganz verkehrte Erziehung, und durch alle mogliche Papeley, wahren Hass gegen ihre Kinder beweisen. Wie sehr bin ich gedemuthigt, dass ich diesen Verlaumdungen wohl gar Glauben beymass, ohne sie zu untersuchen!

Hier ist die Erziehung im klaglichsten Zustande. Man zwangt die kleinen Kinder gleich nach ihrer Geburt in feste Windeln. Das erste Vierteljahr kommen sie nicht aus der Kinderstube, woselbst man stets beschaftigt ist, sie zu tragen, und wenn dann der Warterinn die Arme weh thun, so packt sie es in eine Wiege, und schaukelt es so, dass ihm Horen und Sehen vergeht, bis es vor Betaubung einschlaft. Mit dem vierten Monat wagt man es denn wohl zuweilen, sie an die Luft zu bringen, aber nur an recht warmen Tagen; und dann hullt man sie so fest in einen Mantel ein, dass nichts als die Halfte des Gesichts heraus guckt, damit sie ja in bestandig starker Transspiration bleiben. Ist das erste Jahr vollbracht, so entwohnt man sie, und ist sehr besorgt, die abgehende Nahrung dadurch zu ersetzen, dass man ihren Magen Tag und Nacht mit Brey verkleistert, und ihnen in den Zwischenzeiten einen Zuckertiss so nennt man einen zusammengebundnen Lappen, der mit Zucker und Zwieback ausgestopft ist in den Mund steckt; denn jede Mutter sucht darinn ihre Ehre, wenn das liebe Kind recht fett gemastet ist.

Im zweyten Jahr denkt man denn wohl daran, dass ihnen die Natur doch vermuthlich die Fusse zum Gehen gegeben haben konnte. Man wagt es nun also zuweilen, sie im Gangelband auf der Erde zu leiten. Dieses wird ihnen wegen ihres schweren Korpers, und wegen der Ungewohnheit, ihre Glieder selbst zu gebrauchen, herzlich sauer. Ihre Fusse, die schon im Mantel eine schiefe Richtung bekommen haben, wachsen nun ganz einwarts; die Brust beugt sich vorund macht mit dem aufgetriebnen Bauch eine gerade Linie. Auch die Schultern werden durch das Gangelband in die Hohe getrieben. Das Gesicht ist aufgedunsen, und hat eine krankliche Farbe, und der Tanzmeister hat alle Muhe von der Welt, dieser verzerrten Figur eine ertragliche Stellung beyzubringen. Fallt nun das Kind zuweilen einmal (und wegen seiner Ungeschicktheit wird es haufig fallen, wenn es sich selbst uberlassen wird ) so erhebt man ein Angstgeschrey; die Warterinn nimmt es auf den Schooss, giebt ihm Zucker und andre magenverderbliche Sachen, lasst es die bose Erde schlagen, und sucht es auf alle Weise zu besanftigen.

Nun beschaftigt man sie damit, ihnen Gespenstergeschichten zu erzahlen, sie hubsch angeputzt vor den Spiegel zu stellen, und sich selbst bewundern zu lassen; ihnen von Braut und Brautigam und von andern thorichten Dingen vorzuschwatzen, die der hirnlose Kopf der Warterinnen aussinnt. Eine franzosische Gouvernantinn fangt an, sie mit Vokabeln und Buchstabieren zu qualen; der Hofmeister giebt ihnen Religionsunterricht, welcher darinn besteht, sie Sachen herplappern zu lehren, von welchen sie kein Wort verstehen. Kurz, man bemuht sich, ihren Kopf zu einem Chaos von lauter verworrnen undeutlichen Ideen zu machen.

Bis jetzt hat die Mutter sie wenig anders als bey Tische gesehen; nun fangt sie an, sie zuweilen mit in Gesellschaft zu nehmen. Sie unterrichtet sie also sorgfaltig von ihrem vornehmen Stande, wie sie sich demselben gemass betragen, gegen Vornehme ein unterthaniges hofliches, und gegen Geringere ein nachlassiges verachtliches Betragen annehmen sollen. Versieht das Kind etwas, so heisst es: das war einmal wie ein Bauernkind gehandelt; und durch mehrere solche Aeusserungen bringt man ihnen eine Verachtung gegen diesen Stand bey, ohne den doch alle andern Stande nicht bestehen konnen.

Doch ich ermude, Ihnen die thorichte Kinderzucht der hiesigen Damen noch weiter zu beschreiben. Genug, dass die jungen Madchen die unertraglichsten Zieraffen und die Sohne entweder roh und ungeschliffen, oder auch fade Stutzer sind. M a r i e n s Geist und Herz ist zu edel, um an dieser Gesellschaft Geschmack zu finden; auch wird sie von diesen Weibern, fur die sie freylich nicht gemacht ist, gehasst.

Vor einigen Tagen waren wir zum Besuch bey einer solchen Gans gebeten. Es befanden sich ein kleiner Knabe und zwey Madchen von sechs und acht Jahren im Zimmer. Das alteste Madchen war schon, aber schon ganz eines von den Gesichtern, die stets bemuht zu seyn scheinen, es selbst zu sagen. Das jungste war von den Pocken verdorben worden, hatte aber doch eine gute offne Miene. Ich bemerkte dieses letzte gegen die Mutter.

"Ach! sprach sie, was thue ich mit der offnen Miene, da das Madchen so hasslich ist wie eine Fratze? Sie glauben gar nicht, was ich fur Aerger von ihr habe. Keinen Augenblick kann sie auf einer Stelle sitzen. Ruckst du schon wieder auf deinem Stuhl, du garstiges Thier! Du mochtest wohl gern den ganzen Tag auf der Strasse liegen, wie die Bauernkinder, und du hattest doch gewiss nicht nothig, den Leuten dein Fratzengesicht zu zeigen. Ehe ich michs versehe, entwischt das alberne Mensch vor die Strassenthur, und spricht mit den gemeinen Kindern. Habe ich dir es nicht so oft verboten, du solltest dich nicht mit dem schlechten gemeinen Volk abgeben? Wenn ich es noch einmal sehe, so werde ich dich so derb abprugeln, dass dir die Lust wohl vergehen soll."

D a s K i n d . "Unser Informator sagte mir heute in der Stunde, die gemeinen Kinder waren so gut von Gott erschaffen, als wir."

"Du naseweisses Thier, was hast du zu reden? Der Informator ist nicht gescheidt, wenn er euch solches dummes Zeug vorschwatzt. Kein Unterschied unter vornehmen und gemeinen Leuten? Wie albern ist das! M a l c h e n ist darinn viel kluger, als du. Die lasst sich nicht mit allen Leuten in Gesprach ein; und lauft auch nicht den ganzen Tag herum. Sieh, wie sie so still sitzt! Und sie hat doch ein ganz anderes Gesicht, als du, garstiges Ding! Glauben Sie nicht auch, Mademoiselle, dass das Madchen recht schon werden wird? Sie verdirbt aber auch ihre Haut nicht so in der Luft, wie jene. Sie gienge nicht um vieles nur uber den Hof, wenn die Sonne scheint: nicht wahr, M a l c h e n ? Ein klein Bisschen eigensinnig bist du wohl manchmal, aber dafur bist du auch mein altstes schones Tochterchen. So, halte nur den Kopf recht gerade, mein Kind!"

Das Madchen sass da, und verlor kein Wort von dieser klugen Rede. Es wurde Obst gegeben, und die Kleine hob hurtig einen Apfel auf, der zur Erde fiel.

"Sehen Sie wohl, Mama schrie M a l c h e n da nimmt J u s t c h e n schon wieder, ehe andre Leute was haben. Willst du mir bald den Apfel hergeben?"

Das Kind weigerte sich. M a l c h e n schlug und kratzte es, und wie es sich wehrte, erhub sie ein Zetergeschrey:

"Sehn Sie doch nur, Mama, hier hat sie mir meine Brustschleife abgerissen."

Nun sprang die Mutter wuthend auf, stiess die kleine mit vielen Schimpfreden aus der Stube, und war sehr bemuht, M a l c h e n durch allerley Liebkosungen zu trosten. Auf einmal vermisste ich meinen Facher, und siehe, der Knabe hatte ihn, wahrend der Bataille der andern, heimlich weggenommen. Es war mein bester, und also konnen Sie wohl denken, liebe J u l i e , dass es mir ein Stoss ins Herz war, ihn in des Knaben Handen zu sehen.

"Liebes Kind, wollten Sie mir wohl den Facher geben? Er ist sehr zerbrechlich; ich will Ihnen etwas anders dafur geben."

D i e M u t t e r . " F r i t z c h e n , gieb doch hin, du sollst auch Zuckerplattchen haben."

"Ne doch, ich will noch mit spielen."

Sie war in grosser Verlegenheit, und nahm F r i t z c h e n auf den Schooss, der sich mit Handen und Fussen wehrte. Sie versprach ihm alles Mogliche, kusste und streichelte ihn, aber umsonst! Der Junge fieng so entsetzlich an zu kreischen, dass sie ihn erschrocken herunter liess. Darauf schlug er sie mit dem Facher ins Gesicht, und ich sah, dass schon ein Stab gebrochen war.

"Wollten Sie mir wohl erlauben, liebe Madam, dem Kinde den Facher wegzunehmen? Es ist ein Andenken von meinem Onkel, und ich mochte ihn nicht gern zerbrochen sehen."

Ich versuchte es; aber der Junge trat mit dem Fusse nach mir, so dass er gleich ein grosses Loch in meine Florschurze riss; endlich wand ich ihn aus seiner Hand. Nun hatten Sie das Toben, das Heulen sehen sollen. Ich dachte er bekame jeden Augenblick das bose Wesen. Die Mutter sprang erschrocken auf ihn zu.

"F r i t z c h e n , liebes F r i t z c h e n , gieb dich doch zufrieden, du sollst ein ganz neues Kleid haben. Dass man auch immer von Fremden solchen Aerger haben muss! Was ware denn an dem Lumpenfacher gelegen gewesen so brummte sie zwischen den Zahnen. Das arme Kind! Es wird sich gewiss Schaden thun."

Nichts wollte helfen. Sie bat mich, ihm doch den Facher wieder zu geben, sie wolle mir gern einen andern kaufen. Ich that es, obgleich hochst ungern. Nun wollte ihn der Junge nicht einmal, und sie hatte viele Muhe, seinen Trotz so weit zu uberwinden, dass er ihn hinnahm.

Zu meinem Verdruss waren wir auch auf den Abend gebeten. Es wurde mir sehr sauer, Wort zu halten; denn Madam sah mich sehr scheel an, weil ich so unhoflich gewesen war, und mir nicht gleich hatte wollen meinen Facher verderben lassen. Die Gesellschaft ihres Mannes, der beym Essen zu uns kam, und uns sehr vernunftig und angenehm unterhielt, erheiterte mich wieder. Es verstand sich, dass die Kinder auch mit an den Tisch kamen, J u s t c h e n ausgenommen.

Wie wurde ich doch das Herz haben, solche ungezogne Geschopfe unter Fremde zu bringen, und die ganze Gesellschaft durch sie beunruhigen zu lassen? M a l c h e n spielte die Zierpuppe, und ass sehr wenig, weil ihr fest eingeschnurter Leib ihr nicht mehr zuliess. F r i t z aber verlangte mit Ungestum von allen Speisen. Der Vater sah mit unwilligen Blikken nach ihm und der Mutter hin, sagte aber nichts, und bemuhte sich interessante Gesprache aufzubringen, welche uns nicht zuliessen, alle Ungezogenheiten des Jungens zu bemerken. Endlich verlangte er von einem feinen Gerichte, davon nur eine kleine Portion da war. Wie die Mutter es ihm verweigerte, wollte er laut weinen, und sie gab ihm voller Angst ein Bisschen hin.

"Ne, schrie er laut, ich will den ganzen Teller haben."

"Sey doch still, F r i t z c h e n , es ist ja nur ein wenig fur die Fremden da. Du kriegst noch Kuchen."

"Den will ich nicht. Geben Sie mir den Teller."

Bey einer nochmaligen Verweigerung warf er seinen Loffel nach der Mutter hin, und stiess ein Glas Wein um. Nun konnte sich der Vater nicht langer halten. Er stand auf, und wollte den Buben beym Arm die Treppe hinunter bringen, aber nun sprang sein Weib auf:

"Ruhren Sie ihn mir nicht an. Schamen Sie sich, Ihren Aerger an dem armen Wurm auszulassen. Komm, F r i t z e ."

"An der Mutter, die durch Affenliebe ihre Kinder zu Grunde richtet, sollte ich ihn freylich zuerst auslassen. Kurz und gut, ich will solche Unarten nicht langer dulden."

Drauf erhob sie ein Geschrey von alle dem, was er ihr zu danken hatte, und nun wollte ein solcher Schuft, durch sie zum Mann gemacht, sich so mausig machen. Er schamte sich, und wollte schweigend zu seinem Platz zuruckkehren, aber sie stiess eine Menge Schmahungen aus, und schimpfte ihn einen schlechten Kerl, so, dass er hochst aufgebracht wieder umkehrte.

"Nein, das ist zu viel. Meine Geduld reisst endlich. Da, heule und schreye mit deinem Jungen um die Wette!"

Mit den Worten stiess er beyde in ein Nebenzimmer, und schloss die Thur ab.

"Verzeihen Sie sprach er zitternd vor Aerger dass Sie Zeugen eines solchen Auftritts seyn mussten. Ich habe bisher nur zu viel Nachsicht gegen eine Frau gehabt, der ich leider mein aussres Gluck zu danken habe. Streit und Zank hasse ich bis in den Tod; darum habe ich bisher meinen Gram stillschweigend erduldet: aber der Greuel der Kinderzucht geht zu weit. Ich kann es vor Gott nicht verantworten, wenn ich diese unschuldigen Geschopfe so ganz ihrem Verderben uberlasse. Ich will sie morgendes Tages alle drey in eine Pension schicken; denn hier werden sie ganz ruinirt."

Ein paar Tage nachher horte ich, dass der gute Mann nicht durchgedrungen ist. Sein machtiger Schwiegervater, der ihm sein Amt verschaffte, hat sich ins Mittel geschlagen; er hat zu Kreuze kriechen mussen, und unter der Bedingung Gnade erlangt, dass er sich nie wieder in die Kinderzucht seiner theuren Halfte mischen wollte. Wer ist nichtswurdiger, ein solches Weib, oder ein Mann, der niedertrachtig genug ist, um zeitlicher Vortheile willen sich mit einem solchen Teufel zu verbinden, und Ehre, Vernunft und alles zu verlaugnen? Wie glucklich werden Sie sich jetzo schatzen, liebste J u l i e , dass Sie Verstand und Starke genug haben, ihr Kind mehr zu lieben als das Ungeheuer, Vorurtheil!

M a r i e ist sehr bekummert, weil sie ein Blatt von E d u a r d s Briefe vermisst. Sie hat allenthalben nachgesucht, aber vergeblich. Wir konnen beyde nicht begreifen, wo es hingekommen seyn mag. Adieu, liebste J u l i e . Wenn Sie Ihre neue Freundinn sprechen, so empfehlen Sie mich ihr, und versichern Sie die liebe Frau meiner ganzen Hochachtung.

Sophie.

Zweyter Theil

Zweyundfunfzigster Brief

Wildberg an Amalien

Ich schreibe Ihnen, halb rasend vor Wuth und Eifersucht. Die fromme M a r i e ! Gegen mich schwatzt sie von lauter Tugend und Pflicht, und unterhalt dabey einen geheimen Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Liebhaber! Teufel und Holle! ich darf es nicht wagen, ihre Hand zu beruhren, und der elende Kerl schreibt ihr die zartlichsten Liebeserklarungen, und bekommt eben solche von ihr! Aber ich werde mich rachen. Zittre, du Schwachkopf! Wildberg hat schon einmal Eure Plane vernichtet; er wirds wieder thun.

Ich habe ein Madchen, das bey M a r i e n dient, mit Gelde bestochen. Diese nun sagte mir, dass ihre Frau oft Papiere lase, und dann ganz tiefsinnig sasse und weinte. Ich versprach ihr einen Dukaten, wenn sie mir das Papier brachte. S u s a n n e ist ein listiges Mensch, und zog ihr einst des Morgens beym Anziehen ein Blatt aus der Tasche, die sie ihr holen musste. Und nun denken Sie meine Wuth, als ich es las. Es war der Schluss eines Briefs, und lautete folgendermaassen: "Ich muss aufhoren zu schreiben, Inniggeliebteste, und doch ist mein Herz noch so voll; ich sehe auch, dass es unmoglich ist, diesem Blatt das Feuer mitzutheilen, das fur dich hier in meiner Brust lodert. O! warum kann ich nicht zu dir hinfliegen, und noch einmal zu deinen Fussen den Taumel der Wonne fuhlen, in welchem meine Seele dahin floss? Lebe wohl, Abgott meines Herzens. Ewig werde ich dich so heiss, so unaussprechlich lieben, als jetzt. Ich fuhle es, dass mein Geist geschaffen ward, um mit dem deinigen verbunden zu seyn. Keine Zeit, selbst nicht die Ewigkeit, soll dein geliebtes Bild mir entreissen. Noch im Reiche der Schatten werde ich ganz so wie jetzt, nur noch mit veredelterer Liebe wenn das moglich ist der Deinige seyn.

Eduard.

N. S. Melde mir doch, wenn ich dich sehen kann. Ware es auch des Nachts. Du kennst ja meine Ehrfurcht gegen dich, Geliebte!" O! wie wohl ist mirs, dass ich dich habe, verdammtes Blatt! Du sollst ihr Verderben seyn. Ich mochte nur wissen, auf welche Art sie unsre falsche Karte entdeckt haben. Doch davon wissen Sie nichts, Amalie! Aber ich weiss, dass Sie gegen die Gewohnheit Ihres Als M a r i e n s Vater starb, wurde ihrem Onkel schon damals sehr in die Augen, und ich hatte schon so allerley Absichten auf sie. Um desto mehr erschrack ich, denn ihre Amour mit E d u a r d war mir ganz unbekannt.

Ich stimmte also gleich darinn ein, dass man die Verbindung mit E d u a r d zerstoren musste, aber wahrhaftig nicht um das schone Madchen dem alten Knaster zu Theil werden zu lassen, sondern um sie zum Lohn fur mich selbst davon zu tragen. Er war seit kurzem von hier abgereiset, und nun gieng also unsre erste Sorge dahin, seine Briefe unterzuschlagen. So liessen wir eine geraume Zeit verstreichen, ohne dass sie etwas von ihm horte. Ich trug auch Sorge zu verhindern, dass sie keine Briefe an ihn senden konnte. Meine genaue Bekanntschaft mit dem Postsekretair, und des Alten Geld es versteht sich, dass auch ich meinen Schnitt dabey machte erleichterten mir dieses.

Und welche Briefe waren das! Wie beneidete ich den Kerl um die Liebe eines solchen Madchens! Sehen Sie so sauer als Sie wollen. A m a l i e . M a r i e war damals die Krone unsrer Stadt. Ich hatte mein Leben hingegeben, wenn einer ihrer Briefe an mich gerichtet gewesen ware.

Mit wuthender Eifersucht im Herzen lief ich wie unsinnig umher. Nach und nach fasste sie einige Zweifel gegen seine Liebe; oft hielt sie ihn auch fur todt. Dieses letzte musste ihr Oheim widerlegen; ich liess ihn uberhaupt ihre Zweifel kunstlich nahren, und endlich durch falsch geschmiedete Briefe seine Untreue so gewiss beweisen, dass sie wider ihren Willen davon uberzeugt wurde. Nun hatten Sie ihren Jammer sehen sollen. Ich musste ihren Anblick vermeiden, um nicht durch ihren Schmerz ausserst geruhrt zu werden; denn damals war ich solcher Eindrucke noch nicht so gewohnt, und nicht so abgehartet dagegen, wie jetzt.

Nach Verlauf eines Vierteljahrs starb ihr Onkel an einem Schlagfluss, ohne die Fruchte seiner Bemuhungen genossen zu haben. Sein Tod war sehr schwer. Er stammelte mit grossen Zeichen der Reue noch allerley abgebrochne Worte, die aber zum Gluck ausser mir niemand verstand. Ich wurde zwar etwas dadurch erschuttert, aber ich fasste mich bald wieder; denn ich hatte ihm schon lange vom Grunde meines Herzens eine gluckliche Reise nach dem Ufer des Styres gewunscht, und freute mich sehr, dass er so gefallig war, gerade so zu rechter Zeit meine Wunsche zu erfullen.

Nunmehr wollte ich allmalig zur weitern Ausfuhrung meines Entwurfs schreiten, und sah mich schon in Gedanken ohngeachtet mir M a r i e immerfort mit einem Kaltsinn begegnete, der mich ausserst schmerzte im Besitz von ihr, als eine Erbschaft, die ich in der Ferne heben musste, mich abrief. Diese Bothschaft war mir nur halb so willkommen, als sie es sonst gewesen seyn wurde; indessen hatte mein Geldbeutel eine solche Verstarkung zu nothig, als dass ich sie hatte konnen fahren lassen, und es ist nie meine Sache gewesen, bey Wasser und Brod zu lieben. Bisher hatte mich des alten Onkels Geldkasse unterhalten, aber er starb, ohne mich im Tode so reichlich, als im Leben, zu bedenken, und ich konnte kaum so viel erhaschen, als ich nothwendig brauchte, um meine druckendsten Glaubiger zu bezahlen, und meine Ehre zu retten.

Ich musste also abreisen. Besondere Umstande hielten mich anderthalb Jahr an dem Orte auf, an dem ich nur einige Monate bleiben wollte. Ich hatte zwar unterdessen allerley Liebesgeschichten gehabt, die mich M a r i e n so ziemlich vergessen liessen; auch horte ich, dass sie arm geworden ware, und meine Umstande erforderten eine reiche Parthie. Ich weiss aber doch nicht, was ich gethan hatte, wenn sie bey meiner Zuruckkunft noch ledig gewesen ware. Aber so fand ich zu meiner grossen Verwundrung, dass mich Albrecht, durch seine Heyrath mit ihr, aller Zweifel uberhoben hatte.

Bey ihrem Anblick wachten alle alten Eindrucke so lebhaft wieder bey mir auf, dass ich mir vornahm, ihre Liebe zu erlangen, es koste auch, was es wolle. Sie wissen, was ich fur Versuche machte. Aber alle schlug die sprode Schone zuruck. Sogar Albrechts letzte Entfernung half mir nichts. Verwunschter E d u a r d ! Nichtswurdige Memme! Du steht mir im Wege? Aber ich will dich herausschleudern, dass du das Wiederaufstehen vergessen sollst! Wenn ich nur wusste, wo er sich aushielte. Er muss wohl in der Nahe seyn. Ich werde es auszukundschaften suchen.

Heute Abends komme ich zu Ihnen. Dann wollen wir mehr reden.

Wildberg.

Dreyundfunfzigster Brief

Wildberg an Albrecht

Deine Besorgniss wegen der Traurigkeit, die Deine Frau seit einiger Zeit zu haben scheint, hat mich sehr aufmerksam gemacht. Ich habe, Deinem Auftrage gemass, alles angewandt, um die Ursache davon zu erforschen. Aber vergeblich. Denn Du weisst, ich schikke mich nicht zum empfindsamen Ritter, und Deine Frau, die denn gar gewaltig viel Feinheit besitzen will, wirft mir auch darinn immer einen grossen Mangel vor. Ich uberraschte sie einigemal bey dem Lesen gewisser Papiere, welche sie stets sorgfaltig bey meiner Ankunft verbarg. Endlich war ich so glucklich, durch eine unschuldige List, ohne dass sie es merkte, eins davon zu erhaschen, und nun sah ich die ganze Veranlassung ihres Tiefsinns. Ich stand zwar erst bey mir an, ob ich Dich durch diese Erzahlung kranken wollte, aber ich glaube doch, dass es besser ist, wenn Du alles erfahrst; vielleicht kannst Du dann eher die rechten Mittel brauchen, um sie zu heilen.

Der Brief war von E d u a r d , ihrem ehemaligen Liebhaber, um deswillen sie ehemals Deine Bewerbung ausschlug. Endlich beehrte sie Dich mit ihrer Hand; ihr Herz und ihre heimliche Liebe aber behielt er. Ich weiss nicht, wodurch ihr Verstandniss aufs neue mag wiederum erweckt worden seyn eigentlich haben sie wohl immer einen Briefwechsel mit einander gehabt genug, der Brief enthielt Zartlichkeitsversichrungen, im erhabensten Romanenstyl geschrieben. Er dankte ihr fur die Nachricht von Deiner Abreise, bat sie, ihm die Nacht zu benennen, in der er sie sprechen konnte, kam mit ihr darinn uberein, dass ein solcher Unwurdiger, wie Du, ihre Liebe nicht verdiene, und schrieb noch mehrere Sachen, mit deren Erzahlung ich Dich nicht kranken mag. Ich selbst hatte diess nie der Frau zugetraut, die bestandig so viel von schonen Empfindungen, Tugend und Herzensgute schwatzt! Ich werde mich naher nach der Sache erkundigen, und Dir weitere Nachricht geben. Nimm auch eher keine Maassregeln, und schreib ihr nichts, bis Du noch einen Brief von mir bekommen hast. Zu Deiner Ueberzeugung schicke ich Dir hier das Ende des Briefs, den ich ihr raubte. Den Anfang musste ich wieder an den Ort legen, wo ich ihn gefunden hatte, um ihr keinen Verdacht zu machen. Theils furchtete ich auch, Dich durch die darinn enthaltnen Schmahungen gegen Dich zu sehr aufzubringen. Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, Freund, denn ich weiss, wie sehr Horner die Stirne des Mannes drucken. Bald schreibe ich Dir mehr.

Wildberg.

N. S. A m a l i e ist wieder hier. Sie errothete, als ich von ungefahr deinen Namen nannte: Ach Gott, sprach sie, nennen Sie ihn nicht. Der Gedanke, dass er, durch falschen Argwohn bewogen, sich von mir trennte, schmerzt mich noch immer unendlich tief.

"Ach schweigen Sie doch, A m a l i e . So ganz richtig war es doch wohl nicht mit dem Hauptmann und Ihnen. Und dann sind Sie auch zu liebenswurdig, als dass Sie nicht viele Anbeter unterdessen sollten gehabt haben."

"Sie beleidigen mich, Herr W i l d b e r g . Was sollte ich fur ein Interesse dabey haben, Ihnen die Wahrheit zu laugnen, da Albrecht doch leider! auf immer fur mich verloren ist? Aber, ich schwore es Ihnen zu, der Hauptmann hat nie Eindruck auf mich gemacht. Wie hatte ich auch neben A l b r e c h t einen andern lieben konnen? Und so leichtsinnig ich sonst auch war, so ernsthaft hat mich jetzt der Kummer gemacht. Es haben sich wohl einige Manner um meine Liebe beworben, aber es ist mir unmoglich, fur irgend einen andern Mann Gegenneigung zu haben. Jene ungluckliche Liebe halt mich noch immer zu sehr gefesselt."

Sie ist auch wirklich nicht halb so munter mehr, als ehemals. Sie wohnt eine Viertelstunde von der Stadt, und lebt sehr einsam. Sie hat mich auch gebeten, sie nur selten zu besuchen, theils, damit nicht durch meinen Anblick die Erinnerung an Dich die sie zu verbannen bemuht seyn wollte zu lebhaft erneuert wurde, theils auch, damit sie auf keine Art ihren guten Ruf in Gefahr setzte. Dieses Verbot ist mir sehr unangenehm; denn ihr Umgang ist einer der angenehmsten, den ich kenne. Ich kann Dir die Thorheit nicht vergeben, dass Du sie einem so empfindsamen Affen aufopfertest, wie M a r i e ist, und die Dir Deine Liebe so schlecht lohnt.

Vierundfunfzigster Brief

Albrecht an Wildberg

Dank Dir, W i l d b e r g , dass Du den Zettel beylegtest. Ich hatte sonst Mistrauen in die Treue eines Freundes gesetzt, so unwahrscheinlich war mir die Untreue des Weibes, von deren schonem Charakter ich so viele Proben zu haben glaubte. Die nichtswurdige Gleissnerinn! War das die Ursache des Gewinsels, der Seufzer, der Thranen ohne Ende? Die Schandliche! Schon lange war ich ihrer Empfindsamkeit mude; denn ich kann die schwachen Nerven, die Reizbarkeit, uber die das Frauenzimmer jetzt immer klagt, nicht ausstehen. Darum war mir Amalie so lieb, weil sie gar nichts von solchen Zierereyen an sich hatte. O W i l d b e r g , warum schriebst Du mir von ihr? War meine Lage nicht ohnediess desperat genug? O A m a l i e ! ich fuhle, dass meine Leichtglaubigkeit Deine Verachtung verdient, und Du liebst mich noch! Ich Thor! Zwar kann ich nicht sagen, dass Marie alle die Papeleyen und Vapeurs ihrer Zeitgenossinnen gehabt hatte, allein sie war mir doch zu weich, und ihre Klagen uber meine Unempfindlichkeit bey Dingen, die sie tief ruhrten, wurden mir oft verhasst. Aber eines solchen schlechten Betragens hatte ich sie nie fahig gehalten. Desto mehr bringt es mich gegen die Nichtswurdige auf. Aber warte! ich will Dich und Deinen elenden Liebhaber aus einander treiben, dass eure zarten Seelchen erbeben sollen, und dass die Lust zu solchen empfindsamen Zugen euch ins kunftige vergehen soll!

Hatte ich doch nicht gedacht, dass mich etwas so sehr aufbringen konnte! Aber Du sollst es erfahren, M a r i e , dass der kalte A l b r e c h t eines heftigen Zorns fahig ist, wenn man ihn reizt! Ich werde meine Geschafte zu Ende bringen, und dann gleich nach Empfang Deines Briefs zu dem zartlichen Turteltaubchen reisen, und ihren Tauber verjagen, dass er staunen soll. Schreib mir ja aufs schleunigste.

Albrecht.

Funfundfunfzigster Brief

Wildberg an Albrecht

Er ist angelangt, der zartliche Liebhaber. Sie hat ihn vor Freuden fast erdruckt, und ihre Zartlichkeit ist uber alle Maassen weit gegangen. Es ist keine platonische Liebe, wie man sie von so feinen Seelen erwarten konnte, sondern sie sind sehr korperlicher Eindrucke fahig. Man hat sie beyde in sehr zweydeutiger Stellung auf dem Kanapee sitzen sehen, und seit der Zeit werden auch immer nachtliche Besuche abgestattet. Die gute Frau! Es mag ihr wohl zuweilen in dem grossen Bette grauen, in welchem sie seit Deiner Abreise so ganz allein liegen muss. Sehr naturlich also, dass sie Sorge tragt, diesen leeren Platz durch ihn zu besetzen. Vielleicht wird man bald die Spuren der Fruchtbarkeit an ihr wahrnehmen, deren Mangel sie bisher so oft beweinte.

Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, guter A l b r e c h t ; aber es ist kein andres Mittel, dem Dinge ein Ende zu machen, als wenn Du Dich von ihr trennst. Dieses hat sie verdient, und es ist nicht zu erwarten, dass eine Frau von so verderbtem Herzen sich je bessern wird. Was willst Du auch noch mit ihr? Du dienst ja doch zu nichts, als zu einem Deckmantel ihrer Schande, und wirst nie wieder eine frohe Stunde mit ihr haben konnen. Lebtest Du nicht vor Deiner Heyrath viel glucklicher als jetzt? Du betriebst Deine Geschafte, und in Nebenstunden genossest Du einen vergnugten ungezwungnen Umgang mit Deinen Freunden. Du warest in allen Gesellschaften willkommen, und hattest die besten Aussichten zu Gluck und Ehre vor Dir.

Alles das ist seit Deiner Heyrath verdorben. Dein empfindsames Weib verscheuchte alle Deine Freunde, deren Umgang ihr zu rauh schien: Du wurdest allenthalben weniger geachtet, weil man Deine Frau und ihre moralischen Unterhaltungen nicht ausstehen konnte. Sogar der Geheimde Rath G., Dein machtiger Gonner, wurde dein Feind, weil M a r i e einmal seiner Frau in einer grossen Gesellschaft widersprach. Er hat einigemal gesagt, und viele mit ihm: "Schade, dass der Mann die Narrinn zur Frau hat!"

Und was ward Dir fur diesen Verlust? Ein weinerliches Geschopf, dessen Umgang Dir nur Misvergnugen machte, bey der Du gar keine Erholung, keine Aufheitrung fandest, wenn Dich Geschafte ermudet hatten. Kam sie Dir nicht allenthalben mit ihrem feinen Gefuhl in die Queer?

Oeffne die Augen, Freund! Lass sie mit ihrem Romanhelden laufen, und bey Wasser und Brod sich von Liebe satt schwatzen. Und Du wirst dann wieder so glucklich, so ruhig leben, wie vorher. Du wirst Deine Bekanntschaft mit Amalien zu erneuern suchen. Ihre Gesellschaft, ihr muntrer Witz, durch Deinen Anblick wiederum belebt, wird bald die Eindrucke von Deiner kopfhangerischen M a r i e bey Dir vertilgen.

Vor dem Urtheil der Welt brauchst Du Dich nicht zu furchten. Man weiss hier schon allenthalben die Geschichte, man bedauert Dich und wunscht, dass Du Dich von der Treulosen scheiden mochtest. Und ich bin gewiss, dass man Dich hier allenthalben mit Verachtung ansehen, und mitleidig die Achseln uber Dich zucken wurde, wenn Du Deine Hahnreyschaft so gelassen ertrugest. Du wunderst Dich vielleicht uber meinen Eifer. Aber die Ehre und das Gluck meines Freundes liegen mir zu sehr am Herzen, als dass ich bey einer fur ihn so wichtigen Sache gleichgultig bleiben konnte.

Du wirst wohl gleich nach Empfang dieses Briefs abreisen, und ich bitte Dich, zuerst zu mir zu kommen, damit wir zuvor unsre Maassregeln nehmen konnen, ehe Du in Dein Haus gehst. Lebe wohl bis dahin.

Dein treuer

Wildberg.

Sechsundfunfzigster Brief

Sophie an Julien

O Julie! die ganze Frucht meiner Bemuhung bey M a r i e n ist vereitelt; sie ist jetzt elender, als je.

Wir sassen im Zimmer und redeten von Ihrem lieben Briefe, als plotzlich die Hausthur sich offnete, und eine Mannsperson mit starken schnellen Schritten auf unser Zimmer zuzukommen schien. M a r i e sprang auf, in der Meynung, dass es A l b r e c h t sey. Schnell wird die Thur aufgemacht, und E d u a r d tritt herein. M a r i e sank mit einem Schrey ohnmachtig zuruck. Er fiel vor ihr nieder, und bedeckte ihre Hande mit Kussen und Thranen.

"Kehre wieder, himmlischer Geist meiner M a r i e ! Dein E d u a r d , der Dich anbetet, beschwort Dich. Ach! aus dieser Besturzung sehe ich, dass Du mich noch liebst, dass Du den fernen treuen Geliebten nicht vergassest! Du schlagst die Augen auf, Du lebst wieder? Engel des Himmels, Du liebst mich noch?"

Er schloss sie in seine Arme, und sie vermochte in der ersten Betaubung nicht, ihm zu widerstehen, aber bald siegte ihre vortreffliche Seele. Sie riss sich von seinen Lippen los.

