1779_Mller_075 Topic 1

Johann Gottwerth Muller

Siegfried von Lindenberg

Eine komische Geschichte

Vorrede

mit einer Dedikationsvarenthese.

Nichts, lieber Leser! ist so gross oder so klein unter der Sonne, oder unter dem Monde wie die schonen Geister zu sagen pflegen, wie ich aber nicht sage, weil ich kein schoner Geist seyn mag; denn, so wie du mich siehst, hab ich wohl eher Leute gefunden, die sich schone Geister nannten: aber an denen war alles so kunterbunt, und so machtig gekrauselt, und so verzweifelt hoch, und gar nicht ein bischen so, wie bey andern ehrlichen Leuten, dass ich nicht das zehnte mal klug draus werden konnte, und es der Seele des Eustathius (welches eine sehr scharfsinnige Seele ist, die bey Leibesleben ihre Starke darinn hatte, dass sie die schonen Geister da verstand, wo sie sich selbst nicht verstanden) uberlasse zu beurtheilen, ob die Herren selbst daraus klug werden konnen. Nein, dafur lob ich mir die guten braven Leute, die so hubsch gerade vom Munde weg reden, dass es nicht kraus und nicht bunt ist, und doch hubsch heraus kommt. Da hab ich unter andern einen gekannt, der nun wohl schon ganz verweset ist, der hiess Hagedorn, und war ein feiner freundlicher Mann, der mich oft auf den Schooss nahm, als ich noch ein Knabe war, und mir Rosinen und Zuckerstritzeln in den Mund steckte. Auch kenne ich einen, der Gleim heisst, und meinen lieben alten Freund, der zur Minderung des menschlichen Elends so ein menschenfreundliches Buchlein gemacht hat. Habe auch mancherley gelesen, das Engel, Weisse, Lessing und etliche andre geschrieben haben, kenne auch den wackern Buchhandler Friedrich Nicolai in Berlin, der, Jahr aus, Jahr ein, ein paar dicke Bande verlegt, worinn den schonen Geistern die Wahrheit gesagt wird, wenn sie sich zu mausig machen. (Er hat mir auch wohl eher die Wahrheit gesagt oder sagen lassen, wiewohl ich kein schoner Geist bin, und mich eben nicht mausig zu machen pflege. Aber eben darum weil ichs fur Wahrheit erkenne, und auf der Welt nichts lieber hore als Wahrheit, wenn sie manierlich, wie sichs unter feinen Leuten schickt, gesagt wird: so will ich um meine Erkenntlichkeit so offentlich als ich kann zu Tage zu fordern, alles was in diesem Buchlein Gutes ist, Ihnen, mein werther Nicolai, hiermit in bester Form dediciret haben, mit angehangter Bitte, da doch fur eine Dedikation die mehrste Zeit ein kleines Andenken zu erfolgen pflegt, mir statt dessen die Gefalligkeit zu erzeigen, und fernerhin wie vor diesem, in einer kleinen Recension dem ehrsamen Publikum mein Gutes, und mir meine Gebrechen anzeigen zu lassen. Wesfalls ich Ihnen nicht nur dieses, sondern auch meine letzten zwey oder drey Buchlein samt dem was ich etwa nachstens schreiben werde, zu baldigem Andenken empfehle. Alles hergegen, was sich in diesem Buche Schlechtes und Mittelmassiges findet und das wird wohl bey weiten der grosste Theil seyn das dedicire ich hiermit in tiefster Devotion der hohen Ottomanischen Pforte, einmal, weil es doch so hubsch lasst, einen Monarchen zum Patron zu haben; zweytens, weil Seine Hoheit der Grosssultan, wie ich von guter Hand weiss, kein Wortchen Deutsch verstehen.) Alle die Leute, von denen ich vor dieser meiner Dedikationsparenthese redete, und alle ihres gleichen, mussen wohl keine schone Geister seyn, weil man alles was sie schreiben, ganz ordentlich verstehen kann, ob man gleich zuweilen seine Sinne ein wenig zusammen nehmen muss. Wobey ich doch nicht unterlassen kann anzumerken, dass ich mich darum just fur kein Pfefferkorn1 gebe. Ich mag auch uberall kein Pfefferkorn seyn; lieber denn doch noch ein Gewurznagelein, das reucht und schmeckt doch besser, und ist darum doch pikant. Denn ich habe mich all mein Tage vor ubler Gesellschaft gefurchtet, und wenn das Spruchwort wahr ist, welches die Gewurzkramer entscheiden mogen, so ist Pfeffer und ein gewisses ekelhaftes Ding mehrentheils unter einander gemischt. Und gesetzt ich entgienge der Gesellschaft, so ware ich damit noch nichts gebessert, zerstampft zu werden, um etwa ein Topf voll Kartoffeln zu wurzen.

Aber was wollt ich doch sagen? Das ist meine Unart, wenn ich eine Vorrede schreibe, dass ich manchmal von meinem Zwecke so leicht und so weit abkomme, dass ich mich kaum wieder zurecht finden kann. Was ich fur Unarten habe, wenn ich ein Buch schreibe, das magst Du, lieber Leser, selbst ausfundig machen, denn ich selbst weiss es noch nicht recht. Also, was ich sagen wollte: Unter der Sonne ist nichts so gross und so klein, davon nach einiger Leute Meynung nicht schon Bucher gemacht waren. Diese einige Leute mussen doch wohl nicht recht zugesehen haben; denn ich habe in allen Buchladen fleissig nachgefragt, aber vom Junker Siegfried hat noch, so lange der Wind wehet und der Hahn krahet, keine Seele ein Buch geschrieben. Es kommt auch sonst noch diess und das in diesem Buchlein vor, das anderwarts wohl noch nicht gesagt seyn mag, aber freylich auch wohl nicht recht weit her ist. Auch prasentiret sich neben etlichen bekannten Physiognomien wohl ein und andres Gesicht, das noch keinem Maler gesessen hat. Nun kommts nur darauf an, ob der Edelmann im Pommerlande Mannes genug sey, dem Publikum gefallen zu konnen, oder nicht? Und das uberlassen wir dem Publikum und ihm, unter einander auszumachen, ohne den guten Mann und die armen Wichtlein die wir neben ihm zur Schau stellen, auch nur mit Einem Worte zu empfehlen oder anzuschwarzen. Wir haben noch ein Vieles zu lernen, und stellen uns so nach still und lehrbegierig hinter den Vorhang, sans Komparason wie Apelles, um zu vernehmen was die Vorubergehenden urtheilen werden. Und hatten wir ja was zu bitten, so mogte es dieses seyn, dass der Schneider nicht uber den Stiefel, und der Schuster nicht uber den Schnitt des Kleides urtheilen wolle. Sollt auch irgend jemand, aus Drang des Genie oder so etwa unser Eustathius zu werden Lust und Belieben finden: den bitten wir gar sauberlich, sich die Lust vergehen, und das Ding unterwegs zu lassen, bey nahmhafter Pon.

Fande sich jemand, der da meynte, wir hatten Unrecht gethan, nur Fragmente zu liefern, und aus dem vielen Stoff nur eins und anders auszuheben: dem geben wir die Versicherung, dass wir selbst bedauren, durch gewisse Umstande zu diesem Verfahren genothiget gewesen zu seyn. Da wir aber in unserm Pulte noch sehr viele Dokumente haben, das Lindenbergische Philanthropinum, die grosse Reise die der Edelmann inkognito that, seine Liebes und Vermahlungsgeschichte, und wenigstens hundert andre eben so wichtige und merkwurdige Begebenheiten betreffend: so konnten wir uns wohl entschliessen, die Geschichte unsers Junkers und seines Ludimagisters vollstandig zu liefern. Wir versprechen aber in dieser Absicht nichts gewisses, indem wir, wie billig, der Meynung sind, dass Versprechen Schuld mache, und andern Theils wohl wissen, wie viel bey der Autorschaft auf Wind und Wetter ankomme. Das konnen wir aber versichern, dass der Leser, dem dieses Bundel Siegfriediana nicht unschmackhaft vorkommt, bey dem zweyten sein Konto wohl noch reichlicher finden durfte.

Uebrigens ersuchen wir alle Kaiser, Sultane, Konige, Fursten und Herren, die dieses unser geringes Buchlein lesen mogten, es ihrerseits dem guten Junker immerhin zu erlauben, dass er, was sie Grosses thun, im Kleinen nachahme. Er hat, das getrauen wir uns kecklich zu beschworen, seinerseits nichts als Grosse und seines Landes Bestes vor Augen. Dass das fur einen Landjunker missverstandne Grosse sey, raumen wir gern und willig ein, wenn uns dagegen eingeraumet wird denn eine Hand muss die andre waschen dass des Junkers Unterthanen sehr gluckliche Leute waren, in so fern ihr Gluck von ihm abhieng. Schliesslich versichern wir, dass wir, so wenig als Junker Siegfried, irgend einem Mutterkinde zu nahe zu treten gewillet sind, womit wir uns Dir bis aufs Wiedersehen bestens empfehlen.

Leipziger Oster-Messe, 1779.

Fussnoten

1 M. s. die bekannten Fragmente aus Briefen von Tellow an Elisa, S. 17. Ein Buch an dem ich, ausser dem Pfefferkorn, nur sehr wenig tadle, und sehr viel lobe.

Erstes Kapitel.

Ohne welches der Leser alle ubrige nicht wohl

verstehen wird.

Es war einmal ein Edelmann im Pommerlande, der ein Schloss hatte, und ein Paar Hufen Land umher, und ein Dorf, wo Bauren drinn wohnten, und etliche hundert Baume, die er seinen Forst nannte, und sechs raudige Koter, die hiess er seine Kuppel, und wer ihm die schief ansah, der griff ihm an die Seele. Sie hatten auch jeder ein hubsches ledernes Halsband um, mit blanken messingenen Buchstaben drauf, und messingenen Schlossern dran; und des Sonntags blaue sammtne Halsbander mit Silber gestickt. Es giebt zwar hassliche Lastermauler, die sich nicht scheuen auszubreiten, es sey nur blauer Manschester und unachtes Silber: ich aber, der ich beydes gesehen habe, und ohne Ruhm zu melden wohl weiss, was Manschester sey, versichre jeden, dem daran gelegen ist, dass es achter Sammt und achtes Silber war.

Es war auch ein Nachtwachter auf dem Hofe, der ein Horn hatte; und ein viereckigter Tolpel mit einem Stelzfusse, das war der Jager; auch stand ein Pfal mit einem Halseisen mitten auf dem Schlossplatze, und draussen vor dem Dorfe ein Galgen, denn der Edelmann hatte die hohe und niedre Gerichtsbarkeit. Daher war auch ein Justitiarius im Schlosse, welcher dermalen auch ein witziger Kopf war und ein grosser Satirikus nach seiner Meynung; zwo Eigenschaften, die eben nicht zu seinem Amte erfodert wurden, und wovon man die letzte billig als ein Symptoma seines Advokatengewerbes, welches er nebenbey trieb, anzusehen hat. Das muss man ihm aber lassen, dass er kein unrechter Poet gewesen seyn wurde, wenn er zum Ausstreichen Muth, und zum Feilen Geduld gehabt hatte. Uebrigens war er wirklich, was die Poeten alle von sich vorgeben, ein grosser Liebhaber starker Getranke.

Der Edelmann hatte auch eine Kirche in seinem Bezirke, und das Jus Patronatus. Auch war ein Ludimagister auf dem Gute, der den Bauerjungen das A, B, ab einpeitschte, und Seiner Gnaden die Avisen vorlas. Dieser Mann wusste auf jegliche Frage eine Antwort, denn er war nichts geringers als ein Polyhistor und Originalgenie. Daher war er denn auch des Junkers Faktotum und Orakel, wie der Verwalter zu sagen pflegte; der Justitiarius aber, der seinen Ausdruck besser wahlte, behauptete immer, der Schulmeister sey dem Edelmanne das, was das Gewicht dem Bratenwender ist. Beyde haben im Grunde Recht; denn, so oft unsre Leser bey diesen Blattern eine Lust zu lacheln oder zu lachen anwandeln wird und wir mogten wohl prophezeihen, dass das nicht selten geschehen durfte, wenn sie sich nur durch die Paar ersten Kapitel hindurch gearbeitet haben so konnte wohl der ehrsame Ludimagister, wo nicht ganz, doch zum Theil, den Dank dafur verdienen.

Man pflegt so gern auf den Zufall zu lastern, aber man sage davon was man will, er thut dem Menschengeschlecht uberhaupt mehr zu Gefallen als zum Possen. Der Ludimagister hatte die Gewohnheit jedes bedruckte Papierchen, das er aus den Kramerladen kriegte, sorgfaltig durchzustudiren; auf diese Art schnappte er manchen fetten Bissen Gelehrsamkeit weg. Er konnte ein bischen Latein, und der Zufall war ihm einmal so gunstig, dass er ihm, da er ein paar Loth Schnupftoback aus dem nachsten Stadtchen mitbringen liess, zwey Blatter aus des hochgelahrten Henrici Smetii Prosodey bescherete. Da hatte er nun, einen griechischen Vers aus dem Oppian ungerechnet, den er nie brauchte, weil er ihn nicht lesen konnte, einen hubschen Vorrath von hundert zwey und siebenzig Brocken aus verschiedenen lateinischen Dichtern. Das schien ihm zu einem ziemlichen Anstrich von Lekture schon hinlanglich; und Gott weiss, ob er diesen Vorrath fleissig im Munde fuhrte! Man hatte schworen sollen, er habe sich nach Herrn Partridge lateinischen Andenkens gebildet; es ist aber erweislich, dass er von dem Manne so wenig wusste, als wenn derselbe nirgends existiret hatte, weil vom Tom Jones noch all mein Tage kein Exemplar in die morderischen Hande eines Kramers sich verirret hat. Eben so wenig hatte er irgend einem Gelehrten den ublichen Kunstgriff zu danken, seine Quellen sorgfaltig zu verbrennen, nachdem er sie auswendig gelernet hatte; er hatte ihn selbst erfunden. Auf die Art konnte er manches fur seine eigne Gedanken geben, und in Absicht der hundert zwey und siebenzig Brocken jeden Dichter so kecklich citiren, als wenn er ihn selbst gelesen hatte, und ich hatte den sehen wollen, der seine Glaubwurdigkeit in Verdacht hatte ziehen durfen.

Die andern Personen, die in diesem goldnen Buchlein vorkommen, wird, der geneigte Leser, so wie Zeit und Ort es mit sich bringen, kennen lernen.

Wir hatten uns vorgenommen zu sagen, was unser Edelmann hatte; und das ware, so viel fur jetzt Noth thut, so ziemlich ins Reine gebracht. Wir gehen nun weiter, und melden, was unser Edelmann war. Dabey konnen wir uns denn, so viel dieses Kapitel betrifft, beliebter Kurze bedienen, weil alle folgende Kapitel uberflussig seyn wurden, wenn der Leser aus dem gegenwartigen den Edelmann im Pommerlande vollstandig und mit allen seinen Grillen und Launen kennen lernte. Doch uber seine Erziehungsgeschichte mussen wir uns wohl etwas weitlauftiger ausbreiten, damit unsre Leser ihm fur keine Missgeburt halten mogen.

Grillen hatte er also und Launen; das ist uns entwischt. Sonst war er eine so gute Seele von Junker, als jemals eine unter Gottes Sonne gelebet haben mag: schlecht und recht; ohne Komplimente, mithin ohne Falsch; nicht sehr vertraulich, aber offenherzig und bieder, und so weiter, wie man ihn in der Folge finden wird. Aber, bey alle dem wollt ers wissen, dass er ein Edelmann sey, und zwar, wie Seine Gnaden sich ausdruckten: so gut ein Edelmann, als der Kaiser.

Er trug eine hessliche Stutzperuke, und einen zottigten grunen Friesrock uber seinen Pelz; in Sommertagen aber auch wohl eine Schwanzperuke und seinen Dolman, ohne Pelz und Friesrock, weils ihm so lustiger und leichter war, und er sich noch immer mit Entzucken dran erinnerte, dass er von der Wiege an bis in sein vierzehntes Jahr Kornet unter einem Husarenregimente gewesen war. Auch pflegte er sich immer herzlich uber die Heldenthaten zu freuen, die er hatte verrichten konnen, wenn er im Dienste geblieben ware. Sein langer Schnurrbart hieng in zween Knoten herab, und stand gar herrlich zur runden Stutzperuke. Seinen grossen altmodischen Hut umstralte eine breite goldne Kutschertresse Seine hirschledernen Scharivari giengen, wie ich wohl nicht zu erinnern brauche, bis unter die Knochel herab. Die gelben Halbstiefel waren, wie sichs gehort, mit Eisen unterlegt, und dienten einer dick mit Silber beschlagenen Meerschaumnen Pfeife, fur die wenigen Augenblicke, die ihr Besitzer ohne Rauchen zubrachte, zum Quartiere. Den Anzug vollendete ein silberner Sabel, der nie von seiner Seite kam, und unter dem grunen Friesrocke hervor hinter Seiner Gnaden herschleppte.

So von innen und aussen fiel der Edelmann im Pommerlande jedem der ihn sah, gleich in der ersten Minute ins Auge.

Seine Gnaden wohnten fast immer zu Pferde, und ritten am liebsten junge, schnellfussige, unbandige Hengste, mit denen sie meisterhaft umzugehen wussten, und deren Zeug mit Schnakenkopfen prunkte.

Zweytes Kapitel.

Erziehungsgeschichte des Junkers.

Der Edelmann, so wie er nun leibte und lebte, hatte ganz aus der Reihe der Dinge weggenommen werden konnen, ohne dass ausser seinem Gute irgend eine lebendige Seele dabey zu kurz gekommen ware. Doch nehme ich, nach reiflicher Ueberlegung, diejenigen Seelen aus, die, wenn sie uber andrer Leute Thorheiten lachen, zugleich in ihren eignen Busen zu greifen pflegen. Von der Natur aber war er so wenig bestimmt, das Spiel eines narrischen Schulmeisters und seiner eignen Grillen zu werden, als mich vielleicht die Natur zum Geschichtschreiber seiner Thorheiten bestimmet hat. In seinem Charakter war so viel Gute, so viel Thatigkeit, so viel Grosse, dass er, wenn der rohe Klumpen gehorig ware geformet, und die leeren Facher des Gehirns gebuhrend angefullet worden, aus dem Kabinete wurde haben Lander beglucken, und im Felde eine Stutze seines Monarchen seyn konnen. So aber war seine Anlage versaumt oder verderbt, jenes von seinem Vater, dieses von der gnadigen Frau Mama, beydes von dem Lehrer seiner Jugend. Seine Gute war in Schwachheit, seine Thatigkeit in Alfanzerey, seine Grosse in Abentheuerlichkeit und in jenen narrischen Stolz ausgeartet, der Kaisern, Konigen, Herzogen und Fursten nichts Grosses oder Kleines voraus lassen wollte.

Sein Vater, ein wackrer Husarenobristlieutenant, rauh wie sein Schnauzbart, und brav wie sein Sabel, hatte es in den Wissenschaften nicht weiter gebracht, als bis zur Fahigkeit, eine Ordre lesen, und seinen Namen so so unterzeichnen zu konnen, daher er auch bey andern Leuten nichts auf Schulfuchserey hielt. Am allerwenigsten war er Willens, den Kopf seines Sohnes mit solcherley Unrath ausstafiren zu lassen.

Der Sabel war ihm alles, und diesen Sinn trachtete er auch einzig in der Seele seines Erben zu nahren. Daher kams, dass unser Edelmann von Vaterswegen nichts weiter gelernt hatte, als Reiten, Fechten, das Gewehr prasentiren, und mit lateinischen Buchstaben seinen Namen zu kratzen. Der Konig, als Gevatter, hatte dem Kindlein eine Kornetstelle eingebunden, folglich war er Soldat, und folglich hatte er nach des Obristlieutenants Meynung an jetztgedachten Geschicklichkeiten Gott und genug.

Seine gnadige Frau Mama liess sich, wie manche Mutter, eine reichliche Portion Affenliebe gegen ihr Sohnchen zu Schulden kommen, und wollte nicht, dass er durch vieles Lernen an Kopf und Nerven geschwachet werden sollte. Ueberdem hielt sie alle irdische menschliche Weisheit fur eitel Tand, und war fest uberzeugt, Witz und Verstand musse einen Edelmann von sechzehn Ahnen von selbst zufallen. Nicht eben, als hatte sie zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet; das war nicht ihr Fall, denn sie wusste vom Reiche Gottes so wenig, als ob gar keins gewesen ware: sondern weil sie es wirklich fur burgerlich und pobelhaft hielt, sich mit Buchern und Wissenschaften zu beschaftigen, gab sie sich alle Muhe ihrem Sohne eine tiefe Geringschatzung solcher Narrentheydung beyzubringen. Dagegen predigte sie ihm taglich und stundlich die hohe Lehre von seinem alten Adel, und scharfte ihm wohl ein, dass er nach seines Vaters Tode, die Einkunfte seines freyen Guts ungerechnet, jahrlich an die zwanzigtausend Thaler Zinsen zu verzehren haben wurde.

Der Hofmeister des jungen Herrn war ein sklavischer Kerl, ein niedriger Speichellecker, der mit dem Obristlieutenant Danziger trinken, und der gnadigen Frau die Hand kussen konnte. Was Recht war, wusst er so gut als einer. Er hatte aber weder das Herz es zu sagen, noch die Entschlossenheit es zu thun, denn er befand sich gut im Schlosse, und liebte faule Tage uber alles. Aber fechten konnt er trotz Rahn, das muss ich sagen; und zu Pferde sass er wie eine Puppe, auch das muss wahr seyn; und saht ihr ihn tanzen, so stahl er euch vollends das Herz aus dem Leibe. Auch, wenn der alte Herr Lust hatte zu paschen, oder die gnadige Frau Piket zu spielen, war niemand bereiter als er, dem Herrn und der Dame ihr Geld abzugewinnen.

Aller Nutzen, den unser Edelmann aus seiner Erziehung zog, bestand darinn, dass die heftigen Leibesubungen mit dem Karabiner, mit dem Rapier, und auf der Reitbahn, seine Muskeln starkten, seinen Korper dauerhaft machten, und seine Natur abharteten; und dass er, weil Mama und der Mentor ihn methodisch in mancherley Spielen unterwiesen, durch den Zwang den heftigsten Widerwillen gegen alle Arten des Kartenspiels fasste.

Vierzehn Jahre war unser Junker alt, wie sein Herr Vater das Zeitliche gesegnete. Seine gnadige Mama fand jetzt in ihren uberreifen Jahren den Soldatenstand bey weitem nicht mehr so reizend, als in ihren jungern Jahren, da der goldbesetzte Dolman, die funkelnden Quasten und Schleifen des Pelzes, die reichen Franzen auf den knapp anliegenden Scharivari, und der hohe wehende Federbusch auf dem Haupte des damaligen Herrn Rittmeisters von Lindenberg jetzt ihres wohlseligen Gemals, ihr jugendliches Herz in lichterlohe Flammen, setzten. Sie bat um den Abschied ihres Sohnes, schutzte eine schwachliche Leibesbeschaffenheit vor, daruber er sich mit seinen vor Gesundheit strotzenden Backen nicht zu beklagen hatte, und trieb ihr Wesen so lange, bis der Junker wirklich seinen Abschied erhielt.

Nun wuchs er denn in Gottes Namen unter der Zucht seiner Frau Mama und des treufleissigen Mentors ferner auf. Zu allem Glucke noch fand sichs, dass der Pastor loci ein ernsthafter, verstandiger und gewissenhafter Mann war. Da es nun Sitte im Lande ist, dass der junge Kavalier nicht minder als junge Bauer konfirmiret werden muss, und der fromme unbestechliche Pfarrer unsern Junker so wie er war, in seiner unbeschreiblichen Unwissenheit nicht annehmen wollte: so gedieh es dahin, dass er von der edlen Lesekunst schier so viel begriff, als zur Erlernung der zehn Gebote und was sonst im kleinen Katechismus stehet, erforderlich seyn mag. Auch fasste er durch Vorschub des ehrlichen Predigers die Grundsatze der christlichen Sittenlehre in so fern, dass ihn der wackere Mann nach Jahres Frist unter die Katechumenen aufnehmen konnte, ohne sein Gewissen gar zu sehr zu verletzen. Der gute Prediger verlohr zwar durch seinen Trotz und Halsstarrigkeit, wie es die Frau von Lindenberg nannte, manches Accidens, manche Mahlzeit auf dem Edelhofe, und manchen fetten Braten fur seine Kuche: aber er trostete sich daruber, und zwar sehr leicht, mit der Erfullung seiner Pflicht, und mit der Zufriedenheit, dem jungen Herrn einige gute Grundsatze beygebracht zu haben, die, das meynte er konne nicht fehlen, fruh oder spat ein lebendiges Gefuhl der grossen Wahrheit bewirken mussten, dass man seine Bestimmung hienieden noch nicht erfullet habe, wenn man reiten, fechten, und allenfalls die Einkunfte eines Ritterguts verzehren konne. Die liebe Hausehre des braven Pastors nahm das Ding zwar nicht vollig so. Sie lusterte nach den Fleischtopfen Egypti, und beseufzte die Einbusse der feisten Puter, der gestopften Ganse, und der leckern Hasen von ganzem Herzen. Besonders musste der gute Mann herhalten, wenn etwa an einem hohen Festtage, oder gar am Geburtstage der Frau Pastorinn, die Familie sich schlechtweg mit einem Stucke Rindfleisch behelfen musste. Bey solchen Gelegenheiten unterliess sie niemals, so lange die Frau von Lindenberg lebte, sehr laut zu werden, und es ihrem Manne sehr bitter und heftig zu verweisen, dass er die Kuche so aus purem Eigensinn, wie ihr zu sagen beliebte, und recht um nichts und wieder nichts geschmalert habe. Denn, rief sie, andre Prediger nehmen wohl noch unwissendere Jungen an, als der Junker war: aber dafur (Hier schlug sie auf den Tisch.) haben sie auch Brodt. Du hergegen stossest alles muthwilliger Weise von dir; Weib und Kinder mogen sehen wie sie fahren. Das stand doch wohl an den Fingern abzuzahlen, dass an dem Junker Hopfen und Malz verlohren ist! dass du mit allen deinem gepredige die Perlen fur die Saue salva venie, warfst! und dass er nun wohl langst schon alles wieder ausgeschwitzet haben wird, was du ihm damals so muhselig einkauen thatst!

Das furcht ich nicht, sagte dann der ehrwurdige Mann, der vollkommen so sanfmuthig und friedliebend war, als jeder billig seyn sollte, der den Gott des Friedens verkundigt. Das furcht ich nicht, Lena, sagte er, alles wird wohl nicht auf durren Boden gefallen seyn. Etwas, hoff ich, wird wohl im Kopf und Herzen haften und mit Gottes Hulfe schon zu seiner Zeit irgend einige gute Frucht bringen. Aber Kind, gieb mir doch noch ein Schnittchen Fleisch und einen Loffel voll Bruhe. Ich weiss nicht wie du es anfangst, aber fur deine Pohlnische Bruhe lass ich der gnadigen Frau ihre genudelten Ganse und Schnepfenpasteten von Herzen gern.

Das liebreiche Gesicht des gutmuthigen Mannes, und sein Lobspruch auf ihre Kochkust besanftigte dann gemeiniglich die Frau, die eben kein Engel, aber doch auch just kein Teufel war, und mit der man, wie mit allen Frauen auf der Welt, ganz schicklich auskommen konnte, wenn man sie bey einer von ihren Seiten zu fassen wusste.

Uebrigens pflichten wir dem Prediger bey: es war in der That nicht alles an dem Edelmanne verlohren, und nebenbey hatte er doch lesen gelernet, wiewohl er dieses Talent in der Folge wieder hasslich vernachlassigte.

Nach dem Hintritte weiland Seiner Gnaden des Herrn Obristlieutenants fiel das Exerciren zu Pferde und zu Fusse von selbst weg, und es wurden jahrlich etliche Paar Rapiere weniger in dem Schlosse zerbrochen. Das Reiten aber behielt der junge Herr aus Neigung bey, weil es ihm eine herzliche Freude war, uber solche Hecken und Graben zu setzen, wo selbst sein Mentor nicht das Herz hatte ihm zu folgen, vorubergehenden Mannern das Haar zu Berge stand, und der tollkuhnste Bauerjunge bewundrungsvoll ausrief: Der Henker! das war mir 'n Hoppas! Unser Junker hat den Teufel im Leibe mit Reiten. Dieser elende Beyfall, den ein wohlgezogner Jungling verachtet haben wurde, hatte fur unsern Edelmann so viel Reize, dass er ihm zu Gefallen sich tagliw mehr als Einmal in Gefahr setzte, den Hals zu brechen.

Der gnadigen Frau war dieses allerdings ein schwerer Stein auf dem Herzen, aber sie vermogte dem Dinge nicht abzuhelfen. Eine Beschafftigung will der Mensch haben, das liegt in seiner Natur; und der Junker hatte auf der Gotteswelt nichts gelernet, als rechtsum machen, Karten geben, Fechten, und Reiten. Mit dem Ersten dieser Studien wars vorbey; das Zweyte war seine Sache nicht; das Dritte? je nu, das sahen seine Bauren an, und begriffens nicht. Aber, wenn er zu Pferde sass, dann ragte er uber die ganze Welt, die er kannte, hervor. Da nun tief in seiner Seele ein gewisses Gefuhl lag, das ihn anspornte mehr zu thun als andre konnen, und mehr zu seyn als andre sind, ein Gefuhl das weder durch Treffen und Stickerey, noch durch einen vollen Geldbeutel befriedigt wurde: was Wunder dann, dass er ihm jetzt auf die einzige ihm mogliche Art ein Gnuge zu thun suchte, und in der Folge auf Thorheiten verfiel, die ihn zum lacherlichsten Original von der Welt machten?

Weil man aber doch nicht immer reiten und uber Graben setzen kann, so todtete er ein gutes Theil seiner Zeit in gedankenloser Musse mit der Pfeife und dem Glase; daher denn im ganzen Lande kein Mensch so geschwind und so schon einen meerschaumnen Pfeifenkopf braun schmauchen konnte. Was sonst an Zeit ihm ubrig blieb, das fullte er mit Schlafen und Essen aus.

Drittes Kapitel.

Vom Tode und Sterben.

So war denn nun der Edelmann im Pommerlande geworden, was er den Umstanden nach werden konnte: der vornehmste Bauer auf seinem Gute. Dass er nicht der elendeste wurde, davon lag der Grund, wir sagen es noch einmal, in der uberwiegenden Gute seines Herzens, und in einer so vortreflichen Anlage, dass sie schlechterdings nicht vollig zu unterdrucken noch auszurotten stand. Was aber davon ubrig blieb, hatte freylich eine so schiefe Richtung bekommen, dass der Schade lebenslang unheilbar blieb.

Die gnadige Frau gieng aus dieser Zeitlichkeit, gerade als ihr Sohn mundig geworden war, und liess ihn im Besitz ungeheurer Reichthumer. Seit der Konfirmation des Junkers hatte sie dem Pfarrer nicht uber den Weg getrauet, darum vermachte sie ihm in ihrem letzten Willen baare zweyhundert Thaler mit der Klausel, dass er die Ehre ihr den Leichensermon zu halten, einem benachbarten Prediger ubertragen mogte. Der Geistliche aber, ob er gleich arm war, und eine geizige Frau hatte, schlug das Legatum grossmuthig aus, und hielt die Predigt selbst, und zwar gerade weg, wie ers gewohnt war, fur jeden aus seiner Gemeine zu thun, ohne ihrem guten Leumund den allerkleinsten Kleck anzuhangen, oder ihr irgend eine Tugend nachzulugen. Schand- oder Ehrensaulen zu errichten, kame, so dachte er, dem Geschichtschreiber zu, nicht dem Prediger; Weihrauch sey all uberall ein abgeschmacktes Ding; und Asa fotida konne schlechterdings kein taugliches Ingrediens einer heiligen Rede sey. Diesen Umstand, so wenig er eigentlich in mein Buch gehoren mag, kann ich, zu Ehren meines lieben Pfarrers, unmoglich verschweigen, dessen ehrwurdige Absicht, so oft er predigte, immer die war, seine Zuhorer zu erbauen und zu bessern. Dieser Zweck, davon glaubte er uberzeugt zu seyn, stand nicht zu erreichen, wenn er die Tugenden oder Fehler einer vor ihm stehenden Leiche, jene zum Muster, diese zur Vogelscheuche ausstellen wollte. Aber zur Ehre des Edelmannes kann ich ebenfalls nicht verschweigen, dass er ihm die zweyhundert hundert Thaler dennoch bezahlte. "Bin dem Pastoren das Schulgeld noch schuldig, dass er mich das Lesen gelehrt hat." So sagte er, und sandte ihm uberdem noch ein artiges Geschenk fur die Leichenpredigt.

Als unser Edelmann sich von den Unruhen des Leichenbegangnisses einigermassen wieder erholet hatte, schwankte er zwischen zween Einfallen hin und her, uber welchen er nicht etwa seit gestern brutete. Schon lange war er mit dem heldenmassigen Gedanken schwanger gegangen, dermaleinst, wenn die gnadige Mama versterben sollte, wieder Kriegsdienste zu nehmen. Das war der eine Einfall. Der andre war nicht vollends so halsbrechend, und die Frucht der ternhaften Unterhaltungen weiland seines Mentors, aus welchen ihm noch diess und jenes im Gedachtnisse schwebte. Denn, das muss ich, da es hier die Gelegenheit giebt, dem Hofmeister nachruhmen, dass er sehr fleissig gewesen war, den Zogling in den Mysterien der hohen Schulen, so viel an ihm war, zu inituren, und dessen Geschmack durch die kraftigsten Burschenlieder zu bilden. Und wenn das alles nicht tiefe Wurzel geschlagen, oder schlimme Folgen hervorgebracht hatte, so ist es bloss der damaligen zarten Jugend des Junkers beyzumessen, die unstreitig zu des Mentors Zeiten ausserordentlich zart gewesen seyn muss, da er noch in den ersten Jahren seiner Bekanntschaft mit dem Ludimagister, das heisst, wie er schon nahe an die vierzig war, Mayenkafer ankleidete und Kartenhauser bauete. Aber so tief hatten die Erzahlungen des Hofmeisters doch gewurzelt, dass sie nach dem Tode der gnadigen Frau den Einfall in seinem Gehirne erzeugten, eine Universitat zu beziehen, nicht eben um zu studiren; denn er wusste nicht recht, was studiren sey: sondern um sich fur sein Geld zu vergnugen, weil er steif und fest glaubte, das Universitatsleben sey das lustigste Leben von der Welt.

Diese beyde Einfalle hielten einander in des Edelmanns Kopfe so ziemlich die Wage. Aber wenn er zwischen beyden, wie dort Herkules am Scheidewege, unschlussig stand, so wars nicht etwa deshalben, weil er fur jeden Einfall Grunde pro und kontra fand; denn mit Grunden sich zu befassen, war bisher nie sonderlich seine Sache gewesen; sondern weil ihn weder Instinkt noch Zufall zu einem von beyden determinirte. Er nahm sonach von einem Tage zum andern die Sache ad deliberandum, und so flossen ihm ganz unvermerkt ein acht oder zehn Jahre hin, in welcher ganzen Periode der Unschlussigkeit er bestandig die Lebensart fortfuhrte, an die er sich seit dem Tode des Obristlieutenants gewohnet hatte, ohne ein Tittelchen dran zu andern. So wie man ihn jezt kennet, standen auch Tausend an Eins zu wetten, dass er in eben dem Gleise bis an seyn eignes Ende geblieben seyn, und sich dabey eins ums andre, jetzt an dem Glanze des Soldatenstandes, jezt an den akademischen Freuden ergotzt haben wurde, wenn es nicht seinem Gestirne beliebet hatte, ihm den Ludimagister in den Weg zu fuhren. Diesem Manne war es vorbehalten, die Unentschlossenheit des Edelmanns zu enden, seiner Phantasie ihren Schwung zu geben, und ihn in das glanzende Licht zu setzen, wovon ich, so Gott will, in den folgenden Kapiteln einen Abglanz meinen Lesern ins Auge stralen zu lassen gedenke.

Viertes Kapitel.

Das erste Kapitel vom Taufnamen.

Von Gott und Rechtswegen gebuhret uns Geschichtschreibern der Rang vor den leidigen Poeten, und Trotz sey dem geboten, der mir das abstreiten will! Nur Eins zu rugen: wenn diese Leutchen erst bitten und betteln mussen, dass eine Muse sich ihrer annehmen, und ihnen Nachricht von den Sachelchen geben wolle, die sie zu singen Willens sind, und die nicht selten so bekannt sind, dass alle Zeitungen davon sprechen: so kann unser einer selbst auftreten, darf keines Vormunds oder Soufleur's, erzahlet selbst, was er mit Augen gesehen, oder aus Urkunden geschopfet hat; und das ist dann doch wohl ein wenig glaubwurdiger, als was Poet auf Treu und Glauben einer alten Jungfer sagt oder als sein eignes Weibergeklatsche, dass er der Muse in den Mund legt. Denn, wiewohl das Ding seine grossen und handgreiflichen Bequemlichkeiten haben mag, den Unsinn, den man selber zu verantworten sich nicht getrauet, durch eine Stimme vom Himmel reden zu lassen: so treibt mirs doch oft kalten Schweiss aus, wenn ein Poet die Muse die er aufgeboten hat, oder die Stimme vom Himmel gar zu erbarmlich derasonniren lasst. Wusst ers vorher, dass sie comme un bijou resonniren wurde, warum rief er sie zu Hulfe? Und wusst ers nicht vorher, so konnt ers denn doch merken, wie sie es durch den Mund von sich gab, dass es schaal sey; warum schrieb ers denn nach? Mit unter tragt sichs wohl zu, dass das Orakel vernunftig spricht; aber dann bringt gemeiniglich der Dichter sein Sage mir, Muse! so trotzig heraus, dass er vollig das Ansehen gewinnt, als wollt er sie nur ihre Lektion uberhoren. Und es mag jemand vor den Augen und Ohren des ganzen Publikum den Schuler oder den Schulmeister machen, beydes mit Gunst zu melden kommt immer ein bischen, ich weiss nicht wie, heraus.

Ich bin es selbst, freundlicher lieber Leser, der dir die Nachricht giebt, dass unser Edelmann eigentlich mit seinem Taufnamen Seyfried hiess. Seyfried, Erbund Gerichtsherr auf Lindenberg. Diese Nachricht hab ich mir von keiner Muse sagen lassen, und bin uberall keiner Eingebung Dank dafur schuldig, sondern ich habe sie unmittelbar aus dem Kirchenbuche geschopft. Es wurde auch wohl vergeblich gewesen seyn, wenn ich einer von den Musen den Mund drum hatte gonnen wollen, denn die Musen sind gottlose blinde Heiden, denen kein ehrlicher Kuster erlauben wird, ihre Nase in ein christliches Kirchenbuch zu stecken. Besser also, ich wendete dem Kuster zwey Groschen zu, als einem heidnischen Teufelsbraten einen Kratzfuss.

Seyfried hiess also eigentlich der Edelmann; aber er horte es gar zu gern, wenn man ihn Siegfried nannte. Und zur dienstlichen Nachricht: hier etwa fangt er an interessant zu werden, wenn es anders, wie ich sehr geneigt bin zu glauben, jemand giebt, den er interessiren kann.

Funftes Kapitel.

Die Dorfschenke, oder der gehornte Siegfried.

Deswegen fange ich auch ein neues Kapitel an.

Es war an einem unvergleichlichen Herbstnachmittage, als Junker Seyfried that, was er vorher niemals, oder doch so ausserordentlich selten zu thun pflegte, dass davon auch nicht der Schatten einer Nachricht auf mich gekommen ist: Er gieng spazieren.

Fast ganz an der sudlichen Grenze seines Gebietes lag das kleine Lustwaldchen, dessen ich zu Anfang des ersten Kapitels ruhmlichst gedacht habe. Dahin begab sich der Edelmann. Er lagerte sich unter einer majestatischen Eiche, und horte den Vogeln, die um ihn her zwitscherten nicht zu, hatte auch in der Welt kein Arges draus, dass eine liebliche Quelle zu seinen Fussen mit sanftem Murmeln durch Gebusch und bunte Blumen sich schlangelte. Er rauchte sein Pfeifchen, freuete sich herzlich, dass es Zirkel gab, wenn er in den Bach spuckte, und schlummerte endlich gar sanft und suss uber dem Rauchen ein. Als er erwachte, fand er sich in der schonsten Abenddammerung, und ehe er noch den Ruckweg halb vollendet hatte, war es vollig dunkel.

Der gnadige Herr erreichte sein Dorf, und schlenterte ganz gemachlich durch die Pfutzen und uber die Misthaufen vorwarts, bis eine laute pathetische Stimme, die in der Stube der Dorfschenke gewaltig deklamirte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Neugier war sonst des Pommerschen Edelmanns Fehler nicht, aber heute sollte alles bey ihm ungewohnlich zugehen. Bin doch kurjos zu wissen, was da so grohlet, sagte er bey sich selbst und kuckte ins Fenster. Da sah er denn am Ende des Tisches den Schulmeister, sitzend in seiner ganzen Gravitat, vor ihm zwey Endchen Licht, eins auf dem Leuchter, das andre in den Hals einer Bouteille gesteckt, neben und hinter ihm die Kinder des Wirths mit aufgesperrten Maulern, und um den Tisch her funf oder sechs Bauren in ihren weissen Kitteln, die kurzen Stummelchen im Schnabel, aus welchen der Dampf des Brandenburgischen Knasters in dichten wirbelnden Wolken hervorstieg, und die Stube an Qualm und Wohlgeruch vollkommen jenem Abgrund ahnlich machte, der der Holle zum Schornstein dienet, und in welchen Astolph, reitend auf dem Hippogrifen die Harpyen zu allen Teufeln jagte.1 Der Schulmeister hatte die wahre und wundersame Geschichte des kecken und mannhaften Ritters Siegfried, mit dem Beynamen des Hornernen, in seiner linken Hand, breitete die rechte in zierlichen Gestikulationen seinem Auditorium entgegen, und las, dass er braun um den Kopf wurde. Er war gerade bey dem unerhorten Ebentheuer, des Ritters wider den scheusslichen Haselwurm. Die Nasenlocher der Bauren erweiterten sich, die Kinder schmiegten sich an einander, die Wirthin ruckte ihren Bettschemel naher an den Tisch und sah von Zeit zu Zeit hinter sich, ob ihr auch etwa ein Drache in die Arrieregarde fiele, und der Junker draussen vor dem Fenster horchte aufmerksam zu, als der Schulmeister las, wie die Hiebe fielen als Hagel, und jeder Hieb 'ne Wunde machte, wie 'n Scheunthor, und wie der Ritter den Lindwurm, dess er kummerlich Herr werden mogt, braten that, dass 's Fett raus quoll, und 's Fett Horn ward, als 's gerann, und der Ritter sich damit fest machte wider Hieb und Stich, und 's Fraulin erloste, und sich zu ihr that wonniglich und was des Dings mehr war, welches alles Ihr weiter nachlesen moget, theils im Buchlein selbst, theils auch in der Paraphrase des Ludimagisters, von der ich aber nicht weiss, ob sie gedruckt ist.

Hagel noch mal, sagte der Edelmann, das war'n ganzer Kerl, der Ritter da! Muss doch mal 'nein gehen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, hieng sein spanisch Rohr uber den Griff des Sabels, nahm die Tobackspfeife in die linke Hand, tappte mit der rechten voraus, um die Nase nicht zu gefahrden, und gelangte so ganz glucklich und wohlbehalten bis an die Stubenthur und in die Stube.

