Theodor Gottlieb von Hippel
Lebenslaufe nach aufsteigender Linie
nebst Beilagen A, B, C.
Erster Theil.
Ich Halt! Ein Schlagbaum Gut wohl recht wohl Ein wachhabender Officier! wieder einer mit einem Achselbande zu Pferde zu Fuss von der Leibgarde von der Garde der gelehrten Republik ich ehr' Ihre Uniform, meine Herren, und damit ich Sie der Muhe uberhebe, mir die ublichen Fragstucke vorzulegen, mogen Sie wissen, dass ich, wie der Pass oder Taufschein es ausweiset, ein Schriftsteller in a u f s t e i g e n d e r L i n i e bin. In den folgenden zwei Bandchen, welche ich, wenn Gott Leben und Gesundheit und Lust und Liebe zum Dinge verleihet, kunftige Messe zu liefern willens bin, wird mein Lebenslauf, bis zu einer sachsischen Frist vor der Messe, fortgesetzt werden. Im vierten Bandchen werde ich den Lebenslauf meines Vaters, und im funften den Lebenslauf meines Grossvaters erzahlen, auch alles nach Gestalt und Gelegenheit der Umstande mit unumstosslichen Urkunden belegen. Dieser Plan soll darum noch mehr Eigenes haben, weil ich den Lebenslauf meines Vaters und Grossvaters B e r g a b erzahlen will, da wir jetzo nur B e r g a u f zu gehen gewohnt sind. Ich werde von der Zeit, da mein Vater Pastor in Curland war, anfangen und bei seiner Wiege aufhoren, und so soll's auch mit meinem Grossvater werden, der in meiner Geschichte eher sterben als geboren werden soll. Wurzeln, Zweige und Blatter haben einerlei Struktur. Begrabe die Zweige in die Erde, und lass die Wurzel in die freie Luft gen Himmel sehen: es wird ein Baum. Vorderhand sey es meinen Lesern genug in Beziehung auf mich von dem vierten und funften Bandchen, wobei ich die Beilagen nicht ausschliessen will, zu wissen
HVIC
MONVMENTO
VSTRINVM
APPLICARI
NON LICET
Ich rathe zu keiner Justinianischen Uebersetzung dieser Stelle 1. 2. . 27. Cod. de vet. jur. enucl.
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, und da Vorrede die Nachrede hindert, mogen
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sich meine Leser wohlbedachtig merken:
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welche Stelle sie nach Herzenslust verdolmetschen konnen.
Es ist die hochste Zeit, dass ich wieder auf mich selbst und auf den D a u m e n , Z e i g e - und M i t t e l f i n g e r dieses Werks zuruckkehre. Gibt es nicht, wie es am Tage ist, sogar d e r h e i l i g e n S c h r i f t Spotter? Wie sollt' ich also wohl nach Art jenes Pharisaers mit den Worten an den Altar treten:
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Uebrigens gestehe ich herzlich gern denen Erzahlern ein vorzuglicheres Verdienst, sowohl in Absicht des Ellenmasses als der Wurde zu, welche bei jedem merkwurdigen Vorfall ausserhalb ihren Grenzen einen Wegweiser aufrichten und ihre Leser zur Nutzanwendung auf Lehre und Trost bringen. Ich werde mich so nehmen, wie ich mich finde. Wer auf eine Schussel mehr oder Salat, Sardellen, Caviar, Austern und andere Zusatze Leckerbissen und Noten lustern ist, lasse sich anrichten, was ihm gefallig ist, und thue, was er nicht lassen kann. So lange meine Leser gehen konnen, will ich ihnen keine Krucke geben; wenn sie selbst eine Dose haben, warum soll ich ihnen mit meinem St. Omer an die Hand gehen (es braucht vielleicht mancher Espagnol, Tonka, Havanna-Rapee), und wenn sie selbst wissen, dass sie Menschen sind, wie sollt' ich sie wohl all' Augenblick mit einem S t e h e W a n d e r e r oder L e s e r pfanden, und ihnen wiederholen, dass sie sterben mussen, auf dass sie klug werden.
Mein Wahlspruch ist: I licet.
So wie aber die Grabmaler der Alten, wo man seit einiger Zeit (einige setzen hinzu "Gott sey gelobt," andere "Gott sey's geklagt") auch in Gott ruhet, nachdem man sich vor diesem scheute der selige L. Annaeus Florus, der wohlselige C. Plinius Caec. Sec., der hochselige M. Tullius Cicero und der hochstselige Marcus Aurelius Antoninus, Armenicus, Parthicus, Maximus zu sagen.
So wie die Grabstatten der Alten mit den allgemeinen Landstrassen verbunden waren, um den Reisenden anzuhalten, so ist es zwar Regel fur mich, den geneigten Leser sich selbst zu uberlassen,
coelo tegitur, qui non habet urnam.
Doch wo ist Regel ohne Aber? Was sich ein paar handelnde Personen auf dem Theater unter vier Augen sagen, gehort ohnehin mit zur Handlung, und mir stand es wohl am wenigsten zu, in einer wahren Geschichte Leuten das Wort aus dem Munde zu nehmen und ihnen ein Stillschweigen aufzulegen.
Gott mit Ihnen, meine Herren, und auch mit meinem kleinen Leopold, der mir eine Sundfluth mit dem Tintefass gemacht hat.
Die Mutter will dich
Lass mich hier, lieber Vater
So lass das Tintefass
Ich will auf deine Schulter
Nur nicht ins Buch Der kleine Junge hatte vielleicht Ursach, es ubel zu nehmen, dass ich die erste Stufe uberschreite und nicht von ihm anhebe. Ich konnte freilich bemerken, dass er kein Sanguinolentus gewesen, sondern fast wie C l o d i u s A l b i n u s ganz sauber und schon zur Welt gekommen, wenn er sich nicht eben jetzo mit Tinte besudelt hatte. Wenigstens bist du, lieber Junge
(Fall nicht, "ich werd' nicht") beim Publikum nicht prascribirt, ich habe dich einschreiben lassen, und ein grosseres Pflicht- oder Kindertheil gebuhrte dir in diesem Werke nicht. Der arme Junge! gestern war er zwei Jahr und heute zwei Jahr und einen Tag; bisher war er gesund wie ein Fisch und auch beinahe ein so grosser Liebhaber von kaltem Wasser wie ein Fisch! heute!
"Was schreibst du" dass du ungeduldig auf die Zahne bist, die sich melden lassen und nicht kommen wollen!
Dass ihr nur, wenn ihr kommt einem Pfirsichkern zu seiner Zeit zeigen konnet, wer ihr seyd; und dass eine Kraft von achtzehn bis neunzehnhundert Pfund in euren Grenzen wohne. Der Himmel helfe meinem Leopold und mir! und uns allen!
Ha! eine andere Art dienstbarer Geister, ungebetner Gaste, unlieblich anzusehen zu dienen damit es die Herren Besucher und Versucher, Thorschreiber, Acciseeinnehmer, Cassirer, Rendanten und uberhaupt alle Zollner und Sundergesellen nur auf einmal wissen, ich, und kein anderer hat dieses Buch geschrieben. Wer von den Herren sich aufs W u r d i g e n versteht, wird es schwerlich auch selbst auf den ersten Blick fur Contrebande und auswartiges Gut, sondern fur das, was es ist, deutsche Fabrik halten. Hiesige Wolle, ich bitte Hand aus Werk zu legen (den Puls dieses Buchs anzufuhlen, kann ich nicht sagen, so sehr ich ihnen auch Quacksalberehre zu erzeigen Lust habe), hiesiger Stuhl, hiesige Zeichnung, alles hiesig die Herren selbst aber scheinen nicht von hier zu seyn, und sich auf Blick und Griff, Auge und Hand nicht verlassen zu konnen Nun so verlassen Sie sich auf mich, und wenn's wider Ihre theure Amtspflicht ist, sich auf ehrliche Leute zu verlassen, schreiben Sie in Ihre Kladde, in Ihr Hauptbuch, Diarium und Exercitienbuch was die Feder will. Diese Worte werden wohl, wie ich glaube, an Ort und Stelle seyn. Von A r i s t a r c h hat keiner einen Zug, wohl aber vom bankerottirten Kaufmanne, Sprachmeister, Zeichen
deuter, Altflicker u.s.w. Von und
hab' ich also nicht reden konnen, womit der H o m e r p l o m b i r t wurde; denn, da wett' ich, H o m e r ist Ihnen eben so unbekannt, als es, meine insbesondere Hochzuehrende Herren, meine Wenigkeit bis heute wird seyn, der gewesen. Berge und Thaler kommen nicht zusammen! wir aber sind leider! so nahe bei einander, dass wir uns mit der Hand reichen und eins versetzen konnen. Ich weiss, Sie verschonen nicht Sauglinge, nicht Ungeborne, wie sollte also m e i n L e o p o l d auf d e r S c h u l t e r ohne Kopf- ober Magensteuer (wie man's nennt) abkommen! Wenn's einmal Sitte in Deutschland ist, so sey's. Du sollst dem O-, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Item, ein Arbeiter ist seines Lohnes werth, schreibt Dr. M a r t i n L u t h e r in seiner H a u s tafel etlicher Spruche fur allerlei heilige Orden und Stande, dadurch dieselben, als durch ihre eigene Lektion ihres Amts und Diensts zu e r m a h n e n . Die Rechnungsableger lassen oft mit gutem Bedacht Fehler stehen, um den Abnehmern zu Noten Zeit und Raum zu lassen. "Sonst," sagen die klugen Haushalter, "fangen diese Notenkunstler es bei der Person an, da sie doch nur bei den Zahlen bleiben sollten." Das hatte ich noch auf dem Herzen, eh' ich mich empfehlen konnte.
Plus cautionis in re est quam in persona, heisst auf deutsch: beschliessen Sie, was Sie wollen uber mein Buch, meine Herren, nur meine Person lassen Sie in Ruhe.
Sey mir tausendmal willkommen susses, oder besser angenehmes Wort. (Man sagt angenehme Ruhe.) Schlafen Sie wohl, oder eigentlich g e s u n d , meine Herren. Claudatur Parenthesis wurde ich sagen, wenn ich nicht den wahren Antipoden von einer Parenthese gebraucht und eben hiedurch ein neues epochemachendes Interpunktionszeichen erfunden hatte.
Was meinet ihr Herren majorum gentium, soll ich mit einem grossen I anfangen, oder mit einem kleinen?
Den Schlagbaum auf!
Ich bin in Curland auf dem Kirchdorfe *** geboren, wo mein Vater Prediger oder, nach der deutschen Landessprache, Pastor, nach der curischen Basinzas Kungs oder Basingkungs, wie die Letten der geliebten Kurze wegen sprechen, war. Z u s e i n e m Z e i c h e n , wurde ich hinzusetzen, wenn dieser Ausdruck nicht so viel Devalvation gelitten, dass ich meinem Vater dadurch keine sonderliche Ehre einbringen wurde. Es war seine Kirche eine Kirchspielskirche oder eine solche, wobei wegen des CompatronatRechts des Adels manche Pistole, wiewohl nur nach vaterlicher Weise in die freie Luft, losgeschossen worden, bis solches endlich unter einigen Daumschrauben dem Kirchspielsadel (ich glaube von Herzog Friedrich Casimir) zugestanden worden. Ich kann nicht sagen, dass mein Vater eine vorzugliche Neigung gegen mein Vaterland hatte; und wenn ich einem Erdbeschreiber hiedurch irgend einen Gefallen zu erzeigen wusste, was konnt' ich nicht fur ein Breites und Langes uber die drei Namen Curland, Lettland und Semgallen an ihn endossiren? welches aber alles zu keiner Lobrede auf Curland dienen wurde. So viel ist gewiss, dass mein Vater niemals zugeben wollte, dass Curland vom Flusse C h r o n u s herkame, wodurch die Memel angedeutet wurde; obgleich ihm solches sehr wahrscheinlich vorbuchstabirt wurde. Die Curlander, sagte man, wohnten um den Chronus, sie wollten ihr Land von Preussen unterscheiden, und bearbeiteten und drechselten so lange die Buchstaben und Sylben, bis endlich, so wie in der heiligen Schrift, herauskam, was zu suchen war. Es ist viel von G o t t e s W o r t z u s a g e n , sagte mein Vater. Ein guter Freund von C u r l a n d und von m e i n e m V a t e r spielte eine andere Karte aus, "so stammt es von Cur oder Cursemme, welches so viel als ein Land, das an der See liegt, andeutet," allein er gewann sein Spiel nicht. Nichts sagte mein Vater. Der gute Freund fuhr fort: "vom kleinen Konige Curo? von den Curaten oder von den Curiaten? oder" "Nichts, alles nichts Es wurde nicht verlohnen, diese Fibel uber den Namen von Curland weitlauftiger zu machen, und sie wegen Lettland und Semgallen, uber welche Namen mein Vater eben so wenig nachgebend war, mit Anhang und Zugabe zu verstarken. Mein Vater hatte, nach dem Ausdrucke eines Weisen des Alterthums, zwei Vaterlande, eines, wo er geboren war, und eines, wo er lebte, eines der Natur und eines des Schicksals, und man traf bei ihm, was man gewohnlich zu treffen pflegt, dass man das Vaterland der Geburt dem andern, oder die Mutter dem Vater vorziehet. Wenn der gute Freund am Ende zum Unwillen uberging, wurde mein Vater ein Philosoph. Zum Curlander konnten ihn weder gute noch bose Geruchte bringen.
So wollen Sie denn, fing der Freund an, nachdem mein Vater mit vieler Gelehrsamkeit die Geburt und Abkunft der Namen Curland, Lettland und Semgallen bestritten hatte, so wollen Sie denn den Herzogthumern Curland und Semgallen die ehrlichen Namen absprechen?
Lieber curischer Freund, antwortete mein Vater, unbiegsam wie der curische Kase, doch auch so dicht und fest wie er. Niemand kommt aus seinem Vaterlande. Seitdem die neue Welt entdeckt worden, ist sie ein Theil von unserm Geburtsorte. Bin ich im Gefangnisse, beim Gastmahl, am Hofe, in der Stadt, auf dem Lande, in Mitau, im Pastorat, ich bin bestandig zu Hause. Ein Thor sagt, dass er vertrieben sey, ein Weiser hat nur eine Reise unternommen, wenn er im Exilium ist. Oft ist man in seinem Vaterlande ein Sklave und im Exilio in Freiheit. Kann man denn mehr als leben und sterben, man sey in R o m oder in T u n i s ! T r i s t i a und B r i e f e aus P o n t o sind Rausche eines Dichters. Ein Weiser kann selbst A c h nur halb aussprechen, wenn er leidet; obschon das Wort nur dritthalb Buchstaben, und wenn man ganz ehrlich seyn will, kaum eine ordentliche Sylbe im Vermogen hat. Wer sich angewohnt hat, bloss zu essen was sattiget, und bloss zu trinken was den Durst stillet, findet uberall eine offene Tafel. Wo mir wohl ist, da ist mein Vaterland, und der Gerechte ist auch im Tode getrost. Wer aus A t h e n ist, weiss nicht, von wannen er kommt, und wohin er fahrt. Der Weise ist aus der Welt "
Auf die Frage: Was fur ein Landsmann? antwortet Diogenes fur mich: ; die Sonne,
Freund! ist die Fahne, der wir geschworen haben. Die Erde ist unser aller Mutter. Saure Grutze und Bierkase, ein paar curische Original-Essen, sind, wie Pfirsichen und Melonen, eine Gabe Gottes. Wer's mit Danksagung empfahet, ist ein Weiser. Auch in Curland gibts Knochen, die Mark haben. Gott ist uberall, er, der nicht Lust hat an Cavallerie oder Starke des Rosses, noch Wohlgefallen an Infanterie und jemandes Beinen, sieht nur auf die, die seinen Namen furchten und auf seine Gute hoffen. Heute ist ein Land frei und morgen liegt's einem Tyrannen zu Fussen, der seine Hand ins warme Blut des Erstgebornen, eines Vertheidigers seines freien Vaterlandes, eintaucht, um das schreckliche Jahr, da die Freiheit unterging, am aristokratischen Altar, am Rathstisch anzuzeichnen. Freund! was meinen Sie, wenn wir je solche Blutzahlen sehen sollten? Lassen Sie alles ruhig im Vaterlands seyn; ein Prophet gilt doch nicht, wo er geboren ist. Wie ging's dem A r i s t i d e s , dem E p a m i n o n d a s ? In der Fremde seyn, heisst in die Hand Gottes fallen; in seinem Vaterlande ist man, wenn's hoch kommt, in der Hand der Menschen, gemeinhin in der Hand seiner Feinde. Und wie soll man sich gegen sein undankbares Vaterland fuhren? Wie gegen einen Vater, der eine Mutter ohne Ursach verstosst, wie gegen eine Mutter, die zum zweitenmale heirathet? Diese bleibt Mutter, jener Vater. Bei diesen Spruchen war's dem Freunde so, als war' er selbst nicht mehr in Curland, als hatte er der Sonne geschworen. Es schien ihm, mein Vater hatte das Feld behalten; der kleine Konig Curo aber und die Curaten oder Curiaten waren in die Flucht geschlagen. Mein Vater befestigte, was er erobert hatte, mit ein paar griechischen Spruchen, die seinen Feind um so mehr abhielten, weil er kein Wort griechisch verstand.
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Und gleich darauf:
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Es pflegte der gute ehrwurdige Mann von Curland zuweilen als von einer Herberge zu reden, wo man sich oft langer als man wunscht, weil der Reisewagen gebrochen ist, aufzuhalten gezwungen sieht. Bei mir zu Hause essen wir um diese Zeit Spargel, pflegte er zu sagen; bei mir zu Hause raucht man um diese Jahreszeit eine Pfeife Tabak in der freien Luft, bei mir zu Hause hat man Trauben und d e n W e i n b e i d e r Q u e l l e . So ungern er also auch im Herzen in Curland zu seyn schien, und so oft er im Stillen durchs Fenster gesehen haben mag, ob der Reisewagen noch nicht in Ordnung ware, so hielt er dennoch mit seiner Abneigung zuruck. Der Freund, mit dem sich mein Vater auf der vorigen Seite duellirte, und noch ein Secundant waren die Hauptsiegel-Bewahrer dieses Geheimnisses und auch die einzigen, mit denen er griechisch sprach, ohne dass die guten Leute es verstanden. Wer ihn aber nach seiner Heimath fragte (sein Weib und Kind und seine zwei griechischen Freunde nicht ausgenommen), setzte ihn und sich selbst einer grossen Verlegenheit aus.
Bei mir zu Hause fing er, wie gewohnlich, an und ich war noch im zartesten Alter, als ich ihn fragte, lieber Vater, wo ist dein Haus! wir wollen hin, du, die Mutter und ich! Ist es wohl so schon als dieses hier? Ich zeigte ihm meines von Blattern. Nimm mich ja mit, wenn du nach Hause gehst, oder lass mich, wenn ich grosser werde, allein Wo? Wo? rief er ganz angstlich. Meine Mutter, welche eben seinen Kragen zurecht legte, liess diesen heiligen Halsband fallen, sprang schnell auf und ging davon, als ob sie auf allen Antheil von meiner Frage und der kunftigen Antwort Verzicht thate. Sie war indessen, wie ich es offenbar merkte, nach der Weiberweise, nur bloss dem Auge meines Vaters entgangen. Ob's mein Vater gemerkt habe, zweifle ich, denn er hatte sich auf dem Wege nach seinem Hause so sehr verirrt, dass er nicht aus noch ein wusste. Vielleicht sagt er es dem unschuldigen Kinde, dachte meine Mutter ohne Zweifel, da sie sich in der besten Ordnung zuruckzog, wovon er dir allemal ein Geheimniss gemacht hat. Lieber Sohn, fing mein Vater an, als ob er von einem Vorbeigehenden wegen seiner Reise eine Auskunft erhalten, oder in eine Reisekarte gesehen hatte und meine Mutter machte die Kammerthure, hinter welche sie sich weislich gestellt hatte, drei Zoll weiter auf im Himmel ist unser wahres Vaterland, hier unten sind wir Fremdlinge und suchen das, was droben ist. Wir sind in Hinsicht unseres Korpers Gottes Pilger, in Hinsicht unserer Seele Gottes Burger. Als die P i l g r i m e ! heisst es, d a r u m f u h r e t e i n e n g u t e n Wandel
Zu Hause nimmt man sich vieles so ubel nicht. Man vernachlassigt sich; thun Sie doch, als ob Sie zu Hause waren, sagt man. Auf der Reise sind wir auf uns aufmerksamer. Die Welt ist fur einen klugen Reisenden hochstens eine Hauptstadt. Er lasst sich das Merkwurdige zeigen; fur einen Gelehrten eine offentliche Bibliothek, er sieht die Titel. Beide bestellen Postpferde. Plus ultra.
Hiebei sahe mein Vater so geruhrt aus, dass, wenn ich nicht seinen Worten geglaubt hatte, ich jedennoch jedem ehrwurdigen Zuge seines Gesichts hatte beipflichten mussen, auch wenn ich noch einmal so alt gewesen ware, als ich's nicht war. Wie bose meine Mutter uber den Himmel geworden, weiss ich nicht, allein ich horte, und mein Vater, der nun wieder an Ort und Stelle war, musste es auch horen, dass sie die Thure zuzog, als ob sie nicht die mindeste Lust zum Himmel hatte. Ohne Zweifel hat sie dieses unvermerkt thun wollen, um ihre Neugierde zu verbergen; indessen machte das plauderhafte Schloss ein unzeitiges Gerausch und wurde dafur den folgenden Tag, da mein Vater eine Beichtandacht besorgte, ausgebessert. So viel ist gewiss, dass der liebe Mann durch diese Antwort, die zwar mich, nicht aber meine Mutter befriedigen konnte, mich, wiewohl ohne daran Schuld zu seyn, auf den Gedanken brachte, dass man im Himmel fruher als in Curland Spargel asse, gleich fruher in der freien Luft eine Pfeife rauche, Trauben hatte, und den Wein aus der Quelle schopfen konnte. Tausend andere Dinge, die er nachher meiner Mutter erzahlte, wie es bei ihm zu Hause ware, kamen alle bei mir auf die Rechnung des Himmels, und ich war zuletzt dort eben so bekannt als auf unserm lieben Dorflein, wo ich uber jedes Huhn hatte urteln konnen, wenn uber dessen Eigenthum ein Streit gewesen ware. Manches kam mir freilich sehr bedenklich vor, worunter zum Exempel war, dass man bei ihm zu Hause ohne Nacht- oder Unterhemde ginge und zu seiner Zeit lange Manschetten (die meine Mutter Handblatter nannte) getragen hatte. Eines Tages, da ein Literatus (welches in Curland eben keinen Gelehrten, sondern ein unselig Mittelding von Edelmann und Bauer bedeutet) mit ungewohnlich langen Manschetten bei uns des Mittags ass, musste ich glauben, dass er ein Himmelsburger und Landsmann meines Vaters ware, und wegen des ganz ungewohnlichen Masses seiner Handblatter schon etwas mehr als ein andrer im Himmel gelten musste. Kaum hatte er nach meiner Meinung das Jammerthal unseres Pastorats mit den seligen Wohnungen der Gerechten verwechselt, kaum, sag' ich, war er fort, so fragt' ich meinen Vater, was ihm der gute Freund fur Nachrichten aus dem Himmel gebracht hatte, und mein Vater nahm Gelegenheit, mir die wahren Begriffe von jener Welt beizubringen, denen mein Herz und Seele auf dem halben Weg entgegen kam oder beide Glaubenshande zureichte, so dass mithin dieser Literatus, der des Mittags bei uns einen vortrefflichen Kalekutschen Hahn verzehren geholfen, meinen falschen Himmel zu reiten mitnahm.
Mein Vatter war, wenn ich so sagen soll, geboren, von der andern Welt zu reden. Seine Seele, man fuhlte es, war im Buche des Lebens eingeschrieben und einer Veredlung durch den Tod so gewiss, dass, wenn er davon sprach, man glauben musste: er wurde verklart. Drei Viertheil war er dort und nur ein Viertheil hier. Gott schenke mir, wenn mein Stundlein vorhanden ist, die Empfindungen, die damals in meiner Seele hervorschossen, als er mir den Himmel zeigte. Mir fielen die Worte aufs Herz: I n m e i n e s V a t e r s H a u s e s i n d v i e l e W o h n u n g e n Mein Vater war ein Kind, um mit einem Kinde zu reden, und ich fand an mir erfullet, was von den Kindern geschrieben steht: i h r e r i s t d a s R e i c h G o t tes.
Aber wo muss denn das Haus meines Vaters seyn, dachte ich; allein ich unterstund mir nicht, darnach zu fragen, denn, so jung ich war, so merkt' ich doch, dass er seine Ursachen haben musse, es zu verschweigen.
Meine Mutter, wie ich sowohl diesesmal als bei andrer Gelegenheit sehen konnte, hatte mein Vater gleichfalls keinen Daumenbreit uber funfzig Meilen in die Lange, und zehn, zwanzig bis dreissig in die Breite, als so viel die Grenzen von Curland ausmachen, mitgenommen, daher sie eben so wenig als ich den Ort seiner Geburt wusste. Die neue Welt, pflegte sie zu sagen, ist entdeckt, deines Vaters Vaterland wurde dem Columbus mehr Schwierigkeiten gemacht haben.
Was bei dieser vaterlichen Verschwiegenheit einem jeden besonders vorkam, war die Gewohnheit meines Vaters, alle Augenblicke zu erwahnen, wie es bei ihm zu Hause sey. Er kam daruber bei Leuten in Verlegenheit, die er nicht wie mich mit dem Himmel abfertigen konnte; allein ehe man sich's versah, war er nicht mehr in Curland.
Ich bemerkte auch, nachdem ich grosser war, dass die Leute uber diesen Punkt mit dem guten Manne ein formliches Mitleiden zu haben schienen, so dass sie dabei die Achseln in die Hohe zogen, als uber einen Menschen, der so lange vernunftig ware, bis er auf sein Vaterland kame, und alsdann scheu wurde. Es war daher zum Sprichwort bei vielen geworden "das ist so unbekannt als des Pastors Vaterland."
Oft traf es sich, dass die ganze Tischgesellschaft still ward, so bald er nur die Anfangsworte: b e i m i r aussprach, und dieses ist die naturliche Folge, wenn jemand roth zu werden Ursach gefunden. Ein einziger hat nur die Elektrisirstange angefasst, allein sie fuhlen alle den Schlag. Es herrscht eine feierliche. Stille, jedes spielt mit Messer und Gabel, oder dreht sich Pillen von Brod. Nach einer Weile putzt der, welcher zu den wenigsten Empfindungen aufgelegt ist, das Licht, wenn es Abend ist, oder hustet, wenn zu Mittage gegessen wird; ist's ausser Tisch, so spricht er "besondere Witterung," oder bittet um Tabak, "der meinige," setzt er hinzu, "ist so durr wie Sand;" dieses alles that gewohnlich meine liebe Mutter, wenn mein Vater einen Kreuzzug uber Land unternommen hatte, allein gewiss nicht, weil sie dabei unempfindlicher, sondern weil sie's gewohnter war wie alle ubrige, und weil sie die beklommene Gesellschaft gern wieder ins Freie in die frische Luft bringen wollte. Oft stand ich mit dem Gedanken auf, und schlief mit dem Gedanken ein, warum sagt er denn nicht wenigstens seiner Familie, wo man um diese Jahrszeit Spargel isst, wo man um diese Zeit eine Pfeife in der freien Luft raucht, wo man Trauben hat, den Wein bei seiner Quelle geniesst und (welches mich am meisten interessirte) lange Manschetten tragt.
So geheim mein Vater mit seinem Vaterlande und seiner Familie war, so freigebig war meine Mutter, so oft sie von ihrer Familie etwas zu erzahlen Gelegenheit hatte. Sie wusste sich sehr viel damit, dass sie, wie sie sagte, aus dem Stamme Levi ware, und zahlte funf Priester- oder (damit die in Curland herrschende lutherische Kirche kein Aergerniss nehme) PredigerAhnen von Vater- und vier von mutterlicher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Superintendent, und zwei waren Prapositi gewesen. Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie, zu den Verwandten des Superintendenten P a u l E i n h o r n , dessen Vater A l e x a n d e r E i n h o r n , der zweite curlandische Superintendent gewesen war, und wenn sie an den Eifer dachte, mit welchem der Ehren P a u l E i n h o r n sich der Annehmung des gregorianischen Calenders widersetzte, so schien es, dass sie der namliche Einhornsche Eifer beseelte. Es hat dieser wurdige Eiferer sich die Calendermartyrerkrone errungen, indem er im Jahr nach Christi Geburt 1655 Dominica XI. post Trinitatis auf der Kanzel mitten in einer Calenderpredigt blieb und sein ruhmvolles Leben mit den Worten: "verflucht sey der Calend" sanft und selig endigte. Mein Vater schien bestandig besorgt zu seyn, es wurde meine Mutter eine Martyrerkrone in ihrem Blutrachereifer uberraschen, wesshalb er sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen pflegte: "fasse dich, mein Kind, die Sache ist beigelegt, wir schreiben heute den VI ." Meine Mutter hielt indessen bis an ihren Tod den gregorianischen Calender fur ein ketzerisches Buch, und liess sich nie Ader, wenn im Calender das Zeichen zum Gutaderlassen stand. Es musste kein Haar im Pastorat verschnitten werden, wenn der Calender hiezu anrieth, und alles, was sie nur erreichen konnte, mahnte sie ab, Holz zu fallen, Kinder zu entwohnen, oder sonst eine Medicin zu brauchen, wenn der Calender es gut fand. Es war ein Gluck fur sie, dass diese ungestempelten Tage die meiste Zeit fur sie und die lieben Ihrigen gut ausfielen; es war aber ein Ungluck fur den gregorianischen Calender, denn sie nahm eben hiedurch einen Grund mehr, dawider zu reden und dem Herrn Superintendenten Einhorn zu parentiren.
Ich wurde mich um alles in der Welt nicht unterstehen, in Absicht der Ahnen meiner Mutter ein Schriftsteller in aufsteigender L i n i e zu werden, und meine Leser verlieren auch durch die Erzahlung der ruhmlichen Thaten, Schlachten und Siege nichts, wodurch sich meine Vorfahren mutterlicher Seits, von der geraden und Seitenlinie, um die Kirche verdient gemacht. Sie nannte sie oft Kirchensteine, um alles zusammen zu fassen. Dieser hatte lettische Lieder, wie sie sagte, aus freier Faust gesungen, jener einige ubersetzt, ein anderer hatte sich dem Superintendenten D a n i e l H o f s t e i n , welcher den Exorcismus bei der Taufe der furstlichen Kinder weggelassen, mit Hand und Fuss (ich brauche ihre eigenen Ausdrucke) widersetzt und ihn dem Teufel ubergeben, der nach seiner wohlehrwurdigen Meinung die Complimente nicht erwiedern wurde, die ihm der Herr Superintendent machte; ein anderer hatte die Ostereier in seiner Gemeine abgestellt, welches, wie meine Mutter behauptete, ein aus andern Landern nach Curland gebrachter, nicht allgemein im Schwange gehender, unchristlicher Gebrauch ware, und dieser gute Mann war in Kupfer gestochen. Ich weiss bis diesen Augenblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Meine Mutter hatte diesen Kupferstich lange verwahrt, ohne davon einen andern Gebrauch zu machen, als dass sie, wie sie sagte, dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eine Stunde angesehen. Sie behauptete, dass ich etwas ahnliches in der Gegend um die Augen von diesem so ehrwurdigen als beherzten Manne hatte, obgleich ich davon nicht die mindeste Spur zu entdecken im Stande war.
Es sey nun dieses oder etwas anderes die Ursache, genug, meiner Mutter wandelte auf einmal der Einfall an, diesen Kupferstich unter Glas zu setzen und unter den Spiegel zu hangen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen hing.
Mein Vater widersprach diesem Gedanken, da ein Glaser unsere Strasse zog, und ist also dieser gute Mann, obgleich er die Ostereier abgebracht, nicht der Ehre gewurdigt worden, im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen unter dem Spiegel zur Schau gestellt zu werden. Sie war etwas ungehalten uber meinen Vater, obgleich sie sich solches nicht weiter merken liess; indessen war es nicht das erstemal, dass sie sein Conto mit einer Schuld belastete. Sie fasste dieses und beinahe alles, was sie sonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hatte, die Noth des ganzen Pastorats zusammen, und schrieb's flugs unter die Rubrik: n i c h t a u s d e m S t a m m e L e v i . Ihrem Zorne brachte sie ein Opfer, das sie nachher sehr bereuete. Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusagen, den sie fur den Kupferstich bestellt hatte, und war verbunden, obgleich der Nahmen noch nicht zur Halfte fertig war (und dieses gab zu neuem Aergerniss Gelegenheit), ihn ganz zu bezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getriebene Ideen wieder zu Hauf gebracht hatte, entwarf sie einen neuen Operationsplan, der ihr auch glucklich einschlug, namlich diesen verdienstvollen Mann in der Speisekammer aufzuhangen. Hier, sagte sie, kann er sich ohne Rahmen behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Freund! wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?
Ich kann es nicht schicklicher anbringen, dass meine Mutter bei aller Gelegenheit feierlich war. Es ward im Pastorat mit nichts anderm als mit Weihrauch gerauchert; alles, was meine Mutter vornahm, ward b e s u n g e n . Dieses ist der eigentliche Ausdruck. Die Natur hatte sie mit einer sehr melodischen Stimme ausgestattet. Das Bewusstseyn dieser Mitgabe der Natur war indessen nicht die Ursache ihres treufleissigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ursache hievon gelegentlich selbst angeben. Sie fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Melodie aus freier Faust (um ihren E i n h o r n s c h e n Ausdruck nicht zu verfalschen) zu singen an, den a l l e s , was zu ihrem Departement gehorte, mit anzustimmen verbunden war. Sie sang mit Kind und Rind. Es war daher naturlich, dass jedes, so bei ihr in Diensten war, Probe singen musste, weil ausser dem Hausdienst auch eine Art von Kusterstelle durch jedes Hausmadchen vergeben wurde. Vor diesem hatte meine Mutter, nach ihrer selbst eigenen Relation, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen Vorfall mit einem ganzen Liede zu bezeichnen; mein Vater indessen, der anfanglich bemuht gewesen, diese Gewohnheit vollig abzuschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen mussen. Sie ward aber von ihm bis auf einen Vers eingeschrankt, den meine Mutter nicht um die Herzogthumer Curland und Semgallen gelassen hatte.
Ich hab' es oft erfahren, dass mein Vater zuweilen den zweiten Diskant extemporirte und meiner Mutter zum Munde sang, so dass er mithin von seiner vorigen Meinung a posteriori abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm diese Bekehrung im Conto sehr hoch an, und je lauter er mitgesungen hatte, je mehr wurde ihm zu gut geschrieben. Sie wusste sogar den Zeitpunkt anzugeben, wenn mein Vater, der, wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Geistlichen besass, aufgehort hatte ein Liedersturmer zu seyn, und diesen Zeitpunkt werden wir ubermorgen (ich rechne nach mir und bitte meine Leser dessfalls um Verzeihung) erreichen. Meine Mutter wusste den Ruckfall meines Vaters, den sie des zweiten Diskantes unerachtet noch immer befurchtete, so sehr zu verhindern, dass sie seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, obgleich sie es auch mit ihren Lieblingen nicht verdarb, unter denen einige waren, bei denen mein Vater unmoglich den andern Diskant singen konnte.
Das Lied: I c h b i n e i n G a s t a u f E r d e n , schien fur meinen Vater gemacht zu seyn, und fast ward kein Glas gebrochen, ohne dass meine Mutter nicht anstimmte:
Die Herberg' ist zu bose,
Der Trubsal ist zu viel;
Ach, komm mein Gott und lose
Mein Herz, wenn dein Herz will;
Komm, mach ein sel'ges Ende
Mit meiner Wanderschaft,
Und was mich krankt, das wende
Durch deinen Arm und Kraft.
Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem Liede meinen Vater gleich zu Anfang bestochen hatte, sie Kaum hatte einer der zwei Streiter uber die Namen von Curland, Lettland und Semgallen Abschied genommen, und gleich sang ihm meine Mutter nach:
Wo ich bisher gesessen,
Ist nicht mein rechtes Haus;
Wenn mein Ziel ausgemessen,
So tret' ich frei heraus.
Und was ich hier gebrauchet,
Das leg' ich alles ab;
Und wenn ich ausgehauchet,
So scharrt man mich ins Grab.
Gern, das weiss ich, hatte sie u n t e r d e r P r e d i g t : v o m V a t e r l a n d e , wie an hohen Festen diesen Vers angestimmt, wenn sie geglaubt hatte, meinem Vater hiemit einen Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit indessen war noch nicht gekommen, und ausserdem hatte er den Grundsatz: die Andacht gehor' ins Kammerlein. Der Gesang blieb also bloss unter den Hausgenossen.
Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein Vater, hat auch kein Gedachtniss. Ein grosses Gedachtniss kann die Urtheilskraft schwachen, allein auch starken. Wer sich durch hundert Meinungen, die er weiss, nicht storen lasst und noch eine fur sich besitzt, hat viel Gedachtniss und viel Urtheilskraft. Die besten Kopfe klagen am meisten uber Gedachtniss. Sie sehen ein, wie len sich auf eine Art, die ihnen am wenigsten zu stehen kommt, bei Ehren erhalten. Ein Mann von starker Beurtheilungskraft macht sich nur Merkzeichen durch die Vernunft, die Imagination ist bei ihm bloss Kochin. Was sollte ihn also zuruckhalten, ohne roth zu werden, uber schwaches Gedachtniss zu klagen? Manche, um auch fur tiefe Denker gehalten zu werden, machen es nach, obgleich die guten Leute weit eher uber schlechten Verstand klagen konnten.
Zum recht guten Gedachtniss gehort, etwas ins Gedachtniss fassen, behalten und sich wieder erinnern. Sieh bei der Sache auf Ursach und Wirkung, inoculire alles auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spatesten Alter, als hattest du es vorm dreissigsten Jahre, bis zu welcher Zeit beim Menschen alles in der Bluthe steht, gelernt. Witzige Leute haben schreckliche Gedachtnisse. Ueberall finden sie eine Aehnlichkeit weil diese aber oft zu schwach ist, oder weil sie mit einem Blick zehn Aehnlichkeiten finden, vergessen sie alles; das Bewusstseyn, fassen zu konnen was man will, thut bei einem Genie oft grossere Dinge, als wenn's schon ein geruttelt, geschuttelt und uberflussiges Mass im Kopfe hatte. Ich habe noch keinen Dichter gekannt, der nicht schnell gefasst hatte, was er gelesen. Beim mundlichen Vortrage gelingts nicht allen. Prosa behalten sie leichter als Verse. Bei andern Leuten ist es umgekehrt. Man wurde behaupten konnen, ein Original musste wenig Gedachtniss haben, wenn es nicht Leute gabe, die im Vergessen eben so stark als im Fassen sind. Fassen und Behalten wird im gemeinen Leben fur eins genommen, allein ganz unrichtig. Ein jeder Originalkopf muss schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zuruck, und nur eben so viel, als nothig ist, um nicht bloss Abschreiber (Copist) zu seyn. Ein Grossmaul hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedachtniss. Wer viel plaudert, kann auch viel behalten; ein guter Kopf kann nur viel erzahlen, wenn er trunken oder verliebt ist; er darf sich indessen beides nur einbilden zu seyn. Wenn ein Poet nicht gut fasst, kommts oft daher, weil er sehen und horen kann und zwar mit Augen und Ohren des Genies, und auch dieser Umstand tragt sein Theil bei, dass er so leicht vergisst. Er kann nichts lesen und horen, was er nicht sogleich mit dem Seinigen bereichert. Er verzinset oft einen Gedanken mit funfzig Procent, oft mit mehr. Er weiss bestandig viel, nur nicht immer was andere wissen. Wer Jahreszahlen und Geschlechtsregister behalten kann, ist kein Dichter.
Lieber Vater, hier macht die liebe Mutter eine Ausnahme. Anlage zur Hauspoesie ist ihr nicht abzusprechen, und wer ihr ein gutes, massives Gedachtniss zugestehen wollte, dem vergasse sie diese Beschuldigung selbst im Himmel nicht, und wenns auch nur bloss darum ware, um ihr Gedachtniss zu beweisen. Was sie behalt, ist eisern. Meine Mutter wusste nicht nur alle mogliche Lieder aus- und inwendig, sondern besass auch eine so genaue Lebensbeschreibung von vielen Liederdichtern, dass sie beinahe den Schopfungstag von jeder Strophe wusste. Es war ihr von vielen Jahr und Tag bekannt, und was das allermeiste war, sie konnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophen bei diesem oder jenem fur eine Wunderkur gemacht hatte.
Mein Vater, der von dergleichen Dingen nicht das mindeste wusste, horte ihr (ohne Zweifel von dem Zeitpunkte, da er den zweiten Diskant zu singen anfing) andachtig zu, und schien an ihrer Zufriedenheit uber dieses geneigte Gehor theilzunehmen.
Die singende christliche Hausgemeine war noch an den Worten:
Und was mich krankt, das wende
Durch deinen Arm und Kraft,
und frisch fing meine Mutter an, als wenn sie festen Fuss fassen und occupiren wollte:
"v o n P a u l G e r h a r d ."
War mein Vater nicht unter ihren Zuhorern, pflegte die Leichenpredigt langer und erbaulicher zu seyn, und bestandig fand sie alsdann auf ihrem Wege Umlie begegnet waren, eine Aehnlichkeit hatten. Reiste mein Vater mit, war der Weg wie auf der Diele, und nie sprach sie bei einem Anverwandten auf der Landstrasse an, es ware denn zuweilen bei ihrem sel'gen Herrn Vater oder Grossvater, um ihnen aus Kindespflicht die Hande zu kussen.
Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streits der Lutheraner mit den Reformirten verlassen, nachdem er aus Luben (denkt an Liebau, sagte sie, wenn euch der Name zu schwer fallt) nach Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetter war, um allen allerlei zu werden, vom Landpastorat nach Mitau als Stadtpastor gegangen und hat in Mitau ein Bein gebrochen. Doch warum nicht sie selbst? Damit meinen Lesern die Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater a b - und z u gehen.
"Es ist ganz besonders, dass Herr Paul Gerhard sein Sohn, Paul Friedrich Gerhard, war Magister; auch gut! allein, so viel ich weiss, kein Liederdichter. Schade!) Es ist ganz besonders, sag' ich, dass Herr Paul Gerhard, welcher als Ober- oder Primarpastor 1676 den siebenzehnten, und nicht den siebenundzwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre seines reifen Alters unter die himmlischen Sanger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat, das mit C anfangt, obgleich wir sonst viele vortreffliche Lieder haben, die mit diesem Buchstaben anheben. Ich lass jeden Buchstaben in seiner Ehr' und Wurde, allein unter den Consonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater je sich des Unterdruckten, des Nothleidenden (sie wandte sich zu mir) angenommen, so war's, indem er behauptete, der Buchstabe C sey so gut deutscher Burger im ABC als irgend einer, und indem er den Candidaten ohne C widerlegte. Da die Letten ohne C sind, so konnte man den Herrn Oberpastor Paul Gerhard einen curischen, einen lettischen Sanger nennen, wenn er anders damit zufrieden ware, woran ich zweifle. Wer Gerhards Lebensgeschichte mit leichter Muhe und ohne Kopfschmerz zu behalten Lust hat, merke sich vier Sieben."
"Im Jahre sechzehn hundert sechs und s i e b e n z i g , den s i e b e n z e h n t e n Mai, im s i e b e n z i g s t e n Jahre, und in Hinsicht des Zweifels wegen seines Sterbetages s i e b e n und zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dunkt, einen Druckfehler, eine Schwachheitssunde zum Grunde. Wer kann wissen, muss jeder, der ein Buch schreibt, bekennen, wie oft er fehle."
Da hast du ganz recht, liebe Mutter; und ich, der ich zweihundert Meilen vom Druckorte entfernt bin, setze bei dieser Gelegenheit mit einer Verbeugung an alle Recensenten hinzu: Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mutter fahrt fort:)
"Gott weiss, wie die Worte in der Ausgabe des Herrn F e i s t k i n g lauten. Es ist diese Ausgabe fur mich ein Licht unter einem Scheffel. Das Manuscript hat Herr J o h a n n H e i n r i c h F e i s t k i n g vom Herrn Magister P a u l F r i e d r i c h G e r h a r d erhalten."
Meine Mutter bedauerte, dass sie nicht selbst der Herr J o h a n n H e i n r i c h F e i s t k i n g bei dieser Gelegenheit gewesen, und war's auch nur, setzte sie hinzu, der grunen, rothen und blauen Grenzzeichen und Fahnchen halber. Die Autorzeichen brachten sie auf die Tintarten, welche sie alle so wie eine Mehl- und Milchspeise oder Grutze anrichten zu konnen vorgab. Mein seliger Grossvater, sagte sie, konnte ohne alle diese Tinten kein Concept zur Predigt vollenden. Mein seliger Vater brauchte nur die rothe, und jetzt bin ich bis auf die schwarze, und auch die (mein Vater war die ganze Zeit abwesend) wird wenig gebraucht, ausser Uebung.
Der holdselige Mann, P a u l G e r h a r d , hat das Feistking'sche Exemplar mit allem Fleiss revidirt. Sein letzter Federstrich war in dieses Buch, und eben schrieb ein Erzengel
seinen Namen auf's beste
in's Buch des Lebens ein.
Ich habe die Vorrede des Herrn F e i s t k i n g nicht
gefunden; indessen gehort es eben nicht zum S t e r n und K e r n dieser Vorrede, dass Paul Gerhard daselbst mit dem Dr. Martin Luther proclamirt und gepaart worden, und dass man sogar (unter uns gesagt) den Wunsch aussert, dass Gerhard dem Dr. Martin Luther beim Reformationswerk geholfen hatte. Ich thue Einspruch, Herr Feistking, nicht des Buchstabens C, sondern des auserwahlten Rustzeugs Dr. Luthers wegen, der auch wusste, was Sang und Klang war. Hier eine Lobrede auf L u t h e r n , der darum, wie meine Mutter sagte, zu E i s l e b e n g e b o r e n , weil ihn Gott das E i s zu brechen e r k o r e n . Wir! wir! (sie sang diese Worte in der Melodie: w i r g l a u b e n a l l ' a n e i n e n G o t t ) wir, setzte sie ohne Sang fort, die wir aus Bescheidenheit den Zunamen Lutheraner angenommen, sollten mit dem Vornamen R e f o r m a t o r e n heissen; gewisse andere Leute aber, die nicht paulisch oder kephisch seyn wollen, konnen beim Namen R e f o r m i r t e bleiben. Nach dem Luther (mein Vater kommt) muss ich gestehen, keinen bessern Liederdichter als G e r h a r d e n zu kennen. Er und R i s t und D a c h sind ein K l e e b l a t t , das auserwahlte Rustzeug Luther aber die W u r z e l . Gerhard dichtete wahrend dem Kirchengelaute, konnte man sagen. Ein gewisser Druck, eine gewisse Beklommenheit, eine Engbrustigkeit war ihm eigen. Er war e i n G a s t a u f E r d e n , und uberall in seinen hundert und zwanzig Liedern ich wunschte wohl, es waren ein hundert und s i e b e n z i g wegen der s i e b e n ist Sonnenwende gesaet. Diese Blume drehet sich bestandig nach der Sonne und Gerhard nach der s e l i g e n E w i g k e i t . Schwermuthig
Recht, sagte mein Vater; allein weisst du auch warum?
"Warum?" meine Mutter, "weil er nach dem vorgesteckten Kleinod blickte."
Weil er ein boses Weib hatte. Sobald ihn Gott von dieser bosen S i e b e n erloste, war keine Sonnenwende mehr in seinem poetischen Gartchen. Er sang; allein es sang kein Gerhard mehr. Was die Xantippe dem Sokrates war
Dieser Blitz traf das Wort auf der Zunge meiner Mutter; es bebte noch eine Minute auf der blaulichen Oberlippe, allein es war so matt, dass es in der Geburt seinen Geist aufgab. Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts uberhaupt anzunehmen gewohnt war, musste von meinem unlevitischen, unpoetischen Vater, der zum zweiten Diskant nur par bricole gekommen war, erfahren, dass er die Asche einer Oberpastorin entheiligte und ein Sacrilegium beging. Das war mehr als sie tragen konnte! Sie verstummte vor ihrem S c h e r e r , und nach einer guten Viertelstunde allererst, nachdem das Herzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zu sagen, von wem das Lied gedichtet war:
Wenn bose Zungen stechen,
Mir Glimpf und Namen brechen,
Will ich bezahmen mich;
Das Unrecht will ich dulden,
Dem N a c h s t e n
(meine Mutter sang dieses Wort mit einem tiefen Seufzer)
seine Schulden
Verzeihen gern und williglich.
Dieses war fur heute genug am Gemalde meiner Mutter. Dass sie Gedachtniss und, wo nicht ein poetische Puls-, so doch Blutader, wo nicht prasselndes Odenfeuer, so doch eine gluhende Kohle vom Altar gehabt, werden meine Leser selbst gefunden haben. Noch einen Zug um die Nase herum, der sich eben bei mir meldet, und es ubel nehmen konnte, wenn ich ihn nicht, so spat es auch ist, beherbergen sollte. Meine kreuzbare Mutter war eine so grosse Verehrerin der Reime, dass sie sogar ein Gelubde abgelegt hatte, gewisse Worte nie zu trennen. K e r n und S t e r n , R a t h und T h a t , K i n d und R i n d . H a c k und P a c k , D a c h und F a c h , K n a l l und F a l l u.s.w. waren nach ihrer Meinung Zwillinge, DoppelReime fur einander geboren, im Himmel geschlossen waren und durchaus ins Eheband treten mussten, als da sind S t a n k und D a n k , M u n d und P f u n d , G l i m p f und S c h i m p f , N o t h und T o d , K l e i d e r und S c h n e i d e r , S t u d e n t und R e c e n s e n t , S c h e l m und H e l m . "Was Gott zusammenfugt," pflegte sie zu sagen, "soll der Mensch nicht scheiden. Wer solche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer einen andern Reim in diese Stelle aufnimmt, heirathet im verbotenen Grade." Sie behauptete, die Reime waren gleichsam die Riemen, durch welche das Gedicht verbunden wurde, und muss ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie bei ihrem p o e t i s c h e n T r i c h t e r , oder dem i n sechs Stunden einzugiessenden Unterricht zur deutschen Dicht- und R e i m k u n s t 1 die Regel gab: trachtet am ersten nach dem Reime der zweiten Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wird der Vers wie gegossen seyn.
Jetzt in die Speisekammer auf ein Gericht Eier.
Der Himmel helfe uns ad mala. Es wird fur meine Leser und fur mich, glaub' ich, das Beste seyn. Sollte indessen meinen Lesern das Schalchen, das ich aus gutem Herzen nach nordischer Art zum Willkommen herumreichen lasse, Appetit machen und Promulsis (der erste Gang) nicht missfallen, so hoff' ich, caput coenae (die Hauptschussel) dieses Theils wird auf ein gleiches Gluck Hoffnung machen konnen. Ein Thaliarchus, ein Credenzer, Disponent, ein Glaserzahler, ein Taktschlager ist mir bei der Mahlzeit eine unausstehliche Creatur.
Meine Mutter lasst zur Canonisation lauten, die einen ihrer Vorfahren treffen soll. Die Reliquien dieses Candidaten zur Standeserhohung bestehen in einem Kupferstiche, und obgleich, wenn er nach den neuesten papstlichen Grundsatzen behandelt werden sollte, ihm rechtlich entgegenstande, dass er noch nicht hundert Jahre gestorben, so wird doch bei dieser protestantischen Ceremonie dieser Einwand keine Bedenklichkeit abgeben.
Es war ein Sonnabend denn dieses war ein Tag, den meine Mutter unter den Tagen, so wie die C unter den Consonanten (alles Widerspruchs des Kandidaten ohne C unerachtet), schatzte. Die C, um aufrichtig zu seyn, weil die Letten diesen Buchstaben nicht haben; den Sonnabend, den heiligen Abend, weil sie selbst, im Fall ich mich so ausdrucken darf, ein heiliger Abend wenn man n u r hinzusetzt, welches einem Sohne nicht zusteht, so haben sie meine Leser in einem Zuge ganz also n u r e i n h e i l i g e r A b e n d war. Meiner Mutter gebuhrte allerdings eine Glorie, allein nur vom Mondschein. Wegen des Sonnabends muss ich noch bemerken, dass sie von meinem Vater alsdann wegen der Beichtvesper am wenigsten einen Einbruch zu befurchten hatte, und dass der Sonnabend bei allen Priesterweibern dies festus, ein hervorragender Tag ist.
Es war ein Sonnabend, da mich meine Mutter mit dem ersten Verse des Liedes:
Freu dich sehr, o meine Seele,
Und vergiss all' Angst und Qual
aufsang und nach dessen Vollendung mich also anredete: "Ich weiss, dass dieses Lied einem armen Sunder zugeschrieben wird, der in Hamburg wegen begangener Nothzuchtigung eines neunjahrigen Madchens enthauptet worden. Allein ausserdem, dass dieser arme Sunder Doctor in der Medicin gewesen, so glaub' ich auch die ganze Armensundergeschichte nicht. Es ist vielmehr dieses Lied eine M e s s e r s p i t z e von den geistlichen Liedern des Simon G r a f , die er unter dem schonen Titel: G e i s t l i c h e s e d l e s H e r z p u l v e r , in drei Theilen herausgegeben hat,2 und dann am Ende, liebes Kind, sind wir alle arme Sunder, allein wir haben nicht alle ein neunjahriges Madchen genothzuchtigt, sind aber alle in Sunden empfangen und geboren."
"Was ist Nothzucht, liebe Mutter?"
"Nothzucht, mein Kind!" sagte meine Mutter, und sollten, "ist Nothzucht. Leg dein Feierkleid an, streu Puder auf dein Haupt, und wenn keiner vorhanden ist, Weizenmehl, und sieh heute wie man dem thut, den deine Mutter ehren will aus dem Buche Esther, im sechsten Capitel und sechsten Verse." Nach einer langen Deliberation, wie die feierliche Handlung vollzogen werden sollte, ging dieser Triumph, oder Oration, oder Leichenconduct an. Io Triumphe! der Triumphator, welchem diese Ehre in effigie erwiesen wurde, lag auf zwei Folianten, und auch dieses kam von ungefahr, sonst wurde selbst diese Spur von Triumphwagen nicht gewesen seyn. Bei meiner Uebermessung, die mit einer curischen Elle geschah, fand es sich, dass kein Stuhl hoch genug fur mich war, den Kupferstich d e m H i m m e l n a h e g e n u g zu bringen, wie meine Mutter sich ausdruckte, welches Ziel aber durch Beihulfe dieser Folianten erreicht werden konnte. Da die Folianten inzwischen einmal im Spiele waren, legte sie selbige kreuzweise so, dass also nicht einer auf dem andern lag. Sie spreitete endlich ein weisses Tuch uber sie. Man kann, sagte sie, auch dabei seine erbaulichen Gedanken haben. Noch gehorten zu diesem Ehrenwerk vier flimmernde Nagelchen und vier Streifen schwarzes Papier. Eine Leichenrede wurde desshalb entkleidet, die auf einen reformirten Geistlichen gefertigt war. Die Nagelchen und die vier Streifen legte meine Mutter wie Ehrenzeichen neben den Kupferstich. Auf dem Wege von dem Ort, wo ihm der Platz unterm Spiegel gegen Morgen war abgeschlagen worden, wurden Tannenreiser bis in die Speisekammer gestreut. Unterweges war meine Mutter, wie man in der Affekthitze zu seyn pflegt, still. Der Fall war zu gross, um Sang und Klang zu verstatten. S t i l l e Begrabnisse kommen uberhaupt der Natur am nachsten, wenn anders der Verstorbene keine lachende Erben nachlasst. Meine Mutter trug die Fusse, ich das Haupt, und so kamen wir ins Delubrum, ins Sacrum, ins Gewolbe. Es kam mir unterwegs besonders wegen des weissen Tuches, welches bei meinen Lesern noch im frischen Andenken flaggen wird, so vor, als ob ich eine Leiche trug, und meiner Mutter muss es eben so vorgekommen seyn, denn sie sagte (dies war alles, was geredet wurde): den Weg, mein Sohn, mussen wir alle, und konnte wohl unmoglich die Speisekammer darunter verstehen. Ich merkte aus allem, dass meine Mutter eine Rede an mich halten wollte, und kann vielleicht dieser Umstand mit das Seinige zur Stille beigetragen haben, wodurch diese Handlung geweihet wurde. "Er hat gelitten und hat gesiegt," fing sie an, "er ist gestorben und sieh! er lebt.
Schau't, die Sonne geht zur Ruh',
Kommt doch morgen wieder;
aus dem Liede: e i n e n g u t e n K a m p f h a b ' i c h a u f d e r W e l t g e k a m p f e t ." Diese Citation oder eine Wehmuth, die uns Beide anwandelte, lenkte sie vom rechten Wege.
"Dein Ebenbild," sagte sie, "mein Sohn, wie ein Ei dem andern; sey ihm an reiner Lehre und reinem Windel gleich, auch" (hier fehlt ohne Zweifel viel) "nimm dich vor harten Eiern in Acht, sie sind schwer zu verdauen."
"Erinnere dich an die Leiter Jakobs," sagte sie, nachdem sie sich vom Stickfluss erholet hatte, und die Folianten wurden abgedeckt und das Leichlaken sein sauberlich zusammengelegt. "Zu niedrig," sagte sie, indem ich die Hohe erstiegen hatte und zu hammern anfing. "Es stockt in der Speisekammer," "zu hoch," gleich darauf: "denn ich kann weiter nichts als v i e r S t e r n e sehen."
S t e r n e dacht' ich, liebe Mutter. Sechs fur einen Vierding.
Endlich traf ich die rechte Stelle, und nachdem das Monument fertig war, welches diesem Ehrenmanne um so angemessener schien, als es gerad' uber einem Eierbehaltniss stand, stieg ich herab und meine Mutter umfing und kusste mich. Es war dieses eine feierliche Umhalsung, eine Accolade und nun? Meine Leser werden es mir verzeihen, dass ich sie so lange im Finstern gelassen, ohne zu bemerken, dass meine Mutter vier Lichter auf dem Tische angezundet hatte, auf welches C a s t r u m D o l o r i s der Wohlselige, nachdem wir ihn von den Folianten abgehoben, eine ganz kurze Zeit zur Ausruhe hingestellt wurde. Drei von diesen Lichtern loschte meine Mutter so aus, wie andere Leute ihre Lichter ausloschen. Das vierte, ein abgebrannter Stumpf, war wahrend dieser Zeit dem Verloschen nahe.
"Komm! sieh und lerne sterben!"
sagte sie zu mir. Ich sah ein ausgehendes Licht, und meine Mutter betete mit einer Inbrunst, die mir durch die Seele ging:
Und wenn mir die Gedanken
Vergehen wie ein Licht,
Das hin und her thut wanken,
Bis ihm die Flamm' gebricht;
Alsdann fein sanft und stille
Lass mich, Herr! schlafen ein
Nach deinem Rath und Willen.
Wann kommt mein Stundelein.
Ich sah, was meine Mutter sagte, und oft! oft! hab' ich mein Licht so ausbrennen lassen, um dieses Fest zu wiederholen. Meine Mutter legte die Hande, sobald alles aus war, auf mich, um mich priesterlich zu segnen. Wir glaube, es sind alles dieses Brosamen, die von ihrem reich besetzten Tische fielen, Stucke von der verungluckten Rede): "die lobwurdigste Furstin Henriette Louise, Markgrafin zu Brandenburg, liess sich diess Lied vorsingen, und obgleich alles um sie herum weinte, starb sie doch ohne Ach und Weh sanft und selig zu Onolzbach im Jahre Christi 1650, ihres Alters sieben und zwanzig Jahr. Gott! lass es nur ein Stundlein und nicht eine ganze Stunde seyn, wenn wir heimfahren aus diesem Elend!" Wir brachten die Folianten zu Hause und meine Mutter sang, ohne zu bestimmen, ob's auf Folianten, oder auf Kupferstich, oder auf alle papierne Monumente und Denkzettel gezielt ware:
Man tragt ein's nach dem andern hin,
Wohl aus den Augen und aus dem Sinn,
Die Welt vergisset unser bald,
Sey jung oder alt,
Auch unsrer Ehren mannigfalt.
Seyd getrost, verdienstvolle Manner (ich will meiner verstummten Mutter aushelfen). Habt ihr nicht das Gluck, am Spiegel zu hangen, so ist noch die Speisekammer ubrig. Stockt es hier gleich, es schadet nicht, das Bild kann hoch geschlagen werden. Beschert euch nur der Himmel Augen, die vier kleine Nagel fur Sterne ansehen, habt ihr gewonnen Spiel.
Nach dieser vollbrachten Arbeit verlangte meine Mutter, dass ich diesen Tag in einem feinen, guten Herzen behalten, und ihn jeden heiligen Abend vor Ostern durch eine Wallfahrt in die Speisekammer (wie sie sich ausdruckte) f e i e r n und e r n e u e r n sollte; dieses ist, sagte sie, die Aussaat; vor Ostern, den heiligen Abend, sollst du ernten. Der Geber aller guten und vollkommenen Gaben verleihe dir gutes Wetter oder ein Herz nach seinem Herzen zur Ernte.
Dass aber der ausgesaete Weizen nie zur Reife gekommen und aus dieser Wallfahrt nie etwas geworden, ist einer von uns beiden Schuld, der fromme S c h w e p p e r m a n n oder i c h . Meine Mutter zog mich wegen eines Epitaphiums zu Rathe, und mir musste zum Unglucke einfallen:
Dem Mann ein Ei,
Dem frommen Schweppermann zwei;
weil Schweppermann nicht Superintendent in Curland, sondern
Ein Ritter, keck und fest,
Der zu Gnadersdorf im Streit' that das Best',
gewesen, so bekam der Vorschlag meiner Mutter eine andere Wendung. Der bestimmte heilige Tag fiel aus, allein nicht zu meinem Nachtheil, denn wenn ich nach der Zelt ein Stuck Gerauchertes zu ernten Lust hatte, wallfahrtete ich Hand in Hand mit meiner Mutter nach dem Mausoleum (oder nach einer ehrlichen deutschen Uebersetzung) in die Speisekammer. Es hing der Tag unseres Eierheiligen von der Angabe meines Magens ab, und war, so oft mich ausser der Mahlzeit hungerte. Je nachdem ich Appetit hatte, ward auch die Feierlichkeit zur Ehre eines Mannes zugeschnitten, der nach der Bemerkung meiner Mutter, die sie mehr als einmal anbrachte, "so wie die Speckseiten und Wurste, seine Nachbarn, gekommen ware aus der Rauchkammer dieses Lebens."
Zur Steuer der Wahrheit steh' es hier wie eine Ehrensaule, dass meine Mutter, wider die Gewohnheit aller Weiber, nicht geizig war. Sie wollte nicht die Eier abschaffen und Huhner dafur einfuhren, sondern die Rechtglaubigkeit, wie sie sagte, lag ihr hiebei bloss am Herzen.
Mein Vater (damit ich sobald als moglich die vacante Stelle besetze), den meine Mutter durch diesen an seinen Ort gestellten Kupferstich ohne Zweifel auf den Gedanken brachte, dass im Prunkzimmer, zur rechten Hand unter dem Spiegel, kein unruhmlicher Ort im Pastorat ware, vocirte den Kupferstich des Eugen an diesen ledigen Platz. Er liess meine Mutter vorderhand bei ihrer voreilig gefassten Meinung, dass dieser Kupferstich der Herzog G o t t h a r d ware, welchen sie fur den grossten Helden hielt, der je in der Welt gelebt hatte, und dem allein sie den Rang uber den Superintendenten gestattete, obgleich sich die Herzoge von Curland w i r v o n G o t t e s G n a d e n schrieben und Landeshoheit haben. Es war mein Vater sich als ein Deutscher diese Huldigung schuldig, und nie hat er es verfehlt, dem Namen eines Deutschen Ehre zu machen. Das erste Wort, was er mich aussprechen lehrte, war, aller seiner Kenntniss in fremdem Sprachen unerachtet, ein schweres deutsches. D e u t s c h eben darum, warum Eugen im Pastorat zur rechten Hand unterm Spiegel des Prunkzimmers hing, s c h w e r , weil mein Vater in allen Dingen die Gewohnheit hatte, mit dem H o m e r anzufangen.
Damit aber meine Leser ja nicht Realinjurien begehen und an den Gedanken grenzen, als ob mein Vater auch nur stillschweigend eine Unwahrheit verubt, so muss ich ihn bei dieser massgebenden Gelegenheit rechtfertigen und ihn uber jenen Heiden herausbringen, dem man zur Steuer der Wahrheit nachsagt, dass er auch nicht im Scherze unrichtig geworden, welches in unserer galanten Mundart ungefahr heissen wurde, dass er keine einzige Equivoke gesagt habe. Wer weiss es nicht, dass eine stillschweigende Luge eine himmelschreiende stumme Sunde sey, der feinste Meuchelmord, und eben darum der gewohnlichste. Was meinet ihr, lieben Leser! misst mein Vater nicht einen Zoll und einen Strich mehr?
G o t t h a r d , sagte meine Mutter, der Held der Helden. Nicht also, fiel mein Vater ein. E u g e n ! ein Deutscher, der in seiner Jugend Theologie studirte und schon wirklich Candidatus theologiae war, ein rundes Peruckchen trug und gepredigt hatte. Diess brachte meine Mutter zur Andacht. Warum, sagte sie, ging er von der engen Strasse, die zum Leben fuhrt? Um der Religion bessere Dienste zu thun, erwiederte mein Vater; um sein Schwert wider die zu ziehen, welche jetzo die Wache zum heiligen Grabe geben und das Schlafgemach unseres Herrn und Meisters usurpiren. E u g e n hiess der k l e i n e A b t in Frankreich, und ward ein grosser Mann in Deutschland. Die mittelmassige Statur ist die Gestalt der Helden. Unser Sohn wird, Gottlob! gross werden, sagte meine Mutter. Gottlob! er wird es nicht werden, erwiederte mein Vater. Die Titel des Eugen sind, fuhr er fort, Herzog von Savoyen und Piemont, Markgraf zu Saluzzo, Ritter des goldenen Vliesses, der romisch kaiserlichen und koniglich katholischen Majestat wirklicher Geheimer- und Conferenz-Rath, Hofkriegsraths-Prasident, General-Lieutenant, und des heiligen romischen Reichs Feldmarschall, General-Vicarius der sammtlichen italienischen Erbkonigreiche und Lande.
Meine Mutter machte, da mein Vater sich bei jedem neuen Ehrenworte beugte, eine Gegenverbeugung, ohne dass man eigentlich bestimmen konnte, ob's meinem Vater oder dem Eugen galt, und da die Heldengeschichte eben kein Studium fur meine Mutter war, so kam manches vor, was sie zum erstenmale horte. Bei meines Vaters Bemerkung, Eugens Mutter ware des bekannten Cardinals Mazarini Nichte gewesen, konnte meine Mutter anfanglich nicht begreifen, wie ein Cardinal eine Nichte haben konnte? Es fuhlte Eugen (fuhr mein Vater fort und sah meine Mutter lieblich an) im G e m u t h e und G e b l u t e vaterliche Regungen, und dieses Gefuhl war unfehlbar die Hauptursache, warum er das Brevier mit dem Degen vertauschte. Ob nun gleich meine Mutter, was den Punkt der heiligen Ehe betraf, sehr protestantisch dachte, so schuttelte sie dennoch wegen dieses Tausches das Haupt. Bei dem eingeweihten Degen, den Papst Clemens der XI. dem Eugen schickte, und beim Anfange seines Anschreibens: Unsern Gruss und apostolischen Segen zuvor, geliebter Sohn, edler Mann! warf sie die Frage auf: wie doch wohl der curische General-Superintendent an den Eugen geschrieben haben wurde?
Mein Vater schloss die Standrede uber Eugen, um sich meine Mutter, die nicht ohne Neid den Eugen unterm Spiegel sahe, zu verpflichten: dass dieser unuberwundene Held den ein und zwanzigsten April zum e w i g e n J u b i l a t e eingegangen.
So waren also die beiden Monumente fur Eugen, der nie geschlagen worden, und meiner Mutter Ahnherrn, der durch Abschaffung der Ostereier sich unsterblich gemacht, errichtet! Der liebe Gott schenke beiden (diess sagte meine Mutter, da mein Vater den Rucken gekehrt hatte) in der Erde eine sanfte Ruhe und am jungsten Tage eine frohliche Auferstehung, wo es sich ausweisen wird, ob Eugen oder der gute Pastor eher verdient, unter dem Spiegel gegen Morgen im Prunkzimmer zu hangen, wenn gleich auch unser Anverwandter sich uber sein Platzchen in der Speisekammer nicht beschweren darf.
Ich habe zwar von meinem Vater, da ich nicht c a p i t e l f e s t bin, nur wenig und das im Beilauf gesagt, meine Leser aber werden schon hieraus die verschiedenen Denkungsarten meines Vaters und meiner Mutter einsehen und ohne Note sich vorstellen, dass ihre Erziehungsart gleichmassig nicht ubereinstimmen konnte. Meine Mutter wollte mich zu einem Geistlichen machen, und wenn man kein Edelmann und doch ein Mensch in Curland ist, kann man keinen andern als diesen Stand wahlen, einige weltliche Stellen ausgenommen, deren aber zu wenig sind, als dass viele darauf rechnen konnten, und die, bis auf die Advokatenstellen bei dem Land-Obergerichtshofe in Mitau, noch obenein adeliche Posten sind, und also als in Verfall gerathene Familien angesehen werden, welche ihren Adel mit leichter Muhe erneuern konnen. Mein Vater schien mich zu etwas anderm bestimmt zu haben. Meine Leser mogen rathen, wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muss mich bei diesem Umstande mit Rathen behelfen, obgleich ich es nicht laugne, mehr Data als meine Leser zur Auflosung meines Rathsels in der Hand zu haben. Er sah es sehr gern, wenn ich Ball schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel. Ich hatte zu Anfang Muhe, die Kugeln zu heben; indessen fand sich mit der Zeit eine Starke in meine Arme, dass das Spiel zwischen meinem Vater und mir ungewiss und eine Wette wurde, und wir abwechselnd gewannen und verloren. Er hatte es gern, dass ich mich herumbalgte, und hierin that ich mich mit dem B e n j a m i n , dem Sohne des alten H e r r n , hervor. Sowohl von V a t e r als S o h n wird sogleich gehandelt werden! Meine Mutter ermahnte mich, so oft ich gerungen hatte, und fugte hinzu, dass jedes Haar auf meinem Haupte gezahlt sey.
Ich arbeitete bestandig, allein ich wusste es nicht, ich hatte eben so gut glauben konnen, dass ich bestandig spielte. Mein Vater konnte sich uber nichts so sehr argern, als dass uber der Seele der Leib vergessen wurde, und dass man das eine bei Hochwohlgebornen Kindern l e r n e n , und das andere s p i e l e n hiesse. Es ist alles Spiel oder alles Arbeit, pflegte er zu sagen. Die Unvermogenheiten des Leibes hielt er alle fur ansteckend in Absicht der Seele. Es ist ein schlechter Wirth, sagt' er, der sein Zimmer mit Seide ausschlagt und von oben einregnen lasst. Vom Kleide auf den Mann, setzte er hinzu, vom Hause auf den Herrn, vom Leibe auf die Seele schliessen, ist kein unrichtiger Schluss. Wenn man seinen Korper, den man sieht, vernachlassigt, wie will man an seine Seele denken, die man nicht sieht. Mark macht's aus, setzte er, um sich zu erklaren, hinzu, nicht Lange und Breite, Dicke und Hohe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens an dem Tage, da er erfand, ein Mann gewesen, und hatte eben so gut ein gesundes Kind in die Welt setzen als erfinden konnen, und alles, was in der gelehrten Welt Methusalems Alter erreichen und noch alter werden soll, alles, was eigentlich auf die Nachwelt bleibt, hat ein Gesunder gedacht und geschrieben. Die Heldenund Staatsaktionen des Herkules leisteten meinem Vater auf diesem Wege gute Dienste, und er konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillen zeigte, dass ich nicht auch Gelegenheit gehabt, zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslicht auszudrucken. Die Geschichte vom A n t a u s , dem Riesen, war mir ein Brand im Busen; mein Vater goss Oel dazu, und mass mir seine Lange vor. Ich stieg auf den Tisch, um sie recht zu sehen, und so wie ich mich uber die Art des Antaus freuete, sich einen Lowen zum Braten zu fangen, so gratulirte ich dem H e r k u l e s , dass er diesen Lowenjager todt zu drucken die Ehre gehabt. Meine Mutter war so wenig mit der Geschichte vom Riesen Antaus, als mit der von der Schlange zufrieden. Bei der Schlange fiel ihr bestandig die im Paradiese ein, wobei sie es dem N o a etwas ubel nahm, dass er fur sie eine recht h o l l a n d i s c h e T o l e r a n z in seinem Kasten gehabt. Sie ausserte bei dieser Gelegenheit die Meinung, dass das Auszischen sich aus dem Paradiese herschriebe, wo der Teufel unsern ersten Eltern auf diese Art ubel begegnet hatte, nachdem die armen Betrogenen den letzten Bissen Apfel genossen. Was den todtgedruckten Riesen betraf, fand sie's anstossig, dass er nicht G o l i a t h hiesse. Ich war sehr furs Todtdrucken des Riesen, aber mein Vater zeigte mir das Erhabene, das Gottliche bei der Geschichte des David, und ich lernte nebenher, wie unrecht es sey, mehr Mittel, und war's auch nur ein Granlein, anzuwenden, als man Zweck hat.
Wenn meine liebe Mutter den Eifer bemerkte, der mir bei Erzahlung vom Herkules unter die Arme griff, so dass ich vor ihren sichtlichen Augen am Tisch und Stuhlen ein Exempel statuiren wollte, pflegte sie mich zu ermahnen, meine Arme zum Kanzelschlage zu schonen und sie nicht an unschuldigen Stuhlen und Tischen zu entweihen.
Erziehen, sagte mein Vater, heisst aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben, wo's erfroren ist, abkuhlen, wo's brennt. Wer nie ein Kind unterrichtet hat, wird nie uber das Mittelmassige hervorragen. Docendo discimus ist ein grosses und wahres Wort! In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der Blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochmittag ist?
Wenn ich auf etwas durchaus und durchall bestand, uberliess mich mein Vater meinem Eigensinn, und ich sah aus den naturlichen Folgen, wie thoricht ich gehandelt, dass ich seinen Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er behauptete, dass keine naturliche Strafe gleich einer Todesstrafe ware, und so liess er nach dieser grossen Vorschrift auch mich nur durch Busse bekehren und leben. Ich verbrannte mich am Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflaumenbaum. Wie der himmlische Vater es mit uns macht, pflegte er zu sagen, so sollten es auch leibliche Vater machen. Welch einen Einfluss diese Lehrart auf mich gehabt, ist unaussprechlich. Ich lernte Natur, die wir leider bei dem allgemeinen Fall oder Verfall der Menschen l e r n e n mussen. Ich lernte sie im Kleinen und im Grossen. Wenn ein Genie allein auf dem Lande geht, pflegte mein Vater zu sagen, bleibt es nicht lange allein, die Natur geht ihm an die Hand. Sie fasst es an, und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der sich hinaufranket. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der Erde als ein Gnadenzeichen umhing. Da sehen dann Genies einen gewissen Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen, und sind Seher, von Gott Angehauchte. Diess ist unendlich mehr, als ein Autodidaktos, ein Selbstgelehrter. Dieser lernt aus Buchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner fur ihn aufgeschlagenen Welt.
Mein Vater liess es nie zu Thatlichkeiten bei seinen Strafgerichten kommen, denn ich verurtheilte mich selbst, und er bewirkte eben hierdurch eine grosse Absicht. Er erzog nicht einen Sohn, sondern einen Menschen.
Meine Mutter hielt einen Gnadenstoss fur nothwendig, und wenn sie mir mit ihrer theuern Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegte sie zu sagen: Besser so als anders! eine freie Uebersetzung von: besser Ritter als Knecht und dann sagte sie wieder: Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfelle. In der Hauptsache stimmte sie mit meinem Vater, sie zog nur durch einen andern Weg in eben dasselbe Land. Regen, der ihr kam, wenn sie die grosse Wasche vorhatte, die mein Vater scherzweise Fegefeuer nannte, das war ihr G o t t e s s c h l a g , und immer wusste sie, mit welcher Sunde sie diesen Regen beim lieben Gott verschuldet hatte.
Ich entsinne mich, als war's heute, dass sie meinetwegen einen Stock ergriff, feierlich wie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besann sich, wie Diogenes, der einen armen Jungen mit der Hand Wasser schopfen sah, sie murmelte: "wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen," und ich habe also nie unterm Gefreitenstock gestanden, sondern nach Prinzenart, da doch niemand ohne Schlage gross wird, bloss Weiberhanden diesen Tribut bezahlt. Meine Mutter nannte diese Zucht L i c h t und R e c h t , und hatte eine sehr feine Distinktion zwischen dem Stabe S a n f t und dem Stabe W e h e , womit meinen Lesern aber wenig gedient seyn kann.
Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seele. Man muss, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkommen besitzen, das ist reden, schreiben und in ihr denken konnen. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sonne, Ein Weib, Ein Geist, Ein Leib, Ein Freund, Eine Sprache.
Es gibt, sagte er, keine nackte Wahrheit. Worte finden, heisst denken. Worte sind was Korperliches, was Sinnliches, sie sind die Kleider der Gedanken Beiworter der Besatz, Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch gedacht und lateinisch geschrieben hat, ist, wenn er gleich der beste Lateiner ware, doch ein Deutscher. Cicero wurde ihn fur keinen Landsmann halten. Um franzosisch zu schreiben, muss man Franzose seyn, um englisch, Englander. Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen, verstandlich zu machen, ist allemal ein schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es sitze das Uebel, wo es wolle.
Mein Vater war bei alle dem so wenig wider viele Sprachen, dass er sie vielmehr nach dem T h u r m z u B a b e l so nothwendig, als vielerlei Essen nach dem hochstbetrubten Sundenfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er, sind viele Creditbriefe. Zeige sie vor, du bist uberall willkommen. Kein Turke schlagt einen Christen todt, wenn der Christ turkisch kann, und wenn es noch so viel Religionsverdienst ware. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist bestrickt, man weiss nicht wie. Doch, warum soll ich alles wiedersagen, was mein Vater sagte? Seine Behauptungen waren ausser der Weise. Er glaubte, es musste zu kennen seyn, was bei Licht oder am Tage, was des Morgens und was des Abends gedacht ware, wenn's namlich aufgeschrieben worden. Morgengedanken waren bei ihm wie die Erstgeburt heilig. Da ich mehr mit Credit, als mit eignem Vermogen in der Welt handeln sollte, fuhrte mich mein Vater fleissig zu fremden Sprachen an, und ich musste beinahe alle diese Sprachen zu gleicher Zeit lernen. Alles ohne Donat und Grammatik. Zum Schulmassigen gewohnte er mich allererst im vierzehnten Jahre, und konnte ich's folglich als Proben ansehen, die man in der Rechenkunst erfunden, um zu sehen, ob richtig gerechnet sey. Mein Vater hielt viel auf wortliche Uebersetzungen in Sprachen, die noch leben. Hieraus, pflegte er zu sagen, lernt man eine Nation auf ein Haar kennen, und die feinste Politik und Weltkenntniss ist hier verborgen. Diess ist der Chiffer zu den Geheimnissen der Volker. Auch sieht man aus der Sprache, ob's im Lande kalt oder warm, neblicht oder klar sey. Er ging hier noch weiter, ich befurchte aber, meine Leser werden nicht weiter gehen wollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr er fort, todtet der Buchstabe, der Geist aber macht lebendig. Die Griechen nannte er Kirchenvater der Natur und ihre Sprache den Grundtext des Geschmacks. Wenn man uns zugehort hatte, wurde man uns fur ein paar Maurergesellen vom Thurm zu Babel gehalten haben. Alles durch einander und doch alles in einander. Mein Vater nahm, wenn er fremde Sprachen mit mir redete, auch fremde Arten an, und das war mir mehr als ein Lexikon! Ich hatte fur jede Sprache ein ander Gesicht, eine andere Zunge, eine andere Hand, einen andern Fuss, und besonders eine andere Nase. Worte musste ich lernen, und er war nicht mit der Lehrart zufrieden, bei Worten das Gedachtniss zu stutzen und sich Merkzeichen zu machen. Man hat, sagte er, alsdann Bild und Wort zu behalten. Ein Stammvater von Worten aber diente mir zum Leitfaden bei tausend, zum Nagel im Kleiderschrank, wo man zehnerlei aufhangt. Ich lernte den Stammvater, und wusste Sohn, Enkel, Urenkel, und Ururenkel und Ur Ur, so viel man will.
Die lettische, curische oder undeutsche Sprache lernte ich von meiner Mutter und dem Herrn Jachnis (Johann), dem Aufseher uber die Pastoratsbauern oder den Gottes-Berat. Das Pastoratshaus nannte ihn Herr Jachnis und sein Weib Frau Masche (Margarethe), er aber meinen Vater, wenn er gleich deutsch mit ihm sprach, Zeenigs machzitajs (wohlgelahrter und hochzuehrender Lehrer), und aus diesen Namen, die er gab und die ihm gegeben wurden, werden meine Leser ersehen, dass man diesen Menschen halb lettisch, halb deutsch nahm. Es hatte Herr Jachnis den semgallischen Dialekt, der um Mitau herum residirt, und ausser diesem semgallischen Dialekte, nach welchem die Bibel ins Lettische gedolmetscht worden, hatte er noch ein F l i c k von einem B r u s t t u c h , welches einer seiner Vorfahren aus der eigenen Hand des Herzogs Gotthard erhalten, da er ihm das Evangelium am Sonntage Palmarum in undeutscher Sprache aufsagen konnen.
Mein Vater unterstutzte die hohe Idee, die Herr Jachnis, der sich auch wohl von den Pastoratsbauern Amtmann nennen liess, von dieser Reliquie hatte. Er liess es sich zuweilen zeigen und ermahnte ihn, sein geistliches Ordensband wohl zu bewahren. Hiezu brauchte Herr Amtmann Jachnis keine Aufmunterung, denn er machte kein Geheimniss draus, dass dieses R i t t e r f l i c k bis an den lieben jungsten Tag beim Aeltesten in der Familie bleiben sollte.
Meine Mutter argerte sich, so oft davon geredet wurde, und versicherte auf Ehre, Pflicht und Gewissen, dass dieses Stuck Gewand funf und mehrere Male verwechselt ware, und hierin schien sie auch um so mehr Recht zu haben, als es noch ziemlich ungebraucht war. Sie legte es ihm zur Last, dass seine Vorfahren nicht lieber ein Stuck von dem Psalmbuche zuruckgelassen, welches der gottselige Herzog Gotthard zum Druck befordert, allein gewiss bloss darum, weil einer ihrer poetischen Vorfahren sich darin ein Gedachtniss gestiftet hatte. Mein Vater widerlegte meine Mutter nicht, allein er klopfte dem Herrn Jachnis auf die Schulter und sagte: gut ist gut, besser ist besser. Dieses legten beide, meine Mutter und Herr Jachnis, fur sich zum Vortheil aus, so dass sich beide durch ein freundliches Lacheln bei meinem Vater bedankten.
Es lebte meine Mutter uberhaupt mit dem Herrn Amtmann in bestandigem Streite, obschon sie im Grunde gute Freunde waren. Sie gab ihm an Starke in der undeutschen Sprache nicht einen kleinen Finger breit nach, allein sie sah diese Sprache aus dem namlichen Standpunkte, wie ein Deutscher einen Letten. Weil Herr Jachnis auch ein Deutscher war, sprach er zuweilen von ABC, und gleich brachte ihn meine Mutter in eine solche Enge, dass er nicht aus noch ein wusste. E r z e n Er pflegte sie ihm nachzuspotten (denn, das H fehlet der lettischen Sprache, so wie das C) sagt ABD, sonst wurde man euch wegen Dieberei in Anspruch nehmen.
Die Letten haben einen unuberwindlichen Hang zur Poesie, und ob ich gleich gewiss glaube, dieser Umstand habe den poetischen Samen in meiner Mutter ausgestreut, welche schon in ihren Vorfahren mit diesem Volke zusammen Fruchte eines Feldes gegessen und Wasser eines Flusses getrunken, war sie doch in diesem Stucke unerkenntlich. Sie bestritt indessen nicht, dass die lettische Sprache schon halb Poesie ware. Sie klingt, sagte sie, wie ein T i s c h g l o k k c h e n , die deutsche aber wie eine K i r c h e n g l o c k e . Sie konnte nicht laugnen, dass die gemeinsten Letten, wenn sie froh sind, weissagen oder in Versen reden, und wenn sie das Gegentheil hatte behaupten wollen, wurde Herr Jachnis mit den lieben Pastorats-Angehorigen den Gegenbeweis gefuhret haben. Herr Jachnis und seine Untergebenen liessen keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache voruber, wo nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im Schweisse ihres Angesichts h e r r l i c h n a c h l e t t i s c h e r Art bewirthet wurden, bewiesen sie, dass sie poetischen Geistes Kinder waren. Meine Mutter fand, dem Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser p o e t i s c h e n B l u m e n l e s e , die ihr zugeeignet wurde, bestandig etwas zu rugen, und wenn's auch nur das I und U gewesen ware, welches die Nothhelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.
Es sind viele, welche behaupten, die Letten hatten noch Spuren von Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: "Das Genie der Sprache, das Genie der Nation ist ein Schafergenie. Wenn sie gekront werden sollen, ist's ein Heu- oder hochstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich glaube, Helden gehoren in Norden zu Hause, wo man harter ist und fast taglich wider das Klima kampfen muss: die Letten konnten also hierzu Anlage haben, wo ist aber ein Zug davon? Wurden sie wohl seyn und bleiben, was sie sind, wenn nur wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen ware? In Curland ist Freiheit und Sklaverei zu Hause."
Mein Vater war eben kein grosser lettischer Sprachkunstler; wer aber eine Sprache in ihrer ganzen Lange und Breite versteht, kann uber alle Recht sprechen. Er versicherte, nie Fussstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben, wohl aber Beweise, dass schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hatten: und wo ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine G a r b e zartlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Uebersetzung besitze, die ich vielleicht mittheilen kann, und wodurch dem u n d e u t s c h e n O p i t z des Herrn Pastors J o h a n n W i s c h m a n n kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese G a r b e in Handen hatte, wurde ich doch vom Urtheil meines Vaters, der kein Curlander war, die Appellation einzulegen anrathen. In diesen Liederchen herrscht bauerisch-zartliche Natur und etwas dem Volke eigenes. Die Uebersetzung ist noch meines Vaters Manier.
Weil wir bei den Sprachen sind, muss ich noch bemerken, dass mein Vater nur blutwenig hebraisch, arabisch und chaldaisch u.s.w. aber gar nicht wusste. Er hatte sich wegen des Hebraischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Curland erlitten, zog ein sehr geschickter Conversus (judischer Christ oder getaufter Jude) unsere Strasse, und dieser brachte meinem Vater das Judischdeutsche in wenigen Stunden bei. Er hatte den Einfall, auf diese Art an einen seiner Herren Amtsbruder, der uber ihn den grossten Stock g e b r o c h e n h a t t e , zu schreiben, und da es dem guten Manne unmoglich fiel, diese Schrift aufzulosen, kam mein Vater in einen so grossen Ruf wegen der Grundsprache, dass dieser bose Herr A m t s b r u d e r m i t d e m g r o ss e n S t o c k e meinen Vater fur einen getauften Rabbiner gehalten haben wurde, wenn meinem Vater damit gedient gewesen ware. Ob nun gleich dieser Conversus meinen Vater wie einen Brand aus dem Feuer zog, und meine Mutter die Aufmerksamkeit bemerken konnte, die mein Vater fur diesen seinen Retter fasste, war sie doch anfanglich sehr wenig mit diesem Hieronymo a sancta fide zufrieden. Sie probirte seinen Glauben taglich mit Schweinefleisch, und da mein Vater ihr diese Mode verwies, andere Gerichte anordnete und den ehrlichen Sprachmeister von dieser Tortur und christlichen Daumenstocken befreiete, war sie der Gesinnung jenes Konigs von Spanien, welcher gesagt hat: drei Wasser verdurben; das susse Wasser im salzigen Meer, das Wasser im Weine, das Taufwasser auf dem judischen Kopfe. "Das Wasser im Weine," sagte mein Vater, "mit Erlaubniss Sr. katholischen Majestat: der Wein im Wasser." Meine Mutter gab nicht sogleich die Allianz mit dem Konige von Spanien auf; indessen wurde am Ende alles beigelegt, und die liebe Frau ging einen fur ihren Gast sehr vortheilhaften Frieden ein. Sie fand sogar ein ruhrendes Vorbild in dieser Einigkeit von der Bekehrung der Juden vor dem jungsten Tage, welche der Conversus steif und fest nach seiner Versicherung glaubte, und woruber mancherlei und manches geredet wurde. Meine Mutter war sehr fur schriftliche Aufsatze, mein Vater, wie alle Leute seiner Art, furs Mundliche. Die gute Frau war entschlossen, dem Converso eine schriftlich abgefasste Instruction mitzugeben, da er frohlich seine Strasse zog; indessen blieb es doch bei einer mundlichen.
"Wanken Sie weder zur Rechten noch zur Linken. Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig. Die Bestandigkeit sey um Sie wie ein Kleid, das Sie anhaben, und wie ein Gurtel, womit Sie sich gurten. Wie ein frisches Hemde am schwulen Tage sey Ihnen der Trost des christlichen Gewissens. Vater und Mutter haben Sie verlassen, aber der Herr hat Sie angenommen. Sie werden nicht bloss ein Grasburger, ein Einwohner der Vorstadte in der Stadt Gottes seyn, sondern mit Ehren und Schmuck werden Sie in die Hauptstadt eingehen: Ihr Kern und Stern bleibe das Lied:
Keinen hat Gott verlassen,"
setzte sie hinzu, "Sie sind ihm diese Dankbarkeit schuldig."
Der Conversus hatte ihr erzahlt, dass fur ihn diess Lied der Wecker zur christlichen Religion gewesen, und ohne Zweifel war diese Erzahlung der Eckstein Mein Vater wunschte schlechthin eine gluckliche Das Eintraglichste bei dieser Sache war, dass die g r u ss e n , und wusste sich so vortrefflich, ohne die geringste Unrichtigkeit sich zu Schulden kommen zu lassen, bei Ehren zu erhalten, dass, so oft er irgend einen Confrater zum Zuhorer hatte, er den Grundtext tapfer citirte und oft zwei bis drei Verse aushob. Wenn es gleich auf Treue und Glauben eines Andern, wo nicht Dritten, geschah, und sein G r u n d z e u g n i ss bestandig von Horensagen war, so hatte er doch seine Leute viel zu gut kennen gelernt, und war bei dieser Proclamation kein Einspruch zu furchten, so dass er sich zuletzt ganz dreist ein B e h o l z u n g s r e c h t , oder die Befugniss, in des andern Walde Holz zu fallen, zueignete. Die griechische Sprache, wovon die Herren Amtsbruder nicht vielmehr als die beiden griechischen Freunde wussten, war nicht hinreichend, meinem Vater Ruhe zu schaffen. Sie hielten es mit dem alten Testament bis zur Ankunft des Conversus, und nun war jeder furchtsam, in meines Vaters Gegenwart an die heilige Schrift zu denken, und jeder wunderte sich, warum er mit seiner hebraischen Sprachkenntniss so lange hinter dem Berge geblieben.
Personen:
Mein Vater;
Meine Mutter;
Der Ritter Jachnis;
Conversus putzt Licht;
Der alte Herr;
Minchen, seine Tochter;
Benjamin, sein Sohn.
Ich habe gestern Abend meinen Lesern den Auftritt d e s a l t e n H e r r n und seines B e n j a m i n s versprochen. Den alten Herrn habe ich in meinem Leben nie unter einem andern Namen, als dem des alten Herrn, kennen gelernt. Wer mich also nach seinem Vor- und Zunamen fragt, erhalt eine abschlagige Antwort. Seine Lebensgeschichte kann von keinem besondern Belang seyn, indem sein ganzes Wesen allem, was man Belang heissen kann, geradezu entgegen war. Er selbst behauptete von sich, so oft man's ihm so nahe legte, dass es ihm an den Fingern brannte: er sey ein Literatus. Meine Mutter, die sich nicht stark genug dunkte, ihm diese Ehre abwendig zu machen, liess ihn zwar Literatus seyn, indessen pflegte sie ihn in Rucksicht dieser Wurde eine geschwachte, eine zu Fall gekommene Person zu heissen. Es ging die Rede, dass er das Schneiderhandwerk gelernt hatte; wenigstens ubte er dieses Handwerk aus, und alle meine Schlafrocke und taglichen Kleider sind durch seine gelehrte Hand gegangen. Was die Feierkleider betraf, konnten sie freilich keinem Literato anvertraut werden; der Umstand indessen, dass er Schneiderarbeit verrichtete, schien nicht hinreichend, das Gerede, dass er ein Schneider ware, ausser allen Zweifel zu setzen, denn er war im Grunde genommen ein Tausendkunstler.
Er hatte sich bei einigen hochwohlgeborenen Her
ren zum Hofnarren, zum Kammerherrn, zum Forstund Jagermeister brauchen lassen, und nachdem er am Ende einsah, dass es besser sey, ein Schneider als ein Hofnarr zu seyn, zog er sich in bester Ordnung zuruck, nahm seine letzten Krafte der Hofkunst zusammen und war so glucklich, seine Herren Principale dahin zu uberschwatzen, dass ihm zeitlebens ein s t a n d e s m a ss i g e r , das heisst ein hochst nothdurftiger Unterhalt angewiesen wurde. Die Alten starben und die Jungeren liessen ihn im Besitz, ohne den Canon von Witz einzufordern, den sich ihre Antecessoren jahrlich hatten bezahlen lassen. Es legte sich der alte Herr auf den Unterricht der Kinder, stand mit den Pastoren der Gegend in gutem Vernehmen, und verrichtete, sogar einige heilige Handlungen, wobei die Herren Geistlichen substituiren konnen, zuweilen ruhrte er das Positiv, welches in einer unserer benachbarten Kirchen stand. Dieses aber musste wenigstens vierzehn Tage zuvor bestellt werden, und dann war es doch nur ein Gastpraludium.
Er behauptete, dass man sich auf ein Praludium
eben so sehr, als auf eine Predigt vorbereiten musse, und wie der Klang der Worte wenn er mit der auszudruckenden Sache wie ungefahr der erste und zweite Diskant harmonire die Originalsubstanz der Sprache bewiese, so verriethe es einen grossen Musikus, wenn man das Evangelium so zu sagen ins Praludium setzen und es so deutlich in Noten ausdrucken konnte, dass wer das Praludium hort, auch zugleich das Evangelium wissen musste.
Hieruber wurden dem alten Herrn von meiner Mutter verschiedene Einwendungen gemacht; allein er behauptete, er hatte nur neulich d a s V a t e r A b r a h a m e r b a r m e d i c h m e i n so naturlich auszudrucken gewusst, dass der ganzen Gemeinde daruber Furcht und Schrecken angekommen ware; und da ihm meine Mutter das Evangelium v o n d e r B e schneidung, von den viertausend M a n n und vom s t e i n i c h t e n A c k e r entgegen setzte, und ihn befragte, wie er W e i z e n u n d K o r n l a n d , f u n f G e r s t e n b r o d e und ein wenig F i s c h l e i n in der Musik ausdrucken konnte, wollte er zwar im Anfange behaupten, dass alles diess in die Musik zu ubersetzen ware, nachher aber schamte er sich uber sich selbst. Sie warf ihm sehr oft den steinichten Acker, die viertausend Mann, die funf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein vor, obgleich sie an die Beschneidung, ich weiss nicht warum, weiter nicht dachte. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, zu bemerken, dass meine Mutter sich vor der satyrischen Ader des alten Herrn gar nicht furchtete, so furchtbar ihn auch in der ganzen Gegend seine Einfalle gemacht hatten.
"Eine Schneidernadel," pflegte sie zu sagen, wenn er einen Einfall wider sie hatte, und wenn sie ihn recht argern wollte, nannte sie ihn Tonkunstler, welchen Ausdruck er weniger als alles leiden konnte, indem er sich hierdurch zu einem Topfer erniedrigt zu seyn dunkte, und sich hierbei um so mehr getroffen fand, als er dieses Handwerk in den langen Abenden, wie er versicherte, bloss seine Augen zu schonen, die freilich durch Noten und Faden gelitten haben konnen, trieb. Er verstand auch etwas vom Schuhmachen, allein nicht das mindeste von der Poesie. Meine Mutter pflegte daher von ihm zu sagen: er hatte den kalten Brand. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er etwas suchte, auf den Tisch zu klopfen, welche Mode die Schneider haben, wenn sie die Scheere suchen; auch wackelte er bestandig mit dem Fusse, welches den Topfern eigen seyn soll. Vom Schuster hatte er das weite Ausholen mit den Handen, vom Spielmann aber einen taktmassigen Schritt. Da er fur die poetische Gelehrsamkeit meiner Mutter Respekt hatte, unterstand er sich nicht, aus seinem alten Kramladen ihr zum Nachtheil eine witzige Antwort herauszusuchen. Er sass vielmehr, wenn sie ihn bose gemacht, ganz still, und wie meine Mutter sagte, so gerade, als wenn er sich barbiren liess. Obgleich er als Organist, welches in Curland ein seltener Vogel ist, oder als Schullehrer ankommen konnen, so hatte er jedennoch alles verbeten, indem er glaubte, dass er sich hierbei aus den Augen setzen und zugleich allen Universitaten einen Brandmark geben wurde.
Die Kinder, so er erzog, nahm er nicht anders als bittweise an. Zwar that er sehr unzufrieden, wenn er seine Zahl nicht vollstandig und seinen Lehrsaal nicht ganz besetzt hatte, inzwischen schien er nicht darum bose, weil ihm keine Kinder in die Schule gebracht wurden, sondern weil er nicht gebeten war, sein taglich Brod zu verdienen.
Er brachte freilich seinen ihm vertrauten Kindern nicht viel bei; da er indessen mit fur korperliche Uebungen war, konnte ihn mein Vater leiden, obgleich er mich seinem Unterrichte so wenig, als meine Feierkleider seiner Nadel anvertraute.
Da der alte Herr ubrigens podagraische Zufalle hatte, welche nach meiner Mutter Meinung nur ein Edelmann und Literatus haben konnte; da ferner der ehrliche N i c o l a u s H e r r m a n n vom Zipperlein geplaget gewesen, welches aus dem letzten Verse des Liedes: "W e n n m e i n S t u n d l e i n v o r h a n d e n i s t ," erhellet.
Wer ist, der uns das Liedlein sang?
Ist alt und wohl betaget;
Diessmal kommt er nicht aus der Statt,
Das Zipperlein ihn plaget.
Oft seufzt er und hat Gott im Sinn;
Herr, hol' den kranken Herrmann hin,
Wo jetzt Elias lebet.
Da auch noch ferner der alte kranke Herrmann viele gute Chorale gemacht und ein bewahrter Tonkunstler und Cantor gewesen, so beehrte meine Mutter zuweilen den alten Herrn mit dem Namen N i c o l a u s H e r r m a n n , obgleich ihm die Haupteigenschaft des Nicolaus Herrmann fehlte und der alte Herr den kalten Brand hatte. Oft sang sie ihm:
Wer ist, der uns das Liedlein
sang
vor, und so wie sie es dem wirklichen Nicolaus Herrmann ubel nahm, dass ihm nicht fur
"D i e ss m a l k o m m t e r n i c h t a u s d e r
Statt"
die Schulbank eingefallen und er gesungen:
Diessmal kommt er nicht von der
als wodurch ohnehin der Reim "sang" sein bescheiden Theil erhalten hatte, so empfahl sie dem alten Herrn auch anstatt der letzten Reihe
"Herr, hol' den alten Herrmann hin,
D o r t w o e s e w i g t a g e t ."
Die Verbesserungsfreiheit nahm sie sich indessen sehr selten heraus, denn sie war keine Liebhaberin von Liederanderungen, und mochte nicht, wie sie sagte, den S a f t und K r a f t des Alten w a s s e r n und entkraften.
Die Zuschrift, so der ehrliche Herrmann seinen Liedern vorgesetzt, parodirte meine Mutter auf den alten Herrn. Ich muss sie hersetzen. Sie verdient's. Die Herrmannsche Dedication ist nur in zwei Reihen geandert:
"Ihr allerliebste Kinderlein,
Seht, das Choralbuchlein
Soll eu'r und keines andern seyn.
Es ist fein albern und fein schlecht,
Drum ist es fur euch Kinder recht;
Alt' und g'lehrt' Leut' bedurfen's nicht,
Und die zuvor sind wohl bericht't.
Gott will durch der Sauglinge Mund
Gepreiset werden alle Stund';
Drum o ihr Christenkinderlein!
Durch euch will Gott gelobet seyn:
So g'wohnt euch nun mit allem Fleiss,
Dass ihr Gott singt Lob, Ehr' und Preis,
Und hebt bald in der Jugend an;
Was ich euch dazu dienen kann,
Das will ich thun bis an mein Grab,
Und weil ich geh'n kann an ein'm Stab;
Ob ich gleich wenig bring' davon,
Und K i n d e r a r b e i t gibt K i n d e r l o h n ,
So wird's doch alles machen gleich
Der liebe Gott im Himmelreich,
Dem sagt allzeit Lob, Ehr' und Preis
Niclas Herrmann, der alte Greis."
Der a l t e H e r r war indessen nicht der Herr C.F., wie er in den lettischen Gesangbuchern bezeichnet ist, welches Christoph F u r e c k e r heisst, denn dieser der Gottesgelahrtheit Beflissener war ein unbezweifelter Literatus und Poet, der aus Liebe zu d e n lettischen Declinationen und Conj u g a t i o n e n , wie ich unlangst gelesen, ein Martyrer ward, und eine wiewohl b e m i t t e l t e und f r e i e l e t t i s c h e Bauerwittwe (hubsch wird sie ohne Zweifel auch gewesen seyn) heirathete, um recht unter das Lettische zu kommen. Ihm hat die lettische Grammatik den Eckstein, die Kirche aber sehr schone Gesange zu danken. Ehre, dem Ehre gebuhret! sagte der alte Herr; und so wenig ich es zugeben wurde, dass dem alten Herrn was abginge, eben so wenig will ich auch meine Leser bei einem Irrthum lassen, der sich sehr leicht bei ihnen hatte zur Miethe anbieten konnen.