"Gehen Sie, Eduard. Um Gottes Willen, lassen Sie mich! Ich kann Ihre Liebkosungen ohne Sunde nicht annehmen. Ich bin die Gattinn eines andern."

"- Indem er heftig aufsprang Du, M a r i e , das Weib eines andern? Tod und Verderben uber das Herz, das die Schwure der Liebe brach! Du, das Weib eines andern? Welche Quaalen der Holle fur mich! Und das kannst Du mir sagen, Treulose? Gott! ist diess das Madchen, das ich drey Jahre hindurch bis zur Vergotterung liebte? Unglucklicher E d u a r d ! Elender Thor, der ich auf Madchentreue baute! der ich glaubte, ich wurde Dein Herz so treu, so zartlich wieder finden, wie das meinige war!"

"Halten Sie ein, Grausamer! oder wollen Sie sie todten?"

Sie war ganz ausser sich, in eine neue Ohnmacht zuruckgesunken, und die Farbe des Todes herrschte schon auf ihrem Gesichte. Er sah sie, und seine Wuth schmolz bey ihrem Anblick.

"Was sehe ich! O M a r i e , Innigstgeliebte, lebe wieder auf; nie sollen meine Vorwurfe Dich kranken. Vergieb mir! Die Quaal getauschter Liebe sprach aus mir."

Sie erholte sich langsam, und sprach mit schwacher Stimme:

"O E d u a r d ! Sie konnen mir Vorwurfe machen? und Sie verdienen die grossten! Schrieben Sie mir wohl ein einziges mal? Wahlten Sie nicht gleich eine andre Geliebte? Und dem ohngeachtet gieng ich doch nur mit Thranen, mit Widerwillen "

"Heuchlerinn! Ich eine andre Geliebte? O! ewig brennende Vorwurfe sollen mich martern, nie fuhle dieses Herz Ruhe, von endlosen Quaalen sey es genagt, wenn ich je an eine andre dachte. Du warest es allein, die ich noch bis heute anbetete, bis zum Unsinn liebte! Dein Bild wich nie aus meiner Seele; schlafend und wachend schwebtest Du vor meiner Einbildungskraft! Wie viele Briefe der zartlichsten Liebe schrieb ich Dir nicht, und erhielt keine Antwort! Ich verblendeter Thor! Ich glaubte, Deine Liebe ware so fest, wie die meinige, geknupft. Unuberwindliche Hindernisse, so dacht ich, hielten Deine Briefe zuruck. Voll des sichersten Zutrauens zu Dir, durchlebte ich drey Jahre, schlug noch kurzlich die Hand der liebenswurdigen Nichte meines Prinzipals aus, voll des Gedankens, in Deinen Armen meinen Lohn und meine Seligkeit zu finden. Auf den Flugeln der Liebe eilte ich hieher, flog mit klopfendem Herzen zu Dir, und nun finde ich Dich so! Gott, ich Elender!"

M a r i e n s Erstaunen glich dem meinigen. Er sprach zu sehr aus dem Herzen, als dass sie hatte zweifeln konnen. Gewiss war Verratherey im Spiel. Ihr Zustand war trostlos. Sie verwunschte ihre Leichtglaubigkeit, und bat E d u a r d in den ruhrendsten Ausdrucken, ihr zu verzeihen. Er wurde bewegt, und beyder Thranen flossen reichlich. Endlich ermannte sie sich. Sie bat ihn, sie zu verlassen, und er gieng verzweifelnd fort. Ihre Seele war zerrissen, und sie war taub gegen alles, was ich ihr sagen konnte. Endlich fiel sie auf ihre Knie. Ihre Thranen und Seufzer drangen gewiss durch die Wolken.

"Es ist geschehen sagte sie, indem sie mit erheitertem Gesicht aufstand Gott hat mich erhort. Mein Herz ist losgerissen; es fuhlt sich gestarkt, und nun will ich ihm zum letzten male schreiben."

Ich widerrieth es ihr, aber vergeblich. Sie setzte sich nieder und schrieb. Giebt es ein unglucklicheres Paar als diese beyden? O Gott! warum muss das beste weibliche Herz von solchen Quaalen niedergedruckt werden? Beten Sie mit mir, J u l i e , um Trost fur sie.

Sophie.

Siebenundfunfzigster Brief

Marie an Eduard

Meine Seele, von Kummer schon vorher niedergebeugt, wurde durch Ihren Anblick zu sehr erschuttert, als dass ich vermocht hatte, mit Ihnen zu reden, so wie ich musste. Jetzt habe ich durch Gebet mich gestarkt. Ich Aermste! Ehemals war unsre Liebe die grosste Angelegenheit, die ich Gott vortrug, und jetzt muss ich ihn anflehen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reissen. O Gott, du siehst, wie es blutet. Ich scheine mich von mir selbst zu trennen, abgerissen von dem, was ich sonst abgottisch liebte! Und doch heischt meine Pflicht dieses Opfer. Ich muss Ihnen welcher Schmerz durchwuhlt mein Innres! Das letzte Lebewohl schreiben. Ich darf Sie nie wieder sehen, nie wieder einen Brief von Ihnen lesen, keinen mehr schreiben! Gott! welch ein Schauder uberfallt mich! Kaum kann meine zitternde Hand die Feder halten! Ich muss mich von dem trennen, den ich so innig liebte; o konnte ich auch den Gedanken an ihn verbannen! Aber, so musste die ganze Denkkraft meiner Seele vernichtet werden, denn jede Erinnerung ruft mir sein Bild zuruck.

O E d u a r d , vergieb mir! Ich habe das Gluck Deines Lebens gestort; ich habe Dich, mich selbst, elend gemacht! Jede Freude ist fur mich verloren. Kummer und Thranen werden mein Loos seyn. Lebe zum letzten male wohl, Abgott meiner Seele! In einer Welt finden wir uns wieder, wo kein Schicksal mehr die Herzen trennt, die ganz fur einander geschaffen waren. Da wird mein Geist Dir entgegen eilen. Ich werde Dich zu den Fussen des Throns fuhren, wo der Allliebende selbst unsre Thranen trocknen wird, und ewig vereint wandeln wir dann in die Gefilde der Seligen.

Diess Bild einer glucklichen Zukunft starke und beruhige Dich. O E d u a r d ! bete auch fur meine Seele nicht um Ruhe hienieden; ach, die ist fur mich dahin! bete, dass ich bald einem Schauplatz entruckt werde, auf dem nur Auftritte des Jammers meiner warten.

Marie.

Achtundfunfzigster Brief

Eduard an Barthold

Freund, hast Du noch Thranen: so zolle sie dem unglucklichsten der Menschen! In den tiefsten Abgrund des Elends gesturzt, ringe ich mit der Verzweiflung. O, ware nicht eine andre Welt, furchtete ich nicht, dass der Augenblick meines Sterbens auch der ihrige ware ich wurde meinem quaalvollen Leben ein Ende machen!

Ich kam in D. an. Ich stieg vor einem Wirthshause ab, gab mein Pferd dem ersten, den ich sah, und nun eilte ich dem Hause zu, in welchem jedes Platzchen mir heilig war, weil sie es einst betrat. Mit lautschlagendem Herzen gieng ich hinein, offnete das Zimmer, in welchem ich zuerst die himmlische Gestalt sah. Sie kam mir entgegen. Welch ein Anblick! Diess bluhende Madchen, gemacht, um das unempfindlichste Herz zu besiegen, wie war sie entstellt! Die bluhenden Rosen ihrer Wangen waren verwelkt, das sanfte Feuer des blauen Auges erloschen. Das zaubrische Lacheln des Mundes, das sonst mich entzuckte, war geschwunden. Ihre ganze Gestalt war der ruhrendste Ausdruck des Kummers. Sie schrie, als sie mich sah, und sank ohnmachtig zuruck. Ich warf mich zu ihren Fussen. Die lauten Ausbruche meiner Empfindungen riefen sie ins Leben zuruck. Ich druckte sie an mein Herz, und glaubte vor Wonne zu vergehen, als sie schnell sich aus meinen Armen wand.

Gott! kann ich das Schreckliche schreiben? Sie ist das Weib eines andern. Welcher Jammer fur mich! O M a r i e , hatte ich das von dir gedacht, dass du warest wie andre: ich ware vor deinem Anblicke geflohen, wie vor einer Schlange. Nie wurden mich deine gefahrlichen Reize besiegt haben; sie wurden mir lachende Schaalen, mit Gift angefullt, gewesen seyn. Gott! wie blutet mein Herz, wenn ich die ehemaligen Zeiten mir denke, da ich im sussesten Taumel der Liebe vor ihr stand! Wie war sie da so zartlich! Wie schienen nicht meine Blicke ihr neues Leben einzuflossen! Wie oft sagte sie mir, dass ohne mich keine Freude des Lebens sie entzucke! Und brachte ich einen Zweifel an ihrer Liebe ihr vor es geschah nur, um ihn widerlegt zu horen so betheuerte sie mir, dass ihre Liebe unsterblich, wie ihr Geist, sey. Und jetzt ist sie eines andern Weib? Die Machte der Holle haben keine starkeren Quaalen. Todtende Furien, ihr nagt an meinen Gebeinen. Zerreisst mich vollig! Raubt mir ein Leben, das mir eine Last ist!

B a r t h o l d ! mein tobender Schmerz zerfliesst in Thranen. Eben schickt sie mir einen Brief. Die herrliche Seele des Engels leuchtet aus jeder Zeile hervor. O Gott! wie schame ich mich meiner Wuth vor dir, sanfte Dulderinn! Sie liebt mich noch so stark, so innig, als je. Ihr Herz setzte wider ihren Willen die Beweise davon auf diess Papier. Nie, o nie sollst du von meiner Seite kommen, theurer Vrief, letztes, unschatzbares Geschenk meiner M a r i e . Fur keine Reiche und Kronen bist du mir feil. Stets sollst du auf meinem Herzen wohnen, von meinen Thranen und Kussen benetzt.

Sie befiehlt mir, sie zu fliehen, sie nie wieder zu sehen. Ich will ihrem Befehl folgen. Mein Anblick soll nicht, mit dem ihrigen zugleich, auch den Frieden ihres Mannes storen. Aber noch einmal muss ich sie sehen, auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. O dass ich meine Seele zu ihren Fussen aushauchen konnte!

Eduard.

Neunundfunfzigster Brief

Sophie an Julien

Mit jedem Tage sturzt neues Elend auf die arme M a r i e . Sie wird gewiss ihren Quaalen unterliegen. Sie fasste den Entschluss, E d u a r d nie wieder zu sehen. Es geht uber alle Beschreibung, wie viel ihr dieses kostete. Sie erhielt aber doch so viel Macht uber sich, den Befehl an ihre Leute auszustellen, dass man keinen Fremden zu ihr lassen sollte. Kaum war ihr Madchen hinaus, so zerfloss sie in Thranen.

"Gott! ist es so weit mit mir gekommen, dass ich ihm die Thur verschliessen muss? Und sonst hatte ich um einen Blick von ihm hundert Thuren und Schlosser geoffnet! Auch ihm war kein Hinderniss unuberwindlich fur meinen Anblick. E d u a r d ! Arme M a r i e !"

Sie sass auf ihrem Sopha. In der einen Hand hielt sie ein Tuch, nass von ihren Thranen, die andre unterstutzte ihr mattes Haupt. E d u a r d trat herein. Man hatte ihn aussen nicht bemerkt. Er fiel, einige Schritte von ihr entfernt, auf ein Knie:

"M a r i e , verzeihen Sie, dass ich Ihrem Befehl zuwider handle. Wollen Sie es, so verlasse ich gleich das Zimmer. Es war mir unmoglich von hier zu gehen, ohne von dem Abschied genommen zu haben, was mir ewig das theuerste auf Erden seyn wird."

"O E d u a r d , Sie haben nicht wohl gethan. Ich darf Sie nicht mehr horen, gehen Sie."

"M a r i e , ist dein Herz mir ganz entwandt? Hast du alles vergessen? Unsre zartliche Liebe, meine stete Ehrfurcht fur dich, Alles? Wallt in deinem Herzen nichts mehr fur mich? O so sey Verzweiflung mein Loos: ich will dich mit meinem Anblick nicht langer qualen."

"E d u a r d ! du wirst mich todten."

"Was seh ich, M a r i e ! du weinst? Du weinst meinem Schicksal noch Thranen? O! ich muss diesen Ausbruch der edelsten Zartlichkeit wegkussen Es sind die letzten Thranen meiner M a r i e , die ich fliessen sehe."

Ihr Haupt sank auf seine Brust. Er umfasste sie, und druckte seine Lippen auf die ihrigen. Sie war zu schwach, um zu widerstehen. Ihre Thranen flossen auf seine Kusse. Und nun trat A l b r e c h t ins Zimmer.

Nichtswurdiges Weib! du selbst bestatigst die Nachricht von deiner Untreue. Doch sowohl du, als dein elender Liebhaber, ihr seyd zu klein fur meine Rache. Ich will euch eurem Schicksal uberlassen. Jetzt gehe ich auf mein Zimmer. Mache dich unterdessen, mit allem, was dein ist, aus dem Hause. In einer Stunde bin ich wieder da, und finde ich dann noch eine Spur von euch hier, so zittert vor meiner Rache.

"Um Gottes Willen, hore mich doch nur erst!"

"Ich will nichts horen! Ich horte und sah genug!"

"Herr A l b r e c h t ! sind Sie wahnsinnig, das beste Weib eines blossen Anscheins wegen zu verstossen, ohne sie einmal gehort zu haben? Bedenken Sie, was Sie thun."

"Ich habe genug bedacht, Mademoiselle, bin von allem unterrichtet. Mein Entschluss steht fest, und ich will niemand rathen, sich ihm zu widersetzen! Ich wiederhole es noch einmal: Bist du in einer Stunde noch hier, so will ich ein Beyspiel an dir zeigen, das deine empfindsame Seele erschuttern soll!"

Er zog die Augenbraunen auf eine erschreckliche Art zusammen, und verliess das Zimmer.

"Gott sprach M a r i e strafst du so hart die Schwache meines Herzens? Ach! noch nie sah ich ihn so. Ich weiss, er ist auf eine schreckliche Art beharrlich in seinen Vorsatzen. Was wird aus mir werden!"

"Komm, theuerste M a r i e , entflieh in den Armen deines zartlichsten Anbeters einem Ungeheuer, das deinen Abscheu verdient."

"Halt, E d u a r d . Den Sie jetzt Ungeheuer nennen, der ist mein Mann, vor Gottes Altar mir angetraut. Wenn ich Ihnen folgte, so wurde ich die Behandlung verdienen, die er jetzt ungerecht mich empfinden lasst. Ich werde ihm zeigen, dass ich nur schwach, nicht lasterhaft war. Die wenigen Tage meines Lebens sollen in stiller Einsamkeit dahin fliessen, und der Gedanke soll mich trosten, dass einst mitleidige Thranen mein Grab benetzen werden! Und nun noch eine Bitte an Sie, E d u a r d ! Verlassen Sie mich und versprechen mir bey dem, was Ihnen das Heiligste ist, mich nie wieder zu sehen! "

"Vortrefflichste Ihres Geschlechts! mit zerrissnem blutendem Herzen verspreche ich, Ihrem Befehl zu folgen; und sollte ich unterliegen, o himmlischer Geist meiner ewig angebeteten M a r i e , so starke du mich!"

Er verliess schnell das Zimmer, und nun brachen M a r i e n s zuruckgehaltne Thranen mit Macht aus. Ich musste sie ihrem Kummer uberlassen, und war beschaftigt, ihre Sachen zusammen zu packen, und einen Wagen bestellen zu lassen. Ich fuhr mit ihr und dem kleinen L i e s c h e n , welches sie durchaus mitnehmen wollte, nach meiner vortrefflichen Pastorinn zu, von der ich Ihnen neulich schrieb. Diese Frau, nur geschaffen um Gutes zu thun, nahm uns gern auf, und wurde sehr von M a r i e n s Ungluck bewegt. Ist es noch moglich sie zu retten, so werden es gewiss diese vortrefflichen Leute vermogen; aber ich furchte, dass sie alles dieses nicht lange uberlebt. Ihr Korper ist sehr geschwacht.

Ich mochte nur wissen, wer A l b r e c h t so aufgebracht hat. M a r i e glaubt, dass vielleicht der nichtswurdige W i l d b e r g Antheil daran habe. Ach! sprach sie, gewiss ist er es auch, der E d u a r d von mir trennte. Das schreckliche Ende meines Onkels, und seine bisher unerklarbaren Worte, die er kurz vor seinem Hintritt in die Ewigkeit sprach, hellen sich mir auf: M a r i e sprach er, als schon Stimme und Augen sich brachen ver gieb Wild berg wird Und indem verliess ihn die Sprache. Er reichte noch immer nach seinem Schreibtisch, und bald darauf doch ich will einen Vorhang uber die schreckliche Scene seines Todes fallen lassen. Er war meiner Mutter Bruder! Ich vergebe ihm. O Gott! rache auch du nicht seine Missethat. Verzeih ihm um der Gerechten willen, die seine Schwester war!

Gott, J u l i e ! Das Herz des Menschen ist so klein, und doch ein solcher Sammelplatz von List und Ranken! Ich kann M a r i e n nicht verlassen. Bitten Sie doch meinen Onkel, dass er mir erlaubt, noch hier zu bleiben.

Sophie.

Sechzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Wenn Du noch an einen Elenden denken magst, der mit jedem Augenblicke sich und sein verdammtes Schicksal verwunscht, so lies diesen Brief. Doch ich verdiene nicht, dass ein Rechtschaffner an mir Theil nimmt. In der schandlichsten Verbindung, unter Leuten, die das Funkchen Ehre, das noch bey mir ubrig ist, mich verabscheuen lasst, an die aber mein unseliges Schicksal mich fest geschmiedet hat!

O dass ich den besten, treusten Rath verachtete, dass jener Nichtswurdige und seine verdammte Buhlerinn mich so fest in ihren Netzen hielten! Wie mogen sie uber meine Einfalt gelacht haben! Tod und Verdammniss! Das Spiel solcher Elenden gewesen zu seyn!

Ich wagte es nicht, einen Menschen anzusehen. Sogar vor der Wache und vor meiner Aufwarterinn schlug ich beschamt die Augen nieder. Es schien mir, als ware ich sogar das Ziel des Spottes bey solchen Leuten geworden. Ein Brief meines Vaters brachte mich vollends zur Verzweiflung. Der arme Greis! Wenn er wusste, was jetzt aus seinem Sohn geworden ware! Doch vermuthlich schreyt schon sein entflohner Geist Rache uber mich! Weh mir! Er schied, dem ungerathnen Sohne fluchend, aus der Welt! Die Haare steigen mir zu Berge! Weh mir!

Aber was soll das Winseln? Es schickt sich nur ein abgehartetes Herz fur mich Elenden. Ich will ununterbrochen weiter erzahlen:

Ich stieg des Nachts aus meinem Kammerfenster auf das Dach eines Stalls; von da kam ich mit leichter Muhe herunter, und nun eilte ich unbemerkt uber die Stadtmauer aus der Stadt. Nun gieng ich mit starken Schritten auf einem mir unbekannten Wege fort. Es war mir gleichviel, wohin. Ich hatte ja keinen Vater, und kein Vaterland mehr! Gegen Mittag hatte ich, meiner Rechnung nach, wenigstens funf Meilen gemacht. Furcht und Verzweiflung hatten mich keine Ermattung fuhlen lassen. Aber nun wollten mich meine Fusse nicht weiter tragen. Aus Hunger und Mudigkeit schlief ich unter einem Baum im Walde ein, und wachte erst des Abends spat wieder auf. Durch diesen Schlaf, den ersten, den ich seit einigen Tagen genoss, gestarkt, setzte ich meinen Weg fort, und gieng die ganze Nacht durch. Am andern Morgen konnte ich das Schreyen meines Magens nicht mehr ertragen; bisher hatte ich mich gefurchtet, einen Menschen anzureden, jetzt aber glaubte ich mich sicher, und eilte auf ein entlegnes Haus zu, das ich an einem einsamen Orte erblickte.

Ich pochte an. Nach langem Warten offnete man mir die Thur. Ein altes Weib glaubte man noch an Hexen, so wurde ich sie fur die Oberste derselben gehalten haben sah mich mit ihren triefenden Augen forschend an, und fragte: Was ich wollte, wo ich herkame, und wer ich sey?

"Ich bitte um einen Bissen Brod, bin ein Reisender, und kann vor Hunger nicht weiter gehen."

Sie machte mich noch mit tausend Fragen toll: wer denn meine Reisegefahrten waren, wo ich mein Pferd hatte, und dergleichen mehr. Ich Ich sagte endlich hochst erbost:

"Ich bin nicht zum Examen hieher gekommen, sage Sie nur, ob Sie mir was zu essen geben will oder nicht; sonst geh ich weiter."

"O ja warum nicht? mein lieber Herr Baron, Diess Haus ist zwar kein Wirthshaus fur jedermann, aber einem so hubschen jungen Herrn, als Sie, thut man wohl einen Gefallen. Ich bin immer sehr mitleidig gegen die hubschen Mannspersonen gewesen, und "

"Das glaube ich gern. Aber sey Sie auch jetzt so mitleidig, und gebe Sie mir zu essen. Ich kanns nicht langer aushalten."

"Mein Sohn hat einige Bekannte mitgebracht, auch recht artige Leute, die "

Ich war des Geschwatzes mit der hasslichen alten Vettel satt, und drang, ohne auf sie zu horen, mit Gewalt in die Stube. Eine verfluchte Hexe! Sie legt sich, glaub' ich, auf die Kunst, den Hunger durch Worte zu befriedigen!

Dieses Ausrufs wegen betrachtete mich die ganze honorable Gesellschaft aufmerksam. Sie bestand aus Kerlen, deren rauhe schreckliche Gesichtsbildungen mir noch mehr aufgefallen seyn wurden, wenn ich nicht so beschaftigt mit meinem Fruhstuck gewesen ware. Als dieses verzehrt war, betrachtete ich sie noch einmal, und alle misfielen mir aufs hochste, einen jungen Menschen ausgenommen, der in einer Ecke sass, und eine edle, aber traurige Miene hatte. Ich wollte sogleich weiter gehen, weil es mir hier sehr misfiel, als einer von ihnen mich sehr hoflich fragte, wo ich denn hinzureisen gedachte? Ich antwortete ihm: ich konnte den Ort nicht genau bestimmen, ich wollte Kriegsdienste suchen. (Es war auch mein Plan Mousquetier zu werden.)

"Ey, ein junger Mann von ihrem Ansehen sollte sich doch nicht todtschiessen lassen. Glauben Sie, mein Herr, das ist eine garstige Sache."

"Wem das Leben eine Last ist, dem kann es auch gleichviel seyn, auf welche Art er es verliert!"

"In Ihrem Alter pflegt man doch sonst das Leben zu lieben."

"Ja, aber es kann Unglucksfalle geben, die uns das Gegentheil wunschen lassen. Doch dieses Reden macht Ihnen Langeweile, und mir nur unangenehme Erinnerungen. Leben Sie wohl, meine Herren!"

"Junger Mann, Sie flossen mir viel Theilnehmen an Ihrem Schicksal ein. Konnen Sie mir nicht mehr davon sagen?"

"Ersparen Sie mir eine Erzahlung, die Ihnen und mir unangenehm seyn wurde. Ich muss gehen."

"Horen Sie, mein Herr, ich fuhle eine starke Neigung gegen Sie. Ihre Aussichten als Soldat sind ungewiss, Ihre Borse ist wahrscheinlich nicht im besten Zustande." (Diess musste er bemerkt haben, als ich meine Rechnung bezahlte.) "Bleiben Sie bey uns. Ich will fur Ihren Unterhalt sorgen, und Sie werden sehen, dass Sie ein angenehmes Leben gewahlt haben."

"Sie sind sehr gutig, aber darf ich fragen, worinn meine Beschaftigung bestehen sollte?"

"Das heisst sagte er lachelnd wer wir sind? Wir sind Leute, die sich bemuhen, die Glucksguter, welche das Schicksal oft an den unrechten Mann gebracht hat, besser auszutheilen. Es versteht sich, dass wir uns selbst bey dieser Theilung nicht vergessen."

Schrecken und Abscheu erfullten mich; denn ich sah nun, unter welchen Menschen ich mich befand. Ich wunschte mich weit entfernt. B r a n d , so hiess der Redner, schien meine Besturzung zu merken:

"Sie haben gewiss auch das Vorurtheil der Welt gegen uns, und doch sind wir verdienstliche Leute. Wir halten manche durch unsre Beraubung von einer schlechten Anwendung ihres Geldes ab. Wir bringen manchen Mussigganger zur Arbeit zuruck, und wahrhaftig, wir wissen sein Geld gut zu gebrauchen. Sagen Sie mir, handeln wir schlechter, als viele angesehene Manner, die sich durch List und Betrug ein grosses Vermogen sammlen? Ist es rechtmassiger, durch List, als durch Gewalt rauben? Nein, die Welt ist gewiss ungerecht, uns den Namen Diebe und Rauber zu geben, und jene grossern Spitzbuben ruhig im Besitz ihres Vermogens zu lassen, und mit Ehre und Ansehen zu schmucken. Sie schweigen, und schutteln den Kopf? Horen Sie, junger Mensch, Sie werden hoffentlich selbst so klug seyn, zu glauben, dass wir Sie, unsrer Sicherheit halber, nicht so konnen wiederum weggehen lassen, wie sie angekommen sind. Sie wissen unsre Geheimnisse, und das ware fur uns gefahrlich."

"Ich verspreche bey meiner Ehre "

"Das Versprechen hilft uns nichts. Sie wurden es bey der ersten Gelegenheit wiederum brechen. Wir schreiten ungern zu Gewaltthatigkeiten, wenn wir unsern Zweck in Gute erreichen konnen; bey Ihnen aber wird es nothwendig seyn. Wahlen Sie also: Entweder wir machen Sie durch den Verlust Ihrer Zunge und rechten Hand unfahig uns jemals zu verrathen, und dann konnen Sie gehen, wohin Sie wollen, oder Sie schworen, uns treu zu bleiben. Es sollte mir leid thun, wenn das erste geschehen musste einen andern Ausweg erlaubt uns die Strenge unsers Gesetzes nicht denn Sie scheinen mir ein beherzter Mann von gutem Kopf zu seyn. Beydes ist nothwendig zu unserm Metier, und darum fiel meine Wahl gleich auf Sie. Nun, wie stehts? Bedenken Sie sich kurz."

Ich fuhlte jetzt die ganze Strafe meines Verbrechens, die mir so schnell nachfolgte, da sie mich in die Hande dieser Nichtswurdigen fallen liess. Ich, der ich mir immer so viel auf meinen Muth zu gute that, zitterte vor Schrecken. Verstummelt zu werden, welch ein grausames Schicksal! Und doch, Rauber! Dieb! das schallte furchterlich in meinen Ohren. Aber es blieb mir ja immer noch die Hoffnung zu entwischen; ich war ja doch ein verlorner Mensch. Entlaufen, vom Vater enterbt, mein Name vielleicht als infam an die Ecken der Stadt geschlagen! Wie lacherlich, in meiner Lage von Gefuhl der Ehre reden zu wollen! Was ist es denn weiter? Eine Stufe niedriger als jetzt. Andre Entwurfe des Glucks sind doch fur mich verloren. Der junge Mensch blickte mit einem ausserst ruhrenden Wesen auf mich. Alles das zusammen, und ich sagte: Ja. Nun erschallten Gluckwunsche und Freudengeschrey von allen Seiten. Es wurde noch eine Schussel auf den Mittag bestellt, und alle fassten den Vorsatz tapfer auf meine Gesundheit zu saufen. Nun war ich ein Genosse von Leuten, die der Auswurf der Menschheit sind. Bloss der Hauptmann B r a n d hatte noch einen kleinen Anstrich von ehemaliger guter Erziehung ubrig behalten. Um meinen Kummer zu zerstreuen, erzahlte er mir seine Geschichte. Ich will sie auch Dir mittheilen, aber heute ist es mir unmoglich. Ich muss schliessen.

Fortsetzung.

In der Gesellschaft meiner Bundsgenossen verabscheue ich mich selbst. In der Einsamkeit foltern mich auch unaufhorliche Vorwurfe. Um meinen Schmerz zu verjagen, will ich des Hauptmanns Erzahlung wiederholen:

"Eine sogenannte feine Erziehung habe ich freylich gehabt, und mein Vater dachte wohl nicht, dass ich einmal der Vorsteher einer so honorablen Gesellschaft werden wurde; denn als ich ihm von der Wehmutter uberreicht wurde, verdoppelte er bey der Nachricht von meiner Knabenschaft das Geschenk, welches er ihr machen wollte. Und von der Zeit an war ich sein Augapfel und meiner Mutter Herzblattchen. Beyde erzogen mich mit der grossten Sorgfalt; das heisst: sie hatten alle mogliche Aufmerksamkeit, mir in allen Dingen meinen freyen Willen zu lassen; denn meiner Mutter Hauptgrundsatz war: dass man die Kinder nie argern musse, weil der Aerger der Gesundheit schade. Ihre Zartlichkeit hatte denn auch so vortreffliche Wirkung auf mich, dass ich noch vor dem vierten Jahre allgemein gefurchtet ward. Ich ubte alle moglichen Tyranneyen an meinen Geschwistern, Gesinde, Hunden und Katzen, ja zuweilen auch an meinen liebwerthesten Eltern selbst aus. Diese freuten sich denn immer gewaltig uber meine witzigen Einfalle, wie sie es nannten.

Ja, sagte mein Vater und nahm mich auf seinen Schooss, aus unserm kleinen Georg wird noch einmal ein ganzer Mann werden.

Wenn das liebe Kind nur leben bleibt, erwiederte meine Grossmutter und schuttelte den Kopf, der ohnehin schon sehr stark auf dem Rumpfe wackelte es ist mir gar zu klug fur sein Alter, und die Kinder, welche so fruh klug werden, kommen selten auf. So sagt das Spruchwort.

Spruchwort hin, Spruchwort her. Der Junge wird schon gross werden. Nicht wahr, Schorschen, aus dir wird noch einmal ein grosser Jurist?

Ey Gott behute! Juristen, bose Christen. Ich will das auf Sie nicht gedeutet haben, Herr Sohn mein Vater war Justizrath aber ein Advokat soll er nicht werden. Es wird gewiss einmal ein Superintendent aus ihm. Nicht wahr, Kind?

Ich hatte mich wahrend der Hitze des Streits ganz sachte von meines Vaters Schooss unter der Grossmutter Stuhl geschlichen, und stach sie mit einer grossen Nadel auf eine schmerzhafte Art an einen empfindlichen Ort, der bey ihr nicht mehr mit vielem Fleisch uberzogen war. Sie sprang, vor Schmerzen uber den kleinen Superintendenten laut schreyend auf, und mein Vater lachte in seinem Stuhl, dass er mit beyden Handen seinen dicken Bauch halten musste.

Aehnliche Streiche spielte ich auch meinen Informatoren. Verstanden sie es unrecht und wollten mich bestrafen; so klagte ich es der Mama, und die machte sie denn fur ihre Grobheit gar weidlich herunter. Auch mein Vater meynte, dass Strenge das Genie bey mir unterdrucken wurde. Dadurch kam es denn so weit, dass kein Lehrer mehr in unser Haus ziehen wollte. Diess war mir gerade recht. Ich lief nun ungestort auf der Strasse herum, und wurde bald durch die feine Geschicklichkeit beruhmt, mit der ich meinen Kameraden ihr Naschwerk wegzukapern wusste. Aber leider endigte sich diese Freude bald.

Herr T r e u w e r t h wurde meinem Vater von einem wurdigen Manne zum Hofmeister bey mir vorgeschlagen, und zog bey uns ein. Er betrug sich gegen mich immer sehr leutselig, aber mit einem gewissen ernsten Wesen, welches mich im Anfange scheu machte, meine dummen Streiche vor ihm auszuuben. Er hielt oft die ruhrendsten Ermahnungen an mich, die auch zuweilen wirklich Eindrucke machten. Aber die Gesellschaft des Gesindes, der Strassenbuben denn hievon versuchte er vergeblich mich zuruckzuhalten vertilgten diese Eindrucke bald wieder. Die Spottereyen der Bedienten, auch oft meine Mutter selbst (in die Ungnade der letzten war er gefallen, weil er einmal behauptete, eine Mutter sey verbunden ihr Kind selbst zu stillen. Der gute Mann wusste nicht, dass sie bey uns allen Ammen gehabt hatte ) die ihn nur den Pedanten nannte, und der Zwang, den ich mir in seiner Gegenwart anthun musste, machten ihn mir fatal.

Ich fieng an, ihn durch Ungehorsam und allerley Neckereyen recht vorsatzlich zu argern, aber er wusste mich die erstenmale so ernsthaft zu behandeln, dass mir der Muth zu ahnlichen Versuchen vergieng.

Aber meine bose Natur brach bald durch. Und die Rathschlage der Bedienten, welchen er verhasst war, weil er nicht mit ihnen soff und Karten spielte, wie der letzte Informator gethan hatte, trugen auch dazu bey, dass ich bald anfieng, ihn aufs neue durch allerley Beleidigungen so oft und vorsatzlich zu argern, dass er es meinem Vater klagte, und ihn um Erlaubniss bat, den Stock bey mir gebrauchen zu durfen; denn er merke, dass ich mich zu sehr auf die Bedingung verliesse, die ihm verbiete, mich zu schlagen.

Mein Vater verweigerte es, und Herr T r e u w e r t h erklarte: wenn man ihm dieses Mittel, das einzige, welches noch wirksam bey mir seyn wurde, nicht gestatten konne, so musse er um seinen Abschied bitten.

Mein Vater wollte ihn nicht gern verlieren; denn es war sichtbar, dass ich in der Zeit, die er da war, viel gelernt hatte. Er bat sich also Bedenkzeit aus. Ich hatte sie behorcht, und wusste meine Mutter durch Schmeicheleyen so sehr auf meine Seite zu bringen, dass sie alles anwandte, meinen Vater zu vermogen, T r e u w e r t h seinen Abschied zu geben. Er wollte aber durchaus nicht daran, und sie erhielt weiter nichts, als das Versprechen von ihm, dass er durchaus nicht gestatten wolle, dass ich geschlagen wurde. Der Mittag kam, und T r e u w e r t h erschien bey Tische. Nun waren die Sticheleyen und Grobheiten meiner Mutter gegen ihn so gross, und ich lachte so triumphirend dazu, dass er noch denselben Tag unser Haus verliess.

Seine Stelle bekam Herr G u t m a n n , die frommste Seele, die man sich denken kann. Ich konnte bey ihm machen, was ich wollte, und er lachte immer herzlich mit, wenn ich ihm heimlich das Gesicht schwarz gemalt hatte, und er dann, durch das Lachen der Bedienten aufmerksam gemacht, im Spiegel seine schone Gestalt erblickte. Meine Fertigkeit in allerley listigen Streichen nahm nun auch so sehr zu, dass meiner Eltern Geldschranke keinen Augenblick sicher vor mir waren. Mein Vater bemerkte den Verlust einer starken Summe. Er visitirte und fand einige auszeichnende Stucke bey mir. Beweis genug gegen mich. Zu dieser Entdeckung kamen noch allerley andre hinzu, die ihn so aufbrachten, dass er mich zum erstenmal in seinem Leben tuchtig ausprugelte. Ich wollte mich meiner Haut wehren; er sperrte mich also, weil das Schlagen nicht angieng, auf mein Zimmer, und schickte mich ein paar Tage nachher, alles Straubens von meiner Mutter ungeachtet, in eine Pension, mit der Bitte, mich ausserst strenge und in der genauesten Aufsicht zu halten.

