Johann Karl Wezel
Hermann und Ulrike
Vorrede
Der Roman ist eine Dichtungsart, die am meisten verachtet und am meisten gelesen wird, die viele Kenntnisse, lange Arbeit und angestrengte Ubersicht eines weitlauftigen Ganzen erfodert und doch selbst von vielen Kunstverwandten sich als die Beschaftigung eines Menschen verschreien lassen muss, der nichts Besseres hervorbringen kann. Ein Teil dieser unbilligen Schatzung entstund aus dem Vorurteile, dass Werke, wovon die Griechen und Romer keine Muster und woruber Aristoteles keine Regeln gegeben hat, unmoglich unter die edleren Gattungen der Dichtkunst gehoren konnten: zum Teil wurde sie auch durch die haufigen Missgeburten veranlasst, die in dieser Gattung erschienen und lange den Ton darinne angaben; denn freilich, eine Menge zusammengestoppelter ubertriebner Situationen zusammenzureihen; gezwungene unnaturliche Charaktere ohne Sitten, Leben und Menschheit zusammenzustellen und sich plagen, hauen, erwurgen und niedermetzeln zu lassen: oder einen Helden, der kaum ein Mensch ist, durch die ganze Welt herumzujagen und ihn Turken und Heiden in die Hande zu spielen, dass sie ihm als Sklaven das Leben sauer machen; ein verliebtes Madchen durch mancherlei Qualen hindurchzuschleppen; Meerwunder von Tugend und schone moralische Ungeheuer zu schaffen: ein solches Chaos von verschlungenen, gehauften, unwahrscheinlichen Begebenheiten, Charaktere, die nirgends als in Romanen existierten und existieren konnten, solche Massen ohne Plan, poetische Haltung und Wahrscheinlichkeit zu erfinden, bedurfte es keines Dichtergenies und keiner dichterischen Kunst.
Der Verfasser gegenwartigen Werkes war bestandig der Meinung, dass man diese Dichtungsart dadurch aus der Verachtung und zur Vollkommenheit bringen konne, wenn man sie auf der einen Seite der Biographie und auf der andern dem Lustspiele naherte: so wurde die wahre burgerliche Epopoe entstehen, was eigentlich der Roman sein soll.
Das bisher sogenannte Heldengedicht und der Roman unterscheiden sich bloss durch den Ton der Sprache, der Charaktere und Situationen: alles ist in jenem poetisch, alles muss in diesem menschlich, alles dort zum Ideale hinaufgeschraubt, alles hier in der Stimmung des wirklichen Lebens sein. Die Regeln, die man fur jenes gegeben hat, passten auch auf diesen, wenn sie nur nicht bloss willkurliche Dinge betrafen: aber die wirklichen Regeln, die sich auf die Natur, das Wesen und den Endzweck einer poetischen Erzahlung grunden, sind beiden gemein: was man bisher zu Regeln des epischen Gedichts machte, ging bloss die Form und Manier an und waren alle bloss von der Homerischen abgezogen.
Die burgerliche Epopoe nimmt durchaus in ihrem erzahlenden Teile die Miene der Geschichte an, beginnt in dem bescheidenen Tone des Geschichtsschreibers, ohne pomphafte Ankundigung, und erhebt und senkt sich mit ihren Gegenstanden: das Wunderbare, welches sie gebraucht, besteht einzig in der sonderbaren Zusammenkettung der Begebenheiten, der Bewegungsgrunde und Handlungen. In dem gewohnlichen Menschenleben, aus welchem, sie ihre Materialien nimmt, nennen wir eine Reihe von Begebenheiten wunderbar, die nicht taglich vorkommt: die einzelnen Begebenheiten konnen und mussen haufig geschehen denn sonst waren sie nicht wahrscheinlich , aber nicht ihre Verknupfung und Wirkung zu einem Zwecke. So verhalt es sich auch mit dem Wunderbaren der Handlungen: wir schreiben es ihnen alsdann zu, wenn sie entweder aus einer ungewohnlichen Kombination von Bewegungsgrunden und Leidenschaften entstehen oder in dem Grade der Tatigkeit, womit sie getan werden, zu einer ungewohnlichen Hohe steigen. Je hoher der Dichter dieses Wunderbare treibt, je mehr verliert er an der Wahrscheinlichkeit bei denjenigen Lesern, die das nur wahrscheinlich finden, was in dem Kreise ihrer Erfahrung am haufigsten geschehen ist: aber dies ist eine falsche Beurteilung der poetischen Wahrscheinlichkeit, die allein in der Hinlanglichkeit der Ursachen zu den Wirkungen besteht. Der Dichter schildert das Ungewohnliche, es liege nun in dem Grade der Anspannung bei Leidenschaften und Handlungen oder in der Verknupfung der Begebenheiten und ihrer Richtung zu einem Zwecke; und dies Ungewohnliche wird poetisch wahrscheinlich, wenn die Leidenschaften durch hinlanglich starke Ursachen zu einem solchen Grade angespannt werden, wenn die vorhergehende Begebenheit hinlanglich stark ist, den Zweck zu bewirken, auf welchen sie gerichtet sind. Dies ist der einzige feine Punkt, der das Wunderbare und Abenteuerliche scheidet.
Der Verfasser kann unmoglich in einer Vorrede die Ideen alle entwickeln, die ihn bei der Entwerfung seines Plans leiteten, und wie er seine beiden vorhin angegebnen Absichten zu erreichen suchte: er muss es auf das Urteil der Kunsterfahrnen ankommen lassen, ob sie in seinem Werke Spuren antreffen, dass er mit Wahl und Absicht verfuhr. Er wahlte eine Handlung, die den grossten Teil von dem Leben seiner beiden Helden einnahm, um sich die Rechte eines Biographen zu erwerben: aber er wahlte unter den Begebenheiten und Handlungen, die diesen grossten Teil des Lebens ausmachten, nur solche, die auf seine Haupthandlung Beziehung oder Einfluss hatten, um ein poetisches Ganze zu machen.
Jedes poetische Ganze hat zween Teile die Anspinnung, Verwickelung und Entwickelung der Fabel: die Exposition und stufenweise Entwickelung des Hauptcharakters oder der Hauptcharaktere. Auf diese beiden Punkte muss der Blick des Dichters bei der Anordnung bestandig gerichtet sein, um zu beurteilen, welche Charaktere er nur als Nebenfiguren behandeln, wie er sie stellen und handeln lassen soll, dass sie auf die Hauptperson ein vorteilhaftes Licht werfen, ihre Charaktere durch Kontrast oder bloss graduale Verschiedenheit heben und anschaulich machen; um zu beurteilen, wie er die Szenen stellen soll, dass die vorhergehenden die folgenden mittelbar oder unmittelbar vorbereiten und alle auf den Hauptzweck losarbeiten; welche er gleichsam nur im Schatten lassen, nur fluchtig und kurz ubergehen und welche er in das grosste Licht setzen und vollig ausmalen soll; wie er sie so ordnen soll, dass jede mit der nachsten mehr oder weniger kontrastiert, und wie er dieses Mehr oder Weniger so einrichten soll, dass er Einformigkeit und gezwungene Symmetrie verhindert.
Um sich diese und so viele andre Pflichten zu erleichtern, vereinigte der Verfasser alle Mittel, die dem Dichter verstattet sind Erzahlung und Dialog, worunter man auch den Brief rechnen muss, der eigentlich ein Dialog zwischen Abwesenden ist. Ob er ein jedes am rechten Orte, dem poetischen Effekte gemass, gebraucht und den eigentlichen Dialog und die Erzahlung gehorig ineinander verflosst hat, kann nur der Leser beurteilen, der hierinne kompetenter Richter ist. Wer ihm Fehler anzeigt und sich so dabei benimmt, dass er mit Nachdenken gelesen und mit Einsicht geurteilt zu haben scheint, wird ihn durch eine solche, mit Grunden unterstutzte Anzeige so sehr verbinden als durch den uneingeschranktesten Beifall: wer aus geheimer Abneigung gegen den Verfasser oder aus Tadelsucht auf sein Buch schlechtweg schmaht und das Geradeste am schiefsten findet, wird erlangen, was er verdient Verachtung.
Viele Leser erlassen dem Romanschreiber gern alle mogliche poetische Vollkommenheiten, wenn er sie nur durch eine Menge seltsamer Begebenheiten unterhalt, worunter eine mit der andern an Abenteuerlichkeit streitet, und die Personen recht winseln, brav kussen und oft sterben lasst: solche Leser werden bei dem Verfasser ihre Rechnung nicht sehr finden; denn er geht mit den Kussen ausserordentlich knickerig um und steigt nie zu einer grossen Quantitat, um ihren Wert und Effekt nicht abzunutzen. Keine von seinen Personen wird bis zum Wahnsinne melancholisch, keine ist so sanft und schmelzend, als wenn sie nur ein Fluidum von Tranen ware. Uberhaupt hat der Verfasser die Ketzerei, dass er den raschen, von Sanftheit temperierten Ton in der Menschheit liebt und die butterweichen Seelen, die fast gar keine Konsistenz haben, schlechterdings entweder belachen oder verachten muss; auch glaubt er daher, dass es fur die Stimmung unsers Geistes zutraglicher ware, wenn wir mit unsern Romanen wieder in den Geschmack der Zeiten zuruckgingen, wo der Liebhaber aus Liebe tatig wurde und nicht bloss aus Liebe litt, wo die Liebe die Triebfeder zum Handeln, zu Beweisung grosser Tugenden wurde, Geist und Nerven anspannte, aber nicht erschlaffte.
Andre Leser verlangen bloss Muster der Tugend oder, wie sie es nennen, die Menschheit auf der schonen Seite zu sehen: der Verfasser hat allen Respekt fur die Tugend und mochte sie, um sich in diesem Respekte zu erhalten, nicht gern zur alltaglichen Sache machen: er findet, dass diese kostbare Pflanze in unserer Welt nur dunne gesaet ist, und will sich also nicht sosehr an dem Schopfer versundigen und seine Welt schoner machen, als er es fur gut befand.
Endlich suchen einige in einem Romane und auf dem Theater die namliche Erbauung, die ihnen eine Predigt gibt, und wollen gern, wenn sie das Buch zumachen, das moralische Thema samt seinen Partibus wissen, das der Herr Autor abgehandelt hat. Fur diese hat der Verfasser der gegenwartigen Geschichte am meisten gesorgt; denn aus jeder Zeile konnen sie sich eine Moral ziehen, wenn es ihnen beliebt.
Wzl.
Erster Teil
Erstes Kapitel
Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absatze und niedrige Toupets, die Herren grosse Hute und kleine Haarbeutel und niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu konnen, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen, der bei dem Publikum des dazugehorigen Stadtchens nicht weniger Aufmerksamkeit erregte und in den langen Winterabenden nicht weniger Stoff zur Unterhaltung gab als Alexander, ehe er auf Abenteuer wider die Perser ausging. Graf und Grafin, deren Liebling er einige Zeit war, nannten ihn Henri, seine Eltern Heinrich und das ganze Stadtchen den kleinen Herrmann, nach dem Geschlechtsnamen seines vorgeblichen Vaters seines vorgeblichen, sage ich; denn sosehr die korperliche Ahnlichkeit mit ihm es wahrscheinlich machte, dass er sein wahres, echtes Produkt sein mochte, und sowenig auch der erfahrenste Physiognomist auf den Einfall gekommen ware, eine andere wirkende Ursache zu vermuten, so hatte doch jedermann die Unverschamtheit, trotz jenes wichtigen Grundes ihn seinem Vater vollig abzuleugnen, und zwar aus der sonderbaren Ursache weil der Sohn ein feiner, witziger, lebhafter Knabe ware und gerade soviel Verstand als sein Vater Dummheit besasse.
Freilich war wohl diese Ursache etwas unzureichend, einem armen Sterblichen seine ehrliche Geburt abzusprechen; auch gab der alte Herrmann nichts weniger zu, als dass er dumm sei, und bewies sehr haufig durch die Tat, dass er sich hierinne nicht irrte: gleichwohl hatten sich die Leute eher bereden lassen, nicht mehr an den Kobold zu glauben, als den jungen Herrmann fur den rechtmassigen Sohn des alten Herrmanns zu erkennen. Indessen, so genau alles, alt und jung, in dieser Behauptung ubereinstimmte, so verschieden wurden die Meinungen, wenn es darauf ankam, die Entstehung des Knabens zu erklaren; und wenn man alles, was daruber gedacht und gesagt worden ist, sorgfaltig aufbewahrt hatte, so wurde eine solche Sammlung ungleich mehr Drucker und Setzer ernahren als alle Traumereien der Philosophen. Einige, die des Sonntags zweimal in die Kirche gingen und darum billiger dachten als andre, die wochentlich nur eine Predigt horten, nahmen doch seinem Vater nicht die ganze Ehre des Anteils an der Erzeugung seines Sohns, sondern gestunden mit einem weisen Achselzucken, dass ihm vielleicht die eine Halfte angehoren konnte: allein es wird vermutlich weltkundig sein, dass ein gelehrter Akademist die Unmoglichkeit einer solchen Entstehung sonnenklar dargetan hat, und die Anhanger jener Meinung werden mir daher vergeben, dass ich diesem Manne, der den Homer, Virgil und die samtlichen Erzvater des Alten Testaments auf seine Seite zu bringen weiss, eher Glauben beimesse als ihnen Leuten, die nie ein griechisches Wort gesehen haben.
"Der Herr Major im letzten Kriege mag ihn wohl zuruckgelassen haben", sagten andere Leute, die sich etwas besser auf Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit verstunden.
"Er ist ein Sohn von dem Herrn Grafen", zischelte sich jedermann ins Ohr, der auf die Gunst neidisch war, die die Herrmannische Familie von dem Grafen genoss; und dieses war das ganze Stadtchen. Tausend ahnliche besser und schlechter gegrundete Vermutungen erzahlte man sich als Wahrheiten, vertraute man sich mit geheimnisreicher Miene. Wenn in den kuhlen Abendstunden des Sommers zwo Nachbarinnen vor der Tur beisammensassen, wenn sich zwo Freundinnen am Brunnen trafen, bei dem Spinnrocken oder der Kaffeetasse plauderten, war zuverlassig der kleine Herrmann ihr Gesprach. Wer aber unter allen am sichersten der Wahrheit zuviel weder zur Rechten noch zur Linken gehen wollte, der versicherte schlechtweg der kleine Herrmann ist ein Hurkind.
Naturlicherweise muss mir unendlich viel daran liegen, dass diese Meinung nicht unter meinen Lesern Glauben gewinnt, da der Kunstgriff, den Helden seiner Geschichte aus einer Galanterie entstehen zu lassen, seit des alten Homers Zeiten schon so abgenutzt ist, dass sich ein honneter Dichter schamen muss, etwas mit Hurkindern zu tun zu haben. Es ist eine auf Urkunden gegrundete Wahrheit, dass der alte Herrmann den Dienstag nach Misericordias unter priesterlicher Einsegnung das Recht empfing, einen Sohn zu zeugen, und dass seine innig geliebteste Frau Ehegattin ihn den vierten Advent des namlichen Jahres gegen Sonnenuntergang mit einem Wohlgestalten Knablein erfreute, welches zugestossener Schwachheit halber in derselben Nacht die Nottaufe empfing; und dieses war der Herrmann, dessen Geschichte ich erzahle. Wer nach einem so einleuchtenden Beweise noch eine Minute zweifelt, muss entweder mich oder meinen Herrmann hassen.
Zweites Kapitel
An einem sehr heissen Sommertage, gerade als die Sonne in den Krebs treten wollte, ging der Graf Ohlau, seine Gemahlin am Arme und in Begleitung seiner samtlichen Domestiken, uberaus prachtig in der neuangelegten Lindenallee spazieren, welches er jeden Sonntag bei heiterem Wetter zu tun pflegte. Das ganze Stadtchen, das seine Liebe zur Pracht kannte, paradierte alsdann auf beiden Seiten der Allee in den auserlesensten Feierkleidern: Manner und Weiber, Kinder und Eltern machten eine Gasse auf beiden Seiten und sahen mit gaffender Bewunderung das starre goldreiche Kleid ihres hochgebornen Herrn Grafen nebst einem langen Zuge von reicher Liverei durch die doppelte Reihe gravitatisch dahinwandeln. Nero konnte nicht grausamer zurnen, wenn er auf dem Theater sang und diesen oder jenen Bekannten unter den Zuschauern vermisste, als der Graf Ohlau, wenn bei diesem sonntaglichen feierlichen Spaziergange jemand von den Einwohnern des Stadtchens fehlte: ob er gleich einen solchen Verachter seiner Hoheit nicht, wie jener Heide, kopfen liess, so war doch allemal in so einem Ubertretungsfalle auf einen heftigen Groll und bei der nachsten Gelegenheit auf eine empfindliche Rache zu rechnen. Obgleich zuweilen die Sonne so brennende Strahlen auf die Versammlung warf, dass die kahlen Kopfe der Alten wie Ziegelsteine gluhten, dass die weissgepuderten Parucken der Ratsherren von der geschmolzenen Pomade mohrenschwarz und die schonen schneeweissen Madchengesichter rotbraun und mit Sommersprossen und Blattern von der Hitze gezeichnet wurden, so wagte es doch niemand, solange sich der Graf in der Allee aufhielt, den Schatten zu suchen: man schwitzte, achzte und ward gelassen zum Martyrer des herrlichen Kleides, das der Graf zu begaffen gab. Er selbst machte sich mit der namlichen Standhaftigkeit zum Opfer seines Stolzes, und seine Gemahlin mehr aus Gefalligkeit gegen ihn als aus eigner Neigung steckte sich jedesmal in einen grossen Fischbeinrock und ein schweres reiches Kleid, um die Herrlichkeit seines Spazierganges vermehren zu helfen.
Die Last dieser Feierlichkeit war noch keinen Tag so druckend gewesen, dass der Graf sie nicht hatte ertragen konnen: doch itzt, am gemeldeten Sonntage, schoss die Sonne bei ihrem Eintritte in den Krebs so empfindliche Strahlen, die wie Pfeile verwundeten. Die Augen der Zuschauer waren matt und blickten mit schwacher Bewunderung auf das apfelgrune Kleid, in dessen Stickerei die Silberflittern wie ein gestirnter Himmel glanzten und die Folie mit allen Farben des Regenbogens spielte: Jedermann lechzte und dachte, empfand und sagte nichts als: "Das ist heiss!" Der Graf wedelte sich unaufhorlich mit dem musselinen Schnupftuche das Gesicht, blies um sich und seufzte einmal uber das andere seiner Gemahlin zu: "Das ist heiss!" Die Frau Grafin ging geduldig an seiner Seite unter dem rottaffetnen Sonnenschirme mit gluhendem aufgelaufenen Gesichte und klopfendem Busen, wo grosse Schweisstropfen wie die Perlen eines starken Morgentaues standen, zerrannen und in kleinen Bachen hinabliefen, atmete tief und keuchte nach ihrem Gemahle hin: "Das ist heiss!" Laufer, Heiducken, Jager und Lakaien, so stolz sie sonst in ihren Galakleidern daherschritten, schlichen mit gesenkten Hauptern mutlos und schmachtend hinterdrein und brummten einander, ein jeder mit seinem Lieblingsfluche, zu: "Das ist heiss!" Es war nichts anders ubrig, als der Sonne nachzugeben und dem Schatten zuzueilen.
Gerade musste sich es treffen, dass unter der schattichten Linde, wo der Graf mit seinem Gefolge Schutz suchte, der kleine Herrmann mit einigen seiner Kameraden sein gewohnliches Spiel spielte: er war Konig, teilte Befehle aus, die die ubrigen vollziehen mussten, und sass eben damals mit volliger Majestat und Wurde auf der Bank unter der Linde, um einem Paar Abgesandten Audienz zu geben. Sobald sich der Graf dem Baume naherte, liefen die erschrocknen Abgesandten davon, nur der kleine Konig blieb, in die Hoheit seiner Rolle vertieft, mit gravitatischem Ernste sitzen. Die Mutter, die in der Ferne gegenuberstand, biss sich vor Arger uber die Unhoflichkeit ihres Sohnes in die Lippen, und der Vater hub schon mit Zahneknirschen und einem unwilligen "Du sollst es kriegen" sein Rohr drohend in die Hohe. Die Grafin lachelte uber die Unerschrockenheit, mit welcher sie der Knabe erwartete, und sagte freundlich zu ihm: "Rukke zu, mein Kleiner!" "Nein, das kann ich nicht!" antwortete der Knabe. "Ich muss in der Mitte sitzen; denn ich bin Konig, und Sie sind nur Graf." Man lachte und gab, aus Ehrerbietung gegen seine konigliche Wurde, seinem Verlangen nach.
Ohne langes Besinnen fuhr er in seiner Rolle fort und gab mit der namlichen Dreistigkeit, womit er seine Gespielen beherrscht hatte, auch dem Grafen Befehle, und weil dieser nicht fur notig erachtete, sie zu vollstrecken, so versicherte ihn der kleine Monarch, dass er sich einen bessern Untertan in ihm versprochen hatte, und drohte ihm fur seinen Ungehorsam die furchterlichsten Strafen an. Die Grafin, die sehr bald merkte, dass alle diese Ideen, ob es gleich nur Kinderspiel war, dem Stolze ihres Gemahls widrig wurden, suchte den Knaben auf etwas andres zu lenken und bat ihn, seine Majestat einmal beiseitezusetzen und ihr ein paar Blumen zu pflucken. Pfeilschnell sprang er von der Bank hinweg, setzte sich ins Gras, pfluckte Blumen, und band mit dem sorgfaltigsten Fleisse ein sehr zierliches Bukett, das er der Grafin mit dem verliebten Anstande eines Schafers und einem Handkusse uberreichte, nebst der galanten Versicherung, dass er sie sehr lieb habe. "Mein Sohn", sagte die Grafin darauf, "du wirst einmal ein grosser Mann oder ein grosser Narr werden." "Ach", erwiderte der Knabe mit kindischer Naivitat, "mit dem grossen Narren hat's keine Not: das will ich wohl bald werden, wenn ich nur erst ein grosser Mann bin."
Grafin. Hast du denn Lust, ein grosser Mann zu werden?
Der Kleine. Ja, das werd ich; und weiter nichts!
Grafin. Auch ein grosser Narr?
Der Kleine. Nein, das ist meine Sache nicht. Das ist einer (setzte er hinzu und wies mit dem Finger auf den Grafen). Steifigkeit und Gezwungenheit mussen auf jede richtig gestimmte Seele einen unmittelbaren widrigen Eindruck machen; sonst hatte unmoglich diesem kleinen Schwatzer ein so kindischer Sarkasmus, so voll der bittersten Wahrheit, entwischen konnen. Der Graf fuhlte ihn mit Widerwillen, und es tat ihm sehr wehe, dass er nicht zurnen konnte, weil ihn ein Kind gesagt hatte: seine Gemahlin, die seinen Stolz und seine zeremoniose Eitelkeit innerlich sehr missbilligte und sich nur nicht offenherzig gegen ihn herauszulassen getraute, freute sich im Herzen uber den Vorwitz des Bubens und ermahnte ihn zur Behutsamkeit und zum Respekte in seinen Ausdrucken, vielleicht gar in der boshaften Absicht, seine Unverschamtheit noch mehr zu reizen. "Was hast du denn an mir auszusetzen?" fragte der Graf mit hastigem Tone, um seine Empfindlichkeit zu verstecken.
Der Kleine. Sehr viel! Warum ziehen Sie sich denn so warm an? itzt in der Hitze? Sehn Sie! das ist gescheit angezogen! (wobei er seine kleine rotstreifichte Leinwandjacke auseinanderzog und von der Luft durchwehen liess).
Die Grafin verbarg eine boshafte Freude hinter dem Facher und machte ihm den Einwurf, dass sich eine solche Kleidung nicht fur den Grafen schicke.
Der Kleine. Warum denn nicht? Wenn sie sich fur mich schickt?
Die Grafin. Und du bist doch ein Konig!
Der Kleine. Oh, Sie sind eine scharmante Frau: ich habe Sie wahrhaftig recht lieb, das konnen Sie glauben. Wenn ich gross bin, will ich Sie heiraten.
Die Grafin. Du mich? Ich habe ja schon einen Mann.
Der Kleine. Ja (wobei er den Grafen mit schiefem, verachtlichen Blicke vom Kopf bis zu den Fussen ubersah) den hatt ich nicht genommen.
Die Grafin. Warum denn nicht?
Der Kleine. Weil er so viel Silber auf de Rocke hat.
Die Grafin. Du wirst also vermutlich kein Silber tragen, wenn wir einander heiraten?
Der Kleine. Also wollen Sie mich? Geben Sie mir Ihre Hand darauf!
Die Grafin. Hier ist sie. Warum, bist du denn aber dem Silber so gram?
Der Kleine. Weil es zu geputzt aussieht.
Die Grafin. Ich merke also wohl, du bist kein Liebhaber vom Geputzten.
Der Kleine. Gar nicht! Wenn ich auch einmal ein grosser Mann bin, geh ich doch nicht anders wie itzo.
Die Grafin. Was fur ein grosser Mann denkst du denn zu werden?
Der Kleine. Das weiss ich selber noch nicht recht. Sonst wollt ich immer ein Konig werden: aber das gefallt mir nicht mehr. Ich will lieber zur See gehen und Lander entdecken.
Die Grafin. Da wirst du mich bald zur Witwe machen.
Der Kleine. Ja, wenn ich Sie heirate! (Vor Freude tat er zwei grosse Sprunge bei diesen Worten.) Da bleib ich lieber zu Hause bei Ihnen und werde recht gelehrt recht erstaunend gelehrt! Hernach mussen die Leute aus der ganzen Welt zu mir kommen und mich sehen wollen: die Konigin aus Saba muss zu mir kommen: da los ich ihr Ratsel auf.
Die Grafin. Die gute Frau ist schon lange tot.
Der Kleine. Es wird doch wohl eine andre wieder dasein. Die bringt mir dann grosse Geschenke Gold, Silber, Weihrauch.
Die Grafin. Du bist ja kein Liebhaber von Gold und Silber.
Der Kleine. Ach, ich behalte nichts davon: ich schenke alles wieder weg, alles.
Die Grafin. Das ist edelmutig. Ich dachte, so ein munterer Bursch wie du ginge lieber in den Krieg.
Der Kleine. Nein, das ist gar nicht meine Sache.
Die Grafin. Warum nicht?
Der Kleine. Das Pulver macht schmutzige Hande: die Soldaten sehen mir alle zu wild aus; und im Kriege wird man ja totgeschossen!
Die Grafin. Du musst die andern totschiessen, damit sie dich nicht totschiessen konnen.
Der Kleine. Ich sollte jemanden totschiessen? Das konnt ich nicht. Das tat mir so weh, als wenn meine Mutter eine Henne abschlachtet. Ich kann gar kein Blut sehn (setzte er mit leisem Tone und halbem Schauer hinzu).
Die Grafin. Bist du so mitleidig?
"Ach", seufzte der Knabe, und Tranen standen ihm in den dunkelblauen Augen, "ich kann gar nicht sterben sehn! Auch keinen Menschen, dem etwas weh tut! Der lahme Gorge hier in der Stadt wenn ich den mit seiner Stelze kommen sehe , ach, da geh ich allemal in eine andere Gasse, dass ich nicht vor ihm vorbei muss." "Dort kommt die Kutsche!" unterbrach der Graf freudig ihr Gesprach, der unterdessen voller Ungeduld, wie auf Feuer, dagesessen und nach der lange verschobnen Ankunft des blauen Staatswagens geseufzt hatte.
Bei seinem Vergnugen an der Pracht spielten Kutschen und Pferde keine geringe Rolle: er verschrieb sich alle mogliche Risse von Staatskarossen und den samtlichen ubrigen Arten von Wagen, und niemand durfte ihm leicht ein merkwurdiges Fuhrwerk oder Pferdegeschirr nennen, ohne dass er nicht den Auftrag bekam, eine Zeichnung davon zu schaffen. Keine Schmeicheleien und kein Geld wurden dabei gespart, den Zeichner und Kommissionar zur Beschleunigung seines Wunsches aufzumuntern: empfahl sich einer unter den erhaltnen Rissen durch unwiderstehliche Schonheiten, so wurde er ausgefuhrt, und jedesmal, wenn so ein neues Werk vollendet und zum ersten Male gebraucht wurde, empfing das ganze Schloss einen Schmaus, wie andere Leute zu geben pflegen, wenn sie ein Haus gebaut haben. Schade war es nur, dass die herrlichen Gebaude allemal aus einem doppelten Grunde unbrauchbar und meist auch ziemlich abgeschmackt waren: seine Leidenschaft fur die Pracht zog Schonheit und Geschmack so wenig zu Rate, dass jedes Fleckchen, von der Decke bis zur Radeschiene, von dem aussersten Ende der Deichsel bis zu der aussersten Spitze des letzten Eisens hinter dem Kasten, mit Gold beklebt werden musste, wofern es andere Ursachen nur im mindsten zuliessen: auf der andern Seite wollte sein Geiz wovon ihm eine starke Dosis zuteil geworden war jenen prachtigen Kunstwerken die Dauerhaftigkeit einer agyptischen Pyramide geben und riet ihm, sie so massiv, so plump bauen zu lassen, dass selten eine Kutsche nach geendigter Schopfung mit weniger als acht Pferden von der Stelle gebracht werden konnte. Dieselben Ursachen machten auch seine Pferdegeschirre zu wahren Meisterstucken des schlechten Geschmacks: sie waren alle so schwer, dass unter der kostbaren Last die armen Rosse ihres Lebens nicht froh wurden und meistens zwei Tage eine Entkraftung fuhlten, wenn sie einmal eine Stunde lang in ihrem ganzen Schmucke an so einem vergoldeten Hause gezogen hatten. Bei einer solchen Bewandtnis ist es kein Wunder, dass der Herr Graf wahrend der vorhergehenden Unterredung seiner Gemahlin mit dem kleinen Herrmann so lange auf den blauen Wagen warten musste, ob er gleich beinahe schon angespannt war, als der Spaziergang eroffnet wurde: das ungeheure Gebaude konnte bei der gewaltigen Hitze nicht anders als in dem Tempo eines gemeinen Mistwagens fortbewegt werden, und noch blieben die niedergeschlagnen Pferde alle sechs Schritte einmal stehen, um auszuschnauben.
Endlich langte die blaue fensterreiche Karosse bei der Linde an: sechs Perlfalben zogen sie unter einem blausamtnen, mit goldnen Tressen und unzahlbaren Schnallen gezierten Geschirre; sie hingen traurig den schongeflochtnen, mit goldnen Rosen geschmuckten Hals und fuhlten ihr glanzendes Elend so stark, dass sie nicht einmal die funkelnde Quaste auf dem Kopfe schuttelten. Graf und Grafin stiegen hinein, und ohne dass man es gewahr wurde, wie ein Wind, wischte der kleine Herrmann hinter ihnen drein pump! sass er da, dem hochgebornen Paare gegenuber. Der Graf erschreckte ihn zwar durch die auffahrende Frage: "Was willst du hier?" allein der Knabe antwortete ihm unerschuttert: "Ich will einmal sehn, wie sich's in so einem Wagen fahrt."
Unterwegs machte er sehr oft die Anmerkung, dass diese Art zu fahren fur ihn erstaunend langweilig ware, bezeugte auch zuweilen ein grosses Verlangen, aus dem Kasten herauszugehn, und da ihn die Grafin zur Ruhe vermahnte, versicherte er, dass er nur aus Liebe zu ihr sich so lange darinne zuruckhalten liesse.
Allmahlich begann der zweite Akt des Spaziergangs. Wenn der Graf sich bei dieser Sonntagskomodie mit der ganzen Kommun seiner Residenz einige Zeit von der Sonne hatte sengen und brennen lassen, erschien gewohnlich, wie itzo, eine von seinen schwerfalligen Staatskutschen, worinne er mit der Langsamkeit einer Leichenbegleitung durch die Alleen eines Lustwaldchens fuhr: die ganze Stadt folgte ihm alsdann zu Fuss auf beiden Seiten und hinten nach, und jeder Knabe hatte die Erlaubnis, ein Band, ein Schnupftuch oder jede andre Sache, die weich genug war, um keine Beulen zu machen, wenn sie einen Kopf traf, in den Wagen zu werfen. Nach geendigter Spazierfahrt sammelte der Kammerdiener alle hineingeworfnen Lappen in einen Korb, trat mit ihm mitten auf den Schlosshof, die Stadtjugend stellte sich in einem Zirkel um ihn, und sobald der Graf das Fenster offnete, fing er an, ein Band, ein Tuch nach dem andern in die Hohe zu halten und nach dem Eigentumer desselben zu fragen: wer sich dazu bekannte und sein Recht aus gultigen Grunden beweisen konnte, erhielt bei der Ruckgabe etwas Geld: waren die Anspruche so verwickelt und zweifelhaft, dass sich der Kammerdiener ohne Verletzung seines Richtergewissens nicht zu entscheiden getraute, so musste der Zweikampf den Ausschlag tun: die Kompetenten traten in die Mitte des Kreises, rangen miteinander, und wer den andern zuerst niederwarf, besass das Band und den damit verbundenen Preis ungestort bis in alle Ewigkeit, wenn er auch gleich dem Uberwundnen gehorte. Wahrend der Austeilung wurde ein Fass voll Bier, in Bereitschaft gesetzt, auf einen kleinen Wagen geladen; und hatte jedes Band seinen Besitzer gefunden, so spannte sich ein Trupp Knaben daran und zog ihn, Musik voraus, in den herrschaftlichen Garten, wo in einem, alten Pavillon die Madchen warteten, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abend unter Tanzen und Liedern hinzubringen. Sehr oft sah der Graf mit seiner Gemahlin ihren jugendlichen Ergotzlichkeiten zu, wenigstens waren doch auf allen Fall die Eltern zugegen, um Unordnungen vorzubeugen und durch ihre Gegenwart Reizungen zu unterdrucken, welche der Tanz leicht erweckt.
Der kleine Herrmann, der aus Liebe zur Grafin die ganze Fahrt hindurch bis zur Ankunft auf dem Schlosse in der Kutsche ruhig ausgehalten hatte, bat sich die Erlaubnis aus, bei der darauffolgenden Preisausteilung die Stelle des Kammerdieners zu vertreten: und auf Zureden seiner Gonnerin bewilligte ihm der Graf seine Bitte. Er sammelte die zahlreichen Bander und Tucher aus dem Wagen mit eilfertiger Geschaftigkeit zusammen und trat mit dem volligen feierlichen Anstande eines Richters, unter der Begleitung des Kammerdieners, der Korb und Geld neben ihm hertrug, in den Kreis seiner erstaunten Kameraden. Sie murmelten zwar einander einige kleine Hohnereien zu, dass ihresgleichen uber sie erkennen sollte: allein Graf und Grafin offneten das Fenster, und man schwieg. Der neue Richter schwenkte ein Band in die Luft, fragte, wem es gehorte, gab es dem ersten, der mit einem deutlichen "Mir" antwortete, aber kein Geld, verfuhr mit den ubrigen ebenso, und niemand bekam Geld. Der Kammerdiener, dieser neuen Praxis ungewohnt, wollte ihm ins Amt greifen; die ganze versammelte Jugend wurde schwurig und wollte die alte Prozessordnung hergestellt wissen: doch die Grafin rief: "Lasst ihn nur machen!" und man musste sich beruhigen. Als der Korb ausgeleert war, befahl er einem jeden nach der Reihe, seine eingelosten Bander zu zahlen, und wer die meisten hatte, bekam das wenigste Geld: ein einziger Knabe, der nur eins in den Wagen geworfen und auch nur eins zuruckgefodert hatte, erhielt den hochsten Preis gerade so viel, als alle ubrige zusammen. Naturlich mussten die andern uber ihre getauschte Unverschamtheit unwillig werden, und weil kein Mittel zu einer grossern Rache vorhanden war, schimpfte, schmahte, verspottete man die neue Weisheit des Richters: der Kammerdiener, dem es auch nicht anstund, dass der Knabe kluger sein wollte als er alter Mann, suchte ihn anzuhetzen und in einen Streit zu verwickeln, wo er notwendig den kurzern ziehen wurde. "Leid es nicht", zischelte er ihm leise zu: allein er bekam nichts als die stolze Antwort: "Das schadet mir nichts, ich bleibe dennoch, wer ich bin" und so wanderte unser kleiner Herrmann voll edlen Bewusstseins nach dem Zimmer des Grafen.
Der Empfang von seiten der Grafin war ungemein lebhaft und freundlich, und selbst ihr Gemahl fuhlte in dem Verfahren des Knaben bei der Preisausteilung so etwas, das mehr als einen gemeinen Geist voraussetzte. Sie lobten ihn beide, beschenkten ihn, und der Graf gab sich selbst die gnadige Muhe, ihn mit hoher Hand in seinen Staatszimmern herumzufuhren; denn nach seinen Begriffen war es die grosste Gnadenbezeugung, wenn er jemandem Gelegenheit gab, ihn in seiner Pracht zu bewundern. "Wie gefallt dir das alles?" fragte der Graf. "Ganz wohl", erwiderte der Knabe; "nur das viele Gold kann ich nicht leiden." "Was mochtest du nun am liebsten unter allen diesen Sachen haben?" fing die Grafin an. "Nichts als das!" antwortete der Kleine und wies auf ein Portrat der Grafin.
Die Vorstellung 'ich gefalle' verbreitet uber weibliche Nerven jederzeit so eine eigne lebhafte Behaglichkeit, dass ihr ein Frauenzimmer auch bei einem sechsjahrigen Knaben nicht widerstehen kann: die Grafin ging, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Zimmer und kam mit einem Miniaturgemalde zuruck, das sie ihrem Lieblinge denn das war er nun volligzum Geschenk uberreichte. "Wenn dir", sagte sie, "die Frau auf dem grossen Gemalde hier so wohlgefallt, so will ich dir ihr Portrat im kleinen geben: behalt es zu meinem Andenken!" Der Knabe tat einen freudigen Sprung, seine ganze Miene wurde Vergnugen, er kusste das Bild etlichemal und bat um ein Band: die Grafin vertrostete ihn bis zur Zuruckkunft in ihr Zimmer: hurtig machte sich der galante Bube sein Knieband los, zog es durch das Ohr des Portrats und hing es um den Hals. "Mein Orden ist tausendmal schoner als Ihrer", sprach er zum Grafen und druckte das Bild so fest an die Brust, dass die Grafin sich nicht enthalten konnte, ihm fur diese unschuldige Schmeichelei einen derben Kuss auf die runden roten Backen zu drucken.
Man offnete die beiden Flugel der Tur: der Graf erblickte die Spieltische in volliger Bereitschaft: "Zum Spiel", rief er und bot seiner Gemahlin die Hand, die sie ungern annahm, weil sie sich von ihrem kleinen Liebhaber trennen sollte. Zugleich gab er einem Laufer Befehl, den Knaben zu seinen Eltern zuruckzubringen: das war ein Donnerschlag fur den armen Verliebten. Er schluchzte, ging niedergeschlagen und langsam zur Grafin, fasste ihre Hand, kusste sie und brach in lautes Weinen aus: die Dame ward durch die kindische Betrubnis so geruhrt, dass ihr eine Trane uber die Wange herabrollte: mit hastiger Bewegung riss sie den weinenden Knaben zuruck, gab ihm zween recht feurige Kusse, reichte mit einem Seufzer dem versilberten strotzenden Herrn Gemahle die Hand und ging an den Spieltisch.
Die Mutter erwartete ihn an der Tur, als er mit dem Laufer angewandert kam, und empfing ihn mit lautem Jubel uber das Gluck und die Gnade, die ihm heute widerfahren ware, und belud seinen Uberbringer mit so vielen untertanigsten und alleruntertanigsten Danksagungen dafur, dass sie einen Maulesel nicht schwerer hatte bepacken konnen. Desto mehr war der Vater wider sie und seinen Leibeserben aufgebracht; er hielt es schlechterdings fur eine Beschimpfung seiner Familie, dass sein Sohn sich zu dem Grafen drangte, und wollte ihn kraft der vaterlichen Gewalt, zu seinem Besten, mit einer nachdrucklichen Zuchtigung bestrafen, wenn nicht die Mutter noch zu rechter Zeit hinzugesprungen ware und den armen Jungen unter dem ausgeholten Rutenhiebe weggerissen hatte. "Mag er mich schlagen!" sagte der kleine Heinrich; "hab ich doch mein liebes Bild" und dabei kusste er das Portrat der Grafin.
Dies war, beilaufig gesagt, der Zeitpunkt, wo das Stadtpublikum an der ehelichen rechtmassigen Zeugung des Knaben zu zweifeln anfing.
Drittes Kapitel
Die Grafin, die wie man bereits gemerkt haben wird mehr eitel als stolz war, fand in der kindischen Liebe des kleinen Herrmanns soviel Schmeichelndes, dass sie nach aufgehobner Tafel, als sie ihr Gemahl auf ihr Zimmer gebracht hatte, das Gesprach sogleich auf ihn lenkte. Sie bestand darauf, dass man einem so vielversprechenden Subjekte eine bessre Erziehung verschaffen musste, als er bei seinen Eltern haben konnte, und tat deswegen den Vorschlag, ihn auf das Schloss zu nehmen und den Unterricht und die Aufsicht des Lehrers mitgeniessen zu lassen, den man ohnehin fur die kleine Ulrike eine arme Schwestertochter des Grafen bezahlte. Ihr Gemahl machte zwar Einwendungen, und darunter eine, die weiser war als alle, die er gewohnlich zu machen pflegte: er besorgte namlich, dass man den Knaben durch eine vornehme, seinem Stand und Vermogen nicht angemessne Erziehung nur unglucklich machen werde. "Wir geben ihm", sagte er, "eine Menge Bedurfnisse, die er in seiner Eltern Hause nie wurde kennenlernen; wir fachen seinen Ehrgeiz nur noch mehr an, da er schon fur sich stark genug ist, durch den bestandigen Umgang mit dem andern Geschlechte wird seine naturliche Empfindlichkeit erhoht, er wird weichlich, wollustig und vielleicht gar ein Geck. Haben Sie nicht seinen ubermassigen Stolz bemerkt? Wenn man sieht, dass er Ihr Liebling ist, wird ihm jedermann schmeicheln, um Ihnen zu schmeicheln, und in zwei Jahren ist sonach er der verdorbenste, aufgeblasenste und unertraglichste Bursch, der niemanden in der Welt achtet als sich selbst. Ihre Gute ist auf alle Falle zuversichtlich sein Ungluck. Es geht schlechterdings nicht", setzte er mit seinem gewohnlichen peremtorischen Tone hinzu.
Der Graf machte sehr oft dergleichen gute oder schlechtere philosophische Anmerkungen und Einwendungen bei jeder Gelegenheit, aber niemals im eigentlichen Ernste, um zu widerlegen oder die vorgeschlagene Sache zu hindern, sondern bloss aus Rasoniersucht, um seinen vorgeblichen Verstand zu zeigen: raumte man ihm daher seine Einwurfe als unuberwindlich ein, so war nichts leichter, als ihn unmittelbar durch diese stillschweigende Anerkennung seiner Uberlegenheit zu der namlichen Sache zu bereden, die er bestritten hatte. Seine Gemahlin kannte alle feste und schwache Platze seines Charakters so genau, dass sie eine Karte davon hatte zeichnen konnen, und gestand ihm deswegen in dem vorhabenden Falle mit betrubter Verlegenheit zu, dass es freilich unmoglich sei, so starke und vernunftige Gegengrunde zu entkraften. "Man muss also darauf denken", setzte sie hinzu, "wie man den Burschen auf eine weniger gefahrliche Art unterstutzt."
"Aber", fiel ihr der Graf ins Wort, "man kann es ja versuchen: merkt man, dass er durch seinen Aufenthalt bei uns verschlimmert wird, so schickt man ihn wieder zu seinen Eltern. Aber freilich, liebe Gemahlin, Sie sind schwach: wenn Sie einmal etwas lieben, dann fallt es Ihnen schwer, sich davon zu trennen: Ihre Liebe wird gleich zu heftig."
"Freilich wohl, gnadiger Herr!" antwortete die Grafin seufzend und zupfte mit einiger Verlegenheit an ihrem Kleide. "Ich erkenne wohl, wie sehr Sie recht haben, dass meine Liebe die Leute meistens verdirbt: ich fuhle meine Schwache in diesem Punkte. Wir wollen den Burschen lassen, wo er ist."
"Aber", nahm der Graf mit einer kleinen Hastigkeit das Wort, "warum wollen Sie es denn nicht versuchen, wenn Sie Ihr Vergnugen dabei finden? Wollen Sie zuweilen eine kleine freundschaftliche Warnung von mir annehmen, im Falle, dass Sie zu weit gehen "
Die Grafin. O mit Freuden, gnadiger Herr! Sie wissen, wie willig ich mich von Ihnen leiten lasse, wie gern ich Ihre Vernunftgrunde zugebe, dass ich leicht von etwas abstehe, wenn Sie es missbilligen
Der Graf. Ja, ich kenne Ihre Gute
Die Grafin. Nennen Sie das nicht Gute, gnadiger Herr! Pflicht, Schuldigkeit ist es. Ich schatze mich glucklich genug, dass ich fahig bin, die Richtigkeit und Billigkeit Ihrer Einwendungen und Befehle einzusehen: auf keinen andren Verstand als auf diesen mache ich Anspruch.
Der Graf. War denn Ihre Absicht, dass der Knabe bei uns auf dem Schlosse wohnen sollte?
Die Grafin. Meine Absicht war es allerdings; denn eine doppelte, so ganz entgegengesetzte Erziehung
Der Graf. Wurde ihn nur verderben! Was er in den paar Stunden, die er sich bei uns aufhielt, Gutes lernte, wurde er den ubrigen Teil des Tages bei seinen Eltern wieder vergessen; die Fehler, die er bei uns ablegte, wurde er dort wieder annehmen. Sein Vater ist ohnehin etwas ungeschliffen. Das tate gar nicht gut: wenn er einmal besser erzogen werden soll, so muss er von der Lebensart seiner Eltern gar nichts mehr zu sehen bekommen. Zudem ware mir's auch unangenehm, ihn unter uns zu leiden, wenn er hernach wieder mit seinesgleichen, mit gemeinen Jungen auf der Gasse spielen und herumlaufen durfte.
Die Grafin. Ihre Bedenklichkeiten sind vollig gegrundet: es lasst sich nicht das mindeste dawider einwenden. Ich will mir die Grille wieder vergehen lassen: der Junge mag bleiben, wo er ist.
"Aber wozu denn?" rief der Graf mit ereiferter Gute. "Ich will dem Haushofmeister befehlen, dass er "
Die Grafin. Ich bitte Sie, gnadiger Herr! Verursachen Sie sich meinethalben nicht die Beschwerlichkeit, einen Jungen um sich zu sehn, der Ihnen freilich anfangs nicht mit der gehorigen Ehrerbietung begegnen wird.
Der Graf. Das besorge ich eben. Er hat noch keine Manieren, ist auch wohl zuweilen ungezogen: aber ich denke, er soll sich durch unsern Umgang bald bilden.
Die Grafin. Das hoff ich! Mir sollte die Sorge fur seine Erziehung ein susses Geschafte sein.
Nach einer kleinen tiefsinnigen Pause setzte sie traurig und mit nassen Augen hinzu: "Da mir das Gluck keine eignen Kinder zu erziehen gibt, muss ich die mutterlichen Vergnugen an fremden geniessen."
"Aber", warf ihr der Graf ein, "Sie werden sich zu sehr an den Knaben fesseln, sich zu sehr mit ihm abgeben und dadurch eine unendliche Last auf sich laden."
Die Grafin. Meine Last dabei ware sehr gering: allein fur Sie, gnadiger Herr, konnte sie grosser sein, als ich wunschte. -Es mag unterbleiben.
Der Graf. Nein doch! Sie sollen sich schlechterdings meinetwegen kein Vergnugen versagen.
Die Grafin. Und ich will schlechterdings kein Vergnugen geniessen, das Ihnen nur eine missvergnugte Minute machen konnte. Wollte ich doch, dass ich nicht so unbescheiden gewesen ware. Ihnen von meinem unuberlegten Einfalle etwas zu sagen!
Der Graf. Ihr Einfall muss befriedigt werden: ich geb es nicht anders zu.
Die Grafin. Gnadiger Herr, ich musste mir selbst Vorwurfe machen, wenn ich aus Unbesonnenheit Ihre Gute so missbrauchte
Der Graf. Ich will nun, ich will.
Nunmehr war er auf den Punkt gebracht, wohin er sollte: er sagte die letzten Worte mit so einem auffahrenden positiven Tone, dass nur noch eine Gegenvorstellung notig war, um ihn zornig zu machen. War er einmal unvermerkt dahin geleitet, dass er die Sache selbst verlangen und befehlen musste, die er anfangs bestritt und im Grunde sehr ungern sah, so hatte die Grafin zuviel Feinheit, um seinen Stolz bis auf das Ausserste zu treiben und einen wirklichen Zorn abzuwarten, sondern sie ergab sich nunmehr mit anscheinendem Widerwillen. -"Ich unterwerfe mich Ihrem Befehle", sprach sie mit einer tiefen Verbeugung und kusste ihm ehrerbietig die Hand: "Sie konnen meiner Dankbarkeit gewiss sein und ebensosehr meiner Folgsamkeit, sobald Ihnen Ihre Gute nur die mindeste Beschwerlichkeit " "Denken Sie nicht mehr daran!" unterbrach sie ihr Gemahl. "Ihr Vergnugen und das meinige konnen nie ohneeinander sein. "
Er sagte gleich darauf mit der verbindlichsten Freundlichkeit gute Nacht und trieb die Verbindlichkeit so weit, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in seinem Zimmer bei dem Ausziehen dem Kammerdiener Befehl gab, noch denselben Abend zu dem Einnehmer Herrmann zu gehen und ihm zu melden, dass er sich morgen fruh um sieben Uhr vor des Grafen Zimmer einfinden solle.
Die ganze Herrmannische Familie lag schon in tiefem Schlummer: der Hausvater schnarchte bereits so lieblich und mit so mannigfaltigen Veranderungen alle Oktaven durch, dass die arme Ehegattin an seiner Seite nicht funf Minuten zusammenhangenden vernunftigen Schlummer zuwege bringen konnte. Eben war es ihr gegluckt, alle Hindernisse zu uberwaltigen und in einen sanften erquickenden Schlaf dahinzusinken, als der Kammerdiener des Grafen an der Tur rasselte, und da er diese verschlossen fand, an die niedrigen Fensterladen so emphatisch mit geballten Fausten anpochte, dass die beiden Eheleute vor Schrecken im Bette weit in die Hohe prellten. Halb aus Scham, halb aus Furchtsamkeit wollte die erwachte Frau das Fenster nicht offnen, sondern stiess den wieder eingeschlafenen Gemahl so heftig in die Rippen, knipp ihn in die Wangen und paukte ihm endlich so derb auf der Brust herum, dass sich der arme Mann mit einem erstickenden Husten aufrichtete und ein schlaftrunknes "Was gibt's?" herauszukrachzen anfing, als der ungeduldige Kammerdiener mit verdoppelter Starke an den Laden donnerte. Urplotzlich raffte sich der Mann in der Betaubung auf, rannte an das Fenster, riess den Laden auf, fasste den Abgesandten des Grafen bei dem Kopfe und schuttelte ihn mit so lebhaftem Grimme, dass er vor Schmerz laut zu heulen anfing. "Ich bin's ja", rief er einmal uber das andre und nannte seinen Namen. "So? sind Sie's?" rief Herrmann voller Erstaunen. "Hier haben Sie Ihre Haare wieder." Er hatte dem armen kahlkopfigen Alten in der Hitze der vermeinten Beleidigung fast das ganze kleine Toupet ausgerissen und lieferte es ihm, wie er's zwischen den Fingern hielt, unbeschadigt wieder aus. Naturlich konnte eine so gewaltatige Szene nicht ohne Wortzank ablaufen: beide stritten und schimpften, bis sich die Frau vom Hause einfand, ihren Mann vom Fenster wegzog und sich hoflich bei dem Kammerdiner nach seinem Verlangen erkundigte: er richtete seine Botschaft aus und ging mit einer angenehmen Ruh, sein ausgerauftes Toupet in der Hand, nach dem Schlosse zuruck.
Unbekummert, ob dieses hohe Verlangen des Grafen nach der Gegenwart des alten Herrmanns Gnade oder Ungnade fur ihn bedeuten mochte, legte er sich wieder ins Bette und brummte nicht wenig, dass man ihn um einer solchen Kleinigkeit willen in dem Schlafe storte. Seine Ehefrau hingegen, die den Wert der Botschaft besser fuhlte, warf sogleich ihren kattunen ziegelfarbnen Nachtmantel um sich, zundete Licht an und war schon von so grossen Gedanken schwanger, dass ihr beide Backen von Erwartung gluhten. Sie wollte ihre Mutmassungen ihrem Manne mitteilen, aber da war keine Antwort. Als eine sorgsame Hausfrau holte sie das feinste Hemde ihres Mannes herbei, nahte daran zwei starre ungeheure Manschetten, wo auf einem musselinen Grunde grosse Tulpen und Rosen in einem Relief von dickem. Zwirne prangten. Oft ruhte die Nadel, und oft ruckte in vielen Minuten die Arbeit nicht um einen Stich weiter; denn die geschaftige Einbildungskraft unterhielt die gute Frau mit einer solchen Menge Aussichten, Gnadenbezeugungen und Lobspruchen uber das Verhalten ihres Sohns der nach ihrer Meinung den verlangten Besuch veranlasst haben musste , mit so herrlichen Szenen kunftiger Grosse und kunftigen Wohlseins, dass sie sogar in der Selbstvergessenheit zweimal die Arbeit unter den Tisch fallen liess; und der Nachtwachter meldete eben grunzend unter ihrem Fenster, dass es zwolfe geschlagen habe, als sie den letzten Knoten machte. Darauf ergriff sie das beste Kleid in ihres Mannes Garderobe, jagte den Staub mit lauten Stockschlagen heraus und burstete so lange, bis sich kein Faserchen mehr darauf blicken liess. Die letzte und beschwerlichste Arbeit war noch ubrig: die Stutzperukke musste beinahe ganz umgeschaffen werden: Hoffnung und Freude gaben ihren Handen ungewohnliche Geschicklichkeit, sie schlugen meisterhafte Locken: alle gelangen auf den ersten Wurf, als wenn sie ein schopferisches Dichterfeuer belebte, und nunmehr wurde, in Ermangelung des Puders, durch ein Sieb auf die schone Frisur in so reichlichem Uberflusse Mehl gestreut, dass der stattliche Stutz in der schlecht erleuchteten Stube wie ein Morgenstern glanzte. Wirklich fing auch schon die Morgendammrung an, als sie mit Wohlgefallen den letzten Blick auf ihre Arbeit warf und zum Bette zuruckkehrte.
Die Ruhe war unmoglich: ihre Gedanken liessen sie nicht einschlafen: kaum krahte der Hahn zum zweiten Male, als sie wieder aufsprang, um den ubrigen Staat fur ihren Mann in Bereitschaft zu setzen. Sie weckte ihn und machte indessen Anstalt zum Kaffee.
Herr Herrmann dehnte sich dreimal mit einem lauten Stohnen und stund auf, achtete weder des schongepuderten Stutzes noch der blumenreichen Manschetten, noch des ubrigen wohlgesauberten Putzes, ob er gleich ausgebreitet vor seinen Augen dalag, sondern zog seine gewohnliche Alltagskleidung an, einen grautuchnen Uberrock und graue wollne Strumpfe, kammte sein Haar in eine grosse Rolle, wie es ihm von sich selbst zu fallen beliebte, und pfiff dabei ein sehr erbauliches 'Wach auf mein Herz und singe'.
Die Frau brachte den Kaffee, und der Arger erstickte den 'Guten Morgen', den sie schon halb ausgesprochen hatte, als sie ihren Mann in seiner schlechten Alltagsmontur erblickte: sie ward bleich, zitterte, setzte den Kaffee auf den Tisch, stemmte die Arme in die Seiten, wollte sehr pathetisch in Verwundrung und Vorwurfe ausbrechen und verstummte: der Arger schnurte ihr die Kehle zu. Sie ging hinaus in die Kuche und weinte bitterlich. Indessen schenkte sich ihr Ehegatte ein und pfiff dabei sein Morgenlied so munter und so durchdringend hell wie ein Gimpel, schlurfte einen Schluck aus der Tasse und pfiff weiter. Wie unsinnig lief er mit abwechselndem Fluchen und Pfeifen in der Stube herum, storte alles um, wo eine Tabakspfeife versteckt sein konnte, stiess an den Peruckenstock, dass der schone Stutz uber das saubere braune Kleid heruntersturzte und auf seinem ganze Wege, wie ein ausgeschutteter Mehlsack, eine dicke Wolke von sich blies: eine Flasche mit einem Reste vom gestrigen Abendtrunke rollte nach langem Taumeln uber den Tisch hin und liess eine grosse See von Bier zuruck, ehe sie auf den Fussboden herabsprang und in kleine Scherben zerbrach.
Das Gerausch der zerbrechenden Flasche rief die erschrockne Ehefrau in die Stube: sie trat betrubt, mit roten aufgelaufenen Augen herein, als eben ihr wutender Gemahl das treffliche Hemde zusammengedruckt in der Faust hielt und, ohne sich zu bedenken, in die Biersee gerade hineinwarf. "Ach!" rief die Frau an der Tur aus, und ein Strom von Tranen brach ihr aus den Augen. Ohne ihren schmerzhaften Seufzer wahrgenommen zu haben, drehte sich der Mann und lief hastig auf sie zu. "Nillchen, Nillchen!" schrie er, "wo ist meine Pfeife?"
Die Frau konnte ihm mit nichts antworten als mit Tranen und einem doppelten "Ach!".
"Nillchen, was ist dir denn?" fragte er und suchte in dem Tischkasten. "Was ist dir denn?"
Die Frau. Ach! du wirst mich noch vor der Zeit ins Grab bringen.
Der Mann. Schaff mir nur erst meine Pfeife! Ich dich ins Grab? Warum denn, Nillchen?
Die Frau. Du fragst noch? Sieh nur, was du gemacht hast! dann brauchst du gewiss nicht mehr zu fragen.
Der Mann. Was hab ich denn gemacht, Nillchen? -Ja, etwas umgeworfen! die Flasche zerbrochen! Warum tust du alle die Sachen nicht an ihren rechten Ort?
Die Frau. So? Erst sitz ich die ganze Nacht auf und breche mir den Schlaf ab; und hernach bin ich gar noch schuld daran, wenn du, wie ein Heide, alles zerschlagst und verdirbst?
Der Mann. Du hast nicht geschlafen? Warum denn, Nillchen?
Die Frau. Warum denn als deinetwegen? Hab ich denn nicht gesessen und genaht, dass mir das Blut aus den Nageln hatte springen mogen?
"Da liegt's, das schone Hemde!" fuhr sie nach einer Pause schluchzend fort und wischte sich mit der Schurze die Augen. "Da liegt's! ich kann's vor Jammer gar nicht ansehen!"
Der Mann. Ja und mein schones braunes Kleid ach Zeter! wer hat denn das so entsetzlich zugerichtet? Das sieht ja aus, als wenn's im. Mehlkasten gesteckt hatte. Kehr es doch, Nillchen!
Die Frau. Dass ich eine Narrin ware! Wer den Unflat gemacht hat, salva venia, der mag ihn wieder wegkehren.
Der Mann. Wer hat's denn getan? Doch wohl der Junge? Die Brut hat niemals die Gedanken beisammen.
Die Frau. Ja, der Junge! der gute Junge hat die Gedanken besser beisammen als der Vater.
Der Mann. War ich's gewesen?
Die Frau. Wer denn sonst? Ich habe an der Perucke gekammt, dass mir der Arm noch wehe tut: wer sieht's ihr nun an? Ich mochte dir sie gleich ins Gesicht werfen.
Der Mann. Spasse nicht, Nillchen.
Die Frau. Ja, ich und der Spass, wir kamen wohl zusammen! -Was willst du denn nun machen, du alter Schmaucher? Du wirst doch nicht in der hasslichen Kutte zum Grafen gehen wollen? Was wurde denn der Herr sprechen?
Der Mann. Mag er sprechen, was er will. Wenn ich ihm so nicht gut genug bin, so mag er mich lassen, wo ich bin: ich verlange ja nicht nach ihm.
Die Frau. Schame dich, Adam! so eine hohe Gnade!
Der Mann. Ich mag keine von ihm. Ich habe so lange ohne sie gelebt
Die Frau. Adam, sei doch nicht so griesgramicht! Sei ja hubsch freundlich gegen den Herrn Grafen! bucke dich fein tief und antworte nicht immer so kurzweg, wie du zu tun pflegst! Dass du ja nicht so schlechthin 'Ihr Diener' zum Grafen sprichst: er nimmt's sehr ubel, wenn man nicht 'untertaniger Diener' sagt.
Der Mann. Nillchen, ich will sagen, wie mir's gefallt. Ich tue dem Grafen meine Arbeit redlich, und er gibt mir dafur mein Brot: ausserdem bin ich weder sein untertaniger noch sein gehorsamer Diener; aber sein Diener bin ich denn er bezahlt
mich dafur , nicht ein Haarbreit mehr noch weniger!
Die Frau. Es ist aber doch einmal Mode
Der Mann. Ach was Mode! die Mode gehort fur die Narren: genug, ich gebe mich fur nichts Schlechteres aus, als ich bin. Mache mir den Kopf nicht warm, Nillchen! ich bin so heute nicht aufgeraumt, dass ich meine Pfeife nicht habe.
Die Frau. Du hast itzt keine Zeit zum Rauchen. Wenn du nun mit dem Tabaksgeruche zum Grafen kamst
Der Mann. Mag er sich die Nase zuhalten, wenn ihm mein Geruch nicht ansteht! Ich verlange nicht von ihm, dass er sich nach mir richten soll: aber ich werde mich auch nicht nach ihm richten. Das ware der erste, der's so weit bei mir brachte.
Die Frau. Zieh dich nur allgemach an
Der Mann. Anziehen? Wozu denn? Nicht eine Faser! Wenn ich mir in dem Rocke nicht zu schlecht bin, so werd ich's dem Grafen wohl auch nicht sein.
Die Frau. Du alter Adam! man hat doch nichts als Schande von dir.
Der Mann. Nillchen, Nillchen, nicht zuviel geschwatzt! -"Ist es denn nicht wahr", schluchzte die Frau mit halb weinendem Tone. "Ich werde gewiss noch vor Arger uber dich sterben."
Der Mann. Sei kein Narr, Nillchen!
Die Frau. Wenn ich nur schon tot ware! (Dabei brach sie in volliges Weinen aus.) Ich muss mich ja in die Seele schamen, wenn die Frau Grafin meinen Mann so einhergehen sieht wie einen schmutzigen Pudel
Der Mann. Nillchen, es klopft jemand.
Nillchen offnete die Tur, und es trat ein abermaliger Bote vom Herrn Grafen herein, der ihn mit Ungeduld erwartete. Er nahm Hut und Stock und ging, ohne ein Wort zu sagen, fort, ob ihm gleich seine Frau mit Tranen um den Hals fiel und ihn um Gottes willen bat, sie und die ganze Familie nicht durch seine schlechte Kleidung zu entehren.
Tranend ging sie an das Fenster, sah durch die Scheibe dem Starrkopfe nach und bedachte nunmehr erst, dass sie ihm nicht hatte widersprechen sollen, um ihn dazu zu bewegen, was sie wunschte. Nicht weniger war sie nunmehr wegen seiner Auffuhrung bei dem Grafen besorgt.
Der Graf bat ihn mit ungewohnlicher Herablassung, dass er ihm und seiner Gemahlin die Erziehung seines Sohns uberlassen mochte, und stellte ihm, statt der Bewegungsgrunde, die grosse Liebe und Gnade der Grafin fur den Knaben und die wichtigen Vorteile vor, die diesem in Ansehung seines kunftigen Glucks daraus zuwachsen wurden: er suchte seinen Eigennutz und Ehrgeiz in das Spiel zu ziehen und fuhrte ihm zu Gemute, dass er ohne die mindsten Unkosten auf diese Weise einen Sohn erhalten werde, der alle Stadtkinder an Bildung, Wissenschaft und guten Manieren ubertreffe. Der alte Herrmann stand unbeweglich da, beide Hande ubereinander auf den Knopf seines knotichten Stocks gelegt, die eine hinterste Spitze seines grossen Hutes zwischen den zwei Vorderfingern der linken Hand. "Nein", sagte er endlich trocken, als ihn der Graf fragte, was er zu tun gesonnen ware-"nein, daraus wird nichts. Wer den Jungen gemacht hat, wird ihn auch erziehen. Mein Sohn soll kein Schmarotzer bei Grafen und Edelleuten werden. Wenn er soviel lernt wie ich, dass er sich sein Brot notdurftig verdienen kann, da hat er genug: nach den ubrigen Fratzen soll er mir nicht eine Hand aufheben. "
"Aber ihn an seinem Glucke, an seiner Bildung zu hindern ist doch sehr unvorsichtig" wandte ihm der Graf ein.
"Bildung hin, Bildung her!" fiel ihm Herrmann mit auffahrendem Tone ins Wort. "Mit dem Kopfe an die Wand wollt ich ihn rennen, dass er krepierte, wenn so ein Scheisskerl aus ihm wurde, so ein geputzter grinsender Tellerlecker, der um die Vornehmen herumkriecht und ihnen den Dreck von den Handen kusst. Pfui! dass dich der Henker holte!"
Der Graf. Es ist ja doch besser, dass er nicht so roh bleibt wie sein Vater.
Herrmann. Roh! das bin ich, das will ich sein, und wer mich nicht so leiden kann, der mag mich lassen, wo ich bin. Ich habe in meinem Leben keinem vornehmen Narren aufgewartet. Ich habe das Meinige auf Schulen und Universitaten getan und weit mehr als mancher, der mit sechs Pferden fahrt und wunder denkt, was er fur ein grosser Gotze ist. Weil ich nicht um Sterne und Ordensbander herumspringen und vornehmen Speichel lecken wollte, wurd ich freilich nur Einnehmer in einer hochgraflichen Herrschaft: aber ich mache mir einen Quark aus allen den Titeln und den grossen Aufschneidereien. Ich will Vornehmen ehrlich und redlich arbeiten, und sie sollen mich dafur bezahlen; und dann hundert Schritte vom Leibe! So denk ich, und so soll mein Junge auch denken.
Der Graf. Es ist schade um das Kind, dass es so einen ungeschliffenen Vater hat.
Herrmann. Seht mir doch! Sie denken wohl gar, dass Sie dem Konig Salomo aus dem Steisse gefallen sind. Weil ich nicht immer an Ihrem Rockzipfel kaue wie die andern dummen Jungen, die wie angeputzte Strohwische da in Ihrem Vorzimmer herumstehen; weil ich nicht immer bei jedem Worte die Nase zwischen den Beinen stecken habe und mir nicht alle acht Tage mit Reverenzen ein Paar Mastrichter Sohlen entzweischarre; weil ich nicht immer schmunzle, mich krumme und winde wie ein Ohrwurm, nicht immer Zeitungen zutrage, nicht immer mit Respekt zu sagen jeden Quark lobe und bewundere, der Ihnen aus dem Maule fallt, als wenn's die goldnen Spruche des Pythagoras waren: deswegen bin ich ungeschliffen! Deswegen nehmen Sie auch solche Schafkopfe in Ihre Dienste und machen sie zu Ihren Lieblingen, damit sie Ihnen bestandig den Kopf krauen, weil sie selber keinen haben. Wenn's etwas zu schmeicheln, zu verleumden, zu hohnen oder zu schmarotzen gibt ah! da sind sie die ersten: aber wenn einmal Holland in Not ist, da stehen die Schurken alle da und blocken die Zungen wie die Lowen um Salomons Thron. Ich bin ein ehrlicher Mann, und weiter will ich nichts sein.
Der Graf, der sich durch diese derbe Lektion mehr getroffen fuhlte, als er wunschte, und doch uber einen Mann nicht zurnen konnte, der ihm wegen seiner Dienste unentbehrlich war, auch sich einmal in den Besitz des Rechts gesetzt hatte, schlechterdings ohne alle Sitten zu sein der Graf, sage ich, spazierte wahrend jener Rede auf und nieder und rausperte sich unaufhorlich, weil ihm zuviel daran lag, zum Hauptzwecke mit ihm zu kommen. Er antwortete deswegen kein Wort auf alle seine Vorwurfe, unterdruckte seinen Unwillen mit meisterhafter Selbstverleugnung und kam, als die Beredsamkeit seines Moralisten noch einige Zeit in jenem Tone fortgelaufen war, auf die Hauptsache zuruck, warum er ihn hatte rufen lassen. Er bat ihn itzt, dass er seinem Sohne nur wenigstens auf einige Wochen den Aufenthalt auf dem Schlosse verstatten sollte, und zwar bloss aus Gefalligkeit gegen die Grafin.
"Mit meinem Wissen nicht eine Minute!" unterbrach ihn der Einnehmer. "Es geschieht nicht, damit ist das Lied am Ende. Ich schamte mich, wenn ich Lust hatte, Kinder zu erziehen, und mir nicht selber eins schaffen konnte. Machen Sie's wie ich! so brauchen Sie keins zu borgen. Wenn Sie sonst nichts wollen, so geh ich."
"Das kann Er!"sagte der Graf mit empfindlichem Tone; und Herrmann hatte die Tur schon in der Hand, ehe er es herausgesagt hatte.
Warum es sich der Graf so sehr angelegen sein liess, den storrischen Mann zu einer Sache zu bewegen, die er im Herzen als eine grosse Gnade betrachtete und andere auch dafur angenommen hatten? Dazu trieb ihn keine Ursache als die Politesse, seine oberste Gesetzgeberin. Aus Menschenliebe hatte er noch in seinem Leben sehr wenig Gutes getan, aber aus Politesse ungemein viel: jene konnte man ihm ungestraft absprechen, allein wenn er in Ansehung dieser sich nur der mindesten Unterlassungssunde bewusst war, so qualte ihn ein solcher Gedanke so stark und verursachte ihm eine so unruhige Angstlichkeit als Mord und Totschlag einem aufgewachten Gewissen. Selbst aus Liebe zu seiner Gemahlin, die er doch zu gewissen Zeiten recht herzlich zu lieben glaubte, bewegte er nicht eine Hand; und wenn es zuweilen schien, als ob er die Erfullung eines ihrer Wunsche mit so lebhaftem Eifer betriebe, um ihr eine Gefalligkeit zu erzeigen, so lag die Schuld furwahr nicht an ihm, sondern an dem falschen Urteil der Leute, die bei ihm die namlichen Bewegungsgrunde vermuteten, nach welchen sie vielleicht handelten: nein! sich, sich wollte er eine Gefalligkeit erzeigen: sich wollte er das susse Bewusstsein verschaffen, dass er abermals einen ruhmlichen Beweis seiner Galanterie und Politesse abgelegt habe. Jede solche Handlung war ihm geradeso lieb als dem Helden ein erfochtener Lorbeer. Deswegen ging er jetzt nach dem Abtritte des alten Herrmanns so unmutig und trostlos im Zimmer herum als ein Mensch, der in einer verdriesslichen Stellung weder ein noch aus weiss; denn er hatte sich vorgenommen, der Grafin mit dem kleinen Heinrich zu ihrem Geburtstage ein Geschenk zu machen, und der verzweifelte Geburtstag war schon ubermorgen. Welch eine Not!
Viertes Kapitel
Die Frau Herrmann konnte vor brennender Ungeduld die Ruckkunft ihres Mannes nicht in der Stube abwarten: kein Tropfen Kaffee schmeckte ihr: sie musste sich schlechterdings in die Tur stellen, wo sie noch mit gluhenden Backen stand, als ihr Mann um die Ecke der nachsten Gasse herumkam. Gern ware sie ihm entgegengegangen, wenn ihr nur der leidige Wohlstand nicht verboten hatte, sich im Neglige uber die Turschwelle zu wagen. Warum geht er nur so langsam? Ach! da fuhrt der bose Feind gar einen Mann her, mit dem er spricht! Die arme Frau mochte vergehen uber dem ewigen Geschwatze: der Hals wird ihr ganz trocken, sie schmachtet vor Erwartung, sie kann auf keiner Stelle bleiben, tut bald einen Schritt vorwarts, bald einen ruckwarts. Itzt nehmen sie Abschied; jetzt kommt er. 'Was wollte der Graf?' schwebt ihr schon auf der Zunge; sie steht unbeweglich da und strebt ihm mit Kopf und Brust entgegen. "Was wollt ..." ist schon ausgesprochen. O so muss doch der leibhafte Teufel mit im Spiele sein: nicht zwei Schritte ist er von der Tur, da ruft ihn der Herr Nachbar ans Fenster: man mochte unsinnig werden; vor heute abend erfahrt die arme Frau gewiss nichts. Die Tranen stehen ihr schon in den Augen vor Arger, und dreimal knirscht sie unwillig mit den Zahnen aber nein! sie hatten einander nur ein paar Worte zu sagen, und der Mann kommt machtig dahergeschritten.
"Was wollte der Herr Graf?" rief ihm die Frau mit freudigem Tone entgegen, indem sie auf die unterste steinerne Stufe vor der Tur herabstieg. Der Mann ging in das Haus und antwortete nichts. "Adam, was wollte der Herr Graf?" wiederholte sie mit etwas starkerer Stimme, als sie hinter ihm drein in den Hof ging.
Der Mann. Was wollte er? Nicht viel Gescheites! was solche Leute immer wollen!
Die Frau. Nun? so erzahle mir doch, Adamchen! Dachte er nicht an unsern Heinrich?
Der Mann. Mehr als zuviel! Das ist heiss! (und so jagte er mit seinem Stocke ein paar Huhner von einer alten Schnitzbank und nahm ihren Platz ein.)
"Was sagte er denn von unserm Heinrich?" setzte die Frau das Gesprach fort, indem sie sich mit halbem Leibe auf des Mannes linke Schulter legte.
Der Mann. Kannst du dir einbilden, Nillchen? Er will unseren Jungen zu sich auf das Schloss haben und einen Narren aus ihm machen.
"Ach!" tat die Frau einen lauten Schrei vor Freude.
Der Mann. Aber ich hab es ihm rund abgeschlagen.
Die Frau. Abgeschlagen! (Dies sprach sie mit der leisen erloschenden Stimme eines Kranken, der eben abscheiden will: in den Augen zogen sich schon eine Menge wehmutige Feuchtigkeiten zusammen.)
Der Mann. Mein Junge soll nicht so ein Taugenichts, so ein Tagedieb werden wie die Schlaraffengesichter, die da bestandig hinter dem Grafen dreinziehen.
Die Frau. So eine hohe Gnade! und abgeschlagen! Du bist ein recht ungeschliffner Mann (wobei er einen wegstossenden Schlag von ihrer Hand bekam).
Der Mann. Der Graf mag seine Gnade fur sich behalten; ich brauche sie nicht. Nicht den Hut nehme ich dafur ab. Wo willst du hin, Nillchen?
Die Frau. Zur Grafin Frau, um ihr zu sagen, dass mein Mann den Verstand verloren hat!
"Nillchen! bleib hier!" antwortete er ganz gelassen und zog sie bei dem Rocke von hinten auf die Bank zuruck. "Wenn du einen Schritt tust, Nillchen", fuhr er mit gesetzgebendem Ton fort, "um den Jungen bei der Grafin anzuschmarotzen, so schliess ich ihn oben in den grossen Kleiderschrank, dass ihn der Teufel nicht herauskriegen soll, solange ich nicht will; und musst er gleich darinnen verschmachten."
Die Frau. Das kannst du: ich gehe doch. Ich will deine Grobheit nicht auch auf mich kommen lassen.
"Nillchen", sagte der Mann mit dem namlichen kalten Blute und zog sie auf die namliche Art bei dem Rocke zuruck -"da halte meinen Stock! ich komme gleich wieder. "
Sie setzte sich; er ging und kam nach einigen Minuten zuruck. "Nun kannst du zur Grafin gehen", sprach er trocken, nahm ihr seinen Stock ab und setzte sich.
Die gute Frau vermutete wohl hinter dieser plotzlichen Sinnesanderung einen bosen Streich und ging also mehr aus Neubegierde, um zu sehen, ob er wirklich die Tollheit begangen habe, den kleinen Heinrich einzuschliessen. Sie rief an dem Kleiderschranke und in allen Winkeln: nirgends war ein Heinrich, der ihr antwortete. Ihre Empfindlichkeit wurde durch dieses hamische Verfahren noch mehr gereizt denn sie glaubte wirklich, ihr Mann habe ihn irgendwo versteckt und wollte ihren Willen deswegen schlechterdings durchsetzen: hastig warf sie einen Teil ihres Negliges von sich und wollte sich anputzen, um zur Grafin zu gehen. Sie eilte zur Kommode sie war verschlossen: zum Schranke er war verschlossen. Nun merkte sie wohl die Bosheit: ihr Mann hatte ihr vorhin, als er sie verliess, alle Kleider eingeschlossen und die Schlussel zu sich gesteckt.
Sie wusste nicht, ob sie zu ihm zuruckgehen oder bleiben sollte: endlich entschloss sie sich kurz, legte ihr Neglige wieder an und wanderte in den Hof zuruck, fest entschlossen, Arger und Verlegenheit zu verbergen.
"Warum gehst du denn nicht?" fragte der Herr Ehegatte, tuckisch nach ihr hinschielend.
"Ich will warten bis Nachmittag", erwiderte sie mit persiflierendem Tone und liess sich neben ihm nieder. Er sass da, beide Hande vor sich auf den Stock gestemmt, das Kinn auf die Hande gestutzt, den Blick vor sich hin nach dem Hause gerichtet: der linke Schoss des Uberrockes hing nach der Lange uber die Bank hinten herunter. Hurtig wischte die Dame mit der rechten Hand leise in seine Tasche, holte einen Schlussel heraus und husch! damit in die andere Hand unter den Mantel! Die Rechte tat noch ein paar solche heimliche Gange, bis alle notigen Schlussel durch diesen Hokuspokus sich unter ihrem Mantel befanden: alsdann tat sie einen verstellten Seufzer, wandte mit angenommener Niedergeschlagenheit eine okonomische Angelegenheit vor und ging, innerlich triumphierend, langsam ins Haus.
Desto schneller flog sie die Treppe hinauf und zum Kleiderschranke. Keine Schleife wurde aufgeknupft, alles heruntergerissen, mit freudiger Ubereilung das schonste Galakleid herausgeholt, die schonste Haube aufgesetzt, und in einer halben Viertelstunde wallte schon ihr Busen vor Entzucken unter dem flornen Halstuche, und ihr Herz klopfte vor Freude uber ihre gelungene List und vor Triumph, ihren Mann zu ubertrotzen, so hoch, dass die seidne Kontusche knisterte. Nicht zufrieden, gesiegt zu haben, wollte sie ihren Gegner auch kranken: noch einen selbstgefalligen Blick in den Spiegel! und dann nahm sie alle eroberten Schlussel zu sich und rauschte gluhend und sich rauspernd die Treppe hinunter in den Hof. Da stund sie vor dem Manne, der staunend die Augen weit aufriss und hastig mit der Hand in die Tasche fuhr: er wurde bald inne, wie man ihn uberlistet hatte, aber er liess sich nichts merken.
"Ich will zur Frau Grafin gehn", sprach sie mit spottischer Gleichgultigkeit, machte eine tiefe Verbeugung und sagte:
"Leb wohl."
"Nillchen", rief der uberwundene Ehegatte mit der aussersten Kalte, ob ihm gleich der innerliche Groll beide Backen mit einer merklichen Rote farbte, "warte noch ein wenig! Ich habe mich anders besonnen. "
Nillchen hielt diesen vorgegebenen Vergleich fur eine neue List, wodurch er sich fur ihre Taschenspielerei desto empfindlicher rachen wollte; sie wartete nicht.
"So warte doch!" rief er abermals, ging ihr nach und erwischte sie in der Hofture bei dem kanevasnen Rocke. -"Warte doch! Ich habe mir's uberlegt: ich will meinen Jungen aufs Schloss geben!"
Sie sah ihn misstrauisch an und wusste nicht, ob sie seiner trocknen ernsten Miene glauben sollte. "Nun gut!" sagte sie endlich, "so will ich zur Grafin gehen und ihr deinen Entschluss melden."
Der Mann. Ja, das sollst du! Aber sage mir nur erst: welche Bundel Stroh soll denn der Pfarrknecht kriegen? Er mochte indessen kommen.
Die Frau. Dass du ihm ja nicht die guten gibst!
Der Mann. Zeige mir sie doch, ehe du gehst, damit du nicht hernach wieder sprichst, ich gebe alles weg, wenn ich die unrechten
"Komm! ich will sie dir zeigen", unterbrach sie ihn und tanzte, wie ein triumphierendes Madchen nach der ersten Eroberung, uber den Hof nach der Scheune hin. Der Mann schlenderte langsam hinterdrein.
Das Tor wurde geoffnet: sie trat mit vorsichtigem Schritte, um die weissen seidnen Schuhe nicht zu verletzen, unter die Strohbundel und erhub den rechten Zeigefinger, dem Manne deutlich und augenscheinlich zu demonstrieren, was er tun sollte. Mitten in ihrer Demonstration horte sie das Tor hinter sich knarren, sie sah sich um und entdeckte dass sie eingeschlossen war.
"Adam, Adam! wo bist du?" rief sie mit innerlicher Angstlichkeit; umsonst: Adam legte eben das grosse Schloss vor das Scheunentor, schnappte es zu, sagte nicht eine Silbe und ging langsam in das Haus.
Nun merkte die arme eingesperrte Frau wohl, durch welche betrugerische Verstellung sie hintergangen war, dass sie in diesem dunkeln Gefangnisse aushalten musste, solang es ihrem Mann beliebte, dass sie nicht zur Frau Grafin gehn konnte, dass ihres Mannes Trotz die Oberhand behielt. "Ach!" rief sie bei diesem letzten entsetzlichen Gedanken aus, riss das weisse Schnupftuch mit theatralischem. Anstande aus der Tasche, bedeckte ihr betrantes Gesicht und sank auf ein Bundel Stroh hin ob in Ohnmacht? das weiss ich wahrhaftig nicht: aber ich zweifle; denn es war ja niemand in der Scheune, der es gesehn hatte. Voller Schadenfreude nahm indessen der Mann den geraden Weg nach Heinrichs Schlafkammer, fand ihn nicht, stutzte, ging weiter: er durchwanderte das Haus von dem obersten Bodenwinkel bis zum untersten Keller, suchte, rief vergebens: er ging vor die Tur, in den Hof nirgends eine menschliche Kreatur, die Heinrich heissen wollte! 'Hui', dachte er, 'dass mir die Frau den Streich gespielt und den Jungen auf das Schloss vorangeschickt hat! Warte, Nille! wir wollen dich schon kriegen!'-Die Vermutung, so falsch sie auch war, wiegelte seine ganze Galle auf: seine eheliche Autoritat war durch die krankendste Hinterlist beleidigt, und er sann auf eine exemplarische Strafe fur eine so unerhorte Emporung gegen seine gesetzgebende Macht. Die Ehe dieser beiden Leutchen hatte uberhaupt einen ganz originalen Ton: ohne sich jemals formlich zu zanken, lagen sie in bestandigem Kriege widereinander: nimmermehr liess eins das andre zur offnen Schlacht, nicht einmal zum Scharmutzel kommen, sondern jeder Teil suchte den andern bestandig durch heimtuckische Uberfalle, Streifereien und listige Kniffe zu necken, und mitten unter solchen Plagereien liebten sie sich so feurig als nur jemals ein Paar, das der Trauring verknupft hat.
Sobald es bei ihm ausgemacht war, dass er, trotz der Einsperrung seiner Frau, der uberwundne Teil sei, so machte er, weil sich allmahlich die kleinstadtische Zeit des Mittagessens naherte, in eigner Person Anstalt dazu. Seine Kochkunst war ausserst gering, und wenn sie auch einen weitern Umfang gehabt hatte, wollte er doch vorsatzlich nichts hervorbringen als eine Wassersuppe. Um sich aber nicht zugleich selbst zu strafen, stillte er erst seinen Appetit mit einigen soliden Stucken geraucherten Fleisches, und als die kalte Kuche verzehrt war, richtete er seine magere ungesalzene Wassersuppe an, deckte den Tisch, setzte sein einziges Gericht in die Mitte und ringsherum eine grosse Menge leere Schusseln. Darauf ging er zur Scheune, offnete sie und lud seine Gefangene zur Mittagsmahlzeit ein.
"Ich mag nicht essen", sagte sie etwas schnippisch, kehrte ihm den Rucken und ging an das andre Ende der Scheune.
Der Mann. Nillchen, du wirst dich doch nicht zu Tode hungern wollen! Komm! Die Frau Grafin hat die hohe Gnade gehabt, uns ein ganzes Gastmahl zu schicken vor grosser Freude, dass unser Heinrich bei ihr ist. Sie hatte sogar die allerhochste Gnade und liess uns versichern, dass wir alle Tage ein paar Schusseln aus ihrer Kuche konnten holen lassen: aber das sieht mir so almosenmassig aus: ich hab es ausgeschlagen.
"Ausgeschlagen!" rief die leichtglaubige Ehefrau. "Ja, wenn du deiner Frau eine Muhe ersparen kannst, so tust du's gewiss nicht."
Der Mann. Wenn ich's angenommen hatte, alsdann, denkst du, brauchtest du nicht mehr zu kochen? Nillchen, ebendeswegen hab ich's ausgeschlagen, damit du das Kochen nicht verlernst, bloss um deines Bestens willen! Die Frau Grafin liess besonders sehr viele gnadige Komplimente an dich machen.
Die Frau. Es ist doch eine recht liebreiche Dame (wobei ein tiefer Knix in das Bundel Stroh hinein gemacht wurde, worauf sie stand).
Der Mann. Das ist sie! Der Laufer fragte sehr nach dir, Nillchen: ob er vielleicht gar Prasente fur dich mitbrachte? Es kam mir so vor
Die Frau. Und da fragte der alte Adam auch nicht weiter?
Der Mann. Was sollt ich fragen? Ich sagte ihm, meine Frau ware im Gefangnisse, nach Tische kame sie los, alsdann konnt er sie sprechen.
Die Frau. Und das sagtest du ihm? Wahrhaftig, es ware kein Wunder, wenn man sich zu Tode bei dir argerte. Mir solche Schande zu machen!
Der Mann. Was ist denn das nun fur Schande mehr! Wenn ein Beutelschneider auf dem Diebstahl ertappt wird, so steckt man ihn ein: wenn dir's keine Schande gewesen ist, meine Taschen zu bestehlen, so kann dich's auch nicht beschimpfen, dass man dich in Arrest gebracht hat. Aber komm! ehe das Essen kalt wird! es sind sehr fette Speisen dabei.
Die Arrestantin folgte ihm halb mit Betrubnis, dass ihre Einsperrung durch ihren eignen Mann bekannt gemacht war, halb mit freudigem Verlangen nach dem versprochenen herrlichen Gastgebote und den noch herrlicheren Geschenken, die nach Tische sich wieder einfinden sollten.
Sie trat in die Stube: wie versteinert stand sie da, als sie ihre Leichtglaubigkeit abermals auf das Schandlichste betrogen fand, biss sich in die Lippen und vermochte vor Scham kein Auge aufzuheben. In der Besturzung liess sie sich vom Manne an den Tisch fuhren und auf einen Stuhl setzen: welch neue Bosheit! Der Heimtuckische hatte die Wassersuppe so reichlich mit Zwiebeln einem fur sie unleidlichen Gewachse angefullt, dass ihr der entgegenkommende Geruch den Atem versetzte.
Was war zu tun? Essen konnte sie weder vor Arger, der in ihr bis zu den Lippen heraufschwoll, noch wegen der widrigen Zubereitung des Gerichts. Adam hingegen, so ubel es ihm selbst schmeckte, ass ihr zum Trotz mit einer Begierde, als wenn es der kostlichste Leckerbissen ware.
"Sage mir einmal!" fing er nach einem langen Stillschweigen an, "wenn hast du denn Heinrichen auf das Schloss geschickt?"
Die Frau kratzte mit den Fingern auf dem Tischtuche, senkte den tranenvollen Blick unbeweglich auf den Teller, schluchzte und schwieg.
"Nillchen, sei kein Trotzkopf!" fuhr er nach einer kleinen Pause fort. "Sage mir's aufrichtig, wenn hast du den Jungen zur Grafin geschickt?"
Die Frau. Ich hab ihn nicht geschickt.
Der Mann. Wo ist er? Verschweig mir's nicht, wenn du ihn versteckt hast! er ist weg. Wenn er mit deinem Wissen und durch deinen Vorschub, bloss um mir zu trotzen, aus dem Hause gekommen ist, so soll ich will nicht schworen , aber der Teufel soll mich holen, wenn ich zeitlebens wieder in einem Bette mit dir schlafe.
Bei so vielem Ernste war ein zeitiger Ruckzug das klugste: sie fuhlte ihre schlimme Lage und die Notwendigkeit, ihm durch Nachgeben auszuweichen, so lebhaft, dass sie ihm sogleich ins Wort fiel und mit einem teuren Eide versicherte, sie wisse nichts von dem Knaben.
Der Mann. So komm, wir wollen ihn suchen! Diese Aufforderung geschah freilich zum Teil aus heimtuckischer Absicht, weil er nicht glaubte, dass sie ihr Gewissen bei ihrem Schwur rein und unbefleckt erhalten habe: er wollte ihr die Krankung antun, sie an einem Tage, wo sich keine Seele im ganzen Stadtchen putzte, in ihrem Galakleide durch alle Gassen und, bei der grossen Sonnenhitze, durch Staub, uber Stock und Stein zu fuhren. Sie wollte zwar zur Umkleidung Anstalt machen, allein er fasste mit einem Griffe so plotzlich Hut, Stock und ihren Arm, dass keine Zeit zur Einrede ubrigblieb: der Marsch ging fort. Mit der Neubegierde der kleinen Stadte, wo die Leute hinter den niedrigen Fenstern wie die Diebe hinter dem Busche auf die Vorubergehenden lauren, waren gleich alle Hauser die ganze Gasse durch mit Menschenkopfen besetzt, an welchen sich die Nasen rumpften oder die Lippen spottisch grinsten, oder die Augen sich weit aufsperrten, als unser edles Paar vorbeispazierte. Etwas komisch war der Anblick, an dem Arme eines so unsauber gekleideten Gesellen die Dame in dem auserlesensten Schmucke dahinwandeln zu sehn: doch das war noch lange nicht der unangenehmste Akt des Possenspiels. Ungegessen, ohne Schutz und Schirm wider die Sonne, in dem durchhitzten Sande, auf offnem Felde, bei der brennendsten Mittagsglut, unter bestandiger Angstlichkeit, dass vielleicht dem Anzuge ein Ungluck widerfahre, mit ziemlich starken Schritten dahinzutraben, das was allerdings eine ausgesuchte Strafe, und man musste mehr als grausam sein, um einen weiblichen Eigensinn so bestrafen zu konnen. Der Spaziergang wurde zwei Stunden lang fortgesetzt: das arme Weib schmachtete, der Schweiss rann in starken Stromen herab und tigerte die apfelgrune Kontusche mit Flekken: aber Trotz und Verzweiflung gaben ihr Mut: sie spannte alle Krafte an, um ihren Schmerz nicht merken zu lassen oder um Vermindrung ihrer Qual zu bitten. Endlich, da fast alle Nerven ihrer Standhaftigkeit erschlafften, notigte sie ihr strenger Gesetzgeber, in einem kleinen Tannenwaldchen auszuruhen. Traurig sass sie da und scheuerte mit dem Schnupftuche an den unausloschbaren Flecken ihrer Kleidung und brach in bittres Weinen aus, als sie alle Wahrscheinlichkeit den ganzlichen Untergang der geliebten Kontusche erwarten hiess.
"Weiter! wir mussen aufbrechen!" rief der grausame Mann und hub sich von der Erde auf.
"Ich kann nicht mehr", rief die Frau mit schwacher Stimme -"mir schwindelt!"
"Fort! fort!" erschallte abermals, und zwar etwas gebietrischer, wobei er ihr zugleich die Hand reichte und sie aufhob. War es Verstellung oder wirkliche Kraftlosigkeit? genug, sie sank wieder zuruck und wurde sich den Kopf an einem Stamme zerschmettert haben, wenn er sie nicht beizeiten aufgefangen hatte.
Der Mann. Wir mussen aufs Schloss: itzt wird die Grafin abgespeist haben. Willst du deine Prasente nicht holen?
Die Frau. Bringe mich doch lieber gleich um, du Barbar! Da! schlag mich vor den Kopf oder hange mich hier an einen Baum! Weiter willst du doch nichts, als dass ich wegkommen soll, damit du wieder eine andre zu Tode plagen kannst, du Weiberhenker!
Der Mann. Lass gut sein, Nillchen! Lass gut sein! Marsch!
Die Frau. Nicht eher sollst du mich von der Stelle bringen, als wenn du mich in Stucken zerreissest.
Der Mann. Ach warum nicht gar? Da werd ich mir wohl so viele Wege machen und dich stuckweise wegtragen. Lieber transportiere ich dich auf einmal im Ganzen.
Wie ein Blitz hatte er sie auf seine Schultern geladen, und sosehr sie mit Handen und Fussen kampfte, so packte er sie doch so fest, dass sie sich nicht loszureissen vermochte; und nun fortan! wie ein Romer mit einer geraubten Sabinerin auf dem Rucken eilte er uber das Feld hin, nach dem Stadtchen zu! Jedermann blieb vor Verwundrung stehen, jedermann liess Sichel und Sense ruhen, alle Weiber und Madchen, so weit das blache Feld reichte, lehnten sich auf die Harken und gafften mit offnem Munde dem sonderbaren Schauspiele nach. In der Lange ward ihm doch ihre Last zu schwer: er setzte sie also keuchend unter einem Weidenbaum ab und gebot, den ubrigen Weg zu Fuss zu machen. Ergrimmt, dass sie seinen Steifsinn durch keins von ihren herzangreifenden Mitteln murbe machen konnte, wollte sie ihn auf das Ausserste treiben und beschloss bei sich, schlechterdings nicht von der Stelle zu gehen. Nach einer dreifachen Ermunterung zum Aufbruche fragte er sie: "Willst du nicht mit, Nillchen?" Hierauf bekam er nichts als ein trotziges, fluchtig hingeworfnes "Nein". "So bleib hier! Ich will dir einen Wagen schicken", sprach er und verliess sie.
Hier sass nun die arme Betrubte unter einer grossen Weide mitten auf einem ungeheuren Felde, wenigstens eine gute Stunde von der Stadt, und wusste nicht, ob sie gehn oder bleiben, sein Versprechen in Ansehung des Wagens fur Spott oder Ernst annehmen sollte. Ihm nachzulaufen? welche Erniedrigung fur ihren ohnehin schon tief verwundeten Stolz! welcher Triumph fur die Schadenfreude ihres Mannes! Dazubleiben und den Wagen zu erwarten? wie misslich und zugleich wie gefahrlich! Wenn er sie nun bis in die spate Nacht warten liesse? denn einer solchen Tyrannei ware er fahig.Wenn sie nun nach langem Warten mit Spott und Schande fur ihre abermalige Leichtglaubigkeit zuruckkehren musste?
Ihre Verlegenheit und ihr Kummer stieg wirklich so hoch, dass sie mit heissen Zahren den Kopf in die Hande legte und im volligen Ernste den Himmel um ein schleuniges Ende anflehte: sehr leid tat es ihr, dass nicht gerade ein Gewitter uber dem Horizonte stand, um sich einen hulfreichen Donnerschlag ausbitten zu konnen. Weder ihr korperlicher Zustand noch ihre weite Entfernung von dem Stadtchen war so hochsttraurig: aber ihr uberwaltigter Trotz, ihre uberlistete Feinheit, die kalte Grausamkeit ihres Mannes, die tukkische Schadenfreude, womit er sie so vielfaltig hinterging, die Unmoglichkeit, ihm an irgendeiner schwachen Seite beizukommen das, das waren die Stacheln, die ihr Innerstes, wie der Geier Tityus' Leber, zerfleischten.
Ein tuchtiger, brausender Zank ist das beste Heilungsmittel wider zuruckgehaltnen Arger: die Natur fing allmahlich an, in ihr zu diesem Zwecke zu wirken. Da sie wohl merkte, dass mit dem Tode nichts anzufangen war, setzte sich ihr Blut nach und nach in schnellere Bewegung: sie liess ihren Lebensgeistern den straffgezognen Zugel schiessen, und in weniger denn drei Minuten war die kleinste Nerve zu Streit und Hader gewaffnet. Sie machte sich sogleich auf, um ihrem Manne nachzusetzen und ihren ganzen Grimm ins Gesicht zu schwatzen. Unterwegs bereitete sie sich zu diesem feierlichen Aktus vor und hatte schon den ganzen Dialog im Kopfe, als sie von hinten durch die Gartenture ins Haus ging.
Aber wie an ihn zu kommen? Eine Gelegenheit musste sie doch haben, die den Zank auf eine naturliche Art einleitete: zudem sollte er, nach ihrem Wunsche, den Angriff tun, damit sie durch die Selbstverteidigung zu ihrer beschlossnen Rache berechtigt ware. Sie wusste fur ihren Plan keinen schicklichern Ausweg, als dass sie im Hause herum aus einer Stube, einer Kammer in die andre wanderte und jede Tur mit einer Heftigkeit hinter sich zuschlug, dass sich alle Fenster unaufhorlich in einem erdbebenmassigen Zittern befanden. Dass nur der alte Fuchs ihre Absicht nicht gemerkt hatte! Anfangs hielt er das Bombardement ruhig aus und schrieb ungestort an seiner Rechnung fort: da es ihm in der Lange zu lastig wurde, ging er hinter ihr drein, und sobald sie aus einer Kammer oder Stube heraus war, schloss er die Tur ab und steckte den Schlussel ein, ohne nur einen Laut zu sagen. In kurzem war sie so sehr aus allem Vorteile herausgetrieben, dass ihr nichts als die Kuchentur ubrigblieb, und da sich diese wegen eines Gebrechens am Schlosse nicht verschliessen liess, hub er sie aus: das namliche tat er mit der Stubentur und ging zu seiner Schreiberei zuruck.
Dergleichen Bosewicht! nach so unendlichen Plagereien der armen Frau nicht einmal die Freude zu gonnen, dass sie sich zanken kann! Dieser neue Streich erhohte den vorigen Groll: sie wollte mit aller Gewalt durchbrechen und stellte sich zu dem Ende an die hinterste Haustur mit dem wohlgemeinten Vorsatze, sie unaufhorlich auf- und zuzuschlagen: allein bei dem ersten Offnen lehrte sie der Zufall ein andres Mittel, das ihren Zweck mit millionenmal sichererm Erfolge beforderte. Die Turangel war bei der grossen Hitze ganz trocken von Ole und so durstig geworden, dass sie bei jeder Umdrehung in einem hellen schneidenden Tone schrie: unter allen Unannehmlichkeiten, die sterbliche Ohren martern konnen, war dieses fur ihren Mann die angreifendste, das wusste sie. Was sie tat, kann man nunmehr leicht raten: das war so ein durchdringendes, Mark und Nerven zerreissendes Quieken in einer Leier fort, als wenn sich alle Turen im Hause verschworen hatten, den Mann musikalisch zu Tode zu martern. In der ersten Uberraschung schwoll sein Zorn wohl ein wenig auf, allein sogleich fasste er sich wieder, holte einen Strick aus der Kammer, und da sie ihn mit diesem Instrumente kommen sah und vermutete, dass vielleicht gar ihr Rucken damit gemeint sei, verliess sie besturzt ihren Posten und fluchtete in die Kuche. Ohne etwas mehr im Sinne gehabt zu haben, band er die Hoftur, die auch kein zuverlassiges Schloss hatte, so fest an einen inwendigen Haken, dass mehr als Weiberstarke dazu gehorte, sie wieder musikalisch zu machen. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zuruck an seine Arbeit.
Die Frau wollte in Verzweiflung geraten, dass ihr alle Anschlage misslungen. Indessen, dass sie auf neue Ranke sann, kam der Laufer des Grafen, uberbrachte einen gnadigen Gruss von seinem Herrn und drei Bouteillen Wein, mit der Bitte, sie morgen an dem Geburtstage der Grafin auf ihre Gesundheit auszuleeren.
"Ich mag keinen Wein vom Grafen", sagte Herrmann trotzig und schrieb, ohne aufzublicken, brummend fort. "Was fur Wein ist es denn?" fragte er in der namlichen Positur nach einer kleinen Pause.
"Ungarwein", antwortete der Laufer.
Herrmann stund von seinem Stuhle langsam auf, steckte die Feder hinter das rechte Ohr, zog den Kork von der Flasche, setzte an und tat einen herzhaften Schluck.- "Er ist gut", sprach er, indem er sie wieder auf den Tisch stellte; "ich will ihn behalten."
"Zugleich", fuhr der Laufer fort, "soll ich Ihnen auch die Nachricht von Ihrem Heinrich bringen "
Herrmann. Ist der verfluchte Junge auf dem Schlosse?
Der Laufer. Ja, schon seit heute fruh um sechs Uhr. Er ist heimlich aus dem Bette fortgeschlichen und war schon lange da, ehe Sie zum Grafen kamen: aber er bat instandig, dass wir ihn vor Ihnen verstekken sollten. So ist er in unsrer Stube geblieben, bis es der Graf erfuhr und ihn zu sich aufs Zimmer kommen liess. Er hat ihn dem Kammerdiener ubergeben, bei dem er wohnen und schlafen soll. Man konnt ihn gar nicht bereden, wieder wegzugehen, und er lasst Ihnen sagen, dass Sie sich weiter nicht um ihn bekummern sollten, er ware versorgt.
Herrmann. Darum braucht er nicht zu bitten, dass ich mich nicht weiter um ihn bekummern soll. Nicht einen Fuss darf er mir wieder uber die Schwelle setzen, der Tagedieb!
Er tat zu gleicher Zeit einen zweiten Schluck aus der Flasche, die er bestandig wahrend des Sprechens in der Hand behielt. -"Der Wein ist recht gut", sagte er freundlich, als er absetzte.
Der Laufer. Morgen werd ich Ihnen mehr bringen, wenn der Herr Graf weiss, dass er Ihnen so gut schmeckt.
Herrmann hatte wahrend dieses Versprechens den dritten Schluck getan und antwortete mit beinahe stammelnder Zunge: "Es soll mir lieb sein."
"Sagen Sie nur dem Grafen", setzte er hinzu, als der Laufer Abschied nahm, "er mochte meinen Heinrich bei sich behalten, so lang er wollte er darf sich gar nicht furchten, dass ich mich deswegen wieder mit ihm zanken werde ich hab ihm auch heute fruh nichts ubelgenommen, das kann er versichert sein nur soll er mir nicht so einen Tagedieb aus ihm machen, wie es die Laffen alle um ihn herum sind! Oder ich schmeisse den Jungen mit dem Kopfe an den ersten Stein, wo ich ihn finde."
Wahrend dieser halbtrunknen Rede hatte er den Laufer an die Haustur begleitet und nahm itzt Abschied mit einem Handedrucke und dem nochmaligen Auftrage, dass er den Grafen ja versichern sollte, er habe ihm heute fruh gar nichts ubelgenommen; er wusste wohl, dass es des Grafen Art einmal sei, etwas frei zu reden. Eine solche Verwechslung der Personen begegnete ihm gewohnlich auch bei dem kleinsten Rausche: immer glaubte er alsdann, dass die Leute ihm die Grobheiten gesagt hatten, wodurch sie von ihm kurz vorher waren beleidigt worden: widerfuhr es ihm welches auch nicht selten geschah , dass er in der Trunkenheit jemanden recht derb ausschalt, so beging er, wenn er wieder nuchtern war, die namliche Verwechslung und versicherte ihn herzlich, dass er ihm alles vergeben habe. Bestandig schien er sich der beleidigte Teil, und nur seine Frau machte hierinne eine Ausnahme.
Uberhaupt hatte er das Ungluck, dass er bei aller Starke und Klugheit, womit er ihrem Eigensinn und Trotze widerstand, gemeiniglich sein gewonnenes Spiel selbst wieder verdarb. Auch ohne Trunk wurde er immer zunehmend schwach, je mehr sich die Sonne nach Westen neigte: wie ein Fieber uberfiel ihn gegen Abend ein so heftiger Paroxysmus von Liebe und Zartlichkeit, dass er angstlich um seine Frau herumging und auf alle ersinnliche Weise sie wieder auszusohnen suchte und oft wegen des Widerstandes, den er ihr den Tag uber mit der uberlegtesten Klugheit getan hatte, demutig und reuig um Vergebung bat. Fuhrte ihn nun vollends das Schicksal ein begeisterndes Getrank in den Weg, so war es ganz um seine Standhaftigkeit geschehen: sein schwachnervichter Kopf war auf den ersten Schluck eingenommen, und er wurde bis zum Gecken in sein Nillchen verliebt. Gegen jeden andern beobachtete er in einem solchen Zustande die Regel genau, dass er sich mit ihm zankte, wenn er den Tag uber sein Freund gewesen war, und sich mit ihm versohnte, wenn er sich mit ihm gezankt hatte. Deswegen wartete auch seine Frau bei mittelmassigen Bedruckungen gelassen den Abend ab oder setzte ihm des Nachmittags ein Glas Branntewein in den Weg; denn zu keiner andern Zeit nahm er einen Tropfen starken Getrankes zu sich.
Bei der Ankunft des Laufers mit dem Weine freute sie sich von dem Wirbel bis zur Fusszehe herzinniglich auf die demutigende Rache, die sie auf seine eigne Veranlassung an ihm zu nehmen gedachte. Er ging nach dem Abschiede des Laufers wieder zu seiner Flasche zuruck, doch ohne zu trinken: die vorigen drei Schlucke wirkten schon hinlanglich: er stund vor dem Tische, die linke Hand auf die offne Bouteille gelegt.
"Nillchen", redete er vor sich hin, "so hab ich dir ja, hol mich der Teufel! unrecht getan! Du armes Nillchen! habe dir deine Kontusche verdorben! habe dich eingesperrt!"
Er lief die Stube auf und nieder und rang die Hande. "Was mach ich nur?" klagte er mit wehmutigem Tone. "Was nur? dass sie sich nicht zu Tode gramt? Ich habe das Herzblattchen so lieb und martre sie so! Ich mochte mir gleich die Kehle abschneiden."
Er blieb mitten in der Stube stehen, erblickte sich im Spiegel: "O du alter gottloser Adam!" rief er und spie auf sein Bild im Spiegel. "Was du einmal gemacht hast! hast deine Frau einmal geplagt! Ich mochte dich gleich zu Tode prugeln" -(und dabei gab er seinen eignen Backen eine reiche Ladung kraftiger, lautschallender Ohrfeigen). "Da! du abscheulicher Hollenbrand!" sagte er sich im Spiegel dazu. "Du eingefleischter Teufel! Wirst die arme Frau wohl noch unter die Erde bringen, du Katzenkopf! Ich kann dich nicht mehr ansehn; pfui!"
Mit dem grossten Unwillen kehrte er sich von seinem Bilde hinweg und wurde bei der Wendung das Gesicht seiner gemisshandelten Ehegattin gewahr, die hinter einem Fenster, das neben dem Ofen aus der Kuche in die Stube ging, seine Reue mit kitzelnder Freude belauschte. "Nillchen, liebes Engelskind!" rief er und lief mit ausgebreiteten Armen nach ihr hin, dass er wider die Wand taumelte. "Komm! kopfe, hange, radre, erschiesse mich! Ich bin's wert. Ich bin ein rechter Teufelsbraten. Hab ich dich einmal gemartert? -Ach! es tut mir so leid! es frisst mirs Herz ab. Sieh nur! wie ich dich wieder lieb habe! recht lieb, du scharmantes Cyperkatzchen!"
Diese Liebkosungen, die bestandig mit den klaglichsten Ausdrucken der Reue abwechselten, wurden von einer hochst komischen Bewegung begleitet: sooft er ihr seine Liebe beteuerte, hub er das rechte Bein in die Hohe, um durch das Fenster zu ihr hinauszusteigen, ob es gleich gute zwei Ellen von dem Fussboden und so enge war, dass kaum eine grosse Katze durchkriechen konnte
Die Frau antwortete lange nicht: endlich sprach sie verdriesslich: "Es liegt mir nichts an der Liebe eines solchen Weiberteufels: erst reissest du deiner armen Frau den Kopf ab, hernach willst du ihn wieder aufsetzen."
Der Mann. Will ihn nicht wieder abreissen! Du sollst mich an den Spiess stecken und braten wie eine Schopskeule, wenn ich dir ihn wieder abreisse. Habe dir Unrecht getan; vergib mir's, mein Augapfelchen!
Nach langem Kapitulieren liess sich endlich die siegende Ehefrau bewegen und kam zu ihm in die Stube: sie musste sich in den Lehnstuhl setzen, er warf sich zu ihren Fussen und bat sie in den reuvollsten Ausdrucken, bald mit weinerlichem, bald mit wutendem Tone, unter heftigen Schmahungen gegen sich selbst um Verzeihung und foderte zum Zeichen der Versohnung die Erlaubnis, in ihrem Schosse zu schlafen. Um ihn zu besanftigen, musste sie ihm seine Bitten zugestehn: er warf sich aus der knienden Positur herum in eine sitzende Lage, legte den Kopf in ihren Schoss, und in einer halben Minute schnarchte er schon, wie der uberwaltigte Simson in Delilas Schosse. Die Frau, um sich fur ihr erlittnes Kreuz zu entschadigen, langte nach einer von den nahe stehenden Weinflaschen, ersetzte den Abgang ihrer Krafte durch einige starke Zuge so reichlich, dass sehr bald die ganze Stube vor ihrem Blicke schwamm und sich ihre Augenlider gleichfalls zu einem herzstarkenden kummerstillenden Schlafe zusammenschlossen.
Funftes Kapitel
Die Reue des alten Herrmanns war wirklich Schuldigkeit: er hatte ihr durch seine Vermutung, dass sie dem kleinen Heinrich heimlich ihm zum Trotze fortgeholfen habe, unrecht getan; denn der Knabe war des Morgens noch vor sechs Uhr aufgestanden, hatte sich selbst angekleidet, hatte wie ein wahrer Inamorato das Bild der Grafin um den Hals gehangen, sich leise aus dem Hause hinausgeschlichen und langte, des Laufers Berichte gemass, mit dem Schlage sechs auf dem Schlosse an. Der Graf trug anfangs Bedenken, ihn ohne Vorwissen der Eltern dazubehalten, allein da der Knabe sich weinend und flehend allen Vorstellungen widersetzte, liess ihn der Graf verbergen und beschloss, seiner Gemahlin den folgenden Tag auf eine eigene Art ein Geschenk mit ihm zu machen.
Es war bereits zu ihrem hohen Geburtsfeste ein herrlicher Aufsatz auf die Tafel verfertigt worden, der die Garten der Alcina vorstellte: auf Brettern, die auf kupfernen Fussen ruhten, prangten Alleen und Hecken von grunem Wachs, Parterre, Boulingrins und breite Gange zum Lustwandeln aus bunten Zuckerkornern, klare Seen, Teiche, Bassins von Spiegelglas, Statuen von Meissner Porzellan, Nischen, Pavillons, Eremitagen, Monumente, in Wildnissen versteckt alles, was nur einen franzosischen Garten verschonern kann, auf das sauberste nach einem ziemlich grossen Massstabe nachgeahmt. In den beiden entferntesten Enden des Gartens hatte der Kunstler zwei grosse Tempel aus Teig, statt des Marmors mit einem nachahmenden weissen Zuckergusse uberzogen, auf zwei Bergen symmetrisch aufgebauet. Beide sollten im antiken Geschmack sein: ein majestatischer Saulengang umgab einen jeden, und durch die glasernen Wande leuchtete die porzellane Gottheit hindurch, welcher sie geweihet waren. Uber den beiden entgegenstehenden Eingangen, zu welchen hohe breite Stufen hinanfuhrten, kundigte eine goldene lateinische Inschrift den Namen der Gottheit an: der eine war der Treue, der andere der Gluckseligkeit gewidmet. Die zween Tempel gaben dem Grafen einen Einfall, der vermutlich der einzige war, solange die ganze Konditorwelt steht: es sollte mitten in dem Garten auf einem besondern Brette ein grosser Tempel eingeschoben werden, der den kleinen Heinrich, als Amor gekleidet, anstandigerweise in sich fasste; und der Graf erfand selbst auf der Stelle die Inschrift 'Amori' dazu. Der Kunstler wandte demutig die Schwierigkeiten ein, stellte den Ubelstand vor, den ein so ungeheures Gebaude unter den anderen, nach einem viel kleineren Massstabe verfertigten Gegenstanden hervorbringen musste, liess auch mitunter versteckterweise ein paar Wortchen uber das Lacherliche und Abenteuerliche der Idee fallen, dass sich der Erfinder derselben entrustete und mit einem gebieterischen "Ich will" alle Einwurfe wie mit einem Donnerkeile niederschlug. Bald darauf besann er sich aber, dass die Kurze der Zeit den Bau eines so grossen Tempels nicht wohl erlauben mochte, und befahl wegen dieser weisen Voraussehung, bloss eine grosse Nische von grunem Lattenwerke aufzufuhren. Es geschah: man nahm dem kleinen Heinrich das Mass zu seiner Hutte und war schon im Begriffe, Hand an die Arbeit zu legen, als in des Grafens Kopfe eine viel sinnreichere Idee aufstand. In dem Nachdenken uber die Verschonerung und den wahrscheinlichen Effekt des grossen Tempels ging er in sein Kabinett, und siehe da! bei dem ersten Aufschlagen der Augen traf sein Blick auf einen Kupferstich, wo ein verliebter Schafer den kleinen mutwilligen Amor in einem Vogelbauer seiner Geliebten uberreichte. Das Bild war wie fur ihn erfunden: die Vorstellung reizte ihn so machtig, dass er sogleich den Konditor holen liess, um ihm zu befehlen, dass aus der grossen Nische ein grosser Vogelbauer werden sollte. Der Kunstler war uber diesen Antrag noch mehr betreten und zeigte ihm die Ungeschicklichkeit, einen ungeheuren Vogelbauer ohne allen Zusammenhang mitten in einen kleinen Garten hinzustellen, und zugleich die Missdeutung, der ein Amor im Kafig, seiner Gemahlin an ihrem Geburtstage geschenkt, unterworfen ware: allein der Graf entrustete sich zum zweiten Male und ward hochst ungehalten, dass man bestandig der Ausfuhrung seiner Einfalle so viele Schwierigkeiten mache, da sie doch grosser und sinnreicher waren als die elenden Posschen, die der Konditor auf etliche Bretter hingeklebt hatte. Der Zuckerarchitekt wurde empfindlich uber diesen verachtlichen Ausdruck, bat sich die Bezahlung fur seine Arbeit aus, empfahl dem Grafen, sich seine Vogelbauer selbst zu bauen, und reiste wieder in die Stadt zuruck, woher man ihn verschrieben hatte.
Unter seinen Bedienten hatte der Graf einen, Siegfried genannt, der die andern alle an Dummheit und Bosheit ubertraf und wegen der erstern bei ihm in vorzuglicher Gunst stand: deswegen trug er auch eine auszeichnende, mit Gold fast bedeckte rote Liverei nebst einem roten Federbusch auf dem Hute, welches einen witzigen Kopf unter seinen neidischen Kameraden auf den Einfall brachte, ihn des Grafen Maulesel zu nennen und diese Benennung bei dem Publikum des ganzen Stadtchens gebrauchlich und beliebt zu machen. Er war der Ratgeber oder vielmehr Beherrscher des Grafen: denn weil er alles ohne das mindste Bedenken billigte und lobte, was seinem Herrn durch den Kopf und uber die Zunge fuhr, wenn's gleich die grosste Abgeschmacktheit war, so besass er dafur das Recht, mit ebensowenig Bedenken auch die grossten Abgeschmacktheiten zu fodern und zu erlangen. Gemeiniglich leuchtete sein Verdienst am hellsten, wenn der Graf eine ahnliche Widerwartigkeit, wie itzt bei dem Konditor, erlitten hatte, dass klugre Leute eine von seinen rohen Ideen nicht billigen wollten: sogleich berief er alsdenn seinen Maulesel zu sich, stellte ihm die bestrittene Sache begreiflich vor Augen, und es fehlte ihm niemals, dass sein Ratgeber sie nicht so bewundernswurdig fand, als sie klugern Leuten verwerflich und ungereimt schien: oft war seine Billigung List, meistens aber Mangel an Einsicht. Er hatte sogar jederzeit die Unverschamtheit, sich zur Ausfuhrung zu erbieten, und das besondre Gluck, dass ihm der Graf nie Vorwurfe machte, wenn sie ihm auch misslang, obgleich dies in den meisten Fallen geschah.
Durch die namliche Offnung der Tur, die der beleidigte Konditor machte, um aus dem Zimmer zu gehen, wurde auch der Maulesel hereingerufen: es versteht sich, dass er kaum vom Amor im Vogelbauer etwas gehort hatte, als er schon in lautes Lachen und laute Lobeserhebungen ausbrach. "Ich will das schon besorgen: verlassen Sie sich auf mich!" sagte er mit weiser Miene. "Der Zuckerbacker versteht das nicht so wie ich: ich weiss besser, wie man einen Spass machen soll. Morgen soll Ihr Vogelbauer auf dem Tische stehen verlassen Sie sich auf mich! "
Er hielt Wort. Der Tischler musste von Latten einen runden Kafig zusammennageln, ihn grun anstreichen, und weil das Gebaude zu Ehren eines Geburtstages aufgefuhrt wurde, geriet Siegfried auf die gluckliche Erfindung, von dem Koche, statt des Knopfs, eine grosse runde Biskuittorte daraufsetzen zu lassen, an welcher ringsherum in einem weissen Zuckergrund mit Pistazien, blauen, gelben und roten Kornern ein Vivat nebst dem Namen der Grafin eingelegt war. Um niemandem einen Augenblick die Muhe des Nachsinnens zu verursachen, was fur einen Vogel der Kafig enthielt, liess der Graf um den obersten Rand desselben, wo das spitzige Dach anfing, einen zierlich ausgeschnittenen Streifen Postpapier mit der schwarzen, leserlichen Aufschrift 'L'Amour encage' kleistern.
Der Mittag des festlichen Tages erschien. Der kleine Heinrich war bereits in fleischfarbnen Atlas gekleidet, sein lichtbraunes Haar in kurze, frei hinwallende Locken geschlagen und mit einer Rose geschmuckt, sein Rucken mit einem Paar Flugeln von Gaze und Fischbein geziert, uber die Schultern herab hing ihm an einem blauseidnen Bande ein Kocher von Pappe mit Goldpapier uberzogen, statt verwundender Pfeile mit friedlichen Gansefedern angefullt; seine Rechte hielt den niefehlenden Bogen, dessen Sehne eine Vorhangsschnur und so schlaff war, als da das gute Kind um Mitternacht in dem schrecklichsten Regenwetter bei dem alten Anakreon einkehrte. Venus hatte sich eines solchen Sohns nicht schamen durfen, so liebreich lachelte sein weisses rundes Gesichtchen mit den runden roten Backen, und so schalkhaft sah sein geistreiches Auge unter den schwarzen gewolbten Augenbrauen hervor. Dreimal trat der kleine Bube vor den Spiegel und fuhlte die Macht seiner Reize so sehr, dass er seinem eignen Bilde einen Kuss zuwarf.
Das ganze Stadtchen hatte sich itzo schon vor zwei Stunden gesattigt: der Ackerknecht spannte die ausgeruhten Ochsen an den Pflug: die gemolknen Stadtkuhe wandelten unter dem Peitschenschalle ihres Monarchen durch das Tor auf die Weide hinaus, und die hochgrafliche Gesellschaft schritt feierlich durch die weiten Flugelturen zur Tafel. Der kleine Amor hatte sich zwar sehr stark geweigert, in den Kafig zu kriechen, und versichert, dass es wider seine Ehre ware; der Graf musste sogar in eigner Person ins Tafelzimmer gehen und seinen Ehrgeiz durch die Vorstellung einschlafern, dass er's aus Liebe zur Grafin tun solle: ohne Anstand sprang er auf den Stuhl und liess sich in seine enge Wohnung hineinstecken.
Die Gesellschaft war sehr zahlreich und von allen graflichen und adligen Sitzen aus der Nachbarschaft zusammengeladen. Erstaunt rissen die Damen sich von den Handen ihrer Fuhrer los, erstaunt liessen die Kavaliere ohne Verbeugung die Hande der Damen fahren, als man beim Eintritte in den Saal den hohen babylonischen Turm mit dem Knopfe von Kraftmehl mitten auf der Tafel erblickte; nur die Grafin war mehr verlegen als erstaunt. Sie musste ein Lachen verbergen, dass ihr die Gestalt des Kafigs abnotigte; sie hielt lange meisterhaft an sich, doch bei Erblickung des Biskuits, der wie ein runder Strohhut auf dem spitzen Dache steckte, uberwand das Lacherliche alle ihre Starke: sie musste das Schnupftuch herausziehen und sich so lange hinter ihm rauspern, bis ihr Gesicht wieder in ernste Falten gelegt war. Noch einen grossern Sturz musste sie aushalten, als sie den fleischfarbenen Amor darinne sitzen sah; ihre Einbildungskraft malte ihr schlechterdings wegen der vollkommenen Ahnlichkeit des Hauses einen Liebesgott vor, der gewisse menschliche Bedurfnisse abwartete. Sie nahm Tabak, sie rausperte sich, sie ass Suppe, sie sprach mit ihrem Nachbar: nichts half! immer kam das verzweifelte Bild wieder zuruck, immer wollten ihre Lippen lachen. Zum Ungluck bemerkte jedermann ihre Verlegenheit, ob man gleich die wahre Ursache derselben nicht erriet: doch schien der Graf etwas Schlimmes zu mutmassen. Er war ohnehin schon missmutig genug, dass man so stumm dasass und seine Erfindung auch nicht mit einem Brockchen Beifall beehrte: geschah es, weil man mit der Grafin gleiche Empfindungen hatte oder weil man noch so ganz nichts von dem Sinnreichen darinne begriff, dass man auch nicht aus Schmeichelei zu loben wagte, ohne sich zu verraten, dass es blosse Schmeichelei sei? das kann ich nicht entscheiden: soviel bleibt gewiss, dass es bei vielen die letzte Ursache grosstenteils wirkte, wenn auch die erste nichts dabei tat; und diese Ursache zu entfernen, das heisst, sich nach der Absicht des grossen mittlern Korbes zu erkundigen, hielt jedermann nach hergebrachter deutscher Sitte fur unanstandig.
Ein alter Oberster, der sich ganzlich uber Zwang und Zuruckhaltung hinwegsetzte, brach endlich die Bahn: er ware schon langst so vorlaut gewesen, wenn ihn nicht bisher die Betrachtung des Gartens beschaftigt hatte: doch itzt kam die Reihe an Amors Kafig. "Was ist das fur ein Stall hier in der Mitte?" fragte er den sogenannten Maulesel des Grafen, der horchend hinter den Stuhlen herumschlich und spionierte, was fur Urteile man uber seine Arbeit fallte. "Das ist kein Stall", antwortete der empfindliche Erfinder. "Es steckt doch da ein Vieh darinne: was soll's denn sein?" fragte der Oberste weiter. "Lesen Sie doch nur!" war die hochst trotzige Antwort hierauf.
Der Oberste folgte seinem Rate, setzte die Brille auf, las die Inschriften und brachte mit Hulfe der gegenubersitzenden Nachbarin heraus: 'Vivat Sophia Eleonora l'Amour encage.' "Hm!" brummte der Oberste, "das sollte ja wohl heissen:
Vivat Sophia Eleonora et l'amour encage?"
"So?" unterbrach ihn die Grafin lachelnd. "Das hiesse ja soviel, als ob ich und die Liebe am besten aufgehoben waren, wenn man uns einsperrte."
Er sann nach: "Der Teufel! ja, das hiess' es", fuhr er heraus. "Haben Sie das gemeint, Herr Graf?"
Die Grafin winkte zwar dem Obersten, ihrem Gemahl, der keinen Spass verstund, die Frage nicht zu wiederholen: allein der ubereilte Mann achtete auf keinen Wink, sondern schrie den ganzen streitigen Punkt mit allen Klauseln uber die lange Tafel hinauf: der Graf wurde rot, weil ihm das Gesprach einen Tadel uber sein Werk in sich zu schliessen schien, und verbarg sein Missfallen damit, dass er sich stellte, als wenn er nichts verstehen konnte. Unterdessen wurde die Materie um und neben dem Obersten, unter seinem Vorsitze, noch genauer untersucht. Sobald nur Fraulein Hedwig eine weitlauftge Anverwandtin der Grafin, die als Wirtschaftsdame bei ihr lebte und zugleich die Stelle einer Gouvernante bei der Baronesse Ulrike versah, die Krone aller hasslichen Fraulein-, sobald sie, sage ich, heraus hatte, dass ein Amor im Kafig steckte, so konnte sie nicht unterlassen, die Gesellschaft mit einem Gerichte von ihrer beliebten Gelehrsamkeit zu bedienen. "Das ist ja", fing sie an und reckte den dicken Kopf in die Hohe, "wie dort bei dem Virgilio Marus, wo die jungen Grafen des Aeneas den Amor in einen Topf stecken."1
"Doch nicht in einen Nachttopf?" schrie der unsaubre Herr Oberste. Ob sich gleich Fraulein Hedwig bei seiner unanstandigen Frage die Nase zuhielt und die Miene des Ekels sich in ihrem Gesichte auf das lebhafteste ausdruckte, so erwischte sie doch die gunstige Gelegenheit, ihrer Gelehrsamkeit Ehre zu machen, mit grosser Herzensfreude. "Ach", fuhr sie fort, "der arme Bube hat schon viel Herzeleid ausstehen mussen: wie dort bei dem Ambrosius wird er gar mit Stecknadeln gestochen, und im Cicero Marcus binden ihn die Hofdamen der Konigin Semiramis mit ihren Jartieres"
"Womit?" unterbrach sie der Oberste. Fraulein Hedwig wiederholte es.
"Mit den Strumpfbandern also?" rief der Oberste.
"Fi!" antwortete das Fraulein mit Naserumpfen und nahm Tabak. "Wer wird denn so etwas uber Tafel nennen?"
Der Oberste. Warum denn nicht?
Fraulein Hedwig. Uber Tafel darf man von nichts reden, was unter der Tafel ist.
Der Oberste. Das mag wohl bei Ihren Carus und Narrus, und wie die Kerle weiter heissen, Mode gewesen sein: aber ich wusste nicht, wer mir's wehren wollte, von Strumpfen und Schuhen
Das Fraulein. Schamen Sie sich doch! Wer wird denn dergleichen Sachen deutsch nennen? Wenn Sie ja davon sprechen mussen, so durfen Sie ja nur 'chaussure' sagen.
Der Oberste. Was ist denn das bessers? Ob ich, zum Exempel, sage: 'Votre cu large' oder
Indem er die Ubersetzung hinzufugen wollte, zog ein allgemeiner Aufstand an dem andern Ende der Tafel seine Aufmerksamkeit von der vorhabenden Disputation ab. Der kleine Amor hatte in seinem Kafig Langeweile: durch die Ausdunstungen des Essens, die eine Atmosphare von Wohlgeruch um ihn bildeten, wurde sein Appetit ungemein rege gemacht: diese beiden Ursachen trieben ihn an, mit seinen kleinen Fingern in die Biskuittorte, die auf dem Dache des Kafigs ruhte, hineinzubohren und sich ein Stuck herauszuzwicken. Der Genuss feuerte die Begierde noch mehr an, und da er ringsum alles, was er durch die offnen Zwischenraume der Latten erreichen konnte, heruntergeholt und verzehrt hatte, suchte er durch einen Stoss mit dem Bogen der Torte eine Wendung zu geben, dass sie ihm eine noch unangetastete Seite zukehrte: allein der Stoss geriet in der Hitze der Leidenschaft zu stark, die Torte sturzte herab, in die Garten der Alcina hinein, zerschmetterte Baume, Hekken und Pavillons, taumelte uber die Gartenmauer hinaus und fiel mit lautem Gerausche in eine Assiette hinein, dass ein dichter Platzregen von schwarzer Bruhe auf die dort Sitzenden herabstromte. Alles sprang auf, seine Kleider zu retten, als schon die ganze herumgesprutzte Essenz auf ihnen lag: in einem Tempo wurde eine ganze Reihe Stuhle zuruckgeworfen! Bediente schrien, dass man ihre Zehen quetschte: die Kavaliere, denen die emporschnellenden Fischbeinrocke der Damen bei dem Aufspringen Ohrfeigen gaben, stolperten, um ihnen zu entgehen, uber die Stuhle hinweg: der kleine bucklichte Herr von E** wurde durch den einen Windflugel der Frau Geheimratin von S** so gewaltig aus allem Gleichgewichte gebracht, dass er zu Boden sturzte, und weil sich die Dame sogleich auf den zuruckgestossnen Stuhl wieder niedersetzte, um sich die entstandnen Flecke abzuwischen, so deckte sie den ganzen kleinen gesturzten E** mit ihrem ungeheuren Fischbeinrocke zu, und in der Hoffnung, dass sie bald ihren Sitz verandern mochte, blieb er geduldig liegen. Die gehoffte Veranderung erfolgte nicht, und er fing also an, sich aus seinem Zelte herauszuarbeiten. Der Kammerherr T**, der daneben stund, sah unter der Schleppe der Geheimratin zween ihm bekannte Menschenfusse hervorkommen und fragte: "E**, wo sind Sie denn?" "Hier!" seufzte der arme Junker unter dem Fischbeinrocke hervor, spannte seine Schnellkraft an und kroch mit den Bewegungen einer Raupe auf allen vieren aus der erstickenden Atmosphare heraus.
Noch wusste niemand, dass der Vogelbauer eine lebendige Kreatur verbarg, sondern man bildete sich ein, dass die Torte durch ihre eigne Schwerkraft den gefahrlichen Fall getan habe: Amor hatte sich, dem gegebnen Befehle gemass, so still darinne gehalten, dass man ihn fur eine Wachspuppe ansah, und seine Bewegungen bei dem Bestehlen der Torte wurden durch das Gerausch des Gesprachs verschlungen. Itzt aber ward es ihm unmoglich, langer eine Puppe vorzustellen: der genossne Biskuit fing an, heftige Unordnungen in seinem kleinen Korper zu verursachen: die Schmerzen wuteten so heftig und die Besorgnis vor einer entehrenden Auffuhrung qualte ihn so sehr, dass sich der arme Bube niedersetzte und bitterlich weinte. Es war gerade Ebbe in der Unterhaltung, und alle Ohren wandten sich verwundrungsvoll nach dem Orte hin, woher die Klagetone kamen: einige suchten unter der Tafel, aber die Grafin lenkte ihre Augen sogleich auf den Kafig, sah aufmerksamer als bisher durch die schmalen Zwischenraume der Latten und wurde mit Erstaunen ihren lieben kleinen Heinrich gewahr. Hurtig gab sie Befehl, ihn herauszulassen: der schongelockte Liebesgott druckte sein verschamtes Gesicht dicht an die Brust des Bedienten, der ihn herausnahm, und liess sich voll von innerlichen Martern der gekrankten Ehre zum Zimmer hinaustragen. Knirschend trat er vor der Tur hin, stampfte und warf, voll Argers uber sich selbst, den Bogen auf den Fussboden und deckte mit den kleinen Handen das gluhende Gesicht zu. Man sprach ihm Trost ein, aber sein kindisches Herz fuhlte schon zu sehr die Stacheln der Ehre und Schande, um sich durch Worte beruhigen zu lassen.
Die Grafin war fur ihn besorgt und zurnte bei sich nicht wenig uber den tollen Einfall ihres Gemahl, der nicht weniger bei sich uber den unschuldigen Liebesgott ungehalten war, dass er ihm durch sein unzeitiges Weinen den schonen Plan verruckt hatte: denn nach seinem Willen sollte er nach der Tafel mit dem Kafig abgehoben und seiner Gemahlin wie ein Papagei zum Geschenk uberreicht werden. Beide sprachen seit dieser Begebenheit in den ubrigen drei Stunden, die man noch bei Tafel zubrachte, wenig oder gar nichts mehr; und die Gaste assen, tranken und hatten Langeweile wahrend dieser Zeit auf die gewohnliche Art.
Sechstes Kapitel
Bewundernswurdig ist der Mann, der zuerst die Kunst erfand, seine Leidenschaften, Empfindungen und Urteile so tief in den innersten Winkel seiner Seele zuruckzudrangen, dass auch nicht eine Linie breit von ihnen durch Miene und Gebarden hervorschlupfte: aber dreimal, wo nicht mehrmal bewundernswurdiger ist der Tausendkunstler, der zuerst seine Gesichtsmuskeln zur Freundlichkeit anspannen und seine Worte zum Lobe stimmen konnte, wenn sein Herz zurnte und missbilligte. Wer sollte glauben, dass die Grafin bei so vielem innerlichen Unwillen, bei so lebhaftem innerlichen Tadel, bei so starker Empfindung des Lacherlichen in dem 'amour encage' doch nach aufgehobner Tafel den Urheber desselben sogleich in ein Fenster ziehen und ihm mit einer Freude, die fast bis zur Ruhrung stieg, fur sein abenteuerliches Geschenk danken und die Art, wie er ihr es machte, als schon, neu und interessant lobpreisen wurde? -Ja, das tat sie wirklich: sie kusste ihrem Gemahle einmal uber das andre die Hand und versicherte ihn, dass sie den Knaben weder Tag noch Nacht von sich lassen werde, weil er sie bestandig an die Dankbarkeit fur ihres Gemahls Gnade erinnere. Jedes unter den Anwesenden, als man von der Sache naher unterrichtet war, hielt es fur billig, dem Grafen, der ihnen so viele und schone Essen vorgesetzt hatte, ein Kompliment uber seinen Vogelbauer zu machen, dass Michael Angelo durch seinen Bau an der Peterskirche nicht zur Halfte soviel Lob und Bewundrung eingeerntet hat als der Graf Ohlau mit seinem holzernen Kafig. Die Grafin ging so weit, dass sie dem Manne, der bei der Erbauung die Aufsicht gefuhrt hatte, verbindlich die Hand druckte, seine Arbeit als ein Meisterstuck der Baukunst erhob und ihn fur seine Muhwaltung mit zehn Louisdoren beschenkte. Der Graf schwamm in Entzucken: er fuhlte sich uber sich selbst erhaben, wie ein Kunstler, der ein Denkmal seines Talents, dauernder als Erz, unzerstorbar durch Regen, Feuer und Wasserfluten, vollendet hat.
Naturlich musste dieses Entzucken fur den Knaben einnehmen, der es veranlasste: der Graf befahl sogleich, ihn aufzusuchen und herbeizubringen, und die Grafin ging in eigner Person nach ihm, um ihn wegen des Unfalles bei Tafel zu beruhigen. Ihre Bemuhung kam zu spat: die kleine Baronesse Ulrike, die schon einigemal genannt worden ist, war sogleich nach der Mahlzeit mit ihrer gewohnlichen Ubereilung hinausgerennt, um den Liebesgott zu finden, von dem sie, als er aus dem Kafig herausgenommen wurde, ein hubsches weisses Handchen gesehen hatte, das sie in dem Augenblicke herzlich gern in die ihrige zu legen, zu drucken, zu liebkosen wunschte. Auch bildete sie sich ein, dass zu dem hubschen Handchen ein hubsches Gesichtchen gehoren mochte, und eilte deswegen, ihre Neubegierde zu befriedigen, weil sie auch schon in ihrem siebenten Jahre eine grosse Liebhaberins von hubschen Mannsgesichtern war. Sie fand ihn auf dem namlichen Platze schlafend, wo er sich im ersten Unwillen uber seine beleidigte Ehre hingeworfen hatte. Er lag auf dem Fussboden in einer Ecke des Vorsaales, mit dem Kopfe auf einem hingeworfnen Stuhlkissen ruhend: die kleine runde Wange gluhte wie ein Abendrot, eines von den niedlichen Handchen war unter dem linken Backen verborgen, das andre lag auf dem rechten, gekrummten Knie. Die Baronesse ergriff es, streichelte und druckte es mit innigem Wohlgefallen an ihr Gesicht, gab der einladenden Wange einen herzhaften Kuss, kniete, trotz der Konsideration, in welcher sie eingekerkert war, vor ihm nieder und wiederholte, seine Hand in die ihrigen geschlossen, den Kuss so oft und lange, dass sie einige Zeit ganz auf dem Gesichte des Knaben liegen blieb. In dieser Stellung uberraschte sie Fraulein Hedwig, ihre seinsollende Gouvernante, watschelte wie eine Gans, die halb fliegt und halb geht, auf sie zu und riss sie mit solchem Ungestum von dem Liebesgotte hinweg, dass sie zurucksturzte. Die Baronesse, die uberhaupt aus einem sehr elastischen Stoffe geschaffen war, raffte sich sogleich auf; und kaum war sie wieder auf den Fussen, als schon die Gouvernante in volliger Rustung dastand, die Hande in die Seiten gestemmt: ihre schielenden Augen leuchteten unbeweglich, wie ein paar Schneeballen, aus dem kirschbraunen aufgeschwollnen Gesichte hervor, und die breiten aufgeworfnen Lippen zogen sich wie ein Puderbeutel auf und zu, indem sie sprach. "Fi! schamen Sie sich!" fing sie an. "Sich da, wie ein schlechtes Madchen, auf einen geineinen Jungen zu legen und ihm ein Gage d'amour zu geben!"
Die Baronesse. Ich hab ihn gekusst
Fraulein Hedwig. O so schamen Sie sich und reden Sie nicht so pobelhaft! Ein solches gemeines Wort in den Mund zu nehmen! Fi! Baronesse!
Die Baronesse. Alle Leute reden ja so. Kussen! was
Fraulein Hedwig. So horen Sie! Wiederholen Sie doch das garstige Wort nicht noch einmal! Haben Sie denn nicht achtgegeben, wie ich mich uber solche Unanstandigkeiten ausdrucke? Ich habe ihm ein Preuve d'affection, ein Gage d'amour gegeben: so muss man sprechen, wenn man honett reden will. Die Lateiner nennen das Vinculus amoris. Wenn Sie etwas gelernt hatten, brauchten Sie nicht sich so schlecht auszudrucken wie ein gemeines Burgermensch.
"Ei!" sagte die Baronesse mit dem naturlichsten Tone und hupfte auf einem Beine dazu, "das lauft ja doch immer auf eins hinaus. Der Junge ist allerliebst: ich hab ihn recht lieb."
Fraulein Hedwig. Reden Sie doch nicht so frei! Unsereins sagt von dergleichen Burschen: ich kann ihn wohl leiden.
Die Baronesse. Sehen Sie nur, wie er so artig daliegt! Wie er die niedlichen Fingerchen auf dem Knie ausgestreckt hat!
Fraulein Hedwig. Ulrikchen! Wer wird denn von Knien sprechen?
Die Baronesse. Wie soll ich denn sonst sagen?
Fraulein Hedwig. Gar nicht davon sprechen! Man muss nichts von einer Mannsperson nennen, was unter dem Kopfe ist.
Die Baronesse. Gefallt er Ihnen nicht?
Fraulein Hedwig. Ach, warum nicht gar gefallen? Er ist mir nicht zuwider. Er liegt da wie der junge Prinz Adonis in des Grafen Kabinette.
Die Baronesse hupfte zu ihm hin und druckte ihm einen fluchtigen Kuss auf den Backen.
"Lassen Sie das! sag ich Ihnen", rief Fraulein Hedwig. "Sie sind ja so frech, wie dort bei dem Homerus die Grafin Lais." Die Baronesse hupfte auf einem Fuss den Saal hinunter und sang sich eins dazu: indessen stand ihre Gouvernante, in stummer Betrachtung verloren, vor dem schlafenden Amor und wurde von einer unwillkurlichen Bewegung so hingerissen, dass sie sich zu ihm hinneigte und ihm ein formliches Gage d'amour gab. War ihr Kuss auch fur Schlafende zu herbe, oder druckte sie mit ihrem Russel den kleinen Heinrich zu sehr? Genug, er erhub seine Hand und gab ihr eine empfindliche Ohrfeige, welche die Gottin so sehr in den Harnisch jagte, dass sie die verbrecherische Hand ergriff und mit einigen derben Schlagen bestrafte. "Du ungezogner Bube!" sprach sie mit argerlichem Tone, und ihre dicke Pfote peitschte darauf los, wie ein Racket den Federball. Die Baronesse war eben auf dem Ruckwege in ihrem Tanze, als die Bestrafung des kleinen Heinrichs vor sich ging: sogleich flog sie herbei wie ein Ritter, der seine Geliebte von einem Drachen erlosen will, stiess das Fraulein zornig zuruck und versetzte ihr in der ersten Uberraschung des Unwillens einige Hiebe auf den Arm. Ihre Gouvernante, die ihre Hande zu allen Arten von Waffen gebrauchte, wozu sie nur die Natur gemacht hat, legte ihre Finger in die Form einer Habichtskralle und grub mit vier Nageln eine vierfache Wunde in den Arm der Baronesse. In diesem Augenblicke des Scharmutzels langte die Grafin an, um ihren Liebling in das Zimmer zu holen. Der Kleine, als er sie erblickte, sprang sogleich auf und lief ihr entgegen, die Baronesse desgleichen, nur Fraulein Hedwig, die durch den Stoss ihrer Gegnerin in eine sitzende Lage war versetzt worden, konnte ihren dicken schwerfalligen Korper nicht von der Erde aufbringen: sie stemmte sich mit der Hand auf den Fussboden, und kaum hatte sie sich einige Zolle erhoben, so plumpte sie wieder mit allgemeinem Krachen in die vorige Lage zuruck, dass die Fenster zitterten: die Scham vor der Grafin machte ihre Bewegungen ubereilt, und je mehr sie arbeitete, emporzukommen, je erschopfter und keuchender fiel sie wieder hin, bis endlich ein Bedienter herbeieilte, um ihr emporzuhelfen: allein bei der Anwendung seiner Krafte hatte er die Schwere der Maschine, die er aufziehen sollte, nicht genug berechnet: als sie beinahe schon stund, sturzte sie wieder mit einem lauten Schrei und zog ihren Helfer so unwiderstehlich mit sich nieder, dass er die Beine gen Himmel kehrte. Die Erderschutterung, die dieser doppelte Fall erregte, lockte die ganze Lakaienschaft herbei, und unter allgemeinem Gelachter half man den beiden Unglucklichen endlich wieder auf die Fusse. Grafin und Baronesse kondolierten dem Fraulein sehr herzlich, allein sie konnte den Triumph der letztern so wenig ertragen, dass sie, ohne ein Wort zu horen, zur Tur hinaus auf ihr Zimmer watschelte.
Die Grafin ging, die beiden Kinder an der Hand, zur Gesellschaft zuruck: versteht sich, dass jedermann seinen Witz anstrengte, ihr wegen der Gruppe, in welcher sie hereintrat, etwas Schones zu sagen! Nachdem sie so durch den Witz einer doppelten langen Reihe im eigentlichen Verstande Spitzruten gegangen war, stellte sie ihrem Gemahle ihre beiden Begleiter zum Handkusse vor. Der Graf wollte anfangen, sich zu freuen, allein man prasentierte die Karten, und ein jedes ging an den Ort seiner Bestimmung.
Fur die Baronesse war dies eine erwunschte Begebenheit. Sie wanderte mit ihrem Amor in ein Nebenzimmer und liess ihre lustige Laune in vollem Strome uber ihn ausbrechen. Unter den mannigfaltigen kindischen Neckereien, womit sie ihn uberhaufte und die er reichlich erwiderte, zog sie ihn besonders wegen seiner Pfeile auf. "O du ganz erbarmlicher Amor!" rief sie und schlug die Hande zusammen: "willst die Leute mit Gansespulen verwunden! Bist du nicht eine kleine Gans?"
"Oh", antwortete der verspottete Liebesgott und stellte sich mit einer tapfern Miene in Positur, "ich schiesse alle Herzen im Leibe entzwei."
"Schiess her!" foderte ihn die Baronesse auf und bot ihre Brust dar.
Der drollichte Knabe ergriff einen von seinen gefiederten Pfeilen und warf ihn nach ihrem Herze. Das unschadliche Geschoss blieb in der Garnierung ihres Kleides hangen: Die Baronesse stellte sich todlich verwundet und sank ruckwarts auf einen Sofa.
"Kann ich nicht treffen?" rief Amor und klatschte triumphierend in die Hande.
O ihr guten Kinder! wusstet ihr, welche Ungewitter die Liebe von diesem Augenblicke an uber euch sammelt ihr hattet nicht mit ihren Pfeilen gespielt.
"Ich will dich wieder lebendig machen", sprach der siegende Liebesgott, hupfte zu ihr hin und druckte auf den Mund seiner hingesunknen Psyche einen der lebhaftesten Kusse: mit ihm schlich ein geheimes Feuer in ihre Kinderseele, durch alle Nerven des kleinen Korpers schoss eine zitternde Flamme, ihr Herz schlug schneller, und alle ihre Sinnen schlummerten in ein minutenlanges Gefuhl der sanftesten Behaglichkeit dahin.
Eben wollte der Dreiste die Lippen zuruckziehn, als Fraulein Hedwig ins Zimmer trat. Sie rennte mit schwerfalligem Trabe nach dem Sofa hin, um sich zum zweiten Male unter einem schicklichen Vorwande fur die Ohrfeige zu rachen: allein der Knabe war ganz mit Amors Unverschamtheit bewaffnet; er trat zuruck und drohte ihr, sie gleichfalls mit seinen Pfeilen zu erschiessen. Die murrische Gouvernante war zum Spass nicht aufgelegt und riss die Baronesse hinweg, mit der ernsten Vermahnung, sich nicht mehr mit einem so gemeinen Jungen einzulassen, weil sie sonst ebenso verbrennen konnte wie die Konigin Dido, da sie sich vom Grafen Aneas umarmen liess.
Die Vermahnung, so gut gemeint und so notig sie sein konnte, war auf einen schlechten Grund gebaut und tat daher auch eine schlechte Wirkung: die Baronesse, die noch ganz Natur war, fuhlte zwischen der Liebenswurdigkeit eines gemeinen und eines vornehmen Jungen keinen Unterschied, und sobald Fraulein Hedwig nur den Rucken wandte, wischte sie zum Zimmer hinaus, den gemeinen Jungen, der so wohltuende Kusse gab, aufzusuchen. Die Alte, wenn sie ihre Abwesenheit inne wurde, setzte gleich mit allen Segeln hinterdrein; Ulrike floh mit ihrem Liebesgotte aus einem Zimmer ins andre, wie ein Paar Tauben vom Geier verfolgt, und jedesmal retteten sie sich in eins, wo Gesellschaft war und wo man sie also nicht ausschelten konnte: so geschah diese Jagd einigemal wahrend des Spiels.
Endlich ruckte die Zeit des Balls heran: kaum war er eroffnet, so fand sich die Baronesse mit ihrem Amor auf dem Tanzplatze ein. Ihre Gouvernante verwies ihr etlichemal diese unanstandige Auffuhrung: allein ihre Verweise hatten immer etwas so Komisches bei sich, dass man sich nie entschliessen konnte, sie fur Ernst gelten zu lassen. Sie tanzten mutig miteinander fort, bis der Graf auf die Entweihung der Gesellschaft durch die Gegenwart eines so gemeinen Jungens aufmerksam wurde: er untersagte seiner Schwestertochter alles fernere Tanzen mit ihm auf das scharfste und liess ihm einen Platz anweisen, wo er zusehen und den er bei Vermeidung der hochsten Ungnade nicht verlassen sollte. Die Baronesse begleitete ihn in sein Exilium und wich ihm nicht von der Seite, sooft man sie auch von ihm hinwegrief und hinwegfuhrte.
Plotzlich verbreitete sich durch den ganzen Saal das Gerucht, dass ein Gartnerbursche bei Anzundung der Lampen, womit der mittelste Gang des Gartens erleuchtet werden sollte, von der Leiter gefallen sei und das Bein gebrochen habe. Der Graf kehrte sogleich alle Anstalten vor, dass es nicht zu den Ohren der Grafin gelangte, die mit ihrer gewohnlichen Empfindlichkeit uber den Gedanken, sie sei die veranlassende Ursache seines Unglucks gewesen, die ganze ubrige Zeit des Balles unmutig und niedergeschlagen geworden ware. Der Bursche war der Liebling der Baronesse, und kaum wusste sie seinen Unfall weg war sie! In einem Zuge die Treppe hinunter, uber den Hof in den Garten hinein, nach der Gartnerwohnung zu! und diesen ziemlich langen Weg machte sie in dem argsten Regen, bei Donner und Blitz, in ihrem festlichsten Staate ohne die mindeste Bedeckung, dass ihr bei dem ersten Schritte in dem durchweichten leimichten Boden des Gartens die seidnen Schuhe steckenblieben: ohne sich dabei aufzuhalten, nahm sie beide in die Hand und setzte ihre Reise in Strumpfen fort. Als sie bei dem Gartner ankam, erfuhr sie von seinem kleinen Sohne, dass man den Burschen zu seiner Mutter in das Stadtchen gebracht hatte: Jedermann war mit der durchs Donnenvetter verungluckten Illumination beschaftigt, und sie musste den Knaben durch Geld bewegen, dass er sie mit einer Laterne zu dem Hause brachte, wo der Kranke lag. Sie machte sich in der namlichen Witterung und mit der namlichen Bekleidung auf den Weg, erreichte die Wohnung und fand den Chirurgus mit dem Verbinden beschaftigt. Mit der angelegentsten Sorgfalt tat sie ihm Handreichung dabei, half den Fuss halten, sprach dem Burschen Trost ein, wenn ihn der Schmerz zuweilen ubermannte, ermahnte den Wundarzt, leise zu verfahren, und hielt bei ihm aus, bis die ganze Verrichtung voruber war. Bei dem Abschiede gab sie der Mutter einen Gulden ihr ganzes gegenwartiges Vermogen mit dem Versprechen, die Wohltat zu vergrossern, sobald es ihre Umstande zulassen wurden. Die Alte, die es entbehren konnte, nahm ihr Geschenk mit vielen Komplimenten an, und weil sie der Baronesse zu komplimentenreich dankte, so wischte diese zum Hause hinaus, ehe noch jene ihren Dank geendigt hatte.
In dem Schlosse hatte sie niemand als Fraulein Hedwig vermisst, die deswegen angstlich alle Zimmer durchlaufen war, ohne zu erraten, wo sie sein mochte, ob sie gleich eine Entlaufung um irgendeines andern Bewegungsgrundes willen mutmasste: denn solche Unbesonnenheiten waren ihr gewohnlich. Sie konnte in keinem Winkel Ruhe finden und war halb des Todes, als die Baronesse in zerrissner, ungepuderter Frisur und schmutzigen Schuhen in der Gesellschaft auftrat. Mit einem freudigen "Er ist verbunden" eilte sie zur Grafin und erzahlte ihr den ganzen Verlauf ihrer Expedition. Der Graf erblickte sie kaum, als er zu ihrer Gouvernante voller Zorn ging und ihr ihre Unachtsamkeit mit einem harten Verweis bezahlte, was sie eben so angstlich befurchtet hatte: mit gleicher Entrustung scholt er Ulriken uber die Unanstandigkeit, sich in so unsauberer Kleidung zu prasentieren, weidlich aus. Die Grafin, welcher die Ubereilung der Baronesse im Herzen gefiel, kusste sie und sagte ihr freundlich: "Du bist bestandig ein solch gutherziges unbesonnenes Ding gewesen und wirst es auch wohl bleiben. Geh auf dein Zimmer!"
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Die Ursache, warum der Graf die Aufnahme des kleinen Heinrichs auf sein Schloss betrieb, horte unmittelbar nach der Geburtsfeier auf: er sollte das Werkzeug seiner Politesse sein: das Werkzeug hatte seine Dienste getan und war in seinen Augen nunmehr nichts Besseres wert als es wegzuwerfen. Es war ihm so herzlich zuwider, den gemeinen Jungen zuweilen um und neben sich zu dulden, dass die Grafin besorgte, er werde ihr einmal ebenso despotisch befehlen, ihm ihre Zuneigung zu entziehen, als er vorhin darauf drang, ihrer Liebe fur ihn keine Gewalt anzutun. Der Gehorsam ware ihr itzt in der ersten Hitze ihrer Gunst unendlich schwergefallen: dafur liess sie sich wohl nicht bange sein, dass sie in dem aussersten Falle nicht Mittel genug finden werde, ihren Gemahl unvermerkt dahin zu leiten, dass er ihr wider seinen Willen eine Aufopferung untersagen musste, die er gern von ihr gefodert hatte: allein sie hielt es doch fur kluger, beizeiten vorzubauen, oder vielmehr, sie konnte nicht ertragen, dass jemand ihren Liebling hasste, weil sie ihn so heftig liebte.
Ihr Gotze war die Neuheit, wie die Politesse die Abgottin ihres Gemahls: in den ersten Tagen, der ersten Woche einer neuen Zuneigung wurde ihr ihre Gewogenheit zu einem wirklichen Leiden: mit der Unruhe der hochsten Leidenschaft sorgte sie fur den Gegenstand derselben: eine Minute Abwesenheit machte ihr Kummer, und in seiner Gegenwart war sie unaufhorlich mit sich selbst unzufrieden, dass sie keine Sprache noch Handlung wusste, um die ganze Starke ihrer Liebe auszudrucken und zu beweisen. Heinrich durfte keinen Augenblick von ihrer Seite, musste sie uberall begleiten, sie lehrte ihn in eigner Person franzosisch lesen, liess ihn schreiben, sann bestandig auf neue Zeitvertreibe fur ihn und betrieb seinen Unterricht und sein Vergnugen mit solchem Eifer, dass sie tagelang nicht aus dem Zimmer kam. Er sass auf ihrem Schosse, hing ihr am Halse, sie kusste und liebkoste ihn wie den zartlichsten Liebhaber und wartete ihm auf wie ihrem Gebieter: ein Wink von seinen Augen, ein Wortchen, nur die mindeste Ausserung eines Wunsches! und sie flog sogleich, ihn zu befriedigen. Er hatte ihr Herz so ganz ausgefullt, dass ausser ihm fur sie nichts in der Welt war, das ihr nur eine sekundenlange Aufmerksamkeit wegstehlen konnte: die Baronesse Ulrike, ihr Gemahl alles war fur sie so gut als vernichtet.
Je starker dieser Paroxysmus zunahm denn weiter war es im Grunde nichts als der Anfall eines leidenschaftlichen Fiebers-, je empfindlicher wurde ihr der bemerkte Widerwillen ihres Gemahls gegen ihren Gunstling. Um ihn zu heben, fragte sie ihn eines Tages bei Tafel, ob er auf den Sonntag nicht in die Kirche fahren und einen kleinen Turken dabei paradieren lassen wollte, der in seine Dienste zu treten wunschte. Der Graf merkte, wen sie meinte, und sagte ja. Der Sonntag erschien, und Heinrich war auf ihre Unkosten in Atlas als Turke gekleidet.
Eine solche Kirchenparade war eins der angenehmsten Opfer, womit der Graf zuweilen seiner ubermassigen Prachtliebe und seinem Stolze schmeichelte. Seine ganze Hofstatt wurde alsdann beritten gemacht: die Jager seiner ganzen Herrschaft mussten sich in ihrem volligen Ornate tags vorher einfinden, um den Zug verlangern zu helfen, der von dem Schlosse durch alle Gassen des Stadtchens, die fur eine Kutsche breit genug waren, bis zur Kirche ging. Die Halfte der Jager zu Pferde mit vor sich gestellten Buchsen eroffnete ihn: an sie schloss sich alles, was nur auf einem Pferde sitzen konnte und eine Bedienung ohne Liverei bei dem Grafen hatte, in dem auserlesensten Schmukke; alle ritten in weissen seidnen Strumpfen und grossen breiten Haarbeuteln, weil es der Graf fur unanstandig hielt, bei einer so feierlichen Gelegenheit gestiefelt zu erscheinen. Auf diese galante Kavallerie folgte die samtliche Liverei zu Fuss, mit langen spanischen Schritten, strotzend und starrend in reich verbramten Galakleidern; alsdann wurde in einem Staatswagen, geraumig wie ein Tanzzimmer, der Graf, in einem zweiten ebenso grossen die Grafin, in einem dritten die kleine Baronesse, die in dem grossen Gebaude kaum zu finden war, und in einem vierten Fraulein Hedwig wohlgemut, ein jedes mit Pferden von einer andern Farbe, dahergezogen: den Beschluss machte der Rest der loblichen Jagerschaft. Auf der rechten Seite der Kutsche, die den Grafen trug, ging zum Unterscheidungszeichen der wohlbeliebte Maulesel des Grafen in seiner scharlachnen, goldbeladnen Uniform; und die leere Stelle auf der linken Seite musste auf Veranstaltung der Grafin ihr Liebling in seinem atlasnen Turkenkleide einnehmen. Eine solche Kirchfahrt war fur den Grafen das kostlichste Vergnugen der Erde: er fuhlte sich so wohl, wenn er sich in dem glasernen Kasten wiegte, so zufrieden mit sich selbst! Auch war es der sicherste Weg zu seiner Gunst, wenn man seine abenteuerliche Kirchenparade verherrlichen half; und die Grafin hatte aus keiner andern Absicht ihren Heinrich zu seinem Kammerturken gemacht. Die Idee nahm ihn so sehr sein, dass er mit bestandigem Wohlgefallen aus der Kutsche auf den kleinen Muselmann herabsah: er dunkte sich auf der Leiter der Hoheit um ein paar Sprossen weiter hinaufgeruckt. Da seine Gemahlin sonst dergleichen Aufzuge aus dem guten Grunde verhinderte, weil sie ein Muster von Lacherlichkeit darinne fand, so war die Freude itzt desto lebhafter, dass sie ihn selbst dazu ermunterte: alles, auch selbst die Knoten seiner Perukke, wallten vor Entzucken an ihm.
Dies war der wichtige Augenblick, wo der kleine Heinrich den ersten Schritt zur Gnade des Grafen tat, und wo die Vermutung des Publikums uber seine unehliche Geburt zur Gewissheit wurde. Dies konnte um soviel leichter geschehen, da sein Vater erst zwei Jahre in den Diensten des Grafen und in dem Stadtchen war, und also seine vorhergehenden Familienumstande an diesem neuen Wohnorte noch in einer kleinen Dunkelheit lagen.
Noch den namlichen Tag empfing er zur Belohnung der treugeleisteten Begleitung einen besondern Beweis von der Gunst seines Patrons. Wenn das Wetter nicht gunstig war, um den prachtigen sonntaglichen Spaziergang zu machen, wovon ich schon eine Beschreibung geliefert habe, so wurden die vakanten Stunden mit andern ganz eignen Lustbarkeiten ausgefullt. In einem solchen Falle befand sich der Graf eben itzt: trube Regenwolken uberzogen nachmittags den Himmel und drohten jeden Augenblick mit Regen: er liess also alle Stalleute zusammenrufen, sie mussten sich unter seinem Fenster im Zirkel stellen und zu einem Wettkampfe bereithalten. Dieser Wettstreit bestand in nichts Geringerm, als dass er Apfel oder Kupferpfennige unter sie auswarf, damit sie sich darum balgten: sobald die ausgeworfne Kleinigkeit in ihren Kreis herabfiel, stunden sie alle aufmerksam da, die Augen auf den Preis geheftet: der Graf blies in ein Pfeifchen, und sogleich sturzte auf dieses Losungszeichen der ganze Haufen ubereinander her, balgte, raufte, kratzte und druckte sich um des Plunders willen, wahrenddessen immer neue Anreizungen zum Streite uber sie herabgeworfen wurden. Sollte das Spiel recht anziehend werden, so liess er die Erde mit Wasser befeuchten oder stellte es nach einem starken und langen Regen an, wenn der leimichte Boden schlupfrig und durchweicht war, dass man bei jeder Bewegung ausgleitete und hie und da einer sein Bild in Lebensgrosse in das nasse Erdreich eindruckte. Bei dieser hohen Ergotzlichkeit hatte der neue Kammerturke die Gnade, das Korbchen zu halten, das die auszuwerfenden Kupferpfennige enthielt. So klein diese Gnadenbezeugung vielen scheinen mag und auch in der Tat ist, so war sie doch in den stolzen Augen des Grafen von ungemeiner Erheblichkeit: er erzeigte jemandem alsdann die grosste Gnade, wenn er sich einen Dienst von ihm tun liess: das war sein Grundsatz, und insofern musste sich der kleine Herrmann viel wissen; denn der Graf brauchte ihn unaufhorlich zu seiner Bedienung, wo er zu brauchen war: und da er ihn nunmehr in dem Lichte als ein ihm unterwurfiges, dienendes Subjekt betrachtete, so hatte er wider seinen Aufenthalt auf dem Schlosse nichts mehr einzuwenden.
Aber desto mehr die Grafin wider die oftern Bedienungen, die er von ihm foderte: es war ihr hochst verdrusslich, dass er so oft von ihr und ihren Beschaftigungen mit ihm abgezogen wurde; und weil sie ihren Gemahl durch keine Vorstellung daruber beleidigen wollte, so ging sie so weit, dass sie sich ganze halbe Tage in einem abgelegenen Pavillon im Garten verschloss, ohne dass jemand wusste, wohin sie war.
Plotzlich, wie ein Fieber ausbleibt, stund bei der Grafin ihre Leidenschaft fur den Knaben still: ohne die mindeste Veranlassung, sogar ohne die mindeste Unzufriedenheit mit ihm erloschte ihre Zuneigung: es wurde ihr lastig, ihn bestandig um sich zu haben, beschwerlich, sich mit ihm abzugeben, selbst unangenehm, ihn zu sehen. So schopfte sie meistenteils im Anfange jeder Leidenschaft das Herz mit so vollen uberlaufenden Eimern aus, dass auf einmal eine ganzliche Trockenheit entstand: allmahlich begann die ausgetrocknete Quelle wieder zu fliessen, und nunmehr ward erstlich eine vernunftige, gemassigte Neigung daraus, die die Zeit weder vermehrte noch verminderte, die nie stromte, sondern nur zuweilen auf kleine Zeitraume anschwoll und dann zu einem stillen, ordentlichen Laufe wieder zuruckkehrte.
Heinrichs Gluck war es, dass das erste Aufschwellen ihrer Liebe bei ihm sobald vorbeischoss: er ware der verzarteltste, eingewilligste, unleidlichste Bursche durch die geworden. Um sich seiner zu entledigen, ubergab sie ihn dem jungen Manne, den der Graf fur den Unterricht der Baronesse besoldete. Er hiess Schwinger.
Zweites Kapitel
Soviel Gluck es fur den kleinen Herrmann war, in die Hande seines neuen Lehrers zu geraten, soviel Freude verursachte es diesem, die Laufbahn seiner Unterweisung und seines padagogischen Ehrgeizes dadurch erweitert zu sehen. Er war einer von den Unglucklichen, denen die Natur viele Kraft und das Schicksal nichts als unwichtige Gelegenheiten gibt, sie zu aussern: Talente und Ehrbegierde bestimmten ihn, ein Volk zu regieren, und weil sich kein Volk von ihm regieren lassen wollte, so regierte er Kinder. Um ihn noch mehr zu tucken, notigte ihn sein widriges Geschick, den Platz in dem Hause des Grafen anzunehmen und in dem engern Kreise, der dem Unterrichte eines Frauenzimmers meistenteils vorgezeichnet wird, wie ein Vogel in dem Rade, womit er sich einen Fingerhut voll Wasser aufzieht, umzulaufen. Ein Pferd, das gern mit gestrecktem Galopp uber Felder, Hugel, Tal und Berg in die weite Welt dahinrennen mochte und gezwungen wird, taglich in einem Zirkel von etlichen Ellen im Durchschnitte sich herumzudrehen und einerlei Bewegungen zu wiederholen, kann nicht so baumen, so brausen und von dem innerlichen niedergehaltenen Feuer geangstigt werden als dieser arme Jungling, zumal da seine Schulerin mehr einen lebhaften als wissbegierigen, mehr einen unternehmenden als fahigen Geist hatte, bei wenig Lust auch nur wenig in ihrer Wissenschaft fortruckte und in nichts merklich zunahm als im Briefschreiben, worin sie fruhzeitig ungewohnliche Fertigkeit und eine angenehme fliessende Sprache erlangte. Er wollte ausser sich wirken, padagogische Lorbeern einsammeln und hatte kein Feld, wo er sie pflucken konnte: Mut, Geist und Nerven erschlafften in ihm: er verzehrte sich selbst.
Er sass eben, als ihm die Grafin ihren entsetzten Liebling ubergeben wollte, voll truber unruhiger Empfindungen im Garten der Einsiedelei einem dustern Tannenwaldchen, dessen schlanke Baume so dicht aneinander standen, dass ihre verschlungnen Wipfel fast nie einen Strahl Tageslicht durchliessen. Mitten unter ihnen hatte man auf einem leeren Platze einen kunstlichen Berg aufgeworfen und eine Hohle hineingewolbt, deren Wande mit Moos uberzogen waren und bestandige Kuhlung gewahrten. Nicht weit davon machten zwei Muhlen ein angenehmes Getose, und wenn man in der Hohle sass, erblickte man durch die glatten Stamme der Tannen den blinkenden Wassersturz eines Wehrs, der wie ein augespanntes Tuch mit einem hohlen Brausen herniederschoss. Jedermann im ganzen Hause des Grafen, den geheimer Kummer, Vapeurs, Hypochondrie oder schlechte Verdauung qualte, fluchtete an diesen Schutzort der Melancholie, und niemand, wenn seine Wunde nicht zu tief in der Seele sass, ging leicht ungetrostet hinweg: die einformige Musik des Wassers und die totstille Finsternis wiegten sehr bald in einen sanften Schlummer ein, der Herz und Nerven erquickte.
Die Grafin suchte damals diese Zuflucht, um sich vor der Langeweile zu schutzen, die gewohnlich bei ihr und vielleicht bei jedem Menschen den Zustand begleitete, wenn sie eines Vergnugens uberdrussig war und, wie auf Stahlfedern, mit einem unbestimmten Verlangen nach Neuheit hin und her schwebte. Sie fand alsdann nirgends Ruhe: alles war ihr zuwider: angstlich irrte sie aus dem Zimmer in den Garten und aus dem Garten in das Zimmer, fing zehn Arbeiten an, beschaftigte sich mit jeder einige Minuten und warf sie weg, futterte die indianischen Huhner ein paar Augenblicke und warf ihnen ungeduldig das ganze Brot vor die Fusse, sah ihre Gemalde, ihre Kupferstiche durch und gahnte, blickte in ein Buch, las zwei Zeilen und legte es gahnend neben sich, holte ein anders und schlief ein. In einem solchen Gemutszustande kam sie itzt in den Garten, ihr bis zur Sattigung geliebter Heinrich, der sie eben in jene unruhige Langeweile versetzt hatte, ging hinter ihr drein, einen Teil von Gessners Schriften unter dem Arme, die sie unter allen deutschen Produkten des Geschmacks allein und gern las. Ihre Fusse trugen sie von selbst zu dem Tannenwaldchen und der Einsiedelei, wo sie Schwingern, mit einer ahnlichen Krankheit behaftet, antraf. Er war gewohnt, neben ihr zu sitzen, wenn ihr Gemahl nicht dabei war, der das Sitzen eines Mannes, den er bezahlte, in seiner Gegenwart als eine unanstandige Vertraulichkeit verwarf: er nahm also, ohne ihren Befehl zu erwarten, nach der ersten Begrussung sogleich wieder Platz.
"Sie sind verdriesslich", fing die Grafin mit verdriesslichem Tone an. "Seien Sie doch aufgeraumt! Ich weiss gar nicht, warum ich nun seit drei Tagen kein einziges frohliches Gesicht auf dem ganzen Schlosse erblicke. Wen ich anrede, der antwortet mit dem langweiligsten Ernste, und wenn er ja lacht, so sieht man's doch genau, dass er sich dazu zwingt. Selbst die Baume im ganzen Garten sehn so unmutig, so gelbgrun aus, als wenn der ganzen Natur nicht wohl zumute ware. Sagen Sie mir nur, ob ihr Leute alle auf einmal hypochondrisch geworden seid?"
Schwinger. Vermutlich scheinen wir alle darum nicht aufgeraumt, weil es Euer Exzellenz nicht sind
Die Grafin. Ich? nicht aufgeraumt? Ich dachte, dass ich's ware. Wissen Sie kein Mittel wider die Langeweile?
Schwinger. Wenn Beschaftigung oder Zerstreuung nicht hilft
Die Grafin. Wenn Sie sonst keine Arznei wissen, diese kenn ich. Tun Sie mir nur den Gefallen und machen Sie nicht ein so langweiliges Gesicht: man wird ja selbst verdriesslich, wenn man Sie nur ansieht.
Schwinger. Ich beklage unendlich so will ich mich lieber entfernen
Die Grafin. Bleiben Sie nur! Wissen Sie nichts Neues?
Schwinger. Nichts als das einzige
Die Grafin. Erzahlen Sie mir's nicht! Es ist doch vermutlich etwas Langweiliges. Finden Sie nicht auch, dass die Welt immer alltaglicher wird?
Schwinger. Ja, ich fuhle sehr oft die Last der Einformigkeit.
Die Grafin. Unausstehlich einformig ist alles. Es fehlt Ihnen wohl an Zeitvertreiben bei uns? Trosten Sie sich mit mir! Der Graf macht mir immer so viele Veranderungen, dass ich a propos! ich will Ihnen einen neuen Zeitvertreib schaffen. Hier den kleinen Heinrich nehmen Sie zu sich, unterrichten und erziehen Sie ihn, so gut Sie konnen: vielleicht lasst sich etwas aus ihm machen. Er soll Ihnen ganz uberlassen sein: die notigen Bucher und andere Dinge fodern Sie von mir!
Schwinger. Fur dieses Geschenk danke ich mit so vieler Freude, als wenn
Die Grafin. Ich bitte Sie, machen Sie mir durch Ihre Komplimente keine Langeweile! ich kann Ihnen vorderhand keine Vermehrung des Salars versprechen: allein wir werden schon sehn!
Schwinger. Ich bin vollig zufrieden, vollig zufrieden, dass ich eine Arbeit bekomme, die mehr Tatigkeit fodert als meine bisherige: und wenn ich mir den Beifall Eurer Exzellenz verdienen konnte
Die Grafin. Sie werden mich Ihnen verbinden, wenn Sie ein wenig Fleiss auf den Burschen wenden. Sehn Sie, wer kommt!
Schwinger ging, es zu untersuchen, und berichtete, dass es der Graf sei. "Ach!" brach die Grafin in der ersten Uberraschung des Verdrusses aus; "da wird erst" 'die Langeweile angehn', wollte sie sagen; allein sie unterbrach sich und setzte hinzu, als eben der Graf in die Einsiedelei trat: "Sie erzeigen mir sehr viel Gnade, dass Sie mir ihre unterhaltende Gesellschaft gonnen, gnadiger Herr."
Der Graf machte ein Gegenkompliment, setzte sich und gahnte. "Ich habe schreckliche Langeweile auf meinem Zimmer gehabt", fing er an. "Wenn man keinen Gefallen mehr an der Jagd findet, so weiss man immer nicht, was man mit der Zeit anfangen soll. Alle Tage Gesellschaft aus der Nachbarschaft zusammenzubitten ist sehr beschwerlich! Ich bedaure Sie nur, dass ich nicht genug zu Ihrem Vergnugen beitragen kann "
Die Grafin. Mein grosstes Vergnugen ist Ihre Gesellschaft. Ihre Unterhaltung lasst mich nie Langeweile haben.
Der Graf versicherte, dass er solche liebreiche Gesinnungen zu verdienen suchen werde, gahnte und schwieg. Beide sassen lange stumm da, wie die leibhaften Bilder des Verdrusses hin und wieder eine kahle Frage nebst einer ebenso kahlen Antwort dann ein schmeichelhaftes Komplimentchen hinter jeder Anrede und Antwort ein langes Intervall von Stillschweigen das war ihr hochst unterhaltendes Gesprach. Nachdem sie sich fast eine halbe Viertelstunde mit einem so muhseligen Dialoge gemartert hatten, so versicherte der Graf, dass er durch seine Gemahlin ganz aufgeheitert worden sei, und sie tat ihm aus Erkenntlichkeit die Gegenversicherung mit schlafrigem Tone, dass er ihr eine der schlechtesten Launen durch seine Gegenwart vertrieben habe.
Als diese lebhafte Unterhaltung ganz erloschen war, fand sich die Baronesse bei der Einsiedelei ein und stutzte, dass sie zusammenfuhr, da sie beim Eintritte Onkel und Tante mit niedergesenktem Haupte in tiefem Stillschweigen erblickte. "Was willst du?" fragte der Graf. "Die Zeit wurde mir auf dem Zimmer zu lang", antwortete sie.
Die kleine Heuchlerin! Sie war ausgegangen, den kleinen Herrmann aufzusuchen; und die Zeit wurde ihr auf dem Zimmer zu lang, weil er nicht bei ihr war.
"Immer wird dir die Zeit zu lang", fuhr der Graf fort. "Klagen wir doch niemals daruber. Mache es wie wir, so wird dir die Zeit niemals zur Last fallen! Setze dich zu uns! Unterhalte dich! Ein lebhaftes Gesprach wie das unsrige lasst gar nicht daran denken, dass es Zeit gibt."
"Wo ist Hedwig?" fragte die Grafin. Die Baronesse berichtete, dass sie schon uber eine halbe Stunde ausgegangen sei.
Die lebhafte Unterhaltung stund abermals still, wie ein ausgetrockneter Bach.
Nach einigen Minuten horte man Fraulein Hedwigs Stimme sich mit vieler Heftigkeit nahern und zugleich ein Gerausch, als wenn ein ganzes Regiment Infanterie hinter ihr drein marschierte. Die Baronesse sah sich danach um und brachte die Nachricht zuruck: dass Fraulein Hedwig in Begleitung der samtlichen Domestiken anrucke. Unmittelbar darauf erschien sie in hochsteigner Person; weil sie niemanden in der Hohle vermutete, stellte sie sich einige Schritte weit von ihr hin, den Rucken nach dem Eingange gekehrt. Die Bedienten traten in einen Halbzirkel und horten aufmerksam zu. Mit lauter Stimme, den rechten Arm ausgestreckt, die Hand geballt und den Zeigefinger in eine demonstrierende Lage gesetzt, hub sie an: "Dort in Norden steht Ursus magnum, auf deutsch der Grosse Bar genannt" Schnapp! riss ihr ganzes Auditorium aus, als wenn einem jeden der Grosse Bar auf den Schultern sasse und ihn verschlingen wollte. Ihre Demonstration blieb vor Verwunderung in der Luftrohre stecken, und lange stund sie mit ausgestreckter Hand wie versteinert da und sah den fluchtenden Zuhorern nach. Endlich drehte sie sich um, von ihrer Arbeit in der Hohle auszuruhen, wurde den Grafen gewahr und begriff nunmehr die plotzliche Flucht ihrer Schuler: der Anblick des Grafen, den sie alle wie eine Gottheit furchteten, hatte sie verscheucht. Sie schamte sich und trat mit einer tiefen Verbeugung in die Hohle hinein.
Die Grafin erkundigte sich lachelnd nach ihrer gehabten Verrichtung, und ob sie sich gleich anfangs weigerte, die Wahrheit zu gestehen, so trieb man sie doch durch wiederholte Fragen so in die Enge, dass sie bekannte, sie habe erschreckliche Langeweile auf ihrem Zimmer gehabt und sei deswegen darauf verfallen, die Domestiken auf pathetische Art im Spaziergehen, wie Aristoteles, die Astronomie zu lehren.
"Warum geben Sie sich mit solchen schlechten Leuten ab?" sagte der Graf. "Wissen Sie denn keine bessere Gesellschaft? Setzen Sie sich zu uns! so wird es Ihnen nicht an Zeitvertreibe fehlen."
Fraulein Hedwig gehorsamte mit dankbarer Ehrerbietung und schwieg. Niemand sprach ein Wort. Nach langer allgemeiner Stille erhub sich der Graf. "Man redet sich", sagte er, "in der Lange mude und trocken: wir wollen zusammen ausfahren." Die Baronesse ubernahm freiwillig das Geschafte, die Kutsche zu bestellen.
In der Kutsche war das Gesprach ebenso belebt wie in der Einsiedelei und an allen Enden und Orten, wo sich der Graf befand: denn er foderte als ein Zeichen des Respekts, dass man in seiner Gegenwart schwieg, dass man gern in seiner Gesellschaft war und sich nirgends besser vergnugte als bei ihm, wenn man gleich vor Langerweile in Ohnmacht hatte sinken mogen: wirklich bildete er sich auch ein, dass seine Gesellschaft die beste sei, weil er jedem eine grosse Gnade zu erzeugen glaubte, dem er sie gonnte.
Drittes Kapitel
Unmittelbar nach der Erscheinung des Grafen in der Hohle war Schwinger mit seinem neuen Untergebenen davongeeilt, um sich mit ihm uber die Verbindung zu freuen, in welche sie treten sollten. Er fand sehr bald in ihm viel Talente, schnelle Begreifungskraft, festes Gedachtnis, Witz und einen hohen Grad von der vorzeitigen Wirksamkeit der Urteilskraft, die man gewohnlich Altklugheit bei Kindern nennt. Uber die Vorfalle und Revolutionen des Hauses, uber die Handlungen der Personen, die es ausmachten, uber die Art, wie man bei gewissen Gelegenheiten verfahren sollte, entwischten ihm oft so gluckliche Bemerkungen und Urteile, dass sein Lehrer wunschte, sie selbst gesagt zu haben. Gegen den eigentlichen Bucherfleiss hatte er eine grosse Abneigung: Sachen, die man gewohnlich nur lernt, um sie zu wissen, nahm sein Kopf wie eine unverdauliche Speise gar nicht an: was ihm die Unterredung seines Lehrers darbot, fasste er gierig auf und erlangte durch diesen Weg eine Menge Kenntnisse, die ihn selbst in den Augen des hochgelehrten Fraulein Hedwig zu einem Wunder von Gelehrsamkeit machten. Genau betrachtet, merkte man deutlich, dass sein Kopf nicht gestimmt war, eine Wissenschaft durchzuwandeln und in ihre kleinsten Steige und Winkelchen zu kriechen oder jedes Blumchen und Grashalmchen, das Alte und Neuere in ihr gesat, erzeugt, geerntet haben, genau zu kennen; sein Blick ging bestandig ins Weite, war bestandig auf ein grosses Ganze gerichtet: was er lernte, verwandelte sich unmittelbar sozusagen in seine eignen Gedanken, dass er's nicht gelernt, sondern erfunden zu haben schien, und seine Anwendungen davon bei den gewohnlichen Vorfallen des Lebens waren oft sehr sinnreich und nicht selten drollicht.
Was seinem Lehrer die meiste Besorgnis machte, war der ungeheure Umfang seiner Tatigkeit und Leidenschaft. 'Dieser junge Mensch', sagte er sich oft, 'muss dereinst entweder sich selbst oder andre aufreiben. Seine grosse Geschaftigkeit, wenn sie der Zufall unterstutzt und ihr nicht Ungluck, Warnung, Erfahrung und naturliche Rechtschaffenheit beizeiten die notige Richtung und Einschrankung geben, wird alles in ihren Wirbel hinreissen, sein Ehrgeiz alles erringen und sein Stolz alles beherrschen wollen: stosst ihn aber das Schicksal in einen engen Wirkungskreis hinab, der seine Tatigkeit zusammenpresst, dann wird er, wie eine zusammengedruckte Blase voll eingeschlossener Luft, zerspringen, sich selbst qualen und auf immer unglucklich sein. Gleichwohl kann ich nach meiner besten Einsicht nichts fur ihn tun, als dass ich seinen Ehrgeiz auf nutzliche, gute und wahrhaftig grosse Gegenstande leite, sein naturliches Gefuhl von Rechtschaffenheit belebe und durch unmerklich eingeflosste Grundsatze starke; dass ich ihn im strengsten Verstande zum ehrlichen Mann zu machen suche und dann alle Leidenschaften in ihm aufwecke, damit sein Ehrgeiz durch ihr Gegengewicht gehindert wird, sein Herz ganz an sich zu reissen. Ob aus ihm das Schicksal einen Lasterhaften oder Tugendhaften, einen grossen Mann oder stolzen Windbeutel werden lassen will, das steht in seiner Gewalt: ich habe wenigstens verhutet, dass er nie ein Bosewicht oder Schurke sein wird.'
Nach diesem Plane predigte er ihm nie die Unterdruckung der Leidenschaften, gebot ihm nicht, sie niemals ausbrechen zu lassen, sondern liess der Wirksamkeit seiner Natur freien Lauf und war bloss bedacht, seine Denkungsart durch Beispiele und seltne, gleichsam nur hingeworfene Maximen zu bilden. Mit den grossen Mannern der Geschichte ward sein Lehrling in kurzem so bekannt wie mit Vater und Mutter: ihre guten und bosen Handlungen wusste er auswendig: sie begleiteten ihn ins Bette, bei Tische und auf den Spaziergang: sie waren seiner Einbildungskraft allgegenwartig wie das Bild einer Geliebten: er unterredete sich in der Einsamkeit mit ihnen, sah sie vor sich hergehn, tadelte und bewunderte sie. Ihre Busten, in Gips geformt, waren seine tagliche Gesellschaft: er stellte den Kopf des Cicero auf den Tisch, einen weiten Halbzirkel bartiger Romer, wenn sie auch hundert Jahr vor ihm gelebt hatten, um ihn herum, und hielt dann hinter ihm eine nervose, durchdringende Rede wider den Catilina, ermahnte die ehrwurdigen Vater der Stadt, das Ungeheuer zu verbannen, und beseelte ihren schlaffen Mut mit romischem Feuer. Am oftersten musste Cato die ausschweifenden Sitten, die Pracht und Verschwendung seiner Mitburger schelten und sie zur Massigkeit, Sparsamkeit und wahren Grosse des Herzens ermuntern, wobei er niemals vergass sosehr es auch wider die Chronologie war , ihnen sein eignes Beispiel zu Gemute zu fuhren. Wenn in seinem Gipssenate Unterhandlungen uber Krieg und Frieden gepflogen wurden, so konnte man allemal sicher sein, dass es zum Frieden kam: war aber vielleicht einer von den asiatischen Konigen, ein Antiochus oder Mithridat, zu ubermutig, so entstand zuweilen in der Ratsversammlung selbst so heftiger Krieg, dass sich die streitenden Gipskopfe die Nasen aneinander entzweistiessen. Wenn eine Szene aus der neuern Geschichte aufgefuhrt wurde, so brauchte er die namlichen Schauspieler dazu, und nicht selten traf das Ungluck den armen Cato, dass er den Thomas Becket vorstellen musste. Das harteste Schicksal widerfuhr jederzeit Leuten, die ihr Wort nicht gehalten, andre betrogen, uberlistet oder niedertrachtig gehandelt hatten: sie wurden mit Ruten gestaupt, und dem Nero grub er einmal die Augen formlich aus, weil er ihm zu geldsuchtig war. Dergleichen Schauspiele wurden meistenteils in Gesellschaft der kleinen Baronesse aufgefuhrt, die oft, starr und steif vor Aufmerksamkeit, unter den alten Romern sass und einmal bei einer Leichenrede des Julius Casar durch die Beredsamkeit des kleinen Redners bis zu Tranen geruhrt war. Zu gleicher Zeit grub sich seine niedliche Figur, die sie bei solchen Gelegenheiten in so mancherlei vorteilhaften Stellungen und Wendungen, in so einnehmenden Bewegungen erblickte, immer tiefer in ihr Herz, und man kann behaupten, dass sie von jedem seiner Spiele um einen Grad verliebter hinwegging. Wenn man noch uberdies erwagt, dass seine dabei gehaltnen Reden, entweder durch die Starke des Tons, womit er sie ans Herz legte, oder auch durch den Ausdruck und die eingestreuten Sentiments, die er aus den Unterredungen seines Lehrers aufgefasst hatte, jederzeit einen Eindruck auf sie machte, so war's kein Wunder, dass sie schon in ihrem, neunten und zehnten Jahre von den grossen Eigenschaften und dem Reize eines achtjahrigen Redners so gut hingerissen wurde als ein achtzehnjahriges Madchen von einem schon tanzenden Junglinge. Einem schonen Korper in reizender Bewegung widersteht eine weibliche Seele in keinem Alter.
Bei ihrem Geliebten hingegen war jede Liebkosung, die er ihr verstohlnerweise gleichsam hinwarf, jede Gefalligkeit, womit er sie uberhaufte, mehr kindische Galanterie als Liebe. Es liess sich zwar mit einer kleinen Aufmerksamkeit wahrnehmen, dass die tagliche Gesellschaft der Baronesse in den Lehrstunden, ihr Umgang bei seinen Spielen, ihre zudringliche Gutherzigkeit bei den kleinsten Gelegenheiten, ihre Lebhaftigkeit und angenehme Bildung auch in seiner kleinen Brust den Keim einer Zuneigung befruchtet hatte, die vielleicht bald Wurzel fassen, Aste und Zweige treiben wurde, nur mit der Axt umgehauen und nie ausgerottet werden konnte: allein es war doch ebenso sichtbar, dass er sich ohne grosse Schmerzen von ihr getrennt und sie vergessen hatte, wenn man ihn damals ausser dem Hause des Grafen in eine Laufbahn brachte, die seine Tatigkeit erschopfte und ihm die Aussicht auf eine Befriedigung seines Ehrgeizes gab. Er durfte nur in eine offentliche Schulanstalt oder Pension versetzt werden, wo Wetteifer seine Krafte anspannte, wo er Lob und Ehre zu erringen hoffte: nicht eine Minute wurde er angestanden haben, das Schloss des Grafen mit allen seinen Herrlichkeiten zu verlassen, wenn man ihm seinen neuen Aufenthalt von jener Seite vorgestellt hatte, da hingegen die Baronesse ihm vielleicht nachgelaufen und ohne Einsperrung nicht zuruckzuhalten gewesen ware: Sie ging wirklich schon einmal mit diesem Plane um, als Fraulein Hedwig der Grafin den vertrauten Umgang der beiden Kinder verdachtig gemacht und sie beredet hatte, Heinrichen auf eine Schule zu tun. Alles suchte sogleich den Vorsatz der Grafin ruckgangig zu machen: Schwinger stellte ihr die Mangelhaftigkeit und Sittenverderbnis offentlicher Anstalten vor und malte ihr ein schreckliches Bild von der dort herrschenden Verfuhrung, dass sie sich der Sunde geschamt hatte, durch ihre Wohltat zu dem Verderben des Knaben etwas beizutragen. Der Hofmeister, dem eine solche Trennung das Leben in seiner gegenwartigen Stelle unleidlich gemacht hatte, trug durch seine einseitigen Vorstellungen den Sieg uber Fraulein Hedwig davon; und die Baronesse wusste ihre Gouvernante so unvermerkt in ihr Interesse zu ziehen, dass sie gern nicht mit einem Worte an ihre erregte Besorgnis dachte und sie sogar der Grafin wieder zu benehmen suchte.
Die Sache war Fraulein Hedwig hatte ihr vierzigjahriges Herz durch den sogenannten Stallmeister des Grafen, einen Menschen ohne Geburt, todlich verwunden lassen so todlich, dass Tag und Nacht das kurze untersetzte Mannchen im grunen Reitkollette und in lichtgelben Beinkleidern auf dem kastanienbraunen Englander in ihrem Kopfe herumritt. Sie gab ihm sehr oft auf ihrem Zimmer Zusammenkunfte, auch fand sie sich nicht selten bei nachtlicher Weile bei dem kleinen Boulingrin im Garten mit ihm ein. Bei Vermeidung der grossten Ungnade durfte sie eine solche Liebe nicht entdecken lassen, da sie eine Anverwandtin des Grafen war: gleichwohl wurde die Entdeckung unvermeidlich, sobald sie die Baronesse wider sich aufbrachte. Sie uberlegte sich diesen gefahrlichen Umstand beizeiten und bemuhte sich von selbst, die Grafin wieder auf andre Gesinnungen zu bringen: besonders da sie durch ihre unuberlegte Anzeige auch Herrn Schwinger beleidigt hatte, so furchtete sie desto mehr und arbeitete deswegen aus allen Kraften, sich ihn verbindlich zu machen.
Noch nicht genug! Diese Wendung nahm die Sache, ohne dass eine von den Parteien sich gegen die andre in eine wortliche Erklarung eingelassen hatte: die Baronesse dachte in aller Unschuld gar nicht weiter daran. An einem Sommerabende gerat Schwinger auf den Einfall, einen Spaziergang nach Tische in den Garten zu tun; und weil er noch einen Brief zuzusiegeln hatte, so gab er Heinrichen, der ungeduldig nach dem Abmarsche verlangte, die Erlaubnis voranzugehn. Er tat es: kaum hatte ihn die Baronesse aus dem Fenster gehen sehn husch! war sie hinterdrein. Heinrich ging, den Kopf voll von romischen Kaisern, die mittelste Allee hinauf: eh er sich's versah, hatte er einen Kniff von hinten zu in den Backen, und ein freundliches "Guten Abend" benahm ihm sogleich die Furcht, die der Kniff zu erregen anfing. Kaum waren sie einige Schritte miteinander gegangen, so horten sie hinter einer Hecke auf der linken Seite den Sand knistern: die Baronesse, der man so vielfaltig und ernstlich alle Vertraulichkeit mit ihrem geliebten Heinrich untersagt hatte, besorgte, verraten zu werden, gab ihrem Begleiter noch einen leichtfertigen Kniff und wanderte durch eine Offnung der Hecke in einen Seitengang. Als sie um die Ecke herumkommt, steht ihre Gouvernante in Lebensgrosse da: sie hat trotz der Uberraschung Besonnenheit genug, dass sie die Salope vor das Gesicht nimmt, als wenn sie sich vor der Abendluft verwahren wollte; und nun linksum nach einer andern Seite, als wenn sie niemanden gesehen hatte. Die Baronesse war fur ihr Alter ziemlich gross und hatte nichts als einen gelben Unterrock an; die halbblinde schielende Hedwig sieht in der Dammerung diesen gelben Jupon fur die lichtgelben Beinkleider ihres Adonis und die schwarze Salope fur sein grunes Reitkollett an: um die Illusion zu erleichtern, hatte der schadenfrohe Zufall der Baronesse eingegeben, den Capuchon uber den Kopf zu ziehen. Fraulein Hedwig vermutete anfangs, dass er sie nicht wahrgenommen habe, und schickte ihm deswegen einen scharmanten "Adonis" nach dem andern nach: da keine Antwort erfolgte, so hielt sie sein Stillschweigen fur eine verliebte Neckerei, und um ihrerseits gleichfalls nichts an dem Spasse fehlen zu lassen, ging sie den vermeinten gelben Beinkleidern wie einem helleuchtenden Sterne nach. Die Baronesse stand in dem Wahne, dass ihr ihre Gouvernante nachsetze, um sie auf der Tat zu ertappen und dann recht exemplarisch auszuschelten, und verdoppelte deswegen ihren Schritt. Wie das alte Meerkalb hinterdrein trabte! und keuchte, halb vor Erschopfung, halb aus verliebter Inbrunst! Und einmal uber das andre rochelte sie: "Du schalkhafter Adonis! Du mutwilliger Narzissus! Ich will dich wohl haschen, du loser Koridon! Da hab ich dich, du dicker Amyntas!" rief sie an dem Gattertore und griff zu pah! da stand sie! erstarrt vor Schrecken, als sie statt der gelbledernen 'chaussure', wie sie zu sagen pflegte, einen seidenen Unterrock in ihren Handen fuhlte, als sie aus ihrer verliebten Tauschung erwachte und vor sich die Baronesse und die Sekunde darauf Herrn Schwinger erblickte, der eben zu dem Gattertore hereintrat. Das Bewusstsein ihrer verbotnen Absicht und die Besorgnis, sich verraten zu haben, raubten ihr so ganz alle Uberlegung, dass sie nicht einmal eine Luge fand, ihren Fehltritt zu bemanteln, sondern die Augen niederschlug und, zitternd an allen Gliedern, hinwegging. Die Baronesse begleitete sie.
Fur Schwingern war der ganze Auftritt ein unauflosliches Ratsel, und die Baronesse machte auch nichts als schwankende Mutmassungen. Die Hauptsache erriet sie: ihre ahnliche Situation in Ansehung des kleinen Heinrichs fuhrte ihr augenblicklich bei den Ausrufungen ihrer Gouvernante die Vermutung herbei, dass sie mit ihr auf einem Wege gehen musste. Als sie hinter ihr die Treppe hinaufstieg keins von beiden sprach eine Silbe , fiel ihr ein, dass Fraulein Hedwig sehr oft den Stallmeister des Grafen, wenn er vor ihnen vorbeigegangen war, einen dicken Amyntas genannt hatte: nun war sie auf der Fahrte!
Nach ihrer Ankunft in dem Zimmer fing die Baronesse an, aber ohne boshafte Absicht, ohne spotten zu wollen: "Sie dachten wohl, ich ware der dicke Stallmeister?"
Die Frage versetzte sie in Todesschrecken: sie schwieg, die Knie sanken ihr, sie setzte sich auf den Sofa, die breiten Lippen zitterten, als wenn sie ein Krampf auf- und niederrisse. Die Baronesse besah indessen einen Finger ihrer rechten Hand am Lichte und saugte das Blut aus einer Wunde, die ihr unterwegs eine Stecknadel gemacht hatte. "Hab ich nicht recht?" fragte sie noch einmal wahrend ihrer Operation.
"Ach, Ulrikchen!" stohnte von hinten zu aus der dammernden Ecke, wo der Sofa stand, eine schwache erloschende Stimme zu ihr her. Sie drehte sich um, blickte hin, ergriff das Licht und beleuchtete ihre totblasse, mit der Ohnmacht ringende Gouvernante, zog ihr Riechflaschchen aus der Tasche und schwenkte ihr einen grossen Strom ins Gesicht, dass das Kinn wie ein Drachenkopf an einer Dachrinne triefte: voll Lebhaftigkeit holte sie das Waschbecken, und ehe noch das Fraulein die Hilfe verbitten konnte pump! lag ihr der ganze Seifenstrom im Gesichte: sie riss ein Bundel Federn aus dem Tintenfasse, zundete sie an und hielt ihr den brennenden Wisch unter die Nase, dass sie vor dem Hollendampfe hatte ersticken mogen. Hustend schlug sie den stinkenden Federbusch von sich weg und versicherte, dass sie nicht ohnmachtig sei. Die Baronesse tat alles mit so geschaftiger Liebe, so gutherziger Besorgnis und stund, nachdem ihre Hulfe verbeten war, mit so unruhigem Erwarten da, in einer Hand das Licht, in der andern die verbrannten Federn, mit starrem Blicke auf Fraulein Hedwigs Gesichte geheftet!
"Ach, Ulrikchen!" sprach das Fraulein mit bebender Stimme; "verraten Sie mich nicht! Ich bitte Sie um Gottes willen, verraten Sie mich nicht!"
Die Baronesse begriff nichts von dem Galimathias. "Warum denn?" fragte sie verwundernd.
Fraulein Hedwig. Ach, Sie wissen alles; ich bin in Ihrer Gewalt.
Die Baronesse. Was soll ich denn wissen?
Fraulein Hedwig. Ach, verstellen Sie sich nicht! Sie wissen alles: Sie wissen, dass ich dem Stallmeister zu Gefallen gegangen bin
Die Baronesse. Ich weiss nicht ein Wort davon.
Fraulein Hedwig. Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen, dass wir einander liebhaben: lieber Gott! man ist ja auch von Fleisch und Blut geschaffen wie andre Menschen wenn's denn nun gleich kein Edelmann ist. Aber wenn das der Herr Graf erfuhre! Ich musste mit meinem dicken Narzissus den Augenblick aus dem Hause. Gerechter Gott! uber das Ungluck! die Ungnade! Ich musste verhungern und verderben. Ich will Ihnen herzlich gern in allem zu Gefallen sein, Ulrikchen: nur verraten Sie mich nicht!
Die Baronesse versprach's und gab ihr ungefodert ihre Hand darauf. Indessen war sie doch durch die ubermassige Angst der Gouvernante wegen einer Sache, die sie nach ihrem Begriffe fur eine so unendliche Kleinigkeit hielt, nicht wenig neugierig geworden und erkundigte sich also, was sie mit dem dicken Narzissus hatte machen wollen.
Fraulein Hedwig. Sie sind auch zu neugierig: das lasst sich ja so nicht sagen. In Ihrem Alter darf man darnach gar nicht fragen.
Die Baronesse. Warum denn nicht? Ist es denn in meinem Alter etwas Boses, jemanden liebhaben?
Fraulein Hedwig. Ja, wenn's bei dem Liebhaben bliebe! Aber wir sind bose von Jugend auf.
Die Baronesse. Was sollte denn weiter geschehn? Wenn man nun auch jemanden, den man liebhat, in die Backen kneipt oder in die Waden zwickt oder kitzelt oder einen Kuss ein Gage d'amour, wie Sie's nennen
Fraulein Hedwig. Ach, das hat alles nichts zu bedeuten: aber, aber! der Teufel schleicht umher wie ein brullender Lowe. Wenn's nur der Graf nicht erfahrt!
Die Baronesse. Wenn das alles nichts zu bedeuten hat, warum fahren Sie mich denn immer so an, wenn ich Heinrichen zwicke oder kusse? Auch sogar die Tante untersagte mir's neulich so scharf; und es hat doch nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen.
Fraulein Hedwig. Ja freilich hat das nichts zu bedeuten: aber liebes Kind! es geht weiter.
Die Baronesse. Ich wusste nicht es fallt mir gar nicht ein, weiter zu gehen: was sollte man denn sonst tun?
Fraulein Hedwig. Das schickt sich noch nicht fur Sie zu wissen. Die Mannspersonen sind gar zu verfuhrerisch. Wissen Sie nicht, dass sich Iupiter optimus maximum in einen Schwan verwandelt hat 'in cygnus mutatus est' steht in einem lateinischen Buche und bloss, um die arme unschuldige Helena zu verfuhren, die hernach zwei Knablein und zwei Magdlein auf einmal zur Welt gebracht hat. Ja, sehen Sie, das ist eben der Spektakel! Wenn das nicht ware! Versprechen Sie mir ja, dass Sie niemanden etwas sagen wollen! Wenn Sie auch der Graf oder die Grafin fragt, tun Sie nur, als wenn Sie gar nichts wussten.
Die Baronesse. Herzlich gern! Aber Sie mussen es auch der Tante nicht wieder sagen, wenn Sie mich einmal mit Heinrichen schakern sehen, und mich nicht immer von ihm jagen, wenn ich ihn etwa an der Hand fuhre! Es hat ja nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen. Wenn Sie mir das versprechen
Fraulein Hedwig. Ich versprech es Ihnen ja, wenn Sie nur Ihr Versprechen halten!
Die Baronesse. Und mussen mir auch nicht immer so nachgehn und mir auflauren, ob ich etwa mit ihm allein bin es hat ja nichts zu bedeuten. Dafur will ich Ihnen auch ein andermal, wenn wir einander wie heute antreffen, gleich sagen: 'Ich bin nicht der dicke Amyntas.' Sie konnen mit ihm machen, was Sie wollen: ich will gar nicht hinsehn. Wollen Sie das?
Fraulein Hedwig. Ich will ja: nur verraten Sie mich nicht! "Nur verraten Sie mich nicht!" war noch ihre letzte Bitte, als sie ins Bette stieg. Als sie ihr Gesprach nunmehr bei ruhigem Blute uberdachte, so merkte sie wohl, dass sie eine Narrheit begangen und in der ersten Angst zu ubereilt angenommen hatte, die Baronesse wisse um alles: auch fuhlte sie ein wenig, dass sie sich zu einer bestandigen Verletzung ihrer Gouvernantenpflicht anheischig gemacht habe: doch uber dergleichen Gewissensvorwurfe wischte sie bald weg und bereitete sich nun zu einer Unterredung mit Schwingern zu, um zu erfahren, ob er auch etwas von ihrer Liebesangelegenheit wisse; denn sie hatte ihn im Verdacht, als ob er wider seine Gewohnheit so spat um ihretwillen in den Garten gegangen sei.
Die Baronesse schlief eine gute Stunde weniger als sonst, weil sie verschiedene Spekulationen beschaftigten. 'Wenn's bei dem Liebhaben bliebe!' 'Es geht weiter.' 'In ihrem Alter darf man das nicht wissen' ewig kamen diese und ahnliche Reden ihrer Gouvernante in ihr Gedachtnis zuruck: sie wollte sich davon losmachen, sie schloss die Augen, um einzuschlafen, sie wandte sich bald rechts, bald links: nichts half! in ihrem Kopfe schwammen immer die namlichen Gedanken herum.
Den folgenden ganzen Morgen uber lauerte Fraulein Hedwig am Fenster auf Schwingern wie ein Kater auf eine Maus: er ging nicht vorbei. Ihre Unruhe liess sie nicht langer warten: sie musste eilen, Gewissheit uber ihre Besorgnis zu haben und im Notfalle durch eine untergeschobne Luge der Ausbreitung der Wahrheit zuvorkommen. Sie nahm also einen alten Autor in die Hand und ging unter dem Vorwande, ihn uber den Sinn einer Stelle um Rat zu fragen, zu ihm auf das Zimmer. Ohne lange Umschweife lenkte sie sogleich die Unterredung auf ihr gestriges Zusammentreffen im Garten; und Schwingers Antworten auf ihre Fragen uber diesen Punkt machten es ihr unzweifelhaft, dass er weiter nicht daran gedacht hatte, noch haben wurde, wenn sie ihn itzt nicht darauf brachte. Schwinger war ein sehr ehrlicher Mann, besonders aller Verstellung unfahig; er ging seinen Gang in diesem Leben vor sich hin, ohne sich sonderlich um die Handlungen andrer links und rechts neben ihm zu bekummern, wenn sie nicht auf sein Wohl oder Weh unmittelbar wirkten oder seine besondre Pflicht ihn notigte, acht auf sie zu haben: weil sie das gewiss wusste, so hielt sie die Muhe, mit welcher er sich an die Umstande jenes Zusammentreffens erinnerte, fur aufrichtig. Indessen war es doch einmal soweit gekommen, dass ihm nun der ganze Vorgang wieder einfiel: er besann sich, dass sie die Baronesse bei dem Rocke erwischt und dabei gerufen hatte: 'Da hab ich dich, du dicker Amyntas!', und erkundigte sich nunmehr nach der Veranlassung dieses seltsamen Auftritts.
"Warum ich das tat?" antwortete sie und freute sich im Herzen, ihre ausgedachte Luge an den Mann zu bringen. "Das war ein Stratagematum. Sie wissen, dass die Baronesse bestandig ihrem Heinrich nachlauft und ihm zuweilen sehr viele Marques d'amour gibt. Es ist meine Pflicht, uber das Madchen zu wachen, dass sie mit einem so gemeinen Jungen nicht zu weit geht: man weiss ja, wie leicht der Satan durch seine Fallacibus alt und jung betrugt "
Schwinger. O fur den Satan ist mir nicht leid, wenn nur nicht das bose Beispiel
Fraulein Hedwig. Ja, das weiss man wohl, dass die Herren, die in Academiis sprech ich nicht so recht?
Schwinger. Vollig recht!
Fraulein Hedwig. die in Academiis et Gymnasibus gewesen sind, keinen Teufel glauben: aber der Glaube kommt ihnen mannigmal in die Hande.
Schwinger. Vor dem Teufel ist ihre Baronesse und mein Heinrich sicher: den Schaden, den er ihnen zufugt, nehm ich uber mich. Wenn wir sie kein boses Beispiel sehen lassen noch geben
Fraulein Hedwig. Sie denken doch nicht etwa, dass ich der Baronesse ein boses Beispiel gebe? Sie konnten mich in einen hubschen Ruf bringen
Schwinger. Nein, das war mein Gedanke gar nicht. In Ihrem Alter, gnadiges Fraulein, ist man daruber hinweg, ein boses Beispiel zu geben.
Fraulein Hedwig. Das ist nun eben kein galantes Kompliment.
Schwinger. Weder etwas Galantes noch ein Kompliment will ich Ihnen sagen. Ich hoffe aber, Ihnen auch nichts Ungalantes noch Beleidigendes zu sagen, wenn ich Ihnen alle die Gesetztheit und Ruhe der Leidenschaften zutraue, die Ihr Alter und Ihre Aufsicht uber eine junge Dame erfodert.
Fraulein Hedwig. Immer das Alter! Immer das Alter! Mein Alter ist ja noch kein Jahrhundert.
Schwinger. Man ware sehr unglucklich, wenn man so lange Zeit brauchte, um weise zu werden. Aber wir kommen von Ihrer Erzahlung ab. Sie haben also die Baronesse im Verdacht
Fraulein Hedwig. Nicht im Verdacht! ich weiss es gewiss, dass sie den Jungen liebt.
Schwinger. Das sollte mir lieb sein.
Fraulein Hedwig. Lieb sein? Sie haben wohl nicht ausgeschlafen.
Schwinger. Ich spreche mit volligem Bewusstsein. Ich wollte noch obendrein wunschen, dass auch mein Heinrich sie liebte.
Fraulein Hedwig. Bedenken Sie doch, was daraus entstehen konnte! Wenn sie nun in amori weiter gingen!
Schwinger. Das mussen wir verhuten. Vor allen Dingen muss man ihnen aus der Liebe kein Verbrechen machen, es ihnen nicht untersagen, Zuneigung zueinander zu fuhlen und zu bezeigen. Eine solche Zuneigung ist meistens nichts als ein hoher Grad kindischer Freundschaft: untersagt man ihnen diese, so notigt man sie selbst, an der Liebe eine andre Seite aufzusuchen, die die Natur die meisten Kinder nur spat kennen lehrt. Die innere Empfindlichkeit kann man durch kein Verbot unterdrucken: sie verschliesst sich wie ein unterirdisches Feuer und steckt entweder die Einbildungskraft oder den Korper in Brand. Vergeben Sie mir, dass ich Ihnen bei der Gelegenheit einen Vorwurf machen muss! Wenn die Baronesse weiter geht Ihren Ausdruck zu gebrauchen , so sind Sie schuld daran.
Fraulein Hedwig. Was sagen Sie? Sie werden doch nicht denken, dass sie mein Beispiel verdirbt?
Schwinger. Nein, das nicht, aber Ihr Verbot! Was haben Sie dadurch gewonnen? Dass sie Schlupfwinkel sucht! dass sie eine kindische Neigung, die sie vor Ihnen nicht blicken lassen darf und doch nicht unterdrucken kann, nur dann aussert, wenn's am gefahrlichsten ist, das heisst, wenn sie beide allein sind! Durch die Zuruckhaltung in Ihrer Gegenwart wird sie, wie verschlossne Luft, starker und ihre Ausbruche desto gewaltsamer, wenn ihr ausserer Widerstand weggeschafft ist. Hatte man sie nicht gehindert, so ware sie vielleicht in einem halben Jahre abgenutzt worden, dass ich so sagen mag: sie hatten nie die Heimlichkeiten, die Einsamkeit gesucht, und wir hatten sie mit geringer, unmerklicher Wachsamkeit dafur bewahren konnen: doch itzt brauchten wir Argusaugen, und noch war's misslich.
Fraulein Hedwig. Wir mussen uns nur nicht wie Argus durch die Flote des Ambassadeurs Mercurii einschlafern lassen, so wird sich's wohl geben.
Schwinger. Nein, es gibt sich nicht so leicht! Man hat sie einmal auf den Weg hin gestossen: funf Minuten Einsamkeit! und wer kann diese in einem Hause, wie das unsrige, ganz vermeiden? ein Tete-a-tete von funf Minuten kann sie auf diesem Wege zu Entdeckungen fuhren, vor denen ich zittre.
Fraulein Hedwig. Sie mussen nur Ihren Heinrich gewohnen, dass er nicht alle unanstandige Sachen so deutlich heraussagt, wie ich mit der Baronesse tue: aber sie will sich auch nicht daran gewohnen. Es ist mir recht argerlich, wenn sie alles wie die Grasemagde deutsch nennt und nicht lieber eine anstandige franzosische oder lateinische Expression gebraucht.
Schwinger. Was hulfe denn das? Bleibt der Sinn nicht derselbe?
Fraulein Hedwig. Behute! man muss angenehme Umschreibungen machen und viele Sachen gar nicht nennen. Die Worte fuhren weiter, als man glaubt.
Schwinger. Sehr richtig! aber nur dann am weitesten, wenn man die Zahl der unanstandigen Dinge und Worte zu sehr vergrossert! Sie meinen doch vermutlich solche Unanstandigkeiten, die wegen ihrer Verbindung mit der korperlichen Liebe Kindern gefahrlich werden konnen? Eben diese Verbindung muss man verringern: je mehr Sachen, die ihrer Natur nach nur in einer entfernten Beziehung mit ihr stehen, man fur unanstandig erklart, je mehr Dinge gewohnt man sie in einer solchen Beziehung zu denken; und auf das Denken kommt es an, nicht aufs Nennen. Die Delikatesse muss in diesem Punkte in die engsten, naturlichsten Schranken zuruckgefuhrt werden. Warum sollte man in Gegenwart eines Knaben einen Busen nicht einen Busen nennen?
Fraulein Hedwig. Schamen Sie sich doch! Vor einem Frauenzimmer so etwas zu nennen!
Schwinger. So wenig als ein Frauenzimmer sich schamt, einen zu haben! Mein Untergebner muss einen Busen mit ebensolcher Gleichgultigkeit nennen als einen Finger oder ein Gesicht: ich will alles Spiel seiner Einbildungskraft dabei hindern, einen Busen so wenig in Verbindung mit der Liebe zu setzen als einen Finger. Einen schonen Busen soll er schon finden wie ein schones Gesicht, eine schone Hand: so wenig ich verhuten kann, dass ein schones Gesicht gewisse Empfindungen bei ihm veranlasst, so wenig kann ich's auch bei dem Anblicke eines schonen Busens tun: aber das hab ich doch gewonnen, dass sie ein schoner Busen nicht mehr veranlasst als eine schone Hand.
Fraulein Hedwig. Nun weiss ich doch, warum er so gern nach den Autels de l'amour schielt!
Schwinger. Das ist einer von Ihren delikaten Ausdrucken, die unendlich mehr Schaden tun als die bestimmteste Benennung. Sie lehren ja durch solche Umschreibungen Ihrer Baronesse selbst Beziehungen, die sie so spat als moglich denken sollte. Mein Heinrich schielt nach keinen Altaren der Liebe, sondern er sieht mit dem namlichen Vergnugen einen Busen, womit er ein Gesicht ansieht, das ihm gefallt: an die Liebe denkt er gar nicht dabei; diese hat sich seiner Einbildungskraft noch nicht bemachtigt: er fuhlt sie bloss, wie sie ihn die Natur fuhlen lasst.
Fraulein Hedwig. Ja, das Fuhlen! das ist eben das schlimme Ding.
Schwinger. Lange so schlimm nicht, als Sie sich einbilden! Man muss nur ein solches unvermeidliches und im Grunde auch nicht tadelhaftes Gefuhl immer mehr in Freundschaft verwandeln und ihm beizeiten zween Huter entgegenstellen Scham und Ehre.
Fraulein Hedwig. Das tu ich fleissig: ich erinnere die Baronesse daran, dass er nur ein gemeiner Bursche ist.
Schwinger. Und geben ihr, um sie vor Fehlern zu bewahren, ein Laster! den unertraglichsten, armseligsten Stolz! Nein, die Ehre, die ich meinem Untergebnen einpflanzen will, ist ein Grad von Rechtschaffenheit, ein bestandiges Bestreben, nichts zu tun, was andern schaden oder missfallen kann "Vergeben Sie", fiel ihm Fraulein Hedwig ins Wort, "dass ich Sie unterbreche! Ich bin noch im Neglige, wie Sie sehen: ich muss nunmehr an meine Toilette. "
Sie machte eine tiefe Verbeugung und wanderte die Treppe hinunter, voller Freuden, dass sie der Entdekkung ihrer Liebesangelegenheiten auf allen Seiten vorgebaut hatte. Vermutlich um ihr Gewissen wegen des Versprechens zu beruhigen, das sie gestern abend in der Ubereilung der Baronesse tat, und auf eine andere Art den Folgen vorzubeugen, die aus der angelobten Unachtsamkeit auf die Tandeleien ihrer Untergebnen entstehen konnten, ging sie, nachdem sie angezogen war, sogleich zur Grafin und bat sie noch einmal um ein gescharftes Verbot an die beiden Kinder, mit dem Zusatze, dass sie nicht verraten werden mochte, weil die Baronesse einen Groll auf sie werfen wurde, welcher alle gute Wirkungen ihrer Erziehung hinderte und was dergleichen Beschonigungen und Grunde mehr waren!
Die Grafin versprach Verschwiegenheit. Es wurde ihr nunmehr selbst bange, dass ihr Gemahl, wenn er hinter das Verstandnis kame, allen seinen Zorn uber sie ausschutten und ihr allein die Schuld beimessen wurde, da sie die Veranlassung gewesen war, den jungen Herrmann ins Haus zu nehmen. Die Furcht malte ihr die Sache viel schrecklicher vor, als sie war, und liess sie alle mogliche Folgen, die ein Liebesverstandnis begleiten konnen, schon als vollig gewiss besorgen. Alle Vertraulichkeiten und Freiheiten der Liebe, heimliche Flucht, Entehrung der Familie, allgemeine Nachrede, Verachtung bei allen von ihrem Stande aus diesen und ahnlichen Zugen setzte sich ihre Besorgnis ein furchterliches Bild zusammen, bei dessen Vorstellung sie erschrak, dass sie zitterte. Eilfertig liess sie Schwingern zu sich rufen und scharfte ihm neue Wachsamkeit ein: er mochte ihr sagen, soviel er wollte, dass die Liebe bisher noch unschuldig sei und dass man sie zuversichtlich durch ein neues Verbot strafbar machen werde: da half nichts! Die Grafin gab ihm alles das zu und sagte nichts, als dass sie einmal uber das andere wiederholte: "Werde daraus, was auch wolle! wenn's nur der Graf nicht erfahrt!" Sie war in zu heftiger Wallung, um sie nicht durch fortgesetzten Widerspruch zum Unwillen wider sich zu reizen: Schwinger schwieg also, gelobte verdoppelte Wachsamkeit an und ging ab.
Die Grafin war wirklich in der aussersten Unruhe. Den Knaben nach einer zweijahrigen bessern Erziehung den Eltern zuruckzugeben schien ihr schimpflich und unbillig; ihn auf eine Schule zu tun zu kostbar: und gleichwohl stand der Zorn des Grafen wie ein Ungeheuer, das ihr mit der Dorngeissel droht, vor den Augen. Sie wusste keinen bessern Ausweg, als dass sie die beiden Verliebten zu sich kommen liess und durch Furcht in die notigen Schranken zuruckscheuchte. Der junge Herrmann musste zuerst erscheinen: aller vertraulicher Umgang mit der Baronesse wurde ihm schlechterdings untersagt, und in dem Eifer des Verbotes brach ihr Stolz so sehr durch den Schleier der Politesse, dass sie ihm seine niedrige Geburt als eine Ursache vorruckte, warum ihm ein solcher Umgang nicht erlaubt sei; auf den Ubertretungsfall, der schon in einem Beruhren der Hande bestehen sollte, setzte sie die Verbannung aus dem Schlosse und Stadtchen zur Strafe. Das namliche Verfahren wurde auch unmittelbar darauf gegen die Baronesse beobachtet und ihr die Zurucksendung zu ihrer Mutter einer Witwe, der die Verschwendung ihres Mannes nicht das mindste ubriggelassen hatte, einer Frau ohne Erziehung und voller Strenge zur Strafe angekundigt.
Heinrich, ob er gleich der Grafin nicht einen Laut antwortete, kam in einer Glut auf das Zimmer seines Lehrers: sein Ehrgeiz war durch den Vorwurf einer Geburt und das Verbot so beleidigt, dass ihn Schwinger lange Zeit nicht besanftigen konnte. Er wollte mit aller Gewalt von dem Schlosse und aus der Gegend weg: sein Lehrer mochte ihm noch so dringend die Undankbarkeit vorstellen, die er durch einen so ungestumen Abschied aus dem Hause seiner Wohltaterin beging noch so furchterlich die Gefahren vormalen, denen ein Bursche von seinem Alter in der weiten Welt ausgesetzt sei, wo man Geld haben oder verdienen musste, um fortzukommen: er blieb unbeweglich in seinem Vorsatze. Schwinger, der ihn wie seinen Sohn liebte und seine rasche Gemutsart kannte, besorgte in der Tat eine Entlaufung. Er ging brausend und schnaubend in den Garten: Schwinger, in einer kleinen Ferne, folgte ihm nach, doch ohne dass es schien, ihn beobachten zu wollen. Er eilte gerade nach der Gartenmauer, erblickte eine Leiter, setzte sie an: Schwinger lauerte verborgen hinter der Hecke. Heinrich sah sich noch einmal um und husch! war er die Leiter hinauf. Schwinger sturzte sich aus seinem Hinterhalte hervor und ertappte ihn bei dem Rocke, als er eben den Fuss aufhub, um von der Mauer hinabzuspringen: er zog ihn nach sich her und trug ihn in den Armen die Leiter herab.
"Lieber Sohn", sprach er, als er herunter war, und hielt ihn noch immer in den Armen fest, "ich bitte dich um Gottes willen, begehe keine Unbesonnenheit! Ich muss dir folgen, wenn du gehst. Ich liebe dich zu sehr, um dich auf immer unglucklich werden zu lassen. Willst du mir zuliebe nicht eine kleine Beleidigung ertragen? Verschmerze sie und massige dich!"
Dabei druckte er ihn so fest an sich, dass der junge Mensch laut schrie. Er liess ihn los. Heinrich stund vor ihm und sah in den Sand. Mit halber Ruhrung und halbem Zorne stampfte er auf die Erde und sprach: "Ich kann unmoglich bleiben."
Schwinger. Wohl, so gehe! Aber ich schwore dir, ohne mich sollst du nicht! Ich habe dich so weit gebracht, dass ich mich deiner freuen kann; und nun sollt ich dich allein, hulflos, halb gebildet in die Welt, in Mangel, Elend, Gefahr und Verfuhrung hineinrennen lassen, ohne dir beizustehn? -Nein, ich bin dein Begleiter: ich will mit dir betteln, arbeiten, hungern, schmachten und sterben. Aber ehe du deinen Entschluss ausfuhrst, nur einen Augenblick Uberlegung! Bedenke, dass du dich und mich, deinen einzigen Freund, der Schande aussetzest, als waren wir wie Schelme durchgegangen, dass du mich, den du so kindlich liebst, ins Ungluck mit dir hineinziehst, dass du mich zwingst, meine Liebe gegen dich als eine Torheit anzusehn, als eine Schwachheit, die mich elend macht! Kannst du es ertragen, dass dich jedermann fur einen undankbaren, einen jachzornigen, unbesonnenen Buben, einen entlaufnen, liederlichen Menschen schilt, dessen Namen man mit Verachtung und Abscheu nennt? Kannst du es ertragen, dass du deinen Lehrer auf immer unglucklich machtest, weil er dich zu sehr liebte? Itzt beweise, ob ich recht hatte, dass ich dich fur einen edeldenkenden Jungling hielt, den Ehre und gutes Herz regieren, oder ob du ein schlechter und niedertrachtiger Mensch ohne Ehre und Gewissen bist! Willst du nun, so gehe! Ich folge dir.
Heinrich fasste seine Hand und sprach mit nassen Augen: "Ich bleibe: aber ich kann unmoglich die Grafin wieder ansehn."
Schwinger. Das sollst du nicht, bis dass du wieder gesund bist. Du liegst itzo gefahrlich krank am Zorne; und von Kranken kann man nicht verlangen, dass sie billig sein sollen. Komm! wir wollen einen Spaziergang zu unserm Freunde, dem Pastor Schweder, tun: Bewegung, Zerstreuung, Gesellschaft wird dich gewiss kurieren.
Heinrich. So eine entsetzliche Beleidigung! Wenn ich gleich kein Graf bin, muss ich denn darum ein schlechter Kerl sein, der mit einer Baronesse nicht einmal umgehen darf?
Schwinger. Lieber Sohn, wenn man so todlich krank ist wie du, da kann man nicht richtig urteilen: sobald du wieder vollig gesund bist, dann wollen wir von deiner Beleidigung zusammen sprechen. Itz denke nicht an so eine verdriessliche Sache, damit du desto geschwinder genesen kannst.
Mit diesen Worten ergriff er seine Hand und ging mit ihm, Arm in Arm, zu ihrem Freunde, der auf einem nahe gelegnen Dorfe wohnte. Unterwegs beschaftigte er ihn unaufhorlich mit Erzahlungen, die er freilich nur mit halber Aufmerksamkeit horte: gekrankte Ehre und vielleicht, auch ohne sein Bewusstsein, gekrankte Liebe nagte zu sehr in ihm: und seine innerlichen, vielfachen, sich kreuzenden Empfindungen und Gedanken nahmen allmahlich so eine Wendung, dass er sich vorsetzte, die Baronesse, der Grafin zum Trotze, zu sprechen und zu lieben. Seine bisherige Neigung zu ihr, die gleichsam eingehullt in einem Winkel des Herzens gelegen hatte, wagte sich auch in diesem Augenblicke so weit hervor, dass sich seine Gedanken einen grossen Teil des Wegs uber mit einer zartlichen Betrubnis von der Baronesse unterhielten. Er sann auf Mittel, sie ofter heimlich zu sehn, und es schien ihm zu seinem Vergnugen und seiner Rache so schlechterdings notwendig, sie ofter zu sehen, dass er itzt schon Unruhe empfand, weil er durch den Spaziergang abgehalten wurde, seinen Trotz in der Minute zu befriedigen. Schwinger glaubte ihn durch seine Erzahlungen beruhigt zu haben: weit gefehlt! die Aussicht auf seine ausgedachte Rache war es, die ihn vor der Ankunft bei ihrem Freunde schon ganz wieder aufheiterte. Der gute Mann wusste nicht, wie richtig er prophezeit hatte, dass harter Widerstand aus kindischer Freundschaft wahre Liebe machen werde.
Auf die Baronesse, weil sie schon wirkliche Liebe in sich fuhlte, und zwar mit Bewusstsein fuhlte, tat das Verbot eine andre Wirkung: es machte sie traurig, niedergeschlagen. Sie bekam Kopfweh, dass sie nicht zur Tafel gehen konnte: sie holte sich ein Buch aus der Bibliothek der Grafin, und der Zufall musste ihr gerade Gessners 'Daphnis' in die Hande spielen. Sie las die Szenen verliebter Traurigkeit mit einem Interesse durch, das ihr bisher fremd gewesen war. Da ihre Empfindung nicht mehr in Blicke, Kusse und Handedrucke ausbrechen durfte, so trat sie zuruck und warf sich auf die Einbildungskraft: jede Nische im Garten war ihr seit diesem Augenblicke eine Jasminlaube, wenn sie auch gleich nur aus grunen Latten bestand, jedes Rosenparterre eine grasreiche Ebene, voll Thymian und Quendel, wo wollichte Schafe herumirrten und junge mutwillige Lammer hupften: hinter jeder Hecke lauschte eine Phillis, um den lieblichen Liedern ihres Schafers zuzuhorchen: auf den Kastanienbaumen und Linden in den Alleen sassen Dryaden, Waldgotter, Amors haufenweise: jeder Sperling und jede Meise, die mit zwitscherndem Geschrei sich um die dunkelroten Herzkirschen zankten, war eine Nachtigall, die mit melancholischen Akzenten um ihren Gatten trauerte. Kein Frosch sprang bei ihrer Annaherung in das Bassin des Springbrunnens, ohne dass er in eine Nymphe umgeschaffen wurde, die schamhaft ihre entblossten Huften im Wasser verbarg. Der ganze Garten wurde ihr ein Arkadien: in der Einsiedelei des Tannenwaldchens wohnte ihre Mutter, ihr Schafer auf dem Schneckenberge, der sich jenseits auf der Wiese emporwand, und sie spielte vor sich in Gedanken den ganzen eingebildeten Roman durch. Fraulein Hedwig durfte sie keinen Augenblick verlassen: sie folgte ihr uberall nach, und wahrend dass die Gouvernante sich in Gedanken von ihrem dicken Amyntas unterhielt und mit den Augen auf seine gelblederne Chaussure Jagd machte, ergotzte sich die Baronesse mit ihrem phantastischen Schaferspiele.
In der Einsiedelei, bildete sie sich ein, wohnte ihre Mutter, eine grausame Frau, die ihr Umgang, Gesprach und Liebe mit ihrem Daphnis untersagte. Phillis diesen Namen hatte sie sich selbst gegeben bat sie mit allen Wendungen ihrer kleinen Beredsamkeit, ihr nur einen viertelstundigen Besuch bei Daphnis zu verstatten: die Mutter war unerbittlich. In der Begeisterung dieses Gedankenspiels murmelte sie oft, wenn Fraulein Hedwig neben ihr auf der Bank sass, einige halblaute Worte, es entwischten ihr Seufzer, und Tranen rannen aus ihren Augen: ihre Einbildungskraft riss sie so stark hin, dass sie zuweilen mit lebhafter Bewegung auf ihre Gouvernante hinzusprang und ihre Knie umfassen wollte: plotzlich weckte sie ein hastiges "Was wollen Sie?" aus ihrem Traume, sie wich beschamt zuruck und antwortete leise und voller Verwirrung: "Nichts!", oder sie beschonigte ihre Selbstvergessenheit mit dem Vorwande, als wenn sie ein Steinchen neben ihr aufheben oder ein Blumchen hatte pflucken wollen. Zuweilen liess ihre Gouvernante sie in der Einsiedelei zuruck, mit dem Befehle, ja nicht von der Stelle zu gehen, und streifte indessen den Garten allein durch, um den Stallmeister hinter einer Hecke oder in ein Boskett mit einem krachzenden Husten zu rufen: unterdessen dachte Phillis auf die Flucht. Ihre Mutter war nach ihrer Vorstellung auf das Feld gegangen, um die Ziegen heimzuholen, und sie nutzte diese Abwesenheit, um ihren Daphnis zu sehen. Sie stritt lange mit sich selbst, furchtete ihren Zorn, wenn sie ihre Zusammenkunft entdeckte, wankte, schaute angstlich um sich und floh in einem Rennen nach dem Schneckenberge hin. Ach! welch ein Schmerz! Daphnis war nicht da! Er hutete noch die Schafe auf dem grossen Boulingrin, weit, weit von seiner Wohnung: sie konnte unmoglich seine Ruckkunft erwarten, aus Furcht, dass ihre Mutter vor ihr wieder nach Hause kommen mochte. Um indessen ihm ein Zeichen zu hinterlassen, dass sie ihn gesucht hatte, hing sie an die grosse Vase auf dem Schneckenberge einen Kranz aus Buchenlaube, aus Gras oder andern grunen Materialien gewunden, eilte nach der Einsiedelei zuruck und sass meistenteils, wenn ihre Gouvernante von ihrer verliebten Expedition sich wieder einfand, so still und ordentlich da, als wenn sie nicht von der Stelle gekommen ware. Wenn sie mit ihr durch die Kastanienallee wandelte, sammelte sie Kastanien, warf sie uber die niedrigen Gestrauche der spanischen Weiden, in der Absicht, ihren Schafer zu necken; und wenn ihr Fraulein Hedwig dies als einen unanstandigen Mutwillen verbot, so krankte sie sich insgeheim, dass ihr ihre strenge Mutter auch sogar jeden unschuldigen Scherz verwehrte.
Auf dem Zimmer hatte sie so gut ihr Arkadien wie im Garten: im Kabinette wohnte ihr Schafer, der Sofa war die Wohnung der Mutter, und jedes graue oder weisse Feld in dem parkettierten Fussboden eine besondre Trift, wo Daphnis, Alexis, Damon und andre Herren aus der gessnerischen Schaferwelt ihre Herden weiden liessen. Das Schreien der ubelgeschmierten Kabinettur, wenn sie geoffnet wurde, waren ihr die lieblichen Melodien der Schalmeien und Pfeifen, die auf den Fluren des Fussbodens widerhallten: und diese Tur liess sie eines Nachmittags ihre Schalmeientone so oft machen, dass ihre Gouvernante Zahnweh bekam und sogleich der Kammerjungfer Befehl erteilte, die verwunschte Tur mit Baumole zu salben. Nun war Hain und Flur stumm: die Floten ertonten nicht mehr uber das bunte Parkett hin: es war Winter, und die Schafer trieben ihre Schafe nach Hause. Zum Glucke bekam auch der Sofa eine Neigung, musikalisch zu werden; und sogleich kehrte der Sommer zuruck. Alle Triften waren wieder voll von wollichten Herden, die Baronesse setzte sich auf den Sofa und brachte durch ofteres hin und her rucken, wie ein lebhafter Orgelspieler, wenn er das Pedal mit Fussen tritt, so vielfache Schalmeientone hervor, dass Fraulein Hedwig unsinnig hatte werden mogen. Der Tischler schlug einen Keil in die gewichne Fuge, aus welcher die Musik ertonte; und abermals vertrieb ein rauher Winter Freude und Gesange von den oden Fluren.
Bei so bestandiger innerer Beschaftigung verbreitete sich notwendig uber das Gesicht der Baronesse eine Art von Tiefsinn, eine Zuruckgezogenheit in sich selbst: ihre Lebhaftigkeit verschwand, sie sprach selten und allemal nur abgebrochen, horte auf keine Anrede, beantwortete keine Frage, wenn sie nicht etlichemal wiederholt wurde, verstand sie meistenteils falsch, murmelte sehr oft vor sich hin, brach zuweilen in eine Rede aus, die in ihr inneres Gedankengesprach gehorte und mit der aussern Unterhaltung in keinem Zusammenhange stund: Niemand wusste, was man von ihr denken sollte. Sie war gesund, ass, trank und schlief wie gewohnlich: Graf und Grafin vermuteten eine versteckte Krankheit und liessen den Arzt holen. Sie wurde in ihrer beiderseitigen Gegenwart von dem Askulap des Stadtchens verhort, der Puls untersucht: da war keine Krankheit zu finden! auch nicht eine Spur davon! Der Arzt wollte doch nicht umsonst gekommen sein und versicherte, dass sie Wurmer habe: die ruchlosen Tiere, die ihr allen Mut weggefressen hatten, wurden so heftig mit Purganzen besturmt, dass sie Gefahr lief, wirklich krank zu werden. Ihre Munterkeit kehrte nicht wieder, und Fraulein Hedwig behauptete endlich, da kein anderer Grund gultig befunden wurde, dass sie stark wachse, welcher Meinung man einmutig beistimmte, und nach einer so wahrscheinlichen Entdeckung beruhigte man sich, ohne weiter sich zu wundern oder nachzuforschen.