Ehe ich vom a l t e n Herrn zum jungen ubergehe, noch ein Wort an den herzlich geliebten Leser, den wider mein Verschulden der Gedanke befallen, dass die Charaktere in dieser Geschichte so ziemlich ubereinstimmend waren:
Da mein Vater sein Vaterland und der alte Herr seinen Namen verschwiegen;
Da meine Mutter sich eben sowohl uber den Ritter Jachnis, als den Cantor und respective Schneider, Topfer und Schuster, Nicolaus Herrmann genannt, aufhielt; da
Allein hierauf dienet dem geneigten Leser zur dienstlichen Antwort, dass ich die Sache erzahle, wie sie war, und nicht, wie man sie wunschen konnte. Wenn ich einen Roman schriebe, ware es was anders. Haben nicht sogar Volkerschaften gewisse ahnliche Zuge? und jede Stadt und jedes Dorf durch die ganze Welt halten unter einander wieder ihr Abzeichen. Wurde es mir zuzuschreiben seyn, wenn die Unergrundlichkeit wirklich der Hauptcharakter unseres Kirchspiels gewesen ware? und ware dieses nicht um so begreiflicher, da mein Vater hierzu den Ton angeben konnen? wo hab' ichs indessen je gesagt, dass der alte Herr seines Namens wegen in Anfechtung gewesen? oder dass er ihn verschwiegen? Ist denn a l t e r H e r r zu heissen nicht eben so gut, als C a s p a r und M e l c h i o r ? und ist's einerlei, lettische Verse machen, welches in Curland was allgemeines ist, und ein Positiv schlagen, welches selten vorkommt? Wenn ich ganz aufrichtig seyn soll, hast du dich gewaltig geirrt, lieber Leser, denn du kennest den alten Herrmann nicht weiter, als wo er von meiner Mutter uberflugelt war. Dieser Uebergriff entscheidet nichts und was ist's am Ende fur Kunst, Physiognomien zu beurtheilen, wo der eine eine Habichts- und der andere eine Mopsnase hat, wo der eine ein Verschwender und der andere ein Harpagon ist. Sieh aber leibliche Bruder, sieh Natur- und Staatsbruder find'st du noch Bedenklichkeiten; bist du ein Recensent, und da verlohnt's nicht, zu streiten, dass du nur nicht hingegeben im verkehrten Sinn, zu schreiben, was nicht taugt, mir, um dein vorgeschriebenes Recensionsmass voll zu machen, ein gegebenes Aergerniss andichtest. Ich verfluche jedes Wort, das der Religion und ihrer Mutter, der Tugend, nachtheilig seyn konnte; allein ich glaube, die Religion in der Kirche verschliessen und sie nicht ins gemeine Leben bringen, heisst alle Warme, alle Empfindung des Herzens aus der Welt verbannen, und Tugend an einen Ort verlegen, wo denen, die nicht Geistliche sind, weiter keine Handlung ubrig bleibt, als o f f e n t l i c h in den Seckel zu legen, und kein anderes Verdienst, als still zu sitzen. Ich wette, die mich auf diese Art zeihen, vergessen, dass wir nur aus der Kirche eine gluhende Kohle vom Altare heimholen sollen, um im gemeinen Leben Gott Opfer der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu bringen, die allein ein susser Geruch vor dem Herrn sind und werth geachtet in seinen Augen. Auch seine Heiligen sind nicht rein vor ihm, und warum soll ich also meine Mutter anders darstellen, als? Ich bin zu bewegt, als dass ich heute mehr konnte als die Sonne untergehen, und wenn ich ins Bett' mich lege, nach meiner Mutter Weise ein Licht ausbrennen sehen.
Geschrieben an einem schonen
Abend den 17
Benjamin gefiel mir unter allen Jungen unseres Kirchspiels am besten, und da ich vollkommen entschlossen war, aus ihm den Darius (den kleinen oder letzten) zu machen, so muss ich gestehen, dass ich viel Muhe befurchtete, durchzukommen. Zum Gluck fiel mir die Thronerhohung eines seiner Vorfahren ein. Wie kann Benjamin Darius werden? sagte das Heer. Hier sind acht Jungen, die gerade Beine haben, und ausserdem, dass dem H e r r n Benjamin (so nannten sie ihn schon, weil er Candidat des Throns war) das Bein nicht an der rechten Stelle sitzt, hat er den Fehler, dass er link ist. Nehmt sieben, sagt' ich, nach Anzahl der sieben Fursten, welche den Konig Smerdis mit seinem Anhange ausrotteten, und der, dessen Pferd, wenn ihr beim Spital angeritten kommt, am ersten beim Aufgange der Sonne wiehern wird, sey Darius. Gut, sagten die sieben Candidaten zur koniglichen Wurde; allein sie wussten nicht, dass der konigliche Candidat es so einrichten liess, wie es Darius, des Hystaspis Sohn, oder vielmehr dessen Stallmeister einrichtete, und wie man es noch bis auf den heutigen Tag bei allen Wahlen, man wahle einen Konig, einen Landesdeputirten, einen Priester, einen Kuster einrichtet. Es wird uberall gewiehert. Kurz Benjamins Pferd wieherte zuerst, und die Krone war sein, damit ich sie ihm durchs Recht der Waffen, welches das besonderste Recht von allen ist, nehmen konnte. Er nahm die Gluckwunsche an, und da ich bei dergleichen Dingen erschrecklich gelehrt war, brachte ich noch so viel Umstande aus der Geschichte bei, dass ich nunmehr, wiewohl zu spat, aus der Bewunderung des Volks einsah, wie ich um eines Darius wegen eben kein Pferd hatte wiehern lassen, sondern bloss meine Zunge tapfer brauchen durfen. Einen Alexander durften wir nicht suchen, denn die heilige Taufe hatte mir dazu ein Recht gegeben. (Das Gluck ist nicht viel auseinander, einen Freund oder einen Feind zu haben, der uns Ehre macht, und wenn ich also den Benjamin zu meinem Feinde anzunehmen kein Bedenken trage, was wollten denn die Jungen?) Fast schame ich mich, da ich meinen Lesern so spat eroffne, dass ich Alexander heisse. Um indessen diese Verspatung gut zu machen, will ich dabei bemerken, dass meine Mutter mit diesem Namen d e n A l e x a n der Einhorn, zweiten Superintend e n t e n in Curland, mein Vater aber den wirklichen A l e x a n d e r , oder den A l e x a n d e r M a g n u s , d e n A l e x a n d e r , gegen den alle andere Alexander es nicht sind, zu verstehen schienen. Meine Mutter hielt sogar das Wort E i n h o r n fur eine freie Uebersetzung des Namens Alexander, und rief mich daher sehr oft E i n h o r n c h e n , obgleich mein Vater nicht sonderlich damit zufrieden war. Sie hatte um alles in der Welt willen nicht O l y m p i a s seyn wollen. Es war ihr sehr unangenehm, dass wir heidnische Historien auffuhrten, daher sie, sobald sie Kriegsgeschrei im Dorfe horte, uns die Historie vom J o s e p h in Vorschlag brachte, wozu sie unter andern den Grund hernahm, weil ich einen bunten Rock hatte. Indessen bestarkte mein Vater meinen Entschluss, Alexander zu werden, und war dabei so zufrieden, dass ich den guten Mann als Feldpropst hatte mitnehmen konnen, wenn A l e x a n d e r einen F e l d p r o p s t gehabt hatte.
Zum Aristander war mein Vater nicht als ein christlicher Geistlicher zu brauchen, eine so wichtige geistliche Rolle auch Aristander zu seiner Zeit in der Geschichte Alexanders spielte. Gelegenheiten machen Diebe, Gelegenheiten machen Helden, und es ist nicht zu laugnen, dass auch Alexander Gelegenheit gefunden. Aristander indessen, das wett' ich, hat eben so viel gethan als Alexander, obgleich der erste eigentlich nur ein Gelegenheitsmacher war. Von der Auslegung des Traums des Philippus an, welchem vorkam, dass er den Leib seiner koniglichen Gemahlin Olympias mit einem Wappen, worauf ein Lowe gegraben war, versiegelt, als welchen Traum Aristander auf einen Sohn, der ein Lowe seyn wurde, auspunktirte, bahnte er durch alle seine Auslegungen unerhorte Wege. Es ging wie beim Religionskriege zu A r i s t a n d e r gab dem Alexander, seinem Generalfeldmarschall B u c e p h a l u s und der ganzen A r m e e den Sporn. Die Auslegung, als man ihm meldete, dass eine Bildsaule des Orpheus geschwitzt hatte, gefiel seinem christlichen Herrn Collegen, meinem Vater sehr ubel. Es sollte dieses nach des Aristanders Deutung anzeigen, wie die Poeten bei der Alexandriade schwitzen wurden. "Dass dich," sagt mein Vater, "Aristander hat bei dieser Auslegung selbst geschwitzt." Ich kann es jetzt zwar meinen Lesern nicht ohne Lachen erzahlen, durch den Umstand sehr aufgefordert zu seyn:
Dass in der Nacht, da ich geboren, ein Backhaus
Indessen brauchte mein Vater diesen Vorfall sehr zu meinem Vortheil. Es war das Geruste, auf das ich stieg, um gut dazu zu kommen, die Leiter, mich, so jung und klein ich war, doch kunstlich gross zu machen. Der Vorfall diente ihm meine Lebenskarte zu illuminiren, und es half mir diese Fiction bei Sprachen und bei Schlachten. Wenn gleich ich mir nicht einbilden konnte, dass die Diana nicht Zeit gehabt, das Backhaus in Protection zu nehmen, da sie bei meiner Mutter Hebammendienste verrichtete, schien's mir doch was Denkwurdiges. Das Feuer vom Backofen war mir eine Leuchte auf manchem sauern Vocabelnwege, und nimmermehr wurd' ich dieses alles so herzlich erzahlt haben, wenn nicht bei tausend Merkwurdigkeiten, die in der Welt geschehen, ein abgebranntes Backhaus der Entstehungsgrund ware. Eine Art Bucephalusgeschichte veranstaltete mein Vater, da er einem Pferde diesen Namen verehrte, das wie alle andere Pferde war, das seines Schattens wegen nicht in Unordnung kam, und das eben nicht werth war, im besondern Verstande v o n d e r S o n n e beschienen zu werden. Meinem Tempel der D i a n a indessen war der Gaul sehr angemessen. Ich sah verschiedenes, was man beim Bucephalus sah, allein ich konnte es nicht andern, dass ich nicht auch verschiedentlich etwas anders sah. Mein lieber Vater sah alles
Was der Herr von Voltaire in seiner Geschichte "Alexander Magnus" vom Bucephalus unter andern im sechsten Buch und funften Kapitel sagt, dass namlich Alexander denselben non eodem quo caeteras pecudes animo aestimabat, das traf bei mir auf das genaueste ein; wenn i c h ihn abrichten wollte, dass, wenn ich aufstieg, er die Knie beugen und empfinden sollte, wer ihn zu besteigen ihm die Ehre erwiese, war er doch zum Kniebeugen nicht gelehrig, und wenn ich die aufrichtige Wahrheit sagen soll, viel zu steif; wie ich denn auch blind seyn mussen, falls ich behaupten sollen, dass ers empfunden, wenn ich oben war, wen er truge, wie Herr von V o l t a i r e in dem angezogenen Roman vom Bucephalus des Alexanders berichtet, et regem, quum vellet ascendere, sponte sua genua submittens excipiebat, credebaturque sentire, quem veheret.
Ueberhaupt war es ein sehr alltagliches Pastoratspferd, und darf ich's also nicht bemerken, dass mit der Reiterei bei meinen Feldzugen es nur sehr schlecht bestellt gewesen. Dies ist ein unverloschlicher Beweis, dass ich zu keinem Roman, wo bestandig ein merkwurdiges Pferd nothig ist, wohl aber zur Geschichte, wo man mehr zu Fusse ist, (wie's am Tage und an mir erfullt wird) Stoff abgeben konne. Fur T a l e n t e war mein Bucephalus nicht gekauft; mein Vater konnte auch nicht sagen, da ich ihn zum erstenmale unter meine Fusse gebracht, dass sein Pastorat z u k l e i n f u r m i c h w a r e ; indessen hatte ich das Ungluck, dieses Pferd, wiewohl Alters wegen, wahrend dem Kriege zu verlieren. Es starb nicht den ruhmlichen, den schonen Tod furs Vaterland; indessen heisst der Ort, wo es mit andern seines gleichen, welche aber nicht den grossen Namen Bucephalus gefuhrt, begraben ist, B u c e p h a l i a bis auf den heutigen Tag. Das ist alles, was ich mich unterstehe, in einer wahren Geschichte von einem Pferde zu erzahlen.
Der g o r d i a n i s c h e K n o t e n war fur mich ein wahrer Knoten, denn ausserdem, dass ich zuweilen meiner Mutter, wegen meiner kleinen Hande, beim Stricken, wenn etwas verknupft war, kindliche Dienste geleistet, war mir kein gordianischer Knoten vorgekommen, obgleich ich mich schon in dieser Erwartung im Knotenlosen so geubt hatte, dass mir so leicht nichts zu sehr verknupft war. Ich hatte den Stolz, den Knoten nicht symbolisch, nicht witzig, sondern kunstlich losen zu wollen. Da ich indessen eine geraume Zeit vergebens auf einen g o r d i a n i s c h e n K n o t e n gewartet hatte, fuhrte mich die Knotensucht auf das Geistige. Ich legte diesen Umstand in der Geschichte des Alexander so aus, wie man vieles auszulegen gewohnt ist. Ich deutete es auf schwere Stellen in den Autoren, die man durchaus witzig losen muss. Mein Kopf war hiebei so fertig, als meine Hand beim Strickzeug; und wie Alexander, nach dem Berichte des oberwahnten Romanenstellers, sagt: nihil interest quomodo solvatur: so konnte man auch, was loco citato hinzugefugt wird, von meinen meisten kritischen Erzahlungen sagen: oraculi sortem vel elusit vel implevit.
Es wurde ferner eine Unwahrheit seyn, wenn ich meinen Lesern erzahlen sollte, dass ich meinen Vater beneidet und mit Thranen bedauert, dass er mir keine Sunder zu bekehren ubrig liesse.
Mein Vater legt' es auch nicht an, einen Alexander d e n G r o ss e n aus mir zu ziehen, ich sollte nur Alexander werden.
Unter dem Orden G r o ss , sagte er, liegt etwas Seelenverderbendes, es trage diesen Orden ein Monarch unterm oder uberm Kleide, oder ein Privatmann am Knopfloche. Hute dich vor dem, den Gott gezeichnet hat.
Regenten, die sich so peinlich, wie Alexander der Grosse, bemuhen, G r o ss zu heissen, leben nicht der lieben Unsterblichkeit wegen. Sie tragen Fesseln, die ihnen die Dichter und Redner anlegen. Wenn es gleich das Ansehen hat, als ob die Dichtkunst und Geschichtskunde auch den Huldigungseid abgeleistet hatte, wissen sie doch, dass einer von diesen Zunften sie bei einer Lampe in einer Stunde um eines ganzen Lebens Ruhm bringen konne. Sie zittern vor einem jeden, der Reime kommandiren, oder: e s w a r e i n m a l e i n M a n n etc. schreiben kann.
Wie Alexander des H o m e r s Schriften verehret, weiss jeder, welcher weiss, dass H o m e r und A l e x a n d e r in der Welt gewesen. H o m e r s Schriften waren sein Gesangbuch, das er auf Reisen mitnahm, und da er ein guldenes Kastchen erbeutet, antwortete er denen, die ihn fragten: "wozu?" den H o m e r hinein zu legen. Das waren mehr als silberne Clausuren.
Den Nachkommen des Pindars liess er Salvegarden anschlagen, und beehrte auf diese Art das Haus dieses Dichters, und damit der Maler Apelles selbst das Aeussere eines Alexanders nicht verunstalten mochte, schenkte Alexander, wie man erzahlet, ihm eine seiner vorzuglichsten Inclinationen. Des Malers wegen that er's nicht. Der gute Apelles sollte diese Schonheit nackt in forma probante vidimiren, und konnte nicht der Liebe widerstehen. Alexander merkte diese Neigung und befriedigte sie.
Die Gewalt, die sich die Grossen des Nachruhms wegen anthun, d i e s i e z u K n e c h t e n i h r e s g a n z e n L e b e n s m a c h t , ist von der Hofmanier ungefahr wie ein Tanzer vom Fechter unterschieden. Alles ist solch eines Grossen wegen da, bis auf den lieben Gott, den er aber auch nur der Curialien halber in Ehren halt. Thut er was Gutes, plaudert es nicht nur seine Rechte der Linken aus, sondern es wird ausgetrommelt, als wenn man in einer Glucksbude oder Lotterie was gewonnen hat. Bei ihrem Gutsthun sieht's so wie beim stolzen Geiz aus, der aus Noth gedrungen ist ein Mahl auszurichten. E s s o l l w a s s e y n ! sagen die Leute. Ein g r o ss e r P r i v a t m a n n ist noch unertraglicher. Riegelt die Thuren eurer Herzen zu, wenn er sich melden lasst, und lasst ihn hochstens ein Visitenblatt einreichen. Ich wollte mit ihm nicht unter einem Dache wohnen, wenn gleich er mir den rechten Flugel seines Schlosses aufraumen wurde. Lieber will ich beim Lot auf dem Boden schlafen. J o n a t h a n W i l d ist noch der leidlichste unter G r o ss e n dieser Art.
Warum war ich denn Alexander? Respondetur eben darum, weil Eugen unterm Spiegel hing, und weil man bei meinem Vater zu Hause eher als in Curland Spargel isst, in der freien Luft eine Pfeife raucht, Wein braut und lange Manschetten tragt. Ich sollte zwar nicht g r o ss werden, allein ich sollte auch nicht k l e i n bleiben. Hier hatte er eine feine Distinktion, die ich mir nicht getraue wiederholen zu konnen. Sie wurde mir untern Handen bleiben.
Mein Vater war wie ich schon meinen Lesern bei einer andern Gelegenheit reinen Wein aus seinem Geburtsorte, wo man ihn bei der Quelle trinkt, eingeschenkt sehr fur mannhafte tapfere Leute, mithin lag ihm der Soldatenstand nicht aus dem Wege. Alles war bei ihm nach Soldatenart. Er hatte zum Exempel die Gewohnheit, alle Jahre seinen Buchervorrath, den er A r m e e oder seine M a c h t nannte, auszustauben. Diess hiess, in seiner Sprache, sie mustern und Revue halten. Alle acht Tage (nach russischer Art) zogen zehn Bucher auf die W a c h e . Es war ein b e s o n d e r e r O r t , wo sie aufgestellt wurden. Seine Absicht war, diese zehn zu durchlaufen. Meine Mutter fand hiebei viel Anstossiges, weil auch g e i s t l i c h e Bucher sich diesen Kriegsdienst gefallen lassen mussten. Vielleicht liegt der Umstand, den ich noch anfuhren will, nicht sehr aus dem Wege.
Mein Vater mochte gern wilde Thiere zahmen. Er sagte zwar: "wir sind auf die Art Menschen geworden; Gott weiss, was aus ihnen wird." Indessen warf er hierbei einen Seitenblick auf den monarchischen Staat und den Soldatenstand, wofur er im Grunde des Herzens war.
Das sind die Data, die ich meinen Lesern, in Hinsicht seines Entwurfs zu meiner kunftigen Bestimmung, bis hierher mit dem Mantel der Liebe und mit dem Pelz der Verschwiegenheit bedeckt habe.
Warum aber, wenn ich zu mir selbst komme, diese Hullen? Meine Leser werden, das weiss ich, von meiner Ehrlichkeit keinen bosen Gebrauch machen, da sie nunmehr wissen, was ich weiss.
Fur einen Mann aber wie du, lieber Vater! ein unerwarteter Plan, dass ich aus dem Stahl und Stein deines Feuerzeuges keinen einzigen Funken mehr herausschlagen kann.
Zwar weiss ich, dass die Burger zu viel Zeit brauchen, Zeitungen zu lesen, um selbst zu Zeitungen Gelegenheit zu geben, dass sie zu weichlich sind, um sich das Auge und den Rucken frei zu halten. Indessen, lieber Vater, sieh an die Thiere, von denen wir durch die Kunst verdorbene Menschen leider die Natur absehen mussen, haben sie einen Obersten? einen Hauptmann? einen Lieutenant, einen Fahndrich? und ausser dem Zank unter sich und mit andern Thieren ist der Mensch ohnehin ihr Turke, ihr Erbfeind. Ein jedes Thier wehrt sich seiner Haut; und wenn wir uns zusammenarmen, wir! die wir durch Boden und Sonne vereinigt sind, um das namliche zu thun, wurden wir dann nicht vernunftige Thiere seyn? Ein jeder ware Soldat und Burger, jeder hatte Leib und Seele. Der Gelehrte wurde abgeharteter, der Soldat vernunftiger seyn, und allen ware geholfen.
Meine Leser werden, das sehe ich im Geiste, die Kopfe schutteln, wenn sie den dritten Theil meiner Geschichte mit dieser Stelle in einem Gliede marschiren sehen werden. Sie konnen mir indessen nicht verargen, dass ich ihnen den Schlussel vom funften Akt verhalte, denn warum sollten sie einem Feuerwerk des Mittags um zwolf Uhr zusehen, das erst um zwolf Uhr in der Nacht abgebrannt werden soll?
Die Kriege wurden griechisch gefuhrt, die Reden respective l a t e i n i s c h , und wegen des Ekels des Benjamin gegen diese Sprache, l e t t i s c h gehalten. R e c h t wurde nach L e o n h a r t F r o n s p e r g e r s kaiserlichen Kriegsrechten gepfleget. Rechne, lieber Leser! alles dieses zusammen, schwerlich ist Summa Summarum: Soldat, wenigstens bleibt der Zweifel, was fur ein miles? (Soldat) togatus oder sagatus, ein S o l d a t mit dem H a a r z o p f e oder mit der A l o n g e n p e r u c k e . Die Behauptung meines Vaters, dass man aus den romischen Gesetzen, und was ihnen anhangt, lateinisch, und aus den alten deutschen Gesetzen und ihren Verwandten deutsch lernen konnte, stutzt den gegebenen Zweifel; allein meines Vaters Bibel wird den Ausschlag geben.
Mein Vater hatte alle Schriftstellen, wo von Soldaten geredet wird, gezeichnet. Im zweiten Buche der Maccabaer, im dreizehnten Kapitel und funfzehnten Verse, sagt' er, wird die Parole ausgegeben. "Und er lagerte sich bei Modin und gab diese Worte ihnen z u r L o s u n g " : "G o t t g i b t S i e g !" Jetzt, sagt' er, hat sich die Parole, recht als ob sie ihm selbst war gegeben worden, von dieser Art sehr gandert, indessen konnte diese Manier im Kriege mit Nutzen gebraucht werden, um das sinkende Rohr aufzurichten und den flimmenden Docht aufzufrischen. Von Feldgeschrei wird im Buche der Richter im siebenten Kapitel vom achtzehnten bis zwanzigsten Verse geredet: h i e r l a g e i n g r o ss e s Z e i c h e n : "Wenn ich die Posaune blase, und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaunen blasen um's ganze Heer, und sprechen: hie Herr und Gideon! Also kam Gideon und hundert Mann mit ihm an den Ort des Heeres, an die ersten Wachter, die da verordnet waren, und weckten sie auf, und bliesen mit den Posaunen und zerschlugen die Kruge in ihren Handen. Also bliesen alle drei Haufen mit Posaunen und zerbrachen die Kruge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand, und die Posaunen in ihrer rechten Hand, dass sie bliesen und riefen: hie Schwert des Herrn und Gideon!"
Es fand mein Vater im zweiten Buch der Chronik im dreizehnten Kapitel im vierzehnten Verse ein Bataillon quarre:
"Da sich Juda umwandte, siehe, da war v o r n und
h i n t e n Streit. Da schrien sie zum Herrn und die
Priester trommeteten mit Tromme
t e n ",
wie er denn auch mit dieser Spruchstelle bewies, dass die P r i e s t e r ehemals H a u t b o i s t e n d i e n s t e verrichtet; diesen Spruch fuhrte er bestandig an, wenn er vom geistlichen Priesterthume redete, und legte ihn von dem Muthe aus, den ein Christ dem andern bei den Feldzugen und Scharmutzeln dieses Lebens zuzublasen verbunden ware, um ihn wenigstens zu betauben. Ueber die W e r b u n g , H a n d g e l d und M u s t e r u n g hatte er im zweiten Buche der Chronik im funfundzwanzigsten Kapitel den f u n f t e n und s e c h s t e n Vers gezeichnet:
"Und Amazia brachte zuhauf Juda, und stellete sie nach der Vater Hausern, nach den Obersten uber tausend und uber hundert unter ganz Juda und Benjamin, und zahlete sie von zwanzig Jahren und druber, und fand ihrer dreihunderttausend auserlesen, die ins Heer ziehen mochten, und Spiesse und Schilde fuhren konnten. Dazu nahm er aus Israel hunderttausend starke Kriegsleute um hundert Centner Silbers."
J e t h r o , sagte er, hat die ersten Patente als O b e r s t e r und K a p i t a n gegeben, und von ihm schreiben sich die Herren Stabs- und andere Officiere her, im zweiten Buche Mosis im achtzehnten Kapitel vom neunzehnten bis zum siebenundzwanzigsten Verse heisst es also:
"Aber gehorche meiner Stimme, ich will dir rathen und Gott wird mit dir seyn. Pflege du des Volks vor Gott, und bringe die Geschafte vor Gott, und stelle ihnen Rechte und Gesetze, dass du sie lehrest den Weg, darin sie wandeln, und die Werke, die sie thun sollen. Siehe dich aber um unter allem Volke nach redlichen Leuten, die Gott furchten wahrhaftig, und dem G e i z f e i n d sind, die setze uber sie, etliche uber tausend, uber hundert, uber f u n f z i g und u b e r z e h n , dass sie das Volk allezeit richten. Wo aber eine grosse Sache ist, dass sie dieselbe an dich bringen, und sie alle geringe Sachen richten. So wird dir's leichter werden, und sie mit dir tragen. Wirst du das thun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebeut, und alle diess Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen. Mose gehorchte seines Schwahers Worten und that alles, was er sagte. Und er wahlete redliche Leute aus ganz Israel und machte sie z u H a u p t e r n uber das Volk, etliche uber tausend, uber hundert, uber funfzig und uber zehn. Dass sie das Volk allezeit richteten, was aber schwere Sachen waren, zu Moses brachten, und die kleinen Sachen sie richteten. Also liess Mose seinen Schwaher in sein Land ziehen."
Das E x e r c i r e n bewies er aus dem andern Buche der Konige im funf und zwanzigsten Kapitel im neunzehnten Verse:
"Und einen Kammerer aus der Stadt, der gesetzet war uber die Kriegsmanner, und funf Manner, die stets vor dem Konige waren, die in der Stadt funden wurden, und Sopher, den Feldhauptmann, der das Volk im Lande k r i e g e n l e h r t e , und sechzig Mann vom Volk auf dem Lande, die in der Stadt funden wurden " Gern hatte ihm meine Mutter diese Z e i c h e n insgesammt wie Spreu in die Luft zerstreuet; allein sie schien diese Schriftstellen selbst als bewaffnet anzusehen,
und nun sollen sie so lange wie F a h n e n in der
Kirche hangen. Da liegt sie vor mir, d i e s e v a
t e r l i c h e B i b e l , wo Stunde, Tag und Jahr
meiner Geburt von meinem Vater eingeschrieben
ist. Sey mir gesegnet, gottliches Buch!
Bei meinem Namen steht: e i n e s c h w e r e Geburt! der Name des Herrn sey gel o b t ! Feierlich bete ich Amen dazu! Theure Bibel, jedes Z e i c h e n in dir, ob's gleich eine Menschensatzung ist, bleibt mir doch unschatzbar. Es enthalt fur mich einen Zug vom Bilde meines V a t e r s , d e r u b e r w u n d e n hat. Lasst mich einen Augenblick, damit ich meine Hande zu den Bergen hebe, von welchen uns Hulfe kommt. Unsere Hulfe kommt im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!
Ich finde Oerter mit einer solchen papiernen Schildwache versehen, wo
vom Schwerte,
von Pfeilen,
Bogen,
Lanzen,
Panier,
Trompeten, geredet wird;
wo ein Fahnlein wehet,
ein Gezelt im Lager stehet,
Gold ausgetheilt wird,
und wo das Wort a u s z i e h e n , welches nach seiner Erinnerung marschiren und nicht laufen bedeutet, gebraucht ist.
Ferner liegen Zeichen bei den Worten: K r i e g e , Kriegsknechte, Streiter, Streitgenoss e n oder K r i e g s k a m e r a d e n ;
bei L i s t , H i n t e r h a l t , Schlagen, Fechten, Streiten, Wagenburg, S t u r m und B e u t e ;
beim H a u p t m a n n von Capernaum und bei drei Obersten.
Ihr sollt unversehrt bleiben, ihr! nur l i e b e n Z e i c h e n , und so oft ich dich, theure Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, die erschrecklich begriffen ist, im Haupt-Exemplare sehe, und sonst lese und hore, seh' ich und les' und hor' ich meinen Vater. nehmender Herzensandacht verlesen horen: die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wie sie beschrieben stehet in der Epistel an die Epheser im sechsten Kapitel und zehnten Verse, und wie sie in unserer deutschen Uebersetzung lautet:
"Zuletzt, meine Bruder, seyd stark in dem Herrn und in der Macht seiner Starke. Ziehet an den Harnisch Gottes, dass ihr bestehen konnet gegen die listigen Anlaufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kampfen, sondern mit Fursten und Gewaltigen, namlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniss dieser Welt herrschen mit den bosen Geistern unter dem Himmel. Um desswillen so ergreifet den Harnisch Gottes, auf dass ihr, wenn das bose Stundlein kommt, Widerstand thun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten moget. So stehet nun, umgurtet eure Lenden mit Wahrheit, und angezogen mit dem Krebs der Gerechtigkeit, und an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben das Evangelium des Friedens, damit ihr bereitet seyd. Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr ausloschen konnet alle feurige Pfeile des Bosewichts, und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes."
Wenn ich mir die Seelenfreude vorstelle, mit welcher mein Vater uber diese Epistel predigte, empfind' ich ein gross Stuck dieser Seelenfreude. Meine Mutter sagte zwar: "H e u t e g e h t e r g e s t i e f e l t und gespornt, wie ein geistlicher R i t t e r , a u f d i e K a n z e l ." Lass ihn, liebe Mutter! den hochwurdigen und gestrengen Herrn. Es ist ein Mann, mein Vater! Wenn es gleich aus der heiligen Schrift ziemlich deutlich hervorgeht, dass er fur den Soldatenstand sey, bin ich denn darum schon in Reih' und Gliedern? Warte, wenn ich bitten darf, den dritten Theil meiner Geschichte ab und am Ende, liebe Mutter! heisst es: Gebet dem Kaiser was des Kaisers, und Gott was Gottes ist! Sind wir nicht geistliche Soldaten, die sich zum Himmel durchschlagen mussen? Die klugen Israeliten mussten mit dem Konige vorn Willen nehmen, da die Pluralitat einen begehrte. Gott gab allen einen Konig. Sapienti sat.
C l i t u s , damit es meine Leser nur ja wissen, ist auch nicht in unserm Kirchdorfe erstochen, vielmehr ist er noch jetzt am Leben und sitzt auf dem vaterlichen Acker. Er hat mir nicht das Leben gerettet, auch ist seine Schwester nicht meine Amme gewesen. Diess Trauerspiel ward also als ein Lustspiel vorgestellt, wie man es mit den meisten Trauerspielen machen kann. I nunc ad Philippum et Parmenionem et Attalum, wurde nuchtern gesagt, und blieben daher die Busstage aus, vielmehr wurde ein allgemeines Gelachter, weil Clitus so frisch und gesund seiner Wege ging, wie unsere Schauspieler, wenn sie erstochen, erschossen und mit Gift vergeben sind. S e n e c a , das fallt mir eben ein, hatte sich die Todesart wahlen sollen, im Trauerspiele am funften Akt zu sterben. Es ware seinem Leben und seinen Schriften angemessener gewesen, und leichter muss es auch seyn, als wenn man sich alle Adern offnen lasst.
Die schonen Redeubungen, doch nur von Alexanders Seite, womit der beredte Curtius seine Leute ausstaffirt, konnte ich auf ein Haar. Benjamin hielt alles, was er hielt, aus oben angezeigten wichtigen Grunden in curischer Sprache; ich habe dem Q. Curtius Rufus eben den christlichen Namen Voltaire beigelegt, um diesem letzten mit Ehren grau gewordenen Dichter und Geschichtschreiber, Comodien- und Tragodiensteller, den ich von Person kenne, vorzuglich wegen seiner Geschichte bei dieser Gelegenheit ein Compliment zu machen.
Dieser g r o ss e Mann tragt's auch am K n o p f l o c h e , und wenn er als Geschichtschreiber auftischen lasst, fehlt's an gesundem, unverfaschtem Weine. Gebackenes die Menge. Da heut eben sein Geburtstag ist, hoffe ich von ihm, wegen dieses kleinen Andenkens, T o l e r a n z , und von meinen Lesern Verzeihung!
Es ist schon gesagt, dass die Nuchternheit bei unserm Alexanderspiel beobachtet wurde; indessen tranken wir Wasser aus dem Hute, wenn's in der Rolle vorkam, dass getrunken werden sollte; und der Hut stellte des Herkules Becher sehr gut vor. Ich konnte also nicht durch das Gift des Weins ums Leben kommen, sondern lebte den Curtius einigemale durch und durch.
Ich zog mit wenigen Jungen oder P f e f f e r k o r n e r n dem Benjamin Darius und seinem M o h n s a m e n auf den Hals.
Wir lieferten alle Schlachten, die Alexander geliefert hat.
Bei Issus in Cilicien, welches uber Feld lag, verlor Benjamin Darius eine Menge Volks, und ich bekam seine Frau Mutter Majestat, seine Frau Gemahlin Majestat und seine Kinder konigliche Hoheiten zu Kriegsgefangenen. Die konigliche Frau Mutter stellte, auf Befehl meines Vaters, unsere alte Kochin vor, und meine Mutter sagte: "kann sie nicht lieber die Potiphar machen?" Benjamins Schwester war die alteste Prinzessin Tochter, und des Ritter Jachnis Frau und Tochter stellten die konigliche Frau Gemahlin und Tochter vor. Wegen des Prinzen waren wir nicht verlegen, denn hierzu hatten wir viele Jungen im Dorfe. Mit der Schlacht bei Arbela hatte die persische Monarchie ein Ende.
Der Tod des Darius ward nicht vorgestellt, weil Benjamin uber den Tod nicht spassen wollte, und aus Todesangst sehr leicht untern Handen bleiben konnen. Es fehlte uns auch eine Kleinigkeit, die goldnen Ketten. Wenn alle Schlachten zu Ende waren, fingen wir sie von Anfang an, obgleich, wenn wir an die Gefangennehmung der koniglichen Familie kamen, wegen der koniglichen Frau Mutter der Verdruss unvermeidlich war. Meine Mutter beklagte sich uber die Kochin, dass sie wenigstens drei Tage bei dieser koniglichen Gelegenheit den Gehorsam aufsagte und vorzuglich alles v e r s a l z e . Desto besser, sagte ich, sie macht ihrer Stelle Ehre. Die Frau Potiphar wurde sie besser machen, antwortete sie, und ich brachte ihr das Salzfass, ging mit ihr in die Speisekammer, ass unterm Eier-Monument ein Stuck Schinken, und die Kochin blieb die konigliche Frau Mutter.
Die Jungen im Dorfe nannten diese feierlichen Tage T a l k e n , allein ich brachte diesen unheiligen Namen ab und pflanzte so viel Griechisch im ganzen Dorfe, dass derjenige, welcher der lettischen Sprache die Ehre that, sie aus meiner Welt zu beurtheilen, die griechische Sprache fur Mutter, Schwester, Tochter oder was weiss ich fur was fur eine nahe Blutsverwandtin von der lettischen halten musste.
Die koniglichen Gefangenen waren bei mir so gut als beim Alexander aufbewahrt. Ich war eben so wie Er justus hostis und misericors victor. Die konigliche Frau Gemahlin wurde auch schwerlich jemanden, wenn gleich er sie nicht so gut als Alexander und ich besessen, in Versuchung gefuhrt haben, da sie bei den Blattern um ein konigliches Auge gekommen war.
Nach dieser Anzeige darf ich auch nicht bemerken, dass die dreihundert sechzig Pellices (Kebsweiber) nicht angebracht werden konnten; wie denn auch desshalb nicht zu behaupten war, Pellices CCC et LV totidem quod Darii fuerant, regiam implebant. Denn Benjamin wusste in diesem Stucke eben so wenig wie ich, was gut oder bose sey. Ich vermied mithin den Vorwurf des Lagers: d a ss i c h m e h r v e r l o r e n a l s g e w o n n e n h a t t e , und dass, obgleich ich den Darius uberwunden, ich doch von ihm in diesem Stucke ware uberwunden worden (ex Macedoniae Imperatore Darii satrapem factum).
Bei dieser Gelegenheit indessen, und vorzuglich weil Darius seine Gemahlin so sehr, wie Hans seine Grete geliebt, sah ich seine und des Alexander und des Konigs Salomo Kebsweiber fur Lexika an, die man, um ein Wort nachzuschlagen, nothig hat.
Ausser den Soldat- und Sprachabsichten hatte mein Vater auch eine moralische, woran ihn sein Priesterkleid auch bei einer heidnischen Geschichte erinnerte. Es ward oft mitten in der Schlacht ein Porisma ober ein Komma gemacht, womit ich aber meine Leser nicht belastigen, mir selbst aber nicht in die Rede fallen will.
Die Geschwindigkeit, z.E. in der Ausfuhrung, ist fur jeden Alexander eine Haupteigenschaft. Ist's moglich, nimm Postpferde, sagte er, wenn du t h u s t allein d e n k erst! Kannst du Courierpferde haben, desto besser! Was geschwind geschieht, vergeht geschwind, kann nur von Planen verstanden werden, oder uber die ganze Regel, wie uber viele, ein Schwamm! Wer bald gibt, gibt doppelt, und wer schnell thut, ahmt Gott nach, der sprach und es ward.
Unter anderem behauptete er auch, dass Aristoteles durch den Alexander und Alexander durch den Aristoteles so gross geworden, als sie's wirklich waren. Mali corvi malum ovum! Einer war stolz auf den andern; wie er denn auch der Meinung war, dass solche ausserordentliche Leute, wie Alexander, an dem nichts mittelmassig als seine Gestalt war, und der unter den Grossen der Flugelmann ist, nicht vierzig Jahre alt wurden, und dass grosse Eigenschaften auch grosse Laster, oder wenigstens grosse Fehler zu ihren Waffentragern hatten.
Alexander, sagte er, thate alles der atheniensischen Avisen wegen, allein er nehme mir nicht ubel, dass ich ihm nicht beitreten kann. Er, welcher die ganze Welt fur eine Festung ansah, wo ihm nur verstattet worden, auf den Wallen herumzugehen, sollte des Wandsbekker Boten wegen in Athen? Nein, die spateste Nachwelt war sein Ziel; unser Dorf, wo Er gespielt wurde, war seine Aussicht, und wahrlich, wir sind nicht die ersten Kinder, und werden auch nicht die letzten seyn, die den Alexander spielen. Diese Geschichte hat viel Unheil in der Welt angerichtet, vom Brudermorder Caracalla an bis auf den heutigen Tag wird sie ins Grosse und ins Kleine gespielt, allein es geht, leider! dabei nicht so ruhig zu, wie in und in unserm Dorfe, wo Gottlob! kein Blut vergossen wird.
Und ich? warum vergiess' ich Tinte, warum ergreif' ich die Feder? warum bin ich Alexander und Q. Curtius Rufus in einer Person? Das ist ein gordianischer Knoten im ganz besondern Sinne! Einer wird sagen, um in der gelobt oder (wie ich vorlaut bin!) recensirt zu werden, ein anderer, um uber tausend Jahre den Jungen im Dorfe zum Marionettenspiele zu dienen, ein anderer die Zeit wird's lehren.
Schon vor vierzehn Tagen sagte ich u b e r m o r g e n ! und legte also eine schriftliche Zusage ab, an diesem Uebermorgen meinen Lesern den Zeitpunkt zu bestimmen, wenn mein Vater den zweiten Diskant ruhmlichst mitzusingen angefangen, um sie in diesem Sinne nicht langer absque die et consule zu lassen. Ich hatte keine Stundung ober Tagung vonnothen gehabt, wenn nicht ein guter Freund, der nach Gastrecht zu behandeln war, diesen Aufschub veranlasset. Heute will ich meine Schuld abtragen, wenn ich zuvor meinem guten Freunde eine gluckliche Reise gewunscht habe.
Damit ich alles siguire, war's in meinem vierzehnten Jahre, da ich ohne Hoffnung krank darnieder lag. Mein Vater konnte nicht begreifen wie's zuging. Bei einer solchen Bewegung an Leib und Seele, sagte er, wo kommt das Uebel her?
Vom betrubten Sundenfalle, half ihm meine Mutter aus, denn alles Bose war bei ihr ahnenreich und vielschildig.
Vom betrubten Sundenfalle, seufzte mein Vater, und meine Mutter sang aus vollen Seelen- und Leibeskraften:
Heut' sind wir frisch, gesund und stark,
Sieh, morgen liegen wir im Sarg;
Heut' bluh'n wir wie die Rosen roth,
Bald krank und todt,
Ist allenthalben Muh und Noth.
Mein Vater, der diesen Vers mit vieler Andacht gehort, doch aber noch nicht mitgesungen hatte, verfolgte seine Zweifel. Seine Meinung, um sie zu filtriren, war, dass ein Mensch, der der Natur getreu ware, und ihrem Fingerzeige folge denn es ist Gottes Finger, setzte er hinzu dass ein solcher Mensch, der seiner Seele und seinem Korper nicht zu viel, nicht zu wenig thate, nicht krank werden, und ehe er achtzig erreicht hatte und das Gewicht abgelaufen ware, auch nicht sterben konne. Allein die Thiere, sagte meine Mutter, sind krank, Thut alles nichts zur Sache; Hausthiere sind wie "Nur nicht in seiner Kindheit; selbst wenn er alter Dafur hat ein Kind Vater und Mutter. Der Eltern "Aber wenn Vater und Mutter schon krank sind, Du hast Recht. Gottlob! aber wir sind frisch, ge"Indessen etwas fehlt einem jeden, und wenn er ein es erst zur Natur reducirt werden. Da siehst du, wie ich deine Prose behalte. Ich habe noch in meinem Leben nicht so geistlich mit dir gesprochen, wie jetzt. Gott Lob fur diesen Tag!"
Wenn du so den Fall Adams nimmst, hast du Recht; kann aber der liebe Junge nicht aufstehen? Arbeit ist die beste Arznei wider den Tod. Auch ein Kranker sollte arbeiten, wenn's nur so viel ist, als er zu seiner Bekostigung braucht. Das ist wenig! Die Natur hat ihm nicht mehr auferlegt, als er ertragen kann. So allmahlig, als ein Kranker Appetit bekommt, fangt er auch an besser zu werden.
I c h . Vater, ich kann nicht mehr auf, kann auch nicht mehr essen.
M e i n V a t e r . Armer Junge! (Geht ab. Ich wollte versuchen aufzustehen.)
M e i n e M u t t e r . Bleib, bleib! Es ist immer besser, die Krankheit trifft uns auf dem Bette, als auf dem Felde. Davon weiss ich auch ein Lied zu singen! Gewisse Krankheiten wollen wie vornehme Leute behandelt werden; man muss ihnen entgegen ein Flussfieber nimmt's so genau nicht.
Mein Vater kam wieder, fasste mich an die Stirn und Hande, und ich konnte an seinen Augen in Frakturschrift lesen, was er, sobald er merkte, dass ich hereinsah, vor mir verbarg.
So sehr mein lieber Vater wider die Aerzte war, die er wie die Beichtvater und Gewissensrathe fur etwas hielt was uns und unsern Gott und die Natur, sein Werk, von einander schiede, so gab er doch dem Verlangen meiner Mutter nach, die sich ihr Votum nicht nehmen liess.
Oft habe ich ihn sagen gehort, ohne Arzt stirbt man leicht und schnell. Mit einem Arzte stirbt man taglich. Wer bis in seinen letzten Augenblick lebt, wer beharrt bis aus Ende, stirbt nicht er wird lebendig gen Himmel geholt, und diess alles kann man nur ohne Arzt. Diess und noch mehr sagte er sehr oft, allein jetzt blieben diese schonen Spruche weg, er schrieb an den D o c t o r S a f t , der sechs Meilen von meinem Puls entfernt war, und machte ein Gesicht als ein Referent, der von seiner Meinung durch die Mehrheit abgestimmt ist.
Die Antwort des Doctor Saft traf ihm das Herz. Er war nicht mehr. Er bestatigte mit seinem Beispiele, dass uns die Aerzte feig machen, indem sie Gefahren aufdecken, die vor uns verborgen sind.
Meine Mutter hingegen war so sanft wie ein Lied. Er nahm sie an der Hand, zeigte ihr den s a f t i s c h e n Brief, und sie, ohne Schrei ohne Ach, stimmte an, ihre Augen gen Himmel:
Da wird uns der Tod nicht scheiden,
Der uns jetzt geschieden hat;
Und erfreu'n in seiner Stadt.
Ewig, ewig fur und fur,
Ewig, ewig werden wir
Mit einander jubiliren
Und ein englisch Leben fuhren.
Noch sang mein Vater nicht mit. Seine Seele war versunken in Schmerz. Meine Hoffnung, sagte er, die der Herr bei meinem stummen Gram mir in einem fremden Lande aufgehen liess: ein Nachtfrost, und siehe da
Er hat grosse Hitze, sagte meine Mutter.
Gutiger Gott! lass ihn mir, lass ihn einem Unglucklichen, der fur sich lange die Wunsche aufgegeben, zu dem Staube seiner Vater versammelt zu werden.
Herr Superintendent Alexander Einhorn, fiel meine Mutter ein, liegt in Curland begraben,
O mein Sohn! sagte mein Vater;
und meine Mutter: er hat die Kirchenordnung im Jahre ein tausend funf hundert und siebenzig verfertigt;
O mein Sohn! sagte mein Vater;
und nach ihm blieb die Superintendenten-Stelle vierzehn Jahre unbesetzt.
O mein Sohn! beschloss mein Vater, der sich in seinem Gebete nicht hatte storen lassen, wenn's eingeschlagen hatte. O mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich konnte fur dich sterben!
Hierauf sagte meine Mutter kein Wort.
Ich sah bei dieser Gelegenheit, was ich oft gesehen, dass das schlecht und rechte Christenthum eine edle Gleichgultigkeit, einen gewissen Liederton im Leben wirkt, der uns bei allem in der Welt, war's auch ein Alexander-Verlust, Ruhe ins Herz weht. Mein Vater schlug wie Petrus mit dem Schwerte drein. Seine Religion war ein hoheres Halleluja, welches aber fur die Vollendeten gehort, und das fur die Zeitlichkeit nicht zu seyn scheint. Bald sind wir zwar, wenn wir uns in diesem hohern Chor befinden, entzuckt bis in den dritten Himmel, bald aber schreien wir: H e r r h i l f uns, wir verderben!
Lange stand mein Vater mit gelahmter Seele, allein meine Mutter brach diesen S e e l e n s c h l a f durch einen freundlichen g u t e n M o r g e n .
Eins, sagte sie, lieber Mann, bedaur' ich.
Ich mehr als Eins, sagte mein Vater; und was ist dieses Eine? mein Kind! fuhr er mit einer bedeutenden Miene fort.
Meine Mutter nahm ihn (ohne ihm zu antworten) bei der Hand, und druckte ihm ein wiederholtes liebliches: W a s d e n n ? heraus.
"Dass ich ihn predigen gehort."
Mein Vater seufzte laut, ohne ein Wort zu sagen.
Nach ihrer Meinung hatte mir eine Predigt einen gewissen Rang im Himmel zutheilen mussen. Ob ich nun gleich nicht die Kanzel bestiegen, so versicherte mich jedennoch meine Mutter, da mein Vater mit gekreuzten Handen hinausgegangen war, dass sie mir ebenfalls ein Monument in der Speisekammer errichten wurde. Der alte Herr, sagte sie, soll deinen N a m e n in Mitau z u m D r u c k b e f o r d e r n , und da du von deinem lieben Vetter eine schreckliche Aehnlichkeit hast, ist euch beiden geholfen.
Von den sechs Nageln fur einen Vierding sind noch zwei ubrig. Verlass dich auf deine Mutter!
Dieser an sich unbetrachtliche Umstand von den zwei ubriggebliebenen Nageln fiel mir so auf, dass ich von dieser Minute an den letzten Rest meiner Hoffnungen einbusste, und meinen ungezweifelten Tod in den zwei Nageln sah. Waren wohl zwei Nagel ubrig geblieben, wenn es nicht darum gewesen ware, deine Grabschrift zu befestigen, dacht' ich, und warum wurden wohl sechs Nagel fur einen Vierding zu haben seyn, wenn ich nicht diessmal sterben sollte? Ich war kein Alexander mehr, und ich fuhlte es, dass die Medicin mit der Einbildungskraft stritte und dieses letztere uberwand. Es schlug nichts an.
Wenn er nur ein einzigesmal gepredigt hatte, wiederholte meine Mutter; und mein Vater, der bei dergleichen Irrthumern sonst ein sehr heftiger Widerleger war, that nichts weiter als seufzen. Eine totale Sonnenfinsterniss lag auf seiner Seele, sein Herz konnte nicht ins Geleise gebracht werden. So vergingen drei bis vier Tage. Werde ich sterben? fragt' ich. Gott kann dir helfen! sagte er; und meine Mutter, wie Gott will! und beide, Amen!
Nach einer Weile zog ich meine Mutter fest an mich: "Ei, die zwei Nagel?" Sie glanzten mir so schrecklich, als die Kometen dem gemeinen Manne. Wie verstellt die Verzagtheit, die Mutter der Hypochondrie, die Geberden eines jeden Dinges?
Meine Mutter, ohne die Frage in ihrem Umfange zu denken, antwortete: Sie sollen dein!
Ach! war meine Antwort;
Und hilft dir Gott, fuhr sie fort, hange ich deine Lieblingswurste dran.
Die, sagte ich, Liebe, die ich konnte sie vor Freuden nicht bestimmen.
Eben die, erwiederte sie.
Das war Medicin. Ich sammelte mich. Die Kometen verloren ihren Schein. Ich sah, anstatt meines Namens im Druck, zwei kleine Wurste. Ich bekam Appetit und hatte gewiss alle beide aus freier Faust aufgegessen, wenn nicht alsdann die beiden Nagel wieder vacant geworden waren. Ich schlief die Nacht, und wenn mein Vater nicht noch ganz verfinstert gewesen ware, wurd' er aus meinen Augen eben so viel gelesen haben, als ich zuvor aus den seinigen las.
Ehe noch das Fatale interponendae und introducendae abgelaufen und mein Leben ober Tod res judicata (eine rechtskraftige Sache) war, bekam mein Vater einen Brief, fur den er viel Postgeld bezahlen musste, und dieser Brief brachte ihm den zweiten Diskant mit, den meine Leser ihn sogleich singen horen werden.
Er las diesen Brief, las ihn wieder, und da er ihn zum drittenmale anfing, rief er mit wehmuthiger Stimme: Licht! Es ist aus! Gott! schrie ich aus! und meine Mutter: aus!
Wenn er lieber auf die Wurmer curirt hatte? fragte meine Mutter meinen Vater; nicht wahr? lieber auf die Wurmer?
"Es ist aus!" sagte mein Vater. Der Starkste in seiner Kunst ist Saft nicht, fuhr meine Mutter fort. Ich wette, er ist da Doctor geworden, wo der alte Herr Literatus gewesen ist. "Gottes Wege sind nicht unsere Wege!" sagte mein Vater. "Im funf und vierzigsten Jahre seines Alters im Herrn entschlafen!" Wer? fiel meine Mutter ein, Doctor Saft? ist er todt, der geschickte Mann? Curland verliert viel an ihm!
M e i n V a t e r . Die letzte Stutze des Hauses!
M e i n e M u t t e r . Er hat noch einen Bruder!
M e i n V a t e r . Licht! Licht! Licht! Licht!
M e i n e M u t t e r . Wie! todt? am Schlagfluss?
M e i n V a t e r . Alles todt! alles todt!
M e i n e M u t t e r . Mit Weib und Kind?
M e i n V a t e r . Licht! Licht!
Man brachte ein Licht.
Noch eins! sagte er, und nachdem er beide Lichter (es war heller Tag) hingestellt hatte, nahm er eine Handvoll Papiere, die sich mit dem neuen Briefe, fur den er eben so viel Postgeld bezahlt hatte, begrussten, und nachdem er diese Papiere allzusammen gen Himmel gehalten, sagte er: "wie du willst, unbegreiflicher Gott!"
Er steckte an, und noch hor' ich die wehmuthige Stimme! Wir sind Staub, und unsere Hoffnungen Staub und alles Staub! Hier verbrannte er sich die Finger, indem er das eine Papier nicht zeitig genug fallen lassen. Heilige Asche, diese Thrane sey Weihwasser fur dich. Mit dir, geweihter Staub! will ich den Sarg meines Sohnes begrussen. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.
Cleopatra, die eine Perle austrank, sagt' er nach einer Weile, hat nicht mehr verzehrt, als ich heute, und kein Lucius Plaucius hat die andere Perle gerettet.
Die Nagel fingen wieder an zu blinken, ich sah meinen Tod vor Augen, und empfand, wie es einem jungen Menschen von vierzehn Jahren zu Muthe ist, wenn er sterben soll.
Freilich hatte mir einfallen konnen, dass ein Brief vom Doctor Saft und so viel Postgeld nicht im Verhaltniss waren; doch fiel es meiner Mutter so wenig wie mir ein.
Mein Vater zog mit dem Doctor Saft uber mein Leben schriftlich Schach. Mein Vater schrieb ihm seinen Zug, der Doctor den seinen, und die Verwirrung, die mein Vater durch das Wort a u s , welches ein schreckliches Wort ist, und durch die zwei Lichter am hellen Tage, welche zum Worte a u s eben so schrecklich abstechen, erregt hatte, brachten meine Mutter und mich auf den Gedanken, Doctor Saft hatte Schachmatt gesagt. Das Feuer ist ein vernichtendes Element! Noch schaudert mir die Haut, da ich diese Papiere brennen und in Asche, ohne Leben und Bestand und Saft, verwandeln sehe; solch einen Eindruck machte dieses Feuer auf mich. Ich wurde meinen Leib um alles nicht verbrennen lassen, und viele meiner Leser, welche bedenken, dass die Verwesung zugleich eine Geburt sey, werden mir beitreten.
Die Art, wie mein Vater anfanglich die Sache betrieb, liess mich vermuthen, Doctor Saft hatte unbedachtsam gezogen, und was mich noch freut, ist diess, dass ich dem Doctor Saft nicht fluchte.
Gott verzeihe ihm, sagte ich, und meine Mutter setzte hinzu: aus Barmherzigkeit!
Nachdem wir beide, meine Mutter und ich, aus den abgebrochenen Reden einen andern Schluss zogen, Doctor Saft ware namlich vorausgegangen, wunschten wir ihm beide aus gutem Herzen eine gluckliche Reise; ich will ihm abbitten, sagte ich, wenn ich ihn im Himmel sehe, dass ich ihn unrecht verdacht habe. Nach vollbrachtem Opfer sah ich eine Thrane nach der andern die Wangen meines Vaters herabfliessen und die Papierasche, die sonst verflogen ware, anleimen.
Es sey nun das weinende Auge meines Vaters, oder das unrichtig vermuthete Schachmatt des Doctors, oder sein selbsteigener todtlicher Hintritt die Ursache, die meine Mutter zum Singen brachte, sie fing an:
Gott eilet mit den Seinen
und bei der zweiten Strophe fiel mein Vater im zweiten Diskant ein (zum erstenmale horen ihn also meine Leser mitsingen):
Lasst sie nicht lange weinen
In diesem Jammerthal.
Wenn ich jetzt die Sache uberlege, finde ich, dass ich eigentlich damals nur einen Sterbenden vorstellte; ich starb schon, ich starb poetisch, denn mein Korper hatte sich von den zwei kleinen Wursten erholt. Mein Herz war aber aller der Vorgange wegen im funften Akte des Trauerspiels. Ich war bewegt ich sah alles mit mir sterben; bis auf die Lichtputzerin zu weinte alles (ich weiss nicht, ob es die konigliche Frau Mutter oder ein anderes Geschopf war).
Eine Bitte habe ich an Vater und Mutter, fing ich nach einer langen Stille an.
Meine Mutter, die unfehlbar sich vorstellte, dass es wegen des Monumentes in der Speisekammer ware, fragte leise: "an beide?" Ja, liebe Mutter, und gleich, lieber Vater, sagte ich laut. Sprich, sagten sie beide. Verlasset hier weinte ich zartlich M i n c h e n , des alten Herrn Tochter, nicht. Gut, sagte mein Vater; warum? fiel meine Mutter ein. Weil ich sterbe und mich ihrer in dieser Welt nicht annehmen kann, liebe Mutter. Schade, dass ich es nicht kann! Wie ich Alexander und sie die Tochter des Darius war denke nicht mehr daran, sagte meine Mutter; wollte Gott, du warest Joseph und die alte Babbe (Barbara) Potiphars Weib gewesen hab' ich gefunden, dass sie verdiente, Konigin zu seyn. Ich habe ihr nie gesagt, dass ich ihretwegen des Amtmanns Christoph zwei Finger gelahmt G o t t s t a r k e s i e , wenn es dem Christoph nutzlich und selig ist. Ich meine seine beiden Finger. Christoph behauptete, Minchen sey verwachsen; das ist sie nicht, sagt selbst, liebe Eltern! Das ist sie nicht! versicherten beide, und ich fugte noch einmal hinzu: das ist sie nicht. Nach meinem Tode, fuhr ich fort, entdecke ihr, liebe Mutter, meinen Streit mit Christoph und dass ich ihr gut gewesen bis in den Tod; denn ich mochte gern, dass sie mich nicht vergasse und mir auch gut ware bis in den Tod. Meinen Benjamin grusst von mir, auch den Christoph. Die Sonne ging nicht unter wahrend unserm Zorn. Grusst das ganze Heer! Nicht wahr, mein Vater, jetzt kann kein anderer als Benjamin im Dorfe Alexander werden? (Joseph, willst du sagen, sagte meine Mutter, und druckte mir die Hand.)
Alexander, erwiederte ich, will ich sagen. Meine Mutter sah meinen Vater an, mein Vater sah auf die Erde. Benjamin, fuhr ich fort, hat zwar die rechte Hand nicht in seiner Gewalt, allein sonst ist's ein guter Junge. Ehrlich und treu wie der Wiederhall. Das Bein verwachst sich vortrefflich; und fallen gleich die lateinischen Reden weg, im Lettischen ist er Alexander. Minchen, Benjamin und ich waren Castor, Pollux und Helena. Ein Drittel dieses Dreiblatts welkt, Gott segne die Zuruckgebliebenen mit dem Thau seiner Gnade. Wenn M i n c h e n heirathet, ich mocht' es nicht gern, wenn aber sehet zu, liebe Eltern, dass sie einem ehrlichen Kerl ihre Hand gibt, und nun und nun hier stockt' ich lebt wohl, meine theuern, lieben, gutigen Eltern, lebt wohl! lebt wohl! Hier nahm ich alle ihre Hande zusammen und kusste sie und sagte: Gott vergelte euch alles Gute. Dir, liebe Mutter, das Geraucherte unterm Kupferstich. Seyd Minchen und Benjamin gut, liebe Eltern, und wenn es seyn kann, lasst mich hinter der Kirche an dem grossen schwarzen Kreuze begraben, wo mein liebstes Lager war. Lieber Vater, du weisst den Platz so gut wie ich. M i n c h e n wird, das weiss ich, sich gern auch da begraben lassen wenn anders ihr Mann es zugibt; und auch ihr, meine lieben Eltern, wenn ihr so gutig seyn wollet, ruhet zusammen mit mir bis an den Morgen des jungsten Tages. Dann gehe ich mit Minchen, wie ein Brautigam mit seiner Braut, aus der Schlafkammer. Eine lange Brautnacht. Mein Herz bebt vor dem Worte l a n g e zuruck! Gott schenke uns allen eine angenehme Ruhe! Wir weinten alle. Die Thranen meiner Mutter flossen sanft, so sanft als ein warmer Mairegen. Mein Vater war heftig. Stirb, sagte er, im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat! und meine Mutter: Amen! und ich: Gott mit euch in alle Ewigkeit! und wir alle drei zusammen: Amen! Amen!
Nach einer kleinen Weile fragte mich mein Vater, ob ich noch Minchen, oder Benjamin, oder beide zusammen sehen wollte? Minchen? sagt' ich heiter, Minchen? Nein Minchen nicht, lieber Vater, sie wurde sich zu sehr gramen, wenn sie ihren Gemahl Alexander sterben sehen sollte. Sie hat mich bloss als Ueberwinder gesehen. Benjamin? auch nicht, er wurd's ihr vorwimmern, was er gesehen, gehort und empfunden hat; Benjamin ist ein guter Junge, nicht wahr, lieber Vater? Er muss Alexander werden! Lange Dieses alles brachte mich auf ein Codicill. Ich anMein Feierabend bricht heran, willst du nicht, sagt' her thut wanken, bis ihm die F l a m m ' g e b r i c h t , alsdann fein sanft und stille lass, Herr, mich schlafen ein!
Meine Mutter setzte hinzu: N a c h s e i n e m Rath und Willen, wann kommt dein Stundelein!
Mein Vater wurde von dieser letzten Oelung unterrichtet, ohne dass man dabei des Eierheiligen dachte, und seine Seele war geruhrt. Es fielen grosse Tropfen.
Noch nicht, sagte meine Mutter zu mir, dein Auge ist noch zu hell. Dies soll das Letzte seyn, damit du die letzten Worte noch im Himmel singen kannst.
Mein Vater ermannte sich nach einer Weile, um mich mit der Stadt Gottes bekannt zu machen. Er hatte einen andern Himmel fur ein Kind, einen andern fur meine Jahre. Wir sprachen viel. Ich fragte ihn so, als ob er schon dagewesen, und er antwortete mir so. Ich will nur etwas anfuhren:
Seine Meinung war, dass die Verwandlung eben so gross nicht seyn wurde. Wir konnen, sagte er, nichts mehr durch ein Seherohr sehen, was wir nicht schon durch's Auge gesehen haben.
In dieser Welt sehen wir in der Ferne eine Menge Menschen wie Dunste aus der Erde steigen, wie Gestrauch im Himmel kommen wir diesem Menschenklumpen naher, wir kennen sie, wir geben ihnen die Hand; indessen blieb uns wohl auch in der Welt ein Haar auf ihrem Haupte verborgen? In der Welt ist alles gezeichnet, dort ist's ausgemalt. Was wir hier im Kleinen sahen, geht uns dort im Grossen auf. Was ist in der Welt fur eine Wissenschaft, die nicht schon in unserer Seele lage? Nur Licht hereingebracht und alles ist aufgedeckt der gemeinste Mensch begreift alles, noch mehr, er weiss alles, was du ihm sagest. Gib ihm den ersten Buchstaben, er gibt dir den zweiten. Wir l e r n e n nichts, was eigentliche Wissenschaft, bleibende Kenntniss, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf; und wenn du die Kunstworter von der Sache abnimmst, diese Rustung, die einem kleinen Korper das Ansehen eines Riesen gibt, find'st du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom Kleide absonderst, ist's dem gemeinsten Mann, als hatte er sein eigen Kleid an. Quantum est in rebus inane! Die Gelehrten bemuhen sich weislich, dieses ihr Kunststuck nicht zu verrathen, weil sie damit auf die Markte ziehen, und grosse bunte Zettel drucken lassen, um sich fur Geld zu zeigen.
Ist's denn Wunder, wenn der Gelehrte dem Ungelehrten in der andern Welt nichts nachgeben wird! O ihr Thoren, die ihr glauben konntet, ein Gelehrter wurde dort schon eine hohere Klasse der himmlischen Gluckseligkeit betreten, als ein Bauer. Der letzte wird in Wahrheit nur ein kleines nothig haben, um dem Gelehrtesten gleich zu seyn. Der einzige Unterschied zwischen einem Gelehrten und Ungelehrten in der andern Welt wird seyn, dass der erstere mehr vergessen muss als der letztere, um himmlisch zu wissen, was er weiss; und was ist schwerer? vergessen, was man nicht halb, nicht ganz wusste, oder gleich die Sache beim rechten Ende fassen? Der Literatus (welches in Curland gemeinhin ein g e k a u f t e r Titel ist), wenn ihm auch dieses Diplom seiner Geschicklichkeit wegen ohne Geld und gute Worte zugestanden werden kann, hat nicht Ursache stolz zu seyn, denn der Unwissende unterscheidet sich von dem Wissenden bloss dann, dass dieser s a g e n , a u s s p r e c h e n kann, was beide wissen, und das erste Capitel von dem, was sie beide nicht wissen. Ein schones Buch, das wirklich schon ist, das vom Herzen kommt und zu Herzen geht, was meinst du? Hast du das nicht alles gedacht, was drin steht? Du hast nur eine Kleinigkeit nicht das Buch selbst geschrieben. Du hast nichts gelernt, sondern nur mit diesem Buch Feuer in deiner Seele angefacht.
Mein Vater nahm Gelegenheit diese Satze auf Vernunft und Religion anzuwenden.
Aber die Sprachen, sagte ich, lieber Vater?
Nur eine ist da, und keinem wird ein Wort fehlen. Sieh! wie fein und lieblich ist's, wenn Bruder eintrachtlich bei einander wohnen, wird's von Gedanken und von Worten heissen. Es werden Zwillinge seyn, wie Nachbarskinder werden sie zusammenhalten.
Hier, fuhr er fort, lernen wir Sprachen, um mit der Natur umgehen zu konnen. Wir wollen uns ihr gern bequemen, und da ihre Hofsprache unbekannt ist, halten wir viele Sprachen in Bereitschaft, und kommen, da kein Mensch mehr als Eine Sprache recht wissen kann, mit einem Frachtwagen voll Grammatiken und Worterbuchern, um bei der Konigin Natur, mit Beihulfe dieser Dolmetscher, Audienz zu haben!
Die Natur versteht, wie Gott der Herr, eben so gut deutsch, als griechisch und lateinisch; auch sie will nicht mit Worten, sondern im Geiste und in der Wahrheit verehrt seyn. Eine Sprache ist der Hauptstuhl, das eigentliche Capital, die andern sind die Zinsen.
In dieser Welt sprachst du mit Gott deutsch. Jachnis spricht lettisch mit ihm. Wenn ein Deutscher franzosisch betet, lasst er sich vom lieben Gott franzosische Vocabeln uberhoren. Die letzten Worte sind alle in der Muttersprache, auch die letzten Seufzer so. Da kommt gemeinhin alles an Stell' und Ort. Man sagt sogar, dass sich das ganze Gesicht im Sterben verandere und der Hofmann wie ein anderer Mensch aussehe, und der C a i n ohne Zeichen da lage, alles in Gottes Gewalt.
Zu jeder Sprache, das weisst du, lieber Junge, denn du hast ausser der commandirenden deutschen mehr als eine, gehort eine andere Zunge und ein anderer Mensch. Von der in der andern Welt lasst sich, glaube ich, kein einzig Wort, auch nicht einmal l i e b e r G o t t , mit einer Menschenzunge aussprechen. Da fehlt's am R, am H, am L, und an jedem Buchstaben. Eine Engelzunge ist uns vonnothen.
Meine Mutter sang mitten unter dieser Predigt, da mein Vater Athem holte:
Wie herrlich ist die neue Welt,
Die Gott den Frommen vorbehalt!
Kein Mensch kann sie erwerben.
Doch ist zu jener Herrlichkeit
Auch ihm die Statte zubereit,
Herr! hilf sie ihm ererben.
Einen
Kleinen
Schall von jenen
Freudentonen
Schenk dem Schwachen,
Ihm den Abschied leicht zu machen.
Mein Vater lehrte mich nachdrucklich das Irdische, das Hinfallige, das Hektische in dem grossten Theile der menschlichen Kenntniss, und da er nur ein wenig anhielt, fing meine Mutter wieder an:
Herr! wir wallen sammtlich hier,
Da der Leib uns halt verschlossen,
Bruder! Menschen! was sind wir?
Fremd' und Reichsgenossen.
Unsers kurzen Wandels Lauf
Geht hinauf,
Da wir her entsprossen.
Historie, fuhr mein Vater fort, ist darum gut, damit sich nicht die Kaufleute freuen, wenn Kinder und Narren zu Markte kommen; und Erdbeschreibungen und Reisen zu Wasser und zu Lande und Weltentdeckungen, damit wir uns selbst entdecken und kennen lernen.
Ich lese, das weisst du, sehr gern Reisen, um in mich selbst zu kehren; ich freue mich uber jede neue Volkerentdeckung, weil ich hierdurch den Schlussel zu mir selbst und zu meinem Nachbarn finde. Vom Anbeginn ist's so nicht gewesen, wie es jetzt in der Welt ist.
Meine Mutter hatte vieles in dieser Predigt gefunden, was ihr zu prosaisch war. Ihr Himmel bestand aus einer Schaar heiliger Sanger und Sangerinnen. Da, pflegte sie sonst zu mir zu sagen, werden wir nicht reden, sondern alles wird Musik seyn. Lauter Duettos und Terzetten, Recitative und sie wandte indessen jetzt nur bloss mit dem Kopfe ein, den sie zuweilen von der Linken zur Rechten, wie die meisten Menschen ihre Kopfe zu schutteln gewohnt sind, schuttelte.
Wenn mein Vater nur etwas still hielt, wollte sie kommen, mein Vater griff bestandig plotzlich an.
Es ist ein Gott! deine Seele ist sein Hauch, er ist! er war! er wird seyn! Sein Bevollmachtigter ist das Gewissen. Du fuhlst diesen Machthaber, wenn du ihn gleich nicht siehest, als einen gegenwartigen Zeugen, wenn du im Stillen Gutes oder Boses thust. Er ist mit dir, er geleitet dich, um dich dort als Burger in der Stadt Gottes einschreiben zu lassen mit einem neuen Namen, der uber alle Namen in der Welt ist.
Gottes Gute, seine Gerechtigkeit ist's, dass wir im Tode nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat kein Ende! Neu ist sie am Morgen der Ewigkeit! Welch eine Sonne, die dann aufgeht! Welch ein Wort, Ewigkeit! Etwas ohne Ufer und ohne Grund.
Dort haben wir nicht nothig, uns um einander zu bekummern. Die Eltern brauchen keine Pflege, die Kinder keine Stutze: Ganze wird unser Gegenstand seyn.
Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wird's vollenden in Ewigkeit. Wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, jetzt sehen wir ihn im Spiegel, der seine Welt ist, den er uns vorhalten liess, und da unser Standort dunkel war, sahen wir nur wenig, nur dass er war! Dort werden wir sehen, was er ist!
Selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Sie starken sich durch einen sanften Schlaf zu himmlischen Beschaftigungen, um zu erwachen nach Gottes Bilde. Muss der Mensch nicht hier immer im Streite leben? Seine Tage sind wie eines Tagelohners. Man legt ihn in die Erde, und wenn man ihn morgen sucht, beschamt ihn der Stuhl, wo er sass, das Buch, das er eben gelesen hat, denn er ist dahin; den Sucher ergreift ein Schauder. Heil dem, der in der Jugend vollendet wird! Er kommt froh zum Grabe, wie Garben mit Jauchzen eingefuhrt werden zu ihrer Zeit du wirst liegen und schlafen ganz mit Frieden, denn allein der Herr hilft dir, dass du sicher wohnest
Zu allem diesem sprach meine Mutter den Segen. Empfange, sagte sie mit geruhrtem Herzen, hierauf den Segen des Herrn:
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht uber euch und sey euch g n a d i g ! und da kein Chor antwortet, setze ich, sagte sie, selbst hinzu: Der Herr erhebe sein Antlitz auf uns und gebe uns seinen Frieden, Amen!
Sie sprach diese Worte mit einer so zuversichtlichen Segensstimme, dass meine Seele das Licht sah, das mir leuchten sollte bei dem schrecklichen Todesgange, und die Hulfe empfand, die mir helfen wurde bei dem allerletzten letzten Todesstoss.
Kaum hatte sie ihn aber mit Herzen, Augen, Mund und Handen ausgesprochen, ihr Auge war gen Himmel gerichtet, ihre Hande hatte sie auf mich gelegt kaum hatte sie Amen gesagt, so ward sie des Segens wegen verfolgt, weil der Candidat mit den langen Manschetten, der vor vieler Zeit, wie meine Leser sich erinnern werden, einen kalekutischen Hahn verzehren geholfen, wahrend des Segensspruchs ins Zimmer getreten war. Es war dieser gute Mann in der Bauskeschen Prapositur, welche, so wie die Seelburgsche, den dreigliedrigen Segen angenommen hatte.
Der Herr Superintendent Alexander Graven, unter dessen Regierung, wie meine Mutter zu sagen pflegte, ich leider! das Licht der Welt erblickt, hatte im Jahr eintausend siebenhundert und achtzehn den dreigliedrigen Segen eingefuhrt; indessen blieb meine Mutter, so wie beim alten Kalender, so auch beim alten Segen, wenn er gleich ein Glied weniger hatte.
Meine Mutter, die, wie Brutus, nicht mehr auf den Sohn ihres Leibes, sondern auf's Unsichtbare und Allgemeine, und was noch mehr war, die Ehre der Kirche und ihre Ordnung sah, gerieth in P a u l E i n h o r n s c h e n E i f e r , sprach wider die Regierung, nicht des Herzogs Ferdinand, sondern des Graven, argerte sich, dass ich und er Alexander hiessen.
Er, weil ein wurdiger Einhorn so geheissen.
Ich, weil man ausser vielen andern Bedenklichkeiten, die sie hatte, auf den, wie sie sagte, unseligen Gedanken kommen konnte, dass ich von diesem dreigliedrigen Alexander Graven den Namen empfangen haben konnte.
Dem Herrn M. Adolph Grot, Pastor in Windau, der sich des alten Gebrauchs angenommen, setzte sie eine Martyrerkrone auf, und dem Herrn Pastor Christoph Sennert, der des dreigliedrigen Segens wegen Kreuzzuge thun musste, und in gewisser Art Fahnchenfuhrer war, hatte sie keinen Segen auf den Weg gewunscht, wenigstens sollten seine Gebeine nicht im Vaterlande verwesen, welches auch nur, wie sie sagte, zweigliedrig ware: Curland und Semgallen.
Ich will nicht hoffen, dass eben wegen dieses Unsegens (Fluch war es nicht) dieser Gravensche Adjutant unstat und fluchtig geworden, und auch wirklich in der preussischen Grenzstadt Memel sein unruhiges Leben, wiewohl schlusslich, wie Paul Einhorn, sanft und ruhig geendigt hat.
Es wurde kein Segen fur meine Leser seyn, wenn ich ihnen den Streit meiner Mutter und des Herrn Candidaten auseinander setzen sollte.
So viel zur Nachricht, dass dieser Segensstreit in Curland durch den landtaglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreissig, und durch die Verordnung vom neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreissig, in der Art beigelegt worden, dass meine Mutter zwar nach der Zeit einsah, es sollte in Curland nicht mehr zweigliedrig gesegnet werden, indessen was sind Edikte und landtagliche Schlusse dem Gewissen? Sie lebte und starb nach dem alten Kalender und nach dem alten Segen, und wenn sie gleich oft und viel nicht wider den Strom schwimmen konnte, hoffte sie doch, es werde alles ein Ende gewinnen, dass wir's konnten ertragen.
Den Unglaubigen, die vielleicht auf den Gedanken kommen konnten, dass ich ein Mahrlein erzahlet, zur Beschamung, will ich wortlich die segensreiche Verordnung unter die Augen setzen, welche den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreissig in der Residenz Mitau gegeben worden:
"Von Gottes Gnaden Wir Ferdinand, in Liefland, zu Curland und Semgallen Herzog, geben allen Einsassen dieser Herzogthumer zu vernehmen, dass in diesem letzten landtaglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius jetztlaufenden Jahres wohlbedachtig, und alle bisherige Discrepance und angewachsene Streitschriften unter den Geistlichen in diesen Herzogthumern einmal zu heben, den dreifachen Segen beizubehalten und durch Publicationes festzusetzen, beschlossen worden. Dahero Wir denn, kraft dieses unsers Patents, sowohl dem wohlehrwurdigen und hochgelahrten Herrn Alexander Graven, Superintendenti und pastori primario zu Mitau, als allen ehrwurdigen und hochgelahrten Prapositis dieser Herzogthumer, auch sammtlichen ubrigen wurdigen und wohlgelahrten Pastoribus in Gnaden befehlen, dass sie solchen dreifachen Segen, der in verschiedenen Kirchen allhier bereits angenommen, sofort, wo es noch nothig, gleichfalls einfuhren und den zweifachen kunftighin nachlassen mogen. Gewartigen auch ein Gleiches von den Priestern der adeligen Kirchen, und wollen gnadigst, dass zu aller Wissenschaft dieses Patent drei Sonntage nach einander in deutscher und undeutscher Sprache von den Kanzeln verlesen, auch nachgehends ad valvas templi affigiret werden soll. Urkundlich unter dem furstlichen Insiegel und unserer Unterschrift. Gegeben in der Residenz Mitau den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreissig."
Mein Vater, der es bestandig mit dem weltlichen und nicht mit dem geistlichen Arme hielt, mischte sich gar nicht in diesen Segensstreit des Herrn Candidaten und meiner Mutter, obschon ich aus anderweitigen Aeusserungen weiss, dass er's dem Herrn Superintendenten nicht verzeihen konnte, dass derselbe eigenmachtige Veranderungen zu machen sich unterfangen hatte. Er war so gleichstimmig mit der wohlgebornen Ritter- und Landschaft, dass man glauben sollen, er selbst hatte den landtaglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreissig entworfen, den ich meinen Lesern aber nicht vor die Augen stellen will.
Jetzt war mein Vater wahrend dem Segensrauch ganz still und blickte zuweilen auf mich, seinen zweigliedrig eingesegneten Sohn. Da es sich zum Waffenstillstande anliess, der dem Herrn Candidaten um so rathsamer war, als er wahrend dem Streite fallen lassen, dass er heisshungrig sey, indem invita Minerva wohl schwerlich ein kalekutischer Hahn wieder sein Theil geworden ware.
Da, sag' ich, der Herr Candidat ins Winterquartier zog, nahm mein Vater das Prasidium bei diesem Disputationsactu und sagte etwas, was weder den Opponenten noch Respondenten traf.
Von Gott, fing er an, kommt aller Segen. Meine Mutter nahm dies Wort; wollte Gott, sagte sie, Sie hatten Segen fur meinen Sohn mitgebracht!
"Hier ist ein Brief von Doktor Saft und er selbst wird auch noch heute hier seyn."
Er lebt? sagte meine Mutter.
Und ich zu gleicher Zeit: er lebt! indessen setzte ich noch das Wort a l s o hinzu. Wir hatten auch fragweise: lebt er? die Sache nehmen konnen, und ich hatte das also alsdann vielleicht gespart; indessen, wollten wir ohne Zweifel den Accent auf Er legen, und es war ein Frag- und Verwunderungszeichen bei den Worten: er lebt! an Ort und Stelle.
Der Candidat, der nicht zu wissen schien, ob vom geistlichen oder leiblichen Leben die Rede ware, zog seine Handblatter weiter heraus, denn diese Frage war ihm in alle Wege so besonders, dass er die Antwort hervorziehen musste.
Meine Mutter kam ihm entgegen und setzte die Frage durch eine andere ins Licht.
Ist er nicht todt? und nun waren die Manschetten heraus und die Antwort:
"Ich habe ihn frisch und gesund gelassen "
Und woher todt? fragte mein Vater.
Diese Frage befremdete meine Mutter noch mehr, als ihre und meine Frage den Herrn Candidaten. Sie wollte indessen meinen Vater keiner Luge beschuldigen und ihn offentlich beschamen.
Mein Vater las den Brief und sagte mit einer Stimme: a u ss e r G e f a h r , dass es mir auffiel, mein Leben sey ihm nach den verbrannten Papieren gleichgultiger geworden. Es war ihm so, als wenn ein Sterbender eine Pension bekame, auf die er zwanzig Jahre gehungert, oder wenn jemand, dem alle sein jetziges und kunftiges Habe und Gut heut confiscirt ist, morgen hundert tausend Dukaten durch einen Rechtsspruch gewinnt.
Ich habe es oft erlebt, dass der beste Freund, wenn er seinen sterbenden Jonathan beweint hat, im Anfange gleichgultig ist, wenn er hort, dein Freund Jonathan lebt. Er schliesst nach seinem erlittenen, nach seinem uberwundenen Schmerze auf den, der ihm noch bevorsteht. Bei meinem Vater wie oben.
Welch eine Veranderung bei ihm! welch eine bei mir! Meine Mutter blieb, wie sie war; ich fuhlte mich die Minute besser, da diese Worte ausgesprochen wurden. Es war Schlag auf Schlag. Die Krankheit hatte mich schon vorher verlassen, nur ich nicht die Krankheit. Ich getraute es mir nicht zu glauben, dass ich gesund ware. Lieber Herr Candidat, Sie hatten, unter uns gesagt, den Segen zuletzt lassen sollen, wie es Sitte in der Christenheit ist.
Warum soll ich's laugnen, dass mir jetzt mein letzter Wille zusammt dem Codicill, in Absicht M i n c h e n s , herzlich leid zu thun anfing; ich mochte wissen, was die Ursache war? Ich wurde Mal auf Mal im Bette blutroth, als wenn mir das Gewissen ins Gesicht sahe. Um alles in der Welt willen hatte ich das Testamentum nuncupativum zuruck gehabt.
So gern meine Mutter es wissen mochte, wie das ganze Briefmissverstandniss entstanden ware, unterfing sie's doch nicht, die Auflosung in des Candidaten Gegenwart abzufragen. Die verfluchten Briefe! uberall, wo sie sind, sind Falten und Verwicklungen! Spitzet nicht eure Federn, Kunstrichter, wenn sie in Romanen und auf dem Theater grosse Rollen spielen. Es ist wahr, sie sind der f a u l e K n e c h t fur unsere Theaterdichter, denn wo wurden sie ohne Briefe einen gordischen Knoten hernehmen? Und wie wurden sie die Knoten so alexandrisch, als durch eine Antwort auf diesen Brief entzweihauen? Allein, siehe da! wie die Natur spielt, auch in einer wahren Geschichte ein Brief! und gewiss nicht der letzte.
Die blanken Nagel waren mir nicht mehr im Wege, ich bekam Appetit, eine von den Wursten zu essen, die meine Stelle vertreten sollten.
Aus dem Bette, sagte mein Vater, wenn du essen willst! Kein Mensch muss im Bette essen und trinken. Es ist schon zuviel, dass man darin schlaft oder stirbt. Wer auf der Erbe stirbt, stirbt auf dem Bette der Ehren. Er nimmt's mit der Krankheit auf.
Da stand ich, wie mich Gott geschaffen hat, bis auf's Hemde
Obgleich meine Mutter es gern gesehen, wenn ich der Krankheit standeshalber das Geleite gegeben, ubersah sie dennoch diese Sunde wider die Etikette, um vielleicht meinen Vater zur Erkenntlichkeit in Beschlag zu nehmen, welche darin bestehen sollte, dass er ihr zu seiner Zeit das Geheimniss des Briefes und der Feuersbrunst entdecken mochte. Ich glaub's schwerlich, liebe Mutter, wenn du nicht durch die Kunste der Palingenesie
Der Doktor fand mich beim Geraucherten, und das war meinem Vater gewonnen Spiel. So, sagte er, sollte der Doktor jeden treffen; gelt! wir wurden weniger Patienten und mit Erlaubnis Herr Doktor weniger Doktores haben. Der ehrliche S a f t schamte sich, dem Puls die Hand zu geben. Nach einem Bedenken nahm er sein ganzes Doktoransehen zu Hulfe, fuhlte wirklich Schande halber nach dem Pulse, indessen that er's verstohlen und so ungefahr, als ein hochwohlgeborner Herr, wenn er eines ehrlichen Burgers Tochter geheirathet, seinem Herrn Schwiegervater die Hand gibt. Ich r i ss m i r d i e H a n d l o s , um das abgeschnittene Stuck an seinen Ort zu stellen. Der Herr Schwiegervater sollt's auch so machen.
Warum aber Gerauchertes? fragte der Doktor. "Weil er's gewollt" (mein Vater und meine Mutter). Hierin war meine Mutter mit meinem Vater gleichlautend, denn sie hatte Beispiele, dass viele Leute mit Sauerkraut von hitzigen Fiebern, und kalten Fiebern, und faulen Fiebern, und Flussfiebern, und Seitenstechen, und Entzundung der Lunge, und Entzundung der Leber, und Entzundung des Gekroses, und Frieseln und Schlagflussen, und Herzgespann und vielen Suchten und Gichten kurirt waren. Die Stimme des Magens war ihr eine heilige Stimme.
Der Doktor Saft und sein Freund, der Herr Candidat, fanden fur gut, drei Tage bei uns zu bleiben. Ich will nicht hoffen, Herr Candidat, um auch hierin dreigliederig zu seyn! Meiner sonst gastfreien Mutter waren sie unausstehlich, denn sie ward wegen des Briefstaubes durch die Gegenwart entsetzlich gemartert. Es zog der Doktor Saft wahrend dieser drei Tage mit andern Leuten in der Nachbarschaft Schach, und war frohlich und guter Dinge, als ob er immer gewonne.
Schon ehe der Doktor angekommen war, hatte mein Vater den Staub, der mich am allerersten als seines Gleichen bewillkommen sollte, in weisses Papier eingesargt; ich glaube, es war ein grosser Bogen Postpapier, weil, wenn gleich die Thranen nicht alles zuruckhalten konnen, und vieles in die Luft gesprengt war, doch immer von einer Handvoll Papier ziemlich viel geweihete Asche zuruckbleiben musste.
Es schien mir indessen, da ich zusahe, dass mein Vater diese Asche nur vorderhand in sein Nussbaumschrankchen beisetzte, weil der Paradesarg noch nicht fertig war.
Kaum hatte der Doktor, der unvermuthet nach drei Tagen zum Uhrwerk eines andern Pulses zu reisen nothwendig fand (sonst war' er langer geblieben), mit seiner Hand meinem Vater und Mutter zum letztenmale einen Kuss zugeworfen und sich tief herausgebogen, kaum war er ihrem Auge entfahren (der Candidat, sein Freund, war eine Stunde fruher ohne eine solche feierliche Begleitung und ohne einen Kusswurf abgereiset), fing meine Mutter an:
D e r B r i e f Um Verzeihung, liebe Mutter! warum? S c h a c h d e m K o n i g e ! warum gleich mit dem Hauptworte? Eine Hauptschlacht ist bei einer solchen Gelegenheit nicht immer das rathsamste. Warum so geradezu und nicht durch ein Strategem? Fur Helden, die in einem Jahre die Geographie so unbrauchbar machen konnen, wie den vorjahrigen Kalender, ist freilich kein Strategem; eine liebe Frau Pastorin aber, die keinen Beruf zur Amazonin hat, kann den Vogel im Neste greifen.
Was fur ein Brief? erwiederte mein Vater. Mich dunkt eine schlechte Deckung auf Schach dem Konige. Meine Mutter war auf diese Frage unvorbereitet, indessen verlor sie noch nicht den Muth; sie hatte Hulfsvolker in Bereitschaft.
Den du eingeaschert hast, sagte sie, und setzte in einem Tone: m e i n K i n d , dazu, dass man wohl einsah, wie sie, wenn es nicht anders ware, auch zum edeln Frieden bereit sey. Noch streckte sie indessen nicht das Gewehr. Ich hielt ihn, sagte sie, fur einen Brief vom Herrn Doktor Saft (sie nannte ihn Herr, welches sie mit Anwesenden selten that, es ware denn, dass sie vom Herrn Superintendenten gesprochen hatte; auch die Herren Praepositi hatten schon diesen Vorzug, nur der Bauske'sche und Seelburg'sche ausgenommen, die Dichter hatten alle Herr).
Dieser Brief hat uns alle in Unordnung und Verwirrung gebracht. Ich dachte, Saft sey todt.
Du hast unrecht gedacht, mein Kind.
Aber der Brief, sagte meine Mutter. Sie war einmal in Unordnung, und wie eine Uhr, die unrichtig ist, so lang von eins bis zwolf immerfort schlagt, bis das Gewicht abgelaufen ist, war auch sie mit ihrem: d e r Brief.
Glaube mir, mein Kind, erwiederte mein Vater, es gibt nicht Aerzte, Wundarzte gibt's hier und da einen. Hier folgte ein langes Kapitel fur und wider die Aerzte, wodurch meine Mutter in eine solche Enge gebracht wurde, dass sie nicht aus noch ein wusste. E h r e d e n A r z t , sagte sie in der Verwirrung; allein welch eine allgemeine Ursache? erwiederte mein Vater; d e n n d e r H e r r h a t i h n g e m a c h t . Wenn dem Arzte keine andere Ehre zukommt, so sind sie eben nicht hochgeehrt! Was thun sie auch? Sie sind unsere Peiniger. Sie suchen eine Ehre darin, dass wir durch ihre und nicht durch die Hand der Natur sterben. Sie sind privilegirte Giftmischer und subtile Todtschlager, die ein Recht promovirt haben, todten zu konnen; und wenn's ihnen gluckt, wenn sie einen Menschen auf ein halb Jahr befristen, ist's ein Mensch? eine Missgeburt ist's, ein im Reich der Todten Angeworbener. Wer einen Arzt annimmt, hat vom Tode Handgeld genommen. Aerzte sind seine Werber! Mein Vater sprach den Recepten Ehre und Redlichkeit ab. Hatte die Natur nicht gemischt, wenn die Mischung nothig gewesen? Er wollte, dass man den Aerzten den Proviant abschneiden und die Apotheken zerstoren sollte. Den Arzeneien aus dem Pflanzenreiche liess er Gerechtigkeit widerfahren. Wenn ein Arzt, fuhr er fort, krank wird, kurirt er sich nicht selbst, sondern ersucht seine Herren Kollegen, S t a n d r e c h t uber ihn zu halten. Er selbst weiss wohl, dass er nichts weiss; indessen mit der Kunst geht's ihm wie einem Lugner mit der Luge, die er oft und viel fur Wahrheit ausgegeben wie einem Schwarzkunstler. Der Arzt halt die Kunst am Ende selbst fur Wahrheit, und denkt, die Unwissenheit hab' an ihm gelegen. Ein kranker Arzt schickt also zu andern Aerzten, und diese, wenn gleich sie den Kranken wegen seiner zeither geleisteten vielen Wunderkuren, wodurch er sie bei weitem ubertroffen, von Herzen beneiden, denken doch, heute mir, morgen dir! und wurden dem Herrn Kollegen gern helfen wenn sie nur konnten. Wenn die Natur sich selbst nicht mehr helfen kann, ich mochte den Arzt sehen, der Naturstelle vertreten konnte? Wie kann er den Weg wissen, den die Natur will? Geht sie zur Rechten, so will er zur Linken. Geht sie zur Linken, will er zur Rechten, und am Ende da sie sieht, man traue ihr nicht, man haue sich Brunnen, wo kein Wasser ist, wird sie der Nekkerei uberdrussig, und diess ist das Gericht der Verstockung im leiblichen Sinn. Am Ende weiss er, was Wie meiner Mutter bei allem diesem zu Muthe geSie wollte indessen noch einmal eine Schwenkung So oft mein Vater dieses Gesicht machte, blieb indessen hatte das linke Auge meines Vaters getroffen. Arme Mutter! wenn du nur besser angefangen hattest. Warum eben "der Brief!"
Kurz, meine Mutter erfuhr nicht, wo der Brief herkame, und wie's mir vorkam, konnte sie auch nicht einmal auf Spuren kommen; so total war sie aufs Haupt geschlagen. Sie zog ohne Ehrenzeichen aus ihrer Festung, ohne Unter- und Obergewehr, ohne klingendes Spiel, ohne fliegende Fahne, brennende Lunten, Kugel im Munde, und ohne zwolf Schusse fur ihr Gewehr, grosses und kleines
Ich aber war vollig bei mir uberzeugt, dass dieser Brief daher kame, wo man die Spargel fruher als in Curland isst, gleich fruher in der freien Luft eine Pfeife raucht, den Wein mit der Hand aus der Quelle trinkt, und lange Manschetten tragt.
Wenn man die Augen zuhalt, kann man genauer und richtiger uberlegen. Zum Erfinden muss man sehen, zum Anordnen kann man blind seyn. Ein grosser Kopf, der sehen und blind seyn konnte, wenn's die Umstande erfordern, musste grosser als H o m e r werden.
Die Umstande, die mein Vater mit dem feierlich verbrannten Briefe machte, und andere wahrend meiner Krankheit von ihm verstreuten Worte, brachten mich auf den Gedanken, dass er von seiner Familie schlechte, unerwartete Nachrichten erfahren haben musste. Mehr unbekannte Zahlen konnt' ich aus den gegebenen nicht heraus bringen, und gewiss, ich war weiter als meine arme Mutter, die noch nicht einen Finger breit naher vorrucken konnte, als sie ausgezogen. Meine Besserung indessen vergnugte sie so sehr, als sie meinem Vater gleichgultig schien.
Kaum war ich gesund geworden, so ermahnte mich mein Vater, dass ich mich auf die Theologie legen und mehr Fleiss als zeither darauf verwenden mochte. Ein Geistlicher, fing er an, ist der glucklichste Mensch in der Welt. In seiner Seele ist bestandig Fruhling, wo es weder zu kalt noch zu warm ist. Die Leidenschaften kommen nie bei ihm in gewaltige Bewegung. Dinge der Zukunft sind seine Beschaftigung, und ein Mensch, der nicht von Stande ist, kann keine bessere Lebensart als diese ergreifen, wobei er hoffen lernt. Er beklagte, dass er keine Gelegenheit gehabt, die Grundsprache ex professo, wie er sagte, zu erlernen, segnete das Andenken des Conversus, der ihn judischdeutsch gelehrt hatte. Wenn's auch nur ware, weil der Herr und Meister unserer Religion die hebraische Sprache geredet hatte, sollten wirs thun (namlich hebraisch lernen) zu seinem Gedachtniss.
Wie vergnugt meine Mutter uber diese theologischen Anstalten war, kann man sich sehr leicht vorstellen. Sie dachte nicht weiter an meines Vaters Vaterland, noch an den eingeascherten Brief.
Lobt Gott mit Herz und Munde
sang sie, und mein Vater sang den andern Diskant:
Fur das er euch geschenkt;
Das ist ein' sel'ge Stunde,
Darin man sein gedenkt,
Sonst verdirbt alle Zeit,
Die wir zubring'n auf Erden,
Wir sollen selig werden
Und bleib'n in Ewigkeit.
Wie sehr sich alles im Pastorat nach diesem anderte, kann ich nicht beschreiben. Gegen die vorige Zeit war kein Stein auf dem andern. Alexander und Darius ward nicht mehr gespielt.
Mein Vater, der sehr fur die Q u e l l e n war, lehrte mich die christliche Religion aus der Bibel, die wenigsten lernen sie draus, pflegte er zu sagen. Das, was dir abgeht, fuhr er fort, werden dir die Schriftgelehrten beibringen. Er schien selbst nichts mehr zu wissen, als was die Fulle seines Herzens und eine andachtige Lesung der heiligen Schrift in ihm gewirkt hatte.
Von seinen vorigen Heldenthaten blieb ihm noch ein gewisser Ausdruck; er nannte ihn adelich er war feierlich dem Gedanken treu und nicht jedermanns Ding. Dem Adel und dem weltlichen Arm blieb mein Vater getreu bis in den Tod. Ich nahm taglich in Kenntnissen der Schrift zu, wenigstens war mein Herz ein Schriftbefolger. Meiner Mutter zu gefallen, musste ich meines Vaters Kragen anlegen, und ein andermal seinen Mantel, und dann wieder ein anderes geistliches Kleidungsstuck anpassen, damit sie sahe, wie es mir liesse. Eines Tages, da mein Vater viel Beichtkinder hatte, und ich meiner Mutter zu Ehren bis auf die neue Perucke meines Vaters zum Geistlichen investirt war, fing der Gedanke, der schon oft wie die Sonne auf- und untergegangen war, hell zu scheinen an. Ist es denn nicht moglich, sagte sie, dass ich dich, ehe du auf Universitaten ziehest, predigen horen kann?
Die Brodstudien haben mit den Handwerkern alles nur mogliche gemein, und meine Mutter hatte nicht ganz Unrecht, dass sie auf ein Gesellenstuck bestand, ehe ich losgesprochen werden sollte. Es war ausgemacht, dass ich uber einige Zeit als Geselle auf meine Kunste und Wissenschaften reisen, oder, wie man es in Curland nennt, a u s r e i s e n und das Haus meines Vaters verlassen sollte. Mein Vater war einen Sonntag gegen Abend recht vergnugt, und uberhaupt pflegte er nach abgelegter Sonntagsarbeit, wie ein Taglohner alle Abend ist, zu seyn. "Das," sagt' er selbst, "hat ein Taglohner vor mir voraus, dass er so alle Abend ist; allein meine Freude ist eine Sabbathsfreude."
Dieser Sonntagsfreude bediente sich meine Mutter, die ihm um diese Zeit die Gesichtsbewegungen seiner Zuhorer zu erzahlen pflegte, die sie bei dieser oder jener Stelle seiner Predigt bemerkt hatte.
Was denkst du, mein Lieber! fing sie an, war' es nicht gut, dass unser Sohn Alexander Einhorn (Alexander sagte mein Vater), ehe er uns verlasst, eine Predigt hielte? Eine Predigt? sagte mein Vater, und schwieg stille, nicht aber, als ob er abbrechen wollte, sondern weil er sich nicht so geschwinde auf eine Antwort besinnen konnte. Da nun meine Mutter sein Stillschweigen eben so verstand, klopfte sie zum andernmal an, und balgte sich mit allen Zweifeln meines Vaters, die ohnedem alle sehr leicht nachgaben, weil er selbst keine Lust zu zweifeln hatte. Der alte Herr beging hiebei einen tuckischen Streich, denn da ihn meine Mutter uber diese Sache ebenfalls zum Vertrauten gemacht hatte, schlug er ihr den f u n f t e n V e r s aus dem z e h n t e n K a p i t e l des z w e i t e n B u c h s S a m u e l i s zum Text vor. "Ich will's vortragen, Herr Cantor Herrmann," sagte sie. Sie hielt Wort, und da man nachschlug, fanden sich die Worte: "bleibet zu Jericho bis euch der Bart gewachsen ist, so kommet dann wieder;" das war gewiss mehr als eine Schneidernadel! Dominica III. post Epiphanias ward beschlossen, dass ich Dominica Judica meine erste Predigt in unserer Dorfkirche ablegen, oder, wie es meine Mutter in der Sprache ihrer Ahnherren nannte, m i c h h o r e n l a s s e n s o l l t e . Ich entwarf die Predigt selbst, mein Vater gab das Imprimatur, nachdem er sie befeilt hatte. Meine Mutter sonderte mir die Lieder aus. Dieses macht' ihr viele Muhe. E i n L i e d war um einen Vers zu lang, e i n a n d e r e s war wieder um einen zu kurz; bei manchem war die Melodie nicht der ersten Predigt angemessen, bei noch einem war noch was anderes zu bedenken: endlich getroffen. Ich habe den sehr bescheidenen Autorausdruck: b e f e i l e n , gebraucht, die Wahrheit aber zu gestehen, that mein Vater mehr. Ich hatte den Styl so sehr von den Feldreden beibehalten, dass alles Trommel und Trompete war, und zum Kammerton herabgestimmt werden musste.
Bei der Nutzanwendung z.E. gab ich Kanonenfeuer auf die Sunder, ich versicherte sie, dass sie im Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brennt, o Solon! Solon! rufen wurden. Den Pech und Schwefel strich mein Vater, und setzte: in den Flammen des Gewissens. Den Solon, Solon liess er stehen.
Die ersten vierzehn Tage erzahlte meine Mutter mir vielerlei Begebenheiten, die ihren verstorbenen Hochwohlehrwurdigen Ahnherren begegnet, und durch die Tradition bis auf den heutigen Tag unverloschen bei der Familie geblieben waren. Ein Literatus hatte namlich sehr pathetisch seine heilige Rede angefangen, allein er ware gleich beim ersten Theile in die Irre gerathen. Mein seliger Aelter- oder Grossvater hatte ihm lateinisch zugerufen: ab initio (von vorn) und der Literatus ware wieder nur bis auf diese ungluckliche Stelle, wo er schon einmal den Faden verloren, gekommen. Noch einmal horte der nun Trostbange die Stimme ab initio, und da er wieder diese ungluckliche Stelle beruhrte, fiel (meine Mutter sagte diess mit vieler Theilnehmung) ihm das A m e n zu rechter Zeit ein. Das Dorf, welches das ab initio fur b r a v o ! gehalten, hatte dem Herrn Candidaten, der aus Angst gewaltig geschwitzt, das Zeugniss beigelegt, lange keine so gute Predigt gehort zu haben.
Ein andrer Candidat hatte aus Angst die Kanzel verfehlt, und anstatt beim letzten W i r g l a u b e n a l l ' auf die Kanzel zu steigen, war' er geradezu aus der Kirche gegangen. Mein lieber Herr Grossvater hatte also ex tempore seine Gemeine bewirthen mussen. Ein dritter hatte die vierte Bitte zweimal gebetet, woraus man geschlossen, dass er zwei Magen hatte. Noch ein dritter hatte, und diess schien ihr die traurigste Begebenheit zu seyn, das V a t e r U n s e r nach der Predigt zu beten vergessen. Der arme Mann! Er hat keine Kanzel weiter bestiegen. Dein lieber seliger Grossvater rieth ihm zu einer andern ehrlichen Handthierung, indem derjenige, der vergasse das Vater Unser auf der Kanzel zu beten, mit Zuverlassigkeit es als ein Omen ansehen musste, dass er nie mit Ruhm in den Priesterorden aufgenommen werden konnte.