Dieses kam mir sehr spanisch vor. Ich machte mehrmals Versuche zu entlaufen. Sie wurden aber immer vereitelt, und ich musste ein Jahr an diesem infamen Orte aushalten. Ich hatte in den Stunden, die mir vom Lernen ubrig blieben, kein andres Amusement, als witzige Streiche auszusinnen, deren Ausubung ich auf eine gunstigere Zeit verschieben musste. Endlich konnte ich die Strenge, mit welcher man mich zum Fleiss anhielt, nicht langer ausstehen. Ich schrieb also so bewegliche Briefe an meine Mutter, und so weisheitsvolle, mit den besten Versprechungen durchspickte an meinen Vater, dass dieser endlich einwilligte, mich auf die Universitat zu schicken.

Ich kam nach Hause, und fand meinen Vater auf dem Todbette. Seine letzten Ermahnungen drangen so auf mich ein, dass ich mit dem festesten Vorsatze, fleissig und ordentlich zu leben, nach Jena gieng. Aber ich war schon zu lange auf dem ungebundensten Wege fortgegangen. Es war zu spat, um noch einen andern einzuschlagen. Das lustige Leben der Musensohne gefiel mir zu sehr. Mein Vater war todt, und ich rechnete darauf, dass meine Mutter mich nie wurde Mangel leiden lassen. Ich lebte also recht flott drauf los, folgte meinem Hange zu Madchen, und zu Vergnugungen aller andern Art. Es studierte noch ein Mensch da, Namens S c h l i c h t b e r g , der eben die Art von Talent besass, die ich hatte. Wir fuhrten auch solche witzige Einfalle auf der Universitat aus, besonders an den Professoren und Pedellen, dass wir bald unter allen Burschen beruhmt wurden.

So giengen zwey lustige Jahre hin; aber nun erfuhr ich, dass meine Mutter todt ware, dass das ubriggebliebne Vermogen lange nicht hinreichte, die vielen Schulden, die da waren, zu bezahlen, und dass ich also auf keinen Pfennig mehr zu rechnen hatte. Diese Nachricht machte mich zwar anfangs desperat, aber ich hatte das Vergnugen zu sehr geschmeckt, als dass ich meine Lage hatte verandern mogen. Ich liess also den Muth nicht sinken, und lebte auf Kredit eben so flott fort, wie vorher. Fehlte es mir an Gelde, so nahm ich bey dem einen Juden Uhren und dergleichen Kostbarkeiten aus, fur die er mir doppelt so viel anschrieb, als sie werth waren, und verkaufte sie um ein Drittheil des Preises an einen andern. Auch trug das Spiel, welches ich aus dem Grunde verstand, viel dazu bey, meine Kasse in gutem Stande zu erhalten.

Einst wurde ich von einem jungen Edelmann, der eine grosse Summe an mich verlor freylich nicht ganz nach dem Laufe des Spiels offentlich der Prellerey beschuldigt. Ich wurde hitzig, sagte ihm die grobsten Schmahreden, und es kam zu einem Duell. Ich erstach ihn, und floh eilig davon, ehe die Sache ruchbar wurde. Unterwegs stiess ich auf eine Truppe Komodianten, und bot mich bey ihnen zum Akteur an, denn ich dachte mir ihre Lebensart ganz passend fur meinen Geschmack. Ich schien dem Direkteur nicht unfahig: er nahm mich an, und ich spielte auch wirklich mit grossem Beyfall in komischen Rollen.

Unser Direkteur hatte ein junges niedliches Weib, und liebte sie wider die Gewohnheit der Komodianten bis zur starksten Eifersucht. Sie leuchtete mir gewaltig in die Augen, und ich machte ihr allerley Liebeserklarungen; aber sie war keine Buhlerinn, und gab mir niemals Gehor. Endlich gelang es mir durch vielerley List und Kunstgriffe, sie mir geneigter zu machen. Man entdeckte unsern Umgang ihrem Manne, und er uberraschte mich im Bette bey ihr in keiner der ehrbarsten Stellungen. Seine Wuth gieng uber alle Vorstellung, und ich wurde auf eine oder die andre Art ein Opfer derselben geworden seyn, wenn ich mich nicht schleunig aus dem Staube gemacht hatte.

Auf meiner Flucht wurde ich des Abends spat von zwey Menschen an einem abgelegnen Orte angehalten. Sie forderten mir meine Borse ab, und drohten im Weigerungsfall mich zu erschiessen.

Mit meiner Borse wird Ihnen eben so wenig gedient seyn, als mit meinem Leben. Hier ist sie Sie sehen, meine Herren, dass sie ziemlich leer ist. Ich bedaure von Herzen, dass ich Ihnen nicht mit reicherer Beute dienen kann.

Du scheinst mir ein lustiger Teufel. Wer bist du?

Ich offenbarte mich ihnen, und wir gefielen einander so gut, dass ich mich ihrem Hauptmann vorstellen liess, der mich auch willig annahm. Meine Geschicklichkeit im Beutelschneiden brachte mich bald auf einen ansehnlichen Posten. Und da mein Hauptmann durch seine Dummheit den Galgen zieren musste es fielen zugleich noch einige brave Kerle so sammelte ich den Ueberrest unsrer Bande zusammen, und wurde zu ihrem Oberhaupt erwahlt, welchem Amte ich schon vier Jahre lang mit Ruhm und Ehre vorgestanden habe. Nicht wahr, Bruder?"

Ein lautes: Lange lebe noch unser braver Hauptmann B r a n d ! erscholl von allen Seiten. Und nun wurde das Mittagsessen aufgetragen, wobey sich die ganze Gesellschaft den Wein so vortrefflich schmekken liess, dass sie fast alle taumelnd unter den Tisch sanken. Auf mich hatte die Erzahlung des Hauptmanns einen allzudemuthigenden Eindruck gemacht, als dass ich einen Bissen zu essen vermocht hatte. Auch der Jungling, der mich so sehr anzog, sass tiefsinnig da, ohne an dem pobelhaften Scherz der andern Theil zu nehmen. Ich fuhlte einen starken Hang zu ihm, und wurde mich ihm gern genahert haben, wenn nicht B r a n d (ob er gleich mehr als die andern gezecht hatte, so war er doch vollkommen bey Sinnen ) ein sehr wachsames Auge auf uns gehabt hatte.

Gegen Abend kamen noch einige andre Glieder der Gesellschaft nach Hause. Sie stutzten bey meinem Anblick. Da ich ihnen aber als ein neuer Genosse vorgestellt wurde, umarmten sie mich, zu meiner Quaal, sehr freudig, und legten dem Hauptmann Rechenschaft von den Streifereyen ab, die sie vorige Nacht unternommen hatten. Auf die kunftige verabredete man einen Ausfall auf den Geldkasten einer reichen Wittwe.

Ich bin noch zu keiner Ausfuhrung gebraucht worden, so wenig als F e l d h e i m ; man hutet uns aber sehr sorgfaltig, so dass es nicht moglich ist, ein Wort mit ihm zu reden.

Ich habe vierzehn Tage an diesem Briefe geschrieben; denn ich muss unter allerley Vorwande die Zeit dazu stehlen. Aber ich verwunsche noch eben so heftig als Anfangs das Schicksal, das mich in diese Mordergrube brachte. Was soll ich Dir noch weiter schreiben? Du verachtest gewiss

den elenden

Ferdinand.

Einundsechzigster Brief

Eduard an Barthold

Da hast Du F e r d i n a n d s Brief. Rette ihn, wenn Du kannst, und suche zu erforschen, wo er sich aufhalt. Mir ist es nicht moglich, die Gegend zu verlassen, in welcher der leidende Engel wohnt. Ich lebe in einer Bauerhutte, einsam und unerkannt, und suche die einzige Wollust bey meinen Leiden darinn, dass ich des Abends um das Pfarrhaus herum gehe, und dann durch das Dunkle der Nacht den Schein ihrer Lampe schimmern sehe.

Gestern wagte ich es durch ihr Fenster zu blicken, und o Gott! wie ward mir da, als ich ihre himmlische Gestalt sah! In ein weisses Gewand gekleidet, schien sie mir ein schon verklarter Engel zu seyn. Sie schwebte mit matten Schritten im Zimmer umher, sank dann kraftlos auf einen Stuhl und weinte. O ihr Machte des Himmels, was fuhlte da mein Herz! Vielleicht mischte ein Andenken an mich sich in diese Zahren, und ich Elender durfte nicht hinein, sie zu trocknen, und stand ihr doch so nah! Hatte ich nur eine Thrane von diesen Wangen wegkussen durfen, so wurde die unbandig tobende Hitze in mir geloscht seyn; aber so waren diese Tropfen brennende Quaalen fur meine Seele.

O Himmel! kannst du es zulassen, dass das edelste Geschopf, geschaffen zum Vorbild ihres Geschlechts, solchen Schmerzen unterliegt? dass sie, die die Anbetung der ganzen Welt verdiente, als eine Schandliche verachtet und verstossen wird? O Schicksal, o Menschheit!

B a r t h o l d ! oft liege ich ganze Nachte hindurch vor ihrem Fenster. Wenn ich dann meine Arme vergebens nach ihr ausstrecke, und nun der grauende Tag mich von ihrer Thur wegtreibt, dann eile ich in mein einsames Lager zuruck, aber der Schlaf flieht mich. Schreckliche Bilder stehen vor meiner Einbildungskraft; matt und kraftlos stehe ich wieder auf, um dem neuen harmvollen Tage entgegen zu gehen! Habe Mitleid mit mir, B a r t h o l d ! Oft scheints, als verlassen mich meine Sinne. Wars Wunder, wenn der Schmerz sie zerruttete, da ich ihn so ganz in meiner Brust verschliessen muss? Keine Seele um mich, die mich versteht. Ach ware noch ein eben so Unglucklicher als ich auf der Erde (doch das ist nicht moglich ) o so wollte ich ihn mir zum Gesellschafter wunschen. Wie wollte ich mich an seinem Umgange laben! Die Luft wurde von unsern wechselseitigen Klagen ertonen. Thranen sollten unser Trank, und Seufzer unsre Speise seyn!

Hier ist niemand, der mein Leiden fuhlt. Lauter unbefangne heitre Gesichter, auf welchen man keine Spur des Kummers sieht. Ich mochte rasend werden, wenn ich diese frohlichen Leute sehe und ich und M a r i e ! Wuthend laufe ich auf mein Zimmer, wenn mich der Gedanke ergreift, und uberlasse mich meinem todtlichen Schmerz.

Eduard.

Zweyundsechzigster Brief

Barthold an Eduard

Um Gottes willen, Eduard! was fangst Du an? Willst Du Dein eigner Morder werden? Was hilft M a r i e n alle Dein Jammern und Wehklagen? Hat sie wohl die mindeste Erleichterung davon? Du zehrst die Krafte Deines Korpers und Deiner Seele ab, und bringst Dich vor der Zeit zum Grabe. Ist das der Gebrauch, den Du von Deinen Fahigkeiten zu machen schuldig bist, dass Du unthatig in einer Bauernhutte sitzest und winselst? Ermanne Dich, E d u a r d , komm zu mir, verlass den traurigen Ort, und suche durch Geschafte Deinen Kummer zu zerstreuen. Denke, dass Dir Gott Verstand und ein edles Herz gab, um Deinen Nebenmenschen zu nutzen, nicht um beydes durch Gram uber Sachen aufzureiben, die Du doch nie wirst andern konnen. M a r i e wurde ihrer selbst unwurdig handeln, wenn sie jemals Deiner Liebe Gehor gabe, und Du verdientest nicht, jemals von ihr geschatzt worden zu seyn, wenn Du ihr einen Antrag dieser Art thun konntest. Aber es ist nicht genug, dass Du diese Liebe gegen sie nicht ausserst, Du musst sie auch zu unterdrucken suchen, und ihr nicht noch immer mehr Nahrung geben.

Hore auf meine Bitten, bester Freund! Komm zu mir. Wir wollen uns mit einander bemuhen, des armen Ferdinands Aufenthalt zu erforschen, um ihn zu retten. Der Gedanke an den unglucklichen Jungling macht mich sehr traurig. Wusste ich nur, wo er ware, so wollte ich ihm schnell zu Hulfe eilen. Gott! wenn sein Vater seinen Zustand erfuhre! Der Sohn, auf den er so feste Hoffnungen kunftiger Grosse baute, ist jetzt unter Dieben und Raubern! Wie wurde der Alte sein graues Haar zerraufen! Er hat schon jetzt keine frohe Stunde mehr, und schreibt mir immer die ruhrendsten Briefe.

Lebe wohl, Bester; ich sehe mit der starksten Erwartung Deiner Ankunft entgegen, und bin versichert, dass mein E d u a r d jetzt schon selbst das Unanstandige seiner Lage fuhlt, und eilen wird, sie mit einer andern, seiner wurdigern, zu vertauschen.

Dein zartlichster Freund,

Barthold.

Dreyundsechzigster Brief

Eduard an Barthold

Wenn Ihr Leute mit kalter Vernunft und kaltem Herzen Euch doch nicht anmaasstet, uber die Empfindungen warmer, gefuhlvoller Menschen zu urtheilen! Kreuzen und segnen mochte man sich vor einem solchen Moralisten! Was soll wir Dein Brief? Ich kann Deinem Rathe nicht folgen. Mit einem blutenden Herzen und halb zerrutteten Seelenkraften bin ich der menschlichen Gesellschaft nichts nutze. Was liegt auch am Ende dran, ob einer mehr oder weniger unter ihr herumgeworfen wird? Meine Seele ist zu fest an M a r i e n s Schicksal geknupft, als dass ich von hier reisen konnte. Muss ich nicht zu ihrer Beschutzung bleiben? Konnte nicht sonst der tolle Albrecht sie zu einem Opfer seiner Wuth machen? Ich kann und darf nicht von hier. Schreibe mir nichts mehr davon.

Ich werde mein Leben da beschliessen, wo M a r i e das Ende ihres Leidens finden wird. E i n Grab soll die Ueberreste der unglucklich Liebenden bedecken, und so vereint sollen unsre Leichname ruhen, bis zu jenem grossen Tage der Auferstehung. Dann werden wir mit einander aus dem Staube hervorgehen zu dem Gott, der unsre Seelen so einstimmig fur einander schuf, um sie einst ewig unzertrennlich zu verbinden. Ewig unzertrennlich! Fuhlst Du, was das heisst? Und ich sollte hier mich von ihr trennen? sollte nicht mit ihrem letzten Hauch auch den meinigen mischen?

Nein, M a r i e , Inniggeliebte, ich lasse dich nicht. Die Stunde deines Hinscheidens soll auch die meinige seyn, und so lange will ich harren, bis die wohlthatige Hand des Todesengels uns abruft. Tod, sonst mir schrecklich, jetzt ein unaussprechlich susser Name! beflugle deine Schritte! Du allein kannst mir wiedergeben, was Menschen mir raubten! Scheussliches Gerippe! du bist mir lieblicher, als das holde Lacheln der Braut dem Heissverliebten. Warest du doch schon da, seliger Augenblick, der mich mit M a r i e n vereinigt!

Geliebte, Engel des Himmels! hast du nicht auch diesen Wunsch? O ja gewiss! Unsre Gefuhle sind ja so einstimmig! Und du selbst schriebst mir ja diesen Trost der Zukunft! Ach! sahest du vielleicht vorher, dass oft der Gedanke mich uberfallen wurde, meinem Leben ein Ende zu machen? Schriebst du mir darum diese erquickenden Zeilen?

Sey ruhig, Theure! Mit feurigen Zugen stehen deine Worte in meinem Herzen, und nie wird dein E d u a r d durch eine so kleinmuthige Handlung sich deiner unwerth machen! Ich will geduldig ausbussen, ohne zu murren. Dank dir, du Engel, dass du mein innres Toben so sanft stimmtest!

Fortsetzung.

Ich habe den Gefahrten meines Kummers gefunden. Ich kehrte, wie gewohnlich, des Nachts von M a r i e n s Fenster zuruck, und horte eine winselnde Stimme auf dem Kirchhofe. Ich gieng hinzu, und sah im Mondenschimmer einen Jungling auf einem Grabe sitzen und jammern.

"Wer bist du, Freund, der du in der schauerlichen Stunde der Nacht hier sitzest und wehklagst? Verlorst du eine Geliebte? Entriss man sie dir durch Gewalt oder Trug? Oeffne mir dein Herz. Ich will Balsam in deine Wunde giessen."

"Ja, Herr, ich verlor ein Madchen, das schonste des Dorfs. Sie war so gut, so zartlich. Jedermann beneidete mich um ihren Besitz."

"Und wer raubte sie dir?"

"Ihr eigner Vater. Er widersetzte sich unsrer Liebe, weil ich nicht reich genug war, und wollte sie zu einer andern Heyrath zwingen. Ich gieng des Nachts heimlich zu ihr. Er uberfiel mich, als ich aus ihrem Fenster stieg, und schlug mich mit Hulfe meines Nebenbuhlers halb todt. Er sperrte das Madchen ein, begegnete ihr sehr hart, und wollte ihr mit Gewalt den andern aufdringen. Sie straubt sich vergebens. Der Tag der Hochzeit wird angesetzt. Sie hat kein andres Mittel mehr als mit mir zu entfliehen. Sie eilt in dunkler Nacht aus ihrem Hause, um zu mir zu gehen. Sie tritt fehl auf einem schmalen Stege, der uber unsern Fluss fuhrt, und ich selbst finde den andern Tag ihren todten Leichnam im Wasser! Ich wollte ihr nachsturzen, aber man hielt mich zuruck. Ich fiel in ein hitziges Fieber und rasete. Unser Herr Pfarrer brachte mich zur Vernunft zuruck. Ich wurde meine Hanne im Himmel wieder finden, und den wurde ich verscherzen, wenn ich selbst Hand an mich legte, sagte er. Er ermahnte mich auch, wiederum eben so fleissig meine Arbeit zu treiben, wie vorher. Das thue ich auch am Tage, aber des Nachts sitze ich auf ihrem Grabe und weine."

Ich schluchzte laut: "Wie heissest du, Unglucklicher?"

"Ich heisse S c h w a r z e . Aber H e n r i c h hore ich lieber. So nannte mich meine Hanne."

"Hast du noch Eltern, H e n r i c h ?"

"Nein. Ich bin allein, und gehe auf Tagelohn."

"Nun, armer H e n r i c h , so geh mit mir. Ich will dich unterhalten. Du sollst mehr mein Freund als mein Diener seyn. Ich hatte auch ein zartliches Madchen, das ich verlor. Komm mit mir, guter Junge! Wir wollen mit einander klagen und einer in des andern Jammer Trost finden."

Seitdem ist er bey mir. Jede Nacht gehen wir zusammen aus: er zu dem Grabe seiner Hanne, ich vor das Fenster meiner M a r i e . In schweigendem Tiefsinn kehren wir zuruck, und so wird ein Tag nach dem andern dahin schleichen, bis endlich der so sehnlich gewunschte erscheint.

Eduard.

Vierundsechzigster Brief

Sophie an Julien

O Julie, was leidet mein Herz bey dem Kummer meiner M a r i e ! Der herrliche Umgang unsrer vortrefflichen Wirthinn hat zwar ihren Schmerz sanfter gemacht und gemildert, aber ihre Seele leidet doch noch immer sehr tief. Es ist ein ruhrender Anblick, zu sehen, wie sie in den Stunden die kleinen Kinder unterrichtet, wie ihre schwache Stimme oft ausruhen muss, um weiter reden zu konnen.

Die Frau Pastorinn erlaubt ihr dieses Geschaft gern, ob es gleich ihre schwachen Krafte angreift; denn sie glaubt, dass solche Beschaftigungen das kraftigste Gegengift ihres Kummers sind. M a r i e n s sanftes Herz macht auch, dass sie die Kinder liebt, und ohngeachtet ihres innern Leidens betragt sie sich doch so gefallig und liebreich gegen diese Kleinen, dass sie ihr sehr anhangen. Oft, wenn sie ein solches Kind auf ihrem Schoosse halt und seine Wangen streichelt, uberfallt sie ein so heftiger Schmerz, dass sie das Zimmer verlassen muss, um sich in der Einsamkeit zu erholen. Die liebenswurdige Pastorinn sucht sie auf alle mogliche Art zu beruhigen, und M a r i e erkennt dieses sehr dankbar.

"Ich schatze, sagte sie gestern zu mir, mit ausserster Verehrung diese treffliche Matrone. Aber ach, sie kann sich wohl nicht ganz in meine Lage denken. Ihr Herz, von geheiligtern Empfindungen durchdrungen, fuhlte gewiss nie die Schmerzen der Liebe."

Die Pastorinn selbst kam ins Zimmer, als M a r i e dieses sagte, und diese letzte verbarg ihr diesen Zweifel nicht.

"Sie irren, liebe Freundinn. Ich habe in Ihren Jahren auch viel gelitten, glaubte auch oft, ich wurde nie wieder heiter werden, und doch geniesse ich jetzt ein gluckliches Alter. Ich will Ihnen meine Jugendgeschichte erzahlen; vielleicht finden Sie etwas Beruhigendes darinn."

Auch Ihnen, liebe J u l i e wird sie interessant seyn; Sie lernten auch fruh die Leiden kennen.

"Ich bin von vortrefflichen Eltern geboren, die mein junges Herz schon fruh zur Liebe Gottes, und zum Wohlthun gegen meine Nebenmenschen gewohnten. Oft zeigte mir mein Vater auf Spaziergangen die Schonheiten der Natur, und machte mich auf ihren Schopfer aufmerksam. Mit Weisheit und Gute beantwortete er meine kindischen Fragen von Gott, und pflanzte schon fruh Liebe und Ehrfurcht gegen den Allmachtigen in meine zarte Seele.

Meine Mutter gewohnte mich auch zum Wohlthun. Sie lehrte mich fruh den Gedanken fassen, dass wir nur Verwalter unsers Vermogens waren, und dass Gott den Reichen darum mehr Geld gegeben hatte, damit sie mehr Macht haben sollten, Gutes zu thun, und ihren armen Brudern beyzustehen. Ich entzog mir oft ein neues Kleid oder so etwas, und gab das Geld einer Mutter, um ihr nacktes Kind vor Kalte und Hunger zu schutzen. Meine Mutter lehrte mich den Dank und die Freudenthranen der Armen mehr schatzen, als alle die Eitelkeiten, mit welchen man sonst den Kopf der kleinen Madchen anfullt.

Ich hatte einen Hang zur Schwarmerey, und diesen lenkten meine Eltern bloss auf das Gute und Tugendhafte; denn sie glaubten mit Recht, dass Gefuhle und Begriffe von Tugend, wenn sie auch ubertrieben waren, bald genug mit zunehmenden Jahren in der Welt herabgestimmt wurden, und dass es also weit besser sey, zu viel als zu wenig Empfindungen fur sie zu haben. Im zehnten Jahre verlor ich meine Mutter. Wie wurde ihr auf ihrem Todbette der Gedanke so schwer, mich in dem gefahrlichsten Alter allein hier zuruckzulassen! Mit welchen innigen heissen Gebeten empfahl sie mich der Fursorge Gottes! Der gutige Vater erhorte auch ihr frommes Gebet. Er schickte zwar Prufungen, aber nur um mich zu lautern!

Nach ihrem Tode stets werde ich wunschen, so selig, mit solcher Ergebung in den Willen Gottes zu sterben, wie sie starb musste mein Vater seine Schwester zu sich nehmen, damit sie die Haushaltung versahe, und die Aufsicht uber mich fuhrte, zu der ihm seine uberhauften Geschafte, die ihn auch oft auf ganze Wochen entfernten, keine Zeit mehr ubrig liessen. Diese Tante war eine gute Person, die sich aber durch bestandiges Lesen der Ritterbucher und Romane den Kopf mit lauter uberspannten Grillen angefullt hatte. Sie hielt auch mich zu dieser Lekture an. Mein Verstand war schon zu gut gebildet, als dass ich an den abgeschmacktesten derselben hatte Vergnugen finden konnen; aber desto mehr rissen mich diejenigen hin, deren Helden die Maske der Tugend und des Edelmuths hatten. Ich fand immer mehr Geschmack daran. Meine Einbildungskraft nahm warmen Antheil an den Schicksalen der so tugendhaft scheinenden Heldinnen. Sie schienen mir erhabne Muster zu seyn, nach welchen ich mich bildete; sie erweckten in mir den Wunsch zu ahnlichen Begebenheiten, und mein junges Herz sehnte sich bald nach einem Gegenstande, dem es seine Liebe widmen konnte.

Der Fleiss in hausslichen Geschaften, die Wohlthatigkeit gegen Arme, die warme Liebe zu Gott, erkaltete nach und nach. Es schien mir zwar, dass ich alles weit lebhafter fuhlte als sonst; aber ungeachtet ich von der Erzahlung der Leiden eines andern bis zu Thranen geruhrt werden konnte, so war ich doch im Grunde weit weniger thatig, ihm beyzustehen, als sonst, es sey denn, dass er mir eben in dem Augenblick der Ruhrung erschienen ware. Denn ob gleich meine Gefuhle des Mitleids sehr lebhaft schienen, so waren sie doch nicht anhaltend genug, um mich zu vermogen, die Gelegenheit zu thatigem Beystande aufzusuchen.

Geschafte riefen meine Tante in die Stadt, und ich reiste mit ihr. Wir wurden zu einem Ball eingeladen; ich hatte heftige Begierde dahin, denn ich war noch nie auf einer offentlichen Lustbarkeit gewesen. Meine Tante erfullte meine Bitten, und gieng mit mir hin. Unter den vielen jungen Leuten fiel mir besonders einer auf, der eine schone Gestalt und bescheidne Miene hatte. Er nahte sich mir, und foderte mich zu einem Tanz auf. Sein sittsames Betragen reizte mich sehr, weil es so merklich gegen die Unverschamtheit der andern abstach. Er begleitete uns nach Hause und nahm so wohl mich als meine Tante durch seinen Verstand und sein angenehmes Wesen ein. Er suchte seit der Zeit alle Gelegenheit auf, mich zu sehen, und betrug sich dabey so, dass meine Tante bald seine Neigung gegen mich merkte. Er war von Adel, und die Verbindung mit ihm, die sie fur gewiss hielt, schmeichelte ihrem romanhaft gebildeten Geiste sehr.

Auch mir schienen seine Gefuhle den meinigen so ahnlich, dass ich bald in ihm den Gegenstand zu finden glaubte, nach welchem ich mich schon so lange gesehnt hatte. Ich glaubte in ihm das hochste Ideal der Vollkommenheit, die meine Romane mir geschildert hatten, realisirt zu sehen. Einige Monate verflossen uns in unaussprechlicher Zartlichkeit. Aber nun, denken Sie sich meinen Schmerz! erfuhr ich, dass mein angebeteter Liebhaber ein nichtswurdiger Betruger war. Er war schon lange verheyrathet, aber ein eben so treuloser Gatte gegen seine entfernte Gattinn, als er sonst ein flatterhafter Liebhaber gegen jedes Madchen gewesen war. Meine Jugend und Unschuld hatte ihn gereizt. Er machte den Plan, durch die Larve sittsamer Zartlichkeit mich zu hintergehen, um die letzte zu Grunde zu richten, und mich dann zu seiner Buhlerinn zu machen, wenn er den Stolz meiner jungfraulichen Tugend zernichtet hatte. Er hatte mich gleich bey meiner Ankunft gesehen, und den Ball veranstaltet, um mit mir Bekanntschaft zu machen.

Schrecken und Abscheu machten mich erstarrend. Statt dass ich auf meinen Knien Gott hatte danken sollen, dass er mich so zu rechter Zeit aus den Handen des Bosewichts rettete, uberliess ich mich einem unbandigen Kummer, verfiel endlich in eine melancholische Schwarmerey, und durch dieselbe in eine gefahrliche Krankheit.

Mein Vater liess mich nach Hause holen. Er und der vortreffliche junge Prediger des benachbarten Dorfs wandten alles zu meiner Beruhigung an. Der letzte brachte die romantischen Hirngespinnste aus meinem Kopf, und lehrte mich meine Empfindungen auf der rechten Seite anwenden. Ich genas, und mit meinem Korper wurde auch meine Seele gesund. Ich bemuhte mich, meinem Nachsten so nutzlich zu werden, als ich mich ehemals zu seyn bestrebt hatte. Und nun glaubte der wurdige Geistliche mit Sicherheit hoffen zu konnen, dass er in mir eine Frau finden wurde, die ihm, seinen Wunschen gemass, in der Ausfuhrung seines Plans beystande, die Einwohner seines Dorfs zu guten und glucklichen Menschen zu machen. Er lehrte mich die vernunftige Liebe kennen, und ich lebe nun seit dreyssig Jahren in der glucklichsten Ehe. Zwar hatte ich den Schmerz, mein einziges Kind an den Pocken sterben zu sehen, aber die feste Ueberzeugung beruhigte mich, dass Gottes weise Vorsehung auch uber die kleinsten Theile der Schopfung waltet, dass er es mir entriss, damit ich es einst als einen Engel Gottes wiederfande! Seit diesem Zufall hat nichts mehr meine Ruhe storen konnen, und ich bemuhe mich, jeden Abend mit der Beruhigung schlafen zu gehen, dass ich den Tag uber mich bestrebet habe, meinen Nebenmenschen so gut und nutzlich gewesen zu seyn, als moglich."

M a r i e seufzte am Ende dieser Erzahlung. Die Pastorinn umarmte sie, und sagte ihr noch viel Schones zu ihrer Beruhigung. Sie glaubte auch, es ware M a r i e n s Pflicht, an ihren Mann zu schreiben, und ihm den Argwohn zu benehmen, den er gegen sie gefasst hatte. M a r i e selbst glaubte die Verbindlichkeit dazu zu fuhlen, und schrieb noch denselben Morgen an ihn. Hier haben Sie die Abschrift des ruhrenden Briefs.1 Ich muss schliessen. Schreiben Sie mir doch bald, liebe J u l i e .

Sophie.

Funfundsechzigster Brief

Julie an Sophien

Ich nehme so vielen Antheil an dem Leiden Ihrer Freundinn, dass ich selbst seit einiger Zeit ganz schwermuthig geworden bin. Mein kleiner G u s t a v zerstreut indessen gewohnlich meinen Tiefsinn durch seine kindischen Tandeleyen. Der gute Knabe kennt noch keinen andern Kummer, als den, wenn seine Speise einmal zu lange ausbleibt! Wie glucklich sind diese kleinen Geschopfe, deren Bedurfnisse noch so leicht zu befriedigen sind! Ach S o p h i e , dass doch dieses goldne Zeitalter, diese Jahre der schuldlosen Freude, nicht wiederkehren! Ach dass mit den zunehmenden Kenntnissen auch so viele neue Wunsche in uns aufwachen, die wir oft nicht erfullen konnen, und die dann nur zu eben so vielen Quellen des bittern Jammers fur uns werden!

Diese Betrachtungen ruhren mein Herz, und erfullen es mit lebhaftem Danke gegen Gott, der so bald meinen Kummer endigte, und meine Wunsche uber meine Erwartung erfullte! Ich lebe jetzt so glucklich, als es nur moglich ist. Das schwarmerische Heftige der Liebe ist nun bey uns gemildert, und wir lieben uns mit der zartlichsten Freundschaft, die nur unter Eheleuten moglich ist. Wenn sich mein Mann von Geschaften ermudet fuhlt, so glaubt er eine angenehme Erholung im Umgang mit mir und meinem Kinde zu finden. Die Erziehung dieses lieben Knaben giebt uns Stoff genug zu angenehmen Unterhaltungen, und ich freue mich nicht wenig, wenn er meinen Meynungen in diesem Punkte beypflichtet. Zuweilen kommt auch wohl des Abends ein Freund zu uns, auch wohl meine liebe C h a r l o t t e mit ihren Kindern. Ich finde stets viel Nutzen und Vergnugen in ihrem Umgang, denn sie ist eine liebe Frau, von grossem Verstande und mancherley Kenntnissen, und dabey ganz ohne den falschen Stolz, der oft an Frauenzimmern die schonsten Vorzuge des Geistes verdunkelt. Sie ist sehr bescheiden, und kann in Gesellschaften gewohnlicher Weiber eben so gut von Alltagssachen schwatzen wie diese, ohne nur durch ein Wortchen die Ueberlegenheit ihres Geistes zu verrathen. Auch in Gesellschaft von Mannspersonen mischt sie sich nicht in ihre gelehrten Gesprache, und dringt ihnen nie Urtheile uber Bucher oder andre Sachen auf, die in das Fach der Wissenschaften gehoren.

"Den meisten Mannern sagt sie oft ist die so genannte Gelehrsamkeit an uns verhasst, weil sie glauben, dass unser Verstand nicht dazu bestimmt ist, um uber schwere tiefsinnige Materien nachzudenken, und eine Halbgelehrte, voll Stolz und Einbildung auf ihr Bisschen Wissen, ist ihnen mit Recht ein unausstehliches Geschopf. Die ernsthafte Miene des Philosophen passt nicht zu der angenehmen Grazie, die sie so gern immer bey uns finden mochten. Sie suchen in einer Gattinn keine starke Denkerinn, sondern ein holdes Geschopf, das ihnen die lastigen Sorgen der Haushaltung abnimmt, und durch gefalligen Scherz ihren Geist aufheitert, wenn er vom Nachdenken ermudet ist."

"Aber eben dazu, meine Liebe, dunkt es mich doch gut, wenn die Frau ihren Geist etwas angebaut hat, damit sie ihren Mann doch auch von andern Dingen als von Putz und dergleichen unterhalten kann."

"Ich bin vollkommen Ihrer Meynung, liebe J u l i e . Wenn ein Frauenzimmer Zeit und Anlage hat, so wird es fur sie in vielem Betracht gut seyn, ihren Geist mit Kenntnissen zu bereichern. Nur wunschte ich nicht, dass sie Dinge wahlte, die bloss fur Manner sind, und weiter gar keinen Nutzen fur sie haben. Naturgeschichte, das Interessanteste der Historie, Musik, Malerey, Lekture von solchen Buchern, die den Geist und das Nachdenken scharfen, und unsern moralischen Charakter bilden; sehen Sie, das sind meiner Meynung nach Dinge, die auch fur unser Geschlecht von grossem Nutzen sind, und ihm Gelegenheit geben, die Zeit, die ihm von weiblichen Geschaften ubrig bleibt, angenehm und nutzlich anzuwenden. Nur muss ein Frauenzimmer diese Dinge nicht gegen jedermann auskramen, und sich nicht berechtigt glauben, Wettstreite mit Mannern einzugehen, am wenigsten mit ihrem eignen Gatten. Er wird diese Vorzuge zeitig genug an ihr entdecken, und die Bescheidenheit seiner Gattinn wird ihren Werth verdoppeln. Die Mannspersonen haben einmal eine hohere Meynung von ihren Geisteskraften, als von den unsrigen. Sie sehen es also lieber, dass wir von ihnen zu lernen scheinen, als dass wir Miene machen, sie belehren zu wollen."

