1779_Jacobi_047 Topic 1

Friedrich Heinrich Jacobi

Woldemar

Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte

Erster Band

There are more things in heaven and earth, Horatio,

Than are dreamt of in your philosophy.

HAMLET, Act. I. Sc. 5.

Veritas essendi, & veritas cognoscendi, idem

sunt; nec plus a se invicem differunt, quam radi

us directus & reflexus.

BACO, de Augm. Scient. Lib. I.

Von diesem ersten Bande sind einige Stucke (der Anfang und das Ende) im deutschen Merkur bekannt gemacht worden; ganz, erscheint er hier zum erstenmahl.

Da noch zwey Bande abgehen um das Werk zu vollenden, die aber dem gegenwartigen bald hintereinander folgen sollen: so enthalte ich mich jetzo aller Vorrede. Ich hoffe, die Leser werden dagegen so billig seyn, dasjenige noch nicht beurtheilen zu wollen, was sich noch nicht beurtheilen lasst.

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EURIPIDES.

Des ersten Bandes erster Theil

Ich halte die Freundschaft so hoch, dass es mich

dunkt, wenn man geliebt wird, so sprost einem

Gluck von Gott und den Menschen unter den

Fussen hervor.

Xenophon.

Eine menschliche Bildung erhalten nur dieje

nigen Seelen, die das Feld der Wahrheit

schon gesehen haben. Aber nicht alle Seelen

rufen sich die Erinnerungen ihres Gotterlebens

mit gleicher Klarheit zuruck: sie sahen das Ge

filde der Wahrheit nicht lange genug, oder ver

sanken auch zu tief in Vergehungen und bose

Gewohnheiten, welche die ihnen eingepragten

Bilder fast bis zur Vergessenheit ausloschten.

Nur wenige finden sich, in denen sich die Spu

ren der Wahrheit sehr lebhaft erhalten haben:

und diese werden von einem heiligen Schauer

uberfallen, wenn sie hier auf Erden ahnliche,

ihren Urbildern entsprechende Abdrucke wahr

nehmen.

Plato.

Eberhard Hornich, ein angesehener Handelsmann zu B., hatte drey Tochter: die alteste hiess Caroline, die zweyte Henriette, und die dritte Luise. Carl Dorenburg, der sich lange Zeit in Italien und England aufgehalten hatte, und zuruck nach London wollte, wo ein vortheilhaftes Etablissement auf ihn wartete, sah Carolinen, und ward von ihr gefesselt. Er war ein sanfter und herzlicher Mann, der die feinern Vergnugen mit Einfalt liebte, einen reinen und festen Geschmack hatte, und sich nie an etwas hieng, als mit innigem Gefuhl und aus wahrer aufrichtiger Neigung. Das Madchen nahm ihn gern, und der Alte willigte mit Freuden in die Heyrath mit einem Manne, der ein so vortreflicher Kaufmann und von so grossem Vermogen war. Vater und Tochtermann traten miteinander in Gesellschaft.

Dorenburgs vertrautester Freund war Biederthal, ein junger Rechtsgelehrter. Die Aehnlichkeit ihrer Neigungen, der Eifer, den sie gegenseitig in sich erweckten, die Hulfe, die sie einander leisteten, brachte jene geistige Gemeinschaft der Guter unter ihnen zuwege, welche den Neid unmoglich und das Leben so suss macht. So war ihr Verstandniss zwey Jahre hindurch immer vollkommener und enger geworden. Damals kam Luise, eben siebenzehn Jahr alt, aus dem Kloster zuruck, und entzundete in Biederthalen eine unuberwindliche Leidenschaft. Er wollte sie erst unterdrucken, hernach verbergen; aber es war Liebe. Dass ihm der alte Hornich das Madchen geben wurde, daran war nicht zu denken; er hatte geschworen, dass keine seiner Tochter einen Gelehrten heyrathen sollte, und dazu besass Biederthal nur ein sehr geringes Vermogen. Dorenburg, dem das Geheimniss seines Freundes nicht lange verborgen blieb, genoss keine frohe Stunde mehr. Da er bey seinem Schwiegervater, dessen Handlung durch ihn ungemein war erweitert worden, in grossem Ansehn stand, so hatte er sich anfangs geschmeichelt, dieser wurde, aus Ergebenheit gegen ihn, sich ein einzigmahl in seinem Leben grossmuthig stellen, und auf sein Bitten den wackern Biederthal glucklich machen: aber der Alte wusste von keinem Edelsinn, als dass er das Nichts der Ehre und alles brodlose Wesen verachtete, weder durch Sache noch Grund sich bethoren, und in seiner Ueberzeugung durch nichts sich irre machen liess; er hatte nur die Tugenden der Kargheit, oder richtiger, einer polizeymassigen Gewinnsucht. Da alles vergeblich gewesen war, so erklarte ihm Dorenburg, in sechs Monathen laufe der Societats-Contract mit ihm zu Ende, er sey gesonnen alsdann auszuscheiden. Der Alte gab die besten Worte, that die vortheilhaftesten Vorschlage; Dorenburg war nicht zu bewegen. Endlich wurden sie einig, Biederthal sollte sich der Handlung widmen, und dann das Madchen nehmen. Voll Entzucken gab dieser eine ansehnliche Bedienung auf, worauf er Anwartschaft hatte, und ergriff das Gewerbe seines Freundes. Luise fuhlte das im Innersten der Seele. Kein Brautpaar ist jemahls glucklicher gewesen. Nach einem halben Jahre ward die Heyrath vollzogen; und die beiden Freunde hatten sich nun zu Gefahrten in all ihrem Thun. Ihre Wohnungen waren die angenehmsten in der Stadt, aber sowohl der Lage als der inneren Einrichtung nach ganz von einander verschieden. Eben so auch ihre Landhauser. Jeder dieser Oerter hatte andre Reitze, war zu andern Ergotzungen geschickt; in jedem mangelte etwas; aber dies war beym Bruder. Das gluckliche Leben dieses doppelten Paars ist etwas, das sich nicht abbilden lasst. Wer aber ein liebes Weib hat, und einen Freund auch mit einem lieben Weibe, und dabey soviel Geist und Thatigkeit, um sein Herz mit unschuldiger Leidenschaft zu fullen, der versteht mich, wenn ich sage, dass in diesem Kreise das Wehen der Liebe nie sich legte.

Eine Hauptstutze dieser schonen Verfassung war die noch unverheyrathete, mittlere Tochter, Henriette. Die drey Schwestern waren von Kindheit an in jener reinen Vertraulichkeit miteinander geblieben, welche nur mit Unschuld bestehen kann, und die Reinheit der Seele am sichersten bewahrt. Herzen, die immer offen gewesen, in denen der Friede eines guten Gewissens nie unterbrochen worden, erstarren vor dem blossen Schimmer einer Versuchung, fangen im Gegentheil, wie Zunder, alles Edle und Schone, und konnen eine Festigkeit im Guten beweisen, die oft allen Glauben ubersteigt. Caroline und Luise hatten neben ihren ubrigen Vorzugen auch eine schone Bildung: Henriette war nicht das, was man schon nennt, vielmehr hatte sie etwas an sich, das von ihr zuruckhielt, besonders im Gesicht jene Wachsamkeit und Klarheit, der wir so ubel wollen und so gern einen bosen Nahmen machen; aber eben darinn lagen Zuge, welche denjenigen, der sie erkannte, mit tiefem Gefuhl und eigener Kraft des Geistes uberraschten. Ihr Blick war rein und eindringend, und gieng von Seele zu Seele. Ihr Vater hieng an ihr wie bezaubert, und er scheute das Madchen: einer eigentlichen Achtung sind Leute von seiner Art nicht fahig. In Dorenburgs und Biederthals Hause wurde sie angebetet. Die jungen Weiber setzten in ihr gleichsam noch ihr jungfrauliches Leben fort; sie stellte ihnen ein so susses Bild der Vergangenheit dar, erinnerte sie an alles so lebhaft, dass es ihnen kaum einfiel, dass ihnen etwas verschwunden sey; nie war die Schwester ihnen so theuer gewesen. Henriette auf ihrer Seite kostete in ihren Schwestern die Wonne der Gattinn, der Mutter, der Vorsteherinn einer frolichen Schaar von Genossen; und welcher Wonne halt diese nicht die Wage? Wer ist glucklicher, als ein munteres Weib, das mit zartlicher Sorge an seinem Manne, mit heisser Liebe an seinen Kindern hangt? Geist und Herz in ihm bleiben in immerwahrendem Triebe; seine sussen Leidenschaften erneuern sich mit jedem Augenblick, und werden in jedem Augenblick befriedigt. So ward auch Henriettens Seele durch Mitgefuhl in bestandiger Bebung erhalten; und Mitgefuhl schwingt sich, in hundert Fallen, hoher als eigenes. Mann, Weib und Kinder, jedes in beyden Hausern, wollte Henriettens Freude seyn; sie sollte jede Lust, nie eine Beschwerde theilen; aber Henriette wusste sich schon hinzuzudrangen, wo es Beystand galt, und ihr Beystand war voll geheimer Krafte; ihre Gegenwart machte jede Arbeit zum Fest; und waren's Widerwartigkeiten, so verschlang die Liebe, die Dankbarkeit, die sie einflosste, die Halfte des Kummers.

In ihres Vaters Hause hatte sie freye Hand. Der Alte war nicht sowohl geizig, als nur gierig; und da Henriette verschiedene Heyrathsvorschlage abgewiesen und dabey geaussert hatte, sie wolle bey ihrem Vater aushalten, so glaubte er fur eine so treue Verpflegerinn nie zuviel thun zu konnen. Es giebt wenig Menschen, in denen nicht durch Langmuth und Huld einiger Geschmack an liebenswurdigen Neigungen erregt, und nachher diese Neigungen allmahlich verstarkt und vermehrt werden konnten. Der alte Hornich erfuhr eine solche Verwandlung, ohne dass er weiter etwas davon merkte, als dass seine Henriette so gut mit ihm umzugehen wisse, dass er nun erst des Lebens froh werde. Meine Bekannten, sagte er zuweilen, wunschen ihre Jugend zuruck; mir ist mein Alter lieber: wie sauer hab' ich es nicht sonst gehabt, und wie gut hab' ich es jetzt? Sein ganzes Hauswesen hatte sich nach und nach verandert. Vormals glaubte er auf jede unschuldige Lustbarkeit, die er doch zugab, wenigstens schmalen zu mussen, und wurklich schien ihm jede Freude verdachtig, so wie jeder Nothleidende und wie alles Schone. Nun wollte er, dass seine Wohnung an Annehmlichkeiten die Wohnungen seiner Schwiegersohne ubertrafe; in nichts durfte seine Henriette zuruck bleiben; auch gelang es ihm, dass die Familie nirgends aufgeraumter war, als in seinem Hause: aber vergnugter als vorhin war man uberall durch vermehrte Eintracht und Offenheit. Der Ueberfluss, der sich in Hornichs Hause zeigte, lockte Bedurftige hinzu, und das liebe Madchen hatte den Triumph, das graue Haupt ihres Vaters noch mit Seegen und Ehre zu bekranzen.

Wie dem Madchen sowohl zu Muthe gewesen seyn mag! Ohne Tumult der Leidenschaft, und doch alle Fibern seines Herzens rege. So ganz frey und heiter, mit dem ungetrubten Sinn, mit der reinen Phantasie einer Jungfrau, dennoch so ganz befangen blos aus himmlischer Liebe!

Henriette hatte auch eine Freundinn, die ebenfals noch Madchen war, und von der sie mit einer Art von Leidenschaft geliebt wurde. Diese Freundinn war fruh ihrer Eltern beraubt worden, die ihr ein ansehnliches Vermogen hinterlassen und Hornichen daruber zum Vormund gesetzt hatten. Noch grosserer Reichthum fiel ihr nach dem Tode zweyer Tanten anheim, bey welchen sie sich gegenwartig aufhielt. An all den Reichthum dachte sie nie, eben so wenig als an ihre Schonheit, und war argerlich auf die jungen Herren, weil sie ihr allein und keiner von ihnen Henrietten die Aufwartung machte. Das liebe Madchen hiess Allwina Clarenau.

Biederthal, ein weitlauftiger Anverwandter von den Clarenaus, hatte in ihrem Hause, das einem Pallaste gleich war, ein Gemach inne gehabt. Nach seiner Heyrath bleiben diese Zimmer fur seinen jungern Bruder offen, mit Nahmen Woldemar, welchem die Anwartschaft, die der altere zuruckgegeben hatte, war bewilliget worden.

Woldemar hatte seit vier Jahren unter dem nehmlichen Fursten eine andre Stelle zu G** bekleidet, und musste daselbst bleiben, bis die Bedienung zu B. erlediget wurde. Zwey Jahre verstrichen daruber; nun ereignete sich der Fall, und er sollte ankommen.

Biederthal, der sich unaussprechlich gesehnt hatte, seinen Bruder wieder zu sehen, war vor Freuden ausser sich; er konnte von nichts anderm reden, als von Woldemaren "Sie wissen, dass nun ehestens mein Bruder kommen wird?" Jeder, den er so begrussen konnte, war ihm willkommen; und jeder, den er schon so begrusst hatte, und bey dem er es nicht gerade zu wiederholen durfte, machte ihn verlegen. Seine Frau, seine Schwagerinnen und Dorenburg schienen ihm itzt mehr als jemahls die beste Gesellschaft: sie theilten so aufrichtig seine Freude; sie waren fur sich selbst, mit ihm, so voll Erwartung; sie neigten mit so herzlicher Aufmerksamkeit sich ihm entgegen; horten so gerne noch einmahl, was er schon oft, aber noch nie mit dem Interesse, mit dem Leben von Umstanden, erzahlt hatte die ganze Geschichte, wie Woldemar und er mit einander aufgewachsen; wie sehr sie schon als Kinder sich einander zugethan gewesen; wie treu sie sich geblieben; was sie alles fur einander gethan; was sie alles fur einander gelitten ... Wahrhaftig! brach Biederthal einmahl in seiner Entzuckung aus, es ist doch keine rechte Freundschaft, als nur unter zween solchen Brudern! Dorenburg, der gerade gegen ihm uber sass, blickte lachelnd nieder. Das stiess Biederthalen an; er flog auf und hieng seinem Freund am Halse. Dorenburg druckte ihn an die Brust, ergriff dann seine beyden Hande.... Lieber! sagte er, und lachte ihm offener ins Angesicht Lieber! indem er ihn treuherzig schuttelte gehe und erzahl uns weiter. Biederthal kusste Dorenburgen noch einmahl und gieng. Henriette haschte bey'm Vorubergehn ihm die Hand, und kusste ihn. Er umarmte Carolinen; herzte sein Weib; setzte sich dann und erzahlte weiter.

Endlich kam die Nachricht, dass Woldemar wurklich abgereiset sey. Sein Brief war aus R., wo er eines wichtigen Geschafts wegen einige Tage verweilen musste. "Die Halfte des Weges ist zuruckgelegt, schrieb Woldemar. Es war mir lieb, dass die Post nach B. erst heute abgieng, denn ich hatte schwerlich vermocht eher an Dich zu schreiben. Mein Herz ist in einem wunderbaren Zustande. Als ich von G * abreiste, war ich wie ausser mir. Ich sass in meinem Wagen und horte das Rasseln uber das Pflaster hin, und wusste kaum was es war.

Wir erreichten die Landstrasse. Knall auf Knall des Schwagers Peitsche, und die Pferde im Flug. Ich schlug die Augen auf, sah Hecke, Baum und Land an mir vorbeyschwinden an mir vorbey zuruck. Ich streckte maschienenmassig den Kopf hinaus, dem allen nach. Die Sonne war am aufgehen. G * war schon fern, aber noch deutlich genug zu unterscheiden; auch erreichte noch das Gelaute von seinen Thurmen mein Ohr, und zuweilen kam's mit einem Windstoss schnell im hellerem Klange und wieder weg, wie der Laut eines tiefen Seufzers. Dazwischen wirbelten oben die Lerchen, und klirrten die Ketten am Pferde-Geschirr; und hallte das Treiben des Postknechts...

Unversehens gieng's um eine Hecke, eine Anhohe hinunter. Alles, was da war, nur auf einmahl entruckt!

Ich sturzte zuruck in den Wagen, presste mein Gesicht aus allen Kraften zwischen die Lehnkussen, und meynte das Herz wurde mir die Brust entzwey schlagen... Weg! so immer weg einst weg von allem! so scholl's dumpf in meinem Innern. Endlich brachen die Thranen los und du, Lieber! Du standest vor meiner Seele. Ich fuhlte das: hin zu ihm, zu meinem Biederthal! Aber ich weinte doch noch lange weine noch heut.... Bedenk, Lieber, ich war nun sechs Jahre zu G *; stand dort in manchem sussen Verhaltnisse; glaubte einst, ich wurde wohl immer dort bleiben. Nun reiste ich weg, ich sah das alles vor mir untergehen. Ach! So bin ich: etwas vergehen zu sehen, war' es noch so geringe; zu fuhlen, es ist damit zu Ende es ist aus: bis zur Ohnmacht kann's mich bringen.

Nun geh' ich nach B., da werd ich bleiben! Sieh, davor schaudert mich wieder! Ich bin erst neun und zwanzig Jahr alt, und mag nur so weniges noch vom Leben. Was ich nun erhalte, ist die Erfullung meiner Wunsche! Ich werde glucklich seyn; endlich zufrieden; aber das muss ich nun auch seyn, muss, oder... Lieber! Bester, Einziger, verzeih! Du wirst mich ja nicht missverstehen. Wie konntest du? Ist es doch Fulle der Wonne was mich angstiget!

Es war recht gut, dass ich mich hier einige Tage aufzuhalten hatte; weniger, um mich von meinem Abschiede zu G ** zu erholen, als auf Dein Wiedersehen mich vorzubereiten. Als ich die hiesige Gegend erreichte, diese Stadt erblickte, wo wir in verschiedenen Zeitpunkten so viele Tage mit einander zugebracht hatten: es ist nicht auszusprechen wie mir ward! Beym Eintritt in die Krone kam mir der eine Kellner, der gute Johann, der von fruh an auf mich gelauert hatte, mit Deinem Brief entgegen. Er war noch der alte; und so alles im Hause noch beym alten. Die Leute hatten eine gewaltige Herrlichkeit mich wiederzusehen. Das Gerausch ihrer Freude stillte auf eine angenehme Weise meine Phantasie. Es dauerte an eine Stunde bis ich in mein Zimmer kam und allein blieb. Da erbrach ich Deinen Brief. Aber mein Herz gerieth gleich bey den ersten Zeilen in so starke Bewegung, dass ich ihn wieder einstecken musste. Ich gieng hinaus unter die Eichen. Es war Wetter wie im May. Vor sieben Jahren hatten wir eben so schone Februar-Tage; und du warst mit mir hier. Weisst Du, wie wir uber die Hohe giengen; an der Seite weit her, den Fluss schlangeln sahen, so schon blau zwischen den sonnigten Ufern! Wir schlugen einen Weg ein, den wir nicht kannten, der uns an einen waldigten Hugel leitete. Erinnere Dich, wie wir hinanstiegen; bey jeder sich ofnenden Aussicht weilten, aber ungeduldig; dann mit schnellerem Gange strebten die herrliche Gegend immer weiter vor uns auszudehnen; athemlos endlich hinaufkamen, da standen auf der nackten Felsen-Glatte.... Damals dacht' ich weiter nichts dabey; jetzt bey der Wiedererinnerung fiel mir's auf. Wir blieben eine Weile oben, im Genuss der erstrebten Ferne; merkten voll Entzucken nicht auf die ode Stelle, die ihn uns verlieh. Doch raumten wir bald den Platz. Schnell hinab gieng's den steilen Pfad, und wir suchten uber Aecker und Wiesen den Weg zum Thal unserer lieben Eichen. Wir fanden ihn. Es war am Kreuz bey Hildern. Da setzten wir uns hin und ruhten aus. Ich wusste nicht, dass ich einen Fruhling so empfunden hatte. Von seinem lieblichen Hauch schien die Erde sichtbar sich zu ofnen, schien zu beben vor Wonne, dass sie das erste Grun hervorgebracht. Hekken und Baume noch ohne Blat; aber wie herrlich uberglanzt vom Durchschein ihrer Fulle, alle Zweige mit hochgeschwellten Knospen bedeckt. Da wunscht' ich mir nur so lange zu leben, bis die Knospen aufbrachen, bis der Seegen sich loste nur bis zum nahen May. Ich sagte Dir das, und es drang in Dich; uns wurde so wohl...

Diese Unbefangenheit, diese heiligen Gefuhle suchte ich jetzt wieder; und fand sie im Eichenthal. Ich lagerte mich in die Tiefe, und las nun Deinen Brief. .... Wie mir dabey geschah wenn ich das sagen konnte, so war's des Sagens nicht werth. Bey einem sonderbaren Schauer, der mich durchfuhr, war's mir, es sey ein Kuss von Dir, den mir vielleicht Dein Engel brachte. Ich flehte zu dem meinigen, dass er Dir auch einen Kuss von mir bringen mochte. Du schlummerst wohl noch in dieser Fruhstunde! o, dass er Dir erschiene!...

Eben las ich Deinen Brief noch einmahl. Die Stelle ist mir tief in die Seele gegangen, wo du sagst: Ich fuhlte mich bisher, in meinem schonen Familienkreise so glucklich, und glaubte bey dem immerwahrenden Verlangen Dich hier zu sehen hauptsachlich nur den Wunsch zu haben, dass es Dir eben so gut werden mochte als mir. Welche Tauschung! jetzt empfind' ich klar, dass es vielmehr nur die Aussicht war, Dich hier an mich zu ketten, warum ich meine Lage so beneidenswurdig fand. Ich habe dess keinen Hehl, habe es Dorenburgen und meinen andern Lieben offenbaret, und sie tadeln mich nicht. Nach allem was ich ihnen von Dir erzahlt; nach allen Deinen Briefen... Aber was mach' ich, dass ich dies hier abschreibe? O du Bester, o ihr theuren, treflichen alle um Gotteswillen! hoft doch nicht soviel von mir! Ach, ich bin der Mensch nicht, auf den man ein Gluck bauen kann ich, den das Schicksal mit eisernem Arm regiert, den es so von Kindesbeinen an umher trieb ... Hast Du das denn ganz vergessen, Biederthal? Vergessen den Gram, den Kummer, die Noth, worum ich Dich so haufig setzte? und wie ich mehrmals Deinen zarten, treuen, edlen Busen verliess, um mein Herz an Felsen zu zermalmen seine Warme Dir entzog, um damit uber Basilisken zu bruten? Ich liebte Dich immer von Grund der Seele, das ist wahr, und wenn Du mich brauchtest, war ich nicht fern, war Dir immer daheim; besann mich auch nie, wenn von Aufopferung die Rede war; fragte nie, was es galte, nichts oder alles; aber was ist das was ist alle mein Thun fur Dich, gegen das, was Du fur mich gelitten, gegen Dein Schonen, Dein Dulden? Du hast doch kein einzigmahl uber mich gemurret; nie einen Augenblick Dich von mir abgewendet; hieltest standhaft Deinen Blick auf mein besseres Selbst geheftet; dachtest nie von ferne nur, dass ich die Bruder-Treue verletzen, den Bund unserer Freundschaft brechen konne Engel! Und so muss es gehen, wenn Liebe zu Freundschaft empor kommen soll. Lieben bis zur Leidenschaft, kann man jemand in der ersten Stunde, da man ihn kennen lernt, aber Eines Freund werden das ist ein ander Ding. Da muss man erst oft und lang in dringende Angelegenheiten miteinander verwickelt seyn, sich vielfaltig aneinander erproben, bis gegenseitig Wesen und Thaten zu einem unaufloslichen Gewebe sich in einander schlingen, und jene Anhanglichkeit an den ganzen Menschen entsteht, die nach nichts mehr fragt, und von sich nicht weiss weder woher noch wohin.

Du wirst mich verandert finden, lieber Biederthal. Soviel ich konnte hab' ich Dir von allem, was mit mir vorgegangen, Rechenschaft gegeben; aber was ist's mit dem Schreiben? Ich habe wahrend der sechs Jahre, die wir von einander sind, viele Erfahrungen gemacht. Von Eitelkeit wirst du wenig Spuren mehr an mir finden. Ueberhaupt werd' ich Dir etwas kalter vorkommen. Ich denke anders, ich bin anders gesinnt uber verschiedene Dinge. Ueber den Menschen insbesondere haben sich meine Ideen ziemlich festgesetzt, und ich habe theils einen viel hohern, theils einen viel geringern Begriff von seiner Natur als ehemals. Es kann nichts so Schones, so Grosses gedichtet werden, das nicht in ihm lage, das man auch nicht hie und da Himmelrein aus ihm hervorgehen sahe; nur ist er in all seinem Thun ach! so beschrankt, so endlich, so wandelbar. Und dann ist wieder sein Vermogen dennoch zu gross, seine Spahre zu ausgebreitet, als dass er alle seine Krafte zugleich gegenwartig haben, und alles, was er vermag, auf einmahl lebendig in sich darstellen konnte: darum nichts Ganzes, nichts durchaus Bleibendes... Seitdem ich dies anschauend erkenne, bin ich viel gelassener, viel stiller; ich hoffe weniger, und suche mehr zu geniessen. Da ware ja wohl Gewinn! Aber ich kann es hierinn noch nicht weit genug mit mir bringen. Da bey mir alles tiefer einzugehen und langer zu haften scheint, als bey andern, so muss mein Herz auch mehr ahnden und da kommt dann unversehens wieder ein Wunsch eine Hofnung zum Vorschein die unterdruckt werden muss... So wandle ich immer weiter ins Leben hinein; betroffen, immer stiller und leiser, und lachle beym wiegenden Tritte mich an.

Mein Brief ist lang geworden. Ich musste wohl schreiben! Vor kunftigem Freytag kann ich nicht hier weg. Den 8ten Marz bin ich bey Dir; also in zehn Tagen. Wie ich mich nach Deinem Anblick sehne, nach Deiner Rede, nach Deinem Kuss! Und doch zittr' ich vor dem Moment, da mein Auge Dich erreichen wird. O dass ich gleich in Deinen Armen ware, sah' und horte schon nicht mehr! Leb' wohl Lieber! Ich schwebe in Deiner Gegenwart. Leb' wohl."

Woldemar.