Die Grafin argwohnte zwar anfangs, dass ihr Verbot wegen des Umgangs mit Heinrichen die Veranlassung sei: allein da die Baronesse nicht die mindeste Miene machte, als wenn sie nach ihm verlangte, nicht eine Gelegenheit suchte, ihn zu sprechen, so gab sie ihre Vermutung bald wieder auf. Im Grunde war auch wirklich die Betrubnis daruber nur sehr kurz bei Ulriken: der Zufall fuhrte ihr bald ein Rettungsmittel in die Hand: sie setzte ihre Liebe in der Einbildung so glucklich und zufrieden fort, dass sie gar nicht die Schwierigkeit, ihren wahrhaften Geliebten zu sehen, hinwegzuraumen suchte. Wenn sie noch so still und mutlos schien, fuhlte sie in sich Freuden, die ihr die Wirklichkeit nie hatte geben konnen. Heinrich durfte seit jenem Verbote keine Lehrstunden mehr gemeinschaftlich mit ihr haben: Schwinger liess ihn sowenig von seiner Seite als Fraulein Hedwig die Baronesse, ging gar nicht mehr mit ihm in den Garten, sondern jedesmal auf das Feld spazieren: kurz, die beiden jungen Verliebten wohnten unter einem Dache, und waren so gut als durch Meere und Lander getrennt. Dabei gebrauchte Schwinger den Kunstgriff, dass er seinen Zogling doppelt mehr als vorher beschaftigte, zerstreute und seine Tatigkeit in ein so unaufhorliches Spiel setzte, dass die Ehrbegierde die Liebe darniederhielt und auch sehr bald der Vorsatz, die Baronesse der Grafin zum Trotze zu lieben, mit seinem Grolle uber die erlittene Beleidigung verschwand, besonders da es in den ersten Tagen darauf ganz unmoglich war, mit ihr eine Minute allein zu sein. Jedes von ihnen beiden verfolgte ein Phantom der Einbildung er die Ehre, die Baronesse ihren Daphnis; und daruber vergassen sie beide die Wirklichkeit.
Viertes Kapitel
Wahrend dieser Zeit hatte ein boshafter Nachbar in einem Zanke dem alten Herrmann den Vorwurf gemacht, dass er ein Hahnrei sei und einen Knaben fur den seinigen erkenne, der doch einem viel vornehmern Mann angehore. Das hiess die empfindlichste Seite seiner Ehre beruhren: er brach sogleich den zankenden Ton ab und fragte den Mann sehr ernsthaft, woher er das wisse. "Weil ich's weiss!" erwiderte der andre. "Warum futterte und erzog denn der Graf deinen Jungen? He? umsonst und fur nichts tut man so etwas nicht. Frage nur deine Frau! die wird's besser wissen." Durch diese und ahnliche Grunde machte er den Alten so argwohnisch, dass er sich vornahm, Licht in der Sache zu suchen. Die Szene des Zanks war bei dem Gartenzaune und der Streit, wie leicht zu erraten, durch die Weiber angefangen worden: Herrmann war seinem Nillchen zu Hulfe geeilt, der Nachbar hielt sich fur verbunden, der seinigen gleiche Liebe zu beweisen, die Weiber traten ab und zankten, eine jede fur sich in ihrer eignen Kuche, wahrenddessen ihre beiden Klopffechter den Kampf vollends offentlich ausfuhrten. Weil der Nachbar sich als den Schwachern fuhlte, so geriet er auf die List, durch jenen Argwohn die feindliche Partei mit sich selbst zu entzweien. Sie gelang ihm auch so wohl, dass sein Gegner sogleich von dem Kampfe und Wahlplatze abging, um uber den erregten Argwohn ein peinliches Verhor mit seinem Nillchen anzustellen.
Die Gemahlin wollte ihn nach seiner Ruckkehr von dem Schlachtfelde fur den geleisteten Beistand und erfochtnen Sieg mit ihrem Beifall kronen und stand deswegen in der Hofture, bereit zu seinem Empfange: schon brach sie in Lobeserhebungen uber seine Heldentat und in Schmahungen wider die Feinde aus, allein wie sonderbar! ihr Verfechter ging mit weggekehrtem Blicke und drohender Miene vor ihr vorbei, ohne die Belohnung seiner Tapferkeit von ihr annehmen zu wollen. Sie ging wie allemal bei solchen unvermuteten Erscheinungen in die Kuche, nahm ein Stuck Essen auf die Hand und sann, indem sie es verzehrte, bei sich nach, was ihr Mann wohl haben moge.
Sie wollte sich eben ein zweites Stuck aus dem Schranke holen, weil sie bei dem ersten in ihrer Untersuchung nicht sonderlich weit gekommen war, als ihr der laute Befehl ihres Mannes gebot, vor ihm zu erscheinen. Weil es gegen Abend war, ihr wo Simson allemal seine Starke verlor, ging sie unerschrocken in die Stube und freute sich schon im voraus auf eine neue Demutigung, die er sich selbst antun wurde. Sobald sie in die Stube getreten war, schloss er hinter ihr zu: in der Mitte stand ein kleiner runder Tisch und auf demselben lag eine Pistole: es waren einander gegenuber zwei Stuhle gesetzt, und ohne ein Wort zu sagen, klopfte er mit der flachen Hand auf den einen, um sie zum Niedersetzen zu notigen. Da sie dergleichen wunderliche Schnurren von ihm gewohnt war, so nahm sie, der Pistole ungeachtet, Platz, gleichfalls ohne zu reden. Er setzte sich ihr gegenuber auf den andern dastehenden Stuhl, ergriff die Pistole, spannte den Hahn und setzte sie vor sich, die Offnung des Laufes nach ihr gekehrt: aus naturlicher Furcht vor Schiessgewehr ruckte sie mit ihrem Stuhle seitwarts, um aus dem Schusse zu kommen er ruckte mit der Pistole nach: sie ruckte auf den alten Fleck er folgte ihr mit der Pistole nach: um ganz sicher zu sein, ruckte sie dicht an ihn er lief mit seinem Stuhle um den Tisch herum, dass sich der Lauf wieder nach ihr hinrichtete, beruhrte bei dem schnellen Umdrehen den Hahn pump! ging die Pistole los. Das arme Nillchen tat einen lauten Schrei, glaubte sich getroffen und sank vom Stuhle, voll Verwunderung, dass sie noch lebte: Der Mann besorgte selbst, dass er in der Ubereilung wider seinen Willen etwas Todliches hineingeladen habe, und fing vor Angst so gewaltig an zu zittern, dass er kein Glied von der Stelle ruhren konnte. Fest uberredet, dass sie gestorben sei, blieb die Frau einige Minuten auf der Erde liegen und mit der namlichen Uberredung der Mann zitternd und bebend auf seinem Richterstuhle sitzen. Endlich merkte die Frau wohl, woran sie mit ihrem Leben war, und stund aus tuckischem Trotze nicht auf. "Nillchen!" hub er mit schwacher, banglicher Stimme an, "bist du tot?" Nillchen antwortete nicht.
"Nillchen! bist du tot?" wiederholte er mit weinerlichem Tone. "So sag mir's doch nur! Nillchen, antworte doch! bist du tot? mausetot? So rede doch!"
Der Frau entwischte ein Lachen: er horte es. Hurtig verwandelte sich seine Angst in nachdenkenden Ernst. "Kannst du noch lachen?" sprach er vor sich hin und setzte mit starkem, gebietenden Tone hinzu: "Steh auf, Hure!"
Schnell sprang die erschossne Frau in die Hohe und fuhr geifernd auf ihn los: "Was? wie nennst du mich!"
Der Mann. Was du bist!
Die Frau. So? Seht mir doch! Wenn du weisst, dass ich keine ehrliche Frau bin, warum hast du mich denn genommen?
Der Mann. Weil ich ein Narr war.
Die Frau. Das bist du wohl alle Tage.
Der Mann. Weib, habe Respekt! oder dich soll Hore! antworte mir! bist du eine ehrliche Frau?
Die Frau. Bist du wohl gescheit?
Der Mann. Weib, antworte ordentlich! oder ich schiesse dich ubern Haufen.
Die Frau. Ich wollte, dass du mich erschossen hattest, damit sie dich itzo hangten. So ein alter Narr! Pfui! schamst du dich nicht, so eine alberne Frage zu tun?
Der Mann. Nicht mehr als du, keine ehrliche Frau zu sein!
Die Frau. Das bin ich! und den will ich sehn, der meiner Ehre zu nahe kommen soll!
Der Mann. Dass du's weisst! Ich lasse mich von dir scheiden.
Die Frau. Ja, da stehn sie und warten, ob sich Herr Herrmann scheiden lassen will! Beweise mir doch etwas! beweise mir doch!
Der Mann. Hast du den Grafen vor unsrer Heirat gekannt?
Die Frau. Ach, wo will er denn da hinaus? Freilich hab ich ihn gekannt.
Der Mann. Nun ist's gewiss: ich lasse mich scheiden.
Die Frau. Ach uber den einfaltigen Adam! Ich glaube, er denkt gar lasst uns doch lachen! Ja, der Herr Graf bekummerte sich viel um deine Nille: dem liefen wohl andre nach.
Der Mann. Hat er dir nicht das Halsband mit den grossen Perlen geschenkt?
Die Frau. Das hat er.
Der Mann. Wofur?
Die Frau. Wofur? Ach, geh mir doch! wirst wohl da die alte Historie wieder aufwarmen? Das ist zu Methusalems Zeiten geschehn.
Der Mann. Ich scheide mich. Packe deine paar Lumpen zusammen! und dann aus dem Hause!
Die Frau. Wegen des alten Marchens? Die Historie war ja hundert Jahre vor unsrer Hochzeit. Was hattest du mir denn damals zu befehlen?
Der Mann. Aber ich habe itzo zu befehlen. Wir sind Mann und Frau gewesen.
Ohne weiter auf ihre Reden zu achten, wanderte er die Treppe hinauf, packte alle Kleider und Wasche in die grosse Lade mit den korinthischen Saulen und brachte uber eine Stunde zu, alle ihre Effekten von den seinigen abzusondern und einzupacken. Der Frau ward wirklich nunmehr bange, dass er sie einmal peinigen und zum Gelachter der Stadt machen werde; und was sie furchtete, geschah. Er schob und schleppte mit eigner Hand die schwere vollgefullte Lade die Treppe herunter und setzte sie vor die Tur in den Hof: die ubrigen Pakete flogen zum Fenster herunter und nahmen ihren Platz auf und neben der Lade, wo sie ihn fanden. Als ihm nichts mehr in die Augen fiel, das der Frau eigentumlich angehorte, so ging er zu ihr, band ihr das Halsband mit den grossen Perlen, das sie einmal als Jungfer von dem Grafen bekommen hatte, um den Arm und fuhrte sie zur Hoftur hinaus zu ihren Sachen, schloss alle Eingange am Hause zu und stellte sich mit seinem Pfeifchen ans Stubenfenster, um seine eifersuchtigen Grillen mit dem Tobaksdampfe in die freie Luft hinauszublasen.
Die verabschiedete Frau sass also unter freiem Himmel auf ihrer Lade zwischen den ubrigen Effekten und hoffte ganz sicher, dass bei der eintretenden Dammerung ihren Mann sein Liebesfieber uberfallen und notigen werde, sie unter demutigenden Bedingungen wieder zuruckzurufen. Die Dammerung kam; es wurde Nacht: niemand im Hause ruhrte sich. Nun musste sie im Ernst darauf denken, ihre Sachen in Sicherheit zu bringen und ein bequemeres Nachtlager zu suchen, als ihr die Lade darbot; dem Mann zum Trotze wollte sie wieder ins Haus. Sie sah sich allenthalben nach einem niedrigen Fenster um und konnte keins ansichtig werden, das sich besser zu einer Tur gebrauchen liess als das Kuchenfenster, ob es gleich ziemlich hoch von der Erde war. Sogleich wurden die notigen Anstalten zum Einsteigen gemacht, die Lade unter das Fenster geruckt, und nun hinauf! Aber wer sollte das Fenster aufmachen, das sich nur inwendig offnen liess? Man schlagt eine Scheibe ein: sie tat's, und nun waren beide Flugel weit offen. Alle Schwierigkeiten hatte sie immer noch nicht besiegt: wie sollte sie sich ohne Hulfe so weit hinaufschwingen? Sie versuchte: es ging nicht. Sie wanderte den Hof hinab, um sich den Beistand einer Nachbarin zu erbitten, und siehe da! eben kam die Magd vom Felde hinten zum Garten herein: nun hatte sie gewonnen Spiel. Die Allianz wurde gleich zwischen ihnen geschlossen, und man eilte mit grossen Schritten, die Eroberung des Kuchenfensters fortzusetzen. Die Magd begeisterte das allgemeine Interesse ihres Geschlechts mit Lowenmut, sie erstieg den Wall, sprang in die Kuche hinab, in einem Augenblicke war der innere Riegel der Hoftur weggeschoben, und man zog triumphierend in der eroberten Festung ein.
Nacht und Dunkelheit waren geschworne Feinde des alten Herrmanns: sie entwaffneten seine Tapferkeit so sehr, dass er fast zum Kinde wurde. Ermudet von der Hastigkeit, womit er seiner Frau Habseligkeiten in den Hof schaffte, war er bei seinem Pfeifchen am Fenster eingeschlafen: Zahne und Hande liessen den schwarzen beraucherten Stumpf entschlupfen, dass er in hundert kleinen Stucken auf dem Pflaster herumtanzte. Der Schlummer hielt an bis zu dem ersten Sturme, den die Frau auf das Kuchenfenster wagte; das Geklirre der eingeschlagnen Scheibe erweckte ihn: aber o Himmel! in der ganzen Stube war's finster wie im Grabe. Er tappte nach dem Feuerzeuge, fand es, schlug sich die Knochel wund, und da sein Zunder brannte, war kein Licht da. Indessen nahm der Larm der Eroberung zu: nun war's vollends um seine Herzhaftigkeit geschehn. Er konnte keinen Schritt vor die Tur tun, wenn er gleich ein Konigreich damit hatte gewinnen sollen. Das Getose vermehrte sich denn die Frau schaffte mit Hulfe der Magd die Effekten wieder ins Haus , und er fand kein ander Mittel, als die Partie aller Furchtsamen zu ergreifen er verschanzte sich: die Tur wurde verriegelt, ein Tisch vorgeruckt, und es war fest beschlossen, dass er die Nacht hinter seinen Verschanzungen zubringen wollte.
Nillchen kannte seine Furchtsamkeit im Finstern und liess nichts ermangeln, ihre Rachsucht nach Herzenslust zu sattigen. Die zwei Weibsbilder erregten ein Getose im Hause, als wenn sieben Legionen Teufel eingekehrt waren: Treppe auf, Treppe nieder! Die Magd, um ihrem Tritte mehr Gewicht zu geben, bewaffnete die Fusse mit einem Paar Schuhen von Juchten, deren Sohlen dick wie Bretter und deren Absatze mit Nageln wie mit Hufeisen beschlagen waren: bei jedem ihrer Dragonertritte erbebte das ganze Gebaude, und aus allen vier Winkeln des Hauses hallte das Klappen der Nagel, wenn sie auf den Backsteinen hinlief, in mannigfaltigen Tonen wie ein ubelgestimmtes Glockenspiel zuruck. Die Turen wurden zugeschlagen, dass sie aus den Angeln sprangen: man bereitete in der Kuche ein Bankett und verzehrte die triumphalische Mahlzeit mit lautem Lachen und Singen, wahrenddessen der alte Herrmann in der daranstossenden Stube ausgestreckt auf drei Stuhlen lag, vor Hunger und Arger seufzte, gern seinen Kummer verschlafen wollte und vor dem Getose, das bis uber Mitternacht hinaus dauerte, kein Auge schliessen konnte. Einen schimpflichen Frieden durch Nachgeben zu erkaufen, litt seine Ehre nicht, und ihn durch Gewalt zu erzwingen, war er zu furchtsam, weil er, nach der Grosse des Larms zu urteilen, glaubte, der weibliche Teil des ganzen Stadtchens habe sich versammelt, sein beleidigtes Geschlecht an ihm zu rachen; und dann war es einmal sein Grundsatz, in der Dunkelheit nicht zu fechten, weil er gewiss den kurzern zog, sobald man die Bosheit beging, das Licht auszuloschen. Sonach ertrug er gelassen alles Ungemach und war froh genug, dass man um ein Uhr ihn auf den harten Stuhlen einschlummern liess, unterdessen dass die feindliche Partei sich in weiche Federn versteckte.
Kaum erschien die gewohnliche Zeit des Aufstehens, als Nillchen schon wieder im Hause herumtobte, doch mit vermindertem Gerausche: sie nahm mit lautem Geklirre der Tassen und Teller in der Kuche Kaffee und Fruhstuck ein. Der alte Herrmann dehnte sich auf seinem harten Lager, stand, wie an allen Gliedern geradert, auf und uberlegte seinen Operationsplan fur den folgenden Tag. Die erste Hand zum Vergleiche zu bieten, das war, bei so vielem Rechte auf seiner Seite, sehr hart: gleichwohl hatte die Frau die vorteilhaftesten Posten im Hause besetzt und ihn so eingeschlossen, dass sie ihn mit leichter Muhe aushungern konnte: da war nichts zu tun, als sie mit List aus ihrer gunstigen Stellung zu vertreiben. Er raumte die Festungswerke vor der Stubentur weg und ging, ohne sich mit einem Blicke umzusehn, zum Hause hinaus.
Nun hatte er das Feld geraumt. Er blieb den ganzen Tag aussen, auch die Nacht: er brachte beides bei einem Bekannten zu, einem Schlosser, von dem er sich ein grosses starkes Vorlegeschloss verfertigen liess. Mit Anbruche des Tages erschien er nebst seinem Freunde, offnete die Haustur er hatte den Schlussel dazu bei sich und nun geradeswegs vor die Schlafkammer der Frau! Der Schlosser schlug mit allem Gerausche seines Handwerks Haspen und Anwurf an die Tur, und beide legten feierlich das grosse Schloss davor. Darauf begaben sie sich, voll Freude uber den ausgefuhrten Anschlag, in die Nebenstube und ubten alle mogliche Repressalien aus. Der Schlosser war ebenfalls einer von den Ehemannern, der mit seiner Gattin in unaufhorlichem Kriege lag, und stritt fur sein eignes Interesse, indem er die Rache seines Freundes unterstutzte. Sie fingen an zu trinken; der Schlosser, dem diese wohltuende Rache ungemein behagte, nahm einen so lebhaften Anteil an der Ehre seines Freundes, dass er in einer halben Stunde bereits betrunken war; der alte Herrmann konnte, wie gesagt worden ist, vor dem Nachmittage keinen Branntewein zu sich nehmen und hielt sich fur seine Nuchternheit mit einer grossen Kanne selbstgemachten Kaffee schadlos; und dann ging er in eigner Person, das Mittagsmahl fur sie beide zuzubereiten.
Diese Abwesenheit ihres Mannes wollte die eingesperrte Frau nutzen: sie redete den trunknen, zuruckgebliebnen Schlosser durch die Wand an und besturmte sein verstocktes Herz mit den ruhrendsten Bitten, sie heimlich herauszulassen. Der Wachter, der in seinem berauschten Kopfe gegenwartige und vergangene Zeit nicht sonderlich unterschied und sich also beinahe gar nicht besann, wer diese Frau sei und warum man sie hier eingeschlossen habe, staunte nicht wenig, eine Weiberstimme in der Nahe zu horen. Er horchte und erkundigte sich stammelnd, wo sie sich aufhalte: zehnmal sagte sie es ihm, und zehnmal begriff er's nicht: er merkte wohl, dass die Stimme von der Wand herkam, und taumelte deswegen an ihr auf und ab, um das Frauenzimmer zu haschen; und wenn er einmal zugriff und etwas festhielt, so war's ein Stuhl oder ein Tisch. Der Trunk hatte mancherlei verliebte Regungen in ihm aufgeweckt, und er war ausserst erbittert auf das Frauenzimmer, das ewig redete und sich niemals haschen liess. Sie schmeichelte seiner Begierde mit dem Versprechen, sich sogleich haschen zu lassen, wenn er nur das grosse Schloss offnete, das er heute angelegt habe: der verliebte Trunkenbold, nachdem er lange Zeit mit dem Hammer an der Wand herumgehauen hatte, um das Schloss aufzuschlagen, begriff endlich, dass er es vor der Stube an der Nebentur suchen musste, und wankte hinaus, zog einen grossen Schlussel aus der Tasche und fluchte und schwor, dass sich das verdammte Schlusselloch nicht treffen lassen wollte: er stiess und stampfte um sich herum, sosehr ihm die Gefangene leise zu verfahren riet, und tobte so ungestum, dass endlich der alte Herrmann durch sein Getose herbeigezogen wurde. Leicht zu erachten, dass er ihn etwas unsanft zur Ruhe wies! Er warf ihn zur Stube hinein und zeigte ihm einen Platz, von welchem er bei Lebensstrafe nicht aufstehen sollte; und der folgsame Schlosser legte sich demutig in den Winkel, wie ein Hund, wenn ihm ein drohendes 'Kusch!' zugerufen wird.
Bei der Mittagstafel fand der halbnuchterne Schlosser einen neuen Beruf, sich zu betrinken, und nachmittags, etwas zeitiger als sonst, fuhlte der alte Herrmann den namlichen Trieb. Nun kam der Zeitpunkt, wo die eingesperrte Ehefrau ihre Erlosung bewirken musste. Er fing allmahlich an, von seinem Nillchen sehr viel zu sprechen und sie wegen ihrer Schonheit und hauslichen Erfahrung zu loben: "Wenn sie nur eine ehrliche Frau ware!" setzte er hinzu. "Kannst du dir vorstellen, Jakob?" fuhr er nach einer Pause fort, "da will sie sich von mir scheiden lassen das Donnerweib! damit sie so recht nach ihrem Gefallen leben kann aber ich habe sie eingesperrt sie darf nicht fort ich lasse mich doch nicht scheiden und wenn's gleich der Kaiser und der Oberpfarrer haben wollte. Sie soll nicht heraus bis sie mir verspricht, dass sie sich nicht will scheiden lassen und wenn sie bis an den Jungsten Tag drinne stecken sollte."
Einen so gunstigen Augenblick liess die Gefangne nicht ungebraucht vorbeigehen: sie versicherte ihn durch die Wand, dass sie sich nicht scheiden lassen wollte, wenn er sie in Freiheit setzte.
"Du musst mir schworen", rief der Mann. Sie verstund sich dazu: er sagte ihr einen Schwur vor, der die furchterlichsten Verwunschungen enthielt: sie sprach ihn nach.
"Ja, Nillchen", fing er von neuem an, "wenn ich nur wusste, ob du eine ehrliche Frau bist! Bist du's nicht, so lass ich mich scheiden. Das muss ich wissen; sonst kommst du nicht heraus."
Naturlich, dass sie alle Beredsamkeit anwandte, ihn uber den streitigen Punkt zu versichern. "Du musst mir schworen", war seine neue Foderung, die sie ebensogern zugestand; und mit den vorigen Formalitaten beschwor sie ihm, dass sie nicht nur eine ehrliche Ehefrau sei, sondern auch in alle Ewigkeit bleiben wolle. Die Kapitulation war gemacht, der Friede geschlossen und die Gefangenschaft aus.
Desto starker fiel nun sein Zorn auf alle, die die Ehre seiner Frau angetastet hatten; sie musste sich neben ihn setzen, und er konnte bestandig noch nicht von der Hauptfrage wegkommen: sie sollte ihm berichten, warum der Nachbar sie einer Untreue beschuldigt habe, und sie gab ihm zur Ursache den Neid an, den die Gnade des Grafen gegen ihren Heinrich bei jedermann errege. Nun war er auf einen schlimmen Punkt gefuhrt: er brach in Schmahungen wider den Grafen aus, dass er das ehrliche Nillchen durch seine Gnade in einen solchen Ruf bringe, und beteuerte, dass er ihm die ganze Gnade vor die Fusse werfen wolle. "Mach ein recht kostbares Abendessen", schloss er, "dass es fertig ist, wenn ich wiederkomme!"
Nillchen gehorchte dem Befehle. Er folgte ihr nach und ging halb taumelnd zum Hause hinaus. Er wollte aufs Schloss; aber in der Berauschung verfehlte er den Weg, wanderte durch drei, vier Gassen, und eh' er sich's versah, war er wieder vor seinem Hause. Er fluchte auf den Grafen, dass er sein Schloss so oft verruckte, und wiederholte die Wanderung so oft, dass er in der Abenddammerung an Ort und Stelle anlangte. Graf und Grafin waren verreist, niemand da, der ihn zuruckhielt, und er erreichte also ungehindert Schwingers Zimmer.
Schwinger sass im Kabinette und arbeitete an einer Predigt, womit er die christliche Gemeinde kunftigen Sonntag bewirten wollte, hatte sich verschlossen und so sehr in Begeisterung verloren, dass er weder horte noch sah. Fraulein Hedwig, um sich die Abwesenheit der gnadigen Herrschaft zunutze zu machen, war ihrem dicken Amyntas nachgegangen und belustigte sich im Garten mit ihm nach Herzenslust: die Baronesse stund, in arkadische Bilder vertieft, am Fenster und weidete sich mit der Einbildung an den Freuden der Liebe, die ihr die Wirklichkeit nicht gewahren durfte.
Der alte Herrmann ging unangemeldet ins Zimmer hinein und fand seinen Sohn am Tische sitzend, von den Weisen der heidnischen Welt umringt: Augen und Gedanken waren ganz in seinem Buche, und er wurde die Anwesenheit seines Vaters nicht eher inne, als bis er ihn bei dem Arme fasste. "Heinrich", sprach er, "komm mit mir!" Der Sohn folgte ihm ohne Widerrede. Er fuhrte ihn die Treppe hinunter. Heinrich erkundigte sich zwar sehr oft, wohin er sollte, aber die Antwort blieb aussen.
An der Tur entschuldigte er sich, dass er ohne Erlaubnis seines Lehrers nicht weitergehen durfe, und wollte umkehren: schnell ergriff ihn der Vater in der Mitte des Leibes, lud ihn auf die Schultern und trabte mit ihm fort wie ein Schwan, der seiner kleinen Nachkommenschaft zum Schiffe dient.
Der Sohn war durch die Neuheit des Vorfalls so in Erstaunen gesetzt, dass er sich ohne Widerstand forttragen liess und nur unterwegs zuweilen Miene machte, sich loszureissen, aus Besorgnis, seinem Vater eine zu schwere Last zu sein: da half nichts! Je mehr er widerstrebte, je fester packte ihn der Herr Papa, je schneller eilte er mit ihm davon. Alle Leute blieben verstummend stehen, und niemand dachte vor Verwundrung uber die Seltsamkeit der Sache daran, ihn aufzuhalten. Die Baronesse erblickte durch das Fenster ihren Heinrich auf dem Rucken eines Fremden, den sie nicht erkennen konnte und der wie ein Knabenrauber mit ihm dahineilte. In einer ubereilten Hastigkeit riss sie die Tur auf, flog die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und dem Entfuhrer nach. Der Vater setzte seine Burde in seinem Hause ab und schloss die Tur zu. "Da!" sagte er zu seiner Frau, die erstaunt in der Kuchentur stund, "da ist Heinrich! Die Leute sollen uns nicht langer nachreden, dass ihn der Graf futtert, weil er nicht mein Sohn ist. Wenn dir nun noch jemand Schuld gibt, dass du keine ehrliche Frau bist, Nillchen! Nillchen! so nimm dich in acht! Ich schlage allen die Kopfe ein, die so sprechen, und dich wider die Wand wie einen alten Topf!" Dabei fasste er, um seine Drohung sinnlicher zu machen, einen alten dort stehenden, berussten Topf und schleuderte ihn mit einer Gewalt an die Kuchenmauer, dass die Umstehenden sich vor den herumfliegenden Scherben retten mussten.
"Du bleibst nun in alle Ewigkeit bei uns", fuhr er fort, indem er sich zu seinem Sohne wandte und ihn derb bei dem Ohre zupfte, welche eine von seinen hauptsachlichsten Liebkosungen war: "Du bleibst bei uns. Du sollst nicht langer schmarotzen: und wenn dich jemand wieder wegholen will und du gehst mit ihm, so mache dich gefasst, dass die Stucken von deinem Kopfe so herumfliegen werden wie die Scherben von dem Topfe." Diese Drohung wurde von einem paar fuhlbaren Stossen begleitet, die er dem Sohne mit geballter Faust auf den Wirbel versetzte.
Indessen hatte sich die arme Baronesse ihre zarten Fingerchen an der Haustur beinahe wund geklopft, und die Frau war wahrend der Drohung ihres Mannes hinter seinem Rucken weggeschlichen, um aufzumachen. Die Baronesse sturzte sich herein in die Arme der Frau und bat sie angstlich um Nachricht, wohin Heinrich sei und wohin er solle. Madam Herrmann fuhrte sie mit ehrerbietigen Verbeugungen an die Kuche und zeigte ihr den verlangten Heinrich. "Da ist er ja!" rief die Baronesse freudig und ergriff seine Hand. "Aber was soll denn mit ihm werden? wohin soll er denn?" und mit hundert ahnlichen ubereilten Fragen drang sie auf den Vater los.
"Bei mir, bei seinem Vater soll er bleiben!" war die Antwort, "und nicht langer bei Leuten schmarotzen, denen er nichts angeht! Komm, Heinrich!" Er wollte ihn wegfuhren. Die Baronesse stiess mit einem kleinen Unwillen seine Hand zuruck. "Lass Er ihn!" sprach sie. Der Alte tat einen Schritt zuruck, stemmte die Hande in die Seite, guckte ihr mit dem schiefsten, verachtlichsten Blicke ins Gesicht und hub eine Rede an, die mit Schimpfen begann und mit Schimpfen endigte. Er verteidigte darin seine Anspruche auf seinen Sohn so lebhaft und verwies der Baronesse ihren Eingriff in dieselben so derb, dass dem guten Kinde die Tranen in die Augen kamen. Nillchen erboste sich ausserst wider seine Unhoflichkeit: sie hielt ihm den Mund zu und gebot ihm, sich nicht wider die gnadige Herrschaft zu vergehen: der Mann schwatzte in halben gebrochenen Tonen durch ihre Finger, stiess das Schutzbrett mit einem tuchtigen Schlage von seinen Lippen hinweg und begann desto erbitterter von neuem. Nillchen war zum Zerspringen aufgebracht, schritt zum erstenmal wahrend ihrer ganzen Ehe zu wirklichen Tatlichkeiten, warf ihn mit einem hohltonenden Puffe in den Rucken zur Kuche hinaus und hatte nichts Geringeres im Sinne, als ihn unter dieser Musik in die Stube hineinzutreiben. Unglucklicherweise gab ihm seine grossere Starke das Obergewicht: mit einer schnellen Wendung streckte er seine Gegnerin zu Boden, dass sie achzte und vor Erbitterung die Lippen zusammenbiss. Wahrend des Handgemenges war die Baronesse so listig und nahm ihren Adonis bei der Hand husch! waren sie beide zur Tur hinaus. Der alte Herrmann wurde die Flucht gewahr, liess den gestreckten Feind liegen, und hurtig hinterdrein! Wie dergleichen Zuruckholungen nie ohne Gewalttatigkeiten abgehn, so mangelte es auch hier nicht daran: Heinrich wurde bei dem Kleide zuruckgezogen, und die Baronesse, die sich hinter ihm hereindrangte, kam auch nicht ohne blaue Flecken davon. Vater und Sohn verschlossen sich in der Stube, und die arme Ulrike setzte sich traurig auf die Treppe und weinte die bittersten Tranen. Die Frau Herrmann war unterdessen wieder auf die Fusse gekommen und trostete sie mit Verwunschungen gegen ihren "Hund von Manne", wie sie ihn zu nennen beliebte.
"Ich gehe nicht wieder aufs Schloss", sprach die Baronesse schluchzend, "wenn ich nicht Heinrichen mit zuruckbringe: ich bin ihm so gut, dass ich nicht ohne ihn sein kann. Sein Vater wird ihn gewiss aus der Stadt tun wollen, vielleicht auf eine Schule ach! liebe Frau Herrmann, da muss ich sterben!" Sie weinte von neuem und verbarg ihr Gesicht an dem Schosse ihrer Trosterin, die vor ihr stund.
Es wurde ihr vorgeschlagen, sich wieder aufs Schloss bringen zu lassen, und zwar mit der Versichrung, dass Heinrich gewiss langstens des Morgens darauf nachkommen solle.
"Nein", antwortete sie mit Entschlossenheit; "ich gehe nicht von der Stelle. Sie wollen mich nur gern los sein, damit ich's nicht sehen soll, wenn er fortgebracht wird. Tun Sie mir's doch nicht zuleide! lassen Sie ihm doch bei uns!"
"Er soll ja gewiss wieder zu Ihnen kommen" rief die Herrmann einmal uber das andere.
Die Baronesse. Sie hintergehn mich gewiss. Warum wollen Sie mir nun nicht die Freude gonnen, dass ich ihn liebhaben soll? Ich darf ihn ja so nicht sehen und sprechen: wenn ich nur wenigstens weiss, dass er in einem Hause mit mir ist, so bin ich ja zufrieden. Weiter will ich nichts! weiter gar nichts! Wenn der Vater nur nicht so ungestum ware, so wollt ich ihm um den Hals fallen: aber er stosst mich von sich. Ich bin recht unglucklich: aber dass Sie ja die gnadige Tante oder Fraulein Hedwig nichts davon erfahren lassen! Heinrich ist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich gut bin: und ich mochte nur wissen, was das nun Boses ist, dass man mir's verbietet, und nun will man ihn gar weit, weit von mir wegschicken. Warum soll ich denn einen Menschen nicht liebhaben? Es ist ja besser, als wenn ich ihn hasse.
Die Herrmann. Ja, allergnadigste Baronesse. Sie konnen ihm wohl gut sein: aber die Frau Grafin und Fraulein Hedwig werden wohl etwas anders meinen.
Die Baronesse. Was denn? Ich habe ihn gern um mich, schakre gern mit ihm: was ist denn nun so Entsetzliches dabei?
Die Herrmann. Dabei wohl nicht! aber
Die Baronesse. Was denn? So sagen Sie mir's doch nur! Wenn es etwas Boses ist, so will ich mich dafur huten. Ich versprech es Ihnen: ich will mich in acht nehmen wie vor dem Feuer.
Die Herrmann. Die Frau Grafin wird wohl denken, dass mein Sohn nicht vornehm genug zu Ihrem Umgange ist.
Die Baronesse. Soll ich denn die Leute deswegen hassen, weil sie nicht vornehm sind?
Die Herrmann. Das wohl nicht! aber Sie werden vielleicht zu vertraut.
Die Baronesse. Je vertrauter, je besser! das ist mir das liebste. Wenn man da so reverenzt und knixt und komplimentiert das ist kein Vergnugen. Wem ich gut bin, der ist mir auch vornehm genug.
Die Herrmann. Ich weiss freilich auch nicht, warum die Frau Grafin gar nicht haben will, dass Sie mit meinem Heinrich umgehen sollen: wenn er gleich kein Graf ist, so hat ihn doch seine Mutter auch nicht auf der Gasse geboren; und wer weiss, was aus ihm noch werden kann? Aus gutem Holze lasst sich alles schnitzen Also sind Sie ihm gut, allergnadigste Baronesse?
Die Baronesse. O ungemein! Ich wollte den ganzen Tag bei ihm sein lieber als bei Grafen und Baronen! Wenn ich nur ein gemeines Madchen werden konnte, dass ich allenthalben herumlaufen und umgehen durfte, mit wem ich wollte! Unsereins ist recht wie im Gefangnis: ach, liebe Frau Herrmann, mir wird das Leben sauer! Nicht einen Schritt soll ich ohne Erlaubnis tun; und wenn ich einmal lustig werde, so schreit die alte Hedwig gleich auf mich los, dass mir's angst und bange macht. Bald geh ich einwarts, bald halt ich mich schief, bald red ich zuviel und bald zuwenig. 'Machen Sie doch ein Kompliment! Reden Sie nicht zu frei! Kussen Sie der Dame die Hand! Sehen Sie den Herrn nicht zu starr an! Sprechen Sie doch nicht immer deutsch!' So geht's den ganzen Tag: das ist ein ewiges Tadeln; man wird des Lebens recht uberdrussig dabei. Wenn ich nun vollends bei dem Grafen oder der Grafin sein muss, da geht die liebe Not erst recht an. Da darf ich kein Wort reden, wenn man mich nicht fragt: wie ein Stock muss ich dastehn. 'Wie Ihre Gnaden gnadigst befehlen Ihre Gnaden untertanigst aufzuwarten Ich bitte Ihre Gnaden untertanigst um Vergebung Wenn Ihre Gnaden die hohe Gnade haben wollen' Und wenn ich einmal von den tausend Millionen Gnaden, die ich bestandig im Munde haben muss, eine vergesse ach! da ist's ein Larm zum Kopfabhauen! Oder wenn ich zu hurtig spreche, zu langsam oder zu hurtig, zu tief oder zu seicht den Reverenz mache, wenn ich nicht gleich nach einer Sache laufe, sobald sie der Graf nur nennt, da geht's gleich los. -Ja, das bisschen Leben wird einem recht schwer gemacht.
Die Herrmann. Dafur geniessen Sie auch desto mehr Ehre
Die Baronesse. Ach! schade fur die Ehre! Wenn man mir nur mein Vergnugen liesse! Da soll ich stundenlang wie angepflockt sitzen, und wann ich's nicht tun will, so nennt man mich ungezogen. Sitz ich nun dort und gebe nicht recht acht und mache nur einen Fehler, gleich werd ich ausgehunzt: seh ich verdriesslich daruber, so krieg ich wieder etwas ab, dass ich nicht munter bin: lach ich ein wenig zu laut, so heisst's, ich fuhre mich unanstandig auf: red ich leise 'so rede doch laut, dass man's versteht!' sprech ich laut 'wer wird denn schreien wie ein gemeines Mensch?' Immer mach ich etwas unrecht: kein einziges Mal kann ich's treffen. Mannichmal, wenn mir die Zeit gar zu lang wird, geh ich aus der Gesellschaft: gleich watschelt die dicke Hedwig hinter mir drein und schilt mich aus, dass ich keine Lebensart habe: steh ich etwa in Gedanken und antworte nicht gleich, wenn mich jemand anredet, so sollten Sie nur das Ungluck sehn, das ich ausstehen muss, sobald die Gesellschaft fort ist! Wenn sich nicht die Grafin zuweilen meiner annahme, so war ich langst davongegangen. Ich tu es auch gewiss noch einmal.
Die Herrmann. Sie werden ja so etwas nicht tun!
Die Baronesse. Es ware kein Wunder, wenn man so geplagt wird. So steif und trocken Tag fur Tag zuzubringen und auch nicht einmal ein Vergnugen haben zu durfen, das ist keine Kleinigkeit. Ich soll ja mit niemanden reden, mit niemanden lachen, weil das alles zu gemeine Leute sind; und dass ich nicht Heinrichen sooft sehen und sprechen darf, wie ich will ach! das nagt mir am Herze! Ich kann's Ihnen wohl sagen: er gefallt mir besser als alle die jungen Herren und Kavaliere, die zum Grafen kommen. Machen Sie ja, dass er nicht vom Schlosse weggenommen wird!
Die Herrmann. Nein, das lass ich nicht zu, und wann ich mich mit meinem Manne daruber prugeln musste. Ich will Sie wieder nach Hause begleiten: morgen wird meinem alten Bare der Sonnenschuss wohl vergangen sein.
Die Baronesse. Nein, ich gehe nicht, solange Heinrich hier bleibt. Sie wollen mich hintergehn: so leichtglaubig bin ich nicht: wenn ich aus Ihrem Hause bin, so schaffen Sie ihn gleich fort, damit ich nicht weiss, wohin er gekommen ist. Wenn das geschieht, hernach ist es ganz aus auf der Welt fur mich: dann konnen sie mich begraben, wenn sie wollen.
Alle weitre Vorstellungen fruchteten nichts bei ihr: sie beharrte hartnackig auf ihrem Entschlusse, nicht wieder aufs Schloss zu gehen, wenn sie Heinrich nicht begleitete, und drohte, die ganze Nacht auf der Treppe sitzen zu bleiben, wofern man ihr nicht willfahrte. Die Herrmann war am Ende ihrer Beredsamkeit, liess sie sitzen und ging heimlich fort, Fraulein Hedwig von dem Plane der Baronesse zu benachrichtigen.
Die Botschaft war ausserst willkommen: denn die arme Gouvernante war in unbeschreiblicher Angst uber die Abwesenheit ihrer Untergebnen. Sie hatte, einige Minuten nachdem die Flucht geschehn war, ihren verliebten Kreuzzug durch den Garten beendigt, und ihr Herz schlug ellenhoch vor Schrecken, als sie bei ihrer Ruckkunft ins Zimmer die Baronesse nirgends fand. Als wenn sie ein Gespenst jagte, lief sie brausend und gluhend die Treppe hinauf zu Schwingern und fand auch hie niemanden: nun war keine Vermutung gewisser, als dass die beiden jungen Leutchen, nach dem loblichen Beispiele der Gouvernante, auch ihrerseits eine Liebesfahrt getan hatten. Sie rief bald Schwingern, bald Ulriken, bald Heinrichen und raste wie unsinnig in dem Zimmer herum, riss das Fenster auf und rief: alles tot, als wenn die ganze Hofstatt durchgegangen ware! "Ach du liebes Vaterchen im Himmel droben!" schrie sie trostlos, rang die Hande, und Angstschweiss stund in grossen Perlen auf der rotunterlaufnen Stirn. "Du herzliebes, liebes Gottchen! wo sind die gottlosen Kinder hin? Wer weiss, was sie itzt miteinander anfangen?" Schwinger wurde durch das Klagegeschrei aus seiner homiletischen Begeisterung erweckt und offnete das Kabinett. Fraulein Hedwig fiel mit ihrem ganzen plumpen Korper uber ihn her: "Schaffen Sie mir die Baronesse", schrie sie, "oder ich kratze Ihnen die Augen aus." Schwinger war mit den Gedanken noch bei seiner Predigt, die von der christlichen Sanftmut handelte, und hub mit kanzelmassigem Tone an: "Die Sanftmut ist eine von den Tugenden, die das Herz eines Christen zieren sollen"
"Ach! mit ihrer verzweifelten Sanftmut!" unterbrach ihn die Gouvernante.
Er fuhr ungehindert fort: "Sie muss in seinen Worten und Werken sich aussern"
Fraulein Hedwig. So lassen Sie uns doch suchen, ehe sie der bose Feind in den Klauen hat!
"Wen denn?" fragte Schwinger, von seinem Traume erwachend.
Fraulein Hedwig. Die Kinder! Sie sind ja fort! Wenn sie nun gar die Fallacibus Satanas blendeten ach! wir mussten beide mit Schimpf und Schande davonlaufen! aus dem Hause wurden wir gejagt! Hab ich's nicht immer prophezeit? Aber mit den Leuten, die keinen Teufel glauben, ist nichts anzufangen. Hernach
Schwinger. Gedulden Sie sich nur! Es wird vermutlich nicht so schlimm sein, als Sie denken.
Er ermahnte sie noch weiter zur Geduld, allein die Furcht vor einer Entdeckung der geheimen Ursache, warum sie die Baronesse allein gelassen hatte, machte sie wutend, besonders da Schwinger einigemal sich erkundigte, warum sie ohne die Baronesse spazierengegangen sei. "Sie denken wohl gar", sprach sie erschrocken, "dass ich auf bosen Wegen gewesen bin? Dafur bewahre mich mein liebes Vaterchen im Himmel!"
Beide waren noch mitten in der Uberlegung, wo sie zuerst die Entflohnen aufsuchen sollten, als Frau Herrmann mit ihrer Botschaft anlangte und sie aus ihrer Verlegenheit riss: der Hauptknoten war indessen immer noch aufzulosen. Die Herrmann schlug dazu selbst ein Mittel vor: um ihren Mann zu bewegen, dass er Heinrichen wieder zuruckgebe, hielt sie nichts fur kraftiger, als ihn durch eine Bouteille Wein zu bestechen. Schwinger steckte eine zu sich und wanderte mit der Herrmann ab, und Fraulein Hedwig, um desto sicherer zu sein, folgte ihnen.
Schwinger fing seine Traktaten mit dem alten Herrmann unter dem Fenster an, wo er sein Pfeifchen schmauchte: er stellte ihm die Ungade des Grafen und der Grafin vor, die den Burschen von ihm foderten, erschopfte alle mogliche anderen Bewegungsgrunde: der Alte gab einen jeden zu und schlug sie alle damit nieder "Ich mag nicht." Endlich wurde das kraftvolle Argument ad stomachum aus der Tasche geholt; auch dies schlug nicht an: doch gab er die Erlaubnis, es in die Stube zu bringen.
Als Schwinger ins Haus trat, fand er Fraulein Hedwig in offenem Zanke mit der Baronesse: sie hatte sie schon mit ihren breiten Handen wie der Geier eine Taube umklammert, um sie mit Gewalt hinauszuziehen: die nervichte Strafpredigt war schon vorausgegangen. Die Baronesse fuhlte so viel Unwurdigkeit in dieser Behandlung, dass sie alle Rechte der Selbstverteidigung gebrauchen zu durfen glaubte: die Angst, von Heinrichen mit Gewalt getrennt zu werden, und die Uberredung, dass dies alles abgekartet sei, machte sie doppelt unwillig und doppelt beherzt: sie zog eine lange Nadel aus den Haaren und stach so lange auf die Klauen los, die sie umschlungen hielten, bis sie der Schmerz notigte, fahrenzulassen. In diesem Augenblick wollte Schwinger beide auseinanderbringen, als sie sich ohnehin aus dieser Ursache gehen liessen. Aller Widerspruche ungeachtet, nahm er die Baronesse mit sich in die Stube: er wollte seine Vorstellung erneuern, allein die erboste Hedwig, die auf und nieder rannte und das Blut aus den zerritzten Armen saugte, machte mit ihrem Toben alle seine Worte unverstandlich. Dem alten Herrmann war die Gesandtschaft durch die vorgezeigte Bouteille Wein interessant geworden, und argerlich, dass er nichts verstehen konnte, ergriff er Fraulein Hedwig bei dem Arm und gab ihr mit seiner originalen Unmanierlichkeit die Wahl, hinauszugehen oder zu schweigen. Sie wahlte das letzte, und Schwinger, weil er auf dem angefangenen Wege nicht weiterzukommen gedachte, schlug einen andern ein: er stellte es dem alten Herrmann frei, seinen Sohn dazubehalten, und bat ihn, wenigstens die Flasche mit ihm auszutrinken, damit er nicht ganz umsonst bei ihm gewesen sei. Ohne Anstand wurde die Bitte bewilligt, die Pfeife niedergelegt, und Nillchen stand mit den Glasern schon in Bereitschaft, ehe er sie noch foderte.
Die Flasche war itzo leer: die Baronesse stand betrubt im Winkel neben dem Grossvaterstuhle, wo Fraulein Hedwig in vollem Feuer der Erbitterung sass und sich mit dem weissen Schnupftuchlein das breite Antlitz fachelte: das gute Kind schielte noch mit angstlichem Blicke nach ihrem Heinrich, dem sie sich nicht nahern durfte; denn sooft sie zu ihm hintrat und seine Hand ergriff, fuhr die grimmige Gouvernante wie ein boser Geist auf sie los und trennte sie von ihm: ihr gegenuber wartete Heinrich mit neugierigem Blicke nach dem Tische, wo sein Vater und Schwinger sassen und tranken, voller Ungeduld, was fur eine Entscheidung seines Schicksals seinem Vater die Flasche eingeben werde: ebenso erwartungsvoll lauerte Nillchen neben ihrem Manne, mit der Brust auf die Lehne eines leer dastehenden Stuhls gelehnt, den Kopf weit heruberhangend, um die Veranderungen, die der Wein allmahlich im Gesichte des alten Herrmanns bewirkte, desto schneller wahrzunehmen, und lachelte mit steigender Freude, je gunstiger die Aspekten wurden. Der Alte, der sich heute schon den zweiten Rausch trank, wurde gleich bei dem zweiten Glase ungemein geschwatzig, bat seinen Mittrinker jeden Augenblick um Verzeihung wegen Beleidigungen, die er ihm nimmermehr getan hatte, und war itzt am Ende der Flasche so schwachherzig, dass er sein Nillchen zu loben und zu karessieren anfing. "Was machst denn du hier, Heinrich?" sprach er stammelnd, indem er seinen Sohn von ungefahr erblickte. "Hast du mich einmal besuchen wollen?" Er stand auf, wankte zu ihm und zwickte ihn in die Backen. "Du Schelm", sagte er, "besuchest deinen Vater so selten! Kinderchen! geht nur wieder nach Hause: ich werde schlafrig. Geht, und kommt bald wieder!"
Viktoria! die List war gelungen: der Alte hatte im Rausch seinen vorigen feindseligen Plan vergessen: man bestatigte ihn in der Einbildung, dass die ganze Gesellschaft bloss aus eignem Triebe gekommen sei, ihn zu besuchen, und sagte ihm ohne Zogern gute Nacht. Nillchen sprang vor Freuden dreimal in die Hohe und klopfte in die Hande: alle Gesichter heiterten sich auf, jedermann nahm frohlichen Abschied, nur Fraulein Hedwig nicht. Bald ware aber der Auftritt, als er zu Ende eilte, noch weinerlich geworden: der betrunkene Alte bildete sich ein, dass Hedwig seine Frau sei, und ubte daher einen Teil seiner gewalttatigen Karessen an ihr aus: Hedwig, voll keuschen Grimms uber seine Frechheiten, stiess ihn zuruck: er erzurnte uber diesen rebellischen Widerstand und misshandelte sein vermeintes Nillchen auf die grausamste Weise: man mochte ihm einreden, soviel man wollte: er beharrte hartnackig auf der Meinung, dass Hedwig seine Frau sei, bis endlich sein wahrhaftes Nillchen ihm um den Hals fiel und ihm die Freiheiten anbot, die Hedwigs Sprodigkeit versagt hatte: die ubrige Gesellschaft schlich fort, und die Liebe schlaferte unter ihren Schwingen den trunknen Ehemann ein.
Funftes Kapitel
Die Begebenheit brachte bei Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine machtige Revolution hervor: die Liebe, welche die Baronesse bei dieser Gelegenheit ihm so tatig bewies und in dem Gesprache mit seiner Mutter auf der Treppe erklarte er hatte dieser Unterredung, als er bei seinem Vater in der Stube eingesperrt war, durch das Schlusselloch zugehorcht , diese so tatig erwiesene, so deutlich erklarte Liebe zundete seine bisherige Zuneigung bis zur Flamme an. Der zwolfjahrige Bursche war ihr nicht mehr gut wie in seinem achten Jahre, als er beschloss, der Grafin zum Trotze mit ihr umzugehen, und ebensobald seinen Trotz wieder aufgab, weil ihn sein Lehrer durch Beschaftigung und Zerstreuungen davon ablenkte: die Liebe foderte itzt den Ehrgeiz, der bisher in seiner Seele den Ton angegeben hatte, wirklich zum Kampfe auf, und er fuhlte den ersten starken Streit der Leidenschaften in sich. Vorher waren es nichts als kleine Scharmutzel gewesen: Zuweilen ein fluchtiger Wunsch, eine kleine Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschaftigungen, ein Zuck am Herze, ein inneres, unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises, so ein schwankendes Gefuhl, als wenn ihm etwas fehlte, auch oft ein wirklicher Schmerz uber das Verbot, das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte! weiter ging es nicht; und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis hineinfuhrte, so lief er darinne mit beruhigtem Herze fort.
Itzt ward die Sache ernster. Er suchte Gelegenheiten, die Baronesse zu sehn, ihr susse Blicke zuzuwerfen; wenn er an Schwingers Seite vor ihrem Zimmer voruberging, stand sie hinter der halboffnen Tur, und hurtig schlupften ein paar wechselseitige Blicke durch die schmale Offnung. Wenn er in den Garten ging, stand sie am Fenster; unaufhorlich hatte er Ursachen, sich umzusehen, und wenn Schwinger nach dem Gegenstande fragte, so fehlte ihm nie einer voller Merkwurdigkeit: wahrend dass jener diese meistens schwer zu findende Merkwurdigkeit daran aufsuchte husch! flog ein Wink, auch wohl mitunter ein Kuss ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet. Dergleichen Spaziergange in den Garten hatte er itzt taglich so viele zu machen, dass Schwinger sich daruber verwunderte und in der Lange verdriesslich wurde, die Treppen sooft mit ihm auf und nieder zu laufen, besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu bringen war, aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte: wenn er durch keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte, vorn bei dem Eingange herumzuspazieren, sondern ihm weiter folgen musste, so wahrte es nicht funf Minuten, und es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein, warum er ihn bitten musste, wieder aufs Zimmer zu gehn. "Der junge Mensch ist wohl krank", dachte Schwinger bei sich selbst, "dass er so unruhig ist und auf keiner Stelle bleiben kann": und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen seinen Verlangen, strengte ihn weniger zu Arbeiten an und wanderte aus gutem Herzen wohl zehnmal in einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten und aus dem Garten, dass die Leute im Hause verwundert stehenblieben und fragten: "Kommen Sie denn schon wieder? Sie gehen ja itzt sehr fleissig spazieren!" "Ach!" zischelte ihnen Schwinger leise zu, "mein armer Heinrich ist krank: er kann an keinem Orte bleiben: seine Unruhe beweist es deutlich: es wird vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden."
Wenn er aufs Zimmer kam, nahm er einen lateinischen Schriftsteller: zwei Zeilen und in seinem Kopfe stand die Baronesse: er sah starr und unverwandt auf sein Buch, und durch seinen Kopf liefen Projekte, wie er die Baronesse ofter sehen konnte. Schwinger sah ihm von der Seite zu, wie er nach seiner Meinung an einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte, als wenn er den Kopf sprengen wollte. "Greife dich nicht zu sehr an!" sagte der gutmutige Lehrer und nahm ihm das Buch weg. "Komm! wir wollen uns die Zeit vertreiben."
Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrucke der romischen Kaiser; keiner, an welchem Heinrich nicht eine Ahnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand! Augustus hatte ihr Kinn, Nero die Stirn, ein andrer das, ein andrer jenes, und selbst dem alten Nerva fehlte es nicht an Reizen, um ihr vollig ahnlich zu sein. Er storte in den Kupferstichen; alle niederlandische Bauernszenen, die ihn sonst sosehr ergotzten, wurden verachtlich zuruckgelegt, wenn nicht ein Madchen darinne schakerte. Alexander mit seinen Heldentaten, alle beruhmte grossen Manner, die er sonst zu Viertelstunden anstaunte, mussten ungesehen vorbeimarschieren. Itzt kam ein Urteil des Paris ah! hier ist Ulrike, wie sie leibt und lebt! Dreifach steht sie da! Jede Gottin sieht ihr so gleich, als wenn sie dem Kunstler bei jeder gesessen hatte! Hier wurde haltgemacht: er sah den Gottinen ins Gesicht: sie schienen ihn anzulacheln: er winkte ihnen mit den Augen, und es war nichts gewisser, als dass sie ihm wieder winkten: er beruhrte mit schuchternem Finger ihre Wangen, wagte sich an die vollen Bruste, strich die sanften, federweichen Arme, ein susser Schauer lief uber seine Brust hin, und er zog schamhaft den Finger zuruck, als wenn er zuviel gewagt hatte. Itzt wurde er den glucklichen Paris gewahr. "O wer Paris ware!" dachte er und legte den Kupferstich auf die Seite allein. Er blatterte weiter da war nichts, gar nichts Sehenswurdiges mehr! Weg mit den Kupferstichen! Die Gottinnen wurden auf die Kommode quartiert, um sich an ihrem Anblicke weiden zu konnen, sooft es ihm beliebte.
"Bist du's schon wieder uberdrussig?" fragte Schwinger und erbot sich, ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen: er schien sich uber das Anerbieten zu freuen. Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstucke nach der Reihe, die brausenden Allegros, die majestatischen, pathetischen grossen Arien, die er sonst so aufmerksam bewunderte: nichts reizte ihn: er stand bei den drei Gottinnen, horte kaum darauf und bat Schwinger um etwas Neues.
"Des Tages Licht hat sich verdunkelt"
fing dieser zu singen an: Heinrich horchte.
"Komm, Doris, komm, zu jenen Buchen"
Sein Herz klopfte: die ganze Buchenhecke, von welcher er sooft der Baronesse zuwinkte, stand vor seinem Gesichte.
"Lass uns den stillen Grund besuchen,
Wo nichts sich regt als ich und du"
Er schwamm in sanftem, ruhrendem Vergnugen: er fuhlte sich in eine hohere Sphare versetzt, seine ganze Einbildungskraft erweitert.
"Und winket dir liebkosend zu"
Nun konnte er sich nicht mehr halten: er wiederholte mit entzuckungsvollem Akzente den Vers leise, eilte zum Klavier, liess nicht nach, bis ihm Schwinger die ganze Ode durchgesungen hatte, und fand jedes Wort darinne so vortrefflich, dass er viele Tage nichts anderes horen wollte.
Die Baronesse, welche Fraulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern zerstreute, ergriff die einzige fur sie ubrige Zuflucht sie las, sah freilich sehr oft ins Buch, indessen dass ihre Einbildungskraft an allen Orten, wo ihr Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen, herumschweifte und ihr kunftige angenehme Szenen vormalte: sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als Heinrich an seinen drei Gottinnen.
Schwingern wurde sein Schuler etwas verdachtig, dass er bestandig, auch bei der entferntesten Gelegenheit, Ulriken herbeizubringen wusste: um dahinterzukommen, liess er ihm vollige Freiheit, allein zu gehn, wohin er wollte, und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art, doch dass er ihn nie zu beobachten schien; er spurte lange Zeit gar nicht einmal Lust an ihm, das Zimmer zu verlassen. Eines Nachmittags, als er ihn so sich selbst uberlassen hatte welches jedesmal wie von ohngefahr geschah , ging er die Treppe hinunter in den Garten. Die Baronesse, die seinen Gang genau kannte, horte ihn kaum kommen, als sie an der Tur war: er wollte nicht bloss mit einem zugeworfnen Blicke sich begnugen, sein Herz strebte nach der Tur hin: schon hatte er einen Schritt zu ihr hingewagt hurtig zog ihm ein Etwas den Fuss zuruck; er ging verschamt, als wenn die ganze Welt den Schritt gesehn und doch nicht merken sollte, dass er um der Baronesse willen geschehen sei, mit niedergeschlagnen Augen dicht an der anderen Wand weg, warf keinen verliebten Blick nach ihr, sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um: nur zween Gange durch den Garten! und er wanderte wieder zuruck: ein fluchtiges Hinschielen auf dem Ruckwege konnte er sich nicht verwehren, aber es war nur wie weggestohlen, und mit desto gesenktrem Kopfe und desto dichter an der Wand ging er vor ihrem Zimmer vorbei. Unmutig uber die Scham, die ihm seine Absicht vereitelt hatte, eilte er ans Fenster und zurnte auf sich und seine Schuchternheit.
Das Verlangen war zu dringend, die Gelegenheit zu gunstig: er musste einen zweiten Versuch wagen. Aller mogliche Mut wurde in der Brust gesammelt, er spornte sich selbst durch Vorwurfe uber seine Feigheit an: entschlossen ging er fort, marschierte ziemlich nahe an der geliebten Tur vorbei da war keine Baronesse! Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, blieb er eine halbe Minute dabei stehen: 'wenn dich nun jemand sahe!' rief die Scham in ihm; und als wenn zehn Peitschen auf seinen Rucken loshieben, rennte er die Treppe hinunter in einem Zuge in den Garten: auf dem Ruckwege, der unmittelbar darauf erfolgte, schielte er nach dem Fenster da war keine Baronesse! Traurig langte er von dieser zweiten Reise an, die noch unglucklicher ausgefallen war als die erste. Er sann und sann, warum die Baronesse nicht erschienen sein mochte: der arme Verliebte wusste nicht, dass er bei allem geschopften Mute auf den Zehen zur obersten Treppe herabgegangen war: seine Venus hatte ihn gar nicht kommen horen.
Er fuhlte nunmehr, was fur eine grosser Unterschied es sei, in seinem sechsten Jahre eine Baronesse kussen und im zwolften, wenn man durch tagliche Erfahrung an den Unterschied des Standes gewohnt ist, eine Baronesse lieben: dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht und hier die Uberlegung alles schwer. Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon seit vier Jahren aufgehort: er war durch Schwingers Wachsamkeit, ohne Zwang, sogar ohne dass er's merkte, in einem Hause von ihr getrennt und gewissermassen fremd gegen sie geworden: die haufigen Beschaftigungen und Zerstreuungen, in welchen ihn sein Lehrer gleichsam ersaufte, hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgeloscht, aber doch nicht weiter aufbrennen lassen, da hingegen die Baronesse bei ihrer volligen Musse, bei allem Mangel an fur sie anziehenden Zerstreuungen die ihrige irisch unterhielt, durch Einsamkeit, Lekture und Nachdenken starkte, belebte, gluhender machte.
Sosehr Heinrich die Schuchternheit seiner Liebe fuhlte, so beschloss er doch eine dritte Reise: itzt war nichts gewisser, als dass er sich ihr naherte, ihr eine Hand bot, und der Himmel weiss, was weiter tat: es war so ausgemacht, dass er im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte, um sie herbeizulocken: er schritt mit angstlicher Herzhaftigkeit schon daher Himmel! da trat Schwinger herein und er hatte sich so schon zubereitet!
"Wo willst du hin?" fragte sein Lehrer. Diese unvermutete Frage schlug seine Unerschrockenheit darnieder wie ein Hagelwetter: er errotete von einem Ohre zum andern, dass er gluhte, ward verwirrt, wiederholte die Frage und stammelte, statt der Antwort, ein nichtssagendes: "Nirgends."
"In den Garten?" fuhr Schwinger fort. "Bist du schon vorhin unten gewesen?" Die gluhenden Wangen wurden wie mit Blut ubergossen: er antwortete: "Nein."
Das war bedenklich: Schwinger hatte ihn belauscht, als er seine zwo verliebten Reisen getan hatte: er, der fur seinen Lehrer sonst nichts Geheimes hatte, leugnet itzt eine so gleichgultige Handlung? Die Spaziergange mussen Bewegungsgrunde haben, deren er sich schamt dachte Schwinger, setzte nicht weiter in ihn und behielt seine Mutmassungen fur sich, um sie durch neue Versuche zu bestatigen oder zu widerlegen.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Schwinger fand durch wiederholte Proben zu seiner grossen Unruhe nichts gewisser, als was er vermutet hatte: die Neigung seines jungen Freundes zur Baronesse war unverkennbar. Den Verliebten konnte die Entfernung, in welcher ihn seine Schuchternheit und so viele Aufpasser hielten, nicht so qualen als seinen Lehrer jene Gewissheit: er ubersah alle die traurigen Folgen fur das Schicksal des jungen Menschen und fur sein eignes, die eine solche Liebe begleiten mussten, die Vorwurfe, die man ihm deswegen machen wurde, besonders da er immer sein Verteidiger gewesen war und gewissermassen es uber sich genommen hatte, fur ihn und seine Neigung zu stehn: er angstigte sich selbst mit der Besorgnis, dass er vielleicht in der Erziehung einen Fehler begangen, ihn nicht genug bewacht, die falsche Methode in seiner Bildung ergriffen, nicht genug getan habe, einer gefahrlichen Leidenschaft zuvorzukommen. Bald wollte er nunmehr selbst anhalten, seinen Freund aus dem Hause zu entfernen: aber welch ein Schmerz fur ihn, wenn er an diese Trennung gedachte! welche neue Unruhe, was aus ihm werden konne! wer sollte ihn unterstutzen, mit Rat und Geld auf der Bahn weiterfuhren, auf welche er ihn geleitet hatte?
'Wie unrecht tat ich', sprach er oft zu sich selbst, 'dass ich diesen Durst nach Ehre in ihm rege machte! dass ich ihn in eine Laufbahn hinzog, in welcher er sich unmoglich erhalten kann! Sein Elend hab ich in der besten Absicht bewirkt: er wird nach Ehre wie nach dem hochsten Gute aufstreben und seine Armut ihn wie einen Vogel, dem Blei an die Flugel gebunden ist, wieder zuruckziehn; und dann wird der Ungluckliche sich im Staube walzen, sich selbst durch Kummer und Arger zerstoren und dem fluchen, der ihn fliegen lehrte, da er nach dem Willen des Schicksals nur kriechen soll. Meine kunftigen Tage, die das Bewusstsein, einen edlen Menschen gebildet zu haben, erheitern sollte, werden unaufhorlich in Wolken und Sturmen uber meinen Scheitel dahergehn. O dass mir mein erstes, mein hoffnungsvollstes Werk misslang! Was konnt ich Elender, den das Geschick fur die enge, kummerliche Sphare bestimmte, wo weder Ansehn noch Belohnung meiner warten, wo ich nicht durch Verdienste glanzen und nur mir selbst gefallen kann fur die enge Sphare eines Landgeistlichen, der gern den Dank einer Nation verdienen mochte und alle seine Wirksamkeit auf eine Handvoll einfaltiger Bauern einschranken muss , was fur Trost konnt ich in solch einer niederschlagenden Stellung wunschen und suchen, als einen Menschen gebildet zu haben, der verrichtete, was ich nicht verrichten konnte? Auch dieser Trost ist dahin! Ich soll schlechterdings Krafte und Willen haben und nichts mit ihnen nutzen. Geh, Verachteter! predige, taufe, begrabe, grame dich und stirb!'
'Aber', trostete er sich zu einer andern Zeit, 'seine Liebe ist noch schuchtern: ich will meinem Plane treu bleiben und diesem Winke nachgehn, seine Ehrbegierde, seine Tatigkeit von neuem bis zum Zerspringen anspannen, seine Schuchternheit durch alle Mittel erhohen, Tag und Nacht uber ihn wachen, und wann es zum aussersten kommt ihn entfernen. Vielleicht macht mir unterdessen ein lebenssatter Seelsorger in der Herrschaft des Grafen Platz: dann soll er bei mir wohnen, bei mir leben, bis ich ihm zu einem Gewerbe oder einer Kunst verhelfen oder auf der Bahn der Ehre weiterbringen kann. Aus solchem Tone muss ein edles Gefass werden, oder es springe!'
Dem gefassten Entschlusse gemass verdoppelte er taglich die Beschaftigungen seines jungen Freundes, gab sich unendliche Muhe, dass ihn Graf und Grafin einer hohern Aufmerksamkeit wurdigen und durch Beifall aufmuntern sollten: sie taten es beide und warfen dem Zoglinge, seinem Erzieher zu Gefallen, zuweilen einen Brocken Lob als eine Gnade zu, mehr mit derjenigen nachsichtigen Gute, womit man der Marotte eines Menschen willfahrt, dem man nicht ungeneigt ist, als aus wahrer lebendiger Uberzeugung. Bei der Grafin mochte es noch ein Rest von Zuneigung sein, aber es war gewiss nur ein Rest: denn solange er ein Knabe war, hielt sie es nicht fur unanstandig, sich mit ihm abzugeben: allein sein jetziges Alter setzte sie gegen ihn in das vollige Verhaltnis des ungleichen Standes: sie sprach und handelte gegen ihn wie eine gnadige Herrschaft, und wenn sie auch mehr Vergnugen in der Herablassung fand, so durfte sie vor dem Grafen nicht zu weit gehn, der so etwas eine Unanstandigkeit nannte.
Sonach musste Schwinger das meiste tun: er liess sich gegen niemanden von Heinrichs Liebe etwas merken, und Graf und Grafin waren durch das Alter der Baronesse sicher gemacht, sie zu argwohnen, weil sie ihr nunmehr Verstand genug zutrauten, sich nicht mit ihrer Zuneigung wegzuwerfen. Auch liess es besonders der Graf nicht an Bemuhung fehlen, ihr Stolz und Verachtung gegen alle Personen unter ihrem Stande einzupflanzen und die Vertraulichkeit zu benehmen, mit welcher sie sich gegen solche Leute betrug: seine Lehren fruchteten wenig: je mehr er sie zu Steifheit, zu Ernst und zerimonioser Gravitat zwingen wollte, je mehr wuchs ihr Missfallen daran, das sie freilich wohlbedachtig verbarg. Daher gefiel sie auch fast niemanden von ihrem Stande: sie spielte wider ihre innern Antriebe eine angenommne Rolle, und es war nicht zu leugnen, dass ihr Betragen, ihre Manieren dadurch etwas ungemein Gezwungenes, Linkisches bekamen: sie war eine Puppe, die im Drahte geht, weil sie nicht naturlich gehen soll. Nicht besser fielen auch ihre Reden in der Gesellschaft aus: bei jedem Einfalle, der in ihr aufstieg, hielt sie sich zuruck, aus Furcht, zu frei, zu unanstandig zu sprechen, und sagte in solchem Zwange meistens etwas Albernes. Man sagte allgemein: es ist ein gutes Madchen, das Okonomie lernen und einmal einen Landkavalier heiraten muss: fur die Welt wird sie niemals. Die Damen ruckten ihr ihren Mangel an Lebhaftigkeit vor, tadelten sie, dass sie zu still sei, rieten ihr, sich ein wenig aufzumuntern, den jungen Herren zu gefallen zu suchen, um durch sie aufgeheitert zu werden, und sie ward durch die oftern Aufforderungen noch gezwungner, noch angstlicher.
Die Herren gaben sich die Ehre, sie lustig machen zu wollen, wie sie es nannten: ihre laue Frohlichkeit erwarmte die Baronesse, dass die ihrige in Flammen ausbrach, sie wurde im eigentlichen Verstande lustig, das heisst, sie vergass sich und fiel in ihre Natur zuruck: gleich erging durch Fraulein Hedwig ein Befehl an sie, sich nicht zu frei und wider den Wohlstand zu betragen: da stand das arme Geschopf und war wieder eine unleidliche stumme Drahtpuppe! Desto mehr hielt sie sich auf ihrem Zimmer wieder schadlos, wiewohl auch hier Fraulein Hedwig gleich uber Unanstandigkeit schrie.
Sie wunderte sich ausserst, dass ihr geliebter Heinrich seine Spaziergange auf einmal so ganz einstellte, und kundschaftete aus, dass er den ganzen Tag mit Schwingern beschaftigt sei: keine erfreuliche Nachricht fur sie! 'Nun wird er mich wohl ganz vergessen' dachte sie, aber sie hatte das nicht zu besorgen. Der gute Bursche war ein Fuhrwerk, an beiden entgegengesetzten Enden mit Pferden bespannt: bald zog das vorderste Gespann den Wagen eine kleine Strecke vorwarts, und gleich zog das hinterste an und riss ihn nach sich hin. Die Arbeit war ihm zur Last: wenn ihm Schwinger die goldnen Fruchte der Ehre vorhielt, griff er nur mit halber Entschlossenheit darnach, weil ihm die Liebe schonere Lockungen darbot: er horte, er las, ohne oft etwas zu verstehen: sein Kopf war mit Nymphen, Liebesgottern, Grazien und allen ubrigen schonen Bewohnerinnen der poetischen Liebeswelt angefullt, die ihm mancherlei interessante Szenen zusammen vorspielten: er suchte nur Bucher auf, die ihm dieses Theater mit mehr Schauspielern und mannigfaltigern Auftritten versorgten; und da er die Alten nicht hinreichend dazu fand, wandte er sich zu den Neuern: je uppiger, je wollustiger ihre Bucher mit der Imagination spielten, je willkommner waren sie ihm. Schwinger konnte ihn von dieser Lekture nicht abziehn und wollte sie ihm geradezu nicht verbieten, weil er durch das Verbot seine Begierde darnach nur mehr zu entflammen glaubte: er suchte sie ihm also anfangs mit guter Manier aus den Handen zu spielen, packte alle von diesem Schlage, die in seiner Bibliothek waren, heimlich in einen Kasten zusammen und las sie nie, als wenn sein junger Freund schlief.
"Aber warum hatte Schwinger, ein so gesetzter Mann, ein kunftiger Seelenhirt, solche schadliche Bucher? Warum las er solche verderbliche Schriften, Sauflieder, Hurengesange, solch Buhlgeschwatze und verliebtes Zeug?" Kurzsichtiger, der du so fragst! Weil ein solcher Mann ein Bedurfnis fuhlte, solche Schriften zu lesen, ist das nicht Antworts genug? Er las sie und wurde sie auch seinem Freunde nicht verschlossen haben, ware dieser mit ihm in einem Alter und nicht in so einer kritischen Seelenlage gewesen: und da er ihren Verlust gelassen zu ertragen schien und in seinen Arbeiten wieder wie vorher fortfuhr, so glaubte er ihn vollig genesen. Der leichtglaubige Arzt! denkt, dass der Patient gesund ist, weil er nicht mehr im Bette liegt!
Noch mehr wurde er in seinem wohlmeinenden Selbstbetruge durch einen Vorfall bestarkt. Als er einstmals aus dem Kabinette herauskam, fand er Heinrichen, vor dem Tische hingestellt, den Kopf auf beide Hande gestutzt, den Blick starr auf eine Buste des Antonins gerichtet, die vor ihm stand. Er redete ihn an und blieb ohne Antwort: er ging um ihn herum und sah ihm ins Gesicht: grosse Tranentropfen rollten uber die eisstarren Wangen aus den unverwandten Augen. "Was weinst du", fragte ihn Schwinger, Heinrich sprang erschrocken auf. "Dass mein Vater kein Kaiser ist", sagte er zornig und stampfte. "Warum ist dir denn das itzo erst so unangenehm?" "So konnt ich doch noch etwas Gutes in der Welt ausrichten", war Heinrichs Antwort, "aber so bleibe ich zeitlebens ein schlechter Kerl, und. "
Er verstummte: ein Erroten und der gesenkte Blick hatten Schwingern leicht belehren konnen, was er verschwieg. 'Und ich durft es ungescheut wagen, die Baronesse zu lieben', dachte er sich so deutlich, als es hier gedruckt steht: aber Schwinger war von dem vermeinten glucklichen Erfolg seiner Kur so sehr bezaubert, dass er die Retizenz nicht einmal wahrnahm. Er setzte die Kur einige Zeit unermudet fort, um ihn von Grund aus zu heilen: allein nicht lange! Hatte sich der junge Mensch durch die gehauften Beschaftigungen zu stark angegriffen? Oder erschopfte dies Hin- und Hertreiben zweier Leidenschaften, worunter die eine seine altre und die andere seine liebere Freundin war, seine junge Maschine? Er wurde krank: er verfiel in ein Fieber.
Die Baronesse erschrak bis zur Ohnmacht, als sie die erste Nachricht davon bekam: nun war Graf und Grafin samt Fraulein Hedwig zu schwach, sie zuruckzuhalten: dass sie sich verraten und dass diese Leute sie trefflich dafur ausschelten wurden, daran dachte sie gar nicht, sondern horen, die Tur aufreissen, die Treppe hinauf, ins Zimmer hinein und vor sein Bette treten, das war alles eine Handlung, in einem Paar Atemzugen getan. Die Zusammenkunft war fur den Kranken so verwirrend als unvermutet: er wagte sich kaum zu freuen; er stammelte furchtsam etwas her, wenn sie ihn fragte; er zog schuchtern die Hand zuruck, wenn sie nach ihr griff: er war so verlegen, so angstlich, so uberwaltigt vom Zwange, dass er aus sich selbst nichts zu machen wusste. Ehe man sich's versahe, siehe! da kam Fraulein Hedwig herangekeucht.
"Ulrikchen! Ulrikchen!" schnatterte sie und schlug sich auf den Schoss "was machen Sie hier? Wenn das der Graf erfahrt?"
Die Baronesse. Mag er! Ich bleibe hier, bis Heinrich wieder gesund ist.
Hedwig. Sind Sie gar toll? Was das fur ein Ungluck werden wird, wenn Graf und Grafin dahinterkommen!
Schwinger. Sie sollen es nicht erfahren: trosten Sie sich!
Hedwig. Ja aber Sie wissen ja wohl!
Schwinger. Was soll ich wissen? Was Sie vermuten, ist blosse Grille, blosse Einbildung. Ich stehe dafur. Lassen Sie die Baronesse immer ihren Besuch verlangern
Die Baronesse. O ich bin nicht zum Besuch da. Ich bediene Heinrichen; dass Sie's nur wissen.
Schwinger. Ach das! Ich will Ihr Mitbediente sein.
Hedwig. Sie werden ja ihrer Tollheit nicht noch forthelfen? So etwas gebe ich nicht zu. Kommen Sie, Ulrikchen! den Augenblick fort! Ihn da gar zu bedienen!
Schwinger. Was ist denn Boses darinne? Sie sind ja sonst so gelehrt: kennen Sie denn die Konigin in Frankreich nicht, die den Kranken in den Hospitalern aufwartete? Es ist ein Beweis von der Baronesse gutem Herzen.
Hedwig. Ja, und wenn man nicht wusste.
Schwinger. Sie wissen auch immer, was andere Leute nicht wissen. Ich bleibe bestandig hier am Bette sitzen; und wenn die Baronesse ihres Amtes uberdrussig ist, dann bring ich sie zu Ihnen.
Hedwig. Das geht nicht! das geht nicht! Bedenken Sie doch die Unanstandigkeit! Der Mensch liegt ja, so lang er ist, im Bette.
Schwinger. Diese Freiheit entschuldigt die Krankheit.
Hedwig. Ja, liegen mag er; das wird ihm niemand wehren: aber ihn liegen sehen schamen Sie sich, Baronesse!
Schwinger. Verderben Sie doch dem lieben Kinde die gutherzige Freude nicht durch unzeitige Vorwurfe! Soll sie sich denn eines guten Werks schamen, weil sie es einem jungen Menschen unter ihrem Stande erweist? Ich mochte, dass alle Vornehme ihrem Beispiele folgten und keinen Sterblichen fur einen Liebesdienst zu gering achteten.
Hedwig. Das ist wohl freilich wahr: wir sind allzumal Sunder und Adams Nachkommen: mortalis nascimus: aber Sie wissen ja, wie der Graf ist.
Schwinger. Wenn er hierinne dem Vorurteil und nicht der Vernunft folgt, so ist es unsere Pflicht zu verhuten, dass seine Anverwandtin nicht seine Denkungsart annimmt, da sie keine Anlage dazu hat. Der Graf soll es nicht erfahren, dass die Baronesse dem Triebe ihres menschenfreundlichen Herzens mehr gefolgt ist als den lieblosen Gesetzen ihres Standes.
Hedwig. Ich kann es wohl geschehen lassen; aber dass nur nicht die Schuld hernach auf mich kommt. Sobald es dunkel wird, marsch ab! Wie konnen Sie sich nur so etwas Einfaltiges einkommen lassen? hierbleiben zu wollen, bis der Bursche gesund wird! Sie werden doch nicht gar die Nacht hierbleiben wollen?
Schwinger. Die Baronesse ist viel zu verstandig, als dass sie so etwas nur wollen konnte. Das war Scherz: wie Sie nun alles gleich im bittersten Ernste nehmen!
Hedwig. Ja, der Ernst kommt mannichmal hintennach: aber Sie sind ein Unglaubiger, der liebe Gott muss Sie mit der Nase darauf stossen. Nu! sobald es dunkel ist, marsch ab!
Sie ging. Schwinger liess sich in ein Gesprach mit der Baronesse ein; aber sie hielt nicht lange darinne aus: alle Augenblicke war sie besorgt, dass der Kranke etwas brauchen mochte, erkundigte sich bei ihm darnach und war so freudig als uber ein Geschenk, wenn er etwas verlangte: machte er in seinem Verlangen eine zu lange Pause, gleich war sie mit dem Wasserglase, mit dem Loffel oder mit der Arznei da. "Wollen Sie nicht trinken? Sie durstet gewiss." "Itzt mussen Sie einnehmen." "Das Kopfkissen liegt nicht recht." "Sie haben ja den ganzen Nachmittag noch nicht eingenommen." "Sie trinken ja gar nicht." "Wollen Sie Limonade?" Bald zupfte sie an der Decke, um ihn recht warm einzuhullen, bald am Kissen, um es ihm aus dem Gesichte zu ziehen, bald wedelte sie ihm mit dem Schnupftuche Kuhlung zu, itzt jagte sie eine Fliege vom Bettuche, dass sie ihn nicht kunftig stechen sollte, itzt wischte sie ihm den Schweiss von den kleinen Fingern, um sie unter dem Schnupftuche verstohlen zu drucken: itzt summte eine Schmeissfliege am Fenster sie machte Jagd auf sie und ruhte nicht, bis sie gefangen war: itzt schloss der Kranke die Augen gleich wurde Schwingern gewinkt, dass er schwieg, sie sass wie erstarrt, sie atmete kaum, und wenn ihr ein ganzes Heer Fliegen das Blut aus der Stirn zapften, so hatte sie nicht die Hand nach ihnen bewegt, sie zu vertreiben, und wenn Schwinger nur einen Finger regte, so winkte sie ihm schon unwillig mit den Augen: sobald der Patient die Augen wieder aufschlug, flog ihm auch gleich ein freundlicher, erquickender Blick entgegen. Die Dammerung kam: sie liess sich ungern, aber ohne Weigerung, von Schwingern zuruckfuhren; und bei dem Abschiede wusste sie es so listig anzufangen, dass ihr Begleiter schlechterdings auf einen Augenblick ins Kabinett gehen musste: sie bat sich ein Buch von ihm aus, und indem er's holte hurtig hatte der Kranke einen Kuss weg.
Der Kuss steckte seine ganze fieberhafte Imagination in Brand: mit einem wehmutigen, durchdringenden Schauer empfing er ihn, und sooft sich in der Nacht seine Augen zu einem kurzen Schlummer schlossen, wurde er im Traume von Grazien, Nymphen und den samtlichen Gottinnen des Olymps, die zu seiner Bekanntschaft gehorten, wiederholt. Liebesgotter trabten auf Zephirn vom Himmel herab: andre tummelten sich auf baumenden Grashupfern herum: ein kleiner Verwegner wagte sich auf Alexanders Bucephal und wurde fur seine Kuhnheit bestraft; das Ross spottete wiehernd der leichten Burde, lehnte sich auf und schuttelte den schreienden Knaben ab: dort lag er wie tot vor Schrecken, verlacht von dem umringenden Haufen seiner mutwilligen Bruder. Ein andermal zogen ihn und Ulriken sechs schneeweisse Rosse an einem romischen Triumphwagen: Graf, Grafin und die ganze vornehme Welt, die er kannte, begleiteten sie zu Fuss in den festlichsten Kleidern; der Zug ging nach dem prachtigen Kapitol, das wie ein Tempel auf seinen Kupferstichen gross und majestatisch vor ihm stand: die Menge jauchzte. Plotzlich, als wenn ein Wind sie wegfuhrte, verschwand die zauberische Szene, er lag bis an den Kopf in herkulanischen Schutt vergraben und arbeitete sich mit allen Kraften hervor, dass ihm der Schweiss uber die Stirne rann: die Baronesse, in weissen, strahlenden Atlas gekleidet und mit einer goldnen Glorie umgeben, erschien, reichte ihm die Hand und riss ihn leicht heraus: dankend wollte er sie umarmen, einen Kuss auf die Lippen drucken, und hielt in den zusammengeschlossnen Armen die dicke, schielende Hedwig. Zu einer andern Zeit lag er tot am Rande des Styx: seine Seele irrte angstlich am Ufer hinab, um uber ihn zu setzen, und vermochte es nie: endlich gesellte sich zu ihm eine andre peinlich suchende Seele: es war Ulrike, die ihren Korper verlassen hatte, um ihm nachzueilen, sie flohen miteinander zu ihren Leibern zuruck, belebten sie von neuem und starben nie wieder. So ergotzte ihn mit unendlichen Schauspielen seine traumende Phantasie; er schlief jede halbe Stunde zu neuem Entzucken ein, und die Baronesse erwachte jede halbe Stunde, um sich zu beklagen, wie lang die Nacht sei.
Nach dem Tee war sie schon wieder vor dem Bette: ihre Gouvernante fand in mannigfaltiger Rucksicht ihre Rechnung bei den Abwesenheiten der Baronesse und setzte sich nicht mehr dawider, vornehmlich da Schwinger darauf bestund, dass man sie in ihrem freundschaftlichen Mitleiden nicht storen solle, und bestandig Aufsicht uber ihre Besuche zu haben versprach. Auf solche Weise brachte sie alle Zeit, wo nicht Onkel und Tante ihre Gesellschaft foderten, mit der sorgsamen Pflegung ihres Geliebten zu: sie las ihm vor, und jede Stelle, die Zuneigung und Liebe ausdruckte, wurde durch einen nachdrucklichen Ton ausgezeichnet und von einem Blicke auf den Kranken begleitet: auch er gewohnte sich sehr bald an diese geheime Sprache: er tat, als ob er gewisse verbindliche Stellen nicht verstanden habe, und wiederholte sie unter diesem Vorwande mit der bedeutungsvollsten Pantomime: so spielten sie in ihres Aufsehers Gegenwart, den Roman und gaben sich die feurigsten Liebesversicherungen, ohne dass er's wahrnahm.
Die Krankheit wuchs in einer Nacht plotzlich: als sie am folgenden Morgen heraufkam, lag Heinrich sinnlos, ohne Bewusstsein und Bewegung da: die verdrehten Augen standen weit offen, und doch erkannten sie niemanden: die Lippen waren dick und blau, als wenn das Blut in allen Adern von der strengsten Kalte geronnen ware: jede Muskel lag unbeweglich, abgespannt, und aus jedem seelenlosen Zuge starrte der Tod hervor. Minutenlang stand sie vor ihm wie ein Marmorbild, von Schrecken und Schmerz versteinert. Schwinger wollte sie bereden, dass er schliefe. "Nein", schrie sie mit hohlem, schauerndem Tone, die Augen unverwandt auf ihn gerichtet, "er ist tot!" "Er ist tot!" schrie sie noch einmal und dann in einem Atemzuge: "Heinrich! Heinrich!" Nicht eine Fiber ruhrte sich an dem Kranken. Sie hob seine Hand auf; schlaff, kraftlos fiel sie wieder auf das Bette. Sie fasste den Kopf, konnte ihn kaum aufbringen: starr, schwer fiel er wieder aufs Kopfkissen. Sie rief dicht in das Ohr: "Heinrich! Heinrich!" Kein Zuck!
Die Tranen standen wie geronnen in ihren Augen, bis zum Uberlaufen voll; und keine konnte fliessen. Ohne ein Wort zu reden, sturzte sie sich zur Tur hinaus, die Treppe hinunter, und wer ihr begegnete, den stiess sie vor sich hin und rief: "Den Arzt!" Sie flog in die Kuche, in den Stall, brachte alles in Aufruhr, befahl allen, den Arzt zu holen: niemand ging. Sie zurnte, sie tobte, sie stiess die Leute fort: schwerfallig blieben sie stehn, sahen sie an und wussten nicht, was sie von ihr denken sollten. Hie und da kam eine phlegmatische Frage: "Warum denn? Fur wen denn?" oder so etwas. "Er ist tot!" schluchzte sie mit halbverbissnem Worte. "Wer denn?" fragte man abermals. "Heinrich!" rief sie und hatte die dumpfen, tragen Geschopfe mit den Handen zerfleischen mogen. Sie bekam weiter nichts zur Antwort als ein langgedehntes "So?", das die ganze Kuche in einem Tutti aussprach. Niemand ging.
Der Zorn kochte wie ein Strudel in ihrer Brust: mit gluhendem Gesichte verliess sie das untatige Volk, und in den Hof! Mit aufgestreiften Armen, im Hemde, ein kurzes, schwarzes Pfeifchen zwischen den Zahnen, lehnte der Stallknecht an der Tur und sah in die Sonnenstaubchen. Sie erblickte ihn: in einem Fluge auf ihn los und ihn um den schmutzigen Hals! "Ich bitte Euch um Gottes willen, holt den Arzt!" Der Bursche, durch den andringenden Ton in Bewegung gesetzt, rennt mechanisch uber den Hof weg: als er an die Tur kam, besann er sich, dass er nicht wusste, wohin er sollte: "Wen soll ich rufen?" fragte er und kam wieder zuruck. Indem die Baronesse von neuem entbrennen wollte, stand Schwinger hinter ihr und brachte ihr die Nachricht, dass der Medikus bei dem Grafen gewesen und bereits oben bei dem Kranken sei. Viel Freude fur sie! Mit vorstrebender Brust eilte sie so geschwind hinauf, dass ihr Schwinger kaum folgen konnte.
Das erste Wort, was durch die aufgerissne Tur flog, war "Lebt er wieder?" "Ja", versicherte der Arzt und bewies seine Versichrung aus dem zunehmenden Pulsschlage. Sie wollte den Beweis ganz ungezweifelt haben und fuhlte selbst an den Puls, hielt ihn lange Zeit, um sein steigendes Zunehmen zu bemerken, und in dieser Stellung erblickte und fuhlte sich der Kranke bei seinem Erwachen aus der Betaubung. Welch ein gluckliches Erwachen zu einem Bilde, das seine Nerven in verdoppelte Schwingungen setzte und ins Herz drang, um einen unloschbaren Eindruck zuruckzulassen! "Itzt blickt er mich an!" rief die Baronesse, und die Freude ging in ihrem Gesichte auf wie der volle Mond am Ende eines truben Horizonts, wenn die Wolken vor ihm weichen.
Leben und Vergnugen auf beiden Seiten wuchs mit jedem Pulsschlage: sie konnte sich nicht genug uber die fuhllosen Kreaturen argern, die an Heinrichs vermeintem Tode nicht so vielen Anteil genommen hatten als sie: auch der Arzt kam nicht ohne Schmalen weg, dass er so kalt von seiner Besserung sprach und so gleichgultig versicherte, dass er wohl sterben wurde, wenn so ein Sturz noch einmal kame. Sie zog ihn am Armel zuruck, als er gehn wollte, und verlangte schlechterdings, dass er diesen zweiten Sturz abwarten mochte: allein er entschuldigte sich sehr hoflich und gab zur Ursache an, dass er zu einer Braut musse, bei der man vorige Nacht auf das Ende gewartet habe. "Sie wird wohl nicht mehr am Leben sein", setzte er frostig hinzu, "aber ich muss mich denn doch erkundigen, ob sie wirklich tot ist."
Die Baronesse stiess ihn von sich und mochte ihn vor Verachtung uber seine Kalte nicht ansehen. "Ich hatte", sagte sie zu Schwingern, als er hinaus war, "ich hatte dem krummnasichten Doktor ein Paar Ohrfeigen geben mogen, so hab ich mich uber ihn geargert. Sprach er nicht von Heinrichs Tode, als ob er gleich wieder einen andern aus seinen Buchsen herausdestillieren konnte, wenn dieser gestorben ware? Ich bezahlte ihn gewiss nicht, wenn ich der Onkel ware."
Noch hatte weder Graf noch Grafin erfahren, wie tatig sie sich mit der Wartung des kranken Heinrich beschaftigte: ein einziges Mal verriet sie sich bei der Tafel. Der prophezeite zweite Sturz hatte sich eingefunden, und ein Bedienter brachte die Nachricht, dass Heinrich eben gestorben sei. Der Grafin stieg eine Trane ins Auge, die sie durch ein Umdrehen des Kopfes nach dem Bedienten, der die Nachricht gebracht hatte, vor ihrem Gemahle verbarg, der schon zu beratschlagen anfing, wie man ihm, ohne seinen Stand zu uberschreiten, ein distinguiertes Begrabnis veranstalten solle. Die Baronesse liess vor Schrecken den Loffel auf den Teller fallen, dass der Milchcreme weit herumspritzte: sie schob ihren Stuhl mit dem Fusse zuruck, blieb verwildert, sinnenlos kurze Zeit in halb fliehender Stellung: plotzlich warf sie die Serviette in den Creme hinein und ging zum Zimmer hinaus, langsam die Treppe hinauf- der Schrecken hatte ihre Knie gelahmt , und grosse Tropfen rollten wie Perlen uber das bleiche, stumme Gesicht. Schwingern schauderte vor dem Anblicke, als immer eine Trane die andre uber die eiskalte, starre, steinerne Miene hinjagte. Sie musste sich setzen, denn ihre Knie sanken. "Was haben Sie, liebe Baronesse?" fragte Schwinger. Sie redete nicht, sah immer steif vor sich hin. "Was fehlt Ihnen?" tonte eine angstliche, schwachatmige Frage hinter dem Vorhange des Bettes hervor. Es war Heinrichs Stimme. Die Freude traf sie wie ein elektrischer Schlag:
sie fuhr zusammen und sturzte vom Stuhle. Schwinger erhaschte sie zu rechter Zeit noch, Fraulein Hedwig, die man ihr gleich nachgeschickt hatte, kam eben an und trug mit schwerfalligem Galoppe alle Flaschchen, die sie ansichtig wurde, herbei und hielt sie unter die Nase, sie mochten riechen oder nicht. Endlich kam sie wieder zu sich: sie sass Heinrichs Bette gegenuber, der, um zu sehn, was vorging, die Vorhange ein wenig zuruckgeschoben hatte, und bei dem ersten Eroffnen der Augen traf Blick auf Blick. Wie machtig Gefuhl und Imagination durch solche Spiele des Zufalls aufgeregt und welche bleibende Eindrucke durch sie der Seele eingedruckt werden, wird jedem Leser sein eignes Gedachtnis belehren; und warum sollte ich also mit Worten beschreiben, was ihm seine Erfahrung besser berichten kann?
Nach einigen Verwunderungen, Fragen und Antworten auf allen Seiten entwickelte sich's, dass der Bediente entweder aus boshafter Schadenfreude oder aus der Gewohnheit dieser Leute, Vermutung als geschehne Gewissheit wiederzuerzahlen, gelogen hatte; denn es war ihm nichts weiter von der Kammerjungfer im Vorbeigehn gemeldet worden, als dass Heinrich wieder schlimmer sei und wohl sterben werde: und die ganze Sache war nichts als eine kurze Betaubung, die schon lange vor jener Todesbotschaft aufgehort hatte.
Der Graf war uber das Betragen der Baronesse ein wenig stutzig geworden: nicht als ob er Liebe dabei mutmasste! davon hatte er gar keinen Begriff , sondern eine zu grosse Vertraulichkeit zwischen beiden jungen Leuten argwohnte er; und die Idee, dass seine Schwestertochter sich zu einer so ausgezeichneten Betrubnis um den Sohn seines Einnehmers erniedrige, hatte so viel Widriges fur ihn, dass er Fraulein Hedwig wegen ihrer schlechten Erziehung tadelte, ihr einen Verweis fur ihre eigne Person erteilte und einen zweiten fur die Baronesse in Kommission gab. Die Grafin musste auch einen versteckten annehmen, weil sie ihre Tranen nicht genugsam verborgen hatte. Um sich nicht in seinen Augen so verachtlich zu machen, als ob sie aus Mitleid um den Sohn seines Einnehmers geweint hatte, wandte sie einen starken Schnupfen vor, der ihr bei jedem Worte das Wasser aus den Augen triebe; und damit ihr Gemahl nicht bei ahnlichen Vorfallen auf die Spur der wahren Ursache geraten mochte, die ihre geheime Mutmassung fur unleugbar hielt, redete sie ihm mit ihrer gewohnlichen Kunst alles aus, was er besorgte, und nahm es uber sich, die Baronesse uber ihr unanstandiges Betragen selbst zu bestrafen.
Die Bestrafung fiel sehr gelind aus. Die Grafin besass von Natur viel Reizbarkeit, allein ihre Empfindung war durch die Erziehung ihrer Eltern und den Stolz ihres Gemahls in bestandigem Zwange gehalten worden. Sie hatte sich dadurch eine gewisse kunstliche Kalte erworben, dadurch gleichsam eine Eisrinde um ihr Gesicht gezogen, die ihr inneres Gefuhl nicht durchschmelzen konnte, wofern es ein Vorfall nicht zu plotzlich in Flammen brachte. Das Bewusstsein ihres eignen Fehlers denn dafur musste sie es nach allen Begriffen erkennen, die ihr die Erziehung davon beigebracht hatte machte sie gegen die Empfindlichkeit der Baronesse ungemein nachsichtig: der Rest von Gute des Herzens, den ihr Eltern und Gemahl nicht hatten ausloschen konnen, uberredete sie, ihrer jungen Anverwandtin ein Vergnugen nicht ganz zu verwehren, das fur sie selbst eine verbotne Frucht war: sie hatte es wohl ehemals aus Furcht vor dem Grafen getan, allein da sie die Baronesse nunmehr fur alt und verstandig genug hielt, ihre Wurde nicht ganz zu vergessen, so empfahl sie ihr bloss Vorsichtigkeit und Zuruckhaltung und vor allen Dingen Wachsamkeit uber sich selbst, um sich in Gegenwart des Grafen nichts Verdachtiges entschlupfen zu lassen.
Das Verfahren der Grafin war in Ansehung der Absicht, die sie erreichen wollte, ausserst zu missbilligen: wenn sie eigentliche Liebe bei der Baronesse verhuten wollte, so musste sie ja durch die stillschweigende Anerkennung, dass man ihr einmal etwas unrechterweise verboten habe, und durch den Rat, einen vormals unrechterweise verbotnen und itzt erlaubten Umgang unter der Bedingung fortzusetzen, dass sie ihn dem Onkel verheimlichte, notwendig auf den Weg gefuhrt werden, diese namliche empfohlne Klugheit auch wider die Tante zu gebrauchen, wenn es diese einmal fur heilsam erachtete, das alte Verbot zu erneuern. Ausserdem beging die Grafin einen ungeheuren Fehlschluss, dass ihr die Aufhebung des Verbots itzo weniger notwendig schien: doch man hatte einmal falsche Massregeln genommen, und bei der Erziehung machen die ersten falschen Schritte meistens alle nachfolgenden zu Fehltritten: man verbot, da man erlauben, und erlaubte, da man verbieten sollte. Man glaubt nicht, wie listig die Leidenschaft bei aller Unbesonnenheit ist, die man ihr Schuld gibt: sie kennt ihren Vorteil so gut als ein Finanzpachter; und man darf ihn nur von fern weisen, so macht sie schon Projekte darauf.
Auch hatten die Massregeln der Grafin wirklich alle Folgen, die man erwarten konnte: die Baronesse ging ohne Scheu mit Heinrichen nach seiner Genesung um, und weder Fraulein Hedwig noch Schwingern durften etwas dawider einwenden, weil sie die Begunstigung der Grafin hatte, die allen einzig anbefohl, nichts davon zur Wissenschaft des Grafen gelangen zu lassen. "Zudem", sagte sie zu sich selbst, "wird Ulrike oder der junge Mensch bald aus dem Hause kommen: mein Gemahl wollte sie ja neulich schon in eine Stadt tun, wo ein Hof ist; und so mag sie immerhin sich zuweilen mit einer jugendlichen Schakerei vergnugen: die feinern Sitten des Hofes und der grossen Stadt werden das alles wieder verdrangen: ein Madchen muss in ihrem Leben einmal rasen: besser also fruh als spat!"
So hatte der Schutzgott der Liebe alle Hindernisse durch die vermeinte Klugheit derjenigen selbst weggeraumt, die am feindseligsten gegen sie handeln wollten. Die Neigung der beiden jungen Personen wurde taglich durch Gefalligkeiten, Umgang und kleine Vertraulichkeiten genahrt und flammte allmahlich zur Leidenschaft empor. Wie sollte Heinrich nicht ein junges Frauenzimmer lieben, das sich so lebhaft in seiner Krankheit fur ihn interessierte, das taglich durch neue Unbesonnenheiten ihres guten Herzens und ihrer Zartlichkeit fur ihn sich Ungelegenheit und Verdruss zuzog und nichts achtete, wenn sie ein paar Minuten mit ihm zubringen konnte? Und wie sollte die Baronesse den Eindruck eines jungen Menschen mit so einnehmender Figur und Bildung, von so auszeichnendem Charakter, so vieler Lebhaftigkeit und Unterhaltungsgabe von sich abwehren? Die Fesseln des Zwanges wurden auf beiden Seiten mehr und mehr abgeworfen und ihrer Leidenschaft ein anderes Gewand dafur angelegt die Hulle der Heimlichkeit.
Zweites Kapitel
Wenn einmal die Liebe so weit ist, dann sorgt das Schicksal gemeiniglich, dass sie nicht auf der Halfte des Wegs stehenbleibt: ein Zufall musste sogar den beiderseitigen Vorteil der jungen Personen mit ins Spiel ziehn und sie notigen, Partie miteinander gegen die Unterdruckung eines Dritten zu machen ein neues Band, das Herzen fester zusammenzieht!
Der Graf hatte unter seinen vielfaltigen Marotten eine von der seltsamsten Art: er wollte seinem Hause gern das Ansehn eines Hofs geben und empfand daher eine besondre Freude, wenn die Kabalen eines Hofs darinne regierten: Ranke, Unterdruckungen, Uneinigkeiten, Verleumdung zierten seine kleine Hofstatt nach seiner Meinung; und er gab sich sogar selbst Muhe, das Feuer der Zwietracht wieder aufzuwecken, wenn es ihm zu niedrig brannte. Deswegen fuhrte man auch in seinem ganzen Hause die eigentliche Hofsprache: wenn der Koch das Kuchenmensch geprugelt und bei dem Haushofmeister es dahin gebracht hatte, dass er ihr den Abschied gab, so sagte man allgemein, der Koch hat die Kuchenmagd gesturzt. Hatte der Kutscher des braunen Zugs es so einzuleiten gewusst, dass er den Grafen bei der sonntaglichen feierlichen Promenade fuhr, da es einige Zeit her sein Kamerad mit dem perlfarbenen getan hatte, so sagte man: Jakob hat Gurgen untergraben. Wenn der eine Laufer dem Grafen nach dem Spaziergange im Garten die Schuhe abbursten musste, da es sonst der andre getan hatte, so berichtete man sich: dass Albert wider Franzen eine Intrige gemacht habe; und durfte der Stallknecht auf ausdrucklichen Befehl, der meistens nur ein Einfall war, nicht mehr die perlfarbenen Wallachen in die Schwemme reiten, so war, nach der allgemeinen Sage, der Stallknecht in Ungnade gefallen.
Zuweilen gingen die Kabalen wirklich ins Grosse: man plagte und qualte sich so herrlich, als wenn's ein Konigreich gegolten hatte, und gewohnlich war doch nichts als die kleine Gluckseligkeit, mit einem Befehle mehr vom Herrn Grafen beehrt zu werden, der Preis, um dessentwillen man sich das Leben sauer machte. Vornehmlich war der Lieblung des Grafen, sein sogenannter Maulesel, der grosse Hetzhund seines Herrn, der sich ein ordentliches Studium daraus machte, seine Kameraden in unaufhorlichem Streite zu erhalten. Er hatte es darinne so unglaublich weit gebracht, dass ihm seine Absicht nie misslang: er ging zu dem einen, den er zum Zank ausersehen hatte, und erzahlte ihm die aufbringendsten Dinge, die ein andrer von ihm gesagt haben sollte und nie gesagt hatte, dass er vor Zorn kochte: darauf begab er sich zu dem andern und vertraute ihm die namlichen Beleidigungen an, als wenn sie jener von ihm gesagt hatte; und jeder musste ihm noch obendrein dafur danken, weil er ihm diese erlognen Nachrichten als Heimlichkeiten entdeckte, wobei er instandigst bat, den Uberbringer derselben ja nicht zu verraten: wenn sie nun beide vor Grimm brausten und sprudelten, dann gingen nicht drei Minuten vorbei, so legte er's so geschickt an, dass sie an einem dritten Orte einander treffen mussten; und die menschliche Natur wirkte bei beiden sogleich einen so heilsamen erleichternden Zank, dass ihr Zusammenhetzer im Winkel, wo er sie behorchte, sich vor Freude hatte walzen mogen. Meistens hatte er auch noch eine andre boshafte Nebenabsicht: nach der Gewohnheit dieser Leute warfen sich die Streitenden jedesmal alle Spitzbubereien und Schelmenstreiche ins Gesicht, die einer vom anderen wusste: sonach erfuhr er auch die skandalose Chronik des ganzen Schlosses, und es kamen durch dieses Mittel zuweilen Gottlosigkeiten an den Tag, die man ausserdem nicht anders als mit dem hochsten Grade der Tortur aus ihren Urhebern herausgebracht hatte. Zuweilen, wenn er wusste, dass einer einen Groll auf einen andern hatte, brachte er diesen unter irgendeinem Vorwande in die Nahe bei des erstern Wohnung, oft stellte er ihn ausdrucklich unter das Fenster, um ihm zu beweisen, wie schlecht jener von ihm spreche: dann ging er hinein, leitete das Gesprach auf denjenigen, der unter dem Fenster horchte, lobte oder tadelte ihn, und wenn der Mann, der von seinem Feinde nicht behorcht zu werden glaubte, treuherzig genug war, so stimmte er mit lautem Halse in den Tadel ein: dann nahm der Boshafte die Partie des Horchenden und feuerte den Mann in der Stube durch den Widerspruch zu solcher Erbitterung an, dass der Mann unter dem Fenster seinen Zorn nicht langer halten konnte, sondern hereinbrach und auf der Stelle den Beleidiger mit Worten oder Tatlichkeiten angriff. In diesen Kunstgriffen, die Leute ohne ihren Willen zum Sprechen wider einen Dritten zu reizen, wenn und wie oft es ihm beliebte, bestand sein ganzer Verstand: er war unerschopflich erfindsam darinne und bestandig so neu, dass er oft den Klugsten des Nachmittags wieder betrog, wenn er ihn gleich vormittags schon einmal betrogen hatte. Jedermann floh ihn deswegen, und jedermann musste ihn suchen, weil er der einzige Kanal war, bei dem Grafen etwas auszuwirken. Alle solche Lustbarkeiten endigten sich damit, dass sie ganz frisch und warm dem Grafen hinterbracht wurden, der zuweilen so herzlich daruber lachte, dass ihm die Augen ubergingen. Die Folgen solcher Klatschereien waren aber meistens sehr ernsthaft: einer von den Zankenden, dem der Maulesel ubelwollte, wurde seines Dienstes entlassen oder auf einige Zeit aus dem Schlosse gewiesen, oder der Graf kehrte ihm allemal den Rucken, wenn er sich zeigte, oder es widerfuhren ihm andre herzangreifende Krankungen; und alles geschah in der stolzen Absicht, dass grosse und oftere Revolutionen im Hause sein sollten, die ihm die hochste Ahnlichkeit eines Hofs zuwege brachten. Daher war auch das Schloss des Grafen von Ohlau ein wahrer Sammelplatz, ein Raritatenkabinett von Lugen und Klatschereien: nicht eine Minute lang stunden zween Menschen auf einem Flecken, so wurde ein drittes zum Schlachtopfer ihres Gesprachs: eine Grube voll Fuchse, Wolfe und Tiger war's, die sich alle angrinsten und zerfleischten; und wenn Falschheit, Feindschaft und Verleumdung notige Ingredienzien eines Hofs sind, so war dies Haus der grosste in Europa.
Das grosse Schwungrad dieser herrlichen Maschine den Maulesel meine ich hatte schon gleich anfangs mit Widerwillen die Aufnahme des jungen Herrmanns auf das Schloss angesehen und war zum Teil daran schuld, dass er die Gunst des Grafen nur kurze Zeit genoss: da auch die uberspannte Liebe der Grafin bald wieder schlaff wurde und man den Burschen, abgesondert von der ubrigen Hofstatt, zu Schwingern steckte, wo er mit niemanden als seinen Buchern und der Baronesse Ulrike in Gemeinschaft stand und nach dem Beispiel seines Lehrers sonst keine Seele im Hause anredete, so entging er gewissermassen der Aufmerksamkeit jenes Boshaften: er war nebst seinem Freunde so gut als tot geachtet und keiner von beiden wert, dass man wider ihn maschinierte, weil sie zum Zanken nicht taugten. Itzt aber besann sich der Mann, dass sein eigner Sohn in dem Alter sei, um eine Kreatur des Grafen zu werden und sich durch zeitige Ubung zum Nachfolger seines Vaters zu bilden. Er lag also dem Grafen an, oder vielmehr er befahl ihm denn so klangen alle seine Bitten und hatten auch die namliche Kraft , seinen Sohn auf dem Schlosse wie den jungen Herrmann erziehen zu lassen: der Graf sagte ohne Bedenken ja, und den Tag darauf erschien der Bube, das echte Konterfei seines Vaters. Unseren Heinrich wollte er nicht geradezu verdrangen, weil er hoffte, dass sein vielversprechender Sohn bald einen glucklichen Zank bewerkstelligen werde, wo jener als die schwachere Partei notwendig den kurzern ziehen und durch seine Veranstaltung in Ungnaden den Platz ganz raumen musse.
Schwinger hatte lieber einen leiblichen Sohn des Satans unterrichtet als diesen Buben: allein was sollte er tun? Es war Befehl des Grafen, von dem er sein Gluck erwartete. Jakob so hiess er wurde also der Stubenkamerad und Mitschuler des armen Heinrichs. Schwinger gab seinem bisherigen Zoglinge heilsame Verhaltensregeln und empfahl ihm vor allen Dingen, Zank zu verhuten, den gefahrlichen Nebenbuhler zu meiden, soviel es sich tun liess, und keine von seinen Beleidigungen der Aufmerksamkeit zu wurdigen: er selbst beobachtete eine ahnliche Auffuhrung gegen ihn, liess ihn bei seinem Unterrichte gegenwartig sein, ohne sich um ihn zu bekummern, ob er etwas lernte oder nicht; er konnte gehn, kommen, achthaben oder nicht, und wegen seiner Auffuhrung lobte und tadelte er ihn mit keiner Silbe. Der Bube, der nicht den mindesten Trieb zum Fleisse hatte, war mit dieser verachtlichen Behandlung ausserst zufrieden und brachte die Lehrstunden meistens am Fenster mit dem unterhaltenden Spiele zu, dass er Fliegen fing, an Stecknadeln spiesste und mit inniger Freude sie zu Tode qualen sah. Deswegen sagte ihm auch einmal Schwinger: "Du bist zum Scharfrichter geboren" welche Bestimmung er so freudig anerkannte, dass er versicherte, er wolle einem Menschen wohl den Kopf abhauen, wenn er stillhielt. Heinrich kehrte ihm vor Abscheu den Rucken zu und verzog sein ganzes Gesicht in die Miene der Empfindlichkeit: es schauerte ihn.
Noch ging's auf allen Seiten gut: allein der Junge war von der Natur so zum Hasse ausgezeichnet, dass man ihn unmoglich um sich sehen und bloss verachten konnte. Aus seinen lichtgrauen, beinahe grunen Augen lauschte der ausgemachteste Schelm hervor, der niedertrachtig sein musste, weil er zur Bosheit zu dumm war: alle Muskeln des Gesichts bewegten sich unaufhorlich: bald zog sich der Mund in eine schiefe, hohnende Lage, bald rumpfte sich die Nase, bald rissen die Augen, wie grosse unterirdische Hohlen, auf, und die Augenbraunen fuhren uber die Stirn bis an die Haare hinan, bald bleckte er die Zunge, bald fletschte er die Zahne wie ein grimmiger Tiger und alles vor sich hin, ohne ein Wort zu sprechen! Zum freien Blikke in die Augen liess er's niemals kommen, sondern wandte sogleich die Augen hinweg, wenn sie ein fremdes Auge traf, und wollte er jemanden anschauen, so geschah's nicht anders als mit einem hamischen Seitenblicke. Nie stand er gerade auf den Fusssohlen, sondern ein Fuss lag gewohnlich auf der Seite und rieb sich an den Dielen: drei Finger in den eirunden Mund zu stecken und daran zu kauen, beide Ellbogen auf den Tisch zu stutzen und den Affenkopf in die Hande zu legen, sich nur mit einer Seite des Leibes auf den Stuhl zu setzen und mit der Schlafe an der Lehne hin und her zu fahren diese und ahnliche waren seine Lieblingsstellungen. Der Kontrast, wenn dieser Pavian und Heinrich nebeneinander stunden, war so auffallend als zwischen einem Satyr und einem Apollo. Dem jungen Herrmann sprach aus den feurigen, dunkelblauen Augen eine Seele voll edler Grosse und starken Gefuhls: auf den roten, vollen Wangen bluhte Heiterkeit und frohlicher Mut: der lachelnde kleine Mund kam, auch schweigend, mit Gefalligkeit und Liebe entgegen: die gebogene Nase kundigte Verstand, die hochgewolbte Stirn Tiefsinn und Ernst und die starken, in erhabne Bogen gekrummten Augenbrauen Wurde an: aus allen Punkten des Gesichts redete Offenheit, dass man beim ersten Anblicke in ein Herz zu schauen glaubte. Jede Bewegung seines wohlgebildeten Leibes wurde von einem Reize, einem bezaubernden Reize begleitet: selbst die stolzeste Dame, wenn sie die Pantomime sah, womit seine Lebhaftigkeit alle Reden beseelte, spitzte den Mund zu einem Kusse und wurde ihn gewiss auf seine Lippen gedruckt haben, wenn sie nicht die Erinnerung an ihren Stand zuruckgezogen hatte. Erblickte man neben diesem Marmorbilde des Phidias den tonernen Jakob, von dem elendesten Topfer geformt einen dicken, kugelrunden Kopf mit Schweinsaugen, einer ungeheuern Nase, einem grossen verzerrten Munde und hauptsachlich, zur Warnung aller Sterblichen, mit der hamischsten, tuckischsten, gelbsuchtigsten Miene und der niedertrachtigsten Dummdreistigkeit, so deutlich und leserlich, als ein Dieb, vom Scharfrichter gebrandmalt: sah man diesen krummbeinichten Pagoden dahinschlendern und mit den plumpsten Manieren oder leidenschaftlichem Ungestum die Arme bewegen: dann wunschte man sich das Recht, ein so misslungenes Werk zu zerstoren, das eine Welt verunstaltete, die solche Geschopfe hervorbringt, wie eins neben ihm stund.
Die naturliche Antipathie, die zwei so dissonierende Kreaturen voneinander wegstossen muss, verstattete dem jungen Herrmann schlechterdings nicht, der Ermahnung seines Lehrers ganz getreu zu bleiben: doch ware er vielleicht wieder in das Gleis der stillen Verachtung zu leiten gewesen, hatte sich nicht Eifersucht darein gemischt. Trotz aller Merkmale der Verwerflichkeit zog der Graf das Geschopf Heinrichen weit vor: diesen liess er niemals zu sich kommen und jenen sehr oft zu sich rufen: wenn ihm die Baronesse einen Einfall von Heinrichen erzahlte, so schwieg er und tat, als ob er's nicht horte, oder sprach gleich etwas anders darein: warf Jakob eine Grobheit oder plumpe Hohnerei jemanden an den Hals, so erschallte ein beifallvolles Lachen: sehr oft erzahlte er sogar Einfalle, die Heinrich gesagt und die Baronesse bei Tafel vorgebracht hatte, als ob sie von dem struppkopfichten Jakob herruhrten. Es ist ein unseliger Trieb in der menschlichen Natur, der die Menschen gegen die Vortrefflichkeit emport: lieber rauchern sie einem abgeschmackten, geistlosen, unwurdigen Apis, um einen Apoll zu demutigen, weil er den Weihrauch verdient. Auszeichnendes Verdienst ist ein Fehdebrief an die Verachtung, den die Natur ihren Gunstlingen auf die Brust hing, der jedesmal richtig beantwortet wird, wo es die Leute nicht der Muhe wert achten zu hassen. Zu diesem Grunde gesellte sich noch ein anderer nicht weniger wichtige: Jakob, weil er keinen Wert in sich selbst fuhlte, kannte keinen andern als den Gehorsam eines Hundes, der sich von seinem Herrn zu allem gebrauchen lasst, wenn er ihn nur gut futtert: Heinrich hingegen, voll vom Gefuhl seiner Kraft, erwies und foderte Achtung, gehorchte aus Erkenntlichkeit und rang nach keiner Gunst, die er als eine erniedrigende Gnadenbezeugung besitzen sollte: als Belohnung, als Verdienst wollte er sie empfangen. Dieser schmeichelte und ehrte den Grafen, um sich ihm verbindlich zu machen, und der Graf wollte nur aus Schuldigkeit geehrt und geschmeichelt sein: er foderte Respekt als einen Tribut. Eine solche Foderung erfullte Jakob ungleich besser: er war sich in seinen eignen Augen nicht viel und fand also nicht befremdend, wenn ihn der Graf als gar nichts behandelte.
Heinrich sah vielleicht einen grossen Teil hiervon ein: allein welche Menschenseele sollte nicht dessenungeachtet bei einem so offenbaren Unrechte entbrennen und wider den Unwurdigen auflodern, der so ganz ohne Verdienst den Vorzug an sich reisst? Sooft auch Schwinger seine Ermahnungen zur Gelassenheit wiederholte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn zuweilen mit bittern Spottereien und empfindlichen Verachtlichkeiten zu bestrafen: zu seinem Arger verstand sie der Bube meistenteils nicht, war aber die Dosis so stark, dass er sie notwendig fuhlen musste, so rachte sich der Beleidigte mit einer Plumpheit, und wenn er im darauffolgenden Wortwechsel nicht weiterkonnte, so war seine gewohnliche Zuflucht, den Streit mit Erdichtungen zum Nachteile des Gegners dem Grafen zu hinterbringen, der nicht selten Heinrichen einen Verweis daruber geben liess. Eines Tages ging es so weit, dass ihn der Graf, als er ihn von ohngefahr auf der Treppe traf, in Gegenwart seines ganzen Gefolgs und des Anklagers derb ausschalt, weil er diesen die 'Meerkatze des Grafen' genannt hatte. Heinrich, uber die Vorwurfe und das triumphierende Gelachter seines Gegners aufgebracht, antwortete bitter: "O ich hab ihm noch zuviel Ehre angetan; Ihre Hofsau hatt ich ihn nennen sollen." Der Graf vergass sich in der Hitze so weit, dass er ihm mit hoher Hand auf der Stelle eine Ohrfeige gab.
Wie angewurzelt stand der Beleidigte da und wusste nicht, ob er dem Grafen nachgehen und sich durch starkre Empfindlichkeiten rachen oder dem Buben, der vor Freude hupfte, die Kehle zudrucken sollte: itzt ging er, itzt stund er, knirschte mit den Zahnen, schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn, dass es laut schallte, seufzte, lehnte den Kopf an die Wand und brach vor Schmerz uber seine ohnmachtige Wut in eine Flut von Tranen aus.
Die Baronesse hatte durch eine schmale Eroffnung ihrer Tur den hasslichen Auftritt mit angesehn: schon war sie auf dem Sprunge, sich zu verraten und dazwischenzulaufen, als der Graf ausholte, allein zu ihrem Gluck blieb sie mit der Falbala am untersten Riegel hangen, und ehe sie sich losriss, war die Ohrfeige schon empfangen und ihr Onkel fortgegangen. Sie tat einen lebhaften Ruck, dass ein grosser Teil der Garnitur an dem Riegel zuruckblieb, und eilte auf Heinrichen zu, wie er mit dem Kopfe an der Wand lehnte. Sie legte beide Hande auf seine Schultern, um ihn abzuziehen, trostete und bat ihn, sie in ihr Zimmer zu begleiten. "Ich bin allein", setzte sie hinzu, "Hedwig ist bei der Grafin." "Lassen Sie mich!" rief er mit schmerzhaftem Tone und ging die Treppe hinunter stund ging uber den Hof stund wieder ging in den Garten ein paar Gange aufwarts mit untergeschlagenen Handen und gesenktem Haupte, so tief in seinen Schmerz verloren, dass er an Baume rennte, weder horte noch empfand. Die Baronesse folgte ihm stillschweigend Schritt vor Schritt sehr nahe auf den Zehen. Er kam an einen Teich: Die Baronesse hatte schon die Hand am Rockzipfel, um ihn aufzuhalten, wenn er im Tiefsinne das Wasser nicht gewahr werden sollte: der Fuss war bereits aufgehoben, um ihn in den Teich zu setzen die Baronesse zog ihn zuruck: ohne sich des Zuges bewusst zu sein, erwachte er, erblickte das Wasser, trat zuruck und stund da. Er warf sich in den Sand hin, die Baronesse fluchtete hinter einen nahen Baum. Plotzlich sprang er auf, mit einer Bewegung, als wenn er sich in den Teich sturzen wollte: dass er wirklich die Absicht hatte, ist nicht zu leugnen: aber der Entschluss war nur ein schneller Stoss, eine Verzuckung der Leidenschaft, und er hielt sich schon zuruck, als die Baronesse hervorbrach und ihm um den Hals flog. Als wenn er noch immer bereit ware, seinen Vorsatz auszufuhren, packte sie ihn in ihrer Umarmung fest und trieb ihn mit aller Gewalt vom Wasser hinweg.
Der Ubergang von Schmerz und Krankung zur Liebe ist nur ein halber Schritt: die zartliche Stellung, in welcher er sich mit der Baronesse befand von ihren Armen festumschlungen und dicht an ihren klopfenden Busen gedruckt, dass ihr Odem sein Gesicht betaute ihr Mitleid, ihre Vorsorge , alles drangte in einem Tumulte auf seine Empfindung los und spannte ihre Federn so stark an, dass er sein Gesicht an ihren Busen verbarg und heisse Tranen hineinstromte: beide zerflossen in einer Inbrunst, die auch Ulrikens Augen trubte. Bei der Baronesse erwachte Besonnenheit und Scham zuerst: sie machte ihre Arme los und schob ihn von der Brust hinweg: der Schwung, den Zorn und Wut seiner Seele gegeben hatte, machte ihn dreist: er wiederholte eine Umarmung, die seinen Schmerz so merklich in sanfte, erleichternde Empfindungen verwandelte, und zog Ulriken mit sich unter den Baum hin: der Sturz entdeckte ihm ein Knie, das die Natur nur einmal in solche Form goss, das ihm Neuheit und wallende Imagination in dem Augenblicke mit Reizen belebten, die alle seine Sinne benebelten: er war berauscht, er lechzte vor innerlicher Glut. Ulrike wand sich zum zweiten Male los: beide sahen ins Gras und schwiegen.
"Ach, unmoglich kann ich aus dem Hause gehn", fing Heinrich an, "ich muss meinen Schimpf tragen den entsetzlichen Schimpf!"
Die Baronesse. Du? aus dem Hause gehn?
Heinrich. Ja, ich muss: aber ich kann nicht; und wenn ich alle Tage bis aufs Blut gequalt wurde, ich kann nicht! Ulrike, wie mach ich's, dass ich mir nicht gram werde, wenn ich bleibe?
Die Baronesse. Rachen muss du dich an dem Lotterbuben! Rache dich, und dann geh! Geh aus dem Hause und , lieber Heinrich, nimm mich mit dir! Das ganze Schloss ist mir zuwider, dass ich's nicht gern ansehe. Man wird seines Lebens nicht froh darinne: das ist eine ewige Langeweile, ein ewiger Zwang: das Reprimandieren, Korrigieren hat gar kein Ende. Ich muss mich bucken und schmiegen und werde verachtet, weil ich aus Gnade im Hause bin: die geringste Kleinigkeit muss ich mir als eine grosse Gnade anrechnen lassen und kurz, ich bin des Lebens satt. Nun soll ich auch noch dem Schandbuben, dem Jakob, aufwarten: noch gestern hat mich der Onkel seinetwegen ausgescholten, dass ich
Sie verstummte mit Tranen. Heinrich knirschte. "Ja", sprach er, "rachen wollen wir uns und gehn! Aber wohin?" setzte er bedenklich hinzu.
Die Baronesse. Wohin uns unsre Fusse tragen! Ich kann ja Putz machen, nahen, stricken und tausend andre solche Arbeiten: ich will mich indessen als Kammerjungfer vermieten: aber es muss weit, weit sein, dass Onkel und Tante nichts von mir erfahren und wenn du einmal einen Dienst bekommst mochte er auch noch so klein sein ach, lieber Heinrich, wenn du das wolltest!
Sie senkte den Blick und schwieg.
Heinrich. Baronesse
Die Baronesse. Nenne mich nicht mehr Baronesse! Ich bin dem Namen feind: er klingt viel zu fremd fur uns; und ich will's von nun an nicht mehr sein.
Heinrich. Ulrike, hier ist meine Hand! Ich wandre aus: ich suche einen Dienst, der uns ernahren kann; und dann ach, liebe Ulrike, wenn du das wolltest!
Stillschweigend zog sie einen kleinen goldenen Ring bedachtlich vom Finger. "Hast du keinen Ring?" fragte sie leise.
Heinrich. Ja, aber nur einen bleiernen, den mir einmal ein armer Hausierer fur ein Almosen geschenkt hat.
Die Baronesse. Schadet nichts! bleiern oder golden!
Sie steckte ihm den ihrigen an den Finger. "Er passt", sprach sie freudig, "als wenn er fur deinen Finger gemacht ware. Gib mir deinen bleiernen dafur!"
Heinrich. Noch heute!
Die Baronesse. Geh, suche einen Dienst! und dann Heinrich, du haltst Wort?
Heinrich. So gewiss, als ich dir diese Hand gebe! Du wirst Kammerjungfer: und dann Ulrike, wenn gehn wir?
Die Baronesse. Bald! denn der Onkel liess neulich ein Wort fallen, dass er mich nach Dresden zu einer alten Anverwandtin tun wollte: da wird vollends ein hubsches Leben angehn! Ich gramte mich zu Tode. Wir mussen ja eilen!
Heinrich. Die Minute geh ich mit dir, dass ich nicht wieder in das schandliche Haus darf.
Die Baronesse. Komm! wir wollen sehn, ob die Tur offen ist! Sie gingen wirklich, um auf der Stelle einen Anschlag auszufuhren, dessen nur ein unbesonnenes Madchen im sechzehnten und ein beleidigter Bursche im funfzehnten Jahre fahig ist: allein zu ihrem Glucke war die Tur verschlossen. Zudem besann sich auch die Baronesse unterwegs, dass sie den bleiernen Ring noch nicht bekommen habe, und drang also in ihren Begleiter, zuruckzukehren. Auf dem Ruckwege vertraute sie ihm eine andre Entdeckung, die nach ihrer Meinung fur ihr kunftiges Gluck sehr heilsam sein sollte. "Du weisst vielleicht", sagte sie, "dass mein Vater sehr viele Schulden hinterlassen hat, und nach seinem Tode haben die Leute, von denen er borgte, alles weggenommen. Nun sass ich ehegestern auf dem Sofa in der Tante Zimmer und stickte an der Weste, die wir dem Onkel machen: er sprach mit der Tante im Nebenzimmer. Ich horte meinen Namen nennen: gleich warf ich die Arbeit hin und horchte. 'So ware doch Ulrike', sprach der Onkel, 'keine schlechte Partie, wenn wir Friedrichshain' das ist ein Gut von meinem verstorbnen Vater 'aus dem Konkurse ziehen konnten: es ist offenbar, dass man's nicht dazu hatte nehmen sollen: aber meiner Schwester Mann war nachlassig, und die Advokaten haben das so ineinander verwickelt, dass vielleicht zuletzt weder Glaubiger noch Erben etwas bekommen werden: indessen einmal muss doch die Sache ein Ende nehmen, wenn's auch noch einige Jahre hin dauerte.' Weiter konnt ich nichts horen: denn sie gingen ins chinesische Zimmer." "Sieh einmal, Heinrich!" rief sie, ausser sich vor Freude, "wie reich wir noch werden konnen! Wenn ich das itzt schon hatte, braucht ich nicht erst Kammerjungfer zu werden. Ich weiss auch gar nicht, was fur schandliche Menschen die Advokaten sein mussen, dass sie die Sachen so verwikkeln. Sie konnen das wohl so mit ansehn: sie haben, was sie lieben ach", unterbrach sie sich plotzlich, "dort kommt die dicke Hedwig. Ich will zu den Erdbeeren gehen und tun, als wenn ich fur den Onkel pfluckte. Hurtig! geh, dass sie dich nicht sieht!"
Ein Handedruck und ein freundlicher Blick war der Abschied. Zween Schritte! dann kam sie wieder zuruck. "Heinrich", zischelte sie, "du wirst doch den bleiernen Ring nicht vergessen?" Er versicherte sie das Gegenteil, und sie flog zu den Erdbeeren und hatte schon eine ziemliche Menge gepfluckt, als Fraulein Hedwig ankam. Die Baronesse freute sich uber ihre gelungne List und die Leichtglaubigkeit ihrer Gouvernante, die wegen eigenen Herzenskummers die Richtigkeit ihres Vorwands weder bezweifelte noch untersuchte. Sie pfluckten beide in Gesellschaft. Die Baronesse beklagte sich, dass sie ihren Ring verloren habe. Die Gouvernante, die sonst bei solchen Gelegenheiten wie ein Lowe aufbrullte, antwortete nichts als ein gleichgultiges "So?". Sie suchten unter den Erdbeerstrauchern, fanden ihn nicht und gingen beide fort, ohne sich weiter daruber zu beunruhigen.
Das Projekt der Entfliehung beschaftigte seitdem die Baronesse unaufhorlich. Jeden Morgen legte sie ihr Schlafzeug in ein kleines Paket zusammen und an das unterste Ende des Bettes: ihre diamantnen Ohrgehange trug sie in der Tasche nebst dem kleinen Geldvorrate, der sich nie sehr hoch bei ihr belief, weil sie aus Gutherzigkeit jedem gab, der etwas brauchte. Etwas weniges Wasche wurde in einem alten Pavillon im Garten hinter aufgeschutteten Ziegelsteinen verborgen und bei Gelegenheit auch ein Schachtelchen, mit den Instrumenten aller weiblichen Arbeiten angefullt, welche sie verstund und wodurch sie ihren Unterhalt zu finden hoffte. Ihre Vorsorge ging so weit, dass sie sogar Seide, Goldfaden und andere Materialien zusammenpackte, und je langer sich die Flucht verschob, je mehr fand sich mitzunehmen, dass sie zuletzt einen Maulesel gebraucht hatte, um ihr Gepacke fortzubringen: uberdies musste sie sehr viele Sachen, wenn nach ihnen gefragt wurde, oft wieder auspacken. Um sich dieser Unbequemlichkeit zu uberheben, hielt sie fur dienlich, ihre Geratschaft bloss in der punktlichsten Ordnung zu erhalten, jedem Stucke den bestimmtesten Platz anzuweisen und es nach jedesmaligem Gebrauch punktlich wieder dahin zu legen, um erforderlichenfalls in einer Viertelstunde sich reisefertig zu machen. Fraulein Hedwig wunderte sich ungemein, woher ihr plotzlich diese ungewohnte Ordentlichkeit kam, und die Grafin meinte, dass sie anfinge, die Kinderschuhe auszutreten. Die nahe Aussicht, nach ihren Begriffen aus einem Kerker erlost zu werden, gab ihr die freudigste Munterkeit: die Hoffnung begeisterte sie so sehr, dass sie auch die langweiligsten Stunden mit Standhaftigkeit ertrug und die lastige Gesellschaft des Grafen ohne den mindesten Verdruss aushielt: sosehr es ihr sonst schwerfiel, das Mass der Anstandigkeit zu treffen, das sie nach seinem Verlangen ihren Reden und Handlungen geben sollte, so leicht fiel es ihr itzt. Der Graf fand sie ganz umgeandert und versicherte, dass vielleicht doch noch etwas aus ihr werden konnte. Ihre Geschaftigkeit und ihre Freude war ohne Grenzen: sie ging niemals, sie flog, getragen auf den Schwingen der Hoffnung.
Nicht weniger Anstalten machte auch Heinrich. Er war sogleich nach ihrer Trennung durch Hedwigs Dazwischenkunft ins Haus zuruckgegangen und hatte seinen Ring, um keinen Verdacht zu erwecken, an einem Faden um den Hals gehangt; und so trug er ihn bestandig unter dem linken Arme auf der blossen Haut, nicht etwa aus Empfindsamkeit diesem gekunstelten Hautgout in der Liebe, den er noch nicht kannte! , sondern weil er ihn auf diese Art am sichersten zu verbergen glaubte. Er ging etlichemal vor dem Zimmer der Baronesse vorbei, um ihr sein bleiernes Gegengeschenk einzuhandigen: sie erschien nicht. Endlich begegneten sie einander: Fraulein Hedwig ging neben der Baronesse, und also war nicht mehr Zeit, als verstohlen zu geben und verstohlen zu nehmen: wie ein Wind war der Ring an ihrem Finger, den sie auch nicht eher verliess, als wenn sie vor dem Graf oder der Grafin erscheinen musste, die sie verschiedenemal wegen dieser schlechten Zierde gescholten hatten und ihr drohten, das elende Ding zum Fenster hinauswerfen zu lassen, wenn sie es noch an ihrer Hand blicken liess.
Heinrich packte nach jener Ubergabe seines Liebespfandes nicht etwa Wasche oder andere ahnliche Bedurfnisse, sondern einen alten Seneka, einen Antonin und ein paar andre seiner Lieblingsbucher zusammen, setzte Feder, Papier und Tinte in Bereitschaft und dachte wie ein wahrer Neuling in der Welt, der voll Berauschung nicht uber die augenblickliche Ausfuhrung seines Projekts hinaussieht, mit einem solchen Reisebundel seine Wanderschaft anzutreten. Schwinger bemerkte die Unruhe, die die unaufhorliche Beschaftigung mit einem so wichtigen Anschlage hervorbringen musste: allein weil er glaubte, dass sie noch von der empfangnen Ohrfeige herruhrte, so ermahnte er ihn mit den auserlesensten Sittenspruchen zur Standhaftigkeit und mutigen Ertragung seiner Beleidigung.
Drittes Kapitel
Jakobs Vater fand, dass sein Sohn seinem Posten etwas schlafrig vorstund: ausser der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen, und zum offnen Zanke war es gar noch nicht gekommen. Er selbst war der Machinationen wider seine Kameraden uberdrussig und verlangte nach einer hohern Sphare zu seinem Wirkungskreise, und in diese Sphare gehorten Fraulein Hedwig und Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen: er hatte keine geringere Absicht, als dass sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem Hause sollten. Der Bewegungsgrund? Keinen hatte er, als weil er eine Ehre darein setzte, bei dem Grafen Einfluss zu haben, und weil es ihn mehr schmeichelte, durch seinen Einfluss andern zu schaden als zu nutzen: das Schicksal aller im Hause sollte auf seinem Willen beruhen wie das Geschick einer Welt auf Jupiters Winke. Er hatte, seinem grossen Entwurfe gemass, seine Aufmerksamkeit zuerst auf Fraulein Hedwig gewendet und ihr Verstandnis mit dem dicken Amyntas, dem Stallmeister, glucklich ausspioniert: versteht sich, dass es der Graf die Minute darauf erfuhr! Nachstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der Baronesse und Heinrichen ausgekundschaftet eigentlich zwar nicht ausgekundschaftet, ob er's gleich bei dem Grafen vorgab, sondern nur erdichtet, und passte ihnen nunmehr auf, um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche Umstande aufzusammeln. Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine mussige Nebenrolle spielen zu lassen, musste er sich sogar in die Grafin verliebt haben und also bei dem Schauspiele die lustige Person sein: kein Abend ging vorbei, wo er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt, die der Graf fur bare Wahrheit annahm und belachte.
Jakob wurde auf ausdruckliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt: er schlich den ganzen Tag auf dem Saale vor dem Zimmer der Baronesse wie ein lichtscheuer Vogel an den Wanden herum und haschte Fliegen, wenn auch keine da waren, und schielte seitwarts nach allen Vorubergehenden unter den gestraubten Augenwimpern hin. Jedermann scheute ihn, weil er einem Vater gehorte, den jedermann furchtete, und man vermutete gleich, dass er ein Spion sei. Weder die Baronesse noch Fraulein Hedwig ruhrten sich einige Tage von der Stelle: Heinrich tat zwar oft seinen Spaziergang in den Garten, aber fruchtlos: er durfte nicht einmal nach der geliebten Ture hinblikken. Die Baronesse wollte den Spion schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen, um mit Heinrichen Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen. Der Junge war ausserst genaschig: sie stahl also ihrer Gouvernante, die bestandig einen reichen Vorrat an Purganzen und Vomitiven zu eignem Gebrauche hatte, aus der Kommode soviel von beiden, als sie wegnehmen konnte, ohne die Verminderung der Apotheke sehr merklich zu machen. Die Medikamente wurden durch feine Offnungen in ein Paket gebackne Pflaumen verteilt, die praparierten Pflaumen in die Tasche gesteckt und in die Tasche ein grosses Loch geschnitten: sie lief so oft uber den Saal bald dahin, bald dorthin und liess bei jedem Gange eine Strasse von verlornen Pflaumen hinter sich, auf welche Jakob wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte hervorschoss und mit der aufgelesenen Beute an die Wand zuruckeilte, wo er sie begierig mit Fleisch und Kern verschluckte. Seine Fressbegierde machte die Dosis allmahlich so stark, dass er vor den Schmerzen der Wirkung nicht auf seinem Posten bleiben konnte. Er ging, dem Rufe der Natur zu folgen; und wahrend seiner oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit, auf die Treppe zu treten und so lange zu husten, bis Heinrich den Ruf verstand und herunterkam. Er musste sie ins Zimmer begleiten; und nun wurde unter Fraulein Hedwigs Vorsitz ein formliches Komplott wider den Spion geschmiedet; und die Baronesse schlug dabei, um sich von Zeit zu Zeit Operationsplane unentdeckt mitzuteilen, eine eigene Art von Korrespondenz vor.
Es war in dem Hause ein Pfanderspiel Mode, das man die Divination nannte. Eine Person in der Gesellschaft durchstach in einem bedruckten Blatte mit der Stecknadel einzelne Buchstaben, die, herausgesucht und zusammengesetzt, einen Sinn gaben, uberreichte das Blatt einer andern, die diesen Sinn heraussuchen musste. Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall, in einem Buche Buchstaben in der Ordnung durchzustechen, dass man sie, wenn das Blatt gegen das Licht gehalten wurde, ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte. Unter dem Vorwande, als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bucher borgte, sollte der Spion selbst ihr Bote sein und die heimliche Stecknadelschrift uberbringen. Fraulein Hedwig sah Heinrichen bloss als einen Gehulfen der Rache an, ohne dass sie seine Teilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb. Nach genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Tur, und bei der ersten Abwesenheit, zu welcher die Pflaumen die Schildwache notigten husch! war Heinrich die Treppe hinauf.
Die Korrespondenz nahm ihren Anfang: allein statt sich Entwurfe zur Rache mitzuteilen, liess man's einige Zeit bei einem verliebten Briefwechsel bewenden. Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer naturlichen, unschuldigen Sprache Zartlichkeiten, angenehme Erwartungen kunftiger Gluckseligkeit, leere Trostungen mit der Flucht kurz, alles, womit sich ein Paar Verliebte beunruhigen und aufrichten konnen. Jakob war so gierig nach den Buchern, die man ihm zu uberbringen gab, als nach den Pflaumen und fragte oft bei beiden Teilen an, ob nichts zu bestellen sei: sein Vater hatte ihm ausdrucklichen Befehl dazu gegeben, weil er sich jedesmal vor der Uberbringung das Buch zur Durchsicht zeigen liess, und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung darinne zu erwischen hoffte, wenn's auch nur ein gleichgultiges Zettelchen ware, das man dem argwohnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als sehr strafbar vorstellen konne. Er blatterte und suchte in den Buchern und fand niemals etwas.
Die Beschwerden, die Jakob nebenher allen im Schlosse verursachte, wurden immer druckender. Aus unseliger Gefalligkeit gegen ihren Gemahl hatte sich sogar die Grafin auf die Seite des Buben geschlagen: uberhaupt handelten, liebten und hassten diese beiden Leute bestandig wider ihre eigne Uberzeugung: ein jedes qualte sich mit Neigungen und Abneigungen, um dem andern zu gefallen, und die Grafin wurde an dem struppkopfichten Jakob zum wahren Martyrer der Politesse. Er war ihr bis zum Ekel widrig, wie sein Vater verhasst, und doch lobte sie das Ungeheuer in des Grafen Gegenwart, tandelte mit ihm, beschenkte ihn und erwies ihm tausend Gutigkeiten, behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem Vater Schmeicheleien uber die Annehmlichkeiten seines Sohns: sie ging in dieser traurigen Gefalligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die dem Jungen missfielen: man kann leicht raten, wer dies sein mag. Sie ging aus wahrer Abneigung gegen Heinrichen, den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachteiligem Lichte vorgestellt hatten, und in volligem Ernste damit um, ihn aus dem Hause wegzuschaffen; und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie, auf Mittel zu denken, wie sie ihm mit den wenigsten Unkosten zu einem Fortkommen ausser ihrem Hause behulflich sein konnte. Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der Ohrfeige fortjagen wollen, wie er's nannte, allein sein Maulesel verbot es ihm: dem Niedertrachtigen war es nicht genug, dass er mit einem so kleinen Zorne wegkommen sollte, und verzogerte durch verstellte Vorbitten bei dem Grafen seine Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte, wo sie mit grosserm Aufsehen geschehn konnte.
An Neckereien liess es sein Jakob nicht fehlen, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen. Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten fur ihr Taschengeld mit Begunstigung des Onkels bearbeiten lassen, worinne sie einige ihrer verliebten arkadischen Ideen ausfuhrte. Es war eine Laube darinne, kleine Rasenplatze, die Triften vorstellten, worauf sie ein kleines wollenreiches Schafchen mit einem roten Halsbande zuweilen selbst weidete, Kirschbaume mit eingeschnittenen Namen, die niemand entziffern konnte als sie, Blumenbeete, mit Thymian und Lavendel eingefasst, von welchen sie Kranze band, um ihre Laube damit zu zieren, auch ein Bach, der bei starkem Regenwetter Wasser und bestandig Mucken und Frosche in Menge hatte: sie versicherte in der Folge oft selbst, dass sie in dieser mit Kranzen behangnen Laube, ihr weidendes Schafchen vor sich, wahre Empfindungen arkadischer Gluckseligkeit genossen und in ihrer Einbildung eine Welt um sich geschaffen habe, in welcher sie zeitlebens traumen mochte. An einem Morgen, als sie dieser phantastischen Gluckseligkeit zueilte, fand sie alle ihre Kirschbaume zerschnitten, zerknickt, zum Teil umgerissen, ihre Blumen abgeschnitten, die Einfassungen ausgewurzelt, ihre Laube beschadigt: ihre ertraumte Welt war dahin und mit ihr ihre Gluckseligkeit, traurig sah sie auf die Ruinen ihres Glucks herab, weinte und beschwerte sich bei dem Onkel. Sie gab es dem heimtuckischen Jakob Schuld: und da der Bursche sich meisterlich auf das Leugnen verstund, so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise fur die Baronesse, dass sie einen Unschuldigen angeklagt habe und dass sie in ihrem Alter die Unanstandigkeit begehe, uber solche Kindereien zu weinen.
Jakob bekam Lust zu ihrem Schafchen, das sie seitdem mit stiller Wehmut zuweilen in dem verwusteten Arkadien geweidet hatte: ohne Anstand musste es ihm abgetreten werden und der Garten dazu, mit dem Bedeuten, dass sich eine sechzehnjahrige Baronesse mit ernsthaftern Vergnugen als mit solchen Kinderpossen die Zeit vertreiben musse. -"Stricke, sprich, nimm die Karten in die Hand! das ist anstandiger fur dich" belehrte sie der Graf.
Die Baronesse unterhielt sich aus naturlicher Freude an dem niedrigen Leben mit den geringsten Madchen, und nicht selten ging sie, wenn die Hintertur des Gartens offen war, auf der grossen Wiese, in einem Zirkel von Bettelkindern, spazieren, unter welche sie ihr Taschengeld austeilte: nicht selten gesellte sie sich zu den Magden und Fronern, wenn sie Heu machten, setzte sich unter sie, kaufte ihnen ein Stuck ihres groben Vesperbrots ab und ass mit ihnen, so vergnugt und heiter uber ihren dorfischen Scherz, als wenn sie dazu geboren ware. Jakob belauerte sie, zeigte es an, und auch dieses Vergnugen wurde ihr bei der scharfsten Strafe und in den scharfsten Ausdrucken untersagt.
Heinrichen konnte er im Grunde weniger anhaben, weil man sich um diesen weniger bekummerte: er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit Schwingern zu entzweien. Er goss ihm Tinte auf die Bucher oder auf die Wasche und beteuerte alsdann mit Schwuren, dass er's Heinrichen habe tun sehen. Er wollte Herr des Zimmers sein, despotisch befehlen, wo dieses, wo jenes stehn sollte, dass oft selbst der gutmutige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit Gewalt zuruckhalten musste. Heinrich hingegen war aller Zuruckhaltung uberdrussig: er widersetzte sich ihm itzt mutig und tat gerade von allem das Gegenteil, was er wollte: die Aussicht auf die nahe Flucht, wozu man nunmehr durch die geheime Korrespondenz den Tag angesetzt hatte, gab ihm unuberwindliche Herzhaftigkeit.
Vorher aber beschloss er Rache uber ihn, die er fur sich ohne Zutun der Baronesse ausfuhren wollte. Der Junge war so neugierig als genaschig: ein hellfarbiger Lappen, ein funkelnder Stein konnte ihn wer weiss wie weit locken. Heinrich hing also an einem Baum jenseits eines schlammichten, tiefen Grabens etliche bunte flatternde Bander auf, uberbaute einen schmalen Fleck des Grabens mit einigen dunnen Stecken, schuttete Erde darauf und bedeckte sie kunstlich mit Laub und Gras, dass man die Falle nicht vermutete. Jakob wurde durch eine Strasse von gestreuten Kirschen, die wie verloren dalagen, zu dem Orte gelockt: kaum erblickte er die wehenden roten Bander von weiten, als er nach ihnen hineilte: er hoffte eine Entdeckung zu machen, die er oder sein Vater zu jemands Unglucke brauchen konnte, hielt in der Ubereilung Heinrichs gebaute Brucke fur festen Boden, galoppierte auf sie hin, den Blick stier auf die roten Bander gerichtet pump! brach der betrugerische Steg ein, und Jakob lag bis an die Schultern im Schlamme: die Ufer des Grabens waren tief und fur ihn unersteiglich, sosehr er arbeitete, herauszukommen: er schrie, doch niemand horte ihn.
Sein Vater, der Graf und auch endlich die Grafin waren in der aussersten Verlegenheit, dass der werte Jakob sich verloren hatte: man suchte ihn mit Laternen und Fackeln und kam in den abgelegnen Teil des Gartens nicht, wo er im Schlamme seufzte: er musste die Nacht unmassgeblich mit dem feuchten Bette vorliebnehmen. Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt: der Gartnerbursche horte wohl, als er in die Nachbarschaft des Grabens zufalligerweise kam, etwas piepen, das einer Menschenstimme ahnlich klang: allein da es sich nicht in artikulierten Tonen naher erklarte, so ging er seinen Weg und liess es piepen. Zufalligerweise kommt er nach Tische in die Kuche, erzahlt sein piependes Abenteuer und ist beinahe der Meinung, dass die kleine Komtesse Fritzchen, die vor dreissig oder mehr Jahren, als der Graben noch Wasser hatte, nach der Sage des Stadtchens darinne ertrunken war, dies Klagelied angestimmt habe. Die Vermutung war nicht ubel ausgedacht: denn alle Gartnerburschen vor ihm hatten dergleichen Jammertone von dem ertrunknen Fritzchen gehort, und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gartnerburschen in den Besitz eines unausloschlichen Rechts geraten, allein mit Ausschliessung aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Fritzchen jammern zu horen. Der Bursche stand im Kredit eines grossen Verstandes und fand bald unter den Domestiken starken Anhang: alle erklarten seine Erklarungsart fur die einzige orthodoxe Meinung, nur der Koch, ein Heiducke und ein Jager, drei rohe Kerle, die weder Himmel noch Holle glaubten, waren Antifritzianer: der andere Jager war anfangs ein Zweifler, erklarte sich aber, als Not an den Mann ging, fur die orthodoxe Partei. Die Fritzianer konnten es nicht ertragen, dass sie ihre Gegner mit ihrem einfaltigen Glauben aufzogen und laut belachten: diese beriefen sich alle drei in einem Tutti auf die Unmoglichkeit der Sache; und jene setzten ihnen entgegen, dass es aber geschehen sei, und geschehne Dinge konne man doch nicht verwerfen.
"Es ist nicht geschehen", sagten die Antifritzianer.
"Es ist aber geschehen!" riefen die Fritzianer. "Moritz, hast du's nicht gehort?"
Wo war Moritz? Der kluge Sektenstifter, als er den Streit zu lebhaft werden sah, schlich sich heimlich aus der Kuche fort. Da also der Zeuge fehlte, schrankte man sich bloss auf eine Disputation uber die Moglichkeit der Sache ein. Die Fritzianer bewiesen aus der Geschichte alter Gespensterbegebenheiten die Wirklichkeit eines solchen Vorfalls: die Antifritzianer leugneten Faktum und Schlussfolge und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermarchen.
"Ja", sagte der Tafeldecker, ein heimlicher Antifritzianer,
"Moritz kann sich wohl geirrt haben: vielleicht ist es ein ungeschmiertes Schubkarrenrad gewesen"
"Oder eine Eule", schrie der Jager, der Antifritzianer.
"Oder eine Maus", rief der Heiducke
"Oder ein kranker Hammel", sprach der Koch
"Oder ein Schwein", unterbrach ihn der Heidukke
"Oder ein Esel", rief der Jager
"Oder ein Ochse", schrie der Koch
"Ihr werdet doch die drei Kerle nicht recht behalten lassen", zischelte der andere Heiducke, ein eifriger Fritzianer, einigen von seiner Partei zu: wie ein Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern, und in wenig Sekunden war der ganze Haufen entschlossen, recht zu behalten.
"Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab!" sagte der namliche Heiducke laut zu seiner Partei, um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen. "Die Kerle glauben nicht, dass eine Sonne am Himmel ist, wenn sie ihnen gleich den Kopf verbrennt."
"Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen!" erwiderte der Jager von der Gegenpartei, ein feiner Spotter. "Ihr Schopse glaubt jeden Quark frischweg, wie er auf die Erde fallt."
"Und ihr lebt wie die Saue in den Tag hinein und glaubt gar nichts", riefen die Fritzianer alle.
"Weil ihr Hornvieh, dumme Esel seid", rief der Koch pathetisch, "deswegen glaubt ihr alles. Ihr seid ja, straf mich Gott! so ochseneselganserindviehdumm wie die Ganse: die nehmen auch alles an, was man ihnen in den Hals stopft."
"Warte! ich will dich taufen, dass du einmal ein Christe wirst", sagte der Heiducke von der Gegenpartei, ein schlimmer Spotter, und goss ihm ein ganzes Gefass voll Wasser uber den Kopf, das ihm die Kuchenmagd, voll Arger uber des Kochs Unglauben, von hintenzu heimlich reichte.
"Macht die Tur zu!" rief der ergrimmte, triefende Koch zu seiner Partei, und im Augenblicke schlug sie der antifritzianische Jager zu. "So wollen wir dann", fuhr der wutende Kuchenmonarch fort, "die verfluchten Kerle sengen und brennen, bis sie nicht mehr glauben" und sogleich schleuderte er einen grossen Feuerbrand vom Herde unter die zitternden Fritzianer hin; seine Gesellen folgten dem Beispiele, und alle drei Antifritzianer ruckten, flammende Feuerbrande in den Handen, wider die Gegner an. Unter den bedrangten Fritzianern, die zwischen den Feuerbranden und der verschlossnen Tur im eigentlichsten Verstand in ecclesia pressa sich befanden, schlug sich einer die sengenden Funken vom Kleide, ein anderer loschte das rauchende Toupet, ein dritter druckte sich den wundgeschundnen Arm, und ein Teil floh hinter den Herd, um den Antifritzianern in den Rucken zu fallen. Es geschah wirklich. Dem Koche, der a la francoise, den Hut auf dem Kopfe, alle seine Verrichtungen tat, fiel plotzlich der Filz vom Haupte in seinen Feuerbrand, und er fuhlte eine gewaltige Hitze im Nacken: der fritzianische Heiducke, der ihn vorher ersaufen wollte, hatte ihm den zierlichen Crapaud, der seine Haare verschloss, in Brand gesteckt. Er musste hurtig loschen, seine Gesellen eilten, ihn zu rachen;
unterdessen sprengte die Gegenpartei die Tur auf und entfloh: die ubrigen machten sich die Unordnung des brennenden Kochs zunutze und entwischten gleichfalls.
Als sie sich von ihrer Flucht auf dem Hofe versammelt hatten, fassten sie insgesamt den Entschluss, nunmehr, da sie sich genug um die Wahrheit gezankt hatten, die Wahrheit zu untersuchen. Sie naherten sich in corpore dem Graben, horchten; es jammerte: "Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Menschenstimme ist", schrien sie alle. "Das muss der Koch horen!" Sogleich wurde eine Gesandtschaft an ihn abgeschickt, die ihn nach langen Weigerungen herbeibrachte. Er horchte, stutzte "Ja, es ist eine Menschenstimme", sagte er. "Siehst du, du unglaubiger Hollenbrand", rief der ganze Haufe auf ihn los, "dass es Komtesse Fritzchen ist?"
"Und wenn's der leibhafte Teufel ware", brach der zornige Koch wutend aus, "so zieh ich ihn bei den Hornern heraus" und so marschierte er auf den Graben los. Alle hielten ihn zitternd zuruck und baten, die Komtesse nicht mehr in ihrer Ruhe zu storen "lasst mich!" rief er, wand sich los und zog das grosse Kuchenmesser von der Seite "lasst mich! oder ich mach euch alle zu Gespenstern." Man furchtete die Drohung eines so grimmigen Mannes und liess ihn: er sah in den Graben hinunter die Klagestimme wurde immer lauter er sah ein menschliches Gesicht uber den Schlamm herausragen erkannte es: "Es ist der verfluchte Jakob", rief er. "Warte, du Schandbube! die Kehle will ich dir abschneiden, dass du uns so zum Narren gehabt hast." Er liess eine Leiter holen, stieg hinunter und zog den versunknen Jakob mit etwas sehr unsanfter Manier aus dem Schlamme herauf. Wie ein schwarzer Geist, mit Schlamme von oben bis unten uberzogen, lag er triefend am Rande da und musste sich noch obendrein von dem ganzen Haufen ausschelten lassen, dass er so grossen Zwiespalt unter ihnen erregt hatte.
Der Herr Vater hatte die Gewohnheit, wenn zwei oder drei Personen beisammenstunden, gingen und sprachen, sogleich sich bei ihnen einzufinden, um etwas von ihrem Gesprache aufzuschnappen: kein Wunder also, dass er hinter dem ansehnlichen Truppe des ganzen Hofgesindes, wie ein Wolf hinter der Schafsherde, augenblicklich nachfolgte! Der Koch uberlieferte ihm seinen Sohn mit dem Kuchenwitze, dass er ihm hier einen Schweinsbraten mit Kirschsauce zustellen wolle. Der Vater, zu beschaftigt mit dem Unglucke seines geliebten Erben, verschluckte den satirischen Einfall und wanderte unter Begleitung der samtlichen Domestiken ins Haus, um ihn saubern zu lassen. Alles lief an die Fenster, als sich der Zug durch die Allee naherte: Heinrich und die Baronesse waren nicht die letzten darunter, und mit der innigsten Herzensfreude sahen sie den pechschwarzen Jakob an der Hand des Vaters traurig daherwandeln, wahrend dass der begleitende Trupp sich mit mutwilligen Liedern uber sein Ungluck belustigte. Auf dem ganzen Schlosse war dieser Tag ein Freudenfest.
Das schlimmste war nur, dass dies Freudenfest ernsthafte Folgen nach sich zog. Der erboste Jakob und sein Vater wussten nicht, an wem sie sich fur sein Ungluck rachen sollten, und hielten sich, um nicht ganz ungerochen zu bleiben, an die Personen, die bei dem Schauspiele nicht geschaftig genug gewesen waren: der Gartnerbursche erhielt seinen Abschied, dass er dem wimmernden Jakob nicht nachgespurt, sondern sogleich, als er das Klaggeschrei gehort, wieder weggegangen war, ohne ihm herauszuhelfen. Der Koch wurde fur den beissenden Kuchenwitz, den er sich nach der Errettung des Buben entwischen liess, insofern suspendiert, dass er vier Wochen nicht mehr die Schokolade des Morgens fur den Grafen machen durfte, welches er bisher am besten gekonnt hatte: allein da der Grafsich bei dieser Suspension am schlimmsten befand, weil ihm seine Schokolade niemals schmeckte, so wurde sie wieder aufgehoben und in die Ungnade verwandelt, dass er alle Essen tadelte, wenn sie auch seinem Gaume noch so wohl behagten.
Viertes Kapitel
Jakobs Vater arbeitete indessen unermudet an der Ausfuhrung der Hauptrevolution, die er im Sinne hatte, und bestimmte das arme Fraulein Hedwig zur ersten Unglucklichen, die das Trauerspiel eroffnen sollte.
Ihr Verstandnis mit dem Stallmeister hatte er langst ausgekundschaftet, das ist bereits gemeldet worden: seit dieser Entdeckung suchte er auf alle Weise an den Liebhaber zu kommen und ihm sein Geheimnis abzulocken: es wollte lange Zeit nicht gehn. Endlich machte er ihn treuherzig. Er besuchte ihn oft auf seiner Stube und bat ihn oft zu sich, und weil der Stallmeister von der Vertraulichkeit und dem freundschaftlichen Umgange mit dem Lieblinge des Grafen nicht nur Ehre, sondern auch Nutzen hoffte, so lief er gerade in die Falle hinein, die ihm dieser aufstellte. Bei einem solchen Besuche, wo er mit einem guten Glase Wein aufgeraumt und offenherzig gemacht worden war, brachte der nuchterne Wirt den halbtrunknen Gast auf die Liebe und gab ihm auf den Kopf Schuld, dass er bei Fraulein Hedwig in grosser Gunst stehe. Der Stallmeister lehnte die Beschuldigung lachend von sich ab. "Leugnen Sie nur nicht!" rief der Bosewicht, "der Graf weiss es lange." Der Stallmeister war des Todes vor Schrecken.
"Was ist's denn nun weiter!" fuhr jener fort. "Fraulein Hedwig hat's ihm selber gesagt: sie mochte gern gar mit Ihnen getraut sein."
Der Stallmeister sass da, sagte kein Wort und schwebte mit seinem wirblichten Kopfe zwischen Glauben, Zweifel und Verwundrung umher.
"Der Graf wollte gar nicht", redete jener weiter, "aber ich hab ihm zugesetzt; und wenn Sie mir ein gutes Wort geben, so bring ich's dahin, dass Ihnen der Graf seine Einwilligung gibt."
"Gehn Sie! machen Sie das einem Kinde weis!" unterbrach ihn der Stallmeister.
"Ich dachte", erwiderte der andre, "Sie wussten, wieviel ich bei dem Grafen ausrichten kann. Nur ein Wort soll mir's kosten: ich hab ihn so schon auf Ihre Seite gezogen. Setzen Sie eine Supplik auf! bitten Sie den Grafen um seine Einwilligung, und ich will sie ihm ubergeben. Es ist ja doch keine Kleinigkeit, ein Fraulein zu heiraten."
Allmahlich gelang's ihm, durch sein Zureden und Versicherungen eines guten Erfolgs dem leichtglaubigen Stallmeister das Vertrauen abzugewinnen: es ging so weit, dass er seinem Spione den ganzen Liebeshandel beichtete und morgendes Tages eine Supplik aufzusetzen versprach; und er schmeichelte sich darum mit den gunstigsten Erwartungen, weil er seit einiger Zeit bei dem Grafen in vorzuglicher Gnade zu sein glaubte, was ihm der Betruger, der ihn itzt im Netze fing, uberredet hatte.
Freudig ging der Bosewicht, als ihn der Stallmeister verliess, zu Fraulein Hedwig und wunschte ihr geradezu zu ihrer Vermahlung Gluck. Sie riss die grossen Augen ellenweit auf.
"Der Graf", fuhr er fort, "ist nicht ungeneigt dazu: ich hab ihn daruber gesprochen. Sie wissen, dass ich Ihnen bestandig beim Grafen das Wort geredet habe, und es sollte mir eine rechte Freude sein, wenn ich ihn dahin bringen konnte, dass er in Ihre Heirat willigte."
Fraulein Hedwig tat entsetzlich verwundert, leugnete aus allen Kraften und war hundert Meilen weit von einer Sache entfernt, die sie gleich beim ersten Worte erriet.
"Leugnen Sie nur nicht!" versetzte jener mit dem vertraulichen Tone, womit er jedermann anzureden pflegte. "Der Herr Stallmeister hat mir die ganze Sache anvertraut; und ich werde mein moglichstes tun, so einen braven Mann, meinen Herzensfreund, glucklich zu machen. Er hat bei dem Grafen angehalten."
Fraulein Hedwig wollte in Ohnmacht sinken: aber sie besann sich hurtig anders.
"Reden Sie nur selber mit dem Grafen: und das heute noch! Stellen Sie ihm nur vor zwar das werden Sie besser zu sagen wissen als ich. Gehn Sie lieber itzo zu ihm, damit ich auf den Abend mit ihm die Sache zustande bringen kann. Ich habe schon mit dem Grafen uberlegt, dass er wohl wird geadelt werden mussen; und wir finden's billig, dass man die wenigen Taler an so einen braven Mann wendet. "
Fraulein Hedwig hupfte im Herzen vor Entzucken, traute aber noch nicht ganz.
Er setzte noch starker in sie und machte das verliebte Fraulein durch die vielfaltigen Versicherungen, was er und der Graf fur sie tun wollten, so kirre und seine verdammte Luge so wahrscheinlich, dass sie ins Garn hineineilte, zwar nichts ausdrucklich bekannte, aber doch mit dem Grafen daruber zu reden versprach.
Sie rennte vor Freude und Hoffnung, als er fort war, das Zimmer auf und nieder: itzt wollte sie gehn, hatte die Tur schon in der Hand, liess sie hurtig fahren und ging zuruck: itzt war sie schon an der Treppe, bebte und ging wieder ins Zimmer, itzt schopfte sie Herz, uberdachte die Rede, die sie halten wollte, triumphierte uber die Schnelligkeit, mit welcher sich ihr Gedanken und Ausdruck darboten, und uber die Wirkung, die sie sich davon versprach. "Aber wenn nun der Graf nicht einwilligen wollte!" fuhr ihr durch den Kopf:
sie zitterte vor Entsetzen uber die Vermutung. Die Lebhaftigkeit ihrer Wunsche richtete sie bald wieder auf; sie sah sich schon am Altare, schon in den Armen ihres dicken Amyntas, schon wie ein Zephir flog sie mit ihren bleiernen Fussen die Treppe hinunter, die andere hinauf, den Korridor durch da stand sie im Vorzimmer des Grafen! Es wollte ihr das Herz abdrucken: kaum konnte sie dem Bedienten, der die Aufwartung hatte, stammelnd sagen: "Melde Er mich!" und kaum war er hinein, so wollte sie ihn schon wieder zuruckziehn. Gutige Gotter! er kommt heraus, macht den Turflugel weit auf, der Graf steht wartend da, sie muss hinein.
Kein Dieb, der zum erstenmal stahl und zum ersten Male ertappt wurde, kann mit solcher Angst im Verhor auftreten als die arme Hedwig vor dem Grafen. Sie stotterte, fing ihre Rede zehnmal an und blieb zehnmal stecken und hatte schon funf bis sechs vollige Minuten gesprochen, ohne dass der Graf wusste, was sie wollte, ob er sie gleich oft genug darum befragte. Endlich brach ihre Beredsamkeit durch: sie bat deutlich und vernehmlich um die gnadige Erlaubnis, einen ihrer grossten Wunsche zu vollziehen und sich mit dem Stallmeister zu vermahlen. In dem Gesicht des Grafen stieg ein sehr ungnadiges Donnerwetter auf und zog sich von der aussersten Nasenspitze bis zu der nordlichen Breite der Stirn hinan, dass zuletzt diese ganze Halbkugel seines Kopfs eine grosse Gewitterwolke war. Leugnen konnte sie nicht: denn sie hatte sich zu bestimmt ausgedruckt; und eherne Federn und steinerne Griffel vermogen nicht die Wut zu beschreiben, mit welcher das Gewitter losbrach: das war ein Orkan, wie ihn noch kein Seefahrer ausgestanden hat! und Fraulein Hedwig kroch, wie ein Vogelein in einen hohlen Baum vor dem lossturzenden Schlossenwetter flieht, angstlich ruckwarts nach der Tur und schlich mit gebeugter Seele zu ihrem Zimmer zuruck, nahm niederschlagend Pulver, Rhabarber, Sennesblatter und Gott weiss was mehr, konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen: sie dachte vor Kummer gar nicht daran, dass sie betrogen war.
Sogleich nach ihrem Abtritte musste der Betruger, dem sie ihr Ungluck zu danken hatte, zum Grafen kommen: er wollte sich zu Tode lachen, als ihm der Graf das Vorgefallne erzahlte. "Nun denken Sie einmal!" setzte der Gewissenlose hinzu, "der Stallmeister hat mich schon lange geplagt, ich soll eine Supplik von ihm ubergeben, worinne er um das namliche anhalten will. Wer weiss, was vorgefallen ist? Der Umgang ist schon alt: aber ich hab Ihnen nur nicht das Herze damit schwer machen wollen."
Der Graf knirschte vor Wut und wollte beide gleich aus dem Schlosse jagen lassen: allein er durfte nicht; denn sein Maulesel sagte ihm, er sollte das nicht tun. "Ich will mir morgen die Supplik geben lassen," sprach er, "und dann wollen wir miteinander uberlegen, was zu tun ist."
Der Graf, dem alles sklavisch gehorchen musste, gehorchte dem befehlenden Rate dieses Mannes wie ein Schulknabe. Indessen wurde die Grafin durch ihn von der nahen Verunehrung ihres Hauses unterrichtet: sie liess die Delinquentin rufen und bekam die Entschuldigung zur Antwort, dass ihr nicht wohl sei. Den Morgen darauf liess man die Entschuldigung nicht mehr gelten: sie musste sich schlechterdings stellen: die Grafin liess sie, ihrer Sanftmut ungeachtet, hart an und befahl ihr vorlaufig, ihr Paket zusammenzumachen. Sie fiel auf die Knie: die Grafin verwies ihr diese Erniedrigung und ebensosehr ihre Unbesonnenheit, dass sie sich mit einer so seltsamen Bitte an ihren Gemahl gewendet hatte. Sie wollte die Betrugerei erzahlen, die sie dazu verleitete, aber ihr Schluchzen machte jedes Wort der Erzahlung unverstandlich. Ungetrostet und ungerechtfertigt musste sie hinweggehn.
Der Stallmeister, der nichts hievon erfahren konnte, sass die ganze Nacht durch und buchstabierte mit schwerer Muhe eine Supplik zusammen und brachte sie mit dem fruhsten Morgen seinem vermeinten guten Freunde und Beschutzer, der sie augenblicklich zum Grafen trug. Der betrogne Mann wartete voller Ungeduld im Vorzimmer und bekam endlich zur Antwort, dass er gegen Abend die Willensmeinung seines Herrn erfahren solle. Seinem Glucke so nahe, bildete er sich ein, dass es ihm wohl erlaubt sei, die hochwohlgeborne Braut auf ihrem Zimmer bei Tageslicht zu besuchen: er eilte auf den Fittichen der Liebe zu ihr, eine frohliche Botschaft zu hinterbringen, die sie nach seiner Meinung aus seinem Munde zuerst erfuhr, und Gotter! wie stutzte der Mann, als er seine breitschulterichte Chloe wie er sie sonst nennen musste in Tranen zerfliessend, bleich und voller Betrubnis erblickte. "Gehn Sie!" rief sie ihm entgegen, "Sie sind die Ursache meines Unglucks: ich mochte, dass ich mich niemals vom bosen Feinde hatte verfuhren lassen, Sie zu lieben. O Tartarus! schlinge mich in deinen flammenden Wanst hinab!"2 Mit dieser pathetischen Ausrufung ging sie ins Kabinett und schloss hinter sich zu. Der erstaunte Liebhaber sah sich im Zimmer um, klatschte mit dem spanischen Rohr dreimal an die gewichsten Stiefeln und ging seinen Weg.
Unmittelbar nach aufgehobner Tafel wurde Fraulein Hedwig angedeutet, dass man im Stadtchen eine Wohnung ausgemacht habe, wo sie kunftig residieren und wohin sie sich nebst ihren samtlichen Effekten in der Dunkelheit des Abends begeben solle: um ihr Exilium nicht ganz trostlos zu lassen, versprach ihr der Graf eine jahrliche kleine Pension, doch mit dem Vorbehalt, dass sie nie seinen ungnadigen Augen mit ihrem Antlitze in den Weg kommen sollte. Durch den namlichen Boten erhielt auch der Stallmeister seinen Abschied nebst dem Befehle, sich nie wieder in den Grenzen der graflichen Herrschaft sehen zu lassen, wenn er nicht mit kraftigen Prugeln bewirtet sein wollte. Niemand wusste, was einen so schnellen Sturm bewirkt hatte: der Stallmeister selbst wusste nicht, was und wie ihm geschah: er suchte seinen Beschutzer, um nach der Beschaffenheit der Sache zu fragen:
dass sich der heimtuckische Bosewicht nur mit einem Auge hatte blicken lassen! Er wollte sein geliebtes Fraulein sprechen, um ihr den gestrigen Groll zu nehmen; er durfte nicht:
ohne Abschied und ohne sein Verbrechen gewiss zu erfahren, musste er in einer Stunde das Schloss und denselben Abend noch die Stadt raumen.
Die Baronesse hatte nie sonderliche Ursache gehabt, ihre Gouvernante zu lieben: doch itzt, da es zum Aussersten kam, bat sie bei dem Grafen und der Grafin fur sie; aber sie besturmte Felsenherzen: es blieb bei der gegebnen gnadigen Verordnung, und Fraulein Hedwig ging des Abends zwischen neun und zehn Uhr, ohne vor Scham von jemandem Abschied nehmen zu konnen, noch jemanden, der ihr begegnete, ansehen zu konnen, aus dem schonen Schlosse, schloss sich in ihr kleines angewiesenes Stubchen und kam in einem ganzen Monat nicht offentlich zum Vorschein und verfluchte den bosen Feind, der sie zu der Sunde verleitet hatte, einen Menschen unter ihrem Stande zu lieben, samt seinem bosen Werkzeuge, den dicken Stallmeister mit der funkelnden gelbledernen Chaussure.
Der Maulesel triumphierte uber den abermaligen Lorbeer, den ihm seine boshafte List uber ein paar Menschen erworben hatte, uber den abermaligen Beweis seiner Macht uber den Grafen und dachte auf nichts Geringers, als das Haus in kurzem ganz rein von allen Personen zu machen, die ihm nicht ganz anstunden oder nicht zu seiner Fahne schworen wollten: der Graf selbst war bei allem Zorne und Unwillen im Grunde uber die hofmassige Revolution sehr erfreut, und die Grafin wartete eine gunstige Gelegenheit ab, das Schicksal der armen Hedwig zu mildern.
Funftes Kapitel
Sosehr die Baronesse uber diese plotzliche Trennung bewegt war, so merkte sie doch bald den Vorteil, den sie ihr verschaffte: sie war nunmehr ohne Aufsicht und konnte ihren Heinrich sprechen, wenn es ihr beliebte. Schwinger hatte zu dem vorzuglichen Verstande seines Freundes ein zu unumschranktes Vertrauen und liess ihm itzt wirklich mehr Freiheit, als er sollte. In der ersten Beratschlagung, die sie in diesem Interregnum auf der Baronesse Zimmer hielten, riet Heinrich aus allen Kraften die Beschleunigung der Flucht: er drang so lebhaft darauf, dass sie bald beide einig waren, Tag, Stunde und andre Umstande festsetzten, und vorher noch eine Rache an ihrem gemeinschaftlichen Feinde beschlossen.
Jakob besuchte vermoge seiner Genaschigkeit sehr fleissig einen Baum voll grosser, lockender spanischer Kirschen, die man fur die Ehre, von dem Grafen gegessen zu werden, aufhob. Jedermann floh die Gegend dieses Baums wie einen den Gottern geheiligten Ort, um nicht den Verdacht eines vorgehabten Diebstahls wider sich zu erregen: nur Jakob wagte es, einen solchen Raub oft zu begehn und nahm seine Massregeln so gut, dass er nie ertappt wurde. Heinrich, der es wusste, riet dem Gartner, etliche Schlingen dabei zu legen: anfangs wollte er aus Furcht vor dem Vater nicht daran, doch endlich liess er sich bereden. Bei dem nachsten Diebstahle, der allemal in der Dammerung geschah, fand sich der Dieb plotzlich gefesselt; Furcht und Mangel an Kraften hinderten ihn, sich von den unschadlichen Stricken loszumachen. Zudem war die Falle sehr kunstlich und mit einem Gewichte versehen, das den Knoten fest zuzog. Der Gartner lauerte hinter einer Hecke und eilte sogleich, es anzuzeigen: allein statt der Belohnung erhielt er einen Verweis, und zur Bestrafung sollte er einen Monat lang nicht die Gnade haben, dem Grafen sonntags fruh ein Bukett zu uberreichen. Der Dieb kam los und wurde derb von seinem Vater ausgescholten, dass er sich hatte ertappen lassen; und weil dem Gartner in dem ersten Unwillen uber seine misslungenen Massregeln ein Wortchen entwischte, dass Heinrich sein Ratgeber dabei gewesen sei, und Jakob dem Ratgeber Vorhaltungen daruber tat, auch ein paar Drohungen mit Rache hinzusetzte, so war dies ein neuer Sporn, die Flucht um keine Stunde weiter hinauszuschieben.
Heinrich ging seit dieser zweiten Festsetzung eines so nahen Termins bestandig angstlich um Schwingern herum: wenn er ihn anblickte, senkte er die Augen oder kehrte sich weg, um Tranen zu verbergen: jede Gipsbuste schien einen wehmutigen Blick auf ihn zu werfen, jedes sonst geliebte Buch erinnerte ihn an eine schmerzliche Trennung. Seine Unruhe trieb ihn von einem Orte des Zimmers zum andern: nirgends fand er langer als eine Minute Rast. Wohl zehnmal ging er des Vormittags an den Ort, der zur nachmittagigen Zusammenkunft bestimmt war, besah ihn starr von allen Seiten: es war ihm, als wenn ein Zentnergewicht auf die beklemmte Brust fiel, er seufzte, zitterte, weinte und ging. Keinen Bissen konnte er des Mittags mit dem Munde beruhren, ohne dass der Gedanke in ihm aufstand: 'Der letzte, den du hier geniessest!' Itzt fuhlte er zum ersten Male, welch eine schwere Kunst es ist, leben zu wissen, und durch wie viele Schmerzen man diese Weisheit erkaufen muss. Je naher die Stunde ruckte, je beklemmter wurde seine Brust:
Tranen waren itzt nicht mehr in seiner Gewalt, sie rannen wie Bache herunter, dass es Schwinger bemerkte und eine Menge Mutmassungen machte, ohne die Wahrheit zu treffen.
Die Baronesse war ungleich besser daran: wen sie liebte, folgte ihr, und die sie verliess, liebte sie nicht. Voller Munterkeit, Freude und mutiger Hoffnung sprang sie nach der Ruckkunft von Tafel im Zimmer herum, warf sich in ein Neglige und setzte ihr Reisebundel in Bereitschaft: was sie zuweilen beunruhigte, war Furcht vor Entdeckung. Nur die Trennung von den Ortern, wo sie ihre phantastischen Arkadienfreuden genossen hatte, erfullte sie mit vorubergehender Wehmut; und sonst wunschte, hoffte, begehrte sie nichts, als dass die Stunde schlagen mochte, wo sie einander im Garten treffen wollten.
Wie Geschopfe, die von der ganzen weiten Welt nichts als die Spanne kennen, wo sie spazierengegangen und -gefahren sind, hatten sie ihren Plan angelegt: unbekummert, wer sie speisen und beherbergen werde, wenn ihr kleiner Geldvorrat aufgezehrt ist, wollten sie ihn ausfuhren. Sie glaubten, dass man auf unserm Planeten nur wollen durfte, um zu finden.
Graf und Grafin fuhren nachmittags spazieren: die Baronesse entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und blieb zu Hause. Diese daher entstandne Leerheit des Schlosses wollte sie nicht ungenutzt lassen-denn ein Teil der Domestiken begleitete die gnadige Herrschaft, und der andre war seinem eignen Vergnugen nachgegangen , sie sagte ihrem Zimmer ein stilles Lebewohl und wanderte in den Garten hinunter, lange vorher, ehe die anberaumte Stunde schlug, holte ihr Paketchen Wasche aus dem alten Pavillon herbei und legte es in das Kabinett, das zur Zusammenkunft bestimmt war. Darauf tat sie einen Spaziergang auf die Wiese hinter dem Garten, wo man Grummet machte. Sie liess sich mit einer von den Magden in ein Gesprach ein, wie sie schon sonst zu tun pflegte, wenn sie keine Aufsicht daran hinderte: sie lobte den Stand und die Beschaftigung des Madchens und wunschte darinne geboren zu sein: das Madchen bat sie, sich nicht so zu versundigen, und versicherte, dass sie lieber eine Baronesse als eine Dienstmagd sein mochte.
"Komm! wir wollen tauschen!" sagte die Baronesse lebhaft. "Gib mir deine Kleider, ich will dein Leben auf ein paar Stunden versuchen." Das Madchen weigerte sich lange: endlich liess sie sich zu der Maskerade bereden und wischte mit ihr seitwarts in ein Birkenbuschchen, wo sie ihre Kleider wechselten. Das Madchen sprang vor Freude in die Hohe, als ihr die weisse Kontusche und Rock auf dem Leibe hing und der Sommerhut auf ihren zerstorten bauerisch geflochtenen Haaren schwebte: wirklich nahm sich auch der schneeweisse Anzug zu den verbrannten Armen, blossen Fussen und Mulattengesichte ungemein drollicht aus: sie spazierte auf und ab und schwenkte den weissen Rock wie einen Uhrperpendikel: nichts bedauerte sie mehr, als dass der benachbarte Wassergraben zu schmutzig und das Stuckchen Spiegelglas nicht bei der Hand war, wobei sie gewohnlich ihre baurischen Reize ordnete. Die Baronesse nahm sich in ihrem neuen Anzuge nicht weniger gut aus: das Madchen hatte ihr mit Ehren nichts als einen streifichten, kurzen Rock abgeben konnen, weil sie ausser einem schwarzen Mieder, dessen sie nicht begehrte, nichts auf dem Leibe hatte. Das Madchen musste ihr die schone Frisur zerstoren, die sie herzlich gern auf ihren Kopf ganz unversehrt hinubergetragen hatte, und ihre Haare auf dem Wirbel in ein baurisches Nest winden. Da das Abtragen des vornehmen Gebaudes, das mit Haarnadeln wie mit grossen Balken durchzogen war, sehr viel Zeit erfoderte, so wurde die Bauerin bei ihrer Arbeit vermisst: der Vogt storte in den Buschen herum, um zu entdecken, ob sie sich vielleicht schlafen gelegt habe, und die beiden Damen hielten fur ratsam, tiefer in den Busch hineinzurucken. Die Umschaffung der Frisur nahm so viele Zeit hinweg, dass auf der Wiese Feierabend gemacht wurde und die Stunde der Zusammenkunft heranruckte. Die Arbeiter gingen unter dem Kommando des Vogts nach Hause, und die beiden Verkleideten durch den Busch auf einer andern Seite nach dem Garten hin. Anfangs war die Maskerade bei der Baronesse nur ein unuberlegter Einfall gewesen, um sich zu belustigen: doch itzt wollte sie Partie davon ziehen. Sosehr ihre Begleiterin ihre Bauerkleider wieder foderte, um nicht durch zu langes Aussenbleiben sich noch schwerere Strafen zuzuziehn, als ohnehin ihrer warteten, so bestund doch die Baronesse darauf, dass sie ihr den baurischen Anzug gegen ihr Neglige uberlassen, zu ihrer Mutter, die auf dem nachsten Dorfe wohnte, gehen und sie dort erwarten sollte. Das Madchen wusste sich aus dem Vorschlage nichts zu machen, glaubte zwar aus angewohntem Gehorsam, dass sie einer Baronesse aufs Wort folgen musse, sah aber doch auch einige unangenehme Szenen von seiten derjenigen voraus, die diesen Gerhorsam missbilligen konnten. Da nichts half, uberwand sie die Baronesse durch eine Luge. "Narrin!" sprach sie, "ich will meinem Onkel eine heimliche Freude machen. Morgen ist sein Namenstag: ich will mich bei deiner Mutter als eine Bauerin anziehen: gegen Mittag wird die Tante mit ihm ins Dorf kommen, und ich werde ihm einen Blumenstrauss uberreichen.Er wird mich vermutlich nicht kennen: da wollen wir rechte Freude haben. Die Tante hat mir's selbst befohlen; und ich wollte dir's anfangs nicht sagen, aus Furcht, du mochtest plaudern."
Nun war das Madchen auf allen Seiten sichergestellt, hupfte und freute sich uber den Spass und glaubte, dass Gehorsam gegen den Vogt dem Gehorsam gegen die Grafin und Baronesse nachstehen musse: sie schlich durch Busche und Straucher, um nicht gesehn zu werden, in dem weissen Neglige zu ihrer Mutter und verkundigte ihr mit lauten Freuden den hohen Besuch, der die heute noch beehren wurde. Die gute Mutter hatte so wenig Romane gelesen als ihre Tochter und argwohnte also nichts Schlimmes. Kaum war die uberredete Dirne fort, so begab sich die Baronesse ins Kabinett, um Heinrichen zu erwarten.
Der arme Bursche hatte endlich nach manchem Kampfe mit sich selbst, nach langem Hin- und Herwanken, seinem Herze einen Stoss gegeben und sich auf den Weg gemacht: allein da es ihm nicht moglich war, Schwingern zu entfernen, so liess er sein Reisebundel im Stiche. Sein Freund las in einem Buche, den Rucken nach der Tur gekehrt: gern ware er ihm um den Hals geflogen, aber er musste sich mit einem stillen Abschiede begnugen: er warf ihm einen Kuss stillschweigend zu und ging mit betranten Augen die Treppe hinunter. Schwinger las mit voller Aufmerksamkeit und wurde sein Weggehn nicht einmal gewahr.
Die erste Empfindung bei seinem Eintritte ins Kabinett war Erschrecken, weil er jemanden anders zu finden glaubte, als er wollte: aber die Stimme der Baronesse benahm ihm bald seine Besorgnis. Sie war voller Freude, so entzuckt, als wenn der Streich schon gelungen ware, und tadelte ihn wegen der Angstlichkeit, womit er einen schlimmen Ausgang befurchtete, wegen der Traurigkeit, in welche ihn die Trennung von Schwingern versetzte. Auch der Gedanke, wie nachteilig eine heimliche Flucht seiner Ehre sein konne, fuhr ihm oft wie ein Schwert durchs Herz: tiefsinnig, von innern Kampfen herumgetrieben, stund er da, und Ulrike konnte ihn mit allem Zureden, aller ihrer Freudigkeit nicht ermuntern: er wollte sich selbst in einen freudigen Taumel versenken, aber es ging nicht: in seinem Kopfe standen alle seine Nachbarn und Bekannten in grossen Haufen beisammen, redeten von seiner Flucht und scholten ihn einen Entlaufer.
Was weder Wille noch eine Leidenschaft sonst vermag, kann bekanntermassen die Liebe. Sie mussten in dem Kabinette bis zur volligen Dunkelheit eingesperrt bleiben: was war in diesem Zeitraum naturlicher, als dass man sich mit einigen Szenen kunftiger Gluckseligkeit unterhielt? Die Baronesse verfertigte schon ein ganzes vollstandiges Gemalde davon und begeisterte Heinrichs Einbildungskraft so stark, dass er auch das Gemalde durch manchen reizenden Zug verschonerte. Ebenso naturlich kamen sie allmahlich auf Szenen vergangner Gluckseligkeit, und ehe man sich's versah, waren Heinrichs Gedanken bei dem schonen, marmornen Knie der Baronesse, das ihm Amor einst unter der Linde, als sie den ersten Vorsatz zur Flucht fassten, bei einem Falle zeigte:
seine Phantasie malte es vollends aus, schoner und herrlicher, wenigstens reizender, als Correggio und van der Werft eins geschaffen haben: seine Begierden wurden durch das Bild befeuert und rissen die Hand hastig zu einer Verwegenheit hin schnell zog sie die Scham zuruck, und aus der Verwegenheit wurde eine zartliche Umarmung. Das Bild wich nicht von der Stelle aus seinem Kopfe: er schalt sich selbst wegen seiner Schuchternheit: die Begierde brach zum zweitenmal durch: die Hand rustete sich zu einer zweiten Verwegenheit; und die Scham lenkte sie mitten auf ihrem Wege zu der Hand der Baronesse: aus der Verwegenheit wurde ein feuriger Handedruck. Wie ein durchbrechender Strom sprengte plotzlich sein Blut alle Ventile durch: alle Nerven bebten von ungewohnten Schwingungen: die Begierde siegte zum dritten Male: er warf sich ungestum an ihre Seite und-kusste sie. Die Baronesse stritt mit den namlichen Empfindungen: der susse Schauer, der sie durchlief, als er unter der Linde mit dem Gesichte auf ihrem Busen ruhte, kehrte bei jeder leisen Beruhrung zuruck: sie wunschte ihn wiederholt zu fuhlen, und doch liess sie die Schamhaftigkeit nichts tun als bei jeder Annaherung schuchtern den Busen an ihn drucken: einmal wagte sie ihm mit einer Umarmung zuvorzukommen, und eine gluhende Rote deckte ihr Gesicht, als sie geschehn war. Die kindische Dreistigkeit war dahin.
Die Kleidung der Baronesse war ungemein geschickt, Begierden zu entflammen, und wenn sie einmal brannten, nicht leicht erloschen zu lassen. Ihr Busen war mehr als halb offen:
das Halstuch war nur leicht daruber gelegt und durch kleine Bewegungen merklich verschoben: der kurze bauerische Rock deckte kaum einen handbreiten Raum unter den Knien:
die Arme waren bloss und leuchteten in der Dammerung des Kabinetts mit verdoppelt blendender Weisse wie Schnee in der Nacht. Dunkelheit und Stille, die beiden Vertrauten der Einbildungskraft, erhohte bei beiden Verliebten Reizbarkeit und Reiz: der Baronesse deuchte Heinrich ein Genius, ein Apoll, seine feurigen Augen glanzten ihr wie ein Paar Sterne und sein Gesicht wie ein beseelter Marmor: seine niedlichen Hande schienen ihr wohlgebildeter, ihr Druck sanfter und seine Stimme lieblicher: es war fur sie der leibhafte Amor.
Als wenn unsichtbare Machte sie zueinander hinrissen, strebte, kampfte, arbeitete ein jedes, dem geheimen Zuge zu widerstehn und zu folgen: jedes Abendluftchen, das durch die alten zerbrochenen Fensterscheiben hereinschlich, schien ihnen mit der Stimme eines Liebesgottes zuzuflustern: "Seid kuhn und unverschamt!" und mit jedem Herzschlage ertonte in ihnen ein strenger Befehl: "Wagt nichts!" Aber der Rat der Liebe uberstimmte jeden Gedanken: sie schlang in einem Augenblicke beider Arme um beider Schultern, warf Heinrichs Gesicht auf den klopfenden Busen, in welchen er einst den Schmerz seiner gekrankten Ehre weinte, fuhrte seine verwegne Linke zu dem Saume des Rockes und plotzlich offnete sich die Tur, die beiden Verliebten erwachten durch das Gerausch aus der Trunkenheit, und vor ihren Augen stand der Graf, Jakob und sein Vater. Ihr gemeinschaftlicher Feind war Heinrichen nachgeschlichen, als er zur Zusammenkunft ging, hatte, sobald sie beide im Kabinette waren, die Tur aussen leise verriegelt, seinem Vater die Einsperrung angezeigt, der nicht zauderte, die empfangne Nachricht dem Grafen mitzuteilen; und der Graf musste, weil er's verlangte, sich von ihm und dem Angeber an den Ort fuhren lassen: sie besetzten die Tur, und Jakob und sein Vater waren sogar mit langen Kutscherpeitschen bewaffnet.
Der Graf konnte vor Zorn nicht schelten, sondern brauste und schnaubte bloss den Befehl heraus, sie zu fangen und ins Haus zu fuhren. Jakob ruckte vorwitzig an, glaubte die Peitsche nicht vergebens fuhren zu mussen und holte mit der sussesten Schadenfreude der Rachsucht einen Streich aus, der Heinrichs Kopf treffen sollte: doch sein Gegner war schnell, fasste die lange Peitsche, die in dem engen Raume schlecht regiert werden konnte, mit der Hand auf, als sie eben auf ihn herabfallen wollte, bemachtigte sich ihrer und stiess den entwaffneten Feind, der nunmehr einen Angriff mit der Faust wagte, zuruck, dass er seinem hereintretenden Vater in die Arme sturzte und die ganze Armee um ein paar Schritte rucklings in die Flucht trieb. Jakobs Vater ergrimmte, fuhr mit blinder Wut auf den Feind los: allein das sogenannte Kabinett, wo die Belagerung geschah, war vor alten Zeiten ein Schiesshaus gewesen und hatte folglich in dem Geschmacke dieser alten Zeiten sehr niedrige Turen: der erboste Maulesel verlor in der Hitze das Augenmass und rennte mit der ganzen Starke des Angriffs seinen Kopf wider den obersten Querbalken der Turoffnung, dass er vor Schmerz achzte: er fuhr zuruck, liess die Peitsche sinken, lehnte sich an die Wand und hielt mit beiden Handen seinen sinnlosen Kopf, den er fur zerbrochen achtete. Um die Wunden seines Vaters zu rachen, raffte sich der Sohn auf und griff so schnell zu, dass er mit einer Hand Heinrichen an der Brust festhielt und mit der andern nach der Kehle griff ob er sie ihm zudrucken oder was er sonst tun wollte, weiss der Himmel. Die Baronesse sah ihren Heinrich kaum in so grosser Gefahr, als sie den Feind bei den Beinen fasste und sie ihm so hastig wegruckte, dass er seinen Schwerpunkt verlor und ruckwarts auf die Backsteine daniederschlug: alle vier Winkel des Kabinetts warfen, wie sein Hirnschadel den Fussboden traf, den leeren Schall einer holzernen Buchse zuruck: zwar wollte er im Hinsturzen auch den Feind mit sich herabziehen, und er hatte ihn bereits zum Sinken gebracht, allein die Baronesse stach mit einer Stecknadel wie mit einem Speere so heldenmassig auf die umklammernden Hande, dass sie blutend ihre Beute fahrenliessen.
Itzt lag ein Feind wimmernd auf der Erde, der andere trug achzend den geschmetterten Kopf in den Handen: der Graf allein war noch frisch und gesund, aber zu steif, um ohne Beistand die Belagerung mit Nachdruck fortzusetzen: die Belagerten nahmen des Vorteils wahr und drangen Hand in Hand zur Tur heraus. Der Graf hielt es fur eine Flucht und warf ihnen in der letzten Verzweiflung des Zornes mit ohnmachtiger Gravitat sein Rohr nach: das lichtbraune Rohr, fur zwanzig Dukaten in Holland gekauft, stolperte, wie ein Pfeil von einer schlaffen Sehne abgeschossen, zwei Schritte von dem Wurfe auf das Steinpflaster hin, und die porzellane Sirene, mit zwei vollwichtigen Carldoren auf der Stelle bezahlt, brach den Hals, ihr schongekrummter Schwanz prellte in zehn Stucken empor, und der weitbauchichte Leib riss sich von dem vierfarbichten goldnen Ringe los, dass die Eingeweide von Werg aus dem gespaltnen Bauche hervorquollen. Der Graf horte den tonenden Fall der geliebten Sirene und beklagte ihn mit einem lautschallenden "Ach".
Doch itzt war es nicht Zeit zu Klageliedern: kaum war das Ach uber die Lippen, so setzte er schon den Fliehenden in einem halben Galoppe mit krummen Knien und ausgespreiteten Beinen nach, erwischte die Baronesse bei dem streifichten, groben Rocke und bildete sich ein, sie von einer schandlichen Entfliehung auf immer zuruckgeholt zu haben, ob sie gleich schon vollig still stunden und nichts weniger als fliehen wollten: die Heldentat hatte ihm so viel Anstrengung gekostet, dass er dreimal keuchte, ehe er seine Truppen zum Beistande rief.
"Wir werden uns beide nicht weigern zu gehn, wohin wir sollen", fing Heinrich an, "wenn nur diese beiden Spitzbuben uns nicht beruhren durfen; kommt uns einer zu nahe, so muss er sterben oder ich." Diese sechzehnjahrige Tapferkeit begeisterte die Baronesse doppelt. "So muss er sterben oder wir!" wiederholte sie mit der Heldenstimme einer Amazonin. Jakob und sein Vater hatten genug mit ihren Kopfen zu tun, um sich der Drohung zu widersetzen: sie lasen auf Befehl des Grafen das beschundne Rohr und die Trummer des Knopfes auf, und die beiden feindlichen Heere langten also mit zwei Verwundeten und einer toten Sirene im Schlosse an. Die Baronesse wurde von ihm selbst in ihr Zimmer gesperrt und ein Heiducke zur Wache davor gestellt, Heinrich auf der Stelle dem andern Heiducken ubergeben, um ihm vor dem Zimmer der Baronesse dreissig lautschallende Stockschlage zu erteilen und nach richtigem Empfange aus Schloss und Herrschaft auf ewig nebst aller seiner mannlichen und weiblichen Nachkommenschaft bis ins dritte und vierte Glied zu verweisen. Der Heiducke fand seine Ehre durch den Auftrag beleidigt und schlug ihn mutig aus, aus der Ursache, weil er kein Henkersknecht oder Buttel sein wolle.
Wahrend dass der Graf so sein Richteramt pflegte und keinen Exekutor seiner Sentenz finden konnte denn alle Bedienten liefen davon, um nicht dazu aufgerufen zu werden , kam Schwinger herbei: er hatte Heinrichen, weil er ihn zu lange vermisste, aufsuchen wollen. Der Graf sturmte ihm mit Verweisen seiner schlechten Aufsicht entgegen und mutete ihm die Ausubung seines Urteils zu: der gute Mann entschuldigte sich, tat Vorstellungen wider die Strenge desselben und bat um Untersuchung, wie sehr der junge Mensch strafbar sei: der aufgebrachte Graf war gegen alle Vorstellungen taub. Er schickte den triumphierenden Jakob, der vor Verlangen brannte, die Exekution selbst zu vollstrecken, wenn nicht der Graf zuviel Misstrauen gegen die Starke seiner Arme gehabt hatte, noch einmal aus, herbeizurufen, wen er nur fande: aber er kam mit der Nachricht zuruck, dass niemand zu finden sei: aus Liebe fur Heinrichen und aus Groll gegen seine Widersacher hielt sich jedermann versteckt und lief willig Gefahr, sich einen derben ungnadigen Verweis zuzuziehn. Heinrich sah das ganze Vorspiel zu seiner Zuchtigung unerschrocken an; und die eingesperrte Baronesse hatte vor Ungeduld und Besorgnis die Tur mit den Zahnen durchnagen mogen.
Da also von allen Seiten Unmoglichkeit war, das gesprochne Urteil zu vollstrecken, so liess man's bei der Verweisung bewenden. "Schaffen Sie den Schurken den Augenblick aus dem Schlosse", sagte der Graf zu Schwingern; "morgen in aller Fruhe soll er die Stadt meiden und sich nimmermehr wieder in meinen Landen betreten lassen." 'In meiner Herrschaft', wollte der Herr Graf sagen, allein es entwischte ihm zuweilen der Ausdruck eines Souverans. 'Der Schurke' fuhr durch Heinrichs ganze Seele mit einer verwundenden Scharfe: er rustete sich schon zu einer Antwort, doch Schwinger riss ihn mit sich hinweg, um ihn zu seinen Eltern zu fuhren. Die Baronesse lief wie unsinnig in dem verschlossnen Zimmer herum, als sie horte, dass er fortging, riss das Fenster auf, ihm nachzusehn, der Himmel weiss, ob nicht auch, ihm nachzuspringen foderte mit zornigem Ungestum von den apfelgrunen Wanden des Zimmers ihren Heinrich zuruck; denn sonst konnte sie niemand horen.
Der Graf erhub sich von seinem Richterplatze geradeswegs zur Grafin: die gute Dame sass am offnen Fenster und stund auf, als er zu ihr herintrat, weil sie glaubte, dass es der Bediente sei, der ihr die Abendmahlzeit ankundige. Wie erschrak sie, als ihr die Stimme ihres Gemahl entgegenbrauste: "Da haben Sie die Frucht Ihrer Liebe, Ihrer ubel angewandten Gnade!An Ihnen sollt ich meinen Zorn zuerst auslassen: Sie sind die einzige Ursache unsers Unglucks."
Die Grafin erschrak, weil sie nichts von dem Vorfalle wusste, fasste sich gleich wieder und kusste seine Hand. "Mildern Sie meine Strafe, gnadiger Herr!" sprach sie mit bittendem Tone. "Ich weiss zwar nicht, wodurch ich Ihre Ungnade verdient habe ". "Wodurch?" unterbrach sie der Graf hastig. -"Dass Sie wider meinen Willen einen Jungen aufs Schloss nahmen, der unser Haus entehrt hat! Dass Sie bei jeder Gelegenheit seine Beschutzerin wurden, wenn ich darauf drang, ihn fortzujagen!"
Die Grafin. Ich hatte freilich voraussehen konnen, dass es uble Folgen haben musste, wenn ich etwas liebte und verteidigte, das Ihnen missfallt. Aber Sie verzeihen ja meiner Schwache taglich
Der Graf. Und Sie sollten einmal aufhoren, Verzeihung notig zu haben!
Die Grafin. Freilich konnt ich durch Ihre Lehren und Ermahnungen weise geworden sein: allein ich bin einmal so unglucklich, dass ich Ihre Gnade nicht verdienen soll.
Der Graf. Und doch war's Ihnen so leicht. Wenn Sie nur horten! nur folgten: und zwar zu rechter Zeit!
Die Grafin. O ich elende Frau! Ich weine manche Trane uber meinen Ungehorsam.
Der Graf. Aber ich will in Zukunft alle Achtung gegen Sie vergessen: ich will meinen Willen durchsetzen, wenn's Ihnen auch noch so wehe tut.
Die Grafin. Ich bitte Sie darum, gnadiger Herr. Beugen Sie das verzartelte Kind mit Strenge! Ihre Nachsicht verdirbt mich. Behandeln Sie mich als eine Blodsinnige, die sich nicht selbst regieren kann, sondern regiert werden muss! Lassen Sie mich nie einen Willen haben!
Der Graf. Das soll geschehn! Ich will mich zwingen, grausam gegen Sie zu sein. Wenn Sie nur erkennen wollten, wieviel Gute eine solche Grausamkeit ist!
Die Grafin. Mit Freuden, gnadiger Herr! Ich werde meine angelegenste Bemuhung daraus machen, dies einsehen zu lernen. Darf ich indessen auch itzt eine Verzeihung hoffen, die Sie mir so oft haben angedeihen lassen? Haben Sie Mitleid mit meiner Reue, gnadiger Herr!
Der Graf reichte ihr stolz die Hand zum Kusse dar und setzte mit halb entwaffnetem Zorne hinzu: "Wenn Sie nur durch Ihre Reue das Ubel ungeschehen machen konnten!"
Die Grafin. Fur das Geschehne kann ich freilich nicht: aber fur die Zukunft! Ich will Heinrichen in dieser Minute selbst ankundigen, dass er noch heute zu seinen Eltern zuruckkehren soll.
Der Graf hielt sie zuruck. "Das ist langst geschehen", sagte er. "Er ist fort: aber das Ungluck, das er gestiftet hat, bleibt zuruck."
Die Grafin stutzte: es tat ihr leid, dass man Heinrichen, wie sie besorgen musste, vielleicht zu hart verabschiedet hatte, um soviel mehr, da sie sich bloss darum selbst zu seiner Verabschiedung erbot, um sie nicht zu empfindlich zu machen:
demungeachtet verbarg sie ihren Missfallen und dankte dem Grafen sehr freudig, dass er ihr ein unangenehmes Geschafte erspart habe.
"Warum unangenehm?" fuhr der Graf auf. "Konnen Sie dem Buben noch immer Ihre Gnade nicht entziehen? Er ist sie nicht wert, sag ich Ihnen."
Die Grafin. Er kann die meinige nicht einen Augenblick langer behalten, da er die Ihrige nicht hat. Ich hasse ihn.
Der Graf. So werden Sie ihn verfluchen, wenn Sie das Bubenstuck wissen
Die Grafin. Verschonen Sie mich damit, gnadiger Herr! Es schmerzt mich ohnehin genug, dass ich meine Gewogenheit so lange an einen Unwurdigen verschwendet habe.
"Sie mussen es wissen", fiel der Graf ein und erzahlte ihr die gemachte Entdeckung nach der Lange und beging dabei den gewohnlichen Kunstgriff oder Fehler was es unter diesen beiden bei ihm war, will ich nicht bestimmen , dass er die gemutmassten Bewegungsgrunde der entdeckten Zusammenkunft fur ertappte Wahrheit ausgab: er wusste gewiss, dass sie hatten entfliehen wollen, ob er's gleich im Grunde nur als eine Moglichkeit vermuten konnte: er wusste gewiss, was im Kabinett zwischen den beiden Verliebten vorgegangen war, und furchtete Folgen! schreckliche Folgen fur die Ehre seines Hauses! Die Grafin furchtete sie aus Gefalligkeit mit ihm, wiewohl sie im Herzen ganz das Gegenteil glaubte: sie opferte dieser traurigen Gefalligkeit die arme Baronesse auf und dachte ihren Gemahl am sichersten wieder auszusohnen, wenn sie nichts zu ihrer Verteidigung oder Entschuldigung sagte, sondern sich ohne Verhor und Untersuchung wie der Graf zu verfahren pflegte zu ihrer Strafe mit ihm vereinigte.
Die erste Strafe, die der Stolz dem Grafen eingab, war die Verbannung aus seiner Gegenwart und von seinem Schlosse-in seinen Augen das Empfindlichste, was jemanden begegnen konnte! Ulrike sollte in diesem Leben sein gnadiges Angesicht nicht wieder schauen: aber wohin mit ihr? Ware es ihm nach gegangen, so hatte sie zu ihrer Mutter wandern mussen: doch die Grafin, die aus Liebe zur Baronesse dies nicht wunschte, stellte ihm vor, dass es fur die Baronesse eine unendlich grossre Bestrafung sein musste, wenn man sie an einen ganz fremden Ort tate und sie also noch weiter aus der Gegenwart des Grafen verbannte. Die Vorstellung schmeichelte ihm, und man beschloss, sie entweder zu einer alten Anverwandtin nach Berlin oder zu einer andern nach Dresden zu schicken und Pension fur sie zu bezahlen. "Um doch die gute Erziehung, die ihr der Graf Ohlau bisher gegeben und deren sie sich sowenig wurdig gemacht habe, einigermassen fortsetzen zu lassen" gab die Grafin zur Ursache an. Auch das schmeichelte ihm, und also wurde auch das bewilligt: es sollte an die beiden alten Damen geschrieben werden, und welche sie fur die geringste Pension zu sich nehmen wollte, die sollte die Ehre haben, dies Meisterstuck seiner Erziehung vollends auszubilden. Die Baronesse musste einige Tage Arrest auf ihrem Zimmer halten, wurde von der Grafin heimlich uber ihre Zusammenkunft verhort und in Ansehung ihrer Liebe unschuldig befunden, das heisst, sie war bei aller Unschuld schlau genug, die Zusammenkunft fur eine Wirkung des Zufalls und die Umtauschung der Kleider mit der Magd fur einen Spass auszugeben, wodurch sie Heinrichen hatte in Verlegenheit setzen wollen. Die Not machte sie so erfinderisch, dass sie ihrer Luge den volligen Anstrich von Wahrheit gab. Die Grafin hielt es fur ausgemacht, dass ihr Gemahl seinen Argwohn einmal ubertrieben und Dinge gesehen habe, die er nur mutmasste, und war beinahe willens, ihn durch ein paar Schmeicheleien zur Widerrufung seines strengen Edikts zu bewegen: doch da ihr der Aufenthalt in einer grossen Stadt vorteilhaft fur die Baronesse schien, so schmeichelte sie ihm nicht und liess ihn aus Ungnade eine Wohltat erzeigen.
Sechstes Kapitel
Wie der Graf seinen Argwohn ubertrieb, so ubertrieb Schwinger die Gutmutigkeit: er mutmasste nicht einmal etwas Strafbares in der entdeckten Zusammenkunft, und in der festen Uberredung, dass seinem Freunde Unrecht geschehe, trostete er ihn unterwegs und ermahnte ihn zur gelassnen Ertragung eines Unglucks, das ihm Jakobs Bosheit und seine eignen Verdienste vermutlich zugezogen hatten. "Durch Standhaftigkeit allein kannst du deine schadenfrohen Feinde demutigen: lass dir nicht eine Klage uber dein Schicksal entwischen! Leide und freue dich ihnen zum Trotze uber deine Leiden! Ein Kopf und so viele Tatigkeit, wie du besitzest, uberwinden Feinde und Schicksal" so sagte der gute Mann und ging mit ihm zu seines Vaters Hause hinein.
Er vermutete von seiten der Eltern einige sehr betrubte Auftritte, wenn er ihnen Heinrichs Verweisung ankundigen wurde, und machte sich deshalb auf eine Trostpredigt gefasst: wie erstaunte er, dass er mitten in seinen Trostungen verstummte, als sich das Gesicht des alten Herrmanns immer mehr aufheiterte, je mehr er von dem gesprochnen Urteil uber seinen Sohn erfuhr. Er liess vor Freude Schwingern nicht ausreden, sondern fiel seinem Sohn um den Hals und rief in unaufhorlichem Vergnugen: "So ist mir's recht! so ist mir's gelegen! Nun kann etwas aus dir werden, Junge! Ich hab es dem Grafen mit dem Teufel Dank gewusst, dass er dich zu einem Stockfische machen wollte, wie er samt allen den Schlaraffengesichtern ist, die ihm den ganzen Tag die Pfoten kussen und den Rockzipfel lecken. Nun kann etwas aus dir werden. Fort mit dir, in die weite Welt! Wer da nicht klug wird, ist eine Gans von Hause aus: so ist dein Vater zum gescheiten Kerle geworden."
Schwingern druckte er so dankbar die Hand, als wenn er die glucklichste Botschaft uberbracht hatte, liess ihm nicht Ruhe, bis er sich niedersetzte und eine Pfeife mit ihm zu rauchen versprach. "Nillchen", rief er, "Nillchen!"
Nillchen antwortete nicht. Fama, die in solchen kleinen Stadten nur in die Posaune zu hauchen braucht, um etwas, das in den verborgensten Kammern eines Hauses vorgefallen ist, zu jedermanns Wissenschaft zu bringen, hatte das Urteil des Grafen, so warm, als es aus seinem Munde hervordrang, in jedes Paar Ohren, das nicht taub war, von einem Ende des Stadtchens bis zum andern ausgerufen, und das arme Nillchen, dem dieser Ruf auch in die Ohren geschallt hatte, sank in einem der Ohnmacht ahnlichen Schrecken dahin, als sie in der Kuche ihrem gewohnlichen Zufluchtsort bei bedrangten Umstanden Schwingers Botschaft horte. Kein schrecklicher Ungluck konnte ihr in der Welt begegnen als eine solche Beschimpfung, und ihre Augen stromten wie aufgezogene Schleusen von ihrem weiblichen Tranenvorrate grosse Bache dahin.
"Nillchen! Nillchen!" rief der Mann noch einmal voller Ungeduld, lief in die Kuche und zog sie bei dem Arme in die Stube. Schwinger, als er ihre Betrubnis wahrnahm, setzte sich in Positur, seine Trostpredigt bei ihr anzubringen: allein der Mann hiess ihn schweigen. "Was da?" sprach er, "was trosten, betruben und Possen! Nillchen, ich habe heute grosse Freude an meinem Sohne erlebt: ich will mir mit dem Herrn da eine Gute dafur tun. Hier hast du einen ganzen Gulden: geh zum Apotheker und lass dir von seinem besten Weine und von seinem besten Knaster soviel geben, als er dir dafur geben kann: und zwei Pfeifen, so lang wie ich! Der Tag ist so gut wie dein Geburtstag, Heinrich. Und Nillchen!" fuhr er fort, als er sie schluchzen horte, "wenn du noch einmal so ein Gesicht machst und so grunzest und nicht gleich freundlich aussiehst wie ein Maikatzchen, mit dem Ohrzipfel nagle ich dich hier an den Tisch an. Geh, und komme gleich wieder!"
Schwinger wollte die Gasterei hoflich verbitten: allein Herrmann versicherte ihm, dass er ihn einmal mitten in einer Predigt offentlich in der Kirche einen Schurken nennen wollte, wenn er sein Traktament nich annahme; und er musste sich darein fugen.
Wein, Tabak und Pfeifen langten an, und das Gastgebot wurde eroffnet. Nillchen setzte sich in den Winkel, um ungestort ihrem Kummer nachzuhangen: ihr Mann foderte sie zum Trinken auf, sie schlug es seufzend aus. "Nillchen!" fuhr er auf, "dich soll der Teufel holen, wenn du nicht in der Minute lustig wirst: dem Grafen zum Trotze soll's heute hoch bei uns zugehn. Herr Schwinger! Sie klimpern ja auf dem Klavier: spielen Sie auf! Nillchen soll mit mir tanzen."
Schwinger wurde mit Gewalt zum Klavier gefuhrt und ihm befohlen, einen lustigen, extralustigen Tanz zu spielen. Nillchen wollte entwischen: allein er fasste sie bei dem Arme, dass sie vor Schmerz schrie, und schleppte sie, die lange Pfeife im Munde, tanzend die Stube auf und nieder. Sie wollte nicht trinken, und er flosste ihr das Glas ein. Der goldne Trank tat seine Wirkung: sie fuhlte ihr Herz um ein Glas Wein leichter und ging diesem Trostungsmittel, nachdem sie es einmal gekostet hatte, so lange nach, bis ihr der Kopf so schwer wurde, als ihr vorher das Herz gewesen war. Der alte Herrmann hatte die ausgeleerte Flasche durch eine andre ersetzt, und die ganze Gesellschaft war aufgeraumt wie an einem Hochzeitstage. Schwinger wartete die Lustbarkeit nicht bis zum hochsten Grade des Vergnugens ab, sondern stahl sich hinweg, um einen Versuch zu machen, ob sich nicht bei der Grafin fur Heinrichen ein Reisegeld oder vielleicht gar eine kleine Pension auswirken liess, wenigstens so lange, bis er sein Unterkommen gefunden hatte.
Auch war er in seinem Gesuche glucklich: er passte gerade die Zeit ab, als die Grafin von Tafel in ihr Zimmer ging, stellte sich ihr in den Weg und bat nur um einige Minuten Audienz. Die Grafin, die bei dieser Unterredung eine Furbitte fur den exilierten Heinrich vermutete und besorgte, dass auch andre sie vermuten mochten, sah sich auf allen Seiten um, ob nicht etwa eine Kreatur von dem Maulesel in der Nahe sei, und da sich kein solches gefahrliches Tier blicken liess, erlaubte sie ihm aber noch immer nur verstohlnerweise , sie in ihr Zimmer zu begleiten. Das Gesprach eroffnete sich zwar auch mit einigen, doch sehr gemassigten Vorwurfen uber Schwingers schlechte Aufsicht, doch gestund sie ihm selbst zu, dass ihr Gemahl sich in seinem Argwohne ubereilt oder vielmehr von Heinrichs Feinden habe zur Ubereilung verfuhren lassen. Der namliche Mund, der dem Verwiesenen vorher in des Grafen Gegenwart alles Verdienst abgesprochen und zum unwurdigen Buben erniedrigte, stimmte itzt mit Schwingern in sein Lob ein: sie bedauerte ihn, hoffte, dass die Entfernung von seinen Feinden zu seinem Glucke gereichen werde, und als Schwinger auf den eigentlichen Punkt kam und sie um eine Beisteuer fur ihn bat, so wurde sie durch seine Vorstellungen und seine Freundschaft fur den jungen Menschen so geruhrt, dass sie lebhaft wunschte, etwas zu seinem Fortkommen beitragen zu konnen. Schwinger fachte die glimmende Empfindlichkeit vollends an, dankte in seines Freundes Namen fur ihre bisherigen Wohltaten mit vieler Beredsamkeit und setzte hinzu, dass er ihm ein kleines Monatsgeld aus seinem eignen Beutel bestimmt habe. Nun fing sie Feuer: sie hielt es fur entehrend, dass der Informator eine Wohltatigkeit fortsetzen sollte, die sie angefangen hatte. "Sie sollen ihm nichts geben", sagte sie, "ich verbiete es Ihnen. Er soll das Monatsgeld von mir empfangen: hab ich so weit fur ihn gesorgt, will ich's auch weiter tun. Aber es bleibt unter uns beiden: wenn ein Wort davon zu meines Gemahls Ohren kommt, so hort die Wohltat auf."
Sie gab ihm darauf vier Louisdor Reisegeld fur Heinrichen und die Versicherung ihrer Gnade, wenn sie der junge Mensch durch seine Auffuhrung verdienen werde: Schwinger bat um einen Tag Urlaub, um seinen Freund zu begleiten, erhielt ihn, doch unter der Bedingung, niemanden es merken zu lassen, schaffte, sobald alle Anhanger der Gegenpartei zu Bette waren, Heinrichs Sachen zu seinen Eltern, brachte die Nacht bei ihm zu, um ihn in aller Fruhe in seiner Verweisung bis zum letzten Dorfe der Herrschaft zu begleiten.
Bei Heinrichen wurden durch diese Gute alle Schmerzen der Trennung von neuem aufgewiegelt: sosehr ihn auch sein Vater durch Beispiel und Ermahnungen zur Lustigkeit ermunterte, so blieb er doch sprachlos, niedergeschlagen, und oft, wenn er's am wenigsten vermutete, uberwaltigte ihn die Betrubnis bis zu Tranen. Schwinger tat ihm den Vorschlag, sich nach Dresden zu wenden, weil er ihm an zwei dortige Freunde, beide Advokaten, Empfehlungsbriefe mitgeben konne, die ihm vorderhand, bis sich etwas Bessres fande, den Platz eines Schreibers verschaffen sollten: Heinrich, der einmal von der Baronesse gehort hatte, dass man sie nach Dresden tun wolle, ergriff den Vorschlag mit solcher Hastigkeit, dass Schwinger daruber stutzte. Der Vater war durch den Wein in die einwilligende Laune versetzt worden: die Mutter konnte vor Traurigkeit weder billigen noch verwerfen. Sie sass im Winkel, den Kopf niederhangend, und benetzte die netteltuchne Schurze mit ihren Zahren: der Alte sass am Tische, nickte und schnarchte: Schwinger schrieb die Briefe, und Heinrich, der sich nicht entschliessen konnte, sich niederzulegen, sass tiefsinnig in einer andern Ecke: seine Einbildungskraft schweifte durch die Gefilde seines kunftigen Glucks oder Unglucks und wurde nicht selten durch Intermezzos von Schluchzen und Weinen unterbrochen. Schwinger, als er mit seiner Arbeit fertig war, konnte auch zu keinem Schlafe gelangen und vermehrte die stumme, betrubte und nur silbenweise sprechende Gruppe durch eine neue stumme Person.
Um die Abschiedsszene weniger angreifend zu machen, wollte er die Mutter entfernen und dann heimlich mit ihm fortwischen: aber es war unmoglich. Als man sich zum Abmarsche in Bereitschaft setzte, fiel der alte Herrmann dem Sohne um den Hals. "Junge!" sagte er, "mach es wie dein Vater! Lebe in den Tag hinein und lerne nichts mehr, als du brauchst, um zu leben! Lerne eine Profession, ein Handwerk, eine Kunst, alles, was du willst und was du umsonst lernen kannst! Nur lass dir nicht den Satan durch den Kopf fahren, dass du ein Gelehrter oder ein vornehmes Tier werden willst! Oder ich erkenne dich nicht fur meinen Sohn. Ich bin aus meines Vaters Hause mit acht Groschen gegangen und fortgekommen: ich gebe dir sechzehn; und du bist nicht wert, dass dich die Sonne bescheint, wenn du uber Not klagst. Nimm dich vor vornehmen Leuten und Dummkopfen in acht: geh ihnen aus dem Wege wie dein Vater! Nun packe dich und leb wohl!"
Die Mutter konnte den Abschied nicht aushalten und wollte sich in die Kuche begeben: doch ihr Mann zog sie zuruck. "Nillchen", rief er mit drohendem Finger, "wenn du nicht gleich lachst, so prugle ich dich wie eine Korngabe. Lache! sag ich dir." Sie wurde erbittert, riss sich los und wanderte in die Kuche, dem Sammelplatze ihrer Tranen.
Unterwegs stellte ihm Schwinger das Reisegeld der Grafin zu, doch ohne etwas von dem versprochnen Monatsgelde zu entdecken: auf dem Dorfe, wo sie scheiden wollten, erkundigte er sich nach der Post, bezahlte einen Platz fur ihn und wies ihm eine Stube an, wo er ein paar Tage warten sollte, bis sie abgehen wurde. Nachmittags schlich er sich davon:
den Schmerz des Abschiedes traute er sich nicht auszuhalten. Auf dem Ruckwege fasste er den Entschluss, Heinrichen, sobald er eine Pfarrstelle haben wurde, zu sich zu nehmen;und mit diesem Vorsatze ging er ins Schloss wie ein Witwer ins Trauerhaus zuruck.
Schwinger hatte bei Heinrichen eine Betrubnis bemerkt, die er anfangs auf niemanden als auf sich selbst zog: noch bei dem Abschiede trug er ein ausserordentliches Verlangen, wenigstens auf ein paar Minuten wieder ins Schloss zuruckkehren zu durfen: er wunschte das mit so vieler Sehnsucht und so zitternder Angstlichkeit, dass Schwinger selbst nunmehr Argwohn schopfte: doch da seine wiederholten Fragen nichts Bestimmtes aus ihm herauszubringen vermochten, so mass er's derjenigen Liebe bei, die ein Ort fur sich in uns erweckt, an welchem man sich die ersten sechzehn Jahre seines Lebens wohl befunden hat. Du guter Schwinger! Dem Orte gehorte nicht der zwanzigste Teil des Schmerzes: Ulrike und die verhinderte Flucht mit ihr war der ganze verborgene Kummer. Indessen gab der Verwiesene den Plan noch nicht auf: mit der schmeichelnden Aussicht, dass sie nach Dresden zu einer alten Anverwandtin kommen, dass er dort zu einem Glucke gelangen und es mit ihr teilen werde mit tausend solchen Hoffnungen, denen nur ein sechzehnjahriger, der Welt unkundiger Mensch einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben kann, stieg er auf die Post! Der Postknecht schwang die Peitsche, und die Reise ging fort.
Vierter Teil
Erstes Kapitel
Erfullt mit den sussesten Traumen der Ehre und kunftiger Grosse in der festen Uberredung, dass sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers Freunde und alle andre Personen, die etwas fur ihn zu tun vermochten, um die Wette beeifern wurden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der unerfahrne Jungling an einem heitren Morgen in der Meissner Gegend an. Zwo Nachte hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor seiner Seele goldne Bilder voruber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald Szenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptanteil hatte: ihr Besitz war das letzte, der vollendete Schluss bei allen Vorspiegelungen seiner Einbildungskraft: sie beleuchtete wie eine Mittagssonne alle seine Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine Krafte an. Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken auf dem Postwagen langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Rader, so schwerfallig sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin wie die Ideen durch seinen Kopf: alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war fur ihn vernichtet: er war allein auf der Erde.
Der Schaffner fing einige witzige Scharmutzel mit ihm an, um die verschlafne Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht ein Laut war aus ihm zu locken! Der Mann wurde uber die misslungnen Angriffe verdriesslich: er verdoppelte sie, und weil er besorgte, dass sein Witz fur eine so holzerne Seele, wie ihm Herrmann schien, zu fein gewesen sei, so machte er ihn itzt so derb und plump, dass ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hatte fuhlen mussen: nicht eine Silbe wurde erwidert! Inzwischen fielen doch dem Traumer die oftern Anreden des witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um nicht ferner durch sie gestort zu werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche: hier qualte ihn das Mitleid des Postillions, der ihm unaufhorlich uber seinen schlechten Sitz kondolierte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und notigte ihn mit spottender Hoflichkeit, auf den alten Platz zuruckzukehren; und da die Gute nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehen, ihn zuruckzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, fur die Bequemlichkeit der Passagiere zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, dass er nachgab und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfalle und Hohnereien auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn zuruckholte, das Wort gegeben, 'ihm recht einzuheizen, wenn er ihn wieder unter dem gelben Tuche hatte'. Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger Bewegung zu der ubrigen Gesellschaft: "Dass der Teufel den Kalbeskopf holte!" sprach er pathetisch. "Ich bin doch, meiner Seele, zwanzig Jahr Schaffner und habe so manchen aus Afrika und Amerika, aus Russland und Petersburg gefahren: aber straf mich Gott, so einen Hans Morchel hab ich noch nicht auf meiner Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herrgott erschaffen hat! es ist ein Pilz. Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe." Wirklich drehte er ihm auch den Rucken zu und sprach die ganze Reise uber kein Wort mehr.
Itzt eroffnete sich die ganze herrliche Szene des Septembermorgens: unser Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen wieder einen freien Platz ausser der Kutsche ein. Phantastische Felsen in dustern Schatten gehullt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekranzt, wanden sich in mannigfaltigen Krummungen an der linken Seite hin: zur Rechten die breite Flache der Elbe, die fur ihn ein Meer war; auf ihr einzelne Kahne, langsam daherschwimmend, als wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder regierten: an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem, dunkeln Buschwerk bedeckt, aus welchem die weissen, schlanken Birkenstamme hier in freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen emporstiegen! Itzt floh der Fluss von der Strasse hinweg, liess am linken Ufer bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht uberdeckt, und wand sich mit der bleifarbenen Flache nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie nahmen ihn in ihre Arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von seinem Laufe ausruhen zu wollen. Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch diese Ruhestatte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne Buchen und langaufgeschossne Birken ubereinander an dem Amphitheater der zakkichten Berge und empfingen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluss: fur Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedelei, die Offnungen der Berge waren ihm Hohlen; in einer sass Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine Phantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um:
die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die starren Birken hatten weisse Leichengewander um sich geworfen und stiegen mit stummer Betrubnis aus dem dunkeln Grunde hervor, den die Dammerung wie ein ausgebreitetes schwarzes Tuch bedeckte: alles trauerte um die einsame Eingeschlossne, und ich bin nicht gut dafur, ob er sie nicht endlich gar vor Schmerz in ihrer Hohle hatte sterben lassen: aber sein Wagen wandte sich nach der linken Seite hin, das traurige Amphitheater nahm von ihm Abschied, streckte seitwarts noch einmal den Arm nach ihm aus und verschwand: die Pferde setzten sich bei der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war da: er seufzte, hullte die nassen Augen in den Mantel und welch ein belebender Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein Paradies hinein! Ein langgedehnter, rotschimmernder Bergrucken mit wimmelnden Hausern, Turmen, Schlossern, in weisse Terrassen geteilt, woran sich Weinreben hinanschlangen, mit Fruchtbaumen geschmuckt, lachte ihm wie ein gluckliches Eden entgegen: seine uberraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem Palaste um und erhohte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung: aus einem melancholischen dumpfen Kerker war er plotzlich unter den lachendsten Himmel versetzt. Itzt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine hervortretende Kante, wahrend dass der ubrige Grund in dunkelrotem Schatten dalag: itzt blinkte ein weisses Gebaude auf der Spitze am Ende des Horizonts herab es war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fursten oder Prinzen bewohnt.
Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Szene: weitaufgeschurzte Dorfnymphen gingen scharenweise an die fruhe Arbeit; ringsum ertonten freundliche Morgengrusse, allenthalben erschienen frohliche Gesichter, rote Wangen und fleischvolle, nervichte Arme, von Gesundheit und Zufriedenheit genahrte Korper. Itzt kam ein Trupp alter Mutter, das reichliche Morgenbrot in den Handen: mit stillem, weisem Ernste besprechen sie sich uber Angelegenheiten der Haushaltung, uber die schweren Pflichten der Hausmutter, uber bezauberte Kalber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kuhe, die keine Milch geben, obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stalltur bezeichnet und die Horner ein hellroter Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewaffnet. Itzt schallte fernher das laute Lachen eines schakernden Haufens: junge bluhende Madchen waren es, rote Gesichter auf schwarzbraunem Grunde, alle mutig und gluhend wie Gottinnen der Gesundheit: ihre spassenden Anbeter schlenderten mit gebogenem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit gutherziger Galanterie ihre Korbe, und aus galanter Bosheit fullten andere die Korbe ihrer Geliebten mit Steinen und Erdklumpen: die Schonen, die sich auf feinen Scherz verstunden, schleuderten den Mutwilligen die ganze Ladung an die Kopfe, dass sie fluchend und drohend dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschichten Haaren die Erdklumpen schuttelten: triumphierend trabten die Nymphen davon, nur eine, die gern gehascht sein wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften Arme, und schon naherte sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche; das beschamte Madchen schrie dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrei aus den Weinbergen und vom fernen Ufer der Elbe zuruck: der ganze ubrige Haufen sah wartend ihrer Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschamten Liebhabers mit einem mannig-stimmigen, lachenden Chor, und in der ganzen Gegend lachte der Widerhall ein Triumphlied uber die Bestrafung der schwarzbraunen Schone. Itzt kamen mit eilfertigem Schritte ein paar Stadter, die auf Gewinst ausgingen, die Gesichter voll Arger uber einen geschmalerten Profit; mit lebhafter Bewegung der Hande stritten sie uber Projekte und Anschlage, ihren Vorteil zu vergrossern; itzt ein paar andre, die den Lohn ihrer Arbeit von gnadigen Herrschaften auf dem Lande herausbetteln wollten: Sorge fur ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des hagren Gesichts, und Klagen uber Mangel an Nahrung waren ihr Gesprach. Hier schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied, ein anderer sang ein galantes "Schatzel, du bist mein"; dieser unterhielt sich mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die Pflichten seines Berufs und spornte seine tragen Fusse durch Versprechungen und Drohungen und, wenn diese nichts uber sein fuhlloses Herz vermochten, mit hohltonenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im Munde, mit stummer Gravitat neben seinem Viehe her. Dort wallte in der Ferne eine dichte Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Holsteinern gezogen, eine goldlackierte Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm geputzter Domestiken befrachtet, und in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsuchtiges Mannchen wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. Kurz darauf erschien ein gnadiger Erb-, Lehn- und Gerichtsherr in einer demutigen Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ahnlich sah:
eine gichtbruchige, rotfuchsichte Kutsche trug den hochadligen Korper, mit drei mattherzigen Bauernpferden bespannt, die ihre Fusse auf Unkosten des Ruckens schonten. Wie ein Pfeil flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke, ausgestopfte Pachter vorbei, der im vorjahrigen Konkurse sein Rittergut erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnadigen Vorganger grusste und spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gaule an der adligen Kalesche mit seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu vergrossern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit schnatternden Gansen vor dem Postwagen vorbei: dieser trug, jener schleppte seine Ware, einige fuhrten sie auf Karren, andre auf hochgeturmten Wagen: es war allenthalben nichts als Gehen und Kommen, Fahren und Reiten in einem wimmelnden Gedrange. Herrmann fuhlte sich in eine neue Welt versetzt; er war betaubt, hingerissen, uberwaltigt: die reizendste Landschaft im schonsten Glanze des Morgens! das laute Getose der Geschaftigkeit! so viel Leben, Munterkeit, Tatigkeit, wohin er nur blickte! Das ganze beseelte Gemalde drang mit sturmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bei der nachsten Einkehr von der Berauschung so mannigfaltiger, uberfullender Bilder erholen. Indessen dass die ubrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirtsstube mit dem Fruhstuck labte, schlich er einsam und tiefdenkend langs dem Dorfe hinan. Bald ging er in Gedanken mit Ulriken so frohlich und schakernd durch die arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bauerinnen mit ihren glucklichen Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehn: o wie beneidete er das gluckselige Volk! wie wunschte er, ihnen gleich zu sein! Schon machte er Entwurfe, wie er von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen musste, ein Bauergut kaufen wollte oder vielmehr er hatte in seiner tauschenden Einbildung schon wirklich eins gekauft: der Prozess war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike seine Frau, er ging schon an ihrem Arme ins Feld, sate und erntete mit ihr ein, sass schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem landlichen Hauschen in der Abendkuhlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem sechzehnjahrigen Herrn Papa um den Schoss. Er zerfloss vor inniger Freude, vor sanfter Ruhrung uber sein Gluck: er hatte weinen mogen, dass er nicht zaubern konnte, um es auf der Stelle wirklichzumachen.
Brausend und schnaubend flogen zwei Isabellen mit einem leichten Visavis daher, den ein Herr und eine Dame fullten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnugen lachelte aus ihren Gesichtern durch die Offnung des Fensters weg war aus Herrmanns Kopfe die ganze landliche Gluckseligkeit! mit dem ersten Brausen der Pferde rein weggeblasen! Er ging nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fusse ins Feld: nein, er fuhr ihr gegenuber in dem namlichen Visavis, mit der namlichen frohen Vertraulichkeit, als ein reicher Mann durch die grussenden Reihen der gaffenden Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weiss, ob er sich nicht gar adeln liess, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulter mit einem Ordensbande schmuckte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen der Ehre getragen: der Postillion blies o das verdammte Posthorn! Wie eine Sterbeglocke klang's! Sein rauhes Stohnen verscheuchte den Traum seiner Grosse, und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewolbe der Postkutsche und musste, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Judin vorliebnehmen, die er itzt zum ersten Male mit grossem Ekel an seiner Seite wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg uber schon neben ihm gesessen hatte. Die beraucherte Tapezierung des Wagens und die widrige Nachbarschaft versetzte ihn den ganzen ubrigen Weg in so uble Laune, dass er sich von Herzen uber die ekelhafte Hasslichkeit argerte, womit der Gott der Israeliten seine hebraische Nachbarin gebrandmalt hatte. Der Weg deuchte ihm hundert Meilen lang.
Endlich rumpelte das schwerfallige Fuhrwerk, durch den Schlag ubers Pflaster stossend und werfend, daher: man hielt, man examinierte: ein neues Wunder fur unsern Reisenden! Zum Unglucke erkundigte sich der Torschreiber bei ihm zuerst nach dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward Angst wie in der Holle: er fasste sich hurtig zusammen und tat der Anfrage mit so aufrichtiger Umstandlichkeit Genuge, dass er Taufnahmen und Geschlechtsnamen nebst Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und punktlich referierte: die ubrige Gesellschaft lachte, hielt es fur Fopperei und wunderte sich, dass ein Mensch, der den ganzen Weg uber kein Wort geredet hatte, einer so beissenden Antwort fahig sei: der Torschreiber wusste selbst nicht, woran er war, ob er's fur Spotterei oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinierte Miene des jungen Menschen das letzte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn, dass er an seines gnadigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage, wer er sei: der arme Bursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Majestat begangen zu haben und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so neugierig nach seinem Namen sei, dass er ihn auf ausdrucklichen Befehl darum fragen lasse. Er wusste in seiner ganzen Seele keinen andern Rat zu finden, als dass er den Torschreiber demutig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen bei seiner Durchlaucht untertanigst um Verzeihung zu bitten. Der Torschreiber, der seine Reue fur fortgesetzten Spott ansah, brannte lichterloh vor Zorne, sprudelte ihm die schrecklichsten Fluche und Drohungen ins Gesicht: der gute Heinrich ward blass wie eine Leiche vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollten, zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, dass er so langes Anhalten veranlasste, und sturmte wie ein Wutender auf ihn los: da sass der arme Betaubte wie sinnlos, wusste nicht, was er begangen hatte, und noch weniger, wie er's wieder gutmachen sollte, konnte weder denken noch reden! "Straf mich Gott!" rief der Schaffner, "mit dem Menschen ist's im Oberstubchen nicht richtig: den ganzen Weg uber hat er vor sich hin gesehn wie ein kranker Mops, und nun weiss er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! Der Pinsel weiss viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sich's nicht so vorstellen, bei meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit geboren und erzogen, und kann dem Torschreiber nicht einmal antworten!" Die finnichte Judin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarerweise beleidigt und offnete ihre Lippen zu Herrmanns Verteidigung, befragte ihn noch einmal Punkt fur Punkt, er antwortete Punkt fur Punkt wie zuvor: die ganze Gesellschaft erklarte ihn fur einfaltig, und der Torschreiber liess mit verachtlichem Mitleid seinen Zorn erloschen und den Wagen fahren.
Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zuruckgescheucht neue Verlegenheit! Er stand neben dem Schilderhauschen und sann ernsthaft nach, warum man ihm sein paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle denn er gab sie fur ganz verloren , er bildete sich ein, dass es ebenfalls so auf Befehl geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung nahm er bei sich von den schonen Sonntagsbeinkleidern Abschied, als man sein Kufferchen ins Haus schaffte. Nun betrubte er sich erst, dass er seine Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern mussen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: ausserdem war er so lange her Schwingers sanfte, gefallige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in gutigem Tone angeredet worden: doch hier sprach jedermann so scharf und rasch, dass er alle Leute in grauen, gelben, blauen Rocken, die bei dem Abpacken herumwimmelten, fur erzurnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein Kuffer sei, naherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu konnen, halb zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. "Dieser?" fragte der Postbediente mit der namlichen Hastigkeit noch einmal. Er flusterte ein halbverschluckte "Ja". Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen Uberrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein bisschen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessierte: allein dieser Mann tat seine Anfrage leutselig und mit einem, tiefen Grusse; das gab ihm Mut: er antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Grosse: der Mann ersuchte ihn, zu offnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloss eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, dass er nichts Strafbares enthielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem Wohltater, druckte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich, dass er ihm den Kuffer wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die Rechte dar und zog sie, verdriesslich uber den leeren Dank, langsam wieder zuruck.
Die Not war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Bursche da, und niemand bot ihm eine Wohnung an. Die uberhauften Gegenstande, das Getose, der Sturm des Torschreibers hatten ihn so verwirrt, dass es um alle seine Besonnenheit geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blode, und scharfsinnige Gelehrte haben sich bei ahnlichen Gelegenheiten, wenn sie ihnen zum ersten Male aufstiessen, nicht mit grossrer Entschlossenheit betragen als Heinrich. Er ging auf und ab und dachte mit Herzeleid an das Schloss des Grafen von Ohlau zuruck, wo er mit romischen Kaisern und griechischen Feldherrn wie mit Brudern umging, wo ihm regelmassig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne dass er einen Laut darum verlor, und hier! ach! hier bekummerte sich niemand um ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehorte. Ein geschaftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbei:
Heinrich fragte ihn sehr hoflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen Verbeugung seine Frage "wo Sie wollen!" antwortete der Gelbrock hastig und ging. Eine solche Lieblosigkeit war uber alle seine Begriffe.
Endlich erschien der Lohnlakai und erkundigte sich, den Hut in der Hand, sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benotigt sei. "Ach, wenn ich nur erst wusste, wo ich wohnen sollte!" sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer. -Nun wurde bald Rat geschafft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den Kopf zerstossen wollte, lief der Lakai die Treppe auf, Treppe ab und lud ihn kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den geputzten Lohnlakai fur nichts weniger als einen Lakai hielt, komplimentierte mit ihm die Treppe hinauf und dankte in einem Atem fur seine Gutigkeit. Wie hatte sich die Szene plotzlich verandert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer Botschafter alle Augenblicke, ob er dies, ob er jenes bedurfe, bat ihn, nur zu befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, dass er ihn nicht bemuhen wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien sich jetzt ein kleiner Zeus, der von der Hohe seines tapezierten Zimmers mit einem Hauptschutteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine grosse Menge Leute ein, die ihm ihre Waren anboten: er dankte mit vieler Gute fur ihre Bemuhung und fand die Menschen hierzulande ungleich liebreicher als in seiner Vaterstadt, dass sie so fur das Wohlsein der Fremden besorgt waren. Der Zulauf wurde immer starker: Mannspersonen und Weiber kamen und wunschten ihm zu seiner Ankunft Gluck. 'Da sieht man recht', dachte er bei sich, 'wie es in der grossen Stadt anders ist als bei mir zu Hause! Das heisst doch Hoflichkeit!' Die hoflichen Leute fingen an, ihm ihr Elend mit der hochsten Bettlerberedsamkeit vorzustellen; dieser hatte eine todsterbenskranke Frau zu Hause, die nun seit Jahr und Tag an der Schwerenot, Gott sei bei uns! hart daniederlag und zuweilen so heftig schrie, dass man es aus Friedrichstadt in Altdresden horte; jene hatte eilf unerzogne Kinder zu Hause, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefahrlich krank lagen, der Mann war an Handen und Fussen lahm, und sie, fur ihre selbsteigne Person, hatte einen grossen Ansatz zur Wassersucht es war ein Jammer, dass es einen Stein in der Erde hatte erbarmen mogen; ein Bursche, frisch und gesund, hatte einen gichtbruchigen Grossvater, zwei lahme Eltern und dreizehn ungesunde Schwestern zu Hause, die alle mit der englischen Krankheit behaftet waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgeruhrtem Mitleide bei ihren Tranen, Zahren traten ihm ins Auge, und er hielt es fur seine Pflicht, so hoflichen Leuten mit einer reichlichen Wohltat fur ihren Gluckwunsch zu danken.
Er wunderte sich gegen den Lohnlakai, als er den Tisch deckte, ausserordentlich uber die zahlreichen Familien hierzulande und versicherte, dass dergleichen bei ihm zu Hause gar nicht zu finden waren. "Ach", antwortete der Lakai lachend, "glauben Sie's denn? Sie werden's nicht ungnadig nehmen, Sie sind noch ein junger Herr und zu gutherzig:solchen Leuten mussen Sie nichts geben oder doch sehr wenig; das ist eitel loses Gesindel."
"Aber sie taten doch so klaglich, dass man geruhrt werden musste."
"Ach", erwiderte der Lakai mit dem namlichen Lachen, "fur zwei Dreier weinen Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sie's haben wollen. Man konnte hier ein Raritatenkabinett von Bettlern anlegen: in den schonsten Kleidern gehn sie herum wie die Pfauen; sie brauchen's freilich: aber sehen Sie, gnadiger Herr ich weiss nicht, ob ich Sie recht tituliere , sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen hatte, das Ding sollte ganz anders werden." -Heinrich befragte ihn, wie er das zu machen gedachte. -"Sehn Sie!" erwiderte der Lakai, "wenn ich etwas zu sagen hatte befehlen Sie etwa die Suppe?"
Er ging, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon wieder: "Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hatte befehlen Sie auch Wein?"
Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem "Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hatte" und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedurfnisse: denn er hatte das Ungluck, dass er nicht eher an den Loffel dachte, als bis die Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da alle Notwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeigeschafft waren, drang Hermann von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der gutherzige Bursche, der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht sogleich abhelfen zu wollen, hatte wahrend des Essens bei sich selbst ernsthaft uberlegt, wie man's dahin bringen konne, dass niemand mehr in der Welt arm und elend sei. "Sehn Sie!" fing der Bediente wieder an, "wenn ich etwas zu sagen hatte sehn Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu: 'Ihr sollt nicht betteln!', und wer's dennoch tate, der musste befehlen Sie, diesen Nachmittag auszugehn?"
Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch zeitlebens nicht vollig zum Vorschein.
Zweites Kapitel
Das erste notige Geschafte war, Schwingers Briefe zu uberliefern. Er wollte sich zu dem Ende mit seinen schonen, schwarzen Sonntagsbeinkleidern, mit stattlich breiten genahten Manschetten und der ganzen ubrigen Feierkleidung schmucken, die er ausgebreitet unterdessen auf den Tisch legte, um sich von dem ankommenden Friseur adonisieren zu lassen. Der kurze, dicke Pudergeist nennte ihm eine Menge Frisierarten her und bat, darunter auszulesen, und frisierte und schwatzte unaufhorlich, ohne ihm Zeit zur Wahl zu lassen. Heinrich war noch ganz bei den Bettelleuten mit seinen Gedanken und fragte auch bei dem Friseur an, ob man denn gar nichts tate, um dem Elende der armen Leute abzuhelfen. Der Friseur hielt inne, reckte ihm sein rechtes Ohr dicht vor den Mund hin und schrie: "Was?" Heinrich wiederholte seine Frage. "O ja!" antwortete der Bursche und hieb mit weit ausgeholtem Kamme keuchend in die Haare hinein "o ja! man tragt sie itzt einen Finger breit uberm Ohre."
Heinrich merkte, dass er ihn nicht verstanden hatte, und weil er's fur unhoflich hielt, zum drittenmal zu fragen, liess er's dabei bewenden. Die zahlreichen Familien hierzulande fielen ihm wieder ein, und er erkundigte sich bei dem Pudergotte, wieviel er Schwestern habe.
"Welche Sie befehlen, junger Herr!" schrie der Friseur. "Eine offne, eine lange, eine kurze, eine dicke, eine dunne-ich mach sie, wie Sie befehlen."- Abermals missverstanden! So setzten sie das Gesprach eine Zeitlang fort: immer tat er das Gegenteil von dem, was Heinrich verlangte. Beim Abschiede wollte er kein Geld nehmen, weil er schon auf den kunftigen Morgen wieder bestellt war: Heinrich fand die Hoflichkeit etwas ubertrieben und drang in ihn, ein Geschenk anzunehmen, da er den Preis seiner Arbeit nicht bestimmen wollte: allein der taube Friseur machte einen Reverenz und wackelte fort, ohne auf seine Bitten zu horen.
"Dergleichen Hoflichkeit hatt ich mir beim ersten Eintritte ins Haus nicht vermutet!" dachte Hermann bei sich. "Die Leute sind doch wahrhaftig viel besser als bei mir zu Hause." Wahrend dass er diese Betrachtung fortsetzte, legte er seinen Staat an, erblickte sich mit Freuden schon wie einen Konigssohn im Spiegel, und die Reise ging fort. Unterwegs freute er sich schon auf den liebreichen Empfang, womit ihn Schwingers Freunde beehren wurden, sann auf Komplimente, ihre Hoflichkeit zu erwidern, und sah vor begeisternder Erwartung kein einziges von den schonen Hausern, die ihm der Lohnlakai zeigte. Er langte an: er glaubte, nur Schwingern nennen zu durfen, um mit ausgebreiteten Armen empfangen zu werden. Der Bediente, bei dem er sich meldete, kannte keinen Schwinger, erkundigte sich kalt nach seinem Verlangen, nahm ihm den Brief ab und trug ihn zum Herrn. Schon rustete sich Heinrich zu einem der auserlesensten Reverenze und harrte mit freudiger Ungeduld auf die Erscheinung seines Patrons. Der Bediente kam zuruck: "Es ist gut", sagte er, "Sie sollen morgen fruh um acht Uhr wiederkommen." -Der unerfahrne Bursche wusste sich das Phanomen nicht zu erklaren: er empfahl sich voller Erstaunen und konnte auch seinem Lohnlakai nicht verhehlen, dass die Leute, die ihn heute bei seiner Ankunft besuchten, viel hoflicher gewesen waren. "Ja, sehn Sie!" antwortete der Bediente, "der Herr ist vor kurzem in ein sehr hohes Amt geruckt: das ist ein vornehmer Mann!"
Zu dem Besuche bei Schwingers zweitem Freunde kam er mit verminderter Erwartung und fand auch Ursache, zufrieden mit der Aufnahme zu sein. Der Mann war in kein hohes Amt unterdessen geruckt, sondern noch Advokat, und freute sich deswegen ungemein uber Schwingers Andenken. Mit der gutmutigsten Freude zog er das blausamtne Mutzchen vom Kopfe, sooft Heinrich seinen Freund nannte und der guten Meinung gedachte, die er von ihm habe: er bot alle moglichen Dienste an und ward recht unruhig, als er nach einigem Nachdenken fand, dass er sie ihm nicht auf der Stelle erzeigen konnte. "Hm! hm!" brummte er vor sich hin, sann und ruckte verdriesslich das Samtmutzchen im Kreise auf dem Kopfe herum, "braucht denn niemand einen Schreiber? Gar niemand? Hm! hm! fatal! recht fatal."
Man sah ihm in allen Zugen des Gesichts den Schmerz an, dass er ihn mit einer blossen Vertrostung von sich lassen musste: er konnte das unmoglich ohne einen gewagten Versuch ubers Herz bringen. Er lief zur Frau Gemahlin, fuhrte sie herbei und ersuchte sie instandigst, dem jungen Menschen einen Platz im Hause zu verstatten: er streichelte ihr die Hande, liebkoste und bat sie wie ein Kind. Die Frau Gemahlin antwortete mit preziosem Tone: "Das weisst du ja selber, Papachen, dass wir keinen Platz haben: nein, das kann ich nicht, Papachen. Vielleicht in einigen Wochen oder Monaten, wenn dein Schreiber abgeht: aber ich kann nichts versprechen." Der Mann verdoppelte seine Bitten und flehte demutigst, ihn wenigstens zum Abendessen dazubehalten. "Nein, Papachen, das kann ich heute nicht", war abermals ihre Antwort, "vielleicht ein andermal, wenn uns Gott Leben und Gesundheit gibt." Der Mann wusste vor Verlegenheit nicht, was er tun sollte; und da es ihm schlechterdings nicht moglich war, jemanden, der ihn interessierte, ungegessen von sich zu lassen, so holte er ein Schachtelchen Magenmorschellen aus einem Schranke und verehrte, als seine Frau den Rucken wandte, seinem Gaste heimlich drei grosse Stucken davon, nahm hochst unruhigen Abschied und versprach seine tatigsten Dienste auf das feierlichste, mit vielem Handedrucken und Backenstreicheln.
Weil es noch sehr zeitig am Tage war, entschloss er sich auf Zureden seines Begleiters, einen Spaziergang zu machen, um die Stadt zu sehn. Er wanderte, mutig und froh uber die Freundschaftsversicherungen des dienstfertigen Advokaten, der Katholischen Kirche zu, bewunderte, in Erstaunen verloren, die majestatische Brucke mit herauf- und hinabgehenden Menschen mit mannigfaltiger Vermischung, mit heraufund hinabfahrenden Karossen, Wagen, Karren, Tragern und Reitern erfullt: er weidete sich unersattlich an dem herrlichen Schauspiele: in seinen Augen war es eine kleine Welt, die hier zwischen Himmel und Wasser schwebte. Er tat einen Gang uber sie hin und brach mit entzuckter Selbstvergessenheit in laute Bewundrung aus, als auf beiden Seiten das schonste Theater in bezauberndem Reize vor ihm stand. Garten und Pavillons, die ihm in der Luft zu hangen schienen, Hauser, ferne Palaste an beiden Ufern hin und uber den lang daherwallenden Strom hinaus am Ende der Aussicht einen schieflaufenden Bergrucken, mit bunten Hausern, einzelnen Baumen und malerischen Einzaunungen uberstreut und mit hohem, dunkelgrunen Walde in mannigfaltigen Krummungen bekront: er hatte nie des Anblicks genug. Nicht weniger verweilte er auf dem Ruckwege bei der andern Seite der Aussicht und vermehrte die Anzahl der Neugierigen, die Gelander und Bogen besetzt hatten, um den Mast eines Schiffes mit langen Zurustungen niedersenken zu sehen, das dem schiessenden Strome entgegen durch die Wolbung der Brucke gezogen werden sollte: die Zuschauer ausserten mit der lebhaftesten Teilnehmung Besorgnis und Erwartung, Tadel und Bewundrung uber die Massregeln der Zimmerleute und Schiffer, die wie Eichhorner auf der Bedachung des Schiffs herumsprangen, schrien, schalten, zankten, anordneten, itzt mit angestrengten Kraften dem fallenden Baume das Gegengewicht hielten, itzt mussig, auf ihre Hebebaume gelehnt, dastanden und plaudernd und pfeifend in den wallenden Strom sahn. Beladne Kahne mit roten, flatternden Wimpeln schwammen fern daher auf der ausgespannten Flache des Wassers: mit schnellerm Laufe fuhren andre, vom Strome begunstigt, vor ihnen vorbei, grussten mit lautem Zuruf die Kommenden, empfingen und gaben mit treffendem Schifferwitze Grusse von wartenden Madchen, verliebten Weibern und eifersuchtigen Ehemannern; und eine Kanonade von helltonendem Gelachter war der Abschied. Andre ruhten am Ufer: mit tatiger Emsigkeit stieg man in sie hinab und entlud sie ihrer Burde:hier wurden verwundete Fahrzeuge zur unvermuteten Reise eilfertig ausgebessert: dort stand auf dem umgekehrten Bauche eines anderen ein Trupp Zimmerleute um den Herrn des Kahns, in ernste Beratschlagung vertieft, wie man mit leichten Kosten dem zerlocherten Patienten vollkommne dauerhafte Gesundheit verschaffen konne: bedenklich wie ein Arzt bei einer gefahrlichen Krisis schuttelte der Zimmermeister uber dem hoffnungslosen Gebaude den Kopf, und betrubt kraute der Patron sich den Kopf.
Tagelang hatte Heinrich bei einem fur ihn ganz neuen Schauspiele verweilen mogen, wenn ihn nicht sein ungestumer Begleiter bestandig zum Abmarsche ermahnte: nach langem Kampfe mit sich selbst riss er sich endlich los, doch mit dem festen Vorsatze, oft zuruckzukehren.
Kaum naherte er sich der Katholischen Kirche, als ihn von der Seite eine Knabenstimme anfiel. -"Mein junges, schones Herrchen", tonte ihm in das linke Ohr, "der liebe Gott hat Sie gar zu schon gemacht, und er wird Sie noch schoner machen, wenn Sie einem armen Jungen auch etwas mitteilen."
Der unerwartete Lobspruch riss seine Hand nach der Tasche hin: er gab dem Schmeichler ein Zweigroschenstuck. Der Bube zeigte es triumphierend und hupfend seinen Kameraden zwischen den emporgehaltnen Fingern; und kaum sahen sie es blinken, so schoss eine ganze Kuppel wie wutend auf den Wohltater los: gleich Hunden, die eine Beute erwischt haben, packten sie ihn fest, als wenn sie sich in seine ganze Person teilen wollten. Jeder bekam soviel als der vorige, und nur einer, der die Schmeicheleien der andern mit einem "Gnadiger Herr" uberbot, erhielt doppelt soviel.
"Ihre hochwohlgeborne Gnaden" rief eine alte zerlumpte Frau, die auf einem Steine bei der Kirche sass und sich langsam und zitternd zu ihm hin bewegte. So eine Hoflichkeit war etwas wert: er bezahlte sie mit einem halben Gulden. Die Alte erschrak uber die Grosse des Geschenks, wackelte ihm mit gefaltnen Handen nach und betete mit lauter Stimme zwo lange Strophen aus einem Kirchenliede, die der Lohnlakai, aus mechanischer Andacht, murmelnd nachsprach: dann fuhr sie ihm nach dem Rockzipfel und kusste ihn, eh' er's wehren konnte.
"Wenn doch die Leute hierzulande nicht so entsetzlich hoflich waren!" dachte Heinrich, als er in die Tasche griff und seinen Geldvorrat merklich vermindert fuhlte. Indem er's dachte, erschienen die Buben, die er schon einmal beschenkt hatte und um die Kirche herumgeschlichen waren, zum zweiten Male und sturmten mit 'Exzellenzen' und 'Gnaden' so gewaltig auf ihn zu, dass er dem Angriffe nicht widerstehen konnte: Gutherzigkeit und Eitelkeit leerten seine ganze Tasche unter sie aus.
Den Abend brachte er nach seiner Ruckkunft unter mancherlei angenehmen Traumereien hin, worunter sich wie ein Gespenst die traurige Vermutung mischte, dass es ihm mit der Zeit, und zwar sehr bald, an Geld fehlen konne: 'aber Schwingers vornehmer Freund, der in so ein hohes Amt vor kurzem geruckt ist und mich morgen fruh zu sich bestellt hat, wird mir schon helfen' trostete er sich; und die Hoffnung druckte ihm die Augen zu.
Drittes Kapitel
Zur bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone. Der Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an und hiess ihn endlich warten. Nach einer halben Stunde offnete er einen Flugel der Tur, ging voran und gebot, ihm nachzufolgen. Die Wanderung geschah durchs ganze Stockwerk, wenigstens durch funf bis sechs grosse Zimmer, und am Ende steckte er ihn in ein kleines, enges Stubchen, wo er ihn abermals warten hiess. In einer halben Viertelstunde trat der halbangekleidete Patron durch eine Nebentur auf, eine Buchse mit Zahnpulver in der einen Hand, in der anderen ein Burstchen, womit er die breiten Zahne scheuerte, dass ein rosenfarbener, muskierter Spruhregen aus dem Munde hervorsprutzte. Er blieb in dieser Beschaftigung lange stumm bei der Tur stehen und uberlegte bei sich, ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte: endlich wahlte er einen klugen Mittelweg und fragte: "Was will man?" Hermann tat seinen Vortrag. -"Also lebt Schwinger noch?" unterbrach ihn der Patron. Heinrich fuhrte ihm den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu Gemute: der Patron besann sich. "Ja, ich hab ihn gelesen", sprach er. "Wenn sich etwas findet, worinne ich dienen kann, so darf man sich nur an mich wenden: ich werde mir ein Vergnugen daraus machen" hustete und ging ab.
Erstaunt stand Heinrich da und wusste nicht, ob er gehn oder bleiben sollte: er bildete sich ein, der Patron habe nur einen Abtritt genommen, um mit tatiger Hulfe zu ihm zuruckzukehren: der Himmel weiss, mit welchen jugendlichen Einbildungen mehr er sich tauschte: doch da die Wiedererscheinung zu lange aussenblieb, so schloss er ganz vernunftig, dass er die Erlaubnis habe, wieder nach Hause zu gehn. Er ware gern diesem Schlusse gefolgt, aber wie sollte er sich durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden? Zudem schien es ihm auch unanstandig, in fremden Zimmern allein herumzuschweifen. Er sah durchs Fenster: Niemand ruhrte sich. Er versuchte eine Tur zu offnen: sie war verschlossen. Da er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlosung vor sich sah, wagte er's herzhaft, den Weg wieder aufzusuchen, durch welchen man ihn hereingelassen hatte. Mit vieler Behutsamkeit, nachdem er vorher an jeder Tur gehorcht hatte, fand er sich durch zwei Zimmer hindurch: aber nun war seine Geographie aus: das dritte Zimmer hatte vier Turen: er brauchte bei jeder die namliche Vorsicht, offnete eine-Gotter und all ihr himmlischen Machte! welcher Anblick!, eine junge Dame im nachlassigsten Neglige lag lang ausgestreckt auf einem Sofa, ein zottiges Hundchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem Kopfe, eine Vorderpfote ruhte auf dem Busen, die andre hielt seine Gonnerin in der Hand und kusste sie mit stummer Zartlichkeit, wahrend dass ihre andre Hand ihn bei dem langbehangenen Halse fasste und freundschaftlich an die Brust druckte. Heinrich wurde gluhend rot: er glaubte zu traumen: denn seine verliebte Einbildung gab der Dame so vollig das Gesicht der Baronesse Ulrike, dass in seinen Gedanken nichts gewisser war, als, sie sei ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre Gegenwart uberraschen dass nichts gewisser war, als, man habe ihn auf ihre Veranstaltung eingesperrt und sich selbst uberlassen, um sie bei seinem Herumirren zu finden. Diese Erdichtung war in zwei Pulsschlagen gemacht, und mit dem dritten schwebte schon "Ulrike!" auf der Zunge: noch ehe der Laut durch die Lippen flog, wurde ihn die Dame gewahr, sprang auf, als wenn sie den feurigen Ziegenbock erblickt hatte, dass das arme Hundchen jammernd zu Boden sturzte, und rennte mit tugendhafter Eile davon: der Hund, um das Schrecken seiner Gebieterin zu rachen, lief klaffend auf den halb sinnlosen Heinrich zu und zwang ihn, seinen Posten zu verlassen. Der Hund setzte ihm mit unaufhorlichem Bellen nach: es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getose: man schlug Turen auf, schlug Turen zu, trampelte auf und ab: es ward ihm bange, was man mit ihm auszufuhren gedenke, die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit: er riss herzhaft eine Tur auf, fluchtete durch ein Zimmer, dann noch durch eins, und nun war er zu grosser Herzensfreude an der Treppe, setzte hinunter, der Hund hinter ihm drein. Der Bediente begegnete ihm in der Haustur und wunderte sich nicht wenig, dass ein Mensch, den er schon langst nicht mehr im Hause glaubte, sich itzt mit Hunden forthetzen liess. So ein sturmisches Ende nahm die erste Patronschaft.
Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen, dass damit nun alles aus sei: davon hatte er gar keinen Begriff, dass ein Mann in einem hohen Posten nicht helfen konne; und dass er's nicht tun wolle, wenn er gleich konnte, der Gedanke galt in seinem Kopfe der Unmoglichkeit gleich. Er war sich bewusst, dass er jedem Armern seinen letzten Pfennig freiwillig geben wurde, wenn er ihn in Not sahe, dass er so bereitwillig, als er Schwingers kleinstes Verlangen erfullte, von einem Ende der Stadt bis zum andern laufen wurde, wenn jemand einen Dienst von ihm foderte; und solche Leute, die viel alter waren als er und also nach seiner Voraussetzung besser sein mussten, sollten schlechter denken und handeln als er? Eine solche Vermutung fiel ihm gar nicht ein, besonders da sie nach seinen jugendlichen Vorstellungen bloss da waren, um jedem zu helfen, der Hulfe bedurfte. Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und liess sich keinen Kummer anfechten.
Eine Menge Kramer, die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute Kunde versprachen, begleiteten ihn bei seiner Ruckkunft auf sein Zimmer und wunderten sich nicht wenig uber die Entschlossenheit, mit welcher er seiner Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand: aber einer andern Begierde konnte er desto weniger widerstehn: er brannte vor Verlangen, einen Gang um die Katholische Kirche zu tun und neue Lorbeeren der Wohltatigkeit einzuernten: er fuhlte etwas in sich, das ihn uber sich selbst erhob, ein Entzucken, das ihn susser begeisterte als alle genossene Freude nur Ulrikens Gegenwart und der Gedanke an sie hielt ihm die Waage , er schien sich uber die Sterblichkeit hinausgeschwungen, wenn er sich umringt von einem Zirkel Knaben dachte, die Hulfe von ihm flehten, wie er stolz daherging, bei jedem Schritte von einem neuen Durftigen angesprochen wurde, mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte, und wie dann der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wunschen ihm nachlief, indessen dass er sich mit der Vorstellung ergotzte, diesen allen geholfen zu haben: das Bild ruhrte, bezauberte, fesselte ihn: in freudiger Berauschung fullte er seine Tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner Wohltatigkeit hin, und es fehlte ihm nie an Veranlassungen, die Freuden der Gutherzigkeit reichlich zu geniessen. Itzt, nachmittags, hatte er seinen menschenfreundlichen Spaziergang zweimal getan und fuhlte einen unwiderstehlichen Zug, ihn zum dritten Male zu wiederholen: er hatte freilich nur noch einen einzigen Taler im Vermogen und wusste nicht, woher er Geld nehmen sollte: bedachtsam legte er den Taler auf den Tisch, wenn ihm diese Bedenklichkeit einfiel, steckte ihn in die Tasche, wollte gehn, besann sich, uberzahlte sein Geld es war und blieb nicht mehr als ein Taler: er wollte auf dem Zimmer bleiben, stritt, kampfte mit sich selbst und ging. Der Ruf seiner Wohltatigkeit hatte sich schon wie ein Lauffeuer unter den Armen ausgebreitet: eine ansehnliche Zahl hatte sich truppweise versammelt und erwartete ihn: wie er den ersten Schritt aus dem Hause setzte, tonte ihm schon eine klagliche Bitte entgegen: um sein Vergnugen zu verlangern, machte er zwar kleinere Portionen, aber die Menge der Pratendenten war so gross, dass er seinen Taler schon rein ausgeteilt hatte, als er bei der Katholischen Kirche anlangte: dort erwartete ihn der starkste Teil der Armee, aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn: man nannte ihn den kleinen Prinzen, Eure Durchlaucht, Eure Hoheit welches Ungluck, er fuhlte und suchte in allen Taschen und fand nichts. Den Kopf hatte er sich mit der Faust zersprengen mogen: beschamt, verwirrt, geangstigt wie ein Missetater, der ins Gefangnis gefuhrt wird, eilte er mit niedergeschlagnen Augen dahin, und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein: unter dieser zahlreichen Begleitung langte er zu Hause an, dass sich die Leute auf der Gasse und an Fenstern laut fragten, welches der Delinquent sei, den man einfuhrte.
Dies war der unglucklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens: Scham und Arger folterten ihn und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf. Er war von der Hohe seiner Einbildung herabgeworfen worden und sollte noch tiefer herabsinken.
Der Lohnlakai hatte eine andre Herrschaft unterdessen zu bedienen bekommen und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung. Herrmann geriet in Todesangst: er musste seinen Mangel an Gelde bekennen und ihn vertrosten, bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reissen werde, an welchen er noch den namlichen Tag schrieb. Den Augenblick verwandelte sich die ubermassige Hoflichkeit des Bedienten in ubermassige Grobheit: er sagte einige empfindliche Reden und ging. Heinrich hatte sich vor Arger zum Fenster hinabsturzen mogen. Kurz darauf liess der Wirt, dem der Lohnlakai grossen Argwohn beigebracht hatte, seine Rechnung uberreichen mit dem Bedeuten, dass diesen Nachmittag eine Herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde, die es schon vor vielen Wochen habe bestellen lassen: alle ubrigen Zimmer im ganzen Hause waren besetzt. Er nahm das fatale Papier, warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg.
Was nun zu tun? Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen Leben und griff ihn deswegen mit einer Starke an, die ihn bis zur Verzweiflung brachte. Nicht zu bezahlen und fortzugehn? das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit nicht zu. Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln? das war ihm bitter wie der Tod. Sich an seine Patrone zu wenden? So bedenklich ihm das schien, so bequemte er sich doch dazu. In vollem Vertrauen, dass niemand eine Bitte abschlagen werde, die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hatte, ging er zu dem einen und dem andern: der eine liess ihn nicht vor sich, der andre war nicht zu Hause. Die Verlegenheit druckte wie eine Zentnerlast auf sein Herz: er konnte kaum atmen. An der Haustur des Advokaten unterdruckte er alle Einwendungen der Ehre und fasste den verzweifelten Entschluss, sein bisschen Habseligkeit dem Wirte statt der Bezahlung zuruckzulassen und in die Welt hineinzugehn. Die Gewissheit, was er tun wollte, erleichterte plotzlich seinen Schmerz: sobald nur der Vorsatz gefasst war, setzte sich alles in ihm in Bewegung, ihn zur Ausfuhrung zu begeistern. Er wanderte mit heroischem Mute zum Pirnaischen Tore hinaus gerade dem Grossen Garten zu. Alle Reize der unendlich schonen Gegend, das ganze herrliche Amphitheater einer langen Ebne, mit Bergen, Waldern und fernen, vielgestalteten Felsen umgurtet, fesselte ihn nicht: Kummer und Mut, Besorgnis und Entschlossenheit kampften in ihm mit tyrannischer Wut. Er suchte einen einsamen Ort, warf sich in dem dicksten Gebusche auf den Boden hin und seufzte. Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wusste ihm keine bessre Wendung zu geben, als dass er sich vornahm, den nachsten Pfarrer oder Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafur zu ubernehmen, deren er fahig ware. Der Schluss war so fest, so unerschutterlich als die Tanne, die ihn mit ihren tief hangenden Asten beschattete.
Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine rauhe Stimme, er erhielt Verstarkung, und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor: auf allen Baumen hupften und zwitscherten Vogel in mannigfaltiger Vermischung, so munter, so frohlich, als wenn sie seines Elends spotten wollten: das ganze Gebusch war ein lauttonendes Konzert glucklicher Geschopfe. "O ihr seligen Geschopfe! ihr bedurft keines elenden Silbers oder Goldes, um glucklich zu sein!" sprach er, stund auf, ging tiefer ins Gebusch, um der widrig frohlichen Musik zu entgehn. Er trat in einen schauernden, finstern Gang, wo unter dem Gewolbe verschlungener Fichtenaste tote Stille und Melancholie wie ein ausgebreiteter Flor schwebte: je grauser, je willkommner: je mehr er schauerte, je glucklicher fuhlte er sich. Das finstre, lebenlose Leere des Orts spannte die Flugel seiner Einbildungskraft: das Gewolbe wurde enger und dustrer: ein schmaler, weisser Sandweg leuchtete in verzognen Krummungen durch die Dunkelheit vor ihm her: bald wurde er ihm zu einem Geiste, in weisses Gewand gehullt, der ihn leitete; bald war es Ulrike in ihrem Atlaskleide, die ihn aus dem Labyrinthe fuhrte: er horte Atlas rauschen: der weisse Weg verlor sich, und Ulrike verschwand. Welche Betrubnis! auch eingebildetes Gluck muss ihm das missgunstigste Schicksal rauben! Itzt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehauften Fichtennadeln hervor: welche Freude! Als wenn die leibhaftige Ulrike sich wieder zu ihm eingefunden hatte!
"O Ulrike!" rief er und schlug die Hande uber dem Kopfe zusammen, als sich der Weg zum zweiten Male verlor, "wenn ich jemals so wieder bei dir sitzen konnte wie am Abende, als ich mich von dir trennen musste! Das war ein Leben! ein Leben, um sich niemals den Tod zu wunschen! Aber itzt, itzt bin ich schon so gut als tot. Um meiner Nahrung willen muss ich auf einem Dorfe vermodern, verachtet und unbekannt dahinsterben: Du eilst der Ehre und dem Reichtum entgegen, vergissest mich in Wollust und Freuden; und ich! was werd ich? ein verachteter, elender Bettler, der ums Brot arbeiten muss! O wenn ich wieder jung werden und an alle die Orter der Freude, zu meinem Freunde, zu Ulriken zuruckkehren durfte!"
Er schwieg lange: dann fuhr er hastig auf:
"Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden kame! wenn sie mir nun nachgegangen ware! wenn sie nun wirklich in dieser Minute, heute oder morgen ankame! und ich hatte die Stadt verlassen! sie fande mich nicht und geriet in noch grosseres Elend als ich! Nein, ich muss zuruck! ich muss! ich muss!" -Ubereilend drangte er sich durchs Gebusch hindurch und schonte weder Haut noch Kleidung, als wenn sie schon aussen auf ihn wartete. Plotzlich war er auf einem freien Platze und die ganze Stadt mit Turmen, Hausern und Garten im schonsten Sonnenglanze vor ihm: der glanzende Anblick, wie er so schnell auf den vorigen melancholischen Aufenthalt folgte, riss seine Seele empor: er schien sich aus einem Kerker gezogen, und die Sonne zerstreute seinen Kummer wie Nebel. Er wurde durch eine geheime Macht nach der Stadt hingezogen, und bei jedem Schritte wuchs mit seinem Wunsche die Wahrscheinlichkeit, dass der Advokat sich seiner annehmen werde. Diesen Mittag zu hungern, weil es nicht anders sein konnte, hatte er sich schon gefasst gemacht.
Er schwankte, ob er in seine Wohnung zuruckgehn sollte: endlich entschloss er sich dazu und war sogar nicht ubel willens, etwas von seinen Habseligkeiten auf allen Fall in die Tasche zu stecken: er erschrak bis zum Erroten, als sich ihm diese Vorsichtigkeit wie eine Betrugerei vorstellte. 'Nein', sagte er sich, 'ich muss erst meine Sachen taxieren, ob sie zur Bezahlung zureichen; und dann '
Hier kam ihm eben der Lohnlakai sehr freundlich und dienstfertig entgegen und buckte sich vor ihm, dass die Nase aufs Knie stiess: er wollte seiner Hoflichkeit gar kein Ende machen. Das unerwartete Betragen war unerklarlich. "Bleiben Sie ja ein Viertelstundchen zu Hause!" sprach er und lief eilfertig nach dem Hut, "ich will gleich jemanden holen: das wird eine Freude sein!" Mit diesen kurz herausgeatmeten Worten lief er davon und liess Heinrich Zeit, uber seinen Text Mutmassungen zu machen. Was war naturlicher, als dass es die Baronesse sein musste, die er holte? Sie war eben angekommen, hatte sich bei einem seiner Patrone nach ihm erkundigt, ihn hier aufgesucht, nicht gefunden, dem Lohnlakai ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er sie sogleich nach seiner Ruckkunft rief, und um dieses tun zu konnen, musste sie Geld mit sich bringen: aber woher das? Ei! konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenge verkauft haben? Oder vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut: vielleicht hatte er ihr durchgeholfen, Geld geborgt. Aber was brauchte er sich denn darum zu bekummern, wie sie zum Gelde kam? Genug, sie sollte angekommen sein und Geld bei sich fuhren, um ihn aus seiner Verlegenheit zu reissen: das ist nun so eine zusammenhangende, einleuchtend wahre Geschichte! Je mehr er sie wahr wunschte, je mehr vergass er, dass er sie bloss mutmasste.
Nach langem, ungeduldigem Hoffen horte er die Stimme des Lohnlakais: sein Herz klopfte, er zitterte, er flog nach der Tur, riss sie auf und erblickte eine Perucke, einen olgelben Rock, von oben bis unten zugeknopft, schwarze Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen, der aus der Offnung des Schosses hervorguckte mit einem Worte, seinen Patron, den gutmutigen Advokaten.
"Lieber Sohn", fing er an, "du sollst heute bei mir essen: meine Frau ist verreist. Wenn die Katze nicht zu Hause ist, macht sich die Maus lustig, wir wollen hoch zusammen leben; und wenn du so angebrachtermassen bei mir als heute mittags issest, so wollen wir weiter deliberieren, was in puncto deines Fortkommens zu tun und zu machen ist."
Er berichtete zugleich, dass er ihn schon zweimal vergeblich gesucht und in der Nachbarschaft bei einem Freunde erwartet habe. Welche frohliche Botschaft! Sie wanderten zusammen fort.
Bei Tische entdeckte er ihm, dass er seine Rechnung im Gasthofe bezahlt habe und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle:
aber was ihn dazu so schnell bewegte, verschwieg er ihm. Schwinger hatte ihn in einem zweiten Briefe ersucht, seinen Freund zu sich zu nehmen, und Tisch und Wohnung vierteljahrig fur ihn zu bezahlen versprochen. "Aber lassen Sie ihn nichts davon merken!" schrieb er. "Der Bursche muss glauben, seinen Unterhalt durch seine Arbeit zu verdienen, damit er sich daran gewohnt und es ohne Widerwillen tut, wenn er's bedarf. Beschaftigen Sie ihn also unaufhorlich und unterlassen Sie nichts, was Sie zu seinem Fortkommen beitragen konnen! Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zuruckholen: der Oberpfarrer in G** ist gefahrlich krank: man hat mir seinen Platz versprochen: stirbt er, so werde ich schon weiter fur den jungen Menschen sorgen. Er liegt mir am Herzen wie mein Sohn."
Der gutmutige Doktor Nikasius so heisst er war unmittelbar nach Durchlesung des Briefs so fest wie itzo entschlossen, die Bitte seines Freundes gewissenhaft zu erfullen: aber die Frau! die Frau! Er gestund Heinrich offenherzig, dass sie das grosse Hindernis bei allem Guten sei, was er nur jemals tun wollte. "Aber", setzte er hinzu, "wir wollen sie schon dergestalt und allermassen hinter das Licht fuhren, dass sie sich fordersamst zum Ziel legen soll. Anlangend nun deine Herkunft also, wollen wir ihr dergestalt und allermassen uberreden, du seist ein Edelmann: denn die Hexe will mit niemandem sonst etwas zu tun und zu schaffen haben. Wenn du nun zwar kein Edelmann bist, noch sein oder heissen willst und dir solchemnach allerhand Kalamitaten und Beschwerden durch Arrogierung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen durften, solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen, deine Geburt als ein Fideicommissum wohl und geziemend zu bewahren, auch niemandem zu entdecken, noch viel weniger zu offenbaren, welchergestalt und auf was fur Art und Weise es nur immer sein und geschehen moge. Zufolgedessen sollen alle deine Res mobiles noch heute anhero gebracht und geschafft werden, damit du in possessione bist und sie dich sofort ohne grosse Unhoflichkeit nicht extrudieren kann."
Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer Kammer gesetzt, bis die Frau Gemahlin eine Stube fur ihn bewilligen wollte. Nachdem die Geschafte besorgt waren, kehrte der Doktor wieder zur Freude zuruck und sprach und handelte so naturlich wie jeder andre Mensch: sobald etwas nur die mindste Miene eines Geschaftes hatte, sprach er in seinem schwerfalligen, tautologischen Stile, und wenn er auch nur dem Bedienten ein Stuck Akten wegzutragen befahl. Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu geniessen, hatte er einige Universitatsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten, die ihm das Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten. Er war ein ungemeiner Liebhaber der studentenmassigen oder fidelen Lebensart, wie er sie nannte, und durfte sich vor seiner Frau, einer sehr zeremoniosen Dame, nichts davon merken lassen.
Die Gaste erschienen, tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeraumt, als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter ware: sie erzahlten sich Schwanke und kurzweilige Historlein, und auf jedes folgte ein so lautes, allgemeines Gelachter, dass die Glaser und Fensterscheiben zitterten. Das Lustigste fur den Zuschauer bei dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darinne, dass ein jedes von den vier Mitgliedern sich ein Wort angewohnt hatte, welches er ohne Sinn und Zusammenhang unaufhorlich wiederholte.
Herr Fabricius trat herein, machte eine Verbeugung, und ohne ein Wort gesprochen zu haben, fing er an: "Wie gesagt, ich bin Ihr gehorsamer Diener."
Der Wirt antwortete: "Seien Sie willkommen dergestalt und allermassen."
Fabricius. Wie gesagt, Bruderchen, ich habe dich lange warten lassen: aber wie gesagt, wo stecken die andern Hundsfotter? Wie gesagt, bin ich ja doch nicht der letzte.
Nikasius. Die Schurken werden dergestalt und allermassen wohl zu tun haben.
Herr Piper guckte scherzhaft zur Tur herein: "Namlich hauptsachlich, seid ihr bose auf mich, ihr Halunken?"
Fabricius. Wie gesagt, du Pfannkuchenkopf, warum bleibst du so lange?
Piper. Du Schweinigel, ich konnte ja namlich hauptsachlich nicht eher kommen.
Herr Furiosus riss die Tur auf, trat, den Hut auf dem Kopfe, herein und brullte: "Und abermals guten Tag, ihr Hundejungen!"
Tutti. Grossen Dank, Herr Hasenfuss!
In einem so kraftig liebkosenden Tone wurde das Gesprach fortgesetzt, und zwar mit einer Unerschopflichkeit an Schimpfwortern, dass keins mehr als zweimal zum Vorschein kam: der schlechte Spass schwang seine Flugel uber sie und schuttelte einen Platzregen von plumpen Einfallen unter ihnen aus. Als ihre Lustigkeit im hochsten Schwunge war, fand sich ein junger Doktor, der vor kurzem von der Akademie zuruckgekehrt war, ein Mannchen a quatre epingles, vom Kopf bis auf die Fusse wie aus Wachs geformt, mit vielen scharrenden Verbeugungen und schnatternden Komplimenten bei ihnen ein, um dem Herrn vom Hause die Aufwartung zu machen. Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und blies eine so ungeheure Menge Rauch auf das geputzte Herrchen los, dass die Flittern seiner gestickten Knopfe wie blinkende Sternchen durch Regenwolken schimmerten: ausserdem verloren seine Komplimente Geschmeidigkeit und Fluss, weil ihm der erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten notigte. Zuletzt wurde die Wolke so dicht, dass sie ihn nicht mehr sahen: es entstund allgemeine Stille, weil er vor Ersticken nicht mehr reden konnte: man glaubte also wirklich, er sei aus Verdruss ohne Abschied fortgegangen. Das arme Doktorchen, das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch horte, suchte die Tur und konnte sie schlechterdings nicht finden: er wankte hin und her.
"Wie gesagt, der Narr ist fort", fing Fabricius an. "Ich empfehle mich Ihnen gehorsamst" flusterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke hervor. Es war der halb ohnmachtige Doktor, der nach langem Taumeln eine Tur erwischt hatte und zu ihr hinauswankte: aber er hatte die falsche erwischt; denn er kam in die Schlafstube. Er merkte wohl, dass er unrecht sei, allein seine Schwache uberwaltigte ihn so stark, dass er unmoglich der Versuchung widerstehn konnte, der Einladung eines schonen, kattunen Vorhangbettes zu folgen: entweder glaubte er in seinem Schwindel, wirklich schon zu Hause zu sein, oder wollte er bloss die Gelegenheit zur Erholung nutzen? genug, er warf sich, wie er war, auf das Bette und schlief ein. Inzwischen freute sich die dampfende Gesellschaft ihres Triumphs uber den schon geputzten Doktor, und die Unterredung lenkte sich allmahlich auf die Weiber, worunter keine sonderlich gut wegkam: ein jeder wollte mit der seinigen eine schlimme Operation vornehmen: der eine wollte sie, wie gesagt, unter die Freipartie tun, der andre wollte sie namlich hauptsachlich in einem Zuchthause versorgen: Nikasius wollte die seinige dergestalt und allermassen auf Interessen austun, und Furiosus dachte, und abermals, ein Depositum miserabile aus ihr zu machen. Ihr Witz lief noch lange Zeit in diesem Gleise fort, als plotzlich die Tur aufging: man hatte die Fenster geoffnet, um die Atmosphare vom Qualme zu reinigen, und durch die dunnen Dampfwolken zeigte sich die Dame vom Hause.
Wie eine Schildwache, die mit scharfgeschultertem Gewehre vor dem vorubergehenden Offizier in steifer Ehrerbietigkeit dasteht, trat die ganze Gesellschaft dahin, streckte die Pfeifen und zog die Hute von den Kopfen, als die Frau vom Hause erschien. Niemand sprach: mit unwilligem Schutteln des Hauptes und kochendem Grimme im Herze begab sie sich wieder hinweg: dem Herrn Gemahle entsank Mut und Lustigkeit: wie ein Kind, das Knecht Ruprecht gescheucht hat, ging er angstlich in der Stube herum und wunderte sich, warum seine Frau schon wiederkame, da sie doch erst morgen abend hatte eintreffen sollen. Herr Piper nahm seinen Stock und sagte namlich hauptsachlich gute Nacht: Furiosus wunschte, dass der Teufel, und abermals, die Hexe fortgefuhrt haben mochte. "Wie gesagt, wir mussen gehen", sprach Fabricius unmutig. "Ja, Bruderchen", sagte der Herr vom Hause mit verzerrtem Gesichte, "das wird wohl dergestalt und allermassen das beste sein." Man folgte seinem Rate.
Viertes Kapitel
Um die erzurnte Ehefrau wieder auszusohnen, begab sich der Mann unmittelbar nach dem Abschiede seiner Freunde zu ihr und bewillkommte sie in der Form: da sie keinen kleinen Vorrat von Eigendunkel besass und die vornehme Dame gern spielen wollte, so war eine solche Formalitat fur sie ein angenehmes Suhnopfer. Er kusste ihr die Hand sie schmunzelt: er machte drei formliche Verbeugungen ruckwarts und wunschte zur erfreulichen Ruckkunft Gluck.
"Du bist einmal lustig gewesen, Papachen?" sprach die Frau mit stolzem, verdriesslichem Tone zu ihm herab und machte ihr Reisekleid los: der Mann sprang hinzu und half ihr: sie dankte ihm mit einer preziosen Verbeugung. Diese Hulfe hatte ihm die Antwort auf ihre Frage erspart: sie fuhr also fort:
"Nun werd ich wohl vierzehn Tage lang den Studentengeruch nicht wieder aus dem Hause bringen."
Ohne sie ausreden zu lassen, unterbrach sie der Mann: "Mein Augelchen, willst du etwa Tee, Kaffee oder etwas zu essen? Ich will gleich bestellen." Sie dankte.
Die Frau. Wenn du dir nur einmal das bose Studentenleben abgewohnen konntest! Man darf auch nicht den Rucken kehren, so fallst du gleich wieder in deine alten Sunden zuruck. Man zieht seine Schande an dir. Kannst du denn nicht einmal ein Mann werden, der seinem Stande Ehre macht? So lass doch die Tabaksbruder sich in Kneipen und Schenken herumwalzen und beschimpfe dich und deine Frau nicht durch solche schlechte Gesellschaft! Werden die Leute nicht denken, dass bei uns alles vollauf ist, wenn du so schmausest und brausest? Man kann ja das Geld zu bessern Gesellschaften und anstandigern Besuchen sparen.
Der Mann. Hm! hm! Fatal! recht fatal, dass ich mich dazu habe bereden lassen! Es soll nicht wieder geschehen, mein Mauschen.
Die Frau. Das hast du mir schon tausendmal versprochen, Papachen. Ich will auch gar nicht mehr aus dem Hause gehn ohne dich.
Der Mann. Fatal! recht fatal! Verlass dich auf dein Papachen! Es soll nicht wieder geschehn.
Die Frau. Und obendrein zu so ungelegner Zeit die alten Dampfgaste daherzusetzen! Ich muss ja morgen abend zu essen geben. Die Gaste mochten sich die Nase zuhalten, so ubel wird das ganze Haus riechen.
Der Mann. Vielleicht haben sie den Schnupfen. Wenn's ihnen nicht gut in meinem Hause riecht, ist mir's desto lieber. Da kommen sie dergestalt und allermassen nicht wieder.
Die Frau. Ja, freilich, dir sind deine lustigen Saufbuben lieber als hubsche Leute.
Der Mann. Die hubschen Leute machen mir dergestalt und allermassen nicht halb soviel Vergnugen als meine lustigen Kameraden. Da gibst du mir elende Suppen und magres Zugemuse, damit du alle Monate einmal deinen hubschen Leuten vollauf vorsetzen kannst, dass dergestalt und allermassen der Tisch brechen mochte. Ich lobe mir's, alle Tage gut gegessen
Die Frau. Wenn du das Geld dazu hast!
Der Mann. Das hatten wir wohl. Wenn wir nicht alle vier Wochen einmal den hubschen Leuten meinen Verdienst zu verzehren gaben, so brauchten wir nicht die ubrige Zeit so kummerlich und jammerlich zu fressen. Mir ist dergestalt und allermassen eine kleine, wohlfeile Lust, die man oft anstellen kann, tausendmal lieber als so eine seltne kostbare Fresserei, wobei man sich den Magen verdirbt und des Lebens unter den hubschen Leuten nicht froh wird. Lass sie Kaffee saufen, wenn du ja Besuch haben willst, und damit gut! Oder gib guten Freunden ein paar Schusseln, und das oft, und lass uns frohlich und guter Dinge dabei sein!
Die Frau. Schweig, Papachen! das verstehst du nicht.
Der Mann. Ja, ja; ich bin's ja zufrieden, wenn's nicht anders sein kann. Aber
Die Frau. Papachen, geh an deine Arbeit! Akten verstehst du:verdiene du nur das Geld! Wie es vertan werden soll, das versteh ich. Geh! arbeite!
Der Mann. Ja, ja, Mauschen: ich will's ja tun.
Er gehorchte: sie merkte wohl, dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag, aber sie trug kein grosses Verlangen, es zu erfahren. Er wollte ihr Heinrichs Aufnahme in sein Haus hinterbringen, das war es: gleichwohl wusste er nicht, wie er sich am besten dabei benehmen sollte. Er berief ihn zu sich auf seine Stube, um ihm die Marotten seiner Frau bekanntzumachen, damit er desto leichter das Geheimnis erriete, sich in ihre Gunst zu setzen.
"Pro primo", hub er an, "hat meine Frau dergestalt und allermassen einen recht spanischen Stolz nimm einen Bogen Papier und schreib, wie ich dir vorsage! , sie lasst sich gern die Hande kussen, sie sieht es sehr gern, dass man tiefe, tiefe Reverenze vor ihr macht, und nimmt's ubel, wenn sie nicht tief genug sind: sie wird bose, wenn man sie Madam nennt: Frau Doktorin muss man sie nennen, wenn sie antworten soll; und krieg ich einen Titel welches ich nachst Gottes Hulfe in wenig Wochen erwarte , dann muss man jedesmal nach zwei Worten den Titel einschieben, damit diejenigen, so es nicht wissen, gleich erfahren, wen sie zum Manne hat. Wenn man von ihr und sich selbst zu gleicher Zeit spricht, so muss sie zuerst genennt werden, oder sie macht ein Gesicht wie eine wilde Katze. Zur Tur hinein oder heraus muss sie allemal vorangehn, oder es lauft ubel ab. Auch muss man soviel moglich sich huten, gegen sie sich solcher naturlichen Ausdrucke zu bedienen wie folgende: Ich habe Sie im Zwinger gesehn Sie haben hier eine Faser hangen Gehn Sie voran! Dafur sage man zierlicher zu ihr: 'Frau Doktor, ich habe die Frau Doktorin im Zwinger gesehn Die Frau Doktorin haben hier eine Faser hangen Die Frau Doktorin belieben voranzugehn!' Wer sie mit der linken Hand fuhren will, ist ihr Todfeind: sie zieht in einem solchen Falle ihre Hand zuruck und rumpft die Nase. Item muss man sich alles Naseputzens, Rausperns, Ausspeiens, starken Redens und andern Gerausches, was und welcherlei es sein moge, sorgfaltigst in ihrer Nahe enthalten: je leiser und unverstandlicher man spricht, je angenehmer ist es fur sie. Item darf man nicht frei und offen, sondern bestandig mit einer Art von Zwang und ehrerbietiger Scheu mit ihr sprechen, nicht zu nahe zu ihr treten, sondern sich sosehr als moglich bei der Tur halten, nie lustig und aufgeraumt, sondern bestandig ernst, gesetzt, langsam, feierlich und mit haufigen Komplimenten und Verbeugungen zu ihr reden. -Wer diese und andre Gebote halt, dem wird es nie an Gunst und guter Meinung bei ihr fehlen.
Pro secundo hat besagte meine Frau einen kurzsichtigen Verstand und halt deswegen jede Meinung fur abscheulich, die nicht die ihrige ist, es sei in politischen, okonomischen oder anderweitigen Angelegenheiten. Wer nicht ihre Meinung trifft, den hasst, den verfolgt sie. In Religionssachen ist sie ungemein kutzlich: sie hat einen eisernen Glauben, und wer nicht glaubt wie sie, ist ein Bosewicht: zuweilen schwarmt sie gar und ist schon einmal erzfanatisch gewesen: der Himmel bewahre sie vor einem Rezidiv! Die Prediger betet sie an, und ihre Worte sind ihr Orakelspruche; man darf deswegen in ihrer Gegenwart keinen nennen, ohne das Haupt zu entblossen. Von der Philosophie halt sie nicht viel, und von der Poesie gar nichts Nb. gereimte geistliche Lieder ausgenommen. Sie spricht am liebsten vom Hofe und am besten von Domestiken. Durch ein zweideutiges, auch wohl unschuldiges Wort kann man in ihren Augen zum Freigeiste werden, und ist man das einmal, dann wird man von ihr geflohen wie der Erzfeind. Sie glaubt einen Teufel: wer ihn vor ihr bei Namen nennt, ist verflucht, auch darf man ihm sonst nichts zuleide tun. Sie versteht im Grunde von allem nichts, ist einfaltig und unwissend wie ein Trampeltier, nimmt es aber hochst ubel, wenn jemand etwas besser zu verstehn glaubt. Sie ist intolerant, dass sie jeden bei langsamem Feuer braten wurde, der nicht so glaubt, denkt und handelt wie sie, wenn das Verbrennen nicht durch die Gesetze verboten ware.
Pro tertio, ihren Willen anlagend, ist sie uberaus argwohnisch: da sie von blodem Verstande und ohne Kenntnis ist, dabei ihre Schwache bei vielen Gelegenheiten merkt, so glaubt sie sich gleich gemeint, wenn man von etwas spricht, das sie treffen konnte. Ferner ist sie misstrauisch, zuruckhaltend, knickerig, voll Bettelstolz, Prahlerei, Kleidersucht, Eitelkeit. Trotz dieser mannigfaltigen Fehler ist sie zuweilen so gutherzig wie ein Schaf. Nicht minder "
Eben trat das Original herein: man musste also die Schilderung beiseite legen, weil man es nicht fur ratsam hielt zu erfahren, ob die Dame ihr Portrat ahnlich fande. Sie erstaunte uber die Gegenwart des jungen Menschen; Heinrich besann sich sogleich auf den ersten Artikel seiner Instruktion und fuhr mit einem tiefen, tiefen Reverenze nach ihrer Hand kusste sie und trat vier grosse Schritte weit nach einer abermaligen Verbeugung zuruck. "Wer ist denn der?" fragte sie ihren Mann. "Kennst du ihn nicht, Mauschen?" antwortete der Doktor. "Der junge Mnesch, der vor einigen Tagen "
Die Frau. Den Brief brachte? Was will er denn schon wieder? Die Frage wurde mit dem verdriesslichsten, gedehntesten Akzente gesagt. Der Mann brachte die verabredete Luge vor: und kaum hatte sie erfahren, dass er ein Edelmann sei, als sie sich mit einer tiefen, graziosen Verbeugung zu ihm wandte und sich, voll unbeschreiblicher Freundlichkeit, uber die Ehre freute, "Ihro Gnaden zu beherbergen".
"Still!" rief der Mann und gebot ihr, seinen Stand nicht zu verraten. Sie flog, eine Mahlzeit zu bereiten, wie sie sich fur einen solchen Gast schickte, machte ihm ihr bestes Zimmer zurechte, und Heinrich spielte die anbefohlne Rolle der komplimentarischen Ehrerbietigkeit so gut, dass er noch den namlichen Abend bei Tische vom Kopf bis zu den Fussen in ihrer Gunst sass.
Bei dem Schlafengehen legte sie ihrem Mann einen wichtigen Punkt uber die Etikette vor, die man gegen den jungen Herrn beobachten sollte, da man ihn nicht seinem Stande gemass behandeln und titulieren durfte. Die erste Frage war ob man ihn 'Monsieur'3nennen sollte? Die Stimmen teilten sich: man stritt heftig und lange; und weil der Mann die Negative ergriff, sagte die Frau ja. Alsdann schritt man zum zweiten wichtigen Punkte: "Soll man den jungen Menschen Sie, Ihr, Er oder Du heissen?" Bei einer so grossen Menge moglicher Falle wurde die Frage in vier verschiedene Untersuchungen abgeteilt, und die Beratschlagung kam vor zwolf Uhr nicht zum Schlusse, welcher dahin ausfiel, 'dass man, um dem jungen Menschen, da er nicht unter seiner wirklichen Qualitat erscheinen durfte, weder zuviel noch zuwenig Ehre zu erweisen, sich keiner jener vier Arten der deutschen Hoflichkeit, sondern des Wortleins,man' gegen ihn bedienen wolle' versteht sich, dass sich der Mann bei der ganzen Uberlegung bloss leidend verhielt und bei den Kurialien blieb, die er bisher schon gegen ihn gebraucht hatte!
"Die ubrigen Punkte wollen wir bei Gelegenheit in Erwagung ziehen", sagte die Frau gahnend und schlug die Vorhange zuruck, um ins Bette zu steigen. "Ach!" schrie sie laut und sank dem hinter ihr stehenden Manne in die Arme.
"Mauschen, was ist dir denn?" "Ach, Papachen!" dabei blieb sie.
Papachen setzte die Frau in einem Armstuhle ab und holte die Nachtlampe, leuchtete ins Bett beim Jupiter! da lag lang ausgestreckt und schnarchend, als wenn ihn Merkurs Rute eingeschlafert hatte, der schon geputzte Doktor, der sich nachmittags in dem Tabakrauche verirrt hatte! Da lag er, durch den narkotischen Dampf in einen Todesschlaf versenkt, mit dem Degen und Chapeau bas, wie ein schlafender Endymion, a la francaise geputzt! ruhrte kein Glied, sosehr er geschuttelt wurde! Endlich erwachte er, reckte sich, erhub sich langsam in die Hohe und sprach zum Doktor Nikasius, den er fur seinen Bedienten ansah: "Kleidet mich aus!" Uber eine Weile fuhr er auf: "Nu! was wartet denn der Schlingel? Ich bin wie zerschlagen." Indem er dies sagte, blickte er mit den halbblinzelnden Augen nach der Frau Doktorin hin. "Was Teufel!" stammelte er schlaftrunken, "bist du hier, Lieschen? Heute ist es nichts" und so sank er wieder zuruck. Der Doktor Nikasius ergrimmte und klopfte mit den Fausten so derb auf seinem Rucken herum, dass er aufsprang und sich zur Wehr stellte. Itzt erkannte er seinen Gegner bei dem hellbrennenden Lichte, das die Frau Doktorin unterdessen angezundet hatte. Neue Verwunderung, warum ihn diese beiden Leute im aussersten Neglige besuchten! denn er glaubte noch immer, bei sich zu Hause zu sein: man uberzeugte ihn von seinem Irrtume, und er wanderte beschamt und einfaltig wie ein Kind davon, dass ihm der Doktor Nikasius kaum mit dem Lichte folgen konnte, um ihm die Haustur zu offnen: er stolperte uber Tisch und Stuhle hinweg, verirrte sich, und so jagten die beiden Leute einander ewig durch alle Stuben durch, ohne sich finden zu konnen, bis der Hausherr den Gast bei dem Arme erwischte und zur Treppe hinunterfuhrte.
Den folgenden Morgen musste Herrmann bei der Frau vom Hause den Tee einnehmen: sie erzeigte ihm diese Hoflichkeit, um ihn auf ihre Seite zu ziehn, wenn vielleicht zwischen ihr und dem Manne Faktionen entstehen sollten. Sie entwarf ihm deswegen das Portrat des Herrn Gemahls.
"Mein Mann ist ein guter Narr", begann sie, "man kann aus ihm und mit ihm machen, was man will. Er glaubt weder Himmel noch Holle, aber Gespenster: er halt nicht viel auf sich: wenn er nur lustig sein kann, so ist er imstande, mit Schuster und Schneider umzugehn. Mit dem Gelde weiss er gar nicht hauszuhalten: er wirft's weg, wie er's bekommt, wenn ihn jemand darum bittet. Ich sage das nur, damit man sich an seinem Beispiele spiegelt und sich nicht von ihm verderben lasst: besonders nehme man sich vor seinem Unglauben in acht und richte sich deswegen bloss nach mir. Wer meinen Lehren und Ermahnungen folgt, der ist wohlberaten: man kann bei mir den Ausbund aller Herz und Seele starkenden Bucher erhalten, und man lese nur fleissig darinne, so wird es nicht an Segen und Gedeihen fehlen. Ich werde mir zuweilen selbst die Muhe geben und zum Lesen anhalten, damit man nicht durch den Unglauben meines Mannes angesteckt wird."
Im Grunde wollte sich die Dame durch diese Vertraulichkeit nur den Weg zu einer Befriedigung ihrer Neubegierde bahnen: sie lag ihr wie eine zentnerschwere Last auf dem Herze, es angstigte und druckte sie das Verlangen, zu erfahren, warum Herrmann seine Geburt verheimlichte: sie mutmasste wer weiss welche Geheimnisse dahinter. Deswegen ruckte sie immer naher zur Sache, erkundigte sich nach dem gnadigen Herrn Vater und der gnadigen Frau Mutter Heinrich war in der aussersten Verlegenheit und antwortete hochst lakonisch. Da auf diese Manier nichts herauskommen wollte, so schritt sie zu der unausweichlichen Frage, warum er seinen Adel verberge. Heinrich fuhlte in der falschen Anmassung eines hohern Standes und dem Kunstgriffe, sich durch eine Luge in der Gunst einer Frau zu befestigen, die er nicht sonderlich hochachtete, so etwas Aufbringendes, so etwas Erniedrigendes, dass er nach einer zweiten Wiederholung ihrer Frage die reine Wahrheit geradeheraus sagte, ohne einen Umstand seiner Herkunft zu verhehlen. Die Frau Doktorin empfand in dem Augenblicke gegen den aufrichtigen jungen Menschen eine so tiefe, tiefe Verachtung, dass sie sogleich das Gesprach abbrach und ihm auf seine Stube sich zu begeben gebot.
Auf der Stelle eilte sie zum Manne, ihm uber die entdeckte Luge Vorhaltung zu tun: der friedliebende Doktor, der sich lieber mit sechs Parteien vor Gericht als mit seinem Weibe einmal zankte, suchte zwar anfangs durch angenommene Unwissenheit der fernern Untersuchung zu entgehn, allein da er sich durch das eigne Zeugnis des jungen Menschen uberfuhrt sah, so bekannte und beichtete er seine Sunde offenherzig und entschuldigte sie mit der guten Absicht, nahm mit einem treffenden Verweise vorlieb und schrieb ruhig an seinen Akten fort.
Ihr Unwille wuchs noch mehr, als sich sogar ihr Eigennutz auch betrogen fand: sie hatte in der ersten Berauschung uber die Ehre, einen jungen Kavalier bei sich zu beherbergen, vorausgesetzt, dass die Bezahlung dafur noch nicht bestimmt sei, sondern dass man ihr ohne Widerrede jede noch so grosse Foderung zugestehn werde leicht zu erachten, dass ihre Foderung nicht klein ausfallen sollte! , wie stutzte, wie knirschte sie, als ihr der Mann bei genauer Nachfrage offenbarte, fur welch geringes Geld der gutherzige Narr wie sie ihn bei der Gelegenheit nannte Tisch und Wohnung versprochen hatte. Er wurde ausgefilzt wie ein Schulknabe; und um seine hochgebietende Gemahlin zu beruhigen, gelobte er an, eine Zulage von Schwingern zu verlangen. Dass es der gute Mann uber sein Herz hatte bringen konnen! Nein, lieber bezahlte er der Frau aus seinem eignen Beutel die gefoderte Erhohung der Pension und uberredete sie, dass er sie von seinem Freunde geschickt bekomme. Auch diese vermehrte Summe war immer noch nicht genug: da sie gar nichts an der Ehre gewann, so wollte sie sich durch desto grossern Nutzen schadlos halten und drang endlich mit einem Haufen scheinbarer Grunde in den Mann, ihr diese Last aus dem Hause zu schaffen. Der Mann widerstand mit seinem ganzen kleinen Vorrate von Mut.
"Bedenke doch nur, Mauschen!" sprach er bei einer Unterredung uber diese Angelegenheit, "was soll denn aus dem jungen Menschen werden, wenn wir ihn von uns treiben?"
Die Frau. Dafur mag Er sorgen.
Der Mann. Wir konnen ihm aber doch dergestalt und allermassen ohne die mindesten Unkosten, ohne unsern Schaden und etwaigen Nachteil, ohne alle Last und Muhe forthelfen;und sein Freund, mein alter Duzbruder und Stubenbursche, hat mir ihn auf die Seele empfohlen
Die Frau. Ja, empfehlen ist keine Kunst; wenn er nur auch bezahlte!
Der Mann. Das tut er ja, Kathrinchen, soviel als recht und billig ist.
Die Frau. Wie will nun der einfaltige Mann wissen, was in der Haushaltung recht und billig ist! Das muss ich verstehn.
Der Mann. Hast du denn Schaden dabei?
Die Frau. Nein, das wohl eben nicht, aber auch keinen Nutzen!
Der Mann. Ach, potz Plunder! muss man denn nichts ohne Nutzen tun? Kathrinchen, du plauderst nun so viel von Frommigkeit und Gottesfurcht, dass mir mannigmal die Ohren weh tun, und du bist doch dergestalt und allermassen arger als Juden, Heiden und Turken. Nicht so viel Christentum hast du im Herze, als man auf einen Nagel legen kann.
Die Frau. Ich? kein Christentum? Davon darf so ein Unwiedergeborner, so ein Unglaubiger gar nicht reden. Das muss ich verstehn, was dazu gehort. Ich vergiesse manche Trane uber deinen Unglauben.
Der Mann. Gehorsamer Diener, Frau Doktorin: bemuhen Sie sich nicht! Sie hatten ihrer genug uber sich selbst zu vergiessen uber die Hartherzigkeit: uber den Eigennutz, den Stolz, die Hoffart! Ob du gleich alles frisch vom Munde weg glaubst, was du von deinen Seelenraten horst oder in deinen schwarzkorduanen Buchern liesest, so hast du doch ein Rabenherz, so trocken wie Bimsstein und harter als alle Felsen im ganzen Plauenschen Grunde! Dein Glaube hat noch keinen hungrigen Hund gesattigt, aber meine Gutherzigkeit, die du mir so oft vorwirfst, hat schon manchem armen Teufel geholfen, den ihr allesglaubenden Unmenschen verhungern liesst.
Die Frau. Schweig, dass du dich nicht an mir versundigst! Wenn du nur soviel Almosen gabst als ich!
Der Mann. Was, Almosen! ich gebe keine Almosen: ich tue Wohltaten und Dienste. Deine Almosen sind Prahlerei, Eitelkeit, Stolz: Du demutigst die Leute damit. Meine Gefalligkeiten erniedrigen niemanden; denn ich verlange nicht einmal einen Dank dafur, und das zehntemal wissen die Leute gar nicht, dass die Hulfe von mir kommt: sie sollen's auch dergestalt und allermassen nicht wissen. Potz Plunder! lass dir einmal sagen, Kathrinchen! und jage die schwarze Parucke, den konfiszierten Magister, der alle Tage zu dir kommt
Kaum war das Wort zwischen den Lippen hervor als der Bediente die Ankunft des eben genannten Magisters meldete:die Strafpredigt des Mannes musste also unvollendet bleiben, weil die Frau wie ein Gems zur Stube hinausschoss, um den schwarzperuckichten Magister zu empfangen und sich mit ihm an der stolzen Einbildung zu weiden, dass sie allein die frommsten Kreaturen im Lande waren.
Ungeachtet der Mann auf seiner menschenfreundlichen Halsstarrigkeit bestund und den jungen Herrmann mit seinem Wissen nicht im geringsten kranken liess, so trug sein Schutz doch nicht viel zur Gluckseligkeit des Beschutzten bei, weil er seine Lage nicht anderte. Der ehrbegierige Jungling fuhlte die Verachtung, womit ihm die Frau vom Hause begegnete, das Armselige, das Erbettelte, das Erniedrigende in seinem Zustande zu sehr, um nicht alle Foltern des beleidigten Ehrgeizes dabei auszustehn: seine lebhafte, fast brausende Tatigkeit war in die traurige Beschaftigung eingezaunt, trockne Akten, die weder seinem Verstande noch Herze einen Brocken Nahrung verschafften, wortlich und sorgfaltig abzuschreiben. Alle seine Begierden strebten zum hochsten Gipfel eines Dinges, das er sich weder zu benennen noch deutlich zu entwickeln wusste, nach Ehre, Vorzug, Grosse: der Vogel wollte mit gespannten Fittichen zur Sonne emporfliegen, und das arme Geschopf musste sich in einem engen, handebreiten Zirkel unter der langweiligsten Einformigkeit herumfuhren lassen: er flatterte, er zitterte von dem innern, hervordrangenden Feuer und keuchte vor Anstrengung, seine Leidenschaft zu unterdrucken: er wurde verdriesslich, murrisch, einsilbig. Naturlich folgte daher, dass er seine Geschafte, da sie ihm so widrig schmeckten, ungemein nachlassig verrichtete; er war nie fertig, wenn er es sein sollte, und sein Abgeschriebnes so voller Fehler, dass man es nie brauchen konnte. Sein Patron hatte bei aller Gutmutigkeit militarische Strenge, sobald es seine Geschafte betraf, und bestrafte deswegen die Unachtsamkeit und Langsamkeit des Abschreibers mit scharfen Verweisen ohne alle Schonung. Die Empfindlichkeit wollte oft dem unglucklichen Junglinge das Herz abstossen: er erkannte in sich die Strafbarkeit seiner Fehler, konnte nicht uber die Strafe zurnen, sondern uber seine Unfahigkeit, sie zu vermeiden: oft stampfte und spruhte er vor Wut auf seiner Stube nach einem solchen Verweise, lief gluhend auf und nieder und verwunschte sich als einen Unwurdigen. "O wer noch auf dem Schlosse des Grafen Ohlau ware!" mit diesem wehklagenden Ritornell ging meistens sein Zorn zur Betrubnis uber. Gemeiniglich wanderte er bei einem solchen Vorfalle auf das freie Feld hinaus, um seinen Schmerz in den Wind auszuhauchen.
Funftes Kapitel
Herumgetrieben von Unmut uber Verweise, gequalt vom Schmerz uber sein niederdruckendes Schicksal, gemartert von Sehnsucht nach Vergnugen, von Hunger nach Liebe, kehrte er, den ganzen Kummer auf dem Gesichte, eines Tages gegen Abend von einem solchen traurigen Spaziergange nach Hause, warf den Hut seufzend auf den Tisch, erblickte etwas, das nicht gewohnlich dort lag, sah hin es war ein dicker Brief mit seiner Adresse. Der Verdruss hatte seine Neubegierde gelahmt: die Finger erbrachen ihn langsam, zogen schwerfallig einen Brief heraus er war von Schwingern. Er las:
A**, den 6.Oktober l7**.
Lieber Heinrich!
Meine Freude uber Deinen glucklichen Zustand in Dresden ist unbeschreiblich: ich mochte meinem ehrlichen, gutherzigen Nikasius um den Hals fliegen, so hat mich seine Aufnahme und Vorsorge fur Dich geruhrt. Liebe, ehre ihn wie einen Vater, lass Dich von ihm leiten wie ein Kind, das ich erzogen habe!
Liebster Freund, wie kannst Du Dich auf unser Schloss zuruckwunschen, wenn Du es nicht aus Liebe Ende: das ist ein ewiges Zanken, Verfolgen, Verdrangen und Verleumden. Ich bin des Lebens so uberdrussig, dass ich noch heute zu Dir eilen und lieber Akten mit Dir schreiben als hier in dieser Tigerhohle bei voller Tafel mussig gehen mochte. Der Oberpfarrer in G**, dessen Tod mich daraus erlosen sollte, ist wieder gesund geworden; und wer weiss, wie lange ich also noch auf meine Befreiung warten muss? Ich bin ein verlassnes Schaf, das seinen Freund sucht und nirgends finden kann: Du fehlst mir immer noch an allen Orten, ob Du gleich schon einen Monat von uns bist.
Jakob, unser aller Feind, ist nunmehr durch seines Vater unablassige Bemuhungen in die wirklichen Dienste des Grafen getreten, der Vater ist Oberaufseher in der ganzen Herrschaft geworden, und der Sohn hat seinen roten Rock und Federhut, seinen Gehalt, seine Verrichtung und das Ohr des Grafen bekommen: er lasst sich so gut an, dass er den Vater in kurzem weit ubertreffen wird. So jung er ist, so hat er sich doch schon zum Probestucke am Koche wegen eines ubereilten Spasses gerochen, den dieser gesagt haben soll, als er ihn einmal aus dem Schlamme zog: der arme Mensch hat vor acht Tagen in voller Ungnade den Abschied erhalten.
Fraulein Hedwig ist eine Stunde von hier zu einem Dorfgeistlichen gezogen: weil sie entweder mit Fleiss oder zufalligerweise dem Grafen zweimal begegnet ist, hat man ihr befohlen, das Stadtchen zu verlassen, damit sich der Fall nicht wieder ereignen konnte.
Eine fur mich hochst schmerzhafte Begebenheit, weil sie Dich so nahe angeht, wirst Du aus dem eingeschlossnen Briefe erfahren. Troste Dich, lieber Freund! Sei standhaft wie ein Mann, und glaube, dass noch kein Bosewicht ungestraft ins Grab ging. Herrmann zitterte: er konnte nicht weiterlesen: er nahm den eingeschlossnen Brief hastig und offnete ihn mit besturzter Erwartung: er war von seiner Mutter.
Gott zum Grus libes Kind wens dir noch wolget so ists uns fon Herzen lib und angenem wir sind dem hogsten sei Dank noch alle wol auf. Es were gar kein Wunder wen man for schwarer Ankst und grosen Herzenskumer auf der Nase lege. Libes Kind Es is uns gar n groses Unglik begegent weil dein Fater den 7ten hugus seinen Dinst Ferloren hat aber der teifel wird inen schon in der Helle dafor lonen den gottlosen Pakke. Als ehegestern den 7ten huigus namen si im di Rechnunk ab. ich habe gedacht ich mus in Onmacht fallen wi der Berenheiter der verfluchte Maulesel du wirscht ia deinen Rachen noch voll krigen du alter Dikkop das du erliche Leite um ir bisgen libes Brot bringst lass dir nmal erzelen libes Kint da sasen wir bei tische unt da kam das huntsgesicht als ehegestern den 7tn huigus unt sagte das dein Fater den Dinst nicht mehr haben solte es war als wen mir jemand mit den Brotmesser s Herz entzweischnitte wie s so Knall unt fal kam. ich habe di drei tage iber kein trocknes Auge gehabt s ist gar ne grosse Not mit uns das dein Fater den Dinst verloren hat Dein Vater ist n rechter krober Kloz das er mich so veksiert das ich mich so betriebe das er n Dinst Ferloren hat. Der Libe gott erhalte dich gesund di schlaraffengesichter habens den krafen gesagt weil dein fater nmal das Maul zu weit aufgetan hat r hat den krafen das Kalb Moses geheisen und das mag n verdrosen haben und ta hat er seinen Dinst verloren. Wir zin wek ich wil dirsch schon schreiben wir wisen noch nicht wohin ich wills ja wol noch erleben das den SchandKerl die leise fressen Deine getreie Mutter bis in den Tod
Anna Maria Petronilla
Hermannin.
Auf einen kleinen Zettel hatte der Vater fluchtig geschrieben: Der Teufel hat meinen Dienst geholt: er wird die bald nachholen, die mich darum gebracht haben, hoffe ich. Nakt bin ich auf die Welt gekommen, nakt muss ich von dem Dreckhaufen wieder fortgehn: wer nichts hat, verliert nichts. Drum sey gutes Muths wie dein Vater und gieb keinem Menschen ein gutes Wort. Lebe wohl, Heinrich. Wenn du nach mir gerathst, so bin ich lebenslang
Dein herzensguter Vater
Adam Ehrenfried Herrmann.
Heinrich war wehmutig uber diese unerwartete Nachricht, aber noch wehmutiger, dass ihm niemand etwas von der Baronesse sagte. Er warf die Briefe auf den Tisch, schleppte sich traurig in einen Armstuhl und sah steif vor sich hin. 'Und auch keinen Gruss!' dachte er. 'Nicht ein Wort, wo sie ist, wie es ihr nach meiner Abreise ergangen ist! Zeitlebens kann ich das Schwingern nicht vergeben so eine Unachtsamkeit! Er spricht immer, wie sehr er mich liebt: ja, mag er mich lieben! das ist eine schone Liebe, das Beste zu vergessen! Sie hat ihm vermutlich wer weiss wieviel aufgetragen, aber er ist so vergesslich! Zu Tode mocht ich mich uber ihn argern. Ob ich wusste, was Jakob geworden ist, oder nicht; das hatt er fur sich behalten konnen: wenn er mir nur dafur mit einem Worte gesagt hatte 'die Baronesse ist nicht mehr bei uns die Baronesse ist in Berlin, ist in Dresden.' Ach! wenn sie vielleicht schon hier ware, und ich wusst es nicht. Ja, zuverlassig! so wird es sein: sie ist schon hier, sie weiss nicht, wo ich wohne: wie oft mag sie mich schon gesucht, sich nach mir erkundigt haben! Und davon sagt man mir nun kein Wort! Da denken die Leute, es ist in den grossen Stadten wie in unserm kleinen Neste, dass sich zwei Leute gleich begegnen, wenn sie nur eine Stunde darinne sind. Schwinger ist ja doch schon in grossen Stadten gewesen aber er uberlegt sich nichts! Wie soll ich denn nun unter den vielen tausend Hausern das Haus finden, wo sie wohnt? und unter den Millionen Stuben und Kammern ihr Zimmer? Soll ich denn in den hunderttausend Gassen taglich auf und nieder laufen? und wenn ich an diesem Ende bin, so ist sie vielleicht an jenem. Sie kann ja in einer Kutsche vor mir tausendmal vorbeifahren, und ich erkenne sie nicht: sie geht vielleicht dicht neben mir hin und sucht mich und angstigt und qualt sich meinetwegen, und keins sieht das andre vor den vielen Menschen, die da um uns herumkrabbeln. Wievielmal mag das schon geschehn sein! Ich habe sie vielleicht im Vorbeigehn beruhrt, habe sie vielleicht beim Herausgehn aus der Komodie gedruckt, bin dicht an sie gepresst worden, und keins von uns wusste, wie nahe das war, was wir suchten. O ich mochte den Schwinger Ob er denn gar mit keinem Worte an sie denkt? Ob ich's vielleicht in der Eilfertigkeit uberhupft habe? Ob es vielleicht am Rande steht? Ich habe ja wohl den Brief noch nicht ganz gelesen.'
Er sprang auf, ergriff den Brief, las ihn noch einmal vom Anfange bedachtig durch und jeden Satz zwei-, dreimal, um ja nichts zu ubersehen, kam an den Ort, wo er vorhin abgebrochen hatte, und das erste Wort der ungelesnen Periode war 'die Baronesse'. Seine Augen glanzten vor Freude, er war von dem freudigen Schimmer halb geblendet, er las funf-, sechsmal die 'Baronesse' , blinkte mit den Augen und konnte nichts erkennen. 'Die Baronesse grusst dich und hat ein kleines Billet beigelegt.' "Ein Billett?" rief er, wie trunken. "Aber wo ist es? Hat er's vielleicht vergessen?"
Hurtig wurden alle Briefe durchschuttelt, befuhlt, ubereinander geworfen: da war kein Billett! Aber wie denn, im Umschlage? Er riss ihn auf- Da war es! verkrochen im aussersten Winkel! Das hartnackige Siegel wollte nicht weichen: er riss und riss das Billett in drei Stucken, dass er die zerfleischten Fragmente muhsam zusammenlegen musste, um den Inhalt herauszubuchstabieren. Endlich brachte er heraus: Lieber Herrmann! Ich freue mich, dass Sie gesund sind und dass es Ihnen wohlgeht. Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin und leben Sie wohl. Ich bin
Ihre aufrichtige Freundin,
Baronesse von Breysach.
"Was ist mir denn das fur ein Billett?" sagte er und liess die Hand langsam mit ihm sinken. "So fremd! so vornehm! als wenn's die Grafin geschrieben hatte! Es ist vorbei! Sie ist geworden wie sie alle sie verachtet mich: mein Stand ist ihr verachtlich. O ich Elender! dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! Zugetraut hatt ich ihr das nicht: aber es ist eine Baronesse. Ich mochte Blut weinen, dass ich so ein verachtetes, weggeworfnes Geschopf bin. Es ist aus: sie liebt einen vornehmen Narren, und ich muss hier als ein elender Schreiber in Kummer, Jammer, Not, Verachtung vermodern. Sonst hiess es 'Such einen Dienst, Heinrich!' und itzt: 'Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin!' Ich mochte den kalten vornehmen Wisch gleich zum Fenster hinauswerfen, dass es jedermann lesen konnte, wie schlecht sie gegen mich handelt."
Wirklich machte er auch auf der Stelle Anstalt dazu, riss das Fenster auf, und wie er das Blatt gegen das Licht hielt und sich bedachte, ob er sie der angedrohten Schande aussetzen sollte, wurde er eine Menge Nadelstiche darinne gewahr: die Entdeckung erinnerte ihn an den vorigen geheimen Briefwechsel, er folgte der Spur und buchstabierte aus den Stichen bald ein 'Ich' zusammen. Mit zitternder Ungeduld suchte er den Rest der Nadelschrift zu entziffern und brachte nach langer Muhe heraus: 'Ich komme nach Dresden. Bist Du mir noch gut?'
"Ja, ja, ja!" rief er uberlaut und hupfte und kusste das zerfleischte Blatt: er tanzte wie ein Besessener die Stube auf und ab: "Sie kommt! sie kommt!" schrie er entzuckt und klatschte springend in die Hande. Die kleine Marmotte, den Schosshund der Frau Doktorin, der mit ihm unversehens in die Stube gewischt war und ruhig auf dem Stuhle schlief, raffte er auf und druckte sie dicht an sich, dass sie schrie. "Sie kommt!" rief er, sie druckend und schuttelnd. Er tobte in der Stube herum, larmte, lachte, stampfte, dass die Leute in dem Zimmer unter ihm besorgten, es sei jemand uber ihnen rasend geworden; und eine Dame, die ihm gegenuber wohnte und durch das offne Fenster alle seine Grimassen beobachtete, womit er die Nadelschrift entzifferte, und wie er nach geschehner Entzifferung herumraste, schickte aus Mitleid gegen ihn, da seine Figur sie beim Ein- und Ausgehen eingenommen hatte, einen Bedienten an den Doktor Nikasius und liess ihn bitten, den jungen Menschen vor Schaden zu bewahren; denn allem Ansehn nach musste es mit ihm rappeln. Indem der Bediente noch sprach, kam auch eine Gesandtschaft von dem Hofrate, der unter Herrmanns Stube eine Relation verfertigte und sich erkundigen liess, ob jemand bei dem Herrn Doktor plotzlich krank geworden sei, dass man so einen entsetzlichen Tumult uber ihn erhoben habe. Der Doktor konnte vor Verwundrung nichts antworten: er versprach, sich nach dem Unwesen zu erkundigen und ihm zu steuern, offnete Heinrichs Tur mit einem freudigen Sprunge eilte der Berauschte entgegen und umklammerte den versteinerten Doktor. "Sie kommt! sie kommt!" rief der trunkne Verliebte.
Der Doktor. Wer denn? wer denn?
Herrmann. Sie kommt, sag ich Ihnen: sie hat's ja geschrieben.
Der Doktor. Potz Plunder! wer denn? wer denn?
Herrmann. Da! Lesen Sie! lesen Sie!
Und mit diesen hastig gesprochnen Worten warf er ihm alle empfangene Briefe in die Hande: der Doktor las sie durch und fand in keinem sonderliche Ursache zur Freude, noch viel weniger eine Nachricht, wer kommen sollte. Er sah unter dem Lesen von Zeit zu Zeit nach Heinrichen hin, dessen Fusse sich immer wie zum Tanze huben, wahrend dass die Freude sein Gesicht in konvulsivischen Bewegungen ununterbrochen erhielt: der Doktor war von der Meinung der gegenuber wohnenden Dame und riet ihm mit bedenklicher Miene, sich schlafen zu legen. "Oh", rief Herrmann, "heute kann ich weder essen noch trinken, noch schlafen: ich bin ausser mir: ich mochte vor Freuden zum Fenster hinabspringen." 'Da ist ja der deutlichste Beweis, dass die Dame recht hat', dachte der Doktor und machte das Fenster zu.
"Du armer Junge!" sprach er zu ihm und streichelte seine schwitzenden, gluhenden Backen "du hast Hitze: Nur Geduld! halte dich nur ruhig! es wird sich schon geben."
"Ach, ruhig!" sprach Heinrich mit beklemmter Stimme, "es druckt mir das Herz ab."
Der Doktor fuhlte ihm nach dem Herze. "Armes Tier!" sagte er mitleidig, "es klopft wahrhaftig wie eine Mahlmuhle. Ein Aderschlag! Warte! Ein Aderschlag!"
Heinrich versicherte, dass ihm wohl ware, wohl wie im Himmel, und dass er keines Aderschlages bedurfte. Der Doktor trostete ihn, dass es sich wohl mit ihm bessern werde. "Aber es fehlt mir ja nichts", rief Herrmann entrustet. "Nur gemach, mein Sohn!" unterbrach ihn der Doktor, "es wird schon besser werden." Er untersuchte die Fenster noch einmal, befestigte die Wirbel, so gut er konnte, mit den Vorhangschnuren und marschierte ab, weil ihn seine Arbeit rief:zu grossrer Sicherheit befahl er dem Bedienten, von Zeit zu Zeit an der Tur zu horchen, auf dem Saale bestandig zu patrouillieren und ihn bei dem geringsten verdachtigen Gerausche herbeizuholen.
Itzt verflog allmahlich der erste Taumel der Freude bei Heinrichen, und seine Empfindung fing an, banglich zu werden. Sehnen, Ungeduld, Begierde, Unwillen, nicht schon zu haben, was er wunschte und erwartete, Angstlichkeit, Besorgnis, ob es auch gewiss geschehen werde alles erwachte in einer Reihe, und wie sein Blut vorhin vor Freude brauste, so wallte und kochte es itzt vor Unruhe. 'Zu welchem Tore wird sie hereinkommen? Wo wird sie wohnen? Werd ich sie finden? Wenn wir nun einander ewig suchten und nicht fanden? Wenn ich nicht zu ihr durfte? sie allenthalben sehen und nirgends sprechen durfte? Wenn ich niemals mit ihr allein reden konnte? Wenn sie nun hier einen Kavalier fande, der sie allenthalben begleitete, mit ihr sprache, tandelte und scherzte, und ich armer Sohn eines Einnehmers musste das alles ansehn! musste schweigen, meinen Zorn in mir nagen mich von Kummer und Herzeleid uber den Anblick verzehren lassen!' Tausend ahnliche Besorgnisse und Grillen stiegen wie Gespenster in ihm auf, wurden immer ernster, immer schreckender und endlich so schwarz, dass er seufzte und vor Bangigkeit nicht wusste, wohin er sich wenden sollte als wenn schon alles mogliche Ungluck uber sein Haupt zusammengesturzt ware, das er furchten konnte.
Er ruhrte weder Essen noch Trinken an: sein Magen war wie uberladen. Der Doktor besuchte ihn noch einmal, fand ihn zu seinem Vergnugen vollig vernunftig wieder und liess nicht nach, bis er in seiner Gegenwart schlafen gegangen war: der Bediente musste in der Stube wachen, und er brachte seiner Frau die angenehme Nachricht, dass er wieder richtig ware.
Sechstes Kapitel
Unterdessen hatte die Frau Doktorin, da sie Heinrichs Entfernung aus dem Hause nicht mit Gewalt durchsetzen konnte, bei sich uberlegt, dass sie ihren Mann durch eine feine Gleissnerei am sichersten dazu bewegen werde. Je eifriger sie nach der Entdeckung, dass es zuweilen mit ihm rappele, seiner los zu sein wunschte, je mehr gab sie sich die Miene, als wenn ihr sein Fortkommen besonders am Herzen lage: sie redete ihm viel vor, wie zeitig ein Mensch von Kopfe sich bemuhen musste, etwas zu werden, und wie hoch man's bringen konnte, wenn man recht jung anfinge, wie leicht es in seinem Alter sei unterzukommen, wenn man vorliebnahme und eine Zeitlang sich gehorsam in andre Leute schickte und fugte, um durch sie weiter befordert zu werden. Herrmann horte ihre Predigten aufmerksam an, aber die Sache schmeckte ihm nicht: Ulrikens Billett hatte seinen Gedanken und Empfindungen eine ganz andre Richtung gegeben: die Ehre reizte ihn itzt wie eine Speise, die man auf den Fall aufhebt, wenn man keine bessre hat. Die Dame war nicht wenig aufgebracht, dass ihr auch dieses Mittel fehlschlagen wollte: doch gab sie ihren Plan nicht ganz auf.
Desto eifriger verfolgte seit dem Empfange des Billetts Herrmann den seinigen. Vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittagessen bis zum spaten Abend war er bei Regenwetter und Sonnenscheine in Bewegung, wanderte die Gassen durch, ging zu einem Tore hinaus, zum andern herein, spionierte jedes Frauenzimmergesicht, das hinter der Glasscheibe lauschte oder zum offenen Fenster heraussah, begaffte jedes, das in einer Kutsche vorbeifuhr oder zu Fusse vor und neben ihm wandelte, verfehlte keine Komodie, keine Oper, solange sein kleines Taschengeld zureichte: das Schauspiel war fur ihn so gut als nicht da: man mochte weinen oder lachen, er blieb immer derselbe und durchirrte mit forschendem Auge Logen und Zirkel: umsonst! er fand nicht, was er suchte: es wurde ihm banglich, er konnte nicht bleiben: er musste gehn, wenngleich das Schauspiel nur halb geendigt war. Die Leute im Hause wunderten sich ausserordentlich uber seine haufigen Wanderungen, und die Frau Doktorin, eine strenge Sittenrichterin, hatte ihn gar in einem gewissen argen Verdachte und hielt ihm deswegen eine kraftvolle Rede uber Luderlichkeit und Verfuhrung, wovon er kein Wort verstund. Auch der Doktor befragte ihn uber die Ursache seines bestandigen Ausgehens: dass er sie nur ganz verraten hatte! Er wandte eine Banglichkeit vor, die ihm an keinem Orte zu bleiben verstatte, eine Unruhe, Angst, die nur Bewegung und freie Luft milderten: alles die lautere Wahrheit! "So recht, mein Sohn!" sagte der Doktor, "Bewegung ist dergestalt und allermassen der beste Koch und der beste Apotheker: es ist das junge, warme Blut, das dir die Unruhe macht. Du sollst mir vierzehn Tage uber kein Wort schreiben, und lauf dir alle Tage ein Paar Schuhe entzwei! Ich will sie bezahlen."
Da sonach aus einer genommenen Freiheit eine gegebne geworden war, so bediente er sich ihrer desto reichlicher. Auf seinen Irrungen durch Feld, Busch und Strassen fand sich allmahlich das alte Projekt wieder ein, das er mit der Baronesse bei der Verwechselung der Ringe entworfen hatte: er wunschte, es ausgefuhrt zu sehn, und es schien ihm bald hochstwahrscheinlich, dass die Baronesse ihm von ihrem Kommen nach Dresden heimliche Nachricht gegeben habe, um es mit ihm auszufuhren. 'Hui! das ist es!' dachte er 'Hier kann uns der Graf nicht hindern oder in unsrer Liebe storen: hier hat er nichts zu befehlen: der alten Anverwandtin, wohin sie kommen soll, kann sie wohl leicht entwischen. Sie bleibt so lange auf einem Dorfe versteckt, bis die alte Anverwandtin stirbt -wenn sie nur recht alt ware! , oder wenn sie auch lange leben bleibt, so hol ich Ulriken unter einem fremden Namen zuruck, heirate sie, und Ich muss nur Anstalt machen und dem Rate der Doktorin folgen, damit ich unterdessen emporsteigen und etwas Grosses werden kann. O uber das entsetzliche Schicksal, dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! Da war's so leicht, sie zu besitzen! Aber warum musste nun mein Vater nur ein Einnehmer sein? Es war doch so eine Kleinigkeit, ihn zum Baron zu machen.'
Kaum war dies jugendliche Projekt zur Welt gebracht, so eilte er schon zur Frau Doktorin und bat sie flehentlich, ihn die versprochne Unterstutzung auf der Bahn der Ehre und des Glucks nunmehr geniessen zu lassen: er wolle alles daran wagen und die ausserste Muhe nicht sparen, um ein grosser Mann zu werden. Die Doktorsfrau, voller Freuden, ihn plotzlich dem Ziele so nahe zu sehn, wohin er sollte, bestarkte ihn in seinen ehrgeizigen Illusionen und fachte seine Begierde durch goldne Erwartungen so gewaltig an, dass sie lichterloh brannte: sie stellte ihm zwar vor, dass man klein anfangen musste "schadet nichts!" unterbrach er sie hitzig, "klein! noch so klein! nur her damit!" , "aber", fuhr sie fort, "man hat der Exempel sehr viele, dass aus Schreibern Hofrate, Geheimerate, Minister geworden sind."
"Das ware!" rief Herrmann entzuckt und war in seinen Gedanken schon wenigstens Geheimerat, wo nicht wirklicher Minister. "Ja, man hat der Exempel!" erwiderte die Doktorin. "Wenn man nur Geschick und ein gutes Ingenium hat, sich gut auffuhrt und fromm und gottesfurchtig ist, so kann man steigen, ehe man sich's versieht. Ich habe Sie schon dem Kammerdiener empfohlen, den Sie oft bei uns gesehn haben mussen: er ist zwar in keinem der grossten Hauser: aber sein Herr braucht immer Sekretare und Schreiber; und was er mit der Zeit nicht durch sich selbst tun kann, das vermag er durch Empfehlungen. Es ist ein sehr gottesfurchtiger, braver Mann und rechter, guter Christ."
Herrmann konnte sich vor Vergnugen nicht fassen und flog schon auf den goldnen Fittichen der Ehre Ulrikens Umarmung entgegen, sah sich an ihrer Seite geehrt, bluhend, glucklich und fahig, andre glucklich zu machen: er war in seinem Traume schon von Mengen umringt, die ihm ihr Wohlsein verdankten: er zerschmolz in der seligen Vorstellung, so viel Ehrenvolles, Ruhmliches, Grosses getan zu haben, und Antonin konnte seiner Unsterblichkeit nicht gewisser sein als er. Das herrliche Bild begeisterte ihn, dass er seine Kraft in sich erhoht, jede Fiber zu Tatigkeit und Unternehmungen angespannt und sein ganzes Wesen uber sich selbst erhaben fuhlte.
Der Flug seiner Einbildung senkte sich freilich schon nicht wenig, als er den folgenden Tag befehligt wurde, dem Kammerdiener aufzuwarten: das war ein Schreckschuss, der seinen Traum zur Halfte verscheuchte. Er eilte zur bestimmten Stunde mit vollen Segeln der Erwartung zu ihm: sein Patron wusste nicht das mindste von ihm: Herrmann trug ihm mit fliessender Beredsamkeit den Bewegungsgrund seines Besuchs vor: der Patron besann sich lange itzt wusste er, dass die Frau Doktorin ihm gestern oder vor einigen Tagen davon gesagt hatte. "Ich werde fur Sie sorgen", schloss er und brach den Besuch ab.
In einem paar Tagen erging durch die Doktorin ein abermaliger Befehl, dass er sich zur Kammerjungfer des namlichen Hauses verfugen sollte, an welche ihn der Kammerdiener empfohlen habe. Mit etlichen Segeln der Erwartung weniger ging er abermals und kam abermals mit der Versicherung zuruck, dass sie fur ihn sorgen wollte.
In einer Woche darauf musste er sich vor der gnadigen Frau stellen, an welche ihn die Kammerjungfer empfohlen hatte: man meldete ihn, sie kam im Pudermantel heraus, liess sich seinen Namen sagen und versicherte, dass sie fur ihn sorgen wollte. Der Friseur schlug mit der pudervollen Quaste los, und Herrmann kam zum ersten Male nicht leer zuruck; denn er war voller Puder.
In vierzehn Tagen wurde ihm nach vielem Betreiben der Doktorsfrau, die nur entfernt durch den Kammerdiener auf die ubrigen Hebel seines Glucks wirken konnte, die Erlaubnis gegeben, vor dem gnadigen Herrn zu erscheinen. Er verwies ihn an den Hofmeister, der ihn examinieren sollte. Der Hofmeister bestellte ihn in acht Tagen, sonntags nach geschlossner Nachmittagspredigt. Er ging, aber so demutig, so langsam wie ein Schiff ohne Wind: alle Segel waren beigelegt. Der Examinator war nicht zu Hause. Die Kinderfrau riet ihm, morgen fruh wiederzukehren: er tat es, der Examinator hatte keine Zeit.
Er verwunderte sich ausserst gegen seine erste und alteste Patronin, die Doktorsfrau, uber die Verzogerung. "Ach", sagte jene, "man hat etwas versehen. Der Herr Magister ist sonst ein lieber, gottesfurchtiger Mann: aber Sie hatten ihm die Visite machen sollen. Das hat er ubelgenommen! nun ist's da vorbei."
"Wegen einer Visite will er mein ganzes Gluck, mein Emporkommen hindern?" rief Heinrich, wie aus den Wolken gefallen.
"Ja", erwiderte die Doktorin, "das ist nicht anders: es will doch ein jeder sein Recht haben."
Gute Nacht Minister, Geheimerat, Hofrat! Weg waren die glanzenden Aussichten der Ehre! vom Winde verweht! der aufklimmende Jungling von der ertraumten Hohe, die er mit einem Schritte erreicht zu haben hoffte, wo ihm menschenfreundliche Grosse und wohltatige Gewalt Kranze und Lorbeeren entgegenboten, durch einen plotzlichen Windstoss zuruckgeworfen, in die unbedeutendste Geringfugigkeit zuruckgesetzt! Er fuhlte schmerzlich, dass er nur der Schreiber eines Advokaten war, und furchtete ebenso schmerzlich, dass er nichts weiter werden sollte. Wie ein Vogel mit frischbeschnittnen Flugeln schlich er traurig im Hause herum und verschmahte das reichlich aufgeschuttete Futter, weil er nicht mehr fliegen durfte.
Wahrend dieses verungluckten Laufes nach der
Ehre hatte der Eigennutz seiner Patronin eine Ursache gefunden, seine Entfernung aus dem Hause nicht mehr zu betreiben: deswegen war sie auch so kaltblutig uber die unterlassne Visite, die sie sonst mit der scharfsten Strenge geahndet hatte. Der bisherige Schreiber ihres Mannes hatte durch ihren Vorschub eine Versorgung bei einer adligen Herrschaft auf dem Lande bekommen, und es schien ihr ungemein schicklich, den jungen Herrmann, fur welchen Tisch und Wohnung bezahlt wurde, an seine Stelle zu setzen und also einen Artikel ihres Aufwands zu ersparen. Der Mann wollte aus dem guten Grunde nicht daran, weil der junge Mensch die Arbeit nicht allein versehen konnte und weil es unbillig ware, jemandem eine Burde aufzuladen, die er ungern truge, ohne ihn dafur zu belohnen: allein sie gebot ihm zu schweigen und sich nicht in Finanzsachen zu mischen, die sie besser verstunde. Sie setzte ihr Projekt mit vieler Hitze durch und ubernahm selbst die Aufsicht uber den Fleiss des neuen Schreibers: wenn die Feder nur ein paar Minuten ruhte, so schallte ihm schon der Befehl ins Ohr: "Geschrieben! geschrieben!" Er durfte ohne Erlaubnis keinen Fuss uber die Schwelle setzen: bei seiner Ruckkunft war er allemal zu lange aussengeblieben, wenn er gleich die vergonnte Zeit nicht uberschritten hatte; und dann musste er ein Verhor ausstehen wie ein Delinquent. "Wo ist man gewesen? Was hat man gemacht? Was hat man gesprochen? Was hat man gedacht?" Stund er nach dem Verhor ein paar Minuten zu lange mussig da, so erging der Befehl: "An die Arbeit! an die Arbeit! Nicht so mussig dagestanden! Wer essen will, muss sich sein Brot verdienen." Bei Tische ass er ihr zu langsam, ward zu spat fertig und sollte schon mit dem letzten Bissen die Feder wieder ergreifen: des Morgens konnte er nie zeitig genug ausschlafen, ob er gleich von Kindheit an zum fruhen Aufstehn gewohnt war, und des Abends nie zeitig genug zu Bette gehen, weil er nichts tat und doch Licht verbrannte. Sein Ofen nahm immer das meiste Holz hinweg, so sparsam ihm auch eingeheizt wurde und sosehr er auch fror, dass er zuweilen kaum die Feder zu regieren vermochte; und wenn der Himmel nur einen weniger kalten Tag gab, wo das Thermometer nicht auf dem Gefrierpunkte stund, so wurde das Heizen bei ihm ganz eingestellt. Dabei unterliess sie nicht, seinem Ehrgeize mit himmlischen Erwartungen zu schmeicheln, dass er alle seine Krafte anspannte und jedes tagliche Ungemach mit Heldenmute ertrug, um nach einigen Jahren voll Beschwerlichkeit und Arbeit das Goldne Vlies zu erringen, das man ihm vorhielt, und die erkampfte Beute mit Ulriken zu teilen. Die Aussicht auf dieses Gluck bewaffnete ihn mit eherner Standhaftigkeit: oft, mitten in seinen trocknen Beschaftigungen, wenn seine Hand auf das Papier malte, 'dass Hans wider Gurgen klagend einkomme, weil er ihn mit zwei Ohrfeigen und drei Stockschlagen begunstigt habe', oder 'dass Anna Klara Eissfeldin, alle rechtliche Notdurft vorbehaltlich, sothanes ihre Befugnis zu erweisen schuldig sei' mitten unter solchen trocknen Beschaftigungen flog seine Seele in die Gefilde der Liebe hinuber, schwebte wie ein zweiter Herkules nach ausgekampftem Streite mit Hindernissen, Ungemachlichkeiten und Arbeit, Ulriken, seinen errungnen Preis, im Arme, triumphierend daher: nach seinem Gefuhle war er ein Held, der sich durch Leiden und Taten zum Halbgotte hinaufschwingen sollte. Die Feder stund bei solchen Flugeln der Einbildung freilich oft still: seine Aufseherin schrie: "Geschrieben! geschrieben!" und die Hand flog im Galopp durch den holprichten, steinichten Aktenstil dahin, weil er mit jedem sauren Zuge Ulriken durch eine Beschwerlichkeit mehr verdient zu haben glaubte.
Inzwischen erleichterte ihm doch der Doktor die Muhe seiner herkulischen Laufbahn mit vieler Billigkeit: ohne dass es seine Frau erfuhr, liess er den grossten Teil der Arbeit durch einen heimlich besoldeten Schreiber ausser dem Hause tun und gab Herrmannen nur solche Sachen, die nicht dringend waren noch vorzugliche Genauigkeit erfoderten, und auch nur in geringer Menge. Unter dem Vorwande, dass er ihn brauche, nahm er ihn jedesmal mit sich, wenn er auf Gerichtsbestallungen reiste, um ihn zu zerstreuen und ihm Erholung zu verschaffen, und vor dem Tore lud er seinen heimlichen wirklichen Schreiber auf, der die Arbeit verrichten musste, wahrend dass Heinrich in den Feldern spazieren oder sich mit andren landlichen Winterergotzlichkeiten vergnugen konnte. Solche kleine Reisen waren fur ihn Fahrten zur Freude; er wurde von dem Drachen, der ihn bewachte, erlost, und jedes Dorf, wohin sie ihn fuhrten, gab ihm das Bild seines Vaterstadtchens, das Herrschaftshaus eine Vorstellung vom Schlosse des Grafen Ohlau und Garten und Felder jede Szene kindischer Gluckseligkeit wieder: Schwinger, die Baronesse, alle wandelten neben ihm her, sie stunden vor ihm, sie sprachen mit ihm: die kahlen, bereiften Baume am gefrornen Wasser waren ihm seine Feinde, die vom Himmel gezuchtet, verworfen, traurig und verlassen dastunden und ihre Bosheit bereuten. Oft gluhte ihm bei solchen Gedanken sein Innerstes wie von aufloderndem Feuer, indessen ihm Hande und Gesicht vor Kalte starrten, ohne dass er es fuhlte.
Siebentes Kapitel
Itzt hatte er unter so mancherlei Freuden, Angstlichkeiten, Tauschungen, Hoffnungen, Arbeit und Kummer einen ganzen Winter in Dresden zugebracht, Ulriken sehnlich erwartet, und noch war sie nicht da, wenigstens nicht fur ihn da, weil er sie nicht zu finden wusste. Der Fruhling erschien, und noch hatte er sie nicht gefunden. Mit dem Aufleben der Natur wachten auch seine Triebe und Tatigkeit zu ihrer alten Starke auf: das Aktenschreiben wurde ihm auf einmal eine Last, die wie ein Alpengebirge druckte: die Einsperrung, die er bei der Erstorbenheit des Winters nur wenig fuhlte, machte itzt seine Stube zum Gefangnis: die ganze Welt wurde ihm zu enge. Die Frau mochte rufen und schreien, soviel sie wollte seine Feder ruhte: sie mochte noch sooft fragen, wohin er ginge er ging: sie mochte schelten, drohen und strafen er achtete nichts, widersprach ihr mutig und behauptete hartnackig die Freiheit, ausgehn zu konnen, wenn es ihm beliebte, und der Doktor unterstutzte seine Anspruche, soviel er vermochte. Er schweifte wieder herum wie ein Papilion, der aus der zersprengten Hulle eben hervorgeflattert ist: er freute sich der muntern Saat, des hervorbrechenden Laubes, der wirtschaftlichen Tatigkeit in Feldern und Weinbergen, der allgemeinen Emsigkeit, die ihm aus der reizenden Landschaft ein Paradies machte.
Bei allen Freuden trug er doch eine Unruhe mit sich herum, die ihn uberredete, dass er unter allen diesen wirksamen Geschopfen das unglucklichste sei: er beneidete die Ackersleute, die so vergnugt mit lautem Pfeifen hinter dem Pfluge dreinschritten, mit niemandem unzufrieden als mit ihren Pferden: ein Trupp froher Landmadchen, die mit froher Geschaftigkeit den Acker reinigten oder lachend und scherzend ein andres Geschafte verrichteten, versetzte ihn in Traurigkeit, und ein Bauerkerl, der mit einer dickstammigen Dorfvenus schakerte, erregte seine Galle.
Sein Weg fuhrte ihn an einem heitern, sonnichten Nachmittage durch die Felder nach dem Plauenschen Grunde hin, den er itzt zum ersten Male kennenlernte: er folgte, ohne es recht zu wollen, der Menge Menschen, die eben damals ihren Spaziergang dorthin taten. In sich vertieft, wurde er allmahlich von einem nahenden Wassergerausche erweckt, und ringsum betaubte ihn das Konzert rauschender Wassersturze klappernder Muhlen und des herabschiessenden Flossholzes, das in den schaumenden Strudel mit hohlem Getose hineinsturzte, verschwand, weit jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm. Auf einer Seite nackte Felsen, auf der andern Berge mit Gestrauch und Busch, vor sich eine Flache mit Holz, wie mit schwimmenden Nachen bedeckt es schien ihm der Eingang in den Wohnsitz eines Gottes zu sein: er ging langst den Felsen hin, und seine begleitenden Spazierganger verliessen ihn schon, als wenn sie sich nicht in das Heiligtum der Natur getrauten. Er trat auf die zweite Brucke, und vor ihm stand ein Amphitheater, das in der Schopfung nur einmal wurde. Auf der linken Seite dunkelbraune, glattgeschnittne Felsenwande, schief wie Kulissen einer Schaubuhne hintereinandergestellt, aus dem Flusse, der sich an ihrem Fusse in wirbelnden Wallungen bricht, zu den Wolken gerade emporsteigend; rechts am Flusse der phantastisch geschlungne Weg mit strauchichten, rauhen Bergen, die mit den Felsenwanden sich zu vereinigen scheinen, um die Szene zu schliessen; in der Mitte das ausgespannte Wasser; im Rucken und vorwarts Brausen und Getose bald in leisen Pianos, bald mit der angestrengtesten Starke, in wechselnden Solos und betaubenden Choren er staunte, mit melancholischem Schauer verweilte er bei dem herrlichen Anblicke, in tiefer Empfindung verloren, und nur mit Muhe riss er sich los. Auch hier schien er noch mehr von den Menschen Abschied zu nehmen: der grosste Teil ging zuruck, und nur zwei Einsame folgten ihm in verschiedenen Entfernungen, so tiefsinnig, als wenn sie eine Not in diesen Grund tragen oder eine Geliebte in ihm suchen wollten. Durch vielfache Wendungen des auf und niedersteigenden Wegs ging er, den Fluss unaufhorlich zur Linken, unter fernem und nahem Wassergetose dahin: itzt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween waldichte Berge empor, boten sich freundschaftlich die Arme und liessen unter ihnen eine breite aufsteigende Kluft er sah in ihr hinauf und erblickte Gebaude: bald lehnte zur Rechten ein oder, unfruchtbarer, zerrissner Bergrucken mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von welchem Hauser, Leimwande und Strohdacher einzeln und in Gruppen uber die Bergkrummungen herabschielten: itzt schloss sich die Aussicht ganz, er glaubte in einer weiten Felsenhohle zu sein, aus welcher ein Fluss stromte plotzlich wand sich der Weg um einen hervorstehenden Berg und offnete ein breites, mit Birken rings umschlossnes Tal: itzt war diese Seite eine bergichte Wuste und jene ein lachender Hain, schnell wurde der Hain zum kahlen Felsengebirge und aus der Wuste ein bearbeiteter, bepflanzter Berg: hier stunden langs am Wasser hin versilberte Weiden, in kunstlichen Reihen gepflanzt, hinter ihnen im aufsteigenden Gebusche herrschte die vollige Unordnung der Natur: dort lehnte am Fuss einer Steinklippe ein Gartchen voll junger Obstbaume, in weisse, blinkende Stabe eingezaunt, dort hing eins, vom zerrissnen Dornzaune umgeben, mitten an einem schroffichten, durren Berge, und muhsam schwebte dort zwischen Steinen ein arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der Natur zum Trotz, ein Beetchen fur die kleinen Bedurfnisse ihrer Tafel: ihre Kinder klimmten auf Handen und Fussen an den vielzackichten Felsen hinan, wahrend dass die altern Bruder sich schon auf der aussersten Spitze wiegten und mit lautem Handeklatschen der furchtsamen Schwestern lachten, wenn sie mit den ausweichenden Steinen weit zuruckgleiteten und schrien, als wenn's dem jungen Leben golte, ewig kletterten und ewig zurucktaumelten.
Der Schauplatz war leer, still, melancholisch tot, nichts als das fortwahrende Gerausch des strudelnden Wassers horbar hie und da eine klappernde Muhle, selten ein voruberschiessender Landmann, der aus der Stadt zur wartenden Familie zuruckeilte oder betrubt dem Arzt die Bezahlung fur seine gestorbne Hausfrau hineintrug, noch seltner ein langsam wandelnder Fruchtwagen! ausser diesen Unterbrechungen lag hier unter dem engen Horizonte die tiefste Einsamkeit ausgebreitet: Schweigen und Brausen war ihre Sprache eine Sprache, die so tief in Herrmanns Herze eindrang, dass ihm schauerte: mit Zittern und Furcht stand er da, die Einsamkeit fesselte ihn an, und die Furcht drangte ihn von ihr hinweg: er suchte eine Anhohe, stieg aus dem frischen Schatten zu ihr hinan und schaute aus dem Sonnenglanze in die dustere Tiefe, das einzige Meisterstuck der Natur, hinab. Auch die beiden Spazierganger, die ihm anfangs folgten, waren umgekehrt, der Traumer ganz allein.
"O wie ist dies Tal so still und wie mein Herz so unruhig!" war sein erster Ausruf, als er eine Weile ernsthaft hinabgesehn hatte. "Von Leidenschaften gepeinigt, gepeitscht wie der Strudel, der hier vor mit schaumt! So soll ich dann ewig im Staube mich walzen, ewig ein unwirksamer Nichtsnutziger bleiben? nimmermehr eine Tat tun, die mir nur einen Kranz der Ehre erwirbt? durchs Leben dahinschleichen, mir immer helfen lassen und niemandem helfen konnen? ein Lasttrager in der Welt sein, zu den niedrigsten Arbeiten verdammt? O die glucklichen Sterblichen, die Antonine, die Aurele und die gleich ihnen sich den Dank einer halben Welt und aller kunftigen Zeiten verdienen konnten! Warum musste ich nun der einzige sein, der in ruhmlicher Tatigkeit gern alle Adern seines Leibes zersprengen mochte und doch wie ein Ackergaul im langweiligen Karren ziehen soll? Das Herz mochte mir springen vor uberstromender Wirksamkeit; und da sitz ich, angefesselt am Blocke, muss dienen und arbeiten und sehe dessen kein Ende: kein Ende, wie ich's wunschte! Was hilft's, wenn ich jahrelang mich um den kummerlichen Bissen Nahrung quale? ich bleibe doch ein Verachteter, ein Auswurf der Menschheit, der nie besitzen darf, was er liebt: Ulrike bleibt doch ein unerringbares Gut, nach dem ich nicht einmal ohne Beschimpfung sterben kann. Sie wird mich vergessen lernen, weil sie sich meiner nicht erinnern darf: sie wird mich verachten, weil man ihr die Liebe verwehrt. Aber ich muss meinem Schicksal entgegenarbeiten! ich muss mich stemmen, ihm trotzen und wider seinen Willen erlangen, was ich will. Fort mit mir, so weit mich meine Fusse tragen! Wo das Land fehlt, mag es ein Schiff tun! Entweder alles, was ich wunsche, oder gar nichts! Mag ich auf dem Lande oder im Meere umkommen! es kommt doch immer nur ein Elender um, den niemand beklagt, weil ihn niemand kennt."
Er sprang auf, eilte die Anhohe herab mit allen Bewegungen trostloser Wut, dass ihm der losgetretene Kies haufenweise nachrollte, ging mit heftigen Schritten am Wasser zuruck: Hohlen, Klufte, Busche, Felsen, alles war fur ihn vernichtet, selbst die Musik des Wassers nicht horbar fur ihn: alle Sinne hatten sich auf den einzigen Punkt seiner Seele zuruckgezogen, wo seine unbefriedigte Ehrbegierde nagte: sein einziger Gedanke war: 'Ich bin der unglucklichste Sterbliche' und seine ganze Empfindung bestund in dem schmerzlichen Gefuhle seiner Ungluckseligkeit. Den Kopf voll so schwarzer Schatten, wie die Felsen um ihn uber das Tal deckten, das namliche Getose, Brausen und Rauschen in allen seinen Adern, wie von dem dahinschiessenden Flusse in den Felsen widerhallte, in der entsetzlichsten, menschenfeindlichsten Stimmung des Geistes, langte er bei der grossen Muhle an: unter dem Getose des Wassers, das uber die Rader dahinsturzte, schallten Menschenstimmen, lautes mutiges Gelachter hervor er hatte umkehren mogen, so zuruckscheuchend, so abstossend war fur ihn der Ton. Er schlug die Augen auf und erblickte Menschengesichter, zwei gutgekleidete Frauenzimmer, die an der Muhle sassen, eine altliche Dame, die zuruckgelehnt schlief, und eine junge, die mit einem Stabchen im Sande spielte. 'O des widrigen Anblicks!' dachte er, 'wie die Ruhe aus dem schlafenden Gesichte lacht, wie das Madchen so zufrieden tandelt! Ist denn so viel Gluck auf der Erde, dass man so zufrieden sein kann?' Mit neidischer Bitterkeit dachte er es und kehrte das Gesicht von ihnen. Itzt war er vor ihnen: ein Rest von seiner verfinsterten Menschenliebe lenkte seine Augen auf die Damen: die junge sah auf, beider Blick blieb aufeinander hangen er stund ging. 'Ware das nicht Ulrike? Sie ist es!' Seine tauschende Einbildung liess ihn zweimal das Zischeln ihrer Stimme horen itzt schon wieder! itzt horte er gar seinen Namen nennen! sein Traum zwang ihn umzukehren. Die junge Dame stund auf, und noch war er vier vollige Schritte von ihr, als sie auf ihn hervorschoss, mit beiden Armen um seinen Hals! Da standen sie beide, fest umklammert, als wenn eine Gottheit sie zu freundschaftlichen Baumen einwurzeln liess! Keins sprach, keins bewegte sich. Ein Muhlbursch, der an der Tur lehnte und die stumme Umarmung mit ansah, glaubte sich aus Pflicht verbunden, die alte Dame zu wecken, zupfte sie am Armel und zeigte, als sie schnarchend auffuhr, mit dem Finger nach dem umarmten Paare. Die Alte ergriff den Spazierstock, der neben ihr lag, wackelte mit schlaftrunkner Eilfertigkeit hin und riss an Ulriken mit solcher Gewalt, dass sie beiden die Erschutterung eines elektrischen Schlages mitteilte: ihre Starke reichte nicht zu, sie zu trennen, sondern sie musste den Muhlburschen zu Hulfe rufen. Durch Vermittelung seiner nervichten Hande brachte er sie auseinander, fasste, auf Befehl der Alten, die Baronesse in seine bestaubten Arme und trug sie in die Muhle, ohne der haufigen Hiebe zu achten, die ihm Ulrikens Unwille mit der Faust auf die breite Nase versetzte. Heinrich fiel ihm ohne Anstand in den Rucken und schlug auf ihn los, dass eine dicke Mehlwolke aus der grauen Jacke herausfuhr: alles umsonst! der Bursche liess seine Beute nicht fahren. Heinrich, in seinem Zorne, gerade auf die alte Dame los! doch wie er sich nach ihr wandte, hielt sie hinter seinem Rucken ihren Ruckzug in die Muhle schnapp! war die Tur verschlossen.
Was zu tun? Den samtlichen Muhltruppen zu widerstehn, fuhlte er sich zu schwach: auch schien ihm Gewalt uberhaupt zu nichts nutze. Kurz bedacht, entschloss er sich voranzugehn, um den Weg zu gewinnen und dann in einer kleinen Entfernung hinter Ulriken in die Stadt zu schleichen und so ihre Wohnung zu erfahren. "Wenn ich nur diese weiss", sagte er sich, "dann sollen mich Millionen Muhlbursche und Tanten und Vettern nicht abhalten!" Er setzte sich in den Marsch und wanderte mit so behenden Schritten, dass er sich kein einziges Mal umsah, ob ihm Ulrike folgte. Erst in einer kleinen Entfernung vom Schlage sah er eine Kutsche hinter ihm dreinwackeln, die er fur dieselbe erkannte, welche nicht weit von dem Schauplatze seiner Wiedererkennung hielt: er erblickte die Baronesse darinne, verdriesslich in einen Winkel gedruckt; und nun wanderte er mutig hinterdrein. Sobald der Kutscher auf dem Pflaster war, schlug er die Pferde an, sie trabten dahin, um eine Ecke hinum weg war die Kutsche! und erschien auch nicht wieder: wie wehe das tat!
Seine Bekanntschaft mit Betteljungen hatte sich seit seiner Ankunft in Dresden nicht verringert! sie passten ihm in der Nachbarschaft auf, um ihm ihr Anliegen zu entdecken, wenn er ausging oder nach Hause kam, und genossen auf diese Weise den grossten Teil seines Taschengeldes. Einer von diesen Pensionaren fand sich auch itzo bei ihm ein, als er, voll wichtiger Uberlegungen, die Gasse heraufkam, und bat um eine kleine Gabe zur Abendmahlzeit. Der Bursch erregte bei seinem Wohltater eine Idee, dass er ihm zu folgen befahl: als sie im Hause anlangten, beschrieb ihm Heinrich die Equipage, mit welcher er Ulriken hatte fahren sehn, umstandlich und fragte, ob er sie nicht kennte. "O ich kenne alle Kutschen und Mistwagen in der ganzen Stadt", fing der Junge an, "aber die Equipage kenn ich nicht." "Nicht?" fragte Heinrich erschrocken. "Halt!" hub der Junge von neuem an und verbesserte Heinrichs Beschreibung in vielen Umstanden, "war sie nicht so?" "Vollig so!" rief Heinrich entzuckt. "Ach, die kenn ich genau!" war die Antwort, "ich bin so manch liebes Mal in meinem Leben mit ihr gefahren, wenn kein Bedienter hintenaufstund. Sie gehort einer alten Schnattergans; Gott und ihr Vater werden's wissen, wie sie heisst: es fahrt immer ein kleines lustiges Ding mit ihr, wir Jungen nennen sie nur das Baronesschen "
Heinrich fiel ihm um den Hals. "Die kennst du?" redete er in ihn hinein.
"Ach, das ist meine Herzensfreundin", sprach der Bursch. "Ihre Fenster gehen in ein kleines Gasschen: nun lassen Sie sich einmal sagen! Da treten wir hin und singen ein Liedchen etwa 'Mein Schatzel ist ein gutes Kind' oder so was, und da wirft sie uns Geld herunter, und da nehmen wir's und machen recht tiefe Bucklinge: da will sie sich zum Narren lachen."
Heinrich. Liebster, bester Freund! kannst du ihr nicht einen Brief heimlich zustecken?
Der Junge. Oh, sechse fur einen! das alte Gespenst, bei der sie wohnt, passt zwar auf wie ein Flurschutze. Man darf ihr nicht einen Schritt zu nahe kommen, so flucht sie wie ein Teufel. Sie reisst das arme Nusschen herum wie einen Wischlappen
"Das hassliche Weib!" rief Heinrich und knirschte.
"Aber lassen Sie sich nur sagen!" fuhr jener fort, "ich will den alten Bootsknecht schon anfuhren: ich schleiche mich zur Tur des Baronesschen und bitte, und wenn sie mir etwas gibt, schenk ich ihr mein Briefchen heimlich dafur. Unsereins versteht das schon."
Er wurde morgen fruh auf den namlichen Platz bestellt, wo die heutige Unterredung gehalten worden war, die sich mit Versprechung eines ansehnlichen Trinkgeldes endigte, und der gluckliche Heinrich ging stolz die Treppe hinan: er wandelte in den Luften, und sein Scheitel beruhrte vor Ubermut die Sterne.
Die Doktorin empfing ihn mit ihren gewohnlichen uberhauften Fragen und bekam nichts als lakonische Antworten: sein Gluck schwellte ihn auf: das ganze alltagliche Leben um ihn her, alles, wovon und was man mit ihm sprach, war tief unter der Stimmung seiner Seele: er dunkte sich ein Gott, fur welchen sterbliche Beschaftigungen und Reden des gewohnlichen Gesprachs zu gering waren. Mit so erhohtem Fluge der Gedanken und Empfindungen, als wenn er im Ather selbst schwebte, setzte er sich an den Tisch, um seinen Brief zu schreiben: seine Aufseherin, die nicht wusste, was er schrieb, lobte ihn mit vollem Halse uber seinen Fleiss, dass er sich sogleich zur Arbeit kehrte und das Versaumte wieder einzubringen suchte. Wie ihm das Lob widrig schmeckte! Er hatte ihr vor Zorn an den Kopf fliegen mogen. Wen muss ein solcher Beifall uber so nichtswerte Dinge wie Aktenschreiben nicht beleidigen, wenn man so uberglucklich, so erhaben uber sich selbst ist, als er sich in dem Augenblicke fuhlte?
Er schrieb in sehr langer Zeit ein sehr kleines Billett; denn bei jedem Worte flogen seine Gedanken mit ihm davon, schweiften unter Projekten zu oftern Zusammenkunften, zu Entfliehungen und andern Mitteln, das Gluck des Wiederfindens so gut als moglich zu nutzen und sich Ulrikens Besitz zu versichern, herum, und uber den unendlichen Gedankenwanderungen verschrieb er sich so vielfaltig, dass kein Menschenverstand in dem Geschriebenen war, wenn er es durchlas: immer deuchte ihm, dass er noch etwas zu sagen hatte und nun noch etwas er sann nach, und dort lief sein Kopf mit ihm davon! Er schloss aber beim Jupiter! gerade das Wichtigste vergessen! Sonach bekam sein Brief sechs Schlusse, und durch das oftre Wegwerfen der vollig unverstandlichen Exemplare hatte er das Abendessen versaumt und Mitternacht herangebracht; und doch enthielt das Billettchen nichts als eine Nachricht von seiner Wohnung und eine Bitte, den Briefwechsel durch den Uberbringer fortzusetzen und ihm bald zu einer Zusammenkunft zu verhelfen. Hier ist es, nach seiner Handschrift genau abgeschrieben. Liebe Ulrike, liebste Ulrike, allerliebste Ulrike!
Ich bin ausser mir. Schreibe mir heute noch. Ich weiss mich nicht vor ubermenschlichem Glucke zu fassen. Ich bin bis in den Tod und in alle Ewigkeit
Dein aufrichtiger, ewig Dich zartlich liebender
Heinrich.
N.S. Schreibe mir ja durch den Uberbringer. Ich bin entzuckt, uber Sterne und Himmel bin ich tief, tief in die Seele entzuckt, dass ich Dich wiederhabe. Der Uberbringer ist ein Betteljunge. Schreibe mir ja oft durch ihn, alles, wie Dir's ergangen ist. Ich verbleibe lebenslang mit der grossten Zartlichkeit und Liebe und Freundschaft und Zartlichkeit, ich kann Dir gar nicht schreiben, wie sehr ich bin
Dein getreuer unveranderlicher zartlicher
Heinrich.
N.S. Wenn ich Dich nur oft, recht oft, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten sehn konnte! Schreibe mir ja! Der Uberbringer ist ein Bettler, der fur ein Almosen unsern Briefwechsel besorgen wird. Lebe wohl, tausendmal wohl. Ach, dass ich nicht bestandig bei Dir sein kann!
P.S. Ich wohne bei dem Doktor Nikasius. Ach Ulrike, ich sterbe vor Verlangen, wenn ich Dich nicht jeden Pulsschlag meines Lebens sehn kann. Glaube, dass ich bis in die Gruft und noch in jenem Leben Dich lieben werde. Aber ich kann Dich nicht genug lieben. Ich kusse Dich in Gedanken tausendmillionenmal und mochte weinen, dass ich's nur in Gedanken tun muss. Ich verharre unausgesetzt
Dein getreuer, fest an Deinem Herze hangender
Heinrich.
N.S. Du wohnst in der Holle bei einem Satan. Der Uberbringer hat mir erzahlt, dass Du bei einer Tante wohnst, die bestandig flucht. Deine vermaledeite Tante geht mit Dir um, dass es mich jammert. O wenn ich dem zahnebleckenden Ungeheuer den Kopf spalten konnte! spalten!!!!! Es ist mir so weh ums Herze, dass ich Dir so nahe sein muss und nicht Ich verbleibe
Dein betrubter, tief gebeugter zartlichstinnigstbrun
stigstsehnlichstschmachtender
Heinrich.
Postscript. Wenn ich Dich nur einmal, nur ein allereinziges Mal sprechen konnte! Ich bin so melancholisch geworden, dass ich Blut weinen mochte.
Ich bin mit aller Hochachtung
Ihr gehorsamer Diener,
Heinr. Ch. Herrmann.
Den letzten Schluss schrieb er halb im Schlafe, und die Hoflichkeit trat an die Stelle der Liebe. Die unselige Liebe! was fur schlechte Stilisten sie macht!
Nach langer, qualender Sehnsucht, die ihn jede funf Minuten an das Fenster riss, erschien der Bote am Ende der Gasse! er lief die Treppe hinunter und nahm ihm folgenden Brief im Hause ab.
den 12. Junius.
Wie sehr ich mich gestern uber unser plotzliches Wiederfinden gefreut habe, das weiss mein Herz und Dein eignes. Nach einer so langen, ewigen Trennung ist die Freude so voll, dass man von sich selbst nichts weiss. Aber lieber, lieber Heinrich! die Trennung ist noch nicht aus. Der Onkel hat der Oberstin, bei der len, mich keine Minute aus den Augen zu lassen; und sie kommt dem Befehle so getreulich nach, dass sie mich lieber am Halse herumtruge, wenn's sein konnte. Auf dem Spaziergange darf ich nur den Kopf zuruckwenden, um zu sehn, wer hinter uns geht, oder auf die Seite kehren, um jemanden an einem Fenster zu beschauen, gleich geht das Ungluck los. "Sapperment!" schreit sie, "wo gakeln Sie einmal mit den verfluchten Augen herum?" Bald geh ich ihr zu langsam oder stehe wohl gar still, um etwas anzusehn: "In des Teufels Namen!" fangt sie an; "so heben Sie doch die infamen Knochen!" Bald hab ich Langeweile und eile nach Hause. "Dass Sie das Donnerwetter erschluge mit Ihrem hollischen Rennen!" und dabei reisst und stosst und wirft sie mich herum wie ihr Spaniol, wenn sie eine Prise nimmt. So eine widerliche Frau kann gar nicht mehr auf der Erde sein: ihr Mund und ihre Brust ist bestandig mit gelbem Tabak uberglasiert, und wenn sie mich mit den schmutzigen Fingern angreift, geht mir's allemal durch Mark und Bein. Als ich gestern, da wir bei der Muhle so ubel angelassen wurden, nach Hause kam, hat sie mir recht mitgespielt: schon in der Muhle fluchte sie auf mich, dass die Balken zitterten; und zu Hause stiess und zerrte und warf sie mich so gewaltig herum, dass der Abdruck von ihren grossen, gelben Tabaksfingern in Lebensgrosse auf meinem weissen Kleide zuruckgeblieben ist. Wir haben uns im Zimmer von einem Ende zum anderen herumgejagt: ich wollte mich durchaus nicht von ihr anruhren lassen, und sie kann doch nicht sechs Worte mit jemandem sprechen, besonders wenn sie bose ist, ohne dass sie nicht die Leute bei dem Arme oder an der Brust anpackt. "Schmalen Sie, soviel Sie wollen!" rief ich immer und wehrte sie mit allen Handen von mir ab. "Greifen Sie mich nur nicht an!" Sie hupfte immer wie ein welscher Hahn mit aufgeschwollnem Kamme, und die Arme wie ein Paar Flugel ausgebreitet, auf mich los. "Sapperment!" schrie sie, "du Zeteraas! du wirst doch nicht die Pestilenz kriegen, wenn ich dich anruhre? Ich will dir die verfluchten Knochen zusammendrucken": und, Heinrich! nun packte sie zu! wie ein Hascher packte sie zu und schuttelte mich, dass ich dachte, ich sollte das Fieber kriegen.
Sie muss dem Onkel alle Wochen einmal schreiben, wie ich mich auffuhre; und sie hat heute schon den ganzen Vormittag geschmiert: Du kannst Dir leicht vorstellen, wovon. Nun werde ich ein saubres Briefchen vom Onkel uber unsern gestrigen Vorfall erhalten. Schadet nichts! Ich bin des Ausschmalens so gewohnt wie des taglichen Brots. Ich singe, springe, hupfe und bin lustig, sobald mir nur die Tante Sapperment vom Leibe ist: das wehrt sie mir auch nicht; denn wenn sie den Wurn kriegt, so geht's mit ihr selber uber Tisch und Stuhle weg. Wenn Fraulein Pimpelchen den Namen hat ihr meine Tabakstante gegeben; denn das tut sie allen Leuten und Fraulein Ripelchen und Mamsell Zieraffchen zu uns kommen, dann geht's buntuber: da wird geschrien und gelarmt, dass die Nachbarn neulich dachten, es ware Feuer im Hause, und mannigmal ist der Staub so arg, dass wir einander an die Kopfe rennen und in die Augen greifen und nicht wissen, wo wir sind.
Zuweilen tut mir aber doch mitten in dem lustigen Leben mein Herz recht weh, wenn mir's einfallt, dass ich meiner Tante, der Grafin, so viele Unruhe verursache. Du weisst gar nicht, wie der Graf mit ihr umgeht, seitdem Du weg bist: sonst war er doch hoflich: aber itzt ist das alles aus. Er brummt den ganzen Tag: nichts kann sie ihm recht machen; und wenn sie vor ihm auf die Fusse fiele, so fahrt er sie doch an wie eine Viehmagd: ein paarmal trieb er's so arg, dass ich mich des Weinens nicht enthalten konnte; und dann ging ich mit der Grafin in ihr Zimmer: eine Trane jagte immer die andre bei ihr: sie rang die Hande; sie konnte kein Wort reden: das schmerzte mich so tief in der Seele, dass ich zu dem Grafen unangemeldet ins Zimmer lief und ihm zu Fussen fiel und bat, er mochte meiner Tante nicht so ubel begegnen. Kannst Du Dir einbilden, Heinrich? Der Onkel war wirklich recht besturzt und rausperte sich so kurzatmicht, wie er immer tut, wenn er sich nicht recht zu helfen weiss; er hub mich auf und druckte mir die Hand so angstlich, als wenn's ihm von Herzen leid tate: da trat der krummbeinichte Jakob ins Zimmer: gleich liess mich der Graf fahren und sagte mir mit gebieterischem Tone: "Geh in dein Zimmer! Wenn du in Zukunft etwas mit mir zu sprechen hast, so weisst du, wo du dich vorher melden musst. Fuhre sie fort!" sprach er zu seinem Jakob. Der Bube fletschte die Zahne und freute sich recht innig, dass ich so ubel ankam: er fasste mich bei dem Arme, aber ich gab ihm einen so empfindlichen Nasenstuber, dass er mich fahren liess und hell wie eine Trompete in seine beiden Tatzen hinein nieste.
Ich kann mir's gar nicht aus den Gedanken bringen, ob wir vielleicht an allem dem Unglucke schuld sein mochten: denn seitdem wir im Kabinette ertappt worden sind, hat es angefangen und nicht wieder aufgehort bis zu meiner Abreise nach Dresden. Die Grafin hat uns ein paarmal verteidigt
Ach! da hor ich unsern Boten betteln. Lass ihn morgen nachmittag wiederkommen. Lebe wohl.
Ulrike.
Den folgenden Morgen kam wirklich ein zweiter Brief an, der die Fortsetzung ihrer abgebrochnen Erzahlung enthielt.
den 13. Jun.
Allerliebster Heinrich!
Tante Sapperment buchstabiert heute noch an ihrem Briefe: sie schreibt wie Onkels Reitknecht, den wir einmal behorchten, da er auf dem Futterkasten an seine Braut schrieb. "H-o-ch Hoch" so buchstabiert sie laut vor sich, und wenn sie einmal drei Worte zusammengestoppelt hat, so liest sie sich's laut vor, um zu sehn, ob Verstand darinne ist; und dann ruft sie mich hundertmal und fragt mich: "Wie schreibt man denn das Wort? wie denn das?" Sag ich ihr, wie ich glaube, dass es sein muss, so ist's ihr niemals recht. "Sapperment! das ist ja falsch; das klingt ja nicht!" da streitet, da zankt und flucht sie! und wenn ich ihr recht gebe, um nicht zu streiten, so sappermentiert sie wieder, dass ich ihr nicht helfen will. Mir ist es nunmehr desto lieber, je langer sie uber ihren Briefen zubringen muss: unterdessen kann ich ungestort an Dich schreiben; und zu meinem noch grossern Vergnugen glaubt sie itzo sogar, dass ich nicht richtig buchstabieren kann, und fragt mich deswegen sehr selten um Rat, nur wenn der Bediente nicht zu Hause ist, der ihr besser zu raten weissweil es bei ihm allemal klingt, wenn er vorbuchstabiert, sagt sie. Du musstest Dich zu Tode lachen, wenn Du einmal zuhorchtest, was fur mitunter wird dann auf beiden Seiten ein gutes Stuckchen geflucht. Der Bediente ist einmal Packknecht gewesen und spricht mit allen Leuten, als wenn's seine Pferde waren. Wenn er der Tante zuweilen zwei N oder M vorgesagt hat, so ist sie imstande, ein ganzes halbes Dutzend in einem Zuge hinzuschmieren: "Oh!" schreit der Bediente wie zu einem Pferde, das stillstehn soll. "Dass dich der Donner und das Wetter!" fahrt die Tante grimmig auf und wischt die uberflussigen M mit der Zunge weg, "die verfluchten M laufen einem aus der Feder heraus, als wenn sie der Satan herausjagte. Nun hab ich gar die Wetteraser alle ausgewischt." "Ah! Ah!" spricht der Packknecht, "was blecken Sie denn die Zunge so lang heraus wie ein Kehrbesen?" Dann fliesst die Tinte auf dem nassen Papier zusammen: wieder ein Donnerwetter auf das Rackerpapier! dann wird ausgestrichen: daraus entsteht eine Donner-Blitz-Hagelssau. "Da! Hans Pump!" ruft Tantchen dem Bedienten, "das verfluchte Schwein ist fur mich zu gross"; und so schluckt es Hans Pump wie eine Auster mit Haut und Haar vom Papier weg.
Da haben wir's! da bettelt unser Brieftrager schon. Schick ihn erst ubermorgen und etwas spater! Viel tausend Kusse von
Deiner Ulrike.
Der Termin war etwas weit hinausgeschoben; und den zweiten Tag darauf erst in der Dammerung erschien der versprochne Brief: er war sehr eilfertig und unleserlich geschrieben.
den 15. Jun.
Lieber, lieber Heinrich!
Tante Sapperment ist zum Besuch: ich will Dir hurtig erzahlen, was ich letzthin vergessen habe. Ich sagte Dir, dass es der Tante Grafin itzt so ubel geht, weil sie uns hat verteidigen wollen. Sie glaubt es nicht, dass wir die Absicht hatten, davonzugehn: aber der Graf lasst sich's nicht ausreden. Ich klagte Schwingern mein Herzeleid, dass ich glaubte, die Tante musste um meinetwillen so viel ausstehn: allein er trostete mich und versicherte, dass der Graf durch den schandlichen Jakob und seinen Vater wider sie aufgebracht ware. Die abscheulichen Kreaturen konnen's nicht leiden, dass sie den Grafen zuweilen zu etwas bewegt, was ihnen nicht lieb ist: er soll durchaus nichts tun, was sie nicht angegeben haben. Er furchtet sich auch vor ihnen wie unser Spitz vor der Tante Sapperment. Ich ware noch lange nicht nach Dresden geschickt worden, wenn die beiden Schurken nicht so getrieben hatten: aber fur diese Schurkerei bin ich ihnen herzlich verbunden. Ich rate auch noch eine micht ist: eh' ich fortreiste, speisten fast alle Tage Advokaten, fremde Kaufleute und Bankiers bei uns: das geschah auch bei meinem Papa kurz vor seinem Tode; und wenn ich die Mama fragte, was die Leute alle wollten, so antwortete sie mir: "Wir mussen sie futtern, damit sie uns das Brot nicht nehmen." Ja, sie kehrten sich viel daran; denn da der Papa tot war, liessen sie uns nichts zu beissen noch zu brechen. Ich gebe dem Briefe vier, funf, sechs Kusse fur Dich; nimm sie ihm ab!
Deine Ulrike.
Funfter Teil
Erstes Kapitel
Herrmann gab jedesmal seinem Boten, wenn er ihn aussandte, einen Brief an Ulrike mit, worinne er ihr seine bisherigen Schicksale seit der Abreise aus seinem Vaterstadtchen punktlich und umstandlich erzahlte, und war deswegen den ganzen Tag unaufhorlich mit Schreiben beschaftigt, ohne einen Schritt aus dem Hause zu tun. Die Frau Doktorin floss von Lobspruchen uber und weissagte ihm mit der aussersten Zuversichtlichkeit, dass er in kurzem ein grosser Mann sein werde, weil er so fleissig an ihres Mannes Akten schriebe. Kaum dass er auf ihre Lobeserhebungen und Verheissungen horte! Kaltblutig nahm er sie an, und der Doktor, der wohl wusste, dass er wenig oder nichts fur ihn arbeitete, liess seine Frau aus Gutmutigkeit und Liebe fur seinen Schreiber in ihrem Wahne.
Nach dem letzten, eilfertig geschriebenen Briefe stockte die Korrespondenz: der Bote ging zwar den zweiten Tag nach dem Empfange desselben mit einem grossen Schreiben von Heinrichen zur Baronesse, allein er brachte es wieder zuruck mit der Nachricht, dass ihn die Kochin abgewiesen habe. War das Geheimnis verraten? Hatte man die Baronesse von Dresden weggebracht? Wollte man sie verheiraten? Wollte man sie einsperren? Alles gleich wahrscheinlich fur den argwohnischen Verliebten! Dahinter musste er kommen, kostete es auch noch soviel. Sein Postbote wurde befehligt, gegen Erlegung eines baren Gulden die Gasse, wo die Baronesse wohnte, unablassig durchzupatroullieren, in der Nachbarschaft und im Hause, doch mit Vorsichtigkeit, nach ihr zu fragen und bei der ersten gewissen Nachricht sogleich getreuen Bericht zu erstatten. Herrmann setzte sich ebenfalls in Bewegung, auch durch sich selbst Gewissheit zu bekommen.
Neun Tage lang erfuhr er nichts, als dass Ulrike weder verreist noch eingesperrt, noch weggebracht sei, sondern sich wirklich in Dresden befinde und alle Tage mit ihrer Tante ausfahre: er sah auch einigemal die Kutsche, allein seit der Begebenheit bei der Muhle fuhr die Oberstin nicht anders als mit zugemachten Fenstern, stieg bei einer Spazierfahrt nie aus, wenn es nicht in einem Garten oder andern verschlossnen Orte war, und erlaubte Ulriken nicht, einen Blick aus dem Wagen zu tun: sobald sie nur Miene machte, sich nach dem Fenster zu neigen, so wurde sie mit einem Donnerwetter oder Sapperment wieder in die Ecke gedruckt. Das waren neun Tage, in Hollenpein zugebracht!
Erst am zehnten langte ein Brief an, den sie, mit Blei beschwert, dem Kurier zum Fenster herabgeworfen hatte. Er wurde nicht gelesen, sondern verschlungen.
den 24. Junius.
Ich schreibe Dir diesen Brief, liebster Heinrich, mit hochst betrubtem Herze, so voll Beklemmung, dass sie mir den Atem nimmt. Was ich befurchtete, ist geschehn: die Oberstin hat der Tante Grafin den ganzen Vorfall bei der Muhle haarklein geschrieben, und ich habe gestern einen Brief von ihr bekommen, der mir am Herze nagt. Sie bittet mich um Gottes willen, ich soll mir Gewalt antun und meine Liebe gegen Dich aufgeben. Sie hatte, schreibt sie, aus zu guter Meinung von meinem Verstande keine von allen Beschuldigungen und verdachtigen Anzeigen wider mich geglaubt und sehr oft durch meine Verteidigung des Onkels Unwillen auf sich geladen: 'Aber nunmehr', setzt sie hinzu, 'hat mich das Gestandnis, das Du Deiner Tante mit der aussersten Frechheit in der Muhle tatest, aus meinem Irrtum gerissen: ich sehe, dass Du nicht bloss unvorsichtig, sondern verfuhrt bist und Deine Verfuhrung liebst, Dir vielleicht gar etwas darauf zugute tust. Besinne Dich, Ulrike: bedenke, wer Du bist, wer Dein Onkel und Deine ubrigen Verwandten sind! Und dann uberlege, ob Du es verantworten kannst, uns allen eine solche Schande zu machen! Weise den liederlichen Buben' Heinrich! das Blut mochte mir liederlichen Buben! wenn's nicht meine Tante ware, ich wollte ihr eine verzweifelte Antwort auf den liederlichen Buben geben. 'Weise den liederlichen Buben von Dir! Meide, fliehe den Erzbosewicht, der uns unsere Wohltaten durch Bubenstreiche vergelten will! Alles Gute, was ich ihm erzeigt habe, muss sein Verderben werden: mein eignes Verderben muss ich mir zur Strafe wunschen, dass ich mich von unseliger Schwachheit verleiten liess, den Schander unsers Hauses selbst zu erziehen. Noch weiss der Graf nichts von der offentlichen Beschimpfung, die Dir der verhasste Bube in Gegenwart Deiner Tante angetan, die Du mit Wohlgefallen ertragen hast und sogar zu verteidigen Dich erdreistest. Wenn Dich der falsche, versteckte Bosewicht wirklich eingenommen hat und es Dir Muhe kostet, ihn zu verachten, wie er's verdient, so will ich Dir die Uberwindung erleichtern. Ich bemuhe mich itzt um eine Stelle in einem Frauleinstift fur Dich, wo Du zeitlebens versorgt bist, wenn sich keine anstandige Partie fur Dich findet; ich tue es heimlich, ohne Vorwissen des Grafen, wenigstens verhehle ich ihm sehr sorgfaltig meinen Bewegungsgrund: allein kommt es zustande, welches ich bald hoffe, weil auf Michael ein Platz ledig wird, so bin ich doch seiner Einwilligung gewiss, zumal da uns viele Ursachen notigen, unsern Aufwand einzuschranken. Erkenne meine Gnade, Ulrike! Setze Deinen Stand und unser Haus nicht aus den Augen, da Du Deiner Versorgung so nahe bist, und fuhre Dich in der Zwischenzeit, bis Du dazu gelangst, mit aller Achtung fur Dich selbst auf! Ich bitte Dich um Gottes willen, Ulrike! tue Deinem Herze Gewalt an und wirf Dich nicht weg! Verbittre mir nicht den kleinen Rest von Ruhe, den mir der Graf und seine Ohrenblaser taglich mehr rauben! Erfahre ich nur das mindeste von einem fernen oder gar geheimen Verstandnisse zwischen Dir und dem niedertrachtigen Landlaufer, so muss ich selbst an Deinem Unglucke bei dem Grafen arbeiten: ich muss ihm alles entdecken, und es wird ihm nicht viel Muhe machen, eine exemplarische Strafe fur Heinrichs Verwegenheit auszuwirken. Wie es Dir ergehen wurde, das kannst Du Dir leicht vorstellen: wie wehe wollte mir's tun, eine mir so liebe Blume, die ich selbst begossen und gepflegt habe, mit meinen eignen Handen zu zerknicken! Ruhrt Dich dieser Schmerz nicht, dann mochte ich Dich nie gekannt haben und Dich hassen konnen.'
Was sagst Du zu dem Briefe, Heinrich! Muss sich das Herz nicht umwenden, wenn man so etwas liest? Ich zitterte, als ich ihn las, die Betrubnis wollte mich ersticken, und aus Liebe fur die Grafin ward ich durch ihre Bitte so bewegt, dass ich im ersten Augenblicke willens war, ihr zu gehorchen. Aber, Heinrich, es ist mir unmoglich, ihr zu gehorchen: ich kann mich nicht von Dir losmachen: sooft ich's wunsche, ist mir immer, als wenn Du bei mir stundest, mir um den Hals fielst und riefst: "Um Gottes willen, Ulrike! gehorche nicht!" Nein, Heinrich! ich kann nicht gehorchen Gott ist mein Zeuge! ich kann nicht gehorchen! Du bist mir so allgegenwartig, so mein einziger Gedanke, wohnst so ganz in mir, als wenn Du meine Seele warst. Ich denke immer: 'Konntest du dich denn nicht zwingen? konnte denn Heinrich nicht lieber eine von seinem Stande ', kaum dass ich's soweit denke, so geht schon das ganze Zimmer mit mir herum; es wird mir banglich, so angstlich, als wenn mir's das Herz abstossen wollte; ich laufe vor Wehmut und Bangigkeit aus einem Winkel in den andern: die vier Wande sind mir so enge, als wenn sie uber meinem Kopfe sich zusammensenkten, dass ich zum Fenster hinunterspringen mochte. Nein, Heinrich! ich schwore Dir's bei Himmel und Erde! ich kann nicht gehorchen! ich muss Dich lieben! Du musst mein werden, und wenn die Verdammnis mein Lohn wurde.
Ich habe hier, indem ich dies bei der Nachtlampe schreibe, die Hand auf die Brust gelegt, den Schwur laut getan und Gott zum Zeugen angerufen: ich will ihn halten. Es ist mir ein grosser Fels vom Herze gewalzt, dass ich ihn getan habe: es war, als ich ihn tun wollte, bei dem blassen Schimmer der Lampe, vollig, als wenn die Tante Grafin in ihrem weissen Atlaskleide zum Kabinett hereinrauschte und mir den Mund zuhalten wollte: es lief mir ein rechter Totenschauer uber den Rucken; und wie ich schwur, fiel die zuruckgeschlagene Bettgardine vermutlich weil ich mit dem Ellenbogen daran stiess uber mich herab: ich denke, die Tante fallt uber mich her, so erschrak ich: aber ich ermannte mich: ich vollendete den Schwur mit Zittern, und kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so ward mir's wie Tageslicht vor den Augen, und Mut und Entschlossenheit belebten mich so plotzlich, als wenn sie mir in alle Adern gegossen wurden.
Ich bin entschlossen, fest entschlossen, der Versorgung in einem Stifte zu entgehen. Eine Versorgung zeitlebens! Ja, daran liegt mir viel! Die Leute denken, wenn man Essen und Trinken hat, dann ist man versorgt: hat man denn nicht auch ein Herz? Meins ist versorgt: ich bedarf gar keine Versorgung weiter. Was bekummert mich das bisschen elender Kleiderputz, kostbare Tafel, Equipagen und Bedienten? Nehm es, wer's mag! Ich war in dem gestreiften Raschrocke, als wir den Abend vor Deiner Abreise im Kabinette beisammensassen, so glucklich und tausendmal glucklicher, als ich niemals in dem schonsten Steifrocke bei dem herrlichsten Feste gewesen bin. Wenn mich nun aller der langweilige Plunder nicht ruhrt? Wenn ich nun keine Versorgung zeitlebens haben will? Ich begreife gar nicht, wo die Leute hindenken! Ich muss doch wohl am besten wissen, wie ich versorgt sein will: ich bin's ja, ich bin's ja! und wenn Du nur einen Platz mit hundert, mit funzig Talern Einnahme bekommst, so bin ich versorgt! Zeitlebens nach Wunsch und Verlangen versorgt! Aber das kann niemand begreifen: man mochte sich zu Tode argern.
In ein Frauleinstift! Es fahrt mir eiskalt durch alle Glieder, wenn mir das Frauleinstift einfallt. So ein Stift stelle ich mir wie ein grosses, winklichtes, finsteres, steinernes Haus vor, mit dicken, dicken Mauern, kleinen Fensterchen mit runden rotberaucherten Scheibchen wie ein Achtgroschenstuck, grosse eiserne Stabe davor, dass man das ganze Jahr Licht in den dammrigen Zellen brennen muss, weil der Tag durch das viele breite Blei nicht dringen kann ein dumpfes, hochgewolbtes, graushaft stilles Kloster mit langen schallenden Gangen, schmalen finstern Treppen und spitzrunden Turen, mitten unter oden zackichten Felsen, dass man nicht durch die Fensterstabe hindurchschielen kann, ohne zu furchten, es mochte ein Stuck lossturzen , in einem meilenlangen furchterlichen Tannenwalde; und so ein Gefangnis nennen die Leute eine Versorgung! Ja freilich! der Dieb hat auch eine Versorgung, der bei Wasser und Brot im finstern Turme sitzt. Lieber will ich mit Dir hinter den Zaunen schlafen, in den Dorfern betteln oder Stalle misten und Kuhe huten, als in so ein Stift gehn. Es bleibt bei unserer Verabredung unter dem Baume, da ich Dir meinen goldnen Ring an den Finger steckte.
den 25. Junius.
Hier loschte mir diese Nacht die Lampe aus: ich musste abbrechen, und heute fruh konnte ich vor grossem Vergnugen nicht wieder ans Schreiben kommen. Die Tante Grafin hat der Tante Sapperment einen Teil ihres Schmuckes geschickt, damit sie ihn hier verkauft, und Onkels Sekretar, der ihn mitgebracht hat, soll ihn verkaufen helfen. Die Tante will einen Berliner Bankier heimlich davon bezahlen, doch ohne dass es der Graf weiss: wenn's nicht geschieht, so will der Bankierden Onkel verklagen; und dann wachen alle andere auf, denen er schuldig ist, sagte der Sekretar, und um sie alle zu bezahlen, reicht seine Herrschaft sechsfach nicht zu. Die Oberstin hat also heute den ganzen Vormittag nichts als Juden bei sich gehabt: es war eine Hauptlust, wie sie unter den Mauscheln herumfluchte und schimpfte, weil sie ihr nicht genug geben wollten; denn die Grafin verlangt dreissigtausend Taler. Mit dem einen Juden kriegte sie gar Zank, dass ihn ihr Hans Pump zum Hause hinauswerfen sollte. Sie kann mit niemanden reden, ohne ihn anzugreifen: den Damen dreht sie die Brustschleifen entzwei den Nageln Locher in die Busenstreifen. Sie sprach also mit dem Juden am Fenster, das offenstand, und wahrend des eifrigen Redens und Handelns drehte sie ihm einen Knopf nach dem andern ab und warf ihn zum Fenster hinaus. Der Jude gab nicht darauf acht, und funfe lagen schon auf der Gasse; ich konnte das Lachen kaum verbergen, so belustigte mich's, als ich zusah. Indem sie an dem sechsten Knopfe hantiert, wird sie bose, weil der Jude schlechterdings nicht soviel geben will, als sie verlangt, und reisst ihm aus Grimm den Knopf mit so vieler Gewalt ab, dass der Mauschel nach ihr hintorkelt. "Mein", ruft der Jude, "wo sind meine Knopfe?" und sieht sich in der Stube um. "Du Schelm hast keine mitgebracht!" antwortete die Tante. "Mein, habe Knopfe gehabt, so viel als Locher! Da hat sie ja Ihre Gnaden in der Hand." "Da, du Fratzengesicht!" und so warf sie ihm den sechsten Knopf in die Augen. "Aber die andern! die andern! habe so viel Knopfe gehabt als Locher, so wahr ich leb! Sie werden doch nich von meinem Kleid weg nach Haus spaziert sein!" "Du beschnittner Sappermenter! denkst du, ich habe deine Knopfe gestohlen?" fuhr die Tante auf mit untergestemmten Armen. "Hans Pump! wirf mir den Eselskinnbacken aus dem Hause!" Hans Pump trieb ihn aus dem Zimmer; und er schrie bestandig die ganze Treppe hinunter: "Meine Knopfe! meine Knopfe! habe Knopfe mitgebracht, so viel als Locher!" Als ich hernach ans Fenster kam, stund er auf der Gasse und las sich seine Knopfe zusammen. Ich habe mir einen rauhen Hals gelacht uber den possierlichen Auftritt.
Schicke ubermorgen erst!
Ulrike.
Herrmann war nicht so geneigt, sich uber die possierliche Geschichte einen rauhen Hals zu lachen: entweder fehlte ihm Ulrikens Leichtsinn und Biegsamkeit, jeden hintereinanderfolgenden, noch so entgegengesetzten Eindruck anzunehmen und gleich stark zu fuhlen, oder die Liebe war zu sehr seine herrschende Empfindung, um einer andern den Eingang zu verstatten, die nicht in der engsten Vertraulichkeit mit ihr stund. Auch hatte ihn die lange angstliche Ungewissheit vor dem Empfange dieses Briefs und der wehmutige Anfang desselben in eine Stimmung des Geistes versetzt, die nicht sehr wohl mit der Belustigung harmonierte: nicht weniger schwer druckten die krankenden Benennungen der Grafin auf seine ganze Empfindlichkeit: der Niedertrachtigkeit, der Bosheit, der Undankbarkeit sich beschuldigt zu sehn und so aufbringende Beschuldigungen weder widerlegen, noch rachen zu konnen, welcher Schmerz fur seinen Stolz! Er setzte in der ersten Hitze einen Brief an die Grafin auf, worinne er mit Harte und Bitterkeit sich uber ihre beleidigenden Ausdrucke beschwerte und ihr bei seinem Gewissen beteuerte, dass er nie die Grosse ihrer Wohltaten, aber auch nie die Grosse ihrer Beleidigung vergessen werde. 'Nie kann ich', schrieb er, 'nunmehr Ihren Namen ohne Hass horen, wie ich nie an Ihre Gute ohne Dankbarkeit denken will. Ich mochte, dass ich Ihnen alle diese traurige Wohltaten wiedergeben konnte, wenn sie mir nur erwiesen wurden, um mir ungestraft das einzige zu nehmen, was weder Sie noch irgendein Mensch auf dieser Erde mir zu geben vermogen meine Ehre, meine Rechtschaffenheit.'
Sein angegriffner Stolz verblendete ihn so sehr, dass er nicht bedachte, welche Verraterei er an Ulriken und sich selbst durch ihn beging: erst am folgenden Morgen wurde sein Horizont wieder licht: er besann sich, dass die Grafin nichts von der geheimen Mitteilung ihres Briefs wissen durfte, zerriss den seinigen, ertrug mit stummem Schmerze die Krankungen und betrachtete sich als einen Martyrer, der um seiner Geliebten willen litt. Diese Vorstellung gab seinen Leiden einen so hohen Wert in seinen Augen, dass er sie verdoppelt wunschte: es schmeichelte seinem Stolze, sich durch solche Widerwartigkeiten ein Verdienst um Ulriken zu erwerben: er wurde immer entschlossner, zur Vergrossrung seines Verdienstes Schmach, Mangel, Kummer, Schmerz, Schimpf und Unehre aufzufodern und mit ihnen um Ulriken zu kampfen. Mut und Standhaftigkeit wuchsen in ihm bis zur Begeisterung empor: er schrieb folgendes Billett. Ulrike, wie Du in jener Nacht geschworen hast, so schwore ich Dir itzt Entschlossenheit und Mut zu, und so gewiss Du mich lieben wirst, so gewiss will ich Martern, Hungern, Blosse, Schmerz und Krankung nicht achten, um einmal Dein zu werden. Ich bin entschlossen, so entschlossen wie Du es sein kannst, unsrer Verabredung unter dem Baume zu folgen: veranstalte eine mundliche Unterredung, um uns uber die Ausfuhrung unsers Vorsatzes umstandlicher zu besprechen. Vor allen Dingen mussen wir fur Geld sorgen, es komme, woher es wolle; und dann in die Gefahren hinein! Eine ganze Welt voll Hindernisse sollen uns nicht aufhalten: wir reissen uns durch, treten sie danieder oder sie uns. Lass Dich weder durch Bitten noch Drohungen irre machen und furchte Dich vor keinem Stifte! Musst ich meinen Kopf daruber verlieren, Du sollst nicht hinein. Halte Dich zu allem gefasst und lebe wohl. Das Blatt wurde zwar am bestimmten Termine eingehandigt, aber erst viele Tage darauf erschien die Antwort der Baronesse.
den 26. Jun.
Es geht gewiss nicht gut, Heinrich! O welche Ubereilung, dass ich schwur. Der Schwur frisst wie ein Wurm an der Seele. Sollten wir denn wirklich etwas Strafbares begehn, dass wir uns lieben? Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich mich angstige und harme: es ist heute wieder so viel Lustiges bei uns vorgefallen, dass man sich zu Tode lachen mochte: ja, wer lachen konnte. Es fahrt mir wohl ein Gelachter durch die Lippen, aber es ist so halbweinerlich, so sauer, dass mir die Brust davon weh tut. Wenn ich nur nicht geschworen hatte! Ich habe mich von Kindesbeinen an vor einem Schwure gefurchtet, und doch lass ich mich ubereilen! Wenn ich nun zu schwach ware, meinen Schwur zu halten? Wenn ich mich nun durch Bitten oder Drohungen bewegen liess, ihn zu brechen? Wenn Gefahr oder Ungluck, Elend oder Kummer zu gross, zu schwer fur meine Schultern wurden, und ich erlag unter ihnen? Wenn mir's nun ganz unmoglich ware, ihn zu erfullen? Und doch hab ich auf meine Verdammnis geschworen! Bedenke, was das gesagt heisst auf meine Verdammnis! Und daran warest Du schuld, wenn ich sie verdiente: Du nur, wenn ich mich in ewige Qualen sturzte! Ich kann nirgends Ruhe finden: die Angst treibt mich herum, als wenn ich Mord und Diebstahl begangen hatte.
den 27. Jun.
Ich musste gestern nachmittag hier abbrechen, weil mir vor Unruhe ganz schwindlicht wurde. Heute geht mir's noch schlimmer. Ach Heinrich! der Schwur bringt mich ins Grab! Sogar Schwinger hat an mich geschrieben und ermahnt mich, von Dir abzulassen. Wenn ein so vernunftiger, gutherziger Mann unsre Liebe fur straflich halt, dann muss sie es sein: aber ich habe geschworen! Ich muss straflich handeln. Wenn ich nur Ruhe vor dem Gedanken fande!
'Reissen Sie', schreibt Schwinger, 'meinen armen, hulflosen Freund nicht ins Verderben hin; und Sie tun es zuverlassig, wenn Sie seine Liebe unterhalten oder gar noch anfachen. Die Reizbarkeit seines Alters folgt freilich Ihren Lockungen; denn aus allen Nachrichten und Anzeigen muss ich schliessen, dass Sie zuerst mehr fur ihn empfanden, als Sie sollten, und dass Sie zuerst bei Ihrem itzigen Wiedersehn seine schlafende Empfindlichkeit erregten. Wecken Sie keinen schlummernden Lowen und keine Liebe in dem Herze eines Menschen auf, der nicht fur Ihre Hand geboren ist! beide zerfleischen ihn. Sie haben ihn schon vor der Grafin verhasst gemacht und aller kunftigen Unterstutzung beraubt, die ich durch meinen Vorspruch fur ihn auswirken konnte: es ist aus, ganz aus: er hat nicht einen Furbitte mehr wagen. Noch nicht genug! Der Hass Ihres Hauses verfolgt ihn; und wenn Sie die brausenden Begierden seines Alters bis zur wirklichen Liebe aufwiegeln, dann kann ich schwacher Freund nicht das mindeste tun, um eine Rache zu hindern, die der Onkel bis zu seinem letzten Atemzuge fur ihn aufheben wird. Und Sie, teuerste Baronesse, Sie wollten Ihrem Lehrer fur seine Liebe den Schmerz zum Lohn geben, dass Sie ihm seinen Freund vor seinen Augen in eine Grube stiessen, wo er elend verschmachten muss?'
Nein, Heinrich! Ich kann, ich darf, ich will Dich nicht lieben! Ich reisse Dich ins Verderben, stosse Dich in eine Grube, wo Du verschmachten musst! Dich, der mir lieber als die ganze Welt ist! den ich gern auf einen Thron, gern in den Himmel auf meinen Handen tragen mochte! Lieber will ich meinen Schwur brechen und verdammt sein als Dich ins Verderben hinabreissen. Ich will ins Stift, will zeitlebens keinen Menschen sehn noch horen, noch sprechen, will mich einsperren, bis ich mich zu Tode grame und in die Verdammnis ubergehe, die mein schrecklicher Schwur verdient. Diesmal geliebt und niemals wieder!
Itzt bettelt der Junge an der Tur: aber ich kann Dir unmoglich den Brief mitschicken: es ist der letzte, den ich Dir jemals schreibe, und ich habe noch viel zu sagen.
den 28. Jun.
Dein mutiges Billett habe ich nach dem Empfange zweimal gelesen, und wenn ich nur ein paar Augenblicke allein bin, zieh ich's aus der Tasche, trete in einen Winkel und lese. Es machte mir einen sehr zerstreuten, unmutigen Abend: die Tante hat etwas ehrliches auf mich geflucht, dass ich nicht redete und niemals antwortete, wenn sie mich fragte. Itzt ist die Angst uberstanden: ich bin wieder mutig und entschlossen Heinrich! ich halte meinen Schwur. Schwinger stellt sich alles zu gefahrlich vor: er ist bei jeder Sache gar zu gewissenhaft, und wer weiss, wie ihm die Tante Grafin zugesetzt hat? Du weisst ja, wie leicht sie beide eine Mucke zum Elefanten machen. Was kann Dir denn in fremden Landern der Hass des Onkels schaden? Konnen wir denn die Sache nicht so heimlich anfangen, dass er niemals erfahrt, wo wir sind? Und zudem, wenn auch mein Ungehorsam und meine Liebe gegen Dich straflich ist, muss ja doch wohl diese Straflichkeit geringer sein, als wenn ich einen Schwur breche, auf welchem die Verdammnis steht. Nein, ich lasse mich nicht irre machen: ich bleibe fest an Dir und Deinem Herze, und niemand soll mich davon losreissen, es sei Konig oder Kaiser. ich die Minute mit Dir aus Dresden gehn wollte, wenn Du bei mir warst. Es ist, als wenn mein Herz davonhupfen wollte, so frisch schlagt mir's: es schwillt mir vor Begierde bis zu den Lippen. Topp, Heinrich! wir sehn uns bald.
Du kleinglaubiger Narr! was ist Dir denn um Geld leid? Sieh doch her! hier in meiner Kommode liegen 36 Dukaten alles erspartes Taschengeld! Tante Sapperment lasst mich nichts ausgeben, weil ich sparsam oder, wie sie es nennt, haushaltrisch werden soll. Sobald ich also mein Monatsgeld bekomme, wird Gold eingewechselt, zierlich in turkisches Papier eingewikkelt und wie ein toter Hund in einem roten Schachtelchen in meiner Kommode begraben. Ich seh es allemal dem armen Golde an, wie weh es ihm tut, dass es so lebendig begraben wird. Zum Verschenken kriege ich einen lumpichten Gulden Silbergeld: drum kann ich auch unsern Boten so schlecht bezahlen: ich schame mich jedesmal, dass ich ihm nur zwei oder vier Groschen geben kann. Wenn er diesen Brief holt, bekommt er meinen ganzen Rest von Silbergeld; denn nun ist uns geholfen.
Von meinen 36 Dukaten will ich Dir die Halfte einmal des Abends in der Dammerung selbst bringen; denn dem Jungen mag ich sie nicht anvertrauen, da es unser einziges bisschen ist. Die andre Halfte behalte ich bei mir, wenn wir etwa unterwegs voneinander getrennt wurden. Lass unsern Boten nunmehr alle Abende in der Dammerung bei unsrer Hausture herumgehn: sobald einmal Gelegenheit da ist, wisch ich hinunter und lasse mich von ihm zu Dir fuhren. Dass Du auch bestandig bei der Hand bist! Wir wollen uns nur auf ein paar Minuten sehn und den Tag bestimmen, wo die Reise fortgehn soll. Topp, Heinrich! Du wirst mein.
Der Bote holt ja meinen Brief ewig nicht: er wird zu einem Buche werden, wenn er nicht bald abgeht. Ob er vielleicht nicht mehr zu mir darf? Vielleicht, dass man ihn fur verdachtig halt!
den 5. Jul.
Ja, ja! hab ich's doch gedacht! die ganze Historie ist entdeckt. Den Jungen hat Hans Pump zur Treppe hinuntergeprugelt, wie er Dir schon geklagt haben wird; und heute fruh zog Tante Sapperment Deine Briefe, die ich in einem Paketchen recht artig hinter der losgerissnen Tapete versteckt hatte, hervor. Hans Pump hat die Tapete gestern wieder annageln sollen und sie gefunden: um nicht den Groschen zu verlieren, den ich ihm zuweilen zum Branntewein gebe, hat er meine Tante gebeten, so zu tun, als ob sie selbst dahinterkame. Sie traf also heute fruh mit dem Hammerchen bei mir ein, als wenn sie selbst die Tapete befestigen mir weh, dass ich die armen Briefe in den gelben, schmutzigen Tabaksfingern sehn musste. Sie las und fluchte: das war die ganze Geschichte. Ich will Dir etwas von unserm Gesprache hersetzen.
Sie. Sie sappermentisches Zeterkind! Sie lassen sich gar von dem Halunken Briefe schreiben?
Ich. Mir schreibt kein Halunke: Sie durfen nur seine Briefe lesen, um dies schandliche Wort zu bereuen.
Sie. Aber wie alle Wetter haben Sie denn die Briefe gekriegt? Nicht wahr, durch den verfluchten Donnerjungen, der immer vor Ihrer Ture gebettelt hat?
Ich. Sie wissen's.
Sie. Seht mir einmal das Wetterkind! Ist erst drei Monate uber siebzehn Jahr und doch schon blitzhagelschlau? Ich hab es in meinem zwanzigsten nicht so verhagelt fein machen konnen.
Ich. Manche Leute werden spat klug.
Sie. Nur nicht so spitzig, mein Fraulein Naseweis! Wir sind lange schon gewesen, wohin Sie wollen. Schreiben Sie denn dem Hagelwetterjungen auch?
Ich. Meinem Heinrich? Ja, ich schreib ihm alle Tage, alle Stunden und Minuten.
Sie. Uber Sie sappermentisches Element! Ich habe immer drei Tage gebraucht, um einen Brief an meinen Kapitan zusammenzustoppeln, und war doch schon funfundzwanzig Jahr alt; und Sie Kreuzhagelwetterbalg schreiben Ihrem Igel alle Stunden und Minuten! Wo sind Ihre elementschen Briefe?
Ich. Bei meinem Heinrich. Ich will sie holen lassen, wenn Sie darinne lesen wollen.
Sie. Aber, potz alle Welt! sagen Sie mir nur, wollen Sie denn den Ripel heiraten?
Ich. Nicht anders!
Sie. Das machen Sie einer Gans weis und nicht mir! Ich bin dabei gewesen. Potz alle Hagel! ich weiss, wieviel die Elle gilt. Aber wenn Sie nun einmal nach den verwunschten Affenkopfen, den Mannspersonen, hungert Blitz und der Hagel! man weiss ja wohl, wie einem in Ihrem Alter zumute ist wenn Ihnen denn nun ja das Herz aus der Schnurbrust nach den Asern hupft, so werfen Sie sich doch, in des Teufels Namen, nicht weg! Suchen Sie sich doch einen hubschen Offizier aus! Es sind ja so viele artige, galante Kerlchen da: dass dich das Kreuzelement holte! das Herz lacht einem ja im Leibe, wenn man die herzallerliebstscharmanten Puppchen nur gehn sieht. Fikkerlot! man darf ja nur die Hand ausstrecken, so hat man einen Vogel drauf sitzen.
Ich. In so einem Falle wurden Sie mir also erlauben, mich zu verlieben?
Sie. Ei, mochten Sie sich verlieben, soviel Sie wollten! Suchen Sie sich einen aus, sag ich Ihnen! Wenn's etwas Hubsches ist, soll der Teufelsbraten bei uns essen, trinken und ein und aus gehn, wenn, wie und wo er will. Sie mogen ja mit ihm anfangen, was Sie nur wollen ich will die Augen zutun: Sapperment! ich will gar nichts davon horen noch sehen.
Ich. Ihre Hand, Tante, wollen Sie das? Ich habe mir einen ausgesucht.
Sie. Aber ist er auch hubsch? Nicht etwa wieder so ein Katzenkopf?
Ich. O der vortrefflichste Mensch auf der Erde! So voll Verstand, voll Rechtschaffenheit, voll Ehre, voll Annehmlichkeiten, so voll Empfindung, Feuer! er lodert ganz von Tatigkeit! und kann lieben! ach lieben! lieben, wie keiner! Es ist der vollkommenste Geist Sie. Ach, was geht mich der sappermentische Geist an? Ist er hubsch gewachsen? hat er rote Bakken? ein hubsches, freundliches Gesicht? Redet er viel? Ist er lustig? hoflich? nicht schuchtern? nicht furchtsam? Darnach frag ich: was Henker! kommen Sie mir denn da mit dem Blitzhagelgeiste her? Und wenn er zehn Geister im Leibe hatte, man kann sie ja doch nicht sehn.
Ich. O alles, alles das ist er! Voll des einnehmendsten Reizes!
so lieblich lachelnd! Aus jeder Miene, jedem Akzente seiner Stimme, jeder Bewegung spricht Liebe, Gefuhl: in allen seinen Handlungen ist Seele und Nerven.
Sie. Uber das Zeterkind! was das fur eine Beschreibung ist! Man mochte zubeissen, so appetitlich! Hat sie nicht mit den verfluchten Hexenaugen gleich das Hubscheste in der ganzen Stadt ausgegattert? Ja, man sieht's auch den schwarzen Wetterasern an, was dahintersteckt: sie schiessen herum wie ein Paar grosse Karfunkel. Aber der Hagel! haben Sie denn schon mit ihm gesprochen?
Ich. Freilich! Mehr vielleicht als mit Ihnen.
Sie. Und haben mir ihn niemals gewiesen?
Ich. Ich darf ja nicht.
Sie. Blitzelement! wer wehrt Ihnen denn das, wenn's ein hubscher Kerl ist? Sagen Sie mir nur, wie er heisst? Ich will den Sappermenter gleich wissen: sagen Sie mir nur den Namen.
Ich. Heinrich und wenn Sie noch mehr von seinem Namen wissen wollen Herrmann.
Sie. Kreuz-Wetter-Blitz-Donner-Hagel-Element! Das ist ja der Eselskinnbacken, der die Briefe hier geschrieben hat!
Ich. Der namliche! Ein recht hubscher Kerl, wie Sie vorhin sagten! Sie wollen ja die Augen zutun, weder sehn noch horen, wenn's nur ein hubscher Mensch ist: ich soll mir ja nur einen recht hubschen aussuchen: ich hab es getan.
Sie. Den verhenkerten Feuerripel! den Maulaffen!
Ich. Sie fanden ja aber meine Beschreibung von ihm so appetitlich; und er ist tausendmal schoner, als ich ihn beschrieben habe. Das Bild, das in meiner Seele von ihm liegt, das sollten Sie sehn! Wenn Sie dann mich tadeln konnen, dass ich keinen andern wunsche und begehre
Sie. Schweigen Sie von dem sappermentischen Nussknacker! Mich mit dem Stachelschweine so zum Narren zu haben! Warten Sie! das werd ich Ihrer Tante, der Grafin, schreibenalles, haarklein!
Ich. Wenn es Ihnen beliebt; ich darf mich Ihnen nicht widersetzen. Schreiben Sie ihr alles, was ich itzo sagte: von mir soll sie erfahren, was sie geraten haben. Vergessen Sie aber ja nicht, sie zu versichern, dass ich diesen Menschen, den ich fur den einzigen in der ganzen Schopfung halte, immer und ewig lieben werde, solange noch ein Hauch in mir ist; dass ich ihn, sobald es die Umstande verstatten, auch heiraten will, und dass mich daran nicht Tante, nicht Onkel, nicht Himmel, Erde und Holle hindern sollen. Je mehr man mir widersteht, je liebenswurdiger wird er mir, je beharrlicher und entschlossner macht man mich. Ich habe meine Seele zum Unterpfande eines Schwurs gegeben, dass er mein werden soll: kann eine Tante mich von der Verdammnis lossprechen, wenn sie mich zum Meineid zwingt?
Sie. Mir vergeht der Atem. Uber das Blitzhagelskind! Ei, so schwore du und alle Kreuzelementteufel! Bedenken Sie doch, Rikchen! was soll denn aus Ihren Kindern werden? Schabichte Fuchse, aus denen kein Mensch etwas macht!
Ich. Wenn Sie nur alles werden, was ihr Vater ist. Seine Eltern waren arme Leute, und doch ist er mehr als alle die Grafen, Barone und Herren, die ich bei meinem Onkel gesehn habe.
Sie. Die verfluchte Liebe blendet Sie. Sie verlieren ja Ihren ehrlichen Namen.
Ich. Ich bekomme ja einen andern ebenso ehrlichen dafur.
Sie. Und durfen hernach nicht mehr unter Ihresgleichen, in keine ordentliche Gesellschaft kommen.
Ich. Das kann ich verschmerzen.
Sie. Ach du Blitzhagelsbalg! Wenn du mein Kind warst, ich wollte dich schon gescheit machen: ich drehte dir den sappermentischen Hals um wie einer Taube.
Ich. Sie wollen der Tante meine Entschliessung melden: ich will Sie nicht storen, wenn Sie itzt, bei frischem Angedenken, schreiben wollen.
So schieden wir auseinander. Man passt mir seit der Zeit entsetzlich auf, ob ich schreibe: aber ich sehe mich wohl vor: ich tue es nur des Nachts. Ich war wohl ein wenig schnippisch gegen meine Tante es ist ja nur eine Tante a la mode de Bretagne: und dann war ich gerade so herzhaft, so ausser mir vor Mut, dass mir alles herausfuhr, ohne dass ich selbst daran dachte. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich seit Deinem letzten Billett vor Ungeduld brenne, Dich zu sehen und meinen Sparpfennig mit Dir zu teilen: ich bin uber und uber eine Flamme, so begeistert mich die Hoffnung: ich laufe herum und suche in allen Ekken, und wenn ich hinkomme, weiss ich nicht, was ich suchen will: es ist mir immer, als ob ich etwas wollte, als ob mir etwas fehlte, und wenn ich mir den Kopf zerbreche und sinne und sinne, so ist es nichts. Ach, lieber Heinrich! Itzt fuhl ich, was leben heisst: einen Menschen lieben wie Dich, das heisst es und nicht einen Buchstaben mehr.
den 8. Julius.
Wenn dieser Brief zu Dir kommt, so haben wir von grossem Gluck zu sagen: aus dem Fenster, anders kann ich ihn nicht bestellen. Schicke den Jungen in Zukunft unter mein Fenster und schreibe mir nicht weiter: ich bekomme es doch nicht. Wenn ich nun so zum Fenster hinunterspringen und mich in der Tasche zu Dir tragen lassen konnte wie dieser Brief! Aber nur Geduld! die Not wird schon einmal aufhoren: und dann, liebster, allerliebster Heinrich! ich kann vor Freuden nicht sagen, was dann geschehen wird. Ich kusse, umarme, schatze, verehre, liebe, bete und nach dem Tode, solang es nur ein Ich und Du gibt,
Deine Ulrike.
Zweites Kapitel
Welcher Liebende sollte nicht einer versprochenen Zusammenkunft, besonders bei einer so kritischen Lage der Umstande, mit allen Rudern und Segeln entgegeneilen? Herrmann macht die verlangten Anstalten dazu und begab sich manchen Abend in hochsteigner Person unter Ulrikens Fenster, um die Unterredung vielleicht zu beschleunigen. Es vergingen acht, es vergingen vierzehn Tage, keiner darunter war der gluckliche, wo sie geschehen sollte: es vergingen zwei Monate, und noch war sie nicht geschehn. Unmutig uber eine so traurige Verzogerung wanderte er eines Abends im Vorhause auf und nieder und war fest entschlossen, wenn sich die Konstellation am Himmel seiner Liebe nicht bald nach Wunsche anderte, das Ausserste zu wagen, zu Ulriken zu gehn und mit Hintansetzung aller Gefahr die Zusammenkunft auf ihrem eignen Zimmer zu suchen: Siehe da! wahrend dieser unruhigen Beratschlagung mit sich selbst wird er Bewegung in der Dammerung gewahr, hort etwas sehr heftig keuchen und eine leise erschopfte Stimme, die ihm seinen Namen zu flustern schien: ohne zu untersuchen, ob es Ulrike sein konnte, setzte er voraus, dass sie es sei, sprang hinzu und fasste einen grossen, ungeheuren Jagdhund, der sich sogleich mit Gewalt losriss und mit lautschallendem Bellen seinen Abschied nahm.
Armer Verliebter! Ist wohl einer, solange Venus die Welt regiert, so vielfaltig und so unglucklich in seinen Erwartungen getauscht worden? Als wenn Liebe und Schicksal es verabredet hatten, seine Standhaftigkeit zu prufen! Wollten sie vielleicht gar versuchen, sie wankend zu machen, so hatten sie sich ihren Mann nicht gut gewahlt; denn jedes neue Hindernis, jede neue Tauschung spannte seine Beharrlichkeit einen Grad hoher. Er ging zwar, hochstunwillig uber sein Ungemach, auf die Stube und setzte sich in einen Winkel, aber nur, um das angefangne heldenmutige Projekt desto lebhafter zu uberdenken. Es war beinahe bis zur Ausfuhrung reif, und der notige Enthusiasmus befeuerte schon seine ganze Stirne, als plotzlich die Tur aufging. "Wer da?" "Ich!" Es war die Stimme seines geheimen Botschafters, der ohne das Gesprach weiter fortzusetzen, die Tur offenliess und davonlief. Ein neues Wunder! In einer kleinen Weile kam jemand geschlichen: er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen, aber seine Ohren horten bald einen Ton, und seine Hande fuhlten eine Hand, die er nicht zu verkennen vermochte. "Heinrich!" "Ulrike!" ertonte Schlag auf Schlag, und Schlag auf Schlag druckte sich Hand in Hand. Aber welch neuer Unfall: Sein Gluck uberraschte ihn: er war zerstreut, verlegen, angstlich: er hatte tausend Sachen zu sagen und wusste nicht, wo er anfangen sollte: in seinem Kopfe sturzte sich Gedanke uber Gedanke, und Wort an Wort drangte sich zur Zunge: der Mund war immer zum Reden geoffnet, und uber der grossen Bemuhung, das Wichtigste zuerst zu sagen und ja nichts Erhebliches zu vergessen, sagte er gar nichts; denn es war alles gleich wichtig, gleich erheblich. Noch mehr Ungluck! es war finster in der Stube: er hatte nun fast ein Jahr hindurch ein so liebes Gesicht nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehn, hatte sich so kindisch auf den entzuckenden Anblick gefreut, und auch diese Hoffnung musste ihm fehlgehn! Und Licht zu holen, das fiel ihm in der Verwirrung gar nicht ein: auch hatte er ja indessen ein paar Augenblicke von Ulrikens Gegenwart eingebusst!
Zum Glucke brachte die Baronesse mehr vorbereitete Fassung mit. Sie ubergab ihm eilfertig die Halfte ihrer sechsunddreissig Dukaten, berichtete ihm mit ebenso ubereilter Hastigkeit, dass sie nur einige Minuten verziehen konnte, damit nicht ihre Tante unterdessen vom Besuche zuruckkame und sie vermisste, und bat also instandigst, sogleich uber die Hauptpunkte ihrer Unterredung, die Entfliehung von Dresden und die Bestimmung des Orts, wo sie einander treffen wollten, zu sprechen. Eh er noch anfangen konnte, seine Meinung vorzutragen, unterbrach sie sich schon selbst.
"Ach!" sagte sie, "weisst du, was fur eine schreckliche Nachricht ich bekommen habe? Die Grafin hat wirklich einen Platz im Stifte fur mich ausgemacht: es soll zwar nicht so hasslich darinne sein, wie ich mir's vorgestellt habe, aber ich danke doch dafur. Hurtig, Heinrich, wenn du mir etwas zu sagen hast!"
Heinrich. Naturlich, unendlich viel! An unsrer itzigen Verabredung hangt ja unser ganzes Gluck. Wir mussen die Zeit nutzen. Nur hurtig, was du noch sagen willst.
Ulrike. Noch etwas Schrecklicheres! die Grafin hat an meine Mutter geschrieben und ihr unsre ganze Liebe erzahlt. Das wird ein Larm werden! Ich kann mich zwar nicht recht auf meine Mutter mehr besinnen; denn ich bin schon in meinem sechsten Jahre von ihr zum Grafen gekommen; und seitdem hab ich sie nicht wieder gesehn. Sie kann die Grafin nicht leiden, und deswegen ist sie auch niemals zum Besuche bei uns gewesen, wie du dich besinnen musst. Daran erinnere ich mich noch wohl, dass sie mich zuweilen auf die Arme oder den Schoss nahm und streichelte und kusste, als wenn sie mich aufkussen wollte, und kurz darauf durft ich ihr nicht vors Gesichte kommen: da war ich ihr wieder so unausstehlich, dass sie mich anbrullte wie ein Lowe, wenn ich ihr zu nahe kam; und wenn ich etwas tat, das ihr nicht gelegen war, musst ich wohl gar das Essen entbehren oder mich in eine finstere Kammer sperren lassen, damit mich der Pupu fressen sollte. Es ist ein rechter Heide von einer Frau, wenn sie bose wird, das haben mir alle Leute gesagt. Kannst du dir vorstellen? Da mein Vater noch lebte und seine Guter noch nicht durch Konkurs verlorengegangen waren, ist sie selbst auf dem Felde herumgeritten und hat die Arbeiter mit der Peitsche ausgeprugelt, wenn sie nicht fleissig genug gewesen sind: sie hat in ihrem Leben mehr als ein Pferd zu Tode gejagt und manchem Domestiken ein blaues Auge geschlagen. Bedenk einmal, was wir alles von ihr zu befurchten haben! Wenn sie nur nicht etwa gar auf den Einfall kommt, mich zu sich zu verlangen, bis ich in die Stelle im Stift einrucken kann! Das ware mein Tod.
Ach! bester Heinrich, wenn ich auf immer von dir getrennt wurde! Es tut mir weh genug, es itzo zu tun aber wir durfen keine Zeit verlieren
Heinrich. Jede Minute wollen wir nutzen. O wenn unsre Liebe einmal aufhorte, eine verstohlne Liebe zu sein!
Ulrike. Bald, bald soll sie das nicht mehr sein: ich setze durch Wasser und Feuer, um es dahin zu bringen: aber dann, Heinrich! dann wollen wir uns lieben wie Engel: nichts tun und denken und fuhlen als Liebe. Wenn nur die Zeit nicht so drangte! dass wir ja nichts vergessen!
So drehte sich ihr Gesprach ewig um Klagen uber die gegenwartigen Hindernisse ihrer Liebe und um erfreuliche, meistens schimarische Hoffnungen auf die Zukunft; bei jedem sechsten Worte erinnerte Ulrike, dass sie schlechterdings ihn bald wieder verlassen musste, wollte gehn und blieb: beide ermahnten sich unaufhorlich, ja nichts Notwendiges zu vergessen, und vergassen alles: sie fuhrten sich sorgfaltig zu Gemute, dass ihre Entfliehung ausserst dringend sei und dass man Zeit, Ort und Zusammenkunft und tausend andre Umstande verabreden musse, und verabredeten auch nicht eins von allen: kurz, es war eine Beratschlagung zwischen zwei Verliebten, die mit vielen andern Beratschlagungen das Eigentumliche hat, dass man viel dabei spricht und nichts ausmacht.
Uber dem vielen Sprechen musste sich notwendig die Unterredung bis in das Unendliche verlangern, und aus den paar Minuten, die man anfangs dazu bestimmte, war itzt mehr als eine halbe Stunde geworden. Plotzlich horte man auf dem Saale murmeln und gehen: es ging jemand an allen Turen herum, versuchte sie aufzumachen und fluchte, wenn er sie verschlossen fand. Der nachste Gedanke war, dass Herr und Frau vom Hause, die zum Besuch waren, zuruckgekommen sein mochten: aber der Larm naherte sich immer mehr, und man rasselte bereits an der nachsten Tur. Angst und Furcht uberfielen die beiden Verliebten so heftig, dass sie sich beide in einen Winkel druckten, um nicht gesehn zu werden, wenn man ja hineinbrache. Nicht lange wahrte es, so klopfte man ziemlich heftig an die Tur: sie atmeten kaum: die Tur ging auf, und Gotter! wer trat herein? Tante Sapperment, begleitet von Hans Pump, der eine grosse, helleuchtende Stocklaterne trug! Ihr erster Blick traf die beiden zitternden Verliebten, und mit dem ersten Blicke fuhr einer der kraftigsten Fluche aus ihrem Munde. Sie wutete wie ein erbitterter, hungriger Wolf, der ein paar bebende Rehe in einen Winkel getrieben hat, um sie zu wurgen: sie ergriff Ulriken, die das Bewusstsein eines Ungehorsams und die Uberraschung zaghaft machte, schleuderte sie dem Bedienten in die Arme, der sie mitleidig auffing, wie sie von der Gewalt des Zuges bis zum Fallen dahintaumelte: Heinrich fiel zwar der Oberstin in die Arme, allein zu spat: sie spannte alle soldatische Kraft ihrer Nerven an, wand sich los und sturzte ihren Gegner mit einem Stosse, dass er knirschend uber Stuhl und Tisch dahinfiel. Augenblicklich wandte sie sich nach Ulriken und druckte sie in die Arme zusammen, dass sie laut schrie und sich der unwurdigen Behandlung widersetzte: allein die Tante hatte die Grosse und die Knochen eines Grenadiers, wurde durch den Widerstand noch wutender und warf die ungleich schwachere Baronesse zur Tur hinaus: sie schlug auf die Dielen darnieder, dass der Vorsaal von ihrem Falle schutterte. Sie lag ohne Bewegung da, und nur ein leises schmerzliches Hauchen war das Zeichen ihres Lebens. Ohne Erbarmung zog sie die schnaubende Oberstin auf, riss dem Bedienten die Laterne aus der Hand und gebot ihm Ulriken in die Kutsche zu tragen: es geschah: er lud sie mit dem derben Griffe eines Packknechts auf seine Arme, und wie ein Lamm, das von den harten Fausten seines Schafers zur Schere hingeschleppt wird, die ihm mit Wunden die Wolle rauben soll, liess sie sich ohne Leben und Widerstand, mit schlaff niederhangenden Armen, wankendem Kopfe und blutender Wange, hinabbringen. Herrmann hatte sich indessen aufgerafft und wurde durch ihr blasses, blutiges Gesicht, welches der darauf fallende Laternenschein totenahnlich machte, so bis ins Innerste durchdrungen, dass er vor Wehmut keine Kraft zur Rache in sich fuhlte: er bat die Oberstin mit der beweglichsten Ruhrung, Ulrikens zu schonen, und klammerte sich vor Eifer und Inbrunst so fest an sie an, dass sie nicht von der Stelle konnte: sie befand nicht fur gut, ihn durch ein Versprechen zu beruhigen, sondern machte sich von ihm los und eilte mit grossen soldatischen Schritten Ulriken nach: Herrmann hinter ihr drein! Doch da das Getose Bediente und Magde im ersten Stocke versammelt hatte, so gebot die Oberstin, den tollen Menschen aufzuhalten: man gehorchte und fuhrte den armen Herrmann, der vor Wut hatte zerspringen mogen, die Treppe liebreich hinan, steckte ihn in seine Stube und schlug sie zu.
Der Doktor und seine Frau erfuhren bei ihrer Zuruckkunft von dem Bedienten des Hofrats nur den letzten Teil der Geschichte, und zwar nicht die Begebenheit, wie er sie gesehn hatte, sondern wie er sie sich dachte: er berichtete namlich, dass ihr Schreiber einen Anfall von Raserei bekommen und eine Dame, die er auch nannte, auf der Treppe angegriffen und sich mit schwerer Muhe von ihr habe zuruckhalten lassen. Die Doktorin argwohnte gleich Mord, Totschlag und wer weiss welch andres Ungluck, der Mann hingegen argwohnte weder Gutes noch Boses, sondern ging mit gelassnem Schritte, von Herrmannen selbst Erkundigung einzuziehen. Er fand ihn ausserst niedergeschlagen, trostlos und verlegen; und weil das Gehor zu umstandlich wurde, wandte der Verhorte Krankheit, Schmerzen am ganzen Leibe vor und bat um die Erlaubnis, sich zu Bette zu legen, die ihm der Doktor ohne Anstand erteilte: er wiederholte zwar von Zeit zu Zeit seine Hauptfrage, was er mit der Oberstin vorgehabt hatte, allein der Kranke antwortete jedesmal mit Klagen uber seine Schmerzen und lautem Stohnen darauf, dass ihn der Doktor fur heute in Ruhe liess und seine Frau versicherte, er sei nicht toll.
War es aus Verstellung oder weil er seinen Schmerz nicht anders zu verdauen wusste? wahrscheinlicher das letzte, warum er einige Tage das Bette nicht verliess! Er ass und trank wenig oder gar nichts; wenn man ihn etwas fragte, schien er einzuschlafen oder antwortete so undeutlich, dass man nichts vernehmen konnte. Alle seine Krafte waren von Fasten und Kummer endlich so abgespannt, dass er fur alles Gleichgultigkeit bekam: ob er starb oder lebte, ob seine Liebe glucklich oder unglucklich ausfiel, ob er sich verriet oder nicht, alles galt ihm gleich: kein Wunder also, dass er in dieser truben Verzweiflung alle seine Geheimnisse entdeckte! Er offenbarte dem Doktor, der ihn fleissig besuchte, seinen ganzen Liebeshandel, ohne ihn um Verhinderung oder Beistand zu bitten, und erzahlte ihn so frostig wie die Begebenheit eines fremden Menschen. Der Doktor lachte, trostete ihn spasshaft und verwies zur Geduld.
Die Frau hatte sich schon langst bitterlich beschwert, dass der Mensch nun schon drei Tage krank sei, nichts tue und weder gesund werden noch sterben wolle; hatte auch dem Manne abermals beide Ohren vollgebrummt, dass er sich durch seine Gutherzigkeit verleiten liess, einen Menschen ins Haus zu nehmen, von dem man nicht wusste, ob er toll oder gescheit sei. Sie wiederholte ihm itzt, als er vom Kranken zuruckkam, diese letzte Bedenklichkeit sehr nachdrucklich. "Ach", sprach der Mann lachend, "mit dem Kopfe ist er wohl gescheit, aber das Herz ist toll. Der Bube ist verliebt."
Die Frau. Verliebt! Nun muss er den Augenblick aus dem Hause: den Augenblick! Wer wird die Sunde auf sich laden und einen verliebten Menschen uber Nacht bei sich behalten? Fort mit ihm!
Der Mann. Narrchen, was ist denn nun weiter fur Sunde dabei? Er ist verliebt.
Die Frau. Papachen, du weisst viel, was zu einer Sunde gehort. Deine Akten verstehst du: was Sunde ist, das muss ich wissen. Einen Sunder dulden heisst, sich fremder Sunde teilhaftig machen.
"Je, Mauschen!" unterbrach sie der listige Mann, "er ist in dich verliebt."
"In mich!" rief die Frau und wusste noch nicht, ob sie es fur Ernst nehmen sollte.
Der Mann. Freilich! in dich! Ich habe gar nicht geglaubt, dass ich so eine schone Frau habe: er macht dich zum Engel, zur Gottin
"In mich! Der Mensch ist ein Narr", sagte die Dame lachelnd. "Er wird doch meinetwegen nicht verruckt worden sein?"
Der Mann. Geh zu ihm, damit er sich nur beruhigt! Du weisst ja wohl: in seinem Alter macht man nichts als dummes Zeug in der Liebe.
Die Frau. Ist es denn etwas so sehr Dummes, sich in mich zu verlieben? Geh an deine Akten, Papachen! Ich will sehn, wie sich der Kranke befindet.
Die Wendung, die Papachen der Sache gab, war zwar listig, aber etwas boshaft; denn Herrmann konnte unter allen Mitgeschopfen weiblicher Art seine Frau am wenigsten leiden, das war ihm deswegen wohl bekannt, weil er seine Abneigung gegen sie zuerst veranlasst hatte. Die Doktorin brachte geschwind ihre kleinen Reize in Ordnung und begab sich in die Stube des Kranken: sobald sie hereintrat, drehte er sich um, das Gesicht nach der Wand zu, und schlief so fest, als wenn ihn Circe eingeschlafert hatte. Sie redete ihn an, und da sie merkte, dass aus ihrer Anrede kein Gesprach werden wollte, wanderte sie wieder ab. Seit dieser Zeit versaumte sie keine Gelegenheit, ihm zu gefallen und durch Anzug, Blicke und Dienstfertigkeiten ihn noch verliebter zu machen, als er nach ihrer Rechnung bereits war, ohne sich eine Minute lang der Sunde zu furchten; und der Mann war viel zu froh, dass ihm seine List so gut gelungen war, um ihr den Unzusammenhang ihres Sundensystems vorzurucken. Ob es mehr als Eitelkeit bei ihr war, das weiss allein ihr Herz.
Drittes Kapitel
Allmahlich wurde dem Kranken seine Krankheit zur Last, und mit den Kraften kehrte auch die Liebe in ihm wieder, wachte Sehnsucht und Entwurfe zu ihrer Befriedigung wieder auf. Am ersten Tage, den er ausser dem Bette zubrachte, horte er des Morgens schon seinen Boten an der Ture betteln: in langer Zeit hatte sein Ohr keinen so willkommnen Ton gehort. Mit froher Eilfertigkeit offnete er die Tur und lud im Ubermass seiner Freude den Jungen hoflichst in die Stube ein: er uberreichte bei dem Hereintreten ein kleines, schmutziges Papierchen, das eine unleserliche, halb verwischte Schrift, mit Bleistift geschrieben, enthielt. Es war nichts herauszubringen als folgendes:
'Heinrich, ich verlas heute noch Dresden. Meine grausame Mutter hat mir schreiben lassen, dass sie in paar Tagen kommen und mich abholen will. In len wir uns find Ich halte mich nicht auf, wenn nicht gleich nachkommst.
schreibe bald, wo ich bin, Lebe wohl.'
Er drehte und wandte das Papier voller Angstlichkeit und vermochte kein Wort weiter herauszubringen: der Ort, den sie ihm zur Zusammenkunft bestimmte, war verwischt, und das meiste ubrige erriet er mehr, als er es las. "Wo hast du das Billett bekommen?" fuhr er den Jungen an.
Der Junge. Auf der Gasse bei der Oberstin Haustur hat mir's das Baronesschen gegeben. Sie hatte eine schwarze Kappe auf ich hatte sie nicht gekannt, wenn sie nicht gesprochen hatte , sie sah aus, als wenn sie verreisen wollte, und ging sehr hurtig nach dem Tore zu
Herrmann. Wenn gab sie dir's?
Der Junge. Ehegestern abends.
Herrmann. Und du, Unglucklicher, bringst mir's heute erst?
Der Junge. Ich habe ja gestern fast alle Stunden hier gebettelt: aber es horte niemand.
Diese Entschuldigung sagte der arme Liebesbote zwar sehr laut, aber er hatte kaum das erste Wort davon ausgesprochen, so lag ihm schon der Stock auf dem Rucken. Herrmann, ohne sie annehmen zu wollen oder zu bedenken, dass sie sehr gultig war, weil er den ganzen gestrigen Tag im Bette in der Kammer zugebracht und also sein Betteln wirklich nicht hatte horen konnen, rachte er sich fur die Tucken des Schicksals an dem unschuldigen Abgesandten und verfolgte ihn mit ausgeholtem Stocke die Treppe hinunter. Zorn und Wut uber den unglucklichen Zufall stiegen bis zur Verwilderung: er buchstabierte noch einmal das schmutzige Papier durch, aber schlechterdings liess sich der Ort nicht entziffern: er war auf immer und ewig verwischt. Er warf das verhasste Blatt an die Erde, hub es auf, zerriss es und streute die unendlich kleinen Fragmente in alle vier Winde aus: er scharmuzierte die Stube auf und nieder, und was im Wege stund, musste die Wirkung seines Grimms erfahren: Tasse und Teller, die vom Fruhstucke noch dastanden, tanzten klirrend vom Tische herab und rollten zerbrochen uber den Fussboden hin: der Spiegel bekam einen Schlag, der ihn zeitlebens in zwo Halften teilte: der schnaubende Ungluckliche hatte sich selbst in zwo Halften zerfleischen mogen.
Die Doktorin, die der Larm herbeigerufen hatte, kam mit klaglicher Gebarde zu ihrem Manne und versicherte sehr mitleidig, dass die Liebe dem armen Menschen den Kopf verruckt haben musste. "Wenn man ihm doch nur zu helfen wusste!" setzte sie hinzu. "Es ist doch wahrhaftig gar ein hassliches Ding, die Liebe, wenn man sich einmal mit ihr einlasst. Der arme Mensch! War so artig, so hubsch! Ich furchte mich vor ihm, Papachen: ich kann unmoglich auf meiner Stube allein bleiben."
Der Mann lachte und suchte ihr die Furcht zu benehmen. "Ach, Papachen!" fuhr sie fort, "du weisst nicht, wie weit es mit so einem Menschen geht. Wenn ich nur nicht an seinem Unglucke schuld ware. Es krankt mich in der Seele: der arme Mensch! Wenn du nicht bei mir bleiben kannst, schliess ich mich ein."
Wirklich schloss sie auch ihre Tur ab und schob den Riegel vor. So hielt sie ihre leichtglaubige Eitelkeit den ganzen Vormittag gefangen, und Magd und Bediente mussten jedesmal durch viele Beweise dartun, dass sie es waren, ehe sie hineingelassen wurden.
Kurz nach Tische langte Hans Pump, der Bediente der Oberstin, an, um sich zu erkundigen, ob Ulrike diese Tage her nicht ins Haus gekommen ware. Die Dame hatte zwar unmittelbar den Morgen nach ihrer Entlaufung an den Doktor geschickt, und er stellte auch die Versichrung von sich, es ihr sogleich zu melden, wenn sich die Baronesse blicken liess: da Herrmann die Tage her nicht ausgegangen war, so nahm er ihn gar nicht in Verdacht, dass er um die Entlaufung etwas wusste, und uber seinen vielen Geschaften vergass er, dem Kranken etwas davon zu sagen, und wenn er ja daran dachte, so verhehlte er ihm die Begebenheit, um ihn nicht noch mehr zu kranken. Hans Pump hatte seitdem in der Gasse vor dem Hause des Tages und Abends patrouillieren mussen: in andre Gegenden der Stadt waren andre Kundschafter ausgesandt worden. In der Lange wurde Hans Pump seines Postens uberdrussig und kam itzt, seiner Pflicht die letzte Genuge zu tun, das heisst noch einmal im Hause anzufragen, und dann von seiner Wache abzugehn: diese Anfrage wurde, weil der Doktor nicht zu Hause war, der Doktorin in die Hande geliefert. Sie war in der ganzen Geschichte noch so neu wie ein neugebornes Kind und ersuchte Hans Pumpen, ihr den ganzen Vorfall vom ersten Anfange an zu berichten, welches er sogleich mit moglichster Weitlauftigkeit tat. Sie rechtfertigte Herrmann auch, dass er wegen seiner Krankheit keinen Anteil an der Entfliehung haben konnte; dabei liess sie Eu. Gnaden, der Frau Oberstin, mit etwas beleidigtem Tone melden, dass man keine luderlichen Madchen, wenn es auch Baronessen waren, bei ihr suchen musste.
Nun ging ihr ein Licht auf. Sie vermutete zu ihrer empfindlichen Krankung, dass sie ihr Mann zum besten gehabt oder aus einer andern Ursache hintergangen habe, als er ihr uberredete, dass Herrmann in sie verliebt sei: gleichwohl sich bei ihm daruber zu beschweren und zu verraten, dass sie ihre Eitelkeit verfuhrt habe, der Luge ihres Mannes zu glauben, war noch mehr erniedrigend: sie beschloss also, ihren Arger zu verbeissen, sich zu stellen, als ob sie gar nichts von der Liebe des jungen Menschen zu ihr geglaubt, sondern seine Angelegenheit mit der Baronesse langst schon gewusst und ihrem Manne verhehlt hatte. Sie erzahlte ihm also, da er nach Hause kam, die unterdessen gemachte Entdeckung als eine bisher mit Fleiss verschwiegne Neuigkeit; und der Mann, den Kopf voller Gerichtstermine, nahm sie herzlich gern dafur an, um nur in Ruhe vor ihr zu bleiben. "Aber man muss dem armen Menschen helfen", beschloss sie ihre Erzahlung. "Man muss ihn aus seinen sundlichen Gedanken und Neigungen herausziehn. Ich will den Herrn Magister Wilibald zu ihm schicken: der soll ihn bekehren." "Ja, ja, Mauschen! das tu! und itzt gleich!" rief der Mann, um ihrer endlich einmal los zu werden. Die Frau schickte sogleich in der namlichen Minute zum Herrn Magister Wilibald, von dem nebst seiner schwarzen Perucke schon einmal schuldige Erwahnung geschehn ist. Er war ihr Gewissensrat, hatte ungehinderten Zutritt zu ihr und genoss eine Verehrung von ihr, die fast bis zur Anbetung stieg. Er war was aber niemand ausser ihm in der ganzen Stadt wusste ein theologischer Abenteurer ohne Amt, der mit Heiden- und Judenbekehrungen prahlte, die er nie gemacht hatte: er hatte die ganze pietistische Pantomime in seiner Gewalt, einen schleichenden Ton, und suchte durch die tiefste weggeworfenste Ehrerbietigkeit und Demut schwachen Seelen, besonders den Weiblein, das unumschrankteste Vertrauen abzuschmeicheln. Seinen Stolz und Ehrgeiz maskierte er so geschickt, dass ihm viele die ubertriebenste Achtung und Ehrfurcht bezeugten, und er nahm sie ohne Weigerung als Opfer an, die man durch ihn dem lieben Gott brachte, fur dessen Diener sich der Unverschamte ausgab. Die Natur hatte ihn mit einem Gesichte gebrandmalt, das mit so belehrender Deutlichkeit als ein eingebrannter Galgen vor ihm hatte warnen sollen: der mittlere Teil war durch starkes Brannteweintrinken mit kupfrichter Rote uberzogen worden, aus welcher grosse weisse Blattern wie Kalkhaufen auf einem rotsandichten Ackerfelde hervorragten: die beiden Enden des Gesichts bestunden unten in einem gelbgrunlichen, spitzigen Judaskinne und oben in einer breiten, weissen, schuppichten Stirn, die an beiden Schlafen sich in ein Paar Horner emporhob und in der Mitte bis zur Nase ein tiefes Tal liess. Durch einen Zufall, den nur der allwissende Himmel, Herr Wilibald und der Chirurgus kannte, hatte die Nase einen Teil ihres knochichten Gebaudes eingebusst, dass sie also mit ihrer dicken, aufgelaufnen Spitze einer aufbrechenden Rosenknospe nicht unahnlich sah: auch war ihr durch den namlichen Zufall ein schwirrender Ton mitgeteilt worden, der bei jedem Atemzuge wie der danebengehende Wind einer schlechtgeblasnen Flote aus beiden Nasenlochern deutlich und vernehmlich herausfuhr, und wenn er sprach, wurden seine Worte bestandig von dem Orgelwerke seiner Nase in gebrochenen Akkorden begleitet. Es war, von allen Seiten betrachtet, der widrigste und zugleich der unwurdigste Mensch, der luderlichste, ausschweifendste, wenn er unentdeckt zu bleiben hoffte, ein vollkommnes Muster der Tugend, wenn er in Gegenwart andrer handelte und sprach, von vielen unendlich geachtet, von vielen fast gottlich verehrt.
Dies verdammte Gesicht, in eine kohlenschwarze Perucke gesteckt, trat itzt in Herrmanns Stube herein, grusste mit einem seichten Nicken und sagte mit der gewohnlichen Nasenbegleitung, dass die Frau Doktorin ihn, den Magister Wilibald, habe rufen lassen, um sich der Seele eines von sundlicher Liebe kranken und geistlich toten Menschen anzunehmen. Herrmann vermutete nichts weniger, als dass er dieser geistlich Tote sei, und bat ihn, noch voll von einem Reste seines Unwillens, zur Frau Doktorin zu gehn, die ihn besser brauchen konnte als er. Der Magister setzte sich nieder, legte den umgekehrten Hut auf den Schoss, die gefaltnen Hande darein, rausperte sich und fing mit lauter, schwirrender Stimme an:
"Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin "
"Warum tragen Sie so eine verfluchte schwarze Perucke?" unterbrach ihn Herrmann.
Der Heidenbekehrer liess sich nicht storen, sondern hub mit verstarkter Stimme noch einmal an:
"Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich verbrannt. Seht mich nicht an; denn ich will vor Scham vergehen; ich mochte mir vor Reue das Gesichte zuhalten; ich kann vor Scham die Augen nicht aufschlagen, noch viel weniger mir von andern, besonders von frommen und wiedergebornen Leuten und Menschen, ins Gesicht sehn lassen. Dass ich so schwarz bin, so schwarz wie eine Kohle, von grosser Sundenschwarze; schwarz wie ein Mohr, den nieman bleichen kann; schwarz wie ein Rabe, der sich von Aas und Luder nahrt, gleich den Menschen, die in luderlichen Neigungen und Affekten ersoffen und ertrunken sind. Aber warum bin ich so kohlschwarz? denn die Sonne, oder wie Sie lieber sagen mochten, denn die Liebe hat mich verbrannt: verbrannt, das heisst wie eine Glut im Feuerofen oder, welches noch heisser ist nach der Bemerkung erfahrner Naturkundiger, wie die Flamme der Sonne, wenn sie im heissen Mittage steht, hat mich das hollische Feuer der Liebe versengt, gebraten, in Asche und Staub verwandelt."
"Leider! leider!" unterbrach ihn Herrmann seufzend. "O hatt ich nie eine Minute lang Liebe in mir gefuhlt! nie etwas anders als Ungeheuer um mich gesehn, die mir nichts als Hass und Widerwillen einflossten! Wenn es moglich ware, ein Gelubde zu halten, dem mein Herz widerspricht auf der Stelle wollt' ich schworen, nie mit einem Gedanken, mit einer Nerve wieder Liebe zu empfinden."
Der Magister. Also empfinden Sie wahre Reue daruber?
Herrmann. Reue, Schmerz, Betrubnis, Arger, Kummer! alles, was nur eine menschliche Seele martern kann! Wer hat wohl mehr Ursache dazu? Wenn ich meinem Verlangen so nahe bin, dass ich nur zuzugreifen brauche, dann jagt mir's plotzlich der Zufall wie der Wind eine Feder vor der Hand weg. Ist in der ganzen weiten Welt ein unglucklicherer Mensch als ich? Und was machte mich unglucklich? Funf oder sechs elende verwischte Buchstaben! O der traurigen Welt, wo das Gluck des Lebens von einem Bleistiftzuge gegeben oder genommen wird!
Der Magister. Sie verabscheuen, hassen und verachten also die Welt samt allen ihren Lusten und Begierden?
Herrmann. Ja, und nur um eines Geschopfes willen verfluch ich sie nicht. Nur um eines Geschopfs willen! Die ubrigen sind nur da, um die Gluckseligkeit andrer zu storen, zu hindern, zu verbittern.
Der Magister. Ja allerdings! die Welt liegt im argen: es ist alles eitel. Entsagen Sie der Welt?
Herrmann. Mit Freuden! In dem tiefsten, unzuganglichsten Geburge wollt' ich mir eine Hutte bauen und als Einsiedler mein ganzes ubriges Leben in der traurigsten Einsamkeit zubringen: aber Ulrike! die Arme, Verlassne, Verfolgte! Aus Liebe zu mir verliess sie Wohlsein und Rang. Wo sie itzt herumirren mag? In welcher elenden Leimhutte wohnen? Auf welchem beschmutzten Lager ruhen? Immer angstlich, immer besorgt, wie eine Taube, die den Habicht flieht. O der unselige Bleistift!
Der Magister. Sie bereuen also von ganzem Herzen Ihre Liebe?
Herrmann. Wie sollt ich etwas nicht bereuen, das mich auf immer unglucklich macht? Aber was hilft Reue? Ich muss sie finden, die Ungluckliche, oder mich zu Tode qualen. Der Magister. So wunsch ich Ihnen gute Besserung.
Mit diesem christlichen Wunsche nahm er Abschied und berichtete seiner Gonnerin, dass der junge Mensch auf dem rechten Wege sei, sich zu bessern; und weil sie voraussetzte, dass er ihn dahingebracht habe, lobte und pries sie seine ungemeine Kunst, die Leute zu bekehren, und ermahnte ihn, das angefangne gute Werk durch wiederholte Besuche fortzusetzen, welches er seit dieser Zeit taglich tat. Die Unterredung fiel fast allemal auf den namlichen Schlag aus: Herrmann wurde taglich verdriesslicher, unzufriedner und erbitterter auf die Liebe und auf sich selbst: er schalt sich, dass er die Torheit gehabt hatte, sich in eine Baronesse zu verlieben, und wunschte, sie ohne Verletzung seines Gewissens nicht mehr lieben zu konnen. 'Den Schmerz wollt' ich tragen', sagte er sich oft, 'aber was hilft es der unglucklichen Vertriebnen, dass ich nicht langer ein Tor bin? Sie hat sich einmal zum Opfer meiner Torheit gemacht.'
Bald tadelte er Ulriken bis zum Erzurnen, dass sie seine Liebe erregt, ermuntert und unterhalten habe, und zuweilen war er recht erbittert, dass sie so liebenswurdig sei. Wenige Augenblicke darauf dankte er ihr alle Freuden seines Lebens, schien sich selbst durch sie der Gluckseligste auf der Erde geworden zu sein und sah in sein Leben wie in ein finstres, wustes Leere hinab, wenn Ulrike es nicht durch ihre Liebe angefrischt, munter und frohlich gemacht hatte. Itzt beschloss er, seine Neigung zu bezwingen und Ulriken dem Elende zu uberlassen, worein sie sich unbesonnen selbst gesturzt hatte: ihre Entfliehung, ihr Schwur erschienen ihm als ubereilte, tolle Handlungen und die ganze Ulrike als eine Zusammensetzung von Unbesonnenheiten und Schwachheiten, ohne Uberlegung, ohne Vernunft. Nach einem paar Atemzugen erblickte er sie schon wieder als eine verdienstvolle Martyrerin seines Glucks, als die edelste, grossmutigste Seele, der er fur alles Ungemach, Schmerz, Beschwerlichkeit, Verfolgung nicht feurig genug zu danken glaubte, und wenn er sich ihr lebendig opferte: er musste sie aus Dankbarkeit lieben, und kaum hatte er diesen Gedanken einige Minuten verfolgt, so zeigte sich ihm sein Entschluss, sie nicht zu lieben, als eine platte Unmoglichkeit, als eine Idee, die man nur in der Fieberhitze haben konnte, die er gar nicht zu begreifen vermochte; und nun riss seine Phantasie mit ihm aus: er sah in Gedanken Ulriken unter tausendfachen Gefahren, in Sturmen, Ungewittern, zu Wasser und zu Lande, unter Lowen, Tigern, Baren und Wolfen, in Krankheit, Hunger, Gefangnis, Verfolgung, und jedesmal sich als ihren Erretter, der wie ein mutiger Perseus herbeieilte, sie befreite und zur Belohnung seines Mutes ihre Hand empfing. Nun war es ihm leid, dass er nicht so hurtig wie die Liebeshelden seiner Fabelwelt auf geflugelten Drachen oder Rossen reiten konnte: er ware den Augenblick durch alle Lufte gejagt, wenn er einen Pegasus gehabt hatte.
In dieser schwankenden, veranderlichen Gemutsverfassung, wo sich die Dinge und Umstande fast mit jedem Pulsschlage von einer andern Seite, in anderm Lichte, mit andern Farben zeigen; wo Hell und Dunkel in der Seele mit so schnellem Voruberschiessen abwechselt wie Licht und Schatten an einem Apriltage; wo kein Entschluss langer als funf Minuten dauert und die Seele wechselsweise von Vernunft, Einbildung, Leidenschaft gleichsam gewiegt wird, ohne dass sie lange zu einem festen Stande gelangt: in dieser nicht sonderlich angenehmen Gemutsverfassung empfing Herrmann einen Brief von Schwingern, der ihn unerwartet wie ein Blitz traf.
den 25. Oktober.
Lieber Freund!
Noch will ich Dir diesen Namen nicht entziehn, so wenig Du Dich seiner wurdig zu sein bestrebst. Du zwingst mich, eine Sprache mir Dir zu reden, die ich in Deinen Kinderjahren nie gebrauchen durfte: aber auch nie hast Du als Kind mich bis zu solchem tiefen Schmerze betrubt wie itzt in Deinem Junglingsalter. Bis zu Deinem funfzehnten Jahre warst Du ein Weiser, und itzt in Deinem siebzehnten wirst Du ein Tor! Doch warum sag ich: ein Tor? Ein Lasterhafter und fast ein Bosewicht! Heinrich, ich bitte Dich um meiner Ruhe willen, erzeige mir die einzige Wohltat und widerlege mich! strafe mich Lugen, dass ich Dich einen Bosewicht nannte! ich beschwore Dich darum.
Doch warum halte ich Dir nicht lieber gleich das Gemalde Deiner Vergehungen vor die Augen, dass Du mit Scham und Reue vor ihm zuruckbebst? Du hast durch eine einzige Torheit ein ganzes Haus, das Dich erzog, nahrte, pflegte, eine Dame, die Dich noch vor einem Monate durch ihre letzte Wohltat unterstutzte, in Tranen, Uneinigkeit, Gram und Herzeleid versenkt. Wo war Deine Vernunft, als Du Dir zuerst eine so ausschweifende Neigung gegen die Baronesse erlaubtest? Denn so lange ich auch aus Freundschaft fur Dich daran zweifelte, so kann ich leider nicht langer in diesem gutgemeinten Wahne beharren! Dein eigner handschriftlicher Beweis zeugt wider ihn und Dich.
Heinrich, einen Augenblick Uberlegung! hast Du ganz vergessen, dass Dein Vater Einnehmer des Grafen Ohlau war, des Grafen Ohlau, dessen Schwestertochter Du Dich zu lieben erdreistest? dessen Schwestertochter Du Deine Geliebte, Deine kunftige Gattin nennst und ihr Mut und Entschlossenheit zuschworst, um mit ihr durch alle Gefahren Dich hindurchzureissen? dass Dein Vater Einnehmer, abgedankter Einnehmer des Grafen Ohlau ist, der ihm durch ein kummerliches Gnadengeld das Leben fristet, dessen Schwestertochter Du wider alle Deine und ihre Feinde beschutzen willst? Widersetzte sich nicht Deine Feder, als Du dies zu schreiben wagtest? Und wer sind diese Feinde? Die Grafin Ohlau, Deine Wohltaterin, Deine wahre Mutter, die Dich geliebt, erzogen, zum Menschen gemacht hat! ohne die Du ein armseliger, nackter Bube warst, ohne Bildung, Wissenschaft und Sitten roh, schwach und kraftlos in Mangel und Niedrigkeit herumkrochst! die Dir noch itzt in Dresden Dein elendes Leben durch eine monatliche Mildtatigkeit erhielt! denn wisse, nur durch sie lebst Du! wisse, dass Du ein Hauch bist, den sie belebte, den sie verloschen lassen kann, wenn sie will, und sie will es; denn von ihr darfst Du keine einzige Wohltat mehr erwarten. Und diesen Grafen, diese Grafin nennst Du Deine Feinde? O Du toller Jungling! Wie schame ich mich Deiner Freundschaft!
Und wozu hast Du Dich nunmehr gemacht? Zu einem Bettler! Reisse Dir einmal den blendenden Wahn der Leidenschaft von den Augen und siehe Dich in Deiner ganzen Durftigkeit! und wenn Du dann nicht uber Dich selbst die Zahne knirschest und vor Schmerz uber Deine Raserei vergehn mochtest, dann will ich meine Hand verfluchen, wenn sie noch einen Buchstaben an Dich schreibt: dann bist Du ein Unwurdiger, der nicht einmal Hass, sondern Verachtung verdient.
Aber solltest Du das wirklich sein? Noch immer widerstrebt mein Herz, wenn ich dies von Dir argwohne. Dein feuriges Blut, Deine reizbare Seele, Dein brausendes Alter, vielleicht auch Dein Stolz, Dein Ehrgeiz das, das sind die Urheber Deiner Torheit und Deines Unglucks: Du bist von ihnen uberrascht, uberredet, uberlistet worden; und doch muss ich zu meiner Betrubnis mir auch diese Tauschung versagen. Ich bin durch Deine eignen Briefe an Ulriken, die uns von der Oberstin zugesandt worden sind, meiner Schwache, meiner Nachlassigkeit uberfuhrt worden: Du hast schon eine Neigung heimlich in Dir genahrt, als ich Dich vor aller Welt davon freisprach; und welche beharrliche Uberlegung gehorte dazu, meiner Wachsamkeit in einem solchen Alter eine vorzeitige Leidenschaft zu verbergen! Auch hat mir Deine Torheit manches Ungluck schon verursacht: Vorwurfe, scheele Gesichter, brennende Verweise habe ich von Graf und Grafin uber meine schlechte Aufsicht ausstehn mussen; und Gott sei mein Zeuge! sie war doch nach allem meinem Wissen und Gewissen die beste, die sorgfaltigste, deren ich mit allen meinen Kraften fahig bin. Freilich hinterging mich meine leichtglaubige Freundschaft fur Dich; und fur diese gutherzige Schwache muss ich dann bussen, schwer bussen! Die Vorwurfe des Grafen und der Grafin haben mich vom Schlosse vertrieben: ich konnte ihre Bitterheit unmoglich langer ertragen: ich verliess die Wohnung der Zwietracht und der Verfolgung, die itzt durch den Ungestum so vieler unzubefriedigender Glaubiger und noch mehr durch Deine Tollheit zum Sitze des Verdrusses, des Unwillens, der Traurigkeit und des Weinens geworden ist; denn taglich bist Du Ursache, dass Deine Wohltaterin sich auf ihrem Zimmer in Tranen badet, wenn sie die grausamen Vorwurfe ihres Gemahls bis in die Seele verwundet haben. Die Verlegenheit uber seine okonomischen Umstande macht ihn wild und hart; und er schuttet seinen geheimen Schmerz daruber mit barbarischer Unbarmherzigkeit uber die arme Grafin aus, weil sie in Dir den Unglucklichen erzog, der ihr Haus schanden sollte. Ich wohne zwar itzt an dem aussersten Ende der Stadt, in einem einsamen friedfertigen Hauschen, in anscheinender Ruhe: aber Du, unseliger Freund, hast mir auch diese Ruhe verbittert. Ich quale mich unablassig mit eignen Vorwurfen, dass ich zu Deiner Unbesonnenheit und so vielem Herzeleide eine der nachsten Veranlassungen sein musste: ich angstige mich, sooft ich an Dich denke; und ich denke jede Minute an Dich.
Ergreift Dich nicht ein eiskalter Schauer, wenn Du so die ganze Reihe Deiner Vergehungen und die Menge der Ungluckseligkeiten uberdenkst, die Du auf Dich und uns alle gehauft hast? Und wer sind wir alle? Deine Wohltater, Deine Freunde! Denke Dir Deine Liebe zur Baronesse ein einziges Mal als die Urheberin so vielfachen Unglucks! und ich mochte Dich in dem Augenblicke einer solchen Vorstellung sehen: ich weiss gewiss oder die Natur musste sich selbst betrogen haben, als sie Deinen so fruh erwachten Verstand bildete , ich weiss gewiss, Tranen, heisse bittere Tranen werden Deine Wangen netzen: Du wirst Deine Leidenschaft verabscheuen und wunschen, alle traurigen Folgen derselben vernichten zu konnen. 'Man fangt mit Torheit an und endigt mit Laster' glaube diese Erfahrung Deinem altern Freunde! Ein Mensch, voll so feurigen Gefuhls fur Ehre und Rechtschaffenheit, kann unmoglich jene gewisse Erfahrung gelernt haben und nicht mit allen Kraften den Schritt zuruckziehn, den er in seiner Torheit weiter tun will: lieber lahmte er seinen Fuss, um keinen weiter tun zu konnen.
Ob mich meine gute Erwartung von Dir tauschen wird, dazu soll mir ein einziger Beweis genug sein. Die Baronesse hat schon uber einen Monat Dresden heimlich verlassen: die Oberstin kann ihren Aufenthalt nicht auskundschaften. Um sich Ungelegenheit zu ersparen, weil sie die Entlaufne wiederzufinden hoffte, hat sie der Grafin den Vorfall erst vor kurzem gemeldet: noch ist man imstande gewesen, dem Grafen diesen neuen Zuwachs von Arger und Zorn zu ersparen. Wir wissen, dass die Baronesse eines Abends Dich heimlich besucht hat, und auch dem Grafen konnte man es nicht verbergen: auf seinen Befehl sollte Ulrike von ihrer Mutter aus Dresden weggeholt und in das Stift zu ** gebracht werden, aber ein unglucklicher Fall mit dem Pferde hinderte ihre Reise, und man gab der Oberstin den Auftrag, es an ihrer Stelle zu tun, allein zu einer Zeit, wo die Baronesse schon entlaufen war: wir alle glaubten sie langst im Stifte, als die schreckliche Nachricht von ihrer Unbesonnenheit anlangte. Alle diese Umstande erzahle ich Dir, um zwo Fragen an Dich zu tun, deren Beantwortung mich bestimmen wird, ob ich mich ferner Deiner annehmen oder Dich der Besserung des Unglucks uberlassen soll. "Hast Du teil an der Entfliehung der Baronesse? Weisst Du, wo sie ist?" Auf Gewissen und Ehre beantworte mir diese beiden Fragen! belugst Du mich, dann gehe! Werde ein Schurke, ein Lasterhafter, ein Bosewicht, werde gehangt, geradert oder gekopft! ich kenne Dich nicht mehr.
Indessen, in der Hoffnung, dass Du mich nie zu einer so harten Selbstverleugnung zwingen wirst, empfange von mir den letzten Beistand! aber gewiss den letzten, ich schwor Dir's bei Gott! wenn Du in Deiner Torheit beharrst! Ich habe Dich an einen Berliner Kaufmann, der sich wegen seiner Schuldforderungen an den Grafen bei uns aufgehalten hat und dessen Adresse Du diesem Briefe beigefugt findest, empfohlen, dass er Dich als Handelsbursche in die Lehre nehmen soll. Ich ubersende Dir deswegen 10 Louisdor zu den Reisekosten und zur Erleichterung Deiner Subsistenz in Berlin: den Akkord mit dem Kaufmanne habe ich bereits geschlossen, und Du brauchst fur nichts zu sorgen, als Dich unverzuglich, das heisst hochstens in Monatsfrist, dahin zu begeben und in eine Bahn der Geschaftigkeit zu treten, die kunftig Dein Gluck machen soll, die Dir Nutzen und Ehre verspricht.
Und nun, lieber Freund, noch einmal! Bezwinge Dich wie ein Mann! behaupte Deine Wurde! Reisse alles Andenken an Ulriken aus Deinem Herze, bis auf das kleinste Wurzelchen reiss es aus, und wenn es Dich blutige Tranen kosten sollte! Bedenke, dass Du nicht zum Empfinden, sondern zum Handeln geboren bist, nicht zum schmachtenden Schafer, sondern zum tatigen Weltburger!
Wirf Dich in die Geschaftigkeit tief hinein, gib ihr alle Deine Krafte und Gedanken, dass fur die Liebe nichts ubrigbleibt! Deine Schreibart in Deinen Briefen seit mehr als einem halben Jahre ist mir bedenklich gewesen: sie war hart, heftig, in der geringsten Kleinigkeit ubertrieben und aufgeschwellt: sie hatte durchaus die Kennzeichen der Leidenschaft: sie soll auch inskunftige mich belehren, ob das Feuer in Deinem Herze geloscht ist.
Wenn Du sehen konntest, mit welcher Bewegung des Herzens, mit welchen Erwartungen, mit welchen geruhrten Wunschen ich diesen Brief schliesse Du hortest noch heute auf, ein Tor zu sein. Sei ein Mann! sag ich Dir, und dann bin ich ewig
Dein Freund Schwinger
Welch ein Brief! Als wenn eine Donnerstimme jedes Wort in Herrmanns Herz rief, erschutterte er ihm Mark und Bein: er anderte auf einmal den ganzen Schauplatz seiner Gedanken und Empfindungen und zeigte ihm seine Liebe zu Ulriken in einem Lichte, in welchem er sie nie gesehn hatte, dass er vor ihr erschrak. Sie zeigte sich ihm bisher bloss als Gefuhl fur einen liebenswurdigen Gegenstand als Empfindung der Natur, der er nicht widerstehen konnte noch mochte, weil er es fur billig hielt zu lieben, was ihm gefiel , als Quelle seiner Gluckseligkeit: die Vorstellung davon war bestandig von so vieler Sussigkeit begleitet und mit so helleuchtenden, strahlenden Farben ausgeschmuckt, es war eine Sonne, die ihn befeuerte und blendete, dass er nichts als einen liebenden Heinrich und eine liebende Ulrike erblickte: doch itzt! plotzlich sah er sich als Sohn eines Einnehmers und Ulriken als Baronesse, als Verwandtin des Grafen Ohlau: seine Liebe zu ihr schien ihm Torheit, Unsinn, Raserei. Schwingers Brief zwang seinen Blick so unwiderstehlich, diese langstvergessne Seite seiner Liebe zu betrachten, dass seine Leidenschaft auch nicht einen Grund dawider aufbringen konnte: sie verstummte. Es herrschte einige Tage hindurch eine tote, ode Stille in seiner Seele: die Liebe wagte es kaum, sich von dem gewaltigen Sturze wieder zu erheben. Er antwortete Schwingern auf seine Fragen mit aller Gewissenhaftigkeit, dass er die Flucht der Baronesse weder befordert noch angeraten habe und ebensowenig wisse, wo sie sei: es fiel ihm zwar einigemal ein, lieber die Schuld durch eine Luge auf sich zu nehmen und lieber Schwingers Freundschaft zu entbehren, als Ulrikens Strafbarkeit durch sein Zeugnis zu vermehren: allein das Schrecken, das ihm der Brief eingejagt hatte, stand wie ein furchterlicher Riese vor ihm und gebot, die Wahrheit zu sagen: er gehorchte, bekannte seine Leidenschaft, erklarte sie fur Torheit und gelobte an, ihr auf immer zu entsagen. Auch war das Gelubde in dem Augenblicke ganz ernstlich: er wunschte, es halten zu konnen, und nahm sich fest vor, es nicht zu brechen. Konnte man mehr Aufopferung verlangen?
Langer als eine Woche las er den Brief wohl zehnmal in einem Tage: von jeder Beschaftigung, von jedem Gedanken kam er auf ihn zuruck. Besonders machte die letzte Ermahnung einen tiefen Eindruck auf seine Ehrbegierde: sie arbeitete sich allmahlich wieder empor, und in kurzer Zeit war der ganze Ton seiner Seele umgestimmt. Er dachte mit Wehmut an die Liebe, wenn sie sich in ihm regte, wie an eine anmutige Gesellschafterin, die man wider seinen Willen verlassen muss: er riss sich selbst von ihr hinweg 'Sei ein Mann!' tonte ihm Schwingers Stimme ins Ohr; und die Liebe kroch furchtsam in das ausserste Winkelchen zuruck: aber sie war nur verscheucht, nicht verjagt.