Diese liebenswurdige Frau sagte diess mit dem angenehmen Wesen, welches ihr so eigen ist, und wir setzten diese Unterhaltung noch eine Weile fort. Ich gehe jetzt mit doppeltem Vergnugen nach der Muhle, wo ich sie kennen lernte. Ihr Umgang ist mir mehr werth, als die Gesellschaft aller ubrigen Damen unsrer Stadt. Um Ihrer Vaterstadt, liebe S o p h i e , kein Unrecht zu thun, gebe ich gern zu, dass noch viele vortreffliche Frauenzimmer hier seyn konnen, die mir unbekannt sind, und die auch das Vorurtheil, welches man hier gegen mich hat (und auch wirklich gute Menschen, denen es nur an Zeit und Gelegenheit mangelt, sich genauer von der Ungrundlichkeit desselben zu uberzeugen, konnen gegen mich eingenommen seyn ) von meinem Umgang zuruckhalt. Aber im Ganzen stehen doch, wie Sie selbst mir oft sagten, Ihre Landsmanninnen nicht eben im besten Ruf. Ich kenne, wie Sie wissen, nur wenige. Einige Familien begegnen uns zwar mit vieler Achtung, die andern aber rumpfen doch noch immer das vornehme Naschen, wenn sie mich sehen. Ich beruhige mich deswegen sehr leicht, und uberlasse es der Zeit, sie billiger zu machen. Ich wurde, wenn auch diese Hinderung nicht ware, meinen Umgang doch nur auf eine kleine Anzahl einschranken. Ich bin nicht fur grosse Gesellschaften, und sie wurden mich auch nur in meinen hauslichen Geschaften und hauptsachlich an der Erziehung meines Kindes hindern, die doch meine erste Pflicht ist. Dieser liebe Knabe ist mir zu theuer, als dass ich ihn ohne wichtige Ursachen, bloss um meines Vergnugens willen, das im Grunde nicht einmal wahres Vergnugen ist, den Gefahren aussetzen sollte, die seinem Geist und Korper unter den Handen des Gesindes drohen. Ich begreife nicht, wie es moglich ist, dass Mutter von mehreren liebenswurdigen Kindern sie so ganz verwahrlosen konnen; wie es moglich ist, dass sie alle Tage ihren Vergnugungen nachhangen, und diese unschuldigen Kleinen dem unachtsamen Gesinde uberlassen. Leuten, vor welchen sie sorgfaltig geringere Schatze verschliessen, uberlassen sie das, was ihnen der kostbarste Schatz seyn sollte, ein Kind in dem Alter, wo die zarte Seele willig jeden Eindruck aufnimmt, und wo so vieles darauf ankommt, gute Eindrucke in ihre Herzen einzupragen, und sie vor den bosen zu huten!

Doch ich vergesse, liebe S o p h i e , dass ich Ihnen einen Freundschaftsbrief, und keine moralische Abhandlung, schreiben wollte. Ueberdiess ist auch Ihr theilnehmendes Herz gewiss zu sehr mit dem Kummer Ihrer Freundinn beschaftigt, als dass Ihnen etwas anders interessant seyn konnte. Es fallt mir schwer, Ihnen zu sagen, dass Sie Ihre liebe M a r i e auf einige Wochen verlassen mussen. Ihr Herr Onkel wunscht Ihre Gegenwart; er ist etwas unpass, und dringt darauf, Sie hier zu sehen. Ich kann mir vorstellen, wie sehr meine zartliche S o p h i e dabey leiden wird, dass sie M a r i e n jetzt verlassen soll, da sie Ihres Beystandes so sehr bedarf. Indessen wird es zu Ihrer Beruhigung dienen, dass doch die wackere Frau Pastorinn ihr bleibt, und diese wird sich gewiss mit aller Sorgfalt der armen Leidenden annehmen. Morgen schon wird der Wagen kommen, um Sie abzuholen. Ich werde Sie also bald wirklich an mein Herz drucken, theuerste S o p h i e , und Ihnen selbst sagen, wie ich mit ganzer Seele bin

Ihre

zartliche Freundinn,

Julie Karlsheim.

Sechsundsechzigster Brief

Wildberg an Amalien

Bey meiner Seele, A m a l i e , Sie sind eine Zauberinn. Sie haben Ihre Rolle meisterhaft gespielt. Fast hatte ich selbst geglaubt, Ihr Errothen, Ihre Verwirrung, die halbzuruckgehaltne Thrane in Ihrem schwarzen Auge bey A l b r e c h t s erstem Besuche, ware Ernst gewesen. Der Kaltblutige wurde auch ganz davon hingerissen. Ich glaube, er hatte gern zu Ihren Fussen Sie um Verzeihung wegen des vermeynten Kummers angefleht, den er Ihnen gemacht zu haben glaubte. Aber es ist nicht genug, dass Sie ihn gefangen haben, Sie mussen jetzt alle Ihre Krafte anwenden, ihn fest zu halten, und sein Herz gegen M a r i e n zu stahlen.

Sie hat ihm einen Brief geschrieben, der fast mich selbst geruhrt hatte wenigstens sah ich daraus, dass es mit dem Briefe von E d u a r d , den ich fand, ganz anders zusammen hangt, und dass sie an seiner Ankunft unschuldig ist. Doch das will ich Ihnen mundlich erklaren; genug, dass mir dieser Brief bey A l b r e c h t treffliche Dienste geleistet hat dessen Wirkung auf ihn nur A m a l i e n s Liebkosungen vernichten konnen. Ich suchte vergeblich, den Eindruck ganz zu vertilgen, den er auf A l b r e c h t zu machen schien. Ihre Hulfe ist also durchaus nothwendig, um ihn ferner bey seinem Vorsatz, sich von ihr scheiden zu lassen, zu erhalten.

Es ware ein verfluchter Streich, wenn er jetzt zurucksprange; ich werde auch alles so beschleunigen, dass der Scheidungsbrief schon ubermorgen ausgefertigt seyn wird. Fur Geld kann man ja, dem Himmel sey Dank! alles bey unsern Gerichten zwingen, und ich habe auch die Sache glaubwurdig genug vorzutragen gewusst. Wenn es nur erst so weit ware! Ich brenne vor lauter Ungeduld, uns an M a r i e n geracht zu sehen.

Ich will es Ihnen nur gestehen, mogen Sie doch spotten! die Liebe zu ihr ist noch nicht erloschen. Sie lodert noch aufs starkste in meiner Brust, und ich hoffe noch immer ihr Herz zu gewinnen, wenn es nicht mehr an A l b r e c h t gebunden ist. Der Schaafskopf E d u a r d soll mir nicht im Wege stehen; denn das ist ein Kerl ohne Muth und Starke, der nichts kann, als winseln. Beym Teufel! eine solche Memme soll es nicht wagen, sich neben W i l d b e r g zu stellen! Wenn sie nur erst geschieden ist, so soll es mir keine Muhe machen, die Schlafmutze aus ihrem Herzen zu vertreiben. Sie ist ohne ihn abgereiset; ich kann auch noch nicht erfahren, wo er seyn mag. Indessen sey er wo er wolle. Mich soll er nicht hindern. Ich habe auch auf der Post Maassregeln genommen, dass keine Briefe von ihm an sie einlaufen konnen, die nicht durch meine Hande gehen.

Leben Sie wohl, bis aufs Wiedersehen. Es ist mir hochst fatal, dass ich nicht zu Ihnen kommen darf, wenn ich will. Machen Sie Ihre Sache ja gut.

Wildberg.

Siebenundsechzigster Brief

Amalie an Wildberg

Besorgen Sie nichts, W i l d b e r g . A l b r e c h t liegt fest in meinen Ketten. Es ist die Art solcher Leute, die ein kalteres Blut haben als wir andern, das, was ihnen einmal gefallt, mit weit mehr Beharrlichkeit zu lieben, und es braucht keiner grossen Kunst, sie standhaft zu erhalten. Die heftige Liebe unsrer jungen Herren hingegen, die alle Augenblicke vor Zartlichkeit schmelzen wollen, stirbt eben so geschwind wieder ab, als sie entsteht, und diese eine Zeit lang fest zu halten, ist wirklich eine schwere Kunst.

Ich habe, wie Sie wissen, Erfahrungen genug gemacht, ob es mir gleich gelungen ist, meine Affaires d'amour stets so geheim zu halten, dass man kaum auf die Vermuthung davon gekommen ist. Dass mir A l b r e c h t , den ich so gewiss mit dem Titel eines Ehemanns zu belegen dachte, damals verloren gieng, war freylich ein dummer Streich, den ich M a r i e n niemals verzeihen werde. Ich mochte nur wissen, W i l d b e r g , was Sie an dem jammerlichen winselnden Geschopfe fur Geschmack finden konnen! Was fur Freuden werden Sie denn von Ihrer Liebe haben, wenn Sie auch noch am Ende Ihren Zweck erreichten? Und es wundert mich sehr, wie Sie einmal darauf rechnen konnen. Nicht Sie, sondern ein solcher Schaafskopf, wie Sie ihn zu nennen belieben, als E d u a r d ist, passt fur M a r i e n , und Ihre Klugheit ist auf grossem Irrwege, wenn Sie den letzten fur eine unbedeutende Person bey ihr halten. Sie wird denselben Ihnen bestandig tausendmal vorziehen. Statt Kusse und Liebkosungen wird sie Ihnen Thranen und Klagen auftischen, und Sie von dem Erhabnen einer blossen Seelenvereinigung unterhalten. Und ich erinnere mich noch wohl, dass blosse Seelenverbindungen nie Ihre Sache waren.

Lassen Sie die Thorinn fahren. Sie verdient keinen W i l d b e r g zu besitzen. Wollen Sie der Liebe geniessen: so will ich Ihnen einen andern Gegenstand vorschlagen, der Ihnen die Zeit besser vertreiben wird, als diese Romanheldinn. Halt! da kommt mein ehrenfester weisheitsreicher Liebhaber angeschlichen. Er darf mich nicht schreibend antreffen; ich muss das Papier verstecken.

Amalie.

Achtundsechzigster Brief

Wildberg an Amalien

Triumph! Triumph! Bald werde ich auf dem Gipfel meiner Wunsche seyn! Der Hauptschritt ist gethan, das Eheband zerschnitten; nun sollen die andern Schritte mir leicht werden. Geld! machtige Gottinn! du knupfest Ehen und trennst sie wieder!

Da haben Sie das Scheidungsurtheil, A m a l i e . Sagen Sie zu A l b r e c h t , ich ware in seinem Hause gewesen, und da ich ihn nicht gefunden, hatte ich es zu Ihnen geschickt, weil ich vermuthet, dass er bey Ihnen ware. Bewegen Sie ihn, es mit ein paar trocknen Zeilen an M a r i e n zu schicken. Sie wird ihm gehassig werden, und zugleich wird ihr angeblicher Edelmuth und die Feinheit ihres Gefuhls sie alle Verbindung mit E d u a r d aufheben lassen, und dann hindert mich nichts mehr.

Ihre Spottereyen uber mich und M a r i e n verbitte ich ernstlich. Genug, dass ich sie besitzen will, es koste auch, was es wolle. Meine Liebe ist durch ihren Widerstand nur noch starker entflammt. Der Sieg ist der susseste, den man mit Muhe erkampft. Hol es der Teufel, dass ich mich noch einige Wochen wenigstens ganz ruhig halten muss. Jetzt darf ich es noch nicht wagen, sie zu sehen; aller meiner Vorsicht ungeachtet, glaubt sie doch vielleicht, dass ich Schuld an der ganzen Sache sey, und dann wurde auch A l b r e c h t selbst grosse Augen machen, wenn ich mit der Beute davon gienge. Ich muss also warten, bis Eure Hochzeit voruber ist, und dann sollst du selbst es mir danken, meine M a r i e , dass ich dich von den beyden Pinseln entfernte, um dir einen gescheidten Kerl zum Mann zu geben.

Die Zeit bis dahin wird mir verwunscht lang dauren. Es soll mir also willkommen seyn, wenn Sie mir eine kleine Zerstreuung unterdessen verschaffen wollen; denn ich hoffe doch, dass Sie ein hubsches Madchen fur mich auf dem Korn haben.

Wildberg.

Neunundsechzigster Brief

Sophie an Marien

Der Schmerz, mit welchem ich Sie verliess, meine M a r i e , geht uber alle Beschreibung. Den ganzen Weg uber war ich nicht fahig an etwas anders zu denken, als an Sie. Ich sah oft mit wehmuthigem Verlangen nach Ihrem stillen Dorfe, und wunschte mich wieder in das Haus zuruck, das die besten Menschen in sich fasst. Ich hoffe gewiss, dass unsre wurdigen Freunde sich Ihrer auf alle Art annehmen werden. Die vortreffliche Pastorinn ist gewiss besser im Stande, ihr krankes Herz aufzurichten, als ich Schwache! Doch hoffe ich auch bald wieder bey Ihnen zu seyn; denn mein Onkel bessert sich sehr. Ich fand ihn wirklich viel schlimmer, als die zartliche Julie mir geschrieben hatte.

Konnte ich Ihnen doch das liebe Weib mitbringen! Ihr sanftes Wesen wurde gewiss Ihre Liebe gewinnen. Es ist eine rechte Wonne, die liebenswurdige Frau in ihrem Hause zu sehen, wie die kleinsten weiblichen Geschafte Anmuth unter ihren Handen erhalten. Sie und ihre C h a r l o t t e mit ihren allerliebsten Kindern um sich zu sehen, das ist eine Freude, die sich nicht beschreiben lasst. Gewiss wurden auch Sie durch diese liebenswurdigen Kinder erheitert werden, die, ihrer Lebhaftigkeit ungeachtet, doch fast gar nichts von Eigensinn oder Laune besitzen, und ausserst folgsam gegen die kleinsten Winke ihrer Mutter sind, die ich oft kaum bemerke.

Ich fuhle es mit starker Ueberzeugung, dass ich fur K a r l s h e i m keine solche treffliche Gattinn gewesen ware, wie sie ihm ist, und es war gewiss eine weise Fugung des Himmels, dass er unsre Verbindung storte. Sein Charakter stimmt weit mehr mit J u l i e n s ihrem uberein als mit dem meinigen. Julie sowohl als er unterholten mich oft mit einem bedeutenden Wesen von W i l h e l m . Ich mochte wissen, was sie mit ihm wollen; er hat ja eine Braut, und auch ich werde nicht leicht wieder einen Mann lieben. Ich laugne zwar nicht, dass W i l h e l m doch, was geht er mich an? Ich will es der Gebieterinn seines Herzens uberlassen, ihm Lobreden zu halten.

Mochte ich Sie doch ruhiger wissen, als Sie waren, da ich Sie verliess! Beste M a r i e , so lange ich Sie so in Kummer versenkt weiss, ist auch alle meine Munterkeit dahin, und keine Freude will mir mehr schmekken; denn in eben dem Augenblick, da sie sich mir darbeut, denke ich an meine theure Freundinn, und das Bild Ihres Leidens reisst auch mich zu ahnlichen Empfindungen hin.

Sophie.

Siebzigster Brief

Marie an Sophien

Jede Zeile Ihres Briefs athmet Gute und Liebe, zeigt mir das zartliche Herz meiner Freundinn. Ach S o p h i e ! warum muss mein Kummer meinen Lieben solchen Schmerz verursachen? Ist es nicht genug, dass ich allein leide? O, dass mein Herz so schwach war, und den machtigen Eindrucken der Liebe nicht zu widerstehen vermochte! Und noch lodert diess strafliche Feuer in meinem Busen; noch immer ist er der einzige Punkt, um den alle meine Gedanken sich drehen, beym Schlafen und beym Erwachen! Des Tags und des Nachts auf meinem Lager, von Thranen benetzt, steht er vor mir. Bey jeder Handlung, selbst bey den heiligsten der Religion, stort mich sein Andenken; in meine eifrigsten Gebete zu Gott mischen sich Wunsche fur ihn. Ich kampfe, mich zu besiegen; aber vergebens. Matt vom innern Kampfe, von Seufzern und Klagen, stehe ich von meinem Knien auf, und ringe trostlos die Hande. Ach, ich beleidigte meinen Gott dadurch, dass ich Anfangs dieser straflichen Neigung nicht genug widerstand; er hat sich von der Sunderinn gewendet! Weh mir! fur meine Seele wird kein Trost hienieden mehr seyn!

S o p h i e ! wenn E d u a r d auch so elend ware als ich! Gott im Himmel, er ist ja unschuldig! Ich allein verdiene Vorwurfe. Warum hatte ich nicht ein eben so festes Vertrauen auf seine Liebe, wie er auf die meinige! Doch diese Betrachtungen dienen nicht, mich zu beruhigen. Ich will hoffen, dass seine Seele sie ist ja die Seele eines Mannes, vom starkerm Stoff gebaut als ich solchen Leiden nicht unterliegt wie die meinige.

Ach! dass ich fahig ware, etwas anders zu denken und zu schreiben, als von ihm! Kommen Sie doch wieder zu mir, meine S o p h i e . Mich dunkt, vor Ihnen schame ich mich der Schwache meines Herzens nicht so, wie vor unsrer Matrone. Ware sie nicht so sanft und liebreich, ihr Herz nicht ein so herrlicher Tempel der edelsten Menschenliebe, so musste sie mich verachten; aber so sieht sie mitleidig und gutig auf meine Schwache, und sucht stets mich aufzurichten. Durch ihre Vorsorge geruhrt, stelle ich mich oft erheitert, um sie nicht zu kranken; aber dieser Zwang kostet mich sehr viel.

Meine Schwache gestattet mir nicht mehr zu schreiben. Leben Sie wohl, Theure, und grussen Sie Ihre liebe Julie von mir.

Marie.

Einundsiebzigster Brief

Eduard an Barthold

Ein Strahl von Hoffnung erhellt die dustre Nacht, die mich umgiebt. Ich habe einen Kundschafter in der Stadt, der mir von allen Bewegungen A l b r e c h t s Nachricht geben muss, damit ich jede Gefahr sehe, die meiner M a r i e droht. Dieser nun schreibt mir, dass der Unwurdige mit einem Madchen sehr vertraut umgeht, welches er schon vor seiner Heyrath kannte, und dass er um die Scheidung von M a r i e n anhalten will.

Der unaussprechlich Nichtswurdige, der im Stande ist, einen reinen Engel einer Buhlerinn aufzuopfern! Aber wenn er selbst das Band loset, in welches er sie wahrscheinlich durch Verratherey verwickelte, so ist sie wieder so frey, wie vorher, als noch jene gluckliche Zeit war. B a r t h o l d ! wenn sie wiederkehrte, diese seligste Zeit meines Lebens! M a r i e , himmlisches Madchen, wenn du noch mein wurdest! Ich wollte an deinem Busen, dem Gottersitz der Liebe, alles vergessen, was ich um dich litt. Wie wollte ich durch unaussprechliche Zartlichkeit dich fur deinen Kummer trosten! Welches selige Gefuhl, deine Thranen zu trocknen!

Aber ware die Seligkeit nicht zu gross fur mich? Ich fuhle, dass ihre Seele weit uber der meinigen steht. Doch mit himmlischer Gute wurde sie mich zu sich hinauf ziehen, auf eine hohere Stufe mich heben. Willig wurde ich dir folgen, du Engel! Meine Gedanken verwirren sich in dem sussen Taumel. Ich muss diesen Phantasien in der Einsamkeit nachhangen.

Eduard.

Zweyundsiebzigster Brief

Marie an Sophien

Wie hart straft der Himmel den Fehler, den ich begieng, da ich mein Herz so verwahrloste! Ich bin verlassen, entehrt, der ganzen Welt als eine Lasterhafte zur Schau gestellt! Dieser letzte Schlag hat mein Leben getroffen.

Sie wissen, dass ich an A l b r e c h t schrieb, ihm die Geschichte meines Fehlers erzahlte, und ihn um Verzeihung wegen meiner Beleidigung bat. Meine Pflicht befahl mir diesen Schritt. Ich zitterte zwar vor dem Gedanken, ihn wieder zu sehen, und mit ihm vereinigt zu werden; aber ich hoffte doch, durch Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wunsche den Mangel der Liebe zu ersetzen, die ich fur ihn aus meinem Herzen nicht erzwingen konnte, und durch ein ausserst vorsichtiges gefalliges Betragen mir seine Neigung wieder zu erwerben. Da ich mich eben mit diesen Gedanken beschaftige, kommt ein Brief von ihm. Eine geheime Ahndung machte, dass ich zitterte; es war als weigerte sich meine Hand das Siegel zu erbrechen. Endlich offnete ich ihn. Ein Scheidungsurtheil fiel mir entgegen, und ich sank sinnlos zur Erde nieder. Erschreckt durch meinen Fall, kam meine Wirthinn herauf. Sie brachte mich auf mein Bette, und es dauerte eine Stunde, ehe ich wieder zum Leben kam. Ich war noch sprachlos, und zeigte nur auf den Tisch hin, auf welchem das Papier lag.

Als ich wieder vollig zu mir selbst gekommen war, las ich den Brief: "Madam,

Ich bedaure, dass mir der Mangel der Zeit nicht verstattete, Ihre pathetische, empfindsame Abhandlung, die wahrscheinlich aus irgend einem Roman und ich liebe Romane dieser Art gar nicht abgeschrieben war, vollig durchzulesen. Ueberhaupt wunsche ich, dass Sie mich in Zukunft mit ahnlichen Klagliedern verschonen. Richten Sie dieselben lieber an Leute, bey denen sie besser angebracht sind als bey mir. Dieses Scheidungsurtheil giebt Ihnen dazu ungestorte Freyheit.

Madam,

Ich habe die Ehre zu seyn

Ihr

gehorsamer Diener

A l b r e c h t ."

Gott, welch ein Brief! Einer feilen Buhlerinn kann man nicht schnoder schreiben. Diess hat meinen Kraften den letzten Stoss gegeben. Ich bin ein Baum, dem man nach und nach die besten Lebenszweige abgehauen hat, und der nun verstummelt da steht, dem Auge der Vorubergehenden ein grauenvoller Anblick. O dass doch die wohlthatige Hand des Zimmermanns den verstummelten abgelebten Stamm ganz niederhauen mochte!

Marie.

Dreyundsiebzigster Brief

Sophie an Marien

Ungluckliche Freundinn! Wie beweine ich Ihr Schicksal! O das Ungeheuer von Mann, der die beste wurdigste Frau verstiess! Wenn ich es recht bedenke, meine M a r i e , so ist Ihr Loos nicht so unglucklich, als es gewesen seyn wurde, wenn Sie wieder zu dem Nichtswurdigen zuruckgekehrt waren. Da Ihr ruhrender Brief, der das harteste Herz wurde bewegt haben, seine unempfindliche Seele nur zum Spott reizte, so wurde er auch gewiss gleichgultig gegen alle Sanftmuth und Gefalligkeit gewesen seyn, die Ihr vortreffliches Herz ihm beweisen wollte. Sie sind gewiss weit glucklicher, von ihm entfernt, als bey ihm zu leben. Er wurde nur Ihr Tyrann seyn. Freylich ist es hart, in den Augen der Welt eine Nichtswurdige zu scheinen, aber was fragt der edle Geist meiner M a r i e nach solchen Menschen, die weit unter ihr stehen? Wenn nur Ihr Herz sie rechtfertigt und dieses Herz war ja nur schwach, nicht lasterhaft so kann Ihre erhabne Seele ruhig uber alle diese kleinen Geister wegschauen. Sie konnen gelassen eine Welt uber sich spotten sehen, die Ihrer nicht werth ist, und sich auf einen andern Schauplatz freuen, wo die leidende Tugend Schutz findet. Ich werde bald nach diesem Briefe bey Ihnen seyn.

Sophie.

Vierundsiebzigster Brief

Eduard an Marien

Darf Ihr zartlichster Verehrer noch einmal es wagen, an Sie zu schreiben, ewiggeliebteste M a r i e ? Jetzt ist ja die Pflicht der Ehegattinn bey Ihnen aufgehoben, die Ihnen sonst verbot, meine Briefe anzunehmen. Ich verehrte damals Ihre hohe Tugend, die Ihnen diese Strenge auflegte; ich gehorchte Ihnen; aber der Himmel weiss, wie kummervoll seitdem meine Tage dahin flossen!

O M a r i e ! in einer elenden Hutte, nicht weit von dir, wohnt dein treuer E d u a r d , glucklich genug die Luft einzuathmen, die deine Lippen aushauchen. Ich suche meinen Trost darinn, des Tags an dich zu denken, und des Nachts kniend vor deinem Fenster zu liegen, und den Schimmer deiner Nachtlampe zu sehen.

Gestern sah ich dich selbst. Dein Haupt sank thranenschwer auf deine Brust, deine schonen Hande waren gen Himmel aufgehoben! Gott, wie war mir da! Mein Leben hatte ich hingegeben, um mich zu deinen Fussen werfen zu durfen; aber meine Ehrfurcht gegen dich hielt mich zuruck. Ich gieng fort, aus Furcht, dass du mich sehen, und durch meine Dreistigkeit beleidigt werden mochtest. Mit wuthendem Schmerz in der Brust kam ich in meine Wohnung; aber der Schlaf floh mein Lager. Ich sah immer nur dich und deine harmvolle Miene, und mein Herz vergass durch den sympathetischen Antheil an deinem Leiden das seinige, und jammerte nur, dir keine Beruhigung einsprechen zu konnen.

M a r i e ! Theuerste, Engel des Himmels! du hast nun keine Verbindlichkeit mehr gegen den, der sonst dein Mann war. Er selbst ich nenne ihn nicht mit dem Namen, den sein Betragen verdiente; denn er war einst M a r i e n s Gatte hat sich von dir getrennt. Ich flehe hier auf meinen Knien dich an, entziehe den erquickenden Anblick deiner himmlischen Gestalt nun nicht langer deinem E d u a r d , der dich mit so granzenloser Liebe anbetet. Vergonne mir nur einmal, an deinem Anschauen mich zu laben. Dieser gluckliche Augenblick wird reichlicher Ersatz fur alle die Quaalen seyn, die ich um dich litt. Meine erschlafften Nerven, mein Geist, durch Trauern ganz unthatig gemacht, mein ganzes I c h wird durch den Gedanken, dich zu sehen, aufs neue belebt.

O Geliebte! vernichte diese susse Hoffnung nicht! Doch, das ist deiner sanften Seele nicht moglich. Gewiss nimmst du noch warmen Antheil an dem Kummer deines E d u a r d s , und wirst gern mitleidsvoll seine Schmerzen mildern. Ewig

dein

Eduard.

Funfundsiebzigster Brief

Sophie an Julien

Dank sey es Ihnen, zartliche J u l i e , dass Sie meinen Oheim mit Ihren einnehmenden Bitten beredeten, mich wieder zu meiner Freundinn reisen zu lassen, dass Sie so gutig alle Sorge fur ihn unterdessen ubernehmen wollten, damit doch der liebe Alte nicht durch meine Freundschaft fur M a r i e n leidet.

Es war mir schlechterdings unmoglich, einen ruhigen Augenblick in der Stadt zu haben, seitdem das Schicksal meiner M a r i e diese Wendung bekommen hat. Ich sah sie immer weinend und jammernd vor mir stehen, und diese Ideen liessen mir keinen Augenblick Frieden.

Ich kam den Dienstag Abends hier an. Die Freude uber meine Ankunft verbreitete ein gewisses Lacheln auf ihrem Gesichte, welches mit den ubrigen ausgeharmten Zugen eine ausserst ruhrende Wirkung machte. Sie stand vom Stuhl auf, um mir entgegen zu gehen; aber es war gut, dass meine Arme sie auffiengen; denn ihre wankenden Knie vermochten nicht langer, sie zu halten. Ihr Zustand presste mir bittre Thranen aus.

"Weinen Sie nicht um mich, S o p h i e , sprach sie Alle die Thranen, die meine Lieben um mich vergiessen, fallen zentnerschwer auf mein Herz. O dass ich die Ursache alles dieses Jammers seyn musste!"

"Aber gewiss eine unschuldige Ursache, meine M a r i e . Ist es Ihre Schuld, dass A l b r e c h t nichtswurdig genug war, sich unter einem so elenden Vorwande von Ihnen zu trennen?"

"Nennen Sie ihn nicht so, S o p h i e . Nichtswurdig war er nie. Ich bin uberzeugt, dass er nur durch bose Rathschlage verfuhrt wurde, so zu handeln, wie er that. O Gott, was sollte ihm auch eine Gattinn, deren starkste Neigung, deren ganze Seele einem andern gewidmet war? Ach! ich bin die Strafbare, ich allein, S o p h i e ! Warum bewachte ich nicht sorgfaltiger mein Herz? Warum flehte ich nicht sogleich eifrig zu Gott um Rettung? Ich betete wohl, aber mit getheiltem Herzen. Und das will der Schopfer nicht. Er verlangt ein reines Herz von uns, in welchem keine andern Gotzen herrschen. Und ach! so war das meinige nicht. Ich klebte starker an der Welt, an E d u a r d , als an meinem Gott! Schrecklicher Gedanke! O! ihr schuldlosen Zeiten meiner Jugend, wo seyd ihr hin? Damals hatte noch keine andre Leidenschaft diesen Tempel der Unschuld entweiht. Alle Krafte meiner Seele waren nur Gott gewidmet. Ihm trug ich mit stiller kindlicher Ergebung in seinen Willen, mit innigem Vertrauen auf seine Vatergute, meine Bitten und Leiden vor; und der Erhorung versichert, fuhlte mein Herz sich gestarkt und beruhigt. Wie bekummerte mich jeder Fehler, den ich begieng! Mit unruhigem Gewissen gieng ich umher, bis ich mich im Gebet getrostet hatte. Und dann war mir so wohl! O ihr seligen Gefuhle der reinsten Liebe zu Gott, werdet ihr nie wiederkehren?"

Nun sturzten Thranenstrome aus ihren Augen auf ihre Brust herab. Unsre wurdige Pastorinn beruhigte ihre leidende Seele, und flosste den sanften Trost der Religion ihr ein. Durch die herrlichen Worte unsers Erlosers: Kommt her zu mir, die ihr muhselig und beladen seyd, ich will euch erquicken merklich getrostet, legte sie sich schlafen, und stand den andern Morgen etwas erheiterter auf.

Eine Stunde nachher kam ein Brief von E d u a r d . Sie wollte ihn unerbrochen weglegen.

"Aber wer weiss, was er mir zu sagen hat?" sprach sie bald hernach. "Es ware hart und ungerecht, ihn gar nicht horen zu wollen. Er hat mich ja durch nichts beleidigt. Ich muss den Brief lesen."

Sie offnete ihn, und nun schwammen ihre Thranen auf das Papier hin. Schweigend gab sie ihn mir. O J u l i e , wie erschutterte er auch mich! E d u a r d liebt sie noch mit granzenloser Zartlichkeit. Er wohnt hier in einem Bauernhause, um nur in ihrer Nahe zu leben; er hat die Nachricht von ihrer Scheidung erfahren, und nun scheinen die alten Hoffnungen wieder bey ihm aufgewacht zu seyn. Er bittet in den ruhrendsten Ausdrucken nur um eine Zusammenkunft.

"Was sagt meine S o p h i e zu diesem Briefe?"

"Ich kann gar nichts dazu sagen, beste M a r i e , Ihr Herz muss ihn beantworten. Es muss bestimmen, ob Sie E d u a r d s treue Liebe noch belohnen wollen. Ich bin geneigt, A l b r e c h t s Scheidung von Ihnen als eine Fugung des Himmels anzusehen, die vielleicht geschah, um zwey Herzen wieder zu vereinigen, die fur einander geschaffen zu seyn scheinen."

"Ach S o p h i e , Ihre Erklarung ist zwar suss, aber ein innres Gefuhl lasst mich an ihrer Richtigkeit zweifeln. Es scheint mit beste Frau Pastorinn, sagen Sie Ihre Meynung."

"Haben Sie durch wirkliche Untreue A l b r e c h t Gelegenheit zur Scheidung gegeben?"

"Beste Frau, welche Frage!"

"Konnen Sie dieselbe mit N e i n beantworten?"

"Ja, Gott sey mein Zeuge, das kann ich mit dem grossten Gefuhl der Wahrheit."

"Gut! kann denn eine Scheidung rechtmassig vor Gottes Augen seyn, zu der keine gultige Ursache da war?"

(Wie schamte ich mich jetzt meines ubereilten Urtheils!)

"O Gott, nein, das ist sie nicht. Ich fuhle mich jetzt lebhaft uberzeugt, dass ich vor Gott und meinem Herzen noch eben so gesetzmassig A l b r e c h t s Weib bin, wie vorher. Ach! mein Herz, durch Leiden niedergebeugt, ist auch nicht mehr fahig, die Freuden der Liebe zu geniessen. Ich werde bald von der Burde des Korpers bebefreyet werden. Ich fuhle, dass eine sanfte Beruhigung in mein Herz dringt; mochte sie doch auch das deinige erfullen, o E d u a r d !"

Sie glaubte nun stark genug zu seyn, um an ihn zu schreiben. Hier lesen Sie selbst den Brief.

Sechsundsiebzigster Brief

Marie an Eduard

Nur vom Wahn der Liebe getauscht, konnten Sie Ihren letzten Brief an mich schreiben. Ich kann und darf Ihren Vorschlag nicht annehmen. A l b r e c h t schied sich von mir, durch ungerechten Argwohn verleitet. Verbande ich mich mit Ihnen, so wurde ich ihm und der ganzen Welt zeigen, dass sein Verdacht gegrundet sey, dass ich wirklich die Treulose ware, fur die er mich hielt.

Nein, E d u a r d , wenn er auch seine Pflichten vergisst, so darf ich doch deswegen die meinigen nicht hintansetzen. Der Scheidungsbrief, den das Gericht ausfertigte, war ungerecht; also kann er nicht gultig seyn; also kann ich nicht handeln, wie eine Geschiedne, da ich vor Gottes Augen noch verheyrathet bin. Und wenn ich es auch ohne Sunde konnte; wenn es auch nicht so straflicher Ehebruch ware: so fuhle ich doch zu lebhaft, dass Gott uns hier nicht fur einander bestimmt hat. Mein Leben wird nicht lange mehr dauern; ich fuhle mit jedem Tage die Abnahme meiner Krafte. Ich will mich bemuhen, mich vom Irrdischen loszureissen, und die wenigen Stunden, die ich noch hienieden wallen werde, bloss meinem Gott widmen.

Ach E d u a r d ! ich fuhle, dass es meine Krafte ubersteigt, mich von dir loszureissen. Du herrschest zu sehr in jedem meiner Gedanken; ich fuhle es, dass meine Liebe zu dir nur mit meinem Leben sich endigen wird. Und auch selbst dann noch nicht. Meine Liebe zu dir war kein korperliches Gefuhl, das mit dem Verlust unsrer Sinne zugleich schwindet. Es war eine feste Ueberzeugung der Verschwistrung unsrer Seelen, und kann nie aufhoren, so lange dieses unsterbliche Wesen lebt. Sie wird nur durch die Befreyung von unserm Korper gelautert, und so veredelt wird sie mir in die Ewigkeit folgen.