Da Biederthal diesen Brief hatte, stellte er ein Fest an. Er gab es auf dem Lande; dort sollten seine Freunde mit ihm die ersten Verheissungen eines neuen Fruhlings empfangen. Es war aber schon mehr als Verheissung da. Sie giengen zu Fusse hinaus. Die Sonne kam so warm und doch so sanft hernieder, dass man nicht anders konnte, man musste gen Himmel schauen und sagen: o die liebe Sonne! Nach dem Thore, wo ihr Weg hinausgieng, schwingt eine fruchtbare Ebene sich allmahlich hinab, und weit umher. Sie sahen da die frischgepflugte Erde vom hochsten Braun bis zum falbesten Gelb mannichfaltig schattiert, und Felder wie Smaragd, die sie durchstreiften; ein Gemische von Farben und Lichtern, so suss, so zauberisch, dass ihnen die ganze Seele im entzuckten Auge schwamm. Nur wie im Traume wurden sie das lustige Zwitschern der Vogel gewahr und dass schon der Buchfink schlug und das Wirbeln der Lerche den blauen Himmel hinan.

Biederthal fuhlte alle Augenblicke an seinen Brief in der Tasche, aber er zog ihn erst hervor, nachdem sie auf seinem Gut angelangt waren, und sich ausgeruht hatten. Niemand war von dieser Vorlesung so geruhrt, wie Henriette. Sie hatte Woldemars geheimstes Wesen aus diesem Briefe wunderbar geahndet. Lieber Armer! seufzte sie innerlich; komm nur, du sollst Pflege finden sollst finden, woran du verzweifelst ein ganzes Herz, und das nichts verlangt, als nur dem deinigen Ruhe zu geben. Die Thranen, die ihr zuweilen aus den Augen flossen, ihre Farbe die sich ofter veranderte, und die Blasse, die endlich auf ihrem Angesichte ruhen blieb, machte nach und nach jedweden aufmerksam auf sie. Sie ward es inne; aber es machte sie im mindesten nicht verlegen: O, sagte sie, indem sie von ihrem Sitz aufstand, mich verlangt sehr nach diesem Woldemar. Biederthal gieng auf sie zu, schloss sie in die Arme: "Liebe Henriette! wenn sie noch einmahl, wenn sie zum zweytenmahl meine Schwester wurden!" Das nicht, erwiederte Henriette, wie Sie es verstehen, nicht; aber meiner Clarenau gonnte ich den Mann, und nur diesem Mann meine Clarenau an mir soll er eine Schwester finden; und glauben Sie mir, Biederthal, darum ist ihm mehr Noth, als um eine Geliebte.

Woldemar traf am bestimmten Tage ein.

Es geschah, was in dergleichen Fallen gewohnlich zu geschehen pflegt; jeder fand ihn anders als er sich ihn vorgestellet hatte; aber, was nicht so gewohnlich ist, alle waren nur desto mehr von seiner Gegenwart entzuckt. Es war in der That fast unmoglich, Woldemarn in seinen glucklichen Augenblicken zu sehen, ohne bis zur Schwarmerey fur ihn eingenommen zu werden. Seine Gesichtsbildung, seine Gestalt, seine Geberden, sein ganzes Wesen, alles an ihm wurkte melodisch in einander, und stimmte zu einem ausserordentlichen Eindruck zusammen. Sein Ansehn hatte etwas sehr hohes, aber hinterher auch etwas so gutes und liebliches, etwas so entgegenkommendes, dass wer vor ihm stand bald voll Sehnsucht wurde, ihn umarmen zu durfen. Nach seinem Anstande hatte man die feinste Hofsitte von ihm erwartet; aber er that damit so schlechtweg, als war's die Zeit der Patriarchen. Die Eigenschaften eines liebenswurdigen Gesellschafters besass er in einem hohen Grade.

Diesen Vorzug zu erwerben, hatte ihn in der fruhesten Jugend seine Eitelkeit angespornt, und mehrmal eine gewisse argerliche Heftigkeit gegen allen Widerstand: er wollte uberall hin konnen; und da ihm seine Geburt den freyen Eintritt in die grosse Welt versagte, so war er bemuht, ihn durch Zaubermittel zu erhalten. Alle Thuren giengen ihm bald auf, und er brachte es so weit, dass man sich um ihn riss. Nun floh er, und nahm einen tiefen Ekel an allem Flitterwesen zur Beute mit sich davon. Von den Eigenschaften, die er damahls erworben, waren ihm nur diejenigen geblieben, die sich in ganz einfache Natur hatten umsetzen lassen. Da er jetzt nie etwas zum Schein war, so wurkten seine Aeusserungen desto unwiderstehlicher; sein ganzes Wesen war voll Bedeutung und uberall erweckend.

Woldemar wurde die Seele der liebenswurdigen Familie, die ihn in ihre Arme gezogen hatte.

Einen so glucklichen Zustand als derjenige, worinn er dieselbe angetroffen, durch seinen Beytrag noch zu erhohen, musste ihm die susseste Zufriedenheit geben; nur war ihm das peinlich dabey, dass er spurte, er verminderte die Unabhangigkeit dieser wurdigen Menschen, indem er ihnen zu unentbehrlich werde, und er furchtete, bald in die Verlegenheit zu gerathen, entweder sie ofters zu kranken, oder seine eigene Freyheit aufopfern zu mussen. Aber Freyheit lasst sich nicht aufopfern: es ist eine Sache, die nur im freyesten Tausch gewechselt werden kann. Das wusste er, und darum war es seiner Zartlichkeit unausstehlich, wenn sich jemand um vieles mehr und starker an ihn hieng, als er selber gegenseitig thun konnte. Seine ganze, volle Liebe..... Ach! seufzte er wohl einmahl in der Stille, ach! ich fange Kusse aus allem was ich seh' in der Natur, sie fullen meine Lippen, man muss sie darauf schweben, zittern sehn... aber wohin damit?

So sorgfaltig er war, allen falschen Erwartungen von sich vorzubeugen, so konnte er es doch nicht genug seyn. Sein Character war zu sehr ausser der gemeinen Ordnung, die Leute mussten haufig an ihm irre werden. "Ich habe Ihnen ja von Anfang gesagt, dass ich so bin, und dass kein Bessern an mir ist" war seine gewohnliche Antwort auf die Vorwurfe, die man ihm machte; "aber, erwiederte man ihm, warum sind Sie so? wie mogen Sie nur so seyn? es lasst sich ja auf keine Weise reimen!" hierauf pflegte er weiter nichts als ein freundliches, Nachsichtflehendes Achselzucken zu geben. Sein Hauptverbrechen war, dass er zu sehr fur sich lebte, und hierinn seinem Sinne auf eine Weise folgte, welche die Zartlichkeit seines Herzens verdachtig machte.

An einem Abend, da man ihn fruh erwartet hatte, nachdem er seit vielen Tagen nur ein paarmahl auf Augenblicke sichtbar geworden, und nun wieder spat noch nicht angekommen war, wurden seine Freunde einer nach dem andern verdriesslich, und es entstand ein allgemeines Murren. Henriette, welche nie in die Klagen uber Woldemar einstimmte, sondern ihn immer vertheidigte, wurde traurig: "Wir werden so lange machen, sagte sie (mit einer Bewegung und in einem Ton, welche man nicht an ihr gewohnt war) bis Woldemar unserer mude wird. Sein Witz, seine zauberische Laune, sein vortrefliches Herz machen ihn uns werth, aber soll er darum allein fur uns leben? Und dennoch lebt er ja fast allein fur uns Er gewiss vielmehr fur uns, als wie fur ihn! Oder vermag wohl einer hier, vermogen wir alle zusammen soviel fur sein Gluck, als er fur das unsrige? Und wie liebt er uns nicht? Sagt, hat wohl einer von uns soviel wahre, achte Freundschaft fur den andern, als Woldemar fur jedweden von uns beweist? Freylich hangen wir an ihm mehr, als er an uns hangen kann aber ist dies seine Schuld? sind wir nicht eben drum weit besser dran als er? Wo hat er nur seines Gleichen, nur einen andern Woldemar; geschweige jemand, der ihm ware, was Woldemar uns ist? So gonnt ihm doch wenigstens, dass er in sich selbst, dass er im All der Schopfung suche, was wir ihm nicht zu geben im Stande sind." Indem trat Woldemar mit freudiger, Liebevoller Eile ins Zimmer. Die Gesichter waren noch nicht in ihrer naturlichen Lage. Henriette sprang auf, trat vor Woldemar, legte ihre beyden Hande auf seine Schultern: Ach! Woldemar, sagte sie, Sie sind so gut, so lieb; fuhlen Sie das doch, wie lieb Sie sind und haben Sie Geduld.

Henriette war ofter mit Woldemar als die ubrigen der Familie, wegen ihres vertrauten Umganges mit Allwina. Woldemar fand grosses Behagen in der Gesellschaft dieser Allwina und ihrer Tanten, welche beyde Personen von Verstande und sehr vorzuglichen Eigenschaften waren; besonders hatte die jungere (noch keine funfzig Jahr alt) eine Lebhaftigkeit, eine Schnelligkeit des Geistes, die zu Woldemars Laune ausnehmend stimmte. Da fand ihn denn Henriette oft bey ihnen sitzen; und weil Henriette kam, lief Woldemar eben nicht weg. Manchmahl blieb er dann unvermerkt ganze Nachmittage und bis in die Nacht, schwazte, las vor, machte Musik mit den beyden Madchen, zeichnete mit ihnen, liess sich so hingehen, in immer warmerer Neigung, zu allerhand Mittheilungen; und ihm war sehr wohl dabey; den Madchen, sicher, nicht weniger. Wenn es ihm aber einfiel, sie unversehens zu verlassen, so war daruber auch weiter keine Frage. Dies begegnete ihm wohl mitten im feurigsten Anschlage, oder wenn sie wurklich schon im besten Wesen drinnen waren. "Da lauft er nun fort!" Dies war das argste, was je die lieben Geschopfe sagten; und sie sahen dabey so von Grund der Seele gut und freundlich aus, dass Woldemar es sich schwer aus dem Sinne schlagen konnte, und manchmahl, wenn er kaum auf seinem Zimmer war, wieder herunter zu ihnen musste; aber dann litt Henriette schlechterdings nicht, dass er angenommen wurde. "Er solle nicht so wankelmuthig seyn, sagte sie zu ihm, das zieme keinem Manne; sie oder Allwina, oder die Tanten sie hatten jetzt etwas vorgenommen, dass sie um nichts fahren liessen, und wobey seine Gegenwart sie store;" und damit die Thur auf, und fort mit Woldemar! zuweilen that er hartnackig: das half zu nichts; er musste abziehen. War es aber dass sie merkte, er habe wurklich seinen Sinn geandert, und es sey ihm frey darum zu thun, wieder zugelassen zu werden, so wusste sie den Streit so zu lenken, dass er zuletzt die Oberhand behielt. Er musste gestehen, dass er ein Kindskopf sey, und dann kriegte er seinen Willen.

Allwina hatte nie vorher das Leben so schon gefunden, und sie sagte gerad heraus, dass nach Henrietten Woldemar ihr lieber als Alles sey. Es war ihr ganz neu und von ungemeinem Behagen, mit einem Mann umzugehen, der sie lebhaft interessierte, ohne sie in irgend eine Art von Verlegenheit zu setzen. Ja, sagte er, wenn aber auch Woldemar so albern gegen einen thate, wie die andern Herren, so merkte man gleich, dass er einen nur zum Besten hatte, und man konnte ihn nicht ausstehen. Auf Anspruche an ihn dachte sie so wenig, dass er vielmehr durch den Vorzug, den er gleich von Anfang Henrietten gegeben, bey ihr hauptsachlich in Ansehen gekommen war. "Du musst den lieben Menschen heyrathen, sagte sie zu ihrer Freundinn; ich schenk' ihm mein halbes Vermogen, sobald ich Meister daruber bin, und wohne bey euch; das ubrige kriegen eure Kinder, denn ich heyrathe gewiss nie." Henriette lachelte: "Du guter Narr!" und kusste den Engel: "Lass mich nur gehen; ich habe etwas anders vor; aber beysammen wollen wir dennoch bleiben."

Henriette hatte nicht jene funkelnde, spruhende Empfindsamkeit, jene rostende Warme, wobey das Herz so schwer in Friede bleiben kann, und die nur ein sehr zweydeutiges Merkmahl von seiner Vortreflichkeit ist. Das ihrige war so glucklich gebildet, dass es die Unterstutzungen der Sinne und Einbildung gewissermassen entbehren das es seine Verrichtungen allein bestehen konnte, und genug hatte an seinen eigenen lautersten Gefuhlen. Wenige Menschen wissen, was das fur eine Stille und Stetigkeit in die Seele bringt, wenn man vor allen andern die eigentlichen Gefuhle des Herzens zu scharfen weiss; wie sehr das allein schon heitert, wenn kraftigere Regungen den Meutereyen der Eitelkeit ein Ende machen. Henriette konnte das wissen, und das machte das Madchen so milde, und liess ihren muntern Geist so hell, so wunderbar fassend werden. Woldemar der nach und nach sie erforschte, fuhlte mit Entzucken, was ihm das Schicksal in ihr darbot. Ihr Einverstandniss wurde von Tag zu Tage leiser und inniger. Henriette, die zu ihrem eigensten Daseyn bisher nicht hatte gelangen konnen, erhielt es in dem Anschauen eines Mannes, der durchaus selbststandig war, und ihren besten Ideen und Empfindungen den einsamen, verschlossenen Ausflucht, lebendige Kraft und unuberwindliche Gewissheit ertheilte.

Wessen Seele je mit himmlischer Liebe befruchtet gewesen, und der gefuhlt hat in seinem Inwendigen das unsagliche Weben, das mit dem Aufkeimen des herrlichen Saamens beginnt, und zunimmt mit seinem Gedeyen zu Freundschaft, der wird von der Wonne, welche Henriette und Woldemar in diesem Zeitpunkt erfuhren, keine Beschreibung erwarten.

Freund und Freundinn kamen nie zusammen, dass sie nicht an irgend einem Ereigniss sich noch genauer erkannten, irgend eine Erwartung, die sie von einander geschopft, sich erfullen sahen, und dann Empfindung die Statte einnahm, welche Ahndung bereitet hatte. Dass die Begebenheiten oft, an sich, zu den unerheblichsten gehorten, benahm ihrem Eindrucke nichts. So waren sie einst mit ihren Geschwistern auf ein nahe gelegenes Jagdhaus gefahren, wo ein kunstliches Reiten von Engellandern zu sehen war. Das schone Wetter hatte eine Menge Leute hinausgelockt. Die meisten von denen, welche in Wagen gekommen waren, wollten den Ruckweg lieber zu Fusse machen. Woldemar, der seine Freundinn fuhrte, sah, als sie zwischen die Thore kamen, ohngefahr dreyssig Schritte vor ihnen ein kleines Madchen mit einem GemussKorbe auf dem Kopf, das einem Phaeton ausweichen wollte, und daruber seine Burde fallen liess. Er und Henriette hemmten zugleich den Schritt. Unterdessen das arme Ding seine Sachen wieder in den Korb packte, kam ein kleiner Bube mit einem schweren Bundel Holz beladen, der vermuthlich ihr Bruder war. Sie rief ihn an, dass er ihr hulfe. Der Bube warf auf die Mauer vom Glacis zurnend sein Bundel ab und griff den Korb an. Da er aber noch kleiner als das Madchen war, und beyde zu wenig Starke hatten, so schwankte ihnen der Korb auf die Seite, und alles was drin war lag von neuem auf dem Boden. Von den vorubergehenden lachten die Geringen uber den Spas, und die Vornehmen lachelten oder schielten gravitatisch hin und wieder weg. Woldemar liess Henriettens Arm. "Machen Sie sich so lange zu Dorenburg," sagte er, und sprang hinzu. Aber Henriette sprang mit. Sie packten gemeinschaftlich das Gemus wieder in den Korb, und wollten ihn eben dem Madchen aufsetzen, als zwey Soldaten von der Wache herbey gelaufen waren, die es ihnen gar freundlich wehreten. "Das freut mich, sagte Henriette beym Weggehn, und indem sie noch einmahl umguckte, dass die Soldaten uns gesehn haben; wenn nun einmahl wieder ein armer Tropf da in Noth kommt, so lassen sie ihn schwerlich so lange zappeln." Und erzahlen auch ihren Cameraden wohl noch die Geschichte, fugte Woldemar hinzu ... Indessen ... Aber haben Sie bemerkt, was da gleich fur ein Trupp Menschen um uns stand? "Ich gab nicht Achtung, erwiederte Henriette. Die glaubten wohl, es gabe da ein grosses sehenswurdiges Ungluck zum Besten!" Nichts anders, antwortete Woldemar. Wenn ich so denke, fuhr er fort, es ist doch wunderbar, wie die Leute in ihrem Fratzenwesen sich so verlieren konnen, dass sie zu nichts naturlichem mehr den Weg finden, und ihnen immer am verkehrtesten dunkt, was es am wenigsten ist. Da war doch keiner, der sich nicht fur Schande gefurchtet hatte, wenn er durch eine Handreichung dem Gequale der armen Kinder ein Ende gemacht hatte, und nun, da wir es drauf wagten, nun werden sie es uns zur Eitelkeit auslegen. "Zur Eitelkeit?" stutzte Henriette. Ja, sagte Woldemar, sie werden es fur Liebe des Sonderbaren halten, fur Hochmuth was weiss ich? allemahl fur Fratze. "Eben fallt mir ein, unterbrach ihn Henriette, dass Sie zu mir sagten: machen Sie sich so lange zu Dorenburg! Wie, wenn ich's gethan hatte?" Es ware nie mir eingefallen, Sie deswegen zu tadeln, antwortete Woldemar, Sie sind ein Madchen, Sie haben gerad einen Putz an, der Sie vorzuglich ins Auge stellt; ich hatte Ihre Hulfe nicht nothig, und also konnten Sie umhin, sich dem Begaffen auszusetzen und die Sache abentheuerlicher zu machen. "Und also tadeln Sie mich, dass ich mit gieng? Sie haben Recht! Schwerlich hatte ich es auch gethan, wenn ich mich erst besonnen hatte; aber ich hieng so an Ihrem Arm, sah nur auf das Madchen und den Buben, und dachte nur darauf, was Woldemar thun wurde: und wie der gieng, gieng's eben hinten drein mit mir, ich weiss nicht wie; und was solls denn auch?" Engel! sagte Woldemar, und wendete sich auf Henriettens rechte Seite, und druckte ihren Arm fest an sein Herz; Engel! und er bebte davon wie er's leiser noch einmahl aussprach, und sein Angesicht schwand. "Woldemar! sagte Henriette; Woldemar! was ist? was bewegt Sie so seltsam?" und doch war sie selbst bis zu Thranen geruhrt. Was mich bewegt? erwiederte Woldemar. Beste! es ist nicht von heute, nicht eben von itzt: es ist, Gott Lob! schon von lange: aber bey jedem neuen Vorfalle durchdringt's mich gewaltiger, und alles wieder, und alles auf einmahl! Liebe! das: dass du da bist wurklich da dass ich Dich endlich habe ein Wesen, dessen Herz, wie das meinige, sich von jedem Moment der Schopfung ganz erfullen lasst dass sich nicht scheut allein zu thun, was unter tausenden keins mochte und auch keins durfte das eine That, die in tausend Fallen nicht schon und nicht gut ware, in dem Einzigen, wo sie schon und gut ist, schnell dafur erkennt und da muthig sie ausubt das immer nur seinen eigensten Willen thut, und doch, mit hellem Blick gen Himmel, sagen darf: "Vater, deinen Willen!" O du Eine! Du Meine!

Es dauerte keine zwey Jahre, da waren beyde Seelen so ganz von einander durchwittert, waren miteinander in so geheime durchgangige Befassung gerathen, dass sie nie in etwas sich missverstanden. Woldemar erlaubte sich nun gegen seine Freundinn nicht die kleinste Zuruckhaltung mehr; er wollte nicht hoher bey ihr gelten als seinen innerlichen Werth; und da sie ihn so gut zu fassen im Stande war, als er nur selber mochte; so sah er keinen Grund ihr irgend etwas zu verheelen. Sie durfte so leise in sein Zimmer treten als sie Lust hatte, und bey jedem Geschafte ihm uber die Achsel gucken. Wenn er verreist war, erbrach sie alle Briefe, ohne Ausnahme, die an ihn kamen, und beantwortete viele davon, auch die von dem vertrautesten Inhalt, an ihres Freundes Statt.

Woldemar fuhlte sich wie neugebohren; alle Menschen waren ihm lieber, und er war es allen Menschen und sich selbst. Es konnte nicht fehlen, nachdem er einmahl in Ein Geschopf ein unumschranktes Vertrauen gesetzt hatte, dass die ganze Gattung dabey gewinnen musste. Wie viel mehr seine naheren Bekannten und Freunde! Jedermann priess die Veranderung die man an ihm wahrnahm; dass er so merklich offener, mittheilender, duldsamer, gleichmuthiger und geselliger geworden sey; dass man itzt so viel mehr als sonst von ihm habe. Es war ihm eben durch und durch wohl; und der Zufriedene wie leicht dem nicht jedes Opfer? er hat soviel zu missen!

Unterdessen aber hatte man auch allgemach in der Familie gelernt Woldemaren besser zu verstehen; und das war grosstentheils Henriettens Werk. Sie wusste so einnehmend zu erzahlen, wie bey den Clarenaus mit Woldemar umgegangen wurde, dass dadurch unvermerkt bey den Zuhorern den Reiz zur Nachahmung entstand, und die Grillen des Menschen ein Ansehen von Liebenswurdigkeit, manchmahl gar von Erhabenheit bekamen. Es lasst sich nicht sagen was fur einen leichten, nachlassigen und muntern Ton sie dabey hatte; den hatte sie aber vorzuglich, wenn sie auf besondre Entwicklungen von Woldemars Character kam, oder seine Vortreflichkeit darstellte; das immer nur von ohngefahr, oder doch wie von ohngefahr geschah; man war im hochsten Enthusiasmus, und wusste es nicht; wenigstens konnte man Henrietten nicht Schuld geben, dass sie einen angesteckt habe; so frey, so unbefangen schien sie dabey, und so rein und schlecht gab sie's hin. Die Unarten ihres Freundes war sie gestandig, und sie neckte ihn bey jeder Gelegenheit damit. Dies mochte sie mit dem scharfesten Witz thun, Woldemar wurde nie bose, sondern er hatte eine wahre, herzliche Freude daruber; nur zuweilen wenn sie ihn an einer Seite traf, die er selbst noch nie so recht wahrgenommen hatte, wurde er ernsthaft und brach dann auf die herbeste Weise und manchmahl mit ungemeiner Hitze wider sich selber aus; aber ihre Laune wusste dieses Feuer noch geschwinder zu loschen, als sie es angefacht hatte. Auch in jedem andern Fall, wenn Woldemars Enthusiasmus in Schwarmerey ausarten wollte, war sie gleich da, um ihn beym Ermel zu zupfen. Sie konnte seinen Ideen und Empfindungen in ihrem hochsten Schwunge nach; und Er war nicht weniger aufgelegt, ihre feinsten Bemerkungen und scharfsinnigsten Raisonnements in ihrem ganzen Umfange zu erwagen, und sie fur das was sie waren, bey sich gelten zu lassen. Daher die herzlichste Gattung von Uebereinstimmung unter ihnen, jenes Gleichgewicht jenes Zusammenfliessen in Glauben oder in Zweifel jenes wo man die Gegenwart des Freundes so lebhaft fuhlt, und mit einer Ruhrung ihn umschlingt, die nichts anders so erwecken kann.