Endlich war' es einem in der Predigt vorgekommen, der Herr Pastor, der mit ihm in die Kirche gekommen, sey in ein Bildniss, wie Loths Weib in eine Salzsaule, verwandelt. Die Geschichte verdient gelesen zu werden, obgleich sie nicht in der Familie meiner Mutter sich begeben hat. Der Herr Pastor hatte sich bei lebendigem Leibe in Lebensgrosse malen lassen, und dieses Bild war so getroffen als die Trauben des Z e u x i s , welche die Vogel lustern machten. Der Herr Pastor war da mit Leib und Seel.
Damit ich meinen Lesern die Bemerkung meiner Mutter nicht verhalte, so kam die Ehre der Aehnlichkeit nicht dem Kunstler, sondern dem Herrn Pastor zu. Er hatte etwas im Gesicht von Karl XII. und Martin Luther, die jeder Topfer trifft, wenn er sie auf den Teller hinwirft, und die der liebe Gott mit einem besondern Gesicht ausgerustet hat. Ich, sagte sie, mochte sie treffen, obgleich ich nicht weiss, was ein i-strich in der Malerei ist.
Beim zweiten Theil fallt dieses Bild dem armen Candidaten ins Auge. Wer eine Predigt im Kopfe hat, und zum erstenmal pro candidatura sich horen lasst, kann nicht alle Ideen in ihre rechte Facher bringen. Ein Duodezbandchen kommt dann wohl zum Folianten zu stehen. Dem armen Mann kommt's vor, er sahe ein Gesicht, er wird bleich, und mit den Worten: Herr Pastor, Herr Pastor, Herr Pastor, die immer schwacher nach dem Grade der Ohnmacht werden, fallt er ruckwarts von der Kanzel. Doch Gottlob! setzte sie hinzu, ohne sich weiter am Leibe Schaden zu thun.
Die Woche vor der letzten liess meine Mutter nach, ihre Gespensterhistorchen zu erzahlen.
Ich wusste die Predigt ganz fertig und war gezwungen, aus kindlicher Liebe, wiewohl gegen ein schones Stuck geraucherten rohen Schinken pro honorario, gerad' unter dem schon genug gepriesenen Bildniss, das ich mit Ehren dem Himmel zugebracht, Probe zu halten.
Dieser Ort war K e b l a fur meine Mutter. Nach meiner Meinung war dieses eine Goldprobe. Bin ich hier bewahrt und komm' ich in der Speisekammer nicht aus dem Concept, wo mich der Geruch auf allerlei Dinge fuhrt, wird es in der Kirche noch besser zum Amen kommen. Es ging in der Speisekammer alles bis in den dritten Theil gut. Da warf der Wagen um. Meine Mutter fiel nicht mit ab initio ein; allein nach glucklich erreichtem Ende sagte sie mir im Vertrauen, dass mein Vater weit besser gethan haben wurde, es bei drei Theilen bewenden zu lassen. Er hat ja selbst, setzte sie hinzu, im vorigen ganzen Kirchenjahre nur ein einzigesmal vier Schusseln oder Theile aufgetragen. Indessen war der vierte Theil so wenig Schuld daran, als ich mein Schnupftuch zu Hulfe nehmen und husten musste, dass mich vielmehr der angenehme Rauchgeruch aus der Fassung brachte. Ich besann mich bald wieder, und meine Predigt kam in der Speisekammer mit vielem Beifall zum Ende. Meine Mutter hatte herzlich geweint. Wie ich die Sunder anredete, musste ich das Gesicht gegen die weissen Erbsen wenden (sie waren dieses Jahr sehr wurmstichig). Sobald ich aber von diesen auf die Frommen kam, die ich in meiner Predigt meine Bruder nannte, musst' ich das Gesicht m e i n e r M u t t e r zukehren, welche anfanglich durchaus verlangte, ich sollte auch m e i n e S c h w e s t e r n dazu setzen, bis ich sie durch die heilige Schrift selbst auf andere Gedanken brachte. Sie umarmte und segnete mich, wiewohl wieder zweigliedrig mit beiden Handen, so dass jede Hand ein Segensstuck sich zueignete. Die Zeit der Ernte ist vorhanden! sagte sie, weisst du noch, was ich dir hier an dieser heiligen Statte gewunscht habe? Meine Ermahnungen sind auf ein gut Land gefallen.
Ueber diese Zuruckerinnerungen bei diesem Erntefest vergass ich das Stuck rohen Schinken, welches mir meine Mutter fur diese Cabinetspredigt versprochen hatte. Sie selbst hatte bei der in der Speisekammer genossenen Seelenspeise den Leib ganz und gar vergessen. Ich habe indessen diese Schuldpost mit Zinsen usque ad ultimum solutionis momentum zuruckerhalten. Die ganze letzte Woche vor der Predigt wurde von meiner lieben Mutter so wie der heilige Abend vor einem der drei hohen Feste angesehen. Sie feierte Weihnachten, Ostern, Pfingsten meinetwegen auf einmal, und alles ging auf Zehen. Am Freitage fuhrte mich mein Vater zwischen zehn und eilf des Abends in die Kirche, und setzte mich mit meiner Mutter, die eine kleine Laterne in der Hand hielt, in seinen Beichtstuhl. Ich wurde durch diesen Schein der Lampe in ein so heiliges Feuer gesetzt, dass ich meine Predigt mit einer solchen Ruhrung ablegte, als ich bei der ordentlichen Ablegung nicht empfand, bei welcher ich nur auf die Gesichtszuge dieses oder jenes merkte, und insbesondere nicht vergass auf Nr. 5 zu sehen, wo mein liebes Minchen sass.
Im Vorbeigehen will ich bemerken, dass wenn gleich Minchen aufgehort hatte die konigliche Prinzessin und ich Alexander zu seyn diese alte Liebe, wiewohl unter anderm Namen, fortgelodert habe.
Mein Vater war ausserordentlich mit dieser Predigtprobe zufrieden. Predige, so lange du lebst, mit einer solchen Ruhrung, mit einem solchen Gott ergebenen Herzen, sagte er, so wirst du dir und denen nutzlich werden, die dich horen.
Diese Probe in der Kirche war inzwischen, so spat sie auch anfing, einem Paar Leuten aus unserm Dorfe nicht entgangen. Die Laterne in der Hand meiner Mutter hatte einen solchen Wiederschein geworfen, dass in der ganzen Gemeine das Gerede ging, es wurde sich ein bedeutender Todesfall ereignen, welches auch nach einer geraumen Zeit durch das Ableben eines Cavaliers unsers Kirchspiels und der Frau des alten Herrn in Erfullung ging.
Am Sonnabende vor der ersten Predigt war im Pastorat alles so feierlich still, als es noch nie gewesen; meine Mutter sagte selbst, "wie vor der Erschaffung der Welt." Meine Mutter hatte die Lieblingsschusseln auf den andern Tag fur mich bestellt, und entdeckte mir wohlbedachtig schon Sonnabends am Huhneroder Polterabend, womit sie mich Sonntags erfreuen wurde. Auch der liebe Gott, setzte sie hinzu, erfreut seine Kinder in dieser Welt mit leiblichen Gaben. Wer am ersten nach seinem Reiche trachtet, erhalt diese Zugaben und empfahet sie mit Danksagung und Wohlgefallen.
Bald hatte ich einen Zug vergessen, der mir sehr ruhrend und eben so lacherlich vorkam. Ungefahr um eilf Uhr in der Nacht auf den Sonntag, da meine Mutter in der festen Meinung war, ich sey schon eingeschlafen, kam sie in meine Kammer, und nachdem sie das Concept zu meiner Predigt sehr andachtig aus der Bibel genommen, legte sie's mir unters Kopfkissen, murmelte einige mir unverstandliche Worte und ging davon. Schon war ich im Griff nach der Hand dieser lieben Mutter, um sie zu drucken und zu kussen. Ich konnte diese ich will sie Brautnacht nennen, nicht schlafen, und war also ein Augenzeuge von diesem Vorgange, wenn ich gleich meine Augen bis auf ein kleines Ritzchen verriegelt hatte.
Des Morgens erfuhr ich den Aufschluss dieser Ceremonie, die sich von der Schwester der Mutter meiner Mutter herschrieb, welche behauptet hatte, dass das Concept unterm Kissen sehr das Gedachtniss starke. Ich glaub's nicht, fugte meine Mutter hinzu, indessen ist's in der Familie beibehalten bis auf die vorige Nacht.
Ich hielt meine Predigt mit erwunschtem Glucke, allein ohne Ruhrung, indem, wie ich schon bemerkt habe, mein Auge herum wankte und bei Nr. 5 sich lagerte.
Ich sah ein, was mein Vater oft zu behaupten pflegte. Ein Geistlicher muss wie ein Vater zu seinen Kindern reden. Wenn er sich's aufschreibt, muss er's nicht der Gemeine, sondern seines Gedachtnisses wegen thun. Auch ein Vater macht sich wohl ein Promemoria, wenn er viel mit seinem Sohne zu sprechen hat.
Meine Predigt nannte er eine Kirchenchrie, ein Exercitium, und sehr richtig.
Wer, pflegte er zu sagen, sich ein Gebet auswendig lernt, spottet Gott des Herrn. Entweder muss man gar nicht auf der Kanzel beten, oder man bete nach der gottlichen Vorschrift: "ihr sollt nicht viel plappern." Sonst war mein Vater der Meinung, dass junge Leute nicht eher die mindeste Ausarbeitung machen sollten, als bis sich ihre Seele entfalten konne. In jedem Menschen, sagte er, liegen Zurustungen und Triebfedern zu allen Charakteren. Die erste Schrift die ein junger Mensch entwirft, muss der Kupferstich seiner Seele seyn. Notabene der Kupferstich. Wer die Tropen und Figuren erfand, erfand Masken fur Diebe, Verrather, Morder und Ehebrecher. Man schreibt s i c h jetzt nicht aus, wenn man schreibt, sondern man hat eine Vorschrift. Auf die erste Predigt ist wenig von dem, was ich gesagt habe, zu deuten. Schwerlich, wenn sie auch ohne Lineal gemacht wird, kann daraus mehr erhellen, als ob der junge Mensch zum Gesetzoder zum Evangelienprediger gedeihen werde.
Meine Mutter hatte gern gesehen, wenn ich ein Paar Verse nach mutterlicher Weise eingewirkt hatte, allein es ging ihre Meinung nicht durch. Warum predigt man denn nicht mitten im Liede? fragte mein Vater. Meine Mutter konnte nichts dagegen singen.
Alles, was man wunschen konnte, wunschte mir Gluck, nur M i n c h e n nicht, diese ging aus Nr. 5, als ob sie nichts gehort hatte. Ihr Scherflein, ein verstohlener Blick, galt aber mehr, als alle ubrige klingende Munze. Sie hatte mich nach dieser Predigt noch lieber als ehemals, ohne dass ich einsehen konnte, was eine Predigt auf die Liebe fur einen Einfluss haben konne.
Nach der Zeit erklarte ich mir dieses Rathsel. Das Frauenzimmer liebt Leute, die offentlich reden und Geschafte treiben; vielleicht weil es Herzhaftigkeit verrath, vielleicht weil die Ehre, die auf den Verehrten fallt, auf sie zuruckprallt. Kurz ich gewann bei M i n c h e n . Ich hatte sie in der Predigt angesehen, ich hatte Gott in der Kirche (so kam es ihr vielleicht vor) hierdurch zum Zeugen unsrer Liebe angerufen. Wir waren nur eine Seele vor der Predigt, nach der Predigt war ich der Mann ihrer Seele und sie das Weib der meinigen. Im Kussen kamen wir uns nach dieser Predigt oft auf dem halben Wege entgegen, an mehr dachten wir beide nicht.
Der alte Herr wollte wieder mit einem Spruch bei meiner Mutter gut machen, was er mit einem Spruch verdorben hatte. Man kann vom jungen Herrn, versicherte er, nicht sagen, was man vom Herrn Pastor in sagte, der die Gemeinde von seinem Herrn Vater erbte, und mit ihr des Vaters Concepte. "Alles, was der Vater hat, ist sein, und von dem Seinen wird er's nehmen, und euch verkundigen."
Meine Mutter sprach gleich nach eingenommenem Mittagsmahl von Universitaten, allein mir schienen Universitaten ein sehr unnothig Ding zu seyn. Ich wiederholte ihr das, was mein Vater daruber verkundigt hatte.
Mussen denn alle Baume, die ihr Haupt emporheben sollen, ehe sie an Stelle und Ort kommen, in einer Baumschule ihre Jahre stehen? Wo Gott und die Natur ist, da ist eine hohe Schule. Gott wohnet nicht in Tempeln, mit Menschenhanden gemacht, nicht in Jerusalem, sondern in ihm leben, weben und sind wir.
Wer laugnet, dass auf Universitaten geschickte Manner sind; allein ich glaube, dass ein geschickter Mann sein Licht nicht bloss auf der Universitat leuchten lassen, sondern schreiben werde. Professor Sokrates schrieb nicht; allein, es schrieben andere fur ihn, und sobald ein Professor schreibt, warum sollen wir hin, ihn zu sehen? Warum soll ich einen Geistlichen bitten, die Predigt zu halten, die gedruckt ist? Ist's wo, damit ich reden hore, kann ich denn nicht laut lesen?
Da griff mich meine Mutter. Dein Vater und sein Wort in Ehren, nur in diesem Stucke hat er Grundsatze, dass man beinahe glauben sollte, er ware auf keiner Universitat gewesen.
"Wollte Gott, er war's nicht, denn in Wahrheit, er verdient so sehr Pastor zu seyn, als die auf zehn gewesen sind."
Alles gut, allein beim Hebraischen stehen die Ochsen am Berge.
"Ein Conversus."
Sag mir nichts vom Conversus, Gott leite den unsrigen auf meinen Instruktionswegen! Besser war's fur ihn gewesen, wenn ich ihn schriftlich instruirt hatte. Was kann (um auf deinen Vater zuruck zu kommen), was kann, im Grund genommen und aus der Tiefe geschopft, was kann ein Conversus? Muss man nicht in die Kirche, obgleich Predigtbucher feil sind?
"Doch nicht jeder?"
Nicht jeder?
"Nein."
Nicht?
"Der Prediger."
Hatt' ich meiner Mutter einen Augenblick Zeit bei dieser Antwort gelassen, war' ich verloren gewesen, allein ich erklarte mich, dass ein Prediger nicht horte, sondern redete, und mithin eigentlich nicht in der Kirche ware.
Diese Erklarung offnete ihr viele Gelegenheit, mich zu uberzeugen, dass er erst sich und dann andere zu bekehren zur Pflicht hatte, wie er denn sich auch selbst horte, im Fall er namlich nicht taub ware. Ich oder eigentlich mein Vater fuhr fort:
"Es ist unmoglich in drei Jahren alles zu lernen, was funfzehn Professores wissen."
Wer sagt's, antwortete sie, du sollst nur erfahren, wo du weiter nachschlagen kannst.
"Das sagt mir aber jedes Register."
Das liest du in jedem Register, willst du sagen.
"Und liebe Mutter! unsere jungen Herren, die von Universitaten kommen? "
Alles recht, allein du sollst ein Vorbild werden der Heerde du hast Talente, die mussen auf einer privilegirten Wage gewogen und das Gewicht durch ein beglaubtes Testimonium bezeichnet werden. Es wird in schonem Latein gegeben.
Die Talente brachten mich auf ein weites Feld, ich sagte zwar nichts, was nicht mein Vater schon ofters gesagt hatte; ich sagte aber, wovon ich uberzeugt war. Man klagt uberall uber Unterdruckung der Talente, und dass so viele Lichte unterm Scheffel bleiben. "Glaubt's nicht," pflegte der gute Mann zu sagen. "Wer ein recht Talent hat, brennt sich durch den Scheffel durch, dessen Flamme so weit nicht reicht, bleib' unterm Scheffel, oder bleib im Lande und nahre sich redlich." Muss denn, wer ein Talent hat, gleich ein Buch schreiben? Kann man nicht ein Talent haben und den Pflug fuhren? Ein Talent ist Hefen. Er macht, dass sich der Teig hebt, wenn er herein gelegt wird.
Protagoras, der Taglohner, legte und band sein Holz so kunstlich, dass er dem Demokritus ins Auge fiel, der ihn die Wissenschaften so legen und binden lehrte, und so findet jeder Protagoras seinen Demokritus, obgleich noch die Frage bleibt, hat Demokritus dem Protagoras eine Last abgenommen oder aufgelegt?
Niemand als Minchen machte mich so beredt, und da endlich meine Mutter mir entgegensetzte, dass, wenn ich nicht auf Universitaten gewesen, ich nicht Pastor werden konnte, kam ich auf andere Gedanken, und das (wie zuvor) auch Minchens wegen. Ich sah, wie ein Erleuchteter, auf einmal alle Grunde meiner Mutter ein, und hatte keinen Zweifel mehr als den: Muss denn jeder in der Fremde als Gesell arbeiten und wandern, eh' er Pastor wird? Diesen Zweifel loste mein Vater.
Was er wider die Universitaten gesagt hatte, war vorm Brande geschehen. Jetzt war er zwar eben kein Apologist der hohen Schulen, denn so sehr konnt' er nicht seinen Grundsatzen untreu werden; allein er war der Meinung meiner Mutter, die ihn sehr bat, mir andere Gedanken einzuaugen, die aber schon wirklich, ohne dass es meine Mutter gemerkt hatte, bei mir in Bluthe standen.
Kinder, sagte mein Vater, sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht auch Kinder hat oder gehabt hat, so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die nicht weiss, wie es einer Gesegneten zu Muthe sey. Wenn ich ja einem Arzt ein Ohr zuneigen sollte, ich sage mit Fleiss ein Ohr obgleich ich Gottlob beide brauchen kann musste er selbst die Krankheit haben, die er curiren will. In diesem Fall wird mir ein Hufschmied und eine entzahnte Matrone eben so willkommen, als ein rother Mantel seyn.
Seht da! warum ich dem alten Herrn, der Schuster, Schneider und Topfer ist, alle diese Handwerke auf Herz und Seele der ihm anvertrauten Jugend anzuwenden gestatte. Sein Sohn Benjamin und seine Tochter Wilhelmine haben ihn examinirt und tuchtig befunden. Es sind gut gezogene Kinder.
Bei dem Worte Wilhelmine zog ich mein Schnupftuch aus der Tasche, ohne sonst zu wissen warum, als des Namens Wilhelmine wegen.
Man muss alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz Gottes beweisen wollen Schande ist's zu sagen, dass sie's wollen fangen sie von sich an: ich bin, sagen sie, also ist auch Gott der Herr. Es sind gewisse Geheimnisse, welche die Natur, obschon der Kunst viel verrathen worden, doch fur sich behalt, und dahin gehort die Kinderzucht. Man wird in dieses Geheimniss allein durch die Vaterschaft initiiret. Ich glaub' es steif und fest, dass jeder Vater, war's gleich ein Burstenbinder, und jede Mutter, war's gleich eine Burstenbinderin, ihre Kinder erziehen konnen, und es also nicht nothig haben, andern Unterricht fur die kleinen Burstenbinderchen in einem offentlichen Laden zu kaufen. Wie sollte wohl die Natur so ungerecht seyn, das Grossere zu geben und das Kleinere zu versagen? Du weisst, Alexander, was dein Vetter, der grosse Summus Alexander (an diese Vetterschaft hatte er lange nicht gedacht) seinem Lehrer, dem Summus Aristoteles fur ein Compliment machte, im rechten Sinne ein Compliment: er hatte ihm mehr als seinem Vater Philipp zu danken. Sobald Alexander bleiben wollte, was sein Vater war, hatte er Unrecht. Wollte er aber die Grenzen seines Reichs erweitern, und nicht Burstenbinder bleiben, setzte meine Mutter hinzu, hatte er Recht. Da liegt der Grund von dem Leben der Erziehung. Der Vater, der aus seinem Sohne mehr machen will, als er selbst ist, muss freilich einen andern Weg einschlagen. Indessen sollte dieser andere Weg keinem Vater verstattet seyn, der nicht Alexanders zu Kindern und Aristoteles zu Lehrern aufweisen konnte. In diesem Falle musste, aller Beispiele vom Gegentheile ungeachtet, die Jugend, die Gnadenzeit, der Morgen nicht versaumt werden.
Der Staat braucht viel Hande, aber wenig Kopfe. Ein politischer Kannengiesser ist ein schlechter Kannengiesser und ein schlechter Burgermeister; die Kenntnisse des gemeinen Mannes mussen bei der Hand bleiben und nicht bis zum Kopfe kommen. Wer dem Menschen das Denken nehmen will, setzt ihn herab. Denken kannst du, du kannst denken, das Grubeln, das Weiterhinausdenken als vier und zwanzig Stunden, zwolf in die Lange und zwolf in die Breite, ist dem Menschen schadlich, und Tinte und Feder, Papier und Presse sind eben solche Verheerer des menschlichen Geschlechts, als Bomben, Kartatschen und Pulver und Schrot und Buchsen und Sabel.
Mein lieber Vater war uber diesen Gegenstand ein Verschwender, er gab ungezahlt ich will bedachtsamer zu Werke schreiten und mit geiziger Kurze nur etwas von seinen Grundsatzen ausgeben. Der Himmel gebe, dass es lauter seltene Schaustucke waren, ich wurde sie meinen Lesern herzlich gonnen.
Dass jeder Kinderlehrer verheirathet seyn musse, wissen wir schon. Man hat, sagt' er, lange auf Verbesserung der n i e d e r n S c h u l e n gedacht, und freilich mussen diese eher verbessert werden, als h o h e , wo du, mein Sohn, dein Heil versuchen sollst; allein man sollte noch eine Stufe heruntertreten und mit der Verbesserung der Mutter dieses gute Werk anheben. Man sollte Tochter ziehen, ehe man noch an Sohne kommt. Jetzt ist die Erziehung, wenn man an die Manner appellirt, gemeinhin schon in der ersten Instanz von unwissenden und ungeschickten Sachwaltern verdorben, und die Kur einer von der Mutter verfalschten Seele. Was in so vielen Generationen verdorben ist, muss wieder allmahlig verbessert und zu seinem anfanglichen Wesen gebracht werden. Desperate Mittel sind eben so viel gewisse Morde. Bliebe der Mensch bloss Mensch, er musste sehr alt werden und beinahe unsterblich seyn. Jetzt aber, da ihn die Vernunft verleitet, von der Landstrasse bald zur Rechten, bald zur Linken abzuweichen, und theils seinem Leibe, theils seiner Seele zu viel zu thun, fallt er eher wie ein wurmstichiger Apfel ab. Er hat einen Wurm, der ihn zehrt.
Den rechten Weg abzustecken und auf dessen Erhaltung zu sehen, ware die Pflicht der Gelehrten. Sie sollten Wegcommissars fur das menschliche Geschlecht seyn. Wer einmal den rechten Weg verschlagt, kommt immer weiter vom Ziele.
Ein Vater kann mehr als ein Kind haben und ein Lehrer mehr als einen Schuler; allein seht euch nur um. Der von zehn Jahren ist eben so weit als der von funfen.
Man kann den Privatunterricht nicht verachten. Schulen haben ihr Gutes; der Privatunterricht, der der Natur naher verwandt zu seyn scheint, auch.
Elementarbucher sind sehr gut, allein ein Elementarlehrer ist noch besser. Fur wen sollen Elementarbucher geschrieben werden? fur Genies, oder fur Mittelmassige, oder fur Marode? Will man sie fur Mittelmassige schreiben, um die Mittelstrasse nicht zu verfehlen, auf der viele wandeln, leiden andere, die den schmalen Weg anzutreten Herz haben und die enge Pforte nicht scheuen weil sie zum Leben fuhrt. Die Bibel ist das einzige Buch, das fur alle Menschen passt, ein gottliches Elementarbuch.
Ein poetischer Kopf darf nur vieles durchblattern, von allem nimmt er Zoll. In der ganzen Natur schreibt er Schatzung aus. Er befindet sich in den Wissenschaften auf Reisen, wo ihn oft etwas aufhalt, worauf der Eingeborene, das Landeskind, der Philosoph nicht kommt. Ein denkender Kopf weiss weniger, allein seine Aecker kennt er auf ein Haar. Er t h u t , wenn ich so sagen darf, was der Dichter w e i ss . Ein grosser Kopf ist eine Mischung von beiden. Selig sind, die wissen! Seliger die thun! Und am seligsten die wissen und thun! So viel Kopfe, so viel Sinne; so viel Alexander, so viel Welten; so viel Planeten, so viel Bahnen; so viel Genies, so viel Methoden.
Es ist unerhort, dass unsere Schulhalter lauter Geistliche sind. Sehr klug fur die Geistlichen, besonders in der monarchischen Kirche. Unsere Knaben werden alle erzogen, als ob sie Schulmanner werden sollten, unsere Tochter, wenn's kostlich gewesen, als Mamsells (als franzosische Hofmeisterinnen).
Jedes Mitglied des Staats muss sein Votum haben, wenn eine allgemeine Schulanstalt im Staate erbaut werden soll. Bei Tochtern durfen nur drei ganz gewohnliche Weiber votiren. Diese Weiber mussen gesund seyn, jede einen Sohn und eine Tochter haben, auch NB. jede nur einen Mann. Junglinge haben viele Zwecke; Madchen nur den, Weiber und Mutter zu werden. Ein gutes Weib ist auch immer eine gute Mutter.
Schule und Welt ist jetzt zweierlei. Schulbegriffe sind mit einem Worte solche, denen die Erfahrung widerspricht. In der Schule sind Worte. Sachen, Nadel und Zwirn sind ein Kleid, Mittel ist der Endzweck.
Schullehrer! bleibt nicht auf der Bank mit euren Schulern, sondern zieht mit ihnen in die freie Luft der Natur, werdet Peripatetiker. Lehrt sie im Angesicht Gottes oder lasst sie nur herumgehen; die Natur selbst wird sie besser unterweisen als ihr, wenn ihr Gottes Wetter nicht ertragen konnt.
Die Gabe zu unterrichten (donum docendi) hat jeder Mensch. Wer durch die rechte Thur gekommen ist, wird auch wieder durch die rechte Thur herausfinden. Wer eine Treppe in die Hohe steigen kann, wird sie auch herabsteigen. Bergab ist immer leichter. Wer eine Sache halb weiss, kann nur ein Viertheil beibringen. Wer nur ein Viertheil weiss, ist ein Miethling. Je langer ich studire, je kurzer ist die Predigt. Bedenkt den Haufen Holz, und Stein, und Ziegel, und Dachpfannen, und Glas, und Kalk und tausenderlei, eh' es ein Haus wird. Steht das Haus; alles hat sechzig Fuss in die Lange und dreissig Fuss in die Breite Raum.
Je schoner aber die Rede, desto weniger behaltst du. Das Gedachtniss hat keine Zeit, anzuhalten, keine Ruhe. So was Schones kann nur die Kunst machen, wo kein Punkt, kein Komma, kein Semikolon ist. In der Natur hat die Sonne selbst Flecken. Ein Dichter hat das kleinste Donum docendi, setze ihn auf einen Lehrstuhl, auf welchen du willst. Er wirst Strahlen, allein die meiste Zeit ist er umwolkt. Aratus hat ein beruhmtes Gedicht uber die Astronomie geschrieben, ohne dass er sie verstand. Er wurde kein Gedicht, wenigstens kein beruhmtes daruber geschrieben haben, wenn er sie verstanden hatte. So nachlassig der Anzug eines Dichters ist, so sieht's auch mit seinem Wissen aus. Da fehlt ein Hemdknopfchen, da hat das Kleid einen Kaffeeflecken und an den Beinkleidern fehlt vorzuglich bei jedem Dichter was. Bitt' ihn, sein Stubenfenster zuzumachen, er riegelt nichts zu, er zieht nur an. Es ist kein gemeines, sondern ein heiliges Dunkel, so den Dichter umgibt. Eine schone Dammerung, und nach Bewandtniss der Umstande Morgen oder Abend.
Wer vielerlei weiss, ist biegsam, wer einerlei weiss, ist stolz. Jener steht ein, wie viel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Miste.
Haben wir mehr Wege zur Seele als Empfindung und Reflexion? Wer diess die hohe und jenes die untere Schule nennt, hat sich ubel erklart.
Das Wohlfeile, das Schlechte dieser Erziehungsanstalten meines Vaters ist, mich dunkt, sehr auffallend; es sind alles Hausmittel (simplicia).
Allein bei alledem, lieber Vater, ist diess nichts mehr als eine gute Unterlage. Noch bist du nicht immatriculirt, und meine Leser haben von Mutterleibe ausgehen mussen, um endlich auf die Borse der Gelehrsamkeit zu kommen, wo der Cours vls. bestimmt und Dukaten und harte Thaler nach der Zahl der Liebhaber gewurdigt werden. Die Herren Geistlichen machen sich in jeder Predigt eine kleine Bewegung vom Paradiese aus, und keuchen daher gemeinhin, wenn sie an die Herzen ihrer lieben Gemeinde anklopfen. Wenn mein Vater nur nicht keucht, anstatt dass er von der Leber wegreden sollte. Den Stand der Unschuld, den Stand der Sunden, den Stand der Gnaden und den Stand der Herrlichkeit wollen wir ihm verzeihen.
Die Akademien, mein Sohn (Gottlob, Land!), sind gut und nicht gut, so wie alles in der Welt. Niemand ist gut als der alleinige Gott.
Die Akademie ist das, was bei den Zunften und Handwerkern die Fremde ist.
Ich habe nie, das weisst du, der Akademie gejubelt und Lobopfer gebracht, allein auch nie habe ich mich wider sie durch eine niedergelegte Akte verwahrt. Die Wahrheit zu gestehen, wollt' ich mit dir anfanglich zum andern Thore hinaus. Es hat grosse Leute auf Akademien gegeben, obgleich Newton ein Munzmeister, Copernikus ein Domherr und Leibnitz ein Hofmann war.
Mein Vater warf die Frage auf, wer auf der Universitat den Kurzern zieht, der Lehrling oder der Lehrer? Allein wenn er gleich uber den Lehrer langer als uber den Schuler den Kopf schuttelte, so sah er doch auf den Schuler in Seelen- und in Leibesgefahr. Professores sind, damit ihn meine Leser wieder selbst horen, Sklaven, die an Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre gebunden sind. Es sind Korper in der gelehrten Welt, die nicht ihr eigenes Licht haben, sondern die vielmehr ihr Licht gemeinhin von dem Vivat junger, roher Leute erhalten; Korper, die ihren Lauf alle halbe Jahre unselig vollenden, Uhren, die zu Ostern und Michael ausgestaubt werden. Professores sind stehende Wasser, die faul werden. Ich will es, wie ich schon oft gethan, kurzen, wenn auch der Zusammenhang dabei ein paar Grane einbusst. Ein akademischer Lehrer muss, wenn er seine Kenntnisse gut verzinsen will, marktschreien und durch eine Universalpille die Leute an seine Bude locken. Die meisten haben ein Arcanum, ein Mysterium, das sie empfiehlt, wovon sie zwei Drittheile alle halbe Jahre fur sechs bis acht Thaler schwer Geld verhandeln, ein Drittheil behalten sie noch zuruck. Man erfahrt also das Ganze nicht eher, als bis es im Druck erscheint, und siehe da! kein Mensch findet das, was der Professor fand. Es ist ein gewohnliches Compendium.
Weiss ein Professor nur einerlei, ist er ein Pedant. Seine Wissenschaft ist der Despot, der uber ihn herrscht. Weiss er (und dies ist gemeinhin der Fall, weil er mit seinen Herren Amtsbrudern oft eine Lanze brechen muss) mehr, ist's bloss so so. Das wenigste ist Wissenschaft, was wir haben, das meiste ist Muthmassung, Weg, den man gehen muss, um zur Wissenschaft zu gelangen. Es geht mit den Wissenschaften wie mit der Liebe: die verstohlne ist die angenehmste. Das Handwerk wird einem jeden so gelaufig, dass er auf keine Erfindung kommen kann? Per aspera ad astra. Wurden die Professores bloss von regierenden Herren bezahlt werden, so durften die Wissenschaften zwar gewinnen, allein die Lehrlinge wurden alles verlieren. Wie die Nonne den Psalter singt, wurde gelesen werden. Die Lehrer wurden nur auf das denken, was gedruckt werden soll. Jetzt aber die Metaphysik fur wenige Thaler kaufen, ist unschicklich. Ein Professor, der ein Autor ist, und wer ist nicht beides? halt es nicht der Muhe werth, junge Leute zu unterrichten. Die Welt ist sein Auditorium, und da sitzen Kaiser, Konige, Fursten u.s.w. auf den Banken. Ein Autor ist ein so stolzes Ding, dass er mit dem ganzen menschlichen Geschlechte spricht.
Ein Professor spickt (lardirt) seinen Vortrag. Er ist oft gezwungen, uber gesunde Speisen ungesunde und unschmackhafte Bruhen zu giessen.
Und dem akademischen Jungling! was legt sich nicht in den Weg, ihn zu storen! Da ist ein Standchen zu bringen; da kommt ein Landsmann; da hat er sich zu schlagen; da dem Professor, der die Privilegien schmalern will, die Fenster einzuschlagen. Die Freiheit ist ihm der Weg zur Ungezogenheit. Seine Mitbruder ersticken bei ihm den Trieb, sich empor zu arbeiten. Will er ein ehrlicher Landsmann seyn, m u ss er, wie der Haufen, nichts lernen. Es sind kleine Hofe auf den deutschen hohen Schulen errichtet; der Prinz, der Reichsgraf halten sich Kammerherren, Stallmeister, Hofmarschalle u.s.w.
Auf Universitaten sagt dir jeder Lehrer, nicht was du zu wissen nothig hast, sondern was er weiss. Da lernst du den Werth der Wissenschaft nicht von dem, der sie vortragt, sondern von seinem Nachbar, einem andern Professor, der sie verachtet.
Erinnerst du dich, was der Herr Candidat von einem benachbarten Konige erzahlte, der seinen Professor der Moral selbst prufte. Herr, sagte er, m o r a lisir' er mir was vor, damit ich s e h ' , o b e r w a s w e i ss . Ich fand hier viel richtiges gesagt, und noch eins auf den Weg von einem Professor der Moral, der durch seinen Wandel seine Lehren mit Gift hinrichtete. W a s h o r ' i c h v o n i h m ? sagte der dirigirende Minister dieser hohen Schule. "Verzeihen Ew. Excellenz, ich bin nur Extraordinarius."
Diese Rede widerrief nun zwar, mein Vater nicht, indessen lenkte er jetzt alles zum Besten, da er, wie er sich ausdruckte, durch ein anderes Thor mit mir hinaus wollte. Es muss, sagte er, eine Zeit seyn, wo man einsehen lernt, was man n i c h t w e i ss , und kein besserer Ort dazu ist, als eine hohe Schule. Ein Professor kann, wenn er seine Wissenschaft nicht bis zum Handwerk treibt und sie zuweilen ein Jahr ruhen lasst, unendlich weit kommen. Diese Wissenschaft ist eine liebe Frau, die man nach einem Jahre Entfernung wieder in seine Arme schliesst; da ist's, als wurde man auf's neue kopulirt. Ein Professor sieht, ob seine Saat gut sey, vor sich, er lernt eine Bewirthschaftung guter Kopfe, und wird ein Financier in der Gelehrsamkeit. Wer hat mehr Gelegenheit, Proben zu machen, als er? und seine Begriffe bis zum Anschauen deutlich, wer seine Wissenschaften mehr unuberwindlich zu machen, als er? Durch alle funf Species der Rechenkunst rechnet er seine Wissenschaft durch. Der Glaube kommt durch die Predigt. Steht der Professor hoch im Cours, so bringt er auch seine Wissenschaft in den namlichen Werth. Er erleuchtet eine ganze Provinz, und macht, dass man seinen Namen annimmt, z.E. W o l f i a n e r . Ein wurdiger Professor hort sich in wohlgerathenen Schulern von der Kanzel, liest sich im Urtheil, sindet sich am Krankenbette.
Er ist in einer bestandigen Warme, wenn andere Gelehrte durch ihren Beruf sich erkalten und Muhe haben, wieder in gelehrte Transspiration zu kommen.
Auch die Alten hatten ihre Schulen, und so wie Kirchen gut sind, obgleich Gott uberall ist, so sind Akademien nicht zu verwerfen. Wo habt ihr's denn her, dass ihr so gelehrt auf Akademien schelten konnt, wie ihr's thut. Beinahe konnte man sagen: die Deutschen waren Universitats- oder akademische Kopfe. Warum wollt ihr eure Mutter verachten, weil sie nicht so gut gekleidet geht, als eure junge Frau?
Ist denn der Wetteifer nichts, wozu man auf Akademien Gelegenheit hat?
In der Schule locirt der Herr Praceptor, auf der Akademie locirt ihr euch selbst.
Es gibt auf Universitaten Gelegenheit, ohne ein beschwerliches Lexikon in die Hand zu nehmen und den Buchstaben und Zahlen nachzuschlagen, gleich zu lernen, was man nicht weiss. Ein Wort, das oft ein Lehrer im heiligen Enthusiasm verlor, das heisst, das er sagte, ohne es beinahe zu wissen gewiss aber ohne es zu behalten; ein solches Wort fallt nicht auf die Erde. Der Jungling fasst es; aus dem M e e r e s s c h a u m wird eine V e n u s .
Eine Universitat ist ein gewisses Ganzes der Gelehrsamkeit, eine Messe, wo man nicht an den Stadtkramer gebunden ist, wiewohl es auch hier oft heisst: Wenn die Narren zu Markte kommen, freuen sich die Kaufleute.
Freilich kann man Meister werden, ohne gereist zu seyn; allein wer achtet einen Meister, der nicht Certificate von fremden Landern aufweisen kann? Die bekannte Authentica habita Cod. ne filius pro patre, welche sich vom romischen Kaiser Friedrich herschreibt, sagt ausdrucklich: Omnibus, qui causa studiorum peregrinantur, scholaribus et maxime divinarum atque sacrarum legum professoribus, hoc nostrae pietatis beneficium indulgemus. W a s i s t d a s ? fragte meine Mutter auf Luthers Art, und mein Vater antwortete: Diess Privilegium kommt nur gelehrten Wandersburschen zu. Gott geleite sie, sagte meine Mutter, und bringe sie gesund zu den lieben Ihrigen.
Man hat daher auch den gelehrten Zweifel aufgeworfen, fuhr mein Vater fort, ob diejenigen, welche auf einer Universitat geboren werden, sich dieses Privilegiums zu erfreuen hatten? und ob auch Lehrer hierunter zu begreifen, die nicht divinarum atque sacrarum legum professores waren? Allein man ist der gelehrten Meinung ad e i n s gewesen, dass alsdann die Reise aus Mutterleibe unter den Worten: qui causa studiorum peregrinantur, zu verstehen sey, wenn man auf einer hohen Schule geboren wurde, wie denn ein Professor aller Fakultaten, wenn gleich er haussassig ist, jedennoch schon darum unter dem Privilegio Raum hat, weil er mit seinen Gedanken in die Kreuz und in die Quer verreist, und immer, er sey auch Doktor aller Fakultaten, ein scholaris bleibt. Das Wort maxime entscheidet ad z w e i die gegebene akademische Frage so deutlich als moglich.
Alles dieses, mein Kind, sind akademische Gedanken, und kann ich dir einen Commentarius Auctore Helfrico Ulrico HUNNIO, doctore et in inclyta Academia Giessena Juris Professore publico et ordinario, in die Hand spielen, woraus du dir eine Reisekarte zu zeichnen im Stande seyn wirst.
Hier ist eine grosse Lucke. Meine Leser werden die andere von selbst bemerkt haben. So viel noch hinzu. Meine Mutter traute dem Panegyrikus meines Vaters auf den Universitaten in usum Delphini nicht ganz. Sie merkte es ihm ab, dass er seine Zweifel nicht vollig los werden konnte.
Plato hat, wie erzahlt wird, die Schriften des Comodienschreibers Aristophanes geliebt, und da er gestorben war, fand man noch im Bette die Schriften dieses gekronten Comodienschreibers, der sich mit Sokrates wie ein paar Professores und ein paar bekannte Hausthiere vertrug. Diess ist genug zur Vertheidigung meines Vaters bei seinen Seitenblicken.
Akademie (mein Vater lasst sich vernehmen) hiess der Ort, wo Plato seine Philosophie lehrte, die so schon war als der arkadische Garten dieses Unsterblichen. War's auch nur seinet- und des alten Herkommens halber, musste man Universitaten besuchen.
Sollte nicht, sagte meine Mutter, die mit dem alten Herkommen und dem Plato noch bei weitem nicht zufrieden war, sollte nicht, da Adam und Eva doch wirklich r e l e g i r t wurden, schon das Paradies die erste Akademie ?
Und die Schlange und der Seraph mit dem blossen Schwerte: fragte ich, liebe Mutter?
Wenigstens versetzte sie, war doch Eli Samuels Professor und Gamaliel des Paulus und die Prophetenkinder Studenten. Und Stephanus, fiel mein Vater ein, voll Glaubens und Krafte, that Wunder und grosse Zeichen unter dem Volk. Da stunden etliche auf von der Schule, die da heisst der L i b e r t i n e r und der C y r e n e r und der A l e x a n d r i e r und derer, die aus Cilicia und Asia waren, und befragten sich mit Stephano, und sie vermochten nicht bei dieser Inauguraldisputation zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste des, der es redete.
Meine Mutter war ausser sich uber diesen Text, nur die Alexandrier hatten sie gerne relegirt. Die gute Mutter! Sey ein S t e p h a n i e r , sagte sie, lieber Sohn, ein S t e p h a n i e r .
Mein Vater kettete seine Stammtafel der hohen Schule, von den Griechen und Romern an bis auf die gegenwartige Zeit, zusammen, und ward diese akademische Stunde von Seiten meiner Mutter mit der Bemerkung beschlossen, dass ihres Wissens kein Doctor theologiae kurisches Brod gegessen, es musste denn einer von den Herren E i n h o r n s diese Wurde incognito gehabt und aus heiliger Demuth sie verschwiegen gehalten haben. Mein Vater erklarte beilaufig nach seiner Weise die adelichen Rechte, welche den Doctoribus zustunden
So wie den Literatis (meine Mutter verstand ihren Casum), sagte meine Mutter, in Curland. Sie behauptete, es sey gleichviel, adelich behandelt werden und adelich seyn. Allein ich sagte: koniglich essen, liebe Mutter, und Konig seyn, ist zweierlei. Und mein Vater war, zum Bedruck meiner Mutter, unerschopflich uber die Ehre des Adels. Er erklarte, was vierschildig sey, und liess so viel auf der Ritterbank und an der Ehrentafel sitzen und in den deutschen, Marianischen, Johannis- und Maltherserorden, und in hochund andere adeliche Stifte aufnehmen, und die Grandes vor dem Konige von Spanien den Hut aufsetzen, bis meine Mutter zu Curlands Ehren behauptete, dass der Herzog beim Lehen sich auch einige Augenblicke bedecken konnte, wenn er wollte.
L a ss d e n B r a u n e n s a t t e l n , sagte mein Vater, um nach zu reiten. Es sind zehn Jahre, dass ich den Herrn v. G. nicht gesprochen habe. Meine Schuld ist es nicht, und die seinige, das hoff' ich, auch nicht. Die Zeit wird an's Licht bringen, was noch im Finstern verborgen ist. Herr von G will, dass du mit seinem Sohne, der auch reisefertig und universitatsreif ist, diese Reise unternehmen sollst. Der a l t e H e r r ist der Makler in dieser Sache gewesen.
In acht Tagen bist du vielleicht nicht mehr in dieser Hutte
Pastorat, sagte meine Mutter. Deine Wasche ist bereitet, setzte sie hinzu. Sechs Dutzend Oberhemden, sechs Dutzend Unterhemden, zwei Dutzend fur den Sonntag, ein halbes Dutzend fur hohe Feste. Meine Mutter registrirte noch mancherlei, was fur mich bereitet ware, allein mein Vater blieb bei den Hemden stehen, auf die meine Mutter gleichfalls einen besondern Accent legte. Sie dachte sich die weissen Kleider unter dieser Hieroglyphe, womit wir im Himmel angethan seyn wurden. Was meinen Vater zum Stillstand vermochte, war etwas Irdisches. So viel Hemden, sagte er, haben zwolf Prinzen vom Hause nicht. Je vornehmer der Mann, je schlechter die Hemden, fuhr er fort, im monarchischen Staate, wo man nur auf das, was vor Augen ist, siehet. In der Schweiz, in Holland, in England feine Wasche, und je vornehmer der Mann, je feiner. Wo ein Tyrann, ein Despot herrscht, will ich das Hemde nicht sehen. Die Menschen achten ihren Leib nicht, der ihnen nicht zugehort. Je naher auf den Leib in monarchischen Staaten, je schlechter der Anzug. Fur einen Despoten ist ein grobes Isabellenhemde gut genug.
Also Sonntags- und Montagshemden, liebe Mutter, und wie Gott will! Sterbehemden und Prophetenkinderhemden; nur eins (das wett' ich) nicht ein Brauthemde.
Da bin ich eben, wo ich seyn muss, um meinen Lesern den Schlussel zur akademischen Ehrenpforte und zum Stall des Braunen getreulich einzuhandigen. Ein Schlussel offnet alles die Eltern eilen gemeinhin mit ihren Sohnen aus dem Hause, sobald die Natur die Fabel vom Storch widerlegt. Ich will es nicht ausmitteln, in wie weit es gut sey, Kinder der Natur in diesem Stucke an Heim zu geben, um die Frage unbeantwortet zur rechten Hand liegen zu lassen, ob es Kinder ins Treibeis bringen hiesse, wenn man ihnen im zartesten Alter diess Storchgeheimniss erklart, und sie so altklug macht, dass sie selbst die Natur, wenn sie sich zum Belehren meldet, belehren und mit ihr disputiren konnen? Vom Blatterninoculiren haben wir guten Erfolg. Hier musste auch Erfahrung entscheiden.
So viel dient nur hier zur Sache, dass Eltern, sobald sie den Sohn vaterfahig halten, ihm eine gluckliche Reise anwunschen, recht als ob sie eine Befugniss zur besondern Oekonomie in optima juris forma bewilligten. Sie besorgen, die Sohne wollen sich an ihrem Hause einen Flugel anbauen lassen, und sehen es gern, wenn der Sohn reich heirathet, dieses letzte eben darum, warum viele Leute kein Testament machen. Hier ist der Beleg zu diesem Eingange.
Meine Mutter war nach meiner Krankheit zuweilen die dritte Person, wenn ich mit Minchen allein zu seyn Lust hatte. Die Liebenden, wenn sie lieben, glauben insgemein, es wusste niemand, dass geliebt wurde, und oft sieht's alle Welt. Sie bilden sich ein, ihre Liebe sey die einzige in ihrer Art, da aber jeder die namliche Methode hat, und Adam selbst mit den Augen die erste Anwerbung gethan hat, so schlaft der Verrather nicht. Meine Mutter merkte, mein Vater merkte. Beide sagten mir aber kein Wort. Meine Mutter, weil sie es fur unmoglich hielt, dass die Liebe des Sohnes eines Literatus, des Anverwandten Paul Einhorns und Alexander Einhorns, des zweiten curischen Superintendenten, Wurzel fassen konne, wenn er die Tochter eines Topfers, der zugleich Schuster und Schneider ist, liebt. Mein Vater, weil er wegzusehen sich verpflichtet hielt. Er verlangte von mir ein ganzliches kindliches Vertrauen; Minchen nahm er aus. Wie richtig ist Regel und Ausnahme? Kann man nicht das Recht lernen, ehe man Recht spricht? Lehrt, Eltern, eure Kinder wahlen, ehe die Natur sie lieben lehrt. Es ist eine unuberdachte Behauptung, dass Sohne kein Geheimniss (die Liebe nicht ausgenommen) vor ihren Eltern haben sollten; Irrthum wer Liebe nicht ausnimmt, gibt seinen Sohnen im Lugen Unterricht. Der Sohn, der fuhlt er konne Vater werden, ist von der Natur emancipirt, er hat in diesem Stucke keinen Vater mehr. Tochter behalten Vater und Mutter, bis sie einem zu Theil werden, dem sie als ein heiliges Depot uberliefert werden mussen.
Ich hatte die Gewohnheit, zuweilen mit Minchen in ein benachbartes Waldchen spazieren zu gehen, und nichts war mir angenehmer, als wenn ihre naturlich schone Stimme die Nachtigallen zum Concert aufforderte und wenn sie von den Vogeln des Himmels accompagnirt wurde. Hatte sie bei einem Italiener Stunden genommen, keine Nachtigall hatte sich mit ihr eingelassen. Jetzt sang die ganze Natur mit, weil sich gleich und gleich gesellte, und ihr Gesang Natur war. Ich hatte Minchen umgefasst, sie war mein. Mein Auge sagte laut: Ewig mein! und das ihrige antwortete: Ewig dein! In dieser Stellung und wahrend diesem Augengesprach und dem Concert, das die Natur dirigirte, traf uns mein Vater wie ein Blitz. Ich hatt' ihm sonst nie in diesem Waldchen begegnet. Mich zu belauschen hatt' ers nicht angelegt, dass weiss ich. Da standen wir und sahen uns an. Lange hielt ich meinen Arm wie um ihren Hals geschlungen. Sie zog sich aus der Schlinge; allein ich hielt meinen Arm noch immer in der Hohe, als ob er ihren Hals hatte, und sie die der liebe Gott so himmelan gebildet hatte, stand, wie mich dunkt, noch immer so von der Seite, so ubergebogen, so angeschmiegt, als ob sie noch nicht auf freiem Fusse ware, oder als ob sie sich nach mir geformt hatte. Wie ich endlich meinen Arm fallen liess, war's mir, als wenn die Welt fiel, so angst war mir. Wie ihr gewesen, da sie wieder ins gerade Geleise kam, konnte sie nie angeben. Wir armen Kinder der Natur! Ich sehe ein, wie es dem Adam zu Muthe gewesen, da er zum erstenmale inne geworden, er sey nackt. Wer nicht empfinden kann, was Minchen und ich empfunden, thue mir den Gefallen und lese nicht weiter. Ich glaube, ich werde den Eindruck nie verlieren, und hab' ich ihn gleich nach der Zeit nicht so stark empfunden, war es mir doch, so oft ich daran dachte, als stand' ich mit Minchen im Waldchen. Ich empfand's, die Nachtigallen schwiegen und alles, was eben wachsen wollte, machte Stillstand und sah uns an. Mein Vater war in der namlichen Verlegenheit und hielt mit uns vollig das Gleichgewicht. Entweder wollte er sich heraushelfen, oder er wusste nicht, was er sagte. "Ist der Herr Vater nicht hier?" wendete er sich zu Minchen, und sie: "Nein, er ist auch nicht hier gewesen." Kann wohl was Unschuldigeres auf die Frage: Ist der Herr Vater nicht hier? geantwortet werden, als: nein, er ist auch nicht hier gewesen. Das war kein Feigenblatt zur Schurze! O Minchen! Minchen! welch eine Sussigkeit ist's, dich zu lieben! Fur dein: "Nein, er ist auch nicht hier gewesen," verdientest du schon den Lohn der Unschuld, und konnte ich den Ton hinschreiben, in dem du dieses sagtest du verdientest bis ans Ende der Welt gemalt und gezeichnet zu werden, mit der Umschrift: "Nein, er ist auch nicht hier gewesen."
Wenn ich diese Naturscene, sowie sie ringsherum empfunden worden, getroffen hatte (Was kann aber der Vater dafur, wenn ihm sein Kind nicht ahnlich ist?) C h o d o w i e c k i ! es ware dir mit Minchen gegangen, wie Adam mit Eva, Adam sah sie Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch sah sie wieder, kusste sie und Du hattest diese Seite durch und durch gehupft, sie gelesen und ihr Handgeld zur doppelten Unsterblichkeit gegeben.
M i n c h e n , wie sie allmahlig gen Himmel wachst nicht weil sie Gewitterwolken sah, weil sie aus Furcht dem Himmel auswich, weil sie Trost bei der Erde suchte, die, wenn der Vater im Himmel schilt, wie eine wahre U n s e r a l l e r M u t t e r keinen Blick verschmaht, womit Schuld und Unschuld sich zu ihr wenden, nicht darum, s o n dern
Chodowiecki! Schwestersohn der Natur, deutscher Mann! Du weisst diess s o n d e r n so gut als ich. Zeichne diese Scene eben um des sondern willen, das dir dein Herz in Aug' und Hand dictiren wird und dann liest man nicht Minchen bloss, man sieht Da steht sie! und ich, froh daruber, fliege uber Jahrhunderte zu Jahrtausenden, und juble und sage zu meinem Buche: furchte dich nicht vor denen, die den Leib todten und die Seele nicht todten mogen. Auch wenn der Leib Jahrhunderte lang zerstreut, und, wenn's hoch kommt, in Anleitungen zur Dicht- und Redekunst in wahre Gebeinhauser gesammelt wird, wo man nicht kennt den Gerechten und Ungerechten. Ich bin's gewiss, es kommt die Stunde, in welcher eine Posaune des Geschmacks die Barbarei wegscheucht und diess Buch zur Auferstehung und Leben aufhaucht, dann sey diess Blatt, um Minchens wegen, das erste, das wieder lebendig wird!
Wir gingen alle zusammen nach Hause, und unterwegs erzahlte uns der gute Mann wider seine Weise, was er kunftigen Sonntag, geliebt's Gott! seiner lieben Gemeine vorsetzen wurde. Das Ende dieser Geschichte war den folgenden Tag die Predigt von den Universitaten und die Nutzanwendung:
"Lass den Braunen satteln."
Ich ging zu Minchen, der ich einen grossen Theil von dem Werthe der Universitaten vorsagte, um sie zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich erklarte ihr die Authentica habita Cod. ne filius pro patre. Omnibus, sagt ich, qui causa studiorum peregrinantur. Sie sah ein, was sie schon zuvor eingesehen hatte, dass es gut sey, dass ich hingehe. Um Pastor zu seyn, ziehst du von hinnen, sagte sie. Zieh hin in Frieden.
Ich weiss, dass sich mancher den Kopf hart an dem Latein stossen wird, das ich Minchen vorsagte, allein um Verzeihung! dieser Mancher versteht nicht, was Liebe ist, und ich hatte nicht ein Wort Latein von der Authentica habita Cod. ne filius pro patre auf dem Herzen behalten konnen die Liebe ertragt keinen Ruckhalt, sie will alles, was man hat, alles, was man kann, es sey lateinisch oder deutsch. Dass ich indessen mit einer Uebersetzung, so treu als unsere Liebe, Minchen unterm Arm gefasst, muss ich um des Schwachern willen anfuhren. Keine Manche, die geliebt hat, wird sich am Latein den Kopf stossen oder das Aermchen streifen.
Der alte Herr, der mir ein tiefunterthanigstes Kompliment an Se. Hochwohlgeboren mitgab, that, was Makler thun, wenn sie den Kaufer und Verkaufer angefuhrt: er wunschte mir Gluck und Segen, wobei er aber nicht bloss meine Reise nach , sondern auch die auf Universitaten verstand. Die Frau des alten Herrn, ein gutes Weib, zwar nicht aus dem Stamme Levi, doch aus dem Stamme der christlichen Einfalt und Ehrlichkeit, gab mir die Hand, da ich wegging. Gott geleite Sie, sagte sie, und segne Sie, und geleite Sie und segne sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!
Da ich noch auf eine langere Zeit nach reisen werde, will ich mich, in Rucksicht meiner Leser, nicht lange in aufhalten, obgleich ich drei Tage zu bleiben gezwungen war. Ich lernte den jungen Herrn mit Flinte, Jagdtasche und Hirschfanger kennen, sein Vater ein rechter echter heller klarer Mann. Wie hat der Mann zehn Jahre meinem Vater den Rucken kehren konnen? Seine Gemahlin, eine gnadige Frau
Ich will nicht vorfassen
Die Frau v. G. brachte mich auf den Wunsch, wenn Minchen so ein gewisses Etwas hatte, das man in der grossen Welt in zwei Stunden lernt, wenn man in Purpur und kostlicher Leinwand geht, einen Gonner am Hofe und Geld auf Zinsen hat, und wozu man langere Zeit braucht, wenn eins von diesen Stucken gebricht. Eine Viertelmeile von der gnadigen Frau war ich von diesem Etwas und meinem voreiligen Wunsche zuruckgebracht. Ich uberrechnete die Eigenschaften, die bei Minchen hierdurch leiden konnten, und was d a c h t ' i c h , d a i c h d a s S c h o n e d e r N a t u r r i n g s u m m i c h s a h . Was ist diese kunstliche Dreistigkeit gegen die der Natur! Was ein Garten gegen Wald und Feld! Ein Junge, der ehemals unterm Phalanx gedient hatte und in Gnaden verabschiedet war, liess mich wegen der Nachricht, dass Minchens Mutter gestorben, nicht ausdenken. Plotzlich sagte er, niemand konnte sich's vorstellen. Eben ist sie kalt geworden. Die Worte: "Gott geleite Sie und segne Sie, und geleite Sie und segne Sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!" fingen mir so lebhaft an zu werden, dass ich diese alte gute Mutter sah und Minchen, sagt' ich? Ihro Konigliche Hoheit, antwortete er, befindet sich wohl, ausser dass sie halb todt wegen des Todes der Alten ist.
Mein ehrlicher Helm (er hiess eigentlich Wilhelm, seiner Tapferkeit wegen war ihm indessen die erste Sylbe allergnadigst erlassen) sagte diess mit so viel Subordination (diese und nicht Ehrfurcht verlangte ich von den Meinen), dass er in jedem Wort Takt hielt. Er bemerkte unmassgeblich, dass dieser Todesfall vor einiger Zeit durch ein Licht in der Kirche zwischen eilf und zwolf sehr richtig vorher verkundiget ware, allein ich belehrte ihn, dass dieses Licht meiner Mutter H a n d l a t e r n c h e n gewesen; ich, fuhr er fort, habe diesem An- und Vorzeichen nicht geglaubt. Desto besser, erwiederte ich. Unterthanigsten Dank, beschloss Helm, fur die Parole "Handlaternchen", ich werde sie weiter geben. Gut! sagt' ich. Soll ich mit, fragte H e l m , und zeigte Briefe, die er wegschnellen sollte; ich winkte ihm ab, und mein Pferd, als ob es den H e l m verstanden hatte, hielt am Trauerhaus. Ich fand Minchen die Hande ringen und laut, laut wimmern; meine Mutter! meine Mutter! Meine liebe Mutter!
Sobald ich ins Zimmer trat, artete ihr Schmerz in Kunst aus. Sie veredelte ihre ersten naturlichen Aufwallungen; sie schrie nicht aus, sie seufzte nur ein sanftes Ach! Sie weinte zwar, allein sie schluchzte nicht. Sie goss nicht Thranen, sie thaute sie nur; sie rang nicht mehr die Hande, sie faltete sie. Sie bedauerte ihre Mutter, allein sie war bemuht, dabei auch ihrem Vielgetreuen zu gefallen. Im allerersten Affekt hatte ich dieses vielleicht nicht uber sie erreicht, jetzt aber opferte sie mir ihren Schmerz auf. Sie verliess ihre Mutter, um an mir zu hangen. Alle poetischen Uebel geben der Liebe Zuwachs. Ein Madchen, das einen Brautigam hat, kann unmoglich uber den Tod ihrer Mutter anders als dichterisch betrubt seyn. Ihr Schmerz ist ein schoner Schmerz. Sie ubersetzt den Schmerz, wenn ich so sagen soll, in wohlklingende Verse: Alles was sie that, gehorte der Seligen und mir zur Halfte.
Hatten Sie sie sterben gesehen! Einen Gruss uber den andern an sie. Sie ging so schon wie die Sonne unter; ich hatte was drum gegeben, wenn sie diese untergehende Sonne noch beschienen hatte. Gewiss sind Sie ihrem Geist begegnet.
Ich bin ihm begegnet, ich hab' sie gesehen, ich hab' sie gehort. Gott geleite sie und segne sie, und geleite sie und segne sie jetzt und in Ewigkeit! Ich hor's noch.
Da sah und horte mich mein Vater. Alexander! rief er, und ich war kein Sonntagskind mehr, ich kam von meiner Mondsucht zuruck. Mein Vater! antwortete ich . Er hatte der Seele dieser frommen Alten mit einem andachtigen Zuspruch das Geleite gegeben, und selbst so etwas von Vollendung, von Himmel im Gesicht. Er sah selbst selig aus. Seine Erzahlung war mir neu, ob er gleich erzahlte, was ich wusste, was ich sah. Nach dieser Entzuckung in den dritten Himmel kamen wir aufs Irdische, und ich erzahlte ihm, dass ich erst in funf Monaten abreisen wurde. Willst du, sagte er noch zu guter Letzt, eine Leichenrede darf ich bitten, sagte der alte Herr. Minchen bat mich nicht, ich entschuldigte mich, und gewiss hatt' ich beim Sommergetreide eingebusst, was ich beim Wintergetreide, bei der Predigt, eingenommen und eingeerntet, wenn ich bei dem Grabe Minchens und meiner Mutter eine Leichenrede ubernommen. Diess war wohl der grosste Beweis, dass mein Vater nicht wusste, wie es mit Minchen und mir stunde. Er hielt's ohne Zweifel fur Alexander- und Dariusspiel. Mein Vater ging zu Hause, ich blieb noch einen Augenblick zuruck und ging mit Minchen ans Bett ihrer Mutter. Nie sah' ich die Aehnlichkeit, die diese Verklarte mit Minchen hatte, so klar als jetzt. Zwar ein Schattenriss, doch Minchen! und mir sollte grauen? Ich nahm die mutterliche kalte Hand und rief sie zum Zeugen uber mich, dass ich Minchen liebe und lieben wurde. Sie fahre uber mich, sagte Minchen, so kalt sie da ist, wenn ich einen andern liebe, und todte mich, wenn ich nicht Minchen liebe, jetzt und bis vor Gottes Thron, setzte ich hinzu.
Wir schieden diessmal von einander, als wenn wir Probe sturben! So geruhrt! so
Mein Vater, der gute Mann, der mich bei meiner Mutter angemeldet hatte, war so gutig gewesen, ihr zu verschweigen, wo er mich und den B r a u n e n getroffen. Sonst war sie von den funf Monaten und dass ich die Redeubung ausgeschlagen, unterrichtet und uber beides erbaut. Die funf Monate gaben ihr noch zu einer Rubrik unter den mitzugebenden Hemden Gelegenheit, und meine abschlagige Antwort? ich erzahl' es ungern, dass meine Muttter hieraus meine Gleichgultigkeit gegen Minchen, wie aus einmal eins eins heraus brachte. Liebe Mutter! die Liebe halt keine Reden!
Die fromme Alte wurde in aller Stille beerdigt, und ihr Grabmal war das heilige Kabinet, wo Minchen und ich in Liebesangelegenheiten zusammenkamen. Ein Engel mehr, sagten wir, der uns hort, ein uns so verwandter Engel.
Um meine Leser wegen der Rede schadlos zu halten, bin ich bereit, einem jeden, der horen will, eine von anderer Art vorzufechten. Liebe und Tod grenzen uberall zusammen, im Roman und in der Geschichte.
Ich bin der festen Meinung, dass jedes, was schreiben kann, wenn's liebt, auch Liebesbriefe schreibe, geschrieben habe, auch schreiben werde. Die Liebe ist eine vollige Opferung, eine Universalsocietat. Man gibt alles, was man hat, man thut alles, was man kann. Man sagt alles, was man weiss, die Authentica habita Cod. ne filius pro patre nicht ausgenommen. Ein Bauer kritzelt den Namen seiner G r e t e in den Sand. Die Harke ist seine beste Feder. Schrammt er ihn in Kurbiss, schmeckt ihm dieser am sussesten. Schnitzelt er ihn in eine Linde, schmatzt er den Saft aus, der aus den Buchstaben quillt. Grete steht uberall, wenn er's bis zu funf Buchstaben gebracht hat; wenn nicht, ist der erste Buchstabe des Vornamens sein. Er pflugt ein G, er springt ein G, er geht ein G und G r e t e ? nennt ihn zwar H a n s , allein sie naht den ersten Buchstaben seines Zunamens ins Tuch, das sie ihm schenkt. H a n s F i c h t heisst ihr A d o n i s , und sie streut ihre Tannen ins F, und kommt sie an die Blumen der V e n u s , von der sie aber Gottlob! nichts weiss, an Rosen und Myrthen, legt sie sie ins F. Selten weiss sie mehr als den ersten Buchstaben, allein den naht und streut sie w i e g e d r u c k t . Sie sticht ihn mit Nadeln ins Eichenblatt, in alle Wenn nur eins schreiben, beide aber lesen konnen, Man kann nur fuglich im Stehen oder Sitzen schrein e r t ; es kommt auf den Geschmack an. Die schonsten Fruchte von der Spitze des Baumes (welche die Hand nicht ohne Verlangerungsstange reichen konnte; der Mund kann gar nicht heran), die schonsten Fruchte werden ausgewahlt, auf porcellanene Teller gelegt, mit Blumen und Blattern, die, wenn man lang am Tische sitzt, vor unsern Augen den Geist aufgeben und welken, geschmuckt, und so auf eine mit Spiegelglas und Puppen gezierte Tafel gesetzt. Hier tanzt man, dort ging man. Die gnadige Frau, die das Obst aus der Hand des lieben Gottes nicht vertragen kann, der's Blahungen macht, lasst's verzuckern und candisiren, und Mumien im agyptischen Sinn daraus sieden. Pfefferkuchen ist ihr besser als Honig. Da man indessen sich heut zu Tage leider! fein sauber wascht, anstatt dass man sich baden sollte, und wir unmoglich bis auf die erste Natur zuruckgestimmt werden konnen, wo wir tausend und abermal tausend Dinge vergessen mussten, die wir jetzt wissen, dient das Schreiben zur Verfeinerung. Fuhlt ihr also einen Ekel, die Fruchte unterm Baum im Garten zu essen; schreibt Liebesbriefe, nur schreibt sie nicht aus dem T a l a n d e r , und wenn er auch nur seit vierzehn Tagen in Paris gedruckt ware, sondern aus dem Herzen. Hier haben Sie den Schlussel zu den folgenden vier oder sechs Seiten ich weiss nicht, wie viel es, wenn's gedruckt wird, betragen werde wenn Ihnen, Durchlauchtigste Prinzessin! gnadigste Grafin! diese Hausmannskost Blahungen macht, es sind, glaub' ich, auch eingemachte Sachelchen da. Finden Sie nichts ich rathe zum T a l a n d e r , es thut nichts zur Sache, ob's franzosisch oder deutsch ist, ob's 1697 oder 1776 gedruckt ist, was Ihnen das Herz verdirbt ihr aber, meine Lieben! die ihr schmecket und sehet, wie freundlich M u t t e r N a t u r ist, denkt von meinem Vorbericht, was ihr am Ende von allen Liebesbriefen denkt, die man nicht selbst geschrieben hat. Und hiermit funf Briefe von meinem Minchen, nach der Anzahl der Feierhemden, die mir meine Mutter bereitet hat, wenn sie mir nicht jetzt, wegen der Funfmonatfrist, wider Vermuthen noch eins dazu legen sollte.
* * *
Sie an Ihn.
O du lieber, lieber Junge! Was hast du fur eine gute Art zu schelten! Es ist so was Herzliches drin, dass ich es mit Fleiss auf ein Scheltwort von dir anlegen werde. Du bist ein ganzer Junge! ein Gott und sein Weib liebender Junge. Mein All, All, All, Alles bist du. Ich lese deinen Brief und schreib' an dich beinahe alles zusammen. Was kann aber die Liebe nicht! du schiltst, dass ich durch Nahen und Stricken Hande in den Schooss legen? da wurd' eine Narrin aus mir werden, obgleich ich jetzt dein Weib bin. Was Klugeres kann kein Madchen in der ganzen weit und breiten Welt seyn, als dein Weib. Der Finger ist auch wohl behalten und heil, und sieht aus wie neu hatt' ich bald geschrieben wie zuvor. Er hat keinen s c h w a r z e n B a n d mehr. Die T r a u e r ist schon gestern abgelegt. Was willst du mehr? Fast wunscht' ich, du mochtest noch mehr wollen, damit du schelten konntest. Schilt doch, lieber herzlieber Junge, schilt doch was rechts auf. Die Musik war bei der Fingertrauer nicht verboten. S o l l i c h m e i n e D o r i s m i s s e n , kann ich dir so herzbrechend singen und spielen: du sollst's horen. Mein Vater wunderte sich uber den schnellen Gang in der Musik. Der gute Mann weiss nicht, dass ich eigentlich in der Schule der Liebe bin, und von ihr Klavierspielen lerne. Gott im Himmel und dich in der Welt! Wie kann ich Gott lieben, den ich nicht sehe, wenn ich dich nicht lieben sollte, den ich sehe. Ich liebe Gott in dir. Es ist unaussprechlich, wie ich dich liebe. Du bist Gottesbote an mich. Gott gab mir dich. Meine Seele ist dein, und unsere beide Seelen sind Gottes. Heut sehen wir uns; allein nicht g a n z , wir sprechen uns allein schwerlich drei Viertheil. Du musst' es denn machen wie neulich. Deine Mutter braucht aber nicht alle Tage Pfefferkraut. Was ist doch die Liebe fur eine Lehrerin? Wir sonderten uns vor aller Leute Augen ab, die mit uns gingen, und kein Mensch dachte Arges in seinem Herzen. Es fehlte nicht viel, deine Mutter selbst hatte darum gebeten, und das Beste war, wir fanden gleich so viel Kraut, dass wir Zeit genug hatten, uns viel, viel zu sagen. Findst du aber, dass es weniger wird, was noch ruckstandig ist, und was wir uns noch zu sagen haben? ich nicht. Wir zahlen nicht einmal alle Zinsen ab; diese werden noch Capital. Wann wird uns Gott in Stand setzen, Capital und Zinsen richtig zu machen. Wenn du Pastor bist und ich Pastorin. Dein Weib bin ich lang. Gott und alle seine heiligen Engel waren auf unserer Hochzeit, und die sind standig beinahe sichtbar um uns, wenn wir allein sind. Es kann nur wenig, sehr wenig daran fehlen, um sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Da kann man wohl mit Recht uber den betrubten Sundenfall klagen. Ist's denn Sunde, so zu lieben, als wir? und liebt nicht Gott unsere Liebe? Seine heiligen Engel sind ja unsere guten Manner gewesen, und wir sind nicht so verbunden (ich wollte nicht verheirathet schreiben, allein ich argere mich uber den Anstand, den ich druber genommen, und schreib's zweimal hin) so verheirathet, wie die verkehrte Welt, sondern wie A d a m und E v a . Gott selbst hat uns getraut, und sag': hat je ein boser Gedanke dein Herz verfalscht? mir ist keiner vorgekommen. Je frommer ich bin, je inbrunstiger denk' ich an dich. In der Kirche hore ich deine Stimme unter hundert, und ich singe schnell mit, damit wir beide zusammen zu Gott kommen. Aus der ganzen Fulle meines Herzens bin ich dir gut. Bin ich nicht dein Weib, dein treues Weib, du Einziger, du Eva's Adam! Sag es mir tausendmal und wieder tausendmal, dass du mein Mann und ich dein Weib sey. Das lernt man immer schoner aussprechen, je ofter man es ausspricht. Wenn du es sagst, ist's mir himmlische Musik, Kirchengesang. Jetzt sind wir nur beim lieben Gott bekannt. Ueber ein Kleines oder uber ein Grosses mir ist's gleich, wird Gott uns auch unter die Leute helfen. Ich liebe deine Seele, und du die meinige. Du bist der Mann meiner Seele, und ich das Weib deiner Seele, sonst konnten die Engel mit uns nichts mehr zu schaffen haben. Leb wohl! Zu Mann und Weib hat uns der liebe Gott gemacht, zum Herrn Pastor und Frau Pastorin mussen es die Menschen thun. Da ist das ganze Rathsel.
N.S. Z u r r e c h t e n H a n d . Das Pfefferkraut wurd' ich zum Kraut der Liebe machen, so gut bin ich ihm.
N.S. Z u r l i n k e n H a n d . Warum hast du deinen letzten Brief so weitlaufig geschrieben? Wenn du mir so gut nicht warst, als ich weiss, dass du es bist, wurd' ich mir Gedanken machen. Hab' ich es nicht von dir: "je kalter, je weitlaufiger, wenn man Briefe schreibt." "Wer liebt, lauft immer uber. Er kennt nicht Mass und Gewicht." Aber so bist du! auf deine Finger siehst du nicht, allein die meinigen sollen nicht trauern. Konnt' ich dann nicht dich und du mich lieben, wenn auch alle unsere zwanzig Finger in tiefer Trauer waren. Ich komme wieder aufs Vorige. Wer war es denn, der sagte, die Natur liebt eben die Finger nicht weiss. Rothe Wangen, starke Hande, wo gesundes Blut durchscheint, ist Naturuniform: wer war es? Ich muss noch ein Stuck Papier mit der Nadel anheften. Lieber Mann, ein Naturmensch, wie du, sollte nicht auf weisse Finger sehen. Das nenn' ich! ich! ich! nenn' das schelten! Grusse alle deine Finger von mir sie sind meine Finger. Du bist ganz mein, ich ganz dein. Wir sind eins, ich habe deine Briefe unter meine Bibel gelegt. Erst Gott, und dann mein Mann. So gehort und gebuhrt es sich. Ihr Manner, dunkt mich, seyd zum Reden und zum Schreiben. Wir Weibchen zum Thun, und wenn's hoch kommt, zum Lesen. Das wirft du wohl finden, ohne das ich's nothig gehabt habe zu schreiben.
Sie an Ihn.
Wie du vom Alexander zum lieben Jungen erniedrigt, oder besser, erhoht bist! Unsere Liebe hat sehr gewonnen, jetzt da dein Vater den zweiten Diskant Schilde gefuhrt. Gottlob! dass du jetzt Pastor wirst. So sind wir doch so sehr nicht auseinander. Lieber, lieber, lieber Junge! was meinst du? Die Regenten mussen sich doch auch zuweilen so nennen, wie wir, oder sie wissen nicht, was Liebe heisst, und dann sind sie armer, als wir, und armer, als alle Bettler in unserm Dorfe. Ich weiss doch auch, wie es einer Prinzessin zu Muthe ist; allein ich tausche nicht mit der Konigin Elisabeth, da ich dich habe und du nicht mit Alexander, da du mich hast. Wir wurden jetzt schlecht Alexanderchen spielen! die alte Babbe wurde die konigliche Frau Mutter besser machen, als wir Alexander und Frau Alexander. Ausser der Liebe, das fuhl' ich, ist alles Possen und Unwesen in der Welt. Du hast recht, ganz recht, "die Liebe macht gleichgultig gegen Ruhm und Glanz, allein gegen die Menschlichkeit nicht. Sie schrankt das Herz ein, allein sie erweitert es auch. Eins liebt nur eins, wie Mann und Weib, alle Menschen aber, wie Schwester und Bruder. Einen Verliebten, glaub' ich, kann jeder Mann betrugen, er halt alles fur ehrlich, was ihm begegnet, die Liebe ist stark Getrank fur die Seele. Sie betrinkt sich in ihr, und Verliebten geht's kein Haar besser, als Leuten die ein Glaschen uber'n Durst getrunken haben. Es ist ihnen alles besser, wie zuvor. Sie sehen alles in den besten Jahreszeiten, alles im Junius." So weit du. Eine schone Antwort auf deinen Brief. Ich schreibe ab, was du geschrieben hast. Mich dunkt aber das ist die rechte Art fur ein Weib. Sie ist eine Kopistin des Mannes, wenn sie schreibt. Denn diess ist ihr Fach nicht. Das war wieder eine Abschrift von dir, und uberhaupt bin ich ganz nur eine Abschrift von dir. Du hast mir gestern geschrieben, dass ich deine Buchstaben nachmache, und dass sie mit der Zeit wie deine seyn wurden. Lieber Junge! ich leg' es nicht dazu an, ich mache sie nicht nach. Es kommt von selbst, ungebeten. Ich lese deine Briefe mir ins Herz und in die Hand. Wenn du morgen zu mir kommen willst, komm um vier; von vier bis sieben sind nur drei Stunden. Ich habe dir viel von der Liebe zu sagen, worauf mich dein Brief gebracht hat. So was muss man sich sagen; schreibt man, ist's so, als wenn man Schlagwasser aufs Schnupftuch giesst. Ich denke, die Liebe ist noch das Einzige, was in der Welt von ihrem Stande der Unschuld, und von der Zeit, da sie aus der lieben Gottes Hand kam, ubrig ist. Und du lieber Gott! bei dem allen glaub' ich, dass nicht drei Paar in ganz Curland sich lieben, wie man recht liebt, sich lieben wie wir. Du wirst uber vieles lachen, was ich mir im Kopf gezeichnet, uber vieles wirst du mich aber kussen. Im Lande, schreibst du, wo man sich in der Landessprache nicht auf gute Weise dutzen kann, liebt man nur so so recht! ganz recht, lieber Junge, und wann hattest du nicht bei mir Recht? Das Dutzen ist so was zum Herzen, dass ich's nicht sagen kann. Was das hubsch ist, dass du deinen Vater und deine Mutter du zu nennen das Herz hast. Meinem Vater durft' ich so nicht kommen, der Muttter wohl darum liebst du auch deinen Vater mehr, als ich den meinigen. Unsere Mutter lieben wir, glaub' ich, gleich. Den kleinen Finger von der Liebe, womit wir uns lieben, auch der nicht! Ich habe schon gedacht, ihr Manner konnt nimmer so zartlich seyn, als wir. Horst du? als wir. Wo ich alles vernehme, was ich schreibe, musst du besser wissen, als ich denn in Wahrheit, wenn ich mich an das Papier setze, weiss ich kein Wort. Morgen von vier bis sieben! Ich wurde nicht eine Sylbe an dich schreiben, wenn du es nicht so wolltest, aber du musstest ohne Ende und ohne Ziel an mich schreiben, sonst wusste ich nicht, was ich anfinge. Ich finde in keinem Buche das, was ich in deinen Briefen finde. Was du aber in meinen findest, kann nicht viel seyn.
N.S. Komm ja um vier; mich argert, dass ich alles so voll geschrieben habe, ich mochte dich gern noch einmal, und noch einmal drum bitten: um vier.
Sie an Ihn.
Sie an ihn! diese Erfindung macht dir Ehre. Du und ich, ich und du. Mehr ist fur uns nichts in der Welt. Mir kommt's wenigstens so vor. Es geht dir mit meileben, wenn ich nicht was von dir bei mir truge. Ich sehe diess als ein Pfand an, das du mit einem Kusse auslosen musst. Den letzten Brief trage ich immer im Busen, bis ihn der folgende ablost. Dein Tuch aber kann ich in der Hand halten und kussen, und mich damit vor aller Welt Augen erfreuen. Mein Tuch und meine Feder, und mein Buch und das Band auf meinem Kopfe, das du nicht beruhrt hast, ist mir als ein ungetaufter Heide. Was du angefasst hast, ist mir eingesegnet und geweiht. Die Stadtleute, die nicht wissen, wie schon es ist, Blumen an der Wurzel zu sehen geben sich einander Blumen. Ihr Blumengeschenk das habe ich von dir ist ein Bild ihrer Liebe, die auch bald dahin stirbt. Ich mochte nicht in der Stadt wohnen um vieles! Die Leute, glaub' ich, haben da den lieben Gott nur in der Kirche, wir der Name des Herrn sey gelobt! haben ihn uberall. In Mitau werde ja nicht Pastor. Werd' es auf dem Lande. Da hast du halb predigen, und wir leben doppelt. In der Stadt ist man, wie's in der Bibel steht, l e b e n d i g t o d t . Man lebt sich da, wie du sagst, krank und todt. Dass du mir ja keine neue Feder mehr schickst. Ich will keine, mit der du nicht schon geschrieben, und die du nicht schon in Gang gebracht hast. Und was ich noch mehr will, das hatt' ich bei einem Haar vergessen. Der alte Herr geht morgen aufs Land und bleibt drei Tage. N.S. Um acht Uhr des Morgens kommt der Wagen nach ihm; um neun ist er gewiss nicht mehr hier.
Sie an Ihn.
Gestern, lieber Mann meiner Seele! Einziger! habe ich den Geburtstag unserer Liebe gefeiert. Im Buche der Lebenden, das vor dem Throne Gottes liegt, sind wir gewiss von Anbeginn in einer Reihe zusammengeschrieben. Ich zittere und freue mich. Es schaudert mich und ich bin entzuckt, da ich an das zuruckdenke, was gestern neu geboren ward. Der erste Kuss und mit ihm der Schwur: "Ewig mein!" ich habe meinen Schutzengel sehr gebeten, es dir einzuflossen, was ich gestern empfunden habe, es ist unausschreiblich! Denkst du auch noch zuruck? Unsere Augen waren die ersten Bekannten; sie waren immer zusammen, wenn sie sich erreichen konnten. Eh man sich liebt, ist das Auge, wie du sagst, als eine Sonne mit Wolken belagert. Die Liebe steckt das Auge an, zuvor ist es eine unangezundete Kerze. Kaum brennt's, so ist auch der ganze Mensch hell. Alles stufenweise in der Liebe! Nach dem Blick eine Beruhrung. Ich denke noch oft daran, wenn sich unsere Finger beruhrten, da du mir was reichtest, oder ich dir die Funken spritzten mir bis in die Seele, so oft wir so Feuer anschlugen, und da ich dein Glas wie aus Versehen nahm, eben der Stelle trank, wo du getrunken hattest. Himmel, was trank ich! ich trank dich, ich war von dir betrunken, und mein ganzes Blut ward davon entzundet. Endlich das hohe Fest, dessen Jahrestag gestern war! Sprachen wir oder sprachen wir nicht? Ich glaube: Nein. Sprache und Liebe bestehen nicht sonderlich, das habe ich oft erfahren. Die Sprache ist ein ungetreuer Dienstbote. Gott, wie du mich kusstest und drei Bluthen vom Baume herabfielen, um diesen Ort zu heiligen, und die Nachtigall schlug, und wir diess alles nur halb sahen, nur halb horten, bis wir uns von diesem Kusse erholt hatten! O Mann, o lieber Mann! welch ein Fest! Wie hab' ich gebetet, dass Gott mit unserer Liebe sey! Er, der die Liebe ist, sey mit unserer Liebe! Er weiss das Ja, das wir stammelnd vor seinem Angesichte ablegten, die Sonne beschien es, der Altar war mit V e r g i ss m e i n n i c h t bordirt und mit Blumen geschmuckt, die so schon zusammenstanden, als ob sie auch untereinander vermahlt und zusammen getraut waren. An diesem Tage, lieber Mann! mussen wir auch einmal, wenn Zeit und Stunde ist, vor der Welt zusammengegeben werden. Dieser unser Welthochzeittag sey uns ein untergeordnetes Fest, und also am namlichen Tage! Man muss Gott mehr lieben als die Menschen ich habe sehr, sehr fur dich gebetet. Ich bin deinetwegen beim lieben Gott Sturm gelaufen. Laut, laut schrie ich: Gott sey mit ihm, mit ihm! Ich nenn' dich immer zum lieben Gott Er. Gott weiss ja alle Dinge. Einmal das muss ich dir ohrbeichten kam mir der Alexander in den Mund, und ich ward so zuruckgesetzt ich schamte mich so vorm lieben Gott, dass ich in zwei Tagen kein Wort hervorbeten konnte. Ich denke, es kommt daher, weil wir Alexander gespielt haben, und weil der liebe Gott das Herz und kein Spiel haben will. Weisst du woher anders? schreib's mir. Es war doch nicht ein Schelmenstuck, dass du den Alexander machtest, und mein Bruder Benjamin den Darius. Du heisst ja leider Alexander. Da bin ich wie deine Mutter! Ich gabe was drum, wenn du J o h a n n oder G o t t l i e b hiessest. Ich vergess' es nicht, was der Herr Candidat * sagte, der als Volontair nur einem der Feldzuge zusah, den dein Vater mitmachte: "Gut war's, wenn uberhaupt Konig nur gespielt wurde!" Dein Vater schuttelte Nein! warum nein? Ich bin des Herrn Volontairs Meinung.
Es hat doch bei unsern Schlachten kein Junge ein Bein gebrochen, und die Jungens sind alle so vollkommen, so stark. Benjamins Fuss ist obenein gerader geworden; was fallt aber nicht, wie man hort und liest, im Kriege? Im Anfange glaubte ich, dass in der Geschichte die Zahlen verdruckt waren, ich fand's aber oft ganz ausgedruckt. Die Leute sollten's nicht so deutlich machen, damit man wenigstens denken konnte, es ware eine Null zu viel. Da seh' ich, was ich zusammen geschrieben habe. Wenn du oder ein anderer Alexander das, was ich geschrieben, schreiben, oder besser zusammenlegen sollten, war's ordentlicher und kurzer, glaube ich, aber nicht herzlicher. Ich streiche nichts. Mogt ihr doch streichen, wenn ihr nur nicht das Herz herausstreicht, wie ich glaube, dass es die meisten von euch thun. Da fiel's mir neulich beim Pilatus ein: "was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben." Gott verzeihe mir's. Ich dachte das Weib er, als Landpfleger, hatte ja streichen konnen. Wie ich froh bin, lieber Junge, das wird dir dein Schutzgeist sagen. Der meinige hat ihn heute gewiss mehr als einmal besucht und es ihm erzahlt. Wenn wir sie kennen lernen werden, das wird eine Lust seyn. Mir ist's sehr, sehr angenehm, an den Tod zu denken. Ei wie denn dir? Gott segne dich und behute dich in alle, alle Ewigkeit! Amen! Amen!
(An der einen Seite:) Heute gewiss einen Brief von dir. Es ist Geburtstag. Die Briefe werden sich begegnen. Ist er noch nicht abgeschickt, lass ihn den meinigen kussen; ich werd's empfinden; und eh' die Briefchen einmal, wenn wir zusammen sind, auch zusammen kommen und sich paaren, wird's noch eine Zeit dauern. An unserm Welthochzeittage wollen wir sie zusammen legen. Eben denk' ich dran, wie furchtsam unser erster Kuss war, um dir zugleich eine gute Lehre zu geben. Jetzt ist's so, als wenn du mir das Aug' austrinken wolltest, wenn du es kussest.
Sie an Ihn.
Ich habe zum erstenmale einen Menschen sterben gesehen! und gleich zum erstenmale eine Mutter. Nun wurde folgen, selbst zu sterben, und das Entsetzlichste von deinem Tode zu horen. Denn dich sterben sehen, war' unmoglich. Lieber Junge, alles auf einmal! Du wirst weg meine Mutter ist schon weg. Du kommst zwar wieder, allein meine Mutter nicht mehr. Du weisst, wie ich sie geliebt habe, und wie sehr ich Ursach dazu gehabt. Wenn wir zu einem Brieftrager einen Vertrauten nothig gehabt, ware sie es gewesen. Du hast mir's gesagt und geschrieben: Ein Madchen kann zur Vertrauten in der Liebe niemand anders als eine Mutter nehmen hochstens einen Bruder. Wie wird's jetzt werden, da du dem Benjamin unsere Liebe nicht entdecken willst? Du schreibst, ein guter, sehr guter Junge, nur ist er gewohnt in die Flucht geschlagen zu werden. Wer Geheimnisse bewahren will, muss des Siegens gewohnt seyn. Wir armen Leutchen! jetzt schreiben wir einander und tragen die Briefe selbst an Ort und Stelle. Wenn du aber nicht mehr dreissig Schritte fur Manner, und sechzig wenn wir beide zusammen gehen, von mir entfernt seyn wirst, wie werd' ich dir meine Briefe im Buche reichen oder in die Hand drucken, oder auf diese oder jene Statte legen, welche der liebe Gott bloss unserer Briefe wegen so dick mit Gras bewachsen liess, um unser Geheimniss zu decken. O Gott! wenn ich an deine Abreise denke, ist's mir so, als wenn ich meine Mutter sterben sahe, und doch wirst du wieder kommen, und dein Weib bekennen vor den Menschen. Gott helf' uns dieses Bekenntniss vor dem Altare ablegen, wo wir ehemals unser Glaubensbekenntniss gen Himmel ablegten! Du musst auf eine Universitat, das hast du mir bewiesen, also gehe hin. Ich werde dir noch viel, viel mitgeben, dass du dich meiner erinnern kannst! Du armer Junge! ich behalte doch mehr zuruck. Dein Vater hat deine Finger, als wenn ich sie sehe. Wie werd' ich darnach blicken, selbst wenn er mir die Hand beim Beichtstuhle auflegen wird, selbst da werd' ich an deine Hand denken. Das ist keine neue Sunde! Was behalt' ich nicht noch mehr! Alle die Oerter, wo du gingst, wo du kamst. Wo Alexander siegte, wo ich deine Gefangene war, wo unsere Augen einen Bund machten; den Altar, wo wir getraut wurden; den Ort, wo wir Concert hielten; wo du oft, oft mich zusammennahmst und kusstest, und wo ich dir durch einen bescheidenen Kuss fur deinen heftigen dankte; wo wir uns freueten, dass es Fruhling war, und das erste Veilchen, die erste gelbe Blume, den ersten Schmetterling bewillkommten. Der Ort, wo dein Vater uns uberfiel, lieber Junge! ich glaube noch immer, du magst mir so viel sagen als du willst, der hat viel zu deiner Abreise beigetragen. Der Tod sucht Ursach. Gott sey Dank! noch funf Monat. Was wimm're ich Thorin! du gehst hin, um bestandig bei mir zu seyn, um Stroh zum Nestlein fur uns zu holen. Flieg denn aus, find bald dein Stroh, und denk, dass deine Sie auf dich wie eine von den klugen Jungfrauen wartet. Schick' mir dann und wann eine Taube mit einem Oelzweig. Wir mussen noch verabreden, wie wir's mit den Briefen halten wollen! ich kann dir nicht sagen, wie mir ist! So sind wir Menschen! Wer stirbt gern, wenn er gleich weiss, dass er dadurch zum ewigen Leben kommen soll? Das Letzte ist gewiss. Leute, die recht sehr fromm sind, mussten hier schon wie dort seyn. Sie studiren die himmlische Geographie, und sind im Himmel so, wie ich in Gedanken auf all' den Universitaten seyn werde, wo du wirklich seyn wirst. Wer stirbt aber gern? Wer? Warum ich eigentlich an dich schreibe, hab' ich dir noch nicht gesagt. Ich habe meine Mutter vor dir nicht sehen konnen; ich will sie unsere Mutter nennen, meinen Vater aber nie, nie unsern Vater. Der meinige ist er, weil's Gott hat haben wollen; warum sollst du dich aber mit ihm beschweren? Gott verzeihe mir's! wenn ich hiedurch dem vierten Gebote zu nahe trete du hast mich als Mann daruber losgesprochen und die Grenzen abgemessen: "Bis dahin und weiter nicht." Als Pastor musst du diesen Losspruch noch bestatigen und vollfuhren, Amen! Wieder von unserer Mutter ab ich hab' dir noch etwas Schriftliches von ihrem Abschiede versprochen, weil ich's dir mundlich nicht sagen konnte.
Wisse also, mein lieber Junge, dass ich ihr, kurz eh' sie starb, unser Liebesgeheimniss entdeckt habe ich habe vor der Minute gezittert, da es hiesse: Vollbracht nachdem ich ihr aber unser Geheimniss gesagt hatte, zitterte ich auch fur ihre Besserung. Ist's nicht gut, dass ich's ihr gesagt habe? Sie hatt's doch im Himmel erfahren, und dann hatte sie Ursache gehabt, es mir zu v e r d e n k e n , wenn diess Wort im Himmel nicht verboten ist. Was weiss ich ich dachte, es ware unrecht, sie ohne diess Geheimniss sterben zu lassen. O lieber Junge, welchen Segen hat sie uber uns ausgesprochen. Sie war schon lange wie todt, hatte lange sprachlos gelegen, da ich ihr aber unsere Liebe erzahlte, bekam sie ihre Sprache wieder. Zacharias fiel mir ein mit seinem "er soll Johannes heissen." Sie nannte dich Sohn. Das hatte sie in dieser Welt nicht das Herz gehabt, wenn ich gleich wirklich die Frau Pastorin gewesen ware. Sie fuhlte aber, wer sie war! Sie fuhlte ihre Beforderung zum Engel. Sohn! Sohn! Sohn! sprach sie, als ob sie sich dabei was zu gut thate, und blieb im Segnen. Gewiss hat sie's mit himmlischen Worten fortgesetzt, was sie mit irdischen angefangen; und was sie in Schwachheit begann, geendigt mit Kraft. Gott schenk' ihr die himmlische Seligkeit, die sanfte, ewige Ruhe der Auserwahlten! Auf ihrem Grabe will ich oft Rath holen, wenn ich in deiner Abwesenheit Rath bedarf du musst noch oft, oft, so schwarz, so nackt, so unbegrast, so unbeblumt es gleich da ist (wer wird sich aber vor Staub, vor seinesgleichen furchten?) oft musst du noch an ihr Grab mit mir wallfahrten. O Lieber! mir ist so so rings ums Herz, als wenn ich meiner Mutter bald folgen werde und hatt' ich dich nicht wie gern! wie gern! ich hatte diese letzten Zeilen gern weg! Aengstige dich nicht. Du kennst mich so gut, wie ich mich selbst kenne!
Du schreibst mir: "Schone dich! ich weiss, du bist in dein Leben nicht verliebt schone dich meinetwegen!"
Junge! deinetwegen, deinetwegen, deinetwegen will ich leben, leiden und sterben!
Da hab' ich ihn mit einem Griffe deinen lieben Brief, den ich aufsuchen wollte.
"O M i n e , wenn doch unsere Vater alle Nachte den Himmel observiren mochten. Was war das fur eine Nacht! M i n e was fur eine Nacht! M i n e , was fur eine Nacht! Wie feierlich, zwischen eilf und zwolf auf dem Kirchhofe zu seyn! mit dir! mit dir allein auf dem Kirchhofe." Ich vergesse dieses z w i s c h e n e i l f u n d z w o l f in meinem ganzen Leben nicht. Die Alten sahen auf der andern Seite des Kirchhofs nach den Sternen, und ich? "sah dich dich dich doch warst es du? Sag, warst du entzuckt, oder warst du wie sonst? Ein Mondstrahl umleuchtete dich ich stand im Dunkeln und sah ein Gesicht im prophetischen Sinne. Nie hab' ich so was gesehen! du warst verklart, und dein Gesicht war wie eines Engels Angesicht: so so wie ich dich nach der Auferstehung der Todten sehen werde in alle Ewigkeit!"
W o z u d i e s e A b s c h r i f t ? gleich, lieber Junge.
Gestern standst du in der Sonne! Sie beschien dein edles Angesicht sanft und zuruckhaltend war ihr Strahl, so als wenn Gott mit Menschen spricht. Die Sonne blitzte nicht, sie hatte einen Augenschirm vor, und ich! kurz lieber Junge, wie es dir mit dem Monde ging, ging es mir mit der Sonne; ich sah dich, ich kannte dich, allein du warst wie Moses, indem er vom Berge kam und mit Gott gesprochen hatte, und ein Gesicht voll Sonnenglanz mitbrachte da dacht' ich: Sonne und Mond ist Mann und Weib. Da sah ich uns beide im Himmel, dich in die Sonne, mich in den Mond gekleidet ich weiss nicht, wie mir war! mir kam es so vor, dass ich bald sturbe, und dass meine Mutter ein Mondgewand in der Hand hielt, mir das Sterbehemde auszog und mich himmlisch einkleidete. Ich war in Wahrheit ausser mir! das hab' ich noch behalten, dass es selig ware, selig, selig ware zu sterben wenn du mit sturbest. Gottes heiliger Wille geschehe! Oben wo sie angefangen hatte (das andere ist so voll geschrieben, dass kein Wort mehr Raum hat): Was haben wir nicht noch abzureden, ehe du gehst. Funf Monate sind zu kurz, wenn wir von vier des Morgens anfingen und um neun aufhorten. Wie kommt's, dass wir nicht zum Worte kommen, wenn wir zusammen sind.
Dixi!
Und wenn gleich meine Mutter drei Hemde-Rubriken mehr wahrend der Zeit erfunden hatte. Dixi!
Euch, gute Seelen, die ihr den Hanfling, den ein Bube aus dem Neste stahl, um ihn mit aufgeweichtem Brode zum Sklaven zu futtern, versteht, wenn er, seinem Kerker entflohen, auf dem benachbarten Kastanienbaume seinem Tyrannen Hohn singt;
Euch, gute Herzen, die ihr einer Pflanze die Wollust ansehen konnt, wenn der Gartner sie aus dem Blumentopf in die weite Erde bringt, oder einen Feigenbaum, wenn der Besitzer in nordlichen Gegenden ihn vom Fenster in den schonen sanften Regen setzt; Euch wenigen E d e l n ! die ihr, wenn die Bohne in eurem Garten eine schwere Geburt hat, ihr nachhelft und die Schlauben abstreift, um ihr Luft zu machen, und die Blume, die der Sturm wie eine Wittwe beugt, mit trostender Hand aufrichtet, damit sie, so wie ihr selbst, gen Himmel sahe, euch, die mein Vater Seher, von Gott Angehauchte, nennen wurde; Euch, die ihr horet und sehet, was Viele mit offnen Augen nicht sehen, mit offenen Ohren nicht horen, schreib' ich diese Briefe zu. Schutzt sie wider Hof- und Stadtleute, die Ach und Weh uber sie kreischen, wider die Schwatzer und Trunkenbolde in der Liebe, die, gewohnt an italienische Musik, die kein Schafchen bloken, keine Nachtigall schlagen, keine Biene schwarmen, keinen Kafer brausen horen konnen.
* * *
E s w a r e i n e s S o n n a b e n d s wie hatt' es wohl ein anderer Tag seyn konnen? da mich meine Mutter bei der rechten Hand nahm, welche sie die A u s e r w a h l t e zu nennen pflegte, und sich folgendergestalt verlauten liess: Mein Sohn, heute Konig, morgen todt. Es ist leicht moglich, dass, wenn deine Noviciatsjahre geendigt sind, und du dich, zu Ablegung der heiligen Gelubde, nach Curland zu den Altaren deiner Vater mutterlicher Seits einfindest (mein Vater hatte gesagt: wenn du deine Jahre der Wanderschaft zuruckgelegt und ans Meisterrecht denkst), du mich nicht mehr in dieser irdischen Hutte siehst. Dort sehen wir uns gewiss und wahrhaftig; indessen hab' ich noch viel auf meinem Herzen fur diese Welt, das ich nicht gern wie einen Haufen Reiser zusammenraffeln, sondern mit Zuckererbsen zur Saat lesen und sondern und dir ins Ohr saen, oder, nach dem ein und vierzigsten Psalm im achten Verse, raunen mochte.
Ich glaubte, dass dieser aufgespannte Pfeil Min
chens Geschichte treffen wurde, allein ich betrog mich am Ende, obgleich ich meine Mutter, um ein anderes todtliches Gewehr anzufuhren, Pulver auf die Pfanne streuen und zielen sah, da sie von den Vorzugen eines guten, ehrlichen Herkommens sprach. Sie lenkte auf meinen Vater, ihren vielgeliebten Eheherrn, und legte es mir so nahe als moglich, dass ich sie fragen mochte, was sie wohl von seiner Abkunft dachte? Wir bogen beide zur Rechten und kamen nicht zusammen. Freilich hatt' ich auch gern gewusst, was meine liebe Mutter, bass als ich, von dieser Sache wusste. Ich befurchtete aber Auftrage zu gewissen Fragen an meinen Vater, und wie hatt' ich einen Mann foltern, oder wie meine Mutter sprach, stocken sollen, der so vaterlich war, mir wegen Minchen keine Frage ans Herz zu legen? Sie musste also durch einen andern Weg in ihr Land. Ueber deinen Vater, sagte sie, habe ich tausend und abermal tausend Thranen vergossen. Selten wird ein Frauenzimmer das Wort Thranen trocken aussprechen, und ohne es anschauend zu machen, was Thranen sind.
Ich weiss zwar nicht, wo er her ist, und wer seine Eltern gewesen, bald hatt' ich l i e b e E l t e r n gesagt; Gott weiss aber, ob sie's verdient hatten und ob's nicht unschlachtig Volk gewesen. Ich vermuthe, dass sie ihm eben keine Ehre machen konnen, denn sonst wusste ich nicht, warum er so zuruckhaltend uber diesen Punkt zu seyn Ursach hatte. Hier fing sie so bitterlich an zu zeigen, was Thranen sind, dass ich sie herzlich trostete. Sie jammerte mich von ganzer Seele.
Was ich weiss, will ich dir sagen; wollte Gott, dass es ohne die grosste Bewegung meines Herzens geschehen konnte.
Ich verbat ihre Erzahlung, da ich sah, wie sehr es sie angriff.
Nein, um des Himmels willen, nein, aber nein, rief sie aus, und wenn mir druber das Herz brechen, wenn ich gleich sterben sollte, musst du alles erfahren, was ich gewiss weiss, was ich hoffe, was ich glaube, was ich furchte, und noch manches w a s mehr.
Nichts war es spat und fruhe
sang sie
Um alle meine Muhe;
Mein Sorgen war umsonst.
Und nach Vollendung dieser Herzstarkung fing sie an: Du weisst, wie sich die L e b e n s l a u f e unserer in Gott ruhenden Vorfahren anfangen: "Was nun anlangt" ich kann diesen Anfang nie, ohne Lust aufgelost zu werden. beten
"Was nun anlangt die ehrliche Geburt, den Tauftag, den gefuhrten christlichen Lebenswandel und die selige Sterbestunde unserer in Gott ruhenden Glaubensschwester, der weiland viel ehr- und tugendsamen Frauen, Frauen so ist selbige von christlichen Eltern geboren. Ihr Herr Vater war der weiland Wohlerwurdige, und ihre Mutter die weiland leibliche Tochter des weiland Wohlehrwurdigen ihr Herr Grossvater war der weiland Wohlehrwurdige so viel Weilands Wohlehrwurden ohne Ende und Ziel." Bei deinem lieben Vater ist ehrliche Geburt und alle Wohlehrwurden in die Rappuse gegeben. Gott gebe, dass dieser Gedanke ihm sein Sterbelager nicht schwer mache.