Die Gesellschaft sah, Trotz der Atmosphare von Tobacksqualm, worinn sie gehullet war, dennoch das Flimmern des reichbesetzten Dolman's, und erkannte an diesem Zeichen, wie auch am Klirren des Sabels und Stockes, wozu die Eisen unter den Stiefeln den Takt gaben, die Gegenwart des gnadigen Herrn. Die Posaune des Schulmeisters verstummte, die Bauren nahmen die Pfeifen aus dem Munde und die schwarzen Pudelmutzen herunter, und der Wirth, der nicht aus dem Dorfe, sondern bey Reichenwalde her geburtig war, auch in jungern Jahren als Stangenreiter eines Frachtfuhrmanns manche Reise von Frankfurth nach Leipzig gethan, folglich die Welt gesehen und Mores gelernet hatte, machte einen Knickerling mit einem Sequens.

Die Bauren furchteten sich zwar nicht vor dem Edelmanne, denn sie waren uberzeugt, dass er der gutmuthigste Junker auf Gottes weiten runden Erdboden sey; aber sie wurden doch ein wenig besturzt, und wussten nicht gleich, was sie aus dieser unerwarteten und unerhorten Erscheinung machen sollten. Selbst der Schulmeister vermogte von seinen hundert zwey und siebenzig lateinischen Brocken keinen einzigen herauf zu wurgen.

"Geht man wieder sitzen, sagte der Edelmann. Der Blix! geht sitzen, Leute, wenn ichs euch sage; habt doch wohl eure Knochen heut mude strapenziret. Hab' den da draussen predigen horen; wollt mal horen, was 's hier giebt, so wollt ich. Ha?"

Der Wirth, an den sich dieses Ha addressirte, nahm

das Wort, und versetzte in seinem Reichenwalder Dialekt: Ih nu, gnadiger Harre, wos werds Wunger synn? De Nochbern do hann den Luhmegester do gebaten...

"Wen?"

Ih nu, gnadger Harre, den Luhmegester do. 'S is der

Schullmeester, er sichts adder garne, wenn ma'n Luhmegester tittelirt. Er kann asn schiene lasen, doss 's 'ne Lust is.

Meine Leser, hoff ich, werden mir den Reichen

walder Dialekt furs kunftige erlassen. Er lasst sich so wenig als das Plattdeutsche fur Leute, die seiner nicht kundig sind, schreiben, und hat uberdem seine eigne Melodie und Accent.

Der Wirth belehrte demnach den Edelmann, dass

der Ludimagister, der so schon lesen konnte, den Nachbarn wochentlich einen Abend vorzulesen pflegte, und dafur von der Gesellschaft frey gehalten wurde. Heute Abend sonderlich hatte er 'n schnurriges Ding gelesen von'n Ritter, der gar'n abscheulich gewaltiger Ritter war ....

"Lassts man gut seyn, sagte der Edelmann; hab all'n

bischen von gehort. Trinkt mal alle meine Gesundheit, und komm Er morgen fruh mal zu mir, Schulmeister, und bring Er's Buch mit, versteht Er. Gute Nacht, Leute!"

Indem er dieses sagte, warf er ein Paar harte Thaler auf den Tisch. Werde nicht ermangeln aufzuwarten, sagte der Ludimagister; danken Eu'r Gnaden auch samtlich fur die hohe Gnade! Tu das epulis accumbere diuum!

"Oh Schnack!" sprach der Pommersche Edelmann, und gieng weg, immer zum Dorfe hinaus; und voll vom hornernen Siegfried kam er in seinem Schlosse an.

Wie Seine Gnaden die Schenke verlassen hatte, erhub sich ein Streit zwischen dem Wirthe und seiner Frau. Diese liess ihren Eheherrn sehr ubel an, und behauptete, er habe dem Edelmanne nicht mit der geziemenden Repetenz begegnet. Hattst'n doch 'ne Ehre anthun sollen, und 'n aus unserm glasernen Kruge mit 'm zinnernen Deckel mal zutrinken sollen, so hattst Du! und Herr Gnaden wurde dir Bescheid gethan haben, und hattst denn 'n mal deinen Kindern erzahlen konnen, und wenn 'n Reisender durchs Dorf kommen ware, dass der gnadge Herr wohl eher aus unserm schonen Kruge getrunken hatte, und hattst den Leuten den Krug weisen konnen, so hattst Du. Aberst so that er den Herrn Gnaden nicht 'n mal 'n Stuhl anprimisiren, der Schlumpenschleef!

Seht mir doch die kluge Sabille! ewiederte der Wirth. Meynst auch, dass man en'm Edelmanne nur so zutrinkt, und dass er einem da so gleich Bescheid thut! Da wurd er dir Butter dran gethan haben, siehst Du! Wird dir da auch nur so sitzen gehn, ha! Meynst nur, weil du mal in der Stadt gedient und ein Paar vornehme Worter aufgeschnappt hast! Aber wirst wohl all mein Tage 'ne dumme Jitte bleiben.

Ich 'ne Jitte? sagte die Frau, und die Borsten auf ihrem Haupte emporten sich. Es wurde arg geworden seyn, wenn der Ludimagister sich nicht ins Mittel gelegt hatte. Der sprach pro Rostris, und war der Meynung, sie konne ganz schicklich die Jitte mit dem Schlumpenschleef kamp auf gehen lassen. Die Eintracht ward hergestellt, dess brustete sich der Schulmeister, und wiederholte wohl zehnmal an diesem Abend die Stelle aus dem Virgil, die er aber nicht aus dem Smetius hatte:

Tum pietate grauem et meritis si forte virum quem

Conspexere, filent!

Einen furwitzigen Bauern, der ihn bat, er mogte ihn doch den Spruch ausdeuten, fertigte er damit ab: das Latein wurde zu nichts in der Welt taugen, wenn man dergleichen auf Deutsch sagen wollte. Lasst uns dafur des gnadigen Herrn Gesundheit trinken. Er hats befohlen, und seiner Obrigkeit soll man gehorchen, wie das vierte Gebot sagt.

Recht so! rief der Wirth. Komm her, Frau! keinen kindischen Groll mehr! Da, schenk ein! Und die Gesellschaft zechte diesen und den folgenden Abend aufs Wohlseyn Seiner Gnaden, bis die zwey Thaler verzehret waren.

Fussnoten

1 Orlando furioso, Cant. XXXIII, XXXIV.

Sechstes Kapitel.

Der Ludimagister macht seine Aufwartung im

festlichen Pomp. Nicht jedes Ungluck wird durch

Kometen verkundigt.

Am andern Morgen stand der Ludimagister vor Tages Anbruch auf, kammte seine Sonntagsperuke, schmierte sie reichlich mit Schweineschmalz und Lichttalg, zerrte einige Locken perpendikular, richtete andre horizontal, und bestreuete sie Strohhalmsdicke mit seinem gebeutelten Semmelmehl. Hierauf langte er sein schwarzes Feyerkleid aus der Lade, durstete und fegets. Seine Schuhe schwarzte er mit Kienruss und einer Speckschwarte, und rieb die messingnen Schnallen mit gepulvertem Ziegelstein, Baumol, und zarter weisser Kreide. In seinen baufalligen Hut trachtete er mit warmen Essig Neuheit zu dursten alles das zum grossten Erstaunen seine eheliche Gemalin, der Frau Schulmeisterinn, die ihn dermalen vergebens fragte, und kaum eines Blickes uber die Schulter gewurdiget wurde. Um den Hals ward ein sauberes weisses Tuch gebunden, und die Strumpfe gurtete er unterhalb des Knies mit schonen rothen ledernen Knieriemen. So zu seinem heutigen Ehrentage mit dem festlichsten Putze geschmuckt, versah er sich mit der Rittergeschichte des hornernen Siegfrieds, ergriff seinen schonsten Dornstock, und wandelte fort. Doch konnte er seine Hausgotter nicht verlassen, ohne seinem heutigen Stolze ein Opfer zu bringen, indem er die Ursache desselben anzeigte. Frau, sagte er und warf das Haupt zuruck, Frau, wenn jemand nach mir fragt, so lass ihn nach Tische wieder kommen. Ich mache dem gnadigen Herrn meine Visite.

Hiermit gieng er. Nach dem Maasse aber, wie er dem Edelhofe naher kam, verwandelte sich sein Stolz in Beklemmung; und wie er den Fuss ins Schloss setzte, sank ihm plotzlich das Herz um gute anderthalb Spannen hinab.

"Lasst'n gleich 'rein kommen!" sagten Seine Gnaden, die noch mit Ihrer Toilette beschafftigt waren, und sich eben den Bart kammen und knupfen liessen, als man den Ludimagister anmeldete.

Der Schulmeister trat nicht ohne Zittern hinein. Die ganze schone Anrede, auf die er die liebe lange Nacht studiret hatte, gieng zum Henker, so bald er Seine Gnaden in ihrer Herrlichkeit vom Kammerdiener und Lakayen umgeben erblickte. Und die Rudera, die er etwa noch hatte wieder erhaschen konnen, zerstreute der Edelmann vollends, indem er ihm gleich beym Eintritt entgegen rief: Na, Schulmeister, hat Er 's Buch bey sich?

Aufzuwarten, mit Eu'r Gnaden unterthanigster Permission! stammelte der Ludimagister. Ad mandatam venimus ecce domum.

"Konnt's Fransche man weglassen. Bin da kein Freund von, Schulmeister!"

'S ist Latein, wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden demuthigst erlauben wollen.

"Gleichviel! 'ch hatte nicht darnach gehoret. Unser eins hat mehr im Kopfe. Aber 'n bischen Lateinisch lass ich noch wohl gelten fur ihn meyn' ich. 'S ist, glaub ich, die Schulmeistersprache; ists nicht? Hatts selbst wohl lernen mogen, wie der Pastohr meynte, aber Mama seliger wollt's nicht haben, und so blieb's nach. Krischan! gebt dem Schulmeister 'n Schnaps und so'n bischen dazu."

Dem Ludimagister wollts noch nicht so recht gelaufig werden, mit vornehmen Herren umzugehen. Wie ihm der Kammerdiener das Fruhstuck prasentirte, machten ihn Hut, Buch und Dornstock verlegen. Doch half er sich so gut sichs thun liess, nahm das Buch unter den linken Arm, klemmte den Hut zwischen die Knie, und wickelte den Riemen der den Dornstock statt des Bandes schmuckte, zweymal um den dritten Rockknopf; dann ergriff er, da er nun beyde Hande frey hatte, mit der einen das Glas, mit der andern ein Stuck Gebacknes. Gehorsamstes Wohlseyn unterthanigst, Sie erlauben! sagte er, und machte einen gewaltig abentheuerlichen Lorenz, fast mit der Nase bis zur Erden. Zu gleicher Zeit wollte er, um seinen Buckling recht manierlich heraus zu bringen, mit dem rechten Fuss hinten aus kratzen, und dachte nicht an den Hut. Dieser entglitt ihm uber all der Hoflichkeit, und als er, vermuthlich auf Anstiften seines bosen Damon's, ihn mit den Knien begreifen wollte, verlor er selbst das Gleichgewicht, und sturzte so lang er war zu den Fussen des Edelmannes, der in ein so herzliches Gelachter ausbrach, dass ihm die Thranen uber die Backen liefen. Hiermit war aber das widrige Schicksal des Ludimagisters noch nicht erschopft, sondern sein Unstern wollte, dass er im Fallen mit seinem Kopfe auf den Leibhund Seiner Gnaden treffen musste. Turk nahm den Spass ubel, und schnappte dem Schulmeister nach der Nase; glucklicher Weise aber fasste er nur die Perucke, und kuhlte sein Muthchen waidlich daran.

Exkuse unterthanigst! Halten zu Gnaden! rief der Ludimagister, indem er sich aufraffte, die Landkarten von seinem Feyerkleide klopfte, und die Glasscherben auflas. Dero werden verzeihen! Es ist wahrhaftig nicht mit Willen geschehen! Procumbit humi bos. Ich war nur ein bischen gefallen ...

"Das kommt von den Speranzien, fiel ihm der Edelmann ins Wort und wischte sich die Augen. Da liegt nu die liebe Gottesgabe! Krischan! schenkt dem Schulmeister mal 'n ander Glas ein."

Wahrend der Kammerdiener dem Befehle des gnadigen Herrn nachkam, bearbeitete sich der Ludimagister, dem Hunde die Peruke wieder abzujagen. Die Bestie wies ihm die Zahne zur herzlichen Kurzweil des Pommerschen Edelmanns, der doch endlich geruhete, der Verlegenheit des Mannes ein Ende zu machen "Apport, Turk! Sieht Er, Schulmeister, da giebt er's von selbst her. Oh brav Turkschen! Ist 'n Gelehrter, und weiss nicht mal 'n Hund 'ne Pruck' abzunehmen! Mama seliger hatte wohl Recht, dass 'n Kavalier immer mehr weiss, als 'n Gelehrter."

Dero halten zu Gnaden! er wollte mich aber beissen.

"Ah, Kikel kakel! Er weiss man nicht mit umzugehen, Schulmeister. Da! setz Er's Eulennest man vor erst wieder auf. Mein Pruckenmacher soll ihm 'ne neue Atzel machen."

Der Schulmeister bedeckte sein weises Haupt so gut sichs thun liess mit den Fragmenten, und trank nun mit etwas weniger Caremonie. Unterdessen war der Edelmann angekleidet, und der Kammerdiener vollendete die Toilette damit, dass er seinem Herrn den Sabel reichte.

"Konnt nu man 'naus gehen, Krischan!"

Christian und die andern Bedienten giengen.

"Turk! Alloh! Farm le Part!"

Was weiter vorfiel, wird der Leser im folgenden Kapitel sehen konnen.

Siebentes Kapitel.

Captatio beneuolentiae. Vorlesungen. Das zweyte

Kapitel vom Taufnamen. Die Avisen.

Der Ludimagister war ein Politikus. Er hatte das im Augenblicke weg, dass Turk das andre Ich des gnadigen Herrn sey. Da er auch nunmehro schon uber eine halbe Stunde mit Seiner Gnaden in Freude und Leid konversiret hatte, so waren ihm Hande und Fusse schon etwas weniger im Wege, ums Herz wurde es ihm merklich leichter, heller im Kopfe, und das Band seiner Zunge ward los. Er bewunderte in einer wohlgesetzten Rede die Talente des Hundes, erstaunte uber die Geschicklichkeit desselben, strich seine Grosse, Schonheit und Folgsamkeit heraus, betheuerte, es fehle ihm nichts als die Sprache ....

"Schnack! fiel ihm der Edelmann ins Wort; kann wohl sprechen nach seiner Art. Alloh Turk! pahrel hoch!"

Der Hund brach in ein Mittelding von Heulen und Bellen aus.

Der Schulmeister schlug mit so kunstlicher Verwunderung, als hatte er in seinem Leben keinen Hund heulen gehort, die Hande zusammen, verdoppelte seine Lobspruche, und schloss mit der Versicherung, er hatte nun und nimmer geglaubt, dass ein unvernunftiges Vieh so was lernen konnte. Dadurch brachte er sich denn einen treflichen Stein bey dem Edelmann ins Brett.

"Und was das schnakisch ist, Schulmeister, dass so 'n Hund Fransch versteht. Aber nicht eins ins ander zu reden; was ich sagen wollte, Schulmeister, so hab ich ihn herkommen lassen, dass er mir das Siegfriedenbuch da 'n bischen vorlesen soll. Geh Er da man sitzen, und wenn Er noch 'n Schnaps will, kann Er sich man einschenken."

Danke gar schone. Mogte mir zu viel werden, Eu'r Gnaden.

Hiermit nahmen also die Vorlesungen ihren Anfang, und es gieng so scharf uber den hornernen Siegfried und uber des Ludimagisters Lunge her, dass das Buch in zween Vormittagen von einem Ende bis zum andern durchgelesen war, wobey der Vorleser nicht ermangelte, die dunkeln Stellen, deren fur den Edelmann nicht wenige waren, durch eingestreuete Anmerkungen, Erinnerungen, Erlauterungen und Gleichnisse noch dunkler zu machen. Die Seele des Junkers war das unbeschriebenste Blatt von der Welt. Stand ja etwas drauf, so warens ein Paar Dintenkleckse. Kein Wunder also, wenn die Rittergeschichte einen tiefen Eindruck auf ihn machte.

Es ist ausgemacht gewiss, dass die Grille des Pommerschen Edelmanns, sein Geschlecht musse wohl ursprunglich vom tapfern und mannlichen Ritter Siegfried dem Hornernen abstammen, diesen Vorlesungen ihren Ursprung zu danken habe. Der Name Seyfried, der in der Lindenbergischen Familie seit undenklichen Generationen so erblich ist, als sans Komparaison der Name Heinrich bey den Grafen von Reuss, oder Ludwig bey den franzosischen Monarchen, bestarkte ihn in seiner Meynung. Und er, der all sein Tage nichts bewiesen hatte, bewies und behauptete nun dagegen manniglich, es musse sich einmal irgend ein Pfarrer versprochen, oder ein Kuster im Kirchenbuche verschrieben haben. Und diese Meynung war er immer bereit mit Sabel und Pistolen zu verdefendiren, wie er sagte. Nun weisst Du, freundlicher Leser, warum unser Edelmann, wie wir in unserm ersten Kapitel vom Taufnamen anmerkten, es gar zu gern horte, wenn man ihn Siegfried nannte, weil man nehmlich seinen Ursprung dadurch anzuerkennen schien. Seine Haus- und Dorfgenossen mussten sich wohl in ihn schicken; und da es seinen Nachbarn und etwanigen Bekannten auch nichts verschlagen konnte, ob der Herr von Lindenberg, Siegfried oder Seyfried hiess: so blieb er im ungekrankten Besitz des Namens, dem er so herzlich gut war. Aber wir fahren in unsrer Geschichte fort.

"Hagel noch mal, Schulmeister, wie ist Er an das Buch gekommen?"

Habs mal gekauft, Eu' Hochwohlgebohrnen Gnaden, als ich meiner Mutter Brudersohn besucht, der in Greifswalde studirte. Ich horte, dass es ein grosser vornehmer Professor in Greifswalde gemacht hatte, und da dacht ich, ich musste die etlichen Dreyer schon dran wenden.

"Alle Blix! 's muss 'n ganzer Kerl seyn, der Professor sagt er nicht so? der so'n Buch machen kann. Bin 'n Edelmann, so gut wie der Kaiser, aber so'n Buch wusst ich nicht zu machen, nee, und wenn ich die ganze Welt haben sollte. 'Sist'n allerwelts Kerl, der Siegfried! Mogt auch wol mal so um mich 'rum hauen! Hatt sich auch wohl passen konnen, wenn ich im Dienst geblieben ware. Aber der Lindwurm, das war'n Racker, so war er. Wusst ich man mal einen, ich wollt'n lebendig braten, dass er die Angst kriegen sollte. Und da konnt' einer denn auch 'n Buch von machen. Nicht wahr, Schulmeister?"

Allerdings Eu'r Gnaden. Und wenn Eu'r Gnaden denn des Fortunatus Wunschhutlein hatten ...

"Kenne das Dings nicht."

O Eu'r Gnaden, das war ein kostliches Ding! Ich habe ein kurjoses Buch von diesem Fortunatus mit dem Wunschhutlein und Sackel zu Hause ...

"War das 'n Edelmann, der Fortnaz?"

Allerdings, Eu'r Gnaden! Das Buch konnt ich Eu'r Gnaden vorlesen ...

"Das kann Er, Schulmeister!"

und wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden allergnadigst erlauben wollten ...

"Der Blix! das will ich ganz gern, Schulmeister!"

so konnt ich morgen damit den Anfang machen. Und wenn Eu'r Gnaden ein Liebhaber vom Herzbrechenden sind ...

"Nicht sonderlich, dass ich wusste."

Sonst konnt ich auch die Geschichte vom Oktavianus mitbringen ...

"War's auch 'n Kavalier?"

Allerdings Eu'r Gnaden, und ein Romischer Kaiser dazu; aber weil Dero nicht sonderlich furs Tragische sind ...

"Nee! Nee! Schulmeister bring er das Akktafijanusbuch man auch mit, versteht er, weil's doch von'm Kaiser ist."

Auf diese Art wusste der Ludimagister immer Ein Buch aufs andre folgen zu lassen; ein Kunstgriff, den er zwar der Sultaninn Scheherazade, die so schon ein Mahrchen ans andre zu nahen wusste, nicht abgelernet haben konnte, der ihm aber treflich zu statten kam, sich allmahlig dem Herrn Siegfried von Lindenberg unentbehrlich zu machen. Der Edelmann lernte auch nach und nach ein Urtheil uber die Bucher fallen, die er vorlesen horte. Sonderlich erklarte er sich herzlich fur die Ritter, an denen er recht viel Bieders, Grosses und Gutes bemerkte, und nahrte seinen Geist mit ihren grossmuthigen und schonen Thaten. "Denn, sieht Er, Schulmeister, pflegte er zu sagen, um sich hauen, kann 'n jeder, der man 'n fixen Sabel und Mark in den Knochen hat. Aber so'n ganz Konigreich mir nichts dir nichts wegschenken, das einer eben mit saurem Schweiss und Blut eingenommen hat, oder 'ne Prinzessinn zu erlosen, die einer sein Lebstage nicht mit Augen gesehen hat, der Blix Schulmeister, das ist'n andrer Schnack."

Den Kaiser Oktavianus aber erklarte er schlechtweg fur einen schabigten tuckischen Schurken, und dessen Mutter fur eine verlaumderische, garstige, klatschmauligte Petze, von denen er in seinem Leben kein Wort mehr horen wollte. Das Genovefenbuch sey nicht 'n Haar besser, und Junker Schmerzenreich ware, mit Permission zu melden, ein Schleef Aergern konnt er sich uber alle Maassen, wenn er lesen horte, dass die Ritter an Galatagen in kostlichen Schammlott, oder in grunen Purpur gekleidet waren. Das ware man nichts. Ein achter Kriegsmann musse nichts als seine Uniform tragen; doch liesse er wohl 'n Friesrock uberher gelten, wenn's kalt ware. Schone Kleider aber, das thate so heraus kommen, als wenn einer sich der Uniform schamen thate, u.s.w.

Hatte der Ludimagister die Ehre gehabt, mit den Geschopfen des unvergleichlichen Cervantes und des komischen Smollet bekannt zu seyn, so ware ihm wohl nichts leichter gewesen, als aus unserm Edelmann einen Pommerschen Don Quixotte oder Sir Launcelot Greaves zu machen.

Als nun der ganze Apparatus von Buchern, die der Schulmeister ehemals zum Behuf seiner Abendvorlesungen in der Schenke angeschaffet hatte, auch auf dem Schlosse eins nach dem andern vorgelesen und wieder vorgelesen waren, bis der Edelmann fast alles auswendig wusste, begann er nach und nach einigen Ekel vor der losen Speise zu empfinden, und beliebte sich daruber gegen den Ludimagister wie folgt zu erklaren:

"Weiss den Kukuk nicht, wie's kommt, Schulmeister, aber es kommt mir vor, so thut es, als wenn das Melusinenbuch nicht mehr so hubsch ist."

Inuenies alium, si istum fastidis, Alexin! versetzte der Ludimagister. Es giebt ja mehr zu lesen, gnadiger Herr! Zum Exempel, was meynen Eu'r Gnaden jedoch mit unterthanigster Submission unter Eu'r Gnaden besseres Videtur wenn Eu'r Gnaden die Avisen kommen liessen?

"Kenne die Dinger nicht, Schulmeister!"

Avisen, unterthanigst! will ich die Gnade haben Dero zu sagen, sind so halbe Bogen, auch wohl ganze Bogen, wo alles drinn steht, was in der ganzen Welt passiret.

"Alle Blix, Schulmeister! das muss schnurrig seyn! Steht denn auch drinn von dem Hasen, den Turk letztens greifen that?"

Allerdings Eu'r Gnaden! Zwar Wiewohl Was das anlangt So eigentlich will ich das nun wohl eben Indessen aber Es konnte doch drinn stehen.

"Hatt mir das langstens sagen konnen. Steht denn auch drinn, wenn 'n Ritter 'n Haselwurm schmohren thut?"

Allerdings, Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden. So was Remarkabels steht immer drinn.

"Wills kommen lassen, Schulmeister. Wo kriegt man die Dinger? Ha?"

Werden vieler Orten gedruckt, Eu'r Gnaden! Habe mir aber sagen lassen, mit hoher Permission, dass sie in Hamburg die besten drucken. Hab auch wohl eher welche gesehen, die in Berlin gemacht waren.

Wills kommen lassen. Krischan! Ruft mir mal den Verwalter. Bin doch kurjos; will doch mal horen, obs von Turk drinn steht. Verwalter, was ich sagen wollt, schick er mal gleich stantepeh 'n Kerl zu Pferde weg nach Hamburg und Berlin, und lass Er mir mal alle Avisen kommen, die da gemacht werden. Lass Er'n brav zu reiten, dass er auf 'n Mittag wieder hier ist, versteht Er.

Halten zu Gnaden, versetzte der Ludimagister, Hamburg liegt wohl, wer weiss wie viel Tagereisen von hier, wo die Elbe ins Mittellandische Meer fallt ....

"Weiss wohl, sagte der Edelmann; dachte man nicht gleich daran."

aber wenn Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden aufs nachste Postamt schicken wollten .....

"Das will ich. Verwalter! schick Er stantepeh auf's nachste Postamt."

so konnte sie der Postbote immer mitbringen.

"Kann angehen, Schulmeister."

Achtes Kapitel.

Bis die Avisen ankommen. Ein langes Kapitel!

Es giebt Ich weiss nicht ob Aristoteles oder Kovarruvias das gesagt hat. Vielleicht aber hatt ichs auch im Abulfeda lesen konnen, wenn ich das Arabische Seiner Majestat verstande. Es giebt manches Ding in der Welt, das man nicht begreifen kann; und es soll auch manches Ding geben, das man nicht begreifen muss.

Das Letztere lassen wir dahin gestellet seyn; das Erstere aber, wer mir das abstreiten wollte, den wollt ich eben so trocken abfuhren, als Diogenes that, da ihm ein witziger Kopf abdisputiren wollte, dass es Bewegung in der Welt gebe. Und, man sage dagegen was man will, die Methode des Diogenes ist eine sehr gute Methode, weil sie ungemein simpel ist, und schnurgerade zum Ziele fuhret. Er setzte erst den rechten Fuss vorwarts, dann den linken, dann wieder den rechten, und immer so fort, einen um den andern; und so kam er denn ganz naturlich an das andere Ende des Zimmers. Dahin konnt er nicht gekommen seyn, wenn er sich nicht uber den Fussboden hin beweget hatte, oder der Fussboden hatte sich unter ihm her bewegen mussen. Nichts auf der Welt kann simpler seyn.

Sollte nun und wer weiss was sich zutragen kann? Alter Tage Abend ist noch nicht gekommen. Sollte nun irgend ein witziger Raritatenkasten sich gelusten lassen zu behaupten, er konne alles begreifen: so rath ich ihm wohlmeinend, es so leise zu sagen, dass ichs nicht hore; sonst wurd ich mir die Freyheit nehmen, ihn a la Diogenes ad Absurdum zu bringen. Ich wurde ihn ein kleines Problemchen vorlegen, so ganz aus dem gemeinen Leben, und damit sollts Lied zum Ende seyn.

Ich habe die Ehre gehabt Seine Hochwohlgebohrne Gnaden, den Edelmanne im Pommerlande, sehr lange und so genau zu kennen, als unser einer nur immer einen Edelmann kennen lernen kann: aber ich kann mit Wahrheit nicht anders sagen, als dass er nie von vielen Worten, und uberall kein sonderlicher Liebhaber des geselligen Umgangs war. So gar seine nachsten Grenznachbarn, welche zwar freylich mehrentheils Hofleute oder in Kriegsdiensten waren, und sich daher nie lange auf ihren Gutern aufhielten, sprach er fast niemals, wenn sie ihm nicht etwa auf seinen gewohnlichen Spazierritten begegneten, und dann wars guten Tag und guten Weg. Mit seinen Bedienten liess er sich nie ein. Seine gnadige Mama hatte ihm von Kindesbeinen an viel zu scharf eingepraget, er sey ein Kavalier, und der musse sich mit keinem Burgerlichen gemein machen, (Gemein machen hiess bey der seligen Frau: freundlich ansehen, und hoflich reden.) am wenigsten mit denen, die sein Brodt assen. Daher vergieng mancher schone Monat, dass selbst sein Christian, ehe er Oberkammerherr wurde, ausser den nothwendigsten Befehlen keine Sylbe aus seines Herrn Munde horte. Bloss gegen seine Pferde und Hunde war er gesprachig, ubrigens das ungeselligste Thier. Dass mogt er aber fur sein Leben gern haben, dass Christian, oder wer es sonst von seinen Leuten war, (den Justitiarius ausgenommen, den er nicht leiden konnte, weil er uberall den Juristen feind war) mit ihm sprach, ihm diese und jene Haus- oder Dorfneuigkeit erzahlte, und ihm so die langen Abendstunden vertrieb. Dazu rauchte er dann im tiefsten Stillschweigen seine Pfeife, und horte andachtig zu. Er litt aber niemals, dass einer seinen Kameraden anschwarzte oder verfuchsschwanzte, und man weiss noch heutiges Tages auf Lindenberg davon zu erzahlen, dass er bey einem solchen Vorfalle zum ersten mal in seinem Leben in Wuth gerathen sey, den Sabel gezogen, und den armen Sunder mit eignen hochadlichen Handen dermassen durchgefuchtelt habe, dass ihn der Feldscheer an die vier Wochen lang besalden und bepflastern mussen. "Wart du! rief er, will dich Racker schwanzelieren lehren!" Dieses einzige Beyspiel war so wurksam, dass seitdem nie wieder ein Klatscher auf Lindenberg aufduckte.

Hergegen, wenn ihm erzahlet wurde, Hannes Bruck sey in der Verbesserung seiner Landereyen so glucklich gewesen, dass er in diesem Jahre schon so und so viel Fuder Heu mehr gewonnen habe, als sonst; oder Peter Imbeck wolle Hochzeit machen, und Jurgen Risch Kindtaufe geben: dann dahnte er sich gemachlich in seinem Polsterstuhle, und sah so heiter aus, als wenn er selbst der Brautigam, oder Vater zum Kinde ware. Hiess es aber: dem langen Friedrich ist ein Pferd umgefallen; oder in Hannes Breymanns Schaafstall ist das Sterben gekommen: dann war er im Stands so ein trubseliges Gesicht zu machen, als ob ihm selbst die Peterfilie verhagelt ware; und selten ermangelte er in Freud oder Leid, seine milde Hand aufzuthun. Auch war im ganzen Dorfe kein Bauer, der durftig, oder ohne Verbindlichkeit gegen den gnadigen Herrn gewesen ware.

Ich weiss nicht, ob sich in der Folge eine bessere Gelegenheit dazu anbieten mogte, darum will ichs hier erzahlen, dass sein Verwalter den gemessensten Befehl hatte, in Absicht der Herrengefalle und Abgaben keinem einzigen Bauren eine Stunde Rachsicht zu geben, sondern ihm, dem gnadigen Herrn, so bald am Nachmittag des letzten Hebungstages die Klocke funfe schlug, ein genaues Verzeichniss aller derer, die bezahlt und nicht bezahlet hatten, einzureichen, und vorzulesen. Traf sichs dann einmal, dass etwa ein Bauer mit den Gefallen ausgeblieben war, so liess Er ihn zu sich rufen. "Hor, du! sagte er, mein Verwalter will dich exquiren lassen, weil du nicht bezahlen thust. Ich mag aber den Schimpf nicht haben, dass ich so'n Schlungel auf meinem Gute hatte, der geexquirt werden muss. Da hast's Geld. Geh hin und bezahle den Verwalter."

Diesen Weg hatte er ausgedacht, weil er glaubte, des Verwalters Rechnungen so am leichtesten ubersehen zu konnen, wobey ihm nun die Restanten keine Schwurigkeit verursachen konnten. "'S ist einerley, dachte er, ob's der Bauer meiner Kasse oder meiner Tasche schuldig ist; und der Verwalter kann mir doch kein X fur'n U machen, und meine Unterthanen werden auch nicht getribuliret. Und solcher Wege hatte er noch mehrere ausgedacht, um seinem Verwalter das X fur'n U machen zu verwehren. Das Schone bey der Sache war aber dieses, dass, wenn der Bauer dem er so geholfen hatte, ihm uber kurz oder lang das Geld wieder brachte, er es niemals annahm." Geh man hin, sagte er; bist doch 'n ehrlicher Kerl, seh ich wohl. Mach aber, dass mein Verwalter nicht wieder uber dich klagt. Kannst nu man gehen, und halt 's Maul von, sonst kommst' ins Hundeloch."

Dieses im Vorbeygehen. Wir lenken wieder in unsern Weg.

So gern also der Edelmann horen mogte, so wenig war er selbst furs viele Reden, und wenn er ja den Mund offnete, so pflegte ihm doch das Ding eigen zu seyn, das man gemeiniglich Imperatoria Brevitas zu nennen pflegt. Wie er demnach dazu kam, dass er mit dem Ludimagister manchen ausgelangten Tag verplaudern konnte, der doch mehr als Ein Jahr zubrachte, ehe er den eigentlichen Ton merkte, worinn man mit dem gnadigen Herrn reden musste, wenn es ihm recht seyn sollte: das ist wurklich ein wenig mehr als sich begreifen lasst. Der Schulmeister pflegte zum Exempel eine Neuigkeit auf diese Art vorzubringen: Wissen Eu'r Gnaden wohl? oder: Haben Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden schon gehoret? oder auch schlechtweg: diess und dass hat sich zugetragen. Und auf diese oder ahnliche Art musste man dem Edelmann im Pommerlande nicht kommen. Das hatte das Ansehen als ob man ihn etwas lehren wollte. Nein, man musste sich so zu wenden wissen, dass man immer voraus setzte, er habe das schon langst gewusst, was man jezt erzahle; zum Exempel: mich soll verlangen, wer bey dem kleinen Jungen, wovon Jurgen Risch's Frau gestern entbunden ist, morgen Gevatter stehen wird? oder: das hat mich doch recht gefreuet, dass dem ehrlichen Hannes Bruck seine Verbesserungen so gut eingeschlagen sind, dass u.s.w.

Noch unbegreiflicher ists, wie er sogar den Ludimagister zu seinem Vertrauten machen, und uber Dinge zu Rathe ziehen konnte, die er wohl ein dutzend Jahre im Busen herum getragen hatte, er, der sein Tage sich gegen keine Seele zur Vertraulichkeit herabgelassen, und niemals jemand um seine Meynung gefragt hatte.

"Muss Ihn mal in Rath nehmen, Schulmeister! Habe schon lange bey mir selbst bedacht, was ich anfangen wollte, als Mama seliger noch lebte. Dachte immer in meinem Sinn, sollst wieder in 'n Krieg gehen, wenn du langer lebst als Mama, oder auch auf Unverstaten. Und nu sie todt ist, weiss ich nicht, was ich davon thun soll, versteht Er. Und Eins von beyden muss ich doch wohl thun. Habe da all manchen lieben Tag uber repliciret, und bin nicht kumpabel mich zu risolviren."

Das war wirklich ein Donnerschlag fur den Ludimagister. Er hatte sich auf dem Schlosse eingenistelt, und galt, wie selbst diese Vertraulichkeit bewies, alles bey dem Edelmanne, was ein Thier, das nicht sein Hund oder sein Pferd war, nur immer bey ihm gelten konnte! Er speisete fast taglich mit dem Justitiarius, dessen Frau, dem Sekretar, und den andern vornehmsten Bedienten seiner Gnaden! Er befand sich so wohl bey dem allen! Wenn nun der Edelmann einen von vorgedachten Einfallen befolgte. Leser! ich habe von Deinem Verstande und Scharfsinne einen sehr hohen Begriff; aber unmoglich kannst du die unangenehmen Folgen, die ein solcher Entschluss fur den Schulmeister unumganglich hervor dringen musste, geschwinder und deutlicher einsehen, als er sie gleich auf der Stelle einsah. Aber in der ersten Besturzung war er nicht gleich im Stande, einen guten Einfall zu haschen, um die Entfernung des Junkers zu hintertreiben. Halten zu Gnaden! sagte er, die Sache ist wichtig, gnadiger Herr! Aber, wenn Eu'r Gnaden mir ein vierzehn Tage oder so, Bedenkzeit ... "Schnickschnack! rief der Junker erzurnt; alle Blix, Schulmeister, so muss Er mir nicht kommen! Er wollte das in vierzehn Tagen ausdenken, ha? und ich habe da so manchen Tag uber spikulirt?" Der Schulmeister war in grosser Verlegenheit. Er hatte befurchtet es nicht recht zu machen, dass er nicht auf der Stelle seinen Rath geben konnte; und siehe! er hatte es wirklich nicht recht gemacht, dass er ihn schon in vierzehn Tagen zu geben sich getraurte. Der Mann wusste noch nicht, wie schwer es sey, mit Kopfen, in denen es nicht helle ist, umzugehen. Dero kapiren mich nicht, gnadiger Herr! rief der Politikus. Ich meynte nur, ich wollte mir ein vierzehn Tage Zeit nehmen, zu untersuchen, ob ich all uberall im Stande bin, in einer so wichtigen Sache zu rathen, wo Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden selbst so lange zweifelhaft geblieben sind. Dicere conantem debilitabit onus!

"Kikelkakel! Ist'n Gelehrter und kann nicht rathen? Das ist man Schnack. Wofur ist Er denn 'n Gelehrter, ha? Krischan! Wollen morgen mehr von sprechen, Schulmeister. Krischan, den Hans!"

Der Junker zundete eine Pfeife an, schwang sich auf den schnellfussigen Hans, gab ihm die Spornen, und galopirte davon. Der Schulmeister aber gieng mit sich zu Rathe, wie er den Junker im gewohnten Gleise erhalten wollte.

"Na, Schulmeister, rief der Junker ihm am folgenden Morgen entgegen, hat Er's beschlafen?"

Aufzuwarten Eu'r Gnaden!

"Hab's all manch' liebe Nacht beschlafen, ich, und kann doch nichts 'raus schlafen. Na? was meynt Er?"

Hm! Ha! Hm! Ich meyne ich Aber mit unterthanigster Permission zu fragen, wozu hatten Eu'r Gnaden wohl die meiste Lust?

"Alle Blix, Schulmeister, das ists eben, dass ich zu beyden Lust habe."

Wenn Eu'r Gnaden nicht ungnadig vermerken wollten ...

"Nee, nee, Schulmeister! Will's ganz gut vermerken."

so mogt ich wohl unterthanigst so frey seyn, Eu'r Gnaden zu fragen, ob Dero wohl Lust hatten, noch in die Schule zu gehen?

"Hagel noch mal, so muss er mir nicht kommen, oder "

Halten zu Gnaden unterthanigst Bitte gar schon, Eu'r Gnaden! Sagten Eu'r Gnaden nicht, Dero hatten wohl Lust, auf Universitaten zu gehen?

"Nu ja, auf Unversetaten."

Im Grunde, gnadiger Herr, sind das doch Schulen. Freylich hohe Schulen, wo die Schulmeister Professoren heissen, aber doch Schulen ...

"'S ist nicht wahr! Der Blix! 's ist doch wohl wahr. Also wenn Er 'n Professer hiesse, da ware seine Schule 'ne Unversetat?"

Beynahe, gnadiger Herr!

"Und nu Er nicht Professor heisst, da ists nur 'ne Schule? Hm! Bin doch wohl zu alt noch in 'ne Schule zu gehen. Muss wohl wieder Dienste nehmen, ha"

Gott behute Eu'r Gnaden davor! Dero wurden sich doch wohl von einem Rittmeister oder Oberst-Wachmeister nicht halten zu Gnaden! ubers Maul wollen fahren lassen? Und ich meyne nur so! wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden nun etwa als Lieutenant ...

"Pack ein! Pack ein! Hore schon, wo er hinaus will, Schulmeister! Aber der Blix! zu einem muss ich doch greifen, so muss ich. Ha?"

Halten zu Gnaden! unser einer sieht nun freylich so weit nicht. Aber, unvorgreiflicher massen, da Eu'r Gnaden nun schon so manches Jahr Land und Leute regieret haben ...

"Hab ich das? Sieh mal! gewiss und wahrhaftig, das hab ich auch!"

so dacht ich, meines unmassgeblichen Dafurhaltens, Eu'r Gnaden blieben dabey.

"Hagel noch mal, dass ich da nicht eher angedacht habe! Hatt' nicht nothig gehabt, mir so lange den Kopf zu strapenziren, als ich gethan habe. Will man dabey bleiben. 'Sist doch, mein Seel! kurjos, dass ich da nicht einmal an gedacht habe, ha? 'n Gluck ists, dass mir 's noch eben zu rechter Zeit einfiel."

Der Schulmeister, zufrieden den gnadigen Herrn umgestimmt zu haber, liess ihm gar gern die Ehre des Einfalls, welche der Edelmann sich gemeiniglich zuzuschreiben pflegte. Denn bey seiner grossen Unwissenheit und Narrheit war der Ludimagister nichts weniger als ein Dummkopf.

Dieses Kapitel ist ein bischen lang geworden; aber es gehoret auch Zeit dazu, Avisen von Hamburg nach Pommern kommen zu lassen.

Neuntes Kapitel.

Der gnadige Herr fallt auf die Nase, und wird in

diesem Buche nicht wieder aufstehen. Der

Ludimagister geht auf Reisen.

Es giengen wohl noch acht Tage hin, nachdem dieser wichtige Punkt zum grossen Vergnugen unsers Edelmanns berichtiget war, ehe die sehnlich erwarteten Zeitungen ankamen. Schon begonnten Seine Gnaden ungeduldig zu werden, siehe da langten an in einem dicken Pakete die Haude- und Spenersche Zeitung nebst der Vossischen von Berlin, die sich hier in einem und demselben Umschlage ganz bruderlich vertrugen; ferner in einem betrachtlich dickeren Pakete der Altonaer Postreuter und der Hamburger Relationskourier, der Merkurius und der unpartheyische Korrespondent, samt allen ihren in Altona, Hamburg und Wandsbeck hervorgehenden Kollegen, die Intelligenzblatter mit eingerechnet, samtlich vom ersten Januar an, bis auf den letztverwichnen Posttag.

Seine Gnaden amusirten sich eine halbe Stunde lang, die Holzschnittchen, die zu Anfang einer jeden Zeitung stehen, zu betrachten und zu kritisiren. Das Pferd des Relationskouriers, meynte er, ware die impertinentste Schindmahre unter der Sonne, wenn es sich fur ein Pferd ausgabe; hochstens konne es fur eine Kuh gelten, der man die Horner abgesaget. Das Postreuterpferd gefiel ihm weit besser, "wenn 's nur nicht das Maul aufsperren thate, als wenn's alle Leute beissen wollte. Der Reiter sitzt dar aber viel zu steif auf. Das ist keine Posentur, das. Der weiss so 'n Hengst nicht zu reiten. Machts dem Gaul mit seinem Zurucklehnen allzu bestialisch sauer, so thut er." u.s.w.

Mit den Lowen auf dem Korrespondenten war er so ziemlich zufrieden, und meynte, sie thaten recht lowenhaftig aussehen; aber dass sie den Schwanz zwischen die Beine steckten, das ware nicht hubsch. An den Lowen auf der neuen Hamburger Zeitung mogt er nichts leiden, als dass sie den Schwanz hubsch hoch trugen; der Eine1 sah nach seiner Meynung bald aus wie Turk. Der Junge mit den Krahenflugeln am Kopfe sah ihm gar nicht darnach aus, dass er 'n Springer reiten konne. Gebt man pass, sagte er, pumps wird er 'n Sandreuter machen. Die ubrigen Holzschnitte waren samtlich unter seiner Kritik.