Biederthal hatte das Verlangen nie los werden konnen, seinen Bruder mit Henrietten vermahlt zu sehen. Er sprach oft davon mit seiner Luise und mit Dorenburg; aber sie sahen mit einander keine Moglichkeit dazu, weil der alte Hornich Woldemaren bis zum Abscheu hasste. Aus Scheu vor seiner Tochter, die ihm ofter daruber Vorstellungen gethan, massigte er sich zwar: aber seine Gesinnungen blieben darum nicht weniger wie sie waren, und das offenbar genug. Nun begab es sich, dass der Alte, der lange mit der Wassersucht bedrohet gewesen, sichtbar sich seinem Ende nahete, und nun konnte der gute Biederthal sich nicht langer halten. An einem Abend, da sie bey Dorenburgen sehr vergnugt zusammen bey Tische sassen, und Henriette unversehens ihres Vaters wegen abgerufen wurde, brach Biederthal, so wie sie zur Thur hinaus war, los: "Bald lieber Woldemar, bald, wird deine Noth ein Ende haben! Du glaubst nicht, wie mirs bestandig nachgeht; meine Frau, Dorenburg und Caroline konnens bezeugen." Woldemar verstand nicht gleich; "Was fur eine Noth?" Biederthal lachelte, Luise, Dorenburg und Caroline mit. "Nein, in Wahrheit! Ich, in Noth?" Doch musste er anfangen und mitlacheln Endlich begriff er, fuhr zusammen und fieng laut zu lachen an: "Meine Noth!" rief er, und konnte kaum fur Lachen, warf die Serviette hin, sprang vom Stuhl auf und lief zu Biederthalen, dem er um den Hals fiel: "meine Noth! du guter Biederthal, meine Noth!" und kusste und lachte; und lachte endlich so herzlich in einem fort, dass sie alle mechanisch einfallen, und lange warten mussten, bis sie erfuhren, warum das Gelachter. "Bester! sagte Woldemar endlich zu Biederthalen, deut mir das nicht unrecht, dass ich deiner zartlichen, bruderlichen Aufwallung so ungereimt begegnete; du kamst mir zu unerwartet; gleich verstand ich dich nicht, und da ich dich verstand, machte der Ausdruck, dessen du dich bedient hattest, mir den Contrast meines wurklichen Zustandes mit dem deiner Einbildung so auffallend, und stellte mir die Sache in ein so comisches Licht, dass ich durchaus mir Luft schaffen musste. Sieh, Lieber, fuhr er sehr ernsthaft fort, ich bin mir nicht bewusst, je nur inne geworden zu seyn, dass Henriette zu dem andern Geschlecht gehort, geschweige dass ich eine Leidenschaft fur sie empfunden hatte, oder noch empfande. Dies hab' ich auch genug zu erkennen gegeben, und daher kam mir der Einfall, Henrietten manchmahl Bruder Heinrich zu nennen, wie ihr tausendmahl gehort habt." Aber, sagte Dorenburg, Sie waren doch so aufmerksam auf Henriettens Gestalt; und das, auf eine so eigene Art. Was andere daran auszusetzen fanden, das konnten Sie nicht sehen, ja Sie wussten es als Schonheiten auszulegen, und behaupteten die Sache, wenn man ihrem Gefuhl widersprach, mit einem Eifer, mit einer Begeistrung... "Das will alles nichts bedeuten, unterbrach ihn Woldemar, wenigstens in Beziehung auf mich, dessen Auge fur Schonheiten so offen, und fur Mangel neben ihnen so blind ist. Gestalt heisst uberhaupt sehr viel bey mir, und was die von Henrietten vortrefliches ausdruckt, musste, seiner eigenen Natur nach, eine Wurkung auf mich machen, welche so leicht nicht verringert, wohl aber sehr erhohet werden konnte; Leidenschaft aber, ich wiederhol' es, hat sie keinen Augenblick in mir erregt." Nun! fiel Biederthal lachend ein, Du auf einmahl so platonisch, was Dir sonst beynah ein Grauel war! Du, Woldemar, Du, Du! und das mir vor Angesicht? "Ich bitte Dich! sagte Woldemar, lass uns abbrechen!... Wo ist hier von platonischer Liebe die Rede? Was bey uns diesen Nahmen fuhrt, verhohn' ich, wie immer. Auch bin ich mir sehr wohl bewusst, dass Klosterheiligkeit nie meine Sache war; Cynismus aber, oder Faunische Ausgelassenheit noch viel weniger: und allemahl blieben diese Lippen doch nur der Freundschaft und Liebe geweiht, kein schnoder Kuss hat sie jemahls befleckt, und nie hat dies Herz an einem feilen Busen geschlagen. Mit ehrbaren Weibern und Madchen muthwillig Liebeshandel anzuspinnen, oder viel mit ihnen zu tandeln, war auch nicht meine Art. Just weil meine Sinne ausserst reizbar sind, und ich mich schwer zu massigen weiss, fuhlte ich geschwinde das unbehagliche, zerstreuende, schwachende, verwustende, das mit dergleichen verknupft ist, und da bemuhte ich mich meiner Einbildungskraft Meister zu werden, und kam bald so weit, dass ich mit den schonsten Weibern vertraut umgehen konnte, ohne im mindesten dabey meine Ruhe zu verlieren. In Wahrheit mein Freund, das ist nicht so schwer als verdorbene Menschen uns uberreden wollen; denn selbst derjenige machtige Reitz der Schonheit, welcher Leidenschaft erweckt, kann bey einer reinen Einbildung die Seele wie lang entzucken, ehe sich Begierden merken lassen." "Einen Augenblick! rief Biederthal alles zugegeben; wenn aber dies letzte nun gerade dein Fall ware?" Um Gottes willen, erwiederte Woldemar, ich bin doch kein Knabe mehr! ich habe ja alle Kasereyen der Liebe bestanden; und ich sollte nun selbst nicht wissen, ob ich eine Leidenschaft im Busen trage? Ware je der Wunsch in meine Seele gekommen, Henrietten zu besitzen, ich hatte sicher nicht darauf geharret, dass unser guter Hornich wassersuchtig wurde: soviel kennt ihr mich doch alle? "Freylich, antwortete Biederthal aber du bist ein so wunderbarer Mann; du hast dich schon oft so unbegreiflich getauscht... wenn du abermahl dich hintergiengest, dich verwickeltest wenn ich dich wieder unglucklich sehen musste! Woldemar! " Ein tiefer Seufzer brach ihm das Wort im Munde, und er sass da das ruhrendste Bild zartlicher Sorge und achter Lieb und Treue. Ueber Woldemaren hatte sich mit Biederthals Rede eine Fluth von Ideen und Empfindungen ergossen, so dass ihn der Anblick seines Bruders mit zehnfacher Gewalt erschutterte. Er wollte sprechen, seine Lippen ofneten sich aber ihre Bewegung war nicht zu Worten. Auf einmahl traten ihm die Thranen in die Augen. Er beugte sich uber den Tisch, und reichte Biederthalen die Hand und auf den Arm sank sein nasses Gesicht. Alles war stumm und still.

Nun sahen die Bruder sich einander wieder an nun ofneten sich wider ihre Lippen aber nicht zu Worten nur zum Hauch der Liebe.

Endlich stand Woldemar auf, und nachdem er einigemahl im Zimmer auf und niedergegangen war, trat er zu Biederthalen, fasste ihn herzlich bey der Hand: "Sey ruhig, Bester! sagte er zu ihm; ich bitte dich, sey ruhig! Ich schwore dir in diesem feyerlichen Moment, dass ich fur Henrietten nichts anders, als die reinste, heiligste Freundschaft empfinde; und alle Kenner des menschlichen Herzens sind daruber einig, dass Freundschaft nie in die Leidenschaft der Liebe ausarten kann. Warum soll ich durchaus Henrietten lieben? und da ich sie nicht liebe, warum sollt' ich mich mit ihr vermahlen? Ich verlore dabey unendlich mehr, als ich gewonne. Das holde trefliche Geschopf scheint ausdrucklich gebildet zu dem freyen Verhaltniss, das jetzt zwischen ihr und mir besteht. Zu ihren Kenntnissen und Talenten hat sie noch alles erworben, was sie brauchte, um ganz meine Gefahrtinn zu seyn; und meine Gefahrtinn soll sie bleiben, soll nie meine Gattinn werden. Ich zittre vor dem blossen Gedanken ein so herrliches Verhaltniss der Gefahr einer Verwandlung auszusetzen, war' es auch nur der unbedeutendsten. Gott! diesen unschatzbaren Besitz was schon wurklich da ist, und uber alles ist, freywillig zu zerstoren die hochste Gluckseligkeit, die ich mir gedenken kann: ich verdiente die Holle! Und ist es nicht fur uns alle besser am meisten fur das liebe Madchen selbst, dass sie ungefesselt wie bisher unter uns wandle; gleich einer Gottheit, Freude und Seegen allenthalben vertheile?..."

Woldemar wurde gefragt: ob er denn entschlossen sey nie zu heyrathen? Ob Henriette Willens sey immer ledig zu bleiben? Nach letzterem hatte er nie geforschet; uber das erstere erklarte er sich zweifelhaft. So schieden sie auseinander.

Henriette erfuhr diese Unterredung am folgenden Morgen von ihren Schwestern. Ueber Biederthals Anrede errothete sie; und dass Woldemar ein so unmassiges Gelachter aufgeschlagen, machte sie stutzig. Nie war in ihre Seele der Argwohn gekommen, dass uber ihre Freundschaft mit Woldemaren ein unrichtiger Gedanke unmoglich sey: ein Gemische von Unwillen und Schmerz bewegte ihr Inwendiges: und Woldemar hatte nur gelacht! Doch fand sie dies am Ende ganz naturlich, ganz an seinem Platz, und verwiess sich ihre Befremdung. Aber lebhaft fuhlte sie in diesem Augenblick den Unterschied zwischen Madchen und Mann.

Ihre Schwestern, denen die kleine Verwirrung, worein Henriette gerathen, nicht entgangen war, machten ihre eigene Auslegungen daruber. Henriette liess sie nicht lange in Irrthum; sie erklarte einerley mit Woldemar, und that es noch bundiger als er, und durchaus bestimmter. "Du bist also wohl fest entschlossen nie zu heyrathen," sagte Caroline. Man kann nicht fester, erwiederte Henriette. "Und Woldemar auch wird nie heyrathen?" Woldemar wird heyrathen, und du sollst sehen, er heyrathet bald. Ich bitte dich, Henriette, (fiel Luise ein) aber du musst nicht argerlich werden als Woldemar erst zu uns gekommen war.... "Schon genug! unterbrach Henriette. Ich verlange das nicht zu laugnen, dass Woldemar Eindrucke auf mich gemacht hatte, wovon ich damahls glaubte, dass Leidenschaft sie leicht zu Leidenschaft wurde beleben konnen. Woldemar kannte sein Herz besser; und ich habe seitdem auch das meinige kennen gelernt. Nunmehr, nach der innigen Freundschaft, die unter uns entstanden ist, kann ich mir Woldemaren gar nicht mehr als Liebhaber nur gedenken. Ich bin gewiss, dass ihm in Absicht meiner nicht anders zu Muthe ist. Aber den Fall gesetzt, es ware moglich, dass Woldemar nun auf einmahl in Liebe gegen mich entflammte sieh! es wurde dies eine Wurkung auf mich machen, wovor meine Einbildung sich entsetzt es ware das unglucklichste, das abscheulichste, was mir begegnen konnte. Gut, dass ich eher des Himmels Einsturz zu befahren habe!"

An demselbigen Tage, gegen Abend, gieng Woldemar zu Henrietten, um ihr den Auftritt bey Dorenburgen zu erzahlen. "Ich weiss schon alles, unterbrach sie ihn, da er anfangen wollte; Sie sollen heyrathen, das steht Ihnen nicht an: aber hor, Bruderchen, du musst! du musst, oder es taugt nicht." Wenn ich muss; nun in Gottes Namen, Bruder Heinrich! "Deine Hand drauf!" Woldemar zuckte. Henriette lachelte: "Nun!" Henriette! Schwester! muss ich fragen, ob das dein Ernst ist? "Mein Ernst! Was?" Ach! rief Woldemar unwillig. "Sachte, sachte! gab Henriette; ich habe Ihr Wort, und darauf fordre ich Ihre Hand; her, lieber Woldemar, her Ihre Hand fur: Allwina Clarenau!" Ey! sagte Woldemar, das ist ja abermahl etwas neues! "Etwas Neues? Nichts weniger! Ich hatte Ihnen meine Freundinn bestimmt, noch ehe Sie bey uns waren. Diese Idee ist mir von Tage zu Tage lieber geworden, und ich hatte sie Ihnen langst entdeckt, wenn nicht die Gewalt, welche Allwinens Vater dem meinigen uber das Schicksal des guten Kindes gelassen, der Erfullung meines Wunsches bisher im Wege gewesen ware. Auf der ganzen Welt ist so kein Madchen fur Sie wie unsere Clarenau?" Allwina ist ein liebes herrliches Geschopf, sagte Woldemar, aber um des Himmels willen, warum soll ich denn durchaus eine Frau haben? Henriette zuckte mitleidig die Achseln: "Wunderlicher Mensch! um desto glucklicher zu seyn; auch um mich desto glucklicher zu machen." Sie heyrathen dann wohl auch? "Wie mogen Sie nur so albern thun, Woldemar? Mit mir, mit Ihrer Henriette dergleichen ja Complimente? Als wenn nicht der Unterschied in die Augen fiele? Mich verloren Sie beynah' ganz, wenn ich meinen Stand anderte; Sie, im Gegentheil, bringen mich um nichts, wenn Allwina Ihre Gattinn wird; vielmehr gewinn ich unendlich: muss ich Ihnen etwa das der Lange nach auseinandersetzen? Hiezu kommt noch, dass ich nach meines Vaters Tode, bey Euch am liebsten meine Wohnung aufschluge. "

Woldemar umarmte seine Freundinn. Aber, sagte er, ich fuhle keine Leidenschaft fur Allwina; sie keine fur mich, und ich kann nicht begreifen... "Halten Sie inne, Woldemar, sagte Henriette; Sie wurden mich zum erstenmahl in Ihrem Leben ungeduldig machen. Haben Sie nicht hundertmahl gesagt, dass Sie nie aus Leidenschaft heyrathen mochten? Haben Sie nicht hundertmahl gesagt, Sie wurden nie von einem Madchen Leidenschaft verlangen; man durfe diese von keinem Madchen erwarten, das ein achtes Kind der Natur sey; denn Mutter Natur habe das Weib nur zu Einer Leidenschaft angewiesen zur Leidenschaft fur die Kinder; Mutterherz sey sein wahres, eigentliches Wesen. Wo ein Weib sagten Sie die Leidenschaft der Liebe gleich uns Mannern zu empfinden scheint, da wird fast immer etwas unlauteres, verkehrtes zum Grunde liegen. Nicht ein herrschender, unmittelbarer Trieb, sondern Leichtsinn, Eitelkeit, schnodes Gelust reisst es hin. Und darum fugten Sie hinzu ist ein ungetreues, buhlerisches Weib mit Recht fur das niedertrachtigste aller Wesen zu halten"... Also, mein Freund, ware das, was sie eben vorzubringen gedachten, wohl nur eine Ausflucht gewesen; und was haben Sie Ausfluchte nothig? Sie sind in Verlegenheit, ich seh' es das krankt mich eben. Ueber meinen Antrag zu stutzen, war naturlich, wie sie ihn aber von sich weisen darinn ist.... "Nicht wahr, sagte Woldemar darinn ist Verstellung? Liebe Henriette, ich will Ihnen meines Herzens Gedanken sagen: Allwina Clarenau ist allerdings ein sehr reitzendes Geschopf in meinen Augen; wohl ist mir auch einmahl durch den Kopf geflogen: Das ware gerade eine Frau fur dich! und vielleicht ware der Gedanke ofter wiedergekommen, und hatte nach und nach mehrern Raum gewonnen, ware nicht das schone innige Verhaltniss mit Ihnen gewesen. So aber mochte ich mir nicht einfallen lassen zu heyrathen, weil ich mir nicht wollte einfallen lassen, dass Sie heyrathen konnten. Und dann: ich fuhlte mich so glucklich in meiner gegenwartigen Lage, liebe Henriette, so weit uber alle meine Hofnung glucklich, dass ich mich der Sunde furchtete noch glucklicher werden zu wollen. Henriette reichte ihm ihre Hand, zog dann die seinige sanft ihren Lippen entgegen, die sie darauf gedruckt hielt, wahrend er fortfuhr: Noch glucklicher? (Er hatte seine linke auf ihren Schoos gelegt und sacht' ihre Wange gekusst,) sag', Liebe, war es nicht Frevel? Und Frevel auch von dir, deiner Freundinn einen Mann anzurathen, der doch an dir allein, obgleich nur in Freundschaft, aber doch an dir allein nur mit ganzer Seele hangt? Nein; lass, lass! ich bitte dich, Engel, lass! " Woldemar! sagte Henriette, indem sie sich aufrichtete und mit dem sussesten Blick ihn fasste Woldemar! Lieber! nur ein bischen Besinnung! Fur so gering wollten Sie Ihre Seele geben, dass ihre Kraft an einem einzigen Gefuhl erschopft ware, das nicht einmahl Leidenschaft ist? Sehen Sie nicht, was fur eine Schmach Sie auf unsere Freundschaft legen; was fur ein lappisches, argerliches Ding Sie daraus machen, sobald dieselbe Sie hindert, dass Sie nicht alles seyn konnen, wozu Sie von der Natur den eigentlichsten Beruf haben? Sagen Sie nicht, das lasse sich gegen mich selbst zuruckwenden. Sie wissen was ich seit Jahren beschlossen hatte, und mit bestem Grunde. Ueberhaupt ist mit einem Madchen der Fall durchaus anders. In meiner Lage nun gar, die so voll herzlicher Geschaftigkeit, so voll wahres Lebens und Genusses ist, dass ich schwerlich zu weit gehe, wenn ich meine Bestimmung fur so schon und gut und vollkommen achte, als irgend Eine. Und dann: so und nicht anders war nun schlechterdings einmahl meine Bestimmung; auf der Bahn, die mir mein Schicksal geofnet, bin ich gerad und einfaltig hingegangen; Ort und Stelle, wo ich mich befinde, sind unfehlbar die rechten; ich kann sie eben so wenig andern, als ich mag.... Genug hievon und genug uberhaupt; denn wenn Ihre Freundschaft fur mich das ist, wofur ich sie immer gehalten (und das muss sie seyn, oder es ist Grillenfangerey damit) so kann niemanden dadurch etwas genommen werden, am mindesten dereinst Ihrer Gattinn, wer sie auch sey. Allwina, die bisher so merklich dabey gewonnen hat; die selber mich bis zur Ausschweifung liebt; wie konnte sie dabey verlieren? Allwina hat von je her ihren eigenen Antheil an Ihrem Herzen gehabt, einen so eigenen vielleicht, als immer ich, und gewiss einen unmittelbareren. Die Lieblichkeit des Madchens, seine wunderbare Unschuld, aus der es einem so hell entgegen strahlt, dass sie unverfuhrbar ist, wie die Unschuld eines Engels; seine frohe Laune, mehr werth, als aller Witz; seine Arglosigkeit, Genugsamkeit, Eitellosigkeit... Wie waren Sie nicht tausendmahl davon entzuckt, und sind es alle Tage noch? Und, Woldemar die Schonheit des holden Kindes? Oder ist Allwina etwa nicht schon (Woldemar musste lacheln) und auch etwa nicht jung? Doch ist sie sieben Jahre junger als ich, kaum uber neunzehn. Gewiss, lieber Woldemar, es ist kein geringes Wunder, dass Sie neben Allwina Zeit behielten, mich Ihre Freundinn werden zu lassen. Waren Sie nicht der seltsame Mann, mit einem Kopf, der Ihnen wenigstens eben so viel zu schaffen macht, als Ihr Herz, und der mit diesem ganz ahnliche Bedurfnisse hat: es ware nie geschehen und desto schlimmer fur Allwina. Wie vieles in Woldemar, das ohne mich, nie an Allwina gelangt ware! Nicht weiter Henriette! rief Woldemar; ich verstehe, ich fuhle alles, aber ich bin betaubt. Wenn der Engel mir bestimmt ist, ich will ihn nicht von mir weisen. Lassen Sie mir Zeit.

Es war im Merz, da diese Unterredung vorfiel. Einige Zeit darauf glaubte der alte Hornich sich von neuem zu erholen, und Henriette bekam Erlaubniss die Clarenaus auf ihren Landsitz zu begleiten. Woldemar gieng auch mit. Henriette stand in sehr geheimen Vertragen mit der Natur. Hier schien diese ganz mit ihr dazu verschworen, dass das Herz des guten Woldemars von der Liebe beschlichen wurde. Wie ihm zu Muthe war, erhellet aus einem ziemlich dithyrambischen Briefe, den er in die Stadt an seinen Biederthal schrieb. Hier ist er.

Am 28sten April.

"Ich glaube, Bruder, alle Nachtigallen haben sich hieher in unsere Busche beschieden! Es ist ein Singen, dass man es kaum aushalten kann. All die andern Vogel dazu. Das Heer von Lerchen, die in ununterbrochenem Jubel einem uber dem Kopfe schweben. Rund herum die ganze vollstandige Symphonie. Und dann hor! durch all den Gesang durch aus allen moglichen Distanzen die Wechsellieder der Nachtigallen. Man weiss nicht wohin sich kehren und wenden. Und ruht das Ohr nun einen Augenblick, dann fallen all die Baum- und Hecken-Bluthen uber einen all das neu gewordene Laub... Und sieh da! die herrliche Ebene; das vielfarbene Grun dort im Thal! O, und die Hugel da hinauf! Seitwarts die daruber ragenden Hohen! Hier durch die Oefnung noch weiter! Alle Gipfel durchsichtig; alles so hauchend mit Wohlgeruchen, und ausstromend seine beste Kraft in Schonheit und Wohlthun ... Da auf einmahl laut vom nachsten Zweig der hellste Schlag!! Es fuhr durch Mark und Bein Offen allem! Welt und Himmel! Meine Begleiterinnen, die zwey lieben Madchen standen da vor dem Verzuckten. Gott! meine Brust so eng, so fest! ich wankte, taumelte nieder, verbarg mein Gesicht... Es war Sonnen Untergang. Ich wandelte mit meinen Freundinnen sachte unserer Wohnung zu, sammelnd in mir alle die Tone, die in meiner Seele angeschlagen hatten, dass sie nicht verhalleten, wenigstens nicht so geschwinde verklangen. Ein vieljahriges Gemisch dunkler Empfindungen ordnete sich in Melodie; und diese Melodie wieder in Accorde. In den schwindenden Sonnenglanz traten Sirius und Venus. Vor und nach erschienen die ubrigen Sterne. Wir horten die Music der Spharen.

So weit hatte ich gestern Abend geschrieben. Jetzt komm' ich von einem Spatziergang mit Allwina nach Hause. Henriette hatte zu schreiben. Schon um funf Uhr waren wir draussen. Als wir einem Waldchen, auf einem Hugel gelegen und schon wie ein Paradies, vorbeykamen, wunschte ich uns in den Stand der Unschuld. Nun liessen wir's linker Hand liegen, und wandelten nach dem Wasserfalle zu, und setzten uns nachst dem grossen Teich, der so hell und schon da stand, dass man sich nur gleich hatte hineinsturzen mogen. Am Sonnabend schreib ich dir wieder, und wer weiss, vielleicht etwas merkwurdigeres.

Dein Woldemar."

... Es giebt eine Menge lieblicher Scenen, wo die verborgensten Quellen der Seele sich ofnen, und die sich auf kein Schaugerust bringen lassen. Sie lassen sich auch nicht malen, weil sie rund um im vollsten Himmelslichte gesehen seyn wollen.

Allwina ruhte an Henriettens Busen. Da empfieng

sie Woldemars Gelubde, und es ergab sich ihre Seele dem Edlen.

Des ersten Bandes zweyter Theil

' ,

', ,

.

PYTHAGORAS.

Welches Dacier ubersetzt:

Il se fait parmi les hommes plusieurs fortes de

raisonnemens bons & mauvais;

Ne les admire point legerement, & ne les rejette

pas non plus.

Il y a une espece de fureur qui vient du corps a

l'ame, procedant de quelque mauvaise tempera

ture d'humeur maligne, ou de la meslange de

quelque mauvais vent & esprit pernicieux, mais

cette fureur la est fascheuse & maladie dange

reuse. Il y en a une autre espece qui ne s'engen

dre pas sans quelque divinite ni ne so concree

pas en l'ame ou dedans nous, ains est une inspi

ration estrangere, qui vient de dehors, un devoy

ement de la raison du sens & de l'entendement

naturel, prenant son origine & le principe de son

mouvement de quelque puissance divine, laquel

le passion en general s'appelle enthusiasme,

comme qui diroit inspiration divine: car ainsi

comme se nomme repletion d'esprit, &

, qui est a dire prudence & repletion de

sens: aussi telle agitation de l'ame se nomme

, qui n'est autre chose qu' une repleti

on de quelque puissance divine.

Oeuvres morales de Plutarque, traduites par Amiot.

In der Nacht kam Biederthal mit einer Postschaise, um Henriette eilends abzuholen. Der alte Hornich war wieder eingefallen, und neue Zufalle verkundigten ihm ein schleuniges Ende.

Biederthal ward von der Nachricht, dass sein Bruder mit Allwina verlobt sey, wie versteinert. Er konnt' es nicht glauben, und trauete nicht sich von ganzem Herzen daruber zu freuen.

Henriette fand ihre Geschwister zu Hause beysammen. Der Kranke war etwas eingeschlummert. Dieser Umstand war fur Biederthalen erwunscht; denn nun konnte, nachdem Henriette uber ihres Vaters Befinden alle Erkundigung eingezogen hatte, und man wieder gelassener da sass, sogleich die Wundergeschichte von Woldemars Verlobung vorgenommen werden. Er sah mit Befremdung, dass die beyden Schwestern und Dorenburg mehr erfreut und weniger erstaunt waren, als er vermuthet hatte. Dabey schien es ihm, als herrsche etwas Geheimnissvolles in ihren Mienen. Er war ungeduldig auf den Grund zu kommen, und wusste sich nicht zu helfen. Henriette hatte auch etwas bemerkt; sie hub plotzlich an: Ihr habt etwas miteinander; was ist's? Alle drey wurden roth und nach und nach kam es herausgestottert: der alte Hornich befinde sich in einer Art von Hollenangst wegen Woldemar und Henrietten, und wurde nicht anders als voll Verzweiflung den Geist aufgeben, wenn er nicht von seiner Tochter das feyerliche Gelubde erhielte, dass sie nie Woldemaren die Hand geben wollte. "Denkt euch die Beklemmung, worinn wir uns befanden, sagte Dorenburg, und was fur eine Wurkung die gluckliche Nachricht auf uns machen musste, die ihr mitbrachtet." Aber damit ist nicht geholfen, sagte Henriette, denn so lange noch einige Hofnung zur Genesung bey meinem Vater ist, darf ihm Woldemars Verlobung nicht kund werden; und ihn durch die Erklarung, die er wunscht, zu beruhigen, das ist mir unmoglich. Wie! warum denn nicht? fragten die geangsteten Schwestern wie aus einem Munde. Warum! antwortete Henriette, und ward feuerroth; weil ich dem Hass, der Verachtung gegen den Besten unter den Menschen nicht die Hand bieten will; weil ich in keinen Bund treten will, gegen meinen Freund! Ein feyerliches Gelubde meinem Woldemar zur Schmach! Ha! rief sie, die Augen gen Himmel; und schluchzend gieng sie zur Thure hinaus.

Als Hornich erwachte, war sein erstes Wort nach Henrietten zu fragen. Sie hatte Zeit gehabt sich zu fassen, und war schon in sein Zimmer geschlichen; und sobald man dem Alten geantwortet, sie sey da, stand sie auch schon vor seinem Bette. Wie er sie erblickte, hob er Hand und Haupt ihr entgegen mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Liebe. "Liebe Henriette" (sagte er, und konnte fur Wehmuth es kaum uber die lachelnde Lippe bringen) " sieh! du hast mir Wort gehalten!" Der ruhrende Sinn dieser Rede gieng Henrietten in die Seele; sie sank in die matten Arme ihres Vaters, und er lispelte ihr an der Wange her: Ja, bis in den Tod! Du gutes Kind; Gott wird dirs vergelten!