Das ist meine Beruhigung. Wenn es doch auch die Ihrige ware! Wie bald sind nicht die wenigen Tage des Lebens voruber, nur ein Augenblick gegen die Ewigkeit! Und um dieses Augenblicks willen wollten wir uns den reinen Genuss der zukunftigen Freuden verderben? wollten die schone Beruhigung verscherzen, so gehandelt zu haben, wie uns Gott und Tugend befahl? Nein, E d u a r d , das sey fern von uns. Aber wir wollen auch nicht durch unbandigen Schmerz gegen die weise Fugung Gottes murren. Unter Ergebung in seinen heiligen Willen, und in stiller Wehmuth fliesse unser ubriges Leben hin. Wir wollen uns bemuhen, unsern Nebenmenschen noch so gut und nutzlich zu seyn, als unsre schwachen Krafte es erlauben.

Ich werde nicht aufhoren zu beten, dass diese sanfte Beruhigung, welche Gott so gnadig mir schenkte, auch Ihnen zu Theil werden moge. Und so, uber Menschen und Ungluck erhaben, wollen wir ohne Murren und ungeduldige Wunsche, mit stiller Sehnsucht die selige Stunde ererwarten, in welcher uns Gott diesem irrdischen Schauplatz entrucken wird.

Marie.

Fortsetzung. Sophie an Julien.

Hatten Sie doch, meine J u l i e , die himmlische Ruhe gesehen, die von M a r i e n s Antlitz stralte, als sie diesen Brief geschrieben hatte! Sie schien mir schon eine selige Bewohnerinn des Himmels zu seyn.

"Ich danke dir, Gott, sprach sie, dass du meine Gebete erhortest, und meinen lauten Kummer hinwegnahmst. O Allliebender! starke auch seine Seele, dass sie nicht unterliege. Lass auch ihn den erquickenden Trost deiner Religion fuhlen!"

Mit noch grosserm Ernst, als vorher, nimmt sie jetzt der Erziehung der Kinder und der Pflege der Kranken sich an. Zu ihrer Erquickung muss ich ihr dann zuweilen ein Lied von G e l l e r t singen, und ihre dankbare Ruhrung ist dann gewiss ein Lohn mehr fur dich, seliger Mann, der du durch deine sanfte fromme Muse schon so manchen Trost in die Seele des Leidenden flosstest. Ich muss aufhoren. Leben Sie wohl, meine Julie!

Sophie.

Siebenundsiebzigster Brief

Barthold an Eduard

Aller Nachforschung ungeachtet, habe ich noch nicht entdecken konnen, wo F e r d i n a n d sich aufhalt. Ich bin jetzt auf einer Reise, um ihn aufzusuchen, und folge von Posthaus zu Posthaus der Spur des Briefs, den er Dir schickte. Ich bin jetzt nicht weit von der Gegend, in der du Dich aufhieltest; denn daher scheint mir der Brief gekommen zu seyn. Man spricht auch wirklich von haufigen Diebstahlen, die hier geschehen, und schliesst daraus, dass eine Diebesbande in der Nahe seyn musse. Ich werde mich eifrigst bemuhen, ihren Aufenthalt zu entdecken; denn ich furchte, dass unser F e r d i n a n d verloren ist, wenn es nicht bald geschieht.

Ich habe in langer Zeit nichts von Dir gehort, E d u a r d . Sollte wohl ein Brief verloren gegangen seyn? Mache nur die Addresse nach D**. Von dort lasse ich meine Briefe abholen. Ich bin sehr begierig etwas von Dir zu horen. Bist Du noch immer ein Raub des Kummers? O Freund, wenn Du Dich doch mehr fassen wolltest; wenn Du Dich ernstlich bemuhtest, die Last des Schmerzens von Dir abzuschutteln! Dieser Schmerz verfuhrt Dich zu Handlungen, die Deiner ganz unwerth sind. Du handeltest gar nicht gut, da Du den armen H e n r i c h zum Genossen Deines Kummers machtest. Der gute Mensch hatte sich vielleicht bald beruhigt, hatte seine Liebe einem andern Madchen gewidmet, und ware wieder der gluckliche Bauer geworden, der er sonst war. Aber so zernichtest Du sein Gluck, Du starkst das Gefuhl seines Leidens, welches der menschenfreundliche Geistliche zu dampfen suchte; Du machst, dass er seinen Verlust nur noch mehr empfindet, und er ist nun vielleicht auf immer unfahig wieder das zu werden, was er vorher war. Lass ihn gehen, und die Gesellschaft seiner Bauern, die stete Arbeit, mit welcher er beschaftigt seyn wird, werden seinen Kummer von selbst mildern. Nimm Du an seine Stelle einen muntern Menschen, der Dich aufzuheitern vermag; denn das solltest Du doch billig einsehen, dass es straflich ist, alle Mittel von sich zu stossen, welche zu unsrer Erheiterung dienen konnten, und sich recht mit Vorsatz durch ununterbrochnes Trauern zu Grunde zu richten. Ist es eines Mannes, den Gott zu hohern Endzwecken schuf, wohl wurdig, des Nachts wie ein Bettler vor der Thur seiner Geliebten zu liegen, und den Tag mit Wehklagen zu verseufzen?

Ermanne Dich, E d u a r d , und hebe Deine Seele unter dieser schimpflichen Burde des Kummers wiederum hervor. Du selbst fuhlst die Unanstandigkeit und Straflichkeit des Selbstmords. Ist es minder straflich, sich durch unmassigen Kummer nach und nach aufzureiben, als mit einem male sein Leben zu endigen? Jenes Gift wirkt langsamer, aber es bleibt eben so wohl Gift, als dasjenige, dessen Wirkung schnell folgt, und der Gebrauch von beyden ist gleich unerlaubt. Vergieb mir diese Betrachtungen, lieber E d u a r d ! Ich wunschte, dass sie nicht ganz ohne Wirkung bey Dir seyn mochten!

Dein treuer

Barthold.

Achtundsiebzigster Brief

Eduard an Barthold

Da Dich das Schicksal des armen H e n r i c h s so sehr zu beunruhigen scheint, so wird Dich die Nachricht erfreuen, dass er nicht mehr bey mir ist. Seine Seele war freylich nicht fur feine Gefuhle geschaffen, und ich merkte wohl, dass ihm die Art, wie wir unser Leben fuhrten, nicht recht anstand. Der Prediger hatte sich auch nach ihm erkundigt, und liess ihn zu sich holen, als er seinen Aufenthalt erfuhr. Er redete ihm seinen Kummer aus dem Herzen, verschaffte ihm eine andre Stelle, und wahrscheinlich wird er bald auch eine andre Frau wahlen. Er war so gutherzig, Theil an meinem Kummer zu nehmen, und kam zu mir, um auch mich zu bekehren. Seine treuherzigen Reden ruhrten mich. Ich versicherte ihn aber, dass unsre Lage und Empfindungen gar zu verschieden waren, als dass sein Trost bey mir recht wirksam seyn konnte. Ich billigte seinen Entschluss, denn freylich der ware ein Thor, der dem Kummer nachhangen wollte, wenn sein Herz freudiger Empfindungen fahig ist, und gab ihm eine kleine Summe zur Unterstutzung seiner neuangefangnen Haushaltung.

Auch ich bin nicht mehr der trostlose E d u a r d , der ich war. Eine susse Hoffnung hat mein Herz erfullt. Ich habe an M a r i e n geschrieben. Mit klopfendem Herzen sehe ich der Antwort des Engels entgegen. Wenn ich einen Menschen gehen hore, so springe ich ans Fenster, und denke, er kommt von ihr, und mismuthig kehre ich um, wenn ich nur einen langsam schleichenden Bauer sehe. Aber was hore ich! Man nennt meinen Namen, man fragt nach mir? Glucklicher Eduard! ein Brief von M a r i e n ?

Barthold! ich bin verloren. Sie darf, sie kann nicht die Meinige werden. O Gott! so sollen die ubrigen Tage meines Lebens od und in schrecklicher Einsamkeit dahin schleichen? Elender, unglucklicher Eduard!

Neunundsiebzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Endlich ist es mir gelungen, ein paar Worte mit dem unglucklichen Jungling zu sprechen, der mir, ohne dass ich weiss, wodurch? so vielen Antheil an seinem Schicksal eingeflosst hat.

B r a n d wollte vergangne Nacht einen Hauptausfall vornehmen, bey dem er nur seine geschicktesten Leute mitnahm. Wir furchtsamen Hasen so nennt er uns, die noch kein Pulver riechen konnen, blieben zuruck, nebst noch einigen andern, die er aus besondern Ursachen auch nicht mitnahm. Des Abends wurde stark gezecht. Feldheim trank unter dem Vorwand eines heftigen Kopfwehs gar nicht, und winkte auch mir verstohlen mit den Augen. Dieses ware nicht einmal nothig gewesen, um mich vom Trinken zuruckzuhalten: denn die Lust zum Weintrinken ist mir vergangen; auch erregt es immer ein ausserst peinliches Gefuhl in mir, mit diesen Lotterbuben aus einem Glase zu trinken, und mich von ihnen Bruder nennen zu horen. Im Anfang sah ich mich immer angstlich um, ob auch jemand unsre Vertraulichkeit sahe.

Die andern also machten sich unsre Massigkeit auf eine so vortheilhafte Art zu Nutze, dass sie, von der doppelten Portion benebelt, bald auf die Bank taumelten und laut schnarchend schliefen. Sobald F e l d h e i m dieses merkte, kam er naher zu mir.

"Mich dunkt, sagte er, ich sehe an Ihnen bestandig so deutliche Zeichen eines geheimen Verdrusses, dass ich glaube, Sie sind eben so ungern in der Gesellschaft dieses Auswurfs der Menschheit als ich. Ich bin von gutem Hause. Allerley Umstande, deren Erzahlung jetzt zu weitlauftig seyn wurde, brachten mich zu dem Entschlusse, mein vaterliches Haus zu verlassen. Ich wurde nebst meinem Gefahrten von Brand und einigen andern im Walde angehalten. Mein Gesellschafter wurde ermordet. Voller Angst flehte ich um mein Leben; meine Jugend schien Eindruck auf sie zu machen."

"Den Burschen konnten wir brauchen, sprach B r a n d : er ist schmachtig, und wurde gut zum Einsteigen durch schmale Locher zu brauchen seyn. Hore, junger Mensch, willst du uns folgen, und dich zur Treue verpflichten, so sollst du es recht gut bey uns haben. Willst du aber nicht, so musst du sterben, wie dein Gefahrte."

"Die Liebe zum Leben uberwand meinen Abscheu gegen diese Morder. Ich folgte ihnen, aber nur um so lange bey ihnen zu bleiben, bis sich mir eine Gelegenheit zur Flucht zeigte. Vier Tage nach meiner Aufnahme kamen Sie zu uns. Bey Ihrem Anblick belebte mich eine gewisse susse Hoffnung, die mich auch noch nicht verlassen hat. Wollen wir uns verbinden, einander zu retten, so bald wir konnen?"

"Ich bin es gern zufrieden; denn diese niedrige Lebensart ist mir verhasst."

"Aber wollen Sie mir auch versprechen, mich nach meines Vaters Hause zu bringen? Wie mag der gute Alte wegen meines Schicksals in Sorgen seyn! Ich bin sein einziges Kind, und er hat mir gewiss meinen Fehler vergeben, und seufzt nach meiner Zuruckkunft. Sie sind alter und beherzter als ich, deswegen ware mir Ihre Begleitung lieb; denn ich getraue mir kaum, die Reise allein zu machen."

Ich versprach diess; denn, wie gesagt, ich liebe F e l d h e i m sehr, und es ist ja gleichviel, wohin mich mein Schicksal fuhrt. Wir versuchten, ob es nicht moglich ware, jetzt gleich zu entkommen, aber B r a n d hatte sorgfaltig alle Ausgange verschlossen, und wir durften keinen Larm machen, damit unsre Kameraden unsern Vorsatz nicht merkten. Wir verabredeten also, uns heiter zu stellen, und zu thun, als waren wir begierig, auch bey einem Diebstahl gebraucht zu werden; alsdann wollten wir zu entfliehen suchen. Wollte der Himmel, unser Vorsatz ware schon ausgefuhrt! Mein Leben wird mir hier zur Quaal, und der Gedanke an meinen armen Vater martert mich unaufhorlich. O dass ich so muthwillig das Gluck meines Lebens zerstorte! denn zerstort ist es auf immer. Wenn ich auch aus dieser hollischen Bande entrinne, so ist doch das Trommelfell mein hochstes Ziel. Einer andern Bestimmung habe ich mich unwerth gemacht.

Ferdinand.

Achtzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Es ist uns gelungen, das Vertrauen des Hauptmanns ganz zu gewinnen. Als er den andern Morgen zuruckkam, stellten wir uns ganz mismuthig. Er bemerkte es und fragte mich, was mir fehle?

"Meynen Sie denn sprach ich dass es mir gleichgultig seyn kann, bey allen den schonen Unternehmungen, die Sie machen, zu Hause gelassen zu werden? Zeigt das nicht deutlich, dass Sie mich fur einen Schaafkopf halten, der zu nichts zu gebrauchen ist? Oder vielleicht glauben Sie, dass ich kein Pulver riechen kann. Und das ist mir sehr empfindlich."

"Ich bin freylich wohl nicht so beherzt sprach Feldheim wie unsre andern tapfern Bruder, und getraue mir nicht, mit der Pistole oder dem Degen in der Hand so gut wie Sie, Herr Hauptmann, zu fechten; aber wenn es auf List und Ranke ankommt, so bin ich gewiss so gut als einer; denn die habe ich in meiner Kindheit gelernt. Ich kann so sachte auf den Zehen schleichen, dass mich niemand hort, getraue mir auch wohl ganz leise ein festes Schloss aufzubrechen; meiner Mutter Geldschrank hat diese meine Geschicklichkeit wenigstens oft genug erfahren."

B r a n d . "Es ist mir lieb, Kinder, dass ihr so viel Muth und Ambition habt. Ich hatte es euch nicht zugetraut."

I c h . "Zum Teufel, Herr Hauptmann! Sie haben mir keine Courage zugetraut? Das sollte mir beym Henker kein andrer sagen. Ich bin jetzt eben in der Laune, mir einen Gegner zu wunschen; ich wollte wahrhaftig jeden zu Paaren treiben, der sich mir widersetzte!"

B r a n d . "Verspare deinen Muth, mein Sohn, du sollst bald Gelegenheit finden, ihn zu gebrauchen. Hier in der Nahe liegt ein artiges Gut, auf dem nur ein Alter mit seiner Tochter wohnt. Er hat viel Geld und eine offentliche Kasse in Handen. Das kann ein reicher Schnitt werden. Ich muss nur noch nahere Kundschaft von dem Dinge einziehen. Bey dieser Unternehmung will ich euch brauchen, wenn ihr versprecht hubsch vorsichtig zu seyn."

F e l d h e i m . "O wenns auf Vorsicht und leises Wesen ankommt! Beydes habe ich."

B r a n d . "Gut, mein Sohn! Vielleicht brauche ich dich, ins Fenster zu steigen, weil du schmal bist. Aber wurde dir nicht bange werden?"

F e l d h e i m . "O! nicht im mindesten. Ich weiss ja, dass ich brave Gehulfen hinter mir habe."

B r a n d . "Gut gesprochen, mein Kind! Du hast Recht, wir haben tafere Kerle unter uns, die mit dem Teufel selbst fechten wurden. Wisst ihr wohl, dass unsre Bande ihrer Herzhaftigkeit wegen in der ganzen Gegend beruhmt ist? Es furchten sich alle, die von uns gehort haben, uns anzugreifen. Sonst wurden wir auch nicht mehr alle beysammen seyn. Man hat aber doch schon starken Argwohn auf uns, und sucht uns durch List nachzustellen; deswegen wollen wir diese Gegend gleich verlassen, wenn wir diesen Coup ausgefuhrt haben."

I c h . "Was mich aber anbetrifft, so bitte ich unterthanig, dass Sie mich nicht bloss zum Einsteigen in die Fenster brauchen, sondern dass ich unter die andern Fechter gestellt werde."

B r a n d . "Es wird meine Sache seyn, jedem von Euch seinen bestimmten Platz anzuweisen. Aber jetzt wollen wir erst eins saufen. Nicht wahr, Jungen, jetzt seyd ihr doch gern bey uns? Im Anfang saht ihr beyde aus, wie die Ritter von der traurigen Gestalt."

I c h . "Das hat sich geandert. Ich muss gestehen, dass ich freylich im Anfang so allerley Bedenklichkeiten hatte; aber jetzt sind sie uberwunden, und ich wunsche mir in meinem Leben keine bessere Lage, als unsre jetzige ist."

B r a n d . "Bravo, mein Sohn! Nun bist du mir noch einmal so lieb. "

Wir gewannen den Tag sein Vertrauen vollig. Es kam mir sehr sauer an, so gegen meine Ueberzeugung zu sprechen; denn es ist gar nicht meine Sache, mich zu verstellen. Aber mein Wunsch, aus dieser Rotte zu kommen, und den armen F e l d h e i m zu befreyen, ist gar zu lebhaft. Wir wissen nur noch nicht, auf welche Art die Sache am besten anzufangen ist; denn wir durfen nicht allein mit einander reden, und mussen uberhaupt sorgfaltig allen Schein eines geheimen Verstandnisses vermeiden. Doch ich hoffe, der Himmel wird um des unschuldigen Feldheims willen unser Unternehmen begunstigen. Ware nur erst der Tag der Ausfuhrung da! Lange kann ich diese verhasste Rolle nicht mehr spielen.

Ferdinand.

Einundachtzigster Brief

Barthold an Eduard

Freue Dich mit mir, E d u a r d , wenn Du kannst. Ich bin auf eine Spur gekommen. Ich halte mich taglich in der Schenke auf, und trinke einen Krug Bier, um etwas nahere Nachricht von den Dieben zu horen. Die Bauern sitzen denn alle um mich her, und horen mit aufgesperrtem Maul und Nase zu, wenn ich von politischen Handeln und dergleichen rede. Es sind hier im Dorfe zwey grosse Politiker. Der eine davon ist einmal ein Jahr auf einer lateinischen Schule gewesen, hat aber, da sein alterer Bruder starb, wieder zum Pfluge zuruckkehren mussen. Dieser spricht denn noch immer gern von gelehrten Sachen, und bedauert den Zufall sehr, der ihn von seiner gelehrten Laufbahn zuruck rief; denn er meynt, es wurde einmal ein grosser Mann aus ihm geworden seyn, wenn er beym Studieren hatte bleiben konnen. Er weiss denn auch den andern Bauern so viel von Sachen vorzuschwatzen, die er einmal hat nennen horen, und deren Namen er ganz jammerlich verdreht, dass sie ihn fur ein Wunder der Gelehrsamkeit halten.

Der andre ist der S c h m i d t des Dorfs, der, wie er sagt, weit auf Reisen gewesen ist. Im Grunde aber bestehen seine ganzen Reisen darinn, dass er in einem Stadtchen, zwey Meilen von hier, als Schmiedegeselle gearbeitet hat. Dieser steht denn auch sein handfester Korper tragt dazu nicht wenig bey hier in grossem Ansehen. Beyde wollen oft mit dem Schulmeister von hohen Dingen sprechen. Dieser aber fuhlt seine Schwache gegen sie, weil er einmal in einer solchen Streitigkeit uber die Farbe vom Schwanz eines Cometen, der sich vor einiger Zeit am Himmel sehen liess, von den beyden andern besiegt worden ist, und dann die Leibesstarke des Herrn Schmidts lange in seinen Knochen empfunden hat, so dass er ihnen nun immer auf die hoflichste Art Recht giebt. Wollen sie durchaus Widerspruch haben, um ihre Starke in der Widerlegung des Gegners zu zeigen, so schleicht er sich sachte davon, und uberlasst die beyden Kampfer dem Misvergnugen, das sie empfinden, ihre besondern Gaben das ist der Lieblingsausdruck des ehemaligen lateinischen Schulers nicht zeigen zu konnen.

Es ist sehr lustig, diesen gelehrten Streitigkeiten beyzuwohnen, und zu sehen, wie sich diese Leute mit den wichtigsten Mienen von der Welt uber Kleinigkeiten zanken, die andern nicht einmal der Rede werth scheinen. Ich vergleiche sie oft mit unsern Gelehrten, die uber ein beh und bah, und oft uber noch geringfugigere Sachen ganze Stosse von Streitschriften schreiben, die zu weiter nichts dienen, als dem Verleger Absatz zu verschaffen, wenn namlich recht grobe personliche Anzuglichkeiten darinn stehen. Denn leider sind wir Menschen in dem verderbten Geschmack, dass die boshaft aufgedeckten Fehler unsrer Mitbruder am meisten unsre Aufmerksamkeit reizen. Ist diess aber nicht der Fall, sondern wird bloss die Ursache des Streits abgehandelt, ohne tuckische Nebenanekdoten und Schmahungen, die gar nicht zur Sache gehoren, so erregen diese Schriften weiter keine Aufmerksamkeit, und dienen bloss dazu, dass der Kramer Kase hineinwickelt, oder Pfeffertuten daraus macht, wenn sie nicht zu einem noch unedlern Gebrauch angewandt werden.

Doch was gehen Dich und mich und unsre Bauern solche Kampfe an? Die mogen die Herren Gelehrten unter sich halten, und ich will den Faden meiner Erzahlung wiederum anknupfen.

Meine Bauern sprachen denn also wirklich davon, dass die Diebesbande sich in dem benachbarten Walde aufhalten musse, und dass man es kaum wagen durfe, diesen Weg zu passiren. Ich spitzte beyde Ohren und fragte sie, ob sie denn nicht einmal mit vereinter Macht einen Ausfall auf diese Spitzbuben thun wollten?

"Da waren wir gewaltige Narren, versetzten sie, wenn wir uns der Gefahr aussetzten, von diesen Kerlen ermordet zu werden. Das mag die Obrigkeit thun, und die vornehmen reichen Leute, die von ihnen geplundert werden. Uns konnen sie nichts nehmen, dafur sorgt unser gnadiger Landesherr und unser Herr Amtmann. Die Abgaben, die wir zahlen mussen, die Haasen und andres Wildpret, das unsre Feldfruchte verdirbt, und das wir doch bey Lebensstrafe nicht erschiessen durfen, machen, dass wir selbst kaum das liebe Leben durchschleppen, geschweige denn, dass wir noch was fur Diebe ubrig haben sollten. Wir konnen also ganz unbekummert bey allen Diebstahlen seyn."

"Das dachte ich doch nicht, meine Freunde; denn wenn Ihr selbst auch nicht bestohlen werden konnt, so suchen doch Eure Gutsherren von Euch den Ersatz desjenigen herauszupressen, was ihnen entwandt wird."

Die Richtigkeit dieses Satzes wurde durch ein allgemeines Fluchen bewiesen, aber dem ohngeachtet hatten sie doch gar keine Neigung, ihre eigne Haut in Gefahr zu setzen. Ich muss also einen Plan ausdenken, dessen Ausfuhrung ich allein zu ubernehmen vermag. Vielleicht giebt diese Nacht mir gunstige Traume ein.

Barthold.

Zweyundachtzigster Brief

Barthold an Eduard

Als ich heute fruh in tiefen Gedanken uber die Ausfuhrung meines Vorhabens auf dem Felde spazieren gieng, begegnete mir der Lumpensammler, und bey seinem Anblick fiel mir eine Idee ein.

"Hore, Freund sagte ich ihm, konntest du mir wohl nicht einen Bettlerhabit verschaffen? Ich wollte einen Spass damit machen. Wenn du ihn mir binnen einer Viertelstunde bringst, so sollst du diesen Louisd'or zur Belohnung haben, und wenn du schweigen kannst, noch einen Dukaten dazu."

Der arme Kerl, der vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht so viel Geld beysammen gesehen hatte, war vor Freuden ausser sich, und versprach alles Mogliche. Er hielt auch Wort, und brachte mir in kurzer Zeit einen recht vollstandigen Bettlerhabit. Nun wanderte ich ins Holz, in der Hoffnung einen von der erhabnen Gesellschaft zu entdecken. Aber bis jetzt habe ich noch niemand gesehen. Ich trage einen Brief an F e r d i n a n d in der Tasche, der ihm von meinem Vorhaben Nachricht giebt, und nun will ich mich hier schlafen legen, und das Holz nicht eher verlassen, bis ich eine Spur von ihnen entdeckt habe. Gute Nacht, Eduard.

Barthold.

Fortsetzung. Barthold an Eduard.

Ich hatte noch nicht lange gelegen, als ich menschliche Stimmen horte. Ich fieng an, so laut zu schnarchen, dass man es nothwendig weit weg horen musste.

"Was Teufel giebt es denn da? sprach einer, vielleicht ein Reisender der den Weg verloren hat?"

Und nun kam man auf mich zu.

"Wahrhaftig! eine artige Figur. Das war der Muhe werth, umzulenken!"

"Ich warf mich herum, rieb die Augen und sagte: Beym Teufel, ein hartes Lager! da wird einem das Schlafen wohl sauer."

"Wie kommst denn du Bestie hier in den Wald?"

"Je nun, ich horte, dass hier oft vornehme Leute, so wie Ew. Gnaden, durchkamen, und da dacht' ich dann so eine kleine milde Gabe zu erhaschen."

"Es ist eine Schande, dass ein so junger rustiger Kerl sich schon aufs Betteln legt."

"Ach! Ihro Gnaden wissen meine Umstande nicht. Ich bin wohl mit zehnerley Uebeln behaftet, habe Gicht und einen lahmen Fuss, und kriege oft das bose Wesen. Sehen Sie nur an, meine Herren."

Nun ergriff ich meinen Stab und hinkte ihnen so naturlich vor, dass sie aus vollem Halse lachten.

"Du scheinst ein lustiger Teufel zu seyn, und eben nicht zum Bettler geboren."

"Nein, wahrhaftig nicht! Sie haben mich doch nun einmal uberrascht, und es hat vielleicht eine bessere Wirkung auf Ihre Mildthatigkeit, wenn ich aufrichtig gegen Sie bin, als wenn ich noch versuchen wollte, Sie hinters Licht zu fuhren. Ich bin von vornehmen Eltern geboren, die mich mit ausserstem Zwange zum Studieren anhielten. Das war nun gar mein Flauss nicht, und ich beneidete oft das gluckliche Leben der Bettelbuben, die fur nichts zu sorgen brauchen, und allenthalben ihr Fortkommen finden. Als ich einsmals heftig gezuchtigt werden sollte, machte ich mich aus dem Staube, und seitdem habe ich diese Lebensart gefuhrt. Des Abends sind meine Taschen reichlich angefullt, und ich verstehe mich darauf, jedem, den ich um eine Gabe anspreche, das zu sagen, was er gern hort."

"Also gefallt dir deine Lebensart wohl sehr?"

"Nicht mehr so sehr als sonst. Meine Thatigkeit ist dabey auf zu kleine Gegenstande eingeschrankt, und es verdriesst mich immer, um ein paar Pfennige so viel Wesens machen zu mussen. Waren es Pistolen, so wollte ich meine Muhe fur besser angewandt halten."

"Hore einmal, Kerl, schickst du dich wohl zum Spion?"

"O vortrefflich! Ich dringe mich unter allerley Vorwand in Kuche und Keller und in die Wohnzimmer, und unterdessen, dass mir die Leute andachtig zuhoren, laufen meine Augen allenthalben herum, und es gelingt mir in vornehmen Hausern sehr haufig durch die Bedienten allerley nutzliche Nachrichten von den Herrschaften einzuziehen."

"Ich glaube wahrhaftig, Kerl, du machst dir auch gar kein Gewissen daraus, zuweilen zu mausen?"

"O! was das Gewissen betrifft, das ist bey mir so delikat eben nicht. Ich darf es aber nur selten wagen; denn wenn man mich ertappte, wo sollte ich Hulfe hernehmen?"

Ich fuhrte das Gesprach immer weiter, bis ich endlich glucklich zum Ziel gelangte. Der Hauptmann B r a n d so hiess der Eine nahm mich auf. Freylich wurde mir ein furchterlicher Schwur vorgelegt, bey dem mir die Haare aufstiegen, aber ich war durch eine List so glucklich, die Sache so zu drehen, dass sich dieser Schwur mit meinem Gewissen vereinigen liess; auch beruhigte ich mich diessmal mit dem Jesuitergrundsatz: dass man wohl einmal zu einer guten Handlung durch bose Wege gehen konne. Ich muss aufhoren, die Augen fallen mir zu.

Fortsetzung. Barthold an Eduard.

Der Hauptmann nahm mich mit nach der Diebeshohle. Die ganze Gesellschaft sass um einen langen Tisch. F e r d i n a n d war unter ihnen. Sein Anblick erschutterte mich sehr. Die wilde Verzweiflung war auf seinem Gesichte; seine Augen hatten einen furchterlichen Ausdruck bekommen. Auch den junge Menschen erkannte ich gleich, von dem F e r d i n a n d schrieb. Er zeichnete sich durch sein einnehmendes Gesicht, und durch den zarten Bau seines Korpers, der von einer vornehmen Geburt und weichlichen Erziehung zeigte, auffallend genug von den ubrigen aus. B r a n d stellte ihnen in mir seinen neuen Fund vor.

"Das ist der Muhe werth. Wahrhaftig, eine schone Figur! " schrien alle mit Hohngelachter.

"O ho, sachte, Kinder! Dieser Kerl ist vielleicht mehr werth als ihr alle. Du Jakob, M o r i t z , R a u f b o l d , J a g e r , und du S c h w a r z e r da er zeigte auf funf Kerle, welche die furchterlichste Gesichtsbildung hatten ihr, alle seyd zwar treffliche Fechter, aber dieser ist mir noch brauchbarer. Unter euch allen ist keiner, den ich zum Kundschafter in Hausern brauchen konnte, und ein solcher ist uns doch so nothwendig. Ueberhaupt ist dieser neue Bruder von so guter Familie, als irgend einer unter euch."

Es kam mir hochst lacherlich vor, diese Lotterbuben von vornehmer Familie reden zu horen. Ich verbarg aber meine Betrachtungen, und sah F e r d i n a n d an, der bisher in tiefen Gedanken gesessen hatte, nun aber aufsah, und bey meinem Anblick frappirt zu seyn schien. Er hatte mich aber nicht erkannt. Bloss die A e h n l i c h k e i t meiner Gesichtszuge mit andern, welche er schon einmal gesehen zu haben glaubte, hatte ihn in Erstaunen gesetzt, und er schien, von diesem Augenblick an, uber etwas nachzudenken. Ich fand Gelegenheit, ihm unvermerkt mein Brieschen zuzustecken. Es war des Inhalts: "Lieber F e r d i n a n d ! Die Begierde Dich zu retten, treibt mich zu dieser sonderbaren Verkleidung. Wenn Du daran denkst, was Du Deinem Vater, der um Dich jammert, und Deinen Freunden schuldig bist, und also in meinen Plan einstimmst: so hoffe ich Dich und mich zu befreyen. Dein Vater weiss nichts von diesem Schritt, und es steht Dir ganz frey, zu gehen, wohin Du willst; wenn Du nur aus den Handen dieser Elenden bist, so bin ich zufrieden."

Er schien zu stutzen, als er das Papier in seiner Hand fuhlte, steckte es aber unvermerkt in die Tasche, und nun hiess B r a n d uns schlafen gehen. Den andern Morgen gaben sich alle beym Aufstehen die Hand. F e r d i n a n d kam zuletzt zu mir, und druckte ein Papier in die meinige. Ich entfernte mich unter einem Vorwande, und las folgendes: "O Gott! B a r t h o l d ! bin ich es noch werth, dass meine Freunde sich meiner annehmen? Edelster! Bester unter den Menschen! O warum erkannte ich Deine Freundschaft nicht immer so wie jetzt? Ich bin von Deiner Grossmuth durchdrungen, und werde ewig dankbar gegen Dich seyn; aber wenn Du mich retten willst, so rette auch meinen Feldheim, der diese unselige Verbindung eben so verabscheut wie ich."

Voller Freuden eilte ich wieder zu den andern, und gab mir alle mogliche Muhe, B r a n d s Liebe und Vertrauen zu gewinnen. Es gelang mir auch so gut, dass er mir bald einen Plan mittheilte, in dessen Ausfuhrung er meine Fahigkeiten prufen wollte:

"Es wohnt hier in der Nahe ein reicher Alter auf einem einsam gelegnen Gute, bey dem wir eine treffliche Beute finden werden. Aber weil wir hier gar nicht mehr sicher sind, so mussen wir diesen Ausfall so bald moglich, ich wunschte schon zukunftige Nacht, unternehmen, und uns dann sogleich aus dem Staube machen. Kennst du das **sche Gut?"

Gott, wie erschrack ich hier! Es ist eben das Gut, auf dem Du, mein E d u a r d , sonst wohntest, und dessen gefahrliche einsame Lage Du kennst. Ich fasste mich inzwischen so gut, dass er meine Besturzung nicht merkte, und antwortete:

"Dem Namen nach kenne ich es wohl. Ich habe es auch liegen sehen, wurde aber verhindert, meinen Weg dahin zu nehmen."

"Nun! es ist genug, wenn du nur die Lage weisst. Wenn ich wusste, dass du recht gescheidt warest, so solltest du dahin gehen und Kundschaft von allen den Dingen einziehen, die wir nothwendig zu unsrer Sicherheit wissen mussen. Aber sollte ich mich auch wohl auf dich verlassen konnen, da du noch so neu bist? Ich wage wirklich zu viel."

"Gewiss nicht, Herr Hauptmann! Ich habe in meinem Leben keine grossere Freude empfunden, als diejenige war, wie Sie mich in Ihre Gesellschaft aufnahmen, und Ihr Auftrag erfullt alle meine Wunsche."

"Wie so? sagte er etwas befremdet."

"Je nun, weil er mir ein Zeichen Ihres Vertrauens ist. Ich bin zu solchen Geschaften geboren. Es wird mir einen rechten Spass machen, wenn die Bedienten mir in aller Unschuld das entdecken, was uns zu wissen gut ist. O ich will sie so zahm und treuherzig machen, dass es eine Freude seyn soll. Aber, Herr Hauptmann, ware es nicht besser, wenn ich in einer andern Kleidung da erschiene? Etwan als ein Korn- oder Viehhandler? Auf die Art konnte ich wohl leichter Zutritt zu dem Herrn selbst bekommen?"

Bravo, du bist ein tuchtiger Kerl. Aber mach fort, damit du bald wieder hier bist. Du siehst, was ich dir anvertraue. Billig

"Billig sollte ich den ganzen Plan fahren lassen; denn Ihr Mistrauen beleidigt mich sehr."

Er besanftigte meinen anscheinenden Zorn, und ich wurde nun aufs beste mit einem Rocke aus Karls des zwolften Zeiten, und mit einer Perucke ausstaffiert, bekam das beste Pferd aus dem Stalle, und so eilte ich fort. Ich kam bald auf dem Hofe an. Ein junges Madchen war beschaftigt, eine Menge Federvieh zu futtern, welches ganz zahm um sie herum lief. Ihre Gestalt war die schonste, die ich je sah. Ein gewisser Zug des Trauerns verbreitete ein sanftes Schmachten uber ihr ganzes Wesen, das jedes Herz zu ihr zu neigen schien. Die lebhaften Rosen ihrer Wangen schienen vom Kummer in eine gewisse Blasse verwandelt zu seyn, die das Gesicht noch sanfter und anziehender machte. Sie trug ein weisses Kleid, das ihren Wuchs sehr vortheilhaft zeigte. Eine blassblaue Schleife befestigte eine Rose an ihrer Brust, deren welkende Blatter ein Sinnbild von ihr zu seyn schienen. Auf dem Kopf hatte sie einen weissen Hut mit einem Blumenkranz umwunden; ihr schones blondes Haar wallte in ungekunstelten Locken auf ihren Busen herunter dass ichs kurz mache, das ganze Madchen stellte dem Auge eine so hinreissend schone Figur dar, dass sie sogar auf das kalte Herz deines B a r t h o l d s die starkste Wirkung machte.