Unterdessen fand sich der Ludimagister ein. Gut, dass er kommt, Schulmeister, sagten Seine Gnaden. Da ist 'n ganzer Spitakel von Avisen zu Lande geschlagen, sieht Er, zwey Parten. Lass mal horen, ob da von Turk in steht.

Der Schulmeister nahm und las: Petersburg vom 20sten Junius. Petersburg das ist da, wo der Moschowiter ist. Das ist ein boses Volk, Eu'r Gnaden. London vom 30sten Junius. London, will ich die Ehre haben Eu'r Gnaden zu sagen, ist eine Stadt in England. O! das ist ein ganzes Volk, die Englander!

"Weiss wohl." sagten Seine Gnaden.

Einige andre Stadte, deren Namen der Ludimagister hier zum erstenmal sah, liess er ohne Anmerkung. Endlich kam er auf einen Artikel von Strasburg. Strasburg, gnadiger Herr, ist eine Stadt, da lauter Franzosen in wohnen.

"Nee, lauter Franzosen! Da muss schlimme Zeit seyn! Schlag das man uber, Schulmeister! mag das Volk nicht leiden."

Es ist auch ein tolles wurmhaftiges Volk, bemerkte der Ludimagister, so faselicht und hasenhaftig als ein Eichkatzchen, wie Eu'r Gnaden wohl wissen, wenn die ...

"Man weiter, Schulmeister. Weiss das wohl."

Paris vom 25sten Junius. Gestern haben die Gens du Roi Seiner Majestat den Beschluss des Parlements vorge ...

"Halt da! Blix noch mal, halt da! da war ja wieder was Fransches. Paris ist ja 'n fransch Land, wie die alte fransche Jungfer mit dem einen Auge sagt. Schlag das man uber Schulmeister. Mag von der franschen Majestat nichts horen, so mag ich. Will lieber von Turken und Mamedanern horen; sind auch wohl Bluthunde, aber doch nicht so arg als das fransche Volk; bleiben doch in ihrem Lande. Aber die andern aus dem Pariser Land, die Kummihs, die kommen hier ins Land, und saugen den Leuten 's Blut aus."

So wurde taglich eine ganze Reihe Zeitungsblatter durchgelesen, wobey der Edelmann herzlich gahnte, und der Ludimagister weisheitsvolle Randglossen machte. Dieser war nie verlegen, er mogte eine Fregatte oder eine Galeere, das englische Parlament oder das Spanische Inquisitionsgericht definiren sollen. Das dauerte so etwa ein Jahr, da hatten aber Seine Gnaden beynahe das Magellonenbuch oder die Geschichte von den vier Haimans Sohnen wieder zuruck gewunscht.

"Ist alles ganz gut, Schulmeister, was da drinn steht von den Paketbooten die abgesegelt sind, und von Herzoginnen die Kinder gekriegt haben, und von Schiffen die in einen Tackel hineingelaufen sind wiewohl ich nicht begreife, wie sie das machen, und von Konigen, die ein gross Gastgebot gegeben haben: aber der Blix! was geht das mich an? Wollt lieber, dass dar in stehen that von meinem Turk, und was auf meinem Gute passiret, so wollt ich. Warum schreiben sie das nicht auch 'nein, wenn Ich spazieren reite, so gut als wenn der Kaiser spazieren thut? Der Kaiser ist Herr in seinem Lande, und ich bin Herr in meinem Lande, so bin ich. Und wer weiss, wer die reichsten Bauren aufzuweisen hat? Lass mich man mal so'n Avisenmacher kriegen, ich will 'n schon Moritzen lehren!"

So klagte der Pommersche Edelmann manch liebes mal, bis endlich ein Gedanke bey ihm reif wurde, der vielleicht schon beym allerersten Zeitungsblatte in seinem Kopfe aufgekeimt war, und woruber er sich gegen den Schulmeister folgender Gestalt erklarte:

"Weiss der Blix nicht, Schulmeister, was er fur 'n Gelehrter ist! Noch soll er all mein Lebstage den ersten guten Einfall haben. Hatt er nicht langst dran denken konnen, dass ich auch 'ne Avise hier machen liesse? Hagel noch mal, das will ich. Hor er mal, Schulmeister! Was ich sagen wollte, er soll mein Avisenmacher werden."

Das war Wasser auf des Schulmeisters Muhle! Er war weit davon entfernt, der Weisheit des Edelmanns, die so klaglich auf die Nase fiel, wieder auf die Beine zu helfen; vielmehr liess er sichs angelegen seyn, den guten Junker in dieser Lage zu erhalten. Gnadiger Herr, sagte er, mit meiner geringen Wenigkeit stehe ich zwar immer zu hohen Befehlen. Aber eine Avise muss billig gedruckt seyn; daher mussten Eu'r Gnaden eine Druckerey haben, sonst hat das Ding keine Art.

"Weiss wohl. Will eine machen lassen. Frag er mal nach, Schulmeister, wer so 'n Dings machen kann."

Werde nicht ermangeln, Eu'r Gnaden.

"Will auch von mir reden lassen so gut als einer. Habe nun wohl Jahr und Tag lesen horen, dass die Koniginn von was weiss ichs? zur Ader gelassen, und der Konig von England Pillen eingenommen hat, oder der Spanische Ambassadeur ein Lusthaus miethen that. Die Konige und Ambassadeurs mogen sich nun mal lesen lassen, was ich thun will. Mach er unterdessen man 'n Paar Avisen fertig, versteht er, dass sie flugs gedruckt werden konnen, wenn die Druckerey kommt."

Werde nicht mankiren, Eu'r Gnaden. Aber mit hoher Permission, wenn Dero einen Befehl ausgehen liessen, dass alle Dero Unterthanen mir berichten mussten, was bey jedem Neues passiret?

"Wills dem Justitiarius schon sagen, dass er ihn ausgehen lassen soll."

Halten zu Gnaden! Dero haben gewiss schon resolviret, dass wir die Avisen irgendwo in der Nahe konnten drucken lassen, bis Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden Schlossbuchdruckerey im Stande seyn wird?

"Ja, ja! kann so nah bey einerwegen drucken lassen."

Der Ludimagister erhob sich zum Rademacher des Dorfs, und erkundigte sich, ob er wohl eine Buchdruckerey machen konne? Dieser Mann aber hatte von dem Dinge so wenig einen Begriff als der Schulmeister, und verwies ihn an den Zimmermann. Der Zimmermann behauptete, eine Druckerey zu machen musse Schmiedearbeit seyn. Der Ludimagister gieng zum Hufschmid, und dieser gab ihm die Versicherung, die Buchdruckereyen mache der Rothgiesser; denn er hatte einmal als Geselle auf der Wanderschaft, bey einem Rothgiesser eine grosse messingene Platte gesehen, und auf Befragen vernommen, das sollte das Fundament zu einer Druckerey werden. Da nun kein Rothgiesser auf dem Gute befindlich war, so kehrte der kunftige Avisenmacher wieder aufs Schloss zuruck, und stattete dem Junker Bericht ab. Seine Gnaden trugen ihm auf, in der Nachbarschaft einmal zuzuhoren. "Wird ja einerwegen so 'n Dings zu kriegen seyn, Schulmeister. Er muss ja doch wohl nachfragen, wo wir unterdessen die Avisen drucken lassen; kann denn mit eins mal zuhoren. Geh er man hin; da hat er'n bischen Reisegeld. Na, seh er zu, hort er, dass er was aufstaket."

Der vorgedachte Befehl wurde ausgefertigt und gehorigen Orts, das heisst: vor der Gerichtsstube und in der Schenke affigiret. Der Ludimagister trabte in den benachbarten Landstadten und Flecken herum, um eine Druckerey ad interim, und einen Rothgiesser, der eine machen konnte, aufzustobern. Und der Edelmann? Der gieng seinen gewohnlichen Schlentrian, und freuete sich herzinniglich, wenn er sein Pfeifchen in Pace rauchte, dass er eine eigne Schlossbuchdruckerey und eigne Avisen, folglich vor allen seinen Nachbarn einen gewaltigen Sprung voraus haben wurde.

Anfangs liess es sich mit des Ludimagisters Bemuhungen nicht zum besten an. Fortuna ist ein Frauenzimmer, mithin launisch. Er wandelte etliche Tage fruchtlos in der ganzen umliegenden Gegend umher, zog aus dem Suden ins Norden, und von Niedergang gen Aufgang, und war des Abends nicht kluger, als er am Morgen gewesen war. Denn, in diesem abgelegenen Winkel des Pommerlandes, hatten allerdings Kartoffeln und Ruden besseres Gedeihen, als Wissenschaften und diejenigen Kunste, die den Wissenschaften unmittelbar zu Pflegemannern und Handlangern dienen. Hier war an keine Buchdruckerey, und eben so wenig an einen Mann, der eine machen konnte, zu denken. Das war so ein wahres achtes Revier fur Freund Rousseau von Geneve, und die andern hasslichen Menschenkinder, die durchaus nicht glauben wollen, dass eine Welt voll Jurisprudenz, Ontologie, Therapie und wie die Dinge alle heissen, versehen uberdem mit Buchdruckerey, Uhrmacherey, Apothekerey, Juweliererey, Scharfrichterey, Gleissnerey, Verlaumderey, Brodneiderey, und was es sonst fur freye und galante Kunste geben mag dass, sag ich, eine solche Welt besser sey, als ein simples Lumpending von Welt, das sich dispensiret dieserley Arten irdischer Weisheit zu treiben. Die Herren wurden in dortiger Gegend zwar nicht just ihr Paradis, aber doch einen ganz schicklichen Vorhof desselben gefunden haben.

Lustig und luftig war der Schulmeister ausgewandert, aber langsam vt iniquae mentis asellus, und mit bekummerter Seele richtete er jezt seine schwerfalligen Schritte wieder nach der Burg seines vornehmen Gonners, als Dame Fortuna Mitleid mit ihm zu haben begonnte. Wir halten nicht viel von Eingebungen oder Damonen. Aber der Einfall kam unserm Wandrer zu plotzlich, als dass es so ganz mit rechten Dingen zugehen konnte. Es war schlechterdings eine Eingebung Fortunens, oder ein Damon hatte die Hand im Spiele, anders konnen wir das Ding nicht erklaren. Ob es aber, wenn man den letzten Fall annimmt, der Damon des Schulmeisters oder des Herrn Peter Fix gewesen sey: das lassen wir unerortert. Es fiel dem Ludimagister plotzlich ein, es liege verschiedne Meilen abwarts ein feines Landstadtchen. Nun wusste er freylich so gut als hatte ers im Busching gelesen, dass so viel Meilen hin, eben so viel Meilen zuruck austragen, und dass man in dem Stadtlein ohne allen Zweifel stammigte Fleischer, wohlbeleibte Bierbrauer, und durre spindelbeinigte Schneider die Fulle, hergegen eher zwolf Senfmuhlen, als eine einzige Druckerey vermuthen konnten aber ein gluckliches je ne sais quoi zog ihn unwiderstehlich hin. Es war Aber so was verdient schon ein oder ein Paar eigene Kapitel, welche aber diejenigen die mehr Vernunft als Genie haben, ihrentwegen, diejenigen aber, die das Genie bald auf Alpen, bald in Mistlachen und Pferdeschwemmen zu fuhren pflegt, meinetwegen ungelesen lassen konnen. Ehe ich mich aber an diese Kapitel mache, will ich vorher ein Kapitel von den Gastwirthen schreiben, in welchem ich hoffentlich, was ich bisher nicht finden konnte, Zeit und Platz zu dem Konterfey des Ludimagisters finden werde.

Fussnoten

1 Diess gilt von dem vormaligen Stocke auf der neuen Zeitung, der vor drey oder vier Jahren abgeschaffet ist. Die Lowen auf dem jetzigen sollten Seiner Gnaden schon gefallen haben, wenn Ihnen solche zu Gesicht gekommen waren.

Zehntes Kapitel.

Mein Kapitel von den Gastwirthen, nebst einer

Zugabe von Bier, Milch und Eyern.

Mein guter Freund, Sir Samuel Crowe, wenn er hier an meiner Stelle sasse, wurde gerade zu gesagt haben: der Schulmeister setzte alle Segel bey, und steuerte von der Stelle, wo er den Einfall hatte, Nord-NordOstwarts, legte sich aber nordlich von seiner Farth in der Bay eines Dorfes vor Anker, weil er, da in seinem Raume weder Gut noch Ballast war, nicht langer See halten konnte. Und ich gestehe, kurzer konnte kein Mensch die Sache erzahlen. Da ich aber weder ein Schiffskapitain bin, wie Sir Crowe, noch, so viel ich vorher sehen kann, irgend einen Seemann zum Leser haben werde: so muss ich wohl ein paar Worte mehr von der Sache machen.

Vom Tage war nicht so viel mehr ubrig, dass der Ludimagister den Ort erreichen konnte, und seine Beine, die ohne Widerrede stark und dick genug waren, wohl einen Konrektor tragen zu konnen, fiengen an ihm ihre Dieste zu versagen, ob sie gleich nur einen Dorfprofessor getragen hatten. Aus ubler Laune hatte er auch unterlassen diesen Mittag mit seinem Magen Abrechnung zu halten; eine Sache die er sonst niemals zu unterlassen pflegte, am wenigsten seitdem ihm die fette Kuche des Edelmanns offen stand. Nein, seines Leibes wartete er, und das gedieh ihm so wohl, dass er quoad Korpulentiam (ob der Romische Konsul dieses Wort jemals gebraucht habe, weiss ich nicht) eher einem Pralaten als einem Ludimagister ahnlich sah. Er fand also fur gut, in dem nachsten Dorfe sein Standquartier zu nehmen, wo er recht gutes Bier, und noch bessere Milch fand, ein Mandel Eyer in Butter schlagen liess, und seinem Leichnam so gutlich that, als Ort und Umstande erlauben wollten.

Nach eingenommnen Mahl und gerauchter Digestionspfeife (denn er liebte den Toback so sehr als sein Junker) hieng er seine schone grosse Peruke, dieselbige die ihm der Edelmann schenkte, als Turk vor ein paar Jahren die damalige Staatsperuke in ein Krahennest verwandelt hatte, auf den Spinnrocken der Wirthinn, band sein Schnupftuch um den Kopf, vertrauete sein neugekehrtes Feyerkleid samt den Stiefeln und der Pfeife dem Wirthe zu treuen Handen, streckte seine Gliedmassen auf eine fur ihn bereitete Streu, und legte, auf alle Gefahr, sein spanisches Rohr neben sich denn den Dornstock und die ledernen Knieriemen hatte er, als eines Hofmannes unwurdig, abgeschaffet. Die dienstfertige Wirthinn wickelte den fremden Herrn in einen abgedankten Schaferpelz, und er schlief ein. Mit Tages Anbruch erhob er sich, und kleidete sich wahrend des Fruhstucks an.

Da wir nun, indessen der Mann seinen festlichen Pomp anlegt, und seinen Cichorienkaffe einschlurft, nichts bessers zu thun haben, wollen wir dir, gunstiger Leser, mit einem leichthingezeichneten Abriss seiner Person aufwarten, da du mit einem grossen Theile seines Inneren schon so ziemlich, und mit seiner festlichen Garderobbe vollkommen bekannt seyn musst. Beylaufig bitten wir dich mit dieser Skizze so lange furlieb zu nehmen, bis wir einmal Anstalt machen, ihn und drey ober vier von den andern Herren die in diesem Buche vorkommen, unserm Hogarth-Chodowiecki sitzen zu lassen. Kommt Zeit, kommt Rath!

Denke dir demnach einen Mann von mittelmassiger Grosse, oder etwas druber, mit einer Physiognomie die aus Neger, Pudel, und Mops zusammengesetzt ist, und, ohne just ausnehmend hasslich zu seyn, so viel Widriges in sich vereiniget, dass ein Zehntheil davon mehr als hinreichend ware, alle Lavaters auf Gottes Erdboden von einem genaueren Umgange mit ihrem Eigenthumern kraftig abzumahnen. Die Negernase vor allen, machte, wenn man sie zum erstenmal sah, einen unbeschreiblich unangenehmen Eindruck. Der Korper war unformlich gebauet. Seine Korpulenz war freylich noch nicht Abt- oder Domprobstmassig, aber ein Pralat von geringerem Schlage, ein Prior zum Exempel, oder ein Kapuzinergardian hatte sich auf den Nothfall ganz schicklich damit behelfen konnen. Seine Beine, das waren einmal Beine! Ware sein Bauch dreymal so dick gewesen, so hatten diese Saulen immer noch dazu gepasset. Man kann just nicht sagen, dass sie krumm waren: aber so ubel waren sie doch gebauet, dass sie, auch mit einem minder wassersuchtigen Ansehen, die allerhasslichsten Extremitaten von der Welt gewesen seyn wurden. Wie er nach Jahren so vornehm wurde, dass er in weissen seidnen Strumpfen und einer Beutelperuke stolzierte, fiel zwar das Abentheuerliche des Antlitzes nicht mehr so heftig auf, aber das Unformliche der Beine desto sichtlicher ins Auge. So war der aussere Mensch des Ludimagisters beschaffen, der ... Potz tausend! da geht er schon hin, fix und fertig, und ich male noch! Wir mussen ihm wohl folgen, ohne jezt von seinem innern Menschen noch ein und anders, wie wir Willen waren, zu sagen. Mag der Leser doch selbst aus seinem Betragen schliessen, dass er im Grunde ein tuckisches, boshaftes, und ich darf wohl hinzusetzen: schadenfrohes Thier war, wie zwar die Narren von Metier mehrentheils zu seyn pflegen.

Unser schon geschmuckte Wandrer denn als ein Mann, der in Geschaften des gnadigen Herrn reisete, glaubte er, sich mit Anstand und Prunk zeigen zu mussen setzte seine Reise sehr eilfertig fort, dennoch aber erreichte er das Stadtchen nicht eher, als kurz vor Mittage. Gravitatisch zog er durch das Thor, und durch die vornehmsten Strassen, in der Hoffnung, an einem der Schilder und Zeichen, die er uber und neben den mehrsten Hausthuren sah, das Ziel seiner Wunsche zu erblicken. Zuerst, gleich bey seinem Eintritt in den Ort, sah er an einem Hause das Konigliche Wapen, und schloss daraus ganz richtig, ohne sich lange mit Lesen der Unterschrift aufzuhalten: hier werde wohl der Zollbediente residiren. Er gieng voruber, doch grusste er Seiner Majestat Wapen mit abgezogenem Hute. Ferner sah er holzerne Stiefel, Barbierbecken, Gewurzkramerzeichen, Kollekteurschilde, und andre solcherley Insignien in ungezahlter Menge, auch mit unter eine grosse vergoldete Scheere von zween griesgrammenden Lowen gehalten, oder eine Hand aus den Wolken mit einer Beutelperuke. Einzeln blahete sich hie und da in der trugerischen Dammerung eines unbedeutenden ubel fournirten Ladens ein Lakenkramer in der Kontormutze, wie der Eckern Ober unter dem Pobel der kleineren Matadore. Ein Haus erkannte er am Geruche fur eine Apotheke. Vielfaltig aber verkundigte das Konterfey eines Hechtes, eines Palmbaums, eines weissen Rosses, oder auch schlechtweg einer Branntweinblase und Bierfasses die Wohnung eines gewissenhaften Gastwirthes, eine Tabagie, oder einen honeten Branntweinwinkel. In Hausern, wo er ganz und gar kein Zeichen uber oder neben der Thur fand, vermuthete er einen Bewohner, der nicht Ursache haben mogte, sich auf sein Gewerbe allzuviel zu Gute zu thun, zum Exempel: einen Mussigganger, Kapitalisten, Wucherer, Kuppler, Betschwester, Nachtwachter, Hascher und desgleichen.

Er hatte nunmehr beynahe das Ende der letzten Strasse erreichet, und befand sich gerade bey einem Hause, das er an der grossen Einfahrt und an der gepflasterten Diele ohne alle Muhe fur einen Gasthof von einiger Bedeutung erkannt haben wurde, wenn auch die schonen goldnen Worte: Der Gasthoff zum offnen Helm, von der Hohe eines Schildes herab den Wandrer nicht eingeladen hatten. Hier stand er still, und sah mit forschendem Blicke vorwarts. Alle Zeichen aber, die er von hier aus erblickte, verkundigten ganz offenbar, dass er die Strasse vergebens zu Ende gehen wurde, deswegen entschloss er sich, wiewohl traurigen Muthes, in den Gasthof einzukehren, um seinen abgematteten Leichnam mit Speise, Trank, und Ruhe zu laben.

Hier bewillkommte ihn erstlich ein dicker halbnuchterner Wirth mit einem feisten schelmischen Antlitze, der sich aus der ehrenfesten Miene des Wandersmannes flugs einen Vogel prophezeihete, dem er schon auf eine oder andre Art spielend und in Liebe ein paar Fettfedern wurde ausrupfen konnen; zweytens, eine kleine, hubsche, rasche, dicklichte Wirthinn mit schonen braunen verliebten Augen, die jeden ansehnlichen Passagier fur eine gute Prise zu erklaren, dermalen aber von unserm Ludimagister sich keinen zu versprechen schienen. Doch zogen diese freundlichen Augen ein solches Prognostikon eben nicht aus dem schwarzen Kleide des Gastes, denn sie hatten wohl eher Manner in schwarzen Kleidern, so gut als Stutzer, Referendarien, Handwerker, und reisende Kaufleute unter ihre Gesetze gezwungen.

Auf die Frage des Wirthes: ob er ein besondres Zimmer verlange, oder in die Gaststube zu treten beliebe? wahlte er vorlaufig das letztere, um der Gesellschaft willen, wie er sagte, bat aber zugleich, ein Zimmer fur ihn in Bereitschaft zu halten. Der Wirth that einen Seitensprung und offnete die Gaststube, und der Ludimagister marschirte hinein, indem er die Anwesenden vornehm grusste. Nachdem er Hut und Stock abgeleget, liess er sich in den Lehnstuhl nieder, streckte die Beine von sich, und foderte eine Halbe Spanisch Bitter, und eine Pfeife.

Mit Erlaubniss, dass ich fragen mag, wo soll die Reise hingehen? Durch diese unverschamte Frage, die den Gastwirthen so ganz eigen ist, eroffnete der Wirth die Unterredung.

"Nicht einen Fingerbreit weiter!" erwiederte der fremde Herr mit der wichtigsten Miene.

Werden Sie sich hier eine Zeitlang aufhalten?

"Nach Advenant."

Sie haben gewiss Geschafte hier?

"Ja und nein, wie es kommt."

Mit Erlaubniss zu fragen, wo kommen Sie her?

"Von Hause, Herr Wirth."

Sie wohnen wohl nicht weit von hier?

"Es geht noch so wohl an."

Sie sind doch wohl heute erst ausgereiset?

"Nein, Herr Wirth."

Der Gastwirth fugte zu diesen impertinenten Fragen noch verschiedene hinzu, die jeder, der nur einmal in seinem Leben sechs Meilen gereiset ist, sich hoffentlich ohne Schwierigkeit wird denken konnen, weil man in Deutschland unmoglich sechs Meilweges reisen kann, ohne der naseweisen Unverschamtheit eines neugierigen Wirthes ausgesetzt zu seyn; man musste denn so sehr eilen oder knickern, dass man auf sechs Meilen kein einziges mal einkehrte. Je mehr indessen dieser Wirth hier seine Fragen haufte, desto geflissener machte sich der Ludimagister eine boshafte Freude daraus, den zudringlichen Furwitz desselben bey der Nase herum zu fuhren. Ein Betragen, welches uns so nachahmenswurdig scheint, dass wir nicht umhin konnen, es allen Reisenden bestens zu empfehlen.

Unterdessen brachte eine Aufwarterinn von ausgesuchter Hasslichkeit (vielleicht um die Annehmlichkeiten der Wirthin desto besser zu heben) mit weniger Grazie den Bitterwein und eine neue Pfeife, und die freundliche Wirthinn schenkte unserm Pilger das erste Glas ein, und fragte: ob ihm diesen Mittag hier zu speisen beliebte? Ja, Madam, antwortete er mit feyerlichem Ernst, und diesen Abend auch, wenn Sie erlauben.

Viel Ehre fur uns, sagte sie mit einer kleinen Neigung des Hauptes und jenem possirlichen, kurzabgestossnen, schnellen Knickbeinen, welches bey dem kleinstadtischen Frauenzimmer, das so gern vornehm thun mogte, an die Stelle des Knixes einer wohlgezognen Person tritt.

Und nun, lieber Leser, wollen wir Dir die Kapitel, die wir am Schlusse des neunten versprochen, keine Minute langer vorenthalten.

Eilftes Kapitel.

Malus sutor inopia deperditus. Phaedr.

Oder

Das erste Kapitel vom Geniewesen.

Es war dieses eine Stadt, von der der Ludimagister noch nicht wusste, dass der Teufel daselbst unter dem Pobel sein Spiel mit dem leidigen Geniewesen hatte. Da gabs philosophische Schulknechte, und metaphysische Schneider; politische Bartputzer, und statistische Friseurs; satyrische Gerichtsdiener, und poetische Kollekteurbursche; seraphische Lakaien, und Ziegelstreicher voll rhetorischer Figuren. Bey den ubrigen Klassen aber gieng alles ganz naturlich her, und seinen uberall gewohnlichen Gang, denn die Vornehmen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit ihrem Range; die Reichen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit ihrem Gelde; die Obrigkeitlichen Personen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit dem Schlentrian; der Mittelmann behalf sich grosstentheils mit der gesunden Vernunft. In diesen Klassen also befand sich alles in seiner gebuhrenden Ordnung, nur bloss der Jan Hagel und was nahe dran grenzte, schlug aus der Art, und konnte sich, verdorben durch etliche ubel verdauete Bucher, und durch missverstandne Beyspiele so wenig vor dem Drang des Genies retten, als einer der sich in geraucherten Rindfleisch und Pudding ubernommen hat, vor Magendrucken. Das alles wusste der Ludimagister noch nicht, ein Aufenthalt aber von nicht mehr als anderthalb Tagen lehrte es ihn, und ein besserer Beobachter als er wurde es in anderthalb Stunden gelernet haben. Ob aber der Pastor loci und sein Diakonus sich fur oder wider die symbolischen Bucher erklarten, ob die Aerzte sich mit der Methode und die Sachwalter mit Schimpfen und Turlupiniren behalfen: das hatte der Schulmeister zu erforschen vernachlassiget; folglich kann ich, der ich alle meine Nachrichten von diesem Stadtchen einzig und allein aus seinem Munde habe, meinen Lesern und ihrer Wissbegierde hierunter nicht dienen.

Es befand sich unter den Anwesenden, die ihren Morgen in diesem Gasthofe bey einem Glase Wein oder Aquavit verplauderten, ein Mensch, der, seine Waldteufelphysiognomie ausgenommen, und bloss nach seiner Kleidung zu urtheilen, wie ein feiner Mann, aber doch etwas narrisch aussah, denn er trug einen Kasaquin von Mineralgrunem seidnen Damast nebst Weste, Beinkleidern und Pambouschen von eben dem Zeuge. Nur die Strumpfe waren hellblau, sonst hatte man schworen sollen, der ganze abentheuerliche Kerl sey in einen Farbekessel gefallen. Sein Haupt verwahrte vor den Einflussen der gesunden Luft ein falber Hauptschmuck, der von den Handen seines Schopfers eigentlich zur Beutelperuke geschaffen war, aber um den Haarbeutel zu sparen, mit einem kleinen Biddelchen fast wie eine Abbe-Peruke getragen ward. Vom Hute stralte ein goldnes Bourdalou das vormals neu gewesen war, wie das Siebengestirn durch den Saum einer Regenwolke; und eine gewaltige Troddel bummelte dran, an der aber die Krepinen nicht mehr vollzahlig waren. Der Mann der in dieser Schale steckte, war ein Genie, aber ein verteufelt grosses Genie, und fuhrte mit sich herum, wie alle seines gleichen, eine machtig hohe Meynung von seiner Person, von seinem Geiste, Witze, Verstande, Talenten, Verdiensten, Werthe, und dergleichen; so hoch, dass ihn selber schwindelte, wenn er von oben herunter sah; so hoch, dass er sich erlaubte alles zu sagen, was ihm in den Mund kam, wobey er keines Abwesenden schonte, und alles zu thun was ihm einfiel und einem Genie ohne irgend eine Art von Grundsatzen pflegt denn mancherley einzufallen, mit unter auch wohl ein Ding, das nicht vollig so unschuldig ist als mineralgrune Damastne Pantoffeln zu tragen. Alles das that er auf Rechnung seines Werthes, denn er hatte einmal die meines Bedunkens nicht ganz richtige Bemerkung gelesen: grosse Genies hatten immer grosse Fehler. Das Spruchlein fuhrte er fleissig im Munde, wusste aber einen solchen Sinn hinein zu legen, dass es so viel hiess als: schlechte Handlungen verrathen einen hohen Genius. Wenn man ihm aber vieles ubersah, so geschah es nicht in Betracht seines Werthes, sondern weil er der Gegenstand des Spottes und der Verachtung aller vernunftigen Leute war. So viel einstweilen zur Nachricht von dem Manne mit der Waldteufelphysiognomie, der sein mineralgrunes Gehause dermalen in diesen Gasthof zur Schau getragen hatte.

Der seidne Mann schloss aus der Miene und Kleidung des schwarzen Mannes, er habe ein Stuck von einem Gelehrten vor sich; und ein Blumlein aus Latium's Gefilden, das dem Fremdling unversehens zu entfallen schien, bestarkte ihn in seiner Meynung. So bald er diese Entdeckung gemacht hatte, beschloss er, sich zu zeigen, und um das Ding schicklich einzuleiten, trank er des fremden Herrn Gesundheit, und musste gleich darauf gestehen, dass der Knaster, den der Herr rauche, von so feinem Geruche sey, als er ihn kurzlich nicht gerochen.

"Er geht und steht so, versetzte der schwarze Mann gar vornehm; es ist so unser gewohnlicher Kneller auf dem Schlosse."

Bey dem Worte Schlosse horte der damastne Mann hoch auf, hatte aber doch den Muth nicht, zu fragen, aus Beysorge, der Fremde, der dass Inkognito zu lieben schien, mogte ihn, wie den Wirth, herum fuhren.

"Mein Herren, fieng der Ludimagister an, mit Permission zu fragen, was giebt es in diesem Orte fur Merkwurdigkeiten fur einen Reisenden? Ich mogte mich doch gern ein wenig umsehen."

Merkwurdigkeiten? murmelte der eine; Merkwurdigkeiten? wiederholte der andre. Das Wort sogar war den Leuten fremd.

Merkwurdigkeiten? sagte der damastne Mann, Ich wusste hier nichts, als etwa, dass es wohl an keinem Ort in der Welt so viel Kruppel giebt. Bloss allein in dieser kleinen Strasse kann ich Ihnen ganzer neune zeigen.

"Hm! Es wird hier doch wohl eine offentliche Bibliothek seyn?"

O was das betrifft, ja. Auf dem Rathhause steht der allzeit fertige Notarius in Schweinsleder gebunden, und zwey Kodex Fridericianusse.

"So! giebt es hier keine offentliche Gebaude?"

O ja! da ist das Stockhaus wiewohl das eigentlich nur die Garnison angeht; und der Rathskeller, wo aber der Wein nichts taugt.

"Ich sehe, Sie scherzen, mein Herr!"

Das mineralgrune Genie betheuerte mit einem grasslichen Schwure das Gegentheil. Ob er falsch geschworen? Das lasse ich dahin gestellt seyn; aber das mogt ich wohl behaupten, dass er das Abgeschmackte in der Frage nach einer offentlichen Bibliothek in einem Landstadtlein nicht fuhlte, und sich nicht so wohl uber das schwarze Genie, als vielmehr nach seiner Art uber den Ort lustig machte.

"Giebt es hier wirklich nichts fur die Aufmerksamkeit eines Reisenden? Kein Naturalienkabinet? Keine Gemaldesammlung?"

O! damit konnen wir dienen. Herr Peter Fix hat ein hubsches Naturalienkabinet in einer Schachtel, das soll er Ihnen wohl weisen. Und dann ist hier noch einer, der hat die ganze biblische Geschichte in buntgemalten Kupfern, und sechs Konige und Koniginnen von Nilson, die recht schon sind. Aber das ist 'n dummer Kerl, der versteht so was nicht. Die schonen Bilder hangen da im Tobacksrauch, und ich glaube wohl nicht, dass er sie weisen wurde, wenn Sie auch drum hingiengen.

Dem Schulmeister war auch wirklich mit Naturalien, Bildergallerien, und was er sonst aus den Zeitungen aufgeschnappt haben mogte, nichts gedient, darum naherte er sich seinem Zwecke, und nach einem Seufzer, dass freylich mancher Demant in Bley gefasset sey, fuhr er fort zu fragen:

"Aber ein Buchladen ist doch wohl hier?"

Dass Gott erbarme! lasterte der grune Mann, wenn ich mich und noch 'n Stuck oder etliche ausnehme, so glaube ich nicht, dass ein Mensch hier ist, der 'n Buch lesen kann

Nun hatte der schwarze Mann wirklich nicht das Herz, gerade zu nach einer Druckerey zu fragen, wiewohl das damastne Genie hier gottlos gelogen hatte. Denn, wenn man es genau nehmen will, so war gerade Er vielleicht der einzige im Orte, der nie ein Buch hatte lesen mussen, weil er weniger als jemand auf der Welt im Stande war, ein Buch zu verdauen. Der Ludimagister, sage ich, hatte nicht den Muth, gerade zu zu fragen, denn er glaubte schon zum voraus das schrockliche Nein, vor dem er sich so sehr furchtete, zu horen; doch fragte er etwas beklemmt, ob es hier Kunstler in dem Orte gebe? Das mineralgrune Genie war auch schon im Begriff, die Frage zu beantworten, als ein Mann in einem simpeln dunkelbraunen Kleide hereintrat, auf dessen Gesichte ein truber, in sich gekehrter, melancholischer Ernst unter einem erzwungenen Lacheln verborgen war. Mit fluchtigem Auge ubersah er die ganze schaale Versammlung, und zeichnete besonders den seidnen Mann durch einen Blick voll unaussprechlicher Verachtung aus. Er grusste die Herren sehr nachlassig, den Ludimagister aber, als einen Fremden, sehr bescheiden, ob er gleich nicht umhin zu konnen schien, an der auffallenden Physiognomie des Mannes einige Augenblicke zu haften. Herr Bunke, sagte er zum Wirthe, indem er einige Papiere aus seiner Brieftasche nahm, geben Sie doch diese Frachtbriefe und Zollzettel dem Fuhrmanne. Er wird alles richtig finden.

Hiermit wollte er wieder gehen, als der damastne Mann zum schwarzen sagte: Sehen Sie, das ist der Herr, der die schone Bildersammlung hat.

Es war wirklich der Mann, den das grune Genie vor wenig Augenblicken mit der aus seinem Munde sehr ehrenvollen Benennung eines dummen Kerls beehret hatte.

Ich eine Bildersammlung? traumt Er, Meister?

Ey, ich meyne die Kupferstiche von Nilson, und denn ihre schonen bunten Bibelstucke, wovon ich diesem Herrn, der ein fremder Gelehrter ist, und sich nach den hiesigen Merkwurdigkeiten erkundigte, gesagt habe.

Nun ja, sagte der dunkelbraune Mann, Kupferstiche von Nilson, dem Meister in steifen Figuren, sind wunderwurdige Raritaten! Hierauf wandte er sich an den schwarzen Mann: Es ist wahr, mein Herr, ich habe in meinem Pulte zwey oder drey Stucke, die von Kennern gelobt werden. Wenn so wenig ihre Aufmerksamkeit reizen kann, so bitte ich um Ihren Besuch, wofern ihre Zeit nicht ausgefullt ist.

"Die mogte mir heute wohl lang werden, versetzte der Ludimagister, da hiesigen Ortes, wie der Herr da mich versichert, nichts Sehenswurdiges fur einen Reisenden ist."

Der Ort, erwiederte der Braune, ist wie alle Landstadte, aber wir haben hier einige schatzbare Manner, die eines Reisenden Aufmerksamkeit verdienen, und unsre Gegenden sind reizend. Und doch zwar nicht hier im Orte, aber sehr nahe dabey, wusst ich doch einen Gegenstand, dem zu Gefallen ich funfzig Meilen reisen wurde.

"Darf man fragen?" sagte der Schwarze, der nichts geringers als eine Buchdruckerey vermuthete.

Es ist ein Mensch, mein Herr.

Ih Herr Je! rief die Wirthinn, was Sie doch immer schnaksch sind! Das sollte mich lusten, funfzig Meilwegs nach einem Menschen zu reisen! Kann hier, wenn ich, alle Tage genug im Hause sehen.

Menschengesichter, Madam, versetzte der Braune, dem die Falten der Stirn merklich sichtbar wurden, aber doch keine Menschen; und doch kenne ich hier im Orte wirklich sieben bis acht Menschen. Das ist viel, recht viel fur eine massige Stadt. Aber dieser Mann, den ich einen Menschen nenne, weil ich kein edleres Wort weiss, ist ein sehr vornehmer Mann durch Geburt und Stand und Guter. Fuhlen Sie, mein Herr, (dem schwarzen Manne sagte er das) was das sagen will, reich, in ansehnlichen Wurden, von alter sehr edler Abkunft, und doch ein Mensch zu seyn? Bey den mehrsten Erdensohnen bedarfs nur einen von diesen drey Vorzugen, um ihnen Herz und Kopf zu verrucken: bey Ihm sind alle drey vereinigt, gerade, mogte man sagen, um Ihm die rechte Richtung zu geben. Er fuhlt den Werth seines Standes, aber ohne allen Hochmuth; er ist hoflich, ohne Falsch; herablassend, vertraulich sogar, aber mit Wurde; gutig, aber mit Grosse und ohne Prahlerey; voll Sentiment, aber ohne Affektation. Er hat keine Bibliothek, aber eine Buchersammlung; er giebt sich fur keinen Gelehrten aus, aber er liebt die Gelehrten, und sie lieben ihn. Er hat kein Naturalienkabinet, aber Unterthanen, deren Gluck keine Bildergallerie, aber liebenswurdige Kinder, deren Bildung ihm am Herzen liegt. Er kann vielleicht weder malen, noch an der Drechselbank tandeln, aber er schatzt die schonen Kunste, und ehret den Kunstler. Er besitzt Geschmack, und hat es bewiesen durch ein reizendes Elysium, das er in einer Wuste geschaffen hat. Er hat Freunde, und was man so selten findet, und was sein Bild vollendet! selbst unter seinen Hausgenossen warme Freunde, und ist werth sie zu haben, weil er selbst der warmste Freund ist. Er hat Feinde, und ist gross genug, daruber zu lacheln. Die Harte, den Baurenstolz, das trotzige unbescheidne Wesen, den ekeln Ton, und alles, wodurch ein grosser Theil des Adels sich unter seine Bauren herabsetzt, suchen Sie bey ihm so vergebens, als die entgegengesetzten Fehler. Er liebt die gesellige Freude, den lachelnden Witz, den gezugelten Muthwillen. Kurz mein Herr, sein Herz ist gross, gut, und schon, und edler noch als seine Geburt, die doch, Sie mogen auf die Reihe oder auf den Werth der Vorfahren sehen, so edel ist als irgend einer. Stande das Gluck des ganzen Menschengeschlechts bey ihm, er wurde es mit dem seinigen erkaufen. Gestehen Sie mir, dass so ein Herr den Namen eines Menschen, und eine Reise von funfzig Meilen verdienet!

Nach dem Maasse, wie der braune Mann sprach, entfaltete sich seine Stirn, sein Auge funkelte, und eine heitere Zufriedenheit verbreitete sich uber sein Gesicht. Er hohlte das alles so tief aus seinem Herzen! aber bey den letzten Worten fiel sein Blick, vielleicht von ungefahr, auf das mineralgrune Genie. Flugs waren alle Falten wieder da. Der Blick blieb haften, und wurde bedeutend.

Mich daucht aber, fuhr er fort, ich bringe sein Bild hier nicht in die beste Gesellschaft. (Hier wurde der mineralgrune Mann gluhend roth.) Indessen, mein Herr, (er wandte sich gegen den Schwarzen) beruhige ich mich damit, dass ich es fur sie allein aufgestellet habe, und hoffe, es wird in gute Hande gekommen seyn.

Hiermit empfohl sich der braune Mann, ungeachtet einer hoflichen Einladung der Frau Wirthinn mit ihnen furlieb zu nehmen. Meine Frau und Kinder, die mich gern in ihrer Mitte haben, erwarten mich, sagte er, und gieng.

Der Narr ist in seine Frau verliebt, sagte das seidne Genie. Der schwarze Mann aber meynte, er mogte ihn doch wohl naher kennen. Weiss nicht, obs der Muhe werth ist, antwortete der Grune; es ist ein dummer gramischer Kerl, der manchmal den ganzen Tag den Mund nicht aufthut, und jedem, den er nicht leiden mag, alles ins Gesicht sagt; und ich glaube nicht, dass sechs oder acht Leute in der Stadt sind, die er leiden mag. Nichts ist ihm recht, und auf alles weiss er was zu makeln. Kurz, mein Mann ist er nicht. Er ist kein Genie.

Nee, ich mag ihn gern reden horen, sagte die Wirthinn. Er ist immer so apart. Manchmal versteh ich wohl nicht recht, was er will, eben als heute, dass 'n Menschengesicht kein Mensch seyn soll. Aber eben weil das so schnaksch ist, mag ich ihn gern horen.

'S ist doch 'n hochmuthiger Kerl, sagte der Grune, und indem wurde die Suppe aufgetragen.

Zwolftes Kapitel.

Das zweyte Kapitel vom Geniewesen, worinn der

Leser das mineralgrune Genie naher kennen lernt.

Man wies dem schwarzen Genie als einem ganz fremden Herrn die Oberstelle an; aber er hatte im taglichen Umgange mit den vornehmsten Bedienten Seiner Gnaden, mit welchen er langstgedachter massen fast taglich speisete, schon lange so viel begriffen, dass er in der allerfeinsten Galanterie kein Neuling mehr war. Sonach fuhr er mit seiner nervigten Rechte behende in den Schlitz der Falten seines Rockschoosses, machte einen gefahrlichen Buckling und scharrte hinten aus, dass es witterte, that darauf einen zierlichen Schritt vorwarts, der ihn der hubschen Wirthinn nahe brachte; erhob sodann den Rockschooss, und ergriff mit demselben gar sittiglich und zuchtig die linke Hand der Wirthinn. Sie erlauben, wertheste Madam! sagte er zu der Frau, die, ob dem ihr ganz unbekannten Manovre erstaunt, ganz geduldig ihre kleine runde Hand in den Rockzipfel begraben liess, und vielleicht dachte, der fremde Herr wolle ihr etwa die Spur eines angegriffnen Kochtopfes abwischen. Sie erlauben, wertheste Madam, sagte er, und that sie ehrbarlich zu der Oberstelle fuhren, und zwang sie gar hoflich, sich daselbst nieder zu lassen, wiewohl sie dreymal versicherte, das wurde sich gewiss und wahrhaftig nicht schicken. Das Wesentliche dieses Manovres hatte er dem Herrn Verwalter und der Frau Liebste des Herrn Justitiarius abgestolen, die Nebenverzierungen that er aus seinem eignen Schatze hinzu. Als er diesen wichtigen Beweis seiner feinen Lebensart abgeleget hatte, nahm er mit vieler Wurde seinen Platz zur Linken der Dame, und ihr zur Rechten pflanzte sich das mineralgrune Genie hin, in dessen Giebel die braunen Aeuglein der lieblichen Wirthin schon langst einen solchen verteufelten Spuk angerichtet hatten, dass er oftmals Genie, und Philosophey, und Litteratur daruber vergass; wie er denn auch an diesem Mittage nicht ermangelte, diese Augen, und was ein missgunstiges Halstuch nicht ganz verbergen durfte, gar erbarmiglich anzuschielen, und von Zeit zu Zeit Seufzer so dick als des Schulmeisters Beine auszustossen. Die ubrigen Gaste samt dem Wirthe setzten sich ohne Carimonie. Das Tochterchen im Hause stammelte, ubelhergebrachter Gewohnheit nach, das Benedicite, welches ich allemal lieber vom Hausvater sprechen hore, und die Schusseln wurden leer.