Eine Weile nachher (Henriette sass jetzt neben seinem Bette ihm nah gegen uber) Es kommt mir hart vor, dass ich sterben muss, sagte der Greis, denn du hattest mich vergessen gemacht, dass ich so alt war; du hast mich so suss und sanft ans Grab geleitet; aber dennoch ich habe etwas auf dem Herzen; wenn du mir das davon nahmest ja, liebe Tochter, auch hinunter in die Grube konntest du mich sanft geleiten! Ach, lieber Vater! rief Henriette, ich weiss schon was Sie von mir verlangen; ich bitte, horen Sie mich, glauben Sie mir! Woldemar hat nie Anspruche auf mich gemacht; und eben so wenig habe ich den entferntesten Gedanken je die seinige zu werden. Sie mussen sich erinnern, dass ich Ihnen das schon mehrmahls bekraftiget habe; ich wiederhole es Ihnen nochmahls, und schwore Ihnen bey allem was heilig ist, dass ich die lautere Wahrheit sage. Wozu dann ein feyerliches Gelubde? Warum wollen Sie, ohne einige Noth, sich so gehassig gegen einen Mann beweisen, den Sie fur den Aerger, den er Ihnen einigemahl unbesonnener Weise zugefugt (unmittelbar beleidiget hat er Sie niemahls) lange genug bestraft haben? O, besanftigen Sie Ihr Gemuth; machen Sie Friede mit Woldemar; thun Sie's, lieber Vater, auf mein Wort ihrer betrubten Henriette zu Liebe! "Beste Tochter, (antwortete der Alte) sey versichert, ich besinne mich kaum, dass mir durch Woldemar je eine Minute unangenehm geworden. Wollte Gott, er hatte mich aufs ausserste gekrankt, und ware nur ein anderer Mensch! Du solltest sehen, dass ich kein so unversohnlicher Mann bin. Und wessen Herz ist nicht voll Vergebung in der Stunde des Todes? Bloss um Dich ist's mir bey der Sache zu thun, Woldemarn gonnte ich gern alles Gluck, das du ihm gewahren konntest. Aber sieh! ich habe genau auf den Menschen Achtung gegeben, und da ich wahrgenommen, dass du dich immer starker an ihn hiengest, mich allerwarts nach ihm erkundiget. Gewiss, liebe Henriette, er glaubt weder recht an Gott noch an Menschen; es ist durchaus ein desperater Character; hitzig, ausschweifend, unbesonnen... Kurz, ich weiss kein Ungluck, das du nicht mit ihm zu befahren hattest; du warest verlohren fur diese Welt, und wahrscheinlich auch fur jene."

Die Ankunft der Aerzte unterbrach diese Unterredung. Hornich errieth aus ihrer Miene, dass es um ihn geschehen sey, und er drang in sie, um so genau als moglich zu erfahren, wie viel Frist ihm noch bleibe. Aus ihren Antworten liess sich abnehmen, dass er es hochstens bis an den dritten Tag vielleicht aber auch nicht einmahl bis an den morgenden bringen werde. Henriette, die ferne war, einen so plotzlichen Wechsel zu vermuthen, gerieth in die ausserste Besturzung. Der Alte schien wunderbar gefasst; nur dass ihn die Angelegenheit wegen seiner Tochter angstigte. Er eilte die Aerzte von sich wegzuschaffen. Henriette wollte ihn nun ohne Verzug durch die Entdeckung von Woldemars Verlobung mit Allwina beruhigen. Hornich erschrack uber die Nachricht. "Das gute Blut! sagte er. Doch vielleicht wird's noch ruckgangig; bey Leuten, wie Woldemar, kann man auf nichts rechnen; da du aber andrer Meinung bist, so seh' ich nun gar nicht mehr, was dich abhalten konnte, mein Verlangen zu erfullen, und dadurch eine Angst von mir abzuwalzen, bey der mir die Todesangst verschwindet, die mich aber im Tode zur Verzweiflung bringen wird." Henriette weinte bitterlich. Sie sturzte neben seinem Bette auf die Knie, und trug ihm die Grunde ihrer Weigerung mit so viel Starke, auf eine so zartliche und ruhrende Weise vor, dass der alte Vater ausserst davon bewegt wurde, ohne jedoch sich uberwaltigen zu lassen. Dieser Kampf vermehrte die Unruhe seines Gemuths bis zum Tumult, und unversehens sah man ihn von einer Athemsnoth ergriffen, die in wenigen Augenblicken so grasslich wurde, dass Henriette laut um Hulfe schrie, und alle nicht anders dachten, als es ware aus. Henriette glaubte zu vergehen, so unertraglich war ihr der Gedanke, das Leben ihres Vaters auch nur um einige Stunden verkurzet zu haben. Er kam wieder zu sich. Unterdessen waren zwey der nachsten Anverwandten und der Beichtvater angelangt: alle drey sehr wackere Leute. Sie wussten um Hornichs Bekummerniss, und hatten bereits alle Mittel versucht, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Das alles erzahlten sie Henrietten genau, und fugten sehr eindringende Grunde hinzu, um sie zum Nachgeben zu bewegen. Beyde Schwestern stimmten ihnen bey; zuletzt auch Dorenburg, welcher seiner Schwiegerinn zu Gemuth fuhrte, es sey wider ihre eigene Grundsatze, und Woldemars Moral ganz entgegen, einer eingebildeten Pflicht, einer unwurksamen Grille wegen, ein wahres Uebel zu verursachen. "Das passt hier nicht; (antwortete Henriette) ach! Dorenburg, was man nur so spricht, ist immer in den Tag hinein!" Biederthal schlug vor, man solle seinen Bruder eilends benachrichtigen. Aber der Clarenauische Landsitz war vier Meilen von B. entfernt, und ohnedem verwarf Henriette diesen Vorschlag ganz. "Ihr versteht meinen Eigensinn nicht, sagte sie; ihr nehmt die Sache von einer Seite, wo es sehr verkehrt ware, ihr die mindeste Wichtigkeit zu geben"...

Sie unterlag endlich. Der kommende Tod, den sie immer naher und naher sich an ihren Vater lagern sah, seinen furchterlichen Arm schon zwischen ihr und ihm, um ihn von ihr wegzureissen das erschreckte ihren Geist bis zur Verwirrung, und betaubte ihre Sinne. Jeder angstvolle Blick, den der Sterbende auf sie warf, brach ihr das Herz; mit jedem zuckte wie Blitz in der Nacht der Gedank' ihr durch die Seele: Wenn er wo noch zu retten ware? Konnte, wie so mancher, von dem Rande des Grabes zuruckkehren? wenn diese Blicke um Leben fleheten: um Leben bey seiner Tochter! dass sie ihm die Hand bote umzukehren: und sie weigerte die Hand und sie liess ihn hinabsinken!... Das liebe Madchen fiel in Ohnmacht uber diesen Vorstellungen; und da sie wieder zu sich kam, stammelte sie bebend, blass und blind: ich will es thun!

Die Sache wurde sogleich ins Werk gerichtet, und Henriette gab die Erklarung von sich: dass sie ihrem Freund und Bruder Woldemar, den sie unter allen Menschen am hochsten schatze, nie als Gattinn angehoren wolle.

Hornich, welcher, aus Zartlichkeit fur Henrietten, bemuht war auf alle Weise an den Tag zu legen, dass er ferne sey einige bose Absicht gegen Woldemarn zu hegen, hatte aus eigenem Antriebe die gegenwartigen Personen zur unverbruchlichsten Verschwiegenheit anheischig gemacht. Er verschied ohngefehr vier und zwanzig Stunden nachher, gegen Abend.

Dass Woldemar auf die Nachricht von Hornichs Tode in die Stadt fliegen wurde, war naturlich zu erwarten, und daruber gerieth nun sein Bruder die Nacht durch auf allerhand Betrachtungen. Voll davon eilte er am fruhen Morgen zu Henrietten, damit er sie bewege, von allem Vorgegangenen Woldemaren doch ja nichts zu offenbaren. "Sorgen Sie nicht, sagte das betrubte Madchen! Wie in aller Welt sollt' ich es angreifen, Woldemaren diese Begebenheit vorzutragen? Und das ware doch nur das geringste... O ich weiss ich weiss nur zu wohl, dass ich schweigen muss!" und mit einem schmerzvollen Seufzer: "Arme Henriette, dass Du nicht starker warest!"

Es fiel Henrietten unertraglich, nach ihres Vaters Beerdigung langer in seinem Hause zu verweilen, und schleunig wurde Anstalt gemacht, dass sie zu ihrer altesten Schwester ziehen konnte. Ihr Vorhaben war, sich hier so lange aufzuhalten, bis ihre Freundinn Mutter ware; den Sommer durch aber auf dem Lande zuzubringen.

Sie litt nicht, dass Woldemar langer als acht Tage in der Stadt blieb, und von Allwina hatte sie zum voraus sehr ernstlich begehrt, dass sie gar nicht herein kame: dagegen wollte sie, ehe sechs Wochen um waren, sich in Pappelwiesen zu ihnen gesellen.

Nachricht von da erhielt sie unterdessen mit jeder Gelegenheit; oft an demselbigen Tage mehr als einmahl. Es waren nicht immer Briefe, sondern mehrentheils ich weiss keinen eigentlichen Nahmen dafur; und wozu brauchen wir Nahmen? Hier sind zwey von diesen Stucken; die zu mehr als einem Ende hier einen Platz zu behaupten haben.

Am 12ten May.

"Wie behaglich ich zwischen dem Grun und den

Bluthen Nachtigallen- Finken- und Lerchen-Ge

sang daher wandelte; der weichenden Sonne nach;

entgegen der Abendstille! Dunnes mit Lichtstreifen

durchschossenes Gewolk uber den ganzen Him

mel. Zu dieser sussen Tagesdammerung nun all

mahlich die Dammerung der Nacht und tuschen

der Schauer. Aus den Dorfern umher das May-Ge

laute, nicht mit dem Wehen der Lufte, (kaum dass

ihr Wallen die Blatter bewegte!) es schlich von

selber an mein Ohr in immer gleichem Klang und

immer eben zusammen: und eben so an mein Auge

das Grun und die Bluthen; kein rascher Lichtstrahl

der mir die Gegenstande aufdrang; ich genoss alles

in Freyheit, in Ruhe, schwebte im Meer der All

macht... Und eben so sanft und leise wie der Allie

bende, wie sein Fruhling um mich her eben so

leise, sanft und liebend fasste Ihre Hand die meini

nicht um: aber vor mir hin auf dem schonen

Pfade lachelte ich mit doppeltem Entzucken die

ganze Schopfung an."

Den 20sten May.

"Wir hatten am Abend dieses etwas schwulen

Tages am Wasserfall gesessen, und den schonsten

Sonnen-Untergang betrachtet. Nun zogen wir,

durch leuchtende Schatten, am Ufer des Baches her,

und blieben stehen an der Wendung, wo das Auge

einen Theil seiner Krummungen uberschauen kann.

Es war ein bezaubernder Anblick, wie die schlan

ken flammenden Pappeln sich in ihm bespiegelten.

Es schien als hatten sie zur Lust sich hinunter ge

taucht, und es durchfahre sie das susse Schrecken

der angenehmsten Empfindung. Wunderbar ergrif

einen das Gerege umher in allen Blattern. Uns

wurde als schwebten wir im Hauch der Lufte, die

zwischen den Aesten lispelten und auf sanften Wel

len uber den kleinen Fluss gleiteten, und mit der

ganzen Natur sich ergotzten. Da kamen die Ster

ne hernieder. Der blaue Himmel schwamm zu un

sern Fussen. Es hatte der Unermessliche sich in nie

deres Gebusche zu uns gelagert.

Wasser der Himmel in Wassern der Erde!...

Leben in Leben hinubergestralt! ... Kraft mit

Hohe Ahndungen ergriffen meinen Geist. Meine

Seele wahnte den Unbegreiflichen in etwa zu fas

sen. Sie, die einst nicht Einer Vorstellung sich be

wusst war, nun so voll Empfindung und Gedanke!

Eigenes, gefuhltes Daseyn aus dem Nichts!

Schopfung!"

Dergleichen Aufsatze flossen haufig aus Woldemars Feder, und waren nicht bestimmt von jemanden ausser ihm gesehen zu werden. Er nannte sie die Schatten seiner abgeschiedenen Stunden, in dem nehmlichen Sinn, wie man auch die Seelen Schatten zu nennen pflegt. Sie werden in der Folge dieser Geschichte uns sehr zu statten kommen.

Die Vermahlung wurde nicht lange verschoben; aber man hielt sie, aus Familien-Ursachen, ausserst geheim. Erst im Winter, wenn man vom Lande zuruckgekommen seyn wurde, sollte sie bekannt gemacht werden.

Woldemar fand sich wie in eine neue und bessere Welt versetzt. Es war ganz uber seine Erwartung, was er Allwina in seinen Armen werden sah, und er konnt' es nicht ergrunden. Nie hatte jemand auf diese Weise Theil an ihm genommen, so wunder lieb und lauter, so aus ganzer Herzens-Fulle, bis zur blinden Partheylichkeit, und doch ohne weiter eine Spur von Leidenschaft. Es schien, seitdem Woldemar ihr Mann sey, habe sie weniger Recht an ihn als zuvor; sie hatte sich ihm vollig hingegeben, alle ihre Anspruche mit, auch die an ihn selbst. Seiner Liebe zu ihr freute sie sich; aber in der That mehr weil sie fuhlte, dass Woldemar dadurch glucklich wurde, als dass sie dabey an sich gedacht hatte: nur sein Wohl war ihre Sorge, ihr Wunsch; und wie das alles an ihr bestand und aus ihr hervorgieng man musste glauben, sie sey durch eine unmittelbare Einwurkung des Himmels dazu begeistert worden. Ich wiederhol' es, Woldemar wusste es nicht zu ergrunden, und das schwellte sein Herz nur desto hoher von Wonne; es stand unter einer Fluth susser nie gekannter Empfindungen. Und die Fluth hub ihn empor und trug ihn zuruck sanft hinauf den Strom bis zu den Quellen seines Lebens. Von allem erwachte wieder in seiner Seele die Erste frischbluhende Empfindung. Der Fruhling seines Daseyns ward ihm wiedergegeben, eine zwote Jugend, voller und kraftiger als die Erste, Unschuld, Zuversicht und Paradies.

Henriette, welche um die versprochene Zeit angekommen war und zu Pappelwiesen fur den ganzen Sommer ihre Wohnung aufgeschlagen hatte, sah das alles, und konnte fast die Wonne nicht tragen, die sie empfand. Von der einen Seite war ihr der Gedanke suss, dass sie die Gluckseligkeit ihrer Freunde, grossen Theils, als ihr Werk anzusehen hatte; von der andern Seite aber machte eben dieser Gedanke sie manchmahl beklommen: sie scheute ihren Jubel zu verkundigen, als verherrlichte sie damit sich selber. Wenn sich nur etwas ergeben konnte, wunschte sie tausendmahl, das Woldemars und Allwinas Dankbarkeit gegen Sie aufhobe, oder denselben zu betrachten verstattete, wie ihr Verdienst um sie nur dem Anschein nach so gross; aber im Grunde so gar nichts sey "denn", sagte sie "was hab' ich aufgeopfert? War wohl ein widersprechendes Verlangen in meinem Herzen, das ich unterdrucken musste? Hab' ich nicht meine eigenen Wunsche befriedigt alle meine Wunsche?.. Das hab' ich gethan, ich habe von ganzer Seele geliebt, was ich von ganzer Seele liebte gethan, was ich nicht lassen konnte: Und dafur Dank? Und dennoch fuhl' ich, dass ich den Unsinn nicht aus ihnen vertilgen werde, und dass ich ihn sogar in mir selber mittlerweile gut heissen muss."

Aber auch die Art Verschlossenheit die aus dergleichen Beherzigung folgte, musste Henrietten neue Seeligkeit bereiten; leise, aber tief und bestandig war ihr Inwendiges bewegt. Allwina fand oft die Edle, sitzend oder wandelnd in ihrer Demuth, mit eingekehrtem Blick; schlich dann geschwind sich hin an ihren Hals lispelte alle Nahmen des Himmels in ihren Busen druckte mit geschlossenem Auge die Freundinn sanft an sich, und verschwand. Woldemar aber konnte nicht immer sein Herz ubermannen; zusammen mit Allwina zwang er Henrietten, dass sie sich hingeben musste ihrer Dankbarkeit, ihrem Preise "Ja," rief dann das fromme Madchen, ja, Dank sey dem Hochsten, ich hab Euch glucklich gemacht; ewig, ewig sollt' Ihr mir danken: und ich gelob ihn, ich weih ihn dem Himmel allen diesen Dank!

Woldemar kam selten, nur wenn es die ausserste Noth seiner Geschafte wegen erfoderte, in die Stadt. Den ganzen August und noch einen Theil des nachfolgenden Monaths blieb er ununterbrochen auf dem Lande, und ohne allen Besuch; denn Biederthal hatte seine Frau ins Bad begleitet; Dorenburg konnte wegen Biederthals Abwesenheit nicht wohl aus der Stelle; und seine ubrigen Freunde oder Bekannten waren zerstreut. Von denen Briefen, die er wahrend dieser Zeit an seinen Bruder schrieb, wollen wir nur Einen, aber diesen auch seiner ganzen Lange nach, mittheilen, wie er vor uns da liegt.

Woldemar an Biederthal

Pappelwiesen, den 23ten August

Liebster Biederthal, ich mache mir bittere Vorwurfe daruber, dass ich beynah vierzehn Tage Dich ohne Briefe von mir lassen konnte. Allwina und Henriette haben mich genug ermahnt; mein eigenes Herz noch mehr aber ich konnte nicht! Eine Menge Blatter will ich Dir zeigen fur Dich, worauf sehr deutlich zu lesen steht den Wievielten wir jedesmahl hatten in diesem Jahr; auch etliche mit einer halben Zeile wurklichen Briefs; etliche sogar mit einer ganzen Zeile; mit zwey, mit drey Aber dann wolt' es fur die Welt nicht weiter!

Ich begreife nicht mehr, wie ich es ehmahls anfieng, dass ich an Leute, die mir das gar nicht waren, was Du mir bist, so lange Briefe schreiben mochte. Der halben Welt bin ich Antworten schuldig. Ich werde erinnert, geplagt, zum Mitleiden gereitzt weiss mir nicht zu helfen, und gerathe in Wuth. Mir daucht, es musste mein Feind seyn, der mir zumuthete, meine Empfindungen bis auf den Grad zu schwachen, dass ich sie mir klar vorstellen, in eine lange Rede fassen und hinschreiben konnte. Die edle unwiderbringliche Zeit auf diese Weise umzubringen! Soll zu leben ganzen Ernst, wenn ich mir so einen theuren Freund gedenke, der das will; und mit zartlich verdriesslichem Gesicht da sitzt, und zwischen den Zahnen murmelt, weil ich das nicht will Ich kann ordentlich hamisch auf ihn werden, vom Stuhl aufspringen und ihn nicht mehr ansehen mogen.

Freylich kommen hernach vernunftigere Augenblikke, worinn ich gleichwohl fuhle, dass ich Unrecht habe; dass ich mich sehr straflich beweise; wo ich gegen mein Gewissen nicht aufkommen kann: Und das ist eben mein Ungluck!

Aber nun, was soll dies alles hier? Vielleicht eine Entschuldigung gegen Dich? Gott im Himmel! Ja, wenn man einmahl so tief im Unrecht sitzt, dann rede sich einer heraus!

..... Lieber, ich habe eben Deine zwey letzten Briefe zur Hand genommen und sie wieder durchgelesen. Mir wurde doch ganz bange ums Herz dabey, und ich danke Gott, dass wenigstens Allwina und Henriette an Deine Frau geschrieben hatten, und letztere eine ziemlich lange Epistel auch an Dich. Du kennst mich; Du fuhlst meine Lage: also verzeih! Nein verzeihen nicht; danken sollst du dem Himmel, der mich so glucklich machte, dass ich Dirs nicht sagen konnte und Dich verabsaumte! Ich weiss, ich kann das von Deinem edlen bruderlichen Herzen fodern: und dies Zutrauen Lieber! ist es nicht mehr werth als tausend Briefe, und sagt es nicht alles?

Ich bin seit gestern ganz allein hier. Die beyden Tanten mit Allwina und Henrietten sind nach Schellenbrug, kommen aber diesen Abend zuruck. Es war mir gar nicht zuwider, auf diese kurze Zeit in diese Einsamkeit versetzt zu werden; ich habe herrliche Stunden zugebracht. Noch war ich nicht Einmahl zu einem solchen alleinigen ganz stillen Anschauen meiner Gluckseligkeit gekommen; hatte mich eben auch nicht darnach gesehnt; aber mir geschah unaussprechlich wohl, da ich nun von ohngefahr dazu gelangte. Konnt ich Dir in etwas nur bedeuten, wie mir war, und wie mir ist!

Sobald meine Reisenden weg waren, Morgens um neun Uhr, lagerte ich mich, nicht weit unter der Krummung des Bachs, in die wilde Laube unter den hohen Nussbaumen. Der Eine Nussbaum diente mir, wie gewohnlich, zur Lehne. Draussen gieng ein starker Wind. Man horte sein Anfallen an das dichte Gebusch, wie er die Aeste bog und die Blatter drangte, dann sich verwehte im Laube, drinnen zum sanftesten Luftchen wurde und zwischen den jungen Eschen, Morellen, Pappelweiden, Quitten und Haseln in vieltonigem Gelispel sich verlor; dann wieder majestatisch rauschte, hoher und hinauf von Krone zu Krone, in den Zweigen der Nussbaume, und beynah Sturm war in ihren Gipfeln. In den mannigfaltigen Millionen Blatter, welch unendliches Spiel! Welch ein Wallen und Wuhlen der Aeste! Unter und uber das lustige Laub-Meer! Ergriffen von seinen Wogen schwamm mein Auge hinweg in die schone Fluth, und liess sich von ihr verschlingen. Leise rieselte unterdess der liebe Bach an meiner Seite; gauckelte kleine Wellen daher, Wirbel und Schlunde; und die Fische hattens ihren Scherz, mit Springen, Schnalzen und Klatschen. Der machtige Stamm an den ich gestutzt war, schwankte, fast unmerklich, hin und her bald starker bald schwacher; wiegte meinen Rucken, und bewegte sanft schauerlich mein Haupt. Nie war meine Seele so in allen meinen Sinnen! Lauter Genuss mein ganzes Wesen! Ewigkeit, mein fliehendes Daseyn! Hulle der Gottheit um den Endlichen!

Ich verliess nach einer Weile den Platz; aber die Empfindungen, die er mir gegeben, folgten mir nach. Wohin ich wandern mochte, fand ich denselbigen Zustand. Alles entzuckte mich so wie es war. Ich freute mich ohne Aussicht, ohne Hofnung, ganz und gleich erfullt von der Wonne jedes Augenblicks, und wie von Allgenugsamkeit umgeben.

Der Wind hatte um Mittag sich gelegt, es war etwas schwul geworden, und gegen Abend regte sich kein Blat. Ich gieng umher und ergotzte mich an den wunderbaren Beleuchtungen der Erde; die Baume und Blumen, als ob sie in die Hohe schienen und die Dammerung erhellten. Ich liess mein Essen etwas fruher unter die Laube vor dem grossen Saal bringen, weil ich keine Kerze mochte und die Nacht wollte kommen sehen. Ich war bald fertig; sass stille da, und liess mir traumen von Dir; dachte wie Du jetzo wohl vielleicht auch an mich dachtest; Deine Gesprache mit Luisen; Dein Sehnen nach mir zuruck Dein Kommen Dein Eilen auf dem Wege, und mein Erwarten ...

Es war mir nicht eingefallen, dass wir Vollmond hatten. Ganz hinten, bey den Eichen, sah ich ihn unversehens in die Castanienbaume scheinen. Er zog heran wie mit spater Dammerung feyerlich die Stille heranzieht; lachelte zwischen dem dunkeln Laube; gleich einem Freunde, der sich zur Ueberraschung herbeyschleicht, bebend von den Schlagen seines Herzens, das die Freude nicht halten kann ... Ich regte mich nicht, mochte kaum aufschauen, als war' es so in der That und ich furchtete ihm die Freude zu verderben. Da kam er endlich uber den Gipfel der Eichen und trat vor mich hin, und ich flog auf. Lieber, es war ein Becher voll Himmelsluft! Ich gieng, und wandelte auf und ab in meinen Alleen von Oranienbaumen, unter den Linden, und in der langen Buchenhalle ganz durchglinzert vom Mond. Es war eine Nachtstille ein Schweigen um mich, wie das Schweigen unaussprechlicher Liebe. So gieng ich, bis der Mond in den Teich schien, und ich nicht weg konnte unter der Ulm' am Canal. Ich sass, umfangen von ihren prachtigen Aesten, um mich gewebet ihr Laub wie jene Wolken um den Mond. Man horte nichts als den Gesang der Grillen, das Rieseln durch den Teich, und dann und wann die Bewegung eines Fisches. Hell und heller wurde das Wasser und ich schwebte wie in der Mitte der Schopfung, aufgelost, und an mich ziehend aus dem feinsten Aether eine neue Bildung.

Lieber Biederthal wie ist mir so anders! Du weisst, schon als Kind hatte ich diese susse Verliebtheit in alles, was meinen Sinnen oder meinem Geiste in Schonheit entgegen kam; war in bestandigem Ringen; und so voll Lust und Muth und so voll Trauer! Wie wurd' ich des Lebens so froh Ach! und so mude? Ich erfuhr, dass ich ein Herz im Busen trug, welches mich von allen Dingen schied, von sich selber mich schied, weil es zu heftig mit allen Dingen sich zu vereinigen strebte. Jedermann liebte mich darum, dass ich alles so liebte, aber was mein Herz so liebend machte, so thoricht, so warm und so gut das fand ich in keinem ... Von den mehresten dacht' ich deswegen nicht schlechter; zuweilen, im Gegentheil, nur desto besser; aber ich glaubte zu sehen, dass uberhaupt die Menschen im Grunde keinen rechten Sinn fur einander haben. Ich wurde duldsam und stille ... Lieber, mir rollen die Thranen herunter, vom Andenken meiner einsamen Wehmuth! Jede Lust machte mich betrubt, weil sie nur Staub war vom Winde aufgeregt; dahin fuhr mit dem Lichtstrahl, mit dem Schall, mit dem Wallen des Blutes. Ich wollte Raum machen in meiner Seele; erretten wenigstens fur mein Theil, was an mir war: aber, ach! dann erwachte mein Herz, und ich fuhlte zehnfaches Leiden. Wie oft hab' ich auf meinem Angesicht gelegen, vor der aufgehenden Sonne und vor der niedergehenden, unter dem Mond und den Sternen, voll Liebe und voll Verzweiflung, und habe geklagt, wie Pygmalion vor dem Bilde seiner Gottinn ... Und wie Er, Dank und Preis sey dem Ewigen! und wie Er, nicht vergebens!

Lieber, wie ist mir so anders! Mein Herz, das einer Brust glich, worinn der Lebenssaft zuruckgetrieben worden, weil den Saugling die Klemme dahin riss, und die nun der Krebs angefressen hat Es ist genesen! Ich lebe und liebe, und alles lebt und liebt um mich her. Wie dem Hiob hat mir der Herr alles zehnfach wiedergegeben und hat mich geheilt. Jeder Sonnenstral wird lebendig, wenn ich ihn in Allwinas oder Henriettens Auge fallen sehe; Mond und Sterne werden lebendig, wenn Allwina und Henriette von ihnen beglanzt mich umarmen: so wird mir alle die Liebe wiedergegeben, die ich hofnungslos ausgoss ins Unendliche: Lebendiger Othem ist in den Erdenklos gefahren; er ist Mensch geworden: Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein nun die ganze Schopfung geschlungen an meine Brust, und erwiedernd meine Kusse!