Es war im Jahr nach Christi Geburt 17 den da er zu deinem lieben, seligen Grossvater gegen Abend um sieben Uhr ankam. Es schlug eben unsere Stubenuhr, die so katerhaft brummte, eh' sie eins, zwei, drei, vier, funf, sechs, sieben herauswurgte, dass ich kein Wort von den Erstlingen deines Vaters zu vernehmen im Stande war. Er schien mir mehr mit dem Rucken als mit dem Munde zu sprechen. Es war der kalteste Winter, den ich je erlebt habe. Ich sehe noch, wie dein Vater that, als wusch' er sich die Hande. Drei Aepfelbaume ruhrte der Frost in unserm Gartchen, auch den letzten Zahn, wie es deine Grossmutter nannte, oder den letzten Pflaumenbaum. Dein seliger Grossvater pflegte im Scherz zu sagen, so viel ware wohl ausser Zweifel, dass das Paradies nicht in Curland gestanden hatte im Scherz sag' ich, denn er war sonst, wie sich's eignet und gebuhret, mit Haut und Haar, mit Herzen, Mund und Handen, Curlander.
Deine liebe Grossmutter, so gastfrei wie ich, bat ab
zulegen. Dein Vater that's nicht eher, als bis er die Anwerbung angebracht hatte nicht um mich, so weit sind wir noch nicht, sondern um die I n f o r m a t o r s t e l l e , die im Kirchspiele offen war H o f m e i s t e r s t e l l e , sagte dein Grossvater, und belehrte zugleich deinen Vater, dass ein Prediger Pastor hiesse, und dess bin ich herzinniglich froh, und verehre im Staube die wunderbare Schickung Gottes in Curland; denn kein Titel hat solche Verkurzungen erlitten, als Pastor auf deutsch. Erst hiess es Pfarrherr, mithin Herr von vorn und Herr von hinten, wie's billig ist: Herr Pfarrherr. Nachher Pfarrer und jetzt Pfarr. Dass sich Gott erbarme! wer nicht buchstabiren kann, schreibt Farr, und das ist ein einjahriger Ochse. In der Aussprache ist so kein Unterschied, wenn man auch drei Ohren hatte. Mein Vater war bei Sr. Hochwohlgeboren, der fur seinen Sohn einen Hofmeister suchte, Hahnchen im Korbe. Sehr gern, sagte mein Vater, wenn wir einig werden. Jetzt spannte dein Vater sich aus, rauchte sein Pfeifchen und that eine Mahlzeit, dass meine Mutter nachher zu mir (auch im Scherze, denn sie hungerte vor Freuden, wenns ihrem Gaste schmeckte) sagte: ware der Candidat unter den vier tausend Mann gewesen, so viel Korbe waren nicht ubrig geblieben.
Dein Vater muss es selbst gemerkt haben, denn er bewies sehr gelehrt, dass man im Winter bessern Appetit, als im Sommer hatte, so wie eine ubermassige Kalte auch schlaferig mache. Das eine hatte er weidlich bewiesen, das andere war er im Begriff zu thun.
Mir strahlte dein Vater, ich muss es frei gestehen, gleich ins Herz, obgleich eine ubermassige Kalte, so wie eine ubermassige Hitze, schlafrig macht. Ich sah nicht mehr gerad aus, sondern sehr oft von der Rechten zur Linken, und war dein Vater, der uns oft besuchte, gegenwartig, so konnte mich das mindeste roth machen. Ein gestohlenes Schaf machte mich uber und uber roth, wenn man den Dieb nicht wusste und die Frage aufwarf: wer kann es wohl gestohlen haben? Wenn mich dein Vater fragte: ob ich wohl geruhet hatte? war Feu'r im Dach und ich konnte wohl aus dem schonen Liede:
Ich Erde, was erkuhn' ich mich,
bei jeder Sylbe, die er sprach, mit Recht singen: Sie sang
Ganz feurig wirb mir mein Gesicht,
Und das, was meine Zunge spricht,
Kann kaum mein Ohr vernehmen!
Ich bin voll Angst und Schamen.
Ich weiss nicht, ob ich schon an- und ausgefuhrt habe, dass dein lieber Vater Hofmeister wurde. Man hatte es ihm sehr nahe gelegt, ein Frauenzimmer, das der Frau vom Hause Gesellschaft leistete, schon zu finden; allein er fand weder sie, noch irgend eine Dirne also. Einige glaubten, dass er die seltene Gabe der Enthaltsamkeit hatte, davon war ich durch sein dringendes, feuriges Auge eines bessern belehrt. Er blieb nicht lange Hofmeister; sondern in kurzem starb sein seliger Antecessor, und er bekam das Pastorat, wo er noch bis diese Stunde Gottes Wort rein und lauter (das muss man ihm lassen) verkundigt. Abend und wusch sich abermals die Hande. Diessmal konnt' es schwerlich aus Frost seyn, denn es war Sommertag. Die drei Aepfel- und der letzte Pflaumenbaum haben sich nie wieder erholt und den Kuckuk nicht mehr schreien gehort, denn der Garten war ohne Windkenntniss angelegt, wie dein lieber Grossvater zu sagen pflegte. Meine Mutter hatte noch nie gebeten abzulegen, da er mit der Anwerbung um mich anfing. "So viel Neigung als Dankbarkeit" Gut, sagte meine Mutter, Herr Pastor! allein, ehe man Ja sagt, muss man sich bedenken. Beim Nein kann man eher fertig werden. Sie sehen, wie sehr ich zum Ja mich neige. Sie verlangte zu wissen und das konnt' ich ihr nicht verdenken wo er her ware? wer seine Eltern waren? ob sie noch am Leben? ob er Geschwister hatte? und auf tausend antwortete der Herr Brautigam nicht eins. Er liebte weder die seltenen noch gemeinen Fragen meiner Mutter, und wollte nicht mit der Sprache heraus, und da die Sache weiter getrieben wurde, erklarte er mit Ja und Amen: eher unglucklich zu seyn, und weder T h e i l noch A n f a l l auf mich zu haben, als diesen Vorhang aufzuziehen.
Deine selige Grossmutter war das im ganzen Hause, was ich in der Kuche bin, und wollte dein seliger Grossvater wohl oder ubel, er musste den Kopf s c h u t t e l n . Z u m d e u t l i c h e n N e i n konnte sie es nicht bringen. Das war ein Fersenstich fur deinen Vater. Er war gekommen, einen S a l z e i n e n e w i g e n B u n d zu machen, und nun zerriss er alles a u f s s c h i e r s t e . S t a r k e n L a u f s , o h n e S c h n a u b e n oder D r e h e n , ohne den S t a u b v o n s e i n e n F u ss e n z u s c h u t t e l n , ohne das W a s s e r g l u m z u m a c h e n , zu reden aus Ezechiel zweiunddreissig Vers zwei, ging er verstummt von seiner Scheererin von dannen. Man sah, was er litt, und gern hatt' ich ihm hulfreiche Hand geleistet. Der Abschied war kalt und warm, sauer suss, und weg war er.
Dein seliger Grossvater hielt gross von deinem Vater und liebte ihn zu sehr, als er so ganz gelassen dabei bleiben sollen. Es war dein Grossvater ein grundgelehrter Mann, der aber ausser der Kirche nur bloss in seinem Studirstubchen Potentat war, und es auch nur hier seyn wollte, obgleich deine selige Grossmutter auch hier zuweilen ihr Licht leuchten liess, wowider er selbst nichts hatte. Was ich von seltnen Fragen und Antworten weiss, ist von ihr. Sie hatte hiervon ein Naturalienkabinet, das nicht gemein war. Ich hab' oft gedacht, sie gabe ihrem Manne manche Nuss aufzubeissen, darum ihre gelehrten Fragen! ich im Druck! und darum mein Gesang! Sie wusste, was fur eine Farbe das Kleid gehabt, das der liebe Gott dem Adam gemacht, und behauptete, es ware grun gewesen. Sie wusste die Apfelart, die Adam und Eva gegessen; wo das Paradies gestanden, und empfahl die Birnen als eine unschuldige Frucht, die auch allen Menschen besser thate. Wenn ich's aufrichtig sagen soll, so geberdete sie sich bei Aepfeln und Birnen so, als ob diese ohne Erbsunde, jene mit Erbsunde behaftet waren ich finde hiebei, wenn man's dazu anlegt, viel Erbauung. Sie wusste, ob R a h e l weiss oder braun gewesen; was fur Federn Gabriel in seinen Flugeln gehabt; ob Adam mit einem Nabel versehen gewesen; ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt; ob die Schriftgelehrten Doctores in der Theologie oder der Rechte gewesen, und ob Pilatus sich mit Seife gewaschen; wie vielmal Sela in der heiligen Schrift vorkame.
Meinem Vater fehlt es weder an Seel' noch Leib, um meine Mutter so zu umzaunen, als ich es bin, allein, warum er nachgab, war um sich selbst ein Kreuz aufzulegen. Er behauptete, er hatte sein Lebtag keine Niete gezogen, sondern war' allstets glucklich gewesen; und da man durch viel Trubsal zum Reiche Gottes eingehen musste, so litt er gern diese Ungemachlichkeit, beklagte sich nur gegen mich, nachdem ich mein neunzehntes Jahr erreicht, und gegen einen einzigen guten Freund ohne Trost anzunehmen, wohl wissend, es werde seiner lieben Frau jedes unnutze Wort noch vor Sonnenuntergang gereuen, was sie geredet hatte. Diess geschah auch anfanglich; allein nach der Zeit weiss ich mich zu besinnen, dass es in wichtigen Fallen bis zweimal vier und zwanzig Stunden wahrte, alsdann aber war auch draussen schlecht Wetter, und die Sonne blieb im Bette, ohne einmal aufzustehen und zu sehen, was fur Wetter es sey. Hier ist der Schlussel zu deines Grossvaters Charakter.
Polykrates. Erbherr auf Samos, todtete seinen jungsten Herrn Bruder, und den Bruder schickte er nach Sibirien, um allein auf Samos zu wohnen. Polykrates war der alteste. Alles, was er wollte, ward.
Ich versicherte meine Mutter, die sonst Stationes liebte, dass ich diese Geschichte zur Noch wusste, allein sie hatte, wie meine Leser es ohne Fingerzeig, so gut wie ich, merken werden, auf ihren Vortrag studirt. Bring mich nicht aus der Melodie, antwortete sie, dein Vater hat meinen Styl ohnedem ins B o c k s h o r n gejagt. Sonst pflegten h a h n und l a h n und s t a h n meine Busenworter zu seyn jetzt aber muss ich genau auf die Noten sehen, um nicht aus der Weise zu kommen.
Sein guter Freund des Polykrates namlich den das Gluck seines Freundes nicht eifersuchtig, sondern besorgt machte, bat ihn sehr, er mochte doch Brunnenkresse zum Rehbraten essen, und nur etwas weniges sein Leben verbittern. Polykrates wirft seinen Ring ins Meer. Nach wenigen Tagen faht ein Fischer einen ungewohnlich grossen Fisch, verehrt ihn dem Hofe und der Koch findet den Ring. Der gute Freund, der ihm gerathen, sich unglucklich zu machen, kundigt ihm nach diesem Vorfalle seine Freundschaft auf, weil er keinen so glucklichen Freund haben wollte, indem er ein so grosses Ungluck fur ihn befurchtete, dass er ihm nicht wurde beistehen konnen. So gesagt, so geschehen. Er fangt Krieg an. Seine Tochter warnte ihn, weil sie seinetwegen einen Traum gehabt. Es kam ihr namlich vor, dass ihr Herr Vater vom Gott Jupiter gebadet und von der Sonne gesalbet worden. Er verwarf diesen Wink und lachte uber den Finger seiner wahrsagenden Tochter. Allein siehe! Er zog nach Magnesiam, wo er von den Einwohnern jammerlich getodtet und hernach aus Kreuz geschlagen worden. So ward er, wenn's regnete, gebadet, und wenn die Sonne schien, gesalbet. Diese Geschichte ist uns zur Lehre geschrieben, dachte dein seliger Herr Grossvater. Er hatte in seinem Sinne die Hulle und Fulle und hielt sich so glucklich wie Polykrates, obgleich er nie einen Ring ins Meer geworfen und, wenn das Jahr um war, keinen Dreier ubrig hatte.
Ich fand, sagt' er, von jeher die erste Rose, das erste Veilchen, die erste reife Pflaume; ging ich zu Bett, schlief ich; stand ich auf, war ich munter. Die bosesten Hunde kamen, mir die Hande zu kussen, um mir zu huldigen. Mein seliger Vorfahr hat den Pastoratsgarten bloss angelegt, um dem Winde ein Spielwerk zu machen; doch glaub' ich, wenn ich ihn so, wie er da ist, bepflanzen sollte, die curischen Sturme wurden sich mit ihm vertragen; darum pflanze ich nicht wieder, was ausstirbt. Einen neuen Garten leg' ich nicht an, um dem Boden nicht, meiner glucklichen Hand wegen, Frohndienste aufzulegen. Was ich in meiner Jugend setzte, ging alles auf. Eine Bohne, wenn sie gleich hektisch aussah, wuchs und trug gesunde Kinder. Schiess' ich, treff' ich! schiesst ein anderer, weiss ich beinahe mit Gewissheit am Schuss, ob's Niete oder Gewinnst ist. Komm' ich nach Mitau, grusst mich ein jeder, der mir begegnet, und ein jedes eher als ich. Bei allen meinen Examens ward ich uber das gefragt, was ich den Abend vorher gelesen hatte. Ich schlage mit einer Klatsche wenigstens zwei Fliegen. Oft bemuhe ich mich recht geflissentlich nur einer aufs Haupt zu schlagen, allein, indem ich den Streich vollfuhren will, kommen Freiwillige dazu; diess macht mich aufmerksam. Erst dreissig fette Jahre, dreissig Jahre ununterbrochenes Gluck, und drei Jahre darauf mager wie Pharao's Kuhe. Wer nimmt sie? Dreissig magere Jahre aber voraus, und drei fette hernach, durfen nicht offentlich licitirt werden, man nimmt mit beiden Handen. Ich wollte nicht in der letzten Zeit meines Lebens ausstreichen, was ich die vorigen Jahre geschrieben, und wie sollt' ich meinem Glucke Zaum und Gebiss in den Mund legen. Ich bin gesund, habe Nahrung und Kleider, und was noch mehr ist, habe mich von jeher damit begnugen lassen. In Gottes Hande konnt' ich also nicht fallen, ich mocht's machen, wie ich wollte. Was war zu thun? ich gab selbst Gelegenheit, in Menschenhande zu kommen. Meine Ehegenossin muss schweigen in der Gemeinde, und ich schweige in meinem Hause.
Es war also, lieber Leser, mein Grossvater mutterlicher Seits, wie es scheint, ein christlicher Sokrates; meine Grossmutter aber keine Xantippe, und ubrigens eine so achte Pastorin als meine Mutter, nur jede von anderer Art.
Ein Mann soll meine Tochter heirathen, der nicht Schuster und Rademacher werden kann, sagte deine Grossmutter, der aber (sagte dein Vater im sanften Tone, als wenn er auf der Kanzel zu den Bussfertigen redete), der aber Pastor ist. Schlecht genug, schrie sie aus, dass er durch deinen Vorschuss es geworden. Ich weiss sehr wohl, dass er keinen Dreier hebraisch besitzt. Hierin hatte sie Recht. Ein Pastor, ohne die Sprache Gottes zu wissen! Da mein Vater wohl aus dem Tone horte, dass es Zeit ware entweder seines Leidens ein Ende zu machen oder sich zuruckzuziehen, ging er gelassen aus dem Zimmer in sein Studirstubchen, wo er auch drei Stunden eingeschlossen blieb. Wahrend dieser Zeit fing meine Mutter Burgerkriege mit mir an. Bald war mein Kopf ein Wetterhahn, bald hatte ich lappische Angewohnheiten, und andere sieben Sachen mehr. Der Zorn wider deinen Vater hatte sich gelegt, und sie schien es mir sehr deutlich zu verstehen zu geben, dass, wenn ich nur den Kopf gerade gehalten, mein Brautigam wohl gesagt haben wurde, wer sein Vater ware. Endlich sprang ihr Zorn, so wie das Fieber, wenn's nicht mehr so heftig ist, das von deinem Vater auf deinen Grossvater, und von deinem Grossvater auf mich gekommen war, von mir auf die K a t h r i n e . So fuhr der Satan, meiner Mutter nicht zu nahe geredet, in die Saue. K a t h r i n e hatte ihr, statt des Salzfasses, Pfeffer gereicht, woran sie freilich nicht gut reichte, denn meine Mutter schuttete so viel Pfeffer in die Fische, als sie Salz gebraucht haben wurde. Pratz! eine Ohrfeige, und nun war der Zorn geloscht. Zwar zischt' es noch, als wenn Wasser auf den gluhenden Herd gegossen wird, indessen ward es zuletzt ganz, ganz mausestille.
Diess Pratz war eben keine Christenpflicht; indessen was denkst du vom Pratz der Fr. v. ***, welche bei ganz kaltem Blute jedes neue Dienstmadchen, wenn es zum erstenmale Hand aus Porcellan legt, mit einem Pratz bewillkommt. Warum, gnadige Frau? "Damit ihr ein Andenken habt, so oft ihr das Porcellan zur Hand nehmt."
Meine Mutter mochte dieser Blutreinigung wegen gern das alte Gesinde behalten, und ich bin ihrer Meinung. Es muss doch wo einschlagen, und ersticken wurd' ich! ich! Kreuztragerin! wenn ich mich nicht ausschelten konnte. B a b b e ware den andern Tag abgestellt, nachdem sie die konigliche Frau Mutter gemacht hatte, wenn man mit neuem Gesinde so herumspringen konnte, als mit altem. Ich weiss nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, ruckhaltende Achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes, das es tragt.
Das Gebet vor Tische, welches dreimal so lang war, als leider das unsrige ist, betete meine Mutter ungewohnlich laut mit, und das war schon immer ein gutes Zeichen, denn wenn sie das ganze Haus beinahe in einander geworfen hatte, betete sie am lautesten und inbrunstigsten, als wenn sie hiemit den Himmel versohnen wollte, und alsdann war es alles wie abgeschnitten. Dieser ihrer Gemuthsruhe bediente sich mein Vater, deinem Vater eine Lobrede zu halten; sie gab kein Wort darauf.
Auf einmal fing sie von selbst an: Er liebt zu sehr, als dass er sie verlassen sollte, und man sehe sie, wer kann dreissig seyn, ohne stehen zu bleiben und sie zu lieben (Gott hatte mich schon gebildet, wie es noch am Tage ist). Wie gerade sie sich halt, fuhr deine selige Grossmutter fort, welche feine Arten! Er wird sich besinnen und sagen, von wannen er kommt. Es ist ein sehr geschickter, feiner Mann. Man kann mit Wahrheit sagen, das Hebraische ausgenommen, dein Geist, lieber Mann, ruhe zwiefach auf ihm. Du Elias, er Elisa. Ich hatte diesen Gedanken gleich, da du ihm deinen alten Mantel verkauftest.
Denk das nicht, mein Kind! sagte dein seliger Grossvater, der uber den Namen Elias sich vergnugte, ich habe wenig Aussicht, denn er hatte gewiss, da er in die freie Luft kam, ein freundlich Wort fallen lassen; allein meine Mutter blieb, der freien Luft unbeschadet, bei ihrer Hoffnung, und that unwillig, dass dein Grossvater mir nicht einen Vater gonnte, dem dieser Unwillen hinreichend war, auch Hoffnung zu fassen.
Das Gesprach wurde auf die hebraische Sprache gerichtet, von welcher dein lieber seliger Grossvater behauptete, dass sie eben nicht so nothig fur einen Diener des gottlichen Worts an einer christliebenden Gemeinde sey, und dass er selbst nicht einen Punkt zu verborgen, sondern nur zur hochsten Noch hatte. Dieser letzte Umstand beruhigte meine Mutter, und mich machte er noch betrubter als ich schon war, denn das einzige was mich bei dem Vorfall, wenn dein Vater mich verlassen, getrostet hatte, war der Umstand, dass er nicht hebraisch konnte, und also nicht alle gesunde Gliedmassen als Geistlicher hatte.
Hier hielt meine Mutter an, und nachdem sie mich befragt, ob ich wozu Appetit hatte, und ich fur alles gedankt, wandte sie sich nach dieser Vorbereitung ganz zartlich zu mir, und bat mich dringend, dieser Umstande ungeachtet, alle nur mogliche Sorge auf die hebraische Sprache zu verwenden, welches ich ihr auch feierlich versicherte. Es ist alle Vermuthung, dass diess die Sprache der andern Welt ist, und dann darf ich meinen Sprachmeister nicht weit suchen. Ich war jetzt neugierig geworden, ihre Helden-, Staats- und Liebesgeschichte zu Ende zu horen, und hatte nicht Ursache, hierum zu bitten.
Wir gingen ein jeglicher seinen Weg ins Bette; allein, welche Vigilien fur mich! So wie das Bild der Sonne im Auge fortdauert, wenn man die Augen gleich zuschliesst, so sah ich auch, was ich, um zu schlafen, nicht sehen sollte. Eine arme Sundernacht war diese Nacht
In welcher Nacht ich lag so hart,
Mit Finsterniss umfangen;
Von all'n meinen Sunden geplaget ward,
Die ich mein Tag begangen.
Gottlob, dacht' ich, die Sonne! Allein sie war mir nicht zum Gluck aufgegangen.
Noch muss ich dir bei dieser erwunschten Gelegenheit vertrauen, dass eben dieser Zeitpunkt der war, da ich die geistlichen Lieder als das probatste Mittel, mein aufgewiegeltes Herz zu beruhigen, kennen lernte. B e f i e h l d u d e i n e W e g e W a s Gott thut, das ist wohl gethan K e i n e n h a t G o t t v e r l a s s e n : das loschte meinen Durst bei meiner Angst. Wenn die Zunge an meinen Gaumen klebte, und ich zwischen der hebraischen Sprache, meiner Mutter und deinem Vater getheilt war, fing ich an zu singen. Fuhlt' ich gleich nicht die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange:
Wenn ich ein Lied von Herzen sing,
So wird mein Herz recht guter Ding,
so ward ich doch gottergebener und weicher, und da mein ganzes ubriges Leben zwischen Thur und Angel ist, und ich nie aus diesem Drang gekommen sing' ich weiter, bis ich kommen werde zum hohen Halleluja vor dem Throne Gottes:
(Sie sang's)
Da, da,
Da ist Freude,
Da ist Weide,
Da ist Manna,
Halleluja! Hosianna!
Den andern Morgen ein Brief!
Ein Brief, sagte meine Mutter. Hab' ich's nicht gesagt? Sie wog ihn das Geschlechtsregister liegt drin. Meine Mutter irrte; es war ein Brief an meinen Vater, und einer an mich.
Auch gut, sagte meine Mutter, lass horen.
Der Brief an meinen Vater enthielt eine Danksagung fur alle Freundschaft. Das Herz redete darin. Dem wohlehrwurdigen Mann flossen Thranen die Wangen herab. Jede von diesen sanftabschleichenden Zahren verdiente in eine Perle verwandelt zu werden. Wenn er gestorben ware, setzte mein Grossvater hinzu, wurd' ich nicht weinen; ich habe noch nie uber einen Todten geweint, denn er ruhet in Gottes Hand; allein ich weine uber ihn, weil er nicht todt ist.
Es ist ein sehr ruhrender Anblick, einen glucklichen Mann weinen zu sehen! Ich glaube, wenn er je gewunscht, ein Kreuztrager anderer Art zu seyn, so war es jetzt. An deine Grossmutter hatte dein Vater einen kostbaren Ring beigelegt, den er, wie er schrieb, fur seine Braut bestimmt gehabt, und den er jetzt nicht besser, als auf diese Art anzuwenden wusste. Mein Vater behauptete, dieses ware das letzte Lebewohl; meine Mutter, es sey ein f r i s c h e r W u r m zum Hamen. Mein Vater und meine Mutter behaupteten jedes seine Meinung, und ich argerte mich ubern Wurm, wie Jonas uber den, der ihm den Kurbiss stach.
Wurde er wohl, sagte meine Mutter mit entscheidendem Tone, solchen Ring beigelegt haben, wennn er nicht unter der Wildschur ein anderes Kleid hatte. Ich weiss nicht, warum mir dieser Grund gleichfalls sehr wahrscheinlich auffiel; allein desto heftiger war mein Entsetzen, da ich vernahm, dass er den Pastor L fleissig besuchte, und dass er die jungste von seinen Tochtern, welche ein sehr lustiges und hubsches Madchen war, heirathen wurde. Diese Zeitung blitzte und traf; ich fiel, so lang ich war, zu Boden, und ward herzlich, jawohl herzlich krank. Die ganze Gegend wusste jetzt, dass dein Vater die Gabe der Enthaltsamkeit nicht hatte, desto besorgter war ich; denn so unangenehm es wir war, dass dein Vater nicht hebraisch konnte, wovon leider! manches geredet ward, so sehr lieb war es mir dagegen, dass man ihm die seltene Gabe der Enthaltsamkeit andichtete. Ich stand entsetzlich viel aus. Zu dem Geruchte wegen der jungsten Tochter des Pastors L kam ein Traum, dessen ich mich jetzt erinnerte, und den ich, von der Stunde der Erinnerung an, Tag und Nacht in eins weg traumte. Die Nacht auf den Abend, da dein Vater die erste Mahlzeit bei uns aus allen Kraften that, und da er zu seiner Entschuldigung behauptete, dass man im Winter besseren Appetit hatte als im Sommer, die Nacht auf diesen Abend traumte mir, dass die jungst Tochter des Pastors L mir Gift eingabe, und da es wirkte, billigte ihr Vater dieses Verfahren, und wollte mir noch eine vergiftete Pille von derselben Art im Saftchen beibringen, um, wie er sich grossmuthig ausdruckte, mich nicht lange qualen zu lassen; allein seine Tochter ward des Landes verwiesen, und er ward Prapositus wie besonders doch ein Traum ist. Er Prapositus! Sie des Landes verwiesen! Dass ich das Saftchen des Herrn Pastor L verbat, weiss ich! allein ob ich von dem Gifte seiner Tochter gestorben, oder nicht! konnt' ich mich nicht besinnen. Ich hatte bis dahin keine andere als biblische, oder solche Traume gehabt, die in der heiligen Schrift vorkommen. Die sieben fetten und die sieben magern Kuhe des Pharao zum Exempel, und die Sonne, Mond und Sterne des Josephs waren oft vorgefallen, und kein ehrliches Madchen muss, ehe sie Braut wird, anders als b i b l i s c h t r a u m e n . Dieser Gifttraum richtete mich vollig hin. Zwar erzahlte dein lieber Vater eben diesen ersten Abend, dass er den Pastor L und sein Haus kenne, und hatte sich freilich alles naturlich erklaren lassen; indessen ist und bleibt dieser Traum immer was besonderes. Man sage von den Kometen, was man will, sie sind und bleiben doch Kometen. Mein Blut siedete auf. Ich hort' es kochen, wie das Wasser in einer Theemaschine, allein deine Grossmutter horte nicht sieden, nicht kochen. Sie nahm die ganze Sache auf die leichte Schulter, bis sie zu ihrem Erstaunen sah, dass mir das Herz zu brechen anfing. Jetzt dachte sie auf eine Kur, und diese glaubte sie mit dem Ringe auszurichten, allein sie goss Oel ins Feuer. Ich lag in einer Ungewitterhitze. Es kam ihr vor, es hatte sie etwas abgekuhlt, und nun glaubte meine Mutter, ware es Zeit, die Medicin einzunehmen. Sie schenkte mir den Ring und ich musste ihn anlegen; allein sie goss Oel, siedend Oel zum Feuer. Bon dem Spitzchen, wo der Ring seinen Lauf angetreten, gings durch alle Adern wellenschlagend! und ich schien ausser Hoffnung. Man nahm mir den Ring ab, allein das Feuer, das er angezundet hatte, wuthete fort. Das Feuer ist ein schreckliches Element! In der Hitze wollte ich durchaus hebraisch lernen, und um mich zu beruhigen, musste dein seliger Grossvater mich darin unterrichten. Wenn ich zu mir selbst kam, seufzte ich nicht uber meine Mutter, sondern uber des Pastors L jungste Tochter. Der liebe Doktor Saft, dessen Sohn dir nachst Gott geholfen, half mir. Sein Recept war dein lieber Vater, und eine Mixtur von seiner eigenen Erfindung. Er war in der Medicin, so wie in Liebesangelegenheiten gleich stark und brauchbar. Sein Herr Sohn ist ihm in der letzten Kunst nie gleich gekommen. Der alte Doktor Saft hat Wunderkuren durch Heirathen gethan.
Er verhiess es feierlich, deinen lieben Vater zuruck an Ort und Stelle zu bringen. Ich sah zwar noch nicht, allein ich fuhlte die Farben wie Blinde. Wie viel hatte ich darum gegeben, wenn meine Mutter den Doktor Saft sogleich seine Strasse ziehen lassen.
(Ich will meine Mutter, ihrer Lunge und der Geduld meiner Leser halber, ablosen, und das in Kurzem sagen, was sie im Langen gab.) Allein meine Grossmutter und Doktor Saft gaben sich noch schwere Fragen auf: vom Kleide Adams und von seinem Nabel, vom Apfel, den er gegessen, von der Gesichtsfarbe der Rahel, und uber den Punkt, ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, obgleich meiner Mutter in ihrer Verfassung mit nichts weniger als schweren Fragen gedient war.
Mein Vater kehrte um und erhielt Ja von Mutter und Tochter, ohne dass er sagen durfte, von wannen er kame. Wer am wenigsten damit zufrieden war, ist keine kritische Frage. Der Doktor Saft sagte, indem er fortging:
War' dieser Trost nicht kommen,
So hatt' es grosse Noth.
Diese Spotterei hatt' ich ihm vergeben, versicherte meine Mutter, wenn sie bloss mich und nicht zugleich ein geistliches Lied betroffen hatte. Pastor L war bitterbose, obgleich seine Tochter ohne hitziges Fieber davonkam und ihr Vater das Hebraische in der Fieberhitze nicht prostituiren durfte. Er hielt als Beichtvater die Traurede bei dem Myrthenfeste meines Vaters, wobei er die Vorzuge der ehelichen Geburt abhandelte. Hierbei fielen so viele Satyren auf Gelachter wurde. Eine gewisse Frau v. warf den ersten Stein und nahm Gelegenheit, in offentlichen Gesellschaften zu behaupten, er sey, wie sie sich ausdruckte, vom K a n a p e e und nicht a u s dem E h e b e t t e . Sie schadete sich indessen mit diesem Steinwurf. Sie warf ihn so unglucklich, dass er auf Ihro Gnaden zuruckfiel.
Denn es kam bei dieser Stammgelegenheit aus, dass ihr Herr Vater seliger nicht wirklich Vater gewesen, sondern einer seiner Leute, den Hofmeister, Jager, die Bedienten, Vorreiter ausgenommen, Vaterstelle vertreten und so ging's bei dieser Gelegenheit sehr vielen, an deren ehelicher Abkunft vorher niemand gezweifelt hatte, in deren Augen, Nase, Mund und andern Gesichtsstellen man aber jetzt einen andern Vater lesen wollte.
Ein Ausdruck des Pastor L war meinem Vater am gefahrlichsten geworden: N a c h d e r W e i s e M e l c h i s e d e c h . Meine Mutter sagte ihn mir ins Ohr. Mein Kind, setzte sie hinzu, dieser Name hat mir tausend und abermal tausend Thranen gekostet, und unter uns gesagt, war' es kein Vorbild, ich hatte gewunscht, es war' an Melchisedech nicht in der heiligen Schrift gedacht. Mein Vater wusste, dass ihn die ganze Gegend mit diesem Beinamen bezeichnete, und das ging ihm so nahe, dass er, wie meine Mutter versicherte, daruber seines Lebens mude ward.
(Hier muss ich wieder meiner Mutter den Lauf lassen.)
Melchisedech war ein Konig zu Salem, sagte sie ganz leise und auf Zehen, ein Priester des Allerhochsten, oder Herzog und Superintendent von Curland in einer Person. Da dein Vater kein Konig ist, passt der Name von dieser Seite nicht, allein sonst passt viel: kein Mensch weiss, wo Melchisedech geboren, wer sein Vater gewesen, sein Geschlecht, sein Tod, alles geheim. Als Abraham von der Verfolgung der vier vereinigten Konige, welche die Konige zu Sodom und Gomorra uberwunden, und den Lot, seinen Vetter, mit sich als Kriegsgefangenen gefuhrt, heim kam, ging ihm Se. Hochwurdigste Majestat Melchisedech bis ins Thal Sare entgegen (dieses Thal ward Konigsthal benannt), liess dem Abraham eine schone Tafel decken und sprach folgenden Segen uber ihn: Gesegnet seyst du, Abraham, dem hochsten Gott, der Himmel und Erde besitzt, und gelobt sey Gott der Hochste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Abraham gab dem Segnenden den Zehnten von allem, und mehr wissen wir von Melchisedechs Geschichte nicht. Wohl aber spricht der Psalmist im einhundert und zehnten Psalm und dessen vierten Vers: "du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedech." Im Briefe an die Hebraer im funften Kapitel und dessen sechsten und zehnten Vers, und im sechsten Kapitel und zwanzigsten, im siebenten und dessen ersten, zweiten und dritten Vers entwickelt sich dieses naher, welches du, wenn dein Vater nicht dabei ist, weiter nachlesen kannst.
Ich fand die Bemerkung meiner Mutter sehr be
wahrt, dass mein Vater weder offentlich noch hauslich diesen Namen ausgesprochen. Die Nachrede vom Kanapee, welche die Frau Schwiegermutter ihrem Herrn Schwiegersohn getreulich, und oft wohl mit b i t t e r n S a l z e n , wie meine Mutter sagte, vorsetzte, hatten meinen Vater unfehlbar auf den Kirchhof gebracht, so dass sein Tod gewiss kein M e l c h i s e d e c h s T o d gewesen ware, wenn er sich nicht plotzlich ermannt und uber die Worte: R i c h t e t nicht, so werdet ihr auch nicht ger i c h t e t , eine Predigt gehalten hatte. In dieser Predigt, sagte meine Mutter, war so viel S a l z und S c h m a l z , dass alles wie Schnecken, wenn sich ein Blattchen ruhrt, die Horner einzog. Sein blutubertragenes Herz bekam Luft, und er genas. Nach der Predigt ward das Lied: I n d i c h h a b ' i c h g e h o f f e t , H e r r , gesungen, welchem M. J a k o b Daniel Ernst in der historischen C o n f e c t t a f e l die ruhrende Befreiung des Herrn Andreas Steinberg, wohlverdienten Pfarrers zu Budin in Bohmen, zuschreibt, und wider welches ich kein Wort habe, ausser dass mir der dritte Vers zu kriegerisch vorkommt.
Mein Gott und Schirmer steh' mir bei,
Sey meine Burg, darin ich frei
Und ritterlich mag streiten.
(Sie sang die drei letzten Strophen, die sich
anfangen:)
Mir hat die Welt truglich gericht't
Mit Lugen und mit falschem Gedicht
Viel Netz und heimlich Stricke;
Hatte es deinem lieben Vater gefallen, mich bei dieser Liederwahl zu Rathe zu ziehen, so wurden die Lieder einen ebenso allgemeinen Beifall gefunden haben, als die fanden welche ich bei deiner Predigt erkor. Jedes sprach von deines Vaters Predigt, niemand aber dachte an die Lieder, und doch gehort zur Seelenmahlzeit Essen und Trinken, P r e d i g t u n d G e s a n g . Geschehene Dinge waren nicht zu andern. Ich konnte nichts mehr thun, als zu Hause, um feurige Kohlen auf deines Vaters Haupt zu sammeln, einige treffendere Strophen singen. Ich sang:
(sie sang auch jetzt)
In dieser Welt erlangen?
Ich ware langst schon todt und kalt,
Wo mich nicht Gott umfangen
Mit seinem Arm,
Der alles warm,
Gesund und frohlich machet;
Was er nicht halt,
Das bricht und fallt,
Was er erfreut, das lachet.
Und gleich darauf stimmte sie an:
Er weiss viel tausend Weisen,
Zu retten aus der Noth,
Er nahret und gibt Speisen
Zur Zeit der Hungersnoth;
Macht schone, rothe Wangen
Oft bei geringem Mahl,
Und die da sind gefangen,
Entreisst er dieser Qual.
Das Lied: m e i n D a n k o p f e r , H e r r ! i c h b r i n g e , ist wie auf diese Predigt gemacht.
Dich Lied sang indessen meine Mutter nicht, sondern empfahl es mir zum Nachlesen. Was es heisse, fuhr sie fort, e r p r e d i g t e g e w a l t i g l i c h , hab' ich in dieser Predigt gelernt. Dein Vater trieb seine Feinde zu Paaren, zu Einzeln trieb er sie, ihre Statte war nicht mehr. Melchisedech und Kanapee waren nun wieder Melchisedech und Kanapee. Gott cherte mich hierbei mit Thranen, dass sie in der kritischen Zeit keinen Menschen aufs Kanapee zu nothigen das Herz gehabt, wie sie denn auch auf die Rechnung Melchisedechs schrieb, dass ich erst im dritten Jahre nach ihrer Verheirathung das Licht der Welt erblickt (in parenthesi: ich war die erste und letzte Geburt).
Es werden nicht viele seyn, welche die eheleibliche jungste Jungfer Tochter des Herrn Pastor L , die ein Komet in dieser Geschichte ist, weiter interessirt, als dass sie ohne hitziges und hebraisches Sprachfieber abgekommen; indessen um alle Gerechtigkeit zu erfullen, mag der geneigte Leser observiren, dass mein Vater ihretwegen auch nicht ein Wort b e i h e r fallen lassen. Es war auch in diesem Pastorat erschollen, dass mein Vater die Gabe der Enthaltsamkeit nicht hatte, und diess bewog den Pastor L und die Pastorin (ob die Tochter daran Antheil gehabt, wusste meine Mutter nicht), meinen Vater zum Gastmahl einzuladen. Er kam und begrusste die jungste Tochter des Pastor L eher als ihre altern Schwestern, und auf diesen Umstand gaben ihre Eltern die Einwilligung. Sie gefiel nach der Zeit dem v. , und da sich dieser mit seinen Lippen schon oft und viel zu ihr genaht, obschon sehn Herz fern von der heiligen Ehe war, geschah es, dass er sich einstmals noch mehr nahern wollte, und sie gab ihm mit tugendhafter Hand eine O h r . Die Sache ward ruchbar und machte in Curland grosses Aufsehen. Einige von den alten Hausern votirten, dass der jungsten L die Hand abgehauen werden sollte; andere Hauser, wo eben die Sohne von Universitaten gekommen waren (denen vielleicht dergleichen Ohrfeigen nichts Ungewohnliches waren), votirten, dass die Hand eines artigen Madchens keinen Cavalier entehren konnte. Die Stimmen waren sehr getheilt. Die Sache indessen ward zum Vergleich ausgesetzt, und schloss, wie sich die Komodien alle schliessen, mit der Heirath. Der Herr v. heirathete, o Wunder uber Wunder! die jungste Tochter des Pastor L . So kann man auch zum Ehemanne und nicht bloss zum Ritter geschlagen werden! In Curl- konnte aber dieser Grauel von Seiten des v. nicht von der Sonne beschienen werden. Der Pastor gab Geld und die Tochter der G e s c h l a g e n e nichts als Ja weil er nichts weiter hatte und ein Krippenritter war. Das Paar reiste ab. Gluckliche Reise! Mein Gifttraum, sagte meine Mutter, war wenigstens von Seiten der jungsten Tochter des Pastors L punktlich erfullt, obgleich der Pastor L niemals Prapositus geworden ist und es auch schwerlich werden wird. Sein Saftchen war der Melchisedech, welches du ohne Auslegung verstehen wirst. Meine Mutter nahm mich beim funften Westenknopf, von oben gezahlt, und hielt mir wegen des Namens Alexander eine sehr lange Rede, hute du dich auch, denn er hat unsern Worten sehr widerstanden.
Ich sah deinen Namen nicht anders als einen Hokker an. Damit ich mich indessen uber diesen Auswuchs einigermassen beruhigen mochte, nannte ich dich Einhornchen, und dachte, geschieht diess am grunen Holz, am Ehren Einhorn, weiland zweiten Superintendenten in Curland, was will am durren, deinem lieben Vater, werden, von dem man ausser, dass er in seiner Jugend fruher Spargel gegessen als in Curland, nicht viel mehr weiss, was hierher gehoren konnte.
Wie unzufrieden meine Mutter mit dem Alexanderspiel, wobei ihre Kochin Babbe die konigliche Frau Mutter vorstellte, gewesen, hab' ich nie so deutlich als jetzt erfahren. Sie bezeugte ihren Todhass gegen den H e r k u l e s , den mir mein Vater, wie sie sagte, s o s u ss v o r g e p f i f f e n , dass ich's bedauert, nicht auch Schlangen in der Wiege erdruckt zu haben. Herkules ist am Ende, sagte sie, ein blinder Heide, und Alexander auch. Ich freue mich, dass dein lieber Vater selbst in diesem Stucke seine Voreilung einsieht, und dich nicht mehr Alexander, sondern mein Sohn heisst. Du bist, Gott sey gedankt, schier ein guter Prophetenknabe, z i e r l i c h , m a n i e r l i c h ! allein noch besser wurdest du seyn, und nicht so oft in Gedanken, Geberden, Worten und Werken trommeln und querpfeifen, du wurdest deine Meinung ohne Schaumchen aufgiessen, wenn dein lieber Vater dich gleich m e i n S o h n , und nicht A l e x a n d e r aufgerufen. Sobald ich dir anrieth, Sarge zu schnitzeln, und Leichen zu begraben, lehrt' er dich Spiesse und Bogen machen, und noch ganz klein stellte er turkische Bohnen wie Soldaten, von denen du Gottlob! damals keinen Begriff hattest. Wenn dich Leute kussen wollten, stiess er sie von dir. Brecht die Rose nicht, damit sie nicht welk werde. Er schien zu meinen, dass dir durch Kusse das Fett abgeschopft wurde. Wenn er lieben wird, setzte er hinzu, kann er kussen. Ich gab dir die wohlgemeinte Lehre, wenn eine grosse und kleine Pforte zu einem Wege fuhrt, gehe durch die kleine, und hab' auch hiebei erbauliche Gedanken Dein Vater sagte durch die grosse
Ich: wenn du gahnst, schlag ein Kreuz und halt' die Hand vor.
Dein Vater: schlag kein Kreuz und lass jedem deinen Mund sehen (in diesem einzigen Stuck hab' ich ihm nach der Zeit Recht eingeraumt).
Ich: wenn dir Brod oder Bibel, Gesangbuch und Luthers Katechismus, aus den Handen fallt, kuss Brod, Bibel, Gesangbuch und Luthers Katechismum.
Dein Vater: kuss weder Brod, Bibel, Gesangbuch noch Luthers Katechismus; heb auf, was fallt und Aufhebens werth ist, was Erd ist, lass zur Erde werden. Ich gratulir' am ersten Adventssonntag zum neuen Aus dem schnaubenden Saul ward ein frommer woll' es durch seinen heiligen Geist in dir bestatigen und vollfuhren, und dich kraftigen und grunden; ihm sey Ehre und Lob und Preis! Amen, Amen. Was mich betrifft Sie sang:
Ich bin's gewiss und sterbe drauf,
In meines Gottes Handen:
M e i n K r e u z und g a n z e r L e b e n s l a u f
Wird sich noch frohlich enden.
und nach dieser Strophe:
Thu wie ein Kind und lege dich
In Gottes Vaterarme,
Und lass nicht nach, bis dass er sich
Dein vaterlich erbarme;
So wird er dich durch seinen Geist,
Auf Wegen, die du jetzt nicht weisst,
Nach wohlgehaltnem Singen
Aus allen Sorgen bringen.
Im Liede steht R i n g e n anstatt S i n g e n . Wer wird indessen meiner Mutter diese Aenderung verdenken? Lieber hatte sie, das weiss ich, nach w o h l g e h a l t e n e m T a k t e gesungen, sie musst' aber den Reim bedenken. Nach dieser Erzahlung und diesen mutterlichen Noch nie war mir die Geschichte meines Vaters so Denkzettel an den, der unter meiden ich die Hande falten und Gott aussprechen lehrte, und den ich in diesem Jammerthal, wo man auch bei fruhem Spargel nicht an Ort und Stelle ist, nicht mehr sehen werde, aber dort bei dem Herrn! allezeit.
* * *
Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sey, nicht ein Kranz, der Firne-Wein anmeldet wo doch nur Heerlingssaft ist, und suche nicht Ruhm bei Leuten durchs Weisse in deinem Auge, und durch ein Aussehen, als wenn du den Tag zuvor Medicin genommen. Die ganze Natur ist frohlich und guter Dinge. Ehre Vater und Mutter mit der That, mit Worten und Geduld, auf dass ihr Segen uber dich komme; denn des Vaters Segen baut den Kindern Hauser, aber der Mutter Fluch reisset sie nieder. Ihr Unwillen beschadigt das Dach, und es regnet ein ewiglich. Wie kann der Gott lieben, den himmlischen Vater, der nicht die liebet, die das wohlgetroffenste Bild vom Schopfer und Erhalter an sich tragen; ehre Vater und Mutter, damit dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Sprich, wenn du Melchisedech sagen willst, d e r k o n i g l i c h e P r i e s t e r , so wie man den David den k o n i g l i c h e n P r o p h e t e n heisst, obgleich er auch in der Apostelgeschichte, im zweiten Kapitel, im neunundzwanzigsten Vers, E r z v a t e r genannt wird. Gedenke, wenn du Spargel isst, oder eine Pfeife in freier Luft rauchest und lange Manschetten siehst, oder Wein an der Quelle trinkest: deinen Vater ehren ist deine eigene Ehre, und deine Mutter verachten, heisst einen stinkenden Odem haben. Ein gutes Gewissen ist besser als zwei Zeugen. Es verzehrt deinen Kummer, wie die Sonne das Eis. Eis ist ein Brunnen, wenn dich durstet, ein Stab, wenn du sinkest, ein Schirm, ein Riga'scher Pastorhut, wenn dich die Sonne sticht, ein Kopfkissen im Tode. Der Herr, unser Gott, ist der Allerhochste, und er schuf Lowen und Frosche, Adler und Mucken, und alles was auf Erden kreucht. Kein Sperling fallt ohne seinen Willen, und in ihm leben, weben und sind wir. Gleiche Bruder, gleiche Kappen. Gleichheit, sagt dein Vater, ist das Winkelmass der Menschheit. Wer nicht uber andere wegsieht, und am Tisch sich oben ansetzt, und nach der Hechtleber langt, erregt keinen Neid, und niemand spricht zu ihm: weiche diesem. Der grosste Humpler, die meisten Spane. Keine Antwort ist auch eine Antwort. So wie das Wasser Feuer loscht, so uberwaltigt die Bescheidenheit den Stolzen. Sie ist der Ring, den man dem Baren durch die Nase zieht. Gut macht Blut, Blut macht Muth, Muth macht Uebermuth. Es ist eine schwere Sache um die achte Schamrothe. Bei vielen ist sie Schminke, und Pfui uber die viele. Wenn sie aber auch gesundes, unverfalschtes Blut ist, kann man sich schamen, dass man Sunde daran thut, und kann sich schamen, dass man Gnade und Ehre daran hat, vor Gott und Menschen. Wer A sagt, muss B sagen. Aus Scham sterben heisst eben so viel, als aus Furcht sterben. Die Schamrothe bleichet nach einer Weile aus, wie eine sechsstundige Provinzrose. Kirchenbusse ist kein Staupenschlag. Wasch mir den Pelz, und mach ihn nicht nass. Wer ein Tiger in seinem Hause ist, pflegt ein Schaf ausser demselben zu seyn. Sey langsam zu reden, schnell zu horen und langsam zum Zorn, denn des Menschen Zorn thut nicht, was vor Gott recht ist. Kaltes Blut hat mehr Unheil gestiftet als der Zorn! Thue nichts Boses, so widerfahrt dir nichts Boses. Halte dich vom Unrecht, so trifft dich kein Ungluck. Was bos' ist, bleibt bose, wenn's gleich viele thun. Wie das Bett, so der Schlaf Ringe nicht nach Gewalt bei Fursten, denn sie sind Menschen und konnen nicht, wenn sie auch wollten. Sey frohlich mit den Frohlichen, und weine mit denen, die zerschlagenen Herzens sind; denn Gott schuf uns all aus einem Erdenkloss, und blies uns einen lebendigen Odem in die Nase, und da ward eine lebendige Seele. Verzweifle nicht, wenn die Glocken um deinen Freund gezogen werden, und wenn es von ihm heisst: er ist versammelt zu seinen Vatern. Freue dich nicht, wenn dein Feind stirbt, gedenke, dass wir alle sterben werden,
Muss'n all' davon,
Gelehrt, jung, reich, alt, oder schon.
Willst du den F r e v l e r kennen, steh ihn, wenn sein F e i n d den Arm bricht. Artet sein Herz zum Jubel aus, und raucht sein Haupt wie eine Flasche alter Wein, wenn man die Pfropfe herausgezogen, so hast du ihn auf ein Haar, wie dein Vetter getroffen ist im Kupferstich. Wenn gleich der Gottlose in einem Palaste wohnet, irre dich nicht. Sein Palast ist wie das Haus der Spinne und wankender, wie ein Schauer, das der Wachter sich gemacht hat. Es kommt die Stunde, da Schrecken ihn treffen, wie Wasser! Ein Platzregen kommt uber ihn, wenn er ein seidnes Kleid anhat. Ohne Ordnung fallt man uber ihn her, wie durch ein gesprengtes Thor; wie eine eingenommene Feste wird man ihn umzingeln. Ist nicht Tag und Nacht, Sommer und Winter, kalt und warm? Es liegt alles fingerdick in der Welt, das Gute und das Bose. Harre auf den Herrn, deine Seele hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. Gott zerschmeisset und seine Hand heilet. Aus sechs Trubsalen wird er dich erretten, und in der siebenten wird dich kein Uebel ruhren. Er wird deine Takt schlagen konnest zur rechten Zeit, und wenn deiner Seele widert, den dunkeln Weg zu gehen, den kein Vogel entdeckt, und keines Geiers Auge gesehen; wenn es stockfinster ist, sey Gottes Wort deine Leuchte und das Licht auf deinem Wege! Er! der den Winden den Weg wies, fuhret seine Heiligen zwar wunderlich, doch selig. Unsere Kraft ist nicht steinern, unser Fleisch nicht ehern, das weiss der uns schuf, und wird unser Lager leichtern und dir einen Dr. Saft senden, wenn du krank bist, und einen Troster, wenn deine Seele wimmert. Nichts kann uns mehr verstimmen, als das Geschrei kleiner Kinder! Die leiblichen Eltern finden es unertraglich, denn die E r b s u n d e ist's, die aus dem Kinde s c h r e i t , und sein Weinen verrath Unverstand und Eigensinn. So ist unser Weinen und Heulen dem lieben Gott K i n dergeschrei!
Wer am Wege baut, hat viele Meister. Leihe nicht einem Gewaltigern denn du bist; leihest du aber, so acht' es gestreut auf einen undankbaren Acker. Brich den Hungrigen dein Brod, und so du einen nackt siehst, glaube, dass ein Loch in deinem Strumpfe sey. Nackend bist du von deiner Mutter Leibe gekommen, und nackend wirst du auch heimfahren aus diesem Elend. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Halleluja! Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, lass ihn alt werden, und dann koste ihn und siehe da, solch ein Wein erfreut des Menschen Herz, dass er jung wird wie ein Adler. Wer Pech angreift, besudelt sich, wer mit Leidenschaft spielt, hat Lust zu betrugen, und wer oft tanzt, will heirathen. Sey zuchtig, wenn von Dingen die Red' ist, die die Natur selbst mit Feigenblattern verhangen hat. Gewohne dich nicht zur Sangerin, dass sie dich nicht mit einem Triller in die Flucht schlage, und dich zum schimpflichen Gefangenen mache fur und fur. Hore lieber eine Nachtigall, eine Lerche, oder so etwas, und dein Gemuth wird g e s u n d zu derselben S t u n d . Mit Ringen zu spielen ist nur dem D o g e zu V e n e d i g am Himmelfahrtstage erlaubt, wenn er sich mit der adriatischen See verlobet. Ich halte selbst diess Spiel fur sundlich und anstossig, wenn's gleich der heilige Dreifuss oder Sorgstuhl, auf dem dein Namensvetter, Papst Alexander der Dritte sass, im Jahr 1174 verordnete. Man muss sich nicht verloben, wenn man nicht heirathen will; man muss keiner adriatschen See einen Ring geben, die nicht unsere Frau werden kann. Du verstehst, was du horest und liesest, mein Sohn! Merke wohl, was ich sage!
(Die adriatische See war ohne Zweifel Minchen.)
Wehe dem Jungling, der einer Dirne verspricht, was er nicht erfullt, der mit ihr handgemein wird, wenn er nicht herzgemein mit ihr zu werden in den Umstanden ist. Leute dieser Art meiden das Land wie die jungste L an der mein Traum erfullt ist, und ihr Krippenritter, von dem mir nie etwas getraumt hat. Falsche Junglinge bauen ein Geruste von Schmeicheleien, und wenn ihr Gebaude fertig ist, zerstoren sie das Geruste, und seine Statte ist nicht mehr. Du nicht also!
Wenn dich der b o s e Feind anficht
Zur linken und zur rechten Hand,
empfehl' ich dir das Tintenfass, nicht wie unser Glaubensvater, ihm damit den Kopf zu blauen, obgleich diese Tintenflecken an der Wand die schonste Malerei sind, die ein Christenauge in der Welt sehen kann. Der Teufel, da er schon an sich tintenschwarz ist, hatte keinen Flecken davon. Nicht des Wurfes wegen, sondern um eine Predigt oder geistliche Betrachtung daraus abzufeuern. Tinte sey dein Pulver, die Feder Flinte, die Sandbuchse Schrot. Vom Weihrauch thut dem Teufel der Kopf weh; es ist nicht fein, wenn ein Geistlicher mit etwas anderm rauchert. Um die Tinte gut zu kochen oder Teufelspulver zuzubereiten, werd' ich dir ein Recept zu deiner Wasche packen. Es hat Kranke gegeben, auf die der Anblick des Recepts die namliche Wirkung gemacht hat, als die Medicin, die darauf charakterisirt war. Sie schwitzten, sie gingen zu Stuhl. Der Teufel musste sein Spiel haben, wenn sollte. Stecke die Manschetten unter, wenn du schreibst, denn es steht nur einem alten wohlerfahrenen Gelehrten an, mit Tintenftecken zu prangen. Leute, die die Sunde aus ihrem Fleische, wie den Staub aus ihren Kleidern herausklopfen und sich casteien, kennen den inwendigen Menschen nicht. Verse zu machen, mein Kind! ist ein probates Mittel wider die Erbsunde und die bosen Fleischesluste, die man bloss durch Seelenmotion dampfen kann. Es mussen die Verse aber gereimt, im Schweiss des Angesichts erarbeitet oder erjagt seyn. Dein Vater sagt, im Reimworterbuch nachschlagen, heisst hetzen. Weg mit den Hunden; allein wo ist ein Jager ohne Hunde? Ein Mensch, der die schmutzigsten Verse schreibt, wenn sie ihm wohlgerathen, lauft ihnen wie den unkeuschen Dirnen nach, die er besungen hat. Jammer und Schade um die Poesie! Sonst aber fur jedes eine Reihe, fur den Verstand eine, und fur den Reim auch eine. Gib dem Verstande, was des Verstandes, und dem Reim, was des Reimes ist. Dichter probirt man wie irdenes Zeug durch's Klingen. Kein grosser Sanger singt, wenn er in Gedanken ist, wie es die meisten thun, die nicht grosse Sanger und grosse Philosophen sind. Die letzteren reden mit sich selbst, und machen mit der rechten Hand eine Bewegung. Dichter pfeifen. D e i n V a t e r . Nationen, die singend reden, und deren Sprache so ist, als wenn die Orgel gestimmt wird, singen schlecht. A l l e s d e i n V a t e r . Auch hab' ich von ihm die deutsche Sprache, sey nicht also. Der selige Herr Dr. Martin Luther sagt, der Teufel ist ein Trauergeist und macht traurige Leute; daher flieht er die Musica, und bleibt nicht, wenn man singt. Das Loblied Moses, der Prophetin Debora und Barak, als Sissera geschlagen ward, der gottseligen Hanna, das Loblied Hiskia, als er wieder gesund geworden, und des Jonas, da er aus dem Wallsische angelandet war, beweisen, dass nicht nur Manner, sondern auch Weiber heilige Lieder gesungen, und im neuen Testament singt der Priester Zacharia und auch die heilige Jungfrau. Durch die Instrumentalmusik spricht ein Stummer. Der Kranke geneset, das Alter verjungt sich. Durch die Stimmmusik zertheilen wir die Wolken und dringen zum Herrn. Nur die Engelstimmen gehen uber Menschenstimmen. Wenn Barbaren, die kein Wort deutsch konnen, uns uberfielen: singt! Wenn man eine Wagenburg schlagt, und euch an allen Orten angstigt: singt! sag' ich, und abermals sag' ich's, singt! Gesang ist ein niederschlagendes Pulver, Cremor Tartari fur die Seele. Mein Sohn, wenn auch ein anderer uber diess S c h a t z k a s t l e i n kame, er wusste von jedem Worte, wessen Geistes Kind es sey, ob mein oder deines Vaters und deines Grossvaters. Bei vielen hab' ich gesagt: d e i n V a t e r , bei vielen hab' ich's gedacht. Dein Grossvater und Vater haben gepflanzt, ich habe begossen, Gott gebe das Gedeihen!
Plato und Pythagoras waren zwar blinde Heiden; indessen glaubten sie, dass der Lauf der Sterne ein Concert spiele. Lobe den, der sie in Melodie setzte. Alles was Odem hat, lobe den Herrn! Dein Vater sagt, wer dieses Spharenconcert nicht hort, wenn er ein Loblied singt, ist arger denn ein Heide. Die Traurigkeit macht feig; ein Lobgesang macht lustig. Durch den Gesang redet der Leib der Seele zu: Sey gutes Muths, kleine Narrin! Siehe die Lilien auf dem Felde, sie saen nicht, sie spinnen nicht, Gott nahrt sie doch; sind sie denn mehr wie du? Ich sing', indem ich schreibe, und will, dass du singest, indem du liesest.
Was den Odem holet,
Jauchze, preise, singe!
Blick herauf und blicke nieder!
Er ist Gott,
Zebaoth!
Er ist hoch zu loben,
Hier und ewig droben!
Wer Gott dankt, um ihn zu bestechen, der dankt sich selbst. Mit dem G e b e t kann man Gott nicht so schanden, als mit L o b o p f e r . Bete wie ein klein Kind: Abba, mein Vater! dank auch so. Ich grusse euch, ihr englischen Sanger in der Stadt Gottes, wo alles lieblich zusammenstimmt! ich segne dich zweiHerz genommen, himmlisches Jerusalem, mit deiner Sussigkeit, und die Lieblichkeit der Stimme des Vollendeten hat mich gefangen. Ich habe Lust zu singen ein Lied im hohern Chor, und den andern Diskant beim h e i l i g , h e i l i g , h e i l i g ! zu versuchen. Bose Gesellschaften verderben gute Sitten, und Buhlerblicke sind Pfeile, die die Seele verwunden, und da hilft nicht Kraut noch Pflaster. Hute dich! die Buhlerin spielt dir dein Herz aus der Tasche. Hier steht sie, dort liebaugelt sie. Betrug ist ihr Gespinnst und Gewinnsucht ihr Zeitvertreib. Sieh nicht an eine Dirne, die betrubt ist, und ihr Auge niedergeschlagen hat. Wie die Gelehrten ihr Auge von der Sonne nicht wenden, wenn sie verfinstert ist, so zieht auch eine verfinsterte Schonheit die Jugend an. Jugend hat keine Tugend, und gleich und gleich gesellt sich gern. Das Werk lobt den Meister. Wie der Regent ist, so sind auch seine Amtleute; wie der Rath, so die Burger. Ein wuster Konig verdirbt Land und Leute, wenn aber die Gewaltigen klug sind, gedeiht die Stadt. So wie unser Herr und Meister mit Zollnern und Sundergesellen zu Tische sass, vermeide es auch nicht, mit Grossen der Erde umzugehen. Ziele nach diesen Leuten, sonst trifft man sie nicht, und fleissige dich, den rechten Fleck zu treffen. Bucke dich, allein zerbrich nicht das Bein; sey hoflich, allein nicht beschwerlich. Wende dich an die Frau, wenn du an den Mann ein Gesuch hast. Krieche nicht, denn du hast gesunde Fusse. Bete nicht an guldene Kalber der Erde.
Du bist ja ein Hauch aus Gott,
Und aus seinem Geist geboren:
Darum liege nicht in Koth;
Bist du nicht zum Reich erkoren?
Sprichst du mit einem Konig, denke, du bist ein geistlicher Konig; sprichst du mit einem grossen Gelehrten, du bist ein geistlicher Prophet, und mit dem Superintendenten in Curland, du bist ein geistlicher Priester. Drange dich nicht nach oben, oder zur Rechten; allein verrichte auch nicht Lakaiendienste. Hute dich, dass dein Fuss nicht einschlaft, wenn du beim Vornehmen sitzst, und zerbrich keinen Teller, wenn du ihn dem Nachbarn aufdringst. Hore mein Kind auf eine Geschichte, die ich nicht erzahlen kann, ohne dass Feuer in meinem Gesichte auskommt. Ein Literatus wollte bei seinem Gonner um eine Stelle anklopfen. Da der Herr verzog, glaubte der gute Candidat Zeit und Raum zu haben, seine Strumpfe zu spannen, die nachgelassen hatten; und siehe! eben nun kommt sein Gonner und erblickt das entblosste Knie und das Strumpfband, das zum Ungluck ein Bindfaden war, in des Literatus Rechten. Das Amt ging vor ihm voruber, als Wolken vom Winde getrieben, und der Gonner sprach, da er mit seinen Freunden zu Tische sass: in der Jugend eine Hure, im Alter eine Hexe. Aus einem Funken wird ein gross Feuer, und ein Lugner und Morder sind Nachbars Kinder. Iss keine Ruben, wenn du zu Sr. Excellenz gehst, und lege deinem Magen ein Gebiss an den Mund, sonst sieht es aus, als ob du zum Essen kommst. Eine alte Weste und neuer Rock sind wie eine alte Tresse und ein neues Kleid, zusammengebrachte Kinder. Schlucke nicht, und wenn's auch Wasser ware, dass es aussieht, als wolltest du den Jordan austrinken. Willst du einen bestandigen Gonner haben, mache, dass er dir eine Wohlthat erweist, die bekannt wird im Volke. Diess bindet wie Kitt. Er lasst dich nicht, als ob er von seinem Vorschuss Zinsen haben wollte. Leihe dem Armen ohne Zinsen, dann bezahlt's Gott. Lern ein Glas leeren, nur mit Maassen, damit du dich nicht aufreibst. Manner, die an einer grossen Tafel keinen Tropfen trinken konnen, sehen aus wie Verschnittene am Hochzeitstage. Sich am Wein warm trinken, heisst menschlich werden. Wenn ich mir zuweilen ein Schalchen nehme, ist's mir, als ob ich Menschenliebe getrunken hatte. Ein boses Gewissen ist ein Ofen, der immer raucht, ein Gewitter ohne Regen; es ist Klager, Richter, Henker, in einer Person. Die Nachtigall singt dir: du bist ein Dieb; die Lerche: du hast gestohlen. Eine Krahe beisst der andern die Augen nicht aus, und wo der Burgermeister ein Backer ist, backt man das Brod klein. Wenn ich streiten sollte, es gabe im Stamme Levi keine zerbrochene Topfe, die laufen lassen, wurd' ich Krebse angeln. Was sich im grunen Kleide mit Gold schickt, schickt sich nicht in der Reverende, und auf der Kanzel muss man anders reden, als wenn man seine Fusse unter einem gedeckten Tische beherbergt, und seiner Nachbarin eine Gesundheit zubringt, welches die Tischreden unseres G l a u b e n s v a t e r s sehr lebhaft bestatigen. Sey allen allerei, wie eine Citrone, die man von innen und aussen brauchen kann. Leute, die sich vollig vor der Welt verschliessen, die nur mit ungefallenen und in der Wahrheit gebliebenen Geistern Umgang haben, sehen oft, wo andere nichts sehen, und horen noch ofter, wo andere nichts horen; denn das Ohr ist leichtglaubiger als das Auge. Ein Pastor dieser Art hatte seiner Gemeinde das Nasenschneuzen und Husten abgewohnt. Ich erzahle dir diese Geschichte mit den namlichen Worten, wie mein seliger Vater sie mir erzahlt hat. Es war in der Kirche dieses Pastors eine besondere Mannszucht, eine so heilige Stille, wie des Morgens bei schonem Wetter um vier Uhr. Ehe er zur Nutzanwendung uberging, war es, wie ein Commando: p r a s e n t i r t ' s G e w e h r ! Der Herr Pastor gab mit seiner Nase ein Zeichen, und alle Nasen folgten ihm, auch die, so es nicht nothig hatten, aus Provision, oder weil's der Nachbar und der Herr Pastor that. Es begab sich, dass ein Fremder, der diese Strasse zog und nichts von dem Uebergange zur Nutzanwendung wusste, und die Sitten und Naseart dieser christlichen Gemeine nicht kannte, den naturlichen Wink seiner Nase befolgte. Der Pastor beschlug die Contrebande mit den Worten: wer grunzt in der Gemeine? allein der gute Pastor musste, weil der Gast von Adel war, diesen Beschlag sehr theuer bussen, und schriftlich versichern, das Wort Grunzen nicht im bosen Sinne genommen, sondern vielleicht selbst gegrunzt zu haben, und vor's kunftige ward der Herr Pastor angewiesen, seine N a s e i n d i e B i b e l z u s t e c k e n . Der Mensch ist gut, die Welt bose. Gehe fleissig in die Kirche und siehe zu Menschen beerdigen. Gedenke, wie er gestorben ist, musst du auch sterben. Heute mir, morgen dir. Zeit liegt von Ewigkeit einen Sabatherweg, eine Viertelmeile, die den Kranken im alten Bunde zu reisen erlaubt war. Wenn du einen Kirchhof offen findest, gehe heruber, wenn du auch einige Schritte Umweg machst. Sieh die offene Thure als eine Erinnerung an, dass auch du dem Kirchhofe, dem Zollhause der Ewigkeit geben wirst, was ihm gebuhrt. Wenn die Glocken gezogen werden, sprich: Gott schenke mir eine selige Stunde! Huste nicht im Vorzimmer des Grossen, um dich horen zu lassen. Der Wein ist die Wage des Menschen; lege deinen Freund drauf, und prufe, wie viellothig er ist. Denke an den Tod des T y c h o B r a h e , der leider! unter seinem Stande heirathete, und v e r d a m m e nicht die Natur: sie leidets nicht. Plaudere nicht bei der Musik, denn predigen und singen hat seine Zeit. Die behagliche Genugsamkeit ist reich ohne Muhe. Den Edelstein fasse in Gold, und beim Wein s i n g e . Gib frohlich, was du gibst. Ein Geber, der nachdenkt uber das, was er geben soll, gibt's nicht von Herzen, sondern vom Verstand. Wenn du den Weg nicht kennst, nimm einen Wegweiser. Ehre im Menschen das Bild Gottes. Diene mit Rath und That. Ehrliche Einfalt ist besser als spitzbubischer Witz. Man sagt von Geistlichen: Kinder und Bucher. Dein Vater und ich haben einen Sohn, wie Abraham den Isaac, und der sey dem Herrn geopfert! Ein junger Mensch muss sich so in Gesellschaft der Alten fuhren, als einer, dem Geld zugezahlt wird. Gehe nicht um mit Uebermuthigen. Was soll dir der irdene Topf bei dem ehernen? denn wo sie an einander stossen, zerbricht jener. Wachst wohl Schilf, wo es nicht feucht ist? und wer hat gegen einen Grossen einen Zeugen? Ein Wolf und ein Schaf ist wie der Reiche und der Arme. Ein Gottloser, wenn er arm ist, redet viel Boses; ein Frommer hat immer Schatze. Schicke keinen Hund nach Fleisch, und verpfande nicht das Lamm beim Wolfe; der Mensch verschiesst wie ein Kleid, und wenn man alt ist, kann man nicht geniessen, was man gesammelt hat. Darum freue dich in dem Herrn, und abermal sag' ich dir, freue dich! Denk an den Armen, wenn du deinen Geburtstag feierst, und lass ihm seine Wunden von deinem Barbier verbinden. Sprich nicht zum Goldklumpen: mein Trost, und zum sechslothigen Silber: meine Hulfe. Ein Armer geniesst selbst dieses Leben mehr als ein Reicher; denn ein Glucklicher und ein Reicher lebt bloss des Gedankens wegen nicht: M e n s c h , d u m u ss t s t e r b e n . Wer taglich stirbt, hat den Tod lieb gewonnen, wie man ein hassliches Gesicht mit der Zeit gewohnt wird. Der Reiche zieht seine Zinsen in dieser Welt, und die meiste Zeit mehr, als die landublichen. Der Arme hebt in diesem Leben die Zinsen nicht, sondern lasst sie beim lieben Gott stehen, der ihm sicher ist, und der ihm seine Zinsen fein zum Capital schlagt, fur die andere Welt. Jeder Reiche fuhlt, dass der Arme, wenn er stirbt, reich wird, es stehen ihm die Haare hiebei zu Berge, und wenn es so anginge, wurd' er dem Armen wohl zehntausend Thaler Albertus leihen, um einen Wechsel auf ihn im Himmel zu haben. Allein bedenke, Reicher! dein Tod ist ein Bankerott. Mein Sohn! theile in dieser Gnadenzeit den Leckerbissen mit dem Durftigen. Das beste Mittel, gut zu verdauen, ist einen Armen essen sehen! Wirf deine Magentropfen zum Fenster hinaus, und brauche dieses Mittel. D e i n V a t e r . Wenn dir ein Ungluck begegnet, greift die Seele nach einem Gelander, wie der Korper nach einem Stab. Schilt im Podagra auf den Wein, beim ublen Wetter auf's schlechte Steinpflaster, im Tode auf's Leben. Was ist der Mensch, wenn er nicht unsterblich ist? Unser Leben wahrt siebenzig Jahr, wenn's hoch kommt, sind's achtzig Jahr, wenn's kostlich gewesen, ist's Muhe und Arbeit gewesen; denn es fahrt schnell dahin, als flogen wir davon. Wir bringen unsere Jahre zu, wie ein Geschwatz. Hute dich, Hiobsposten zu bringen; man hasst den Verrather, und liebt die Verratherei. Wer heut ein Spiel gewinnt, verliert morgen siebenfaltig, und mancher gibt mit einem Auge, und mit sieben sieht er, was er wieder erhalte. Wem das Gluck wohl will, den macht's zum Narren. Die Narren haben ihr Herz im Munde; aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen. Wer mit einem Narren redet, redet mit einem Mondsuchtigen. Hute dich vor dem, d e r s i c h s e l b s t g e z e i c h n e t h a t . Ueber einen Todten trauert man, denn er hat das Licht nicht mehr; aber uber einen Narren sollte man trauern, weil ihm das Lampchen im Verstande, wie den funf thorichten Jungfrauen, ausgegangen. Der Schweiss eines Aussatzigen ist besser, als der Ambra eines Narren. Gin gelehrter Mann ist in Gesellschaft wie der Mond, bald voll, bald halb, bald ein Viertheil; in seinem Hause ist er immer eine Sonne. Lerne selbst, ehe du lehrst, und ahme nicht die Aerzte nach, die wie Schneider den Schnitt am fremden Tuch lernen. Kuhle dein Muthlein nicht, wie deine liebe Grossmutter, an Vater, Tochter oder Kochin, sondern lerne von deiner Mutter, auch ohne Schlage, dem Zorn ein Opfer bringen. Diene wieder deinem Knecht, der dir dient. Die Biene ist ein klein Vogelein, und gibt doch die allersusseste Frucht. Wenn dir's wohl geht, denke, dass dir's ubel gehen konne, und wenn dir's ubel geht, denke, dass dir's wieder wohl gehen konne.
Auf Regen folget klare Zeit;
Auf Leid die frohe Ewigkeit.
* * *
Ich weiss, wen Gott will herrlich zieren,
Und uber Sonn' und Sterne fuhren,
Den fuhret er zuvor herab.
Das Lied:
Warum betrubst du dich, mein Herz,
Bekummerst dich und tragest Schmerz,
hat viele von ubler Laune, von der Unzufriedenheit und der Schwermuth geheilt, und wenn dein Herz nicht verdorben ist, wenn du kein boses Gewissen hast, wirst du auch geheilt werden. Hast du ein boses an. Beim siebenten Vers erinnere dich der Leiden, die deine Mutter des Namens Alexander wegen erduldet hat.
V. 7.
Des Daniels Gott nicht vergass,
Da er unter den Lowen sass.
Seinen Engel sandt' er ihm,
Und liess ihm Speise bringen gut,
Durch seinen Diener H a b a k u k .
Der zwolfte Vers aus diesem H e r z e n s l i e d e ist ein U n i v e r s a l m i t t e l .
V. 12.
Alles was ist auf dieser Welt,
Das Seel' und Leib gefesselt halt;
Reichthum und zeitlich Gut,
Das wahrt nur eine kleine Zeit
Und hilft doch nichts zur
Seligkeit.
Traue deinem Feinde, wenn er sich gleich mit dir versohnt, so wenig, als ein Leiter seinem Baren. Leide keinen Schmeichler, wie der Cypressenbaum keine Wurmer leidet. Ein frommes Kind ist besser denn hundert, die den Herrn nicht furchten, und es ist besser ohne Kinder sterben, als gottlose Kinder haben. ausgeschnarcht hat, geht des Abends wieder zu Bette. Ein Reicher kann arm werden. Des Ungerechten Sohne wurzeln nicht, und seine Tochter sind Feigenbaume ohne Frucht. Kinder ziehen heisst gerade oder ungerade spielen. Erziehen heisst ein Fundament legen, wo unter der Erde gearbeitet wird und nichts zu sehen ist. Ein gut gezogenes K i n d ist eine Rechnung ohne Probe. Der Jungling muss beweisen wie die Zucht war. Lege dein Almosen nicht besonders, denn es segnet dein anderes Geld, dass es dir gedeihe fur und fur. Kleiner Topf, kleine Sturze; grosser Vogel, grosses Nest. Gesunder Leib ist besser denn eine Tonne Goldes. Die Sonne geht auf mit Hitze, und das Gras welkt und die Blume fallt ab: so verwustet ein Reicher, wenn er verschwendet, sich, seinen armen Nachbar und dessgleichen. S a u s e n und B r a u s e n macht siech, und was hilft ein guldener Galgen, wenn man hangen soll. Was ist ein schon Gericht fur einen Kranken, dem schon der Geruch Blahungen macht? Der Tod ist besser als ein sieches Leben. Ein frohlich Herz ist besser als Magenelixir, und eine Mahlzeit mit Wohlgefallen ist die sicherste Blutreinigung. So lange du selbst Topfe und Schusseln hast, untergib dich nicht dem Tische eines andern. Ziehe dich nicht eher aus, als bis du zu Bett gehst. Das Hemde ist dir naher als der Rock. Eigener Herd ist Goldes werth. Rathen macht Schuld, und du stellst Wechsel aus, wenn du Rath gibst. Die Naseweisheit ist, wenn man die Nase hoher halt, als sie gewachsen. Nimm dieses zu Ohren und Herzen, denn du hast eine Nase, die was gilt unter den Leuten. Die Nase ist der Text zum Menschen, die Stirne der erste Eingang, die Lippen das Thema, woruber in gegenwartiger Stunde soll gepredigt werden. Wein und Weiber bethoren die Weisen. Mannerlist ist b e h e n d , Weiberlist ohn' E n d . Kleider, Scharrfuss, Lachen und Gang melden den Menschen an. Kluge Leute wissen schon, was am Jungling ist, wenn sie ihn sehen die Nase schneuzen. Ein Thor ist schwerer als Blei. Krebs ist kein Essen auf der Post. Hilf dir selber, ehe du andere arzneiest. Was niemand wissen soll, sage keinem. Wer einen ubeln Rausch hat, verscheucht seine Freunde, wie ein Schuss die Vogel. Erst Rauch, dann Feuer; so Scheltworte, dann Schlage. Der Arzt ist der Sunde Scharfrichter, ehre ihn, denn der Herr hat ihn geschaffen, und er tragt das Schwert nicht umsonst. Hute dich vor boser Nachrede, denn die Welt liegt im Argen. Wenn man des Morgens von da herausgeht, wo man des Abends hinein gegangen, sagen die Leute, man sey die ganze Nacht da gewesen. Der Schlund der Welt ist ein offenes Grab; mit der Zunge handeln sie truglich. Ottergift ist unter den Lippen, der Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Die Obrigkeit ist des lieben Gottes Soldatenstand, die Priester sind sein Civilstand. Es ist traun! ein Weib aus dem Stamme Levi eine helle Lampe auf dem heiligen Leuchter. Mein! heirathe keine andere, denn sie hat ein gut Muster gehabt. Schone dein Auge fur die hebraischen Punkte, und gaffe nicht nach Dirnen der Stadt. Denk nicht eher an eine Hausfrau, bis du ein Haus hast. Wo kein Zaun, isst jeder das Obst, eh es reif ist; so auch bei einem Pastor ohne Pastorin. Leib und Seele konnen nicht zu gleicher Zeit essen und verdauen. Wer mit der Seele arbeitet, kann den Pflug nicht fuhren. Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden. Item, ein Lehrer ist seiner Calende werth. Wer saet, erntet in zwolf Monaten. Wer Gottes Wort verkundigt, erntet in Ewigkeit. Heil dir! du hast beim lieben Gott offene Tafel, du wirst einst vom Altar leben, und hier gedeihen, wie' 's am Tage ist. Brosamen sind besser als Leckerbissen an den Tafeln der Abgotter, deren Bauch ihr Gott ist. Du bedarfst keines Theils in Israel; der Herr ist dein Theil und Erbe! Das Land Gottes tragt mehr als du bedarfst. Brich aber dem Hungrigen dein Brod, so wird es dir gehen wie der O e l w i t t w e . Wer den Armen segnet, spottet sein, wenn er diesen Segen nicht selbst in Erfullung zu setzen anfangt. Dieser Unmensch will Gott Lehren geben. Erinnere dich, was man vor kurzem vom Herrn v. erzahlt, und erzahl' es deinen Kindeskindern, auf deinem Schooss, damit sie segnen lernen, wie Gott sein Volk segnet, der seine Fenster offnet, und Fruhund Spatregen gibt, und in dem wir leben, weben und sind. Es strandete ein H o l l a n d e r (ware es nicht ein Hollander gewesen, wie viel mehr leid wurd' es mir gethan haben; H o l l a n d ist der Strand von Europa), und der Herr v. , der das Recht der Seestrassenrauberei hat, nahm ihm alles, was er hatte, bis auf einen hollandischen Kase (der Herr v. hatte oft Steinschmerzen) und liess den geplunderten Hollander ziehen seine Strasse, wie Hr. v. sich ausdruckte, f r o h l i c h ; denn er schrieb ihm folgendes Certificat, das er einen c h r i s t l i c h e n o f f e n e n W e c h s e l nannte: "Da der C l a s das Ungluck gehabt zu stranden, und alles werthe Seinige einzubussen, so wird ihm nicht nur Gottessegen zu seinem kunftigen Fortkommen von mir herzlich gegonnt, sondern auch jeder, dem dieser offene Brief vorgezeigt wird, ersucht, ihm christlich fortzuhelfen und ihm, so viel er kann, unter die Arme zu greifen, wohl bedenkend, dass, wer dem Armen hilft, dem Herrn leihe, der es ihm zu Wasser oder Lande verdoppeln kann und wird, als welches ich dem armen Clas aus christlicher Liebe anwunsche." Den Herrn v. mocht' ich f l u c h e n horen, sagte C l a s und sah seinen Kase an. Der Hollander hatte keinen Steinschmerz. Wer sich als abgebrannt und beraubt angibt, um Leute warmherzig zu machen, und sie zum Mitleiden zu beEin Mensch, der keine Stimme hat, muss nicht den a u s d e m S t a m m e J u d a , predigen gehort. Es gibt Diskant-, es gibt Basspredigten. Ein Geistlicher muss Gedachtniss haben. Wenn er liest, steht's aus, als ob er die Predigt auf drei Viertelstunden geliehen hatte. Auch Gras muss ein Pastor wachsen horen.
Ein Geistlicher sprach, da er zum zweiten Theil uberging, indem er die Kanzelsanduhr, welche mehr als andere Sanduhren ein Sinnbild unsers Lebens ist, umkehrte: N o c h e i n G l a s c h e n , m e i n e G e l i e b t e n ! und man nannte ihn, wie einen faulen Kase: Bierbruder.
Man kann zwar auch hiebei erbauliche Gedanken haben; indessen hatte der Pastor L nicht Gras wachsen gehort, da er die Frau v. auf ihrem Krieg und Siegbette besuchte, und ihr die Worte Matthai im einundzwanzigsten Capitel, im zweiten Vers, ins Herz schob: l o s e s i e a u f u n d f u h r e s i e z u m i r . Noch grosser ist's Uebel, wenn der Geistliche satyrisch auf der Kanzel seyn will; er verliert alsdann den Stachel, wie die Biene, wenn sie sticht.
Wenn du einen Umstand lange suchen mussen, fang ihn an: Wem ist's nicht bekannt; dadurch bestrafst du den Umstand, dass er sich versteckt hatte, und kein Mensch glaubt, dass du so lange gesucht hast. Dein Vater wurde sagen: Windbeutelei, faul Holz statt Licht; allein klimpern gehort zum Handwerk. Einem Geistlichen steht's am wenigsten an, zu sagen, ich will diess und das thun. Er steht in Gottes Dienst. Sage also, zu reden aus Jakobi im vierten Capitel und funfzehnten Vers: S o d e r H e r r w i l l und ich lebe, will ich diess oder j e n e s t h u n . Fliehe die vergangliche Lust der Welt; denn nur hiedurch wirst du theilhaftig werden der gottlichen Natur. Um eines faulen Astes willen reiss nicht Stamm und Wurzel aus. Jeder Mensch hat was Gutes. Lege auf die Fingerspitze, wo der verdorbene Saft aus der Hand sich hingezogen, und wo er schwart, Kraut und Pflaster, so behaltst du die Hand. Brich hervor wie ein Feuer, und dein Wort brenne wie ein Kirchenlicht (ein Wachsstock ist nur eine Pfeife zu entzunden). Troste den Bussfertigen, und lass uber ihn aufgehen den Regenbogen mit seinen schonen Farben. Wenn dich eine Kalte im Ausdruck uberfallt, warme dich an ein paar Psalmen in der heiligen Schrift, und wenn bose Buben auf die Bibel lastern, denk daran, dass es Gottes Schulbuch sey, woraus gross und klein, arm und reich, vornehm und gering, alt und jung, unterrichtet werden sollen, und dann lass den Lasterer ein Buch nennen, das so wie diess zu diesem Zweck eingerichtet, und fur all zusammen und fur jeden einzelnen ist. Gott lass dich nie vor Narren zum Spott werden, noch deinen Rucken zur Brucke, woruber jeder geht. Wachse wie ein Palmbaum am Wasser, und dein Geruch sey suss vor dem Herrn, wie der Weihrauch im Studirstubchen deines Vaters. Er, der die Erde mit Schnee und Reif salzet, bereite dich zu seinem Knechte in seinem Weinberge: wenn aber das Salz dumm oder unkraftig wird, womit wird man salzen? Verrichte deine Andacht vor Gott und nicht vor Menschen. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Himmlische Glorie umstrahle dein Haupt, wenn du auf der Kanzel bist, damit man's fuhle, dass du nicht von dir selber redest. Ein roh Ei (wenns angeht ein Kibitzei) hilft viel zur guten Predigt; wer wie ein Engel sprache und nicht verstandlich ware, fruchtet weniger als ein ausgelernter Staar, oder das Getose der Glocken, das ich nie ohne Herzensschlag und Erbauung horen kann. Ich wunschte wohl, die Glocken, wenn ich begraben wurde, horen zu konnen. Alte Kirchen haben dunkle Fenster, indessen weiss jeder seinen Stand. Ein Prediger dem die Zahne ausgefallen, muss sich nicht von einer andern Gemeinde vociren lassen. Man hat mir erzahlt, dass D e m o s t h e n e s und C i c e r o von Natur schlechte Stimmen gehabt; durch Kunst haben sie schon reden gelernt. Ich hatte sie nicht horen wollen. Mancher Pastor kann sich horen, mancher sich lesen lassen. Es kann also auch Redner geben, die stumm sind. Deine erste Predigt schlurftest du bei der Probe in der Speisekammer, als wenn du weiche Eier assest. In der Kirche ging's besser. Lerne deine Gemeinde so kennen, wie ein Gelehrter die Sprache, der bei jedem Worte das w a r u m und d a r u m weiss. Ein Pastor, der seine Gemeinde nicht kennt, und sich nicht wie der gemeine Mann ausdrucken kann, ist ein Miethling. Brauen und Backen gerath nicht immer. Allemal kanns nicht was Neues vom Jahr seyn. Schneid an eine alte Predigt ein Zwiebelchen, lege Butter dazu, es ist eine frische Schussel. Hunger ist der beste Koch. Ein Eierkuchen macht Appetit allen, die vorubergehen. Ein einzig faules Ei verdirbt die ganze Pastete. Wenn es mit deiner Predigt nicht fort will, und von drei bis in die Dammerung gefischt und nichts gefangen ist, lass Licht anzunden, und es wird dir auch ein Licht aufgehen. Wenn du ubern Tod predigst, mache deine Predigten nie am Tage, sondern des Abends. Predigst du vom Lobe Gottes, steh Morgens um vier auf. Wenn gleich das Andenken deiner Trubsal verwachst, suche eine Narbe zu behalten, damit du an Gottes Hulfe denken, und ihn in deinem Kammerlein und in der Gemeinde des Herrn preisen konnest. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der, die Waisen und Wittwen in ihrem Trubsal besuchen, und sich von der Welt unbefleckt behalten. In deinen Predigten lehre Himmel und Holle; sey nicht bloss Brenn-, sondern auch Bauholz. Halte dir selbst Wort, mein Lieber! so wirst du auch andern es halten. Narren ins Fegfeuer, Gottlose in die Holle. Weide die Heerde und siehe wohl zu, nicht gezwungen, sondern williglich, nicht um schandlichen Gewinnes willen, sondern von Herzensgrund; nicht, als die uber das Volk herrschen, sondern werd' ein Vorbild der Heerde, so wirst du, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfahen. Siehe das ubrige Taufwasser nicht als bloss gemeines Wasser an, sondern mache die Verfugung, dass es auf einen besondern oder heiligen Platz gegossen werde. Du wirst das Gras darauf sehen! im Paradiese konnt' es kaum gruner seyn! der Kirchthurm ist ein Finger, der gen Himmel zeigt, denk, so oft du einen siehst, an den Finger Gottes, ohne den nichts geschieht, was geschieht, und durch den ist, was ist. Am Martinstage iss eine Gans; es ist ein alter wohlhergebrachter Gebrauch, und denk an den unglucklichen Bischof M a r t i n , der durch eine Gans verrathen ward. Der Hahn ist der richtigste Kalender, und was die Sonnenuhr im Zeigen ist, das ist ein Hahn im Schlagen: das richtige Zeitmass. Der Hahn, der zuerst kraht, ist Superintendent unter den Hahnen. Alles, was krahen kann, kraht ihm nach, so lahm und candidatenmassig es auch zuletzt herauskommt. Ein Hahn hilft oft zu Thranen. Dein seliger Grossvater hat eine Hu auf diese Art zur Reue gebracht. Alle seine Ermahnungen waren vergebens; zum Gluck krahte ein Hahn; diesen Umstand griff dein seliger Grossvater, und sie weinte bitterlich. Findest du muhlsteinerne Herzen, verzweifle nicht Gott kann dir aus Steinen Kinder erwecken. Rufe getrost! schone nicht! Lerne recht furchterlich: w e r d a ? schreien, wenn der Teufel herumgeht wie ein brullender Lowe, und suchet, welchen er verschlinge. Wer bosen Leumund macht, vergeht am Ende wie das Unrecht.
Die Welt kann doch nichts geben,
Was wahre Ruhe gibt;
Wer hier und dort will leben,
Ist! Vater! der d i c h liebt!
Wenn du im Consistorio sitzst, rede niemand mehr nach deinen Worten, ausser dass gesagt werde: du habest w o h l gesprochen. Die Alten mussen sich freuen uber deine Weisheit, und die Jungen mussen auf dich warten wie auf den Regen, und ihren Mund aufsperren, als auf den Abendregen. Sey des Blinden Auge, des Lahmen Fuss, des Verzagten Arm. Wenn du einen Brief schreibest, vergiss nicht A und O auf griechisch obenan zu setzen, das ist der g e i s t l i c h e S t e m p e l . Aergere dich nur deiner Gesundheit wegen, und eben darum, warum man Gift in Arzeneien mischt. Dein Vater lernt alle funf Jahre eine Sprache, um dem Gedachtniss eine Bewegung zu machen. Versuch, ob's deinem Gedachtniss gesund ist. Denk nicht zu scharf uber einen Namen, und spiel nicht blinde Kuh mit ihm. Ich hab' gehort, dass jemand daruber den Verstand verloren, und ihn eher nicht wieder bekommen, als bis ein andrer diesen Namen von ungefahr ausgesprochen. Es ist die Frage, ob sich ein solcher Andere so leicht findet? Wenn du betest, falte die Hande, denn diess hilft, auch die Gebauten zusammen halten. Bist du betrubt, bete; bist du vergnugt, singe. Der Arbeiter ist seines Lohnes werth, und der Arbeiter Lohn, die euer Land eingeerntet haben, und von euch abgebrochen ist, schreiet, und das Rufen der Ernter ist kommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Richte nicht, so wirst du nicht gerichtet; vergib, o wird dir vergeben; gib, so wird dir gegeben. Alles, was du willst, das dir die Leute thun sollen, thu ihnen auch. Wer selbst Fenster hat, schlage sie nicht dem Nachbar ein. Die Zunge ist ein klein Glied und richtet grosse Dinge an. Sieh ein kleiner Funken, welch einen Wald verwustet er! Die Zunge singt Gott Lob und Preis, und die Zunge kann von der Holle entzundet werden. Aus einem Munde blasen wir kalt und warm; aus einem Munde geht Loben und Fluchen. Wir loben Gott den Vater, und fluchen den Menschen nach Gottes Bilde gemacht.
Kann auch ein Feigenbaum Oel oder ein Weinstock Feigen tragen? Klugle nicht uber deine Reverende, sondern trage sie wie deine Vorfahren mutterlicher Seits sie getragen haben. Die B a n i s e in schwarz Corduan mit goldenem Schnitt sieht wie ein Gesangbuch aus. Wer Possen in geistlichen Melodien singt, zieht diesen eine Reverende an. Wehe dem, der diese Maske erfindet. Ein Geistlicher in seinem Geschmeide kann von einem Engel ungefahr unterschieden seyn, als ein Kuster vom Priester. Der Kuster muss aber entweder die Altarlichte anstecken, oder sie mit einem Loschnapfe bedecken und ausloschen. Dinge, die oft im Munde am angenehmsten, sind am schwersten zu verdauen. Wenn du viel Austern gegessen, iss Kase darauf. Warum aber sinnenarme Austern? Wenn du etwas mit Umschweif zu sagen hast, fang's an mit dem Worte: K u r z u m , oder e n d l i c h , das befordert die Andacht. Wer nicht Tabak schnaubt und raucht, ist ein Republikaner, ein Curlander, ein freier Mensch. Wer kann den Hunger durchs Andenken an ein vorjahriges Gastmahl befriedigen? Denke am kurzesten und langsten Tage im Jahre an Zeit und Ewigkeit. Sey mausestill, wenn dich Jungen mit Koth bewerfen. Wer eine Ehrenstelle erhalt, hat ein neu Kleid angezogen, und uberall ist steife Leinwand. Zieh nie Sonntags ein neu Kleid an, denn dieser Tag ist verloren. Halt dir aber dein Alltags- und dein Feierkleid; ein Mensch, der Sonntags nicht ein ander Kleid anlegt, ist auf dem Wege, ein Freidenker zu werden. Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, auch die im Verborgenen geschehen sind, und den geheimsten Rath des Herzens offenbaren, dann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren. Die Huhner- und Elsteraugen schneide aus, doch so, dass du dabei vorsichtig zu Werke gehst; es sieht sonst so aus, als ware man gichtbruchig; und so sehr gut die Gicht einen alten Mann kleidet, so hasslich ist's, wenn ein Jungling gichtbruchig wandelt. Geizige Leute erhenken sich, um das Pulver zu sparen, und den Strick andern guten Freunden, und vor allen Dingen ihren lieben Erben, zuruck zu lassen. Ein Geizhals ist leicht zur Burgschaft zu bringen. Er will Gutes thun, ohne dass es ihn einen Heller kostet; allein der Geiz ist auch hier die Wurzel alles Uebels. Verburge dich nicht, bezahle lieber fur den Durftigen; so hast du einen freien Kopf und ein freies Herz. Schreib deinen Vornamen nicht aus, damit die Leute das A fur Adam, Abraham und andere biblische Namen halten. Streue nicht auf fremden Acker, wenn du willst ernten siebenfaltig. Ich habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen und seine Kinder nach Brod gehen. Wenn du Obst gegessen, nimm ein wenig Brod, ehe du trinkest. Man sagt, es sey Wahn, allein es hilft. Wenn du des Nachts reitest, nimm einen Schimmel, er dient dir zur Laterne. Neckereien machen gewitzt, Erfahrungen klug, Noth lehrt beten. Sieh nicht aufs Handgeld, sondern auf den Herrn. Der Teufel gibt Silberlinge, allein das Ende ist Verzweiflung. Hute dich vor Prozessen in Curland. Gott weiss! wie es anderswo ist, denn am Ende heisst's, Esaias im achtundzwanzigsten Kapitel, im zehnten Vers: gebeut hin, gebeut her, gebeut hin, gebeut her, harre hie, harre da, harre hie, harre da, hie ein wenig, da ein wenig. Wer Gewalt ubet bei Gericht, schandet sein Mundel, das er bewahren soll. Die Sachwalter machen's wie die Fischer; sie truben das Wasser, eh sie angeln: bei hell und klarem Wetter ist nichts zu fangen. Sey gerecht gegen jedermann, gib auch, wenn du geschwinde schreibst, dem u seinen Strich, dem i seinen Punkt. Ich habe kein u um das Seinige betrogen, und mich argert, wenn man gewissen Worten den grossen Buchstaben nehmen will, als bei Stubenuhr schreib ich S und U mit grossen Buchstaben. Ehre, dem Ehre gebuhrt. Uebe dich auch mundlich abzuschlagen, was du nicht leisten kannst: schriftlich kann's jeder Narr. Bist du unentschlossen, ich setze zum voraus, dass diess oder jenes nichts boses ist, woruber du getheilt bist! zerbrich dir nicht den Kopf, recipe zwei Loose: in eins schreib flugs J a , ins andere flugs N e i n . Mache sie sich einander gleich, greif eins, und thue, was du gegriffen hast, diess ist eben so gut, als wenn du lange gedacht, und Ja und Nein auf einer Goldwage abgewogen hattest. Es ist eine Art von gottlichem Regiment, von Theokratie. Heisst es nicht so? Auch der Weiseste greift in einen Gluckstopf. Gluck und Glas, wie bald bricht das. In der Demuth stolz seyn, heisst falsch spielen. Wenn die Menschen Methusalems Alter erreichen konnten, wurde man mit Gewissheit sehr fruh behaupten konnen, wer gewiss hangen wurde. Kluge Leute lesen ihre Briefe von hinten. Singe an deinem Geburtstage N e u j a h r s l i e d e r ; sie haben was Trostliches in sich. So wie der Geiz seinen eigenen Handen nicht traut, so traut auch der Kluge seiner Vernunft nicht. Ein Bettler gab einem andern die Lehre: sprich keinen an, der allein geht; gehen zwei, geben beide; ware jeder allein gegangen, hatte keiner gegeben. Die ungefarbte Menschenliebe ist erkaltet, und Stolz fuhrt bei der Gabe die Hand. Der Weg zum Himmel ist mit lauter gutem Willen gepflastert. Guter Wille gilt bei Gott und allen ehrlichen Leuten so viel als die That. Zwinge dich nicht ohne Geld auszugehen, das heisst, aus einem guten ein schlechter Mensch werden wollen. Gib mit der Rechten, ohne dass es die Linke weiss, und sieh nicht, wie man's nimmt. Es ist schwer, gut zu geben, noch schwerer aber, gut zu nehmen. Tausche gegen einen Pfeifenkopf nichts, was Leben und Odem hat. Thiere, sagt dein Vater, sind unsere Granznachbaren. Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes. Pflanze keinen Baum, wo er ausgehen muss. Heirathe keine Mondsuchtige, wenn sie auch Superintendentens Tochter ware. Schneide keine Blume ab, wie kamst du zum Kopfen? und die Blume, gekopft zu werden? sondern p f l u c k e sie, wenn's nicht anders seyn kann, sonst aber lass sie ihren reisen Samen ausstreuen, und den Tod der Guten sterben, die ihr Ziel nicht verrucken, und ihr Leben durch Unmassigkeit verkurzen. Ein Fleischer ist immer grausam; Blut ist ihm am Ende Blut. Gewisse Haare werden nie grau, und Alter schutzt vor Thorheit nicht, decke aber die Schande des Alten. Ueber ein Wort muss man sich nicht den Hals brechen. Wort um Wort, Zahn um Zahn, Hals um Hals. Ein Arzt, der sein Latein falsch spricht, kurirt auch falsch; warum sagt er nicht lieber, ich weiss es nicht? und ein Geistlicher, der nicht die Grundsprachen versteht (dass sich Gott erbarm!) Einfaltig heisst von einer Falte: So sey dein Herz gegen Gott und gegen deinen Nachsten; nicht wie ein Facher, der vielfaltig ist, und nicht wie eine Reisekarte, die man in ein Beinkleidertaschenformat legt, und wenn sie ausgekramt ist, deckt sie einen Tisch auf vier Personen. Edle Einfalt war beim Anfang der Welt, und wird, wie ich nach der Liebe hoffe, bei der Welt Ende seyn. Eine Heerde und ein Hirte. Lobe nicht Leute, die nicht lobenswurdig sind. Ein Thor denkt nie beim unverdienten Lobe: "w e i ss t d u n i c h t , d a ss d i c h G o t t e s G u t e z u r B u ss e l e i t e ." Falsche Freunde sind Schwalben, die nur des Sommers da sind; Sonnenuhren, die nur brauchbar sind, so lange die Sonne scheint. Der Mensch geht in dieser Welt in die Schule beim lieben Gott. Der Tod befordert ihn zur Akademie. So wie du gewartet hast, ehe dir das Licht angezundet ward; so wart auch, bis es ausbrennt, oder ausgeloscht wird, und denk an die Sonne der Gerechtigkeit, die nach der Zeit uber deinem Haupt aufgeht, ohne unterzugehen in Ewigkeit. Der Herr wird uns erlosen von allem Uebel, und aushelfen zu seinem ewigen himmlischen Reich; denn sein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, von Ewigkeit, zu Ewigkeit, Amen. Wir sterben lieber in jeder Stunde, als dass wir die Hoffnung aufgeben sollten, wir halten taglich mehr aus, als den Tod, um der Hoffnung willen, noch langer zu leben, und mussen doch einmal recht aus dem Grunde sterben. Nimm dir recht vor zu sterben, so stirbst du am wenigsten und haltst beinahe die Stunde. Stirb als hattest du deinen Tod auswendig gelernt, und sieh nicht ins Concept; stirb von ganzem Herzen, so stirbst du den Tod der Gerechten, und deine Seele ist in Gottes Hand, und keine Qual ruhret sie an. Wer so stirbt, der stirbt wohl! Sieh die du liebst zuweilen schlafen, damit du nicht trauerst um deinen Todten. Denke dir deinen argsten Feind im Himmel, damit du ihm verzeihest. Wem es so und nicht anders ist, ob sein Freund stirbt, und ob seine Pfeife ausgeht, ist nicht werth, einen Freund, wohl aber eine Pfeife zu haben. Diese Welt ist nicht ein Klima fur den Frommen. Geht's ihm gut, so hort er's auf zu seyn; geht's ihm ubel, so ringt er sich die Hande wund. Ist's dann nichts:
Aller Engel Schaar,
Und die lieben Seinen,
Sprechen immerdar,
Nirgend uber Weinen,
Ohn' Gefahr und Pein,
Und i m H i m m e l seyn.