Ich habe oben schon verkundiget, dass das mineralgrune Genie beschlossen hatte, sich zu zeigen. Weil er vor Tische nicht so recht dazu kommen konnte, entschloss er sich im Gasthofe zu essen, welches er, Trotz dem Gebrumme seiner Hausehre, gar oft, und vorzuglich dann zu thun pflegte, wenn er Fremde da fand, die er bewunderte, oder die ihn bewundern sollten. Jetzt bey Tische fieng er allmahlich an, das Nordlicht seiner Einsichten leuchten zu lassen. Er machte den Anfang mit etlichen paradoxen Satzen, auf die aber niemand achtete, der Schulmeister nicht, weil er die Suppe sehr wohlschmeckend fand, die ubrigen nicht, weil sie das zum neun hundert neun und neunzigsten mal horten. Bey der zwoten Schussel stellte er sich frank und frey unter Voltare's und Damm's Fahnen, aber der Ludimagister war entweder noch zu hungrig, oder er mogte sonst seine Ursachen haben, so viel ist gewiss, dass er keine Sylbe darauf antwortete. Als das mineralgrune Genie sah, dass auch dieser Schlag kein Oel gab, besann er sich, vor einiger Zeit den Alexander von Joch uber Verbrechen und Strafen nach turkischen Gesetzen gelesen zu haben, den er aber, seiner Gewohnheit und Unvermogen nach, nicht digeriret hatte. Auf einmal hub er einen stattlichen Diskurs uber die Dauer der Hollenstrafen an; und, um das schwarze Genie recht mit den Haaren zur Aufmerksamkeit und Bewundrung zu zwingen, richtete er seine Rede gerade an ihn.

Zufalliger Weise war hier der Ludimagister zu Hause. Denn wie manchmal das Gluck der Narren Vormund ist, so hatte er just vor etlichen Wochen eine Unterredung meines lieben Pastors mit dem Herrn Justitiarius angehoret, worinn dieser Gegenstand weitlauftig untersuchet wurde, und wobey es scharf hergieng. Der schwarze Mann hatte, wie mehrentheils alle Schulmeister von Profession, ein sehr gluckliches Gedachtniss, also waren ihm die wichtigsten Argumente pro und kontra noch sehr gelaufig, und er beschloss den Augenblick, dem grunen Genie gar stattlich das Obstat zu halten, die Meynung desselben mogte nun seyn, welche sie wolle, und vor der Gesellschaft Ehre einzulegen. Zu diesem tapfern Entschlusse trug das nicht wenig bey, dass er schon lange weg hatte, sein Gegner sey kein sehr gewiegter Mann.

Nach einigen Generalien uber die Hollenstrafen uberhaupt, erklarte das damastne Genie sich wider die gewohnliche Bedeutung des Worts Ewig, und that einen grossen Schritt uber die Grenze bis ins Centrum der Philosophey. Herr, sagte er, sind sie nicht auch der Meynung, dass ein unendliches Wesen von einem Endlichen nicht Unendlich beleidiget werden konne?

"Mein werther Herr, erwiederte das schwarze Genie, ich bin zwar nicht hieher gekommen, uber die Religion zu disputiren, doch ich sehe, Sie sind auf Irrwegen, und es ist Pflicht, seinen irrenden Bruder zurecht zu weisen, vorausgesetzt, dass er nicht muthwillig irre, noch in der Absicht mit seinen Irrthumern zu pralen, welches meines Dafurhaltens nur ein Bosewicht oder ein Narr thun kann."

Dieser Eingang machte den mineralgrunen Philosophen ein wenig betreten. Er fuhlte, dass er an ein zum wenigsten eben so boshaftes Thier gerathen sey, als er selbst war. Doch befurchtete er noch nicht, dass der schwarze Mann so gar arg mit ihm umspringen wurde, als wirklich geschah.

"Was also, fuhr der Schwarze fort, Ihre Frage betrifft, mit der Sie mich angehen, so dienet in Antwort, dass wir nicht nur wissen mussen, wovon wir reden, sondern auch was wir reden. Meynen Sie das nicht ebenfalls, mein Herr?"

Ich denke: Ja! antwortete der grunseidne Mann.

"Gut also, mein Herr! sagte der Schulmeister. Aber ehe wir weiter gehen, das trockne mein Herr macht meines Dafurhaltens die Unterredung ein wenig holzern. Es ist so herzlicher und besser, wann man sich bey seinem Namen oder Karaktehr zu nennen weiss; man kann sich auch seinen Respekt besser geben. Ohne Zweifel wird das auch des Herrn Videtur seyn. Also, mit Permission! mit wem habe ich das Vergnugen zu konversiren?"

Ich heisse Herr Pfrieme, zu dienen!

"Und Ihr Karaktehr?"

Habe keinen. Ich bin ein Liebhaber der Humaniorum.

Es ist wohl Zeit, dass wir unsern Lesern sagen, wer der mineralgrune Philosoph eigentlich war, und dazu haben wir die beste Gelegenheit, wahrend die beyden Genies gegen einander zu Felde ziehen. Sein Vater lebte und starb als ein Leineweber mit dem Ruhme eines ganz hubschen Mannes, und hatte diesen seinen Sohn ebenfalls zu einem ehrbaren Handwerk erzogen und anfuhren lassen; wie denn der Bursch auch so weit gedieh, dass er als Schuhknecht seine Wanderjahre antrat, nachdem er seinen Vater viel Verdruss gemacht hatte. Nach des Vaters Tode aber warf der Sohn aus leidigem Drang des Genie Leisten und Kneif zum Henker, und nach vielen in der Nachbarschaft und daheim uberstandnen Fahrlichkeiten und versuchten Metiers, bald Bettler bald Matador, nahm er eine Frau, und zehrte nun, da er schon uber die funfzig hinaus war, auf den Rest eines geringen Vermogens, der nicht gar zu edlen Frucht seines letzten Coup de genie, waidlich los; schlemmete und demmete redlich; sprach nichts als Hochdeutsch, weil, wie er sagte, das Plattdeutsche keines erhabnen Ausdrucks fahig sey, sonderlich so, wie es der Pommersche gemeine Mann sprache; verlaumdete alle Welt; schwanzelte immer noch hinter Weiber und Magdlein her; las jedes Buch das er auftreiben konnte, und pranumerirte auch wohl mit unter auf Bucher die unstreitig fur Schuhknechte nicht geschrieben waren, um seinen Namen schwarz auf weiss gedruckt im Pranumerantenverzeichnisse taglich vor Augen zu haben. Ein paar unrechte Bucher, ein paar schlechte Buben, und, mehr als das, eine Mutter voll Affenliebe hatten den Grund zu seinem sittlichen Verderben gelegt; denn wirklich, der grune Mann schamte sich keines Verbrechens. Mutter! Mutter! wie unzahlig mehrere Seufzer und Fluche unglucklicher, zu spat zur Erkenntniss kommender Kinder fallen auf euch, als auf die Vater! Eine fortgesetzte unrechte Lekture machten ihn vollends zum Narren, und, weil er nicht verstand was er las, endlich zum vollendeten Bosewicht. Ihr Herren, die ihr alles wisset! giebt es kein Mittel die Mutter, und dadurch zugleich die Kinderzucht zu bessern? giebt es kein Mittel den Pobel vor Buchern die fur ihn nicht geschrieben wurden, zu bewahren?

Seinem Pranumerationswesen hatte Herr Pfrieme den Titel eines Liebhabers der Humaniorum, der bis jezt in keinem Titularbuche stehet, zu danken. Denn, da er zum erstenmal seinen werthen Namen zu einem solchen Verzeichnisse einzusenden vorhatte, war er unschlussig was fur einen Schwanz er demselben anhenken sollte. Exschuster, wie heut zu Tage Exjesuit das schien ihm nicht schicklich. Burger und Einwohner tres renomme, das war vollends nichts Gar kein Schwanz liess auch so kahl und gestutzt. Homme de Lettres war damals noch nicht ublich. Genie? Ein Genie? Das war Etwas. Aber es liess doch gar zu wer weiss, wie! Sonach ward der glanzende und unerhorte Titel: Liebhaber der Humaniorum beliebt und erkieset.

Ich bin ein Liebhaber der Humaniorum, sagte der Exschuster. Aber, erlauben Sie, wen hab' ich die Ehre fur mir zu sehen?

"Vor mir, sagte der Schulmann, wenns Ihnen beliebt. Ich bin ein Gelehrter, und habe mich eigentlich dem Edukationswesen gewidmet, Ihnen zu dienen, wo ich aber jezt nicht weiter Fait von mache als ich unumganglich muss, weil ich bey Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden dem Herrn von Lindenberg das Amt eines Lektoris ordinarii ubernommen habe, welches mir so viel Zeit weg nimmt, dass mir zu Erziehungsarbeiten nur wenig, und fur mich selbst zu studiren gar nichts ubrig bleibt. Allerdings mogt ich in Absicht des letzteren wohl mit dem Poeten ausrufen: Triste et miserabile! Aber, da Seine Gnaden von jeher viel Freundschaft und Gnade fur mich gehabt haben, so ist es meine unterthanigste Schuldigkeit, was mir Gott an Kraften verliehen hat, zu Deroselben Diensten zu verwenden. Indessen, wie ich sage, bin ich ein eifriger Diener, so ist er ein gnadiger Herr. Noch diesesmal, da Seine Gnaden vernahmen, dass ich ein kleines Geschaffte in dieser Gegend hatte, geruheten Sie zu sagen: Ich gebe es durchaus nicht zu, liebster Herr Lektor, dass Sie die Reise auf einem offnem Wagen thun. Wer weiss was fur Wetter einfallen kann? Sie mussen meine blaue Schase nehmen. Mein Heinrich (das ist der Leibkutscher Seiner Gnaden) soll Sie fahren; er kann vier von den neuen Schweissfuchsen vorspannen; das sind Pferde wo Sie schon mit vom Flekke kommen sollen; und mein Christian (das ist des gnadigen Herrn erster Kammerdiener) soll Sie begleiten, dann weiss ich, dass Sie gut aufgehoben sind. Danke Eu'r Gnaden unterthanigst, sagte ich. Eu'r Gnaden erlauben, sagte ich, dass ich mir einmal eine kleine Motion mache. Ich hatte wohl Lust, den Weg zu Fusse zu machen, sagte ich. Seine Gnaden wollten denn doch, dass ich auf den Nothfall die Schase hinter her fahren lassen sollte; und als ich mir das ernstlich verbat, wurden Sie wirklich ein wenig empfindlich. Nu, wie Sie wollen, Herr Lektor, sagten Seine Gnaden. Ihr Herren Gelehrten habt doch immer so Euere aparten Grillen, sagten Sie."

Nicht wahr, trauter Leser, aus dieser langen Rede leuchtet die herrlichste Anlage zum Zeitungsschreiber hervor?

Hierauf gieng er dem Exschuster tapfer zu Leibe, und wiewohl es lieblich und lustig zu lesen seyn mogte, was ein Schuster und ein Dorfschulmeister wie der unsrige uber die Dauer der Hollenstrafen und uber metaphysische Subtilitaten, die sie beyde nicht verstanden, zu Markte brachten: so wollen wir doch, anerwogen dieses lange Gefecht uns zu viel Platz wegnehmen durfte, selbiges ubergehen, und uns begnugen, ein Wortlein uber des schwarzen Genies dermalige Methode zu sagen, womit er den mineralgrunen dergestalt in die Enge trieb, dass, wie Butter und Kase aufgetragen wurden, alle Lacher auf des Ludimagisters Seite waren. Dieser hatte nun freylich kein Arges daraus, dass sein Sieg gerade von dieser Methode abhieng, denn er gieng schlechthin so zu Werke, als er es dem Pastor abgemerket hatte: dennoch, damit wir doch auch etwas in Logicis erfinden, wollen wir dieser Art zu fechten, den Namen der Schulmeister-Methode beylegen, und sie beylaufig allen vernunftigen Leuten empfohlen haben, die sich der Zudringlichkeit eines schaalen Schwatzers der keine Rason anzunehmen pflegt, gern erwehren wollen. Der Schulmeister aber machte es also:

So bald Herr Pfrieme den Mund aufthat, war er, der schwarze Mann, mit der Frage bereit: Was verstehen Sie darunter? Da nun schaale Kopfe selten wissen, was sie eigentlich sagen, so folgt, dass sie in ein Paar Minuten von der Schule geschlagen sind. Um ein Exempelchen zu geben: der schwarze Mann trat dem Grunen stracks mit der Frage auf den Hals: Was nennen Sie Endlich und Unendlich? Und der Grune antwortete: Endlich ist, was ein Ende hat, und Unendlich, was keins hat. Nein, sagte der Ludimagister, ein endliches Ding kann auch zwey Enden haben; Sie wissen also nicht, was Sie reden. Denn der Anfang eines Dinges ist das Ende vorn hinaus, und das Ende ist das Ende hinten hinaus. Das sind also zwey Enden. Hierauf fragte er ferner, erstlich, was beleidigen, und hiernachst, was unendlich beleidigen heisse. Das letzte erklarte Herr Pfrieme durch: so beleidigen, dass Gott es gar nicht vergeben konne. Und so gab ein Wort das andre, bis es dem Exschuster an Handen und Fussen kalt wurde. Es lebe die Schulmeistermethode!

Als nun das mineralgrune Genie durch seine eigne Unwissenheit und halbrichtige oder ganz falsche Erklarungen in so viel Schwurigkeiten verwickelt war, dass ihm Wort und Bissen im Halse stecken blieb, da konnte der gefrassige Wirth, der zwar mit beyden Ohren zugehoret, aber auch mit beyden Backen gekauet hatte, sich nicht erwehren, seinen Zahnen einen Stillstand von acht Sekunden zu gonnen, um triumphirend auszurufen: Sieh! Bruder Pfrieme! da hast mal deinen Mann gefunden!

Da verstehst du viel von, Bruder Bunke! Unser Disput ist noch lange nicht ausgemacht, und kann auch wohl nicht ausgemacht werden, denn des Herrn Lekters Meynung und meine Meynung sind doch nur Apotesen.

"Hypothesen, Herr Pfrieme, sagte der schwarze Mann. Aber wollen Sie mir wohl sagen, was Sie unter Hypothese verstehen?"

Das ist Will ich Sie sagen gleichsam Aber lass uns von was anders reden. Ich sehe wir haben mit der Philosophie der lieben kleinen Frau Langeweile gemacht.

Sie belieben zu scherzen, sagte Madam Bunken. Aber weil wir unsern Lesern nicht gern allzuviel Langeweile machen mogten, so melden wir kurzlich, dass das Gratias gesprochen wurde, worauf der Ludimagister sich ein Schalchen Kaffe, und bey demselben die Gesellschaft des mineralgrunen Exschusters ausbat; denn die andern Tischgenossen giengen gleich nach aufgehobner Tafel an ihre Geschaffte.

"Es ist doch verdriesslich, muss ich sagen, fieng der Ludimagister an, indem er seine Pfeife stopfte, dass ein Gelehrter hier zu Lande gar nicht seine gehorige Bequemlichkeit hat."

Wie meinen Sie das, Herr Lekter? fragte der seidne Mann.

"Das will ich Ihnen sagen, Herr Pfrieme. Sehen Sie, ich bin ein Gelehrter, wie Sie wissen. Aber was hilft mir das? Ich bin gezwungen mein Licht unter einen Scheffel zu setzen, anstatt es vor den Leuten leuchten zu lassen, und andern Gelehrten mit meinen Einsichten nutzlich zu werden. Hatten wir in dieser Gegend Aber so haben wir nicht. Ich habe, unter uns gesagt, schon seit geraumer Zeit meine Meditationen uber manche Gegenstande schriftlich entworfen, worinn ich uber viele Dinge der Welt ein Licht aufstecke ...."

Ey, das ware viel! Sind Sie ein Autor?

"Lassen Sie sich nur erst sagen, lieber Herr Pfrieme! da uberraschten mich neulich Seine Gnaden am Pulte, als ich meine Aufsatze ein wenig befeilete denn wir besuchen einander ohne Komplimente. Ey Herr Lektor, sagte der gnadge Herr, darf man wohl einmal in ihre Hefte kucken? Ich mogte einwenden, was ich wollte und bey so vornehmen Herren darf man denn nicht allemal recht viel einwenden "

Das ist ganz naturlich, Herr Lekter.

"Kurz, er bemachtigte sich meiner Hefte, und las uber zwo geschlagne Stunden drinn. Ich muss gestehen, lieber Herr Lektor, sagte er, ich kann mich nicht satt lesen. Sie haben ihren Materien sehr grundlich nachgedacht. So ein Buch, wenn das gedruckt wurde, ware werth, dass Konige und Kaiser es auswendig lernten. Ich wollte das nun freylich nicht an mich kommen lassen, konnen Sie leicht denken ..."

Ganz naturlich, sagte Herr Pfrieme.

"Aber der gnadige Herr sagte: Ich habe das lange an Ihnen getadelt, mein liebster Herr Lektor, dass Sie allzu bescheiden sind. Ich bin Ihr aufrichtiger Freund, sagte er, und mein unmassgeblicher Rath ist der, Ihr Werk je eher je lieber drucken zu lassen. Nun wissen Sie wohl, lieber Herr Pfrieme, dass der Rath eines solchen Freundes ein gemessner Befehl ist. Zudem sind Seine Gnaden ein Herr von tiefen Einsichten, und ich thate ihm gern den Gefallen, wenn es moglich zu machen ware. Aber in diesem Lande! Man muss nicht daran denken. In magnis et voluisse fat est, wie Aristoteles sagt. Seine Gnaden mogen dermalen mit meinem guten Willen furlieb nehmen.

Dem Himmel sey Dank, dass die lange Rede des Schulmeisters zu Ende ist! Die Finger schmerzen uns vom Nachschreiben, und wir wunschen herzlich, dass unsre Leser vom blossen Lesen nicht etwa die Darmgicht bekommen mogen! Um das so viel an uns ist zu verhuten, haben wir von neun lateinischen Brocken, womit sie verbramet war, achte weggelassen, so wie wir gemeiniglich die lateinische Gelehrsamkeit des schwarzen, und die Fluche des grunen Mannes zu unterdrucken pflegen. Wir konnten nicht wohl umhin, dem Leser ein merkliches Beyspielchen zu geben, dass das schwarze Genie lugen konnte als wenn es gedruckt ware, und in welche endlose Lange er, der sich selbst gar zu gern horte, seine Reden auszuspinnen pflegte, wo ers irgend durfte. Der grune Mann aber, der nicht wie unsre Leser in des Ludimagisters Wahrhaftigkeit Misstrauen zu setzen befugt war, horte diese lange Legende aufmerksam an, that darauf seinen Mund auf, und hub an, den Pechdrat seiner Gegenrede zu drehen, wie folgt:

Es ist leider mehr als allzuwahr, mein werther Herr Lekter, dass hier zu Lande andre Mariten besser geastimiret werden, als Gelehrsamkeit. Aber da ein Gelehrter billig ein Kospolit seyn muss, so wollt ich Sie wohl rathen, nicht auf dieses Land zu sehen, sondern auf die Welt. Die muss darum nichts zu kurz kommen, weil das Land, worinn Sie leben, noch nicht kulturiret ist. Sie mussen Ihr gelehrtes Werk drucken lassen ...

"Das will ich ja eben gern, Herr Pfrieme! Sie kapirten mich nicht. Aber da steckt eben der Knoten, dass ich nicht weiss, wo? Und weit von hier das ware meine Sache nicht; dazu habe ich meine aparten Ursachen."

Was? wissen Sie da keine Mauen anzusetzen? Da musste doch Rath zu werden. Wissen Sie was, Herr Lekter? Vielleicht kann ich Sie darunter dienen, und das sollte mir ein wahres Plasir seyn.

Im Vorbeygehen gesagt: kein Mensch war bereitwilliger zu Diensterbietungen als der seidne Schuster, aber kein Mensch war trager zu Dienstleistungen. Seinen alten wackelohrigten Karrengaul, seinen Geldbeutel, sein Haus und seine Kinder dazu, alles was er hatte, bot er vornehm an, wenn er wusste, dass man nichts brauchte. Fasste man ihn aber ja beym Worte, so war das Ross vernagelt, oder in andern Fallen eine eben so passliche Ausflucht bey der Hand, es ware denn etwa, dass er mit der Wurst nach dem Schinken geworfen hatte. Von dem geringsten erwiesenen Dienst aber pralte er sein lebenlang. Bey Anlassen hergegen wie der gegenwartige, wo er nur mit Rath und Worten zu dienen hatte, war er sehr, recht sehr dienstfertig.

"Konnten Sie das? rief der entzuckte Schulmeister. Wissen Sie wirklich hier herum eine Druckerey, oder einen Kunstler, der eine machen konnte?"

Das nun wohl eigentlich nicht, Herr Lekter! Aber wir haben einen Mann hier, der ein Tausendkunstler ist, der nimmt Pranumeration an auf Bucher. Ich habe seit vielen Jahren auch bey ihm gepranumeriret. Habe zwar noch kein Buch gekriegt, aber das wird schon noch kommen. Gut Ding will Weile haben, und seine kunftigen Bucher sind hol mich gut Ding. Ich habe da unter andern vor ein Jahrer zehne auf ein Buch gepranumeriret, das soll heissen: Neu eroffnetes Ein mal Eins, mit historischen, kritischen und geographischen Randglossen. Das wird meiner Seel 'n kapitales Buch werden! Alle Mathematici im ganzen Lande sollen dran arbeiten, und die Randglossen will er selbst machen ...

"Dann stehet zu besorgen, fiel der Ludimagister mit einer schlauen Miene ins Wort, dass die vielen Koche den Brey verderben werden, wie das Adagium sagt. Aber, Herr Pfrieme, der Mann denk ich wird mir nicht viel helfen konnen. Ich bin nicht Willens auf mein Werk pranumeriren zu lassen. Auch hab ich keine zehn Jahre Zeit."

Der Mann konnte Ihnen denn doch Anleitung geben, mein Herr Lektor. Sonst wenn Sie wollen gepranumeriret haben, will ich auch pranumeriren. Ich habe einen hubschen Imperatus von Buchern, wohl an die zwanzig Stuck, wo ich alle auf pranumeriret habe, und mein Vor- und Zuname in gedruckt steht. Andre Bucher mag ich nicht haben. Sie konnen ja mal zu dem Manne gehen. Schadt ja nicht. Ich will Ihnen hinbringen.

"Ey ja, wenn Sie meynen, Herr Pfrieme."

Nun kam in einer blank gescheuerten kupfernen Kanne der Kaffe, samt Zubehor. Die Herren setzten sich und das grune Genie liess sichs doppelt gut schmecken, weil es ihm nichts kostete. Was aber beym Kaffe geredet wurde, und wie des Exschusters giftige Zunge, zum Zeitvertreib der Frau Wirthinn, die wieder ins Zimmer kam einen guten Namen nach dem andern meuchelmordrisch anfiel, argerliche Liebeshandel zwischen Burgerweiber und Musketiers, zwischen Meisterinn und Gesellen, zwischen Geistlichen und Weltlichen, zwischen Fraulein und Grafen, ungeheure Lugen und nichtsbedeutende Wahrheiten mit schandlicher Grosspralerey und schmutziger Niedertrachtigkeit durchmischet, herschwadronirte, und ohne auf Charakter, Stand oder Wurde zu sehen, die Einwohner des Orts Strassenweise durch seine ehrlosen Spiessruthen jagte, und keines Menschen, selbst seiner leiblichen Bruder nicht schonte, und alles das aus Drang des Genie; ferner, wie er seine eignen Heldenthaten, seine Wege zu weiland seines Vaters Geldschranke und den Spinden seiner Hausgenossen herposaunte, und es als ein grosses Kompliment ansah, dass die Wirthinn ihn, und zwar auf keine sehr versteckte Weise, der Giftmischerey beschuldigte: alles das enthalten wir uns, wie billig, um weder dem Fiskal noch der Obrigkeit des Ortes ins Amt zu fallen oder vorzugreifen. Der Ludimagister aber fand an dem verlaumderischen Talent des alten Sunders ein innigliches Behagen, und in dessen giftigen Romanen die kraftigste Nahrung fur seinen Geist; denn im Grunde war er selbst ein hamischer Bube, nur dass ers nicht so auslassen durfte. In Dorfern pflegen Lasterungen gar zu bald rund zu kommen, und er hatte jeden Bauren zu schonen, wenn er in seinen ausserordentlichen Einkunften, welche doch manchem Dorfschulmeister das meiste bringen, keinen Defekt spuren wollte.

Dreyzetes Kapitel.

Das dritte Kapitel vom Geniewesen. Oder:

Mein langes Kapitel.

Nach dem Kaffee erhoben sich die beyden Herren zu dem obgedachten Manne, und da sie auf dem Wege dahin vor dem Hause des mineralgrunen Philosophen mit der grunlichgelben Seele vorbey mussten, erbat sich dieser die Erlaubniss, seinen Anzug andern zu durfen. Er nothigte das schwarze Genie um so viel zuversichtlicher hinein, da er wusste, dass seine strenge Hausehre nicht zu Hause sey. Das erste was der Schulmeister im Hause sah, waren ein Paar flachskopfigte Buben, die der Herr Papa zu kunftigen Genies erzog, und denen die Schelmerey schon jetzt aus beyden Augen kuckte, wie denn der jungere auch nicht ermangelte, dem Schulmeister, so bald er sich nur gesetzt hatte, einen Hasenschwanz vermittelst etlicher Kletten an die Peruke zu heften.

Der grune Mann hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, und erschien wieder in verandertem Pomp, an Beinen gestiefelt, mit seinem weissen atlasnen Bratenweste und seinem schonen rothen Kleide mit blanken weissen Knopfen. Er zeigte und besah seine gestiefelten Extremitaten so viel und so lange, dass der Ludimagister nicht umhin konnte zu versichern, er habe nie so wohlsitzende Stiefel gesehen.

Das macht, ich habe sie selbst zugeschnitten, versetzte Meister Pfrieme etwas voreilig, indem er dadurch beynahe seine ehemalige Profession verrathen hatte, auf die er nicht sehr stolz war. Er fasste sich aber geschwind wieder, und fuhr fort: Denn ich muss Ihnen sagen, ich habe an manchen Dingen mein Plasir; unter andern mag ich auch gern meine Stiefel selbst zuschneiden.

"Ich gestehe, sie sind nach dem schonsten Schnitte von der Welt."

Das macht, Herr Lekter, ich schneide sie nach der Philosophie zu. Den Ofen da hab ich auch selbst aufgesetzt. Ein Mann von Genie muss sich mit alles behelfen konnen.

Der schwarze Mann dachte dem grunen Manne ein Kernkompliment zu machen, und sagte, wenn er nur gleich zwey Felle kriegen konnte, so wurde er ihn bitten, ihm zu seinem Andenken ein Paar Stiefel zuzuschneiden. Aber die Hoflichkeit bekam ihm schier nicht wohl, denn der mineralgrune Meister kuckte arglistig unter seinen krummen Augenbraunen hervor, erst dem Gelehrten ins Antlitz, liess dann den Blick sehr signifikativ auf dessen unformliche Beine hinabgleiten, und sprach gar langsam und vernehmlich: Mein Herr! der tapfre Schanderbecher sagte einmal zum Kaiser von Russland: ich konnte Euro Kaiserliche Majestaten wohl meinen Sabel leihen, aber nicht meinen Arm. Bey dem Worte: Arm, hob der Exschuster sein rechtes Bein, das wirklich nicht schlecht gemacht war, hoch empor, und der Ludimagister steckte den Hieb vorgangig trocken ein.

Meister Pfrieme wollte seinen Gast so herzlich gern mit allen seinen Vollkommenheiten regaliren, und hatte sie ihm gern mit Loffeln eingegeben, darum setzte er sich an einen alten baufalligen Flugel und hub an gar grimmiglich darauf los zu pauken, sang auch darneben in lieblichsten Schuhknechtsdiskant das wohlbekannte Lied: Sollen nun die grunen Jahre etc. rief darauf seine Kochinn herein, und duettirte mit ihr sehr herzbrechend die schone Aria: Komm mit mir in grune Schatten, komm geliebte Sylvia. etc.

Will dir die schone Silfiges gesegnen! rief plotzlich eine kreischende Stimme halb auf der Strasse, halb in der Hausthur, als Damot gerade der geliebten Sylvia Heerde, Hund und Stab anbot, wenn sie einmal mit ihm im einsamen Schatten die Nachtigallen wollte schlagen horen. Der grune Mann erkannte gleich, dass diese Stimme seiner Hausehre, deren Heimkunft er nicht so fruh erwartet hatte, zustandig sey, und da er nichts Gutes witterte, sprang er schnell zum Fenster hinaus, und uberliess es seinem Gaste, sich zu retten, so gut er konnte. Dieser sah etwas betaubt dem Hausherrn nach, und wusste nicht, ob er ihm durch diesen ungewohnlichen Weg folgen sollte oder nicht, als die Frau wie eine Furie in die Stube brach, roth um den Kamm und blind vor Eifersucht. Der erste Gegenstand, der in ihre Fauste fiel, war die arme Kochinn. Wart, du schone Silfiges! .... Weiter verstand der Ludimagister nichts, denn er hatte gerade die erfoderliche Gegenwart des Geistes, diesen Augenblick zu nutzen, und hinter der Furie weg zur Thur hinaus zu huschen. In Einem Satze war er auf der Gasse, wo er den Exschuster in einer Entfernung von sechzig bis siebenzig Schritten vor sich hin laufen sah, so schnell die wohlgemachten Beine ihn nur tragen wollten. Und wahrhaftig, sie mussten sehr schnell seyn, um ihn in dem Nu denn der ganze Auftritt war die Sache eines Nu so weit vorwarts bringen zu konnen. Der schwarze Mann rannte und schrie hinter ihm drein zu grosser Verwundrung der Vorubergehenden, die in Zweifel standen, ob das ein Wettlauf sey, oder ob einer dem andern den Beutel gemauset habe. Der mineralgrune Mann, denn so werde ich ihn Trotz des rothen Kleides ferner nennen, stand nicht eher still, bis er um die Ecke war. Da erst wartete er des Schwarzen. Ey, ey! Herr Pfrieme, rief dieser, der tapfere Skanderbeg that sehr weislich, dass er seinen Arm nicht mit verlieh.

Still! antwortete Pfrieme, die Frau ist was schalluh. Und ausser dem Hause, halt ich dafur, muss ein Mann nichts auf sich sitzen lassen, aber im Hause muss er funfe gerade seyn lassen.

"So! Nu, nu! ich denke, ein Mann muss allenthalben ein Mann seyn; und mit Permission! heute Mittag, der Mann in dem dunkelbraunem Kleide schien eben so zu denken."

Ah, das ist 'n dummer patziger Kerl, uber den ich weit weg bin. Dem brauchts nur 'n halbes Wort, so ist er geraakt; und in offentlichen Hausern, wissen Sie, mag man denn nicht gern Spektakel machen.

"Da haben Sie Recht, Herr Skanderbeg! vor allen wenn man just seinen Sabel verliehen hat."

Unterdessen versammelten sich um die beyden Herren her ein paar dutzend Strassenbuben, die den narrischen Appendix bemerkten, der bey jedem Schritte den der Schulmeister that, zwischen seinen Schulterblattern wackelte. Vermuthlich waren sie von Monsieur Ulrich Pfrieme, dem jungsten Sohne des mineralgrunen Genies, dazu aufgewiegelt; wenigstens befand er sich in der Arrieregarde des Trupps, und half das Geschrey waidlich vermehren. Die beyden alten Genies dachten anfangs nicht, dass einer von Ihnen der Held in der Farce sey, bis einige Aepfel, die aber auf keinem Baume gewachsen waren, um ihre Ohren flogen. Da rochen die Herren Lunte, und machten durch ein Rechts um kehrt euch, Fronte gegen die jungen Genies. Durch dieses Manovre ware aber der Exschuster beynahe um seine Faunennase gekommen, und zwar durch die Hand seines leiblichen Sohnes. Dieser, den wir nach seinem Jackchen von striefigten Funfkamm, das gestreifte Genie nennen wollen, zielte und warf eben nach dem Haupte des Ludimagisters; da aber die beyden alten Genies gerade in dem Augenblick ihre Wendung machten, so traf der Sohn den Papa dermassen in das Centrum des Gesichtes, dass das Nasenbein samt dem ganzen Vordergebiss ohne alle Gnade zum Henker gewesen seyn wurden, wenn nicht, wie jedermann weiss, eine Handgranate von obgedachter Art, zu allem Glucke von sehr weicher und nachgebender Materie ware.

Die Herren, um diess zu rachen, ruckten tapfer auf die feindliche Armee los, und ein Treffen ware unvermeidlich gewesen, wenn nicht ein altlicher Herr in einem Ueberrocke und weissem Federhute den Ludimagister mit den Worten angeredet hatte: Sie wurden besser thun, mein Herr, wenn Sie den Hasenschwanz weg thaten, als dass Sie sich mit der Grundsuppe des Pobels einlassen.

Wie? wa wa was? stotterte der besturzte Schulmeister.

Friedrich, sagte der Herr zu einem Bedienten der ihm folgte, nehmt dem Manne die Narrenpossen ab. Und wenn ich wusste, Meister Pfrieme, dass das einer von seinen Coups de genie ware, wie ich sehr geneigt bin zu glauben

Euro Excellenz wollen verzeihen, sagte Pfrieme, ich bin so unschuldig als ein Kind in Mutterleibe. Die Jungen haben mir selbst bald die Augen ausgeworfen.

Dergleichen sieht ihm sonst ahnlich genug, sagte der alte Herr.

Es war der General, von dessen Regiment ein Bataillon die Garnison des Ortes ausmachte. Seine Gegenwart machte, dass der Pobel sich ohne weiter Umstande zerstreuete. Der Bediente nahm das Hasenschwanzlein weg. Der Ludimagister machte tiefe Bucklinge, und der Exschuster schnitt ein Gesicht als wenn er die Strangurie hatte. Als der General ein paar Schritte entfernt war, reinigten die beyden Genies einander wechselsweise von den Ueberbleibseln der Kanonade, bey der es in dieser Strassenaffare sein Bewenden gehabt hatte, und setzten ihren Stab weiter, nicht ohne heimlichen Groll von Seiten des Schulmeisters, der das Amulet nicht wohl der Freygebigkeit eines andern als seines Gefahrten zuschreiben konnte.

Der Mann, dem sie ihren Besuch zugedacht hatten, stand eben am Fenster und fabricirte ein Dutzend oder so Nagel von Kupferblech, wie die Kesselflicker zu brauchen pflegen, weil er gleich im Begriff war, mit okonomischen Handen ein Loch in seinem Theekessel zu flicken, als die beyden Genies um die Ecke der Strasse traten, wo er wohnte. Er bemerkte sie, warf geschwind seinen Kram auf die Seite, und rief einen von seinen Leuten: Helf er mir doch mal geschwind das Kleid an. Da kommt die skandalose Chronik und ein Schornsteinfeger oder so was. Pfrieme kommt gewiss hierher. Er war kaum in den Rock gefahren, so traten die beyden Genies ins Haus, und der Ludimagister fand an dem Herrn Peter Fix einen langen Mann in einem Kleide dessen Zeug er nicht zu nennen wusste, aber die Farbe war changeant, und goldgesponnene Knopfe sassen drauf. Die Beinkleider waren von schwarzen Bockleder mit hornernen Knopfen, und auf den Knien schon etwas blank. Schwarze wollene gerade Strumpfe bekleideten ein Paar etwas krumme Beine, und den Anzug nach unten vollendeten ein Paar Schuhe von gewichstem Kalbleder. So fand der Schulmeister den Tausendkunstler beym ersten Anblick. Weil es aber dem Leser nicht zuwider seyn mogte, von diesem Manne etwas mehr zu wissen, als ein Mutterkind dem andern beym ersten fluchtigen Anblick an der Nase anzusehen vermag: so wollen wir trachten, ihm so viel an uns ist, Gnuge zu leisten.

Herr Peter Fick, oder das changeante Genie war ein Junggeselle, und ein gutes Endchen uber die Jugendjahre hinaus, so etwa reichlich in die vierzig, sehr grosser Statur, krauskopfig von Haar und Sinn, blau von Augen, spitz von Nase, hasslich von Zahnen, nicht zu klein von Munde, grunlichgelb von Farbe, kurz von Halse, schmachtig von Leibe, zart von Handen, und vorgedachter massen ein klein wenig sprenkelbeinigt. Aus den Augen, aus den Falten der Stirn, aus den Falten der Nase den Fusstapfen eines gewohnten Naserumpfens, aus jedem Zuge stralte hoher Genius. Hoher Genius dampfte aus seinen Nasenlochern, schaumte ihm vom Munde, und kitzelte ihn hinter den Ohren. Alles das mit einem Worte: er war ein abscheulich grosses Genie, das grosste das je vom Weibe gebohren ist; und das wollt er auch wissen. Vom Adler bis zur Fledermaus, vom Lindwurm bis zur Kasemade, von der Ceder auf Libanon bis zum Isoppen im Thal, was kein Auge sah und kein Ohr vernahm, das alles kannte er von innen und aussen. Von der Goldmacherkunst die kein Mensch in seinem ganzen Leben lernet, bis zur Glaserprofession die in zwey Stunden gelernet ist, war er in jeder ein Meister. Doch weiss ich nicht, ob er nicht selbst die edle Fechtkunst ausnahm. Sonst hatte er in jede Bruhe sein Brodt getunkt, und wusste was von jedem Dinge die Elle gelte. Er konnte in allen deutschen Buchern lesen, er konnte Schweine kapaunen und Hahne verschneiden, er konnte Ganse nudeln und Schusterpflokke schnitzen, er wusste mit dem Hobel und mit der Feile umzugehen, er konnte einen Floh durch ein Mikroskopium sehen, und einen Ochsen mit ungewaffnetem Auge, er wusste dass der Schnee kalt, und das Eis gefrornes Wasser sey, und hatte viele Versuche gemacht, etliche von den grossen Hagelkornern die Anno drey und sechzig fielen, zum ewigen Denkmaal in Weingeist zu konserviren, die aber nicht gegluckt waren. Er konnte ein Prisma uber die Nase halten. Er verstand Handlung und Manufakturen und las Kollegia druber; er kritisirte Bucher und machte Verse; er sah in die Kabinete und in die Ruellen; er machte den Patrioten in der Tabagie und den Hannswurst auf dem Theater gleich fertig. Kurz, er war uberzeugt, dass er alles kannte, wusste, und konnte, besser als irgend ein Mutterkind.

Dass er in dieses leidige Unwesen gerathen war, davon haben wir die Ursache schon angegeben: er war ein entsetzliches Genie, und hatte das wahre Kennzeichen des Genies! zu allem in der Welt Lust und Trieb, nur zu seinem eigentlichen Gewerbe nicht. Und dieses Gewerbe bestand darinn, dass er Brillanten und edle Steine, auch wenn man es verlangte, unedle Steine und geschliffen Glas, in Gold, Silber, oder Bley, trefflich oder schlecht, wie man es haben wollte, zu fassen verstand, wiewohl seine schlechteste Arbeit vom Kenner immer wohl so gut geachtet wurde, als die Meisterstucke manches andern Juwelierers.

Mir, (der ich alles am liebsten von der komischen Seite ansehe, um wider manches Accidens das sich nicht radikaliter heilen lasst, wenigstens ein Palliativ zu finden,) scheinen die Absprunge des changanten Genies so lustig, dass ich der Versuchung unterliege, meinen Lesern zur Ergotzung, und andern aufkeimenden Genies, deren jedem ich seinen eignen Biographen wunsche, zur wohlgemeinten Warnung, einige derselben anzufuhren. Sollte dieser oder jener von unsern Lesern hier, oder bey andern Stellen unsers Buches anders urtheilen, so thut uns das um unserntwillen zwar leid denn wir mogten gern Allen gefallen, wenn das moglich ware aber wir bitten ihn zu bedenken, dass es ihm weniger Muhe kostet, hier und da eine Stelle zu uberhupfen, als es uns kostete, sie niederzuschreiben; und wir sehen uns dermalen gemussiget, alles mit eigner Hand niederzuschreiben, weil unser Amanuensis das Chiragra hat.

Herr Peter Fix hatte schon lange bey sich selbst bedacht, dass er zu seiner Arbeit Gold, Silber, Arsenik, Antimonium, Borrax, Farben zum Schmelzwerk, und viele andere Zuthaten, samt Grabsticheln und einer Menge andrer Gerathschaft brauche. Wenn ich das alles kaufe, sprach er, so muss ich viel baares Geld hingeben. Konnt ich das alles selbst machen, so hatt ich viel weniger Auslage, und zehnfachen Gewinn. Rasch wurden Oefen gebauet, Tiegel und Retorten, nebst Vorstossen und Recipienten gekauft, und mit der hohern Chemie viele muhsam erworbne Friedrichd'or durch den Schorstein gejagt, wobey er zwar seinen Zweck so eigentlich nicht erreichte, aber doch einige recht hubsche Fratzen herausbrachte, in die er sich herzlich sich verliebte; wie er denn auch so weit kam, dass er verschiedene seiner wohlfeileren Zuthaten selbst machen konnte. Grabstichel aber, und andre kleine Gerathe lernte er sehr bald zurecht feilen, und prahlte machtig damit. So weit gieng alles noch wohl an; aber als er eines Tages auf seine selbstgemachte Kleinigkeiten einen Blick voll triumphirenden Selbstgefuhls warf, rief er aus: Das ist die grosse Babel die du erbauet hast! Alles das kannst du nun selbst machen und sparst das baare Geld ...

Denn, dass seine mehrsten Geschopfe ihm, die Versaumniss ungerechnet, wohl so theuer zu stehen kamen, und oft theurer als wenn er sie gekauft hatte, das predigte ihm kein Mensch ein, weil, was er auch sagen mogte, die edle Regula de Tri nebst Zubehor, sein Haupt und Grundstudium nicht war.

Wie, wenn du auch versuchtest, fuhr er fort, die Edelgesteine selbst zu machen, dann wurdest du recht Geld wie Heu verdienen! Gesagt, gethan. Er, der nur mit seiner Zeit hatte geizen durfen, um Geld wie Heu zu erwerben, arbeitete nun drauf los, dass es puffte; und, wie denn doch immer Spahne fallen, wo Holz geschlagen wird, so brachte er mit grossen Kosten rothes, weisses, blaues, gelbes, und grunes Glas, und einen schonen Pfad heraus, der gerade der Nase nach uber die Grenze von Seiner Koniglichen Majestat Gebiete zu fuhren pflegt. Das war eine Herrlichkeit wie er die schonen bunten Steine hatte! Unacht waren sie freylich, aber sie flimmerten doch bey Lichte Trotz achten Steinen. Er verkaufte sie auch keinem Menschen fur acht, denn er war ein ehrlicher Mann, aber besonders wars, dass er mit Leib und Seele dafur stritt, es sey ein grosses Verdienst, unachte Steine zu machen; und ein schabiges Gewerbe, Steine zu fassen. Dieser Punkt war auch auch der, dem er am langsten mit Ausubung und Vertheidigung getreu blieb; denn, so wie der Mann ein Quecksilbernes Genie hatte, das ihn keine funf Minuten in Ruhe liess, sondern immer von einem aufs andre trieb: so hatte er auch kaum ein Ding gekostet, als ers schon wieder mude war.