O, Lieber wie ist mir anders! ......

Und wie das begann? ... Die Stimme vom Himmel die mir rief? Der Engel der mir den Weg zeigte? Du warst es! Du, den ich zuerst, den ich am langsten, den ich ohne Wandel geliebet, mein Freund und mein Bruder!

... Wunderbar, wie ich an diesen Tag gekommen bin! Ich werde nicht mude es zu uberdenken; jeden kleinen Umstand meinem Gedachtnisse zu erneuern; alle die goldenen Ringe an einander zu ketten Besonders von dem Zeitpunkt an, wo ich, durch Deine bruderliche Vorsorge, nach B. versetzt wurde.

Ich kam, und rechnete allein auf Dich kam und fand gleich in Dir, noch mehr als ich gehoft hatte. Du warest mir um vieles naher; verstandest mich in tausend neuen Dingen; hattest ein Weib lieb gewonnen; Dich zu ihr gesellet und mit ihr ein Haus gegrundet; Du hiengst nicht mehr an diesem und jenem, womit ich nichts zu schaffen haben konnte; warest von einem der traurigsten Steckenpferde auf ein wakkeres lebendiges Ross gestiegen: von allen Seiten sah' ich Dich liebenswurdiger und besser. Dein Gewerbe; Deine Wirthschaft mit Dorenburgen; Euer ganzes Wesen (das mit andern Leuten, die Prunkgesellschaften und Gastmahle ausgenommen, wie Du gar wohl weisst) ich sage, Euer ganzes Wesen untereinander, gefiel mir bis zum Entzucken. In Dorenburgen erhielt ich einen zweyten Bruder; und, was ich nie gehabt hatte, zwey Schwestern in Euren herzigen Frauen.

Du hattest mir Henrietten zur Gattinn ausersehen; aber das sollte nicht seyn; sie war bestimmt, meinem Schicksal eine viel merkwurdigere Wendung zu geben. Das himmlische Madchen deutete mir meinen alten Traum von Freundschaft; half ihm zur Erfullung; machte mir ihn wahr. Kaum dacht' ich zuweilen noch an diesen Traum, und nie anders, als wie man an ein Hirngespinste denkt. Ich hatte Freunde von allen Gattungen gehabt; hatte mit anhaltender Leidenschaft den Menschen tief erforscht; hatte meiner eigenen Seele auf den Grund geschaut; und hatte gefunden: dass wir samt und sonders zu viel und zu heftige Begierden im Busen tragen; zu gewaltsam von den Sorgen, Geschaften, Qualen und Freuden des Lebens herumgetrieben, hin und her gerissen, entzucket und gefoltert werden: als dass irgendwo in diesen Zeiten, zween Menschen so Eins werden und bleiben konnten, wie meine liebevolle Schwarmerey es mich hatte traumen lassen.

Das andre Geschlecht hatte ich fluchtiger beobachtet, und war uber seinen Character, der mir wenig Localfarben zu haben schien, fruh mit mir einig. Es kam mir vor, als wenn die Empfindungen und Ideen bey diesen zarteren Geschopfen sich unaufhorlich in einander verschwemmten, und daher keine von jenen zu einem gewissen Grad der Starke; von diesen zu einem gewissen Grad der Deutlichkeit sich erheben konnte. Noch hatte ich keine weibliche Seele angetroffen, die in irgend etwas nur einen vesten eigenen Geschmack gehabt hatte; nicht einmahl was Gestalt und Zierde, Putz und Gerathe angieng. Dagegen aber fand ich in ihr Wesen die schonsten Triebe gelegt; einen wunderbaren Instinkt der Verlaugnung; holdseelige Lust, nur andern zur Freude, zur Wohlfahrt zu leben; und jene allgegenwartige Schonheit, jenen unbesieglichen Zauber, der uns alle bestrickt und mich ewig fesseln wird. Ich sagte zuweilen mit Lachen: An Treue, an Ergebenheit, an gefalligem Witz, ubertrafen sie uns Manner unendlich, und wichen kaum dem besten Pudel: das sagt ich mit Lachen; aber nach meinem inneren Gefuhl gab ich damit ein sehr ernsthaftes Lob: allerdings mit etwas Bitterkeit vermischt; aber nicht sowohl gegen die Weiber, als uberhaupt gegen die Menschheit.

Ich sah Henrietten. Sie zog mich an; aber mit einer Empfindung, die nichts mit ihrem Geschlechte zu thun hatte, und die mir ganz neu war. Ich wunderte mich und wurde aufmerksamer. Jeder weibliche Reiz an ihr war mir sichtbar; sichtbarer, als allen andern: wie sie hatte noch kein Madchen mir gefallen. Dennoch raubte sie mir nicht das Herz. Die Eigenschaften, die ich an ihr entdeckte, konnte ich mit meinen allgemeinen Begriffen von ihrem Geschlecht nicht wohl vereinigen; konnte aber zugleich nicht in Abrede seyn: dass sie ganz Madchen war. Oester hatte ich uber die Mangel der Schonen mit ihr meinen Scherz. Ich behauptete: kein Frauenzimmer konne sich uberwinden, Einen Gedanken zweymahl zu denken; noch weniger, im Handeln, auf Veranlassungen, inne zu halten: alles gehe bey ihnen so in einem fort. Wenn sie in einem schwierigen Falle zu Ueberlegungen schritten: so begnugten sie sich, einen gewissen, so oder anders gesponnenen und gezwirnten, gefarbten und gedrehten Faden ihrer Gedanken zehnmahl hintereinander auf und ab zu haspeln; in Strange zu schlingen; ihn auf Karten, in Knauel und uber die Finger zu wickeln; ohne je sich einfallen zu lassen, ihn an dem einen oder andern Ende auseinander zu drehen und aufzulosen. Auf nichts vermochten sie mit stetem scheidenden Blicke zu haften; waren keiner eigentlichen entschlossenen Geduld fahig; waren, ausser sich und in sich, ewig zerstreut. Wie mit ihrem Denken, so sey es, naturlich, auch mit ihrem Empfinden beschaffen; ja, aus Ursachen, mit diesem noch etwas schlechter, u.s.w. Henriette widersprach nicht sonderlich: ich mochte wohl nicht so Unrecht haben, sagte sie; sie habe uber Denken und Empfinden nie sehr tiefe Betrachtungen anstellen konnen; uberhaupt sich wenig den Kopf zerbrochen, sondern in jedem vorkommenden Fall das Nothige uberlegt, und, wie ungelehrte Leute pflegten, nach Gelegenheit und Umstanden gehandelt.

Unterdessen sah ich haufig die Lose mich an Einsicht weit ubertreffen, so, dass ich wie dumm vor ihr da stand, und nicht selten fuhlte ich in meinem Herzen mich durch das ihrige beschamt.

Wir waren Freunde, ehe wir es dachten, und eh ich noch das Vorurtheil recht uberwunden hatte, dass es mit dem weiblichen Verstande und mit der weiblichen Empfindung, uber einen gewissen Grad hinaus, nichts als Betrug und Tauschung sey.

Nun aber stund mir das Gegentheil vor Augen; ich sah meinen Irrthum, und begrif ihn doch nicht: bis ich durch Henrietten von ohngefahr zum Aufschluss gelangte.

Wir waren in Allwinas Garten, und untersuchten sehr scharf an den verschiedenen Kirschbaumen, den verhaltnissmassigen Werth ihrer Fruchte. Wo wir zweifelten oder verschiedener Meynung waren, da entschied Allwina; und sobald hatte sie nicht den Ausspruch gethan, als wir mit ihr Eins wurden. "Wer ein Paar Tage Hunger und Durst gelitten hatte," sagte unversehens Henriette, "und kame uber diese Baume!" Himmel! rief ich, und sah ganz entzuckt aus.

Henriette lachelte: Wie der Mann die Stillung einer heftigen Begierde neidet, sagte sie, und gleich alles angenehme, liebliche, kostliche dafur hingabe! Oder, glauben Sie, Woldemar, dass Sie, mit jenem grimmigen Hunger und Durst, den Geschmack dieser Fruchte, ihre susse Labung so wie itzo empfunden hatten? Ihr Vergnugen ware mehr blosse Stillung eines Schmerzes gewesen, als eigentliche Wollust, und kaum hatten Sie erkannt, was Sie hinuntergeschlungen.

Ich gab das zu.

Also, hub sie an, waren die Freuden des Gaumens wohl im Grunde eben so wenig fur den Heisshungrigen, als fur den Uebersatten; und der massig gereitzte allein genosse sie wurklich und lauter?

Ich wusste nicht was sie wollte, und gestand es abermahls.

Sie fuhr fort: Ich habe Sie Weine versuchen sehen, mein lieber Woldemar; da warteten Sie nicht eine Stunde des Durstes ab; auch reitzten Sie nicht vorher durch scharfe Speisen ihre Zunge; sondern Sie wollten mit frischem Munde, und, dass ich so sage, in einem ganz begierdenlosen Zustande sie kosten. Was meynen Sie, mein Freund, sollte man von hier aus nicht weiter gehen, und mit Sicherheit behaupten konnen: dass ein gewisser Mittel-Zustand; ein Zustand, worinn die Krafte des Menschen wie in nuchternem Erwachen, frey und unbefangen sind: fur ihn auf alle Falle, so wohl zum Genuss als zur Wahl die schicklichste Fassung sey?

Nun, antwortete ich lachend, wir machen ja ein ordentliches Platonisches Gesprach; und da Sie den Sokrates vorstellen, so warten Sie, dass ich meinen Bleystift nehme, um Ihre Reden aufzuschreiben.

Schreiben Sie nur, erwiederte Henriette, ich will sehen, dass ich fortrede, ohne Antwort von Ihnen zu bedurfen.

Damit fieng sie an, und brachte, mittels eines kurzen Ueberganges, mein System von den Mangeln des Weiblichen Characters auf die Bahn. Sie zeigte, dass diese Mangel zusammen, am Ende nur auf Einen Hauptmangel, auf den Mangel an sinnlicher Begierlichkeit hinausliefen: Und sie bewies, dass eben dieses Mangels wegen das weibliche Gefuhl weit reiner, scharfer, vollkommener sey als das mannliche; die wahren Eigenschaften der Dinge, ihren innerlichen und verhaltnissmassigen Werth zuverlassiger unterscheide; dass endlich, und eben dieses Mangels wegen, in einer weiblichen Seele jede schone Bewegung leichter hervorkomme, ungehinderter und dauerhafter wurke.

"Da alle wichtige Geschafte des Lebens in Euren Handen sind," fuhr sie fort, "so habt ihr mehr Uebung, mehr Erfahrung, (des sorgfaltigen Unterrichts zu geschweigen, den ihr von Kindesbeinen an geniesst): Aber bey Gelegenheiten, wo Euch alles dies verlasst; wo ihr mit uns in gleichem Fall Euch befindet; wer von uns sieht da richtiger und weiter; wer ahndet tiefer und schneller? ..."

"Neben Euren andern Sinnen habt Ihr auch ein Herz, und seyd der edelsten Entschlusse fahig. Ich will sogar Euch zugeben, wenn Ihr wollt, Euer Herz sey grosser, als das unsrige. Was hilft es, wenn seine Stimme durch den Tumult Eurer Begierden bestandig unterdruckt wird? Dass Ihr irgendwo in alleiniger Rucksicht des Edeln und Schonen handeln solltet; und Euren Leidenschaften entgegen: daran ist nicht zu denken: Leidenschaft muss uberall Euch unterkrukken, selbst in der Freundschaft: Wo Ihr nicht eifert, da seyd Ihr kalt und todt!"

"Hingegen ein Weib. ... Aber das begreift Ihr nicht, das seht Ihr nicht, das lastert Ihr sogar; lastert, weil Ihr selber nur nach Lust schnaubet; ohne die Brille der Begierde keine Schonheit wahrnehmen; ohne Zwang der Leidenschaft Euch an niemand hingeben; in ihrem heftigsten Rausche nur Euch selber ausser Acht lassen konnt: lastert, weil Ihr lieber mogt gelustet als geliebt seyn; lieber gepriesen als hochgeschatzt."

Sie schwieg. Ihr Auge senkte sich ein wenig; ofnete darauf sich wieder: Es verklarte sich ihre ganze Gestalt. Dann hub sie an, in himmlischen Tonen, die Wonne einer schonen Seele zu verkundigen: ihre Stille, ihren Frieden, ihre Demuth und ihre Starke. Keine von den Musen hat so gesungen! Es floss durch alle meine Sinne, und ich fuhlte Gottliches Wesen in der That und in der Wahrheit.

Das Madchen war mir heilig geworden in dieser Stunde. Wir naherten uns einander von Tage zu Tage mehr; und von Tage zu Tage wurde die Entzundung einer gemeinen Liebe unter uns unmoglicher. Der blosse Gedanke daran ware zuletzt mir ein Grauel gewesen; ein Grauel wie von Blutschande. Jener blode Enthusiasmus, den wir Platonische Liebe zu nennen belieben, konnte eben so wenig mich anwandeln; ich war ihm nie ergeben; und Henriette, die ErzWidersacherinn von aller Schwarmerey, hatte diese keinen Augenblick an mir geduldet. Wir wurden Freunde, im erhabensten Sinne des Worts; Freunde, wie Personen von Einerley Geschlecht es nie werden konnen; und Personen von verschiedenem, es vielleicht vor uns nie waren. Darum lasst sich auch von unserem Verhaltnisse so wenig bedeuten.

Wir dachten an nichts; als ihr, untereinander, eine Heyrath zwischen uns, fast unwiderruflich beschlossen hattet. Die Erofnung dieses Anschlags beschleunigte meine Verbindung mit Allwinen, die sich langst, ganz in der Stille bereitet hatte, und auch, ohne jene Veranlassung, durch Henrietten jetzo bald zur Wurklichkeit wurde gebracht worden seyn. Henriette war fur mich so wenig Madchen als Mann; sie war mir Henriette, die Eine Einzige Henriette: und es ware gewesen, als hatt' ich sie verloren, als hatt' ich sie zu Grabe gebracht, wenn in Absicht ihrer in meiner Vorstellung irgend eine Verwandlung hatte vorgehen mussen, in unserem Seyn, in unserem Thun und Wesen irgend eine Veranderung. Nicht so Allwina. Ich fuhlte oft nur zu lebhaft neben ihr dass wir mit uns zweyen waren, sie, Madchen, und ich, Mann. Sie war mein Urbild von reinem weiblichen Character; durchaus angelegt zur Gattinn und zur Mutter; der Ausbund ihres Geschlechts. Ich nahm sie mit Freuden; sie mit Freuden mich: ich war, entschieden, fur sie der einzige Mann, sie, entschieden, fur mich das einzige Weib.

Was ich aber gar nicht vorausgesehen, auf keine Weise geahndet hatte, und doch so naturlich erfolgen musste, war ein neuer Zuwachs von Freundschaft zwischen Henrietten und mir. Allwina, als ich um sie warb, hatte hundertmahl ihre Freundinn gefragt: "Aber wurde hernach auch Woldemar noch eben das fur Dich seyn?" Hatte mich hundertmahl gefragt: "Aber Henriette wurde Henriette nicht dabey verlieren?" Wir hatten beyde die Frage auf sie zuruckgewendet: Ob Sie vielleicht in ihrem Herzen fuhle, dass sie nachher weniger an ihrer Freundinn hangen wurde? "Ach Himmel!" rief sie dann, "was fur ein Gedanke"! Dennoch behielt sie eine geraume Zeit ihre Sorge, und konnte nicht genug Versicherungen vom Gegentheil erhalten. Jeder Blick, den ich Henrietten gab; jede Zartlichkeit, die ich ihr bewies; jede Liebkosung, die ich ihr machte war eine Wohlthat fur meine betretene Allwina: sie hupfte dann vor Freude; fuhr mir an den Hals und wollte mich erdrukken. Wie mir dabey im Herzen geschah; was aus uns allen dreyen in einem solchen Umgang werden musste kannst Du Dir leicht vorstellen, und hast es, zum Theil, gesehen. Wir wurden je langer je vertraulicher untereinander. Jene ausserliche Zuruckhaltung, die Henrietten und mir, als zwey unverheyratheten Personen, die keine Blutsfreunde sind, gegen einander oblag, durfte nunmehr wegfallen, und that es sehr bald: wir wurden Bruder und Schwester, ganz, und wie von Mutterleibe an. Allwina weinte oft vor Freude, und ich selber fuhlte mich kaum vor Wonne; wusste nicht, was mir widerfahren war. Aufgeregt war all mein Wesen, und dabey meine Seele doch so still, mein Geist so helle! ... Die frohe, freye, volle Liebe wars; die hatte dies alles gethan! Sie hatte bis in den Grund mich erschuttert; und erwecket, an sich gezogen jedes ihr ahnliche Gefuhl, wie tief es schlummern mochte; hatte so erneuet, vervielfachet alle meine besten Krafte; unaussprechlich mein Daseyn erhohet; ein Leben, wie von Ewigkeit, in meine Seele gebohren. Glucklich, o, glucklich der Mann, dem endlich die Liebe seinen Lohn giebt; den sie zu sich erhohet; den sie vollendet!

Bester, Komm! Mit Einem Mahl entsinkt die Feder meiner Hand komm! Ich ringe Dich in meine Arme drucke, presse Dich an mich, und mir ist, als senkt' ich mein Herz in Deinen Busen.

Biederthal an Woldemar

Den 3ten September.

Es fehlte wenig, mein trauter Lieber, so hattest Du auf Deinen herrlichen langen Brief keine Zeile Antwort bekommen. Es lasst sich auf einen solchen Brief hier nicht antworten; nur ihn hier zu lesen ist beynah Sunde. Gott bewahre Dich, dass Du je unter diese schaalen, verzerrten, aufgeblasenen, flitterkopfigen Menschen gerathest! Ich habe mir manchmahl vorgestellt, wie Dir seyn wurde, wenn Du hier warest, und sen. Die alberne Hoffarth und die dumme Auffuhrung des hiesigen Adels ist weltkundig. Da ich eine gewisse Reputation habe, und verschiedene Fremde vom ersten Rang uns aufsuchten, so wollten die lappischen Gesichter wohl ein bischen freundlich mit uns thun; sie holten uns an, und luden uns an ihre vornehme Tafel: aber ich habe sie dir heimgeschickt, einmahl uber das andre! Dass die Affenart sich einbilden darf, einem rechtlichen Menschen eine Ehre erzeigen zu konnen mit ihrer Companie! Sieh, das kann mich erst grimmig auf sie machen. Anders! ich bin ja nicht vom Geschlecht, und habe unter ihnen nichts zu suchen; mochten sie also meinetwegen ruhig sich begaffen und ihre Purzelbaume schlagen! Und sie sollten sehen, es kame mir auf ein Paar Kusse fur sie nicht an, wenn ich gerad versehen ware.

Mit* und * * * hab' ich mich so gut als bruljiert, weil sie nicht widerstehen konnten, und sich von den Fratzen schon thun liessen. Manner von verdientem Ruhm sollten sich so nicht wegwerfen, und von dergleichen Leuten eine Distinction annehmen; es sieht sonst so aus, als hatt' es wurklich mit diesen armen Tropfen etwas zu bedeuten, und sie durften wohl so gut seyn und sich zu einem grossen Mann herablassen, ihm gnadigst einmahl gestatten, zu seyn, fur die Zeit, wie hoch ihres Gleichen. Ich kanns nicht ausstehen, die Schellenkappe uber dem Lorbeer!

Unsere zwey distinguirte Herren schamen sich jetzt vor uns, und schamen sich vor einander, und waren so gern der Ehre wieder los; zumahl da es allmahlig bey tausend Gelegenheiten an den Tag konnt, wie Ihro Gnaden es im Herzen mit ihnen meynen. Es sieht scandalos aus, wie sie nun da stehen, und umher schleichen, und, um sich nicht gar zu prostituiren, bon gre mal gre die inferieurs spielen mussen: sie sinds dermahlen auch in der That, und es geschieht ihnen recht. Darum lassen wir sie stecken, und laden sie nie zu unserer Gesellschaft, die noch artig genug componiert ist, wenigstens aus den besten Leuten, die hier sind: wir haben einige sehr vergnugte Parthieen zusammen gemacht. Aber gewiss komm ich nie wieder hieher. Sollte ich noch einmahl den Brunnen trinken mussen, so erneuere ich meine Bekanntschaft mit Spa. Da mocht' ich einmahl von dem allerley vornehmen Volk (denn die Collection ist hier sehr vollstandig!) da mocht' ich einmahl dies oder das davon hinkommen sehen Himmel! was sie da fur eine Figur machen wurden! Denn eigentliche Welt; achten guten Ton; Lebensart: auch das haben sie dir nicht einmahl: sie sind ungeschliffen, ungelenk, und im hochsten Grade fad' und langweilig. Aber womit ich die Zeit verderbe? Steht es denn nicht schon geschrieben, dass die Erde hervorbringen musste Vieh, Gewurm und Thier auf Erden, ein jegliches nach seiner Art; und dass Gott machte die Thier auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerley Gewurm auf Erden nach seiner Art: und dass Gott sahe, dass es gut war? Haben wir also weiter nichts dagegen! huten uns, und halten uns nur fein reinlich!

Am kunftigen Montag geht es, dem Himmel sey Dank! von hier weg. Wie mich zuruck verlangt, nach Dir, nach meinen Kindern, nach Euch miteinander, nach Stadt und Land wo Ihr seyd, nach eigenem Haus und Heerd: davon ist kein Sagen! Sey du nur immer glucklich, mein lieber Woldemar! das ist mein Morgen- und Abend-Gebet, mein stundlicher Seufzer Guter Gott! bewahre mir meinen Woldemar! Ich bin fest uberzeugt, so liebend wie Dein Herz auch ist, dass Dir nichts so bestandig im Sinne liegt, wie Du mir im Sinne liegst. Jetzt, da Dir so wohl ist, jetzt ist mir vor lauter Freuden, Angst; und, theils wegen dieser Angst, theils aus einer Art von Aberglauben, prophezeyh' ich mir allerhand Boses, damit das Gegentheil eintreffe. Wie aberglaubisch mich die Freundschaft macht, das ist ordentlich zum Lachen. Zum Exempel, die Nacht, eh Dein Brief ankam, hatt' ich einen entsetzlichen Traum von Dir; ich mag ihn gar nicht erzahlen; genug, am Ende warst Du todt; und es wurden zwey Sarge aus Deinem Hause getragen; aber in dem zweyten Sarge war nicht Allwina; die lebte. Ich fuhr mit einem angstlichen Gerausch aus dem Schlaf, so dass Luise davon mit auffuhr, und ganz erschrocken fragte: was mir ware? Ich erzahlte ihr, noch in volliger Betaubung, das furchterliche Gesicht. "Pfuy!" sagte sie "was fur ein abscheulicher Traum"! und schlief bald darauf wieder ein. Ich fiel endlich auch wieder in Schlaf. Und nun, da ich am Morgen erwachte, und mir gleich mein Traum einfiel: Wirst Du glauben, dass ich kindisch, albern genug war, um mir Gedanken daruber zu machen, dass ich diesen Traum meiner Frau erzahlt, und zwar, meiner selbst halb unbewusst und gleichsam gegen meinen Willen nuchtern erzahlt hatte? ... Es war ein Gluck, dass mir ein paar Stunden nachher Dein Brief gebracht wurde, und nun der Geck sich das Ding zu seinem Vergnugen auslegen konnte.

Mein Empfangen, mein haben Deiner Epistel; mein Ermessen ihrer Lange; wie ich sie erst fur mich, hernach mit meiner Luise gelesen, und alles was folgte: von dem mit einander find ich nicht ein Wort in meinem Dintenfass. Es mag wohl irgend besser aufgehoben seyn! ... Lieber! O, sey doch immer glucklich! Ich danke Gott so von ganzer Seele fur Dein Wohl. Wo ich es hie oder da nicht genug thue, aus Kleinmuth, aus Unglauben Vater im Himmel, da sieh das innbrunstige Gebet an, worinn meine Zweifel gehullt sind, und verzeih, oder, strafe doch nur mich allein! ... Ich weine; ich bin zaghaft wie ein Weib Was ist das? ...

Waren wir nur erst ein Jahr oder ein paar Jahre weiter, und ich sahe Dich einmahl recht eingenistet auf dieser Erde! Immer kamst Du mir vor unter den Menschen wie ein Fremdling, als konntest Du nicht bleiben.

Unter uns, das ist wahr, hast Du Dich sehr gut gewohnt; aber dass Du Dich so gut gewohntest: haben wir das nicht grossten Theils der Traumdeuterinn zu verdanken? Und hat sie wurklich ihn Dir gedeutet Deinen alten Traum; ihn erfullet, ihn wahr gemacht, wie Du sagtest; oder vielleicht nur einen neuen Traum in Dir erweckt? Wende Dich nicht weg von mir, edler Mann! es ist nicht Lasterung, was ich sage; am wenigsten Lasterung gegen den Engel, den wir alle zu uns herab vom Himmel steigen sahen. Du haltst nicht mehr von Henrietten, als sie verdient; und es ist nichts anders als ihr wahrer wurklicher Eindruck, was Du fur sie empfindest: aber in Dein Verhaltniss mit ihr bringst Du eine Phantasie, vor der mir bange wurde; sobald ich sie entdeckte. Ich hatte eigentliche Liebe unter Euch vermuthet, und so lange war ich ruhig; ruhiger, als ich in Absicht Deiner je in meinem Leben war. .. Armer Woldemar, ich kenne Dich so gut! und wenn ich Dich recht ins Auge fasse, sieh, so will mir das Herz zerspringen vor Lieb' und vor Wehmuth. Es ist etwas in Dir, etwas, das Dich bestandig uber alles gegenwartige hinaussetzt, ins Unendliche hinuber. Dich selber uberspannst Du nicht leicht; aber ausser Dir uberspannt Deine Imagination beynah Dir alles; Du bist mit keinem Dinge recht zufrieden, als das Du so erblickst. Darum wird Dir, in die Lange, kein Mensch aushalten; nein, Woldemar, kein Mensch!