Viertes Kapitel
Magister Wilibald, der seine geistlichen Krankenbesuche unermudet forsetzte, ermangelte nicht, die Revolution in Herrmanns Herze, sobald er sie wahrnahm, sich und der Kraft seiner Beredsamkeit zuzuschreiben, ob er gleich nach zween Besuchen sich seines Trost-, Lehr- und Strafamtes freiwillig entsetzt und den neubekehrten Herrmann von Stadtneuigkeiten und besonders von den Muhseligkeiten seiner Mitbruder unterhalten hatte. Die wichtigste Angelegenheit schien fur den schwarzperuckichten Seelenbekehrer die Entdeckung zu sein, dass Herrmann mit Schwingers Briefe funfzig bare Taler bekommen und achtzehn schon funkelnde Dukaten ausserdem noch in seinem Schrankchen eingeschlossen habe: er liess sich beides zeigen, pries mit inniger Freude den Besitzer desselben glucklich als einen Auserwahlten, auf welchen Gott seine Gaben reichlich ausschuttete, und ermahnte ihn zum guten, weisen Gebrauche dieser zeitlichen Guter.
"Spielen Sie?" fragte er am Ende seiner Ermahnung.
Herrmann. Nein; ich habe allem entsagt, was mich nur einen Fingerbreit von meiner Hauptabsicht ausfuhren kann: ich bin auf eine Art ein Tor gewesen, ich will es nicht wieder auf eine andre sein.
Wilibald. Das sind wahre Entschlusse, wie sie ein Mensch fassen muss, den ich wiedergeboren habe. Indessen wenn man mit christlichen frommen Leuten spielt, die nicht dabei fluchen und schworen wie zum Exempel, wenn Sie in Sanftmut und Gelassenheit mit mir ein zeitverkurzendes und gemutergotzendes Spielchen machten
Herrmann. Mit niemandem, und wenn's ein Engel ware! Schwingers Brief hat meine ganze Seele umgeandert: er hat mich erinnert, dass ich nichts bin: ich muss arbeiten, dass ich's nicht langer bleibe. Wie? ich sollte so daniedergedruckt, so zuruckgesetzt, ungeehrt, ein Wurm bleiben, uber den jedermann verachtlich hinschreitet? zeitlebens ein Tier sein, das arbeitet und sich futtert, ohne dass mich eine Tat vor den ubrigen auszeichnet? Lieber mag ich nicht leben: nicht eher will ich an Ulriken, an Liebe, Vergnugen und Gluckseligkeit denken, als bis ich mich aus dem Nichts emporgerissen habe, das mir Schwinger vorwirft.
Wilibald. Das ist sehr loblich. Das Gemut will aber doch zuweilen auch seine Ergotzung haben, und ein anstandiges Spielchen mit frommen Leuten
Herrmann. Nein, sag ich Ihnen. Liebe, Vergnugen, Spiel alles, alles ist mir zuwider, verachtlich, klein: ganz ein andrer Trieb lebt in mir: wie eine Flamme brennt er in meiner Brust: wenn Sie diesen Durst loschen konnen, dann sind Sie mein Freund.
Wilibald. Ich bin freilich ein schwaches Werkzeug in den Handen der Vorsicht; indessen wenn ich wusste, was so eigentlich Ihr Wunsch und Begehren sei
Herrmann. Nur eine Tat, eine Handlung, die meine Geburt ausloscht! O der Sohn eines Einnehmers, den mir Schwinger vorruckt, brennt mich Tag und Nacht wie eine Kohle in meinem Herze! Ich kann nicht ruhen, bis ich den Vorwurf rein ausgetilgt habe.
Wilibald. Wenn Sie das wunschen, so will ich Ihnen eine Handlung vorschlagen, die Ihnen bei Gott und Menschen Ehre bringen, eine Tat, die Ihren Namen durch alle vier Weltteile verbreiten, die Sie nach Jahrtausenden noch so beruhmt machen wird wie alle Martyrer und Heidenbekehrer: das Kind, das an der Mutter Brust liegt, wird Ihren Namen zuerst aussprechen lernen: der sterbende Greis wird ihn noch mit Dank und Ehrfurcht nennen: auf allen Kanzeln in Europa, Asia, Afrika und Amerkia wird Ihr Lob ertonen: Dichter und Redner in allen Sprachen der Christenheit werden Sie erheben: Ihr Bildnis wird in Sandstein und Marmor, in Kupfer, Erz, Gips, Wachs, Siegellack und Ton, in schwarzer Kunst, gestochen, geatzt, gemalt, als Buste, Kniestuck und in Lebensgrosse in allen Zimmern, Stuben und Kammern, unter venetianischen Spiegeln und an himmelblauen Brotschranken durch die ganze Welt zu finden sein, man wird es an Uhren, auf Stockknopfen und Dosen, in Ringen tragen, und nach Jahrtausenden werden sich noch Kenner und Antiquare uber Ihre Nase zanken: Ihr Ruhm wird mit Himmel und Erde eine Dauer haben.
Herrmann. Und welches ist diese grosse, herrliche, einzige Tat?
Wilibald. Wir wollen die Berliner bekehren.
Herrmann stutzte und schwieg. Der Magister liess seiner Verwunderung ein wenig Zeit und fuhr alsbald in seiner Rede pathetisch also fort:
"Fromme Manner haben Boten ausgesandt, um beschnittne Juden und ungetaufte Heiden zu bekehren: fromme Manner haben sich zu einem so grossen Endzwecke als Apostel gebrauchen lassen, haben mit Regen und Hitze, Sturm, Hagel, Donner und Blitz, mit ruttelnden Postwagen und ungeheuren Meereswellen gekampft: bald sind ihnen die Schuhe, bald das Schiff, das sie trug, leck geworden: sie haben gefastet, gehungert und gedurstet, haben sich von den blinden Heiden Nasen und Ohren abschneiden, mit den Ohrlappchen an die Turen annageln, geisseln, sengen, stechen, braten, kochen und fressen lassen, um die Unglaubigen durch ihr Leben und Tod zu bekehren: aber niemand ist noch Apostel der Berliner geworden; und doch sind sie unglaubiger als Hottentotten und Malabaren, ohne Erkenntnis und Erleuchtung, Unwiedergeborne, Atheisten, Deisten, Sozinianer, ohne Glauben, eitel Sunder und Sundengenossen: sollte nicht uns die hohe Ehre aufgehoben sein, diesen verirrten Haufen wieder auf den rechten Weg zuruckzufuhren? Wir wollen es wagen: Bruder, lass uns mutig ihre Apostel werden und das Werk ihrer Bekehrung vollenden. Dann wird unser Ruhm von einem Ende der Welt bis zum andern erschallen."
Herrmann fand anfangs eine kleine Bedenklichkeit bei dem Vorschlage, oder vielmehr dieser Weg, Ruhm zu suchen, war seiner Ehrbegierde zu fremd, um ihn sogleich zu betreten: er wusste wohl, dass Manner durch edle, grossmutige, gemeinnutzige, mutige Handlungen, durch Patriotismus, durch wichtige Werke des Genies gross und beruhmt geworden waren: aber dass man es durch Bekehrung andrer Menschen werden konne, davon sagte ihm alle seine Kenntnis und Erfahrung kein Wort. Er horte also den Vorschlag innerlich und ausserlich ohne Beifall und Widerspruch an und versprach, ihn geheimzuhalten, welches sich der Magister sehr angelegentlich von ihm ausbat.
Die Frau Doktorin gab oft kleine Abendessen, wovon aber ihr Mann nichts erfuhr und noch weniger dabei zugelassen wurde; denn sie geschahen bei verschlossnen Turen, und niemand hatte gewohnlich die Ehre, Anteil daran zu nehmen, als der Magister Wilibald: doch seit jener Unterredung uber die Bekehrung der Berliner wurde auf seine Veranstaltung Herrmann jedesmal der dritte Mann. Das Gesprach war allemal hochst erbaulich, und ehe man es vermutete, lenkte es sich auf Berlin: der Magister und die Doktorin sagten beide, ohne es gesehn zu haben, so viel Boses davon, dass jedem ehrlichen Manne bei dem Gemalde die Haare zu Berge stehen mussten.
"Es uberlauft mich allemal ein Schauer vor Schrekken", fing die Doktorin an, "wenn ich einen Berliner sehe. Sie sind auch meist alle gezeichnet. Ich habe zwar nur zwei in meinem Leben gesehn, aber ich versichre Sie, sie hinkten alle beide."
Wilibald. Die Manner haben fast alle eine Art von Hornern an der Stirne, wie mir Magister Augustinus erzahlt hat. Er ist zwar niemals dort gewesen, aber er weiss es ganz gewiss; und Magister Augustinus lugt in seinem Leben nicht.
Die Doktorin. Ach, ich will's wohl glauben. Solche Male sind nicht umsonst. Und wissen Sie denn auch, was man von den Weibern sagt?
Wilibald. Sie sollen fast alle grosse Fusse und kleine Kopfe haben und doch dabei so schon sein, dass man sie nicht ansehn kann, sagte mir Magister Blasius.
Die Doktorin. Ei, ei! Und warum denn das?
Wilibald. Man soll gleich weg sein, gleich gefangen. Ach! die Tochter dieser Welt sind nicht vergeblich mit solchen verfuhrerischen Reizungen geschmuckt! Das sind Geschenke des Satans.
Die Doktorin. Nicht anders! Und von den Geistlichen hat mir ja neulich der Magister Kilian recht schreckliche Dinge erzahlt.
Wilibald. Sie sind gar nicht zu unterscheiden von den ubrigen Menschen: wenn sie ihre Amtskleidung nicht tragen, soll man hundertmal vor einem vorubergehn oder gar mit ihm stundenlang sprechen konnen, ohne zu nur vermuten, dass es ein Geistlicher ist. Sie stellen sich den Kindern dieser Welt in allem gleich, sagte mir Magister Severus. Sogar in ihrem Amte sollen sie reden wie alle andre Menschen. Was kann aus einer solchen Vermischung herauskommen als Verachtung?
Die Doktorin. Da haben Sie recht. Wenn Sie ohne Perucke und schwarzen Rock zu mir kamen, konnt ich Ihnen kein Wort glauben. Ich hatte nicht mehr Liebe und Vertrauen zu Ihnen als zu meinem Manne.
Wilibald. Nicht anders! Man muss sich selbst ehren, damit uns andre ehren. Aus einer solchen Selbstverkleinerung des Standes entstehen auch hernach nichts als Atheisten, Deisten, Naturalisten
Die Doktorin. Da haben Sie recht. Ich habe in meinem Leben noch keinen Deisten und Naturalisten gesehn; denn Gott sei Dank! hierzulande bekommt man solche Kreaturen nicht zu Gesichte: aber ich stelle sie mir recht abscheulich vor. Sagen Sie mir nur! Wie sehn sie denn aus?
Wilibald. Magister Hieronymus hat einmal im 'Grunen Baume' zu Berlin unter einer ganzen Gesellschaft solcher Menschen gespeist.
Die Doktorin. Ach, der arme Mann! Wie hat er denn das tun konnen?
Wilibald. Weil er nichts davon wusste! Aber sie verrieten sich gleich, sagt er: 'Ob sie sich wohl anfangs vor mir nicht wenig scheuten, so konnten sie sich doch vor meinen scharfsichtigen Augen nicht lange verbergen. Sie hatten alle grosse, schwarze Nagel an den Fingern, ihre Hande waren wie Tatzen gestaltet und ihr Atem so beschwerlich, dass ich's nicht aushalten konnte. Als ich dies wahrnahm, wurde mir angst und bange unter ihnen, und ob ich gleich zuweilen meine Stimme erheben wollte, sie zu bekehren, so war mein Herz doch so geangstigt und schwer, dass ich kein Wort aufbringen konnte und darum lieber schwieg. Endlich ermannte ich mich und fing an, laut unter ihnen zu predigen: da verstummten sie wie die Fische, falteten die Hande und fielen wie tot mit den Kopfen auf den Tisch.'4 Er hat sie insgesamt bekehrt.
Die Doktorin. Der brave Mann! Hat er in seinem Eifer nach einem so gesegneten Anfange nicht mehr Wunder getan?
Wilibald. Allerdings! In dem Tiergarten hat er einem ganzen Truppe junger Deisten gepredigt: sie waren alle zu Pferde und versammelten sich in einem grossen Kreise um ihn, als er anfing: doch hier musste er Verfolgung leiden. Sie setzten ihn auf ein Pferd, fuhrten ihn durch zwo lange Alleen und schrien: der Apostel! Dabei huben sie Sand und Steine auf, steinigten ihn und jagten das Pferd, bis er sturzte5. Er hat es darauf an dem namlichen Orte mit vornehmen, sehr geputzten Naturalisten versucht: allein sie waren so frech, ihn mit Gelde bestechen zu wollen: sie reichten ihm insgesamt etwas; aber er schlug es mutig aus, ergrimmte uber sie und verfolgte sie mit seiner Predigt, dass sie eilfertig davonflohen und ihn angstlich baten, sie zu verlassen: so kraftig wirkte seine Rede auf ihr Gewissen.
Die Doktorin. Der vortreffliche Mann! Wieviel Grosses und Herrliches er schon in seinen jungen Jahren getan hat! Er wird gewiss noch die ganze Donau und Afrika und Russland bekehren. Das heisst doch in der Welt leben, wenn man so grosse Dinge tut.
Obgleich alle Unterredungen bei diesen geheimen Mahlzeiten meistenteils diese Gestalt und Form hatten, so tauchte doch der Magister zuweilen seinen Pinsel in dunklere, furchterlichere Farben und gab den Ausschweifungen und Lastern, die ihm Magister Kasimir und Magister Hildebrand von Berlin erzahlt hatten, ein schauerhaftes Kolorit. Alle Strassen, Gassen und Platze waren nach seiner Schilderung alle vierundzwanzig Stunden von einem Mittage bis zum andern mit Werken der Finsternis erfullt, wie er sie nannte: wo man ging und stund, wurde geraubt und gemordet. Das Bild glich keiner einzigen Stadt in der Welt, aber es tat doch grosse Wirkung durch das Ubermass seiner Abscheulichkeit: die Doktorin zitterte und bebte bei den Freveltaten, Sunden, Unmenschlichkeiten, Betrugereien, Bosheiten und Lastern, die der Magister in seiner Erzahlung dicht aufeinander folgen liess, verabscheute sie, und wie die Kinder ihre Amme zu neuen Gespenstergeschichten auffodern, indem sie noch vor den erzahlten schaudern, so ermahnte sie den Erzahler zur Fortsetzung, ob sie ihn gleich bei dem Schlusse einer jeden Luge instandigst bat zu schweigen. Das Ende aller solcher Gesprache war allemal die Beherzigung, wie heilsam und ruhmlich es sei, die Berliner zu bekehren.
Auch Herrmann lernte dies allmahlich empfinden. Das Ungluck seiner Liebe hatte seinem Gemute eine gewisse Bitterkeit mitgeteilt: alle seine Freunde und Bekannten bekampften seine Lieblingsleidenschaft durch Hindernisse oder Verbot: ob er ihnen gleich nachgab und zum Teil einsah, wie sehr sie recht hatten, so blieb doch ein Verdruss wider sie in ihm zuruck. Sein Verdruss machte es ihm zum Vergnugen, viel Boses von den Menschen zu horen, und je mehr er von ihnen horte, je leichter ward es ihm, auch das Unglaublichste zu glauben. Sein tatiger Geist konnte unmoglich ohne Leidenschaft sein, und die Bekehrung der Berliner wurde endlich so sehr sein Wunsch, dass er die hohe Unternehmung bei sich beschloss; und seine Ruhmbegierde und Unbekanntschaft mit der Welt verbargen ihm das Abenteuerliche und Lacherliche eines solchen Entschlusses. Er las eifrig Missionsgeschichten und Leben der Martyrer und entflammte seine Einbildung durch die erstaunenden Begebenheiten so stark, dass er schon seinen ganzen Leib mit ruhmlichen Wunden bedeckt und seinen Ruhm durch alle Weltteile verbreitet sah. Er lernte durch des Magisters Umgang meisterhaft auf das Verderben der Menschen schmahen: und es tat ihm recht wehe, dass er seinen geistlichen Feldzug wider den Unglauben nicht auf der Stelle eroffnen konnte.
Da seine fanatische Ruhmsucht in voller Flamme stund, bestimmte ihm der Magister einen Tag, wo sie heimlich von Dresden entweichen wollten. Herrmann stemmte sich aus allen Kraften wider die heimliche Entweichung, allein sein Gefahrte im Apostelamt hatte die wichtigsten Ursachen von der Welt, warum er darauf bestehen musste. Die Schulden, die sein unordentliches Leben angehauft hatte, liessen ihn den Verlust aller Gunst bei seinen Gonnern und Gonnerinnen befurchten, wenn die Glaubiger aufwachten: viele waren schon erwacht, und es schien ihm also schicklicher, seinen Namen den Schimpf als seine Person die Gefahr seiner Insolvenz tragen zu lassen. Deswegen stellte er seinem Mitbekehrer vielfaltig vor, dass die Apostel und andre grosse Manner in dieser Laufbahn alle ihre Reisen zu Fuss getan hatten, dass dies ein erfoderliches Stuck ihrer Unternehmung sei und dass er schlechterdings Dresden heimlich verlassen musse, weil man ihn sowenig entbehren konnte und deswegen durch alle Mittel, vielleicht gar durch Gewalt, zuruckhalten wurde. Was sollte Herrmann tun? Er war schon von seiner kunftigen Grosse beinahe blind und wurde es durch die Beredsamkeit des Magisters taglich mehr: um nicht vielleicht von der Ehre der Teilnehmung an so einer hohen Tat gar ausgeschlossen zu werden womit ihn der Magister bedrohte , willigte er in alles. Er liess auf dem Tische in seiner Stube einen Zettel zuruck, worinne er bat, dass man ihm seine Sachen aufheben sollte, bis er sie durch einen Brief verlangen werde, und begab sich in den Abendstunden in die Wohnung des Magisters, die man zur Zusammenkunft bestimmt hatte, mit nichts als seinem samtlichen Gelde und einem kleinen Vorrate Wasche versorgt, soviel als seine Taschen zu fassen vermochten.
Wilibalds Stube war so ein entsetzliches Nest, dass fur Herrmann jeder Augenblick darinne zu lange dauerte: schwarz beraucherte Wande, die unglaublichste Unordnung unter allen den Maschinen, die die Stelle der Mobeln vertraten! Hier lehnte auf zween schwachen Fussen ein Stuhl, an welchem das Eingeweide durch grosse Offnungen auf allen Seiten des ledernen Polsters hervordrang, die ubrigen beiden Fusse lagen nebst einigen andern zerstreut auf dem Fussboden herum, der uberhaupt wie ein Schlachtfeld aussah, wo die samtlichen Mobeln der Stube ein Treffen geliefert haben mochten hier stand ein Schuh auf dem berussten Tische oder schwamm vielmehr in einem Meere von verschuttetem Milchkaffee und sah sich traurig nach seinem Kameraden um dort hing das zerrissne, schmutzige Bette uber das Bettgestelle herunter, und bei jeder Bewegung flogen die Federn wie Schneeflocken durch die Atmosphare der Stube der Ofen diente zur Garderobe, welche aber nichts enthielt als verschiedene hochst unbrauchbare Strumpfe, die wie Kirchenfahnen an den Schrauben und Ecken desselben hingen , auf dem Fensterbrett war das Speisegewolbe und die Polterkammer, und das Kopfkissen steckte in der zerbrochnen Glasscheibe, um die Stube zu warmen.
Das erste Ungluck, das den beiden Aposteln begegnete, war der Mangel an Licht: das Tacht eines abgebrannten Talglichts, auf ein Gesangbuch geklebt, schwamm bereits indem zerschmolznen Inselt und verwandelte schon die holzernen Tafeln in Kohlen. Wilibald beschwerte sich uber die itzige Seltenheit des Silbers und die disproportionierte Menge des Goldes, womit das Land uberschwemmt ware, dass man bei kleinen Bedurfnissen im Handel und Wandel gar nicht auseinanderkommen konnte, und erkundigte sich, ob Herrmann nicht ein Restchen Silbermunze bei sich fuhrte: weil er damit versorgt war, musste er Vorschuss tun, und der Apostel Wilibald ging in eigner Person und holte unter seinem schwarzen Rocke ein Talglicht, das in Ermangelung des Leuchters in den Hals einer glasernen Bouteille gestellt wurde.
Einer Unbequemlichkeit war abgeholfen: aber die eindringende Dezemberluft, welche das Kopfkissen nicht hinlanglich abwehren konnte, besonders da ihr eine Menge kleiner unverstopfter Ritzen in dem ubrigen Teile des Fensters freien ungehinderten Eingang verstattete, machte es in diesem Stalle so kalt wie auf offnem Felde. Wilibald fuhlte dabei so grosse Unbehaglichkeit als Herrmann, und da nach seiner Erzahlung sein Vorrat an Brennholz den Morgen vorher alle geworden war ob er gleich noch keinen Span in seinem Ofen gebrannt hatte , so beschloss er, alles Holz in der Stube zu fallen: die zerstreuten Stuhlbeine wurden gesammelt, die ubrigen ausgedreht, ein Stuck des Bettgestells zu Hulfe genommen, aus den Stuhlpolstern das Werg gerissen, nach allen Regeln der Einheizekunst aus diesen Materialien ein Holzstoss im Ofen errichtet, das Werg loderte empor, das durre, uberfirnisste Holz prasselte in hellen Flammen, und Wilibald erblickte mit inniger Herzensfreude das erste Feuer in seinem Ofen, solange er mit ihm in Bekanntschaft stund.
Endlich fand sich auch ein drittes Bedurfnis ein der Hunger. Da Wilibald seinen ganzlichen Mangel an Silbermunze einmal fur allemal kundgemacht hatte, erbot sich Herrmann ungebeten zum Vorschuss: der Apostel Wilibald besorgte auch diesen Einkauf und brachte gerauchertes Fleisch und Brot in reichlicher Menge herbei, eine grosse Flasche Branntewein nicht zu vergessen: nebenher wurde ein Kaffee gekocht. Da alles zur Mahlzeit bereitet war und doch kein einziger Stuhl mehr aufrecht stehen und eine menschliche Kreatur tragen konnte, beschloss man, auf dem Fussboden Tafel zu halten: sie lagerten sich also beide in der Nahe des Ofens, die Bouteille mit dem Lichte zwischen ihnen, die Brannteweinflasche daneben, nebst dem Topfe voll Kaffee, womit Wilibald das Gastmahl eroffnete: ein jeder nahm sich nach eignem Belieben ein Stuck auf die Faust und verzehrte es, ohne Messer und Gabel, die Knochen sammelte man im Ofen, um die Stelle der Kohlen vertreten zu helfen. Die Warme, die der Ofen versagte, gab der Branntewein, und Freude und Begeisterung stiegen bei beiden mit jedem Zuge. Herrmann fuhlte zwar anfangs keine kleine Abneigung in sich gegen diese schmutzige und wuste Lebensart, und er ware schon durch den Anblick der Stube beinahe von seinem Apostelamte abgeschreckt worden: allein seine fanatische Ruhmbegierde scheuchte bald alle Bedenklichkeiten hinweg: er erinnerte sich an die ungleich grossern Martern, die so viel beruhmte Vorganger im Bekehrungswerke vor ihm ausgestanden hatten, und trug mit herzlichem Vergnugen diese ersten Beschwerlichkeiten seiner neuen Laufbahn, in der angenehmen Hoffnung, dass seine Standhaftigkeit bald auf hartere, verdienstvollere Proben stossen werde. Der Branntewein teilte seinem innern Feuer neue Nahrung mit, dass seine Seele gluhte wie seine Backen: die Kopfe der beiden Apostel bekamen einen Schwung bis zum halben Unsinn: sie jauchzten, sangen, walzten sich wie Besessne, sanken in Kussen und Umarmungen dahin, fluchten den Unglaubigen und schwuren allen Naturalisten den Tod: sie warfen die Federn aus den Betten ins Feuer und triumphierten springend und frohlockend, so viele Deisten und Atheisten in der Holle brennen zu sehn. Wilibald, der nur die Halfte dieses Unsinns aus Trunkenheit tat und einen grossen Teil davon beging, um seinen Kollegen desto mehr in Feuer zu setzen, hielt wahrend der Mahlzeit eine sehr pathetische Rede, worinne er ihre Unternehmung wider den berlinischen Unglauben mit der Eroberung von Amerika verglich und weit uber alle Heldentaten der alten und neuen Welt erhob. Ein Stuck gerauchertes Fleisch in der Rechten und eine Semmel in der Linken hub der Redner also an:
"Drei sind nicht zwei, und zwei nicht hundert: aber zwei Wiedergeborne sind mehr als tausend mal tausend Unglaubige. Wie ich diese Semmel vor deinen Augen zerreisse, teuerster, auserwahlter Bruder, wie ich dieses Fleisch vor deinen Augen zermalme und verschlinge, so werden wir den Unglauben, Naturalisterei und Deisterei zerfleischen, bezwingen, zerstoren, verwusten. Jene auserwahlten Rustzeuge erwurgten viele Millionen Indianer um ihres schrecklichen Unglaubens willen; aber wir tun mehr als sie: wir wollen nicht toten, sondern lebendig machen: wir wollen alle Deisten wiedergebaren; und unsere Namen sollen mit ehrernen Buchstaben in die Tafeln des Ruhms eingegraben werden. Wir sind die grossten Helden, die jemals den Lorbeer verdienten: Casar, Alexander, Turenne und Schwerin mussen vor uns in den Staub fallen, die Knie beugen und uns anbeten. Waffne dich also mit Standhaftigkeit und Mut! Trotze Gefahren und Beschwerlichkeiten! Je mehr sie sich haufen, je gewisser gehst du zur Unsterblichkeit. Iss, trink und labe dich, du Auserwahlter! Starke dich mit diesem Brote und diesem Tranke des Lebens zu der geheiligten Unternehmung!"
Seine kraftvolle Rede, wovon dieses nur der schonste Teil ist, wurde sehr oft durch Besuche von Weibspersonen unterbrochen, die ungestum hereintraten und ungestum fortgingen: einige liessen sogar eine reichliche Ladung der schmahlichsten Schimpfworter zuruck. Herrmann war von Fanatismus und Branntewein zu sehr berauscht, um etwas Boses hinter den Besuchen zu argwohnen, obgleich zwei von den Weibsbildern seinem Gefahrten geradezu ins Gesicht sagten, dass er ihnen schon seit einem Vierteljahre zwo Nachte schuldig ware, und ihm mit offentlicher Beschimpfung drohten, wenn er ihnen ihr bisschen ehrliches Verdienst nicht ordentlich bezahlte: Wilibald bestellte sie alle auf den morgenden Abend, wo er richtige Zahlung und uberdies noch eine reichliche Erkenntlichkeit fur die lange Geduld versprach. "Ach!" sagte er zu seinem trunknen Kollegen, als sie weg waren: "Wohltatigkeit und Gutherzigkeit sind eine schwere Last: ich habe mich dieser Unglucklichen angenommen, und ich muss mich durch eine List von ihnen losreissen: wenn sie meine Abreise wussten, wurden sie mir mit Tranen um die Knie fallen und mich zuruckhalten. Wie sie weinen und jammern werden, wenn sie mich morgen abend nicht finden! Das Herz tut mir weh: aber die geringe Handlungen der Wohltatigkeit mussen der grossern, zu welcher wir uns bereiten, nachstehn."
In diesem verwilderten Zustande machten sie sich marschfertig: sie gaben sich beide zween neue Namen, die mehr fur ihre heilige Unternehmung passten: Herrmann wurde zum Bonifacius, und der Magister machte sich selbst zum Chrysostomus. Sie wahlten uberdies ein Feldgeschrei, das sie bei Trennungen oder Verirrungen, besonders in der Nacht, einander zurufen wollten, um sich sogleich zu erkennen: der nunmehrige Bonifacius schlug den Namen Ulrike dazu vor und setzte seine Wahl mit lebhafter Hitze durch, ob ihn gleich sein Gefahrte wegen des irdischen, weltlichen Klanges verwarf.
Die Luft war ausserordentlich rauh, kalt und scharf, die beiden Abenteurer apostelmassig nur mit einfacher, leichter Kleidung versorgt: doch der doppelte Rausch des Korpers und der Seele wirkte so heftig, dass Herrmann ausserlich mit allen Gliedern zitterte und innerlich von einem Feuer brannte. Sie taumelten mit schweren Kopfen, matten Fussen und halbgeschlossnen Augen bis zum nachsten Dorfe, wo sie Mudigkeit und Kalte einzukehren zwang.
So setzten sie ihre Reise standhaft fort, ubernachteten in Schenken und elenden Wirtshausern und taten sich soviel Gutes, als es in den jammerlichen Herbergen moglich war: besonders wurde der Branntewein nicht gespart: dass Herrmann jedesmal die Zeche bezahlen musste, versteht sich von selbst; und mit Freuden tat er es. Der begeisterte und immer betrunkne Jungling horte sich schon von allen Vorubergehenden den heiligen Bonifacius grussen: in jedem Dorfe, wenn die Hunde sie mit lautem Bellen empfingen und das Getose die Einwohner, denen der Winter Musse zur Neubegierde gab, an Fenster und Turen lockte, glaubte er, dass die Merkwurdigkeit und der Ruf seiner heiligen Unternehmung so viele Zuschauer herbeiziehe, und er wunderte sich ungemein, wie eine so geheim behandelte Sache so allgemein ruchbar geworden war; denn seine kranke Einbildung liess seine Ohren deutlich und vernehmlich horen, dass sich's die Leute aus den Fenstern erzahlten, zu welcher wichtigen Tat diese beiden Wanderer eilten. Ubertriebner Ruhm blast leicht auf: wirklich wurde er auch so unleidlich stolz, dass er auf alle Sterbliche, ausser seinen Begleiter, wie auf elende, verachtliche Insekten herabsah, die kaum Anrede und Antwort von seinem heiligen Munde verdienten. Da nach seiner schimarischen Vorstellung schon zu Anfange seiner Auswanderung alle Leute sogar in den Dorfern die Stadte vermied Wilibald, ohne es seinen Gefahrten merken zu lassen von dem herrlichen Endzwecke derselben unterrichtet waren, so beleidigte es ihn itzo schon, wenn ihn jemand fragte, wohin er wollte; und er ware mit einigen Gastwirten beinahe in Handel uber diese Anfrage geraten.
"Wisst ihr das nicht, ihr Unwiedergebornen?" sagte er einem. "Der kleinste Bube in allen Dorfern, durch welche wir gegangen sind, hat von unsrer hohen Unternehmung gewusst, und du, Unglaubiger, du allein bist so unwissend?" Alles das war Galimathias fur den Mann: er glaubte, ihn vielleicht nicht hoflich genug gefragt zu haben, bat um Verzeihung und wiederholte seine Frage, mit vielen Titulaturen und Komplimenten verschonert: der heilige Bonifacius drehte ihm den Rucken.
"Sie wollen wohl nach Berlin?" fragte ihn ein anderer bei der dritten Einkehr.
"Freilich!" erwiderte Herrmann trotzig und leise.
"Wollen Sie denn etwa Soldat werden?" fuhr der spasshafte Mann fort. "Mord und Todschlag! Sie werden die Feinde zusammennehmen. Piff! paff! puff! Da liegen sie!"
"Das sollen Sie!" sagte Herrmann ernsthaft. "Wir wollen sie alle mit unsern geistlichen Waffen daniederschlagen, und keiner soll dem allgewaltigen Schwerte unsrer Rede entgehn."
Der Wirt. Blitz, Zeter, Mordio! ha! ha! ha! ha! Wenn der Krieg wieder losginge und die Preussen sollten etwa unsre Feinde werden wofur uns Gott bewahre! , so schonen Sie wenigstens meinen armen Sohn! Wenn Sie alles umbringen, so lassen Sie mir nur den armen Burschen leben! Wollen Sie?
Herrmann. Ist er Naturalist?
Der Wirt. Nein, so weit hat er's noch nicht gebracht. Zeter! Sie tun hohe Sprunge! Mein Sohn ein Generalist!
Herrmann. Ein Naturalist, sag ich!
Der Wirt. Was ist denn das fur ein neuer Titel?
Herrmann. Ein Unwiedergeborner wie du. Uber dich wollen wir zuerst das Schwert zucken: dich soll unser Wort zuerst zermalmen.
Er machte zugleich eine Bewegung, als wenn er ihn erdrosseln wollte, und der Mann floh, mit spasshafter Furcht vor ihm, zur Tur hinaus. Der erste Sieg uber die Unglaubigen!
Den funften Morgen, wo sie noch nicht einmal die brandenburgische Grenze erreicht hatten so gemachlich machten sie ihre Reise , brachte Herrmann beinahe zur Halfte auf der Streu in dem Stubchen zu, das sich Wilibald diesmal wider ihre Gewohnheit genommen hatte: den Abend vorher war ihm von diesem Bosewicht so viel Branntewein aufgedrungen worden, dass er, wie von einem Schlaftrunke eingeschlafert, in einer Art von Ohnmacht dalag. Endlich wand er sich aus dem schweren Schlafe heraus, erblickte schon helles Tageslicht und sich ganz allein in der Stube. Aufzustehen waren seine Glieder von dem gestrigen Trunke noch zu schwach: er verweilte also auf seinem Strohlager, und nicht lange dauerte es, so unterhielt ihn seine erwachte Einbildungskraft von dem herannahenden Anfange seines Ruhms. Er erblickte sich schon in Marmor und Erz auf allen offentlichen Platzen Deutschlands: ihm zu Ehren wurden Spiele und Feste angestellt: Knaben und Madchen schmuckten mit Blumen und Kranzen sein Bildnis und feierten mit Tanzen und Liedern sein Andenken. Nach Jahrhunderten sah er seinen Namen noch in allen Chroniken, Annalen und Geschichten: die Grossen nannten ihn mit Ehrfurcht, die Gelehrten mit Bewunderung und das Volk mit Andacht.
Mit solchen von Branntewein und Ruhmsucht aufgeschwellten Ideen, benebelt von Trunk und Leidenschaft, berauscht von seinen fanatischen Traumen, hub er sich schwerfallig auf, um den Teilnehmer seiner uberschwenglichen Grosse aufzusuchen. Er war wie zerschlagen am ganzen Leibe: er schleppte sich unter heftigen Kopfschmerzen zu dem Tische hin und erblickte auf ihm ein Briefchen mit der Aufschrift: 'An den jungen Herrmann, weiland heiligen Bonifacius und Bekehrer der Naturalisten.' Er faltete das unversiegelte Blatt auseinander und las:
'Gehn Sie nach Berlin und werden Sie Lehrbursch bei dem Kaufmanne, an welchen Sie Ihr Freund adressiert hat. Lassen Sie sich mit der Bekehrung der Berliner nicht weiter ein: man mochte Sie fur einen Narren halten und ins Tollhaus bringen. Sie haben sich ganz entsetzlich anfuhren lassen: sein Sie in Zukunft weniger ruhmsuchtig und mehr vorsichtig. Diese Lehre hinterlasst Ihnen Ihr gewesener Gefahrte am Bekehrungswerke der Berliner und verbundenster Freund
Chrysostomus.
N.S. In Ihrer Tasche ist das notige Reisegeld: eilen Sie, ehe es alle wird.' Man lasse sich aus dem Vorzimmer des Himmels, wo man schon die Engel harmonienreiche Psalter in die goldnen Harfen singen und die Chore der Auserwahlten hohe rauschende Wechselgesange anstimmen horte, durch einen plotzlichen Stoss in die durftigste, kahlste, menschenloseste Heide nach Island versetzen: alsdann hat man Herrmanns Empfindung nach der Durchlesung des schandlichen Blattes.
Weg waren die glanzenden Traume des Ruhms! Weg die funkelnden Bilder der Grosse, die bis zum Himmel reichen sollte! Der Horizont seiner Gedanken, der noch vor einem Augenblicke sich uber die ganze bewohnte Erde erstreckt, war itzt in ein enges, elendes Stubchen zusammengeschrumpft! Der Mensch, der sich vor einer Minute ein Riese, uber Kaiser, Konige und Fursten, uber alle sterbliche Bedurfnisse erhaben schien, auf welchen Beifall, Ehre und Bewunderung von allen Seiten stromte dieser in seiner Einbildung so aufgeschwollne und stolze Mensch erblickte sich itzt auf einmal als einen dummen, unerfahrnen, leichtglaubigen, betrognen Jungling, als einen kunftigen Kaufmannsburschen, als einen Verlassnen, ohne Geld, ohne Freund, ohne Retter! Nachdem die erste Betaubung des Schreckens voruber war, ergossen sich seine Augen in einen reichen Tranenstrom: der Ungluckliche weinte um sein Gluck, um seinen Traum: seine kummerlichen Umstande waren ihm wenig denn er konnte sie nur noch vermuten , aber sein Traum sein Traum! hatte ihm der schandliche Betruger diesen nicht verscheucht, keine Zahre ware uber seine Wangen geflossen. Und dann! dass er sich so einfaltig hatte hintergehn lassen! mit Zahneknirschen dachte er an seine Leichtglaubigkeit. Er warf das betrante Gesicht auf den Tisch, in allen seinen Eingeweiden nagte Scham und Arger: er hatte sich vor der Welt, vor sich selbst verbergen mogen.
Nicht angenehmer waren seine Empfindungen, als die Gewalt des ersten Schmerzes ein wenig ausgetobt hatte und ihm der Gedanke einkam, in seinen Kleidern die zuruckgelassne Barschaft aufzusuchen: von seinen schonen achtzehn Dukaten, von den funkelnden zehn Louisdoren hatte ihm der Bosewicht einen einzigen zuruckgelassen. Sein Zorn uber die Bosheit brannte freilich in grossen Flammen empor: aber was half Zorn? Er sahe das ein, zog sich allgemach an und ging hinunter zum Wirte.
Neues Wunder! Die Wirtsleute glaubten, dass er in der Morgendammerung mit Wilibald, der den Abend vorher alles heimlich bezahlt hatte, um mit dem fruhesten aufzubrechen, fortgegangen sei, und sahn ihn lange bedenklich an, ob er ein Gespenst oder ein Mensch ware. Er klagte die Treulosigkeit seines Reisegefahrten in herzbrechenden Ausdrucken versteht sich mit wohlbedachter Auslassung seines Bekehrungsprojektes! und beschwerte sich, dass er ihm sowenig zuruckgelassen hatte, um den weiten Weg damit zuruckzulegen. "So, so?" antwortete der Wirt im Lehnstuhl kaltblutig. "Ja, es geht schlimm in der Welt her!" Indessen kam seine Frau mit quecksilbrichtem Gange hereingetanzt. "Lise", sprach der Mann, "der Herr ist heute Nacht bestohlen worden." "Bestohlen?" schrie die Frau auf und schlug die Hande uber dem Kopfe zusammen. "Ach, dass Gott erbarm! Du gerechter Gott! bestohlen!" und dabei gebardete sie sich, als wenn sie alle Haare ausraufen wollte. Sie schwanzte zur Tur hinaus: uber eine kleine Weile kam sie wieder: "Uber das Ungluck! Du mein Gott und Vater! bestohlen ist er? heute nacht?" dann wieder zur Tur hinaus, und in einer Minute erschien sie schon wieder mit den namlichen Ausrufungen und Verwunderungen: so stattete sie unter unaufhorlichem Laufen ihre Kondolenz zu sechs wiederholten Malen ab. Der Mann liess sich dabei, ohne eine Miene zu verziehen, Herrmanns Geschichte und seine gegenwartige Lage umstandlich erzahlen, stund phlegmatisch und stumm auf und ging. Nach einiger Zeit kam er zuruck und setzte sich in den Lehnstuhl. "Mein Bruder, der Muller", fing er an, "fahrt gegen Mittag ins nachste brandenburgische Dorf: er will Sie mitnehmen: ich habe itzt mit ihm gesprochen. Es ist ein Karren: er will Sie fur seinen Sohn ausgeben und dort eine andre Fuhre fur Sie ausmachen, wenn sich's tun lasst. Essen Sie erst! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt." Herrmann wollte ihn vor Freuden umarmen und schlang schon die Arme um ihn: aber der Mann war eben im Begriffe aufzustehn, und ohne dass er die Hoflichkeit verstund, bat er ihn, aus dem Wege zu gehn, weil er etwas zu essen holen wollte. Er trug auf, und wahrend dass Herrmann sich mit dem Vorgesetzten bediente, brachte der Wirt Tinte, Papier und Feder. "Da!" sprach er, "schreiben Sie Ihren Namen und Ihren Geburtsort auf! Wenn wir Ihren Dieb kriegen, sollen Sie Ihr Geld wiederhaben." Er sprach's und setzte sich in den Lehnstuhl.
Herrmann schrieb, der Wirt stund auf, uberlas brummend das Blatt, legte es auf den Tisch und setzte sich in den Lehnstuhl: so endigten alle seine Handlungen.
Der Muller meldete sich, Herrmann wollte bezahlen: der Wirt stund auf und verbat es. "Reisen Sie glucklich! Nehmen Sie sich kunftig besser in acht! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt" er sprach's und setzte sich in den Lehnstuhl.
"Mann", schrie die Frau aus der Kuche, "hat der Herr auch bezahlt?" Der Wirt stand auf. "Ja, Lise, ja!" rief er und setzte sich in den Lehnstuhl; und der heilige Bonifacius stieg demutig auf den Karren und fuhr dahin: so gedemutigt, so herabgesunken mit Einbildungskraft und Leidenschaft sass er da unter leeren Getreidesacken, dass in seiner Seele eine vollige Windstille herrschte.
Bei der Ankunft im Dorfe, wohin sie wollten, erzahlte der Muller einem seiner dasigen Herren Kollegen den Unfall, der Herrmannen begegnet war, und bat, ihn bei der nachsten Gelegenheit weiterzuschaffen. Die Erzahlung versammelte sehr bald alles, was in der Muhle lebte, um den Unglucklichen, der sich wie ein fremdes Tier von allen anstaunen lassen musste. Der Muller, dem er empfohlen war, versprach, ihn einige Tage bei sich zu behalten, wenn er bei ihm vorliebnehmen wollte, und mit einem Getreidetransporte kunftigen Sonnabend, beliebt's Gott, eine Stunde weit von Potsdam zu schaffen.
Es geschah. Der ungluckliche Herrmann war uber das unerwartete Mitleiden so vieler Leute geruhrt, von Dankbarkeit und Freude durchdrungen: aber, aber! dass er Mitleiden notig hatte, welche Bitterkeit mischte diese Vorstellung unter seine Freude. Er freute sich uber die Gute dieser Leute und trauerte, dass er sich daruber freuen musste.
An diesem Orte hielt er sich wegen Mangels an Gelegenheit eine ganze Woche auf, und weil er aus Misstrauen in keinem Gasthofe einkehren wollte, wurde er von dem Knechte, der ihn transportiert hatte, in ein Bauerhaus gewiesen, wo man ihn willig aufnahm: aber unglucklicherweise war die Armut des Bewohners so gross, dass er seinem Gaste bei dem besten Willen mit nichts als einem Brunnen voll schonen, klaren Wassers aufwarten konnte. Herrmann liess also einkaufen, und die ganze ziemlich zahlreiche Familie speiste taglich mit ihm: er wurde durch diesen Umgang so sehr der Herr des Hauses, dass die Kinder nicht zu ihrem Vater, sondern zu ihm kamen, wenn sie hungerten. Oft stand er mitten in der Stube, ein grosses Brot in der Hand, sechs barfussige Kinder im Hemde oder mit einigen Lumpen bedeckt um ihn herum, die gierig mit allen Handen nach den abgeschnittenen Stucken langten: wenn er sass, stand zuversichtlich allemal eins zwischen seinen Knien, zuweilen hing der ganze Haufen an ihm herum. Das Bild der Durftigkeit und die Munterkeit, die Zufriedenheit, die Frohlichkeit der Kinder und Alten bei allem Elende versetzte ihn in eine susse Wehmut: das Andenken an sein eignes Ungluck zog ihn taglich mehr zu diesen Leuten hin: in drei Tagen war er mit so unertrennlichen Banden an diese Familie geknupft, dass ihr Wohl und Weh mit dem seinigen eines wurde. Der Hausherr erzahlte ihm die ganze Reihe von Unglucksfallen, die seine Armut allmahlich herbeigefuhrt hatten: seine Felder konnten das kunftige Jahr nicht bestellt werden, weil ihm der Samen fehlte; und jedesmal war der Schluss seiner Erzahlung: wenn ich nur drei Taler hatte! dann war mir geholfen. "Die hab ich ja", dachte Herrmann bei sich: er zahlte sie dem Manne auf den Tisch. Der Bauer wollte auf die Knie vor ihm fallen, die Hausfrau druckte ihm weinend und dankend mit den schwielichten Handen fast die Finger entzwei, die Kinder erhuben auf das Gebot der Eltern ein lautes Dankgeschrei und sturmten mit ungestumer Freude auf ihn los: die Leute wussten nicht, woher sie Worte nehmen, noch wo sie mit ihrer Dankbarkeit aufhoren sollten. Wie wohl dem Junglinge, der bei einem Vermogen von nicht volligen vier Talern noch eine Familie auf ein ganzes Jahr und vielleicht auf immer glucklich machen konnte, wie wohl ihm da um das Herz ward! Es schlug zum ersten Male wieder lebhaft, es deuchte ihn, als wenn er itzt aus dem Nichts hervorgestiegen und ein Etwas geworden ware, das leben, empfinden und handeln konnte: aus dem Auge schlich ihm eine Trane und durch seine ganze Seele ein wehmutiger freudiger Schauer. Die Leute erzahlten im Ubermasse ihrer Dankbarkeit seine Wohltat allen Nachbarn: das Gerucht verbreitete sich weiter, und eins nach dem andern kam an die niedrigen Fenster und guckte herein, um den grossmutigen Jungling zu sehn: wohin er nur sah und horte, waren ein Paar Augen auf ihn gerichtet oder ein Paar Lippen zu seinem Lobe offen. Nun war seine Einbildungskraft und seine ganze Tatigkeit wieder emporgeschraubt, sein niedergeschlagenes Gemut wieder erhoben: er fuhlte sich bei achtzehn baren Groschen als den glucklichsten Menschen der Erde.
Aus Erkenntlichkeit erbot sich der Bauer, ihn nach Berlin vollends zu bringen, wenn er den Weg zu Fusse machen wollte: er entschloss sich dazu und langte zwar mit vollig leeren Taschen, aber doch mit einem Herze voller Zufriedenheit an Ort und Stelle an.
Funftes Kapitel
Da war er nun in dem grossen, schonen, weiten Berlin! wie in einem grossen Walde verirrt! verloren in den unendlichen Strassen! fragte jeden Augenblick nach der Wohnung des Kaufmanns, an welchen er adressiert war, liess sich nebst seinem Begleiter die Marschroute aufmerksam vorzeichnen, und wenn er funf Minuten gegangen war, weg war die ganze Landkarte! So irrte er durch die Strassen, quer und langs hindurch, und sooft er fragte, war er falsch gegangen: ein Bursch erbot sich, ihn fur eine Erkenntlichkeit zurechtzuweisen: zu seiner Herzensfreude entdeckte er noch einen verkrochnen Groschen im Winkel der Tasche, und nun war ihm geholfen. Bei einer Wendung um eine Ecke sah er sich nach dem Bauer um, der ihm bisher mit vielen Beschwerden uber das harte Pflaster langsam nachtaumelte: aber er war verschwunden, blieb verschwunden, und er allein weiss, wie er wieder nach Hause gekommen ist.
Der Kaufmann hatte vor vielen Wochen schon auf den neuen Lehrburschen gehofft, verkundigte ihm, dass er Schwingern nur versprochen habe, ihn auf ein halbes Jahr zur Probe anzunehmen, und stellte ihm ein Paket Briefe zu, das lange schon seine Ankunft erwartet hatte.
Wie verandert war abermals die Szene! Ein enges Kammerchen, keine Stube, nahm ihn ein: wie war der grosse Herrmann, der jungst auf den Schwingen des Ruhms nach Berlin eilte und sich noch vor einigen Tagen von der Bauerfamilie wie einen Gott angebetet sah, wie war der grosse Mann abermals gesunken! So gutig sein neuer Herr sich gegen ihn bezeigte, so sprach er doch im Tone des Herrn mit ihm: traurig schlich der gedemutigte Jungling auf gegebne Erlaubnis in die warme Stube des Dieners und las mit beklemmender Empfindung seine Briefe.
Schwinger, der das Paket besorgt hatte, meldete ihm, dass er dem Grafen und der Grafin seinen Aufenthalt in Berlin habe verhehlen und sich stellen mussen, als ob er von ihm nichts wusste, um sich nicht ihren Unwillen zuzuziehn. 'Sie sind so sehr wider Dich erbittert', sagte er, 'dass sie auch mich als Deinen Mitschuldigen hassen wurden, wenn sie erfuhren, dass ich mich Deiner annehme. Ungerufen geh ich itzt niemals auf das Schloss, weil ich's doch nie ohne Betrubnis und Arger wieder verlassen kann: sowenig ich mich also um die innern, immer fortwahrenden Unruhen desselben bekummere, so weiss ich doch fur gewiss, dass dem Graf ein Brief von der Oberstin aus Dresden in die Hande gefallen ist, worinne die Flucht der Baronesse erwahnt wurde, und dass er die Grafin gezwungen hat, ihm den ganzen Verlauf umstandlich zu erzahlen. Seinen Zorn und die Leiden der armen Grafin kannst Du Dir leicht vorstellen denn Dein letzter, reuvoller Brief lasst mich vermuten, dass Du wieder einer vernunftigen Vorstellung fahig bist. Der Zorn, und ich mochte fast sagen, die Wut ging bei dem Grafen so weit, dass er Anstalt machte, Dich in Dresden in Verhaft nehmen zu lassen und eine exemplarische Strafe wider Dich auszuwirken: wenn Du also, meinem Rate gemass, zu der von mir bestimmten Zeit nach Berlin gegangen bist, so hast Du eine Schande vermieden, die Dir nach Deiner Denkungsart ausserst empfindlich sein musste. Ich zittre fur Dich, lieber Freund, wie ein Vater fur sein Kind, solange ich uber diesen Punkt keine Gewissheit von Dir habe.
Den Aufenthalt der Baronesse hat die Oberstin ausgekundschaftet, und man wird nachstens unfehlbare Massregeln ergreifen, sie in Sicherheit zu bringen, wenn es nicht schon geschehen ist. Also, lieber Freund, wenn Du nicht durchaus Dein Ungluck willst, so lass Dich nicht gelusten, in Deine Torheit zuruckzufallen; und wenn Ulrike mit Dir in einem Hause wohnte und aus einer Schussel asse, so verschliesse Deine Augen! Wache uber Dein Herz! Lass ihm nicht eine Minute lang den Zugel schiessen! es reisst gewiss mit Dir aus, wenn Du ihn nicht bestandig straff anziehst. Entsage lieber dem Vergnugen alles weiblichen Umganges! habe den Mut, den Beifall der Frauenzimmer zu entbehren! Besser ist Dir's, ein Dummkopf oder ein trockner, kalter, blodsinniger Mensch von ihnen gescholten zu werden, als dass Dich eine verliebte Betorung fur einige Augenblicke Vergnugen zeitlebens unglucklich macht. Du kennst nunmehr Deine Starke und Schwache: nutze diese Erfahrung!
Noch eine Nachricht will ich Dir, statt einer Belohnung fur die Besiegung Deiner selbst und fur Deine Ruckkehr zum vernunftigen Verhalten, geben; und warum sollte es nicht fur den beleidigten ehrlichen Mann eine Erstattung des erlittnen Unrechts sein, zu sehen, dass seine Feinde sich selbst strafen? Jakob, unser aller Verfolger, ist mit seinem Vater in die grosste Uneinigkeit geraten: sie haben sich uber einen kleinen Vorteil entzweit, den sie sich bei dem Verkaufe einiger Kostbarkeiten zur Schuldenbezahlung des Grafen machen wollten oder gemacht haben: jeder glaubte von dem andern an seinem Anteile verkurzt zu sein. Im ersten Zorne entdeckte der Vater dem Grafen die Spitzbubereien des Sohns, und der Sohn rachte sich durch ahnliche Entdeckungen am Vater; das Blut starrt mir in allen Adern, wenn ich die Betrugereien, Bosheiten und Schelmenstreiche hore, die bei dieser Gelegenheit herausgekommen sind und noch taglich herauskommen. Sie haben unstreitig das meiste zum Ruine des Grafen beigetragen, der seine Glaubiger durch die Bezahlung einiger Posten besanftigt hat: aber ich furchte, sie sind nur auf einige Zeit besanftigt: doch lasst sich wenigstens hoffen, dass diese Besanftigung von langerer Dauer sein wird, wenn sich der Graf uberwinden kann, jene beiden Bosewichter von sich zu schaffen. Man arbeitet aus allen Kraften daran, und der Vater ist sogar in gerichtliche Untersuchung geraten: aber der Sohn, der itzt bei kalterm Blute den Schaden einsieht, den sie sich durch ihre beiderseitige Unbesonnenheit zugezogen haben, gibt sich unendliche Muhe, den Grafen zur Aufhebung der Inquisition zu bewegen; und seine Muhe wird ihm zuversichtlich gelingen; denn die Untersuchung wurde nur im Anfalle der ersten Hitze anbefohlen, und der Stolz des Grafen, wenn der Zorn voruber ist, ertragt lieber den Verlust seines ganzen Vermogens, als dass er durch die Bestrafung eines offenbaren Diebes das Bekenntnis ablegen sollte, er habe sich geirrt und sein Vertrauen einem Unwurdigen gegeben. Inzwischen ist doch zur Erniedrigung unsrer Feinde so viel geschehen, dass der Vater die Oberaufsicht uber die Herrschaft verloren hat und in Pension gesetzt werden soll. Auch mir hat der Habsuchtige, wie es sich nunmehr erweist, seit Ulrikens Abreise von hier die Halfte meines Gehalts entzogen: ich wusste diese Verringerung zwar und ertrug sie gelassen, weil sie mir der Betruger auf vorgeblichen Befehl seines Herrn ankundigte: allein der Graf hat sich nie so einen Befehl einfallen lassen, und die ohne sein Wissen abgezogene Halfte hat jener Elende, der diese Auszahlungen besorgte, an sich gerissen und in der Rechnung verfalschte Quittungen untergeschoben. Fraulein Hedwig hat ein gleiches Schicksal erlitten. Was mich am meisten krankt, ist der Betrug, womit er Deinen Vater hintergangen hat: nach der Verordnung des Grafen sollte er nach seiner Absetzung sein ganzes Salar behalten, bis er eine andre Versorgung fande: allein der gewissenlose Siegfried setzte ihn auf den vierten Teil herab, der so wenig betrug, dass Deine Eltern nicht ohne Not davon leben konnten: auch hier hat er sich durch verfalschte Quittungen geholfen. Hatten Deine Eltern nicht bei einem herrenhutischen Leinweber, einem alten Freunde Deines Vaters, Schutz gefunden, so waren sie nicht sicher vor dem Mangel gewesen. Ihre eignen Briefe, die ich Dir hier ubersende, werden Dich vermutlich naher davon belehren ' usw.
Der erste unter diesen Briefen, den Herrmann erbrach, war von seiner Mutter. 'Got zum Krus herzgelibtes Kint, liber son wir sint alle gesunt und frelig in dem liben Heiland, megte wol wisen wo Du Stikst hast so lange nicht geschriben und uns allen so weh nach tir Gemacht, Ich unt Dein fater sind forigen Monad von einen kristligen diesen Monad als am ersten huigus zum erstenmale das heilige Libesmal gehalten. winschen von Herzen das der libe heilant dich bald nachholen mege, bereie deine Sinden libes Kint, unt schlag an teine Prust, teinen fater wars nicht recht lustig di weld zu ferlasen und den liben heilant anzuzin, Wir haben dem Alten starkop was rechtes zugerett, ta lachte uns der hellenbrant aus das wir in bekeren wolten der kristlige leinwaber unt ich, unt hat geflucht das der kristliche Leinwaber in nicht mehr im hause leiten wolte. Er hat Dir geflucht libes Kint das einem grin und Galb vor den Augen wurte. ta badte der christliche leinwaber so fil das mein gotloser man das kalde fiber krigte das schittelte ihn das ich nicht andersch tachte als er wirte in seinen sinten dahinfaren libes Kint s hat in geschitelt wol ellenhoch unt in der Hitze hing im di Zunge armsticke zum halse heraus und er hat ausgestanten wie ein Fich (Vieh) ach da lernte er gar balt den liben Heilant erkennen und hat sich bekert und ist widergeboren man sit seinen spektakel an ihn weil er fon dem garstigen fiber noch so elent aussicht libes Kint, sick tich for unt tue buse, s sind gar ser schware Zeiten. Der kristliche Leinweber batt alle Dage for dich das der libe heilant auch balt iber dich kommen mege, der her Hofmeister Schwinger hat uns gar ser ankst gemacht als wen tu werst verfallen in sintliche liste und fleischeslust unt das er nicht sagen tirfte wo tu werst, las tich ja nicht fom satan blenden das tu dich verlibst unt lose Streiche machst wir werten uns wol in tisem leben nicht witer sehn bis wir alle heimgegangen (gestorben) sint Deine getreie Mutter bis in den Dod
A.M.P. Herrmannin.
Aeben erfaren wir das tu in Perlin bist, ta wars nicht anters als wen mir gemand eine rechte derbe Maulschelle gebe ta ich das las ins Herrn Hofmeister Schwingers Brife ach tu liber son da habe ich mich recht gekramt das tu an einen so garstigen Orte bist. ter kristliche Leinwaber hat mich noch getrest er sagte s weren ser fil Widergeborne unt fromme Brider dort di tich zu dem liben Heilante bekeren wirten, das wunschen wir tir von Herzen Amen.' Endlich zeigte sich auch ein Briefchen vom Vater, so zitternd und unleserlich geschrieben, dass man jedem Zuge das Fieber ansah.
B** den 26. Novemb.
Heinrich!
Mein kaltes Fieber und meine Nille haben mich so lange geplagt, bis ich ein Herrenhuter geworden bin: aber ich werde es wohl nicht lange treiben. Des Kopfhangens und Pimpelns und Seufzens bin ich nachgenicht, wie ich will: wenn mir nur einmal so ein kleines "Hol mich der Teufel!" uber die Zunge fahrt, so schrein sie gleich alle auf mich zu, als wenn das Haus brannte. Es ist ein rechtes Hundeleben, wenn man nicht reden darf, wie einem der Schnabel gewachsen ist: aber ich muss freilich ein ubriges tun und mir das Maul verbinden lassen, sonst jagt mich der Leinweber zum Tempel hinaus: alsdann kann ich mich in den Schnee legen und an den Fingern saugen, wenn mich hungert. Solang es noch Winter bleibt, seh ich mir das fromme Leben mit an: sobald ich aber die erste Schwalbe wieder hore heida! fort mit mir! dann werd ich wieder der alte Adam. Man kann ja des Guten auch zuviel tun: der Leinweber betet den ganzen Tag mit meiner Nille. Ihr Leute, sag ich immer, ihr fallt ja unserm Herrgott recht beschwerlich: das nennen sie eine Gotteslasterung: "Du bist noch nicht wiedergeboren, lieber Bruder", sprechen sie, "wir wollen beten, dass der liebe Heiland bald uber dich kommen moge." Zu allem dem Gikelgakel muss ich nun schweigen, als wenn ich aufs Maul geschlagen ware. Aber kurz und gut! sobald die Schwalben fliegen, lass ich meine Nille bei dem Leinweber sitzen und komme zu Dir nach Berlin: da mogen sie miteinander pimpeln und seufzen, soviel sie wollen. Lebe wohl.
A.C. Herrmann.
Herrmann beantwortete diese Briefe unverzuglich, meldete Schwingern den erlittenen Verlust, doch mit sorgfaltiger Verschweigung seines Bekehrungsprojektes, stattete auch dem Doktor Nikasius und seiner Ehefrau von der Dieberei des Magister Wilibald getreuen Bericht ab und versicherte, dass ihn der schandliche Bosewicht verleitet habe, Dresden heimlich zu verlassen, wozu er sich ausserdem nie entschlossen hatte: zugleich bat er um Ubersendung seiner zuruckgelassnen Habseligkeiten, welche auch ein paar Posttage darauf erschienen, nebst diesem Briefe vom Doktor Nikasius.
Dresden, den 6. Jan.
Wertgeschatztester lieber Freund!
Nachdem Dieselben in einem Schreiben de dato 28 Decembris a.c. schriftlich an mich gelangen lassen, wasmassen Dieselben Dero mibilia von Dresden nach Berlin mit der ordinaren Post bringen zu lassen gewillet sind und dannenhero um die Verabfolgung gedachter Ihrer mobilium geziemend angesucht: als habe nicht ermangeln wollen, solche durch meinen Bedienten, Johann Friedrich Hartknoch, in Dero mit Seehund uberzogenen Kuffer getreulich einpacken und verwahren zu lassen. Welchergestalten nun Dieselben nur beSchreiben verhoffentlich erhalten werden, als bitte mir uber den richtigen Empfang derselben schriftliche Nachricht aus: wie denn auch Dieselben in vorbemeldetem Dero Schreiben beizubringen beliebt, wie der S.T. Herr, Herr Magister Wilibald Dero samtliche bei sich habende actiua an sich zu nehmen und mit denenselben ab und von dannen zu gehen sich nicht entblodet, absonderlich auch sich nicht nur propter dolosam rei alienae ablationem eines Diebstahls schuldig gemacht und durch sein hinterlassnes Schreiben handschriftlich angeklagt, sondern auch Dieselben per simulationem amicitiae schandlich und lasterlich hintergangen: solchemnachst will denn nun meine teure Ehegattin allen dergleichen und sonstigen Anschuldigungen als Verunglimpfungen seines ehrlichen Namens und anmasslichen Beschonigungen anderweitiger selbsteigner Zersplitterung Dero bei sich habenden Geldes keinen Glauben angedeihen lassen, inmassen denn sie dem Herrn Magister bestandig als einen gottesfurchtigen und wohl conduisireten Candidatum gekannt und befunden.
Der ich nebst freundlichem Gruss von meiner EheLiebsten mit geziemender Liebe und Inclination allstets verharre
Meines wertgeschatzten lieben Freundes
gutwillig geneigter Freund und Diener
D.F.M. Nicasius.
Da der Doktor Schwingern seines Freundes heimliche Abreise von Dresden sogleich gemeldet hatte, erschien schon wieder ein nachdrucklicher Verweis von diesem ausserst besorgten Manne, dass sich Herrmann spater, als er sollte, wegbegeben und in eine so verdachtige Reisegesellschaft eingelassen hatte: doch freute er sich, dass die Abreise nicht weiter war hinausgeschoben worden, weil ihm Nikasius geschrieben, dass man ihren gemeinschaftlichen Freund auf Ansuchen des Grafen Ohlau gefanglich habe einziehen und verhoren wollen. Herrmann freute sich nicht weniger, einer so nahen Gefahr, obgleich mit Verlust seiner Barschaft, entgangen zu sein, und erblickte mit ungemeinem Vergnugen im Briefe einen Louisdor, den ihm Schwinger zur Schadloshaltung fur den Diebstahl schickte.
Sonach war nun Herrmann von allen Seiten glucklicher, als er vermutete, aber nur nicht so glucklich, wie er wunschte. Die Unterwurfigkeit und der Gehorsam eines Lehrburschen, sosehr beides gemildert wurde, war fur ihn eine bittere Speise. Befehle anzunehmen und auszufuhren tat ihm nicht sonderlich weh: Verweise schmerzten ihn schon mehr und oft bis zur tiefsten Verwundung: doch ware alles dies noch ertraglich fur ihn gewesen, nur seine Lage wurde es taglich weniger: das Licht, in welchem er sich und seine Beschaftigungen sah, die enge kleine Sphare, wo er unter allen war, die ihn umgaben, wo er dienen musste, selten ein kleines Lob wegen einer geringfugigen Verrichtung, worauf er sich sowenig zugute tun konnte als auf Essen und Trinken, und niemals Ehre erwerben sollte diese so eingeschrankte, auf Kleinigkeiten geheftete Tatigkeit machte abermals seine ehrbegierige Seele unmutig, unzufrieden mit sich und den Dingen um ihn. Eigennutz und Begierde nach Gewinn waren bei ihm unendlich klein und in Vergleichung mit seinem Ehrgeize fast so gut als gar nicht da: Kaufmannsgeschafte mussten also unter allen fur ihn die geringste Anzuglichkeit haben: mit einem Worte, er war itzt ein ebenso schlechter Kaufmannsbursch als vor dem Jahre ein schlechter Schreiber. Immer zerstreut, in Gedanken, verdriesslich stand er da, horte nicht eher als zum zweiten oder dritten Male, wenn ihm sein Herr etwas befahl, tat jedes Geheiss mit Verdrossenheit und begegnete niemandem freundlich, der in den Laden kam. An andern deutschen Orten hatten ihn seine Kameraden den Traumer genannt, doch hier hiess er bei jedermann vom Herrn bis zur Kindermagd 'Herrmann le misanthrope' , und jeden Augenblick wurde er ermahnt, nicht so pensif zu sein. Trotz aller Ermahnungen blieb er es, und seine Tiefsinnigkeit vermehrte sich sogar, weil sich bei einer so grossen Leere in seinem Herze, bei so geringer Tatigkeit und so wenigen Beschaftigungen fur andere Leidenschaften die Liebe wieder zu regen anfing: an Ulriken erlaubte er sich zwar nur mit Schuchternheit zu denken: er wunschte und wunschte, dass er sie lieben durfte, aber ein Kaufmannsbursch und eine Baronesse! Je mehr ihm dieser Abstand einleuchtete, je mehr fuhlte er freilich, dass es Notwendigkeit und Klugheit sei, dieser Liebe zu widerstehen, je mehr schien es ihm toricht und gefahrlich, sie wieder aufwachen zu lassen. Zudem wusste ja Graf und Grafin Ulrikens Aufenthalt, wollten sie auffangen lassen, und vielleicht war sie schon langst wieder bei ihnen auf dem Schlosse und musste sich mit Vorwurfen und Misshandlungen peinigen lassen: sie war so gut als verloren. Gar nicht zu lieben, wie Schwinger von ihm verlangte, das war hart und bei seinem Charakter und seiner innern und aussern Verfassung unmoglich: eine andere zu lieben als Ulriken, das war noch harter: wenn sich ihm auch die leibhafte Venus dargeboten hatte, ware ihre Wirkung doch unter dem Eindrucke gewesen, den die Baronesse eine so lange Reihe von Jahren hindurch ihm einpragen musste.
"Es ist keine Schonheit mehr in der Welt", sagte er sich an einem Morgen, als er sich seine Schurze vorband, setzte sich auf das Bett und lehnte sich an das Fussbrett. "Es ist keine Schonheit mehr in der Welt, gar nichts, das mein Herz nur mit einem Zucke schneller bewegte. Da zeigt mir bald der Diener, bald ein Kamerad ein Gesicht: 'ach', rufen sie, 'welche Schonheit! welcher Wuchs! welcher Gang!' Ich sehe mir nichts daran, woruber ich mich nur mit einer Fingerspitze freuen konnte. Es argert mich in der Seele, dass die Leute allenthalben soviel Vergnugen finden, und ich muss so trocken dabeistehn und mich ausschimpfen oder verachten sehen, dass mir gar nichts gefallt. Hier liebaugelt der Diener mit einem vorbeigehenden roten Pelze, des Abends hor ich ihn, wenn er mich auf der Stube bei sich duldet, von einer blauen Pelzsaloppe erzahlen, die er vorigen Sonntag gefuhrt, gestreichelt, geliebkost, die mit ihm gelacht, getandelt, gegessen, getrunken, getanzt hat. Da schakert in der Schreibstube mein Herr mit einem Madchen; sie lachen und sind so vergnugt, so entzuckt, als wenn sie gar nichts vom Kummer wussten: werd ich in die Stube geschickt, so find ich auf dem Kanapee die Frau mit einem jungen Franzosen: wenn sie mir nur den Gefallen taten und sich vor mir scheuten! aber nein! mit verschlungnen Armen, lachend und tandelnd sitzen sie da: alles liebt rings um mich her, alles darf lieben, alles wird geliebt, nur ich Elender, allein ich darf nicht, ich kann nicht. Das Schicksal druckt mich mit schwerer Hand danieder, dass ich kaum atmen kann: ich soll mich unter seinem Drucke langsam zu Tode arbeiten. Ich soll die einzige Schonheit, die es auf der Erde fur mich gibt, erkennen, fuhlen, ihr Bild in der Seele mit mir herumtragen, vor Augen schweben sehn, in Gedanken mit ihm reden, es umarmen, liebkosen, alle Ergiessungen des Herzens, alle Wonne, alles Sehnen der Liebe dabei empfinden; und wenn ich Unglucklicher die Arme zuschliessen, mein Gluck greifen will, dann ist es ein Schatten, eine Idee, ein Gedanke, den ich liebe, und mit meinen Armen fasse ich Luft. Nie, nie hoff ich Ulriken wiederzufinden, nie mich ihr nahern zu durfen: aber wie musst es nur sein, wenn ich sie wiederfande? wie nur, wenn wir uns Tag fur Tag sehen, frei und ohne Zwang sprechen, ohne Furcht lieben durften? Das ist fur mich ein so unbegreiflicher, so unvorstellbarer Zustand wie die Freuden der Seligkeit. Er schwebt mir im Gehirne wie in einer dunkeln Ferne: gleich einer Sonne durch Nebelwolken, strahlt dies uberschwengliche Gluck aus der Ferne daher: ich strebe mit allen Gedanken und Empfindungen nach ihm hin; aber wer kann die Sonne uber seinem Scheitel erreichen?"
Sein Selbstgesprach hatte ihn so lange beschaftigt, dass er einen Teil seiner Pflicht daruber versaumte: weil er zu lange uber die bestimmte Zeit nicht im Gewolbe erschien, kam sein Kamerad, rief ihn und storte den Lauf seiner truben Gedanken.
Kaum eine Viertelstunde hatte er mit seiner gewohnlichen Traumerei dagestanden und saumselig einige aufgegebne Geschafte verrichtet, als der Herr, ein Portrat in der Hand, in den Laden kam. Er stellte es hin und fragte alle Anwesende, ob jemand ein Frauenzimmer in Berlin gesehn habe, das diesem Portrate ahnlich sehe. Herrmann erschrak, liess seine Arbeit auf die Erde fallen und trat so dicht an das Bild, als wenn er es verschlingen wollte: er erkannte es bei dem ersten Blicke fur Ulrikens Portrat, das in der Grafin Zimmer uber dem Sofa hing: Rahmen, Ahnlichkeit, Grosse, alles traf ein.
"Oh", fing der Diener an und sahe starr hin, "die hab ich oft gesehn."
"Wo? wo?" rief Herrmann entzuckt. Der Kaufmann sah ihn an und lachte. "Kennst du das Frauenzimmer?" fragte er.
"Nein nicht recht ein klein wenig!" antwortete Herrmann und blickte seinen Herrn geheimnisvoll an, als wenn er ihn fragen wollte, ob er sich entdecken durfte.
"Ja, es ist wahr", fuhr der Kaufmann fort, "du musst sie kennen: sie ist ja aus deiner Vaterstadt. Wer sie unter euch zuerst sieht und auf meine Stube bringt, der hat zehn Dukaten verdient. Es ist ein liederliches Madchen."
"Glauben Sie das um des Himmels willen nicht!" unterbrach ihn Herrmann ereifert: doch hurtig besann er sich, dass er sich so verraten konnte, und setzte deswegen, um den gemachten Fehler zu verbessern, kaltblutig hinzu: "Ich dachte nicht, dass sie liederlich aussahe."
"Meinetwegen mag sie aussehn, wie sie will!" fiel ihm der Kaufmann etwas heftig ins Wort. "Sie ist ihrem Onkel, dem Grafen Ohlau, durchgegangen; und er hat mich gebeten, sie ihm zu uberschicken, wenn ich sie finde; und weil er mein speziell guter Freund ist ich hab ihm manche hundert und wohl tausend Louisdore verschafft , so konnt ich's ihm nicht abschlagen. Wer sie auf meine Stube schafft, kriegt zehn Dukaten: aber die Sache muss heimlich betrieben werden."
Der Diener versicherte, dass er sie wohl tausendmal unter den Linden und im Tiergarten gesehn habe; sie sei in einem gewissen offentlichen Hause, das er auch nennte und wo er sie ehestens suchen wollte.
Herrmann war des Todes uber diese ungluckliche Nachricht und fragte den Diener, sooft er ihn mussig sah, ob sie gewiss in einem offentlichen Hause sei, dass der andre endlich des Fragens mude wurde und es auf immer untersagte.
Freude und Gluck war es genug, dass er itzt selbst den Auftrag bekam aufzusuchen, was er so lange gern gefunden hatte: aber das verdammte offentliche Haus! das versetzte seiner Freude so einen empfindlichen Schlag, dass sie einen grossen Zusatz von Angst, Besorgnis, Eifersucht und verachtendem Widerwillen gegen Ulriken bekam. Er ging wie vor den Kopf geschlagen herum.
Sechster Teil
Erstes Kapitel
Freilich nur mit halber Freude und mehr aus Neubegierde, ob die verdachtige Nachricht gegrundet sei oder nicht, befolgte Herrmann den Auftrag seines Herrns getreulich und nahm jedesmal seinen Weg, wenn er ausgeschickt wurde, durch die Lindenallee, sollte auch der Umweg eine Stunde betragen: er sah niemals ein Gesicht, das Ulriken mit einem Zuge glich. Der Diener war in seinem Suchen nicht glucklicher und brachte seinem Herrn jeden Morgen die Nachricht, dass die Nymphe schon versprochen gewesen und ihm nicht zuteil geworden sei. Herrmann knirschte jedesmal mit den Zahnen, wenn so eine Nachricht uberliefert wurde.
Seine Unruhe angstigte ihn Tag und Nacht: sie liess ihn nicht zwo Minuten auf einem Flecke stehen oder sitzen, und des Nachts walzte er sich von einer Seite zur andern und suchte den Schlaf, ohne ihn auf lange Zeit zu finden. Er bat sich von seinem Herrn die Erlaubnis aus, die zehn Dukaten zu verdienen und die Schauspielhauser zu durchstreichen: der Kaufmann, dem er im Gewolbe ohnehin entbehrlich schien und der auch schon beschlossen hatte, sich zu Ende der Probezeit seiner zu entledigen, verstattete ihm ohne Weigerung seine Bitte.
Mit der Empfindung eines Staatsgefangnen, der sein Urteil erwartet und beinahe gleichwahrscheinlich Tod und Leben hoffen kann, wanderte Herrmann aus. Sein erster Besuch im deutschen Schauspielhause lief fruchtlos ab: den folgenden Tag rustete er sich mit einer Lorgnette und machte im franzosischen Schauspiel einen Versuch: man spielte Racinens 'Berenice'. Er hatte auf dem Schlosse des Grafen hinlangliche Kenntnis der Sprache erlangt, um alles zu verstehen, was er horte; und die grosse Ursache, warum er nichts verstund, war keine andere, als weil er bloss sah und nicht horte, wenigstens nur hie und da einen Vers, der ihm noch aus der Lekture gelaufig war und zufalligerweise itzt auf sein Trommelfell fiel: sein Kopf war unaufhorlich nach den Logen gerichtet, und jedes Damengesicht, das erschien, musste sich Zug fur Zug untersuchen lassen, ob nicht einer darunter sei, der ihm Ahnlichkeit mit Ulriken gebe. Der Vorhang fuhr rauschend in die Hohe: noch war keins gefunden, das ihr gehoren konnte. Das schnurrende Gerausch der Zuschauer verstummte, das Orchester schwieg: ein langer, baumstarker Antiochus in rotseidnem Mantel, mit einem schwankenden Busch Gansefedern auf dem papiernen Helme, marschierte in abgemessnen Schritten, die Arme gleich den Henkeln eines Blumentopfs majestatisch in die Seiten gestemmt, durch den gewolbten Portikus daher: ihm folgte im gelben, blumenreichen Mantel ein kurzer untersetzter Arsaz, von unten bis an den Gurt der schwarzsamtnen Beinkleider ein Franzose, vom Nabel bis zum Ende des befiederten Kasketts ein altgriechischer Bastard.
"Hier lass uns stehn!"
huben Ihro Majestat an; und sie stunden. Der Konig lehrte seinen Vertrauten die Geographie des Palastes und machte ihn besonders mit den zwo Nebenturen bekannt. Nachdem er so die Landkarte verzeichnet hatte, befahl er ihm, zur Konigin zu gehen, ihr einen schonen Gruss zu vermelden und hoflichst zu bedauern, dass ihr der Konig wider seinen Willen beschwerlich fallen und sich eine geheime Unterredung ausbitten musste.
Arsaz, der ehemals in Languedoc Hecheln verkauft hatte, trat einen Schritt zuruck und verwunderte sich mit dem lauten Geschrei seines vormaligen Gewerbes, wie ein so grosser Konig in einem so hubschen, roten Mantel einer Konigin beschwerlich fallen konnte, deren Liebhaber er sonst gewesen ware. "Ob sie gleich die kunftige Gemahlin des Titus ist", rief er,
"Setzt dich ihr Rang von ihr unendlich weit hinweg?" Herrmann, dem die lautgekreischte Frage die Ohren erschutterte; glaubte nicht anders, als dass sie der Schauspieler seinetwegen getan habe, und wiederholte seufzend den Vers einigemal in Gedanken.
Antiochus war unterdessen vom Vertrauten allein gelassen worden und unterhielt sich deswegen mit sich selbst.
"Werd ich ihr ohne Zittern sagen konnen:
Ich liebe dich!
Nein, ach! ich zittre schon! Mein wallend Herz
Scheut diesen Augenblick so sehr, als ich ihn
wunschte."
Herrmann stutzte: der Mann hatte seine Empfindung aus dem Herze gestohlen. Nicht weniger als er wunschte, Ulriken wiederzufinden, furchtete er, sie verfuhrt, ungetreu, auf immer seines Hasses wert wiederzufinden.
"Entfernt von ihren Augen, will ich sie
Vergessen und dann sterben!"
'Ja, wer es konnte!' dachte Herrmann.
"Wie? soll ich stets in Qualen seufzen,
Die sie nicht kennt? stets Tranen weinen,
Die sie nicht fliessen sieht?"
Die Verse wurden so ganz mit seiner Empfindung gesprochen, dass er sich nicht von ihnen losreissen und kein Wort mehr von dem ubrigen Monologe horen konnte: die ganze folgende Unterredung mit dem Vertrauten war ihm unleidlich, widrig, langweilig: denn sie enthielt kein Wort, das auf seinen Zustand passte: er gahnte und mochte die langweiligen Schwatzer vor Verdruss nicht einmal ansehn.
"Die Konigin erscheint",
rief Antiochus auf dem Theater: es kam auch wirklich eine dicke, rotgetunchte Konigin im Fischbeinrocke und Goldstoffe, sehr zierlich en coeur frisiert, eine Milchstrasse von funkelnden Steinen wie Sternchen quer uber den hochgeturmten Haaren, gravitatisch dahergeschritten: aber Herrmann wurdigte die vergoldete Majestat keines Blickes; denn er horte eben das interessantere Knarren einer sich offnenden Logentur und sah eine interessantere Konigin im roten Pelze hereinkommen. Sie brachte ein junges Frauenzimmer von sechs oder sieben Jahren mit sich, dem sie einen bequemen Platz zurechtemachte: indem fragte man sich im Amphitheater hinter und vor Herrmanns Sitze: wer ist das? "Es ist die Gouvernante bei der Fraulein Troppau", antwortete jemand. Sie hatte wahrend ihrer Beschaftigung mit dem Niedersitzen der Fraulein ihr Gesicht bestandig niederwarts gebeugt und sah itzo erst sich in der Versammlung um. "Eine hubsche Physiognomie!" sagte hier einer, der sie lorgnierte. "Eine artige Figur!" sprach dort ein anderer, der durch einen Gucker sah. "Ah!" versetzte ein dritter und zog jenem ungeduldig den Gucker vom Auge weg. "Pardi! eine sehr interessante Physiognomie! grosse schwarze Augen, voller Feuer! ein frisches Teint!" "Ah ca!" fing ein grauhaarichter, rotbackichter Franzose an, der schon lange mit seinen alten Augen unter den silbernen Augenbraunen hinaufgeblinzelt hatte, "donnez!" und langte nach dem Gucker. "Voulez-vous voir, Monsieur?" fragte der andre und uberreichte langsam das Sehinstrument. "Diable!" rief der Alte so laut, dass alle Kopfe nach ihm herumfuhren, "voila une jolie petite gueuse! Voiez!" fing der begeisterte Alte nach einem Weilchen wieder an und stiess seinen Nachbar. "Quel sourire! elle a un trait de malignite, cette petite coquine" und jeden Augenblick wischte er mit begieriger Eilfertigkeit den Gucker an der Manschette ab und schalt das fatale Instrument, dass es den Blick trubte, wiewohl seine Augen truber sein mochten als der Gucker. "Elle me charme!" rief der Alte ganz ausser sich vor Entzucken und zappelte mit den Fussen. "Voudriez-vous bien l' avoir?" fragte sein Nachbar lachend. "Je vous dis Monsieur", antwortete der Alte, zitternd vor Vergnugen, "que c'est un excellent morceau." "Permettez!" schnarrte ihm ein junges geputztes Mannchen, das schon lange in allen Taschen nach seinem Fernglase vergeblich gesucht hatte und sich doch schlechterdings die Schande nicht antun konnte, mit blossen Augen zu sehen, uber die Schultern heruber, riss ihm den Gucker aus der Hand und sah hin. "C'est une Allemande?" fragte er: man bejahte es. "Elle passe", sprach er mit kritischer Kaltblutigkeit und gab den Gucker zuruck. "Comment!" rief der Alte und drehte sich ereifert nach ihm um, "was finden Sie an ihr auszusetzen? so eine artige runde Stirn! Ich sage Ihnen, die mediceische Venus hat kein artiger Kinn, und der kleine lachelnde Mund! diese spirituelle Miene! Ich sage Ihnen, ich kann kein schoner Gesicht malen, und wenn Sie mich wie ein Prinz bezahlen. Les parties et l'ensemble je vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse." Wahrend dieses Zankes verschlang auch Herrmann die Schonheit, die er betraf, mit den Augen, und um so viel begieriger, weil ihm jeder Blick mehr bestatigte, dass es Ulrike sei. Die Gleichheit war so vollkommen, dass ihr auch nicht ein Zug fehlte: er hatte sie zwar nunmehr uber ein Jahr nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehn, und das Gesicht musste seit seiner Abreise aus seiner Vaterstadt einige betrachtliche Veranderungen gelitten haben, wenn sie es sein sollte. Er hatte dem franzosischen Maler, als er ihre Schonheit so lebhaft verteidigte, mit beiden Fausten wider den jungen Laffen, der sie nur leidlich fand, beistehen mogen. Sie war ihm tausendmal reizender als sonst: eine Gottheit musste sie mit neuen Annehmlichkeiten belebt haben: ihr Blick zog das Herz in die Hohe wie die Sonne den Abenddunst. Bei allem Lacheln ihres Mundes schien ihm geheime Betrubnis aus ihrem Gesichte zu sprechen: "Ganz naturlich!" dachte er, "sie weiss nicht, wo ich bin; weiss nicht, dass wir nur um einen Blick voneinander getrennt sind!" Itzt lenkte sie ihr Auge nach seinem Platze hin, indem erschallte vom Theater:
"Meine Tranen, meine Seufzer
Folgten dir an jeden Ort."
Ihre Miene wurde wehmutig, ihre Lippen bewegten sich, als wenn sie die Worte leise zu ihm herabsprachen: nun war in seinen Gedanken nichts gewisser, als dass sie ihn schon gesehen und erkannt hatte; und verschiedene ahnliche Zufalle bestatigten ihn vollig in seiner sussen Einbildung.
"So viele Treue
Verdiente grosser Gluck",
sprach eine vierzigjahrige Vertraute auf dem Schauplatze mit keuchendem Tone: so schlecht sie es sagte, so klatschte er ihr doch seinen Beifall zu, weil sie fur ihn eine so grosse Wahrheit gesagt hatte: das Amphitheater hielt es fur Spotterei und folgte seinem Beispiele nach, dass die arme Vertraute, die nur eben aufgetreten, war, vor Verwunderung uber den so seltenen und itzt ganz unerwarteten Beifall den Kopf schuttelte.
Berenice.
Ich will ihn nicht erwarten,
Will unerwartet ihn hier finden, und
Bei dieser Unterredung alles sagen,
Was langverschlossne Zartlichkeit
Zween liebenden, zufriednen Herzen eingibt
Seine Einbildung tauschte ihn so gewaltig, dass ihm die Worte nicht vom Theater, sondern aus Ulrikens Loge zu schallen schienen: das Orchester hub nach ihnen ein sanftes Andante an, und Ulrike stand auf und liess neugierig ihre Blicke im ganzen Hause herumschiessen. Aber warum sahe sie nun nicht ihren Herrmann allein an? Er argerte sich, dass ein Blick auf jemanden ausser ihm fiel. Endlich nach langem Herumschauen trafen ihre Augen wirklich auf sein Gesicht: sie sah es starr und ernsthaft an: er lachelte zu ihr hinauf, und die Freude, als sie ihn erkannte, zwang sie unbewusst zu einer so entzuckten Bewegung des Kopfs und druckte sich so lebhaft in allen Zugen des Gesichts aus, dass ihre Bewunderer im Amphitheater sich neidisch nach dem Gegenstande umsahen, dem die Freude galt. Mit halbem Zweifel an der Wahrheit des Anblicks erfolgte ein Wink mit den Augen, und dann auf beiden Seiten ein formlicher Gruss: allein bei aller Zuruckhaltung waren sie doch nicht zuruckhaltend genug: denn ihrem beiderseitigen vertraulichen Nicken, worinne der ganze Gruss bestand, konnte auch ein Halbblinder anmerken, dass es mehr als Hoflichkeit ausdruckte. Nach dieser Beobachtung richtete sich nunmehr die Neugierde der Umstehenden auf den glucklichen Menschen, welchem ein so englischer Gruss herabgeworfen wurde: man fragte sich ringsum: niemand kannte ihn. Der alte Franzose, der sie vorhin so lobpries, drangte sich uber zween Platze weg zu ihm hin und hielt ihm mit einem sehr hoflichen "Monsieur?" seine Tabaksdose vor: Herrmann sah nichts, was tiefer als Ulrikens Kopf war: der Maler stiess ihn also an: Herrmann wandte sich hastig und warf ihm die lackierte Buchse aus der Hand, dass sie unter den Banken bis ans Parkett hinabrollte. Der Mann wollte zwar diese Gelegenheit nutzen, ein Gesprach einzufadeln, allein die Musik schwieg, und er musste sich gleichfalls zum Schweigen entschliessen.
Nunmehr wurde das Schauspiel eine unaufhorliche Unterredung fur die beiden Liebenden: Herrmann war Titus, und Ulrike machte sich zur Berenice: jede Sussigkeit, jeder Ausdruck der Zartlichkeit, jede Versicherung der Treue, jede Sentenz, die mit ihrem beiderseitigen Zustande ubereinstimmte, wurde unmittelbar, wie sie aus dem Munde der Schauspieler heraustonte, in Gedanken von beiden wiederholt und mit einem Blicke von ihm zu ihr hinauf oder von ihr zu ihm herab auf ihren Zustand angewendet.
Titus: Ach! welcher Liebe soll ich mich entschlagen!
Paulin: Ja, leider! einer gluhend heissen Liebe!
Titus:
O tausenfaltig heisser ist sie, Freund,
Als du dir denken kannst. Mir war es Wonne,
Sie jeden Tag zu sehn, zu lieben und ihr zu
gefallen.
Titus:
Ich kenne sie, ich weiss, dass nie ihr Herz
Nach einem andern als nach meinem strebte.
Ich liebte sie, gefiel ihr, und seit jenem Tage
Soll ich ihn traurig oder glucklich nennen?
Verlebt sie, fremd in Rom und unbekannt dem
Hofe,
Die Tage, liebt und wunscht kein grossres Gluck,
Als eine Stunde mich zu sehn,
Die ubrigen mich zu erwarten.
Ich sehe sie, benetzt mit Tranen,
Die meine Hande trocknen sollen.
Was nur die Liebe kennt, um machtig stark zu
fesseln,
Kunstlose Sorge, zu gefallen, Schonheit,
Tugend
Oh, alles, alles find ich in ihr!
Wahrend dieser geheimen Unterredung schien die ganze Versammlung vor Herrmanns Augen zu schwimmen: Lichter, Kulissen, Menschenkopfe tanzten in schwebender Verwirrung wie trube, ferne Schatten vor ihm herum: das einzige Bild, das seinen ganzen Horizont fullte, das deutlich und bestimmt durch die Augen bis zur Seele und zum volligen hellen Bewusstsein gelangte, war Ulrike. Berenice war fur ihn das hochste Ideal eines schonen Schauspiels, und Schauspieler und Schauspielerinnen schienen ihm Apoll mit den neun Musen, die in eigner Person herabgestiegen waren, das schonste Stuck meisterhaft zu spielen. Seine Nachbarn dachten zwar hierinne ganz anders, und es flogen von allen Seiten lustige Einfalle uber die spielenden Personen um ihn herum: allein fur ihn war dieser Widerspruch nicht horbar. Nichts belastigte ihn als der Maler, der so gern um Ulrikens willen seine Bekanntschaft machen wollte: denn er sprach nicht bloss mit dem Munde, sondern noch mehr mit dem Ellebogen, und beschwerte sich zornig bei seinen Nachbarn uber die Unhoflichkeit des Menschen, der ihm nur mit unwilligen Mienen oder gar mit einem erzurnten "laissez-moi" antwortete. Es lag ihm um soviel mehr daran, seinen Zweck zu erreichen, weil seine Bekannten sich uber ihn lustig machten und gleichsam mit Bonmots nach ihm warfen.
Da Ulrike merkte, dass man mit allen Augen, Gukkern und Lorgnetten aus dem Amphitheater nach ihr zielte und dass man nunmehr alle diese Sehwerkzeuge auch im Parkett und den Logen nach ihr richtete, befand sie fur gut, ihren Stuhl zuruckzuschieben und sich so zu setzen, dass sie nur fur sehr wenige sichtbar blieb. In dieser Pause gelang es dem Maler wirklich, den mussgen Herrmann ins Gesprach zu ziehn. "Monsieur, connoissez-vous cette Dame?" fing er an. "Ob ich sie kenne?" fragte Herrmann mit pikiertem Tone. "So gut als mich!" "Ah!" brach der Maler abermals in ihr Lob aus, "quels yeux! quel front! quelle bouche! quel joli tour de visage!"
Herrmann. So viel Geist in der Miene! So viel Feuer im Auge!
Der Franzose. Quel teint! quel nez!
Herrmann. Und die feine zarte Haut! so sanft, so annehmlich wie ihre Seele!
Der Franzose. Quelle gorge! Je vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse (und dabei zog er alle funf Finger uber den Mund weg).
Herrmann. Sie haben die Hande noch nicht gesehn: so weiss, so fleischicht, von einem so liebevollen Drucke, dass man nicht denkt, hort noch sieht, wenn man von ihnen beruhrt wird.
"Diable!" schrie der Maler und fing mit seinem Lobe wieder von vorn an. Fur die Nachbarn war es ein wahrhaftes Lustspiel, die beiden Leute so unerschopflich und inbrunstig um die Wette einen Gegenstand loben zu horen: einer redete in den andern hinein und wollte ihn ubersteigern. Beide zeichneten freilich als Verliebte, aber Herrmann noch am treffendsten. Ulrikens Bildung war in Ansehung der einzelnen Teile nicht schon: ein strenger Beurteiler wurde vielleicht an jedem, fur sich betrachtet, etwas zu tadeln gefunden haben: aber in der Zusammensetzung bildeten sie vom Kopf bis zu den Fussen das niedlichste Ganze: in jeder Bewegung war Geist, ihre Miene bestandig sprechend und oft starker sprechend als ihre Worte, ihr Gesicht ein abwechselndes Gemalde von kleiner, mutwilliger Lustigkeit und Gutherzigkeit, und der immer bleibende Grund, auf welchem dieses Gemalde sich zeigte, eine ausgebreitete, schuldlose Heiterkeit: ob sie gleich in ihren Bewegungen und Handlungen oft bis zur Unbesonnenheit rasch war, so wurde doch selbst diese Raschheit von einer gewissen Anmut begleitet, von Sanftheit so gemildert, dass jemand von ihr sagte, sie habe zwei Seelen, eine mannliche und eine weibliche. Ihr Wuchs und der feine Gliederbau war vielleicht die einzige korperliche Schonheit, die sie auszeichnete: von der aussersten Fusszehe bis zum Wirbel schwebte Anstand und Reiz wie ein Paar Liebesgotter mit ausgebreiteten Fittichen um sie her. Ihr erster Anblick uberwaltigte: man musste schlechterdings mit solcher Ergiessung loben wie der alte Franzose; und fand man gleich in der Folge weniger Schonheit an ihr, so hielt doch ihre Naivitat und ungekunstelte Munterkeit dem ersten heftigen Eindrucke so sehr die Waage, dass man seine Verminderung nicht sonderlich wahrnahm oder wahrnehmen wollte.
So richtig zeichnete freilich weder der Franzose noch Herrmann, ob sie gleich den ganzen funften Akt uber dem Gemalde ihrer Gottin verplauderten: der Maler erbot sich, sie zu malen, lud Herrmannen zum Abendessen zu sich ein und versprach ihn en buste et en demi-figure gratis zu malen, wenn er ihm die Ehre verschaffte, ihr Portrat zu machen. Herrmann schlug nicht ab und sagte nicht zu; denn eben, als sie auf diesen Handel kamen, machten die Schauspieler ihre Verbeugung, und der Vorhang rollte herab: ohne die Ankundigung abzuwarten, drangte sich Herrmann ungestum durch die Bank, der Franzose hinter ihm drein: da standen sie beide an der aussersten Tur und lauerten! Es kamen rotgemalte und weissgetunchte Damen und gelbe, hustende Herren in Pelze gewikkelt, Laufer schwangen die Fackeln, Bediente kreischten mit rauhen Halsen den schlummernden Kutschern zu, die wartenden Herren klagten uber Kalte und ihre Damen uber Nasse, Kutschen rollten dahin, rollten daher; geblendete Fussganger krochen an den Wanden hin, den trampelnden Rossen zu entgehn; andre schrien, erschrocken, dass sie an Pferdekopfe rennten; hier lauschte ein frierender Liebhaber auf seine verzogernde Schone, dort ein brummender Ehemann auf die plauderhafte Gattin; hier wurde mit leisem Gezischel eine Nacht bedungen, dort um bessern Kredits willen eine bezahlt; ein gahnender Kopf klagte da uber die Langweiligkeit des Stucks und beschwerte sich, dass er nur zweimal im ganzen Trauerspiel gelacht habe; hinter ihm lobte eine empfindsame, seufzende Schone das Ruhrende des Schauspiels, sie war geruhrt worden, ach! geruhrt, dass ihr noch die Tranen uber die Wangen flossen; vor ihr drangte sich eine rauschende Franzosin am Arme ihres Anbeters voruber "Ah!" schrie sie, "cette piese m'a dechire le coeur" und brach in ein lautschallendes Gelachter aus, weil sie ihr zweiter Anbeter von hinten galant in die Seite knipp: ein deutscher Kritikus lachte des matten franzosischen Ausdrucks, der drei Einheiten und des tragischen Kreischens, und ein franzosischer bewies ihm mit hitziger Demonstration aus dem Batteux, dass die Franzosen die besten Trauerspieldichter auf der Erde sind: schone Eheweiber, die von dem handekussenden und scharrfusselnden Haufen ihrer Liebhaber Abschied nahmen, wahrend dass der Mann grunzend in der Kutsche auf sie harrte: schnatternde Franzosen und schweigende Deutsche ein verwirrter Haufen in mannigfarbiger Mischung quoll aus allen Turen hervor: das Gedrange wurde schon dunne: noch war Ulrike nicht da. Der Maler guckte jeden Augenblick mit langem Halse nach ihr, und Herrmann furchtete schon zitternd, dass er sie ubersehn habe. "Ah! voila notre Princesse!" schrie der Maler. Sie kam, aber o ihr guten Gotter! von einem Offizier gefuhrt: Herrmann wurde totblass vor Schrecken. Sie sprach sehr munter mit ihrem Fuhrer, ohne sich umzusehn: der Offizier nahm mit einem Handekuss Abschied, und sie schwang sich federleicht in den Wagen hinein. Nun hatte der arme ubersehene Herrmann nichts Geringers zur Absicht, als dem Wagen aus allen Kraften nachzulaufen, um ihre Wohnung zu erfahren: er sprang also die Treppe hinunter, der Maler ihm nach. "Ecoutez, Monsieur!" rief er und ergriff ihn bei dem Rocke: der brennende Verliebte riss sich los, dass alle Nahte des Kleides prasselten, und nun in einem Galoppe hinter dem geliebten Wagen drein! Von Neid und Besorgnis uber den Offizier gequalt, von der Fackel des aufstehenden Bedienten mit einem gluhenden Pechregen ubersprutzt, keuchend und stolpernd, setzte er den langen Lauf standhaft fort, durch Pfutzen, Kot und Schlammhaufen, dass bestandig ein feiner Hagelregen von Unflat auf sein Gesicht und Kleidung herabsturzte: der Weg ging durch die Konigsstrasse uber die Brucke hinweg und noch durch einige Strassend der Vorstadt. Der Wagen hielt: Ulrike eilte mit ihrer jungen Begleiterin lachend und schakernd die breite Treppe hinan.
Sich in so hochst beschmutzter Gestalt in ein so schones Haus zu wagen, dazu gehort viel: aber seinem Wunsche so nahe, sich uber so mannigfaltige Unruhen und Besorgnisse kein Licht zu verschaffen und ganz unverrichteter Sache wieder abzuwandern, dazu gehorte noch mehr: er entschloss sich kurz und wagte sich die Treppe hinan. Bediente liefen geschaftig mit dem Abendessen, mit Tellern und Lichtern auf dem Vorsaale hin und wider: er erkundigte sich bei einem nach der Gouvernante der Fraulein. "Die Mamsell Herrmann?" fragte der Bediente, "eine Treppe hoher, uber den Flur weg, rechts, am Ende die grosse Tur hinein, uber den Saal linker Hand die dritte Tur!" plappernd sprach er dies und ging seinen Weg.
Himmel! das war eine Tagreise: Er wiederholte sich die angezeigte Marschroute und wandelte die Treppe hinan, den ganzen langen Flur durch itzt horte er Ulrikens Stimme, die grosse Tur offnete sich, sie kam heraus, ihr Fraulein an der Hand, schakernd und lachend: sie erblickte Herrmanns beschmutzte Figur, dicht an die Wand gedruckt, sah halb schuchtern, mit gerecktem Halse stillstehend, nach ihm, erkannte und erschrak, dass sie aus aller Fassung geriet. Die junge Fraulein besturmte sie mit einer kindischen Frage nach der andern, wer es sei, und druckte sich furchtsam mit dem Kopf an Ulrikens Seite: es antwortete ihr niemand. Endlich brach Herrmann das minutenlange Stillschweigen und berichtete, dass er die Ehre habe, der Mamsell Herrmann einen Brief zu uberbringen. "Gleich, Herr Vetter!" rief Ulrike: dort flog sie hin.
Herrmann freute sich seiner verliebten List und der glucklichen Gemutsfassung, womit er sie ausfuhrte: er musste lange warten. Itzt schwebte seine Gottin in dem seidnen, schlanken Anzuge, leicht wie auf den Fittichen der Luft, durch den dammernden Korridor daher: ihr gluhendes Gesicht leuchtete von fern wie der aufgehende Mond hinter rotlichen Abendwolken. Vom Laufen erschopft, bat sie ihn, ihr zu folgen. So zeremonios wie einen Fremden, fuhrte sie ihn in ihre Stube; und nun weg waren alle Komplimente! Sie warf sich ihm um den Hals, er ihr; ihr Gesicht lag auf seiner Schulter, das seinige an der ihren: "Willkommen, Herzensheinrich!" schluchzte sie in sein Kleid hinein, "tausendmal willkommen, Herzensulrike!" antwortete er mit der namlichen Dumpfheit der Stimme.
Ulrike riss sich los. "O dass ich dich habe!" rief sie. "Dass ich dich hier habe, wo uns niemand kennt, niemand hindern kann!"
Herrmann. Wohl mir, wohl wie im Himmel, dass ich dich habe! Aber wehe uns, wenn wir uns nicht behalten durfen!
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, mache mich nicht wehmutig! Wozu denn nun itzo das Flennen? Ich war so lustig, ich hatte mogen uber Tisch und Stuhle wegspringen: da schlagst du mir gleich meine Wonne mit deinem schwermutigen 'Wehe!' danieder. Ich glaube, die Freude macht dir den Kopf wirblicht. Besinne dich doch! Ich bin ja da: was willst du denn weiter?
Herrmann. Glucks genug! so wahr ich lebe, Glucks genug! Aber du weisst nicht, was ich furchte! doppelt furchte!
Ulrike. Was hast du denn so Furchterliches zu furchten? Und gar doppelt? Also zum ersten?
Herrmann. Man sucht dich: Onkel und Tante wissen, dass du hier bist: sie versprechen demjenigen, der dich findet, zehn Dukaten
Ulrike. So wohlfeil bin ich ihnen?
Herrmann. Noch mehr! Jemand, dem nach diesem Preise lustet, gibt entehrenderweise vor, dass er dich in einem schandlichen Hause gesehn habe, und verspricht, dich zu liefern Er schwort, dass diejenige, die er genau kennen will, deinem Portrate, das der Onkel an einen Kaufmann geschickt hat, damit er dich nach ihm finden soll , dass jene Person deinem Portrat auf ein Haar ahnlich sieht; und sobald sie in seiner Gewalt ist, wird sie fortgeschickt.
Ulrike. Lass sie schicken! lass sie schicken! Ich wollte, dass sie mir wie aus den Augen geschnitten gliche.
Herrmann. Aber bedenke, Ulrike, welchem Rufe dich diese falsche Nachricht aussetzt! wie der Graf zurnen wird, wenn er sich so schandlich hintergangen sieht!
Ulrike. Lieber Heinrich, das sind zwei Sachen, an die wir wahrhaftig nicht denken mussen, wenn wir Lust haben, uns zu freuen. Ein Madchen, das ihrer Tante heimlich entlaufen ist, muss mit dem Rufe vorliebnehmen, der ihr zuteil wird: wenn sie sich nicht damit trosten kann, dass sie keinen bosen verdient, so muss sie zu Hause bleiben, in ein Stift gehen oder einen Stock heiraten, wie ihn der liebe Gott beschert. O Heinrich! mannigmal mitten in meiner Lustigkeit sticht mich's wie ein Dorn am Herze, wenn mir der Gedanke durch den Kopf fahrt, dass ich von allem dem Kummer und Herzeleid und Zank und Larm die Urheberin bin: aber der Schritt ist einmal geschehn: ja, Heinrich, so sehr ich dich liebe, sollt ich ihn noch tun, ich bedachte mich. Ein entlaufnes Madchen und ein luderliches werden gar leicht miteinander verwechselt und dann! so schuchtern wie ein gescheuchtes Reh herumzuirren, immer furchten, dass man gehascht wird, zwischen Schimpf und Misshandlung eingesperrt Gott weiss es, ein trauriges Leben! O Heinrich! Heinrich! weinen sollten wir, nicht lachen: ich schien mir nur glucklich, weil ich nicht an unser Ungluck dachte.
Herrmann. Du schienst dir's nur? Du bist's! Aber ich ich werd es nie.
Ulrike. Warum nicht? Leidest du Not? Heinrich, sprich! Du Verzagter, so harme dich doch nicht! Ich habe Geld, Geld in Menge, Geld, ich weiss nicht wohin damit! ich will dich kleiden, will deine Taschen fullen, will herzlich gern Pelz und alle Kleider verkaufen, wenn dir's nicht genug ist: sprich! und der Jude soll gleich da sein: nur angstige mich nicht und sage, dass du unglucklich bist!
Herrmann. Ulrike, ich bin glucklich bei dir, mit dir, durch dich: aber in meinem Herze fasst auch dies Gluck keine Wurzel. Nimm ihm so viele Leidenschaften, die es zusammenpressen, dass mir der Atem vergeht, die Begierde, die mich immer vorwarts zieht, die mich an die Zukunft fesselt und die Gegenwart nicht fuhlen lasst! dann erst machst du mich fahig, glucklich zu sein.
Ulrike. Sage mir nur, woher dir die unselige Laune kommt! Du warst sonst so munter: ich wette, du bist bei dem Doktor Nimmersatt oder wie dein Doktor in Dresden hiess so angstlich geworden. Was bekummert dich die Zukunft? Wir konnen ja kaum mit der Gegenwart zurechtekommen. Mache nicht, dass ich auch zum Murrkater werde! hernach ist's gar mit uns aus. Wir haben so nicht viel Freude zuzusetzen.
Herrmann. Aber sage mir nur, Ulrike, wo ich die Freude hernehmen soll! Ein elender Kaufmannsbursch, vom Morgen bis zum Abend dem Befehle und Zwange unterworfen, zu widrigen, langweiligen, schlechten Verrichtungen genotigt, der es kaum wagen kann, dich zu lieben, sobald er bedenkt, was er ist ein Unglucklicher, dem nichts auf der Welt gelingt, ohne Beruf, ohne Stand, ohne Ehre, ein Verachteter, Herabgesetzter, ein Irrlaufer, der seine Bestimmung sucht und sie nie finden kann , solch ein Kind des Unglucks soll sich freuen? Wie kann das Ross springen, wenn es im Karren ziehen muss?
Ulrike. Warte, armer Heinrich! warte, ich will dich ausspannen. Sage deinem Kaufmann noch heute, dass du nicht langer sein Junge sein willst. Ich habe jahrlich zweihundert Taler, alle Bedurfnisse frei und bekomme Geschenke uber Geschenke: die zweihundert Taler sind dein, ganz dein: miete dir eine Wohnung, lebe fur dich! Freunde und Patrone will ich durch unser Haus schon fur dich finden; und dann ist uns beiden geholfen: was sollen wir weiter? Du armer, lieber Kaufmannsjunge! wie bist du denn in das Leben geraten, da du keinen Gefallen daran findest? Warum bist du so misstrauisch gewesen und nicht gleich, wie du gingst und stundst, nach Berlin gekommen, als ich dir schrieb?
Herrmann. Als du mir schriebst? Nicht eine Zeile von deiner Hand hab ich empfangen.
Ulrike. So ist doch wahrhaftig dein Doktor des Hangens wert. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft in Berlin hab ich dir mit dieser meiner rechten Hand geschrieben, dass du nach Berlin kommen sollst, und dir ein Haus angezeigt, wo wir uns finden wollten. Gut, dass ich damals meine itzige Station noch nicht hatte! Den Brief hat der unselige Doktor aufgefangen und der Oberstin zugeschickt
Herrmann. Zuverlassig! denn Schwinger berichtete mir, dass die Oberstin deinen Aufenthalt ausgekundschaftet habe Ulrike. Und Tante Sapperment hat den aufgefangenen Brief an die Tante Grafin geschickt Herrmann. Und der Oberstin Brief ist in die Hande des Grafen geraten, das schrieb mir Schwinger Ulrike. Und nun hat der Graf mein Portratchen hergeschickt, um mich aufsuchen zu lassen Herrmann. Und nun hat sich jemand gefunden, der dem Portrat ahnlich sieht Ulrike. Und diesen Jemand wird man statt meiner dem Grafen schicken. Das ist die ganze Geschichte Wort fur Wort, als wenn ich ihr zugesehn hatte. Herrmann. Gewiss, das ist sie! O der Freude, dass uns das Gluck so wohlwill! Ulrike. Uberglucklich sind wir! Bedenke nur, was das fur eine Lust sein muss, wenn sie denken, sie haben Ulriken im Garne und pah! da kommt ein Jungferchen heraus, das sowenig ihre Ulrike ist wie der Karpfen, den wir heute gegessen haben! Herrmann. O welche kostliche Szene! Ich muss lachen, wenn gleich der Kopf darauf stunde. Sie lachten auch beide so herzhaft und priesen den glucklichen Zufall mit so vieler Frohlichkeit, dass sie den Bedienten nicht kommen horten, als er mit dem Tischzeuge anlangte, um zu decken. Sobald sie ihn gewahr wurden, nahmen sie wieder die Miene des Zwangs und der Fremdheit an.
Ulrike. Herr Vetter, Sie werden mir die Ehre erzeigen und heute bei mir speisen.
Herrmann. Wenn Sie erlauben, Mamsell, werde ich die Ehre haben, Ihnen Gesellschaft zu leisten.
Man schwieg; der Bediente deckte, ging: und nun laute Freude und inniges Gelachter uber die komplimentarische Betrugerei!
Ulrike. Ich habe dir deinen Namen den ganzen Weg uber gestohlen: um des Diebstahls willen verklagst du mich wohl nicht? Ich kriege ja doch den Namen einmal: was schadet's, ein paar Jahre fruher, als er mir von Gott und Rechts wegen zukommt?
Herrmann. Ich mochte, dass er dir schon itzt vor aller Welt zukame! Aber warum ein paar Jahre fruher? Nunmehr konnen wir die Entfernung unsers Glucks nur nach Wochen berechnen.
Ulrike. Du hast recht, Heinrich. Was das fur eine alberne Rechnung war, die ich machte! Du hast recht: was will uns denn nun hindern? Der Graf kriegt ehester Tage eine Ulrike: wenn's auch gleich nicht die Rechte ist, was liegt denn daran? Er mag sie dafur behalten und ihr alle seine Gnade und seinen Zwang schenken. Nun sind wir ja alle befriedigt: er hat eine Ulrike und ich meinen Heinrich. O du allerliebster Kaufmannsjunge! wir sind glucklich wie die Engel!
Herrmann. Glucklich, dass mein Herz vor Wonne schmelzen mochte!
Der Bediente unterbrach abermals ihre Freude: er brachte die Suppe.
Ulrike. Wollen der Herr Vetter die Gewogenheit haben, Platz zu nehmen?
Herrmann. Ich werde das Vergnugen haben, Ihnen gegenuberzusitzen.
In diesem Tone mussten sie sich wahrend der Suppe erhalten, weil sie der Bediente nicht verliess. Das war eine druckende Last: Ulrike machte ihm also weis, dass seine Gegenwart anderswo notig ware und dass er deswegen das ganze ubrige Essen zugleich aufsetzen sollte: das alte, faule Geschopf liess sich so etwas mit Freuden uberreden und folgte ihrem Rate. Nun sahen sie sich sicher und frei: aber ihre Herzen waren zu uberstromend voll, dass sie noch lange schwiegen und viel zu reden glaubten, weil sie innerlich mit sich selbst sprachen. Bei Ulriken loste sich zuerst die Zunge.
"Es ist mir schon lange eingefallen", fing sie an, "ob mich nicht die Frau verraten haben mochte, die mich von Leipzig nach Dessau brachte. Vergeblich hab ich zwei Tage in Leipzig auf dich gewartet: hast du mein Billett vor meiner Abreise von Dresden nicht empfangen?"
Herrmann. Empfangen, aber unglucklicherweise durchaus verwischt! Nachgeflogen war ich dir; aber das fatale Blatt sagte mir alles, nur den Ort nicht, wohin ich sollte. Wie konntest du so ein Wagestuck unternehmen?
Ulrike. Es hat mich Uberwindung genug gekostet. Man schrieb mir, meine Mutter ware schon unterwegs, um mich ins Stift abzuholen: einen so nahen Besuch konnt ich unmoglich abwarten: ich ersah mir die Gelegenheit und wischte fort. Ich hatte mir schon lange vorher vorgenommen, wenn die Saiten zu hoch gespannt wurden, nach Berlin zu gehn und mich als Kammermadchen zu vermieten. Tante Sapperment hat eine alte Landkarte von Obersachsen, auf Leinwand geklebt und noch vom seligen Herrn Gemahle angekauft: itzt wird sie zuweilen statt des Strohtellers unter die Schusseln gelegt: auf dem alten berussten Blatte suchte ich mir den Weg nach Berlin zusammen. Eine Kappe uber den Kopf, ein Reisebundelchen am Arme, in Saloppe und Neglige wanderte ich zum Tore hinaus: meine Tante war zum Souper gebeten, Hans Pump ausgegangen, die Kochin in ihrer Kammer: es ging mir alles nach Wunsche. In der Vorstadt treffe ich einen Bauerwagen, der vor einem Wirtshause halt. "Willst du denn noch so spat nach Hause, Gurge?" fragte ein Mensch, der vermutlich der Hausknecht oder gar der Wirt sein mochte, und trank dem Bauer einen Krug zu. "Ja", antwortete Gurge, "es ist aber heint verzweifelt dunkel." "Narr! du wirst dich doch wohl nicht furchten?" fing jener wieder an. "Bis Wilsdruf ist's ja nicht aus der Welt." Die Nachricht war mir gar sehr gelegen: da der Wirt gute Nacht gesagt hatte, ging ich leise zu dem Bauer hin und bot ihm einen guten Abend. "Gurge, willst du mich mit nach Wilsdruf nehmen? Ich gebe dir einen Gulden." Gurge lachte und wunderte sich, dass ich ihn so genau kannte. "Wer ist Sie denn?" fragte er. Eine Pfarrerstochter aus Meissen: ich will eine gute Freundin besuchen. "Ist Sie denn schwer?" fragte der drollichte Schaker und hub mich in die Hohe. "Ach! dass mich das Schafchen bisse! Das ist ja eine Feder: Sie wird mir die Pferde nicht lahm machen" und mit diesen Worten warf er mich so leicht wie ein Bundel Stroh in den Wagen hinein, machte mir einen Sitz und gute Nacht Dresden! Mir klopfte mein Herz, dass ich dachte, die Schnurbrust wurd es nicht halten konnen. Im Tore raffte ich mich, so gut es sich tun liess, zusammen, zog die Kappe tief uber das Gesicht, dass man nicht viel sehen konnte, ob man mir gleich ins Gesicht leuchtete: ich antwortete richtig auf alle Fragen, und kam mit meiner Erdichtung durch. Heinrich, wie froh ward ich, da wir ausser dem Schlage waren! Die Furcht sass zwar hinter und vor mir und auf allen Seiten, und mein armes Herz pochte wie eine Uhr. Jeden Augenblick dachte ich: itzt wird man mich zu Hause vermissen! itzt wird man mir nachschicken! Das beste war, dass die Oberstin den Abend vor zwolf nicht nach Hause kam und mich vermutlich im Bette glaubte: demungeachtet war mir nicht wohl dabei zumute. Ich ermahnte und bat den Bauer instandigst, hurtig zu fahren: allein er meinte, wir hatten ja nichts zu versaumen, zundete sich ein Pfeifchen an und kam zu mir in den Wagen. Wie ward mir nun vollends bange! die Stricke, woran er die Pferde lenkte, band er sich an den Fuss und beliebte, sich und mir die Zeit mit einer galanten Schakerei zu vertreiben: er schlang seine plumpen Arme um meinen Leib
"Der Bauerkerl!" unterbrach sie Herrmann erhitzt.
Ulrike. Ja, ja, lieber Heinrich! der Bauerkerl! wenn du eifersuchtig werden willst, warte nur: es wird bessere Gelegenheit dazu kommen. Sieh, du Eifersuchtiger! so schlang er die plumpen Arme um mich, wie ich dich itzt umfasse.
"Ha, ha, ha", fing er lachend an, "dass dich alle Rotkehlchen! Sie ist ja so dunne wie mein kleiner Finger. Sie nehm ich in die Hand und trag Sie bis nach Leipzig und Merseburg. Wie konnt Sie denn nun so dunne sein? es ist ja gar nichts an Ihr." Als er vollends meine Hand ergriff, brach er in lautes Lachen aus und walzte sich vor spottender Verwunderung. "Ach, dass du mir nicht aus der Haut hupfst!" rief er. "Das Patschchen ware mir, mein Seel! kaum ein Bissen zum Morgenbrote. Dass dich alle Nachtmutzen! was das fur Fingerchen sind! Es ist, hol mich der Six! als wenn einem vier Regenwurmer in der Pfote lagen." Dass er nichts an mir nach seinem Geschmacke fand, war mir sehr angenehm: aber zum Unglucke zog er bei dem heftigen Ausdrucke seines Erstaunens den Strick mit dem Fusse bald hierhin, bald dorthin, und die Pferde wurden wider seinen Willen eine Anhohe hinaufgelenkt, dass sich der Wagen schon zu legen anfing: ich schrie, und der Tolpel lachte aus allen Kraften. Endlich verstummte sein Spass: er legte sich, so lang er war, neben mir hin und schnarchte, dass die Toten hatten erwachen mogen. Bei mir war an keinen Schlaf zu denken: immer stellte sich mir meine Entlaufung als etwas Schimpfliches, etwas Strafbares vor, immer deuchte mir, als ob mich jemand vom Wagen risse: meine Angst drangte mich so gewaltig, dass ich mehr als einmal herabspringen und zu Fusse nach Dresden zuruckgehn wollte. Die Dunkelheit, die Gefahr des Umwerfens denn der Wagen hing bald auf diese, bald auf jene Seite , meine innerliche Beklemmung! O Heinrich! das war eine schreckliche Nacht! Dunkle und lichte Wolken hingen uber mir wie grosse Riesen mit flammenden Schwertern, die auf mich herabzusturzen und mich fur meine Unbesonnenheit zu strafen drohten. Gegen Mitternacht fing der Wind an zu pfeifen und zu brausen, und die grossen, dicken Wolken liefen wie grosse, ungeheure Elefanten und Lowen und Trampeltiere uber den Mond weg: bald sah die ganze Gegend im schnellabwechselnden Mondscheine wie ein Kirchhof aus, voller Graber und weisser Leichensteine: bald bildete ich mir ein, dass die Pferde in einen grossen Teich hineinstolperten: ich schrie und weckte meinen Gurgen auf, der mich schnarchend versicherte, es ware weisser Sand. Etlichemal erschrak ich bis zur Todesangst: ein schwarzer, langer Mann lehnte am Wege dort: die Pferde gingen gerade auf ihn los; ich wollte sie immer weglenken. Das ist ein Rauber, ein Morder! dachte ich: die faulen Pferde gingen sogar langsamer, da wir ihm nahe kamen, als wenn sie's mit ihm abgeredet hatten, damit er mich desto besser auf den Kopf schlagen konnte. Der Wagen war noch einige Schritte von ihm, so schoss plotzlich eine schwarze Figur dicht an mir vorbei uber den Wagen weg: ich bebte und konnte nicht schreien, als wenn mich der Morder schon bei der Kehle gepackt hatte. Nach einigen ahnlichen Auftritten kam ich dahinter, dass meine Morder Baume und die schwarzen Figuren, die uber den Wagen dahinliefen, Schatten von Wolken waren, die der Wind uber den Mond jagte. Oft schien die ganze Gegend ringsherum von Menschen zu wimmeln: sie hupften, sie sprangen, sie tanzten, manche schwarz, manche weiss: die weissen fletschten die Zahne, und zuletzt wurden es in meinen Augen leibhaftige Totengerippe: ich horte die Knochen klappern, wenn sie im Tanze aneinanderstiessen: sie kamen immer naher, immer naher: die Zahne klapperten mir vor Furcht wie den Toten die Knochen; und dabei fuhren die langen Schatten immer unter ihnen durch wie schwarze Teufel, die sie wegfuhrten. Deine, des Onkels, der Tante Stimme hab ich unaufhorlich im Winde gehort: Tante Sapperment fluchte, und du riefst mir nach: "Warte, warte Ulrike!", ich horte dich keuchen, dich auf den Wagen springen: ich erwachte und erkannte meine Vorstellungen fur Traum oder Wind.
Ein neues Ungluck! Mein Bauer wachte auf und versicherte, als er sich umsah, dass seine Pferde den Weg verfehlt hatten: er ging einen Fleck voraus, um gewissere Nachricht einzuziehn, und brachte keine bessere zuruck, als dass wir auf einem falschen Wege waren. Dafur wurden dann die armen Tiere trefflich ausgescholten, aber nicht bestraft: es war nichts zu tun, als gerade bis zu einem Dorfe fortzufahren. Es geschah: wir langten nach einer beschwerlichen Fahrt uber Stock und Stein in einem Dorfe an und erfuhren vom Nachtwachter, dass unser Umweg nicht weniger als zwo Stunden betrug. Mein Gurge lachte von Herzen uber den Eselsstreich, wie er es selbst nannte, und beteuerte seinen Gaulen, dass sie's nicht dummer hatten machen konnen, wenn sie gleich Esel waren. Demungeachtet bekamen sie ein kleines Futter, und erst am Morgen trafen wir in dem Stadtchen ein: hier erfuhr ich, dass mein Gurge der Knecht eines dortigen Burgers war; denn er bat sich meinen Gulden aus und brachte mich zu Fuss in ein Wirtshaus, damit es sein Herr nicht gewahr wurde, dass er sich nebenher mit seinen Pferden etwas verdient habe. "Hol mich der Six! er zieht mir's am Lohne ab" sprach er und empfahl mich der Wirtin zu guter Pflege.
Sonst hielt ich's immer fur eine leichte Kunst, in die Welt hineinzulaufen: aber wie schwer fand ich sie itzt! Die Wirtin meinte es ausserordentlich gut mit mir und bereitete mir das kostlichste Fruhstuck, das sie aufbringen konnte; aber, aber! jeder Tropfen wurde mir Galle, jeder Bissen ekelhaft: alles Geschirr war reinlich, aber war's nicht genug fur mich. Ich hatte mich auf dem offnen Wagen die Nacht hindurch erkaltet, war wie zerschlagen am ganzen Leibe, spurte Mattigkeit und Hitze in mir und bat mir deswegen ein Bette aus, auf welches ich mich warf, ohne Fruhstuck noch Nachsetzung zu achten. Die gute Frau sah mich immer bedenklich an und tat Ausruf uber Ausruf wegen meiner Blasse. Schlaflosigkeit, Wind, Herumschutteln des Wagens und Erkaltung hatten mich wirklich so bleich gemacht, dass ich vor mir selbst erschrak, als ich in den Spiegel sah. 'Was soll das werden?' dachte ich. 'Erst eine Nacht, und schon so mitgenommen! Aber was hilft's? Soll der Vogel von selbst wieder in den Kafig fliegen, wenn er einmal heraus ist? Nein! ich muss nach Berlin oder unterwegs umkommen.' Ich war an der Stubentur einen Postbericht gewahr worden und las darinne, dass eine Post nach Leipzig den namlichen Tag von Dresden abging: ich erkundigte mich naher bei der Wirtin darnach. "Ja, meine Scharmante", sagte sie, "diesen Nachmittag kommt sie hier an" und zu gleicher Zeit erbot sie sich, alles fur mich zu besorgen.
Ich hatte nicht lange auf dem Bette zugebracht, als die Frau zu mir leise herankam und mich fragte, ob ich schlief. Sie tat allerhand seltsame Fragen an mich, die ich ausserst kurz oder gar nicht beantwortete, sie fuhlte mir an den Puls, an die Backen, an das Herz, an die Fusse und schuttelte jedesmal mit dem Kopfe, und jedes Kopfschutteln wurde mit einem tiefgeseufzten "Ei! ei!" begleitet. Der Ton und die Fragen verdrossen mich, und ich fragte, was sie hatte. "Ach, meine Scharmante!" fing sie an, "ich habe ein Anliegen: Sie werden mir meine Vorwitzigkeit zugute halten; ich habe ein Anliegen." "Was denn?" "Sie sind von Dresden?" Ich wusste nicht, ob ich Ja oder Nein antworten sollte. "Ich komme daher", sprach ich. "Legen Sie mir doch meine Vorwitzigkeit ja nicht ubel aus, meine Scharmante! Sie sehn mir sehr blass aus, uberaus blass." "Darf man denn nicht blass aussehn, wenn man von Dresden kommt?" fragte ich etwas empfindlich. "Ei! ei! Ja! ja!" Das war die ganze Antwort. Ich versicherte sie, dass sie mich bose machen wurde, wenn sie ihr Anliegen nicht geradeheraus sagte. "Um Gottes und aller Welt willen nicht, meine Scharmante!" rief sie, "bose mussen Sie nicht werden: das konnte Ihnen gar leicht Schaden tun. Haben Sie denn etwa, da Sie von Dresden kommen aber Sie mussen meine Vorwitzigkeit ja nicht ubel deuten , haben Sie denn etwa so etwas aufgeladen?" -"Was meint Sie damit?" "Sie sind doch noch Jungfer, dass ich Ihnen nicht etwa Unrecht tue: oder haben Sie schon einen Mann?" "Nein!" antwortete ich, ohne sie recht zu verstehn. Endlich tat sie eine so deutliche Frage an mich, die ich schlechterdings verstehen musste und die mich so entsetzlich aufbrachte, dass ich sie gehn hiess und ihr unwillig den Rucken zukehrte. Die Frage der Frau erlaubte mir nicht, ein Auge zuzutun, so mude ich war: ich argerte und harmte mich uber den schrecklichen Verdacht und stellte mir die Nachreden vor, die ich mir in Dresden zugezogen haben wurde, und was fur gefahrliche Mutmassungen ich noch in Zukunft erregen konnte. Ich weinte vor Schmerz und Kummer, verbarg das Gesicht in dem Kopfkissen vor Scham, ich konnte vor Beklemmung kaum atmen: ich fuhlte einen wirklichen Fieberschauer. 'O Gott!' dachte ich, 'wenn du vor Krankheit hierbleiben musstest! man fande dich! holte dich zuruck und sperrte dich wie eine Gefangne auf immer in ein Stift ein! oder zwange dich, einen Pinsel zum Manne zu nehmen, damit du nicht wieder entlaufen konntest!' Die Vorstellung war mir so furchterlich, dass ich aufstund und in der Stube auf und nieder ging und immer davonlaufen wollte, als wenn ich meiner Angst dadurch entlaufen konnte.
"Arme Ulrike!" sprach Herrmann vor Mitleid. "Wie gern hatt ich deine Angst fur dich tragen wollen."
Ulrike. Indem ich so herumirrte, kam die Wirtin mit einer Flasche Branntewein und zwei Glasern, schenkte ein und reichte mir das Glas. "Meine Scharmante!" fing sie an, "Sie waren vorhin auf meine Vorwitzigkeit bose: kommen Sie, wir wollen den Groll zusammen vertrinken." Ich wollte nicht, aber ich musste einen Schluck tun: die Magd brachte Backwerk, und ich entschloss mich zum zweiten Schlucke, weil mir der erste merkliche Dienste getan hatte. Sie lobte die Gute ihres Tranks und erzahlte, wieviel Wunderkuren sie schon damit verrichtet hatte, trank dabei so reichlich, als wenn sie sich von Grund aus kurieren wollte, und kam allmahlich auf die Heiratsgeschichte ihres verstorbnen bucklichten Mannes. Sie wurde so aufgeraumt, und ihre Erzahlung war so lustig, dass ich meine ganze Angst daruber vergass: die dicke Frau fing an zu tanzen vor Aufgeraumtheit und sang sich mit einem klaren, pfeifenden Stimmchen dazu: der Anblick war komisch, um in Todesnoten daruber zu lachen. Ich musste sie bitten, mich zu verlassen; denn das Lachen und das starke Getranke machten mich so schlafrig, dass ich den Kopf nicht aufrecht halten konnte. Ich legte mich und schlief glucklich ein. Bei Tische ass ich mit einem Appetite, als wenn ich bei dem Onkel zu Tafel ware: die Frau Wirtin erzahlte mir ihre Ehe mit dem bucklichten Manne lauter drollichtes Zeug! Mir war so wohl, dass ich mich munter und frohlich des Nachmittags auf die Post setzte: meine Gesellschaft
Eben kam ihr Fraulein vom Essen zuruck, und man musste die Erzahlung abbrechen und wieder fremd tun. Uberdies war es schon sehr spat, und Ulrike bat, dass sich der Vetter morgen gegen Abend wieder zu ihr bemuhen mochte, um ihre Antwort auf den uberbrachten Brief abzuholen. Er empfahl sich sehr hoflich und ging.
Zweites Kapitel
Herrmann erhielt bei seiner Ankunft zu Hause, wohin er erst nach stundenlangem Herumirren den Weg fand, von seinem Kameraden die Nachricht, dass der Diener schon die zehn Dukaten verdient und das Madchen ins Haus gelockt habe, wo sie heute ubernachte: dabei berichtete er auch den Unwillen des Herrn uber sein langes Aussenbleiben und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung, dass der Herr willens sei, ihn mit dem Madchen wieder nach Hause zu schicken.
Den Morgen darauf bestatigten sich alle diese Nachrichten: der Kaufmann liess ihn zu sich auf die Stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor, dass er nicht zum Kaufmanne tauge und fur ihn insbesondere ganz unbrauchbar sei: er habe also sich schon langst vorgenommen, ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von sich zu tun, allein da sich ihm itzt eine so bequeme Gelegenheit darbiete, wieder nach Hause zu seinem Freunde Schwinger zu kommen, so solle er sich in Bereitschaft setzen, diesen Nachmittag mit abzufahren. -"Die Anverwandtin des Grafen", setzte er hinzu, "ist gefunden: ich habe sie niemals gesehn, weil sie schon in Dresden war, als ich mich wegen meiner Geschafte auf seinem Schlosse aufhielt. Wir sollen sie nicht merken lassen, was mit ihr vorgeht: ich habe ihr also eine Lustreise vorgeschlagen denn so hat es der Graf ausdrucklich verlangt , sie hat die Partie angenommen: mein Kuffer wird in dem Tore heimlich hinter der Kutsche aufgepackt; und hab ich sie nur einmal ein paar Stunden von der Stadt, so soll sie schon reisen mussen, wenn sie nicht im guten will. Du musst sie wohl kennen?"
Herrmann. Ja nicht sonderlich so ziemlich.
Der Kaufmann. Ich will sie dir hernach zeigen: aber dass du dich nicht von ihr blicken lasst! sie mochte sonst Argwohn schopfen. Sie hat sich mit dem Bordellwirte veruneinigt und ist, schon ein paar Tage her, fur sich in der Stadt herumgewandert: sie sieht hubsch aus, aber es ist ein erzluderliches Tier. Wenn ich wie der Graf ware, ich liesse sie laufen und dachte gar nicht daran, dass sie meine Verwandtin ist. Man muss aber das dem Grafen verschweigen: schreibe ja nichts an Schwingern davon, und wenn du nach Hause kommst, tu, als wenn du nichts davon wusstest! Sie ahnlicht zwar dem Portrat nicht ganz, aber wie sie gelebt hat! es ist ein Wunder, dass sie sich noch so ahnlich sieht. Es tut mir leid, dass wir nicht beisammenbleiben konnen: aber es ist vielleicht zu deinem Glukke: halte dich also bereit!
Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen fur sein Anerbieten und ersuchte ihn nur um die Erlaubnis, sich noch einen oder etliche Tage im Hause aufzuhalten: er habe schon langst Abneigung gegen Kaufmannsgeschafte in sich gefuhlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgetan, die er in einigen Tagen anzutreten und wodurch er Sekretar in einem angesehenen Hause zu werden hoffte. Der Kaufmann fragte nach dem Namen des kunftigen Herrn, und Herrmann nennte ihm einen Geheimerat, auf welchen sich jener freilich nicht recht besinnen konnte, weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte. Er musste noch ein paar Fragen von dahin gehorigem Inhalte beantworten, und er log sich glucklich aus der Verlegenheit heraus.
Eine gelungne Luge verleitet leicht zur zweiten. Der Kaufmann rief die vermeinte Ulrike zu sich in die Stube, und Herrmann musste sie aus dem Kabinette beobachten. Er fand wirklich einige Ahnlichkeit mit Ulriken an ihr, aber nur wer die rechte Ulrike nicht gesehn hatte, konnte die falsche mit ihr verwechseln. Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung; und das Gluck, die wahre Ulrike zu besitzen, und die Freude, einen Mann zu kranken, der ihn von jeher gehasst hatte, machte ihn so ubermutig keck, dass er versicherte, sie sei es leibhaftig. Nun war aller Zweifel bei dem Kaufmanne gehoben.
Dreimal, viermal glucklicher Herrmann! Kaum vermochtest du dein Gluck zu fassen. Von lastigen Beschaftigungen befreit, mit den angenehmsten Aussichten auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt, am Grafen durch eine einzige Luge geracht, und vor allen Dingen in Ulrikens ungestortem Besitze! einer Verbindung mit ihr, wenigstens in Gedanken, nahe! ohne Furcht, ohne Besorgnis, entdeckt, verfolgt, getrennt zu werden! in der schonsten glanzendsten Stadt Deutschlands! wenn das nicht dem Gluck im Schosse sitzen heisst, was soll es denn sein?
Sein Gluck sollte noch hoher wachsen: gegen Mittag kam eine Frau und brachte ihm folgenden Brief von Ulriken.
den 27. Jan.
Freude, Freude, lieber Heinrich! Wir kommen einander immer naher. Ich habe heute mit Madam Vignali Deinetwegen gesprochen: sie will Dir, meinen Fenstern gegenuber, in ihrem Hause ein Zimmer einraumen, Dich mit Mobeln, Betten und allen ubrigen Bedurfnissen versorgen. So viel tut sie mir zu Gefallen; und wenn sie Dich kennt, will sie Dich, Dir zu Gefallen, bei sich speisen lassen. Sie sagte zwar: "Wenn ich ihm und er mir gefallt" aber das ist gar keine Frage. Das sagt ich ihr auch: "Er muss Ihnen gefallen, oder ", weiter wollt ich nichts sagen: aber es verdross mich, dass sie noch erst daran zweifeln konnte. Kurz stelle in der Minute den Schneider! Lass Dich herausputzen wie einen Prinz! Ich bezahle, und wenn mein Geld nicht zureicht, streckt mir Madam Vignali Hande voll vor. Ich freue mich schon wie ein Kind auf die erste Puppe, wenn meine Herzenspuppe, mein Heinrich, zum ersten Male im Degen, Chapeau bas, seidnem Futter, gestickten Knopfen, en herisson frisiert, wie ein Adonis vor mir erscheinen wird. Ob dich Dich kennen werde? Vielleicht nicht mit den Augen, aber mein Herz erkennt Dich gewiss: das hupft Dir gleich entgegen, sobald Du nur in die Stube trittst: es will itzo schon mit aller Gewalt zur Schnurbrust heraus, und wenn ich das narrische Ding frage, was ihm ist "er kommt! er kommt!" ruft es und will sich ganz vor Freude zerstossen.
Du musst mit Deinem Putze morgen fruh zustande sein; denn morgen mittag um zwolf Uhr sollst Du Madam Vignali aufwarten. Sie hat mich schon auf morgen zu Tische gebeten, und ich hoffe, dass sie selbst so gescheit sein und Dich auch einladen wird. Ich schicke Dir mit diesem Briefe hundert Taler, damit Du die notigen Unkosten bestreiten kannst; und nun, lieber Heinrich! kaufe, bestelle, lass nahen und arbeiten, und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen daruber zugrunde ginge: ich lass ihn begraben, wenn er sich zu Tode naht, und setze ihm auf seinen Leichenstein: 'Ein wackrer Schneider! er nahte hurtig und starb wie ein Held fur die ungeduldige Liebe.' Kann denn ein Schneider wohl eines edleren Todes sterben?
Vermutlich mochtest Du gern wissen, was diese so oft genannte Madam Vignali fur ein Geschopf ist! Ich will Dir's sagen, lieber Heinrich, wahrend dass sich Frau Hildebrand, die Uberbringerin dieses Briefs, die auch inskunftige unsre Botenfrau sein wird, ihre roten Finger an meinem Ofen auftaut. Rundheraus gesagt! es ist die Matresse meines Herrn: er halt ihrer drei, eine Italienerin, welches die hochbelobte Madam Vignali ist, eine Franzosin, die Mademoiselle Lairesse heisst, und eine Deutsche, deren eigentlichen Namen ich nicht weiss: weil mein Herr die deutschen Namen nicht leiden kann, hat er sie wegen ihrer rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt, und das ist nunmehr bei jedermann ihr Name. Jede von diesen drei Schonen wohnt in einem andern Teile der Stadt, und ist jede also eine halbe Stunde von der andern entfernt. Des Abends gibt meistenteils Vignali ein kleines Essen fur einen kleinen Zirkel guter Freunde, das der Herr von Troppau das Souper der drei Nationen nennt, weil die andern beiden, Lairesse und Rosier, allemal auch dabei sind. Sie leben sehr einig und freundschaftlich untereinander, besuchen sich oft und haben mich alle drei von Herzen lieb: die Hauptrolle aber spielt Deine kunftige Gonnerin, Madam Vignali, weil sie den meisten Verstand hat. Du wirst sie alle nach der Reihe kennenlernen und Dich herrlich bei ihnen befinden; denn sie sind bestandig lustig und guter Dinge. Nur Vignali ist ein wenig ernsthaft und will gern wie eine grosse Dame behandelt sein. Nimm Deine ganze Galanterie zusammen bei ihr; denn davon ist sie Liebhaberin; aber, Schelm! wenn Du mir nicht bei der Galanterie stehenbleibst! In ihrer und aller andern Gegenwart sind wir Cousin und Cousine; denn nun musst Du allmahlich anfangen, Dein Deutsch zu verlernen und alles franzosisch zu nennen, auch wenn Du deutsch sprichst. Madam Vignali wird franzosisch mit Dir reden, weil sie kein Deutsch kann: allein lass Dich das nicht anfechten! Ich habe sie schon vorbereitet, dass Du in der Sprache noch nicht geubt genug bist. "Ich will ihn schon unterrichten", sagte sie. Mit einer solchen Sprachmeisterin bist Du doch wohl zufrieden?
Ja doch! gleich, Frau Hildebrand! Ihre Finger konnen unmoglich schon aufgetaut sein. Die Frau drangt und treibt mich, dass ich vor Ubereilung tausend hochstnotige Dinge vergessen werde. Lass sie Dir einkaufen helfen: sie versteht sich auf die Preise und ist ehrlich.
Ich muss nur schliessen; denn sie treibt schon wieder. O Heinrich! wer hatte sich in Dresden so uberirdisch grosses, so ubermassiges Gluck traumen lassen? Wer hatte sich nur die Halfte so vieler, so entzuckender Freude vorgestellt? Ich bin auch so trunken, so wirblicht davon, dass ich taumle: ich glaube, ich phantasiere gar zuweilen. Die Leute sagen immer, dass die Liebe ernsthaft macht: Lugen! lauter Lugen! Mich macht sie so lustig, dass ich oft fur mich ganz allein lachen muss; und ich bin doch verliebt, das weiss der Himmel! Ich glaube, dass sich alle Liebe, die es nur auf der Welt gibt, in das kleine Fleckchen hier, in mein Herz, zusammengezogen hat. Ich merke auch gar nicht, dass sich jemand ausser uns liebt: hast Du jemanden gesehn? Nicht wahr? keine Seele! Die guten Leute konnen nicht: es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern wie auf der Strasse; denn die Madchen haben keinen Heinrich und die Junglinge keine Ulrike. Wen ich nur erblicke, der schielt mich an und seufzt in Gedanken: 'Ach, wer so glucklich ware wie die!' Sie dauern mich recht, die armen Leute.
Die ungestume Frau Hildebrand! fragt sie nicht schon wieder, ob ich fertig bin? O sie kann sich heute den ganzen Tag bei mir warmen, ich bin doch immer noch nicht fertig: aber ich will mir Gewalt antun, punctum. Lebe wohl.
Diesen Abend um funf Uhr hofft man die Ehre zu haben, den Herrn Cousin bei sich zu sehn. Es warten zwei Dinge auf dieselben, meine Reisebeschreibung und Deine
Deine Ulrike.
Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versaumt, die verlangten notigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen, dem Schneider doppeltes Macherlohn versprochen und alles ubrige doppelt so teuer eingekauft, als es weniger eilfertige Leute bezahlt hatten. Es schlug funfe, und der gluckliche Herrmann ging, stolz auf sein Schicksal, zur wartenden Ulrike.
Drittes Kapitel
"Hilf mir lachen, Ulrike", so trat Herrmann in ihre Stube. "Hilf mir lachen! vor einer Stunde ist dein Portrat und ein Gesicht abgefahren, das ihm wahrhaftig ahnlicher sieht, als ich glaubte, dass dir ein Gesicht sein konnte. Fort ist sie! Sie hat meinen gewesenen Prinzipal gebeten, ihr heimlich ein Kleid von seiner Frau zu geben: allein er ist es nicht eingegangen, sondern hat ihren ganzen Anzug vom Juden geborgt und fur die Bezahlung zu haften versprochen. Welche Lust! wie der Graf stutzen und sprudeln wird, wenn er eine falsche Ulrike bekommt! Der Kaufmann war sehr aufgebracht wider ihn, dass er nicht mit der Bezahlung innehalt: der Graf hat ihm von der versprochenen Summe nicht mehr als tausend Taler ausgezahlt: deswegen begleitet er seine Ulrike selber, um deinen Onkel zu mahnen und zu verklagen, wenn er nicht Richtigkeit macht."
Ulrike. Also geht's schon wieder schlimm? Die arme Tante Grafin! Wenn die nur nicht dabei leiden musste! das wird einmal ein Tranenvergiessen werden! Ihre Leiden gehn mir ans Herz! aber ich kann sie itzt unmoglich bedauern: ich musste mir's an meiner Freude abbrechen: das Mitleiden glitscht mir itzo nur uber die Seel weg; und wie die Betrubnis tut, davon weiss ich kein Wort mehr.
Herrmann. Das sollst du auch nicht! nimmermehr wollen wir das wieder erfahren! Seitdem ich dich wieder habe, ist mir jedermann verachtlich, elend, klein: die Leute auf der Strasse, wenn sie vor mir vorubergehn, kommen mir alle wie Zwerge vor: ich rage weit uber sie weg. 'Die nichtswerten Geschopfe!' denk ich: 'wozu leben sie? um in niedrigen, gewinnsuchtigen, langweiligen Geschaften herumzukriechen, bestimmt, des Lebens Last zu tragen und nie eine wahre Freude zu fuhlen. Lieben konnen sie nicht; denn es ist nur eine Ulrike.' Ich kann gar nicht begreifen, wie jemand sagen mag: "Ich liebe!", wenn er dich nicht lieben darf: alle die bewunderten Schonen alle sind sie gegen dich wie eine Nachtlampe gegen die Sonne: nicht eine Ader tut mir nach ihnen weh.
Ulrike. Bemitleide, beklage sie, die armen Geschopfe! was kann der Bettler dafur, dass er nicht so glucklich ist als der Reiche? Ich habe heute allen Leuten ins Gesicht lachen mussen, so komisch verdriesslich und ernsthaft sehn sie mir aus. Wenn ich mich nur einmal satt lachen durfte! Bei Tische brach es mir heute etlichemal heraus: ich verbarg es mit dem Schnupftuche, aber die Frau von Dirzau wurde es doch gewahr: sie fragte mich, was ich hatte; und zum Gluck besann ich mich auf ein lustiges Historchen, das mir eingefallen ware und das ich ihr erzahlte, um nur einmal frei herauslachen zu konnen.
Herrmann. Und mich muss die Freude zerstreut, verwirrt, abwesend machen; denn der Kaufmann beschwerte sich uber mich, dass ich ihm so verkehrt antwortete und immer nicht wusste, wo ich ware. "Du bist ja seit gestern gar zum Klotze geworden", sagte er mir: allein ich bat sehr instandig, mich mit dergleichen vertraulichen Benennungen zu verschonen, da ich nicht mehr die Ehre hatte, sein Junge zu sein "wie trotzig!" sagte er und wunderte sich. "Und das mit Recht!" sprach ich und ging. Auch deine Botenfrau klagte uber mich, dass sie nicht klug in mir werden konnte.
Ulrike. Bei mir hat sie noch mehr geklagt. Du misstrauischer Schelm! warum traust du ihr denn nicht? Sie ist eine recht gute Frau.
Herrmann. Ich traue niemandem als dir und mir. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass man sehr gut scheinen und doch ein Spitzbube sein kann.
Ulrike. O du hocherfahrner Heinrich! hat dich wahrend unsrer Trennung die Erfahrung so vorsichtig gemacht? Du musst wissen, dass wir dieser Frau unser ganzes Gluck zu danken haben. Hab ich dir nicht gestern schon von ihr erzahlt? Nein! Itzt besinne ich mich: ich setzte mich ja erst in meiner Erzahlung zu Wildsdruf auf die Post, als wir gestern gestort wurden.
Herrmann. In was fur Gesellschaft reistest du?
Ulrike. In herzlich schlechter! Sie hingen alle die Kopfe wie welke Maiblumen. Ein Kandidat, ein Kantor und ein Jager: sie waren fromm wie die Schafchen gegen mich; denn keiner redete ein Wort mit mir; und das war mir ganz gelegen: ich hatte mit mir genug zu sprechen. Gegen Abend schickte der Himmel einen gnadigen Regen, der das entlaufne Madchen so durchnasste, dass ich am ganzen Leibe eine Wasserflut wurde. Ich zitterte vor Kalte, fuhlte schauerhaften Fieberfrost, mein Mut war ganz dahin. Meine drei Gefahrten wickelten sich in Mantel und Uberrocke und verlangten gar nicht zu wissen, ob mich frore; nur der Postillion war so gutherzig und erkundigte sich nach meinem Befinden, erbarmte sich meiner und gab mir aus christlicher Liebe fur vier Groschen seinen Mantel bis zur nachsten Station. Dort liess man mir die namliche Milde gegen den doppelten Preis angedeihen. O Heinrich, beklage dein armes, entlaufnes Madchen! Die Strafe war wirklich zu hart. In einen gelben Mantel vom Kopf bis an die Knie gewickelt, unten in Stroh eingepackt, bald frierend, dass mir das Herz bebte, bald gluhend wie ein Feuerofen und bei der grossten Hitze noch innerlich schauernd vor Frost, sass ich armes Geschopf verlassen und allein die ubrige Nacht durch auf dem Wagen, und die Wolken stromten so ungeheure Fluten auf mich herab, dass Stroh und Fusse in Wasser schwammen: wie eine zarte, kranke Blume, vom Platzregen ersauft, in den Boden gedruckt, sass ich da, trauerte und weinte. Meine Seelenkummernis erwachte, Reue und Furcht vor der Zukunft qualten mich; und so wurde die unbesonnen verliebte Ulrike das Spiel eines doppelten Sturms! von innen und von aussen: ein krankes Schafchen, in einer menschenlosen Wuste!
Obgleich die ubrige Reise hindurch die Grausamkeit des Wetters nachliess, blieb ich doch krank und niedergeschlagen: langes Fasten, Mattigkeit, Ruckenschmerzen von der Erschutterung des rumpelnden Wagens, Ubelkeit, Verdruss, Fieber raubten mir die Kraft, ein Auge aufzuschlagen oder ein Glied zu ruhren. Mitten in einer Station stieg ein sachsischer Soldat auf, ein Kavallerist, der bis nach Grimma bei mir blieb. Kaum hatte er meine Krankheit aus mir herausgefragt welches er gleich tat, als er Platz genommen hatte , so warf er hastig seinen Mantel von sich, richtete mich auf, liess den Postknecht halten und wikkelte mich so derb in seinen roten Mantel ein, dass ich fast erstickte, holte eine zottichte Mutze aus der Tasche, weitete sie uber das Knie und setzte sie mir auf meine Kappe daruber: ich bat ihn, seine Gute nunmehr nicht weiter zu treiben, allein er ruhte nicht, bis ich ein Paar wollne Handschuhe annahm, worein er meine Fusse steckte. Ich dankte ihm mit einem geruhrten Blicke und beklagte, dass er sich aller Bequemlichkeiten um meinetwillen beraubte. "Ha!" sprach er, "das Hemde vom Leibe konnen Sie kriegen, wenn Sie's haben wollen. Solche Kerle wie mich macht der liebe Gott alle Tage, aber ein hubsches Madchen nur alle Jahre einmal. Du bist ein rechter Halunke, Schwager!" rief er zum Postknecht, "dass du das arme Nusschen so frieren lasst." "Ich kann sie ja nicht warmen: es ist kalt", antwortete der Postillion mit gedehntem Tone. "Konntest du dich nicht ausziehn bis auf die Haut und deine Kleider auf sie decken? Du holzerner Peter wirst doch wohl nichts erfrieren, und wenn du im Hemde bis nach Rom fahrst. Soviel will ich Ihnen nur sagen" (wobei er sich zu mir heruberbeugte), "solange ich bei Ihnen hin, soll Ihnen nichts zuleide geschehn: hier ist Mordgewehr. Mich hat einmal ein Madchen vom Tode errettet, und seit der Zeit hab ich ein Gelubde getan, kein Madchen in der Welt Not leiden zu lassen: ich gehe durch Feuer und Wasser fur Sie, wenn Sie's verlangen. Was wollen Sie sagen? Ich habe einmal um eines Madchens willen dreissig Fuchteln gekriegt. Potz Geier! das tat!" In diesem Tone fuhr er fort, mir alle seine Heldentaten fur die Madchen, seiner Familie und seiner Kameraden Geschichte zu erzahlen; und er plauderte mir wirklich einen grossen Teil meiner schmerzhaften Empfindungen weg. Dabei war er ausserst sorgsam, nachzusehn, ob etwa der Mantel sich irgendwo aufgeschlagen hatte und den rauhen Wind auf mich streichen liess: und wo er nur einen verdachtigen Fleck traf, da kam er dem Ubel sogleich zuvor. Dieser wohlmeinende Plauderer stieg zwar vor Grimma ab, allein der Wagen war kaum bei dem Posthause, so fand er sich schon wieder ein und bat mich, mit ihm bei seiner Mutter einzukehren, bei welcher er sich auf Urlaub aufhielt. Ich nahm die Einladung an und wurde mit einer Gute von der alten Witwe und ihrem Sohn bewirtet, gepflegt, gewartet mit einer Gute, die ich zeitlebens nicht vergessen werde. Doch ausserte auch diese Frau bei aller Gute einen krankenden Verdacht, der mir Ruh und Pflege verbitterte, ein Mitleiden uber meine Jugend und Schwachlichkeit des Korpers ein Mitleiden, mit so mancherlei bedenklichen Reden vermischt, dass mir die Seele blutete! Ich gab mir alle Muhe, ihr den argen Verdacht einer geschehnen Verfuhrung zu benehmen: sie entschuldigte sich zwar und versicherte, dass sie etwas dergleichen von so einem artigen Frauenzimmer gar nicht dachte, und schwur, Gott sollte sie vor einem solchen Argwohn bewahren: aber des Predigens uber die Verfuhrungen der Mannspersonen und des Bedauerns uber junge, verfuhrte Madchen ward doch kein Ende. Ich versicherte sie, dass ich eine Freundin in Leipzig besuchen wollte und aus Unwissenheit den geraden Weg verfehlt hatte, dass ich durch die Empfehlung dieser Freundin Gouvernante in Berlin werden sollte: sie beteuerte mir ebenso stark, dass sie alles glaubte, und fuhr immer in ihren bedenklichen Ausserungen fort. Als ich drei Tage bei diesen Leuten zugebracht hatte, kam der Sohn des Nachmittags voller Freuden in die Stube und brachte mir die Nachricht, dass morgen in aller Fruhe ein Kapitan mit Extrapost nach Leipzig fahren und mir auf seine Furbitte einen Platz in seiner Chaise geben wolle.
Herrmann. Und du nahmst den Platz an?
Ulrike. Was sollt ich tun? Mein Kavallerist versicherte mich, dass ich nichts zu furchten hatte "Der Mann hat eine Frau und drei Kinder", sagte er, "er ist schon ein bisschen alt und mein speziell guter Freund und Patron: er hat einmal als Leutenant bei meinem Vater seliger im Quartier gelegen; und da tut er Ihnen nichts, darauf konnen Sie sich verlassen." Ich nahm mit Tranen von den guten Leuten Abschied: mein Fieber und mein innerlicher Kummer hatten mich so weichmutig gemacht, dass mich jedes Wort zum Weinen bringen konnte: ich legte einen Dukaten hin, allein der Sohn schwur, dass er des Teufels lebendig sein wollte, und die Mutter, dass sie Gott bewahren sollte, einen roten Pfennig anzunehmen: ich druckte dem Reuter dankbar die Hand, als er mir den Dukaten mit Gewalt in die meinige legte, und hatte ihn kussen mogen
Herrmann. Und ich mocht ihm Millionen schenken, wenn ich sie hatte. Ulrike, wenn wir jemals glucklich zusammen werden, die Leute sollen bei uns wohnen, sollen Freud und Leid mit uns teilen: sie sind meinem Herze mehr als Vater und Mutter. Aber, liebste Ulrike, also reistest du mit dem Offiziere?
Ulrike. Warum fragst du denn so angstlich? Er war ja alt und hatte eine Frau und drei Kinder! Sei unbesorgt! Er hat unterwegs mehr mit dem Postknechte als mit mir gesprochen, und wenn's ihm einfiel, mich zu unterhalten, so redete er von Rebhuhnern, wilden Schweinen, zahmen und wilden Enten oder erzahlte mir ein Jagdhistorchen, uber das ich zum Ungluck nicht lachen konnte. Sonst galt es ihm gleich, ob mich hungerte, fror oder durstete, und etlichemal schalt er mich recht derb aus, dass ich mich auf so eine Reise so leicht angezogen hatte, da ich doch so eine elende, patschichte Kreatur ware. Uberhaupt fand er immer etwas zu tadeln, und wo andre Leute bedauert hatten, da schalt er. Statt mir Wein oder eine Hoflichkeit anzubieten, fragte er mit murrischem strafendem Tone: "Warum trinken Sie denn nicht? warum nehmen Sie denn meinen Mantel nicht, wenn sie friert?" Da wir in Leipzig ausstiegen, dankte ich ihm sehr demutig fur seine Gute: allein er wollte meinen Dank nicht: ohne ihn anzuhoren, sprach er: "Es ist gerne geschehn" und wandte sich zum Postknechte, um mit ihm uber den Bau seiner Chaise zu sprechen. Ich war nicht zwo Stunden im Gasthofe, als sich eine Putzmacherin, die ihre Stube neben mir hatte und eine fremde Herrschaft in mir vermuten mochte, auf meinem Zimmer einstellte, um mir ihre Waren anzubieten. Ich erschrak, als ich die Stimme horte, und noch mehr, da ich das Gesicht erblickte: es war die Putzmacherin aus Dresden, von welcher Tante Sapperment so vielfaltig gekauft, mit der ich so vielfaltig geschakert hatte. Ich dankte leise und wandte mein Gesicht weg: aber unvorsichtigerweise trat ich so, dass sie es im Spiegel sehen konnte. "Ei, du allerhochster Gott, sind Sie's denn wirklich?" rief sie aus und fuhr auf mich zu. "Gott sei mir gnadig! wie ich erschrokken bin! Bin ich besoffen oder nuchtern? Ja, ja. Sie sind's ja mit Leib und Seele. Ei, untertanige Magd, liebes Baronesschen! Behute mich Gott! in des Henkers Namen, wo kommen Sie denn her?" Es half nun weiter keine Verstellung: ich musste mich entdekken. Ich uberredete ihr in der Geschwindigkeit, dass ich mich mit der Oberstin veruneinigt hatte und heimlich fortgereist ware, um mich zu einer Anverwandtin in Berlin zu begeben. Ich bat sie, um alles in der Welt mich nicht zu verraten, und bot ihr Geld, soviel ich nur entbehren konnte: aber sie schlug alles aus und tat einen entsetzlichen Schwur, dass sie nichts uber ihre Zunge kommen lassen wollte, wenn ich mich ihr ganz anvertraute. Sie erbot sich, mich in zwei Tagen mit nach Dessau zu nehmen, wohin sie mit Waren bestellt war; und weil sie dort ihre Muhme, die Madam Hildebrand aus Berlin, zu sprechen hoffte, so konnte ich alsdann mit dieser Frau vollends nach Berlin reisen. Alles sehr erwunscht fur mich! Wir fuhren mit einem Mietkutscher nach Dessau, wo die Frau Hildebrand schon wartete; denn sie hatten einander dahin bestellt, um gewisse Angelegenheiten abzutun, die ich nicht erfuhr. Die Geschafte der beiden Weiber nahmen zwei ganze Tage hin: alsdann wurde ich der Frau Hildebrand formlich ubergeben, und wir gingen zusammen mit der Post ab. Nun war es hohe Zeit, offenherzig zu beichten und um Rat zu fragen: meine achtzehn Dukaten hatten abgenommen, und wenn auch durch grosse Sparsamkeit der Rest noch einen Monat in Berlin widerhielt, was dann zu tun? Ich tolles Madchen hatte noch nie hausgehalten und bildete mir ein, dass man mit achtzehn Dukaten durch die halbe Welt reisen konnte: wie fand ich mich betrogen! Ich eroffnete der Frau Hildebrand mein Anliegen und fragte, ob sie mir nicht zu einer Stelle als Gouvernantin verhelfen konnte, da sie nach der Aussage ihrer Muhme in allen grossen Hausern bekannt sein sollte. Sie versprach nichts als ihren guten Willen. Sie bot mir so lange Wohnung bei sich an, bis sich etwas fur mich fande, und ermahnte mich bestandig, nicht ekel in den Bedingungen zu sein: wenn ich das nicht sein wollte, ware nichts leichter fur so ein hubsches Frauenzimmer wie ich, als in Berlin unterzukommen. Ohngefahr eine Woche verging nach unserer Ankunft, als sie mir einen Spaziergang unter die Linden vorschlug: aber lieber Himmel! ich hatte keine Kleider. Frau Hildebrand schaffte Rat. Sie brachte mir ein vollstandiges, reinliches, seidnes Kleid, koeffierte mich mit eigner Hand und wanderte mit mir fort. Niedergeschlagenheit des Herzens und die Schwachlichkeit vom Fieber machten mich furchtsam: ich konnte kein Auge aufheben, und wenn ich's wagte, kam mir's vor, als wenn jedermann nach mir sahe und von mir sprache: gleichwohl bekummerte sich niemand um mich, wie mich meine Begleiterin versicherte, ausser einigen Mannspersonen, die mir starr in die Augen sahen oder wohl gar stehenblieben und nach mir wiesen. Ich war so beklommen, dass ich die Frau bat, mit mir umzukehren, weil mir das Anstarren fremder Personen unertraglich ware. "Das mussen Sie sich zur Ehre rechnen", sprach sie, "wer wird denn so blode sein? Gucken Sie nur den Leuten recht dreist in die Augen, mein Schafchen! Sie werden bald Ihr Unterkommen finden, dafur ist mir nicht leid: ich merke das schon. Nur hubsch dreist, mein Lammchen!" Auf dem Spaziergange waren nichts als Mannspersonen, und auch in keiner grossen Anzahl; denn es war schon im Herbste und nicht sonderlich angenehm: meine Begleiterin hatte viele Bekannte unter ihnen, die sie von Zeit zu Zeit auf die Seite nahmen und sich von ihr etwas ins Ohr zischeln liessen, indessen dass ich allein dort stund und mich von den Vorubergehenden begaffen lassen musste; besonders einer, sehr mittelmassig gekleidet, in einem grauen Uberrocke, gestiefelt und gespornt, nahm mich in so genauen Augenschein, als wenn er meine Person auf seine ganze Lebenszeit merken wollte. Er sprach ein paar Worte leise mit der Hildebrand, und gleich darauf riet sie mir, wieder nach Hause zu gehen: wir taten's, und unterwegs entdeckte sie mir, dass dieser Herr, der mich so genau angesehn habe, Herr von Troppau heisse, eine Gouvernantin fur ein siebenjahriges Fraulein brauche und mich morgen vormittag bei sich sehen wolle. Mir war die Einladung hochst ungelegen: aber was konnte ich tun? Ich musste mich dazu entschliessen und ging mit der Hildebrand am folgenden Vormittag zu ihm hin. Er empfing mich mit ungemeiner Politesse und fuhrte mich sogar bei der Hand ins Zimmer, dass ich stutzte und nicht anders glaubte, als dass er meinen Stand wusste. Wir setzten uns, der Bediente brachte Schokolade und ein paar Teller Naschereien; unser Gesprach wollte sich nicht sonderlich erwarmen. Sein uberaus ernstes Ansehn und Betragen, seine abgebrochne Art zu reden, sein starrer, steifer Blick schreckten mich anfangs nicht wenig: allein da ich glaubte, dass er mich nicht zu sich verlangt habe, um mich anzusehn, fing ich allmahlich an, ein wenig lebhafter zu plaudern. Er lachelte zuweilen und fragte endlich ganz abgebrochen, ob die Hildebrand mit mir von seiner Absicht auf mich gesprochen habe: ich bejahte es. "Ich werde schon weiter mit Ihnen daruber sprechen", sagte er und schickte zu seiner Schwester, der Frau von Dirzau, die mit ihm in einem Hause wohnt, um sich erkundigen zu lassen, ob er mich ihr vorstellen durfte: der Bediente kam mit einem Ja zuruck, und er fuhrte mich zu ihr. "Ich bin Witwer", sagte er unterwegs, indem wir die Treppe in den zweiten Stock hinaufstiegen, "und meine Schwester hat meine Tochter bei sich, die Ihnen zur Erziehung bestimmt ist." Die Dame empfing mich, wie ihr Bruder, sehr freundlich, blieb ebenso ernsthaft und besah mich so genau, dass keine Falte im Kleide, kein Harchen auf dem Kopfe von ihrem Blicke verschont blieb; und wenn sie mich eine Zeitlang begafft hatte, dann wandte sie sich zu ihrem Bruder und sagte ihm leise ihr Urteil, doch immer laut genug, dass ich's horen konnte: es fiel meistens missbilligend aus, wie ich auch schon aus dem verzognen Munde und der gerumpften Nase hatte schliessen konnen. Ihre Fragen an mich betrafen mein Alter, meine Herkunft und andere Dinge dieser Art, die ich grosstenteils mit Lugen aus dem Stegreife beantworten musste. Der Bruder war bei allem, was sie uber mich sprachen, entgegengesetzter Meinung: was die Schwester tadelte, lobte er, und da sie beinahe alles tadelte, lobte er auch beinahe alles an mir: zuweilen schien es sogar, als wenn er sich uber sie aufhielt. Sie bat mich zum Mittagsessen: der Herr von Troppau ging auf die verbindlichste Weise mit mir die Treppe herunter und befahl einem Bedienten, mich zu Madam Vignali zu bringen, druckte mir die Hand bei dem Abschiede und stieg wieder die Treppe hinauf zu seiner Schwester. Madam Vignali nahm meinen Besuch, auf welchen sie schon vorbereitet war, bei dem Putztische an, und in drei Minuten war ich schon in die Frau verliebt. Sie empfing mich mit offnen Armen und zween der freundschaftlichsten Kusse, wunschte sich sogleich nach den ersten Komplimenten Gluck, dass sie in so nahe Verbindung mit mir geraten sollte, bat um meine Freundschaft als um die grosste Wohltat, die ihr widerfahren konnte, schilderte mir den Herrn von Troppau als den freigebigsten, edeldenkendsten, angenehmsten Mann: die Frau von Dirzau hingegen kam desto schlimmer weg. "Sie hat ehemals gelebt wie wir alle", sagte sie von ihr, "sie hat geliebt und sich lieben lassen: die Vergnugungen hat sie bis zur Tollheit geliebt und die Narrheit begangen, einen grossen Teil ihres Vermogens dabei zuzusetzen. Um ihren Aufwand unter einem ehrbaren Vorwande einzuschranken, warf sie sich vor zwei Jahren in die Devotion und lebt und liebt seitdem im stillen: sie ist mannigmal von einer so skandalosen Frommigkeit, dass man nicht bei ihr aushalten kann. Sein Sie auf Ihrer Hut! sie ist erstaunend hohnisch, spottelt uber alles mit der Miene eines kanonisierten Heiligen: sie ist das Archiv aller Stadtneuigkeiten und besoldet ein halbes Dutzend alter Huren, die herumschleichen und Nachrichten fur sie sammeln mussen. Wahrscheinlich werden Sie in diesem Bureau des affaires scandaleuses auch einen Platz bekommen; und Sie tun klug, wenn Sie sich ihn beizeiten selbst nehmen: das ist das einzige Mittel, ihr zu gefallen; und ich rate Ihnen nicht, ihr zu missfallen: Sie waren verloren, da Sie bei ihr wohnen und speisen werden, wenigstens fur itzt: ich werde den Herrn von Troppau schon antreiben, dass er seine Tochter bald von ihr wegnimmt: die arme Kleine wird zum Schafe bei der Frau." Das waren ohngefahr die Nachrichten, die sie mir nebst einigen andern von gleichem Schlage erteilte. Beim Weggehn fuhrte sie mich in ein kleines Kabinett, zog eine Rolle Geld aus dem Schreibschranke und ubergab sie mir. "Sie brauchen vermutlich Geld", sprach sie, "um sich Kleider anzuschaffen: nehmen Sie!" Ich weigerte mich, erstaunt uber eine solche Gutigkeit. "Ich leih es Ihnen", fing sie an, als sie meine Verlegenheit merkte. "Aber ich werde Sie nicht wiederbezahlen konnen", sprach ich. "Das wird sich schon geben: wenn es alle ist, wenden Sie sich an mich!" Unter Kussen, Umarmungen, Versicherungen der Freundschaft und Liebe trennten wir uns. Heinrich, sage! Kann man eine bessre, liebenswurdigere, edlere Frau finden?
Herrmann. Bis hieher furwahr nicht! Wenn nichts dahintersteckt?
Ulrike. Uber den Misstrauischen! Wer hat dich nur dazu gemacht? Ach ja! deine Erfahrung, sagtest du ja vorhin! So ist diese vortreffliche Frau bis auf die Stunde gegen mich geblieben, meine einzige vertrauteste Freundin, meine Zuflucht bei allen Bedurfnissen: unsre Herzen sind einander offen, und unsre Anliegen und Wunsche gehn aus einem in das andre uber: sie erzahlt mir ihre kleinsten Begebenheiten, und wenn's auch nur eine verlorne Stecknadel ware: wir singen, tandeln, schwatzen miteinander kurz, wir lieben uns, wie zwo Freundinnen sich lieben mussen: keine kann ohne die andre einen Tag zubringen, und wenn wir uns einen halben Tag nicht gesehn haben, leiden wir wie bei einer ewigen Trennung; und sehn wir uns dann wieder, o da ist die Freude so voll! so herzlich! mit Tranen fliessen wir bei der ersten Umarmung zusammen: unsre Hande schliessen sich ineinander, erwarmen sich unter dem feurigsten Drucke und mochten sich gern noch inniger vereinigen, wenn sie nur konnten. Oft sitz ich neben ihr auf dem Sofa, rede lange kein Wort, kann auch nicht reden, so voll ist mir mein Herz: es steigt mir vor susser Wehmut bis in die Gurgel herauf: ein angenehmer Schauer lauft mir durch den ganzen Rucken hinab: ich kann mich nicht halten, ich werfe mich der vortrefflichen Frau an die Brust und schluchze und weine grosse Tropfen und mochte mich gern in ihre Seele hieindrucken konnen. O Heinrich! nur diese edle Freundin hat mir deine Trennung ertraglich gemacht; ich liebte dich in ihr. Wenn eine weibliche Freundschaft auf der Erde wahr und ohne Affektation gewesen ist, so muss es die unsrige sein: ich zittre vor Vergnugen, wenn ich mir sie nur denke.
Herrmann. Aber bist du gewiss versichert, dass Vignali dich ebensosehr liebt als du sie?
Ulrike. Wie du nur so einfaltig fragen kannst? Einfaltig, recht einfaltig ist das gefragt.
Herrmann. Erzurne dich nicht, liebe Ulrike!
Ulrike. Fast mocht ich! Tue nicht noch eine so wunderliche Frage! oder du bringst mich gewiss afu. Ob sie mich liebt? Sehe, hore, fuhl ich's denn nicht? Sie erfullt ja meine kleinsten Verlangen, kommt meinen Wunschen zuvor, lauert recht auf Gelegenheit, mir Gefalligkeiten zu erzeigen, gibt mir Geld, soviel ich nur brauche, ohne zu bedenken, dass ich's ihr niemals wiedergeben kann, will auch schlechterdings nichts wiederhaben: liebt man da nicht, wenn man alles das tut? Du solltest nur unsern Abschied sehn, wenn wir uns auf eine ganze Nacht verlassen mussen wie wir immer voneinander wollen und nicht konnen, immer umarmen und kussen und gute Nacht sagen, und immer wieder stehnbleiben, noch etwas zu sagen haben, dann wieder umarmen, wieder kussen, und so zehnmal, zwanzigmal Abschied nehmen und zwanzigmal stehnbleiben, bis wir an der untersten Haustur sind; und noch reissen wir uns mit Muhe los, um eine ganze Nacht voneinander zu sein: liebt man da nicht, wenn man das tut? Sage mir eine von deinen hocherfahrnen Erfahrungen, die alles das zur Luge macht! Mocht ich dich doch tausendmal lieber dumm und einfaltig als misstrauisch sehn. Der Himmel weiss es, wie sehr ich dich liebe: aber so wahr ein Himmel ist! ich musste aufhoren, dich zu lieben, wenn du so misstrauisch bliebst.
Sie war so lebhaft aufgebracht, dass sie einigemal die Stube hastig auf und nieder ging: Herrmann suchte sie zu besanftigen, ging ihr nach, warf einen Arm um sie und druckte sie zartlich an sich.
"Liebste Ulrike", sprach er, "zurne nicht! Ich will allen meinen Verdacht, alles mein Misstrauen unterdrucken, wenn es dich beleidigt! lieber unvorsichtig mit dir ins Ungluck rennen als dich durch Vorsichtigkeit kranken! Komm! setze dich! erzahle mir weiter! Du nahmst von Vignali Abschied; und nach diesem Morgenbesuche gingst du? Wohin, liebe Ulrike?"
Ulrike. Zum Mittagsessen bei der Frau von Dirzau: es war gerade zwolfe, und Vignali sagte mir: "Die Frau von Dirzau setzt eine Ehre darein, mit den Tagelohnern zu gleicher Zeit zu essen: gehn Sie also gleich hinuber!" Wirklich war es auch hohe Zeit; denn die Suppe stand schon auf dem Tische, als ich anlangte. Die Frau von Dirzau sagte in eigner Person ein langes, langes Tischgebet her, wozu die Fraulein auch einen kleinen Zuschuss tat, und gegenwartig geht das Beten nach der Reihe herum. Sie, mein Fraulein und ich, wir machten, wie seitdem taglich, den ganzen Tisch aus und sassen lange sehr zuchtig und still da: die Frau von Dirzau legte vor. Als sie den ersten Loffel Suppe essen wollte, fing sie mit einem hohnisch verzognen Munde an: "Sie haben der Madam Vignali die Cour gemacht?" "Ja: der Herr von Troppau hat mir befohlen, sie zu besuchen." "Daran haben Sie wohlgetan: es ist eine sehr kluge Frau." Nun stund unser Gesprach still. Da sie die Suppe aufgezehrt hatte, welches sie ausserst bedachtig tat, hub sie wieder an: "Wie gefallt Ihnen die Vignali?" "Ausserordentlich wohl! Sie hat mich empfangen wie eine Schwester." "Das ist ja sehr schon: es ist eine Frau voller Lebensart." Abermals eine Generalpause! Das Rindfleisch erschien: sie machte ein Kreuz mit dem Messer und schnitt ein. Als das Rindfleisch herumgegeben war, fragte sie: "Trauen Sie der Vignali?" "Ja, ich glaube, dass sie mein Vertrauen verdient." "Glauben Sie das? So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, mein liebes Kind, dass Sie falsch glauben. Es ist eine abscheuliche Frau, ein wahrhaftig gottloses Weib, das weder Gott noch Menschen scheut, um ihre Absichten durchzusetzen." "Das sollte ich doch kaum denken", unterbrach ich sie. "Es ist moglich", sagte sie ausserst spottelnd, "dass Sie die Kunst besitzen, die Leute in einer Stunde besser kennenzulernen als ich in sechs Jahren: am Ende wollen wir sehn, wer sich geirrt hat, ich oder Sie. Sie hat meinen Bruder in ihrer Gewalt und spielt mit ihm wie die Katze mit dem Zwirnknaul: nehmen Sie sich in acht! Sie sind sehr jung, und ihr Ausserliches lasst mich erwarten, dass Sie noch nicht verdorben sind: aber Vignali kann nicht wohl unverdorbne Menschen um sich leiden: sie mussen ihr gleich werden oder zugrunde gehn. Mein Bruder ist gewohnlich das Werkzeug, solche schuldlose Geschopfe, die ein wenig Ehrbarkeit und Tugend mehr haben als dies schandliche Weib, unglucklich zu machen: huten Sie sich, dass Sie nicht das Opfer werden, das mein Bruder diesem grausamen Gotzen bringen muss. Wenn Sie klug sind, wissen Sie nunmehr genug. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft sich mehr an mich als meinen Bruder und die Vignali halten werden: es ist zwar seine Tochter, die Ihnen anvertraut werden soll, allein ich erziehe sie und will sie zu einem ehrbaren, frommen Leben und nicht zu so einer wusten Tollheit erzogen wissen. Fliehen Sie alle diese lustigen Gesellschaften! Man wird Sie vermutlich dazuziehen wollen: aber wie ich Ihnen sage, halten Sie sich einzig an mich und gehorchen Sie sonst niemandem! Sie konnen leicht erachten, dass ich ein gutes Zutrauen zu Ihnen habe, weil ich so offenherzig mit Ihnen spreche. Alle meine Domestiken verstehen franzosisch, und doch scheue ich mich nicht, alles dies und jedes andre Geheimnis in ihrer Gegenwart zu sagen: nicht ein Wort kommt uber ihre Zunge: so eine Treue, Einigkeit und Liebe herrscht in meinem Hause!" Sie sprach noch lange in diesem Tone mit mir: wir stunden auf, und sie war noch immer bei der Vignali. Nach Tische nahm sie mich in ihr Kabinett, liess ihren Bruder bitten, zu ihr heraufzukommen und bei meiner Annehmung selbst zugegen zu sein: er kam auch wirklich, aber sehr verwundert, was er dabei sollte. "Soll denn der Mamsell vielleicht eine Bestallung ausgefertigt werden?" fragte er spottisch. "Ich habe meine Meinung heute fruh gesagt: das kann ihr wieder gesagt werden: man weist ihr das Zimmer an; und so ist die ganze Historie fertig. Ich bekummere mich um solche Dinge nicht. Willst du vielleicht zum glucklichen Anfange ein paar Vaterunser mit ihr beten, so ist dir's unverwehrt: ich kann aber nicht die Ehre haben, dabei zu sein: ich muss zu Tische fahren. Adieu!" Die Frau von Dirzau wurde feuerrot vor Empfindlichkeit: sie verbiss den Arger, sagte mir die Bedingungen, die mir ihr Bruder machte, und befahl der Fraulein, mich auf ihr Zimmer zu fuhren: ehe wir gingen, hielt sie eine formliche Anrede an uns beide, worinne sie uns zur Ausubung unsrer gegenseitigen Pflichten ermahnte, beschloss wirklich mit einem Vaterunser und hiess uns in Gottes Namen gehen.
Kaum war ich eine Viertelstunde auf meinem Zimmer, siehe, da kam Madam Vignali. Sie wollte mein Fraulein umarmen, allein dem guten Kinde war ein solcher Abscheu gegen die Frau von ihrer Tante eingeflosst worden, dass es alle Liebkosungen von sich abwehrte und mit Zittern augenblicklich aus dem Zimmer zur Frau von Dirzau fluchtete. Ich wollte sie zuruckholen, allein Vignali hielt mich ab. "Tant mieux! tant mieux!" schrie sie lachend. "Das Kind soll mich schon einmal lieben, wenn wir sie in die Zucht bekommen. Eh bien? was hat Ihnen denn die gottselige Dame gepredigt? Ich bin doch wohl der Text gewesen?" Ich sagte ihr das wenige Gute, was die Frau von Dirzau von ihr gesagt hatte, und verschwieg alles ubrige. "Eine kluge Frau! eine Frau voller Lebensart!" sprach sie und zahlte dabei an den Fingern. "Sehn Sie! das sind erst zwei Finger; und wenn man das Bose uberrechnet, was ihre Dame in einer Stunde von einem Menschen sagt, so zahlt man jedesmal alle zehn Finger zehnmal herum: Sie stehen also noch sehr stark im Reste: was sagte sie weiter?" Ich antwortete: "Nichts!" "Liebes Kind!" sprach sie sehr ernsthaft, "fur eine Bekanntschaft von vier oder funf Stunden ist Ihre Heuchelei verzeihlich. Solchen Schnickschnack, wie die Frau von Dirzau spricht, vergisst ein gescheiter Mensch sehr leicht: ich will Sie wieder daran erinnern" und nun erzahlte sie mir Wort fur Wort, alles, was wir uber Tische gesprochen hatten. Ich stutzte, gestund, dass alles die Wahrheit ware, und verwunderte mich, woher sie unser Gesprach so umstandlich wusste. "Woher?" fing sie mit trocknem Tone an. "Haben Sie nicht hinter dem Stuhl Ihrer gnadigen Frau einen lange, krummen, holzernen Lummel bemerkt, der sich, solange das Essen dauerte, nicht von der Stelle bewegte, sich jede Sache zweimal sagen liess und doch zum drittenmal falsch verstand, der einen Loffel brachte, wenn man Brot foderte, und ein Glas Wein, wenn man einen Loffel verlangte? Dieser taube Pavian besucht mich jedesmal nach Tische durch die Hintertur und erstattet Bericht vom Tischgesprache: er hort so fein wie eine Spitzmaus, wenn er mit mir spricht, und bei seiner gnadigen Frau liegt ihm bestandig ein starker, starker Fluss vor den Ohren. Ich bezahle ihm monatlich einen Louisdor fur seine Taubheit; und fur noch einen kauf ich dem Kerle alle ubrige vier Sinne ab, wenn's notig ist. Stutzen Sie nicht daruber: ich vergelte nur Gleiches mit Gleichem. Die Frau von Dirzau hat alle meine und ihres Bruders Leute im Solde: allein da sie wegen ihres eingeschrankten Vermogens nur kleine Besoldungen machen kann, so uberbiete ich sie, und meine treuen Schurken entdecken ihr nichts, als was sie horen soll. 'So viel Treue und Einigkeit herrscht in meinem Hause!' sagte sie heute zu Ihnen. Ah! la bonne bete! Die samtliche Treue ihres Hauses will ich fur einen Gulden in jedem Falle mit Haut und Haar wegkriegen, und die Einigkeit ist fur acht Groschen feil. Alle ihre beiden Bediente sind ausgemachte Galgenvogel, und die meinigen Galgenstricke: ich hatte sie zum Besten der Welt langst alle hangen lassen, wenn ich durfte. Aber auf das Hauptkapitel zu kommen! Riet Ihnen nicht Ihre kluge Dame, dass Sie sich an sie halten sollten?" Ich konnte es nicht leugnen. "Kind!" sagte sie mir mit Starke und drohte mit dem Finger dazu, "wo du dich unterstehst, dem Rate zu folgen, so sei versichert, dass deine glucklichen Tage vorbei sind! Unser Haus wird dein Grab, dafur steh ich dir." Ich erschrak bis zum Zittern uber diese Drohung: aber sie richtete mich gleich wieder auf, indem sie mit gemildertem, beinahe lustigem Tone sagte: "Narrchen, was erschrickst du denn? Wer wird so kindisch sein? Geniesse deines Lebens, solange du kannst! Wenn die Herrlichkeit aus ist, dann halte dich zur Frau von Dirzau! Itzt tust du besser, du haltst dich zu mir: ich verstehe mich aufs Gluck des Lebens." Ohne mich zur Antwort kommen zu lassen, brach sie ab und sah zur Tur hinaus. "Ach! da sind ja meine Leutchen schon!" rief sie und bat mich um Erlaubnis, ihren Schneider hereinkommen zu lassen. Er nahm mir das Mass: ihr Madchen brachte seidne Zeuge: wir lasen aus: sie lenkte meine Wahl und ordnete meine Befehle an den Schneider. Frau Hildebrand erschien mit Kopfputze, ein Bedienter mit andern Galanterien: genug, in einem Nachmittage wurde meine Garderobe instand gesetzt. Vignali suchte unter allem das Teuerste aus: ich nahm sie deswegen auf die Seite und stellte ihr vor, dass ich das nimmermehr bezahlen konnte. "Narrin!" sprach sie, "wer uns alle ernahrt, wird auch diesen Plunder bezahlen." Als der Einkauf vorbei war, sollte ich mit zu ihr gehn und eins von ihren Kleidern versuchen, weil das meinige zur Abendgesellschaft zu schlecht ware. Ich weigerte mich und bat sie zu bedenken, dass mir die Frau von Dirzau diese Gesellschaft schlechterdings untersagt hatte. "Hat sie dir der Herr von Troppau auch untersagt?" "Nein", antwortete ich, "aber auch nicht befohlen!" -"So befehle ich, dass du keine von diesen Abendgesellschaften versaumen sollst." Ich wusste nichts mehr vorzuwenden als meine Untergebne, von welcher ich mich unmoglich so lange trennen konnte: denn ich hatte durchaus einen Widerwillen in mir gegen diese Gesellschaften. "Lass du nur", sprach sie lachend, "das gute Madchen bei ihrer Tante recht dumm werden, damit wir desto mehr Ehre davon haben, wenn wir sie klug machen. Allons!" Mit diesem Allons fasste sie mich unter den Arm und wanderte mit mir die Treppe hinunter. Ich musste mich von ihr selbst anputzen lassen, sosehr ich mich auch straubte: es deuchte mir, als wenn ich mein Totenkleid anzoge, so eine Angstlichkeit fuhlte ich, dass ich in ein Haus voll solcher Schikanen, Parteien und Kabalen geraten war.
Herrmann. Und ich mochte, dass du nie einen Fuss hineingesetzt hattest. Ach Ulrike! wenn deine Tugend nicht Lowenstarke hat aber ich habe ja versprochen, nicht misstrauisch zu sein! Erzahle weiter!
Ulrike. Bei mir war wahrhaftig damals das Misstrauen auch sehr stark. Mit der ubelsten Laune von der Welt sah ich die Gesellschaft allmahlich ankommen. Lairesse war die erste, die erschien. Solch eine tolle Lustigkeit, so eine ubernaturliche Unbesonnenheit und so viel Leichtsinn kannst du dir nicht vorstellen: mich nennte man zu Hause unbesonnen: aber ich bin ein Cato dagegen. Sie sagte mir so eine grosse Menge Sottisen beim ersten Anblicke ins Gesicht, so viele Abgeschmacktheiten, dass meine Backen gar nicht aufhoren konnten zu erroten. Ich hasste sie anfangs deswegen, aber in der Folge hat sie mich doch sehr eingenommen. Man muss ihr ihre Lebhaftigkeit, die oft in Ungezogenheit ausartet, zugute halten: sie ist sehr dienstfertig, wenn sie es in ihrem unendlichen Leichtsinne nicht vergisst, und liebt mich wie eine Schwester. Ich habe ihr zwar nie so gewogen werden konnen als der Vignali: sie scheint mir auch ein wenig falsch zu sein: deswegen hat sich seit einem paar Wochen mein Zutrauen gegen sie sehr gemindert: aber ich mag mich vielleicht irren. Nach ihr stellte sich der Herr von Troppau ein: er tat, als wenn er mich unvermutet hier fande, fasste mich bei der Hand und rief voller Vergnugen: "Ach, da ist ja unsre kleine Prinzessin! Das ist ein gescheiter Einfall, Vignali, dass Sie das gute Madchen mit zu unsrer Gesellschaft ziehn: bei meiner Schwester wird sie ohnehin Langeweile genug haben. Ich beklage, dass ich vorderhand keine Veranderung treffen kann." "Wir wollen schon eine Veranderung treffen", fing Vignali an, "auf Ostern nehm ich Ihre Tochter zu mir: das arme Kind wird lichtscheu werden bei ihrer itzigen Erziehung." "Mir ist das sehr gelegen!" antwortete Herr von Troppau. "Das uberlass ich Ihnen, Vignali: sehn Sie, wie Sie das Madchen von meiner Schwester herauskriegen: ich mische mich nicht drein." Mit der namlichen Folgsamkeit willigte er in alles, was Vignali fur gut fand. Endlich langte auch Mamsell Rosier an, ein recht gutes, herzlichgutes Kind, zartlich, empfindsam, weich wie geschmolzne Butter, voll deutscher Treuherzigkeit und verliebt! In jeden Menschen, der nur zwei Worte mit ihr spricht, verliebt sie sich; und lasst sich dabei zum besten haben o dass mir zuweilen die Seele fur sie weh tut. Sie ist der wahre Souffre-douleurs der Gesellschaft: wenn niemand etwas zu reden weiss, zieht man uber das arme Madchen her; und dabei ist sie so einfaltig, dass sie sich noch obendrein etwas darauf zugute tut, wenn sie die Gesellschaft auf ihre Kosten belustigt hat. Man kann ihr nicht Schuld geben, dass sie dumm ist, aber wegen dieses Mangels an Empfindlichkeit ist sie mir unleidlich: sie hat auch weder die einnehmende Lebhaftigkeit der Lairesse noch Vignalis einnehmenden Ernst: so zutuend sie ist, so zieht sie doch nicht an: man mochte sie von sich stossen, so lastig wird sie zuweilen. Sie liebt mich sosehr als die andern alle: unendlich liebt sie mich, und es schmerzt mich, dass ich sie nicht gleich stark lieben kann: aber es geht nicht, und wenn ich mir noch soviel Gewalt antue.
Herrmann. Also lieben sie dich alle wie Schwestern? unendlich? feurig? zartlich? Wenn du dir nur nicht einbildest, dass dich die Madchen unendlich lieben, weil du sie so liebst! Nach dem Portrate zu urteilen, das du von ihnen machst
Ulrike. Noch immer Misstrauen? Heinrich, ich binde dir den Mund zu.
Herrmann. Vergib mir, Ulrike! Mein Herz ist mir wahrend deiner Erzahlung so schwer geworden, dass mir wider meinen Willen bisweilen eine trube Anmerkung entwischt. Fahre nur fort, ich will mich schon zuruckhalten.
Ulrike. Wenn du mich so oft unterbrichst, kommt meine Erzahlung heute nicht zu Ende. Also stockstill, bis mein Marchen aus ist! Wer kam denn zuletzt in die Gesellschaft? Ja, die rotbackige Mamsell Rosier. Der Herr von Troppau schlug mir auch einen franzosischen Namen vor: allein ich wehrte mich so stark dawider, dass er sich begnugte, meinen deutschen Namen franzosisch auszusprechen: ich wurde zur Mademoiselle Erman. Sie freuten sich alle ungemein auf eine Kurzweil, die sie diesen Abend auszufuhren gedachten. Weil ich gar nichts davon wusste und also nicht mitlachen konnte, erzahlte mir Vignali, dass gestern bei ihr ein junger Franzose, aus Paris frisch angekommen, gespeist habe. "Der Mensch", sagte sie, "plauderte so unendlich, dass kein einziges unter uns ein Ja oder Nein zwischen seine Tiraden einschieben konnte: von dem ersten 'tres-humble serviteur' bis zum letzten hielt er eine aneinanderhangende Rede von skandalosen Historchen, Spotteleien, Unverschamtheiten, Aufschneidereien und jammerlichen Kleinigkeiten, und wir armen Leute waren so uberrascht, dass wir uns argerten und ihm geduldig zuhorten: wir konnten uns nicht helfen: wenn jemand auch es wagte, dazwischenzureden, so brachte jener Unverschamte die ubrigen zum Lachen, und sein Nebenbuhler hatte keine Zuhorer. Aber heute wollen wir uns rachen: er soll darniedergeschwatzt werden und nicht einmal ein Bon soir zustande bringen. Er ist darum eine halbe Stunde spater gebeten, damit die Alliierten alle beisammen sind, ehe er kommt." Auch war die Gesellschaft, die ausser den genannten noch aus einem paar artigen, vernunftigen Franzosen bestand, lange versammelt, ehe der Held des Possenspiels erschien. Lairesse walzte sich singend auf dem Sofa vor ubermassigem Vergnugen, und Rosier klatschte unaufhorlich hupfend in die Hande und lispelte: "Das wird hubsch sein! das wird hubsch sein!" Endlich erschallte vom Bedienten, der ihm aufpasste, ein erfreuliches "le voila" durch die Tur: sogleich marschierte Vignali gegen ihn los, der ubrige Haufe drang gleichfalls zu, und alle schwatzten so sturmisch auf den einzigen Menschen hinein, dass der Plauderer verwundert und stumm mitten dastand, sich bald dahin, bald dorthin drehte, den Mund offnete wie ein Fisch, der nach Luft schnappt, reden wollte und nicht konnte. Man trieb die Rache so weit, dass ich wirklich den ganzen Abend keinen verstandlichen Laut von ihm gehort habe; und dabei machte man ihm bestandig die bittersten Vorwurfe, dass er nicht sprache, so wenig zur Unterhaltung der Gesellschaft beitruge, da er doch gestern so viel dazu getan hatte: er offnete den Mund, allein man fiel ihm sogleich ins Wort. Man sah es dem armen Knaben recht an, wie ihm Herz und Lunge weh tat, wie ihn die Hemmung seiner Zunge angstigte: er drehte, sich bei Tisch auf seinem Stuhle, rausperte sich, strich sich das Gesicht oder arbeitete an der Halsbinde: fur mich war die Lust unschatzbar. Den schlimmsten Streich spielte ihm noch Lairesse: weil er nicht wenig ausser Fassung gesetzt war, nahm er unmittelbar nach dem Essen Hut und Degen, um sich a la francoise wegzubegeben: allein das vorwitzige Madchen erwischte ihn an der Tur bei dem Arme, drehte ihn um, machte eine tiefe langsame Verbeugung und sagte mit komischer Gravitat: "Mein Herr, man hat Sie persifliert." Der Franzose machte eine ebenso tiefe Verbeugung und sprach mit dem namlichen Tone: "Mademoiselle, ich hab es wohl bemerkt!" weg war er!
Du kannst dir leicht vorstellen, dass mir eine solche Unterhaltung ungleich besser behagte als das stille, schleichende Gesprach der Frau von Dirzau, wo bei jedem Gerichte eine Frage und eine Antwort zum Vorschein kam: da ich obendrein in diesen Gesellschaften wohl manchen ausschweifend lustigen Auftritt, aber nie eine eigentliche Unanstandigkeit, noch viel weniger etwas Boses erblickte, so versaumte ich keine, wenn man mich dazuzog. Vignali legte mir durch ihre vielfachen Gutigkeiten immer neue Verbindlichkeiten auf und gewann durch die Annehmlichkeiten ihrer Person und ihr freundschaftliches Betragen mein Herz so ganz, dass ich ihr alles aufopferte. Das Vertrauen der Frau von Dirzau hatte ich gleich den ersten Tag verloren, weil ich bei Vignali zum Abendessen gewesen war: ihr Gesprach wurde deswegen noch zuruckhaltender und kalter, dass es zuweilen die ganze Mahlzeit uber nur aus einer Frage und einer Antwort bestund: uberfiel mich zuweilen der Plaudergeist, so horte sie nicht darauf, sondern unterbrach mich gleich durch einen Befehl an den Bedienten oder fing wohl gar mitten in meinem Reden ein Gesprach mit ihm an, dass mich die Muhe verdross, mich allein anzuhoren: seitdem bin ich vollig stumm bei Tische, wenn sie mich nicht fragt. Dafur fragt sie mich aber auch kein Wort anders als ausserst hohnisch: anfangs ertrug ich's und argerte mich bloss in mir selbst, aber Vignali und selbst der Herr von Troppau, wenn ich mich beklagte, ermunterten mich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Ton wollte mir lange nicht gelingen, aber nunmehr hab ich ihn so sehr in meiner Gewalt, dass ich der Frau von Dirzau gewiss nichts nachgebe. Seitdem sie merkt, dass ich ihr ihre Kunst so sehr abgelernt habe, spricht sie mannigmal in drei, vier Tagen keine Silbe mit mir. Auch gut, denk ich: so muss ich mich nicht wider meine Natur zwingen, hohnisch zu sein. Fur die Langeweile des Mittags halte ich mich des Abends wieder schadlos.
Herrmann. Aber der Herr von Troppau? wie verhielt er sich gegen dich? denn nunmehr kann doch ein Kind raten, warum deine ehrliche Frau Hildebrand mit dir unter die Linden spazieren ging, woher sie sogleich ein Kleid fur dich schaffte, warum dir Vignali so freundschaftlich mit Gelde beistund: alles floss aus einer Quelle; und so grosse und ausgezeichnete Gutigkeiten tut kein Herr von Troppau umsonst: es lauscht gewiss ein Betrug dahinter.
Ulrike. Ein Betrug? Heinrich! wachst du? Wenn du nicht im Schlafe sprichst, hat dich gewiss der schwarzperuckichte Magister angesteckt, von dem du mir einmal in Dresden schriebst. Was gilt's? das Wetterhagelsvieh wie meine Tante Sapperment sich zierlich ausdruckte hat dich mit seiner frommen Misanthropie angesteckt.
Herrmann. Leider! nicht bloss angesteckt! getan hat er mir, was ich itzt bei jedermann furchte! du sollst es horen und urteilen, ob mir nur der Wind mein Misstrauen angewehet hat. Itzt beruhige mich uber meine Frage!
Ulrike. Das kann ich leicht. Hore drauf, du Misanthrop! der Herr von Troppau hat sich gegen mich wie der edelste, vortrefflichste, freundlichste, liebreichste, freigebigste, gutigste Mann betragen: ich verehre und liebe ihn: ich habe in meinem Leben keinen bessern Mann gesehn.
Herrmann. Und weiter war er nichts gegen dich?
Ulrike. Ist denn das nicht genug und alles Dankes wert?
Herrmann. Ulrike! Ulrike! du heuchelst. Wenn ich taube Bediente hatte sprechen lassen wie Vignali, ich wette, ich wollte dir mehr sagen. Auf dein Gewissen, Ulrike! heuchelst du nicht?
Ulrike. Neugieriger, vorwitziger Mensch! Warum zwingst du mich nun durch deine Zudringlichkeit, dir einen Dorn mehr ins Herz zu stecken? Du wirst ja ohnehin genug vom Misstrauen gestochen. Wenn ich auf mein Gewissen antworten soll, muss ich dir frei bekennen, was ich dir, du blinder Mensch, zu deinem Vorteile verhehlen wollte dass der Herr von Troppau einmal mehr sein wollte, als ich dir vorhin von ihm sagte: aber ich schwore dir bei unsrer Liebe und meiner ewigen Wohlfahrt! kein Umstand soll dir verschwiegen werden, was in diesem einzigen, verdachtigen Falle vorging. Ich war einmal des Nachmittags bei Vignali, und weil wir keine Komplimente miteinander machen, fuhr sie zum Besuch und liess mich allein und versprach in einer halben Stunde wiederzukommen: ich nehme ein Buch es waren des Abt Bernis Werke , beim ersten Aufschlagen fallen mir seine Betrachtungen uber die Leidenschaften in die Augen. Ich setze mich auf den Sofa, und kaum schlage ich zum erstenmal um, so ist schon die Liebe da: wer wird nicht gern etwas von der Liebe lesen? Ich lese den ganzen Brief6 an die Grafin C** durch. Als ich bei den letzten vier Zeilen bin, siehe, da kommt mein Herr von Troppau. Er sieht sich nach Madam Vignali um, hort von mir, dass sie zum Besuch ist, fragt, wo ich sage es , er setzt sich, nimmt das aufgeschlagne Buch vom Sofa, liest. "Ah!" fangt er lachelnd an, "qu' est ce qu' amour? was ist die Liebe? Konnen Sie darauf antworten?" "Warum nicht?" sagte ich, "wenn Sie mir das Buch erlauben wollen!" "Oh, aus dem Buche ist's keine Kunst: Sie sollen aus dem Herze antworten." "Mein Herz kann keine Verse machen." "Eh bien! Ich will Ihnen meine Verse vorlesen: Ihr Herz mag in Prosa darauf antworten." Er las die Verse her:
Was ist die Liebe?
Es ist ein Kind, beherrschet mich,
Beherrscht den Konig und den Diener,
Schon, Iris, schon wie du, es denkt wie ich,
Nur ist's vielleicht ein wenig kuhner.
"Ist Ihr Herz auch der Meinung?" fing er an und umfasste mich. Ich sagte in aller Unschuld: "Ja." "Also finden Sie doch den namlichen Fehler an mir, den alle Damen an mir tadeln, dass ich zu bescheiden, nicht kuhn genug bin?" fragte er. Es verdross mich, dass er meinem unschuldigen Ja eine so geflissentlich falsche Auslegung gab: ich antwortete ihm also, halb wider Willen, in dem Tone der Frau von Dirzau: "Keineswegs!" "Das Keineswegs haben Sie wohl von meiner Schwester gelernt? Es war ihr leibhafter Ton: aber es ist auch so falsch, wie alles, was meine Schwester sagt. Ihr Herz mochte wohl, dass ich ein weniger dreister ware?" "Mein Herz schweigt ganz still dabei", sagte ich. "Ich will es einmal fragen", sprach er lachend und machte eine Bewegung, die mich zum Aufstehen notigte. Er holte mich zuruck und fing ein zweideutiges Gewasch uber die Liebe und die Herzen der Damen an, das ich mich so sehr zu wiederholen schame, als ich mich damals schamte, es zu horen. Seine Hande nahmen dabei wieder so vielen Teil am Gesprache, dass ich mit grosser Empfindlichkeit aufstund und ihm nachdrucklich sagte: "Gnadiger Herr, ich bin wohl verliebt, aber nicht verhurt!" dabei machte ich eine Verbeugung und ging. Auf der Treppe begegnete mir Vignali und notigte mich, wieder mit ihr zuruckzugehn. Der Herr von Troppau sprach italienisch mit ihr, und beide lachten herzlich vermutlich uber mich, weil sie in einer Sprache redeten, die ich nicht verstehe, und auch ein paarmal einen Blick nach dem Sofa wurfen: das setzte mich in so uble Laune, dass ich vor Argerlichkeit kein Wort mehr sprach. Da er uns verlassen hatte, fing Vignali an: "Der Herr von Troppau hat mit Ihnen geschakert?" "Ja", antwortete ich, "aber nicht, wie ich's liebe!" "Sie sind wohl gar empfindlich daruber? Sie sind ja sonst nicht so eigensinnig, so erzurnbar und auch keine Feindin von der Liebe." "Das nicht!" unterbrach ich sie, "ich habe auch dem Herrn von Troppau sehr deutlich gesagt, was ich von der Liebe unterscheide." "Narrin!" rief sie und schlug mich auf die Schulter, "wer wird denn so einen einfaltigen Unterschied machen? Lieben wir nicht alle? Wollen Sie allein sich mit dem Zusehen begnugen? Konnen Sie andre Leute essen sehn, ohne dass Sie hungert?" "Wenn ich nichts zu essen habe!" sprach ich. "O sehr gut!" Mit dieser Antwort hatte ich mich selbst gefangen: sie schikanierte mich ganz entsetzlich daruber und fragte endlich, ob mir der Herr von Troppau zu schlecht ware. Ich war so verdriesslich uber das Gesprach, dass ich ihr etwas zu ubereilt antwortete: "Er ist mir zu allem nicht zu schlecht, was er bisher fur mich gewesen ist: aber ich dunke mich zu gut, um seine Hure zu sein." Daruber wurde Vignali feuerrot. "Untertanige Dienerin!" sprach sie etwas spottisch, "also bin ich auch seine Hure? denn das sag ich Ihnen frei, ich liebe den Mann: ich habe unsre Liebe niemals verhehlt, weil ich keine Heuchlerin bin. Fur eine Gouvernante sind Sie noch sehr kindisch. Ich will dem Herrn von Troppau sagen, dass er Sie in Ruhe lasst, bis Sie bei reiferem Verstande sind. Sie sind noch zu neu, um sich dabei zu benehmen, wie es sich gehort." Ich konnte mich nicht enthalten, uber die Lektion ein wenig zu schmollen: allein der Vignali merkte man's nicht eine Minute an, dass sie auf mich zurnte: sie brach ab und war wieder so freundlich wie vorher. Seitdem hat mich der Herr von Troppau nicht mit einer Hand wieder beruhrt, meiner und Vignalis Freundschaft hat es auch nicht geschadet, und ich bin so ruhig, so munter und vergnugt zeither in dem Hause
Herrmann. Das du mit dieser Minute verlassen solltest, wenn du Gewissen hast! Du bist in einem schrecklichen Hause, in dem Wohnplatze der Verfuhrung, unter Betrugern und Kupplerinnen, unter gleissenden Betrugern
Ulrike. Heinrich, ich sage dir's noch einmal, du machst mich bose.
Herrmann. Ich wollte, dass du's wurdest: so zankten wir uns, trennten uns, hassten uns, und es kostete uns doch keine Muhe, keinen Schmerz; denn mit unsrer Liebe ist es doch aus, rein aus. O Ulrike! ich habe, seitdem ich in dieser Stadt bin, Dinge gehort, wovon weder mein noch dein Verstand traumte schreckliche Dinge, bei welchem sich meine ganze Seele emport: dein Gluck ist es, wenn du sie nicht weisst: aber du wirst sie erfahren! Du wirst sie erfahren!
Ulrike. Du setzest mich in Todesangst: sage mir nur, was du hast, was du furchtest!
Herrmann. Nunmehr weiss ich unsre Geschichte, unsre traurige Geschichte. Die Unschuld liebte mich, ich liebte sie: die Unschuld kam an den Ort der Verfuhrung, ward verfuhrt und ich zur Leiche; denn das sagen mir alle meine Gedanken und mein ganzes Gefuhl, wenn du liebtest wie sie alle, die du deine Freundinnen nennst du warst mir verhasst: ich musste laufen, so weit mich See und Land trugen, um deinem Andenken zu entgehn. Unsre Liebe, das sagt mir mein Herz laut, ist ein andres Ding als die Liebe der Vignalis, der Lairessen, und wie sie weiter heissen. Wenn du ihnen gleich wurdest?
Ulrike. So gross ist dein Zutrauen zu mir, meiner Tugend, meinem Gewissen, meiner Ehre? Tat ich nicht einen Schwur?
Herrmann. Liebe Ulrike, was sind tausend Schwure in der Anfechtung? wenn man gedrangt, getrieben, gestossen wird? Ich hielt meinen Verstand fur einen Gotterverstand; und doch schwatzte mir ihn ein Bosewicht danieder: glaubst du, dass deine Tugend starker ist als mein Verstand! Und wenn sie es ware, hat sie nicht auch mit grosserer Starke zu kampfen als ich? Kein Geld wird dich uberwinden: aber eine glattzungige, beredte, einschmeichelnde Vignali! ein wollustiger, uberraschender, schlauer Herr von Troppau! Traust du dir, solchen Gegnern immer, immer zu widerstehen?
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, schweig! Du scheuchst eine Schlange auf
Herrmann. Aber ist es nicht besser, sie itzt aufzuscheuchen, damit sie dich nicht beisst, wenn du unachtsam auf sie trittst oder sorglos daliegst und schlummerst? Ulrike, das schwor ich dir, eine Untreue, eine einzige Untreue reisst unsre Herzen auf ewig auseinander.
Ulrike. So verdunkle doch unser Vergnugen nicht mit so schwarzen Vorstellungen! Freilich lauerte auf meines Onkels Schlosse keine Verfuhrung auf mich: auch ohne Beschutzer war ich sicher: aber warum sollt ich's hier nicht ebenfalls sein? was konnt ich von diesen friedlichen, freundlichen Leuten furchten! Durch einen unglucklichen Vorfall, den du mir noch nicht deutlich gesagt hast, bist du misstrauisch geworden: du machst dir trube Einbildungen und malst dir furchterliche Gespenster vor die Augen. Vignali wird dir die Gespenster schon verjagen.
Herrmann. Mein Ungluck war's, wenn sie mir sie verscheuchte. Ulrike, hast du das Herz, aus Liebe fur mich dies Haus zu verlassen?
Ulrike. Verlassen? Dies Haus? Warum?
Herrmann. Aus Liebe fur mich, sag ich!
Ulrike. Um wessentwillen verliess ich Dresden? Weisst du nun, wieviel ich aus Liebe fur dich tun kann? Ja, aus einem Palaste kann ich aus Liebe fur dich gehen, wenn es sein muss: aber wohin?
Herrmann. In die Welt: je weiter von hier, je lieber.
Ulrike. Menschenfeind! was hat dir denn die unschuldige Stadt getan?
Herrmann. Nichts! aber sie wird! Ich habe mit der Verfuhrung meines Kameraden, der zwei Jahre junger ist als ich, mit seinem Hohne, seinen Schmahungen, seinen verachtendsten Spottereien ich habe mit den Lockungen einer Dirne, die oft den Diener unter mancherlei Vorwand auf seiner Stube besuchte, mit den Hohnereien beider gekampft: aber ich trug sie, weil mir Zurnen nichts half. Die Verfuhrung war plump, zuruckscheuchend, emporend fur alles mein Denken und Empfinden: es kostete mir nicht einen Atemzug Standhaftigkeit, um ihr zu widerstehn: es war eine Reizung, die mir widerstund: aber, Ulrike, wenn wir ihrer gewohnt wurden und sie uns endlich in einem anstandigern Gewande weniger widerstunde, was dann? Ulrike, wir wollen fliehn, weil es Zeit ist.
Ulrike. Wollen wir uns vom Winde nahren?
Herrmann. Hier sind vier Hande! Was die Hande nicht konnen, wird vielleicht der Kopf tun.
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, ubereile dich nicht! Glaube mir! das sind alles finstre Grillen, die du dir machst. Warum sollten denn in dieser Stadt nicht so gut tugendhafte, ehrliche Leute sein als anderswo? Muss man denn notwendig verfuhrt werden? Ich wohne ja schon drei Monate hier und bin's noch nicht: wir sind zwar jung, aber doch keine Kinder, die man mit Mandelkernen lockt und uberredet. Das hast du dir noch von Schwingern angewohnt, der auch jede Sache zu ernsthaft betrachtet und uber alles moralisiert. Vignali wird dich schon heiter und aufgeraumter machen. Hab ich dir nicht schon genug aufgeopfert? meinen Stand, meinen Ruf, die Gunst meiner ganzen Familie! Soll ich nun gar wegen einer ubeln Laune und einiger finstern Grillen, die dir eben aufsteigen, allem Wohlsein, aller Ruhe, allem Vergnugen entsagen und mit dir ins Elend auswandern? Bedenke doch nur, welche Laufbahn sich fur dich eroffnet! du findest durch unser Haus Gonner, Freunde, Beforderer, bekommst einen Platz und mit dem Unterhalt vielleicht auch Ehre; und Heinrich! soll ich dich noch erinnern, was alsdann fur eine Gluckseligkeit auf uns beide wartet? Unser Wunsch ist ja dann erreicht: wollen wir uns von dem Glucke, das uns bei der Hand dahin fuhrt, mutwillig losreissen? Du Grillenkopf! was stehst du denn da und murrst? So wirf doch deine ernsthafte, finstre Laune in die Spree! in den tiefsten Grund hinein!
Herrmann. Gute Nacht, Ulrike. Ich gehe morgen zu Vignali. Er ging. Der hastige, abgebrochne Abschied setzte Ulriken in Erstaunen: sie eilte ihm nach, aber er war schon die Treppe hinunter.
Viertes Kapitel
Den grossten Teil des folgenden Morgens brachte Herrmann mit seiner Adonisierung zu, und um eilf Uhr war er schon vollig mit seinem neuen Staate angetan, als der Sohn der Frau Hildebrand, ein Knabe von zwolf Jahren, ihm einen Brief von Ulriken uberbrachte.
den 28. Jan.
Heinrich!
Du hast mir abermals eine recht schlaflose Nacht gemacht. Deine Besorgnis muss mich angesteckt haben: die ganze Nacht wand und drehte ich mich um die Vorstellung herum, dass ich verfuhrt werden konnte: es kam mir nunmehr selbst vor, als wenn es sehr leicht anginge. Die Grosse der Gefahr und meine Furcht wuchsen mit jedem Pulsschlage: ich hatte in der Angst tausend Meilen mit Dir laufen mogen, um nur aus dem verfuhrerischen Hause zu kommen. Da fiel mir endlich ein Gedanke ein Heinrich! ein recht gottloser Gedanke! Aber, dacht ich, du hast deinem Heinrich so viel aufgeopfert: wenn du ihm nun durch die Aufopferung deiner Tugend auf immer glucklich und gross machen konntest? Du wurdest dein Leben Kaum war mir der abscheuliche Gedanke durch den Kopf gefahren, so erschrak ich, als ob mich der Schlag trafe: ich gluhte und schwitzte vor Entsetzen und wurde so grimmig auf mich selbst, dass ich mir eine recht derbe Ohrfeige gab. Es kam mir wohl hundertmal wieder in den Kopf: ich habe mich mit dem abscheulichen Gedanken gequalt und abgeangstigt wie mit einem Gespenste: ich schloss die Augen fest zu und wollte einschlafen, um nur nicht mehr zu denken; aber es ging nicht. Ich schlummerte endlich ein wenig ein: gleich kam mir vor, dass der Herr von Troppau vor meinem Bette stunde, so schon und reizend, als ich noch keine Mannsperson gesehn habe: er hielt mit sanftem Lacheln seine Arme offen, mir entgegen: mein Herz pochte, ich wollte hinaus in seine Arme, ich arbeitete, um mich herauszuwinden: da warfst Du Dich mir plotzlich um den Hals und zogst mich so gewaltig zuruck, dass ich fast erstickte: ich hustete und wachte druber auf, aber so froh, so entzuckt, als wenn mich jemand aus den Klauen eines Lowen gerissen hatte. Der Stutz auf meinem Schreibeschranke schlug gerade drei: ich stund auf, nahm meine Pelzsaloppe um, zundete mein Licht bei der Nachtlampe an und schrieb Dir dies Briefchen. Aber ich muss hier schliessen: meine Finger konnen vor Kalte kaum die Feder regieren, ich zittre, trotz der dicken Pelzsaloppe, wie im Fieber vor Frost. Wohl Dir, wenn Du ruhiger schlafst als ich! Ich muss Dir geschwind noch einen sonderbaren Besuch erzahlen, den ich heute in aller Fruhe gehabt habe. Meine Unruhe liess mich nicht im Bette: gegen sechs Uhr stund ich auf und machte mir selbst Feuer im Windofen und setzte mich im Pelze nicht weit davon nieder. Ich schlummre ein, sinke mit dem Kopf auf einen danebenstehenden Stuhl und schlafe so halb sitzend, halb liegend, bis es Tag wird. Da ich aufwache, sitzt eine Mannsperson am Tische: ich erschrecke und erkenne den Lord Leadwort. Hab ich Dir schon etwas von diesem Originale gesagt? Es ist ein Englander, der diesen ganzen Winter hier zugebracht hat und einigemal in der Abendgesellschaft bei Vignali gewesen ist, wo ich seine Bekanntschaft gemacht habe. Er sass in einem braunen Reitrocke, Pantoffeln, einer baumwollnen Stutzperucke, einem runden Hute, einen knotichten, mit Eisen beschlagnen Stock in der Hand, tiefsinnig und steif nach der Tur hinsehend, da, ohne sich zu ruhren. Ich stand lange und wusste nicht, ob ich ihn fur einen Rasenden oder Betrunknen halten sollte. Er redete nicht. "Mein Gott!" fing ich endlich an, "Mylord, wo kommen Sie so fruh her?"
Er. Ich bin schon lange da.
Ich. Ich muss bekennen, dass ich ein wenig erstaunt bin, Sie so fruh bei mir zu sehn.
Er. Ich will den Tee bei Ihnen trinken.
Ich. Aber in diesem Anzuge, Mylord! Ich muss Ihnen frei heraus sagen, dass mich die Freiheit ein wenig verdriesst, die Sie sich genommen haben. Wenn Sie jemand so bei mir antrifft was man alsdann argwohnen wird, konnen Sie leicht selbst erraten.
Er. Man wird glauben, ich habe bei Ihnen geschlafen.
Ich. Mylord! Ich hatte einen andern Mann in Ihnen vermutet.
Er. Ist es denn nicht die Wahrheit? Ich bin schon seit ein Uhr hier: ich habe aber nicht sonderlich geschlafen.
Ich war so erbittert, dass ich ihm voller Zorn ins Gesicht sagte: "Mylord, das ist eine Unwahrheit. Wollen Sie vielleicht meinen guten Ruf zugrunde richten und eine so schandliche Erdichtung von mir ausstreuen? Was hab ich Ihnen getan?" "Nichts!" unterbrach er mich kaltblutig. "Es ist die lautere Wahrheit. Ich habe seit ein Uhr hier geschlafen: Sie sind um drei Uhr aufgestanden und haben geschrieben: dann legten Sie sich wieder nieder, stunden gegen sechs Uhr auf, machten Feuer, schliefen auf dem Stuhle ein und wachten itzo auf. Wie kann ich das alles wissen, wenn ich nicht hier geschlafen habe?"
Ich. Aber ich habe Sie nicht gesehn.
Er. Ich habe mich bestandig stillgehalten, um Sie nicht zu erschrecken.
Ich. Sie werden mir verzeihen, Mylord, ich finde, dass Sie eine grosse Unbedachtsamkeit begangen haben. Sie konnten mich unschuldigerweise in einen schlimmen Ruf bringen. Aber sagen Sie mir in aller Welt, wie sind Sie auf den Einfall gekommen?
Er. Ich hab Ihnen etwas zu sagen. Um es nicht zu verschlafen, sondern gleich bei der Hand zu sein, wenn Sie aufstunden, hab ich bei Ihnen geschlafen.
Ich. Aber wie sind Sie hereingekommen?
Er. Durch die Tur. Weil mir das, was ich Ihnen sagen will, bestandig zu sehr in Gedanken lag, konnte ich nicht einschlafen: ich trat ans Fenster: der Mondschein gefiel mir: ich warf meinen Reitrock uber, ging hieher, fand die Tur offen, ging in Ihr Zimmer, legte mich auf den Sofa und schlief. Was ist denn Ubels dabei?
Ich. Sehr viel! wenn's die Frau von Dirzau erfahrt?
Er. So will ich ihr selbst sagen, dass ich bei Ihnen geschlafen habe.
Ich. Tausendmal lieber war mir's, wenn Sie am hellen Tage und wachend zu mir gekommen waren.
Er. Das bin ich! Ich bin wachend zu Ihnen gekommen, ganz wachend!
Ich war zu argerlich, um uber seine tollen Antworten zu lachen: ich wollte den Tee bestellen und bat um die Erlaubnis, ihn verlassen zu durfen. "Der Tee ist bestellt: ich hab es selbst getan", sprach er. Wirklich langte er auch ein paar Augenblicke darauf an.
Wir tranken: es erschienen verschiedene Arten von Backwerk, das er gleichfalls vor meinem Erwachen bestellt hatte: niemand sprach. Endlich fing er ganz trocken an: "Mademoiselle, ich will Ihnen in zwei Worten sagen, was ich bei Ihnen will: ich liebe Sie."
Ich. Sehr viel Ehre fur mich, Mylord!
"Das ist eine Luge!" fuhr er hitzig auf. "Mir macht es Ehre, aber nicht Ihnen." Sogleich fiel er wieder in seinen kalten Ton zuruck. "Ich habe eine Abneigung gegen die Ehe", fuhr er fort, "wenn Sie meine Freundin werden wollen, so versprech ich Ihnen" (hier zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und las) "jahrlich vierhundert Pfund fur Ihre kleinen Ausgaben, freie Equipage, Bedienung, Wohnung und Tafel, alles, wie Sie es nach Ihrem Gefallen einrichten wollen, auf meine Rechnung. Trennt uns der Tod oder notigt mich eine unvermeidliche Ursache, nach England zuruckzukehren, so bestimme ich Ihnen auf Ihre ganze Lebenszeit tausend Pfund Interessen, wovon Ihnen das Kapital nach meinem Tode sogleich ausgezahlt werden soll. Die Verschreibung desselben soll gerichtlich bestatigt und bei den hiesigen Gerichten niedergelegt werden. Was sagen Sie dazu?"
Ich. Mylord, ich sage, dass Ihr Anerbieten sehr grossmutig ist, und beklage um soviel mehr, dass ich keinen Gebrauch davon machen kann.
Er. Das tut mir leid. Aber warum nicht?
Ich. Weil ich in keine Verbindung von dieser Art jemals willigen werde.
Er. Wollen Sie lieber geheiratet sein?
Ich. Auch das nicht!
Er. Wozu sind Sie denn also auf der Welt? Haben Sie schon eine andre Liebe?
Die Frage kam mir so hurtig auf den Hals, dass ich erschrak und in der Verlegenheit mit einem gestammelten "Vielleicht!" antwortete.
Er. Das ist ein ander Ding. Wenn Sie schon in einer andern Verbindung sind, darf ich keinen Anspruch mehr auf Sie machen: hatten Sie mir das gleich gesagt!
"Nein, Mylord!" rief ich etwas entrustet. "Sie irren sich sehr: ich bin in keiner Verbindung, wie Sie meinen, und werde auch nie in eine treten."
Er. Warum nicht?
Ich. Weil ich sie meiner nicht wurdig achte.
Er. Gut! so wollen wir achthundert Pfund zu kleinen Ausgaben setzen, wenn Ihnen vierhundert nicht genug sind.
Ich. Und wenn Sie zweitausend setzten, bewegten Sie mich nicht dazu. Geben Sie sich keine Muhe!
Er. Ich bedaure. Aber warum nicht?
Ich. Wie ich Ihnen schon gesagt habe weil ich mich zu gut dunke, um die Matresse eines reichen Lords zu werden.
Er. Ein reicher ist ja doch besser als ein armer. Warum denn nicht bei einem reichen?
Ich. Bei gar keinem! sag ich Ihnen.
Er. Sonderbar! Aber warum nicht?
"Weil ich nicht will!" antwortete ich, hochst unwillig uber sein ewiges Fragen.
Er. Warum wollen Sie denn nicht?
Ich schwieg: er wiederholte unermudlich sein Warum. -"Ich weiss nicht", sprach ich endlich mit der aussersten Verdriesslichkeit. Wir sassen beide stillschweigend da: es offnete plotzlich jemand die Tur: der Herr von Troppau, gestiefelt und gespornt, trat herein. "Was, Teufel, machen Sie hier, Mylord?" rief er lachend. "Ich habe bei der Mamsell geschlafen", antwortete der eiskalte Lord. "Bravo!" schrie der Herr von Troppau und wollte sich ausschutten vor Lachen. "Bravo, mein Puppchen! Fangen Sie nun an, zu werden?"
Ich hatte dem holzernen Lord in die Augen springen mogen: ich musste einige Zeit den ubeln Spass des Herrn von Troppau ausstehen, aber endlich riss mir die Geduld. "Mylord", sprach ich hastig, "so erzahlen Sie doch die ganze Begebenheit, wie sie ist, damit Sie mich nicht in einen unangenehmen Verdacht bringen!" "Sehr gern!" sagte der Lord und wandte sich zum Herrn von Troppau. "Ich habe in aller Ehrbarkeit bei der Mamsell geschlafen" und nun erzahlte er ihm den ganzen Vorfall mit allen Umstanden der Reihe nach. Als er sein getanes Anerbieten wieder von seinem Blatte abgelesen hatte, fuhr der Herr von Troppau auf mich hinein: "Und Sie nehmen das nicht an?" fragte er verwundert. "Sind Sie toll? Glauben Sie, dass solche Antrage alle Tage kommen? Mylord, lassen Sie Ihr Blatt hier, damit sie's besser uberlegen kann." Der Lord steckte das Blatt hinter meinen Spiegel: ich wollte es verhindern, aber der Herr von Troppau liess mich nicht zum Worte kommen. Er sagte, dass ihn seine Schwester habe rufen lassen, um bei ihr nachzusehn, was fur eine Mannsperson heute bei mir ubernachtet hatte, dass sie uber mich geseufzt und auf mich geschmaht habe. Mir stiegen die Tranen in die Augen. "O Mylord!" sagte ich weinerlich, "Sie haben mich in einen Verdacht gebracht, von dem Sie mich mit Ihrem ganzen Vermogen nicht loskaufen konnen." "Beruhigen Sie sich!" sprach er mit viel Gutherzigkeit, "ich will der Dame gleich selbst sagen, warum ich bei Ihnen geschlafen habe." Er wollte gehn, aber es kam ein Bedienter des Herrn von Troppau und sagte ihm etwas ins Ohr. "Mylord", fing er lachend an, "Ihre Bedienten laufen mit Stiefeln und Schuhen in der ganzen Stadt herum und suchen Sie." "Me voila!" sprach er ausserst gelassen und gab Befehl, dass sein Bedienter mit den Stiefeln heraufkommen sollte. Als er kam, war Mylord doch so hoflich, dass er vor die Tur ging und sie mit seinen Pantoffeln vertauschte. Der Herr von Troppau, sosehr er auch davon abwehrte, musste ihm das Zimmer der Frau von Dirzau zeigen: er ging unangemeldet zu ihr hinein: wie sie ihn aufgenommen hat, weiss der Himmel. Ich bin seitdem in einem sonderbaren Zustande: es ist mir immer, als wenn ich mich uber Dich und Deinen Besuch bei Vignali freuen sollte, und gleichwohl mischt sich auch so viel Verdriesslichkeit und Besorgnis darunter. Lieber Heinrich! traue mir nur! mache mich nur nicht schwacher, als ich bin! Und wenn's Liebhaber und Anbeter auf mich herabregnete, solltest Du sie alle erfahren; und dass mich einer von Dir abwendig machte, das ist so unmoglich, als dass um Mitternacht Mittag wird.
Ich habe diesen Brief nur eilfertig hingeworfen. Gutes Gluck bei Vignali! Ich bin Deine
Ulrike.
Der Brief war noch nicht vollig gelesen, als schon der Lohnkutscher vorfuhr, der Herrmann zu seiner neuen Gonnerin bringen sollte: er stieg hinein, von seinem gewesenen Kameraden begafft, der nebst dem Diener mit neidischem Lachen in der Gewolbetur zusah. Der neugeschmuckte Adonis nahm seine ganze Herzhaftigkeit, Lebhaftigkeit und Galanterie zusammen, um vor Madam Vignali mit der bescheidnen Dreistigkeit eines Weltmannes zu erscheinen: der Empfang war uberaus gutig, der Besuch dauerte fast bis ein Uhr, das Gesprach war lebhaft und ununterbrochen: Vignali zeigte sich in dem ganzen Glanze ihrer Schonheit und Beredsamkeit; und um Herrmanns Vorstellung von beiden noch zu vergrossern, affektierte sie eine Migrane, die ihr die naturlichste Gelegenheit gab, zuweilen aus dem raschen, uberwaltigenden Tone in den sanften, schmachtenden uberzugehn. Die Frau war gewiss eine der edelsten Figuren, im grossen heroischen Stile von der Natur gebildet: ihre Miene, ihr Ton verschafften ihr uber jeden, der mit ihr sprach, eine Autoritat, der man sich ohne Weigerung unterwarf, als wenn die Natur einmal das Verhaltnis so bestimmt habe, dass sie allein befehlen und alle andre Menschen gehorchen sollten. Herrmann wurde schon bei diesem ersten Besuche ihr wirklicher Sklave: es war, als wenn sie ihm die Unterwurfigkeit mit dem ersten Blicke in die Seele hauchte. Er bekam die Erlaubnis, nachmittags sein Zimmer, worinne noch eine Kleinigkeit zu machen war, zu beziehen und auf den Abend in der Gesellschaft bei ihr zu erscheinen. Er war glucklich, vom Wirbel bis zur Fusszehe entzuckt uber das neue, glanzende Leben, wovon er nur ein Vorspiel gesehn hatte, und gestund sich unterwegs, dass Ulrike reizend und liebenswurdig, aber Vignali schon und hinreissend sei. Wie berauscht taumelte er aus der Kutsche: aber wie traurig wurde er inne, dass ihn sein Besuch mitten zwischen die vornehme und burgerliche Esszeit eingeklemmt hatte! Denn zu Hause war bereits um zwolfe gespeist worden, und hatte nicht die Kaufmannsfrau die Neubegierde gehabt, seinen neuen Staat zu besichtigen, und ihn deswegen in die Stube gerufen, so ware bei aller Gluckseligkeit sein Magen leer geblieben: um ihn mit grossrer Musse ausfragen zu konnen, liess sie ihm einen Rest ihrer Mittagsmahlzeit aufwarmen; und nun wurde gefragt! bis auf den Boden der Seele ausgefragt! Seine Figur war angenehm, ziemlich lang, gut gebaut: sein neuer Putz erhohte ihren Reiz: die Frau hatte bei der Abwesenheit ihres Mannes entsetzliche Langeweile: sie bat den schongeputzten Herrmann zum Kaffee. Freilich liess sie wohl auch nichts mangeln, um ihre Schonheiten sie war wirklich schon und ihre Unterhaltungsgabe in das vorteilhafteste Licht zu stellen: allein sosehr sie zu jeder andern Zeit fur sich selbst gefiel, so gering war ihre Wirkung itzt nach einem Besuche bei Madam Vignali wie alles so gemein, so alltaglich, so platt in ihren Reden und Manieren gegen das edle, grosse, einnehmende Betragen, gegen die feine, gewahlte, lachelnde Sprache einer Vignali! Herrmann hatte sich mit tausendmal grosserm Vergnugen in seinem kalten Kammerchen Vignali gedacht, als diese matte Schonheit den ganzen Nachmittag gesehn. Zu seiner unendlichen Freude erlost ihn die Ankunft eines Briefs von Ulriken aus dem Zwange. Sie schrieb:
den 28. Jan.
Hab ich's doch gedacht: mein Heinrich ist alles, was er sein will; und wenn's ihm morgen einfallt, den Fursten zu spielen, so ist er's gleich so ganz, als wenn er zeitlebens nichts anders gewesen ware. Wahrhaftig, Du bist etwas mehr als ein Mensch. Vignali ist von Dir bezaubert: sie spricht von nichts als von Deinem Lobe: sie findet in Dir den vollkommensten Weltmann, dem man's bei dem ersten Hereintritt ansieht, dass er in der grossen Welt gebildet ist. Ich musste mich bei mir uber den Lobspruch herzinniglich freuen, dass Du sogar eine so feine Frau hast hintergehn konnen. Die Frau war mir in dem Augenblicke noch einmal so schon, so lieb und wert: ich habe ihr Hande und Lippen beinahe entzweigekusst vor Herzenswonne, wie sie so ewig von Dir redete, als wenn sie gar nicht wieder von Deinem Lobe wegkommen konnte. Die brave, vortreffliche Frau! es gibt gar keine bessere auf der Erde. weggefahren warst: aber um mich nicht zu sehr zu verraten, wollte ich nicht nach Dir fragen. Der Lord Leadwort erschien: die Suppe wurde aufgetragen: es war noch kein Heinrich da. Wir setzten uns: noch immer war kein Heinrich da 'und wird wohl auch keiner kommen!' dachte ich betrubt. 'Ob die Vignali toll ist? Als wenn sie nicht wusste, dass ich gern mit meinem Heinrich eine Seele ausmachen mochte!' Zwar nun besann ich mich erst was weiss sie denn? Nichts! Also sei ihr der Fehler vergeben! Aber was half mir's, dass ich ihr den Fehler vergeben musste? Ich wurde so verdriesslich und tolpisch wie ein ungezogenes Madchen. Ich ass ein paar Loffel Suppe: sie schmeckte mir wie Galle, und ich liess in meinem Verdrusse den Loffel hineinfallen, dass sie herumsprutzte: ich stopfte hastig Brot uber Brot in den Mund, trank Wasser, trank Wein: es wurde mir so weh ums Herze, dass mir die Augen ubergingen. Vignali sah mir nachdenkend zu und lachelte: warum nur die Frau lacheln mochte? Es war ein so tuckisches Lacheln, das ich noch niemals an ihr gesehn habe.
Der Lord fing an, sein gewohnliches tolles Zeug zu machen, nahm jedes Wort in einem andern Sinne und vergass auch sein ewiges Warum nicht. Man kann furwahr den Mann nicht anhoren, ohne zu lachen. Er trieb einmal die Vignali mit seinem "aber warum?" so in die Enge, dass sie ihm nicht mehr antworten konnte: gleich darauf schlug sie ihn mit seinen eignen Waffen und fragte ihn von jedem Warum wieder das Warum bis ins unendliche fort, dass er sich mit nichts zu helfen wusste als durch eine Gesundheit, die er der Vignali als der grossten Warumfragerin zubrachte. Am meisten beschaftigte er sich mit mir: bei dieser Gelegenheit habe ich erfahren, dass er in Logogryphen, Ratseln, Auslegungen der Namen und dergleichen Wissenschaften sehr stark ist. Er fuhrt bestandig ein Punktierbuch bei sich: "Neulich", erzahlte mir Vignali, "tut eine Dame die Frage an ihren Nachbar: 'Ob ich wohl heute Briefe von meinem Manne bekommen werde?' Gleich erscheint der Lord, den sie vorher gar nicht gesehn noch gesprochen hat, ubergibt ihr seine Schreibetafel und einen Bleistift: 'Punktieren Sie!' sagte er. Die Dame weiss nicht damit umzugehen, er erklart ihr also das Geheimnis der Kunst, kniet vor ihr mit dem rechten Knie nieder, legt auf das linke seine Punktiertabellen, zahlt, sagt ihr die Buchstaben, und sie muss sie aufzeichnen. Die ganze Gesellschaft, die wenigstens aus zwanzig Personen bestanden hat, versammelt sich um ihn; aber er punktiert ungestort fort." Mir hat er heute bei Tische mein ganzes kunftiges Leben auspunktiert und brachte heraus, dass ich ihn heiraten wurde: aber ich versicherte ihn, dass seine Tabelle entsetzlich falsch sein musste. "Aber warum?" fragte er. "Weil ich Sie nicht heiraten werde", antwortete ich; und er schwieg.
Nach Tische ging eine ernsthaftere Szene vor. Ich war mit Vignali allein. "Meine Liebe", fing sie auf einmal abgebrochen an, "Sie sind eine Baronesse von Breysach." Sie sagte das mit dem eignen Tone, den sie allemal braucht, wenn sie entdeckt, dass sie etwas weiss, was sie nicht wissen soll. "Sie sind eine Baronesse von Breysach." Ich war so uberrascht, als wenn der Tod plotzlich vor mir stunde. "Erschrekken Sie nicht!" fuhr sie fort. "Sie sind eine Baronesse von Breysach, sind Ihrer Tante in Dresden entlaufen und haben den Namen Ihren Vetters angenommen." Ich hatte mich unterdessen ein wenig gesammelt und fragte sie mit gezwungenem Lachen: "Wer hat Ihnen das Marchen uberredet?" "Sie kennen eine Frau Hildebrand?" sagte sie etwas spottisch. "Die Frau Hildebrand hat eine Muhme in Dresden, die Sie von Leipzig bis Dessau gebracht hat; und diese Muhme in Dresden ist sehr wohl bekannt bei der Oberstin, der Sie entlaufen sind; und diese Muhme in Dresden hat ihrer Muhme in Berlin Ihre Geschichte anvertraut, und diese Muhme in Berlin hat mir, der Madam Vignali, Eroffnung davon getan: wie doch ein Marchen unter so vielen Handen zur Wahrheit werden kann! Ich hab es gewusst, ehe Sie noch ins Haus kamen, und Ihnen heute erst entdecken wollen, dass ich das Marchen weiss." Ich war gefangen: das Herz wollte mir brechen: ich warf mich ihr mit Tranen zu Fussen und bat sie bei allem, was heilig ist, mich nicht zu verraten: vor Begierde und Angst sturmte ich so in sie hinein und riss so stark an ihrem Kleide, dass alle Nahte an ihm krachten und platzten: in dem Augenblicke machte sie eine so schadenfrohe, stolze, tuckische Miene, die mir durch die Seele fuhr, wie ich noch nie eine in ihrem Gesichte gesehn habe. "Stehn Sie auf!" sprach sie beleidigend stolz zu mir, "so bittet man einen Kaiser, aber keine Freundin." Gleich ging ihr Gesicht wieder zur sussesten Freundlichkeit uber: sie versicherte mich bei ihrer Ehre, dass niemand durch sie mein Geheimnis erfahren sollte, solang ich's nicht entdeckt wissen wollte. "Horen Sie nun auch", fuhr sie fort, "warum ich mich gerade itzt mit Ihnen in dies Gesprach einlasse! Der Lord Leadwort hat Ihnen heute einen Antrag getan, den Sie ausgeschlagen haben: er lasst Ihnen itzt einen andern durch mich tun: er will Sie heiraten. Was sagen Sie zu diesem Antrage."