Dein Vater sagt: Stirb, als wenn du den Tod observiren wolltest; so stirbst du nicht, sondern machst Observationen i c h n i c h t a l s o . Sey getreu bis in den Tod, so wird dir die Krone des Lebens gegeben, und es wird heissen: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist uber wenig treu gewesen, ich will dich uber viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude! Wahle nie ein Amt, das grosser ist als du, damit du hervorragest, und kannst du in eine Stelle kommen, die vor dir ein unbedeutenderes Mannchen, als du, bekleidet, hast du gewonnen Spiel. Brauch' griechische, hebraische, arabische, chaldaische, lateinische Worte in deiner Predigt, die vertragen sich; um des Himmels willen aber kein einziges franzosisches, das ist in einer deutschen Predigt wie Katz und Hund. Die franzosische Sprache ist die zweite Erbsunde. Der geringste Uebelstand auf der Kanzel ist ein Flecken auf deinem weissen Kragen. Es scheint uberhaupt die franzolen Weg eingerichtet zu seyn. Wohl dem unter diesem Volke, der noch eine andere Sprache weiss! Diene deiner Gemeinde mit allen funf Sinnen. Man meint, der Geschmack sey so ein Geizhals, dass ein anderer nichts davon hat; allein wer den andern mit Geschmack essen sieht, bekommt auch Lust. Willst du deine Gemeinde zu Abtragung der Calende bewegen, brauch Worte, diese ruhren plotzlich. Willst du sie in den Himmel bringen, trag Sachen vor; diese wirken langsam, aber sie bleiben. Eine gute Predigt muss nicht zu breite Tressen haben, das Tuch muss zu sehen seyn. Wer eine gute Predigt drucken lasst, die er gehalten hat, hat g e s c h a f f e n und e r h a l t e n . Bestimme, was deine Kinder werden sollen, und wenn's seyn kann, die Erstgeburt der Kirche! Eltern, die ihren Kindern die Wahl lassen zu bestimmen, was sie werden wollen, irren; du warst Alexander geworden, und jetzt gehst du auf dem Wege zur Superintendentur. Was susse schmeckt, hat einen ubeln Nachgeschmack, und schleimt obenein; was herb zu Anfang ist, wird lieblich am Ende. Das gilt von der Tugend und vom Rheinwein. Pflanze nicht im Garten, ehe dein Feld bestellt ist, und mach dir keinen Schatten, bis du ein zinsbares Kapital haft. Bestandige Ruhe ist keine Ruhe. Wenn's geregnet hat, ist's in freier Luft am schonsten. Wenn der Regen gerade herunterfallt, ist er am fruchtbarsten; man konnte sagen, die Natur hab' eine gute Geburt; so mussen auch deine Worte fallen. Kreise nicht, sprich aber gerade herunter. Ein junger Geistlicher muss seine Predigt blod' anfangen, und dreist vollenden, dann hat er alles, was ihn hort, wie eine Klette am Kleide. Der Geruch hat seine Moden, die ein Pastor nicht mitmachen darf. Bisam und allerlei wohlriechende Wasser sind nicht fur ein schwarzes Kleid. Willst du wohl riechen, so sey's nach Himmelschlusseln, Rosen und Nagelchen (nicht Nelken, wie etliche wahnen). Diese Geruche bekommen wie taglich Brod alle Menschen, und keine schwangere Frau wird daruber ohnmachtig am Beichtstuhle werden. Sey stark am inwendigen Menschen. Deine Seele sey wacker, dein Herz ohne Falsch, so wird auch der auswendige Mensch bluhen und Fruchte ansetzen. Die Seele ist der Gartner, der Leib ist die Pflanze, die gezogen wird. Sprich zuweilen laut, sonst glauben die Leute nicht, dass es Ernst ist. Ich habe dir in deiner Jugend angerathen, das Skelett von den Butterblumen auf einmal wegzuhauchen. Es starkt die Lunge. So wird Gott, der gerechte Richter, die Welt weghauchen! Ein jeder Lehrer muss mehr sagen, als im Concept ist. Was aus dem Herzen kommt, geht wieder zum Herzen; was aus dem Munde kommt, geht wieder in den Mund; was aus dem Concept kommt, geht ins Concept, und was aus dem Buche, ins Buch. Ende gut, alles gut! Ich werde dir nicht erscheinen, mein Kind! wenn ich heimgehe es wurde dir und mir beschwerlich seyn; allein ich komme dir gewiss entgegen. Der Herr sey mit dir im Leben, und wenn du leidest, und wenn du stirbst. Geht's mit dir zu Ende, sey es mit dem Schluss deines Lebens, wie mit dem Jahresschluss, wo die Tage kurz sind! Des Abends muss man einen schonen Tag loben. Amen, das heisst: Ja, ja, es soll also geschehen! Amen ist des lieben Gottes grosses Siegel und der Frommen Zuversicht. Ich beschwore dich beim Amen, dass du diese Regeln aufbehaltst und sie befolgest, und sie alle Vierteljahre liesest, und vor der Lesung singst:
O Gott, du frommer Gott,
und nach der Lesung:
G r o ss i s t , H e r r , d e i n e G u t e . Amen!
Diess war der Abschied, den meine Mutter von mir schriftlich nahm, wie sie ihn auch gern vom Conversus genommen hatte, und den sie, eben so wie den Tod, nicht auf die letzte Stunde ausgesetzt. Von meiner Mutter hab' ich, und auch meine Leser, in diesem Theil Abschied genommen.
Gute Nacht also, liebes Weib! Lebe wohl, liebe, theure Mutter. Deine heilige Harfe soll mein Herz in eine heilige Ruhe spielen, wenn es trotzig' oder verzagt' Ding seyn will, wenn es sich baumt und wenn's
"D i r , d i r und deiner Gute,
D i r , d i r , mein Gott, allein,
D i r , d i r soll mein Gemuthe"
Wie du am heiligen Abend vor Weihnachten die Deine Worter: h a h n , s t a h n , l a h n , sollen s a n , den du dir selbst beigelegt hast, ist kostlicher als alle Welttitel. Ich will weit eher in den Vorhofen des Herrn in der Halle wohnen, wozu dir dein Schutzgeist den Schlussel fur dich und deine Nachkommen gab, als in den Palasten der Gottlosen! Deine alten Worte: W o h l g e m u t h , f u r b a ss , und p f l a g , und t r a u n ! und s c h i e r ! bezeichnen mir die Einfalt der Alten der guldenen Zeit, da die Menschen Gottes Nachbarn vorstellten, ihm uber'n Zaun in seinen Himmel sahen, vor ihm wandelten und fromm waren, und wie sollt' ich diesen Kern gegen den Prunk dieses versilbert blechernen Jahrhunderts vertauschen? Am Ende, wenn mir die Gedanken vergehen, wie ein Licht, das hin und her thut wanken, bis ihm die Flamm' gebricht, soll der Tod mir ein sanfter Schlaf seyn! Amen, das heisst: ja, ja, es soll also geschehen!
Diess war ungefahr das Gefuhl, auf Worte herabgesetzt, das in mir brannte, da diese Anrede von meiner Mutter zum erstenmal verlesen ward. Beim eigentlichen Abschiede bezog sie sich auf die schriftliche Haustafel, wie sie's nannte. D i e s e H a n d , sie gab mir ihre Rechte, r e i c h ' i c h d i r n i c h t w i e d e r , a l s i n d e r E w i g k e i t , nicht mehr beim Abschiede. Diess ist der Abschied, mein Sohn, das eigentliche Begrabniss. Wenn du wirklich von hinnen ziehst, wird nur der Paradesarg beigesetzt.
Von M i n c h e n nahm ich Abschied, wie der Sommer vom Fruhlinge; man merkt's nicht. Zehnmal dachten wir, es sey das letzte Lebewohl; allein es kam noch ein Lebewohl und dann noch eins, bis eins, ohne dass wir's beide wussten, das allerletzte war. Wir hatten schon vorher verabredet, dass nicht S i e an I h n , sondern E r an S i e den ersten Brief schreiben sollte. Dieser erste Brief sollte an den guten B e n j a m i n , um aus der Noch eine Tugend zu machen, zur Beforderung gerichtet werden, und der Brief an Benjamin sollt' eine Einlage eines Briefs an den Herrn Hermann seyn. Wie sehr wir uber diesen Plan gedacht, kann ich nicht beschreiben. Er ist das Resultat von vielen Stunden. In diesem ersten Briefe sollt' ich meiner lieben Mine den Weg zeigen, an mich zu schreiben, denn da noch nicht ausgemacht war, welcher Universitat wir anvertraut werden sollten, so konnte der Plan fuglich nicht anders eingerichtet werden.
Die ehrlichen Jungens, die tapfern Griechen, hatten sich bei meiner Abreise versammelt, hielten sich gerade, H e l m ragte vor, und alle sahen ihrem Konige nach, der avanciren und S t u d e n t werden sollte.
Wir kamen gegen Abend in *** an, und fur ein paar Leute, die sich in zehn Jahren nicht besucht, wohl aber, so oft sie sich nur reichen konnen, mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken (wiewohl alles in Ehren, und wie es ein paar so klugen und so rechtschaffenen Leuten ansteht) gepfandet hatten, war der Empfang sehr freundschaftlich. Wo bleiben Sie so lang, lieber Herr Pastor? ich hab' schon zehn Jahre auf Sie gewartet, sagte der Herr v. G und mein Vater wie aus der Pistole: eben so lange, einen halben Tag, den ich zur Reise nothig hatte, abgerechnet, habe ich Ew. Hochwohlgeboren Briefe entgegengesehen. Hier eine Umarmung, und von der Frau v. G ein tiefer Knix, vom jungen Herrn ein russischer, und von seinem Hofmeister ein franzosischer Buckling und zwar so durcheinander, dass niemand wusste, wem eigentlich die Verbeugung oder der Scharrfuss gelten sollte. Nach diesem Zeichen der Wiedergeburt einer seit zehn Jahren verfallenen Freundschaft hatte man glauben sollen, es ware zwischen Sr. Hochwohlgeboren und Sr. Wohlehrwurden alles berichtigt; allein es ging diesen beiden Leuten so wie Richtern, die sich zwar geeinigt haben, wer von beiden Klager oder Beklagter, gewinnen oder verlieren soll? nachher aber uber die Entscheidungsgrunde, und die Gegengrunde die Kopfe schutteln, und zuweilen an einander stossen, um ein Urtheil zu formen. Alle Augenblick war ein Knoten, den keiner von beiden losen konnte, den aber auch keiner von beiden so geradezu spalten wollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel von dem beherzigt, was diese beiden streitfuhrenden Machte mit einander ausgefochten. Ich weiss kein Wort weiter, als dass wegen Hut und Trift kein Wort weiter vorfallen sollte, und dass eine Koppelweide bruderlich verabredet wurde. Man ging Hand in Hand zur Tafel. Der Vergleich war zugesaet, wurde mit einem achten Glase Wein aus einem Schauer begossen, und trug noch den namlichen Abend tausendfaltige Fruchte. Morgen, denn heute seh' ich alles uber Bausch und Bogen, will ich meine Leser mit den Charakteren dieses hochwohlgebornen curischen Hauses und seiner Art bekannter machen, oder wie es mir eben einfallt, sie sich selbst bekannt machen lassen. Ich will versuchen, diesen Tag nachzuschreiben; wenn ich gleich nicht ein Verballexikon, einen Worterkram, uber das, was damals geredet ward, besitze, so habe ich doch ein sehr richtiges Reallexikon, und hier darf ich nur klopfen, und es wird aufgethan. Hausrath ist bald angeschafft, wenn man liegende Grunde hat. Ware dieser Lebenslauf kein Lebenslauf, hatt' ich von der Kanzlei des Sir K a r l G r a n d i s o n einen Kanzlisten auf zwolf Stunden zum Anlehen erbeten; allein einem Lebenslaufe schlagt er's ab. Wo hatte ich aber, wenn Sir G r a n d i s o n fiat wie gebeten gesagt hatte, wo hatte, ich dem Ehrenmann Ort und Stelle anweisen sollen? Im ganzen Hause des Herrn v. G war zur Ehre des Hauses keine s p a n i s c h e W a n d und keine V o r h a n g e , als vor den Fenstern, auch die nur gegen Mittag. Die Gesprache sind originalisirt. Wer's versteht, was ein Eid de credulitate ist, wird wissen, was ich sagen will, wenn ich behaupte nach bestem Wissen und Gewissen meine Leser behandelt zu haben.
Der Schauplatz
in unserm Schlafzimmer.
Dieses Zimmer ging gerade auf eine Wildniss, einen Haupttheil des Gartens, wo sich ein Blumenbeet, welches wie ein verschonertes Wiesenstuck aussah, an einer alten Eiche zu halten schien, um die kleines Gestrauch rings herum stand, als wenn's in die Schule ginge, und lernen wollte auch so gross zu werden. Es war alles wie Wiese und Wald, was man sehen konnte, und doch war's nicht Wiese und Wald. Die Blumen anders, und wenn sie gleich nicht in Reih' und Gliedern standen, waren sie doch in einer entzuckenden unordentlichen Ordnung. Baume hinderten das Auge nicht, den Wald zu sehen, und es fiel von oben ein reines Wasser, wie ein starker Regen, und schlenkerte durchs Blumenstuck, und aus ihm heraus, wie ein Betrunkener.
Personen.
Vater. Ich.
ICH. Guten Morgen, Vater. VATER. Dank, Alexander. Wie im Edelhofe geschlafen? ICH. Nicht wie im Pastorate. Blinde Kuh gespielt. Zugegriffen, nichts erhascht. Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Gewollt und nicht gekonnt. VATER. Die erste Nacht am fremden Orte ist immer eine Brautnacht. Niemand schlaft sie aus. ICH. Wie kommt das? VATER. Betten und Nester mussen nicht kalt werden. Ein neuer Bezug kostet mir zu Hause zwei schlaflose Stunden, ein neues Bett anderthalb Nachte. ICH. Ich habe den neuen Bezug mit einer halben Stunde bezahlt, vom neuen Bette weiss ich erst seit sechs Stunden mitzureden. VATER. Hatten wir keine Betten, wurden wir nicht diesen Schlafzoll bezahlen. Es ist viel davon zu sagen. Wenn ja der Mensch nicht in sich selbst Warme hatte, sollt' er nach Vorschrift der Natur auf Haarbetten ruhen. ICH. Ich will's versuchen. VATER. Wenn's nur nicht zu spat ist. Deine Mutter tragt die Schuld, dass dein Blut Federn kennt. Mich freut's, dass du diese Nacht so wenig mit dem Schlaf g e z a n k t . Wir haben beide gethan, als schliefen wir. Wer sich mit dem Schlafe uberwirft, zieht immer den kurzern. ICH. Aber mit einmal Aufstand machen, und dem Schlaf zeigen, dass man sein Sklave nicht sey. Was meinst du, Vater? VATER. Recht! in allen Fallen; nur nicht, wenn ein neues Bett daran schuld ist. Der Schlaf kann nicht bussen, was unsere Weichlichkeit verschuldet hat. Wer, wenn er schnell aufwacht, nicht gleich herausspringt, versteht nicht Winke der Natur. Der zweite Schlaf ist ein Postscript, das keinem Manne ansteht. Mittagsschlaf ist ein brennend Licht am Tage. Achtung, Alexander! Schlag an, Feuer! bist du heraus? ICH. Wie Blitz! VATER. Merk's dir ewig. Wer einen Fuss aus dem Bette setzt, und den andern nachholt, arbeitet auch nur mit halbem Kopf. ICH. Wie kann's anders? Ich hatte mogen den Dr. Luther horen und sehen das W a l t sprechen, und aus dem Bette fahren. VATER. Er fuhr gewiss mit sechs. ICH. Aber das Kreuz, das er schlug, ware nicht nothig gewesen. VATER. Wer's vertragen kann, des Morgens und des Abends, kann's nicht schaden. Deine Mutter hatte die Gewohnheit zu kreuzen, wenn sie gahnte und den Mund hielt. Diese Kreuzschlage habe ich ihr so aus dem Grunde abgewohnt, dass sie's nach der Zeit fur Sunde zu halten schien, und den Schlagbaum des Mundes, um die vorigen Kreuze zu verbussen, noch weiter aufriss, als es nothig war. Das Kreuz war die gemeinste Strafe, womit man bei den Syrern, Aegyptern, Romern und andern Volkern einen Missethater von der Welt brachte. Aus Schande ist Ehre geworden. Deine Mutter nannte diess einen Triumph der christlichen Religion. Ein Kreuz ist ein Ritter- und Ehrenzeichen; es hat so was Edles in und an sich, als die liebe Sonne, die alles glanzend macht, was sie bestrahlt. Hang' es um ein schlecht' Gewand: es ubertrifft Purpur und kostliche Leinwand. Die Wappenkunst gehort zwar nicht zu Kanzelgaben; indessen rath' ich dir diess Studium an, und da wirst du ein Andreaskreuz, ein Schacherkreuz, ein Ankerkreuz, ein Kleekreuz, ein Kruckenkreuz, ein Lilienkreuz, ein Patriarchenkreuz und noch viele Kreuze kennen zu lernen die Ehre haben.
Eine Stille! Wir sahen beide zum Fenster, und jeder
Stille!
VATER. Hast du gebetet? ICH. Zweimal angesetzt, einmal vollendet. Aber keinen Morgensegen, denn ich habe nicht geschlafen. Ich kann dem lieben Gott fur nichts danken, was ich nicht auch empfangen habe. Die sagen konnen: Wir danken Gott fur seine Gaben, die wir von ihm empfangen haben, wenn sie vor Hunger sterben mochten, sind, denk' ich, Schmeichler, Heuchler, Schriftgelehrte und Pharisaer. VATER. Zum Dank hat der Mensch, wie zum Trost, immer Gelegenheit. Auch das grosste Ungluck ist nicht so gross, dass man sich nicht noch ein Stockwerk druber denken konnte. Der Armbruch ist nicht so arg als der Halsbruch. Viele Leute aber glauben freilich, so mit dem lieben Gott umzuspringen, als mit ihres Gleichen. Herz, Ehrlichkeit ist das, was Gott angenehm ist; ich denk', er verzeiht hundert Fluche eher, als ein Gebet und Lob von dieser Weise. Er will eigentlich nur die freudige Empfindung uber das Gute, das wir gethan haben. Versohne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere. Thue was Gutes, und du betest die ganze Natur betet und singt und die Raben selbst nicht ausgenommen. Siehst du einen schonen
zum Gebete, und die sind nicht nothig. Leute, die
es auf blosse Worte anlegen, zaubern im eigentli
chen Sinne; sie betrugen die Umstehenden, und er
werben sich Almosen, das nicht immer ein Stuck
Brod und ein Vierting ist, sondern auch ein Buck
ling, ein Ehrenwort seyn kann, "d a s i s t e i n
f r o m m e r M a n n ." Es hat weise Heiden gege
ben, die dafur hielten, man sollte laut beten, damit
Gott nicht mit unklugen Bitten belastigt wurde; al
lein die Herren mogen es mir verzeihen. Gott ist
unser Vater, und wir konnen ihm alles sagen. Wir
bleiben gegen ihn bis an's Ende kleine Kinder. Wir
sollen Gott lieben! Liebe ohne Aufopferung von
der geliebten Seite ist schwer zu denken. Gott op
fert sich, wenn er uns Gutes thut, nicht auf. Es ko
stet ihn keine Muhe, wenn er Fruh- und Spatregen
und fruchtbare Zeiten gibt, wenn er uns die Hand
reicht. Es ware also nur Ehrfurcht, was wir gegen
ihn hatten, wenn wir nicht beten durften. Das
Gebet hilft uns zu einer Liebe, die anders ist, als
alle Lieben in der Welt. Christus hat die Lehre vom
Gebet so vortrefflich abgehandelt. Betet im Glau
ben; bestimmt nicht; lasst's Gott uber. Plappert
nicht; betet im Kammerlein.
Mein Vater betete das V a t e r u n s e r und sah
zum Fenster, und ich betete mit; wir beteten sehr
ICH. Das war gebetet. VATER. Amen. ICH. Viele Leute schamen sich, den lieben Gott auszusprechen. Sie sagen: der Himmel. Ich sag' ja nicht Mitau, wenn ich den Herzog meine. Einige sagen: die Vorsicht, das sind mir schon die rechten, nicht wahr, Vater? VATER. Nicht immer wahr. Da muss man sehr duldend seyn. Ich sage gern, herzlich gern heraus: Gott, mein Gott, und freu' mich, dass ich nach meiner Religion darf. Andere Leute mogen andere Weisen haben. Man nennt oft nach der Hauptstadt den Hof, der Wiener Hof ich werde bei meiner Weise bleiben. ICH. Und ich auch in Ewigkeit. VATER. Eine Nacht gewach macht munter. Wir werden beid' einen herrlichen Tag haben. ICH. Ich dacht', es ware des ersten Ausflugs wegen. Der erste Ausflug aus dem Neste muss Alten und Jungen was Angenehmes seyn. Du verstehst mich nach dem lieben Gott bist du mein Vater. VATER. Sey gut, Alexander, und das wirst du seyn, wenn du Gott von Herzen Vater nennst.
Vater. Tafeldecker. Ich.
TAFELD. Wunsch' unterthanigen Morgen. TAFELD. Gnadiger Herr und gnadige Frau und gnadiger Junker bitten zum Thee. VATER. Gleich aber, lieber Freund, das Wasser h i e r ist von gestern. Nur Thee fehlt, so ist's Theewasser. Konnen wir nicht kaltes, frisches Wasser ICH. Mit Eis, wenn's angeht, ich hab' vom Eiskeller gehort. TAFELD. Wird nicht gut thun. ICH. Ich bin's gewohnt, Eis im Wasser, Speck im Kohl, Ehr im Leibe, Gewissen im Herzen. TAFELD. Das sind vier gute Schusseln, wollt' ich sagen, ja, ich weiss nicht was? bin der Tafeldecker. ICH. Herr Tafeldecker, ich bin sehr hitzig auf's Eis. TAFELD. Sollen haben. Geht ab. VATER. So oft ich taufe, argre ich mich, dass wir nicht untertauchen. Das ware was fur Leib und Seele. ICH. Wenn wir so mit dem Feu'r umspringen konnten, Vater! wenn wir so die Sonne wie ein Kaminfeu'r ansehen, und, war' sie naher, herantreten konnten, ohne von der Flamme ergriffen zu werden VATER. Die offenbare See ICH. Ich mocht' mich doch da eher baden, als die Hande dicht am Sonnenkamin warmen. Was auf der Erde ist, gehort uns, hast du mich gelehrt VATER. Das erste Feuer auf der Erde muss eine schreckliche Wirkung auf Menschen und Vieh gemacht haben. Ein Blitz schlug's vielleicht an, und die Menschen unterhielten ein heiliges Feuer, dess; sich jedes bediente, bis sich's jedes selbst anschlagen lernte. Der Mensch hat sich ohne Zweifel vorgestellt, die Sonne ware herabgekommen und wandle unter uns. ICH. Eine grosse Vorstellung! VATER. Ich vergebe den Heiden, dass sie die Sonne angebetet. Sie ist eins von den grossen Lichtern, die im Saal Gottes brennen. Wir haben sie noch so ziemlich aus der ersten Hand; in wenig Minuten ist der Strahl auf der Erde. ICH. Ich wunscht', ich hatt' das erste Feuer auf Erden gesehen. VATER. Auch ich; ich denk', der erste Feuerlarm ist die Ursache, warum wir noch immer ins Feuer sehen, wo wirs finden. Wir feiern das Fest des ersten Feuers. Kaminfeuer verdirbt das Auge, sagt man, und was thut denn der Rauch der O e f e n ? das Unwurdigste, was je die Menschen erdacht haben, hochstens fur schwangere Weiber gut. Der Kreissstuhl steht am Ofen. Ich bin kein Republikaner, allein ich bin ein Mensch. Kein Mensch, der sich frei fuhlt, sollte einheizen und sich die Haare stecken oder sie kleben. Wer nicht mit der Hand in die Haare kann, und mit unverwandten Augen ins Feuer sieht, und sich Feuer zu machen versteht, ist wenigstens kein Englander. Ich bin fur den monarchischen Staat, das weisst du, allein auch da gibt's Freiheit. Du weisst die Fabel vom Prometheus? ICH. Dem Feuerdieb, ja! VATER. Man lasst es nicht, ins Feuer zu sehen, und wenn man seinen Augen druber einen Bund macht, so sieht man nicht, man schielt, man stiehlt die Thiere selbst machen grosse Augen und staunen das Feuer an. Wie ich mich freue, wenn ich Spuren der Natur finde, das ist unbeschreiblich; ich denk' immer Gottes Finger zu sehen, wenn ich Natur sehe. ICH. Ich sehe Gottes ganze Hand. VATER. Junge! Tausendmal hab' ich gedacht, mein Ebenbild! nur etwas rauher, dunkt mich. Schadet nichts, du bist in Curland geboren und ich in einer bessern Gegend. Du jung, ich alt. Sohne, die der Mutter ahnlich sind, bekommen ihre Fahigkeiten und Neigungen, allein in hoherm Masse. Sie sind Birnapfel, ich wurde sie alle zu Geistlichen bestimmen. Sie haben bis zum Papst Anlage, nur keinen Schuss vertragen sie. Hattest du etwas, Alexander, von diesen Wachsjungen, ich gabe was drum. ICH. Und warum, Vater? VATER. Das eine Frage! du sollst nicht mit Feuer, sondern mit Wasser taufen. ICH. Gott braucht auch L u t h e r s im Dienst, nicht bloss M e l a n c h t h o n s , Vater! Ich wette, Luther sah seinem Vater ahnlich, wie ich dir, und Luther, das wett' ich auch, war' ein so guter Generalfeldmarschall geworden, als er jetzt Glaubensvater ist, und hatt' so gut Sieg' erfochten, als einen Katechismus geschrieben. VATER. Es wurde manchmal gut seyn, wenn sich ein Geistlicher mit einem Narren von Freigeist herumschiessen konnte. Gewiss wurd' er mehr durchs Pulver als durch Grunde frommen, besonders in Curland, wo alles nach Pulver riecht allein wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen ICH. Mit Dreien nehm' ichs auf ich meine mit Freigeistern, sonst weiss ich auch, wer Herz hat. VATER. Feigheit fallt in alle funf Sinne, man steht sie im Finstern. Einen muthigen Mann kennt man nicht so leicht. Er tragt nicht Spiess und Lanze. Gemeinhin sieht er blode aus. Seine Miene ist sanft und edel; wenn er spricht, ist's, als sprache man mit einem Frauenzimmer. ICH. Wer hat, darf nicht borgen. VATER. Ein muthiger Mann ist ein vermogender Mann, und darum braucht er kein Creditkleid, keinen Empfehlungsbrief. Er ist uberzeugt, dass es ihm nicht fehlen konne. Muth ist ein edles Bewusstseyn, von dem einige Leute sehr einfaltig sagen, er sey anzusehen. Stolz ist anzusehen, allein kein edles Bewusstseyn ICH. Wie kommt's aber, Vater! dass auch den Herzhaftesten der Muth zuweilen verlasst, und dass er nach einer Zeit wieder muthig wird? VATER. Weil er krank war und wieder gesund wurde! das ist aber eine Krankheit ohne Namen, etwas Kolik ist immer dabei. Ost kommt's, weil der Held mit einer Schlafmutze sein Haupt bedeckt hat, da er eben angegriffen wird. Er sollte selbst im Hute schlafen. ICH. Im Hut oder im blossen Kopf. Vater, ich will dein Sohn nicht seyn, wenn ich je anders zu Bette gehe. VATER. Du warst Alexander! jetzt bist du es nicht mehr, kannst es nicht mehr seyn, musst es nicht seyn! Ich dacht' anders und Gott dacht' anders. Setze immer eine Schlafmutze auf und bekampfe dich selbst, dann hast du Muth, auch ohne den Degen in der Faust und im Schlafrock und Pantoffeln. Muth braucht man, wie Salz, zu allem, und beim Kammertod mehr als auf dem Bette der Ehre, wo Wuth und Verzweiflung oft die Herzhaftigkeit einfeuert. Diess ist ein eingeheizter Muth. Ist der Ofen kalt, ist alles kalt. ICH. Ich weiss, Vater, wie ich das Loch hier am Kopf kriegte, was es heisse, auf dem Bette der Ehre ein Loch kriegen, und wie ich krank war, was ein kalter Ofen heisse. Das Loch war mir weniger, als wenn ich mir das Hemde vorbei ins Fleisch gestochen. Ich wollt' druber was Schriftliches aufsetzen, so weiss ich's. Sich selbst bekampfen, Vater, und eine Hopfenstange seyn, ist doch zweierlei. VATER. Sich in wagerechten Stand setzen und immer im Gleichgewicht halten, ist unmoglich. Wer nicht Leidenschaften hat, ist kein Mensch. Unser Herr und Meister jagte Kaufer und Verkaufer aus Gottes Tempel. Wer im Sitzen schelten, und wenn er sich stosst beten kann, ist ein Mensch, mit dem ich nichts zu theilen haben will. Ich werd' gewiss betrogen. Ich hab' mich als Pastor zu dem "dass dich der Tausend" bequemen mussen, "d a ss d i c h d e r T e u f e l " sagt man, soll gesunder seyn. Es soll wie ein Glas Wasser abkuhlen. Die Natur kuhlt sich auch durch Donner und Blitz. Um dem Teufel nicht so viel Ehre anzuthun, sollte man ein ander Wort erfinden. Es kommt alles auf Begriffe an. A u g u s t i n u s und L a c t a n z konnten sich nicht uberreden, dass die Erde rund sey, weil sie die Schwere der Korper nicht kannten und ICH. Vater, was du mir sagst, ist mir, A u g u s t i n u s und L a c t a n z ausgenommen, so bekannt, als ob ich's gewusst hatte, und doch lernte ich's erst. VATER. Das ist der grosste Beweis der Wahrheit. Der Vers ist gut, den man auf einmal behalt, und eine Sache, die, wenn wir sie gehort, uns so dunkt als hatten wir sie schon zuvor gewusst, ist gewiss wahr. ICH. Du bist mir P h i l i p p u s und A r i s t o t e l e s in einer Person. VATER. Wenn man den Kindern auf alle ihre Fragen antwortet, kurirt man sie durch Aderlassen. Man macht sie schwach. Wenn du A frugst, antwortete ich B, und hierdurch gewohnt' ich dir ab, zu fragen, und an, selbst zu denken. Wer immer in seiner Jugend gefragt hat, fragt auch, wenn er alt wird. Hattest du noch einen Bruder gehabt, hatt' ich ihn negativisch erzogen, und ihm nicht gesagt: hier geht der Weg, sondern: hier geht er nicht. Wenigstens, Alexander, hast du einen mundigen Ausdruck. Du bist ein Mensch, der bei der Natur in die Schule gegangen, ein Stuck vom Seher! Wer bloss die Alten liest, ist ein Glaubiger; du kannst sie auch zur Noch lesen, diese erste Version der Natur. Lass uns jetzt gehen der Thee ist schon erwunscht kalt. ICH. Vater, ich mocht noch zehn Stunden horen. VATER. Und ich bin lang' nicht so ein Vielwisser gewesen wie heut, und auch du umfassest alles, du sprichst so behend, und jedes Wort ist Schach dem Konig. Das machen die neuen Betten und die Nacht ohne Schlaf. ICH. N o c h e i n s , Vater: ha, Wasser! VATER. Strome! desto besser, fur dich einen und fur mich auch einen
* * *
ICH. Das n o c h e i n s hab' ich nicht ersauft; die gnadige Frau ruft mich Monsieur. VATER. Besonders dass Monsieur bei den Deutschen zwei Pfund weniger als Herr, und Mamsell zwei Pfund mehr wiegt als Jungfer. ICH. Immerhin, Vater! Ein Franzose mag ein Monsieur seyn, aber nicht ich. Zwei Pfund weniger oder mehr, ich ehre das Wort Jungfer. VATER. Ich auch, Alexander, und auch darum mit, weil es sich rein halt und mit keinem Reim in Gemeinschaft tritt. Das sind fur mich konigliche Worter; sie geben sich nicht mit erst was ab. ICH. Wer meine Schwester VATER. Wenn du eine hattest! ICH. Mamsell hiesse, der sollte eine Ohrfeige mit dieser Hand haben, oder ich will Monsieur seyn. Und immer in der dritten Person spricht die gnadige Frau. Wird Monsieur nicht haben wollen, will Monsieur nicht ein Glas Bier? Bin ich denn kein Du oder Sie werth! Kann sie mir nicht grad' ins Gesicht sehen, wenn sie mir zuspricht. Warum stosst sie denn nicht das Glas mit mir an. Sie schielt nur von der Seite herab. Gottlob, dass sie nicht mit Er herumwirft, ich wusste nicht Vater! Wenn fangt man denn an, Literatus zu seyn? VATER. Es ist nicht uberall gleich. Im Mitauschen Kreise fruher, im Bauskeschen Kreise spater, im Seelburgschen Kreise noch spater, im Doblehnschen Kreise fruher als im Mitauschen, und so weiter durch alle Kreise. ICH. Ihr Mann, Vater, hatte verdient den linken Flugel meiner Phalanx zu commandiren. Zum Parmenio. Vater, nicht wahr? Er weiss doch, was einem seligen Alexander zustehet. Von ihr, dunkt mich, kann's heissen: ihr Wurm wird nicht sterben, und von ihm: sein Feuer nicht verloschen.
Im Garten.
Die Frau v. G. Die Vorigen. Herr v. G.
FRAU v. G. Sehr erfreut, Herr Pastor Wohl geruht? Ich bitte Platz zu nehmen. Herr v. G. hat einem Sperling das Leben abgesprochen, und ist unten, ihm das Wort zu halten. Monsieur, bitte zu sitzen Ohne Umstande. Gartenfreiheit! da sind wir alle gleich. ICH. Vom Paradiese her.
Mein Vater buckte sich bis ans Wort h a l t e n , ich
von M o n s i e u r an.
FRAU v. G. Kaffee? VATER und ICH. Unterthanigen Dank. FRAU v. G. Thee? VATER UND ICH. Gehorsamst. FRAU v. G. Niemals? VATER. Niemals, gnadige Frau. FRAU v. G. Und warum? VATER. Jedes Volk hat, was es bedarf, gnadige Frau, kann Original seyn, darf nicht Thee und Kaffee trinken. FRAU v. G. Aber Wein? VATER. Der ist vom lieben Gott furs ganze menschliche Geschlecht eingesetzt, und dann, gnadige Frau! wachts nicht Wein in Curland? FRAU v. G. Vielleicht wurd' auch Thee und Kaffee wachsen. VATER. Nimmer; und wenn es ware: wie kann wohl die Natur mit Bohnen und Strauch die Absicht verbunden haben, die man jetzt damit verbindet? FRAU v. G. Aber angenehm ist wenigstens Kaffee im Grunen?. VATER. Warum nicht eine Mahlzeit aus naturlichen gesunden Speisen? FRAU v. G. Es ist zu warm. VATER. Des Abends. In Curland geht's mit dem muss gestehen, sehr viel Verfuhrerisches. Alles kommt ungeputzt zusammen, wie bei einer Brunnenkur, und mit einem so freien unverfaschten Kopf, dass es eine Lust ist, gute Leute fruhstucken zu sehen. Die Seel' ist so wie der Leib im Neglige, und wenn's fruh ist, ist der Tag selbst so. Sein Schleier ist ein liebenswurdiger wonnevoller Anzug nicht immer aber, gnadige Frau! konnen wir in Pyrmont seyn, und den Brunnen trinken, und unsrer Seele und dem Tage bei der Toilette aufwarten. Wir haben Geschafte: die Morgenstunde FRAU v. G. Ich halte Kaffee und Thee nicht fur gesund. VATER. Ich auch nicht. FRAU v. G. Die Aerzte sind indessen getheilt VATER. So wie in allem, was die Diat betrifft, die ein jeder Arzt nach dem Schnitt seines Magens beurtheilt.
Ein Schuss; g e h o r t und g e s e h e n .
FRAU v. G. VATER. ICH. Der Sperling. HERR v. G. einen todten Sperling in der Hand. Ha, willkommen im Grunen! Herr alter und Herr junger Pastor. FRAU v. G. Gelt! Monsieur ist erschrocken. ICH. Ueber einen Schuss? HERR v. G. Er erschrickt uber dich, und ich auch, gnadige Frau. Fur erst bitt' ich Herr statt Monsieur! Wer nicht vor einem Schuss erschrickt, ist kein Monsieur. Sieh ihm ins Gesicht. Ist er erschrocken? FRAU v. G zu mir. Sie haben gepredigt? HERR v. G. Das heisst ein Seelenschuss. Ich habe Sie weit und breit ruhmen gehort. ICH. Ohne Verdienst und Wurdigkeit. VATER. Ew. Hochwohlgeboren HERR v. G. Herr Pastor, lassen Sie mir den Hochwohlgebornen weg oder FRAU v. G. Wenn der Herr Pastor sich's aber angewohnt hat. HERR v. G. So muss er's sich abgewohnen. FRAU v. G. Falls es ohne Muhe geschehen kann. HERR v. G. Wenn's auch Muhe macht. FRAU v. G. Das nenn' ich Zwang. HERR v. G. Es hangt von Ew. Gnaden ab. Herr Pastor! Sie wollten von der Predigt sagen. VATER. Wenn Sie sie gehort hatten, wurden Ew. HERR v. G. Herr Pastor, ich bitt' ich nehm's fur ein heimliches Verstandniss mit meiner Frau, wenn Sie nicht thun, was ich bitte, was ich will. Wenn ich sie gehort hatte, wurde ich VATER. Eine gute Suppe und einen guten Nachtisch gefunden haben. Ein paar schone Lieder, die seine Mutter ausgesucht hatte. Die Predigt war nur, um zu versuchen, ob Stimme und Anstand nur des Leibes Nahrung und Nothdurft wegen, wenn ich so sagen darf. FRAU v. G. Ich wurde bitten, sie im Grunen zu wiederholen. HERR v. G. Warum nicht gar? Eine Predigt in die Kirche, eine Pfeife Tabak im Grunen. ICH. Ich glaub' auch, ich wurd' im Grunen von der Natur uberschrien werden. HERR v. G. Recht! schon warm Wasser getrunken? VATER. Wir haben gedankt, wir trinken nur kalt Wasser ohne Gewurz, wie's Gott bescheert. HERR v. G. Das ist brav! ich auch so da siehst du, Frau! was brave Kerls sind Indem er den Sperling wegwirft. Ein Dieb weniger in der Welt. VATER. Ein wahrer Dieb. Unstet und fluchtig, wie das bose Gewissen. HERR v. G. Indessen kommt's auf Erziehung an, und der Sperling singt, wie einer der schonsten Sanger unter den Vogeln, Dieb wurd' er freilich auch bei einer Sirenenstimme bleiben. Ich selbst habe Proben, und der Schluss ist richtig. Kein Vogel hat eine eigenthumliche ihm von Gott verliehene Singstimme, sondern nur Flot'traversansatz, Fahigkeit zu allem vogelmoglichen Gesang. Es kommt auf den Cantor an: wie die Alten sungen, so zwitschern nach die Jungen! Wo ist Fritz mit seinem halbehrwurdigen Hofmeister geblieben? FRAU v. G. Der Junker Der Aceent auf Junker. kleidet sich an. Der Hofmeister leistet ihm Gesellschaft. Sie haben sich das Langste HERR v. G. Der Jung' ist gut, nur nicht viel Herz, und das hast du Schuld. FRAU v. G. Besser kein Herz, als keinen Verstand. HERR v. G. Nichts geredet. Verstand ist des Herzens Spurhund. Ich kenne noch keinen beherzten Mann, der nicht mindestens furs Haus Verstand hatte; aber verstandige kluge Schurken kenn' ich dir so gut, als meine Kugel, Schrot, Wind-, Burschbuchsen. Gewehr auf ein Haar. Ich weiss den Unterschied zwischen beherzt und gutherzig; allein Herz ist hol' mich Herz. Es kommt alles auf eins. Du wirst dein Lebtag nicht einen beherzten Mann kennen, der nicht mitleidig, grossmuthig, gutthatig ist, und sein paar Tropfen weinen kann. Verstand! Sieh doch! was ihr Weiber diess Wort in den kleinen Mund nehmt. Diess Wort ist mit Ew. Gnaden Erlaubniss generis masculini, oder wenn du es im Deutschen haben willst: Es hat Haar um den Bart. FRAU v. G. Wird aber oft kahl geschoren. HERR v. G. Einfall! Euretwegen aber wachst wieder. Ha, gnadige Frau, wie gefallt Ihnen meine Predigt in der freien Luft? Die Anwendung werden Sie selbst machen. FRAU v. G. Sie ist gemacht. HERR v. G. Darf ich wissen? FRAU v. G. Mich dunkt, es zeigt wenig Verstand, Boses von seinen Kindern zu sprechen. Monsieur der Herr wollt' ich sagen, wird sich einen schonen Begriff vom Junker machen. HERR v. G. Boses? sagt' ich nicht guter Junge FRAU v. G. Junge! Schon diess Wort in gewisser Gegenwart, Auf die Bedienten weisend. ich denk' doch, er hiesse so gut Herr v. als Ew. Hochwohlgeboren? HERR v. G. Es scheint, Ew. Gnaden wollen mein Schiff e n t e r n . Gehorsamer Diener, so nah sind wir noch nicht. Weisst du, was e n t e r n ist? frag's nach in L i b a n ! FRAU v. G. Entern hier, entern da, es schickt sich wenig HERR v. G. Albern! es muss sich schicken. Er ist Edelmann, weil ich einer bin, dabei ist wenig auf seiner Seite. FRAU v. G. Der Adler ist darum Adler, weil sein Herr Vater einer war. HERR v. G. Warum Adler; warum nicht Gans? so bleibst du in der Landsmannschaft Adler! ha! ha! ha! Engel haben keinen Zunamen; Teufel auch nicht. Wenn nicht Zunamen waren, wurden mehr Menschen seyn. Weisst du wohl, wie lang es ist, dass Zunamen sind. Der Teufel hol' den Schlingel, der sie zuerst aufbrachte. Man thut darum selbst nichts, und sieht vor oder hinter sich. Hat doch dieser und wird doch jener In Curland besonders, in Curland ist ein Edelmann ein Erdschollen, glebae adscriptus, nicht wahr, Herr Pastor? VATER. Ich hab's oft gesagt, da ist aber nicht der Edelmann, Curland und Semgallen sind Schuld. In diesem Fall hat ein Literatus den Vorzug, dass er, wie die Apostel, in alle Welt geht. Befallt ihn ja das Heimweh, er stirbt wenigstens nicht auf der Stelle, wo er geboren ist. Mit ihm ist's Komma, Kolon, Semikolon, mit dem Adel Punktum. HERR v. G. Recht, Punktum, ein gross Punktum, man kann es einen Klecks nennen; da wo ich geboren bin und sterben werde, sind schon sieben geboren und gestorben, und mein Jung' wird den Punkt nicht verrucken. FRAU v. G. Warum denn nicht? HERR v. G. Will er nicht kann, und kein Curlander es kann. Fur ihr Vaterland Korn und Weizen saen, das ist alles, was in ihrer Macht ist. Darum Punktum! Punktum! Punktum! FRAU v. G. Der Himmel gebe, du machtest Punktum, und wir singen was anders an. HERR v. G. Mit dir, wenns Ew. Gnaden gefallt. Aber, Herr Pastor, wie kommt's, dass es mit gelehrten Leuten in gewisser Art nicht besser geht?
Die gnadige Frau ging beim Wort: g e l e h r t e n
L e u t e n , sehr freundlich ab. Ihr Compliment fur
mich zeigte, dass ich Herr und nicht mehr Monsieur
in ihren Gedanken war.
VATER. Sie haben Recht. Ein Gelehrter hat selten einen Sohn, der seinem Bilde ahnlich ist. Mit ihm fangt's an, mit ihm hort's auf; allein diess gilt nur von Gelehrten majorum gentium, von halb Engeln; ganz Engel gibt's nicht unter Menschen, die Fleisch und Bein haben; Copernikus, Newton, Kepler, Leibnitz HERR v. G. Das waren Kerls! dem Copernikus bin ich am gutsten, Gott weiss warum. Seinetwegen wunscht' ich ein Preusse zu seyn. VATER. Es ist wahr, Copernikus schloss den Himmel auf. Es war ein Petrus, zu dem Gottes Stimme erscholl: i c h w i l l d i r d e s H i m m e l r e i c h s S c h l u s s e l g e b e n . Newton aber war charge d'affaires des menschlichen Geschlechts, im Himmel und auf Erden, und unter der Erden. Licht war sein Blick, und was er machte, das gerieth wohl. Kepler, ein Haushalter uber Gottes Geheimnisse, Siegelbewahrer der Natur; und Leibnitz, ein Kammerherr unter ihnen, ein Mann, der allen allerlei war, der erfinden konnte, ohne Bleifeder und Schreibtafel in der Hand zu haben, der, wie man von Newton erzahlt, keinen Damenfinger, so viel ich weiss, verbrannt hat. HERR v. G. Kein Mensch weiss von dieser Leute Kinder, und doch ist Nachruhm entweder gar nichts, oder Erbgut. Wer keine Kinder hat, thut thoricht, sich von fremden Leuten nachruhmen zu lassen: "E r h a t t e V e r s t a n d , e r h a t t e G e l d ." VATER. Geld wirst keinen Nachruhm ab. Es tragt nur Zinsen, so lang man lebt. Ein Reicher ist, so lang er lebt, Souverain in diesem Jammerthale. Er kann sich alles kaufen, vielleicht gar ruhiges Gewissen und Gesundheit. Ist er geizig und wo ist ein Reicher, der es nicht ware? wird er wenigstens seltener krank, wie ein andrer. Kein epischer Dichter hat solch eine Einbildungskraft, wie er. Er geniesst alles in der Einbildung. Kein Wunder, dass er sich nie den Magen verdirbt. Er sieht seinen Geldkasten an, und da steht er Wagen und Pferde, da steht er seinen Tisch mit allem Neuen vom Jahr besetzt Leckerbissen und seine Weine! Das sieht man in keinem optischen Kasten, was der G e i z h a l s alles steht. Hier ist der H a l s ubel gepaart, der Geizige musste denn am fremden Orte seyn, wo es ihm nichts kostet. Geld sollte das Mittel seyn, um zu geniessen; allein der Reiche hat gemeinhin Mittel, um sich neue Mittel zu erwerben, und am Ende Mittel uber Mittel; allein keinen Zweck. Im Tode heissts: "Sohn, du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben," es thut nichts, ob in Prosa oder im Gedicht, ob wirklich oder in Einbildung. Das Geld bleibt zuruck, und wenn man ja an den seligen Herrn denkt, so heisst's der Geck! so schones Geld! und ein so schlechter Keller! Mit dem Nachruhm des Gelehrten ist's eine andre Sache. Verstand tragt Zinsen bis an der Welt Ende. Newton hat keine Kinder nothig. Jeden Gelehrten hat er uber die Taufe gehalten, ist's ein Jude, hat er ihn beschnitten. Jeder seiner Schuler ist sein Sohn. Ein Gelehrter dieser Art hat das Gluck, lauter wohlgerathene Kinder zu haben, es sind Seelenerben, die er mit Geist und Wahrheit nahrt Er darf weder Gastwirth, noch Schwertfeger, noch Fechtmeister, noch Wascherin fur sie bezahlen. HERR v. G. Alles gut, lieber Pastor, was hat aber Newton und alle von seinem Gelichter davon? VATER. Ein doppeltes ewiges Leben in jener Welt eins, in dieser Welt eins. Ein Gelehrter, der sich seiner Unsterblichkeit bewusst ist, hat einen Beweis mehr in sich, dass er nicht aufhoren werde. Diese Unsterblichkeit und jene Unsterblichkeit sind verwandt und rechnen Sie diess Bewusstseyn fur nichts, ehe solch ein doppelt Unsterblicher den Weg geht, den alle gehen? Er lebt doppelt schmeckt sterbend doppelte Krafte der kunftigen Welt. HERR v. G. Pastor, es ist mir nicht anders, als wenn ich losdrucken will, und der Vogel stiegt davon ich bin so nahe an der Ueberzeugung; allein weg ist der Vogel. VATER. Ich bitte, lassen Sie ihn nicht stiegen. ICH. Ich hab' ihn im Fluge getroffen, Vater! VATER. Die Sache ist geistig, und will geistig gerichtet seyn. HERR v. G. Bei gelehrten Familien lass ich den Nachruhm gelten. VATER. Allein, in Wahrheit, er ist nicht andenkenswerth. Die Historie wird mit der Zeit ein Familienstuck werden, und es wird heissen: dort linker Hand wohnt die Historie in sechs Hausern die gelehrten Familien aber aus dem Fuss, wie wir sie bis jetzt kennen vielleicht viel Vorruhm: allein desto weniger Nachruhm. Die meisten Menschen halten den Nachruhm fur Nachhall: allein gefehlt! sehr gefehlt! Aufrichtig, ich kenn' bis jetzt keinen stiftsfahigen Familiengelehrten. Der Sohn lernt beim Vater das Handwerk aus, und hat Vorzuge beim Meisterwerden. Der Sohn behalt des Vaters Leisten, und alles ist nach vaterlicher Weise. Man nennt diess Wissen: Familiengelehrsamkeit. HERR v. G. Gelt! die ist nicht viel uber eine Elle besser als Familienwitz. VATER. In die Lange oder Breite. HERR v. G. Wie ist das? VATER. Gelehrsamkeit halt' ich breit, Witz lang. HERR v. G. Dank fur gute Nachricht. VATER. Witz erfindet, Urtheilskraft behandelt. Wer Witz hat, kauft den Acker. Wer Urtheilskraft besitzt, theilt die Felder ein, saet und umzaunt. Der Witzige vergleicht, der philosophische Richter verknupft oder trennt. Der Witzige macht allem, was schon ist, die Aufwartung. Der Philosoph ist fur Verlobung und Beilager, und was er zusammengefugt hat, soll der Witz nicht scheiden. Der Mensch ist stumpf, heisst: er hat nicht Witz. Der Mensch ist dumm, heisst: er hat nicht Urtheil. HERR v. G. Setzt man nicht Kopf dazu, Dummkopf, Stumpfkopf? VATER. Ja! allein sehr unrichtig. Man entweiht den Namen Kopf, denn er deutet Scharfsinn an. Das ist ein Kopf, heisst: er ist scharfsinnig. Er ist kein Kopf, heisst: er ist es nicht. ICH. Aber, Vater, wenn man von einem Kinde sagt: es hat einen Kopf? VATER. Ein Kopf seyn, und einen Kopf haben, ist zweierlei. Beim Kopf seyn, fingirt man sich, der Mann sey lauter Kopf, a potiori fit denominatio. Einen Kopf hat jeder. ICH. Aber, Vater! in welchem Jahr stellt sich denn der Scharfsinn ein, und wenn kann man von einem, der einen Kopf hat, sagen: er sey ein Kopf? VATER. Nicht an der Mutter Brust, allein oft fruh, oft spater. ICH. Also, Gottlob! kann auch Kind und Jungling Kopf seyn? VATER. Allerdings! in Hoffnung! man sieht, was die junge Seele werden wird, so wie im Fruhling die Ernte, des Morgens den Tag! Die meisten Knospen haben den Geschmack der kunftigen Frucht.
Hier machten wir uns alle drei Complimente, und
stiessen die K o p f e im Guten an einander. Der
geneigte Leser wird mir diese Stosse gern erlassen.
Es wurde auch unartig gewesen seyn, wenn einer
dem andern den Kopf abgesprochen hatte.
VATER. Gedachtniss, Scharfe der Sinnen, sind beim Witz und Urtheilskraft Gesellschaftskavaliere, Sekretars, Haushofmeister u . s . w . Verstand hat das Votum decisivum. HERR v. G. Gott ehr' mir den Witz, weil er zu lachen macht; das Klugste, was die Menschen konnen. VATER. Ueber Witz lacht man. Die Urtheilskraft aber macht seelenfroh. Die Seelenfreude ist eine ganz besondere Freude. Man kann hiebei auf seine eigene Hand, wie ein Konig, vergnugt seyn. Diess ist der einzige Fall, da man sich auch ganz allein einen geistigen Rausch antrinken kann. Der Witz liebt Gesellschaft. Bei der Urtheilskraft erfreut man sich uber die zuruckgelegten Schwierigkeiten, wenn wirklich die Sache uns schwer gewesen. War sie uns leicht, so freut man sich der Leichtigkeit wegen, und macht sich selbst ein Compliment. HERR v. G. Beim Witz muss alles wie von ungefahr kommen. ICH. Alles ex tempore und pro tempore aus dem Ermel. Es blitzt, ohne bass man vorher Wolken sieht. HERR v. G. Wenn ich vier Koche und Jungens ohne Zahl mit weissen Schurzen herumlaufen sehe, ehe die Flugelthuren zur Tafel geoffnet werden, sag' ich schon vor Tische: p r o s i t . Mir schmeckt es nicht. Auf Hochzeiten ess' ich am wenigsten; ich konnt' immer Medicin einnehmen, eh' ich zur Hochzeit fuhre. Ich denk', Herr Pastor! Witz und Vergnugen ist wie Vater und Sohn, und Vergnugen, wenn's gleich noch so viel kostet, muss so aussehen, als wenn es Geschenk ware. VATER. Jeder Einfall hat die Natur, dass er uns in der Erwartung betrugt; im gemeinen Leben gehort ein Gesicht dazu, Einfalle zu sagen. Es gibt Witz, der im Anfang nicht ausfallt, allein in der Folge wird man uberrascht, und das ist der regelmassigste, der beste. Er gefallt im Nachgeschmack; wir wussten nicht, wohin man uns fuhrte; allein auf einmal ein schoner Platz. Mancher Witz kommt von vorn, mancher von hinten, dieser ist englisch, jener franzosisch. Wie die Seidenzeuge in England und Frankreich, so auch englischer und franzosischer Witz. Der Englander hat B a ss - , der Franzose D i s k a n t s a i t e n . Aus e i n e m englischen Gedanken macht der Franzos ein halb Dutzend. HERR v. G. Und der deutsche Witz? VATER. Noch ist nicht viel von ihm zu sagen. Er soll aber, w e n n u n s G o t t l e b e n u n d g e s u n d l a ss t , die Tenorstimme haben, halb franzosisch, halb englisch. Witz musste des Deutschen Erholungsstunde werden; Grundlichkeit, Ordnung, sein eigentliches Kopfwerk. Zwischen Einfall und Einsicht ist ein so grosser Unterschied, als zwischen nachthun und nachmachen, zwischen Form und Materie, zwischen Ursache und Folgen. Ein Genie stosst mich fort, ein Philosoph leitet mich. Unsere Kinder werden sehen und horen, was wir in Deutschland noch nicht sahen, noch nicht horten. ICH. Der liebe Gott verleih' uns Aug' und Ohr an Leib und Seele. HERR v. G. Und bescher' uns auch was zu horen und zu sehen, mit Leib und Seele. VATER. Wusst' ich, dass meine Erwartungen mich nicht trugen, ich wurde wie Simeon sagen: Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren! HERR v. G. Ich auch, obgleich ich eigentlich kein Diener Gottes, sondern des lieben Gottes Frohner bin. Wissen Sie, Pastor, was ich mir fur Begriffe von Verstand mache? Vernunft ist major, Verstand ist minor, bei der Conclusio gehen Verstand und Vernunft paarweise. VATER. Ich habe nichts dawider. Verstand urtheilt, Vernunft schliesst. Vernunft ist Urtheil a priori, Verstand a posteriori. ICH. Auf die Art ist Vernunft grob Geld, Verstand klein Geld. HERR v. G. Was ist das aber fur ein Ding, wodurch man heilige und unheilige Scribenten auslegt? kann man's Witz nennen? VATER. Witz, Herr v. , allerdings Witz; allein Witz den man im Schlafrock sitzend, ein Knie ubers andere gelegt, haben muss. Eine Federmutze kann nichts dabei verderben. Witz, bei dem man so langsam geht, als wenn man einer Leiche folgt, und in Wahrheit folgt man einer Leiche. HERR v. G. Lassen Sie uns aufraumen, Pastor, Sie sind ein Mann, der zum Menschen menschlich redet. Viele der Herren Philosophen haben da erst so einen Worterkram, dass mir der Kopf daruber bricht, und was sollt' ich mir den Kopf uber Worte brechen! Ueber Sachen mit Freuden. Man muss erst drei Jahre schweigen, ehe man ein Wort mitreden kann. Sie sind immer bis an die Zahne verschanzt. Sie sind die Priester, die lateinisch zu Werke gehen. Wir armen Leute wissen nur Amen und Gospodipomila. Sollte denn nicht alles, was gelehrt ausgedruckt wird, auch in der gemeinen Sprache Raum haben? Es kommt nur, dunkt mich, darauf an, dass die Herren Philosophen sich den Kopf zerbrechen, anstatt dass sie ihn uns brechen lassen. Was ich sagen wollte, betrifft ein paar Worte: Naiv und Laune, meine Frau und mich. Sie braucht das Wort Naiv, ich Laune; allein was beides eigentlich sagen will, wissen wir, hol' mich der beide nicht; ob wir es gleich gewiss so wissen, wie man das meiste weiss. So viel aber glaub' ich, dass man nur von einer Frau sagen kann, sie ware naiv: von unser einem aber, wir hatten Laune. VATER. Um Sie beim Wort zu halten, wenn man etwas Philosophisches, etwas Richtiges in der gemeinen Sprache sagt, ist man, dunkt mich, naiv. In Einfalt richtig denken und thun, heisst naiv seyn. Philosophie ohne Kunstworter wurde ich eine naive Philosophie nennen. Launig ist man, wenn man, ohne auf sich Acht zu haben, oder wenigstens diese Achtsamkeit merken zu lassen, spricht und handelt. Man kann auch durch seinen Anzug, durch die Farbe im Kleid Laune verrathen. Man konnte sagen, man ware launig, wenn sich die Seele ohne Spiegel angezogen hat. HERR v. G. Von der Laune auf die beste Welt. Wenn man dem Worte das Menschliche nimmt: konnte man sagen, Gott habe die Welt bei Laune gemacht. Was will man eigentlich mit der besten Welt? Leibnitz hat keiner Dame den Finger verbrannt, sagten Sie, und ich sage, er selbst hat sich auch nicht die Finger verbrannt. Ich wunschte von Herzensgrund, die Welt ware die beste! Zu sehen ist's nicht. VATER. Mit dem sterblichen Auge nicht, wohl aber mit dem unsterblichen. Leibnitz hat mit diesem Gedanken kein Licht anzunden wollen, er hat nur ein schon brennendes geschneutzt, oder hochstens ihm den Rauber genommen. Es brannte dieses Licht im Auditorio, wo vom Ursprunge des Bosen disputirt wurde, und diess Zimmer wollte er helle machen. Mit diesem Schuss musst' er das Ziel erreichen. Die Sache also war da, er wandte sie nur an. Das Kleid war fertig, er setzte nur Knopfe darauf, und zwar Knopfe mit Gold besponnen. HERR v. G. Aber konnte Gott nicht machen, was er wollte? VATER. Warum sollt' er aber wollen, das Schlechtere dem Bessern vorziehen? So will kein lieber Gott. Es ist gewiss, dass der liebe Gott in seinem Verstande sich Risse von allen moglichen Welten machen konne; denn sonst wurde man seine Erkenntniss verschranken. HERR v. G. Concedo. VATER. Ergebenster Diener. HERR v. G. Ich kann ja uber jedes einzelne Ding poetisch oder schon denken, ich meine, es von der Spreu reinigen, es sichten wie den Weizen, und das muss auch in der Summe angehen. Ich kann mir vorstellen, wenn der liebe Gott dem Blitz und Donner keine Macht und Gewalt beigelegt, und Blitz und Donner bloss Gottes Feuerwerk ware, dass ich's mit Wonne sehen wurde, uber die nichts ist. Ich liebe Blitz und Knall. VATER. Ergebenster Diener. Also kann Welt uber Welt gedacht werden. HERR v. G. Aber gelt! Ein Gedanke, wie aus der Pistole. Konnen nicht zwei gleich gut seyn? So ware nicht die beste, nur eine gleich gute da. Konnen sie nicht al pari seyn, wie die Kaufleute reden? VATER. Das will sagen, eine so vollkommen als die andere. HERR v. G. Vollkommen! der Henker, Herr Pastor, nein, das will was anders sagen, wenn ich nicht irre. Ich bin nicht so roh, als mir das Haar auf die Stirn gewachsen, ich hab's gehegt; was soll mir eine hohere Stirn, als der liebe Gott wollte? Ich denke aber, vollkommen ist, wenn alles auf eins herauslauft, wenn viele Mannigfaltigkeiten unter Eine Regel sich wenden, diese mag seyn, welche sie will, Peter oder Paul. Es ist mir so als ein monarchischer Staat: d a ss s i c h G o t t e r b a r m ; alles zu Einem. Ein Dieb ist, mit der Herren Philosophen Erlaubniss, vollkommen; ein Betrug ist mit der Herren Philosophen Bewilligung vollkommen. Es hat mir nie, unter uns gesagt, von den guten Herren gefallen, dass sie so was vollkommen heissen, indessen ist dem nicht also, Herr Pastor? VATER. Im respektiven, nicht aber im absoluten Verstande. In diesem letzten Sinne stimmen die Philosophen mit Ihnen. Sie nennen etwas nur vollkommen, in sofern das Mannigfaltige den Grund einer Realitat in sich enthalt. Je grosser diese, je grosser die Vollkommenheit. Wie wollen Sie aber Realitat von Realitat als Realitat unterscheiden? HERR v. G. Wie ich alles unterscheide, durch zehn Dinge, die in jener nicht sind, und in dieser sind. VATER. Schon ein Ding wurde den Unterschied machen. HERR v. G. Ganz recht. VATER. In einer Realitat setzen Sie Etwas. HERR v. G. Eine Realitat ist eine Eins, das Gegentheil eine Null. VATER. Wenn Sie also zwei Welten von einander unterscheiden wollten, mussten Sie in einer etwas annehmen, was in der andern nicht ware. In dieser war' eine Null, eine Verneinung; in jener ein Eins. Realitaten unterscheidet man durch den Grad derselben, durch Grosse und Schranken. HERR v. G. Konnen denn nicht zwei Raritaten, oder Realitaten ich wunschte, ich konnte bei der Eins bleiben allein es lasst sich nicht konnen nicht zwei Realitaten von gleichem Grade in ihrer Beschaffenheit sich von einander unterscheiden? VATER. Nein, denn eben hierdurch wurd' in einer etwas seyn, was in der andern nicht ist; hier eine Eins, dort eine Null. Da haben Sie den Mangel, den Zaun, die Verneinung, und die Probe des Unterschiedes von Seiten des Grades. HERR v. G. Ich verstehe so halb und halb; um es ganz und gar, durch und durch, oder das N e t t o p r o v e n u zu verstehen, wurd' ich ohne Kopfschmerz nicht abkommen. In der besten Welt, der besten Welt wegen Kopfweh, das wurd' ich der besten Welt, und die beste Welt es mir ubel nehmen, ich konnte schon was druber reden, schreiben aber nicht das ist in meiner Sprache, zwar losschiessen, nicht aber gut treffen. Nach meiner Art denk' ich, und mich dunkt, ich fasse die Sache wie den Stock, das ist beim Knopf: Gott ist das gutigste, das weiseste Wesen, und kann also nicht werden heissen, was diesen Eigenschaften nicht ahnlich ist. Ueber die Moglichkeit und Unmoglichkeit, denk' ich, ist keine Frage, denn die Welt ist da ich sehe Sonne. Mond und Sterne, Fische im Meer, Vogel in der Luft, und den Menschen. VATER. Recht! ganz recht! Sie fassen die Sache beim rechten Ende, und ich ich weiss selbst nicht wo. Sie reden von der Leber, und ich plaudre aus der Schule. Wider Sie ist kein Zweifel, wider mich aber noch ein Berg. Ein Philosoph des Alterthums meinte, ehe die Leiber waren, existirten die Seelen. Gott liess die Seelen loosen, und was kann er dafur, wenn dieses oder jenes eine Niete zog. Indessen das Ende vom Liebe. Wenn ich unter Irrthum wahlen soll, will ich lieber eine gutige Nothwendigkeit, als eine Freiheit, die das Beste verwirft. HERR v. G. Herr Pastor, nur nicht auf den monarchischen Staat angespielt! Da haben wir gestern H a l t gemacht, und ich mochte nicht gern meiner Liebe zur Freiheit durch einen monarchischen Thron zu nahe kommen lassen. Noch etwas Philosophisches, Herr Pastor! Wir wollen aber englisch Dame ziehen, und hin und zuruckschlagen ich will mich schon anstrengen. Auf Ehre, manches Wort von Ihnen, lieber Pastor, ist mir eine Nominaldefinition. Heisst es nicht so? VATER. Gehorsamer Diener, Herr v. HERR v. G. Aber, Pastor, sagen Sie, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein Paar Nullen, ein Paar Narren gewesen, dass wir uns und so manchen Realitaten sieben Jahre, wenn's nicht mehr ist, den Rucken gekehrt? Ich glaube, wir hatten schon ein neu System, einen neuen Kalender in der gelehrten Welt wahrend dieser Nullenzeit eingefuhrt. Ein immerwahrender ist unter euch hochgelahrten Herren nicht moglich. Lassen Sie uns einmal von uns selbst eins plaudern. Wir verdienen, dass wir uns eins versetzen, wir wollen aber das ganze Geschlecht zur Gesellschaft mitnehmen. Ich hab' es, glaub' ich, von Ihnen, wer gen Himmel fahren will, muss erst Hollenfahrt halten. Wer Gott erkennen will, erkenne sich erst selbst. Nosce te ipsum. Das ist die Lehre von Busse und Glauben. VATER. Das Wortchen i c h ist ein Gemalde der Seelen! Es will mehr sagen, als Singularis. Es ist der Singularis im Superlativo. I c h ist naturlicher Werth, d u , e r , w i r , i h r , s i e , nur in so weit i c h voraussieht. So lange es heisst i c h , ist's recht, sagt man aber i c h s e l b s t , so ist man krank, und recipe: den Menschen von sich selbst abzuziehen. Bei der Noth meines Nachbars denk' ich an meine Sicherheit; wenn man den Nachbar wegen
seines Eheprocesses beklagt, denkt man an seine
Frau. Dem Reichen immer den ersten Stuhl; man
konnte ihn, denkt man, doch wohl nothig haben.
Die Gegend aus meinem Fenster ist die schonste,
das Landgut meines Freundes das schattenreichste.
Ein Gereister lobt in seinem Vaterlande die Frem
de, in der Fremde sein Vaterland. Die Faulheit ist
oft der Sporn des Fleisses: die kunftige Gemachlich
keit, nicht das Edle der Arbeit, treibt. Kein Sohn
lasst den Vater begraben, ohne vorher die Nachlass
balance zu ziehen, und die Bucher zu schliessen,
und wenn auch der Verstand zuweilen Recht spre
chen will, das Seihst vertritt ihm den Weg Rech
tens. Je mehr man dieses i c h versteckt, je mehr
Welt hat man. Die Selbstschatzung besteht nur
darin, dass uns andere nicht gering schatzen. Sogar,
wenn man in Gesellschaften sich selbst tadelt, ist's
verdriesslich; man will lieber mit einem Tubus nach
Sternen sehen, und aus einem indifferenten Stand
punkt die Welt betrachten, als andere Leute i c h
aussprechen horen. Man glaubt, dieses i c h spotte
uns nach, und mache uns Mannchen. Der Mensch
ist zum Tausch geboren, er mochte seinen Stand,
seine Seele, seinen Leib, nur nicht sein i c h vertau
schen. Wenn man ein Buch schreibt, kann man
i c h brauchen, ohne dass es so ubel genommen
wird, denn die grossten Dinge sind durch Selbstbil
ligung entstanden. Diese wirst ein Licht auf alle Gegenstande, die uns beschaftigen. Wir haben einen heitern guten Tag durch dieses Licht. Es ist schade, dass die deutsche Sprache drei Buchstaben beim i c h hat. Man kann aber, wie meine Frau zu sagen pflegt, bei allem erbauliche Betrachtungen haben. B e i m S c h m e r z l e i d e t d a s c h , ist man betrubt, leidet das i. HERR v. G. Herr Pastor, ich habe noch nie vom i c h so viel sprechen gehort, ohne dass man sich meint, als Sie. Ihr i c h ist bloss Bild aller Menschen; das Selbst ist das Ziel, wornach wir alle schiessen, mancher trifft in's Schwarze, mancher dicht bei, mancher weit davon. Aber daruber eine Erklarung: warum gehort zur Beobachtung s e i n S e l b s t Anleitung! Warum Kunst, sein eigener Zuschauer zu seyn? obgleich man sich vor der Nase hat. VATER. Warum muss man die Alten lesen, um zur Natur zu kommen? Warum brauchen wir Dolmetscher, da die Natur doch Deutsch versteht? ICH. Warum studirt man Medicin? HERR v. G. Um kuriren zu konnen. ICH. Und wenn wir nicht kuriren wollen, sollten wir Medicin studiren, um dem Arzte zu sagen, was uns fehlt. HERR v. G. Fast dacht' ich, es ware nothig, und darum so viel Graber, weil sich beide nicht verstehen. Der Doktor spricht aus dem Buch, der Kranke spricht aus dem Leben jener Latein, dieser Deutsch. VATER. Die Aerzte mussen entweder Menschen, oder alle Menschen mussen Aerzte werden. ICH. Viele Menschen, denk' ich, Vater, besehen sich bloss, wie man sagt, er hat die Welt gesehen oder besehen. VATER. Sie sind in einem Naturaliencabinet, in einer Bibliothek ohne Kenntnisse. Sie lassen sich alles zeigen; sobald sie heraus sind, weiss kein Mensch ein lebendig Wort, hochstens todte, wie ein ReiseJournal geschrieben. HERR v. G. Ueberhaupt, denk' ich, ist das Reisen nicht die Art, Menschen zu kennen. Zu den meisten Reisenden konnte man sagen: b i n d e t i h m Hande und Fusse, und werft ihn in s e i n V a t e r l a n d . Der Mensch versteckt sich, so wie das Wild. Kein Bild ist ihm ahnlicher, als das in der heiligen Schrift: "Adam versteckte sich unter die Baume im Garten," machte sich grune Vorhange. Er ward aus einem Freunde Gottes ein Wilder. VATER. Ich glaube keinem Gereisten, wenn er von den Menschen spricht. Unsere meisten Reisebeschreiber zeichnen das Zimmer, wo sie abgetreten, die Wirthin oder ihre Tochter, den Herrn Wirth oder seinen Wildfang von Sohn. Eher wollt' ich aus dem Hervorgeruch der Apotheken, wenn ich vorbeigehe, schliessen, was fur Krankheiten in Stadt und Land gang und gabe sind. Aus einem Wirthshause geht der Weg in die Welt, allein nicht in die Nation. Reisende, selbst Entdecker neuer Volker, sollten nur erzahlen, was sie gesehen und gehort, was ihnen vorgekommen und vorgefallen, ohne Vor- und Nachklang; denn was thut man nicht einem guten Einfall, einer Wendung, einem Lieblingsgedanken zu Gefallen. Dem Beschreiber sind keine Glocken zu gestatten; er muss nie lauten lassen. ICH. So war's wohl am besten, dass jemand aus dem Volke selbst das Volk beschriebe. VATER. Ja, wenn er gereist ist, ohne an eine Reisebeschreibung fremder Lander gedacht zu haben, wenn er kein Amt und doch zu leben hat, wenn und noch viele Wenns. HERR v. G. Aber, lieber Pastor, um wieder an Ort und Stelle zu kommen, sind denn nicht alle Menschen Menschen, und hat man nicht alle, wenn man sich hat? VATER. Wahr, gewisse aussere Dinge, Verzierungen, Schnitzwerk, Ein- und Ausgange ausgenommen. HERR v. G. Wer hat sich aber? VATER. Jeder, der je die Menschen getroffen, hat in seinen Busen gegriffen. HERR v. G. Indessen, denk' ich, ist's gut, zuweilen zu phantasiren, im musikalischen Verstande, und das liebe i c h an den Nagel zu hangen; es versteht sich, an einen festen, der nicht reisst; bei sich nicht Feuer zu machen, sondern beim Nachbar essen zu gehen. Bete und arbeite, das heisst: lerne dich und andere kennen. VATER. In einer sehr freien Uebersetzung. Alle Merkzeichen, wodurch man an den Tag legt, man gebe auf sich selbst Acht, man sey auf dem Observatorio, geben unsern Handlungen ein linkes, steifes, gebrechliches, bucklichtes Ansehen. HERR v. G. Und der vornehme Mann will ohne diess, dass man auf ihn, und nicht auf sich selbst Acht geben soll. Da denk' ich an das Irrlicht, von dem die gemeinen Leute erzahlen, es liesse sich dabei eine Stimme horen: h i e r h e r , h i e r h e r ! und wenn man sie befolgt, bumbs! liegt man im Sumpfe. Wie kommt's, lieber Pastor, wer mit Frauenzimmern umgehen kann, versteht es auch mit Fursten und Gewaltigen, und mit den Herren der Welt? alle Welt sagt von ihm: er hat Lebensart. VATER. Vornehme und Frauenzimmer haben sehr viel Aehnliches; sie wollen geschmeichelt seyn, und wir thun's gern, weil wir sie ubersehen. Manner sehen auf das, was man von ihnen denkt; Weiber, was man von ihnen sagt. Wir huldigen dem Geschlecht, nicht der Dame; wir huldigen dem Amt, nicht Sr. Durchl. Lebensart ist Geschick schwere Sachen leicht vorzutragen, durch treffende Beispiele sie zu erleichtern, sie fasslich zu machen, ein Buch, anstatt es zu lesen, es zu durchbildern. Die Franzosen sind diejenigen unter Europens Nationen, welche Lebensart haben. Ihre Schriftsteller haben in der Philosophie nur die Bilder gesehen. Schonheit und Farben setzen eine Substanz voraus, worauf sie angebracht werden sollen. Schone Wissenschaften ohne Philosophie ist Farbe ohne Leinwand und Pinsel. Der Verstand muss der Sinnlichkeit, und nicht diese jenem untergeordnet seyn. Er ist der Compass, der die Weltgegend zeigt, das Schiff commandirt und ihm die Richtung gibt. Weltkenntniss heisst Menschenkenntniss, wie das Haus nach dem Herrn, und nicht nach Weib und Kind. HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor? Man fuhrt die Weiber bei der Rechten, um sie obenan zu lassen. Unding! ich denke, Se. Durchl. zur Rechten, allein ein Weib musst' uns zur Linken gehen, zum Beweis, dass sie Schutz bedarf, und dass wir sie begleiten oder beschutzen. Es ist ein unnaturliches Compliment, sie an der rechten Hand zu fuhren. Bei der Trauung ist's, glaub' ich, nicht so! ICH. Das Herz liegt ohnediess zur Linken (ich dacht' an Minchen). HERR v. G. Zum i c h , lieber Pastor, gehort auch Lachen und Weinen; das eigentliche Lachen, das Lachen mit Leib und Seele, ist bloss dem Menschen eigen ich halte viel aufs Lachen, und sind's furs beste Digestiv. VATER. Jammer und Schade dass wir gleicher Meinung sind, denn sonst wurd' es doch noch was zu lachen geben. Ueber Wahrheiten muss man mit frohlichem Munde, mit dem Munde der Wahrheit streiten. Alle Menschen, wenn sie sich malen lassen sehen freundlich aus, zum Beweise, dass diess die beste Miene sey. Einem von Leidenschaften gefesselten Menschen vorpredigen, heisst: einen Galeerensklaven Gluck greifen lassen. Ich hasse einen tapfern offenen Feind; ich verachte, was an sich keinen Werth hat. Die Art, Laster verachtungswerth vorzustellen, ist die beste. Wer es hassenswurdig macht, thut oft der Menschheit Schaden, und zieht Menschenfeinde. Der Mensch ist durch Hang zum Scherz geboren. Er hat viele, viele Thorheiten; allein die grosste ist, wenn er sie zu wichtigen Dingen macht. HERR v. G. Es steht nicht geschrieben, dass Christus gelacht habe; allein er nannte den Herodes einen Fuchs, und das setzt ein Lacheln zum voraus. Die Schrift spricht: der Herr lacht ihrer, ich glaube gar Pastor, es ware nicht ubel, auf der Kanzel selbst so ein F u c h s w o r t c h e n zu verlieren. VATER. Dazu gehort mehr Geschicklichkeit, als ich praktisch glaube. HERR v. G. Freilich muss es nicht der Herr Pastor G seyn die verdammte Traurede!
Als Adam hackt' und Eva spann,
Ei, wo war da der Edelmann?
Meine Frau kann, ohne Lebensbalsam in der Hand, daran nicht denken. Ist's also nicht auf der Kanzel, so doch, wenn man herunter kommt die ganze Natur lacht. VATER. Nur nicht laut. HERR v. G. Das kann doch aber zuweilen der Lehnsherr der Natur, um sich horen zu lassen. VATER. Ich glaub' es selbst und gute Menschen finden, dass, wenn sie frohlich sind, alles um sie herum froh ist. Der Mensch lacht, wenn andere lachen, und oft noch lauter, als der, so den Ton angab. Die Traurigkeit des andern ruhrt; allein mit Schluchzen und grossen oder Platzthranen konnen wir nicht dienen. Die Mitfreude, das Mitleid beweist, dass wir alle einen Gott und Vater haben, und alles, was Augen hat, kann sympathisiren. det das Lachen nicht; ich glaub', es gehort dazu, wie zu allem, Uniform, was ordentlich seyn soll. Einem kleinen dicken Mann steht's herrlich das sollten sich die Luftspieler merken, und keinen langen, gross gewachsenen Menschen Possen reissen lassen. VATER. Man freut sich, dass der kleine dicke Mann eben wegen seines lustigen Wesens so dick und fett geworden. Ein gross gewachsener Mann ist schon zum Beschatten, zum Anlehnen geboren; es ist eine Stange, an die sich der Feigenbaum und die Bohne schmiegt und ranket. HERR v. G. Vernunftig lachen ist schwer. VATER. Mich dunkt, vernunftig weinen noch schwerer. Vielleicht kann es jeder Mensch, wenn er gleich seine siebenzig erreicht, nur zweimal in seinem ganzen Leben; wenigstens hat der furs menschliche Geschlecht ein grosser Verdienst, der es zu lachen macht, als der Thranen presst; indessen ist viel beim Lachen zu erinnern. Es entsteht aus einem Widerspruch. Man lacht, wenn jemand fallt, und sich nicht Schaden thut; besonders lachen dann gemeine Leute, die nicht feinere Widerspruche begreifen konnen. Man lacht uber Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht Armseligkeit zu sehen ist. Wenn jemand, der aufziehen will, wieder aufgezogen wird, und den Kurzern zieht, so, dass ihm zum Nachtheil der Vorhang fallt, klatscht alles in die Hande. Ist's aber nicht Eitelkeit und armseliger Stolz, uber armselige Ungereimtheiten sich zu ergotzen? Sollte man wohl daruber lachen, weil man kluger als ein anderer ist? Hier gibt's so viele Feinheiten, dass ich gewiss glaube, das Lachen sey die Probe vom Menschen; wie und wenn er lacht, zeigt was er ist, obschon das Gesicht das Protokoll vom Charakter, und die andern Theile das Protokoll vom Temperament sind. Scheint es Ihnen nicht auch, der menschlichste Mensch, der beste Lacher, begeht einen Widerspruch, wenn er uber einen Widerspruch sich freut, das ist, wenn er lacht. Jemanden mit weinenden Augen lachen sehen, ist ein schoner Anblick. Ein Regenbogen ist's. Schriftsteller, die Thranen mit dem Lachen kampfen lassen, so, dass keines die Oberherrschaft erhalt, treffen das Leben eines Weisen. HERR v. G. Citronensaft mit Zucker. Ich fur meinen Theil liebe nichts Sauersusses. Es lebe das frohliche Herz. Ist das Lachen gleich Widerspruch, auch da ist das Leben getroffen, wenn gleich nicht das weise Leben. Was ist in der Welt ohne Widerspruch? Sind doch bei uns im Sommer oft kalte Tage, regnet es doch, wenn wir ernten wollen, und doch ist diese Welt die beste! Wer mir selbst die heiligsten Sachen mit finsterer Stirne sagt, wird mein Herz nicht aufschliessen, und hat's nie aufgeschlossen. Daher denk' ich, mit Ew. Hochwohlehrwurden Erlaubniss, richten die Herren Geistlichen so wenig aus. Der Pater von S a n c t a C l a r a hat mehr Gutes gestiftet, als zehn Kopfhanger. VATER. Er lachelte noch seinem Todesengel entgegen, der ihn zum Demokrit abholte. HERR v. G. Eine gluckliche, gluckliche Reise! VATER. Betrubniss kommt gemeinhin aus dem hohen Begriff, den sich der Mensch vom Leben macht. Beim Schmerz leidet der Leib, bei der Betrubniss die Seele, und wenn die Herrschaft trauert, trauert der Bediente mit, nicht aber umgekehrt. HERR v. G. Ich denk' die Traurigkeit oder Betrubniss, oder was weiss ich, wie es recht heisst, kommt aus der gar zu grossen Ordnung, die man sich vorschreibt. VATER. Beide recht! Warum sagt man aber sein Geheimniss lieber einem unordentlichen guten Jungen, als einem abgemesseneren nach Mass und Gewicht, oder nach Grundsatzen, gut Handelnden? HERR v. G. Weil jedes Geheimnis etwas Unordentliches, etwas Unregelmassiges an sich hat. Ich hab' immer gedacht, Geheimniss und Wunder sind mit einander verwandt. VATER. Warum wahlt man den unordentlichen guten Jungen lieber zum Freunde? HERR v. G. Weil er ein Freund furs Geheimniss ist. VATER. Und warum eine Mutter just den wildesten, aufgewecktesten unter ihren Buben zum Liebling, der Vater den gesetztesten? HERR v. G. Die Weiber brauchen Leute, die sich balgen; die Manner Leute, die vernunftig eine Pfeife rauchen. VATER. Ich wollte fragen und antworten; allein meine Fragen haben i h r e n M a n n gefunden. HERR v. G. Nun geb' ich Karten? was denken Sie von dem monarchischen Staat? (dass dich! wie komm' ich auf den monarchischen Staat?) ich wollte sagen vom Despotismus der Empfindung? VATER. Wir empfinden nichts, was nicht sinnlich ist wer es sich gemachlich als Philosoph machen will, nennt dunkle Vorstellungen: Empfindungen, und anstatt sie zu entwickeln, thut er seine Augen nicht auf, sondern schlagt an seine Brust, und spricht: ich empfinde! ICH. Gott sey dem Sunder gnadig HERR v. G. Und barmherzig. VATER. Amen! HERR v. G. Solch ein Empfinder kann doch nicht mit Recht behaupten, ich soll ihm nachempfinden. VATER. Durch die Evidenz und oftere Wiederholung der Vernunftideen werden diese gelaufiger, so, dass sie uns von selbst anwandeln. Wir kennen sie im Dunkeln. Diese Kette dunkler, hurtigfolgender Ideen nennen wir Empfindungen. HERR v. G. Das lass ich gelten und Ordnung, lieber Pastor? VATER. Ordnung ist nur Mittel, an sich hat sie keinen Werth. Es ist das Schweisstuch, worin man das vergrabt, was man erhalten hat. Es ist ein Bucherschrank mit Glasthuren. Weiber mussen ordentlich seyn. Reinlichkeit und Ordnung, oder die Entfernung des Fremdartigen sind ihre Facher. Die Weiberordnung muss aussehen wie gesucht, die Mannerordnung wie in der Lotterie gewonnen, von selbst zugefallen. Ordnung ist ubrigens bloss das Formale; daher kann man den grossten Theil der Wissenschaften, ich hatte bald gesagt die ganze Philosophie, das Formale nennen. HERR v. G. Wie kommt's aber, dass die Menschen die Formen hoher schatzen als die Materialien? VATER. Die Form gibt die Kunst, das Geschick, die Materialien die Natur. Jedes Kind schatzt den Vater hoher als die Mutter, und den, der regiert, hoher als den, der ernahrt. Den Verstand halt man hoher als die Sinnlichkeit, ohne die doch der Verstand unthatig ware. HERR v. G. Aber das Genie? wer schatzt es nicht hoher als den Fleiss? VATER. Fleiss und Kunst ist zweierlei. HERR v. G. Zur Kunst gehort Fleiss. VATER. Und Genie. Ein Verstand, der seine Erkenntnisse sinnlich zu machen weiss, ist fur mich vorzuglicher Verstand; wenn er Sinnlichkeit den Verstandesbegriffen ertheilt, macht er sie anschauend, und ein solcher Verstand heisst ein gesunder Verstand. HERR v. G. Und steht aus, wie alles, was frisch und gesund ist. Nicht wahr, er kennt keine Terminologie? VATER. Er kocht freilich nicht aus der philosophischen Speisekammer, sondern nimmt's aus der Welt. Er gibt nichts Gerauchertes; Fruchte, Gekuche tragt er auf. HERR v. G. Sinne sind die Bauern. Sie stehen zwar unter der Obrigkeit, indessen, wenn sie nicht waren? Ich argere mich, wenn man die Sinne wie das liebe Vieh nimmt und herabsetzt bald hatt' ich mich verredet und gesagt: sie sind ja auch Menschen Sie verstehen mich schon, Pastor. PASTOR. Vollstandig! HERR v. G. Warum sind wir unerkenntlich gegen die Sinne? PASTOR. Ich habe schon einen Grund angegeben; hiezu kommt, weil wir alles hassen, was uns unsere Freiheit raubt, und sie einschrankt. Gelt! das ist ein Grund fur einen Monarchenfeind. Beinahe eben darum wurd' ich allen Herren Moralisten, wess Standes, Alters und Ehren sie seyn mogen, anrathig seyn, die Tugend nicht in ihrer erhabenen Hoheit, im hohen Lichte zu zeigen, sondern liebenswurdig. Nicht als einen Konig im Diadem, sondern als ein hubsches Madchen; denn selbst wofur wir Respekt zu haben verbunden, wird uns beschwerlich. Lieber bei Freunden, als Gonnern. HERR v. G. Ich wenigstens kann auch das Laster nicht martern sehen, aber wie wir erst abvotirten in der Narenkappe. PASTOR. Das ist der wahre Standpunkt; denn der Mensch kann nichts weniger ausstehen als Spott. So denkt jeder, der gut erzogen ist, oder eigentlich, der sich selbst erzogen hat. Wir sind beinahe wieder, wo wir ausgingen; frohlich zogen wir unsere Strassen, frohlich sind wir wieder zuruck. HERR v. G. Wo ich "Vivat das Lachen hoch!" rief. Es lebe! Hoch! hoch! aber sagen Sie mir die Lustigkeit. PASTOR. Die Lustigkeit ist die Fertigkeit im Lautlachen. Das Ueberlautlachen ICH. Ein Vivat hoher als hoch, das hochste. PASTOR. Sie ist mehr als Zufriedenheit; allein wer mehr Mittel, als nothig sind, zur Gluckseligkeit anwendet, ist der glucklicher? Ueber seine Bedurfnisse etwas haben, macht das reich? In der Sparsamkeit liegt so viel Stoff zur Gluckseligkeit, dass es unaussprechlich ist. Ein Verschwender verzahlt sich alle Augenblick in seinem Vergnugen; er wird in seiner Lust betrogen. Die Sparsamkeit hat Vorund Nachgeschmack und Genuss der Verschwender hochstens Genuss, hochstens Wollust fur einen gegenwartigen Augenblick. Die Lustigkeit ist was Convulsivisches, was Erschopfendes. Ein Lustigmacher ist ein Mensch, der zu tausend Gerichten ohne Hunger und bei verdorbenem Magen verdammt ist. Da will ich lieber bei Wasser und Brod sitzen. HERR v. G. Ich denk' aber, Pastor! wir leiden darum einen Lustigmacher nicht, weil wir ihn beneiden; wenn er sich zum Narren macht, stehen wir ihn aus, denn wir verlangen nicht, uns mit ihm zu vertauschen. ICH. Ich glaube, weil wir ihn verachtlich finden, weil er unser Bild verachtlich macht, weil wir uns den Grad seiner Verzagtheit vorstellen, wenn es ihm ubel ginge, weil seine Lustigkeit keinen Wiederhall abgibt. Schmerz und Freude sind gesellig; allein wenn sie das Mittelmass uberschreiten, werden sie uns unnaturlich. Wir wollen uns nicht betrinken, sondern nur trinken. HERR v. G. Aber, Pastor, wie kommt's, dass die liebe Jugend so sehr auf Tragodien halt, das Alter auf Comodien? PASTOR. Die Alten lassen der Jugend nicht die Maschinen sehen, durch welche die Oper der Welt gespielt wird. Um sich selbst bei ihr im Ansehen zu erhalten, mussen sie vieles bei Ehren halten. Ein jedes Madchen ist dem jungen Menschen eine verwunschte Prinzessin, und er glaubt sie vom feuerspeienden Drachen zu erlosen, sie zu entzaubern, wenn er sie heirathet. Er sieht Vorfalle in der Welt, allein er sieht sie nicht in Verbindung. HERR v. G. Wie ich jung war, dacht' ich, wie schwer muss es fallen, Herzog zu seyn; allein jetzt: man mache mich heute zum Kaiser, und ich wette, ich will Kaiser seyn wie irgend einer. Sie haben Recht, Pastor! Die Jugend fliegt, macht sich tausend Chimaren. Sie kennt die Menschen zu wenig, drum setzt sie alles in Feuer und Flammen. PASTOR. Wer bloss zusieht, findet Gaukeleien unertraglich; wer mit agirt, dem ist der Hanswurst ein a l l e r g n a d i g s t p r i v i l e g i r t e r Witzling, eine bedeutende Staatsperson, und wo ist ein grosses Haus, wo ein Hof ohn' ihn? Man schafft hie und da Titel vom Hofnarren ab; allein die Hofwurde bleibt, und ich verdenk' es keinem grossen und kleinen Herrn, der gut verdauen will, dass er sich ein Lachen bereiten lasst. Lachen ist das beste Desert. Am Ende kommt heraus, dass die Thranen ein Beweis von unsrer eingeschrankten Weltkenntniss sind. Wo die Jugend Schicksal sieht, schimmert dem Alter eigene Schuld hervor. HERR v. G. Aber machen wir diesen Jungling Auf mich zeigend. nicht zu klug? Geben wir ihm nicht die Waffen wider uns in die Hand? PASTOR. Ich befurchte nichts. Talent und Verdienst des Verstandes ist so unterschieden wie Wissen und Thun. Insoweit der Verstand den allgemeinen und verhaltnissmassigen Werth der Dinge schatzt und hiernach wandelt, heisst's: Verstand kommt nicht vor Jahren. So was muss Erfahrung lehren. ICH. Oder bestatigen, Vater! Ich habe keinen Beruf zur Altklugheit. Ich denke, das heisst Klugheit ohne Erfahrung. Wie es mir vorkommt, muss man alt, wie ein Mann seyn, um einen Mann beurtheilen zu konnen ich wollt' auch nicht meine Jugend verklugeln, um wie viel. HERR v. G. Sie kommt freilich nicht wieder. PASTOR. Der Fruhling ist das beste Stuck im Jahr. HERR v. G. Und was ist's am Ende! Es ist ein elend, jammerlich, kranklich Ding mit aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden. Das Alter und die Jugend sind krank. Das Alter ist hektisch, die Jugend hat das hitzige Fieber. Die Lunge hat keine Nerven. PASTOR. Besonders aber ist's, dass Leute, die vorzuglich im Trauerspiel weinen konnen, es selten bei Vorfallen des gemeinen Lebens thun. Sie haben sich verwohnt; sie sehen im gemeinen Leben keinen Konig, keinen Kaiser leiden, und wer leidet so schon, als im Trauerspiel, wer so grossmuthig! In der Tragodie sieht man eine Sonne unter Wolken; drei Ungewitter begrussen sich um sie herum, und machen Allianz und verschworen sich. Die Sonne aber, ihrer Grosse bewusst, ruht, und dann und wann blickt sie auf, um die verwaisete, um ihre Konigin bekummerte Erde zu trosten. Da ist ja schon ein Trauerspielsanfang. Wer in der Comodie lacht, lacht auch im gemeinen Leben; denn wahrlich, wenn sie gut ist, trifft sie die Welt bis auf Coloritskleinigkeiten. Wenn man sich sehen lassen will, zieht man ein Feierkleid an. Wer will aber das Kleid, und nicht den Mann? HERR v. G. Und endlich, Pastor, da wir einmal im Schauspielhaus sind, hab' ich gefunden, dass eine Tragodie im Lesen, eine Comodie in der Vorstellung gewinne. PASTOR. Weil man zwar fur sich tragisch und betrubt, nicht aber anders komisch vergnugt seyn kann, als in Gesellschaft. Eigentlich sollt' ein Lustspiel ein Spiel seyn, wo das Ende nach meinen Wunschen ausfallt, und so wurd' auch manches Trauerspiel ein Lustspiel werden. HERR v. G. Liebster Pastor, Dank fur Ihren Unterricht. Nun was aus dem Roquelaurarmel. PASTOR. Mannigfaltigkeit ist Reichthum. HERR v. G. Ich glaube, der liebe Gott hat manches bloss der Mannigfaltigkeit wegen gemacht. PASTOR. Schwerlich, obgleich wir bei vielem keine andere Summe ziehen. Ich liebe die Abwechselung, die Mannigfaltigkeit durch verschiedene Zeiten. Wer im Bett immer auf einer Stelle liegt, schwitzt ohne Bezoarpulver. HERR v. G. Wenn man immer auf einerlei bleibt, wird man stehend Wasser. Das glaub' ich sind, mit Ehren zu melden, alle Einsiedler und Weltflieher gewesen, und sind es noch. PASTOR. In der Welt ausserhalb der Welt seyn, das ist Weisheit. Ein Diogenesfass in der Vorstadt und nicht in der Wuste verdient den Namen Auditorium. Ein bestandiger Hunger nach Neuem ist eine Zeitungskrankheit, ein verdorbener, verzartelter Appetit. Eine Kriegslist gilt nur einmal, eine Medaille bezeichnet einen Tag. Kann man aber nicht denselben Gegenstand von einer andern, und wieder von einer andern Seite, und von tausend andern Seiten sehen, ihn durch und durch ganz und gar sehen, und zeigt diess nicht mehr Scharfsinn, als immer einen neuen haschen? Ein Gedanke, der an sich leicht und naturlich ist, den man endlich so oft sagt, dass ihn der gemeine Mann gefasst hat, verliert von seinem Ansehen. Feine Irrthumer sind ein Reiz fur die Eigenliebe, man will nicht offenbare Wahrheiten, weil sie auf allen Strassen feil sind, man will Erkenntnisse; sind sie gleich ungesund, wenn sie nur was kosten, und nicht gar zu gut Kauf sind. Darum von einem aufs andere. HERR v. G. Darum die Liebe zum Seltenen. PASTOR. Mit der Seltenheit ist's, wie mit dem Magnet, was mit ihm bestrichen wird, zieht auch an. Ein Mensch, der viele Seltenheiten gesehen hat, wird auch fur selten gehalten. HERR v. G. Man sieht ihn indessen bloss wie Meerwunder an, man will nichts weiter als ihn sehen. PASTOR. Man glaubt, er sey nur fur Seltenheiten, und traut ihm nicht. Noch mehr! Je mehr Bekannte man hat, je weniger Freunde findet man. Leute, die sich offentlich zeigen, haben selten Busenfreunde. Wer das Publikum zum Freunde hat, hat wenige oder keinen Privatfreund. HERR v. G. Man glaubt, dass die Herzensflugelthuren eines solchen Menschen schon zu oft auf- und zugemacht sind, als dass sie noch zusammenhalten konnten. PASTOR. Bei Feierlichkeiten gehen die Menschen paarweise. Ich denk' Ein Weib und Ein Freund das ubrige dient nur zur Folie. HERR v. G. Ich glaube, Pastor, das weibliche Auge, das einen jungen Menschen zum erstenmal electrisirt, ist sein Ideal der Schonheit, seine Venus, denn jeder hat seine. Die Liebe kommt auf einmal, sie wohnt parterre. Die Freundschaft steigt Treppen, und es gehoren Jahre dazu, ehe ein Freund ein Freund wird. Ein Zorniger und ein rasend Verliebter sind stumm, keiner kann erzahlen, was ihm fehlt. Sehen Sie, Pastor! ob ich nicht auch was weiss; uber Freundschaft und Liebe konnt' ich schon zur Noth mitreden. Nun sind wir fur mich an Ort und Stelle. Ich bin Ehemann und Freund, beides wie es sich eignet und gebuhret. PASTOR. Die Liebe ist Natur, die Freundschaft Kunst. Nase und Augen sind Natur, Stirn und Mund, und Hand und Fuss sind zu Kunst geworden. Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht; allein er sucht viele Kunste. Wir sehen einem Menschen, den w i r w o l l e n , ins Gesicht, vorzuglich in die Augen. Seine Affekte liegen auch im Naturtheil, und rings herum. Wer sich sehr verstellen kann, treibt sie nach unten, und immer zugleich in Hand und Fuss. Fuss und Hand sind wie Mann und Weib ein Leib; Fuss der Mann, Hand das Weib. Das Gesicht ist das Bild und die Ueberschrift der Seele. Um den Mund herum liegt die Mienensprache, zu fordern und abzuschlagen, um die Augen herum, zu bejahen und zu verneinen. Diess ist die verehrungswurdigste Sprache, die alle Welt versteht, die auch ein guter Theil Thiere fasst. Mein Gott! Warum lernt man sie nicht mehr? HERR v. G. Sie wurd' uns das Herz abstossen. Das ABC, was wir haben, ist schon so herzbrechend. PASTOR. Es wurde aber viele Kunst dazu gehoren, um diese Natur auszuspahen. Ihre Probe ware, dass sie von aller Welt gleich verstanden wurde. HERR v. G. So hat sie ja eine gleiche Probe mit dem Guten, nicht wahr? Da muss auch das Urtheil allgemein seyn? beim Schonen nicht. Was die Sonne am Himmel, das ist das Auge dem Menschen; indessen hab' ich gefunden, dass die Grosse nicht immer gleich ist; ich selbst hab's bald gross, bald klein oft Augenfinsterniss. PASTOR. Wenn die Augenlider weiter aufgethan sind als gewohnlich, ist der Mensch heiter froh. Wenn er einen grossen Gedanken fasst, sind die Augen nur halb offen, zum Zeichen, dass dieser Gedanke von innen komme, und dass man ihn da gern sehen mochte, wenn's moglich ware. HERR v. G. Aber wieder was von der Liebe, Pastor, mir zur Ehre, denn da habe ich Sitz und Stimme. Was ist hubsch? PASTOR. Was ohne Reiz gefallt. Viele Madchen haben Reize, die nicht hubsch sind bei einem hubschen Madchen ersetzt die Natur, die Geschlechterneigung, das Fehlende. Reiz gehort zur Liebe. Ruhrung zur Furcht, zur Achtung. HERR v. G. Ich glaube, das andere Geschlecht ist nie so hasslich als das unsrige: wer die Hasslichkeit nicht verzeichnen will, muss eine Mannsperson wahlen, und doch flieht alles ein altes Weib. Einem alten Mann gibt man eher die Hand; wie kommt das? PASTOR. Man vergleicht ein Weib mit Weibern, kein Wunder, wenn es verliert. Man lasse aber einen alten Kerl Weibskleider anziehen, wir bleiben langer bei Odem. Es geht uns langer nach der Mannerweise, als ihnen nach der Weiberweise. Der Mann ist in einem Stuck ganz gemacht, das Weib ist zusammengesetzt. Es ist mit Deckel und Schraube. HERR v. G. Kein Wunder also, dass es ein starkes und schwaches Werkzeug ist. PASTOR. Sie haben Recht, in der Ehe ist der Mann gegen das Weib stark und schwach, wie man's nimmt. Dass er physisch stark gegen sie ist, zeigt der Augenschein; allein wer gibt nach? HERR v. G. Ein gemeiner Mann schickt seine Frau, so oft es zu reden gibt. PASTOR. Weil die Weiber eine naturliche, zum Herzen gehende Beredsamkeit besitzen, und an wen schickt er sein Weib ab? an Manner. Gewiss kommt aber der Mann selbst, wenn z.B. die gnadige Frau eine Wittwe ist, und den Gutern vorsteht. Eine gesunde gute Saat ist nicht hinreichend, es muss auch ein gutes Land seyn, wohin sie gestreut wird. HERR v. G. Das lasst sich horen. Die Geschlechterneigung kommt also mit in die Erklarung, und in tausend Fallen ist sie die Feder, die das Werk regiert. Warum aber, Pastor, sind die Weiber stolzer wie die Manner? Meine ist es auf eine ubertriebene Weise, aber im Grunde sind sie es alle. PASTOR. Weil ihr Rang sehr zweideutig ist. Der Furst ist gegen einen Grafen stolzer als gegen einen Edelmann. Ist des Mannes Rang dazu auch zweideutig, ist er z.B. ein neuer Edelmann, so ist ihr Stolz granzenlos. HERR v. G. Warum putzen sich die Weiber, wenn sie gleich schon an sich gefallen? PASTOR. Nicht unsertwegen. Gegen Manner brauchen sie ihre naturlichen Waffen; andere ihres Geschlechts zu verdunkeln, andere zu uberglanzen, darum der Putz. HERR v. G. Pastor! das nenn' ich fragen und antworten wie gedruckt! wie abgeredt! und eben so als ein Buch, das frag- und antwortweise abgefasst ist. Was ich uber die Liebe gelesen und gedacht habe, ist viel; was ich gethan habe, ist wenig. Man denkt und liest von dieser Art das meiste i n b l a n k o (ich bin ein halber Kaufmann, das horen Sie wohl, ich handle und wandle wie wir eurische Cavaliere alle handeln und wandeln ). I n b l a n k o , wahrlich in blanko, denn wie es zum Ausfullen kam, fand sich's, dass meine gnadige Hausehre eben nicht erdacht und erlesen war! Sie konnte besser seyn, Pastor! dafur steh' ich d e l c r e d e r e (da ist wieder der Libauer Kaufmann), dass man ohne Theorie heirathen musse. Nur um des Himmels willen kein dummes Weib, denn wie die Mutter, so die Sohne, wie der Vater, so die Tochter. PASTOR. Nicht allemal. HERR v. G. Mutatis mutandis. Etwas ist immer da. PASTOR. Eher haben die Grosseltern auf den Geist der Grosskinder Einfluss, auch der Leib ist mehr der Grosseltern Abdruck. Hieruber habe ich Bemerkungen von besonderer Art gemacht. Oft ist der Korper auf ein Haar die Mutter, die Seele aber der Vater und umgekehrt. HERR v. G. Mein Sohn Zu mir. den ich Ihnen empfehle, er selbst wird es schwerlich ist die Mutter in meinem Jagdrock. Der Jung' ist nicht ich. Was ist zu machen? Die Welt ist nicht die beste. PASTOR. Die beste HERR v. G. Noch eine Frage, Pastor! warum ist meine Frau geizig? PASTOR ruckhaltend. Gehorsamer Diener! HERR v. G. Warum sind die Weiber allzumal geizig? PASTOR. Weil sie selbst nichts erwerben, und von Zinsen leben. Jedes Zinsenleben ist vom Geiz begleitet. HERR v. G. Die Schlussfrage Wir horten die Kommenden. warum sprechen Sie nicht Zu mir. mit? ICH. Weil ein junger Mensch in Gesellschaft der Alten nicht anders als Secretar ist, der aufschreibt.
Da sehen meine Leser, wie es zugegangen, dass ich
so viel behalten habe. Erst Sekretar! dann Rath!
So geht es in allen gesitteten freien Reichsstadten.