Ein andermal wollte er ein Rosskamm werden; als ihm aber die Pferde Nase und Ohren fast abgefressen hatten, gab er das wieder auf, ungeachtet er behauptete, kein Mensch verstunde das Gewerbe besser als er.

Hierauf unterrichtete er im Tanzen, aber als die Leute sich an seinen verbogenen Beinen zu stossen schienen, ward er unwillig und schwur hoch und theuer, das Lumpenvolk sey es nicht werth, dass ein Mann von Genie sich ihrer Bildung annehme.

Ferner wollte er eine Spiegelfabrik anlegen, es blieb aber bey dem Wollen und zwey oder dreyhundert verschleuderten Thalern.

Hierauf hielt er um ein Privilegium an, das ganze Land einzig und allein mit Schwefelfaden versehen zu durfen, die er nach einer unerhorten Erfindung fabriciren wollte. Das wurde ihm abgeschlagen, und aus Verdruss wollte er in ferne Lande ziehen, und seinem undankbaren Vaterlande auf ewig Valet geben. Es bleibt aber bey dem Wollen, ob er gleich schon eine herzbrechende Abschiedsarie gedichtet hatte, die sich anfieng: Ade du falsches Pommerland.

Hierauf folgten zehntausend andre Anschlage, die nicht um ein Haar kluger oder eintraglicher waren. Denn, wo nur ein Fratz aufduckte, gleich war er bey der Hand, um sich keinen Rang ablaufen zu lassen, und zeigte, er sey noch ein viel grosserer Fratz. Er liess Berge abtragen und Bache ableiten, um zwey Metzen Kartoffeln bauen zu konnen. Er liess ein Paar Centner Weidenrinde aus Dannemark kommen, um zu versuchen, ob er in Pommern Randersches Handschuhleder machen konne? Seine Kosten standen nie mit den zu erwartenden Vortheilen in Verhaltniss. Las er von einem Juventionchen in der Zeitung, flugs musste es verschrieben werden. So fand er einmal in einem Zeitungsavertissement, dass bey Buchenroder und Ritter in civilen Preisen zu haben sey: Eine neuerfundne Taschenbuchdruckerey von diverser Grosse. Er hatte gar zu gern so eine Tandeley gehabt, aber seine Kasse mit der er Rucksprache gehalten, sagte nein. Er that also, was er immer zu thun pflegte, wenn ihm sein Genie den Beutel gefeget hatte; das ist: er juwelierte so lange, bis er sich reich genug fand, eine Taschenbuchdruckerey die zu einem Quartblatte gross genug war, kommen zu lassen. Wie sie aber anlangte, ergab sichs, dass die Verkaufer vergessen hatten, die gedruckte Gebrauchsinstrucktion beyzulegen, und Herr Peter Fix fuhlte sich viel zu sehr Genie, als dass er um einer solchen Kleinigkeit willen die Feder hatte ansetzen sollen. Dafur kunstelte er so lange, bis er den Gebrauch und Nutzen eines jeden Dinges herausbrachte. Dieser gluckliche Erfolg machte ihn so stolz, dass er sich von der Stunde an offentlich ruhmte: es sey eben so viel als wenn er die ganze Buchdruckerkunst selbst erfunden hatte, weil er drucken konne, ohne von einer Christenseele Anweisung gehabt zu haben. Sollte dieser einzige Zug nicht fast hinreichen, das ganze Genie des changeanten Mannes zu schildern?

Nun noch wenige Worte von seinem Charakter. Er war dienstfertig und gastfrey in einem hohen Grade; sehr freundschaftlich so lange es wahrte, es wahrte aber gemeiniglich nicht recht lange, weil er mit der unschuldigsten Miene zu beleidigen war, und nicht den mindesten Widerspruch, sonderlich auch die allerkleinste Einwendung gegen irgend einen seiner narrischen Anschlage nicht anhoren konnte, ohne in Wuth zu gerathen; dieses kam daher, weil er von sich eingenommen war, und aus einem wunderlichen Misstrauen, selbst denen Leuten, die es am besten mit ihm meynten, Neid beymass. Er war aufbrausend und heftig ohne Ansehen der Person, weil es ihm an Erziehung mangelte. Er schmollte sehr lange, aber sein Hass, wiewohl er seines gleichen an Heftigkeit nicht hatte, so lange er wahrte, war gemeiniglich von kurzer Dauer, denn sein Herz war gut, und er pflegte bald einzusehen, dass er ohne Ursache hasste, doch liebte er den nie wieder von Herzen, von dem er sich einmal beleidigt geglaubt hatte. Er sprach selten oder nie von jemand schlecht, selbst von denen nicht, die er hasste. Alles Bose was er von ihnen zu sagen pflegte, bestand in einer pathetischen Erzahlung der Beleidigungen, die er von ihnen erlitten zu haben glaubte. Er schwieg aber still und duldete es, wenn sie von andern verlaumdet wurden. Sein grosster Fehler war eine hassliche Art von Neid gegen jedermann, der eins von seinen zehntausend Gewerben trieb. Das schone Geschlecht liebte er nicht, und war Willens als Junggeselle zu sterben. Die Schwatzer gaben davon einen fatalen Grund an; er aber versicherte, seine Abneigung gegen das Frauenzimmer stutze sich auf die Ueberzeugung, dass nichts in der Welt das Genie so sehr schwache, als der genauere Umgang mit diesem Geschlecht. Um sein Bild zu vollenden: er besass viele Tugenden eines guten Naturells, alle Fehler einer schlechten Erziehung, und alle Thorheiten eines sich dunkenden Genies. Hatte der Mann Grundsatze gehabt, so wurde er vortreflich gewesen seyn.

Herr Fix empfieng die beyden Herren mit aller seiner Hoflichkeit, und der grune Mann stellte ihm den Schwarzen vor, als einen fremden Gelehrten, der sich in einer wichtigen Angelegenheit seines Rathes bedienen wollte. Das changeante Genie versicherte, die Herren waren ihm sehr willkommen, und wenn er dem fremden Herrn dienen konne, sollts ihm recht lieb seyn: Er liess Pfeifen und Thee bringen, die Herren setzten sich, die Tassen wurden vollgegossen. Nehmen Sie an, ich bitte nun sehr! und die Herren nahmen an.

Nach verschiednen Gesprachen, worinn Herr Peter Fix sich zeigte, fand auch der schwarze Mann Gelegenheit, seinem Anliegen naher zu rucken, und entdeckte, er wolle gern Etwas im Druck ausgehen lassen, es sey aber traurig, dass hier zu Lande eine Drukkerey unter die Aues rariores gehore. Und nachdem er ein Langes und Breites von seinem grossen Ansehen bey des Herrn von Lindenberg Hochwohlgebohrnen Gnaden geschwatzt, welches alles wir schon im Gasthofe im kurzerem Auszuge gehoret haben, bat er das changeante Genie, nicht ungutig zu vermerken, dass er sich die Dreistigkeit nehme, ihn in dieser Sache um seine Meynung und Rath zu bitten.

Sagen Sie da nicht von, lieber Herr Lekter, sprach Herr Fix; ich diene gern mit meiner geringen Meynung und Rath, so viel ich kann. Was das also betrifft, dass Sie ein Buch wollen ausgehen lassen, so haben sie dreyerley Wege vor sich: Entweder mussen Sie sich einen Verleger wahlen, der gut bezahlt, oder wenn Sie den Profit selbst geniessen wollen, mussen Sie sich nach einem billigen Drucker umsehen, wiewohl die Blutigel alle von Billigkeit nichts wissen. Juden und Heiden sinds! da kann ich ein Liedchen von singen. Oder drittens ...

"Mit Permission, Herr Fix! der zweyte Weg ware gerade der, den ich einzuschlagen wunschte. Ich suche nichts weiter als eine Druckerey ohne es mit ihrer Billigkeit so genau zu nehmen. Es kommt hier auf ein paar Mandel Thaler nicht an, wenn ich nur in der Nahe eine Druckerei finden konnte."

Ganz nahe finden Sie keine die was taugt, mein lieber Herr Lekter, das kann ich Sie sagen.

"Ach, Herr Fix! ich habe auch schon allerwegen hier herum nachgefragt. Meine einzige Hoffnung ist noch diese, einen Rothgiesser zu finden, der eine giessen kann, denn der gnadige Herr ware wohl geneigt, eine Schlossbuchdruckerey anzulegen. Und hatte man die nur erst, so fande sich auch wohl jemand, der das verstunde zu traktiren."

Schnell wie ein Blitzstral fuhlte Herr Fix den Drang des Genie. Weil er aber Bedenken trug, sich in Gegenwart der skandalosen Chronik zu erklaren, so fasste er sich, unterdruckte so gut er konnte jede Spur von Freude in seinem Gesichte, legte den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nase, dergestalt dass die Spitze desselben genau auf die Stelle kam, die der geheime Rath Darjes uns fur den Sitz der Seele zu geben geneigt ist, und stellte sich tief nachdenkend. Herr Lekter, fieng er an, wenn das so ist, so kann ich Sie vielleicht Anleitung geben ....

"Ey mein lieber Herr Fix, das ware ja schon!"

Sagt ich das nicht? rief das mineralgrune Genie.

Jetzt kann ich noch nicht viel Gewisses davon sagen, fuhr das changeante Genie fort; ich muss das alles erst durchdenken wie das anzufangen ist, denn dazu gehoret sehr viel. Und das ist auch nicht andem, Ihr Wort in Ehren, dass der Rothgiesser eine Druckerey machen kann, der giesst nur das Fundament und den Tiegel. Ach zu so was gehort sehr viel, als das Tenakel, und Ballennagel, und Ahlspitzen, und Setzbrett, und

Er machte ein langes Verzeichniss aller der Nebendinge, die zu der Sache zwar gehoren, aber allenfalls durch andre ersetzt werden konnen; so tritt eine Spicknadel, die man in jeder Kuche findet, sehr leicht an die Stelle der Ahlspitze, und Ballennagel sind nicht mehr und nicht weniger im Grunde als gute ehrliche Schusterzwecken. Aber das changeante Genie war sehr gross in Kleinigkeiten. Und erst am Ende der Litaney dachte er gelegentlich an Presse, Schriften und Setzkasten. Sie sehen, sagte er dann, dass ich Ihnen uber alles Auskunft geben kann. Denn was das betrifft, so verstehe ich jede Profession so gut als einer. Und wenn Sie das alles wollen machen lassen, kann ich Ihnen die Risse dazu nach dem verjungten Maassstab aufreissen. Aber wie sagt der Lateiner? Serios in Christina! Morgen ist auch ein Tag. Ich will das durchdenken. Wie lange bleiben Sie hier?

"Ich dachte morgen mit dem fruhesten abzureisen, aber nun, sehe ich wohl, muss ich noch einen Tag zugeben."

So will ich mir morgen die Ehre geben, bey Sie furzusprechen. Wo losiren Sie, dass ich fragen darf?

"Im offnen Helm, bey einem Manne, der mich scharfer examiniret hat, als der Unterofficier im Thore."

Ja, das macht Herr Bunke nicht anders. Nu, wie gesagt. Morgen fruh sollen Sie Bescheid haben.

Der schwarze Mann wollte hierauf Abschied nehmen, aber das changeante Genie liess ihn nicht weg, sondern die beyden Herren mussten den Abend mit seiner Junggesellenwirthschaft, wie ers nannte, furlieb nehmen.

Ob es Sympathey und Antipathey giebt oder nicht, das mogen unsere Weisen unter sich ausmachen. Mir liegt nichts daran. Ich erklare mich auch weder fur noch wider die Sache, ob ich gleich die Nachricht gebe, dass der schwarze und der changeante Mann ein herzliches Behagen an einander fanden, und ohne die Hoffnung, sich am nachsten Morgen wieder zu sehen, sehr ungern von einander geschieden seyn wurden.

Der folgende Tag kam, und Herr Fix mit ihm. Einen schonen guten Morgen, lieber Herr Lekter! Wunsche wohl geruhet zu haben! Lieb wohlzusehn! Nehmen nicht ubel, Sie zu inkumodiren. Haben Sie gut geschlafen, so soll mirs lieb seyn.

Der schwarze Mann bewillkommte seinen Gast gar herzlich, und ruckte ihm den Lehnsessel zurechte. Sie nahmen stracks ihre Leibmaterie vor, schlichen aber beyde um den Punkt, der, ohne dass einer es von dem andern muthmasste, jedem gleich nahe am Herzen lag, lange herum, wie die Katze um den heissen Brey. Der changeante Mann wollte gern Schlossbuchdrucker werden, und der schwarze Mann wollte ihn gern zum Schlossbuchdrucker haben. Keiner aber wagte sich mit der Sprache heraus. Endlich gab doch ein Wort so lange das andre, dass der Ludimagister seinem Freunde eroffnete, jedoch sub Rosa, es sey eigentlich des gnadigen Herrn Absicht, eine eigne Schlossavise drukken zu lassen; er habe das nur gestern um des Herrn Pfrieme willen nicht so gerade heraus sagen mogen, weil der Mann so was Koboltmassiges im Gesicht habe, das kein Zutrauen erwecke.

Werde gleich wieder bey Ihnen seyn, sprach Peter Fix, lief fort, und kam in kurzer Zeit wieder, zog ein Kastlein hervor, und kramte die Taschenbuchdruckerey aus, erklarte anbey, es gienge ganz fuglich an, mit derselben einstweilen, bis eine ordentliche Presse zu Stande kame, die Zeitungen zu drucken. Wenn Sie nur jemand hatten, sagte er, der mit das Dingschen umzugehen wusste. Und so gab wiederum ein Wort das andre, bis endlich die Herren dahin einig wurden, obgleich nach einigen Einwendungen von Seiten des Herrn Fix, der sich nicht zu wohlfeil geben wollte, sobald er sah, wie sehr dem Ludimagister die Sache angelegen war dass das changeante Genie den Gelehrten nach dem Schlosse begleiten sollte, um selbst mit Seiner Gnaden zu reden. Da sie beyde gleich eilfertig waren, beliebten sie den folgenden Morgen zu ihrer Abreise, und sie wurden den Augenblick gegangen seyn, wenn Herr Fix nicht zuvor sein Haus hatte bestellen mussen.

Vierzehntes Kapitel.

Ein Kapitel, zu lesen, wenn die liebe Sonne in den

Steinbock tritt.

Wir haben da einige sehr lange Kapitel gemacht, aber wir hatten auch von grossen Genies zu reden, dergleichen man nicht alle Tage findet. Wer da glaubt, wir hatten uns hierbey einige uberflussige Weitlauftigkeit zu Schulden gebracht, dem mogten wir, ohne ihm ubrigens zu widersprechen, im Vertrauen sagen, dass wir dieser Leutlein schier noch furder bedurfen konnten, wo nicht in diesem Buchlein, doch in einem der nachsten, die wir ichtwa gebahren mogten, wenn der Himmel unsre rechte Hand bewahret, und welches diesem hier, traun! das seyn soll, was der Speck dem Kohl ist. Wenn das denn geschehen sollte, wie es gar leicht geschehen kann, so konnte uns wohl daran liegen, dass der geneigte Leser im Stande sey, die drey Genies auf tausend Schrit und weiter hin zu kennen.

Funfzehntes Kapitel.

Der Ludimagister lasst Herrn Fix seinen Reverenz

machen, und besitzt honette Ambition.

"Na, Schulmeister, wie stehts? Hat er so'n Dings aufgestaket?"

Ich hoffe, mit hoher Permission! Eu'r Gnaden werden mit meinen gehorsamsten Verrichtungen allerunterthanigst zufrieden seyn.

"Na, lass mal sehn was er verrichtet hat."

Der Schulmeister fieng nun seinen Rapport an dessen Inhalt meinen Lesern bekannt ist, und dessen Styl sie sich leicht denken konnen, da sie aus Erfahrung wissen, dass der schwarze Mann mit andern Leuten noch ganz schicklich reden konnte, ein erkleckliches Theil Pedanterey und Prahlerey ausgenommen: dass er aber schwindelnd wurde, und vor ubertiefer Submission ein ganzer Narr war, so bald er die hohe Gnade genoss mit seinem vornehmen Gonner zu reden. Den Herrn Fix strich er unbandig heraus, und beschloss seinen Vortrag damit: er habe nicht anders als durch die wiederholte Versicherung, dass so ein gnadiger Herr als der Herr Siegfried von Lindenberg waren, gar nicht mehr auf der Welt seyn konne, den Mann dahin bewogen, Haus und Geschaffte zu verlassen, um in Absicht der kunftigen Druckerey Seiner Gnaden Befehle zu vernehmen.

"Kann man 'rein kommen; will ihm meine Befehle zu vernehmen geben. Krischan! Ruft den Mann mal 'rein!"

Herr Peter Fix trat gar behende herein, wie er denn in allen seinen Bewegungen, gleich allen seinerley Schlages Genien, sehr merkurialisch war, und machte flugs in der Thur seinen grossen Scherwenzel fast zuchtiglich. That darauf mit sittiger Gebehrde drey grosse grosse Schritte vorwarts, und machte seinen zweyten Scherwenzel schier tief. Dann trabte er die noch ubrigen Schritte bis dicht vor Seine Gnaden, und scherwenzelte zum dritten mal, schob auch seinen linken Fuss, der an einem sehr langen Beine hangen that, einer Ehlen weit hinten aus. Seine Gnaden sassen in ihrem Polsterstuhle, und waren im Dolman, daran war also nicht fuglich ein Zipfel zu fassen Herr Fix neigte sich demnach bis zur Erden, erwischte die Sabeltasche des Pommerschen Edelmannes, und verehrte sie mit einem lauten Schmatze. Bey dieser tiefen Demuth fiel ihm ein Vorderschopf seines rund verschnittnen Haupthaars uber das Antlitz herab, und wollte sich beym Aufrichten durch kein Schutteln wieder in die gehorige Form bringen lassen. Ein Strich mit der Hand vom Stirnbein langst der Sutura sagittalis gegen die lamdoidea wurde dem Unwesen endelich abgeholfen haben: da er aber gehoret, oder im neuen Komplimentirbuch gelesen hatte, es wolle sich nicht ziemen Angesichts grosser Herren zu rauspern, zu speyen oder im Haupte zu schaben: so ertrug er diese Beschwerde geduldiglich, stellte sich steif hin wie ein Laternenpfahl, und liess das Haar seines Hauptes ubers Gesicht herab hangen, wodurch er den Lowen auf dem Eichelndaus gar wundersam ahnlich sah.

Der Edelmann, der nicht wusste was der Mann mit seiner Sabeltasche im Schilde fuhrte, wunderte sich sehr, als er den Schmatz erschallen horte. Seine Gnaden schlugen das linke Bein uber das rechte Knie, und lehnten sich gemachlich in den linken Winkel Ihres Grossvaterstuhls, thaten mit der rechten Hand die Pfeife aus dem Munde, und gaben dem changeanten Genie folgendes zu vernehmen:

"Hor er mal, mein guter Mann, lass er das 'n andermal man unterwegens. Bin gar nicht fur das Alfanzen, sieht er. Mag wohl haben dass einer hubsch ordentlich ist; aber die Sabeltasche oder 'n Zippel vom Peltz zu kussen, versteht er, das muss kein hubscher Mann thun. Mogt das von meinem Turk nicht leiden, so mogt ich. Aber nicht eins ins ander zu reden, ist er der Mann der das Drucken versteht?"

Ja Ihr Gnaden. Zu dienen.

"Kann er denn auch wohl Avisen drucken?"

O ja Ihr Gnaden.

"Will mal 'ne Probe von sehen. Wenn mirs gefallt, soll er mein Leibavisendrucker werden."

Ja Ihr Gnaden. Zu dienen.

"Will ihm des Tags 'n Gulden geben, und da Dach und Fach zu, wenn er mir ansteht. Essen soll er auch haben und Trinken. Ist er damit zufrieden?"

O ja Ihr Gnaden.

"Krischan! Mal einschenken fur den Mann. Trink er mal!"

Erlauben mir gutes Wohlseyn Ihr Gnaden!

Der Junker nickte mit dem Kopfe.

"Na, kann nu man gehen und machen sein Probestuckschen."

Empfehle mich unterthanigst Ihr hochadlichen Gnaden, und danke fur guter Aufnahme.

Der Junker nickte mit dem Kopfe.

Herr Peter Fix, der die Hoflichkeit selbst war, machte einen Lorenz auf der Stelle, that dann rucklings drey grosse grosse Schritte, und fabricirte seinen zweyten Buckling, gieng darauf immer rucklings bis vollends an die Thur, wo er seinen dritten Buckling wie beym Eintritt mit einem Scharrfuss von stattlicher Lange begleitete, und ruckwarts zur Thur hinaus schritt.

"Bin froh, dass er mit Gott und Ehren 'naus ist. War immer bange als er sich so wie 'n Krebs uberrucks abfuhren that, dass er auf seine drey Buchstaben fallen wurde als er mal, Schulmeister; weiss er noch wohl?"

Ach Eu'r Gnaden! manet alta mente repostum, sagt der grosse Poet Virginius. Das soll mir mein Tage nicht aus dem Gedachtnisse kommen! Ich fiel aber auf die Nase mit hoher Permission!

"'S ist wahr, das that er auch, und kehrt seine drey Buchstaben in die Hohe. Na, kann nu man gehn und 'ne Avise machen."

Allerunterthanigster Knecht, Eu'r Gnaden.

Der Ludimagister gieng zwar, kehrte aber in der Thur wieder um, und naherte sich dem Edelmanne mit vieler Carimonie. "Will er noch was, Schulmeister? ha? Man raus mit!"

Mogte Eu'r Gnaden wohl unterthanigst bitten weils doch so hubsch klingt mir den Titel Ihres Lektoris ordinarii allergnadigst zu ertheilen.

"Kenne so'n Ding nicht, Schulmeister!"

Das ist, will ich die Gnade haben unterthanigst zu berichten, den Titel als Eu'r Gnaden ordentlichen Vorleser.

"Blix noch mal, das ist er ja schon."

Freylich wohl, Eu'r Gnaden, was das anlangt; aber ich habe doch den Titel und Respekt nicht davon. Die Leute heissen mich alle schlechtweg Schulmeister, oder wenn sie recht manierlich seyn wollen, Herr Ludimagister; und das klingt doch so gar nicht ein bischen fur einen Gelehrten.

"Na, na, er ist hochmuthig, seh ich wohl."

Halten zu Gnaden! es mir nicht um meinetwillen zu thun, sondern, weil es doch besser meines demuthigsten Dafurhaltens ins Ohr fallt: der Herr Lektor ordinarius Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden, als Halten unterthanigst zu Gnaden! der Schulmeister der dem Junker vorliest.

"Na, na, er kann man 'n Saplik aufsetzen, wo's drinn steht, dass er gern Lektoris ordinari werden will, und das einreichen, so will ich schon druber risalviren."

Aber Eu'r Gnaden, ich wollte das gern in die erste Avise setzen, die ich gleich schreiben will, halten zu Gnaden.

"Na, will ihn hiermit zu meinem Lektoris ordinari in Gnaden ernannt haben. Er kann aber man thun, als wenn das nicht ware, und reich er doch so 'n Mamorial ein, dass ich druber risalviren kann, wie's Kustuhm ist. Will ihm dann 's Sekret schon druber ausfertigen lassen."

Danke Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden in tiefster Submission fur Dero hohe Gnade, und werde stets geflissen seyn, es unterthanigst wieder zu verschulden.

"Alle gut. Mach er nu man, dass die Avise fertig wird."

Sechzehntes Kapitel.

Des Herrn Lektoris altestes Kind.

Am folgenden Morgen trat der Ludimagister mit der erstgebohrnen Frucht seines Geistes in der Hand vor den Lehnstuhl Seiner Gnaden. Er und Herr Fix hatten sichs gestern den ausgeschlagnen Tag blutsauer werden lassen, das Zeitungsblatt zu setzen, und ohngeachtet sie die ganze Nacht zu Hulfe genommen, waren sie doch beym Aufstehn des gnadigen Herrn kaum fertig geworden. Vor der Hand war noch kein Wapen druber, die beyden Herren hatten aber schon Abrede genommen, den gnadigen Herrn ehesten Tages mit einem schonen Schnitte von der Hand des changeanten, und der Erfindung des schwarzen Genie's angenehm zu uberraschen. Bis dahin ward beliebet, die Stelle des Bildes jedesmal mit einem lateinischen Motto auszufullen.

Nach erhaltener hoher Erlaubniss las der Ludimagister, wie folgt.

Mit gnadigster Hochadlichen Permission.

Lindenbergische politische und literarische

Novitatenstafette.

Erste Nummer.

Accipite ergo animis, atque haec mea figite dicta.

"Schloss Lindenberg vom 19. Julius. Seine Hochwohlgebohrne Gnaden, unser allertheuerster Herr kamen diesen Morgen um 11 Uhr von Hochdero gewohnlichem Spatzierritte in hohem Wohlseyn zuruck. Hochdero haben den Englander Hans geritten, und in Gnaden zu befehlen geruhet, dass morgen fruh der neue Isabellfarbne Hengst um 8 Uhr in Bereitschaft gehalten werde. Seine Hochwohlgebohrne Gnaden haben der gestern gekauften lichtbraunen Stute den Namen Lise in Gnaden beygeleget." "Heute Nachmittag erlustigten Hochdero sich mit der Jagd, und schossen ein Eichhornchen und drey Goldammern." "Diesen Abend um 7 Uhr 91/2 Minute trafen Seine Hochgelahrten, der Herr Ludimagister Bartholomaus Schwalbe, nach einer neuntagigen Abwesenheit in Begleitung eines fremden Herrn von grossen Gaben, auf dem Schlosse allhier bey erwunschtem Wohlseyn ein. Sie empfiengen die Bewillkommungskomplimente von Seiner Rechtserfahrnen dem Herrn Justitiarius und dessen Frau Gemalinn, dem Herrn geheimen Sekretar, dem Herrn Verwalter, wie auch von den ubrigen hochsten und hohen zur Regierung, Finanz- und Oekonomiewesen, verordneten Beatmen, auch vornehmsten Hof- Jagd- und Forstbedienten. Hierauf setzten Sie nach einem Aufenthalt von 18 Minuten 57 Sekunden Ihren Weg weiter fort bis zu Dero eignen Behausung im hohen Winkel."

"Ueber den unbekannten Herrn verbreiteten sich bey Hofe verschiedene Geruchte. Man erfuhr aber noch selbigen Abend mit Gewissheit, dass es der beruhmte Herr Peter Fix sey, welcher von Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden in geheimen Geschafften gebraucht werden durfte."

"Schloss Lindenberg vom 20 Julius. Heute fruh um 7 Uhr 4 Minuten hatten Seine Hochgelahrten, der Herr Ludimagister Bartholomaus Schwalbe eine geheime Audienz bey Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden unserm allertheuerstem Herrn, worinn dieselben von dem Success Ihrer Reise submissesten Bericht abzustatten die hohe Ehre hatten, und nachher Hochdero den beruhmten Herrn Peter Fix vorstellten. Seine Gnaden empfiengen diesen weltberuhmten Kunstler mit vorzuglichen Merkmaalen Ihres hohen Wohlwollens, unterredeten sich mit demselben uber verschiedene Kunstsachen, und geruheten ihm im Schlosse das Quartier anweisen zu lassen."

"Seine Gnaden haben gnadigst geruhet den Ludimagister, Herrn Bartholomaus Schwalbe, wegen desselben grosser Gelehrsamkeit und Verdienste, und zum vorlaufigen Beweis Ihrer hohen Zufriedenheit mit dem Erfolg seiner Reise, aus hocheigenem Triebe auf dessen unterthanigstes Ansuchen zu der Wurde Hochdero Lektoris ordinarii in Gnaden zu erheben, nebst einer Zulage von zweyhundert Reichsthalern zu dessen jahrlichem Gehalte, woruber ihm morgen das Patent ..."

Halt! Alle Blix, halt da! Das ist mein Seel! erstunken und erlogen. Links um, Schulmeister! Alle Hagel noch mal, das kann da nicht in stehen.

Allerdings, Eu'r Gnaden! Mit hoher Permission, hier steht es.

"'S ist doch aber 'ne verdammte Luge, ha? Wie kanns denn da in stehn?"

Es kommt nur auf ein Wort von Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden an, so ists wahr.

"Wie? Was? ich soll ihm zu gefallen lugen? Pack ein! Pack ein! Links um, sag ich, Schulmeister. Weiss er was Schulmeister? Er ist 'n Flegel, Herr Lektoris ordinari, da will ich ihm 's Portent uber geben lassen."

Halten unterthanigst zu Gnaden! Hochdero kapiren Ihren demuthigsten Diener nicht! Ich meine nicht, dass Eu'r Gnaden mir zu Willen lugen sollen; da bewahre mich Gott vor! Ich meine nur, Eu'r Gnaden konnten das mit ins Patent setzen lassen, so ware es wahr.

"Nee, kuckst mir da heraus? Sieh doch, ins Portent setzen lassen! Das setzt sich auch man so! Ich will den Lektoris ordinari ins Hundeloch setzen lassen, das geht eher an, so will ich."

Dero werden ja nicht! Halten zu hohen Gnaden! Es kann ja in der nachsten Avise widerrufen werden.

"Widerrufen! ist Er 'n Narr, Herr Ordinari? Weiss, dass ich das verfluchte Wiederrufen an den andern Avisen nicht leiden kann; hab mich da oft uber monkirt dass sie heute schwarz sagen und morgen weiss, und ich soll den Spitakel an meinen eignen Avisen erleben? Eben drum lass ich ja selbst Avisen machen dass da nichts fur gewiss 'nein soll, das nicht so gewiss ist, als 's Amen in der Kirche. Nee, ehr ich das leide, lieber will ich 'm die zweyhundert Thaler zulegen; aber fur das Stuckschen soll er mir ins Loch tanzen, so soll er!"

Danke Eu'r Gnaden zwar in tiefster Unterthanigkeit fur die Zulage. Gebe aber anbey allergnadigst zu bedenken, wer Dero vorlesen soll, und die Novitatenstafette schreiben wird, wenn ich im Hundeloche sitze?

"Er ist 'n Flegel, das ist Er. Halt Er's Maul, und les er seinen Salm man weiter."

Der Schulmeister las fort:

" jahrlichem Gehalte, woruber ihm morgen das Patent von dem Herrn geheimen Secretar ausgefertiget werden wird."

"Seine Rechtserfahrnen der Herr Justitiarius laboriren am Schnupfen; die Aerzte glauben aber, dass keine Gefahr zu besorgen sey, und schreiben diese Unpasslichkeit der Folge einer ausserlichen Erkaltung auf eine innerliche Erhitzung zu. Dessen Frau Gemalinn haben neuerlich wieder einige heftige Zufalle gehabt, und werden sich daher auf Anrathen der Kuhhirtinn des neuntagigen kalten Bades in fliessendem Wasser bedienen. Der Herr Justitiarius haben auf diesem Vorfall eine lesenswurdige Ode gemacht."

"So eben vernimmt man, dass Turk, Wachtel und Greif von Seiner Gnaden mit neuen blausammtnen, reich mit Silber gestickten Galahalsbander beschenkt sind. Man tragt sich zwar mit dem Geruchte, dass dergleichen auch fur Sultan, Waldmann und Prinz in der Bestellung waren: aber eine so wichtige Nachricht braucht allerdings noch Bestattigung."

"Schloss Lindenberg, vom 20sten Julius. Die Frau Lektorinn Brigitta Schwalbe haben sich an der linken Seite der unteren Kinnlade einen Backenzahn ausziehen lassen, und nahmen auf Anrathen des Wundarztes alle funf Minuten Weinessig in den Mund."

Nun folgten Nachrichten von Schweinen, so die Braune, und von Kuhen, die den Steertwurm oder auch das rothe Wasser bekommen, von Hunern, welche Windeyer gelegt, von Jurgen Voglers Eimer, der in den Brunnen gefallen, aber doch noch gerettet worden, und von andern solchen wichtigen und merkwurdigen Dorfneuigkeiten mehr, die sich im hohen Winkel, auf Fahlenort und andern Winkeln und Orten des Dorfes Lindenberg zugetragen hatten. Eine Nachricht, dass der Schlossnachtwachter um der kuhlen Nachtlust zu begegnen und sich vor Flussen, zu bewahren, die Ohren mit Baumwolle verstopfet habe, dadurch aber manchmal in der Verlegenheit sey, dass er die Klocke nicht horen konne, beschloss fur diesesmal die politischen Neuigkeiten.

Der gelehrte Artikel denn die Lindenbergische Novitatenstafette hatte auch ihren gelehrten Artikel hinten auf gebunden war ein hubscher Beweis, dass man ohne eine Spur von gesunder Kritik, und mit der grobsten Unwissenheit, doch kleine Dingerchen elaboriren konne, die bey Unschuldigen und Arglosen gar leicht fur Recensionen angebracht sind, und sich immer noch lesen lassen. Zwar haben die neueren Jahrgange einer in saurem jungen Rheinwein und reichlichem Wasser aus dem Maynstrom, mit vielem Laserpitium gekochten gelehrten Anzeige auch solcherley Dingerchen mit unter aufzuweisen, die lesen sich aber nicht gut und sind voll ubelriechenden verleumderischen Unraths; auch kuckt die heillose Unwissenheit aus jeder Zeile hervor. Eben das gilt von dem Konsorten dieser Anzeigen, dem vierleibigten, und an allen Gliedmassen presshaften Professorkinde, welches sein Papa in Unehren mit der Gottinn Kloacina, die er fur eine Muse halt, alljahrlich zu erzeugen pflegt. (Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber mich daucht, es stand in einem Journale, dass der Herr Professor, der sein Unwesen so gern im Finstern treibt, auch wenigstens an den langen Ohren der dikkgedachten Anzeige nicht unschuldig seyn soll. Und das ist sehr glaublich.) Diese beyden, so Gott will kritischen, Werke beweisen weiter nichts, als dass unwissende Bublein sich oftmals erfrechen, den Schulmeister und Brillenschleifer des Publikums machen zu wollen. Wir wollen aber ganz was anders beweisen, nemlich, dass ein unwissender Bube mit zehn bis zwolf Recensentenblumlein ausstafiret, nicht nur Recensionen machen, sondern sich wohl gar einen Anstrich von Grundlichkeit und Einsicht geben, auch ganz ertraglich zu lesen seyn konne, woferne nur die Unwissenheit nicht mit naturlicher Unfahigkeit verbunden ist. Folglich ist unsere Arbeit nicht uberflussig und unnothig, wenn wir eine von des Ludimagisters Recensionen hierher schreiben, die, als sein erstes Probestuck, an Persiflage und hamischen Kalenderlob der schlechtesten unter allen andern, die er nachher schrieb, nicht das Wasser reicht. Und dass der Ludimagister ein sehr unwissender Bube war, das beweisen wir damit, dass seine Humaniora sich auf das einschrankten, was er aus der kleinen Markischen Grammatik, dem Cellarius, Gottscheds deutscher Sprachlehre, Wertheims Briefsteller und Kirschs Kornukopia gelernet hatte, denn andre Bucher (den gehornten Siegfried etc. bringe ich nicht in Anschlag) hatte er nie weder gelesen, noch besessen. Hierzu kamen einige hundert Sentenzen, die ihm weiland sein Praceptor aus einem Florilegio dictiret hatte, und die obgedachten Blatter aus dem Smetius, samt etlichen andern Makulaturblattern, worunter wohl zwanzig aus des beliebten und belobten Schmid's Theorie der Poesie waren, samt dessen ganzer sehr merkwurdiger Inauguraldisputation, die er aus den zerstorenden Handen eines Kasekramers rettete. Vermuthlich wird er auch selbst nicht ermangeln, seine tiefe Ignoranz, die er in den Recensionen selbst, nicht so wie sein Kollege, der Anzeiger, hervor kucken lasst, sonst irgendwo an den Tag zu legen.

Dass er von dem Korrespondenten, der neuen und Wandsbecker Zeitung u.s.w. nichts gelernet hatte, das wird jedermann sehen, der Recension und Kritik von Persiflage, und eine aufrichtige, unpartheyische Anzeige von schaalem Geschwatz und unwissendem Kritikakel unterscheiden kann. Dafur bin ich aber nicht Burge, dass er nicht aus den Recensionen dieser Zeitungen (denn andre waren ihm nie zu Gesicht gekommen) die Form, und ein und andres Kunstwort geborget haben mogte: ich wusste sonst nicht, wie er dazu gekommen ware. Aber genug hiervon. Wir wollen ihn einmal kritikakeln horen.

Wie Herr Barthel Schwalbe mit den politischen Neuigkeiten, die der Edelmann mit vielem Vergnugen (die Pensionsgeschichte ausgenommen) gehoret hatte, zu Ende war, fuhr er fort, und las:

"Gelehrte Sachen.

An die Najade des Rosenbaches. Eine Ode.

Phoebe faue! ingreditur nouus tua templa sacerdos.

Dieses ist die in mancherley Betracht lesenswurdige Ode des Herrn Justitiarius, deren wir oben gedacht haben. Das Motto zeuget von der Bescheidenheit des Herrn Verfassers, der in alle Wege kein nouus sacerdos ist. Vielleicht aber will ers beym Phobus wieder gut machen, dass er in Absicht der Heilkunst das Wassermadchen uber ihn hinauf setzt- und alsdann hatte der Recensent wider diese captatio beneuolentiae, nichts einzuwenden.

Es ist diese Ode ein Gewebe der feinsten venusinite fliessende Verse, hubsche runde Perioden, sonore Worter, und die schone Unordnung der Ode, alles ist hier im reichhaltigsten Maasse. Und wenn wir da und dort einen platten Ausdruck, manchmal einen schleppenden Vers, hin und wieder einen Luckenbusser, hier und da eine Stelle, die der liebe Reim erschuf o! wenn werden doch unsere Dichter sich von den Fesseln des Reimes losmachen! wenn wir dergleichen Kleinigkeiten abrechnen, so halt sie den schonsten Liedern des Flakkus gut und gern die Wage. Besser als hier kann das ubi plura nitent nicht angebracht werden, und wir mochten den zartlichen Dichter, der so liebliche Lieder fur seine Hausehre singt, in vorigen Zeiten fur sein Madchen haben singen horen. Er bittet in den ersten Strophen die Najade, seine Gattinn wieder zur vorigen Gesundheit zu verhelfen, seine kranke Gattinn, die sich des Bades in ihrer Quelle bedienen will ein Mittel, das wir, im Vorbeygehen gesagt, nicht angerathen haben wurden. Er verspricht Aber wir wollen ihn selbst horen, um zugleich ein Beyspiel seiner Versifikation zu geben. So hebt er an:

Wohlthatige Najade dieser Quelle,

Die hier im Rosenschatten fliesst!

Dich gruss ich und das Thal wo Deine Silberwelle

Sanftmurmelnd sich ergiesst!

Sey Chloens Arzt und Retter, o Najade!

Sey ihr Hygea! Schenkst Du mir

Die Gattinn, (Deine Fluth wahlt Chloe sich zum

Bade,)

Dann, Nymphe, dank ich Dir

Mit Hekatomben! Jubelhymnen, Lieder,

So warm sie je ein Dichter sang,

Sing ich Dir, Gottliche, und Echo singt sie wieder;

Und Chloe bringt Dir Dank!

Was sagen unsre Leser zu dem Rosenschatten, der Hygea, dem Bade, den Jubelhymnen, den Schonheiten jeder Zeile? Und wir versichern, dass das Ganze um Nichts schlechter sey, als dieser Anfang, mit dessen letzten beyden Gesetzen freylich ein nouus sacerdos noch klebend an die verba magistri, voll angstlicher Genauigkeit, kalter Logik, und sklavischer Observanz der Regel das Ganze beschlossen haben wurde: aber eben dieses zeuget vom Genie das sich den Fesseln entwindet, und von der mannlichen Kuhnheit unsers Dichters, dessen Jubelhymnen zu verdienen, wir, wenn wir an der Najade Stelle waren, nicht nur Chloens Gesundheit herstellen, sondern gerne noch ein Uebriges thun wurden. In der vierten und den folgenden Strophen uberlasst der Hr. V. sich ganz der trunkenen Schwarmerey einer so gluhenden Phantasey, als man bey einem Manne, der sein Fleisch mit dem Kodex und Pandekten gekreuziget hat, und der sich mit dem beschwerlichen Gerathe der Gerechtigkeit, dem Schwerdte und der Wage schleppen muss, schwerlich suchen sollte. Er malt mit dem warmsten Pinsel, in die feinsten Farben getaucht. Ware hier nicht ein lebendiges Beyspiel, das dem Recensenten das Obstat hielte, so ware er geneigt, zu behaupten, es sey nicht ganz in der Natur, wenn ein Mann, der schon schon uber die zwolf Flittermonate verheyrathet ist, sich noch so sehnlich, so schmelzend an die Stelle der Silberwellen wunscht, wenn sie vom leichten West gekrauselt um seine Gattinn gaukeln, und Jetzt ihren stolzen Marmorbusen kuhlen, Den Cypris und die Grazien So schon gebaut, jetzt um die runden Huften wuhlen. So missgunstig, wir gestehen es, konnten wir nicht seyn. Aber wie gesagt, der Herr Justitiarius hat eine feine warme Phantasey, die sich in diesem Tone durch zwey und zwanzig schone Strophen zu erhalten weiss. Das kuhlen des Marmorbusens will uns nicht recht behagen. Wir dachten, Marmor ware von Natur mehr kalt als kuhl. Wir hatten lieber spielen gesetzt, und das kuhlen fur die Gegend der Huften verspart, wo das wuhlen manchem Schwachen, der nicht weiss, was Dichtersprache und Dichterische Schonheit fur Dinger sind, anstossig seyn durfte. Da der Dichter noch unbeerbt ist, so schliesst er sein reizendes Lied mit dem Wunsche, dass die keusche Nymphe (wir hoffen: unbeschadet ihrer Keuschheit,) auch diesem Umstande abzuhelfen vermogte, so gut als jener Bach aus dem Alterthume, dessen Namen er nicht zu wissen scheint, womit wir ihm aber auf Verlangen gar gerne andienen wollen. Das Einzige was wir noch tadeln mogten, sind die Hekatomben. Wenns noch Eine Hekatombe ware! Wiewohl auch das ware fur einen Dichter, der selbst keine Heerden hat, schon zu viel. Vollends Hekatomben in der mehreren Zahl! Wo will er die bey jetzigen schweren Zeiten hernehmen? es mussten denn gute Namen seyn. Die sind freylich leicht geschlachtet, aber unstreitig fur ein so artiges Gottermadchen, als die Najas unsers lieblichen Rosenbachs unstreitig seyn muss, wohl kein liebliches Dankopfer. Wir empfehlen unserm Verfasser Lekture und Uebung. Wenn er dann kunftig ein klein wenig nuchterner ans Werk geht, so darf er kecklich unter die besten Dichter unsers Vaterlandes treten." Das war die erste Eingebung, die der Herr Barthel Schwalbe von der Tochter der Pansophey1 empfieng. Durch welche Oeffnung aber, und in welchem Vehikulo, uberhaupt auf welche Art sie in seinen Korper gekommen war, das wird sie, die Gottinn Kritika, am besten wissen.

Fussnoten

1 S. Ramler's Oden. Wissentlich mag ich keinem Menschen eine Sylbe stehlen.

Siebzehntes Kapitel.

Der Heer Autor spricht von sich selbst.

Ich habe zwey Freunde ...

"Zwey? Herr Autor, Sie sind ein Prahler!"