"Was ich heute fruh gesagt habe!" antwortete ich entschlossen.
"Sie sind ein Kind", sagte sie, auch gerade in dem Tone, wie man mit Kindern spricht. "Ich will Sie nur erst mit dem Manne recht bekanntmachen" und nun holte sie ein grosses Papier aus dem Schreibeschranke, wovon sie mir eine unendliche Menge Reichtumer ablas, nebst allem, was er mir zum Leibgedinge aussetzte. Bei seinem Leben versprach er mir jahrlich tausend Pfund zu den kleinen Ausgaben und nach seinem Tode ein Leibgedinge von zweitausend Pfund jahrlichen Einkunften, die ich aber nirgends als in Engelland verzehren konnte: bei seinem Leben sollte es meiner Wahl uberlassen sein, ob ich bestandig in Engelland oder abwechselnd ein Jahr in Deutschland und ein Jahr in Engelland leben wollte. Soviel habe ich mir nur daraus gemerkt. Als Vignali fertig war, fragte sie mich mit recht spitzigem Tone: "Sagen Sie nun noch wie heute fruh?" "Ja", sprach ich mit festem Akzente so fest wie mein Entschluss und schlug mit beiden Handen auf die Brust, "wie heute fruh spreche ich noch itzt und werde ewig so sprechen." "Gehn Sie!" sagte die stolze Frau und stiess mich verachtlich von sich. "Sie sind ein Kind. Gehn Sie! ich muss zum Besuche fahren." Sie ging, ohne Abschied zu nehmen, in ihr Kabinett und liess mich allein stehn.
Ich bin in Todesangst, was man nun alles wider mich anzetteln wird. Ob sie vielleicht gar unsre Liebe weiss? Aber wie ware das moglich? Sie musste allwissend sein. Damit wir uns nicht verraten, wollen wir einander nicht anders als bei Vignali sehen und desto ofter schreiben. Der Uberbringer meiner heutigen Briefe soll Dein Bedienter werden: Vignali lasst ihm eine Liverei machen. Da mich die Hildebrand so schandlich verraten hat, trau ich auch ihrem Sohn nicht: wer weiss, warum Vignali ihn zu Deinem Bedienten gewahlt hat? Aber es ist unmoglich: sie weiss nichts und soll auch nichts erfahren. Dass ja jeder Deiner Briefe fest, fest zugesiegelt und auf starkes Papier geschrieben ist! Lieber gib ihm gar nicht die Form eines Briefs! Wenn die verschmitzte Frau alles auskundschaftet, soll ihr doch unsre Liebe ein Geheimnis bleiben.
Du denkst doch nicht etwa, dass mir meine abschlagige Antwort auf des Lords Anerbieten etwas gekostet hat? Nicht einen Zuck am Herze! Nicht eine bittre Empfindung! Nein, Heinrich! so klein bin ich nicht! Konnt ich meinen ehrlichen Ruf um Deinetwillen aufs Spiel setzen; war mir meine Ehre gegen Deine Liebe eine Feder, so sind mir zweitausend Pfund Leibgedinge gewiss nur eine Seifenblase dagegen. Weg, weg mit ihnen! Du bist mir Reichtums genug; was brauch ich mehr?
Eben lasst mir Vignali sagen, dass Dein Zimmer in Bereitschaft ist: Der Uberbringer hat Befehl, Dich zu begleiten und anzuweisen. Mache Dich gleich auf den Weg.
Ich bin diesen Abend nicht zur Gesellschaft gebeten worden und doch Du! Was das nur bedeuten mag? O die unselige Vignali! ich zittre vor ihrer List wie vor einer Schlange.
U.
Unmittelbar nach der Durchlesung des Briefs wurde eine Kutsche bestellt: weil es schon finster war, liess Herrmann sein leichtes Kufferchen, das seine samtlichen Effekten in sich fasste, hineinschieben, nahm im Hause Abschied und fuhr davon. Seine neue Wohnung war schon, zierlich, voll Geschmack, der Heinrich, der noch vor einigen Tagen die Schurze trug, zum vornehmen Herrn geworden: alles fand er hier wieder wie auf dem Schlosse des Grafen Ohlau: er kehrte zu dem vornehmen, glanzenden Leben wieder und sah in sein bisheriges wie in ein Grab, wie ins Nichts zuruck. Freilich Ulrikens Brief! das war ein verzweifeltes Gegengewicht gegen seine Freude. Er wollte ihn noch einmal lesen, aber er musste ihn verstecken; denn Vignali trat herein, um ihn aus ubertriebner Hoflichkeit zu bewillkommnen. Sie nahm ihn mit sich auf ihr Zimmer, wo sie ihm seine Uberlegung uber Ulrikens Brief aus dem Kopfe rein herausschwatzte. Lairesse stellte sich sehr zeitig ein und trug auch das ihrige zu seiner Aufheiterung bei: sie versuchte ihre ganze unendliche Tandelsucht an ihm. Ihr Lieblingszeitvertreib bestand darinne, dass sie die tollsten, ungeheuresten Figuren in buntem Papiere ausschnitt und ihre Gesellschafter damit ausputzte: deswegen legte ihr Vignali jedesmal, wenn sie zum Besuche bei ihr war, buntes Papier und eine Schere in Bereitschaft, welches auch diesen Abend geschehn war. Sie schnitt Riesen, Zwerge, Polischinelle, Hanswurste, Pantalons und andre Karikaturen. Vignali fand an dieser Beschaftigung allmahlich auch Geschmack: auch Herrmann bekam eine Schere, und so sassen sie alle drei an einem kleinen Tischchen, mit der aussersten Geschaftigkeit und Ernsthaftigkeit, und jedes suchte das andre durch die grossre Abenteuerlichkeit seines Produkts zu ubertreffen. Lairesse sang mitunter ein franzosisches Liedchen zu der Arbeit, behing den armen Herrmann vom Kopf bis zu den Fussen mit den abscheulichsten Fratzengesichern und lachte ihn aus, schwenkte ihn tanzend ein paarmal um, dass die Papiermanner in dem Zimmer herumflogen, trallerte, ass ein Stuckchen Biskuit, neckte Vignali, neckte Herrmann, setzte sich wieder an die Papierarbeit und suchte jedem ihrer Mitarbeiter durch Stosse oder mutwillige Scherenschnitte, wenn sie itzt den letzten vollendenden Meisterschnitt tun wollten, das Werk zu verderben. Die Tischgesellschaft bestund fur diesmal nur aus diesen drei Personen, war ebenso kindisch lustig, und Herrmann, dem alle diese Auftritte neu waren, ging zufrieden und vergnugt aus ihr auf sein Zimmer, um sich desto trauriger die Nacht hindurch mit Ulrikens Briefe herumzuschlagen.
Siebenter Teil
Erstes Kapitel
Herrmann stund nach einer langen, ernsten, nachdenkenden Nacht sehr fruh auf, um an Ulriken folgenden Brief zu schreiben.
den 29. Jan.
Dein letzter Brief, liebste Ulrike, hat mich in die ernsthafteste Uberlegung versenkt, die mich selbst mitten im Vergnugen gestern abend beschaftigte. Die Liebe emport sich zwar in meinem Herze laut wider ihn: bei dem tiefsten Nachdenken presste sie mir eine ruhrungsvolle Zahre in die Augen und suchte meine Vernunft durch Wehmut zu tauschen: aber, liebste Ulrike, so gewiss die feurigste Liebe in meinem Herze fur Dich brennt, so gewiss sagt mir mein Verstand, dass wir nicht bloss lieben, sondern auch uberlegen mussen. Unterdrucke einmal alle Empfindlichkeit, alle Neigung fur mich! verschliesse die Ohren fur Deine Zartlichkeit und lass sie nur mir und der Vernunft offen!
Glaubest Du wirklich, dass die Liebe glucklich genug macht, um ausserliches Wohlsein zu verachten? dass die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem Herze Starke und Trost genug mitteilt, um Mangel, achtung, auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen? dass nicht endlich uberhauftes Leiden sich durch den eisernen Mut bis zum Herze durchfrisst, schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt? Glaubst Du das nicht bloss auf die Uberredungen Deiner Leidenschaft, sondern aus reifer lebendiger Uberzeugung?
Was hast Du von mir und durch mich zu erwarten? Elend oder kargliches Gluck! Meine Person ist mein einziges Gut; und hieltest Du sie in der Verblendung des Affekts fur ein unschatzbares Kleinod, so wurde ich zum Bosewicht, wenn ich Dich nicht daran erinnerte, dass sie nichts ist. Weder zum Pfluge, noch zum Handwerke, noch zum Fabrikanten tauglich, ohne Stand, ohne Gewerbe, ohne Vermogen, um eins anzufangen, ohne Wissenschaft, ohne Gonner! ein blosser nackter Erdenkloss, dem das Gluck einen seidenen Rock oder einen Kittel anziehen kann! auf die Erde dahingeworfen, dass das Schicksal mit ihm spielen, ihn entweder emporschnellen oder in den Kot walzen soll! Und wenn in diesen durftigen Erdenklumpen die Natur alle grosse Talente gelegt hatte, die nur einen Sterblichen erheben, alle Leidenschaften, die ihn aus dem Staube emporreissen konnen, was sind sie ohne Gluck? Wurmer, die am Herze nagen und das bisschen Gluckseligkeit, das Jugend und Gesundheit darbieten, wie eine frische Blute wegfressen! verderbliche Wurmer, die sich in den saftvollen Baum des Lebens hineingraben, seine Rinde durchlochern, den nutzlichen Nahrungssaft abzapfen, in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit bruten, dass oft der kraftlose Baum erstirbt, eh er noch die ersten Bluten trieb, oder mit durren Zweigen, kleinen gilblichten Blattern, ohne Frucht, Schonheit und Anmut dasteht und sich zu Tode krankelt! Mochte ich also der vollkommenste Sterbliche sein, der jemals aus der Hand des Schopfers ging: alle diese Vollkommenheiten sind immer nur Krucken auf dem Wege des Lebens, aber das Gluck ist der Fuhrer, das lehren mich alle meine bisherigen Schicksale.
Nimm Deine ganze Besonnenheit, Dein ganzes Nachdenken zusammen und uberlege! Sind Dir gewisse zweitausend Pfund Einkunfte lieber oder ein Wurfel, mit dem Du vielleicht den zwanzigsten Teil dieser Summe oder nichts gewinnen kannst? Denn wie ich Dir gesagt habe, ich bin furwahr nichts als ein Wurfel, den das Schicksal wirft; und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Gluck auf dem Spiel: nein, wenig Gluck oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten Gewinnste, die Du durch mich erlangen kannst. Wahlst Du zu Deinem Schaden statt der Gewissheit Wahrscheinlichkeit, statt einer lebenslangen unverbesserlichen Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer, Reue, Armut, dann ist wenigstens mein Gewissen ruhig, ob es gleich mein Herz nie sein konnte: ich habe mich Dir mit meinem ganzen Nichts vor Augen gestellt. Ware mein Korper fur landliche Arbeiten gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zartlichkeit aufgewachsen oder wusste ich eine Kunst, ein Handwerk, das mir jeden Tag das Brot des folgenden versprache, dann sagte ich Dir: Ulrike, wenn Dein Herz so fest an meinem hangt, dass es Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermogen, wohl! entsage aller Bequemlichkeit, allem Range, allem Uberflusse! lass Deine zarten Finger von Arbeit, Kalte und Sonnenhitze auflaufen, Deine weissen Arme von der Luft schwarzen oder roten und Deine weichen Hande mit Schwielen uberziehn! Du sollst in der Umarmung eines Fursten nicht glucklicher sein als bei mir: Liebe soll unser schwarzes Brot wurzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark machen: Liebe soll den Tag anfangen und beschliessen, und auf meinen Handen will ich Dich dem Grabe entgegentragen. Aber Ulrike! ein Wurfel des Glucks sein und auf einen misslichen Wurf seine Ruhe, selbst seine Liebe setzen! die heisseste Holle verdiente ich, wenn ich Dich vor einem solchen Wagstucke nicht warnte. Ein Brief von Schwingern, den ich in Dresden empfing und Dir hier beilege, ist fur mich eine Lampe, bei welcher ich meine Vernunft anzunde, sobald die Liebe sie ausloscht: ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen: lies ihn aufmerksam und dann erwage!
Was ich tun werde, wenn Du der Vernunft folgest? denn einen Menschen wie mich einem Lord vorziehn, was ist das anders als Schwachheit, und ich kann es dreist Unvernunft nennen, ob ich gleich wider mich selbst spreche. Was ich also tun werde? Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern: Dein Ring, den Du mir unter dem Baume gabst, soll, in Flor gehullt, auf meinem Herze hangen, im Leben und im Grabe, solange mein Gebein zusammenhalt: mein Herz soll ein ewiges Trauerhaus sein, still, ode, traurig wie das Haus eines Witwers, der nie wieder zu lieben versprach; und dies soll auch mein Gelubde sein, mein feierlich zugesagtes Gelubde. Glaube mir, dass ich's halten werde! Ein Herz, wo Du wohntest, ist fur jede andre eine zu kostbare Wohnung: an den Ort, den Dein Bild heiligte, ein andres setzen, ware Abgotterei. In jedem Jahre soll der Tag, wo meine Liebe starb, ein Tag der Trauer sein: Zahren will ich ihr opfern, wenn ich ihn beginne, Zahren, wenn er sich schliesst: keine Speise soll meine Lippen beruhren, solange die Sonne den Horizont erleuchtet, kein Trank meine Zunge benetzen: in Flor und schwarzer Kleidung will ich den ganzen langen Tag feiern wie einer, dem man seine Liebe begrub; und fragt mich jemand: um wen trauerst du, Freund? dann antwort' ich ihm: um mich! Ware ich in einer Religion geboren, die dem Bedrangten eine Zuflucht in einsamen Mauern darbietet, so legte ich den namlichen Tag, wo Deine Wahl wider mich entscheidet, einen Ordenshabit an: doch ich bedarf solcher gewaltsamen Mittel nicht, um mir mein Gelubde zu erleichtern: es wird mir leicht sein, so leicht wie eine Sache, die gar nicht anders geschehn kann. Ein zweites Gelubde, das ich zur Erleichterung Deiner Schmerzen tue, ist das Versprechen, sogleich Deutschland zu verlassen und weder dahin noch in Engelland jemals einen Fuss zu setzen: welches Land mich auch nahren mag, so soll es doch nie eins sein, wo Du bist.
So uberlege dann, erwage und wahle! Frage nicht, ob es mich, ob es Dich schmerzt: was ware Trennung, wenn sie nicht schmerzte? Vergiss mich ganz und denke nur an Dich!
Ich opfre Dir meine Gluckseligkeit mit schwerem, aber willigem Entschlusse: so wahr eine Seele in mir denkt und empfindet, so wahr fuhle und sage ich Dir, dass ich mit ebenso williger Entschliessung noch heute meinen Kopf auf den Block legen wollte, wenn ich Dir durch meinen Tod alle Schmerzen unsrer Trennung ersparen konnte!
Lebe wohl. Wie Vignali mir sagt, werden wir uns nur selten bei ihr sehn konnen: sie darf Dich nicht oft mehr zu sich bitten, weil es der Herr von Troppau untersagt haben soll: warum, entdeckte sie mir nicht. Glaube mir! die Frau ist tuckisch: sie hat etwas im Kopfe wider uns, darauf wollte ich schworen; und wenn sie nicht allwissend ist, so muss sie unsre Briefe lesen; denn sie hat mir gestern Dinge gesagt, die nur in unsern Seelen und in unsern Briefen stehn. Ich argwohne sehr, sie weiss unsre ganze Liebe schon. So schon sie ist, so schlau scheint sie mir: ich trau ihr nicht.
H.
Vignali notigte ihn, nach Tische mit ihr spazieren zu fahren, und er empfing deswegen erst gegen Abend Ulrikens Antwort, ungefahr eine Viertelstunde nach seiner Zuruckkunft. Heinrich! Heinrich! bist Du toll, dass Du mir so einen Brief schreiben kannst? Denkst Du, dass ich um Geld liebe? oder dass ich mit meinem Herze hausieren gehe und es den Meistbietenden zuschlage? Du Undankbarer! so einen schlechten, verachtlichen Begriff hast Du also von mir, dass Du glaubst, es komme mir nicht darauf an, wen ich liebe, sondern wieviel er mir Gluck oder Ungluck einbringt? Durch so viele Widerwartigkeiten, die ich seit meinen fruhesten Jahren um Deinetwillen litt, mit freudiger Standhaftigkeit litt, hab mir eine edlere Denkungsart zutraust? Ist jemals eine Handvoll Schmerz und Gefahr in meinen Augen ein Punkt gewesen, den ich eines Blicks wurdigte? Hab ich nur eine Minute mich bedacht, Ehre und Leben zu wagen, wenn sie Dich mir versicherten, wenn sie unsre Liebe in Sicherheit setzten? Und nun trittst Du, kalter Vernunftler, noch hin und ratst mir, fur gehabte Bemuhung zweitausend Pfund Sterlinge anzunehmen, aus Furcht, Du mochtest vielleicht gar mein Schuldner bleiben mussen! Hab ich denn noch jemals eine Bezahlung, eine Vergeltung von Dir gefodert? Es falle Ungluck wie Hagel auf uns herab! was ist das mehr oder weniger? Wenn es unsre Liebe daniederhagelt, dann macht es uns unglucklich: aber das tu es! ich spotte seiner.
Todsunde war es schon, dass Du Dir nur einbilden konntest, mich durch so einen abgeschmackt vernunftigen Brief zu einem Entschlusse zu bewegen, den ich nicht denken kann, ohne dass mir dafur ekelt: ich will auch die Minute den abscheulichen Brief verbrennen, damit Dich die Leute nicht ins Gesicht schimpfen, wenn ihn jemand bei mir fande. Hier flammt er im Ofen, der beleidigten Liebe geopfert! Wie ein boser Geist fahrt sein Dampf durch die krachende Blechrohre und lasst einen scheusslichen Gestank zuruck. Wenn Du wieder so einen schreibst, lass ich ihn auf offentlichem Markte verbrennen.
Ich armes Madchen denke, was fur ein ruhrendes Dankschreiben ich erhalten werde, dass ich der Vignali und dem Lord so gescheit geantwortet habe, und da ich's offne ist es eine elende schlechtgeschriebne erbarmliche Busspredigt, als wenn Du einem schlechten Kandidaten das Konzept von seiner ersten Predigt gestohlen hattest. Zeitlebens habe ich mich nicht so entsetzlich erzurnt, als wie mir da die Galle uberlief: ich gluhte wie mein Ofen, ich schluchzte, ich weinte vor Arger und kann nicht zu Tische gehn, bis ich Dir den Text recht derb gelesen habe.
Aber sage mir! denkst Du wirklich so weggeworfen von mir, wie Du schreibst? Heinrich! ich beschwore Dich bei Deiner Gluckseligkeit! haftet noch ein Gedanke von Deinem Briefe in Deiner Seele, so losch ihn aus! rein aus, als wenn er nie dagewesen ware: oder wenn Du es nicht vermagst, so lass ihn meine Tranen austilgen! mein Blut soll ihn tilgen, wenn Tranen zu schwach sind. Konnten sie so in Deine Seele fliessen, wie sie auf dies Blatt tropfeln! Es sind bittre Tranen, wie die beleidigte Liebe sie weint: sie wurden Dich heisser brennen als Deine heisseste Reue. O Du Grausamer! dass ich sie so zeitig um Dich vergiessen muss! Oder hat Dich vielleicht Vignalis Schonheit schon geblendet? Diese edle, schone englische Figur, wie man sie nennt! Wolltest Du mir's etwa nicht zuleide tun, dass Du so kalt von ihr sprichst? Guter Heinrich! man kann auch raten, was kluge Leute verschweigen. Die Frau ist mir seit heute und gestern, da Du bei ihr wohnst und immer um sie bist, so verdachtig, so widrig geworden, dass ich mich wundre, wie ich sie jemals so sehr habe lieben konnen. Sie hat ganz ein ander Gesicht, ganz andres Tun und Wesen, seitdem Du bei ihr wohnst: wenn ich sie am Fenster mit Dir stehn sehe, schielt sie so tuckisch, so schlau, so tiegermassig grinsend durch die Scheibe! Und wie sie heute mit Dir in den Wagen stieg, kam mir's nicht anders vor, als wenn sie Horner hatte wie der Teufel. Ich trau ihr keinen Schritt weiter; und doch hab ich dem falschen Weibe mein Einziges, mein Liebstes anvertraut! O ich Tolle! ich Unbesonnene! wenn ich Dich nur wieder mit Ehren aus dem Hause bringen konnte! Die Vignali kommt mir nun Tag und Nacht nicht aus den Gedanken: wo ich gehe und stehe, ist sie neben mir und grinst mich mit ihrer stolzen tuckischen Miene an wie ein Beutelschneider, der die Gelegenheit ablauert, um mir meinen einzigen Reichtum zu rauben. Itzt war mir's doch wahrhaftig, als wenn sie zur Stube hereinkame, um mir meinen Brief wegzureissen: ich versteckte ihn hurtig unter die Schnurbrust: du wirst's dem armen Briefe anmerken, dass er sich vor einem Rauber hat verkriechen mussen: er ist jammerlich zerknittert.
Heinrich, wenn Du mich betrugst, Dich durch Vignalis List und Schonheit von mir abziehen und untreu machen lasst; wenn Du vielleicht schon wirklich auf dem Wege bist, Dich von ihr einnehmen zu lassen, vielleicht schon gar fur sie eingenommen bist: welche Strafe kann fur einen solchen Meineid empfindlich genug sein? Alle zeitliche und ewige Strafen waren zu schwach fur eine Untreue, die Du an der schwachen Gutherzigkeit begingst, an mir unschuldigem Geschopfe, mir jammernder Taube, die aus einfaltiger Gute den Geier liebkoste, der ihr ihren geliebten Tauber wurgen will.
Meine Ruhe ist vorbei, solange Du bei der Vignali bist. Dass ihr der Herr von Troppau untersagt hat, mich zu sich zu bitten, ist eine der schandlichsten Lugen, darauf wette ich. O wie ich mir so susse, so himmlische Freuden versprach, wenn Du mir so nahe warst! Wo sind sie? Alle dahin! alle von einem Fuchse in einer Nacht gewurgt!
Ich kann nicht mehr schreiben, so zittert mir die Hand. Ich fuhle einen Fieberschauer. Heinrich, mache nur bald wieder Mut, eh ich krank werde!
U.
Herrmann wurde durch den Schluss des Briefes und die Wendung, die Ulrike dem seinigen gab, nicht wenig ausser Fassung gebracht: doch ermannte er sich bald und antwortete ihr sogleich. Ulrike, harme Dich nicht! Vignali kann mich vielleicht zu ihrem Freunde, zu ihrem Bewunderer machen: aber nie, nie wird sie Dich verdrangen, nie mir die Untreue nur eines Gedankens abnotigen. Ausser Dir ist keine auf der Erde, die mir Liebe einflossen kann, am wenigsten eine Vignali, die sich mir auf der Spazierfahrt noch verdachtiger gemacht hat.
Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben: aber er sei vergessen, weil Du es willst, in unserm Gedachtnisse vernichtet, wie ihn die Flammen vernichteten; und auch meine Kopie will ich verbrennen.7 Dass ich nicht so von Dir dachte, wie Du glaubst, und nie so denken werde, bezeugt mir mein Gewissen. Was Du fur mich tust, das fuhl ich dankbarlich: was ich fur Dich werde tun konnen, weiss Gott. Aber mutig! kann ein Madchen des Unglucks spotten, so kann ich's furwahr auch, spottete schon lange dessen, was mich trifft, und nur von Dir wollte ich durch meinen Rat die Leiden abwenden, die unsre Liebe uber Dich zusammenzieht. Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglucks abwehren darf, so soll Standhaftigkeit ihnen trotzen, und weder Vignalis noch die ausgesuchtesten Qualen werden jemals die
H.
Er kam wegen des Briefes sehr spat in die Gesellschaft bei Vignali und fand schon den Herrn von Troppau, dem sie ihn als ihren Freund vorstellte, ohne seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwahnen: auch den ganzen ubrigen Abend wurde nicht mit einer Silbe an sie gedacht. Vignali glanzte bei Tische mit allen Seiten ihrer Grosse: sie wagte es sogar, leichten gefalligen Witz zu haben, was sonst ihr Talent nicht war, da es ihr hingegen an boshaftem, auch wohl beissendem niemals fehlte: ihre Aufmerksamkeiten und Gefalligkeiten gegen Herrmann waren unzahlbar. Wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und wartete sie ihm auf: als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hatte, benahm sie ihm allen Verdacht und blies ihm das Misstrauen wie rein gefegt aus dem Herze weg. Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau.
Aber wie lange? Eine Nacht! und der Verdacht war desto starker wieder da. Uberhaupt gab ihr jedermann das Zeugnis, dass man nicht klug in ihr werden konne: sie wechselte ihren Charakter wie ihre Handschuhe; und vermutlich wird auch Herrmann nicht eher in ihr klug werden, als bis er es werden soll.
Zweites Kapitel
Der weniger misstrauische Herrmann musste bei Vignali des Morgens darauf fruhstucken. Sie sah ihm wieder so listig, so tuckisch aus, dass er sich vor ihr scheute.
"Herrmann", hub sie nach einigen gleichgultigen Gesprachen mit ihrem Entdeckungstone an, "Sie sind in Ihre Muhme verliebt."
Ihr grosstes Vergnugen war, bei solchen Gelegenheiten den Leuten starr ins Gesicht zu sehn, um die Verlegenheit zu vermehren, in welche sie durch ihre uberraschenden Worte gesetzt wurden: die heimtuckische Freude lachte alsdann aus allen Zugen des Gesichts. Herrmann war zwar eine gute halbe Minute nach ihrer Anrede wie auf den Kopf geschlagen: allein sein beleidigter Ehrgeiz, dass ihn die Frau so aus der Fassung gebracht hatte, arbeitete sich bald durch, er fragte etwas hastig: "Woher wissen Sie das?"
Vignali verdross die Frage: sie tat ihm, statt der Antwort, eine andre mit sehr spitzigem Tone: "Wollen Sie den Mann vor Gerichte verhoren lassen, der mir's gesagt hat? Hier ist er!" Sie wies auf ihn selbst.
Herrmann. Ich? Ich hatte Ihnen jemals so etwas nur mit einem Worte verraten?
Vignali. Pst! Verraten? das ist ein verraterischer Ausdruck.
Herrmann. Entdeckt, anvertraut, wollt ich sagen.
Vignali. Ja doch! Sie versprachen sich. Aber bei aller Behutsamkeit sind und bleiben Sie doch Ihr eigner Verrater.
Herrmann. Oder Sie eine selbstbetrogne Erraterin!
Vignali sah ihn mit dem stolzesten Ernste an: "Herrmann! wollen Sie mich Lugen strafen? Gleich gestehn Sie mir, dass Sie das Madchen lieben! oder es wird Leute geben, die ihr schaden konnen."
Herrmann. Eine solche Drohung bewegte mich furwahr zu keinem Gestandnisse: aber was soll ich leugnen, was ich fur mein grosstes Verdienst halte? Ja, Madam, Sie haben's getroffen: ja, ich liebe sie.
Vignali. Und sind ihr wohl recht exemplarisch treu?
Herrmann. Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet.
Vignali. Sie werden's nicht lange mehr sein.
Herrmann. Ihr? Ulriken nicht lange mehr treu? So musste doch wahrhaftig die Sonne ausloschen und der Mond vom Himmel fallen
Vignali. Was wetten Sie? Sie mussen ihr untreu werden.
Herrmann. Madam, Sie haben mich zum besten. Ausser ihr, das sag ich Ihnen dreist, ausser ihr ist kein Reiz fur mich auf der Welt, keine Schonheit, die mir nur einen Pulsschlag Liebe abnotigen konnte.
Vignali. Daran ist gar kein Zweifel. Aber eben darum, weil diese einzige Schonheit so unmenschlich schon ist, mussen Sie ihr untreu werden. Glauben Sie denn, dass Sie der einzige sind, der diese einzige Schonheit empfindet und anbetet?
Herrmann. Das nicht! aber zuverlassig der einzige, von dem sie angebetet sein will!
Vignali. Ah! das ist eine andre Sache. Sie sind eifersuchtig.
Herrmann. Eifersuchtig? Ich habe gar keine Ursache dazu.
Vignali. Sie sind's! haben auch Ursache dazu! Sie kennen nur diese Ursachen noch nicht recht: aber rechnen Sie auf meinen Beistand! In wenigen Tagen sollen Sie ganz zuverlassig wissen, wieviel oder wie wenig Ursachen zur Eifersucht Sie haben.
Herrmann. Das ware lustig. Sparen Sie Ihre Muhe, Madam! So gewiss Ulrike das einzige Madchen ist, das ich lieben kann, so gewiss bin ich der einzige, der von ihr geliebt wird; und eher wollt ich mich uberreden lassen, dass heute nachmittag das Ende der Welt kommt, als dass unsre Treue und Standhaftigkeit in unserm ganzen Leben nur eine Minute lang wanken wird.
"Lieber Herrmann, wie glucklich ist Ihre Freundin, einen so ausserordentlichen Liebhaber zu besitzen!" sprach Vignali mit verstellter Sussigkeit. "Ziehen Sie sich an! wir wollen ausfahren: vielleicht kann ich meine abscheuliche Migrane loswerden. Gehn Sie!"
Auf der Spazierfahrt wurde das Gesprach in dem namlichen Tone fortgesetzt, und Vignali gab ihm Eifersucht und nahe Untreue mit so dreister Frechheit schuld, dass er fast zu zweifeln anfing, ob er es nicht ohne sein Wissen schon wirklich sei: wenigstens brachte sie ihn doch fur diesmal so weit, dass er auf Ursachen zur Eifersucht aufmerksam wurde.
Nachmittags hielt sie mit Lairesse und Rosier eine Ratsversammlung bei verschlossnen Turen in dem innersten Kabinette, wovon freilich Herrmann sich nicht traumen liess, dass sie ihn betraf. Vignali, als Vorsitzerin, eroffnete die Versammlung mit einer pathetischen Rede.
"Meine lieben Freundinnen", begann sie, "ich muss euch eine Entdeckung machen, die euch gewiss sehr interessieren wird. Der junge Mensch, den ich ins Haus genommen habe, liebt die Gouvernante bei der Fraulein Troppau und mit einer Zartlichkeit und Heftigkeit, dass man sich zu Tode lachen muss. Ich habe alle Briefe gelesen, die sie einander taglich schreiben: ehe sie abgegeben werden, muss mir sie der Bursche zeigen, der den Liebhaber bedient; auch da seine Mutter noch ihre geheime Botschafterin war, sind sie schon in meine Hande gekommen: ich habe mir noch gestern eine Migrane uber das tolle Zeug gelacht. Das mochte hingehn: aber die Sache wird fur uns ernsthaft. Das Madchen ist ausserst stolz und bildet sich viel auf ihre sogenannte Tugend ein: ich habe sie zwar ins Haus gebracht, weil ich mir etwas anders in ihr versprach, aber sie wurde mir gleich drei Tage nach unsrer angefangenen Bekanntschaft unleidlich; und ich habe deswegen ihr Emporkommen bestandig zu hintertreiben gesucht. Der Herr von Troppau war wirklich in sie verliebt, und hatte ich nichts getan, so ware sie schon langst auf den namlichen Fuss gesetzt worden wie wir alle; und sahe sie sich einmal auf einer solchen Hohe, dann ware es um uns geschehen: wir wurden zuruckgesetzt und endlich gar verabschiedet. Dafur sind wir bisher durch meine Klugheit gesichert worden und werden auch kunftig dafur gesichert werden: aber es droht eine andre Gefahr. Ihre narrische Grille von Tugend und Ehre hat dem Herrn von Troppau einige wunderliche Ideen in den Kopf gebracht: er schwatzte mir gestern nach Tische so viel albernes Zeug von der Tugend eines Madchens daher und besonders so viel von der Tugend und Ehrbarkeit dieses Affen, wie sehr die weibliche Tugend allen noch so glanzenden Schonheiten vorzuziehen sei, dass man doch am Ende ihr Bewunderer werden musse, auch wenn man sich den Vergnugungen noch sosehr ergabe, und was dergleichen armselige Lappereien weiter waren: der Himmel weiss, in welchem einfaltigen Romane er einmal das tugendhafte Geschnacke aufgelesen haben mag; denn da kriegt er mannigmal solche Paroxysmen von Weisheit. Ich musste alle Muhe anwenden, um ihn aus seinem Weisheitsfieber herauszureissen: da ich ihn nur einmal soweit gebracht hatte, dass er bei mir blieb, alsdann verging ihm wohl die Weisheit. Wisst ihr, was ich befurchte? Wenn er erfahrt, dass das Madchen von seinem Stande ist, so sind wir nicht einen Augenblick sicher, dass er nicht die Torheit begeht und sie heiratet; denn er ist wirklich in sie verliebt, sehr verliebt: was er gestern von ihr sprach, war mehr als Bewunderung: es entschlupfte ihm sogar der Wunsch, dass sie von seinem Stande sein mochte, und er erschrack, da er sich besann, dass er sich so sehr verraten hatte. Seine gottselige Schwester treibt ohnehin bestandig an ihm, dass er sich wieder verheiraten soll; weiss sie erst, dass das Madchen eine Baronesse ist, dann ruht sie nicht, bis sie seine Frau wird, sobald sie nur merkt, dass er sie liebt. Was alsdann aus uns allen wurde, konnt ihr leicht raten, die verachteten, zuruckgesetzten Nachtreterinnen einer stolzen Ehefrau!
Wie sie itzt schon von uns denkt, und wie sie uns also in einem solchen Falle unfehlbar begegnen wurde, das konnt ihr leicht aus zween Umstanden abnehmen. Neulich, als der Herr von Troppau eine kleine Schakerei mit ihr vornahm, wurde sie so empfindlich daruber, dass sie mir ins Gesicht sagte: sie mochte nicht des Herrn von Troppau Hure sein: und zwar mit einem so verachtlichen Seitenblicke nach mir, dass sich meine ganzen Eingeweide erschutterten. Ich unterdruckte damals meinen Zorn, aber von dieser Minute an war Rache uber sie beschlossen. Glaubt das eingebildete Madchen, dass sie die einzige Tugend auf der Welt ist? Haben wir nicht sowohl Tugend und Ehre als sie? Ist es nicht die tollste Frechheit, uns einen so erniedrigenden Namen zu geben? Ist das nicht die schmerzendste Beleidigung, die allein schon Rache, die empfindlichste Rache foderte?
Aber das ist noch nicht genug. In ihren letzten Briefen an ihren Liebhaber spricht sie so schlecht von mir, dass ich alle meine Fassung zusammennehmen musste, um meinen Unwillen nicht gegen den jungen Menschen zu verraten. Sie malt mich als eine schlaue, stolze, boshafte Frau ab, und auch ihr Liebhaber macht keine bessere Schilderung von mir: sie sind beide darinne einig, dass sie mir nicht trauen wollen. Das Misstrauen argert mich, dass ich rasen mochte: aber ihr Elenden! ihr sollt mir trauen und durch euer Vertrauen eure eignen Verderber werden: dafur steh ich. Ich will mein Haupt nicht ruhig niederlegen, bis ich die Wurmer zerdruckt habe.
Itzt kennt ihr die Gefahr, die uns alle bedroht, meine Freundinnen, und die Beleidigung, die mir und uns allen widerfahren ist: vernehmt nunmehr auch meine Rache! Das Madchen muss gedemutigt werden: das einzige, worauf sie stolz tut, weswegen sie uns verachtet, uns solche krankende Namen gibt, muss sie verlieren: ich beruhige mich nicht, solange sie nicht soweit gebracht ist. Ich habe schon den alten Gecken, den Lord Leadwort, der auch in die Narrin verliebt ist, an sie abgeschickt: er musste ihr einen sehr anstandigen Kontrakt anbieten, aber sie schlug ihn aus: ich bered'te ihn, dass er sie heiraten sollte, und das ehrliche Vieh verstund sich auch dazu. Ich tat ihr in seinem Namen den Antrag: auch diesen wies sie mit der frechsten Naseweisheit von sich. Ich dachte gewiss, sie wurde mit auf diese Art ins Garn laufen: sagte sie damals ja, dann musste noch denselben Abend der Lord seine Brautnacht mit ihr feiern, in einem paar Tagen von Berlin wegreisen und die Braut sich mit der Brautnacht begnugen. Den treuherzigen Lord drehe und wende ich wie ein Stuckchen Papier: ich triumphierte schon uber meine gelungene Rache und hatte dem Madchen das Gesicht zerfleischen mogen, als sie mir so ein trotziges Nein zur Antwort gab. Dem Fratzengesichte steckt ihr Herrmann im Kopfe: auf diesen gesetzten, gewissenhaften, soliden Philosophen baut sie ihre Hoffnung wie auf einen Felsen: dieser nachdenkende, altkluge, ubermassig weise Junge hat ihr ganzes Herz. Wisst ihr nun, was zu tun ist? Wir mussen die Liebe zerreissen. Erstlich wollen wir den warmen Liebhaber eifersuchtig machen: ich will dem Madchen Liebhaber uber Liebhaber zuschicken: der Bube ist sehr heiss vor der Stirn, und ich wette mit euch, ehe eine Woche vergeht, sollen sich die beiden Leute nach Herzenslust zanken. Facht ihr nur in allen Abendgesellschaften seine Eifersucht recht an! weder Lugen noch Betrug mussen gespart werden. Sind sie erst veruneinigt, dann nehmen wir den Liebhaber vor und setzen ihm alle drei aus allen Kraften zu, dass wir ihn zu einer Untreue verleiten: aus Verdruss, Eifersucht und Rache gegen das Madchen wird er schon von seines Herzens Hartigkeit nachlassen: die ihn unter euch gewinnt, soll diesen Ring zur Belohnung von mir empfangen. Erfahrt das Madchen seine Untreue und sie soll sie gewiss die Minute darauf erfahren, dafur will ich sorgen , dann wird sie sich rachen wollen: man schickt ihr einen Liebhaber zu, der den Augenblick des Verdrusses zu nutzen weiss; und fallt sie da noch nicht, dann muss sie ihr Liebhaber selbst zugrunde richten, selbst demutigen und unser aller Schande und Gefahr an ihr rachen.
Betragt euch klug und verschwiegen, das rate ich euch! bedenkt, dass ihr mir euer Gluck zu verdanken habt, dass du, Lairesse, eine Tanzerin, und, Rosier, ein Waschmadchen warst! Um euch an mein Interesse zu knupfen, hab ich euch erhoben: gehorcht ihr mir nicht in allem punktlich, seid ihr nicht verschwiegen wie die Mauern, dann wisst, dass der Topfer so gut den Topf zerschmeissen kann, als er ihn bildete. Troppau muss von nun an nicht eine Stunde zur Besonnenheit kommen: wir mussen ihm seinen Paroxysmus von Weisheit ganz vertreiben: er muss mit Vergnugen uberfullt werden, dass es ihm gar nicht einfallt, an seine Liebe zu dem Madchen zu gedenken. Ich will schon sorgen, dass er sie wenig zu sehen bekommt. Itzt wisst ihr alles, was ihr zu tun habt: ich ermahne euch noch einmal seid klug und verschwiegen oder zittert!"
Sie sprach's, rausperte dreimal ihren rauhen Hals, und beide Zuhorerinnen klatschten ihr Beifall zu und gelobten ihr Gehorsam und Verschwiegenheit an. Lairesse walzte sich vor Freuden auf dem Sofa, dass sie den jungen Menschen zum Narren haben sollte, und Rosier hupfte wie eine Elster und lispelte mit Handeklatschen: "Das ist hubsch! das ist hubsch!" Die Ratsversammlung erhub sich in das Zimmer, Vignali stimmte ihre Muskeln zur Freundlichkeit und Liebe um, und Herrmann wurde zur Gesellschaft gerufen.
Drittes Kapitel
Die listige Vignali lenkte sogleich das Gesprach auf die Untreue der Madchen und fuhrte bittre Klagen uber die Wankelmutigkeit ihres eignen Geschlechts, erzahlte Geschichten von hintergangenen Liebhabern, die ihr Leben gegen die Bestandigkeit ihrer Geliebten verwettet hatten: die ubrigen beiden Nymphen brachten auch einen Zuschuss von ahnlichen Begebenheiten herbei. Hermann schwieg, seufzte und machte Betrachtungen bei sich.
Auf einmal sprachen die drei Schonen leise, als wenn er es nicht horen sollte, wiewohl sie eigentlich seine Aufmerksamkeit noch mehr dadurch zu reizen suchten, dass sie durch oftere Seitenblicke nach ihm, durch oftere halblaute Warnungen, dass man den armen Herrmann nicht kranken musste, sich ein Stillschweigen auferlegten und immer lauter und ofterer Ulrikens und seinen Namen nannten: eine wollte es schlechterdings nicht glauben, die andere hielt eher des Himmels Einsturz fur moglich als so eine Treulosigkeit, und die dritte stritt mit aller Zuverlassigkeit dafur. Herrmann wurde rot, horchte mit allen Ohren auf das zischelnde Gesprach und kochte am ganzen Leibe, als er aus dem geheimnisvollen Geschwatze eine Geschichte erriet, die er nur furchten, aber nicht glauben konnte.
Endlich, als man ihn in Garung geraten sah, fing man an, sich laut zu erzahlen, wie glucklich Ulrike sei, dass kein Madchen in Berlin so viele Anbeter habe als sie. "Ich weiss keinen als den Leadwort", sprach Vignali. "Und Monsieur Piquepoint!" rief Lairesse. "Und der sklavonische Graf!" lispelte Rosier. "Den Herrn von Troppau konnen wir auch dazu rechnen", hub Vignali wieder an. "Und den Herrn Bassano bitte ich nicht zu vergessen!" sagte Lairesse. "Und wie heisst denn der da?" lispelte Rosier. "Wisst ihr nicht? Monsieur Nattier." "Das sind ihrer doch nicht mehr als sechse", rief Vignali laut und vernehmlich, als wenn sie zur Ausruferin daruber bestellt ware. Lairesse konnte des Spasses nicht satt werden und nannte noch wenigstens drei oder vier Kastraten her, die Herrmann nicht kannte und von denen er also nicht wusste, wie wenig furchterliche Nebenbuhler sie waren. "Das Madchen kann sich nicht erhalten", versicherte Vignali. "Gebt acht! sie fallt, ehe man sich's versieht."
Lairesse. Ich setze nicht eine Stecknadel dagegen. Sie sind ohnehin alle schon ziemlich weit mit ihr gekommen.
Rosier. Und ich wette nicht um eine Seifenblase. Sie ist auch nicht wenig froh, so eine Herde Liebhaber zu haben.
Vignali. Aber ich beklage nur den armen Menschen. So viele Liebe gegen ihn vorzugeben, und doch so eine Menge anderer daneben zu haben! Wie nur jemand so falsch sein kann!
Herrmann gluhte, stund mit einem Seufzer auf: "Der arme Teufel argert sich", sprach Vignali zu ihren beiden Freundinnen, "finissons!" "Er muss es doch einmal erfahren", setzte Lairesse hinzu, "besser zeitig als spat!" Vignali gebot noch einmal Stillschweigen und holte buntes Papier: Herrmann musste sich niedersetzen und arbeiten helfen: man schnaubte nicht mehr von Ulrikens Untreue. Der arme Verliebte war ausserst zerstreut und im eigentlichen Verstande auf der Folter: er konnte nichts glauben, und gleichwohl war doch alles so wahrscheinlich.
Sobald der Herr von Troppau anlangte, wurde er von Vignali auf die Seite genommen und empfing ohne sein Bewusstsein eine Rolle bei ihrem rachsuchtigen Plane. Sie berichtete ihm, dass Monsieur Piquepoint eingeladen sei, woruber er sich von Herzen freute, und dass er ihn uberreden solle, Ulrike habe sich in ihn verliebt und sei zu bescheiden, ihm ihre Liebe anzutragen, weswegen sie sich bloss begnuge, ihm ihren Schattenriss zu uberschicken; sie hoffe den seinigen zum Gegengeschenk zu erhalten. Herr von Troppau war entzuckt uber das Possenspiel und beforderte aus Liebe zum Vergnugen Vignalis Absichten wider Herrmanns Ruhe.
Dieser Monsieur Piquepoint wie man ihn zum Scherz hiess war ehemals Schneider gewesen, hatte unvermutet eine reiche Erbschaft von einem Vetter in Holland getan und sogleich Nadel und Bugeleisen zum Fenster hinausgeworfen. Weil er ehedem als Geselle in Paris gearbeitet hatte, war ihm ein wenig von der Sprache hangengeblieben, welches ihn verleitete, schon als Schneider seine kleine Wissenschaft bei jeder Gelegenheit auszukramen: alles um und an ihm bekam franzosische Namen, und er hielt es fur eine Beschimpfung, woruber er auf der Stelle Beschwerde fuhrte, wenn man ihn deutsch anredete. Da er vollends soviel Vermogen bekam, wurde es zur Todsunde, wenn man nur mit einem Worte sich merken liess, dass man ihn fur einen Deutschen hielt. Er wollte schlechterdings ein vornehmer Herr scheinen und glaubte es wirklich zu sein, wenn er die Laster und Torheiten der Vornehmen nachahmte: er uberliess sich also den entsetzlichsten Ausschweifungen der Liebe, und da kein Madchen anders als durch den Nutzen angelockt werden konnte, ihn nur Hoffnung zur Begunstigung zu machen, so kosteten ihm seine verliebten Abenteuer unmassiges Geld, und meistenteils endigten sie sich damit, dass er um den Genuss betrogen und ausgelacht wurde: indessen, das machte ihm wenig Sorge: er beging seine Ausschweifungen aus Eitelkeit, und darum war es zu seiner Zufriedenheit genug, wenn nur die Leute wussten, dass er mit dieser Schonen, mit dieser Tanzerin, jener Aktrice in Verbindung stund: er wollte nichts als die Miene der Ausschweifung haben, und sein ganzes Gesicht wurde mit Vergnugen wie mit einem Firnis uberzogen, wenn man ihm einen verliebten Ritterzug mit dieser oder jener beruhmten Schonheit schuld gab. Seine Narrheit und sein Geld lockten viele junge Leute herbei, die auf seine Unkosten teils schmarotzen, teils sich belustigen wollten: sie hatten ihn auf alle Weise zum besten, und wenn sie ihn ein ganzes Abendessen hindurch, das er bezahlen musste, herumgetummelt hatten, dann genoss oft einer von ihnen die Gunst, die der arme Narr durch sein Gastmahl und vorhergegangne Geschenke zu erkaufen suchte, wahrend dass ihn die ubrigen Gaste auf seine Rechnung zu Boden tranken. Eine zweite vornehme Torheit, die er bis zum Ubermasse trieb, war seine Sucht, franzosisch zu reden und ein Franzose zu scheinen: er wurdigte keinen Deutschen eines Blicks, wenn er ihn seine Muttersprache reden horte, und seine Frau und Kinder liess er beinahe verhungern, weil sie Deutsche waren und kein Franzosisch sprachen. Er veranderte deswegen seinen Namen, und der Herr von Troppau, ein grosser Namenerfinder, schlug ihm zum Scherze die Benennung Piquepoint vor, die er mit Dank annahm und bestandig beibehielt: wer ihm einen sussen Augenblick machen oder sich bei ihm einschmeicheln wollte, hiess ihn Monsieur de Piquepoint, und endlich adelte man ihn so allgemein, dass er sich selbst einbildete, ein Edelmann zu sein, und es ubelnahm, wenn ihm jemand das Wortchen 'de' entzog: auch hutete er sich sorgfaltig, mit einem andern Menschen als mit seinesgleichen umzugehen, wie er den Adel nannte. Dieser ausgesuchte Narr hatte mit der Lairesse, als sie noch Tanzerin war, ein paar tausend Taler durchgebracht, doch ohne dass es ihr etwas half, weil ihre Unbesonnenheit mehr ans Verschwenden als ans Bereichern dachte: sie hatte ihn in Vignalis Bekanntschaft gebracht, die ihm um so lieber zum Abendessen lud, weil der Herr von Troppau nie aufgeraumter war, als wenn er den selbstgeadelten Schneider durchziehen konnte; und auch die ubrige Gesellschaft fand ihre Rechnung dabei, weil schon sein Franzosisch allein hinreichend war, um einen Abend uber ihn zu lachen.
Er kam diesmal sehr spat, in einem buntsamtnen Kleide, wie der vollkommenste Stutzer herausgeputzt und so entsetzlich parfumiert, dass er eine herumwandelnde Apotheke zu sein schien. Er war ein dickes, untersetztes Mannchen mit einem rotkupfrichten Gesichte und machte, zur Nachahmung der franzosischen Fluchtigkeit, jede Bewegung mit so komischer Behendigkeit und so steif wie die Kartenmanner, die mit einem Fadenzuge den ganzen Korper bewegen: auf dem Absatze konnte er sich so meisterhaft umdrehn, als wenn er auf einer Spindel liefe. Sobald er hereintrat, rief ihm der Herr von Troppau franzosisch entgegen: "Monsieur de Piquepoint, woher kommen Sie so spat?"
"Ah", antwortete er schmunzelnd, "on n' dit ca d'apord, Monsieur le Baron."8
Herr von Troppau. Von welcher beruhmten Schonheit? Soll ich raten?
Piquepoint. Ah, Monsieur le Baron, ca vous ne devine pas. Lairesse schrie ihm von hinten einen Namen hastig ins Ohr. "Pardon, Mademoiselle!" rief er und drehte sich auf dem Absatze zu ihr, "ne me parlez par le derriere."
Der Herr von Troppau kundigte ihm darauf einen neuen Sieg an und nahm ihn auf die Seite, um ihm Ulrikens Schattenriss zu geben, mit der Nachricht, dass sie ein Gleiches von ihm erwarte. "Das arme Madchen schmachtet recht nach Ihnen", setzte der Herr von Troppau hinzu. "Elle languit!" schrie Piquepoint, ganz ausser sich. "Ah, la pauvre petite chose!" ("Das arme kleine Ding!")
Herr von Troppau. Aber Sie mussen Mitleid haben. Lassen Sie das arme Madchen nicht zu lange schmachten!
Piquepoint. Pacienza, Monsieur le Baron! Je fais ca, comme les grands Seigneurs de campagne: dans le commencement je marche sur les filles un peu horriblement: mais si ils se donnent, je suis douce comme de la marmelade.
Unterdessen, da dies Gesprach noch einige Zeit fortgesetzt wurde und Monsieur de Piquepoint seine Freude uber Ulrikens Liebe auf alle Weise auszudrukken bemuht war, besteckte ihm die mutwillige Lairesse den Haarbeutel mit einer Menge Scheren und Bugeleisen von buntem Papier: und berichtete jedermann, dass Herr Piquepoint heute sein Wappen angehangt habe. Wohin sich der verspottete Naar kehrte, fing man an zu lachen, und kaum hatte er sich hurtig nach der lachenden Person hingewandt, so brach hinter ihm eine andre los: er sagte einige von seinen Bonmots uber das Lachen, und weil es sich vermehrte welches er seinem gesagten Witze zuschrieb , so drehte er sich wie ein Dreher voller Lustigkeit herum und lachte selbst mit. "Ah", rief der dumme Tropf und klatschte in die Hande, "je pe (peux) amiser les gens en maitre qu'ils crevent pour rire."
Bei Tische hatte er Ulrikens Silhouette bestandig neben sich liegen, kusste sie und musterte ihre Reize, versicherte, qu'il l'aimoit toute entiere, son ame et son corps, und schwatzte so viel aberwitziges Zeug, besonders wie er ihr seine Liebe bezeugen wollte, dass Herrmann die Geduld verlor und ihm den Schattenriss heimlich wegnahm. Wie unsinnig schrie und wehklagte der Narr, als er den Verlust inne ward, und bot einen, zwei, drei Dukaten, wenn man ihn wiederschaffte.
"Und wenn's tausend Dukaten waren", fing Herrmann an, "so soll er nicht in so unwurdige Hande wieder kommen."
Piquepoint. Ces mains sont au Monsieur de Piquepoint: savez vous ca bien, mon petit Monsieur!
Herrmann. Einen ausgemachten Narren gehoren sie.
Piquepoint. Quoi? Moi une boufon! Allons, je me duelle! je me duelle.
Er trat wirklich mitten in die Stube und zog den Degen: Lairesse stund auf, zog eine Schere aus der Tasche und erbot sich, Herrmanns Verfechter zu sein. "Quoi?" rief Piquepoint, "vous voulez etre son champignon? (champion). Allez, ou je vous pique! Non, non", unterbrach er sich sehr sanftmutig, kniete nieder und legte ihr den Degen zu Fussen,"pour les Dames je place mon epee sur la terre. Voyez-vous?" sagte er zu Herrmann, als er wieder aufstund, "Vous etes echape par ste Demoiselle." Die Silhouette blieb fur ihn verloren.
Nach Tische erbot sich Lairesse, seinen Schattenriss zu machen, da er ihm zum Gegengeschenk versprochen hatte: er setzte sich, und sie erhohte die Hasslichkeit seines Gesichts so sehr, dass es wie eines von den Polischinellen aussah, die sie in buntem Papier ausschnitt: dem ungeachtet kusste er ihr demutig die Hande dafur und versicherte, dass ihn in seinem Leben noch niemand so gut getroffen habe: sie machte sogleich eigenhandige Anstalt, es aufzupappen, und kleisterte im Kabinett das scheussliche Profil auf einen Bogen turkisches Papier, dass der ganze Schattenriss einem Gesichte ahnlich sah, das vor kurzem die Blattern gehabt hat.
Herrmann langte von der grossen Lustigkeit sehr unlustig in seinem Zimmer an: nicht als wenn ihn der Narr eifersuchtig gemacht hatte! sondern dass man zu einer solchen Art des Spasses Ulriken wahlte, das beleidigte ihn. Die vielen Liebhaber, die man ihm vorgezahlt hatte, gingen ihm doch nicht wenig im Kopfe herum: er war zwar wegen Ulrikens Treue festiglich versichert, allein die Empfindung der Liebe, die andre fur sie fuhlten, beneidete er schon: er war ein so habsuchtiger, missgunstiger Verliebter, dass er gern alle Lichtstrahlen von ihrem Gesichte auf sich allein gelenkt oder ihre Gestalt in eine bestandige Nebelwolke fur jeden andern gehullt hatte, damit alle Empfindung des Wohlgefallens, die sie erregen konnte, sich allein in seinem Herze versammelte. Und dann! Verfuhrung, Uberraschung durch List war seine grosse Furcht. Wie ein Geiziger, der angstlich seinen Schatz gern bei sich tragen mochte, um ihn vor Diebstahl zu sichern, schloss er die eroberte Silhouette in die Kommode und beklagte sehr, dass er das Original nicht zugleich mit verschliessen konnte.
Den folgenden Morgen bekam er einen Brief von Ulriken, der den weiteren Erfolg von der Liebesgeschichte des Herrn Piquepoint enthielt. Heute fruh, Heinrich, habe ich ein grosses Schrecken und eine grosse Lust gehabt. Der Phantast, Monsieur de Piquepoint, den Du vermutlich nunmehr auch kennen wirst, trat ausserordentlich geputzt zu mir herein, machte eine unendliche Menge seiner zierlichen Verbeugungen und warf sich gerade vor mir hin auf die Knie: ich erschrak und dachte wahrhaftig, der Narr ware verruckt geworden. Er zog unter dem Rocke einen grossen, mit Goldpapier eingefassten Bogen hervor, worauf ein abscheuliches Fratzengesicht von buntem Papier geklebt war, ein so possierlicher, rotgeschundner Kopf, dass ich mich vor Lachen nicht halten konnte. "Ist das Ihr Portrait?" fragte ich ihn. "Qui, oui, ma charmante bete!" antwortete er voller Sussigkeit, hustete und sagte mir kniend vier franzosische Knittelverse her, die er diese Nacht gemacht haben will. Ich habe sie aufgeschrieben: hier sind sie:
Le portrait d'un Amant,
qui vous aime sans cesse,
Accordez-moi un rendez-vous,
Ou mon amour me rend tres-fou.
Zuletzt, da ich nicht glauben wollte, dass es sein Produkt ware, gestand er mir, dass es ein Billett sei, das einmal ein deutscher Baron an eine Franzosin geschrieben habe. "C'est un seigneur", setzte er hinzu, "qui crache des ver francois, tant il est francois, tout francois: c'est un Monsieur de qualite, comme il faut; il parle allemand comme un cochon, mais le francois, il le parle comme le diable; et il ecrit francois comme un enfant en France" (franzosisches Landeskind). Die Possen, die er ausserdem noch sagte und tat, waren unzahlig: er liess mir keine Ruhe, bis ich ihn wegen der gefoderten Zusammenkunft auf eine bessere Zeit vertrostete: wenn ich uber sein unverschamtes Verlangen zurnte, besanftigte er mich mit so komischen Ausdrucken, dass ich meinen Zorn vergessen und lachen musste: um seiner loszuwerden, musste ich ihm die Hoffnung geben, dass er bei Gelegenheit nahere Nachricht bekommen sollte.
Es ist mir hochst verdriesslich, dass der Phantast mit
mir seine Narrenrolle zu spielen anfangt: er beruhmt sich immer mit so vielen unsinnigen Zeuge, dass ich sicher durch ihn in die Rede der Leute kommen werde. Ob ihm gleich niemand glaubt, weil man weiss, dass er ein Naar ist, so konnte doch sein Geschwatze mehr Menschen auf mich aufmerksam machen, als ich wunschte; denn ich vermeide mit Fleiss alle offentliche Orter, wo viele Leute beisammen sind, seitdem man mein Portrait hergeschickt hat. Ich lebe seitdem so eingezogen wie eine Nonne; und so ist es der Frau von Dirzau recht, die mich schon deswegen gelobt hat, besonders weil ich itzt weder zu Vignali noch in die Abendgesellschaften komme. Wenn sie wusste, wie gern ich ihr Lob entbehrte! Aber ich begreife doch nicht, was dem Herrn von Troppau im Kopfe liegt, dass er der Vignali den Umgang mit mir untersagt. Ich mache mir tausend Grillen daruber und sinne, ob ich ihn oder Vignali beleidigt habe: es bleibt mir ein Ratsel. Mein Leben ist dadurch ausserst verdriesslich und traurig geworden: den ganzen Tag bin ich allein auf meinem Zimmer oder mit meiner Karoline, die vor Sittsamkeit und Vernunftigkeit unter den Handen ihrer Tante stumm wie ein Stockfisch geworden ist; man kann nicht ein muntres Wort aus ihr bringen. Bei Tische ist die Langeweile so gewohnlich und unausbleiblich da wie das liebe Brot: sie ist unser Hauptgerichte. Also liegt mir der ganze lange Tag auf dem Nacken wie ein schweres Joch. Ich will lesen; aber es schmeckt mir kein Buch, ich kriege Kopfschmerzen, die Gedanken laufen mir im Kopfe herum, und dabei ist so eine Leere, so eine langweilige schmerzhafte Leere in meiner Seele, wie in einem Magen, der drei Tage gefastet hat. Ans Arbeiten darf ich gar nicht denken; denn mir ekelt, wenn ich nur eine weibliche Arbeit liegen sehe. Schreiben? das tu ich ja wohl, aber es gelingt mir nicht: alles klingt mir so steif, so holzern, dass ich's zerreissen mochte: ich tu es auch oft genug; denn dies ist von vier Briefen der erste, den Du bekommst; und noch mochte ich ihn lieber ins Feuer werfen, so elend ist er, so schleppend, so schlafrig, so langweilig wie ich selbst und alles um mich her. Furwahr, man wird so eines abgeschmackten ungesalznen Lebens uberdrussig, und ich ware itzt aus Verdruss zu allem fahig, um mir nur die Last vom Halse zu schaffen. So einen entsetzlichen Ekel vor allem, was ich denke, tue und empfinde, hab ich in meinem Leben nicht gespurt: meine eignen Gedanken machen mir Langeweile.
Was das fur eine abscheuliche Schrift ist! Es wird kaum zu lesen sein: da liegt mir nun das Tintenfass so voller Federn, dass ich immer die unrechte fasse: ich will sie alle zerstampfen, die unseligen Federn!
Ich bin des einfaltigen Schreibens mude: ich bringe doch nichts Gescheites zustande. Lebe wohl. Ich sah Dich eben itzt am Fenster mit Vignali lachen. Sage mir, wie Du das kannst! Stellest Du Dir nicht vor, dass ich vor Verdruss vergehen mochte, und unsre Trennung, die ewige Storung unsrer Liebe liegt Dir so wenig am Herze, dass Du noch lachen kannst? O Heinrich! Leichtsinn ist sonst nicht Dein Fehler: es ist also Unbestandigkeit, uberlegte Unbestandigkeit, dass Dich Vignalis Vergnugen starker ruhrt als mein Kummer. Hat sie Dich etwa schon so fest mit ihren Fesseln umschlungen, dass Dir das Mitleid gegen die arme vergessne Ulrike Muhe kostet? Bist Du schon so sehr mit Vignali einverstanden, dass Du ihren Triumph uber mich durch Deine Freude empfindlicher machen willst? Ich versichre Dich, Dein Lachen ging mir durch Mark und Bein. O ich Torin! dass ich Dich in die Hande eines so listigen Weibes brachte! Du kannst, Du kannst mir nicht treu bleiben, wenn Du gleich wolltest: es ist um mich geschehn! Aber wisse! Untreue kann nur durch Untreue geracht werden; und gewiss ein schwerer Schritt, wenn ein Madchen aus Rache Untreue begehen muss! der Schritt in den Sarg kann nicht schwerer sein.
Heinrich, wenn es noch Zeit ist, erbarme Dich Deiner Ulrike! Ich wohnte in einem Rosengarten, ehe Du kamst: seitdem Du hier bist, wohne ich im Kloster, schlafe auf Dornen, der Fussboden wird mir zum zakkichten Felsen und die ganze Welt eine Wuste. 'Nun willst du Freuden des Paradieses voll, rein, unerschopflich geniessen', hoffte ich, als Du zu Vignali zogst; und ach! ich durfte kaum hineinblicken in das Paradies. Keine Liebe, keine Sorge.
U.
Dies war der letzte Brief, den Herrmann empfing: seine Antwort darauf, die Ulriken wegen ihrer Besorgnis beruhigen sollte, wurde nebst den folgenden, so viel sie ihrer beiderseits schrieben, von Vignali zuruckbehalten: also war ihnen auch diese Art der Mitteilung benommen, doch ohne dass eines das Stillschweigen des andern der wahren Ursache zuschrieb. Herrmann wurde nunmehr gar nicht auf sein Zimmer gelassen als des Nachts und zur Zeit des Anziehens und Auskleidens: die ganze ubrige Zeit musste er bei Vignali zubringen, mit ihr ausfahren, sie bald dahin, bald dorthin fuhren. Das heimliche Gezischel zwischen ihr und ihren Mitverschwornen nahm taglich zu, und jeden Tag erzahlten sie sich, wie weit der Lord Leadwort, wie weit der sklavonische Graf, dieser und jener mit Ulriken gekommen sei: dabei ausserte man das grausamste Mitleiden gegen den betrognen Herrmann und liess ihm nichts als den elenden Trost, dass er Gleiches mit Gleichem vergelten konnte. Er wagte nicht, jemandem seinen geheimen Kummer uber dies halblaute Reden mitzuteilen, sondern litt geduldig wie ein Martyrer: was ihn jeden Tag vermehrte, war die Wahrscheinlichkeit des Verdachtes, der mit jedem Tage wuchs. Einige Morgen hintereinander fuhrte ihn die tuckische Vignali ans Fenster, damit er den Lord Leadwort erblicken sollte, der Ulriken auf ihr Anstiften so fruh besuchen musste und ihr jedesmal aus Ulrikens Fenster einen guten Morgen bot. Sie hatte den verliebten Lord uberredet, dass sich die sprode Ulrike durch anhaltende Zudringlichkeit gewiss gewinnen lasse; und er war so gut und folgte ihrem Rate. Das arme geangstigte Madchen klagte zwar ihr Herzeleid in ihren aufgefangnen Briefen, weinte, kummerte und harmte sich doppelt uber das Zusetzen und Zudringen des Lords und uber Herrmanns vermeinte Untreue; denn was konnte sie aus einem so langen Stillschweigen anders argwohnen, als dass Vignali ihn uberwunden habe? Sie war wider die himmelschreiende Treulosigkeit beider zu sehr aufgebracht, um ihnen mundliche Vorhaltung daruber zu tun: sie schien sich der beleidigte Teil und konnte also unmoglich den Anfang zur Wiederkehr machen. Wenn sie des Nachts zu einem Schlummer erwachte, stund ihr Vignali und Herrmann mit umschlungnen Armen, lachend, froh, kussend und scherzend vor ihren Augen: die stolze Siegerin warf einen verachtenden triumphierenden Blick auf sie, welcher der schlummernden Verlassnen wie ein schneidendes Schwert durch das Herz fuhr: beide flohen in verliebter Vertraulichkeit und mit spottendem Gelachter uber die leichtglaubige, hintergangne Ulrike hinweg: die Traumende wollte ihnen nach, sie sprang aus dem Bette, erwachte und sah sich allein, bebte vor dem melancholischen Scheine der Nachtlampe und dem stillen Grausen des dammernden Zimmers. Hurtig warf sie sich wieder in die Betten, wickelte sich tief ein, achzte und weinte. Selbst wachend fuhr ihre aufgeregte Einbildung fort, sie mit Kummerbildern zu qualen: aus jedem Schatten, den die dustre Lampe in einem Winkel malte, aus jedem schmalen Scheine, den sie auf die Wand warf, schuf ihre Phantasie eine Vignali und einen Herrmann: die Tauschung ging so weit, dass sie ihr Zischeln, ihr halblautes Lachen horte; sie verbarg Augen und Ohren tief in den Betten und schluckte mit neuen Tranen ihren Arger hinab.
Sie schrieb in diesem Zustande zuweilen einige Hauptszenen desselben auf Zettelchen, wovon sie die meisten verbrannte und nur einige aufbehielt, weil sie sich in ihrem Arbeitsbeutel verkrochen hatten. Auf einem steht: 'Das war ein harter Kampf heute fruh. Warum muss nun der verwunschte Lord jedesmal zu mir kommen, wenn ich am meisten vom Kummer entkraftet bin und uber die Treulosigkeit des Undankbaren, der mich so schnell vergass, geweint und gewehklagt habe? Als wenn er mit meiner Betrubnis in geheimer Verbindung stunde, kommt er nur dann! Wahrhaftig, fast sollte ich glauben, dass bose Geister Gedanken eingeben konnen; denn wohl tausendmal fahrt mir die Idee durch den Kopf: Wie? wenn du dich an dem Undankbaren rachtest? Was nutzt Tugend und Bestandigkeit, wenn nur Herzeleid und Kummer ihr Lohn ist? Haben Vignali und andre ihresgleichen nicht unendlich grossere Freuden als ich? Ohne Liebe des Herzens schwimmen sie im Vergnugen: ein Liebhaber, der sie verlasst, ist ihnen nicht mehr als eine Stecknadel, die sie verlieren: es gibt ihrer mehr. Weg mit allen den Grillen von Tugend und Liebe! Einbildungen sind's! Vignali hat mir's oft genug gesagt, dass ich an die Grillen nur glaube, weil ich die Welt nicht kenne. Sie hat recht: ich will dem Anerbieten des Lords Gehor geben, will dem Vergnugen nachgehn und alle die Zierereien von Delikatesse und Ehre vergessen. Die Liebe hat mich einmal zu einer Entlaufnen, zu einem ubelberuchtigten Fluchtlinge gemacht: meine Ehre vor der Welt ist dahin: was hab ich weiter zu furchten? Vignalis Zustand ist ein Himmel, der meinige eine Holle; und doch bildete ich mir so viel uber sie ein, weil ich tugendhaft liebte, und hielt Tugend und Gluckseligkeit fur zwo Schwestern: nein, es konnen wohl weitlauftige Verwandten sein, aber sie vertragen sich auch so schlecht wie Verwandte.'
Auf einem andern Blatte, worauf sie Zwirn gewunden hatte, ist etwas unleserlich geschrieben: 'Wenn nur ein Engel vom Himmel kame und mir sagte, ob Vignalis Leben ein Verbrechen ist! Liebe macht unglucklich: das hab ich leider erfahren: sie hat mich zu Unbesonnenheiten verleitet, um Stand und Ehre gebracht. Herrmann ist zeitiger zur Erfahrung gelangt als ich. Er hat das Schimarische der Liebe eingesehn. Er hat ihr entsagt. Warum sollte ich nicht dem Beispiele folgen? So viele tausend, die der Liebe hohnen und fur das Vergnugen leben, werden doch kluger sein als ich phantastisches Madchen? Ich traume noch in der Welt herum: ich kenne sie noch nicht: Vignali hat recht darinne. Itzt sind mir die Augen geoffnet worden: alles hab ich erfahren, was sie mir von der Liebe prophezeite. Drum warnte sie mich wohl vor der schimarischen Herzensliebe. Nicht anders! ich will dem Lord bin ich nicht erschrocken! War mir's doch, als wenn ein Teufel vor mir stunde und mir die Hand fuhrte: ich fuhle noch, wie ich mich losriss. Was das fur tolle Einbildungen sind!'
Den Inhalt eines dritten ubergebliebnen Zettelchen, das sehr zerstochen ist, kann man nur durch muhsames Raten herausfinden. Es fangt abgebrochen an: 'Nein! ich will nicht! meine ganze Seele widersetzt sich dem Gedanken, eine Buhlerin zu sein oder das Weib eines Mannes, der nicht liebt, der wollustig seine vorgegebene Liebe auf den Kauf herumtragt und noch Geld bietet, damit man sie nur annimmt! Ich will nicht lieben? Nein, mich gramen!'
Auf der umgewandten Seite steht: 'Wie schrecklich ist es, Liebe zu fuhlen und niemanden lieben zu konnen! Wie traurig, Liebe zu fuhlen und den einzigen, den man lieben mochte, seiner Liebe unwert zu finden! O wie glucklich machte mich heute mein Unwille! er machte mich hart, murrisch, gefuhllos: doch itzo wacht meine ganze Seele wieder zur Empfindung auf: das Feuer ergreift mich, und ich elendes Madchen muss verbrennen. Heinrich! gern will ich dir vergeben! gern! Kehre nur wieder! mache mir's nur nicht zu schwer, dich zu lieben. Entsage Vignali, und meine Arme sollen dir so offen entgegeneilen wie itzo mein Herz!'
In solchen Stunden der Liebe war sie mehr als einmal im Begriffe, zu ihm zu gehen und ihm Vergebung fur seine Untreue anzubieten, ihn durch Tranen zu bewegen, dass er Berlin mit ihr verlassen mochte: allein teils furchtete sie Vignalis Ubermut, wenn ihr der Versuch nicht gelange, teils ihre heimtuckische List, die die Wirkung ihrer Bemuhungen vereiteln wurde, sobald sie Gefahr von ihnen besorgte. Also jammerte und trauerte die arme Einsame uber eine nicht begangene Untreue, wahrend dass derjenige, der sie begangen zu haben schien, nicht weniger uber die ihrige sich beschwerte: beide hatten das grosste Recht; denn da Vignali ihre Briefe unterdruckte, musste ein jedes unter ihnen glauben, von dem andern zuerst beleidigt zu sein.
Herrmann klagte und wimmerte zwar nicht uber die erlittne Krankung, aber er zurnte, er raste. Er knirschte mit den Zahnen, sooft er den Lord an Ulrikens Fenster erblickte: jede Speise schmeckte ihm widrig, wie jedes Vergnugen. Die Abendgesellschaft konnte um ihn herum schakern und lachen, dass ihm die Ohren zitterten: er bewegte keine Lippe: er horte kaum, so zerstreut, verwildert und vertieft war er in seinen Schmerz. Reichte ihm der Bediente ein Glas, dann hielt er es in seiner Verwirrung fur Brot und griff gerade hinein: oft trank er in der Selbstvergessenheit so hastig und so ubermassig viel, als wenn sein Magen ein Feuerofen ware, den er loschen musste, und einmal goss er seiner Nachbarin ein ganzes Glas Wasser in die Suppe, als sie ihn um das Salzfass bat. Wenn ihm Vignali sagte, dass er mit ihr ausfahren oder ausgehn sollte, dann wanderte er gedankenvoll auf sein Zimmer, um den Hut zu holen, vergass unterwegs seine Absicht, stellte sich ans Fenster oder setzte sich trubsinnig auf den Stuhl und liess die wartende Vignali vor Ungeduld vergehen, bis sie nach ihm schickte. Einmal gab sie ihm in einer Gesellschaft bei Lairessen den Auftrag, sich zu erkundigen, ob ihr Wagen da sei: er ging hinunter, fand ihn, setzte sich hinein und fuhr nach Hause, und Vignali musste uber eine Stunde verziehen, bis die Kutsche zuruckkam. Zuweilen belustigten seine Zerstreuungen die ubrigen, oft veranlassten sie ihm auch Bitterkeiten und empfindliche Spottereien: aber sein Gefuhl war halb stumpf, wenigstens empfand er das Gesagte nie in gehorigem Masse: oft konnte er die stechendsten Reden gelassen anhoren, und oft erzurnte er sich bei Kleinigkeiten, woruber er lachen sollte. Oft mitten unter den frohlichsten Auftritten bei Tische stiegen ihm Tranen in die Augen, und in der Gruppe lachender Gesichter stach das seinige mit betrubter Wehmut und weinerlicher Traurigkeit hervor: mitten im gleichgultigsten Gesprache verzogen sich seine Muskeln plotzlich in Wut, er sprang knirschend auf und murmelte verbissne Fluche vor sich hin. Die schlimmsten Verfolgungen musste er von Lairessens Mutwillen ausstehn. In jeder Gesellschaft, wo er sich befand, wusste sie eine Menge Gefalligkeiten zu erzahlen, die bald der Lord, bald der sklavonische Graf von Ulriken genossen haben sollte: ihren Nachrichten und Schilderungen zufolge war sie ganz gesunken, ein freches, liederliches, wollustiges Weibsbild geworden; und wenn ihr Herrmann widersprach, dann lachte ihn die Boshafte als einen leichtglaubigen, empfindsamen, einfaltigen Duns mit den angreifendsten Spottereien aus. Er tat Ulriken in einem Briefe sehr lebhafte Vorhaltung daruber, allein er wurde nicht beantwortet, weil ihn Vignali sowenig als die vorhergehenden ubergeben liess. Was war nunmehr gewisser zu vermuten, als dass sie sich scheute, auf Vorstellungen zu antworten, die sie nicht befolgen wollte? oder dass sie vielleicht aus Leichtsinn ihrer gar nicht achtete?
Lairesse ging in ihrem boshaften Mutwillen so weit, dass sie den sogenannten sklavonischen Grafen, der bisher verreist gewesen war, ohne dass es Herrmann wusste, unmittelbar nach seiner Ruckkunft in eine Abendgesellschaft zog. Er gehorte unter die Zahl ihrer heimlich begunstigten Liebhaber und war ein Abenteurer, dessen eigentliches Vaterland niemand wusste, weil er in jeder Stadt, wo er sich aufhielt, ein anderes angab: bald war er ein Italiener, bald ein Turke, bald aus Albanien, bald aus der Walachei, und in dieser Gesellschaft wurde er der sklavonische Graf genennt. Er hatte im vorjahrigen Karneval zu Venedig grosses Gluck im Spiel gehabt und hielt sich itzt in Berlin auf, um seinen Gewinnst wieder zu vertun. Der Mann war das drolligste Gemische von affektierter Philosophie, naturlichem Verstande und aufschneidendem Aberwitze, er rasonierte uber alles, und oft ubernahm ihn mitten in dem Laufe seiner kalten Dissertationen der Zorn so gewaltig, dass er die Leute um sich mit den Zahnen hatte zerreissen mogen. Lairesse, der es nur um seine Geschenke zu tun war, hatte schon sehr oft die Stelle einer Kupplerin fur ihn vertreten und erbot sich auch itzo, es bei Ulriken zu sein. Er hatte dies gute Madchen, wie er sie nannte, einigemal in den Abendgesellschaften gesehn und nur darum, seiner Lusternheit widerstanden, weil es ihm eine Beleidigung alles Rechts zu sein schien, wenn er nach einem Gegenstande strebte, in dessen rechtskraftigem Besitze, nach seiner Meinung, der Herr von Troppau sich schon befand: doch itzt, da ihn Lairesse von dem Gegenteil seiner Mutmassung uberzeugte, ward seine Begierde desto entflammter, besonders weil man ihm dabei die Lorbeeren der ersten Eroberung versprach. Vignali und Lairesse erboten sich, unterdessen fur ihn wirksam zu sein, bis eine gunstige Gelegenheit herannahte, wo er den Kranz eines so schonen Siegs verdienen konnte.
In der ersten Abendgesellschaft, wo er nach seiner Reise erschien, sprach er von Ulriken mit so vieler Entzuckung, als nur ein feuriger Liebhaber von einem Madchen sprechen kann: Herrmann schlich wahrend seiner berauschten Lobrede an den Wanden herum, biss sich an den Lippen, nagte an den Nageln, zog jede Viertelstunde das Schnupftuch aus der Tasche, nahm Tobak, ruckte an der Weste oder Halsbinde, ob sie gleich beide vortrefflich sassen machte mit einem Worte alle Handgriffe eines Schauspielers, der nicht weiss, was er mit seiner Person anfangen soll. Endlich ging der Sklavonier so weit, dass er gegen Lairesse und Vignali, die ihm verstellterweise widersprachen, trotzig behauptete, er brauche nur die Karten aufzulegen, so gewiss sei ihm sein Spiel mit Ulriken. Das war in Herrmanns Ohren eine Blasphemie wider sie: Zuruckhaltung wurde ihm nur zu schwer, er fasste den Grafen von hinten zu bei dem Arme und drehte ihn hastig herum. "Legen Sie Ihre Karten auf!" rief er mit bitterm Lachen, "Sie sollen doch bete werden."
Der Graf antwortete mit philosophischer Kalte: "Ich habe hundert hinreichende Grunde, warum ich meine Eroberung als gemacht betrachte: aber ich will Ihnen nur einen angeben, der starker ist als alle Grunde in der Welt: Weil ich es bin!"
Herrmann. Der Grund beweist weiter nichts, als dass Sie sehr viele Einbildung haben.
Der Graf. Ich rasoniere so: Wer viel Einbildung hat, muss Ursache dazu haben, und wer Ursache dazu hat, muss viel Einbildung haben; und da meine Einbildungen gross sind, mussen auch meine Ursachen gross sein: folglich muss ich zu meinem Zweck gelangen.
Herrmann. Und Sie werden nicht zu Ihrem Zweck gelangen, sage ich. Wissen Sie warum? Weil ich mein Leben daran wage, um Sie zu hindern.
Der Graf. Ich rasoniere so: Ihr Leben ist weniger wert als das Madchen, und das Madchen mehr als Ihr Leben: folglich konnen Sie mich nicht daran hindern. Das Madchen ist ihre bare hundert Dukaten unter Brudern wert, und fur Ihr Leben gebe ich nicht einen halben Gulden: folglich konnen Sie mich nicht daran hindern. Madam Vignali wurde in meinem Vaterlande nicht mehr als neunzig Dukaten gelten, wenn man sie zu Markte brachte, und Lairesse kaum siebenzig: aber das Madchen ist vollig so gebaut, wie wir sie bei uns zulande lieben. Wenn ich sie bewegen konnte, mir in mein Gebiet zu folgen, so wurde ich ihr ein paar Stadte schenken, wovon sie honett leben sollte. Sie musste sich freilich gefallen lassen, meine Sklavin zu heissen, weil ich sie nach den Gesetzen des Landes nicht zur Gemahlin machen darf: und wenn Sie sich insgesamt entschlossen, mir zu folgen, so sollte es Ihr Schade nicht sein. Ihnen, Vignali, verspreche ich drei Dorfer: unter uns gesagt, ich danke Gott, dass ich sie loswerde; und Dir, Lairesse, gebe ich eine Stadt mit drei Toren: und Sie, sprach er zu Herrmann, mach ich zum Vizegouverneur meiner samtlichen Lande, bis der itzige mit Tode abgeht.
Herrmann merkte nunmehr, dass auch dieses Subjekt mit Monsieur de Piquepoint in eine Klasse gehorte, und hielt ihn deswegen nicht fur furchterlich; er verliess ihn voller Verachtung. Allein der Aufschneider fuhr ungestort in seinem grosssprecherischen Tone fort. Der Herr von Troppau erzahlte in der Folge, dass ihm ein Bedienter entlaufen sei: gleich erbot sich der Graf, ihm drei Sklaven zu schenken, wenn er sie von seinen Gutern aus der Walachei holen lassen wollte. Vignali beschwerte sich uber einige Unbequemlichkeiten ihrer Wohnung: der Graf versicherte sie, dass er zu Hause uber zwanzig Palaste leerstehen habe, die alle zu ihrem Befehle waren, wenn man sie nach Berlin schaffen konnte. Lairesse beklagte sich uber Berlins Weitlauftigkeit und den gewaltigen Kot der Strassen: "Sie sollten in meinen Stadten wohnen", fing der Graf an, "ich mochte, dass ich Ihnen eine zur Probe herbringen lassen konnte: da wurden Sie Gassen sehen, wie sie sein mussen! so rein, dass man sich auszuspucken scheut!" Man sprach von der Schwierigkeit, mit welcher sich die Zimmer im Hause heizen liessen, und Herrmann berichtete, dass das seinige ein Abgrund sei, der unendliches Holz verschlinge, ohne jemals warm zu werden: "Ich wunschte", unterbrach ihn der Graf, "dass ich Ihnen ein paar von meinen Waldern kommen lassen konnte: sie verderben und verfaulen mir, weil der Uberfluss nicht zu verbrauchen ist." Man sprach von Ofen: der Graf hatte in seinen Palasten Sparofen, die mit sechs Stucken trocknen Holzes eine Stube von sieben Fenstern im starksten Winter auf einen ganzen Tag heizten. Man machte ihm den Einwurf, wozu ihm bei so unverbrauchbarem Uberflusse an Waldung Sparofen nutzten. "Ja", antwortete er, "meine Waldungen liegen alle so viele Meilen weit von meinen Palasten, dass mich die Transportkosten zwanzigmal hoher kommen als hier das teuerste Holz." "So bauen Sie lieber Ihre Palaste naher an die Walder!" riet ihm der Herr von Troppau. "Ich rasoniere so", versetzte der Graf, "wer viel Sklaven hat, muss ihnen viel zu tun geben, und wer ihnen viel zu tun geben will, muss sein Holz weit holen lassen: folglich lasse ich alle meine Residenzen weit von meinen Waldern anlegen." "Sonach kann Ihnen ja der Transport nicht viel kosten, wenn er von Sklaven geschieht", warf ihm Vignali ein. "Der Transport nicht", versetzte er, "aber die Lebensmittel fur so viele Sklaven, die es auf den Schultern an Ort und Stelle tragen mussen!"
So war der Grosssprecher unerschopflich an Aufschneidereien und unerschopflich an Beschonigungen und Ausfluchten, wenn man ihm Zweifel und Einwurfe entgegenstellte. Es durfte kaum ein Mobel oder ein anderes Bedurfnis des menschlichen Lebens genannt werden, so hatte er eine ausserst sinnreiche Erfindung entweder selbst auf seinen Gutern oder auf seinen Reisen an irgendeinem Orte der Welt gesehn: er trieb den Unsinn so weit, dass er behauptete, er habe auf einem seiner Sommersitze ein Zimmer, das man, sowie die Gesellschaft zunahme, erweitern konnte. Er besass viele Geheimnisse in der Medizin, wovon er zwar nie eine Probe ablegte, aber doch ungemein viel sprach.
Auch dieser prahlerische Abenteurer belagerte die arme Ulrike mit seinen Besuchen, und so unverschamt, dass er sie wiederholte, ob sie ihm gleich in einer murrischen Laune das Zimmer verbot: die beiden altern Lieberhaber, der Lord und Mr. de Piquepoint, setzten ihre Verfolgungen so nannte Ulrike ihre Besuche ebenso unermudlich fort. Die Frau von Dirzau ward ihr so gram deswegen, dass sie ihrem Bruder unaufhorlich anlag, sie aus dem Hause zu tun, weil die Erziehung seiner Tochter darunter litte: allein er gab ihr seine gewohnliche Antwort, dass er sich um solche Sachen nicht bekummerte. "Ich bezahle eine Gouvernante fur meine Tochter", sagte er, "wenn sie nichts taugt, so ist es nicht meine Schuld: ich kann nicht jede Woche eine neue annehmen." Uber die haufigen mannlichen Besuche, die seiner Schwester so anstossig waren, lachte er und versprach, den Lord und die ubrigen zu bitten, dass sie kunftig ganz eingestellt wurden, versprach es in volligem Ernste und vergass die Minute darauf, dass er es versprochen hatte. Uberhaupt besass er eine unaussprechliche Indolenz in allen seinen Angelegenheiten, wunschte sehr oft, etwas zu andern, und kam niemals dazu: seine gesellschaftlichen Zerstreuungen rissen ihn davon hinweg, ehe er an die Ausfuhrung seines Wunsches denken konnte: also blieb es in seinem Hause bestandig, wie es war, schlecht oder gut, und es gehorte ein gewaltsamer Stoss dazu, um eine Anderung hervorzubringen, wobei meistens Vignali die erste bewegende Kraft war.
Die bedrangte Ulrike wusste in ihrer ganzen Seele kein Mittel zu finden, wie sie den hohnischen Vorwurfen der Frau von Dirzau entgehen sollte, die um so viel starker und haufiger wurden, je weniger ihr Bruder Anstalt zu der verlangten Abanderung machte. Alle Entschuldigungen halfen nichts bei dieser grausamen Moralistin, nichts mehr als das ausdrucklichste Verbot bei den hartnackigen Liebhabern. In so einer kritischen Lage gab ihr an einem Nachmittage, wo sie von allen dreien den ungestumsten Sturm hatte ausstehen mussen, uble Laune und Arger einen sonderbaren Einfall ein, den sie auf der Stelle ausfuhrte. Sie versprach der Kuchenmagd, einem hasslichen, triefaugichten alten Weibe, ein Geschenk, wenn sie diesen Abend eins von ihren Kleidern anziehn und sich in ihr Zimmer setzen wollte: die alte Melusine liess sich ihren Lohn zum voraus bezahlen und gab ihre Hand darauf, dass sie die Rolle ubernehmen werde. Sogleich flog Ulrike auf ihr Zimmer zuruck und schrieb an jeden ihrer drei Liebhaber ein Billett, mit dem blossen Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschrieben, worinne sie allen eine Stunde zu einem Abendbesuche bestimmte. Kaum hatte der Sklavonier das seinige empfangen, als er zu Vignali eilte und es triumphierend vorzeigte. Vignali triumphierte nicht weniger und glaubte, ihren rachsuchtigen Zweck nunmehr vollig erreicht zu haben. Herrmann erkannte Ulrikens Hand und war mit seinen eignen Augen von ihrer Untreue uberzeugt: er uberlas mit tiefsinniger Aufmerksamkeit unzahlige Male das ungluckliche Billett, legte es langsam auf den Tisch, und neben der Hand fielen zween grosse Tranentropfen nieder, die ihm wider seinen Willen entschlupften: sie wurden, tief aus dem Herze, um Ulrikens Tugend geweint. Er druckte hurtig die ubrigen, welche eben nachfolgen wollten, ins Schnupftuch, verbarg, so gut er konnte, seinen Schmerz und ging auf sein Zimmer. Vignali, die mit einem Seitenblicke die Tranen hatte abwandern sehn, hinderte ihn nicht, sondern empfand wirkliches Mitleid fur ihn, da sie sich ohne seine Beihilfe der Vollendung ihrer Rache so nahe dunkte. Im Ubermasse ihres Mitleids beschloss sie sogar, ihn fur seine Betrubnis durch ihre eignen Reize wieder zu entschadigen: sie war so entzuckt, so trunken von ihrem Siege, dass sie sich vor Freuden selbst nicht kannte: sie holte den niedergeschlagnen Herrmann in eigner Person von seinem Zimmer und war ausserst geschaftig, seinen Schmerz durch alle Arten des Zeitvertreibs zu zerstreuen; allein das Vergnugen beruhrte nur die Oberflache seiner Seele: es war keins mehr fur ihn auf der Erde.
Unterdessen stellten sich die beschiedenen Liebhaber zur bestimmten Stunde ein; der Lord war der erste und stutzte nicht wenig, als er das ganze Zimmer mit einem unausstehlichen Brannteweinsgeruche durchrauchert fand, der immer starker wurde, je mehr er sich der vermeinten Ulrike naherte. Die Alte hatte sich fur den verdienten Lohn eine Gute getan, und zwar in so reichlichem Uberflusse, dass sie auf keinem Bein stehen und kein Wort sprechen konnte. Der Lord erkannte in der schlecht erleuchteten Stube ihr Gesicht nicht und redete sie sehr treuherzig an, als er noch einige Schritte von ihr war: wie fuhr er zuruck, als ihm ein lautes grunzendes Gelachter und mit demselben eine ganze Atmosphare voll Brannteweinsdunste entgegenkam! Mit seinem gewohnlichen Phlegma ergriff er das Licht, um den ubelriechenden Gegenstand zu beleuchten, und hatte es kaum in die Hand genommen, als der Sklavonier, in einen weissen Mantel gehullt, hereintrat. Der Lord hielt ihm das Licht vor das Gesicht: er starrte den Sklavonier an, der Sklavonier ihn: jedem starb das Wort zwischen den Lippen. Eben wollte sich ihre Zunge losen, als auch Mr. de Piquepoint, in dem funkelndsten Anzuge, den Degen an der Seite, gravitatisch durch die Tur hereinmarschierte. Wie versteinert blieb er mitten in seinem majestatischen Schritte stehn, als er die beiden ubrigen erblickte: da stunden sie alle drei, gafften einander an, und jeder fragte den andern, was er hier wollte. Der Lord nahm den Sklavonier bei der Hand, um mit ihm gemeinschaftlich die vorhin unterbrochne Untersuchung anzustellen. "Mon Dieu!" schrien sie beide in einem Tempo, da ihnen die glasernen Katzenaugen aus dem alten runzlichten Gesichte entgegenblickten: die Alte nahm es in ihrer Trunkenheit ubel, dass man ihr so nahe in die Augen leuchtete und fing mit stotternder Zunge aus allen Leibeskraften zu schimpfen an. Der Lord setzte kaltblutig das Licht nieder und sprach ebenso kaltblutig: "Wir sind betrogen." "Wir sind betrogen", schrie der Sklavonier und schwur Tod und Rache. Die Alte, die indessen in einem, fort geschimpft hatte, stund wankend auf und torkelte auf den erstaunten Mr. de Piquepoint hin, der sich mitten im Zimmer aufhielt und nicht wusste, wie ihm geschehn war. Kaum hatte sie ihn erwischt, so gab sie ihm mit tolpischer Hand eine so lautschallende Ohrfeige, dass er sich im Kreise herumdrehte. "Ah, mon joue, mon tete!" rief er winselnd und floh: die Alte torkelte ihm nach. In der Angst rennte er an den ergrimmten Sklavonier, der in seinem Zorne ihn bei der Brust packte und zuruckstiess, dass er der nachsetzenden Alten in die Arme sturzte und in ihrer Umarmung auf den Sofa sank. Sie hielt den kraftlosen Schneider mit angestrengter Starke fest, streichelte ihm die Bakken, lehnte sich mit ihrem Gesichte auf das seinige, und wenn er vor Brannteweinsdampf beinahe erstickte und sich losmachen wollte, strafte sie ihn mit Ohrfeigen und uberstromte ihn mit ihrer ganzen Fischmarktberedsamkeit. Der Lord sah dem Scharmutzel zu und sagte frostig zu dem Sklavonier: "Der Mann konnte leicht Schaden leiden." "Sie bringt ihn um!" rief der Sklavonier, machte die Tur auf, riss die Alte los, trug sie hinaus und legte sie auf dem Saale hin. Unterdessen hatte Mr. de Piquepoint bei dem Lord seine Beschwerden angebracht, dass er ihn beinahe hatte umbringen lassen, ohne ihm beizustehen. "Aber warum?" fragte der Lord. "Sie hatten sollen zu Hause bleiben." Das nahm Piquepoint ubel und belferte ihm eine Menge von seinem rotwelschen Franzosisch ins Gesicht, um ihn zu belehren, dass er gleiches Recht mit ihm gehabt habe, hier zu erscheinen. Er war mitten im Flusse der Rede, als der Sklavonier zuruckkam: weil er sehr heftig sprach, gebot ihm dieser zu schweigen. Piquepoint versicherte ihn, dass er kein Recht habe, ihm ein solches Gebot zu tun: hurtig lud ihn der Sklavonier auf seine Schultern, trug ihn hinaus und setzte ihn an dem namlichen Orte ab, wo die betrunkne Alte lag: kaum merkte Piquepoint, dass er sich in einer so ubeln Nachbarschaft befand, als er aufsprang und brullend wie ein Besessner die Treppe hinunterlief.
"Was wollen wir tun, Lord?" fragte der Sklavonier voller Zorn, als er zuruckkam.
"Nach Hause gehn!" antwortete der Lord ausserst gelassen.
Der Sklavonier. Aber wir mussen uns rachen: ich spruhe Feuer und Flammen.
Lord. Aber warum?
Der Sklavonier. Lord, Sie konnen noch fragen, warum? Ist es nicht die grausamste Beleidigung, uns beide so zum besten zu haben? uns mit so einem Narren in eine Klasse zu setzen? Raten Sie, Lord, was wollen wir tun. Lord. Eine Schale Punsch zusammen trinken und dann zu Bette gehn.
Der Sklavonier. Ich nehme die Partie an, Lord. Bei dem Punsch beschliessen wir Rache.
Sie gingen und taten, wie der Sklavonier wollte, beschlossen Rache uber Ulriken, die furchterlichste Rache, die ein beleidigter Wollustling uber ein unbesonnenes Madchen beschliessen kann. Vignali war um so empfindlicher, als sie den Morgen darauf den unglucklichen Verlauf von dem Sklavonier erfuhr, je sichrer sie schon auf den guten Erfolg gerechnet hatte. Dies unerwartete Misslingen setzte sie so sehr aus ihrer Fassung, dass sie auf den Tisch schlug und schwur, das naseweise Madchen in seine Hande zu liefern oder nicht zu leben.
Viertes Kapitel
Herrmann wusste von allen diesen Begebenheiten nichts, und weil er Ulrikens eigenhandiges Billett gesehn hatte, hielt er den traurigen Abend, wo sie vorgingen, fur die Sterbestunde ihrer Tugend. Er siegelte noch denselben Abend, als er von Tische kam, den goldnen Ring, den er von Ulriken zum Unterpfande ihrer Liebe unter dem Baume empfing, in ein Blatt, welches nichts als diese Worte enthielt:
'Ulrike, dieser Ring werde das Monument Deiner Tugend, da er nicht langer das Band unsrer Liebe sein darf. Weine bei ihm wie bei dem Grabsteine einer Freundin, die plotzlich in der Blute ihres Lebens dahinstarb! Blutige Zaren sind fur eine Tugend wie die Deine nicht zuviel. Ich feire heute Deinen Sterbetag; denn seit gestern bist Du fur mich tot.'
Er konnte sich nicht entschliessen, das Briefchen abzuschicken, weil ihm Ulrikens Fall so unglaublich vorkam, dass er beinahe seinen eignen Augen nicht traute. Nach langem Bedenken und Angstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz auf, Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen: sie hatte bisher so vielen verstellten Anteil daran genommen, dass ihm sein Misstrauen gegen sie gereute. Sie hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der Leichtglaubigkeit gegen sie gewarnt; und der Erfolg gab ihrer Prophezeiung so vollig recht, dass er sich uber sich selbst wunderte, wie er ihr jemals unrecht geben konnte. Er tadelte sich, dass er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte, und wie die meisten Menschen, wenn sie recht entsetzlich betrogen sind, fasste er itzt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr: er war so arg hintergangen worden, dass es ihm nicht auf die Gefahr ankam, noch einmal hintergangen zu werden.
Leicht zu erachten, dass ihn Vignali nicht allein bei seiner Uberredung von Ulrikens Falle liess, sondern auch aus allen Kraften darinne bestatigte! Die schadenfrohe Frau war wegen des Streiches, wodurch Ulrike den Abend vorher ihre gewiss geglaubte Rache vereitelt hatte, in volligem Ernste so herzlich auf sie erbittert, dass sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach. Herrmann war uberhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stund daher sehr bald in hellen Flammen; als er durchaus loderte, liess die hinterlistige Vignali heimlich Ulriken rufen: unterdessen, bis sie kam, fachte sie seinen Zorn vollends bis zur ganzlichen Feuersbrunst an. Das gute Madchen wurde durch die unerwartete Botschaft in solche Freude versetzt, dass sie zitterte: sie vermutete Wiederkehr, Versohnung, Reue, Verbindung auf ewig -alles, was nur gutherzige Liebe vermuten kann. Sie eilte, schauernd vor Vergnugen und Erwartung, hinuber, und Vergebung schwebte ihr schon auf der Zunge: sie beschloss, gleich alle Entschuldigungen zu verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue starkere Liebe entgegenzurufen. So, mit gespannten Segeln der Erwartung, trat sie herein: sie bebte innerlich, als wenn sie das Fieber schuttelte.
Vignali tat, als wenn der Besuch ein Wunder fur sie ware, und schwatzte so viel in sie hinein, dass Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konnte, warum man sie habe rufen lassen. Die falsche Frau uberhaufte sie mit Liebkosungen, berichtete ihr freudig, dass sie inskunftige ihre Besuche wieder wie zuvor fortsetzen konnte, weil die Ursache aufgehort habe, warum sie der Herr von Troppau untersagt hatte; und notigte sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, wo Herrmann in Schrecken und Erstaunen uber diese plotzliche Erscheinung wie angefesselt sitzengeblieben war. So gern sie diesen Platz im Herzen annahm, so ruckte sie doch dicht an das ausserste Ende, um nicht den Anschein zu haben, als wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu tun wollte. Er stund hastig auf, als sie sich setzte, wollte zur Tur hinaus und fand sie verschlossen Vignali hatte bei Ulrikens Empfange verstohlnerweise das Schloss abgedruckt er wollte sie offnen, aber Vignali rief ihn zuruck und bat, Ulriken unterdessen zu unterhalten, bis sie mit einem Briefe fertig ware, den sie notwendig itzo schreiben musste. "Sagen Sie ihr die Wahrheit!" zischelte sie ihm ins Ohr und ging ins Kabinett.
Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab, am ganzen Leibe kochend, wollte jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zuruck. Ulrike sass auf dem Sofa, spielte an Vignalis Arbeit, die an einem Tischchen angeknupft hing, und schielte daruberweg nach Herrmann hin, voller Erwartung, ob er nicht bald das Gesprach anfangen werde. Vor Ungeduld, dass es nicht geschah, hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloss ihn sogleich wieder: es entschlupfte ihr sogar zweimal ein Wort, aber schnell verwandelte sie es kunstlich in einen tiefgeholten Husten. Die Liebe wollte sich bei Ulrikens Gegenwart in Herrmanns Herze wieder emporarbeiten: sie rang in ihm mit dem Zorne wie ein paar ergrimmte Riesen: Angstschweiss stromte ihm uber das rotbraun geschwollne Gesicht; er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte ein: der Zorn tat einen gewaltsamen Stoss auf Seele und Zunge, und die Worte sturzten sich wie geflugelt heraus.
"Unverschamte!" sturmte er auf sie los, "wie kannst du die Frechheit begehn, dich vor meine Augen zu wagen? Ist es dir nicht genug, dass du eine Ehrlose bist, die Zucht und Tugend vergass? Willst du mich sogar zum Zeugen deiner Schande machen? Soll ich nicht bloss wissen, soll ich sogar sehn, wie tief du gesunken bist? O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geoffnet hatte, als der letzte Funke deiner Tugend erlosch! In der namlichen Minute erlosch auch meine Liebe, und kein Mensch hat noch so furchterlich gehasst als ich seitdem. Du bist seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes Geschopf geworden, das ich nicht zermalmen, das ich noch tiefer verachten mochte als den Staub, den meine Fusse treten. Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde, aber mein Hass ist starker als der Tod."
Ulrike wollte zitternd ein paar Worte einschieben, aber er rief ihr sogleich zu: "Schweig, Unwurdige! schweig, dass ich deinen Hauch nicht einatme! Hier, nimm diesen Brief!" Todesangst uberfiel ihn, als er ihn aus der Tasche zog: alle seine Muskeln arbeiteten, wie bei einer gezwungenen Trennung von dem Liebsten, was er sich entreissen konnte: mit zitternden Handen warf er ihn auf den Tisch und setzte bebend hinzu: "Da! lies und weine!"
Ulrike riss ihn auf, fuhr zusammen, als ihr der Ring entgegenfiel, und die Tranen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen, indem sie las. Stolz, Liebe, Dankbarkeit waren auf das ausserste beleidigt: sie war sich lebhaft bewusst, dass Herrmann zuerst mit Kaltsinnigkeit angefangen, zuerst den Briefwechsel unterbrochen hatte; und nun noch obendrein so eine schnode Behandlung, die sie nach aller Uberzeugung nicht verdiente! Sie schwieg lange und wusste nicht, was sie tun sollte: immer war es ihr, als wenn sie seinen bleiernen Ring vom Finger ziehen und ebenso verachtlich hinwerfen musste: gleichwohl war es hart, sich zu scheiden, ohne sich vorher zu verstandigen. Ihr Zorn verbrauste bald. "Aber sage mir, Heinrich!" fing sie an, "was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte?"
Herrmann. Wie sehr gerecht er ist, wird dir dein Gewissen sagen.
Ulrike. Wer hat mich bei dir verleumdet?
Herrmann. Diese meine Augen zeugen wider dich.
Ulrike. Worinne denn?
Herrmann. O du Schamlose! Also willst du noch wider dich selbst zeugen, dass du nicht bloss verfuhrt, dass du verderbt bist? Wehe, wehe uber uns beide, dass wir in diese Stadt, in dies Grab der Unschuld kamen! Aus Engeln macht sie Teufel, die beharrlichsten, frechsten Teufel. Ulrike schwieg. Mit wehmutigem Tone fing sie wieder an: "Heinrich, ich bitte dich mit Tranen, reiss nicht wegen einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen!"
Herrmann. Wenn Tranen deine Seele wieder reinzuwaschen vermogen, dann bade dich darinne! Aber wie sollen sie dies vermogen? Einmal verscheucht, kehrt die Unschuld nie in ihre entheiligte Wohnung zuruck. Gott! wer hatte sich das im Schlafe traumen lassen? dass eine so frische Blume so bald verduften sollte? Aber sie ist dahin! Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Madchen wieder ins Leben bringen? Lege dich und stirb! Was nutzt dir dieser elende Odem? seit gestern bist du doch nur eine herumwandelnde, langsam modernde Leiche.
Ulrike, die den Grund seines Grolls nunmehr erriet und argwohnte, dass man ihm eins von ihren gestrigen Billetten gezeigt und verleumderische Auslegungen davon gemacht habe, sprang auf, dass der Arbeitstisch, der vor ihr stand, umsturzte, und warf sich um Herrmanns Hals. "Ich bitte dich", sprach sie, "lass dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen!"
Herrmann liess sie nicht ausreden: er stiess sie von sich zuruck. "Weg von mir!" rief er, "deine Umarmung ist mir itzt ein Abscheu, deine Beruhrung ein Ekel. Mein Entschluss ist unerschutterlich, wie ich deine Tugend glaubte: ich mag nicht lieben, was ich verachten muss. Nimm deinen Ring und stecke ihn dem ersten, dem besten an den Finger, der deine Schande nicht weiss oder niedrig genug denkt, um sie nicht zu achten. Sprich nicht ein Wort zu deiner Entschuldigung! Du konntest schwach sein: aber ich mag keine lieben, die nicht starker war als die Schwachste, ob man sie gleich warnte!"
Ulrike machte noch einen Versuch, ihn zu besanftigen, aber er gebot ihr, zu schweigen, wie vorhin. Ihre Empfindlichkeit uber eine solche Unwurdigkeit schwoll in ihr von neuem auf: sie konnte sich unmoglich langer zuruckhalten, sondern brach in einen harten, scheltenden Tone aus. Er stund am Fenster, das Gesicht nach der Strasse gekehrt.
"Undankbarer!" hub sie an. "So lohnest du denen, die dich lieben? Erst lockst du die gutherzige Schwache, dass sie dir in den Morast folgt, und wenn sie mitten im Sumpfe steckt, dann reissest du deine Hand von ihr los, dass sie umsturzt und darinne erstickt? Weil dich grossre oder vielleicht listigere Schonheiten reizen, darum machst du Ubereilung zum Verbrechen, um nur mit mir zanken und brechen zu konnen. Geh, Verblendeter! versuche, ob eine einzige von denen, die dich von mir abgezogen haben, sich den Finger deinetwegen ritzen wird! ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird! Gerate in Not und versuche dann die Liebe dieser schonen Gesichter! Heinrich, lass dich nur uberzeugen! Gern, gern will ich dir ja verzeihen "
Henmann. Du mir verzeihen? Welche Unverschamtheit! -Du mir? die Verbrecherin dem Beleidigten?
Ulrike. Wer beleidigte zuerst? du oder ich? Rede!
Herrmann. Wer zuerst Tugend, Unschuld und Scham beleidigte! Wer war das? du oder ich? Rede!
Ulrike. Blinder! merkst du nicht, in welchen Wahn dich meine Feinde gesturzt haben?
Herrmann. Deine grosste Feindin bist du selbst: du hast mir einen Wahn entrissen, den sussesten Wahn, dass du die Tugend selbst seist.
Ulrike. Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend?
Herrmann. Ha! eine feine Philosophie! Man hat nur eine Tugend und nur ein Leben.
Ulrike. Mocht ich doch fast dieses nicht mehr haben, da ich die erste nicht mehr besitzen soll! Kann der grausamste Barbar harter sein als du? Zu verdammen, ohne den Beschuldigten anzuhoren!
Herrmann. Solch alltagliches Gerede wird dich furwahr von keiner Schuld lossprechen. Hier steht sie an deiner Stirn: sie spricht aus allen Zugen deines Gesichts. Mein Schluss ist einmal gefasst: meinen Ring hast du: unsre Herzen bleiben getrennt, und wenn uns tausend Ringe zusammenbanden. Sei glucklich, sosehr du es verdienst! Wir sind in Zukunft zween Menschen, die einander nur kennen.
Er ging.
"O ich Elende!" rief Ulrike und war sich auf den Sofa. "Ich selbstbetrognes Madchen! Da sitz ich nun in der Fremde unter Wolfen, die mich alle anheulen, und auch der einzige, der mich liebte, ist ein grimmiger Wolf geworden. Da sitz ich nun, von allen verlassen! verworfen von Mutter und Anverwandten!
verraten von Freunden! verleumdet, verfolgt! verstossen von dem einzigen, der mir alles dies ersetzen sollte! der mich zur Verraterin an meinem Gluck, meiner Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte! O hatt ich mir's nie einkommen lassen, jemanden zu lieben, den ich nicht lieben durfte! Nun ist das unbesonnene Madchen gestraft Gott weiss es, harter gestraft, als Onkel und Tante es konnen! Ach, dass jemals ein Funkchen Liebe gegen einen solchen Starrkopfigen, Murrischen, Undankbaren in meinem Herze glimmte! Nun hab ich's versucht, was Liebe ist ein blinkender, rotschimmernder, saurer Apfel, der die Zahne stumpft, lieblich anzusehn und herbe bis in die Seele, wenn man ihn kostet. Es ist schrecklich! so vieles fur einen Menschen zu leiden und zu tun, seine ganze Hoffnung auf einen Menschen zu bauen, und auf einmal mit dem ganzen festen Gebaude von Hoffnung einzusinken! in die tiefste Verachtung und Verworfenheit hinabzusturzen! Was wird nun aus mir werden? Ein herumirrendes scheues Taubchen, mitten in die weite grosse Welt hinausgejagt! Freilich, wer verjagte es? War es im Taubenschlage unter den Flugeln seiner Freunde geblieben, wie wohl war ihm itzt!"
Sie weinte: eben trat Vignali herein, und ob sie gleich den ganzen Auftritt von einem Ende zum andern an der halb offnen Kabinettur gehort hatte, so erkundigte sie sich doch, warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine.
"Um meine Liebe!" brach Ulrike mit einem Tranenstrome aus, "und Sie, Vignali, Sie sind ihre Morderin."
Vignali. Ich? Wie denn das? Ach! hier liegt ja ein Ring! hat etwa die eisenfeste Treue einen Riss bekommen? Ich kondoliere.
Ulrike. Wehe der elenden Spotterin, die den Riss machte! die durch Verfuhrungen, Aufhetzungen, Anschwarzungen meine Ruhe untergrub!
Vignali. Madchen, von wem reden Sie denn? Wer wird sich denn die Muhe geben, Ihre Liebe zu storen? Wenn Herrmann Ursache findet, mit Ihnen zu brechen, wer kann sie ihm gegeben haben als Sie selbst?
Ulrike. Oder die Boshaften, die ihn durch falsche Eingebungen wider mich einnahmen!
Vignali. Sie schwarmen. Das sind Phantome, die Ihnen Verdruss und Langeweile machen. Sie sind des Menschen satt gewesen, und weil der Trank schal geworden ist, soll Ihnen jemand etwas Widriges hineingeworfen haben. Wer kann fur verdorbnen Appetit?
Ulrike. Vignali, Sie sind die falscheste, heimtukkischste Frau, die es geben kann: das sag ich Ihnen dreist unter die Augen.
Vignali. Und ich nehm es nicht ubel; denn Sie sind halb verruckt: aber ich begreife nur nicht, woruber Sie sich eigentlich beschweren. Wenn eine Schussel nicht schmeckt, langt man nach der andern, und hat man sich uberladen, so fastet man. Sie mogen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben. Sie machten es also recht klug, dass Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel gaben: was wollen Sie weiter? Sie werden vielleicht ein paar Tage, auch wohl Wochen fasten: aber Geduld, liebes Kind! der Appetit kommt wieder; er kommt gewiss wieder.
Ulrike. Vignali, ich mag Ihre hamischen Verdrehungen nicht langer ertragen. Ich verlasse Sie.
Vignali. Das wird auch wirklich das beste sein. Alte Liebe und alte Eichen fallen freilich nicht ohne grosse Erschutterung: es geht durch Mark und Bein, wenn so eine tiefe Wurzel aus dem Herze gerissen wird, das weiss ich wohl. Drum gehn Sie, schaffen Sie sich die Kleider vom Leibe, nehmen Sie eine Herzstarkung ein, stecken Sie sich in die Federn bis uber den Kopf, und schlafen Sie bis an den spaten Morgen. Der Appetit wird schon wieder kommen.
Ulrike riss sich mit tranenden Augen und erstickendem Arger von ihr hinweg: Vignali kusste, trostete sie, trocknete ihre Zahren ab und beklagte mit vieler Politesse, dass sie um Herrmanns willen nunmehr, wenigstens auf einige Zeit, ihre Besuche wieder einstellen werde, begleitete die schluchzende Trostlose bis an die unterste Tur; und dann in einem Rennen die Treppe hinan, ins Zimmer hinein! und mit drei Handeklatschen und drei Sprungen rief sie ein lautes Viktoria!
Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weissatlasnen Deshabille, frischte ihre Wangen mit neuem Rosenrot auf, stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die Reize des Busens mehr als gewohnlich zur Ansicht dar, gab ihnen Glanz und duftenden Wohlgeruch, den Augenbrauen ein tieferes Kolorit, und den Augen erteilte die Freude ohne ihr Zutun Feuer und Lebhaftigkeit: die blendende Hand schien mit dem Kleide von einem Stoffe zu sein, so einen tauschenden Ubergang bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags. Selbst der Atem wurde schwach, aber lieblich parfumiert: alles strahlte von Schonheit an ihr, alles duftete Liebe und Wollust: mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch von ihr aus wie ein erquickendes Abendluftchen, das den Blumen ihre Wohlgeruche geraubt hat.
Herrmann wurde durch ihr Madchen befehligt, zu Madam Vignali zu kommen. Er ging ins gewohnliche Zimmer und spazierte gedankenvoll auf und nieder, war lange allein, und niemand regte sich. Das Zimmer wurde von zwei dammernden Wachslichtern nur halb erhellt: Dusternheit und Stille machten die Szene feierlich. Plotzlich erhub sich im Kabinett ein Gesang: es war Vignali selbst. Ihre Stimme war mittelmassiger als ihre Kunst, aber durch die fingerbreite Offnung einer Flugeltur schien sie vortrefflich. Sie sang ein franzosisches Liedchen, das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue Schone enthielt: die Melodie verlor sich bald in leise zartliche Klagetone und sturmte bald in brausenden Akzenten des Zorns; und das Adieu des Schlusses wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erloschender Schwache, als wenn es die Liebe selbst mit dem letzten Lebenshauche aussprache. Herrmann stund mitten in dem Zimmer, horchend: ihm war's, als wenn das letzte Adieu aus seinem Herze herausdrange, als wenn der Ton in seiner Kehle sturbe: die plotzlich darauffolgende Stille machte den Abschied eindringender und die Empfindung wahrer und starker: es schien das Verstummen der Scheidung zu sein. Dies stumme Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen: der geschiedene Liebhaber hatte eine andre gewahlt, druckte voller Berauschung seine Freude uber die neue Wahl aus, triumphierte, die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben, und lobte seine neue Schone von allen Seiten: das Lied tanzte so munter und frohlich dahin wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz ubermutig froh. Unmittelbar darauf folgte eins der wollustigsten: der begunstigte Liebhaber schilderte voller Trunkenheit die Szene des Genusses mit lichten Farben, und was dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriositat fehlte, ersetzte Vignali durch gewisse tauschende Akzente, durch wohlangebrachte Pianos und besonders durch die angemessne Veranderung des Tempo: die Stimme ersank, wie von der Starke der Wonne uberwaltigt, und verstummte mit zitternden abgebrochnen Lauten. Herrmann stand mit offnen Ohren und verwirrten Gedanken noch auf dem namlichen Flecke des Zimmers da, als sich die Kabinetture offnete: ein labender Duft von lieblichen Wohlgeruchen atmete durch sie daher: die Gottin erschien und leuchtete durch die dammernde Atmosphare des Zimmers wie ein neuaufgehender Stern: noch nie war in Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend, nie ihre Figur so majestatisch gewesen: der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreissend. Ein gewaltiger erschutternder Schlag.
"Sind Sie schon da?" fragte Vignali, als wenn sie nichts um seine Gegenwart wusste. "O Sie sind ein Mensch, des Kussens wert!" und so flog sie mit offnen Armen zu ihm hin, druckte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden entzuckten Kuss. Herrmann konnte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht erkundigen, wodurch er einen so schonen Lohn verdient hatte: sie fasste seine Hand, streichelte, druckte und schloss sie in die ihrigen.
"Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben?" fing sie an, "Sie haben sich bei der Szene so meisterhaft betragen, dass ich Sie kronen muss." Sie nahm aus der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer grossen Haarnadel auf seinem Kopfe fest, fuhrte ihn zum Spiegel, umschlag ihn mit einem Arme und liess ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken: dabei stimmte sie ein Siegesliedchen an, worinne er mit Lorbeern gekront und unter die Sterne versetzt wurde, und sie konnte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen; denn Herrmann dachte nicht daran, vom Spiegel wegzusehn, so sehr hatte er sich in die Gruppe vertieft, die darinne stand. Sie beschloss den Gesang mit einem Kusse, den er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah, wie er ihn auf seinen Lippen fuhlte: er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden.
"So gefallen Sie mir!" fuhr Vignali fort und ging, umfasst mit ihm, das Zimmer hinab. "So sind Sie ganz der liebenswurdige Mensch, wofur ich Sie gehalten habe. Ein Mensch wie Sie konnte sich unmoglich mit einer so narrischen Liebe lange abgeben: hab ich's nicht vorausgesagt? Ein Mensch wie Sie kann lieben, wo er will"
Hierbei trat sie vor ihn hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen Blick.
"Wo er will!" fuhr sie fort. "Er darf nur anklopfen, nur winken, nur gebieten. Nur ein Wort durfen Sie sprechen, und jedermann wird Ihnen mit der Liebe zuvorkommen. O Sie haben schon manche Eroberung gemacht!"
Dabei schoss sie einen zweiten verliebten Blick auf ihn und klopfte ihm die Backen. Bewegung und Rede wurde immer belebter, immer auf die Empfindung eindringender, und Herrmann blieb immer stumm: in einem so uberspannten Tone war Vignali noch nie mit ihm umgegangen. Er war aus aller Fassung, so hatte sie ihn uberrascht, und in seinem Kopfe und Herze drehte sich alles wie in einem grossen Wirbel herum. Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes: Vignali trank zu Ehren des grossen Herzensbezwingers Herrmann, zu Ehren seiner gemachten, nahen und kunftigen Eroberungen: er musste dem Anstande zu Gefallen ihrem Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine ganzliche Revolution in sich: die truben Schatten, die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem Kopfe zuruckliessen, verschwanden, sein ganzer Horizont wurde lichter, und lebhaftere, hellere Bilder tanzten mit muntern Gestalten rings in ihm herum.
"Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden, wenn ich fragen darf?" hub Vignali an. "Nirgends!" antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen Seufzer. "Einmal getauscht, mag ich's nicht zum zweiten Male werden."
Vignali. Nirgends? Wissen Sie, dass Sie da eine Luge der ersten Grosse sagten?
Herrmann. Keine, Madam! So gewiss dieser Wein vor meinen Augen steht, so gewiss ist dies mein fester unveranderlicher Entschluss.
Vignali. Und ich wette mit Ihnen, der feste Entschluss soll schon heute nach dem Essen sehr wandelbar sein.
Herrmann. Ich schwore Ihnen, Madam
Vignali. Fi! fi! schworen Sie nicht! Wissen Sie nicht, dass man grune Augen und schwarze Nagel bekommt, wenn man falsch schwort? Und Sie wollten sich mutwillig Ihre schonen verliebten Augen und Ihre schonen fleischfarbenen Nagel verderben? Nein, um alles in der Welt geb ich nicht zu, dass Sie schworen.
Herrmann. Sie scherzen, Madam; und ich rede sehr ernsthaft.
Vignali. Auch ich! In volligem Ernste versichere ich Sie, dass Sie einen Meineid begingen, wenn Sie die Liebe verschwuren.
Herrmann. Und ich beteure Ihnen nochmals, dass ich nie wieder lieben werde. Soll ich nicht wissen, was ich will und empfinde?
Vignali. O wenn Sie das wussten! dann redeten Sie ganz anders mit mir.
Herrmann. Sie sind ungemein drollicht. Warum sollt ich's denn nicht wissen?
Vignali. Weil Sie nicht verliebt sein wollen und es doch schon sind.
Herrmann. Ich? verliebt? Furwahr, das kommt mir itzt nach einer so widrigen Erfahrung am wenigsten ein. Wenn Ulrike so gewiss tugendhaft ware, als ich nicht verliebt bin
Vignali. Was wetten Sie? Sie sind's.
Herrmann. Wetten Sie, soviel Sie wollen!
Vignali. Sie sind verliebt, dabei bleib ich; und ich weiss auch in wen.
Herrmann. Lustig! In wen denn?
Vignali. In mich.
Herrmann sah sie starr und besturzt an: er war so jammerlich in die Enge getrieben, dass er weder ja noch nein sagen konnte. Sie fullte die Pause des Gesprachs mit einem Blicke, einer Miene aus, die ihn beinahe glaubend machten, dass sie die Wahrheit gesagt habe.
"Narrchen!" sagte sie mit einer kleinen Frechheit, "das hab ich dir lange schon angemerkt, dass du in mich verliebt bist. Dein schelmisches Auge hat mir's jeden Tag millionenmal gesagt. Du armes Kind! bist wahrhaftig ganz trunken von Liebe: wie dir die Bakken gluhn; wie du so schmachtend nach mir blickst! wie dir das kleine Herz schlagt! Und nun gar ein Seufzer? Du brennst ja wahrhaftig so ganz lichterloh vor Liebe, dass dir die Funken aus den Augen spruhen: nur Geduld, mein Puppchen! Ich bin eine vernunftige Frau: ich weiss, was die Liebe eines solchen Amors heisst: wir wollen die Flamme schon loschen, ehe du in Asche zerfallst."
Herrmann. Madam, ich begreife nicht, was Sie mir heute noch uberreden werden.
Vignali. Uberreden? Gar nichts! Ich erzahle dir ja nur, was du fuhlst, was du bist. Ich sage dir, dass du der liebenswurdigste Mensch unter der Sonne bist, ein Adonis, mit allen Schonheiten des Geistes und des Korpers geschmuckt ein Kupido, der mit seinen Augenstrahlen todlicher verwundet als mit Pfeilen ein Gott, den Dichter und Maler nicht schoner erfinden konnen: ist denn das nicht wahr?
Herrmann. Vermutlich nicht! denn das Lob ist uberspannt.
Vignali. Lobte die Liebe wohl jemals anders als uberspannt? Lass doch einmal sehn, ob dein Lob nicht ebenso uberspannt ausfallen wurde, wenn du mich schildertest! Lass einmal horen! Du schielst nach meinem Busen? Ich merke wohl, damit mit fingst du dein Gemalde am liebsten an. Wohlan! Furs erste also, was sagst du von meinen Busen?
Herrmann. Madam, Sie setzen mich ausser mir: alle meine Sinne benebeln sich.
Vignali. Lass sie dich benebeln! Antworte mir nur auf meine Frage! Wie findest du meinen Busen?
Herrmann. Ich finde, dass er ein Meisterstuck der Natur ist, zween Marmorhugel, mit Rosen bekront.
Vignali. Wie der Mensch so gut treffen kann! Und dann?
Herrmann. Ein Blumenpfad zwischen zween Rosengarten, wo Wonne und Entzucken stromt zween lieblich duftende Marmortempel der Liebe, wo man ihr taglich ein reichliches Opfer von Kussen bringen
mochte
Vignali. In der Tat, diese Beschreibung ist allein schon einer Erkenntlichkeit wert. Man muss dich lieben, man mag wollen oder nicht. Du bist einzig.
Dabei erfolgte eine feurige Umarmung, die zu Opfern in dem Tempel der Liebe unausweichbare Gelegenheit gab. "Und die Hand?" fragte Vignali.
Herrmann. Es ist Vignalis Hand, die man nicht schildern, nur kussen, nur drucken, nur liebkosen kann. Die Seele zittert, wenn man sie nur beruhrt: jedes Streicheln von ihr tut erquickender als ein kuhles Luftchen am schwulen Abend: ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne, dass das Herz flattert und davonfliegen mochte. Vignali. Das ist vermutlich eine Schmeichelei
Herrmann. Nein, Vignali, die selbstandigste Wahrheit, gefuhlte, tausendfach gefuhlte Wahrheit!
Vignali. Aber das Lob ist doch uberspannt.
Herrmann. Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen als ich? O den tausendsten Teil verschweig ich Ihnen, weil ich mich zu kraftlos fuhle, es auszudrucken.
Vignali. Sie sind ein loser Schmeichler.
Herrmann. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich nicht schmeichle! So wahr ich lebe! ich schmeichle Ihnen nicht.
Vignali. Wer weiss, was Sie mir alles heute noch uberreden werden?
Herrmann. Vignali, Sie argern mich mit Ihrem Widerspruche. Glauben Sie, dass ich ein elender, fader Schwatzer bin, der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt? Denken Sie, dass ich zu schwach, zu dummkopficht bin, um das Schone und Vortreffliche zu empfinden? Bei dem ersten Besuche, den ich Ihnen machte, uberzeugten Sie mich, dass Sie die grosste, die hinreissendste Schonheit sind. Ich habe seit jener Stunde Ihren Wert taglich mehr empfunden: so misstrauisch ich gegen Ihre Freundschaft war ich bekenne itzt frei, dass ich dies war, und wohl mir, dass ich's nicht mehr zu sein brauche! , aber alles Misstrauen hinderte mich nicht Ihre Liebenswurdigkeit zu erkennen, zu bewundern, anzubeten: Vignali ist falsch, sagte ich oft, aber schon: und wenn ich damals jemanden ausser Ulriken hatte lieben konnen
Vignali. So ware ich's gewesen? Wie glucklich, wenn ich's glauben durfte!
Herrmann. Sagen Sie mir nur, was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so verdachtig gemacht hat! Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele, und doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit!
Vignali. Zurne nur nicht! Ich glaube dir ja. Du hattest mich also damals geliebt, wenn dich Ulrike nicht gehindert hatte? Ulrike hindert dich nicht mehr; und du liebst mich?
Herrmann. Ja, ich wurde! aber ich habe geschworen, nie wieder zu lieben.
Vignali. Nein, Kind! Du hast nicht geschworen: besinne dich!
Herrmann. Aber ich habe mir vorgenommen, ein feierliches Gelubde zu tun
Vignali. Vorgenommen ist nicht getan! So kann ich dich vor der Narrheit bewahren. Ein Mensch von deinem Alter, deiner Figur, deinem einnehmenden Wesen will die Liebe verschworen? Man wird sich zu dir drangen, dich besturmen, dir die Liebe aufzwingen: siehst du nicht, wie man mich neidisch anschielt, wenn ich mit dir fahre, mit dir gehe? wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind? wie die Damen sich zischeln, dich anlacheln, dir gern gefallen mochten? wie alle vom hochsten und niedrigsten Stande stehnbleiben, wo sie dich erblicken, dir nachsehen, einander halbleise zurufen: "Ah, ein allerliebster Mensch! ein sehr schoner Mensch! ein Mensch zum Kussen! zum Aufessen!" und dabei fliegt dir mancher Seufzer, mancher zartliche Blick entgegen. Vor zwei Tagen lorgnierte dich eine alte, alte Dame in der Komodie so lustern, so schmunzelnd, als wenn sie durch deinen Anblick wieder verjungt wurde: Und ein so allgemein geliebter Mensch will der Liebe entsagen? Wie lange wird man dich denn das Gelubde halten lassen? Siehst du nun die Torheit ein? Liebe, liebe und lass dich lieben! Wenn du nicht mehr lieben kannst, dann tue dein Gelubde! Itzt geniesse der Liebenswurdigkeit, womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat!
Herrmann. O Vignali! Sie sind eine verfuhrerische Frau. Vignali. Aber doch zu deinem Besten, zu deiner Gluckseligkeit? In unaufhorlichem Taumel uberfullender Freuden, von Vergnugung zu Vergnugung hineilend, immer uberflussig reich an Wonne, stets geniessend und doch nie gesattigt, immer nach neuer Lust lechzend nennst du das keine Gluckseligkeit?
Herrmann. Schweigen Sie, Vignali! Sonst schwatzen Sie mir meine ganze Vernunft hinweg.
Vignali. Ah, quel drole! Was willst du denn nun vollends gar mit der Vernunft? Was geht dich die Vernunft an? Lerne von mir, was leben heisst und wie man leben
muss!
Sie erzahlte ihm nunmehr eine Menge verliebter Geschichten, die sie bei ihrem Aufenthalte in Paris erlebt hatte, malte ihm die wollustigsten Szenen mit Freiheit und ohne Schleier und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der Buhlschaft, dass er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte, die ihm Paris in Jahren nicht hatte verschaffen konnen. Die Schamrote, die zu Anfange ihrer Erzahlungen seine Wange farbte, verwandelte sich bald in das gluhende Rot eines innern Wohlgefallens, und in allen Muskeln des Gesichts druckte sich das Arbeiten seiner aufgeregten Phantasie aus. Er fuhlte ungekannte Regungen, ein Feuer, das tief ins Mark drang: alle Fibern waren vom suss hinabschleichenden Weine gespannt, Blut und Lebensgeister liefen in ubereiltem, gedrangtem Tumulte durch Adern und Nerven und ungeheure Massen von uppigen Bildern rasch und dicht hintereinander durch den Kopf.
Sie speisten allein zusammen: der Gerichte waren wenige, aber alle ausgesucht leckerhaft und stark gewurzt. Herrmanns gereizte Neubegierde fuhrte nunmehr selbst die Fortsetzung des abgebrochnen Gesprachs wieder herbei: der Ton wurde immer kuhner, immer freier, die Beschreibungen immer unverhullter: er schien mit allen begeisterten Sinnen in einer See von Entzucken zu schwimmen, die Augen verengerten sich und blickten nur noch durch schmale Ritzen hindurch, alle Gegenstande bemalten sich mit den Farben des Regenbogens, sein Mund sprach durch ein unaufhorliches inniges Lacheln, er zitterte vor Glut und sah Vignali nur noch mit seiner Phantasie, wie sie mit ihm alle die Szenen des Vergnugens durchwanderte, die sie ihm eben itzt geschildert hatte: alle Herzoginnen, Marquisinnen und beruhmte Schonheiten, von welchen ihm Vignali erzahlte, spazierten in den bezauberndsten, nacktesten Reizen, die ihnen seine Einbildungskraft sogleich lieh, durch den Kopf, und alle sahen wie Vignali aus: wenn ihm seine Gedanken einen erzahlten Auftritt ausmalten, waren die handelnden Personen allemal Vignali und er.
In dieser Berauschung ware nichts leichter gewesen, als den uberwaltigten, seiner unmachtigen Herrmann allmahlich auf den entscheidenden Punkt zu fuhren: allein Vignali geriet in der Verfolgung ihres Siegs ausser Fassung: die Freude, ihrem Zwecke so nahe zu sein, machte sie hitzig, und die Vorstellung seiner Unverfehlbarkeit verleitete sie, in der Gradation einen Sprung zu begehen. Sie lenkte den eingeschlaferten Liebhaber mit einer zu raschen Wendung von der Erzahlung fremder Begebenheiten auf sich und ihn: sie stand plotzlich vor seinen Augen wie eine freche, unzuchtige Buhlerin, nicht mehr unter dem Bilde verfuhrerischer Liebe, die unmerklich hinreisst, sondern als ein foderndes geiles Weib. Dieser beleidigende Anblick schoss wie ein Lichtstrahl durch seine Seele und verscheuchte auf einmal alle Schatten des Traums, welche sie umhullten: er sprang mit emporter Empfindung und unwilliger Verachtung auf.
"Vignali, ich verabscheue Sie!" rief er zornig und ging. Sie riss sich hastig empor und eilte ihm nach: allein in der Ubereilung des ersten Schreckens verwikkelte sie sich in ihre lose flatternde Kleidung und sturzte: ebenso schnell raffte sie sich wieder auf und erwischte ihn noch bei dem Arme: als er eben die Tur zumachen wollte, zog sie ihn mit allen Kraften wieder herein. Sie wollte schlechterdings siegen und wiederholte ihren Sturm mit so vieler Unbesonnenheit, dass er sich gewaltsam aus ihren Armen wand und sie von sich stiess. "Lass mich, unwurdige Buhlerin!" rief er, "du bist mir ein Abscheu." Er ging auf sein Zimmer.
Vignali wutete fast uber diese unerwartete Katastrophe: sie tobte wie in einer Verirrung in dem Zimmer herum, riss sich den Kopfputz herunter und warf ihn an die Erde, das schone Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht, das weisse Atlaskleid zerknittert und beschmutzt, vom Leibe gerissen und auf einen Stuhl geschleudert: der schone Marmorbusen kochte vor Arger und wollte zerspringen. In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu: ein reicher Tranenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenlidern, und kaum war ihre Hitze durch ihn ein wenig gemildert, so sann sie auf Entwurfe, den Unglucklichen auf das empfindlichste zu demutigen, der sie so empfindlich gedemutigt hatte.
Desto froher und entzuckter triumphierte Herrmann uber die errungnen Lorbeern, als wenn er den Euphrat und Ganges uberwunden hatte: sein eignes Verdienst stieg in seinen Augen desto hoher, wenn er an die Gefahr zuruckdachte, in welcher er schwebte, und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war, fast nur ein Haarbreit davon entfernt. Vignali war ihm durch die letzte Ubereilung so verachtlich, so widrig, so ekelhaft geworden, dass er an ihre gluhende, wollustige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konnte, ohne den lebhaftesten Abscheu wider sie zu empfinden. Er dunkte sich ein unuberwindlicher Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht, nunmehr die gefahrlichsten Angriffe uberstehn zu konnen.
Voll Ubermut ging er den Morgen darauf sehr zeitig zum Tee, um durch seinen Triumph die gedemutigte Uberwundne noch mehr zu kranken. Vignali war sehr freundlich und hoflich, aber ausserst niedergeschlagen: je mehr sie ihren Missmut merken liess, je mehr zwang er sich zur Aufgeraumtheit und Lustigkeit: je weniger und einsilbiger sie sprach, je geschwatziger und lebhafter plauderte er: alle seine Gebarden und Mienen waren angestrengt munter, und man konnte im eigentlichen Verstande von ihm sagen, dass er im Angesicht des uberwundnen Feindes sein Te Deum anstimmte.
Vignali senkte den Blick, nahm Verschamtheit und Verwirrung an und sagte ganz abgebrochen mit unterdruckter Stimme: "Lieber Herrmann, ich muss Sie wegen einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten, die mich in Ihren Augen notwendig erniedrigen muss."
"Das ist alles langst vergeben und vergessen!" rief Herrmann mit freudigen Verbeugungen, ohne zu merken, dass Vignali ihn durch ihre Reue mehr hinterging als er sie durch seine Grossmut.
Vignali. Bei Ihnen vielleicht, aber nicht bei mir! Sie sind in der Tat ein gefahrlicher Mensch: ich merke wohl, man muss auf seiner Hut bei Ihnen sein: Sie konnen so unvermerkt das Herz wegstehlen und Sie wissen, wie schwach ein weibliches ist!, so unvermerkt hinreissen, dass man aus aller Fassung gerat und halb verwirrt handelt. Sehn Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer Verruckten an: auch war ich's wirklich: die Liebe, womit Sie mich erfullten, hatte meinen Verstand angegriffen: ich raste.
Herrmann. Denken Sie nicht mehr daran! Eine solche Kleinigkeit
Vignali. Nein, Herrmann, fur mich ist's keine Kleinigkeit, wenn es gleich ein Mensch, der so edel und grossmutig denkt wie Sie, dafur halt. Welche weggeworfne, verachtliche Meinung muss ich Ihnen von mir eingeflosst haben? Man muss so erhaben denken wie Sie, um mich nur eines Anblicks zu wurdigen. Aber nehmen Sie meine Reue zur Versohnung und den Zustand der Verirrung, in welchen mich das Feuer der Liebe versetzte, zur Entschuldigung an! Wollen Sie mich hassen? ich hab es verdient. Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe erhalten, den Ihre Gute in Ihrem Herze fur mich noch ubriggelassen hat? es ist ein Geschenk, das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste Gegenliebe erwidern werde.
Herrmann. Geben Sie meiner Liebe keinen solchen Wert! Sie ist meine Pflicht. Ich tue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit, wenn ich Sie liebe.
Vignali. Spotter!
Herrmann. Ich versichre Sie auf mein Leben, ich spotte nicht. Kann man bei einer Venus wohnen und sie nicht anbeten?
Vignali. Ich vergebe diesen beissenden Schmerz Ihrem Ubermute: ich dachte, meine Reue hatte mehr Schonung verdient als solche empfindliche Spotteleien.
Herrmann. Ich schwore Ihnen bei meiner Seele, ich spotte nicht.
Vignali. Schweigen Sie! ich kenne diese Sprache. Sie sollten aber nur bedenken, dass ich ein Weib und Sie ein Mann sind und dass ein Weib Mitleiden und keinen Spott verdient, wenn die Liebe ihre Uberlegung zu Boden wirft: inzwischen muss ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass es nur wenige Manner gibt wie Sie. Sie sind ein wahres Muster von Tugend und Standhaftigkeit.
Herrmann. Madam, Sie beschamen mich.
Vignali. So ein heroischer Mut! so ein mannlicher Widerstand gegen die Versuchung. Ohne mir schmeicheln zu wollen, unter tausend, vielleicht zehntausend Mannspersonen wurde nicht einer so herzhaft der Liebe getrotzt haben. Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin.
Herrmann. Das, das ist Spott, Madam: aber sosehr Sie sich vielleicht innerlich daruber aufhalten werden, so muss ich Sie doch ernsthaft versichern, dass ich uber alle Verfuhrungen der Liebe hinaus bin: das dank ich den Grundsatzen der Ehre und des Gewissens, womit mich mein Lehrer wie mit einem doppelten Schilde bewaffnet hat: mich schrecken keine Gefahren, weil mich keine uberwinden. Vignalis Schonheiten konnen mir Liebe einflossen, aber nie bewegt mich Schonheit noch Liebe zu einer Handlung, die meine Ehre brandmalte; die mich in meinen Augen verfluchenswert machte; die mich zeitlebens wie eine Holle peinigte: nie, nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung, das beteure ich Ihnen zuversichtlich.
Vignali. Wahrhaftig, man mochte vor Ihnen auf die Knie fallen: Sie sind ein Gott. Aber mich deucht, auch Jupiter liess sich oft von Nymphen fangen?
Herrmann. Ihres Jupiters lach ich: der verdiente furwahr kaum, Aufwarter in einem Bordelle zu sein der schwach-kopfichte Jupiter!
Vignali. Aber er hatte eine Tugend er bildete sich nicht mehr Starke ein, als er besass
Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste: aber Herrmann, ob er den Verweis gleich verstund, lachte insgeheim desselben. Er ward so stolz auf Vignalis Demutigung, dass er sich mehr solche Versuchungen wunschte, um sie, wie Herkules die Ungeheuer, zu bekampfen und zu besiegen; so sicher ward er durch sein gestriges gutes Gluck, dass er sich von Herzen freute, als ihm Vignali nachmittags einen Besuch bei Lairessen vorschlug. 'Aha?' dachte er, 'da bluht ein zweiter Lorbeer fur dich!'
Funftes Kapitel
Kaum waren sie bei Lairessen funf oder sechs Minuten gewesen, als sich Vignali eines notigen Besuchs erinnerte und Herrmann bis zu ihrer Ruckkunft zu verziehen bat: sie ging und begab sich heimlich in die Nebenstube.
Lairesse war neben der Tanzerin auch einige Zeit Schauspielerin gewesen, in beiden zwar gleich mittelmassig, aber sie hatte doch zuweilen im Notfall auch zweite Liebhaberinnen gespielt. Ohne Zweifel mochte sie dies auf den Einfall bringen, ihren Unternehmungsplan ganz theatralisch einzurichten.
Sie sprachen einige Zeit von lieben und geliebt werden, und Herrmann, der erst wahrend seines Aufenthalts bei Vignali so hochgelehrt in diesem Fache geworden war, redete daruber mit zufriedner Selbstgenugsamkeit; Lairesse wusste nicht mit dem zehnten Teile seiner Erfahrung und Beredsamkeit davon zu sprechen, ob sie gleich seit ihrem siebzehnten Jahre im Tempel der Liebe diente. Plotzlich sank sie in Ohnmacht aber nur in eine kunstliche Ohnmacht, versteht sich! Man sagte ihr als Schauspielerin nach, dass sie nur zwo Aktionen meisterhaft zu machen verstunde sich wie ein Klotz auf das Theater hinzuwerfen und in Ohnmacht zu fallen: man versicherte deswegen, dass sie die grosste Aktrice des Erdbodens sein wurde, sobald jemand ein Stuck von lauter Ohnmachten schriebe. Auch gelang ihr die gegenwartige so tauschend, dass ihr Herrmann mit angstlicher Besorgnis sein vergoldetes Riechflaschchen in die Nase goss: das war ein unsel'ger Streich, der dies Meisterstuck von Ohnmacht durchaus verdarb; denn die Menge der hinabstromenden, starkriechenden Essenzen verursachte ihr einen erstickenden Husten: doch zog sie sich sehr gut aus dem widrigen Zufalle: sie schlug mit richtiger Steigerung des wiederkommenden Lebens und mit einem zartlichen Blicke nach Herrmannen die Augen auf und blieb liegen, wie sie die Ohnmacht auf das Kanapee hingeworfen hatte.
"Was haben Sie denn?" fragte Herrmann.
"O du Ungeheuer!" antwortete Lairesse mit kraftlosem Zorne, "du wirst mich wohl noch umbringen."
Herrmann. Ich?
Lairesse. Ja, du, du!
Herrmann. Ich erstaune. Wie das?
Lairesse. Dass du so schon und doch so unempfindlich bist! Ich armes Madchen bin in dich verliebt, solang ich dich kenne: sooft ich dich nur sehe, wandelt mir eine Ohnmacht an: und du, kieselhartes Herz, tust gar nicht, als wenn du meine Not wusstest. Ich werde gewiss noch vor Liebe sterben, wenn du mir nicht beizeiten zu Hulfe kommst. Komm, du Pavian! gib mir einen Kuss!
Sie zog mit diesen Worten den neben ihr stehenden Herrmann nach sich hin und nahm sich den Kuss mit einer so zweideutigen Umarmung, dass sich der Tugendheld nach einer fluchtigen Anwandlung von susser Schwachheit losriss und mit stolzem Mute wie ein tapfrer Ritter, der abermals ein Abenteuer glucklich bestanden hat, auf sie herabsah.
"Ach, der vermaledeite Kuss!" fing Lairesse wieder, halb ohnmachtig, an, "da wird mir schon wieder schlimm. Komm mir zu Hulfe, du Unmensch! Ich ersticke: mache mir Luft!"
"Lairesse!" sagte Herrmann mit trocknem Lacheln, "geben Sie sich nicht so viele Muhe! Ich errate Ihr Spiel: so fangt man mich nicht."
"Seht mir einmal das Affengesicht!" rief Lairesse lachend und sprang auf. "O lacht ihn doch aus! Da wird man dich lange fragen: willst du mich gleich im guten lieben? oder ich drucke dir die Kehle zu."
Wirklich fasste sie ihn auch so fest bei dem Halse, dass er zu ersticken glaubte und sich mit Muhe von ihren Armen losmachte. "Lairesse, das ist Beleidigung, aber nicht Scherz", sprach er unwillig.
Lairesse. Denkst du, dass ich scherze? Hab ich dir's denn nicht deutlich gesagt, dass ich dich liebe? Aber ich weiss schon, ich bin nicht die erste, die du hast verschmachten lassen.
Herrmann. Desto besser! So konnen Sie sich um soviel leichter beruhigen.
Lairesse. Desto schlimmer! willst du sagen. Furwahr, ich schamte mich: so ein hubscher Mensch und tut so steif und holzern, wenn sich ein Madchen die Muhe gibt, sich in dich zu verlieben! Bin ich dir denn nicht hubsch genug? Uber den Delikaten!
Herrmann. Zur Gesellschafterin sind Sie mir hubsch genug: und mehr verlang ich nicht.
Lairesse. Aber damit bin ich nicht zufrieden. Gesellschaft ohne Liebe ist etwas kahl.
Herrmann. Auch daran soll es nicht fehlen: ich liebe Sie und habe Sie geliebt, solange wir einander kennen.
Lairesse. Und das ist deine ganze Liebe, wie sie bisher gewesen ist? Die ist verzweifelt trocken und langweilig. Ich will dich eine bessere lehren. Aber du Heuchler! kennst sie lange.
Herrmann. Und wenn ich sie kennte?
Lairesse. So warst du Schlage wert, dass du so unwissend tust und dich nicht gescheiter auffuhrst als ein kleines Kind.
Stehst du nicht da wie eine Bildsaule?
Sie sang ihm ein Liedchen vor, dessen Hauptgedanke war, dass Genuss der letzte Zweck der Liebe ist, und die letzte Strophe schloss sich:
Einladend winkt ein Sofa dir,
Gepolstert fur die Liebe
"Schweigen Sie!" unterbrach sie Herrmann. "Entheiligen Sie nicht einen Namen, der nur auf Ihrer Zunge und nicht in Ihrem Herze ist! Ich will Ihnen mit zwei Worten sagen, wie ich hieruber denke. Liebe und Buhlerei sind bei mir zwei verschiedene Dinge: merken Sie sich das!" Lairesse schlug ein Gelachter auf, als wenn sie springen wollte. "O du hochweiser Stockfisch!" rief sie und stiess ihn von sich. "Ich will die Leute auf der Gasse zusammenrufen, dass sie dich auslachen helfen. Der Mensch redet wie ein Schulmeister. Lieber Herr Schulmeister, sein Sie doch nicht so gramlich! Die Buhlerei! wo hast du denn das Wort her?"
Herrmann. Das Wort ist alt: aber die Sache hab ich itzt an Ihnen wahrgenommen.
Lairesse. Die Buhlerei? Was der Mensch fur ein Orakel ist! Ein lebendiges Buch der Weisheit bist du.
Herrmann. Und Sie ein verbuhltes Madchen!
Lairesse. Ihre Dienerin warum missfallt denn Euer Hochweisheiten das Buhlen so sehr?
Herrmann. Weil die Stimme der Ehre in mir ruft, dass ich mich nicht wegwerfen soll.
Lairesse. Mit mir wirfst du dich weg? O mein kleiner Herr, er muss sich's fur eine Ehre rechnen, dass ich mich mit ihm abgebe. Prinzen, Lords, Grafen, Barone haben meine Gutigkeit mit Dank erkannt: man ist so verlegen nicht, wie Sie denken. Ihr kleines Personchen mag in Ihren Augen sehr liebenswurdig sein: aber solche Schlaraffengesichter kann man alle Tage haufenweise bekommen, wenn man nur wollte.
Herrmann. Lairesse, Sie werden so beleidigend, dass ich zurnen muss.
Lairesse. Allons, zurnen Sie doch! Sie werfen doch nicht etwa die Leute mit Goldborsen tot? Der arme Schlucker! spricht so weise wie ein Buch! will sich nicht wegwerfen! Ich wurfe mich weg: wissen Sie das?
Herrmann. Sie werden so unverschamt, dass ich gehn muss.
Lairesse. Geh! geh! Wer hat denn dich Polisson gerufen? Aber noch eins! Du bist ein Narr.
Dies sagte sie ihm in einem leisen vertraulichen Tone und wollte die Lobrede mit einer derben Ohrfeige begleiten: doch Herrmann fing ihre Hand auf, ergrimmte, hub den Stock in die Hohe und drohte: "Ich werde dich strafen, du niedertrachtige Dirne!"
Lairesse. Strafe mich! hier steh ich. Siehst du hier zehn Finger? und an jedem einen Nagel? Alle zehn sollen sie dir auf den ersten Schlag in deinen Schelmenaugen liegen.
Herrmann ging, um nicht zu einer Misshandlung hingerissen zu werden. In der Tur knipp sie ihn von hinten zu empfindlich in die Arme. "Wirf dich nicht weg!" schrie sie. Herrmann drehte sich, und der Zorn ubernahm ihn so sehr, dass er den Stock, mit der volligen Absicht zu strafen, aufhub. "Schlagen Sie zu!" rief Vignali hereintretend, "das Geschopf hat es verdient." Sie gluhte vor Arger; und da Herrmann ihren Befehl nicht vollzog, gab sie Lairessen einen empfindlichen Stoss mit der Faust und sagte leise zu ihr: "Du bist ein dummes Vieh: nun kannst du noch heute dein Paket zusammenmachen."
"Kommen Sie! wir wollen gehn", sprach sie ausser Atem und nahm Herrmanns Arm.
Vignali! Vignali! das war stark verraten: auch merkte Herrmann nunmehr das ganze Spiel, das er vorhin nur dunkel argwohnte. Dem Herrn von Troppau wurde seit dieser Zeit von Vignali tagliche und stundliche Vorstellung getan, dass er Lairessen den Abschied geben sollte, und nach einigen Weigerungen willigte er, obgleich sehr ungern, darein: Lairesse kam, demutigte sich vor Vignali, bat um Verzeihung, und der Herr von Troppau musste sie behalten.
Sechstes Kapitel
Vignali sahe nunmehr wohl ein, dass sie den unrechten Weg gewahlt hatte: sie nahm sich also vor, dem Tugendhelde durch unaufhorliche Schmeicheleien und Gefalligkeiten unvermerkt vollends einzuflossen, was zur Liebe noch fehlte, ihm durch wollustige Gesprache seine Einbildung noch mehr aufzuregen, ihn bei der Eitelkeit anzugreifen und vielleicht durch dieses Mittel ihm eine so heftige Leidenschaft beizubringen, dass ihn am Ende die Begierde selbst zu einem Schritt hinrisse, dem er itzt so standhaft auswich. Ulrike war durch die ungluckliche Wendung, die sein Widerstand Vignalis Plane gab, ihrer Aufmerksamkeit ganz verschwunden: obgleich Herrmann anfangs nur Mittel zur Demutigung der erstern sein sollte, so wurde er nunmehr das Ziel der Unternehmung, wenigstens musste Vignali sich erst an ihm gerochen haben, um wieder an die alte Rache gegen Ulriken zu denken.
Die neue Methode gluckte besser: er war schon vorhin in Vignali verliebt, ohne dass er es vielleicht selbst wusste, und es wurde also unendlich leicht, einen Verliebten noch verliebter zu machen. Mit ebenso vielem Glucke gelang es ihr, Galanterie und Liebe fur ihn zu einer Sache der Eitelkeit zu machen: sie sprach bestandig davon, dass es eine von den ersten Eigenschaften eines Mannes von Lebensart und gutem Stande sei, viele Liebeshandel zu haben: Menschen, die ohne Intrige lebten, wurden verachtlich als Dummkopfe oder schlechte niedrige Leute verschrien. Auch hierzu war er schon langst hinlanglich zubereitet; denn die gewohnliche Unterhaltung in allen Gesellschaften, wozu er kam, betraf Liebesintrigen, und die Wichtigkeit, womit sich die Leute behandelten, die die meisten eignen Erfahrungen hierinne zu erzahlen wussten, hatte schon mannigmal den Wunsch in ihm erregt, sich eine solche Wichtigkeit zu verschaffen. So machtig ihn also die Ehrbegierde auf der einen Seite von der Ausschweifung abzog, sosehr trieb sie ihn auf der andern Seite zu ihr hin.
Am liebsten ware es Vignali gewesen, wenn sie diese Eitelkeit hatte nutzen konnen, um ihn in einen lacherlichen Liebeshandel zu verwickeln; und vielleicht hatte er es als ein Gluck ansehen konnen, wenn er weniger vorsichtig und vernunftig gewesen ware, um ihr nicht diese Freude zu machen: sie hatte auf seine Unkosten gelacht und mit dieser geringern Rache vorliebgenommen. Es bot sich ihr eine Gelegenheit dazu dar. Ihm gegenuber wohnte eine alte Kokette, die jeden Nachmittag am Fenster die aufgetragnen Reize trocknete, womit sie des Abends in der Gesellschaft glanzen wollte. Ihr entblosster Busen schien in der Ferne eine helleuchtende Marmorflache: auf ihren schneeweissen Wangen bluhten die Rosen der Jugend, und blaue strotzende Adern liefen uber die Schlafe hin. Herrmann sah mit Verlangen nach dieser einladenden Schonheit: sie bemerkte seine Aufmerksamkeit sehr bald und suchte sie durch ihre Koketterie noch mehr auf sich zu ziehen: aus Blicken wurden Gestikulationen: ein jedes verstand schon des andern Sprache. Herrmanns galante Eitelkeit hatte nunmehr ihr Ziel gefunden: wer war glucklicher? Vignali, die die stumme Unterredung aus den Fenstern sehr bald auskundschaftete, zog ihn damit auf und machte ihn so treuherzig, dass er sich sein Geheimnis entwischen liess. Sie ermunterte ihn, eine so schone Prise nicht fahrenzulassen, sondern sobald als moglich Besitz davon zu nehmen: sie entwarf ihm sogar einen Operationsplan und versprach ihren Beistand. Was die Wollust nicht vermocht hatte, vermochte beinahe der Ehrgeiz: ohne zu uberlegen, wie empfindlich er abermals Vignali beleidigte, dass er die Liebe einer Unbekannten suchte, nachdem er die ihrige verschmaht hatte, liess er sich halb in die Unterhandlung ein: Vernunft und Eitelkeit stritten so gewaltig in ihm, dass er wankte und sich bald als einen Narren betrachtete, der Unsinn begehen wollte, bald als einen feinen Mann, der es in der Kunst zu leben bis zur Galanterie gebracht hatte. Wahrend dieses Schwankens zwischen Vernunft und Torheit riss ihn sein gutes Schicksal auf einmal aus der Verblendung: er hatte sehr oft hinter dem Vorhange des namlichen Fensters, an welchem nachmittags so eine gluhende Schonheit prangte, vormittags einen runzlichten alten Totenkopf lauschen sehn, der sich sogleich zuruckzog, wenn er ihn zu genau betrachtete. Eines Nachmittags fuhrte das Schrecken, weil ein Feuergeschrei einen plotzlichen Auflauf in der Strasse verursachte, Herrmanns Geliebte vor der Zeit ans Fenster, ehe die Schopfung ihrer Schonheit vollendet war: sie besann sich zwar bald und fuhr wieder zuruck, aber der Galan hatte doch ein Gesicht erblickt, das halb Tag und halb Nacht war, vom Kinne bis zu den Augen glanzend weiss und an der Stirn schwarzgelb wie ein Mulatte, auf den Wangen bluhten keine Rosen und uber den Augen hingen statt der schon gewolbten schwarzen Bogen ein Paar struppichte Buschel graue Haare. In der ersten Uberraschung tat er die Frage an Vignali, wer die Missgeburt sei: sie konnte sich das Vergnugen nicht versagen, ihn zu beschamen, und antwortete: "Ihre Liebe!" "Ihre Liebe!" rief sie noch einmal und lachte seiner, als er erschrocken, verlegen, verwirrt vor ihr stand, sich gern durch Ausfluchte helfen wollte und nicht konnte, weil sie ihn nicht dazuliess.
"Nun sollen Sie Ihre Schonheit werden sehn", sprach Vignali." Des Morgens ist sie ein Ungeheuer, dass man die Kinder mit ihr zu furchten machen konnte ein abgestorbnes, gelbsuchtiges Affengesicht. Von zehn Uhr bis um eins wird ihr der ellenhohe Haarputz mit der Menge dicker Locken auf den kahlen Wirbel gebaut und an die dunnen grauen Borsten, die noch darauf stehn, angekleistert, angesteckt und angenaht. Wenn dieser chinesische Porzellanturm von Schafwolle und Ziegenhaaren aufgefuhrt ist, dann isst sie eilfertig ein paar Bissen, um hurtig wieder zur Toilette zu kommen. Vor Tische wurde das Dach aufgesetzt, nun wird das beraucherte, leinenfarbne Haus angestrichen. Der Busen, soweit er sichtbar ist, das ganze Gesicht und selbst Hande und Arme werden mit weisser Tunche uberwerfen da kommt sie! Itzt trocknet sie die weisse Glasur an der Luft." Uber eine Weile ging die kalkweisse Schonheit vom Fenster weg. "Ah", rief Vignali, "die Tunche hat Ritze bekommen: nun werden sie ausgefullt und das Ganze mit der Kelle sehr zierlich geebnet; denn das ist wahre Maurerarbeit, mussen Sie wissen." Einige Zeit darauf fing Vignali wieder an: "Aufgeschaut! itzt sind ihr an den eingesunknen Schlafen jugendliche blaue Adern gewachsen!"
Herrmann. Woher hat sie so schnell diese herrlichen blauen Adern bekommen?
Vignali. Sie kauft sie bei meiner Zwirnfrau: fur einen Dreier kriegt sie Adern auf ein halbes Jahr, und jeden Tag hat sie neue. O die Frau ist sehr wohl daran: sie kauft ihre Reize in Buchsen und kann sich die Dosis so stark geben, wie sie es notig hat.
Endlich langte die schnellaufgebluhte Schonheit in dem letzten Punkte ihrer Reife mit schonen, funkelnden roten Backen an. "Sie fallen doch nicht in Ohnmacht?" sprach Vignali zu Herrmann. "So ein frisches sechzigjahriges Madchen reisst hin. Der arme, galante Herrmann! verliebt sich in eine Schminkbuchse!"
Der arme Herrmann musste noch unendlich mehr dergleichen Hohnereien ausstehen, und die ausserordentliche Geduld, womit er sie ertrug, bewies, dass Vignali ein grosses Vorrecht in seinem Herze haben musste; denn da Lairesse dazukam und sich ins Spiel mischte, brach seine Empfindlichkeit sogleich los. Aber wie er sich seiner Torheit schamte, als er mit sich allein war! Seit der Zeit war an keine Galanterie mehr bei ihm zu gedenken: weiter konnte seine Eitelkeit nichts von ihm erhalten, als dass er sich die Miene davon gab, sich vorsichtig nirgends einliess, aber doch bestandig den Schein annahm, als wenn er sich mit einer Menge einlassen wollte oder gar schon eingelassen habe.
Sonach fehlte nicht viel, dass er in dieser Schule zum Gecken wurde: ein paar Gran weniger Verstand, so war der Tor fertig. Er lernte in den Abendgesellschaften und Vignalis Umgange meisterlich persiflieren, von jeder Sache im verachtlichen, spottelnden Tone sprechen, feine Unverschamtheit in Reden und Betragen, eine Dreistigkeit, die fast an die Keckheit grenzte: seine Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflugen zu grossen ruhmlichen Handlungen empor: durch gesellschaftliche Artigkeiten, durch Gefalligkeiten und Achtsamkeiten zu gefallen war itzt ihr Ziel. Die Sphare seiner Ruhmsucht, die sonst die halbe, wo nicht die ganze Welt umfasste, war itzt ein kleiner Kreis von Damen und Herren aus der schonen Welt, und ein gelungenes Kompliment, eine gluckliche Luge, eine beklatschte artige Bosheit, ein belachter Einfall gab ihm itzo soviel Entzucken als sonst die edlen Taten der Antonine und aller grossen Manner, mit welchen ihn Schwinger bekannt machte. Gefuhl des Grossen, Erhabnen, Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr: sie war nur dem Angenehmen, dem Reizenden, dem Ergotzenden offen: aus dem stolzen, hochfliegenden Adler war ein artiger, bunter Kolibri geworden. Freilich leuchtete immer, auch selbst wenn sich Betragen und Reden dem Geckenhaften naherten, sein grosser gesunder Verstand hervor, und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Wurde, die zu erkennen gab, dass der Mensch sich bemuhte, weniger zu sein, als er sollte und konnte. Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche, wenn er einen ehrlichen Einfaltigen zum besten hatte; aber wie sollte er es unterlassen, da es ihm den Beifall aller einbrachte, die er belustigte? Seine Beurteilung lehrte ihn oft das Geschmacklose, das Unmoralische eines Einfalls, und doch sagte er ihn, weil er belacht wurde: seine Vernunft rief ihm unaufhorlich zu 'Du tust Torheit!' und doch tat er sie. Das sind alles warnende Lehren, die nicht eher gehort werden, als bis das Schicksal wie ein Schulmeister mit einem wohlgemeinten Hiebe die Ohren offnet.
Und Ulrike? Die arme Vergessne trauerte, harmte, verzehrte sich unterdessen und hoffte auf eine Gelegenheit, um ihren verirrten Heinrich von ihrer Unschuld zu uberzeugen.
Achter Teil
Erstes Kapitel
Wie weit Vignali mit ihrer Operation in kurzer Zeit fortruckte und welch eine starke Dosis von Liebe sie ihm beigebracht haben musste, beweist nichts so deutlich als ihre Gewalt uber seine tiefsten, festgewurzelten Neigungen und Gesinnungen. Keine Freundschaft war ihm so heilig als die seinige gegen Schwingern: sie grundete sich auf Dankbarkeit, und Dankbarkeit war seine erste Tugend. Er hatte wohl den guten Mann unter den unaufhorlichen Zerstreuungen, Vergnugungen und dem erschlaffenden Mussiggange seines itzigen Lebens vergessen: er dachte und empfand gegenwartig ganz anders als sein Freund, bedurfte seiner nicht; was konnte ihn also an ihn erinnern? Unvermutet empfing er einen Brief von ihm, der im Marz geschrieben, im Marz von dem Kaufmanne, bei welchem er in der Lehre gestanden hatte, nach Berlin gebracht und itzt, zu Anfange des Junius, erst abgegeben wurde: er hatte seine Wohnung nicht eher auskundschaften konnen, liess er sagen. Das sanfteste Gefuhl der Freude uberstromte den Jungling, als er eine so lange nicht gesehne Hand erblickte, und mit inniger Wehmut fuhlte er den Abstand seines gegenwartigen und vorigen Lebens: es war, als wenn ihm ein Freund aus fernen Landen nach langer Trennung wiederkame und ihn itzt umarmte: alle Vergnugen und Leiden seiner ersten Jugend, alle Verbindlichkeiten seines Freundes uberlief er mit schneller Erinnerung und vergass vor Ruhrung uber die sonderbare Leitung seines Schicksals, den Brief zu offnen. Indem er so ganz wieder der vorige gutdenkende, starkempfindende, dankbare Herrmann war und sich in Empfindungen und Vorstellungen versetzt fuhlte, die ihm sein bisheriges Leben fremd gemacht hatte, kam Vignali auf sein Zimmer. "Sie haben, glaub ich, einen Brief bekommen?" fing sie an.
"Ja", antwortete Herrmann mit entzuckter Freude, "von meinem einzigen besten Freunde, dem ich alles zu danken habe, was ich bin, die Bildung meines Verstandes und Herzens, mein Fortkommen. Vignali, das ist fur mich der erste Mensch unter der Sonne, mehr als Vater und Mutter, und ich bin so entzuckt uber sein freundschaftliches Andenken, dass ich weinen mochte. Ich bin in der aussersten Ruhrung und "
Vignali. Doucement, Monsieur, doucement! Ich will Ihnen den Brief vorlesen: da Sie bis zu Tranen geruhrt sind, werden Sie vermutlich nicht gut sehen konnen. Soll ich?
Herrmann. Ja, Vignali, lesen Sie! lesen Sie!
Sie setzten sich: Vignali wurde zu ihrem Leidwesen inne, dass der Brief deutsch war, und Herrmann musste ihn also Periode fur Periode ins Franzosische ubersetzen. Er las: "Unbesonnener Freund!"
"Der Mann ist wohl Schulmeister", fragte Vignali: Herrmann stutzte uber den Anfang und fuhr fort:
"Muss ich abermals die Feder ergreifen, um Dich zu zuchtigen?"
Vignali. Potztausend! der Mann wird bose: er greift nach der Rute.
"Hast Du allen Verstand, alle Uberlegung in Deiner Vaterstadt zuruckgelassen, dass Du so hochst unsinnig handelst?"
Vignali. Der Pedant ist verruckt; ihm mag wohl der Verstand fehlen, dass er so schreiben kann.
"Welche eiserne Stirn gehorte dazu, um dem Grafen statt seiner Schwestertochter eine verbuhlte, liederliche Dirne zuzuschicken?"
Vignali. Sie haben das getan? O Sie sind bewundernswert! Hurtig, erzahlen Sie mir die Geschichte!
Herrmann erzahlte ihr mit einiger Verlegenheit den Vorfall und entschuldigte sich mit seiner Liebe zu Ulriken, dass er den Kaufmann durch eine falsche Aussage verleitet habe, dem Grafen statt ihrer ein Bordellmadchen zu uberbringen.
"Daruber entschuldigen Sie sich?" rief Vignali und brach in ein erschutterndes Gelachter aus. "Das ist ein Streich, der eine Ehrensaule verdient: Sie sind wert; dass man Sie anbetet. Die Bosheit ist nicht mit Gelde zu bezahlen. Und was sagt Ihr Schulmeister dazu?"
"Den Zorn des Grafen, der unter seinen eignen druckenden Angelegenheiten vielleicht verdampft ware, hast Du von neuem zur Flamme gebracht: er hat geschworen, dass er nicht ruhen will, bis Du fur diese Bosheit bestraft bist; und gewiss! sie verdient Strafe."
Vignali. Der Mann ist ein Narr: sie verdient Altare, sollte er sagen.
"Hat Dich ein kleines Gluck, welches Du nach dem Berichte deines gewesenen Lehrherrn gefunden hast, schon so ubermutig gemacht, dass Du keines Menschen mehr achtest, selbst derjenigen nicht, die Dir schaden konnen? O lieber Freund, ein Schreiber,9 selbst in einem angesehnen Hause, hat keinen so hohen Posten, dass Dich ein Mann wie der Graf Ohlau nicht mit seiner Rache erreichen konnte; und wenn Du auf der hochsten Staffel der Ehre und des Wohlseins sassest, so sollte Dich's in der Seele schmerzen, dass Du ihn mit so krankendem Mutwillen beleidigtest, ihn, der Dir Gutes tat."
Vignali. Das ist sehr erbaulich: der Mann predigt wie ein Pfarr auf der Kanzel.
"Ich weiss nicht, welche Einbildung mich noch immer beredet, alle Deine bisherigen Vergehungen fur Ubereilungen zu halten: mache, lieber Freund, dass meine Einbildungen mich nicht tauschen. Du wohnst itzo an einem Orte, der freilich wohl nicht so schlimm ist, wie ihn viele ubertriebene Sitteneiferer verschreien, aber zuversichtlich schlimmer als Dein Vaterstadtchen; unter einer so viel grossern Menge Menschen mussen mehr Gute, aber auch mehr Bose als bei uns sein. Ich sagte mir also, da ich Deine Vergehung an dem Grafen erfuhr: vielleicht hat ihn der Ton des Leichtsinns und Mutwillens, der in solchen Stadten herrscht, angesteckt: Bosheit war es gewiss nicht: nein, nichts als jugendlicher Ubermut, vielleicht gar die Eingebung und Anstiftung eines leichtfertigen Junglings, der sich fur seinen Freund ausgibt: itzt lege die Hand auf Dein Herz und frage Dich, ob ich recht gewahnt habe!"
Vignali. Ah! das ist ja so herzbrechend, dass man gahnt. Ein Muster von Busstagsrede!
"Dass ich richtig geurteilt habe, daran zweifle ich gar nicht mehr; und damit nicht die Verderbnis der grossen Stadt Dich ebenso leicht ergreife, als Dich bereits ihr Leichtsinn angesteckt hat, will ich Dir einen Vorschlag der Freundschaft tun. Der Oberpfarr in G., auf dessen Platz ich schon vor dem Jahre vertrostet wurde, ist gestorben, und ich werde im Mai seine Stelle antreten" Vignali. Hab ich's nicht gesagt? Der Mann ist ein Pfarrer: dergleichen Vogel erkennt man bei dem ersten Tone, den sie singen.
"Komm zu mir! wohne bei mir! sei mein Freund, wie ich der Deinige sein will! Wir wollen uns die Zeit durch Lesen und Gesprache, okonomische Geschafte und landliche Vergnugungen vertreiben. Du bist freilich noch jung und konntest nach Deiner Kraft und Tatigkeit der Welt besser dienen, als dass Du mein Gesellschafter wirst; und wenn Du schon zuverlassige, nicht bloss eingebildete Aussichten dazu hast, will ich kein Wort mehr verlieren: hast Du diese nicht und Du willst bessere bei mir erwarten, wohl! so eile und sei meiner Liebe willkommen! Ich habe aus einer Ursache, die ich Dir hernach vertrauen will, das Gelubde getan, nie zu heiraten: ich habe mir von meiner bisherigen Einnahme jahrlich hundert Taler zuruckgelegt und also ein Kapital von tausend Talern zusammengebracht: diese sind Dein, wenn ich sterbe. Mein kunftiger Platz wird auf sechshundert jahrliches Einkommen gerechnet: was ich von ihnen erspare, sammle ich fur Dich, damit Du mit der Zeit, wenn uns der Tod trennen sollte, einen Handel oder ein andres Gewerbe anfangen kannst."
Vignali. Das ist sehr edel: nach einem so schlechten Eingange hatte ich nicht so etwas Gutes erwartet.
"Mein Herz wunscht sehnlich, dass Du meinen Vorschlag annehmen mogest. Da G. eine gute Meile von dem Schlosse des Grafen ist, so wird er Dich weder sehn noch erfahren, dass Du bei mir bist: erfahrt er's ja, so will ich alles tun, um ihn fur Dich auszusohnen; und es wird mir hoffentlich gelingen, da die Baronesse nicht mehr auf dem Schlosse ist, noch jemals wieder da wohnen wird; denn ihr Schicksal ist beschlossen. Ich setze zum voraus, dass Du Deine torichte Neigung gegen sie bezwungen hast: ist es noch nicht ganz geschehen, so fliehe zu mir! Erfulle Dein Herz ganz mit den Empfindungen der Freundschaft, dass die Liebe keinen Platz darinne findet. Wir wollen uns lieben und leben wie Bruder: und meine stille Einsamkeit soll Dir mehr Freude gewahren als das Gerausch der grossten Stadt. Welche Gluckseligkeit wird den Rest meines Lebens bekronen, wenn ich ihn mit Dir zubringe! mit Dir, der in meinem Herze wohnt, wie er von nun an in meinem Hause wohnen soll!"
"Nun, mein kleiner Abgott?" unterbrach ihn Vignali und sah ihn mit einem durchdringenden Blicke voll Zartlichkeit und Liebe an, "wirst du den Vorschlag annehmen?"
Herrmann. Fast mocht ich, Vignali! mein ganzes Herz hangt dahin: aber
Vignali. Aber ich habe zuviel Mitleiden fur die arme Vignali und zuviel Dankbarkeit fur ihre Liebe, um eine Trennung vorzunehmen, die sie ins Grab bringen wurde: dachten Sie nicht so?
Herrmann. Nicht mit so vielem Stolze, aber mit ebenso vieler Liebe! Mein Freund ist mir lieb: aber Sie, Vignali Ich will zu meinem Freunde.
Vignali. Das nenn ich plotzliche Entschliessung; denn das Gegenteil schwebte Ihnen schon auf der Zunge. Wir wollen sehn, ob Sie bei dem Entschlusse beharren. Lassen Sie doch indessen Ihren bezaubernden Brief weiter horen!
"Du wirst um soviel freudiger in mein Verlangen willigen, wenn ich Dir die Nachricht gebe, dass Dein grosster Feind auf immer von uns entfernt ist. Ich meldete Dir in meinem letzten Briefe, dass Jakobs Vater durch seinen eignen Sohn in gerichtliche Untersuchung wegen seiner Spitzbubereien geraten sei und dass der Sohn sich bemuhe, ihn wieder davon zu befreien, damit seine eignen Schelmenstucke nicht durch das Bekenntnis des Alten an den Tag kamen: er brachte auch wirklich den Grafen so weit, dass er die Inquisition einzustellen befahl. Plotzlich nahm die Sache eine unvermutete Wendung. Der Vater setzte sich durch die Verschaffung einiger Summen zur Schuldenbezahlung seines Herrn auf einmal wieder in volligen Kredit, und ehe man sich's versah, stund er wieder in seinem vorigen Posten. Als nunmehriger Oberaufseher rachte er sich auf das empfindlichste an seinem Sohne: unter dem Scheine der Gerechtigkeit, als wenn er aus Liebe fur den Grafen seines eignen Sohns nicht einmal schonte, brachte er es durch geheime Angebungen dahin, dass Jakob in der grossten Ungnade fortgejagt wurde, und der Himmel weiss, wohin ihn sein Schicksal getrieben hat. Nun ist also das ganze Vermogen des Grafen wieder in den Handen des Raubers, der zur Verringerung desselben das Seinige aus allen Kraften beigetragen hat. Dein gewesener Lehrherr hat sich fast zwei Monate hier aufgehalten und wollte nicht von der Stelle gehen, bis er sein Geld hatte: kaum war er befriedigt, so erschien schon andre Mahner. Man spricht sehr stark von Sequestration, weil die Glaubiger so haufig und so ungestum fodern. Niemand dauert mich mehr als die arme Grafin: sie hat sich ihres Schmuckes beraubt und die geloste Summe dem Grafen durch Jakobs Vater als von einem Fremden vorgestrecktes Geld anbieten lassen: dadurch hat sie ihren Gemahl auf einige Zeit gerettet, ohne dass er es weiss, und doch ist sie die Lasttragerin seiner murrischen Laune. Sie bemuht sich unaufhorlich, seine Verdriesslichkeit zu zerstreuen, und bekommt nichts als uble Begegnung dafur zum Lohne: sie ist abgeharmt, bleich, entstellt, dass man sie kaum kennt; und doch ist sie gegen jedermann, der ihren Kummer nicht wissen soll, freundlich und nimmt sogar, wenn's notig ist, eine Munterkeit an, die ihr sehr wohl gluckt. Dein toller Streich hat sie sehr aufgebracht und ihren Hass gegen Dich vermehrt: doch hat sie mir, als ich letzthin mich fur die erhaltne Pfarrstelle bedankte, anvertraut, dass der Graf Ulrikens Schicksal sehr mildern werde, wenn sie um Gnade bittet. Wenn sie weise ist, so ergreift sie dieses einzige Mittel, um sich von dem Untergange zu retten. Man weiss, dass sie auf eine ehrliche Weise, obgleich unter ihrem Stande, in Berlin lebt; man weiss das Haus, wo sie sich aufhalt: ergreift sie das angebotne Rettungsmittel nicht, dann mag sie sich es selbst zuschreiben, wenn man sie durch hartre Massregeln zur Vernunft bringt.
Dein Vater hat, wie ich hore, den unsinnigen Streich begangen und schon in der Mitte des Februars den Leinweber, wo er sich aufhielt, und seine Frau heimlich verlassen: wo der tolle Mann herumschweift, weiss niemand.
Um Dir als einem Freunde, den ich in mein Herz geschlossen habe, kein Geheimnis zu verhehlen, habe ich Dir hier die Abschrift eines Briefs von Fraulein Hedwig beigelegt, der fur mich ein Bewegungsgrund geworden ist, nie zu heiraten, solange sie lebt."
"Wer ist das Tier?" fragte Vignali. Herrmann entwarf ihr kurzlich mit etwas komischen Farben ein Portrat der Fraulein Hedwig; und Vignali wurde so begierig, ihren Brief an Schwingern zu horen, dass er ihn sogleich vorlesen musste.
Hochwohlehrwurdiger kunftiger Herr Seelenhirte!
Trautester Herr Pastoris!
Gott, der Allmachtige, schuf ein Mannlein und ein Fraulein, dass sie beide wurden ein Leib, und erweckte dem Stammvater unser aller aus seiner Rippe eine Gehulfin, die um ihn sei und so Freud als Leid mit ihm teile, und welches der liebe Gott heutiges Tages nicht mehr tut, weil die Hulle und die Fulle da sind, dass ein weiser Mann sich durch eine vorsichtige Wahl darunter auslesen mag, wenn er etwa benotigt sei, sich eine conjugam oder sociam thori durch eine mariage beizulegen. Da nun erfahren habe, dass Dieselben durch die hohe Vorsorge Eu. hochgraflichen Exzellenz eine Seelensorge und curam pastorum bekommen habe, so gratuliere Denenselben ergebenst, wunschend, dass er auch bald Dero inclination allvaterlich leiten moge und Denenselben eine Gehilfin bescheren, die um Ihnen sei, damit Sie eine curam corporis erhalten, wie er Ihnen itzt eine curam animorum mitgeteilt hat. Da nun Dieselben, mein liebwertester Herr Pastor, mir bestandig als ein gottesfurchtiger, leutseliger und wohl conduisirter Mann bekannt gewesen sind, so kann nicht bergen, dass schon langst wahren estime und inclination fur Dieselben gehabt habe, will auch nicht verhehlen, dass vermoge meiner inclination wohl wunschte, Dieselben mit einer tugendhaften und frommen Gattin, auch treuen, fleissigen Hausfrau versorgt zu sehen. Da nun Gott der Herr den Ehestand selbst eingesetzt und anbefohlen hat, und insonderheit die Herren Seelenhirten dazu gesetzt und verordnet sind, dass sie ihren anvertrauten Seelen mit gutem Beispiele vorgehen sollen und lebendige Lehren geben, so kann nicht unterlassen, Denenselben vorzustellen, dass mein Stand wohl verdient in consideration gezogen zu werden und dass meine ubrigen Qualitaeten, ohne Flatterie von mir zu reden, mich zu einer Frau Pastorin wohl capable machen. Da nun eine Fraulein bin und Dieselben vermutlich wegen meines Standes nicht gewagt haben, mir Ihre inclination zuerst anzutragen, so habe nicht ermangeln wollen, Ihnen zu avertieren, dass mir Dieselben mit einem solchen Antrage angenehm und willkommen sein werden, auch dass Dieselben sich keines refus oder repulses zu versehen haben.
Die ich in Erwartung einer baldigen Antwort mit wahrem estime und vollkommener inclination lebenslang verharre
Meines trauten Herrn Pastori,
zum Gebet verbundne Dienerin,
Hedwig Gottelieba Charitas von Starkow.
Vignali konnte nicht vom Lachen zuruckkommen, ob ihr gleich Herrmanns Ubersetzung nur die Halfte von den Schonheiten des Briefe zu geniessen gab.
"Und Ihr Herr Seelsorger", sprach sie, "ist so einfaltig gewissenhaft, dass er einem solchen dummen Tiere zu Gefallen nicht heiraten will? Furwahr, man weiss nicht, wer von beiden das dummste ist. Aber wir sind ja mit seinem Briefe noch nicht fertig: ubersetzen Sie mir doch den Rest vollends!"
"Spotte nicht uber die Schwachheit einer alten durftigen Person! habe Mitleiden mit ihr! Sie befindet sich in kummerlichen Umstanden, weil ihr bei der itzigen Verwirrung ihre Pension nicht richtig ausgezahlt wird, die ohnehin klein genug ist. Zu welchen misslichen, lacherlichen Schritten verleitet nicht Hunger und Stolz?"
Vignali. O das ist ja das ewige Evangelium! ein unausstehlicher Prediger! Machen Sie, dass Sie fertig werden, oder ich schlafe ein.
"Und nun, liebster Freund meines Herzens! eile, komm in meine wartenden Arme! Wenn Du kein Verlangen nach mir empfindest, sondern mein Anerbieten gar ausschlagst: dann furchte ich fur Dich, dann hat gewiss eine torichte Leidenschaft wieder Wurzel bei Dir geschlagen. Noch ist Dir Hulfe zu schaffen: hast Du vielleicht Ulriken in Berlin gefunden, und setzt Ihr beide Eure unsinnige Liebe fort, weil Euch niemand daran hindert, so fasse den mutigen Entschluss, Berlin zu verlassen, um Dich bei mir von Deiner Torheit zu heilen. Bist Du itzt, da Du am Ende dieses Jahres bereits Dein neunzehntes erreichst, noch nicht vernunftig genug, um der Stimme Deines Freundes zu gehorchen, dann gebe ich Dich fur verloren: Du kannst alsUngluck weise werden. Nur vor einem einzigen bewahre Dich und Ulriken der Himmel: Ihr seid beide in dem Alter der brausenden Begierden, lebt ohne Hindernis, Zwang und Aufsicht an einem Orte, wo die Wollust laut spricht und ohne Scheu handelt, wo leicht Umgang, Gesellschaft, Beispiele die Phantasie aufregen und mit verfuhrerischen Bildern erfullen, die wie Schwefel in das brennende Junglingsherz hinabsinken, dass es von tausend Wunschen und Trieben auflodert: Wenn in der Stunde der Schwachheit Dein feuriges Blut aufkocht und in hohen Wellen uber Vorsichtigkeit und Klugheit zusammenschluge o Freund, die Feder sinkt mir, so erschuttert mich dieser Gedanke bis ins Innerste. Bleibst Du in so naher Gefahr vielleicht sitzt sie Dir schon auf dem Nacken , so erwarte nicht mehr die freundschaftliche Zuchtigung eines Freundes: wie einen Unwurdigen will ich Dich zuchtigen und selbst an Deiner Festsetzung und Bestrafung arbeiten: wer sich nicht zur Weisheit leiten lasst, muss von Elend und Schmerz mit Ruten zu ihr gepeitscht werden. Aber, bester Freund, noch immer hoffe ich, Du wirst eine so harte Besserung nicht brauchen, und unter dieser Voraussetzung bin ich Dein
Freund Schwinger."
Herrmann war durch den Schluss des Briefes tief geruhrt: allein Vignali hohnte und belachte ihn so viel uber seine Ruhrung, dass er sie nicht nur verbarg, sondern auch unterdruckte. Sie arbeitete mit allen Kraften ihres boshaften Witzes, ihn wider Schwingers strafende Sprache aufzubringen, und legte ihm unaufhorlich ans Herz, dass sie eine Beleidigung seiner Ehre sei. "Mit einem Menschen wie Sie so im Tone des Prazeptors zu reden!" rief sie einmal uber das andere aus. "Einen Menschen wie Sie zuchtigen zu wollen! Es ist schon ein Verbrechen, dass der Schulmeister mit einem Menschen wie Sie in so vertrautem Tone spricht; und Sie leiden gar, dass so ein Pedant einen Menschen wie Sie zuchtigen will? Zuchtigen?" Herrmann entschuldigte zwar seinen Freund, allein durch das ewige 'ein Mensch wie Sie!' schwoll doch sein Ehrgeiz so stark auf, dass er endlich Schwingers starke Sprache fur beleidigend erkannte. In der Abendgesellschaft wurde seine unsterbliche Tat, wie Vignali den Betrug nannte, den er dem Grafen Ohlau mit einer falschen Ulrike gespielt hatte, belacht, beklatscht und bis zum Himmel erhoben: Vignali setzte ihm zum Scherz bei Tische eine dampfende Raucherpfanne vor, um ihm wie einem Halbgotte zu rauchern. Ebenso fand jedermann Schwingers Brief unverschamt, grob, beleidigend, weil ihn Vignali so fand: Jedermann schalt Schwingern einen Pedanten, einen Schulmeister, weil ihn Vignali so schalt: man spottete auf das unbarmherzigste uber seinen Stand und machte den Brief durch boshafte Verdrehungen und mutwillige Glossen so lacherlich, dass er auch in Herrmanns Augen sehr viel von seinem Werte verlor.
Des Morgens darauf war der Brief Vignalis erstes Gesprach. "Die Beleidigung, die Ihnen gestern widerfahren ist", fing sie an, "hat mir eine schlaflose Nacht verursacht: Sie wissen, wie stark mich alles interessiert, was Sie angeht, und ich muss Sie antreiben, Ihre Ehre zu rachen oder keine Ruhe haben. Selbst das Anerbieten, das Ihnen der Pedant tut, ist eine Beschimpfung. Wie? ein Mensch wie Sie sollte in einen einsamen Winkel zu einem Landgeistlichen kriechen und da mit allen seinen Talenten und Annehmlichkeiten im stillen vermodern? Ein Mensch wie Sie, der fur die Welt gemacht ist, um zu gefallen, bewundert und angebetet zu werden? Was fehlt Ihnen denn, um in jeder Gesellschaft zu glanzen? Sie sind Ihres Beifalls und Ihres Glucks gewiss: Sie durfen nur winken, so fliegen Ihnen die Herzen der Damen entgegen: wenn Sie mit Ihren angenehmen Talenten auf dem Rosenpfade der Liebe und des Vergnugens weiter fortgehn, was hindert Sie denn, vielleicht einmal eine der glanzendsten Rollen in Europa zu spielen? Damen konnen Minister und Subalternen machen: selbst wo ihr Einfluss so gering ist, dass sie gar nichts zu vermogen scheinen, vermogen sie doch immer genug, um einen Menschen von Ihren Verdiensten emporzuheben. Fi! ich muss mich in Ihre Seele schamen, dass Sie gestern nur anstehn konnten, einen so entehrenden Vorschlag abzuweisen."
Herrmann. Aber, Vignali, die Freuden der Freundschaft, landliche Ruhe, einsames Vergnugen muss auf so ein tumultuarisches, zerstreutes Leben, wie ich hier gefuhrt habe, unendlich wohltun: ich sehne mich nach der stillen Einsamkeit.
Vignali. So hatte ich Ihnen doch furwahr mehr Verstand zugetraut. Was wollen Sie denn dort? Busspsalmen mit Ihrem Herrn Pastor beten? oder uber die Sundlichkeit und Bosheit der argen Welt erbauliche Betrachtungen anstellen? Freilich, Sie haben doch wohl gottlob! nunmehr fast neunzehn Jahre auf der Welt zugebracht und sind dieses Jammertals voll tumultuarischer Zerstreuungen so satt und uberdrussig, dass Sie den Rest Ihres muhseligen Lebens in Ruhe hinzubringen wunschen. So ein lebenssatter Geist von neunzehn Jahren ist freilich wohl ein lacherliches Ding: Sie stehen freilich wohl erst an der Tur des Vergnugens und der Ehre: Sie durften nur noch einen Schritt tun, um zu dem innersten Heiligtum dieser beiden Gotter eingelassen zu werden: allein das bekummert Sie nicht: das viele Gluck, das viele Vergnugen schmeckt Ihnen nun einmal bitter, und Sie wunschen gar sehnlich, dass Ihnen der Tod endlich einmal Ihre neunzehnjahrige Kehle abschneiden moge. Fuhlen sie nicht, wie lacherlich Sie sind? Fort! ich will Sie vor der Lacherlichkeit bewahren: schreiben Sie! ich will Ihnen die Antwort an Ihren Schulmeister diktieren.
Herrmann. Ich bitte Sie, Vignali, lassen Sie mich keinen Undank begehn
Vignali. Keine Einwendungen! Gehorchen Sie! Versteht der Herr Pastor Franzosisch?
Herrmann. Ja.
Vignali. So schreiben Sie! 'Mein lieber Herr Prazeptor! Ich bin neunzehn Jahr alt und brauche keinen Schulmeister mehr, der mich mit Ruten zuchtigt, wenn ich nach seiner einfaltigen Meinung nicht Gutes tue.'
Herrmann. Vignali, mein ganzes Herz widersetzt sich einem so trotzigen Briefe.
Vignali. Ihr Herz ist ein Narr. Schreiben Sie! 'Ich bin zu alt, um mich mit so pedantischem Tone ausschelten zu lassen, aber auch zu jung, um schon mit Ihnen im Sack und in der Asche Busse zu tun. Ich habe die Ehre, Sie zu versichern, dass ich hier so viel Vergnugen geniesse, als ich bei Ihnen Langeweile haben wurde. Eine Frau wie Vignali, bei welcher ich lebe, die mich liebt, schatzt und fast anbetet, vertauscht man nicht gern mit einem murrischen, moralisierenden Landpastor. Sie konnen leicht daraus schliessen, dass auch meinerseits Liebe und Dankbarkeit sich einer Trennung von ihr widersetzen wurden, wenngleich Ihr lacherliches Anerbieten weniger beleidigend ware.'
Herrmann. Vignali, unmoglich kann ich solchen Unsinn schreiben.
Vignali. Unsinn, mein kleines Herrchen? Unsinn ist es, wenn Sie bekennen, dass Sie Liebe und Dankbarkeit gegen mich fuhlen? Du stolzer Bettler! wem bist du dein ganzes Wohlsein schuldig als mir. Wer hat dich aus dem Kramladen herausgezogen? Wer hat dich mit glanzenden Kleidern, mit anstandiger Wohnung, mit Bedienung, Bequemlichkeit und Wohlleben bisher versorgt? Wer hat dir deinen rohen kleinstadtischen Geist gebildet? Wer hat dich aus deiner schulmassigen Denkungsart herausgerissen? Wer dich von pedantischen Stubengrundsatzen und linkischen Meinungen befreit? Wer hat dich mit den Artigkeiten der Welt, mit einnehmenden Manieren, mit gefalligen Sitten und dem Tone der guten Gesellschaft bekannt gemacht? Wer als ich? sage mir! Du bist meine Kreatur: ich will dich dein ganzes Nichts einmal fuhlen lassen; und nunmehr nennst du es Unsinn, Dankbarkeit gegen die Frau zu bekennen, die dich geschaffen hat? Wenn dir dein knurrender Prazeptor lieber ist als deine Wohltaterin, wohl! gehe zu ihm! wirf mir alle meine Geschenke und Wohltaten vor die Fusse! gib mir verachtlich alle Kleider und Wasche zuruck, die du von mir empfingst, und eile, nackt, wie du aus Mutterleibe kamst, in die liebreichen Arme deines okonomischen Landpredigers!
Herrmann. Ja, Vignali, ja! ich will gehn: ich mag nicht das Insekt sein, das ein Weib zerdrucken oder leben lassen kann. Alle Geschenke und Gutigkeiten, die Sie mir so entehrenderweise vorrucken, sollen Ihnen durch meinen Freund bezahlt werden. Danken will ich dir, stolzes Weib, und dich verachten.
Vignali. Unsinniger! trotzest du also meiner Liebe? Alle meine Geschenke sind nichts: verachte sie! Aber eins wag es, dies einzige zu verachten, wenn du nicht der argste Bosewicht der Erde sein willst! Ist dir die heisse, brennende Liebe eines Weibes nichts? Die elenden Lumpen, womit dich das stolze Weib behing, kannst du bezahlen: aber sage mir, Trotziger, womit willst du meine Liebe bezahlen? Und wenn du einem Konige seine Schatze abborgtest, gegen die Liebe einer Frau waren sie immer eine leichte Feder. Nur Liebe vergilt Liebe. Verblendeter Tor! bedenk einmal, was Vignali aus Liebe fur dich tat! Wer bot dir mit zuvorkommender Gute die sussesten Vergnugungen der Liebe an, die du, Undankbarer, verschmahtest? Wer liess dich die berauschenden Freuden der Zartlichkeit aus vollem Becher geniessen? Wer liess dich, wenn du wie ein Durstender vor Liebe schmachtetest, an seinem Busen wie ein Kind ruhen und dich mit dem seligsten Entzucken laben? Welche Lippen eilten deinem Kusse entgegen! In wessen Umarmungen starbst du voll trunkner Wonne dahin? Wer machte dir mein Haus zum Paradiese und deine Tage zu Tagen der Seligkeit? Wer tat dies alles als die stolze Vignali, die dir noch unendlich mehr anbot, als du annahmst? die dir alle ihre Delikatesse, alle Rechte ihres Geschlechts, ihre ganze Person aufopferte! die mit ihrem Blicke an den deinigen hing, keine Freuden kannte, wenn du nicht Teil daran nahmst, mit zartlicher Schwachheit Tag und Nacht vor dir, ihrem Abgotte, auf den Knien lag, auf jeden deiner Winke von fern merkte, dich wie eine Magd bediente, deinen Willen ausforschte und ihn tat, ehe du noch wolltest! Glaubst du, dass Vignali ein Weib ist, das fur elenden Lohn liebt? ein Weib, das Liebhaber durch Schmeicheleien ankornen muss? Nein, unter den vielen wahlte nur dich mein Herz aus. Uberdenke dies, Wahnsinniger! und dann wag es, solche Geschenke zu verachten! Wag es, wenn dir nicht der Schlag die Zunge lahmen soll, sobald sie noch ein undankbares Wort ausspricht!
Herrmann. Vignali, schonen Sie meiner. Sie vernichten mich. O Sie verfuhrerisches Weib konnten mich mit Ihren Reden in die Holle locken.
Vignali. Denke nicht, dass ich Dich wie eine Buhlschwester uberreden will! Nein, ich will dich bloss ermahnen, gerecht zu sein: aber wenn ich es gegen dich sein wollte? doch was red ich von Gerechtigkeit gegen dich? Gegen dich, du kleiner Herzensbezwinger, kann ich an nichts als Liebe denken. O wie gefahrlich ist es, mit Ihnen zu zanken! Mit einem Blicke entwaffnen Sie gleich den furchterlichsten Zorn. Wenn Sie ja meine Liebe nicht achten
Herrmann. Leider, Vignali! acht' ich Sie mehr, als ich sollte. Sie haben Saiten in meinem Herze beruhrt, die ich nie so tonen horte. Vignali, warum zwingen Sie nun die Leute zur Liebe, wenn man alle Ursache hatte, Sie zu hassen? Die eine Halfte meines Herzens mochte Sie fur Ihre Beleidigung zerfleischen und die andere vor Liebe Ihnen um den Hals fliegen.
Vignali. Was das fur ein schneidender Blick war, mit dem Sie das sagten! Ich bitte Sie, sehen Sie mich nicht so wildverliebt an! Sie schmelzen mir das Herz.
Herrmann. Vignali, ich bin ein Undankbarer: ich habe Sie durch meinen Trotz beleidigt.
Vignali. Sie mich beleidigt? Liebes Kind, Sie irren sich. Ich machte Ihnen ja ubereilte Vorwurfe uber ein paar armselige Geschenke, die kaum des Redens wert sind. Herrmann. Und ich war der Elende, der Ihr grosstes Geschenk, Ihre Liebe, verkannte: aber, Vignali, wo ich Sie wieder verkenne: dann stossen Sie mich aus dem Hause!
Vignali. Nein, gewiss! In der Hitze haben Sie vergessen, was wir redeten: Sie sind von mir auf das empfindlichste beleidigt worden: ich muss Ihnen Genugtuung geben. Was fur eine foderst du denn, du kleiner Zauberer? Herrmann. Keine! denn ich habe sie nicht verdient. Aber um eine Wohltat fleh ich, die ich nie genug schatzen kann Ihre Liebe.
Vignali. Du verfuhrerischer Schwatzer! Du konntest mich mit deinen Reden in die Holle locken. Wer mag dir denn etwas versagen, und wenn du noch so unverschamt batest? Und wenn ich dir nun meine Liebe versprache, was tatest du dann? Verliessest du mich und gingest zu deinem andachtigen Herrn Pastor?
Herrmann. Ich wunschte, zu ihm gehen zu konnen, und blieb bei Ihnen.
Vignali. Gut! das wollen wir ihm schreiben. 'Ich wunschte, zu Ihnen kommen zu konnen, allein Vignali hat mich eben itzt ihrer Liebe von neuem so lebhaft versichert, dass ich nur fur sie zu leben verlange. Unter der Voraussetzung, dass Sie dieses sehr vernunftig finden werden, bin ich Ihr
Freund, Herrmann.'
Sogleich wurde Licht bestellt, der Brief zugesiegelt und fortgeschickt. Herrmann ging unruhig aus dem Zimmer, in der Tur rief ihm Vignali nach: "Sie vergessen doch nicht, dass Sie eine Genugtuung bei mir zu fodern haben!" Herrmann sah sich mit einem tiefen Seufzer nach ihr um, schwieg und ging. Der Brief qualte ihn mit unbeschreiblicher Angst: er hatte ihn gern zuruckgewunscht. Schwingern mit Undank zu begegnen war ihm empfindlich: aber Vignalis Willen zu widerstehen eine platte Unmoglichkeit.
Zweites Kapitel
So uberzeugend dieses alles Vignalis Macht und Herrmanns Schwache bewies, so trieb sie doch ihre Uberlegenheit bei einem andern Vorfalle ein paar Wochen darauf viel weiter. Nach Schwingers Berichte hatte Herrmanns Vater schon in der Mitte des Februars den christlichen Leinweber verlassen: nach langem Herumschweifen war er im Mai, seinem Vorsatze gemass, zu Berlin angekommen: allein wie sollte er ohne Adresse in dem weiten Berlin seinen Sohn finden? Er lief bei allen Kaufleuten herum, ihn auszufragen, und lief so lange, bis er zu dem gewesenen Lehrherrn seines Sohnes kam, der ihn anweisen liess: er erzahlte ihm aber zugleich in der Kurze so viel von Herrmanns itzigen Umstanden, dass dem Alten der Zorn aufschwoll: er nahm sich fest vor, den ungeratenen Jungen tuchtig auszuhunzen, dass er sich zu dem vornehmen Leben hatte verfuhren lassen.
Als er in Vignalis Haus anlangte und auf seine Anfrage erfuhr, dass Herrmann hier wohne und sich in diesem Zimmer bei Vignali befinde, wollte er geradezugehn: der Bediente hielt ihn zuruck und erbot sich, seinen Sohn herauszurufen. "Was?" rief der Alte, "der Hans Lump, mein Sohn, soll mich vor der Tur sprechen?" "Aber es ist Madam Vignalis Zimmer", erwiderte der Bediente. "Was geht mich deine Madam Maulaffe an?" schrie der Alte und stiess ihn von sich. "Ich will hinein, und wenn hundert Madams drinne steckten." Auch ging er wirklich, ohne nur anzuklopfen, ins Zimmer. Herrmann erkannte sogleich seinen Vater und erschrak bis zum Zittern: der Alte hingegen lief mit aufgehobnem Stocke auf ihn zu. "Du Halunke!" war sein Gruss. "Bist du schon so hochmutig geworden, dass du deinen Vater vor der Tur sprechen willst? Sag mir einmal, Schurke! wie warest du denn auf die Welt gekommen, wenn ich nicht getan hatte? Und nun soll sich dein Vater bei dir, Hans Lump, erst melden lassen? Dass du's weisst, ich habe deine Mutter bei dem Leinweber sitzenlassen und bleibe bei dir. Nille hat den Durchbruch so gewaltig gekriegt, dass kein ehrlicher Mann bei ihr aushalten kann; und der Leinweber ist auch so ein verflucht frommer Kerl, dass sie mich beide so lange gepeinigt haben, bis ich davonlief. Der Narr meinte, ich ware so ein roher Heide, dass die Gnade gar nicht bei mir durchschlagen konnte: fur den rohen Heiden gab ich ihm eine derbe Ohrfeige und ging meinen Weg. Ihr habt verdammt schlechten Branntewein in eurer schonen Stadt: ich habe noch keinen gescheiten Tropfen hier getrunken. Ja, mein lieber Sohn, da hab ich etwas Rechtes ausgestanden. Im Fieber konnt ich mich meiner Haut nicht wehren, da musst ich beten, dass mir horen und sehen verging. Da ich wieder bei Kraften war, liess ich mich nicht langer plagen: ich sagte ihnen geradezu, dass sie ein paar Narren waren, die man ins Tollhaus bringen sollte, und dass ich beten wollte, wenn ich Lust hatte: aber in der Krankheit musst ich alle Stunden ein Gebetbuch durchlesen: das war ein elendes Leben! Aber sage mir, Heinrich! lasst du mich denn so trocken dasitzen? Ich dachte, du konntest deinem Vater wohl etwas vorsetzen."
Herrmann bat, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, um Madam Vignali nicht zu belastigen, allein der Alte versicherte ihn, dass es hier sehr hubsch ware. Er hatte wahrend seiner Erzahlung bereits einen Stuhl in Besitz genommen und sass mit voller Bequemlichkeit da, den Hut auf dem Kopfe und den Rucken nach Vignali gekehrt, die er in der ersten Berauschung seines vaterlichen Grusses ganz ubersah. Sie erschnappte aus seiner Anrede gerade die wenigen deutschen Worte, die sie verstund: sie horte ihn sehr oft 'Vater' wiederholen und sogar die Benennung 'mein lieber Sohn': Herrmanns Besturzung, als der Fremde hereintrat, die Freude, die mitten aus seiner Verwirrung hervorleuchtete, und die bestandige Unruhe, womit er von Zeit zu Zeit nach ihr hinsah, machten ihr die Vermutung ungemein wahrscheinlich, dass es sein Vater sei. Sie fragte ihn franzosisch, ob sie recht vermutet habe, und eine gewisse Scham hielt ihn zuruck, einen Mann ohne Sitten fur seinen Vater vor ihr zu erkennen: er liess ihre Frage unbeantwortet und suchte den Alten durch alle mogliche Vorstellungen auf sein Zimmer zu bringen: er war unbeweglich. Vignali setzte ihm auf der andern Seite mit gehauften Fragen zu, dass er ihr endlich ein gestammeltes, unruhiges "Oui" zur Antwort gab. Der Alte fuhr indessen ungehindert in seinen Reden fort, schlug auf den Tisch und machte tausend von seinen gerauschvollen Gebarden: besonders schalt er seinen Sohn aus, dass er sich wider seine Warnung mit dem vornehmen Leben eingelassen habe. "Was ist denn das fur ein Mensch?" fragte er endlich und wies auf Vignali. "Ich bitte um etwas mehr Anstandigkeit in den Ausdrucken", antwortete Herrmann mit argerlichem Tone.
Der Vater. Was? du willst deinen Vater lehren, wie er reden soll? Wenn ich mich nicht zu sehr freute, dich wiederzusehn, ich druckte dir das Genicke ein wie einem Krammetsvogel. Ich will reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist; und daran soll mich so ein vornehmer Hundejunge wie du nicht hindern: kein Kaiser und kein Konig soll's, solang er mir nicht die Zunge ausschneiden lasst. Wenn ich nur erst meinen Gaum geletzt habe, dann soll's besser gehn. Aber sage mir nur, was du da stehst wie ein alter Kehrbesen? So ruhr dich doch! In den schonen Zimmern geht's verzweifelt hungerleidig zu: denkst du, dass ich satt werde, wenn ich die bunten Wande ansehe? Schaff etwas Gutes zu essen und zu trinken! dann wollen wir etwas Rechtes zusammen schnaken. Du Bube frissest hier wie ein Papagei im goldnen Kafig, lauter artige feine Leckerbissen, und dein armer Vater hat drei Monate hier gelebt wie ein Hundsfott: es fehlte nicht viel, so musst ich das Brot vor den Turen suchen. Ich habe meiner Nille alles Geld mitgenommen, was noch da war: sie mag sehn, wie sie sich etwas verdient. Sie ist ja unter Dach und Fach, und ich muss wie ein Storch in der Welt herumfliegen. Das Leben bei dem Leinweber war ein verfluchtes Leben: ich musste Garn winden wie ein Waisenjunge, und meine Nille spann und betete laut dazu. Der Leinweber sang und akkompagnierte mit seinem Weberstuhle: ich fluchte und knurrte wie ein Bar: das war eine Teufelsmusik. Hol mir Feuer! ich will mir mein Pfeifchen indessen anstecken, bis etwas zu trinken kommt. Was lauerst du denn? Deinen Vater musst du bedienen, wenn du gleich eine ganze Goldfabrik auf dem Kleide hattest.
Vignali, als sie ihn ein kleines berauchertes Pfeifchen aus der Tasche ziehen sah, erzurnte sich und sprach unwillig zu Herrmann: "Sie werden doch ein solches Schwein nicht fur Ihren Vater erkennen? Ich will ihn fortjagen lassen." Sie klingelte dem Bedienten. Herrmann, voll kochender Unruhe, lief ihr nach und beschwor sie, keine Gewalt zu gebrauchen. "Wenn Sie sich unterstehen", sprach sie drohend, "gegen irgend jemanden zu bekennen, dass er Ihr Vater ist, so zittern Sie! Glauben Sie, dass Vignali sich mit der Gesellschaft eines Menschen entehren wird, der ein solcher Urang-utang angehort?"
Der Bediente erschien, und Vignali gab ihm Befehl, diesen Wilden aus dem Hause zu schaffen, in Gute oder Gewalt. Herrmann bat den Bedienten instandigst, ihm nicht unsanft zu begegnen, weil er betrunken sei.
Der Vater. Was? dein Vater ware betrunken?
Herrmann. Ich kenne keinen Vater, der sich ungesittet auffuhrt.
Der Vater. Du vergold'ter Halunke willst deinen Vater verleugnen? Die Hand wird dir aus dem Grabe wachsen.
Herrmann. Ein ungesitteter Mann kann mein Vater nicht sein.
Vignali. Fuhrt ihn fort, den Trunkenbold!
Der Bediente fasste ihn an und zerrte ihn nicht mit der sanftesten Manier nach der Tur hin: der Alte fluchte und schimpfte unaufhorlich auf seinen gottlosen Sohn und die Hure, die ihn verleitete, ihn zu verleugnen, riss sich von dem Bedienten los und trat mitten ins Zimmer. "Sage mir", rief er geifernd, "bin ich nicht dein Vater?" "Nein!" antwortete Herrmann hastig mit erstickender Beklemmung. "O so schlage dich aller Welt Donnerwetter in die Erde zusammen, du Hollenbrut!" das war sein Abschied; denn der Bediente schleuderte ihn unversehens zur Tur hinaus, und Vignali schob den Riegel vor.
Herrmann lief wie ein Halbrasender im Zimmer herum, schlug sich an die Stirn und rief aus: "O ich bin ein Ungeheuer, und Sie, Vignali, machen mich dazu."
Vignali. Ein Tor sind Sie! Bedauern Sie es noch, dass Sie von der schonen Anverwandtschaft befreit sind?
Herrmann. Aber er ist mein Vater!
Vignali. Und sollt es nicht sein! Auch die Melone wachst aus Miste. Es ist unverschamt, dass Sie ihn in meiner Gegenwart fur Ihren Vater erkannten. Uberlegten Sie nicht, was ich empfinden musste, den Menschen, den ich mit meiner Freundschaft beehre, als den Sohn eines solchen Ungeheuers zu erblicken? Wenn Sie das nicht uberlegten, so will ich Ihnen sagen, was ich empfand ich schamte mich Ihrer. Diese Anverwandtschaft bleibt ein Geheimnis unter uns beiden: wo Sie noch sonst jemanden Anteil daran haben lassen, dann veracht ich Sie.
Herrmann. Und wenn Sie mich auf der Stelle mit der empfindlichsten Verachtung straften, so kann ich kein Barbar sein und meinen Vater im Elende schmachten lassen.
Vignali. Wer verlangt denn das? Er soll essen und trinken, soviel ihm beliebt: nur Ihr Vater darf er nicht sein. Ich will ihm einen Louisdor geben: dann mag er den Weg wieder nach Hause suchen.
Sie rief dem Bedienten, der mit der Nachricht zuruckkam, dass der Mann verruckt sein musste; er sei gar nicht aus dem Hause zu bringen. Er uberlieferte ihm auf Vignalis Befehl den Louisdor, allein der Alte warf ihn fluchend auf die Erde und ging mit den schrecklichsten Verwunschungen fort.
"O des empfindlichen Knabens!" fing Vignali spottelnd an, als der Bediente dieses erzahlt hatte. "Sie sollten sich schamen: wahrhaftig, die Tranen stehn Ihnen in den Augen."
Herrmann. Und mein Herz zerfliesst darinne.
Vignali. Sie haben ein lacherliches Herz: es weiss immer nicht, was es will. Wer ist Ihnen mehr? Vignali oder dieser Irokese? wenn Sie diesen vorziehn, begleiten Sie ihn!
Herrmann. Das will ich! Tausendmal besser, ein Bettler sein, als die ersten heiligsten Pflichten der Natur verleugnen!
Vignali. Aber mein lieber Gewissenhafter! Du nimmst doch auch die arme Vignali mit, wenn du gehst? Denn ich bilde mir ein, du liebst die Frau zu sehr, als dass du sie so allein lassen solltest. Ich kann mich irren: aber ich bilde mir fest ein, dass du nicht ohne mich sein kannst.
Herrmann. Ich mochte, dass Sie nicht wahr redeten!
Vignali. Aber ich dachte auch, die Frau hatt es um dich verdient: sie liebt dich so zartlich und pflegt dich wie einen Prinzen: das verdient allerdings Erkenntlichkeit; und du bist gewissenhaft o so gewissenhaft, dass man dich einmal kanonisieren wird! So ein dankbarer Mensch gabe wohl einer solchen Frau zu Gefallen zwei Vater hin und Mutter und Grossmutter noch obendrein; und die Frau, die dies kleine Opfer fodert, ist gewiss eine gute Frau die beste Frau, die ich kenne! Meinst du das nicht auch?
Herrmann. Ich wollte, dass ich Ihre Vortrefflichkeit weniger empfande. Vignali, beherrschen Sie mich nicht so tyrannisch! Der Himmel weiss es, wie Sie mit einem Worte, einem Blicke meine Seele regieren: sind Sie allmachtig, dass Sie so meine besten Gesinnungen und Entschliessungen zu Boden sturzen? Immer fuhl ich, dass ich anders handeln sollte: aber nein! ich muss handeln, wie Sie wollen. Selbst meine feurigsten Begierden und Wunsche stehen still, wenn Sie gebieten. Ich furchte jede Minute, dass Sie mich zum hasslichsten Verbrecher machen werden.
Vignali. Also sind wir ja einig? Sie tun, was Sie wollen, und Sie wollen, was ich will: es lasst sich keine bessere Harmonie denken. Bilde ich narrisches Weib mir nicht ein, wir hatten uns einmal wieder gezankt und ich ware Ihnen Genugtuung schuldig? Wie ist mir denn? Ich bin Ihnen wirklich noch eine schuldig: wissen Sie nicht, von unserm letzten grossen Zanke her, da ich Sie so groblich beleidigte? Du saumseliger Mahner! wirst du mir bald die Schuld abfodern?
Sie fuhrte ihn ins Kabinett und leitete ihn unter mancherlei Wendungen so weit, dass er nur noch um einen Gedanken von dem Entschluss entfernt war, seine Schuldfoderung zu befriedigen. Die unendlichen Reizungen, womit ihn Vignali besturmte, schlaferten wie ein Ammenlied sein Bewusstsein und Nachdenken ein: mit umwolkten Sinnen, in gluhendem Traume, mit hinreissender Begierde stand er dicht am Abgrunde seines Falles: plotzlich rollte mit lautem Gerausch das schlecht befestigte Rouleau am Fenster herab: das Schrecken verscheuchte seinen Traum, seine Sinne offneten sich, er sah um sich her, erblickte Vignali in enthulltem Reize der Liebe, zitterte und taumelte, als wenn ihn ein Damon hinwegpeitschte, zum Kabinett hinaus. Auch Vignali war durch das Getose des Rouleaus so erschreckt worden, dass sie ihn gehen liess, ohne ihm nachzusetzen.
Dies war der hochste Sieg, den sie uber ihn erlangte: vielfaltig gelang es ihr, ihn dem entscheidenden Schritte so nahezufuhren, und jedesmal rettete ihn, genau untersucht, der Zufall ein herabrollendes Rouleau, ein Lichtstrahl, der plotzlich auf sein Auge fiel und ihn aus seiner Trunkenheit schreckte, ein ungefahr aufsteigendes Bild der Phantasie, eine Idee, die durch den Kopf fuhr, der Himmel weiss woher, eine schnell dazwischenkommende Empfindung ein solches Etwas, gleichsam wie vom Winde dahergeweht, weckte sein Gefuhl fur Wurde und Ehre auf, riss plotzlich die Starke seines Geistes aus dem Schlummer empor: die Schuchternheit der ersten Begierde und die Scham eines edeln Herzens, das nicht der empfundne Genuss, sondern bloss die Reize einer verfuhrerischen Frucht locken, vollendeten seinen Sieg: er schmachtete nach dem einladenden Apfel und musste ihn fliehen, argerte sich, ihn nicht gepfluckt zu haben, und dankte dem guten Schicksale, das seinen zulangenden Arm zuruckzog. Jedesmal wurde er vorsichtiger, wunschte, es nicht zu sein, und war es nicht, wenn ihn neue Reizungen einluden: jedesmal zitterte er vor der Gefahr, wunschte sie sich wieder und eilte ihr entgegen, wenn sie sich zeigte. Nicht wollen und doch wollen, verwerfen und doch begehren, vermeiden und doch suchen, war der Lebenslauf seines Herzens.
Drittes Kapitel
Vignali, die uber den zaghaften Liebhaber bis zum Zahneknirschen zurnte, hatte das Ungluck, nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren besoldeten Aufpassern zu erfahren: sie meldeten ihr, dass der Herr von Troppau einen Brief, von unbekannter Hand geschrieben, erhalten habe und seitdem Ulriken mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse, dass er sich zu ganzen Stunden mit ihr unterrede und dass sie jedesmal sehr vergnugt und froh sich von ihm trenne. Zween Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener, dass er den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die Unterschrift 'Le Comte d'Ohlau' habe lesen konnen. Noch den namlichen Tag erfuhr sie, dass der Herr von Troppau bei seiner Schwester gespeist habe, was er in zwei Jahren nicht getan hatte, und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinett gewesen sei. Mehr brauchte Vignali nicht, um sich diese sonderbaren Begebenheiten zu erklaren: sie erriet die ganze Geschichte auf ein Haar und machte sogleich Anstalt, ihren Mutmassungen Gewissheit zu geben und den vermuteten Anschlag zu zernichten.
Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes gingen die Kuriere unaufhorlich heruber und hinuber und statteten ihr von der kleinsten Handlung des Herrn von Troppau Bericht ab, und eben itzt, eine halbe Stunde nach jener Unterredung mit der Frau von Dirzau, lief die Zeitung ein, dass er schriebe: im Augenblick wanderte Vignali hinuber zu ihm und uberraschte ihn so sehr, dass sie schon das uberschriebene 'Monsieur' auf dem Blatte las, als er sich umdrehte und sie erblickte: er erschrak, dass er alle Fassung verlor, versteckte den Brief unter den Papieren und schloss sie ein. Vor Schrecken vergass er, sie zu bewillkommnen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen. Sie liess ihm zwar auch keine Zeit dazu, sondern fing sogleich an: "Ich beklage, dass ich Sie store; und der Brief ist wohl notwendig?"
Herr von Troppau. Nein, er kann warten.
Vignali. Was wetten Sie, ich weiss, an wen Sie schreiben?
Herr von Troppau. Schwerlich.
Vignali. Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht ihrer kunftigen Gemahlin.
Der Herr von Troppau wurde feuerrot, stutzte und lachelte, seine Verlegenheit zu verbergen. "Sie sind spasshaft", sprach er.
Vignali. Wozu denn lange Umwege? Sie schreiben an den Grafen Ohlau.
Das war ein Donnerschlag fur den Herrn von Troppau: er hustete und brauchte lange Zeit, ehe ihn sein Erstaunen reden liess. "Wie kommen Sie denn auf diesen Mann?" fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgultigkeit.
Vignali. Weil er an Sie geschrieben hat.
Herr von Troppau. An mich? Sie traumen.
Vignali. Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breysach.
Herr von Troppau. Wer hat Ihnen das gesagt?
Vignali. Ich kenne die Baronesse sehr gut! sie hat unzahligemal bei mir gegessen. Ich weiss ihre ganze Geschichte aus ihrem eignen Munde: sie macht vor mir gar kein Geheimnis daraus. Wird sich die Baronesse bald offentlich dafur erklaren? Man muss doch alsdann auf eine andre Gouvernante fur Ihr Fraulein denken. Die Baronesse sollte heiraten, da ihre heimliche Liebe aus ist.
Herr von Troppau. Sie reden also von der Gouvernante meiner Tochter?
Vignali. Ja, ja, von der Baronesse von Breysach.
Herr von Troppau. Wer hat sie denn dazu gemacht?
Vignali. Vermutlich ihr hochseliger Herr Vater. Es ist mir eine eigne Idee dabei eingekommen. Wissen Sie, wer die Baronesse heiraten sollte? Sie!
Herr von Troppau. Ich? Woher wissen Sie denn, dass ich heiraten will?
Vignali. Ein Einfall! ein blosser Einfall! Es ist Ihnen ja wohl bekannt, dass die Weiber gern Heiraten machen. Da sie von Ihrem Stande ist so viele Liebenswurdigkeiten besitzt nicht wahr, Sie sind meiner Meinung? Die Baronesse ist liebenswurdig?
Herr von Troppau. Unleugbar liebenswurdig! Das Gestandnis, dass ich das Madchen so finde, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen
Vignali. Mich im mindesten nicht! Denken Sie, dass ich mich fur die einzige liebenswurdige Frau auf der Welt halte? Denn dass ich mir einige Liebenswurdigkeit zutraue, das ist mir zu vergeben, weil Sie mich mit Ihrer Liebe beehrt haben Sie, ein so feiner Kenner der Schonheit! Wenn Ihnen die Baronesse gefallt, so wurde mich's beleidigen, wenn Sie sich meinetwegen die geringste Gewalt antaten.
Herr von Troppau. Sprechen Sie aufrichtig, Vignali? Vignali. Warum zweitem Sie denn an meiner Aufrichtigkeit? Haben Sie nicht Proben genug, dass ich nichts als Ihr Vergnugen, Ihre Zufriedenheit suche? Steht nicht mein ganzes Leben in Ihrer Hand? Hab ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert? Hab ich nicht alle Bande der Freundschaft und Liebe zerrissen, um nur fur Sie zu leben? Und wie hab ich fur Sie gelebt? Mit einer Treue, Ergebenheit, mit einer so festen Vereinigung des Willens, mit einer Starke der Liebe, die nur mein Herz ganz kennt kann man wohl nicht aufrichtig sprechen, wenn man so aufrichtig handelt?
Herr von Troppau. Sie entzucken mich, Vignali. Ich bekenne, ich bin Ihnen unendliche Verbindlichkeiten schuldig.
Vignali. Sie beschamen mich mit so einem stolzen Worte. Ich bin nicht so eitel, dass ich Ihnen meine kleinen Verdienste herzahlte, um Ihnen ein Kompliment abzulocken: ich wollte Sie nur uberzeugen, wie ungerecht Ihre Zweifel wider meine Aufrichtigkeit sind. Aber wozu denn so weit hergeholte Beweise? ich kann Sie ja auf der Stelle uberfuhren, dass ich aufrichtig gegen Sie handle. Wenn Sie die Baronesse lieben und durch ihren Besitz glucklich zu werden hoffen, so erbiete ich mich zur Brautwerberin. Da Sie die Gute gehabt haben, so viele Gefalligkeiten von mir anzunehmen, so werden Sie doch nicht so grausam gegen mich sein und einer andern das Vergnugen gonnen, Ihnen eine liebenswurdige Gemahlin verschafft zu haben? Sagen Sie mir nur, ob Sie die Baronesse lieben oder lieben konnen! Fur das ubrige lassen Sie mich sorgen!
Herr von Troppau. Sie bezaubern mich, Vignali. Ich habe unendlich viel Gutes von Ihnen geglaubt: aber eine solche Uneigennutzigkeit traut ich Ihnen nicht zu.
Vignali. Da seh ich keine Uneigennutzigkeit! Ich glaube wahrhaftig, dass Sie mir noch obendrein ein Verdienst daraus machen: wie man doch so leicht zu einem Verdienste kommen kann, wenn man mit guten Leuten zu tun hat!
Herr von Troppau. Und Sie mussen mehr als gut sein, dass Sie sich so etwas fur kein Verdienst anrechnen wollen. Einer so edlen Uneigennutzigkeit waren nur Sie unter Ihrem ganzen Geschlechte fahig: aber Sie konnen auch meiner immerwahrenden Erkenntlichkeit versichert sein: selbst wenn ich einen solchen Schritt tun sollte, wozu Sie mir raten
Vignali. Behalt die ehrliche Vignali immer noch die eine Halfte Ihres Herzens! Haben Sie der Baronesse schon Ihre Absicht entdeckt?
Herr von Troppau. Was reden Sie denn schon von Absicht? Ich weiss ja noch nicht, ob sie mich lieben kann.
Vignali. Das sollen Sie durch mich erfahren. Sie haben Ihre Tochter schon langst aus der erbarmlichen Zucht der Frau von Dirzau wegnehmen wollen: ich will ihr ein Zimmer in meinem Hause einraumen. Alsdann hab ich die schonste Gelegenheit, die Baronesse auszuforschen: Sie soll nicht eher etwas von unsern Absichten erfahren, als bis es Zeit ist, nicht einmal, dass jemand ausser mir ihren Stand weiss. Wie gefallt Ihnen der Plan?
Herr von Troppau. Sehr wohl: nur wird es schwer halten, meine Schwester zu bewegen, dass sie meine Tochter von sich lasst.
Vignali. Das will ich besorgen, wenn ich nur Ihr Wort habe.
Herr von Troppau. Das geb ich Ihnen sehr gern: allein ich sage Ihnen zum voraus, ich mische mich nicht darein, wenn es Uneinigkeit gibt. Ich bekummere mich um solche Dinge nicht: meine Erlaubnis haben Sie: nun sehen Sie, wie Sie das Madchen von meiner Schwester herauskriegen.
Vignali. Das soll mir wenig kosten. Sie konnen ja indessen dem Grafen Ohlau melden
Herr von Troppau. Ich war eben damit beschaftigt. Aber woher in aller Welt wissen Sie, dass er an mich geschrieben hat?
Vignali. Einfall! Scherz! Weiter war es nichts. Weil mir die Baronesse ihre Geschichte anvertraut hat und taglich furchtet, dass ein Brief von ihrem Onkel an Sie kommen wird, um sie zuruckzufodern, so fiel mir gerade, als ich zum Zimmer hereintrat und Sie schreiben sah, der Graf Ohlau ein: ich wunderte mich selbst, wie mir der Mann so plotzlich in die Gedanken kam. Der Graf Ohlau fuhrte seine Schwestertochter herbei, und seine Schwestertochter brachte uns auf Ihre Liebe und Ihre Heirat. Wie sich doch ein Gesprach so wunderlich drehen kann! Das hatt ich mir nur furwahr nicht eingebildet, dass ich heute noch ihre Brautwerberin werden sollte. Will sie der Graf Ohlau wiederhaben?
Herr von Troppau. Allerdings. Er bittet mich, den jungen Menschen in Verhaft nehmen zu lassen und seine Schwestertochter in Verwahrung zu bringen, bis er jemanden schickt, der sie abholt. Hier ist sein Brief.
Vignali. Ich will ihn zu mir stecken und zu Hause lesen: itzt ist mir Ihre Unterhaltung lieber.
Herr von Troppau. Aber, Vignali, dass ihn niemand sieht! Das Madchen konnte etwas erfahren
Vignali. Sie werden doch keine solche Sorglosigkeit bei mir vermuten? Sonach ist mir doch der Graf Ohlau recht zu gelegner Zeit durch den Kopf gefahren: denn ich kann Sie in den Stand setzen, ihm eine frohliche Nachricht zu geben. Ich hab Ihnen ja, glaub ich, schon gesagt, dass es mit der Liebe des jungen Menschen aus ist? Er hat mit ihr gebrochen, auf ewig gebrochen.
Herr von Troppau. Das ist also der junge Mensch, der bei Ihnen wohnt?
Vignali. Freilich wohl, das gute Vieh!
Herr von Troppau. Er schien mir aber nicht dumm.
Vignali. Ach, er wird's taglich mehr. Ich nahm ihn aus Freundschaft fur die Baronesse ins Haus; und in wenigen Wochen war er ihr schon zuwider. Es ist eine kindische Leidenschaft bei dem Madchen gewesen: itzt, da sie zu Verstande kommt, sieht sie ein, dass es ein hubsches Schaf ist.
Herr von Troppau. Kann ich's also fur gewiss schreiben, dass ihre Liebe zerrissen ist?
Vignali. Fur unzweifelhaft gewiss! Sie werden ihm wohl die Wahl freistellen, wenn er das Madchen abholen lassen will?
Herr von Troppau. Abholen? Das soll er nicht, sondern ich will ihn vielmehr fragen, ob er mir die Erlaubnis gibt, eine anstandige Partie fur sie zu machen, mit einem Manne von gutem Hause, dessen Namen ich ihm melden will, sobald ich seine Gesinnungen hieruber weiss.
Vignali. Und dieser Mann sind Sie? Also ist es wirklich Ihr Ernst? Ich hab es nur fur halben Scherz gehalten. Wie mich das freut! Ich kann Ihnen meine Freude nicht ausdrucken. Also zieht Ihre Tochter zu mir; und in kurzer Zeit sollen Sie uber den streitigen Punkt Nachricht haben.
Herr von Troppau. Ich wunschte, dass es bald sein konnte.
Vignali. Freilich, die Liebe zaudert nicht gern. Weiss es die Frau von Dirzau?
Herr von Troppau. Ich hab ihr etwas davon entdeckt.
Vignali. Vergeben Sie mir! das war ein grosser Fehler.
Herr von Troppau. Warum? Sie rat mir sehr dazu.
Vignali. Sie rat Ihnen dazu? Wenn Sie nur recht gehort haben! Oder ist es Verstellung. Ich lasse dieser hohnischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm nicht, dass sie Ihnen ein so wesentliches Vergnugen angeraten haben soll: den Ruhm muss ich mir verdienen. Wenn ich an Ihrer Stelle ware, so heiratete ich die Baronesse gleich nicht, weil die Frau von Dirzau dazu geraten hat. Soll ich mich ernstlich mit der Sache abgeben, so muss diese weise Dame ihre Hand aus dem Spiele ziehen; und ich hoffe doch, dass Sie einen so angenehmen Dienst lieber von mir annehmen werden als von einer solchen Betschwester, die alles tadelt, was Sie sagen und tun? Versprechen Sie, dass Sie die Frau von Dirzau nicht weiter zu Rate ziehen wollen?
Herr von Troppau. Ja, Vignali, ich versprecht es. Niemandem als Ihnen will ich die grosste Verbindlichkeit schuldig sein.
Vignali. O wie mich das freut, dass Sie sich vermahlen wollen! und dass Sie mich zur Mittelsperson wahlen! Ich kann mich vor Vergnugen nicht halten. Wie mich das freut!
Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und ging geradeswegs zu Ulriken hinauf, um ihr die bevorstehende Veranderung ihrer Wohnung zu melden. Ulrike wusste nicht, was sie von dieser unvermuteten Revolution furchten oder hoffen sollte: sie entschuldigte sich, dass sie ohne der Frau von Dirzau Erlaubnis so etwas nicht unternehmen durfte. "Der Herr von Troppau befiehlt", sprach Vignali heftig, "und ich befehle Ihnen im Namen des Herrn von Troppau: brauchen Sie mehr? Mein Kind", red'te sie die kleine Karoline an, "Sie sollen inskunftige bei mir wohnen, hat Ihr Papa befohlen."
"Ach, bewahre mich Gott!" schrie die Fraulein und floh von ihr. "Sie verfuhren mich."
Vignali. Narrchen! ich habe ein herrliches Gebetbuch fur Sie angeschafft, in schwarzen Samt gebunden, vergoldet auf dem Schnitt, und bei dem Buchbinder sind noch drei schonere. Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten.
Karoline. Konnen Sie auch beten? Sie sind ja eine Sunderin.
Vignali. Das hat Ihnen Ihre einfaltige Tante uberredet. Ich verstehe das Beten besser als Sie.
Karoline. Sie prahlen. Das versteht niemand so gut als ich. Und nun betete sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten, Spruchen und Liedern her; und da sie fertig war, fragte sie mit der aussersten Selbstgenugsamkeit: "Konnen Sie so beten?"
Vignali. Meine kleine Einfalt, hundertmal besser! Sie werden sehen: kommen Sie nur!
Karoline. Nein, mit Ihnen gehe ich nicht: Sie sind ein freches Kind des Satans.
Vignali. Du einfaltigster Papagei der einfaltigsten Tante! Komm! deine Gouvernante wird so gescheit sein und dir ungebeten nachfolgen.
Mit diesen Worten nahm sie die achtjahrige Fraulein auf die Arme, trug sie den Flur hindurch, die Treppe hinunter, die Strasse hinuber in ihr Haus hinein: das Kind faltete zitternd die Hande und betete so inbrunstig, als wenn sie der Teufel in seinen Klauen davontruge. Ulrike ging voller Verlegenheit in einer kleinen Entfernung hinterdrein. Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl, die Sachen der beiden Fluchtlinge heruberzuraumen; und das Zimmer war schon zur Halfte leer, als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr. Ihre Bedienten, die das Ausraumen verhindern sollten, halfen dabei, weil Vignali ein gutes Trinkgeld versprochen hatte. Die Frau von Dirzau lief in eigner Person zu ihrem Bruder und beschwerte sich, dass er ihre Mobeln wegschaffen liess. "Ich will sie bezahlen", rief er. -"Und deine Tochter willst du in die Hande eines so schandlichen Weibes geben?" "Ich bekummere mich um solche Sachen nicht", antwortete ihr Bruder. "Vignali hat mich gebeten, dass ich sie zu ihr in Pension tun soll: ich hab es ihr versprochen: nun misch ich mich weiter nicht drein. Schicke mir die Rechnung fur die Mobeln! dann seht ihr, wie ihr auseinanderkommt. Ich will ausgehn. Adieu, Schwester." So war er zur Tur hinaus. Was war also zu tun? Die Frau von Dirzau musste in ihr Zimmer zuruck, musste geduldig leiden, dass man Ulrikens Zimmer ausleerte, und ihren Arger in frommer Gelassenheit verbeissen. Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre Mobeln zuruck, weil sie einen unmassigen Preis darauf setzte, und schrieb ihr einen der empfindlichsten Briefe dazu.
Sobald Ulrike mit ihrer Untergebenen in sicherer Verwahrung war denn es musste bestandig jemand auf der Treppe wachen, um sie zu hindern, wenn sie vielleicht entfliehen wollten , so sturzte sich Vignali, wie unsinnig vor Freuden, in ihr Zimmer hinein. "Ich habe gewonnen", rief sie aus, "ich habe gewonnen. Alles geht, wie ich will. Nun sollen alle meine Zwekke erreicht werden, oder der Satan selbst musste mich hindern. Der stolze, widerspenstige Junge, der meine Gutigkeit so lange gemissbraucht hat, soll gedemutigt werden: er muss sich zum Ziele legen, oder es ist sein Untergang. Das Madchen will ich erniedrigen: dann werde Gemahlin eines Mannes, der mich liebt, du Elende! Wie sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimnis abschwatzen liess! Es ist kostlich, wie ich ein Mann angefuhrt habe. Der Brief von dem Grafen Ohlau ist mir Goldes wert: das soll der letzte Pfeil sein, den ich verschiesse, wenn kein andrer trifft. Triumph! ich habe gewonnen."
Viertes Kapitel
Herrmann und Ulrike spielten bei dieser unvermuteten Nahe eine sonderbare Rolle: keins sah das andre an, und die ersten zwo Mahlzeiten, die sie zusammen tun mussten, brachten sie beide ganz stumm hin; bei der dritten wurden schon verstohlne Blicke heruber und hinuber geworfen, wobei man aber die Gelegenheit sorgfaltig ausspahte, dass der angeblickte Teil es nicht wahrnahm. Fur Vignali war dieses Blickespiel eine herrliche Komodie; und wenn der Zufall einmal die beiden Blicke in einem Punkte zusammentreffen liess, wie dann hurtig ein jedes den seinigen zuruckzog und viele Minuten den Kopf nicht wieder aufzuheben wagte! Der Zufall und Vignali veranlassten sie endlich, auch Worte zu wechseln, sosehr es beide anfangs vermieden: aus einzelnen Worten, mit gesenkten Augen gesprochen, wurden allmahlich Reden, und nach sechs oder sieben Mahlzeiten war das Gesprach schon wieder leidlich in Gang gebracht; allein beide sprachen mit essigsaurem Ernste zueinander, der desto drollichter gegen die Freundlichkeiten abstach, womit ein jedes zu Vignali redete. Der Blick milderte sich, nahm bei Ulriken sogar Gute an, ihr Ton blieb nicht mehr gebrochen und scharf, sondern bekam seine naturliche Sanftheit: obgleich auch Herrmann Miene und Stimme sehr herabstimmte, so erhielt er sich doch in einer bestandigen ernsten Entfernung von ihr und suchte der Vertraulichkeit so sorgfaltig zu entgehn, dass er eine ubertriebne Politesse gegen sie annahm, die sie dann erwiderte. Dies eiskalte Betragen behielten sie bis zu dem grossen Sturme, den Vignali indessen veranstaltete: jedermann erkannte sie fur sehr hofliche Freunde, die sich nie liebten und vermutlich auch nie lieben wurden.
Was in ihren Herzen vorging? Beide wunschten, sich mit Ehren wieder lieben zu konnen, beide wunschten, dass sie Zufall oder Zwang dahin fuhren mochte. Die Liebe schwang in beiden die glimmende Fackel, um sie wieder zur Flamme zu bringen. 'Wenn sich nur Herrmann verzeihen lassen wollte!' dachte Ulrike. 'Wenn du nur Ulriken unrecht getan hattest!' dachte Herrmann. Auch stellte sich bei ihr ein gutes Symptom wieder ein eine ziemlich eifersuchtige Empfindung, wenn Herrmann und Vignali zu freundlich miteinander taten.