Jetzt wird es grosse Lucken geben. Ich kann nur
wieder sagen, was ich gehort, und wiederholen,
was ich selbst dazu beigetragen habe, also je
nachdem ich gegangen, je nachdem ich
gestanden, je nachdem ich gesessen.
Da ist der Herr v. W., seine Frau, ein kleines Frau
lein. Mein Herr Schwiegervater, reitend beim
Wagen, den Hut alle Augenblicke unterm Arm.
Herr v. G und sein Haus, ihnen entgegen. Mein
kunftiger Herr Reisegefahrte und sein Herr Hofmei
ster, die sich nicht lang mehr haben werden, schlie
ssen sich an. Noch eine Ladung, und noch eine!
noch eine! ich armer Schreiber! wenn es anginge,
wunschte ich Diensterlassung. Fur ein so grosses
Kollegium hat mich die Natur mit zehn Fingern zu
wenig ausgerustet. Meine Leser (ich werde mich
protestando verwahren), werden finden, dass ich ge
than, was ich gekonnt.
Im Zimmer.
HERR v. W. Um Verzeihung, Herr Bruder, dass ich dem Herrn Bruder noch einen Gast mitbringe. HERR v. G. zum HERRN v. W. Bei mir hat gebetener und ungebetener denselben Platz Zum Literatus. ich gratulire zum Hermann! Herr, alter Herr! HERMANN. (So will ich von Stund an meinen vielbenannten oder namenlosen Schwiegervater nennen.) Ich dank' unterthanigst. HERR v. G. Wie aber zum Hermann. Wie Saul unter die Propheten? HERMANN. Des Zipperleins wegen HERR v. G. Das lass' ich gelten. HERMANN. Der edeln Musica halber. HERR v. G. Das lasst sich horen. Sonst war der rechte Hermann ein frommer stiller Mann, aber der alte Herr ist ein geborner Hofschranze von Kindesbeinen an gewesen. HERMANN. Ich bitte unterthanigst um Vergebung, ich habe oft zu sehr die Wahrheit geliebt, ich habe sogar die Ehre gehabt, Martyrer der Wahrheit zu werden. HERR v. G. Hier! Herr Hermann, hier ist Pulver auf die Pfanne ich weiss, Sie mussten zum Beispiel drei Tage und drei Nachte wachen. HERMANN. Der reinen Wahrheit wegen. Ew. Hochwohlgeboren haben die Gnade, mich recht zu gelegener Zeit daran zu erinnern, oder wie Sie es zu nennen geruhen, mir Pulver auf die Pfanne zu reichen. Ich setzte dem Herrn v. eine Grabschrift: Hier schlaft ein Mann, der nie gewacht hat; hochstens that er, als wacht' er. Genau genommen sprach er im Traum. Wanderer, bete fur ihn, sonst verschlaft er den jungsten Tag. HERR v. G. Wahr, allein warum wahr? weil der Todfeind des Herrn v. dem Grabschriftsteller wohlthat. Wie oft, lieber alter Herr, haben Sie sich auf den Mund geklopft, und sich eine Palinodie recantatio und Widerruf gefallen lassen mussen, so was geschieht nicht salva fama. Herr! Sie waren klug genug, die Lebendigen leben zu lassen, Sie trieben nur Muthwillen an den Todten! indessen fand sich doch noch hie und da ein Grabracher, und Ew. Hochedeln mussten, ihrer Grabschriften ohne Censur wegen, den selig Verstorbenen ehrenerklaren.
Ei, denken Sie noch an Ihre selbsteigene Grab
schrift: Das nenn' ich Retorsion und Beleg zu der
guldenen deutschen Regel: Auf eine Luge eine
Maulschelle.
"H i e r w a c h t d e r l e b e n d i g T o d t e ."
HERMANN. Die Zeiten sind gottlob! vorbei. HERR v. G. Zu Grabschriften freilich, allein Sie waren, wie ich merke, erst mehr ein Fechter, jetzt mehr ein Tanzer. Wenn ich wie mein Schwager v. W ware, ich wurd' Ihnen die Bucklinge abgewohnen und dann wurden Sie ein brauchbarer Mann seyn! allein mein Schwager liebt die Hoflichkeit die Schmeichelei wie soll es heissen? HERR v. W. Hoflichkeit und Schmeichelei sind zwei unterschiedene Dinge. HERR v. G. Herr Bruder! da kommen wir in zehn Jahren nicht von einander. Ich weiss, bei dir macht die Seele mit dem Leibe, und der Leib mit der Seele Umstande. Du sagst zu dir selbst, wenn du allein im Walde bist und niesest, Gott helf! und wenn das Echo nachsagt: Gott helf! sprichst du, ich bin ergebenst verbunden; wenn du dich am Baum stossest, buckst du dich mit den Worten: ich bitte tausendmal um Vergebung. Das ist einmal deine Weise: Gott helf dir mit dem Petrus an der Himmelsthur aus einander! Was darf aber Herr Hermann accompagniren? und sich wie eine Klinge biegen, die man probirt? HERMANN. Ich bitte unterthanigst um Verzeihung. HERR v. W. Ich nicht ich fordere dich auf deine eigene Klinge heraus. Klingen, die sich biegen, springen die wohl? Herr Hermann, richten Sie sich nach der Jahreszeit. Beim Herrn v. G. ist alle Muhe vergebens. Glaub mir, Herr Bruder, du verfehlst deinen Zweck du willst ein Deutscher seyn; die deutsche Sprache ist dir eine Fundgrube, und du erniedrigst sie. Wo ist eine, in der mehr Samen zur Hoflichkeit keimt? HERR v. G. In meiner deutschen Sprache nicht. HERR v. W. So sprichst du die curlandisch-deutsche, das ist, eine Sprache, die man so gut, wie die curische, undeutsch nennen konnte. HERR v. G. Wenn du behauptest, die deutsche Sprache sey hoflich, so behaupt' ich, sie sey grob, wenigstens ist sie beides in gleichem Grade. So lange das verdammte Wort D e r o drin ist, hat das Genie einen Todfeind in der Sprache. Entweder alles Sie, oder alles Du, sonst dass Euch der Teufel mit Ew. Hochwohlgeboren HERR v. W. Herr Bruder, das ist noch der einzigste Beweis, dass wir der Deutschen Nachbaren sind sonst waren wir Barbaren, in diesem verfluchten Du-Lande. HERR v. G. Wir sollten hier in Norden kurz seyn. Die Worte frieren sonst im Munde. HERR v. W. Und ich denk', in Suden hat man nicht Lust, den Mund zu bewegen. Reden ist eine Bewegung. HERR v. G. Es kann seyn; indessen ist die Bewegung, die Ew. Hochwohlgeboren sich dabei machen, hochstens stubenlang. Du bleibst immer auf einer Stelle. Man sagt von den Seeleuten, wenn sie sich gleich Landguter von vielen Meilen kaufen, dass sie nur so weit spazieren gingen, als ihr Schiff lang war. Du sprichst, wie die Seeleute gehen. PASTOR. Indessen ist die Bewegung dieselbe. Der Mensch nimmt zwar gern einen entfernten Ort, wohin er gehen will; dieses Ziel leistet ihm Gesellschaft. Er unterhalt sich mit ihm, er fragt es: werd' ich bald da seyn? Geht er mit Freunden und Freundinnen, geht er wie der Schiffsmann; denn die Gesellschaft ist Seelenbewegung, die geht uber die korperliche. Sonst aber glaub' ich, je weiter das Ziel, desto entschlossener der Kopf. Auch bei Erholungen will man Zweck. HERR v. W. Da siehst du, Herr Bruder HERR v. G. Dass Ew. Hochwohlgeboren keinen entschlossenen Kopf verrathen. HERR v. W. Einen Admiralskopf HERR v. G. Der sein Schnupftuch vorhalt, und sich Segel macht, wenn er zu Pferde steigt. HERR v. W. Das allgemeine D u in Curland ist und bleibt mir unertraglich; alles ist Bruderherz und Du. HERR v. G. Das Menschlichste, was ich weiss. HERMANN. Ich mache mir Bedenken, den Hund eines alten Edelmanns zu dutzen. HERR v. G. Und der Hund eines alten Edelmanns ist erkenntlich, und dutzt auch nicht. Herr! um Ihnen ganz d e u t s c h zu sagen, Sie sind
* * *
Schade! der junge Herr von G nahm mich, und
wir gingen im Garten eine grune Strasse auf und ab,
wie ein Paar Schiffsleute.
Im Garten.
DER JUNGERE HERR v. G. Jagen Sie? ICH. Nein. DER JUNGERE HERR v. G. Was werden Sie denn auf der Universitat machen? ICH. Studiren. HERR v. G. Ich, jagen und studiren. Man wird doch wohl einen akademischen Jager, einen Nimrod treffen, der Jagdcollegia liest. Fechten und Jagen ist Vater gabe mir den S a t a n mit. ICH. Den Satan? HERR v. G. Den grossen Jagdhund. Ich hab' ihn so benannt. ICH. Ich bin kein Jagdfreund, ich werd' es nie seyn. Man lernt da auf Unschuld anlegen und zielen, und meuchelmorden. HERR v. G. Essen Sie kein Wild? ICH. Gern ich lass' aber das Jagen, wie das Schlachten und Kochen, andern uber. Mein Vater sagt, jede Kochin sey grausam. Das Kochhandwerk ist ein Handwerk fur Manner, die sich auch, sobald es ins Grosse geht, nicht von ihrem angebornen, ihnen angestammten Recht abbegeben. Jagen und Kochen, denk' ich, sind sehr nahe verwandt. HERR v. G. So weich, und haben Krieg gefuhrt? ICH. Um meinen Arm auszuarbeiten. Hatt' ich einen gottlichen Beruf gehabt, Soldat zu werden, zum ersten Schlage wurd' ich nicht seyn, allein zum zweiten Herr v. wie der Donner auf den Blitz. Hatte mein Vaterland den ersten Schlag erhalten, war' ich verbunden gewesen, es zu freien und zu Kopf, zu Handen und zu Fussen hatte der Muth heraus gewollt. Im gemeinen Leben muss man oft erweichende Mittel brauchen; im Kriege wurde man uns daruber als Narren auskrahen, wenn wir die Segel streichen liessen. Der Feind heisst Legion; ihrer sind viele. HERR v. G. Ich schiesse nichts, was nicht vor den Schuss lauft. ICH. Das sind Jagergrundsatze; ein laufender Feind ist keinen Schuss Pulver werth. Im Kriege muss man schiessen, was steht. HERR v. G. Das liess' ich brav bleiben! ich wurde das Spiel durchsehen, fand' ich es zweifelhaft, was ist naturlicher, als die Karten zusammen zu legen. ICH. Das heisst l a u f e n . HERR v. G. Mag es doch. ICH. Ich wurde kein Menschenjager, sondern Soldat, Held, wenn Sie wollen, wurd' ich seyn. In der Holle muss man nicht Waffenstillstand machen, sondern auf den letzten Mann steuern und wehren. Ware noch ein Mittel, den Teufel zu bekehren, war' es diess; ich habe Krieg gespielt, aber nach dem Leben. HERR v. G. Und ich bin wirklich auf der Jagd gewesen, und habe manchen Wildbraten bereitet. Lasst uns Bruderschaft machen! ICH. Wir dienen nicht Einer Fahne unsere Herzen schlagen nicht einerlei Wirbel; indess auf's naher kennen, Bruder! HERR v. G. Bruder! ICH. Die Hand! HERR v. G. Die Hand! Mich dunkt, ich werde Soldat, ICH. Ich nicht Jager. HERR v. G. Ich fuhl' Herz! Mich sollte wer anheulen. ICH. Du red'st vom Wolf, Bruder! HERR v. G. Beleidigen, wollt' ich sagen! ich wollt' ihn! Herr Bruder, du wirst mich nicht verlassen. ICH. Ich merk's, noch hab' ich dir nicht Muth genug in die Hand geschlagen. HERR v. G. Auf einmal kann's nicht kommen. ICH. Das Herz immer auf einmal. Das weiss ich, Bruder! Ich hab' zwar nicht von unten auf gedient; allein ich hab' mich von unten auf gedacht, und als Alexander oft gemeine Dienste gethan. Wenn ein Feldherr nicht gemeiner Kerl seyn kann, ist er nicht des Ordens werth. Er wird nicht wie ein Ruderknecht schreien, nicht betauben; allem er wird ein gemeiner Kerl zum Malen werden. Er wird ihn allerliebst machen; es seyn, darf er nicht. HERR v. G. Ich hab' gehort, dass ein General, der schon im Felde gewesen, nicht mehr so viel Herz habe. Junge sollen die besten seyn. ICH. Junge kennen vielleicht die Gefahr nicht, und da sie schon Heldenphysiognomien kennen, so verzagen sie, sobald sie Zuge davon entdecken. Blindhereinhauen ist ein Kunstwort, und ein wahres Wort. HERR v. G. Eine Jagd, Herr Bruder, mussen wir noch zusammen machen, lieber heut' wie morgen! Es wird dir gefallen. ICH. Ich zweifle. Mir gefallt zweierlei: Kuhe und Rinder auf einer Wiese. Das ist der edle Friede, und eine Wiese voll wiehernder Pferde, das ist der edle Krieg. HERR v. G. Zur Probe, Herr Bruder! ICH. Meinetwegen. Herr lass weg bei Bruder schickt es sich nicht. Ich werde dich so nicht nennen; Bruder ist kein Herr; Herr Bruder ist halb Bruder. Pfui! uber halb!
Die Gesellschaft hatte sich wahrend dieser Zeit in
den Garten verfugt, und ging an uns paarweise
vorbei.
Der Herr v. W. und mein Vater.
Der Herr v. G. und Hermann.
Ich kann also nur wieder erzahlen, was ich
beigehend vernommen. Mein Vater pflegte zu sagen:
Man hort im Sitzen besser, man sieht im Stehen
scharfer, im Gehen ist Ohr und Auge nicht
zuverlassig.
DER JUNGERE HERR v. G. Wann, Bruder? ICH. Auch heute Nachmittag. Du kommandirst bei der Jagd. DER JUNGERE HERR v. G. Du bist Gast. HERR v. W. Ehre dem Ehre gebuhrt. PASTOR. Wenn man nur nicht am Ende glaubt, ein verbindliches Wort sey die That selbst. Wunsche mussen kommen, wenn unser Vermogen zu helfen aufhort. Todten muss man wunschen. HERR v. W. Warum soll man aber nicht Canel auf die Grutze streuen, und seine helfende Hand mit einem weissen Handschuhe bekleiden, den Wein mit Zucker und Pomeranzen veredeln, und Butter aufs Brod streichen. ICH. Wo ist denn dein Hofmeister? DER JUNGERE HERR v. G. Unbeschwert, sag' gewesener. ICH. Vater bleibt Vater. DER JUNGERE HERR v. G. Bruder, du wurdest doch nicht leiden, dass dein Fibelrektor dich bis an dein Lebensende meistern sollte? ICH. Das thut auch kein Vater einem Sohne, der in gewissen Jahren ist. HERMANN. Und stellte in aller Einfalt und Kurze, "Gott gebe," setzt' er hinzu, "zu aller Seelen Erbauung und Besserung," vor:
"D i e b e s t e K u r d e s P o d a g r a . "
I m e r s t e n T h e i l : Der Patient muss, wie der
Gichtbruchige im unserm Evangelio, einsehen,
muss z w e i t e n s Vergebung suchen, und
d r i t t e n s aufstehen und wandeln.
HERR v. G. Ich hatte nicht Kirchenpatron seyn sollen. HERMANN. Witz ist wie ein Aal, er windet sich heraus. HERR v. G. Ich hatt' ihn schon gehalten. Man wird doch wohl in der Gemeinde mit Ehren die Gicht haben konnen? DER JUNGERE HERR v. G. Auf den ersten Gegenschlag kommt viel an. ICH. Alles, Bruder. Eine Hauptregel beim Kampf. Gib zuerst den guten Wein, und wenn dein Gegner trunken, den geringern. Der erste Schlag ist die erste Frage beim Examen. Die erste Antwort entscheidet. DER JUNGERE HERR v. G. Ich denk' immer, Bruder, ein Armer ist allein herzhaft. ICH. Hat er denn weniger zu verlieren als ein Reicher? Leben ist Leben! Zu viel Herz macht kuhn, zu wenig Herz macht desperat. Der Kampf ist in beiden Fallen blutig. DER JUNGERE HERR v. G. Ein General hat das beste Theil erwahlt. Er ficht nicht allein; er weiss, wer ihn umgibt. Das mocht' ich seyn! ICH. Ein Adler fliegt allein, Bruder. Kuh' und Schafe gehen zusammen. Ein General ist der Hahn, der die Veranderung des Wetters zuerst merkt, der den Ton angibt. Meine Mutter meint, der Hahn, der zuerst kraht, sey der Superintendent unter den Hahnen. Der Generalstitel steht dem Hahn besser an. Hiemit genug vom Muth. Es sieht thrasonisch aus, viel uber den Muth zu sprechen. Der Muth hat seine Theorie; er fangt mit der Praxis an und hort mit der Theorie auf. DER JUNGERE HERR v. G. Bruder, du red'st wie ein Buch. Was ist thrasonisch? ICH. Prahlhansisch. Kein Wort vom Muth mehr. DER JUNGERE HERR v. G. Meinetwegen. HERR v. W. Die Art, Geschenke zu machen PASTOR. Das hab' ich nie gelaugnet. Es ist der Schlussel zum geheimsten Herzenskammerlein; der eine druckt in die Hand, der andere legt es unvermerkt auf den Tisch; dieser gibt in Papier gewikkelt, der in Geld, der in Geldes Werth; dieser wird roth, der blass der steht freundlich aus, der als ob er im Spiel verloren, der andachtig, als wenn er etwas in den Gotteskasten legt, und vom lieben Gott einen Wechselbrief entgegen nimmt, oder ihn b e z i e h t , der als wenn er die Musikanten bezahlt und von ihnen erwartet, dass sie ihm den Dank vorgeigen mochten. Jeder Griff bei allen diesen Arten ist aus dem Herzen genommen. Wenn ich einen Menschen gesehen ein Geschenk geben, so musst' ich mich sehr irren, wenn ich seinen Charakter nicht auf ein Haar treffen sollte. HERR v. W. Also die Manier, der Anstand, die hofliche Art Herr v. G. wurde das Geschenk an den Kopf werfen. PASTOR. Vielleicht edler, als es mit uberdachten Worten geben, und den Nehmer noch in mehr Schuldigkeit setzen die hofliche Art macht es nicht. HERR v. W. Ei! Ei! Herr Pastor die Hoflichkeit ist zu allen Dingen nutze. PASTOR. Die Gottseligkeit, wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen.
Diese beiden Leute schieden sehr hoflich
auseinander, und so wie Wasser zu Wasser, so
flossen Herr v. W. und Hermann zusammen.
DER JUNGERE HERR v. G. Wirst du viel Bucher mitnehmen? ICH. Sehr wenig. Ich bin sehr fur geliehene Bucher. Hat man selbst das Buch, glaubt man: ein andermal. Man sieht es im Schranke und denkt: wenn ich gelegenere Zeit haben werde. Ein Bibliotaphus, ein Buchergeiziger, ist, nach meines Vaters Ausdruck, ein Teufel, ein Seelenverderber. DER JUNGERE HERR v. G. Wenn man ein Buch leiht, sagt mein Hofmeister, ist es am sichersten, sich Auszuge zu machen; ich glaub', es hilft dem Gedachtnis. ICH. Einerlei, ob das Buch oder der Auszug sanft im Schranke ruht. Ich bin fur keinen Auszug. DER JUNGERE HERR v. G. Ein Ruckhalt, Bruder, ist eine gute Sache. Wenn man es vergisst ICH. So ist das Buch da. Auszug, wenn er ja den Namen verdient, ist eine Bruhe. Ich bin nicht fur Bruhen, solang ich gesund bin. HERR v. W. Ich leide keine Uebertreibung. Einem Kinde, was todt auf die Welt kommt, den Verstand ansehen wollen, find' ich zu hoch geflogen. HERMANN. Wenn es indess die Zuge des Vaters hat, und der Vater ICH. Manches Buch soll uns nur die Stirn lichten von manchem durfen wir nur die Thaler Alberts behalten. Ist es nothig, dass ich etwas bis auf Ort und Vierding weiss, kauf' ich mir das Buch, um mir nachzuhelfen, um einen Stab zu haben, an dem ich gehe. DER JUNGERE HERR v. G. Erst Gewehr, dann Bucher. Leib und Seel', sagt alle Welt, und nicht Seel' und Leib. ICH. Beim Edelmann Leib und Seele, beim Literatus Seel' und Leib, wenn es gleich wider den Redegebrauch ist. HERR v. G. Je reiner und dunner die Luft, hab' ich wo gelesen, je feiner die Kopfe. PASTOR. Mich dunkt, zu schonen Kunsten; zur Philosophie ist rauhe Witterung die beste. Man ist an Schwierigkeiten und an Unerschrockenheit und Starke, sie zu uberwinden, gewohnt, und Schonheit gehort unter einen sich immer gleichen Himmel; man zieht nicht das Gesicht vor Kalt' und Warme; man kampft nicht mit seinen Gesichtsmuskeln. Frauenzimmer, die in Einer Luft bleiben, haben eine schone Haut. Mustern Sie in Curland gemeiner Leute Kopfe, werden Sie wohl einen Bauernkopf finden, der in ein historisches Gemalde passe? Ich kenn' ein Volk, wo ich alle Gotter und Gottinnen des Alterthums in kurzem zu finden wetten will. Haben Ew. Hochwohlgeboren in Curland auch nur einen Venuszug gesehen? Eben so wenig ist ein Altarstuck, ein Marienzug zu haben. Was ich in Curland von Schonheit bemerkt, schrankt sich auf den Wuchs ein. Schonheiten fur Bildhauer, allein fur Maler nicht. HERR v. G. Wenn alles bei kleinen Leuten proportionirlich ist, kann man ihnen den Ehrennamen s c h o n nicht absprechen. PASTOR. Kein Zweifel, und so auch mit wohlproportionirten Erkenntnisskraften und die Anwendung?
Sie bogen sich so, dass ich keine Sylbe haschen
konnte.
HERR v. G. Ich will nicht vorurtheilen; aber dass die Leute im demokratischen Staate kluger sind als im monarchischen, Pastor, das mussen Sie zugeben. PASTOR. Gern weil sie an der Regierung theilnehmen, weil sie mitsprechen. In England gibt es einen sehr klugen gemeinen Mann, und das machen die Zeitungen. Diess Staatsmittel konnt' auch im monarchischen Staate probirt werden. HERR v. G. Im monarchischen Staate gibt's keine Zeitungen. Wenn die Regierung Zeitungen schreiben lasst, sind es Seifenblasen, womit die Kinder in der Sonne stehen.
Sie blieben eine Weile auf einer Stelle.
ICH. Bibel und Gesangbuch nimmst du doch mit? DER JUNGERE HERR v. G. Ja, die Bibel hab' ich vom Vater, das Gesangbuch von der gnadigen Mutter. ICH. Warum gnadige? DER JUNGERE HERR v. G. Es ist mir zur andern Natur. Meine Mutter wollte durchaus gnadig heissen. ICH. An gnadig erkenn' ich sie. Eine gnadige Mutter, Bruder, ist ein Unding. Bei Bibel und Gesangbuch seh' ich deinen Vater. Bibel und Gesangbuch muss man sich nicht kaufen, sondern von den Eltern haben, und eben so wie du, so auch ich, Bibel vom Vater, und Gesangbuch von der Mutter. DER JUNGERE HERR v. G. Dein Vater und der meinige ICH. Sind wie Herz und Seele gegen einander. DER JUNGERE HERR v. G. Dem Vater Seele, der meinige Herz. Nicht wahr? ICH. Beide Seel' und Herz. DER JUNGERE HERR v. G. Dieser mehr Herz, jener mehr Seele. ICH. Sie waren vieljahrige Freunde; sie schieden sich, wie mein Vater sagt, von T i s c h und B e t t , allein ihre Herzen blieben gebunden. DER JUNGERE HERR v. G. Wir wollen uns nie von Tisch und Bett scheiden. Kommen wir von Universitaten, wirst du mein Pastor, und dann wollen wir leben wie auf der Universitat du studiren! ich jagen. HERR v. W. Es ist ein Cavalier. HERMANN. Das ist die Sache. HERR v. W. Und mein Schwager. HERMANN. Das ist die Hauptsache. HERR v. W. Es scheint unhoflich. Doch wie der Ast, so der Hieb. Man muss sich uber den Herrn v. G. wegsetzen. HERMANN. Kriechend zu mir? HERR v. W. Ich hatte Worte mit Hankelchen? Traget die Groben, weil ihr hoflich seyd. Es sind, unter uns gesagt, manche Ausdrucke in der Bibel, die nicht auf unserer Seite sind. DER JUNGERE HERR v. G. Wenn ich das Wort Schreck hore, empfinde ich es. Was wollte dein Vater gestern Abend damit sagen, dass der Schreck der Anfang zu allen Leidenschaften sey? ICH. Schreck, sagt' er, ist die Vorbereitung, das Praludium zu allen heftigen Affekten, und das ist wahr. Hast du dich je recht sehr uber eine Sache erfreut, ohne dass du vorher erschuttert warst? Alle heftigen Leidenschaften sind wie ein kaltes Fieber, Frost, Kalte, dann Hitze. DER JUNGERE HERR v. G. Du hast es besser behalten wie ich. ICH. Er fuhrte Beispiele an, dass Leute vor Freuden gestorben waren, und dass kein grosses Loos in der Lotterie, ohne den Gewinner auf eine kleine Zeit zuruckzusetzen, von jeher gewonnen sey. Der Mensch, sagt' er, traut sich nicht recht die Freude in dieser Welt zu. Er besinnt sich erst, ob er ihr sein Herz offnen, ob er sich freuen konne. Er lasst sie von hinten und verstohlen ein. Seine Freude scheint eine Entfernung des Schmerzes, und wer lasst einen alten guten Freund ohne Bewegung von sich? DER JUNGERE HERR v. G. Du hast ein k o n i g l i c h e s Gedachtniss. ICH. Ein gemeines, aber vortreffliches Beiwort. DER JUNGERE HERR v. G. Es ist von meinem Vater Aber was dein Vater vom Vergnugen und Schmerz anmerkte ICH. Weiss ich auch. Er widerlegte sich selbst. Er glaubte, Vergnugen sey die Empfindung von Lebensbeforderung, und Schmerz Empfindung von Lebenshinderniss, und wenn es schon so weit gekommen ware, dass man die Lebenshindernisse nicht uberwinden und das Feld behalten konnte, meint' er, sey Vergnugen die Kunst, sich selbst von sich zu entfernen, die grosse Kunst, nicht an sich zu denken. DER JUNGERE HERR v. G. Ich bin noch im Schreck, in der Vorbereitung, denn bis jetzt fass' ich's noch nicht. HERR v. G. Was meinen Sie, lieber Pastor! wenn wir nur negative w e i s e und g u t sind, ist es nicht schon viel, und sollte man nicht diesen Gedanken auszuuben suchen? PASTOR. Ich weiss nicht. Wissenschaften, die bloss Irrthumer widerlegen, sind, wenigstens was mich betrifft, unangenehm. Der Mensch ist von Natur trage und negativ, durch Grundsatze wird er thatig. HERR v. G. auf den Herrn v. W. und Hermann zei
gend. Licht und Lichtknecht.
Alles lagerte sich auf einen Rasen, und war so still, dass man sah, was ich oft gesehen. Die Natur behauptet ihre Rechte, sobald wir ruhig sind, sobald wir Zeit haben sie anzuhoren, sobald wir uns auf's Gras, ihren Lehnstuhl, setzen. Alles verstummt und empfindet. Gott! warum fallen wir der Natur so oft unzeitig in's Wort!
Fur uns, den jungen Herrn v. G. und mich, war kein
Raum in diesem Naturaudienzzimmer. Herr v. G.
der Jungere ging zur gnadigen Mutter, ich einen
grunen finstern Gang was ich horte (ich konnte
nicht bemerkt werden) will ich aufschreiben.
FRAU v. W. Und das Geld? KLEINE. Verschenkt, gnadige Mutter. FRAU v. W. Wem? KLEINE. Einem bosen, bosen Jungen. FRAU v. W. Damit er gut wurde? KLEINE. Ja, gnadige Mutter! damit er gut wurde; er hatte dem lieben Gott einen Vogel weggestohlen, den bot er mir zum Kauf an. Der Vogel schrie zum lieben Gott (singen konnt' er nicht mehr) sehr angstlich, und der Junge hielt ihn in der Hand, und wollt' ihn nicht gen Himmel schreien lassen. Der liebe Gott schelten wurde. Es bezog sich, wo er stand, als waren es Gewitterwolken. FRAU v. W. Und du? KLEINE. Ich gab dem Jungen das Geld und den Vogel gab ich dem lieben Gott wieder. Es wurde gleich so klar, wenigstens mir vor den Augen, ich bildete mir ein (sie sprang dabei), dass ich den lieben Gott sahe, wie er sich daruber freute. Der Junge mag es wohl aus Noth gethan haben. FRAU v. W. Das denk' ich auch. KLEINE zur Begleiterin. Desto besser, dass ich dem Jungen alles gab. EIN FRAUENZIMMER, DAS DIESE LIEBE KLEINE BEGLEITETE. Wir sind im Streit, Ew. Gnaden. Das Fraulein gab ungezahlt; so denk' ich, gibt man einem Bettler, allein keinem Dieb. KLEINE. Wer hat nun Recht? FRAU v. W. Du nicht vollig, meine liebe Seele! Ei, wenn gleich wieder so ein boser Junge mit des lieben Gottes Vogelchen gekommen ware, und du hattest kein Geld gehabt? KLEINE. Dann war' ich zu Ihnen gekommen, Gnadige! FRAU v. W. Und wenn ich auch kein Geld hatte? KLEINE. Ja, dann hatt' der liebe Gott den Vogel strafen wollen. Setzt man doch auch Menschen in's Gefangniss. FRAU v. W. Mit Recht, aber auch mit Unrecht. Man muss nicht fur sich, sondern auch fur andere sparen. Um mehr Gutes zu thun, kann man dingen. Gottes Geschopf wer kann das bezahlen? Hatte der Junge den Vogel nicht minder lassen wollen, war's ein anders. Was war's fur ein Vogel? KLEINE. Ich habe nicht gefragt, Gnadige! Ich weiss nur, dass es ein Vogel war, und dass er fliegen konnte. Haben Sie's mich nicht gelehrt, man muss nicht nach dem Namen fragen, wenn man Gutes thut. Sie hatten nur sehen sollen, der Vogel konnte vor Freuden nicht recht fliegen! Er war betrunken, aber der Junge musst's mir versprechen, ihn nicht mehr zu haschen. FRAU v. W. Du hast gut hausgehalten. Hier ist wieder Geld. KLEINE. Dank, gnadige Mama! Ich glaub' es war eine Nachtigall. DAS FRAUENZIMMER. Ich nicht. KLEINE. Sehen Sie nur, gnadige Mutter! Lieschen ist dem Vogel nicht gut. DAS FRAUENZIMMER. Seit der letzten Nachtigall im Garten ist ihr jeder Vogel eine Nachtigall. Ew. Gnaden waren so gnadig zu sagen, Mensch ist Mensch, aber Vogel ist nicht Vogel. KLEINE. Wie sie den Vogel verfolgt! da horen Sie selbst, gnadige Mutter! FRAU v. W. Kind, du hast eine Seele. KLEINE. Die Ihrige, liebe Mutter! FRAU v. W. Gott segne dich. KLEINE. Auch Sie! liebe Mutter, auch Sie reichlich und taglich! FRAU v. W. Aber, was meinst du, Kleine! Des Jungen wegen sollst du Lieschen Recht geben. Sah er dir denn so bos aus, dass er eine Nachtigall dem lieben Gott stehlen konnte? KLEINE. Bos' wohl! aber freilich so bos' nicht. FRAU v. W. Ich denke, Judas der Verrather hat in seiner Jugend die erste gefangen. KLEINE. Lieschen hat Recht ich Unrecht! es war keine Nachtigall. FRAU v. W. Also hat Lieschen Recht? KLEINE. Recht! und ich Unrecht, ein so betrubtes Vogelchen, als eine Nachtigall! o! wer kann das drucken ich mocht' es gern trosten, wenn ich konnte. FRAU v. W. Es scheint zuweilen, dass es sich selbst trostet; als wenn es schluchzt und wieder lacht. KLEINE. Ja, Gnadige! und dann bin ich so froh! so froh! aber wie kann man im Augenblick weinen und lachen? FRAU v. W. Lachen und Weinen hat einerlei Zuge, mein Kind! Sey darum auf die Nachtigall nicht bose. Es ist weit leichter, dass Einer, der weint,
lacht, als Einer, der ernsthaft ist. Wenn wir einen
Betrubten zum Weinen bringen, haben wir ihn bald
zum Lachen das trifft uns Weibchen mehr, als
das andere Geschlecht.
* * *
Ich konnte nicht langer verborgen bleiben, und legt'
es dazu an, dass wir zusammenstiessen.
FRAU v. W. Der Garten ist schon. ICH. Gnadige Frau! ich hab' ihn nirgend schoner gesehen, als im ersten Buch Mose. FRAU v. W. Da haben Sie ihn auch nicht schoner gesehen, sondern schoner gelesen. ICH. Ich bitt' um Verzeihung, gnadige Frau, wenn ich die Bibel lese, seh' ich alles, was ich lese. FRAU v. W. Mich dunkt, ich sehe den Herrn vom Hause, wenn ich diesen Garten sehe. Sein Ebenbild ICH. Jeder Garten, gnadige Frau! glaub' ich, ist des Eigenthumers Ebenbild, oder sollt' es seyn. FRAU v. W. Sollt! allein wer legt seinen Garten nach der Natur der Gegend und des Landes an? Ein Garten, der die Ehre gehabt, in's Geschrei zu kommen, ist die Vorschrift zu zehn und zehn, zu funfzig und funfzig, zu hundert. Durch Garten kann man, denk' ich, noch weit eher, als durch Haus und Hof Geschmack zeigen. Umstande sprechen hier mit, und die Mode hat keine Stimme. ICH. Der beste Garten indessen ist ein Gefangniss, wenn er umzaunt ist. Das Paradies war die Welt, und die Welt das Paradies. FRAU v. W. Sind wir aber bestanden in der Wahrheit? ICH. Die gnadige Frau sagen da einen grossen Gedanken! Der Sundenfall war der erste Zaun. FRAU v. W. Jetzt konnen wir schwerlich uns ohne Zaun behelfen. Er kann sich aber allmahlig verlieren und dann lasse ich ihn gelten. Hecken sind mir weit unausstehlicher. ICH. Ein lebendiger Zaun! FRAU v. W. Ein schones Leben, das unter der Scheere des Gartners steht. Mir kommt jede Hecke wie ein Tanzboden vor, man lehrt die armen Baume die Beine gerade setzen, in die Quere treten, Brust heraus, und andere Possen mehr und wenn man noch dazu Hecken an seine Fenster anlegt, ist's mir vollig unertraglich. Ich habe einen Amtmann, der sich eine Fensterhecke von einem armen Feigenbaum gemacht hat. Die Kleine da sagte, der Feigenbaum sey ans Kreuz geschlagen. KLEINE. War er's denn nicht, Gnadige? FRAU v. W. Ja, mein Herz. KLEINE. Und ganz unschuldig? FRAU v. W. Ganz. ICH. Gnadige Frau, das Sprichwort:
Fische fangen und Vogelstellen
Verdirbet manchen Junggesellen.
erklart mein Vater vom Herzen. FRAU v. W. Und sehr richtig. Wer in der Jugend Vogel in die Festung bringt und Fische anfuhrt wird ein Betruger, und wenn es hoch kommt, grausam und ICH. Ich weiss nicht, gnadige Frau! ob ein Amtmann, der dem Feigenbaum Daumen schraubt und ihn torquirt, es mit den Bauern nicht so zu machen Lust hat, als mit dem Feigenbaum? Dem Baum fehlt nur ein lebendiger Odem. Die gnadige Frau ward abgerufen, und ich sah mich mit der kleinen Fraulein an, ohne dass wir alle beide
mehr thaten, als lacheln. Ich weiss nicht, wie das
kommt, dass junge Mannspersonen gegen Kinder so
blode sind! Frauenzimmer sind in diesem Stucke
dreister. Sie konnen eher an ihre Bestimmung
denken, als es uns nach der jetzigen Einrichtung
erlaubt ist. Oft, wenn ich auf diese Art mein
unschuldiges Minchen mit kleinen Kindern sich
abgeben und spielen sah, fielen mir die Worte ein: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht
des himmlischen Vaters. Dass ich gegen eine grosse
Dame nicht blode gewesen, siehe oben. Das
Daumenschrauben und Torquiren hatte ich
unterwegs lassen konnen, wie es mir gleich,
nachdem ich's gesagt hatte, einfiel. Die Frau v. W.
kam wieder.
FRAU v. W. Was ist dir? KLEINE. Liebe Mutter, da flog es das Muckchen hat mir viel Blut abgezogen. FRAU v. W. Ich hoff' auf eine gute Manier. KLEINE. Nicht vollig, noch nie hat's mich so geschmerzt. FRAU v. W. Bist du bose? KLEINE. Nein, liebe Mutter! ich wunsch' ihr wohl zu bekommen. FRAU v. W. Gut, mein liebes geduldiges Kind. Sehr gut! dein Bruder hatt' es morden konnen, allein wir Frauenzimmer mussen keine Mucke todten. Wir sind zur Geduld geboren. Verjagen hochstens. KLEINE. Das wollt' ich schon, ich uberwand mich doch. FRAU v. W. Bist du nicht froh druber? KLEINE. Sehr froh. FRAU v. W. So ist's immer, wenn man sich selbst was abgeschlagen hat. KLEINE. Und nun sticht's auch nicht mehr. KLEINE. Im Himmel werden keine Mucken seyn! Meinetwegen konnten sie stechen werden sie da nicht. FRAU v. W. Gewiss nicht. KLEINE. Und wenn auch, ich bin's gewohnt. Der liebe Gott helfe nur dann meinem Bruder, der den Muckentodtschlag in der Hand hat.
Wir gingen, ohne zu reden, eine lange Weile.
FRAU v. W. Das werden spate Erbsen werden. KLEINE. Die da ging eben auf, wie ich hinsah. FRAU v. W. Das nicht, mein Kind! man sieht nichts aufgehen. Man sagt daher, Gras wachsen h o r e n ; zum Sehen hat's keiner gebracht. KLEINE. Die beiden dort sind, so wie mein Bruder und ich, nach der Grosse. FRAU v. W. Sieh nur her, wie behutsam diese Aufgehende die Erde auf ihrem kleinen Rucken tragt. Sie hebt sie, sie ehrt ihre Mutter. KLEINE. Das ist ihre Schuldigkeit. FRAU v. W. kusste ihre Tochter herzlich.
* * *
KLEINE. Sehen Sie doch, Gnadige, wie hoch der Baum ist. Der babylonische Thurm war wohl weit hoher? FRAU v. W. Weit. KLEINE. Den hatte ich sehen mogen! FRAU v. W. Ich auch! ICH. Mein Vater erklart ihn so: Gott wollte, die Leute sollten nicht zusammenbleiben, nicht in die Hohe bauen, sondern in die Lange, und die Erbe benutzen, die Gott ihnen angewiesen hatte. FRAU v. W. Ich hab' oft gedacht: dadurch, dass sich die Menschen vertheilten, entstand die Verschiedenheit der Sprachen. ICH. Wollte Gott, wir sprachen alle Eine. FRAU v. W. Dann wurden viele nicht in den Himmel wollen, so schon wurd' es in der Welt seyn. KLEINE. Des Thurmes wegen muss ich auch franzosisch lernen! FRAU v. W. Hast du Ursach', dich zu beklagen? KLEINE. Nein, Gnadige! ich beklage nur Sie und doch konnt' ich ofter herumlaufen ware der babylonische Thurm und das Franzosische nicht.
Es war Mittag und alles fand sich von selbst
zusammen. Frau v. G. hielt bei allem Hochdunkel
sich nicht zu vornehm, die Tafel zu bereiten; die
Kuche nicht und das steht keiner Dame an;
hochstens einen Ueberblick.
FRAU v. G. Darf ich bitten HERR v. G. Was meinen Sie Zu meinem Vater. das sagt meine Frau gutherzig und allerliebst. Ich habe sie bloss dieses d a r f ich b i t t e n wegen geheirathet. Ich hall's ihr bloss nach, d a r f ich b i t t e n . Herr Bruder, Herr Pastor, Herr Bruder, Herr Bruder, wie ihr alle steht. FRAU v. G. Ich bitt' Man ging Hand in Hand, ich mit der Kleinen v. W. und (ich rede von der Tischgegend, wo ich war) wir
sassen. Der Herr v. W. (er hatte sich herunter
genothigt), graduber wohlbedachtig Herr Hermann. Der Herr v. G. , die Kleine v. W. , mein Vater, der
junge Herr v. G. , noch allerlei vom Unterhause
und Ich.
HERR v. W. Alle Feierlichkeiten, Herr Bruder, gehen zuletzt auf Schmausereien hinaus. HERR v. G. Beim Tisch macht alles Friede, da verliert matt das Uebel und das Gute empfindet man lebhafter. HERR v. W. Ich glaube, dass man nach Beschaffenheit des Gemuths auch den Tisch einrichten musste. HERMANN. Und ihn mit Cypressen oder Myrthen bestreuen. HERR v. G. Ich nicht! jeder Tisch muss frohlich seyn, wir mussen mit Danksagung empfahen und zu uns nehmen, und uns auf Gott verlassen lernen. PASTOR. Alles, was gross ist, geschieht bei Tische. Das Paradies ging bei Tische verloren, Monarchien und Regenten entstanden und gingen unter bei Tafel; alle Ehen werden im Himmel und bei Tische geschlossen. Jemanden zu Tische bitten, ist die feinste Art zu bestechen; hat man den Revisionscommissarien nur einmal zu essen gegeben, ist das Spiel gewonnen. Bei Tische kommt der Mensch seinem naturlichen Zustande naher. Der Vornehme sieht, dass er hier mit dem Geringern gleichen Appetit hat; da er mit ihm aus Einer Schussel isst, aus Einer Flasche trinkt, fangt er an, ihn fur seines Gleichen zu halten. Alle Herzenssachen, wozu ich den grossten Theil der Religion zahle, gehoren vor einen weissbedeckten und mit Essen und Trinken besetzten Tisch. Die christliche Religion gibt uns hiezu viele Gelegenheit. HERR v. G. Recht, lieber Pastor! Magen und Herz sind Nachbarskinder, sowie sich die Drusen im Munde und Magen verwandt sind. Was jene reizt, bringt diese in Bewegung. Bei Tisch lernt man thun, wirken, in den Schulen lernt man reden. Mit meinem Freunde muss ich geniessen. PASTOR. Die herzliche Beredsamkeit, wo eine Einsylbe oft mehr gilt als ein prahlendes: Allerseits nach Stand und Wurden, ist auch bei Tisch zu Hause. Bei Tisch wird man nicht alt. Sehr richtig. Was uns hiedurch an Zeit abgeht, ersetzen Starke, Gesundheit und eine lachende, alles leicht findende Stirn. Hiedurch richten wir in einer Stunde mehr aus, als ein Kurzesser in einem halben Tage. HERR v. G. Es lebe Luther und seine Tischreden! Ein schones Stuck von ihm, eine Ehrensaule fur die Menschheit. Hatt' er die nicht nachgelassen, ich wurd' ihn lange nicht fur das halten, was er war. Die Frohlichkeit, die Freundschaft an einem wohlbesetzten Tisch, die Gerechtigkeit, lieber Pastor, und ihre Ausubung, an einem rothbehangenen unbesetzten Tisch. PASTOR. Sie muss nuchtern verwaltet werden. Wer am besetzten Tische Recht spricht, beugt das Recht. Viele Leute sind der Meinung, man musse nuchtern schworen, und halten es fur Missbrauch des Namens Gottes, wenn sie gefruhstuckt haben. Ein Richter muss aber keinen Wein trinken, wenn er Recht spricht. Er sieht gleich alles anders an. Mit der Gerechtigkeit ist es eine besondere Sache, ein einzig Glaschen macht oft einen andern Menschen; wer mitleidig ist, weicht vom Wege ab und HERR v. G. Mit Ihrer gutigen Erlaubniss, ich glaube, dass es zu manchen Begebenheiten auch besondere Gerichte gabe. Unsere lieben Alten sind uns darin ruhmlichst vorgegangen. HERMANN. Eben hierdurch wird das Essen schmackhaft. Vielleicht konnte man trostgebende, gluckwunschende Gerichte erfinden. HERR v. W. Ich habe noch niemand frische Milch mit saurem Gesicht essen gesehen. PASTOR. Die Natur hat zwar jedem Essen seine Jahreszeit angewiesen, alle aber kommen am Ende darin uberein, dass wir dabei frohlich und guter Dinge seyn sollen. Nennen Sie mir eine Schussel, die Thranen auspresst? HERR v. W. Der Grad des Vergnugens indess konnte verschieden seyn. HERR v. G. Hiebei kommt viel auf die Einbildung an. Nachdem eine Schussel selten, das ist vornehm gehalten wird.
Aber, m e i n e H e r r e n d a u n t e n , die
Suppe wird Ihnen kalt. HERR v. W. Freilich! bei ihr sollte nicht gesprochen werden. PASTOR. Wer sie isst, wird sich von selbst huten. Man kann leicht dabei den Weg verfehlen. Suppe geschickt zu essen, ist sehr schwer ich esse keine. DREI STIMMEN, BASS, TENOR, DISCANT. Keine? PASTOR. Alexander auch keine. WIEDER DREI STIMMEN. Keine? PASTOR. Suppen sind fur Kranke, es sind Fleischessenzen, und fur Leute, die kein Fleisch mehr verdauen konnen. HERR v. G. Ich bin nicht darauf gefallen, aber der Pastor hat Recht. Braten ist das naturlichste, wenn von Fleisch die Rede ist. PASTOR. Wer Fleisch und die davon erpresste Suppe isst, isst den Kern und nachher die Schale, geniesst den Saft und hinterher die Hulse. HERR v. W. Wenn Sie mir gleich nicht besondere Festtagsgerichte gestatten, Nationalspeisen werden Sie mir wenigstens zugeben? PASTOR. Gern, und da ist beim Englander Braten, bei dem Deutschen Mehlspeise, beim Franzosen Kraut auf dem Felde. Die Deutschen sind Manner des Tisches. Sie sitzen lange dabei, ihr Tisch ist der beste. Kein Wunder, dass sie am langsten dabei weilen. Sie sind die gastfreiesten, die menschlichsten Esser und Trinker. HERR v. G. Katholiken kochen vortrefflich Fische. PASTOR. Noch lehrt beten. Wenn ich zu reformiren hatte, musste das schone Geschlecht, wenn es ja kochen soll, mit strenger Ausschliessung alles dessen, was Odem gehabt, sich auf Milchspeisen und Gemuse einschranken. Kein Fleisch und Fische mussten sie kochen, sondern bloss naturliche Gerichte wurden zu ihrem Departement gehoren. Obst aus Frauenzimmerhanden ist beinahe wie vom Baum. HERR v. G. Obst, Pastor, denk' ich, sey die naturlichste Speise in der Welt. PASTOR. Es ist ein paradiesisches Essen, ein Manna, das noch vom Himmel fallt, wonach alle Kinder einen Erbgeschmack mit auf die Welt bringen. HERR v. G. Obst ist die gesundeste Speise unter allen. Nach Obst Milch und Honig. PASTOR. Ich bin nicht von denen, die schon das liebe Brod in der Welt zu gekunstelt finden, und sich auf die allerersten Naturelemente reduciren wollen. Wer mir aber Obst verachtet HERR v. G. Ist ein verderbter unnaturlicher Mensch. Er hat seine Unschuld verloren und tragt davon das Malzeichen an sich. Pastor, ein Glas Wein aus den Handen eines Frauenzimmers PASTOR. So wie ein Glas Wasser und aller Trank aus ihren Handen. Der Trank ist mehr der Kunst entgangen als die Speisen, und aus Gottes Handen ziemlich unverfalscht auf uns gekommen. Ein Glas Wein b e i d e r Q u e l l e .
Wie bange mir bei dem Worte Q u e l l e ward,
konnen sich meine Leser nicht vorstellen. Ich habe wenigstens ein Quartblatt, dicht geschrieben, druber
verhort, und doch ging es glucklich ab, obgleich
eine allgemeine Stille daruber ward.
HERR v. G. Sale sind gut, nach Tische hineinzugehen. Beim Speisen ein schmales Zimmer, um nah zusammen zu seyn. Man hat sich mehr. PASTOR. Daher ein runder, ein Artustisch und eine kleine Gesellschaft. Wir sitzen hier an einer deutschen Tafel in allem Betracht. HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor, von den vielen Schusseln? Ist nicht Eine genug? PASTOR. Viele Schusseln verlangern den Tisch und mithin auch das Vergnugen. Es ist wahr, es reizt mehr zu essen; indessen liegen in uns auch vielerlei Appetite. Sobald es wahr ist, dass wir Fische, Fleisch, Obst, Gemuse essen konnen, dass die Natur eine Schatzkammer fur uns sey, so seh' ich nicht ab, warum wir geizen sollten. HERR v. G. Es ist auch schwer, ein einziges Gericht, das fur sich selbst besteht, zu nennen. HERR v. W. Fleisch mit Ruben. HERMANN. Das sind schon zwei mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubniss. HERR v. W. Braten und Salat. PASTOR. Ohne Salat wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen. HERR v. W. Ja, ohne Salat. PASTOR. Ich esse auch keinen Braten mit Salat. So eine Hauptschussel, so eine naturliche Schussel braucht keine Anreizung. HERR v. G. Und warum? Beim Tanz muss Spiel seyn. PASTOR. Beim Tanz, allein beim Gange nicht. HERR v. G. Ich hab' es von einem Beobachter, der im Vorzimmer eines vornehmen Mannes bemerken konnte. Ein Franzose kam, ging an den grossten Spiegel im Zimmer und schnitt Capriolen; ein Englander setzte sich aufs Kanapee, ein Deutscher stellte sich an den Ofen, ein Russe ging an den kleinsten Spiegel und zog sich die Haare in Ordnung. War' ein Curlander gekommen, der hatte sich die Stiefeln aufgebunden, und ein Pole den Bart gestutzt. So, lieber Pastor, sind diese Leute auch am H o f e , an der T a f e l , als S c h r i f t s t e l l e r . PASTOR. Um Verzeihung! ich wurd' in Europa nur vier Volkern Sitz, Tisch und Stimme erlauben: Englandern, Franzosen, Deutschen und einem Volk in Norden. Vier Hauptwinde, der Englander Ost-, der Franzose Sud-, der Deutsche Westwind, und das Volk in Norden der Wind seines Namens. HERR v. G. Curland wurde dieses Volk wohl schwerlich heissen aber, Pastor, der Tischstyl ist allgemein leicht, nicht wahr? Man konnte den franzosischen zum Muster vorschlagen. PASTOR. Warum das? je nachdem der Mann, der spricht, je nachdem das Gastmahl, je nachdem der Styl. Der hort die Austern wie einen russischen Fuhrmann pfeifen, der lasst sie erst verstummen vor ihrem Scheerer, der isst sie mit Haut und Haar, der barbiert sie erst! Fremde Gewurze verderben das Essen und das Gesprach; die liebe Natur muss bei Tafel prasidiren. HERR v. G. Ich bete nicht eher, als bis Salz auf dem Tische ist. Es ist ein Sinnbild vom Verstande, und ich denke, gewisse Art Leute mussen bei Tisch nie anders reden, als dass es zur Noth aufgeschrieben werden konnte. Der Tischstyl und der Briefstyl sollte freilich aus der ersten Hand seyn; wer kann Natur genug predigen? Wir sind wie Affenleiter, wie Barenleiter, die ihre Thiere schlagen, wenn sich selbige vergessen und zur Natur kommen. Gemeine Sprache ist Wassersuppe. Ausgesuchte Worte sind Canel, Muscatennuss; es fallt auf die Zunge; allein es macht Hitze. Lieber Pastor! giessen Sie Oel in meine Lampe, sonst geht sie aus. PASTOR. Sie brennt trefflich!
D e r j u n g e H e r r v. G. fing an, mir etwas leise zu sagen.
D e r a l t e H e r r v. G. verlangte, dass er's laut sagen sollte und der junge H e r r v. G. verstummte.
Eine Weisung vom H e r r n v. G. d e m a l t e r n , bei Tische nicht leise zu reden. Es sieht, sagte der alte Herr v. G., nach Verrathern aus.
H e r r v. W. setzte hinzu: und ist ein Verstoss wider die Hoflichkeit.
Obgleich eben diese ungebetene Anmerkung ein dergleichen Verstoss war. Wir waren bei Fischen. Herr v. G. behauptete, es gabe Gerichte, bei denen man nicht sprechen musste. Sie leiden es nicht, sagt' er, und wollen durchaus, dass man sich mit ihnen allein beschaftigt. Sie sollen auch besser schmecken, wenn sie still gegessen werden. Fische, fuhr er fort, sind von der Art. PASTOR. Es gibt Augenblicke, wo man auch beim Fleisch, beim Brode nicht sprechen kann. Anakreon starb, weil ihm eine Traube in die unrechte Kehle kam. HERR v. G. Lassen Sie uns Probe essen. HERMANN. Du bist stumm wie ein Fisch, sagt man. HERR v. G. Dumm, wie ein Stockfisch, sagt man auch.
Man machte eine Pause, und die Sache blieb nach
einem langen Stillschweigen unausgemacht,
obgleich beinahe jedes Graten bekam, weil sich
keins des Lachens enthalten konnte. Ich gewinne bei
diesem Carthauser-Silentio, und meine Leser,
furcht' ich, auch. Am Ende blieb es unausgemacht,
weil ein verabredetes Stillschweigen keine Probe
seyn konnte. Herr v. G. war dieser Meinung.
PASTOR. Wer mit mehr als zweien bei Tische spricht, muss sehr lustig seyn, sonst verliert der vierte. Mit zweien muss man sprechen; denn man ist freilich bei Tische nicht immer in den Umstanden sprechen zu konnen. Drei wechseln sich bestandig um. Unvermerkt kommt's an jeden. Sind vier, spricht selten mehr als einer. Zwei konnen nur streiten, der dritte entscheidet; dieses aber muss nicht als gravissimus praeses, sondern als Nachbar seyn. HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor! wie man spricht, isst man, wie man isst, kleidet man sich. PASTOR. Nicht immer. Ein Stolzer kleidet sich prachtig, isst schlecht, und spricht schwulstig; ein Wollustling HERR v. G. Wird zugegeben, ich mein' es anders. PASTOR. Alles dreies zeugt von Geschmack. HERR v. G. Das meint' ich. Was gebilligt wird ist gut, was vergnugt ist angenehm, was gefallt ist schon. Ich glaube, wir thun dem Herrn v. W. einen Gefallen, wenn wir von Kleidern sprechen. Er wechselt drei- bis viermal an manchem Tage. HERR v. W. Niemals ohne Ursache, Herr Bruder. Ich geb' jedem Tage, jeder Stunde, was recht ist. HERR v. G. Das ist eine gute Uebung in der Gerechtigkeit. HERR v. W. Herr Bruder, du hast, wie Christianus der Zweite, im Mutterleibe geweint. PASTOR. Wie Christiernus. HERR v. G. Und was weiss ich, wie wer im Mutterleibe gelacht. HERR v. W. Ich schicke mich in die Zeit, und bin ein festlicher Mann, das ist: die vergnugten und traurigen Vorfalle meines Lebens sind mir bestandig im frischen Andenken. Oft traur' ich an demselben Tage und bin frohlich an demselben Tage. PASTOR. Sehr naturlich! Selten ist ein Tag, der nicht seine Plage hat. HERR v. W. Alles dieses druck' ich durch Kleider aus. Man hat Trauer-, warum denn nicht Freudenkleider? HERR v. G. Da hat der Herr Bruder einen guten Gedanken, an Freudenkleider denkt niemand, und doch sollte man Freudenfarben und Freudenkleider erfinden, und sie dazu privilegiren. So was hat Einfluss auf uns. Wenn ich Pleureusen, Trauersaume PASTOR. Pharisaersaume! HERR v. G. Gehe, ich bin betrubt. Es erinnert mich an alles Trube des Lebens ich fuhle die Krankheit von weitem, an der ich sterben werde. Das, glaub' ich, fuhlt jedes, wenn es betrubt ist. HERR v. W. Man theilt die Trauer in halb und ganz ein; ich theile sie in Viertheil HERR v. G. Das ist, nach dem Monde ich bin nach der Sonne, immer ganz, Herr Bruder! PASTOR. Nur nicht immer Mittagssonne oder Mitternacht! Sind Morgen- und Abendrothen nicht die schonsten Stucke am Tage? Gibt's nicht eine gewisse Ruhe, die besser ist als Tanz und Jubel? Warum immer Adagio, oder Allegro? Das mannliche Alter ist die Mittagssonne. Die Jugend aber hat ihren Reiz, und das Alter hat auch sein bescheidenes Theil. Das Alter geniesst, es verweilt, wenn die Jugend herumwankt und vom Hoffnungswinde hin und her getrieben wird. HERR v. W. Ew. Wohlehrwurden bin ich ergebenst fur diese Hulfsvolker verbunden. HERR v. G. Ein Viertheil oder halb ergebenst ganz ergebenst sagst du wohl nur zum Prapositus. HERR v. W. Getroffen! Alles sein Gewicht, und Wage! HERR v. G. Gott erbarm! So ein Curlander! Solang das Land steht, hat es solche hofliche Manner nicht gehabt, als dich und deinen Waffentrager, den Hermann. Wir gehen in Stiefeln! und du, Herr Bruder, wie ein Papst, in Pantoffeln. Schuhe sind dir schon zu schwer. HERR v. W. Die Frage ist, wie's sich leichter geht? Wir haben daruber schon so oft und viel gesprochen ich behalte meine Weise, und lass' jedem die werthe seinige. HERR v. G. Eins indessen, Herr Bruder, mit deiner Erlaubniss. Warum bleibst du im Cirkel deiner Familie? Du solltest ein Path' und Leichenbegleiter und Hochzeitsgast von der ganzen Welt seyn, und als ein Kosmopolit HERR v. W. Das Hemde, ob es gleich nur von Linnen ist, bleibt uns naher als das Kleid. Wenn die Noth der ganzen Christenheit mit der meinigen stimmt, und wenn ich sie weiss, accompagnir' ich gern. So auch mit der Freude. HERR v. G. U n d w e n n i c h s i e w e i ss ? Geschichte, Herr Bruder, Geschichte HERR v. W. Aber Zeit! Geschichte ist Zeitvertreib. HERR v. G. O! du edle Zeit! Kein Missethater wird so behandelt, als du! HERR v. W. Von ungefahr hab' ich manches erfahren, und ich laugne es nicht, es gibt gewisse an sich r o t h e T a g e , im Staats- und Hof-, so wie im Hauskalender, als da ist der einunddreissigste Julius. HERR v. G. Darf ich HERR v. W. Benedictus I., der LXII. romische Papst, starb an diesem Tage, und auch Ignatius Lojola im funfundsechzigsten Jahre seines Alters. Mein Grossvater ist am namlichen Tage, gleichmassig im funfundsechzigsten, meine Mutter am namlichen Tage im zweiundsechzigsten Jahre verstorben. HERR v. G. Das ist ja ein rechter Pesttag. HERR v. W. Nicht genug. Mein Sohn Casimir bekam am namlichen Tage die ersten Zahnsprossen, und starb acht Tage nach diesen Todeskeimen. Meiner Mutter Bruder brach ein Bein, und HERR v. G. Spare deinen Zinnober, schon roth uber roth! Zweiundsechzig und funfundsechzig! Du sprachst die Zahlen so feierlich, so gross aus, dass ich ordentlich romische Zahlen horte ich kondolire von Herzen. An dem Tage wohl ganz tiefe Trauer? HERR v. W. Du willst spotten allein man lebt nur durch dergleichen Kunstgriffe, sonst betrugt man sich um das Leben. Kleider sind das, was Ceremonien in der Kirche sind. HERR v. G. Das letzte mag seyn, das erste nicht also. Du, hochzuverehrender Herr Bruder, du! du selbst bist der grosste Lebensbetruger, den ich kenne, du lebst die vorige Zeit so vielmal, du wiederholst dich selbst so oft HERR v. W. Ich mische Wasser und Wein, Herr Bruder, das Vergangene und das Gegenwartige. HERMANN. Wasser macht weise, und frohlich der Wein. HERR v. G. Wer weise ist, Herr! ist auch frohlich. Weg mit diesen Zusammenfugungen, die die Natur nicht selbst veranstaltet, mit diesen elenden Kupplereien. Wasser allein, Wein allein. HERMANN. Aber mit Ew. Hochwohlgebornen Er
laubniss
Hier ist wieder etwas ausserhalb der Linie. Diess
Etwas gehort auf die Rechnung der Frau v. G. Sie
winkte mir, um mir einige Festfragen wegen meiner
Predigt der Frau v. W. zur Lehre und Trost
vorzulegen. Meine Leser haben uber diese Predigt
schon mehr als eine Predigt gehort. Ich antwortete
der Frau v. G., buckte mich gegen die aufs Wort
merkende Frau v. W., und gern hatt' ich dieses
Predigtwasser mit dem weinreichen Gesprach des
Herrn v. G. gemischt, wer hat aber Casars
Fahigkeit? der lesen, schreiben und seine sieben
Sachen diktiren konnte. So viel weiss ich, dass Herr
Hermann zum formlichen Waffentrager des Herrn
v. W. installirt wurde. Herr v. G. war Brabevta.
Um in der obigen Figur zu bleiben, muss ich es eine
Taufe nennen. Jetzt sitz' ich wieder, meinen Lesern
zu dienen, an Ort und Stelle.
HERR v. G. Einen Tag, Herr Bruder, will ich dir noch aus der Geschichte zum Geschenk machen. Wenn ich nur, so wie du, romische Zahlen aussprechen konnte. D e n a c h t z e h n t e n A p r i l ICH. Ist Alexander Magnus gestorben. HERR v. G. Und wer mehr? ICH. Diogenes aus Sinope, der Cyniker, dem Alexander, obgleich Alexander klein war, doch schon zu viel Schatten machte. Diogenes ist Alexander unter den Philosophen. HERMANN. Und auch der Tempel zu Ephesus wurde an diesem Tage eingeaschert. HERR v. G. Ei! Ei! Herr Hermann, das war ein Pathenpfennig von der Gottin Diana, da Alexander geboren ward.
Man lachte allgemein uber Herrn Hermann.
HERMANN. Ich bitte tausendmal um Verzeihung. HERR v. G. Warum das? Sie haben das Feuer nicht angelegt. HERR v. W. und FRAU v. W. Zusammen. Der achtzehnte April! unsrer Kleinen Geburtstag. HERR v. G. Damit ans ihr ein Alexander stamme! Es war eine Gesundheit. FRAU v. G. Und sie einen Alexander heirathe! Ein allgemeiner Glaseranstoss. HERR v. W. Du weisst, Herr Bruder, fur wen ich sie bestimmt habe Auf den Herrn v. G. den junger zeigend. FRAU v. G. zur Frau v. W. Auch ich habe es die Ehre, zu wissen. FRAU v. W. zur Frau v. G. Warum die Ehre? HERR v. G. Dann heirathet sie keinen Alexander, der Himmel erfulle also meine Gesundheit. HERR v. W. Das wurde mir ein Fest seyn! HERR v. G. Das Myrten- oder das Wiegenfest? HERR v. W. Beide! beide! HERMANN. Ew. Hochwohlgeboren nehme mir die Erlaubniss, meine aufrichtigsten Gluckwunsche HERR v. G. Alle guten Dinge, nur kein Gluckwunsch.
Eine Gesundheit.
Zusammen: a l l e g u t e D i n g e ! HERR v. W. Diesen guten Tag muss ein Kleid bezeichnen, d a s g e f a l l e n s o l l . Du spottest uber meine Kleider, Herr Bruder! Alles, was Augen hat, soll diesem Ehrenkleide den gegenwartigen und den kunftigen Alexander ansehen, und alles HERR v. G. G e f a l l e n s o l l , Herr Bruder? W i r d , willst du sagen. Man kann nicht sagen: es s o l l gefallen, sondern wenn es hoch kommt: es wird. HERR v. W. Da hast du Recht. Mit dem Geschmack muss man complimentiren, ich beicht' und widerrufe mich. HERR v. G. Pastor! mit Ihrer Erlaubniss, eine kleine Wiederholung uber die Farben von gestern Abend; ein Versuch, ob ich behalten habe. Bei den Farben gibt's heilige Zahlen. Es sind drei Hauptfarben: roth, blau, gelb. Roth ist die alteste Farbe in der die Leibfarbe der Erde, gelb die Leibfarbe der Sonne. Die weisse Farbe ist die Seele, das Licht zu allem. Was denken Sie, Pastor? PASTOR. Dass wenig oder gar nichts von diesem allem auf meine Rechnung gehore. HERR v. W. Theorie, meine Herren, ich bearbeite dieses Feld praktisch. PASTOR. Mein Satz ist: folg der Natur! S i e h d i e L i l i e n a u f d e m F e l d e . Die Natur hat nichts, was sich nicht passen sollte. Die Bluth' ist das Kleid; der Spiegel die Weste. HERR v. W. Schon! wahr! viel gesagt! Wenn ich ein halb trauriges, halb lustiges Fest habe, roth und schwarz und da kann man Feinheiten anbringen. Ist der Uebergang von der Trauer zur Freude, so ist das Kleid licht, die Weste dunkel; ist's von Freude zur Trauer, umgekehrt; ist's allmahlig, so auch der Uebergang, so allmahlig, dass man nichts merkt. PASTOR. Das erste nennt man es s c h r e i t , als wenn ihm auf den Fuss getreten ware, das andere konnte man: es s p r i c h t , nennen, und so konnt's bis ins Ohr so leise herunter kommen. HERR v. G. Es geht mit den Farben der Kleider vielleicht wie mit den Festen meines Freundes. Es widerspricht sich oft, es passt nicht alles. PASTOR. Wenn eine Farbe der andern beinahe gleich ist, sieht es aus, als falle sie ihr ins Wort. Es hat das Ansehen, als wenn eins so wie das andere werden will, und nicht werden kann. Das verdriesst den Zuschauer, er sieht keinen erwunschten Ausgang ab. Der Knoten bleibt geschurzt. Also eine solche Farbenwahl, dass wegen ihres Unterschieds kein Zweifel bleibt. HERR v. G. Blau und roth! Die preussische Uniform! PASTOR. Ganz recht; allein die Weste sollte roth, das Kleid blau seyn, und das der Vermischung wegen. Diese entsteht, wo die Farben recht zusammenstossen; denn hier wird selbst diese Vermischung eine begreifliche in rerum natura existirende Farbe. Ist das Kleid roth, die Weste blau, gibt die Vermischung ein schmutziges, ein ekles Roth. Es sollte jedes Land seine Uniform haben, jetzt tragen sie hochstens die Soldaten. HERR v. G. Jede Uniform kleidet. Wenn ein Officier seinen Dienstrock auszieht, ist's oft so, als wenn er Anstand und Geschmack und alles mit ausgezogen hatte. PASTOR. Uniform kleidet. Sie haben Recht, allein warum? Die meiste Zeit, weil sie Gesetz ist. Man nimmt's nicht so genau. Man weiss, dass man sie tragen muss. Ist dieser Zwang vorbei, sieht man den Menschen in naturalibus. HERR v. G. Pastor, Sie hatten gestern Abend den Einfall, dass die Worte Kleider der Gedanken waren, und dass man sich auch hier Farben denken konnte. Wahrlich, manches Wort ist wie achte, manches wie unachte Farbe, manches Wort ist ein violettes, grunes, rothes Kleid. HERR v. W. Ich hab' indessen Leute gekannt, denen vom R o t h e n ubel ward. Es war ihnen ein A c h und Wehgeschrei. PASTOR. Es ist die harteste Farbe, der Stand der Natur, der Stand der Wilden. Die Jugend scheinen helle, einfache, das Alter zweifelhafte, vermischte Farben zu kleiden. Jene konnte man kuhne, diese bedachtige Farben nennen. Den Blonden kleiden blasse, oder ganz schwarze Farben; jenes wegen der Harmonie, dieses wegen des Contrastes. Den Brunetten kleiden harte Farben. So gibt's auch seidene, baumwollene Gesichter, und Gesichter von Garn. Ich halte dafur, ein jeder Mensch, ich sage Mensch, muss seine konigliche, priesterliche und prophetische Stunden, und auch so seine dreierlei Kleider haben. Meine Frau hat mich darauf gebracht. So stimme ich mit dem Kleiderschmuck Sr. Hochwohlgeboren des Herrn v. W., und so weich' ich von ihm ab. Konig geht eigentlich auf die vergangene, Priester auf die gegenwartige, Prophet auf die kunftige Zeit; indessen gibt es Zeiten, wo die Minute, wo der Augenblick den Konig, den Priester, den Propheten fordert. HERR v. G. Pastor, die Idee gefallt mir, ich glaube, jeder kluge Junge, das heisst doch eben so viel, a l s j e d e r M e n s c h , i c h s a g e M e n s c h ist Konig, Priester und Prophet, wenigstens weiss ich mir Zeitpunkte zu besinnen, wo ich Konig, Priester und Prophet gewesen, und ware mir das Wort Konig nicht so gehassig wurd' ich nicht gern mit Cromwell: a n s t a t t d e i n R e i c h , d e i n e R e p u b l i k k o m m e ! beten; Konig ware meine Lieblingsuniform. PASTOR. Sie konnen immerhin ihre republicanischen Fasces beibehalten. Sie durfen kein K o n i g s c h e r werden, um im Geiste Konig zu seyn ich bin fur Konige, das heisst was anders, als froh wie ein Konig seyn. HERR v. W. Schicket euch in die Zeit, ich schlage Herzog, Priester und Prophet vor. HERR v. G. In dem Sinn, wie der Pastor es nimmt, ist Herzog von Curland viel zu wenig fur mich.
Hier breche ich ein Politisches Gesprach ab, das
wie ein Heckenfeuer heraussprang, und wobei mir
viel entging. Wie sich diess Gesprach auf den
Aufschlag am Kleide reducirte, weiss ich nicht. Das
Ende vom Liede war, dass Curland ein Aufschlag
von Polen sey, und dass, wenn ja ein anderer
sollte, er lichter seyn musste.
HERR v. G. Das wahre Verhaltniss von Polen gegen Curland.
* * *
PASTOR. Geschmack ist die Bemuhung, unser Urtheil mit andern allgemein zu machen. Die Deutschen werden es nie zu viel Genies bringen, welche Flugel der Morgenrothe haben; sie besitzen aber sehr grosse Anlage zum Geschmack; alles zu berichtigen, ist ihre Sache. Man konnte den Geschmack eine Galanterie des Verstandes nennen; er will sich bequemen. Der Mensch hat Appetit, heisst: der Wirth isst an seiner Tafel gut; der Mensch hat Geschmack, heisst: er macht, dass andere mit Appetit bei ihm essen. Ein Genie tragt einen rothen Rock, oder so was; ein Geschmackvoller eine sanfte Farbe. Er will alle Leute bestechen, wenn man so sagen darf. Englander haben Genie, Franzosen Geschmack, Deutsche beides. Wem es in einem Stuck an Geschmack fehlt, wird schwerlich irgendwo Geschmack zeigen. Der Geschmack ist aristokratischer Staat. Geschmack ist das allgemeine Gefallen, Gefuhl ist ein Privatgefallen. Geschmack ist das Geschick, die Fahigkeit zu wahlen, was jedem HERR v. G. Von wem aber? PASTOR. Die Pluralitat entscheidet, nicht aber die Pluralitat des Volks, sondern von Leuten, die Gelegenheit gehabt haben sich in der Welt umzusehen. Geschmackvolle Leute wissen zu treffen, was allgemein gefallt. Man hat indessen Geschmack bloss anderer wegen. Alles Schone sucht und liebt man fur die Gesellschaft, und man kann es sich kaum vorstellen, was man nicht der Gesellschaft alles zu Gefallen thut. Man wahlt ein schones Weib nicht seinetwegen; man nimmt sie, damit sie andern auch gefalle. Der Eifersuchtige macht hier keinen Einwand, sondern auch er wahlt nicht anders. HERR v. G. Sonderbar, aber wahr. Oben: h i h i h i h a h a h a ! Ein Gelachter in allen ganz und halben Tonen. PASTOR. Ein Garten gefallt in Gesellschaft; Wald, wenn wir allein sind. Ungesellige haben keinen Geschmack. Man sollte glauben, der Geschmack habe keine Regel, allein er hat seine Regeln. Man kann indessen nur durch Erfahrung darauf kommen. HERR v. G. Wenn man Freunde hat, sendet man nicht zuvor Kundschafter aus, um zu fragen, was jeder essen will; indessen musst es doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht eine Mahlzeit anrichten sollte, die jedem gefiele. PASTOR. Der nicht krank ist. HERR v. G. Fur den kochen die Aerzte. Der arme Schelm! PASTOR. Griechen und Romer sind Muster des Geschmacks, und werden es bleiben in Ewigkeit. HERR v. G. Da bitt' ich um Vergebung. HERR v. W. Und ich tausendmal wegen der deutschen Sprache. PASTOR. Wenn Sie ihr das Leben absprechen, gut! so kann auch die deutsche Sprache zu der Ehre kommen, welche der griechischen und lateinischen, eben weil es selige und vollendete Sprachen sind, zusteht. Solang eine Sprache lebt, wird diess Wort adelich, diess burgerlich, diess bauerisch, nachdem es die Mode will. Es geht mit den Worten, wie mit den Familien: diess kommt empor, jenes fallt. Heut' ist es am koniglichen Hofe, in der Epopee, willkommen, morgen findet man es schon bis im Schafergedicht unausstehlich. Gedankenwendung, Denkart, alles ist im agyptischen Diensthause der Mode. Gewinnsucht, Eigensinn in der Nation, kann Worte erhohen und erniedrigen. Alle Munzen in einer lebendigen Sprache sind der Reduction unterworfen und wenn dann die Tyrannei triumphirt, und Gotzengrauel die heiligen Statten schandet, wenn von den Tempeln des Geschmacks kein Stein auf dem andern ist, wenn Barbarei das Land deckt, sind H o m e r und P i n d a r , V i r g i l und Horaz HERR v. G. Wenn aber der Geist der Weltweisheit in einem Volke wohnt, welcher Tyrann kann da das Land verheeren? PASTOR. Philosophie ist Festung, ich gesteh' es, wo ist aber eine, die unuberwindlich ware? Die Wissenschaften, sie mogen bloss schon oder zugleich grundlich seyn (Kolorit, Geschmack, muss jedes Buch haben, wenn es nicht mathematisch ist), sind mit einander verwandt. Hatten denn die Alten kein Licht in der Weltweisheit? Wo bist du Sonne blieben, singt die christliche Kirche, und meine Frau mit ihr. Die schonen Kunste und Wissenschaften sind die Mobilien, die Pretiosen. Die Hande der Noth greifen sie zuerst an; allein am Ende verbreitet sich die Tyrannei uber alles durr ist das Land, das Volk in Ketten, der Priester des Wutherichs Gevatter bis ein H e e r f u h r e r in der Nation hervorragt, F e u e r sieht, und nach den Schatzen der Alten grabt dann kommen auch tabulae naufragae der Natur zum Vorschein. HERR v. G. Der Himmel wende diese Gefangenschaft von Deutschland und seinen Granzen ab, und wenn Deutschland ja Ziegel streichen muss, und ihre Knaben in der Geburt erstickt werden, schenk' er ihnen M o s e n , und fuhr' sie zuruck nach K a n a a n ! HERR v. W. Ohne durch eine Wuste zu gehen. PASTOR. Noch ist Deutschland im Werden. E i n s c h o n e s G e w a c h s ! wird man bald sagen. Noch ist es weit vom Luxus, der wie das eigene Fleisch und Blut der argste Feind ist, ein innerlicher Fresser, ein Burgerkrieger. Solang es einfaltig ist, schlecht und recht, wie die Natur einhergeht, wer kann es verwusten? HERR v. G. Deutschland fing mit Blitz, Donner und Hagel an, und das war (so finster es rings umher aussah, wie kann es anders bei Donner, Hagel und Wolken?) ein deutscher Anfang. Die a s i a t i s c h e B a n i s e , meiner Frau Leibroman, ist HERR v. W. Blitz, Donner, Hagel reinigt die Luft, und alles gedeiht wohl. HERR v. G. Ich weide mich an der Vorstellung, dass Deutschland, das so vortrefflich zu bluhen anfangt, auch Frucht' ansetzen werde zum ewigen Leben. PASTOR. Wir sehen den Mai, so manches Erste, so manches Neue vom Jahr. HERR v. G. D e u t s c h l a n d wie ein Feuerwerk brannt' es ab, D e u t s c h l a n d ! PASTOR. In deutschem Wein.
Wer franzosischen Wein hatte, liess sich zu
Deutschlands Ehre deutschen geben.
HERR v. G. Wird euch auch so deutsch ums Herz als mir? Wir tranken noch einmal: D e u t s c h l a n d ! und zum drittenmal: D e u t s c h l a n d ! Wir feiern, fing Herr v. W. an, als ob er den Faden gefunden hatte, den Herr v. G. und mein Vater verloren, wir feiern das selige Andenken unserer in Gott ruhenden Vorvater, die, wenn gleich sie ein Glas uber Durst tranken, diess und noch mehr in Ehren thaten, und Wein und ein Kuss in Ehren, soll niemand wehren. HERR v. G. Sie gaben Gott was Gottes, dem Kaiser was des Kaisers, dem Freunde was des Freundes, ihren Weibern was der Weiber war. PASTOR. Sie waren tapfer, ohne durch ein Aushangeschild ihren Muth zu verkundigen. Frisches, unvergiftetes Blut rothete ihre Wangen, sie liebten ihre Weiber wie Menschen, ihre Freunde wie Engel, wie starke Geister. Sie waren beglaubt ohne Schwur. Wollte Gott, dass ihre Kinder eine solche Denkungsart nie unter das alte Eisen legen mochten! HERR v. G. Wir feiern die selige Zukunft, da sich die Wissenschaften zu diesen deutschen Eigenschaften wie Weib zum Manne gesellen, und nichts soll dieses Paar scheiden! Jeder, der in Curland deutsch spricht, empfinde, dass er ein deutscher Nachbar, ein Mitdeutscher sey!
Mein Vater schien einwenden zu wollen; allein es
blieb beim Schein.
Dieser Gedanke sey der verborgene Hebel, der uns in Bewegung setze, deutsch zu seyn! HERR v. W. Damit wir uns dem Genie einer Sprache bequemen, die zur Bescheidenheit und zur Hoflichkeit, zum Unterschiede zwischen Herr und Knecht geboren ist. So rauh auch unsere Vorfahren waren, so rauh ihre Sprache auf uns gebracht worden, die noch bis diesen Augenblick nicht uber alle Botmassigkeit des Vorwurfs erhaben ist; so sehr unterscheidet sie sich von allen Sprachen, wegen des in ihr liegenden Originalstoffs zur Hoflichkeit. Was schadet ein harter Ton, wenn die Kraft der Sprache ihn widerlegt? Hier entstand Krieg und Kriegsgeschrei. Endlich hatt' alle Fehd' ein Ende. Ein Friedensartikel war, dass Herr v. W. diesen Tag, als F e s t d e r D e u t s c h e n , auf Kindeskind bringen wurde. Omne trinum perfectum perorirte Herr Hermann, dem es mit diesem lateinischen Brocken besser ging, als mit dem T e m p e l d e r D i a n a . Fest der Deutschen, fuhr Hermann fort, mutterlicher Geburtstag (die Mutter des Herrn v. W. hatte an diesem Tage das Licht der Welt erblickt), vorlaufiger Verlobungstag. Man dachte auf feierliche Einweihung dieses Festes, und es ward ein S c h a u e r gebracht, welchen der Herr v. G. zu leeren anfing und den er die Runde gehen liess. Herr v. W. war ausser sich wegen dieser feierlichen Anstalten. Ich hatte dieses wissen sollen, sagte er. An ihn kam der Schauer zuletzt. Sein Dank war ruhrend. Der gute Mann jammerte mich, und, wie ich hoffe, wird er alle meine Leser jammern. Er liess eine Thrane in den Wein fallen, die er lange gesammelt hatte. "Diese heilige Thrane," fing er an, "A l l e r s e i t s Hochwohlgeborne, Wohlehrwurdiger und Hoch-Edler, Hoch- und Werthgeschatzte Herren und F r e u n d e , diese heilige Thrane," mehr erlaubte ihm die Wehmuth nicht. Da man einsah, dass Herr v. W. kein Wort mehr in seiner Gewalt hatte, fing mein Vater an: PASTOR. Wer allein trinkt, schamt sich. Wer in Gesellschaft trinkt, starkt sein Leben. Wir bringen uns durch den Trunk in Norden in ein besseres warmeres Klima. Wir sind im Geist in dem Lande, wo der Wein gewachsen ist, den wir trinken; Branntwein macht heimlich, Bier schwer, Wein gesellig. HERR v. G. Im Weine ist Wahrheit. PASTOR. Das Temperament nicht, aber die Gesinnung kann man durch den Trunk beim Menschen erkennen allein auch das Essen verandert den Menschen, und offnet verborgene Kammern. Leute, die sich im Trinken vor Spionen huten, sind nur auf einer Seite gedeckt. Ist der Mensch trunken, so ist er schwach, und das ist Gluck fur ihn, sonst wurde er seinen Phantasien nachlaufen und Schaden nehmen; so wie ein Nachtwandler, wenn er die Augen brauchen konnte. Der Wein lost die Zunge bei Leuten, die in sich gekehrt sind. Schwatzern, die einen witzigen Einfall zu verbeissen fur Kindermord halten, und ihre Schwangerschaft nicht verheimlichen, sondern lachen, ehe sie noch entbunden sind, Schwatzern stopft der Wein den Mund. Es ist diese Wirkung eine besondere Sache; indessen bestatigt sie die Erfahrung. Jeder kluge Mann spricht, wenn er ein Glas getrunken, und jeder Narr verstummt, und wenn er ja zu sprechen sich erkuhnt, ist es so etwas Unausstehliches, dass niemand lacht, als er selbst. Anderer Art Narren, die sich nur dadurch von ihm unterscheiden, dass sie nicht lustige Rollen spielen, sondern stillnarrisch sind, selbst die achten sich zu gut, Theil an ihren beredten Landsleuten zu nehmen. So unterschieden, wie Bauern und Astronomen den bestirnten Himmel ansehen, so unterschieden ist hier die Wirkung des Weins. Das Wort zu seiner Zeit!
Sie tranken alle.
PASTOR. Leute, die eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die im Staat bezeichnet sind, konnen sich nicht betrinken, ohne sich verachtlich zu machen wie zum Exempel Pastores und Juden. Alles lauft ihnen nach. Man sieht den Noa, wenn man einen trunkenen Pastor und Juden sieht. In England, wo ein Prediger kein Erzvater ist, wurde es weniger anstossig seyn, einen kopfhangenden Pastor in betrunkenem Muthe zu sehen. HERR v. G. Ein Schwarmer ist ein Seelentrunkener. Wenn ich schon nuchtern unter Trunkenen seyn soll, will ich lieber unter Leibes- als Seelentrunkenen seyn. Betrunkene verstehen sich unter einander; so auch Schwarmer. PASTOR. Durch den Korper haben wir Anschauung. Wer mit der Seele sieht, ist ein Schwarmer, ein Geisterseher. Ein Enthusiast ist ein edler Phantast. Ein Phantast glaubt etwas zu empfinden, was er sich einbildet. Insofern sein Ideal sein Maximum, das er sich ohne Sinnen aus sich selbst denkt, einen ruhmwurdigen Gegenstand trifft, ist's Enthusiasmus. Ueber Schwarmerei und Seherei muss man reden, wenn man, wie wir, ein paar Gesundheiten getrunken hat. HERR v. G. Lieber Pastor, ich habe mir unter einem Schwarmer einen Menschen vorgestellt, der tanzen will, und nicht Takt halten kann. So wie die Biene um eine Blume herumsummt, und hie und da was herauszieht, so auch ein Schwarmer mit seinem Gegenstande. Nicht jeder Schwarmer kommt an einen Lindenbaum. Honig macht er gar nicht. PASTOR. Ein Schwarmer rechnet, ohne das Einmaleins der Seele zu wissen, er baut, ohne ein privilegirter Architekt zu seyn. Die Philosophen bedenken sich oft zu lange, ein Schwarmer oft zu kurz. Der Philosoph sieht nach der Uhr, der Schwarmer nach der Sonne. Der Schwarmer ist eher Feldherr, als ein Philosoph; oft zeigt der Schwarmer dem Philosophen kuhne Wege; der Philosoph pflastert sie, und dann geht sie jedermann. Der Tag gehort dem Philosophen, so wie die Nacht dem Schwarmer. HERR v. W. Das Gallakleid der Mannsperson, das Neglige der Dame. HERR v. G. Hab' ich Recht, Pastor, ein Hypochondrist ist ein Mensch, der sich selbst, wie ein Geiziger seinen Kasten, bewahrt der sein Leben lieb hat. PASTOR. Und es eben darum verliert. HERR v. G. Ich wurde, wenn der Mensch an der Seele krank ist, die Kur des Leibes, und wenn er am Leibe hinfallig ist, die Seelenkur vorschlagen. Diese sympathetischen Mittel sind nicht zu verachten. PASTOR. Wo aber die Aerzte? FRAU v. W. zur Frau v. G. Wollen Sie meiner Kleinen erlauben, den Salat anzurichten? FRAU v. G. Wenn ich meine Schwiegertochter nicht bemuhe?
Die Kleine schritt ohne Umstande zum Werke.
FRAU v. W. Das strengste Augenmass und Handegewicht, so ich kenne, Oel, Essig, Salz. Jeder Blick, jeder Griff trifft. Sie schneidet alles ohne Elle. Sie misst kein Band. HERR v. G. Wir wollen, um sie auf die Probe zu stellen, alle Augen auf sie richten, ich wette, sie argert sich, und gibt zu viel Essig.
Das Fraulein v. W. lachelte bei diesem examine
rigoroso, ohne aus der Fassung zu gleiten. Der
Salat erhielt allgemeinen Beifall. Der Braten ward
hinterher gegessen, w i e e r w i e s e n w a r . Bei
dieser Gelegenheit votirten wir ab (da dieses den
obigen Grundsatzen nicht entgegenstand), dass alle
Speisen und Getranke, die offentlich abgebrauen
und angerichtet wurden, durch Frauenzimmerhande
gehen mussten. Es ist, sagte.
HERR v. W. Feierlicher. HERR v. G. Es schmeckt besser. PASTOR. Die Natur ist eine Dame.
Das Fraulein v. W. mit dem vortrefflichen
Augenmass und Handgewicht bat, nachdem sie ihre
Salatpflicht, die sie vielleicht noch so lange
zuruckgehalten, mit dem Salze vollendet, Erlaubniss
von ihrer Mutter, frische Luft zu holen. Ihre Bitte
that sie sehr beredt mit dem rechten Auge. Sie
erhielt, was sie wollte; ich drang mich auf, sie zu
ihrer Aufseherin zu begleiten. Sie ging, wie aus
einer belagerten Stadt. Der jungere Herr v. G.
wurde mir diese Ehre der Begleitung gern ganz
abgetreten haben, wenn seine gnadige Mutter ihn
nicht zu seiner Brautigamspflicht aufgefordert hatte. Wir gingen und kamen, ohne eine Sylbe zu sagen.
Indem ich mich setzte.
HERMANN. Schon, sagte der Jude, nachdem er das Porcellan gesehen. Ich bitte, damit Sie sich nicht mehr als einmal argern, einen Tag anzusetzen, an dem alles auf einmal in Stucken gebrochen werde. HERR v. G. Ich kann den Herrn v. s mir vorstellen. Der witzige Jude hat indessen Unrecht. Selbst die Art, womit man dergleichen zerbrechliche Dinge behandelt, machen sie angenehm. Man denkt mehr daran, man geniesst sie also mehr. Pastor, Sie sprachen gestern wider die Gleichformigkeit bei Trinkund Essgeschirren? PASTOR. Jedes meiner Huhner ist von anderer Art. Jede Tasse sollte eine andere Malerei auszeichnen. So wie Tapeten zu einem Zimmer voll Schildereien, so mein Vorschlag zu einem Service. Beim Service liegt eine gewisse Idee vom Geiz, der sich aber auch hier wie allemal im Wege ist, denn wenn ein Stuck aus dem Service zerbricht, hat das Ganze keinen Werth mehr. HERR v. G. Was auf blossen Nutzen ausgeht, muss gleichformig seyn. Die Franzosen zeichnen alle nach einem Muster; die Englander auch. Alles ist Service bei ihnen, ihre Werke sind Tapeten. In Deutschland, wie verschieden ist Klima und Regierungsform. Sie konnen werden, Pastor, wie Ihre Huhner. Sie konnen Schildereien aufstellen. HERR v. W. Die Gesundheit unserer lieben Frauen HERR v. G. In was fur Wein befehlen Sie, meine Gnadigen? FRAU v. W. Ich denk' in Rhein FRAU v. G. Ich in Champagner. Die ubrigen Damen: in Champagner! die Frau v. W. musste beitreten.
Es ward Champagner gebracht, und ein anderer
Pokal klar wie Krystall. Mein Vater hatte (ich
erganze mein Protokoll) bei dem ersten Pokal die
Bemerkung gemacht, dass nichts unstimmiger,
unrichtiger ware, als geschliffenes Glas zum
Auge eben so, wie fur Nase und Mund.
Man trank das Wohl aller e h r l i c h e n W e i ber. Herr v. W. hatte das Weiber gern zierlicher gegeben, und es in D a m e n verwandelt, wenn er nicht besorgt hatte, wegen Diebshehlerei vom Herrn v. G. in Anspruch genommen zu werden, der ihn sich wegen des F e s t e s d e r D e u t s c h e n bis zur Thrane verpflichtet hatte. Auch das Beiwort e h r l i c h war dem Herrn v. W. anstossig; indessen rugte er auch diesen Verstoss nicht, des F e s t e s d e r D e u t s c h e n wegen. Herr v. G. leerte noch einen Pokal voll Rheinwein auf die Gesundheit der F r a u v . W . rein aus, und ich buckte mich tief, als ob ich daran Theil nahme. HERR v. W. blieb diese Hoflichkeit nicht schuldig, sondern erwiederte sie, mit allen Zeichen der Dankbarkeit, durch ein geruttelt, geschuttelt und uberflussig Mass Champagner, den er nicht wie Herr v. G. eingoss; sondern einsprudelte. HERR v. G. Warum Wind, Herr Bruder? HERR v. W. war dieser Frage wegen in Verlegenheit, antwortete keine Sylbe, sondern bewies durch eine N a g e l p r o b e , dass er den Pokal geizig, bis auf den letzten Tropfen, geleert halte. aus, welches aber gleichfalls, durch die vortrefflichen Anstalten, sogleich in der Geburt erstickt ward, und da die Herren v. X., Y., Z., die ausser curischen Staatsangelegenheiten nichts mehr als hochstens von Pfeifenkopfen und Hunden zu sprechen wussten, sehr viele lange Weile gehabt, so fing Herr v. G., um die Herren v. X., Y., Z. zu entschadigen, an, ein Kappfenster bei der gepressten Luft, welche diese Leute umzingelt hatte, zu offnen. HERR v. G. Es ist wohl kein Land in Europa, wo die Hunde so viel geachtet werden, als in Curland und Semgallen. Die drei Herren fielen mit Hundeshunger dieser Unterredung zu. Die Transplantation des Gesprachs war, wie in der Heilungskunst, magnetisch, magisch ich musst' indessen eine Unwahrheit begehen, wenn ich behaupten sollte, dass ich bei dem Jagd- und Waldgeschrei der Hochwohlgebornen Jager v. X., v. Y., v. Z. alles in Dach und Fach hatte bringen, und mir h i n t e r d a s O h r schreiben konnen. Ihr Gesprach war ein Gesammtkauf, nicht eine Klapper, sondern eine Geschreijagd. Einer schoss dem andern das Wort von dem Munde. Mein Vater pflegte zu sagen: "Ein gewisser Stand in Curland am Pfropfenzieher, ein gewisser anderer am meerschaumenen Pfeifenkopf." Ich wurde, war' ich so ein Antagonist wider Curland wie er gewesen, die Hunde nicht ubergangen haben. Die Herren von X.Y.Z. begnugten sich nicht mit ihren sehr gesunden Jagdkehlen. Wahrend der Zeit, dass Herr v. G ihnen so liebreich entgegen gekommen, hatt' einer von ihnen einen Ueberfall veranlasst. Es liessen sich zwei Waldhornisten, zum hochsten Verdruss des Herrn v. W , der nur Kammermusik liebte, horen. Herr H e r m a n n trug die Schleppe dieser Meinung nach, und rumpfte, wiewohl, da er nicht einmal die Hunde der Herren von X.Y.Z. zu duzen sich unterfangen hatte, wenn er mit diesen Hunden conversiren sollen nur unter der Serviette die Nase. Mein Reisegefahrte war begeistert, und konnte nicht sitzen bleiben. Die Herren v. X.Y.Z., die den Hunden, nach Landesmanier, gleich nach dem Literatenstande den Rang anwiesen, behaupteten in corpore, dass der Hund wegen seiner Treue ein weltberuhmtes Thier sey. PASTOR. Auch wegen seiner Gierigkeit, seines Neides, und seiner Nicken. Vater- und Kindermordern ward er beigepackt.
CAVE CAVE CANEM.
X.Y.Z. Der Hund bewacht' im Kasten Noa die ganze Welt. HERR v. G. Ei, der Archenhahn und die Gans, von welcher in gerader Linie die aus dem Capitolio abstammte. Bei dem Capitolio brauchten die Herren v. X.Y.Z. eine Fahre zum Ueberfahren. X.Y.Z. Hunde sind die Auxiliartruppen vom Menschen, durch deren Allianz er die meisten Thiere zwingt, die nach dem Fall Adam seinen Commandostab verkennen. HERR v. G. Warum sind sie aber wider ihres Gleichen? X.Y.Z. Was ist treuer als ein Kettenhund? HERR v. G. Eine Treue an der Kette ist auf zweierlei Art verdachtig. X.Y.Z. Was ist fleissiger, als ein Spurhund, behender als ein Windhund? Diess ward von allen zugegeben. Der jungere Herr von G schlug an seine Brust und betheuerte. Herr v. G der altere war selbst ein grosser Freund, nur kein Sklave von der Jagd, und ich merkte zum erstenmale an meinem Vater, warum er sich lieber des meerschaumenen Pfeifenkopfs und des Pfropfziehers als der Hunde bedient, um gewisse Stande in Curland zu bezeichnen. Mein Vater hielt die Hunde fur wohlhergebrachte adeliche Thiere. Die Herren v. X.Y.Z. waren mit den erschrienen Trophaen befriedigt, ihre gnadigen Frauen aber hatten noch eine Frage: "Was ist schmeichelhafter als ein Schooss-, ein Zimmerhundchen?" FRAU v. W. Wer wird sich schmeicheln lassen? Wer sich verwohnen? Wir haben Engel bei uns. Wer wird Thiere in ihre Gesellschaft bitten solang ich noch Menschen zu Freunden haben kann, warum zu Thieren? Warum soll ich nicht eher des Hirts L i e s e , die Gottes und mein Bild an sich tragt, erziehen, als den F r i p o n ? Sie sagte dieses nicht im Lehrton, wie ich's herschreibe, sondern allerliebst! sie trieb auch zur Freude ihres Mannes die gnadigen Damen X.Y.Z. in die Enge; die Frau v. G wollte die Frau v. W ins Weite bringen, und nahm sich ihrer verstummten Gesellschaft an, mit der sie in Absicht dieses Punktes gleich dachte, uber die sie sonst aber (sie hatt' einen G zum Gemahl) unendlich erhaben war. Wir, beschloss die grundgutige Frau v. W , wir konnen schon in dieser Welt Engel werden, das Thierische ganz ablegen und auferstehen. Dieses brachte meinen Vater geraden Weges auf die Seelen der Thiere, auf die himmlischen Sternbilder dieses Namens, und auf das Schicksal der T h i e r e i n d e r a n d e r n W e l t . Die Frau v. W fand nichts dabei einzuwenden, die andern Damen aber, so sehr sie auch ihre J o l i c h e n s liebten, desto mehr. Sie lebten mit der Idee in Todfeindschaft, dass sie dort mit Kammerzofen in
Einem Paar gehen, und in Gemeinschaft der Guter
leben sollten, und dachten in ihrem Innersten: Stan
de mussten seyn. Jetzt, da sie die Pforten der an
dern Welt sogar den Thieren geoffnet sahen, die
ungefahr das dort vorstellen sollten, w a s h i e r
d e r g e m e i n e M a n n ; so waren sie uber diese
himmlische Toleranz so bitterbose, dass sie die an
dere Welt fur ein Linsengericht verkauft hatten.
Diese Unterredung wurde Schatten zu Herzenssil
houetten von diesen Damen abgeworfen haben; al
lein Herr v. W hatte schon geraume Zeit darauf
gedacht, einen Tag, eine Mahlzeit, die allein
annum siderum platonicum verdiente, nicht so un
angemessen zu schliessen. Dieser Tag war ihm
merkwurdiger als der achtzehnte April, an welchem
Alexander und Diogenes gestorben waren; die Her
ren v. X.Y.Z. schienen ihm wieder in Schlachtord
nung, und sie waren es wirklich. Herr v. W fing
daher zur Zerstreuung von der Musik an, wozu ihm
die Waldhorner Gelegenheit zubliesen. Herr Her
mann fand sich hiebei getroffen, und wunschte
nichts mehr, als ein Spinet, damit die Meinung des
Herrn v. W bestatigt wurde, die darin bestand,
dass die Feldmusik bloss zu Krieg und Jagd zu ver
bannen ware. Mein Vater liess den Harfenschlager
Arion auf einem Meerschweine vorreiten. Die Her
ren v. X.Y.Z., gewohnt an die Jagdfolge oder das
Recht, ein bereits angeschossenes Thier, welches auf eines andern Grund und Boden entflieht, zu verfolgen und zu erlegen, waren eben bereit, die Waldhorner, um sie zu vertheidigen, zu uberschreien. Von diesem Plan waren sie nicht abgegangen, wenn selbst das erwunschte Spinet, wie lupus in fabula geheult hatte; allein das M e e r s c h w e i n und A r i o n kamen ihnen so unerwartet, als ein Wild oder Hirschkalb. Sie waren, ausserdem dass sie jagdgerechte Weidmanner waren, auch gute Stallmeister, und wunderten sich hochlich uber diesen Ritt. Herr v. W machte von diesem Zeitpunkt Gebrauch, und befragte meinen Vater, was er uberhaupt von der Musik dachte? PASTOR. Ich bin fur die Musik der Seelen, so nenn' ich ie Poesie, fur die Harmonie der Spharen, die dem platonisch-philosophischen Ohre horbar ist. Was die andere Musik betrifft, so fallt mir oft dabei ein, wie Dionysius einen Musikus behandelte. Er versprach, ihn reichlich zu belohnen, und da er den Lohn abforderte, verwies er ihn aufs Gehor, um Null mit Null aufgehen zu lassen. Der Herr v. W fand diese Antwort fur einen D i o n y s i u s viel zu sein, und gewiss wurde er die Waldhornisten, so hoflich er ubrigens war, anders abgefertigt haben. Aus Angst und Noth Der naturliche Weg zum Wortspiel. kam Herr V. W aufs S p i e l , und freute sich herzlich, da er das Interesse bemerkte, das die Herren v. X.Y.Z. an diesem Worte nahmen. Der Herr v. G war uber die Lage des Herrn v. W schalkhaft still vergnugt. PASTOR. Ein jeder Kopf lernt schwer spielen; auch das leichteste Spiel macht ihm Muhe. HERR v. W. Woher kommt das? PASTOR. Es verdriesst ihn, dass er es nicht gleich mit einem Blick umzingelt, und eben dieser Verdruss zerstreut ihn. HERR v. G. Das Kartenspiel ist ein Krieg. Alle Leidenschaften ziehen zu Felde. Man hat uber die Moralitat des Spiels gestritten, allein oft aus sehr falschen Gesichtspunkten. Einem Mann, der von Zinsen lebt, ist das Spiel ein Amt, und so etwas von Amt ist nothig, um die nothige Portion Galle in den Magen zu sprengen. Herr v. W glaubte sein Spiel hierdurch gewonnen zu haben, allein die Sache wurde den Herren von X.Y.Z. nicht nach ihrem Sinn abgehandelt, und sie fingen auf gut weidmannisch den Hafen zu anatomiren an. Mein Reisegefahrte wusste so gut wie sie, was Balg, Loffel und Sprunge hiesse, und was es sagen wolle, der Hase druckt sich. Man handelte die Hohe-, Mittel- und Niederjagd ab. Ich argerte mich nicht wenig, dass Lerchen und Wachteln mit
Mardern und Heistern zur Niederjagd gehoren; al
lein der Herr v. W argerte sich noch weit mehr,
dass er aus dem Regen unter die Traufe gekommen
war. Alles war uber und uber. Herr v. W
musste also aus der Noth eine Tugend machen, und
bracht' eine Gesundheit auf die gluckliche Reise
des jungern Herrn v. G in Vorschlag. Ich hatte
die Ehre mit eingeschlossen zu werden, so wie un
sere beiden Vater. Diese Gesundheit wurde unter
dem Vorsitz des Herrn v. W geblasen und
zwar, nach des Herrn v. W. Anordnung, auf die
Art, als wenn Kanonen geloset wurden. Es war ein
jammerlicher Ton. Dem wohlmeinenden Herrn v.
W ging er durch die Seele. Er hatte noch etwas
wegen der Kuchen anzubringen. Das Resultat sei
ner Meinung war, dass gewisse Signaturen dabei
angebracht, und Trauer- und Freudenfeste darauf
bezeichnet werden konnten. Herr v. G wider
sprach. Frau v. G brachte das Wappen in Vor
schlag, welches sie in jeder Serviette gewebt hatte.
Die Waldhorner horten nicht auf, und der Herr v.