Es ist traurig, dass Dir nie wohl seyn kann, als im Irrthum. Wo Du auch am Wahren, am Wurklichen hangst: Du machst so lange, bis ein Hirngespinnst daraus geworden ist; und dann zu Boden damit! Ach, Dein letzter Brief hat mich an so vieles erinnert; dies und jenes mir so klar aufgedeckt!.. Die volle Wonne, die er athmet; die hohe, allerhochste Himmelsfreude Lieber! wenn Du das alles nur an einem Haare festhieltest durchaus nur an einem Haare fest halten wolltest Und das Haar zerriss zerrisse vielleicht durch eine Bewegung Deiner eigenen Hand? Lieber! ... O, erbarme Dich Deines Biederthals!

Es ist Zeit dass ich abbreche. Verzeih, Lieber, wenn ich ein Thor bin. Ich hoffe dass ich einer bin; und mir ahndet, dass ichs fuhlen werde, sobald ich Dich wiedersehe. Was ich geschrieben habe wird Dir weiter das Herz nicht schwer machen. Und so leb wohl. Gruss und Kuss an Allwinen und Henrietten! auch von Luisen. Bester, Theurester, leb wohl! Leb wohl und bleib meiner Liebe eingedenk.

Dein Biederthal

heute wie gestern und immerdar.

Zween Tage nach diesem Briefe kam Biederthal selber an. Von seinem Trubsinn war keine Frage mehr: uberall nichts als Herrlichkeit und Freude!

Woldemar musste der Pflichten seines Amtes wegen nun ofter in die Stadt. Er pflegte, wechselsweise, dann bey Biederthalen, dann bey Dorenburgen abzutreten. Sie sahen ihn nie, ohne dass sich neue Aussichten von Gluckseeligkeit vor ihnen erofneten, und zahlten, immer ungeduldiger, Tage und Stunden bis der Winter einbrache.

Einst traf es sich, dass Woldemar unversehens in die Stadt kam, und niemand zu Hause fand, als Luisen; die andern waren aufs Land zu einem Anverwandten von Dorenburgen, welcher Oberamtmann war. Woldemar hatte ein Bildniss von Henrietten mitgebracht, welches er ganz neuerlich gezeichnet, ohne dass sie ihm dazu gesessen. Er machte gerne Portrate, und hatte seine Freunde zu B. mehrmahls und sehr treffend abgezeichnet. Von Henrietten waren eine Menge Abbildungen da, die er vor und nach in allerhand Manieren und Launen verfertiget hatte; aber so regend, so voll Bedeutung, wie diese, noch keine. Woldemar war es ein reiches Gemahlde, welches ihm die ganze Geschichte seiner Gluckseeligkeit darstellte, und auf eine Weise darstellte, dass er viel mehr als ihren wiederholten Genuss davon empfieng; hier genoss er sie mehr im Geber; freute sich desselben, und fuhlte dessen hohere Wonne. Niemand hatte ihn noch so von seiner Freundinn reden horen, als er vor ihrem Bildnisse itzo mit Luisen davon sprach. Seine Begeisterung theilte sich dem gefuhlvollen Weibe mit, und sie wurden beyde je langer je mehr bis zum Ueberfliessen ihres Gegenstandes voll. So brachten sie, ausserst miteinander zufrieden, diesen und den folgenden Tag zu Ende. Es war schon nach Mitternacht, als Woldemar aufstand und nun zu Bette gehen wollte. Stehend fiel ihm ein Zug von Henrietten ein, den er noch eben erzahlen musste. Er bemerkte, dass Luise ganz ausserordentlich davon getroffen wurde, und fragte nach der Ursache. Sie veranderte die Farbe bey seiner Frage; und da er zu bitten anfieng, schossen ihr Thranen uber die Wangen. Woldemar wurde dringender; aber Luise konnte ihn nicht befriedigen, ohne ihm zu entdecken, was sich bey ihres Vaters Tode zugetragen hatte; denn in der genauen Beziehung, welche das von Woldemarn Erzahlte hierauf hatte, lag die Ursache ihrer Erschutterung. "Es ist unmoglich, sagte endlich Luise, dass ich Ihnen willfahre; es sey Ihnen genug, dass Sie Henrietten nie zuviel lieben, nie zu sehr verehren konnen; dass Sie mehr Grund dazu haben, als Sie selbst wissen." Diese Worte machten Woldemarn nur noch aufmerksamer; er war durch nichts mehr zu stillen, flehte unablassig, und drohte endlich, dass er durch Henrietten selbst das Geheimniss schon herausbringen wolle. Kurz, er setzte der armen Luise von allen Seiten so lebhaft zu, bis sie, halb aus Furcht halb aus Treuherzigkeit, nachgab, und ihm alles offenbarte.

Woldemar brachte die Nacht in seinem Sessel zu. Eh' er sich dazu versehen, hatten schnell seine Gedanken sich so gehauft, und sich so vielfaltig durcheinander geschlungen, dass er wie erstarrt davon war. Seine Henriette weniger hochschatzen, weniger lieben konnte er um alles, was er itzt erfahren hatte, nicht; er musste viel eher sie bewundern, ihr Dank wissen; und doch fuhlte er, dass er unzufrieden mit ihr war. Unzufrieden mit Henrietten! Er erschrack vor dieser Vorstellung: Und warum unzufrieden? Durft' er es wohl jemandem sagen? Konnte er's nur sich selbst erklaren? "Es ist die erste Befremdung; (sagte er zu sich) morgen werd' ich ruhig seyn" und wollte aufstehen und sich zu Bette legen. Aber schnell kam wieder eine neue Gedankenreihe, die ihn fasste und niederhielt: "Mir entsagt feyerlich heimlich! Ihr Vater, ihre Geschwister vermochten sie dahin zu bringen! Sie hat ein Geheimniss mit ihnen gegen Woldemar! O, ich bin ihr nicht was ich dachte! Henriette ist nicht. ... Er fuhr in die Hohe wieder zuruck wusste nicht zu bleiben."

Der Morgen graute schon, da legte er sich. Der Kopf schmerzte ihn entsetzlich, es kam Schwindel dazu, und so schlummerte er endlich ein. Gegen Mittag stand er auf, sehr abgemattet, aber um vieles heiterer, und gefasst genug, um Luisen ganzlich die Ursache seiner Unpasslichkeit verbergen zu konnen. Er schalt sich je langer je ernstlicher uber seine ausschweifende Empfindlichkeit, und gab ihr allerhand gehassige Nahmen. Viel lieber wollt' er sich der verkehrtesten Eigenliebe als seine Henriette einer Sunde gegen die Freundschaft schuldig finden. Es gelang ihm endlich die Gefuhle seiner ersten Aufwallung zu unterdrucken; und er reiste fest entschlossen nach Pappelwiesen zuruck, sich von nun an die Sache ganz und auf immer aus dem Sinne zu schlagen. Bey seiner Ankunft nahm die einzige Henriette etwas verandertes in seinen Zugen wahr. Er schob es auf die Unpasslichkeit, wovon er uberfallen worden; doch gestand er zuletzt: einer von seinen bosen Geistern ware einmahl wieder uber ihn gekommen, hatte aber keine Statte gefunden.

Die Freude, seine Allwina, seine Henriette wieder zu sehen, war ihm noch keinmahl so warm durch Herz und Adern gelaufen; es kam ihm vor, als nahm er zum erstenmahl wahr, dass er so sehr geliebt sey. Tief in sein Innerstes gieng das sanfte Forschen seiner Freundinn mit Blicken und Liebkosungen: ob etwas seine Gluckseeligkeit store? ob sie's nicht von ihm nehmen konne? fur ihr Gluck, fur ihr Leben fur den Tod ihrer Seele? Woldemar ertrug's kaum. Der Zustand, worinn er sich zu B. befunden, schien ihm itzt zu Pappelwiesen so thoricht, ja so rasend, dass er vor Scham und Reue zu vergehen meynte. War' es nicht um Luisen gewesen, er hatte alles entdeckt. Er warf sich seiner Freundinn in die Arme: "Engel, rief er mit beklommener Stimme, wie Du mich liebst! Ich verdien' es nicht; ich habe kein Herz das zu lohnen." Dennoch uberfiel ihn nachher wieder dann und wann auf eine unangenehme Weise der Gedanke an Henriettens Gelubde an das Geheimniss zwischen ihr und ihm; und es gab Augenblicke, wo es ihm bis zur sichtbaren Unbehaglichkeit beschwerlich wurde.

Sie verliessen erst im November das Land. Von Allwinas Verheyrathung war zu B. nicht das mindeste ruchtbar geworden. Die Frage war dort schon lange gewesen, lange vor Hornichs Tode, welche von beyden ob Allwina oder Henriette Woldemars Gattinn werden wurde? Aber nach vielem emsigen Gewasche war nun seit kurzem so gut als ausgemacht, man werde gleich nach der Trauer erfahren, dass Henriette die Braut sey; und so konnten die guten Leute bis dahin andre Sachen sich angelegen seyn lassen. Sie geriethen ausser sich vor Besturzung, die guten Leute, da sie itzt so ganz unversehens mit der Nachricht uberrascht wurden: Allwina sey nicht erst die Braut sie sey wurklich seit sechs Monathen schon mit Woldemar vermahlt. Das konnte unmoglich mit rechten Dingen zugegangen seyn! Es musste etwas dahinter stecken: und nun hatten sie keine Ruhe, bis sie das wahrscheinlichste nach ihrem Begriff herausgebracht.

Man kann sich die Vermuthungen, die da zum Vorschein kamen, nicht ungeheuer genug denken. Am argsten wurde Henriette misshandelt; nicht, dass man ihr vorzuglich gram gewesen ware, sondern weil bey ihr das Wahre den guten Leuten am weitesten aus dem Wege lag. Selten haben auch die schlimmsten Verlaumdungen eine andre Quelle: es ist nur, dass die guten Leute nach Maassgabe ihres Sinnes, Herzens und Verstandes urtheilen; dass sie ihre eigentliche Meynung entdecken, nach bestem Gewissen.

Auf diese Weise geschah es, dass unsere Henriette den Gram erfuhr, ihr Heiligstes in den Koth treten zu sehen. Ihre Freundschaft mit Woldemarn wurde auf die schnodeste Weise gelastert; ihre Unschuld mit Schmach angethan ... Ich habe sie gesammelt in der Stille meiner Seele, die Thranen des Engels, und ich zitterte, dass Eine von den meinigen sich darunter mischen mochte: sollt' ich sie ausgiessen vor einer Menge voll Unreiner, die ich nicht werth hielte nur die meinigen zu sehen; Euch sollt' ich mit keuscher jungfraulicher Thrane mit der Weyhe der Unschuld besprengen!

Feig war das Madchen nicht; Tugend lasst es nicht seyn. Henriette blieb dieselbige in allen ihren Handlungen, in ihrem ganzen Betragen: aber in dem Grade vermochte sie ihre Einbildung nicht zu beherrschen (und sie ware lange kein so herrliches Geschopf gewesen, wenn sie das gekonnt hatte) dass ihr dabey nicht sehr oft die verkehrten Urtheile der Leute vorgeschwebt und ihr einen Schauder durchs Blut gejagt hatten. Ihr geheimer Schmerz ward dadurch vergrossert, und unvermerkt schlich sich einiger Unwillen gegen sie selbst, und ihm nach Bitterkeit gegen die Menschen in ihr Herz; das bis dahin den reinsten Frieden genossen hatte.

Woldemar hatte von allen denen Verlaumdungen, welche zu B. herumgeflustert wurden, wenig erfahren, weil er von den Einen zu sehr geliebt, und von den Andern zu sehr gefurchtet war. Jedermann wusste, dass er Dinge dieser Art mit einem furchterlichen Grimm empfand, und dass sein Hohn verzehrendes Feuer war. Den Nichtswurdigen auszuweichen, sich um ihrentwillen zu bequemen, oder Wege der Klugheit einzuschlagen: das spie er an; in allen solchen Fallen war seine ganze Seele lauter Trotz. Ueberhaupt fuhlte er seine Starke, und brauchte zu seinem Recht gerne Gewalt.

Was sich mit Henrietten zutrug, entgieng eine Zeitlang seiner Beobachtung; und als ihn endlich dauchte, er nahme etwas verandertes an ihr wahr, besonders in Absicht seiner, da suchte er sichs auf alle Weise auszureden. Er war seit dem Vorfall nach der Entdekkung, die ihm Luise gemacht, ausserst schuchtern, und gegen sich selber misstrauischer als jemahls geworden; aber eben das musste seine Aufmerksamkeit, da sie einmahl gereitzt war, nur in desto starkern Trieb setzen. Selbst indem er darauf bedacht war sie abzulenken, stellte er, wider seinen Willen, Beobachtungen an; und so gerieth er, immer unwillkurlich, endlich dahin, dass er seine Freundinn bald hie bald da auf die Probe setzte. Verschiedene dieser Proben fielen so aus, dass seine Bemerkungen dadurch bestatiget schienen. "O, das wollt' er nicht! falsch sollten sie befunden werden, durchaus falsch; sie mussten es beym Himmel, sie mussten!" Der Ungluckliche stand am Abgrunde der Verzweiflung, und durfte nicht einmahl furchten. "Keine Sorge! rief er schwindelnd, keine Sorge! Bey allem was heilig ist, ich bin nur ein Thor! Gott weiss, ich bin nur ein Thor und es wird offenbar werden!" So drang er immer weiter voran; gieng unablassig hin und her in dem Nebel der zwischen ihm und seiner Freundinn aufgestiegen war ob er nicht verschwande? Zuweilen, nah' bey, da schien er weg zu seyn; einige Schritte davon, ach, da war er wieder! Dann schwoll ihm das Herz bis zur Beklemmung; und was er begann um des Dranges los zu werden, war alles eitel; bis etwa ein Ausbruch von Zartlichkeit und Wehmuth in Henriettens Armen ihm wieder einige Erleichterung verschafte.

Schon vorher, nehmlich seitdem er das Geheimniss von Henriettens Gelubde erfahren hatte, war mehr Lebhaftigkeit, aber damit auch, von seiner Seite, mehr Ungleichheit in seinen Umgang mit ihr gekommen. Alle seine Empfindungen fur sie waren bey diesem Vorfall ausserordentlich erregt und in eine Art von Gahrung gesetzt worden; und (wie einem, dem ein theures Geschopf, das seine ganze Wohlfart tragt und bindet, in Gefahr schwebt) fuhlte er itzt doppelt ihren Werth und all seine Liebe fur sie. Da ergriff er sie dann manchmahl und schlang sie fest und immer fester in seine bebenden Arme. "Du bleibst mir doch, Henriette? sagte er zu ihr ich verliere Dich nie? nicht wahr, ich verliere Dich nie? Tausend Tode eher als Dich missen! O, Du weisst nicht, wie an Dir mir alles hangt, wie an Dir mir so alles gelegen seyn muss, und was das fur eine Liebe ist, mit der ich Dich liebe!" Henriette liess ihr ganzes Herz ihm hierauf die Antwort geben. Es fiel ihr nie ein, dergleichen ungewohnliche Bewegungen ihres Freundes einer andern Ursache, als seiner gegenwartigen Lage zuzuschreiben, welche alle Saiten seines Herzens gestimmt zu haben schien, von jeder Empfindung den hochsten Ton in vollem Klange anzugeben. Aber nun, ganz neuerlich, hatte sie angefangen etwas stutzig zu werden. Das konnte nicht ausbleiben, zumahl bey dem Gemuthszustande, worinn wir sie erblickt haben. Woldemars Begegnungen mussten die Peinlichkeit desselben vermehren, und da sie je langer je zudringlicher wurden, nach und nach in der Seele des Madchens eine geheime Emporung zuwege bringen.

Henriette wusste nicht wie ihr geschah. Bisher hatte sie ihrer Freundschaft fur Woldemarn weder Maass noch Ende gewusst; nicht der entfernteste Gedanke an dergleichen war ihr je in die Seele gekommen: und nun auf einmahl Was? Es liess sich nicht ausdenken. Schranken! Grenzen! Einer solchen Freundschaft Woldemars und Henriettens Freundschaft! Grenzen? Schranken? Wie? Warum? Welche? Sie glaubte von Sinnen zu kommen.

Sie fuhlte mit unendlichem Zagen, dass sie ihrem Woldemar sich offenbaren musste. Ja, sie wollte! Aber in furchterlichen Finsternissen lag ihr Entschluss. Da kam unversehens Gelegenheit und Augenblick, und drangte sie zur That.

Es war in Woldemars Hause auf einem Gastmahl. Henriette befand sich in der hochsten Spannung, und kaum wollt' es ihr gelingen, indem sie alle ihre Krafte zusammengerafft hielt, die Bedrangnisse ihres Herzens zu verbergen. Woldemar fuhr zusammen von ihrem Anblick, suchte aber seine Befremdung durch einen desto warmeren Empfang unmerklich zu machen; aber starr sanken darauf seine Arme an ihr herab. Henriette fuhlt' es, und beyde uberlief es kalt. Woldemar sah sie an und wieder an und wieder bis Schwindel und Blindheit ihn zwangen abzulassen. "Verloren! verloren! schrie's in seiner Seele, verloren!" Er hatte sich umgekehrt und stand am entlegensten Fenster, sein Gesicht an eine Scheibe geheftet, und sah gerad auf gen Himmel. Sein Bruder und Caroline, die zu ihm traten, und sich nach seinem Befinden erkundigten, und seine Gaste, die nach einander ankamen, erlaubten ihm nicht in dieser Stellung zu verweilen. Er hatte sein Leben gewagt, um einige Minuten mit Henrietten allein zu seyn. Henriette litt Todesangst. Auf einmahl gieng sie auf ihren Freund zu: "Lieber Woldemar, sagte sie zu ihm, indem sie ihm die Hand druckte, nicht wahr, wir haben etwas mit einander zu reden? Auf den Abend! Nur bis dahin, Lieber, sey ruhig!" Diese Worte, noch mehr die liebevolle Miene, welche sie begleitete, erhellten Woldemars Gemuth auf einige Augenblicke; aber kaum dass er recht zu Gedanken daruber gekommen war, so kehrte seine Unruhe desto unertraglicher zuruck. Sehnsucht, Erwartung und Furchten trieben ihn bis zur Verwirrung umher. "Es war also richtig, Henriette hatte etwas auf dem Herzen; etwas, das ihn angieng: sie hatte es schon so lange auf dem Herzen gehabt; schon so lang ihm verheimlicht: was konnt' es seyn?" Er verwickelte sich je langer je mehr in diesen Vorstellungen, dass er kaum mehr inne wurde, was um ihn her geschah, sondern unablassig mit Forschen an Henriettens Augen, an ihren Mienen und Geberden hieng. Henriette wurde ausserst verlegen; Woldemar, der ihren Unmuth beobachtete, desto verwirrter. Seine Zerstreuung stieg aufs hochste, und nun begab sich alle Augenblicke etwas, dass sie ihm selber auffallend machte. Er erschrack daruber, und begann in der Angst allerley, um sich zu helfen: er wurde laut; warf mit witzigen Einfallen um sich; unterbrach bald hie bald dort ein Gesprach; trank, halb in Gedanken, halb mit Vorbedacht, von verschiedenen Weinen, und in weit grosserer Menge als er gewohnt war. Diese gewaltsame Erheiterung, bey dem ganz entgegengesetzten Gemuthszustande, worinn er sich eigentlich befand, brachte ihn vollends aus aller Fassung. Man gieng von Tische, und es ward immer arger mit ihm. Seine Phantasie gluhte; sein Herz zerrann. Er wusste nicht zu bleiben vor all dem Widersinn, der sein Wesen von allen Seiten auseinander trieb.

Henriette, voll Bekummerniss, sah sich oft verstohlen nach ihm um. Von ohngefahr, bey einer schnellen Wendung, begegnete sein Auge einem solchen Blick; da flog er auf sie zu, fasste ihre Hand, und stand einen Augenblick vor ihr, als ob ihn die Seele verlassen wollte. Henriette erschrack bis zum Erblassen: "Allwina winkt mir" sagte sie und sprang ihr an die Seite. Woldemar durchkreuzte einigemahl den Saal; dann kam er wieder geradezu auf Henrietten; zog sie beyseite: "Ich muss, sagte er, ich muss gleich diesen Augenblick mit Ihnen reden; kommen Sie mit." "Das kann nicht seyn," erwiederte Henriette mit einem ausserst gefassten Ton; "auf den Abend, sagt' ich Ihnen; dabey bleibt's"

Woldemar glaubte in ihrer Miene etwas von Verachtung wahrgenommen zu haben, und gieng mit zerrissenem Herzen davon.

Der Rest des Tages war fur beyde entsetzlich. Woldemar strengte sich bis zur Ohnmacht an, und konnte dennoch seine Bewegungen nicht alle zuruckhalten. Henriette zitterte von Augenblick zu Augenblick, dass Woldemar sich noch sichtbarer vergessen mochte; es dauchte ihr schon lange, alle Anwesenden seyn heimlich nur mit ihm und ihr beschaftigt. Und weiter hinaus der Ausgang! das Ende! Und ohne weiteres an sich die blosse Sache Woldemar und Henriette in solchem Zustande, in solcher Lage? Mit Qualen der Holle folterte Beyde dies in gleichem Maass.

Nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen war, fuhrte Woldemar Henrietten nach Hause. Ihrem gepressten Herzen war so Noth um Luft, und der Zwang neben Woldemarn fiel ihr so unertraglich, dass sie (in einer fremden Sprache) schon auf der Strasse anfieng sich ihm zu erofnen, und so ununterbrochen fortfuhr bis hinein in ihr Cabinet. Sie fuhlte nicht die mindeste Zuruckhaltung mehr, konnte alles nach der Reyhe jetzt klar heraussagen von Anfang bis zu Ende: was fur hassliche Geruchte entstanden seyn; wie ihr dieselben zu Ohren gekommen; was sie dabey empfunden; was sich nachher in ihr zugetragen; was sie darauf an ihm beobachtet habe; und nun den ganzen gegenwartigen Zustand ihrer Seele .... "Dem Himmel sey Dank, fuhr sie fort, dass es noch eben zu rechter Zeit zu einer Erklarung unter uns gekommen ist; aber nun, lieber Woldemar, auch in unserm Leben keine wieder! Lassen Sie uns, was unser ausseres Betragen gegen einander betrift, einige Schritte ruckwarts thun. Seit Allwina ihre Frau ist, und schon etwas vorher, haben wir unvermerkt angefangen, uns weniger in diesem Stuck zu beobachten. Dies unschuldige Vergessen war so naturlich, es floss so unmittelbar und rein aus den Wendungen unserer Verhaltnisse, aus unserer ganzen Lage, war so schicklich zu den Bedurfnissen von Allwinas Herzen war durchaus so schon O, ich freue mich ja, ich freue mich auch der Lasterungen, die uber mich ergangen sind, weil sie mir darthun, dass ich gerade die Tugenden, welche die Verlaumdung mir abspricht, in hoherem Grad besitze; dass ich weit besser bin, einen viel hoheren Rang habe, als ich selber wusste. Doch dies gehort so eigentlich nicht hieher. Aber genug, und es komme woher es wolle, wir geben Aergerniss; und dieser Vorwurf soll auf unserer Freundschaft, da sie dessen sehr wohl ohne seyn kann wenigstens durch meine Schuld nicht haften. O ich mochte auf jedweden den Seegen bringen konnen, dass ihm das Heilige, dass ihm die Unbeflecklichkeit einer solchen Verbindung offenbar wurde. Vor allem ist mir daran gelegen, dass in meiner eigenen Seele nichts ihr Bild entstelle; und ich habe ihnen vorhin gesagt, was die verkehrten Urtheile der Leute fur eine Wurkung auf meine Phantasie gemacht haben. Wenn es Schwachheit von mir ist, so haben Sie Nachsicht damit; ich bin kein Mann. Auch dem Manne wird es nicht an Betrachtungen und Grunden fehlen, meinen Vorschlag zu genehmigen. Und so sey denn dies hiemit festgestellt. Unsere Freundschaft ist zu tief gegrundet, und zu wohl bewahrt, als dass ich mich nicht der Anmerkung schamen sollte, dass sie nicht den mindesten Abbruch hiebey zu befurchten habe; was geht sie im Grunde dies alles an?"

Hier zog Woldemar seine Uhr aus der Tasche: "Schon so spat!" sagte er, seinen Sitz verlassend und indem er mit dem Hut in der Hand auf Henrietten zuruck kam. "Ich werde mich Ihren Wunschen gemass verhalten, liebe Henriette. Alles, was Sie mir gesagt haben, war mir theils neu, theils ganz unerwartet. Sehr gut, dass Sie sich gegen mich ausserten; ich begreife Sie vollkommen, und habe nichts einzuwenden; wie gesagt, Sie konnen sich darauf verlassen, dass ich mich nach Ihren Wunschen fugen werde." Er reichte ihr die Hand: "Ich muss eilen; schlafen Sie nun recht wohl, meine gute Henriette!" Sie bot ihm eine Umarmung, die er annahm, aber etwas frostig; und damit wie ein Blitz zur Thur hinaus, und die Treppe hinunter.

Ueber alles was Henriette gesprochen, hatte er, wahrend dem Anhoren, wenig bey sich festsetzen konnen; er war lauter Verwirrung gewesen, lauter Verlegenheit, wie er sich aussern sollte, im Fall er sich dazu gezwungen sahe; und darum war er so schnell entwichen.

Vor dem Hause blieb er einige Augenblicke stehen. "Ach! all die Liebe in seinem Herzen! All die Liebe die er genossen in grenzenlosem Vertrauen! All der Friede! so angefochten?... gewogen! gewagt der Zerruttung ausgesetzt!"... Dann lief er schnell die Strasse hinab, die folgende eben so, und weiter bis auf den Platz vor der Pfarrkirche, da hielt er.

Hier, im Freyen, breitete er sich, rund um, der Luft entgegen. Die Stille der Nacht wollt' er haschen und den Raum der Himmel.

Er fuhlte Erquickung. Gelassenheit und Ruhe giengen, wie Sternenhelle, in seiner Seele auf. Und nun hatte er Muth, Henriettens ganzen Vortrag sich zu wiederholen.