Die Sache war also wieder in dem besten Gleise; aber Vignali! Vignali! Sie hat zween zu machtige Grunde Rache und Selbstverteidigung , warum sie jenen ruhigen Gang der Sachen entweder anders leiten oder ganz storen muss. Auch hemmte ihre Unternehmung nichts als die Uberlegung, welches von beiden ihr am zutraglichsten sein werde. Sie ersann endlich ein Projekt, das alle ihre Verlangen mit einem Male zu befriedigen versprach: der sklavonische Graf, der ohnehin noch einen alten Groll wider Ulriken wegen des unglucklich abgelaufnen Abendbesuchs hatte und bisher mit seiner Rache nicht an sie kommen konnte, wurde zum Werkzeug ihrer Erniedrigung bestimmt: Herrmann sollte durch Vignalis Veranstaltung Augenzeuge davon sein und also zu aller Versohnung auf immer abgeneigt werden: auch er sollte zum Zeugen wider Ulriken bei dem Herrn von Troppau dienen, um ihm seine Liebe zu ihr und den Gedanken an die Verheiratung mit ihr zu benehmen. Herrmanns unbezwingliche Seele konnte alsdann durch neue Sturme uberwunden werden; denn eine angefangene Eroberung unvollendet zu lassen, ware fur eine solche Herzensbandigerin ein ewiger Vorwurf gewesen. Welch ein trefflicher Plan, der mit einem Hiebe den Knoten zerschnitt! Vignali war nichts als Jubel und Wonne.
Dass der Graf die aufgetragene Rolle mit Dank annahm, versteht sich von selbst. Vignali liess des Nachmittags die kleine Karoline zu sich herunterrufen und gab ihr mancherlei Spielzeug, womit sie sich itzt stundenlang zu belustigen pflegte, weil ihr die Frau von Dirzau kein solches Vergnugen erlaubt hatte: sie spielte eifrig fur sich in Vignalis Zimmer. Gegen die Dammerung begab sich der Graf zu Ulriken, die uber den Besuch nicht wenig erstaunte und Misshandlungen fur ihre falsche Einladung furchtete. Der Graf brannte von Wollust und Rache und schritt sehr bald zu verdachtigen Tatlichkeiten: Ulrike argwohnte bose Absichten, zitterte fur den Ausgang, da sie im ganzen zweiten Stockwerk allein war, und fasste allen Mut und alle Krafte zur Gegenwehr zusammen. Sie machte Vorwurfe, sie bat: nichts ruhrte den entflammten Grafen, der schon in Gedanken Rache und Begierde befriedigte. Die Gewalttatigkeiten wurden so unerhort, dass Ulrike zu Faustschlagen ihre Zuflucht nehmen musste.
Vignali eilte sogleich in Herrmanns Zimmer und schlug ihm einen Besuch bei Ulriken vor: der weigerte sich, allein ihre Autoritat zwang ihn zum Gehorsam. Sie gingen leise die Treppe hinan, um sie zu uberraschen, und langten in dem Augenblicke bei der Tur an, als Ulrikens erschopfte Krafte der wilden Brutalitat des Grafen beinahe unterlagen. Sie horchten und horten ein heftiges Keuchen nebst einem rauschenden Getose, als wenn sich zwei Leute balgten: Vignali triumphierte schon in der Seele. Plotzlich erhub sich ein heiseres angestrengtes Geschrei: Ulrikens ersterbende Stimme rief: "Hulfe! Hulfe! Ach! Gott!" Herrmann, ohne sich von Vignali zuruckhalten zu lassen, so derb sie ihn auch fasste, riss die Tur auf und fand Ulriken im ohnmachtigen Kampfe wider den Grafen, der in der Begeisterung weder das gewaltsame Offnen der Tur noch Herrmanns Hereintritt wahrnahm, sondern die arme Unschuldige mit dem plumpsten Ungestum nach dem Sofa hintrieb. Herrmann ergriff ihn mit voller Wut bei dem Zopfe und zog ihn mit solcher Starke, dass er vor Schmerz seine Beute fahrenliess und schreiend ruckwarts auf den Fussboden hinsturzte: er war so erbittert, dass er den hingestreckten, vom Falle betaubten Sklavonier bei den Fussen an die Tur schleppte und nicht eher ruhte, als bis er ihn ausser dem Zimmer hatte: er kehrte sogleich zuruck, schob inwendig den Riegel vor da stand er und wusste nicht, was er glauben, denken und sagen sollte! Ulrike stand mit ebenso freudiger Verlegenheit da, in zerstorten, zerrissnen Haaren, bleich, schwerkeuchend, mit entblosstem, blutendem Busen, zerfetzter Kleidung, uber die Huften herabgezogenen Rocken und blutrunstigen Armen: Vignali las mit tiefem Arger die ausgerissenen Locken, Blonden und Fragmente der Garnierung vom Schlachtfelde auf.
"Ist es moglich?" rief Herrmann nach der ersten verwunderungsvollen Pause, "bist du es, Ulrike, die so fur ihre Unschuld kampfte? Du, die blutend eine Tugend verteidigte, die ich schon langst fur erstorben hielt? Ich kann meine Wonne nicht fassen." Und so sturzte er sich ihr um den arbeitenden Hals und druckte sie so fest in seine Arme, dass sie kaum atmen konnte; Jammer, Freude und Dankbarkeit pressten ihr Tranen aus den Augen: sie schmiegte tiefschluchzend, weinend und zitternd den Kopf an seine linke Schulter und konnte kein Wort reden: indessen schielte Vignali mit scheelem Blicke nach der Umarmung hin und hatte beinahe vor Arger uber ihren misslungenen Plan mitgeweint. Sie konnte den Anblick der wiederversohnten Zartlichkeit, die sie durch das namliche Mittel neu belebt hatte, wodurch sie ihr auf immer den Tod geben wollte, unmoglich langer ertragen, sondern trennte die Umarmung und erinnerte Ulriken an den beschamenden Zustand, in welchem eine solche Heldin der Tugend wie sie eine Mannsperson nicht umarmen durfte. Dieser spottische Verweis liess sie ihre Entblossung gewahr werden, die sie im ersten Taumel der Uberraschung ganz ubersehn hatte: sie eilte verschamt ins Schlafzimmer, um dem Ubel abzuhelfen.
Herrmann war so berauscht, dass er ungestum mit seiner Freude in Vignali hineinsturmte, ihr die Hande druckte und kusste, sie zur Teilnehmung an seiner Wonne ermunterte, wozu sie nicht den mindesten Trieb empfand, und einmal uber das andre schrie er: "Wie glucklich! nun kann ich Ulriken wieder lieben." Vignali hatte zerspringen mogen: sie befahl ihm, sie hinunter zu begleiten: er wollte nicht, aber er musste. In ihrem Zimmer fanden sie den Grafen vor dem Spiegel, aus allen Kraften beschaftigt, seine zerzausten Haare wieder in Ordnung zu bringen.
Vignali. Sie haben ja schreckliche Exzesse in meinem Hause begangen, Graf. Was bewegte Sie denn zu einem so barbarischen Verfahren?
Der Graf. Die Rache, wie Sie wissen.
Vignali. Wie ich weiss? Ach vermutlich wegen des Billetts, das Ihnen das Madchen neulich schrieb, als sie Ihnen eine Zusammenkunft anbot und Sie hernach statt Ihrer eine alte betrunkne Frau finden liess?
"Das ist das ungluckliche Billett, das uns entzweit hat?" unterbrach sie Herrmann. "O so reut mich's, dass ich den Bosewicht nicht arger gemisshandelt habe."
"Wer ist der Bosewicht?" fragte der Graf mit einer Renomistenmiene. "Wenn ich es sein soll, so wollen wir auf eine andre Art miteinander sprechen."
Herrmann. Auf welche Sie wollen; und gleich auf der Stelle!
Der Graf. In einer Dame Zimmer war es ja unanstandig, Handel anzufangen.
Vignali. Ich erlaub es: ich bin Herrmanns Sekundantin.
Der Graf. Nein, so eine Unanstandigkeit werd ich nicht begehn.
Herrmann. Feiger! mit schwachen, kraftlosen Madchen kannst du kampfen, aber nicht mit Mannern.
Der Graf. Beruhigen Sie sich! in einer Dame Zimmer sich zu zanken, ware ungesittet. Ich rasoniere so
Vignali. Mein Herr Rasonierer. Sie werden die Gute haben, nicht weiter an die Sache zu gedenken, da Sie doch kein Herz haben, Sie auszufechten. Wir wollen vergeben und vergessen. Bis auf Wiedersehn.
Er nahm sehr hoflichen Abschied, besonders von Herrmann, dem er gnadigst die erste vakante Stelle in seinen Landern zum Zeichen der Versohnlichkeit versprach. "Aus einem schlechten Komodianten10 wird auch ein schlechter Graf", sprach Vignali, als er weg war. "Der baumstarke Kerl ist nur gegen betrunkne Weiber und furchtsame Knaben tapfer: einem Kinde, das ihn stark anfahrt, gibt er nach: gleichwohl tut er gleich, als wenn er seine Gegner mit Leib und Seele vernichten wollte; und wenn er nicht auszukommen getraut, dann macht er den Philosophen und fangt an zu rasonieren. Ich will ihn schon wegen seiner heutigen Auffuhrung zuchtigen: sich in mein Haus zu schleichen und solche Unmenschlichkeiten zu begehn!" In diesem Tone wurde der sogenannte Herr Graf tuchtig ausgefilzt, weil er nicht zugegen war: weder Herrmann noch Ulrike merkten jemals, dass Vignali selbst ihn zu diesen Unmenschlichkeiten angestiftet hatte.
Ulrike, sosehr sie das Bewusstsein, alles getan zu haben, was Pflicht und Tugend von ihren Kraften fodern konnten, beruhigen musste, fuhlte eine so tiefe Scham uber das Vorgegangne, insonderheit uber den Zustand, worinne sie Herrmann und Vignali antrafen, dass sie eine Schwachlichkeit vorwandte und auf ihrem Zimmer speiste. Wirklich hatte sie auch die Plumpheit des Satyrs, mit welchem sie um ihre Ehre stritt, die Anstrengung ihres Widerstandes und die Angst, unter dem Kampfe zu erliegen, so sehr angegriffen, dass sie die folgende Nacht Kopfschmerz und Fieber bekam.
Sosehr auch Herrmann vor Ungeduld brannte, ihr seinen falschen Verdacht, Groll und ubereilten Bruch abzubitten, so liess sie ihn doch nicht vor sich: Scham und Schuchternheit notigten sie, seit jener schrecklichen Begebenheit bestandig die Tur verschlossen zu halten, und sie wurde auch des Mittags darauf nicht zu Tische gekommen sein, wenn nicht Vignali sich mit Gewalt bei ihr eingedrangt und sie mit Gewalt heruntergeholt hatte. Sie wunschte ihr spottisch zum Siege der Tugend Gluck und schalt sie, dass sie wie ein Kind sich uber einen Unfall schamte, wozu sie nichts beigetragen hatte. "So eine exemplarische Standhaftigkeit macht Ehre", sagte sie lachelnd, "und was noch mehr ist, Sie haben ja durch diesen heldenmutigen Kampf Ihren Liebhaber wieder errungen. Sie sind ein braves Madchen: wenn Sie sich bestandig so herzhaft wehren, werden Sie Ihre Tugend gewiss unversehrt und wohlbehalten mit sich ins Grab nehmen."
Kaum trat die verschamte Ulrike in Vignalis Zimmer, wo Herrmann auf sie wartete, als er auf sie zuflog und in den reuigsten Ausdrucken um eine Verzeihung bat, die ihm im Herzen schon langst zugestanden war. Er nannte seinen so schnell gefassten Verdacht wider ihre Tugend und versicherte, dass er sich durch ihn ihrer Liebe unwurdig gemacht habe. "Nein", sprach sie gutig, "um dieses Verdachtes willen werd ich dich desto mehr lieben; denn ich hoffe, dass du selbst so bist, wie du mich verlangst. Wer mich nicht ohne Tugend lieben kann, muss wohl selbst ihr Freund sein." Herrmann merkte in der Fulle der Freude die Bedenklichkeit des Tons nicht, womit sie dies sagte; denn es schien ihr sehr misslich, dass Herrmann so lange mit Vignali auf einem Meer gesegelt habe, ohne Schiffbruch zu leiden. Die feine Frau, die eine eigne Spurkraft besass, sich keinen unmerkbaren Zug in Reden und Betragen entwischen zu lassen, ruckte ihr ihren bedenklichen Ton vor und uberschuttete den verwunderten Herrmann, der die Veranlassung nicht merkte, mit einem ganzen Regen von Lobspruchen auf seine Enthaltsamkeit, Standhaftigkeit, Vernunft und Herrschaft uber sich selbst. Die Bitterkeit, womit sie ihre Lobrede hielt, benahm Ulriken fast ganzlich ihren Argwohn; denn sie vermutete zu ihrer Zufriedenheit, dass Vignali ihn versucht und nicht uberwunden habe. So wurde unter den Augen der Friedensstorerin der Friede formlich unterzeichnet und die Liebe wieder erneuert.
Funftes Kapitel
Verschoben ist nicht unterlassen. Fur eine Frau wie Vignali ist jedes Hindernis, jedes Misslingen ein neuer Sporn. Sie war zwar nach jenem unglucklichen Erfolge ihrer Absichten ein paar Tage von hochst ubler Laune und liess die Sache gehen, wie sie ging: aber deswegen unterliess sie nicht, Massregeln auszusinnen, um doch endlich zu ihrem Zwecke zu gelangen. Der Herr von Troppau brachte ihr auch in einigen Tagen die frohliche Nachricht, dass der Graf Ohlau versprochen habe, sogleich in die Vermahlung seiner Schwestertochter zu willigen und auch die Einwilligung ihrer Mutter zu bewirken, sobald er Namen, Familie und Vermogensumstande des Mannes wusste, den man ihr bestimmte, wofern die Partie nur im mindsten anzunehmen ware. Er verriet durch das Vergnugen, das er uber die Bereitwilligkeit des Grafen bezeugte, die Starke seiner Liebe so vollig ohne Zuruckhaltung, dass Vignali bei sich stutzte, sie grosser zu finden, als sie geglaubt hatte. Er war im Grunde ein leibhafter phlegmatischer Deutscher, der sich durch den Umgang mit Franzosen und aus Nachahmungssucht etwas von ihrer Lebhaftigkeit angewohnt hatte: daher fiel es desto starker auf, dass sein sonst lauer, hochstens warmer Ausdruck der Freude itzt so siedend heiss wurde. Um die wallende Freude ein wenig niederzuschlagen, gab ihm Vignali die Nachricht, dass Ulrike nicht sonderlich viel Neigung fur ihn zu haben scheine. Der Verliebte vergass sein Phlegma so sehr, dass er aufsprang und sie versicherte, sie wurde sich ihm verhasst machen, wenn sie keine bessere Nachrichten brachte. Vignali trostete ihn mit etlichen Gemeinspruchelchen, dass die Liebe oft langsam wachse und dann sehr schnell reife; versprach, aus allen Kraften ihr Wachstum zu beschleunigen, und leitete ihn allmahlich zu seiner alten Liebe hin, dass der selbstgelassne Wollustling uber den gegenwartigen Genuss den kunftigen aus der Acht liess. Es wurde beschlossen, dass die Antwort an den Grafen acht oder vierzehn Tage verschoben bleiben sollte, bis man Ulrikens Gesinnungen tiefer erforscht hatte.
Nun war Hannibal vor dem Tore. Entdeckte sie dem Herrn von Troppau Herrmanns erneuerte Liebe, so musste dieser aus ihrem Hause, und Ulrike wurde entweder, ohne dass Vignali es hindern konnte, Troppaus Gemahlin oder, wenn sie das schlechterdings nicht werden wollte, zu ihrem Onkel gebracht: das war fur die rachsuchtige Frau viel zuwenig: sie verlangte, ihre Nebenbuhlerin nicht bloss wegzuschaffen, sondern zu demutigen, und den halsstarrigen Herrmann mit ihr. Liess sie die Liebe bei den beiden jungen Verliebten frei wirken, so konnten sie durch Beihulfe einer so grossen Gelegenheitsmacherin, wie Vignali war, wohl endlich selbst die Werkzeuge der verlangten Rache werden: allein wie langsam vielleicht! und gar zu lange liess sich weder der Herr von Troppau noch der Graf Ohlau aufhalten, ohne dass nicht der erste aus verliebter Ungeduld sich an Ulriken selbst wendete; und war sie gleich wieder mit Herrmann ausgesohnt, so konnte sie doch der Zufall, nach Vignalis Begriffe von der weiblichen Veranderlichkeit, sehr leicht wieder entzweien, der Herr von Troppau in diesem Zeitpunkte sich anbieten, und Ulrike im ersten Verdrusse seine Hand annehmen. Die Lage war also hochst kritisch. "Aber ich muss Herr des Walplatzes werden oder nicht leben", sprach Vignali. "Soll ein so elender Junge uber mich triumphieren? ein so albernes Madchen meine Absichten vereiteln? Sie mussen beide fallen, ohne Schonung fallen. Mogen sie sich lieben und in ihrer Liebe allmahlich das Gift bereiten, das ihren Stolz toten soll! Der Nichtswurdige, der mich verschmahen konnte, muss gebeugt werden: hart, hart soll er fur seinen stolzen Widerstand bussen; und meine Nebenbuhlerin will ich ganz vernichten. Entgeht sie auch diesmal ihrem Falle, dann ruh ich nicht, bis ich sie mit meinen eignen Handen in den Sarg gelegt habe: mag sich der verliebte Narr, der Troppau, zu ihr legen und seine Brautnacht bei den Toten halten! Aber seid ihr nur einmal dahin, wohin ihr sollt o dann will ich euch geisseln! wie keine Furie das Gewissen zuchtigen kann, will ich euch qualen: dann sollt ihr mir schon selbst den Kampfplatz raumen! Wohlan! die Liebe tue, was weder Vignali noch der Satan vermag!"
Hatte es auch ihr Plan nicht so mitgebracht, so ware es ihr doch nunmehr unmoglich gewesen, Freundschaft gegen Ulriken und Liebe gegen Herrmann zu affektieren: Zorn und Rachsucht hatten wegen Nahe der Gefahr zu sehr Besitz von ihr genommen; und auch der Herr von Troppau warf ihr vor, dass sie auf einmal in allen Handlungen so ausserst unruhig und hastig sei und eine heftige Leidenschaft in allen verzerrten Zugen des Gesichts trage: sie lehnte die Vorwurfe immer durch vorgewandte Erhitzung oder Krankheit ab.
Indessen weideten sich die beiden Verliebten sorglos in vollem Masse mit den Freuden der wiedergekehrten Liebe und spielten wie zwei Lammer vertraulich und froh um den Wolf, der sie gern gewurgt hatte. Der Kontrast zwischen Ulriken und Vignali, besonders bei dem itzigen leidenschaftlichen Zustande der letztern, lehrte Herrmannen taglich mehr, dass nur eine Ulrike sei: oft konnte er bei Tische stumm dasitzen und Vergleichung zwischen beiden Zug fur Zug anstellen, und jedesmal wunderte er sich am Ende der Vergleichung, wie er sich nur einfallen liess, Vignali im Ernste zu lieben, nachdem er eine viel reizendere Schonheit gekannt hatte. Den Unterschied des Alters abgerechnet, stach das heitre, unschuldvolle, anspruchlose, wohlwollende Gesicht der einen gegen die ernste, gebietende, Beifall fodernde, wollustige, schlaue Miene der andern sehr zum Vorteil des ersten ab: Ulrikens Augen waren ein Paar anziehende Magnete oder ein Paar Sonnen, die in jedem Herze die Liebe erwarmten, und wenn sie auch den kaltesten Boden trafen: Vignalis Blick ein Blitz, der niederschlug, er gebot Ehrerbietung und selbst die Liebe wie einen Tribut: daher druckte sich Herrmann ihren Unterschied dadurch aus, dass er sagte Ulrike gibt Liebe, Vignali fodert sie; und ein andrer nannte Vignali einen Despoten, den man zu lieben glaubt, weil man ihn furchtet. Bewegungen und Gebarden waren bei der Italienerin ihrem Gesichte vollig ahnlich, edel, anstandig, durch die Welt gebildet, lebhaft bis zur Heftigkeit, immer leidenschaftlich, wenn nicht der Wohlstand es verbot; ihr Ton stark, schnell und fast jeden halben Tag anders denn jeder heimlichen Absicht, jeder vorgegebnen Empfindung passte sie ihn mit unendlichen Veranderungen an. Wie vorteilhaft stach auch hierinne Ulrike in Herrmanns Augen dagegen ab! Jede ihrer Bewegungen bezeichnete Reiz und Anstand, das Tempo ihrer Gebarden war eine sanfte, ruhig dahinfliessende Lebhaftigkeit, alles hatte darinne das Geprage der Natur und nur selten noch Spuren von dem Studierten, Abgemessnen, wozu man sie bei ihrem Onkel abrichtete; doch ausserte sich dieses nie, als wenn sie sich im Zwange befand. Ihre Stimme war eine zartliche, sanft dahingleitende Modulation, jeder Ton von Gute und Liebe gestimmt. Wie konnte der begeisterte Herrmann lauschen, wenn sie sprach! wie hallte jeder Laut in seinem Ohre gleich einer eindrucksvollen Musik lange nach! Der kleine Gram wahrend ihrer Uneinigkeit hatte das vorige Rasche und Ubereilte, das sie zuweilen uberfiel, ziemlich gedampft, und es gehorte itzt ein hoher Grad von Leidenschaft dazu, wenn es wiederkommen sollte. Eine Annehmlichkeit, die man gegenwartig an ihr vermisste, war der kleine lustige Mutwille, in welchem sich sonst ihre Aufgeraumtheit ausdruckte: aber Herrmann vermisste ihn nicht sonderlich, weil er sich in einem zu unruhigen, leidenschaftlichen Zustande befand, um ein Wohlgefallen fur etwas zu fuhlen, das Heiterkeit in der Seele desjenigen verlangt, der es erwecken und der es geniessen soll. Die Verfassung seines Gemuts in dem gegenwartigen Zeitpunkte schildert er selbst in einem spat geschriebnen Briefe an einen seiner Freunde.
'Nach der Wiedergeburt meiner Liebe', sagt er, 'fuhlte ich mich, oft zu meiner grossten Verwunderung, in einen Zustand versetzt, den ich in meinem Leben noch nicht gekannt hatte: meine Liebe veranderte ihre Miene so ganz, dass sie mir eine Fremde zu sein schien, die sich wahrend meines Umgangs mit Vignali in mein Herz eingeschlichen habe. Nicht mehr dieses stille, sanfte, angenehme Feuer war es, das auf dem Schlosse des Grafen Ohlau in mir brannte, von erquickender, belebender Warme, mehr leuchtend als brennend: nicht mehr die heftiger schlagende Flamme, die in Dresden in mir wallte, ein starkes, uberwaltigendes Gefuhl, aber noch immer durch Gute und Zartlichkeit gemildert: nein, eine hochlodernde Feuersbrunst war meine ganze Seele, und jeder Blick, jedes Wort, jeder Handedruck von Ulriken neuer Brennstoff, der in die gluhende Masse hineinfiel: dabei so viel Wildheit, so viel Grausamkeit, so ungestume Heftigkeit! dass ich noch zittre, wenn ich an diese Gemutsverfassung denke. Welch ein susser Schauer durchlief mich sonst, wenn ich neben Ulriken stand oder ihre Hand in der meinigen lag! desto susser und durchdringender, je seltner mich das neidische Schicksal ein solches Gluck geniessen liess! Itzt, da ich's Stunden und Tage ungehindert geniessen konnte, furchtete ich mich vor mir selbst, es zu tun: sobald ich mich ihr naherte, fuhr eine schneidende Flamme durch alle meine Adern, meine Brust zog sich pressend zusammen, das Herz schlug hoch wie geturmte Wellen, dass mir der Atem stockte: unter zehn Malen konnte ich mich kaum einmal entschliessen, ihre Hand zu fassen, und wenn ich sie hielt, dann flogen mir die ungeheuresten Bilder durch den Kopf: es war, als wenn von innen her ein geheimer Antrieb mich drangte, sie zu zerdrucken. Tausendmal stiess mich diese namliche innerliche Heftigkeit zu Ulriken hin, mir schien es, als wenn eine geheime Macht mir die Arme auseinanderzoge und mich gewaltsam forttriebe, ihr um den Hals zu fallen und sie in meine Brust hineinzudrucken; und zu gleicher Zeit zog eine andre gutige Macht die Heftigkeit meiner Begierde zuruck. War ich bei ihr allein, dann wollte mich die Angst von ihr wegtreiben: ich konnte nicht bleiben, ich musste sie verlassen. Ermannte ich mich und blieb da, so fingen meine Beunruhigungen erst recht an: es wurde mir finster und schwindlicht, der Boden wankte unter mir, und alle Gegenstande schienen mir zu zittern; und zerstreueten sich die Wolken in meinem Kopfe, dann trat ich vor ihr hin, sah sie steif an und hatte weinen mogen, so uberfiel mich ein plotzlicher Jammer. Wie ein Teufel mit gluhenden Augen stand der Gedanke vor mir: 'So viel Liebenswurdigkeit und Unschuld soll nicht ewig bluhen! Du sollst der Morder einer solchen Tugend werden!' Ich suchte mich seiner zu erwehren; ich stritt mit ihm wie mit einem bosen Geiste: aber umsonst! Dann uberfiel mich eine Beangstigung wie die Reue einer grossen Freveltat: ich war wie in einen Abgrund von Unruhen gesturzt. Auch tat Ulrike so schuchtern, wenn wir beisammensassen oder -stunden, bei jeder meiner Bewegungen so scheu und furchtsam, als ob sie mich gleich dem argsten Bosewichte furchtete, welches vermutlich von ihrer Begebenheit mit dem Sklavonier herruhrte. Manche Viertelstunde lang stand ich an dem braunen Tische in ihrem Zimmer mit untergeschlagnen Armen, sie sass neben ihm: wir sahen einander stumm an und weinten: der Himmel weiss, woher unsre Tranen kamen; ohne alle nahe Veranlassung drangte sie der innere Tumult aus den Augen hervor, als wenn sie die Flammen des Vulkans, der in mir wutete, loschen sollten. Zuletzt ging diese ahndungsvolle Traurigkeit so weit, dass wir einander fast nicht anblicken konnten, ohne geruhrt, ohne erschuttert zu werden. Ich besinne mich noch genau, dass wir eines Nachmittags allein in Vignalis Zimmer auf dem Sofa sassen: mein rechter Arm hatte sich, ohne dass ich's selbst wusste, um Ulriken geschlungen: wir sprachen sehr ernst, in kurzen, abgebrochenen Reden: auf einmal riss sie sich von mir los und sprang auf. 'Was hast du, Ulrike?' fragte ich. 'Ich weiss nicht', antwortete sie, 'was fur eine narrische Erscheinung in meinem Gehirne mich tauschte: du kamst mir vor, als wenn du mich so grausam behandeln wolltest wie der Graf neulich. Aber nein! das wirst du nicht!' setzte sie nach einer Pause mit zitternder Stimme hinzu: ich schwieg, sah auf die Erde und dachte der Himmel weiss es, was ich dachte: wenn's Gedanken waren, so hatte ich sie ohne mein Bewusstsein.
Dass ich Vignalis Versuchungen so herzhaft widerstand, war vielleicht keine so grosse Heldentat, wie sie es scheint: den Zufall abgerechnet, der mir meistens durch die grossten Gefahren half, konnte das verfuhrerische Weib nicht anders als in Augenblicken der Schwache oder durch Uberraschung uber mich siegen; denn sosehr ich sie auch liebte, so streifte doch diese Liebe nur die Oberflache des Herzens: auch blieb mir immer noch eine gewisse Kalte dabei zuruck: sie war gleichsam nur ein kunstliches Lustfeuer, von Eitelkeit durch eine aufgeregte Phantasie angezundet, dass ohne meine Entzweiung mit Ulriken bloss geglimmt hatte und mit einem kleinen Knalle erloschen ware wie eine schwache Rakete. Hingegen die Liebe zu Ulriken nach unsrer Versohnung wohnte im Herze drinne, bemachtigte sich aller meiner Krafte und Empfindungen, spannte meine Tatigkeit zu einer solchen Hohe an, dass ich Riesenstarke in meinen Nerven fuhlte. Alle Nachte waren ein fortdauernder schwerer Traum: aus Vignalis uppigen Erzahlungen und Ulrikens neulichem Kampfe setzte meine Einbildung die seltsamsten, ausschweifendsten und schrecklichsten Szenen zusammen. Sosehr ich mich zuletzt furchtete, mit ihr allein zu sein, so war ich's doch immer: oft schien es sogar, als wenn Vignali uns mit Fleiss aus dem Wege ginge. Ihr tagliches Gesprach war noch unzuchtiger als sonst, dass oft Ulrike mit Schamrote sie zu schweigen bat: allein allmahlich gewohnte sie sich so sehr daran, dass sie ohne Erroten mit Aufmerksamkeit und sogar mit Vergnugen zuhorte: wenn die ausschweifendsten Auftritte erzahlt wurden, schielte sie oft aus den gesenkten Augen nach mir herauf, seufzte und gluhte, als wenn sie ein plotzlicher, strafender Schlag fur ihre Empfindung trafe. Alle meine Sinne waren so machtig erhohet, dass selbst Speisen und Getranke meiner Zunge ein scharferes Gefuhl mitteilten und neues Feuer in meine Adern zu giessen schienen. Also von Vignali und der Liebe vorbereitet, schlich ich wie die lebendige Unruhe von Zimmer zu Zimmer, von Stuhl zu Stuhl, fand nirgends eine bleibende Stelle, nirgends Friede, bis zu jenem unglucklichen Spaziergange, der den wichtigsten Knoten meines Lebens knupfte: die Geschichte desselben ist ein bedeutungsvolles memento mori fur die menschliche Starke.'
Der ungluckliche Spaziergang, dessen hier in diesem Briefe gedacht wird, geschah an einem der schonsten Tage im August: nach einem schwulen, druckenden Vormittage hatte ein Donnerwetter die erhitzte Atmosphare abgekuhlt und eine schmeichelnde, Herz und Sinne belebende Temperatur der Luft fur den Nachmittag hervorgebracht. Alles, was ein Paar Fusse bewegen konnte, eilte zum Tiergarten, den herrlichen Nachmittag in sonntaglichem Wohlleben hinzubringen. Vignali schlug auch eine Spazierfahrt vor, allein eine Grille, die sie fur Migrane ausgab, bewegte sie, zu Hause zu bleiben und die kleine Karoline bei sich zu behalten: Herrmann und Ulrike gingen allein, und zwar zu Fusse. Das Gewimmel der Gehenden und Fahrenden unter den Linden war unbeschreiblich gross ein bunter, funkelnder, summender Schwarm, in eine grosse Staubwolke gehullt, in welcher man die Gesichter nicht eher erkannte, als bis man den Leuten auf die Fusse trat, denen sie gehorten. Das Rasseln der Karossen auf beiden Seiten, wo die hervorragenden Kutscher auf den hohen Bocken in aufwallendem Staube wie Jupiter in den Wolken dahinzuschweben schienen, indessen dass man Kutsche und Pferde nur wie Schatten hinter einem Flore dahinlaufen sah das Rasseln der Karossen stritt mit dem Gemurmel der Gehenden um den Vorzug, welches das andere am betaubendsten uberstimmen konnte. Dies ungemein lebhafte Bild, so erschutternd es war, machte gleichwohl einen schwachen Eindruck auf Herrmanns Sinne: er ging, in sich gekehrt, stumm und angstlich an Ulrikens Arme durch die Menge dahin, liess sich treiben und stossen, ohne es sonderlich zu merken, und hatte kaum fur den auffallenden Staub einen Sinn: in ihm brannte die Atmosphare noch so gluhend heiss wie vormittags, und der Regen hatte sie so wenig geloscht als den Sand, auf welchem er wandelte. Ulrike ruhmte, als sie durch das Tor waren, den duftenden Wohlgeruch, den ein kuhles Luftchen Tannen und Birken raubte, und den Hauch der Fruchtbarkeit, der in den lichten Gangen von Wiesen und Baumen atmete: Herrmann hatte keinen Sinn dafur. Gewohnheit und Neugierde lenkte Ulriken nach den Zelten hin: er folgte ihr ohne Widerspruch, sprach wenig, auch die gleichgultigsten Dinge in harten, abgebrochenen Tonen. Zuweilen stund er plotzlich, sah in den Sand, dann ergriff er Ulrikens Hand und druckte sie mit einer so befeuernden Inbrunst, dass ihr die zitternde Empfindung des Druckes wie ein geschlangelter Blitz durch die Seele fuhr. In lautem Tumulte spielte Frohlichkeit und Eitelkeit bei und unter den Zelten das grosse Sonntagsschauspiel; im weiten Zirkel sass unter Baumen und in Hecken die glanzende schone Welt in Fischbeinrocken und im Frack, in bezahlter und geborgter Seide ein furchtbares Heer, das in vergnugter Musse nach Herzen und guten Namen wie nach der Scheibe schoss: ging gleich neben den Herzen mancher Schuss hinweg, so fehlte doch keiner, der einem guten Namen galt. Spott und Plauderei schwebten mit witzigem und unwitzigem Larme uber der Gesellschaft: geputzte Franzosen tanzten frohlich daher und suchten den Mann, der sie heute abend speisen sollte; Hypochondristen schlichen gebuckt dahin und suchten im Sande die Zufriedenheit: nachaffende Deutsche gaukelten mit schwerfalliger Geckerei herum und dunkten sich Wesen hoherer Art, weil sie franzosisch erzahlten, wo sie gestern gegessen hatten; andre krochen krumm und gebuckt wie lichtscheue Englander umher und glaubten britische Philosophen zu sein, weil sie rotfuchsichte Hute und zerrissne Uberrocke trugen; junge Liebesritter eroffneten hier die Laufbahn ihrer kunftigen Grosse, das junge Madchenauge buhlte um Liebhaber oder Mann, was der liebe Himmel bescheren wollte, und die verbluhete Schonheit spottete uber Siege, die sie nicht mehr machen konnte. Aus den Buschen tonten muntre Chore von Oboen und Hornern, und mit ihnen wechselten, wenn sie schwiegen, kreischende Fiedeln und brummende Violoncelle nebst dem schallenden Handeklatschen des Tanzes ab. Hier sass ein schweigender Herrnhuter bei dem Bierkruge und betete mit verdrehten Augen fur die Sunden, die seine Nachbarn begingen; dort fluchte ein trunkner Soldat, dass ihm jemand das Glas ausgeleert habe, wovon er taumelte; hier suchte ein erboster Liebhaber sein gestohlnes Madchen und dort ein andrer sein einziges gestohlnes Schnupftuch; mancher vertrank hier fur den letzten halben Gulden die Sorgen der vorigen Woche, um die ganze kunftige zu darben; mancher gewann mit dem glucklichen Wurfel das Brot, das seine hungernde Familie morgen nahren sollte: jedermann war vergnugt, entweder weil er Freude genoss, oder wenigstens weil er nichts tat.
Ulriken teilte sich das allgemeine Vergnugen sehr lebhaft mit, und ob sie gleich nichts weniger als ruhig war, so bildete sie sich doch, wie alle um sie her, das Vergnugen ein: allein Herrmann hatte fur diese gerauschvolle Frohlichkeit keinen Sinn. Er eilte vor ihr voruber durch hohe lichte Alleen in dustre gewolbte Gange bis zu den einsamen Schlangenwegen der Wildnis. Sie setzten sich, schwiegen, sahen vor sich hin: Insekten summten, einzelne Vogel zwitscherten, in den Wipfeln der hohen Tannen lispelte ein leiser Wind: sonst war alles menschenleer, dammernd, schauerlich still. Hastig warf Herrmann einen Arm um Ulrikens Schulter und druckte sie so fest in sich hinein, dass sie sich losriss und schuchtern zuruckfuhr.
"Herrmann!" rief sie mit zitterndem Erschrecken, indem sie ihn anblickte, "was ist dir? warum rollen deine flammenden Augen so furchterlich? warum bebt deine Unterlippe wie im Fieberfrost? Was liegt dir im Sinne, das dich so heftig erschuttert? Jeder deiner Blicke erfullt mich mit Entsetzen. Ich bitte dich um unsrer Liebe willen, lass uns diesen Ort fliehn! Der Himmel will uber mich einsturzen, so angstigt mich deine grimmige wilde Miene: lass uns fliehen! mir bricht das Herz vor Angst."
Er wollte ihre Hand fassen, um sie zu beruhigen: sie tat einen lauten Schrei und sprang auf wie ein gescheuchtes Reh.
"Was furchtest du?" sprach er, wie vom Froste geschuttelt. "Angstige dich nicht mit Phantomen deiner Einbildung! Der Ort ist angenehm: setze dich!"
Sie gehorchte und setzte sich in einer scheuen Entfernung von ihm, immer zum Fliehen bereit.
"Ach, Ulrike", fing er abgebrochen an, "wie nahe sind Liebe und Grausamkeit verwandt! zwo leibliche Schwestern!"
Ulrike. Grausamkeit? Was bringt dich auf diesen sonderbaren Gedanken?
Herrmann. Mein Gefuhl. Ich konnt in dieser Minute die barbarischste Grausamkeit an dir begehn. Ich bin der verruchteste Mensch unter der Sonne.
Ulrike. Schon wieder so ein blitzender Blick! Lass uns fliehen!
Herrmann. Bleibe! furchte nichts! Konnte die Liebe, wenn sie in diesem Geholze wohnen wollte, einen angenehmern Platz wahlen als diesen? Sieh! Gewurme und Insekten, alles hupft und scherzt um uns her in reger, unbesorgter Freundlichkeit, und wir allein verbittern uns unser Gluck durch angstliche Besorgnisse? Verscheuche diese bange Madchenfurcht! Vor wem zitterst du denn? Bin ich nicht dein Freund? der Geliebte deines Herzens? der Vertraute deiner Liebe, der gern jedem rauhen Luftchen wehren mochte, dass es dir nicht ein Haar krummte? dein Erwahlter, der gern jeden Pfad vor dir ebnete, dass kein Steinchen deine Fusssohlen druckte? der dich gern allenthalben auf seinen Armen oder noch lieber in seinem Herze herumtruge, um dich vor jeder Gefahr zu sichern? Bin ich nicht dies alles?
Ulrike. Das bist du! der Retter meiner Tugend! meine Seele, die mich belebt und regiert! Aber tut nicht die Seele im Menschen das Bose? Da du so unumschrankt uber meinen Willen herrschest, was vermochte das schwachere Madchenherz wider den starkern Mannerwillen? Ich bitte dich auf den Knien, tote die Tugend nicht, die du erhalten hast! Was wurde das zarte Gewachs, wenn du ihm die Blute abstreiftest? Es senkte die welken Blatter, verdorrte und sturbe.
Herrmann. Trauest du mir ein solches Verbrechen zu? Wert ware ich, dass sich jeder Tautropfen, der mich benetzt, in brennendes Feuer verwandelte, dass jeder Sonnenstrahl ein Schwert wurde, das meine Seele verwundete, wenn ich jemals eine solche Ubeltat begonne. Hab ich nicht schon der Gefahr in mancherlei Gestalten widerstanden!? Wenn eine Vignali mit allen zauberischen Kunsten und zwingenden Lockungen meine Vernunft nicht einschlaferte, sollt ich da aus freier Wahl ein Bosewicht werden? Und an wem? an dir? Hat noch jemals ein Tauber das Taubchen gewurgt, die ihm liebkost? Sei mutig! Man fallt am leichtesten, wenn man sich zu schwach dunkt.
Ulrike. Und noch leichter durch Sicherheit. Ich kann dir nicht bergen, ich liebe dich, dass ich mich vor mir selber furchte. O warum mussen nun tausend Hindernisse eine Vereinigung verzogern, die der Himmel selbst wollen muss? Sie muss doch geschehn, fruh oder spat: warum nun so eine unaussprechliche Langsamkeit in allem, was auf der Welt vorgeht?
Herrmann. Das weiss Gott, wie alles in der Welt schleicht! Immer tanzt das Gluck wie ein Irrlicht vor den Schritten her, und je hurtiger man nachlauft, je weiter stosst man es mit seinem eignen Odem fort. Es ist wahrhaftig schwer, uber so ein zauderndes Schicksal nicht zu zurnen: wenn man eine Gluckseligkeit doch gewiss einmal haben soll, warum bekommt man sie nicht gleich, wo man sie am liebsten hatte?
Ulrike. Und wo man sie am vollsten und starksten genosse! Aber nein! da geht alles so einen saumseligen Schneckengang, dass man vor Ungeduld sich verzehren mochte.
Herrmann. Die Wunsche fliegen, und das Schicksal kriecht. Wahrhaftig, mehr als eiserne Geduld hat man notig, um in so einer Welt auszudauern
Ulrike. Das ist ein ewiges Hoffen und Harren; und was hat man am Ende?
Herrmann. Nichts! die Jahre der Freude fliehn, das Alter der Lebhaftigkeit verschwindet, und endlich, als schlaffer, siecher, fuhlloser Greis, gelangt man zu der so lange gehofften und erharrten Gluckseligkeit
Ulrike. Und kann sie vor Uberdruss des unendlichen Wartens nicht geniessen. Es ist doch furwahr eine recht wunderliche Welt.
Herrmann. Alles geht schief, alles quer. Heftige Wunsche, voreilende Begierden, rennende Leidenschaften und Millionen Geburge von Hindernissen, Schwierigkeiten, Verzogerungen! Wenn man zu geniessen weiss, darf man nicht: wenn man geniessen soll, kann man nicht. So geht's mit jeder Freude. Tausendmal besser befanden wir uns, wenn wir Klotze waren, nichts wunschten noch begehrten; so entbehrten wir nichts. Das Schicksal reicht uns das Vergnugen so kummerlich, so karglich wie arme Leute ihren Kindern das Brot. Sollt es denn nicht einen Winkel auf dieser Erde geben, wo Ruhe und Gluckseligkeit fur zween irrende Verliebte wohnt?
Ulrike. O wenn du einen solchen wusstest! Zu Fuss wollt ich dir dahin folgen und mit meinen eignen Handen eine Hutte baun, um mit dir dort zu wohnen; aber nirgends ist eine: wir werden sterben, eh' unser Gluck vollendet ist.
Herrmann. Traure nicht, Ulrike! Warum sollte nicht ein solcher zu finden sein? Wir durfen nur suchen: aber dann, wenn wir ihn gefunden haben, dann wollen wir die einzigen glucklichen Geschopfe unter dem Himmel sein. Unsre Arme sollen vom Morgen bis zum Abend ineinander verschlungen sein wie unsre Herzen: Liebe soll unsre Speise, Liebe unsre Arbeit sein; sie soll vor uns hergehn und uns auf allen Schritten begleiten, unser Leben ein wahres arkadisches Leben werden, wie Dichter es nur dachten und noch nie Sterbliche empfanden ein immer klarer Bach, worinne Freuden, Entzuckungen und Seligkeiten in ungestortem Laufe dahinfliessen , ein Himmel, wo nie die Sonne untergeht, im ewigen Fruhlinge alles bluht und grunt ein Paradies, voll der lieblichsten Fruchte und labendsten Ergotzungen, voll Einigkeit, Ruhe, Zufriedenheit, ohne Kummer und Sorge, wo unsre Gedanken und Empfindungen in vertraulicher Friedlichkeit ineinanderfliessen wie zween Strome, die sich in einer Seele vereinigen; wo wir wie Kinder stets nur geniessen, kein Ungluck kennen, als bis es uns trifft, die Gegenwart voll, rein und unverbittert empfinden und fur die Zukunft nie sorgen, als bis sie da ist, und sie dann zufrieden teilen, sie gebe Schmerz oder Freude O des seligen, des seligen Lebens!
Die Vorstellung dieser traumerischen Gluckseligkeit berauschte sie so heftig, dass sie beide in entzuckter Umarmung dahinsanken und weinend verstummten; und bald hatte der Taumel ihrer Traumerei Vignalis Wunsch erfullt: kaum trennten sie noch wenige Augenblicke von ihrem Falle: plotzlich geschah in der Nahe ein Schuss: Ulrike wand sich aus seinen Armen, als wenn ihr der Schuss gegolten hatte, sprang auf und sprach mit zitternder Furchtsamkeit: "Lass uns fliehen!"
"Lass uns fliehen!" rief Herrmann mit der namlichen Erschrockenheit. Sie gingen beide in weiter Entfernung voneinander, stillschweigend, mit schuchternem Misstrauen gegen sich selbst, um einen Ausweg aus dem Gebusche zu suchen. Der Pfad verlor sich in dichtes Gestrauch: sie mussten wieder umkehren. Bald kamen sie an einen Ort, wo vier bis funf kreuzende Wege nach verschiedenen Richtungen hinliefen: die Wahl war sehr ernsthaft, weil im Walde schon die Dammerung anfing: je weiter sie auf dem gewahlten Pfade fortgingen, je tiefer gerieten sie in Waldung hinein, je dunkler wurde die Dammerung. Das Gewitter hatte des Mittags die Luft so abgekuhlt, dass itzt Ulrike in der leichten Sommerkleidung vor Frost zitterte: Fledermause fuhren sausend uber ihren Kopfen hin, der ganze Schwarm der Nachtvogel setzte sich in Bewegung und fing sein trauriges, misstonendes Konzert an: die Furcht vor allen diesen ungewohnten Erscheinungen der Nacht, die Furcht vor Verirrung und noch mehr die Furcht vor sich selbst und den tauschenden Verfuhrungen der Liebe schreckte das arme Madchen so gewaltig, dass ihr die Knie sanken: ihre Lippen bebten und vermochten kaum ein verstandliches Wort zu sprechen: das Gesicht farbte sich mit einer blaulichen Blasse, und der Angstschweiss, den ihre innerliche Not auspresste, stand in dichten Tropfen auf der bleichen Stirn; sie klammerte sich fest an Herrmanns Arm mit dem ihrigen an, schloss die Augen zu, stund und sprach mit schwachem schaurichtem Tone: "Ich kann nicht weiter; meine Fusse tragen mich nicht mehr." Herrmann verbarg, so gut er konnte, seine eigne Beangstigung und trostete sie, riet ihr, hier auszuruhen und ihn einen Weg suchen zu lassen. Das war gar kein Rat fur sie, und kaum hatte er ihn gegeben, so hing sie sich mit dem ganzen Gewichte ihres Korpers an ihn, um ihn zuruckzuhalten: er musste sich mit ihr auf den betauten Boden setzen und nahm sie in die Arme, um sie an seiner Brust ausruhen zu lassen. Der innerliche Kampf zwischen Begierde und Furcht, zwischen Tugend und Schwachheit, zwischen Leidenschaft und Vernunft stieg bei beiden so hoch, und die Dunkelheit, die Schopferin und Pflegemutter der Leidenschaften, vermehrte ihn so gewaltig, dass sich keins von beiden ruhrte hin und wieder ein angstlicher tiefer Seufzer, das war ihre ganze Sprache. Die fernen Feldgrillen zischten ihr muntres Abendlied; aus weiter Entfernung schallte der helltonende Chor der Frosche; mit dem Schweigen des finstern Waldes wechselte zuweilen das Rauschen des wehenden Abendwindes in den Asten der hohen Tannen ab; auf dem Boden rings um sie her regten sich schlupfend hie und da Geschopfe, die zur Ruhe eilten oder zum nachtlichen Leben erwachten. Ulrike, deren Einbildung durch die Nachtszene mit seltsamen abenteuerlichen Bildern erfullt wurde, wiederholte noch einmal weinend die Bitte, die sie schon bei dem ersten Niedersitzen an Herrmann getan hatte: ihr Herz schlug von einer bangen Ahndung, die er ihr durch die grossten Beteurungen nicht benehmen konnte; und ihm selbst flusterte bei jeder neuen Beteurung eine geheime Stimme zu: 'Du lugst!'
Sie traten nach langem Ausruhen eine neue Wanderung an, um sich vielleicht herauszufinden: aber da war keine andre Moglichkeit, als dass sie hier ubernachteten: sie wurden einer Jagerhutte ansichtig, und Ulrike selbst bezeigte vor grosser Ermattung ein Verlangen, sie zum nachtlichen Aufenthalte zu wahlen. Herrmann untersuchte sie und bereitete ihr von den darinne liegenden Zweigen und Blattern ein Lager: vor Furcht konnte sie ihn nicht von sich lassen, und gleichwohl setzte sich eine ebenso grosse Furcht dawider, dass er an ihrem Lager teilnehmen sollte: sie uberlegten, stritten und beratschlagten lange, teilten, schon in vertraulicher Nahe, das Lager und beratschlagten immer noch, wie sie es anfangen sollten, um es nicht zu tun. Ihre Beratschlagung verlor sich in Besorgnisse, ihre Besorgnisse in Empfindungen der Liebe, ihre Empfindungen in Liebkosungen, die Zartlichkeiten stiegen zur Flamme empor, und so fuhrte allmahlich die Furcht vor dem Falle den Fall selbst herbei: was keine Reizungen der Wollust, keine Eitelkeit, kein Geld, keine Vignali, kein Lord Leadwort und kein Herr von Troppau vermochten, vermochte die Allmacht der Liebe. Die Tugend fiel durch ihre Hand: bei ihrem Falle brauste der blasende Wind durch die Baume und starb mit erloschendem Keuchen in ihren wankenden Wipfeln: Kiebitze wimmerten in den sausenden Luften ihren Klaggesang, und Eulen heulten in den hohlen Asten das Grabelied der gefallnen Unschuld: die Tannen seufzten, vom Winde bewegt, und der ganze Wald trauerte im Flor der Nacht um die gefallne Unschuld.
Sechstes Kapitel
Vignali kam die ganze Nacht nicht ins Bette: es war fur sie eine Nacht des Triumphs und des Frohlockens; und sie wachte noch, als am fruhen Morgen die beiden Verirrten, in weiter Entfernung hintereinander, beschamt und verwirrt zu Hause anlangten. Bei ihrem Erwachen hatte sich Ulrike aus der Hutte herausgeschlichen und befand sich zu ihrer Befremdung nicht weit von einem bekannten breiten Wege, den vergangne Nacht, in der Angst und Berauschung einer geheimen Leidenschaft, keins von beiden gewahr wurde. Herrmann, als er sie herausgehn horte, riss sich von der Lagerstatte der Liebe empor, erblickte mit gleicher Verwunderung den gestern ubersehenen Weg und folgte Ulriken nach: nicht einen Blick wagte sie zuruckzuwerfen und er nicht, einen aufzuheben: von Scham und truber Besorgnis gefoltert, begaben sie sich auf ihre Zimmer, und Vignali wollte vor rachsuchtigem Vergnugen unsinnig werden, als sie das Gerausch ihrer Ankunft horte. Sie hatte ihnen den Bedienten nachgeschickt, der sie in der Ferne still begleitete und schon vor etlichen Stunden mit der Nachricht von ihrer Einkehr in der Jagerhutte zuruckgekommen war. Sosehr sie indessen Herrmanns und Ulrikens Fall fur gewiss hielt und uber die Erreichung ihres Wunsches triumphierte, so mischte sich doch in ihre Freude ein bittrer Unwille, dass sie Herrmanns Erniedrigung nicht durch sich selbst hatte bewirken konnen.
Er wurde zum Tee gerufen, allein er wandte eine Unpasslichkeit vor und schloss sich ein: Ulrike tat dasselbe zween uberzeugende Beweise fur Vignali, dass ihr gelungen war, was sie wunschte! Sie liess fleissig durch die Schlussellocher spionieren und tat, als wenn sie die Ursache der Krankheit nicht wusste.
Indessen sass Herrmann auf Dornen da, von den schrecklichsten Empfindungen der Scham und Reue gepeinigt: er zurnte wider sich und seine Uberlegung, dachte an seine Beteurungen, eine Handlung nicht zu begehn, zu welcher er sich von seiner Schwache kurz darauf hinreissen liess, und fluchte sich wie einem Verbrecher. "Ach konnt ich doch", sprach er bei sich, "tief im Schosse der Erde mein Angesicht verbergen, um von keinem Auge mehr beschaut zu werden! Ich, ein Schander der Tugend! ein Rauber der Unschuld! ein Morder, der die Ehre der reinsten, geliebtesten Engelsseele wurgte! Fluche mir, Ulrike! fluche mir! ich will mir dir die schrecklichsten Verwunschungen uber mein Haupt ausschutten. Wie in diesen verbrecherischen Armen das Kostbarste dahinschwand, was ich ihr nehmen konnte! Wie noch mit dem letzten Hauche ihre Ehre durch schwaches Widerstreben den Morder von sich abwehrte! kampfte und ohnmachtig im Kampfe erlag! O tausendfach heisser brenne mich, Reue, als du tust! Und wurde gleich mein Herz zum Feuerpfuhl, aus welchem gluhende Bache in alle Adern ausstromten ich hatt es verdient. Entsetzlich! ein Madchen uber alles zu lieben und aus Liebe sie elend zu machen! Lasst sich etwas Schwarzeres denken? Sie in Tranen, Kummer, Jammer und Schande zu sturzen! O der verfluchten Liebe, die so barbarisch liebt! Wehe dem unseligen Rate, der uns zu diesem Spaziergange antrieb! Wehe den Fussen, die uns zu dem Verbrechen trugen! und tausendfaches Wehe der Hutte, die sich uns zum Opferaltare der Unschuld darbot! Jedes Auge wird an meiner Stirn meine Schuld lesen; jede Zunge wird mir nachrufen: das ist er, der schandlichste Unmensch, der nicht schonte, was er liebte! Keinen Blick werd ich wieder in ein menschliches Auge wagen konnen, keine Minute meines Lebens ohne Vorwurfe und Qual sein. Die Unschuld wahlte mich zum Freunde, und zum Lohne ihres Vertrauens ward sie von mir vergiftet! Aber schon verfolgt mich die Strafe: die Angst nagt wie ein Wurm in meinen Eingeweiden. O wehe uber mich Verbrecher!"
Ulrike weinte in tiefer Schwermut, und zwar am meisten uber die furchterlichen Folgen, die sich ihrer Einbildung in der schreckendsten Gestalt vormalten: sie jammerte wie eine Verlassne, die um ihre liebste Gespielin trauert, verzieh dem Unglucklichen, der sie totete, und klagte nur sich und die Schwache ihres Herzens an.
Herrmann hatte sich kaum von seinem Schmerze ein wenig ermannt, so schrieb er folgenden Brief an Ulriken.
'Wenn deine Augen, Ulrike, die Schrift eines Frevlers anzuschauen wurdigen, der die schandlichste Untat an dir beging, so lies hier meine Reue und die Strafe, die sie mir auferlegt! Ich irre wie ein Mensch, der einen Mord begangen hat und jeden Augenblick furchtet, entdeckt zu werden, voll Verzweiflung im Zimmer herum und kann mit Muhe meine Gedanken zu diesem Briefe sammeln.
Ich bin mir selbst ein Abscheu: meine eignen Gedanken sind mir verhasst; und wenn ich jemals meine Ruhe wiederfinde, kann es nur in einem Falle sein nur dann, wenn ich imstande bin, dir durch eine gesetzmassige Verbindung die Ehre wiederzugeben, die ich dir nahm. Bis dahin soll dich mein Auge nicht sehn, oder ich will verflucht sein: ich will mich aus deiner Gegenwart verbannen, Berlin morgen verlassen und dich nicht eher wieder an mich erinnern, als bis ich jene Bedingung erfullen kann. Begunstigt das Gluck meine Absicht nicht, soll deine Schande ausbrechen und laut wider ihren Urheber zeugen, dann sehn wir uns in diesem Leben nie wieder. Wohin ich gehen werde, weiss Gott; aber weit genug, um nie wieder ein Land zu betreten, wo ich mich mit der schwarzesten Schande brandmalte, dafur steh ich.
Lebe wohl, Ulrike, so glucklich, als die entweihte Unschuld leben kann! Ich kann dir keinen Trost geben; denn ich habe selbst keinen. Meine Leiden sind unzahlbar wie deine Tranen. Vergiesse keine um mich! ich bin ihrer nicht wert, und wenn Ungluck uber Ungluck auf mich herabsturzte.
O Liebe! wie bitter ist dein Kelch, wenn du ihn bis auf den Boden zu leeren gibst!'
Ohne sich zu unterschreiben, machte er das Blatt zusammen: da er wusste, dass man seine und Ulrikens Briefe wahrend ihrer Uneinigkeit unterschlagen hatte, so traute er niemandem als der kleinen Karoline, welcher er an der Tur aufpasste; und als sie aus Vignalis Zimmer kam, rief er sie zu sich und bat sie heimlich, ihn sogleich zu bestellen. Das Fraulein lief aus allen Kraften die Treppe hinauf und uberlieferte ihn richtig: sie hatte von Vignali den Auftrag gehabt, sich bei Ulriken zu erkundigen, ob sie zu Tische kommen werde, und langte mit einem "Nein" die Minute drauf wieder bei ihr an. "Was macht sie?" fragte Vignali; und das gute Kind erzahlte mit treuherziger Aufrichtigkeit, dass sie einen durch sie bestellten Brief lese. Statt des Botenlohns bekam sie einen Stoss, und Vignali eilte in einem Fluge zu Ulriken. Sie traf die arme Bekummerte in Tranen bei Herrmanns Briefe an, den sie sogleich bei Erblickung einer so unwillkommnen Zeugin zusammendruckte und in den Busen steckte.
"Was lesen Sie da?" fing Vignali gluhend an. Ulrike wollte ihr Weinen zuruckhalten und schluchzte immer starker, konnte weder reden noch die Augen aufschlagen.
"Zeigen Sie mir!" sprach die gebietrische Frau; und da Ulrike nicht gleich Anstalt dazu machte, fuhr sie ihr plotzlich mit der Hand in den Busen hinein und zog trotz alles Straubens den Brief heraus. Ulrike warf sich mit dem Kopfe auf das Fensterbrett und verbarg ihr betrantes Gesicht in ihren Handen. Zum Ungluck war der Brief deutsch, und Vignali rief also stehendes Fusses den Bedienten, der ihn, so gut er konnte, franzosisch verdolmetschte: so unvollkommen auch die Ubersetzung war, so gab sie doch genug von dem Sinne wieder, um die Hauptsache zu verstehn. Vignali erhub das bitterste Gelachter, als sie so viel herausgebracht hatte, und der Dolmetscher stimmte mit ein. "Ich kondoliere", begann Vignali mit dem schadenfrohesten Spotte. "Ist die gute Tugend auch gestorben? Ei, Ei! Es war doch eine gar schone Tugend. Heute Nacht ist wohl das Leichenbegangnis gewesen? Und sie war doch so frisch und gesund! bluhte wie eine Rose! Wie hinfallig doch eine Tugend ist Weinen Sie, mein liebes Kind! weinen Sie um die Herzensfreundin! Einmal begraben, auf immer begraben! Aber sagen Sie mir doch, wie hat denn die arme Tugend so plotzlich den Hals gebrochen? Erzahlen Sie mir doch!"
Ulrike fiel ihr um den Hals und flehte mit Tranen, ihre Leiden nicht durch einen so grausamen Spott zu verdoppeln.
"Was ist es denn nun weiter?" unterbrach sie Vignali lachelnd. "Wer wird sich denn bei einem so kleinen Unfalle so narrisch anstellen? Haben Sie nicht vor lauter Tugend und Unschuld die Liebe lange genug hungern lassen? Mein Kind, an der Tugend zu sterben, muss ein sehr bittrer Tod sein."
Ulrike. Wenn man nicht besser denkt als Vignali.
Vignali. Wie denkst denn du, mein tugendhaftes Puppchen? Du schreitest auf der Tugend wie auf Stelzen daher, siehst mit verachtlichem Stolze auf alle herab, die nur auf naturlichen Absatzen und nicht auf Stelzen gehn, und wenn die Nacht kommt und kein Mensch mehr zusieht hurtig werden die Stelzen weggeworfen; und die tugendbelobte Dame schlaft ganz naturlich bei dem Liebhaber
Ulrike. Ich bitte Sie, Vignali, verlassen Sie mich! Mein Kummer qualt mich genug: warum wollen Sie noch mein zweiter Henker sein?
Vignali. Weil ich mich ganz unendlich uber Ihre Demutigung freue: ich frohlocke, dass Sie Ihren Stolz selbst gestraft haben. Elendes Geschopf, verachte eine Vignali! erhebe dich mit deiner Tugend uber sie! Ist sie noch die Hure, wie du sie einmal nanntest?
Ulrike. Das ist sie! und ich verachte die schnode Spotterin, die so triumphieren kann.
Vignali. Verachtung ist mir nicht genug: furchten sollst du mich. Hier lies! und dann rate dir!
Sie gab ihr den Brief des Grafen Ohlau, den sie jungst dem Herrn von Troppau abschwatzte. Ulrike las mit Zittern den heftigen Brief, worinne ihr Onkel instandigst bat, sie einsperren zu lassen, bis sie zu ihrer Bestrafung abgeholt werden konnte. Sie sank todblass auf den Stuhl hin und bebte mit fieberhaften Verzuckungen.
Vignali. Erkennst du nun, dass du in der Gewalt der Frau bist, die du verachtest? Vignali darf nur ein Wort sprechen, so ist deine Tur mit Wache besetzt nur ein Wort sprechen, so wirst du in eine Kutsche geladen und zu deinem Onkel gebracht, der dich einsperren und bei Wasser und Brot deine Sunden bereuen lassen will: aber ich will's nicht sprechen: ich will mich deiner erbarmen und den Untergang abwenden, den ich bisher durch meine Fursprache bei dem Herrn von Troppau verschoben habe. Vignali wird dir deine Verachtung mit Grossmut vergelten und dir forthelfen: verlass heute oder morgen heimlich deinen Platz und dies Haus! Du sollst entwischen, ohne dass ich's sehe. Verachte nun die stolze Vignali und fliehe!
Sie sprach dies mit einem unaussprechlichen Stolze, warf den verachtendsten Blick auf sie und begab sich hinweg. Das arme Madchen konnte weder stehen noch sitzen: ihr Herz fasste ihre Leiden kaum.
Vignali drangte sich unmittelbar darauf in Herrmanns verschlossnes Zimmer mit dem Hauptschlussel ein und trat mit schreckender, strafender Miene vor ihm hin. "Unglucklicher!" rief sie, "was hast du getan? die Unschuld betrogen! die Ehre eines schwachen Madchens geraubt! O du verruchter Heuchler! warst du darum gegen meine Proben so standhaft, um das argste Bubenstuck zu begehn? verschmahtest du darum meine Anerbietungen, um auf die Tugend einer unschuldigen Taube zu lauschen?"
Hermann. Vignali, Sie sind ein Teufel: erst reizen Sie zum Verbrechen, und dann qualen Sie den Verbrecher mit Vorwurfen.
Vignali. Ich mochte, dass ich einer ware: es sollte mir eine Wonne sein, dich fur deine Untat zu peinigen.
Herrmann. Sie tun es: aber fahren Sie fort! Eine Holle voll Vignalis ware noch nicht Strafe genug fur mich. Warum lachen Sie nicht uber mich? Ihr Herz grinst doch vor Freuden, dass ich zum Verbrecher wurde: woher wussten Sie es so schnell, wenn Ihnen nicht daran lage? Ich bin's und triumphiere bei allen meinen Leiden, dass ich's nicht an Ihnen wurde: aber wisse, wollustiges Weib! auf dein Haupt muss die Strafe meines Verbrechens doppelt fallen: du hast mich die Wollust gelehrt, du meine Begierden angeflammt, du Leidenschaften in mir aufgeregt und die Vernunft eingeschlafert, die vorher uber sie wachte. Dein Werk ist es, Ungeheuer: geniesse deines Werks und freue dich, dass ich nicht besser bin als du!
Vignali. Elender! ist das die Sprache der Dankbarkeit, in welcher du mit mir sprechen musst?
Herrmann. Die Sprache des Hasses, des gluhendsten Hasses, den du verdienst! Was prahlst du mit Wohltaten, die doch nur der Koder an der Angel sein sollten? Hast du nicht, mitten unter allen falschen verdammten Liebkosungen, in Vertraulichkeit an meinem Kummer gearbeitet? denn wer anders als du kann meine und Ulrikens Briefe unterschlagen haben? Kein Mensch auf der Erde ist einer solchen Falschheit und Bosheit fahig wie Vignali: Und nun soll der Fisch es dem Fischer als eine Wohltat verdanken, dass er ihm einen Regenwurm an der Angel reichte?
Vignali. Herrmann, Sie werden mich zwingen, meinen ganzen Zorn uber Sie auszuschutten
Herrmann. Schutte ihn aus, Weib! Giesse deine ganze Galle uber mich her, die du so lange zuruckhieltest den ganzen Groll, dass ich deine buhlerischen Foderungen ausschlug! Entlade dich deines Gifts, Viper!
Vignali. Weisst du, dass du in meiner Gewalt bist? dass ich nur einen Wink zu tun brauche, um dich auf Befehl des Grafen Ohlau gefangennehmen zu lassen?
Herrmann. Tun Sie den Wink! mir liegt furwahr wenig daran, ob ich mich im Gefangnis oder in Freiheit quale! Ich bin ein Elender, aber kein Schwachkopf, der ein Marchen furchtet.
Vignali. Da! lies das Marchen!
Sie gab ihm den Brief des Grafen: er las ihn, erschrak und schleuderte ihn in den Winkel hin. "Tun Sie, was Sie wollen!" setzte er trotzig hinzu.
"Verblendeter, jachzorniger Mensch!" sprach Vignali mit gezwungner Gute. "Glaubst du, dass ich eine solche Grausamkeit an dir begehen konnte? An dir, der meine ganze Liebe besass?"
Herrmann. Schweigen Sie von Liebe! In Ihrem Munde ist sie mir verhasst.
Vignali. Schmahe mich und meine Liebe! und bei aller Undankbarkeit sollst du sie doch empfinden, erkennen und dich schamen. Du kannst ungehindert mein Haus verlassen: durch meine Hulfe sollst du der Nachstellung des Grafen entfliehen.
Herrmann. Ihre Hulfe kommt zu spat: meine Abreise war heute fruh beschlossen.
Vignali. Und ich will den Entschluss nicht hindern.
Herrmann. Hindern Sie ihn, damit ich keine Verbindlichkeit gegen Sie mit mir hinwegnehme. O dass ich jemals eine von Ihnen empfing! Sie haben den Frieden aus meiner Seele gescheucht und sie mit ewigem Kriege erfullt. Vignali! Vignali! die Rechnung Ihrer Sunden ist wahrend meines Aufenthalts bei Ihnen stark angewachsen: wenn einst so viel Strafen auf Sie warten
Vignali. Wir wollen nicht in den erbaulichen Ton fallen. Ich liebte in Ihnen einen Unwurdigen, der fur meinen Zorn zu klein ist.
Herrmann. Und ich liebte in Ihnen eine Falsche, eine Verfuhrerin
Vignali. Stille! Wir wollen uns nicht schimpfen, sondern auf eine anstandige Art brechen. Reisen Sie glucklich und vergessen Sie Vignali nicht!
Herrmann. Ja, um ihr zu fluchen.
Vignali. Und ich will mich Ihrer erinnern, um Ihnen zu verzeihen.
Hermann. Das tu ich Ihnen itzt.
Vignali ging voller Unmut hinweg, dass er ihre verstellte Grossmut uberbot. Um nicht den Anschein zu haben, als ob sie im Zanke mit ihm gebrochen habe, und vielleicht auch aus einem Rest von Liebe schickte sie ihm des Nachmittags zehn Louisdor Reisegeld, meldete ihm in einem sehr hoflichem Billett, dass sie auf morgen fruh Post fur ihn habe bestellen lassen, und wunschte, dass er im stillen, ohne Abschied zu nehmen, abreisen mochte. Herrmann wurde bei allem Unwillen wider sie, der ohne ihre vormittagigen Vorwurfe nicht ausgebrochen ware, durch so viele Gute empfindlich geruhrt und sahe mit Beschamung, dass sie grossmutiger handelte, als er nach seiner itzigen Vorstellung verdiente: er verachtete sich selbst als einen Unwurdigen, der sich von Zorn und Unmut zur Undankbarkeit hinreissen liess, dankte seiner grossmutigen Freundin, wie er itzt Vignali nannte, schriftlich fur die gegenwartige Verbindlichkeit und fur alle vergangne, empfahl ihr Ulriken auf das angelegenste und bat, sie vor den Nachstellungen ihres Onkels zu sichern, bis ihm sein Schmerz und bessere Umstande erlaubten, sich ihrer anzunehmen.
Vignali hatte vor Freuden, sich an den beiden Verliebten geracht und von einer gefahrlichen Nebenbuhlerin so schnell erlost zu sehn, wirklich die gutgemeinte Absicht, sie beide auf der ersten Station zusammenzubringen, als ob es vom Zufalle geschahe, und riet deswegen Ulriken, in der Nacht heimlich mit einem fur sie bestellten Fuhrmanne abzufahren, und gab ihr einen Brief nach Leipzig an eine Freundin, die vor einem paar Jahren ihr Madchen gewesen war, wegen einer Ungelegenheit Berlin verlassen hatte, itzt als Putzmacherin in Leipzig lebte und noch mancherlei Auftrage fur ihre ehemalige Herrschaft besorgen musste: diese Umstande erfuhr freilich Ulrike nicht, sondern wurde bloss versichert, dass es eine sehr gute Frau sei, die ihr auf Vignalis Verlangen allen moglichen Beistand angedeihen lassen werde. Die niedergeschlagne Ulrike fasste wieder einiges Zutrauen zu Vignali, da sie so lebhaft fur ihre Entfliehung aus der Gefahr sorgte, und nahm den Vorschlag mit Vergnugen an, um nur nicht in die Hande ihres Onkels zu geraten. "Bleiben Sie bei dieser Frau", setzte Vignali hinzu, "bis Sie Herrmann abholt: ich habe meiner Freundin den Auftrag gegeben, dafur zu sorgen, dass Sie mit ihm auf einem Dorfe getraut werden und von dem wenigen, was Sie beide haben, so lange dort leben, bis sich eine Gelegenheit zu Ihrem Unterkommen zeigt; denn nunmehr ist doch wahrhaftig nichts Besseres fur Sie zu tun, als dass Sie sich von einem schwarzrockichten Manne zusammenbinden lassen. Vergessen Sie die Baronesse und werden Sie beizeiten Madam Herrmann, damit nicht ein Monsieur Herrmann was weinen Sie denn nun gleich wieder? Geschehen ist geschehen. Liebes Kind! wenn jede so viel weinen wollte wie Sie, so waren wir nicht vor einer zweiten Sundflut sicher. Mut gefasst! Lafosse, an die ich Sie empfehle, wird Ihnen mit Ehren unter die Haube helfen; und dann sorgen Sie weiter fur sich! Wenn Sie ein Anliegen haben und ich kann Ihnen dienen, so wenden Sie sich dreist an mich!"
Ulrike hielt diese Sprache ganz fur Gute, da sie es doch hochstens nur zur kleinsten Halfte und die grosste eignes Interesse war: sie bat Vignali wegen ihres Misstrauens um Verzeihung und glaubte im ersten Anfalle der Dankbarkeit, dass die Frau wirklich besser sei, als sie ihr geschienen habe. Der Abschied war auf beiden Seiten ruhrend und zartlich, und des Nachts ging die Reise fort. Das verliebte Madchen war durch die Aussicht auf eine nahe Verbindung wieder so leidlich aufgeheitert worden, dass sie nur mit halber Betrubnis an ihren Fall zuruckdachte.
Auch Herrmann, der von allem diesen nichts erfuhr, empfing einen Brief an Madam Lafosse, doch ohne von seiner nahen Trauung unterrichtet zu werden, sondern Vignali setzte bloss in ihrem Billett die Worte hinzu: 'Lassen Sie sich nicht durch falsche Scham, wie Sie bereits geaussert haben, abhalten, Ihre Pflicht gegen Ulriken zu tun! Wenn Sie dies nach dem, was gestern zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, nicht verstehn, so wird Ihnen Madam Lafosse auf meinen Befehl sagen, was Sie zu tun haben. Ein Mensch von so vielen Grundsatzen wie Sie wird doch wohl nicht zaudern, einem unschuldigen Madchen wiederzugeben, was er ihr genommen hat?'
Er reiste in aller Fruhe ab und glaubte Ulriken noch im Hause, und sein Herz wurde deswegen so viel schwerer, als das ihrige durch Vignalis trostende Vorspiegelungen leichter geworden war: er verliess, nach seiner Meinung, sein Liebstes im Hause des Vergnugens und der Gefahr. Erst unterwegs, da sich das Gewuhl seiner schmerzhaften Empfindungen ein wenig zerstreute, uberlegte er sich Vignalis Ermahnungen, seiner Pflicht gegen Ulriken nicht zu vergessen und sich von Madam Lafosse belehren zu lassen, wie er sie erfullen sollte: er schloss daraus, dass er sie dort finden oder von dieser Frau erfahren werde, wo sie ihn erwarte: Vignalis letzte Gute brachte ihn in seinen guten Mutmassungen so weit, dass er gar Veranstaltungen zu seiner Verbindung mit Ulriken argwohnte; und er freute sich schon halb uber die Nahe seines Glucks, allein der traurige Gedanke, 'wovon soll ich mit ihr leben?' totete seine Freude wie ein giftiger Mehltau. Ohne zu wissen, was er wunschen, hoffen und tun sollte, langte er in Zehlendorf an.
Ulrike hatte auf Vignalis Veranstaltung den namlichen Weg genommen, war wirklich schon im Wirtshause, als Herrmann abstieg, und rettete sich bei seiner unvermuteten Erblickung durch die Flucht, liess sich ein Stubchen allein geben und verschloss sich. Die guten Kinder hatten beide Vignalis Vertrostung, dass Madam Lafosse ihre Verheiratung besorgen sollte, angehort, ohne in der Verwirrung zu bedenken, dass sie also einen Weg nehmen mussten: Ulrike hatte sich durch alle Reichtumer der Welt nicht bewegen lassen, sich ihm zu zeigen, und trostete sich dafur mit der gewissen Hoffnung, ihn in Leipzig wiederzufinden, um durch Madam Lafosse mit ihm vereinigt zu werden: die susse Erwartung zerstreute fast ihren ganzen Kummer.
Herrmann, ohne zu vermuten, dass ihn nur eine Leimendecke von Ulriken schied, uberliess sich finstern Gedanken und zweifelhaften Hoffnungen, fruhstuckte wenig und sass mit der traurigsten Melancholie im Winkel. Ihm gegenuber Befand sich an einem kleinen Tischchen voller Viktualien ein kleiner, dicker, runder Pommer, der sich mit stiller Selbstgelassenheit von dem reichlich aufgetragenen Vorrate nahrte: mit ernster Bedachtsamkeit steckte er jede Minute einen Bissen in den Mund, seufzte vor Sattigung und fuhr immer in gleichem Takte zu essen fort. Herrmann hatte ihn bei dem Hereintritte in der Zerstreuung gar nicht wahrgenommen und bemerkte ihn auch nicht, da er ihm gegenubersass, weil sich an der dickgestopften Figur kein Glied regte als der Arm, wenn er den Lippen einen neuen Bissen uberlieferte. Herrmann dachte uber die Unmoglichkeit, Ulrikens Ehre zu retten, bei sich nach, glaubte, allein zu sein, und fuhr in der Dusternheit seiner Traumerei auf: "O Gott! Stehe mir bei! Was soll ich anfangen?" Indem er es sagte, ging er in dem Stubchen auf und nieder, stund still, vor sich hinsehend auf einmal zupfte ihn jemand etlichemal am Armel; er blickte um sich, und siehe! Da stund der kleine, dicke, runde Pommer mit dem originalsten Gesichte voll treuherziger Einfalt, ein kleines ledernes Beutelchen in der Hand, das er mit ganzer Seele darbot. Der gutherzige Junge kannte aus eigner Erfahrung keine andre Not als Geldmangel und bildete sich also ein, als Herrmann mit gerungnen Handen seine Ausrufung tat, dass es ihm an Barschaft fehle, besonders da er sich ein so elendes Fruhstuck geben liess. "Ich habe noch acht Groschen", sagte er, indem er das Beutelchen darreichte, "da! Ich will mit Ihm teilen." Herrmann musste erst einige Fragen tun, un hinter die Veranlassung einer so originalen Dienstfertigkeit zu kommen, und ward so entzuckt von ihr, dass er den Jungen in die Arme druckte und die angebotnen vier Groschen aus dem Beutelchen nahm: der Bube verliess Umarmung und Beutelchen und kehrte, um nichts zu versaumen, zum Essen zuruck. In der Zwischenzeit steckte ihm Herrmann statt der vier Groschen zwei preussische halbe Taler hinein und gab es mit feurigem Danke zuruck "Es will nicht viel sagen", sprach der Bube in seiner platten Sprache, "steck Er mir nur das Sackel in die Fikke!" Herrmann tat es, und sein Wohltater schmauste ungehindert fort.
"Wo willst du hin?" fragte Herrmann.
Der Pommer. In die Fremde.
Herrmann. Mit vier Groschen?
Der Pommer. Die Leute werden mir ja geben, wenn's alle ist.
Herrmann. Du guter Junge! aus welcher Welt kommst du?
Der Pommer. Aus Pommern.
Herrmann. O so gehe den Augenblick wieder nach Hause, wenn die Menschen dort so gut sind, wie du sie in der Fremde erwartest! Warum bliebst du nicht zu Hause?
Der Pommer. Vater ist zu bose; er schlagt mich.
Herrmann. Was willst du aber in der Fremde anfangen?
Der Pommer. Was der liebe Gott beschert.
Herrmann. O du weiser Pommer! komm mit mir! du sollst mich lehren, wie man mit vier Groschen ohne Sorgen durch die Welt kommt.
"Das kann ich wohl!" antwortete der Bube und nahm die Partie an. Er ruhte nicht, bis das ganze aufgetragne Fruhstuck verzehrt war, und dehnte sich achzend, nachdem er das Messer eingesteckt hatte, als wenn er sich von einer schweren Arbeit erholen wollte. Die Bezahlung des Fruhstucks nahm gerade sein ubriges Vermogen hin: da er bei dieser Gelegenheit die zwei halben Talerstucke gewahr wurde, legte er sie auf Herrmanns Tisch. "Mein Sackel ist ledig", sagte er ausserst zufrieden und wickelte das Beutelchen zusammen: Herrmann notigte ihn, das Geld zuruckzunehmen, allein er verlangte, dass er es tragen mochte, da sie doch miteinandergingen. Der Bursch in einem kurzen, blauen Jackchen und einer Pelzmutze, ob es gleich mitten im Sommer war, barfuss, Schuh und Strumpfe unter dem Arme, setzte sich ohne Bedenken auf den Wagen und fuhr davon, ohne zu wissen wohin.
In Beeliz hielt es Herrmann fur okonomischer, die ordentliche Post zu erwarten, und verkundigte seinem Pommer, dass er ihm keinen Platz werde verschaffen konnen. "So geh ich zu Fusse nebenher", sprach der Junge, mit allem zufrieden, wenn er sich nur nicht von ihm trennen durfte. Ulrike kam erst in der Dunkelheit an, schlich hurtig und ungesehen in ein Stubchen und verschloss sich. Ihr Fuhrmann war nur bis dahin gedungen: zur Extrapost schien ihr kleiner Geldvorrat nicht hinlanglich: sie entschloss sich also auch zur ordentlichen; allein da man ihr berichtete, dass unten auch ein Herr auf die Post wartete, und da sie aus der Beschreibung Herrmannen erkannte, den sie schon wieder abgereist glaubte, verschob sie ihre Entschliessung und blieb nach langem Wanken bis zum folgenden Posttage hier: nach seinem letzten Billett besorgte sie, ihn zu beleidigen, wenn sie ihn plotzlich auf dem Postwagen mit ihrer Gegenwart uberraschte. 'Finden wir doch einander gewiss bei Madam Lafosse', dachte sie freudig und liess ihn reisen. Herrmann merkte abermals nicht, dass er eine Nacht und einen Tag in einem Wirtshause mit ihr zubrachte: er setzte seinen Weg fort, sein getreuer Pommer zu Fuss nebenher: der Bube war durch eiserne Banden an ihn geknupft und hatte auf dem nachsten Dorfe vor Leipzig beinahe die Freundschaft mit seinem Blute besiegelt.
Ein Schwarm berauschter Musensohne focht hier einen alten Groll aus, einen vieljahrigen Zwist mit den Gesellen verschiedener Zunfte, der schon bei mancher Dorflustigkeit die schmutzigen Dielen mit Blute gefarbt hatte, wenn es auch nur blutende Nasen waren: an diesem Tage war ein entscheidendes Treffen geliefert worden. Die schlauen Zunftler, die es vermuteten, versammelten sich sehr fruh und zahlreich und nahmen mit ihren Nymphen den Tanzplatz ein: nicht lange darauf langten die Vortruppen der akademischen Armee an und suchten durch feine Nekkereien den ruhenden Zwist in Bewegung zu setzen: ihre gelehrten Halse ertonten von platten Schimpfwortern, ihre Ellenbogen besturmten die Flanken der friedfertigen Handwerker: noch immer wollte der Streit nicht Feuer fangen. Endlich versuchten die Angreifer das letzte gewaltsame Mittel: sie begingen einen Sabinerraub, entfuhrten den Zunftlern ihre Schonen, eroberten den Tanzplatz und tummelten sich mit ihnen in frohlichen, triumphierenden Schwenkungen herum. Gelassen ertrug lange das feindliche Chor Unrecht und Hohn und regte sich nur durch leises Murmeln dagegen; doch itzt konnten sie langer nicht: pathetisch trat ein Schneidergesell, ein grosser Redner, der bei den hohen Festtagen seiner Zunft schon manchen Lorbeer durch seine Beredsamkeit errungen hatte, ein zweiter Demosthen, mit edlem Anstande hervor, erzahlte Punkt fur Punkt mit fruchtbarer Kurze die Beschwerden seines Ordens und bat doch ohne seiner eignen Ehre etwas zu vergeben um Einstellung der Feindseligkeiten: wider alles Volkerrecht verachteten die Sohne der Musen seine gesandtschaftliche Wurde, hohnten den Redner und prellten ihn mit einem unvermuteten Kniestosse, dass er stotternd in die Arme seiner Kameraden zurucktaumelte. Uber eine so offenbare Beleidigung der geheiligten Gesandtschaftsrechte schwoll allen die Galle empor, schwarze Wut sprach aus den braunen Gesichtern, Rachsucht blitzte aus den wassrigen Augen, und die Hande ergriffen die Waffen: sie verschwuren sich, einen solchen Schimpf mit akademischem Blute auszuloschen. Mutig brachen sie auf die schwacheren Feinde los, doch kaum fiel der erste Schlag auf sie herab, so sturzte sich die ganze Hauptarmee der Musensohne mit blinkenden Degen und knotichten Prugeln herein, sie schwangen unter kriegerischem Jauchzen die Waffen hoch in die Luft und liessen einen Platzregen von Wunden auf die Kopfe der umzingelten Feinde herabfallen, die bald der eindringenden Macht weichen mussten: hier lag einer und glaubte sich tot; dort untersuchte ein andrer seinen Kopf, ob er noch festsitze; ein dritter kroch krachzend und hustend unter den schwerausgeholten Hieben hindurch; wimmernde Madchen weinten um ihre zerprugelten Liebhaber; andere wuschen den ihrigen den Heldenschweiss und die blutigen Wunden; einige heroische Nymphen wagten sich sogar in den Streit, um ihre Seladons anzufrischen oder aus dem Gedrange herauszureissen, und wurden so tief in das Getummel verwickelt, dass ihre goldnen Haubchen uber die Haufen der Geschlagnen dahinrollten und ihre glattgeschnurten Leiber uber ihre Freunde herpurzelten. Der Sieg war so unzweifelhaft, dass die Zunftler um Frieden baten und voll Beulen und Wunden das Feld raumten. Die Sieger trugen Tisch und Stuhle in die freie Luft und besangen hier bei dem vollen Glase mit lauten Jubelliedern die grossen Heldentaten des Tages. Dem Landesvater zu Ehren stachen die patriotische Locher in die Hute und vertranken die lang erwarteten Wechsel zur Erhaltung der akademischen Freiheit.
In diesem Zeitpunkt des Triumphs und des Jubels langte Herrmanns getreuer Pommer neben dem Postwagen an: man hielt, weil der Postknecht Geschafte im Wirtshause hatte. Einige unter den Triumphierenden, von Sieg und Biere trunken, nahten sich den Pferden, um die armen, muden Tiere die Ausgelassenheit ihrer Freude empfinden zu lassen. Der kleine Pommer, dem dieser Wagen mit allem Zubehor so nahe wie sein Leben anging, weil Herrmann auf ihm fuhr, hatte das Herz, ihn wider die Anfalle der Betrunknen zu verteidigen: sie verstunden seine gutgemeinte Herzhaftigkeit so ubel, dass sie mit geballten Fausten auf ihn hereinsturzten und das arme Geschopf zu zermalmen drohten. Mit Muhe konnte ihn Herrmann nebst der ubrigen Gesellschaft von ihrer Wut retten: er floh ins weite Feld hinaus, und die Trunknen wurden von einigen weniger Trunknen zum Glase zuruckgeholt. Kaum war der Wagen wieder in Bewegung, so kam er von der Flucht zuruck, hielt als Herrmanns Begleiter seinen Einzug in Leipzig und liess wie ein Pudel Tag und Nacht nicht von ihm ab, ass fleissig, wo er nur etwas erwischen konnte, und gehorchte auf den Wink.
Neunter Teil
Erstes Kapitel
Dass Herrmann, voll guter Ahndungen, nicht lange zogerte, Vignalis Brief abzugeben, lehrt die Sache selbst: aber wie scheiterten die guten Ahndungen so plotzlich! Madam Lafosse hatte noch vor ein paar Wochen in dem Hause gewohnt, welches die Aufschrift des Briefes anzeigte, und war gegenwartig gar nicht mehr in Leipzig. Warum? "Weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsetzte, der sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte", berichtete der Hausknecht und setzte hinzu, dass sie ihre Stube aufgegeben habe und vermutlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde.
Also war dem armen Herrmann auch das bisschen Trost geraubt? Nicht eine Stutze, nicht ein Schatten, nicht eine Illusion blieb ihm ubrig: sein trauriges Schicksal lag so schwer auf ihm, dass er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte noch fuhlte. Er offnete Vignalis Brief, verstund ihn in der Niedergeschlagenheit kaum und las ihn wohl zwanzigmal, ehe er den Inhalt glaubte, als er darinne den Auftrag an Madam Lafosse fand, den Uberbringer desselben anzuhalten und ihm allen moglichen Vorschub zu tun, dass er sich auf einem Dorfe in der Stille mit dem Frauenzimmer trauen liesse, das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde; als er darinne fand, dass Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht instandig bat, die Sache mit ihrer gewohnlichen Klugheit zu betreiben und sosehr als moglich zu beschleunigen: zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen, den Ulrike mit sich bringen werde, um den ganzen Plan zur Ausfuhrung zu erfahren.
Wie unglucklich war er nun vollends! Der Brief lehrte ihn, dass ihm der Zufall sein Gluck unter den Handen wegnahm: gleichwohl war er auf der andern Seite nunmehr insofern besser daran, dass er sich mit einem Schimmer von Hoffnung tauschen konnte. Ulrike musste also, nach Vignalis Briefe zu urteilen, nicht mehr in Berlin sein schon eine Beruhigung! Sie musste entweder schon in Leipzig sich befinden oder doch bald eintreffen: wie leicht war es, sie aufzusuchen, Vignalis vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beihulfe der Madam Lafosse auszufuhren? Aber er hatte sich vorgenommen, nicht eher wieder vor ihr zu erscheinen, als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten konnte! Er schwankte lange, ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte, erkannte ihn fur Ubereilung in den ersten Augenblicken der Reue, glaubte, dass es fur ihn und Ulriken zutraglicher sei, sie zu heiraten, um sie nicht den Nachstellungen und der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern: aber wo und wovon sollten sie zusammen leben? 'Von der Arbeit!' sagte er sich. 'Sie mag nahen, stricken, waschen: ich will in einer Handlung oder bei einem Advokaten Arbeit suchen.' Wie gesagt, so beschlossen; wie beschlossen, so getan: er bestellte in der gewesenen Wohnung der Madam Lafosse, dass man ein junges Frauenzimmer, wenn sie nach dieser Frau fragte, in seinen Gasthof weisen sollte.
Er fur seinen Teil liess es unterdessen nicht an
Muhe fehlen, sie zu treffen: vom fruhen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Strassen, auf dem Wege, wo die Berliner Post herkommen musste, unermudlich herum, stellte auch eine Anweisung im Posthause aus: da war keine Ulrike! da kam keine Ulrike!
Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und
Stunden den Spaziergang ums Tor, sahe geputzte Damen und Herren, die in einem kleinen Bezirke drangend durcheinander herumkrabbelten, alle etwas suchten und zum Teil zu finden schienen. Gahnende Damengesichter, von der Langeweile auf beiden Seiten begleitet, suchten den Zeitvertreib, und rechnende Mathematiker suchten zu der Grosse ihres Kopfputzes und ihrer Fusse die mittlere Proportionalzahl oder suchten in den Garnierungen ihrer Kleider Parallelopipeda, Trapezia, Wurfel und Kegel, schone Madchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize und funfzigjahrige Magistri Bewunderer ihres Schmutzes; Doktores juris a quatre epingles suchten die Jurisprudenz und veraltete Koketten die Jugend; junge Anfangerinnen suchten die ersten Liebhaber und junge Dozenten die ersten Zuhorer, Scheinheilige suchten Sunden und Argernisse, um sie auszubreiten; Moralisten suchten Laster und Torheiten, um dawider zu eifern, und Kennerinnen des Putzes suchten Sunden des Anzugs, um daruber zu spotten: ein jedes suchte die Gesichter der andern, ein jedes in den Gesichtern der andern Zeitvertreib, und ein grosser Teil des Gelanders war mit lebendigen Personen verziert, die mit stieren Augen die ubrigen alle suchten, um sich auf ihre Unkosten zu belustigen. Aus dieser suchenden Gesellschaft drangte sich Herrmann in den grossern, verachteten Teil der Promenade: hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem Haupte und wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande, ein denkender Kaufmann suchte Geld fur verfallene Wechsel, ein Almanachsdichter Gedanken fur seine Reime und ein bleicher Hypochondrist das Vergnugen in der Luft; und alle suchten vergebens wie Herrmann.
Welch nagender Kummer, nicht zu wissen, wo sie ist, die man liebt! Tausend Gefahren und Widerwartigkeiten sich als moglich zu denken, unter welchen sie vielleicht schmachtet, und dabei sich den Vorwurf machen zu mussen: Du warst es, der sie durch eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kummernissen hinaustrieb! Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in einem Tage und bereute, dass er eine Liebe nahrte, die der Himmel selbst nicht billigen musste, weil er sie so vielfaltig hinderte.
Seine Leiden machten ihn stumm und ausserst traurig: er sprach an dem offentlichen Tische, wo er speiste, beinahe kein Wort, ass wenig und wusste selten, was er genoss: sein gewohnlicher Nachbar hielt es ebenso; und deswegen vertrugen sich diese beiden Leute so vortrefflich miteinander, dass sich allmahlich eine Sympathie zwischen ihnen entspann. Die leidende, verzerrte Miene des Mannes, sein hagres, fast verdorrtes Gesicht, sein in sich gezognes, menschenhassendes Betragen, seine Zerstreuung zog sehr bald Herrmanns Aufmerksamkeit auf sich: er liebte ihn, weil er auch zu leiden schien. Wenn einer den Tisch verliess, verliess ihn auch der andre: als wenn sie ein geheimer Zug lenkte, gingen sie nebeneinander spazieren, ohne es meistenteils selbst zu wissen, redeten nicht vielmehr als bei Tische, hochstens alle funf Minuten ein paar Worte: der eine richtete seinen Gang, vielleicht ohne daran zu denken, in einen Garten; ungefragt und ohne Widerspruch folgte der andre ihm nach: sie setzten sich in eine Laube, eine schattichte Allee; der eine stund vielleicht auf und ging nach Hause, der andre vermisste ihn nicht, als bis er selbst gehen wollte. Gerieten sie in einen Kaffeegarten, so foderten sie Kaffee, vergassen ihn zu trinken und schmalten, wenn sie endlich einmal einschenkten, dass man ihnen so kalten Kaffee vorsetzte. Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft empor, dass sie sich mit vieler Treuherzigkeit Besuche versprachen, zuweilen gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten, als dass sie nebeneinander traumten. Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten, machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung, dass er ihm heute nicht so aufgeraumt wie sonst vorkomme, obgleich Herrmann vorher wahrend ihrer ganzen Bekanntschaft so traurig gewesen war wie itzt. "Ist Ihnen etwas Widriges begegnet?" setzte der Hypochondrist hinzu. "Ach Freund!" antwortete Herrmann, "ich bedarf keines neuen Unglucks zur Traurigkeit: ich muss der Freude sehr jung entsagen."
Der Hypochondrist. Ich bin auch heute nicht halb so lustig wie sonst. Die starke Hitze schlagt allen meinen Mut nieder.
Herrmann. O es ist kuhl, rauh, wie im Herbst: man friert.
Der Hypochondrist. Meinen Sie? Ja, Sie haben wirklich recht: es ist sehr kalt: ich werde meinen Pelz umnehmen.
Er nahm ihn um: uber eine Weile schuttelte er sich, als wenn er vor Frost schauderte. "Es ist gewaltig kalt", sprach er, "dass ich einheizen lassen muss." Er gab Befehl dazu; und der Mann, der vorher sich einbildete, vor Hitze zu ersticken, bildete sich itzo ein, vor Frost zu vergehen, und stellte sich im Pelze an den gluhenden Ofen.
Auf einmal fing er an: "Es ist Ihnen ganz entsetzlich warm."
Herrmann. Ich sitze hier am offnen Fenster: ich kann nicht daruber klagen.
Der Hypochondrist. Ihnen ware nicht warm? Sie keuchen ja vor Hitze.
Herrmann. Wenn meinem Herze so wohl ware wie dem Korper!
Der Hypochondrist. Ich weiss nicht, wozu Sie es leugnen: der Schweiss lauft Ihnen ja am Kopfe herein.
Herrmann. Mir nicht, aber Ihnen! Sie schwitzen und gluhen wie ein Backofen.
Der Hypochondrist. Meinen Sie? Ja, es kann wohl sein. Oh, es ist mir ubernaturlich warm: der Pelz brennt wie die Holle ah, ich mochte verschmachten.
Hastig warf er den Pelz von sich, das Kleid hinterdrein und zog das leichteste, dunnste Neglige an. Er ging stillschweigend in der Stube herum. "Warum sind Sie denn so still?" fragte er.
Herrmann. Lieber Freund, meine Seele ist so voll, dass die Zunge nicht reden kann. Sprechen Sie! Zerstreuen Sie meine dustern Empfindungen!
Der Hypochondrist. Red ich denn nicht? Ich dachte, ich hatte den Mund nicht zugetan.
Herrmann. Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen, solang ich hier bin.
Der Hypochondrist. Das wundert mich; aber es ist moglich: ich fuhl es selbst, dass ich heute nicht halb so munter bin wie sonst. Kommen Sie! wir wollen den Magister wie heisst er doch? , Sie werden's schon erfahren; er ist mein sehr guter Freund und wird uns gewiss aufheitern.
Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge, dass sich Herrmann, seiner ubeln Laune ungeachtet, des Lachens kaum enthalten konnte. Ein kleines Mannchen, einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperucke auf dem Kopfe, den buntgestreifichten Schlafrock mit einem braunledernen Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschurzt, wie die Bauermadchen die Rocke aufgurten, in blossen Fussen und grossen wollnen Socken: in dieser grotesken Kleidung wandelte er gravitatisch die enge beraucherte Stube auf und nieder, ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen. Kaum hatte Herrmann den Mund geoffnet, um ihn zu grussen, als ihn der Ton seiner fremden Stimme verscheuchte husch! war er in die Kammer hinein. Nach langer Zeit kam er mit bekleideten Fussen, aber in dem vorigen Anzuge, wieder zuruck, weil ihn sein Freund durch die Kammertur aus allen Kraften versicherte, dass der Fremde seine Draperie nicht ubelnehmen werde. Er bewillkommte seinen noch nie gesehnen Gast mit vieler Angstlichkeit und druckte sich dabei mit dem Rucken so dicht an die Wand, als wenn er besorgte, Herrmann werde ihm darauf springen; und da er sich so an drei Wanden hin bekomplimentiert hatte, bat er an der vierten um Erlaubnis, seinen Hut aufzusetzen. "Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig erkaltet", gab er zur Ursache an, "dass er sich seit vier Tagen nicht erwarmen lasst." Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung, die ihm dieser Mann verschaffen sollte: er suchte deswegen das erloschne Gesprach wieder anzufachen; der Aufheiterer machte sich bei jedem Gange, den er tat, bestandig den Rukken frei und verliess deswegen niemals die Wand. Seine Scheu wurde zuletzt so gross, dass sie sein Freund bemerkte und ihn daruber befragte: er wollte lange nicht beichten, doch da ihm auch Herrmann durch Fragen zusetzte, gestund er endlich, dass seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze. Herrmann naherte sich ihm, um die Furcht durch freundliches Zureden zu vertreiben: je naher er ihm kam, je angstlicher und zitternder zog sich der andre vor ihm zuruck, bis er in einen Winkel kam, der ihn nicht weiterliess: er bat um Gottes willen, ihm ja nicht auf den Hals zu fallen. Herrmann entfernte sich zwar, aber ruhte nicht, bis er ihm die Ursache dieser sonderbaren Besorgnis entdeckte. "Sie sehen", sagte er, "naturlich wie ein griechisches Sigma () aus; und den verwunschten Buchstaben kann ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehn: es ist mir immer, als wenn er uber mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken wollte."
Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch: ein anstandig gekleideter, wohlgesitteter Mann trat herein, um, wie er berichtete, dem Herrn der Stube den Krankenbesuch zu machen: "Aber", setzte er hinzu, "ich tu es aus grosser Freundschaft; denn ich bin selbst keine Minute vor dem Tode sicher." Herrmann musste sich um so viel mehr daruber verwundern, da der Mann so frisch und gesund aussah, dass er dem Tode wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu konnen schien. Man erkundigte sich nach der Krankheit, die ihn mit einem so nahen Tode bedrohte. "Gestern", antwortete er, "hab ich mir mit dem Federmesser eine so todliche Wunde gemacht, dass ich wegen der gefahrlichen Folgen keinen Augenblick ruhig sein kann. Der Schnitt schmerzte mich entsetzlich: es wollte nicht bluten, und das ist immer eine schlimme Anzeige. Wenn nun gar eine Entzundung dazu schluge, und aus der Entzundung wurde der kalte Brand, und der kalte Brand trafe die Eingeweide: da war ich ja den Augenblick ohne alle Umstande tot." Weil Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten, seine korperlichen Leiden zu vergrossern, bekannt war, drang er in ihn, seine Wunde zu zeigen: der Mann ging ausserordentlich schwer daran und wikkelte nach vielen schmerzlichen Bewegungen und langen Zurustungen ein grosses Stuck Leinwand von dem Finger: die ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konnte ohne Mikroskop schlechterdings keine Wunde entdecken. Der Verwundete, der mit bestandigem Zittern furchtete, dass man sie zu stark beruhren werde, bezeugte eine sonderbare Verlegenheit, als man nirgends eine Wunde entdecken wollte: endlich besann er sich, dass es der Zeigefinger war, an welchem man auch einen kleinen unbedeutenden Schnitt fand: der gute Mann hatte sich den unrechten Finger verbunden und sich den unrechten Finger schmerzen lassen.
"Kleinigkeit!" rief der Herr von der Stube, "die ganze vorige Woche hab ich meine linke Hand nicht brauchen konnen: ich furchtete mich, sie nur zu beruhren."
"Und warum?" fragte jemand.
"Sie war in einer Nacht so weich geworden, dass ich alle Augenblicke glaubte, sie wurde zerfliessen: wie eine Gallerte! und so leicht, dass ich kaum fuhlte, ob ich eine Hand hatte."
"Und wie ist sie denn wieder hart geworden?"
"Von sich selbst in einer Nacht! Da ich des Morgens aufstehe, ist meine Hand wieder so fest und brauchbar wie die rechte."
"Possen!" fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. "Das ist Einbildung gewesen: aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzahlen, wobei Ihnen die Haare zu Berge stehn sollen! Am dritten heiligen Osterfeiertage vor dem Jahre was meinen Sie wohl? , da sitz ich unter den Linden es war gerade ein gar allerliebster Tag , da sitz ich unter den Linden und was meinen Sie wohl? da fallt mir etwas von dem Baume uber mir gerade in den Mund hinein, und eh' ich mich's versehe, ist es hinuntergeschluckt. Nun stellen Sie sich einmal die Angst vor, was das alles gewesen sein konnte! Vielleicht ein Stuckchen Holz voll von giltigem Tau, wie er in dieser Jahreszeit haufig fallt? Es konnte auch ein Stuckchen Glas sein, das mit die Eingeweide zerschnitt; oder wohl gar der Unrat eines Vogels, der mir Safte und Blut mit Faulnis ansteckte; oder auch ein Samenkorn, das in mir keimte und aufging, woran ich hatte elendiglich ersticken mussen: was meinen Sie wohl, dass es wahr? Ich zittre noch an allen Gliedern eine Spinne!"
"Woher wissen Sie denn das?"
"Woher?" antwortete er, durch die Frage beleidigt. "Weil ich's gefuhlt habe! Ich habe mich ja mit der verdammten Spinne uber zwei Monate geplagt: dem Arzte machte sie auch nicht wenig zu schaffen: er hat mir Arzenei uber Arzenei eingeschuttet, um sie zu toten: ich bat ihn um Gottes willen, dass er das nicht tun sollte; denn es fiel mir immer aus Pantoppidans Naturgeschichte ein, dass einmal eine junge Seekrabbe die doch nach seiner Beschreibung auch eine Art Spinnen sein mussen in einem Kanale verfault ist und beinahe eine ganze Stadt angesteckt hat: was meinen Sie wohl, dass aus mir geworden ware, wenn sie der Doktor wirklich umgebracht hatte? Elendiglich war ich gestorben."
Herrmann. Und wie wurden Sie denn das Ungeheuer los?
"Mein Arzt gab mir einen Schlaftrunk ein und kornte sie am Munde so lange mit einer Fliege, bis sie sich zu der Lockspeise heraufspann: er zeigte sie mir, als ich erwachte, nebst einem grossen Bundel von ihrem Gewebe. Nun war mir nur wegen des ubrigen Gewebes bange; aber mein Arzt hat mir glucklich davongeholfen. Er purgierte mich so stark und liess mir so lange zur Ader, bis ich weder Saft noch Kraft mehr im Korper hatte: das hat mich vom Tode errettet. Lieber Gott! wie der Mensch doch so leicht elendiglich umkommen kann!"
"Wie konnen Sie nur so ein Kindermarchen glauben?" fing Herrmanns Freund an. "Sie haben sich das narrische Zeug eingebildet, und der Doktor machte Ihnen etwas weis."
"Ich? mir das eingebildet?" rief jener und brannte vor Arger.
"Nicht anders! eingebildet!" unterbrach ihn der andre ebenso hitzig. "So ein kluger Mann wie Sie, und lasst sich solche tolle Einbildungen aufheften! Das sind alles Schwachheiten; aber ich will Ihnen einmal einen Vorfall erzahlen, der ganz anders aussieht: Sie werden sich wundern, allein ich kann Ihnen einen korperlichen Eid schworen, dass es die reine, lautere Wahrheit ist. Vor drei Jahren in dem grimmig kalten Winter Sie werden das allerseits noch wissen stund ich an dem kaltesten Tage bei dem Ofen und fror, dass mir die Zahne klapperten, obgleich der Ofen vor Hitze springen wollte. Die Fenster hatte eine dicke Eisrinde uberzogen, die etliche Tage her gar nicht aufgetaut war: ich sehe immer nach den bereiften Fenstern hin; auf einmal fang ich von unten an zu erfrieren: die Beine waren schon bis an die Knie tot, so steif, dass ich mich auf einen nahen Stuhl werfen musste. Ich fuhlte ganz deutlich, wie der Tod immer weiter nach dem Herze heraufstieg: ich wurde so starr, dass ich mich nicht ruhren konnte, das Herz stund weg war ich!"
Herrmann. Wie sind Sie denn wieder aufgetaut?
"Das weiss Gott. Meine Aufwarterin, da sie mich findet, macht gleich Larm und holt Leute, die mich zu Bette schaffen. Wer weiss, was sie nun mit mir vorgenommen haben: sie sagen alle, dass ich von selbst wieder zu mir gekommen ware; aber ein Narr, der's glaubt! Sie wollen mir nur nicht gestehen, was fur entsetzliche Mittel sie gebraucht haben. Was sagen Sie dazu?"
"Dass es Einbildungen gewesen sind!" riefen die andern beiden Hypochondristen.
"Einbildungen, wenn man alles so gewiss fuhlt, als ich hier vor Ihnen stehe? Wenn man sich mit dem Federmesser ritzt und den unrechten Finger verbindet und dann sich vorstellt, dass man in der Minute daran sterben wird, das sieht einer Einbildung eher ahnlich: oder wenn man sich vom Arzte uberreden lasst, dass er mit einer Fliege eine Spinne aus dem Leibe gelockt hat, das ist eine Einbildung; oder wenn man sich gar vorstellt, dass die Hand zu Gallerte geworden ist man mochte toll werden, sich so eine handgreifliche Unmoglichkeit einzubilden!"
"Ei, sagen Sie mir doch", rief der Mann, dem der letzte Stich galt, "ist denn Ihr Erfrieren von unten auf nicht eine viel grossere Unmoglichkeit? Sie sind von der grossen Ofenhitze, die Ihren Kopf von hinten traf, in Ohnmacht gefallen, und weil Ihnen die kalte Luft vom Fenster auf die Fusse strich, bildeten Sie sich ein, dass Sie von unten auf erfroren."
"Schwachheiten!" rief der Widerlegte erbost, "ich hab es aber gefuhlt."
"Wir auch!" antworteten die andern beide, "auch wir haben gefuhlt."
"Das ist nicht wahr: ihr habt nicht gefuhlt, sondern euch nur das Gefuhl eingebildet."
"Und Sie haben etwas gefuhlt und sich eine falsche Ursache eingebildet", erwiderte der Herr von der Stube.
"Das ist albern geredet", sprach der Erfrorne, "dass Sie es nur wissen! als wenn ich nicht causam et effectum unterscheiden konnte!"
"Das konnen Sie auch nicht!" rief jener.
"Das hab ich gekonnt, eh' an Sie gedacht wurde: ich habe dinstinguiert, da ich noch ohne Hosen herumlief."
"Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguiert hatten, so sind Sie doch ein Narr, wenn Sie sagen, dass ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet habe."
"Ein Erznarr", stimmte sein Konsorte mit ihm ein; "wenn ich mir nur eingebildet haben soll, dass ich eine Spinne im Leibe hatte."
"Meine Herren", fing Herrmann sehr bescheiden an, "wenn Sie nun alle drei recht hatten? Sie bildeten sich alle etwas ein." Armer Herrmann! nun ging der ganze Krieg auf den Zweifler los, der allen zugleich und keinem allein recht gab: zu seinem grossen Glukke stellte sich ein neuer Besuch ein. Herr Logophagus trat ausserst verwildert herein: die Streitenden riefen ihn zum Richter auf, allein er lehnte die Ehre mit der hoflichen Bitte von sich ab, dass man ihn ungeschoren lassen sollte, weil er wichtigere Sachen im Kopfe hatte. Man fragte ihn, welche, und er begann also:
"Da bin ich mit einem Ignoranten, einem Narren, der den schonen Geist macht, zusammen gewesen: der Hasenfuss tat so dicke und hielt sich so viel uber mich auf, dass ich bose wurde und mich recht tuchtig mit ihm zankte. Ach! es ist aus in der Welt: alle wahre echte Gelehrsamkeit hat ein Ende: seitdem so viele schone Geister unter uns geworden sind, rucken die Wissenschaften und Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute naher. Da lernen die Leute ein bisschen Geschmack, und nun sind sie schone Geister und verachten einen Mann, der das Seinige redlich und rechtschaffen in litteris getan hat."
Herrmann. Machen denn vielleicht die schonen Geister eine besondre Innung bei Ihnen aus? Sie sprechen davon wie von einem Handwerke, das man lernt. 'Er ist ein schoner Geist' kommt mir nicht anders vor, als wenn man von jemandem sagte, er ist ein gutes Gedachtnis.11 Ein franzosischer Gelehrter sagte mir einmal: "Die Deutschen haben viel schone Geister, aber wenig schonen Geist."
"Es ist auch nicht viel daran gelegen", antwortete der Wirt. "Das sind Einbildungen des Herrn Lithophagus. Er denkt, weil seine Silbenstechereien, seine kritische und humanistische Wortkramerei nicht mehr im Gange ist, deswegen wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden. Desto besser, dass wir uns nicht mehr um das heidnische, aberglaubische Zeug bekummern! Ich will Ihnen besser sagen, was das Schongeistern unter uns fur Schaden anrichtet: es verdirbt die Religion, fuhrt Freigeisterei und Unglauben ein, und Gottesfurcht und Frommigkeit nehmen alle Tage mehr ab, seitdem das verhenkerte Schongeistern bei uns eingerissen ist. Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz: ein bisschen Witz ist bald hingeschmiert, und wer ihn liest, dem tut der Kopf auch nicht weh: darum saugen die Menschen so gern Witz ein, und Witz und Unglauben sind Bruder".12
"Da haben Sie vollig recht", fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. "Aber das Ubel erstreckt sich viel weiter. Wissen Sie, warum das Menschengeschlecht so elend, so kraftlos, klein und schwach ist, dass sechs Menschen itzt nicht so viel heben und tragen konnen als einer zu unsrer Vater Zeiten? Sonst gab man dem Tee und Kaffee die Schuld: grundfalsch! der Witz hat uns zu solchen kruppelichten Zwergen gemacht; und wenn der verdammte Witz so fortfahrt, unter uns einzureissen, so werden unsre Kinder so matt wie die Fliegen: wenn sie ein rauhes Luftchen trifft, werden sie umfallen und sterben."
"Ach, Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu tun!" unterbrach ihn Herrmanns Freund. "Ich weiss besser, woran unser Jahrhundert krank liegt an der Menge von Genies. Die Genies haben die Sitten verderbt, alle Wissenschaften in Verachtung gebracht und sind die Ursachen unserer itzigen Unwissenheit in der Philosophie. Hatten wir nichts vom Genie in Deutschland gehort und gesehn, so wurde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals."
A. Ach, mit Ihrer Philosophie! Diese konnten wir wohl entbehren: aber wo Kritik und Philologie nicht mehr im Werte sind, da sind die Menschen der Barbarei nahe.
B. Die Philologie und Kritik? Was Sie sich einbilden! Die Wortklaubereien hatten immerhin niemals auf der Welt sein mogen: aber die Theologie! das ist der Brunnquell aller Kunste und Wissenschaften; wenn diese in Verfall gerat, dann werden aus den Menschen Bruta.
C. Ei, gehorsamer Diener! Ich dachte, auf die Jurisprudenz kame wohl mehr an als auf die liebe Theologie: wo die echte, elegante romische Jurisprudenz keine Liebhaber mehr findet, da ist alles vorbei; und nach ihr setze ich die Medizin; denn sie errettet vom Tode.
D. Ja, wenn man Spinnen verschluckt hat! Ihr seid alle nicht auf dem rechten Flecke. Der ubrige Plunder alle kann zugrunde gehn: aber wenn die Philosophie sinkt, dann entsteht allgemeine Finsternis. Ausser der Philosophie ist alles Schnurrpfeiferei.
"Das sagt ein Narr!" riefen die andern drei in einem Tempo.
"Woher wusste denn die Philosophie so viele Sachen, wenn ihr meine Wissenschaft nicht hulfe?" sprach der Theolog. "Sie weiss nichts von guten und bosen Geistern"
Auf dies Wort fielen die andern drei mit vereinten Kraften der Lunge uber ihn her. Der Philolog bewies aus griechischen Redensarten, dass diese beiden Benennungen nur Namen und keine Wesen waren: der Jurist leugnete ihre Existenz schlechtweg ohne Grunde, und der Philosoph hohnte den Theologen als einen aberglaubischen Schwachkopf mit seinen bosen Geistern aus: alle redeten zugleich mit wustem Geschrei, dass Glaser und Fenster klangen, und der arme kleine Theolog, da er von drei so beissigen Disputanten zugleich angebellt wurde, wusste sich nicht anders zu helfen, als dass er alle seine Gegner in den Bann tat. "Ich mochte", schrie er mit lauter Stimme, "dass den Augenblick der Teufel kame und euch alle holte: alsdann wurdet ihr wohl an ihn glauben." Nicht lange nach dieser Appellation an den Herrn selber, den der Streit betraf, geschah plotzlich vor der Tur ein entsetzliches Getose, als wenn ein Stuck Mauer einsturzte: schnell verstummte die Disputation, alle zitterten und bebten und stunden eingewurzelt da, ohne einen Schritt von der Stelle zu wagen. Dass einer die Ursache des Schreckens hatte untersuchen sollen, war gar nicht zu erwarten: der Larm geschahe zum zweiten Male, und es schlug sogar etwas heftig an die Tur an: als wenn der Erzfeind mit Schwanz und Klauen leibhaftig schon in der Stube stunde, purzelten alle vier mit ubereilter Hastigkeit in die Kammer hinein und schlossen sie fest zu. Herrmann, ob er gleich nie eine Akademie besucht hatte, offnete die Stubentur und entdeckte bei dem ersten Blicke die Ursache des Schreckens: der Tur gegenuber ruhte auf zween Balken, ein paar Ellen uber den Fussboden erhaben, ein Holzschrank, in welchem der kleine, ubelgeturmte Haufen eingesturzt und zum Teil an die Stubentur herubergerollt war. Er teilte den vier verschlossnen Fluchtlingen seine Entdeckung mit und konnte sie mit grosser Muhe bewegen, das Holz selbst in Augenschein zu nehmen: sie kamen dicht hintereinander heraus, ein jeder hielt des andern Rockzipfel alle gestunden das Phanomen zu: aber die Ursache? Herrmann gab eine sehr naturliche an, dass das Holz schlecht gelegt gewesen sei; und der Jurist und Philolog pflichteten ihm insofern bei, weil sie es uberhaupt nicht fur notig hielten, sich um die Ursache eines Dinges zu bekummern. "An solchen Unfallen ist nichts als die Ignoranz schuld", setzte der Philolog hinzu, "hatten die Holzhauer Griechisch gelernt, so wussten sie, dass die Figur eines grossen Delta () die vollkommenste zum Holzlegen ist." So leicht sich diese beiden beruhigten, so schwer konnten es die ubrigen beiden: der Theolog ahndete gewisse ausdruckliche Veranstaltungen der Vorsicht, um seine rechtglaubige Meinung durch ein Zeichen zu bestatigen, und der Philosoph, da er mit der Zentralkraft nichts ausrichtete, war nicht ungeneigt, eine eigne holzbewegende Kraft zu erschaffen. Sie disputierten unendlich lange und mit vieler Heftigkeit: jeder widerlegte den andern, ohne dass er ihn seine Meinung vollig vortragen liess; fast mit jedem Worte kamen sie weiter vom Ziel ab und taten so starke Marsche durch alle Nebenwege und Schleifpfade, dass sie in einer Viertelstunde von der holzbewegenden Kraft schon bei dem Leben nach dem Tode waren. Sie kamen beide (die erste Ubereinstimmung wahrend der ganzen Unterredung!) in den Klagen uber die Muhseligkeiten dieses Jammertals uberein, und der Philosoph wusste keine bessere Kur dawider, als sich durch einen herzhaften Tod den Weg daraus zu offnen: hier schied sich sein Gegner plotzlich von ihm und bestritt seine gewagte Meinung mit allen moglichen theologischen Grunden: doch jener, ohne seine Einwurfe zu achten, fuhr ungehindert fort und untersuchte schon, welches die bequemste Art des Todes sei, um sich von der Last des Lebens zu befreien, und war fur das Kehlenabschneiden ungemein eingenommen. "Was ist es denn?" sprach er und zog ein Messer aus der Tasche. "Ein herzhafter Schnitt! und man ist weg." Der andre bat ihn zitternd, das morderische Gewehr einzustecken; und da er, aller Warnungen ungeachtet, in der Hitze, womit er die Leichtigkeit eines solchen Todes verfocht, die blinkende Klinge sehr oft der Kehle naherte welches aber bei ihm nur eine Gestikulation war , so glaubte der andre in seiner hypochondrischen Einbildung, dass er sich im Ernste entleiben wollte, schrie auf, warf sich in Herrmanns Arme und bat ihn instandigst, die Untat zu verhindern, dass sie nicht auf seiner Stube geschehe. Der Philosoph lachte seiner und der zwei andern, die furchtsam aus dem Winkel nach ihm hinschielten und jeden Augenblick den todlichen Streich erwarteten: er steckte das gefahrliche Werkzeug wieder ein, die Fluchtigen versammelten sich um den Tisch, und jeder machte die weise Anmerkung, dass man mit dergleichen abscheulichen Dingen nicht scherzen musse. Der Verteidiger des Selbstmords, der vielleicht nicht das Herz gehabt hatte, einem Sperlinge das Leben zu nehmen, war in diese Materie so verliebt, dass er sie sogleich wieder fortsetzte: ein jeder wusste ein Historchen von einem Selbstmorde; man erzahlte nach der Reihe herum, je schauderhafter, je lieber. Die Dammerung nahte sich, und die ganze Gesellschaft hatte sich ihre Einbildung mit so schreckenden Bildern erfullt, dass sie alle wie festgemacht am Tische sassen: keiner wagte einen Blick hinter sich in die finstre Stube: die Furcht band endlich auch die Zungen: Licht zu bestellen ware keinem einzigen moglich gewesen, und Herrmann wollte sich eigenmachtig nicht dazu erbieten, weil er die Gelegenheit des Hauses nicht kannte. Sie schnaubten kaum, machten die Augen zu und schliefen alle viere ein, dass sie schnarchten. Herrmann, dem die schnarchende Musik lastig wurde, schlich sich leise zur Tur hinaus und ging nach Hause.
Den folgenden Tag erfuhr er, dass die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr zusammen geschlafen hatte. Als einer nach dem andern erwachte, furchtete sich ein jeder vor den Augen der ubrigen, die ihm in der Dunkelheit zu brennen schienen: der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug, schlug an: er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum, um den Leuchter zu suchen, und da er von ohngefahr nach dem Tische blickte und die drei Gesichter seiner Freunde sahe, auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen, totenahnlichen Schein warf, dass sie in der Dunkelheit drei Leichen zu sein schienen, warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde, fluchtete in die nahe Kammer, legte sich wohlbedachtig auf das Bette und schlief sehr bequem, wahrend dass der Wirt mit den ubrigen beiden Gasten am Tische ubernachtete.
Zweites Kapitel
Fur einen Menschen, der wie Herrmann so viele eigne Ursachen zur Betrubnis hatte, war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben: gleichwohl ging er ihr nach und hatte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht: sie harmonierte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele, um nicht Nahrung fur seinen Kummer in ihr zu suchen.
Nicht bloss Ungluck der Liebe; nicht bloss Ungewissheit wegen Ulrikens Schicksal; nicht bloss Reue uber seine verliebte Ubereilung; nicht bloss die Unmoglichkeit einer Verbindung mit ihr qualte ihn itzo mehr, sondern das schrecklichste Ubel, das einen Menschen von Herrmanns Denkungsart bedrohen kann der Mangel. Seine kleine Barschaft, die er von Berlin mit sich brachte, war teils auf der Reise, teils bei seinem Aufenthalte in Leipzig weggeschmolzen; er hatte kein gelehrtes noch mechanisches Handwerk gelernt, um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, zu den Arbeiten, die er hatte verrichten konnen, raubte ihm der Gram Lust und Krafte; mit seinem einzigen Freunde, mit Schwingern, hatte er sich auf Vignalis Antrieb entzweit und wagte es nicht, ihm seinen Aufenthalt zu entdecken, aus Furcht, er mochte seine Drohung wahr machen und ihn in die Hande des Grafen zur Bestrafung fur seinen unverschamten Brief liefern; von seinen Eltern, wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnode Behandlung in Berlin beleidigt hatte, konnte er keinen Beistand erwarten; die Rache des Grafen musste er taglich furchten: also ohne Rettungsmittel, ohne Freund, unter Furcht, Qual und Kummer sass er da in einer unbekannten Stadt unter unbekannten Menschen, die von ihm gewinnen wollten, und sein ganzes Vermogen waren zween Louisdor. Hunger war seine kleinste Sorge; aber sich ohne Schande aus einer so kritischen Lage herauszuziehn, das war sein Anliegen; er uberlegte so oft und vielfaltig auf allen Seiten, was er tun sollte, dass ihm von der Unmoglichkeit, sich zu retten, wie vor einem Abgrunde schwindelte. Das Rosental wurde der Vertraute seines Schmerzes, aber meistens, um ihn zu mehren; jedes Paar, das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnugen in Gohlis zueilte, erinnerte ihn an eine Gluckseligkeit, die ihm fehlte. 'So konntest du', dachte er, 'itzt mit Ulriken dahinwandeln, wenn Vignalis Anschlag vollzogen worden ware, so nach der Muhe des Tags die Ruhe am Arme der Liebe geniessen. O warst du einer von diesen Glucklichen, die Leben und Vergnugen durch die Arbeit ihrer Hande zu erkaufen wissen!' Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen und kam immer wieder auf den Hauptweg zuruck, um sich neuen Stoff zum Missvergnugen zu holen: er horte die frohliche, schreiende Tanzgeige, das schallende Horn und das laute Gewuhl der Freude: o wie eilte er der brausenden Muhle zu, fur ihn ein viel harmonischer Getose! und mit weitem Umwege entging er der Freude durch einsame, menschenlose Gange. Das absterbende Laub, die abgemahten Wiesen, der herannahende Tod der Natur, den die herbstliche Szene allenthalben ankundigte, waren reizende Bilder fur seine Melancholie: die halbentblatterten Baume wurden seine Freunde, die mit ihm zu empfinden schienen, weil sie mit ihm um sich selbst trauerten.
In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen Spaziergange zuruck, und auf der Stube warteten schon ebenso finstre Gedanken auf ihn, als er mit sich brachte. Er wollte kein Licht, lehnte sich in der Dunkelheit mit dem Rucken ans Fenster und tat, was er immer tat sann auf Rettung und fand keine.
"Ist es moglich?" fing er endlich mit gerungnen Handen an, "also ist leben wirklich eine so schwere Kunst, als mir Schwinger oft sagte? Unter einer solchen Last von Ungluck den Atem nicht zu verlieren, das erfodert Riesenstarke. Aber wenn doch leben unser Beruf auf der Erde ist, warum muss dieser Beruf so sauer sein? Hatte mich die Natur zum Bosewichte oder zum Niedertrachtigen gemacht, wohl mir! Ich drange mit einem schlechten Wagestucke, das mir Leben oder Tod brachte, hindurch, raubte oder betroge, um reich oder gekopft zu werden: aber die Natur gab meinem Gewissen eine Stimme und legte in mein Herz die Ehre, die mich bei jedem Schritte nicht bloss vor Schande bei den Menschen, sondern auch vor der Schande bei mir selbst warnt ein edles, aber furwahr auch ein lastiges Geschenk! 'Kampfe mit Ungluck, Kummer und Mangel!' gebietet das Schicksal, 'rette dich aus dem Kampfe!' will die Natur: 'ubersteh ihn ohne Schande oder komme darinne um!' verlangt Gewissen und Ehre: ist das nicht das Leben eines Missetaters, der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird? Der Elende muss zerspringen und den Geist aufgeben: wehe ihm, wenn er ihn langsam aufgibt!"
Nach einer Pause, die schwarze Bilder und angstigende Empfindungen ausfullten, begann er wieder. "Sollte denn wahrhaftig, wie meine Freunde neulich unter sich stritten, dem Unglucklichen verboten sein, sich den Weg aus dem Labyrinthe gewaltsam zu offnen? Wenn ich nichts Boses noch Entehrendes tun soll und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglucke nicht anders geschehen kann, ist es nicht doppelte Pflicht, mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden Rettungsmittel abzuschneiden? Was lehrte mich Seneca? Was tat Cato, um der Schande zu entgehen? Er wahlte den kleinern Schmerz, um dem grossern auszuweichen. Was kann ein Mensch wie ich, der sich durch ein Verbrechen an der Tugend versundigt hat, anders erwarten als die tiefste Schande? Beginnt nicht meine Strafe schon? Kann die Gerechtigkeit, die mein Schicksal regiert, harter strafen, als dass sie mir alle Mittel benimmt, der geschandeten Unschuld nur das krankelnde Leben wieder zu verschaffen, das man guten Ruf nennt? Verschmachten soll ich in Reue und Verzweiflung, in Kummer und Mangel wie in tiefem Schlamme, mich emporarbeiten wollen, meine Krafte langsam verzehren, bis das Astchen, woran ich mich halte, zerbricht, mich sinken lasst und das eindringende Wasser den schwachen Atem erstickt. Tut ein Verbrecher nicht den Willen der Gerechtigkeit, wenn er eine Strafe beschleunigt, die ihn spat, aber gewiss treffen soll? Menschen strafen mit einem Schwertschlage; und eine Gerechtigkeit, wovon die unsrige nur ein Schatten ist, sollte mit zehntausend Streichen, mit langsam entseelenden Stichen, mit verwundenden und allmahlich totenden Schnitten wie der grausamste Hurone strafen? Nein: sie will durch kein Wunder toten: das junge feste Leben widersteht ihrer Hand; was tut also der Verbrecher, als dass er ihrer Hand seine eigne leiht und das Urteil ausfuhrt, das sie gern gleich vollstrecken mochte, aber nicht anders als langsam vollstecken kann? Meine Tatigkeit ist in der Blute verwelkt: fur das Vergnugen bin ich tot, fur Geschafte erstorben, ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens; in Schande bei mir selbst versunken; der Schande vor den Menschen nahe; jeden Augenblick in Gefahr, von Mangel und Kummer, wenn sie Gewissen und Ehre allmahlich einschlafern, zu Verbrechen und entehrenden Handlungen hingerissen zu werden; an keinen Freund, keine Familie, nur an eine einzige Seele mit einem Faden geknupft, den das Schicksal zerrissen hat: ein so unnutzes Geschopf, fur jedermann entbehrlich, das nichts Erhebliches tun kann noch soll, elend ausser sich, elend in sich, elend in der Gegenwart und in der Zukunft, eine Beute der Verzweiflung, wozu lebt das? Die Welt verliert nichts an ihm: es verliert nichts an der Welt: jeder kunftige Zustand kann leicht besser sein als der seinige: welche Bedenklichkeit kann also einen Entschluss aufhalten, den Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben?"
Hier stockte er: seine Seele hatte sich aus dem sturmenden Gewitter in die bange, schwule, schwerdrukkende Stille hineinrasoniert, wo sie nichts als Vernunft zu sein scheint, aber alles, was in ihr denkt und spricht, ist Leidenschaft, die durch lange Gewohnheit die Miene der Vernunft angenommen hat. Es deuchte ihm, als ob ein neues Licht in seinem Kopfe aufgegangen ware: kein Tumult, kein Brausen und Toben mehr in ihm! Aber so kalt, so vernunftig er sich vorkam, so fuhlte er doch, dass alle seine Glieder zitterten: so richtig ihm seine Grunde schienen, so hielt er sich doch in einer misstrauischen Entfernung von ihnen, wie von neuen Bekannten, denen er sich nicht so blindlings anvertrauen mochte. Je scharfer und langer er sie ansah, je misstrauischer wurde er; aus dem Misstrauen wurde Angst: er floh in der finstern Stube auf und nieder, rang die Hande und schlug sie uber den Kopf zusammen; und immer verfolgte ihn der furchterliche Gedanke des Selbstmords wie eine Furie, die ihn bei den Haaren fassen wollte: seine Schritte wurden immer starker und hastiger, die Angst druckender: der Ungluckliche floh vor seinen eignen Gedanken, wollte ein Gespenst abschutteln, das in seiner Seele sass und desto grimmiger die Zahne fletschte, je mehr er mit ihm rang.
Schon eilte er nach der Tur, um dem Henker seiner Seele aus der Stube zu entfliehen, die Treppe hinab und durch die Strassen zu rennen: indem trat sein kleiner Pommer, der ihn zeither bedient hatte, mit einem Lichte in der Hand herein. Herrmann fasste ihn derb bei der andern und bat mit geknirschtem, hohlem Tone, bei ihm zu bleiben. "Lass mich nicht aus den Augen! stehe dicht neben mir! lass meine Hande nicht aus den deinigen!" sprach er, ausserst verwildert und bebend. Der Junge wusste nicht, was er denken sollte, fuhlte wohl an dem einklammernden Drucke der Hand, merkte auch an Miene und Ton, dass sein Herr sich in einer unbeschreiblichen Angst befand: allein da er an blinden Gehorsam gewohnt war, tat er den Befehl wortlich, ohne nach der Ursache zu fragen. Herrmann setzte sich, der Pommer hielt ihm beide Hande fest und sah ihm unverwandt ins Gesicht; und obgleich sein Herr, als sich die Angst durch die Erleuchtung der Szene und die Gesellschaft ein wenig milderte, seinen Befehl widerrief, so gehorchte er doch dem ersten Gebote mehr als dem letzten. Herrmann sah wehmutig auf ihn und sprach: "Lieber Bursch, was wird aus dir werden, wenn wir voneinanderkommen sollten?"
Der Pommer. Was Gott will.
Herrmann. Bekummert dich denn die Zukunft gar nicht?
Der Pommer. Die Zukunft? Was ist denn das?
Herrmann. Sorgst du nie fur morgen, sondern bloss fur heute?
Der Pommer. Nicht fur morgen und auch nicht fur heute. Ich sorge gar nicht.
Herrmann. Wenn ich dir aber kein Brot mehr geben konnte oder sturbe, was dann?
Der Pommer. Da gibt mir's ein andrer.
Herrmann. Wohl dir, dass du so denken kannst! Also hast du niemals Unruhe?
Der Pommer. In Pommern nicht; aber hier! Wenn ich die schonen Leute in den schonen Kleidern sehe, wenn sie so fahren und reiten, oder wenn ich die reichen Leute in der grossen Stube unten brav essen und trinken sehe, da geht mir's mannigmal wohl so unruhig im Leibe herum, dass ich nicht auch so essen und trinken und reiten und fahren kann. Wenn mir's denn so gar zu bange wird, so pfeif ich: da vergeht's.
Herrmann. Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat, so pfeife mir doch eins vor!
Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskraften ein Liedchen aus seinem Vaterlande. "Ich sehe wohl", sprach Herrmann nach geendigter Musik, "man muss ganz wie du denken, wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll."
Der Pommer. Ich will Ihm wohl sagen, woher das bei mir kommt. Sieht Er? Das Liedel pfiff ich allemal, wenn mir Mutter ein Brotranftel zur Vesper abschnitt; und wenn ich das Liedel pfeife, denk ich allemal an die Brotranftel, und da wird wir so wohl! so wohl, ich kann's Ihm gar nicht sagen.
Herrmann. O gehe den Augenblick wieder nach Pommern, wenn das Wohlsein dort so wohlfeil ist! Geh in dein Vaterland zuruck! Ich kann dich unmoglich bei mir behalten.
Der Pommer. Warum denn nicht?
Herrmann. Ich werde Leipzig verlassen.
Der Pommer. So geh ich mit.
Hermann. Aber mein Geld konnte alle werden, und wir mussten dann beide zusammen hungern.
Der Pommer. Da bettle ich und bring es Ihm.
Herrmann. Oder ich konnte sterben.
Der Pommer. Er wird ja nicht! Mutter sagte immer: wenn man stirbt, ist man tot. Er wird nicht sterben: dazu ist er viel zu jung.
Herrmann. Der Kummer frisst auch ein junges Leben: du Glucklicher weisst nicht, was Kummer ist.
Der Pommer. Wenn Er Kummer hat, ich will Ihm eins pfeifen: da vergeht's. Wenn Er sturbe, da legt' ich mich zu Ihm in den Sarg: da schmeckte mir zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr. Sieht Er? Mutter hatte einmal eine Gans, die sie stopfte: die Gans war Ihm so fett, dass man seine Freude daran sah. Das wird schmecken! dacht ich. Sieht Er? Da wollte Mutter die Gans schlachten, und da starb die dumme Gans; und da hab ich Ihm um die Gans geflennt, dass mich der Bock stutzte. Hor Er! sterb Er ja nicht wie Mutter ihre Gans! Ja, wahrlich! wenn Er sturbe, ich flennte wie um Mutter ihre Gans.
Herrmann. Ich beklage, dass ich dir so viele Treue nicht belohnen kann. Deine Treuherzigkeit verdient, dass ich aufrichtig gegen dich bin. Mein Geld ist alle: ich kann dich nicht langer ernahren.
Der Pommer. Da sorg Er nur nicht: die Leute werden mir schon geben; und was sie mir geben, das soll Er alles kriegen. Ich gehe nicht von Ihm, dass Er's nur weiss!
Herrmann. Geh wieder nach Pommern: da bist du am glucklichsten, wo du nur ein Brotranftchen dazu brauchst.
Der Pommer. Ich gehe nun nicht, das sag ich Ihm. Ich bleibe bei Ihm bis in den Tod.
Herrmann. Bis in den Tod? Vielleicht kommt dieser gute Freund bald und fuhrt mich aus meinem Unglucke heraus. Wie glucklich bist du, dass du dir so eine traurige Hulfe nicht wunschen darfst!
Der Pommer. Ach, ich habe mir auch schon einmal den Tod gewunscht; aber ich bin deswegen nicht gestorben. Vater schlug mich alle Tage so gottsjammerlich, dass mir der Rucken platzte. Sieht Er? Da ging ich heraus aufs Feld zum Schafer und sagte: "Matthis, schlagt mich tot! Vater bleut mich gar zu sehr." Da sagte der Schafer: "David, bist ein Narr! Wenn du tot bist, schmeckt dir kein Bissen mehr gut." Da sagt ich zum Schafer: "Matthis, du sollst mich totschlagen." "Das tut weh", sagte Matthis, "wir wollen uns lieber ersaufen. Ich hab es schon gestern tun wollen: meine Frau bleut mich wie ein Dreschflegel: aber ich habe mir's erst uberlegt, eh' ich's tue: ich habe da eine schone Wurst, die mocht ich dem Wetteraase doch nicht gonnen; sie ist dir gar zu schon: ich kann's gar nicht ubers Herz bringen, dass ich sie anschneide. Weisst du was, David? wir wollen sie zusammen essen, und hernach ersaufen wir uns." Da holte Matthis eine grosse, unbandige Wurst aus dem Schubsakke dass ich nicht luge! sie war Ihm, bei meiner blutarmen Seele! wohl so dick wie mein Arm: eine recht unbandige Wurst! und da setzten wir uns hin und schnabulierten, dass einem das Herz im Leibe lachte. Da fing Matthis an: "David, es schmeckt gar zu gut: hol mich der Teufel! ich kann mich nicht ersaufen." Und da sagt ich: "Bei meiner blutarmen Seele! ich auch nicht! und wenn mir Vater alle Rippen zerbleute." Da sprach Matthis: "Wer gab uns denn im Wasser so schone Wurste? David, wir wollen uns bleuen lassen. Alle Tage Schlage und mannigmal so ein Stuckchen Wurst ist doch besser als keine Schlage und keine Wurst. Man wird das Ungluck gewohnt. Nach einer Tracht Schlage schmeckt's noch einmal so gut." "Das sag ich auch", sprach ich; und da ging ich heim und ersaufte mich nicht und liess mich Vatern bleun, soviel er wollte, und da wurd ich's gewohnt, und da tat mir's nicht mehr weh, und ich kann's Ihm gar nicht sagen, wie mir's seitdem gut geschmeckt hat. Der Matthis war Ihm ein recht gescheiter Kerl. Nun bereut' ich's schon, wenn ich mich damals ersauft hatte. Herr, soll ich Ihm etwas zu essen holen?
Herrmann. Ja, David; bringe mir ein Stuck von Matthis' Wurst.
Der Pommer. Hol mich alle! wenn wir die noch hatten! Da sollt ihm das Sterben schon vergehn. Wenn Ihm nicht so recht lustig um den Kopf ist, so sag Er mir's nur: da pfeif ich Ihm mein Liedel; und da vergeht's.
Herrmann. So musst du mich erst lehren, bei einem Brotranftchen glucklich zu sein.
Der Pommer. Das lernt sich bald; und wenn Er kein Geld hat, da mussen mir die Leute geben, und ich bring's Ihm; und wenn Er sterben will, da hol ich Ihm etwas zu essen.
Herrmann wurde durch die genugsame, zufriedne Philosophie des Burschen beschamt: er tadelte sich, dass ein so dummes Geschopf mehr Standhaftigkeit haben sollte, das Ungluck zu ertragen, als er, und fand in der Anmerkung des Schafers, "man wird das Ungluck gewohnt", einen Schatz von Weisheit, die ihn weder der Umgang mit seinen gelehrten Freunden noch sein eignes, von der Leidenschaft bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hatte. Zwar kamen die vorigen truben Gedanken in der Nacht etlichemal zuruck, und der Stolz sophistizierte Matthis' Philosophie oft danieder: allein der namliche Stolz, der ihm den Mangel an Gelde als einen unertraglichen Schandfleck vorstellte, malte ihm nunmehr den Mangel an Standhaftigkeit und die Verzagtheit im Unglukke als einen noch grossern Schandfleck ab. Wie die Sonne, wenn sie uber dem gesunknen Nebel hervorsteigt, erhub sich den Morgen darauf seine Seele uber die gestrigen dustern Gedanken: die Mutlosigkeit schien ihm so entehrend klein und die Starke des Geistes in der Widerwartigkeit so erhaben, dass er sich beinahe uber seine Verlegenheit freute, weil sie ihm Gelegenheit gab, sich selbst durch Mut und Klugheit zu gefallen. In seinem Kopfe hatten itzt alle Gedanken eine andre Beleuchtung: jedes Rettungsmittel, das ihm sein bisheriger Unmut fur verwerflich und unruhmlich erklarte, schien ihm itzo wunschenswert oder doch nicht schimpflich, nachdem seine Rettung einmal eine Sache der Ehre fur ihn geworden war. Er nahm sich vor, noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben, suchte unter seinen Briefschaften Papier, und siehe da! unter dem Suchen fallt ihm Ulrikens Schattenriss, den er einmal in einer eifersuchtigen Laune dem Mr. de Piquepoint in Berlin raubte, in die Hande: er erschrak, verweilte dabei, und je mehr er die sanfte Physiognomie ansah, je mehr schamte er sich seiner gestrigen Melancholie. Gedanke holte Gedanken, Empfindung Empfindung herbei, und in wenigen Minuten stand er im vollen Feuer verliebter Begeisterung: das Bild schien seinem Ehrgeize zu sagen, dass er fur Ulriken Ungemach leide und uberstehe: ihre Lippen befahlen ihm, jedes Mittel zu versuchen, um einen an ihr begangnen Raub wieder zu verguten: was ihm gestern Verbrechen schien, war ihm heute Ubereilung, und fast war ihm die Ubereilung lieb, weil sie ihm eine so wunschenswerte Vergutung auferlegte. Alles ging ihm leicht, alles hurtig von der Hand: er schrieb an Vignali, meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine daher entstandne Verlegenheit und ersuchte sie um ihren Rat, besonders um Nachricht von Ulriken. An Schwingern schrieb er gleichfalls, berichtete ihm die Veranlassung zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin, bat ihn um Verzeihung, Rat und Beistand und bezeugte, da er sich in dem Sitze einer Universitat aufhielt, ein grosses Verlangen zu studieren, doch war er auch bereit, den Vorschlag, den er in Berlin von sich gewiesen hatte, nunmehr anzunehmen, wenn Schwinger ihm mehr dazu riete als zum Studieren. Alles ernste und feste Vorsatze!
Er hoffte, dass Schwinger seinen Plan, sich einer Wissenschaft zu widmen, nicht nur billigen, sondern ihm auch einen Zuschuss dazu geben werde: die noch fehlenden Bedurfnisse dachte er sich durch Arbeiten zu gewinnen, und wenn es auch durch Informieren geschehen musste: keine sollte ihm zu gering, keine zu beschwerlich sein, um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken, einen so hohen Preis, zu erlangen. Er sann, zu welcher Fakultat er sich schlagen wollte, und wahlte die juristische. "Wer weiss", sagte er sich, "welchen hohen Posten ich durch Fleiss und Anstrengung erringen kann, der mich Ulriken mit Ehren besitzen lasst, ohne dass sich ihre Anverwandten meiner zu schamen brauchen?" Mit ungeduldiger Hitze eilte er diesem glucklichen Zeitpunkte auf den Flugeln der Liebe schon entgegen, wollte seine Wissenschaft nicht bloss lernen, sondern verschlingen, und deswegen wahrend seiner ganzen Studierjahre niemals mehr als funf Stunden schlafen und zum Vergnugen nicht eine Minute verschwenden: Bucher sollten sein einziger Umgang und Studieren seine einzige Beschaftigung sein. Wie krankte es ihn, dass er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten wie eine Tasse Tee hinunterschlucken konnte!
Drittes Kapitel
Die Philosophie seines Pommers und Ulrikens Schattenriss schienen ihm seine vorige Tatigkeit wieder eingehaucht zu haben: er machte noch denselben Tag Anstalt, sich Bekanntschaften, Gonner und Freunde zu verschaffen, die ihm mit Rat und Unterstutzung beistehen sollten, und erfuhr von seinem hypochondrischen Freunde, dass er Bekanntschaften von dieser Art in einem gewissen Italienkeller machen konnte, wo er des Abends jederzeit Leute finden wurde, die viel durch Empfehlung vermochten.
Wie dauerte ihm der Nachmittag so ewig! und wie flog er, sobald es dunkel war, nach dem Keller! Er wagte eine halbe Bouteille Wein daran und hoffte, dass ihm diese Ausgabe durch die neuen Bekanntschaften wieder ersetzt werden sollte. Ein merkurialischer Mann von unendlichem Geschwatze sprach fur die ganze ubrige Gesellschaft: man fragte sich ringsherum zischelnd, wer der Fremde ware, selbst der Schwatzer hielt mit seiner Predigt inne, und da Herrmann ein Kleid mit einer schmalen Tresse trug, wurde die Neugierde so allgemein rege, dass man schlechterdings dahinterkommen wollte. Ein junger Kaufmann redete ihn an, gab ihm seine Adresse und erbot sich, ihn mit allen seinen Waren, die er nach der Reihe hersagte, zu bedienen; Herrmann dankte sehr freundlich. "Sie wollen hier studieren?" hub der Sprecher der Gesellschaft an: die Frage wurde mit einem der hoflichsten Ja beantwortet. "Kann ich Ihnen irgendworinne dienen", fuhr jener mit gelaufiger Zunge fort, "so werde ich mir eine Ehre daraus machen. Ich wollte, dass Sie schon ausstudiert hatten: ich habe itzt eine Versorgung fur Sie, die Ihr Gluck machen wurde. Die Kaiserin von Russland hat an mich geschrieben, ihr einen Informator fur den Sohn ihrer ersten Kammerfrau zu schaffen: ich schwore Ihnen zu Gott, wer den Platz bekommt, der hat sein Gluck gemacht: straf mich Gott! es kann ihm gar nicht fehlen. Die Kaiserin ist seine Pate und hat mir sehr viele Komplimente gemacht ich habe den Brief nicht bei mir, aber ich kann ihn zeigen , sie schreibt uberaus gnadig, dass man sieht, es muss der Dame sehr am Herzen liegen, dass ihre Kammerfrau wohl versorgt wird: sie fangt ohngefahr so an Monsieur, la reputation, dont Vous jouissez par toute l'Europe und so weiter in diesem Tone fort. Oder ware denn das nicht etwas fur Sie? der erste Kammerherr beim Konig in Schweden braucht einen Sekretar. Sehn Sie, da ware wieder Ihr Gluck gemacht: Sie durfen ja, straf mich Gott! dem Herrn nur sagen, was fur eine Stelle im Reich Sie haben wollen, so sagt er's dem Konige, und ich weiss, der Konig interessiert sich uberaus fur den Herrn: er hat selbst die Gnade gehabt, mich grussen zu lassen, und empfiehlt mir die Sache wie seine eigne. Ich habe Ihre Majestat meine untertanigste Bereitwilligkeit versprochen, aber noch hab ich, so wahr ich lebe! keinen Menschen gefunden, der so gut dafur ware wie Sie: Sie sind gut gewachsen, und Ihr Gluck ist gemacht, dafur lassen Sie mich sorgen! Ich pariere hundert Dukaten, Sie sind in einem halben Jahre Reichsrat, oder was sie nun dort haben. Nach China gehn Sie doch nicht, das weiss ich schon: aber ich habe auch einen schonen Auftrag. Apropos, meine Herren", fuhr er in einem Atem fort und wandte sich zur ubrigen Gesellschaft, "gestern hat mir die Furstin von ** ein Kompliment sagen lassen durch den Bereuter vom Hofe. 'Dass Er mir ja zu dem Manne geht!' hat sie noch aus dem Fenster nachgerufen, als er fortgeritten ist. 'Ein halb Dutzend andre Kommissionen kann er vergessen, aber nur mein Kompliment nicht.' Er kam auch geradesweges vor mein Haus geritten, eh' er noch in einem Gasthof eingekehrt war. Der Mann hatte nun seine tausend Freude, mich zu sehen den beruhmten Mann und den grossen Gelehrten, und was er mir denn noch weiter fur Komplimente machte , er hatte gar nicht geglaubt, dass ich so aussahe wie ein andrer Mensch: ich schwore Ihnen zu Gott, der Mann freute sich wie ein Kind: die Tranen standen ihm in den Augen, da er Abschied nahm. 'Horen Sie!' sagte er, 'bei Ihnen wollt ich Tag und Nacht en suite sitzen und nur zuhoren: ich kann es gar nicht satt kriegen': und druckte mir die Hand; und da ich ihn vollends kusste, da wollt er wie von Sinnen kommen. 'Horen Sie!' sagt' er, 'das ist mir so lieb, als wenn mich meine Furstin gekusst hatte.' Ha, ha, ha, ha. Er hat mir Auftrage uber Auftrage mitgebracht: ich weiss gar nicht, wo ich anfangen oder wo ich aufhoren soll. Hort, Leute! ich rate euch, werdet nicht beruhmt! Ihr denkt, das ist lauter Gluckseligkeit, wenn man von Konigen und Fursten, bald von der schonen Dame, bald von dem vornehmen Herrn Komplimente und Auftrage bekommt: aber ich schwore euch zu Gott, man wird seines Lebens nicht froh dabei. Bei Tische esse ich kaum sechs Bissen, so fallt mir der Brief ein 'der Henker! dem Geheimerate hast du auch noch nicht geantwortet' , und so werfe ich die Serviette hin und setze mich und schreibe an den Herrn Geheimerat. Geh ich spazieren, so bin ich kaum vor dem Tore 'halt! hast du die Verse nach Wien doch vergessen!' , gleich kehr ich wieder um, und wenn andre Leute sich belustigen und das schone Wetter geniessen, da sitz ich in meinem Stubchen und mache Verse nach Wien. Apropos " (womit er sich zum Kellerwirt hindrehte) "habt Ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen noch nicht gehort? Seht Ihr! solche Oden musst Ihr Euch ein paar Dutzend machen lassen und Sie den Gasten vorlesen, wenn sie Lerchen bei Euch essen: da werden Euch die Leute den Keller sturmen. Die Grafin ** war die letzte Messe hier und liess mich zu sich rufen, sie war kaum aus dem Wagen gestiegen. Des Abends konnte ich nun nicht wegkommen, das war vorbei. Da die Lerchen kamen, fing ich an: 'Ihre Exzellenz, ich pariere hundert Louisdor, ich bezahle Ihnen die Lerchen teurer, als sie Ihnen der Wirt anschreibt.' 'Wieso?' fragte sie. 'Ich pariere tausend Dukaten, ich gebe Ihnen so viel Verse dafur, als sie alle zusammen Krallen an den Fussen haben.' Sie wollte das sehn. Ich sagte: 'Haben Sie nur die Gnade, mich funf Minuten ins Nebenzimmer gehen zu lassen!' Ich ging, und hort, ihr Leute! in funf Minuten komme ich mit funfzig Versen zuruck, dass die Dame ganz erstaunt ist. 'Horen Sie!' sagte sie, 'ich lasse Sie nicht mehr mit mir essen. Sie mussen hexen konnen: ich habe Sie zwar fur einen sehr grossen Mann gehalten, aber so etwas ist mir doch nicht vorgekommen.' Da ich ihr nun vollends meine Verse vorlas, da ging das Erstaunen erst recht an; da wollte die Dame gar nicht aufhoren zu lachen: es tat mir selber leid um sie; denn sie ist sehr korpulent und wollte nun gar nicht wieder zu sich kommen. Noch bei dem Abschiede fing sie wieder an und druckte mir die Hand sehr gnadig. 'Ach, Sie sind ein scharmanter Mann! ein gar allerliebster Mann! man mochte sich bucklicht uber Sie lachen; und solange ich hier bleibe, durfen Sie gar nicht von meiner Seite kommen. Sie mussen jeden Morgen den Tee bei mir trinken, und hernach nehm ich Sie in Beschlag und lasse Sie nicht von mir bis zum Schlafengehn.' Ich sagte: 'Ihre Exzellenz, es ist mir eine hohe Gnade, aber meine vielen Geschafte! es warten wenigstens dreissig Briefe auf Antwort; und die Welt will doch auch befriedigt sein: ich lebe doch einmal fur die Welt.' 'Ach, Sie haben genug fur die Welt gelebt; leben Sie nun einmal auch acht Tage fur mich!' Straf mich Gott! Sie hat mich des Morgens durch die Heiducken mit der Portechaise holen und des Abends wieder nach Hause bringen lassen; daruber hab ich nun alles versaumt und kann diesen Winter mit meinen Briefen nicht fertig werden: da liegen an hundert zu Hause. Ja, denk ich, wenn ich sie sehe: ihr werdet lange liegen mussen, ehe die Reihe an euch kommt. Stille! ich will euch meine Ode vorlesen."
Auf die Ankundigung hub sich einer nach dem andern in der Gesellschaft empor, um sich in die andre Stube zu begeben: allein der Deklamator stellte sich vor die Tur. "Ihr wart nicht wert, dass euch die Sonne beschien, wenn ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen nicht anhortet", sprach er und trieb sie an den Tisch zuruck. Sie mussten sich dem Zwange unterwerfen; er rausperte sich, gebot allgemeine Stille und hub an: "Wie wenn im Ozean die hocherhabnen Wellen Mit grimmig wilder Wut bis zu den Sternen
schwellen;
Wie wenn ein schwarzer Sturm den Nationen Tod Und steilen Felsen Angst und bange Schmerzen droht. Die Stelle hab ich dem Virgil gestohlen: aber dieser romische Homer konnte sie nicht herrlicher ausdrukken, wenn er deutsch schriebe. Ich will euch die Stelle einmal vorlesen: sie ist uberaus prachtig: aber straf mich Gott! sie hat in meiner Ode nichts verloren." Er holte stehenden Fusses einen Virgil aus der Tasche, las die Beschreibung eines Sturms vor und ubersetzte und erklarte die Schonheiten derselben mit der wortreichsten Beredsamkeit, doch jederzeit mit einer Wendung, dass Virgil einen Grad unter seiner Ode blieb. Die Gesellschaft schlich sich, einer nach dem andern, in die andre Stube, auch Herrmann folgte dem Beispiele, und der erzgelehrte Mann las den stummen Kellerwanden bald ein Stuck aus seiner Ode, bald ein Stuck aus dem Virgil oder Horaz in einem unaufhaltsamen Flusse vor, sturzte mit seinen fechtermassigen Gebarden ein paar Glaser zu Boden und wurde nicht gewahr, dass er sich selbst predigte, bis ein Fremder zur Tur hereintrat. "Setzen Sie sich! Setzen Sie sich!" rief ihm der Deklamator entgegen: es war ein guter, ehrlicher Wollhandler, der sich etwas langsam bewegte, und da er nicht gleich gehorsamte, wurde er mit gewaffneter Faust niedergestossen. "Sind das Zeitungen?" fragte der Wollhandler phlegmatisch. "Ja, mein lieber Freund", antwortete der quecksilberichte Poet lachend, "Zeitungen aus dem Parnass! Ihm zu Gefallen will ich wieder von vorn anfangen." Der Wollhandler horchte einige Zeit zu, allein da ewig nichts von Spaniern, Franzosen oder Englandern kommen wollte, zog er gahnend sein Taschenbuch hervor und rechnete seine Bestellungen und Wechsel durch. Der begeisterte Dichter ward uber seine Verachtung grimmig, riss ihm mitten im Lesen das Taschenbuch weg und warf es unter den Tisch, dass die Zettelchen wie Schneeflocken herumflogen. Der erstaunte Wollhandler wusste lange nicht, wie ihm geschah: endlich, da jener ungestort fortlas, fasste er ihn bei der Krause, schuttelte ihn und sprach, die drohende Peitsche in der Hand: "Den Augenblick les Er mir meine Zettel auf, oder der Teufel soll ihm das Licht halten."
Der Deklamator. Herr, hab Er Respekt vor den Musen und ihren Schwestern, den Grazien!
Der Wollhandler. Was geht mich alles das Lumpengesindel an? Weiss Er wohl, dass Er hier viele tausend Taler unter den Tisch geworfen hat, die Er zeitlebens nicht bezahlen kann?
Der Deklamator. Er ist ein roher Mann. Straf mich Gott! Er glaubt wohl gar, dass seine Zettel mehr wert sind als meine Ode.
Der Wollhandler. Das denk ich! Fur Seine purpurroten und hochgeturmten Quodlibets geb ich Ihm nicht einen Quark: aber mein Taschenbuch ist viele tausend Taler wert. Den Augenblick les Er auf!
Der Deklamator. Ich pariere hundert Dukaten, Er weiss nicht, wen Er vor sich hat. Ich bin der grosse Solstizius. Untertaniger Diener.
Der Wollhandler. Blitz! das ist ja wohl der Stizius, der mich nun sechs Messen her nicht bezahlt hat. Gut, dass ich dich habe! He da!
Der Wollhandler rennte ihm nach, aber der grosse Solstizius war entwischt, und er musste sich bequemen, seine papiernen Reichtumer selbst aufzulesen. Hinterdrein erfuhr er, dass dieser Mann nicht der Tuchmacher Stizius, sein ubler Bezahler, sondern nur ein egoistischer Windbeutel sei; und Herrmann wurde von einem artigen, bescheidnen Manne gewarnt, sich nicht mit dem Aufschneider einzulassen. "Wenn Sie Rat oder Unterstutzung brauchen", sagte er, "so wenden Sie sich an ** und **; diese Manner dienen gern, soviel sie vermogen, und tun ohne Prahlerei alles, dessen sich dieser Windbeutel beruhmt." Herrmann nahm den Rat um so freudiger an, da er schon bei dem ersten Anblicke das namliche Urteil uber den Mann bei sich gefallt hatte, und trank eben das letzte Glas von seinem Weine, als sich ein anstandig gekleideter Mann in seine Bekanntschaft einfuhrte, ihn nach einigen Wendungen des Gesprachs um seine Freundschaft ersuchte und morgen zu Mittag zu sich zu Tische bat. Herrmann nahm die Partie an.
Die Gesellschaft bestund aus sechs Personen, und der Wirt fuhrte das Wort ein Mann von einer unendlichen, aber verworrenen Einbildungskraft und einem unpolierten Witze, der in einem Atem von Gronland nach Ostindien, vom Grosssultan auf den Bullenbeisser Sultan, vom Coeurbuben zu dem Mann im Monde hinubersprang; die ubrigen assen und schwiegen und bezahlten ihm die Mahlzeit mit unaufhorlichem bewunderndem Lachen uber seine phantastisch-witzigen Seiltanzersprunge. Nach Tische hatte oder gab jedermann Langeweile vor, und der Wirt trug auf ein Spielchen an: Herrmann wollte sein kleines Vermogen nicht daran wagen und machte sich unter dem Vorwande los, dass er kein Spiel verstunde; man liess ihm seine Freiheit, ohne ihm mit einem einzigen Worte zuzureden. Als der Spieltisch schon zur Quadrille in Bereitschaft war, fing einer nach dem andern an, Quadrille langweilig zu finden und den lebhaftesten Widerwillen dagegen zu bezeugen. "So wollen wir eine kleine Bank machen", schlug der Wirt vor: die meisten schrien Ja und lobten ihn uber einen Einfall, auf welchen sie nie verfallen waren, und der ubrige Teil willigte halb gezwungen aus blosser Hoflichkeit darein. Einer erzahlte, dass er nun in einem halben Jahre nicht Pharao gespielt habe; der andre musste erst uberrechnen, wie lange er nicht dabei gewesen war; ein dritter brachte zwei Jahre heraus, dass er keine Karten in einem Hasardspiele angeruhrt hatte; und der vierte musste sich erst besinnen, wie man es spielte. Der Wirt wurde Bankier, und Herrmann ebenso eingeladen wie vorhin, als wenn es gar nicht auf ihn abgesehn ware: er bat, dass man ihm erlaubte, voritzt ein wenig zuzusehn, und es wurde ohne alle Schwierigkeit in sein Belieben gestellt. Man spielte ausserst niedrig: der Bankier verlor fast jedes Blatt, das er umschlug. Herrmann, als er so gewinnen sah, bekam keine kleine Lust, mit zu gewinnen; und da der hochste Satz nur zwei Groschen sein sollte und also die Gefahr so sehr klein war, so konnte er unmoglich der Versuchung widerstehen, sein Gluck auf die Probe zu stellen. Sobald er Anstalt machte zu setzen, wollte man aufhoren, und nur aus Hoflichkeit gegen ihn verlangerte man das Spiel. Er gewann in einem fort: in der Hitze des Glucks wurde von allen das Gesetz, das den hochsten Satz bestimmte, merklich uberschritten; und binnen einer Stunde war die kleine Bank gesprengt und Herrmann beinahe funfzig Taler reich. Ein andrer erbot sich zwar, Bank zu machen, aber niemand hatte den mindsten Appetit dazu. Die Gesellschaft ging auseinander und kusste sich so herzlich bei dem Abschiede, als wenn sie in Jahr und Tag nicht wieder zusammenzukommen gedachten. Herrmann wurde von seinem neuen Freunde auf ein Kaffeehaus eingeladen, des Abends abgeholt und verlor die Halfte seines Gewinstes wieder: so weh es ihm tat, sie nicht wieder erobern zu konnen, weil er nicht mehr bei sich gesteckt hatte, so verbiss er doch seinen Arger und ging mit gezwungner Massigung nach Hause. Dreimal hatte er schon seine ubrige Barschaft in den Handen, um mit ihr zum Spieltisch zuruckzugehn, und dreimal zog ihn sein guter Genius warnend zuruck.
Der Verlust liess ihn nicht ruhig schlafen; nicht sowohl aus Eigennutz und Gewinnsucht, als vielmehr, weil ihm seine Ehre beleidigt schien, empfand er ihn so hoch und beschloss noch in derselben Nacht, den folgenden Tag die Halfte seines Restes daranzusetzen, um seinen Ehrgeiz wieder zu versohnen. Er war der erste auf dem Kaffeehaus, spielte an der Bank seines Freundes, den er nunmehr aus allen Umstanden fur einen Spieler von Profession erkannte, und gewann uber achtzig Taler. Der Mann besuchte ihn den morgenden Nachmittag und erkundigte sich mit einer Neugierde nach seiner Herkunft, Familie und seinen Vermogensumstanden, als wenn er ihn uber Artikel verhoren wollte, doch auf eine so gute Art, dass er allen Schein einer lastigen Zudringlichkeit vermied. Er merkte wohl aus Herrmanns Verlegenheit und stotternden Antworten, dass sein Reichtum nicht sehr erheblich sein musste und dass er daher keine Prise war, wie er sie in ihm suchte: kaum war er soweit mit seinen Fragen gekommen, als er ihn durch uberhaufte Freundschaftsbezeigungen so treuherzig machte, dass er seine Verlegenheit wegen seines Auskommens in ziemlich unverhullten Ausdrucken gestund. Der Spieler, der ihn bis auf die letzte Faser ausgezogen hatte, wenn er bei Gelde gewesen ware, legte ihm eine Borse auf den Tisch. "Hier, mein Freund!" sprach er, "spielen Sie aus dieser Borse, bei welcher Bank Sie wollen! den Gewinst teilen wir: den Verlust trage ich." Herrmann war uber eine so unerwartete Freigebigkeit erstaunt, weigerte sich, sie anzunehmen, und wollte dafur danken, als sein Freund ihn mit den Worten verliess: "Wir sehen einander heute auf dem Kaffeehause."
Wer war nun froher und der Gluckseligkeit naher als Herrmann? Er fand in der Borse vierzig Louisdor und war beinahe willens, gewisse zweihundert Taler besser anzuwenden als zum ungewissen Spiel: allein sein Freund hatte sie ihm nur zu diesem Endzwecke geliehen, und er glaubte, einen Diebstahl zu begehn, wenn er sie zu einem andern anlegte. Er spielte viele Abende hintereinander mit steigendem und fallendem, doch nie mit ausgezeichnetem Glucke, speiste taglich bei seinem Freunde, der eine Art von offner Tafel fur den Zirkel seiner Freunde hielt, und Gluck und Vergnugen verdrangten Kummer, Unruhe und beinahe auch Ulriken, wenigstens dachte er nicht mit so wehmutigem Verlangen mehr an sie; und wenn es geschah, tat er es mehr mit der Empfindung eines Versorgers als eines Liebhabers. Die neue Laufbahn, in welche ihn die Gewinnsucht seines Freundes hingeleitet hatte und worinne ihn die Grossmut des namlichen Mannes erhielt, brachte ihn unvermeidlich auf den Plan, sich auf einem so angenehmen Wege ein kleines Vermogen zu erwerben, alsdann Ulriken aufzusuchen und in einem unbekannten landlichen Winkel sparsam mit ihr davon zu leben. Er teilte den Vorsatz seinem Freunde mit, der in vierzehn Tagen schon zu einer so bruderlichen Vertraulichkeit mit ihm gelangt war, dass keiner dem andern ein Geheimnis verschwieg: er billigte den Plan uberaus und versprach alle mogliche Beihulfe.
Die Freundschaft wurde noch inniger durch ein Verdienst, das sich Herrmann zufalligerweise um ihn erwarb. Er horte eines Abends ein Komplott wider seine Bank machen, die die Zusammenverschwornen schlechterdings sprengen wollten: er benachrichtigte seinen Freund davon, dass er die notigen Massregeln dawider nehmen konnte, und aus Dankbarkeit versprach dieser, bei dem ersten glucklichen Streiche, den er machen wurde, ihm zu Errichtung einer eignen Bank eine Summe zu geben, die er nicht wieder bezahlen sollte, im Fall, dass er unglucklich damit ware.
Auch diese Gelegenheit erschien. Einen reichen Livlander lockte man auf die namliche Weise ins Garn, wie Herrmann gekirrt wurde, da man nur sein bordiertes Kleid, und seine leere Borse nicht, kannte: der junge Mensch wurde durch den kleinen Gewinst, den man ihn anfangs machen liess, so hitzig und durch den nachfolgenden Verlust so aufgebracht, dass er sein Gluck schlechterdings zwingen wollte und in einem Niedersitzen alle Wechsel verlor, die er in Leipzig zu seinen Reisen nach Frankreich und England teils heben, teils stellen lassen sollte. Den Tag darauf dachte er seinen Verlust einigermassen wieder zu erobern und verlor an einen andern Spieler um die Halfte soviel als gestern, gegen einen Wechsel; der arme Ungluckliche stellte ihn mit Tranen und hatte in der Angst und Betrubnis seine Seele verpfandet, wenn es verlangt worden ware. Arnold so hiess Herrmanns Freund liess den jungen Menschen taglich bei sich speisen und erlaubte ihm nicht anders, als unter seiner Aufsicht zu spielen: er streckte ihm von Zeit zu Zeit einige Louisdor vor, um bei andern Banken vielleicht das Reisegeld nach Hause zu gewinnen, allein das Gluck blieb sein entschlossner Feind: alles Vorgestreckte ging den vorigen Weg. Arnold ermahnte ihn taglich, wieder nach Hause zu reisen, weil der Termin seines Wechsels bald verflossen war. "Sie kommen augenblicklich in Verhaft", sagte er ihm unaufhorlich, "und Sie haben mit einem harten, geizigen Manne zu tun." Nichts half: der ungluckliche Junker getraute sich nicht, vor seinem Vater zu erscheinen, und wusste doch auch keine andre Partie zu ergreifen. Arnold riet ihm, Kriegsdienste zu nehmen; allein dazu fand er in seinem weichen, zarten Korperchen nicht den mindesten Beruf. Sein Hofmeister, der bei einem Freunde etliche Meilen von Leipzig zum Besuch war, getraute sich gleichfalls nicht, vor einem Vater zu erscheinen, dessen ihm anvertrauter Leibeserbe alle seine Wechsel verspielt hatte, und antwortete dem jungen Herrn gar nicht auf den Brief, worinne er ihm seinen Unfall klagte, sondern nahm aus Verzweiflung die Flucht. Uber der Unentschlossenheit des Junkers ruckte der Zahlungstermin heran, und was man ihm prophezeit hatte, erfolgte: auch hier schlug sich Arnold ins Mittel, zwang den Glaubiger durch vieles Zureden, dass er sich mit der Halfte der schuldigen Summe befriedigen liess, und streckte sie dem Schuldner auf einen weit hinausgestellten Wechsel vor: der junge Mensch wurde durch diese Gute so geruhrt, dass er einen kleinen Ring, den ihm Fraulein Renatchen zum Andenken ihrer Gewogenheit auf die Reise mitgegeben hatte, aus der innersten Beinkleidertasche zog und ihm mit Tranen der Dankbarkeit zum Geschenk uberreichte. Arnold, als er erfuhr, welchen Wert der Zuneigung der Ring fur seinen Besitzer hatte, lehnte das Geschenk von sich ab, bestellte die Post fur ihn, versah ihn mit Reisegeld und ubergab ihn einem livlandischen Kaufmanne, der ihn in die Hande des gnadigen Papas liefern sollte. Noch den Abend vor der Abreise fahrt dem unbesonnenen Junglinge der Spielgeist in den Kopf: er besass noch zwanzig der auserlesensten, hellglanzendsten Kremnitzer Dukaten, die dem teuren Kinde die gnadige Frau Mama von ihrem Spielgelde nach und nach zuruckgelegt und in einem roten, saubern Beutelchen von Gros de Tours, worauf sie mit eigner Hand das Familienwappen in Gold stickte, als einen Notpfennig auf den Weg mitgegeben hatte, mit dem Befehle, diesen Schatz, wo moglich, unversehrt wieder zuruckzubringen. Um dem Befehle desto leichter zu gehorchen, nahte der Herr Sohn nach seinem ersten grossen Verluste dies Beutelchen in der linken Uhrtasche fest und glaubte, dass es der Satan selbst nunmehr nicht wegstehlen sollte: auch widerstand er die ganze ubrige Zeit tapfer allen Versuchungen, den Gefangnen zu erlosen, sah jeden Abend bei dem Schlafengehen darnach, ob seine Fesseln noch unversehrt waren, und in Gesellschaft, wo er ging und stund untersuchte alle funf Minuten seine linke Hand das Befinden des roten gestickten Beutelchens. An jenem unglucklichen Abende fuhrte ihn die Dankbarkeit auf das Kaffeehaus, um seinen Freund Arnold noch einmal zu umarmen: Arnold warnte ihn vor dem Spiele, allein er glaubte sich uber alle Reizungen erhaben und trat an einen Tisch, um bloss zuzusehn: da stand er, sah neidisch Summen gewinnen und verlieren und zappelte vor Begierde! Bald kraute er sich hinter dem Ohre, bald nahm er den Hut ab und fachelte sich er gluhte am ganzen Leibe von dem innerlichen Kampfe , seine Linke deckte unaufhorlich das rote Beutelchen, arbeitete zuweilen an den Zwirnbanden, um sie loszureissen, und stund hastig wieder davon ab, wenn ihm die Moglichkeit, die schonen Dukaten zu verlieren, einfiel. Lange drehte er sich so in dieser angstlichen Unentschlossenheit herum: endlich gab die Leidenschaft seinem Herze einen Stoss: er foderte von dem Marqueur ein Messer, trat in einen Winkel und schnitt die ganze Uhrtasche heraus, um sich nicht zu lange dabei aufzuhalten. Grinsend vor Freude trat er an den Tisch, das Beutelchen in der Linken, setzte eine Maria Theresia nach der andern und verlor sie: seine Dukaten waren so hervorstechend, dass ihnen der Tailleur einen besondern Platz anwies und jedermann mit Bewundrung nach ihnen hinblickte. Itzt prangten sie alle zwanzig vor dem Bankier: dem Junker traten die Tranen vor Arger in die Augen. "So mag der Teufel den Beutel auch holen!" sprach er weinerlich, nahm eine Karte und setzte das rote Beutelchen darauf: der ganze Tisch lachte, der Tailleur schlug um, und mit der ersten Karte war auch das rote Beutelchen in seiner Gewalt. Der ungluckliche Jungling schlug sich an den Kopf, weinte und jammerte: das ganze Kaffeehaus versammelte sich, die schonen zwanzig Dukaten und das schone Beutelchen zu beschauen: auch Arnold erschien und fragte nach der Ursache seines Wehklagens. "Ach, der gnadigen Mama rotes Beutelchen!" rief er unaufhorlich mit bangem Trauertone, schlug die Hande uber den Kopf zusammen und sturzte sich zur Tur hinaus. Arnold lief ihm nach und wich nicht von seiner Seite, bis er auf dem Postwagen sass, damit er nicht sein Reisegeld noch obendrein verspielen sollte.
So handelte dieser sonderbare Mann bestandig: er lebte vom Raube im eigentlichen Verstande und teilte seinen Raub mit andern, die weniger hatten als er: wen er nicht plundern konnte, den beschenkte er, oder plunderte die Leute und erzeigte ihnen hinterdrein die grossten Wohltaten, interessierte sich so bruderlich fur sie wie fur diesen Junker und verschwendete durch seine aufrichtige, gutgemeinte Vorsorge oft die Halfte der Beute wieder an denselben Menschen, dem er sie abgenommen hatte. Jede Betrugerei verabscheute er im Glucke, aber in der Not war ihm keine zu verachtlich, wenn sie nur ein wichtiges Objekt betraf: uberhaupt konnte er nie im kleinen arbeiten, und er kannte keine andre Niedertrachtigkeit, als kleine Summen durch schlechte Mittel zu erobern suchen: dies nannte er Beutelschneiderei. Seine grosste Starke war die Kunst, junge und alte, erfahrne und unerfahrne Leute zum Spiel zu verleiten, und zwar so unmerklich, dass sie die Absicht der Verleitung gar nicht argwohnten. Seine Leidenschaften waren Verschwendung und Liebe, fur deren Befriedigung er jeden Streich unternahm, und oft gesellte sich auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu, dass er sich schmeicheln konnte, einen gesetzten oder vorsichtigen Menschen uberlistet und wider seinen Willen zu einer Handlung gebracht zu haben, die er zu vermeiden suchte. Der namliche Ehrgeiz schien ihn grosstenteils auch bei seinen verliebten Unternehmungen zu regieren; die seinen Anerbietungen mutig widerstund, konnte auf seine Freigebigkeit sichre Rechnung machen, ohne dass er die mindeste Erkenntlichkeit dafur verlangte, und er verliess gemachte Eroberungen sogleich wieder, weil ihm der Sieg keine Muhe kostete. War er einmal aus Mitleid oder innerer Zuneigung jemandes Freund geworden, dann dunkte ihm keine Aufopferung, keine Gefahr, keine Arbeit zu gross, um seinem Freunde zu helfen oder Vergnugen zu machen.
Davon war Herrmann ein lebendiger Beweis: von der Minute an, da er sich das Gestandnis seines Mangels entwischen liess, wurde Arnold sein unermudeter Freund und Wohltater, besonders nachdem er aus der Nachricht, die ihm Herrmann eines Abends von dem Komplotte wider seine Bank gab, schliessen konnte, dass der junge Mensch Zuneigung fur ihn fuhlte: einen solchen Beweis wartete er gemeiniglich ab, und auch ein geringerer Dienst, als ihm Herrmann tat, war ihm hinlanglich dazu. Seinem Versprechen gemass schenkte er ihm von dem Gewinst, den der livlandische Junker einbrachte, die Halfte, um selbst Bank zu halten. Das Gluck breitete seine Flugel uber Herrmann aus und traufelte Gewinn und Reichtum auf ihn herab: er legte sich von Zeit zu Zeit einen Teil seines Gewinns zu Ausfuhrung seines Plans mit Ulriken zuruck und wiegte sich wie ein auserwahlter Gunstling in dem Schosse der Freude und der sussesten Hoffnung. Allmahlich verlor er freilich seinen verliebten Zweck ganz aus dem Gesichte und spielte nicht mehr, um zum Besten seiner Liebe zu gewinnen, sondern um zu spielen. Seine ganze Tatigkeit wurde auf diesen Punkt hingerissen und seine Leidenschaft so uberspannt heftig, dass ihn selbst Arnold daruber tadelte. Wie bald waren nun Musen und Wissenschaften aus seinem Kopfe verscheucht! Bald wollte er spielen, um nebenher studieren zu konnen, wollte immer morgen den Anfang machen, und immer erschien nur der kunftige Morgen fur das Spiel: bald verwarf er das Studieren als einen Umweg, um zu Ulrikens Besitze zu gelangen, und hoffte, nach einem halbjahrigen Gewinnen schon genug beisammen zu haben, um mit ihr in philosophischer Stille und Genugsamkeit den Rest seines neunzehnjahrigen Lebens auf dem Lande zuzubringen: er schwankte bald zu diesem, bald zu jenem Plane; jeder Tag brachte einen neuen hervor, bis sie endlich samt und sonders verdrangt und nur Spielen sein Denken, Trachten und Begehren wurde.
Viertes Kapitel
In diesem Zeitraume der Spielsucht empfing er Schwingers Antwort auf seinen letzten reuevollen Brief und in demselben den Rat, seinen Studierplan noch ein halbes Jahr aufzuschieben und den Winter bei ihm auf dem Lande zuzubringen: er hatte dabei die gutgemeinte Absicht wiewohl er sie in dem Briefe nicht angab , den jungen, von der Liebe verfuhrten Menschen wieder in das Gleis seiner vorigen Grundsatze durch seinen Umgang zuruckzufuhren und von dem Geschmacke einer zerstreuten, gerauschvollen Lebensart zu heilen: auch glaubte er ihn auf solche Weise von Ulriken abzuziehn, die ihm nach seiner Mutmassung entweder nachgefolgt sein mochte oder doch bald nach Leipzig nachfolgen wurde. Uberhaupt war ihm in Herrmanns Geschichte alles zu dunkel, als dass er nicht das Schlimmste argwohnen und nicht neugierig sein sollte, sie im Zusammenhange aus seinem eignen Munde zu erfahren. Der gutmutige Mann schrieb in einem so gemilderten Tone und vergab ihm seinen unhoflichen Brief aus Berlin so aufrichtig, dass Herrmann in jeder andern Gemutsverfassung bis zu Tranen geruhrt worden ware: doch itzt fuhlte er nur einen flachen Eindruck, steckte den Brief in die Tasche und legte das Reisegeld, das ihm Schwinger schickte, in seine Spielkasse: er wollte jeden Tag antworten und ihm berichten, dass er seinen Vorschlag auch diesmal ausschlagen musste, und vergass es jeden Tag: Zerstreuung und Spiel liessen ihm keine Zeit dazu.
Inzwischen, so leichtsinnig ihn auch Gluck und Leidenschaft zu machen schienen, so wenig vermochten sie doch uber Gewissen und Ehre bei ihm: nie suchte er, wie seine Freunde, von der Unerfahrenheit oder Dummheit eines Junglings Vorteil zu ziehen: nie lockte er durch listige Kunstgriffe zum Spiel an, sondern wer freiwillig bei ihm gewinnen oder verlieren wollte, war ihm willkommen, und nur das Gluck entschied. Den Nachstellungen, womit Arnold junge Leute zum Spieltisch und meistens in ihr Verderben lockte, sah er anfangs mit stiller Missbilligung zu, tadelte seinen Freund daruber, der ihn meistens dafur auslachte, und die Gewohnheit hartete allmahlich seine Billigkeit so sehr ab, dass er sich an den lustigen Szenen, die oft dabei vorkamen, vergnugte, Arnolds List bewunderte und das Ungerechte, Rauberische in seinem Verfahren gar nicht mehr fuhlte: er bedauerte im Herzen die unglucklichen Schlachtopfer und blieb ein stiller Zuschauer ihres Verlustes. Die Leidenschaft hat eine eigne Kasuistik: in den wenigen Stunden der Uberlegung, die Herrmann ubrigbehielt, machte er sich zuweilen Vorwurfe uber seine itzige Lebensart, allein sie wurden sehr bald durch die herrlichsten Scheingrunde niedergeschlagen. 'Was tut Arnold Boses?' fragte er sich in solchen nachdenkenden Stunden. 'Er verleitet freilich Leute zum Spiel, die ausserdem vielleicht nicht gespielt hatten: aber lasst er es nicht lediglich auf das Schicksal ankommen, welchen Ausgang es haben soll? Wagt er nicht das Seinige mit dem Gelde des andern in gleiche Gefahr? Kann er dafur, dass das Gluck die Karten fur ihn gunstiger fallen lasst als fur den andern? Ich, der Arme, streite mit dem Reichen um das ungleich ausgeteilte Vermogen, und der Wurf eines gemalten Blattes entscheidet, ob er oder ich mehr davon besitzen soll, als ein jeder bereits hat: handelt nicht ein jeder unter uns aus gleich freier Entschliessung und nach gleichem Rechte? Aber seine Krafte so im geschaftigen Mussiggange dahinschwinden lassen! die Tatigkeit, womit man etwas Grosses, Ruhmliches und allgemein Nutzliches schaffen konnte, bloss zu seinem eignen Nutzen, zu Befriedigung einer schnoden Geldbegierde anwenden! Freilich sind das nicht Grundsatze, die mir Schwinger eingepragt hat: aber was Schwinger? Er kennt die Welt nicht. Was tun die Menschen rings um mich anders, als dass sie miteinander um ihren Nutzen, um die Mittel des Vergnugens und Wohlseins kampfen? Dieser arbeitet mit den Handen, jener mit dem Kopfe, um dem Reichern etwas abzugewinnen: dieser handelt mit Schwefelholzern, jener mit Juwelen, um vor der Masse des allgemeinen Reichtums einen grossern Teil zu erbeuten, als er hat; und was tut ein Spieler mehr oder weniger als das? Der Kaufmann, der Handwerker, der Gelehrte sucht Kunden an sich zu ziehen: wir tun nichts mehr und nichts weniger. Ich spiele aufrichtig, ohne den mindsten Betrug, und habe einen der edelsten Zwecke dabei, der beleidigten Unschuld Genugtuung und der schmachtenden Liebe Nahrung und Unterhalt zu verschaffen: kann es bei solchen Absichten und unter solchen Umstanden Schande sein, fur seinen Nutzen zu leben? Schwinger hat mich mit finstern Schulgrillen angefullt: Vignali sagte mir das oft: je mehr ich von der Welt sehe, je mehr fuhl ich, dass es ganz anders ist und sein muss, als mir sie der gute Mann vormalte. Da sollt ich immer nur zum Besten der menschlichen Gesellschaft, immer nur fur meine Ehre, immer nur wegen des Bewusstseins, etwas Gutes getan zu haben, arbeiten; allem Vergnugen und Eigennutz entsagen und nur nach grossen und edlen, sich selbst belohnenden Handlungen streben: Schimaren! nichts als Schimaren! Ich habe bei Vignali dem Vergnugen gelebt; und ich lebe hier dem Nutzen, um mir neues Vergnugen erkaufen zu konnen. Niemand bewegt um meinetwillen eine Fingerspitze, wenn er nicht eine Vergeltung seiner Muhe erwarten kann: jeder denkt nur auf seinen Vorteil, sein Vergnugen; und ich Tor soll mich mit leeren Gespenstern der Ehre herumjagen? soll der Grille nachlaufen, dem Irrlichte der Einbildung, dem Phantome des Bewusstseins, etwas Gutes fur andre getan zu haben, da doch niemand etwas Gutes fur mich tun will? Weg mit den Traumen! Vergnugen und Nutzen sind die beiden Realitaten auf der Erde: das ubrige ist Tand. Meine eingesognen Vorurteile und Hirngespinste haben mich in Berlin gegen das Vergnugen misstrauisch gemacht: o welch ein gluckseliges Leben hatt ich bei Vignali geniessen konnen, wenn meine lichtscheuen Grundsatze nicht Wirkung getan hatten! Schwinger hat, bei aller guten Absicht, die bisherige Halfte meines Lebens verbittert. Das Vergnugen bot sich mir wie ein voller Baum mit funkelnden Fruchten dar: meine hungernden Lippen wollten sich sattigen, und angstliche Besorgnisse, wunderliche Traume von hoher Ehre und uberspannter Tugend liessen mich nicht einmal kosten; diese namlichen Grillen entzweiten mich auch mit Ulriken und trubten eine Liebe, die wie ein klares, susses, labendes Wasser aus Herz in Herze floss: sie brachten mich der Verzweiflung und dem Gedanken des Selbstmordes nahe: noch itzt machen sie mich bedenklich und schmalern mir meine Gluckseligkeit: immer hungre ich halb am Tische des Vergnugens und Nutzens, aus Furcht, mich zu uberladen. Nein! ich will die Einbildungen alle verscheuchen: erwerben und geniessen sollen meine beiden Wunsche, meine beiden Beschaftigungen sein.'
Diese veranderten Gesinnungen, die der herrschende Ton des Eigennutzes rings um ihn und grosstenteils Arnolds Umgang erzeugt hatte, befolgte er getreulich: doch konnten sie die zwei Elemente seiner Denkungsart, Grosse und Gute, nie verdrangen. Er durstete nach Gewinn; und gleichwohl konnte er sich nie entschliessen, einen rechtmassigen Gewinst anzunehmen, wenn er wusste, dass der Verlierer deswegen darben musste: er schickte ihm einen Teil seines Verlustes wieder nach geendigtem Spiele, ohne dass er wissen liess, wer das Geld schickte, oder er lud ihn zu sich ein und verlor durch vorsatzliche Unachtsamkeit an ihn. Er wollte sammeln und sammelte auch sehr geizig; allein wenn er von einer armen Witwe horte, die kein Holz hatte, oder von einer durftigen Familie, die sich des Bettelns schamte und doch kummerlich darbte, oder von einem Unglucklichen, den die Musen beinahe verhungern und erfrieren liessen, dann wurde des Zuruckgelegten nicht eine Minute geschont: die Leute empfingen von ihm durch die dritte Hand, ohne zu wissen, wem sie es verdanken sollten: er sammelte also in das Fass der Danaiden und hatte bei dem grossten Glucke und dem grossten Geize immer nichts. Seine stille, gutherzige Wohltatigkeit machte gegen Arnolds ausschweifende Grossmut und verschwenderische Freigebigkeit einen sonderbaren Kontrast, und es war ein wirkliches Vergnugen zu horen, wie diese beiden Leute deswegen wechselweise den Hofmeister aneinander spielten. "Wenn du jedem, der Geld braucht, das deinige hingibst", sprach Arnold, "so wirst du in Ewigkeit nichts zusammenbringen. Was gehn dich denn die Leute an, denen du einen Louisdor nach dem andern zuwirfst! Du kannst hundert Jahre spielen und wirst doch nie genug beisammen haben, um dir nur ein Bauergutchen kaufen zu konnen." "Bist du nicht wunderlich?" antwortete Herrmann lachend. "Ich habe ja Geld in Menge: es fliesst mir von allen Seiten zu. Wer viel hat, muss viel geben. Ich verschenke alle Tage und lege alle Tage neue Summen zuruck. Das Gluck ist freigebig gegen mich: so muss ich ja wohl wieder freigebig gegen andre sein, die es karg behandelt."
"Du bist ja ein wahrer Verschwender", sprach zu einer andern Zeit Herrmann zu seinem Freunde. "Du wirst dich durch deine ubertriebne Freigebigkeit zugrunde richten. Wozu denn so ungeheure Verschwendungen an Leute, die dir's nicht einmal danken? Sie essen sich dick und rund und tun nicht einen Schritt deinetwegen, wenn du Hulfe brauchst." "Narr!" war Arnolds Antwort gemeiniglich, "das Geld muss vertan werden: dazu ist es gemacht. Ich kann nicht so klein leben wie alle die Knicker, die bei mir schmarotzen. Bei mir muss es gross hergehn, alles im Uberflusse sein; und wenn mir's morgen einfallt, die ganze Stadt zu Tische zu bitten, so darf mir's nicht fehlen. Was willst du denn? mein itziges Leben ist ein bettelhaftes Leben. Wenn ich taglich sieben oder acht Leuten vier, auch wohl sechs Schusseln und ein lumpichtes Dutzend Bouteillen Wein vorsetze; was ist das? Wenn's nach meiner Neigung recht ordentlich zugehen soll, so muss ich alle Tage an zwei, drei Tafeln vierzig, funfzig Personen speisen konnen; jede Mahlzeit mussen sich ein paar Leute zu Tode essen; die Champagnerflaschen mussen in einem fort springen, als wenn bei Tische kanoniert wurde: in einer Stunde mussen die Gaste schon vor Trunkenheit auf der Erde herumliegen wie tote Fliegen und sich im Weine walzen; und dabei Pauken, Trompeten, Kanonen und ein halbes Dutzend Hofnarren! Das muss ein Toben und Larmen sein, dass die Ohren zerspringen mochten: da muss gar nicht gefragt werden: 'Ist das da? kann man jenes haben?' sondern ein jeder sagt: 'Ich will Tokaier; ich will Fasanen; ich will Drosseln; ich will Vogelnester; ich will Kapwein; ich will den Fisch, ich will jenen' und wie er's sagt, muss es da sein, und wenn sich jemand einfallen liess, amerikanische Schweinefusse zu fodern: das heiss ich Leben. Mein itziges Leben ist ein halber Tod; kummerlich wie bei einem Halunken geht's bei mir zu. Wenn wir vierundzwanzig Bouteillen ausgestochen haben, ein bisschen torkeln und hie und da ein schwacher Kopf spricht wie ein Kalb oder mit der Nase auf den Tisch fallt und einschlaft, das ist unser grosstes Fest: ist das wohl des Redens wert? Schwimmen muss ich im Wohlleben wie ein Sultan, wenn ich's gelten lassen soll: itzt leb ich wie Sultan, mein Hund."
Unter der Anfuhrung eines solchen Lehrmeisters war es kein Wunder, dass Herrmann mit dem Geschmack am gerauschvollen trunknen Wohlleben angesteckt wurde: seine tagliche Gesellschaft hielt es fur eine Sache der Ehre, im Trunke viel leisten zu konnen: wie mochte er es also uber das Herz bringen, sich durch verspottete Massigkeit lacherlich zu machen? Ausserdem verdrangte der Wein den Rest seines vorigen Kummers vollends; der halbe Rausch, in welchem sich sein Kopf bestandig befand, unterdruckte die Stimme der Vernunft und des Nachdenkens, die ihm itzt beide sehr zur Last fielen, weil sie ihm mancherlei unangenehme Dinge sagten, sobald sie zum Sprechen kamen: der Trunk begeisterte ihn mit Kraft und Tatigkeit und spannte alle Nerven seiner Phantasie an: er befand sich ungemein wohl in dem Gefuhl seiner Starke und leerte das freudenschaffende Glas desto oftrer aus, um dieses Gefuhl voller und dauerhafter zu machen.
Ohne Liebe ist der Wein matt: auch folgte sie dem Trunke auf dem Fusse nach; aber keine Liebe zu einer Ulrike! nein, eine Liebe, die sich vor Ulrikens Andenken schamte und es mit aller Gewalt zu vertilgen suchte! Sie wurde durch Arnolds Reden genahrt, der die Ausschweifung laut predigte, und durch seine Beihulfe brach sie sehr bald in verwustende Flammen aus.
In dem einsamsten Winkel der Stadt wohnten zwo Schwestern, die von der Arbeit ihrer Hande lebten, trocknes Brot assen und dunnen Kaffee dazu tranken und, dieser kummerlichen Kost ungeachtet, in der Kirche und auf dem Spaziergange mit den Reichsten in der Schonheit und Nettigkeit des Anzugs wetteiferten. Die Alteste war rasch, leichtsinnig, verbuhlt, und Arnold genoss ihre Vertraulichkeit im weitesten Umfange: seine Freigebigkeit erhielt sie beide; allein sie liessen seine Geschenke mehr ihrer Eitelkeit als ihrem Appetite zugute kommen, assen so kummerlich wie vorher, wenn er sie nicht bewirtete, und putzten sich alle Tage herrlich heraus. Die Jungste war still, von angenehmem Ernste, hatte einen hochst interessanten Zug der Traurigkeit im Gesichte, und aus ihrem schuchternen Auge sprach die Liebe mit so vieler Starke als aus ihrer Schwester ganzem Gesichte die Buhlerei. Sie gab sich wohl auch zuweilen die freche Miene, allein man merkte sehr bald, dass sie nur nachgemachte Grimasse und nicht naturlicher Ausdruck ihrer Denkungsart war: deswegen achtete sie Arnold sehr wenig, nennte sie das stille Schaf und machte sich nebst ihrer Schwester meistenteils uber sie lustig. Herrmann wurde von seinem Freunde in diese Gesellschaft gezogen, damit er nicht so mussig ginge, wie dieser sagte, sondern sich etwas zu tun schaffte. Arnolds Absicht schlug nicht fehl: denn gleich bei dem ersten Blicke, den Herrmann und Lisette welches der Name der Jungsten war aufeinander warfen, machten beiden den Anfang, sich etwas zu tun zu schaffen. Die Vertraulichkeit blieb nicht lange aussen; allein mitten darunter mischte sich bei dem Madchen eine Scheu, eine Zuruckgezogenheit, die den neuen Liebhaber so sehr anlockte, als ihn ihre Buhlerei zuruckstiess, weil sie ihr so wenig stund, dass sie unendlich dabei verlor. Arnold erkundigte sich jeden Tag bei ihm, wie weit er mit ihr gekommen ware, und jedesmal tadelte er seine Blodigkeit. "Ich will dein Geschafte machen", erbot er sich endlich, da ihm die Zauderei zu lange wahrte, brachte dem entbrannten Herrmann die gunstigste Antwort und trieb ihn durch beschamende Vorwurfe an, aller Schuchternheit zu entsagen. Eigentlich war es nicht Schuchternheit bei ihm, sondern Lisette hatte ihm mit der Liebe bereits zuviel Achtung beigebracht: er liebte sie zu sehr und zu zartlich, um ihr eine unerlaubte Zumutung tun zu konnen; allein Arnolds Zuredungen, die seinen Ehrgeiz verwundeten, siegten zuletzt uber ihn. Lisette, von seinem Freunde vorbereitet, empfing ihn uberaus angstlich und traurig, ob man gleich das Gegenteil hatte vermuten sollen. Das Gesprach belebte sich zwar ein wenig: Herrmann, von Wein, Liebe und Ehrgeiz trunken, erlaubte sich ungewohnte Freiheiten: das Madchen wurde immer trauriger und bis zum Weinen banglich. Endlich, da die geduldeten Freiheiten sich bis zur Unverschamtheit verstarkten, fing Lisette an, bitterlich zu weinen. "Schonen Sie meiner!" sprach sie unterdruckter Stimme. "Meine Armut, Ihre Geschenke und Arnolds Zuredungen verleiteten mich freilich zu einem ubereilten Versprechen, das ich seitdem vielfaltig bereut habe. Ich bin in Ihrer Gewalt: wollen Sie mich unter keiner andern Bedingung Ihre Freigebigkeit geniessen lassen, so muss ich Ihnen aufopfern ..." Tranen erstickten den Rest ihrer Rede: Herrmann stand besturzt und verlegen da, ohne ein Wort reden zu konnen.
"Sie sind zu edel, um ein armes Madchen ins Verderben zu sturzen", fing sie nach einer langen Pause wieder an, "und unglucklich muss ich zeitlebens sein, wenn Sie schlechter denken, als ich glaube; denn Sie konnen mich nicht heiraten."
"Warum nicht, Lisette?" unterbrach sie Herrmann, der sich indessen wieder von der Besturzung erholt hatte. "Glauben Sie, dass ich Sie dazu nicht genug liebe?"
"Nein", antwortete das Madchen, "sondern weil Sie vermutlich eine altre Liebe mir nicht aufopfern werden."
Herrmann. Wieso? eine altre Liebe? Sie sind freilich nicht die erste, die ich liebe; aber was schadet das? Aus den Augen, aus dem Sinne: wer kann alle Madchen heiraten, die man liebt?
Lisette. Und so dachten Sie wahrhaftig nicht besser gegen unser Geschlecht? Sind Sie wirklich einer so entsetzlichen Untreue fahig? Wollen Sie mich wirklich heiraten?
Herrmann. Vielleicht: versprechen kann ich nichts vielleicht, vielleicht.
Lisette. Ich muss Ihr volliges Ja haben.
Herrmann. Wenn Sie mir nicht anders trauen wollen Ja, Lisettchen! hier ist meine Hand.
Lisette. Ich nehme sie nicht an, weil Sie mich durch Ihr Versprechen hintergehn wollen. Sie konnen keine Hand mehr weggeben: Ihre Treue ist verpfandet.
Sie zog darauf ein Papier aus der Tasche und uberreichte es ihm. "Wenn die Verfasserin dieses Briefs befriedigt ist", sprach sie, "dann bin ich von dieser Minute an die Ihrige."
Herrmann erkannte wie vom Schlage geruhrt Ulrikens Hand auf dem Papiere: es war einer ihrer zartlichsten Briefe, worein er wie es sich hernach auswies in der Zerstreuung des Vergnugens und der Spielsucht eine Garnitur Haarputz gewickelt und Lisetten ein Geschenk damit gemacht hatte. Er fuhlte sich wie von einem Abgrunde zuruckgezogen: er war uberfuhrt, konnte und wollte nichts leugnen, sondern bekannte offenherzig die Falschheit, die er zu begehen willens gewesen war.
Lisette unterbrach sein Bekenntnis. "Meine Schwester", sagte sie, "hat sich mit mir veruneinigt: ich habe zeither halb von ihrer Wohltatigkeit leben mussen, und sie ruckte mir's sehr oft vor, dass sie mich Arnolds Freigebigkeit mitgeniessen liess. Ihre Vorwurfe und ihr Ubermut auf Arnolds Freundschaft werden so unertraglich, dass ich mich von ihr trennen muss. Die Arbeit meiner Hande gibt mir kaum kummerliches Brot; und ich wollte lieber verhungern, als durch meine Auffuhrung in Kleidern meine Eltern im Grabe beschimpfen. Sie waren reich, erzogen uns beide im Uberflusse und wurden durch einen unglucklichen Bankerutt arm. Die Welt hatte an unserm Unglucke nicht genug, sondern beneidete, verleumdete und verspottete uns noch obendrein, dass wir den Schein des vorigen Glucks durch unsern Anzug zu behaupten suchten: mit dem giftigsten Spotte und den hamischsten Erdichtungen haben uns die ublen Nachreden der Stadtklatscherinnen verfolgt. Verlassen Sie mich, so bin ich ganz verloren; ich werde der Durftigkeit und Schadenfreude preisgegeben; und lieber wollt' ich in den Tod gehn oder in die grosste Schandtat willigen, als der Bosheit das Vergnugen machen, dass ich ihr meine Durftigkeit offentlich zeigen musste. Wollen Sie nunmehr nicht anders als fur die Befriedigung Ihrer Lust mein Wohltater werden und mich der offentlichen Schande, der Armut entziehen, wohl! machen Sie alles mit mir, was Ihnen gefallt! Ich muss Ihrer Begierde gehorchen; aber nur noch einen Augenblick Uberlegung! Wenn Sie mich armes Madchen einer noch grossern Schande aussetzen; und wenn mich, um der Schande und den Gesetzen zu entgehn, meine Ehre zu einem Verbrechen verfuhrte haben Sie das Herz, die ganze kunftige Gluckseligkeit eines verlassnen Madchens einigen frohen Augenblicken aufzuopfern?"
Sie weinte, dass Trane auf Trane folgte. "Solch ein Verworfner bin ich nicht!" rief Herrmann tief geruhrt. "Nein, Lisette! so weit will ich nicht herabsinken, dass meine Liebe Ihre Tranen verachten soll. Ich war ein Leichtsinniger, der im Taumel der Verfuhrung eine Schandtat durch Untreue und Betrug erkaufen wollte: aber ein vorsatzlicher Bosewicht kann ich nicht sein. Ich will verflucht sein, wenn ich von dieser Minute an noch ein Verlangen gegen Sie aussere, das Sie unglucklich machen konnte. Einmal Verfuhrer der Unschuld gewesen zu sein ist genug; und das war ich, Lisette, das war ich! an dem schuldlosen Geschopfe, das diesen Brief schrieb! An die Stirn will ich mir meine Schande atzen lassen, dass jede, die noch einen Funken Tugend und Ehre im Herze tragt, vor mir flieht wie das Schaf vor dem Wolfe. Solch eine Nichtswurdigkeit hatte ich mir doch nie selbst zugetraut: Kaum steh ich von einem Falle auf, so renne ich schon wieder zu einem zweiten hin. O Verfuhrung! Verfuhrung! du bist der Lowe, der im Finstern herumschleicht! aber du sollst mich nicht mehr beschleichen, das schwor ich. Kein Tropfen Wein soll wieder uber meine Zunge gehn und meine Hande keine Karte jemals wieder beruhren; denn das sind meine beiden Verderber. O Ulrike! wenn du den wusten, taumelnden Spieler und Madchenverfuhrer sehen solltest, ob du deinen Herrmann noch in ihm erkennen wurdest? Mit Abscheu musstest du dich von mir wenden; und du tatest recht: ich bin deiner unwert! ein Verworfner!"
Lisette musste alle Muhe anwenden, um ihn wieder zu beruhigen; denn des Selbstverwunschens und Bereuens wurde gar kein Ende. Nachdem es ihr gelungen war, ihn zufriedenzusprechen, tat er ihr, um seine ungerechten Zumutungen zu verguten, die heiligste Versicherung, dass er nunmehr seine Freigebigkeit gegen sie verdoppeln werde. "Mieten Sie sich eine Wohnung!" sprach er, "ich bezahle sie: alles, was Ihre kleine Haushaltung kostet, trage ich, aus Dankbarkeit, dass Sie mich aus einer Verblendung gerissen haben, die mich in das tiefste Verderben fuhren konnte. Sie sind kunftig meine Freundin; und sobald mich die Liebe hinreisst, mehr als Freund fur Sie sein zu wollen, so verstossen Sie mich als einen Unwurdigen, oder rufen Sie mich mit der liebenswurdigen Gute, wie itzt, zu meiner Pflicht zuruck! Aber auf einer Bitte muss ich bestehen: Arnold soll glauben, dass Sie meine Absichten begunstigen: sein Spott wurde mich unbarmherzig verfolgen, wenn er erfuhre, was zwischen uns vorgefallen ist. Er hatte vielleicht geradeso in meinem Falle gehandelt; allein seine Hohnereien uber meine Blodigkeit und Massigung sind ohnehin unendlich: er wurde mich wie ein Kind auslachen. Dass er ja nicht eine Silbe erfahrt!"
Lisette versprach, weil er schlechterdings darauf bestund, sich gegen seinen Freund einen schlimmern Schein zu geben, als sie war; und sie trennten sich beide mit dem lebhaftesten Danke und zuversichtlich zufriedner, als wenn Herrmann in ihren Armen seine Leidenschaft gestillt hatte. Seinem Vorsatze gemass ging er nicht auf das Kaffeehaus, speiste zu Hause und hatte Langeweile: das Spiel fehlte ihm; die ganze Stube war ihm zu enge: er ging in allen vier Winkeln herum wie ein Mensch, der etwas vermisst, konnte dem Triebe unmoglich widerstehen, nahm den Hut, ging an die Tur, stund warf plotzlich den Hut auf den Tisch und setzte sich. Um sich seine Enthaltsamkeit weniger peinlich zu machen, rief er seinen Pommer zu sich in die Stube. "Kannst du spielen?" fragte er, "mit Karten, mit Wurfeln oder ein ander Spiel?" "Wurfeln!" antwortete der Pommer, "wurfeln ist mein Leibspiel." Wer war froher als Herrmann? Er wurfelte mit dem Burschen, und da er ihm alle Barschaft abgenommen hatte, musste er Weste, Beinkleider, Strumpfe und Schuhe setzen: der arme Teufel war so unglucklich, dass er seinen ganzen Anzug verlor und im Hemde und barfuss dortstehen musste. Die Beschimpfung verdross ihn, und weil ihm gar nichts mehr ubrig war, setzte er im Zorne seine Haut; auch diese verlor er: der Junge fing an bitterlich zu weinen, als wenn er das Schicksal des Marsyas leiden sollte, und wahrend dass Herrmann seiner Tranen lachte, trat Arnold herein. Der Spass wurde auf Unkosten des armen Pommers eine Zeitlang fortgesetzt, der so verwegen war, auch Arnolden eine Partie anzubieten: das Gluck drehte sich so schnell auf seine Seite, dass er in kurzer Zeit einen Dukaten gewann. Wie unsinnig vor Freuden sprang der Bube, den funkelnden Dukaten in der Hand, zur Tur hinaus und liess seinen Anzug herzlich gern im Stiche.
Sogleich wurde das Gesprach auf Lisetten gelenkt: Herrmann gab sich die Miene des begunstigten Liebhabers, nahm mit vieler Verlegenheit die Gluckwunsche seines Freundes an und wurde berichtet, dass heute sehr schlechtes Kommerz auf dem Kaffeehause ware: deswegen schlug Arnold eine Partie bei ihm auf der Stube vor. Herrmann wollte sie ablehnen, aber er kam mit seinem Widerstande nicht sonderlich weit; denn eben traten vier von seinen Bekannten herein und unterstutzten Arnolds Vorschlag. Sie machten, ohne lange zu fragen, Anstalt zum Spiel, Arnold besorgte den Punsch: halb angstlich, ein getanes Gelubde so bald zu brechen, und halb erfreut, sich zum Bruche gezwungen zu sehn, setzte sich Herrmann zum Spiel, brachte die Nacht bis an den fruhen Morgen bei dem Punschglase und den Karten zu und verlor ein paar hundert Taler. Das war in jedem Verstande ein schlimmer Anfang zur Besserung; denn mit dem Verluste bemantelte seine Leidenschaft den ganzlichen Aufschub derselben: er musste nunmehr notwendig spielen, um sich das verlorne Geld wieder zu schaffen. Der Verlust wuchs jeden Tag und also auch jeden Tag die Hitze seiner Spielbegierde: das Gluck ging so gewaltig mit ihm abwarts, dass er, der noch vor acht Tagen der Besitzer unendlicher Reichtumer zu sein glaubte, nicht den Pfennig mehr besass. Das Schlimmste dabei war, dass Arnold mit ihm gleiches Schicksal hatte: einige, die ihm ubelwollten, hatten eine Verschworung wider ihn gemacht und Vermogen und Leben unter sich verpfandet, ihn zugrunde zu richten: das Gluck und Arnolds Heftigkeit begunstigten ihren Plan, und in kurzer Zeit war er ganz auf dem Trocknen, mit Schulden uberhauft, nicht fahig, sie zu bezahlen, und sehr geneigt, sie zu vermehren; allein man verschob den Kredit bis auf bessre Zeiten. Was war zu tun? die offne Tafel wurde eingestellt, kein Champagner netzte mehr seine Kehle, Freunde und Schmarotzer flohen, und er musste nebst Herrmannen ausserst zufrieden sein, dass ein gutherziger Speisewirt ihnen taglich eine schlechte Portion Fleisch auf Kredit zukommen liess. Kleider und Wasche war schon verkauft und nichts mehr ubrig, als bei der Nacht sich unsichtbar zu machen: der Entschluss war wirklich gefasst, und nur die nahe Neujahrsmesse sollte entscheiden, ob er ausgefuhrt werden musste. Unterdessen stimmte Arnold seine Denkungsart herab und arbeitete im kleinen: er schlich in den Dorfschenken herum und ubertolpelte zuweilen ein paar junge Bauernkerle, denen er mit dem Wurfel wenigstens so viel abgewann, um den Kredit des Speisewirts bei Atem zu erhalten. Herrmann fand freilich diese Lebensart ausserst erniedrigend: allein was vermag nicht die Not? Wenn niemand um Geld spielen wollte, geschah es um Stecknadeln, einen Krug Bier, eine Mahlzeit, und an einem Sonntage gewannen sie einem Bauer seinen ganzen Huhnerstall ab. Sie trieben sich einige Zeit auf dem Lande herum, und alles, was nur in Geld gesetzt werden konnte, wurde zum Einsatz genommen: Herrmann war zwar bei den haufigen Betrugereien, wodurch Arnold sich sein Gewerbe ergiebig machte, nur Zuschauer, hochstens Gelegenheitsmacher, allein er erschien sich selbst als Mitgehilfe bei einer solchen Kaperei in einem so verachtlichen Lichte, dass er beschloss, die Messe abzuwarten und dann heimlich seinen Freund zu verlassen, wenn sie das Gluck nicht wieder in bessere Umstande versetzte.
Funftes Kapitel
Die langstgewunschte Messe erschien, und die beiden Kaper ruckten mit einer kleinen Barschaft, die sie aus den erbeuteten Huhnern, Gansen, Kuhen und Eiern gelost hatten, wieder in die Stadt. Arnold, so freigebig und edel er im Glucke war, handelte in der Not mit der grausamsten Tyrannei: um sich emporzuhelfen, schonte er weder Vater, Mutter noch Freund. Gleich zu Anfange der Messe wandte er sich an einen fremden Kaufmann von seiner vertrautesten Bekanntschaft, der von seinem Unglucke noch nichts wusste, und schwatzte ihm zehn Louisdor ab, die er in drei Tagen wieder zu bezahlen versprach. Herrmann bekam zwei davon, um sein Gluck auf den Kaffeehausern zu versuchen, und Arnold ging aus, einen einfaltigen, reichen Fremden oder gutherzigen Jungling aufzusuchen, um ihn reinzuplundern. Herrmann, der sein Versprechen gegen Lisetten noch nicht mit einem Groschen hatte erfullen konnen, flog sogleich zu ihr und uberbrachte ihr die Halfte seiner zehn Taler: er fand sie noch bei ihrer Schwester, die teils aus Kummer, dass sie Arnold ganz verlassen hatte, teils aus Furcht vor kunftiger Schande krank geworden war; denn sie hatte gegrundete Ursachen, traurige Folgen von Arnolds Vertraulichkeit zu erwarten. Lisette konnte nicht genug verdienen, um sich und ihre bettlagerige Schwester zu erhalten: ein Teil ihrer Kleider war schon versetzt, und an den ubrigen sollte nachstens die Reihe kommen. In einer so klaglichen Lage war Herrmann mit seinem Louisdor ein Engel, der sie vom Himmel speiste. Lisette weinte, bleich von vielem Harmen, und ihre Schwester wickelte sich schluchzend in die Betten, um ihr entstelltes, schamvolles Gesicht zu verbergen: das Bild des Schmerzes und Mangels, das er erblickte, wohin er sich kehrte, und die Klagen der beiden Madchen machte so tiefen Eindruck auf Herrmann, dass er auch seinen zweiten Louisdor hingab. Er blieb die ubrige Zeit des Tages bei ihnen und ging gegen Abend auf Arnolds Stube mit verstellter Wut und Trostlosigkeit, als wenn er sein Geld auf dem Kaffeehause verloren hatte. Sein Freund zog ihn mit seinem vorgegebenen Verluste auf und versicherte ihm, dass er heute abend einen bessern Fang tun werde. "Den Vogel hab ich im Garne", sprach er, "und diesen Abend wollen wir ihn rupfen. Einen Mann, so fidel wie ein halbjahriger Student, so treuherzig wie ein Kind und ein herzlicher Liebhaber vom Spiel, hab ich erwischt. Er ist in Geschaften hier und hat einige tausend Taler bei sich, die er morgen auszahlen soll: sobald wir sie ihm abgenommen haben, mussen wir fort; denn das Geld gehort nicht ihm, und wenn Untersuchung angestellt wurde, konnten wir ubel dabei wegkommen. Ich habe ihn zum Abendessen gebeten: Essen, Wein und Gesellschaft ist schon bestellt: unser Hahn, dem wir die Federn ausziehen wollen, trinkt gern ein Glaschen, und damit soll er reichlich bedient werden. Wenn er dessen genug hat, dann soll die Lustjagd angehn; und ich setze meinen Kopf zum Unterpfande, dass ihm nicht ein roter Pfennig von seinen dreitausend Talern ubrigbleiben soll. Hier sind meine Wurfel mit lauter Sechsen und hier mein allzeit fertiges Ass zum Vingt et un; denn das ist sein liebstes Spiel, hat er mir gesagt. Freue dich, Bruderchen! Morgen wollen wir nicht mehr solche Halunken sein wie heute."
Herrmann konnte sich nicht freuen, ob ihm gleich reichlicher Anteil an der Beute versprochen wurde: er ging angstlich wie ein Missetater herum, oder als wenn er zu einem Opfer eingeladen ware: er konnte es weder sich noch seinem Freunde verhehlen, dass dies formliche Rauberei sei, wurde fur sein gutherziges Moralisieren ausgelacht und musste schweigen.
Der eingeladne Fremde stellte sich fruher als alle anderen ein, weil er sich einmal einen recht lustigen Abend machen wollte: aber wie gross war Herrmanns Entsetzen, als er an der Stimme und Figur bei seinem Hereintritt den Doktor Nikasius erkannte: er wusste nicht, wie er sich vor ihm verbergen sollte, und begab sich deswegen unter einem Vorwande gleich nach dem ersten Grusse hinweg. Sich erkennen zu geben war demutigend, weil er glaubte, dass ihm jedermann seine schlechten Umstande und schlechte Lebensart an der Stirn lesen konnte: gleichwohl seinen ehemaligen Retter, seinen wohltatigen Freund und Beschutzer der schrecklichsten Gefahr nahe zu sehn und ihn mit keinem Winke zu warnen, das war eine Unmenschlichkeit, wofur sein Herz schauderte: warnte er ihn, so zerstorte er Arnolds Plan und lud seine unversohnlichste Feindschaft auf sich. Er ging die Strasse einigemal nachdenkend auf und ab, so kalt es war, und beratschlagte: bald wollte er dem Doktor in einem Billett, als ein Unbekannter, die Gefahr zu wissen tun, bald Arnolden instandigst bitten, sich ein andres Opfer zu wahlen: beides war misslich, und er schlug deswegen einen Ausweg ein. Arnold hatte des Doktors Bekanntschaft bei Tische in einem Gasthofe gemacht: es war folglich zu vermuten, dass er auch dort wohnen oder seine Wohnung dort zu erfragen sein werde. Er wanderte hin: glucklich war es des Doktors Quartier: man wies ihn zu dem Bedienten, der ihn auf den ersten Blick erkannte und etwas verdriesslich bewillkommte. Herrmann bat ihn, sogleich in das Haus, das er ihm anzeigte, zu gehen, nach Herrn Arnold zu fragen und dem Doktor zu melden, dass ihn jemand, der Geld an ihn auszuzahlen habe und noch diesen Abend wegreisen wolle, notwendig auf eine Viertelstunde augenblicklich sprechen musste: dem Bedienten scharfte er auf das Gewissen ein, seinen Namen nicht eher zu verraten, als bis er mit seinem Herrn auf der Strasse sei. Der Bediente ging, und Herrmann wartete am Tore des Gasthofes so freudig, so leicht ums Herze, als wenn ihm ein grosser Stein abgewalzt ware.
Arnold liess den Doktor mit unendlicher Schwierigkeit von sich, und nur wegen der Hoffnung, seinen Gewinst durch die neue Auszahlung vielleicht zu vergrossern, willigte er in sein Weggehn. Nikasius langte voll Erwartung und keuchend an: der Bediente hatte ihm auch unterwegs Herrmanns Namen nicht entdeckt, und er fuhrte ihn unerkannt auf seine Stube. "Dergestalt und allermassen", rief der Doktor, als er ihm ins Gesicht blickte, "wie ist mir denn? Bin ich denn recht?" Herrmann unterbrach sogleich seine Verwunderung, versicherte ihm, dass er recht sei, und erzahlte ihm das Komplott. Nun ging erst Verwundrung und Erstaunen bei dem Doktor an: er lief vor Angst hurtig nach seiner Schatulle, um zu sehn, ob er seine dreitausend Taler nicht schon verspielt habe, und wusste nicht, wie er fur die Warnung genug danken sollte, als er sie noch fand. Er wollte aus Erkenntlichkeit sogleich Wein und Kuchen holen lassen, allein Herrmann verbat es, versprach, ihn den andern Tag zu besuchen, und trennte sich von ihm, um keinen Verdacht bei Arnolden zu erwecken. Der Doktor wollte umstandlich belehrt sein, woher er das alles wusste, wie er in solche Bekanntschaft gekommen ware, und tat tausend andre Fragen, die Herrmann nicht zu beantworten Lust hatte.
Er kam zur Gesellschaft zuruck, die mit Schmerzen auf des Doktors Ruckkunft wartete, liess sich die Ursache seiner Abwesenheit wie eine ganz fremde Sache erzahlen und wandte sehr heftige Zahnschmerzen als einen Bewegungsgrund vor, warum er sich vorhin wegbegeben habe und itzo auf seine Stube verfugen werde, ohne Anteil an der Lustbarkeit zu nehmen. Der Anblick seines ehemaligen Versorgers, das Andenken an seine eigne Gemutsbeschaffenheit bei seinem Aufenthalte in des Doktors Hause und die Vergleichung seiner damaligen Umstande mit den gegenwartigen hatten ihn in eine Stimmung des Geistes versetzt, dass er das Gewuhl der Freude unmoglich zu ertragen vermochte. Er schloss sich ein und seine traurigen, nagenden Gedanken mit sich.
Arnold verlor indessen alle Geduld uber des Doktors langes Aussenbleiben, schopfte Argwohn und suchte ihn in eigner Person auf. Welch Entsetzen! die Tur war verschlossen, Nikasius ausgegangen und die Beute verloren: Arnold durchstrich in der aussersten Wut alle Orter des Vergnugens und traf ihn nirgends, denn er besuchte einen alten Magister, seinen ehemaligen Universitatsfreund.
Mit den Zahnen hatte Arnold sich, den Doktor und die ganze Gesellschaft zerreissen mogen: Verdacht war sichtbarlich da; aber auf wen? Es war nichts zu tun, als dass er das bestellte Abendessen mit den beiden ubrigen Gasten genoss und sich im Namen des Doktors betrank. Herrmann, der mit ihm seit dem grossen Verluste in einem Hause wohnte, wurde von ihm zur Gesellschaft zuruckgeholt: Wein und Spiel zerstreuten die qualenden Gedanken, die des Doktors Gegenwart in ihm erregt hatte, und trieben ihn wieder ins vorige Gleis zuruck. Er bekam zwar noch einige Tage hinterdrein einige Anfalle von Vernunft: er wollte den Doktor aufsuchen und ihn bitten, dass er ihn aus seiner Lebensart herausrisse; allein teils schamte er sich, in einem so nachteiligen Lichte vor ihm zu erscheinen, teils war seine Leidenschaft fur das Spiel ein verzarteltes Kind, dem er unmoglich wehe tun konnte: er wunschte, sie zu vertreiben, und wagte es nicht.
Arnold hatte in jener Nacht der Schwelgerei von den beiden halbtrunknen Gasten uber hundert Taler gewonnen und eilte nunmehr mit seinem Busenfreunde Herrmann auf neue und grossere Beute aus. Auf ihren Wanderungen erblickten sie einen kleinen, blaurockichten Mann, der mit vier schonen, kastanienbraunen Pferden vormittags und nachmittags um das Tor fuhr. "Was wettest du?" fing Arnold an, "ubermorgen soll der Postzug unser sein." Herrmann lachte uber seinen Einfall und nahm ihn fur Scherz auf. Sie erkundigten sich nach diesem blaurockichten Manne und erfuhren, dass es ein Pferdehandler war, der diesen Postzug einer Herrschaft auf dem Lande uberbringen wollte und zu seinem Vergnugen in der Messe mit ihm paradierte. Sie passten ihm auf, als er vor seinem Quartier hielt, und Arnold fragte ihn, wie teuer er die Pferde verkaufen wollte. "Nit teuer und nit wohlfeil, mein Herr", antwortete der Pferdehandler, "sie sind bestellt." Arnold und Herrmann lobten die Gaule um die Wette, dass den kleinen Pferdehandler die Eitelkeit nicht wenig ubernahm, und fragten, ob er ihnen nicht geradeso einen Postzug schaffen konnte, und zwar so bald als moglich. Der Rosstauscher, dessen Eigennutz ein Paar verblendete Liebhaber vor sich zu haben glaubte, lenkte sogleich wieder ein und erbot sich, den beiden Herren aus Gefalligkeit, weil sie es waren, auch diesen zu lassen, wenn sie einen guten Preis machten. Arnold setzte mit verstellter Begierde vierhundert Taler darauf: der Rosstauscher glaubte die Leidenschaft der beiden Leute besser nutzen zu mussen und schuttelte mit dem Kopfe, als wenn das ein Missgebot ware. "Aber so sagen Sie doch geradeheraus", sprach Arnold heftig, "was Sie haben wollen! Es wird ja noch zu bezahlen sein." "Mit einem Wort, achthundert Reichstaler in Gold!" war des Mannes Erklarung. Arnold und Herrmann fanden die Foderung etwas hoch und meinten, dass vielleicht noch funfzig oder hundert Taler abgehen wurden: der Mann versicherte das Gegenteil, und die beiden vorgeblichen Liebhaber baten sich indessen die Erlaubnis aus, des Nachmittags mit ihm und seinen Pferden auf ein Dorf zu fahren, um genauere Bekanntschaft mit dem Postzuge zu machen. "Wenn er gut geht", setzte Arnold hinzu, "so soll's auf funzig, hundert Taler nicht ankommen." Nach einer so edelmutigen Erklarung willigte der Pferdehandler mit einer tiefen Verbeugung in die Partie und sprach nunmehr nicht anders als den Hut in der Hand, ob er ihn gleich vorher nicht mit einer Fingerspitze vom Kopfe bewegt hatte.
Sie luden den Mann des Mittags zu Tische ein, und auch diese Einladung nahm er mit einer so tiefen Verbeugung an, dass er keuchte; denn weil er ziemlich dick war, wurde ihm die Hoflichkeit ein wenig sauer. Bei Tische fand der Blaurock den Wein so kostlich, dass er wie ein trockner Schwamm ein Glas nach dem andern in sich zog; kaum war ihm eingeschenkt, so wischte er die dicken Finger an der Serviette ab, packte das Glas an "Sie erlauben Dero hohes Wohlsein" , schnapp! war es hinunter.
Er liess sich 'Dero hohes Wohlsein' so angelegen sein, dass er taumelte, als sie in den Wagen stiegen. Arnold und Herrmann fanden die Pferde so vortrefflich, dass der Rosstauscher seine achthundert Taler schon in der Tasche zu haben glaubte: seine Hoflichkeit stieg so ubermassig hoch, dass er, trotz der Kalte, nicht anders als mit blossem Kopfe fahren wollte. Kaum war man an Ort und Stelle, als schon von neuem aufgetragen wurde Wein, Likor, Kuchen, alles im Uberflusse! Der Pferdehandler lobte aus Erkenntlichkeit, dass man seine Gaule so vortrefflich fand, den Likor aus allen Kraften, setzte sich an den Tisch und futterte und trankte sich mit solcher Behaglichkeit, dass ihm die kleinen Katzenaugen wie ein paar Feuerfunkchen aus den gluhenden aufgedunsenen Backen hervorleuchteten.
Arnold und Herrmann stritten miteinander, wer von ihnen den Postzug kaufen sollte, und man wahlte Wurfel zu Schiedsrichtern: man liess Wurfel bringen, und Arnold gewann den Vorkauf. "Sie wurfeln wie die Hundsfotter", fing der betrunkne Rosstauscher an, "ich werfe auf jeden Wurf einen Pasch." Arnold schob ihm seine falschen Wurfel unter, und der Narr triumphierte laut, als seine Prahlerei ein paar Wurfe hintereinander wahr wurde. Er bildete sich ein wenigstens gab er in ganzem Ernste so vor , dass ihm dies niemals fehlginge, und foderte Arnolden mit einem Dukaten heraus: das Spiel hub an, der Rosstauscher gewann drei oder vier Dukaten; aber plotzlich wandte sich das Gluck, weil es Arnold regierte: alles Geld, was der Pferdehandler in seiner Tasche hatte, war ihm in etlichen Minuten abgenommen. Der Mann ergrimmte, schnallte eine ungeheure Geldkatze los, die er um den Leib trug, legte sie mit Arnolds Beihulfe auf den Tisch und foderte die beiden Hundsfotter heraus, indem er auf seinen ledernen Geldsack klopfte. Der Einsatz wurde von Wurf zu Wurf gesteigert, die strotzende Geldkatze von Wurf zu Wurf magrer: der Blaurock schwitzte, keuchte und entschadigte sich fur jeden grossen Verlust mit einem Glase Likors. Das viele Trinken machte ihn so hitzig und zugleich so unbesonnen, dass er in weniger als einer Stunde alles Geld, den Postzug, Chaise und Knecht verspielte. Arnold machte gleich Anstalt, dass er zu Bette gebracht wurde, um den Folgen des Likors vorzubeugen, und hielt mit den gewonnenen Pferden seinen Einzug vor dem Kaffeehause, wo er gewohnlich spielte: alle seine Freunde wurden mit dem Postzuge dahingeholt und der Abend in Schmausen, Freude und Wonne zugebracht: dem Pferdehandler schickte er noch denselben Tag seinen Postzug zum Geschenke zuruck.
Herrmann bekam einen ansehnlichen Teil von der Beute: das Gluck erklarte sich wieder zu seinem Vorteil, und der ganze ubrige Winter war, kleine Abwechslungen abgerechnet, fur beide sehr ergiebig: sosehr auch Arnold verschwendete, so fehlte es doch nie an Geld und Kredit. Er machte eine Reise zum Karneval an einen Hof und kam bereichert zuruck. In seiner Abwesenheit gelangte Herrmann so sehr zum Nachdenken, dass er ernstliche Anstalten machte, seiner Lebensart zu entsagen, Ulriken aufzusuchen und sein Erworbnes mit ihr zu teilen. Er uberlegte taglich, wo er sie finden oder ihren Aufenthalt erfahren sollte, blieb mit seiner Uberlegung von Tag zu Tag auf dem namlichen Flecke und spielte rustig fort, mit Gluck, Klugheit und Okonomie. Itzt besann er sich, dass ihm Vignali seinen Brief, den er vor vielen Monaten an sie schrieb, nicht beantwortet habe, und schrieb zum zweiten Male an sie: er bekam keine Antwort: Ulrike blieb verloren.
Plotzlich wurde seine Ruhe durch eine Begebenheit unterbrochen, die ihm von schlimmer Vorbedeutung sein musste, wenn er sie recht uberdacht hatte. Er kam in Verhaft, und zwar, wie es sich auswies, auf Verlangen des Grafen Ohlau: er spielte mit dem Schliesser der Gefangenstube um Stecknadeln, weil dieser nichts Hoheres daran wenden wollte, wurde verhort, und da man nicht das mindeste Strafbare auf ihn bringen konnte, wieder auf freien Fuss gesetzt. Seine Freude, wieder ungehindert spielen zu konnen, erstickte seinen Zorn gegen den Grafen: er lachte seiner offentlich und Rachte sich mit Spott. Das gefahrlichste bei diesem kurzen, vorubergehenden Sturme war, dass ihn eigentlich Schwinger veranlasste, dem Nikasius von Dresden aus gemeldet hatte, dass sein Freund sich in schlimmer Gesellschaft und wustem Leben befinde. Der ausserst gutmutige, nachsichtige Mann schloss daraus auf die Ursache, warum ihm Herrmann auf seinen letzten, verzeihungsvollen Brief nach Leipzig nicht geantwortet haben mochte; und weil er einmal auf einen bosen Argwohn wider ihn gebracht war, vermutete er, dass seine ganze Reue wegen seines schandlichen Briefs aus Berlin nur erdichtet gewesen sei, um ihm ein paar Louisdor abzulocken. Der Gedanke, sich durch einen Menschen, den er so zartlich liebte, dem erso viele Wohltaten und so viele Nachsicht erwiesen hatte, mit der schandlichsten Undankbarkeit hintergangen zu sehn und mit falscher Reue von ihm betrogen worden zu sein, brachte seine gute Seele so gewaltig auf, dass er ernstlich beschloss, an seiner Bestrafung und durch sie an seiner Besserung zu arbeiten, weder Muhe noch Antreiben bei dem Grafen zu sparen und seinen Entschluss durch keine Bitten, Reue und Demutigungen erschuttern zu lassen. Herrmanns Arrest war die erste Wirkung dieses Entschlusses.
Zehnter Teil
Erstes Kapitel
Gegen den Ausgang des Winters, mitten in dem bluhendsten Spielerglucke, nach so vielfaltigen vergeblichen Bemuhungen, Ulrikens Aufenthalt auszuforschen, empfing Herrmann eines Abends einen Brief, dessen Aufschrift ihrer Hand sehr ahnlich war: allein weil eben einer von seinen Pointierern seinen Beutel bei ihm rein ausgeleert hatte und ein andrer auch schon anfing, die verdammten Karten, die niemals gewinnen wollten, mit den Zahnen zu zerreissen, und ein dritter nach seiner Gewohnheit, die er jedesmal bei einem grossen Verluste beobachtete, unaufhorlich hustete und eine Prise nach der andern nahm; so steckte er den Brief in seine Tasche, wartete sein Gluck bis um Mitternacht ab, trank in Arnolds Gesellschaft auf seiner Stube eine Schale Punsch aus, schlief ruhig bis um neun Uhr und dachte an keinen Brief. Bei seinem Erwachen fiel er ihm wieder ein: er zog ihn aus dem Kleide, das neben dem Bette an der Wand hing, und eroffnete ihn, im Bette sitzend. Welch ein Entsetzen, von Freude und Besorgnis begleitet, als er in der Unterschrift Ulrikens Namen las!
F**, den 4. Mai.
Lieber Heinrich!
Mit solchem Jammer wie itzt hab ich noch nie die Feder ergriffen, um an Dich zu schreiben: aber das weiss der Himmel! ich hatte auch nie solche Ursachen dazu wie itzt. Von Sorge und Bekummernis abgezehrt, von Krankheit entkraftet, von der Furcht auf allen Tritten verfolgt, irre ich wie ein gescheuchter Vogel herum und kann mit Muhe eine Hutte finden, die mich vor Wind und Wetter schutzt. Gott! ist denn keine Barmherzigkeit fur ein Madchen, das liebte, wen es nicht lieben sollte? Gern will ich ja meinen Rucken der Strafe darbieten, wenn sie nur nicht ohne Ende sein soll: aber nein! ich kann ihr Ende niemals finden, so tief, tief bin ich in der Not versunken. Du lebst in der Freude, wie man mir sagt; und wenn Freude und Kummer nicht anders unter uns ausgeteilt werden sollten, so tat das Schicksal wohl, dass es mir den Kummer zu tragen gab. Ich mache keinen Anspruch mehr auf die Freude; sie sei alle Dein; aber um Hulfe fleh ich, um ein Almosen, wie ein Bettler es bittet; und von wem kann ich's dreister fodern als von Dir? Siehe mich nicht mehr als die Geliebte Deines Herzens an! Die Zeiten sind vorbei nein, bloss als ein durftiges, ungluckliches Madchen, das bald auch diesen Namen vor der Welt verlieren wird, wie es ihn schon langst vor seinem Gewissen verlor! Lies meine traurige Geschichte, und dann urteile, ob ein Geschopf Hulfe verdient, das nicht durch Dich, sondern an Dir durch sich selbst, durch seine eigne Verblendung unglucklich wurde!
Auf Vignalis Verlangen verliess ich einige Stunden fruher als Du ihr Haus: wir trafen uns in einem Dorfe, dessen Namen ich vergessen habe,13 und ubernachteten in einem andern14 in einem Gasthofe miteinander: aber sosehr ich mit Dir zu reisen wunschte, so war mir's doch nicht moglich, mich vor Dir sehn zu lassen: ich glaube, ich ware vor Scham versunken. Auch furchtete ich Dich zu beleidigen, wenn ich Deinem letzten Briefe zuwiderhandelte: ich trostete mich also mit der Hoffnung, die mir Vignali machte, Dich in Leipzig bei Madam Lafosse zu finden und mit Dir aber ich mag es gar nicht ausschreiben, was sie mir alles uberredete. Ich dachte wohl immer bei meiner Hoffnung: nein, das Gluck ware zu gross fur dich! Du findest ihn gewiss nicht! Wie gedacht, so geschehen. Ich komme nach Leipzig mit einem Briefe von Vignali: da war keine Madam Lafosse! Sie hatte einen Handschuhhandler in Dresden geheiratet. Ich erkundigte mich bei dem Manne, der mir die Nachricht gab es war, glaub ich, der Hausknecht , ob nicht ein junger Mensch, den ich ihm beschrieb, nach ihr gefragt habe. "Es ist mir so", sagte der schlafrige Kerl. "Es fragen sehr oft junge Menschen nach ihr: wer kann sie alle behalten?" Mit diesem Bescheide musste ich vorliebnehmen. Ich fand nichts wahrscheinlicher, als dass Du zu Madam Lafosse nach Dresden gereist warst und dort auf mich wartetest: in der Hitze meines Verlangens dachte ich gar nicht daran, dass mich jemand in Dresden kannte, sondern trat ohne Bedenken die Reise an, ohne mehr als einen halben Tag in Leipzig zuzubringen. Nach meiner Ankunft begab ich mich gleich in einen Laden, wo man Handschuhe verkaufte, und fragte nach Madam Lafosse: niemand wollte sie kennen, bis ich endlich in einem erfuhr, dass sie seit zwei Tagen Madam Dupont hiess. Man zeigte mir ihre Wohnung an, und ich fand sie glucklich. Die Frau hatte kaum Vignalis Brief zur Halfte gelesen, als sie mir schon die Backen klopfte und einmal uber das andre rief: "Sie sollen ihn haben! Sie sollen ihn haben!" Sie bot mir ihre Wohnung an, bis sich mein Amant, wie sie Dich bestandig nannte, einstellen wurde. Ich nahm das Anerbieten mit Freuden an, wartete viele Tage, aber Du kamst nicht. Der Verdruss ubernahm mich: ich wollte schlechterdings unser Zusammentreffen erzwingen und hatte die Unbesonnenheit, auszugehn, um Dich aufzusuchen. Wo ich ging, war mir's, als wenn alle Leute stehnblieben und einander ins Ohr sagten: "Da ist sie wieder!" Bei manchen mochte es auch wahr sein; denn ich hatte viele Personen in Dresden ehemals gekannt. Auf einmal sehe ich den Bedienten der Tante Oberstin mir entgegenkommen: ich denke, der Blitz trifft mich, so erschrak ich uber das fatale Gesicht. Ich kehrte mich zwar um, damit er hinter meinem Rucken weggehn sollte: es geschah: ich gehe meinen Weg fort, glaube, aus aller Gefahr zu sein, und eile, was ich kann, nach Hause, mit dem festen Vorsatze, bei Tage nicht wieder auszugehn: in der Ture seh ich mich um und werde gewahr, dass mir der Bosewicht nachgegangen ist. Nun war ich verraten.