W bekam Seelenkrampfe, die ihm mein Vater,
wiewohl nur auf eine kurze Zeit, durch eine freund
schaftliche Theilnehmung linderte.
Der Name Waldhorn deutet schon an, sagte mein
Vater, dass diess Instrument im Walde zu Hause ist,
wo Dissonanzen so nicht zu bemerken sind. Das
war dem Herrn v. W Balsam; indessen griff der
vorige Schmerz wieder um sich, und Herr v. W
schien zu meinem Vater das Zutrauen zu verlieren,
da mein Vater wider alle Tafelmusik sich erklarte.
Es ist ein schlechtes Compliment, das der Wirth
sich selbst und seinen Gasten macht, erinnerte mein
Vater, wenn er das Gesprach an der Tafel durch
Musik unterbricht. Hr. v. G glaubte die Tafelmu
sik, wenn es eine Kammermusik, ware bei gewis
sen Festen nothig, und fand also nirgend Trost.
Das letzte. Mittel war, die Tafel aufzuheben. Herr
v. W griff so schwer dazu, als man zum Trepan
greift. Was war zu machen? Die Herren von
X.Y.Z. hatten, ohne die offentlichen Gesundheiten
abzuwarten, reichlich den Werth des Weins bewie
sen, und die Tafel musste (Herr v. W mochte wol
len oder nicht) aufgehoben werden.
Die letzte Gesundheit und Schluss der Tafel war
Luthers Gesundheit:
"Dass es uns wohlgeh' auf unsre alte Tage!" Der
Herr v. G wollte noch besonders des s e l i g e n
Dr. L u t h e r s G e s u n d h e i t in Rheinwein
trinken, es war aber schon alles auf den Beinen.
Herr v. W , dem Profit die Mahlzeit viel zu un
hoflich war, wollte ganz was besonders sagen; al
lein konnt' er vor den Waldhornern? Alles ging sei
nen eigenen Weg. Ich, zu meinem Vortheil, quar
tierte mich in ein klein Zimmerchen ein, wo ich den heutigen Tag in Kurz' und Einfalt wiederholen wollte. Dieser Umstand liess mich horen, was meine Leser lesen sollen. HERR v. G. Warum lasst ihr einen so guten Alten nicht geradezu? Bediente gehen ab. DER ALTE griff ein. Gnadiger Herr! Sie wollten ich aber wollte nicht. HERR v. G. Und warum? DER ALTE. Ich scham' mich es zu sagen, da ich Sie sehe. Es ging mir, wie dem ungerechten Haushalter ich schamte mich zu betteln. HERR v. G. Vater! waret Ihr mein leiblicher Vater, ich wurd' mich Eurer nicht schamen. Diess habt Ihr aber freilich nicht wissen konnen. Ich habe gute Freunde bei mir, seyd so gut, einer davon zu seyn. DER ALTE. Nein, Herr, wenn sie auch alle waren wie Sie, ich habe nicht Zeit. HERR v. G. Was habt Ihr denn zu thun? DER ALTE. Was wichtiges, Herr! z u s t e r b e n ich will es wohl alles sagen, wenn wir allein sind (ich hielt den Odem zuruck), ich habe nur hochstens acht Tage zu leben. HERR v. G. Wie wisst Ihr das? DER ALTE. Das weiss ich so ich kann es selbst nicht sagen weil ich es weiss, weil ich es fuhle, weil es gewiss ist und nun! Meine Tochter und ihr Mann haben mich zwei Jahr ernahrt. HERR v. G. Da haben sie ihre Pflicht gethan. DER ALTE. Ich hatte mir so viel Geld gesammelt, um niemand aufs Alter beschwerlich zu fallen. Wie ging's? Ich lehnte diess Gelb einem Cavalier; der ass und trank und war frohlich und guter Dinge, bis er nichts wiedergeben konnte. Verzeihen Sie, gnadiger Herr! Sie sind ein Cavalier, allein ich sage die Wahrheit. HERR v. G. Und ich hore sie so gern, betraf' es mich selbst, als Ihr sie nur sagen konnt. DER ALTE. Kluger war's gewesen, wenn ich mich zu Tode gearbeitet hatte. Da fiel ich einmal blass und bleich hin, und das hielt ich fur Gottes Wink, in dieser Welt zu schliessen. Gnadiger Herr, ich habe nicht die Arbeit gescheut; wie ich jung war, kurirt' ich mich mit Arbeit, ich habe nie andere Medicin gebraucht. Was einen in der Jugend starkt, schwacht im Alter ich konnte nicht, Herr, ich hatte schon ein halb Jahr bloss gebetet und gesungen, da ging mein Gelb verloren; ich versuchte meinen Arm, ich fing an zu wollen, ich wollt' im ganzen Ernst; allein ich konnt' nicht, ich konnt' nicht verzeihen Sie diese Thranen. Ich habe keine betrubtere Stunde als eben diese Probestunde gehabt, wo ich so schlecht bestand. HERR v. G. Da gingt Ihr zu Euren Kindern? DER ALTE. Ja, Herr, und sie kamen mir entgegen. Ich habe nur eine Tochter, ich fand aber an ihrem Mann einen Sohn. Was sie hatten, hatt' ich. Sie pflegten mich, obgleich ich ihnen keinen Dreier nachlassen konnte. Gott labe sie dafur an seinem himmlischen Freitisch auch aus Gnad' und Barmherzigkeit, wie sie's hier an mir gethan. HERR v. G. Und jetzt, Vater, sind sie gegen Euch kalter? DER ALTE. Nein, Herr, das nicht! aber sie sind arm geworden. Das Gewitter schlug ihr Hauschen zu Grunde. Sie hatten etwas zu meinem Begrabniss abgelegt ich bin so ein alter Geck auf ein ehrliches Begrabniss, und diesen Sterbepfennig, Herr, haben sie angegriffen darum geh' ich betteln. Wenn ich sterbe, sollen sie die unvermuthete Freude haben, mein Begrabniss bestellt zu finden. Sie hatten geborgt, Herr, um mir nach meinem Tode zu Gefallen zu leben, das weiss ich; allein das wollt' ich nicht. So bin ich, Herr, ein alter Mann, allein ein junger Bettler! HERR v. G. Wo wohnt Ihr denn? DER ALTE. Herr, Verzeihung! das sag' ich nicht, meinet- und meiner armen Lieben wegen! HERR v. G. Verzeihung, Alter, dass ich es gefragt habe; Gott zuchtige mich, wenn ich Euch nachsehe. DER ALTE. Das ist brav, gnadiger Herr! In acht Tagen sehen Sie gen Himmel, dann (Gott sey gedankt), dann ist meine Wohnung nicht mehr geheim. HERR v. G. Aber wo glauben Euch jetzt die Eurigen? DER ALTE. Ich sagt', ich hatt' ein Gelubde auf mir und musste nach Gottes Welt sehen; sie wissen, dass es mein letzter Gang ist. HERR v. G. Nehmet, Vater, Gott sey mit Euch! DER ALTE. Herr, so viel! Nein, Herr, so war es nicht gemeint. Ich brauche nur noch zwei Orte, das ubrige hab' ich nicht nothig. Im Himmel brauch' ich nichts. HERR v. G. Gebt's Euren Kindern. DER ALTE. Behute Gott, Herr! Meine Kinder konnen noch arbeiten sie selbst brauchen nichts. HERR v. G. Zum Haus, Alter! DER ALTE. Es steht schon. HERR v. G. Ihr macht mich roth, Vater! DER ALTE. Nun dann sind wir's beide. Ich bin es auch uber und uber, weil ich zwei Ort' angenommen. Sparen Sie, gnadiger Herr, das ubrige fur Leute, die langer fur Sie beten konnen als ich. HERR v. G. Ihr bewegt mich, Vater! DER ALTE. Ich hoff, ich hab' auch Gott bewegt, der lass' es Ihnen nicht missen! HERR v. G. Wollt' Ihr was essen? DER ALTE. Ich habe schon gegessen, Milch und Brod. HERR v. G. Aber mitnehmen? DER ALTE. Nein, Herr, ich will dem lieben Gott nicht ins Amt fallen. Alle Leute, die mich sahen, boten mir Essen an. Ich habe mir aber den Magen nicht verdorben. Es war' ein schlechter Dank beim lieben Gott, wenn ich jetzt mitnehmen sollte. Doch ein Glas Wein, ein einziges! HERR v. G. Mehr, Vater! DER ALTE. Nein, Herr, nur eins. Mehr trag' ich nicht. Sie sind es werth, dass ich zum letztenmal vom Gewachs des Weinstocks bei Ihnen trinke. Es soll der letzte Weintropfen seyn, den ich in der Welt nehme, sonst wurd' ich nicht gefordert haben. Nun kann ich im Himmel erzahlen, wo ich den letzten Labetrunk genossen. Lieber Gott, ein Glas kalt Wasser bleibt schon nicht unvergolten.
Der Herr v. G holte den Wein selbst, der a l t e
M a n n hob seine Hande gen Himmel, da er
allein war, und sprach.
Den letzten Wein! Das Nachtmahl hab' ich schon
vor acht Tagen genommen. Lieber Gott, erquicke
den Geber, wenn ihn kein Trunk mehr erquickt!
Der Herr v. G brachte Wein.
HERR v. G. Hier, Vater. Ich hab' mir auch ein Glas mitgebracht, wir mussen zusammen trinken! DER ALTE gen Himmel. Habe Dank, lieber Gott, fur alles Gute, fur diese Welt habe Dank! Er trank etwas. jetzt Zum Herrn v. G , sie stiessen zusammen. Gott schenke Ihnen ein sanftes Ende, wie ich's gewiss haben werde! HERR v. G. Vater, bleibt diese Nacht hier, ich bitt' Euch. Kein Mensch soll Euch sehen, wenn Ihr es so wollt. DER ALTE. Nein, Herr, ich kann nicht. Meine Zeit, Sie wissen, ist edel. HERR v. G. Gott, grosser Gott, womit kann ich Euch noch dienen? DER ALTE. Herr, ich wunscht' Ihretwegen, dass ich noch mehr brauchte. Sie sind ein guter Herr; allein ich hab' auf der Welt nichts mehr als noch einen Handschuh nothig. Ich hab' ihn verloren. HERR v. G. Gleich. DER ALTE allein. Zum letztenmal gelabt! dort wird es besser seyn! HERR v. G. bracht' ihm ein Paar Handschuhe. Hier, Alter! DER ALTE. Den einen brauch' ich nicht, nur einen hab' ich gefordert. HERR v. G. Warum den andern nicht auch? DER ALTE. Dieser Hand fehlt nichts. Es ist bloss die Linke, so die Luft nicht vertragen kann. Ich werd'
an Sie denken!
Er gab dem Herrn v. G die rechte blosse Hand.
HERR v. G. Und ich auch an Euch! O Alter! mir ist es schwer, mein Wort zu halten. DER ALTE. Desto besser, Herr, fur Sie, wenn Sie's halten. HERR v. G. Noch einmal Eure Hand, Alter. Es ist Angriff, es ist Segen Gottes drin. DER ALTE. Gott segne Sie! HERR v. G. Und helf' Euch!
Noch war ich dieses Gesprachs wegen in einer unaussprechlichen Bewegung, in einer schwermuthigen Wonne auf einem schonen baumreichen Kirchhofe, als Herr v. G der jungere mich im Namen meines Vaters aufsuchte. Ich flog, mein Vater reichte mir die Hand entgegen und ging mit auf unser Zimmer, stiess ein Fenster auf und fing an: "Ich dachte, Alexander, noch vierundzwanzig Stunden um dich zu seyn; mein Amt will mich. Der ist im Letzten."
Dieser arme Mann war ein Bekannter von uns. Das erst' und letztemal, da er eine Flinte losdruckte, oder vielmehr, da sie ohne sein Vorwissen und Mitwirkung in seiner unerfahrnen Hand losging, erschoss er seinen Sohn. Er wollte seiner Frau Bruder, der auf Vogelwild ausgegangen war, eine unerwartete Freude machen und ihm in Jageruniform entgegenkommen. Das Trauerspiel geschah in dieses Jagdverstandigen Hause und also nicht in unserem Kirchspiel, wo, wie meine Mutter zu sagen pflegte, die Erde keinen Tropfen unschuldig Blut (er ware denn von einem Barbier verspritzt) getrunken hatte. Knall und Fall! Die Gerichte sprachen ihn frei, allein er sich selbst nicht. Er hat sich nie in der Welt ein Lachen bereitet. Sein Weib starb aus Gram, mehr uber den Gram ihres Mannes, als uber den Verlust ihres einzigen Sohns. Dieser Ungluckliche war jetzt in Seelenangst. Ich soll meinen Gerg sehen, rief er mal uber mal. Er wollte, mein Vater sollt' ihm an die Hand gehen, wie er sich gegen seinen Sohn in der andern Welt fuhren sollte? Gott helf' ihm uber, sagte mein Vater. Es ist schwer, wenn ein Vater seinem Sohn im Himmel abzubitten hat.
Ich erzahlte meinem Vater den Vorgang zwischen dem Herrn v. G und dem Alten. Diese Vorfalle (ich will mir die Ehr' erweisen und unsere Trennung mit in diese Summe bringen) brachten meinen Vater, der sonst, wie meine Leser wissen, sehr beredt war, zu einer ruhrenden Kurze. Ich lag an seiner Brust. Ob es hier am rechten Ort steht, kummert mich nicht; allem ich habe nie meinem Vater die Hand gekusst. Kusse fur Weiber, pflegt' er zu sagen.
Hier, fing er an, eine versiegelte Schrift! Oeffne sie nicht eher, als wenn d u i n d e r g r o ss t e n N o t h b i s t . Ich wollt' ihn dieser versiegelten
Schrift wegen, die zur Aufschrift ` hatte, befragen, allein er fuhr fort:
Unser Herr und Meister sagte zu seinen Jungern: ich hab' euch noch viel zu sagen, aber ihr konnt es nicht tragen. Uns sind allen beiden die Thranen nahe. Der alte Mann mit dem einen Handschuh, der in acht Tagen sterben wird, und der Kreuztrager, der wegen des Grusses, womit er seinem Sohn im Himmel begegnen soll, verlegen ist (ich glaube, der Herr v. W wurd' es selbst seyn, wenn er in der Stelle dieses Armen ware) haben uns ausserst bewegt. Ein Abschied, der auf einen nassen Boden fallt, bringt keine Fruchte. Es ist arger als der steinige Acker, den der alte Herr in Musik gesetzt hat. Ueberhaupt redet kein Mensch ein kluges Wort, wenn er Thranen in den Augen hat. Sey ein guter Streiter, ein Alexander, kampfe recht, so wirst du die Lebensessenz, das ist die Krone des Lebens, hier und dort empfahen! Amen.
* * *
A m e n ! auch in Absicht des ersten Bandes. Ich hoffe die folgenden zwei, die Ich noch zu laufen hab', in kurzem zu vollenden. Ueber diesen o n t o l o g i s c h e n Theil hatt' ich noch auch von vielen meiner kritischen Leser, wie von meinem Vater und mir:
ihr konnet es nicht tragen!
Da jede Stadt, jeder Flecken zwei Thore hat, eines beim Eingang und eines beim Ausgang, so sey es mir erlaubt, denen, die in diesem Theile zu wenig Geschichte gehabt, schliesslich den Trost zu lassen, dass die folgenden Bande sie entschadigen werden. Wer Romane liest, sieht die Welt im optischen Kasten, ist in Venedig, Paris und London, je nachdem die Bilder vorgeschoben werden. Dieses sey ein Wort ans Herz fur die, welche meinen L e b e n s l a u f zu sehr als L e b e n s l a u f finden, wo die E i n h e i t d e r Z e i t und d e s O r t e s zu eng das Vergnugen verschrankt; denn wenn gleich meine Leser oft nur Thal, Berg und Gestrauch gesehen haben, so war es doch wenigstens nicht durchs Glas. Ein andermal von der gerechten Klage uber die verkehrte Welt, dass Geschichte in vielen Fallen Roman, und Roman Geschichte geworden.
Ich wiederhole, dass ich mich befugt glaube, auf ein forum privilegiatum Anspruch machen zu konnen, und nicht verbunden zu seyn, uberall Recht oder Unrecht nehmen zu mussen. D r u c k f e h l e r wolle der gerechte Richter (ich habe schon anderswo, eben da mir eine L e s e - und B u c h s t a b i r r e c e n s i o n uber ein gewisses Buch zu Gesichte kam, gesagt, wie weit ich vom Druckorte bin, und fuge diesem Umstande noch hinzu, dass ich sehr unleserlich schreibe) nicht rugen und der geneigte Leser selbst verbessern. Mein W e i b und K i n d bitten zu grussen.
Es mag ubrigens dieser Nachtrag, wenn er nicht als ein zierlicher Nachbericht gelten kann, als ein Codicill, als eine donatio mortis causa, als ein Avertissement auf Blaupapier oder eine N a c h r i c h t fur den B u c h b i n d e r angesehen werden.
Fussnoten
1 Nurnberg, gedruckt bei Wolfgang Endter 1650. 2 Leipzig, 1632.
Zweiter Theil.
Die Konigin ist weg; das Spiel ist verloren, sagte Herr v. G., da von der Abreise meines Vaters geredet ward.
Ich wurde diesen Umstand meinem Vater nicht nachleichreden, wenn ich mich nicht bei den Lesern des zweiten Theiles entschuldigen musste, warum ich aus der Noth eine Tugend gemacht und mich in den festen Ort der Erzahlung geworfen.
Freilich ist man hiebei vor den leichten Truppen der Kritik sicherer; was aber meine kunstrichterlichen Leser dazu sagen werden, die entweder bei der schweren Cavallerie in Diensten stehen oder bloss aus Lust und Liebe lesen und gar nicht in gelehrten Kriegsdiensten sind, muss die Zeit lehren. Aug' und Ohr haben zwar viel Aehnlichkeit mit einander, allein alle Welt spricht von schonen Augen; ein verzartelter Kenner aber nur vom schonen Ohr. Das Gesicht ist unstreitig der edelste Sinn, ohne ihn ist kein anderer Sinn vollstandig. Auch selbst wenn ich im gemeinen Leben erzahlen hore, sehe ich ich sehe den Erzahler steif an, recht, als schien ich es zu bedauern, dass ich diese Geschichte nicht im Original gesehen; ich verlange, der Erzahler soll sie nachhandeln; soll, was und wie es geschehen, leibhaftig zeigen. Je mehr ein Erzahler zu sehen ist, je mehr freue ich mich, je mehr finde ich die Kopie getroffen. Oft habe ich gedacht, dass es eine Geschichte geben konne (ob einen Roman, weiss ich nicht), wo man nicht hore, sondern sehe, durch und durch sehe, wo nicht Erzahlung, sondern Handlung ware, wo man alles, oder wenigstens mehr sehe, als hore. Man sieht freilich den Erzahler im gemeinen Leben, allein die Wahrheit zu sagen, man hort ihn mehr, und es wurde Affektation seyn, wenn er mehr zu sehen, als zu horen ware. Ein Erzahler, wenn er im Druck erscheint, wie wenig ist er zu sehen! wie weit weniger, als im gemeinen Leben! Dergleichen G e s c h i c h t e , wo, wie meine Mutter sagen wurde, g e w a n d e l t und g e h a n d e l t wird, will man sie eine r e d e n d e , eine Geschichte mit eigenen Worten n e n n e n , meinethalben! Dass eine Geschichte d u r c h w e g i n G e s p r a c h e n , eine in F r a g e n und A n t w o r t e n ein ganz ander Ding sey, versteht sich. Waren in einer redenden Geschichte auch nur ausgerissene Lebensblatter, wie leicht wurden sie zusammenzusetzen seyn. Man wurde dem Leser noch obenein eben hiedurch unvermerkt Gelegenheit zu mehrerer Anstrengung geben, und ihn zum Mitarbeiter an seinem Werke machen. Dass ich es bei dieser Geschichte zu diesem Ziel nicht angelegt, bescheide ich mich von selbst, und ich bin schon zufrieden, wenn mein Lebenslauf nur hie und da Darstellung enthalt, und wenn sich in dem Schlusse des Zwar waren auch ohne meinen Vater noch treffliche Herr v. G. hatte, um auf dem Brette zu bleiben, den Wer den Springer vorstellte, wissen wir alle. Vielleicht finden meine Leser noch mehr aus dem e r f e s t e s an.
Der L a u f e r , Herr H e r m a n n , bedeutete mehr, nachdem mein Vater weg war und Herr v. W. ihn deckte. Herr Hermann schien sich sogar, vielleicht in Rucksicht dieser Deckung, ein Direktorium uber mich anzumassen. Ich konnt' ihm hiezu keine Befugniss zugestehen; denn obgleich er mir zu B r u s t t u c h e r n ehemals Mass genommen, so glaub' ich doch, dieserhalb keine Pflicht zur Verehrung auf mir zu haben. Die Feierkleider waren ihm ohnedem nicht anvertraut worden. Von meiner Seite gehorte die Nachsicht auf Minchens Rechnung. Ihretwegen that ich, was ich that; indessen vergass ich nicht, dass sie selbst mich mit dem Herrn Hermann, a l s V a t e r , nicht b e s c h w e r e n w o l l t e . Herr v. G. war durch den Alten so geruhrt, dass er nicht ins Leben zuruckkehren konnte; er sah schon jetzt immer gen Himmel, obgleich noch nicht die acht Tage um waren, wo der Alte ein Zeugniss in perpetuam rei memoriam fur ihn im Himmel einzulegen versprochen. Die V i g i l i e n des Herrn v. W. kamen dem Herrn v. G. so zur rechten Zeit, dass er mit festlich ward. Die Frau v. W. und ihre kleine Tochter unterhielten sich von dem armen bedrangten Sterbenden, den mein Vater trosten sollte. Frau v. G. selbst hatte sich zu diesem Vorfall, obgleich der Sterbende nicht von Adel nicht einst ein Literatus, mithin nach Landesart ein Bauer war, hochadlich herunterzulassen geruht, und so war u n s e r e G e s e l l s c h a f t , des alten Mannes, der in acht Tagen sterben wird, und des unschuldigen Sohnesmorders wegen, in eine so heilige Schwermuth gesunken, dass Herr v. W., der den sanften und seligen Hintritt seines Aeltervaters zu feiern anfing, mit Herz und Sinn dieses Fest, und, wie mir's vorkam, fruher, als es sonst geschehen ware, begann.
Die Herren v. X.Y.Z. und ihre Gemahlinnen gehorten nicht zur heiligschwermuthigen Gesellschaft. Sie waren zwar verstummt; allein bloss weil die Waldhornisten verstummt waren, denen Herr v. W. das Maul gestopft hatte. Diese Herren schienen von curischer Politik, Wein und Waldhornern trunken, so dass sie sich weder in Rucksicht des Leibes, noch der Seele aufrecht halten konnten. Sie sassen nicht, sondern lagen auf ihren Stuhlen; jeder hatte sich zwei Stuhle zugeeignet, den dritten Stuhl rechne ich nicht, auf dem der rechte Arm ubergeschlagen lag, denn auf diesem dritten ungerechneten sass die eine Halfte des Nachbars. Die Herren X.Y.Z. waren also in einander gekettet. So schwach indessen diese gute Herren schienen, so hatten sie doch so viel Starke, Hand an ihre Pfeife zu legen und sich in Rauch zu hullen. Sie schmauchten wie aus einem Munde und hielten so genau Takt, als ihn Herr Hermann, wenn er ein Positiv schlug, oder meine Mutter, wenn sie ihrem Hause eine neue Melodie beibringen wollte, nur halten konnten. Aus dieser Lage zu urtheilen, waren die Herren v. X.Y.Z. so leicht nicht aus dem Schlaf zu bringen gewesen, es hatte denn an den Herzog Jacobus gedacht werden mussen, der den Uniten, welche sich mit der katholischen Religion vereinigt, als vertriebenen Exulanten russischer Nation, die freie Religionsubung zugestanden oder an den Titel W o h l g e b o r e n , welcher der Ritterschaft im Jahre unseres Herrn eintausend sechshundert und vier und achtzig bewilligt wurde, obgleich sie durchaus und durchall H o c h w o h l g e b o r e n heissen wollten oder an den Rangstreit mit der Geistlichkeit, woruber bitter gestritten worden oder an den Oberkammerherrn v. ** und dessen mannliche Descendenten oder an die katholische Religion in Curland.
Dergleichen Staatsanstosse wurden vielleicht (gewiss weiss ich's nicht) die Herren v. X.Y.Z. ermuntert und von dritthalb Stuhlen auf einen, oder gar auf die Beine gebracht haben.
Es war indessen niemand aus der heiligschwermuthigen Gesellschaft, der diesen Appell zu schlagen und den Versuch zu machen Lust hatte, ob die liegenden Herren hierdurch aufzuwiegeln waren? Dass sie nicht still geblieben, ist zuverlassig; ob sie aber aufgebrochen waren daran zweifle ich. Gibt's denn nicht A g e n t e n v o n H a u s a u s ?
Ein Wort der Ermunterung ware es auch gewesen, wenn man den Hunden ein Patent als Adjutanten des Menschen ausgefertigt;
oder einen meerschaumen Pfeifenkopfshandel aufgebracht hatte.
Die gnadigen Frauen v. X.Y.Z. sassen, die Hande um den Magen kreuzweise gelegt, als ob sie ihre Magen zur Verdauung einsegnen wollten. Sie sahen hierbei die Frau v. G. steif und fest an, als ob sie sich fur die empfangenen Gaben bedanken und sich, vor wie nach, ihrer Protektion empfehlen wollten. Der Frau v. G. Aushulfe bei Gelegenheit des Schoosshundchens war ihnen, und das mit Recht, im frischen Andenken.
Mein Reisegefahrte war nicht Fisch, nicht Fleisch. Er hatte mit mir Bruderschaft gemacht, und ich hatte Hoffnung, ihn zu erweichen und ihn zu einem gut gesinnten Kirchenpatron zu bekehren, der die Jagd andern Pflichten unterordnen muss; allein die Herren v, X.Y.Z., als jagdgerechte Jager, hatten ihn wieder ganz und gar wie es schon aus den Tischreden des vorigen Bandes zum Theil hervorstrahlt. Er war in Gedanken, Geberden, Worten und Werken, mit den Herren v. X.Y.Z. auf Wild ausgewandert; denn selbst in der tiefen Stille, die auf den Herren v. X.Y.Z. lag, hielten sie die Pfeifen als ein Mordgewehr, zielten und machten Puff, Paff! und wieder Puff, Paff! Mein Reisegefahrte hielt seine Pfeife, zielte wie sie und tonte Puff, Paff! wie sie, und wieder Puff, Paff! Er war in ihrer Wolke auf- und angenommen.
Doch muss ich (und das wird meinen Lesern eine erfreuliche Nachricht seyn, weil der jungere Herr v. G. ein Sohn des altern Herrn v. G. ist) pflichtschuldigst bemerken, dass er seinen kunftigen Pastor nicht vollig vergessen hatte. Wenn er seine Pfeife nachstopfte und aus dem Takte kam, brach sich sein Blick durch den Nebel zu mir, und da seine Pfeife gluhte und nicht sogleich wieder geladen werden konnte, kam er sogar zu mir, fasste mich bruderlich an und fragte: Warum so traurig? und warum nicht auch Puff und Paff mitgemacht? So was, fugte er hinzu, starkt das Auge, und wenn wir morgen auf die Jagd gehen, hast du schon eine vorlaufige Theorie, die du benutzen kannst. Ich versicherte, heut am wenigsten zum Puff, Paff Ansatz zu haben. Ich verdenke dir deinen Trubsinn nicht, fuhr er fort. Dein Vater
Scheiden heisst sterben, hatte ich zu ihm gesagt, da mein Vater abfuhr, und diess Wort zu seiner Zeit war so glucklich gewesen den Weg zu seinem Herzen zu finden, der so leicht nicht zu finden war. Seine Liebesgrenze ging nicht weiter, als bis Vater und Mutter, und zur Noth Schwester und Bruder. Weiter, glaub' ich, geht sie auch bei keinem Jager, Koch und Schlachter, welches Professionsverwandte, oder hochstens von einem und demselben Handwerk unterschieden sind, wie Frauens- und Mannsschneider. Ausser Vater und Mutter, und zur Noth Bruder und Schwester, schien dem Herrn v. G. dem Jungern alles Wild
Man ging den Abend zeitig zur Tafel, weil alles die Karten verbeten hatte. Zur Ehre der Herren v. X.Y.Z. muss ich noch anfuhren, dass sie nach ihrem Ausschlaf, um die edle Zeit auszukaufen, eine Stunde Wurfel gespielt.
Bei Tafel war alles auf den Ton des Herrn v. W. gestimmt, der mit schwarzer Weste, schwarzen Beinkleidern und einem Flor um den linken Arm, bei der Mahlzeit erschien. Man sprach viel von den Schicksalen der Menschen und von der Ungewissheit der Todesstunde. Herr v. W. erzahlte den Lebenslauf des Herrn v. W., seines Herrn Grossvaters, dem heute aufs neue parentirt ward. Herr v. G. sprach vom Tode, wie ein Gerechter, der in seinem Tode getrost ist. Die Vernunft, sagte er, ist ein Kissen, allein kein Kopfkissen. Die Einbildungskraft muss auch Beschaftigung haben, wenn's zum Scheiden geht. Wohl uns indessen, dass wir nicht wissen, wenn wir sterben; denn wir wurden dann nicht leben, nicht sterben beides ist gut. Doch, fuhr er fort, gibt es einige, die es wissen, die auf die Stunde ihrer Erlosung mit Gewissheit rechnen konnen. Nur heute hier schwieg er und stutzte sich traurig auf. Ich verstand ihn ganz. Seine Frau fragte ihn: Ist dir nicht wohl? mit einem Tone, der mich uberfuhrte, dass sie ihren Mann nach sich am meisten liebte; und warum sollte sie es nicht? er war ja von gutem Adel. Sehr wohl, erwiedert' er, mein Kind. Sie stand auf und kusst' ihn; er blieb mit aufgestemmtem Arm. Es ging alles still, wie bei einer Leichenwache zu, und dieses brachte die Herren v. X.Y.Z. zum Aufbruch. Schon lange hatten sie nach dem Monde gesehen und es ihm ubel genommen, dass er nicht eher aufgegangen war, denn es ward nicht getrunken wie des Mittags, nicht geschrien wie des Mittags, nicht geblasen wie des Mittags. Das hatte freilich der Mond bedenken sollen. Sie zogen unter einander auf die Wache, um keine Zeit zu versaumen. Der erste Strahl war ein allgemeiner Wink zum Abschiede. Sie empfahlen sich und fuhren mit ihren gnadigen Frauen, denen des Mittags die Zeit lang geworden war, weil v i e l , und des Abends, weil w e n i g gesprochen worden, heim. Die Waldhorner wurden auf eine kunstliche Art in Posthorner verwandelt, und man macht' einen solchen Larmen, als wenn dreissig blasende Postillons vorher ritten. Der Herr v. W., den diess unversehens uberfiel, brach ein Glas, das er eben in der Hand hatte, und begoss sich seine Trauerweste, die, wie er sagte, zum Gluck schwarz ware. So bricht unser Leben, sagt' er, um den Glasbruch geschickt bei dem gegenwartigen Fall anzuwenden.
Es war der Herr v. W. wie von neuem geboren, da die Herren X.Y.Z. fort waren, und so ging's auch dem Hermann, der zwar viel uber die Herren v. X.Y.Z. gedacht, allein wenig gesagt hatte. Mir war immer bange, die guten Herren wurden aus Freude, von den Waldhornern und ihren Anhangern befreit zu seyn, aus dem Trauerton des Festes kommen; indessen fiel es ihnen zeitig wieder ein, dass die heutige Freude in ihren Schranken bleiben musste. Der arme Hermann hatte wegen der Herren v. X.Y.Z. in ecclesia pressa gelebt. Was er, so lang sie da waren, thun konnte, war aufs Aug' eingeschrankt. Dieses, dem Herrn v. W. gewidmet, war oft Gelegenheitsmacher, oft Theilnehmer, nachdem Herr Hermann weniger oder mehr von den Herren v. X.Y.Z. und ihren Damen bemerkt werden konnte. Er wusst' aus vieljahriger Erfahrung, was der Adel in Curland zu bedeuten habe, und fuhlt' es auch noch in den Gliedern, dass er wegen einer Grabschrift drei Tage und drei Nachte wachen mussen. Er dacht' an alle Ehrenerklarungen und Maulschlage, die er zu ubernehmen nothgedrungen worden, und an seine eigene Grabschrift, die man noch lebend auf ihn gemacht:
Hier wacht der lebendig Todte.
Viele Leute pflegten dieser Grabschrift wegen mit Herrn Hermann ein Gespotte zu treiben und zu behaupten, dass er mit lebendigem Leibe spuke.
Ein Tag, wie der heutige, fing Herr v. G. an, nachdem er die Hande gefaltet und sie gen Himmel gebrochen hatte, ein Tag, wie der heutige, ist eines solchen Abends werth! Ich hab' diesen Tag gelebt, und wenn gleich viel vom Leben dieses Tages auf die Rechnung der zehnjahrigen Entfernung gehoret; ich setze zehn fur eins zwolf Tage konnte man im Jahre von dieser Art leben. Wer wollt' aber vergessen, dass der Tod aufs Leben folgt, fuhr Herr v. G. fort. Der Herr v. W. wusste nicht Worte zu finden, dem Herrn v. G. seine Erkenntlichkeit zu beweisen; denn er hielt dieses alles fur Folgen seiner schwarzen Weste und Beinkleider und des Flors um den linken Arm, obgleich die Weste begossen war. Gern hatt' er, in der ersten Hitze seiner Erkenntlichkeit, das Gartengesprach mit Herrn Hermann uber den Herrn v. G. offentlich widerrufen, allein dieses wurde sich nicht geschickt haben. Die Worte: "T r a g e t d i e G r o b e n , w e i l i h r h o f l i c h s e y d ," waren ihm unertraglich geworden, so erkenntlich war er, und diese Anlage zur Erkenntlichkeit werden sich meine Leser schon bei dem Feste der Deutschen angezeichnet haben.
Die Frau v. W. und die ubrigen schrieben die heilige Schwermuth des Herrn v. G. auf die Rechnung des Sterbenden, dem mein Vater in die andere Welt zu leuchten gegangen war.
Ich hatte den Hauptschlussel zu dem Herzen des Herrn v. G., den er bis dahin hinterhalten hatte. Jetzt erzahlt' er der Frau v. W., was mit ihm und dem alten Manne vorgefallen war, doch so, dass es alle horen konnten. Wem hatt' er diese Geschichte auch besser dediciren konnen, als der Frau v. W.? Der Herr v. G. sah es mir an, dass mir diese Geschichte nicht neu ware, und ich fand keine Ursache zuruckzuhalten, dass ich den alten Mann mit dem einen Handschuh selbst gehort hatte. Ich hatte mein Bekenntniss noch nicht vollendet, als Herr v. G. aufsprang, mir seine eingeweihte Hand reichte: Der Segen dieses Himmlischen, sagt' er, indem er nur die Hand druckte, wird auch auf dir ruhen, du Sohn deines Vaters! Nach mir gab er diese Hand der Frau v. W., ihrer Tochter und zuletzt seinem Sohne, der aber nicht wusste, was ihm geschah.
Der Herr v. W. hatte diesen Handschlag fur einen Mangel der seinen Lebensart gehalten, wenn der Herr v. G., der sich aber von selbst zu bescheiden wusste, auch ihm ihn angeboten hatte; indessen war Herr v. W. doch sehr bewegt uber diese Geschichte, und wer weiss, wenn dieser Himmlische ein Edelmann gewesen ware, ob er ihn nicht mit in sein Trauerfest eingeschaltet hatte. Jetzo konnt' er auf diese Ehre nicht Anspruch machen, und das um so weniger, da er nur einen Handschuh getragen.
Herr Hermann wollte bei dieser Gelegenheit dem Herrn v. G. mit Witz unter den Arm greifen, auf den Herr v. G. sich gestutzt hatte, und ihn durch einen Einfall trosten. Der elendeste Trost von allen, der jedem klugen Mann ekelt! Um zum witzigen Ziel zu kommen, musst' er einen langen unangenehmen Umweg machen. Endlich an Ort und Stelle. Er erzahlte, dass der Pastor in einen Amtmann uber die schlechte Zeit zur Ruhe gesprochen und ihn auf den Himmel gewiesen hatte. Der Amtmann aber in seiner Einfalt hatt' ihm zur Antwort gegeben: "Herr Pastor, wie man hort, soll es auch da nicht mehr seyn, wie zuvor."
Herr v. W. war gewohnt, alles, was er sprach, abzurunden, und dieses vermisst er zuweilen am Hermann, der, eh' man es sich versah, aus der Rolle kam. Wahrlich, er spielte zu viel Rollen. Ob nun gleich Hermann alles that, was er dem Herrn v. W. an den Augen ansehen konnte, und immer Colophonium (Geigenharz) in der Hand hielt, um den Bogen des Herrn v. W. zu starken, so war dem Herrn v. W., der aus Hoflichkeit erkenntlich zu seyn wohl verstand, jedoch dieser Gedanke vollig unpassend und ungeschliffen. Er schuttelte sein Haupt und verwies dem Herrn Hermann diese Geschichte, wiewohl aus Erkenntlichkeit bloss mit einem Winke, der sagen sollte: "Alles zu seiner Zeit." Herr v. G. aber sprang auf. Der Funke, fing er an, war nicht werth, dass Sie so oft darnach schlugen. Ich habe diese Geschichte, welche nach Ihrer Aussage dem Pastor in begegnet seyn soll, schon in meiner Jugend gehort. Der Herr v. W. nahm sich des Herrn Hermanns nicht an, weil Herr Hermann sich nicht in die Zeit geschickt hatte, und Herr v. G. behauptete, um den Witz desto geschwinder los zu werden, dass man sich nicht besser des Todes erinnern konne, als wenn man schlafen ginge. Heil dem, sagt' er, der so stirbt, als ein Bauer einschlaft, der gedroschen hat. Nach ausgestandener schwerer Arbeit in der Welt lasst sich's selig und ruhig sterben. In der letzten Stunde des Lebens sieht man schon den Unterschied zwischen r e i c h e r M a n n und a r m e r L a z a r u s .
Man wunschte sich eine gute Nacht. Hermann beurlaubte sich. Herr v. W. liess es bei dem Wunsch einer guten Nacht nicht bewenden, sondern wunschte noch ergiebiger, dass die ewige Vorsicht sowohl den Herrn v. G. als die gnadige Frau vor allen Trauerfallen bewahren und sie die hochsten Stufen des menschlichen Lebens hinauffuhren mochte. Herr Hermann nahm Gelegenheit, dem Herrn v. W. wegen des Ablebens seines Hochwohlgeboren Herrn Grossvaters zu condoliren. Ich buckte mich bloss, und da er dieses gleichmassig fur eine Condolenz ansah, wandt' er sich zu jedem von uns beiden, zu mir zuerst, und wunschte jedem was besonders, jedem aber eine lange Reihe glucklicher Jahre.
Der Herr v. G. nahm die Frau v. W. bei der Hand, um ihr das Schlafzimmer anzuweisen. Da die Frau v. G. durchaus sie auch begleiten wollte, gab ihr Herr v. W., nach vielen Complimenten und Bitten, zuruck zu bleiben, auch die Hand. Dem jungern Herrn v. G. ward das kleine Fraulein v. W. angewiesen. Mich musste der g e w e s e n e Hofmeister, den sein gewesener Untergebener nicht mehr fur voll ansah, wiewohl in das namliche Zimmer bringen, wo ich schon die vorige Nacht geschlafen hatte, und das ich also ohne diese Anweisung gefunden haben wurde. Hier sollt' auch der a l t e H e r r schlafen. Dieser letzte Umstand, obschon er von der Frau v. G. zu meiner Erniedrigung ausgekunstelt schien und mich einen Augenblick befremdete, war mir doch gleich nach diesem Augenblick willkommen. Ein betrubtes Herz liebt zartlicher, und wahre Liebe ist keine frohe Leidenschaft. Sie fangt mit Seufzern an, so wie wir mit Thranen geboren werden. Mine war mit Leib und Seele vor meinen Augen; es ist doch ihr Vater, dacht' ich, und reichte dem Herrn Hermann die Hand. So Hand in Hand kamen wir ins Schlafzimmer. Hier legte der alte Herr sein Protektionsansehen, womit er mich ohnehin nur nach der Abreise meines Vaters, und das sehr beilaufig, heimgesucht hatte, zugleich mit seiner Perucke ab und that ungemein vertraut mit mir. Um seine heutige Hofnarrenfuhrung zu entschuldigen, zog er auf den Adel los. Traget die Narren, sagte er, weil ihr klug seyd, und restituirte also diesen Spruch in integrum, nachdem er von ihm und dem Herrn v. W. in der Art war verdreht worden: T r a get die Groben, weil ihr hoflich s e y d . Ich weiss nicht, wie's mir anwandelte, dass ich dem alten Herrn bei den Worten: traget die Narren, weil ihr klug seyd, ins Wort fiel:
"Allein macht euch nicht selbst zum Narren."
Es that mir leid, sobald ich diesen Zusatz ausgesprochen hatte. Der alte Herr schien es zu empfinden und setzte seine Rechtfertigungen fort. Ein Literatus ist freilich, sagte er, ein halber Edelmann, indessen ist zwischen halb und ganz ein Unterschied. Man lasse ihnen das v o n , wenn sie uns nur den Verstand lassen. Da er herausging, sich eine Flasche Wein zu besorgen, um noch eine Pfeife, wie er sagte, in bona pice et pace zu rauchen, nahm ich das Testament meines Vaters heraus, welches ich die ganze Zeit uber verborgen in der Hand gehalten. Ich hatte beinahe diesen Abend nur mit einer Hand gegessen, denn ich konnte diess Testament in der Tasche keinen Augenblick allein lassen. Die Hand, mit der ich's hielt, war in einer solchen Transpiration, als wenn sie nicht zu den ubrigen Theilen des Korpers gehorte.
` , las ich, und las wieder:
` . Oeffne sie nicht eher, als wenn du in der grossten Noth bist. Und was ist die grosste Noth? dachte ich bei mir selbst. Ich fand, dass Geld in diesem letzten Willen lag, und da es sich nicht thun liess, meinen Kasten aufzuschliessen und diese donationem mortis causa zu den Denkzetteln meiner Mutter zu legen, die mir als eine donatio inter vivos vorkam, so deponirte ich diese Schrift vorderhand ins Bett unters Kopfkissen und dachte an meine Mutter und an den hochheiligen Abend vor der ersten Predigt bei diesem Interimsdeposito. Ich musste eilen, denn der alte Herr kam wieder und ein Bedienter hinterher, mit Wein und einem Teller voll Rauchtabak. Da ist Essen und Trinken, sagte der alte Herr und that dabei, als ob er etwas sehr Witziges gesagt hatte, welches ich aber nicht finden konnte. Bald darauf fing er an, sich zu beklagen, dass er einen guten Freund seines Hauses an mir verlore, und ich nahm Gelegenheit mich nach seinem Sohne zu erkundigen; vielleicht, dachte ich, fangt er von selbst von seiner Tochter an wenn er doch anfinge!
Ich sah es seinen Augenwimpern, seiner Nase und Stirn an, dass er sein ganzes Gesicht umstimmen musste, eh' er herauszubringen im Stande war, dass der Sohn eines Literatus ein Schneider geworden ware, obgleich mein Brusttuch, wie man es in Curland nennt, noch von der selbsteigenen gelehrten Hand des alten Herrn edirt war. Zwei, die ich im Kasten hatte, waren sogar durch ihn geflickt und verbessert und vermehrt zum andernmal a u f g e l e g t . Das ist dem Benjamin nicht, fuhr er fort, in seiner Wiege vorgesungen, und da er Darius war, hatt' er so gut Konig zu seyn die Ehre als ein anderer. Manchem kommen die gebratenen Tauben entgegen, ein anderer muss ihnen Netz und Strick legen und sie erst fangen und braten. Das Schneiderhandwerk, fuhr er nach einer Weile fort, da ich nicht nothig fand ihm auf den Wiegengesang und die Dariusehre zu antworten, das Schneiderhandwerk ist bei alle dem fur den Sohn eines Literatus noch das schicklichste. Gott der Herr setzte selbst, nach dem betrubten Sundenfall, dieses geschenkte Handwerk ein und verfertigte die ersten Kleider. Was zu thun? Er sitzt bei einem sehr geschickten Schneider auf Prima und wird kunftige Ostern Student, oder Geselle, wie es die Leute nennen. (Diese Worte waren ein Gemisch von Stolz und Satyre. Sie waren der alte Herr selbst. Wer ihn hier nicht findet, findet ihn nirgend.) Meine selige Frau sagte mir gleich nach uberstandenen Wochen, Benjamin wird e n t w e d e r Schneider o d e r Literatus, welches sie der Nothtaufe wegen vermeinte, die Benjamin empfing. Das, versicherte sie, hab' ich von alten Leuten: was die Nothtaufe empfangt, wird eines von beiden. Ich suchte sie auf den rechten Weg zu lenken und wollte durchaus nur vom Literatus horen und wissen, allein sie blieb bei ihrem e n t w e d e r und o d e r . Das Bein, welches sich, als er Darius war, zu seinem Vortheil wendete, und die rechte Hand, der er auch redlich nachgeholfen, bestarkten meine Hoffnung, und warum sollt' er nicht? Sein Vater ist ein Literatus, und meine selige Frau war auch von gutem Hause, wenigstens kann man ihren Vater ohne B e d e n k e n n e n n e n (das war niederschlagend Pulver fur mich, damit ich mich ja nicht uberheben mochte), und hier glaubte der alte Herr, dass jemand zu uns kame, und kehrte das Blatt bei der dritten Reihe von oben auf eine sehr komische Art um. "Das alte Weib, sagt' er, als ob er fortfuhre, hatte dem Organisten einen Streich gespielt, und er sang bei ihrer Trauung mit einem jungen Menschen, der sie des leidigen Geldes wegen heirathete:
Was Gott thut das ist wohlgethan!
Soll ich den Kelch gleich schmecken,
Der bitter ist nach meinem Wahn,
Lass ich mich doch nicht schrecken,
Weil doch zuletzt
(namlich wenn sie stirbt)
Ich werd' ergotzt
Mit sussem Trost im Herzen;
Da weichen alle Schmerzen."
Der alte Herr sah seinen Irrthum ein; der Jemand, von dem er befurchtete, dass er uns bei diesen Familienangelegenheiten uberfallen wurde, ging unsere Thur vorbei. Hermann nahm also sein u n d auf.
U n d , fuhr er fort (als wenn er das Blatt zuvor zu rechter Zeit umgekehrt hatte), was wollt' ich sagen? und meiner Frau E n t w e d e r , O d e r ist erfullet! Entweder Literatus oder Schneider. Was Gott thut, sagt' ich, das ist wohlgethan! Diese Worte brachten ihn auf Minchen, ich weiss nicht wie.
Minchen verdient einen Literatus, fuhr er fort. Sie verdient, sagt' ich, einen Literatus, der ihren Bruder nicht vernachlassigt, wenn gleich er ein Schneider ist. Diess beschamte den alten Herrn, der, sobald nur etwas unsere Thur vorbeirauschte, seinen Sohn versteckte, um sich als Literatus zu zeigen. Ich glaub', er war' eher gestorben, als dass er gestern Abend uber Tafel, da man sich ungefahr nach seinen Kindern erkundigte, bemerken sollen, dass Benjamin das Schneiderhandwerk ergriffen. "Eine Tochter und einen Sohn," antwortete er auf die Erkundigung nach seinen Kindern, und mehr keine Sylbe. Ich kann mir vorNadel und Zwirn, und Scheere und Schusterpfriem, und Leisten und Topferrad verborgen haben wird.
"Minchen," sagt' er, ohne auf meine Zurechthulfe zu achten, "ist ein Madchen, die der Familie keine Schande machen wird."
Er erzahlte mir ihre Vorzuge, die ich, gottlob! besser wusste, wie ein Mann, der seines Sohnes sich schamen konnte, bloss weil der Sohn ein Schneider war. Bei alle dem hort' ich ihr Lob mit Vergnugen. Da er aber auf ihre Kinderjahre kam, ward ich entzuckt. Ich fuhlte die Worte von ganzem Herzen: W a s G o t t thut, das ist wohlgethan!
Der alte Herr hiess mich wahrend dieser Erzahlung Herr Candidat und freute sich, dass auch ich ihn Herr Candidat nannte. Eine Hoflichkeit ist der andern werth. Je ofter ich Herr Candidat sagte, je mehr erzahlt' er mir von Minchen mit einer gewissen vaterlichen Wohlmeinung und desto ofter nannt' er auch mich wieder Herr Candidat. Er f i n g an, mir diesen Titel beizulegen.
Ein Paar lose Buben (ich erzahl' ein paar Geschichten von meiner Mine) hatten aus einem Finkenneste zwei Eierchen gestohlen und den Inhalt derselben herausgeblasen. Diess erzahlten diese Buben dem kleinen Minchen. Sie bildete sich ein sie hat eine starke Einbildungskraft dass das beraubte Paar ihr verlassenes Nest vom benachbarten Baume ansahe und sich ihr Leid einander klagte. Minchen klagte mit. Das liebe Madchen wusste, dass man der Henne die Eier nicht wegnimmt, dass sie solche als getreues Hausthier dem Menschen hinlegt. Sie bat ihre Mutter um zwei Eier, die ihr heute und gestern die Henne mit der schwarzen Mutze geschenkt hatte, und bat den Benjamin, ihr den Gefallen zu thun, die Wallfahrt auf den Birkenbaum zu ubernehmen und das verlassene, eiskalt gewordene Finkennest durch die zwei Huhnereier zu entschadigen. Dieser schlug es der Gefahr wegen aus, er war zu der Zeit noch link und lahm und bemerkte sehr weislich, dass die Huhnereier grosser waren, als die Finkeneier, die er selbst in den Handen der Buben gesehen. Minchen freute sich daruber, indem sie glaubte, den Schaden desto vollstandiger zu ersetzen. Gegen kleine, grosse! Sie bat ihren Bruder, und bat ihn wieder. Er aber blieb bei seinem Nein und seiner weisen Bemerkung. Endlich sah sie den Baum einigemal an, ubermass sich und ihn, und da sie ganz allein war, erstieg sie ihn und legte die beiden Eier in das verlassene Nest, in Hoffnung, es wurden sich die Eigenthumer wieder zu Hause finden. Die Vogel, die haufig auf den Aesten des Baumes sassen, den sie erstieg, wurden nicht im mindesten verscheucht. Sie sahen sie, ungefahr wie fromme Leute einen Engel sehen wurden. Den beiden Finken, die Minchen fur die bestohlenen Eltern hielt, sah und horte sie die Freud' und Dankbarkeit an. Voll Entzukkung uber diess alles hupfte Minchen von dem Baum und fiel auf die Erde, so dass sie sich nicht regen konnte. Einer von den bosen Buben sah sie liegen; allein es war ihm nicht viel anders, als ein ausgeblasenes Finkenei. Ihre Mutter, der man ihren wirklichen Tod angekundigt hatte, kam halb todt zu ihrer Tochter, die sich nach und nach erholte. Der ganze Fehler, meinte Minchen (wiewohl kindlich), lage darin, dass sie sich schon auf dem Baum gefreut hatte.
Ich hatte sie sollen auf diesem Bette der Ehren sehen, sagt' ich, da der alte Herr an diese Stelle kam. Sie ist eine geborne Konigin, setzt' ich hinzu.
D e r a l t e H e r r . Ein Literatus wird ihr schon zu Theil werden.
I c h . Benjamin that Unrecht, dass er sich entschuldigte.
D e r a l t e H e r r . Link und lahm.
I c h . Wer nur ein Bein hat, wagt nur ein Bein.
Aber, fuhr der alte Herr fort, ein Huhnerei
Bei Gott ist das einerlei, erwiedert' ich, nur bei den Finken nicht. Ich glaube, Herr Candidat, bei unsern meisten guten Handlungen ist ein Huhnerei, anstatt eines Finkeneies.
Lieben Leser! seht da Minchen! Ist's moglich, dass der alte Herr so was erzahlen und der alte Herr bleiben konnte?
Minchen ging an einem schonen Morgen ins Feld und begegnet' einem Jungen, mit beiden Handen in den Haaren und weinend bitterlich. Er hatt' einen Milchtopf zerbrochen und befurchtete, von seiner Mutter daruber geschlagen zu werden. Sey gutes Muths, sagte Minchen und nahm ihm die rechte Hand von den Haaren, die linke Hand gab sich von selbst. Er liess sich trosten. Je naher er aber zum Dorfe kam, je langsamer ging er, und da er das Haus sah, fing er von neuem an zu weinen und wollte durchaus wieder mit der rechten Hand in die Haare die linke nach. Die Mutter des Jungen kam ihnen entgegen, und ihr erstes Wort war der Topf. Minchen trat vor und sagte: Liebe Nachbarin, ich, ich bin den Topf schuldig! Seht, ich ging schnell zu, und da war der Topf hin. Meine Mutter hat heute die Wasche, und da wisst Ihr, kann man nicht sagen, dass ein Topf gebrochen ist. Wenn die Wasche vorbei ist, will ich Euch einen andern Topf bringen. Die Bauerin war gegen des alten Herrn Tochterchen so galant, dass sie keinen Topf verlangte. Minchen verbat dieses Geschenk. Der Junge indessen, sobald er merkte, dass die Mutter sich gefunden hatte, sprach Minchen los und eignete sich, der Wahrheit gemass, alle Schuld zu. Nehmt keinen Topf, Mutter, sie hat ihn nicht zerbrochen; ich sah, wie es alles so schon grun und gelb auf dem Felde war, und da fiel der Topf mir aus der Hand. Die Bauerin war so bewegt, dass sie Minen wie eine Heilige verehrte und an ihrer Hand zu Hause begleitete. Ich erkundigte mich nach dem Jungen und wurd' es gern gesehen haben, dass H e l m sich durch diese grosse That in seiner Jugend ausgezeichnet hatte; allein der Herr Candidat versicherte, dass dieser Edle im siebenten Jahre selig verstorben ware. Alle Welt, fugte der alte Herr hinzu, sagte: der Junge ist zu schad' fur diese Welt, und die Wahrheit zu sagen, ich wundre mich, dass Mine so gross geworden ist. Der liebe Gott weiss freilich, was gut ist, Herr Candidat, erwiedert' ich, und will gern so was im Himmel haben; indessen ist es auch auf der Erde zur Art nothig. Was wurde sonst am Ende aus uns werden?
Der alte Herr gefiel mir so sehr bei dieser Gelegenheit, dass ich ihn bei mir selbst wegen seiner heutigen Fuhrung und wegen vieler andern mir bewussten Umstande zu entschuldigen anfing. Wurde nicht Minchens Zeugniss selbst wider ihn das Wort genommen haben, ich hatt' ihn noch langer und mehr entschuldigt und vielleicht eben so oft Vater genannt, als ich ihn jetzo Herr Candidat zu seiner Seelenfreude nannte.
Es fiel mir zur rechten Zeit ein, dass man mit dem Vaternamen sehr behutsam seyn musse, da das ganze Christenthum darin besteht, dass Gott unser Vater ist.
Minchen (aus der Erzahlung des alten Herrn) nahm sich in ihrer Kindheit immer der schwachlichsten Pflanzen an. Sie begegnete ihnen wie armen Leuten. Sie begoss sie zuerst und streichelte, liebkoste und trostete sie. Wenn der Wind eins beschadigte, zog sie ihm das gebrochene Bein in Ordnung und heilte den Schaden. Ging ihr eins aus, war es ihr so, als wenn was Lebendiges gestorben ware. Gott hab' es selig, sagte sie, und begrub es in die Erde, die, wie sie sagte, unser aller Mutter ist.
Das ist die Weise aller guten Seelen, bemerkt' ich, und der Herr Candidat fuhrte bei dieser Gelegenheit an, dass mein Vater keinen Citronen- oder Pomeranzenkern in die Erde gesteckt. Ich halte diess, hatt' er zu ihm gesagt, fur eine Sunde in einem Lande, wie Curland, einen Citronenbaum zu Pflanzen. Aber die Blatter riechen schon und sind gut im Schnupftabak, sagt' ich zum Herrn Vater. Der Blatter wegen, erwiedert' er, muss man keinen Citronenbaum in die Welt setzen. Nichts halb, lieber Freund! und ein Blatt ist kaum ein Viertel. Ich sehe wohl ein, dass der Herr Candidat meinen Vater bei diesem Umstande sehr unrichtig berechnete; indessen sah ich keine Pflicht ab, ihn auf den rechten Weg zu lenken und hiedurch die edle Zeit zu verlieren. Wo ist eine Zeit, die edler ware, als die, wo ich von Minchens Kinderjahren erzahlen horte? Wer ein Madchen kennen will, frage nicht, wie es jetzt ist, da es J a sagen soll, sondern wie's als Kind war, wo noch an kein Ja gedacht werden konnte. Diess war freilich mein Fall nicht mit Minchen. Ich hatt' ihre Kinderjahre nicht zu diesem Belang in beweisender Form nothig; allein ich war entzuckt, meine Vorstellungen von den ersten Jahren ihres Lebens so genau getroffen zu finden; ich fand alles, wie ich's mir gedacht hatte.
Noch eins von Minchen unter so vielem. Ein Benachbarter von Adel hatt' einen kleinen judischen Knaben, der mit Pfeifenkopfen fur andere Juden herumging, in Fesseln legen lassen, weil er eben zu der Zeit, da dieser Judenknabe ihm Pfeifenkopfe angeboten, sein Federmesser nicht vorfinden konnte. Der Knabe ward gleich bis auf's Hemde ausgezogen; allein man entdeckte kein Federmesser, obgleich er noch keinen Tritt oder halben Schritt aus dem adelichen Hofe seit der Zeit gesetzt hatte, da das Messer vermisst war. Der Edelmann behielt zu Anfang wohlbedachtig alle Pfeifenkopfe. Da sich die zwei Eigenthumer zur rechtlichen Vindication angaben, macht' er ihnen viel Schwierigkeiten und setzt' auf das verlorne Messer einen unerhorten Lieblingswerth (Pretium affectionis). Es wurden die Vindicanten nichts dagegen ausgerichtet haben, wenn sich nicht zwei andere benachbarte Edelleute, die zu ihren Pistolen: m a c h t e u c h f e r t i g , sagten, dieser Juden und ihrer Pfeifenkopfe angenommen hatten. Der arme Junge blieb also der einzige Gegenstand der Grausamkeit, die durch diesen Vorgang noch mehr vergrossert ward. Der Ungluckliche sollte verbussen, dass sich die Juden als Vindicanten und die zwei Edelleute als Sekundanten gemeldet hatten. Man konnte nicht begreifen, was Herr v. ** mit diesem Arrest beabsichtigte; indessen schien er zu glauben, dass sich einer von den Israeliten melden und den armen Jungen losen wurde. Alles bedauerte den unglucklichen Knaben. Christ und Jude sprach von des Edelmanns Grausamkeit. Der Christ sagt' indessen: es ist ein Judenknabe, und der Jude: wer wird's mit dem vornehmen Christen anbinden? Die zwei Eigenthumer der Pfeifenkopfe, welche dem Unglucklichen die Commissionsguter anvertraut hatten, gingen auch wie der Priester und Levite vorbei und wunschten sich, so oft an die Grausamkeit des Edelmanns gedacht wurde, Gluck, dass sie ihre Pfeifenkopfe in Sicherheit hatten. Der grausame Edelmann, dem das Brod und Wasser mit der Zeit zu kostbar ward, welches er zu dem hohen Auslosungspreis treufleissig geschlagen hatte, setzte diesen Preis bis auf die Halfte herab. Allein niemand that einen Bot. Wegen der Pfeifenkopfe schlugen sich sogleich zwei Edelleute ins Mittel und bedrohten ihren Mitbruder, mit ihm Kugeln zu wechseln, oder ihm einen rothen Hahn auf's Haus zu setzen. Was ist aber ein Judenjunge gegen meerschaumene Pfeifenkopfe? Die Eigenthumer hatten sich, unter uns gesagt, mit diesen Renommisten abgefunden. Die hochwohlgebornen Schlager drohten nicht umsonst, sondern fur Geld und gute Worte.
Der arme Judenjunge! Zu den schonen Reden, womit man ihn bedauerte und sich uber die Grausamkeit des Edelmanns beklagte, kam nun noch der Umstand, den man hinzufugte: der Edelmann hatte den Preis des Federmessers und den des Brods und Wassers, womit der Knabe im Gefangnisse bekostigt worden, auf die Halfte herabgeschlagen hiebei blieb's. Es war um Weihnachten, da Minchen und ihr Bruder ihren bemittelten Verwandten mutterlicher Seits besuchten, um ein Christgeschenk, welches in allerlei Spielzeug bestand, abzuholen. Dieser Verwandte wohnte dem Tyrannen noch naher. Man weiss, wie gern Kinder, und besonders, wie gern Madchen spielen. Es war Weihnachten, wo die Natur den Kindern, ausser den Schneeballen, die keinem Madchen anstehen, alles Spielzeug versagt. Weihnachten ist ein wahres Kinderfest, an dem das Spiel zur andern Natur wird. Es liegt uns im christlichen Blut, und alte Leute selbst mussen sich zwingen, wenn sie nicht selbst in Weihnachten spielen wollen. Alles dieses zusammengerechnet, in Summe, konnte Minchen von ihrem Entschluss nicht abwendig machen. Ihre Verwandten waren furchtsam wie Tauben, die in der Nachbarschaft von Raubvogeln genistet haben. Der arme Judenjunge stort' ihre heilige Christfreude. Sie waren nicht halb so weihnachtsfroh, als sie es sonst gewesen seyn wurden. Das Federmesser hatte sich nach der Zeit vorgefunden und der unschuldige Knabe war bloss wegen des verzehrten Brods und Wassers in Ketten und Banden. Minchen schickte stillschweigend durch ihren Bruder Benjamin, der aber kein Stuck von dem Seinigen dazulegte, ihr Weihnachtsspielzeug dem Edelmann, um den Knaben zu befreien. Benjamin hatte Gelegenheit, zu Schlitten hinzukommen; denn sonst war' ihm dieser Liebesdienst, weil er hinkte, auch etwas zu stehen gekommen, obschon er von seinem Spielzeug kein Stuck dazu gelegt hatte und obgleich es nur uber Feld war. Hatt' er nicht Gelegenheit gehabt, eine Schlittenfahrt zu gewinnen, die bei ihm uber alles ging, es war' aus der Negotiation nichts geworden. Zu Benjamins Ruhme wird bemerkt, dass er seiner Schwester die Erlaubniss gegeben, sich seines Spielzeugs, dessen Eigenthum er sich aber ausdrucklich vorbehielt, zu bedienen. Es war indessen nicht Spielzeug fur Madchen, die am liebsten eine Wiege, eine Puppe und so etwas lieben. Benjamin ward, weil er als ein Knabe mit Spielzeug angemeldet wurde, vorgelassen. Der ehrliche Benjamin erweckte sogleich ein Handeklatschen, da er nur ins Zimmer trat; denn man glaubt' einen grossen Kram, und es war nur ein Arm voll. Ursache genug, dass sogleich scrutinirt und Benjamin bei diesem Verhor nach Landesmanier mit dem Stock hochadlich bedroht wurde. Benjamin liess es nicht zur peinlichen Frage kommen, sondern gestand alles haarklein. Meine Schwester, sagte der bedrangte Benjamin, hat an allem Unheil schuld. Kurz, es blieb kein Wort auf seinem verzagten Herzen. Benjamin war zu dieser Zeit noch nicht zum Darius gediehen, und wer kennt' ihn nicht vom Finkennest?
Der Teufel, dachte Herr v. **, wenn es nur nicht ein satyrischer Ball ist, den der a l t e H e r r auf mich schlagt, und hatte Lust, ihn auf den j u n g e n H e r r n zuruckzuschlagen und den armen Benjamin mit seinem christlichen Spielzeuge dem Judenjungen zuzugesellen. Da aber Benjamin, der aus Seelen- und Leibesangst achzte, kniefallig bat, seinem Vater nichts von allem, was der gnadige Herr gesehen und gehort hatte, zu entdecken, weil Herr Hermann von dieser Sache nichts, gar nichts wusste, und ihn an einem ganz andern Ort glaubte, so fiel dem Blutigel zu guter Zeit ein, dass der alte Herr freilich nur von hinten mit einem Cavalier gescherzt haben wurde.
Der Teufel, dacht' er wieder (man sah es ihm ordentlich an, dass er jeden Gedanken mit dem Teufel anhob), der alte Herr wurde nicht den Sohn geschickt haben! Die Sonne ging wieder in seinem Angesicht fur Benjamin auf. Der Teufel, sagt' er, deine Schwester muss ein feines Madel sehn! Die Sache gab zu vielen satyrischen Fragen, Benjamins Schwester betreffend, Anlass. Er fragte nach ihrem Alter und ob sie denn eine solche Neigung zu Juden hatte? Der Schluss war, dass nur ein Stuck Spielzeug zuruckbehalten wurde, welches sich der Junker Fritz sogleich zugeeignet hatte. Der Judenknabe ward losgelassen: Benjamin aber musste, dieser Grossmuth wegen, um der hochadlichen Herrschaft zur Weihnachtszeit ein Vergnugen zu machen, dreimal um den grossen Tisch hinken, und alles wollte vor Lachen niedersinken. Eine naturliche Polonaise! schrie alles und lachte, was es konnte; nur der hinkende Benjamin nicht. Der Junker Fritz gab sein Spielzeug der gnadigen Mama zu halten und versuchte dem Benjamin nachzuspotten, da er aber bei einem Haar ein adliches Bein gebrochen hatte, so blieb es bei einemmal, und Benjamin sah nach dem armen Judenknaben, der blass wie eine Leiche stand. Der Tod hatt' ihn bald befreit, wenn Benjamin dem Tode nicht zuvorgekommen ware. Benjamin bot dem Judenknaben, sobald sie aus der adlichen Gesellschaft im Freien waren, von seinem, oder besser, von seiner Schwester heiligen Christ an, um sich dafur Essen zu kaufen. Der Judenknabe verbat es aus Religionseifer und blieb lieber hungrig und durstig, als dass er sich fur dieses christliche Spielzeug labte. Benjamin hatte sich bei dieser Gelegenheit die Schlittenfahrt so verekelt, dass er nie ohne Herzensangst daran denken konnte. Dieses Vergnugen hatte fur ihn keinen Werth mehr. Er hinkte zu Haus' und dankte Gott, dass niemand daruber lachte, als wie er dreimal um den grossen Tisch hinken musste.
Obgleich Benjamin das Spielzeug bis auf ein Stuck, so der Junker Fritz behalten hatte, zuruckbrachte, indem er wegen des ubrigen dreimal um den Tisch hinken mussen, so ward doch diese Begebenheit so bekannt, dass Minchen daruber viel ausstehen und die bittersten Thranen weinen musste. (Ich habe Ursache, aus der Erzahlung des Herrn Candidaten zu vermuthen, dass der Herr Vater Minchen selbst im Literateneifer reichlich und taglich beschamt haben wird.) Man zog Minchen unter ihres Gleichen mit dem Judenknaben auf, und sie nahm es sich unendlich zu Herzen. Ich habe, sagte sie in ihrer Unschuld zu Benjamin, den Judenknaben nicht gesehen, und will es auch nicht. Der Spott zehrte sie so ab, als das Gefangniss bei Wasser und Brod den Judenknaben. Sie fiel in ein Fieber, und nun ging der alte Herr in sich, welcher mit Beihulfe des Doctor Saft wieder Seel' und Leib ins Geleise brachte. Der alte Herr bemerkte, dass sich die Liebe zur Schlittenfahrt beim Benjamin wieder gefunden und dass Minchen noch bis auf den heutigen Tag bleich im Gesicht wie gewasserte Milch wurde, wenn man das Wort Jude aussprache, wie
(Der Herr Candidat legte seine Pfeife hin und kam
mir dicht ans Ohr, da er mir diese Pille eingab.)
Ihr Herr Vater uber den Ausdruck M e l c h i s e dech.
Diese Zugabe setzte mich nicht wenig in Erstaunen, und ich machte die Bemerkung, dass jeder Mensch, der unschuldigste nicht ausgenommen, ein Wort hatte, wobei ihm nicht wohl zu Muthe wurde, es sey Melchisedech Judenjunge ich zum Exempel
Gott, muss man denn, rief ich aus, noch ehe der Herr Candidat geendigt hatte, Gott, muss man denn ein Fieber ausstehen, durch den Dr. Saft gerettet und mit einem Judenjungen gepaart werden, wenn man Gutes thut? Der alte Herr setzte noch hinzu: Und dreimal um den grossen Tisch hinken!
O Minchen, welch eine Seele hast du (diess fuhlt' ich nur!), wie glucklich bin ich, dass sie mein ist! Ich war ausser mir.
Bei dem Alexanderspiel hatt' es Minchen in der ersten Zeit ubel aufgenommen, dass ihr Bruder Darius immer geschlagen wurde. Lass mich den Darius machen, sagte sie zu Benjamin. Du wirst sehen, wir gewinnen. Benjamin aber entschuldigte sich sehr weise mit der Geschichte, welcher er nachgeben musste, obAlexander war, jederzeit bei all seinem Schweisse des Angesichts Ueberwinder war. Nachdem sie grosser war, setzte der Herr Candidat hinzu, liess sie sich gern schlagen und gefangen nehmen. Sie sah es unfehlbar selbst ein, dass es die Geschichte so mit sich brachte. Wie viel Muhe hatt' ich, nicht uberlaut zu rufen: Mine! Mine! liebe Mine! Der alte Herr bemerkte, dass Minchen fur ein Frauenzimmer zu viel Herz hatte, und rechnete es ihr zum Fehler an. Entweder, sagt' er, ist die Rolle daran schuld, die sie bei den Kriegen als alteste Prinzessin Tochter des Darius ubernahm, oder sie kennt keine Damen vom Stande. Mag sie sich doch, fuhr er fort, der Literatus, der sie zur Frau macht, besser ziehen. Sie furchtet sich vor keiner Maus und keinem Frosch, und wenn die Spinnen den Weg verwirkt haben, zieht sie das Gewebe wie einen Vorhang in die Hohe mit blossen Handen. Noch bemerkte der Herr Candidat, dass Mine in ihrer Jugend, obschon sie wegen des Finkennestes einmal ruhmlichst vom Baum gefallen, doch nicht nachgelassen, wiewohl nur auf der Erde, zu hupfen und zu springen. Je grosser sie aber wurde, je ernsthafter, setzt' er hinzu. Nur sehr, sehr selten wandelt ihr jetzt, fuhr er fort, das Hupfen und Springen an, weit ofter aber das Weinen welches nach dem Tode ihrer Mutter ohn' End' und Ziel ist, und das (der alte Herr zog selbst den Mund zur Thrane in Ordnung, indessen wollt' es die Pfeife nicht zugeben) und das, sagt' er, so schone Thranen, und schien nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass zwischen Thranen und Thranen schon und hasslich stattfinde. Was mich wunderte, war, dass er selbst fuhlte, Minchen sange vortrefflich. Was das Spielen betrifft, fuhr er fort, so hat sie ihre eigene Manier. Freilich dacht' ich, den steinigen Acker versteht sie nicht auszudrucken, auch nicht die funf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein. Da der Herr Candidat, ausser ihren ersten Jugendjahren, nichts von Minchen zu sagen wusste, was mir nicht weit genauer und richtiger bekannt war, so lenkt' ich ihn auf die Universitaten, allein ich fand ihn nicht bewahrt. Er sagte davon weniger, wie mein Vater von seinem Vaterlande, und diess war wohl naturlich, da mein Vater gewiss ein Vaterland hatte, der Herr Candidat aber schwerlich auf irgend einer Universitat gewesen seyn wird. Des Herrn Candidaten fruhere Spargel, Pfeife in der freien Luft und Wein bei der Quelle waren bei dieser Gelegenheit ein Vademecum von Studentenstreichen, womit er meine Fragen nicht befriedigte. Ich brach also ab, ohne ihm, so schlecht er auch beim Examen bestand, den Candidatentitel zu entziehen. Ich weiss nicht, ob ich schon wo bemerkt habe, dass er kein Curlander von Geburt war, und dass man ihm seine Literatenwurde aus der ersten Hand nicht widerlegen konnte.
Ich merkte aus meiner Munterkeit, dass ich diese Nacht Minchens wegen ebenso wenig schlafen wurde, als ich die vorige Nacht des neuen Bettes halber geschlafen; indessen sah ich dem Herrn Candidaten, meinem sehr werthen Herrn Collegen, der seine Bouteille Wein ausgetrunken und seinen Teller mit Tabak bis auf eine halbe Pfeife ausgeraucht hatte, an, dass er schlaftrunken war. Wein und Tabak hatten hiebei, wie es mir vorkam, nicht den mindesten Einfluss. Er fing mit mir zu complimentiren an, in welchem Bett ich schlafen wollte, und verlangte durchaus das Bett, wo das Depositum lag, weil das, so ich ihm bestimmt hatte, und in welchem mein Vater geschlafen, mit einem Gesimse war. Vorhange konnten in dem Hause des Herrn v. G an dem Bette nicht seyn. Ich glaube, sagte der Herr Candidat, da wir uber diesen Umstand sprachen, Herr v. G hatte, wenn er Adam im Paradiese gewesen, sich keine Schurze von Feigenblattern gemacht. Der Herr v. W. brachte sich, wenn er zum Herrn v. G. kam, seine seidenen Vorhange mit. Unfehlbar wird wohl die Farbe der Vorhange nach Beschaffenheit des Festes gewesen seyn. Mit Zuverlassigkeit weiss ich's nicht. Da ich den Herrn Candidaten versicherte, dass ich in diesem Bette schon eine Nacht schlaflos zugebracht und den Tribut bezahlt hatte, so bat er sich, wenn es, ohne mir etwas zu entziehen, geschehen konnte, ein Kopfkissen von den meinigen aus. Das war eine neue Verlegenheit fur mich wegen des letzten Willens, den ich seinem Aug' entziehen wollte. Er stand an meinem Bett und wollt' aus Bescheidenheit und Dankbarkeit das Kissen selbst nehmen; ich hatte viele Kunst nothig, ihm das unterste in die Hand zu spielen. Kaum war er im Bette, so schlief er, wovon er durch sein Schnarchen untrugliche Beweise gab. Ich widmete Minchen diese Nacht, und wenn ich schlummerte, sah ich den Judenjungen und das Finkennest und den Milchtopf, alles in Lebensgrosse. Gegen den Morgen schlief ich fester ein, indessen sagt' ich dem Herrn Candidaten den ersten guten Morgen, weil ich ihn aufwachen horte, und fuhr mit sechsen aus meinem Bette. Er dankte fur den guten Morgen, allein er blieb bei dem Dank, wie's sich eignete und gebuhrte, im Bette. Nach seinem schonen guten Morgen war sein erstes Wort, dass ich zweimal M i n c h e n gerufen hatte. Ich weiss nicht, fugt' er sehr hoflich hinzu, ob es meine Tochter ist? Gewiss, erwiederte ich, und begriff es selbst nicht, wie's zuging; ich war beim Wortchen g e w i ss nicht im mindesten verlegen; vielleicht kam es, weil der alte Herr noch im Bette war. Wie hatt' ich Minchen verlaugnen konnen! Wir haben gestern, fuhr er fort, viel von ihr gesprochen; der Herr Candidat werden es verzeihen, dass ich Sie so lange von meiner Tochter unterhalten. Ich konnte kein Wort hierauf antworten unfehlbar wollte der Herr Candidat einen volligen Herzensaufschluss, allein wie sollt' ich den bewilligen? Der alte Herr Candidat war noch immer im Bett, und, wie's mir vorkam, auf einem Haufchen. Er schien nicht in Lebensgrosse zu liegen und so lang er war; er wusste sich nicht nach seiner Decke zu strecken.
Damit meine Leser nur ja nicht auf den Gedanken fallen, dass ich noch viele Tage in geblieben und ihnen all diese Tage meines Aufenthalts ebenso langweilig, wie bisher, erzahlen werde, so will ich nur kurz und gut bemerken, dass der folgende Tag zu unserm Aufbruch bestimmt war. Hoffentlich wird ihnen diese Anzeige eine frohliche Botschaft seyn.
Der junge Herr v. G. nahm mich wegen der Jagd in Anspruch. Ich hatt' ihm daruber mein Wort gegeben und sogar den Commandostab hiebei anvertraut. Ohne Murren nahm ich also seinen Antrag als eine Ordre an, Vormittags diese Jagd anzustellen. Die Wahrheit zu sagen, ich wollt' ihn auf der Jagd womoglich von der Jagd abbringen und diesen Jagertrieb beschranken.
Ich war in dieser ritterlichen Uebung wenig erfahren, obgleich ich ein Auge zum Zielschuss auf ein Haar hatte, ohne mir durch Puff, Paff und durch das Exercitium mit der Tabakspfeife diese Geschicklichkeit erzielt, oder ihr auch nur nachgeholfen zu haben. Warum willst du, sagt' ich, ein so blutiges Andenken zurucklassen, eben da du von hinnen ziehst? Mein Recht nicht zu vergeben, erwiedert' er. Du glaubst es nicht, man muss die Baren und Wolfe im Respect erhalten, wenn es auch nur durch einen Schuss ist; die Bestien machen unser Einem sonst das Eigenthum streitig der Hase kennt seinen Junker.
Wir hatten oft angelegt, und eben legte mein Reisegefahrte an, da ich eine Menschenstimme horte: Rett'! Rett'!
Herr v. G. kam nicht aus der Stellung; ich lief und schrie: wo? wo? Hier! hier! Wo? wo? Hier! hier! und dann wieder: rett! rett! und mitten drunter mit einer erbarmlichen Stimme: Lorchen im Wasser! Auch diess brachte den Herrn Brautigam in keine andere Lage; er hatt' angelegt. Noch viele Rett's! Rett's! und viele Hier's! Hier's! und noch mehrere Wo? Wo? Ich rief w o ? bis ich sah ich sah die Begleiterin der Fraulein v. W. jammerlich die Hande ringen. Hier! hier! rief sie noch zu guter Letzt. O Gott! matt! matt! Die Wasser uber sie! Ich warf meine Flinte weg und diese ging los. Luise fiel in Ohnmacht. Das wird sich geben, dacht' ich und sprang ins Wasser und brachte das liebe kleine Geschopf heraus. Die Angst hatte ihre kleinen Hande gelahmt. Das Wasser war ihr mehr an die Seele als an den Leib gegangen jetzt war sie f r i s c h w i e e i n F i s c h worden, wurde meine Mutter, des Reims wegen, gesagt haben. Luischen, sagte sie, da sie ihre Begleiterin wie todt s und Luise mit ihren R e t t ' s und H i e r ' s gestort hatte. Bruder, sagt' ich, das Wort Rett' ist das deutsche hohe Nothwort. Wenn es ein Sterbender hort, muss er sich noch aufrichten. Nur keiner, fiel er ganz gelassen ein, der angelegt hat, und was hast denn du getroffen? fuhr er fort. Diess edle Geschopf, sagt' ich. Er ward von allem unterrichtet und versicherte hoch und theuer, dass, wenn er nicht angelegt gehabt, er gewiss ebenso wie ich, gelaufen und die Flinte weggeworfen haben wurde, so unverantwortlich es gleich ware, Pulver und Schrot, diese Gabe Gottes, umkommen zu lassen. Luise lachte herzlich. Die liebe Kleine sah mich bloss lieblich an. Beide wussten sich nicht darein zu finden, dass Pulver eine Gabe Gottes sey. Der junge Herr v. G. konnte nicht laugnen, den Namen Lorchen gehort zu haben, indessen hatte er angelegt, das das wollte mehr sagen als Lorchen. Es ist wahr, durchs Ohr kommt weniger Mitleiden ins Herz, als durchs Auge. Man kann eher seine Stimme als sein Auge verstellen, und wen siehst du, wenn du jemand ins Auge siehst? Dich selbst im Kleinen. Du bist in gewisser Art gegen dich selbst mitleidig; allein hier ist nicht von mehr oder weniger die Rede, sondern von Menschenstimme und von einem Jager, der angelegt hat.
Das kleine Fraulein und ihre Begleiterin schlichen sich nach Hause, recht als ob die Frau v. W. sie hier schon beim Wasser bemerken konnte.
Mein Reisegefahrte unterrichtete mich in noch einigen Jagerkunstwortern, und da ihm eben ein Hase aufstiess, den er traf, war unsere Jagd zu Ende. Ich liess mir seinen Unterricht mit vielem Eifer gefallen, um ihn desto mehr zu meiner Predigt vorzubereiten, die ich uberdacht hatte und noch uberdachte. Gewiss war mein Reisegefahrte vergnugter uber seinen Hasen, als ich uber die Ehre, seine kleine Braut gerettet zu haben. Er liess mich merken, dass im Hofdorfe ein schmuckes Madchen ware, sowie Fraulein v. W., wie er sich ausdruckte, in diesem Jammerthal nicht werden wurde, und wenn Herr v. W. nicht ein Gut hatte, das er ihm gleich, ohne sich selbst zu entblossen, nach ritterlich uberwundenen akademischen Jahren uberlassen konnte, so wurd' er, ausser dem schmucken Madchen im Hofdorfe, schon eine Frau finden. Ich sprach viel von der guten Gemuthsart der Kleinen und der edlen Gemuthsart ihrer Mutter; allein diess schien ihm gegen das Gut, das er nach uberwundenen Universitatsjahren zu bejagen gedachte, eine unbedeutende Kleinigkeit zu seyn.
Obgleich der Vorfall mit Lorchen mir eben keinen glucklichen Erfolg uber eine Predigt erwarten liess, die ich meinem kunftigen Kirchenpatron zu halten entschlossen war, so wollte ich doch nicht alle Hoffnung aufgeben. Meine Leser wissen schon, dass ich wahrend dem Anlegen auf die Bekehrung meines jetzigen Reisegefahrten und kunftigen Gonners gezielt hatte, und wer halt nicht gern eine Predigt, die er im Concept hat?
Bruder, fing ich an, die Spinne fangt Fliegen.
v. G. Der Mensch Baren, Wolfe, Hasen und so weiter.
I c h . Der Mensch, Bruder aber leider zwischen Mensch und Mensch ist Unterschied. Du wurdest kein Scharfrichter seyn, nicht wahr?
v. G. Warum nicht? wenn dem Delinquenten die Augen verbunden sind.
I c h . Aber Menschenblut. Dein Blut bei kaltem Blute sehen; ich kann's nicht, wenn Ader gelassen wird. Mich dunkt, ich sehe den Menschen mehr als nackt, wenn ich sein Blut sehe das der liebe Gott zweimal verschlossen hat. Im Kriege hat niemand kaltes Blut als der Oberfeldprobst und seine Junger. Wir haben schon uber Krieg und Jagd geredet; allein es ist auf kein gut Land, sondern auf steinigen Acker gefallen, den der alte Herr in Musik gesetzt hat. Du bist zu edlern Geschaften da.
E r . Gelt! Lorchen aus dem Wasser zu ziehen?
I c h . Und wenn's die schmucke Hofdirne gewesen ware?
E r . Bruder, ein ander Ding! Ich weiss auch, wenn der Mensch selbst schreit, der in Noth ist hol' mich Hatte Lorchen selbst geschrien und nicht schreien lassen, ich ware gelaufen, auch wenn ich eben angelegt hatte.
I c h . Lorchen bei Seite.
E r . Schon.
I c h . Ein Jager und Student?
E r . Das sollt' nicht passen?
I c h . Hast du den Plinius ubersetzt?
E r . Nein, diese Ehre habe ich nicht gehabt!- Das sollte mein kunftiger Schwiegervater, Gott hab' ihn selig! horen!
I c h . Des Plinius Brief an seinen Cornelius Tacitus ist fur dich. Ridebis, et licet rideas, hebt er sich an. Ego ille, quem nosti, apros tres et quidem pulcherrimos cepi. Ipse inquis? und der Schluss: Proinde quum venabere, licebit, auctore me, panarium et lagunculam, sic etiam pugillares, feras. Experieris, non Dianam magis montibus quam Minervam inerrare. Vale.
E r . In Deutsch?
I c h . Verstehst du nicht Latein?
E r . Hie und da erjag' ich ein Wort. Den Plinius hab' ich nicht ubersetzt; es soll den Mund zu sehr spitzen, sagt mein Vater.
I c h . Plinius hat drei, und was noch mehr ist, recht schone wilde Schweine erjagt.
E r . Das ist mein Mann! Schoss er?
I c h . Plinius?
E r . Uebereilt, Bruder! freilich das Pulver ist spatere christliche Erfindung.
I c h . Er jagt' und studirte.
E r . Siehst du!
I c h . Bei der Jagdtasche und Hirschfanger, um in unserer Mundart zu reden, hatte er Bleifeder und Schreibtafel, und was noch mehr ist, er versicherte seinen Freund
E r . Hoffentlich ein Jagdspotter, wie du.
I c h . Dass Diana und Minerva Geschwisterkind waren und zuweilen auf Jagdbergen sich verloren, aber!
E r . Aber! beim Plinius ein aber?
I c h . Ein zu spitzer Mund. Er fing Worte, wie er Wild fing vielleicht verdarb ihn die Jagd.
E r . Mich soll sie nicht verderben, weder H e r z noch S t y l . Eins bekenn' ich ein Hund gilt mir fur zwei Bauern. Hunde sind aber auch Geschopfe, die wenigstens W a c k e r s verdienten zu seyn (Aufseher uber die Bauern). Wir brachen gestern zu schnell ab von den Hunden. Es gibt Hundsinseln, warum nicht festes Land von der Art? Mein Vater hetzt nicht gerne, das hast du wohl gestern beim Schuss gehort, wie man die Hunde losliess. Dein Vater hingegen "Die Sternseher haben diesen Namen in den Himmel versetzt. Die Dichter schildern uns die Diana in Gesellschaft einer Koppel Hunde." Das ist ein Weib! "Die griechischen Damen hatten schon Hundchen." Es ist nur zu wenig fur die Hunde, sonst ware der Gedanke was werth; Gott wollte nicht, dass ein Mensch dem andern aufwarten sollte; drum Hunde, die sind geborne Lakaien und Kammerdiener. Sie bieten sich gleich zur Miethe an, wo sie einen Menschen sehen. Ein Mensch, zu dem kleine Kinder und Hunde kommen, ohne dass er sie lockt, ist ein guter Mensch. Siehst du, hab' ich nicht von gestern behalten?
I c h . Trefflich! allein warum nicht noch eins von gestern Mittag? Jener Philosoph der alten Welt, der aus Gefalligkeit fur die gnadige Frau des Hauses ihrem Schoosshundchen Schmeicheleien vorsagte! Ei der! da er das Hundchen in die Hohe hob, um es zu kussen, p es ihm in den Bart und die Gesellschaft lachte, und der Philosoph hatte nicht das Herz, seinen Bart zu trocknen.
E r . Das erzahlte dein Vater der Frau v. W. zum Munde, die gestern bitterbos auf die Hunde war; wer weiss, ob's wahr ist?
I c h . Zwischen wahr und wahrscheinlich, in Rucksicht der alten Welt, kein Unterschied!
E r . Wahr oder nicht wahr! Zu meinen zwei Flinten, einem paar Pistolen und dem Jagdmesser wirst du mir doch ein paar Hunde erlauben? Eine Flinte, Bruder, ist der Hunde Fahne. Es sollten viel, viel mehr als ein Paar, bei der Fahne seyn; da du aber kein Freund von Hunden bist
I c h . Bruder! die Wissenschaften lieben Stille, in ein weiches Herz ziehen sie ein und machen Wohnung daselbst. Waldhorner sind nicht ihr Instrument. Ich soll dein Pastor werden. Du, und nicht der Wakker, sondern der letzte deiner Bauern, sind gleich vor Gott und
Da sah man uns kommen. Ich ward, weil ich leer kam, ausgelacht; uber Tafel aber, da die Frau v. W. die Geschichte ihrer Tochter erzahlte, bestand Herr v. G., der jungere, schlechter als ich. Herr v. G. beschamte seinen Sohn. Wer wird seine Braut um einen elenden Hasen uberlassen, die Erstgeburt um ein Linsengericht? So seyd ihr Jager alle. Ich bin auch ein Jager, das weisst du, aber Frau v. G. entschuldigte ihren Sohn, ich weiss nicht mehr, womit. Frau v. W. dankte mir herzlich, und ihr Gemahl schalt aus Hoflichkeit auf seine Tochter, um dem jungen Herrn v. G. Genugthuung zu verschaffen. Meinetwegen war er in erschrecklicher Verlegenheit; denn so sehr dieser Vorfall zu einem neuen Feste Anlass zu geben schien, so blieb es ihm doch bedenklich, weil ich nicht von Adel war, und wie hatt' ich mir ein ander Schicksal, als der M a n n m i t d e m e i n e n H a n d s c h u h , versprechen konnen, der a dato nach sieben Tagen sterben wird. Er kampfte indessen, weil es seine Tochter betraf, meinetwegen auf eine unbeschreibliche Art, und endlich kam es dahin, dass er mit vielen Complimenten sich bedankte und diese Begebenheit an den Rand zu verzeichnen sich verbindlich machte, wie denn auch meine Gesundheit bei Tafel von ihm ausgebracht wurde. Es war eine unaussprechliche Hoflichkeit, mit der mir Herr v. W. zu verstehen gab, dass beim: w a s i s t g e s c h e h e n ? die Frage: w e r t h a t s ? nothwendig sey.
Hoflichkeit und Festlichkeit scheinen und sind zuweilen wirklich Antipoden; allein unser Herr v. W. hatte diese Eigenschaften so zusammen vereinigt, dass sie wie eins waren. Beide stammen vom Hofe: der Geringere ist hoflich aus Falschheit oder Furcht, der Vornehme aus Stolz, und diess ist auch die rechte Quelle der Festlichkeit. So wie sich eine grosse freie Stadt zum Hofe verhalt, so die Urbanitat, die Stadtlichkeit zur Hoflichkeit.
Wenn diese Bemerkungen zur Erlauterung des Charakters des Herrn v. W. etwas beizutragen im Stande waren, so wurde es mir lieb seyn. Was mich bei der Frage: wer that's? betraf, so war ich hiebei verlegener, als bei dem Sprung ins Wasser. Ich konnte nichts mehr, als meinen Reisegefahrten entschuldigen. Der herzliche Blick der Frau v. W. und das frohe Lacheln der Kleinen war mir mehr, als zehn Feste des Herrn v. W. Dieser Vorfall inzwischen brachte uns eine geraume Zeit nicht aus dem Zank. Ein Vorwurf vom Herrn v. G., dem altern, dann eine Entschuldigung von seiner Gemahlin und vom Herrn v. W., der es mit keinem verderben wollte. Beilaufig oder am Rande, wiederholte er seinen Dank, wie Frau v. W. ihren Blick und das kleine Fraulein ihr Lacheln.
Die grosse Achtung, die Herr v. G., der altere, gegen meinen Vater ausserte, bewies zwar die Redlichkeit seiner Aussohnung, allein sie machte mir ihre zehnjahrige Trennung zugleich unbegreiflicher. Es ward vieles wiederholt, was mein Vater gesagt hatte, und alles mit einer, dem Herrn v. G. eigenen Wendung, so, dass es wie neu aussah. Sein plein good sense, sein gesunder Menschenverstand, wusste gleich ein Exempel, wenn eine Regel gegeben ward; und vielleicht verhielt er sich gegen meinen Vater, um den Vergleich ins Kurze zu ziehen, wie Regel und Erlauterungsbeispiel.
Wir haben heut Ragout, eingeschnittenen Braten, sagte Herr v. G. Alles von gestern. Wir wiederholen die P r e d i g t und fragen sie uns ab.
Wenn je ein Ausdruck auf meinen Vater passt und der Wahrheit angemessen ist, so ist es der von einer Predigt. Diess Kleid war wie auf den Leib gegossen, konnte man sagen, um von der Bemerkung, dass Worte Kleider der Gedanken waren, Gebrauch zu machen. Wer kann aber meinem Vater den Pastor, und meiner Mutter die Pastorin verdenken? Die Predigt und den Gesang!
Herr v. G. erklarte seiner Gemahlin, was n a i v und was L a u n e sey, woruber sie zuweilen eine naive und launige Unterredung gehabt. Laune, sagte er, ist der kornige Ausdruck eines naiven Gedankens. Naivetat ist eine Satyre auf die Kunst; es bestehe diese Satyre in Gedanken, Geberden, Worten oder Werken. Er belehrte sie, dass sie sich nicht ferner Laune zueignen konnte. Wer Laune hat, fugte er hinzu, muss unterm Barte lachen, wenn von einer guten Laune die Rede ist, obwohl bei jeder Laune wenigstens ein Zug vom Lachen unterm Barte, zur Ehre des Lachens, sich hervorschleicht, oder durchbricht, wenn es gleich stockfinster auf dem Gesicht ist. Unterm Barte lachen, sagte die Frau v. G. mit einem Veranderungszeichen.
Naiv aber, meine gnadige Frau, sind Sie der Herr v. G. buckte sich gegen die Frau v. W.; sie wieder ihr Mann aus Hoflichkeit auch; die Frau v. G. hatte heut ihren guten Tag. Ein launiges Weib, fuhr Herr v. G. fort, wurde ein Weib mit einem Barte heissen, und also, setzte er hinzu
Dass es verschiedene Arten von Laune gibt, sahen wir gestern, sagte Herr v. G. Nachdem die Feste sind, erwiederte Herr v. W. Je nachdem, fuhr Herr v. G. Es ward von der Don-Quichoterie und den WindWo ist, ward gefragt, ein feuerfangender Jungling,
Eine Hand
Blanker Sand,
Kummer der Gemuther.
c i a ; allein ist diess der Weg zur guten Ehe? Diess war die zweite Frage.
Herr v. G. behauptete in dienstlicher Antwort, zum Wohlgefallen der Frau v. W., dass man heirathen musste, um einen getreuen Gehulfen oder Gehulfin zu haben, und eben hiedurch entschuldigte er in gewisser Art seinen Sohn, welches ihm die Frau v. G. auf eine naive Weise zu verstehen gab. Um sich herauszuhelfen, sagte er, von meinem Vater gehort zu haben, dass man sich auch in die Tugend verlieben konnte. Man muss aber, wie der Pastor bemerkte, nicht aus Neigung, sondern aus Urtheil des Verstandes tugendhaft seyn, nicht, weil die Tugend hubsch ist, sondern weil es die Tugend ist. Man muss sie lieben, wie sein Weib, und nicht wie sein Madchen. Ein Tugendverliebter wird kalt, wie jeder ubertriebene Liebhaber.
Aber, fiel die Frau v. G. ein
Ich weiss dein Aber, fuhr Herr v. G. fort, die Damen wollen Neigung. Sie glauben, dass eine unsichtbare hohere Macht ihr Band geschlungen habe. Neigung ist ihnen der H i m m e l , in dem die E h e n geschlossen werden.
Frau v. W. war auch einigermassen furs Aber und es erinnerte sich der Herr v. G. zu rechter Zeit, dass mein Vater behauptet hatte, wir Menschen sprachen immer von Neigung, auch selbst da, wo Urtheil des Verstandes entschieden hatte. Es scheint, dass der Mensch seiner Vernunft nicht recht traut. Bei einem Hauptargument hat er noch verschiedene ad hominem, setzte Herr v. G. hinzu, ohne besonders zu bemerken, ob es sein Eigenthum, oder von meinem Vater herkame. Es schien, als ob er vieles von meinem Vater jure antichretico besasse.
Herr v. G. brach sich sehr den Kopf uber die Extreme, von denen ihm mein Vater besondere Dinge gesagt hatte. Zwei Extreme sind zwei Enden, wiederholte der Herr v. G., als wenn er zu sich selbst sprache. Zwei Enden, die man den Augenblick verbinden kann. So war der Teufel Gottes Freund. Wollust und Nothdurft sind Nachbarskinder. Schwindsucht und Wassersucht, Schlaflosigkeit und Schlafsucht, Licht und Schatten, Leben und Sterben, himmlische erhabenste Weisheit und Einfalt. Die grosste Wuth ist, wenn ein Mensch den andern frisst und geschieht das nicht? Haben nicht die Menschen mehr, als Wolfshunger? Ist es mit ihnen nicht oft in dem Zwolften? Ist nicht oft ein leiblicher Bruder des leiblichen Bruders Teufel, welcher die Seelen verschlingt, als schlurfe er weiche Eier oder Austern?
Herr v. G. kam aufs Fressen zuruck, und doch, sagt er (alles wie zu sich selbst)
Die grosste Liebe auszudrucken, sagt man: i c h mochte dich vor Liebe auffressen. Niemand hat mehr Blasphemien gesagt, als ein Quaker. Er und ein Gotteslaugner sind naher verwandt, als man glauben sollte.
Ich habe nicht nothig, zu bemerken, dass Herr v. G. dieses lange vor sich so aussprach, dass, wenn er's auch nicht so oft treulich und sonder Gefahrde angefuhrt, jeder doch theils aus seinem Ton, theils aus seinem Kopfschutteln gesehen haben wurde: es sey nicht sein, sondern meines Vaters.
Diess! diess! diess! Herr v. G. sagte dreimal diess, wie meine Mutter dreimal das W i r im Glauben sang, diess ist mir etwas am Pastor, das ich noch bei keinem Menschen sonst, er sey Pastor oder nicht Pastor, gefunden habe. Es ist was Seel' und Leib Eigenes, was Theosophisches, wie soll ich's nennen? Unser Freund Pastor hat den heiligen Busch im Brande gesehen. Rechnet man dazu, dass er die Bibel nicht in schwarzem Saffian gebunden hat, sondern in weissem Pergament, selbst ohne goldnen Schnitt, dass er sie nicht als Medicin, sondern als taglich Brod braucht, so ist der gute Pastor ein ganz besonderer Pastor. Seine andern Seiten, dass er z.B. die Glatze nicht mit Puder bedeckt, dass er kein Jaherr ist, dass sein Ausdruck nicht Scheidemunze, nicht Gang- und Gebemunze, oder Courant, sondern aus der Sparbuchse genommenes Geld ist, und um, mit Erlaubniss, in eine andere Figur zu kommen, nicht wie auf den Kauf gemacht, sondern wie bestellte Arbeit aussieht, so, dass es von ihm heissen kann: " w a s e r s p r i c h t , d a s g e r a t h wohl!"
Dass der Pastor nicht ein gelernter Gelehrter, nicht einer des Buchstabens, sondern einer des Geistes und der Kraft ist;
dass er nichts bloss theoretisch weiss, sondern alles, alles in Blut und Lebenssaft oder Praxis bei ihm ubergegangen;
dass er die meisten Dinge aus einem oft unbetrachtlichen Gesichtspunkt nimmt, und eben dadurch beim rechten Ende fasst;
dass er einen koniglichen, einen Revisionsblick, der immer mit einem gewissen Gluck verknupft ist, besitzt (sein Blick trifft immer, ohne dass er zielt);
dass und noch viele d a ss gehen vor sich.
Beim letzten d a ss erzahlte der Herr v. G. eine Geschichte, die sich noch vor der Scheidung v o m T i s c h u n d B e t t , also vor zehn Jahren, zugetragen hatte.
Ein Barbier schnitt mit morderischer Hand dem den Hals ab, nachdem er ihn zuvorderst ganz sauber und kostlich von der Burde seines Bartes befreit und leicht ums Kinn gemacht hatte. War' ich Inquirent (hatte mein Vater nicht bloss gesagt, sondern behauptet), wurde einer meiner Hauptfragen, sowohl im Generalverhor, als bei den Specialartikeln, seyn:
Warum der Barbier den Ermordeten zuvor sauber und kostlich von der Burde seines Barts befreit und leicht ums Kinn gemacht, eh' er
Der Bosewicht! setzte Herr v. G., ohne das Komma abzuwarten und meinen Vater ausreden zu lassen, hinzu, das kommt vom Aderlassen heraus! Man sollte nicht Leute an den Hals lassen, die Blut sehen konnen, als sehen sie susse Milch.
Der Morder hatte bekannt, dass er mit Mordgedanken zum gegangen. Alle Umstande bestatigten diese Aussage. Der erste Strich war in seiner Seele Mord. Warum vollbracht er ihn erst beim letzten? Nota bene. Er fand den allein, und so blieben sie auch die That kam nach vier Stunden erst aus.
Ich weiss nicht, sagte meine Mutter im ersten Bande, ich weiss nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, ruckhaltende Achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes. Wenn meine Leser den ersten Band nicht bei der Hand haben, so war es bei Gelegenheit der Blutreinigung, deretwegen meine Grossmutter mutterlicher Seits das alte Gesinde behielt, welcher blutigen Meinung meine liebe Mutter, in Rucksicht der koniglichen Frau Mutter Babb, beitrat.
So ungefahr beantwortete mein Vater seine General- und Specialfrage; denn ich muss aufrichtig gestehen, dass sich der Herr v. G. daruber ungefahr so, wie uber die beste Welt, ausdruckte. Unser Pastor, fuhr Herr v. G. fort, nachdem er sich Obgleich der Herr v. G. diesen Zug in meines VaIch weiss nicht mehr, wer von ihm in seinem eigeVielleicht ubertrieb es mein Vater an vielen Orten, wie jener Junger, der anfanglich auf die Art des Herrn v. W. mit seinem Herrn und Meister complimentirte, nachher aber auf einmal ausbrach, nicht die Fusse allein, sondern die Hande und das Haupt.
Der Socinianismus ist etwas Kleinstadtisches, etwas Verlahmtes, etwas Ermudetes, pflegte mein Vater zu sagen. Entweder Hof oder plattes Land; kalt oder warm; alles oder nichts; aut aut
Eltern sehen sonst nicht, dass Kinder wachsen, und Kinder sehen nicht, dass ihre Eltern alt werden, weil sie sich taglich und stundlich sehen; wenn es aber ein Fremder bemerkt, dann reisst sich ihr Auge auf. Mir werden meine Leser den Vorwurf nicht machen, und wenn sie mit mir in Rucksicht dieses Charakters nicht zufrieden sind, so gehort es nicht auf meine, sondern auf die Rechnung meines Vaters. Wer mir aber den Einwand entgegensetzt, dass ich meine Charaktere nicht frisirt und gepudert und vollig vom Haupte bis zum Fusse geschmuckt und sein angethan prasentire, hat es in den Tod vergessen, dass ich eine Geschichte erzahle. Schon im Roman muss man seine Leute kennen, der Natur nachfolgen und den Menschen sich offentlich ankleiden lassen. Man muss den Menschen im Seelenkamisolchen, in der Federmutze, wenn er ein Gelehrter, und mit einem seidenen Tuch, kunstlich russisch um den Kopf gebunden, wenn er ein Edelmann ist, darstellen in naturalibus. Jeder Mensch hat seine Art sich anzukleiden und zu erzahlen, und diese beide Arten stimmen mit einander so uberein, dass, wenn i c h jemanden sich ankleiden sehe, ich sagen will wie er erzahlt, und umgekehrt, wenn ich ihn erzahlen hore, will ich sagen wie er sich ankleidet. Die Art sich auszukleiden, kann den Kenner vielerlei lehren, und unter andern auch, wie der sich Entkleidende sterben werde. Hievon ein andermal.