Woldemar fuhlte die mehreste Zeit lebhafter, was andre angieng, als was ihn selber betraf; nichts war leichter, als ihn zu seinem eigenen Nachtheil einzunehmen. Diese ungemeine Gutherzigkeit verlaugnete sich auch in dem gegenwartigen Falle nicht. Die Vorstellungen seiner Freundinn hatten Eindruck auf ihn gemacht. Indem er sie von neuem ernstlich uberdachte, wurde er allgemach in Henriettens Parthey hinubergezogen; er setzte sich ganz an ihre Stelle, und vertrat sie mit solchem Eifer, dass ihre Sache bald anfieng ein unverwerfliches Ansehen zu bekommen. Nun wanderte er getrost nach Hause, wo ihn Allwina mit Schmerzen erwartete, weil er sie wegen seines Befindens in Sorge gesetzt. Sie freute sich, ihn so wohl zu finden. Er brachte noch eine Weile in liebevollem Geschwatz mit ihr zu, eh' er sich zur Ruhe begab, und hatte keine schlimme Nacht; nur dauerte es ein wenig, bis er einschlafen konnte, und er war fruh wieder munter. In Ansehung Henriettens sah' er nicht anders, als den Abend zuvor. Etwas weh musste ihm freylich das Herz noch thun von den vielen Leiden, die es erduldet; und auch regte sich darinn noch dieser und jener kleine Vorwurf, hauptsachlich ihres Betragens halben am vorigen Tage, und wegen der Art, wie sie sich gegen ihn erklart hatte. Entschuldigen zur Noth konnt' er auch das nach dem Uebrigen; aber ein gewisser Unmuth blieb in seiner Seele, der war nicht zu verdrangen.

Henriette eilte, gleich nach dem Fruhstuck ihn zu besuchen. Er sass bereits oben in seinem Cabinet. Da horte er sie! horte sie die Treppe hinauf fliegen, und hin an sein Vorzimmer, und die Thur ofnen und hinein rauschen, durch auf sein Cabinet zu. Es war an seinem Herzen wie wenn ein Damm durchgeht. Unverwandt blieb er vor seiner Arbeit sitzen. Henriette fasste mit ihrer linken Hand seine rechte Schulter, und senkte sich hinuber vor ihn, und schaute ihm mit so freyer, froher Liebe ins Gesicht, dass er davon ausser sich gesetzt wurde. Der ganze Himmel, den ihm das Madchen geschaffen hatte, that sich weit vor ihm auf; kaum widerstund er, sie an sich zu herzen und eine Fluth von Thranen, die ihn drangte, uber sie hinstromen zu lassen. Aber er hielt sich; ermannte sich zu heiterm Blick und annehmlichem Lacheln, und that einen Augenblick, als zweifelte er, sie umarmen zu durfen. Indem hatte Henriette ihm schon die Wange gereicht. Damit stand er auf und fieng an sich freundschaftlich mit ihr uber verschiedenes zu unterreden. Etwas fehlte doch, dass es nicht ganz im alten herzlichen Ton war. Woldemar merkte wie er je langer je mehr davon abwich; wie er sich immer weiter zuruck zog; aber er konnte sich nicht zwingen anders zu seyn. Ihn deshalben anzugehen trug Henriette Bedenken, zumahl da er allen Anlass durch ein freyes ungezwungenes Wesen zu entfernen bemuht schien.

Sie sprachen eben von einer Reise, welche Allwina mit ihrer jungern Tante vor hatte, als jene dazu kam. Diese Reise war bestandig verschoben worden; sie liess sich weiter nicht hinaussetzen; ubermorgen musste sie vor sich gehen. Hierauf brachte Allwina hundert Grunde herbey, warum Henriette ihr heute und den ganzen folgenden Tag nicht von der Seite weichen durfte. Henriette sagte ihr noch hundert andre dazu, und ward, halb erstickt von Kussen, im Jubel hinweg gefuhrt.

Woldemar gieng wieder an seine Arbeit, nahm die Feder voll Dinte, und setzte sie an, als ob sein Geist in der besten Bereitschaft sich befande, und ihn die Gedanken ubereilten. Aber alles fand er getrennt in seinem Kopf, und je mehr er sich bemuhte, seiner Zerstreuung abzuhelfen, je schlimmer ward es damit.

"Nun dann! sagte er endlich zu seiner Phantasie, indem er die Arbeit wegschob und seinen Stuhl herumruckte, nun, was ist's? Ich will es denn lieber einmahl geduldig anhoren und damit ein Ende!"

"... Das und das da und dies und alles? das wusst' ich ja schon! das ist ja hin und her gedacht genug! Was solls? Henriette bleibt ein vortrefliches Geschopf, wenn sie mir auch noch weher gethan, noch viel arger gegen meinen Sinn gehandelt hatte. Ich brauche mich nur an ihre Stelle zu setzen, nur zu bedenken dass sie ein Madchen ist, zu erwagen, was uberdem unser beyder Charactere fur Verschiedenheit mit sich bringen: so kann ich sie uber alles rechtfertigen; so muss ich sie durchaus entschuldigen. Wer gefehlt hat, das bin ich; dass ich nicht fruher dies in Betrachtung zog, so in den Tag hinein lebte, als ob..."

Hier stockte Woldemar. Er wollte fliehen vor dem Wetter, das ein ferner Blitz ihm verkundigte, ein ferner Blitz und dumpfes unendliches Donnergerolle hinter ihm her. Aber wer kann sich erwehren umzublicken im Fliehen; und wen ereilts nicht?

Als ob!... Das war Tauschung also dass wir Ein Herz, Eine Seele, Eins in allem uns fuhlten? Ich muss aus mir herausgehen, als aus einem Fremden, und mich in ihre Stelle versetzen! Versetzen! Henriette ist mir ein anderer; Henriette ist wider mich. Hin ist unsre Einmuthigkeit, unsre Eintracht: um ihr gut bleiben zu konnen, muss ich vergessen, wie ganz ich sie fur meine Freundinn hielt wie ganz ich ihr Freund war; endlich das gefunden zu haben meynte, und darinn ewigen Frieden mit den Menschen.

Woldemar dachte dieses nicht so klar, nicht ununterbrochen in dieser Folge; es wirrten sich nur seine Vorstellungen ohngefahr auf solche Art und zu solchem Erfolge in einander, indem er ihrem Aufkommen und ihrer Verbindung mit Gewalt entgegen strebte. Die freyeren Bewegungen seiner Seele wurkten alle Henrietten zu Liebe; und am Ende, wenn sie auch nicht ganz die Oberhand bekamen, so blieb es doch dabey, dass sie ihnen gebuhrte, dass sie dieselbe haben mussten und sollten.

Von diesem Gemuthszustande wurde seine Auffuhrung gegen Henrietten der vollkommenste Abdruck. Er besass eine ungemeine Starke, die Bewegungen seines Herzens aufzuhalten, seinen Leidenschaften den sichtbaren Ausbruch zu verwehren, und sie sogar, auf kurze Zeit, wo nicht zu unterdrucken, doch ausserordentlich zu schwachen. Gewohnlich kostete es ihm auch nachher wenig Muhe, wenn er es fur gut fand, seine Aufmerksamkeit ganz von den Gegenstanden, die ihn erschuttert hatten, abzulenken.

Allwina, den Abend vor ihrer Abreise, ubertrug ihrer Freundinn Woldemars Verpflegung. "Er ist nur," sagte sie scherzend, "dass du nicht vergissest, dass du fur zwey stehst, fur dich und mich. Du hast noch keinmahl soviel auf dir gehabt, das weisst du doch? Bedenk es nur recht! Wenn ich hore dass mich Woldemar gemisst hat! ich verzeihe dirs in Ewigkeit nicht!"

Damit ergriff sie, in liebevollem Auffahren, mit dem einen Arm die Freundinn, mit dem andern den Mann, und herzte sie gegen einander, und druckte sie an sich aus allen Kraften; und indem sie nachliess, zerfloss in englisches Lacheln ihr Gesicht; und an ihm herab sah man wie wenn eine sonnichte Wolke sanft und schnell sich ergiesst Thranen der Zartlichkeit und der Freude rinnen.

Henriette begab sich am folgenden Morgen mit bangem Herzen zu Woldemarn. Sie hatte genug empfunden, dass tief in dem seinigen, etwas gegen sie arbeitete; sie liebte ihn so ernstlich und so schon und wusste sich keinen Rath. Denn womit hatte sie ihn beleidiget? Wie hatte sie anders handeln, anders sich erklaren konnen? Eine abermahlige Erklarung wohin sollte die gehen? Woldemar hatte Unrecht; er hatte so gewiss o, er hatte so offenbar Unrecht dass man es nur ihm selbst uberlassen musste, daruber die Augen zu ofnen.

Henriette weinte bitterlich, indem sie dieses uberdachte. Seufzer auf Seufzer pressten sich aus ihrer Brust mit unendlichem Weh. Ohne Woldemars Freundschaft wurde ihr das Leben zu nichts. Und diese Freundschaft stand in Gefahr. Und sie musste sie der Gefahr uberlassen. "Lieber mag der Himmel sie mir rauben, sagte sie bey sich selbst, als dass ich sie verderbe!"

Woldemar hatte schon einige Stunden einsam, in tiefen Gedanken und voll Unruhe, zugebracht. Sein holdes liebes Weib war fruh vor Anbruch des Tages von ihm geschieden. Es war am Anfang des Merz. Diese Trennung hatte ihn sonderbar geruhrt. Um und um schlug sein Herz von Liebe; um und um, gegen an die erstarrende Mitte, wo Missmuth uber allgemeinem Unglauben brutete und der erschrecklichsten Verzweiflung.

Er war zu lange glucklich gewesen; war zu sehr von den sussen Gefuhlen erwiederter herzlicher Zuneigung und innigen Vertrauens durchdrungen worden, als dass die entgegengesetzten bittern Gefuhle sich sobald seiner ganzen Seele hatten bemeistern konnen. Die Menge, die Lebhaftigkeit der Erinnerungen, die ganze Magie der Einbildungskraft, alles wurkte vorzuglich auf jene Seite.

Was ihm nach Allwinas Entfernung zuerst begegnete, waren verschiedene Sachen auf seinem Tische, die fur Henrietten da lagen. Das machte ihm die Vorstellung auffallend, dass sie, nach Verlauf von ein paar Stunden, bey ihm seyn und gewissermassen ihre Wohnung aufschlagen wurde. Er hatte eine Menge zartlicher Auftrage an sie von Allwina. Und dann sollte er ja ihr dies und das erzahlen, welches den Abend vorher, nachdem sie schon weggewesen, und den Morgen fruh, zwischen ihnen war geredet worden, worunter manches scherzhafte sich befand, und das auf langer und kurzer Vergangenes in mannichfaltiger Beziehung stund.

Woldemar sass da, unterdessen heiter der Tag heranlichtete, hintraumend uber das alles; und fuhlte, wie sehr er sich itzt auf Henriettens Ankunft freuen wurde, wenn er freyen Muthes gegen sie ware.

Diese Vorstellung nahm uberhand, und wurde lebhafter mit jeder neuen Lichtung des Himmels. Endlich fiengen seine widerwartigen Grillen ihm an so lastig zu scheinen, er musste sie so von ganzem Herzen verwunschen, dass er so gut als entschlossen wurde, sie, im Fall der Noth, nur geradezu von sich abzuwerfen.

Er befand sich hiezu durchaus in der gunstigsten Stimmung. Noch war die Stelle warm, wo Allwina ihr untadeliches Herz an das seine gedruckt hatte. Es war ihm da ein Anschauen von voller Liebe, von unverbruchlicher Treue geworden, wovon seine Seele wie besessen geblieben. Und auch sein eigen Herz hatte er wieder starker da gefuhlt. Es hatte ihm gezeugt es hatte, voll Entzucken, gen Himmel geschworen, dass auf Menschen Verlass sey.

Und zu diesen Menschen sollte Henriette nicht gehoren? seine Henriette? die Freundinn seiner Allwina?

Unsinniger Verdacht! Anschwarzung, blosse Anschwarzung! Eigendunkel, Eigensucht, Hochmuth, tyrannisches Wesen, verkehrter Sinn mussten da im Spiel gewesen seyn, die hatten ohne Zweifel ihn verblendet ihn bethort!

Gefehlt etwas gefehlt konnte sie immer haben. War er doch selber auch nicht ohne Schuld. Und somit sollte alles aufgehoben, alles vergessen seyn.

Gegen die Zeit, da er Henrietten erwartete, legte er sich ins Fenster, um ihr entgegen zu schauen. Es dauerte nicht lange, da sah er sie am Ende der Strasse um die Ecke kommen. Henrietten, da sie ihn erblickte, fieng das Herz an stark zu pochen. Sie kam naher, sah sein heiteres Auge, sein wonnigliches Lacheln, und wusste nicht, ob sie ihren Augen trauen sollte. Als sie nachst dem Hause war, grusste er sie mit vertraulichem Nicken, sprang hinweg vom Fenster, und die Treppe hinunter an die Thur ihr entgegen. Sie war nie mit mehr Zartlichkeit, mit mehr freundschaftlicher Warme von ihm empfangen worden. "Nun geschwinde hinauf! sagte er zu ihr, komm!" griff ihr unter die Arme, und oben in einem Flug!

Henriette, die sich auf eine ganz andere Begegnung vorbereitet hatte, wurde besturzt und gerieth in Verwirrung.

Auf einige Befremdung hatte Woldemar gerechnet, denn er wusste wohl, dass sein Unmuth die zwey vorhergehenden Tage hindurch von Henrietten nicht hatte konnen unbemerkt bleiben: aber diese Befremdung sollte gleich darauf in Freude, und diese Freude in einen gewissen hohern Grad von Zartlichkeit ubergehen. Naturlich genug waren diese Erwartungen; aber der Gang, den Henriettens Empfindungen nahmen, war es nicht minder. Sie hatte nie an Woldemar dergleichen plotzliche Abwechslungen von Laune (sie konnte es nicht wohl anders nennen) wahrgenommen. Gegen sie, nun gar, war davon nie ein Schatten gewesen. Jetzt gab es der sonderbaren Erscheinungen so viel! Lauter fremde ungewohnliche Dinge! Alles so ausserordentlich, so sehr ausserordentlich! Wie das kommen was doch in dem Manne vorgehen mochte?

Diese Gedanken, mit welchen sich hundert andre verknupften und dass Allwina nicht da war heute just verreist....

Des Hin- und Hersinnens war kein Ende; und sie stand vor Woldemaren ohngefahr eben so, wie Er vor zwey Tagen Ihr gegen uberstanden hatte.

Woldemar wollte lange das nicht sehen. Doch er musste wohl endlich. Aerger als alles war ihm eine gewisse Schuchternheit, ein gewisses Argwohnisches, das aus ihrer zerstreuten bedenklichen Miene hervorschimmerte. Er rief, wie zu ewigem Bleiben, die widerwartigen Vorstellungen zuruck, uber die er die Verbannung ausgesprochen hatte. Aber noch widersetzte er sich ihrer Aufnahme, und eilte, Henrietten zur altern Tante hinunter zu fuhren, bey welcher er sie zuruck liess.

Er brachte den ganzen Morgen mit allerhand kleinen, mehrentheils mechanischen Geschaften zu, bloss in der Absicht, um sich vom Nachdenken abzuhalten. Er hofte auf gunstigere Eindrucke, und wollte wenigstens den Verlauf dieses Tages in Gelassenheit abwarten.

Es traf sich an diesem Morgen, dass er zu wiederholten mahlen gestort wurde, und er meynte jedesmahl, es sey ein Besuch von Henrietten. Aber sie kam erst kurz vor Tische zu ihm herauf, und mit Biederthalen, welcher Fremde von sehr guter Gesellschaft zum Nachtessen haben sollte, und sich Henriette und seinen Bruder dabey wunschte.

Woldemar hatte keine Lust; "er ware heute fruh auf gewesen" und dergleichen.

Biederthal erinnerte ihn, dass er immer fruh aufstunde; und versicherte, man sah' ihm an, dass er Zerstreuung nothig hatte.

Daruber lachte Woldemar.

"Aber ich denn, sagte Henriette, ich wenigstens brauche Zerstreuung. Ich weiss nicht, der Kopf ist mir heute so schwer, ich bin so trubsinnig; diese Parthie kame mir gerade recht, wenn Sie mit seyn wollten."

Was hindert, antwortete Woldemar, dass Sie ohne mich gehen?

"Das wissen Sie nicht? erwiderte Henriette. Sie sind ja heute von sehr schwerem Begriff. Ey nichts! als dass ich dann keine Luft mehr dazu hatte. Nun, schlagen Sie ein, lieber Woldemar! Ersparen Sie mir den Verdruss, dass ich meine schaale Laune die Ihrige mit verstimmen sehe. Sie kennen mich darinn, dass mir nichts schlimmeres begegnen kann. Und wie kam' ich bey Allwina zurecht? Nicht wahr, Lieber, wir gehen miteinander Sie thuns?"

Ja, ja! sagte Biederthal und fiel ihm um den Hals; ich seh schon, er thuts.

Indem kam ein Bedienter, zu melden, dass aufgetragen sey.

"Nein, er thuts nicht! rief Henriette; er thuts nicht, Biederthal, wenn Sie mir abschlagen uns diesen Mittag Gesellschaft zu leisten. Nicht wahr, lieber Woldemar, Sie thuns nicht? Sie haben noch nicht fest versprochen?"

"Recht, recht! sagte Biederthal, thu es nicht, ich muss bleiben!" Und hierauf zu Henrietten: "dass man es sich um Euch Madchen doch uberall muss so sauer werden lassen!"

Die Mahlzeit lief sehr vergnugt ab. Biederthal war ausserst munter und zeigte sich in seiner ganzen Liebenswurdigkeit. Er hatte es hauptsachlich mit Henrietten zu thun; und sie liess sich angelegen seyn, so hart es ihr fiel, seine Laune zu unterhalten. Woldemar stimmte mit ein, so gut er konnte. Die Frolichkeit und die vortreflichen Einfalle seines Bruders, und Henriettens zauberischer Witz, rissen ihn gewissermassen hin; er fuhlte wurkliches Ergotzen. Aber des Stachels in seinem Herzen wurde er darum nicht weniger gewahr. Der traf immer sachte tiefer wuhlend ihm zuweilen so scharf ins Leben, dass er Muhe hatte, einigemahl mitten im Lacheln nicht einen lauten Seufzer auszustossen.

Nach dem Essen liess Henriette sich von Biederthalen nach Hause begleiten, weil sie ihren Kopfputz noch besorgen und sich ganz frisch ankleiden musste. Abends, um sechs Uhr, sollte Woldemar mit dem Wagen kommen, sie nebst Dorenburgen und Carolinen abzuholen.

Woldemaren schauderte vor den Gedanken, die ihn jetzt von allen Seiten angehen wurden; dennoch beschloss er, sich ihnen getrost auszusetzen, keinem davon den Zugang zu versagen.

Sie kamen. Kamen auch in Menge, aber nicht sturmisch: langsamer nahten sie sich und in einer gewissen Ordnung.

Sein Geist wurde ruhiger.

Und sein Herz das war von den heftigen tiefen Erschutterungen, die es, Stoss auf Stoss, erlitten, besonders von den plotzlichen Abwechselungen des heutigen Tages dergestalt auseinander, dass es sich selber kaum mehr zu fuhlen im Stande war.

Also setzte Woldemar sich hin, und gieng die Auffuhrung seiner Freundinn durch, von dem heutigen Tage an bis auf denjenigen, wo sie in des alten Hornichs feindseelige Hande ihm entsagt hatte. Der Schluss fiel dahin aus: dass er in seiner Meynung von Henrietten geirrt habe. Und das Herz brach ihm nicht davon.

Er stund auf, liess sich ankleiden, und befahl um die gesetzte Stunde den Wagen. Es war nicht mehr lange hin. Mittlerweile gieng er in seinem Zimmer auf und ab. Eh' er sichs versah, horte er den Wagen aus der Remise sprengen. Der Wagen kam vorgerollt, und stand gerade unter seinem Fenster. Da fuhrs ihm durch alle Glieder.

"Hinfahren zu Henrietten; Mit ihr und Carolinen und Dorenburg zu Biederthalen? Dort die glanzende Gesellschaft; die erleuchteten Zimmer; das Gerausch; Spieltische; ein Gastmahl Gesprach Scherz Frohlichkeit Lachen!" Es war unmoglich, er konnte nicht hin!

Doch liess er den Wagen eine gute Viertelstunde halten. Er hatte eine Menge Bedenklichkeiten, uber die es ihm schwer fiel hinweg zu kommen. Endlich befahl er wegzufahren, und gab einen Bedienten mit, der ihn entschuldigen sollte: "er habe Kopfschmerzen bekommen, mit denen er sich nicht getraue in Gesellschaft zu gehen und sey Willens sich ganz fruh nach Bette zu machen, u.s.w."

Hierauf eilte er, sich die Kleidung vom Leibe zu schaffen, und sich von Kopf bis zu Fuss in sein Nachtzeug zu stecken, damit, wenn etwa noch sollten Anschlage auf ihn gemacht werden, er denselben desto zuverlassiger entgienge.

Nach einer halben Stunde kam der Wagen zuruck, und der Bediente hatte Woldemarn viel zu berichten; wie sehr man seine Unpasslichkeit bedaure; wie missvergnugt uber seine Absagung sich besonders Henriette bezeugt habe. Sie liess ihm ausdrucklich wissen: dass ihr alle Freude auf diesen Abend dadurch verdorben sey.

"All ihre Freude auf diesen Abend verdorben," wiederholte Woldemar bey sich selbst; "das mag wahr seyn! und so ein Abend kann einem lang fallen. So Ein Abend. Aber ich? Und hundert Abende! hundert Abende und Morgen! zehntausend! Und die alle so glucklich seyn sollten! Die schonen reichen Bluthen alle ... O!"

Sein Herz wurde plotzlich weich; und es fehlte wenig, dass er laut wie ein Kind zu weinen angefangen hatte.

"Aber wie nun auf einmahl wieder so ganz dahin?" fragte er sich. "Erst heute Morgen noch so voll Muth, so voll Glauben!..."

Diese Betrachtung fesselte seine Aufmerksamkeit. Er sann jenem Zustande nach; suchte die Ideen und Empfindungen, welche ihm denselben zuwege gebracht hatten, in sich zu erneuern, und versenkte sich mit ganzer Seele in ihren Begriff.

"Freylich!" sagte er, "das ist und wird seyn, dass Henriette zu den Besten ihrer Gattung gehort. Ich kann mich auf ihre Tugend, auf ihre Freundschaft (wie andre auch vortrefliche Menschen diese Worte nehmen) verlassen. Nur ist auch Sie nicht was ich schon lange zu suchen aufgegeben hatte; was ich endlich gefunden zu haben meynte: nicht die Eine, die Meine.

Was fest, was unwandelbar macht; diejenige Treue, die keine Tugend die allein Starke, Lebhaftigkeit und Tiefe des Sinnes ist gebricht ihr.

Wie fern dass Ihr Herz wie das Meinige empfande! Sie weiss nichts davon, dass sie von mir abgewichen ist fuhlt nicht das Widrige, das Unertragliche darinn: zweymahl in eine Parthey gegen mich wo nicht getreten doch wenigstens verflochten worden zu seyn. Konnt' es wagen, konnt' es uber sich bringen; bey mir in Verdacht zu kommen, um dem Verdacht nichtswurdiger Leute zu entgehen! Konnte gegen Freundschaft, gegen die Ruhe meines Lebens, andre Dinge auf die Wage legen so kalt! ...

Wie Manches ihr mehr gelten muss, als meine Liebe; wie manches sie arger schrecken als dieser Liebe Tod!...

Es mag seyn, dass sie dadurch, dass sie tadelhaft vor mir ist, vor allen andern Menschen desto untadelhafter erscheint; es mag oder nicht! hier ist davon allein die Frage: was eine Seele von der meinigen unzertrennlich macht; das hat die Ihrige nicht! Die Moglichkeit, dass sie von mir abfallen konne, liegt am Tage. Wir haben wurklich den Fall, dass ich ihr eine Art von Eckel, von Widerwillen errege. Sie hat mir verheelt; sich gegen mich verstellt Ranke gebraucht Lugen geredet Zweifel und Misstrauen gebrutet Hat uns entzweyt!

Und hatte sie nun eben dadurch auch den Himmel verdient und ware sie das Erste unter allen menschlichen Wesen: so konnt' ich sie wohl eine Heilige nennen Freundinn aber nicht. Wir waren nicht minder abgerissen von einander ich desto harter nur verstockt allen Freuden, auf ewig!"

Der Tumult in Woldemars Seele war nunmehr offenbarer Aufruhr geworden, und fern dass er darauf gedacht hatte ihn zu hemmen, hiess er den Eifer gut, der seine Gluckseeligkeit zu Grunde richtete. Er brachte die ganze Nacht damit zu, alles in sich umzukehren, so dass auch jede Aussicht eines Wechsels vernichtiget und jede Hofnung zur Thorheit wurde. Darnach schien es ihm, er sey ruhiger. Er lagerte sich hin auf den Ruin und schlief ein.

Morgens um neun Uhr kam Henriette, und horte, er sey noch nicht aufgestanden. Sie wurde besturzt. Der Bediente musste augenblicklich ins Schlafgemach, sie selber folgte sachte nach; und als Woldemar den Bedienten fragte: was er wolle? so gab sie die Antwort: "Ich bin da, lieber Woldemar! Wie es Ihnen geht? Sie haben mich zum Tod erschreckt!" und trat naher. Ihr Angesicht flammte von Liebe. Sie wurd' es inne, da die Flamme nicht zundete, und zuruckschlug. Ihn gebrandt hatte sie dennoch. Er antwortete durr und freundlich: er sey wieder besser, aber er brauche noch Schlaf; bis gegen sechs Uhr hab' er wach gelegen. Hierauf fragte Henriette, mit nassem Aug': ob er nichts begehre? Nichts in der Welt, war die Antwort, als Ruhe! Diese Antwort, obgleich Ton und Miene dabey nichts bedeuten wollten, gieng Henrietten durch die Seele. Sie wendete sich langsam und gieng. Als sie leise die Thur ins Schloss gezogen hatte, blieb sie, wie erstarrt, die Schling' in der Hand, mit gesenktem Haupt davor stehen. Endlich liess sie die Schlinge und lehnte sich ans Gesimse. Sie war voll Schwermuth und wusste nicht wie; sie konnte zu keinem Gedanken kommen.

Die altere Tante unterbrach sie in dieser Traumerey und fuhrte sie mit sich hinunter. Aber da war fur sie kein Bleiben. Sie gieng bald wieder hinauf, und warf sich im Vorzimmer auf einen Sessel, ihr Gesicht mit dem Arm verhullend, voll unaussprechlicher Herzensangst.