Ich entdeckte mich Madame Dupont und bat sie, mir den Augenblick aus Dresden zu helfen: sie beruhigte mich und versicherte, dass ich bei ihr nichts zu furchten hatte. Indem wir noch miteinander davon reden und uber die Zukunft beratschlagen, hore ich einen Wagen vor der Tur halten: ich laufe voller Angst ans Fenster; und eben steigt Tante Sapperment aus. Wie vor Todesschrecken falle ich der Madam Dupont um den Hals und bitte sie, mich zu verhehlen: sie versprach es, und ich sprang in die Kammer, riegelte die Ture zu und horchte. O wie furchterlich klang in meinen Ohren der Tante Stimme, als sie hereintrat! Mir zitterten alle Glieder vor Entsetzen. Sie fragte in sehr bestimmten Ausdrucken nach mir: Madam Dupont versicherte Ihre Gnaden, dass sie unrecht angekommen sein mussten. Zum Unglucke hangt mein rosenfarbnes Kleid, das ich der Dupont gegeben hatte, um es zu verkaufen, auf einem Stuhle. "Wem ist das Kleid?" fing die Tante an. "Das kann nicht Ihnen gehoren." Madam Dupont ist beinahe noch einmal so stark als ich. "Nein", antwortete sie, "es ist einer guten Freundin, die mich aus Leipzig besucht hat." "Wo ist die gute Freundin?" "Ausgegangen." "Das ist eine Donner-Blitz-Hagelsluge. Das ist Ulrikens Taille und Grosse. Mein Bedienter hat die Wetterhure bei Ihnen hereingehn sehn: gestehen Sie's. Sie haben den kreuzelementschen Nickel versteckt: gestehn Sie's! oder ich lasse Haussuchung bei Ihnen tun." "Das konnen Sie!" sagte die Dupont. Die Tante rasselte an der Ture, schloss mit dem Schlussel auf und fluchte, dass es verriegelt war. "Es muss ja wohl da aussen noch eine Tur in die sappermentsche Kammer gehen?" sagte sie, und ohne die Antwort abzuwarten, schritt sie aus der Stube hinaus und kam an die andre Tur der Kammer. In der Angst stecke ich mich in ein Vorhangsbette und vergrabe mich so tief, dass ich kaum atmen kann. Die Tur geht auf, die Tante kommt herein und durchsucht alle Winkel; und die Dupont leidet alles so geduldig, als wenn sie vor der Tur bestochen worden ware: ich glaub es auch. Endlich trifft die Reihe auch mein Bette: sie reisst die Vorhange auf, will das Deckbette aufheben und fuhlt Widerstand; denn ich zog es aus allen Kraften an mich. "Da ist das kreuzhagelsappermentische Donneraas!" rief sie und arbeitete mit beiden Fausten so lange, bis sie mich packen konnte: ich wehrte mich wohl, sosehr es sich tun liess, allein die Frau hat Lowenstarke: sie riss mich heraus, richtete mir den Kopf hochst unsanft in die Hohe und sah mir ins Gesicht: ich schloss die Augen fest zu. "Ja, du bist's ja!" rief sie, "du infamer, elementscher Wetterbalg!" und mit diesen Worten peitschte ihre rechte Faust so unbarmherzig auf mein Gesicht los, dass mir zu einer Zeit die Tranen aus den Augen und das Blut aus der Nase sturzte. Ich war vor Besturzung und Angst ohne Sinn und Starke: ich liess mich schleppen, stossen und schlagen wie eine Elende, die in den Tod gefuhrt werden soll. Ich rief Madam Dupont einigemal zu Hulfe, allein die Falsche liess sich weder sehen noch horen. In dem klaglichsten Zustande wurde ich von der Oberstin und ihrem Bedienten die Treppe hinuntergebracht: ich widersetzte mich auch nicht, sondern stieg freiwillig in den Wagen; denn ich war so voll Verzweiflung, dass ich's darauf ankommen liess, was man mit mir tun wollte.
Zu Hause brach erstlich der Sturm vollends aus: das war nichts als fluchen und sappermentieren: ich blieb stumm wie ein Stock und liess auf mich hineintoben. Das war ihr wieder nicht gelegen: nun fluchte sie, dass ich nicht widersprechen wollte, damit sie desto mehr Ursache hatte, noch langer und heftiger zu rasen: zum Trotz tat ich ihr nicht den Gefallen. Die Fenster meiner Stube wurden vernagelt, die Ture den ganzen Tag verschlossen, und sie begleitete jedesmal in eigner Person den Bedienten, wenn er mir das Essen brachte. Hier steckte ich nun, eingesperrt wie eine wahre Gefangne, und wiederholte in Gedanken die Freuden und Bekummernisse, die ich vor anderthalb Jahren in diesem Kerker hatte: ich wusste noch, auf welchem Flecke ich jeden Brief an Dich schrieb, wo ich mich gefreut und wo ich mich geangstigt hatte, wo ich den unglucklichen Schwur auf meine Verdammnis tat, nicht von Dir zu lassen es lief mir ein eiskaltes Schaudern uber den ganzen Leib, als die dustre Nachtlampe zum ersten Male auf dem kleinen Tischchen vor meinem Bette brannte und alles wieder so war wie vor anderthalb Jahren: aber die sussen Erscheinungen der Phantasie, die mich damals ergotzten, selbst indem sie mich qualten, waren vorbei: meine Seele hatte der Schmerz niedergedruckt: ich war nicht mehr das verliebte Madchen, das sich durch Hindernisse und Gefahren durchschlagt, um zu dem Geliebten ihres Herzens hinzudringen: ich strebte nicht mehr auf den gespannten Flugeln der Hoffnung und mutiger Begeisterung dem Genusse verbotner Liebe entgegen: nein, eine entlaufne Dirne war ich, die sich an einen jungen Menschen hing, sich zu ihrer Schande verfuhren liess, Strafe furchtete und Strafe verdiente: meine Leiden waren nicht mehr aufrichtendes Verdienst, sondern niederschlagende Zuchtigung: in einem solchen Lichte erschien ich mir itzt. Seit jener unseligen Nacht haben sich meine Augen geoffnet: ich habe strafbar die Frucht gekostet, die Erkenntnis des Guten und Bosen gibt, und trage den Fluch und werde ihn bald doppelt fuhlen. O Liebe! Liebe! du musst die einzige Sunde auf der Erde sein; denn keine bestraft sich selbst mit so peinigenden Nachwehen wie du.
Fur Onkel, Tante, Mutter und alle andere Anverwandte war mir wenig bange, sosehr mir auch die Oberstin mit ihnen drohte. Was konnen sie tun? dachte ich. Vorwurfe machen und dich zwingen, einen Mann zu nehmen, den du nicht liebst, oder in ein Stift zu gehen: das ist es alles: das Leben mussen sie dir doch lassen. Aber Heinrich! ich zitterte vor einem viel schrecklichern Ubel. Meine Gesundheit wurde ausserst abwechselnd: ungekannte Empfindungen erwachten in mir: meine Wangen verbluhten: meine Augen, wenn ich mich im Spiegel erblickte, waren trube, matt, erstorben: meine Tante selbst schopfte Argwohn und liess einige bedenkliche Reden uber meine Umstande fallen, die ich mit nichts als Tranen beantworten konnte. Sie meldete dem Onkel sogleich, dass ich wieder in ihrer Gewalt war: darauf erfolgte zwar eine sehr zornige und furchterliche Antwort von ihm, aber doch keine solche, wie sie die Oberstin wunschte. Sie hatte mich gern wieder in Pension gehabt: doch das verbot sich von selbst. Dem Onkel war vor einem Monate ein Sequester in seiner Herrschaft gesetzt worden, wie Schwinger in seinem Briefe, den Du mir in Berlin zeigtest, befurchtete. Er hat zwar die Erlaubnis, so lange auf dem Schlosse zu bleiben, bis sich die Leute, von denen er geborgt hat, untereinander vereinigt haben: allein seine Einnahme ist doch so erstaunend gering, dass er nicht mehr als zwei Bediente halten kann: die schonen Kutschen, die schonen Pferde, alles ist schon langst fort: es soll so einsam und tot auf dem Schlosse sein wie auf einem Kirchhofe. Er wollte also gar nichts mehr mit mir zu schaffen haben, sondern mich dem Elende uberlassen: aber die Tante Grafin versprach in ihrem Briefe, dass sie mich abholen lassen wollte, weil die Oberstin meiner uberdrussig war, da ihr niemand Kost und Wohnung fur mich bezahlte. Ich sollte zu meiner Mutter gebracht werden, die schon seit einem Vierteljahre an den Folgen ihres vorjahrigen Sturzes mit dem Pferde krank daniederliegt: der Graf hatte der Tante nach langem Bitten erlaubt, so viel fur mich zu tun, nur mit der Bedingung, dass ich ihm zeitlebens nicht wieder zu Gesichte kame.
In einer Woche langte auch wirklich Fraulein Hedwig mit einer alten Kutsche und einem Paar Bauernpferden an: sie hatte mit dem jammerlichen Fuhrwerke vollige acht Tage unterwegs zugebracht, und die Ruckreise schienen die Kracken nicht unter vierzehn Tagen machen zu wollen. Wir fuhren ab. Hedwig klagte ausserordentlich uber ihr trauriges Schicksal: auf Vorbitte der Grafin hatte ihr der Graf erlaubt, wieder auf dem Schlosse zu wohnen, wenn sie sich demutigen und um Gnade bitten wollte. Die Hauptursache mochte wohl sein, weil ihr der Onkel die Pension nicht mehr bezahlen konnte: sie bat um Gnade und wurde seit der Zeit wieder an die Tafel gelassen. Aber sie beschwerte sich gar zu klaglich, dass alles so genau, so karglich zugeschnitten ware und dass ihr der Graf fast taglich zu verstehen gabe, wie lastig sie fur ihn in seinen itzigen Umstanden sei. "Ich werde wie ein Bettelmensch von ihm behandelt", klagte sie, "bei jedem Bissen, den ich esse, muss ich mir vorrucken lassen, dass er ein Almosen ist. Der guten Grafin tut es weh: sie ermahnt mich zur Geduld, weil sie nicht helfen kann. Es graut mir, wieder nach Hause zu reisen: wenn ich in meinen alten Tagen irgendwo unterkommen konnte, und wenn ich einen Schulmeister heiraten musste, ich liesse Sie allein fahren und bliebe zuruck. Ich mochte lieber betteln gehn, als das ewige Knurren und Brummen bei dem Grafen ertragen." Sie jammerte mich, so bitterlich weinte sie. Schon ihre Figur war mitleidenswert: du kennst ihre dicken, ausgestopften Backen und die ungeheuren fleischvollen Arme: sie keuchte sonst bei jeder kleinen Bewegung: das war alles verschwunden, an dem Halse hing die zusammengefallne Haut wie ein grosser, leerer Beutel, die rubinroten Wangen, wie wir sie sonst nannten, waren zusammengeschrumpft und kreideweiss. Es ging mir ans Herz, wenn sie mir die Hand gab: sonst war es, als wenn sich ein dichtgestopftes Federbett um die meinige wickelte, und itzt fuhlte ich durch die runzlichte Haut alle Knochen.
Mir graute so sehr nach Hause zu reisen als ihr, und eh' ich noch wusste, wie schlimm es mit ihr stund, hatte ich mir schon vorgenommen zu entwischen, sobald es die Gelegenheit zuliesse. Da ich sie gleichfalls so geneigt fand, nicht zum Onkel zuruckzukehren, schopfte ich ein Herz und tat ihr den Vorschlag, mit mir Partie zu machen. Sie war gleich dabei:15 aber wohin? Ich fiel auf Leipzig, um entweder Dich dort zu finden oder mich von dort an Vignali zu wenden: es war mir alles gleich, mochte aus mir werden, was auch wollte, wenn ich nur nicht zu meiner Mutter durfte. Indem wir beide des Abends in einem Wirtshause beisammensitzen und uberlegen, wie wir von dem Bauer, der uns fuhr, loskommen sollen, tritt er in eigner Person zu uns herein und meldet uns, dass wir sehen mochten, wie wir weiterkamen. "Ich kann Sie nicht nach Hause fahren", sagte er, "ich habe meine Pferde eben itzo verkauft und bin Soldat geworden. Was soll ich zu Hause machen? Mein Gutchen ist verschuldet: es kommt so bald zum Konkurse: Frau und Kinder hab ich nicht: mogen sich meine Schuldleute drein teilen. Der liebe Gott erhalt Sie gesund und bringe Sie glucklich nach Hause!" Mit diesem Wunsche nahm er seinen Abschied. Nun hatten wir auf einmal, was wir wollten: wir verkauften auch die alte Kalesche und reisten mit der Post. Hedwig konnte das Fuhrwerk nicht vertragen: sie wurde krank, und wir mussten in einem Dorfe liegenbleiben. Zum Gluck traf unsre Reise gerade in die Michaelmesse, und es boten sich uns haufige Gelegenheiten an, mit fortzukommen: wir wahlten einen Wagen, mit Wolle beladen, wo wir fur einen wohlfeilen Preis weiche Sitze und langsames Fuhrwerk bekamen.
Ein Anblick verursachte mir auf dieser muhseligen Fahrt ungemein viel Vergnugen; und warum sollte es nicht ein erlaubtes Vergnugen sein, das die Strafe eines Bosewichts verursacht? Ein Kommando Soldaten brachte einen Menschen auf den Bau, weil er seinen Posten verlassen und gestohlen hatte. Sie hielten mit uns in einem Dorfe an, und da ich dem jungen Menschen genau ins Gesicht sehe, erkenne ich in ihm unsern gemeinschaftlichen Feind, Jakob. Ich erkundigte mich bei dem Korporal nach seinem Namen, und er war es wirklich. Ich konnte mich nicht enthalten, mit Hedwig laut zu triumphieren, dass dieser schandliche Mensch seine Strafe durch sich selbst fand: sein eigner Vater musste ihn aus der Gnade und den Diensten des Grafen verdrangen, damit er Soldat, Verbrecher und fur alle seine Bosheiten auf immer bestraft wurde. 'Wenn in allen Schicksalen auf dieser Erde so viel Gerechtigkeit herrscht, o so muss auf dich und deinen Heinrich noch grosse Gluckseligkeit warten', dachte ich: aber ich bildete mir zuviel Verdienst ein. Leiden, endlose Leiden hatte ich verdient; und sie trafen mich und werden nie von mir weichen.
Auch mit Madame Dupont, die auf die Messe reiste, kamen wir zusammen: ich war so aufgebracht wider die Treulosigkeit, die sie in Dresden an mir beging, dass ich sie vermied; aber sie liess gleich halten, als sie mich erblickte, und notigte mich zu sich auf ihren Wagen: ich schlug es aus, weil ich die arme Hedwig nicht verlassen konnte. Sie entschuldigte sich also, weil sie ihre Gesellschaft nicht zu lange warten lassen wollte, mit zwei Worten uber ihr Verhalten in Dresden und versicherte, dass sie es zu meinem Besten getan habe. "Wie ich aber sehe", sagte sie, "hat mir meine gute Absicht nichts geholfen; denn Sie sind schon wieder durchgegangen: aber Sie werden schon zeitig genug erfahren, dass es bei Ihrer Tante besser ist, als in der Irre herumzulaufen. Sie sind nichts als eine Unglucksstifterin: die arme Vignali ist Ihretwegen, gleich nach Ihrer Abreise, mit dem Herrn von Troppau zerfallen: sie hat sich von ihm trennen mussen und kann nun auch so eine Landlauferin wie Sie werden: aber die Strafe wird schon kommen. So eine Landstreicherin, die kein Gutes tun will und andre Leute nur ins Ungluck bringt, muss auf der Strasse sterben." Nach einem so hoflichen Anfange hatte ich so eine Sprache nicht vermutet, und ich argerte mich bis in die Seele, dass sie mich vor allen Leuten offentlich so unbillig ausfilzte: ich wollte ihr antworten, aber sie stieg auf ihren Rollwagen und fuhr davon, ohne mich anzuhoren. Sie schien recht froh, dass sie sich ihrer Galle entladen hatte. Die Unbilligkeit des Verweises war mir nicht weniger empfindlich, als dass ich wider meine Absicht und meinen Wunsch das Ungluck einer Person veranlasst haben sollte, der ich bei allen Bedrangnissen, die sie mir verursachte und die grosstenteils nicht einmal von ihr herruhren mochten, so viele Gefalligkeiten schuldig war. Ich hatte wegen ihrer letzten Vorsorge fur unsre Verheiratung grosse Hoffnung auf sie gebaut: auch diese war nunmehr eingesturzt. Mit allem meinen Nachsinnen kann ich nicht ausfundig machen, wie ich ihre Entzweiung mit dem Herrn von Troppau bewirkt haben soll: vielleicht weil sie mir durchgeholfen hat? Aber was kann dem Manne so sehr daran liegen, mich in die Hande meines Onkels zu liefern?16 Es ist und bleibt mir ein Ratsel.
Die alte Hedwig winselte mir unaufhorlich die Ohren voll, dass sie sich von der ubeln Laune und mir zu einem so gefahrlichen Schritte hatte bereden lassen, in ihren alten Tagen noch herumzustreichen: ich konnte sie nicht trosten; denn mir war selbst der Mut genug gesunken. Der Herbst fing schon an rauh zu werden, und wir hatten keine bleibende Statte! keine Hutte, die uns aufnahm, und wenig Geld, die Aufnahme zu erkaufen! Unser letztes Rettungsmittel waren meine Kleider: wir sahen uns nach einem Juden um, quartierten uns auf einem Dorfe nicht weit von Leipzig ein, und in zwei oder drei Tagen handelte uns ein durchreisender Jude unsre ganzen Garderoben ab: wir tauschten von ihm Zeug zu schlechter Burgerkleidung ein und beschlossen, von dem gelosten Gelde den Winter uber auf dem Lande zu leben. Wir wohnten dicht neben dem Wirtshause bei einer Witwe, mit welcher wir uns uber Heizung und Tisch verglichen und gegen die billigste Bezahlung mit ihr in einem Stubchen wohnten und aus einer Schussel assen. Wir strickten und nahten fur das ganze Dorf, und einige junge Madchen, die sich etwas besser dunkten als die ubrigen, nahmen Unterricht in weiblichen Arbeiten. Hedwig verliebte sich so sehr in unsre einfache Lebensart, dass sie bis an ihr Grab nichts Bessers wunschte: sie wurde so aufgeraumt und zufrieden, dass sie fleissig wieder Latein redete und ihre Gelehrsamkeit reichlich auskramte, die auf unsrer ganzen Reise erstorben gewesen war. Auch ich hatte mich gern in mein mittelmassiges Schicksal gefugt, weil ich es viel schlimmer erwartete: aber mein Herz verwundete ein Dorn, der sich taglich dem Leben naher eingrub. Die Folgen meiner Schuld begleiteten mich auf allen Tritten: ich trug sie in mir und konnte sie niemandem mehr verhehlen. Hedwig wurde mit jedem Tage voller und verjungter und ich mit jedem Tage mehr zum Schatten, eine krankelnde, dahinschwindende Leiche vor Schmerz und Bekummernis. Die Witwe und Hedwig trosteten mich, als ich meine Umstande ihnen entdeckte, mit dem leidigen Grunde, dass ich hier ganz fremd ware und mich fur die Frau eines entlaufnen Mannes ausgeben konnte: mir verhalf ein solcher Trost zu keiner Beruhigung. Eine Luge deckte wohl die Schande vor der Welt: aber die Schande vor mir selbst, welche Luge konnte diese decken? Vor meinen eignen Gedanken hatt ich fliehen mogen, so angstigte mich die Scham: ich konnte ihr qualendes Gefuhl nicht von mir entfernen, ich mochte denken und tun, was ich wollte. Tranen rollten in meine Speisen, Tranen netzten meine Arbeit und mein Lager: des Nachts peinigten mich schreckliche Traume, und selbst am Tage schlummerte ich oft mitten im Gesprache ein; und sobald sich meine Augen schlossen, standen die furchterlichsten Gestalten und Begebenheiten in meinem Kopfe auf: alle Geschichten von ermordeten, ersauften oder erstickten Kindern, von gekopften Kindermorderinnen, die ich nur jemals gehort hatte, gingen in mir von neuem vor, und mit so entsetzlichen Veranderungen und Zusatzen, dass ich vor Angst verging: in jedem Traum war ich jedesmal die Verbrecherin, die zu den entehrendsten Strafen gefuhrt wurde, dass mir zuletzt auch wachend nicht anders war, als ob ich unvermeidlich einen Mord begehen musste. Die Furcht der Einbildung nahm bei mir so gewaltig uberhand, dass ich Hedwig instandigst bat, mich in der Stunde der Schwachheit sorgfaltig vor einer Untat zu bewahren und Tag und Nacht nunmehr keine Minute von meiner Seite zu weichen. Wenn verliebte Ubereilung nicht bloss nach dem Urteile der Menschen und angenommenen Gesetzen, sondern auch vor dem Richterstuhle des Gewissens straflich ist, so hab ich meine Strafe gelitten: meine Einbildung hat mich gequalt wie eine Holle; und noch lasst sie nicht ab: sie ist ein finstrer Abgrund, aus welchem taglich Schreckbilder, Gespenster und Furien heraufsteigen und mich mit entsetzlichen Empfindungen martern.
Unsre Wirtin glaubte mich zu beruhigen, wenn sie mir berichtete, dass man in meinen Umstanden zu wunderlichen Einbildungen geneigt sei: aber minderte das mein Gefuhl? Meine Unruhe nahm so stark zu, dass ich mehr als einmal in Versuchung geriet, davonzulaufen: ich verlangte nach einem Orte, wo mich gar niemand kennte. Das war die Ursache, warum ich mitten im Winter in eine Reise willigte, die mir den Tod hatte bringen konnen: aber ich sollte einmal Torheit auf Torheit haufen.
Unter den Arbeiten, die wir verfertigten, waren gestrickte baumwollne Mutzen eine der vorzuglichsten. Nicht lange nach dem neuen Jahre kommt ein kleiner, dicker Mann zu uns, ein Pferdehandler, den man in dem Wirtshause zu uns gewiesen hatte, weil er etwas von jener Arbeit verlangte. Fur seinen dicken Kopf war eine jede unter unsern fertigen Mutzen zu enge: wir erboten uns, wenn er ein paar Tage anhielte oder wieder zuruckkame, so viele nach seinem Masse zustande zu bringen, als er begehrte. "Ich komme schon zuruck", sagte er, "ich sollte einer Herrschaft einen Postzug bringen, aber weil ich drei Wochen spater kam, als ich sollte, hatte sie sich schon anderswo versorgt: ich halte mich acht Tage in Leipzig auf und lasse meine Pferde hier auf dem Dorfe stehn, weil ich sie sonst ganz gewiss verspiele. Sie sind dem Teufel schon einmal im Rachen gewesen: ich mag sie ihm nicht wieder vorhalten." Er beklagte sich in diesem Tone sehr bitter uber einen Verlust, den er bei seiner Herreise an der Neujahrsmesse in Leipzig erlitten hatte, und verwunschte die Rauber, die ihm zum Trunke verleiteten und in der Trunkenheit alles bei sich habende Geld abgewannen. Er kassierte einige Summen ein, die ihm in Leipzig auf Anweisung ausgezahlt werden sollten, und war so misstrauisch gegen diese Stadt durch sein Ungluck geworden, dass er nicht einmal darinne schlief und die ganze Zeit des Tags, wenn seine Geschafte vorbei waren, auf dem Dorfe zubrachte, und zwar mehr bei uns als in dem Wirtshause. Der Mann wurde mit mir vertraut, und weil er sehr leicht merken konnte, dass ich mich nicht in den besten Umstanden befand, tat er mir im Scherz, und endlich im volligen Ernste den Antrag, mit ihm nach Hause zu reisen und seine beiden Tochter in weiblichen Arbeiten zu unterrichten. Er zahlte mir dabei taglich seine Reichtumer her, die nach seiner Angabe sehr betrachtlich waren, liess sich auch zuweilen ein paar Worte entwischen, aus welchen man schliessen konnte, dass seine Absichten auf mich weiter gingen. Mit der Veranderung des Aufenthalts hoffte ich auch meine Gemutsverfassung zu andern: die gute Hedwig bildete sich ein, dass seine Absicht auf sie gerichtet ware, oder dachte wenigstens, sie dahin zu lenken: genug, sie und meine Unruhe setzten mir so heftig zu, dass ich in seinen Vorschlag willigte, wenn Hedwig meine Begleiterin sein durfte. Er war es sogleich zufrieden und so vergnugt uber meine Einwilligung, als wenn ich ihm das grosste Geschenk machte. Er bezahlte, was wir unsrer bisherigen Wirtin schuldig waren, die auch nicht wenig an mir getrieben hatte, seinen Vorschlag anzunehmen, weil ich, wie sie sagte, vielleicht mit Ehren noch unter die Haube kommen konnte, wenn ich mich in den Mann schickte. Der Himmel weiss es, dass mir der Mann nicht sonderlich gefiel, und doch wage ich nicht zu leugnen, ob ich nicht das namliche dabei dachte. Die Schande, der ich entgegeneilte, ist fur eine Madchenseele ein so furchterliches Gespenst, dass ich gern ein Gespenst geheiratet hatte, um nur jenem zu entgehen. Ohne mir nur das mindste von diesem anwandelnden Gedanken entwischen zu lassen, reisten wir mit vier schonen Kutschpferden und einer anstandigen, bequemen Kalesche ab. Vor Leipzig gesellte sich noch ein Student zu uns, der Predigerssohn aus dem Dorfe, wo mein Pferdehandler wohnte. Der junge Mensch war ausserst niedergeschlagen und hatte nichts bei sich, als wie er ging und stund. Ich fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und ohne grosse Weigerung gestund er mir mit der liebenswurdigsten Offenherzigkeit, dass er das Ungluck gehabt habe, in schlechte Gesellschaft zu geraten und alles bis auf die Kleidung, die er trug, zu verspielen: "Weil ich kein Geld mehr habe", setzte er hinzu, "und diesen alten Bekannten in Leipzig antraf, so bat ich ihn, mich mit zu sich zu nehmen. Die Schuldner verfolgen mich: nirgends hab ich mehr Kredit: studieren kann ich auch nicht: also will ich den Winter vollends bei meinem Vater zubringen und ihn bitten, dass er mich auf eine andre Universitat tut." Wir versprachen alle, bei seinem Vater eine Vorbitte fur ihn einzulegen und Vergebung fur seine Unordnung auszuwirken. Der Pferdehandler fing von neuem an, seinen Verlust zu erzahlen, und die beiden Unglucklichen klagten und fluchten wechselsweise. "Wir sind wohl durch die namlichen Spitzbuben geprellt worden, wie es scheint", sagte der Pferdehandler. "Hiess der eine nicht Arnold und der andre Herrmann?" fragte der Student. Der andre wusste die Namen nicht, aber er beschrieb Figur und Kleidung. Der Student erganzte seine Schilderung, und ihr beiderseitiges Gemalde war Dein leibhaftes Bild: alles, sogar die Kleider trafen ein. Er musste mir Deine ganze Lebensart erzahlen, und er erzahlte mir mehr, als ich wunschte. "Es ist ein luderlicher Landstreicher", waren seine Worte, "er hat eine Baronesse entfuhrt, geschwangert, sitzenlassen und walzt sich nunmehr in allen Ausschweifungen herum, spielt, trinkt, verfuhrt Madchen: sein Gluck im Spiel ist so ausserordentlich, dass er notwendig betrugen muss."
Der Atem stund mir still bei dieser schrecklichen Nachricht: meine Schande so laut auf den Zungen und in den Ohren aller Menschen zu wissen! mir Dich als einen Lasterhaften, Gewissenlosen zu denken! das waren zween harte Stosse fur mein bekummertes Gemut. Jedes Wort, das er weiter von Dir sprach, bestatigte die Vermutung, dass ich eine Betrogne und Du ein Betruger warst, ein Leichtsinniger, der die gemissbrauchte Liebe vergass und noch mehr Unschuldige ins Verderben reissen wollte, weil es ihm mit einer so wohl gelungen war. 'So sei er auch vergessen, der Ehrlose!' beschloss ich in dem ersten Zorne; 'so treffe ihn die Strafe der Verfuhrung und Treulosigkeit spat, wie ich die Folgen meiner Unbesonnenheit zeitig fuhle!' Ich war so aufgebracht, dass ich mich mit dem Pferdehandler, wenn er's damals verlangte, in der Minute ohne Weigerung trauen liess, ob er mir gleich itzo mehr missfiel als jemals. Er trank, war im Trunke ausserst freigebig und in der Nuchternheit so knickerig, dass er jede Gutigkeit, die ihm etwas kostete, ohne Zuruckhaltung bedauerte: aber was sollt ich tun? Leiden und dulden war mein Los.
Als wir in der Heimat des Pferdehandlers angekommen waren, ging erst meine Not recht an. Die beiden Tochter, ein paar schnippische, uberkluge Madchen, sahen mich mit scheelen Augen an, weil sie besorgten, dass ich ihre Mutter werden sollte, taten mir alles zum Possen und qualten mich mit plumpen Hohnereien vom Morgen bis zum Abend: der Vater wurde unser auch sehr bald uberdrussig, weil seine Liebe oder Grossmut, oder was es sonst sein mochte, nur ein Einfall im Trunke gewesen war: die Tochter nahmen ihn noch mehr wider uns ein und tadelten ihn, dass er zwei solche Menscher, wie uns die Kreaturen ins Gesicht nannten, so ganz umsonst ernahrte, und der taglich berauschte Pferdehandler fing an, mit uns wie mit Pferden umzugehen: er sagte uns geradezu, dass er weder Menschen noch Vieh im Hause dulden konnte, das sein Futter nicht verdiente, und seine naseweisen Tochter, die das Regiment im Hause hatten, muteten uns Magdearbeit zu. Sie argwohnten meine Umstande, und ihr Spott wurde so unbarmherzig beissend, dass er mir am Leben frass.
Mit Schwachheit, Kummer und Schmerz, halb mit dem Tode ringend, schlich ich zu dem Vater des jungen Menschen, der uns hieher begleitete, entdeckte ihm mit Tranen meine traurige Geschichte, ohne einen Umstand zu verbergen, und bat ihn um seinen Beistand, bloss um die Vergunstigung, meine Burde in seinem Hause abzulegen und mein Leben in seine Hande auszuhauchen. "Brich dem Hungrigen dein Brot!" sprach der Prediger nach einer kleinen Pause, "ich will Sie aufnehmen." So biblisch und gutgemeint sein Kompliment war, so krankte es mich doch so empfindlich als eine abschlagige Antwort. Die wenigsten Menschen wissen auf eine gute Manier Wohltaten zu erzeigen; die Erfahrung hatte ich schon langst gemacht, und meine Empfindlichkeit musste sich darunter schmiegen. Bei diesem Prediger lebe ich nunmehr seit der Mitte des Februars, fuhle mich durch Ruhe und Pflege wieder ein wenig gestarkt, aber in immerwahrender Demutigung. Bloss von der Wohltatigkeit leben ist ein schrecklicher Gedanke, der mich taglich beunruhigt, obgleich der Prediger und seine Frau mich gleich gutig behandeln: aber ich kann mir denken, was sie sich denken, was sie sich sagen werden. 'Wenn wir doch das mussige Geschopf nicht ernahren mussten!' ist ein Wunsch, den ich besonders im Gesichte der Frau sehr deutlich lese, ob sie ihn gleich aus Hoflichkeit nicht hervorbrechen lasst; denn sie erkundigt sich taglich, wo ich mich hinzuwenden gedenke, wenn ich nieder ... ich kann das niederschlagende Wort nicht ausschreiben, das ich taglich horen muss: die Scham ruckt mir die Feder weg. O Heinrich! was fur ein schongefarbter Regenbogen einer schwarzen Wolke ist die Liebe! Mit den tauschenden Farben der Einbildung und ebenso tauschenden Worten verbirgt man sich ihre wahre Gestalt und zurnt schon, wenn nur jemand in der gewohnlichen Sprache von ihr redet. Wir dunkten uns ganz anders zu lieben als die ubrigen Sterblichen; und wir liebten wie sie alle: unser Gefuhl schien uns englisch, uberirdisch, und wir empfanden und handelten, ohne es zu glauben, nur menschlich. Seit jener ungluckseligen Nacht ist der Regenbogen vor meinen Augen verschwunden, und nichts steht mehr da als finstere dicke Wolken, in welchen er sich bildete.
Was mich in meinem Elende noch aufrichtet, sind die guten Nachrichten, die mir der Predigerssohn von Dir verschafft hat. Auf mein Verlangen musste er einige seiner Freunde in Leipzig antreiben, die sorgfaltigste Erkundigung von Dir einzuziehen, und alle Berichte widerlegen die bose Meinung, die mir der junge Mensch im Zorn uber seinen Verlust von Dir beigebracht hat. Du spielst, doch ohne Betrug und Unredlichkeit: das Gluck wirft Dir Reichtum mit vollen Handen zu: Du lebst in der Freude und dem Wohlergehn, doch ohne ein ausschweifender Trunkenbold zu sein: auch von den Ausschweifungen der Liebe spricht man Dich frei: Du wendest Deinen Gewinst zur Freigebigkeit und Wohltatigkeit an, und selbst einer von denen, die von Deiner Lebensart Nachricht einziehen sollten, hat von Deiner Gute mehr als einen Beweis erfahren: wohl Dir! und wohl mir, dass mein Herrmann sich meiner Liebe nicht unwurdig machte! Mich haben alle diese gunstigen Berichte erfreut, als wenn sie lindernden Balsam in meine ganze Seele gossen.
Da Du noch der vorige Herrmann bist, so kann Ulrike Deinem Herze durch Dein Gluck nicht fremd geworden sein, und sie darf Dich dreist um eine Wohltat bitten: wenn ich einmal Wohltaten empfangen soll, so sei es von Dir. Bezahle den Leuten, wo ich itzt wohne, fur Tisch und Wohnung, soviel Dir gut dunkt, von der Mitte des Februars bis zu Ende des Mais: es sei ein Geschenk, ein Almosen, das Du mir reichst, damit ich nur den Gedanken von mir entfernen kann, dass ich von dem Almosen fremder Personen lebe: diese Vorstellung verbittert mir jeden Bissen. Bis zu Ende des Mais sage ich darum, weil die Stunde, die mich meiner Burde entladet, auch meine Sterbestunde sein wird: ich bin so gewiss, so fest hiervon uberzeugt, dass der Tod gegenwartig mein einziger Gedanke und mein einziges Gesprach ist. Mein unaufhorlicher Kummer, seitdem ich aus Berlin bin, hat mich langsam dazu vorbereitet, und meine Schwache ist so gross, dass ich an diesem Briefe wenigstens drei Wochen geschrieben habe, um nur die besten, heitersten Stunden dazu auszusuchen. Muss ich die Offenbarung meiner Schande uberleben, so nimm Dich meiner an! Von Gott und Menschen verlassen, in wessen Arme soll ich mich werfen als in die Deinen, in welchen meine Unschuld starb? Geniesse Deines Glucks, lebe fur Freude und Ehre, wenn es Dein Schicksal will, andre meinetwegen nicht eine einzige Deiner Absichten! Ich vermute, dass Dir das Spiel nur dienen soll, um Dir fortzuhelfen: wenn Du Dir also eine Bahn vorgezeichnet hast, die Du mit Deinem erworbnen Vermogen antreten willst, so gehe sie, ohne meiner zu achten! Von diesem Augenblicke an will ich fur Dich tot sein, ich mag sterben oder leben: meine torichte Liebe hat Dich bisher von aller Vorbereitung zu Deinem kunftigen Glucke abgehalten, sie soll es nicht langer, weil es noch Zeit ist. Ich will auf dem Lande in der Einsamkeit den Rest meines jungen Lebens hinbringen, mich mit Arbeiten nahren, und nur dann, wenn mein Kummer mich krank und untuchtig zur Arbeit macht, nur dann stehe mir bei! Ich habe Dich freilich, wie mir einst Schwinger schrieb, in eine Grube gezogen, wo Du verschmachten konntest: aber rache Dich nicht! Ich sprang in die Grube und zog Dich mit mir hinein, aber Dir half das Gluck heraus, und ich schmachte noch darinne. Den Ring, den ich Dir in der sussesten Trunkenheit der Liebe unter dem Baume an den Finger steckte, den Du mir mit edlem Zorne uber den vermeinten Fall meiner Tugend in Berlin wiedergabst und mit einem Kusse nach unsrer Wiederversohnung von mir zurucknahmst trag ihn zum Andenken der unglucklichsten Liebe! Selbst wenn nach meinem Tode dereinst ein glucklicheres Madchen Dich besitzt, dann schame Dich seiner nicht! Ich habe schon der Hedwig auf das Leben anbefohlen, dass der Deinige an den namlichen Finger, den er itzo ziert, mit mir ins Grab gehen soll, damit ich als Deine Braut im Sarge liege.
Wird meine Hoffnung, zu sterben, erfullt, so komm einmal zu meinem Grabe, eh' es unkennbar wird! Das modernde Madchen kann freilich Deinen Seufzern nicht antworten oder mit Deinen Tranen die ihrigen vermischen; aber die Vorstellung ist suss, ungemein suss, mir Dich hingeworfen auf den Hugel zu denken, unter welchem ich als Deine Braut liege und wie dann die durre Erde, mit welcher ich mich vermischen soll, Deine Tranen in sich trinkt; wie das geliebte Herz, das ich so oft unter meinen Handen schlagen fuhlte, dem meinigen so nahe, sich mit dumpfen Schlagen in den Boden hineindruckt und Deine ausgebreiteten Arme den Staub umschliessen, zu welchem ich geworden bin.
Verzeihe dem unbesonnenen, gutherzigen Madchen, dass es Dich liebte! Lieben musst ich Dich, und wenn es die unverzeihlichste Sunde gewesen ware. Meine Tante bat mich um Gottes willen, von meiner Liebe abzulassen: ich verschmahte eine so teure Bitte, setzte ihr einen furchterlichen Schwur entgegen, und der Schwur wurde zum schleichenden Gifte, das mein junges Leben totete, als es kaum anfing.
O Liebe! Liebe! Wenn Offenbarungen dich in deiner ganzen Gestalt dem empfindungsvollen Madchen kundtaten, noch wenn sie an der Mutter Brust liegt welche Fehltritte konnten sie sparen! Mich pfluckte itzo nicht der Gram wie eine junge Maiblume: ich riss gestern eine auf der Wiese hinter der Pfarrwohnung aus Gott! wie war es anders mit mir, als ich auf der Wiese hinter des Onkels Garten sie ausriss! wie anders, als ich sie in Dresden in den Garten aufsuchte! Damals schwebte ich noch auf den lichten Silbergewolken der Einbildung im Sonnenscheine der Liebe. Ich steckte gestern das frisch ausgerissne Blumchen an meine Brust, und in wenigen Minuten senkte es das zarte Haupt und verwelkte. 'So fruh?' dachte ich; und doch ist das Ende des Maies noch nicht da!
So fruh! schon am Ende des Maies soll ich mein Haupt senken und verwelken!
Ich kusse dieses Blatt statt Deiner, und wenn der Sarg meine Brautkammer wird, dann lies hier noch einmal mein Lebewohl! lass ein paar Tranen, wie sie itzt aus meinen Augen auf die erloschenden Buchstaben herabtropfeln, auf meinen Namen fallen und wunsche meiner Seele die Ruhe, die ich im Leben nicht wiederfinden konnte!
Die Angst, wenn sich der Faden des Lebens von meinem Herze losreissen wird, kann nicht schwerer sein als die meinige, indem ich diesen Brief schliessen soll: die Hand bebt mir die Ohren brausen es sprengt mir das Herz Gott! welche Beklemmung. Sie ist voruber: die Liebe schied von meiner Seele. Die Unschuld verwelkte, und der Stengel, der die schone Blume trug, verdorrte. Wenn am Ende des Mais ein leises Rocheln Dich im Schlafe stort oder eine erloschende Stimme am Bette Deinen Namen stohnt oder im Traume ein blasses Madchen im Sterbkleide vor Dir steht, dem Kummer und Reue noch aus den entseelten Zugen sprechen, das traurig den Kopf senkt, banglich seufzt und verschwindet; dann denke: itzt starb, die mich liebte wie keine, meine
Ulrike.
Herrmann, dem die Tranen in grossen Tropfen uber das besturzte Gesicht herabschossen, sprang aus dem Bette und lief, wie er war, in Arnolds Schlafkammer, der noch tief schnarchte, weckte ihn hastig, legte ihm den Brief hin. "Da! lies!" rief er, "ich muss fort, gleich fort!" Mit der namlichen Hastigkeit rennte er wieder von ihm, kleidete sich an, packte mit Hulfe seines Pommers ein, bestellte Postpferde, bezahlte und kassierte Schulden ein, vergass Essen und Trinken und kam eben nach Hause, als Arnold zu Tische gehen wollte.
"Ich will dich begleiten", fing dieser an. "Der Brief hat mir wunderbare Gedanken in den Kopf gebracht. Wir sind doch wahrhaftig beide des Hangens wert, sitzen da und spielen und fressen und saufen und lassen uns wohl sein wie ein paar Bruder des Bacchus, und unsre armen Madchen hungern und kummern sich unterdessen, dass ihnen die Seele ausfahren mochte! Weisst du, was ich mir vorgenommen habe?-Ich will meine Adolfine, Lisettens Schwester, heiraten. Ich habe uber dem verdammten Spielen das arme Tier ganz vergessen. Ich will mit dir reisen, will mir fur das Geld, das ich beisammen habe, ein Gutchen kaufen, mit meiner Adolfine auf dem Lande leben und zeitlebens weder Karte noch Wurfel mehr anruhren. Ist das nicht auch deine Meinung?"
Herrmann. Allerdings! Wohl mir, dass ich den Plan nunmehr ausfuhren kann, den ich mir gleich anfangs machte, als ich in deine Bekanntschaft geriet! Wie hat mich bei allem Unglucke das Schicksal so lieb! Es gibt mir Geld, dass ich meiner Ulrike mit Hulfe und Beistand zueilen und sie fast von dem Tode selbst befreien kann. Die minute nach meiner Ankunft bei ihr soll sie mein werden, ohne Onkel und Tanten, Vater oder Mutter darum zu fragen. Mein soll sie werden: wie zwei Menschen aus der goldnen Zeit wollen wir auf dem Lande zusammen leben und im Schweiss des Angesichts mit patriarchalischer Freude unser Brot essen, wie Menschen es essen sollen. Findest du nicht, dass ich der glucklichste Mensch unter der Sonne bin? Ich wusste gar nicht, was mir fehlte: Und du, Freund, wirst mein Nachbar! Wie froh, wie uberglucklich wollen wir des Abends nach geendigter Arbeit und Sorge in unserm stillen Dorfchen unter den Baumen oder auf dem Steine vor der Tur beisammensitzen und in nachbarlicher Vertraulichkeit schwatzen, schakern und lachen, unsre Weiberchen neben uns oder auf dem Schosse! oder in den langen Winterabenden, wenn bei der dustern Lampe Hausmutter und Madchen im Zirkel dasitzen und spinnen und mit lustigen Erzahlungen und lautem Gelachter die schnurrenden Rader uberstimmen, wie freundschaftlich wollen wir dann am Tische sitzen und dem frohlichen Getummel zuhoren und durch unser Gesprach Lustigkeit und Gelachter vermehren! Endlich hab ich dann die langst getraumte und gewunschte Gluckseligkeit, ein stilles landliches Leben mit Ulriken zu teilen; und nach dem langen Kummer, wie wird ihr das kleine Gluck, das ich ihr verschaffe, doppelt suss schmecken! Sie glaubt zu sterben? nein, Ulrike, ich bringe dir das Leben!
In einem so enthusiastischen Tone fuhr er lange fort, seinem Freunde Szenen ihrer kunftigen Gluckseligkeit vorzumalen; und in der ersten Aufwallung seiner schwarmenden Freude ging er so weit, dass er sich auf der Stelle die Haare abstutzen liess, einen runden Hut kaufte, die Kleider, die fur den Stand des Landmanns nicht passten, verschenkte und nur einen einfachen Tuchrock zum Sonntagskleide und einen Uberrock zur alltaglichen Kleidung behielt: er wollte ganz mit Leib und Seele ein Landmann werden, wie er nach seiner traumerischen Idee sein musste, und entfernte deswegen alles unter seinen Habseligkeiten, was nur im mindesten die Miene des stadtischen Luxus hatte: was er nicht verkaufen oder vertauschen konnte, wurde verschenkt.
Die Pferde waren zwar gleich nach Tische bestellt, allein Arnold notigte ihn, sie wieder absagen und erst auf den Abend kommen zu lassen. Sie kamen zur bestimmten Zeit: Arnold war den ganzen Nachmittag nicht nach Hause gekommen, weil er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen wollte: auch itzt fand er sich nicht ein. Herrmann wurde ungeduldig und lief auf das gewohnliche Kaffeehaus, ihn dort zu suchen, und fand ihn in voller Arbeit am Spieltische. "Reise nur!" sagte Arnold, "ich sitze eben im Verluste: sobald ich wieder heraus bin, komm ich dir nach."
Herrmann nahm von dem Tempel des Spiels ungern Abschied: aber eine hohere Gottheit zog ihn nach sich; und er reiste ohne Zogern ab. Seine Freigebigkeit gegen die Postknechte war so ausserordentlich, dass sie aus Dankbarkeit weder Pferde noch Wagen schonten, sondern die Gaule in einem Trabe dahinrennen liessen: viertausend und etliche hundert Taler, die er im Kuffer hatte, schienen ihm eine so unversiegbare Quelle, dass ihm alles zu wohlfeil vorkam.
Zweites Kapitel
Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann, dessen Figur ausserordentlich viel Bekanntes fur ihn hatte, den jungen Burschen gebieterisch kommandieren, der seinen Kuffer auf den Wagen packte: uber eine Weile drehte sich der Mann nach dem Fenster hin, wo ihn Herrmann beobachtete. 'Das ist mein Vater!' sagte sich dieser und wollte eben Anstalt machen, Erkundigung einzuziehn, als der namliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld foderte: er stutzte, da er Herrmanns Gesicht erblickte, dass ihm das Wort zwischen den Lippen starb. "Herrmann! mein Vater!" rief der Sohn und flog auf ihn zu, seine Hande zu fassen: aber der Alte wehrte ihn von sich ab. "Geh! du stolzer Halunke: ich kenne dich nicht: ich kenne keinen Sohn, der mich verachtet."
Er wollte gehn, aber Herrmann zog ihn mit der aussersten Gewalt zuruck. "Ich muss von meinem Vater fur seinen Sohn erkannt werden: eher reise ich nicht von der Stelle", rief er.
Der Vater. So kannst du bleiben bis zum Jungsten Tage. Bist du etwa in Not, dass du mich itzo kennst, du Schandbube? Du hast mich in Berlin verleugnet, da ich dich brauchte: itzt mach ich's wieder so. Ich bin versorgt ohne deine Hulfe, du hochmutiger Affe; ich habe mein Brot: suche dir deins! Geh mir aus den Augen!
Der Sohn. Aber, liebster Vater, nur ein Wort! Meine Vergehung in Berlin war nicht meine Schuld: die Reue daruber hat mich genug gefoltert. Aus blosser Reue, um meine schandliche Verleugnung wieder gutzumachen, aus kindlicher aufrichtiger Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versohnung. Ich bedarf keine Hulfe: ich habe alles vollauf: ich biete Ihnen an, soviel Sie wollen, soviel Sie bedurfen, ich will gleich den Kuffer offnen und vor Ihnen alles ausschutten: nehmen Sie, nehmen Sie davon, was Sie brauchen!
Der Vater. Denkst du, Hasenkopf, dass ich meine vaterliche Liebe fur Geld verkaufe?
Der Sohn. Nein, das ist gar nicht der Bewegungsgrund: bloss um Ihnen zu beweisen, dass mich nicht die Not dringt, Ihre Verzeihung zu suchen; dass ich mein schandliches Leben in Berlin mit der heissesten Reue missbillige; dass ich nicht der Unmensch bin, der sich seines Vaters schamt, sondern dass eine fremde Gewalt mich dazu zwang bloss darum fleh ich um Verzeihung. Vater, ein versohnendes Wort!
Der Vater. Da! schlag ein, du Halunke! es mag dir diesmal hingehn, weil du nicht mehr so vornehm aussiehst wie in Berlin. Ja, wenn ich nicht gar zu bose auf dich gewesen ware, so hatt ich dir gleich die Hand auf das erste Wort gegeben, so gefallst du mir itzo in dem Aufzuge. Ein allerliebster Kerl bist du in den abgestutzten Haaren und dem runden Hute. So wahr ich lebe! ich habe gar nicht gedacht, dass mein Junge so hubsch ist: ja, ich will dir's vergeben, weil du so hubsch um die Haare gehst. Aber du gottlose Brut! willst du denn etwa deinen Vater wieder so trocken abspeisen wie in Berlin! den Augenblick nehm ich meine Vergebung zuruck, wenn du nicht auftragen lassest!
Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles, was zu haben war, in dem reichlichsten Uberflusse. Sie setzten sich: der Vater zog sein schwarzes Pfeifchen aus der Tasche, schlug Feuer an und rauchte. "So gefallt mir's", sprach er dampfend, "dass wir so hubsch vernunftig beisammensitzen konnen. In der schonen Stube der hochgeturmten gelbschnablichten Madam in Berlin hatt ich nicht fur meine Sunden sein mogen: das war ein Hundeleben; und mich gar zur Tur hinauszujagen! Siehst du, du gottesvergessner Bube? weil du deinen Vater verleugnetest, hab ich die Leute ansprechen mussen: von Berlin bis nach Leipzig hab ich mich gebettelt, bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir in seinem Hause eine Versorgung geben wollte: da wir hieher kamen, horte ich, dass hier im Posthause der Packmeister gestorben war, und weil sie mich brauchen konnten, zog ich den gelben Rock an und blieb hier. Bist du nicht der Holle wert, du ungeratner Sohn, dass du deinen Vater in solche erbarmliche Umstande kommen lasst?"
Der Sohn. Mein Herz zerschmilzt vor Betrubnis daruber: aber, ich gebe meine Seele zum Unterpfande, mein Herz blutete, indem ich dem grausamen Befehle, Sie nicht zu erkennen, gehorchte.
Er erzahlte hierauf die Begebenheit, soweit es zu seiner Rechtfertigung notig war, und lag dem Alten instandig an, seinen Platz zu verlassen und ihm zu folgen: das wurde gerade abgeschlagen. Der Sohn verdoppelte seine Bitte, berichtete die Absicht seiner Reise und seinen kunftigen Plan, doch ohne Ulrikens zu gedenken. "Ich mag nicht deiner Gnade leben", antwortete der unerbittliche Alte. Der Sohn liess seinen Kuffer in die Stube holen und schuttete ihm Geld hin. "Packe dein Geld ein!" sprach der Alte plotzlich, indem er den Kuffer durchwuhlte und einen weissen abgedankten Uberrock fand, der schon einige Zeit zum Puderkleide gedient hatte. "Wenn mir der weisse Rock passt, will ich mit dir gehn." Er machte einen Versuch, und da er ihn fur seinen durren Korper recht geraumig fand, rief er auf einmal voll Freuden: "Junge, ich geh mit dir: komm! mache mir so einen hubschen Kopf, wie du hast: wir leben und sterben zusammen."
Der Sohn musste ihm die Haare verschneiden, einen runden Hut fur ihn zurechtmachen und vermittelte bei dem Postmeister seine Entlassung: sie reisten zusammen fort, und der Alte war so vergnugt uber seinen neuen Kopfputz, dass er sich in jedem Wasser besah, durch welches sie fuhren.
Herrmann, als sie in dem Dorfe ankamen, aus welchem Ulrikens Brief geschrieben war, fuhr gerade vor die Pfarrwohnung, stieg ab, ging hinein: es war niemand als eine Magd zu Hause, die ihn mit seinem Vater in eine Stube wies und ihre Herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach. In der Stube stund ausser den gewohnlichen Mobeln nichts als ein grosses, altvaterisches Himmelbette mit zugezognen kattunen Vorhangen. Langeweile und Ungeduld trieb ihn an, die Sachen in der Stube zu betrachten: besonders zogen die bunten Bettvorhange, wo auf einem dunkelblauen Grunde eine Menge weisser Israeliten ungeheure Weintrauben an Stangen aus dem gelobten Lande trugen, seine Aufmerksamkeit auf sich: die grotesken Figuren reizten seine Neubegierde, auch die inwendige Verzierung des Bettes zu untersuchen, er schlug die Vorhange zuruck und fand ein schlafendes Frauenzimmer darinne ein bleiches, abgezehrtes Gesicht, aus welchem selbst im Schlafe der Kummer sprach: die durren, fleischlosen Hande lagen kreuzweise ubereinander auf dem Bette, gerade als wenn sie im Sarge dalage. Herrmann, sowenig er Ulriken in ihr erkannte, zweifelte doch keinen Augenblick, dass sie es ware. 'Wenn dir ein blasses Madchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint, dem Kummer und Reue aus den entseelten Zugen sprechen; dann denke: itzt starb meine Ulrike!' Diese Stelle fiel ihm sogleich bei ihrer leichenmassigen Lage aus ihrem letzten Briefe ein: besturzt legt er leise die Hand auf ihr Herz, um zu fuhlen, ob es noch schlage, empfand zu seiner Freude unter seinen Fingern matte langsame Schlage, wollte die Hand zuruckziehn, um die Schlafende nicht durch seinen plotzlichen Anblick zu erschrecken, wenn sie etwa erwachte, und liess sie immer liegen, wollte gehen und blieb da, mit banger Wehmut in ihre traurige Miene vertieft. Plotzlich fuhr sie im Schlafe zusammen, als wenn sie ein Traum schreckte: er wollte entfliehen, aber es war zu spat: ihre Augen standen schon offen, ehe er die Hand zurucknehmen konnte. Sie sah ihn einige Zeit starr an, als ob sie seine Erscheinung fur einen Traum hielt, und kaum offnete er die Lippen zu einem leisen "Ulrike", als sie angstlich seufzte: "Gott!" und tief ihr Gesicht in die Betten verbarg.
"Wende dich nicht von mir, Ulrike!" sprach Herrmann mit aller moglichen Sanftheit der Stimme, die ihm seine kochende Empfindung zuliess. "Ich komme als dein Helfer, als dein Retter, will dein Herz seines Kummers entladen und ihm Freude und Ruhe wiedergeben, die ich dir nahm. Wende dich nicht von mir! Der Sarg soll nicht deine Brautkammer werden. Sieh! er ist da, den du liebst, und beut dir seine Hand, um dich aus den Armen des Todes zu ziehn. Er ist da und weint die Tranen aus Freude, die er um deinen Tod auf deinen Namen stromen sollte! Er ist da und wartet auf deinen Blick: warum verbirgst du ihn mir?"
Er horte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tonen sagen: "Verlass mich, dass ich mich erhole!" Er gehorchte, machte die Vorhange fest zu und ging aus der Stube zu seinem Vater, der im Hofe stand und ein Pfeifchen rauchte. Der Alte erstaunte, dass er die Pfeife ausloschen liess, als ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben, sie zu heiraten, entdeckte: er hielt ihn fur verwirrt; denn er wusste von seiner Geschichte weiter nichts, als was auf dem Schlosse des Grafen vorgefallen war, und auch dies hatte er schon langst vergessen. Der Sohn brauchte alle Muhe, ihn zu uberzeugen, dass er bei volligem Verstande sei: er entdeckte ihm in verhullten Worten den bedenklichsten Punkt der Geschichte. "Was?" fuhr der Vater mit herzinniger Freude auf, "das Madchen ist schwanger? Du verdammter Hund! so bunt hat's ja dein Vater nicht gemacht. Erleb ich die Freude so zeitig, dass ich Grossvater werde? Uber den Zeisig!"
Indem seine Freude uber die unvermutete Grossvaterschaft sich noch in vollem Strome ergoss, langte die Gesellschaft aus den Wiesen an, die Pfarrfrau voran, Herrmann ging auf sie zu, dankte ihr fur Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte sie, dass er gekommen sei, ihr die gehabte Bemuhung zu vergelten und sie davon zu befreien. "Ach, sind Sie der ?" fragte die Pfarrfrau mit einer scheelen Miene. Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt, als er erschrak und furchtsam sich hinter seine Mutter stellte, um dem Menschen nicht in die Augen zu sehn, der ihm sein Geld abgewonnen hatte. Zuletzt unter allen kam auch Fraulein Hedwig herangewackelt und schrie laut, da sich Herrmann nach ihr hindrehte. "Ach, du liebes Vaterchen im Himmel!" fing sie an, "sind Sie denn wirklich in propriis figuribus da? Bewahre mich mein Gott! das ist ja wie dort bei dem Virgilio Marus, da Ulysses seine Penelopam in Kindesnoten wiederfindet. Das wird eine Freude sein. Haben Sie denn das arme Rik-chen schon gesprochen? Das liebe Madchen ist so krank, sie kann nicht aus dem Bette. Hab ich's euch nicht immer gesagt, da ihr noch jung wart, ihr solltet nicht so frei reden und jede Sache deutsch nennen? Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger bestandig etwas einzuwenden: da musste man euch allen Willen lassen, und wenn Ihr euch in einem Tage hundert Gages d'amour gegeben hattet; da sollte die Liebe durch Hindernisse und Verbote nur wachsen: ja, sie ist gewachsen! Nun kommt dem uberklugen Herrn der Glaube in die Hande. Ach, die Mannspersonen! das sind doch leibhafte Bestiae ferocis, wie sie mit den armen Madchen umspringen. Es ist auch gar kein Erbarmen."
Uber diesem Geschwatze waren sie in die Stube gekommen, wo Ulrike lag. Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette, auch die Pfarrfrau ging hin. "Rikchen, sehn Sie doch, wer da ist! Du liebes Gottchen, sehn Sie doch! er ist ja da! er will Sie heiraten", rief Hedwig. "Heiraten, mein trautes Tochterchen!" unterbrach sie die Pfarrfrau. "Nicht sterben, mein Lammchen! Heiraten! heiraten!"
So besturmten sie beide die arme Kranke mit unaufhorlichem Gewasche und brachten es endlich so weit, dass sie sich umdrehte und noch um einige Minuten Geduld bat, ehe sie Herrmanns Blick ertragen konnte: man liess sie in Ruhe. Herrmann erzahlte seinen ganzen Plan, und alle billigten ihn ausserordentlich. Die Pfarrfrau, die ungemeine Liebhaberin vom Heiraten war und nur deswegen ihre anfangliche scheele Miene verlor, weil Herrmann Hochzeit machen wollte, rechnte ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitsschmauses vor, belehrte ihn uber das Zeremoniell, ordnete schon die Schusseln auf der Tafel, setzte die Gaste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein hohes Sieb herbei, um ihm das Mass des Brautkuchens zu zeigen, und meldete mit innigem Vergnugen, dass ihr eigner in dieser Form gebacken worden sei. Fraulein Hedwig wurde uber diese seelerfreuenden Anstalten so betrubt, dass sie ans Fenster trat und den Schmerz uber ihre zweiundfunfzigjahrige Jungfernschaft, fur welche sich wahrscheinlicherweise keine Abnehmer erwarten liessen, in haufigen Tranen ersaufte, wiewohl sie vorgab, dass sie aus Ruhrung uber das unverhoffte Gluck der jungen Leute weinte. Der alte Herrmann verwarf alles, was die Pfarrfrau vorschlug, als unnutze Alfanzereien und ware beinahe uber die Grosse des Brautkuchens in einen Zank mit ihr geraten; aber wenn sie einmal uber einen Punkt einstimmten, dann gaben sie einander die Hande und lobten sich, dass sie so gescheite Einfalle hatten: die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit bedenklichem Achselzucken, dass es viel kosten werde: "Aber", setzte sie hinzu, "es muss sein; und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit; und zudem reut mich kein Geld weniger, als was mich meine Hochzeit gekostet hat." "Ach, der Junge hat Geld!" unterbrach sie der alte Herrmann, "Geld in Menge! Sie konnen furstlich zusammen leben. Wenn nun der Teufel nur auch meine Nille herbeifuhrte! Das Henkersweib wurde schwanzen und trippeln, wenn sie die Hochzeitanstalten mitmachen sollte: die wurde schnattern und gackern und heulen vor Freuden! Fur unsre Ohren ist es ganz gut; aber ich wollt' ihr doch die Freude gonnen, wenn sie nicht etwa mit dem christlichen Leinweber selber Hochzeit gehalten hat. Nille, Nille! wenn ich das erfahre!"
Herrmann stand, ohne zu reden, neben einem Tische, liess die Leute Anstalten machen und dachte bei sich, keine einzige auszufuhren; denn er wollte sich ohne alle Feierlichkeiten, wo nicht den namlichen Tag, doch den folgenden am Bette mit ihr trauen lassen. Die Freude, die die Beratschlagung der Pfarrfrau und des alten Herrmanns belebte, teilte sich endlich auch der Kranken mit: sie vergass ihren Kummer, uberwand ihre Scham, offnete von Zeit zu Zeit die Vorhange, um nach ihrem Herrmann hinzuschielen, und liess sie hurtig wieder zufallen: sie konnte sich nicht bezwingen: nach langem Kampfe mit sich selbst, da die unendlichen Hochzeitsgesprache die Liebe wieder in ihr aufweckten und die Freude sie dreist machte, steckte sie den Kopf durch die geoffneten Vorhange und rief leise mit bebender Stimme: "Heinrich!"
Der Laut hatte kaum sein Ohr beruhrt, so eilte er zu ihr hin, kniete vor dem Bette nieder und druckte ihre Hand feurig an seine Lippen: die Freude hemmte beiden die Zunge.
Ulrike. Kommst du so zeitig, um auf meinem Grabe zu weinen?
Herrmann. Nein, Ulrike, um dich aus dem Grabe zu reissen! Schmucke dich mit Freude wie eine Braut! du bist es! du bist es!
Ulrike. O Heinrich! das Ende des Mais, wenn die Fruhlingsblumen sterben! da wird dir der Tod eine pflucken
Herrmann. Keine solche finstern Gedanken! Unser bisheriges Leben war Tod, solange uns das Ungluck trennte: aber itzt, itzt beginnt es neu, frisch und duftend wie ein junger Morgen.
Ulrike. Ich kann mich des traurigen Gedankens nicht erwehren, dass ich sterben werde. Heinrich, ich sterbe gewiss: alles, was ich nur anblicke, was ich nur hore und empfinde, alle meine Sinne rufen mir zu: du stirbst!
Herrmann. Phantomen des Kummers und einer entflammten Einbildung! Sind nicht Tausende Mutter geworden, ohne dass sie starben? Warum sollte der Tod nur dich auszeichnen?
Ulrike. Aber keine stritt mit so langem Kummer, mit Reue, Schande und Mangel. Meine Lebenskrafte sind ausgezehrt, mein Atem nur noch ein schwacher Hauch: siehst du diese abgefallnen Hande, ein Knochengerippe mit Haut uberzogen? und du zweifelst noch, ob ich sterben werde? Ich bin gefasst darauf: mein glimmender Lebensfunke wird ein neues Leben anzunden und erloschen. Das Bild des Todes ist nicht aus meinem Gehirne gewichen, solang ich hier wohne: immer steht das schreckliche Gerippe mit ausgeholter Sense vor mir, dass ich oft den Hals angstlich drehe und wende und jeden Augenblick denke: itzt wird er dich wegmahen wie eine Grasblume! Dort im Winkel seh ich seit drei Tagen, da ich vor Schwache nicht das Bett verlassen kann, meinen Sarg stehen gerade wie der Sarg der Sechswochnerin, die man vorige Woche begrub , braun mit silbernen Leisten! Wenn das Tuch zum Essen auf den Tisch gebreitet wird, scheint es mir ein Leichentuch: ich hore laut und feierlich mein Sterbelied singen, und jedesmal, wenn die Kinder vor der Tur bei ihren Spielen ein Begrabnis auffuhren, tont mir ihr Gesang so ernst, so melancholisch! ich glaube alsdann schon im Sarge zu liegen, die schwarzen Trager treten herein, um mich aufzuladen: tragt mich fort! sprech ich weinend: nur sagt meinem Heinrich, wo ihr mich hinlegt! O warum kamst du, mich in meinen Todesgedanken zu storen?
Herrmann. Nicht bloss storen, verscheuchen will ich sie! Betrachte dich als eine Auferstandne, von der Liebe aus dem Todesschlafe des Kummers erweckt! Diese Hand, deren Druck die deinige erwarmt, bietet dir ein kleines Gluck, das freilich ein zufriednes Herz fodert, um ein Gluck zu heissen! aber Ulrike, Liebe und Massigkeit sollen uns jeden Groschen verdoppeln, Freude den sparsamen Bissen wurzen und Zufriedenheit unsern Acker zum Konigreiche machen. Wir werden durch den Trauring vereinigt, sobald es deine Schwache zulasst: ich kaufe ein kleines Bauergut; und Ulrike, hat uns dann nicht der Himmel einen Wunsch gewahrt, den wir in jener Nacht der Liebe taten?
Ulrike. Die Wonne ist zu gross, als dass ich sie glauben sollte: meine Brust ist zu enge fur sie. Aber gewiss, Heinrich! ich werde sie nicht erleben, werde vielleicht den ersten Morgenschimmer dieses Glucks sehen und sterben.
Herrmann. Neu verjungt leben, willst du sagen! Wir wollen ganz werden, wozu die Natur den Menschen bestimmte den Acker bauen und uns lieben! Bedenke, welche herrliche Auftritte auf uns warten! Auftritte, so schon du sie dir nie in deinem Arkadien auf dem Schlosse deines Onkels dachtest!
Ulrike. Die Freude wird mich toten, so gewaltig ergreift sie mein Herz bei deiner Beschreibung. Du bist mir wie ein Bote des Lebens, der einem Gefangnen auf Tod den finstern Kerker offnet: wie eine Sonne hast du alle Bilder in meinem dustern Gehirn erleuchtet: Ach! wenn dies nur ein glanzender Traum ware, den der Tod hinwegraffte!
Herrmann. Nennst du einen Traum, was man in der Hand halt? So fest, so wirklich, als meine Hand die deinige fasst, so wirklich fassen wir auch unser Gluck. Welch ein Himmel, wenn unter den kleinen wirtschaftlichen Sorgen im uberfliessenden Genusse der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt wie ein freundschaftliches, muntres Gesprach! Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite oder den Samen fur das kunftige Brot ausstreue oder mit dir die Garben sammle und einfuhre und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweiss abtrocknet, deine Hand mir den Trunk reicht, der mich laben soll! Wenn ich nur fur dich Beschwerlichkeiten trage, fur dich sae, fur dich ernte! Wie wird dieser Gedanke alle meine Nerven anspannen, meinen Schultern die Last erleichtern und den Handen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen! Wir wollen ganz Landleute sein, wie es sich gehort, nicht wie faule Mussigganger die Arbeit fremder Hande geniessen, sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen. Keine Beschaftigung, keine Muhe soll fur mich zu geringe, zu verachtlich sein: du erleichterst den Kuhen die hangenden Euter, streust reinliches Stroh auf ihr Lager, schaffst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch oder reichst sie mir zum erquickenden Trunke in der holzernen Schale; sammelst um mich herum das duftende Futter der kleinen Herde, wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfallt; pflanzest, begiessest; und jede Arbeit, die wir zusammen verrichten, versusst muntres, frohliches Gesprach. Schon seh ich dich wie eine geschaftige Hausfrau im leichten, kurzen Unterrocke, mit aufgestreiften Armen, die Haare unter das runde, verschobne Haubchen gesteckt, ohne stadtischen Putz, in kunstloser reizender Nachlassigkeit herbeieilen und das selbstbereitete Mahl auf dem reinlichen holzernen Teller mir vorsetzen, vor Betriebsamkeit kaum einen Bissen ruhig geniessen, immer auf das fehlende Bedurfnis sinnen und schnell es herbeischaffen, noch ehe man es vermisst: schon sitz ich neben dir des Abends unter den Linden vor der Haustur und verzehre mit dir von deinem Schosse die massige Abendkost und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge, heiter, frisch, belebt wie die Luft, die um uns weht: wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich zu uns gesellen, sich um uns herum setzen und mit offnem, neugierigem Munde die Geschichte der grossen Stadte von uns horen und uber die Fratzen, Torheiten, Gebrauche und Bedurfnisse der vornehmen Welt wie uber Seewunder lachen, vor Erstaunen die Hande gen Himmel heben und glauben, wir erzahlen ihnen kurzweilige Marchen aus einem Fabelbuche! Ich vermag sie nicht alle zu schildern, die himmlischen Szenen, in so unzahlbarer Menge eilen sie mir entgegen! Unsre Nachbarn werden uns lieben, weil wir sie lieben: wir stimmen uns allmahlich zu der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab, beneiden, tucken, verfolgen einander nicht, da ein jedes genug hat, weil es nur wenig braucht: Zwang, Langeweile, Verdruss kennen wir gar nicht; und dann, Ulrike! in so vertraulicher, harmloser, treuherziger Gesellschaft Liebe zu fuhlen, wie wir sie empfinden! nach so mannigfaltigen Verfolgungen, Muhseligkeiten, Hindernissen und Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles, reines, susserquickendes Entzucken, wie Kinder ihrer Mutter Milch, zu saugen! Ulrike! kannst du noch an den Tod denken, wenn sich dir ein solches Leben eroffnet?
Ulrike. O Heinrich, du bist mir ein Engel, der aus rosenfarbnen Wolken Licht und Feuer in meine bekummerte Seele herabgiesst: deine Reden haben alle meine Gedanken und Empfindungen uber sich selbst erhoht: komm! fasse mich in deine Arme, dass mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreisst!
Er fasste sie auf, als sie eben, entkraftet von der Wonne ihrer Einbildung, zurucksinken wollte: schluchzend an seiner Brust, sprach sie einmal uber das andre: "So geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfullung! so hab ich dann nunmehr mein Arkadien, wie ich's in dem Garten meines Onkels mir traumte!" Ihre aufgebrachte Phantasie arbeitete so heftig, dass ihr Korper unter der Anstrengung erlag: sie wurde so schwach, dass sie in Herrmanns Armen einschlief: er legte sie sanft auf das Kopfkissen nieder und verliess sie.
Die Pfarrfrau war unterdessen mit der ubrigen Gesellschaft hinausgegangen, um ihr den Platz in natura zu zeigen, wo das Hochzeitessen gehalten, wie die Tafel gesetzt werden und wie die Gaste sitzen sollten; und Herrmann wartete ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes, um mit ihm uber die Trauung zu sprechen: die Frau hatte vor Freuden, dass sie Hochzeitanstalten zu besorgen bekam, schon etliche Male nach ihm geschickt, allein er sass bei dem Bader und spielte mit ihm und dem Forster Kuhschwanz17, und die Partie war so ernsthaft, dass er sich unmoglich losreissen konnte. Endlich, nach der vierten Gesandtschaft an ihn, langte er an: Herrmann trug ihm nach der ersten Begrussung sogleich sein Anliegen vor und bat, dass er ihn morgendes Tages mit Ulriken verbinden mochte. Der Pfarr gab ihm zur Antwort: "Um getraut werden zu konnen, mussen Sie sich erst dreimal aufbieten lassen: wollen Sie nicht dreimal aufgeboten sein, so geschieht es nur zweimal! wollen Sie nicht zweimal, so geschieht es nur einmal: wollen Sie auch nicht einmal, so geschieht es gar nicht."
Herrmann. Das ist ja gerade mein Wunsch.
Der Pfarr. Wenn Sie gar nicht aufgeboten sein wollen, mussen Sie Dispensation haben: wenn Sie Dispensation haben wollen, mussen Sie sich an meine Vorgesetzten wenden: wenn Sie sich an meine Vorgesetzten wenden, mussen Sie ihnen Geld geben, damit sie Ihnen Dispensation geben; und ehe Sie Dispensation kriegen konnen, mussen Sie Ihren, Ihrer Braut, Ihrer beiderseitigen werten Eltern Namen, Ihren beiderseitigen Geburtsort, Geburtsjahr und Zeugnis von dem Pastore Ihrer beiderseitigen Geburtsorter beibringen, damit man sicher und zuverlassig weiss, dass Sie mit Einwilligung Ihrer beiderseitigen werten Eltern und ohne Schaden und Nachteil eines Dritten sich verlobt und versprochen haben. Wenn Sie die Dispensation erlangt und bezahlt haben, ergeht an mich ein Befehl, und wenn ein Befehl an mich ergangen ist, trau ich Sie, sobald Sie die priesterliche Kopulation und Einsegnung begehren. Herrmann. Das ist ja ein unendlicher Weg zum Ehestande.
Der Pfarr. Anders geht es nicht; und wenn Sie eins von den genannten Erfodernissen nicht gehorig beibringen konnen, so bekommen Sie keine Dispensation, so darf ich Sie weder dreimal, noch zweimal, noch einmal aufbieten, so werden Sie nicht getraut.
Herrmann. Himmel! so sind die Gesetze noch grausamer als die grausamsten Menschen!
Der Pfarr. Ich habe die Gesetze nicht gemacht: wer die Gesetze gemacht hat, machte sie zum Besten vieler tausend Menschen; und was fur viele tausend Menschen gut ist, kann um eines einzigen willen nicht aufgehoben werden.
Herrmann. O zum Besten der Menschen, dass man mit den Zahnen knirschen mochte! Priesterliche Gewinnsucht erfand sie, die Begierde, jede Handlung des menschlichen Lebens zinsbar zu machen: Herrschsucht und Geiz bruteten sie aus, und Aberglauben und Einfalt nahmen sie an.
Der Pfarr. Das kann in der Kirchenhistorie wohl wahr sein: ich bekummere mich nur um das Gegenwartige und lasse das Vergangne vergangen sein.
Herrmann. Ich mag Ihre eitele Zeremonie gar nicht: unsre Herzen sind zusammengeknupft und werden es unzertrennlich bis in den Tod sein: was vermag die Hand eines Priesters dabei? Wenn zween Willen sich vereinigen, dann geht die Ehe an: wenn zween Willen sich trennen, dann hort sie auf. Ich Tor! was will ich mich durch einen leeren Gebrauch an meinem Glucke hindern lassen? Wir sind getraut: es bedarf Ihrer Hand nicht dazu. Hat uns das Ungluck nicht genug geangstigt, soll es auch noch ein eitler Gebrauch tun?
Der Pfarr. Ja, in der Welt haben wir Angst. Sie spielen ja wohl ein Lomberchen?
Herrmann. Ulrike ist von dieser Minute an meine Frau: sie soll bei und mit mir leben, sobald ich eine Bauerhutte gekauft habe, die uns vor Wind und Wetter schutzt, und einen Acker, der uns nahrt.
Der Pfarr. Sie wollen sich ankaufen? Bleiben Sie bei uns! werden Sie unser Gerichtsherr! Das Gut wird subhastriert werden. Es war jammerschade um unsern vorigen Herrn, dass er starb: wir werden so leicht keinen wieder bekommen, der so gut Lomber spielte. Ich versichre Sie, er machte Bete oder Kodille, und wenn der andre alle Hande voll Trumpf hatte. Es sollte mir eine Herzensfreude sein, wenn Sie unser Gerichtsherr wurden.
Herrmann. Nein, so hoch steigen meine Wunsche nicht. Ein Bauer, ein wirklicher leibhafter Bauer will ich werden, ein mittelmassiges Gutchen kaufen, das mich und Ulriken durch unserer Hande Arbeit erhalt.
Der Pfarr. Sie ein Bauer? Ein Bauer ist des lieben Gottes Esel, dem er alle Sacke aufladet, die die ubrigen Menschen nicht tragen wollen geplagt vom Morgen bis zum Abend, von der Wiege bis ins Grab: er muss geben fur alle, und jedermann will durch seine Arbeit oder seinen Schaden reich werden: verachtet, bevorteilt, immer nur halb gesattigt, muss er sich sein Leben lang qualen, damit es andern Leuten wohlgeht. Hat er sein Ackerchen mit Muhe durchwuhlt, gesat, geerntet, verkauft, dann tragt er sein gelostes Geld zu Steuern und Gaben hin und darbt oder lebt kummerlich, bis er wieder ernten und geben kann: und noch muss er die Zeit zur Bestellung wegstehlen: da gibt es Spanndienste, Handdienste, Botdienste, Fronen, Hofdienste, Kriegsfuhren, Kammerfuhren und Gott weiss, was weiter: viel geben, viel arbeiten und nichts haben, ist der Lebenslauf eines Bauers.
Herrmann. Unglucklicher Mann! Sind Sie denn bestimmt, meinen liebsten Wunschen zu widersprechen? Milzsucht und Menschenhass konnen nur so ein finsteres Bild von dem gluckseligsten Stande entwerfen, den die Menschheit kennt: aber alle Ihre misanthropischen Gemalde sollen mich nicht erschuttern: mein Entschluss bleibt unverruckt.
Der Pfarr. Mir soll es sehr gelegen sein: so bekomme ich mit meinem Herrn Konfrater in der Nachbarschaft den dritten Mann zu einem Lomberchen; und kommt noch ein guter Gerichtsherr dazu, so spielen wir Quadrille, Trisett, Tarock mit dem Konig, spielen Billard a la guerre, a la ronde oder wie Sie wollen: ich bin bei allem. Bauerguter sind immer zu bekommen: unsre Bauern richten sich immer so ein, dass man ihnen in zwei Jahren nichts mehr nehmen kann als die Haut: es werden zwei oder drei Hofe im Dorfe zu verkaufen sein.
Herrmann freute sich ungemein uber diese Nachricht und nahm sich vor, gleich den folgenden Tag die verkaufbaren Bauerguter zu besehen und, wo moglich, den Handel auf der Stelle zu schliessen. Die Pfarrfrau, als sie horte, dass er keine Hochzeit haben wollte, geriet in die ausserste Unruhe: sie stellte ihm viele klagliche Beispiele von solchen selbstgemachten Ehen ohne Trauung und Hochzeitschmaus vor und empfahl aus allen Kraften ein dreimaliges Aufgebot und priesterliche Kopulation: sie bat ihren Mann angelegentlich, die Sache nicht so genau zu nehmen, damit sie nur eine Hochzeit auszurichten bekame: allein der Pfarr war ebenso standhaft in seiner Pflicht als Herrmann in seiner Verachtung gegen die Kopulation. In einer solchen Verlegenheit musste sich die gute Frau mit dem Gevatterschmause trosten, den Ulrikens Umstande bald zu erfodern schienen, und lag dem jungen Hausvater eifrigst an, die Anstalten dazu beizeiten durch sie machen zu lassen. Auch Ulrike verfiel in keine geringe Betrubnis, als sie die Unmoglichkeit einer gesetzmassigen Verbindung erfuhr, wenn sie nicht durch die Anzeige ihrer Abkunft sich der Gefahr aussetzen wollte, entdeckt zu werden und in Untersuchung zu kommen: doch Herrmann beruhigte sie, trat zu ihrem Bette und sprach: "Ulrike, wir sind getraut, durch starkere Fesseln verbunden, als ein Priester verbinden kann. Zum Zeichen unsrer ewigen Treue trag ich hier am emporgehaltnen Finger den Ring, womit du unter dem Baume im Garten deines Onkels ihn schmucktest: zum offentlichen Bekenntnisse deiner Liebe tragst du den meinigen: ihr insgesamt, Vater, Freund und Freundinnen, seid Zeugen, und noch mehr das Wesen, das den Meineid bestraft, dass ich hier dieser lieben Seele eheliche Treue und Liebe bis in den Tod angelobe; und wer sie bricht, den treffe der Fluch des Himmels, solang ein Gedanke in ihm lebt! Dieser Kuss besiegele unser Versprechen. Nun sind wir getraut: welcher Zeremonie bedarf es weiter?"
Den Tag darauf betrieb Herrmann sein vorgenommenes Geschafte mit seiner gewohnlichen Hitze: er schloss den Handel, sosehr sich auch der Pfarr dawidersetzte, und viel weniger vorteilhaft, als er tun konnte, wenn er nicht mit Leidenschaft kaufte. Er liess sich von einem erfahrnen Landmanne in den Geheimnissen der Wirtschaft unterrichten, lernte von ihm den Pflug regieren, saen, eggen und die ubrigen landlichen Verrichtungen: der Bauer hatte noch nie einen so gelehrigen Schuler gehabt, der mit so vieler Lust und Emsigkeit an seine Lektion ging. Wenn ihn der Pfarr des Abends zu einer Partie Piquet aufsuchte, sass er bei drei, vier Bauern und liess sich in der okonomischen Klugheit unterweisen: der Unterricht war angenehm und fruchtbar, obgleich die schlechte Methode und der verworrne Vortrag der Lehrer ihn notigte, alles durch Fragen aus ihnen herauszuziehn und deutlich zu machen. Er schaffte die notige Geratschaft, Hausrat und andre Bedurfnisse an, baute in seiner neuen Wohnung, soviel sich in der Geschwindigkeit tun liess, und machte die hauslichen Einrichtungen mit Hulfe der Pfarrfrau, die vor Vergnugen uber diese Geschaftigkeit um zehn Jahre junger wurde. Die beiden Leute taten alles mit einer Heftigkeit, als wenn sie in vierundzwanzig Stunden fertig sein wollten: Herrmann rennte die Treppe hinauf, die Pfarrfrau hernieder, sie stiessen mit Armen und Kopfen zusammen, ohne sich aufhalten zu lassen, eins ordnete hier an, das andre dort, und meistens befahl jedes das Gegenteil von dem, was auf Befehl des andern schon geschehn war. Selten waren sie einerlei Meinung: die Pfarrfrau trotzte auf ihre langere Erfahrung und Herrmann auf seinen grossern Verstand: sie richtete sich punktlich nach der hergebrachten Gewohnheit, und er wollte keine andre Regel als Schicklichkeit und Vernunft anerkennen: freilich wollte er der armen Frau mitunter manche ehrliche Grille fur Vernunft aufdringen, aber sie liess sich durch die schonsten Scheingrunde nicht tauschen. Er verlangte von allen Vorschlagen und Anordnungen das Warum zu wissen, und weil seine Gehulfin immer keinen andern Grund angeben konnte als: "Es muss so sein", so gerieten sie in unendliche Streitigkeiten miteinander: er demonstrierte ihr deutlich und bundig, dass es anders besser ware, und sie behauptete, ohne seine Grunde zuzugeben oder zu widerlegen, dass es so sein musste. Beide waren in ihren Meinungen hartnackig; und so zankten sie sich fast alle Stunden einmal: bei jedem Zanke schwur die Pfarrfrau, nichts wieder zu sagen, keinen Fuss wieder in so ein unordentliches Haus zu setzen, so einen verkehrten eigensinnigen Menschen seiner Blindheit zu uberlassen; und kaum war der Schwur uber die Lippen, so flog schon eine neue Anordnung zum Munde heraus, die Herrmann von neuem missbilligte und woruber sie sich von neuem stritten. Der ernsthafteste Bruch entstand uber die Stellung der Betten: da das Haus gegen Morgen lag, wollte er das seinige schlechterdings so gesetzt haben, dass ihn die aufgehende Sonne jeden Morgen zur Arbeit weckte, und die Pfarrfrau versicherte ihn, dass es eine ganz unerhorte Unordnung sei, das Haupt des Bettes an die Kammertur zu stellen: er setzte seinen Willen mit Gewalt durch, und die Pfarrfrau beteuerte auf ihr Gewissen, dass sie zeitlebens sich der Sunde nicht teilhaftig machen werde, uber die Schwelle eines Hauses zu schreiten, wo die Leute mit den Kopfen an der Kammertur lagen: sie ging mit der Prophezeiung hinaus, dass unter dieses Dach weder Segen noch Gedeihen kommen konne, kam einen ganzen halben Tag nicht hinein, und am folgenden Morgen war sie schon wieder die erste auf dem Platze.
Auch Fraulein Hedwig wurde vom Fieber der Landwirtschaft angesteckt: sie molk der Pfarrfrau alle Kuhe rein aus, wo sich nur eine blicken liess, gab allen lateinische Namen und sprach so viel lateinisch und franzosisch mit ihnen, dass sie zuletzt vor Gelehrsamkeit keine Milch mehr gaben; und die Pfarrfrau war sehr der Meinung, dass ihre Trockenheit von den fremden Sprachen herruhrte, die das arme Vieh nicht gewohnt ware. Die Sichel zu fuhren, Futter vorzulegen, Stroh einzustreuen ubte sich das hochgelehrte Fraulein Tag fur Tag: um den Unterricht nicht umsonst zu empfangen, lehrte sie dafur die Magde, wie Virgilius und Homerus Sichel und Gras lateinisch nennten. Der alte Herrmann wahlte die bequemste Beschaftigung: er lernte die Schafe huten. Der Pfarr war bei dieser allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekummert als wegen des neuen Gerichtsherrn: keiner unter allen, die das Gut schon besehen hatten, stund ihm an; und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrubnis die Nachricht, dass es wahrscheinlicherweise ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde, ein Mann, der ehemals Bedienter gewesen sei, sich durch Spitzbubereien bei seinem Herrn reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern kaufe: "Er kann unmoglich gut Lomber spielen, weil er ein Spitzbube ist", setzte er untrostlich hinzu.
Drittes Kapitel
Mitten unter diesen landwirtschaftlichen Ubungen und Anordnungen, noch einige Tage vor dem gefurchteten Ende des Mais, trat des Morgens in aller Fruhe, als eben Herrmann auf das Feld gehen wollte, die Pfarrfrau ungemein freudig herein, ein Kissen auf dem Arme und auf demselben einen neugebornen Knaben, den sie ihm uberreichte. "Da!" sprach sie, "hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen Ackersmann beschert: der wird einmal recht kommandieren: er hat schon die Stimme wie ein Mann, behut' ihn der liebe Gott!" Herrmann nahm ihn auf und kusste ihn mit ruhrungsvoller Freude. "Willkommen!" sprach er, "du kleiner Erdensohn! Willkommen in dieser Wohnung des Schmerzes und des Vergnugens, du Frucht der treuesten, feurigsten Liebe! dein Dasein sollte mich betruben: aber nein! freuen will ich mich uber dich, freuen wie ein Vater, dem sein erster Sohn geboren wird!" "Das hab ich auch Ulriken geraten", unterbrach ihn die Pfarrfrau. "Das arme Geschopf harmt sich und weint, wenn sie den Jungen nur anblickt. Ich hab ihr schon gesagt, das Kind kann unmoglich gedeihen: Sie sind ja nicht die erste und werden auch, so Gott will, nicht die letzte sein: aber das hilft nichts, sie lasst sich nicht beruhigen. Sehn Sie einmal, wie der kleine Schurke seinen Vater anlacht! Nu, so ruf: Papa!" In dieser muntern Laune schakerte und tandelte sie mit dem Kinde und war so lebhaft vergnugt daruber, als wenn sie es selbst geboren hatte. Sie trug sehr viel zu Ulrikens Aufheiterung bei: die junge Mutter gewohnte sich allmahlich an ihre Situation, und die Freuden des kunftigen landlichen Lebens, die ihr Herrmann taglich mit frischen Farben vormalte, starkten sie, dass sie die Gefangenschaft einer Kindbetterin, aller Schwachlichkeit ungeachtet, glucklich uberstand.
Herrmann hatte sich den Plan gemacht, dass nach Verlauf dieses Zeitpunktes in seiner neuen Behausung alles zustande sein sollte, um ihn mit seiner jungen Hausmutter aufzunehmen: mit den hauptsachlichsten Einrichtungen gelang es ihm auch. Von Freude gluhend und wallend, brachte er in einem Vormittage Ulriken ihre neue Bauerkleidung, die er unterdessen fur sie hatte machen lassen, half ihr sich ankleiden und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem Hauschen ein. Im kurzen, flanellnen Unterrocke und roten Mieder, die Arme wirtschaftlich aufgestreift, stand sie da und lachelte mit kindischem Vergnugen uber ihr eignes Bild im Spiegel: nur die Haube, nach der Mode des Dorfs gemacht, missfiel ihr: sie warf sie mit Widerwillen vom Kopfe, band sich die Haare, dass sie eine Art von Ghignon bildeten, nahm Herrmanns runden Hut und setzte ihn drauf: sie war zum Entzucken artig und niedlich in der neuen Tracht. Herrmann nahm sie an den Arm: sein Vater, Hedwig, der Pfarr und die Pfarrfrau folgten ihm: die Pfarrfrau liess sich um alles in der Welt die Ehre, das Kind zu tragen, nicht nehmen; und so hielten sie ihren Einzug. Von dem Eingange durch das Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Strasse von duftenden Blumen gestreut: uber Turen und Fenstern hingen Bogen von Tannenreisig, mit Blumen verziert: ringsum atmete Wohlgeruch, und aus allen Gesichtern lachte Vergnugen. Ulrike wusste sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen: sie lief geschaftig durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten Keller, bezeichnete im Garten jedes Platzchen, wo dies, wo jenes gepflanzt und gesat werden sollte, und machte auf der Stelle mit einem Paket Samen den Anfang, den ihr die Pfarrfrau verschaffte. Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle, den Kuhen den Besuch abzustatten, und wollte in Gegenwart der ganzen Gesellschaft ihre Probestuck im Melken machen: allein der heimtuckische Zufall fuhrte sie zu einem Stiere, und der landmannische Scherz hub laut auf ihre Unkosten an. Sie hielten die nuchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem schattichten Apfelbaume: die Bienen des Nachbars summten in den durchsauselten Asten und unter den bunten Blumen des wollustigen Grases, Vogel hupften und zwitscherten in den Zweigen, Schmetterlinge schwarmten mit blinkenden Flugeln herum, in der Luft lebte das muntre, sausende Gewuhl des Sommers und der regen Natur: an zween niedrige Baume geknupft, hing das weisse Tuch, worinne wie in einem indianischen Hamak, der junge Erbe des Hauses schlief und von der durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde. Der Tag war fur Herrmann und Ulriken der frohlichste ihres ganzen Lebens, ein Fest der Wonne.
Zween Tage hatten sie in voller Berauschung uber ihr neues Gluck hingebracht, als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte: der kleine Herrmann starb. Sosehr Ulrike vor seiner Geburt sein Dasein scheute, sosehr blutete itzt ihr mutterliches Herz bei seinem Verluste. Speise und Trank, Arbeit und Vergnugen schmeckten ihr herbe: jeder Ort, wo sie ihn getragen, geliebkost, gewindelt, genahrt, wo er geschlafen, geweint oder gelacht hatte, erweckte ihre Tranen, und oft liess sie eine angefangne Beschaftigung plotzlich liegen, um zu der geliebten Leiche zu eilen, mit nassem Blicke uber ihr zu hangen und in stiller Betrubnis uber ihrem Ebenbilde zu trauern: sie hauchte den kleinen Lippen ihren Atem ein, aber die mutterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte Herz zu erwarmen: sie trennte sich wehmutsvoll von dem entseelten Knaben und suchte an Herrmanns Brust Erleichterung fur ihren Schmerz.
"Liebe!" sprach er zu ihr, "wir selbst wollen ihm die letzte Elternpflicht entrichten, mit unsern Handen sein kleines Grab bereiten, und aus unsern eignen Handen soll ihn die Erde empfangen." Ulrike ubernahm das Geschafte sehr gern, und wahrend dass Herrmann sich von dem Totengraber einen Platz anweisen liess und das Grab machte, pfluckte sie auf den Wiesen Blumen, bettete mit ihnen in der Schachtel, die zum Sarge dienen sollte, ein buntes Lager, band einen Kranz von Fichtenzweigen, mit Vergissmeinnicht durchflochten, und schmuckte damit das kleine Haupt, und in die Hande gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe. In der Dunkelheit des Abends ging sie, ihren Herrmann am linken Arme und unter dem rechten den Leichnam, auf den Kirchhof. Der volle Mond stand uber dem Grabe und warf Tageslicht in die finstre Hohle: alles schlief an diesem Orte der Ruhe, selbst die Luft. Die beiden Leidtragenden sassen in stummer Umarmung auf der ausgeworfnen Erde und schauten in die Wohnung ihres versenkten Geliebten hinab: nichts unterbrach das allgemeine teilnehmende Schweigen als das Rauschen dahinschiessender Fledermause oder der Klageton des Uhus aus den finstern Winkeln des weissen Kirchturms oder das Wimmern eines Kauzchens, das wie ein achzendes Kind uber ihren Hauptern schwebte und das Leichenlied jammerte.
Sie standen auf und warfen das Grab zu, so schwer sich auch Ulrike dazu entschliessen konnte. "Welches von uns beiden wird das andre so begraben?" fing Herrmann an, indem er die Erde hinabschaufelte.
"Mochtest du es sein!" antwortete Ulrike. "Meine Leiden haben mich mit dem Tode so vertraut gemacht, dass ich lebendig hier wohnen konnte in dieser friedlichen Nachbarschaft. Wie sie so eintrachtig alle hier schlafen! Sie lieben sich freilich nicht: aber sie hassen sich doch auch nicht."
Herrmann. Noch im Tode ist jede Familie ungetrennt. Siehe! hier neben mir ruht ein Hausvater funfundsiebzig Jahre lebte er, wenn mich das Mondlicht nicht tauscht , neben ihm seine alte Hausfrau, im siebzigsten gestorben; hier ruhen sie unter vier schattichten Obstbaumen und zu ihren Fussen die ganze kleine Nachkommenschaft. Wie eine junge Baumschule stehn die kleinen Kreuze da: acht sind ihrer: und wer weiss, wie viele Bruder noch unter dem Joche des Lebens keuchen, die einst an einem andern Platze ihre kleine Herde ebenso um sich versammeln werden? Wie glucklich, Ulrike, dass wir einmal in so guter Gesellschaft schlummern sollen!
Ulrike. Tausendmal susser ist es, mir hier meine Ruhestatte zu denken als in der hochgraflichen Gruft meines Onkels: man liegt dort in dem schwarzsamtnen, tressenreichen Kasten, und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife, gezwungne Miene, als wenn sich die Leute noch im Tode voreinander genierten. Kurz vorher, eh' ich das Schloss verliess, besuchte ich sie, als man frische Luft hineinliess: O, dacht ich, ihr seid wohl alle an der Langeweile gestorben. Die Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung voneinander, als wenn sie sich ebenso aus dem Wege gingen wie im Leben, und kommen nur dann erst in vertrauliche Nahe unter- und ubereinander, wenn ihnen der Platz fehlt. Tausendfach angenehmer ist es, hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser grunen blumengestickten Decke zu schlafen!
Herrmann. Tausendfach angenehmer, sich hier sein Grab zu denken als auf dem stadtischen Gottesacker, wo man, oft von Dunsen, Narren, Schurken und Bosewichtern umringt, liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt, die man im Leben kaum unter einen Himmel mit sich dulden mochte, und wo oft ein glanzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswurdigen noch im Tode uber den braven Mann erhebt! Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft, unter den nutzlichsten Burgern des Staats unter Menschen von dem allgemeinsten Einflusse, die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nahrten; die in reger Tatigkeit jede Minute des Lebens verdienten, durch Fuhllosigkeit der Verachtung und Armut standhafter Trotz boten als der geruhmteste Weise, mit ihren bosen Handlungen den kleinsten Schaden und mit ihren guten den allgemeinsten Nutzen schafften. O Ulrike! wenn wir hier, die Frucht unserer Schwachheit zu den Fussen, beisammen schlummern werden!
Ulrike. Lass uns gehn! dieser Gedanke macht mir die ganze Szene graushaft.
Herrmann. Nein, lass uns bleiben! Noch sind wir der Tugend eine Aussohnung schuldig. Hier ruht er, der Sohn der Schwachheit: Leidenschaft entheiligte deine Tugend, um ihn zu zeugen: die Leidenschaft muss fur diesen Frevel bussen. Uber der Grabstatte unsers Kindes gelob ich dir zwei Jahre soll unser Lager getrennt sein.
Ulrike gab ihm die Hand, lehnte sich sanft an ihn und flusterte ein seufzendes "Ja".
Sie kehrten sich noch einmal zum Grabe, nahmen leisen Abschied und verliessen den Kirchhof. Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hugel niedres Gestrauch, und Herrmann setzte darauf ein schwarzes Kreuz mit den eingeschnittnen Worten: 'In Kummer gebar mich meine Mutter.' Nach der Sitte des Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntagiger Spaziergang, um das kleine Grab zu besuchen und von den Lebenden die Geschichte der Verstorbnen zu horen.
Viertes Kapitel
Die Sorgen der Wirtschaft zerstreuten bald den Schmerz, besonders da sie ernster und zahlreicher waren, als sie beide in der ersten Begeisterung vermuteten, und da Herrmann seine neuen Beschaftigungen um ihrer Neuheit willen mit seiner gewohnlichen Heftigkeit betrieb. Gleichwohl, bei allem Ernst und aller Emsigkeit, war und blieb es eine poetische Wirtschaft, die Bemuhung, den arkadischen Traum einer entflammten Einbildungskraft und eines sanftempfindenden Herzens zur Wirklichkeit zu bringen. Herrmann bedauerte von ganzer Seele, dass Ulrikens zarte Fingerchen durch harte Arbeit schwielicht und ungestalt und durch unreine Beschaftigungen schmutzig werden sollten: sie hatten alsdann ihren Reiz fur ihn verloren: er hielt ihr eine Magd und zog sie oft zu ihrem Verdrusse von Arbeiten ab, weil sie ihm fur die Feinheit ihrer Haut oder die Weisse ihrer Farbe gefahrlich zu sein schienen. Mit aufgestreiften Armen deckte sie den Tisch und trug das Essen auf, das die Magd unter ihrer Anordnung gekocht hatte; und Herrmann wurde es mit geringerm Vergnugen und vielleicht mit Missfallen von diesen wirtschaftlich aussehenden Armen angenommen haben, wenn sie mit der Zubereitung mehr beschaftigt und mit Spuren der Kuchenarbeit bezeichnet gewesen waren. Sie harkte auf der Wiese das Heu oder sammelte auf den Feldern das Getreide, das er gehauen hatte: aber Handschuhe verwahrten Arme und Hande vor den Beleidigungen der Luft, den Busen beschutzte ein Tuch, und ungern liess er sie auf das Feld, solange die Sonne das Gesicht schwarzen konnte.
Ebenso besorgt war sie fur ihn: der Mann, der anfangs alle Acker umpflugen wollte, liess es durch einen Knecht nebst seinem kleinen Pommer verrichten und musste schon aufhoren, wenn er beim Spaziergange dem Knecht das Regiment abnahm und zwo Furchen zog. Instandigst wurde er gebeten, die Sense niederzulegen oder dem mussigstehenden Lohnarbeiter abzutreten, wenn er sich ein wenig zu stark angriff: Ulrike trocknete ihm freilich den Schweiss vom Angesichte bei der Arbeit, aber sobald er abgetrocknet wurde, hatte die Arbeit ein Ende. Zu allen Verrichtungen bezahlten sie Leute, und diesen Leuten, aber weder der Wirtschaft noch der Einnahme, kam es zugut, wenn Herr und Frau Hand anlegten. Sollte ihnen ihr neuer Stand Vergnugen geben, wie sie wunschten, so mussten sie sich mit seinen Beschaftigungen nur zuweilen abgeben und sie nie weiter treiben, als bis die Beschwerlichkeit anfing; und ihr ganzer Bauerstand blieb eine angenehme Spielerei. Sogar in ihrem Anzuge wurden sie nicht wirkliche Landleute: Beide unterschieden sich von den ubrigen Bewohnern des Dorfs durch den Geschmack, und die Artigkeit, die sie mit der Einfachheit der Kleidung zu verbinden suchten, nicht etwa aus Stolz und Unterscheidungssucht, sondern weil sie sich in ihrer vorigen Lebensart an Nettigkeit und Sorgfalt fur die Annehmlichkeit ihrer Personen gewohnt hatten. Ulrike raffinierte itzt so gut wie ehemals, in welcher Lage und Anordnung ihre Haare die beste Wirkung zu dem runden Hute und dem Gesichte tun wurden: diesen Morgen mussten sie, mit einem Bande leicht gebunden, uber den Rucken hinunterwallen: den folgenden wurden sie in ein Paar kunstlose Locken geschlagen, an einem andern geflochten und aufgesteckt: der runde Hut empfing ein Band zur Verschonerung, eine Blume, einen Zweig oder etwas ahnliches: die Brust zierte bestandig ein Blumenstrauss von bescheidnen Feldblumen: die Bemuhung zu gefallen arbeitete bei ihr freilich nicht mehr mit Schafwolle, Straussfedern, falschen Locken, Seide und Flor, aber mit geringern Materialien noch immerfort. Auch hatte, bei ihrer einmal eingewurzelten Art zu denken und empfinden, die Liebe auf beiden Seiten unstreitig sehr viel dabei gelitten, wenn die Sorgfalt, sich wechselsweise durch solche kleine Galanterien in der Person und im Umgange zu gefallen, durch ernstere Sorgen verdrangt worden ware.
Herrmann, da er mit Anschaffung der notigsten Bedurfnisse zustande war, fand in seinem Hause alles zu schlecht und fing an zu verschonern. Der Hof war unter seinem vorigen Besitzer ein grosser Dungerhaufen gewesen, wurde itzt gesaubert, mit Sande uberfahren und zuverlassig ungleich schoner als vorher, aber auch ungleich weniger nutzlich; Turen und Wande empfingen ein schoneres Kolorit, die Treppen eine bequemere Stellung und alles bis auf den kleinsten Winkel die Miene der Ordnung, Sauberkeit und Regelmassigkeit, soweit es sich ohne ganzliche Umschaffung tun liess.
Auch der Garten wurde verschonert, die schlechtesten Obstsorten ausgemerzt und edlere angepflanzt, die freilich unter sechs, acht Jahren weder einen Kirschkern noch einen Apfelstiel trugen; die Einzaunung liess er sehr geschmackvoll und malerisch machen, und seine und Ulrikens Hande setzten manchen Strauch in die Erde, der mit seinen ausgebreiteten Ranken das holzerne Geruste grun bekleiden sollte. Nischen erhuben sich in seinen Winkeln mit angepflanzten Weinstocken, die an den Staben hinaufklimmen, mit ihren breiten Blattern kuhlenden Schatten geben und die Traube dem Sitzenden zu den Lippen herabreichen sollten: Aurikeln und Tulpen verdrangten die Kuchengewachse, die samtne Pfirsche den plumpen Apfel, aus welchem sein Vorganger Cyder presste. Ein krummer, ubelgebildeter Baum beleidigte durch seinen schlechten Anstand das Auge, er musste sterben, wenn er gleich sonst dem Gesinde einen Teil seiner Kost gereicht hatte. In zwei Jahren war durch solche unermudliche Bemuhungen sein Garten der wohlriechendste und ordentlichste im ganzen Dorfe; gab zwar nicht einen Zoll breit Schatten, aber doch die angenehme Hoffnung, dass man nach vielen Jahren vollig unter gerade gewachsenen Baumen und zarten Zweigen werde ruhen konnen; erfrischte den durstenden Mund mit keiner einzigen saftigen Frucht, versorgte den Tisch mit keinem einzigen Bissen, aber dafur liess er in vielen Jahren die kostlichsten, labendsten Erquickungen des Gaums erwarten. Da also kein gegenwartiges Vergnugen, sondern viele gegenwartige Unbequemlichkeiten darinne zu finden waren; da die Sonne den Kopf stach, man mochte sich hinwenden, wohin man wollte, und das Auge allenthalben nichts als nur gunstige Erwartungen erblickte, so wurde der Garten, sobald er zustande war, verlassen, ausserst selten besucht und uber der Vergrosserung des kunftigen Vergnugens das gegenwartige geschmalert.
Herrmann hatte Scharfsinn und Einbildungskraft: er konnte also unmoglich den stillen Pfad der Gewohnheit in seiner Okonomie gehen. Bei tausend Gelegenheiten spekulierte er, dass es so oder so besser ware: das Gesinde musste nach seinen Grillen und Spekulationen verfahren, und das neue Verfahren misslang jedesmal, weil es die Leute entweder aus Ungewohnheit oder mit Vorsatz verpfuschten, um den Herrn wieder zur alten gelaufigen Praxis zu zwingen; und jeder neue Versuch erzeugte nicht bloss Verlust, sondern auch Unordnung.
Ausser den Freuden, die Enthusiasmus und Neuheit und so mannigfaltige Veranstaltungen und Umschaffungen gewahrten und die sie beide um so viel voller und ungestorter genossen, weil sie den Schaden der Unordnung nicht eher fuhlten, als bis er ihnen auf dem Nacken sass, verschafften sie sich noch viele andre Vergnugungen, die meistens in sussen Einbildungen und artigen Spielereien bestunden. Herrmann wurde durch seine itzigen Beschaftigungen wieder an die langstvergessne klassische Belesenheit erinnert, die er sich unter Schwingers Anfuhrung erwarb: das Pfropfen eines Baums; das Bild eines Feldes voll Schnitter und Sammler, wo, mit zahlreichem Gewimmel, einige Garben banden, andre in hohe Haufen sie turmten, hier lachende Dirnen auf den wartenden Wagen sie luden, dort schwerbefrachtete Wagen, seufzend unter der Last, langsam dahinwankten, um den landlichen Reichtum den Scheuren zuzufuhren; ein rauschender Quell, ein sanft hingleitender Bach, eine romantische Hohle; Wiesen, mit weitduftenden Heuschobern ubersat, wo Junglinge und Madchen, Manner und Mutter mit frohlichem Gesprach und lautschallendem Gelachter, hier singend, dort pfeifend, den Vorrat des kunftigen Winters in Haufen sammelten oder auf Gabeln, hochflatternd in der Luft, an den Wagen hinanreichten, wahrend dass die hungernden Rosse mit betrubter Lusternheit den Dampf des Futters einschnauften, das sie nicht geniessen durften; das Abendgebrull der heimeilenden Kuhe, die mit harmonischem Geklingel die strotzenden Euter dem Stalle zutrugen, um von der Last befreit zu werden und in wohltuender Gemachlichkeit den gefrassigen Gaum mit der aufgeschutteten Abendkost zu ergotzen: ein strauchichter Berg, woran das weidende Vieh hing, wiederkauend umherschaute oder unter Steinen und Stammen die nahrendsten Krauter hervorsuchte; ein kahles Brachfeld, wo der bequeme Stier oder das arbeitsamere Ross unter den lautkreischenden Befehlen ihres Regierers am blinkenden Pfluge lange Furchen offneten; das schallende Getose der Arbeiter, wenn sie abends in taktmassigem Unison die gestumpften Sensen fur die Morgenarbeit scharften; die Konzerte der Drescher, wenn sie bald in Solos, bald in Duetten, bald in vierstimmigen Choren mit mutigem Tempo dem Besitzer Brot und reichliche Einnahme verkundigten: alles, alles, wohin er nur blickte, wohin er nur horte, was er nur tat und tun sah, brachte ihm die Beschreibung eines alten Dichters zuruck, und alles ward durch eine solche Erinnerung susser und eindringender fur Phantasie und Herz. Ulrike unterhielt sich allenthalben mit Szenen aus ihrem Gessner und Thomson; und was dem gegenwartigen Gegenstande an Ahnlichkeit gebrach, schenkte ihm ihre gluckliche Einbildung. Ihr Gesprach auf dem Spaziergange war oft eine fortgesetzte Schilderung der Bilder um sich her, aus jenen Malern der landlichen Natur: alles, auch nichtbedeutende Kleinigkeiten, die andre verachtlich kaum des Anblicks wurdigten, erhielten dadurch einen phantastischen Anstrich fur sie, einen erhohten Reiz, dass sie bei einer halbvertrockneten Quelle, bei dem gesanglosen Zwitschern der Vogel auf einem Baume uber ihnen, Empfindungen fuhlten, die auch die herrlichste Natur ohne die zaubrische Verschonerung der Imagination nie zu geben vermochte. Wonne und Entzucken begleitete sie mit jedem Tritte, sprach aus dem Lispeln jedes Baums, hauchte in jedem Luftchen sie an und gleitete durch Blicke und Mienen aus Seele in Seele hinuber.
Wenn am langsterwarteten Sonntage die Mitbewohner des Dorfs sich unter der funfzigjahrigen Linde versammelten und das Andenken der alltaglichen Beschwerlichkeiten im frischen Trunke ersauften, in die Lufte ausjauchzten und mit gerauschvoller Frohlichkeit vertanzten, dann fehlten Herrmann und Ulrike nie: sie eroffneten den Ball der Freude: das kunstlose Dorfmadchen lernte von ihr Grazie und Anstand, und der Bauerkerl ahmte mit tolpischer Zierlichkeit seine Manieren nach. Ihre zutrauliche Offenheit erwarb ihnen das Herz aller Anwesenden: der lustige Alte druckte ihnen treuherzig die Hand, und der lustige Junge hielt aus Ehrfurcht vor ihnen seine Lustigkeit in den Schranken der Anstandigkeit. Der galante Jungling nahm alle seine Artigkeit zusammen, wenn er mit Ulriken tanzte, warf die Fusse zehnmal zierlicher als sonst und schmuckte jeden Schritt mit originalen Bewegungen der Arme und des Kopfs: das Madchen, wenn ihr Herrmann zuteil ward, fasste mit niedlicher Zuchtigkeit die Zipfel der Schurze zwischen die Finger und drehte mit den lieblichsten Grimassen den braunen Hals. Ulrike war bei jedem landlichen Feste das Orakel der Madchen: sie wahlte und ordnete Bander und Kranze an den geschmuckten Maien, zu den Johannistopfen und dem Erntenkranze: sie putzte die Madchen, wenn sie zum Altare gingen und wenn sie eine ihrer Schwestern zu Grabe begleiteten; und jede Muhe belohnten ihr die vergnugten Mutter mit herzlichen Geschenken von ihrem landlichen Reichtume. Der Schulze holte sich bei Herrmannen Rat und Beredsamkeit, wenn er in der Schenke vor dem vollen Senat und Volke philippische oder katilinarische Reden halten musste: das Volk brauchte ihn zum Mittelsmann, wenn es sich mit dem Senat entzweite: selbst der gelehrte Schulmeister verschmahte seine Belehrung nicht, sooft ihn die Orthographie schwerer lateinischer Worte qualte: jeder achtete ihn in allem fur den Weisesten im Dorfe, nur nicht in der Wirtschaft: sobald man auf diese zu sprechen kam, gab sich auch der Geringste ein Ansehn uber ihn, und das allgemeine Orakel musste dann schweigen und lernen.
Auch stifteten sie ausser den Feiertagen des Dorfs eigne hausliche Feste, die sie nur mit wenigen Vertrauten teilten. Jeder Geburtstag wurde mit einer kleinen landlichen Feierlichkeit begangen: ein Strauss, ein Band, ein Tuch war auf beiden Seiten das Geschenk: Ulrike weckte Herrmannen an dem seinigen mit einem Liedchen; er versammelte an dem ihrigen die Kinder und liess sie vor dem Hause auf dem Rasenplatze tanzen, spielte selbst die schnarrende Fiedel dazu, und Bander und wehende Tucher flatterten hoch an Stangen in dem frohlichen Reihentanze empor. Da die Kinder den Tag einmal wussten, kamen sie das folgende Jahr aus eignem Triebe sehr fruh und hingen an ihre Schlafkammer einen grossen Kranz von Zweigen und Blumen: der ubrige Teil des Tages wurde in nuchternem landlichen Wohlleben, kindischen Tanzen und Liedern zugebracht.
Noch hatten sie zwei Trauerfeste jahrlich, die sie beide allein unter sich in feierlicher Stille begingen: eins, dem Andenken einer Nacht gewidmet, wo sie die Liebe betrog und so mannigfaltiges Weh uber Ulriken ausgoss; das andre, dem Todestage ihres Kindes geweiht.
Das erste feierten sie in einem kleinen Tannenbusche, der zu Herrmanns Bauergute gehorte: in diesem schmalen Streifen Wald, der vielleicht dreissig oder vierzig Schritte in der Breite und etwas mehr in der Lange betrug, lag ein oder unfruchtbarer Sandhugel, von jungen buschichten Kiefern umzaunt und hohen dichten Tannen und Fichten umschlossen. Hier hatte Herrmanns und Ulrikens Schwarmerei ein Grabmal errichtet, das sie das Grab der Unschuld nannten: von Rasen bildeten sie die Gestalt eines Sargs, der mit der obersten Halfte aus dem Hugel hervorragte: auf ihm stund eine kleine abgestutzte Pyramide mit der Inschrift: 'Sie starb'. Der Rasen verdorrte in dem trocknen Sandhaufen, und das Ganze bekam dadurch fur denjenigen, der den Sinn wusste, ein bedeutungsvolles Ansehn. Als zum ersten Male der August wiederkam, gingen sie beide an dem unglucklichen Abend zu diesem Grabmale: ein jedes hing an die Pyramide einen verdorrten Weidenkranz, mit Flor durchflochten, und lange blieben sie in stummer Betrubnis einander gegenubersitzen, auf den Rasensarg gestutzt. Ulrike erzahlte mit Tranen ihren Kummer seit jenem Augenblicke, dessen Gedachtnis sie feierten, und gegen Mitternacht gingen sie schweigend, in ernste Gedanken verloren, wieder von ihm hinweg.
Am zweiten Feste begaben sie sich zu dem Grabe des Kindes, dem es galt, und pflanzten ein Baumchen darauf neben dem schwarzen Kreuze; der ganze kleine Raum, den es einnahm, war indessen grun geworden und mit gelben und weissen Blumen bewachsen: Ulrike pfluckte sie alle, band einen Strauss aus ihnen und trug sie an ihrer Brust, bis Blumen und Stengel in Staub zerfielen.
So mannigfaltige Spiele schwarmerischer Zartlichkeit, welche durch Einsamkeit und Stille taglich genahrt wurde, so viele phantastische Ergotzlichkeiten und susse Tauschungen einer hochgespannten Empfindlichkeit liessen ihnen freilich Freude und Gluckseligkeit aus Gelegenheiten erwachsen, die andern kaum einen Puls schneller bewegt hatten: sie waren Kinder geworden und traumten sich da ein Paradies, wo ihre Mitmenschen nichts als Kummer, Not und Beschwerlichkeit fuhlten. Ihre Traumerei verdeckte ihnen freilich die traurige Seite des Bauerstandes; allein sie bereitete sich auch ihr eignes Ende, je mehr sie die beiden Traumer aus der wirklichen Welt hinauszauberte.
Ein Engel mit flammendem Schwerte vertrieb uns aus dem Paradiese; und wehe dem Betrognen, der noch darinne zu sein wahnt! Not, Bedurfnis war der Engel, der die ersten Menschen aus einem ertraumten Paradiese voll untatigen Genusses herausscheuchte: Herrmann und Ulrike empfanden seinen Schwertschlag sehr bald, aber die Trunkenheit ihrer Einbildung liess sie nicht eher auf die Warnung achten, als bis der drohende Vertreiber vor ihren Augen stand.
Solange das bare Geld widerhielt, das Herrmann von dem Ankaufe seines Bauergutes ubrig hatte, konnten sie ungestort in ihrer eingebildeten Welt fortleben und weiter nichts tun als Empfindungen suchen: allein wie lange dauerte diese kleine Summe bei einer so unordentlichen Wirtschaft! Alles musste gekauft werden, weil er ohne Ebenmass so viel Vieh hielt, als er zur Verschonerung seines Hofs fur notig achtete: um einen schonen Vers aus dem Kleist oder ein schones Bild aus dem Gessner in der Wirklichkeit zu sehn, fullte er seinen Hof mit Pfauen und artig gezeichneten Tauben und schonen Huhnern an, die ihm in einem Monate alle Gerste und allen Hafer wegfrassen, den er im ganzen Jahre erntete. Seine Kuhe waren die schonsten an Farbe, die reinlichsten und ansehnlichsten im ganzen Dorfe: aber sie frassen das Korn, das ihrem Herrn das Brot geben sollte. Alles musste um Lohn getan werden; denn die beiden wirtschaftlichen Enthusiasten, die mit Leib und Seele Bauern werden wollten, als sie den Bauerstand nicht kannten, entzogen sich allen beschwerlichen Arbeiten und spielten nur mit den leichtern: gleichwohl verlangte das kleine Gut schlechterdings die eignen Hande des Besitzers und strenge Aufsicht uber das wenige Gesinde, das es verstattete; allein hier gingen die Lohnarbeiter mussig, das Gesinde tat, soviel ihm beliebte, und wenn sich Herrmann ein strenges Wort entwischen liess, winselte Ulrike gleich, dass er die armen Leute zu hart behandelte, schalt ihn einen Tyrannen, einen Grausamen, und er schwieg. Wer fur ihn arbeitete, betrog ihn durch Mussiggang oder Veruntreuung. Seine Acker waren vom vorigen Besitzer ausgemergelt, und der itzige nahrte sie schlecht und kostbar, weil er seinen Hof, diesen unsaubern Kothaufen voller Fruchtbarkeit vormals, zum ebnen, reinlichen, artigen Viereck gemacht hatte, das keine Schuhsohle beschmutzte, aber auch keinen Kornhalm dungte. Uberhaupt vertrug sich dieser unendle Teil der Okonomie mit seinen landlichen Dichterideen so wenig, dass er ihn weder riechen noch sehen noch davon horen mochte: seine Delikatesse uberliess dem Knechte die vollige Besorgung dieses Geschaftes.
Den Schaden, den ihm Mangel an Aufsicht, Untreue und Unordnung zufugten, vollendete seine Gutherzigkeit: die Bitte jedes armern Nachbars war fur ihn ein Befehl. Wer kein Brot, keinen Samen, kein Stroh, kein Futter hatte, wandte sich an ihn, bekam entweder die Sachen selbst, wenn sie vorratig waren, oder Geld dazu: alle borgten und bezahlten teils gar nicht oder bekamen das Geborgte zum Geschenke, wenn sie Miene machten wiederzubezahlen und die Barmherzigkeit mit einem paar Tranen oder klaglichen Tonen zu bestechen wussten. Herrmann genoss allerdings das edelste Vergnugen, dessen eine menschliche Seele fahig ist die Zuflucht aller Notleidenden zu sein, kein Auge ungetrocknet, keinen Mangel unbefriedigt, keinen Kummer ungestillt von sich zu lassen. Stolz freute er sich seiner Gute, wenn er auf seinen Spaziergangen hier einen dankbaren Handedruck von einem alten Mutterchen empfing, dem er das sieche Leben durch seine Wohltatigkeit fristete; wenn dort ein Bauer ihm freundlich die schone Saat zeigte, die von seinem vorgestreckten oder geschenkten Samen aufgegangen war; wenn ein Kind, das er gekleidet hatte, auf den Armen seiner Mutter, von ihr zur Dankbarkeit ermuntert, ihm die kleinen Hande reichte und der Mutter die kindischen Danksagungen nachstammelte: wo er ging und stund, erblickte er Beweise seiner Gutherzigkeit und Gelegenheiten, auf sich stolz zu sein. Auch Ulrike war nie geschaftiger und froher, als wenn sie in der Ture stand und einem Haufen versammelter Kinder, die wetteifernd an ihr hinaufreichten, Stucken Brot, Kuchen oder andre Annehmlichkeiten austeilte: nach einer solchen Verrichtung sprach sie viel freudiger, ging viel lebhafter, und jede Gebarde wurde viel feuriger. Schade, dass alles in und um den Menschen und also auch die Freuden der Tugend eingeschrankt sein sollten! Mit jedem neuen Vergnugen der Wohltatigkeit naherten sich unsre beiden Landleute der Verwirrung ihrer Umstande mehr: das Gut nutzte sich nicht allein schlecht, sondern frass ihnen auch das bare Geld weg, und Guttatigkeit leerte ihre Borse ganz aus.
Wie bekam alles nunmehr eine andre Miene! Der glanzende Firnis, womit Empfindung und Phantasie vorher jeden Gegenstand rings um sie her uberzogen, verblich, verschwand, und alles erschien in seiner wahren alltaglichen Gestalt. Dass auf dem Landmanne die Last der Abgaben hart liege, hatte Herrmann sonst gar nicht gefuhlt; dass in seiner Wirtschaft alles teuer gekauft werden musse und dass er nie etwas zu verkaufen habe; dass sein Gutchen bei der gegenwartigen Einrichtung in einem Monate mehr Geld verzehre, als es auch bei der besten Ordnung abwerfen konnte; dass er zwar nuchtern und sparsam lebe, wie er sich anfangs vorsetzte, dass er aber an seinem massigen Tische mehr Menschen speise, als der Ertrag seiner Okonomie verstattete; das merkte er sonst nicht: er griff in die volle Borse, wenn man foderte, und gab, sooft zu geben war; doch itzt, da er in der leeren Borse nichts mehr fand, wenn er hineingriff, itzt empfand er das Los des Landmanns doppelt schwer. "Geld!" schrie der Knecht; "Geld!" schrien die Magde; "Geld!" foderte der Einnehmer. Fraulein Hedwig klagte den ganzen Tag, dass die Kuhe fast verhungerten, weil ihnen das Futter fehlte, dass ihnen die Knochen durch die Haut stachen und die Euter keine Milch gaben: der Knecht fluchte, dass seine schonen Pferde fasteten, vor Magerkeit nicht mehr ziehen konnten und bald vor Herzeleid und Elend verscheiden wurden: Ulrike weinte, dass ihr ein Perlhuhn, ein goldgesprenkter Hahn, eine schone Henne nach der andern sich hinlegte und sturbe: die Magd jammerte, dass das prachtige Gras auf den Wiesen versauerte, weil sie es nicht allein ohne Lohnarbeiten zwingen konnte: das war den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend nichts als ein Fodern und Beschweren: die Unordnung wuchs taglich, und der arme Herrmann sah sich ohne Rettung verloren.
Nunmehr, nachdem ihn das Ungluck aus seinem getraumten Paradiese verstossen und ihm die Okonomie verhasst gemacht hatte, erwachten tausend Wunsche und Leidenschaften wie eingeschlummerte Lowen, um ihn zu qualen. Verdruss, Langeweile, Verlegenheit erweckten Begierde zum Spiel, das ihm schon einmal zur ergiebigen Goldmine gedient hatte; und er argerte sich, dass ihm hier auf dem Lande ein so herrliches Rettungsmittel versagt war: der Ekel an der misslungnen Landwirtschaft angstigte seinen Ehrgeiz; und er argerte sich, dass er seine Talente und Tatigkeit zu so elenden kleinen Geschaften erniedrigt hatte: er wollte den gesenkten Flug wieder erheben, aber leider! waren ihm die Flugel verbrannt. Seine niedergedruckte Seele arbeitete unter den Burden des Unglucks und der Leidenschaft, dass ihr der Atem verging, und sah keine Moglichkeit, sie abzuwerfen: der Mann, der zwei Jahre her sich glucklicher als ein Konig dunkte, der alle Freuden der Welt in sich zu fuhlen glaubte, entbehrte itzt alles, seufzte nach Vergnugen, durstete nach Gewinn, beneidete den Bewohner der grossen Stadte wegen der zahllosen Wege zum Erwerbe, beneidete den Vornehmen, den Reichen uber die Leichtigkeit, zur Ehre hinanzusteigen, und uber ihren reichen Genuss der Vergnugen. So mannigfaltiger Neid, Unwille, Schmerz teilte seinem Gemute eine Saure, eine Bitterkeit mit, die endlich auch die Liebe uberwand: er misshandelte Ulriken nie mit einem Worte, aber er betrachtete sie bei sich als die Urheberin seines Unglucks, als eine Zentnerlast, die ihm am Nacken hinge und alles Emporkommen erschwerte. 'Wie leicht flog ich durch die Welt, wenn Ulrike nicht ware!' dachte er oft. Immer murrisch, immer von innerlichem Tumulte erschuttert, gab er ihr keine Freude und nahm keine von ihr: Amor mit seinem ganzen anmutigen Gefolge, Zartlichkeit, Schwarmerei und Wonne, hatte sein Haus verlassen, und Ulrike weinte um ihre Flucht. Sie sahen sich nicht anders als bei Tische und auch dann mit gesenkten Hauptern und nassen Blicken des Mitleids: Armseligkeit war ihre Kost und Kummer ihre Wurze: sie wichen einander die ubrige Zeit des Tages aus, weil ein jedes dem andern Gram mitteilte und Gram von ihm empfing. Das nachbarliche Gesprach vor der Tur in den kuhlen Abendstunden verstummte, Scherz und Lachen bei dem Essen waren verbannt, der Hof ertonte nicht mehr vom frohen Geschnatter und Gekreische des Federviehes: aus jedem leeren Winkel starrte der Mangel mit hohlen Augen und eingefallnen Backen hervor: es war ein totes, banges Leichenhaus, wo man um die zween grossten Schatze des menschlichen Lebens trauerte um Liebe und Gluck.
Vor so grossen Widerwartigkeiten, ehe sie mit volliger Macht auf den armen Herrmann hereinbrachen, ging ein Ungluck her, das er nicht sogleich ubersah und das ihn in der Folge aus dem Abgrunde uber Felsenspitzen, Stamme und Aste mit mancher blutenden Wunde emporriss. Gegen das Ende des zweiten Winters kam der Pfarr an einem Nachmittage sehr unmutig zu ihm und brachte die Nachricht, dass der ausserst verwickelte Konkurs, den der verstorbne Herr des Dorfes hinterlassen habe, endlich einmal geendigt sei und dass zu seiner hochsten Unzufriedenheit der gewesene Bediente, von dem er ihm schon kurz nach seiner Ankunft aus Leipzig gesagt hatte, ein Bosewicht, der von dem gestohlnen Gelde seines verarmten Herrn sich in der ganzen Gegend Guter ankaufe und weder Lomber noch Trisett verstehe, das subhastierte Gut wirklich erstanden habe und also ihr hochgebietender Erb-, Lehn- und Gerichtsherr geworden sei. Herrmann, dessen Vergnugen nichts dabei einbusste, horte die Nachricht sehr gleichgultig an: da er bei der darauffolgenden Huldigung, wo ihm der Gerichtsverwalter auch seinen Handschlag abnahm, in Erfahrung brachte, dass sein neuer Gerichtsherr Siegfried hiess, und nach weiterm Nachforschen vollig uberzeugt wurde, dass es Jakobs Vater, der gewesene Gunstling und sogenannte Maulesel des Grafen Ohlau war, dann wurde ihm die neue Herrschaft schon widriger und bedenklicher: allein teils hielt sie sich auf den ubrigen benachbarten Gutern fur gewohnlich auf und besuchte dieses nur zuweilen, teils versank Herrmann nicht lange darauf in die vorhin beschriebne Verlegenheit; und daruber liess er den Herrn Siegfried samt seiner Bosheit aus der Acht und hutete sich nur, wie auch Ulrike, ihm zu Gesichte zu kommen, wenn er einmal einige Tage im Dorfe zubrachte. Der neue Erb-, Lehnund Gerichtsherr, dem das Vergnugen, den kleinen grossen Herrn zu spielen, unendlich wohl tat, wollte es gern in seinem ganzen Umfange geniessen und den Grafen Ohlau im kleinen vorstellen: er ahmte deswegen viele von seinen Feierlichkeiten und prunkhaften Possen nach, aber freilich jedesmal mit so vieler Sparsamkeit und Lacherlichkeit, dass er die Fabel der ganzen Gegend wurde. Ohngefahr ein paar Monate nach der Huldigung seiner neuen Untertanen fiel der Geburtstag der Frau Gemahlin: er sollte auf diesem neuen Gute nach dem Modell der ehemaligen hochgraflichen mit dem namlichen Pomp begangen werden, womit er schon zwei auf seinen andern Gutern gefeiert hatte. Es wurde einige Tage vorher angesagt, dass samtliche Untertanen ihre Rocke ausflicken und in dem auserlesensten Feststaate an mehrbenanntem hohen Geburtstage fruh um zehn Uhr auf dem herrschaftlichen Schlossplatze paarweise erscheinen sollten; die jungen Madchen und Knaben, mit Bandern, Kranzen und Blumenstraussen geschmuckt, sollten mit einigen flatternden Freudenfahnen vorangehn und die Alten, bunte Tucher und grosse Zitronen in den Handen, ihnen nachfolgen, und die samtlichen Materialien zu der Feierlichkeit wurden zugleich auf herrschaftliche Kosten Haus fur Haus ausgeteilt. Die Bauern, die sich allgemein freuten, einen Frontag erlassen zu kriegen und auf eine vergnugte Weise mussig zu gehn, stellten sich an dem bestimmten Tage, der Verordnung gemass, vor der Schulwohnung ein, nur Herrmann und Ulrike nebst ihrem ganzen Hause blieben aus. Der Schulmeister mit einer Perucke, worauf zwei Pfund des feinsten Weizenmehls glanzten, und einen grossen Bakel in der Hand so nennte er seinen Stock18-stellte mit gebietrischer Wichtigkeit die Geburtstagstruppen: die Glocken hatten wahrend des Zugs gelautet werden sollen, aber der Pfarr liess es, vermoge seiner bischoflichen Gewalt uber alle geistliche Dinge im Dorfe, nicht zu. Die gnadige Herrschaft musste sich also begnugen, bloss das Schlossglocklein ertonen zu horen, womit den Fronern gewohnlich der Mittag und Feierabend angekundigt wurde: es hatte ohngefahr den Klang wie die Armensunderglocke an manchen Orten. Der Zug begann: am Schlosstore paradierten die Hofknechte mit holzernen Spiessen, alten Flintenlauften und Pistolen, und zwei von ihnen, als Hanswurste angezogen, peitschten auf zwei Feuertrummeln herum, dass alle Balken zitterten. Ausdrukklich zu dieser Feierlichkeit hatte der tolle Nabob einen Taubenschlag, den der vorige Besitzer aus grosser Liebhaberei fur diese Tiere an ein Fenster des Wohnhauses anbaute, in einen Balkon verwandeln lassen: er war rund gebaut, bloss das Dach und der oberste Teil abgenommen, himmelblau angestrichen und hatte also das formliche Ansehn einer Kanzel. Nachdem die versammelten Untertanen eine halbe Stunde gewartet und die Hanswurste ihre Trummeln und ihren Witz mudegeplagt hatten, erschien auf dem runden himmelblauen Balkon die gnadige Herrschaft in dem schimmerndsten Prunke, die Dame in einem rosenroten Kleide mit silbernen Blumen, das zu dem Mulattengesichte und dem lichtgelben Halse ungemein lieblich abstach: Brust und Arme zierten ganz alltagliche, schneidend gelbe Schleifen, und auf dem Kopfe stund ein furchterlich hohes Gebaude von Lokken und Spitzen, dass sich die Bauern angstlich nach ihrem Kirchturme umsahn, aus Furcht, ihre hochgebietende Frau mochte ihn zur Vermehrung der Feierlichkeit auf ihren Kopf haben setzen lassen: die bretterne gesenkte Brust war so unverschamt entblosst, dass kein Sterblicher ohne Ekel hinzuschauen vermochte. Ihr ungeheurer Fischbeinrock fullte den ganzen engen Balkon aus, dass der Herr Gemahl nur mit dem Kopfe uber den einen emporstehenden Flugel desselben herubergucken konnte: sein Staat war aber auch sehr merkwurdig: ein seladongrunes Kleid, mit Gold gestickt, eine hellblaue Weste mit Silber und ein Paar schwarzsamtne Beinkleider nebst perlfarbnen Strumpfen sagten auf den ersten Blick, wer der Mann war. Alle diese Kleider wie auch die schonen Mobeln im Hause hatten ehmals dem Grafen Ohlau und seiner Gemahlin gehort und waren von seinem Gunstlinge in der Auktion, nach ausgebrochnem Konkurse, mit des Grafen eignem Gelde erstanden worden.
Der Nabob begab sich sehr bald mit seiner Frau in ein Zimmer und erteilte Befehl, dass die Prozession heraufkommen sollte: auf den namlichen zween Stuhlen, worauf sonst Graf und Grafin Ohlau Gluckwunsche annahmen, empfingen itzo jene beiden Geschopfe den Handkuss der vorubergehenden Bauern, Weiber, Knaben und Madchen. Siegfried, um seinen gewesenen Herrn in allem nachzuahmen, liess sich das Verzeichnis der Einwohner bringen und rief einen nach dem andern mit Namen auf; und wenn der Aufgerufne hervortrat, dann blinzte er ihm ein paar Sekunden geradeso ins Gesicht, wie der Graf zu tun pflegte, und wandte sich zu seiner Frau, um ihr etwas uber die Nase oder das Kinn des Hervorgetretnen zu sagen, und rief dann plotzlich einen andern, dass der Vorhergehende verlegen dastund, sich die Haare hinter die Ohren strich und nicht wusste, ob er gehn oder bleiben sollte. Sehr bald zeigte es sich, dass nur ein einziger Hauswirt fehlte: der Herr Schulmeister wurde aufgerufen, um Nachricht von dem Ungehorsamen zu geben. Der Herr Schulmeister berichtete untertanig und gehorsamst, dass es ein Mann ware, der der der sich zuviel dunkte, um dergleichen Solennitaten und Feierlichkeiten mitzumachen. Mit versteller Gleichgultigkeit verbarg der feine Mann, wie sonst der Graf Ohlau bei solchen Ubertretungen, seinen geheimen Unwillen: aber die Widerspenstigkeit dieses einen argerte ihn zu empfindlich, um seinen Groll lange zu verbergen. Er erkundigte sich bei dem Gerichtsverwalter nach diesem einen, erkundigte sich bei dem Pfarr, der mittags zur Tafel geladen war, unaufhorlich nach diesem einen: beide entschuldigten ihn, wollten mit der Sprache nicht heraus, allein da das Nachfragen nimmermehr ein Ende hatte, erzahlte der Pfarr, der von Siegfrieds und Herrmanns ehemaligem Verhaltnisse nichts wusste, von der Geschichte des letztern, soviel ihm bekannt war und ohne Schaden erzahlt werden konnte. Nun stieg Siegfrieds Neugierde auf das ausserste: der Pfarr wurde mit ewigen Fragen geplagt, der Wein machte ihn schwatzhaft und unvorsichtig, und das ganze Geheimnis entwischte ihm, dass Herrmann und Ulrike nicht getraut waren, sich bisher mit seiner Begunstigung bei dem Publikum fur getraute Eheleute ausgegeben und auch so zusammen gelebt hatten. Siegfried brach in heftige Vorwurfe aus, dass er als ein christlicher Prediger dergleichen Unzucht im Dorfe duldete, und befahl dem Gerichtsverwalter, Untersuchung daruber anzustellen. Sein Herz hupfte vor Freuden, dass er unter einem so ehrbaren Vorwande den ungehorsamen Verachter des hohen Geburtsfestes bestrafen konnte. Er schopfte bloss aus den Namen einige Mutmassungen, wer es sein mochte, aber er war mit seiner eignen Rache zu sehr beschaftigt, um einer solchen Mutmassung weiter nachzugehn, besonders da der Pfarr bei beiden jungen Leuten einen hohern Stand bloss aus ihren personlichen Eigenschaften vermutete und ihre Namen fur angenommen hielt. Die Untersuchung wurde durch Vermittelung des Pfarrs bei dem Gerichtsverwalter von einer Zeit zur andern verschoben: Herrmann erfuhr von allem nichts. Sein Gerichtsherr gab sich zwar viele Muhe, ihn zu sehn; aber er hielt sich mit Ulriken so sorgfaltig inne und seine Ture so verschlossen, dass es nicht moglich war; und wenn er auf das Schloss beschieden wurde, befand er sich allemal nicht wohl.
Wahrend dass Siegfrieds Rache sich durch die Vermittelung des Gerichtshalters und des Pfarrs verzogerte und Herrmann mit sich zu Rate ging, wie er sich aus einer lastvollen Lebensart, einer verhassten Untertanigkeit und der traurigsten Verworrenheit seiner hauslichen Umstande herausreissen, woher er, wenn sein Gutchen nicht sogleich einen Kaufer fande, Geld nehmen, wohin er sich mit seiner Gesellschaft wenden, was er anfangen sollte wahrend dieser Zwischenheit empfing Siegfried einen Brief von Schwingern, worinne er ihm entdeckte, dass sich die Baronesse Ulrike auf seinem neuangekauften Gute aufhalten musste: er bat ihn daher in der Grafin und seinem eignen Namen, heimliche Nachforschung zu tun und die Baronesse in Verwahrung zu bringen, bis man weiter uber sie verfugen konnte ein Auftrag, der Siegfrieds Bosheit und Intriguensucht unendlich willkommen war.
Eigentlich hatte Herrmann selbst dieses neue Ungewitter veranlasst. In dem Rausche seiner landlichen Gluckseligkeit, ohngefahr ein Jahr nach seiner Ankunft auf dem Lande, schrieb er teils aus Begierde, die Freude uber sein Wohlsein seinem besten, geliebtesten Freunde mitzuteilen, teils aus Pflicht, Dankbarkeit, Zuneigung einen Brief an Schwingern in der vollsten Ergiessung des Herzens: seiner Empfindung gemass waren auch seine Ausdrucke ausserst feurig. 'Endlich', sprach er unter andern, 'habe ich mich durch alle Gefahren, Verfolgungen, Leiden durchgeschlagen, durch so mannigfaltige Widerwartigkeiten hindurchgearbeitet und auf ein kleines, ruhiges Eiland gerettet, wo ich allen, die mir ubelwollen, Hohn spreche; wo ich alle, die mich noch neulich durch fruchtlosen Arrest unglucklich zu machen suchten, verachte, verspotte, verlache. Von der Hohe meiner landlichen Gluckseligkeit sehe ich mit Mitleid und Triumph auf die elenden Kreaturen herab, die durch schwache Maschinen und kraftlose Anstrengung mit ohnmachtigem Zorne meine Standhaftigkeit erschuttern und das Gebaude meines Glucks einsturzen wollen. In Ihrem Busen, liebster Freund, lege ich das Geheimnis nieder, dass Ulrike meine Gluckseligkeit mit mir teilt: wir wohnen beisammen, aber mit einer Unstraflichkeit, einer Unschuld wie Heilige, wie Engel. Wir beide, mein Vater und Fraulein Hedwig bilden eine kleine gluckselige Republik, eine Familie, die Einigkeit, Wohlergehen und Seligkeit belebt. Wollen Sie meinen Feinden die Demutigung machen, dass sie mich, sich selbst zum Trotze, in dem Besitze des liebenswurdigsten Madchens sehn und lassen mussen, so entdecken Sie ihnen meine Gluckseligkeit, wenn Sie es fur gut befinden: doch ist es mir lieber, wenn Sie schweigen und meine Nachricht als ein anvertrautes Geheimnis bei sich bewahren. Auch die halbtote Schlange kann noch schadliche Bisse tun: zischen mag der Graf Ohlau und sich argern, dass er mich nicht erreichen kann, weil er mich nicht zu finden weiss: aber wenn er mich auch zu finden wusste, Ulriken soll mir niemand nehmen, und wenn Sie selbst, lieber Freund, sich wider mich verschwuren: Freundschaft und Leben opferte ich einer Kostbarkeit auf, nach welcher ich so lange gerungen habe.'
In einem solchen Triumphtone war der ganze Brief geschrieben ubermutig, uberspannt, ausschweifend, aber aus den lautersten Bewegungsgrunden und mit der freundschaftlichsten Empfindung. Gutmutige Leute kommen langsam zu Argwohn und Zorn, kommen aber auch ebenso langsam von beiden zuruck, wenn sie einmal dazu gebracht werden. Der Mann, der langer als zehn Jahre keinen Verdacht wider Herrmannen an sich haften liess, der ihn wider die scheinbarsten Anzeigen, wider schriftliche und mundliche Zeugnisse verteidigte, seine unwiderlegbaren Vergehungen entschuldigte, ihn als einen Schwachen liebte, warnte, leitete, unterstutzte,19 der ihm sogar den frechen beleidigenden Brief aus Berlin von Herzen vergab und neue Wohltaten erzeigte: dieser so nachsichtige Mann wurde durch die personlichen Beleidigungen des Berliner Briefs zu einem Verdachte gefuhrt, der ihm alles, was Herrmann tat und schrieb, in einen unrechten Gesichtspunkt stellte. Herrmann hatte ihm schon oft lange auf Briefe nicht geantwortet, ohne dass es ihm etwas anders als Nachlassigkeit schien: da der junge Mensch in Leipzig auf die Verzeihung fur den Berliner Brief und den erneuerten Vorschlag, den Winter auf dem Lande bei ihm zuzubringen, die Antwort aus Zerstreuung und Spielsucht unterliess, wurde Schwingern diese Unterlassung sogleich verdachtig: er geriet augenblicklich auf den Argwohn, dass er ihn mit seiner Reue uber die Beleidigungen des Berliner Briefes hintergangen habe. Nikasius gab ihm die Nachricht, dass Herrmann unter Spielern und Trinkern lebe; und Schwinger wurde nicht nur in jenem Verdachte bestarkt, sondern sah auch seinen jungen Freund nun nicht mehr als einen Schwachen an, der aus Ubereilung fehlte, sondern als einen Verderbten, Lasterhaften, Undankbaren: seine gutmutige Seele wurde vom Zorn ergriffen wie vielleicht noch niemals und beschloss Strafe uber den Boshaften, wiewohl selbst dieser zornige Entschluss auf der andern Seite ein Beweis war, dass er auch den vermeintlich boshaften Herrmann noch liebte; denn ausserdem hatte er ihn verachtet und dem Schicksal uberlassen: aber nein! weil er ihn noch liebte, bewegte er den Grafen, ihn in Verhaft nehmen zu lassen, um teils Ulrikens Aufenthalt von ihm zu erfahren, sie ihm wegzunehmen und grossre Vergehungen zu verhuten, teils ihn durch eine leichte Zuchtigung zum Nachdenken zu bringen. Die Verhaftnehmung war in jeder Rucksicht fruchtlos, wie bereits am gehorigen Orte erzahlt worden ist: aber Schwinger hielt diese Fruchtlosigkeit nicht fur eine Wirkung der Umstande, wie sie es war, sondern glaubte in seiner argwohnischen Gemutsverfassung, dass Herrmann aus beharrlicher Bosheit sich durch Leugnen und den Vorschub seiner luderlichen Bruder losgemacht habe. So vorbereitet, empfing Schwinger nach anderthalbjahrigem Stillschweigen das anfangs Zerstreuung, alsdann die Beschaftigung mit Ulrikens Kummer, mit der Einrichtung seines Gutchens und endlich der erste Taumel seiner landlichen Gluckseligkeit veranlasste jenen hochfliegenden Triumphbrief; und der gute Mann verstand ihn als eine neue Beleidigung, als den bittersten Spott, wodurch sich Herrmann fur die Verhaftnehmung in Leipzig an ihm rachen wollte, deren eigentlichen Urheber er nach Schwingers Voraussetzung wissen sollte, ob es gleich gar nicht moglich war; denn die Sache geschah im Namen des Grafen Ohlau. Diese neue, vermeintliche Bosheit brachte einen neuen Zorn bei Schwingern hervor, aber einen krankenden Zorn, der die Liebe ganz verdrangte; denn er nahm sich vor, einen so ausserst boshaften Menschen der Zuchtigung des Schicksals zu uberlassen und nur zu Ulrikens Rettung das seinige aus allen Kraften beizutragen, wofern ihr noch zu helfen ware. Er reiste zu dem Grafen und wurde von ihm abgewiesen, weil er ein entlaufnes, luderliches Madchen nicht wieder in seine Familie aufnehmen wollte. "Sie mag sterben oder leben", sprach er, "ich tue schlechterdings, als wenn sie mich nichts angeht. Ich verbiete hiermit von neuem, dass man sie mir jemals wieder nennt: auch wenn sie sich demutigte und um Gnade bate, wurde ich sie doch nicht als meine Schwestertochter annehmen."
Nach dieser abschlagigen Antwort wandte sich Schwinger an die Grafin und fand viel gunstiger Gehor. halb aus Gute, halb aus Weichheit des Herzens, auch aus einem Rest von Liebe fur Ulriken willigte sie in Schwingers Verlangen, sie mit Gewalt aus Herrmanns Besitze zu reissen: aber wohin mit ihr? Auch diese Schwierigkeit wurde gehoben: einer ihrer Vettern stand als Oberste in den Diensten eines kleinen Hofs und war Generalissimus uber die ganze Mannschaft, die er hielt. Die Grafin bat ihn schriftlich, seinen Kredit bei der Furstin anzuwenden und Ulriken einen Platz als Hofdame bei ihr auszuwirken: der Oberste gab Hoffnung, dass es ihm glucken werde, sie anzubringen, obgleich vorderhand kein Platz ledig sei, und bot ihr unterdessen sein Haus an, damit sie sich bei der Furstin vielleicht durch ihre eigne Person in Gnade setzen konnte. Nun war nur noch eine Bedenklichkeit ubrig ob sie nicht durch langen vertraulichen Umgang mit Herrmannen in Umstande geraten sei, dass man sie nicht ohne Schande einer Furstin zur Hofdame anbieten konne; denn seiner Versicherung, dass sie als Engel beisammenlebten, traute man nicht. Aber woher sollte man sich uber diesen Punkt zuverlassig unterrichten? Schwinger suchte auf der Karte die Lage des Dorfs, aus welchem Herrmanns Brief datiert war, und fand es in der Gegend, wo sich Siegfried zufolge seines letzten Berichtes angekauft hatte: denn dieser neue Gutsherr hatte die Hoflichkeit oder vielmehr die Unverschamtheit, dem Grafen und allen seinen Bekannten, auch wenn er sie sonst gehasst hatte, in einem grossen Briefe jeden Ankauf zu wissen zu tun, wenn er auch nur in einem Vorwerke bestund. Schwinger schlug ihn der Grafin zur Mittelsperson vor; allein sie wollte dem Manne, der sich durch das blinde Vertrauen ihres Gemahls bereichert hatte, auch diese kleine Verbindlichkeit nicht schuldig sein: die Sache blieb hangen. Es kam ein Brief vom Obersten, der die Furstin schon so weit gebracht hatte, dass sie Ulriken zu sehen verlangte und ihr einen Platz mit der halben Besoldung einer Hofdame versprach, wenn sie ihr gefiele: es kam ein Notifikationsschreiben vom Herrn Siegfried, welches den Ankauf des namlichen Dorfs meldete, wo sich Herrmann aufhielt. Schwinger drang nach diesen Nachrichten mit seinem gutherzigen Eifer noch einmal in die Grafin, einen Versuch zu machen, nahm die Besorgung des ganzen Geschaftes uber sich und bat bloss um die Erlaubnis, es im Namen der Grafin betreiben zu durfen: darein wurde dann gewilligt. So zog sich uber Herrmanns Haupt, unterdessen dass er seine landliche Ruhe genoss, verlor und darbte, auf seine eigne Veranlassung das Ungewitter zusammen, das ihn itzt bedrohte, ohne dass er etwas davon wusste: so entstand der Brief, den itzt, wie vorhin gesagt wurde, Siegfried von Schwingern erhielt, mit dem Auftrage, die Baronesse Ulrike auszuforschen.
Der Mann hatte sein Talent zu dergleichen Verrichtungen schon auf dem Schlosse des Grafen sattsam bewiesen: er bewies es auch itzt. Er bat den Pfarr zu sich zu Tische, und vieles Fragen und etliche Glaser Wein vermochten abermals so viel, dass er Herrmanns armselige Umstande entdeckte: Siegfried tat, als wenn er ihm durch verborgne Wohltatigkeit aufhelfen wollte, und bat den Prediger, dass er ihm Gelegenheit verschaffen mochte, den jungen Mann und seine Frau in seiner Pfarrwohnung zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden. "Ich weiss wohl", sagte der Verstellte, "solche Leute, die einmal vornehmer gewesen sind, haben zuviel Bettelstolz; sie lassen es nicht gern merken, dass sie Wohltaten brauchen. Wenn sie mir wie ehrliche Leute aussehn, will ich ihnen durch Sie Geld vorschiessen: Sie konnen ja tun, als wenn es von Ihnen kame."
Der Pfarr, der so oft fur Herrmanns Ungehorsam bei der Geburtstagsfeier Vorbitten eingelegt hatte, war uber eine solche unvermutete Wendung der Sache ungemein vergnugt, lud die beiden jungen Leute zu sich, Siegfried kam durch die Hintertur herein, verbarg sich und lauschte an dem Fenster in der Stubentur, sobald sie darinne waren. Sosehr sie sich beide in den sechs Jahren, dass er sie nicht gesehn, verandert hatten, so erkannte er sie doch gleich. Der Pfarr trostete sie mit der Hoffnung, dass er ihnen mit einem kleinen Kapital, das man ihm vor einem paar Wochen aufgesagt hatte, ohne Interesse dienen wollte, um ihrer Wirtschaft emporzuhelfen: sie nahmen das Anerbieten mit freudiger Dankbarkeit an und ging ein wenig beruhigter von ihm weg, als sie kamen.
Siegfried liess den Pfarr auf eine Spielpartie noch den namlichen Tag zu sich bitten. Auf eine Spielpartie? Nun war die Freundschaft zwischen beiden geknupft, da der Pfarr sah, dass sein Patron spielte: das Spiel lieben und ein ehrlicher, verstandiger, braver Mann sein war in seinen Augen dasselbe. Er fand sogar, dass Siegfried gut spielte, und nunmehr offenbarte er ihm seine innersten Gedanken, weil ein Mann, der so gut spielte, nach seiner Meinung weder Schelm noch Verrater, noch Bosewicht sein konnte. Das Gesprach wurde sogleich bei dem Abendessen wieder auf Herrmannen gelenkt: Siegfried versicherte, dass ihm die beiden Leutchen ziemlich gefielen und dass er sie schutzen und unterstutzen wollte. Da er einmal durch sein gutes Spielen und diese verstellte Gute das Vertrauen des Predigers gewonnen hatte, so war es ausserst leicht zu bewerkstelligen, dass dieser alles beichtete, was er das letzte Mal verschwiegen hatte. Sogleich wurden die eingezognen Nachrichten Schwingern mitgeteilt, der aber der Grafin alles verheimlichte, was sie geneigt machen konnte, Ulriken ihre Hulfe zu entziehn: sie schrieb ihrem Vetter, dem Obersten, dass er die Baronesse in einigen Wochen erwarten sollte, und ersuchte ihn instandigst, sie nach ihrer Ankunft in sorgfaltiger Verwahrung zu halten, dass sie nicht wieder entwischte. Schwinger nahm mit dem Geschafte auch stillschweigend die Kosten uber sich, teils vielleicht aus einer kleinen Rache gegen Herrmann, teils, und zwar grosstenteils, in der Absicht, ein gutes Werk zu tun, eine junge Person, die er liebte, aus der Verirrung zuruckzubringen und die Unruhe zu verguten, die er wider seinen Willen durch die Verteidigung und Unterstutzung seines missgeratenen Freundes einem Hause zugefugt hatte, dem er Verbindlichkeit schuldig war; und Siegfried bot willig die Hande zur Ausfuhrung eines Komplotts dar, das seiner tuckischen Schadenfreude und seinem gekrankten Stolze so wohltat. Alles war angelegt, Ulriken durch List oder Gewalt zu rauben und in die Hande des Obersten zu bringen.
Elfter Teil
Erstes Kapitel
Bei der Ausfuhrung des Komplotts musste der Pfarr abermals eine Rolle ubernehmen, doch ohne dass er es wollte oder wusste. Siegfried gab ihm unbetrachtliche zwanzig Taler, um sie dem hulfsbedurftigen Herrmann zuzustellen: zugleich bezeugte er grosses Verlangen, einen Mann von so sonderbaren Schicksalen naher kennenzulernen, und bestimmte Tag und Stunde, wo er ihn in die Pfarrwohnung kommen lassen und nach der Uberlieferung des Geldes so lange durch Gesprache aufhalten sollte, bis der hochgebietende Erb-, Lehn- und Gerichtsherr dazu kame. Es geschah: der Pfarr lieferte das langstversprochene kleine Kapital mit Verlegenheit und Entschuldigungen aus, dass es nicht mehr war, und Herrmann nahm es aus dem namlichen Grunde mit Verlegenheit und Verwunderung an. Die Unterredung entspann sich, und ein Mensch in Not, der sein Herz gegen einen Freund erleichtert, kann ohne Muhe den Faden eines Gesprachs sehr lang spinnen: unbemerkt strichen drei ganze Stunden daruber hin. Plotzlich trat Siegfried mit der stolzen Miene eines neugeschaffnen Gutbesitzers herein: Herrmann erschrak bei einer so verhassten Erscheinung, dass er fast alle Besonnenheit verlor. Siegfried, als er seine Verwirrung innewurde, bekam doppelten Mut und doppelte Unverschamtheit und fragte ihn wie einen Missetater uber Artikel: Herrmann war ertappt: er konnte und wollte keine Frage verneinen, sondern bekannte mit stolzem Trotze seinen Namen und Abkunft: sie hatten sich beide ehemals zu wohl gekannt, um mit Verleugnen durchzukommen.
"Leider! kennen wir uns!" fing Herrmann an, als ihn Siegfried fragte, ob er ihn noch kennte. "Sollt ich den Vater des Bosewichts nicht kennen, der mich aus der Gunst und dem Schlosse des Grafen Ohlau vertrieb? den grossen Intriguenmacher, der meinen Vater ums Brot brachte und sogar das kummerliche Gnadengeld bestahl, das ihm der Graf aussetzte? Einen Dieb, dem die Natur den Galgen auf die Stirn brannte, erkennt man ja wohl, auch wenn man ihn nie sah."
Die unvermutete Dreistigkeit, womit er dies sprach, verursachte Siegfrieden eine Besturzung, dass er ihn nicht unterbrechen konnte; endlich ubermannte sie der Grimm. "Wisst Ihr, mit wem Ihr sprecht?" fuhr er schaumend heraus.
"Mit Euch!" schrie ihm Herrmann ins Gesicht. "Mit Euch! und das will viel sagen; denn so ein ganzer Schurke wie Ihr wird in Jahrtausenden nicht wieder geboren."
Der Pfarr, der ausser allem Zusammenhange war und nicht begriff, wie ein solcher Dialog daherkam, suchte beide Teile zu besanftigen: vergebens! Siegfried drohte mit Gefangnis: Herrmann spottete seiner. "Unter Eurer Gerichtsbarkeit", sprach er, "werden wohl nur die ehrlichen Leute ins Gefangnis gebracht: dass sich Euer Gerichtshalter ja nicht einfallen lasst, die Schelmen einzuziehen: wahrhaftig, wenn der Mann nicht selber einer ist, so macht er bei dem Gerichtsherrn den Anfang."
Siegfried schwoll von Gift und Galle so gewaltig an, dass er den Stock aufhub: der Pfarr warf sich dazwischen. "Lassen Sie ihn!" schrie Herrmann. "Der Sohn hat unter den Spitzruten geblutet; der Vater mocht es gern unter meinen Fausten tun. Mit dem ersten Schlage sitzen ihm meine Hande an der Kehle: aber erwurgen will ich ihn nicht! das mogen Hande tun, die die Obrigkeit dazu bezahlt."
Siegfried konnte vor Zorn nicht antworten: der Pfarr befahl Herrmannen ernstlich, sich solcher harten Reden zu enthalten. "O der harten Reden!" rief Herrmann mit knirschender Bitterkeit. "Gegen die Verbrechen dieses Unwurdigen sind es nur leichte Luftblasen: brennend wie Schwefel sollten sie sein, und noch wurden sie so ein steinhartes Gewissen nicht brennen: Das hat Schildkrotenschalen, worein es sich versteckt, wenn es ein Vorwurf trifft."
"Ich bin Euer Gerichtsherr", stotterte Siegfried. Henrmann. Dafur kann ich nichts und vermutlich der liebe Gott ebensowenig; denn sonst hatt er Euch noch hoher steigen lassen als Euern Sohn. Dem Sohne hat er einen wurdigen Platz gegeben: nun sollte noch der Vater
Der Pfarr hielt ihm den Mund zu, aber er machte sich los. "O Sie wissen's nicht", fuhr er fort, "aus welcher grossen Familie unser Gerichtsherr ist! Dem Sohn ist seine Ordenskette angeschmiedet: Cartouche und Lips Tullian sind ihre beiden Ahnherren."
Siegfried. Was bist denn du? Ein Madchenverfuhrer! Madchendieb! Madchenschander! Wenn du deine Ehrentitel horen willst, so lies einmal diesen Brief.
Er warf ihm einen Brief auf den Tisch: Herrmann erkannte bei dem ersten Blicke Schwingers Hand, nahm ihn auf und las die Aufschrift, 'an Herrn Siegfried', mit einem langen Schwanze von Gutern, die dem Namen gehorten: er offnete ihn voll Erstaunen und fand folgenden Inhalt.
den 16. Julius.
Hochgeehrtester Herr!
Endlich ist mir's gelungen, dem Unwurdigen, den ich ehmals meinen Herrmann nannte, seine Bubenstucke zu vereiteln. Die Grafin willigt in alles: sie hat ihren Vetter schon benachrichtigt, dass er die Baronesse erwarten soll, und nun machen Sie Anstalt, wie es aus den Klauen ihres verachtungswurdigen Verfuhrers zu reissen und an Ort und Stelle zu liefern, wie ich bereits in meinem letzten Briefe Verabredung mit Ihnen genommen habe! Ich trage die Unkosten und werde sie Ihnen erstatten, sobald Sie mir die Rechnung davon ubersenden, im Falle dass der Grafin Vetter, der Oberste, sich nicht dazu erbietet: fodert er Ihnen nicht freiwillig die Rechnung ab, so erinnern Sie ihn auch nicht von fern daran; und fragt er bloss, wer die Reisekosten bezahlen wird, so nennen Sie die Grafin. Der guten Dame wurde die Erstattung freilich schwer sein, und bewahre mich der Himmel, sie ihr zuzumuten! Doch bitte ich instandigst, es niemanden zu entdekken, dass ich die Kosten ubernommen habe: ich mochte auch nicht gern scheinen, dem Hause, das mich ernahrt und befordert hat, eine Verbindlichkeit auflegen zu wollen, die es nicht ohne geheime Krankung offentlich auf sich ruhen lassen wurde. Auch suche ich niemanden auf der Welt durch die kleine Aufopferung zu verbinden, sondern bloss mein Gewissen zu beruhigen: ich will mir den Rest meines Lebens durch das Bewusstsein versussen, dass ich die Unschuld von der Verfuhrung gerettet, der geschandeten Tugend zur offentlichen Ehre wieder verholfen denn leider! kann ich ihre innere nicht wieder herstellen! , ein betrognes, gutherziges Madchen vom Elende befreit, vor kunftigen Vergehungen verwahrt, in ihren rechtmassigen Stand wieder eingesetzt und einem Hause, das ohnehin Kummer genug druckt, die Ruhe wieder verschafft habe, zu deren Verbitterung ich unschuldigerweise durch Schwache, unzeitige Nachsicht, verblendetes Wohlwollen, Kurzsichtigkeit und ubel angewandtes Vertrauen so vieles beitrug. Alle Fehler, die ich dabei beging, hat mir meine Betrubnis daruber und der Undank und nagende Spott des Bosewichts genug vergolten, den ich aus einfaltiger Blindheit so lange fur ein Muster der Rechtschaffenheit und Ehrliebe hielt. Ich kenne ihn nicht mehr und verachte ihn so sehr, dass ich nicht einmal an seiner Bestrafung arbeiten mag. Wenn Sie die Baronesse seinen Handen entrissen haben, so ist der Grafin und mein Zweck erreicht: bekummern Sie sich weiter nicht um ihn, sondern uberlassen Sie ihn dem Elende, den Qualen des Gewissens und der Verachtung der Menschen! Ich habe der Grafin die Schandtat verhehlt, die der Ruchlose an der Baronesse verubt hat: wir wollen sie auch der Welt verhehlen, soviel uns moglich ist, um dem kunftigen Glucke der guten Ulrike nicht zu schaden: das Geheimnis ihrer Niederkunft soll mit mir ins Grab gehn, und ich bitte Sie bei Ihrer ewigen Wohlfahrt, tun Sie ein Gleiches und beschworen Sie alle, die darum wissen, unserm Beispiele nachzuahmen! Der Verbrecher wird seinen Lohn durch sich selbst finden, so wahr ich einen Gott glaube; und von diesem erwarten Sie den Dank fur Ihre Bemuhungen zu Ulrikens Rettung, wenn Ihnen der meinige nicht genug ist. Ich bin etc.
Schwinger.
Betaubt wie von einem plotzlichen Schlage und beinahe sinnlos liess Herrmann den Brief sinken: Schmerz, Verzweiflung, Verwilderung starrten ihm furchterlich aus Aug und Mienen hervor. Knirschend sah er empor, die Daumen eingeschlagen, die Fauste geballt, und drohend mit beiden erhobenen Armen rief er: "O so sturze Erd und Himmel zusammen, wenn das Menschen sind! Ungeheuer, denen Lowenblut in den Adern rollt! Teufelsseelen, aus Unbarmherzigkeit und Wildheit zusammengesetzt! So denkt, so spricht der Mann, der sich meinen Freund nannte? So lasst sich der gutmutige Schwinger von der Bosheit zu einer Verschworung wider mich verleiten? Spricht ein Urteil uber mich, wie es kaum die unmenschlichste Dummheit, der barbarischste Menschenhass sprechen konnte? Noch einmal! Himmel und Erde muss zusammensturzen und eine solche Brut von Treulosen, Barbaren und Verratern vernichten! Verrater seid ihr insgesamt an mir! schandliche Verrater, die ihren Lohn durch sich selbst finden mussen, wenn Gerechtigkeit die Welt regiert."
Er wandte sich zum Pfarr: "Heisst das die menschenfreundliche, wohltatige Lehre ausuben, die Sie predigen sollen, dass Sie einen Freund verraten, der sich in Ihre Arme warf? Ist das die allgemeine Nachstenliebe, das die Nachsichtigkeit gegen Fehler und Schwachheiten, das die Sanftmut gegen den Verirrten, die Sie einpragen sollen, dass Sie ein Geheimnis aufdecken, auf dessen Verheimlichung Sie mir Ihr Wort und diese Rechte gaben? Verzehren muss sie sich, die treulose Rechte, und jeder Segen, den sie austeilen soll, wie zehnfacher Fluch auf den Gewissenlosen zuruckfallen, der sie zum Unterpfande der Falschheit gab! Gott! das sind Menschen! sprechen Lugen, sooft sie atmen, und handeln wilder, als es ein menschlicher Verstand sich vorzustellen vermag! Uberliefern den gefallnen Bruder in die Hande des Bosewichts, den niemand schwarz genug malen kann, und wenn er die Farben aus der Holle nahme! Da stehn sie, die beiden Nichtswurdigen, und freuen sich ihrer Tucke: ich mag sie nicht langer anschaun. Wagt es! fuhrt euren Schelmenstreich aus! Nehmt mir Ulriken! Aber der erste, der eine Hand an sie legt, druckt mir die Kehle zu oder ich ihm."
Er warf dem Pfarr, ohne etwas weiter zu sagen, die vorgestreckten zwanzig Taler auf den Tisch und ging. Siegfried, sosehr ihn die gemachten Vorwurfe krankten, freute sich mit satanischem Lacheln uber die Uneinigkeit dieser beiden Leute; und der arme Pfarr, der sich vor Uberraschung nicht besinnen konnte, wie er zu Meineid und Treulosigkeit gekommen war, ohne es zu wissen noch zu wollen, blieb entfarbt und unbeweglich stehen und vermochte nicht ein Wort zu seiner Verteidigung aufzubringen, ob er sich gleich keiner Bosheit, sondern hochstens nur einer unzeitigen Schwatzhaftigkeit schuldig gemacht hatte. Auch Siegfried verliess ihn, und er war noch immer nicht bei sich.
Herrmann ging nicht gerade zu Ulriken, um sie nicht durch seine Verwilderung zu schrecken: seine Seele war mit zu furchterlichen Gedanken erfullt, und nach einer so ausgezeichneten Verraterei zweier Manner, deren Redlichkeit ihm felsenfest zu sein schien, kam ihm alles, was menschlich heisst, zu verhasst vor, um einen Sterblichen anzublicken: er schloss die Haustur hinter sich zu und setzte sich im Garten in eine Laube. Alles um ihn herum war schwarz wie die Galle, die in ihm kochte: selbst der heitre, blaue Himmel schien ihm mit finstern, pechschwarzen Wolken uberzogen: er war seinem eignen Odem gram, so tief verabscheute er die Menschheit.
"Ein Verbrecher?" fing er abgebrochen an. "Ja, ich bin's und will es doppelt werden. Sie sollen Ulriken nicht haben, und wenn ich meine eignen Hande mit ihrem Blute farben musste! Wird eine Ubereilung der Schwachheit schon so unbarmherzig gestraft, was soll dann einem Morde geschehen? Nichts mehr und nichts weniger! Wenn gluhende Qualen einmal mein Gewissen martern sollen Feuer brennt wie Feuer, und Qual martert wie Qual, sie martre fur ein oder zwei Verbrechen. Sie sollen sie nicht haben: eher will ich ihr mit meinen Handen die Adern zerreissen, dass der purpurne Lebensstrom herausquillt, oder Gott! wie mich schaudert! Herrmann! Herrmann! was beginnst du? Wenn sich nun das liebe, sanfte Geschopf an mich hinge, mit krampfichter Angst die Finger sich in mein Fleisch hineingruben wenn dann rochelnd und zuckend ihr schlaffes Haupt sich senkte, das erstarrte Blut aus der Wunde nicht mehr flosse und das Leben mit einem Seufzer entflohe, und ich, ihr einziger Freund, stund als ihr Morder da und liess die Leiche platzend auf den Boden hinfallen und ich eilte von ihr, um mich vor Himmel und Menschen zu verbergen, irrte von Ort zu Ort, und immer schwebte das Schwert des Henkers uber meinem Nakken Oh, wer schutzt mich vor meinen eignen Gedanken? Wer fesselt meinen Willen, dass er keine Untat beschliesst?"
Nach einer tiefsinnigen Pause fing er wieder an: "Fliehen will ich mit ihr! sie auf meine Arme nehmen wie ein Kleinod, das man aus dem Feuer rettet, und mit ihr fliehen! Weit von den Barbaren, die mich um den Bissen Gluckseligkeit beneiden, dass die Liebe eines treuen Madchens meine Not erleichtert! Nie sei mein Herz der Freundschaft gegen einen Menschen offen: nie fuhle mein Herz einen Pulsschlag lang Vertrauen zu einem Menschen: wie ein einsames Gewachs in einer Wuste, das sich auch selbst im grossten Sturme nie zu einem andern hinneigt und Schutz sucht, will ich in der menschlichen Gesellschaft sein, will mich in mich selbst verschliessen, Mitleid fuhlen und helfen, wo ich kann, aber nie Freundschaft, nie Zutrauen. Wenn Schwinger sich mit einem Bosewichte, den er sonst todlich hasste, wider mich verbindet; wenn er dem grossten Schelm auf der Erde Lohn von Gott verspricht und mir fur eine verliebte Vergehung den Lohn eines Bosewichts prophezeit; wenn Schwinger aus schnoder Gefalligkeit gegen einen Grafen alle Vernunft, alles Gefuhl verleugnet; wenn mich die Ehrlichkeit selbst verrat und in die Hande der Rauber spielt: was sollen dann die ubrigen tun? Fort! fort mit mir! Ich bin mit Tigern, Ottern und Wolfen umgeben: fort mit dir! ehe sie mich verschlingen."
Er sprang hastig auf; und ins Haus hinein! Er suchte Ulriken in der Stube, in der Kammer fand sie nicht; rief, lief die Treppe hinan, schrie angstlich ihren Namen, so laut er konnte: Fraulein Hedwig, sein Vater kamen auf das Geschrei, ein jedes aus seinem Kammerchen herbeigelaufen. "Wo ist Ulrike?" fragte Herrmann zitternd vor Ahndung.
Hedwig. Sie ist Ihnen ja nachgegangen.
Der Vater. Kaum drei oder vier Minuten, nachdem du aus dem Hause warst.
Herrmann. Mir ging sie nach? Und warum?
Hedwig. Eine Magd rief sie
Herrmann. Und sie ging mit der Magd?
Hedwig. Allerdings! Die Magd brachte ja Ihren Befehl, dass sie Ihnen nachkommen sollte. Der Pfarr ware Ihnen begegnet, sagte sie, und ginge mit Ihnen zum Grabe auf den Kirchhof: sie sollte hurtig nachkommen.
Herrmann. Und sie ist noch nicht wieder da? Sie ist fort! Man hat sie gestohlen! Lauft! sucht! holt sie zuruck! Lauft, so weit eure Fusse vermogen! -Mit diesem schnaubenden Geschrei eilte er fort auf den Herrnhof: nach jedermanns Berichte, den er nur fragte, war Siegfried schon beinahe vor vier Stunden abgereist. Er eilte in die Pfarrwohnung: niemand liess sich sehen: der Pfarr und seine Frau versteckten sich vor Furcht, als sie seine Stimme horten, und sonst war keine Seele im ganzen Hause zu finden. Er erkundigte sich auf dem Herrnhofe, wohin Siegfried gereist ware; und man antwortete: "Auf sein Gut." "Wie weit ist das?" "Zwo Meilen." Er fragte bei allen Magden auf dem Hofe an, ob eine Ulriken gesehn oder gar gerufen habe: keine wusste etwas von ihr. Nicht einmal den Weg nach Siegfrieds anderm Gute, kaum den rechten Namen desselben konnte man ihm berichten: er stellte bei allen Bauern im Dorfe Nachsuchung und Nachforschung an: alles umsonst! Die Nacht ruckte heran: es fand sich wohl jemand, der ihm den Weg nach Siegfrieds Gut beschrieb, aber jedermann war zu mude von der Arbeit, um ihm zum Boten zu dienen, und allein konnte er sich in der Dunkelheit unmoglich finden. Er musste seine Reise bis in den Morgen darauf versparen, ass, trank und schlief nicht und machte sich mit der ersten Morgenrote auf den Weg. Nach vielfaltigem Fragen und Verirren langte er erschopft an: auch hier umsonst. Der Herr war seit drei Tagen nicht zu Hause und die Frau gestern abend verreist. Nun liess sich uber Ulrikens Schicksal nicht mehr zweifeln: sie war geraubt, entfuhrt und vermutlich fur ihren Geliebten auf immer verloren.
Nie beweist die eingeschlummerte Liebe ihre wahre Starke mehr, als wenn ihr Trennung oder ein ahnlicher Unfall den Tod droht. Herrmanns Gemutsunruhe hatte ihn seit dem Anfange seiner hauslichen Unordnung gleichgultig gegen Ulriken gemacht: sein Herz liebte sie im Grunde nicht weniger als vorher, aber es war in so viele andre Leidenschaften geteilt, dass es zu den vorigen heftigen Ergiessungen der Liebe nicht genug Kraft hatte. Itzt mussten alle andre Kummernisse schweigen: der Schmerz der Liebe uberstimmte sie alle. Herrmann betrachtete sich als einen Witwer und brachte vier Wochen in einer damischen Betrubnis zu, die ihm Uberlegung, Tatigkeit und Empfindung fur alles ausser sich raubte: mancher Tag ging ohne Speise und Trank hin. Endlich druckte die hausliche Not so gewaltig auf die Federn seiner Seele, dass sie ebenso gewaltig emporsprangen: er hatte mit den Seinigen bisher von dem Verkaufe des Ackergerates und des Viehes gelebt, das der Hunger nicht hinraffte; dies Rettungsmittel war itzt vorbei: der Pfarr hatte ihm zuweilen Kleinigkeiten zufliessen lassen; auch diese horten auf, und Herrmann hatte lieber von der Hand des Todes Trost angenommen als von den Handen eines Mannes, den er als einen Gewissenlosen hasste. Der Hunger sprach aus Hedwigs verfallnem Gesichte: sie foderte mit Tranen Brot und kundigte traurig an, dass sie weder durch Kredit noch fur Geld eine einzige Mahlzeit mehr verschaffen konnte: der Vater war so kleinlaut, so schwachmutig geworden, dass ihm keine einzige von seinen auffahrenden Reden mehr entwischte: Beide baten klaglich, dass Herrmann Rat schaffen mochte. Von ihren Vorstellungen geruhrt, sprach er zu ihnen: "Seid ruhig, meine Lieben! Ihr sollt heute essen wie Reiche. Dem Ungluck kann ich nicht wehren, dass es mich trifft: aber niederschlagen soll es mich furwahr nicht. Der Schmerz der Seele machte mich unfahig, an die Bedurfnisse des Korpers zu denken. Vergebt mir, dass ich so ein schlechter Hausvater bin!" Er ging und tat, wozu er sich bisher aus einer falschen Scheu, seine Verlegenheit kundwerden zu lassen wiewohl sie jedermann wusste, ob er sich es gleich nicht einbildete , nicht entschliessen konnte: er verpfandete sein Gut, empfing von dem Schulzen gegen eine Handschrift eine hochst geringe Summe, um der gegenwartigen Not zu steuern, und kam mit ihm uberein, dass er eine grossre in vierzehn Tagen gegen gerichtliche Versichrung erhalten sollte. "Seht ihr", sagte er mutig, als er nach Hause kam und das Geld auf den Tisch legte, "seht ihr, dass noch Hulfe fur uns in der Welt ist? Verzagen gehort fur schwache Seelen und Bosewichter. Hedwig, tischen Sie auf! Wir wollen heute essen wie Reiche: halt ich nicht Wort?" Geschaftig bereitete Hedwig eine reichlichere Mahlzeit als gewohnlich, und der Tag, der mit dem aussersten Kummer anfing, endigte sich fur alle mit Freude und Erquickung.
Herrmann machte nunmehr das Projekt, von dem aufgebrachten Gelde seinen beiden Hausgenossen das Notige zuruckzulassen, auf das Gut einen Pachter zu setzen und mit dem Reste seiner Barschaft auszuwandern, um das Gluck oder Ulriken zu suchen: doch nahm er sich ernstlich vor, seinem Herze Gewalt anzutun, ihre Liebe durch seine Gegenwart nicht von neuem zu befeuern, sondern vielmehr sich von ihr zu entfernen, sobald er wusste, dass sie sich in gunstigen Umstanden befande: Wunsche, Begierden, Entwurfe stiegen haufenweise in ihm auf: der neue Plan riss ihn hin: hastig brachte er alle seine Angelegenheiten zustande und qualte sich vor Ungeduld, dass ihm Hindernisse nur einen Tag Aufschub verursachten. Er schloss seinen Pachtkontrakt mit Hitze und also sehr zu seinem Nachteil, wies seinem Vater und der Fraulein Hedwig den Genuss der Pachtgelder zu ihrem Unterhalte und zu Bezahlung der Zinsen an, gab ihnen nebst dem Pachter sein Haus ein, und nichts als die verschobene Auszahlung des Kapitals, das ihm der Schulze versprochen hatte, hielt seine Abreise auf.
Zweites Kapitel
Als alle Zurustungen zustande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in wenigen Tagen geschehen sollte, langte bei seinem Hause ein Mann an, der sich sehr genau nach seinem Namen erkundigte: der Mann trat in die Stube, sah sich sorgfaltig allenthalben um "Ja, es ist wohl so, wie man mir's beschrieben hat", fing er an und gab einen Brief ab. Die Hand der Aufschrift war fremd, aber kaum war er geoffnet, so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift.
M**, den 23.August.
War das nicht, als wenn uns der Wind auseinanderfuhrte, liebster Herrmann? Ich dachte, wir waren langst von allen Menschen vergessen, und doch gibt man sich die Muhe, uns zu trennen: aber die Trennung soll nicht lange dauern, hoffe ich.
Vermutlich hast Du nicht einmal erfahren, wie mich die schandlichen Leute weggekapert haben. Du mochtest, als Dich der Pfarr zu sich rufen liess, kaum drei oder vier Minuten aus dem Hause sein, so kam ein Bauernmadchen sehr eilfertig gerennt und sagte mir, dass ich Dir nachkommen sollte. "Er ist mit dem Herrn Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet schmitzte. Wer sollte dahinter etwas Boses argwohnen? Ich glaube wirklich, das Madchen, das eine Magd vom Herrnhofe war, sei Dir begegnet und von Dir geschickt worden, wie sie vorgab. Ich gehe quer uber den Kirchhof nach der andern Tur hin, die auf das Feld geht, und erblicke, wie ich mich nahere, eine Kutsche mit offnem Schlage vor ihr. Der Anblick machte mich wohl ein wenig stutzig, aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte, liess ich mich durch nichts beunruhigen als durch die Besorgnis, dass jemand da sein mochte, von dem ich nicht gern gesehen sein wollte: weil ich aber niemanden gewahr wurde, gab ich der Neubegierde nach, trat in die Tur und fragte den Burschen, der am Schlage lehnte, wem der Wagen gehorte: er nahm tolpisch den Hut vom Kopfe, machte eine dumme freundliche Miene und fragte: "Was?" und hielt mir das Ohr hin, als wenn er taub ware. Indem ich etwas naher trete und meine Frage wiederhole, ergreift mich plotzlich jemand von hinten und wirft mich in den Wagen hinein pump! war die Ture zu, und die Kutsche rollte mit mir dahin: das geschah alles so schnell, dass ich mich kaum besinnen konnte. Da sass ich nun in dem verwunschten Kasten und konnte gar nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Alle drei Fenster waren niedergelassen und statt derselben holzerne Schieber vorgesetzt, die nur durch drei viereckichte Locher, so gross als ein Auge, Licht und Luft hineinliessen. Mir wurde angst: ich versuchte die Schieber aufzumachen und arbeitete mir die Finger blutig daran: aber es war nicht moglich: sie mussten angenagelt sein. Die Turen liessen sich inwendig ebensowenig offnen: ich befand mich im Gefangnisse und sahe durch eins meiner drei Luftlocher nach dem andern und erblickte nichts als Stuckchen Feld und Baume, und durch das vorderste ein Stuckchen Kutscher: ich rief ihm zu, dass er halten sollte, aber er drehte sich nicht einmal um; und der Wagen rollte in einem fort so barbarisch uber Stock und Stein dahin, als wenn mich geflugelte Drachen zogen, dass ich in dem weiten Kasten vor heftiger Erschutterung und von den oftern Stossen wie ein Knaul von Winkel zu Winkel herumkollerte. Fur einen Spass von Dir war die Komodie zu lang und zu plump: ich konnte also nichts als Betrugerei argwohnen. Aber von wem? Ich qualte mich mit Mutmassungen und Besorgnissen und konnte nicht einmal ruhig mutmassen: denn ehe ich mich's versah, kam ein Stoss, und dann wieder einer, und warf mich so hoch empor, dass mir die Gedanken aus dem Kopfe fielen.
Endlich, nachdem ich, ohne Moglichkeit mich zu retten, zwei oder drei Stunden bald langsam, bald hurtig zusammengerumpelt worden war, fuhr die Kutsche durch einen Torweg und hielt an: man offnete die Tur, und weil der ganze Hof mit Mist uberdeckt war, nahm mich der namliche Bursche, den ich bei dem Kirchhofe am Schlage fand, auf die Arme und trug mich in ein altvaterisches, gotisches Haus hinein. Die Hausture wurde hinter mir zugemacht, und mich empfing ein entsetzlich geputztes Frauenzimmer so entsetzlich, so linkisch geputzt, dass man sich des Lachens kaum enthalten konnte! Sie gab mir die Hand und fuhrte mich die Treppe hinan. "Aber wo bin ich denn?" rief ich bestandig. "Was will man mir denn tun?" "Das sollen Sie gleich horen, meine Liebwerteste", antwortete das Schlaraffengesicht und lachte. Die Stimme kam mir bekannt vor, und da ich mir den geputzten Kobold genauer besehe, ist es Madame Siegfried, unsre allergnadigste Gerichtsherrschaft. "Meine liebwerteste Baronesse", fing sie an und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg und wimperte unaufhorlich mit den Augen dazu, wie sie sonst tat "meine liebwerteste Baronesse, sein Sie mir doch untertanig willkommen." "Was soll ich denn hier?" "Alles Liebes und Gutes, meine werteste Baronesse! Geruhen Sie nur, sich zu setzen und zu essen und zu trinken!" "Nicht einen Bissen, wenn ich nicht weiss, was man mit mir willens ist! Wer hat mich so diebischerweise auffangen lassen?" "Belieben Sie das nicht zu sagen, meine trauteste Baronesse! Sie sind in allen Ehren und Honettitat hieher gebracht worden und sollen auch heute noch weiterreisen." "Wohin denn?" "Das werden Sie schon erfahren", sprach sie lachend. "Lassen Sie sich's nur unterdessen nicht missfallig sein, sich hier umzuputzen: ich werde die Ehre und das geneigte Vergnugen haben, mit Ihnen zu reisen." "Das ist eine himmelschreiende Betrugerei, die man mir spielt", fuhr ich auf, "und ich will doch sehn, wer mich von der Stelle bringen soll, wenn man mir nicht sagt, warum ich hier bin, wer mich hieher hat bringen lassen." "Sein Sie nur so geneigt", unterbrach sie mich, "und folgen Sie mir! Ziehen Sie hier die Schirkassienne (Circassienne) an und belieben Sie, dabei etwas von frischer Milch und kalter Kuche zu geniessen: ich will Ihnen dabei die ganze Historie erzahlen." "Mir etwas weismachen? Nicht wahr?" unterbrach ich sie. "Sein Sie doch so geneigt und denken nicht so kanalljofisch von mir! Ich will Ihnen ganz reinen Wein einschenken: Sie sollen zu Ihrem Onkel, oder wie ich ihn nennen soll, dem Herrn Obersten von Holzwerder: Sie kennen ihn ja wohl noch? Er war einmal bei Ihro Exzellenz, dem Herrn Grafen, Ihrem gnadigen Herrn Onkel, zur Vesitte." "Das weiss ich wohl; aber was will er denn mit mir anfangen?" "Alles Liebes und Gutes! Ihr Herr Herrmann ist voraus: Sie werden einander dort finden: weiter sag ich nichts." "Marchen sind das! blaue Dunste, um mich ins Netz zu locken! aber ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen." "Sie denken auch gar zu mesantropsch von mir, meine liebwerteste Baronesse. Ich bin ja keine meschante Kanaille, die mit Lug und Trug umgeht. Ich bin ja eine honette Madam, die es in aller Ehre und Honettitat mit Ihnen meint."
In diesem scheinheiligen Tone uberredete sie mir eine gotteslasterliche Luge, die sie so wahrscheinlich zu machen wusste, dass ich sie wirklich glaubte. Meinen und Deinen Aufenthalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben sehr glaublich! denn Du hattest ihm Nachricht davon gegeben, das wusste ich. Dieser Herr Schwinger sollte sich uber unsre Liebe erbarmt und an den Obersten Holzwerder gewandt haben, um meine Verbindung mit Dir zu bewirken: der Oberste Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten, unsre Verbindung zustande zu bringen: darauf sollte Schwinger an ihren Mann geschrieben und ihn gebeten haben, uns beide zu dem Obersten zu schaffen; "und weil mein Mann den Spass liebt", setzte der hassliche Puterhahn hinzu, "so lasst er ein jedes von Ihnen besonders an Ort und Stelle bringen. Sie sollen beide einander bei des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden, als wenn es so par hussar (par hasard) geschahe: Herr Herrmann ist mit meinem Manne und dem Herrn Pastor spazierengefahren: aber sie reisen zu dem Herrn Obersten. Der wird sich wundern, wenn die Spazierfahrt so lange wahrt! Und wenn Sie nun vollends mit mir, so gleichsam als wie par hussar, ankommen, da wird erstlich die Verwunderung angehn. Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquieren zu lassen, meine liebwerteste Baronesse! denn mein Mann hat mir's bei Kopfabhacken verboten, Ihnen ja nichts davon zu sagen, damit es ein Spass wird, wenn sie einander so gleichsam als wie par hussar rankertieren (rencontrieren). Aber ich bin eine viel zu honette Madam, dass ich meine liebwerteste Baronesse so in der Angst lassen sollte. Das kann ich Ihnen wahrlich nicht: Sie wurden sich ambrassieren (embarassieren). Nein, das kann ich Ihnen nicht ubers Herz bringen, dass ich Sie so ambrassieren sollte."
Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ahnlich, dass sich auch der Klugste fangen lassen musste? Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf, aber weil ich so sehr wunschte, dass es keine Fabel sein mochte, hupfte ich uber die Bedenklichkeiten hinweg, besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honettitat beteuerte. Ich leichtglaubiges Geschopf zog die Schirkassienne an und die ubrigen Reisekleider, die dabeilagen, und freute mich innerlich wie ein Kind auf Weihnachten, dass sich unser Himmel so unvermutet aufheiten sollte. Es uberfiel mich eine eigne Empfindung, als ich mich zum ersten Male nach beinahe drei Jahren wieder in dem stadtischen Putze befand: ich sah mir ganz anders aus und konnte vor Wohlgefallen nicht vom Spiegel wegkommen. Alles Gluck und aller Verdruss, den ich sonst in meinen vornehmen Kleidern erlitten hatte, kam mir in die Gedanken zuruck: ich sah auf meine landliche Kleidung, als sie dort auf dem Tische lag, wie auf eine abgeworfne Hulle des Elends hinab, aus welcher ich neugeboren zu einem neuen glucklichen Leben hervorgegangen ware. Ruhrung, Freude, Hoffnung bemeisterten sich meiner so stark, dass ich in dem Taumel ein grosses Glas mit drei hastigen Zugen hinterschluckte und so viel Butterbrot dazu ass, als wenn ich acht Tage gefastet hatte alles, ohne dass ich's eher inne ward, als bis ich die Schmerzen der Uberladung fuhlte! Die alte, keuchende Siegfried, so widrig sie mir sonst war, schien mir itzt eine so liebenswurdige, so eine herzlich gute Frau, dass ich kein Mittel aussinnen konnte, ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu beweisen: ich druckte ihr die Hande, ich liebkoste sie, ich uberwand sogar meinen Widerwillen und druckte ihr zween Kusse auf die dikken, breiten Lippen. Die Kusse gereuen mich diese Stunde noch: wenn ich sie dem schandlichen Weibe nur wieder abnehmen konnte!
Die Pferde waren indessen gefuttert und wieder vorgelegt worden; und wir stiegen in vollen Freuden ein: des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig und itzt nicht schnell genug. Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwatze das mir freilich sehr angenehm war von dem Glucke und dem hohen Vergnugen, das auf Dich und mich bei dem Obersten wartete, dass wir zur Landwirtschaft nicht gemacht waren und durch den Obersten in eine angemessnere Lage geraten wurden. Die ganze Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. In dem nachsten Stadtchen nahmen wir Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch, und von Zeit zu Zeit weckte ich meine schnarchende Reisegefahrtin durch einen Stoss, als wenn er so par hussar geschahe, damit sie von Deinem und meinem Glucke mit mir reden sollte.
Auf der letzten Station empfing mich der Oberste, ein allerliebster Mann, und mir damals noch tausendmal lieber als itzo, weil er, nach meiner Uberredung, uns beiden so herrliche Dienste getan hatte und tun wollte. Der Postknecht blies, wir nahmen von Madam Siegfried Abschied, fuhren fort: noch war kein Herrmann da. Der Oberste war sehr gesprachig und spasshaft, scherzte mit mir, dass in der Stadt, wohin wir wollten, ein hubscher Mann auf mich wartete, beschrieb mir ihn vom Kopf bis auf die Fusse und fragte mich bei der Beschreibung eines jeden Stucks an dem hubschen Manne, wie er mir gefiele. Dein Portrtat war es nicht, fast in allem das Gegenteil: 'Aber', dachte ich, 'er tut das aus Scherz, dass er mir meinen Herrmann so hasslich malt'; und in diesen Gedanken lobe ich denn alles an seinem Gemalde, sogar die zwo grossen Warzen, die der hubsche Mann auf dem Bakken haben sollte, gefielen mir ausserordentlich: ich sprach bei meinem Lobe mit wahrem innigen Entzukken. Den Obersten steckte mein Entzucken so sehr an, dass er sich zusehends verjungte: er wurde so munter, so belebt, dass er mich kusste, und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Kussen vorlieb. "Der arme Mann!" dachte ich, "unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder: er mochte gern auch etwas lieben: es ist doch traurig, wenn man so alt ist und sich mit dem Zusehn abspeisen muss." Als seine Beschreibung bei den Fussen war, die zuweilen mit dem Podagra behaftet sein sollten, wollte ich ihm sein Geheimnis ablokken und fragte ihn, wie denn dieser hubsche Mann hiesse: der Name Herrmann klang schon in meinen Ohren: am Ende, da er sich lange geweigert hatte, war er es selbst. "Das ist eine Ausflucht, um dir den rechten Namen nicht sagen zu durfen", dachte ich und antwortete mit gezwungnem Scherze, dass vermutlich der Pfarr, der ihn und mich trauen sollte, uns zu Hause schon erwartete: ich war verdriesslich bei mir, dass er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen nennte, da mir doch an der Uberraschung gar nichts lag; und mein Verdruss musste vermutlich durch die angenommene scherzhafte Miene durchgeleuchtet haben; denn er sagte mir ernsthaft darauf: "Sie werden doch den Spass nicht ubelnehmen?" und druckte mir dabei die Hand. Ich versicherte ihn aus allen Kraften das Gegenteil; und den ubrigen Weg wurde viel geschakert, aber nicht mehr auf diese Art. Inzwischen zog ich doch alles, was er sagte, auf Dich, und was sich nur im mindsten so auslegen liess, verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe Trauung: sogar, als er mir die Liebkosungen erzahlte, die mir sein kleiner Hund Marquis machen wurde, bildete ich mir ein, er meinte Dich; und wegen dieser Illusion lachte ich uber alles so ausgelassen vergnugt und mannigmal bei Sachen, die gar keinen Anlass zum Lachen geben konnten, dass der Oberste mich oft fragte, warum ich daruber lachte.
Wir langten an, fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen, des Obersten Ziperkatze, den einen so klaffend und die andre so schnurrend und krummbucklicht, wie er sie mir beschrieben hatte, alle Tapeten und Mobeln, wie er sie mir beschrieben hatte, aber keinen Herrmann. Die Nacht verging, auch der Morgen: der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir vielen Spass vor, aber ich hatte kein Gefuhl dafur: weil ich Betrug argwohnte, horte auch meine gestrige Auslegungskunst auf: ich hielt keinen von seinen Scherzen mehr fur eine Anspielung auf Dich und unsre Verbindung, sondern verstund jeden, wie er gemeint war, und so war jeder ohne Reiz fur mich: nicht einmal zwingen konnte ich mich zum Lachen. Er liess den Schneider kommen, um mir ein Kleid zu verschaffen, worinne ich mich der Furstin darstellen konnte, und nennte mich unaufhorlich sein liebes schmuckes Brautchen: der Schneider lachte uber seine Schnaken, dass er bestandig das Mass falsch nahm: das Brautchen blieb so ernsthaft wie die dickkopfichten Chineser auf der Papiertapete rings in dem Zimmer, weil ihr der rechte Brautigam fehlte. Verdruss und Arger, dass ich mich so schandlich hatte hintergehen lassen, nahmen sichtbarlich zu, und der Oberste, der meine murrische Laune dem Mangel an Vergnugen zuschrieb, stellte auf den Nachmittag ein Konzert an. "Wir haben hier sehr schone Musikanten", sagte er mir bei dem Mittagsessen. "Wir haben noch vor drei viertel Jahren eine rechte Sangerin aus Berlin bekommen, die Madam Dormer: sie singt wie ein Nachtigallchen: Sacre-papier! wenn die Frau in die Hohe mit ihrer Kehle steigt! das geht, das geht, wie mein Lieschen, mein Ziperchen, wenn sie zum Dach hinauflauft! Wie der Wind ist sie oben; und wenn sie nun oben auf dem Forste mit ihren Tonen sitzt, da trillert und tanzt sie so kraus in der Hohe herum, als wenn's die Engelchen im Himmel waren; und dann hupft sie auf einmal hop, hop, hop, hop, hop " (er machte die Prahltriller der Sangerin mit seiner unsingbaren Stimme sehr komisch nach) "von dem obersten Dachziegel herunter, dass man denkt, die Kehle wird Hals und Beine brechen. Sacre-papier! das ist eine Sangerin, die fur den Konig von Frankreich nicht zu schlecht ware! Ihr Mann ist auch ein grosser Musikant: er pfeift sehr schon auf der Flote und fiedelt auch auf der grossen Rumpelmaschine wie heisst sie denn gleich? , auf dem grossen Basse rumpel, rumpel! das geht drauflos, was das Zeug halt, wenn das Kerlchen seine Grimassen hinter dem grossen Brummkasten zu schneiden anfangt! Dass der Staub herumfliegt, so marschiert er auf den Saiten herum. Und dann haben wir noch einen grossen Musikanten; der geht uber alle, das sag ich. Horen Sie! wenn der zu fiedeln anfangt, das klingt wie ein Glockchen, wie wenn ich Ihnen hier mit der Gabel ans Glas schlage, kling, kling, kling! -und dabei will er sich alle Adern am Leibe zerreissen: das ist ein Arbeiten auf der Fiedel, dass ihm die Haare um den Bogen herumhangen, wenn er fertig ist. Meine Soldaten konnen sich nicht so hurtig schwenken und drehen, als der Mensch auf
dem Brette mit dem Fiedelbogen herumspaziert. Das ist die Kapelle: aber nun nehm ich meine Leute dazu; das sind ganze Kerle: wenn sie zu hoboen anfangen und die Waldhorner und die F-zmaschinen Fagots heissen sie dazwischen hineinfallen, das ist ein Gequake und ein Gekreische, dass man davonlaufen mochte. Das versichre ich Sie, meine Hoboistenbande ist die schonste in Europa: die Ohren mochten springen, so einen exzellenten Larm machen sie."
Ohngefahr in diesem Tone schilderte er mir auch die Talente der Stadtmusikanten und der Liebhaber in der ganzen Stadt, die auf irgendeinem Instrumente etwas Vorzugliches leisten. Nachmittags fand sich ein Virtuose nach dem andern ein, ein schreckliches Heer, das die Toten hatte erwecken konnen. Ich fuhlte zum Leidwesen meiner Nerven, dass der Oberste richtig prophezeite: die Ohren wollten mir springen, und ich ware gern davongelaufen. Die Herren griffen sich mir zu Ehren alle so gewaltig an, dass ihnen der Schweiss schon bei der ersten Sinfonie am Kopfe hereinlief, und jede Minute platzte eine Saite. Sie wedelten sich insgesamt mit den Schnupftuchern, als sie sich durch das tobende Presto durchgearbeitet hatten; und so angreifend das Getose in dem kleinen Saale war, so meinte doch der Oberste, dass sie heute nicht so frisch gespielt hatten wie sonst. Um den Schimpf nicht auf sich sitzen zu lassen, bat der Direktor des Konzerts um eine Verstarkung des Orchesters, nach welcher sogleich Boten ausgesandt wurden, und legte ein Stuck auf, wobei Waldhorner, Trompeten, Oboen, Fagotte, Posaunen und fast alle ubrige Blasinstrumente hervortraten. Mit grosser Betrubnis beschwerte sich der Direktor, dass man die Pauken weglassen musste. "Diese will ich machen", sprach der Oberste und befahl eine Trummel zu holen. "Geben Sie einmal acht", sagte er zu mir, "wie ich die Trummel peitschen will: ich bin sehr stark darinne: ich lehre alle meine Tambours selber." Verstarkung und Trummel langten an: mir wurde angst und bange. Das Getose begann: der Oberste stand in der Mitte mit umgehangter Trummel, gab ihr bald einen einzelnen empfindlichen Hieb, schlug bald einen langen schnurrenden Wirbel, dass man nichts als das Quaken der rauhen Trompeten horen konnte: es war eine Hollenmusik; demungeachtet glaubte der Oberste, dass zwei Trummeln einen bessern Effekt tun wurden, und konnte nicht begreifen, warum die ubrigen heute so erstaunend leise spielten, dass er nur sich allein horte. Man schob die Schuld auf die Violinen und beklagte, dass der Stadtmusikant nicht zugegen ware, der mit seiner Geige sieben andre uberschrie. Auf alle Gassen mussten Boten auswandern, den Mann aufzusuchen: er erschien mit seiner gewaltigen Geige nebst einem Tambour: allein wenn man gleich noch sechs Manner mit so gewaltigen Geigen herbeigeschafft hatte, so ware die Musik fur den Obersten immer zu schwach gewesen; und der Larm war doch so unmenschlich, dass die Leute auf den Gassen zusammenliefen und Feuer riefen, in der Meinung, man habe die Feuertrummel geruhrt. Seine Gehornerven mussen von Stahl sein; denn die meinigen haben mir acht Tage lang gesaust und gezittert.
Endlich erschien auch Madam Dormer, die grosse
Sangerin: ich freute mich, dass meine Ohren wenigstens auf eine andre Manier die Tortur leiden wurden. Die Frau trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein: alles stellte sich in ehrerbietige Parade, als wenn die Furstin ankame: der Oberste brachte sie gleich zu mir und machte sie mit mir bekannt. Rate, Herrmann, rate, wer die grosse Sangerin war! Vignali, die leibhaftige Vignali! Wir erschraken beide nicht wenig, uns hier wiederzufinden, aber behielten doch so viel Fassung, dass sich keins verriet. Sie schamte sich ausserordentlich, in ihrer itzigen Qualitat vor mir zu erscheinen, und war durch keine Bitten zu bewegen, dass sie sang: sie wandte einen Katarrh vor.
Die Neugierde und die ratselhafte Beschuldigung
der Madam Dupont auf meiner Flucht von Dresden, dass ich die Ursache von Vignalis Unglucke ware, liessen mir keine Ruhe: ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen, um mich nach ihrer Geschichte zu erkundigen: kaum hatte ich die erste Frage getan, was sie hier mit mir zusammenbrachte, und zur Antwort erhalten: "Das Ungluck!" so fuhrte das Ungluck schon ein Paar Fraulein zu uns, die wahrend des Konzerts, dem sie beiwohnten, so eine seltsame Zuneigung zu mir gefasst hatten, dass sie mir auf allen Tritten nachgingen: alle drei Minuten druckte mir die eine die Hand und fragte mich: "Sind Sie mir nicht ein bisschen gut?" und die andre erkundigte sich unaufhorlich, wie mir die Musik gefiele: die beiden zutuenden Ganschen waren mir itzt doppelt zur Last, weil sie die Befriedigung meiner Neugierde hinderten. Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubnis, Vignali oder, wie man sie itzt nennen muss, Madam Dormer morgen zu besuchen. "Nein", antwortete er sehr ernsthaft, "das schickt sich nicht: Sie konnen ja eine Sangerin nicht besuchen. Sie kommt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns: da werden Sie Gelegenheit genug haben, die Frau zu sprechen, wenn sie Ihnen gefallt." "Sie arbeitet mit Ihnen! wie denn das?" fragte ich. "Gedulden Sie sich nur!" antwortete er lachend. "Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt werden: aber erst muss ich Sie als Lehrbursch aufnehmen: das soll morgen geschehn; und wenn Sie sich gut anschicken, konnen Sie in acht Tagen schon Geselle sein." Mehr wollte er mir vorderhand nicht entdecken: dass die Leute doch die Uberraschung sosehr lieben!
Den folgenden Morgen gleich nach dem Fruhstuck wurde ich von ihm selbst in seine Werkstatt abgeholt: der tandelnde Mann band mir ein weisses Schurzfell um, mit rotem Bande eingefasst, und wies mir meinen Platz auf einem Taburett an, wo ich zusehn sollte, um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen: "Einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister", setzte er sehr wichtig hinzu. Ich erfuhr noch immer nicht, zu was fur einer Kunst ich eingeweiht werden sollte, und konnte es auch nicht raten; denn in dem ganzen engen Stubchen war nichts, woher ich Mutmassungen nehmen konnte, als alte grune Tapeten, mit einem greulichen Staube uber und uber bedeckt: woraus ich schloss, dass man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe oder dass es Staub bei der Arbeit gebe. Auf dem Tische lagen Stucken Bimstein, Leder und andre Sachen und vorzuglich viel Staub. Als ich noch meinen Mutmassungen nachhing, trat ein Mann in blauem Rocke, roter Weste, gelben Beinkleidern und grauen, wollnen Strumpfen herein, die verwirrte Perucke nicht zu vergessen der Himmel weiss, ob sie von Natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist: aber da sie sich seit unsrer ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveranderlich gleichgeblieben ist, mag sie wohl naturlich schwarz und vor Alter und Gram etwas rotgrau geworden sein, besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmutze dient. Alle Kleidungsstucke waren in klaglichen Umstanden, auf dem beschabten, blauen Rocke lagen die groben Grundfaden offen da wie weisser Bindfaden, und die rote Weste war mit grossen und kleinen Flecken von mancherlei Farbe wie eine Landkarte illuminiert. "Da kommt mein Altgesell", sagte der Oberste, als der Mann mit einem "Sehr schonen guten Morgen" hereintrat. Ohne im mindsten zu bemerken, dass eine fremde Figur in der Stube war, legte er sogleich seinen Hut hinter seinen Stuhl auf den Fussboden, setzte sich, zog eine Brille heraus, wischte sie an einem kleinen, weissen Schnupftuchelchen rein, ohngefahr von der Grosse, wie sie meine ehmalige Puppe, glorreichen Andenkens, an Sonn- und Festtagen zu brauchen pflegte: darauf stellte er die Brille mit vieler Akkuratesse auf die Nase da sass er, die Arme auf den Tisch gelegt! Es ist, wie ich hernach vom Obersten erfuhr, ein gewesener Apotheker, der den tollen Einfall gehabt hat, alle seine Buchsen in Gold verwandeln zu wollen; und da sie ihm, ungeachtet aller Muhe und Unkosten, den Gefallen nicht erzeigt haben, sondern gutes ehrliches Holz geblieben sind, wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte, so hat er sie versilbern, das heisst fur Silbergeld verkaufen mussen: dieser Spass mit der Versilberung ist von dem Obersten, um seinen Witz in Deine Bekanntschaft zu bringen. Von dieser Versilberung lebt er itzo, behilft sich elend und schluge jedermann ohne Ansehn der Person hinter die Ohren, der ihm die Kunst, alles in Gold zu verwandeln, nicht zugestehn wollte. Er ist dabei entsetzlich gelehrt, dass mir mannigmal ganz schwarz vor Augen wird, wenn er disputiert: griechische Worter mit langen, langen Schwanzen und noch viel mehr Latein als Fraulein Hedwig speit er den Leuten wie einen Hagelregen an den Kopf: der Oberste weiss zuweilen vor Angst nicht wohin, so ubel bekommt ihm die grausame Gelehrsamkeit des Mannes: Das war also der Altgesell en Skizze mit dem Maler zu reden, der gestern eine Ture bei uns anstrich.
"Es ist doch wahr, dass ehegestern nacht ein Geist bei der Mamsell " (ich weiss nicht mehr, wie er sie nannte) "gewesen ist", fing er an, "er hat eine gluhende rote Nase und an jeder Hand sechs Finger gehabt." Ich musste lachen: das nahm er ubel, gab mir einen Verweis und erklarte mir, warum die Geister lieber zu den Madchen als den Mannspersonen kamen. Ich habe seine langweilige Erklarung vergessen, aber so viel weiss ich noch, dass seine Geister so gescheit sind und sich lieben und heiraten wie unsereins. Er bildet sich ein, dass er sie zitieren kann, auch die Seelen der Lebendigen: ich nahm mir die Freiheit, mir die Deinige zu einem Tete-a-tete bei ihm zu bestellen: aber entweder hat der Mann seine Kunst verlernt, oder Deine Seele ist zu fest an den Korper gewachsen; denn seitdem ich hier bin, muss ich alle Abende Deinen Namen auf Papier schreiben, verbrennen und ihm die Asche uberliefern, und er zitiert, dass ihm der Angstschweiss am Kopfe hereinstromt: aber die liebe Seele will nicht kommen. Er ist so unverschamt zudringlich, dass man sich seiner gottlosen Kunste gar nicht erwehren kann, wenn man sich zum Spass einmal mit ihm einlasst: so geht es mir mit Deiner armen Seele, sosehr ich ihn auch bitte, er soll sie in Ruhe lassen.
Der Oberste, der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern bekummert, aber seine Arbeit doch hoher achtet, unterbrach den Altgesellen damals sehr bald in seiner Erklarung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt, nicht mussig zu gehn, sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen. Indem der Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte, traf auch der Junggeselle ein, Madam Dormer: sie warf eilfertig ihre Saloppe ab, und gleich uber die Arbeit! Es ist doch wahrhaftig das verschmitzteste Weib auf der Erde: weil sie weiss, dass man sich durch solchen Eifer bei dem Obersten uberaus beliebt machen kann, tut sie so geschaftig und behandelt alles mit einer solchen Wichtigkeit, als wenn von der Spielerei dieser drei Leute die Wohlfahrt des ganzen deutschen Reichs abhinge. "Nunmehr", fing der Oberste sehr gravitatisch an, was er gewohnlich gar nicht ist, und wandte sich zu mir, "nunmehr will ich Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren. Sie sehn hier in meinen Handen einen graulichen Stein, Dendrit genannt: in diesen Stein hat die Natur alles gezeichnet, was auf der Welt ist, Menschen, Tiere, Baume, Hauser, Landschaften, Stadte, Armeen, ganze Feldzuge und Schlachten." "Aber", nahm der Goldmacher das Wort, "wie die Natur uberhaupt alle ihre Schatze tief verborgen hat, damit sie des Menschen Ingenium und Fleiss hervorsuche und herausziehe, wie par Exempel das Gold, welches in allen, auch den verachtlichsten Materien enthalten ist; wir essen es im Brote, wir tragen es in unsern Kleidern auf dem Leibe" (wobei er auf seinen kahlen, blauen Rock wies), "wir treten es auf unsern schmutzigen Gassen mit Fussen, die Magd kehrt es mit dem Besen aus der Stube, wir haben es in uns, in Blut und Eingeweiden: nun muss des Menschen Fleiss und Geschicklichkeit aus allen diesen Goldgruben jenes kostliche Element heraussuchen und aus den verachtlichen Materien gleichsam herausziehen."
"Nicht so weitlauftig, Altgesell!" unterbrach ihn der Oberste. "Sehn Sie, Rikchen!" sprach er darauf in seinem alltaglichen Tone zu mir, "wir reiben und polieren die Steine so lange, bis die vortrefflichen Zeichnungen, die die Natur hineingelegt hat, zum Vorschein kommen." "Das ist", hub der Goldmacher wieder an, "das ist par Exempel just wie mit einer sympathetischen Tinte Sie wissen doch, was eine sympathetische Tinte ist?" fragte er mich und sagte mir einige Rezepte, sie zu verfertigen: aber er kam nicht weit mit seinen Rezepten; denn der Oberste schrie: "Gearbeitet! gearbeitet, Altgesell! und dann geschwatzt!" Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach, mir eine Probe von diesen Wunderzeichnungen der Natur zu weisen. Er holte einen grossen Kasten herbei, worinne eine Menge polierte Dendriten nach der Ordnung lagen, wie die Geschichten erfoderten, die er sich darauf vorstellte. "Sehen Sie!" begann er, "das ist der Einfall des itzo allergnadigst regierenden Konigs von Preussen in Schlesien anno 40: das hier ist die Schlacht bei Molwitz, wo mich eine Kugel am Arme streifte: Sie konnen das sehr deutlich sehen. Hier steht unser Bataillon; hier steh ich als Leutenant; und hier kommt die verfluchte Flintenkugel und fahrt mir so dicht am Arme hin, dass sie mir ein Stuck Haut wegnimmt." Ich sahe auf dem Steine nichts als schwarze Punkte, die wohl Baumen, aber keinen Soldaten ahnlich waren: allein aus Gefalligkeit sah ich alles, was er darauf erblickte. "Das hier", fuhr er fort, "ist die Aktion bei Hennersdorf, wo ich meinen Hut verlor und eine Kugel ins linke Schulterblatt kriegte: ich bin zweimal darauf: hier fallt mein Hut, und hier kommt die Kugel: sehn Sie! es ist alles deutlich." Der Goldmacher schuttelte den Kopf. "Halten Sie mir zu Gnaden", fing er an, "mit der Aktion bei Hennersdorf ist es nicht richtig. Ich setze Leib und Leben zum Unterpfande, Sie irren sich. Es ist die Geschichte Lutheri, wie er dem Teufel das Tintenfass an den Kopf wirft: das fliegende Tintenfass sehn Sie fur eine Flintenkugel an, und die Tinte, die hier dem Teufel vom Kopfe lauft, halten Sie fur den Hut, der Ihnen bei Hennersdorf vom Kopfe fiel."
Der Oberste. Und was Sie fur den Teufel ansehn, das bin ich? Sie mussen behext sein oder den Star haben, wenn Sie mich hier nicht erkennen wollen. Sacre-papier! sieht mich fur den Teufel an!
Der Apotheker. Ich sterbe darauf. Sehn Sie hier nicht deutlich die Horner, den Schwanz und die Pferdefusse?
Der Oberste. Sacre-papier! das ist mein Toupet, mein Degen und die Vorderfusse von meinem Pferde. Sie sind ja sonst nicht so dumm, dass Sie das nicht begreifen konnen.
Der Apotheker. Herr Oberster, ich will in der Minute des Todes sein, wenn ich nicht recht habe. Mit Ihrer Schlacht bei Molwitz ist es nicht anders. Das bin ich, als ich den letzten Versuch machte, der mich ins Ungluck brachte. Das reine Gold war schon da: gleich kommt ein Bergmannchen (eine Art von seinen Geistern) und gibt mir eine Ohrfeige, dass ich die ganze kostliche Materie vor Schrecken zusammenwerfe: dort lagen alle meine Reichtumer! Sehn Sie hier nicht das Bergmannchen ganz deutlich, so naturlich, wie es damals vor meinen Augen stund?
Der Oberste. Der verfluchte Goldmacher! Nun sieht er mich auch noch fur ein Bergmannchen an! Wofur wird er mich nun hier auf dieser Platte ansehn? Bin ich das nicht, wie ich vor zwei Jahren meine Soldaten auf der grossen Wiese manovrieren liess? Sieht Er hier nicht deutlich die zwei Divisionen, die ich machen liess?
Der Apotheker. Nein, das sind die sieben torichten und sieben klugen Jungfrauen aus dem Evangelio, und was Sie fur Ihre eigne Person halten, ist der Brautigam, der ihnen entgegenkommt.
Der Oberste. Altgesell! Er ist ein Narr. Sacre-papier! Da wird sich wohl die Natur die Muhe geben und ihm seine sieben torichten Jungfern auf die Steine malen. Gearbeitet! damit wir etwas vor uns bringen.
"Ach", fing Madam Dormer an, "was Sie fur die Schlacht bei Molwitz halten, ist der naturliche Tiergarten bei Berlin: hier ist die Jagerhutte, in welche zwei Verliebte gehen, um die Brautnacht darinne zu feiern." Ich glaubte, ein Bergmannchen gabe mir eine Ohrfeige wie dem Apotheker, als die Frau den heimtuckischen Einfall sagte: ob ihn gleich niemand ausser uns beiden verstund, wusste ich doch vor Verlegenheit nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Sie ist immer noch die vorige freundlich-hamische Vignali: aber ich muss ihr schmeicheln, damit sie meine Geschichte nicht verrat und es bei solchen tuckischen Neckereien bewenden lasst, die sie auch nicht spart.
Ich konnte meine Neubegierde nach ihrem Unglukke nicht eher befriedigen als nachmittags, wo der Oberste mit dem Apotheker ausging, um der Sektion eines Frosches beizuwohnen, die einer ihrer Bekannten ihnen schon lange versprochen hatte. Madam Dormer empfing Befehl, dass sie mich unterdessen in den Handgriffen, Dendriten zu polieren, unterrichten sollte: aber wir wandten die Zeit besser an. Auch sie gab mir die Schuld, dass sich der Herr von Troppau mit ihr entzweit hatte: ich fragte sie voll Verwunderung, wie das moglich ware. "Troppau", antwortete sie mir, "hatte in Erfahrung gebracht, dass Sie nebst Ihrem Liebhaber durch meinen Vorschub entkommen waren: er beschwerte sich mit den bittersten Anzuglichkeiten daruber20 und schalt mich formlich aus. Ein so ungewohnter Ton verdross mich, besonders da er mir mit der argsten Beleidigung sagte, dass ich ihm einen Gefallen getan hatte, wenn ich mit Ihnen gereist ware. Ich verliess mich ein wenig zu sehr auf seine vorige Liebe und meine Gewalt uber ihn und antwortete ihm im Zorne, dass es noch Zeit ware, wenn seine erkaltete Liebe eine Trennung wunschte. Ein Wort fuhrte das andre herbei, und wir sagten einander alle Gemeinschaft und Liebe auf. Ich bildete mir narrischerweise ein, dass der Mann nicht ohne mich leben konnte, und hoffte jeden Augenblick, dass er den ersten Schritt zur Versohnung tun wurde; aber die Manner sind ein gottloses Geschlecht: solange das Vergnugen neu ist, das wir ihnen geben, sind sie unsere Sklaven; aber wenn die Sattigung sich einstellt oder ein neueres Vergnugen winkt, dann werden sie wilde Bare, die alle Banden zerreissen, wenn man sie auch nur mit einem Zwirnfaden regieren will. Ich merkte wohl bald, dass ich eine Ubereilung begangen hatte, und bot auch von fern die Hand zur Versohnung: sein Herz war ohne Ruckkehr verloren. Ich bekam die Pension, die er mir auf den Fall einer Trennung ausgesetzt hatte, richtig ausgezahlt: aber was half mir das? Meinen vorigen Aufwand konnte ich nicht fortsetzen: alle meine Freunde verliessen mich: nachdem ich so lange stolz gefahren war, sollte ich nunmehr demutig zu Fusse gehn. Berlin wurde mir verhasst, und ich wunschte eine Gelegenheit, die Stadt zu verlassen, wo ich so tief unter mir selbst gesunken war. Von ohngefahr bringt einer meiner vorigen Freunde, der mich allein im Unglucke nicht vergessen hatte, den jungen Dormer, meinen itzigen Mann, in meine Bekanntschaft: er kam damals von Reisen aus Italien und suchte bei der Kapelle eines deutschen Hofs anzukommen. Er besuchte mich oft, und aus Verzweiflung und Verdruss verliebte ich mich in ihn: er tat mir einen Heiratsantrag, und aus Verzweiflung und Verdruss nahm ich ihn an. Die Pension, die mir Troppau nur solange versprochen hatte, bis ich mich verheiraten wurde, fiel freilich nunmehr weg: aber das krankte mich nicht sonderlich; denn ich mochte dem Manne, der meine Liebe mit solchem Undanke belohnte, nicht gern die Verbindlichkeit meiner Erhaltung schuldig sein. Ich verkaufte mein Haus und verliess mit meinem Manne Berlin, wo ich durch die Blindheit der Mannspersonen so hoch gestiegen und durch ihre Treulosigkeit so tief gefallen war. Wir zogen herum und konnten an keinem Hofe unser Unterkommen finden. Mein Mann war an ein verschwenderisches, wustes Leben gewohnt oder gewohnte sich daran, als er mich und meine paar tausend Taler in seiner Gewalt sah: alle meine Vorstellungen, alle meine Klugheit vermochte nichts uber den Wildfang, der Schulden auf Schulden haufte und mich misshandelte, wenn ich sie nicht bezahlte. So wurde mein kleines Vermogen innerhalb eines Jahres durchgebracht, und weil keine andre Rettung ubrig war, gesellten wir uns zu einer herumziehenden deutschen Schauspielergesellschaft. Ich mag die Schande nicht aufdecken und Ihnen die nachste Ursache sagen, warum mein Mann diese Partie ergriff: ich war so toricht, ihn wirklich zu lieben, und dachte, ihn von seiner Untreue zuruckzubringen: deswegen willigte ich in seinen tollen Entschluss. Ich hatte mein bisschen Musik seit meiner Verheiratung wieder hervorgesucht und meine Kehle so ziemlich wieder geubt. Die ganze Truppe bestund aus tragen, frostigen, steifen Figuren, aus Leuten ohne Eziehung und Sitten, die aus Marquis, Grafen und Baronen Schuhflicker machten und alle Rollen so spielten, als wenn der Dichter ihre eigne elende Person hatte schildern wollen: unsre Stutzer waren Hanswurste, denen nichts als die Pritsche fehlte, und unsre Konige sassen auf ihren glanzleinewandnen Thronen wie auf Nachtstuhlen und schrien und larmten, als wenn die Dissenterie in ihren Eingeweiden wutete. Wir spielten meistens Trauerspiele, und wenn einmal einer von den Helden bose oder eifersuchtig wurde, dann blokte er, als wenn ihn der Satan bei den Haaren zauste, und die ubrigen stunden um ihn herum wie Schafe, die der Wolf fressen will. Ich konnte sehr wenig Deutsch, ob ich mir gleich Muhe gab, es zu lernen: mein Hals wollte sich an die rauhen Tone gar nicht gewohnen; aber das schadete nichts: mein Mann oder der Direktor der Gesellschaft sagte mir meine Rollen vor, und ich lernte die Worte auswendig, ohne viel davon zu verstehen. Ich beschwerte mich zwar oft daruber, dass ich niemals verstunde, was ich sagen musste: allein man versicherte mich, dass es den ubrigen allen nicht besser ginge und dass darauf auch nicht viel ankame. An dieser Stelle mussen Sie zornig tun, an jener verliebt; hier weinen, dort lachen; hier sauer, dort suss aussehn das war mein ganzer Unterricht; und weiter brauchte ich nichts, um die grossten Rollen mit Beifall zu spielen. Ich habe gefochten mit Handen und Fussen wie eine Besessne und geschrien, dass mir die Arzte ein Lungengeschwure prophezeiten; denn das hatte mir der Direktor vorzuglich zu tun empfohlen. Es ging alles nach Wunsch: doch in einer barbarischen Rolle sollte ich so viele R schnurren, dass mir die Ohren sausten: ich bekam mitten in der Rolle von dem verwunschten Schnurren der vielen R einen erstickenden Husten, dass ich sehr schwach sprechen musste: das verursachte meinen ganzlichen Fall in der Gunst des Publikums. Seitdem sang ich italienische Arien zwischen den Akten und schwang mich dadurch so sehr wieder in die Hohe, dass die Zuschauer wunschten, das ganze Schauspiel mochte aus italienischen Arien bestehen. Weil mein Einfall dem Direktor viel Geld einbrachte, spielte er alle Stucke mit italienischen Arien, und Zaire, als sie den todlichen Stich empfangen hatte, starb mit einer italienischen Bravourarie, die ich hinter der Szene sang, weil die sterbende Zaire nicht singen konnte. Die Begierde, Arien zu horen, wurde so zu rasender Wut, dass zuletzt die Lampenputzer nicht anders als singend die Lampen putzen durften. Ein so allgemeiner Beifall erregte den Neid und die Verfolgung der ganzen Trauerspielbande wider mich; denn mit einer italienischen Arie sang ich alle die barbeissigen Morder darnieder: man krankte und plagte mich so gewaltig, dass ich nebst meinem Manne die Gesellschaft verliess. Wir gingen noch einige Zeit in der Irre herum, liessen uns an unterschiedlichen Hofen horen und wurden endlich an dem hiesigen angenommen, wo ich, Gott sei Dank! die grosste Sangerin in Europa bin."
So ohngefahr erzahlte sie mir: ich habe, soviel ich konnte, ihre eignen Worte beibehalten; aber Du weisst, wie sie erzahlt: man kann es ihr unmoglich nachtun. Lass Dir besonders ihren theatralischen Lebenslauf noch einmal von ihr selbst erzahlen, wenn Du zu uns kommst: sie hat mir ihn fast alle Tage wiederholen mussen: der Frau mochte man Tag und Nacht zuhoren, so bezaubernd spricht sie. Sie hat hier schon jedermann eingenommen und mischt sich in alles. Es ist zwar etlichemal ubel fur sie abgelaufen, dass sie ihre Hand bei Sachen im Spiele haben will, um welche sich eine Sangerin nicht bekummern darf: allein sie kann ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrige nicht leben; daher bringt sie Dinge zustande, die man fur unmoglich halt, und sogar bei Leuten, die auf sie zurnen, dass sie sich mit Angelegenheiten abgibt, die nicht fur sie gehoren: besonders bei der Furstin steht sie in grosser Gnade.
Sie erkundigte sich sehr nach Dir oder, wie sie Dich nennt, nach 'meinem Adonis'. Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht liebgewonnen: sie ist gewiss eine unvergleichliche Frau, und gar im mindsten nicht so hamisch und tuckisch, wie wir geglaubt haben, oder wie es zuweilen scheint. "Mein Adonis?" antwortete ich und kusste ihr die Hand: sie lachte uber den respektvollen Kuss, und ich weiss selber nicht, wie ich auf den sonderlichen Einfall kam."Mein Adonis", sagte ich, "lebt, aller Welt abgestorben, in philosophischer Einsamkeit auf dem Lande." "Wirklich?" rief sie und lachte. "Der Mensch hat mannigmal wunderliche Grillen: bei mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen philosophischen Koller: wenn er nicht bestandig unter der scharfen Zucht einer Frau oder eines Madchens steht, so verdirbt er gleich. Im Zweiundzwanzigsten der Welt abzusterben! wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht, so ist er im Funfundzwanzigsten begraben und im Dreissigsten schon kanonisiert: er soll mein Patron werden, wenn ich noch so lange lebe. Wollen Sie ihn kommen lassen?" Ich antwortete mit einem tiefen Seufzer. "Der Seufzer heisst: 'Ja, ich mochte wohl, aber ich kann nicht'", sprach sie lachelnd. "Lassen Sie ihn kommen! er soll bei mir wohnen und speisen, wenn er mit mir und meinem Manne vorliebnehmen will. Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen konnen?" Sie sann herum. "Bravo!" fing sie wieder an. "Sie haben wohl noch nichts von dem Prasidenten Lemhoff gehort? Man nennt ihn hier den kleinen Fursten, weil er im Grunde das ganze Land nach seinem Gefallen regiert. Das nachstemal, wenn ich bei ihm singe, will ich ihm weismachen, dass er einen Sekretar braucht und dass er an dem Schreiber, den er itzo halt, nicht genug hat. Was wetten Sie? er soll mir's glauben und Herrmann sein Sekretar werden, sobald er bei uns ist. Machen Sie indessen einen Brief an ihn fertig, geben Sie mir seine Adresse, ich will die Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen."
Mein Brief ist bis hieher fertig: mit welchen Aussichten oder Hoffnungen ich ihn schliessen werde, hangt von der Antwort der Madam Dormer ab. Ich will von Zeit zu Zeit das merkwurdigste, was mir begegnet, hinzusetzen.
den 29. August.
Gestern bin ich der Furstin vorgestellt worden: sie empfing mich uberaus gnadig, aber beinahe ware ich aus aller Fassung geraten. Sie fragte mich, ob ich die Dormerin kennte, und ich einfaltiges Geschopf bilde mir ein, dass sie diese Frage nicht tun kann, ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine ganze Geschichte zu wissen. Ich stammelte ein sie mich auch fragen wurde, ob ich nicht einen gewissen Herrmann liebte. Sie sah mich lange mit Verwunderung an: nach meiner Empfindung zu urteilen, mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben; denn meine Miene muss in dem Augenblicke entsetzlich albern und furchtsam gewesen sein. Indem wir einander so stumm ansahen, trat der Furst ins Zimmer: die Furstin prasentierte mich ihm: er sah mir steif und unbeweglich in die Augen, als wenn er mich durchbohren wollte. "Das Madchen sieht sehr verliebt aus", sprach er halbleise zur Furstin: sie lachelte, und ich glaubte vor Schrecken, der Himmel lage auf mir. Sie tat noch ein paar Fragen und liess mich von sich. Ich habe bei dieser Gelegenheit nachher die Bekanntschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht: zwo herzlich gute Seelen sind es: sie liebkosten und kussten mich und freuten sich ungemein, dass sie Hoffnung hatten, mich zu ihrer Gefahrtin zu bekommen. Die eine ist uberaus aufgeraumt, aber sie muss sich gern uber alles aufhalten: diese Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Mienen hervor. Die andre scheint mir ziemlich alt und schwachlich, aber sie ist gleichfalls sehr munter; beide gehn so vertraut und freundschaftlich mit mir um, dass ich sie ungemein liebe.
Ich begreife gar nicht, warum man den Hof bestandig so gefahrlich, so voller Zwang, Hass, Neid und Verfolgung beschreibt: ich habe mir ihn wegen dieser Beschreibungen ganz anders vorgestellt, als ich ihn finde. Die Grossen dachte ich mir tausendmal zeremonioser, stolzer und einsilbiger als meinen Onkel, den Grafen: weit gefehlt! so herablassend, so mild, so freundlich ist mein Onkel in seinem ganzen Leben nicht eine Minute, als Furst und Furstin taglich und gegen jedermann sind. Das Schloss des Grafen war ein leibhaftiges Zuchthaus; jeden Tritt, jede Miene, jedes Wort musste man abmessen, und jedermann ging dem andern aus dem Wege: hier lebt man so frei, so ungezwungen, ohne alle langweilige Komplimente und steife Grimassen. Bei meinem Onkel sahen die Leute alle so murrisch, verdriesslich und so bitter und bose wie erboste Meerkatzen aus: hier lacht Freundlichkeit, Vergnugen und Freundschaft auf allen Gesichtern: die Leute scheinen sich alle so herzlich gut zu sein wie Brudern und Schwestern. Du hast mir so ein wunderliches Misstrauen gegen die Menschen beigebracht, dass ich immer bei mir zweifle, ob es ihnen auch von Herzen geht, wenn sie mir so gutig und freundlich begegnen: aber ich zwinge mich alle Tage mehr, das ungluckliche Misstrauen zu verlieren. Einbildungen, nichts als schwarze Einbildungen sind es, die man sich bei ubler Laune oder im Unglucke macht! In Berlin schrieb ich der Vignali unsre Zwistigkeit zu, glaubte, dass sie mich verfolgte und von Dir trennen wollte, und hielt sie fur so hamisch und tuckisch und falsch wie ein Tigertier; und es ist doch die beste Frau von der Welt, die sich itzt so lebhaft fur Dich und mich interessiert wie eine Mutter fur ihre Kinder: sie lauft und rennt unsertwegen herum und spricht allenthalben Gutes von mir. So mag es Dir in den meisten Fallen auch gehn: Du burdest die Schuld Deiner ubeln Laune und Deines Unglucks den armen Menschen auf die Schultern. Komm nur zu uns! Du wirst mir gewiss beipflichten. Wenn einmal in einer truben Stunde jemand, der Dir vorher schmeichelte, aus Versehen an Dich stosst, so haltst Du ihn gleich fur falsch: ich mach es nicht besser, und ich schame mich zuweilen vor mir selbst, dass ich so argwohnisch bin. Ich liebe die Leute alle, dass ich jeden gern in mein Herz schliessen mochte, und mitten unter der Liebe ist mir bestandig, als wenn ich ihnen nicht recht trauen durfte: aber ich will mir die Unart schon abgewohnen.
den 12. Sept.
Endlich, nach vielen Tagen und Wochen kommt Madam Dormer mit einer erwunschten Nachricht. "Setzen Sie sich!" sagt sie mir eben itzt. "Ich will Ihnen den Brief diktieren, damit Ihr Herrmann sieht, wie gelehrt ich indessen in der deutschen Sprache geworden bin." Das wird ein sauberes Briefchen werden: ich schreibe buchstablich, wie sie es mir vor"Komm Sie su uns, Monsieur Erman! Sie soll werde eine Sekretar bei die Herrn von Lemhoff: Sie mir hat gegebet seine Wort." ("Er hat mir sein Wort gegeben, wollen Sie sagen, meine hochgelehrte Dame.") "Er liebet sehr die Gimpel; et sie Vous pouvez devenir un peu Gimpel, Vous-meme, tant, mieux pour Vous. Non, non, raiez cela. Ich will sage teutsch. Wenn Sie kann werde ein Gimpel Sie selbst, der Herr Prasident Sie nehmet lieber in Dienst. Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peifet" ("pfeift, wollen Sie sagen.") "Quel diable de mot! sauft?"- ("Nein, nein, das heisst boire.") "Mais je ne veux pas dire cela. Comment? keift?" -("Ebensowenig, das heisst gronder.") "Eh, mon Dieu, comment se peut-il donc qu'un oiseau gronde?" ("Sie wollen sagen, pfeift.") "Eh bien, feif ou sauf ou lauf, comme il Vous plaira. Ecrivez! Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peift, und machet daraus ein Present dem Mr. le President: kaufe Sie auch ein Paar attendez! comment est ce que cela s'appelle en allemand? des tourterelles." ("Turteltauben!") "Ecrivez donc! Turteltauben. Das wird Sie legen in die bonnes graces von Herr President; und wenn die Purzeltauben que riez-Vous? Wenn die Gimpel wohl singet und die Buttertauben Mais qu'avezVous donc? Wenn die tourterelles wohl lachet, der Herr President lachet und saufet mit Sie." ("Pfeifet mit Ihnen.") "Sie soll logir comment dit-on? mit ou zu Madam Dommer? Mon Dieu, Vous etouffez de rire. Comment faul-il donc dire?" , ("Bei Madam Dormer Sie konnen Ihren eignen Namen nicht einmal aussprechen.") "Madam Donner?" ("Dormer!") "Ne me chicanez pas; ce n'est pas le nom de mon mari. Allons, finissons la lettre. Adieu, meine liebe Herr Ermann. Madame Vignali, si Vous la connoissez, Vous donne sa benediction.
Heut abend um acht Uhr schick Sie mir den Brief, Mademoiselle, oder noch besser, ich will kommen holen."
Nun noch ein paar gescheite Worte unter uns, eh' es achte schlagt!
Also kommst Du? denn was sollst Du allein in der kummerlichen traurigen Bauerhutte anfangen? Glaube mir, unter den Leuten in der Stadt und am Hofe ist es tausendmal besser als unter Deinen Bauern: wenn wir uns nicht sosehr geliebt hatten, so waren wir im ersten Jahre vor Langerweile gestorben; und an unsern Kummer in der letzten Zeit mag ich herzlich gern nicht denken. Nunmehr danke ich's den Leuten, die mich aus der Jammerhohle herausgestohlen haben: sie wollten mir einen recht ublen Streich spielen und taten mir die grosste Wohltat. Das neue angenehme Leben hier und die muntre Gesellschaft und die guten Leute, die mich alle so herzlich lieben, dass ich zuweilen recht verlegen bin, wie ich sie genug wiederlieben soll alles das hat Deine Ulrike so munter, so frohlich gemacht, dass man denken sollte, es fehlte mir nichts; und doch fehlt mir alles Du!
Leider! mussen wir einmal wieder fremd gegeneinander tun, wenn Du zu uns kommst! Es ist doch etwas Ungluckliches in der Welt, dass man nie eine Freude ganz geniessen kann: immer darf man nur auf den Raub kosten und muss dabei sich umsehn, ob es jemand gewahr wird. Madam Dormer wird Dich im Polieren der Dendriten unterrichten und bei dem Obersten bekannt machen, und dann wirst Du mein Mitgeselle: was kann erwunschter sein? Es ist mir zwar nicht recht, dass Du bei der Dormerin wohnen sollst: die verfuhrerische Frau schon wieder Misstrauen? und ich hab es doch ganz aus mir verbannen wollen! Nein, Du sollst bei ihr wohnen; und wenn ich nur ein misstrauisches Wort wieder aussre, so strafe mich! Du sollst um und mit mir leben: wie ich stolz sein will, wenn Dir Liebe und Achtung von allen Seiten entgegenkommt! Die guten Leute, die ich hier kenne, werden Dich zu ihrem Abgotte machen; und wie das wohltun muss, wenn man statt des Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet! als wenn man aus der tiefsten Finsternis ans helle Tageslicht kommt! Ich mochte jedermann kussen, der mir nur zu Gesicht kommt, seitdem mir Madam Dormer die gluckliche Nachricht gebracht hat, dass Dich der Prasident annehmen will. Es muss ein vortrefflicher Mann sein, der Prasident: die Leute sprechen zwar nicht gut von ihm, aber die Leute sind nicht gescheit. Zu Fusse mocht ich ihm fallen, so viele Hochachtung und Ehrfurcht fuhle ich fur den gottlichen Mann; und Madam Dormer! mein Herze hupft ihr entgegen, wenn ich nur ihren Namen denke: dem Obersten mocht ich um den Hals fliegen, und selbst den Apotheker hab ich so liebgewonnen, dass er mir viel hubscher vorkommt, als sonst. O welche Wonne, unter so braven Leuten zu wohnen, die man lieben kann! und wenn nun vollends der Bravste, der Schonste, der Beste unter allen, mein kleiner Abgott, dabeisein wird o dann brauchen wir gar nicht erst zu sterben, um in den Himmel zu kommen: wo man alle Menschen liebt und von allen geliebt wird, da ist er. Komm! fliege! in diesem Himmel erwartet Dich
Deine gluckliche Ulrike.