Sie fragte mich mit einer Stimme, die so suss und lieblich in meinen Ohren hallte, ob ich etwan zu ihrem Onkel wollte? Und auf meine bejahende Antwort fuhrte sie mich zu ihm ins Zimmer. Er sass eben vor seinem Schreibtische, stand aber bey meiner Ankunft auf, und nothigte mich obgleich meine Figur nicht vortheilhaft war sehr freundlich zum Sitzen. Ich verbat dieses:

"Ich habe Ihnen bloss einen Brief zu uberreichen, dessen Inhalt von Wichtigkeit fur Sie ist, und fur dessen Wahrhaftigkeit ich Ihnen Burge bin. Verzeihen Sie mir aber, dass es meine Umstande nicht erlauben, Ihnen jetzt nahere Erlauterungen zu geben. Morgen werden Sie mehr erfahren. Befolgen Sie nur aufs punktlichste die darinn angezeigten Maassregeln, und entschuldigen Sie, dass ich schleunigst wieder von hier eilen muss."

Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, schwang mich aufs Pferd und jagte eilig davon. Der Alte konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Ich schrieb ihm doch lies auch lieber selbst den Brief: "Wohlgeborner Herr, Ein Mensch, der Ihnen zwar unbekannt ist, der aber schon lange Ew. Wohlgeb. von der vortrefflichsten Seite kennt, halt es fur seine Pflicht, Sie wegen eines Anschlags zu warnen, der von den schadlichsten Folgen fur Sie und Ihr Haus seyn konnte. Eine Bande Rauber halt sich jetzt hier in der Nahe auf, und hat den Vorsatz gefasst, Sie kunftige Nacht zu plundern. Weil der Anfuhrer Nachricht eingezogen hat, dass Ew. Wohlgeb. ausser Ihren eignen Baarschaften noch eine offentliche Kasse in Verwahrung haben, so verspricht er sich eine reiche Beute. Es befinden sich ausser mir noch zwey junge Leute unter dieser Bande, die durch sonderbare Unglucksfalle hineingerathen sind und wider ihren Willen einige Wochen in dieser schandlichen Verbindung haben leben mussen. Noch sind ihre Hande rein von Blut, und sie wunschen aufs lebhafteste aus den Handen dieser Bosewichte gerettet zu werden. Es scheint, als wenn der Himmel diese Gelegenheit veranstaltet habe, um Ew. Wohlgeb. zum Werkzeug der Rettung dieser Unschuldigen zu machen, und eine schandliche Bande zu zerstoren, die hier schon so viel Unheil angerichtet hat.

Der eine von diesen jungen Leuten soll diese Nacht in Ihr Fenster steigen, und den andern die Thur offnen. Diese wollen dann hereindringen, und, wo moglich, ganz leise alles Geld und Kostbarkeiten tauben. Finden sie aber Widerstand: so haben sie die Absicht, alles zu ermorden, was sich ihnen widersetzt. Sie sind auch stark genug, diesen abscheulichen Vorsatz auszufuhren. Um aber denselben zu vernichten, ware es meiner Meynung nach, das beste Mittel, dass Ew. Wohlgeb. ein Commando Soldaten in Ihrem Hause versteckten. So bald nun die Rauber hineingelassen waren, mussten sie hervorkommen, sich ihrer bemachtigen, und sie den Handen der Gerechtigkeit uberliefern.

Wir drey werden uns gleich auf die Seite der Soldaten schlagen, und hoffen alsdann, unter Ihrem Dache eine Zuflucht zu finden, bis wir uns mit Sicherheit auf den Weg zu unsrer Heimath machen konnen. Ew. Wohlgeb. konnen sicher auf die Wahrheit meiner Aussage fussen, und sollte ja ein besonderer Zufall das schandliche Vorhaben diese Nacht zerstoren, so wird es doch ganz gewiss die zukunftige ausgefuhrt werden. Ich werde durch ein lautes Zuschliessen der Thur, oder durch dergleichen zu erkennen geben, wann es Zeit fur die Soldaten ist, hervorzukommen. Ich verhaare, unter der Bitte, doch ja alle Anstalten geheim zu treffen, mit der vollkommensten Hochachtung

Ew. Wohlgeb.

gehorsamster Diener.

B."

Freudig eilte ich nach unserm Aufenthalte zuruck. B r a n d empfieng mich voller Freuden uber meine baldige Wiederkunft. Ich dichtete ihm nun eine zu unserm Vorhaben so glucklich passende Geschichte vor, dass er weiter keinen Anstand nahm, den Anfall in der folgenden Nacht zu machen. Unter dem Vorwande, als wolle ich F e l d h e i m unterrichten, wie er seinen Weg vom Fenster bis zur Hausthure zu nehmen habe, gelang es mir, mit ihm allein zu sprechen. Erst wusste er nicht, ob er mir trauen konnte, aber als ich mich ihm ganz entdeckte, war er vor Freuden ausser sich; denn ohngeachtet seines Verstandnisses mit F e r d i n a n d wurden sie beyde allein doch schwerlich ihr Vorhaben durchgesetzt haben.

Ein paar Worte waren hinreichend, diesen letzten von meiner Absicht zu benachrichtigen, und nun konnten sie ihre Freude nicht so unterdrucken, dass nicht, ihrer Bemuhung ohngeachtet, doch noch genug davon aus ihrem Betragen hervorgeleuchtet hatte. B r a n d aber, weit entfernt, Argwohn zu schopfen, glaubte, sie freuten sich der Ehre, heute zum ersten mal gebraucht zu werden, und lobte sie deswegen. Wir zahlten alle Minuten bis zum Abend; aber nun machte ein heftiges Gewitter mit Platzregen verknupft, die Gesellschaft wankend. Meine Freunde zitterten nebst mir vor Angst, dass unser Vorhaben wurde gestort werden; aber zum Gluck wurde der Himmel still, und wir machten uns, mit dem nothigen Handwerkszeuge versehen, auf den Weg. Wir kamen bald an Ort und Stelle, fanden das ganze Haus dunkel und still, setzten die Leiter an, und F e l d h e i m stieg mit Zittern hinauf. Voller Todesangst eilt er durch viele Zimmer nach der Hausthur, offnet sie, und wir alle zwey ausgenommen, die zur Wache stehen blieben dringen ins Haus. Ich bin der letzte und kann vor Zittern kaum abschliessen. In dem Augenblick offnen sich zwey Thuren. Es wird alles hell, und eine Menge Soldaten dringt von beyden Seiten auf uns zu. B r a n d schrie, vor Wuth schaumend: "Verratherey! Nichtswurdiger Betruger!" und wollte mit dem Sabel auf mich einhauen. Ich schlug ihm denselben aus der Hand, hatte aber doch eine kleine Wunde bekommen, und nun wurde er mit allen seinen Genossen uns drey ausgenommen, denn wir warfen gleich unsre Sabel von uns entwaffnet und eingesperrt. Er hatte aber doch noch einem Soldaten eine gefahrliche Wunde beygebracht, und da seine Hande gebunden waren, noch einige mit den Fussen beschadigt.

Auf meine Anzeige setzte nun ein Theil der Soldaten den zwey andern, die draussen waren, nach. Einer war entwischt, den andern zwangen sie, sie nach der Hohle zu fuhren, in der noch drey Spitzbuben sich befanden, welche sie auch glucklich erhaschten. Wir wurden in ein Zimmer gefuhrt, in welchem sich der geheimde Rath nebst K a r o l i n e n befand. Er umarmte mich:

"Grossmuthiger Mann, womit soll ich Ihnen danken?"

"Das Vergnugen, eine gute Handlung verrichtet zu haben, und ein Werkzeug zu Ihrer und Ihrer liebenswurdigen Nichte Rettung gewesen zu seyn, ist mir die grosste Belohnung. Ich danke Gott, der es uns so schon hat gelingen lassen, diese Unschuldigen aus den Handen der Rauber zu befreyen."

Ich sah mich nach beyden um, und bemerkte, dass Feldheim die Augen niederschlug und errothete. Endlich warf er sich mit den Zeichen der starksten Bewegung zu des Alten Fussen und umfasste seine Knie.

"Theuerster Oheim, konnen Sie mir vergeben? Beste K a r o l i n e , kann ich nicht auf Dein Vorwort rechnen? Habe ich auch Deine Liebe verloren?"

"Gott, ists moglich, bist Du's?"

Sie umarmte ihn, und wir waren vor Erstaunen ganz ausser uns. Feldheim aber wollte die Knie des Alten nicht eher verlassen, bis er seine Vergebung erlangt hatte.

"Du hast einen grossen Fehler begangen, und uns allen vielen Kummer gemacht."

"Ach Gott! dieser Ihnen gemachte Kummer lag schwer auf meiner Seele. Aber ich kann nicht eher von Ihren Fussen aufstehen, bis Sie dem Madchen werden vergeben haben, das Sie sonst so vaterlich liebten."

"Du kennst meine schwache Seite. Wohlan, erzahle mir deine Geschichte. Ich wollte, ich konnte darinn Entschuldigung fur dich finden."

"Sie wissen, dass mein Vater, seiner Gute und Zartlichkeit ohngeachtet, doch zuweilen eine Harte besitzt, die unglaublich scheint. Herr D-, ein reicher, aber nichtswurdiger Mensch, der allen Abscheu eines tugendhaften Madchens verdient, der schon die Unschuld mancher Unglucklichen zu Grunde richtete, zugleich aber doch durch die schandlichste Heucheley den Ruf eines rechtschaffnen Mannes zu behaupten weiss, verliebte sich in mich, und hielt bey meinem Vater um mich an. Dieser, durch seinen Reichthum geblendet, gab ihm sein Jawort, und stellte ihn mir zum Brautigam vor. Ich hasste den Niedertrachtigen, wie er es verdiente, und flehte mit Thranen meinen Vater an, mich doch nicht einem solchen Bosewicht zu geben. Aber er war taub gegen meine Bitten, und wurdigte die Beweise von D-s schlechtem Charakter, die er fur erdichtet hielt, nicht einmal einer Untersuchung. Die Verzweiflung brachte mich dahin, selbst an D. zu schreiben. Ich bat ihn, wenn er nur noch etwas Edelmuth besasse, so mochte er nicht auf eine Verbindung dringen, in die es mir unmoglich ware einzuwilligen. Seine Beharrlichkeit wurde nur dazu dienen, mich Unannehmlichkeiten von meinem Vater auszusetzen; in meinem Entschluss wurde sie nichts andern. Dieses begleitete ich mit den hoflichsten Bitten, aber ich erhielt bloss die Antwort: Er glaube, es gabe im Ehestande allerley Mittel von sanfter und harter Art, die Abneigung, die ich gegen ihn zu haben schiene, zu uberwinden. Es solle ihm zwar leid seyn, wenn er die letzten bey mir anwenden musse; indessen versichre er mich, eben so fest, als ich entschlossen schiene ihn auszuschlagen, eben so fest sey er entschlossen mich zu nehmen, und es stande bey mir, zu versuchen, welcher Theil durchdringen wurde. Er hielte es aber fur zutraglicher, wenn ich mich gleich in die Umstande schicken wollte.

Zu diesem Briefe, dessen hamischer Spott mich ausserst aufbrachte, fugte er noch die Nietertrachtigkeit hinzu, den meinigen in meines Vaters Hande zu geben. Dieser begegnete mir darauf aufs harteste, sperrte mich ein, und befahl mir, mich ohne Widerrede zur Hochzeit anzuschicken, welche spatstens in acht Tagen vollzogen werden sollte.

In dieser traurigen Lage sah ich kein andres Hulfsmittel vor mir, als zu entfliehen. Ein Madchen, das mir treu war, schaffte mir Mannskleider, um meine Flucht sichrer zu machen. Ich entfloh des Nachts, entschlossen zu Ihnen zu gehen, und um K a r o l i n e n s Vorsprache zu bitten. Diese sollte mich so lange verbergen, bis Sie auf meine Seite gebracht waren, und dann, hoffte ich, wurden Sie meinen Vater zur Aenderung seines Entschlusses bewegen. Ich nahm einen Boten mit, denn ich getraute mir nicht, ein Fuhrwerk zu nehmen. Wir wurden im Walde von zwey Raubern angefallen, die meine gute Kleidung gelockt hatte. Mein Gefahrte nahm die Flucht, und ich bat voller Angst um mein Leben, welches sie mir nur unter der Bedingung schenkten, wenn ich ihnen folgen wollte. Die Liebe zum Leben siegte uber meinen Abscheu, ich gieng mit ihnen, und vier Tage waren mir hochst traurig verflossen, als Herr F e r d i n a n d durch einen ahnlichen Zufall zu uns kam.

Wir merkten bald, dass unsre Gesinnungen des Abscheus gegen diese Bande einstimmig waren, und verabredeten unsre Flucht, die wir aber doch schwerlich wurden ausgesuhrt haben, wenn nicht dieser Herr uns behulflich gewesen ware. Und nun, liebster, bester Oheim, was darf ich hoffen?"

"Meine Verzeihung. Aber ist die Unschuld meiner W i l h e l m i n e in keiner Gefahr gewesen? Blieb dein Geschlecht verborgen?"

"Ja. Ich schlief immer allein, und in Kleidern; und man hat nicht anders geglaubt, als dass ich ein Jungling ware."

"Aber der zarte Bau deines Korpers?"

"Wurde fur die Folge einer verzartelten Erziehung gehalten, und oft verspottet."

"Aber, Madchen, gewiss hatte doch ein geheimer Liebhaber Antheil an deinem Entschluss und an deinem Widerstreben?"

"Nein, bester Onkel! Ich kann darauf schworen, dass noch nie ein Mann von Liebe mit mir gesprochen hat, und dass ich auch keinen in meiner Vaterstadt kenne, der fahig ware, auf mein Herz Eindruck zu machen."

F e r d i n a n d , der bey der Frage des Onkels angstlich nach ihr hingeblickt hatte, erheiterte sich merklich bey dieser Antwort. Ihre Blicke begegneten einander, und beyde errotheten. Nun bat der Alte uns auch um die Erzahlung der Unglucksfalle, die mich und F e r d i n a n d den Raubern uberliefert hatten. "Es ist doch beynahe Morgen, sprach er, ich denke, wir alle wurden doch nicht viel schlafen konnen. Karoline wird uns Kaffee bestellen, und beym Trinken erzahlen Sie mir Ihre Fata."

"Die meinigen machen mir keine Ehre," antwortete F e r d i n a n d verlegen und stark errothend, im Grunde war ihm wohl das allerempfindlichste, dass er genothigt war, die Geschichte mit H e n r i e t t e n in W i l h e l m i n e n s Gegenwart zu erzahlen "aber ich hoffe, die Beschamung, die ich wahrend der Erzahlung meiner Vergehungen empfinden werde, wird mich auf mein ganzes ubriges Leben bessern."

Er erzahlte nun aufrichtig alle seine Begebenheiten, nebst dem Antheil, welchen ich daran hatte. Bey Erwahnung meines Namens errothete K a r o l i n e . Wahrscheinlich hatte sie mich von Dir einmal nennen horen, und der Name Deines Freundes rief Dein Andenken bey ihr zuruck. Am Ende der Erzahlung sprach F e r d i n a n d mit vieler Ruhrung von seinem Vater. Der geheimde Rath suchte ihn wegen seiner Gesinnung gegen denselben auszuforschen und schien zufrieden, dass F e r d i n a n d seinen Fehler bereute, dessen Straflichkeit und schlimme Folgen er ihm auf die sanfteste Art noch einleuchtender machte.

"Sie haben vieles wieder gut zu machen, junger Mann, damit Sie das Andenken Ihrer Vergehungen vertilgen. Bleiben Sie einige Tage bey mir. Wir wollen uber die Mittel nachdenken, durch welche Sie Ihren wurdigen Vater zu versohnen suchen mussen."

F e r d i n a n d war ausserst geruhrt. Der Alte gab nun K a r o l i n e n den Auftrag, W i l h e l m i n e n s Kleidung in die weibliche zu verwandeln, die ihr gebuhrte. Auch F e r d i n a n d entfernte er unter einem Vorwande, und winkte mir, da zu bleiben. Ich glaubte, dass auch er vielleicht um unsre Freundschaft wisse, und von Dir reden wolle, aber der liebenswurdige Mann hatte eine andre Ursache. Er sagte mir: dass F e r d i n a n d s Vater sein genauer Freund ware, dass er sich jetzt, Geschafte halber, nicht weit von hier aufhielte, und dass er die Absicht hatte, diesen sowohl, als seinen Bruder, W i l h e l m i n e n s Vater, holen zu lassen, und dann wolle er Vermittler der Aussohnung mit ihren Kindern seyn. Er wunsche aber, dass die jungen Leute noch nichts erfuhren, damit die Ueberraschung von beyden Theilen grosser ware. Er bat mich, ihm hierinn behulflich zu seyn, ohne dass K a r o l i n e etwas erfuhre, weil er furchtete, dass diese gegen ihre Freundinn nicht verschwiegen genug seyn wurde. Es wurden also sogleich Boten an beyde Vater abgeschickt. Als diese Veranstaltungen kaum getroffen waren, kam K a r o l i n e herein und fuhrte W i l h e l m i n e n ins Zimmer, die, als Madchen gekleidet, reizend schon aussah. F e r d i n a n d schien von ihrem Anblick bezaubert zu seyn, und betrachtete sie mit Entzucken. Die Zeit verstrich uns so angenehm, dass es mir ausserst schwer ward, mich loszureissen, um Dir zu schreiben. Ich muss Dir auch gestehen, dass ich schon oft in Versuchung gewesen bin, die Feder aus der Hand zu legen, und mich zu der Gesellschaft zu verfugen. Also nur noch ein paar Worte, welche die Freundschaft mir einflosst:

M a r i e ist fur Dich verloren, liebster E d u a r d . Du siehst deutlich, dass sie Dir nicht bestimmt war. K a r o l i n e liebt Dich noch. Ihr stilles Trauern, ihre Bewegung, wenn etwas vorkommt, das sie an Dich erinnert, zeigt dieses deutlich. Sie ist das liebenswurdigste Madchen, und ubertrifft jedes Ideal, das die entzuckende Phantasie des Dichters je zu entwerfen vermochte. Komm zu uns hieher, und bemuhe Dich, bey ihr alle Erinnerungen an M a r i e n , die ja doch nur ausserst schmerzhaft bey Dir seyn konnen, zu vergessen. Ich nehme es uber mich, den Alten auf Deine Seite zu bringen. Er denkt zu schon, als dass der letzte Vorfall mit Dir seine Achtung fur Dich sollte geschwacht haben. Hore auf meine Bitte, lieber Freund, und gieb K a r o l i n e n die Ruhe wieder, die sie um Dich verlor. Ihr Besitz wird Dich zum glucklichsten, beneidungswerthesten Manne machen! In der sichern Hoffnung, Dich bald zu umarmen, bleibe ich

Dein zartlichster Freund

Barthold.

Dreyundachtzigster Brief

Eduard an Barthold

Deine edelmuthige Freundschaft ruhrt mich, und erweckt die dankbarsten Empfindungen gegen Dich in meinem Herzen, aber mehr kann sie nicht bey mir hervorbringen. Ich werde M a r i e n hier nicht besitzen. Sie selbst hat diese Hoffnung auf immer vernichtet, und kein Wunsch nach ihrem Besitze bleibt mir mehr erlaubt. Aber dem ohngeachtet bin ich noch ganz der Ihrige. Ich liebe sie nicht mehr wie eine Sterbliche, ich verehre, ich bete sie an! Sie scheint mir nicht mehr ein menschliches Geschopf voll Mangel und Schwachheit zu seyn, sondern eine Verklarte des Himmels. Ihr himmlischer, sanfter Geist ist auch uber mich gekommen. Mein wuthender Schmerz ist gedampft, und stille Wehmuth ist an seine Stelle getreten. Oft zwar uberfallt er mich aufs neue, aber ein Gedanke an den Engel, ein Blick auf ihren trefflichen Brief, den Abdruck ihrer schonen Seele, und meine Wuth schmelzt in sanfte Thranen.

O du Engel des Himmels! warum musstest du hier ein so trauriges Schicksal erdulden? Gewiss liess es die weise Vorsehung zu, um durch dich ein Beyspiel des Heldenmuths im Leiden deinen Brudern zur Starkung zu geben! Theuerste Geliebte! ich will deinem grossen Vorbilde folgen, will mich demuthig dem Willen des Himmels unterwerfen, und mit dir auf jene Welt mich freuen, die ewig uns vereinigen soll!

Und nun noch eine Bitte an Dich, lieber B a r t h o l d ! Dringe nicht mehr K a r o l i n e n s wegen in mich. Ich schatze ihre Verdienste, aber mein Herz kann ich ihr nie geben. Es soll ein reiner Tempel bleiben, in welchem meine M a r i e wohnt, und alle seine Wunsche und Begierden sollen nur ihr gewidmet seyn. Ich fuhle, dass mit ihrem Leben auch das meinige zerreissen wird. Ihr himmlischer Geist wird bald in eine Welt ubergehen, die ihrer wurdiger ist als diese, und dann werden meine Gebete zu Gott dringen, dass er auch mich von der Burde des Korpers befreyen, und meinen Geist mit dem ihrigen zugleich hinnehmen moge!

Da, Freund! Ich habe Dir ihren Brief abgeschrieben. Diese Abschrift sey das letzte Denkmal, das ich Dir hinterlasse. Das Original soll mit mir in die Gruft gelegt werden, und mit meinem Herzen zugleich vermodern. Wehe Dir, wenn Du diese theuren Zuge liesest, ohne der Dulderinn eine Thrane zu weihen, und wenn Du dann noch fahig bist, mir eine Zeile von einer andern Geliebten zu schreiben!

Eduard.

Vierundachtzigster Brief

Barthold an Eduard

Nein, Freund! ich werde nicht mehr in Dich dringen. Ich fuhle mit Ueberzeugung, dass Du nach M a r i e n keine andre mehr lieben kannst. Ihr Brief hat mich durchdrungen. Ich sass in stummen Tiefsinn versenkt und von Bewundrung erfullt. Indem trat K a r o l i n e herein.

"Was macht Sie denn so tiefsinnig? Sie scheinen ja sehr geruhrt zu seyn."

"O Mademoiselle, Sie wurden es auch seyn, wenn Sie diesen Brief lasen."

"Darf ich es nicht?" sagte sie mit einer gewissen Beangstigung, als ahndete sie, wen er betrafe. Ich hielt es fur einen glucklichen Zeitpunkt, sie zu heilen, und alle Hoffnung zu zernichten, die sie vielleicht noch haben konnte.

"Er betrifft meinen Freund E d u a r d , der so glucklich war, einige Jahre bey Ihnen zuzubringen. Sie errothen, meine Theure? Sie brauchen sich der Empfindungen nicht zu schamen, die diese Rothe bey Ihnen hervorbringen. E d u a r d war ein liebenswurdiger Jungling, werth des Antheils einer schonen gefuhlvollen Seele, wie die Ihrige ist. Ich kusste ihre Hand und fuhrte sie zu einem Stuhl. Glauben Sie sicher, dass er immer mit der feinsten Achtung von Ihnen schrieb, und dass ihm seine Treue gegen M a r i e n manchen Kampf kostete."

"Seine Treue ist mir immer ehrwurdig gewesen. Ich

schame mich des Eindrucks nicht, den er auf mein unerfahrnes Herz machte; aber ich bin weit davon entfernt, zu wunschen, dass er um mich seine Erstgeliebte mochte vergessen haben. Er wurde mir sogar verachtlich gewesen seyn, wenn er es gekonnt hatte. Aber sagen Sie mir: war seine Geliebte so treu als er?"

Ich erzahlte ihr Deine Geschichte, und viele Thra

nen flossen uber Dein Schicksal. Ich zeigte ihr Deine letzten Briefe und den von M a r i e n .

"O Gott! rief sie aus welch eine Seele voll

Grosse und Edelmuth! Warum musste sie von dem Junglinge getrennt werden, der ihrer so werth war? Nein, ich wurde E d u a r d hassen, wenn er nach ihr noch eine andre lieben konnte. Ich werde mich nun weit leichter uber seinen Verlust beruhigen, da ich die selige erhabne Fassung M a r i e n s zum Vorbilde habe."

Ihr Onkel trat herein, und unterbrach sie.

"Nun was giebts? Ist ein neues Ungluck gesche

hen? Ihr seht ja beyde so weinerlich aus."

K a r o l i n e n s feines Gefuhl wurde zu sehr bey

einer nochmaligen Erzahlung gelitten haben. Sie gieng also hinaus, und ich sagte ihm die Ursache unsrer Ruhrung. Er sah die Geschichte mit andern Augen an als wir, und sagte mir vieles, das ich nicht wiederlegen konnte, mit dessen Wiederholung ich Dich aber nicht qualen will, weil ich glaube, dass solche Reflexionen doch fruchtlos bey Dir bleiben wurden. Er sprach aber doch noch mit vieler Liebe von Dir, und bedauerte, dass die schonen Anlagen, die Du doch wozu diese Wiederholung?

"Die Stelle, fuhr er fort, die ich ihm antrug, ist noch offen. Ich wunschte sie von einem Mann bekleidet zu sehen, der fahig genug ware, ihr gut vorzustehen. Sie haben mir eine vortheilhafte Meynung von Ihrem moralischen Werth beygebracht. Wollten Sie mir wohl durch ein kleines Examen Gelegenheit geben, Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse zu prufen?"

Ich dankte ihm geruhrt von seiner Gute, und er prufte mich mit so vielem Scharfsinn, dass ich erstaunte. Er war so gutig, mir seinen Beyfall zu geben, und fragte mich, ob ich wohl in der Verfassung zu seyn glaubte, die Stelle kunftige Woche antreten zu konnen?

Eine Versorgung hat mir also der gutige Himmel angewiesen, fruher als ich zu hoffen wagte; aber, Freund, ich habe noch andre lebhafte Wunsche, deren Erfullung mir mehr, als Ehre und Reichthum, am Herzen liegt! Doch ich vergesse ja unsern F e r d i n a n d und W i l h e l m i n e n .

Die beyden Vater kamen den Tag nach unsrer Ankunft fast zu gleicher Zeit an. Der geheimde Rath hatte die jungen Leute zu entfernen gewusst. Ich war unter einem Vorwand zu Hause geblieben, und war in einem Nebenzimmer, in welchem ich unbemerkt alles sehen und horen konnte. Beyde Alten waren sehr bekummert. Der geheimde Rath leitete zuerst das Gesprach auf W i l h e l m i n e n . Ihr Vater war noch unwillig auf sie. Sein trefflicher Bruder bemuhte sich aber durch allerley Vorstellungen sein Herz wieder zu zartlichen Vatergefuhlen fur sie zu stimmen, und als er merkte, dass seine Bemuhung gelang, wusste er ihm auch so sanfte treffende Vorwurfe uber seine zu grosse Harte, und uber die Sucht nach Reichthum, die ihn alle schlechte Eigenschaften des Herrn D. ubersehen liess, zu machen, dass er hochst geruhrt mit Thranen das Gelubde that, seine Tochter nie wieder zu einer Heyrath zu zwingen, wenn er so glucklich seyn sollte, sie jemals wieder zu sehen. Er furchtete aber, dass dieses Gluck ihm nicht mehr aufbehalten ware.

Seine Klagen machten, dass auch F e r d i n a n d s Vater den verlornen Sohn beweinte, und nun, da beyde in ruhrende Klagen ausbrachen, fuhrte sie der geheimde Rath ins Speisezimmer, und beyde erblickten ihre Kinder, die, von Freude und Schrecken durchdrungen, sich zu ihren Fussen warfen. Die ruhrende Scene, welche nun folgte, ist unbeschreiblich.

Unser F e r d i n a n d ist durch W i l h e l m i n e n s Umgang ganz umgeschaffen. Sein rauhes Wesen hat sich verloren; seine Sitten sind sanfter und milder geworden, und er ist jetzt ein liebenswurdiger Jungling. Aus seinem Betragen blickt die heftigste Liebe hervor; auch bey ihr ist der Eindruck nicht zu verkennen, den er auf ihr Herz gemacht hat. Ihre gegenseitige Neigung wurde beyden Eltern merklich. Sie waren vertraute Freunde. F e r d i n a n d war reich ein grosser Beweggrund bey W i l h e l m i n e n s Vater W i l h e l m i n e hat zwar nur mittelmassiges Vermogen, aber der alte S u d s b e r g hielt den Reichthum fur die unwesentlichste Eigenschaft bey seiner kunftigen Schwiegertochter. Die unentbehrlicheren zum Gluck seines Sohnes glaubte er bey ihr zu finden. Dieses alles waren Bewegungsgrunde genug auf beyden Seiten, um die Vater ebenfalls eine Verbindung ihrer Kinder wunschen zu lassen. Aber unser wurdiger geheimder Rath, weiser und durchschauender, als beyde, that jetzt den Ausspruch:

"F e r d i n a n d hat in seinem bisherigen Betragen nur den jungen Unbesonnenen ich wahle den gelindesten Ausdruck sehen lassen. Er muss erst durch edlere Thaten zeigen, dass er fahig ist ein guter Ehemann und ein nutzlicher Burger des Staats zu seyn, ehe er auf W i l h e l m i n e n Anspruche machen kann. Wir wollen ihm zwey Probejahre setzen, die er in ** zubringen soll. Ist, wahrend dieser Zeit, seine Auffuhrung untadelhaft, und sein Fleiss so gross, dass er das Versaumte einbringt, und alle die Kenntnisse erwirbt, die von ihm gefordert werden konnen; tilgt er ferner durch schone Handlungen den Schandfleck aus, den er auf sich gebracht hat: so kann, nach Verlauf dieser Zeit, die Grundlichkeit seiner Anspruche auf W i l h e l m i n e n von ihr selbst und ihrem Vater bestimmt werden. Auch werde ich dafur sorgen, ihm eine anstandige Bedienung zu verschaffen, wenn er meinen Wunschen ganz Genuge leistet. Aber ich werde ein strenger Richter seyn, sowohl in der Untersuchung seiner Auffuhrung, als in der Prufung seiner Kenntnisse. Ist die erste nur im mindesten zweydeutig, und die letzten mangelhaft: so ist W i l h e l m i n e fur ihn verloren. Finden Sie diesen Ausspruch zu hart?"

"O wie konnte ich Ihre weise Gute zu hart finden? Ich fuhle, dass ich mich der Liebe W i l h e l m i n e n s und meines Vaters, nebst der Achtung der Rechtschaffnen, unwerth gemacht habe; aber alle meine Krafte sollen kunftig nur dahin gehen, meine Fehler wieder gut zu machen. Ich musste kein menschliches Gefuhl haben, wenn ich je wieder vom guten Wege abfallen konnte, wenn nicht diese Gute, und die Verzeihung meines Vaters, meine ganze Seele durchdrange. Ob nach Verlauf der angesetzten Zeit das hochste Gluck in W i l h e l m i n e n s Armen mir bluhen wird, das mogen Sie, T h e u e r s t e , selbst bestimmen."

W i l h e l m i n e n s Blicke bestimmten dieses so ziemlich deutlich, und nun herrschte die Freude auf allen Gesichtern; nur auf K a r o l i n e n s Stirn stand noch eine Wolke, und auch in meinem Herzen ist noch so ein gewisses Etwas, welches mir den ganz unbefangnen Genuss der Freude untersagt.

Barthold.

Funfundachtzigster Brief

Amalie an Wildberg

Rathen Sie mir, W i l d b e r g . Ich weiss gar nicht, was ich mit A l b r e c h t anfangen soll. Er ist seit einiger Zeit so tiefsinnig, dass er oft halbe Stunden bey mir sitzen kann, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sieht er auf eine Stelle, und ist blind und taub bey allem, was vorgeht. Ich furchte, es kommen ihm allerley Erinnerungen von M a r i e n , die ihn so tiefsinnig machen. Wenn es mir nicht bald gelingt, ihn von seinen Grillen zu befreyen, so verzweifle ich fast, dass mein Plan, ihn zu heyrathen, durchgehen wird. Ich bin es auch beynahe mude, mich in seiner Gesellschaft zu ennuyiren, und so genirt zu leben, wie ich jetzt thun muss.

Ich habe einen allerliebsten jungen Englander, der sterblich in mich verliebt ist, mit dem ich aber sehr heimlich verfahren muss, damit A l b r e c h t nichts merkt. Neulich traf er ihn in meinem Zimmer an. Er machte gewaltig grosse Augen, und ich war auch etwas verlegen, so dass mein junger Liebhaber es merkte und fortgieng. Nun hatte ich tausend Fragen von A l b r e c h t auszustehen, und es kostete mir viel Muhe, ihn zu beruhigen. Dieses gelang mir nun zwar vollig, aber ein weit grosserer Kummer fur mich die Zeit verstrich, in der Sir B r e d o n mich zu besuchen pflegt, und er kam nicht, liess sich auch den ganzen andern Tag nicht sehen. Ich schickte unter dem Vorwand, ein Buch holen zu lassen, zu ihm, und da musste denn mein verschmitztes Madchen ihm so ganz von ohngefahr erzahlen, dass ich sehr unpass ware. Bey dieser Nachricht ist er lebhaft erschrocken, und kurz nachher trieb ihn seine angstliche Besorgniss fur mich her.

Ich empfieng ihn mit einem zartlichen Vorwurf uber sein langes Ausbleiben, und der junge Herr erwiederte: ich hatte gestern bey der Ankunft des fremden Herrn so verlegen geschienen, und dieser hatte sich bey seinem Anblicke so sonderbar genommen, dass er gefurchtet hatte, mich zu belastigen, wenn er so bald wiederkame.

Ich wusste denn meinem B r e d o n recht gut zu demonstriren, dass der fremde Herr ein Grobian ware, dessen Besuche ich, meines Widerwillens ohngeachtet, doch besondrer Connexionen wegen dulden musste, dass dieser Tropf es fur ein Verbrechen hielte, mit einem jungen Menschen zu reden, dass die Furcht vor seiner trocknen Moral mich etwas verlegen gemacht hatte, und dass ich auch unsers Umgangs wegen vieles erdulden mussen.

Dieses alles stellte ich ihm auf eine so einleuchtende Weise vor, dass seine Zartlichkeit noch starker angefacht wurde; und er belohnte mich mit einer reichen Uhr fur den Kummer, welchen er mir gemacht zu haben glaubte.

Sie sehen, W i l d b e r g , dass dieser Liebhaber nicht zu verachten ist. Wenn also A l b r e c h t nicht bald fortmacht, so werde ich alle meine Segel nach diesem Liebhaber ausspannen, um ihn in ein festes Garn zu knupfen. Ich will aber doch erst Ihren Rath erwarten. Antworten Sie also aufs schleunigste

Ihrer

Amalie.