Leser, das bin ich nicht. Was konnt es mir, im Fall ich prahlen wollte, auch wohl helfen, mich einer Gluckseligkeit zu ruhmen, die so wenig Menschen zu schatzen wissen? Dann hatt ich lieber gesagt: ich habe zwey Tonnen Goldes; und du hattest mir das eben so wohl glauben mussen, da du mich nicht kennst, auch, wenn Gott Harpokrates kein Schelm ist, nie kennen lernen wirst, und man zudem so viel Freymuth bey mir finden kann, als wenn ich zweyhundert Tonnen Goldes hatte. Um dir auch zu zeigen, dass ich kein Prahler sey, will ich dirs wohl vertrauen, dass ich weder Vermogen noch Ansehen habe. Aber vergiss nicht, lieber Leser, dass ich dir dieses bloss im Vertrauen sage; du musst es beyleibe nicht unter die Leute bringen. Man hat so seine Konnexionen mit Fleischern, Weinhandlern und Beckern, und die mussen dergleichen nicht erfahren. Was den Schneider betrifft, der mags immer erfahren, denn dieses Kleid, das ich anhabe, kann fur einen Autorrock noch immer seine vier oder funf Jahre aushalten. Es ist auf beyden Ellenbogen noch ganz, und hat uberall ausser der Farbe, die, wie du weisst, zur Haltbarkeit des Tuches nichts beytragt, eben nicht viel verlohren. Und da hangt auch noch auf den aussersten Nothfall mein Bratenrock von seinem Couleur de puce, welches aber kein guter Autorornat ist. So wenig Verdienste ich habe, mag ich mich doch lieber mit ihnen behelfen, weils meine eignen sind, als dass ich mit fremden Verdiensten prunken sollte, die ich alle Abend ausziehen musste. Es ist so schon, wenn ein Mann darinn seiner Sache gewiss ist, dass, wer den Hut vor ihm abzieht, bloss seine Person grusse. Siehst du, trauter, lieber Leser! zum Prahlen halt ich mich zu gut.

Ich habe zween Freunde; und weil ich die habe, kann ich mich durchaus nicht entschliessen, diese Erde fur einen so schabigen, klatrigten, garstigen Lumpenplaneten zu halten, als manche Leute draus machen wollen. Nein, das konnte ich nicht, wenn ich auch lebenslang in einem Kerker wohnen musste, und dort zwiefach vom Hypochonder und zwiefach von Schwindsucht geplagt wurde. Ich wurde mich meiner Freunde freuen, und, wenn sie mich besuchen durften, sie auf mein gutes Brodt und reines Wasser zu Gaste bitte (denn so hart wird keine Majestat unter der Sonne die die grosse ewige Majestat scheinen lasst, seyn, dass sie einen armen unschuldigen Gefangnen schlechtes schimmlichtes Brodt und trubes Pfutzenwasser geben lassen sollte,) und meine Freunde wurden, bey allen ihren Glucksgutern den armseligen Bissen und den irdnen Krug ihres Freundes nicht verschmahen, und sich seiner im Kerker nicht schamen. Und durften sie mich nicht besuchen, so wurd' ich doch des Gedankens mich freuen, zween Freunde ausser meinem Kerker zu haben. Nun weiss jedermann, dass eine Erde auf welcher ein armer Gefangner sich freuen kann, unmoglich ein Bettel von Planeten ist.

Ich bin, was das anlangt, so gut als irgend jemand ein Autor, dass ich meine Kinder fur wohl so hubsche Jungen halte, als andrer Leute Knaben, ob ich gleich gern der erste bin zu gestehen, dass sie hier und da eine unvergangliche Pockennarbe verunzieret, und dass sie manches Muttermaal mit auf die Welt gebracht habe, und ich glaube, es ist eine grosse Narrheit, dergleichen Fehler mit Schonpflasterchen belegen zu wollen. Aber das bey Seite gesetzt. So gern ich also die Kindlein leiden mag, so pflege ich mich doch vor der unartigen Schwachheit, sie in allen Gesellschaften zu produciren sorgfaltig genug in Acht zu nehmen. Wenn ich aber eben dabey bin, einen neuen Jungen zur Welt zu bringen, und es kommt gerade einer von meinen beyden Freunden in meine Manufaktur, so pflege ich ihm ein Ohr oder eine Fusszehe davon zu zeigen, und damit lass ichs gut seyn. Sonderlich gilt dieses von dem Freunde, dem sein Stand an jedem Tage der Woche ein farbiges Kleid erlaubt; denn der andre kann mich nicht oft noch lange besuchen. Vorigen Sonntag aber macht ichs hasslich. Der eine von meinen Freunden, den ich wegen der stillen Grosse, dem Hauptzuge seines Charakters ehre, so wie ich an beyden das edle, gute, warme Herz, die unbescholtnen Sitten, die Festigkeit des Charakters, die feine Denkart, den muntern Witz, die lachelnde Laune, das gluckliche Talent dem unbedeutendsten Historchen Leben und Anmuth geben zu konnen, nebst hundert andern schonen Seiten des Herzens und der Seele schatze und liebe: der eine, sag ich, besuchte mich, und traf mich gerade als ich mit Herrn Bartholomaus Schwalbe auf Reisen war. Er nahm etliche meiner Hefte, und kuckte hinein. Und siehe da! der Herr Autor war so hoflich, und legte ihm alle die ubrigen in gehorige Ordnung. Ehrenhalben konnt er nun nicht anders als alle durchsehen; und so war der herrliche Nachmittag verdorben. Wie er weggegangen war, besuchte mich mein andrer Freund. Da macht ichs noch arger: dem las ich gar ein ganzes Heft vor, ob ich gleich vermuthen konnte, dass er keine Stunde bey mir bleiben wurde. Meine Freunde rachten sich dadurch, dass sie nichts zu tadeln fanden, so sehr ich auch bat, als dass der eine statt eines Komma, irgendwo ein Semikolon haben wollte, und der andre ein aus Versehen zweymal geschriebnes Wort bemerkte. Und ich strafe mich, indem ich meine Thorheit hiermit, jedem Autor zum warnenden Exempel, offentlich zur Schau stelle, und dem Herrn Lektor freygebe, mir eine Lobrede zu schreiben.

Achtzehntes Kapitel.

Herr Barthel Schwalbe zeigt sich in seiner Grosse.

Der Pommersche Edelmann hatte kein Bundniss mit dem Teufel. "In aller Welt, mein Herr, was liegt uns dran, das zu wissen?" Mehr als Sie glauben, Madam. Denn hatte er ein Paktum mit dem Gott segne alles was hier ist! gehabt, so ware es praktisch erwiesen, dass man ein Paktum mit dem Bosen machen konne, welches viel arge gottlose Leute heut zu Tage bezweifeln wollen; wiewohl der Jager mit dem Stelzfusse das vielfaltig horen musste, sein Vater seliger habe ein Bundniss mit dem Schubbejack gehabt. Zweytens: in diesem Falle hatte der Edelmann alle Sprachen reden konnen, und er konnte nichts, als sein eignes Deutsch. Aus diesem zweyten Punkte fliesst ganz naturlich, dass der Junker manchen Ausdruck in der beruhmten Recension nicht verstand, sondern sich oft vom schwarzen Barthel (so pflegten die Bauren den Schulmeister zu nennen) eine Erlauterung ausbitten musste. Und die pflegte denn dieser Mann, von dem wir, wie uns dunkel im Gedachtnisse schwebt, schon gesagt haben, dass er auf jede Frage eine Antwort wusste, ihm niemals schuldig zu bleiben. Wir halten die Recension fur ein sehr kostliches Stuck, darum wollten wir es durch des Junkers Fragen und des Lektors Antworten nicht unterbrechen, und finden es fur den Leser bequemer, den Kommentar hier besonders zu liefern. Gleich bey den ersten Worten, An die Najade, unterbrach er den Herrn Lektor:

"Najade? Kenne das Ding nicht, Herr Ordinari!"

Najaden, will ich die Ehre haben Hochdero zu berichten, sind Madchen die im Wasser leben, wie die blinden Heiden glauben. Das Wort kommt her von natare, welches so viel heisst als schwimmen.

"Weiss wohl, Schulmeister Lektoris wollt ich sagen. Aber versaufen die Madchen denn nicht, ha?"

Behute! Eu'r Gnaden. Eine Najade kann nicht ertrinken, denn sie ist eine Gottin wiewohl nicht so eigentlich eine Gottin, aber doch so ein Stuck von einer Gottinn, und die Heiden beten sie an.

"Alle Hagel, Lektoris! ist der Justitscharius 'n Heide? Will den Kerl stantepe aus dem Schlosse karbatschen lassen!"

Halten zu Gnaden, distinguendum est: als Justitiarius muss er ein guter Christ seyn, das dank ihm der Kukuk; aber als Poet, da ist er ein Heide. Das schadet nicht. Der liebe Gott weiss wohl, wie das zu verstehen ist. Wir Poeten haben alle das Recht Heiden zu seyn.

"Na, na, das ist was anders. Les' er man weiter."

des Rosenbaches. Eine Ode.

"Halt mal! Kann mich wahrhaftig nicht gleich besinnen, was 'ne Ode fur'n Ding ist."

Eine Ode ist so ein tolles Gedicht das sich reimt, und auch manchmal wohl nicht reimt, und wo kein rechter Menschenverstand in ist, und das den Schwanz hat wo es den Kopf haben sollte.

"Versteh all; 's ist so'n unklug Zeug, als ihr Gelehrten immer kakelt. Man weiter, Lektoris!"

Mit Erlaubniss unsrer Leser wollen wir uns dispensiren, die Zwischenreden des Edelmannes herzusetzen, wenn sie nichts Merkwurdiges enthalten. Man kennt schon langst seine Art Erlauterungen zu fodern und anzunehmen.

Motto sagte Herr Schwalbe, ist so ein Spruchelchen, das wir Gelehrte gern vorn hin setzen. Es ist so wie das Gold auf einer Weste. Den Phobus erklarte er ganz leidlich. Aber uber die Venusinischen Schonheiten beliebte ihm, folgendes zu sagen.

Venusinisch, will ich die Gnade haben zu berichten, kommt her von Venus. Und Venus war bey den blinden Heiden die Gottin der Liebe, eine abscheulich schone Gottin, von der die Poeten ....

"Halt! versteh all. 'S ist 'ne Venusschwester pflegte Mama seliger zu sagen, wenn sie von der liederlichen Dorthe sprach. Venusinische Schonheiten, ich weiss all, das sind Bordellmenscher, als mein Hofmeister, Gott hab'n selig! sagte. Nicht wahr, Lektoris?"

Halten zu Gnaden, es konnte wohl so viel heissen. Aber hier, mit hoher Permission, will ich so viel damit sagen als: Gedanken oder Worte, die so schon als Venus sind.

"Na, auch gut. Er muss am besten wissen, was er mit sagen will. Man weiter."

Sonore Worter sind solche, die recht hintennach schnarren.

"Wie 'ne Bockpfeife. Versteh all."

Flakkus war des Kaiser Nero Hofpoet. Er hiess aber eigentlich nicht Flakkus, sondern ich weiss nicht gleich ich denke Rasmus oder Radius. Ja, recht, nun besinne ich mich; Rasmus hiess er. Flakkus war nur so ein Ekelname den ihm die Pagen am Hofe gaben, weil er eine grosse Flachsperuke trug.

"Was? Halt sich der Kaiser Nero 'nen Hofpoeten? Der Blix! ich bin so gut 'n Edelmann als er. Will mir auch 'n Hofpoeten zulegen, der mein Leibpoet seyn soll. Man weiter, Lektoris!"

Strophen. Das sind Reimgesetzlein. Wenn man eine Ode macht, so lasst man alle vier oder sechs Zeilen einen Fingerbreit Platz. Es ist Geruhen Eu'r Gnaden sich vorzustellen, dass das so in Bundelchen getheilt ware. So ein Bundelchen ist eine Strophe.

Jubelhymnen. Das ist der blinden Heiden ihr Te Deum.

Hekatomben. Da will ich wohl tausend herkommen lassen, die Eu'r Gnaden das Wort wohl unerklart lassen sollen. Hekatomben, will ich die Gnade haben zu demonstriren, ist ein Hebraisch Wort aus dem alten Testamente, wo die Juden noch opferten, und ist zusammen gesetzt Hekatom, das heisst so viel als hundert Thiere, denn Tom heisst ein Thier; und aus Be, welches so viel als ein Schlachtopfer bedeutet. Und also heisst Hekatombe ein Schlachtopfer von hundert Ochsen. Doch konnen es auch Schaafe seyn. Daher nennen die Juden des Teufels seine Haushalterinn oder Kochinn, ich weiss nicht was sie eigentlich draus machen, Hekate, weil sie ihm zu jeder Mahlzeit hundert arme Seelen braten muss.

"Gott bewahre!" sagte der Edelmann.

Haben meine Leser an diesen Proben des Unsinnes, der Unverschamtheit, und der unbeschreiblichen Unwissenheit des Lindenbergschen Kritikasters genug? Und mussen sie nicht gestehen, es mangle dem Ludimagister nur bloss an Dummheit, naturlicher Unfahigkeit, und einem Paar grosser Ohren, sonst habe er alle Erfodernisse, jahrlich ein Opus quadripartitum zu erzeugen das keinem Professorkinde obgedachten Schlages nachstehen durfe?

"Nee! rief der Edelmann als Herr Schwalbe mit seinem Kritikakel fertig war, hat der Justitscharius wirklich all die hubschen Reimels auf meinen Rosenbach gemacht? Krischan! Den Justitscharius!"

Es trat, oder eigentlich: es hupfte herein ein kleines, zierliches, niedliches, susses, bebiesamtes, beessenztes, gedrechseltes, und wie der Lektor versichert, geschminktes, allerliebstes Mannlein, in dessen sauberen Korduanschuhen herrliche Steinschnallen funkelten. Der schonste seidne Strumpf schmuckte das wohlgemachteste Beinchen. Schwarze Atlassne Beinkleiderlein schlugen die artigsten Falten. Ein Westchen von Drap d' Argent mit geschmackvollen Blumchen, und ein dunkeldunkelpurpurfarbnes Rockchen bekleidete das mignonnen Personchen, und doppelte Spitzenmanschetten umcirkelten die weissen Handchen. Ein Halstuch von weissem Taffet blahete sich unter dem Kinne in einer pauschenden Schleife. Der kunstliche Lockenbau des kastanienbraunen Haars, der babylonische Thurm des Krepps nach damaliger Mode, der blauliche Puder a la Fleur d' Orange, ein grosser grosser Scheffelsack von Haarbeutel durch den ein breiter breiter Postillon d' Amour uber die Schultern heruber in den Schlitz des Jabot flatterte, der Syrup der uber das ganze Puppchen ausgegossen war, samt dem kleinen Hutchen von Karton mit schwarzem Taffet uberzogen, und dem kleinen Porcelanernen Degen alles das kundigte eher einen Geweiheten der holden Dame von Gnidus, als einen Priester der ernsten und ehrbaren Themis an. Das Mannchen tanzte, wenn er gieng; lispelte, wenn er sprach; fragte, wenn er antworten solte; antwortete, wenn er nicht gefragt wurde; verkehrte gar lieblich die Augen; hatte stets den Zahnstocher in der rechten Hand, und die Lorgnette in der linken, und konnte sich sehr fertig auf dem Absatz umdrehen. Er hatte von seiner kleinen Person, sehr niedliche Begriffe, und ein aus Spott und Mitleid gemischtes Lacheln fur alles andre; trank, als Dichter, gern starke Begeisterung; sprach gemeiniglich Sentenzen und Sarkasmus, und war ein ganz ertraglicher Mensch, wenn er schlief. So sah die Gerechtigkeit auf Lindenberg aus.

"Hor er mal, Herr! mein Ordinari da hat in der neuen Avise ein paar Reimels krimisiret, die er auf meinen Rosenbach gemacht haben soll. Hat er das Dingschen bey sich?"

Nein, gnadiger Herr. Man pflegt so was nicht bey sich zu tragen. Befehlen Sie 's aber, so kann Christian sichs von meiner Frau geben lassen.

"Nee, nee, lass er man seyn. Bin just nicht so gleich drauf versteuret. Kann 's meinen Lektoris man mal geben. Aber Herr, was ich sagen wollt, nicht eins ins ander zu reden, so mag ich das wohl leiden, dass er 'n feinen warmen Raptum hat, wie die Avise sagt, ob 's mir wohl lieber ware, wenn er sich um sein Knips juris bekummern thate: aber dass er seine Frau da vor allen Christenmenschen splitterfaselnackend auszieht, und ihren Tritt und ihre Huften und alles was sie hat, herweiset, sieht er, das ist 'n Spitakel. Weil er aber doch 'n Karmina auf meinen Rosenbach gemacht hat, so kann er sich dafur 'ne Gnade bey mir ausbitten."

Die harten Sachen in dieser Anrede, so treuherzig der ehrliche Junker sie auch vorbrachte, frappirten den Richter doch. Er sammelte einen Augenblick Sinnen; drauf sprach er: Darf man sich die Avise wohl auf einen Augenblick, ausbitten, von welcher Euer Gnaden sagten?

"Oh ja! gern. Warum nicht? Lektoris, geb er doch mal die Avise."

Der Justitiarius lief das Blatt fluchtig durch, und als er sich von dem guten Willen des Herrn Lektors sattsam uberzeugt hatte, entlud er sich seiner Galle folgendergestalt:

In der That, gnadiger Herr, ihr Lektor ist das erste Recensentengenie unter dem Monde. Fur mich wusst ich nichts zu bitten; aber erlauben Sie mir, mich fur den Schulmeister zu verwenden. Ich ersuche Sie, den ehrlichen Mann fur sein Meisterstuck zwo Stunden ans Halseisen stellen zu lassen.

"Wie? Was? Herr, ist er gescheut? Nee! da wird nichts aus. Was hat der Lektoris gethan? Herr, versteht er sein Juris nicht besser? Dass er ihn krimisirt hat, das ist sein Handwerk. Ich hab 'n zu meinen Avisenmacher gedeklarirt, und er da ... Links um! Schnickschnack! Das ist nicht Kustuhm, dass Ihn der Mann gelobt hat, und soll drum ans Halseisen."

Gnadiger Herr, ich habe ihr Wort ...

"Er mag sonst was haben. Nee, das hab ich nicht versprochen. Eine Gnade soll er sich ausbitten, und nicht ehrlicher Leute ihr Ungluck, versteht er?"

"Der Justitiarius stand auf seine funf Augen; der gnadige Herr war verlegen; dem Schulmeister klopfte das Herz. Endlich fanden Seine Gnaden diese Auskunft: Lektoris, hort er, der Mann da, will ihn ins Halseisen haben, weil er 'n recessirt hat, und verlasst sich auf, weil ich 'm 'ne Gnade versprochen habe. Bitt er sich auch 'ne Gnade von mir aus!"

Halten unterthanigst zu Gnaden! sagte der Lektor nach einigem Besinnen; ich bitte demuthigst, dass Dero dem Herrn da befehlen, mich eigenhandig an und abzuschliessen, und, weils eben gewaltig regnet, so lange ich am Pfal stehe hinter mir so wie er da ist zu knien, und mir 'n Regenschirm uberzuhalten.

"Von Rechts wegen. Das ist billig. Herr, mach er flugs Anstalt, und fuhr er den Arrestanten ab."

Der susse Justitiarius protestirte dagegen. Nee, nee, rief der Edelmann, das ist man nichts. Ich thue ihm seinen Willen, ich muss dem Ordinari da auch seinen Willen thun. Aut oder naut: lassts kamp auf gehen, oder Marsch! Was ihr nu wollt.

Nach einigen Debatten, wobey der Lektor nun das grosste Wort hatte, liess man alles kamp auf gehen. Na, das ist recht, sagten Seine Gnaden. Da, gebt euch die Hande. So! Nu, Herr Justitiarius, will er mir wohl 'n Gefallen thun? Mach er mir mal 'n Karmina auf Turk da. 'S soll sein Schade nicht seyn. Muss aber fertig werden, dass es in die nachste Avise kommen kann. Will ihn hiermit in Gnaden zu meinen Schlosspoeten ernennen. Uebers Salahrgen will ich denn auch wohl risalviren. Schulm ... Ordinari wollt ich sagen, setz ers morgen in die Avise, dass ich den Herrn Justitiarius zu meinen Leibpoeten, mit einem Gehalt, daruber ich noch risalviren will, gedeklarirt habe. Und er, Herr, wie er's Ding auf meinen Turk macht, so will ich's Salahrgen machen. Mit diesen Worten gieng der Edelmann hinaus, und setzte sich zu Pferde, voll Freude, dass er sich aus der Sache gezogen, ohne sein gegebnes Wort, welches er allemal in grossen Ehren hielt, brechen zu durfen. Die beyden Gelehrten glupten einander an, des festen Entschlusses, sichs bey nachster Gelegenheit einzutreiben. Sie stellten denn einander auch wechselsweise an ihre Pranger gar sauberlich; der Lektor kuckte aus jedem Verse des Juristen, und der Jurist wurde dafur in den gelehrten Artikeln Methodo Schmidiana gelobpriesen, das heisst: mit aller moglichen Unwissenheit und Boshaftigkeit. Uebrigens war es nicht so wohl der gelehrte, als vielmehr einer von den politischen Artikeln der ersten Novitatenstafette der den sussen Gerichtsverwalter so erbittert hatte. Und der Groll des Herrn Lektors war durch einige Sarkasmen des Justitiarius, worauf der schwerfalligere Witz des Lektors nicht gleich Repliken fand, erreget worden.

Neunzehntes Kapitel.

Die historische Societat.

An einem schonen Morgen, als der Lektor die Zeitungen las, und Seine Gnaden ihre Pfeife rauchten, geruheten Dieselben, dem Lektor folgendes zu vernehmen zu geben:

"Blix, Lektoris, mag das nicht mehr horen, dass ich ausgeritten bin, und auf der Jagd war. Kann er nicht sonst was 'neinschreiben, was ich thue?"

Halten zu Gnaden, mit Permission, ich schreibe allein, was ich in Erfahrung bringe. Aber zeither ist so wenig Neues passiret, dass ich oftmals meine liebe Noth habe, die Zeitung voll zu kriegen. Und wenn Eu'r Gnaden nicht befohlen hatten, das ich das Merkwurdigste von andern Fursten und Herrn mitnehmen soll, so wusst ich manchmal in meinem Leibe keinen Rath.

"Na, na! wart man; soll schon passiren, so soll es! Soll schon zu schreiben kriegen. Les' Er man weiter."

Am Geburtstage der Furstinn Jablonowska versammelten sich die Mitglieder Jablonowskyschen historischen Societat u.s.w.

"Halt mal! Lektoris, weiss er mir wohl zu sagen, wenn ich ihn fragen that, wie so 'ne Sohtschetat seyn muss?"

Das weiss ich so gut, als mein Vaterunser. Das sind Gelehrte, die zusammen kommen und einen Prasidenten haben; die untersuchen denn allerhand historische Dinge, und geben Preisaufgaben auf, zum Exempel: In welchem Jahr Christi Alexander Magnus wider den Turken auszog? oder wer dieses und jenes Mannes Grossvater gewesen? und wers denn am besten macht, der kriegt den Preis ...

"Halt mal! Habe schon langst Willens gewesen, auch mal so 'ne Sohtschetat zu machen. Krischan! den Justitiarius und den Leibbuchdrucker!"

"Hort mal, ihr Herren! Will euch alle drey hiermit in Gnaden zu 'ner historschen Sohtschetat machen. Der Seckertar und Verwalter sollen auch mit bey seyn. Schulm ... Lektoris! kann 's man in die Avisen setzen. Er soll Pratendent seyn, hort er."

Danke unterthanigst fur die hohe Gnade. Wollen Eu'r Gnaden auch uber die Aufgaben resolviren?

"Kann wohl. Will nu ausreiten. Meld er sich, wenn ich einkomme."

Der Ludimagister, nunmehriger Prasident, ermangelte nicht, sich bey der Zuruckkunft Seiner Gnaden einzufinden, und erhielt von ihm Befehl, einige Preisaufgaben bekannt zu machen. Der Ludimagister erinnerte ihn, dass es nicht undienlich sey, den Preis zugleich zu bestimmen, und empfieng auch daruber seine Befehle. Also prunkte die nachste Avise mit folgendem stolzem Artikel:

"Schloss Lindenberg, vom 13ten Januar. Heute fruh, als der Herr Lektor ordinarius Bartholomaus Schwalbe, Ludimagister Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden, dem Herrn Siegfried, Erb- und Gerichtsherrn von Lindenberg etc. etc. etc. unserm allertheuersten Herrn aufwartete, geruheten Seine Gnaden aus einem ruhmlichen Eifer fur die Wissenschaften ..."

"Halt! riefen Seine Gnaden, das ist all wieder nicht wahr; hab' an die Wissenschaften nicht mal gedacht. Schere mich viel um den Kram. Habs man gethan, weil ich so gut 'n Edelmann bin, als der Furst Jablonowsky, und so gut Geld habe, als er, und wohl noch mehr, was das betrifft. Kann auch wohl Sohtschetaten machen. Na, man weiter!"

" Wissenschaften, den Herrn Schlosspoeten, Martin Christoph Suss, p.t. Justitiarius, wie auch den Herrn Peter Fix, Schloss und Avisendrucker, auch Inspector uber Seiner Gnaden Taschendruckerey zu sich berufen zu lassen, und ernennten sie auf der Stelle in einer zierlichen Anrede zu Mitgliedern der historischen Societat der Wissenschaften, welche Hochdieselben hiermit errichteten. Der abwesende Herr Friedrich Schulze, geheimer Secretar, und Herr Georg Detri, Obereinnehmer und Verwalter Seiner Gnaden, hatten gleichfalls die Ehre, zu Mitgliedern dieses vortrefflichen Instituts ernannt zu werden. Hierauf stellten Seine Gnaden diesen Herren Dero Lektorum ordinarium, den Herrn Bartholomaus Schwalbe, als ihren Prasidenten und Oberhaupt vor, und weiheten sich selbst sehr feyerlich zum kunftigen Beschutzer dieses Instituts ein."

"Die binnen Jahr und Tag zu beantwortenden Preisaufgaben sind:

I. In welchem Jahre zog der tapfere Ritter Siegfried, genannt der Hornerne, zum erstenmal auf Abentheuer aus? Wenn ward er gebohren, und wenn starb er?"

"II. Welcher von den Leibeserben dieses Helden ist der eigentliche Stammvater der Herren von Lindenberg?"

"Die beste Beantwortung der ersten Frage wird mit einem fetten Ochsen, und die der zweyten mit einem halben Fasse Bier und vier Flaschen Danziger Goldwasser belohnet werden."

"Wie man vernimmt, werden der Herr Bartholomaus Schwalbe, als Prasident der Akademie, einen ansehnlichen Gehalt empfangen."

"Wenn dieses Institut seine erste Sitzung halten wird, ist noch nicht bekannt."

* * *

"Blix, Herr Pratendent, das soll mal 'n Schnack in der Welt geben!"

Allerdings, Eu'r Gnaden! Es wird ein rechtes Aufsehen machen.

Der gnadige Herr hatte nie dran gedacht, dass es nicht genug sey, Zeitungen drucken zu lassen, sondern dass sie auch auswarts gehen, und gelesen werden mussten. Er genoss seine Grosse, und schmeichelte sich, aller Welt zu reden zu geben, weil alles was er that, schwarz auf weiss gedruckt war. Und der Ludimagister hutete sich wohl, ihm den Staar zu stechen. Er war froh, dass die Avisen im Gange waren, und dass er vermittelst eines kleinen Winkes in der Zeitung den gnadigen Herrn zu allem bringen konnte, ohne dass ihm etwa heut oder morgen etwas hatte beygemessen werden konnen, gesetzt auch, der Edelmann ware von der Art gewesen, irgend jemanden die Ehre eines Einfalles zu lassen.

So, zum Exempel, als einmal des Basedowischen Philanthropin's in der Zeitung gedacht wurde, und der Edelmann mit seinem gewohnlichen: Kenne das Ding nicht, dem Ludimagister Gelegenheit gab, seine Weisheit an den Mann zu bringen: da schwatzte dieser ein Langes und Breites davon, sagte das ware eine gar aparte Schule, abscheulich schon, kompendios, wo die Knaben wiewohl's auch fur Magdlein passte in einem Schnups alles lernten, alles mit Namen zu nennen wussten, wie es auf Deutsch und Latein hiesse und was ein Dorfschulmeister sonst noch von einem Philanthropin sagen kann. Und des folgenden Tages stand unter dem Artikel: Schloss Lindenberg, folgendes in der Zeitung:

"Ein gewisser vornehmer Herr hat sich von einem Gelehrten einen genauen Begriff von der Einrichtung und dem Nutzen des Dessauischen Philanthropini beybringen lassen; und es stehet zu vermuthen, dass er wohl den gedachten Gelehrten nach Dessau senden werde, um sich mit der Philanthropinischen Einrichtung aufs vollstandigste bekannt zu machen, um ein ahnliches Institut zum Besten seiner jungen Unterthanen in seinem Gebiete zu errichten."

Mehr brauchte es nicht, den Edelmann zu bestimmen. Das Philanthropin fur die Lindenbergschen Bauerjungen kam mit der Zeit zu Stande. Herr Peter Fix schnitt die dazu erforderlichen Bilder in Holz, und wenn ein Ding vorkam, das dieser Kunstler weder in der Natur noch in einer Abbildung zu sehen Gelegenheit gehabt hatte: so ersetzte sein Genie solche Kleinigkeiten. Wenn wir dieses Philanthropin nicht genauer beschreiben, so ist die Ursache diese, weil das ein grosseres Buch erfoderte, als dieses dermalen werden darf.

Zwanzigstes Kapitel.

Paulo maiora canamus. Virg.

Unser Edelmann hatte nun Einmal den Ehrgeiz keinem Menschen, er mogte Kaiser, Konig, Herzog oder Furst seyn, das mindeste voraus zu lassen, ohne manchmal, wie doch wohl zu rathen gewesen ware, zu uberlegen, dass auf einem Rittergute nicht allemal thulich sey, was in einem grossen Konigreiche wohl angehet. Aber er war nun so. So bald er horte, dieser oder jene Konig habe diess und das gethan, und die Konigliche Handlung schien ihm nutzlich, oder gross, oder sie ward nicht gerade zu von dem Herrn Prasidenten getadelt: flugs war er bey der Hand, und that eben das, oder noch einmal so viel.

Er fand eines Tages, wie ein gar schweres Ding es sey, Land und Leute zu regieren, dass es eine Art hatte.

Das kommt zum Theil davon her, sagte der Prasident, dass Eu'r Gnaden die ganze Last allein tragen. Wenn ich andre grosse Herren bedenke, die haben ihren Konseihl, und ihre Kabinetsminister und Kriegsminister und Domanenrathe und Circumferenzrathe und wer weiss was alles. Die machen sichs kommode. Aber Eu'r Gnaden haben keinen Menschen, und sorgen fur alles allein.

"Blix! 's ist auch wahr, mein Seel! Will mir auch nicht mehr so strapenziren Will auch 'n Kunseihl zulegen. Aber lass mal horen, Herr Pratendent, wo soll ich die Manisters herkriegen?"

O! Eu'r Gnaden, da ist Rath zu. Ich darf wohl sagen, mit hoher Permission, dass Eu'r Gnaden mit guten Leuten umgeben sind. Nicht eben, dass ich mich ruhmen will, denn propria laus riecht nicht nach Biesam, wie das Adagium sagt: aber ich sollte wohl, meines Dafurhaltens, keinen unebnen Premierminister abgeben. Und da ich schon Prasident bin ...

"Er ist 'n Flegel, Herr Pratendent, mit Gunst zu melden. Er wollte werden? Er mag den Kukuk werden. Ist er'n Edelmann? ha?"

Nein, Eu'r Gnaden, aber ich konnte ...

"Was konnt Er? Den Hagel auch! Er konnte sich nobeltiren lassen, meint er. Da war Er'n Esel! Nee, Nee, Herr Pratendent, sey er kein Narr! Mama seliger pflegte immer zu sagen, wir alten Edelleute hatten die neuen doch man zum Narren, wenn wir auch noch so freundlich mit ihnen thaten. Nee, bleib er was er ist."

Aber, Eu'r Gnaden ...

"Aber, aber! Alle Hagel noch mal, so muss er mir nicht kommen. Das muss ich verstehn, was zu so was gehort. Manisters, sieht er, das mussen Kaweliers seyn, anderster geht das nicht."

Das Konseil blieb also noch ein Weilchen ausgesetzt. Indessen lag es beyden Parteyen sehr am Herzen, dem einen, Premierminister zu werden, dem andern Ministers zu bekommen. Wir werden kunftig schon noch sehen, wie der Prasident (der gar nicht dran gedacht hatte, sich nobilitiren zu lassen, wie ihm der Junker Schuld gab) die Sache handhaben wird.

An eben dem Tage, da das geheime Konseil im Vorschlag war, las der Prasident dem Edelmanne aus der Zeitung vor, dass der Konig von Dannemark ...

"Was ist das fur 'n Land?"

Ein grosses Konigreich, will ich die Gnade haben zu sagen. Es liegt von hier aus gerade dahin, wo ich mit meinem Finger hin weise, in Jutland, wo die Ochsen so gut gedeihen. Wiewohl nicht so recht in Jutland, sondern ein bischen an der Grenze, wo der Weg nach Dithmarschen vorbey geht.

"Versteh all, Herr Pratendent Lektoris. Man weiter!"

in seinen samtlichen Staaten (Denn, er hat wohl vier Konigreiche, sagte der Schulmeister, wo er Konig uber ist.) das Jus Indigenatus eingefuhret habe.

"Kenne das Ding nicht, Herr Pratendent."

Will's Eu'r Gnaden demonstriren mit hoher Permission. Es ist ein schweres Wort, und kommt her von Indigena, welches ein im Lande gebohrner heisst, und von gignere herkommt. Es will also so viel sagen, als das Recht der Eingeburt.

Der Edelmann, dem die Jutischen Ochsen im Kopfe lagen, und der, wie alle leeren Kopfe, eine Idee so leicht nicht fahren liess, forschte weiter und sprach: "Kann nicht recht klug aus werden, soll kein einlandsch Vieh uber die Grenze, oder soll kein fremdes im Lande geschlachtet werden?"

Halten zu Gnaden, mit hoher Permission. Es ist nicht von Ochsen die Rede. Eu'r Gnaden kapiren mich nicht ....

"Was? hat er nicht gesagt, die Ochsen hatten da gut Schick?"

Allerdings, Eu'r Gnaden, aber das war bey Gelegenheit der Geographey, mit hoher Permission, wo man immer gern ein Wort von den Landesprodukten mit einfliessen lasst. Nun aber ist hier nicht die Rede von Landesprodukten, sondern von Landeskindern.

Es kostete dem Ludimagister Kunste, ehe er seinen Patron aufs rechte Fahrwasser brachte. Denn, manche Leute, wenn sie einmal verbaset sind, brauchen lange Zeit, ehe sie wieder aufhoren, damisch zu seyn. Endlich aber, wie der Edelmann es begriffen hatte, freuete ihn die Sache so herzlich, als ihn je etwas gefreuet haben mogte.

"Alle Blix, Herr Pratendent Ordinari, das ist gut furs Land. Ich will auf meinen Gutern auch 'n Jus Indigenatus machen, so will ich. 'S soll mir mein Seel keiner in meinem Lande zu Brodte kommen, der nicht in meinem Lande gezogen und gebohren ist. Will's stantepe ausfertigen lassen."

Der Herr Prasident unterliess nicht, diesem Einfall aus voller Lunge zuzujauchzen, ob er gleich wohl sah, dass das Ding hapern wurde. Aber eben deswegen gab er so laut seinen Beyfall. Denn er freuete sich im Voraus uber die Verlegenheit, worinn der Junker kommen musste, wenn solche Stellen ledig wurden, die sich durchaus mit Bauren, nicht besetzen liessen; und da der Einfall nicht von ihm herkam, sondern dem eignen Gehirne des Edelmanns im Pommerlande abgegangen war: so konnten ihm alle die Verlegenheiten nichts verschlagen, so meinte er. Die Zeit wirds lehren, ob er richtig dachte.

Seine Gnaden erhoben indessen ihre Stimme, und riefen: Krischan! Denn, obgleich bestandig eine silberne Klocke auf dem Tische stand, so pflegte der Herr von Lindenberg sie doch anders nicht zu brauchen, als wenn er etwa ein wenig bose auf Christian war; dann galt die Schelle fur eine Art von Strafe. Ausserdem aber war er gewohnt, seinen Homme de Chambre immer zu rufen, wie meine Leser langst gemerkt haben werden. Und er that daran auch besser, denn man konnte seine Stimme dreymal so weit horen als die grosste Klingel die je ein Kaiser, Konig, Furst, oder Herr, wenns auch ein edelmannischer Burger ware, die, wie man sagt die grossten Schellen haben sollen, gehabt hat. Doch nehme ich, nach reifer Ueberlegung, die grosse Klocke in Erfurth aus.

Die Ursache aber, warum der Edelmann nur in gewissen Fallen klingelte, war ganz einfaltig. Er meinte man muste einen Unterschied zwischen Hund und Diener machen. Jenen konne man mit allem Schick gewohnen, der Pfeife zu folgen, dieser aber sey doch ein Mensch so wohl als der Kaiser, und wohl werth, dass man ihn bey Namen rufen thate. "Gott Lob, sagte er, dass ich Herr in meinem Lande bin. Aber wenn ich nun, Gott bewahre mich davor! des Konigs Brodt essen thate, als mancher Edelmann thun muss, und ware Kammerherr oder so was, es wurde mich verflucht krapiren, wenn mir der Konig klingeln thate. Aber ein rechter Konig thut auch so was nicht. So einer wird immer sagen: Herr Kammerherr Siegfried, wollen Eu'r Gnaden wohl mal 'rein kommen? so wird er."

"Krischan! riefen Seine Gnaden, den Seckertar!"

Der Sekretar kam, und erhielt den Auftrag, flugs mit Zuziehung des Leidpoeten und Verwalters, die Verordnung wegen des Indigenars zu fertigen, und gehorigen Orts affigiren zu lassen, auch eine Abschrift davon dem Prasidenten zum Einrucken in die Avise zuzustellen.

Der Prasident, dem das Wort Verwalter langst anstossig und unter der Wurde seines hohen Patrons schien, setzte bey der Gelegenheit in die Zeitung: es gienge die Rede, Seine Gnaden wurden den Herrn Detri, bisherigen Obereinnehmer und Verwalter, zu Dero Ober- Finanz- und Oekonomie-Intendanten ernennen.

"Ist 'n langer Salm!" sagte der Edelmann.

Ein und zwanzigtes Kapitel.

Der Herr Prasident wird in Versuchung gefuhrt. Das

Gnadenzeichen. Das geheime Konseil u.s.w.

Der Prasident las: Konstantinopel, vom 10ten May. Der Sultan hat den Dolmetschern der fremden Machte bekannt machen lassen, dass drey Sultaninnen schwanger sind, und aus dieser Ursache ist allen Schiffen das kanoniren verboten.

"Alle Blix, Herr Pratendent, wie viel Sultaninnen hat der Sultan? Drey?" O Eu'r Gnaden, er hat wohl dreyhundert. Er hat ein gewaltig grosses Schloss sternhagel voll.

"Und das sind alles seine Gemalinnen?"

Allerdings Eu'r Gnaden.

"Und das ist da zu Lande Mode?"

Allerdings Eu'r Gnaden.

"Hagel noch mal! will das hier zu Lande auch Mode machen. Wills mal mit 'n Dutzt oder so versuchen."

Halten zu Gnaden! Das wurde Dero viel Ungelegenheiten machen. Zwolf Gemalinnen zu huten!

"Kann der Sultan so viel hundert huten, Herr Pratendent, so will ich die Paar wohl huten, versteht er."

Ja, Eu'r Gnaden, der hat da andre Anstalt zu, will ich die Gnade haben zu sagen. Der halt sich auf jedes Dutzend einen Verschnittenen, der sie bewachen muss.

"Kann auch ja wohl so welche halten, so gut als der Sultan. Hor er mal, Herr Pratendent, thu er mir den Gefallen und lass er sich verschneiden; 's soll sein Schade nicht seyn."

Halten zu Gnaden! Bin in allen Stucken nach meiner Wenigkeit zu unterthanigstem Befehl, nur damit bitte mich zu verschonen.

"Schnack! Kann mir ja das wohl zu Gefallen thun, so kann er."

Wenn es auf mich ankame, gnadiger Herr, so wollt ich wohl sehen. Aber meine Frau wurde das all mein Tage nicht leiden.

"Ah Schnickschnack! Muss Subordenatschon im Hause einfuhren. Na, will er mirs zu Willen thun?"

Der Hausfriede, gnadiger Herr ....

Christian unterbrach dieses fur den Ludimagister so peinliche Gesprach, indem er dem Edelmanne einen grossen, sehr sauber in Goldpapier gebundnen Bogen im Namen des Herrn Leibpoeten uberbrachte.

"Herr Pratendent, seh er mal zu, was das ist."

Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Karmen auf den Geburtstag Seiner Gnaden; einen Tag an den bisher niemals jemand gedacht hatte, denn der gnadige Herr pflegte ihn nie zu feiern, weil er selbst nicht wusste, an welchem Tage er gebohren war. Der Prasident las es vor, und Seine Gnaden bezeugten ihr hohes Wohlgefallen daruber, ohne ein Wort davon zu verstehen. Der Prasident aber, der auf seines hohen Patrons Grosse noch stolzer und eifersuchtiger war, als auf seine eigne, war der Meynung, Seine Gnaden mussten dergleichen Dinge, nach dem Beyspiele andrer grossen Herren, nicht ohne Belohnung lassen.

"Was ist denn wohl Kustuhm, fur so 'n Karmina zu geben? Ha?"

Ja, Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden, das kommt auf die Generositat des grossen Herrn an. Eu'r Gnaden erinnern sich wohl noch aus den Avisen, dass so was manchmal eine goldne Dose mit des grossen Herrn Konterfey drinn, oder das Konterfey schlecht weg abwirft. Zuweilen lohnts auch wohl einen Ring, oder eine Medaille, nachdem der Herr die Laune hat. Aber meines unterthanigsten Dafurhaltens ist das Portrat mit oder ohne Dose, das beste Merkmaal der Gnade.

"Schnackt wie 'n Schaaf, Lektoris! Weiss ja wohl, dass ich mich mit Dosen, und Ringen, und so dergleichen Bummelaschen nicht aufhalten thue. Das Patret, was das anlangt, mogte selbst wohl mein Patret da hangen haben, weiss man nicht, wo ichs herkriegen soll. Kann er Patretten machen, Herr Pratendent?"

Hatten zu Gnaden, gnadiger Herr, ich bin ein Gelehrter.

"Er kann auch Nichts! Weiss er keinen, der 's kann?"

Nein, Eu'r Gnaden; will aber mal mit Deroselben Herrn Schlossbuchdrucker sprechen.

"Kann selber wohl mit ihm sprechen. Krischan! Den Fix, Hor er mal, Herr Fix, kann er wohl so Dinger, so Kunterfeys machen?"

Will die Ehre haben, Sie zu sagen, Ihr Gnaden, dass ich alles kann. Bin 'n Schenny.

"Na, das ist gut. Mal er mich gleich mal ab."

Aufzuwarten, Ihr Hochadlichen Gnaden! Will man hingehn und 'n Bleysticken holen.

"Thu er das. 'S wird Arbeit fur ihn geben. Er soll mir 'n etzliche hundert von meinen Konterfeys machen, dass ich gleich eins bey der Hand habe, wenn mir jemand 'n Karmina bringt, oder wenn ich sonst jemand 'n Merkmaal meiner Gnade geben will."

Erlauben Sie gnadigst, Ihr Gnaden, da wollt ich wohl bitten durchzudenken, obs nicht besser ware, wenn ich das Bild in Holz schneiden thate. Da konnte man, wenn 's einmal geschnitten ist, wohl funf hundert in einem Tage abdrucken.