Drittes Kapitel
Herrmann wurde weniger durch den Ton dieses Briefes aufgeheitert als in dem Entschlusse, Ulriken zu meiden, befestigt: er wusste sie glucklich oder doch solchen Umstanden nahe, die sie vor Not und Bekummernis schutzten: was verlangte er weiter zu seiner Ruhe? Er hatte in keiner gesetzmassigen Ehe mit ihr gelebt; nur wenige Personen wussten um das Geheimnis ihrer Niederkunft; der Zeuge, der es offenbaren konnte, war nicht mehr am Leben: was hinderte also eine Trennung, wenn Ulrikens Gluck sie foderte? Die bisherigen Schicksale hatten seiner Vernunft die Augen geoffnet und so sehr emporgeholfen, dass die Liebe zwar zuweilen wider sie murrte, aber doch nicht mehr allein das Wort in seiner Seele fuhrte; er liebte also Ulriken mehr mit Verstande als Leidenschaft, und das Verlangen nach ihrem Besitze war dem Wunsche fur ihr Wohlsein untergeordnet; er sah deutlicher als jemals ein, dass sie dies Wohlsein von jeder Hand eher als von der seinigen empfangen konnte: wenn musste ihm also eine Trennung weniger schwer werden als itzt?
Nachstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Okonomie und in den sechs Wochen seines Witwerstandes der Ehrgeiz wieder bei ihm emporgearbeitet: er fuhlte, dass seine Krafte weit uber alles waren, was er bisher tat und unternahm: Vergnugen, Spiel, Liebe fullten seine Tatigkeit nicht ganz aus. Er selbst war bei allen bisherigen Entwurfen, Empfindungen und Handlungen das letzte Ziel gewesen; und gleichwohl hatten die Beispiele grosser beruhmter Manner und die darauf gestutzten Grundsatze, die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend vorlegte, ihn eine weitere Sphare kennengelehrt, wo man Wirkung ausser sich verbreitet, wo fur den Vorteil andrer durch unsre Tatigkeit etwas entsteht, wo nicht bloss zwei oder drei Menschen erkennen und empfinden, dass wir da sind, sondern tausend und mehrere den Einfluss unsers Daseins fuhlen. Er hatte bis in sein sechzehntes Jahr den Grafen Ohlau als die Seele eines ganzen Hauses Befehle austeilen und Anordnungen machen sehen: wie sollte sich in seinen tatigen Geist nicht die Begierde, zu herrschen, eindrucken? die Begierde, andre Menschen, wo nicht nach seiner Vorschrift, doch wenigstens nach seinem Muster denken, empfinden, reden, handeln zu sehn? Die Pracht des Grafen, seine Gewohnheit, alles mit Feierlichkeit oder Aufsehen zu tun, teilte der richtiger gestimmten Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht, zu schonen Equipagen, wohlbesetzten Tafeln und ahnlichen Herrlichkeiten mit, aber doch das Verlangen, durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. Die Wichtigkeit, womit ihn die Grafin anfangs behandelte, erweckte und nahrte in ihm die eigne Idee von seiner Wichtigkeit; und da ihn in der Folge wegen seiner geringen Umstande niemand wichtig finden wollte, so wuchs der Wunsch, es zu werden, desto mehr in ihm. Der Mangel an Vermogen und Geburt liess es ihm gar nicht einkommen, alle diese Wunsche und Begierden auf die namliche Weise wie der Graf Ohlau befriedigen zu wollen: halb aus Neid setzte er die Weise, wie sie der Graf befriedigte, sogar bei sich herab: er wurde also notwendig nach den Dingen hingetrieben, die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt, nach guten, edlen, nutzlichen Handlungen: die Spiele seiner ersten Jahre mit den romischen und griechischen Gipfkopfen, wo er so viele politische Anordnungen und Staatsgeschafte besorgte, bestimmten gewissermassen die Art der guten und nutzlichen Handlungen, das Feld, wo er glanzen wollte. Die Verachtung, worinne er nach dem vorubergerauschten Taumel der hochgraflichen Gewogenheit seine Jugendjahre zubrachte, gab ihm immer mehr Geringschatzung der ausserlichen Vorzuge und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung, die sie bereits anderswoher empfangen hatte. Die republikanischen Ideen, die er aus seiner Lekture in seinen Gipssenat ubertrug und seiner Phantasie so gelaufig machte, dass er mit der lebhaftesten Teilnehmung Emporungen dampfte, Rebellen zuchtigte, Gesetze vortrug und verwarf diese bestandige Wachsamkeit uber Angelegenheiten eines so grossen Korpers wie das romische Volk: die Handlungen der Antonine, der Titus, der Marc Aurele, die halbe Welten begluckten alle diese Ideen erweiterten immer mehr den Zirkel, den die Imagination seiner Tatigkeit vorzeichnete.
Seine so erzeugte, so gebildete, so gelenkte, so gestarkte Ehrbegierde musste unter den Schicksalen, die ihn nach seiner Entfernung von des Grafen Schlosse trafen, unaufhorliche Neckereien ausstehen: bald rief sie ein gunstiger Sonnenblick aus ihrem Winkel hervor, und gleich musste sie vor einem Ungluck oder einer andern Leidenschaft wieder zuruckkriechen: durch solche unaufhorliche Krisen wurde sie mitten unter der Herrschaft der Liebe und des Vergnugens wach und munter erhalten. Itzt waren die Begeisterungsszenen der Liebe fast alle durchlaufen: er wusste, wieviel Wahres und wieviel Einbildung in ihren Freuden ist; Not und Verleg enheit hatten ihn das Verhaltnis ihrer Tauschungen zu der wirklichen Welt ausser ihm gelehrt: was war naturlicher, als dass die Ehrbegierde, die bisher nur als Dienerin und allein zum besten der Liebe gearbeitet hatte, sich itzo nach gemindertem Widerstande zur Selbstherrscherin in seiner Seele erhob und die Liebe unter sich erniedrigte? Man kann nicht entschlossner sein, als er es unmittelbar nach der Durchlesung jenes Briefes war, dem Rufe, den er enthielt, nicht zu folgen.
Sonderbar, dass itzt die Liebe dem Ehrgeize so hulfreich die Hande bot, als der Ehrgeiz vorher der Liebe gedient hatte! Der namliche Brief eroffnete auch seiner itzigen herrschenden Neigung eine schmeichelhafte Aussicht, die er bei dem ersten Durchlesen desselben ganz ubersah: er gab ihm Hoffnung zu einem Platze bei einem Prasidenten, der ein ganzes Land eigenmachtig regierte: wozu konnte ein solcher Platz nicht fuhren? Kaum hatten seine Gedanken diesen Pfad betreten, so lief schon seine Einbildungskraft auf ihm bis ins Unendliche fort: so entschlossen er anfangs war, nicht an einen Ort zu gehn, wo die Liebe seinem Emporkommen Eintrag tun konnte, so notwendig, so heilsam schien es ihm nach einer zweiten Uberlegung, diesem Orte sobald als moglich zuzueilen. "Der Zwang, welchen wir unsrer Liebe auferlegen mussen, wird sie in den Schranken halten, die Ulrikens Gluck und das meinige fodert", sagte er sich zu seiner Bestarkung in dem neuen Entschlusse, brachte eilfertig seine Angelegenheiten vollends zustande, nahm von Fraulein Hedwig und seinem Vater Abschied und begab sich auf die Reise.
Er hatte im ersten Feuer seiner Entschliessung nicht bedacht, dass Madam Dormer die vormalige Vignali war, in welchem Verhaltnisse er ehemals mit dieser Frau stund und mit welchen Gesinnungen er sich in Berlin von ihr schied. Kurz vor der Ankunft fiel ihm dies erst ein, und noch mehr fuhlte er es bei dem Empfange: doch Madam Dormer hatte nicht aufgehort, Vignali zu sein, sondern wusste immer noch mit ihrer vorigen Feinheit ihre Empfindungen zu verbergen, eine entgegengesetzte Miene anzunehmen und andern eine solche Gemutsverfassung mitzuteilen, als sie haben sollten. Sie schwatzte Herrmanns misstrauische Zuruckhaltung sehr bald hinweg und stimmte ihn auf den weniger vertraulichen, aber offnen, ungezwungnen Ton, den er itzt gegen sie annehmen sollte. Sie lehrte ihn die Kunst, Dendriten zu polieren, und verschaffte ihm einen, der die Schlacht bei Molwitz nach dem Leben vorstellen sollte, machte den Obersten begierig, den Besitzer dieses seltnen Kunstwerks kennenzulernen, und der Weg zu Ulriken war offen: der Oberste fand zwar diese Vorstellung seiner Lieblingsschlacht weniger naturlich als die andre, die er schon besass, zweifelte sogar, ob sie es sein mochte, allein er nahm doch den Stein mit vielem Danke an und bezeugte dem Geber des Geschenkes uberaus viele Gewogenheit, die sich durch Herrmanns warmen Eifer fur die edle Polierkunst und die weitlauftigen Kenntnisse, womit er prahlte, taglich vermehrte: der Oberste freute sich, ein so tuchtiges Subjekt in seine Werkstatt zu bekommen, nahm ihn wie einen wandernden Gesellen in Arbeit und lobte allenthalben, ohne weitre Beweise, den grossen Kopf und die herrliche Talente dieses Fremden. Weil in dem kleinen Stadtchen der gute und bose Ruf eines Menschen den Umlauf in einem Nachmittage so vollig machte, als wenn er von der Kanzel verlesen worden ware, so wies man schon den andern Tag, nachdem Herrmann des Obersten Bekanntschaft gemacht hatte, mit Fingern auf ihn, und bei Hofe und in der Stadt wurde allgemein von nichts als dem neuangekommnen Menschen mit dem grossen, gescheiten Kopfe gesprochen: die Madchen lauerten an den Fenstern auf ihn, und die Mannspersonen gingen aus, um ihm zu begegnen. Madam Dormer tat das ihrige redlich, die allgemeine Aufmerksamkeit bei Leben zu erhalten, und erinnerte den Prasidenten bei der nachsten Gelegenheit an sein Versprechen: er gestand zwar, dass er die Wundergaben des vorgeschlagnen Subjekts von dem Obersten Holzwerder selbst erfahren habe, aber demungeachtet wollte er vorsichtig verfahren und seine Entschliessung noch ein halbes Jahr verschieben. Madam Dormer bat um Erlaubnis, ihren Klienten zeigen zu durfen: "Das ist nicht notig", war die Antwort. Sie liess das Gesprach sogleich fallen und erkundigte sich sehr ehrfurchtsvoll nach des Herrn Prasidenten Turteltauben: sie musste sie in eigner Person besuchen. "Der junge Mensch", fing sie an, "von dem ich vorhin sagte, wird fur Ihre Taubchen sehr brauchbar sein, wenn er noch die Gnade erlangt, in Ihre Dienste zu kommen: er hat uberhaupt starke Kenntnisse von den Vogeln und besitzt auch sehr viele Geheimnisse, ihre Krankheiten zu heilen, verlorne Stimmen wiederzuschaffen, und besondre Geschicklichkeit, den Pips zu benehmen." "Was?" rief der Prasident, "den Pips zu benehmen? das weiss er? Er soll kommen, gleich zu meinem Kanarienvogel kommen: das arme Tier hat ihn auf den Tod. Er muss ein kluger Kopf sein." "Allerdings!" antwortete Madam Dormer. "Er hat sich auf dem Lande mancherlei Kenntnisse dieser Art erworben: er ist stark in der Okonomie."
Der Prasident. Okonomie versteht er? Das ist ja ein Mensch, wie ich ihn haben will. Er muss ein gescheiter Kopf sein.
Madam Dorner. Eine Zeitlang hat er sich auch mit Wetterglasern abgegeben
Der Prasident. Auf die Wetterglaser versteht er sich? Das ist mir gerade recht: ich habe itzo nur vier aufgestellt, aber ich kann doch nicht damit herumkommen, und mein Schreiber bringt mir bestandig falsche Beobachtungen. Der Mensch ist auf die Art recht fur mich gemacht: es muss ein gescheites Kerlchen sein. Es tut mir recht leid, dass ich ihn nicht gleich annehmen kann: aber ich habe unterdessen nach Leipzig, Gottingen und Altorf geschrieben, dass man mir auf diesen beruhmtesten Universitaten die besten Subjekte aussuchen und vorschlagen soll; denn ich mochte doch gern einen ganzen Kerl haben, der in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist: die Okonomie muss er aus dem Fundamente verstehn; in der Physik, Mathematik und Jurisprudenz muss er vollig zu Hause sein, eine hubsche, leserliche Hand schreiben, ein paar Sprachen sprechen, besonders lateinisch und franzosisch denn in den Sachen, die er mir abschreiben muss, kommen sehr oft lateinische und franzosische Worter vor , und hauptsachlich sich auf Wetterglaser und Vogel verstehen.
Madam Dormer. Aber Sie brauchen so notwendig einen Sekretar
Der Prasident. Ja, das seh ich nunmehr wohl ein: ich habe mir vorher gar nicht eingebildet, dass er mir so notig ist: aber ich muss doch warten, bis die Subjekte von den drei Universitaten ankommen, damit ich das Auslesen habe und dasjenige wahlen kann, das in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist. Ich gebe einen ansehnlichen Gehalt: er soll jahrlich vierzig Taler bekommen, und wenn er noch ein paar Wissenschaften mehr versteht, als ich verlangt habe, kommt es mir auf zehn Taler nicht an: alsdann soll er funfzig haben.
Ob man gleich das Gesprach noch eine kurze Zeit in diesem Tone fortsetzte und darauf dem Gimpel einen Besuch abstattete, mit welchem der Herr Prasident um die Wette pfiff, so konnte doch Madam Dormer fur diesmal mit allem ihrem Betreiben nicht weiterkommen Desto glucklicher war der Oberste bei der Furstin: er nutzte eine ihre guten Launen, als sie sich auf einem Vorwerke befand, wo sie mit den landlichen Beschaftigungen zuweilen so angenehm spielte wie Ulrike sonst auf ihrem Bauergutchen und jedesmal so aufgeraumt war, dass sie nichts abschlagen konnte: sie gewahrte dem Obersten ohne alle Weigerung sein wohlabgepasstes Ansuchen und befahl auf der Stelle, die Baronesse herauszuholen, welches auch ohne Verzug geschah. Ulrike war mit der Landwirtschaft besser bekannt als die ubrigen beiden Hofdamen, deren Kenntnisse sich nicht uber die Milch erstreckten, von welcher sie die Sahne zum Kaffee abschaumten; und durch die Emsigkeit und Erfahrenheit, womit die neue Hofdame alles angriff, gewann sie in einem Nachmittage die vollige Gnade ihrer Gebieterin. Die Gesichter der beiden weniger erfahrnen Fraulein wurden von Minute an so ubertrieben suss wie ihre Herzen bitter: allein da Ulrike die Herzen nicht sehen konnte, pries sie sich in ihrem neuen Posten darum glucklich, weil sie die Gnade ihrer Furstin und die Freundschaft ihrer Kolleginnen besass.
Sonach war Herrmanns Vergnugen schon wieder aus: so eingeschrankt und gezwungen auch sein Umgang mit Ulriken bisher gewesen war, so sah er sie doch taglich und konnte zuweilen durch versteckte Reden und verstohlne Blicke die alte Vertraulichkeit erneuern. Das Polieren der Dendriten wurde ihm nunmehr langweilig und der Oberste mit ihm unzufrieden, weil sein Fleiss erkaltete: Madam Dormer vermochte mit aller Kunst und Verschlagenheit nichts uber den Prasidenten: der Gimpel, nach welchem sie geschrieben hatte, blieb auch ewig aussen: wer sollte in solchen Umstanden nicht verdriesslich werden? Was Herrmanns Verdruss erleichterte, war der Umgang seiner Wirtin und ein geheimer Briefwechsel mit Ulriken, wobei Madam Dormer das Postwesen besorgte. Aus den vornehmsten, die Ulrike schrieb, sollen hier solche Stellen einen Platz finden, die Schilderungen ihrer gegenwartigen Lage und der Personen enthalten, die auf ihr kunftiges Schicksal den meisten Einfluss haben werden.
den 6. November.
Es lebe der Hof. So glucklich bin ich noch nie gewesen als itzo versteht sich, insofern ich's ohne Deinen Umgang sein kann! Die Furstin begegnet mir so vertraulich, mit so freundschaftlicher Zartlichkeit, dass es mich rechte Muhe kostet, den Abstand zwischen ihr und mir nicht zu vergessen: sie beschenkt mich dass ich es mit Dir teilen konnte! Freilich ist sie sich sehr ungleich, und in ihren truben Launen bekommt man so viele empfindliche Bitterkeiten als Liebkosungen und gnadigste Freundlichkeiten wie mein Madchen sich ausdruckt in den heitern Stunden. Das bin ich von Onkel und Tante noch gewohnt: die Gnade geniess ich wie den Sonnenschein; ich warme mich daran und bin munter und vergnugt, dass die liebe Sonne so hubsch warm scheint: kommt ein Donnerwetterchen der Ungnade, ein Platzregen, ein wenig Schnee mit kleinem Hagel vermischt- 'immerhin!' denk ich; 'es regnet und hagelt und donnert ja nicht das ganze Jahr: wenn das Ubergangelchen vorbei ist, will ich mich wieder an der Sonne trocknen.' Also steh ich unbeweglich und gefuhllos da wie ein Baum und lasse mich geduldig nass- und vollregnen: komm ich zu meinen beiden Freundinnen, dann wird das Herzeleid weggetanzt, weggesungen, weggeplaudert. Ich habe Dir schon einmal geschrieben, dass die jungste unter meinen Kolleginnen entsetzlich wild ist: bis zur Unertraglichkeit ist sie es zuweilen: die Alte spielt alsdann die weise Hofmeisterin und lehrt und ermahnt so lange, bis sie von der Lustigkeit angesteckt wird und die tollen Streiche mitmacht, die sie vorher verboten hat. Fraulein Ahldorf das ist die Jungste hat eine ganz eigne Neigung, auf Steckenpferden zu reiten: jeder Stock, der ihr in die Hande kommt, muss ihr zum Steckenpferde dienen: auf Stecken reiten, Rosinen und Mandeln aus der Tasche essen und sich uber die Leute aufhalten, sind die drei Hauptzuge ihres Charakters. Ehegestern traf ich sie bei einem solchen Ritte an: sie trabte auf dem Blondenstocke in dem Zimmer herum, die alte Limpach sass am Tische und arbeitete und kiff und brummte uber das Reiten wie sonst meine Gouvernante Hedwig: wenn das Knurren gar zu unleidlich wurde, legte ihr die Ahldorfin bei dem Vorbeireiten eine Rosine oder Mandel auf den Tisch, die die Alte wie ein Eichhornchen aufpickte, und solange sie mit dem Essen beschaftigt war, welches bei ihr etwas langsam zugeht, schwieg die Strafpredigt. Endlich, da das Knurren gleich wieder anging, sobald die Bestechung verzehrt war, hatte die Ahldorfin die Bosheit und bot ihr einen Schecken, wie sie den weissen Stock nennte, zu einer Kavalkade an: die Alte stritt und schmalte und wehrte sich wie vor einem Verbrechen; aber die boshafte Ahldorfin, die sie kennt, drang so lange in sie, bis sich die Gesetzpredigerin bereden liess und einen kleinen Trab versuchte: so geht's der schwachkopfigen Alten jedesmal, dass sie sich am Ende fur ihre heilsamen Lehren auslachen lasst. Um das Gelachter zu vermehren, kam der Goldmacher dazu, der Altgesell in des Obersten Fabrik: der elende Mensch ist der allgemeine Narr des ganzen Hofs: sobald er erscheint, fuhrt die Ahldorfin ihre Steckenpferde gleich in den Stall, um ihn herumzutummeln. Das Madchen hat alle kriegerische Neigung von ihrem Vater geerbt, der, glaub ich, General gewesen ist; denn sie spielt mit nichts lieber als mit Soldaten und Kanonen. Der Apotheker, der ein Tausendkunstler sein will, bringt ihr immer ganze Taschen voll Musketiers, Grenadiers, Reiter und Kanonen, aus Kartenblattern geschnitten: das alte Kind stellt alsdann mit der Ahldorfin die Kartenarmee in Schlachtordnung, und sie brauchen Erbsen statt der Kanonenkugeln, womit sie auf die armen Papiermanner losfeuern, dass sie Hals und Beine brechen: sind die beiden feindlichen Heere samtlich daniedergeschossen denn gewohnlich kommt auch nicht ein Mann mit dem Leben davon , so kanonieren sich die beiden Heerfuhrer, und der arme Apotheker zieht meistens den kurzern: wenn seine Gegnerin ihre Erbsen verschossen hat, wirft sie ihm Rosinen, Mandeln, Schnupftuch, Schere und was sie sonst in den Schubsacken oder in der Nachbarschaft um sich findet an den Kopf: fur die Limpachin ist dieser letzte Teil der Komodie der interessanteste, und sie beweist sich ausserordentlich geschaftig dabei. So vertreiben wir uns die Zeit in den itzigen ewigen Winterabenden: zuweilen wird Blindekuh oder ein andres Spiel von diesem Schlage gemacht; aber bei jedem ist der Apotheker die lustige Person, auf dessen Unkosten gelacht wird. Mir ist der Mann dadurch, dass er sich mit so grossem Vergnugen von jedermann zum Narren gebrauchen lasst, ausserst verachtlich geworden: er macht freilich den weisen Unterschied, dass er niemanden Spass mit sich treiben lasst, der nicht wenigstens von Adel ist; aber er kommt mir wegen dieses Unterschiedes nur noch kleindenkender und armseliger vor, weil er von der Wurde eines Menschen gar kein Gefuhl haben muss. Ich kann nicht mit ihm reden; und er nimmt mir's sogar ubel, dass ich ihn nicht zum Narren habe, und schilt mich deswegen stolz. Uberhaupt weiss ich nicht, warum ich hier allgemein fur stolz gehalten werde: bin ich's denn wirklich? Bei dem Onkel tadelte man mich bestandig, weil ich zu lustig und zu gemein sein sollte; und hier muss ich mir unaufhorlich Stolz und Ernsthaftigkeit vorrucken lassen. Freilich ist es wohl war, ich muss mich meistens zum Lachen zwingen, wenn die andern beinahe den Atem verlieren, und mit den Leuten wie der Apotheker, deren es hier eine Menge gibt, kann ich mich unmoglich einlassen: sie sind so plump oder so dumm, dass sie mir zu ekelhaft werden, um etwas Lacherliches an ihnen zu finden. Zum Glucke muss ich oft bei der Furstin sein und ihr aus einem Romane oder andern Buchern erzahlen. Sie gibt mir das Lob, dass ich sehr gut erzahle; und sie hat das eigne Ungluck, dass sie weder selbst lesen noch vorlesen horen kann: sie lasst also die Bucher kaufen, ich muss sie lesen und ihr das Gelesene wiedererzahlen. "Es klingt nicht so naturlich in den Buchern", sagt sie, "als wenn mir's jemand mundlich erzahlt." Am liebsten hort sie Feenmarchen und Gespensterhistorien: je ungereimter und abenteuerlicher, je lieber: ich habe die Zeit her des Zeugs so viel lesen mussen, dass ich alle Nachte von Ogern, Kobolden, Hexen, bezauberten Prinzessinnen und geflugelten Drachen traume. Von den Buchern, wo sich die Leute lieben und heiraten, will sie gar nichts horen: das nennt sie Alfanzerei, verliebte Possen. Aus Trauerspielen lasst sie sich am liebsten erzahlen, wenn sie recht grasslich sind: im Komischen sind Holberg und Moliere ihre Leibautoren, aber der letzte nur szenenweise. Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen lasst, muss das Buch franzosisch und nicht stark sein. Nichts wundert mich so sehr, als dass sie im Franzosischen fur die besten Sachen, und im Deutschen nur fur die schlechten Geschmack hat: ich stimme uberhaupt selten mit ihren Urteilen uberein, ob ich es gleich nicht merken lassen darf: was mir nur mittelmassig scheint, halt sie immer fur das schonste. Am hochsten steigt meine Verwunderung, wenn sie sich mit einen von den privilegierten Narren abgeben und uber ihre plumpen Einfalle lachen kann, als wenn es die sinnreichsten Bonmots waren: der Apotheker und einer von den Laufern mussen sich zuweilen in ihrer Gegenwart schrauben, wie es hier genennt wird, und die Schrauberei geht oft so weit, dass der eine dem andern einen Bart macht, ein Bein stellt oder ihn mit Kot bewirft, dass er nicht aus den Augen sehen kann. Mein Ungluck ist es, dass ich die Widrigkeit, die ich bei solchen Lustbarkeiten empfinde, unterdrucken und noch obendrein mitlachen muss.
den 16. November.
Die Furstin ist wirklich eine vortreffliche Frau und hat sich heute so sehr in Gunst bei mir gesetzt, dass ich ihr ihren ubeln Geschmack in den Vergnugungen herzlich gern vergebe. Sie fuhr spazieren, und ich musste sie begleiten: wir stiegen aus, um in dem Sonnenscheine herumzugehn, den sie ungemein liebt. Ein Bauer naherte sich uns und bettelte. "Warum bettelt Ihr?" fragte die Furstin, "Ihr seid ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung." "Das will ich Ihr wohl sagen", antwortete der Bauer, "aber Sie muss mich nicht verraten. Unser Amtmann straft gern; und wenn man nur einen Schritt der Quere tut, so rasselt gleich der Amtsdiener an der Haustur. Ich hab ihn, mit Ehren zu melden, einen Scheisskerl geheissen, und dafur soll ich ihm zwei Taler bezahlen. Sie ist ja die Furstin: sag Sie doch dem Amtmanne, dass er mich ungeschoren lasst: aber er riecht das bisschen Geld, das mir's also von Ihr ausbitten, dass Sie bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort fur mich einlegen mochte, Frau Furstin, damit er mir nachsieht und mich nicht pfanden lasst: ich will's herzlich gern wieder gleichmachen." Die Furstin lachelte und befahl mir, ihm zwei Taler zu geben. "Da!" sprach sie, "bezahlt Euerm Amtmanne den Ehrentitel, den Ihr ihm gegeben habt." "Ach!" sagte der Bauer ausserst treuherzig, "Sie gibt sich gar zu viele Muhe. Hat Sie kein schlechter Geld? Dies ist fur den Amtmann zu gut. Sie tut sich aber doch auch keinen Schaden, wenn Sie mir soviel Geld gibt?" Eine so originale Mischung von Einfalt, Treuherzigkeit und bauerischem Witze veranlasste die Furstin, dass sie sich lange mit dem Menschen unterhielt: er gab ihr etliche Auftrage an den Fursten, dass er ihm die Felder nicht vom Wilde mochte abfressen lassen und die Saat nicht mit der Falkenhetze zugrunde richten. Die Furstin entledigte sich des Auftrages, und die Falkenhetze wurde stark belacht: ob die Erinnerung etwas fruchten wird, steht dahin, wiewohl der Furst solche offenherzige Beschwerden der landlichen Einfalt sehr wohl aufnimmt.
Weil ich mich so gut auf Okonomie verstehe, bin ich die Almosenpflegerin geworden, und jeder Arme in der ganzen Stadt, der sich des Bettelns schamt oder seine Durftigkeit nicht bekanntwerden lassen will, meldet sich bei mir und empfangt wochentlich so vielen Zuschuss, als die Armenkasse verstattet, woruber ich Rechnung fuhren muss. Fur mich ist dies die liebste unter allen meinen Beschaftigungen: nur schade, dass die monatliche Summe, die ich in meine Kasse empfange, zu klein und die Zahl der Armen zu gross ist! die Portionen werden etwas klein: aber ich halte alle Tage um Vermehrung an, und ich hoffe, sie zu bekommen. Niemand weiss ausser der Furstin und mir, wer aus meiner Kasse etwas erhalt: ich freue mich die ganze Woche auf den Sonnabend, wo meine Vogelchen sich jedesmal ihr Futter holen.
den 22. November.
O Heinrich, in welcher Verlegenheit bin ich heute gewesen. Furst und Furstin sprachen zusammen: ich stund an der Seite, ohne auf ihr Gesprach zu horen: auf einmal wurde es ausserst lebhaft, und wie ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, hore ich, dass sie von Madchen sprechen, welche die Liebe zu einem Fehltritte verleitet hat. Schon der Inhalt der Unterredung brachte mein ganzes Blut in Bewegung, und die grausame Strenge, womit die Furstin sich wider solche ungluckliche Schlachtopfer der Liebe erklarte, machte, dass ich am ganzen Leibe zitterte. Der Furst urteilte viel billiger und behauptete, dass sie meistens Mitleiden, aber keine Strafe und noch weniger Hass sicherte mit der grossten Hitze, dass sie eine solche Person nicht eine Minute um sich dulden konnte. Ihr Gemahl machte ihr lachend den Einwurf, dass sie nicht wusste, ob nicht vielleicht alle ihre Fraulein und Jungfern solche Personen waren. "Wer weiss", sprach er und wies auf mich, "ob nicht gar dies stille Schafchen schon einmal Mutter gewesen ist." "Den Augenblick jagt' ich dich fort, wenn ich nur das mindste dergleichen von dir erfuhre", sagte sie drohend und entrustet zu mir. "Wir haben das arme Madchen ganz rot gemacht", fing der Furst nach einer Pause an und sah mir steif ins Gesicht, um mich noch roter zu machen.
"Fur diese wollt' ich wohl selber gutsagen", setzte er hinzu, "das ist die Unschuld, wie sie leibt und lebt." "Wir wollen's wunschen", gab die Furstin mit einem Tone zur Antwort, der mich verdross. Meine Angst wahrend der ganzen Unterhaltung kann ich Dir nicht beschreiben; und in solcher Angst schwebe ich fast jeden Tag; denn die Furstin spricht von keiner Sache lieber und jedesmal mit gleicher Heftigkeit und Barberei. Barberei ist es wirklich, wenn Personen ein so strenges Urteil sprechen, die selbst nie in der Versuchung gewesen sind, noch wegen der genauern unaufhorlichen Aufsicht darinne scheitern konnen. Ihre Tugend kostet ihnen nichts als das bisschen Kampf wider die Regungen der Natur: sie haben nie mit den mannigfaltigen Einladungen der Liebe, mit den uberraschenden Gelegenheiten, mit den uberwaltigenden Eindrucken gestritten, die in jedem niedrigern Stande moglich sind: der Vogel im Kafig kann sich freilich ruhmen, dass er kein verbotnes Hanfkorn genascht hat. Hatte die strenge Moralistin nur einmal die Gewalt der Liebe und die zauberischen Kunste der Gelegenheit empfunden wie ich, o wie wurde sich ihre richterliche Unbarmherzigkeit mildern! Taglich bin ich auf der Folter: immer furcht ich, itzt wird das Gesprach auf deinen Fall kommen; und wenn eine ahnliche Geschichte wie die meinige erzahlt wird, dann denk ich immer, itzt wirst du dich verraten: mannigmal bilde ich mir sogar ein, dass die Furstin meinetwegen so haufig daruber moralisiert. Wie schwer druckt eine verheimlichte Schande! Wie auf Stacheln steh ich, vor Furcht entdeckt zu werden.
den 30. November.
Nachgerade fange ich an, mein itziges Leben ein wenig seltsam zu finden. Gestern blitzten und hagelten Verweise und gramliche Reden auf mich herab: nichts konnt ich rechtmachen: wenn ich nur eine Miene verzog, traf mich ein derber Ausputzer; und gleichwohl durft ich nicht vom Flecke gehn, damit uble Laune auslassen konnte. Bald sollt ich das, bald jenes holen lassen: nun kam es nicht hurtig genug: da traf mich das Ungluck, dass das Madchen, welches ich geschickt hatte, nicht fliegen konnte: langte die Sache endlich an, so war ihr die Sehnsucht wieder vergangen oder es gab etwas daran auszusetzen: es musste etwas anders geholt werden: unterdessen anderte sich die Lust wieder; hurtig wanderte ein zweiter Bote dem ersten nach, um ihm Gegenordre nachzutragen, und ein paarmal schickte ich dem zweiten einen dritten nach, und wenn sie alle drei ohne Atem wiederkamen, dann hatten sie alle drei den Weg umsonst gemacht. Etlichemal hatte ich alle Leute ausgesandt, die Befehle von mir annehmen: der Furstin kam eine neue Grille ein, aber ich konnte niemanden auftreiben, dem ich den Auftrag zumuten durfte, ob ich gleich allenthalben herumrennte: nun wurde ich ausgezankt, erstlich, dass ich nicht gleich wiedergekommen war; zweitens, dass ich die Leute alle ausgeschickt hatte; drittens, dass alle die ausgeschickten Leute zu langsam gingen. So willkommen ist mir noch kein Abend gewesen als der gestrige, der dem durchschmalten Tage ein Ende machte: wie ein Zuchtling, der den ganzen Tag Farbenholz geraspelt hat, begrusst ich die Nacht und mein Bette.
Heute fruh stand der Himmel offen und regnete nichts als Gnade und Freundlichkeit auf mich herab: ich wurde bei allem um Rat gefragt, und was ich vorschlug, gefiel allemal: wie ein Orakel musste ich uber die unbedeutendste Kleinigkeit meine Meinung sagen, und meine Meinung war die einzig richtige in der ganzen Christenheit: ich hatte ihr raten konnen, die Schuhe an die Hande zu ziehen, und es ware gewiss geschehen. Jeden Augenblick liess sie mich zu sich rufen: gestern jagte mich die uble Laune herum und heute die grosse Gnade. Den Beschluss machte ein sehr ansehnliches Geschenk ein vortreffliches Kleid und Geld, das ich nicht besser anwenden kann, als wenn ich Dir's mit diesem Briefe uberschicke. Konnt ich Dir jeden Tag soviel verdienen, so trug ich jeden Tag mit Freuden so eine Tracht uble Laune wie gestern.
den 9. Dezember.
Himmel, das ist nicht auszuhalten: ich entlaufe. So ist keine Viehmagd in ihrem Leben ausgescholten worden wie ich vor zween Tagen: mein Herz bebt mir noch vor Arger: ich glaubte, ein Gallenfieber zu bekommen, so ubel hab ich mich seitdem befunden; und kannst Du Dir einbilden, warum? Der Furst begegnete mir im Korridor und fragte mich, wohin ich so eilfertig wollte: ich antwortete, und aus der Frage und Antwort wurde ein Gesprach, das ich in der Minute wieder vergass, so geringfugig war es, und bei dem mel weiss, welch schadenfrohes Geschopf es sieht und der Furstin mit Verschonerungen hinterbringt. Funf Minuten darauf werde ich zu ihr gerufen und wie ein Delinquent auf Tod und Leben verhort. Ob ich mit dem Fursten gesprochen hatte? "Ja." "Warum? wie lange? was?" Die Fragen waren mir alle schwer zu beantworten, wenigstens musste ich mich vorher lange besinnen, weil ich die Sache nicht fur so wichtig hielt, um nur einen Augenblick Aufmerksamkeit darauf zu verwenden: ich erzahlte indessen alles aufrichtig, was mir einfiel. Dass sie mir ein Wort geglaubt hatte! Ich sollte wer weiss wieviel heimlich gesprochen haben, das ich mich zu gestehen schamte: ich sollte nicht leugnen, und gleichwohl konnte ich nichts gestehen: also musste ich ganz geduldig die bittersten Verweise und Drohungen uber mich ausschutten lassen. "Geh mir aus den Augen!" war die gnadige Beurlaubung.
Ganz ohne einen Schatten von Schuld, um einer wunderlichen Einbildung willen so empfindlich zu leiden war fur mich so angreifend, dass ich mich in mein Zimmer verschloss: die Tranen stromten mir aus den Augen, und der Arger wuhlte in allen meinen Eingeweiden herum. Ich wunschte mich mit jedem Pulsschlage auf Dein Bauergutchen in Kummer und Mangel zuruck: ich ass dort kummerlich, aber doch in Freiheit und ohne Unrecht zu leiden: was nutzt mir hier der Uberfluss, wenn mir jeden Bissen Verdruss, Arger und Unruhe verbittern? O wie leicht war alle mein bisheriger Kummer gegen den Schmerz einer so unwurdigen Behandlung!
Die Hauptveranlassung dazu mochte wohl sein, weil sie wider ihren Gemahl aufgebracht war: er hatte ihr kurz vorher widersprochen, und nichts kann sie weniger ertragen als Widerspruch: da sie ihren Zorn an ihm nicht auslassen durfte, nahm sie die nachste Gelegenheit und entledigte sich ihrer Galle an mir. Sie ist ausserordentlich argwohnisch in dem Punkte, woruber sie mit mir zankte; und so artig und gesittet der Furst spricht, so vermeide ich doch alle Unterredung mit ihm, so sehr es sich ohne Unanstandigkeit tun lasst; und gerade muss ich sie nicht vermeiden konnen, da es am gefahrlichsten war! Das Geruchte geht sehr stark, dass er Madam Dormer seiner Vertraulichkeit wurdigen soll: ich habe sie vor dem Unwillen der Furstin gewarnt, wenn diese Nachricht zu ihren Ohren gelangte; allein sie antwortete mir sehr stolz: "Den Unwillen furchtete ich nicht, wenn ich sonst Lust hatte, das Geruchte wahr zu machen." Sie verlasst sich ein wenig zu sehr auf die Gnade der Furstin, die ihr freilich sehr gewogen ist, weil sie alle Zeitungen am Hofe und in der Stadt zusammentragt. Diese unendlichen Klatschereien, womit sich jedermann in Gunst setzen oder die Zeit vertreiben will, sind mir das Unausstehlichste nachst den Hofnarren, die ohne Narrenkleid so zahlreich herumlaufen: so gut, als wenn man alles unter freiem Himmel tate, wird man beobachtet, und die kleinste Posse lauft gleich von Ohr zu Ohr: in der nachsten Minute weiss schon der ganze Hof, was man in der vorhergehenden gedacht hat.
O lieber Herrmann, wenn Du nicht glucklicher bist als ich, so sind wir's beide nicht. Ich habe meinen Arger verbeissen und heute schon wieder den ganzen Vormittag um die Furstin sein mussen: aber ich gab mir nicht die geringste Muhe, meinen Verdruss zu verhehlen, ob es gleich nicht sehr hofmassig ist. Madam Dormer masst sich an, die Aussohnung bewirkt zu haben, und riet mir, um Vergebung zu bitten. "Weswegen?" antwortete ich. "Dass ich unschuldigerweise ausgehunzt worden bin?" Sie rumpfte die Nase und ging. Die Frau ist unleidlich hofmannisch geworden.
Viertes Kapitel
Unterdessen, ehe noch der Briefwechsel und Ulrikens Unmut soweit kamen, hatten sich auch Herrmanns Umstande geandert. Der verschriebene Gimpel und die verschriebenen Subjekte, unter welchen sich der Herr von Lemhoff einen Sekretar aussuchen wollte, langten an, doch glucklicherweise der Gimpel zuerst. Madam Dormer meldete, sobald es sich tun liess, dem Prasidenten, dass der junge Mensch, den sie ihm neulich empfohlen habe, sich unterstehn wollte, ihm den schonsten Gimpel in Europa zu uberreichen. Der Prasident konnte sich mit keinem einzigen Gedanken auf den jungen Menschen besinnen, aber den Gimpel nahm er mit beiden Handen an und konnte die Zeit kaum erwarten, ihn zu sehen. Der Gimpel wurde zu ihm getragen, und Herrmann nahm sich die Ehre, ihn zu begleiten: der Prasident pfiff dem Vogel entgegen, sobald er ins Zimmer kam, und der Vogel hatte soviel Lebensart und antwortete ohne angstliche Scheu: die pfeifende Unterhaltung wurde auf beiden Seiten mit gleicher Lebhaftigkeit lange fortgesetzt: die Freude war unaussprechlich. Madam Dormer nutzte diesen Zeitpunkt und bat um Erlaubnis, den jungen Menschen, der vor der Ture wartete, hineinrufen und darstellen zu durfen: sie wurde ohne Weigerung bewilligt. Herrmann erschien, empfing uberaus viele Gnadenbezeugungen und kramte seine kleine Gelehrsamkeit im Fache der Vogel, Wetterglaser und der Okonomie mit so vieler Scharlatanerie aus, als er sich kaum selbst zugetraut hatte: kurz, er gefiel ausserordentlich. Der Prasident versicherte Madam Dormer, dass der Mensch so gescheit sei wie sein Gimpel, und wunschte ihn in seinen Diensten zu haben: die listige Frau merkte sehr bald, warum er dies nur wunschte, und meldete ihm, dass Herrmann um nichts als Kost, Wohnung und die Ehre, in seinem Hause und Dienste zu sein, ansuchte und alle Besoldung so lange ausdrucklich verbate, bis er sie durch sein gutes Verhalten verdient hatte: nun war der Handel den Augenblick richtig.
Nachdem Herrmann seinen neuen Platz bereits angetreten hatte, trafen zwei verschriebene Subjekte aus Leipzig und eins aus Gottingen ein: in Altorf war keins aufzutreiben gewesen. Der Gottinger hatte sich, um mit Anstand zu erscheinen, zwei neue tressenreiche Kleider machen lassen und kam mit Extrapost und grossen Erwartungen an, die sich auf nichts als die zwei Worter, Prasident und Hof, stutzten; denn der Prasident hatte die Bedingungen, die er machen wollte, nirgends angegeben: aber Prasident! und Hof! dies beides war fur die akademische Erfahrung des Junglings genug, um schon von vielen Hunderten Besoldung zu traumen und sich in drei oder vier Jahren schon als Hofrat zu denken, ob ihm gleich der Professor, der den Auftrag hatte, ein vorsichtiges Bedenken empfahl. Der gute Narr lauerte acht Tage und konnte niemals vorkommen: endlich liess ihm der Prasident durch einen Bedienten melden, dass er sich unter der Zeit schon versorgt habe und fur seine Bemuhungen sehr vielmals danke. Der arme Betrogne ergrimmte uber diesen Dank fur eine Bemuhung von etlichen zwanzig Meilen, verkaufte eins von seinen Tressenkleidern an den Hofjuden und reiste mit der gewohnlichen Post demutig auf die Georg-Augustus-Universitat zuruck. Noch vor seiner Abreise fanden sich die beiden Leipziger an verschiedenen Posttagen ein, mit geringerer Kleidung, aber ebenso hoher Erwartung, womit sie der Professor berauschte, an welchen der Prasident geschrieben hatte: um sich das Ansehn eines Universalpatrons zu geben, machte dieser Mann meistens bei einem solchen Auftrage die ganze Universitat aufruhrisch und hatte auch itzt die die Worter Prasident und Hof so vielen und so emphatisch in die Ohren gerufen, dass sich zwei auf den Weg machten, ohne voneinander etwas zu wissen. Lustig war es, als diese drei Subjekte in einem Zeitraume von sechs Tagen hintereinander anlangten, sich in einem Gasthofe, dem einzigen in der ganzen Stadt, einquartierten, mit vieler Wichtigkeit einander erzahlten, zu welchem hohen Posten sie berufen waren, und dann mit weit offnem Munde sich verwunderten, dass sie Kompetenten eines und desselben hohen Postens zu sein schienen. Der eine Leipziger raumte gleich den Platz, verlangte den Herrn Prasidenten gar nicht zu sehn, schamte sich, mit langer Nase, wie er sich ausdruckte, in sein liebes Pleissathen zuruckzukommen, und reiste zu seiner Mutter, um ihr sein Herzeleid und seinen leeren Beutel zu klagen. Das andre Leipziger Subjekt liess es sich weiter gar nicht merken, welche Absicht ihn in diese Stadt gebracht hatte, sondern suchte Bekanntschaften und gab vor, dass er sich der Redouten wegen diesen Winter hier aufhalten wollte. Eine der ersten Bekanntschaften, die er machte, war naturlicherweise Madam Dormer, da sie die einzige Frau in der Stadt war, die einen Fremden anziehen konnte. Sie gerieten beide sehr bald in verdachtige Vertraulichkeit, wenigstens in den Augen des Publikums, das ein Mannlein und ein Weiblein nicht zusammen lachen sehen konnte, ohne das eine zur Braut oder zur Hure des andern zu erheben; der freie, zwanglose Ton der Madam Dormer war ohnehin ein Argernis fur die ganze Stadt. Herrmann besuchte sie um soviel ofter, da sie seine Beforderin, die geheime Negotiantin seiner Liebe und der einzige weibliche Umgang in der Stadt war, der ihm schmeckte. Notwendig musste er also mit dem Leipziger Subjekte sehr bald bei ihr zusammentreffen; und dies Leipziger Subjekt war sein ehmaliger Freund und Spielgefahrte Arnold. Er schamte sich, seine bisherigen Schicksale zu gestehen, bekannte aber doch einmal, als sie beide allein beisammen waren, dass ihn seit jenem Abende, wo Herrmann Leipzig verliess, um zu Ulriken auf das Land zu eilen, das Gluck unaufhorlich zum besten gehabt habe. Kleiner Gewinn und grosser Verlust, kleine Einnahme und grosser Aufwand war sein Lebenslauf, bis ihn Schulden und Mangel so gewaltig druckten, dass er das Spielerhandwerk verfluchte, weise werden und studieren wollte. Er fand Zuflucht und Unterstutzung bei einem livlandischen Barone, der sich gleichfalls von der Spielsucht bekehren und weise werden wollte: allein sie bekehrten einander wie ein Paar Unglaubige das heisst, einer verfuhrte den andern, bis endlich das gescharfte Verbot der Hasardspiele beide zur Bekehrung zwang. Arnold gab sich wirklich die Miene, als wenn er studierte, bis der Brief des Prasidenten und die selbsterfundnen Versprechungen des Mannes, der ihn empfing und sich ein Ansehn damit geben wollte, so viele Bewegung verursachten, dass sich Arnold von ihm bereden liess, die Reise nach der eintraglichen Sekretarstelle anzutreten. Diesen letzten Teil seiner Geschichte verhehlte er seinem wiedergefundnen Freunde, so gut er konnte, und wandte, wie allenthalben, die Redoute vor, so unwahrscheinlich auch diese Ursache schien.
Madam Dormer, die auf das Probestuck von Patronschaft, das sie an Herrmannen abgelegt hatte, nicht wenig stolz tat' geriet sehr in Versuchung, an Arnolden ein zweites abzulegen: zum Teil konnte es wohl Liebe sein, aber grosstenteils war es gewiss Neigung zur Intrigue, unruhige Geschaftigkeit. Er hatte eine mittelmassige Fertigkeit auf der Flote: er musste sich in moglichster Eile bei ihrem Manne Tag fur Tag uben, und wenn Lehrer oder Schuler eine dazu bestimmte Stunde aussetzten, bekamen sie gleich eine derbe Lektion von Madam. Arnold lebte ganz von ihrer Freigebigkeit, und ihr Mann war seit seinem Abschiede von der Schauspielergesellschaft auch wieder unter das Joch gebracht worden: also mussten sie ihr beide gehorchen. Der Furst hielt des Winters wochentlich ein paar Konzerte auf seinem Zimmer, wo ihn sonach Madam Dormer alle Wochen zweimal sprach: denn er war sehr herablassend und liess kein Konzert vorbeigehn, ohne sich mit ihr zu unterhalten, und wenn er nicht beizeiten Anstalt dazu machte, wusste die dreiste, zudringliche Frau das Gesprach schon an ihn zu bringen. Sie bat um die Erlaubnis, dass sie Arnolden, der hieher gekommen ware, um sich in der Musik festzusetzen, in die Konzerte mitbringen durfte: dem Fursten, der sich einbildete, dass an seinem Hofe die Musik bluhe, schmeichelte diese Luge unendlich, und er gestand die Erlaubnis ohne Bedenken zu. Arnold stellte sich seitdem gewohnlich hinter das Orchester und horte zu: er gefiel dem Fursten sehr wohl, weil ihm Madam Dormer eine Menge schmeichelnde Bewegungsgrunde andichtete, warum er gerade diese Residenzstadt zu seinem Aufenthalte erwahlt haben sollte. Sobald er durch ihren Mann in den Stand gesetzt war, dass er ein auswendig gelerntes Konzert sich zu blasen getraute, musste er auftreten; und ausdrucklich las die verschmitzte Frau eins aus, wozu der Furst, der selbst ein wenig komponierte, ein andres Andante gesetzt hatte. Mit Erstaunen horte der Furst sein selbstverfertigtes Andante, das nach seiner Meinung nicht aus dem Notenschranke seiner Kapelle herausgekommen war, und fragte nach dem Schlusse, woher er dies Andante habe: Arnold versicherte, dass er es vielfaltig in Leipzig geblasen und niemals dies Konzert mit einem andern Andante habe blasen horen: es sei so allgemein beliebt und bekannt, dass man es auf den Promenaden trallere. "Ja, ja", fing Madam Dormer an, "ich kenn es: in Berlin wird es oft bei der Wachparade geblasen." Der Furst holte sein eigenhandiges Konzept herbei, um zu beweisen, dass er der Verfasser davon sei, liess im Notenschranke nach dem abgeschriebenen Exemplare suchen, das man auch richtig und unversehrt fand, weil Dormer auf seiner Frau Befehl heimlich eine Abschrift davon hatte nehmen mussen; tat sehr unwillig, dass Leute, auf die er sein Vertrauen setzte, seine unvollkommnen Arbeiten in die Welt ausschickten, und bat Arnolden instandig, das Andante ja niemanden weiterzugeben, welches dieser auch mit einem tiefen Reverenze angelobte. Nun arbeitete seine Gonnerin aus allen Kraften, die innerliche Freude des Fursten zu nutzen und um einen Platz in der Kapelle fur ihn anzuhalten: er wurde ihr zugesagt; und da man an diesem Hofe mit einer Besoldung gern zwei oder drei Dienste verband, wurde Arnold in einigen Tagen darauf Hof- und Kammermusikus, Kammerdiener bei dem Fursten, mit dem Pradikat eines Geheimen Kammerers, und Subinspektor des Pferdestalls.
Funftes Kapitel
Um die Lage kennenzulernen, in welche diese Beforderung allmahlich Herrmanns und Ulrikens Angelegenheiten setzte und wie sie in der Folge die feindselige Stellung moglich machen konnte, die Arnold und Madam Dormer wider jene beiden annahmen, wird es am dienlichsten sein, hier einige Fragmente aus Briefen folgen zu lassen, die nach Herrmanns Eintritt in seinen Sekretarposten geschrieben wurden.
den 4. Februar.
Das waren gestern funf Minuten des Lebens fur mich, als ich Dich auf der Redoute sprach: nach so vielen langen Monaten, wo ich in jedem einen oder zwei Briefe an Dich schrieb und Dich nirgends als verstohlnerweise in der Kirche sehen konnte, endlich einmal die Stimme zu horen, die fur mein Herz so susse Musik ist, o wie ruhrte das mit einem hastigen Griffe alle Saiten meiner Empfindung! Die larmende Tanzmusik verstummte fur mich, das Rauschen der Allemande war mir unhorbar, ich nur allein in dem Saale und nur fur die Stimme meines geliebten Turken da. Das waren vielleicht funfzig Worte, die Du mir sagtest, aber fur mich goldne Spruche gegen alles Kammerjunker und dort Gott weiss wer meine armen Ohren foltert: Dir horte ich gern Stunden, Tage, Wochen zu, und doch waren's nur funf Minuten! und von den faden Schmeicheleien und abgeschmackten, abgedroschnen, Seel und Magen angreifenden Schnickschnack, den mattesten Siebensachen, dem elendesten Gackern klingen mir die Ohren vom Morgen bis zum Abend. O Herrmann! gestern hat sich mein Herz wieder eine grosse Krankheit bei Dir geholt: es war seit meiner Ankunft in dieser Stadt ein Patient, der das Bette verlassen hat und wieder ein wenig herumgeht: aber gestern! gestern wurd es von neuem bettlagrig: ich bin seitdem so unleidlich, so murrisch geworden wie ein Podagrist. Mein Madchen beschwerte sich, dass sie mir nichts recht machen konnte. "Du narrisches Geschopf!" sprach ich, "die vornehmen Sitten haben mich angesteckt: gedulde dich nur: ich werde schon noch launischer werden." Ja, gewiss werd ich's: ich fange schon an: seit gestern ist mir der Hof und die grossen vornehmen Leute und das Putzen, Zieren, Tandeln, Schmeicheln, Knixen und Grimassieren so unertraglich ekelhaft geworden, dass ich die Ehre einer Hofdame an die Magd vertauschen mochte, die Dir aufwartet.
Die Furstin examinierte mich sogleich gestern, mit wem, warum und was ich mit Dir gesprochen hatte: sie musste mit einem paar Lugen vorliebnehmen, und meine Freude machte mich so erfinderisch, dass ich nicht einmal stockte: sie verbot mir alle dergleichen Gesprache, wenn sie auch noch so gleichgultig waren: ob ich mich vielleicht durch meine Freude verdachtig machen mochte?
Nachdem dies Examen uberstanden war, zog mich Madam Dormer in einen Winkel und kiff formlich mit mir uber meine Unvorsichtigkeit: gleich war auch Herr Arnold dabei, der sich die Ehre gibt, auch um unser Geheimnis zu wissen und sich Deinen grossen Patron zu nennen. Sooft er mich erblickt, erzahlt er mir, dass er Deiner bei dem Fursten gedacht hat. Ich halte ihn fur einen Menschen, der um eine gute Mahlzeit oder eine Flasche guten Wein Vater und Mutter verrat: er hat sich bei dem Fursten in der kurzen Zeit so sehr eingeschmeichelt, dass sie auf den vertrautesten Fuss miteinander umgehen, wohin es bei dem guten Fursten nur gar zu leicht kommt. Man kann zwar Arnolden bisher nicht das mindeste Bose schuld geben, nicht einmal Verleumdung; aber er drangt sich allenthalben voran, will der erste und einzige in der Gunst sein und nutzt die Veranderlichkeit seines Herrn so meisterlich, dass er alle andre aus den Besitze der Gnade vertreibt. Wie sollte er diese Kunste nicht wissen, da Madam Dormer seine Lehrerin ist?
Ich zittre, wenn ich bedenke, dass unser Geheimnis in den Handen dieser beiden Leute ist: ich traue keinem unter ihnen, aber ich muss ihnen schmeicheln, damit sie mir nicht schaden. Welche traurige Sache, Leute liebkosen zu mussen, die man nicht fur gut halt! Und wieviel trauriger war es vollends, wenn ich sie beleidigte, vielleicht durch den Zufall beleidigte! Ein Wort durften sie der Furstin von unserm Verhaltnisse hinterbringen, und wir waren beide verloren.
Von Ulriken.
den 7. Marz.
Eine Freude muss ich Dir noch mitteilen, die ich vor acht Tagen gehabt habe, eine, wie sie mir seit langer Zeit nicht zuteil worden ist. Der Graf Ohlau hat sich an die Familie gewendet und um Unterstutzung gebeten, weil ihm der Bankerut nicht das geringste ubriggelassen hat. Der Oberste Holzwerder hat sich auch zu einem jahrlichen Beitrage unterzeichnet und fragte mich zum Scherze, ob ich nicht gleichfalls einen Louisdor unterzeichnen wollte. Der Scherz war mir empfindlich; ich antwortete: "Vielleicht." Bei der nachsten guten Laune der Furstin bettelte ich bei ihr fur einen gestorbnen Anverwandten. "Willst du sogar den Toten Almosen geben?" fragte sie. "Der Mann lebt wohl noch", antwortete ich, "aber er lasst sich's nicht gern nachsagen, dass er noch lebt, weil er um seine schonen Kutschen, Pferde, Lakaien und worden?" "Ja, von einem Diebe, den man Bankerut nennt." "Darf ich den Mann nicht wissen? Oder vielleicht hast du dein Geld vergangnen Winter auf den Redouten verspielt und vertrunken und machst mir nun weis, dass du fur einen vornehmen Bettler bettelst?" "Wenn ich den Mann alsdann verschweigen darf, so will ich die Beschuldigung auf mich nehmen und untertanig um Vergebung bitten, dass ich meine Liederlichkeit habe bemanteln wollen." Sie ging zu dem Schreibeschranke und brachte mir ein Paketchen mit zwanzig Louisdoren. "Da!" sprach sie, "schicke das deinem Toten, damit er wieder ein bisschen zu Atem kommt!" Ich kusste ihr die Hande so vielmals, dass sie es uberdrussig wurde und mich zum Scherz leise auf den Mund schlug: die Schuhsohlen hatt ich ihr kussen mogen, so entzuckt war ich uber die Wohltat. Ich packte die zwanzig Louisdor gleich sehr sauberlich ein, schrieb ein Billett an den Obersten und bat ihn, diese Kleinigkeit ohne Unterzeichnung an den Onkel zu schicken. Er kam hernach zu mir und wollte schlechterdings, dass ich das Geld in meinem Namen schicken sollte: aber das ging ich nicht ein: ich packte es in weisses Papier, liess von meinem Madchen die Adresse darauf schmieren und schickte es ohne Brief fort. Wie sie sich freuen werden, wenn die zwanzig gelben Rosse aus dem Briefe herausspringen, als wenn sie aus der Luft herabfielen!
Dies Vergnugen waffnet mich wider einen ganzen Monat Langeweile; denn das weiss mein Herz, wie sie mich tyrannisiert. Man spricht taglich von Lustbarkeiten: bald wird dahin, bald dorthin gefahren, gejagt, geangelt, gegangen und geschwatzt: aber bei allen Partien schleicht die gramliche Langeweile hinter mir drein, setzt sich mir auf den Nacken oder gegenuber und gahnt und gahnt, dass ich mitgahnen muss. Ich glaube, dass mir die Liebe fehlt: wir haben zuwenig mit ihr hausgehalten: darum wird der Rest unsers Lebens ode und leer sein. Ich wusste die Langeweile umzubringen, aber ich darf nicht: ich bin wie Andromeda gefesselt, der Drache, die Langeweile, sitzt neben mir und will mich verschlingen, und mein Perseus vielleicht schneidet er endlich einmal die Hoffesseln los, und dann ist mir fur meinen Drachen nicht bange: vor einem Blicke von Dir zieht er aus wie vor zehntausend Feinden.
Von Herrmann.
den 21. Marz.
Ich beklage das gnadige Fraulein unendlich uber hochstdero langweilige Gluckseligkeit: ich habe keine Gluckseligkeit, aber auch keine Langeweile; Lacherlichkeiten in Menge um und neben mir, wenn ich sonst Neigung hatte, uber die Torheiten und VergeWeh eines Landes in seiner Hand hat und damit spielt wie mit einem Balle. Ich erwerbe mir itzt die Kenntnisse, die mich Verirrung und Taumel der Liebe nicht fruher erwerben liessen: erschrecken wurdest Du, wenn Du mich, umschanzt von okonomischen und politischen Buchern, unter Quartanten und Oktavbanden voll Polizei und Finanzanstalten, die nirgends existieren, fandest. Der Himmel will, dass ich alles, was ich bin und werde, Dir verdanken soll; denn alle diese Weisheit und Torheit hab ich fur die Geschenke gekauft, womit Du Deine Briefe begleitest: kann ich Dir besser dafur danken, als dass ich sie zu dem einzigen Mittel anwende, das mich Deiner Verbindung wertmachen, wo auch nicht dazu bringen kann? Verstand und Gedachtnis werden durch diese Gedanken gestarkt: meine Begriffe werden heller und meine Vorstellung umfassender, wenn mich die Liebe erinnert, dass ich alles Nachsinnen, alle diese Muhe fur Dich und durch Dich unternehme. Ich habe bisher mein Leben im Schlafe zugebracht, im Traume der Empfindung, des Vergnugens, des Eigennutzes, in susser, verliebter, aber kleiner Geschaftigkeit: das Ungluck hat mich aus meiner Schlaftrunkenheit herausgepeitscht, und ich will anfangen zu leben, zu tun, zu handeln, was allein Leben heisst. Wie begeistert mich die Vorstellung, wie schwellt sie meinen Mut an, dass ich vielleicht dereinst etwas beitragen soll, diesem Lande, das die Beute habsuchtiger Geier geworden ist, durch gute Anstalten zum Wohlstande zu verhelfen, Ordnung, Fleiss, Tatigkeit darinne zu verbreiten, der Menge durftiger, fauler Mussigganger Arbeit und Nahrung zu verschaffen, durch Vermehrung des Triebes zur Beschaftigung alle Laster der Geschaftlosigkeit zu ersticken und so durch politische Veranstaltungen ein Volkchen weiser und glucklicher zu machen, als Moralisten und Prediger vermogen! Diese Aussicht ist itzt meine allbegleitende Idee, der Mittelpunkt alles meines Denkens und Trachtens. Meine gegenwartige pflichtmassige Beschaftigung ist freilich trocken, gering, ekelhaft: ich muss Rechnungen, Befehle, Quittungen, Spezifikationen von des Herrn von Lemhoffs Schweinen, Schafen und Rindvieh, Pachtbriefe und Mietkontrakte abschreiben, den Vogeln den Pips nehmen, Wetterglaser begucken und die Grade ihres Steigens und Fallens aufschreiben freilich alles lastige, traurige Berufsarbeiten, die einer von den Bedienten des Hauses besser und schicklicher verrichten konnte als ich! Aber was schadet's? Man kann wohl einige Zeit Steine und Kalk zufuhren, wenn man nur Hoffnung hat, einmal Mauermeister zu werden. Ich bin doch unendlich besser daran, wenigstens in meinen Augen nutzlicher als Arnold, der den Lustigmacher bei dem Fursten spielt und Hofspassmacher geworden ist. Nimmermehr hatt ich dem Manne zugetraut, dass er sich zu solchen Mitteln erniedrigen wurde, um die Gunst seines Herrn zu gewinnen: er ist ein Nichtsnutzer, der im geschaftigen Mussiggange herumschleicht: seine grosste Handlung ist ein mittelmassig geblasnes Konzert und seine beste ein Spass, womit er dem Fursten eine Wolke von der Stirn treibt; und noch ware dies Verdienst nicht gering, wenn er den Herrn nach Beschaftigungen oder Unannehmlichkeiten aufheiterte oder Verdruss und uble Laune, zwo so ergiebige Quellen von Ungerechtigkeiten, von ihm abwehrte: aber die Harlekinspossen, die elenden Schwanke, die Kinderspiele, womit er ihn belustigen soll, machen ihn in meinen Augen verachtlich. Wieviel verdienstvoller und glucklicher schein ich mir mitten in meinen schlechten Umstanden schon itzt, wenn ich mir bewusst bin, dass der Prasident einen Gedanken, einen Vorschlag, den ich fur heilsam halte, billigt und annimmt! Wie vollkommen wird nun vollends meine Gluckseligkeit sein, wenn ich diese schlechten Umstande ubersprungen und mich in eine Lage gesetzt habe, wo meine Gedanken und Vorschlage von ausgebreitetem Einflusse, meine Arbeiten der Vorteil etlicher tausend Menschen sein werden! Der Vorstellung, fur und auf einen betrachtlichen Teil der Menschheit einst zu wirken und gewirkt zu haben, kommt nichts gleich, als das Gefuhl einer Liebe wie die unsrige, als der Gedanke an Deine Treue. Ich beneide Euch alle nicht um die herrlichen Lustbarkeiten, um die schonen Parties de plaisir: meine Partie de plaisir soll angehn, wenn Euch vor den Eurigen ekelt.
Von Ulriken.
den 13. Oktober.
Das heisst man Landleben? Eine Plage auf dem Lande nenne ich das. Da sind wir den ganzen Sommer auf dem Dorfe gewesen und haben uns ganz trefflich ennuyiert, dass wir uns vor Langerweile mit den Kopfen hatten stossen mogen. Die Furstin hat dies Jahr die Okonomie an den Nagel gehangt und ist der Wirtschaft so uberdrussig geworden, als wenn sie mit uns auf unserm Bauergutchen gewohnt hatte. Halb ist sie dafur zur Jagerin und halb zur Fischerin geworden. Ihre kriegerischen Zeitvertreibe haben einen rechten Nimrod aus Deiner friedfertigen Ulrike gemacht: ich bekriege alles, was Odem hat: aber ich lasse mich nur mit der hohen Jagd ein, mit Sperlingen, Meisen und Finken. Die Furstin mit ihren beiden Leibjagerinnen denn Fraulein von Limpach hat die Gicht in beide hochwohlgeborne Fusse bekommen , wir drei Jagerinnen haben den ganzen Sommer uber wenigstens zehn Pfund Pulver und Blei verschossen, und dem Himmel sei Dank! wenigstens drei Sperlinge und vier nem Gewissen, aber ich kann es beschworen, dass ich den Mord ohne Vorsatz beging. Gewohnlich schoss ich immer los, wenn die andern anlegten, um die Vogel zu warnen, dass sie wegflogen: aus der namlichen christlichen Absicht schiess ich einmal in einen Kirschbaum, und siehe da! es fallt eine Meise herunter. Ich zitterte vor Schrecken und hatte beinahe geweint, als der gute Narr heruntersturzte, nahm sie auf und dachte, er ware vielleicht wegen Schwache der Nerven uber den Spass in Ohnmacht gefallen: aber nein, er war tot, sosehr man es nur sein kann. Die Furstin behauptete, er hatte die Gicht gehabt wie die Limpachin, ware vor Schreck heruntergefallen und hatte den Hals gebrochen; und ich glaub es gern, damit ich an keinem Totschlage schuld bin. Die armen Vogel in der ganzen umliegenden Gegend waren uns zuletzt so gram geworden, dass sie davonflogen, als wenn sie das Ungluck jagte, sobald sich nur eine von uns Scharfschutzinnen blicken liess.
Wenn uns die Hitze das Jagen lastig machte, setzten wir uns an den Fluss und warfen unsre Angeln aus: viele Stunden sassen wir da wie angepflockt, ohne Bewegung und Sprache, und brachten meistens so viele Weissfischchen zusammen, dass jedermann des Abends bei der Tafel einen halben bekam. Das Langweilige dieser Zeitverkurzung ist unbeschreiblich: wenn die Fische herumgeflogen waren, so hatte ich sie mit dem Munde fangen konnen, so hab ich gegahnt. Arnold setzte sich bei dieser Gelegenheit durch seine ganz einzige Geschicklichkeit, die Regenwurmer an die Angel zu stecken, in die vollkommenste Gnade bei der Furstin, die ihn vorher so wenig leiden konnte, dass sie ihn den Hofaffen nannte; aber seitdem er seine Verdienste so vorteilhaft gezeigt hat, gefallt ihr der Mann samt seinen Possen ungemein wohl. Er hat bei unserm Sommeraufenthalte die wichtigste Rolle gespielt: wenn Hitze und Langeweile alle Kraft und Lust zur Tatigkeit niederdruckte, trat er mit dem Apotheker oder, war dieser in der Stadt, mit einem andern Einfaltspinsel auf, und beide spielten zusammen ein burleskes Intermezzo, welches meistens darauf hinauslief, dass der unverschamte Narr den blodsinnigen Narren zu seinem Narren machte. Ich begreife nicht, ob ich das Lachen verlernt habe: die Schwanke, die der Herr von Troppau mit Mr. de Piquepoint und den andern Souffre-douleurs unsrer Abendgesellschaft in Berlin vornahm, belustigten mich zuweilen, dass ich daruber lachen musste, sooft ich mich ihrer erinnerte; und hier sitze oder steh ich da wie die Bildsaule des Cato, wenn alles rings um mich vor Lachen bersten will: nur der Furstin zu Gefallen, damit sie meine Ernsthaftigkeit nicht ubelnehmen soll, lache ich mit, sooft sie mich ansieht. Ich hore kein Wort von den schalen Einfallen, sondern traume fur mich und lache also sehr oft bei Gelegenheiten, wo es gar nichts zu lachen gibt, bloss weil mich die Furstin anblickt: nun geht wieder das ewige Fragen an, warum ich lache, und ich weiss niemals zu sagen warum, weil ich die rechte Ursache nicht entdecken darf. Entweder mir oder den Possen muss etwas fehlen vermutlich mir! Alle Zeitvertreibe sind so kalt, so affektlos, blosse Mittel, die Zeit zu wurgen; alle Vergnugen beruhren meine Empfindung so flach und dringen mir weder an Geist noch Herz: aber was macht es? ich sehe nichts mehr mit den Augen der Liebe: die Liebe vergoldete sonst alle Gegenstande um mich her mit Sonnenschein: die Liebe spannte meine Einbildung, dass sie jedem Blatte, jedem Luftchen, jedem Insekt geheime Beziehungen auf mich mitteilte, gab allem, was um mich war, Regsamkeit, Leben, Interesse, Warme und erhohte in mir jedes Gefuhl zur Berauschung. Das war eine Welt! Gott! wenn ich noch an das erste Jahr denke, das wir auf dem Bauergutchen zusammen verlebten! Da hatte alles so einen frischen Anstrich, so eine Lebhaftigkeit, so ein Feuer! Freilich war der frische Anstrich nur in meinem Kopfe und die Lebhaftigkeit und das Feuer nur in meinem Herze: mag es! Ich befand mich doch millionenmal besser dabei als itzo in der kahlen Alltagswelt, wo mir alles so matt, trage, leblos, kalt, ohne Geist und Interesse dahinschleicht wie ein elendes Schattenspiel an der Wand.
Diesen Winter will die Furstin eine Fabrik bei sich anlegen: Hoffraulein, Hofjungfern und Hofmadchen sollen in ihrem Zimmer sich alle Nachmittage versammeln und spinnen, stricken, nahen, und unsre Fabrikwaren sollen unter die armen Leute ausgeteilt werden. Der Einfall gefallt mir uberaus wohl, und die erste Versammlung aller jener Fabrikantinnen, die gleich den Tag nach unsrer Ankunft vom Lande und seitdem nicht wieder geschah, hat mich belustigt, wie mich noch nichts am Hofe belustigt hat. Stelle Dir einmal ein grosses Zimmer vor; in der Mitte die Furstin an einem Tische voll Flachs, Garn, Leinewand, Zwirn, grober und feiner Wolle lauter Materialien, die sie unter die Arbeiter ihrer Fabrik austeilt! Im Halbzirkel vor ihr sitzen alle ihre Gesellen, bei der Tur schnurren drei Madchen mit Spinnradern; daneben die podagristische Limpachin mit einer grossen Haspel vor sich, wovon sie grobes baumwollenes Garn zu einem Paar grauen Mannsstrumpfen abwindet; dann ein Madchen, mit einem Hemde fur einen Bettler beschaftigt, der vielleicht seit Jahr und Tag nur kein ganzes gehabt hat; dann ein anders mit einer Kinderhaube unter der Arbeit; und endlich vier bis funfe, worunter auch meine Wenigkeit gehort, mit Stricknadeln bewaffnet, mit wollnen und zwirnen, grossen und kleinen Mannsund Weiberstrumpfen, worunter jede die andre uberholen, jede das grosste Stuck Arbeit liefern will. Die Furstin strickt fur einen alten Mann, den sie vorigen Winter barfuss gesehn hat, ein Paar tuchtige, derbe, warme Winterstrumpfe, und ich arbeite fur eine arme, alte Witwe, die der Schlag geruhrt hat. Weil ich so gut Marchen erzahlen kann, wie man mir schuld gibt, so habe ich unstreitig den wichtigsten Posten in der ganzen Gesellschaft; denn ich muss arbeiten und erzahlen. Damals sassen wir mit ununterbrochner Emsigkeit von vier Uhr des Nachmittags bis des Nachts um halb zwolfe, und die kalte Kuche, die man des Abends herumgab, wurde nur nebenher eilfertig hinuntergeschlungen, ohne dass es die Arbeit storte, dem Bedienten das Glas abgenommen, hastig ein Schluck getan, und nun gleich wieder an die Arbeit! Wir waren insgesamt so vergnugt und freudig, und dies ganze Bild der Arbeitsamkeit fur mich so einnehmend, dass mir meine Marchen noch einmal so lustig gerieten; denn Du musst wissen, ich habe eine so starke Belesenheit in diesem Fache bei der Furstin bekommen, dass ich itzt alle Bucher verachte und meine Marchen selber erfinde, oft aus dem Stegreife, und meine selbsterfundnen tun meistens mehr Wirkung als die gedruckten; denn ich mache sie so abenteuerlich, dass meinen Zuhorern alle Sinne vor Verwundrung stillstehn, wie nur so entsetzliche Dinge in der Welt vorgehen konnen. Ich habe seitdem die Furstin fleissig an ihre Fabrik wieder erinnert, aber sie scheint an dem ersten Male genug zu haben: wenn das so fortgeht, wird der arme Alte seine warmen Winterstrumpfe wohl unter sechs Jahren noch nicht bekommen, und meine lahme Witwe mag sich auch beizeiten anderswo versorgen, ehe die starke Kalte einbricht.
Von Ulriken.
den 16. April.
Nun hab ich erfahren, warum den ganzen Winter uber die Furstin so misstrauisch, so zuruckgezogen und kalt gegen mich tat: aber ich mocht es lieber nicht erfahren haben, da es ohne das Ungluck einer Person nicht geschehen konnte, die ich freilich fur etwas anders hielt, als sie sich nunmehr gezeigt hat. Du wirst vermutlich gehort haben, dass Fraulein Ahldorf neulich den Hof plotzlich verlassen musste, und vermutlich hat Dir auch das Gerucht hinterbracht, dass ich ihren Abschied bewirkt habe: aber das Gerucht ist eine Luge, von Leuten erfunden, die mich verhasst machen wollen. Ich will Dir die wahre Geschichte erzahlen.
Die Furstin war sonst der Fraulein nicht gram, aber auch wegen ihrer erstaunlichen Faselei nicht sonderlich gewogen, und noch den vorigen Sommer auf der Jagd und bei dem Angeln musste das arme Madchen lappisches Wesen anhoren, und die Furstin nannte sie immer gegen mich ihren Kammerhusaren. Auf einmal, als wir vom Lande zuruckgekommen waren, anderte sich die Szene: ich wurde zuruckgesetzt, durfte wenig und zuletzt fast gar nicht mehr um die Furstin sein: die Ahldorfin bekam alle Gnade und alle Last, die ich vorher genossen und getragen hatte. Ob ich gleich im Grunde mehr Ruhe dabei gewann, so nagte mich doch die Zurucksetzung nicht wenig: jedermann schmeichelte mir sonst, woran mir wenig lag, jedermann wartete mir auf, auf den Wink gehorchte man mir; itzt war ich wie verlassen, man drehte mir den Rucken zu, alle brachten ihren Witz und ihre Hoflichkeit der Fraulein Ahldorf zum demutigen Opfer, und niemanden fand ich unverandert als mein Madchen. Am meisten machte sich noch zuweilen der Furst mit mir zu schaffen: er spricht sehr gut, wenn er will, und seine Unterhaltung hielt mich fur alle andern schadlos; aber sie war niemals lang, weil gleich von allen Seiten Leute herbeikamen, die ihn von meinem Gesprache abzogen. Ich konnte mit allem meinen Verstande die Ursache einer so schleunigen Veranderung nicht erforschen, besonders da Madam Dormer mich so ausserst selten besuchte, niemals kam, wenn ich sie nicht drei-, viermal bitten liess, und allemal kaum funf Minuten dablieb. Auf einmal wurde ich letzthin aus meiner Unwissenheit gerissen.
Ich gehe durch das Vorzimmer der Furstin, um mich zu erkundigen, ob auf den Abend Spiel bei ihr sein wird: ich finde alles leer, aber in ihrem Zimmer wurde stark gesprochen. Die weibliche Neubegierde treibt mich an, ein wenig stillzustehn, um zu horen, ob vielleicht die uble Laune einmal regierte: es war des Fursten Stimme, und da ich meinen Namen zweimal hintereinander nennen horte, glaubte ich, mit volligem Rechte neugierig sein zu konnen, warum er genennt wurde. Der Furst bat die Furstin mit seinem eignen gesetzgebenden Tone er bittet alsdann mit den Worten und befiehlt mit der Stimme , bat sie ernstlich, der Fraulein Ahldorf augenblicklich den Abschied zu geben. Die Furstin bat fur sie, aber er bestund darauf und befahl der Fraulein, innerhalb einer Stunde das Schloss zu raumen, wofern sie sich nicht grossern Unannehmlichkeiten aussetzen wollte. Dass er ihr dies selbst sagte, dazu gehorte ein hoher Grad von Zorn: weil sich die Stimme darauf der Ture naherte, wischte ich davon. Indem ich durch den Gang gehe, der an das Vorzimmer stosst, treffe ich mit einer von den Jungfern zusammen, die auf der andern Seite in dem Nebenzimmer formlich gehorcht hat. Sie tat so freundlich gegen mich und machte mir eine so tiefe Verbeugung, als ich den ganzen Winter uber nicht von ihr bekommen hatte: das war eine gute Vorbedeutung: "O ich habe Dinge gehort!" fing sie an leise auszurufen. "Darf ich mit Ihnen auf Ihr Zimmer gehn? Ich habe Ihnen recht vieles zu sagen, das Ihnen Freude machen wird." Ich nahm sie mit mir, und wir waren kaum ins Zimmer hinein, so hub schon die Erzahlung in ihrer gewohnlichen exklamatorischen Manier an. "Ach, ich habe Ihnen Dinge gehort!" rief sie aus. "Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was fur Dinge! Ich musste der Furstin ein Kleid aus der Garderobe bringen, woran etwas geandert werden soll: indem wir so reden, tritt der Furst herein. Die Furstin erschrak uber den unvermuteten Besuch, und ich machte, dass ich uber Hals und Kopf mit meinem Kleide ins Nebenzimmer kam. Der Furst sah mir entsetzlich bose aus, und ich horchte deswegen, was es einmal geben wurde. Ach, da hab ich Ihnen Dinge gehort! Ich kann's gar nicht sagen."
Die Wunderdinge kamen lange nicht zum Vorschein: endlich erfuhr ich folgendes: Der Furst befiehlt der Fraulein Ahldorf, die auch das Zimmer verlassen will, dazubleiben und fragt sie geradezu, ob sie der Furstin nicht uberredet habe, dass er gestern auf meinem Zimmer gewesen sei; ob sie ihr nicht erzahlt habe, dass er da, dort und hier mit mir allein gewesen sei; und eine Menge andere Fragen, die alle ahnliche Beschuldigungen wider ihn und mich enthielten. Ich kann mir ihn vorstellen, wie er das alles gefragt haben mag: er nimmt in solchen Fallen einen ganz eignen kalten Ernst an. Da die Fragen vorbei sind, befiehlt er ihr, dass sie gestehn soll. Die Ahldorfin ist vor Schrecken ausser sich, weiss sich nicht zu helfen, weint, wirft sich dem Fursten zu Fussen in der Angst: er befiehlt ihr aufzustehn und gebietet noch einmal mit scharferem Tone, dass sie gestehn soll: in der Furcht beichtet sie alles. Darauf bittet er die Furstin mit seinem befehlenden Tone, eine solche freche Klatscherin, die sich so unverschamte Lugen erlaubte, nicht langer um sich zu dulden, und befiehlt der Fraulein, das Schloss zu raumen, was ich selber horte. Nach dieser Szene wurde ein entsetzlicher Aufruhr; alles setzte sich in Bewegung, Vorbitten einzulegen, aber umsonst. Der Furst ist in solchen Fallen unerbittlich, besonders wenn es darauf ankommt, sein Ansehn wider unser Geschlecht zu behaupten, von dem er uberhaupt keine hohe Meinung zu haben scheint, so artig und galant er ihm auch begegnet. Von Mannspersonen lasst er sich leicht einnehmen, aber gegen das Frauenzimmer auch seine eigne Gemahlin dazu gerechnet steht er auf der Hut, und er gibt eher seinem Kammerdiener nach als der Furstin: er beleidigt sie nie, sondern behandelt sie mit ungemeiner Achtung und Hoflichkeit, aber wenn er einmal etwas befohlen hat und sie bittet, den Befehl abzuandern, dann lasst er sich nicht bewegen, sollte auch ihre Bitte die grosste Billigkeit und sein Befehl die grosste Unbilligkeit sein. Er soll selbst einmal gesagt haben, dass ein kleiner und grosser Furst das andre Geschlecht achten, aber nicht lieben und ihm alle Bitten abschlagen musse, damit er ihm keine schadliche gewahrte. Ganz genau folgt er seiner Maxime nicht, und bei aller Vorsichtigkeit und allem Misstrauen muss er sehr vielfaltig tun, was die Weiber wollen, wenn sie nur mannliche Maschinen dazu gebrauchen: das wird alles durch den dritten, vierten Mann bewerkstelligt. Itzo ist Arnold das grosse Triebrad, das ihm mit Spass und feiner Schmeichelei seinen Willen und seine Gedanken umdreht, und dies grosse Triebrad wird von einem kleinern umgedreht, das Madam Dormer heisst: wer dieses verborgne Rad recht zu seinem Vorteil zu stellen weiss, dem zeigt der Weiser, wie er's wunscht.
Von Ulriken.
den 27. April.
Arnold versichert mich, dass er dem Fursten die Klatscherei der Fraulein Ahldorf entdeckt hat, und behauptet, dass ihr Bewegungsgrund nicht bloss Neid gegen mich, sondern auch Bosheit gegen den Fursten gewesen sei, um sich fur die Kalte zu rachen, womit er ihre Bemuhungen, sich in Gunst bei ihm zu setzen, aufgenommen habe; und sie soll sich ihm in Gunst haben setzen wollen, um sich an der Furstin fur den hat. Es mag kein Wort davon wahr sein; denn da sie in Ungnaden fortgeschickt worden ist, halt es jedermann fur seine Pflicht, ihr die abscheulichsten Dinge nachzusagen: sie musste ein Ungeheuer sein, wenn sie so ware, wie man sie itzt allgemein abbildet.
Fur mich will Arnold bei dem Fursten und der Furstin sehr vorteilhaft gesprochen haben, und die allmahlich wiederkehrende Gnade der letztern soll sein Werk sein: auch fur Dich will er nunmehr sorgen, dass Du aus dem Hause des Prasidenten in einen bessern Platz kommst. "Ich bin ein rechter Schurke, dass ich an meinen besten Freund nicht eher gedacht habe", sagte er, "aber ich will's schon einbringen: geben Sie nur acht, was alles aus ihm werden soll." Spricht der Mann nicht wie ein wahrhafter Maitre-valet! Ich will's ihm herzlich gern glauben, dass er der Urheber meiner neuen Gunst ist, wenn er nur fur Dich etwas ausrichtet. Auch kann er wohl die Wahrheit gesagt haben. Wie wollt ich den Mann lieben und achten, so wenig ich es itzo kann, wenn er nur mit einem Finger dazu hulfe, Dich emporzuheben! Der Gedanke, Dich emporgekommen zu sehn, belebt mich inniger und susser als die neuerlangte Gnade: dann gab ich ihm die Erlaubnis, ein Stocknarr und ein Erzschurke zu sein, ohne ihn zu hassen.
Madam Dormer gab sich die Ehre, bei dem Vorfalle mit der Fraulein Ahldorf ein wenig zu vorwitzig zu sein, und bekam von der Furstin ein sehr empfindliches Kompliment daruber. Die Furstin ist ihr um der sonderbaren Ursache willen nicht mehr gewogen, weil ihr der Mann davongelaufen ist: sie behauptet, dass allemal die Frau nichts tauge, wenn sich der Mann auf so eine Art von ihr trennt; und Dormer war doch allgemein fur den luderlichsten Menschen unter der Sonne bekannt. Es argerte mich, aus so einem seltsamen Grunde einen unverschuldeten Groll auf die arme Frau geworfen zu sehn, und ich wurde in ihrer Verteidigung so warm, dass mir die Backen gluhten, als die Furstin mit mir neulich von ihr sprach; aber sie gebot mir zu schweigen. Wahrhaftig, man konnte uber die Witterung der Gnade einen eignen Hofkalender machen: allein ich mochte mich auf diese Wetterprophezeiungen so wenig verlassen als eine Wasche heute anfangen, weil mir der Almanach morgen schonen Sonnenschein zum Trocknen verspricht.
Von Ulriken.
den 12. November.
Nur zwei Worte, damit Du weisst, dass ich noch schreiben kann! Diesen Sommer sind wir auf dem Lande Gartnerinnen gewesen, haben Blumen, Kohl, Gurken gesteckt, gesat, gepflanzt, dem Gartner alle Beete verdorben und ein schlechtes Jahr gemacht; hatte weder Segen noch Gedeihen. Was wir sonst noch getan haben? Verdruss und Langeweile gehabt. Die beiden Ungeheuer werden mich noch aufreiben. Ach, die schreckliche Leerheit in meinem Herze!
Von Herrmannen.
den 3. Dezember.
Mit Erstaunen habe ich mich neulich von meinem Kalender belehren lassen, dass ich schon zwei Jahre in meinem Platze zugebracht habe. Wie sie mir verflogen sind! als wenn ich sie in Deinen Armen, an Deiner Seite verlebt hatte! Nie glaubte ich, dass Arbeit und eifriges Streben nach einem vorgesetzten Zwecke die Flugel der Zeit so schnell bewegen konnte. Nur die Liebe, bildete ich mir ein, vermochte das Wunder zu tun, dass Wochen und Monate unbemerkt wie Gedanken dahinflogen: aber nein, auch Tatigkeit und Rennen nach einem festen Ziele vermag es. Wenn mein Nachsinnen ermattete, wenn Verdruss und unerfreuliche Begegnung vom Prasidenten meinen Mut schlaff machte: dann dachte ich, fur wen, um wessentwillen ich meine Krafte anspannte. "Ulrike ist der Kranz", sagte ich mir, "Ulrike der Lohn, der am Ende der Laufbahn auf dich wartet: laufe, renne, arbeite dich tot oder erringe sie!" Wie der herabstromende Einfluss einer Gottheit starkte mich die Aussicht auf mir ihn als entfernt, als zu hoch hangend, als ein blosses Vielleicht darstellten, dann rang und kampfte ich mit neuer Arbeit, um die Wahrscheinlichkeit dieses Vielleichts zu erhohen.
Ich habe ihn geendigt, den Plan, habe mich mit den Verfassungen des Landes, mit den zahlreichen Mangeln und Gebrechen der hiesigen Einrichtung bekanntgemacht, habe mir Kenntnisse aus Buchern und der Erfahrung andrer gesammelt, habe unermudet gefragt, gesucht, gelesen, gesonnen und so manche nutzliche Anstalt und Verbesserung ausgedacht, wodurch dem Ganzen, der Regierung und einzelnen Einrichtungen geholfen werden konnte, habe in meinem Kopfe einen Plan erzeugt, ein Ideal, nach welchem ich bei allen Vorschlagen in meiner kunftigen Bestimmung verfahren will. Wie froh bin ich, endlich in eine Laufbahn hingezogen zu sein, wo ich fur mehr als meinen Nutzen und mein Vergnugen arbeiten soll; und wer zog mich hin? Du, Du, Ulrike! Du, deren Hande Leben, Wohlsein, Gluck und Ehre uber mich verbreiten und noch reichlicher verbreiten werden!
Meine bisherigen Beschwerlichkeiten waren nicht gering: Du seufzest uber die aprilmassige Veranderlichkeit der Gunst, uber die Schmerzen, die Dir die schlimme Laune Deiner Gebieterin zuweilen auflegt, uber Neid, uber Langeweile: von allen diesen Ubeln war ich wohl frei, aber mich druckten andre. Der Handlanger als etwas Bessers kann ich mich furwahr nicht betrachten , der Handlanger eines Mannes zu sein, der in dieser Minute, wenn ich seinem Gimpel oder seinen Turteltauben eine Gute getan habe, mir mit bruderlicher, beschamender Vertraulichkeit begegnet und in der folgenden wie ein orientalischer Despot befiehlt und aufgewartet sein will; der in dieser Stunde dringend und treibend mit der aussersten Scharfe etwas anbefiehlt, eine halbe Stunde darauf schon vergisst, dass er's befohlen hat, und das Gegenteil gebietet oder sich wohl gar einbildet, das Gegenteil befohlen zu haben, und zurnend auffahrt, wenn man tat, was er ausdrucklich verlangte; der weder Widerspruch noch Entschuldigung ertragt, keine Vernunft hort, weder nach Plan noch Grundsatzen, sondern bloss nach augenblicklichen, vorubergehenden Einfallen handelt und anordnet; der in allem, was er denkt und tut, keine Regel als seinen Eigennutz kennt und keine Mittel verschmaht, ihn zu befordern, wovon ich die himmelschreiendsten Beweise erfahren habe, seitdem ich verpflichtet worden bin und also nicht mehr bloss in seinen Privatgeschaften, sondern auch in Sachen seines Amtes gebraucht werde; dem nicht ein Finger weh tut, wenn gleich das halbe Land zugrunde ginge, und der doch ausser sich gerat, sobald sein Gimpel nicht fressen will: wie muss man sein Gefuhl verharten und seinen Unwillen zuruckhalten, welche Leiden und innerliche Kampfe muss man erdulden, wenn man einem solchen Manne dient. Sein Beruf ist ihm eine leichte Feder, die er spielend dahin blast, wohin sie der Wind treiben will: ich glaubte von ihm gottliche Weisheit zu lernen, und auch die bekanntesten Dinge, worauf ihn tagliche Erfahrung leiten sollte, sind ihm fremd und unwichtig. Ich bin vor Erstaunen ausser mir selbst geraten, wie er mich von sich wies, als ich mir neulich die Freiheit nahm, in einer seiner vertraulichen Launen uber verschiedene Einrichtungen und Anstalten zu sprechen, die nach meinem Bedunken dem Lande so not tun, meine Meinung daruber als bescheidne Zweifel und Fragen vorzulegen, woruber ich Belehrung von ihm zu erhalten wunschte: er gebot mir von dergleichen Zeuge zu schweigen, das weder ihn noch mich etwas anginge, und etwas Gescheiteres zu sprechen; und doch waren es Dinge, deren Besorgung seinen Handen anvertraut ist! und doch war dieses gescheitere Gesprach, das er an die Stelle des meinigen setzte, eine Unterredung uber die letzte Krankheit seines Gimpels! Aber ich will sie zerbrechen, die schimpflichen Ketten, die Ketten eines Galeerensklaven, die ich bisher ohne Murren getragen habe, weil ich mich erst durch Kenntnisse und Erfahrung in den Stand setzen wollte, allen die Spitze zu bieten, deren Widerstand ich befurchten muss, wenn es mir gelingt, zu den Ohren des Fursten durchzudringen. Die Unordnungen, Ungerechtigkeiten und widersinnigen Dinge, die ich taglich schreiben muss, lassen mich nicht langer ruhen: ich gehe herum wie ein Mensch, den Gewissensangst peinigt, dass ich alles das weiss und verhehle: ich kann es, so wahr ich lebe, nicht langer verhehlen, wenn ich nicht gleich strafbar mit dem Urheber werden will: ich bin es schon, dass ich meine Hande dazu hergab und es schrieb. Ich will ein Wagestuck unternehmen, es gelinge oder nicht: entweder jagt man mich mit Schimpf und Schande fort, oder man erkennt meine gute Absicht und belohnt mich. Sei der Ausgang, welcher es wolle, ich befriedige Ehre und Gewissen; und wenn diese beiden fur mich sind, dann mag die halbe Welt wider mich sein, ich furchte sie nicht.
Beunruhige Dich nicht uber mein Unternehmen, da ich Dir es nicht entdecke! Angstige Dich nicht, wenn Du etwa bald horst, dass ich plotzlich die Stadt verlassen musste; wenn alles von mir ubel spricht, mir meine Verjagung als eine verdiente Strafe gonnt und jedermann mich der tollsten Unverschamtheit, der Undankbarkeit, der Verleumdung und der Himmel weiss welcher Verbrechen mehr anklagt; das sind alles Stimmen, aus einem Sprachrohre gerufen, um meine Verjagung zu beschonigen und mein Zeugnis wider die Ungerechtigkeit unkraftig zu machen; glaube solchen Nachreden so wenig, als ich dem Geruchte glaubte, da es Dich beschuldigte, dass Du die Gunst Deiner Furstin missbrauchtest, um eine Fraulein Ahldorf zu verdrangen! Ich handle, wie ich soll; und nicht so zu handeln soll mich weder uble Nachrede noch Ansehn, Elend und Mangel, und, was noch mehr als alles dieses ist, selbst die Gefahr, Dich auf immer zu verlieren, nicht bewegen. Wenn ich Dich zurucklassen muss, so troste Dich uber mein Schicksal damit, dass ich mir durch eine so plotzliche Trennung den Martyrerkranz der Ehrlichkeit erwarb.
Zwolfter Teil
Erstes Kapitel
Herrmanns gefahrliches Wagestuck, dessen er in dem vorhergehenden Briefe gedenkt, war die Entdeckung aller Kniffe, Kunstgriffe und Praktiken, die der Prasident gebrauchte, mit einem Teile der furstlichen Kasse zu wuchern, wahrend dass unter dem Vorwande des Geldmangels alle Anfoderungen an dieselbe abgewiesen, verschoben, vertrostet und oft die Auszahlung der geringsten Besoldungen ausgesetzt wurde. Er suchte eine Gelegenheit, den Fursten allein zu sprechen und ihm das ganze eigennutzige System, des Prasidenten vorzulegen, um welches er allein zu wissen glaubte, ob man gleich offentlich daruber klagte, schmalte und fluchte und nur gegen ihn zuruckhaltend tat, weil er zum Hause des Herrn von Lemhoff gehorte und in dem Verdachte stund, dass er der Handlanger der Ungerechtigkeit sei. Madam Dormer und alle ubrigen Virtuosen des Hofs hassten seit langer Zeit den Prasidenten bis auf den Tod: sein unharmonisches Gemut hatte eigentlich niemals Neigung fur die Musik gefuhlt, sondern war ihr vielmehr gram, und er gab sich nur einige Zeit die Miene eines Liebhabers, hielt fleissig Konzerte bei sich, unterhielt sich viel uber die Tonkunst, ohne das mindeste davon zu verstehen, bloss um der Liebhaberei des Fursten ein Kompliment zu machen: da bei diesem der Eifer erkaltete und sich mehr zur Malerei hinlenkte, liess der Prasident keinen Geigenstrich mehr in seinem Hause tun, wurdigte Sangerin, Geiger und Flotenblaser kaum eines Blicks und drang bei jeder Gelegenheit auf ihre Abdankung: alle litten auf seinen Betrieb eine Verminderung des Gehalts. Herrmann glaubte also durch Madam Dormer und Arnolden den sichersten und geheimsten Kanal zum Fursten zu finden: er vertraute sich ihr an, sie ermunterte ihn in seinem Vorsatze, teilte ihn Arnolden mit, und beide ergriffen die Gelegenheit, dem Prasidenten zu schaden, mit so grosser Freude, dass Herrmann schon den folgenden Tag zu Arnolden beschieden wurde. Unter dem Schein eines Besuchs ging er zur bestimmten Stunde zu ihm, Arnold passte die Zeit ab, wo der Furst sich allein auf seinem Zimmer mit Zeichnen zu beschaftigen pflegte, und brachte ihn so weit, dass er Herrmanns Anbringen horen wollte. Herrmann tat seinen Vortrag mit unerschrockner Freimutigkeit, uberreichte die Beweise, die er mitgebracht hatte, seine Beschuldigungen zu unterstutzen, und machte einen kurzen Abriss von der Verfahrungsart des Prasidenten und den Unordnungen, die desselben Nachlassigkeit, Unwissenheit und Eigennutz veranlassten: alles war durch unverwerfliche Grunde so sonnenklar, dass auch nicht ein Zweifel dawider stattfand. Der Furst horte ihn gelassen an und liess nicht die mindeste Verwunderung und noch viel weniger Unwillen in seinem Gesichte blicken: er sah die uberreichten Schriften fluchtig durch, gab sie Herrmannen zuruck und sagte lachelnd: "Ich weiss dies alles: das Geheimnis soll unter uns bleiben: ich danke indessen fur den guten Willen." So schloss sich die Audienz.
Herrmann schwebte viele Tage in Ungewissheit uber die Wirkung seiner Entdeckung: Arnold versicherte ihn zwar, dass sie der Furst sehr wohl aufgenommen zu haben schiene, setzte aber auch mit Betrubnis hinzu, dass sie vermutlich ohne schadlichen und guten Effekt bleiben werde, weil ihm der Furst Stillschweigen geboten hatte, als er in einem gunstigen Augenblicke Herrmanns Aussage verstarken wollte. Madam Dormer mit ihrem unruhigen Geiste und heftigen Affekten konnte die ersten Tage weder essen noch trinken, noch schlafen. "Ich sank (zanke) mich mit die Furst", sprach sie immer, "wenn Sie noch langer bleib die dupe von die Prasident abominable." Es blieb, wie es war: Madam Dormer zankte sich nicht mit dem Fursten, und der Furst schien sich auch vor ihrem Zanke nicht zu furchten; denn er blieb wie vorher 'die dupe von die abominable Prasident'.
Arnold suchte wenigstens die Gelegenheit zum Vorteil seines Freundes zu nutzen, um ihn aus seinem gegenwartigen Platze zu erlosen, welches Herrmann um soviel eifriger wunschte, da er der Ungerechtigkeit nicht dienen wollte, wenn er sie nicht hindern konnte. Der Furst lobte ihn gegen Arnolden wegen seines Anstands, seiner bescheidnen Dreistigkeit und besonders wegen seiner warmen Ehrlichkeit, verriet auch sehr viel gute Meinung von seinen Talenten und seiner kunftigen Brauchbarkeit: aber auf den Hauptpunkt, den Arnold betreiben wollte, gab er nie Antwort. Bei der nachsten besondern Unterredung mit dem Prasidenten verlangte er, dass Herrmann bei seinem Kollegium als uberzahlig angestellt werden sollte, bis sich ein Platz fur ihn erledigte, und bestimmte selbst seinen einstweiligen Gehalt: der Prasident machte Schwierigkeiten, dass er ihn ungern in seinen eignen Angelegenheiten entbehrte, "aber doch diese Unentbehrlichkeit gegen Eu. Durchl. Befehl in gar keine Betrachtung ziehen wurde noch durfte, wenn nur nicht alle Gelder schon ihre Anweisung hatten"; dass es also schlechterdings unmoglich ware, eine Quelle fur die verlangte Besoldung ausfundig zu machen. Die Schwierigkeiten und die Berechnungen, wodurch er sie wahrscheinlich machte, waren unendlich: der Furst horte ihn lange an und sagte nichts, als dass er die Besoldung aus seiner Schatulle zu geben versprach. Auch hier wollte ihm der Prasident die Unmoglichkeit zeigen, allein der Furst unterbrach seine vortreffliche Beredsamkeit mit einem frostigen: "Ich will." Der Prasident haufte in der Folge die Schwierigkeiten noch mehr, doch konnte er nichts als Verzogerung bewirken; denn Arnold hielt ihm das Gegengewicht sobald ihm der Furst seinen Entschluss in Ansehung Herrmanns gesagt hatte, und rastete nicht, bis der Furst mit einigem Unwillen und durch ernstlichen Befehl der Verzogerung ein Ende machte.
Herrmann konnte in dem Platze eines Subalternen nicht viel mehr ausrichten als vorher: er musste ohne Widerspruch Befehle tun, wenn er sie gleich ausserst missbilligte, und durfte sich seine Missbilligung nicht einmal merken lassen: er musste ohne Murren verkehrte Anstalten machen sehen, die auf einer Seite einen unbedeutenden Nutzen und auf allen andern allgemeinen Schaden stifteten, Anordnungen schreiben oder in Ausfuhrung bringen, bei welchen der entgegengesetzte Erfolg ihres Zweckes ohne sonderliche Einsichten vorauszusehn war, Befehle ausfertigen, die den Gehorchenden schwer druckten und weder dem Gehorchenden noch dem Befehlenden nutzten: der Unwille kochte oft in seiner Brust bis zu den Lippen herauf, aber er bandigte ihn wie ein wildes Ross und schwieg, weil der Furst und alle seine Obern schwiegen und der grausame Despotismus des Prasidenten jede Erinnerung, wenn sie auch in der pflichtmassigen Anzeige einer falschgeschriebnen Zahl bestund, mit Harte von sich wies. Herrmann konnte sich zwar von den eigennutzigen Praktiken seines Vorgesetzten nicht mehr so genau wie sonst unterrichten, aber er nahm sie in ihren Folgen wahr, in der wachsenden Verwirrung aller Finanzangelegenheiten und den allgemeinen Beschwerden, die itzt haufig zu seinen Ohren kamen, weil man ihn nicht mehr fur den Gunstling und Handlanger des Herrn von Lemhoffs hielt. Die Nachsicht des Fursten, seine erkunstelte Blindheit, auch wenn ihm die Unordnung und Unrechtmassigkeit in die Augen fiel, seine Einwilligung in Dinge, die oft der gesunden Vernunft widersprachen, blieb ihm ein ewiges Ratsel: es war weder Indolenz noch Mangel an Einsicht noch gutherzige Schwache, und wenn eine Absicht dahintersteckte, konnte sie doch niemand erraten. Inzwischen hatte doch Herrmanns Entdeckung eine Veranderung bei ihm hervorgebracht, die man mit Verwunderung wahrnahm, ohne ihre Ursache zu erraten: der Furst entsagte seitdem seinen liebsten Ergotzlichkeiten und bekummerte sich mit ungewohnlichem Eifer um alles, oft gar um Kleinigkeiten: die Jagd wurde ganz eingestellt, Zeichnen war itzt sein einziges ubriges Vergnugen, und sein Geschmack fur die Malerei war so herrschend, dass er Gemalde zu einer Sammlung zu kaufen anfing. Kaum hatte der Prasident den ersten Wink von der neuen Liebhaberei, als er schon darauf dachte, Partie fur seinen Nutzen zu ziehn. Er selbst war sowenig Kenner in Gemalden als von irgendeiner andern schonen Kunst, und da er keinen Unterschied zwischen den Gemalden fuhlte, die er einmal im Vorubergehn in der Dusseldorfer Galerie gesehn hatte, und zwischen den Kunstwerken, die ihm der Hofmaler im letzten Fruhling auf den Kalkwanden seines Lusthauschens schuf, so bildete er sich ein, dass es bei allen Menschen und daher auch bei dem Fursten ebenso sein musste. Er gab also dem Hofmaler, der itzo ein geschickter Turenanstreicher und ehemals Dekorationsmaler gewesen war, den geheimen Auftrag, alle Krafte seiner Kunst anzuspannen und ein halbes Dutzend extrafeine Gemalde mit Olfarbe auf Leinwand zu verfertigen, die etwa biblische Geschichten, die vier Jahreszeiten, die vier Elemente oder so etwas vorstellten. Der Maler hatte von der beruhmten Nacht des Correggio vorzeiten etwas gehort, ohne sie jemals gesehn zu haben, und nahm sich also vor, eine Nacht zu malen, die noch tausendmal finstrer sein sollte, als nach seiner Meinung Corregios Nacht sein musste: von dem Inhalte des Gemaldes wusste er nichts und dachte deswegen jenen Kunstler noch zu ubertreffen, wenn er nicht blosse eine Nacht malte, sondern auch etwas darinne vorgehn liess. Er malte eine pechschwarze Nacht, eine wahre agyptische Finsternis, stellte unten perspektivisch eine Gasse hin und vorn einen Nachtwachter mit der Laterne, der eine grosse Schnarre in der Hand schwenkte. Ausser dieser schwarzen Nacht schuf er vier Elemente so deutlich und unverkennbar, dass man sie alle mit den Handen greifen konnte, und eine keusche Susanne, die man fur ein Bordellmadchen hatte halten konnen, machte das halbe Dutzend vollstandig. Alle gefielen dem Prasidenten sehr wohl, nur die Nacht war ihm zu schwarz: der Kunstler stellte ihm vor, dass es eins der beruhmtesten Gemalde in der Christenheit sei, aber es half nichts: es sollten doch wenigstens Laternen auf der Gasse brennen, damit man die Hauser besser sahe; und weil er nicht eher bezahlen wollte, als bis Laternen auf der Gasse brannten, so setzte der Kunstler zwo Reihen dustere Lampen hin. Nun brennten die Laternen nicht helle genug. "Ei", antwortete der Kunstler, "die Gasse ist aus einer Stadt, wo das Lampenwesen verpachtet ist" aber sein Einfall half ihm nicht durch: er musste aus den Laternen flammende Sonnen machen.
Die Schopfung war so heimlich zugegangen, dass niemand am Hof und in der Stadt etwas davon wusste, und der Prasident kundigte dem Fursten mit vielem Gerausche ein halbes Dutzend verschriebne und angekommene Gemalde an wie sechs Wunder der Malerwelt. Der Furst, der seiner Kennerschaft nicht viel zutraute, lachelte und verlangte sie zu sehen: er verbiss mit aller Muhe das Lachen, da er sie erblickte, und fragte nach dem Preise: der Prasident machte es zum Anfange der Kundschaft billig und foderte funf Louisdor fur das Stuck, das er mit einem Dukaten bezahlt hatte. Der Furst liess sogleich die Summe aus der Schatulle auszahlen und machte dem Prasidenten mit allen sechs Gemalden ein Geschenk. "Kaufen Sie in Zukunft nicht mehr von diesem Gemaldehandler!" setzte er hinzu, "er hat Sie angefuhrt; denn unser Hofmaler macht Ihnen solche wie diese das Stuck zu zwei Gulden." Der Prasident wanderte betroffen mit seiner Galerie ab und stellte den Handel ein: er konnte zwar nicht begreifen, wie der Furst seinen Betrug erraten haben sollte, aber er hielt es doch fur kluger, die Gefahr nicht zum zweiten Male zu wagen, zumal da ihm ohnehin die bisherige Veranderung seines Herrn bedenklich schien.
Jedermann fand sie so, wenigstens unerklarbar. Man gab zwar dem Fursten schuld, dass er eine gewisse Unbegreiflichkeit des Charakters erkunstele, mit Vorsatz seine Neigungen oft andre und entgegengesetzte Handlungen tue, damit niemand wissen solle, woran er mit ihm sei, bisweilen bloss, um in Erstaunen zu setzen. So gegrundet die Beschuldigung in andern Fallen vielleicht sein mochte, so war sie doch hier vollig falsch; und Herrmann konnte nunmehr insgeheim mit Vergnugen die Fruchte seiner Ehrlichkeit bemerken, indem andre sich die Kopfe zerbrachen, eine Ursache zu erraten, die sie nicht zu erraten vermochten. Der Prasident traf sie beinahe und hatte Arnolden, Madam Dormer und Herrmannen in Verdacht, doch am meisten den ersten. Seine Politik riet ihm also, diese drei Personen zu gewinnen; und weil er sich einbildete, dass niemand seine Griffe und Schliche wusste als die wenigen Leute, die er zu Gehilfen dazu brauchte, und weil er die Unvorsichtigkeit begangen hatte, Herrmannen fur weniger ehrlich oder in dem Gesichtspunkte, wie es der Prasident betrachtete fur ehrlicher anzusehn und ihn deswegen in seine Karte blicken zu lassen, so musste er diesen am meisten furchten und am meisten huten. Er begegnete ihm daher viel freundlicher und weniger despotisch als allen ubrigen, die unter ihm stunden; und da der Ernst des Fursten, seine Aufmerksamkeit, seine genauen Erkundigungen und argwohnischen Mienen taglich zunahmen, suchte der Prasident durch neues Vertrauen und Vorteil einen Mann an sich zu ziehen, der sein voriges Vertrauen entweder gemissbraucht hatte oder missbrauchen konnte. Er liess also Herrmannen unter dem Vorwande, dass sein Gimpel sich in sehr kritischen Gesundheitsumstanden befinde, zu sich kommen und brachte das Gesprach nach mancherlei Wendungen auf seinen Hauptzweck. "Sie werden", sagte er ihm, "bei mir zuweilen Papiere abzuschreiben gehabt haben, woraus man schliessen konnte, als ob ich mannigmal Bezahlungen, die mich betreffen, an furstliche Kassen stellte: ich leugne auch nicht, dass es einmal oder zweimal geschehn sein mag. Ich habe, wie Sie wissen, einen kleinen Verkehr mit Weinen, Pelzwerk und andern Dingen: zuweilen kommt einen eine plotzliche Bezahlung auf den Hals; man kann etwas um ein Spottgeld gegen bares Geld bekommen, wenn es die Verkaufer gerade benotigt sind; man hat nicht allemal gerade soviel liegen, und ich habe also ein paarmal in hochstwichtigen Vorfallen meine Zuflucht zu der furstlichen Einnahme genommen. Es ist zwar nicht das mindeste Bose dabei denn ich habe die geborgten Summen jedesmal ehrlich und redlich wieder ersetzt , aber da es ohne Vorwissen des Fursten geschehen ist, konnte es doch Verdacht und Unwillen wider mich erregen oder von einem Feinde genutzt werden, mich in Ungnade zu bringen: ich bitte Sie also, schweigen Sie davon! Ich werde mich gewiss als ein wahrer, guter Freund dafur bezeugen. Ihre Besoldung ist klein, und ich begreife nicht, wie Sie davon leben konnen: ich habe schon langst darauf gedacht, wie ich Ihnen die treuen Dienste belohnen soll, die Sie mir in meinem Hause geleistet haben; aber in dem schrecklichen Wirbel von Geschaften kommt man gar nicht recht zu sich, man vergisst seine besten Freunde: Sie wissen ja, ich muss allenthalben sein und auch fur Sachen sorgen, die mich eigentlich gar nichts angehn, da der Furst nun einmal sein Vertrauen und seine Gnade auf mich geworfen hat. Aber es ist mir heute eingefallen, dass ich Ihnen schon lange einen jahrlichen Zuschuss habe geben wollen: hier will ich das Versaumte wieder einbringen: Sie sollen in Zukunft alle Jahre soviel bekommen, und wenn Sie sonst Geld brauchen, wenden Sie sich an mich, gerade an mich! meine ganze Borse steht Ihnen offen."
Herrmann wehrte das Paket, das er ihm bei diesen Worten anbot, von sich ab. "Nein", sprach er, "ich danke fur Ihr Geschenk: es konnte den Anschein haben, als wenn Sie meine Verschwiegenheit dadurch erkaufen wollten."
Der Prasident. Behute! behute! wer wird denn so etwas denken?
Herrmann. Freilich sollte man nicht! denn Sie sagen ja selbst, dass ich nichts Boses zu verschweigen habe: was nicht bose und unerlaubt ist, kann uberall gesagt werden.
Der Prasiden. Es ist nur um der bosen Leute willen, die etwas Boses daraus machen. Sie wissen ja wohl, jedermann hat seine Feinde, wenn er auch noch so ehrlich handelt: nur deswegen hab ich Sie um Verschwiegenheit gebeten: wie konnen Sie sich das nur traumen lassen, dass ich sie von Ihnen erkaufen will? Ich sehe Sie fur einen grundehrlichen Menschen von altem deutschen Schrot und Korne an; und solchen Leuten trau ich blindlings. Ich werde ja einen so braven Mann nicht so arg beleidigen und ihn bestechen wollen! Wie ich Ihnen sage, bloss zur Belohnung Ihrer vielen treuen Dienste geb ich Ihnen das Geld. Machen Sie keine Komplimente! Nehmen Sie!
Herrmann. Nein! Auch ich darf um der bosen Leute willen, die etwas Boses daraus machen konnten, nichts annehmen. Hab ich Ihnen treue Dienste getan, so ist mir mein Bewusstsein und Ihre Anerkennung Lohns genug: hab ich nichts Boses von Ihnen zu verschweigen, so werd ich auch nie etwas Unschuldiges entdecken, das durch boshafte Auslegung verdachtig gemacht werden konnte, das schwor ich Ihnen bei meinem Gewissen: aber ich mag mir durch keine Verbindlichkeit die Zunge binden lassen.
Der Prasident. Die Zunge binden! was meinen Sie denn damit?
Herrmann. Ich will mich an meiner kleinen Besoldung begnugen, damit mich niemals die Dankbarkeit hindert, Pflicht und Gewissen zu gehorchen. Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?
Der Prasident. Sie mussen mir das erklaren! Sie mussen mir das erklaren! das versteh ich nicht. Was wollen Sie denn da mit dem Gewissen und der Pflicht? Wie kommt denn das hieher?
Herrmann. Sie haben mich ja selbst darauf verpflichtet, den Vorteil meines Fursten und meine Treue gegen ihn allem andern vorzuziehn; und Ihnen, als meinem Vorgesetzten, hab ich eben itzt dies Versprechen erneuert.
Der Prasident. Sie schwatzen wunderlich: davon ist da itzt gar nicht die Rede. Was haben Sie denn mit der Treue gegen den Fursten vor?
Herrmann. Nichts weiter, als dass ich entschlossen bin, ihr jederzeit meinen eignen Vorteil aufzuopfern.
Der Prasident, den sein ubles Bewusstsein hinter diesen Ausdrucken alles mutmassen liess, was dahinter versteckt sein konnte, drang noch lange Zeit auf eine bestimmtere Erklarung, und da Herrmann bestandig bloss die namlichen Worte wiederholte und mit Fleiss alle grossre Deutlichkeit vermied, so liess ihn der Herr von Lemhoff mit einiger Angstlichkeit von sich, nachdem er ihm die angebotne Belohnung seiner treuen Dienste beinahe aufgedrungen hatte: aber Herrmann schlug sie standhaft aus und beharrte bei allen folgenden ahnlichen Versuchungen in seiner Standhaftigkeit. Der Prasident wurde ausserst unruhig und suchte wenigstens die Kanale zu verstopfen, durch welche die Anzeigen seines gewesenen Sekretars zu dem Fursten gelangen konnten: er sprach wieder sehr vorteilhaft von der Musik, wirkte der Madam Dormer wieder ihren vorigen Gehalt aus, den nach seinem Angeben bisher die Verminderung der furstlichen Einkunfte notwendig gemacht haben sollte, gab wieder Konzerte in seinem Hause, worinne Madam Dormer und Herr Arnold mit seinem grossten Beifalle Stimme und Flote horen liessen: sein Enthusiasmus fur die Musik stieg so hoch, dass man ihn in Verdacht nahm, als wenn ihn verliebte Absichten auf Madam Dormer damit angesteckt hatten. Arnold, den er wegen seiner Gunst bei dem Fursten lieber mit den Blicken getotet hatte, wurde sein Herzensfreund und erhielt, wo sie einander trafen, einen gnadigen Druck von seiner Hand.
Unterdessen starb einer von den alten Raten des Kollegiums, und man glaubte allgemein, dass der Furst schon langst seinen Platz Herrmannen bestimmt habe: auch der Prasident zweifelte nicht daran und baute heimlich vor; allein da er merkte, dass alles Vorbauen nichts half, sondern dass Ulrike durch die Furstin und Arnold bei dem Fursten aus allen Kraften fur Herrmanns Erhebung arbeiteten, so hielt er es fur klug, einen Mann, in dessen Gewalt er gewissermassen war, nicht durch Widersetzung gegen sein Gluck aufzubringen, und erklarte sich daher mit so vieler Warme fur ihn, dass der Furst selbst daruber stutzte und beinahe Misstrauen gegen Herrmanns Unbestechlichkeit gefasst hatte: dieser Umstand brachte indessen nur eine kleine Verzogerung seines Glucks zuwege. Der Prasident war der erste, der ihm zu seiner Erhebung feurig Gluck wunschte, und seine Freundschaftsbezeugungen wuchsen mit jedem Tage: Arnold und Madam Dormer freuten sich voller Stolz uber den neuen Rat, weil sie ihn fur ein Werk ihres Einflusses ausgaben; und Ulrike schwebte den ganzen Tag nach der Ernennung ihres Geliebten auf den Fittichen der Freude: solange sie am Hofe war, hatte die Furstin noch keine so lustige Laune an ihr bemerkt und fragte sie nach der Ursache: Ulrike tat, als wenn sie keine anzugeben wusste. "Freust du dich denn etwa uber den neuen Rat", fragte die Furstin zum Scherz, "weil dir deine Empfehlung so wohl gelungen ist?" "Vielleicht", antwortete Ulrike, "hat das wirklich etwas dazu beigetragen; denn es soll ein ganz vortrefflicher Mann sein." Sie sprach dies mit einem Tone des Entzuckens, der mehr im Herze mutmassen liess, als die Worte ausdruckten; und die Furstin sagte ihr deswegen etwas ernsthaft: "Madchen, du hast dich wohl gar in deine Empfehlung vergafft?" Ulrike senkte die Augen, errotete und geriet so sehr ausser Fassung, dass sie zu antworten vergass: der Scherz wurde von der Furstin noch einige Zeit fortgesetzt, bei der nachsten Unterredung dem Fursten erzahlt, der ihn gleichfalls mit vielem Vergnugen fortsetzte: als ihn Furst und Furstin fallenliessen, fingen ihn die dabeistehenden Kavaliere auf, von ihnen schnappten ihn die Lakaien auf, uberlieferten ihn den Hofjungfern als ausgemachte Wahrheit: die Hofjungfern schickten die ausgemachte Wahrheit mit dem ersten Madchen, das aus dem Schlosse ging, in die Stadt, und in zwei Stunden war es am Hofe und in der Stadt ein allgemeiner Glaubensartikel, dass Fraulein Breysach ubermorgen mit dem neuen Rate getraut werde. Der Oberste Holzwerder, als ihm sein Altgeselle die zuverlassige Nachricht davon brachte, warf den Dendriten, der unter seinen Handen war, in den Tischkasten sogleich hinein, lief geradesweges zur Furstin und bat instandigst um Gehor wie in der dringendsten Angelegenheit: die Furstin liess ihn nicht vor sich. Der Oberste lief zum Fursten, kam vor ihn und bat untertanigst, dass er doch eine solche Heirat nicht zugeben mochte, da es die erste ware, solange die Familie stunde. Der Furst lachelte uber die Ereiferung, womit der Alte bat, und versicherte ihn, dass er weiter nichts davon wusste, als was ihm die Furstin im Scherz gesagt hatte: das war dem Obersten nicht genug; er wiederholte seine untertanigste Bitte einmal uber das andre, dass der Furst die Heirat verbieten mochte, wenn etwa eine Verliebung bei seiner Cousine vorgegangen ware. "Ich kann ja den Leuten nicht verbieten, sich zu heiraten, wenn sie sich lieben", sagte der Furst.
Der Oberste. Aber Ihre Durchlaucht geruhen nur zu bedenken, die Ehre der Familie leidet doch nicht, dass ich so ruhig dabei bleibe
Der Furst. Macht denn ein Rat, der in meinen Diensten steht, der Familie Schande?
Der Oberste. Der Rat ware wohl gut, der Rat aber es ist doch nur ein Rat.
Der Furst. Und ist so wohl mein Diener als der Oberste.
Der Oberste. Freilich wohl sind wir allzumal unnutze Knechte und Eu. Durchlaucht untertanige Diener und mocht es auch ein Rat sein, da Eu. Durchlaucht uns alle machen konnen, wozu es Eu. Durchl. gnadigst gefallt , aber, aber da er nicht von Familie ist
Der Furst. Ich will mich erkundigen, wie weit die Sache gekommen ist
So entliess er ihn. Der beunruhigte Oberste lief zu Ulriken und fand sie nicht, lief zur Furstin und fand sie nicht: erst den andern Tag konnte er seine Unruhe vor ihr ausschutten. Sie gab ihm zur Antwort, dass Ulrike zu dem Rate vielleicht eine geheime Zuneigung haben konnte, aber um ihn heiraten zu wollen, schiene sie ihr zu verstandig. Der Alte horte nicht auf zu bitten, bis die Furstin seine Cousine rufen liess, um sie in seiner Gegenwart zu verhoren: Ulrike gestund auf ihre Frage unverhohlen, dass ihr der Rat gefalle, sehr gefalle. Als es an den Punkt des Heiratens kam, schwieg sie, wurde zum zweiten Male gefragt und antwortete betrubt: "Wenn ich durfte!" "Eu. Durchl., haben Sie die einzige Gnade und verbieten Sie ihr das!" rief der Oberste. "Haben Sie die einzige Gnade!" Die Furstin sah Ulriken lange schweigend an und sagte endlich: "Lass dir nicht solch tolles Zeug einkommen! Es fehlt ja nicht an Kavalieren, wenn dir das Heiraten am Herze nagt." Das war der Bescheid, und beide gingen ungetrostet hinweg. Der Oberste folgte Ulriken auf ihr Zimmer und hielt ihr mit der gutherzigsten Warme eine Ermahnungspredigt, dass sie vor innerlichem Verdruss weinte: wie jeder schlechte Prediger hielt er ihre Ruhrung fur eine Folge seiner Predigt und schmeichelte sich, ihre Sinnesanderung bewirkt zu haben, da doch gerade das Gegenteil ihre Tranen erweckte Betrubnis uber die neuen Hindernisse, die sich ihrem Wunsche entgegensetzten. Furst und Furstin betrachteten ihre Liebe als eine vor kurzem erst entstandene fliegende Hitze; und da ihr jedesmal die Tranen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr daruber scherzte, so schonte man ihre Empfindlichkeit und dachte weder im Scherz noch im Ernst mehr daran, um die Liebe im stillen verdampfen zu lassen: Hof und Stadt sagte itzt allgemein "Fraulein Breysach und der neue Rat werden nicht getraut." Die ganze Sache schlief ein.
Zweites Kapitel
Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stellung, dass er bisher geschwiegen hatte, um itzo zu reden: er widersprach der Meinung des Prasidenten mit Mut, Starke und Bescheidenheit, ohne die mindeste Scheu, und setzte das Widersinnige, Zweckwidrige, Schadliche seiner Vorschlage in ein so helles Licht, dass der Prasident teils um der Neuheit willen, teil aus Unvermogen nicht ein Wort dawider einwenden konnte: er war verwirrt, besturzt, erzurnt. Er wollte das Mittel anwenden, wodurch er die ubrigen Rate feige gemacht hatte, und brutalisierte Herrmannen, aber er fand einen Gegner an ihm, bei welchem Vernunft und Affekt in gleichem Schritte gingen, der ihn, ohne die mindeste Verletzung der Ehrerbietigkeit, bloss durch die Starke seiner Grunde so in die Enge trieb, dass er seine Saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr. Herrmann wurde durch die Aufmerksamkeit, womit ihn der Furst anhorte, ob er ihm gleich fast niemals ausdrucklichen Beifall gab, durch die Auffoderungen, die ihm der Furst tat, seine Meinung zu sagen, und die Verbote, die der Prasident empfing, wenn er ihn unterbrechen und daniederschwatzen wollte, machtig aufgemuntert, in seinem Eifer fortzufahren; und da der Furst, seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung gemacht hatte, fast keine Sitzung und Beratschlagung von Wichtigkeit versaumte und uberall mit seinen eignen Augen sehen wollte, so nahm alles auf einmal einen ordentlichen Gang, die Kassen waren nicht mehr leer, und die Auszahlungen geschahen alle zu gehoriger Zeit. Das Publikum schrieb diese glucklichen Veranderungen Herrmannen zu, frohlockte und pries ihn wie den Schutzgott des Landes, der die Macht des Plagegeistes, der es bisher despotisierte, brechen sollte. Die altern Rate, denen die freimutige, unerschrockne Sprache ihres neuen Mitglieds so fremd war wie das Malabarische, rissen vor Verwunderung die Augen weit auf, hielten ihre Ohren hin, ob sie nicht etwa eine Einbildung tauschte, und sassen da wie versteinert vor Erstaunen. Da sie wahrnahmen, dass seine Dreistigkeit dem Fursten gefiel, machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung, wo er sie zeigte, ihren Gluckwunsch daruber, lobten ihn wie einen braven Mann, der so glucklich ware, etwas wagen zu konnen, was sie wegen ihrer Familien nicht wagen durften, weil sie mit ihren Weibern und Kindern notwendig elend werden mussten, wenn der Prasident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte aber wohlgemerkt! alles in Abwesenheit des Prasidenten! Sprachen sie mit diesem in Herrmanns Abwesenheit, so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum Vorwitzigen, Tollkuhnen, Naseweisen, der seinem Vorgesetzten die gebuhrende Achtung versagte und nichts als schadliche, lahme, unausfuhrbare Vorschlage tat.
Der Furst nutzte Herrmanns Einsichten so sehr, dass er ihn zuweilen auf sein Zimmer fodern liess und sich mit ihm uber Angelegenheiten besprach, die fur ein andres Kollegium gehorten. Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann auf die Verbesserung der offentlichen Schulanstalten, auf die Vermehrung der Industrie und Verbesserung der Moralitat durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses, wo die Leute, die an dem kleinen, gewerblosen Orte keine Arbeit finden konnten, auf Unkosten des Landesherrn arbeiten sollten, der die Fruchte ihres Fleisses ohne Profit einem Unternehmer zum Verkehr uberlassen mochte; so leitete er ihn auf Anderungen in kirchlichen Sachen, auf die Einschrankung des geistlichen Ansehns, auf die Abschaffung alles religiosen Zwanges, auf die Simplifizierung des Gottesdienstes; so brachte er ihn auf die Mittel, den Ackerbau zu ermuntern, den man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absatz nicht viel uber das Notdurftige trieb, die landlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelsware zu machen, Industrie und Gewerbe zu erhohen, insofern es ein kleines, von machtigen Nachbarn umzingeltes, gehindertes Landchen zuliess. Von allen diesen und tausend andern nutzlichen Dingen, woruber sie oft zu Stunden mit der aussersten Ernsthaftigkeit sprachen, wurde freilich wenig oder gar nichts ausgefuhrt: allein Herrmann freute sich doch, einem Fursten zu dienen, der sie wusste und anhorte. Nur blieb es ihm befremdend, wie dieser namliche Herr das erkannte Bessere, das er in jeder Sitzung mit der Miene billigte, nie beschloss, sondern jedesmal entweder ein Mittel zwischen des Prasidenten und Herrmanns Meinung traf oder, wo sich dieses nicht tun liess, dem Gutachten des erstern ganz folgte.
Unvermeidlich musste unter den Neuerungen, die Herrmann durchsetzte oder wozu er den Fursten durch seine Unterredungen veranlasste oder die ihm das Publikum falschlich zuschrieb, manche den Privatnutzen dieses oder jenes Mannes schmalern, das Vorurteil, den Schlendrian und die Faulheit kranken; und es erhuben sich einzelne Stimmen mit machtigen Beschwerden wider den neuen Rat. Der Prasident glaubte, dass Neuerungen und Verbesserungen einerlei waren, und dachte Herrmannen zu ubertreffen, wenn er mehr Veranderungen vorschluge und durchsetzte als er: auch der Furst hatte durch die Ideen, die ihm Herrmanns Gesprach mitteilte, Neigung zu Reformen bekommen: sonach wurden der Reformen freilich im kurzen ein wenig zuviel; und alle, gute und schlechte, gerade und schiefe, uberdachte und ubereilte, musste sich der arme Herrmann auf seine Schultern binden lassen. Die Kreaturen des Prasidenten fachten den glimmenden Hass des Publikums wider ihn zur Flamme an, und sehr bald wurde der neue Rat bei der Kaffeetasse und auf der Bierbank so allgemein gelastert, verflucht und gescholten, als man ihn nicht allzulange vorher lobpries.
Gleichwohl hatte Herrmann bei diesem allgemeinen Hasse, wovon er wenig oder gar nichts erfuhr, ein Projekt im Kopfe, wozu er notwendig Freunde und Gehulfen brauchte: er wollte den Prasidenten vollig sturzen und sah dies Unternehmen fur eine ebenso verdienstliche Handlung an, als wenn er das Land von einer Rauberbande befreite. Auf seine Kollegen konnte er nicht viel rechnen; denn sie waren froh, dass er den grossten Teil der Arbeit uber sich nahm und ihnen Musse zu einem Lomberchen verschaffte, nahrten und pflegten sich und lachten insgeheim des Toren, der mit dem Kopfe wider die Wand rennen wollte: sie waren durch langen Despotismus so schlaff und abgestimmt, dass sie Herrmannen kaum beneideten, sondern alles gehn liessen, wie es ging.
Noch kleinmutiger hatte er werden konnen, als er gewahr wurde, dass auch Arnold und Madam Dormer auf die Seite des Prasidenten getreten waren, zwar nicht gegen ihn als Feinde handelten, aber doch sein Ansehn bei dem Fursten untergruben. Dieser Ubergang zur feindlichen Partei, so plotzlich er Herrmannen schien, weil er ihn in dem Eifer fur sein neues Amt ubersehen hatte, wurde durch das erste Konzert schon vorbereitet, das der Prasident wieder in seinem Hause gab. Durch Schmeicheleien und Vertraulichkeiten gewann er Arnolden und knupfte ihn dadurch fest an sich, dass er ihm einen Anteil an dem Handel versprach, den er mit dem Gelde aus der furstlichen Kasse trieb: Arnold erriet diesen letzten Umstand mehr, als er ihn wusste, und als ein Mann, der Vergnugen und Aufwand liebte und zeither beides sehr einzuschranken gezwungen war, nahm er mit Freuden die Summen an, die ihm der Prasident von Zeit zu Zeit als den Ertrag seines Anteils an der Handlung gab, und red'te aus Dankbarkeit das beste von ihm bei dem Fursten. Madam Dormer wurde auf die namliche Manier durch Schmeicheleien, Ehrenbezeugungen und Geschenke gewonnen: sie spielte gern die grosse Dame, und da sie der Prasident vollig so behandelte, sprach sie allenthalben zu seinem Vorteil und trieb auch Arnolden an, dem Fursten gute Gesinnungen von einem so braven Manne beizubringen.
Diese neue Freundschaft erzeugte noch eine dritte Ursache zur Kleinmutigkeit fur Herrmannen. Der Furst bekam auf Arnolds Betrieb, den der Prasident dazu angestiftet hatte, wieder Neigung zur Jagd: sein Liebling bot ihm taglich so viele schone Buchsen und Hunde an, dass er sie probierte, und uber dem oftern Probieren erhielt das Vergnugen wieder fur ihn Reiz, sein voriger Trieb erwachte und wuchs sehr bald zur Leidenschaft empor. Die neue Liebhaberei verdrangte die bisherigen, und da seine angelegentliche Sorge fur die Regierung und seine Verbesserungsbegierde zum Teil auch nur Liebhaberei gewesen sein mochten, so kam er itzt in keine Sitzung mehr, Herrmann wurde nicht mehr zu politischen Unterredungen geholt, konnte nie vor ihn kommen, weil er ausser der Tafelzeit nicht zu Hause war, und bekam ihn in vielen Wochen nicht einmal zu sehn. Er entbehrte also eine wichtige Stutze gegen den Prasidenten, der sich taglich mehr zu seiner vorigen Gewalt empor brutalisierte und tat, was ihm lustete, ohne auf Herrmanns Widerspruch im mindsten zu achten.
Herrmann war also auf allen Seiten verlassen, sollte allein wider alle sich stemmen; und da er genug zu tun hatte, sich der Feinde zu erwehren, wollte er sie gar noch angreifen? Das war allerdings verwegen, aber Mut und Erbitterung wuchs bei ihm taglich, je mehr der Prasident tyrannisierte und ihn druckte: vorderhand musste er zwar lavieren, aber sein Entschluss, das Ungeheuer zu toten oder von ihm getotet zu werden, war unbeweglich fest, und er wartete nur auf die Gelegenheit zum Angriff.
Der Prasident wurde nach seiner neuen Allianz, da er die Aufmerksamkeit des Fursten eingeschlafert und den hauptsachlichsten Zugang zu ihm, Arnolden, in seiner Gewalt hatte, so keck, so unverschamt, dass er seine vorigen Unterschleife mit verdoppelter Dreistigkeit fortsetzte, sogar ohne sie zu verstecken. Herrmann, dem er damit trotzen wollte, musste seinen Arger verbeissen: er verstummte, tat, als wenn er nichts bemerkte, und sammelte indessen insgeheim alle Beweise auf, die zur Unterstutzung seiner Anklage wider den Prasidenten dienen konnten: er fand Gelegenheit, einige von den Rechnungen, die ihm schon langst verdachtig waren, zu untersuchen, und alle waren verfalscht: er entwandte sie, und diesen unwiderlegbaren Beweis nebst seiner gesammelten skandalosen Chronik unter dem Kleide, stellte er sich des Mittags einmal dem Fursten in den Weg, um von ihm getroffen zu werden, wenn er von der Jagd kame. Es gluckte ihm: nachdem er lange herumgegangen war, kam der Furst an, stieg ab und ging wie gewohnlich ohne Begleitung uber den Schlosshof: er erblickte Herrmannen und fragte ihn: "Wie geht's?"
Herrmann. Schlecht! sehr schlecht! Wie kann es unter den Dienern wohl hergehn, wenn der Herr schlaft?
Der Furst. Wieso? ist das eine Beschwerde wider mich?
Herrmann. Nicht wider den guten Fursten, sondern wider die Betruger, die seine Gute missbrauchen! Ich bitte um funf Minuten Gehor, und Eu. Durchl. sollen schaudern vor der Bosheit, womit man Ihre Gnade erwidert.
Der Furst befahl ihm, in sein Zimmer nachzufolgen: Herrmann ubergab ihm seinen Aufsatz, zeigte ihm in den Rechnungen die auffallendsten Beweise wider den Prasidenten und seine Kreaturen und uberzeugte ihn so unwiderlegbar, dass er vor Zorn die Papiere auf den Tisch warf und ihm nach der Tafel wiederzukommen befahl. Der Arger trieb den Fursten wieder zu den Papieren hin, er las den Herrmannischen Aufsatz und wurde so heftig erzurnt, dass er den Prasidenten auf der Stelle rufen liess. Dieser war durch Arnolden sogleich in vollem Fluge von des Fursten Unterredung mit Herrmannen benachrichtigt worden, und ob er gleich den Inhalt derselben nicht wusste, so vermutete er doch nichts Gutes und rustete sich deswegen mit aller moglichen Unerschrockenheit. Der Furst gab ihm zornig Herrmanns Aufsatz und befahl ihm, vorzulesen: der Prasident gehorchte, las Punkt fur Punkt und drehte Punkt fur Punkt so kunstlich mit der volligen Miene der Wahrheit herum, dass sein Anklager augenscheinlich zum boshaften Verleumder wurde: der Furst war durch seine Vorspiegelungen so uberzeugt und uberzeugter als durch Herrmanns Grunde, und je hoher sein Zorn vorhin stieg, je starker lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben. Der Angeklagte bat mit der Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion und wollte lieber seine Wurde in die Hande seines Herrn zuruckgeben und den Geschaften entsagen, wenn er sie nicht erhielt: er wusste die kraftige Beredsamkeit seines Gegners sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demutigungen und Schmeicheleien einen neuen Reiz. Besturmt von den Bitten und Scheingrunden des Prasidenten, gereizt von Unwillen, dass Herrmann nach allem Anschein aus Neid seinen Vorgesetzten hatte anschwarzen wollen, befahl der Furst im ersten Verdrusse, dass Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest haben sollte. Die Kreaturen des Prasidenten posaunten diesen Triumph der Unschuld sogleich am Hofe und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus, und Ulrike erfuhr die Nachricht davon, als man zur Tafel ging. Dustere Wolken hingen auf des Fursten Stirne; alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmute des Regenten; die Furstin freuete sich innerlich uber den Vorfall, weil ihr Herrmann wegen eines Vorschlags, den er einmal ihrem Gemahle uber die Einschrankung ihres Hofstaates tat, ausserst verhasst war; Ulrike sass in banger Betrubnis da, gab jeden Teller unberuhrt hinweg, wie sie ihn empfangen hatte, und beratschlagte bei sich, was sie zur Befreiung ihres Geliebten tun sollte. Sie beschloss, mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fursten zu wagen, sollte er ihr auch die Ungnade der Furstin zuziehn: gleich nach der Tafel ging sie ihm nach, holte ihn in seinem Vorzimmer ein, warf sich mit Tranen vor ihm hin und bat um Herrmanns Befreiung und um die Untersuchung seiner Unschuld. Sie flehte so dringend, mit so vollstromendem Schmerze, dass sie der Furst lange geruhrt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl: ohne weiter etwas zu sagen, ging er zerstreut ins Zimmer. Ulrike, eine so artige Figur, den ganzen Kummer der Liebe auf dem Gesichte, in Tranen, flehend vor ihm hingeworfen, hatte einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, dass er, in das Bild vertieft, einigemal im Zimmer auf und nieder ging: er sah in der Zerstreuung zur Ture hinaus, ob sie vielleicht noch wartete, aber sie war fort: herzlich gern hatte er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt. Er seufzte, befahl, niemanden vorzulassen, und griff verdriesslich nach den Papieren, die Herrmann uberreicht hatte, um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen. Wie erstaunte er, als er statt der dicken Rechnung, die er vor Tafel in Handen hatte, nur wenige Bogen erblickte und nichts darinne fand, was er vor Tafel las! Arnold musste kommen und wurde gefragt, wer diese Papiere ausgetauscht habe: er hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen, sobald er Ulrikens Furbitte und ihre Folgen sahe, und antwortete dreist, dass es ihm der Prasident im Namen Ihrer Durchlaucht befohlen habe. Nun war offenbarer Verdacht da: dem Herrn von Lemhoff wurde geboten, im Augenblicke die umgetauschte Rechnung herbeizuschaffen, allein er konnte nicht; denn sie war vernichtet worden. Er dachte zwar durch seine Beredsamkeit den Fursten wieder umzustimmen, aber er kam nicht vor, und Herrmann erhielt den Auftrag, die ubrigen Rechnungen herbeizubringen. Es geschah: alle waren auf den namlichen Schlag gemacht, der Prasident uberfuhrt: er demutigte sich, bat die Furstin um ihren Furspruch, den sie ihm auch nicht verweigerte, weil er zu Herrmanns Nachteile wirken sollte, allein ehe sie mit ihm zu dem Fursten gelangte, hatte der Prasident schon seine Entlassung. Zur Strafe musste er das Arbeitshaus bauen lassen, das Herrmann so oft in Vorschlag gebracht hatte. Die Furstin versuchte zwar verschiedene eifrige Furbitten, um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen, allein sie bewirkte nichts, als dass sich das allgemeine Misstrauen des Fursten, das ihm eine so unerhorte Untreue einflosste, auch auf sie erstreckte, besonders da ihm Arnold ihren Hass gegen Herrmann als die Ursache ihres Furspruchs und die Veranlassung dieses Hasses angab; und Arnold freuete sich auch nicht wenig, der Furstin bei der Gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen, da ihre Gunst gegen ihn ganz erloschen war, seitdem sie nicht mehr angelte. Taglich, fast stundlich liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Prasidenten und Entdeckungen neuer Betrugereien ein, dass sie zuletzt der Furst untersagen musste, um nicht uberhauft zu werden: da der Gefurchtete einmal in der Grube lag, so arbeitete jedermann, ihn nicht emporkommen zu lassen: wer vorher nicht ein freimutiges Wort flusterte, sprach itzo laut wie ein Held. Herrmann, weil er siegte, war der angebetete, von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes: Madam Dormer wartete ihm noch den namlichen Tag, wo der Prasident sturzte, sehr spat auf, um ihm ihre Freude uber den erfochtnen Sieg zu bezeugen, und Arnold, der in der Minute, als der Furst nach der Umtauschung der Rechnung fragte, auf Herrmanns Seite getreten war, konnte nicht laut genug uber den Fall des Prasidenten triumphieren, welches er notwendig tun musste, um sich nicht wegen seiner vorigen Verbindung mit ihm verdachtig zu machen. Es kam zwar zu den Ohren des Fursten, dass er Anteil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm empfangen hatte, allein er rechtfertigte sich damit, dass es bloss eine kaufmannische Verbindung gewesen sei, die er freilich nicht eingegangen ware, wenn er gewusst hatte, dass der Fonds des Handels aus den furstlichen Kassen genommen wurde: Er tat seine Unwissenheit in Ansehung des letzten Punktes leidlich dar, der Furst nahm seinen Beweis fur gultig an, aber behielt lange Misstrauen und Zuruckhaltung gegen ihn.
Aus einer so grossen Staatsveranderung, dergleichen in diesem Lande seit undenklichen Zeiten nicht vorgegangen war, mussten notwendig wichtige Folgen entstehn. Der alteste adelige Rat, ein Mann, den Alter und Faulheit zum Despotisieren und Betrugen untuchtig machten, bekam einen Teil von der Besoldung des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Prasidenten vorstellen, welches er auch treulich tat; denn er sass auf seinem Stuhle da, ohne sich zu ruhren, vom Anfange jeder Sitzung bis zum Ende. Die andre Halfte der Besoldung erhielt Herrmann, dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Prasidenten. Die Hauptperson, von welcher alles abhing und ohne welche nichts geschehen konnte, wollte der Furst selbst sein und war es beinahe mehr, als er es sein sollte: er entsagte von neuem allen seinen Vergnugen, liess seiner Aufmerksamkeit nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen allenthalben sehn, dass alles zwar ordentlich, aber unertraglich langsam ging: seine Ideen waren oft schief und nur halb gut, weil er das Ganze nicht uberschaute, und so bewundernswurdig seine Geduld war, Belehrungen anzuhoren, so ermudend war es doch fur diejenigen, die ihn belehren mussten: aus jeder Beratschlagung wurde meistens ein Kollegium, das ihm Herrmann las. Gern hatte ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewunscht; denn vor grosser Bedachtsamkeit und vielem Uberlegen kam weder Gutes noch Boses zustande: es tat Herrmannen tausendmal weher, ihm zu widersprechen als dem vorigen Prasidenten, weil er sich scheute, dem guten Fursten die Krankung zu verursachen, dass er falsch geurteilt habe, und er hinderte aus diesem Grunde weniger Schadliches als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs. Ausserdem stieg das Misstrauen des Fursten zu einem Grade, der beleidigen konnte, wenn man die Veranlassung dazu nicht wusste: er furchtete allenthalben List und Betrug und brauchte oft lange Untersuchung, um da keinen zu finden, wo keiner war. Indessen waren doch seine Einkunfte und das ganze Land unendlich besser beraten als vorher, und er gab Herrmann deutlich zu verstehn, dass er ihm die Anklage des Prasidenten zum Verdienst anrechnete.
Auch Ulriken traf die Wirkung jener Revolution.
Sie zog sich durch die Furbitte fur Herrmannen ein scharfes Verhor von der Furstin zu, und da sie so gewaltig mit Fragen gequalt wurde, gestund sie ihre Liebe ohne Ruckhalt und versicherte mit einiger Warme, die man fur Trotz annehmen konnte und die Furstin auch wirklich dafur annahm, dass sie ihn heiraten wurde, sobald er fur gut befande, ihre Hand zu verlangen. "Auch wenn ich's nicht gern sahe?" fragte die Furstin mit Stolz. "Ich hoffe", antwortete Ulrike, "dass es Eu. Durchlaucht gern sehen werden." "Nein", sprach die Furstin entrustet, "bei meiner Ungnade untersag ich die Heirat." Ulrike seufzte und schwieg.
Als sie der Furst, nachdem der Hauptsturm mit dem Prasidenten voruber war, zum ersten Male wieder erblickte, kam ihm das reizende Bild, wie sie weinend vor ihm auf den Knien lag, in die Gedanken zuruck, und er erkundigte sich, ob sie nunmehr mit ihm zufrieden ware. Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude fur Herrmanns Freisprechung und hielt inne, als wenn sie noch etwas mehr zu bitten hatte. "Fehlt noch etwas?" fragte der Furst lachelnd. "Soll ich etwa den Pfarr holen lassen?" Ulrike nahm den Scherz mit Fleiss als Ernst auf und erzahlte ihm die traurige Lage, in welche sie das Verbot der Furstin gesetzt hatte. "Ich sehe wohl", sprach der Furst und druckte sie verliebt bei der Hand, "so einem hubschen Madchen kann man nichts abschlagen. Ich will noch einmal helfen."
Er besprach sich mit der Furstin daruber, aber sie widersetzte sich mit einer Heftigkeit, die ihn beleidigte. "Der Mensch soll so eine hubsche Frau nicht haben", sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart. Seit diesem Augenblicke fiel der Thermometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum Gefrierpunkte herunter.
Der Furst, durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt, ob er gleich seine Empfindung verhehlte, sprach selbst mit Herrmannen uber seine Liebesangelegenheit und notigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes, frei heraus zu beichten; Herrmann tat es, aber ging wohlbedachtig in seiner Geschichtserzahlung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zuruck, wo er der jungste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war. Der Furst riet ihm, die Sache so lange anstehn zu lassen, bis er die Furstin gegen ihn ausgesohnt hatte: Herrmann nahm den Rat willig an, da ihm seine uberhauften Geschafte und der Eifer, womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete, keine Zeit zur Liebe ubrigliess: er wollte erst in seinem neuen Posten festsitzen, um den Genuss eines endlich errungenen Glucks voller und ungestorter zu geniessen. Dem Fursten gefiel die Aufopferung, die er seinem Dienste machte, uberaus wohl, er versuchte der Furstin Gesinnungen gegen ihn zu andern, und es ware ihm auch gelungen, wenn nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit seinen Bitten so vielfaltig besturmt hatte, dass er bei der neuen Aufmerksamkeit auf die Geschafte nicht weiter daran dachte: die Sache schlief abermals ein, und das Publikum hatte das Brautpaar abermals zu zeitig trauen lassen.
Drittes Kapitel
Arnold und Madam Dormer hatten seit der Entlaufung ihres Mannes und schon vorher in geheimer Vertraulichkeit gelebt, und einen grossen Teil von der Ungnade der Furstin, die solche Verbindungen fur ihr Leben nicht ausstehn konnte, mussten sie dieser Ursache zuschreiben. Um ihren Hass zu mildern und weil auch der Furst auf ihren Antrieb Arnolden etlichemal befahl, die Dormerin entweder zu heiraten oder von ihr zu lassen, waren sie bestandig willens gewesen, sich durch eine gesetzmassige Ehe zu verbinden, und die Braut machte schon Anstalt, ihren entlaufnen Mann auf den Kanzeln ausrufen zu lassen, in der Hoffnung, dass er es nicht horen werde. Arnold erregte unaufhorlich Schwierigkeiten: der entlaufne Mann war bis itzt noch nicht ausgerufen, die Heirat bis itzt noch nicht vollzogen; und der Brautigam dachte gegenwartig sogar darauf, sie nie zu vollziehen: aber Madam Dormer verstand das Handwerk besser und lenkte ihn so schnell wieder um, dass er bei dem Fursten um die Erlaubnis anhielt; er bekam sie ohne Verzug, der entlaufne Mann wurde ausgerufen, und siehe, da erscheint bei dem Fursten eine demutige Supplik von einem Frauenzimmer aus Leipzig, die Herrn Arnold wegen eines nicht gehaltnen Eheversprechens verklagt und gegen seine vorhabende Heirat Einspruch tut. Das Frauenzimmer hatte sich in eigner Person mit ihrer Bittschrift hieher bemuhet und war die stille Lisette, die einmal Herrmannen in seiner Spielerperiode vor einer Untreue bewahrte. Arnold unterhielt damals Adolfinen, ihre verbuhlte Schwester, verliess sie, worauf das Madchen in eine Krankheit verfiel, in welcher Herrmann ihrem Mangel mit einer kleinen Wohltat zu Hulfe kam; als dieser Leipzig verlassen hatte, trieben Arnolden die Vorwurfe seiner Freunde wieder zu seiner alten Geliebten hin: sein Geschmack fur sie wollte sich nicht wiederfinden, er verliebte sich in Lisetten, tat ihr Antrage, die sie unter der namlichen Bedingung eingehn wollte, die sie Herrmannen vorlegte: der verliebte Arnold verstund sich ohne Bedenken zu einem Heiratsversprechen: sie wechselten Ringe und zeugten zusammen ein wohlgebildetes Knablein. Sie kam in der Stille auf dem Lande nieder, nahm das Kind der Folge als eine angebliche Waise zu sich, er unterhielt Mutter und Kind, so gut er konnte: die ganze Zeit uber, die er in seiner itzigen Stelle zubrachte, wechselten sie Briefe miteinander, ohne dass die listige Dormerin etwas davon gewahr wurde, und weil er Lisetten auf die sechs letzten Briefe zu antworten unterliess, befand sie fur gut, ihm den siebenten selbst einzuhandigen. Der Sohn zeugte wider den Vater; der Vater konnte sich weder ihm noch der Mutter verleugnen: Arnold bekannte, schob alle Schuld seiner zweiten Verbindung auf Madam Dormers Verfuhrungen, gab ihr den Abschied und heiratete Lisetten. Die Furstin und alle seine Feinde wollten diesen Zufall nutzen, ihn aus der Gnade des Fursten oder gar aus seinem Platze zu verdrangen: aber Herrmann vertrat ihn mit allen Kraften bei dem Fursten, aus alter Freundschaft fur Lisetten.
Diese Heiratsgeschichte, so unbetrachtlich sie an sich ist, hatte den betrachtlichsten Einfluss auf die vornehmsten Personen des Hofes. Die Furstin wurde der Dormerin wieder gewogen, weil sie nicht die Frau eines Mannes geworden war, den sie nunmehr doppelt hasste: durch seine Fursprache fur Arnolden ward Herrmann der Furstin und der Dormerin unversohnlich verhasst: diese erbitterte Frau trat vollig zur Partei der Furstin, um sich durch sie an Arnolden empfindlich zu rachen. Dabei hatte sie noch einen Nebenzweck: sie wunschte schon lange eine grossre Rolle am Hofe zu spielen und war unzufrieden, dass ihr Einfluss auf den Fursten nur heimlich durch die dritte Person geschehn musste, schon langst sehr gering gewesen war und itzo ganz aufhorte. Ihre Muhe, dem Fursten Liebe beizubringen, konnte vor der unermudlichen Aufmerksamkeit seiner Gemahlin nichts fruchten: auch verlor sich sein Geschmack fur sie sehr bald. Itzt, da sie die Furstin wieder gewonnen hatte und mit ihr gemeinschaftliche Sache wider Arnolden machte, glaubte sie in ihrer Operation auf den Fursten desto kuhner fortschreiten zu konnen, weil ihr Arnolds Erniedrigung zum Deckmantel diente: sonach sollte die Furstin aus Feindschaft gegen Arnolden sie bei dem Fursten in Gunst setzen und ihr die Absicht selbst erleichtern, die ihre Eifersucht so gewaltig zu hindern suchte. Der Plan war so fein eingefadelt, dass er unmoglich gelingen konnte.
Gleich der erste Schritt, den ihre Rache tat, ging ihr fehl. Die Furstin war zwar zur Erreichung ihrer Absichten so gefallig, dass sie in die Zudringlichkeit ihrer Alliierten zu dem Fursten keinen Verdacht setzte, sondern sie eher begunstigte: die Dormerin nahm sich also vor, bei der ersten Gelegenheit, wo sie den Fursten irgendwo allein finden werde, ihm Arnolds vormalige Verbindung mit dem abgesetzten Prasidenten in dem nachteiligsten Lichte vorzustellen, und hatte schon mit der Furstin Verabredung genommen, wie sie ihr eine solche Gelegenheit verschaffen sollte. Arnold kannte zwar die Nahe der Gefahr nicht, aber er hielt es uberhaupt fur sicher, sich beizeiten in Positur wider eine Frau zu setzen, deren Intriguensucht und Rachbegierde er auswendig wusste, und nahm deswegen von dem Augenblicke an, wo seine Heirat ihre Freundschaft trennte, den Fursten so stark wider sie ein, dass er ihr aus dem Wege ging und sie weder sehn noch horen wollte, welches sehr leicht zu bewerkstelligen war, da er sie schon lange wegen ihrer Zudringlichkeit nicht sonderlich leiden konnte. Demungeachtet drang sie mit Beihulfe der Furstin bis zu ihm durch, aber er horte ihr Anbringen nicht, sondern drehte ihr den Rucken zu und liess sie stehn: die Frau wollte vor Wut zerspringen. Arnold erhielt Nachricht von dem verungluckten Versuche, mutmasste, dass sie seine ehmalige Vertraulichkeit missbrauchen wollte, ihn anzuschwarzen, und arbeitete seitdem, sie ganz vom Hofe zu entfernen. Allein fur sich glaubte er, dies bei der verminderten Gunst des Fursten nicht zu vermogen, und wandte sich an Herrmannen: er stellte ihm ihre beiderseitige Gefahr so lebhaft vor, dass Herrmann wirklich sich ein Verdienst um den Hof zu erwerben glaubte, wenn er zu ihrer Entfernung beitruge, seine eigne Sicherheit ungerechnet. Es tat ihm zwar weh, ihrer vormaligen Verbindlichkeiten zu vergessen; allein was half es? Die Partie der Furstin schien ihm durch den Beitritt einer so verschmitzten Frau zu gefahrlich geworden zu sein, und er trug daher, was er schon oft getan hatte, bei dem Fursten auf die Einziehung aller uberflussigen Bedienungen an: der Furst billigte den okonomischen Vorschlag und zeichnete Madam Dormer eigenhandig oben an. Sie bekam ihre Entlassung und eine Pension auf ein Jahr mit der Bedingung, sich unterdessen nach einer andern Versorgung umzutun. Die Furstin nahm sie Herrmannen zum Trotz unter ihren Hofstaat auf und legte dadurch den Grund zu der folgenden Uneinigkeit mit ihrem Gemahle.
Die Dormerin spruhte Feuer und Flamme wider den Fursten, wider Hermannen, wider Arnolden, wider Herrmanns samtliche Partie und hatte sie insgesamt mit ihren Handen wurgen mogen. Das Misslingen ihrer Absichten machte sie allemal tuckisch und boshaft, wie sie schon in Berlin bewies: sie bewies es auch itzt. Sie wusste sich durch nichts an dem Fursten zu rachen, als dass sie die Eifersucht seiner Gemahlin wider ihn erregte: sie fachte eine Leidenschaft, wozu die Dame ohnehin sehr geneigt war, durch Erdichtungen, falsche Auslegungen und alle Kunste ihrer hollischen Beredsamkeit so ausserordentlich bei ihr an, dass sie aus allen Blicken, Reden und Handlungen ihres Gemahls Argwohn schopfte: es kam zu empfindlichen Sticheleien und endlich gar zu beleidigenden Verweisen. Der Furst hielt mit mannlicher Geduld an sich und foderte bloss von ihr, die Dormerin vom Hofe zu schaffen; sie weigerte sich mit Heftigkeit, und der Bruch war geschehen: ihr Gemahl gab ihr, ohne weiter etwas Unangenehmes zu sagen, acht Tage Bedenkzeit, und da nach dem Verlaufe derselben sein Befehl nicht befolgt wurde, lebte er abgesondert von ihr und nahm sich vor, seine Absonderung so lange fortzusetzen, bis sein Befehl erfullt wurde.
Dies nennte die Dormerin gelungne Rache fur die Verschmahung ihrer Reize, und sie spornte nunmehr die Furstin an, die Waffen gegen Herrmannen zu kehren. Dies Projekt war schon ungleich schwerer; aber welche Mittel wusste die Frau nicht zu finden? Sie riet zu einem Bundnisse mit Arnolden, verschluckte allen Groll und suchte seine Freundschaft. Sie drang sich bei seiner Frau ein und gewann die gute stille Lisette mit ihrem Geschwatze so sehr, dass sie unwiderstehlich ihre Herzensfreundin wurde: sie wiederholte ihre Besuche bei ihr taglich, brachte ihr Grusse, Gnadenversicherungen und Geschenke von der Furstin und versprach, ihr Zutritt bei dieser Dame zu verschaffen. Lisette wurde von ihrem Manne gewarnt und ihr das Verbot gegeben, die Frau nicht wieder ins Haus zu lassen: das gute Weibchen war eitel und begierig nach einer Gnade, die sie noch nie gekostet hatte, liess trotz des Verbotes die Dormerin doch herein, und eines Nachmittags liess sie sich durch vieles Zureden uberwinden und begleitete sie zur Furstin. Der Mann erfuhr nichts davon, aber das Weibchen war von den Gnadenbezeugungen so gestopft voll, dass sie sich schlechterdings ihrer entladen musste: mit der freudigsten Begeisterung erzahlte sie ihm des Abends die gnadigste Bewillkommung und die gnadigste Herablassung, die Herrlichkeiten, die man ihr gezeigt, und die Geschenke, die man ihr gemacht hatte. Arnold erriet, dass man ihn gewinnen wollte, ob er gleich den Zweck nicht absehn konnte, freute sich seiner Wichtigkeit und gab seiner Frau kein so gescharftes Verbot mehr, um zu erfahren, wo das hinauslaufen sollte: er bildete sich gar ein, dass ihm die hohe Ehre eines Friedensstifters zwischen Fursten und Furstin zugedacht sei. Lisette wurde zu mehr gnadigen Bewillkommungen abgeholt und kam jedesmal entzuckter und reicher mit Geschenken zuruck: ihr Mann verstund die Kunst, Geld zu vertun, und war also nicht unzufrieden, dass sich ihm hier eine neue Quelle offnete. Seine Frau sohnte die Dormerin mit ihm aus, und diese uberredete ihn, dass die Furstin ihn zur Mittelsperson zwischen sich und dem Fursten erwahlt habe: der eingebildete Narr, stolz uber diesen erdichteten Auftrag, glaubte noch der vorige Gunstling zu sein, der mit einem Spasse den Willen seines Herrn regieren konnte, und wagte wirklich einen Versuch, den der Furst sehr ungnadig aufnahm. Der abgewiesene Friedensstifter machte zwar, um den Zufluss von der Furstin im Gange zu erhalten, der Dormerin grosse Wunder weis, die er bei seinem Herrn ausgerichtet habe, und verstund sich sogar zu der Unternehmung, Herrmanns Kredit zu schwachen: er brachte ihr taglich gunstige Nachrichten, wieviel weiter er darinne gekommen sei, ob er gleich nicht wagen durfte, nur ein nachteiliges Wort wider Herrmannen bei dem Fursten zu schnauben. Die Furstin bildete sich gleichwohl ein, dass ihr Einfluss durch diesen Kanal sehr gross sei, und bedachte nicht, dass die Wirkung einen weiten Umweg nahm und folglich ungemein viel von ihrer Kraft verlieren musste: sie wirkte auf die Dormerin, die Dormerin auf Arnolds Frau, Arnolds Frau auf ihren Mann und ihr Mann auf den Fursten: das Ziel war so weit, dass die Kugel matt vor ihm niederfiel und nicht einmal anprallte. Zu Arnolds Unglucke erfuhr der Furst seine neuerrichtete Freundschaft zu Madam Dormer und die Geschenke, die seine Frau von der Furstin bekam: er argwohnte ein Komplott und liess den gewesenen Gunstling gar nicht mehr um sich sein.
Ungluckliche Dormerin! alles soll dir misslingen. Sonst ware der Frau diese vollige Entziehung der Gunst eine Freude gewesen und war es auch wohl im Grunde noch, aber nur zur Halfte; denn mit ihrem Verluste vereitelte sich auch der Plan wider Herrmannen. Ihn ganz aufzugeben war ihrer Rache unmoglich: da sie auf einer Seite zuruckgetrieben war, wollte sie auf einer andern den Angriff tun: wenn sie ihn nicht um seinen Kredit bei dem Fursten bringen konnte, so sollte er Ulriken verlieren: sie machte Anstalten zur Entzweiung.
Die arme Ulrike sass wie ein eingesperrtes Schafchen zwischen Wolfen, die sie zerreissen wollen, und hielt sich so still als moglich, um nicht unter sie zu geraten und im Gedrange zerdruckt zu werden. Sie empfing von der Furstin seit der letzten Furbitte fur Herrmannen wenig freundliche Blicke und desto mehr saure, bat um ihren Abschied und erhielt ihn nicht, weil die Furstin und besonders Madam Dormer besorgten, dass alsdann ihre Heirat mit Herrmannen zustande kommen wurde. Herrmann dachte taglich daran, sie zu befreien, allein weil sie zum Hofstaate der Furstin gehorte und also zu ihrer Partei gerechnet wurde, wagte er es bei den vorwaltenden Misshelligkeiten nicht, einen so delikaten Fleck bei dem Fursten zu beruhren und sich die Hofdame seiner Gemahlin zur Frau von ihm auszubitten: er hoffte auf eine Wiedervereinigung der beiden furstlichen Personen, die ihm auch nicht schwer schien, sobald man das Unglucksweib, die Dormerin, vertreiben konnte. Das war freilich wohl klug gedacht; aber er konnte sich seine ganze Klugheit sparen, wenn er uber seinem grossen Enthusiasmus fur die Geschafte sich etwas mehr um die geheime Hofgeschichte bekummerte, die fast jedermann im Lande eher wusste als er.
Der Furst hatte allmahlich seine misstrauische Laune verloren, volliges Zutrauen zu Herrmanns Treue gefasst und folglich seine Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten sehr vermindert: keine von seinen vorigen Liebhabereien wollte ihm mehr schmekken, auch fur die Jagd war sein Geschmack sehr schlaff: er hatte keinen Gunstling, dem er traute, der ihm Zeitvertreib und Neigungen mitteilte, war ubel aufgeraumt uber die Misshelligkeit mit seiner Gemahlin und hatte also viel Verdruss und viel Langeweile auf sich liegen. Eine so traurige Lage suchte er sich durch die Liebe zu mildern: Ulrike hatte seit ihrer ersten Erscheinung am Hofe geheimen Anteil an seinem Herze gehabt und in dem Augenblicke, als sie im Vorzimmer weinend und kniend fur Herrmannen bat, ihm wirkliche Liebe eingeflosst: um die Eifersucht seiner Gemahlin nicht zu kranken, tat er sich den moglichsten Zwang an, seine Liebe nicht in verdachtige Vertraulichkeiten ausbrechen zu lassen: itzt hatte ihn die Furstin beleidigt, er war von ihr abgesondert, frei und aus Rache nicht ungeneigt, sie durch eine neue Liebe fur ihre Hartnackigkeit zu strafen. Er suchte daher Gelegenheiten, mit Ulriken zusammenzutreffen: wo er sie fand, sprach er ohne Scheu im Tone vertraulicher Zartlichkeit mit ihr und spielte sehr haufig auf eine Verbindung an, wie sie Fursten mit Personen geringern Standes eingehen konnen, um ihre Denkungsart uber diesen Punkt zu erforschen. Zum Teil verstund sie diese Anspielungen nicht, zum Teil wich sie ihnen mit ihrer Antwort aus: weil sie in keiner Gunst mehr bei der Furstin stund, hatte sie mehr Freiheit, herumzugehen und ofterer in solche Gesprache mit dem Fursten zu geraten: sie hat auch in der Folge offenherzig gestanden, dass sie die Gelegenheiten dazu suchte, aber in der unschuldigen Absicht, sich durch seine Unterhaltung von der Langenweile zu erholen, die sie wie ein Alpengebirge druckte eine Absicht, die man ihr um so weniger verdenken darf, da der Furst die einzige Mannsperson am Hofe war, deren Unterhaltung ihr gefallen konnte. Die Furstin und Madam Dormer ubersahen Ulriken und ihre Unterredungen mit dem Fursten uber der hitzigen Verfolgung ihres Plans wider Herrmannen: auf einmal verbreitet sich das Gerucht am Hofe, dass Ulrike des Fursten heimliche Matresse sei und morgen oder ubermorgen offentlich in dieser Qualitat erscheinen werde: der eine hatte ihr einen Kuss geben sehn, der andre wollte sie von seinen Armen umschlungen, der dritte in andern vertraulichen Stellungen erblickt haben: jedermann masste sich die Ehre an, mit dieser geheimen Liebesgeschichte schon langst wie mit seiner eignen bekannt gewesen zu sein, und alle wollten sie verheimlicht haben, weil man nicht gern von solchen Sachen sprache, wie ein jeder mit weisem Achselzucken zur Ursache seines tiefen Stillschweigens angab; und doch war die ganze Geschichte nichts als ein Kuss, den ein Kuchenjunge den Fursten Ulriken hatte geben sehn. Wie schwollen die Nasenlocher der Madam Dormer empor, als dies Gerucht zu ihren Ohren gelangte! Der Zorn blies ihre Backen auf, die Augen traten wie ein Paar Flammen hervor, sie knirschte, sie schnaubte vor Wut, dass ein solches Madchen, wie sie Ulriken bei sich nannte, ein Gluck erlangen sollte, nach welchem sie so lange, so eifrig und so vergeblich gestrebt hatte: die Eifersucht fuhr wie schneidende Messerschnitte durch ihr Herz: sie nahm sich nicht Zeit zur Erholung von ihrem Zorne, sondern flog mit diesem gorgonischen Gesichte geradesweges zur Furstin, um ihr die verhasste Entdeckung mitzuteilen. Die Heftigkeit ihres Ausbruchs und ihrer Gebarden, das gluhende Feuer auf ihrem Gesichte und die Sache selbst steckte die Furstin mit gleichem Feuer an: die Dormerin vergass Uberlegung und Klugheit und erzahlte, um ihrer Nebenbuhlerin recht zu schaden, ihren ganzen Liebeshandel mit Herrmannen, ihre Niederkunft, und war von der Rachsucht so sehr geblendet, dass sie sogar den geheimen Briefwechsel nicht ausliess, den die beiden Verliebten durch sie bei ihrem Hiersein gefuhrt hatten. Ulrike musste auf Befehl der Furstin erscheinen, und wie ein zitterndes Reh, von zween Jagern mit angelegtem Gewehr geangstigt, wurde sie mit Fragen und Drohungen so gewaltig gequalt, dass sie alle ihre Vergehungen bekannte: die Dormerin stund vor ihr, fragte Artikel fur Artikel ihre ganze Geschichte durch, und wenn sie zauderte, ja zu sagen, rief ihr die Furstin drohend zu: "Willst du gestehn?" sie weinte und gestand.
Sobald sie den Hauptpunkt, ihre Niederkunft, nach langem Weigern und Weinen bekannt hatte denn man drohte ihr mit gerichtlicher Untersuchung, wenn sie nicht hier gestunde , nach diesem von Furcht und Angst ausgepressten Ja wurde sogleich ihr Urteil gesprochen: die Furstin befahl ihr mit der furchterlichsten Ungnade, den Augenblick das Schloss zu verlassen, wenn sie nicht in der folgenden Minute von der Wache weggefuhrt sein wollte. "Und die gottlose Kupplerin dazu!" sprach sie zur Anklagerin. Nun besann sich die sonst so kluge Frau, dass sie in der Hitze einen dummen Streich begangen und sich selbst verraten hatte. Sie suchte den Vorschub, den sie den beiden Verliebten durch Besorgung des Postwesens getan hatte, zu beschonigen, aber es half nichts: sie musste augenblicklich aus dem Zimmer.
Ulrike, ohne in der Besturzung zu bedenken, dass es nicht von der Furstin abhing, sie mit der Wache fortfuhren zu lassen, eilte, von Furcht gejagt, als wenn sie Grenadiers mit aufgepflanzten Bajonetten verfolgten, aus dem Schlosse, und der Schrecken fuhrte sie blindlings in die Arme der Liebe, in Herrmanns Wohnung. "Herrmann!" rief sie mit zitternder Stimme, indem sie in die Stube hereintrat, "hier kommt dein verfolgtes Taubchen, nimm es auf! nimm es auf in den Schutz der Liebe!" Herrmann sass, von Berichten, Verordnungen und Rechnungen umschanzt, und hatte ebensoviel Muhe, sich aus seinen Papieren als aus seinen kameralischen Gedanken herauszufinden: die Stimme tonte ihm dazwischen wie das ferne Girren einer Turteltaube in einer durren Sandwuste: er sprang auf, schleuderte Rechnungen, Pachtbriefe und Berichte von sich hinweg, stand da und staunte. "Ulrike! in der Dammerung! zu mir! so allein! bist du es?" rief er, starrend vor Verwunderung.
Ulrike. Freilich bin ich's! Das verabschiedete, weggejagte, verfolgte Madchen! Von Bosheit und Schadenfreude vertrieben! Unsre ganze Schande ist entdeckt: ich selbst habe sie durch mein Gestandnis offenbaren mussen.
Herrmann. Entdeckt? durch wen?
Ulrike. Durch das Weib, das allein einer solchen Bosheit fahig ist!
Herrmann. Durch die Dormerin? Ha! die Verwegne soll dafur bussen, schwer bussen! Schmach und Strafe soll die Verbrecherin treffen. Bleib hier! beruhige dich! ich will zum Fursten eilen; und er muss sie strafen, oder ich will meine Treue gegen ihn verfluchen. Bleib den Kopf muss man der Natter zertreten, wenn sie nicht schaden soll: ich will keine Sonne in diesem Lande wieder aufgehen sehen, wenn das Ungeheuer nicht gezuchtigt wird. Aber wie hat sie ihre Bosheit verubt? hurtig, Ulrike, hurtig erzahle!
Sie berichtete ihm eilfertig den Auftritt in der Furstin Zimmer, wie man sie zum Gestandnisse zwang; und kaum hatte sie das Notwendigste gesagt, so machte er sich auf den Weg. "Der Donnerkeil ward von hohern Handen fur meinen Scheitel geschmiedet", sprach er im Gehen, "mich soll er durch dich treffen: aber er soll abprallen, unschadlich abprallen. Sei mutig, Ulrike, und hoffe auf die Gerechtigkeit des Fursten!"
Aus den Misshelligkeiten der regierenden Personen suchen bekanntermassen immer die Geringern ihren Vorteil zu ziehn, und es kam gleich einer von solchen dienstfertigen Aufpassern, sobald Ulrike aus dem Schlosse gefluchtet war, und meldete dem Fursten ihre Entfliehung, doch ohne die Ursache derselben angeben zu konnen. Die Liebe beunruhigte ihn sogleich mit mancherlei Besorgnissen, mit Mutmassungen, dass seine Gemahlin etwas von seiner Absicht auf Ulriken erraten, erfahren und sie deswegen gemisshandelt habe: er gluhte vor Unwillen und Unruhe und sandte gleich zu dem Obersten Holzwerder, um zu erfahren, ob sie zu ihm gefluchtet ware: der Oberste begegnete dem Boten unterwegs in voller Eile zur Furstin, die ihn hatte rufen lassen, und horte itzt das erste Wort von Ulrikens Flucht. "Ist sie nicht da?" fragte der Furst angstlich, sann und befahl dem namlichen Boten, sogleich mit allen seinen Kraften zu Herrmannen zu laufen. Der Laufer rennte, dass er sich die Beine hatte zerbrechen mogen, in grossen Sprungen und schoss am Eingange des Schlosses vor Herrmannen vorbei, der mit scharfen Schritten zu dem Fursten wanderte und schon angelangt war, als der Laufer mit der Nachricht zuruckkam, dass Herrmann nicht zu Hause sei. "Ist sie bei Ihnen?" fragte der Furst hastig, als Herrmann ins Zimmer trat, und war so begierig, Ursache und Umstande zu erfahren, dass er vor vielen Fragen die Erzahlung lange nicht in gehorigen Gang kommen liess. Herrmann trug alles vor, was er aus Ulrikens Munde gehort hatte, setzte das Gestandnis ihrer beiderseitigen Vergehung und ihrer so lang ausgedauerten Liebe hinzu und schloss mit diesen Worten: "Den Handen eines gerechten Richters habe ich mein Geheimnis und meine Liebe anvertraut: er mag richten! Ihrer Durchlaucht Urteil ist ein Spruch uber mein Leben."
Nach einer tiefsinnigen Pause sprach der Furst seufzend: "Wenn es so ist, so musst ihr euch heiraten." Kaum hatte er es ausgesprochen, so liess der Oberste Holzwerder instandigst um Gehor bitten: er wurde vorgelassen und ersetzte noch einige Umstande, die in Herrmanns Erzahlung gefehlt hatten, berichtete untertanigst, dass ihm die Furstin auf das scharfste bei ihrer Ungnade anbefohlen habe, die Verheiratung zwischen Ulriken und Herrmannen nicht zuzulassen, und bat ebenso untertanigst und flehentlichst, dass ihn der Furst in der Erfullung dieses Befehls unterstutzen mochte. Der Furst, beleidigt durch das Verbot seiner Gemahlin und durch ihr ganzes Verfahren wider eine Person, die einen so grossen Teil seiner Liebe besass, voll Begierde, seiner Gemahlin nicht die Oberhand zu lassen, fuhr zornig heraus: "Sie sollen sich heiraten: ich will es." Der Oberste wagte noch einige Vorstellungen, aber der Furst unterbrach ihn mit verachtendem Tone: "Der Furst befiehlt, dass sie sich heiraten sollen; und der Oberste Holzwerder soll das Weib, die Dormerin, mit Wache aus dem Schlosse schaffen, wenn sie sich nicht freiwillig dazu entschliesst, und gleich itzo, bitte ich mir aus!" Der Oberste kroch mit einem, untertanigst erschrocknen Bucklinge zum Zimmer hinaus, um den gegebnen Befehl zu vollstrecken.
Der Furst war so aufgebracht wider seine Gemahlin, ob er gleich kein beleidigendes Wort wider sie sagte, dass er hastig etlichemal das Zimmer auf und nieder ging und sann, wie er sie empfindlich genug strafen sollte: er glaubte, seinem Ansehn Eintrag zu tun, wenn er nicht das Gegenteil ihres Verbotes durchsetzte, und befahl, den Geistlichen zu holen, der auf der Stelle die Trauung vollziehen sollte. "Ich will Herr in meinem Schlosse sein", sprach er zu Herrmannen, der im Vorzimmer wartete, "wenn ihr getraut seid, sollt ihr bei mir das Brautessen halten."
Herrmann war nicht lange zuruck, um Ulriken die frohliche Botschaft zu bringen, als schon der furstliche Wagen vor der Ture anhielt, der sie zur Trauung abholte; und wie sie durchs Schlosstor fuhren, schlich Madam Dormer, tiefgebeugt, mit verhulltem Gesicht, an der Wand hin und wich den Pferden und der Demutigung aus, von Personen erblickt zu werden, die ihren festlichen Einzug hielten, wo sie mit Schimpf vertrieben war. Sie konnte das Gerede des Publikums nicht ertragen, sondern begab sich noch den namlichen Abend aus der Stadt, voller Schmerz und Gram, dass sie sich selbst in der Schlinge fing, die sie fur andre knupfte, und das Gluck einer Nebenbuhlerin dadurch beforderte, wodurch sie es umsturzen wollte. Vignali, Vignali, wo war deine List?
Nach der Trauung, die sich spater verschob, als der Furst wollte, wurden die beiden Brautleute zur Tafel abgeholt, wozu auch der Oberste Holzwerder eingeladen war, teils als ein Anverwandter der Braut, teils, weil ihn der Furst in der Hitze ein wenig zu hart angelassen zu haben glaubte und ihm durch diese Einladung die Furcht vor Ungnade benehmen wollte. Das Hochzeitsmahl ging sehr still und wenig aufgeraumt vorbei: der Furst war vom Zorne uber das Verfahren seiner Gemahlin noch unruhig, und ob er gleich von Zeit zu Zeit die Wolken von der Stirn vertreiben wollte, so gelang es ihm doch nur auf kurze Augenblicke, vornehmlich da sich die Liebe in seinem Herze hervordrangte und ihn neidisch machte, dass ein andrer besitzen sollte, was er selbst so zartlich liebte: dabei stellten sich auch unangenehme Betrachtungen uber seine eigne misshellige Ehe ein: er sass melancholisch da, warf zuweilen einen Blick auf Ulriken, seufzte, sprach ein paar abgebrochne Worte, einen gezwungen muntern Scherz, und bei jeder Rede kam er darauf zuruck, dass er den Brautigam glucklich pries: er tat dies jedesmal mit einem Tone, der Herrmannen schon an seinem Hochzeitstage hatte eifersuchtig machen konnen. Die beiden Neuvermahlten waren von der Freude wie vor den Kopf geschlagen: sie besannen sich kaum vor Uberraschung ihres Glucks: in sich gekehrt sassen sie da und hatten vor zerstreuender Wonne so wenig Vermogen, viel zu sprechen, als der Furst vor Traurigkeit. Der Oberste tat sich zwar gutlich in Essen und Trinken und genoss also das Hochzeitsessen besser als die ubrigen, denen es nicht sonderlich schmeckte: aber er war noch scheu gegen den Fursten, besorgte, dass der Unwille wider ihn noch nicht vollig verdampft sein mochte, und sprach daher nicht anders als gefragt und mit der moglichst demutigen Ehrfurcht.
Nach aufgehobner Tafel sprach der Furst zu Herrmannen: "Wir wollen tauschen: Sie sollen heute Furst sein." "Nein", antwortete Herrmann, "ich will lieber auch heute der Diener eines guten Fursten bleiben." "So mag ich dann der Furst, und Sie der Gluckliche sein!" sagte der Furst mit einem tiefen Seufzer und gab ihnen gute Nacht.
Als sie in dem Zimmer anlangten, das zu ihrem Brautgemache bestimmt war, wurde ihre Freude beredter. Ulrike wollte immer nicht glauben, dass sie getraut waren. "Nein", sprach sie, indem sie Herrmann auf dem Schosse wiegte, "es ist ein Phantom, ein Traum, der mir durchs Gehirn schleicht: ich bin auf die heutigen Misshandlungen krank geworden und phantasiere: hast du auch die Fiebereinbildung, dass ich nun endlich dein bin?"
Herrmann. Und meine Einbildung ist so uberzeugend gewiss wie mein Dasein. Mein bist du! endlich! So schnell vom Winde in meine Arme geworfen, als er dich oft von mir trieb! Haben wir wirklich mit der Liebe so wenig hausgehalten, wie du einmal besorgtest, dass unser kunftiges Leben ode und langweilig sein wird? Oder fuhlst du, dass sich in Herzen wie die unsrigen die Liebe nie erschopft?
Ulrike. Ich fuhl es, dass ich mich an meinem eignen Herze versundigt habe. Es schlagt noch so frisch und frohlich bei deinem Kusse als unter dem Baume im Garten des Grafen, da du an meinem Busen Trost suchtest.
Herrmann. Und meine Seele ist, wie ich merke, durch Zahlen, Berichte und Verordnungen sowenig zur Liebe verstimmt, als da ich dich im Plauenschen Grunde nach einer halbjahrigen Trennung in meine Arme schloss: deine Umarmung durchdringt mich mit dem namlichen sussen Schauer wie damals, als wenn es die erste ware: mein Puls hupft so ubereilt wie damals. O wie hast du dich durch deine Besorgnis an der Liebe versundigt!
Ulrike. Schwer versundigt! Denn was sind alle die verliebten Abende, die wir auf dem Lande zubrachten, gegen diesen Abend des Glucks? Dort irrten wir unter Schatten, unter ertraumten Gluckseligkeiten herum, und immer stand die Not an der Tur und wollte herein; und sie rachte sich hart, dass wir nicht eher aufmerksam auf sie wurden! Itzt halten wir wahres, festes Gluck in unsern Handen: es wohnt in unsern Herzen: es lebt in allen unsern Gedanken und Sinnen. Fuhlst du nicht den Unterschied? Es ist mir, als wenn ich itzt erst lebte, als wenn ich vorher alles, was ich empfand und dachte und tat, nur so dunkel wie im Traume gesehn hatte: so hell, so wahr, so anschauend hab ich noch nie die Gegenwart empfunden wie itzt; und doch dacht ich, die Liebe war erschopft? O wie schwer hab ich mich an der Liebe versundigt!
Herrmann. Und versundigst dich noch itzt! Warum ubergehst du eine gluckselige Szene unsers Lebens, ob sie gleich tausendfache Leiden uber uns verbreitete? Ulrike, wo werden unsre Entzuckungen seliger sein, hier oder in der ... du senkst den Blick? soll ich sie21 nicht nennen, die Zeugin unsrer Schwachheit? Aber wie so ganz anders sind itzo unsre Empfindungen als damals? Du zitterst nicht vor Furcht: die Knie sinken dir nicht: Angstschweiss stromt dir nicht uber die Wangen wie damals.
Ulrike. Und deine Augen rollen nicht so furchterlich, so flammend wild wie damals. Ach, des schrecklichen Abends! wenn ich noch an die grausende Miene gedenke, die damals aus deinem Gesichte hervorstarrte, voll so gieriger Leidenschaft, als wenn du mir mit jeder Bewegung die Kehle zudrucken wolltest; und die Angst dabei, die in mir kochte; wie mich immer eine Empfindung von dir hinwegscheuchte und die folgende zu dir hindrangte ich bebe noch vor der Vorstellung eines so qualenden Kampfes. Wie ist itzo deine Miene so heiter, dein Blick ein sanftleuchtendes Licht, der Druck deiner Hand so leise zitternd, der Ton deiner Stimme wie eine dahingeleitende Musik o wie ganz anders alles als damals! Die Freude lacht aus jedem Zuge deines Gesichts
Herrmann. Wie sollte sie nicht, da ich den Himmel in meinen Armen halte? Laut mocht ich triumphieren, dass ich ihn endlich durch lange Anfechtung errang! Und dies ist nur der Anfang unserer Seligkeit: wenn die gluckliche Mutter einst solche Zweige um sich herum aufsprossen und zu grossen fruchtevollen Baumen erwachsen sieht, die den Menschen Schutz und Schatten geben solche Zweige, wie schon einer verwelkt auf dem landlichen Kirchhofe liegt , ist es dann nicht der Muhe wert, sich geliebt, sich mit beharrlicher Treue geliebt zu haben wie wir? O Liebe! warst du nicht in der Natur, wo nahmen die Sterblichen ihre Freuden her?
Sie verstummten, zartlich umarmt. Hymen schwang die Freudenfahne uber das seidne Hochzeitlager, und allgemeine Stille feierte die gluckliche Brautnacht.
Viertes Kapitel
Fast das ganze Publikum der Stadt nahm an dem Glucke eines Mannes lebhaften Anteil, dessen Verdienste seit dem Falle des Prasidenten ziemlich von jedermann anerkannt wurden, einige Unzufriedne ausgenommen, die kein ander Vergnugen wissen, als das Gute zu verkleinern, das sie nicht tun konnen. Der Oberste Holzwerder wagte von Zeit zu Zeit eine Vorstellung an den Fursten, wie sehr besonders das hochgrafliche Haus ihm zur Last legen werde, dass er eine so ungleiche Verbindung nicht gehindert habe: der Furst, der ewigen Vorstellungen mude, bot zum Ersatze des Unrechts, dass er Ulrikens Familie durch die Beforderung ihrer Heirat zugefugt haben sollte, Herrmannen den Adel an. Herrmann antwortete: "Wenn Eu. Durchl. meine Dienste in einem hohern Stande angenehmer sind, so nehme ich das Geschenk mit Freude und Dank an: wo nicht, so verlange ich keinen Vorzug, der weder mein Verdienst noch Ihre Gnade vergrossert." "Bravo!" sagte der Furst und klopfte ihm auf die Schulter. "Ich schatze den Mann von Verdienst; der Stand gilt mir gleich: es mag bleiben, wie es ist." Der Oberste, da er sahe, dass es nicht zu andern stund, gewohnte sich allmahlich an die Anverwandtschaft, lebte bestandig in freundschaftlichem Vernehmen mit den beiden Eheleuten, Ulrike half ihm zuweilen Schlachten und Walder und Stadte aus Dendriten hervorpolieren, auch Herrmann wurde zum Ehrenmitglied in seiner Akademie aufgenommen und verplauderte mit dem Alten manche lustige Stunde uber der Erklarung eines neupolierten Dendriten.
Herrmann hielt es fur seine Pflicht, Verachtung nicht mit Verachtung zu vergelten, und schrieb an Grafen und Grafin Ohlau: ohne nur mit einem Seitenblicke, mit einem Worte fur die beleidigenden Schimpfnamen und verachtlichen Begegnungen sich zu rachen, die er von ihnen zu einer Zeit ausstehn musste, wo es freilich zu verwegen von ihm war, nach Ulrikens Besitze zu streben, dankte er beiden im Tone der wahren Politesse, ohne weggeworfne Ehrfurcht und ohne stolze Vertraulichkeit, dass sie ihn durch die Sorge fur seine Erziehung wurdig gemacht hatten, eine Anverwandtin von ihnen zu besitzen. Ulrike tat das namliche: selbst der Furst hatte soviel Herablassung und liess an den Grafen schreiben, um ihn uber die Heirat zu beruhigen und zu bezeugen, dass sie mit seiner Genehmigung und Zufriedenheit geschehen sei. Der Graf antwortete dem Fursten in einem schlecht orthographierten Handschreiben, weil er in den itzigen geldbedurftigen Zeiten sein eigner Sekretar sein musste und seine vormalige sogenannte Kanzelei mit dem Verkaufe der Herrschaft an einen andern Herrn gekommen war: er dankte dem Fursten in hochfahrendem Tone fur sein Schreiben und die Gnade, die er gegen seine Schwestertochter zu haben schien: der ganze Brief bestund aus drei Zeilen und beruhrte den Punkt, worauf es ankam, nicht mit einem Worte. Der Furst, als er ihn gelesen hatte, warf ihn lachelnd unter den Tisch.
Weder Herrmann noch Ulrike erhielten Antwort von ihm: die Grafin schrieb zwar nach einiger Zeit an die letztere, aber kurz und mit der kaltesten Hoflichkeit: sie freute sich uber ihre Gesundheit, dankte fur ihren Brief und versicherte, dass sie ihre wohlaffektionierte Tante sei. Herrmanns und seiner Verbindung wurde nicht mit einer Silbe gedacht: aber man sah deutlich, dass sie den Brief unter der Aufsicht ihres Gemahl geschrieben hatte; denn auf der andern Seite stand, fluchtig hingeworfen 'Grusse Deinen Mann und sei glucklicher als ich.' Vermutlich mochte sie diese Worte heimlich bei dem Zumachen des Briefs hinzugesetzt haben; denn sie waren ausserst unleserlich. Auch fur diese Verachtung rachte sich Herrmann nicht, sondern gab zu der Kollekte, die die Familie jahrlich fur den Unterhalt des Grafen machte, einen der starksten Beitrage, ohne seinen Namen zu unterzeichnen. Der Oberste selbst, der ihn bei naherer Bekanntschaft ungemein schatzte, tadelte ihn wegen dieser Grossmut und sagte in seiner kernhaften Sprache: "Setzen Sie dem stolzen Bettler Ihren Namen unter die Nase hin, dass er daran riecht, wen er verachtet. Sacre-papier! Wenn wir ihm nichts geben, muss er ja schnurren gehn oder Brandbriefe herumschicken." Herrmann war niemals dazu zu bewegen. "Ich vergebe dem Grafen", sprach er, "dass er in seinem Alter nicht besser denkt, als er es in der Jugend lernte. Mich haben meine Schicksale etwas Bessers gelehrt; und so will ich denn auch hierinne diesem Unterrichte nicht untreu werden." Er war der letzte, der mit seinem Beitrage bis zum Tode des Grafen aushielt und der Grafin eine Pension auswirkte, als alle ubrige echte Mitglieder der Familie des Beitragens schon langst uberdrussig waren.
Alle seine ubrigen Freunde bekamen nach der Reihe Briefe von ihm und darinne die Nachricht von seiner Verbindung: er wollte durchaus aller Beleidigungen vergessen und sich nur der Verbindlichkeiten erinnern, welches vorzuglich sein Brief an Schwingern bewies. Ihre Antworten sollen hier in der Ordnung folgen, wie er sie erhielt.
Vom alten Herrmann.
F**, den 15. Dezember.
Denkt mir doch! Bist nun gar ein grosses Tier geworden und hast eine Fraulein geheiratet? Wenn's nicht ronesse Ulrikchen, so sprach ich: Sohn, Du bist ein rechter Tolpel, dass Du Dich mit einer Fraulein behangen hast: nun halt ich in meinem Leben nichts wieder auf Dich. Aber was will ich denn sagen: hat sich denn nicht Dein Vater selbst vom Teufel blenden lassen, dass er einen dummen Streich machte? wie kann man's vom Sohne besser verlangen? Ach, Heinrich, Du wirst Dich kreuzigen und segnen, wenn Du horst, wie es Deinem alten Vater gegangen ist.
Stelle Dir einmal vor! Nille ist Deine Mutter nicht mehr. Weil ich so hubsch versorgt auf Deinem Gutchen war, so kam mir die Lust an, meine Nille wieder bei mir zu haben: was geschieht? ich schreibe an sie, nicht lange nachdem Du von uns gereist warst. Wer keine Antwort kriegte, war ich. Ich kriege den Koller und schreibe drei, vier Briefe: endlich kommt ein Wisch von dem Schandkerl, dem Leinweber, bei dem ich sie sitzenliess. Da hat sie bei dem verdonnerten Leinweber den Durchbruch22 so gewaltig gekriegt, dass sie beide ich mag Dir's gar nicht sagen, Du wirst schon raten. Kurz und gut, die Vettel lasst mich wie ein verlaufnes Windspiel in die Zeitungen setzen und auf den Kanzeln ausrufen. Hier in dem Neste kriegt man das ganze Jahr keine Zeitungen zu sehn, und ich lese auch keine; denn was gehn mich die Sachen der grossen Herren an? Aber wenn ich gewusst hatte, dass etwas von meinen Affaren drinne stunde, so hatt ich doch so einen Wisch einmal in die Hand genommen. Da ich also nichts erfahre und mich nicht melde, so heiratet das Schandmensch feliciter den christlichen Leinweber. O so heirate Du in alle Ewigkeit hinein bis zum Nimmersattkriegen! Das schreibt mir mein Herr Nachfolger. Warte, dachte ich, ich will dich schon bezahlen. So sollst Du mich nicht wieder zum Manne haben, und wenn du schon warst wie ein Kirchengel. Hast du einen andern genommen, so nehme ich mir eine andre, die erste, die beste, aber eine Jungfer muss es sein. Ich bin ein alter Kerl, aber eine Witwe ist nicht meine Sache. Weil ich nun so recht toll und bose bin und vor Desperation durchaus wieder heiraten will, so sag ich zur Fraulein Hedwig: der Donner und das Wetter, wenn nur gleich ein Kobold bei der Hand ware, der mich heiraten wollte: meiner ehrvergessnen Nille zum Trotz wollt ich mich auf der Stelle mit ihm trauen lassen. Fur die alten Jungfern ist das Heiraten ein gar zu delikates Gericht. Was geschieht? der Rumpelkasten schmunzelt und schwanzelt so viel um mich herum und schwatzt mir so nach dem Maulchen und legt mir's so nahe, dass ich in einer tollen Stunde herausplumpe und sie frage, ob sie mich haben will. Hore, Sohn! das war, als wenn ihr der Blitz das Ja aus dem Halse fuhrte. Ich schlage ein, und wir werden kopuliert. Hinterdrein biss mich wohl der Wurm ein bisschen, dass ich mich mit so einer vornehmen Trolle beklunkert hatte; denn alles Vornehme ist mir zeitlebens bis zum Ekel zuwider gewesen. Aber es ist eine brave Frau geworden, das muss ich ihr lassen, eine Frau, als wenn ich mir sie bestellt hatte, eine Frau aus dem Fundamente. Meine Nille ist ein Lump dagegen, ein rechter Lump, sag ich Dir. Es ist mir recht lieb, dass sich der Leinweber mit ihr beseligt hat, so bin ich doch das Meerkalb los. Das hatt ich der dicken Hedwig in meinem Leben nicht zugetraut, dass so eine gute Frau aus ihr werden wurde. Sie sieht freilich aus, dass man sie nicht gern von der Strasse aufhebt, besonders plagen sie itzo die Fusse jammerlich. Das alte Tier bildet sich etwas anders ein und will es nicht Wort haben, dass es Flusse sind, aber sorge nur nicht, dass Du noch in Deinem dreissigsten Jahre, oder wie alt Du bist, ein Bruderchen bekommen mochtest: es sind nichts als Flusse, dabei bleib ich. Sie milkt, sie backt und macht alles wie eine geborne Hausfrau und hantiert im Hause herum wie ein Feldwebel: das muss alles gehn wie am Schnurchen, oder sie poltert wie ein Drache und schlagt auch wohl mit Fausten drein, wenn das Gesinde nicht gut tut. Sie hat Dir Dein Gutchen, seitdem Du den Pachter abgesetzt hast, wieder so in Ordnung gebracht, dass wir recht gut davon leben konnen; und dabei wartet sie mir auf wie einem Fursten, dass ich mich pflege, mir in Essen und Trinken gutlich tue und recht vergnugte, mussige Tage habe. Mit dem Pfarr spiele ich zuweilen ein Picketchen, bin vergnugt und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Blitz! was mir der Pfarr noch taglich die Ohren voll rasoniert, dass er sich damals von dem Donnerkerle, dem Siegfried, so hinters Licht fuhren liess und ihm Deine ganze Historie vorplauderte und endlich gar noch Ursache war, dass Dir Dein Ulrikchen weggenommen werden konnte. Er will sich gar nicht zufriedengeben. Schreib doch an ihn und sprich ihm Trost zu! Ich sage immer, wenn er so lamentiert: es ist ja zu des Jungen seinem Glucke ausgeschlagen; wenn Sie sich nicht so hatten ubertolpeln lassen, so ware er ja itzo nicht, was er ist, so konnte er ja seine Ulrike itzo nicht zur Frau haben, so hatte ich ja das Gutchen itzo nicht mit meinem Weibchen so allein zu geniessen und konnte mir nicht so wohl sein lassen. Aber der Mann hort nicht. Solange er nicht Dein Wort hat, dass Du ihm seine damaligen dummen Streiche vergibst, solange kann er nicht eine Minute recht mit Verstande Picket spielen. Er macht einen Pudel uber den andern, und die Unruhe ist ihm nur erst wieder angekommen, seitdem er gehort hat, dass Du ein grosses, vornehmes Vieh geworden bist. Du kannst ihm ja vergeben. Er schwort Stein und Bein, dass keine Bosheit dabei gewesen ist und dass er sich aus guter Herzensmeinung gegen Dich von dem Banditen, dem Siegfried, so treuherzig hat machen lassen. Aber der Schurke, der Siegfried, gibt sich itzo selbst seinen Lohn. Seitdem Du von uns weg bist, hat er alle Tage gesoffen, dass er vom Morgen bis zum Abend keine Minute den Himmel erkennen konnte, und die dicke Watschelente, seine Frau, mit ihn. Das ging alle Tage zu wie bei dem reichen Manne. Unser Dorf ist auf diese Art in die Kehle hinunterspaziert. Es ist schon lange verkauft, und mit dem andern Gute wird's nachstens auch so kommen. Uber dem vielen Trinken sind sie kruppelicht, kontrakt und elend wie der arme Lazarus geworden. Da liegen sie und konnen sich weder helfen noch raten, mussen sich heben und tragen lassen und saufen noch alle Tage, dass sie springen mochten. Sie werden's nicht lange mehr antreiben; denn wenn sie sich nicht bald zu Tode trinken, so mussen sie aus dem Gute, und dann mogen sie bei den lieben Vogelein in hohlen Baumen schlafen und hungern und betteln. Unrecht Gut gedeihet nicht, das ist mein Spruch, und darum hab ich in der Welt nichts vor mir gebracht, damit ich nichts unrecht Erworbnes auf meinem Gewissen haben mochte. Was hilft's nun dem versoffnen Kruppel, dass er mich damals um meinen Dienst brachte und mir hernach noch mein kummerliches Gnadengeld bestahl? Was hilft's ihm, dass er den Grafen so rein ausgezogen und seine ganze Herrschaft geplundert hat? Was hilft's ihm, dass er Dich hier so druckte und so schelmisch um Deine Ulrike brachte? Nicht einen Pfifferling! Ende gut, alles gut. Drum geht nichts uber den Kernspruch: Ehrlich wahrt am langsten. Wer ist nun besser daran? Ich oder der Bandit? Der Teufel! ich bin so vergnugt wie eine Bachstelze, habe gute Tage und lebe mit meinem Weibchen so zufrieden wie ein Engel im Himmel. Hab ich's nicht immer gesagt? Dem alten Herrmann wird's wohlgehn, wenn alles das Gesindel, das ihn itzo schuriegelt, verhungern und verkummern muss. Ich meine den hochfahrenden Grosstuer, den Grafen, auch mit. Es ist ihm ganz recht, dass er itzt so demutig zu Fuss gehn muss, wie er sonst stolz gefahren ist. Er hat die Leute etwas ehrliches geplagt und mich am meisten, dass ich nicht so schmeicheln und hofieren wollte wie seine andern Maulaffen. Nun mag er selbst den Leuten hofieren, damit sie ihm nur das liebe Leben erhalten. Nun kann er sehn, wie es andern Menschen, die auch keine Narren sind, in der Seele weh tat, dass sie so einem Olgotzen beinahe zu Fusse fallen mussten, wenn sie einmal ein Brockchen Gnade haben wollten, und ihn doch niemals genug anbeten konnten. Ende gut, alles gut. Ich mochte wahrhaftig itzo nicht mit ihm tauschen: ich brauche doch nicht zu betteln. Ich mochte itzo nur zwei Stundchen bei ihm sein. Nu? wollte ich ihm sagen. Wer ist nun der grosste Narr unter uns beiden? Der alte, grobe Klotz, wie Sie mich sonst nannten, oder Ihre Hoch-Hoch-Hoch-reichsgrafliche Exzellenz und Hochgeborne Gnaden? Kurz und gut, wer bis ans Ende beharrt, der ist selig. Das merke Dir und sei ein ehrlicher Kerl, bis Dich die Maden fressen, wie
Dein Vater
Adam Ehrenfried Herrmann.
N.S. Du hattest wohl mit Deinem Briefe ein Stuckchen Brautkuchen schicken konnen. Unser Schulze macht itzo superfeinen Kummel, und dazu war er mir just gelegen gewesen. Ich will Dir's diesmal vergeben. Bei der Kindtaufe macht es besser.
Von der gewesenen Fraulein Hedwig,
itzt Herrmanns Stiefmutter.
den 15. Dezember.
Wohlgeborner Herr! Hochgeehrtester Herr Stiefsohn!
Dero hohe und preiswurdige Eigenschaften wie auch Dero Frommigkeit und gutes ingenium und diese und viele andre lobens- und ruhmenswerte Tugenden Ihrer vortrefflichen Frau Gemahlin haben bei mir bestandig so grosse admiration und approbation gefunden, dass Denenselben beiderseits bei Dero erfreulichen Vermahlung und Beilager nicht bergen kann, wie sehr ich mich uber eine so wohlgetroffne mariage erfreue, und wunsche Ihnen dazu salus, prosperite und Wohlergehen. Mich hat der weise Gott, der alles wunderlich fugt, noch in meinen Jahren in ein gluckseliges matrimonium versetzt, wodurch zugleich Dero ergebenste Stiefmutter worden bin, und notificiere Denenselben zugleich, dass meine bisherigen Umstande mir die angenehme Hoffnung geben, dass ich nicht sine effectus oder pour rien und vergeblich in meinen neuen Ehe- und Wehestand getreten bin. Auch kann daher nicht ermangeln, Dieselben beiderseits zum Voraus zu Taufzeugen und Paten gehorsamst zu erbitten und versichre, dass ich bestandig mit allem estime und cum affectionibus, wie eine leibliche Mutter, nebst ergebenstem Gruss an Dero preiswurdige Frau Gemahlin, bis in den Tod sein werde, woruber ich ungemein flattiert bin,
Meines wertgeschatzten Herrn Stiefsohns
zartlich liebende Stiefmutter
Hedwig Gottelieba Charitas Herrmann
geb. von Starkow.
Von Doktor Nikasius.
Dresden, den 20. Dezember.
Wohlgeborner etc. Eu. Wohlgeb. gutiges Schreiben vom 5. Decembris und habe daraus mit angenehmer Gemutsbewegung fur mich und meine liebe Ehegattin ersehn, wasmassen Dieselben nicht nur die praemia Ihrer guten Qualitaeten und vortrefflichen Eigenschaften allbereits gefunden und erhalten, wie auch zu Vermehrung Ihrer Satisfaction und Zufriedenheit mit Tit. pl. der Hochwohlgebornen Fraulein, Fraulein von Breysach etc. etc. ein christliches Eheverbundnis getroffen und in vollkommner Leibes- und Gemutsergotzung vollzogen haben, fur welche uns zu geben beliebte Nachrichten wir beiderseits gehorsamsten Dank abzustatten nicht ermangeln. Und wie wir nun an Eu. Wohlgeb. hierob schopfenden Freude, wie an allem, so Denenselben und Dero Frau Gemahlin Gnaden Behagliches und Vergnugliches widerfahren mag, aufrichtig teilnehmen und Denenselben zu solcher glucklichen Begebnis hiermit ergebenst gratulieren: also wunschen wir annebenst beiderseits, dass die gottliche Providenz und Vorsehung zu Dero angetretenem Ehestande reichen Segen und Gedeihen nebst allen selbst verlangenden Prosperitaten verleihen, mithin auch Denenselben aus sotaner mariage continuierliches Vergnugen empfinden lassen wolle.
Da nun Dieselben aus alter Bekanntschaft und wohlmeinen der affection nicht ungeneigt sein werden, mein und meiner lieben Ehegattin Gesundheit und anderweitiges Befinden zu vernehmen, als dienet hiermit zur freundlichen Nachricht:
1mo) anlangend unsern beiderseitigen Gesundheitszustand, so ist derselbe noch vollig so erwunscht und glucklich wie bei Dero geehrten Gegenwart in unserm Hause, wie denn auch meine Frau dergestalt und allermassen taglich an korperlichem Gedeihen und Leibesstarke zunimmt und deswegen schon langst von allem Gehen und in specie von dem Steigen auf denen Treppen uberaus incommodieret wird, welchermassen denn auch mich wegen zunehmender Corpulenz meine vielen Arbeiten in meinen hohen Jahren gewaltig belastigen und beschweren.
2do) meine sonstigen Umstande und res domesticas betreffend, so ist alles noch auf dem vorigen Fusse, vollig ut supra, und ist sonst gar nichts Veranderliches vorgefallen, als dass ich nach langem Streben und Treiben meiner Frau vor einigen Jahren einen ansehnlichen Titel erhalten habe und denselben noch gegenwartig zu geniessen fortfahre.
3tio) in betracht Dero an die Frau Oberstin abgelassenen Schreibens, so ist dasselbe den Tag darauf von meiner Frau bei einer formlichen Visite eigenhandig und richtig uberliefert und zugestellt worden. Obwohlen nun der Frau Oberstin Gnaden bei Durchlesung obangeregten Schreibens die Augen nicht wenig aufgesperret, auch einige ungebuhrliche Reden und lasterliche Fluche auszustossen sich nicht entblodet haben, als wie in specie: "Also hat das donner-hagelsblitz-elementsche Wetteraas den sappermentschen Seehund doch noch geheiratet!" Ferner: "wenn der Kreuz-Mordio-Sappermenter nur wenigstens ein Edelmann geworden ware!", desgleichen auch mit verschiedentlichen andern Schmahreden Eu. Wohlgeb. und Dero Frau Gemahlin zu begunstigen nicht ermangelt haben: jedennoch hat sich bemeldete Frau Oberstin verlauten lassen, dass sie bei so gestalten Sachen sich uber Dero Verbindung hochlich erfreue, auch meiner Frauen aufgetragen, Denenselben beiderseits in ihrem Namen alles erspriessliche Wohlergehen dazu anzuwunschen und von Herzen zu gratulieren, inmassen denn sie wegen heftiger Schwache und starken Zitterns in denen Handen, auch sonstigen Ungeubtheit im Schreiben sich kein eignes Antworts- und Gratulationsschreiben abzufassen getraue, zumalen ihr bisheriger treufleissiger Bedienter, so sonst bei dergleichen Vorfallen ihr Beistand und assistenz geleistet, durch einen Steckfluss schon seit geraumer Zeit das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, und desselben Nachfolger so kreuz-hagel-ochsen-ganse-hornviehmassig dumm buchstabiere, dass mit demselben nichts anzufangen sei.
Schliesslich empfehlen wir Eu. Wohlgeb. beiderseits in Gottes Obhut, allstets mit vollkommnem Estime verharrend etc.
Von Schwingern.
G., den 23. Dezember.
Noch einmal wage ich es, die Sprache freundschaftlicher Warme so ganz mit Dir zu reden, wie sie meinem Herze sonst so wohltat, ohne sie durch frostige Titel und Komplimente zu ersticken; und warum sollte ich nicht reden wie sonst, da Dein Brief noch vollig die starke feurige Empfindung atmet, die vormals Deine Briefe belebte? Ich will mit Dir sprechen wie ein Vater mit seinem emporgekommnen Sohne; und gewiss, Dein leiblicher Vater kann sich uber Dein Gluck nicht aufrichtiger und inniger freuen als ich. O konnt ich zu Dir hineilen, Dich nur einmal an meine Brust drucken und mir sagen: dazu hab ich ihn gebildet! dieser tatige, feurige Mann, dieses edle, rechtschaffne Herz, dieser auffliegende Geist, diese starke, mannliche Seele ist ein Werk meiner Sorge! diese Grundsatze, die ihn nahe an den Rand des Verderbens, des Lasters, des Leichtsinnes und selbst des Verbrechens hintaumeln liessen, dass ihn oft nur ein Haarbreit vom Falle schied, und die ihn jedesmal kraftig zuruckzogen, diese Grundsatze habe ich in ihn gelegt! diese Lenkung seiner Ehrbegierde auf nutzliche, grosse, wichtige Dinge hat er mir zu danken! Diese brennende Warme des Herzens habe ich zuerst ligkeit ich ihn gelehrt! Diese Offenheit des Charakters, die fur jeden liebenswerten Gegenstand der ganzen Natur sich aufschliesst, diese weitumfassende Sympathie, die an allem teilnimmt, was edles Vergnugen gibt und nimmt, diese wahre richtige Empfindsamkeit ohne Kunstelei und Zwang dieser ganze vortreffliche Mensch ist die Frucht meiner Erziehung! Glucklich, wem so fur seine Muhe gelohnt wird!
Vergib mir diese Ruhmratigkeit! es ist die Prahlerei der Liebe, weder Eitelkeit noch Schmeichelei spricht aus mir. Wie soll man sich nicht von Freude und Wonne, von Stolz begeistert fuhlen, dass man zwo so edle Seelen wie Dich und Ulriken gebildet hat? Soll man nicht den Guten preisen, dass er Verfuhrung uberwand und aus dem Taumel der Jugendjahre sich zu der Vollkommenheit emporarbeitete, wozu ihn die Natur bestimmte? Ja, ein Jahr meines Lebens gab ich fur das Entzucken dahin, Dich an Deinem Hochzeitstage neben Ulriken gesehn zu haben: welch ein Bild! Ulrikens frohliche Lebhaftigkeit neben Deinem heitern Ernste! Wie freu ich mich, als ware ich neu geboren, dass mich Dein Brief aus einer Verblendung riss, worein mich, ich weiss nicht welcher Wahn, versetzte! Ich habe Dich verkannt, Dich fur einen Bosewicht, fur einen verderbten Spotter, einen Verachter der heiligsten Freundschaftsrechte, einen verstockten Verfuhrer gehalten: ich habe an Deiner Bestrafung gearbeitet, und, wie ich sehe, Dein Gluck veranlasst, indem ich Dich ins Elend bringen wollte: ich bekenne mein Vergehen, und ob Du mir gleich grossmutig mit Deiner Verzeihung zuvorgekommen bist, so will ich sie doch durch meine tiefste Reue itzt zu verdienen suchen. Ich handelte aus Irrtum: so schwach ist der Mensch, dass auch Leute, die aus allen ihren Kraften sich der Billigkeit und Menschenliebe befleissigen, sie oft groblich beleidigen, selbst indem sie sich einbilden, sie auf das gewissenhafteste auszuuben. Die Vorsicht hat richtiger geurteilt als ich elender Sterblicher: sie hat durch ihre Fuhrung meinen Irrtum widerlegt. Wohl mir! dass ich einen Mann wieder lieben darf, den ich eine Zeitlang mit Betrubnis hassen musste! Ich bin wie ein Vater, der sein einziges Kind fur ermordet von den Handen der Rauber achtete und es plotzlich voll Leben und Wohlsein wiederfindet.
Der Rest meines Lebens soll mir nunmehr wie Jugendtage verfliessen, zwar einsam, ohne Freund und Gattin um mir, aber doch ruhig, in landlicher Stille und Zufriedenheit. Anfangs hielt mich ubertriebne Gewissenhaftigkeit von der Ehe ab, und dann liessen mich zu hochgespannte Begriffe von weiblicher Vollkommenheit keine finden, die meine Wahl zu verdienen schien: so sei es! Unser Leben ist ein immerwahrender Irrtum: der meinige hat mir viele Freuden geraubt, die Freuden des Gatten und des Vaters: so gebe sie dann der Himmel meinem Freunde in vollem Masse, und ich will durch die Teilnehmung an seinem Glucke die Wonne geniessen, die mich kein eignes empfinden lasst.
Lebt wohl, Ihr zwei mir so lieben Herzen! seid glucklich, und wenn Ihr mir meine Verlassenheit versussen wollt, so weiht zuweilen mitten im Genusse Eures Glucks einige Augenblicke dem Andenken Eures
aufrichtigen liebevollen Freundes
Schwinger.
Von Herrmanns gewesener Mutter.
Z**, den 19. Juli.
Hochehrwirticher Hochwolgeborner Her,
Ire hochwolgeporne Gnaden werten nich ungnedig nemen ich bin eine arme ferlasne Frau und habe weter Tach noch Fach Ihre hochwolgepornen Gnaten werden Ihr mildes Herz auftun salfa fenia ich muss auf der Strasse umkommen Es ist mir gar zu schlim geganen (gegangen) ich denke Ire hochwolgeborne Gnaden mein Man ist tot unt neme in kristlicher Gesinnung einen Antern. Das war ein rechter Schantkerl Ire hochwolgeporne Gnaten er war ein Leinwaber. Der Henker wirt im wol das Lon geben dass er mich so betolpelt hat. Ich arme Frau weis weder aus noch ein. Da nam ich ten Galgen-Schwengel Ire hochwohlgeporne Gnaten weil er so ein guter Krist war unt so hubs batte (betete) da nam ich In zum manne. Ich habe was rechts bey im ausgestanten, er hat mich geprigelt wien Melsack weil er alle Dage drank und palt batte (betete) unt balt trank und hernach nich von sinnen wusste und ta prigelte er mich weil er gar nich zu sich kam. Ire hochwolgeporne Gnaten s war n rechter Hollenprand. Da ging ich von im weil ichs gar nich mer aushalten konte unt lebe nun in Kummer unt Jammer und weiss nicht wo ich mein haubt hinlegen sol. Ihre hochwolgeborne Gnaten werten sich irer armen Mutter erbarmen. Ich habe erfaren dass Si ein gar groser vornemer mann geworten sint unt sie werten toch ir miltes Herz auftun unt mich nicht verhungern und verkummern lasen. wen mich nur nich der bose Feind geplagt hatte unt dass ich nicht einen antern Man genomen hette ach s ist gar eine grosse Not mit mir weil ich nischt zu beisen noch zu brechen habe Ire hochwolgeporne Gnaten mogen sich meiner annemen. Wen Sie mir was schicken wolen ich bin mit gehorsamster submision Ire untertanichste Magd
Anna Maria Petronilla Schwenkfeldin.
Anhang
Vielleicht sind die meisten Leser begierig, die Schicksale der vornehmsten Personen, die ihre Aufmerksamkeit in dieser Geschichte an sich gezogen haben, nach dem Ende der Haupthandlung zu erfahren: um ein solches Verlangen zu befriedigen, wird man ihnen hier nach der Reihe von einer jeden erzahlen, was aus ihr bis zu diesem Augenblicke, wo die meisten noch leben, geworden ist.
Furst und Furstin sohnten sich nicht lange nach Herrmanns Verheiratung, vorzuglich durch seine Vermittelung, wieder aus: der Furst tat den ersten Schritt dazu, und beide Teile bewiesen durch ihre nachfolgende Einigkeit, dass Fursten sehr gut sind, wenn sie bose Leute nicht daran hindern. Seitdem die Dormerin ihre Entfernung vom Hofe durch die Ubereilung ihrer Leidenschaft bewirkt hatte, verschwanden Kabalen, Intriguen und Ranke, als wenn sie mit ihrer Urheberin entflohen waren: kleine, unbedeutende Feindseligkeiten ausgenommen, wurde der Hof ein Schauplatz der Ruhe und Ordnung, der Furst vorsichtiger gegen Schmeichler und Ohrenblaser, aufmerksamer auf die Geschafte und die Furstin in ihrer Gunst weniger veranderlich und von allem Parteimachen abgeneigt. Ihre Ungnade gegen Herrmann und Ulriken verlor sich allmahlich durch des Fursten Furspruch so sehr, dass sie sich zuletzt in Gunst verwandelte. Im ganzen Lande zeigten sich Spuren von allen diesen glucklichen Veranderungen: die Aufmerksamkeit des Regenten gab allen Geschaften Leben, Geschwindigkeit und Ordnung: gute Anstalten beforderten den Wohlstand der Einwohner, gaben ihnen Geist und Tatigkeit und entkrafteten durch die Vertreibung des Mussiggangs Laster und Mutwillen: jeder ehrliche Mann war in seinem Posten sicher, weil seine Sicherheit nicht von dem Steigen und Fallen einer Hofpartei, sondern von seinem Verdienste abhing, und kein Schelm entging lange Herrmanns Wachsamkeit. Die Habsucht, womit selbst die geringsten Bedienten unter dem vorigen Prasidenten an sich rissen, was sie unentdeckt an sich reissen konnten, verschwand itzo vollig, weil jedermann richtig empfing, was ihm gehorte, und weder durch Not noch durch das Beispiel seines Obern zu Schelmereien sich fur berechtigt hielt.
Der Graf Ohlau starb sehr bald nach Herrmanns Heirat unter Kummer, Unwillen und ubler Laune, ohne seine Gesinnungen gegen Ulriken zu andern. Herrmann verschaffte, wie schon gesagt worden ist, der Grafin ein kleines Gnadengeld vom Fursten, und die Dankbarkeit machte sie um soviel gutiger und freundschaftlicher gegen ihn, da sie ihr stolzer Gemahl nicht mehr zwang, harter und unfreundlicher zu sein, als ihr Herz wollte. Sie lebt auf dem Lande, im stillen, zwar ohne Mangel, aber in bestandiger Kranklichkeit unter mancher Unruhe uber den Verlust ihres vorigen Wohlstandes, ob sie ihn gleich ausserlich ganz verschmerzt zu haben scheint. Ungluck und Einsamkeit haben sie sehr andachtig gemacht: sie liest taglich Erbauungsbucher, wird von niemandem als dem Prediger des Orts besucht, der alle Nachmittage eine Betstunde mit ihr halten muss, und achtet alle zeitliche Freuden und Herrlichkeiten fur Kot, da sie keine mehr besitzen soll.
Ulrikens Mutter starb schon vor vielen Jahren, als sich Herrmann auf dem Lande aufhielt. Der Sturz mit dem Pferde, der sie hinderte, ihre Tochter von Dresden abzuholen, brachte sie in die Hande eines unerfahrnen Wundarztes, dessen Kur ihr einen offnen Schaden zuzog, dass sie lange Zeit das Bette nicht verlassen konnte: der Unerfahrne wollte den begangnen Fehler wieder gutmachen, heilte den Schaden zu und verursachte ihr Geschwulst und eine Krankheit, woran sie starb. Die Einwohner des Gutes, das ihrem verstorbnen Gemahle gehorte und durch den Konkurs verlorenging, betrachteten nach der gewohnlichen Denkungsart dieser Leute die Leiden ihrer ehmaligen Gebieterin als Strafen des Himmels fur die harte Begegnung, die sie oft von ihrem Zorne und ihrer Peitsche erlitten hatten. Da ihr eignes Vermogen in dem Konkurse mit aufgegangen war, so vertat sie nach dem Tode ihres Gemahls den unbetrachtlichen Rest, den sie mit Muhe noch gerettet hatte: von ihrem herabgekommenen Bruder, dem Grafen Ohlau, konnte sie keine Unterstutzung erwarten und war also dem Mangel sehr nahe, und die Furcht vor seiner Nahe mochte sehr viel zu ihrem Tode beitragen. Die Familie liebte sie nicht und vergass sie und ihre Armut so ganz, dass niemand ihren Tod erfuhr, und der Oberste Holzwerder musste sich erst besinnen, ob sie gelebt hatte, als ihm Ulrike die Nachricht von ihrem Absterben aus Schwingers Briefe mitteilte, den sie kurz nach ihrer Vermahlung mit demjenigen erhielt, den man vorhin gelesen hat.
Siegfried bestrafte sich selbst durch ubermassiges Trinken fur seine ehmaligen Bosheiten und Schelmereien, nach des alten Herrmanns Berichte, und zog sich eine schmerzliche Krankheit zu, die seinem elenden Leben ein Ende machte: seine Frau kaufte sich von dem Reste des vertrunknen Vermogens in einem Hospitale ein, und keins von beiden genoss in Ruhe die Fruchte der Betrugerei. Ihr Sohn, Jakob, hat schon langst seine verdiente Versorgung auf dem Baue gefunden und wird vermutlich sein unruhmliches Leben dort beschliessen.
Die listige heimtuckische Vignali und nachmalige Dormerin wusste sich nach ihrer Vertreibung vom Hofe nicht anders zu helfen, als dass sie sich wieder zu einer Schauspielergesellschaft begab, wo sie in aufgewarmten Operetten singt und alle veranderliche Schicksale mit ihr teilt, die eine wandernde kleine deutsche Truppe betreffen konnen. Sie fuhlt die Demutigung des Geschicks so stark, dass sie kaum die Flugel zu einem hohern Schwunge zu erheben wagt: sie hat den dritten Mann genommen und ist dadurch an eine Lebensart gefesselt, wo sie nie grossen Fortgang machen wird, weil ihr die deutsche Sprache zu schwer fallt und ihre Intriguensucht ihr bei jeder Truppe sogleich allgemeinen Hass erweckt.
Arnold gelangte nie wieder zu der Gunst des Fursten, bekam ein Kassiereramtchen und lebte bei massigem Einkommen mit Lisetten ruhig und vergnugt.
Der Doktor Nikasius soll, wie man sagt, vor einigen Monaten gestorben sein.
Herrmanns erste Mutter bekam auf ihren klaglichen Brief das Versprechen eines jahrlichen Zuschusses von ihm, wenn sie ordentlich fur sich leben und sich die ubrigen Bedurfnisse durch weibliche Arbeiten verdienen wollte. Sie wohnt in einem Stadtchen, spinnt, singt und betet viel und lebt von der Unterstutzung ihres Sohns, von ihren beiden Mannern getrennt, in unvergleichlichem Wohlbefinden.
Der alte Herrmann kampft zwar taglich mit korperlichen Schwachheiten und flucht auf das Alter, das ihm den Appetit genommen und geschwollne Fusse gegeben hat. Seine Prophezeiung, dass die Zufalle seiner werten Frau Gemahlin, die sie ubereilterweise fur Merkmale einer glucklichen Schwangerschaft hielt, nichts als Flusse sein mochten, hat der Ausgang bestatigt. Sie leben beide auf dem Bauergutchen und erwarten in christlicher Geduld, dass ihnen der Himmel ein seliges Ende verleihen moge; und der kleine dicke Pommer als wohlbestallter Ackerknecht im zufriednen Genusse seiner genugsamen Philosophie mit ihnen.
Der Magister Wilibald, der Herrmanns kranke Einbildungskraft und uberspannte Ruhmsucht so boshaft hinterging und auf dem Wege zur Bekehrung der Berliner zum Diebe an ihm wurde, machte an einigen Orten so viele Schulden wie in Dresden und ging, um sich vor seinen europaischen Glaubigern zu sichern, als Missionar nach Asien, wo er seine Bekehrungssucht an den armen Heiden so heftig ausliess, dass sie unwillig wurden, ihn griffen, mit dem Ohre an einen Baum nagelten und in dieser Stellung drei Tage fasten liessen: seine Gefahrten, die ihn diese drei Tage uber vergebens gesucht hatten, befreiten ihn, als sie ihn fanden, und er liess sich in der Folge in Trankenbar nieder, entsagte dem Bekehrungsgeschafte und legte sich auf den Handel, wobei er sich itzo leidlich wohl befinden soll.
Held und Heldin der Geschichte geniessen noch itzo unverandert die Freuden einer treuen, lang ausgeharrten Liebe: ihre vierjahrige Ehe ist mit einem Knaben und einem Madchen gesegnet, denen die Natur das Bild ihrer Eltern in jedem Zuge eingedruckt hat: in beiden lebt der ernste, feurige Geist des Vaters, durch die sanfte Aufgeraumtheit der Mutter gemildert. Herrmann findet in dem Gesprache seiner Gattin Erholung von durren, oft verdriesslichen Geschaften und schakert mit seinen Kindern am Abende die Zahlen aus dem Kopfe, die sich den Tag uber darinne angehauft haben; und keine glucklichere Gruppe kann noch auf der Welt gewesen sein, als wenn er auf dem Sofa sitzt, die kleine lachelnde Karoline auf dem rechten Knie wiegt, Ludwig, mit beiden Armen auf das linke Knie des Vaters gestutzt, schakernd zur Schwester hinaufsieht, und Ulrike danebensteht, den Arm um die Schulter des Mannes schlingt, bald ihm, bald Karolinen die Wangen kneipt, bald dem aufgeheiterten Vater, bald einem ihrer Lieblinge einen Kuss gibt. Mit der geschaftigsten Sorgfalt einer Hausfrau wacht sie uber ihre kleine Wirtschaft: denn die vielen Wohltatigkeiten und Unterstutzungen, wozu sich Herrmann anheischig gemacht hat, schmalern seine Besoldung so sehr, dass Sparsamkeit notig ist, um damit auszukommen: aber die Wirtschaftlichkeit seiner Frau ist ihm soviel als verdoppelte Einnahme. Geliebt von seinem Fursten, geachtet vom Publikum, in einem Posten, wo er den Vorteil einiger tausend Menschen befordern und ihren Beschwerden abhelfen kann; in Umstanden, dass er anstandig leben, Verachtung mit wohltatiger Grossmut und Freundschaft mit Guttaten erwidern kann; in Geschaften, die hinlangliche Abwechslung haben, die Langeweile toten, die Leidenschaften nie zum Sturme emporschwellen lassen und den guten Mut eher beleben als unterdrucken; im Besitze einer so lange geliebten, so schwer errungenen Gattin; glucklich als Mensch, als Burger, als Gatte, als Vater welches Los kann herrlicher sein?
Ulrikens Munterkeit ist ganz wieder zuruckgekehrt und ihre kleine spielende Imagination ganz wieder erwacht: sie weiss sich als Gattin und als Mutter die Wirklichkeit mit tausend angenehmen Tandeleien und Einbildungen zu versussen und die Welt um sie her mit einem Anstriche von Lebhaftigkeit zu erhohen, dass Gegenstande, Handlungen und Begebenheiten nicht so ein phantastisches, lachendes Kolorit fur sie haben wie wahrend ihres Traums auf dem Lande, sondern die Vernunft fuhrt itzo uber ihre Einbildungen die Aufsicht: sie benehmen der Welt das Alltagliche, Frostige, Matte, ohne die Sorge fur die Angelegenheiten des Lebens zu hindern oder zu erschweren. Ihre Kinder als Schafer und Schaferin zu putzen, ein Lamm von Holz und aufgeleimter Baumwolle mit ihnen zu weiden und in dem gedielten Fussboden sich eine arkadische Flur vorzustellen: Kuhe, aus Mehl gebacken, und Schafe von Zuckerteig mit ihnen auf dem Tische zu huten und Berge von Gras oder Moos darauf zu bauen, an welchen das Vieh hinaufklettern muss, ist nicht bloss Verlangen, die Kinder zu unterhalten, sondern wirkliches Vergnugen fur sie: aber wenn ein Hausgeschafte ruft, fliegt sie ohne Verzug aus ihrem getraumten Arkadien in die Kuche, ordnet an und kehrt wieder in ihr Arkadien zuruck. Auch mit ihrem Manne fallen oft mutwillige Schakereien vor, und eine von ihren verliebten Neckereien, einer von ihren naiven Einfallen scheucht mannigmal einen ganzen Schwarm finstrer Wolken von seiner Stirn. Sie wiederholen sich zuweilen Szenen ihres vorigen Lebens und spielen ihr verliebtes Drama oft mit so ganzem Herze, dass etlichemal, wenn sie den Auftritt mit dem sklavonischen Grafen oder einen andern ebenso heftigen mit Vignali vorstellen, der Bediente herbeigelaufen ist, in der Meinung, dass seiner Herrschaft plotzlich etwas zugestossen sei, weil sie um Hulfe schreie. Die Liebe macht aus ihrem Hause einen Himmel; die Liebe weckt sie aus dem Morgenschlummer und druckt ihnen die Augen zum nachtlichen Schlafe zu; die Liebe schwebt mit ausgebreiteten Fittichen uber ihren Hauptern und stromt aus dem nie erschopften Fullhorne den Lohn der Treue und Bestandigkeit herab.
Fussnoten
1 Der Himmel weiss, was fur eine Stelle das hochgelehrte Fraulein Hedwig meint. So viel ist mir bekannt, dass sie zuweilen die Verwegenheit hatte, in den lateinischen Text der alten Autoren hineinzusehen, und weil sie nur hin und wieder ein Wort verstand, war ihre Ubersetzungsart ganz drollicht. 'Comites Aeneae' waren ihr die 'jungen Grafen des Aeneas': wo sie 'duces' erblickte, da setzte sie 'Herzoge' hin, und jeden 'Caesar' machte sie zum 'Kaiser': auf diese Art gelang es ihr, die samtlichen Stande des Heiligen Romischen Reichs in den Virgil hineinzubringen. Vielleicht hat sie durch eine ahnliche Auslegungskunst ihren Amor im Topfe herausgekunstelt. Vermutlich fand sie in einer altern Ausgabe irgendeines Autors 'amor in ollam' statt 'illam'; denn das begegnete ihr sehr oft, dass sie einem Schriftsteller zuschrieb, was ein anderer tausend Jahre vor oder nach ihm gesagt hatte. 2 Zum Henker! Fraulein Hedwig! woher haben sie einen Unsinn, der unserer Zeiten wurdig ware? 3 Zur Erlauterung dieser Beratschlagung muss man denjenigen Leser, die mit dem Sprachgebrauche dieser Stadt nicht bekannt sind, berichten, dass dort jedermann von burgerlichem Stande, solange er keinen Titel und keine Frau hat, und jeder Auslander ohne Charakter 'Monsieur' genannt wird. Es kann also jemand in so einem Falle zeitlebens durch ganz Deutschland 'Herr' gewesen sein, dort wird er zum 'Monsieur'. 4 Man weiss aus zuverlassigen Nachrichten, dass es eine Gesellschaft betrunkner Fuhrleute gewesen ist, die sich in ihrer wilden Frohlichkeit einige freie Ausdrucke erlaubten und darum fur Naturalisten von dem Herrn Magister gehalten wurden: als er seine Predigt mit so gewaltiger Stimme begann, nahmen sie insgesamt die Mutzen ab, falteten die Hande, weil sie in ihrer Trunkenheit in der Kirche zu sein glaubten, und da die Predigt lange dauerte, schlief einer nach dem andern ein. 5 Wahrscheinlich sind dies die Bursche gewesen, die vor dem Brandenburger Tore auf abgelebten, steifen Rossen fur einen hochst billigen Preis ihre prachtigen Kawalkaden zuweilen halten. 6 vres melees de Nr. I' Abbe de Bernis. S. 89. 7 Dies war vermutlich nur ein Versprechen, um sie zu beruhigen; denn er hat sie, auf blaues Papier geschrieben, mit zwei grossen Scherenschnitten, die er vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag, dem Verfasser ubersendet. 8 Um diese Rolle recht zu lesen, muss man jeden Akzent und jeden Buchstaben so hart aussprechen, wie er hier geschrieben ist. 9 Der Kaufmann musste Schwingern diese Unwahrheit sagen, weil ihm Herrmann, als er zu Vignali zog, uberredet hatte, dass er Schreiber werde, wie oben erzahlt worden ist. 10 Der Abenteurer war eine kurze Zeit in Lyon Schauspieler gewesen, ehe er sich in den Grafenstand erhob, und jedesmal, wenn er auftrat, richtig ausgepfiffen worden. 11 Herrmanns unentwickelter Gedanke ist sehr richtig, Schoner Geist, bel esprit, ist eine Eigenschaft des Kopfes, das Vermogen, den Gedanken eine angenehme, gefallende Wendung und einen einnehmenden Ausdruck zu geben l'art de faire paroitre les choses plus ingenieuses qu'elles ne sont l'art de donner a une pensee commune un tour sententieux, wie ihn Maupertuis ein wenig einseitig beschreibt. Wie sehr dieser schone Geist bei uns herrscht, uberlasse ich den Lesern selbst zu bestimmen: er ist in diesem Sinne gar nicht die herrschende Eigenschaft des deutschen Kopfs. Das Publikum ist so gefallig und nennt jeden leeren Kopf, der Reime liest und macht, einen schonen Geist: dadurch ist der Name verachtlich geworden, wahrend dass wir gern ein wenig mehr von der Sache haben mochten. So geht es uns mit den Wortern Genie und Witz; und wenn einmal der Verstand bei uns Mode wird, dann sagt man vermutlich auch: da gehen zwei Verstande wie man itzo sagt: da gehen ein paar schone Geister. 12 'Academic dull ale-drinkers P Pronounce all men of wit freethinkers', sagt Swift. 13 Zehlendorf. 14 Beeliz. 15 Mit Fraulein Hedwigs Erlaubnis! das ist eine Unwahrheit. Es waren allerdings viele und kunstliche Uberredungen notig, um ihre Reisegefahrtin zu dieser misslichen Partie zu bewegen: aber so erzahlt man, wenn man sich der Wahrheit schamt. 16 Sie wusste nichts von seiner Liebe zu ihr und seiner Absicht, sie zu heiraten, deren Vereitelung ihn so gewaltig wider Vignali aufbrachte, wie man im eilften Teile erfahren wird. 17 ein gemeines Kartenspiel. 18 Vermutlich ist das Wort von 'baculus' abgeleitet. 19 in seinen Briefen an ihn nach Dresden und Berlin. 20 Madam Dormer wischt hier sehr fein uber die Ursache hinweg, warum der Herr von Troppau so aufgebracht war, dass sie Ulrikens Flucht aus Berlin bewerkstelligt hatte. Er merkte schon lange vorher, dass sie seine Vermahlung mit der Baronesse nicht nur ungern sah, sondern, unter dem Schein, sie zu befordern, zu hintertreiben suchte. Seine betrogne Liebe machte ihn also wutend und bitter gegen Vignali, die so trotzig war, dass sie ihm nicht einmal auf sein Verlangen den Ort sagte, wohin sich Ulrike gewandt hatte. Er gab sich hernach noch viele Muhe, ihn auszukundschaften: allein da alles vergebens war, vermahlte er sich ein Jahr darauf mit einem andern Fraulein und fuhrte, soviel man weiss, eine vergnugte Ehe. Er sagte der Madam Dormer bei dem Zanke, dessen sie in ihrer Erzahlung erwahnt, geradezu ins Gesicht, dass er argwohne, sie habe Ulriken belogen und Schrecken oder Furcht angewandt, um sie aus Berlin zu bringen. "Sie glauben", sagte er, "dass ich Sie nicht mehr lieben werde, wenn ich vermahlt bin: meine Liebe hatte so bald nicht aufgehort, aber Ihr falsches, hinterlistiges Verfahren, Ihre schandliche Verstellung hat sie ausgeloscht. Ich liebe Sie nicht mehr." 21 die Jagerhutte wahrscheinlicherweise. 22 Dies soll vermutlich auf den herrnhutischen Aus