Woldemar unterdessen prufte nochmals sein Inneres, und suchte sich in seiner neuen Verfassung unumstosslich zu grunden. Er fand immer eben wahr, dass er ein fur allemahl jene uberschwengliche Idee von Freundschaft zwischen ihm und Henrietten aufgeben musse. Gesetzt auch er hatte sich weniger an ihr betrogen gehabt, als die Erfahrung gezeiget: so sey es an denen Zufallen genug, wodurch er und sie nun einmahl auseinander getrieben worden, um eine Wiedervereinigung, in dem Grade, unmoglich zu machen. Also, weg damit! Und warum sollt' er sichs nicht aus dem Sinne schlagen konnen? Er habe ja vor diesem auch gelebt, und das Leben nicht unertraglich gefunden.

Ein Blick in jene Zeiten, die so weit noch nicht zuruck waren, und mit seinen gegenwartigen sturmischen qualvollen Tagen auf eine Weise abstachen, welche ihnen keinen geringen Reiz ertheilte, versenkte ihn ganz in die Vorstellung der Sussigkeiten, die mit Genugsamkeit und Ruhe verbunden sind. Der Gedanke ward Empfindung, und die Empfindung Genuss. Dabey kamen ihm die Vorzuge seiner gegenwartigen Lage vor Augen. Eine Allwina zum Weibe; Er, der Gatte solch eines Engels; bald Vater von Kindern aus ihrem Schoosse; um ihn her die liebenswurdigste Verwandschaft; die besten Glucksumstande Wohlleben und Ehre wo er hinsah alle seine Wunsche ubertroffen! ... Er musste sich seines Kleinmuths schamen! dass er sich so ganz hatte hinreissen unsinnig so lange umhertreiben bis zur Verzweiflung angstigen lassen. Er verglich es mit der Berauschung eines Menschen der einen bosen Trunk hat, schalt sich einen Thoren, einen Rasenden bedrohte sich mit Ungluck und Schande.

Und Henriette die Einzige, ward verstossen! Und Woldemar triumphierte! Er fuhlte an sein Herz, ja, es schlug ihm freyer; und die Andern alle, sie waren ihm desto lieber geworden er hatte es nun so gut auf der Welt als jemals.

Es schlug eilf Uhr; er stand auf.

Henriette in seinem Vorzimmer anzutreffen, das war ihm unerwartet. Ihr schwermuthiger Anblick fiel ihm auf Es wurde ihm noch leichter ums Herz.

Die Rede kam von seinem Befinden, auf den gestrigen Abend und Henriette liess ihrem Herzen freyen Lauf. Es war so voll wahrer warmer Zartlichkeit, und ergoss so lieblich gegen ihn die schone Fulle, dass er davon entweder in gleiche Ruhrung, oder in die ausserste Verstockung gerathen musste. Das letztere geschah. Kaltes freundliches Lacheln war seine ganze Erwiederung, und er griff nach jeder Nebensache, um die Unterhaltung gleichgultiger zu machen; besonders wenn dem armen Madchen Thranen hervordrangen, die es mit Noth wieder einsog und daruber die Sprache verlor; dann, sag ich, kam er unfehlbar mit einer Unterbrechung, und fuhrte wohl gar einen Scherz herbey. Aber Henriette beschirmte ihre Brust, dass alle diese Dolchstosse nur daran her streiften viel Blut machten und wenig Wunde.

Ich komm! rief sie plotzlich hell auf, als ob ihr jemand wiederholt gerufen hatte, und sturzte zur Thur hinaus.

Woldemar war erschrocken. Er blieb noch einige Augenblicke stehen lachelte noch einmahl, und gieng in sein Cabinet.

Er war ungeduldig, einen Versuch mit Arbeiten zu machen. Sogleich wollt' es nicht; aber nicht lange, da war er vollkommen gesammelt und es gelang ihm nach Wunsch. Voll Zufriedenheit hieruber kam er zu Tische, liess sichs wohl seyn, und war sehr gesprachig.

Henriette wollte ihn bereden, auszugehen oder auszufahren. Er lehnte das ab, indem er grosse Sehnsucht ausserte, eine Arbeit, die er den Morgen angefangen, zu vollenden. Auch gab er sich ungesaumt wieder daran. Es gieng ihm noch besser von Statten, als am Vormittag.

Henriette, welche nicht Luft hatte, einem Besuch beyzuwohnen, der sich bey der Tante einfand, brauchte ihr altes Recht und liess sich in Woldemars Vorzimmer nieder. Auch das konnte Woldemar nicht storen. Wenn er zuweilen, beym Durchgehen, an ihr vorbeykam, und sie ihm zuwinkte; so antwortete er ganz geschaftig, nur eben durch ein freundliches Nikken, und verfolgte Gedankenvoll seinen Weg.

Es freuete ihn, seiner Aufmerksamkeit dergestalt zu gebieten, seiner selbst so machtig zu seyn. Die Luft am Fortgange seiner Arbeit kam dazu; so dass etwas von wahrer Heiterkeit in seine Seele dammerte. Gleich wollte sein Herz wieder aufwallen zu Liebe, und seine errungene Fassung zu Grunde gehen: Sie sass da, mit der er jede Freude zu theilen gewohnt war! Ach! und jeden Schmerz! Er lief hinauf auf den Altan. Ueber eine Weile folgte ihm Henriette. Woldemar hatte sich von neuem gestillt. Die Sonne war untergegangen; gegen uber trat jetzo der volle Mond hervor. Damit kamen die vorigen Regungen wieder, und machtiger. Dess fluchte Woldemar seiner Seele, und rafte alle seine Krafte zusammen, um sich zu verharten. Aber ein tiefes Grauen uberfiel ihn: "Dass ihm nunmehr kein Gestirn mehr leuchten durfe; leer uber ihm seyn musse der Himmel und um ihn, nur Finsterniss die Nacht." Doch hob er sein Haupt in die Hohe, blickte rund umher und sein Geist schwung sich empor. Sanft lenkten seine Augen sich auf Henrietten. Er lachelte ihr zu wie ein Heiliger dem Tode zulachelt, druckte sie an seine Brust, und fuhrte sie mit sich hinunter.

Diese Gemuthsstimmung hielt an, ohne sonderliche Abwechslung. Denselbigen Abend schopfte Henriette lauter gute Hofnungen; denn sie hatte lange nicht Woldemaren so ungezwungen heiter, durchaus so nachlassigen Wesens, und gegen sie so voll herzlicher offener Freundschaft gesehen; sie musste fuhlen, er war ihr gut: und das, schlecht und recht, von Grund der Seelen. Eben das fieng aber schon am folgenden Tage sie zu drucken an; sie war nicht seine Henriette wie vormals. Und wie sie das jetzt so nackend, so ganz in seinem eigenen Schmerz zu fuhlen bekam es war ihr unertraglich. Ihre Betrubniss wuchs von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage. Woldemar hatte Mitleiden mit ihr; mit sich selber noch mehr: Hulfe, Rath sah er nirgend; und er wollte nicht jammern, wollte sein Schicksal ertragen wie ein Mann. Einmahl, da sie, von innerlichem Weinen halb erstickt, da sass; ihr endlich ein Paar von denen Thranen, die durchaus nicht los sollten, uber die Wangen schossen und auf den Schoos sturzten; ihr nun die Brust noch enger wurde, dass sie langer sich nicht halten konnte; ausrief, ohne Laut; und hinsank mit dem Kopf auf die Hand, und ihr Angesicht offen lag die Augen trokken und die Wangen nass ... Er stand vor ihr und konnte nicht fragen: Henriette, was ist's? Konnte kein Haar breit sich ihr nahern. Das ergriff ihn mit Entsetzen Nicht vorwarts, nicht ruckwarts! platt auf der Stelle musst' er wankend bleiben. Seine Knie, schwer wie Centner-Lasten, zermalmten ihm die Beine; seine Schultern den Korper; der Nacken morschte; das Haupt versank; Ohnmacht, kalte grassliche Ohnmacht kroch durch alle seine Glieder, hin aus erstarrende Herz.

Indem kam jemand die Treppe herauf. Henriette rafte sich zusammen; Woldemar blieb wie er war. Der die Thur ofnete, ins Zimmer trat? es war Biederthal. Er fuhr etwas zusammen, fasste sich aber gleich, denn er hatte schon eher Betrachtungen gemacht, Beobachtungen, uber die er in angstliche Zweifel und Sorgen gerathen war, die er aber theils unterdruckt, theils sorgfaltig in sich verschlossen hatte. Doch musst' er die Frage vollenden, in der er stecken geblieben war: was was fehlt dir, Woldemar? "Wie? was mir fehlt? seh' ich ubel aus?" Er trat vor den Spiegel: "Wurklich! man sollte bange werden" und lachelte. "Aber ich weiss schon woher es kommt," fuhr er fort, "es hat nichts zu sagen." Und sogleich brachte er die Rede auf etwas anders; das denn Biederthal gerne geschehen liess.

Acht Tage giengen herum; noch eine Woche lief zu Ende und Henriettens Seele fieng an sich zu erbittern. Was nur ein menschliches Herz uberwaltigen kann, alles, alles war an Woldemarn vergeblich gewesen. So tausendmahl geruhrt, erschuttert; immer ohne Frucht; immer doch, am Ende, unbeweglich! Warum wollt' er sie aus seinem Herzen verstossen? Verstossen? Stund das in seiner Gewalt? Sie hatte ja nichts verbrochen; war ja Henriette wie immer. O Gott! rief sie aus, ich bin ja unschuldig.

Der Stachel, der ihr im Herzen sass und folterndes Pochen in alle seine Fasern brachte es war als wenn er bey diesem Ausruf auf einmal sich loste.

Unschuldig! uberall in ihr wars erklungen ewig seiner ganzen Freundschaft werth! Und kann, was unverganglich ist, vergehen? Vergangliches mag vergehen; Harren will ich in Unschuld. ... Harren, und treulich bewahren all die Lieb' in meinem Herzen und gen Himmel schauen.

Da Woldemar die stille Heiterkeit erblickte, den siegenden Muth, der uber Henrietten gekommen war, wandelte ihn etwas an wie Schrecken. Er straubte sich, es dafur zu erkennen; wollte, dass es Freude ware, und suchte es heimlich darein zu verkehren: aber er fuhlte bald, wie vergebens! Nunmehr ergriff ihn zwiefaches Schrecken. Was noch von Hofnung in seiner Seele versteckt war, fuhr auf und verschwand. Die entsetzlichste aller Empfindungen: Verachtung dessen was uberschwenglich geliebt war, kam, den geraumten Platz einzunehmen; sie hatte lange schon gedrangt. Er wurde voll Eckel vor dem Unbestimmten seiner Lage; lieber volle Verzweiflung, tausendmahl lieber! und er fieng an darnach zu ringen.

Aber er konnt' es nicht fassen, konnt' es nicht glauben!... Das gekostet zu haben, was eine solche Freundschaft giebt; und es fahren zu lassen, und es missen zu konnen, und Muth zu behalten zu leben, Ruhe, Heiterkeit? Seyn zu konnen diess, und jenes gewesen zu seyn? Eben dieselbe? Henriette? Die, die, die?! ... Er schwindelte in Wahnsinn dahin.

Noch massigte er sich in Aeusserlichen; er zeigte nur Kalte: aber sein Wille, diese Kalte fuhlbar zu machen, kam je mehr und mehr zu Tage. Er wich allen Gelegenheiten aus, Dienste von Henrietten anzunehmen; war hochst sorgfaltig, dass sie in seinem Hause nicht die geringste Bemuhung hatte; ausserte in Absicht ihrer tausend Bedenklichkeiten; hatte bestandig ihr etwas aus dem Wege zu raumen; so dass ihr der Aufenthalt neben ihm nicht anders als peinlich seyn konnte. Aber sie hielt Stand; und wenn die Krankungen, die sie von Woldemar erfuhr, auch wohl einmahl sie erbitterten, so erholte sie sich doch gleich wieder, und bewiess sich nur desto liebreicher gegen ihn.

Unterdessen wurde die Verwirrung in Woldemars Gemuthe immer furchterlicher. Das liebe Madchen, unaufhorlich um ihn, mit ihr die Menge susser entzukkender Angedenken, noch immer voll derselben Kraft ihn glucklich zu machen, wusste noch jetzt so manchen Schimmer von Freude in seine finstre Seele zu dammern, brachte taglich neue Anwandlungen von Glauben, von Vertrauen in sein Herz von Vergebung: Ach! die sie aber nicht foderte, deren sie nicht zu bedurfen glaubte; ohne Sinn fur seine tiefen Leiden vielleicht ins Geheim sie verachtend hoch erhaben uber den thorichten Woldemar, und nur in schmahlichem Mitleiden sich zu ihm herablassend die Edle! Ha, Elende! Ferne, ferne du von diesem Herzen, das du geschandet, und das du verlassen hast!

Alle seine Beschaftigungen lagen. Ausser dass er fast taglich an Allwina schrieb, die doch an dem Ort ihres Aufenthalts nur zweymahl in der Woche Briefe erhalten konnte. Aber von seinen Briefen wurde auch nur der dritte vierte wurklich abgeschickt, weil er, wahrend dem Schreiben, sich immer vergass und in Ausbruche der schwarzesten Melancholie gerieth. Allwina sollte auf seine Schwermuth vorbereitet seyn; doch wollt' er weder ihre Freundinn bey ihr verklagen, noch gegen Menschen und Gluckseeligkeit uberhaupt sie argwohnisch machen. Hier ist einer von diesen Briefen die zuruckgehalten wurden.

"Ich habe zwanzig Briefe an Dich geschrieben, die

Du alle nicht bekommen hast; sie sind zerrissen,

verbrandt. Aber was soll ich Dir langer verhee

len, dass ich in die tiefste Schwermuth versunken

bin. Mir schaudert vor dem Gedanken, Deine En

gelseele mit Geheimnissen der Holle zu verfin

stern! Aber ich muss, ich muss! Oder soll ich fort,

auf und davon? O, ich bin tausendmahl dazu ver

sucht gewesen. Aber Du sollst nicht elender wer

den, als das Schicksal Dich macht: Ihm Deinen

Fluch, nicht mir! Warum hortest Du mich eh

mahls nicht, als ich Dich, als ich Euch alle vor mir

warnte, so oft warnte, dass ihr nicht auf mich bauen,

dass ihr Euch nicht so an mich hangen solltet! Ihr

lachtet! Ha, nun ist's an mir zu lachen!"

Ich bin nicht im Fieber, Allwina; o Gott! ich bin

so wach, bin nur zu gut bey Verstande. Aber Dir

entdecken, was ich habe, das geht nicht; ich sag' es

auch Henrietten nicht, meinem Bruder nicht, nie

manden! Aber, ja, es ist mir etwas begegnet

etwas ... Ich hab' entdeckt, dass alle Freundschaft,

alle Liebe nur Wahn ist, Narrheit ist ausgenom

men dem Narren ich preise sie wohl einmahl

wieder, so Gott will und ich lebe!

Ihr werdet Mitleiden mit mir haben, in mich

dringen um mein Geheimniss zu erfahren und mich

zu trosten.

Ich bitt', ich beschwor' Euch, spart das! Sagen

werd' ich nichts; und Euer Mitleiden? daruber

werd' ich lachen und rasen. Ja, wenn ich Stein

schmerzen hatte, oder die reissende Gicht, oder ich

ware in Armuth gesunken, oder es ware sonst ein

endlicher Jammer uber mich gekommen Dann!

Aber nun? Ihr konntet Meere weinen, und mei

nem lechzenden Herzen kame davon kein Tropfen

zu statten.

Dass in den Menschen das geleget werden musste,

das Sehnen nach Mitgefuhl, die brennende Begier

de nach Menschen-Herz. Die am Ende doch nur

falsche Luft, kranker Heisshunger ist, der nur des

Geruchs bedarf, und es folgt Ekel! Aber nein!

so scheint es von der einen Seite nur. Nicht falsche

Luft, nicht kranker Hunger; sondern dass die Befrie

digung nur Blendwerk, der Geruch nur Anstrich ist:

darinn das Elend!

Woher nur die Sage unter die Leute gekommen

seyn mag das allgemeine Gerucht von Liebe, von

Freundschaft? Es ist wie mit den Gespenstern,

deren uberfall so viele gesehen worden sind. Gera

de so!

Wahrlich, es ist nicht der Rede werth, alles was

macht, dass Menschen an einander hangen. Worauf

wir eigentlich einen Werth legen; das ist nicht. Die

geselligen Gefuhle, wie sie Nahmen haben, sind in

so zusammengesetzt, so unendlich vermischt, so an

tausend Enden zu fassen und zu lassen, so zwey

deutigen, betruglichen, hinfalligen, unwesentlichen

Wesens; dass man nie wissen kann was man hat,

oder ob man nur was hat. "Doch giebt es Bey

spiele von Treue, von alles uberwiegender Anhang

lichkeit!" Das weiss ich! Aber liegt da wohl je

wurkliche Sympathie zum Grunde; ist da je eigent

liche Liebe? Nichts weniger! Dumpfe, taube, unge

fuhlige Seelen sinds! ... Schau die Redern! Was hat

die nicht fur ihren Mann gethan? wie war und blieb

sie ihm nicht ergeben? Man gerath ausser sich vor

Bewunderung, wenn mans erzahlen hort. Und nun,

im Grunde, was ist' s mit der Redern? Fuhlte sie

bey ihren schonsten Handlungen wohl mehr, hatte

sie wohl mehr Genuss davon, als wenn sie fur den

Mittag eine Suppe kochte? Hatte ihr Mann wohl

mehr Genuss davon, eigentlichen Seelen

Genuss? Und so ist's uberall, wo Menschen an

haltend einander etwas sind: entweder blinder

Traut, wo sie so hineinkommen, ohne zu wissen

wie; eingeblaut, angewohnt um Gottswillen: oder

elendes so elendes Stuckwerk, dass es eine Schan

de ist. Halt wo noch einige Vereinigung Stand, und

sie bewahrt nicht jene gegenseitige gleiche Dumpf

heit, so bewahrt sie gegenseitige Resignation;

etwa, von der einen Seite durch Verzweiflung an

Mitgefuhl, an Einverstandniss; und von der andern

durch kindische Genugsamkeit: oder auf sonst

eine Weise; denn hier konnen die Verhaltnisse ins

Unendliche abwechseln, und manches recht hubsch

und artig ausfallen: das Band aber, das sie zusam

men zieht und halt, ist nichts weniger als was es

heisst! In alle Wege, je fahiger der Mensch

zur Gluckseeligkeit wird; je unglucklicher wird er

in der That: je vortreflicher Menschen werden, die

einander gut sind; je loser, je unsteter wird ihre

Verbindung. Indem der Eine, oder der Andere, oder

beyde zugleich sich mehr ausbilden, jeder in dem

Seinigen, werden sie sich unahnlicher; indem sie

an Kraft gewinnen, ihr Geist sich weiter ausbreitet;

selbst ihr Herz sich erweitert, werden sie, gegen

seitig, eigener, werden sie unabhangiger von

einander; ihre Sympathie kriegt die Antipa

thie und ihre Freundschaft hat ein Ende.

Ich habs lange gewusst; aber mein Wissen war

nur Stuckwerk: jetzt hab' ichs ganz; bin der Wahr

heit und der Weisheit voll ein Seher, ein Pro

phet, und habe Dir kund gethan meine Offenba

rungen, habe Dich gelehrt, habe Dir geweissagt,

und muss nun weiter, bis ichs verkundige auch den

unterirrdischen Geistern. So lass mich denn, und

Gott sey Dir gnadig!"

Unterdessen Woldemar diesen Brief schrieb, war Henriette in sein Vorzimmer gekommen. Die Thur von seinem Cabinet war zu. Sie horte etlichemahl dass er gewaltsame Bewegungen machte und furchterliche Tone ausstiess. Hernach wurd' es ganz still. Darauf horte sie Weinen und Schluchzen. Und nun wieder stille wie todt. Sie versuchte an der Thur vom Cabinet, ob sie zugeschlossen ware sie gieng auf.

Er sass, den Kopf umgedreht, nach der Wand, gegen die er das Gesicht gequetscht hatte, wie aus Begierde sie mit den Zahnen zu fassen; die Arme vorwarts steif ausgestreckt, und die Hande los gefalten; die Beine hiengen, gezuckt, langst dem Sessel, so dass sie nur mit der Spitze den Boden beruhrten. Henriette trat bebend naher. Sie erblickte das frisch Geschriebene. Von selber fielen ihr die letzten Zeile, die sehr grosse und weitlaufige Buchstaben hatten, in die Augen. Sie glaubte der Brief ware an sie, und durchlief ihn ungeduldig, das hinterste zuerst; dann fieng sie von vorne an; las; meinte noch immer er gehe sie an; begriffs doch langer nicht ... Da kam sie an die Worte: "Ich rede nicht im Fieber, Allwina;" Allwina? Sie fuhr auf mit einem lauten Schrey. Woldemar kehrte sich um; riss ihr das Blat aus der Hand; und stiess sie unsanft auf die Seite. Sie sank, und meynte die Erde ware mit ihr versunken. Aber sie war bald wieder bey sich; kam zuruck; hieng sich Woldemarn an den Hals, und zerrann uber ihm in Thranen und in Kussen. Da sie einigemahl zu reden versuchte; jedesmahl stockte, und nun wieder heftiger weinen musste: wurde ihr weh bis zur Ohnmacht; sie musste ihre Stellung verlassen und einen Stuhl suchen. Woldemar blickte nach ihr hin ... Er konnte nicht langer! Sein Herz hob sich, als hobe mit ihm die Welt sich aus ihren Angeln. "Ach, Henriette!" rief er, und sturzte vor sie hin auf die Knie, "Ich bin verloren lass mich in Deinen Armen sterben!" Henriette war ohne Sprache; sie druckte ihn an sich; schluchzte; sah gen Himmel ... "Ja!" fuhr er fort, "ich bin hin; aber so lang ich noch lebe, muss ich Dich lieben." Es ist entsetzlich, dass ich mich an Dir betrogen habe, denn Du bist das beste Geschopf unter der Sonne! ... O, es wird ja doch endlich einmahl schwinden dies Herz, endlich einmahl vergehen, nachdem es so oft alle seine Kraft von sich gestromt hat! Lieber! unterbrach ihn Henriette, Lieber Lieber Ach! Betrogen? Sie konnte nicht weiter. "Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe," sagte Woldemar, "Dein Gefuhl fur Freundschaft ist anders als das meine. Unsere Freundschaft konntest Du fahren lassen; es sey warum es wolle Du konntest sie fahren lassen: mich konntest du dahin geben! Und ich, ich ich liege hier auf den Knien!" Er sprung mit Heftigkeit auf, setzte beyde Fauste sich vor die Stirne: "Gott!" rief er aus "Nur Trummer! Und das mein Alles! Und darum betteln! ... Aber was hilfts?" Er sturzte sich von neuem auf den Boden "Beste, Beste auf Erden habe Mitleiden verlass mich nicht!" verbarg sein Gesicht in Henriettens Schoos, und brach in eine Fluth von Thranen aus. Woldemar! sagte Henriette mit gebrochener Stimme dich verlassen? Dich, fur den ich alles verliess? ... "Ach!" sagte Woldemar, indem er sein Gesicht wieder in die Hohe richtete "ich wollte dass ich mein Herz fassen konnte, wie ein Weib ihre Brust, und Dich nothigen es zu trinken damit Dir alles zu Theil wurde, Dir nur alles zu gut kame von mir, eh es dahin ist; damit nur dies unaussprechliche Gefuhl hier, gerechtfertiget wurde und Bleiben erhielt und dereinst gen Himmel stieg! O das nur: die Erfullung meines Glaubens, die Rettung meiner Liebe, der Liebe die ich fuhle und die ich wahnte; der, ein Wesen, eine sichere Statte auf ewig; und ich will, ohne Klage, vergehen, will verloren seyn!" Er senkte sich wieder. Und Henriette ... Doch genug von diesem Auftritt, mit dessen Beschreibung ich mich besser gar nicht versundiget hatte! Denn nur einen Moment davon darzustellen in Geist und Wahrheit ist unmoglich.

***

Sie kamen nach und nach zu minder heftigen Worten; geriethen endlich in ein anhaltendes Gesprach. Henriette wusste, all die Liebe die in ihr war, und mit der sie unverruckt an Woldemarn gehangen, ihm jetzt so nah ans Herz zu bringen, dass er sie fuhlen, dass er sie eingestehen musste. Unvermerkt wurde seine Seele von sussen Empfindungen wie berauscht, sein Gram ubertaubt; und die Wonne, die er genoss, durchdrang ihn so ganz, dass es ihm genug daran dunkte, sein Leben zu beglucken.

Bis auf den folgenden Tag lauterte sich sein Zustand; die fieberhaften Bewegungen horten auf: er schwebte nicht mehr in Entzuckungen; aber Beruhigung, stille Zufriedenheit traten an die Stelle. Er fuhlte, dass sein Herz in einem guten Verbande lag, so dass der Schaden daran ihn wenig beschwerte, und allmahlig wohl noch heilen konnte.

Henrietten war er lieber als jemahls geworden, und sie ermudete nicht, es unaufhorlich ihn sehen zu lassen. Die holde Weise, womit sie es that, vermehrte den Eindruck: denn es wurde ihm auffallend, dass Henriette auch in der Freundschaft gewisse Vorzuge besitze, welche gegen die seinigen eben der Art, wohl in Betrachtung zu kommen verdienten, und ihnen ziemlich die Wage halten mochten. Wenn Er sie an Gluth der Seele, an hohem und tiefem Sinn ubertraf: so ubertraf Sie dagegen ihn an wahrhafter Zartlichkeit und unvermischtem Adel des Herzens; an Lauterkeit, Schonheit und durchgangiger Harmonie der Empfindungen. Seine Ergebenheit gegen sie mochte noch so stark, so ungemessen erscheinen: die Ihrige gegen ihn hatte etwas, das man dennoch fur uneigennutziger, sogar fur fester halten konnte. Zwar widerstritt er das sehr hartnackig; aber nicht immer mit dem besten Gewissen. Heimlich fuhlte er einigen Zweifel und lachelte innerlich dazu ob nicht auf Henriettens schuchternes, gehaltenes Wesen doch im Grunde mehr Verlass sey, als auf das muthvolle, heftige und ungestume des seinigen.

Wahrscheinlich ware alles gut geblieben und immer besser geworden, wenn nicht aus dem Vergangenen eine fremde Ereigniss sich unversehens entwikkelt hatte, welche fur Woldemarn und Henrietten, und alle die sie liebten, von den schrecklichsten Folgen war.

Ende des ersten Bandes