"Sieht er, Herr Pratendent, das ist noch 'n Mann der was gelernt hat. Aber er? Mit ihm ist nichts anzufangen. Na, Herr Fix, schneid er mich man. Kann er auch wohl meinen Turk da bey mir schneiden?"

O ja, Ihr Gnaden. Und Wachtel dazu.

"Sieht er, Lektoris? 'S ist an Turk genug, Herr Fix; mach er den man recht, mit dem blauen Halsband, versteht er. Kann nu man gehen! Sieht er, Herr Pratendent, der kann doch noch was. 'S ist 'n allerwelts Kerl, mein Leibbuchdrucker!"

Non omnis fert omnia tellus! versetzte der Ludimagister. Der eine taugt zum Staatsminister, der andre zum Wurmschneider.

"Herr, komm er mir nicht so, oder ich will ihn bewurmschneidern, er soll von nachsagen."

Halten zu Gnaden! Formschneider sagte ich.

Das changeante Genie schnitt wacker drauf los, und brachte ein rares Stuck zu Stande, vollig so schon und in eben dem Geschmack als Karl der Zwolfte auf den Tobacksbriefen. Es wurde abgedruckt, auf Pappe geklebt, mit einem Streifen Goldpapier eingefasst, und erhielt Seiner Gnaden Approbation, welche ein Exemplar neben sich auf den Tisch legten, und flugs den Justitiarius rufen liessen.

"Hor er mal, Herr Leibpoet, hat mir da letztens durch meinen Krischan 'n Karmina primisiren lassen. Soll auch bedenkt seyn. Und will ihm hier eine Schenkasche fur machen."

Hiermit winkte er dem Ludimagister, welcher das Portrat Seiner Gnaden vom Tische nahm, und es dem glucklichen Dichter mit vieler Carimonie uberreichte.

Der Justitiarius nahm die Callotsche Fratze aus den Handen des Favoriten an, zuckte (aber freylich so unmerklich als moglich) die Achseln, und war so boshaft, uber die unerhorte Aehnlichkeit zwischen dem gnadigen Herrn und dem Holzschnitt zu erstaunen. Er witzelte und spottelte so hamisch, dass es ein Wunder ist, wenn der Edelmann nichts merkte. Und der artige Herr ware sehr am unrechtem Orte gezaumet gewesen, wenn sein Principal Lunte gerochen hatte. Der war nicht der Mann, der Spaass mit sich treiben liess, und dem Herrn Justitiarius war es gar behaglich im Schlosse. Sein Dienst war fett, und seine Arbeit gering. Vorher war er seines Standes wegen dem guten Junker verhasst: nun er sich aber zur Hofpoetenstelle bequemet hatte, konnt er an Galatagen bey Hofe erscheinen, und zuweilen ein Wort mitsprechen, so gut als einer.

Der Herr Prasident hatte indessen den grossen Gedanken, Kabinetsminister oder so was gutes zu werden, noch nicht aufgegeben. Er begnugte sich anfangs, es bloss durch einen sehr nachdrucklichen Ton, mit dem er die Nachrichten las, dass dieser oder jener Burgerliche einen Titel oder eine ansehnliche Stelle erhalten, dem Junker aus Herz zu legen, dass man nicht eben lauter Edelleute zu Rathen mache. Und der ehrliche Junker hatte von dem Unterschied zwischen einem Commissionsrath und Staatsminister keine gar zu richtigen Begriffe. Der eine, glaubte er, sey so gut ein Minister als der andere. Wie aber der Favorit sah, dass der edle Siegfried durch den blossen Ton kein Feuer fangen wollte, nahm er sich die Freyheit, ihn durch einige Randglossen etwas aufmerksamer zu machen. Als aber auch das nicht helfen wollte, setzte er in die Schlosszeitung, es gienge die Rede, dass Se. Majestat den Herrn Justitiarius auf Lindenberg zum Kriegsrathe ernennen wollten. Das schlug an.

"Nee! das soll der Konig wohl bleiben lassen. Kann selbst wohl meine Leute zu was machen, so kann ich."

Mit einem male war das Projekt ein geheimes Konseil anzulegen, wieder im Gange. Der Herr Bartholomaus Schwalbe sah von der steilen und stolzen Hohe eines Pramierministers herunter, u. stand an der Spitze des hohen Staatsrathes, den die Herren fur ihr Leben gern Conseil permanent genannt hatten, weil das so hubsch klingt. Weil aber der Schulmeister das letzte Wort nicht dolmetschen konnte, und sich nicht so tief erniedrigen wollte, den Leibpoeten zu fragen, so hatte es bey geheimen Konseihl sein Bewenden, und der Wohlklang wurde der Furcht einen Bock zu schiessen, weislich aufgeopfert.

Von dieser Zeit an wuchsen die Kabinetsminister, Staats- Kriegs- Finanz- Domanen- KommercienKommissions- und andre Rathe auf Lindenberg aus der Erde wie Pilze.

Bey aller seiner irdischen Hoheit vergass der Herr dirigirende Minister doch nicht, dass er seine ganze Grosse ursprunglich den Vorlesungen, und hiernachst dem Avisenschreiben schuldig sey, und er war weise genug, diese beyden Aemter nicht niederzulegen, so sehr auch seine Neider und heimlichen Feinde ihm vorstellten, es sey unter der Wurde so eines Mannes sich mit dergleichen zu beschafftigen. Er hatte Staatsklugheit genug, einzusehen, dass er nur bloss durch eben die Mittel die ihn erhoben hatten, sich auf seiner Hohe erhalten konne.

Um diese Zeit stiess ihm ein Unfall zu, den er weder vorhergesehen hatte, noch mit aller seiner Klugheit vermeiden konnte. Es begab sich nehmlich, dass der Schweinehirte des Dorfes Lindenberg das Zeitliche gesegnete. Besetzt musste diese Stelle wieder werden, das war unstreitig. Aber vermoge des Indigenats musste sie durch einen Eingebohrnen des hochadlichen Lindenbergischen Gutes verwaltet werden, und dieser Umstand erregte unendliche Schwurigkeiten. Die samtlichen Eingebohrne Unterthanen des Edelmanns im Pommerlande waren durch die sanfte Regierung, durch die brittische Grossmuth, und durch die vaterliche Fursorge Seiner Gnaden samt und sonders zu wohlhabend, als dass sich einer zu einem so muhseligen Amte sollte bequemet, geschweige denn angeboten haben. Die Dorfgemeine zerbrach sich die Kopfe daruber in der Schenke, und der Edelmann im Konseil; aber umsonst.

"Seh' er zu, wie er da herdurch findet, Herr Magister Lektoris!" sagten Seine Gnaden als Sie sich vor den Bauren, die nicht wussten was sie mit ihrem Schweinevieh beginnen sollten, nicht mehr zu retten wussten. Er muss Rath schaffen, so muss Er. Wofur hab' ich Ihn?

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Cicerone disertius ipso.

Martial.

Der Herr Premierminister freuete sich innerlich, dass er jezt der Nothanker seines hohen Principals in einer Verdrusslichkeit war, zu der er nichts beygetragen hatte. Er sah zwar keine Auskunft in dieser Sache, aber das kummerte ihn nicht. Er setzte sich hin, und elaborirte eine zierliche Rede, und als er sie so weit ins Gedachtniss gebracht hatte, dass er sich getrauete sie wohl vor dem Kaiser herzubeten, liess er sich von seiner Frau nochmals uberhoren, und berief das geheime Konseil ausserordentlich zusammen. Als die Herren versammelt waren, stand er auf, rausperte dreymal, und sprach wie folget:

"Ich habe Sie auf Befehl Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden, unsers gnadig gebietenden Herrn, zusammen vociren lassen, meine Herrn vom geheimen Konseihl, um mit Ihnen uber eine fur das Vaterland sehr erhebliche Angelegenheit zu rathschlagen. Was sage ich, erhebliche? Es ist die allerwichtigste Angelegenheit."

"Sie wissen, weise und erhabne Vater des Staats, Schweinehirten der Lindenbergschen Nation weggemahet hat, und mogen wir wohl ausrufen:

Quis desiderio sit pudor aut modus

Tam unentberlichen capitis!

Unsers hier gegenwartigen theuersten Herrn Hochwohlgebohrne Gnaden, Ach, Sie, meine Herren, die ganze Gemeine, die ganze Welt, kurz: Jedermann weiss, dass das Amt eines Hirten ein gar wichtiges Amt, ein Amt multi ponderis sey. Ich vor allen weiss das aus der Erfahrung, da ich die Ehre habe, meine Herren, Ihr Hirte zu seyn. Ich will aber bey einer so feierlichen Okkasion nicht von mir reden."

"Einem jeden, das wissen Sie, weise Vater des Staats, weil es weltkundig ist, Einem jeden ist sein zeitliches Vermogen die angelegentlichste Sache. Ein grosses Theil landlicher Glucksguter bestehet in Vieh. Die Schweine sind ein grosses Theil des Viehes. Also ist der Mann, dem eine ganze Gemeine ein so betrachtliches Theil ihres Reichthums anvertrauet, ein sehr wichtiger Mann. Ich will hier nicht von den Kenntnissen, von der Arbeitsamkeit, von der Geduld reden die zu einem solchen Amte erfoderlich sind und die sich niemand recht vorstellen kann, der nicht entweder selbst Schweinhirte gewesen ist, oder sich wenigstens mit Erziehung einer bluhenden Jugend beschafftiget hat. Ich will Ihnen nur bloss die Wichtigkeit des Mannes an sich selbst zu bedenken geben."

"Helfen Sie mir jezt uberlegen, meine Herren vom geheimen Konseihl! Schamen Sie sich der Arbeit und des Schweisses furs Vaterland nicht. Die Ochsen stehen am Berge, und der Karrn steckt im Sumpfe. Helfen Sie mir, meine Herren, auf die Ochsen unsrer Erfindungskunst wacker losschlagen, dass der Karrn aus dem Sumpfe der Verlegenheit erloset und uber den Berg der Schwurigkeiten gezogen werde. Ueber die Schwurigkeiten darf ich mich wohl nicht weitlauftig ausbreiten. Die Kinder auf den Strassen reden davon. Nur darum bitte ich Sie, beschwore ich Sie bey meiner und Ihrer Wurde, bey unsrer Pflicht, bey dem Namen des Vaterlandes, einen solchen Entschluss zu fassen, der der Ehre dieser Versammlung wurdig, und der Wichtigkeit der Sache, als worauf die Wohlfarth eines ganzen Staates beruhet, angemessen sey Dixi."

Nun erhob sich der Herr Leibpoet, und entschuttete sich folgerder Rede, auf die er aber nicht studiret hatte:

"Schon lange, allervortrefflichster Monsieur le Premier, schon lange sind Euere Herrlichkeit der Gegenstand meiner pflichtmassigen Bewundrung, Sie der das Ruder des Staats, die Feder der Autorschaft, das Plektrum des Orbiliats, und die kritische Karbatsche mit gleicher Weisheit, mit gleicher Kraft, und mit gleicher Geschicklichkeit respektive schwingen und fuhren."

"Ich ehre in Euerer Herrlichkeit den Eifer furs Vaterland, den Sie in uns anzufachen sich ruhmlichst, aber ich darf sagen zum Ueberfluss, bestreben. Denn wir alle gluhen furs Vaterland."

"Euere hochgebietende Herrlichkeit bitte ich, von mir besonders zu glauben, was ich meinestheils von allen diesen Herren versichert bin: dass ich es fur sehr nothwendig halte, die erledigte Stelle mit einem solchen Mann zu besetzen, der einem solchen Amte vollig gewachsen sey. Ich getraue mir auch zu behaupten, dass es in Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden Gebiete an mehreren hierzu tuchtigen Subjektis keinesweges fehle. Die Schwurigkeit ist nur diese, dass keiner von den Wahlfahigen Mannern zu einem Amte welches viel Patriotismus, und Schweiss furs gemeine Beste erfodert, Lust bezeugt. Da nun Ew. Herrlichkeit uns auffodern einen der Wichtigkeit der Sache angemessenen Schluss zu fassen, und mein Rang mich verpflichtet, meine Stimme zuerst zu geben: so bin ich der Meynung, man musse, ehe wir zu einer, ohne diese Vorsicht, vielleicht unnutzen Wahl schreiten, vorher ein unwiderrufliches Gesetz machen, dass jeder Unterthan Seiner Gnaden, der vom geheimen Konseil zu einem Amte ernennet wird, solches unverweigerlich annehmem musse, bey schwerer namhafter Pon, er musste denn solche Grunde vorbringen konnen, die das Konseil selbst fur annehmlich und gultig erkennen wurde."

Hiermit nahm der Herr Kabinetsminister und Schlosspoet seinen Platz wieder ein. Der folgende, Herr General- Ober- Finanz- Domanen- und Oekonomie-Intendant, Herr Georg Detri, ein Mann dessen Art es nicht war viel Worte zu machen, stimmte ganz kurz dem Leibpoeten bey. Herr Staatsminister Peter Fix, als ein Genie, machte schon ein bischen mehr Worte und, obwohl im Grunde mit dem Poeten einig, hatte er doch einige Klausuhle beyzufugen. Die andern Herrn, als der Herr Staatsminister und OberSchloss- auch Land-Jagermeister, der lahme Paul genannt, weil er sich eines Stelzfusses bediente, der Staatsminister und Chef von der Garde du Korps (eigentlich der Schloss-Nachtwachter) Hannes Meyer, u.s.w. gaben ohne Umstande ihren Beysatz. Da also des Leibpoeten Vorschlag alle Stimmen hatte, konnten Monsieur le Premier nicht anders als ihn genehmigen, und Seine Gnaden gaben Dero Assent zu der Bill.

Monsieur le Premier hatten nicht die mindeste Ahnung davon, dass der Poet aus altem Groll gegen Seine Herrlichkeit, und das changeante Genie aus angebohrnen Neid, schon langst unter der Hand alle Glieder des Konseils auf ihre Seite gebracht hatten, um das Sauhirtenamt einen Manne aufzuladen, den der erste Minister unter allen Menschen am wenigsten dazu ernennet haben wurde; und dass dieses Gesetz eine garstige Falle war, die sie Seiner Herrlichkeit stellten.

Als nun das Gesetz formlich zu Papier gebracht und behorig paraphiret war, kam man der Sache nahet und der Herr Premierminister schlug vor, einen ordentlichen Wahlaufsatz von tuchtigen Subjektis zu machen, aus denen man einen Hirten wahlen konne. Der poetische Minister stand abermals auf, und verwarf diesen Vorschlag, indem er folgendes ab Protokollum gab:

"Mit aller Ehrerbietung, welche Votirender vor der Meynung Seiner Herrlichkeit hat, achtet er einen Wahlaufsatz fur desto unnothiger, da in dem ganzen Gebiete Seiner Gnaden nur ein einziger Mann ist, dessen ubrige Geschaffte sich mit einem so beschwerlichen Dienste vertragen. Der Ackermann wurde immer seinen Feld und Gartenbau vorschutzen und das geheime Konseil wurde bey derley Exceptionen acquiesciren mussen, um so mehr, da er mandato generosissimi Domini nostri, samtliche hohe und niedre Landesbediente, von Seiner Herrlichkeit dahin angewiesen sind, den Landbau besten Vermogens zu befordern. Zudem ist der einzige Mann der eifrigste Patriot in Seiner Gnaden ganzem Gebiete, eine Wahrheit die niemand bezweifeln wird, so bald ich ihn genannt haben werde. Seine ordentlichen Geschaffte sind auch von der Art, dass sie sich mit dem Hirtenamte sehr wohl vertragen. Ich werde nicht anstehen ihn zu nennen, so bald es per majora entschieden ist, dass der Aufsatz entbehrlich und unmoglich sey."

Die andern Herren verwarfen einstimmig den Aufsatz, bloss Herr Fix nicht, weil er wohl wusste, dass seine einzige Stimme nichts entscheiden wurde. Doch drang er mit den ubrigen darauf Herr Suss musse seinen Kandidaten nennen. Dieser erklarte sich hierauf also:

"Euere Herrlichkeit, Monsieur le Premier, sind es selbst, die einzig und allein zu dem Amte, dessen Wichtigkeit Sie uns so eben mit aller Wahrheit und Nachdruck schilderten, wahlfahig seyn konnen. Dero Hauptgeschafft ist die Schule, welches ich daher beweisen wurde, dass das geheime Conseil zur Winterzeit erst nach geendigten Schulstunden gehalten wird, wenn es eines Beweises bedurfte. Da nun hiesiger Lande des Sommers keine Schule gehalten wird, und des Winters keine Schweine ausgetrieben wergen, auch Dieselben durch die Schularbeiten zur Geduld hinlanglich gewohnet sind: so gebe ich hiermit mein Votum dem Herrn Premierminister zu der erledigten Sauhirten Stelle."

Dem Ludimagister schwoll der Kamm. Er wollte das Obstat halten, aber umsonst. Herr Suss uberschrie ihn, und behauptete die Wahlfreyheit, verwies ihn auch auf das eben erst gemachte Gesetz. Kurz, der Herr Premierminister und Prasident der historischen Societat ward einstimmig zum Schweinhirten mit dem Titel eines General- Hut- und Weideinspektors erwahlet, und Seine Gnaden konnten nicht anders als die Wahl konfirmiren.

Es blieb dem Herrn Minister nichts ubrig als sich in Geduld zu fassen, und einstweilen die Sache hinters Ohr zu schreiben. Er war genothigt sein neues Bahntje durch seine Frau Gemalinn und altesten Herrn Sohn verwalten zu lassen. Und die Frau Premierministerinn hatte auch eine so vortreffliche Hand zum Huten, dass das Vieh wundersames Gedeihen hatte. Es wahrte aber kein halbes Jahr, so fand Herr Schwalbe eine schone Gelegenheit, es dem Herrn Leibpoeten einzutranken. Der Kusterdienst an der hochadlichen Pfarrkirche wurde vakant, und in Ermangelung eines andern Subjekts musste sich der Herr Schlossnachtwachter, oder Chef von der Garde bequemen, Kuster zu werden, weil er sein Wachterhorn recht taktmassig blies, und eine schone Stimme hatte, die Stunden zu rufen. Da wusste es nun der Pramierminister so zu karten, dass der Herr Leibpoet den Nachtwachterdienst ubernehmen musste.

Wie aber zuletzt mein lieber ehrlicher Pfarrer starb, dessen Geschichte ich mit nachsten auf Subscription drucken lassen werde: da nahm das Indigenat ein Ende, weil in ganz Lindenderg kein Eingebohrner war der Theologie studiret hatte, und das Konsistorium keinen untheologischen Pastor anerkennen wollte.

Drey und Zwanzigstes Kapitel.

Welches noch nicht das letzte in diesem Buche ist.

Seine Gnaden horten aus der Zeitung, dass in Wien ein neues Schauspiel von Stephanie mit vielem Beyfall aufgefuhret sey, und erkundigten sich stracks, was es mit solcherley Dingen fur eine Bewandniss habe. Zu allem Gluck war der Schlosspoet bey dieser Erkundigung zugegen, der im Stande war, Seiner Gnaden hinlangliche Auskunft zu geben, weil Monsieur le Premier es nicht so recht deutlich machen konnten, was eine Komedia und ein Theatrum sey. Der Poet hatte sogar in seiner sehr mignonnen und ponponnen Bibliothek einige theatralische Sachen, die er holen liess, um dem Edelmann das Ding recht begreiflich zu machen. Der dirigirende Minister musste vorlesen, und so erbarmlich er las, fand der gnadige Herr doch an der Minna von Barnhelm so viel Behagen, dass er plotzlich ausrief: Kriege Lust zu den Kram. Hagel noch mal, das ist schnurrig! Manister Lektoris, weiss er was? Will auch ein Triatrum anlegen.

Dem Minister war nicht leicht ein Anschlag zu abentheuerlich; und die zierliche Gerechtigkeit bequemte sich gern zu allem, wobey es Accidenzen gab, und disponirte den Secretar und Verwalter eben dahin. Die Herren beruhigten sich, ausser der Beruhigung die feile Seelen allemal in dem Anwachs der Einkunfte finden, damit, dass das grosste Theil des Lacherlichen, wenn auch das Gerucht davon uber die Grenzen des abgelegnen Gutchens kommen wurde, auf den gnadigen Herrn fiel. Kurz, das Theater ward, wie jede Thorheit, allgemein beliebt. Der Kuhstall, wo die Viehstande rechts und links die naturlichsten Koulissen von der Welt machten, war der Schauplatz. Minna von Barnhelm hatte, als die erste Komodie, die dem gnadigen Herrn vorgelesen war, den starksten Eindruck auf ihn gemacht, also war sie auch die, womit das Lindenbergsche Triatrum eroffnet wurde. Die Frau Schlosspoetinn hatte just einen hysterischen Zufall von grosser Heftigkeit, und konnte nicht mitspielen. An ihrer Stelle musste man sich dann nach einer andern Minna umsehen.

Es lebte in dem Dorfe Lindenberg, im Hause eines Bauren, eine alte ein und sechzigjahrige franzosische Mamsell, aus mir wohlbekannten Ursachen, inkognito vel quasi. Sie hatte weiland zu Prag, der Hauptstadt im Bohmerland, als Franzosinn oder Gouvernante gedienet, sah sich aber genothigt, das Konigreich Boheim zu verlassen, und zog nach Sachsen, in die Polackey, wieder nach Sachsen, nach Braunschweig, Hannover, Magdeburg, Berlin und Spandau; hatte aller Orten merkwurdige Ebentheuer, und lebte jetzt im Pommerlande. Sie hatte, Kasu, das rechte Auge verlohren, konnte aber mit dem linken noch ganz gut sehen, und sprach nicht Kasu stark durch die Nase. Der Edelmann konnte sie nicht leiden, weil sie aus Frankreich war, jetzt aber musste er aus der Noth eine Tugend machen, und diess holde Geschopf reprasentirte die Minna.

Des Edelmanns Haushalterinn, eine feine Matrone, lud sich Franciska auf den Nacken. Sie hatte sich wohl einmal in ihrer Jugend das Sternum entzwey gefallen, daher denn unter ihrem spitzen Kinn ein so merkliches Vorgebirge hervor ragte, dass das ehrliche Weib nicht wusste, wie ihre Knie aussahen: aber das that nichts zur Sache, sie machte darum ihre Franciska flott weg. Die mannlichen Rollen waren nicht weniger gut besetzt. Den Grafen von Bruchsal machte der Edelmann selbst, weil es die vornehmste Person im Stucke war, wiewohl er, als Soldat, auch zum Oberstwachmeister herzlichen Appetit hatte. Da er aber sein Gedachtniss nicht uberladen wollte, fand er fur gut, sein Part, wie ers nannte, aus dem Buche herzulesen, worinn ihn, weil er die edle Lesekunst lange nicht mehr getrieben hatte, der Herr dirigirende Minister fleissig uben musste, so dass er ohne eben sehr oft anzustossen, damit fertig wurde. Den Tellheim machte der Jager mit dem Stelzfusse, und der Herr Schlosspoet den Wachmeister. Der Oberkammerherr Christian stellte den Wirth vor, u.s. weiter.

Er hatte sein Wesen geraume Zeit mit dem Theater. Aber zuletzt, wie denn alles verganglich ist, zerfiel es durch einen witzigen Einfall der Frau Schlosspoetinn. Diese vornehme Dame war zu Zeiten sehr vornehm, und fand es abscheulich tief unter ihrer Wurde, eine Rolle in einem Schauspiele zu ubernehmen. Da man aber doch nicht sein Lebenlang hysterische Zufalle haben kann, ohne sich selbst gewaltig zu inkommodiren, so mussten die ihrigen auch ihre Lucida Intervalla haben. In einem solchen Zwischenraume, da andre Ursachen es foderten, dass sie schlechterdings gesund seyn musste, drang ihr der Edelmann die Rolle der Lise, im Bauer mit der Erbschaft, auf. Diess war sein rechtes Leibstuck, und er beschloss, selbst den Jurgen zu machen. Alles gieng auch recht gut, bis man an die zwote Scene kam, wo Jurgen seine Frau unterrichten will, wie sie sich nun, da sie vornehme Leute geworden, aufzufuhren habe. Hier will Jurgen seine Liese in der Galanterie unterweisen, setzt den Fall, er ware nicht ihr Mann, sondern ihr Liebhaber, und fragt, wie sie sich bey einer Liebeserklarung nehmen wurde? sagt ihr nach seiner Art Douceurs, fallt auf die Knie, und fragt: wat wullt du woll darop seggen?

Lise. Wat ick darop seggen will? Jurren? Ih! wiss un warhaftig, juh! erst stot ick die vor de Pauss.

Sie begleitete diese Worte mit einer so heftigen Aktion, dass Seine Hochwohlgebohrne Gnaden beynahe rucklings ubergeschlagen waren. Als er wieder zu Athem kam, und die ersten Schmerzen uberwunden waren, da hatte man die Wuth des Edelmanns sehen sollen, die durch das laute Gelachter der Dame noch vermehret wurde. Sie unter den Arm gleich einem Bundelchen nehmen, zum Viehhause hinaus fliegen, und die Frau Schlosspoetinn kopflangs in die Pferdeschwemme sturzen, das war geschehen, ehe man eine Prise Toback nimmt. Man hatte Muhe, sie zu retten, denn der tobende Junker wollte sie durchaus ersaufet wissen. Und als man sie dennoch heraus zog, bestand er lange darauf, sie sollte lebenslang im Hundeloche sitzen, und den niedlichen Justitiarius wollte er schlechterdings mit Schimpf und Schande aus dem Schlosse karbatschen lassen. Die vereinigten Furbitten des gesammten Hofes, selbst die dringenden Vorstellungen des Herrn Premierministers waren beynahe zu schwach gewesen, diese strenge Sentenz zu mildern. Der Staatsminister und Generalintendant uber die Taschendruckerey Herr Peter Fix, hatte noch den gesunden Einfall, Seiner Gnaden vorzustellen, es wurde ein grosses Aufsehen in der Welt machen, wenn in allen Avisen stande, Seine Gnaden hatten einen solchen Vorfall selbst und in der ersten Hitze entschieden, ohne Ihr geheimes Kunseihl zu Rathe zu ziehen.

Das machte Eindruck. Die Sache ward dem Konseil ubertragen, und dahin entschieden, dass die Frau Schlosspoetinn in einem Kleide von Sackleinwand mit fliegenden Haaren, barhaupt und barfuss, im grossen Konseil erscheinen, beym Eintritt, mitten im Saal, und drey Schritt vom Sitze Seiner Gnaden, also in allen dreymal auf ihre ruchlosen Knie fallen, das letzte mal liegen bleiben, und in Ausdrucken, die das Konseihl vorher schriftlich eingereicht haben wollte, ihr Verbrechen bekennen, die Gnade Seiner Hochwohlgebohrnen anflehen ...

"Halt da! Blix noch mal, Halt da! rief der Junker, als man ihm den Schluss des Konseils bis hieher vorlas. Streicht das all man aus. Soll mir nicht vors Gesicht kommen, das Thier! Soll mir aus'm Hause! und damit aus."

Dabey blieb es denn. Der poetische Staatsminister verlohr Tisch und Wohnung auf dem Schlosse, und musste sein Quartier im Dorfe suchen. Doch durfte er seine Stelle als Chef von der Leibgarde nicht niederlegen. Ueber diesen Zufall wurden die theatralischen Reprasentationen eingestellet.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

In welchem der Leser nach Belieben Abschied von

Seiner Gnaden nehmen kann.

"Hor er mal, Manister Fix Aviseninspekter, druck er mir mal 'n Dingschen, wo in steht, dass ich alle Tage um 4 Uhr Nachmittags an jedermann offentlich Audienz geben will. Kann sichs von dem Manister Lektoris man aufschreiben lassen."

Zu dienen Ihr Hochadlichen Gnaden.

"Hor er mal, und lass er das an alle meine Unterthanen austheilen. Sollen man alle zu mir kommen, wer was zu klagen oder zu bitten hat."

Ja Ihr Gnaden.

Darinn ahmte der Junker dem Pabste nach, von dem ihm aus der Zeitung vorgelesen war, dass er um 4 Uhr jedermann vor sich liesse. Ihm dunkte diess sehr gut fur sein Land und Leute. Als ihm der Zettel gebracht und vorgelesen wurde, der sich mit den Worten anfieng: Seine Hochwohlgebornen Gnaden u.s.w. rief er: "Halt da! streicht das man aus, und setzt Exlens fur hin. Das ist kurzer, und da ich in das Minnastuckschen doch Graf war, kann das man mein Titel bleiben. Nicht wahr, Manister Ordinari, brauche mir da keinen Schrupel uber zu machen?"

Ganz und gar nicht, Eu'r Excellenz.

Hier konnten wir fur diesesmal unsre Nachrichten von dem ehrlichen Edelmanne im Pommerlande beschliessen, und was mehr von ihm zu sagen ist, (das denn ein wenig mehr ins Grosse lauft, da Seine Excellenz bey aller Ihrer Grossmuth und Grillen bey weiten ihre Einkunfte nicht verzehrten, und, da der Ueberschuss sich sehr gehaufet hatte, denselben zum Ankauf mehrerer Guter verwendeten;) auf ein andres Buchlein versparen: aber der Orden, den er stiftete, scheint uns so merkwurdig, dass wir ihn nicht wollen verlohren gehen lassen, wenn wir ja vor Vollendung des andern Buchleins aus dieser Welt scheiden mussten; denn mit einem altlichen und schwachlichen Autor ist es, wie mit jedem Menschen, oftmals bald gethan.

Wir machen hier zwar einen Sprung bis in die letzten Tage Seiner Excellenz, aber das ziehen wir uns dermalen gar nicht zu Gewissen, da wir in diesem unsern ersten Siegfriedbuche uns uberall an die Chronologie nicht sehr gefesselt haben.

Der Edelmann horte demnach kurz vor seinem Ende, da er schon so alt war, dass er mit dem Kopfe wackelte, dass ein doppelter Orden, ein silberner verguldeter, und ein blosser silberner, mit verhaltnissmassigen monatlichen Einkunften, fur brave Soldaten gestiftet sey. Diese Idee gefiel ihm herzlich. Er kunstelte mit seinem Konseil gar lange daran, sie nachzuahmen. Endlich erfand er fur verdiente Leute einen lakirten und einen nicht lakirten Orden. Die Mitglieder des ersten hatten monatlich einen Tag frey Danziger und Knaster; und dir des zweyten, einen Tag frey Bier und Kardues.

Und hiermit rekommandiret sich Junker Siegfried von Lindenberg, bis aufs Wiedersehen, dem gunstigen Leser zu geneigtem Andenken.

Funf und zwanzigstes Kapitel.

Mein moralisches Kapitel.

Predigen mag ich nicht gern. Es ist auch meines Amtes nicht. Aber in jedes Buchlein das ich schreib, mogte ich doch gern hie und da eine gute Lehre in ein und andern Winkel verstecken, und eine Decke von Filet davor hangen, dass, wer am Mittage ohne Licht sehen kann, was hinter dem Vorhang war, leicht finden konnte. So hab ich es auch in diesem Buche zu machen mich besten Vermogens bestrebet. Da diese Art aber manchen Leuten die durch ein bischen Filet nicht sehen konnen, nicht recht seyn muss, weil sie wo nicht Predigten, doch eine Hauptlehre worauf jedes Theil des Ganzen zielt, wie alle Nadii eines Cirkels ins Centrum, verlangen, welche am Ende des letzten Kapitels ein bischen Handgreiflich angezeiget seyn soll: so muss ich diesen Leuten wohl in etwas zu Gefallen seyn, und eine mit durren deutlichen Worten ausgedruckte Lehre hersetzen, obwohl sie aus meinem Buche in keine Wege herzuleiten ist, und weder jedes noch uberall ein einziges Kapitel auf dieselbe, wie der Radius auf das Centrum zielet.

Diese meine Lehre lautet aber also:

Rauche nicht stracks auf die Mahlzeit Tobak, sonst ziehst du die Indigestionen zu.

Nun sage mir kein Mensch mehr, dass man aus meinen Schriften nichts lernen konne!

Letztes Kapitel.

Welches so kurz ist, und den Leser so wenig angeht,

dass es nicht der Muhe lohnt, den Inhalt druber zu

setzen.

Und nun, mein Buchlein, du meiner Hande frohliches Werk, sende ich dich in die Welt. Die freundliche Muse unter deren Lacheln ich dich gebahr, wolle dich auf deinem Pfade durch die Hande unzahliger Leser geleiten, ehe du den Weg alles Papiers gehen musst! Das ist mein vaterlicher Segen, den ich dir mit auf die Reise geben. Halte du, weil ich das Inkognito beobachte, dich darum nicht fur ein Vaterloses Kind noch fur einen verlassnen Waisen; ich schame mich deiner nicht. Dulde es, wenn jemand dir sagt, deine Nase sey schief, oder du hattest viel Sommersprossen und Leberflecken; ich will es auch dulden; denn, gesetzt was doch nicht immer seyn wird der Jemand hatte Unrecht, so wirst du darum keinen einzigen Flecken kriegen den du nicht wirklich mit auf die Welt gebracht hast. Sagt aber jemand, du seyst ein Bosewicht, dann sollst du sehen, das du nicht Vaterlos seyst. Oeffentlich will ich dich dann fur mein Kind erkennen, deine Sitten deren Unschuld ich am besten kennen muss, vertheidigen und rechtfertigen, deine Ehre retten, und deinen Verlaumder zu schanden machen.

So zeuch deine Strasse in Friede! Den Allerdurchlauchtigsten Grossmachtigsten, Gnadigsten, und so herunter jedem Leser bis zum ehrbaren Burger magst du, ohne auf Rang und Stand zu sehen (wir sind alle Menschen) meinen freundlichen Gruss entbieten; den Kritikern begegne hoflich und lehrbegierig; sie konnen deine Nase, wenn sie wirklich schief ist, vielleicht gerade rucken, oder dir wenigstens ein Mittel wider die Leberflecken und Muttermaale sagen, und das nimm mit Danke an. Die Kritikaster und Kritikakler magst du meinentwegen uber die Schulter ansehen; und die Buben, die ehrlichen Schriftstellern strassenrauberisch und meuchelmorderisch, a la Anzeige, aufpassen, wo du einen solchen findest, und wenns in der angesehensten Gesellschaft ware, so reiss ihm die Maske ab, und tritt ihn unter die Fusse. Ich will dir beystehen, und dich schutzen, wenn's auch wieder den General dieses leichten Gesindleins ware.

Fuhre dich, wo moglich, so auf, dass ich dich zum zweyten mal ausschicken konne. Suche in solchen Hausern einzukehren, wo irgend ein guter Mensch unter seiner Burde seufzet, und versuchs, ob du ihm sein Bundel ein wenig leichter machen kannst. Dann bist du in meinen Augen ein verdienstvolles Geschopf. Sey gegen jede ehrliche Seele so heiter, dass keine Falte der Stirn gegen dich bestehen konne. Nur, wenn du etwa ihrem Grabe nahe kommst, dem stillen einsamen Hugel unter welchem sie schlummert, die mir so schnell entrissen wurde! die ich schmerzlicher verlohr, als der welchgeschaffne Jungling sein zartliches Madchen; schmerzlicher, als der fuhlende Mann die geliebte Mutter seiner Kinder! um die ich klagen werde, so lange ich klagen kann! Kommst du zu dem Grabe dieser Theuren, zu dem ich jezt traurig eile, so verstumme deine Freude! so schalle, durch dich erweckt, kein Lachen! so wandle die Muse der ich dich empfahl, und bei dich wenn du grosser wirst, ich sehe es vorher, zu dem ehrwurdigen heiligen Hugel fuhren wird, ihr freundliches Lacheln in frommen Gram.

O! dass du allein mich hier verstehst!

Aber, geh in Frieden!

Siegfried von Lindenberg

Inspicere, tanquam in speculum, in vitas omnium

Suadeo, atque ex aliis sumere exemplum sibi.

Terent.

Erster Theil.

(Zweyte rechtmassige, und durchgehends

geanderte Ausgabe.)

Vorrede zur zweyten Ausgabe.

Dem Himmel sey Dank, lieber guter Leser! wir sind uns nun nicht mehr so fremd, als da ich mit meinem Siegfriedbuchlein zum erstenmal ins Publikum schritt. Du glaubst nicht, wie behaglich mir das sey, mir, der ich nirgend lieber als unter alten Bekannten bin, dass ich, da Du mit dem, was ich Dir nach meiner Wenigkeit in gedachtem Werklein aufzuschusseln vermogte, so ziemlich freundlich furlieb nahmst, nunmehro Deiner Majestat, Durchlaucht, Hochgebohrnen, oder Hochedlen was Du nun gerade bist, als ein alter Bekannter treuherzig die Hand bieten kann.

Zwar, warest Du und das kann sich gar wohl zutragen, da ich diesen meinen neuen ersten Theil so gut als den alten, und auf eben den Fuss, dem guten biedern Nicolai und der hohen Ottomanischen Pforte hiermit, respektive ergebenst und in tiefster Devotion, dediciret haben will; warest Du also gerade eine Majestat, so mogte mancher, der noch nicht weiss, wie kordat die Schriftstellerchen heuer mit Konigen und Kronprinzen in Buchern, Vorreden und Dedikationen zu reden pflegen, es fur sehr zutappisch erklaren, dass ich so antik und Deutsch Dir die Hand biete. Aber mogen sie doch, lieber Sultan! Wenn nur Deine Majestat sich nicht dran stosst, so mag sich meinetwegen die eingebildete Majestat jedes Mufti, Iman, Thorschreibere, Kommissionsraths, oder wer sonst wahnet, ein rechtschaffner Mann ehre ihn mehr durch einen krummen Rucken als durch einen biedern Gruss, dran stossen. (Diese Leutlein kennen meine Art nicht: wem ich die Hand biete, von dem hab ich sicher eine gute Meynung denn ich halte meine Hand ein wenig in Ehren, einen neuen Hut aber kann ich fur etliche wenige Gulden wieder kaufen, drum nehm ichs mit dem nicht so genau.) Da wollt ich ohnehin drauf schworen, dass ich uberall schiedlicher und friedlicher mit Dir aus einander kommen werde, als mein erstes Siegfriedbuchlein mit den Einwohnern eines kleinen Fleckens im Lande zu Schwaben. Denn, wir konnen nichts mit einander auszumachen haben, sobald Deine Majestat wie sie denn ohne die grosseste Ungerechtigkeit nicht anders kann sich nur versichert halt, dass ich Dich, obgleich Du Sultan bist und ein Muselman, wegen des wichtigen Postens eines Monarchen, welchen Dir eben der Gott vertrauete, der dem Muselman so wohl als dem heiligen Vater zu Rom und dem Oberrabbiner zu Berlin Leben und Daseyn gab, eben so herzlich ehre, als wenn Du der Allerchristlichste Konig warest, wenn Du anders, wie ich zu Deiner Kaiserlichen Majestat das veste Vertrauen habe, ein guter Mann bist. Und nimm mir das nicht ubel, grosser Sultan! ein guter Mann zu seyn, ist Deine Schuldigkeit nicht mehr und nicht weniger, als es die meinige ist. Zwar giebt es einige Leute, die dafur halten, je grosser und vermogender einer sey, desto mehr sey er verbunden, ein guter Mann zu seyn: ich aber mogte wohl horen, womit sie das beweisen wollten? Denn ich, der ich das Gluck habe, kein Konig zu seyn, war, so lange ich Rechts und Links unterscheiden konnte, steif und vest der Meinung, es sey, was diesen Punkt betrift, keiner von allen, die aus Noah's Kosten herstammen, vor dem andern von Gott mit einem vorzuglichen Berufe begnadigt; und hier ist mein Beweis, von dem ich wohl einmal wenn Dirs nicht zu viel Muhe macht, zu erfahren wunschte, ob er Deiner Ottomanischen Majestat einleuchtet. Der Sultan, sag ich, ist Mensch, ehe er Sultan, und der Bettler ist Mensch, ehe er Bettler ist. Mensch ist also hier die Hauptsache; Despot oder Bettler sind zufallige Nebenumstande. Da nun gut seyn, so sehr er kann und vermag, des Menschen Pflicht ist, (cf. Bibel, Koran, und Vernunft,) und der Bettler so wohl vom Weibe gebohren ist, als der Sultan: so fliesst daraus der Schluss, dass einer wie der andre all sein bischen Kraft anstrengen musse, so gut als moglich zu seyn. W.Z.E.W. Alles, was Deinesgleichen voraus haben, ist, dass jede Minute ihres Lebens ihnen Gelegenheit giebt, zu beweisen, dass sie gut sind; da im Gegentheil der Bettler oft sein ganzes Leben hindurch vergebens auf eine unzweydeutige Gelegenheit warten kann, darzuthun, dass Adel der Seele vielfaltig mit Durftigkeit gepaaret sey, und achte Grosse und Gute des Herzens gar wohl unter einer Hulle von Lumpen wohnen konne. Aber das ist auch vielleicht das Einzige, was Deinesgleichen neidenswerth macht (wenn ihr bey allen eueren Lasten und Sorgen, und der schweren Rechenschaft, die ihr vor dem Throne des ewigen Monarchen zu geben habt, uberall neidenswerth seyd ) und stehet der Wahrheit nicht im Wege, dass der Mann in Lumpen obgezeigtermassen einerley grossen Beruf mit Euren Majestaten, Durchlauchten, Hochgebohrnen, u.s.w. habe. Bist Du also, wie ich sagte, uberzeugt, dass ich, unbekummert, ob Du und Deine Unterthanen beschnitten oder unbeschnitten sind, in Dir den Gesalbten Gottes ehre, den Mann, den die Vorsehung mit der Gewalt rustete, Millionen meiner Bruder glucklich oder elend zu machen: so wusst ich nicht, was wir mit einander zu theilen haben konnten. Indessen, was dickgedachter Marktflecken im Lande zu Schwaben mit mir und meiner unbedeutenden Autorschaft zu theilen haben konnte, wusst ich eben so wenig, und doch erhoben einige Leutchen in demselben den Kamm, und kraheten so laut, dass ich, zu Handhabung der Gerechtigkeit, bey nachster Gelegenheit doch wohl einmal nachsehen muss, ob nicht ich irgend etwas mit ihnen zu theilen habe? und ware das der Fall, so wunsch ich herzlich, es moge das, was auf ihr Part kommen wird, ihnen keine Indigestionen verursachen.

Aber vielleicht amusirt es Deine Majestat und befordert Dir die Digestion, wenn ich Dir das Dohnchen wenigstens zum Theil erzahle. Und weil es leichtlich zu Etwas gut seyn kann, wenn du an dem Tage, da Dir diese meine renovirte Dedikation zu Gesichte kommt, gut verdauest sollte Dir auch nur ein von allen Menschen und Freunden verlassner oder unterdruckter armer Teufel (traue das meiner Weltkenntniss, die ohne Zweifel, so gering sie ist, ein bischen mehr umspannt, als die Weltkenntniss aller Sultane zusammen genommen, solchen Leuten bist Du die mehrste Aufmerksamkeit schuldig, weil die Grossen und Reichen schon fur sich selbst sorgen werden, und die Dummkopfe und Schurken vom Himmel versorgt zu seyn pflegen;) ein Memorial prasentiren, oder ein von Buben kommentirter Autor ein Buch dediciren so that ich Sunde, guter Sultan, Deiner Hoheit das Geschichtchen vorzuenthalten. Ich erzahle Dirs ubrigens ohne allen Eigennutz, und will eben nicht, dass Du mich aus Dankbarkeit, dass ich Dich zu amusiren suche denn ich weiss, ihr Sultane seyd sehr erkenntlich zum Bassa von einem Vierteldutzend Rossschweifen ernennest, wie weiland einer von Deinen glorwurdigen Vorfahren dem Bassa Bonneval that, der ihn eben nicht amusirte.