N. S. Als ich diesen Brief nach Ihrem Hause schicke, erhalte ich die Antwort, dass Herr W i l d b e r g verreist ware. Und davon weiss ich kein Wort? Was gilts, Sie sind auf einem Ritterzuge nach Ihrer Prinzessinn. Ich hoffe doch aber, dass Sie den Abend wieder hier seyn werden, und will alsdann nochmals fragen lassen.

Sechsundachtzigster Brief

Wildberg an Amalien

Ihre Vermuthung war gegrundet, A m a l i e . Ich bin auf einer verliebten Reise gewesen, habe aber leider! nicht viel Trost erlangt. Es war mir unmoglich, langer zu leben, ohne M a r i e n zu sehen, oder Nachricht von ihr zu haben; auch furchtete ich, dass vielleicht mein Nebenbuhler seine Zeit bey ihr besser nutzen mochte, und Eifersucht und Liebe trieben mich nach ihrem Dorfe. Ich eilte ins Pfarrhaus; denn ich mochte mich nicht melden lassen, weil ich eine abschlagige Antwort befurchtete. Ich offne ein Zimmer, in welchem ich reden horte, und welch ein Anblick! Marie, oder vielmehr eine blasse abgeharmte Gestalt, mehr einem Geist ahnlich als ihr, einst der grossten Schonheit unsrer Stadt! sass auf einem Stuhl, lauter kleine Madchen mit Arbeitszeug um sie herum. Eins davon liess sie auf ihrem Schooss lesen; ein andres stand neben ihr, begierig wartend, bis die Gespielinn fertig ware.

Ich kann Ihnen meine Empfindung, mit welcher ich dieses alles ansah, nicht beschreiben. Vielleicht wurden Sie auch nur daruber spotten. Genug, ich hatte noch nie eine so starke Erschutterung gefuhlt. Sie blickte von ihrem Geschafte auf, welches sie anfangs mich wahrzunehmen gehindert hatte, sah mich, stiess einen lauten Schrey aus, und nun sturzte eine alte Frau nebst S o p h i e n herein. Sie zeigte nach der Thur, und die Alte fuhrte sie hinaus; denn sie vermochte nicht allein zu gehen. Die Kinder weinten, und S o p h i e sagte sehr ernsthaft zu mir:

"Mich wundert, Herr W i l d b e r g , wie Sie sich erdreisten konnen, meiner Frundinn unter die Augen zu treten. Ihr Anblick musste jetzt auch den argsten Bosewicht erschuttern, und ihn abhalten, die wenigen Tage ihres Lebens nicht noch mehr zu truben. Haben Sie noch einen kleinen Ueberrest menschlicher Gefuhle, so verlassen Sie das Haus, und entweihen diese Freystatt der leidenden Tugend nie wieder durch Ihre Gegenwart!"

"Mademoiselle, sagte ich wuthend, Sie wissen nicht "

"Mein Herr! Ihre Drohungen oder Schimpfreden, kurz, alles, was Sie mir sagen konnen, ist mir gleichgultig, und ich will Ihnen die Gelegenheit ersparen, Ihre Galle an mir auszuschutten."

Mit diesen Worten gieng sie hinaus, und liess mich in keiner ruhmlichen Verfassung da stehen. Ich machte mich fort, als ich sah, dass ich nichts ausrichten konnte, voller Aerger, dass ich gekommen war. Ich kann nicht laugnen, dass M a r i e n s elender Anblick allerley Empfindungen in mir erregte, aber den Nachrichten von ihrem nahen Tode messe ich keinen Glauben bey. Frauenzimmer sterben nicht von Kummer. Sie wird ihre Gesundheit und ihr Ansehen hier auf dem Lande wieder erlangen, wenn erst ihr heftiger Schmerz voruber ist. Bis dahin will ich mich gedulden, und dann die Sache schon anders einlenken; denn mein muss sie werden, es gehe wie es wolle. Ich liebe sie bis zur Raserey!

Seyn Sie A l b r e c h t s wegen nur unbesorgt. Er wird nicht umkehren, dafur lassen Sie mich nur sorgen. Verdoppeln Sie nur Ihre Zartlichkeit gegen ihn, oder spielen Sie auch einmal die Sprode. Sie kennen ja seine Schwache besser als ich. Ihr Projekt mit dem Englander taugt nichts. Als Liebhaber konnen Sie ihn immer behalten, wenn Sie es heimlich genug zu treiben wissen. Aber denken Sie ja nicht daran, dass er Sie jemals heyrathen wird. Und als Maitresse wurde er Ihrer bald satt werden, denn solche junge Fluchtlinge lieben die Veranderung. Bey A l b r e c h t gehen Sie weit sichrer. Ich habe das Vertrauen zu Ihrer mir bekannten Klugheit, dass Sie seine Grillen zerstreuen werden, sobald Sie nur wollen, und dass ich alles wieder im besten Zustand finden werde. Es wird Ihnen auch, falls es nothig seyn sollte, aus allen Kraften darinn beystehen

Ihr

ergebenster

Wildberg.

Siebenundachtzigster Brief

Albrecht an Wildberg

Ich bitte Dich um Gottes Willen, W i l d b e r g , reise zu M a r i e n , und gieb mir Nachricht von ihr. Der Gedanke an sie angstigt mich bestandig und lasst mir keinen ruhigen Augenblick. Gewiss, es war Unrecht, so gegen sie zu handeln, ohne einmal ihre Vertheidigung angehort zu haben, ohne selbst ihren Brief aufmerksam zu lesen! Und dieses Betragen gegen eine Frau, die immer so sanft, so nachgebend gegen mich war, an der ich nie einen schlechten Zug bemerkte. Die verdammte Empfindeley war ihr einziger Fehler. Ich kann Dir meine Unruhe nicht beschreiben. Schaffe mir doch schleunige Nachricht von ihr.

Albrecht.

Achtundachtzigster Brief

Wildberg an Albrecht

Ich bin Deinem Verlangen zuvorgekommen, lieber Freund! Ich war in dem Dorfe, in welchem M a r i e sich aufhalt, habe aber sie selbst nicht gesprochen; denn sie liess sagen: sie wolle niemand sehen, der mit dem verhassten A l b r e c h t in Verbindung stande. Die Nachricht von der Scheidung hat sie mit vieler Freude, und mit dem Ausruf: Nun sind ja alle meine Wunsche erfullt! angenommen. Sie hat auch gleich darauf an E d u a r d geschrieben, und man glaubt, sie werde nachstens mit ihm fortreisen. Sie soll jetzt sehr gesund aussehen, und viel muntrer seyn, als sonst.

Diese Nachrichten, welche ich von einer Bauerfrau einzog, die eine Vertraute der Pastorinn ist, werden Dich, wie ich hoffe, beruhigen. Wenigstens wusste ich nicht, wie Dich der Verlust einer Treulosen kranken konnte, die sich freut, Deiner los geworden zu seyn, bey der Du nur der Deckmantel ihrer Schande gewesen seyn wurdest. Gewiss ist Deine A m a l i e der winselnden M a r i e tausendmal vorzuziehen. Sie vereinigt das beste Herz mit vielem Verstande und grosser Lebhaftigkeit, und besitzt ein gewisses angenehmes Wesen, welches jedermann fur sie einnimmt. Es ist wahrhaftig zu bewundern, dass ein Madchen von so vielem Reiz Dir zwey Jahre lang treu blieb, und keinem andern Liebhaber Gehor gab. Dein ungerechter Verdacht gegen sie, um dessen willen Du Dich von ihr trenntest, hat ihr viel Thranen gekostet, und doch liebte sie Dich dem ohngeachtet stets mit gleicher Starke.

Bey meiner Seele! Du verdienst das Madchen nicht, wenn Du noch einen Augenblick bey Dir anstehen kannst, ihre treue Liebe zu belohnen. Lebe wohl, A l b r e c h t ! Ich hoffe Dich das nachste mal ohne die melancholischen Spleen zu finden, in welchen Du Deinen vorigen Brief schriebst.

Wildberg.

Neunundachtzigster Brief

Amalie an Wildberg

Dank sey es meiner Klugheit, und Ihrem gescheidten Briefe! A l b r e c h t ist wieder eben so verliebt, wie er jemals war. Ich sehe nun in Kurzem einer ernsthaften Verbindung mit ihm entgegen, die er selbst sehr lebhaft zu wunschen scheint. Sie sind ein vortrefflicher Mann, W i l d b e r g , und haben sich meisterhaft bey der Sache betragen. Er erwahnt auch seit Ihrem Briefe M a r i e n s gar nicht mehr, und scheint sie ganz aus seinem Herzen verbannt zu haben. In dem meinigen sitzt der liebenswurdige Englander desto fester, und ich erhole mich in seinen Armen auf die angenehmste Art von der Langenweile, die A l b r e c h t s Umgang mir macht. B r e d o n ist aber so gut von mir unterrichtet, dass er bey A l b r e c h t s Ankunft gleich in ein Nebenzimmer schlupft, damit dieser ja keinen Verdacht schopft.

Waren wir nur erst verheyrathet, so wollte ich mir wahrhaftig so viele Muhe nicht geben. Wenn er auch hinter meine Liebesgeschichten kame, und tobte und fluchte: was lage daran? Er sollte mir schon wiederkommen. Thun Sie ja das Ihrige, um die Hochzeit zu beschleunigen. Es wird mir sehr sauer, die zartliche Rolle noch langer bey ihm zu spielen.

Amalie.

Neunzigster Brief

Sophie an Julien

Der nichtswurdige W i l d b e r g musste auch noch dazu beytragen, meine M a r i e zu erschuttern! Nicht befriedigt dadurch, dass er ihren Mann gegen sie aufbrachte, und ihre Ehe trennte, kommt er auch noch an diesen einsamen Ort, um ihre Ruhe zu storen; aber dem Himmel sey Dank, dass er zu ohnmachtig dazu war. Bey seinem Anblick uberfiel sie zwar ein heftiges Schrecken, aber sie beruhigte sich doch bald wieder. Sie besitzt jetzt eine Heiterkeit der Seele, welche uns allen Bewundrung auspresst. Ihre Liebe zu E d u a r d lebt zwar noch immer in gleicher Starke bey ihr, aber sie ist ein sanftes Schmachten geworden, ohne die Heftigkeit, welche sie sonst hatte. Alle ihre Leidenschaften scheinen jetzt gemassigt zu seyn, und ihre einzige Freude besteht darinn, Gutes zu thun und sich in der Besiegung ihrer selbst zu uben. So sehr indessen ihre Seele mit jedem Tage grosser und erhabner zu werden scheint, so schwinden doch die Krafte ihres Korpers immer mehr. Ach ich furchte, dass sie nicht lange mehr bey uns seyn wird. Aber ob sie gleich dem Tode mit lebhafter Freude entgegen sieht, so widersetzt sie sich doch dem Gebrauch der Mittel nicht, die ihr Leben noch langer erhalten konnen.

"Das Leben, sagt sie, ist ein Geschenk, das Gott aus Gute mir gab. Ich darf diese Gute nicht mit Undank belohnen, und es ist meine Pflicht, alle die Mittel sorgfaltig zu gebrauchen, die er zur Erhaltung desselben mir schenkte. Er muss seine weisen Absichten dabey haben, es mir so lange zu lassen; vielleicht will er meine Geduld prufen; vielleicht hat er auch meine Leiden bloss darum uber mich verhangt, um mich wieder zu sich zu ziehen, da ich von ihm abgefallen war. Ach Sophie! ich fuhle es, dass Leiden unser Herz sehr bessern. Sie lassen uns unsre Abhangigkeit von Gott starker fuhlen, lassen es uns empfinden, dass wir nur schwache Geschopfe sind, die ohne ihn nichts vermogen. Sie starken unsre Menschenliebe, und unser Theilnehmen an dem Elend andrer, welches im Glukke so wenig Eindruck auf uns macht. O! ich will mich bemuhen, deine Gute, mein Schopfer, zu erkennen, die vielleicht mein Schicksal besser leitete, als Menschen es dachten; und ob gleich meine lebhaften Wunsche auf jene Ewigkeit gerichtet sind, so will ich doch nicht gegen deine Fugung murren, und geduldig so lange hienieden wandeln, als es dir gefallt. O meine S o p h i e , wie danke ich Gott, dass er diesen heitern Abend auf den kummervollen Tag meines Lebens folgen liess! Wusste ich nur, dass E d u a r d eben diese Beruhigung fuhlte, dass er kein Raub der heftigen Leidenschaft ware! Dieser Gedanke ist das einzige, was mich noch qualt."

Ich beruhigte sie uber diesen Punkt; denn ich hatte auch wirklich erfahren, dass er nicht mehr, wie sonst, wuthend im Zimmer umher gienge, und alles vernichtete, was ihm in die Hande geriethe. Sein Wirth hat ihn sonst fur wahnsinnig gehalten und ist einige mal im Begriff gewesen, ihn binden zu lassen; aber jetzt ist er ganz ruhig, sitzt oft einige Stunden, und sieht immer auf eine Stelle, bemerkt es auch nicht, wenn jemand ins Zimmer kommt, oder heraus geht. Indessen ist er doch viel sanfter, spricht auch zuweilen mit den Leuten im Hause sonst konnte er keine Menschen leiden besonders beschaftigt er sich mit dem kleinen Knaben seines Wirths. Alle seine Handlungen haben das Geprage einer stillen Melancholie, ohne die rasende Heftigkeit, welche er sonst zeigte.

Sagen Sie doch meinem Onkel: es ware mir unmoglich, wieder zur Stadt zuruckzukehren. Diese Schule des Leidens ist zu lehrreich fur mich, und von zu grossem Vortheil fur mein Herz, als dass ich sie verlassen konnte, wenn auch meine Liebe zu M a r i e n nicht so gross ware, als sie ist. Ich halte jeden Augenblick fur verloren, den ich nicht bey ihr zubringe, und ich stehle nur die Zeit zum Schreiben, wenn sie schlaft, oder auf eine andre Art beschaftigt ist, die mir keine Unterhaltung mit ihr erlaubt.

Sophie.

Einundneunzigster Brief

Wilhelm an Karlsheim

Du hast mir so lange nicht geschrieben, liebster Freund, und Deine Briefe sind mir doch jetzt noch weit interessanter, als jemals, weil ich immer hoffe, ein Wortchen von dem Frauenzimmer darinn zu finden, welches ich mit so inniger Werthschatzung verehre. Ich bin jetzt nicht im Stande die Halfte von den Geschaften zu verrichten, wie sonst. Immer schwebt mir S o p h i e auf dem Papier, und ich lasse die Feder aus der Hand fallen, um mich meinen Phantasien zu uberlassen, und jede ihrer Reden, ihrer kleinsten Handlungen mir zuruckzurufen. Dann ist eine Stunde mir verstrichen, ehe ichs weiss, und mein Bogen Papier ist noch so ledig als vorher.

So geht es mir mit allen Geschaften. Oft, wenn Leute bey mir sind, um mir Sachen vorzutragen, scheine ich tief nachdenkend sie anzuhoren, und wenn die Erzahlung zu Ende ist, und sie mich um meine Meynung fragen, antworte ich oft so verkehrt, dass die guten Leute mich mit Erstaunen ansehen, und zuweilen scheinen ihre Mienen deutlich zu sagen, dass sie glauben, es sey in meinem Gehirn nicht ganz richtig. Mit dem L'hombrespiel, welches sonst mein Lieblingszeitvertreib war, und mich in faden Gesellschaften vor der Langenweile schutzte, darf ich mich gar nicht mehr abgeben, und da dieses eine Hauptbeschaftigung unsrer Zusammenkunfte ist, so spiele ich jetzt meistens den Einsiedler, zumal da unsre Gesellschaften mir jetzt mehr als jemals langweilig sind. Die schalen Witzeleyen unsrer Damen erfullen mich mit Ekel, wenn ich den lebhaften ungekunstelten Witz meiner S o p h i e mit ihrem Geplapper vergleiche.

Meiner Sophie sage ich? Gott! und vielleicht bin ich ihr ganz gleichgultig, der unbedeutendste Mensch fur sie! Wie glucklich wurde ich mein Schicksal preisen, wenn sie nur ein Zehntheil der innigen Liebe fuhlte, die ich fur sie hege! Bitte doch Deine J u l i e , ihre Gesinnung gegen mich zu erforschen, und gieb mir Nachricht, ob ich hoffen darf. Die Zeit bis dahin wird fur mich die unruhigste seyn, die ich je verlebte. Saume also nicht, mir so bald moglich wieder zu schreiben.

Dein

sehnlichwartender Freund

Wilhelm.

Zweyundneunzigster Brief

Julie an Sophien

Ihre Nachrichten von M a r i e n haben mich sehr geruhrt. Mochte die sanfte Dulderinn doch schon uberwunden haben! Ich bin beym Lesen dieses Briefs ausserst erschuttert worden, und noch jetzt kann ich meine Thranen nicht zuruckhalten, wenn ich an sie denke. Sie verdient die grosste Bewundrung, und wird noch bey der Nachwelt ein Gegenstand derselben seyn! Ich verdenke es Ihnen gar nicht, liebe S o p h i e , dass Sie noch jeden Augenblick ihres Lebens bey ihr zuzubringen wunschen, und habe Ihren Onkel (Nein, sagte er anfangs, das Madchen wird mir ganz melancholisch, wenn sie noch langer da bleibt ) bewogen, darein zu willigen.

Ach S o p h i e ! Ihre Freundinn hat wohl Recht, dass sie die Schule des Leidens fur die beste halt. Es ist gewiss, dass der ganze Charakter durch Leiden viel sanfter und biegsamer gemacht wird. Bey einigen wenigen nur hat es die Wirkung, sie bitter und menschenfeindlich zu machen; bey diesen aber ist auch gewiss die ganze Grundlage des Charakters nicht gut gewesen. Menschen, auch von den besten Anlagen, welche die Vergnugungen des Lebens geniessen, ohne je durch Unglucksfalle gestort zu werden, werden dadurch leichtsinnig, betrachten ihre Nebenmenschen nur als Geschopfe, geschaffen um sie zu vergnugen, und fuhlen kein wahres Theilnehmen an dem Elend andrer. Es ist unangenehm, sich durch solche traurige Anblicke im Genuss des Vergnugens storen zu lassen, und sie eilen wenigstens diese Eindrucke wieder wegzuschaffen, ehe sie auf ihr Herz haben wirken konnen.

Auch der Genuss des Glucks selbst verliert von seinem Werth bey uns, wenn er gar nicht unterbrochen wird, und wir uns also daran gewohnen; denn es geht uns Menschen ja mit allen Dingen so. Sie ekeln uns, wenn wir sie zu haufig geniessen. Wir sind mit unsern Wunschen wie die Kinder. Sie verlangen ein Spielzeug, bitten, weinen und larmen, ehe sie es erhalten. Haben sie es einmal, so spielen sie eine kurze Zeit damit, werfen es dann in einen Winkel, und lassen es ruhig liegen, bis ein andrer es wegnehmen will; dann pflegt ihre Lust aufs neue zu erwachen. So wie man nun dem Kinde das Vergnugen an einer Sache lange erhalten kann, wenn man ihm den Genuss davon nur selten, und nicht jedesmal, wenn es darum bittet, erlaubt, so sollten wir Menschen auch uns dieses Mittels bedienen.

In der Liebe, glaube ich, wurde es von dem grossten Nutzen seyn, und ein Madchen wurde die Neigung ihres Verehrers auch in der Ehe lange erhalten konnen, wenn sie klug genug ware. Gewohnlich aber handeln die Madchen so, als wenn sie es recht darauf anlegten, diese Liebe in den ersten Monaten zu vernichten. Hat eine Schone einmal einen begunstigten Liebhaber, so ist der Zartlichkeit kein Ende. Sie bringen den ganzen Tag mit Liebkosungen zu; oft kommt sie ihm auch wohl damit entgegen, dringt sich ihm gar auf; wenn er weggeht, so bittet sie ihn aufs dringendste, bald wieder zu kommen. Macht er einmal eine Einwendung, so zweifelt sie an seiner Liebe, raumt alle Hindernisse aus dem Wege, damit er keins zu ubersteigen findet, und so ist er ihrer bey der Hochzeit wenn er nicht fruher zurucktritt schon halb satt. Nun hat sie ihn. Der arme Mann! Er muss den ganzen Tag bey ihr seyn, bestandig von Liebe sprechen, sie mit Kussen beynahe ersticken, sonst bekommt er Vorwurfe uber seine Kalte.

So bringt man mit Muhe kaum die Flitterwochen hin, und beyde Theile sind einer des andern so herzlich satt, dass sie, um sich zu amusiren, stets fremde Gesellschaft suchen mussen. Die junge Frau, nun einmal an das Liebeln gewohnt, sehnt sich bald nach einem neuen Gegenstande. Dieser findet sich leicht. Ist er seiner Aufwartung uberdrussig: so kommt ein andrer wieder, und so geht es immer fort. Das Hauswesen liegt ruhig. Wer wollte sich bey dem Kuchenfeuer den Teint verderben? mit Schmuz von Topfen die weissen Hande besudeln, welche die jungen Herren so gern kussen? Wurde nicht der unappetitliche Geruch von der Kuche ihre Nasen beleidigen?

Hat sie Kinder, so bekommen sie Ammen. Denn wer wollte wohl durch Saugen die Schonheit des Busens verderben, nach welchem durch die dunne Verschleyerung so viele Blicke hinschielen? Die Kinder befinden sich ja auch bey Ammen besser. Man kann sich ja des Stillens wegen nicht einsperren, sich ja nicht den Ballen und dergleichen Lustbarkeiten, welche die Milch erhitzen und verderben, entziehen? Die Amme aber kann das, die wird ja dafur bezahlt. Eben so geht es nachher mit der Erziehung und mit allem. Und der Thorinn, die so handelte, wird dafur ein freudenleeres Alter, das sie oft unter der druckenden Burde der Armuth hinschleppen muss. Keiner der Thoren, die sonst sie vergotterten, keine Gesellschaft, deren Seele sie ehemals zu seyn schien, in welcher man mit Freundschaft und schmeichelnden Liebkosungen sie uberhaufte, wurdigt sie jetzt eines Blicks. Im Leben verachtet, stirbt sie auch unbemerkt. Man tragt ihre Leiche hinaus, und niemand weint eine stille mitleidige Thrane auf ihr Grab. Auch das Schicksal ihres Mannes ist nicht viel besser. Entweder ergiebt er sich ebenfalls einem ausschweifenden Leben, und sucht die Unterhaltung bey Fremden, welche er bey seiner Gattinn nicht findet, oder er harmt sich ab, und ein fruher Tod ist die Folge seines stillen Grams.

Eine weit glucklichere Ehe konnte durch ein klugeres Betragen ein Madchen sich und ihrem Gatten schaffen. Sie musste ihren Liebhaber etwas entfernter halten, sich von ihm um einen Besuch als um eine Gefalligkeit bitten lassen, und nicht in jeder Stunde ihm den Zutritt erlauben. Sie musste sorgen, dass auch andre Unterhaltungen als Kussen und Tandeln unter ihnen Statt fanden. Sie muss ihrem Liebhaber Achtung einzuflossen suchen. Ehrerbietung fur ihre Tugend von seiner Seite, und Schamhaftigkeit von der ihrigen, sind die besten Mittel, ihre Unschuld zu sichern. Sie darf nie Zweydeutigkeiten anhoren und bloss lacheln, oder nur ein scherzhaftes: Pfuy doch! sagen. Ein Frauenzimmer, das gleichgultig oder gar mit Wohlgefallen Zweydeutigkeiten anhort, wird den Mannern verachtlich, und wenn man einen jungen Mann in Gegenwart seiner Geliebten freye Reden fuhren hort, so kann man sicher schliessen, dass ihr Umgang seine Reinigkeit verloren hat. Sind solche Reden nicht an das Frauenzimmer selbst gerichtet, so ist es am besten, wenn sie thut, als bemerkte sie dieselben gar nicht. Ist man aber so unverschamt, ihr selbst so etwas zu sagen, so wird ein verachtlicher Blick ohne weitere Antwort das Beste seyn. Ein Madchen muss, dunkt mich, wenn sie merkt, dass Unanstandigkeiten gesagt werden, auf eine schickliche Art das Zimmer verlassen, und in Zukunft sich mit grosserer Zuruckhaltung gegen den betragen, der einen solchen Ton anfieng.

Ist ein Madchen genothigt, viele Stunden des Tags mit ihrem Liebhaber zuzubringen, so sind wohl die besten Gegenmittel, um das Allzueinformige ihres Umgangs zu verhuten, diese, dass sie sich in Musik, Malerey, Naturgeschichte, Sprachen oder etwas dergleichen, welches er besser versteht als sie, unterrichten lasst. Oder geht dieses nicht an, so suche sie, durch gemeinschafliches Lesen, auch wohl durch Schach und andere solche Spiele, den Geist auf eine angenehme und nutzliche Art zu beschaftigen. Auch im Ehestande sind diese Mittel sehr gut, um den Mann stets Geschmack an der Gesellschaft seiner Frau finden zu lassen. Und das ist doch wohl das beste eheliche Gluck, wenn beyde Theile das grosste Vergnugen in ihrem gegenseitigen Umgange schmecken? Da dieses aber wirklich bey dem steten Zusammenseyn unter ihnen schwer ist, so sind solche Mittel um desto nothwendiger. Sie mussen auch beym Anfang der Ehe sogleich ihre Geschafte besorgen, damit sie nicht den Magen so sehr mit Sussigkeiten uberladen, dass ihnen nachher auf immer davor ekelt.

Nun wahrhaftig! der Bogen ist beynahe voll, und meine S o p h i e lacht gewiss uber die Moralistinn. Ich will auch kein Wortchen mehr sagen, und von einer andern Sache anfangen. Es ist zwar dazu jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, aber ich kann dem vielen Drangen nicht langer widerstehen.

Es giebt einen jungen Mann, der Sie heftig liebt, meine Freundinn, und sein Schicksal mit dem Ihrigen zu verbinden wunscht. Rathen Sie ihn nicht? Nicht? Aber, liebes Kind, warum errothen Sie denn? Nun wenn Sie denn seinen Namen gar nicht rathen konnen: so muss ich ihn wohl aufs Papier schreiben. Er heisst: W i l h e l m . Ich kenne ihn von einer sehr vorzuglichen Seite, und bemerkte bey ihm bald nach seiner Ankunft unverkennbare Zeichen von Leidenschaft fur Sie. Auch Sie fallten ein gunstiges Urtheil von ihm; also entstand bey mir der Wunsch, ein paar Menschen, die einer des andern so werth zu seyn schienen, naher vereinigt zu sehen. Sie schlossen aus einem Ringe zu Ihrer Beruhigung melde ich Ihnen hiemit, dass es das Portrait seiner Schwester ist dass er versprochen ware. Ich widersprach dieser Vermuthung nicht, weil sie mir gunstig schien, um ihm Ihre Freundschaft zu verschaffen, wenn Sie sich im Punkt der Liebe sicher bey ihm glaubten.

Sie verzeihen mir doch diese unschuldige List, liebe S o p h i e ? Sie werden am besten von seiner Liebe urtheilen konnen, wenn Sie beyliegenden Brief lesen, welchen er an meinen Mann schrieb. Ich versiegelte ihn, damit Sie denselben nicht, ohne vorbereitet zu seyn, lesen sollten. Wilhelm ist ein Mensch von dem edelsten Charakter, von seltner Wissenschaft und von ausserordentlichem Fleiss. Von dem Angenehmen seines Umgangs konnen Sie selbst urtheilen. Andre Ueberredungsgrunde will ich Ihnen nicht schreiben. Ihr Herz muss seine Antwort bestimmen. Schreiben Sie mir doch recht bald wieder, meine S o p h i e . Ich sehne mich immer von unsrer M a r i o Nachricht zu haben, und nehme den lebhaftesten Antheil an allem, was sie betrifft. K a r l s h e i m , welcher sich Ihnen empfiehlt, drangt mich zu schliessen. Ich schreibe also nur noch den Namen

Ihrer

Julie.

Dreyundneunzigster Brief

Sophie an Julien

Vielen Dank fur Ihren schonen Brief, meine Julie. Er hat mich zu lehrreichen Betrachtungen veranlasst. Nicht ganz so zufrieden aber bin ich mit dem zweyten Theil Ihres Briefs; denn in meiner jetzigen Lage wird es mir sehr schwer, einen solchen Antrag zu beantworten. Ich will Ihnen den Eindruck nicht laugnen, den W i l h e l m auf mich gemacht hat. Ich halte ihn fur einen in allem Betracht liebenswurdigen Mann, aber es ist mir schlechterdings unmoglich, jetzt eine neue Liebe anzufangen; denn der Anblick meiner leidenden Freundinn lasst meinem Herzen die dazu erforderliche Stimmung nicht zu. Weil aber M a r i e selbst sowohl als Sie, meine Freundinn, so sehr vielen Antheil an dieser Sache zu nehmen scheinen: so halte ich es auch in dem Betracht fur meine Pflicht, eine so bestimmte Antwort zu geben, als mir in meiner jetzigen Lage moglich ist:

Hat W i l h e l m Beharrlichkeit genug, mir eine Zeit lang, deren Dauer ich nicht bestimmen kann, treu zu bleiben, ohne auf eine gewisse Entscheidung zu dringen, und ist mein Herz unterdessen wieder fahig geworden, die Freuden der Liebe zu geniessen: so werde ich in ihm den Mann zu wahlen glauben, mit welchem ich unter allen am glucklichsten leben zu konnen hoffe. Eine ausdrucklichere Erklarung kann ich jetzt nicht geben, und ich traue es der Feinheit meiner J u l i e zu, dass sie uber diesen Punkt nicht weiter in mich dringen wird. M a r i e n s immer zunehmende Schwache verstattet mir nicht, sie langer zu verlassen. Ich schliesse also diesen Brief.

Sophie.

Vierundneunzigster Brief

Julie an Sophien

Ungeduld und Liebe hatten W i l h e l m selbst zu uns getrieben. Er war zwar gegenwartig, als Ihr Brief ankam, und seine Angst und Unruhe war sehr merklich. Ich wollte ihn ein Bisschen angstigen, und legte sorglos den Brief hin, ohne ihn zu lesen, und gab vor, dass ich noch erst einige Geschafte zu besorgen hatte. Nun bat er mich himmelhoch, beynahe kniend, doch erst den Brief zu offnen. Wahrend dass ich ihn las, verwandte er kein Auge von mir, als glaubte er, der Inhalt ware auch auf mein Gesicht geschrieben. ich wollte ihn noch ein wenig angstigen, aber er machte mich so weichherzig, dass ich ihm den Brief hingab. Nun war er vor Entzuckung ausser sich, und gab mir so feste feurige Versichrungen seiner ewigen Liebe und Treue, als ware ich selbst seine Geliebte gewesen. Er will in Geduld und Demuth Ihre vollige Entscheidung erwarten; denn er glaubt, S o p h i e n s Besitz konne mit keinem Preise in der Welt zu theuer bezahlt werden. Doch, wenn ich alle seine Ausrufungen wiederholen wollte, so wurde dieser Bogen nicht hinreichen, und meine Feder wurde auch nicht fahig seyn, ihnen den Reiz zu geben, den sie aus seinem Munde Die junge Rathinn L..n, ist die einzige, mit welcher Leben Sie wohl, meine S o p h i e ! W i l h e l m untersteht sich nicht an Sie zu schreiben, wunschte aber sehnlich, es wagen zu durfen. Es ist mir unmoglich, Ihnen alles das bekannt zu machen, was er an Sie mir auftrug. Wollen Sie es also durchaus wissen: so mussen Sie ihm die Erlaubniss geben, es Ihnen selbst zu sagen. Bis dahin mag Ihr Scharfsinn es errathen.

Julie.

Funfundneunzigster Brief

Amalie an Wildberg

Morgen wird unsre Hochzeit seyn! Dem Himmel sey Dank, dass ich nun bald meiner beschwerlichen Verstellung uberhoben seyn werde! B r e d o n wird grosse Augen machen, wenn er wieder von der braunschweiger Messe zuruckkommt, und mich verheyrathet findet. Doch ich werde ihm die Sache von einer solchen Seite vorzustellen wissen, dass seine Liebe zu mir noch heftiger werden soll, wenn das moglich ist; denn er liebt mich bis zum Unsinn.

Unsre Verbindung macht hier gewaltiges Aufsehen, und man spricht nicht vortheilhaft davon. Mag man doch schwatzen, was man will, wenn ich nur erst A l b r e c h t s Frau bin, so bekummre ich mich um alles das nicht. Sie werden doch morgen den Tag feyern helfen, der das Ziel meiner Wunsche, und das Grab meiner verstellten Zartlichkeit gegen A l b r e c h t seyn wird? Der Tropf! Wie muss ich uber die Einfalt lachen, mit welcher er glaubt, ich sey wirklich in ihn verliebt! Ich mich in einem solchen Pinsel verlieben? Hohoho! Doch die Augen sollen ihm halb geoffnet werden.

Amalie.

Sechsundneunzigster Brief

Barthold an Eduard

Bester Freund! konntest Du doch Theil an meiner Freude nehmen! Konnte ich doch an meine Brust Dich drucken, und Dir alle selige Empfindungen meines Herzens mittheilen! Ich bin der glucklichste Mensch: Karoline, das himmlische Geschopf, ist mein! Ich will mich zu einer ordentlichen Erzahlung zwingen, obgleich in meinem Kopfe alles verwirrt unter einander liegt.

Mit jedem male, da ich K a r o l i n e n sah, mehrte sich meine Liebe und mein Kummer. Wenn sie mit liebenswurdigem Fleisse jedem weiblichen Geschafte unnachahmliche Anmuth mittheilte, wenn sie mit ihrer sanften Stimme die Leidenden trostete, und durch Leutseligkeit ihrem Almosen doppelten Werth gab, so betrachtete ich sie mit Entzucken. Aber bald schlug mich der Gedanke nieder: dieser weibliche Engel wird nie dein werden; ihr Herz ist gewiss keines andern Eindrucks der Liebe mehr fahig. So dachte ich, kusste mit einem Seufzer ihre Hand, und verliess einen Ort, der fur meine Ruhe so gefahrlich war.

Ihr Onkel fragte mich, warum ich so selten kame. Mit Errothen entdeckte ich ihm nach einigen vergeblichen Ausfluchten die wahre Ursache. Der vortreffliche Greis umarmte mich:

"Sie besitzen alle die Eigenschaften, die ich an dem Gatten meiner Nichte zu finden wunschte, und ich mochte auch gern bey meinem Leben noch das Madchen verheyrathet sehen. Sagen Sie ihr selbst Ihren Antrag."

"Ach Gott! das ist mir nicht moglich. Wenn meine Dreistigkeit sie beleidigte

"Possen! Durch dergleichen beleidigt man kein Madchen. Doch, wie Sie wollen. Ich kann ihr auch selbst die Sache vortragen, und, wenn sie ja Zweifel haben sollte, sie besser allein, als in Ihrem Beyseyn, widerlegen."

"O wie soll ich diese Gute mit genugsamer Dankbarkeit erwiedern? Und wann soll ich wiederkommen, um die Entscheidung meines Schicksals zu horen?"

"Sobald Sie wollen."