Dass ein saubergebundnes Exemplar meines Buchleins nach Konstantinopel kam, war nun wohl kein Mirakel, weil mein damaliger Verleger Deiner Majestat das Dedikationsexemplar zugefertiget hat. Aber, wie sich mein Werkchen in die Hande gewisser Schwabischer Leser verirret haben mag, das wurde mir vielleicht in eben dem Maasse zu rund seyn, als diesen Lesern meine Schrift, wenn ich mich nicht ein wenig besser aufs Quadriren verstande, als diese Leutlein auf Bucher. Doch, im Grunde verschlagt mir das auch nichts; und gesetzt auch, es lage mir so viel an diesem Wie? als meinem Nachbar, so findet sich wohl an einem andern Orte Gelegenheit davon zu reden. Genug, mein Buchlein kam durch Vorschub einiger Leute, die was bessers hatten thun mogen, als ihr ohnedem schon vollgerutteltes Sundenmaass zugleich mit dem der armen Sunder im Schwabischen Kraise zu haufen, vermuthlich unter einer Partey kontrebander Waaren, in jenen Winkel des Landes zu Schwaben.

Nun residirten unter dem Thore des Oertleins ein kleines winziges Ding von Visitaterchen, und ein grosser Lummel von Thorschreiber. Umgekehrt war's besser gewesen: aber es war nun so. Dieser mogte Kammerdiener bey einem Deutschfranzosen gewesen seyn, denn er franzosirte excellent. Jener, das weiss ich gewiss, war etliche Tage in Gesellschaft eines Savojarden, dem eine Marmotte sein tagliches Brodt bescherete, gewandert, und hatte dem lustigen Burschen ein Paar Bissen Italianisch abgestolen, mit welchen er wundersam stolzierte, und kecklich vorgab, er habe Florenz und Rom und des heiligen Peters ganzes Patrimonium gesehen.

"Corpo di Bacco! sprach der Visitator zum Thorschreiber, was ist das? S, i, e, g. Sie; f, r, i, e, d, vert, Sievert von Lindenberg? Che mi venga la rabbia, Herr Konfrater, wenn ich weiss, ob ich das Dings einpassiren lassen darf! Sievert von Lindenberg! Cospetto! das konnte wohl gar auf unsers Herrn Gerichtsschultheiss Gestrengen gehen, denn es klingt akkerat als Sievert von Lunzelberg."

"Parbleu! that der Thorschreiber repliciren. Vous avez verdammt viel Kopf, Monsieur Confrater! 's Teufels bin ich, wenn Sie nicht alle Tage kapabel waren, Thorschreiber zu werden."

"Vossignoria belieben zu scherzen, Herr Konfrater! Aber ..."

"Je me donne au diable, wenns nicht mein Ernst ist, Herr Konfrater! Malpeste! Vous n'avez pas l'esprit bouche."

"Nu, nu kann seyn. Aber mit vostra licenza, Signore Confratello, dass ich nach Ihrer Meynung frage: was denken Sie, soll ichs einpassiren lassen?"

"Eh! Vertu de ma vie! pourquoi non? vor allen, wenns wirklich auf den Gerichtsschultheiss gehet. Pardi! lassens immer passiren. u.s.w."

Die beyden Esel beleuchteten das Ding noch ein wenig, und bekonfraterten einander nach der Tablatur, bis zuletzt der skrupulose Visitator, der so schon buchstabiren konnte, die Argumenta des politischen Thorschreibers, der so gern franzosisch sprach, goutirte; und so kam das Buchlein in den Ort. Aber die Untersuchung des Gesindels im Thor war doch noch fruher hineingekommen, und schnell wie ein Lauffeuer lief das Gerucht von Schnabel zu Schnabel, von Haus zu Haus: es sey ein leidiges, verdammtes, vermaledeietes Ding von einem Buche angekommen, worinn das ganze Oertlein Mann fur Mann auf eine unerhorte Art seinen Lex bekame.

Ich entsinne mich, wohl eher an der Stubenthur einer Dorfschenke einen zierlichen Holzschnitt gesehen zu haben, auf welchem eine ganze Gemeinde mit Spiessen und Stangen, schwerem und leichtem Geschoss, Heugabeln, Dreschflegeln, und allem gerustet, was nur irgend eine Trutzwehr vorzustellen bastant ist, zu Felde zog wider einen Rochen.1 Sogar, wenn ich nicht irre, war auch der Priester mit Sprengwedel und Weihkessel, und geweiheten Kerze bey der Hand, den argen Feind zu exkommuniciren. Wer weiter keine Waffen hatte, brachte wenigstens ein ungezogenes Maul mit und schamlose Sitten. Naturlich so gemahnen mich die Herren aus jenem Winkel des Schwabischen Kraises, denen wohl ein Buch ein eben so fremdes Ding seyn mag, als jenen Bauren, deren Heimath der Holzschnitt nicht angiebt, ein ehrlicher Seefisch. Denn, schauts! die Vater des Fleckens in ihren grossen Peruken und Amtsmanteln thaten halter auf dem Stadthause drob deliberiren; der liebe geistliche Herr zog sich das Ding zu Gemuthe; die Bethschwestern vergassen Schmolken und Verlaumdung; Ursula errothete zum erstenmal vor ihrem Wucher, und schlug klaglich, mit einem: Ach, Herr Jesus Christus! die Hande uber den Kopf zusammen; und zusammen steckten ihre schaalen Kopfe selbst, in der Schumacherherberge und dem Schneidergildhause, halter die weisen Kannengiesser unter den ehrsamen Burgersleuten. Kurz, die Kreti und Plethi kakelten unter einander; die Spinnstuben schallten wieder; in den Wochenstuben horte man nichts anders; bey den Gevatterschmausen wars halter der ewige Fladen; die Stricknadel wackelte nicht, die Spindel stand still, und, schauts, der Eimer am Born blieb schweben. Das war ein Gehaltre und Geschautse vom Henker! Jeder wusste haarklein alle die heillosen Dinge, die in dem Buche nicht standen; wusste auf ein Haar, von wem der Edelmann seinen Sarras, der Justitiarius sein Kartonhutlein, und der Ludimagister seinen Dornstock entlehnt habe; wusste auf ein Haar, dass Freundschaft, Rechtschaffenheit, Achtung gegen wurdige Manner, und was weiss ichs? von dem ruchlosen Verfasser dieses ehrvergessnen Buchs gottloser Weise unter den frevelnden Fuss getreten waren; wusste, dass Staat und Menschenliebe, Kaiser und Konige, Ludwig der sechzehnte und die Grafen von Reuss, und ich glaube wahrhaftig gar der liebe Gott oben drein, argerlich und lasterlich in dem giftigen Buchlein angetastet waren. Ein Duns erzahlte die neue Mahr dem andern Dunse, und, schauts! bey allen thats halter so glatt hinunter gehen, als wars ein Fadensupple Zwar trat ein Biedermann auf, nahm eine Priese aus seinem Riechbuchsle, bot den Umstehenden desgleichen, und bewies: es sey der Menschheit nit sonderlich ehrsam, dass eine Menge Menschen sich selbst herabwurdige, bloss in Meinung und Absicht einen andern herabzuwurdigen, und was das Abgeschmackteste sey, alles das auf Horensagen, alles das auf Treu und Glauben etlicher Laffen, die im Thore eins und anders aus dem geistreichen Dialog der beyden Genies aufgeschnappt, und bey der Gelegenheit etwa hie und da ins Buchl hineingeklotzt haben mogten. Aber das war in den Wind geredet.

Unterdessen nun, lieber Sultan, dass das Getratsch so einige Tage dauerte, lief allmahlich das Buch von Hand in Hand, und einige Leute verwendeten sogar die etlichen Groschen an ein eignes Exemplar, welches sie um so leichter erhalten konten, da ein wohldenkender Mann zu Leipzig aus treuem Eifer furs gemeine Beste so ehrlich es mit dem Verfasser meynte, durch einen Nachdruck die Exemplare der ersten Ausgabe zu vervielfaltigen, die der Verfasser aus weit besserem Eifer furs gemeine Beste in einer ersten Ausgabe nicht vielfaltig haben wollte. Da sah denn nun allerdings, wer Augen hatte zu sehen, dass das Buchlein unter dem Zuschnitt eines Romans nichts weiter sey, als ein menschenfreundlicher Versuch, denen, die trauriges Herzens sind, ein halb Stundchen wegzuscherzen, dessen Verfasser allem, was Gut und Gross ist, gern und freudig Gerechtigkeit widerfahren lasst, ob er gleich hie und da uber das seruum pecus imitatorum sein Gelachter hat, hie und da der Buberey einen Rippenstoss giebt, und der Geckenhaftigkeit ihr Schellchen an das Kappchen heftet. Man sah, dass er sich bemuhe, aus der Welt hinauszulachen, was unsre Weisen hinausmoralisiren, und unsre Eifrer hinauspoltern wollen; dass er da und dort eine nicht unerhebliche, und unter andern den Eltern vorzuglich die Wahrheit predige, es sey nothwendig, den Charakter und die Anlagen ihrer Kinder sorgfaltig auszubilden und zu entwickeln, oder durch Leute, die dazu tuchtig sind, ausbilden zu lassen, im Fall sie selbst sich zu einem so wichtigen Geschaft zu schwach fuhlen; dass er zeige, man konne bey der edelsten Geburt und ungeheuren Glucksgutern, selbst bey der herrlichsten Anlage und dem treflichsten Herzen, ohne Bildung und nothdurftige Kenntnisse nichts anders als ein lacherliches Original und ein Spiel der Buben seyn. Man sah ferner, dass der Verfasser unglucklicher Weise ins Wespennest der Thoren stohre, und andre dergleichen gar lobliche Dinge mehr, welches alles Du, weiser Sultan, ebenfalls gesehen haben wirst. Man sah auch, dass es seine Art sey, alles mit lachendem Munde zu sagen, und dass er sich in seiner Vorrede und sonst wider Buben und desgleichen hinlanglich verwahret habe. Aber kein einziger verstandiger und redlicher Mann sah in irgend einem Winkel des Buchs ein Tittelchen, weswegen dem Verfasser, sogar unter dem willkuhrlichsten Despotismus eines Bassa in einer der Provinzen Deines grossen Reichs, auch nur Ein Haar gekrummet werden konne, geschweige denn im heiligen Romischen Reiche, in Pohlen (obgleich der bose Skribent dieses Land argerlicher Weise die Polackey nennet,) in Schweden, Dannemark, Berlin, Paris, der Moskowiterey, u.s.w. Kein vernunftiger Mann bemerkte, dass der Verfasser uber Kaiserliche, Konigliche und Furstliche Verfugungen spotte; wohl aber sahen sie, dass er den Kindern die Ruthe gebe, die Gefahr liefen, in Grossvaters Pantoffeln zu stolpern und das Naschen zu quetschen, indem er die flachen Kopien achter Grosse, die aufgeblaheten Frosche neben dem Stier, zurecht zu weisen suche, die von der Spitze ihres Misthaufens soviel zu ubersehen glauben, als vom Gipfel des Blocksberges; die oft aus guter Meynung, oft aus Baurenstolz, oft aus Unverstand mit wirklicher Grosse des Charakters verbunden, in ihren armseligen vier Pfahlen, und in dem Bezirk ihres Dorfleins den Monarchen machen, was im Grossen moglich ist, im Kleinen fur moglich halten, auf dem Schlosse Lindenberg einen Staatsrath errichten, und in einem abzuspannenden Dorfchen das Indigenat einfuhren, ihr Geld zu Stiftungen und Anstalten vertandeln, wodurch in der Welt das heisst hier: in dem Cirkel, der sie umgranzt, nichts gebessert wird, u.s.w. Man sah, dass er sich bemuhe, in ein und anderm auffallenden Exempelchen zu zeigen, wie klaglich es einem Manne von Stande, Vermogen, und einiger Bedeutung stehe, wenn es in seinem Hirn so ode und leer ist, dass man seine liebe Noth hat, ihm die fasslichsten Dinge begreiflich zu machen, u.s.w. Man sah, dass er es fur ein ganz gutes Ding halte, Genie zu haben, obgleich er es sehr abgeschmackt finde, wenn Tolpel, Windflugel, Schwatzer und Hasen sich dunken, Genies zu seyn; obgleich er spotte uber die Buben, die ihre Buberey, uber die Gecken, die ihren Wurm, uber die Schmierer, die ihre platten Fratzen, uber die Tappse, die ihre Eseleyen, uber die Handelecker, die ihre Hasenhaftigkeit fur Zuge des Genie geben, und uber die Laffen, die, unbekannt mit den ersten Grundlinien irgend einer Disciplin, sich dem toleranten Publikum als Kunstrichter aufdringen, Schriftsteller, deren Superioritat sie fuhlen, mit ihrem Geifer bespritzen, junge Leute, die oft nicht ohne Kopf und Talent sind, abschrocken, den noch nicht festen Leser irre fuhren, und zu urtheilen glauben, wenn sie eigentlich nur mit ihren langen Ohren gewackelt haben. Man sah, dass er mit einigem Gewicht uber dergleichen Gesindel herfiel, und, wer sich hellen Kopfs und reinen Herzens fuhlte, der bedaurte nur, dass der Verfasser nicht schwerer wog oder wiegen wollte.

Alles das und mehr dergleichen Dinge, ganz erlaubt zu sagen, und fur Tausende gar erbaulich zu lesen, fanden gescheute und redliche Leute in dem Buchlein, weil sie wirklich drinn standen. Und eben weil sie redlich waren, ubten sie die Gerechtigkeit, die man jedem Schriftsteller schuldig ist, nichts in sein Buch zu legen, was er ganz augenscheinlich nicht hineingeleget hatte.

Ganz anders aber nahmen sich die Genies, das luftige Volklein der Windmichel und Hasen, der kleine Visitator, der so viel von Italien erzahlte, der grosse Thorschreiber, der so gern franzosisch sprach, der liebe geistliche Herr, die Kreti und Plethi, und die tratschende Akademie der Wissenschaften im Schneidergildhause. Sie hatten nun das Buchlein nach Herzenslust begaffet, bekopfschuttelt, beachselzuckt, und mit ihren schmutzigen Fingern besudelt, auch sogar berandglosset, und nun war dieses ganze kopflose Hauflein Ein lebendiger Kommentar uber mein armes Buch, das sich der Ehre nicht werth hielt noch versehen hatte. Es war ein naturliches Hexenfest in dem Oertlein. Jeder war geflissen, sein Schwefelholzchen herbeyzutragen, um den Scheiterhaufen zu vergrossern, den ich ruchloser Mann, dem nichts heilig ist, verdienet hatte. Und, ohne Ruhm zu melden, der liebe fette geistliche Herr machte die giftigsten Kommentarien unter allen, denn, seine Frau hatte ihm gesagt, und seine Amme hatte es bestattiget, mein Buch sey gar ein gottloser ehrenschanderischer Quark von einem Buche.

Eine grosse, feiste, vierschrotige Excellenz glaubte sich in der Person des Pommerschen Junkers wie in einem Spiegel zu sehen, und drang beym ehrbaren des Oertleins Rath ernstlich auf ein Verbot meines Buches.

Ihro Excellenz erwiesen mir viel Gnade, dass Sie es nicht durch den unehrlichen Appendix der lieben Justiz verbrannt wissen wollten, und mich effigialiter dazu. Ich bin sehr fur Worter, die sich in iter endigen. Da Ihro Excellenz freylich wohl zu allen Schwachheiten und Mangeln meines Freundes, des guten Siegfried, aufgelegt seyn mogen, aber keine Spur seiner schonen Seele, seines grossen herrlichen Charakters, seines Stolzes, der bey aller Unwissenheit des Mannes edel genug ist, an sich haben: uberdem, da mein Freund keine grosse, feiste, vierschrotige Excellenz, sondern ein schoner, wohlgewachsener Mann, von schlankem Wuchs, sehr edler Stellung, und majestatischem Ansehen ist: so kann ich Ihro Excellenz unmoglich die Ehre erwiesen haben, Dieselben zu schildern. So verschieden sind nicht Nachteule und Adler, als diese Excellenz und der Junker. Dunkt Dich das nicht auch, weiser Sultan?

Wo ein paar Leute einander in den Weg kamen, wars die erste Frage: "Haben Sie den Siegfried gelesen?" Ja! "Nun?" Je nu! ich denke, schauts! unter allen hat er meinen Nachbar dort im Eckhause am besten getroffen. "Schauts! mei Six! Aber das Peterl ist doch mit Haut und Haar der Hofrath **." Das Peterl hm? Habs nit drinn abselvirt Das Peterl? das Pet .... Ah! nu bin ich dran. Meynen das Fixerl! Ists nit? Mei Blut! Nu Sie 's sagen, ist mirs warli, als wenn ich den Hofrath leibhaftig vor mir hatt'! Das Buch muss hier im Stadtel geschrieben seyn, u.s.w.

So half immer ein Tapps dem andern auf die Sprunge. Aber, dass irgend einer in seinen Busen gegriffen, gesagt oder nur gedacht hatte: "Das bin ich! an diesen Zugen erkenn ich meine Buberey, meine Narrheit! Dank sey dem Schriftsteller, der mir mein eignes Herz aufschloss! ich will mich bessern!" davon, lieber Sultan! ist mir nichts zu Ohren gekommen. Und, bey Gott! das hatte mir mehr Lohn seyn sollen, als wenn mir mein Buch eine Million eingebracht hatte. Denn was ist eine Million, die ich doch fruh oder spat zurucklassen muss, was ist ein Konigreich gegen ein Verdienst, das mich durch alle Ewigkeiten begleiten wurde?

Ich wurde so bald nicht fertig werden, wenn ich Deiner Majestat alle die Armseligkeiten vorlegen sollte, und alle die Bosheiten, die bey Gelegenheit des Siegfriedbuchleins zu Tage gefodert sind, und nach dem Willen jener Leute auf mein Konto laufen sollen. Nur die unbedeutendsten, die unschuldigsten hab ich ausgehoben; denn was die hamischen Kommentare meines Gonners, des lieben geistlichen Herrn, der mich nicht kennt, und den ich nicht kennen mag, betrift, so respektire ich theils mich und meine Feder, theils das Ohr und die Person Deiner Majestat zu sehr, als dass ich hier solchen giftigen Plunder mustern sollte.

Was ich den Herren im Lande zu Schwaben sagen werde? Nichts, grosser Sultan! Nichts in der Welt, kein Wort, kein Jota! Willst Du aber, dass ich mit Dir ein wenig uber die Sache sprechen soll ausser allem Zweifel kann ich keinen unbefangenern Leser haben, als Dich, obgleich mein Freund Siegfried Dein Serail nachahmen wollte, weswegen mich aber Dein Mufti so wenig als Dein Hofderwisch in den Bann thun, oder bey Deiner erleuchteten Majestat versuchsschwanzen wird so bin ich bereit zu gehorchen.

Ich bin also der Meinung, dass den Herren im Stadtlein zu Schwaben jeden sein eignes heimliches Geschwur jucken musse. Denn Horaz sagt schon:

Quemuis media arripe turba;

Aut ab auaritia, aut miser ambitione laborat.

Hic nuptarum insanit amoribus, hic puerorum:

Hunc capit argenti splendor, und so weiter,

Omnes hi metuunt versus, odere Poetam.

Foenum habet in cornu! longe fuge! dummodo

risum

Excutiant sibi, non hic cuiquam amico, etc.

Ich wundre mich also gar nicht, wenn die Herren mich anfeinden und mein Buch furchten. Eben dieses Quemuis media arripe turba des Menschenkenners ist Burge, dass mein Buch, so wie ich es geschrieben habe, wenn es in Rom zu den Zeiten der Pisonen heraus gekommen ware, seine Kommentatoren gefunden haben musste, weil man ohne Muhe von jedem meiner Originale dort Kopien in Menge angetroffen haben wurde; eben das wurde geschehen, wenn ich tausend Jahr spater lebte und schriebe. Denn es stehet nicht zu hoffen, dass binnen hier und tausend Jahren die Zunfte der Buben und Gecken so ganz aussterben werden, dass nicht in jedem kleinen Stadtlein noch so viel ubrig bleiben sollten, als nothig sind, jede Schellenkappe, die in meinem Buche vorkommt, wohl mehr als Einem Kopfe anpassen zu konnen.

Ich wundre mich auch nicht, dass die Herren sich versichert hielten, mein Buch sey dort im Stadtel geschrieben, und es ist mir lieb um des Stadtels willen; denn (wiewohl mirs leid thate, wenn ein Unschuldiger jenen Herren bis jezt an meiner Stelle zum Sundenbock gedienet hatte) es kann immer fur einen Beweis gelten, dass es in dem Oertlein einen Mann giebt, der im Stande ist, ein leidliches Buch zu schreiben. Und dass ich mein Buch wenigstens fur ein leidliches Produkt halte, wird mir wills Gott niemand verargen; denn wahrhaftig, ich musste noch unverschamter seyn, als meine Kommentatoren, wenn ichs fur schlecht hielte, und es dem ungeachtet dem Publikum vorlegte. Zudem bin ich mir bewusst dass ich es so sorgfaltig gearbeitet habe, als ich nach Maassgabe der Umstande konnte, und so gut als ich durfte. Um aber doch die Herren von ihrem Irrthum zu heilen- und zu Steuer der lieben Wahrheit, fur deren Freund und Verehrer ich mich hiermit offentlich und feierlich bekenne, sey hiermit jedem Anekdotenjager, litterarischer Neuigkeiten Notizfabrikanten, u.s.w. kund und zu wissen, dass mein Buch nicht in Schwaben gebohren sey, sondern dass ichs hier, mitten unter dem frohen Haufen meiner Kinder, an meinem Pulte, in meinem Hause, belegen in der Stadt Itzehoe im Lande zu Holstein, elaboriret habe; in welcher Stadt man uber mein Buchlein vor meinen Augen und Ohren wohl so liebreich kommentiret hat, als im Oertlein zu Schwaben, und wahrscheinlich in jedem Orte, wo man meinem Freunde Siegfried die Ehre that, ihn kennen zu lernen. Zwar kann ich nicht leugnen, dass ein weit grosseres Theil meines Siegfriedbuchleins, als ich dem Publikum in diesen beyden Bandchen mittheile, bereits unter meinen Papieren lag, als ich noch an den Ufern des Guttalus lebte; aber in Schwaben ist kein Tittelchen, weder von dieser, noch von irgend einer meiner ubrigen Schriften empfangen oder gar gebohren. Mein Beweis ist ganz simpel: Zeitlebens bin ich mit keinem Fusse nach Schwaben gekommen. Ich weiss sogar von Schwaben sehr wenig, weiss nicht, wie weit Burlefingen von Grimmelfingen entlegen sey, weiss nicht, ob Rabiosus Recht oder Unrecht habe, und schame mich gar nicht, diese meine Ignoranz frank und frey zu gestehen, da ich zwanzig tausend weit gepriesenere Dinge weder weiss noch wissen mag, noch zu wissen brauche; da ich reisete, um Erfahrung und Menschenkenntniss zu sammeln und meines Berufs zu warten, nicht aber um Thurmspitzen und den Esel im Hamburger Dom zu besehen, oder das Mannchen unter der Brucke zu Dresden.

Freund Richardson hatte seinen Sir Carl, und seinen Lovelace dazu, immer in Petto behalten mogen, denn der erstere ist, leider! nicht in der Natur, und der letztere, Gott sey Dank! noch weniger, wofern nicht etwa seit Klarissens Existenz sich einer gebildet hat. Nutzlicher und besser ists, wenn man den Leuten erreichbare Ideale zur Nachfolge vorstellt, und hubsch bey den alltaglichen Thorheiten, denen so viele sich nur gar zu gern ergeben, stehen bleibt, und Buben, wie man sie an allen Ecken findet, die Geissel um die Ohren sausen lasst. Was wir tadeln, muss in der Natur seyn, muss nicht so selten seyn, dass es nicht der Muhe lohnet, davon zu reden; sonst ist im ersten Fall, wenigstens unsere Arbeit fruchtlos und ganz umsonst; und im zweyten lauft man Gefahr, Bubereyen zu lehren, an die kein Mensch gedacht haben wurde. Ich gebe es zu, man kann, wenn man die Zuge zu seinen Bildern aus der Natur nimmt, sie von alltaglichen Originalen abstrahiret, und so aus zehn und mehreren einen einzigen Gecken zusammen setzet man kann, sag ich, auf den Fall unmoglich zwischen den Deutern ungehudelt hindurch kommen. "Sieh! leibhaftig meines Nachbars Nase!" Nimms indessen nicht ubel, guter Freund, oft zupft der Autor deine eigne Wenigkeit beym Ohr, wo du des Nachbars Nase aufs eigentlichste zu erkennen glaubest. Es muss aber schlechterdings einem Schriftsteller schmeichelhaft seyn, wenn er an manchem Orte Deuter findet. Zwar ists ein Zeichen, dass die Menschen nicht leicht zu bessern sind, weil jeder nicht sich, sondern seinen Nachbar im Spiegel sieht: aber es beweiset doch auch, dass ein solcher Autor ein treuer Maler der Natur sey; freylich der fehlerhaften Natur: aber kein Aristoteles hat dem Sittenrichter das Gesetz gegeben, ins Schone zu malen.

Mit welchem Rechte schreyet endlich dieser und jener wider den Mann, der mit lachendem Munde und heilsamen Spotte zu bessern sucht? Lieben wird ihn, wer Herz und Hande rein weiss; und wer nicht in dem glucklichen Falle ist, der bessre sich, und feinde keinen Schriftsteller wegen einer edlen Absicht an, oder schelte sein Buch fur giftig. In meinem Buche kenne ich kein Gift; und zum Beweise, dass dem so sey, und dass ich bereit stehe, mein Herz, und die Moralitat jeder Zeile, die ich gedruckt oder ungedruckt schrieb, gegen jeden Angriff zu vertheidigen und zu schutzen, bekenn ich mich hiermit offentlich zu diesem Buche; und wenn es erfoderlich seyn sollte, will ich mich gern zu allem bekennen, was ich jemals schrieb. Ich gebe willig zu, dass nicht alles meinem Verstande Ehre mache, denn ich bin ein Mensch; aber ich bin mir bewusst, dass ich durch keine Sylbe mein Herz entehret habe. Uebrigens ist Horaz ein Mann von grosserem Gewichte als ich. Schon einmal hab ich ihn angefuhret, und auch hier mag er fur mich reden. Er sagt: Nunc illud quaeram, meritone tibi sit Suspectum genus hoc scribendi. Sulcius acer Ambulat et Caprius, rauci male, cumque libellis; Magnus vterque timor latronibus: at bene si quis Et viuat puris manibus, contemnat vtrumque, Vt sis tu similis Caeli Birrique latronum, Non ego sim Caprii neque Sulci; cur metuas me? "Laedere gaudes, Inquis, et hoc studio pranus facis." Vnde petitum Hoc in me iacis? est auctor quis denique eorum Vixi cum quibus? Absentem qui rodit amicum, Qui non defendit alio culpante, solutos Qui captat risus hominum, famamque dicacis, Fingere qui non visa potest, comissa tacere Qui nequit, hic niger est! hunc tu, Romane, caueto! Saepe tribus lectis videas coenare quaternos, E quibus vnus amet quauis adspergere cunctos Praeter eum qui praebet aquam: post, hunc quoque

potus,

Condita quum verax aperit praecordia Bacchus; Hic tibi comis et vrbanus liberque videtur Infesto nigris: ego si risi, quod ineptus Pastillos Rusillus olet, Gorgonius hircum, Liuidus ac mordax videor tibi? Mentio si qua De Capitolini furtis iniecta Petilli Te coram fuerit, defendas vt tuus est mos: "Me Capitolinus couuictore vsus amicoque a puero est, causaque mea permulta rogatus Fecit, et incolumnis laetor quod viuit in vrbe; Sed tamen admiror, quo pacto iudicium illud Fugerit." Hic nigrae succus loliginis; haec est Aerugo mera; quod vitium procul afore chartis, Atque animo prius, vt si quid promittere de mo Possum aliud, vere promitto. Liberius si Dixero quid, si forte iocosius, hoc mihi iuris Cum venia dabis, etc.

Um Verzeihung, lieber Sultan, wegen dieser langen Citation. Ich citire sonst nicht gern, aber da die Stelle so passend ist, und ich mir nicht getraute, es besser zu sagen, so lassest Du mirs ja wohl ohne Bastonnade hingehen, dass ich einmal einen andern ehrlichen Mann fur mich denken lasse, da ich so oft fur andre Leute denken muss. Latein wirst Du freylich nicht verstehen: aber das geht vielen unsrer Gelehrten, d.i. Mannern, die auf Universitaten gewesen sind, nicht besser. Dein Dragoman vor allen wenn er kein Gelehrter ist wird Dir schon aushelfen. O, es ist eine herrliche Sache um einen tuchtigen Dragoman!

Ich bin denn was gehen mich im Grunde die Dragomans an? reden wir lieber von andern Dingen. Ich bin jetzt mehr als jemals der Meinung, dass der schone Alcibiades ein gescheuter Kopf war. Damals, wie ich noch unter den Handen meiner Orbile, die Gott selig haben wolle! die klassischen Autoren manch schones mal zum Henker wunschte, wollte mir das Ding nie einleuchten, dass ein Hundeschwanz je eine erhebliche Sache fur eine ganze Republik, fur die gesittetste, witzigste, urbaneste, gelehrteste, weiseste ja, weiseste sag ich; es ist kein Druckfehler; Stadt unter der Sonne seyn konne. Ich war ein ernsthafter Junge, und hatte, wie mans von einem Burschen, der die Welt nur aus einigen Buchern kennt, nicht anders erwarten kann, eine herrliche Meynung von dem Menschengeschlecht, und grosse Hochachtung vor demselben. Es thut mir leid, dass Erfahrung und Menschenkenntniss diese Meynung und Hochachtung um sehr viele Oktaven herabgestimmet haben, denn es war mir damals viel besser zu Muthe, so leicht ums Herz, so warm in der Brust, als mir nie wieder seyn wird! nie wieder seyn kann! Wie theuer kommt mir dies arme bischen Erfahrung und Menschenkenntniss stehen! Jezt brauchts keines Hundeschwanzes mehr. Weisheit und Bildung sind so hoch gestiegen, dass ein Muckenfuss, und weniger als ein Muckenfuss denn der ist doch immer ein Geschopf Gottes dass ein unbedeutendes Ding von Roman schon hinlanglich ausreicht, den gefahrlichen Theil des Publikum zu beschafftigen. Fast hatt ich Lust, Sultan zu werden! Traun, es muss eine herrliche Sache seyn, sehr schmeichelhaft fur den Stolz eines Mannes, uber so edle, wichtige, weise Geschopfe zu herrschen.

Hor, lieber Sultan, ich bin nicht Dein Sklav, sondern ein Mann, ders gut mit Dir meynet; und ich halte Dich fur weise genug, einen guten Rath annehmen zu konnen. Und wenn Dein Mufti und alle Imans, Derwische, Fakirs und Kalenders, so viel ihrer in Deinem Reiche sind, toll daruber wurden, und Dein Janitscharenaga die Gelbesucht davon bekame, so kehre Dich nicht dran, sondern gieb jedem, ders nur fodert, Deinen Firman zu Anlegung einer Buchdruckerey, und leide dann nicht, dass die Pressfreyheit, die Du, nach dem weisen Beyspiele des Danischen, Preussischen, und andrer Monarchen, erlauben wirst, im mindesten gekranket werde. Du glaubst nicht, welch ein nutzliches Ding Pressfreyheit fur euch Monarchen sey! aber versuchs ein Jahr oder zehn, und Du sollst mirs danken. Sieh, ich will mich spiessen lassen, wenn je ein Sultan von den Janitscharen dethronisirt wird, so bald ihr Sultane die Druckereyen einfuhret und vernunftig zu handhaben wisset. Hast Du vor der Hand keine Schriftsteller in Deinen Staaten, so erzeige dem heiligen Romischen Reiche Deutscher Nation den Liebesdienst, uns ein zehn oder zwolftausend abzunehmen; wir behalten noch ubrig die Hulle und die Fulle, denn hier ist ihr Name Legion. Das Gewerbe ist ansteckender, als die Pest, unter deren Geissel Dein Stambul so vielfaltig seufzet. Bald werden Deine Moslems von ihnen lernen, wie man Papier verdirbt, um mit dem Magen zu diskontiren, und Deine Hoheit wird sich wohl dabey befinden.

Was die Pressfreyheit betrifft, so ziehe die Granzen derselben hubsch eng zusammen in Sachen, die die Sitten angehen. Wenn z.E. Gedichte im Geschmack des Grekourt, ein Dom B ..., und dergleichen bey Dir aufducken sollten, so lass den Unflath und seinen Verfasser, ohne weiters, auf einem und demselben Scheiterhaufen verbrennen. Tausend luderliche Hauser, und tausend Kuplerinnen dazu, stiften nicht halb so viel Verderben, als Ein solcher Bube. Was den Staat anlanget, da kannst Du die Leute schreiben lassen, was sie wollen. Der Deinige musste sehr schlecht gegrundet seyn, wenn ein Mann aus der Dammerung seiner Studierstube ihn niederschreiben konnte. Zudem unterbleiben dergleichen Schriften bald von selbst, wenn nicht darauf geachtet wird. Dass sie geschadet hatten, habe ich noch nicht erlebt. Sollte jemand die Reise Mahomed's auf dem Borak, durch alle die Himmel ich weiss nicht gleich, sinds ihrer sieben oder nenne, die er in so kurzer Frist ablegte, dass aus seinem umgestossnen Wassertopfe kein einziger Tropfen Zeit zum Herausfliessen gehabt hatte, sollte jemand die ubrigen Wunder des Propheten bezweifeln, so ich dachte, Du liessest ihn zweifeln; denn, Mahomed ist nichts, oder er wird seine Ehre schon selbst zu retten wissen. Aber, was wider solche Zweifler geschrieben wird, das lass genau prufen, ehe es unter die Presse kommt; denn eine elende Vertheidigung schadet gemeiniglich mehr, als der scharfste Angriff.

Mit den Schriftstellern von Genie und Talenten rathe ich Dir freundlich und herablassend umzugehen, ihnen gleichsam de pair a compagnon zu begegnen. Schmeichle ihrem Ehrgeize, und sey nicht geizig gegen sie, das wird Dir wohl thun. Die Leute sind nicht unerkenntlich; sie werden Dir in den Jahrbuchern der Welt ein ruhmliches Zeugniss geben, und Du wirst nach Jahrtausenden noch als ein Muster der Sultane angefuhret werden, da man von den mehrsten Deiner Vorfahren kaum den Namen und den kleinen Umstand weiss, dass sie auf Anstiften des Mufti oder eines mussigen Trunkenbolds von Janitscharen stranguliret sind. Kolbert war klug genug, dem vierzehnten Ludwig eben dieses unter den Fuss zu geben, und Ludwig heisst bis auf den heutigen Tag der Grosse. Das Klugste, was jener Dichter, dem die Verse so leicht abgiengen, als unsern Zeitgenossen die Kommentare, gesagt hat, ist sein Viuitur ingenio (gleichviel ob durch eignes oder andrer Leute Genie cetera mortis erunt.

Der Hauptnutzen, den Du von den Produkten der Schriftsteller hast, ist eben der, den Alcibiades vom Hundeschwanz hatte: sie beschafftigen den mussigen Pobel, der, unterdessen dass er uber ein Buch herfallt, nicht Zeit hat, uber den Staat herzufallen, oder Meutereyen anzuzetteln; nicht Zeit hat, es zu fuhlen, wenn Du ihm durch Verordnungen oder Auflagen ein wenig hart fallen musst; sich schon sattsam an Dir gerachet glaubt, wenn ein Autor ein und andern satirischen Zug wider Deine Auflagen niederschrieb, und nicht einmal im Traume sich beykommen lasst, dass Du selbst vielleicht, oder einer von Deinen erleuchteten Vezieren dem Autor wohl diesen Zug in die Feder diktiret haben konne. Halt demnach die Schriftsteller in Ehren, die die Kunst verstehen, den mussigen grossen Haufen zu amusiren, der Dir sonst leicht gefahrlich werden kann, wenn er nichts hat, woran er seine Unart ubet; sie sind Deine Wohlthater. Weisst Du sie zu brauchen, so kannst Du mit dem grossesten Theil Deines Volkes machen, was Du willst. Einem andren Theile opfre einen Hundeschwanz, oder des etwas, und fur den kleinen Rest hast Du ja Rossschweife und andre Tandeleyen, die eigentlich Zeichen und Lohn des Verdienstes und der Treue sind, zuweilen auch Auffodrung zur Treue und zur Erwerbung des Verdienstes, und ein Band, das den Unterthan an seinen Souverain bindet; sehr oft aber auch von klugen Regenten als Zuckerbrodt gebraucht werden, bartigen Kindern den Mund zu stopfen.

Ich konnte noch viel hinzusetzen, aber ich habe eine so erhabne Meynung von Deiner Weisheit, und werde in derselben durch Deine neuen Piasters, die Du um verschiedene Para's zu leicht ausmunzen lassest, so sehr bevestiget, dass ich fast glaube, schon viel Ueberflussiges gesagt zu haben. Demnach kuss ich Deiner Hoheit nicht den Kaftan, denn ich verabscheue alles, was kriechend und eines freyen Mannes unwurdig ist, sondern die Hand, und bitte Dich, lieber Sultan, dieses als das Zeichen der tiefsten Ehrfurcht anzusehen, zu der ich mich gegen jeden verpflichtet achte, den Gott mit dem Amte eines Monarchen belehnete; wobey ich mich zugleich Deiner Gnade empfehle, und von Herzen wunsche, dass Russlands weise Katharina Deine neuen Piaster, obgleich sie um funf Aspers zu leicht sind, fur voll zu nehmen geruhen wolle, damit eine so herrliche Finanzoperation nicht in den Brunnen falle. Murren Deine Unterthanen uber die neuen Medaillen, so bin ich erbotig, mit einigen meiner Herren Collegen in Dein Land zu kommen, und zu versuchen, ob wir durch ein paar komische Romane und einige beissende Zuge wider Deinen Munzwardein ihre uble Laune wegscherzen konnen.

Meinen Deutschen Lesern hab ich wenig oder nichts zu sagen. Sie haben mir grosstentheils die Ehre erzeigt, die erste Ausgabe meines Buches mit einigem Beyfall aufzunehmen. Ich bin kuhn genug, eben dieses fur gegenwartige fast dreifach starkere Ausgabe zu hoffen.

So viel ich weiss, bin ich der erste, der es wagte, unserer jetzigen Nation einen originalen Deutschen komischen Roman vorzulegen. (Von Nachahmungen und Ubersetzungen rede ich nicht.) Das ist nun zwar kein Verdienst, aber es konnte mir vielleicht einigermassen Anspruch auf ein wenig Nachsicht geben nicht gegen Fehler, denn die verdienen niemals Nachsicht, sondern da, wo ich den Geschmack des Publikum, den ich noch nicht kennen konnte, verfehlt haben mogte. Ich wunsche, dass ich auf dieser Bahn, die ich nach meiner wenigen Einsicht fur sehr nutzlich halte, viel Nachfolger finden, und von jedem ubertroffen werden moge.

Mit Vorsatz bin ich keinem Narren auf Gottes Erdboden zu nahe getreten, denn mein herzlicher Wunsch ist, nicht zu beleidigen, sondern zu bessern.

Uebrigens mogte ich die Herren Kommentatoren wohl bestens ersucht haben, mich inskunftige mit ihren Deutungen gutigst zu verschonen, sonderlich diejenigen, die ihre Wohlmeynung so weit trieben, dass sie ihre schamlosen Pasquille mir unterschoben.

Einem Vorwurfe hatt' ich Lust vorzubeugen. Junker Siegfried ist ein Pommer, und spricht ungefahr Deutsch, wie ein ehrlicher Handwerksmann hier zu Lande zu thun pflegt, wenn er glaubt, dass man seine niedersachsische Sprache nicht verstehe. Das ist nicht lokal, ich gestehe es. Ich hatte den Junker eben so leicht den Pommerschen Dialekt, der mir gelaufig genug ist, konnen reden lassen, und ich wurde es thun, wenn ich in Pommern schriebe, und der Tummelplatz meines Helden in irgend einer andern Provinz lage. Aber ich lebe in Holstein, werde hier am meisten gelesen, und glaube, billigen Kritikern hiermit genug gesagt zu haben. Der schulgerechte Leser wird meinem Buche das Wort Roman nimmer anpassen konnen; aber mein Buchlein ist uberall kein schulgerechtes Buch, dess weiss ich mich gar wohl zu bescheiden.

Sonst hoff ich durch dieses Siegfriedbuchlein das Versprechen gewissenhaft erfullet zu haben, das ich dem Publikum in der Vorrede zu meinem letzten komischen Roman, (der Ring, eine komische Geschichte) der 1777 in meinem eignen Verlage erschien, gegeben habe.

Ob vom Siegfried mehr Theile erscheinen werden? das ist eine Frage, deren Beantwortung von denen Lesern abhangt, die mich mit ihrer Subskription beehret haben, und denen ich hiermit, so gut ich kann, meinen Dank bezeuge. Wenigstens will ich hiermit den dritten und vierten Theil zu eben dem Subskriptionspreise ankundigen, welche in der Michaelis Messe erscheinen werden, im Fall die Herren Subskribenten mich nicht verlassen, sonst aber ruhig in meinem Pulte liegen bleiben sollen.

Weder vor dem Deutschen, fur dessen Verfasser ich mich hiermit bekenne, noch vor einer der verschiednen Streifereyen, die ich ins Gebiet der Philosophie wagte, noch vor einer meiner ubrigen Schriften, deren, leider, mehr sind, als mir lieb ist, hab ich mich genannt, denn ich bin mit keinem von allen diesen Werken sehr zufrieden, und verspreche ihnen keine Dauer. Auch von meinem Siegfried erwart ich nicht, dass er mich uberleben wird, und nur Ursachen, wie ich oben angefuhret habe, konnen mich bewegen, ihn unter meinem Namen drucken zu lassen.

Geschrieben zu Itzehoe,

im Marz, 1781.

Johann Gottwerth Muller,

Buchhandler.

Fussnoten

1 Zu frommen meiner oberlandischen Leser merk ich an, eine Roche sey nichts mehr und nichts weniger, als ein ganz unschadlicher, wehrloser, friedfertiger, und dabey nicht ubel schmeckender Seefisch, der einem Steinbutt oder Scholle am ahnlichsten, aber freylich ein wenig abentheuerlich aussieht.

Bilder

Erziehung des kleinen Siegfrieds. Kap. 2. S. 17

Bin doch kurios zu wissen, was da so grohlet.

Kap. 5. S. 30

Mama seliger hatte wohl recht, dass 'n Kafflier

immer mehr weiss, als 'n Gelehrter. Kap. 6. S. 37

Servilar Kap. 10. S. 66

Will dir die schone Silfies gesegnen. Kap. 13. S.

93

Ei mein lieber Herr Fix, das ware ja schon. Kap.

13. S. 106

Hor Er mahl man guter Mann lass Er das'n ander

mahl unterwegens. Bin gar nicht fur das Altanzen,

sieht Er. Kap. 15. S. 113

Wiss Er was? Er ist'n Flegel da will ich Ihm's

Partent druber geben lassen. Kap. 16. S. 120

Hat Er das Dingsgen bei Sich? Kap. 18. S. 137

Der Blix, Lectoris, 's ist doch 'n schweres Dings

Land und Leute so recht zu regieren, dass es 'ne

Art hat! Kap. 20. S. 146

und will ihm hier mit meinem Patrett eine

Schenktasche fur machen. Kap. 21. S. 155

Vorstellung des Schauspiels: Minna von Barn

helm. Kap. 23. S. 166