Ich gieng und durchwachte die angstlichste Nacht meines Lebens. Mit dem aufgehenden Tage ritt ich von dannen und kam so fruh nach dem Gute, dass ich mich fast schamte, und bey mir uberlegte, ob ich nicht noch eine Weile vor dem Thore warten wollte. Ich sah nach meiner Uhr, und nie war sie mir so unertraglich langsam gegangen. Endlich gieng ich ins Haus. Der geheimde Rath rauchte eben sein Morgenpfeifchen, und lachelte uber meine Eilfertigkeit. Er hatte seiner Nichte meine Wunsche gesagt, und aus ihrer Verlegenheit geschlossen, dass sie ihr nicht gleichgultig waren. E d u a r d , welche himmlischen Tone fur mein Ohr! Sie hatte sich eine Stunde Bedenkzeit ausgebeten, und dann ihm gesagt: Meine bescheidne Liebe hatte schon lange Eindruck auf sie gemacht, und sie glaubte in mir den Mann zu finden, mit dem sie glucklich seyn wurde; nur bate sie sich noch einige Zeit aus, um alle ehemaligen Eindrucke vollig aus ihrem Herzen zu vertilgen, damit sie es mir ganz rein uberliefern konnte.

Mein Entzucken gieng uber alle Beschreibung. Ich suchte nun sie selbst auf. Sie war im Garten, und, ohngeachtet es kaum sieben Uhr war, schon vollkommen anstandig gekleidet. Sie hatte einen Korb am Arm, in welchen sie Gartenfruchte pfluckte, und bemerkte mich Anfangs nicht. Als sie mich sah, errothete sie sanft, und kam mit unbeschreiblicher Anmuth mir entgegen. Die Empfindung, mit welcher ich nun die schone Hand kusste, die bald mein werden sollte, ihre reizende Verlegenheit bey dem ungewohnten Feuer meines Kusses, das unschuldige Errothen, mit dem sie zum erstenmal meine heisse Wange an der ihrigen fuhlte, die Freudenthrane, die aus dem Auge des Alten drang alles das vermag meine Feder nicht zu schreiben! Dir, Allwissender, sind die stummen Gefuhle des Danks bekannt, welche ich auf meinen Knien zu dir hinauf sandte. Starke du mich, Gutigster, die neubefestigten Vorsatze zur Tugend auszufuhren, die mein Herz dir gelobte.

Meine Seele ist zu gedrangt von allem dem, was ich fuhle. Lebe wohl, bester Freund.

Dein

Barthold.

N. S. Eben erhalte ich Briefe von unserm alten Freunde K l e i n e r t . Er meldet mir, dass H e n r i e t t e n s Mutter gestorben ist; dass die Glaubiger H e n r i e t t e n aus dem Hause getrieben haben, dass sie auf einem elenden Dachkammerchen mit einem erbarmlichen Knaben niedergekommen ist, und in ausserster Armuth und Verzweiflung fast ohne alle Unterstutzung lebt. Gott! wie folgt doch schon hier die Strafe dem Verbrechen so bald nach! Oder vielmehr: wie fuhrt jedes Vergehen seine naturlichen harten Folgen hinter sich! Glucklich, wer noch so gerettet wird, wie unser F e r d i n a n d ! Er war aber auch wegen seiner Jugend und seines Mangels an Erfahrung mehr zu entschuldigen. Er ist jetzt sehr fleissig, und ich hoffe, dass er auf immer vor ahnlichen Vergehungen gesichert seyn wird.

Siebenundneunzigster Brief

Albrecht an Wildberg

Ich bin nun, Deinem Rathe gemass, verheyrathet, aber ich wollte, ich ware es nicht. Meiner Frau Betragen hat sich seit ein paar Tagen so sehr verandert, dass sie mir gar dieselbe Person nicht mehr zu seyn scheint. Sie ist jetzt auffahrend bey der kleinsten Erinnerung, die ich ihr mache, und hochst eigensinnig.

M a r i e besorgte doch meine Haushaltung selbst, und gab in vier ganzen Wochen nicht so viel Geld aus, als jetzt in einer einzigen ausgegeben wird. Sie hielt es auch fur keine Schande, selbst zu kochen, und war immer besorgt, mir meine Lieblingsspeisen zu bereiten. Sie stand fruh auf, und war dann gleich fur den Tag nett und ordentlich gekleidet. Ich habe sie auch nie auf das Gesinde schelten horen, und doch thaten alle, was sie sollten, und liebten sie ausserordentlich.

Welch ein Unterschied ist das jetzt! Ich habe ausser den vorigen Domestiquen noch eine Kochinn und ein Putzmadchen annehmen mussen; denn meine Frau geht nicht anders in die Kuche, als um zu larmen, und den Madchen Ohrfeigen zu geben. K a t h r i n e , die ich drey Jahre lang im Dienst hatte, ist gestern fortgelaufen, weil sie die jetzige Begegnung nicht ertragen konne, da sie es bey ihrer vorigen Frau ganz anders gewohnt gewesen sey. A m a l i e steht des M o r g e n s nie vor neun Uhr auf; dann zieht sie ein buhlerisches ich muss es so nennen Morgenkleid an, trinkt Kaffee und Thee, und bringt den ubrigen Morgen vor dem Fenster und Spiegel zu. Des Mittags muss immer jemand mit uns speisen, weil wie sie sagt eine Mahlzeit bloss unter Eheleuten eine langweilige P a r t h i e sey. Des Nachmittags hat sie Gesellschaft, oder geht aus, und dann geht man vor eilf bis zwolf Uhr nie auseinander. Ich habe das Ding bisher schweigend angesehen und geglaubt, sie wurde es bald von selbst uberdrussig werden; aber heute ubernahm es mich, als J o h a n n herauf kam und mir den Vorfall mit K a t h r i n e n meldete.

Ja setzte er hinzu ich wollte, unsre, bald hatte ich gesagt, selige, Frau ware noch hier. Du lieber Gott, was ist das fur ein Unterschied gegen diese! Wie gut und liebreich war sie gegen uns! Ich hatte wollen durchs Feuer fur sie laufen. Ach! wenn ich noch daran denke, so gehen mir die Augen uber. Gestern sprach ich einen Bauer aus ihrem Dorfe, der sagte, sie sahe so elend aus wie ein Schatten.

"Wie? sie ware noch in dem Dorfe?"

"Ja freylich. Er wusste nicht genug von ihr zu ruhmen, wie sie immer die kleinen Kinder beten liesse, und "

"Schweig davon, J o h a n n , ich mag nichts horen."

"Haben Sie sie denn so ganz vergessen? Ach, lieber Herr, davon ware viel zu sagen. Es giebt so gewisse Leute, doch Sie wollen nichts horen. Aber sie meynte es gewiss recht gut mit Ihnen. Wenn sie mir etwas zu thun befahl, und Sie riefen, so sagte sie: lasst dieses liegen, und geht geschwind zu euerm Herrn, und wenn ihr denn seinen Befehl ausgerichtet habt, so kommt wieder; ich will so lange warten. Aber die neue Madam hatte mir gestern beynahe ein paar Ohrfeigen gegeben, als sie mich ausschicken wollte, und als ich, wie Sie mich riefen, erst zuhoren wollte, was Sie verlangten. Ich weiss nicht, ob ich es sagen darf: es kommt hier immer ein junger Herr her, wenn Sie nicht zu Hause sind, und dann darf niemand ins Zimmer kommen, und es geht so allerley vor, was sich fur eine rechtschaffne Frau freylich nicht schickt."

"Halts Maul, J o h a n n , und geh aus dem Zimmer. Ich will nichts mehr horen."

Er gieng traurig hinaus; aber seine Reden waren tief in mein Innres gedrungen. Der verdammte junge Herr ist ein Englander, der oft ins Haus kommt, und den ich schon einmal vor unsrer Verheyrathung bey ihr gesehen habe. Ich entschloss mich noch einmal in Gute einen Versuch zu machen und zu sehen, ob vernunftige Vorstellungen helfen wollten. Ich gieng zu ihr, setzte mich neben sie, kusste ihre Hand und bat sie mit so vieler Freundlichkeit, als mir nur moglich war: sich doch ein wenig mehr der Haushaltung anzunehmen, und die vielen Gesellschaften einzuschranken, denn meine Einnahme litte solchen Aufwand nicht. Auch in einem andern Punkt wunschte ich eine kleine Aenderung. Ich hatte zwar bisher noch keinen Zweifel in ihre Treue gesetzt, wunschte aber doch, dass sie, wenigstens der Leute wegen, ihren Umgang mit Herrn B r e d o n ein wenig einschranken mochte.

Sie liess mich nicht endigen, und sagte sehr aufgebracht: Um die Reden der Leute bekummre sie sich nicht. Sie fande an Gesellschaften Vergnugen, und wurde fortfahren, sie zu besuchen. Sie wehre mir nicht, auch hinein zu kommen, aber sie wollte ebenfalls ihre Freyheit haben. Sie ware nicht gewohnt, selbst Kuchenmagd zu seyn, und wurde auch jetzt nicht solche fur sie unschickliche Beschaftigungen anfangen. Sie hatte andre Dinge zu thun, und bate mich ernstlich, ihr mit solchen unnutzen Vorstellungen nicht wieder zu kommen.

Ich antwortete hierauf, wie es sich gebuhrte, und wir geriethen in einen heftigen Streit, der durch den Besuch eines Fremden unterbrochen wurde. Aber ich werde die Madam schon belehren, was fur Pflichten sie mir schuldig ist.

Himmel! was ist das? J o h a n n bringt mir zwey Rechnungen fur Sachen, die Madam als Braut ausgenommen hat, auf meinen Namen geschrieben. Die eine vom Juden Samuel zweyhundert Thaler, die andre von einem Galanteriekramer funfundsechzig Thaler. Das hole der Teufel! Auf diese Art wurde mich Madam bald zum Bankerott bringen. Ich werde hingehen, und aus einem ernstlichern Tone mit ihr sprechen. Das ware mir eine schone Zucht!

Fortsetzung.

Hole der Teufel die Vettel und Dich dazu, der Du mich zu dieser Heyrath beredetest. Ich gieng voll Aerger herunter. Die Thur war verschlossen. Ich offne sie mit Gewalt, finde niemand im Zimmer, eile voll schrecklicher Vermuthung in die Kammer, und finde das schandliche Weib mit B r e d o n in meinem Bette. Ihr Buhler sprang hurtig heraus, stiess mich um, und eilte, wahrend dass ich aufstand, zur Thur hinaus. Ich prugelte die Hure mit einem Stock derb ab, und sperrte sie, ihres Tobens ungeachtet, auf ein Zimmer, aus welchem sie, so lange ich lebe, nicht wieder heraus kommen soll.

Ich wahnsinniger Thor! der ich eine Frau verstiess, von deren Untreue ich nur schwache Beweise hatte, und einen solchen Teufel zu mir nahm! Ich mochte rasend werden uber meine Blindheit! Dass ich die Verstellung dieser Schlange nicht eher merkte! Aber du sollst mir bussen, Nichtswurdige, so war ich A l b r e c h t heisse!

Albrecht.

Achtundneunzigster Brief

Amalie an Bredon

Ich finde Mittel, Dir diesen Brief durch mein treues Madchen zuzustellen. Ach liebster B r e d o n , was muss ich ausstehen! Wie froh bin ich, dass Du der Wuth meines Barbaren entronnen bist! Er behandelte mich auf die unmenschlichste Art, sperrte mich in ein finstres Zimmer, und schwur, dass ich nie das Tageslicht wieder sehen sollte. Der Unmensch! Und doch ist seine Grausamkeit mir nicht so empfindlich, als der Gedanke, von Dir, mein Geliebter, auf ewig getrennt, und an einen verhassten Tyrannen gekettet zu seyn, den ich mehr verabscheue, als den Tod. Wenn ich nur noch einmal Dich wiedersehen konnte! Aber das ist mir unmoglich. Ich werde vor Kummer sterben, ohne den Liebling meines Herzens gesehen zu haben. Mit Thranen schreibe ich Dir das letzte Lebewohl.

Deine

ungluckliche, Dich ewigliebende

Amalie.

Neunundneunzigster Brief

Bredon an Amalien

Nein, theuerste A m a l i e , Du sollst nicht, von mir getrennt, unter den Handen eines Ungeheuers sterben. Die Trennung von Dir ist mir schrecklicher als der Tod! Komm, Geliebte, entflieh mit mir dem verhassten Tyrannen, wir wollen in mein Vaterland zuruckkehren, wo nichts unsre Liebe storen soll. Ich kann ohne Dich nicht leben, und muss Dich besitzen, sollte ich auch Deinen Besitz mit Blut erkaufen!

L o u i s e sagt mir, dass ein Fenster aus Deinem Zimmer in den Garten geht. Ich will mit ihrer Hulfe diese Nacht durch die Gartenthur herein steigen, und eine Leiter an Dein Fenster setzen. Dann kommst Du auf mein gegebnes Zeichen herunter in meine Arme. Wir eilen aus der Stadt. Vor dem Thore soll ein Wagen mit raschen Pferden unser warten, und uns aufs schnellste aus der verhassten Gegend in ein Land bringen, wo kein Hinderniss sich gegen unsre treue Liebe auflehnt. Bedenke Dich nicht, mir zu folgen, meine Liebste. Du sollst das angenehmste Leben und eben so unumschrankte Macht uber das Vermogen Deines B r e d o n s haben, wie Du uber sein Herz hast. Du weisst, dass ich der einzige Erbe eines grossen Reichthums bin. Hier ist ein Wechsel auf tausend Pfund, wenn Du vielleicht noch Ausgaben vor Deiner Flucht zu bestreiten hattest. Gieb mir doch Nachricht, um welche Stunde zu Dir kommen soll

Dein

getreuster Verehrer

Bredon.

Hundertster Brief

Amalie an Wildberg

Wenn Sie diesen Brief erhalten, so bin ich schon weit von hier. Denn, unsrer Freundschaft ohngeachtet, hatten Sie es doch vielleicht nothig erachtet, meinen Plan zu zerstoren, damit A l b r e c h t nicht zu fruh Ihre Kartenmischung wahrnahme. Mir aber werden Sie verzeihen, dass die Selbstliebe bey mir uber die Freundschaft siegte. Ich glaubte in der That keinen Beruf zu haben, Ihnen zu Gefallen mein Leben in einem finstern Zimmer, von aller Welt abgesondert, zuzubringen. Sie werden die Geschichte mit mir und A l b r e c h t wohl schon wissen. Der Pinsel! Es ist ja jetzo nach dem grossen Ton, seine Galane zu haben. Muss sich ein tolpischer Mann da hineinmischen? Ich dachte es ware gut fur ihn, wenn seine Frau Leute hatte, die ihren Putz und andre Ausgaben besorgten, ohne dass er den Beutel zu ziehen brauchte. Aber, ohngeachtet seines filzigen Geizes, der so weit gieng, dass er bey jedem Groschen, den er ausgab, seufzte, dachte A l b r e c h t doch so kleinstadtisch, dass er die Sache unrecht verstand. Das Unthier unterstand sich, mich zu schlagen (es krankte mich am meisten, dass ich mich an dem Elenden nicht rachen konnte ) und einzusperren, und gab mir die feste Versichrung, dass ich nie wieder aus diesem Gefangnisse kommen sollte.

Ich war nur zu sehr uberzeugt, dass er Wort halten

wurde, und hatte gar keine Neigung, in einem finstern Loche zu versauren. Ich sah gleich ein, dass das beste Mittel, mich zu befreyen, eine Flucht mit B r e d o n sey. D i e s e m also schrieb ich so beweglich, als ich nur konnte, ein letztes Lebewohl. Meine treue L o u i s e , die glucklicher Weise ausersehen war, mir das Essen zu bringen, brachte ihm meinen Brief, heulte ihm viel von meinem Elend vor, und als er denn recht weich war, und meinen Verlust bejammerte, that sie ihm, als ware es ein plotzlicher Einfall von ihr, den Vorschlag, mit mir zu entfliehen. Er fieng gleich Zunder, und die listige Hexe wusste ihre Sache so gut zu machen, dass sie ein ansehnliches Geschenk von ihm bekam; denn sie uberredete ihn, dass es viele Muhe haben wurde, mich zur Einwilligung in diesen Entschluss zu bewegen. Ich machte zum Schein viele Schwierigkeiten, und liess mich auch nur unter sehr vortheilhaften Bedingungen zu dieser Flucht bewegen. B r e d o n , der eben so verliebt als reich ist, gieng alles ein, und wir reisen nun in einer Stunde mit L o u i s e n ab.

Ich melde Ihnen dieses, damit Sie sich so gut als

moglich aus der Sache wickeln konnen. Denn wenn A l b r e c h t jetzt schon Ihre Verratherey in Punkto M a r i e n s merkte, so wurden vermuthlich alle Ihre Plane auf sie vereitelt werden. Horen Sie, W i l d b e r g , ich kann nicht unterlassen Ihnen noch einmal meinen letzten freundschaftlichen Rath zu geben es kann ja seyn, dass wir einander doch noch einmal brauchen: Lassen Sie die Tugendheldinn fahren. Sie sind ein gescheidter Kopf, und es ware Schade um Sie, wenn Sie sich mit der Narrinn verbanden. Und es ist ja gar nicht einmal daran zu denken, dass sie jemals Ihre Liebe begunstigen wird. Die Grillen von ubertriebner Feinheit, mit denen ihr Kopf angefullt ist, lassen das nicht zu, und Sie sehen ja deutlich, dass die Stolze Sie verachtet.

Doch ich habe Ihnen diese Leyer schon so oft fruchtlos geleyert, und furchte fast, dass Sie in diesem Punkte nicht kluger zu machen sind. Leben Sie wohl. Ich denke, wir werden ja noch immer Freunde bleiben; also werde ich Ihnen mit nachster Post melden, wohin Sie Ihre Briefe zu addressiren haben. Ich bleibe wie immer

Ihre

Freundinn

Amalie.

Hundertunderster Brief

Sophie an Julien

Unsre M a r i e wird nun bald ein vollendeter Engel Gottes seyn. Sie ist ihrer Auflosung nahe, und fuhlt mit der grossten Heiterkeit ihren Tod heranrucken. Mit gefalteten Handen segnet sie die Stunde, die ihre Seele zu Gott bringen wird. Seit einigen Tagen hatte sie oft Zweifel gehabt, ob Gott ihr auch die Schwache ihres Herzens verzeihen konnte, ob sie nicht ausserst strafbar sey, an einem andern Gegenstande so fest gehangen zu haben? Auch glaubte sie, ihr Leben ware nicht thatig und nutzlich genug fur ihre Nebenmenschen gewesen.

"Ach Sophie! sprach sie, wie manche Stunde habe ich uber das Elend eines andern bloss geweint, statt dass ich ihm wirklich beyzustehen hatte suchen sollen! Wie viele Zeit, die ich hatte nutzlicher anwenden konnen, habe ich bloss damit zugebracht, meinem Gefuhl nachzuhangen! Ich bin zwar wohlthatig gegen Arme gewesen, aber ich gab ihnen gewohnlich nur von meinem Ueberfluss. Die wahre Wohlthatigkeit ist, wenn man sich selbst Vergnugungen, und auch Bedurfnisse entzieht, um den Armen beyzustehen; und ach wie selten that ich das! Was ist wohl verdienstliches bey einem Almosen, welches wir bloss von dem Gelde geben, das uns ganz entbehrlich ist! Das ist nicht die Barmherzigkeit und Menschenliebe, die der Heiland uns vorschreibt, und die er selbst an uns bewies."

Ihre Ruhrung verstattete ihr nicht, weiter zu reden. Der einsichtsvolle Geistliche beruhigte ihr Herz, und liess sie in eben der barmherzigen Gute Gottes, von welcher sie jetzt redete, ihren Trost finden, Und nun empfieng sie in Gemeinschaft mit uns das heilige Abendmahl. O wie war ihre Seele von seligen Gefuhlen der Andacht und Dankbarkeit gegen Gott durchdrungen! Wie schien sie schon so selig auf Erden zu seyn, und den Vorschmack des Himmels zu fuhlen! O mochten doch diese Erinnerungen nie aus meiner Seele weichen, und auch mir dereinst Beruhigung in der Todesstunde seyn! O Gott! starke du meine Bemuhungen, mir einen Schatz von guten Handlungen zu sammeln. Das ist ja der einzige Reichthum, den wir mit in jene Welt nehmen!

M a r i e beschaftigt sich mit Schreiben; ich glaube, sie schreibt an Albrecht; denn sie hat seit einigen Tagen davon gesprochen, dass sie ihn noch einmal zu sehen und sich mit ihm zu versohnen wunschte. Jetzt ist sie fertig und giebt mir den Brief. Es soll sogleich ein Bote damit nach der Stadt gehen, damit sie ihn, wo moglich, noch sieht. Sie ist ausserst matt.

Welch eine ruhrende Scene! Eben liess sie noch einmal alles Gesinde aus dem Hause, und die Kinder, an deren Unterricht sie bisher geholfen hatte, herauf kommen. Sie nahm Abschied von ihnen, hielt eine kleine Rede an sie, und ermahnte sie darinnen, stets so gut und rechtschaffen zu handeln, dass sie ruhig mit jeder Stunde ihrem Tode entgegen sehen konnten. Sie schluchzten alle vor Wehmuth, und nun bat sie uns insgesammt, ein schones Lied von Gellert zu singen. Die vereinigte Andacht so vieler Menschen war ein angenehmes Opfer fur den Herrn. Sie selbst sprach nun auch noch ein kurzes Gebet, und gab jedem noch einmal die Hand zum Abschiede. Gewiss war kein einziger unter allen, dessen Herz nicht von den starksten Vorsatzen zur Frommigkeit durchdrungen gewesen ware. Sie konnten vor Bewegung kein Wort sprechen; sie selbst musste sich von diesem Auftritt erholen, und wird jetzt durch einen sanften Schlummer erquickt. Jetzt ruhrt sie sich. Sollte sie schon wieder erwachen? Ich will zu ihrem Bette eilen, damit keine Minute ihres Lebens mir verloren geht.

Sophie.

Hundertundzweyter Brief

Marie an Albrecht

Ich fuhle, dass der Augenblick meines Todes herannaht, dass ich nur noch wenige Stunden zu leben habe. Diese letzten Stunden sollen dazu gewidmet seyn, Dich mit mir auszusohnen. Ich gestehe, dass ich Dir die erste Veranlassung gab, Dich von mir zu trennen. Ich war zu schwach, um dem Andenken an einen Mann zu widerstehen, den ich einst mit vieler Zartlichkeit liebte, von dem erdichtete Erzahlungen seiner Untreue mich trennten, und dessen Unschuld ich nun erfuhr. Dieses war die Ursache meines Kummers. Ich kampfte zwischen Leidenschaft und Pflicht, und mein Herz und meine Krafte wurden durch diesen Kampf zerrissen. Aber nie kam ein straflicher Gedanke in meine Seele, und nie verletzte ich durch irgend eine niedrige Handlung die Treue gegen Dich. Sophie kann Dir die Beweise davon geben.

Und nun, Albrecht, vergieb mir die Schwache meines Herzens, das nicht vermochte, sich ganz unter die Herrschaft meiner Vernunft zu beugen. Gott hat mir vergeben; mit sanfter Beruhigung erfullt dieser Gedanke mein Herz! Verzeihe auch Du mir eben so herzlich, wie ich Dir verzeihe, dass Du ohne hinlangliche Ursache mich verstiessest. Du bist vollig bey mir entschuldigt; ich weiss, dass Du gut und edel denkst, und dass man Dich mit Trug und List hintergieng. Aber ich hege auch keinen Groll gegen den Storer unsrer Ruhe; ich vergebe ihm von Herzen, und bitte Dich, meinen Tod nicht an ihm zu rachen, und dem nicht vorzugreifen, der oben im Himmel unsre Schicksale regiert!

Es wurde sehr zu meiner Beruhigung dienen, wenn ich Dich noch einmal sehen konnte, um mich vor dem Angesicht meines Gottes mit Dir zu versohnen, und die Ueberzeugung mit in jene Welt zu nehmen, dass in unsern Herzen kein Unwille gegen einander mehr wohnt. Versage mir diese Bitte nicht. Es ist die letzte, die ich an Dich thue; und wenn dieser Wunsch befriedigt ist, so werde ich mit Ruhe in jene Gefilde ubergehen, deren Aussicht mein Herz aufs sanfteste erheitert. Ich will Gott bitten, dass er auch dem Deinigen eine solche Ruhe schenken wolle, damit wir in jener Welt uns wiederfinden.

Marie.

Hundertunddritter Brief

Sophie an Julien

O Julie! ihr himmlischer Geist ist entflohen, er ist jetzt gewiss schon bey Gott, und sieht unsre Thranen fliessen. Ach warum weine ich? Sie ist ja in dem seligen Genuss der Freuden einer Ewigkeit, fur die sie geschaffen ward. Hatten wir andern doch auch uberwunden! Ich will mich zu fassen suchen, um Ihnen die Geschichte ihrer letzten Augenblicke zu geben.

Wahrend ihres Schlummers lachelte sie, und streckte die Arme aus, als wollte sie einen Gegenstand umfassen, den ihre Phantasie sah. Sie erwachte:

"Bist du verschwunden, selige Gestalt, und hast mich nicht mit dir genommen? Aber warte, ich komme!"

Sie phantasierte und wollte aus dem Bette. Ich umarmte sie:

"Liebste M a r i e , besinnen Sie sich. Sie sind noch bey uns, in den Armen Ihrer Freundinn."

Bist du's S o p h i e ? sagte sie mich starr ansehend; aber in eben dem Augenblicke kehrte auch ihr Bewusstseyn wieder. Sie sagte, dass sie im Traum ihrer Mutter Gestalt, von himmlischem Glanz umgeben, gesehen habe. Sie habe ihr gewinkt, und sey darauf unter einer Menge seliger Geister, die neben ihr gestanden, verschwunden.

Sie sprach nun noch mit Entzucken von Gott, und dem sie erwartenden Himmel, trug mir auf, fur E d u a r d s Beruhigung zu sorgen, und ihm einen Brief zu geben, welchen sie zu seiner Beruhigung schrieb. Auch bat sie mich, die Erziehung ihres kleinen Lieschens zu ubernehmen, legte nun, matt vom Reden, ihr Haupt aufs Kissen, und bat mich, die B a c h i s c h e Composition einiger herrlichen G e l l e r t s c h e n Lieder zu spielen, und dazu zu singen. Dieses war seit ihrer Krankheit ihre liebste Erquickung gewesen. Darauf musste unsre Pastorinn ihr aus der Bibel vorlesen. Sie horte mit andachtiger Aufmerksamkeit zu, und winkte ihr zuweilen, inne zu halten, um uber das Gelesene nachzudenken. Wahrend einer solchen Pause sturzte Albrecht ins Zimmer, und fiel vor ihrem Bette nieder.

"Marie! himmlische Seele, voll Gute und Sanftmuth, kannst du mir, deinem Morder! vergeben?"

"O Albrecht! nicht du, die gar zu grosse Empfindlichkeit meines Herzens hat meinen schwachen Korper zu Grunde gerichtet. Aber ich danke Gott, dass er mich so bald zu sich nehmen will, und "

Sie bestrebte sich noch mehr zu sagen, aber die Sprache verliess sie. Sie druckte schweigend seine Hand, und lachelte mit einem himmlischen Blick ihn an. Sie bemuhte sich noch einigemal vergebens, zu reden; endlich brachte sie muhsam die gebrochnen Worte hervor: "Vergieb W i l d b e r g e n und rache nicht " Mehr konnte sie nicht sagen, die erhabne grossmuthige Seele, die noch in ihren letzten Augenblicken die edelste Tugend des Menschen, die Liebe der Feinde, ubte! Sie richtete nun schwach sich auf, reichte mit beyden Handen in die Hohe, ihr Gesicht wurde erhellet, und sie sank leblos zuruck. Albrecht lag noch auf seinen Knien, und blickte noch mit stummer Verzweiflung starr sie an. Endlich sprang er auf, gieng zum Schreibtisch und schrieb:

An Wildberg

Fuhlest Du es, Verrather! dass sich ihr Geist jetzt von dannen schwang? Sankest Du nicht bebend zur Erde nieder? Die Heilige fluchte Dir nicht, sie verbot auch mir, Rache an Dir zu nehmen. Das war das letzte, was ihr sterbender Mund sprach. Ich muss ihr gehorchen; aber ich beschwore Dich, vermeide meinen Anblick. Wenn ich Dich sahe, so wurden alle ihre Bitten vernichtet werden; ich wurde ihren Tod an dem Schandlichen rachen, und ihr seliger Geist wurde durch meinen Ungehorsam beleidigt werden. O ich Elender! der ich mich durch einen Teufel verleiten liess, einen Engel zu verstossen! Marie, Marie! Du empfahlst mir Sanftmuth, Beruhigung! Aber ach! ich bin ihrer nicht fahig. Unruhe und Gewissensvorwurfe werden meine Begleiter seyn! Ware doch mein elendes Leben geendigt!

Fortsetzung. Sophie an Julien.

Diesen Brief schickte er an den verratherischen W i l d b e r g , und nun bat er mich, ihm die Briefe des Engels zu zeigen, welche die schreckliche Geschichte enthullten. Ich gab ihm die ihrigen, und die Abschriften von den meinigen an Dich, erzahlte ihm auch die letzten schonen Tage der Seligen. Anfangs horte er mit stummer Verzweiflung zu, aber am Ende erweichte ich ihn, und seine Thranen flossen. Er erzahlte mir die teuflischen Ranke W i l d b e r g s und noch eines verworfnen Geschopfs, Namens A m a l i e . Diese liebte er, ehe er M a r i e n kannte, entzweyte sich wegen eines Liebeshandels mit ihr, und heyrathete M a r i e n . W i l d b e r g wusste nun die letzte Schwache M a r i e n s ihm so schwarz vorzumalen, und seine schlafende Liebe fur A m a l i e n , die er ihm treu und tugendhaft schilderte, so kunstlich wieder aufzuwecken, dass er ihn zur Scheidung beredete.

Und nun das Schrecklichste noch! Wie gut, dass M a r i e nichts davon wusste! Albrecht heyrathete die Buhlerinn, fand sie bey einem Liebhaber, sperrte sie ein, und findet den andern Morgen ihr Zimmer leer. Sein Johann giebt ihm einen Brief von ihr an W i l d b e r g , welcher ihm von Amaliens Madchen zur Bestellung gegeben war. Albrecht sieht daraus die schandliche Verratherey, die man an ihm begieng. Er gerath ganz von Sinnen, stellt seine M a r i e in ihrer leidenden Gestalt sich vor, will zu ihr, aber Furcht und Schaam halten ihn zuruck. Und nun bekommt er ihren Brief. Voll Verzweiflung wirft er sich aufs Pferd und eilt zu ihr. Bey ihrem Anblicke glaubt er zu vergehen. Auch noch ist sein Zustand so trostlos, dass er mir, seines Vergehens ohngeachtet, Mitleid einflosst.

Ach Gott! auch ich werde den Verlust meiner M a r i e noch immer tief fuhlen. Nie werde ich ihre sanfte himmlische Seele, nie die ruhrenden Auftritte ihres Todes vergessen! Mein Herz ist gewiss auf immer der rauschenden Freude verschlossen. Ich muss ihren Brief an E d u a r d schicken, und Nachricht von seinem Zustande erfahren.

Sophie.

Hundertundvierter Brief

Marie an Eduard

Mein Geist wird nun bald diese gebrechliche Hutte verlassen, und sich in jene Gefilde der Ruhe und des Friedens hinaufschwingen! Ich werde Dich nicht mehr sehen, E d u a r d ! Eine Zusammenkunft unter uns wurde uns beyden nachtheilig seyn. Sie wurde die ruhige Fassung storen, mit der ich jetzt meiner Auflosung entgegen sehe. Mein Tod wurde erschwert, und meine Seele, die sich schon halb bey Gott fuhlt, wurde wieder zur Erde gezogen werden. Du erhaltst also dieses Papier, wenn ich nicht mehr bin. O mochte es Dich beruhigen, und mit der seligen Gewissheit erfullen, dass Du bald bey mir seyn wirst! Ich werde noch in meinen letzten Augenblicken Gott bitten, dass er diese selige Fassung Dir schenke, und ich hoffe, er wird mein Gebet erhoren.

Traure nicht um mich, E d u a r d . Ich fuhle, dass ich glucklich seyn werde. Ich gehe ja nur voran, um Dir den Weg zu bahnen; in der Gesellschaft seliger Geister will ich Deiner harren, und den Augenblick erwarten, in welchem auch Deine Seele vor Gott kommen wird. Ist es mir erlaubt, so werde ich oft Dich umschweben, und himmlischen Trost Dir einhauchen. Horst Du dann ein sanftes Sauseln: so denke, dass es der Geist Deiner M a r i e ist, die noch jenseits mit den gelauterten Empfindungen reiner Geister Dich liebt. Aber, theurer E d u a r d , verkurze auch nicht selbst Dein Leben durch unmassigen Gram. Erhalte es sorgfaltig, so lange Dein Schopfer befiehlt, der es Dir gab! Harre geduldig, bis der Todesengel kommt, der Dich von dieser Welt abruft; und dann schwinge Deine entfesselte Seele, uber Tod und Leiden erhaben, sich zu Gott empor!

Marie.

Hundertundfunfter Brief

Sophie an Julien

Gott! welch ein Auftritt war das! Man hatte M a r i e n in den Sarg gelegt, und wollte nun den Deckel befestigen, um sie auf ewig unserm Anblick zu entziehen. E d u a r d , der noch einmal ihre Leiche zu sehen gekommen war, lag sinnlos auf der Erde neben dem Sarg. Albrecht war in ein andres Zimmer gebracht, und ich stand bey dem erblichnen Leichnam der Seligen, um den letzten Kuss auf ihre blassen Lippen zu drucken. Ihr Mund schien noch sanft zu lacheln, und ihre Gesichtszuge nicht verzerrt, wie sie sonst bey Todten zu seyn pflegen hatten noch das sanfte Geprage der himmlischen Fassung, mit der sie verschied. Ich glaubte, meine Seele auf ihren Lippen auszuhauchen, und hieng in tiefer Schwermuth uber ihr, als mit furchterlichen Blicken W i l d b e r g herein trat. Er eilte auf den Sarg zu, stiess ein schreckliches Geschrey aus, und prallte zuruck:

"Du bist geracht, M a r i e ! Hier in diesem ver

fluchten Herzen wohnt die Holle mit allen ihren Quaalen. Eine Legion boser Geister ist in mich gefahren. O weh mir! sie zerreissen mich! Halt! da kommen sie! Schreckliche Gestalt, mit Blut befleckt, wer bist du? O! schiele nicht so furchterlich her. Zucke deinen Dolch nicht so schrecklich. Weh mir! Wer rettet mich? M a r i e ! M a r i e ! Kannst du so grausam seyn? Ach! du fluchtest mir ja nicht. Aber du, Weibsgestalt, was spottest du uber mich? Wer bist du? Halt! ich kenne dich. Du sollst mit ihr hinab!"

Er sprang auf mich los. Man entriss mich ihm, und band ihn fest. Ein eben gegenwartiger Arzt sagt, seine Tollheit sey unheilbar. Er wird in ein Haus gebracht werden, wo mehr solcher Unglucklichen sind. O Julie! ich selbst bin ausserst matt. Die Feder fallt mir aus der Hand. O waren wir alle doch erst da, wo die Selige jetzt ist!

Fussnoten

1 Der Brief selbst sowohl als die Abschrift sind verloren gegangen.