Eine Erzahlung, der man das Studirte, das Geflissene, das Geordnete ansieht, ist unausstehlich. So wie es in der Welt geht, so muss es auch in der Geschichte gehen. Bald so, bald so. Der Horer, der Leser, mag sich hieraus ein Miniaturstuckchen auf theophrastisch, bruyerisch zeichnen, wenn er will.
Belege zu dieser Bemerkung die Menge in meinem Lebenslauf, und um meine Leser auf der Stelle zu uberzeugen
Herr v. G. erzahlte, dass mein Vater nicht die mindesten Wirthschaftskenntnisse besessen hatte, da er Pastor geworden.
Jetzt weiss er so gut, wie Einer, wann Zeit zu saen und Zeit zu ernten ist, wann man dreschen, malzen, Haus-, Acker-, Garten- und Fischergerathe bessern muss. Er versteht sich auf die Eisfischerei, auf die Nachtfroste, Holz- und Mistfuhren, Flachs- und Haufbrechen.
Wie er anzog, wollte der gute Pastor, fuhr Herr v. G. fort, den Pastoratsbauern seine Schwache nicht verrathen, und was that er, eh' er durch Gesicht und Ohr so weit gebracht war als er jetzt ist? Er visitirte sein Inventarium. Das Register in der Hand, fragte er:
Neun Braune? Ja.
Neunzehn Schimmel? Ja.
Acht Fuchse? Ja.
Dreissig Kuhe? Ja.
Wer hier nicht den Pastorem loci findet
Herr v. G. war, mit Ehren zu melden, ein grossmachtiger Wirth. Er las, versuchte, fehlte und verstand zuletzt seinen Boden, als wenn er mit ihm sprechen konnte. Er benutzte, im Ganzen genommen, seine Aecker auf eine Art, welche ihm den Neid seiner hochwohlgebornen Bruder zuzog. Der gemeine Mann sagte: er hatte den Alp. Die Frau. v. G. nannte die okonomischen Bucher, die er sich mit vielen Kosten verschrieb, "Wurzelbucher," und wusste sehr genau, wann und wo er durch Versuche verloren hatte. So war der Herr v. G., um seinen eigenen Ausdruck zu adoptiren, eine Erdscholle, ein glebae adscriptus; allein er war selbst auch diess als v. G. Wenn ich Ihnen mit dem Ausdruck einen Dienst erweisen kann, gnadige Frau v. G., er war ein W u r z e l m a n n . Die Blatter fallen im Herbst in der Trubsal ab.
Obgleich wir ein Trauerfest hatten und der Herr v. W., sein Waffentrager und Herr v. G. sehr hoflich gegen einander waren, welches gemeinhin bei Trauerfesten zu seyn pflegt, so konnte doch Herr v. G. nicht umhin, wiewohl ohne ihnen diese Saladiere anzubieten, gelegentlich anzumerken, dass derjenige, der nicht bezahlen konnte, sehr hoflich ware, welches gestern mit alten Mannern, wenn sie junge Weiber zur Ehe hatten, bewiesen sey.
Wie denn Herr v. G. sich wider alle GeburtstagsGluckwunsche erklarte. Wer wird, sagte er, gratuliren, dass man schwacher geworden? Zum Geburtstage muss man nur bis zum dreissigsten, und da in der Weichlichkeit der Junger immer starker als der Meister ist, nach unserm Weltlauf bis zum funfundzwanzigsten, einundzwanzigsten und wohl neunzehnten Lebensjahre Gluck wunschen es ware denn, dass man auf die andere Welt Rucksicht nehmen wollte, nach der aber in gesunden Tagen wenig Nachfrage ist.
Noch eins! Mein Vater hatte gesagt, sagte Herr v. G., wer einen Brief schreibt, muss glauben, er schreibe ihn an die Welt, und wer ein Buch, ich sage ein B u c h , schreibt, schreibe es an einen guten Freund, wenn man nicht in beiden Fallen alltaglich seyn will.
Ich ergreife dieses n o c h e i n s als eine erwunschte Gelegenheit, um meinen Leser auf Ehre zu versichern, dass ich diess n o c h e i n s nicht aus den Augen gelassen und dieses Ganze an E i n e n gerichtet habe. Ich habe dieses Einen in dem ersten Bande erwahnt, und es ist eben derjenige, der mich auf der einundzwanzigsten Seite besuchte und dem ich auf eben der Seite (ich rede von der ersten Ausgabe, denn wer steht mir dafur, dass es zu mehreren kommt) eine gluckliche Reise gewunscht habe.
Wie viel liegt in dem Worte E i n e r ? Wer es fassen kann, der fass' es, und wer's nicht kann, wird auch schwerlich begreifen, was eigentlich Einheit in einer jeden Schrift ist, welche da seyn muss, die Schrift wandle gleich im finstern Thal, sie gehe gleich durch Dick und Dunn, durch Licht und Finsterniss. Eine Schrift, welche dieses Ziel nicht hat und nicht an Ort und Stelle kommt, ist eine Missgeburt. Je weiter man es gebracht hat, alles zu Einem einzulenken und kein Rad zu viel und keines zu wenig in seinem Buche zu uhrmachen, desto mehr Ganzes ist da. Man sagt: Ein Apostel Paulus, Ein Rath, Eine christliche Gemeinde wolle mit gebuhrender Andacht verlesen horen. Gott schuf nur einen Menschen! sein Bild! und wenn ihr Herren Praadamiten in die Kreuz und in die Quere euch dagegen baumt. In dem Gedanken: E i n Mensch und sein Weib von i h m genommen, liegt was Gottliches, was Grosses! was Ein System, wenn es so ganz da liegt, so g a n z , wie Thier und Mensch, ist Arbeit eines Halbgottes. Wo ist ein System dieser Art? Wenn es ja fertig werden kann, wird es das Werk eines Deutschen seyn. Im System geht man vom Ganzen zu den Theilen. Man sieht den Menschen ganz. Ein Blick ist genug hiezu, und sodann anatomirt man ihn. Sonst geht man von den Theilen zum Ganzen. Ein System heisst nicht Compendium und ist nicht ein auf Draht gezogenes Gerippe. Seht die Welt! Sie ist ein Mensch im Grossen. So g a n z wie ein Mensch. Gott sieht sie, wie ich meinen Haushahn, meinen Phylax, meinen Leopold; wir aber finden sie so in Unordnung, dass es K u n s t r i c h t e r gegeben hat, die dem lieben Gott gern was ins Ohr daruber gesagt hatten.
Wo das, was ich verstehe, gut ist, da leg' ich beide Hande auf den Mund, wenn ich an etwas stosse, das ich nicht verstehe.
Mein Einer, an den ich dieses Buch geschrieben, ist mein lieber getreuer den ich auch getreu lieben werde bis in den Tod. Dieses ganze Buch ist eine Dedikation, eine Zuschrift, in Rucksicht auf ihn, ein Brief mit einem cachet volant, sub sigillo volante (unter offenem fliegendem Siegel); allein kein Wunsch ist sehnlicher, als dass meine Leser hiebei nichts verloren, sondern vielmehr reichlich gewonnen haben mogen.
Mitten in diesen und andern Wiederholungen kam ein Brief von meinem Vater an den Herrn v. G. und an m i c h ?
Nichts an mich, zum offenbarsten Beweise, dass mein Vater nicht furs Schreiben war.
Auch der Brief an den Herrn v. G. war kurz und enthielt nur eine Anweisung, einen Fingerzeig wegen der Beilage. Unser B e k a n n t e r , der das erste- und letztemal, da er eine Flinte losdruckte, oder vielmehr, da sie ohne sein Vorwissen und Mitwirkung in seiner unerfahrenen Hand losging, seinen Sohn erschoss, hatte seine Lebensumstande eigenhandig verfasst und sie seinem Troster, meinem Vater, in die Hande gelegt. Der Herr v. G., den d e r A l t e m i t d e m e i n e n H a n d s c h u h aufmerksam gemacht, hatte meinen Vater beschworen, ihm den Erfolg von dem Trostamte, welches dieser Ungluckliche in seiner Seelenangst aufgefordert hatte, zu berichten.
Ein kurzer Brief, sagte Herr v. G., da er den Brief meines Vaters entfaltete, der, wie ich bei Gelegenheit des Conversus bemerkt habe, furs Mundliche war. Diess gab Anlass, von meines Vaters Weise, kurz zu schreiben, nach seinem Beispiel ein langes Gesprach zu halten, das Herr v. G. auf eine mir unvergessliche Weise beschloss. Die Sprache Gottes! Gott sprach, hauchte nur auf, und es ward. Gott ist auch Schriftsteller worden, fuhr Herr v. G. fort. Das Wort Fleisch. Es ist viel von Gottes Wort zu sagen. Ein Ausdruck, den alle Welt im Munde fuhrt, und doch ein tiefer, tiefer Ausdruck!
Eine lange Beilage, sagte Herr v. G., nachdem er den kurzen Brief durch und durch geblickt hatte. Er las ihn nicht, er blickt' ihn auf. Die Beilage ward wortlich abgelesen. Einige Stellen hatten Thranen uberschwemmt, und sie schienen wie verwustete Wiesen, die das ausgerissene Wasser zerstort hat.
Hier ist ein wohlgemeinter Auszug. Es war der der einzige Sohn eines Amtmanns. Seine Mutter, die Tochter eines Literatus. Seine Eltern starben in Ketten. Der ungnadige Herr Principal hatt' ihnen Defecte zugezogen, ohne sich Zeit zu nehmen, eine Probe bei seiner Rechnung zu machen.
Die Cavaliere, schreibt er, rechnen gemeinhin mit ihren Amtleuten ohne Probe, und sind Klager, Richter und Henker!
Unser Bekannter hatte Gelegenheit gehabt, in seiner ersten Jugend schreiben und rechnen zu lernen, ohne dass er sich unterstehen durfte, von dieser Kunst bei der Verrechnung des Herrn v. ** in Rucksicht seines Vaters Gebrauch zu machen und ihr durch eine Probe nachzuhelfen. Er entging mit vieler Muhe der Schuldunterthanigkeit, konnte von Gluck sagen, dass er frei blieb und als Bedienter sich in einem andern hochadelichen Hofe anzubringen die Erlaubniss erhielt. Er versprach C h a r l o t t e n die Ehe, einer freien Person, die aber weder reich noch schon war. Sie hatten sich von dem ersten Augenblick geliebt, da sie sich gesehen hatten. Sie war verliebt und tugendhaft, das ist nicht viel auseinander, und verliebt und tugendhaft war alles, was man von Charlotten sagen konnte. Gewiss wurd' unser Bekannter an ihrer Hand glucklich geworden seyn. Er hatt' ihr die Ehe einmal, da es donnerte, verheissen, und so laut, wie er schreibt, dass er fast den Donner uberschrien! Alles, was Charlotte und unser Bekannter sahen, alles, was sie horten, bestatigte ihre Liebe denn Aufforderung hatten sie nicht mehr nothig. Unser Bekannter hatt' eine Laube gepflanzt, welche Charlotte begoss. Sie wuchs mit ihrer Liebe um die Wette. Charlotte hatte das Gluck, wie's die Leute hiessen, den gnadigen Herrn in verliebten Aufruhr zu setzen. Sie war die vierte, der er ein seidenes Schnupftuch zugeworfen; allein die drei, so vor ihr gewesen, die Kammerjungfer nicht ausgenommen, waren auf einen andern Fuss genommen. Er fing an zu seufzen und Charlotten formlich die Cour zu machen. Wenn niemand dabei war, kusst' er ihr die Hande, und das Kammermadchen seiner Frau Gemahlin Gnaden hatt' ihn auf den Knien vor Charlotten gesehen. Diess verdross das Kammermadchen beinahe mehr, als die gnadige Frau, welch letztere die Kunst sich zu entschadigen aus dem Grunde verstand und den Herrn Gemahl langer verloren hatte, als die Kammerzofe den Liebhaber. Indessen fand auch die entschadigte gnadige Frau unschicklich, dass Se. Hochwohlgeboren einem Dienstmadchen die Cour machten. Die Cour! auf den Knien! So was hielt sie ihrer Ehre zu nahe, und das Kammermadchen setzte hinzu: wenn Charlotte noch eine Kammerjungfer ware!
Charlotte hatte, wenn sie den Plan der gnadigen Frau und des Kammermadchens befolgen und den gnadigen Herrn offentlich lacherlich machen wollen, ein ziemlich grosses Spiel gewonnen, allein sie wollte nicht durch's Spiel reich werden. Sie suchte Se. Hochwohlgeboren auf den rechten Weg zu bringen, er aber blieb auf dem Irrwege zu ihrem Herzen. Da sie ihn nicht los werden konnte, entfernte sie sich, wie sie stand und ging, und liess, wie Joseph, ihre Plundern zuruck, die Man ihr bei Hangen und Wurgen auslieferte. Die Sache macht' Aufsehen, und Charlotte war die einzige Person, die den Herrn v. ** vom Theater der dortigen Gegend bringen konnte. Sie that es, und da unser Bekannter sie selbst darum bat, kehrte sie zuruck ins Haus. Solche Herren wissen sich durch Ableiter vor dem Ungewitter zu sichern. Sie wissen nicht, was eine fehlgeschlagene Liebe sagen will. Der Herr v. ** hatte sich mit weniger Muhe, ohne zu knien, versorgt, und unser Bekannter besass Charlotten nun ohne Anfechtung. Sie war ihm jetzo theurer; denn ihre Tugend hatte gesiegt und das Feld behalten.
Es ist unaussprechlich, wie glucklich unsere Verliebten waren. Er pfluckt' ihr die ersten Blumen, und die Natur schien sie recht geflissentlich fur ihn, oder eigentlich fur Charlotten zu verwahren. Nur ein durch Liebe geweihtes Auge konnte die Blumen finden, die er fand. Sie hingegen bracht' ihm die ersten Fruchte. Er ass sie aus ihrer Hand und dann schmeckten sie ihm desto susser.
Nach dem Auftritt mit dem Herrn v. ** schien Charlotte unserem Bekannten eine Martyrin, und er glaubte, dass diese erhabene Idee seiner Liebe Schaden gethan haben konne. Nachdem ich sie, schreibt er, ubermenschlich liebte, schien sich ein gewisses Feuer im Herzen zu legen.
Er gesteht mit allen Merkzeichen einer wahren Reue, die niemand gereut, dass sein Herz vorzuglich durch die Geschenke seines Principals den ganzen Rest von Anhanglichkeit zu Charlotten verloren. Welch ein Verlust! O Gott, welch ein Verlust! Ich ward wie ein schwankendes Rohr, schreibt er, lange vom Winde hin und her getrieben. Ein Flick Land und ein blanker Hut machten den Garaus mit mir. Ich balancirte schon zuvor. Diess F l i c k w e r k gab den Ausschlag. Der gnadige Herr konnte Charlottens Gutherzigkeit empfinden. Viel vom gnadigen Herrn! Er hasst' und ehrte Charlotten, wie die Teufel g l a u b e n und z i t t e r n . Sie hatte seine Beschamung oder Beschimpfung in ihrer Gewalt, allein ihre edle himmlische Seele wusste von keiner Rache. Charlottens Herz hatte nicht seines Gleichen. Sie fragte nicht, ehe sie Mitleiden zeigte, ob der Ungluckliche Schuld an seinem Ungluck ware? Oft dacht' ich, wenn sie weinte mit den Weinenden, und wenn es ihr genug war, Elend zu sehen, um bewegt zu werden, sie lasst, wie Gott der Herr, regnen uber Gerechte und Ungerechte! Diese edle Denkungsart vermochte vielleicht den gnadigen Herrn durch sein Geschenk die gute Sache mit Charlotten ins Reine zu bringen. Der Hut, sagt' er zu mir, ist mir zu gross. Das Land ist mir zu klein! Es ist beides sein. Weg war ich, ja wohl weg.
Unser Bekannter verdarb sein Herz von Tag zu
Tage. Je mehr Charlotte ihm sagte, dass ihm der Hut schlecht stunde (sie sah dabei auf sein Herz; er war sonst ein schoner Mann), je gleichgultiger ward er gegen sie. Er hatt' an jedem Finger eine Schone, die sich in dem blanken Hute spiegelte und sich nach Massgabe desselben das Tuch um den Hals zurechtzog, bis endlich Luise ihn zur heiligen Ehe bestimmte. Sein Hut war abgetragen und Luise war reich. Diese Luise ist das ungluckliche Weib, das nach dem ungluckseligen Schuss m e h r a u s G r a m u b e r den Gram ihres Mannes, als uber den Verlust ihres einzigen Sohnes s t a r b , wie ich im ersten Bande bereits bemerkt habe. Das Stuck Acker, so ihm der Herr v. ** schenkte, war zur Noth eine Brodstelle, allein einen blanken Hut warf es nicht ab. Bis auf den Zuschlag mit L u i s e n hatte Charlotte noch Hoffnung gefasst. Sie, die alles zum Besten zu kehren gewohnt war, verlor nicht alle Aussicht zur Besserung ihres ungetreuen Liebhabers. Vom Tage seiner Verlobung mit Luisen sank sie in Schwermuth! O Gott, sie sank tief! Dichte Wolken uberzogen sie, und es war so feierlich anzusehen, als wenn schwarze Wolken den Mond beziehen. Wer diesen Bezug nicht bemerkt hat, thue Charlotten Ehre und bemerk' ihn noch. Wahrend der Zeit, da sich unser Bekannter von Charlotten gedreht, bekam sie einen Freier, der sie herzlich zu lieben vorgab. Man konnt' an der Ehrlichkeit seiner Liebe nicht zweifeln, da er reich und sie arm war. Diess wusste sie zu empfinden; allein sie empfand auch, dass es nicht unser B e k a n n t e r war!
Die erste Liebe, merkte Herr v. G. bei dieser Gelegenheit an, stimmt unser Herz auf ewig. Der Ausschweifendste konnte behaupten, er habe nur eine Einzige geliebt, und in Wahrheit, das konnt' ihn heilen wenn es sein Ernst ware, heil zu werden. Man liebt immer die erste Liebe, auch selbst wenn man am Hofe ist. In jeder neuen Theaterprinzessin ist wenigstens ein Zug von der ersten Liebe. Sie ist uns ins Herz geschrieben, im theologischen Sinn und beweist, dass von Anbeginn nur ein Weib und ein Mann gewesen. Der arme Freier! Es war seine erste Liebe, er heirathete; allein es war keine Charlotte. Die Braut unseres Bekannten wandte sich an Charlotten; denn sie hatte zu ihrem Brautigam mit dem abgetragenen blanken Hut kein absolutes Vertrauen. Charlotte gab ihm mit weinenden Augen das beste Zeugniss. Sie kusste die Ruthe, womit sie gezuchtigt ward. Sie kusste Luisen herzlich. Arme Charlotte! Ihrem beklommenen Herzen Luft zu machen, heirathete sie; allein, was ist von einer Heirath aus Verzweiflung zu erwarten? Sie machte ihren Mann unglucklich, und sie war es noch weit mehr. Sie kusst' ihn zitternd, wie eine Taube, die den uber sich hangenden Morder sieht, indem sie ihren Gatten schnabelt. Charlotte sah den Habicht ganz allein, und mithin wusst' ihr Mann nicht, was ihr war! Sie hatte keine Kinder, und Charlotte ward allgemein fur eine Person erklart, die schwermuthig ware. Besonders ausserte sich dieser Trubsinn, wenn sie was Blankes sah; es musste denn durch die Sonne vergoldet seyn, sonst konnte sie nichts Schimmerndes ohne Thranen ansehen. Ihr Silber und Zinn musste nicht glanzend gemacht werden. Am liebsten ass sie von Holz. Man verschloss sogar Scheere und Messer eine Zeitlang. Ein Schrecken war das Einzigste, was Charlotten in's Lachen bringen konnte. Ihr Lachen hielt man fur Hitze, so wie ihre Thranen fur Frost, bis man mit ihrer Art bekannter ward und Messer und Scheere wieder aufschloss.
Charlotte konnte keine Kinder ausstehen; allein wenn sie heimlich den einzigen Sohn unseres Bekannten habhaft werben konnte, druckte sie ihn fest an ihr Herz. Es war ruhrend anzusehen. Unser Bekannter hatte das Gluck, sich zu uberreden, Charlotte sey nicht seinet-, sondern ihres einzigen Mannes wegen, schwermuthig. Es war Charlottens Mann der beste Mann in der Welt, indessen ward er ordentlich gehasst, und wenn man ihn am Ende so bose nicht fand als man ihn ausgab, kam es auf den gnadigen Herrn, man sagt' es sich in's Ohr, dass Charlotte seinetwegen so trube geworden ware.
Sie starb und so froh, dass es erbaulich war, von ihrem Tode zu horen. Wer sie sterben gesehen, war bis an die Thur des dritten Himmels entzuckt worden. Charlotte war aber gewiss weiter eingedrungen zur ewigen Freud' und Herrlichkeit. Wer ihre letzten Worte gehort hatte, redete von ihr mit Ausgelassenheit. Es hatte kein Auge gesehen, es hatte kein Ohr gehort, es war in keines Menschen Herz kommen, was die Umstehenden gesehen und gehort hatten und was ihnen ins Herz gekommen. Ihr Ehemann hatte in Wahrheit die Freuden des Ehestandes nicht an ihrer Hand erfahren; allein ihr Andenken liess ihn an keine zweite Verbindung gedenken.
Unsere Verbindung, sagt' er, war fur die andere Welt, wo keine Thranen mehr von Charlottens Augen fallen werden! Sie sind getrocknet, diese Thranen, und Engelsfreude ist in ihren Augen. Halleluja! Charlotte bat ihm sterbend ab, und er ihr, und alle, die Messer und Scheere verschlossen hatten, verlangten ihren Segen.
Vergib mir, sagte sie zu ihrem Manne, es wird dir alles im Himmel gelohnt werden. Am Grabe endet sich alles Elend, aller Kummer. Dort wird das Buch meines Schicksals aufgethan, damit ich lese und verstehe, was hier kein weiser Mann zu erklaren wusste. Alle Finsterniss wird dort Licht seyn. O, wie froh werd' ich seyn, den Zusammenhang meines Lebens kennen zu lernen. Ihr Mann rang die Hande, und wenn sie ihm abbat, weint' er bitterlich. Ehe sie ihr edles Auge schloss, sah sie sich rund herum. Bei ihrem Manne liess sie das Auge etwas ruhen, und nachdem sie diesen Lauf vollendet, sah sie gen Himmel und ihr Auge schloss sich, als wenn man mud' ist, von selbst. Es durfte nicht zugedruckt werden. Sie entschlief. Wahrlich! wahrlich! sie starb in einer seligen Stunde. Ihr Liebling, der Sohn unseres Bekannten, spielt' oft auf ihrem Grabe, das kein Kraut des Fluchens, Dornen und Disteln, entehrte, obgleich es rund herum stand. Es schien, als ob Dornen und Disteln Achtung fur das Grab unserer Seligen hatten. Der Sturmwind, wenn er daherfuhr und die Kirchenlinden absplitterte und Aeste brach, schonte der Blumen auf dieser heiligen Statte. Sie war jedem heilig, wie die Pforte des Himmels.
Ich glaube, meine Leser verlieren bei diesem Auszuge, denn das weitschweifige Original hatte Stellen, die schrecklich waren.
Unser Bekannter war durch diesen denkwurdigen Tod noch nicht auf Bussgedanken gebracht. Er konnte Charlottens Leiche sogar folgen, ohne eine Thrane fallen zu lassen!
Das nenn' ich, sagte Herr v. G., G e r i c h t d e r V e r s t o c k u n g ! Die Trostlosigkeit des Mannes unserer Charlotte bestatigte das Vorurtheil, dass er Charlotten unglucklich gemacht hatte. Man hielt es fur Gewissensbisse. Die Umstande ihres Todes, die unserm Bekannten, wiewohl zum grossten Theil sehr unrichtig und nur beilaufig, erzahlt worden, bestatigten diesen unerhorten Wahn. Da Charlotte ihrem Ungetreuen auswich und ihn nicht anders als in ihrem Herzen sah, so unterhielt alles die Ruhe unseres Bekannten, u m m i c h d e s t o u n r u h i g e r z u m a c h e n (diess sind seine eigenen Worte).
Der Herr v. G. bemerkte, dass ihm nichts schrecklicher, als ein ganz ruhiger Mensch ware. Die Ruhe der Weisen sey so sehr, bemerkte er, mit einer gewissen seligen Unruhe, mit einer Sehnsucht verknupft, dass man sie eine selige Unruhe nennen konnte. Ruhe ist Dekoration, wie's eine Aufrichtigkeit von der Art gibt, eine Aufrichtigkeit, die verkleideter Mord ist und wodurch man sicherer betrugt, als durch Ruckhalt.
Unsern Herrn und Meister, sagte Herr v. G., konnte nur eine gewisse Ruhe, die Folge von einem gottlichen Ruf, kleiden seinen Aposteln kommt sie schon nicht zu dem Sokrates nicht wohl aber der Maria, des Herrn Mutter, und jedem Weibe, das einen Sohn hat, der seiner Mutter Ehre macht. Solch ein Weib hat es vollendet. Hier in der Welt sind wir in der streitenden Kirche. Wer wird die Hande in den Schooss legen? wer sein Auge sinken lassen? Ruhe ist der Anzug der Seligen, der Vollendeten des Herrn! Von Gott kann man sagen: er sah an, was er gemacht hatte, und siehe da: Es war alles sehr gut!
Der Gang auf Vogelwild unseres Bekannten war sein letzter, ruhiger oder verstockter Gang. Der Schuss, wodurch er seinen Sohn todtete, sprengte sein Gewissen auf. K n a l l und F a l l passte nicht bloss auf seinen Sohn, sondern auch auf seine Ruhe. Er fuhrte an, dass er im Schuss den namlichen Knall gehort hatte als im Donnerschlag, den er uberschrien und den er zum gerechten Zeugen fur seine ehrliche Liebe zu Charlotten aufgerufen! Die Molltone hatten sein Herz nicht erweichen konnen, so wie gottliche Wohlthaten die wenigsten Menschen zu Gott lenken. Es musste einschlagen, und nun fielen die Schuppen von seinen Augen. Der Schuss schleifte seine ganze Festung.
Da stand er und trauerte wie ein Baum, dem ein brausend wuthender Angriff des Sturms alle seine Blatter auf einmal raubt und ihn schnell ganz nackt auszieht. Nun war ihm Charlottens Grab die einzigste Zuflucht; hier sah er Charlotten und seinen Sohn, der auf diesem Grabe oft gespielt hatte. Was fur ein schreckliches Licht war ihm aufgeblitzt! Gott ist gerecht, schrieb er, und alle seine Gerichte sind gerecht! Seine Ausdrucke waren brennend. Sie gingen durch Mark und Bein. Wie gern hatte er sein verpfandetes Wort eingelost. Sein Weib war ihm unertraglich und er sich noch unertraglicher, weil sie's ihm war. Sein einziger Umgang war mit dem Manne seiner Charlotte, der ihm alles haarklein erzahlen musste, was unser Bekannter, nachdem er zur Erkenntniss der Sunden gekommen war, besser verstand als sein Freund. Die Laube, welche er gepflanzt und Charlotte begossen, war ihm furchterlich finster geworden; indessen ging die Sonne keinen Tag unter, wo er sie nicht besuchte. Er suchte Charlotten drin und weinte. Er, der ehemals mit dem Fruhling um die Wette bluhte, konnte, ausser dem Herbste, keine Jahreszeit ausstehen. Abgefallenes Laub sah er lieber, als eine Rosenknospe, und wenn er einen verdorrten Baum fand, setzte er sich unter ihn; er war ihm der liebste.
Gott hat mich verstossen, seufzte er zuweilen, und niemand konnte ihn seufzen horen, ohne ihn herzlich zu bedauern das brachte einen neuen Seufzer hervor. Wenn er zum Nachtmahl ging, weinte er so, als wenn er unter den Kriegsknechten gewesen ware und jetzo offentliche Kirchenbusse thate. Er war stets zerschlagenen, zerrissenen Herzens. Sein ganzes Leben war eine immerwahrende Litanei, ein ewiges Kyrie eleison. Froh wurde er seiner Erlosung entgegengegangen seyn, wenn nicht Charlotte und sein Sohn im Himmel gewesen. Seinen Sohn durfte er nur vor den Menschen bekennen; desto mehr litt er, dass er Charlottens Namen verbeissen musste. In der Stille nannte er ihn tausendmal in einem fort. Er zitterte vor dem Tage seines Todes und das Leben war ihm auch unertraglich. O Gott! es muss ein schrecklicher Zustand seyn, wenn man nicht leben, nicht sterben kann. Am Ende war ihm doch das Leben das unertraglichste. Er sehnte sich, vom Fegfeuer dieses seines Lebens und von allem Uebel befreit zu werden und wenn ihn eine Furcht vor dem Himmel ergriff, wo er seinen Sohn, Charlotte und Luise finden wurde, schlug er seine Hande gen Himmel: Vergib! war alles, was er sagen konnte.
Sein Morgen- und Abendgebet war:
Von allem Uebel mich erlos';
Erlos mich von dem ew'gen Tod
Und trost' mich in der letzten Noth.
Bescheer' mir, Herr! ein sel'ges End';
Nimm meine Seel' in deine Hand'!
Und so beschloss er auch seinen Aufsatz, den meine Mutter nicht der Sache angemessener beschliessen konnen.
Charlottens Mann sollte ihm nach seinem Testament im ersten Paar folgen und alles erben, was er nachliess. Folgen will ich ihm, sagte dieser Ungluckliche, was soll mir aber sein Gut, da ich seit Charlottens Tode nicht mehr lebe?
Diess war der Schlussel zu der S e e l e n a n g s t unseres Bekannten. Sein Sohn war nur der erste Eingang. Charlotte war das Thema.
Er hatte, wie mein Vater in seinem Briefe bemerkte, sich auch darum Vorwurfe gemacht, dass er diesen innern Gram seinem Weibe und dem Manne Charlottens und seinem Beichtvater, meinem Vater und seiner Beichtmutter, meiner Mutter, verheimlicht; allein mein Vater absolvirte ihn dessfalls, weil er eben durch diese Verschwiegenheit gebusst. Er rief nicht bloss: ich soll meinen Georg sehen, sondern auch: ich soll Charlotten sehen; und er wollte nicht bloss von meinem Vater eine Anleitung, sich gegen seinen Sohn, sondern auch gegen Charlotten, zu fuhren. Diese Umstande waren so verwandt in seinen Empfindungen, dass bei ihm alles eins war, Charlotte und sein Sohn.
Den Ehemann Charlottens uberfiel eine ordentliche Art von Eifersucht, da ihm unser Bekannter im Himmel zuvorkam; allein mein Vater heilte ihn.
Er hatte sich feierlich erklart, nichts von dem Nachlasse des Bekannten sich zuzueignen, und da ihm mein Vater die Folgen hievon vorstellte, versprach er zu nehmen und zu geben. Mit der Linken nahm er und mit der Rechten wandte er diess Erbtheil bis zum letzten Dreier den Armen des Kirchensprengels zu. "Dank fur die Anweisung," sagte er zu meinem Vater; "das sind die rechten Erben."
Das letzte Wort unseres Bekannten war ein mit gefalteten, gen Himmel gehobenen Handen, bei denen er aber sein Gesicht, als wenn er sich vor dem Donner furchtete, wegwandte: G e d e n k e m e i n ! Er hielt sich fur einen vierfachen Morder seines Sohnes, seines Weibes, Charlottens und ihres Ehemannes.
Herr v. G. war dieser Geschichte wegen ausserst bewegt, und Herr v. W. fing den heiligen Abend zum Freudenfest diessmal spater an, um das Trauerfest, das ohnehin fruher seinen Anfang genommen, hiedurch recht vollstandig zu machen.
Ich habe mich, wie meine Leser schon wissen, bei dem Auszuge kurz gefasst, und wenn ich die Anmerkungen, welche vorfielen, hinzufugen sollte, wurde die Stutze vollends grosser als das Gebaude geworden seyn.
Die Frau v. W. hatte die Hande gefaltet, als wenn Hausgottesdienst gehalten wurde, und ihre Thranen fielen gerade herab, ohne dass sie, ihr Kleid zu schonen, etwas untersetzte, wie man Regenwasser auffangt. Sie flossen von ihrem Kleide wie Thautropfen von Blumen. Die Frau v. G. weinte in ihr einbalsamirtes Schnupftuch.
Es freute den Herrn v. G., diese Bewegung an ihr wahrzunehmen, d a u n s e r B e k a n n t e r kein Edelmann war. Wahrend dieser Vorlesung und der Nutzanwendung, die Herr v. G. aus seinem guten Herzen schuttete, fiel mir alle Augenblicke M i n e ein. Gern hatte ich ihr gesagt, was ich bei dieser Geschichte empfunden, u n d s i e h e d a , i h r B r u d e r D a r i u s B e n j a m i n ! Mir ist es oft begegnet, dass das alles, was mir von der Liebe ahnete, auf ein Haar eintraf, und diess bestatigte meine Idee, dass eine unsichtbare Hand mit meiner Liebe sey, so wie sie's mit jeder reinen Liebe ist.
Benjamin hatte einen verstellten Auftrag an seinen Vater, der unaufhaltsam bose war, dass sich Benjamin unterstanden, ihn h i e r aufzusuchen. Es fiel ihm gar nicht ein, dass das Schneiderhandwerk fur den Sohn eines Literatus noch das allerschicklichste sey, dass Gott der Herr selbst nach dem betrubten Sundenfall dieses geschenkte Handwerk eingesetzt und die ersten Rocke verfertigt, dass sein Sohn auf Prima sasse und kunftige Ostern Student werden wurde. Noch boser wurde der alte Herr gewesen seyn, wenn Benjamin nicht sein Ehrenkleid angelegt und die Haare in Verse gezwungen hatte, so nannte meine Mutter die damalige Art in Curland, Locken im eigentlichsten Sinn anzunahen. Dem Benjamin war diese Frisur die naturlichste.
Wahrend der Zeit, dass der alte Herr dem Benjamin seine Herausnahme, ihn hier aufzusuchen, verwies, winkte Darius seinem Freunde Alexander, dass er aus einer ganz andern Ursache hergekommen, die er in der Tasche hatte. Benjamin sollte sogleich fort. Hermann stand Schildwache, damit niemand den Primaner sahe, und befahl seinem Sohn, vom Fenster zu gehen. Der arme Junge musste sich lange kehren und wenden, bis er ein Platzchen fand, wo man am wenigsten entdecken konnte, dass Benjamin, des alten Herrn Sohn, hier ware. Ich wurd' ihn nicht von dieser Wache weggebracht haben, wenn ich nicht mit Benjamin wie du und du umgegangen. Diess brachte den Herrn Candidaten von der Thur, und vielleicht fiel ihm zu rechter Zeit ein, dass er selbst zu Hause Fingerhut, Bugeleisen, Nadel und Zwirn (wiewohl unter ein Paar Schlossern verwahrt) hatte. Er loste sich von der Schildwache ab, und Benjamin und ich waren allein.
Mir war von jeher angst und bange uber Benjamin, wie meine Leser es selbst wissen, weil er das Geschlagenwerden schon gewohnt war. Das Finkennest und der Judenjunge hatten diese Angst und Bangigkeit wieder aufgefrischt, die der Gedanke, dass Minchen Benjamins Schwester war, zum grossten Theil widerlegt hatte. Benjamin war schon bei der vaterlichen Belagerung ungewohnlich beherzt. Er hatte nicht Ruh' noch Rast, mich von seiner Schwester zu grussen und mir ihren Brief, das Handgeld, so er, als unser Vertrauter, genommen, zu uberreichen. Hier ist er. Ich hatte nicht Zeit, den Benjamin in seinen neuen Posten einzufuhren. Ein Brief von Minen! wie konnt' ich das? Ich bespart' also das Introductionsgeschaft auf eine gelegenere Zeit.
* * *
Gottlob! dass du noch in Curland bist, und gottlob! dass ich noch von dir Abschied nehmen kann. Gottlob! gottlob! Ich bin sehr daruber bekummert, dass es so unordentlich bei unserm letzten Gesprach herging. In Wahrheit, ich weiss kein Wort von dem, was du mir zu guterletzt gesagt hast; oder hast du mir nichts zu guterletzt gesagt? nichts? Was noch arger ist und was mich noch mehr bekummert, darf ich dir nicht sagen. Du wirst es leider zu sehr, zu sehr wissen und dir daruber Gedanken machen! Ich fuhl' es, dass ich selbst, dass ich dir auch kein Sterbenswort gesagt nichts zu guterletzt und doch liegt's auf meinem Herzen wie ein Berg. O, lieber Junge, verzeih' mir! Es war alles so geschwind, ich sah dich nicht gehen; du bist auch nicht gegangen, du bist verschwunden. Vielleicht hingst du schon lange, lange nicht mehr an meiner Hand, eh' ich dich misste, eh' ich wusste, dass ich allein war. Allein! grosser Gott, ich allein! Gin schreckliches Wort allein! O wie betrubt bin ich! wie sehr betrubt! und am meisten, dass wir einen so schnellen Tod sterben. Wir beten:
Fur einen bosen schnellen Tod
Behut' uns, lieber Herre Gott!
Ich habe bis hieher geglaubt, es sey gut, schnell sterben, wenn es nur nicht ein boser Tod ist, denn du hast es mich gelehrt; allein nimm deine Lehre zuruck; ein schneller, dunkt mich jetzt, ist immer ein boser! Leib und Seele, denk' ich, wissen nicht, wo sie geblieben, wenn es zu schnell geht, so wie ich von dir nichts wusste. Junge! die ganze Zeit uber und noch diesen Augenblick seh' ich mich nach dir um, allein du bist nicht mehr. Gott segne dich und behute dich! Dich! Dich! Dich! Mir ist so, mein Lieber, als wenn dieser Brief der letzte sey, den du, eh' ich sterbe, von mir lesen wirst; der letzte, dunkt mich, ohne zu wissen, l e t z t e , im Fall du die ersten l e t z t e n selbst vergessen hast und hast du keine Gelegenheit, zu schreiben, lehre sie dem Benjamin auswendig, damit er sie mir ja unversehrt uberbringe und sie mir eine Feuersaule werden und eine Wolkensaule, je nachdem ich's bedarf. Bald zittere ich, bald wuthet ein machtiges Feuer in mir. Sommer und Winter, dicke Nacht und Sommermittag. Das ist wohl die Liebe, Herzensjunge, sonst wusst' ich nicht, was es seyn konnte. O Junge! wie sehn' ich mich nach deinem: z u g u t e r letzt, zu guterletzt, zu guterletzt!
Es bleibt mit der Aufschrift und mit allem. Ausser dem Briefe, den mir, wenn das Gluck gut ist, Benjamin jetzt bringt, schreibst du mir den ersten. Alles ubrige wird dir Benjamin sagen.
Wenn du es nicht selber endlich furs Beste gehalten hattest, dem Benjamin den Vorhang unserer Lliebe aufzuziehen, ich ware vergangen in meinem Elend. Der Brief, den Benjamin von dir mitbringt, wird nicht gerechnet. Er an s i e zuerst, wenn du an Ort und Stelle bist, wo dich Gott hingeleiten wolle durch seinen heiligen Engel, dem ich, wie dir, eine gluckliche, gluckliche Reise wunsche. Ich hang' an einem deiner Blicke, ich weiss aber nicht, ob es der letzte war. So hing ich nie an deinem Mund, so fest nie, als an diesem Blick. Was ist aber in deinem Auge? Schwermuth, tiefe Schwermuth? Um wen trauerst du, Lieber, um wen? Kannst du um wen anders trauern, als um deine Mine? Ist sie todt, deine Mine? Hat sie ausgekampft den schweren Kampf, die Dulderin? Mir liegt der Spruch so tief in der Seele: sey getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben; dass die Krone des Lebens vor meinen Augen schimmert. Liebe und Andacht, pflegtest du zu sagen, sind zwei Lieder auf eine Melodie. Ist denn die Liebe nicht, wie die Seele ewig? Wo bist du, mein Geliebter? Denke mein! denke mein! Geschwind, wie der Gesang des Vogels durch den Wald lauft, geschwinder bist du entflohen. Am Abend duftet was man pflanzt am lieblichsten, und die Seele duftet eben so lieblich, wenn sie der Tod uberfallt. Ich weiss nicht, was ich schreibe, du wirst es aber wissen, was ich schreiben wollte. Ich bitte Gott, dass er's dir eingebe, wenn du es nicht von selbst wissen solltest. Wir sind eins, lieber Junge, du und ich! Vergiss nicht, mit Benjamin einen andern Weg zu bahnen, wenn der meinige nicht gut ist; du musst alles bis auf ein Haar abreden, wenn du meinen Vorschlag nicht annimmst. Benjamin wird dir die Ursache zur Abanderung sagen, ich kann es nicht, ich weiss sie nicht mehr, ich weiss nichts, nichts mehr, als dass ich dich liebe und dich lieben werde im Gluck und im Ungluck, im Leben und im Sterben, bis vor Gottes Angesicht! O, wie wohl ist mir, da ich daran denke! wie wohl!
Da ist er wieder, dein Blick! Warum so finster? Ist denn der Tod so bitter? Lebe wohl, das weiss ich noch, dass ich es dir, dass du es mir sagtest. Aber das Letzte? ich kann nicht mehr. Lebe glucklich und wohl, und Gott segne dich und behute dich, er lasse sein Antlitz leuchten uber dir und sey dir gnadig! Ich leb' und sterbe dein.
N.S. Am Ende hab' ich wieder nicht recht Abschied genommen. Gott segne dich ich bete lange fur dich und werde jeden Morgen und jeden Abend, und vor Tisch und nach Tische fur dich beten. Ich werde mir manches Gebet entziehen und es fur dich thun. Der liebe Gott sey mit dir und gebe dir noch einen Engel zu, da du auf Reisen gehst und wohl ein Paar nothig hast. Du schreibst bald! und bald kommst du wieder, und wenn ich nicht todt bin, bist du bald ganz der Meinige. Wie Gott will! Er, der Gnadige, sey dir gnadig, der allein Gnadige sey es dir! Amen! Amen! Amen! Ich bin auch im Tode dein, und ewig dein! und ewig, ewig, ewig dein, dein, dein, dein! Ich weiss nicht, wie mir ist! Der Tod wird uns nicht scheiden. Wir sind und bleiben eins. Der Tod nicht? Was ich schreibe! Sind wir nicht schon geschieden? bist du nicht fort? Und wenn ich sturbe, wer wird mir das Auge zudrucken, das nach dir noch starr offen stehen wird? Sonst hat es nach nichts zu sehen in diesem Jammerthal, nach Vater nicht, nach Mutter nicht, nach der ganzen Welt nicht. Du wurdest es mit einem sanften Kuss schliessen, wie die Abendluft eine Lilie, das wurdest du, mein Einziger, wenn du geblieben warst. Diess, diess trubt mich bei deinem Abschiede; du wurdest meine Leiche mit Thranen salben, wenn du geblichen warst. Ich wurd' in deinem Arm sterben, wenn du geblieben warst. O wie mir ist! Verzeih', Geliebter! ich weiss nicht, was ich schreibe und werfe Blikke hin und her auf diesen Brief, und fast mocht' ich ihn zuruckhalten, wenn ich nicht schreiben musste des guterletzt und des neuen Vorschlags wegen. Schreib mir doch, was dir ahnt, und Gott sey mit seiner Gnade bei und uber dir! Amen, jetzt und in Ewigkeit Amen, in Ewigkeit Amen!
* * *
Ich hatte diesen Brief nicht ohne die heissesten Thranen lesen konnen. Alle Augenblicke druckt' ich ihn an meine Lippen und dann, als ob diess viel zu wenig war', und dann wieder an mein Herz, das ihm entgegenschlug. Benjamin hatte des Vaters Posten eingenommen und war auf die Wache gezogen, wie er mir nachher erzahlte; denn gesehen hatt' ichs nicht, ich wollt', ich musste schreiben. O wie war mir! als schrieb' ich ein Todesurtheil, als schrieb' ich mit Blut so angst und bang! und dann wieder so vergnugt ums Herz, dass das Blut uber und uber sturzte, und dann wieder so sanft als im Junius, wenn es geregnet und jede Blume wonnetrunken ist und sich noch auf ihrem Rucken fur den schwulen Mittag des kunftigen Tages einen grossen, grossen Tropfen aufgespart hat. Alle Jahrszeiten in einer Viertelstunde ich weiss nicht, was eigentlich mit mir vorging. Nur das weiss ich, dass Benjamin einigemal zu mir kam, eilfertig, um seinen Posten nicht kalt werden zu lassen, und mich in seine Arme nahm und mir die Arme kusste, meine Thranen waren ihm zu heilig, um ihren Lauf zu hemmen um sie mit den seinigen zu mischen. Kein Wasser, sagt' er, zu diesem Wein der gute Benjamin! Und dann fing er wieder an: Ich werd' ihr alles sagen! alles! Er schrie: alles und jedes, bis er's merkte, dass er zu laut gewesen, und nun seufzt' er wieder: alles und jedes! Ich brach die Hande, dass es ruhrend war. Das nicht, erwiedert' er. Warum ringst du? Zwar ist's, als sah' ich den Engel und Jakob ringen! so schon ringst du! so schon ringt nur Lieb' und Pflicht! Das nicht, sagt' ich, Benjamin! das nicht! Mein zu guterletzt ist Segen von Gott, diess Ringen zu dem Allmachtigen ist Sorge fur sie! Mehr sag' ihr nicht, mehr nicht von diesem z u g u t e r l e t z t , als was sie tragen kann. Ich weinte herzlich und Benjamin weint' auch. Wir waren beide sehr bewegt und ich wett' es, ware gekommen wer da wollte, er hatte mich um keine Thrane gebracht, nicht um eine einzige.
Ich billigte den Plan, ohn' ihn zu uberdenken, denn wie konnt' ich das? Benjamin ware nicht die Nacht geblieben, um alles nicht. Warum? Das sollten meine Leser rathen. Seines durch ihn beschamten Vaters halben? Nein, geliebtester Leser! Nein! M i n e n s wegen. Mehr braucht' ich nicht zum Beweise, dass er meines Vertrauens werth sey. Ich vergass seine Rolle beim Finkenneste, beim Judenjungen und als Darius; ich dachte nur daran, d a ss e r M i n c h e n s , i h r e t - , bloss ihretwegen, nicht die Nacht bleiben wollte. Dein Plan ist gut, weil du ihn gemacht hast, sagt' ich ihm, du siehst, ich kann nichts uberdenken. Es kam mir alles ubern Hals, Minens Brief, d e r M a n n m i t d e m e i n e n H a n d s c h u h und die Geschichte unseres B e k a n n t e n . Wenn ich ein Bosewicht ware, sagt' ich zu Benjamin, wie konnt' ich diese Geschichte wissen und Minen untreu seyn? Ich empfahl Benjamin die Laube, welche der U e b e r w u n d e n e gepflanzt hatte, die jetzt furchterlich finster war. So finster und zehnmal finsterer sey es um meine Seele, wenn ich Minen vergesse! Erinnern Sie sie, Benjamin, an die kalte Hand ihrer Mutter! Ich liebe Minen sehr, sehr!
Da sank ich abgemattet nieder und erholte mich erst nach einer Viertelstunde.
Was ich mich freue (fing Benjamin an, hielt beide Hande gefaltet und hupft' auf seinem Posten immer auf einer Stelle).
I c h . Warum?
B e n j a m i n . Weil Mine so glucklich ist.
I c h . Ich bin es mehr Bruder! weit mehr!
B e n j a m i n . Gott gebe, dass Sie's ganz werden mogen!
I c h . So sage du! oder
B e n j a m i n . Kann ich?
I c h . Warum nicht?
B e n j a m i n . Literatus und Schneider! Alexander und Darius?
I c h . Beides Konige, beides Menschen! Wenn du keine Schwester M i n e hattest, musstest du mich du nennen.
B e n j a m i n . Sehr gutig!
I c h . Gerecht, Bruder! Wenn ich tausendmal Superintendent ware! Was war' es? Nannten wir uns nicht du als Kinder im Stande der Unschuld? Wenn du nicht einen naturlichen Ekel gegen das liebe Latein gehabt hattest, du wurdest wissen, dass man in Latein alle Welt du nennt. Duzen wir nicht Gott den Herrn, ohn' ihm mit diesem Wort zu nahe zu kommen? Und was unter uns fur Umstande? Bruder Benjamin, das heisst, Minens Bruder.
B e n j a m i n . Nun du! du! du! du! ich muss es nur einigemal hinterher sagen, damit ich in die Gewohnheit komme; ja du bist ein Mensch, ein ganzer Mensch!
I c h . Ich hab's angefangen zu seyn, und mit Gottes Hulfe will ich's vollenden.
B e n j a m i n . Bleib Minen gut.
I c h . Das bitt' ich dich! ich bin ihr naher als du!
B e n j a m i n . Sie ist dir schrecklich gut, schrecklich. Es ist ihr Ausdruck.
I c h . Ich ihr auch schrecklich, Bruder!
B e n j a m i n . Schrecklich, das heisst: Euer Ziel ist noch fern.
I c h . Das heisst, wir haben noch viele Berge zu steigen, viele! Grausam aber soll, wie ich zu Gott hoffe, unsere Liebe nie werden, das heisst, hocheifersuchtig. Eifersuchtig ist jede, jede Liebe.
B e n j a m i n . Minens wegen eifersuchtig?
I c h . Du bist mein, Mine! ich bin dein! Mein, dein! Mein, dein! Mein, dein! O Bruder, was ist die Liebe? Ruhm, Reichthum und andere Narrenspossen gehen alle durch Menschenhande, ich fuhl's, Bruder! Die Lieb' allein kommt aus der Hand der Natur. Sie ist roh, sie ist Obst; denn beinah' alles andere ist gekocht und gebraten! Bruder! Bruder! ich gehore Minen, ganz und gar gehor' ich ihr! ihr! und wenn sie mich zuruckgeben wollte! O Gott, wie unglucklich reich wurd' ich seyn! verdammt, verflucht reich; ich verlange mich nicht. Wie gut bin ich bei ihr aufgehoben bei ihr wie gut versorgt!
B e n j a m i n . Fass' dich, Bruder, sonst sinkst du wieder.
I c h . Lass mich! Mine ist mein! lebend und sterbend! O wie suss, wie suss werd' ich in ihrem Arm sterben! sterben, Bruder! horst du, sterben! Dann komm' ich aus einem Engelsarm in den andern.
B e n j a m i n . Fass dich, Alexander! fass' dich!
I c h . Lass' mich nicht fassen! ich bitt', ich beschwore dich! lass es mich nicht! Fassen ist gut, sich nicht fassen, ist auch gut. Kann sich die Liebe fassen? Ich glaube, man liebt nicht mehr, wenn man sich fasst. O Bruder, das Menschengeschlecht wird nicht aussterben; allein die Liebe liegt in den letzten Zugen, die rechte Liebe, die rechte. O L i e b e ! L i e b e ! d u b i s t s t a r k ! singt meine Mutter.
B e n j a m i n . Die deinige ist starker, als Alexander. Gott helf' meiner Schwester die ihrige tragen!
I c h . Gott helf ihr! aus der Hohe! Gib du ihr auch die Hand, wenn sie sie nothig hat. Greift sie nach beiden, gib ihr beide. Du bist link, ehrlicher Junge, gib ihr deine Arme! Stutze sie! O Jammer, dass du so weit von ihr entfernt bist! Wenn sie so ist, wie sie war, da sie den Brief schrieb, den du brachtest den himmlischen Brief! O Bruder! hilf ihr! hilf ihr!
B e n j a m i n . Gott helfe mir, um ihr zu helfen!
I c h . Warum bricht die Wolke? warum? weil es nicht zur rechten Zeit regnet. Will Minens Herz brechen, bring' sie zu Thranen! zum sanften, sanften Regen! Warum weinst du jetzt, Benjamin?
B e n j a m i n . Wer kann dich duzen, und dann dich horen und nicht weinen?
I c h . Weine nicht, Benjamin! wein' ihr aber vor, wenn sie verzweifelnd die Hande ringt; wenn sie verzagt, sag ihr, sag ihr mit Ueberzeugung, als ob du Gott und als ob du mich vor dir sahest, dass Gott im Himmel und ich in der Welt bin. Ich reise in die Nachbarschaft, es ist abvotirt, dass ich in Konigsberg studire. Sterb' ich! sterb' ich o Benjamin! o Benjamin! sag ihr, dass ich als ihr Mann gestorben! dass ich ihr entgegenkommen werde mit einem erweiterten Arm, o Benjamin, wenn ich sterbe!
B e n j a m i n . Denke nicht an den Tod!
I c h . Du weisst, vor vielen Jahren, da ich krank war, setzt' ich dich zu meinem Erben ein, du solltest nach meinem Tode den Alexander, ohne Abzug, so wie ich ihn hatte, erben! Das Spiel hat aufgehort. Ich vermache dir Minen! Minen! ich vermache sie dem lieben Gott, der erquicke sie, wenn sie muhselig und beladen ist. Das ist mein letztes Gebet, mein letzter Seufzer!
Wir umarmten uns.
B e n j a m i n . Die Liebe wird dich im Studiren storen.
I c h . Recht, Bruder! sie wird's, und ich werde kein so grosser kunsterfahrner Gelehrter werden; allein ein herzlicher werd' ich seyn, ich werd' aus jedem Buche lieben lernen. Die Liebe schlafert Triebe ein, allein sie weckt auch Triebe auf! Weiss Gott, wie's zugeht; allein wer nicht liebt, sieht durchs Glas, durchs Fenster; wer liebt, steht mit eignen Augen! durch und durch mit Leib und Seele!
B e n j a m i n . Gott helfe dir! ich weiss nicht, wie ich einfadeln und das Nadelohr finden werde, da ich dich nur lieben gesehen und gehort habe und du, du sollst predigen lernen?
I c h . Das ist bei der Liebe leichter als schneidern. Sieh, Benjamin, heutzutag ist unsere Liebe mehr geistig geworden, und Geist mit Geist kommt in die Verwandtschaft. Sorge nicht fur mich, Bruder, sorge nur fur Mine! Sag ihr alles, alles, und bitte sie, dass sie mir treulich ein Tagebuch halte und Auszuge hievon alle Vierteljahre ubersende. Es bleibt bei der Anordnung, es bleibt ganz dabei! Ein Brief von meiner Mine wird mir ihr Widerschein seyn. Grusse sie tausend-, tausend-, tausendmal!
Ich schame mich, das weiss Gott! es niederzuschreiSeine Antwort war Nein, und ein solches Nein, dass ich kein Wort mehr daran wagen durfte.
Warum tragst du denn Geld in der Tasche los? fuhr er fort. Das weiss ich selbst nicht, war meine Antwort. Es war dieses ein Gebrauch, den ich an Kindesstatt angenommen hatte, und noch trag' ich mein alltagliches Geld, wie ein g r o ss e r K o n i g den Tabak, in der Tasche. Ich hab' es in der Folge gefunden, dass sich das Geld so sehr an den Beutel gewohnt, dass es nicht heraus will, wenn gleich Menschen da sind, die es zu fordern befugt sind. Das Geld ist kein seidenes Netz, kein Schlosschen werth; wer erst loswinden und aufschliessen muss, findet gemeinhin die namliche Schwierigkeit beim Herzen.
Ich klagte mich bei Benjamin an, dass ich, weil er das Schlagen gewohnt gewesen, ihn nicht zu unserm Vertrauten in Vorschlag gebracht hatte. Ich verwies ihm alles, was ihm in der Geschichte vom Huhnerei und Judenjungen zu verweisen war, und nun fing ich an: Ersteige Berge und schaudre nicht vor Thalern! Sey Mann, sey Minens Bruder und der meinige! Ich habe dir nicht zugetraut, was ich heut in dir gefunden.
Hiemit weiht' ich ihn zu unserm dritten B l a t t e ein, das bei jeder ehrlichen Liebe vor der Hochzeit seyn muss, sobald die Sache nicht eins, zwei, drei zu Ende ist.
I c h . Denk an Gott, an Mine und an deinen Bruder!
B e n j a m i n . Ich werd', ich werd', ich werd' an Gott denken, an Mine und an dich!
Wir gaben uns die Hand und sahen gen Himmel.
Benjamin brach auf und ich gab ihm noch einen heissen Kuss fur Minen mit. Benjamin ritt, ohne Abschied von seinem Vater zu nehmen, davon.
Da ich ins Zimmer trat, wo die Gesellschaft war, fiel mir die Angst des alten Herrn in alle funf Sinne. Er schlich sich an mich und brannte zu wissen, ob Benjamin schon weg ware? Obgleich sein so unbandiger Stolz, welcher dieses Angstfeuer angesteckt hatte, eine so schleunige Loschung nicht verdiente, so konnt' ich's doch nicht uber mein Herz bringen, den Herrn Candidaten so lichterloh brennen zu sehen. Er war der Vater meiner Mine. Er konnte wahrlich das Gesicht nicht so verziehen, wenn ihn das Zipperlein plagte und er dem Nicolaus Hermann leiblich ahnlich war, als jetzt, da er befurchtete, sein Sohn wurd' ihn verdunkeln. Eben darum hatt' er auch den Benjamin aus dieser Gegend so weit entfernt. Wie diess seine Schwester, nachdem Benjamin vollends der Vertraute unserer heiligen Liebe geworden, bedauerte, wie sehr ichs zu bedauern fand, darf ich nicht bemerken, da es sich, wie vieles in dieser Geschichte, von selbst versteht.
Um mir Zaum und Gebiss in den Mund zu legen, sprach er gestern, wie meine Leser es sich erinnern werden, von seinem Sohn als von einem angehenden Prapositus. Wie sehr ward sein Stolz bestraft! Ich konnt', um aufrichtig zu seyn, mich des Lachelns nicht enthalten, da ich sah, wie der Herr Candidat mit seiner gestrigen falschen Munze angehalten ward, die ihm auf der Stelle confiscirt wurde. Heute hatt' ich uberlaut lachen mussen, allein ich konnt' es nicht, weit eher hatt' ich mich argern konnen.
Ich sah und horte den Herrn v. G. unwillig, ohne zu
wissen, was ihn unwillig gemacht; endlich erfuhr ich, dass es darum ware, weil der Herr Candidat Hermann mein Schlafgesell gewesen. Feuer und Wasser, Schuld und Unschuld, hort' ich ihn sagen!
Er ordnete an, dass ich die letzte Nacht durchaus
mit seinem Sohne schlafen sollte; auch G o t t f r i e d , der unser Begleiter war, musst' in diess Zimmer. Diess Z i m m e r , sagt' er, heisst K o n i g s b e r g , und ihr musst so thun, liebe Reisende, als ob ihr schon an Ort und Stelle waret. Die Frau v. G. hatte verschiedene Einwendungen wider diese Anordnung; indessen kam sie nicht zum Wort, und die Einrichtung des Herrn v. G. ward ganz punktlich befolgt.
Gottfried brachte mir, sobald wir nur in Konigs
berg, oder in unserm Schlafgemach waren, von meiner Mutter viele Grusse und einen zweigliedrigen Segen; auch versicherte er mich hoch und theuer, dass er unmoglich von hinnen ziehen konnen, ohne der Frau Pastorin, der Mutter seines zweiten Herrn, aufzuwarten. Es kam mir vor, dass Gottfried sehr geweint hatte, und wie konnte diess fehlen, da er von den Ermahnungen einer Pastorin kam? Eine schriftliche Instruction schien er so wenig als der Conversus zu haben, allein man sah dem ehrlichen Gottfried einen geheimen Auftrag an. Ich war inzwischen viel zu sehr ein Sohn meines Vaters, um dessfalls mit Gottfried eine Untersuchung anzustellen. Mein Reisegefahrte und ich gingen zu Bett, als wenn wir wirklich schon unsern Stab in ein fremdes Land gesetzt hatten. Wie gefallt's dir hier? fing er an. Wie in Curland, erwiedert' ich, es ist uberall Gottes Erdboden.
Schon mehr als ein- und zweimal ist auf den vorigen Blattern an Konigsberg gedacht, auch hab' ich bemerkt, wie dieses der Ort unserer Bestimmung war, welches beide Vater abvotirt hatten; indessen war es nur ein Interlocut, die Definitivsentenz sollte nachfolgen wenn wir unsern Vatern von unserm akademischen Leben zu Konigsberg in Preussen einen getreuen Bericht wurden eingesandt haben.
Es war unter der vorigen Regierung auf der Konigsberg'schen Akademie auch Alexander und Darius gespielt und ein grausam lacherlicher Streit zwischen Pietisten und Orthodoxen gefuhrt worden. Nicht bloss Theologen, sondern auch Juristen und Mediciner hatten sich werben lassen. Es waren Presbyterianer und englische Kirche, Pilatus und Herodes, Whigs und Tories. Diess veranlasste uberhaupt ein kurzweiliges Gesprach uber den Pietismus und Inpietisums, und hiebei ward eines c u r l a n d i s c h e n T h e o l o gen Bedenken vom Pietismo in drei Abschnitten betrachtet, mit einer Vorrede von Erdmann Neumeister. Hamburg, bei Philipp Hertel, im J a h r e 1737, zum Grunde gelegt. Dieser curlandische Theologus oder Bedenker soll Pastor Johann Wilhelm Weinmann seliger gewesen seyn. Er hat in Fragen und Antworten die Pietisten angegriffen, indem er namlich selbst fragte und selbst antwortete, und so, wie's oft sehr kluglich in dergleichen Fallen zu geschehen pflegt, so war auch hier die Antwort eher als die Frage fertig.
Die sechsundsiebenzigste Antwort auf die sechsundsiebenzigste Frage des ersten Abschnitts liess den Herrn v. G. und meinen Vater herzlich lachen.
Frage.
Hat sich denn der Pietismus auch in Curland einnisten wollen?
Antwort.
(Ich lass' einen grossen Theil dieser Antwort unangefuhrt, damit meine Leser desto besser das Ende fuhA l s o b , sagte mein Vater. J a w o h l , antwortete Herr v. G. Eine Stelle aus der Vorrede des mehr besagten "Doch auch ihre (der Pietisten) Tugenden will ich G e n u g s a m k e i t , wenn alles bei ihnen uberlauft. D i e D i e n s t f e r t i g k e i t , ehrliche Manner aus Amt und Dienst zu bringen. D i e D e m u t h , zu knien, wo es nicht nothig ist. D i e V o r s i c h t i g k e i t , ihre Bosheit nicht an den Tag zu bringen. D i e G e d u l d , wenn es mit ihren Tucken nicht recht fort will. Die Bestandigkeit in ihrer Heuchelei. D i e E i n t r a c h t i g k e i t , da sie alle eines Sinnes sind, diejenigen, die nicht von ihnen sind, zu verleumden, zu schanden, zu verfolgen. D e r G e h o r s a m , den sie ihren eigenen Lusten leisten."
Es war allerliebst anzusehen, wie sich Herr v. G. und mein Vater bei dieser Verlesung geberdeten.
A l s o b , sagte mein Vater. J a w o h l , antwortete Herr v. G. Es ward bei dieser Gelegenheit eine Geschichte folgenden Inhalts eingeschaltet.
Eine Person weiblichen Geschlechts, die ihrer gesegneten Umstande wegen Gewissensschmerzen empfand, und eben darum in den andachtigen Erquikkungsstunden nach Trost liebaugelte, weil sie Pein in dieser Flamme litt, horte in diesen pietistischen Zusammenkunften ohne End' und Ziel vom v e r k e h r t e n H e r z e n reden. Sie kam nieder, und siehe da! ein Kind mit einem verkehrten Herzen.
Es hat dieses Kind (nach dem Bericht des Candidaten, der diese verkehrte Herzensgeschichte von Universitaten mitgebracht) nur drei Tage gelebt. Seine Mutter folgt' ihm, und zwar ebenfalls nach drei Tagen, von diesem Todestage an gerechnet. Sie verbat indessen sorgfaltig im letzten Willen alle Besichtigung nach ihrem Tode, um nicht durch ihr eigenes noch ein verkehrtes Herz mehr ans Tageslicht zu bringen.
Herr v. G. erzahlte diese interimistische Geschichte. Ich konnte, fuhr er fort, dem Candidaten nicht besser antworten, als durch eine gleichmassige Geschichte von einem Jagdhunde, der sich die Beine abgelaufen hatt' und ein Dachs geworden ware.
Und um dem Herrn Candidaten mit dieser Herzensgeschichte keinen Heller schuldig zu bleiben, fugt' ich noch vom P a r a d i e s g a r t l e i n den Umstand hinzu, dass diess Werkchen oft und viel in Feuersgefahr gewesen; allein es verbrannte nicht nur selbst nicht, schrie ich, sondern es besprach auch das Feuer; es war ebenso gut als ein halb Dutzend Feuerhaken und ein Dutzend Schlangenspritzen, und ist also diess Paradiesgartlein das wohlfeilste Recept wider Feuersgefahr. Probatum est
Der curlandische Bedenker nimmt sich die Freiheit, im ersten Abschnitt seines katechetischen Unterrichts eine historische Erzahlung vorauszusenden, was fur Unruhe der Pietismus in der evangelischen Kirche von Anfang bis zur jetzigen Zeit erweckt, und da sind viele Hofe, Stadte und Flecken, wo diese Krankheit gewuthet und nicht der Kinder in der Wiege verschont. Auf dieser Reise kommt er glucklich und wohlbehalten nach Konigsberg und ruft ach und wehe!
Was wurd' er aber jetzt rufen? sagte Herr v. G.
Der H e r z e n s c a n d i d a t hatte versichert, der jetzige Konig von Preussen hatte das ganze a l t e Testament durch dem Codicem Fridericianum abgeschafft und das neue Testament durch eine Instruction verkurzt.
A l s o b , sagte mein Vater.
J a w o h l , sagte Herr v. G.
Und das war das letztemal, dass ich als o b und j a w o h l von ihnen horte.
Die Gewohnheit der Pietisten, wo sie stehen oder liegen oder sitzen, die Hande zu kreuzen und laut zu beten, brachte den Herrn v. G. und meinen Vater aufs Gebet.
Man kann wohl, sagt' er, wie Diogenes, uberall essen, allein nicht uberall beten.
Warum? erwiederte mein Vater. Ist Gott nicht uberall?
H e r r v. G. Wenn Sie mir so kommen, Freund, so komm' ich Ihnen so. Zugegeben, Gott ist uberall, allein wir sollen an Gott glauben; durchs Gebet thun wir mehr, wir reden ihn an. Thun Sie das gegen i r g e n d j e m a n d , von dem Sie nur glauben, dass er da ist?
P a s t o r . Gott ist nicht i r g e n d j e m a n d .
H e r r v. G. Wenn Sie reden, mussen Sie sehen nicht?
P a s t o r . Der Blinde spricht, ohne zu sehen, und sind wir mehr in diesem Verhaltniss?
H e r r v. G. Der Blinde greift mit der Hand, eh' er spricht, und das ist ihm anstatt des Sehens.
P a s t o r . Und ist Gott nicht handgreiflich ist er fern von uns, leben, weben und sind wir nicht in ihm?
H e r r v. G. Gott ist ein Geist und nicht so handgreiflich, als dem Blinden der Jemand, den er zur Rede stellt. Das Sehen ist von der Anrede unzertrennlich. Wer uns nicht ansieht, wenn er mit uns spricht, was sagen wir von dem? Um Ihnen mein Glaubensbekenntniss auf einmal abzulegen: wenn ich mit jemand reden soll, muss ich ihn leibhaftig sehen; an Gott glaub' ich, und ich kann ihn also nicht anreden.
P a s t o r . Wir beten, um Gott und an Gott desto fester zu glauben. Glaube und Gebet sind sich so nahe verwandt.
H e r r v. G. Lieber Pastor! man nennt oft d e n einen Seher, der ohne zu sehen sich einbildet, dass er sehe. Das sind Sie, mit Ihrer Erlaubniss, uber diese Lehre. Dem Glauben ist das Wunschen angemessen. Wunschen kann ich also, beten aber nicht!
P a s t o r . Wunschen Sie sich nicht, was Sie von oben herab beten, was Sie von Gott bitten?
H e r r v. G. Recht, Pastor! allein ein Wunsch ist nicht ein Gebet. Lassen Sie uns ins gemeine Leben gehen. Wenn ich in Gesellschaft sage, ich wunsche herzlich, dass Gott meiner Schwester helfe; wer findet diess nicht wohlanstandig, wer nicht bruderlich? Sie wissen doch, meine arme Schwester kann sich nicht nach dem Wochenbette erholen. Ich furchte, ich furchte! Das Sohnlein christlicher Eltern ist vorausgegangen und die Mutter wird ihm folgen!
P a s t o r . Eine wurdige Frau.
H e r r v. G. Ein gutes Weib, gelt! Wenn ich, sagte ich, wunsche von meinem ganzen Herzen, dass Gott meiner Schwester helfe: Sie wurden mit wunschen, Pastor.
P a s t o r . Von Herzen der liebe Gott helf' ihr!
H e r r v. G. Wenn ich aber in einer grossen Gesellschaft die Hande falte und wie aus der Pistole anfange: lieber Gott! du hilfst, wenn nichts mehr helfen kann; ich bitte dich, hilf meiner Schwester, der armen Kranken, die dir schon ihren Sohn geopfert hat. Sie liegt da in deiner Gewalt! Ich wette, es steht alles auf oder oder oder
P a s t o r . Woher und warum? Vielleicht, weil wir nicht gern mit dem lieben Gott in Gesellschaft sind? Weil wir, wenn ich so sagen soll, manchmal unter uns seyn wollen? Ei in der Kirche?
H e r r v. G. Das namliche, Pastor! Euer einer kann zwar fur meine Schwester beten, aber sollte ich's in meinem Kirchenstuhl? Pastor, das namliche! auf ein Haar das namliche! Es geschieht zuweilen, dass einer von der Gesellschaft in Privathausern sich auf einmal gerade stellt, ein Paar Handschuh anlegt und a l l e r s e i t s anfangt, wie es bei meinem Schwager v. W. nichts neues ist; allein wie ist Ihnen dabei? Wenn aber dieser Redner feierlich eben hereintritt und seine Rede fein zuchtig anhebt? Man schamt sich, wenn man eben ein Glas in der Hand hat, man stellt es unvermerkt an einen entlegenen Ort des Zimmers, sobald man a l l e r s e i t s hort, man sieht den geputzten Redner, wenn man ihn auch noch so gut kennt, fur einen Fremden an und hat nicht das Herz sich geradehin, sondern ehrfurchtsvoll an ihn zu wenden. Dem Vater geht's so mit dem eheleiblichen Sohn. Der Sohn wird Vater, der Vater Sohn, wenn der Sohn redet und der Vater hort. Man sieht den Saal als eine Kirche an und den Sohn auf der Kanzel. Der Redner hat's vollbracht, allein man tragt noch Bedenken, sogleich ein Glas Wein mit ihm zu versuchen. Man ist im Handgriff, den Hut vors Gesicht zu halten, womit man in unserer Zeit den Anblick eines heiligen Orts bezeichnet.
P a s t o r . Also nur Anstand ins Zimmer gebracht, nur heilige Hande, und Sie konnen fur Ihre wurdige Schwester beten, die Sie ein gutes Weib zu nennen beliebten.
H e r r v. G. Pastor! wenn ich ganz rein heraus sagen soll, dass Euch das offentliche Gebet kleidet, fliesst aus dem frommen Vorurtheil, dass Ihr in Gottes Dienst seyd. Man glaubt, Ihr seht Gott den Herrn, wenn Ihr die Augen verdreht, Ihr seht ihn, wie man sieht. So lange wir aber Gott nicht sehen, wie man sieht, sollten wir mehr als wunschen.
P a s t o r . Redet man im Eifer nicht mit sich selbst?
H e r r v. G. Mit sich selbst zwar
P a s t o r . Auch mit andern sogar mit leblosen Dingen.
H e r r v. G. Im Eifer, oder in Redefiguren?
P a s t o r . Auch in Entzuckung, in Verlegenheit. Christus verschliesst daher das Gebet ins Kammerlein, weil uns da niemand hort. Die Idee ist sehr naturlich, dass, wenn uns kein Mensch hort, Gott uns hore. Dein Vater, der ins Verborgene sieht, spricht Christus, wird sich offentlich an dir offenbaren. Das Gebet bringt uns den Glauben, dass Gott sey, fast bis zum Schauen. Das Gebet ist der Spiegel, durch welchen wir am dunkeln Ort Gott sehen! Ihn sehen! Wenn aber kommt das Vollkommene, wird das Stuckwerk aufhoren. Wenn mein Gebet eintrifft, ist's mir so, als war ich entzuckt bis zum Unaussprechlichen. Es ist die Probe, dass mein Glaube an Gott richtig gerechnet und die wahre Summe herausgebracht. Christus, der Herr, kam unserer Schwachheit zu Hulfe. Auch was ohne unser Gebet geschehen ware, wenn es auf unser Gebet geschieht, hilft unserer Schwachheit auf. Kurz, das Gebet setzt den Menschen mit Gott in Verbindung! Wer erzahlt nicht gern, was er gesehen und gehort hat und was geschehen ist? Wie viel hort, sieht man und lasst geschehen, bloss um es erzahlen zu konnen? Und wer hat nicht wenigstens etwas (mancher hat viel), so er vor seinem vertrautesten Freunde, seinem Weibe, seinem Kinde verbirgt?
(Der Herr v. G. lachelte, ich aber dachte an das Land,
wo man fruher, als in Curland, Spargel isst, den Wein
bei der Quelle hat und lange Manschetten tragt, ich
dachte an den Melchisedech und )
Mit sich selbst kann man nur kurz sprechen. Das v o r s i c h muss noch kurzer im gemeinen Leben, als nach den Regeln auf dem Theater seyn. Eigentlich sollte es nur in Schreien, in Aufwallungen, in Sylben bestehen.
H e r r v. G. Gott weiss alles, warum Zeitverlust?
P a s t o r . Ist es Zeitverlust, sich mit Gott bekannt machen, mit ihm umgehen, mit ihm reden?
H e r r v. G. Ohne dass er antworte?
P a s t o r . O, er antwortet! Laut schallt es in der
H e r r v. G. Solch ein Horer hort aber, was tausend andere nicht horen. Er ist mit dem Seher von einerlei Art.
P a s t o r . Die Erfullung unseres Gebets
H e r r v. G. Die ohn' unser Gebet gekommen ware. Ich habe auf meinen Gutern einen alten Kerl, der, wenn er fur seinen Fritzen betet, ihn dem lieben Gott auf ein Haar beschreibt. Segne meinen Sohn, den Friedrich Emanuel, Goldschmied in Mitau, nahe bei der Kirche, oben im Stubchen zur rechten Hand. Freund, so ist all unser Gebet! Wir sagen dem lieben Gott, was er besser weiss; wir sagen ihm alle, dass unser Sohn ein Goldschmied in Mitau sey, dass er Friedrich Emanuel heisse, nahe bei der Kirche oben im Stubchen zur rechten Hand wohnhaft. Mein ehrlicher Franz macht's besser! Der kauft sich ein Gebetbuch, das er in seinen Kasten verschliesst, und wenn er des Abends schlafrig ist, klopft er dreimal an den Kasten und sagt Amen! " W i e d a s , F r a n z ? " Ich denke, sagte er, es ist dem lieben Gott eins, wo er es herausnimmt, ob aus dem Kastchen oder aus dem Herzen, wenn nur das Amen d a b e i ist. Lieber Pastor, Gott bedarf unseres Gebets nicht.
P a s t o r . Aber wir bedurfen des Gebets, wir! Wir sollen alles mit Danksagung empfahen, wir sollen nicht vergessen, dass alles von Gott komme!
H e r r v. G. Er ist der Herr Himmels und der Erden! Konige wollen Bitte und Dank! Gott der Herr
P a s t o r . Gebet und Dank von anderer Art! Unser Lallen, unser Verstummen ist ihm mehr als ein studirtes Geplarr! Solch Gebet und Dank, als wir Gott widmen, verstehen Konige und Fursten nicht. Es ist mir unausstehlich, wenn meine Amtsbruder sich pharisaisch ein langes Gebet concipiren und es sich zehnund mehrmal in ihrer Studirstube vorsumsen, als ob der liebe Gott in ihrer Studirstube nicht ware, und als ob sie ihn bloss in der Kirche auf einen Panegyrikus eingeladen hatten. Christus, der uns eine Vollmacht zu beten gab, und es uns in s e i n e m N a m e n zu thun nachliess, will, dass wir als Kinder zum Vater treten. Hier liegt die ganze Lehre vom Gebet. Hochtrabende Gebete mit allen gottlichen Titeln! studirte Gebete! wie sehr dieser Idee entgegen! Der Mann betet auf der Kanzel so vortrefflich, heisst mit andern Worten: der Mann ist ein falscher Spieler!
H e r r v. G. Ist's aber nicht kindlicher, sich in Gottes Willen ergeben und ihm alles anheim zu stellen?
P a s t o r . Das ist Gebet. Das Vater unser ist bis auf die bescheidene Bitte: B r o d a u f h e u t e , Ergebung in den gottlichen Willen. Es ist ein heidnischer, allein ein uberdachter, grosser Vorschlag, "wenn ein anderer betet, dass er seinen Sohn nicht verlieren moge, so bitte du, dass du dich nicht weigern oder furchten mogest, ihn zu verlieren." Der Christ braucht nicht von Heiden zu lernen. Sein Herr und Meister lehrt es ihn. Wer so stark ist, dass er nicht Worte braucht, bete mit der Seele, Geist zu Geist! Schwerlich wird jemand, der von Jugend auf sagen gelernt: Abba, mein Vater! sich ohne Worte behelfen. Ein Wort, ein Wort, sagt man, ein Mann, ein Mann; allein Lebens- und Sterbens wegen schreibt man's doch auf. Was diess Schriftliche beim Menschen ist, das ist das Gebet bei Gott, es geschehe, wie die Theologen sagen, mit dem Herzen allein, oder mit Herz, mit Hand und Mund!
H e r r v. G. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, mussen es in Geist und in Wahrheit.
P a s t o r . Luther sagt von der Taufe: Wasser thut's freilich nicht. Worte thun es auch beim Gebet freilich nicht. Das Gebet selbst, was ist's ohne Handlungen, ohne gute Gesinnungen? Gehe hin und versohne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bete, empfinde das innere Bewusstseyn dieser guten That, und dieses Bewusstseyn opfere Gott dafur, dank ihm! Warum sollten wir aber auch von einer so theuern Gabe, als die Sprache ist, Gott nicht die Erstlinge opfern? Es gibt ein gewisses herzliches, kindliches Denken, das durchaus in Worte ausbricht. Wir sind und bleiben Menschen! das weiss der liebe Gott, der Engel kennt und Menschen kennt. Er erlaubt uns gern, ein Wortchen mitzureden, wenn sich unser Geist zu seinem Schopfer, dem Geiste der Geister, emporschwingt. Ich habe einen Stummen gekannt, der alle Morgen und alle Abend an den lieben Gott schrieb.
H e r r v. G. Pastor, da wollt' ich drauf wetten, das hat der liebe Gott recht gern gesehen.
P a s t o r . Weil eine kindliche Einfalt darin ist.
H e r r v. G. Jeder wird seines Glaubens leben! Vielleicht sollten wir nichts mehr als das Vater unser beten, wenigstens ist es das allervollkommenste Gebet, wie ihr Herren selbst sagt. Warum sollt' ich etwas, das weniger vollkommen ist, vorziehen?
P a s t o r . Das nicht; wer kann aber das Vater unser so oft beten und mit Andacht? So wie man Linien mit Bleifeder zieht, damit die Kinder gerade schreiben, so Christus mit dem V a t e r u n s e r . Ich spare das Vater unser, bin darauf geizig und thue mir ordentlich damit was zu gut. Alle Kubache haben mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Der gemeine Mann wird durchs G e b e t a u s d e m H e r z e n klug, er lernt sich fassen, und wenn wir V o l k s g e b e t e sammeln konnten, Herzensgebete guter Menschen, ich sage, wenn wir's konnten wie vortrefflich wurde diese laute e Milch schmecken, wie wohl uns bekommen! Ein solch naives Buch ware noch nicht in der Welt. Es konnte nur bloss vom Himmel fallen um menschlich zu reden. Gott musst' es aus seinem himmlischen Archiv herausgeben. Es ware das beste Lehrbuch fur Priester und Leviten, die vor Gelehrsamkeit nicht zu Gott kommen konnen. In Wahrheit, man kann von den meisten Gelehrten sagen, dass vor Rauch nicht Feuer zu sehen ist!
Meine Wunsche werden indessen Wunsche bleiben, weil Herzensgebete durchaus ins Kammerlein zu Hause gehoren.
Es fielen ausser diesem piissimo desiderio noch mancherlei pia desideria vor. Es ward stuckweise von Bitte, Gebet, Furbitte und Danksagung gehandelt wovon ich aber fur jetzt nachzuhandeln bedenklich finde.
An den geneigten Leser
und an den ungeneigten Kunstrichter.
Diess Gesprach ist uber Bausch und Bogen, wie mir alles war, was bei meiner Ankunft in , dem Hause des Herrn v. G., vorfiel.
Mein Vater betete weniger, als er vom Gebet sprach, und es gefiel mir seine Anmerkung, die er zu einer Zeit machte, dass vom Gebet reden auf gewisse Weise beten heissen konne. Wenn diese Anmerkung richtig ist, so wird man fast behaupten konnen, es war' ohn' Unterlass in dieser Geschichte gebetet worden. Dieses Gesprach hatt', ich gesteh' es, uberschlagen werden konnen, ich wollt' indessen ehrlich bei dieser Sache verfahren, und so wie in der ganzen Schrift verfahren ist. Des ungeneigten Kunstrichters wegen (der geneigte Leser wird es so genau nicht nehmen) muss ich anfuhren, dass dieses alles und jedes nach der Tafel an dem Tage vorgefallen, da wir nach zum Herrn v. G. kamen, und zwischen Herrn v. G. und meinem Vater eine Koppelweide bruderlich verabredet ward, und da dieser Vergleich mit einem achten Glas Wein aus einem Schauer begossen ward, und wo ich, quod bene notandum, alles uber B a u s c h u n d B o g e n sah und horte, wovon der Schluss dieses Gespraches einen hinreichenden Beweis zu geben im Stande ist.
Diess ist also das Datum
zum Gebetsgesprach,
zur Frage wohin? Zur Antwort: Konigsberg vorderhand der Pietisterei
des Codicis Fridericiani und der Instruktion uner
achtet,
Konigsberg vorderhand.
Gottingen nachderhand.
Diess nachderhand aber sag' ich meinen Lesern ins Ohr, wie ich es mit mancher Nachricht aus gutem Herzen gemacht habe.
H e r r v. G. wollte nicht, dass wir den andern Tag zeitig unsere Reise antreten sollten.
Grosse Reisen, sagt' er, immer nach Mittage. Tagereisen fangen des Morgens an. Er war sehr kurz in den Ermahnungen an seinen Herrn Sohn.
Er rieth ihm nach Anleitung meines Vaters an, lebendige Thiere zu halten. Sein theurer Herr Sohn hatte schon, wegen des S a t a n s , den er gern mitgenommen hatte, eine abschlagige Antwort erhalten, und war also seine etwas storrische Frage sehr naturlich:
Was fur Thiere? Der junge Herr v. G. hielt den Hund fur ein Compendium aller nutzlichen Thiere, fur ein lebendiges Thier .
`
Noch eine andere Bemerkung, eh' ich die Antwort auf die storrische Frage: was fur Thiere? mittheile. Es hatte der gute Herr v. G. der altere viele Huhner. Aus seinem geschmackreich gebauten Huhnerhauslein und der Weise des Herrn v. G., sie selbst zu futtern, hatte man schliessen sollen, dass er das alte Wahrsagerprincipium angenommen, und dass er aus der Begierde, womit die Huhner frassen, so, dass die Korner auf dem Boden herum tanzten, Gluck oder Ungluck sagen konnte.
H u h n e r , antwortete der Herr v. G. seinem Sohne. Alles, was Odem und Leben hat, zieht an, fing ich an. Die Sympathie hat im Odem ihren Hauptsitz. Im Odem ist Leben und Tod.
Der Herr v. G. der altere loste mich ab und wandte sich zu seinem Sohne.
Du wirst bei deinen Huhnern bleiben, wenn du dir Huhner anschaffst und meinen Rath befolgst, du wirst mancher Gesellschaft eine abschlagige Antwort geben. Der Satan hatte dich zur Jagd verfuhrt, ob er gleich auch Odem hat und mit dir sympathisirt; auf der Akademie keine Jagdhunde!
In Polen halten sich einige Familien ein Paar, um die Teller zur zweiten, dritten und vierten Schussel stehenden Fusses rein lecken zu lassen. Das wirst du nicht nothig haben. Die Reinlichkeit hat man uberall umsonst.
Hast du Huhner und Tauben, fuhr er fort, und hat der Wirth ein Gartchen beim Hause, verdopple die Miethe. Jeder Mensch muss einen Zeitpunkt in seinem Leben haben, wo er zu Hause bleibt. Lass dir den Vorfall mit deiner Braut, der lieben Kleinen, zur Lehre dienen und thue der Jagd einen Possen und schiess' und hetz' in drei Jahren nicht. Conversation ist dem Studiren und selbst der Lecture spinnefeind. Vergesst nicht (sein Blick traf uns beide), dass ihr aus einem freien Lande seyd. Die Monarchie hat viel Verfuhrerisches; allein sie versauert das Herz, sie nimmt Seele und Gewissen in Beschlag. Ein Monarch! ja, was so ein Herr nicht alles thut! Wunder uber Wunder! Es ist aber auch darnach. Das leichteste Stuckchen Brod ist es, das Gott gibt. Sie saen nicht, sie ernten nicht, wie die Lilien auf dem Felde, und Gott nahrt sie doch. Der Pastor, Ihr Vater (Herr v. G. der altere wandte sich zu mir), der mich ehegestern beten gelehrt, wird mich nie, nie dahin bringen, in dieser Rucksicht etwas anderes zu beten, als dass Gott der Herr Curland womoglich noch unabhangiger mache, als es jetzt, Gott sey Lob und Preis, schon ist! Je unabhangiger, desto mehr Gott ahnlicher. Ich hab' einen Franzosen gekannt, der von Curland sagte, das elendeste Land, das ich kenne! Man kann im Sommer nicht seinen Winterrock versetzen. Das Wetter wechselt wunderlich. Du guter Schlucker! Ich will dir dein Land und deinen allerchristlichsten Konig lassen. Gott ehre mir mein schlecht und rechtes Haus, wo manche priesterliche Schwalbe nistet. Du sollst so viel Freiheit haben, wie ich gutes Ding, wohlehrwurdiger Vogel! Seht nur, Kinder! wie die mich da eben ansieht! ich kann den Schwalben nichts nachsagen, und ausser dem Umstande, dass sie den Todtengraber Tobias blind gemacht weiss ich nichts Boses von ihnen!
Preussen hat einen geborenen Konig, dem man nicht X vor U machen kann, der konigliche Gaben hat; allein roth, blau und grun machen schwarz, kohlschwarz. Gern hatt' ich den Herrn v. G. gebeten, mir dieses Rathsel zu losen, allein er hielt inne.
Nach einer Weile fuhr er fort: Der Staat, dem ihr zueilt, hat ich gesteh' es, einen Philosophen und einen Konig zum Beherrscher. Er hort jeden, er sieht jeden, er hilft, so weit seine lange Konigshand es kann jeden! und es ist mir ordentlich bange, dass er euch die Monarchie in einem zu vortheilhaften Lichte zeigen werde. Prufet alles, und das Gute behaltet. Eine Schwalbe macht keinen Sommer!
Die Monarchen sollten nur angeloben, zu horen, physisch zu horen; allein thun sie es? Sie messen ihre Superioritat nicht mit ihren allerunterthanigsten treugehorsamsten Knechten, sondern mit andern Monarchen, und da mag der Teufel Unterthan seyn. Sie haben keinem Rechenschaft zu geben, als dem lieben Gott in der andern Welt und den Poeten und Geschichtschreibern in dieser. Die letzten haben nicht aufs Recht geschworen und nehmen Geschenke an, und mit dem lieben Gott hat's Zeit genug, dass sie ihm im Titel den Rang lassen! Kommt Zeit, kommt Rath!
Der Herr v. G. der altere hielt diese Anrede mit einer unaussprechlichen Warme. Er schien im Ernst zu furchten, wir wurden uns in Preussen werben lassen und K o n i g i s c h e werden.
Noch muss ich bemerken, dass er sich wahrend der Zeit, da er Curland pries, aufs grune Gras geworfen hatte, als wenn er der freien Erde seinen Dank ablegen und sie umarmen, umfassen wollte. Es schien, da er geendigt hatte, als besorgt' er, nicht aufstehen zu konnen.
Diess bewog den alten Herrn, ihm unter den Arm zu greifen; allein Herr Hermann kam beim Herrn v. G. jederzeit zu kurz, er mocht' es anlegen, wie er's wollte. Es riss Herr v. G. den allezeit dienstfertigen Hermann auf Gottes Erdboden. Da lag mein Schwiegervater so lang er war. Herr v. G. stand auf, so frisch, als ein Jungling von funfzehn Jahren. Es war bei diesem Niederriss nicht Gewaltthatigkeit, sondern nur Starke. Es war schon anzusehen!
Den Abschied durchaus im Freien! Er verfliegt eher, sagte Herr v. G. Es ward auch im Freien Abschied genommen. Wollte Gott, fuhr Herr v. G. fort, wir konnten auch so den letzten Abschied nehmen und im Freien sterben! Und warum sollten wir es nicht? Wo ist uns am meisten Gutes geschehen? Der Geist sucht das Freie und wird dort nicht wohnen in einem Hause mit Menschenhanden gemacht. Der Tod wurde nur halb so schwer seyn. Wahrlich, der Mensch entzieht sich zu sehr Luft und zieht eben dadurch Leib und Seele eine Art von Stockung zu. Ward unser Geist denn nicht, wenn er das Freie sucht, schon entzuckt, obgleich ihn der Leib wie ein Bleigewicht zur Erde zog?
Die Frau v. G. hatte noch viel auf ihrem Herzen, indessen empfahl sie ihrem Sohne, das Alter zu ehren, und es macht' ihr viele Muhe, die Sache endlich zu drehen, wohin sie sie wollte. Sie sagte, dass sie fur einen alten Baum, fur einen alten Mann (an eine alte Frau dachte sie nicht) und fur eine alte Familie grosse Hochachtung hatte.
Also auch fur eine a l t e F a m i l i e ? Ein neuer Edelmann, setzte sie, um es noch eindrucklicher zu machen, hinzu, ist ein Baum, der noch nicht die Blattern gehabt, der noch nicht oculirt ist. Weiter liess sie ihr Gemahl nicht; das passt, sagt' er, wie die Faust auf's Auge, und in Wahrheit, du weisst nicht, wer Koch oder Kellner ist.
Von der Frau v. W. wieder einen Blick von ihrer liebenswurdigen Tochter ein Lacheln. Leben Sie wohl und glucklich! sagte die Frau v. W. und glucklich! hallte die liebe Kleine nach. Die Worte fielen auf den jungen Herrn v. G., allein das Auge auf mich.
Ich weiss nicht, wer auf den Gedanken kam, dass mein Reisegefahrte seiner kleinen Braut einen Kuss geben sollte. Ihrem Retter auch einen, sagte Herr v. G. und die Frau v. W., als wenn sie darauf gewartet hatte; freilich, kleine Undankbare, das solltest du von selbst thun. Ich nahm mich sehr ungeschickt dabei. Die arme Kleine ward roth uber roth und da ich mich zum letztenmal gegen sie beugte, trat ihr eine Thrane in ihr blaues schones Auge, welches so durchschimmerte, wie ein Veilchen durch ein Thautropfchen. Gott segne die gute Frau v. W. und ihre Tochter, dachte ich, und den Herrn v. G., der mir zum Kuss verhalf und zu der schonen Thrane!
Jetzt war die Reihe an dem Herrn v. W. und dem Herrn Hermann. Ich hatte schon einigemal mich an den Herrn v. W. gewendet, allein er hatte es sehr hoflich verbeten, weil es wie er sich auszudrucken gefalligst beliebte
noch nicht an ihm ware.
Er umarmte meinen Reisegefahrten und that mir, wiewohl mit steifem Arm, eine gleiche Ehre an. Hiebei machte er (weil es eine Abschiedsumarmung war) ein griesgramisches Gesicht.
Bei meiner Umarmung weniger, bei des jungen Herrn v. G. mehr.
Der Herr v. G. der altere sagte: Herr Bruder, du siehst ja aus, als ob du vom verbotenen Baum gegessen hattest!
Lass mich, sagte er, und that so peinlich, als verlore er ein Glied vom Finger.
Es ist, fing er an, es ist er unterbrach sich wieder mit einem tiefen Seufzer!
Es ist mein Herr Schwiegersohn, brach er endlich heraus, und die heissesten Wunsche, dass der grosse Gott ihn auf seinen Reisen begleiten, seine Studien zu seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen und ihn zu seiner Zeit in die Arme seiner kleinen Braut gesund zuruckbringen wolle! Das, das ist ein Theil, der kleinste, von der Empfindung.
Zieh ein Paar weisse Handschuhe auf, sagte Herr v. G., solch eine Rede verdient es; deine Briefe sind alle auf Postpapier mit vergoldetem Schnitt und
Dieser Eingriff war sehr erwunscht, um den Herrn v. W., der viel zu leiden schien, zurechtzubringen. Ich bin ein Diener der deutschen Sprache, sagte er, Herr Bruder! allein ein gewisses je ne sais quoi suche ich in Gedanken, Geberden, Worten und Werken.
Das ist auf deutsch, du suchst nichts, rein nichts, erwiederte der brave Herr v. G.
Mir konnte Herr v. W. nichts mehr sagen, als Dank! und tausend Dank! Sein Compliment war noch nicht ausgeknetet.
Du hast mich gestort, sagte er zum Herrn v. G., wie ehegestern die Waldhorner. Das wundert mich, fiel Herr v. G. ein, du fahrst ja sonst immer mit funf Radern; auf allen Fall eins aufgebunden du hattest ja das funfte abbinden konnen.
Der alte Herr drangte sich vor, um mich vor aller Augen zu kussen. Ich that es, dieser Schwachheit unerachtet, doch, und das ganz ehrlich, ich entzog ihm nichts.
Grussen Sie, sagte ich ihm
Ich werde, erwiederte er.
I c h . Tausendmal
E r . Tausendmal.
Dieser Gruss gehorte nicht Vater, nicht Mutter, sondern bloss Minen, bloss ihr, alle tausend ihr, alle ihr. Mir kam es vor, dass der alte Herr es fuhlte, wem es galt, und fur dieses Gefuhl druckte ich ihm die Hand, und er schien uberaus mit mir zufrieden zu seyn; ich sagte ihm ganz leise: tausendmal, tausendmal!
Herr v. G. sah mich an, und sein Blick wollte in Beziehung auf meinen herzlichen Abschied vom alten Herrn sagen: Junger Mensch, dir fehlt E r f a h r u n g ! Man sieht's; sonst wurdest du den Hermann so nicht herzen und kussen, den ich nur eben korperlich zur Erde riss; mit seiner Seele mache ichs alle Augenblicke so. Der gute Herr v. G. irrte diessmal mit dieser Geberde. Zwar hatte er, wie meine Leser so gut wissen als ich, einen naturfindenden umfassenden Blick, dass er aus diesem Abschiede hatte wissen konnen und sollen, Hermann habe eine Tochter, deren Freund, deren Seelenmann ich sey allein diessmal fand er nicht den rechten Weg.
Die Frau v. G. konnte sich nicht des Lachens erwehren, da sie meinen Feldkessel, den mir mein Vater mitgeben lassen und den meine Mutter nicht zu kennen die Ehre hatte (sonst ware er gewiss nicht mitgekommen), aufbinden sah. Der junge Herr v. G. hatte alles nach Jagdmanier, als ob er auf eine weite Jagd sich begeben sollte, obgleich der Herr v. G. der altere den Satan seinem Sohn abgeschlagen und ihn versichert hatte, "dass jeder Mensch einen Zeitpunkt in seinem Leben haben musste, wo er zu Hause bleibt," obgleich er ihm die Jagd wohlmeinend widerrathen und ihm Huhner empfohlen, um nach der Meinung meines Vaters etwas, was Odem hat, um und neben sich zu haben.
Obgleich so war doch der Sohn wie ein Jager ausstaffirt.
Der gute Herr v. G. der altere that diess in seiner Unschuld. Seht da einen Originalzug von Curland, dem Herr v. G. der altere nicht ausweichen wollte und konnte. Die grune Farbe ist Trumpf.
Herr v. W. schlug eine Begleitung aus Hoflichkeit vor, allein Herr v. G. verbat sie nachdrucklich. Es blieb alles so lange stehen, als man uns sehen konnte, und da wollte ich wetten, Herr v. W. noch ein wenig langer.
Sobald wir ihrem Nachblick entfahren waren, kusste mich mein Reisegefahrte von freien Stucken herzlich. Wir wollen uns einander alles seyn Vater und Mutter, sagte er ich seufzte, denn ich dachte an Minchen.
Wir langten in der Haupt- und Residenzstadt Mitau an, um hier mit einem Konigsbergschen Fuhrmann (man nennt dergleichen Leute Riga'sche Fuhrleute) die Fahrt bis Konigsberg zu verabreden. Ich fand in dem Fuhrmann und seinem Untergebenen ein Paar so gesunde und starke Menschen, dass ich wohl einsah, wie man auch im monarchischen Staat, der Ermahnung des Herrn v. G. auf dem curischen Grase unerachtet, seinen stattlichen Schritt haben, gerade aussehen und sich wohlbefinden konne. Ich konnte nicht aufhoren, diese Menschen zu fragen und sie anzusehen, so dass ich die Haupt- und Residenzstadt Mitau daruber vergass, die am Ende auch nur zur Johanniszeit unter die sichtbaren gehort, und gewiss unter den sichtbaren nicht die vornehmste ist. Um Johanni ist eine allgemeine Wallfahrt nach Mitau; dann lasst der Edelmann, in Begleitung eines Theils Bauern, die Esswaaren und sogar Mobeln an diesen Johannisort nachbringen. Dem Vorreiter ist auf dem linken Arm ein Silberblech aufgenaht, worauf das hochadliche Wappen steht, um Mitau Ehre zu machen.
Ich hatte mir, die Wahrheit zu sagen, einen zu grossen Begriff von Mitau gemacht, woran meine Mutter zum grossten Theil Schuld war. Diess bitte ich zu den preussischen Leuten hinzuzurechnen, um das unbetrachtliche Interesse herauszubringen, das ich an Mitau nahm. Das vom Herzoge Ernst Johann angelegte Schloss, wozu 1738 den vierzehnten Junius der Grundstein gelegt worden, und welches an der Stelle des alten verwusteten, seit 1269 gestandenen, errichtet worden, stand da zum glanzenden Beweise, dass Plan und Ausfuhrung, Verlobung und Hochzeit, zweierlei sind. Diese Betrachtungen fuhrten mich zu Minen, und was fuhrte mich nicht alles zu ihr?
Meine Mutter wurde es mir sehr verdacht haben, dass das anschauende Erkenntniss meinen Begriff von Mitau so sehr herabgestimmt. Wohnet denn, wurde ohne Integralrechnung ihre Bemerkung gewesen seyn, wohnet denn nicht der Herr Superintendent hier?
Mein Reisegefahrte war im Mittelpunkt und konnte nicht aufhoren zu sehen. Mitau schien ihm
Terrarum Dea gentiumque Roma,
Cui par est nihil et nihil secundum.
Die Hauptstadt der Welt! obgleich es nicht Johanni war. Die Residenz ist fur jeden Edelmann das Treibhaus im kalten Klima. So wie's Arzeneien gibt, die nur durch das heilige himmlische Feuer der Sonne gekocht, gebleicht und getrocknet werden konnen, so ist auch die Residenz die Insolation in Absicht des Edelmannes. Mein Reisegefahrte empfand alle Nepos wollas, die er in seinem Leben geben wurde, und Adam hatte nicht auf die Schwangerschaft von allen Seelen, die in ihm lagen, so stolz seyn konnen, wenn man ihre Fortpflanzung per traducem sich traumet, wie Herr v. G. auf alle Nepos wollas, als die Insignien eines Edelmannes in Polen und Curland. Was ist denn, fing ich an, in Mitau? Man muss es zu Johanni sehen! erwiederte er. Dann ist's illuminirt, erwiederte ich, und wann die Lichter ausgebrannt sind, was ist's dann? Kennst du ein Johanniswurmchen? fragte ich zur Wiedervergeltung; ich will es dir prasentiren. Es ist ein Wurmchen, g r u n l i c h t auf dem Bauch. Hier hat es auch ein kleines Blaschen, welches einen grunlichen hellen Glanz wirft; sobald diess Blaschen sich einzieht weg ist ihr Glanz. Die Existenz dieses Wurmchens wahrt nur einige Sommernachte. Mein Reisegefahrte lachte ich mochte nun denken, dass der Superintendent in Mitau sey oder nicht, so war es mir doch so, als ob ich nicht in Curland, sondern da zu Hause gehore, wo man fruher Spargel isst, eine Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle hat und lange Manschetten tragt. Kein Wunder also, dass Mitau nicht meine Residenz war. In Curland gehorte ich in unserm Pastorat und auf dem Gute des Herrn v. G. zu Hause. Ueberhaupt scheinen die Curlander zu keiner Stadt Lust und Liebe zu haben. Sie gehoren auf's Land, wo sie auch Geschmack anzubringen wissen. Sie sind gestiefelt und gespornt, und es lasst keinem Curlander, wenn gleich er sich in Unkosten setzt und Schuhe und Strumpfe anlegt. Sie sind geborne Cavalleristen. Wenn sie geputzt sind, muss es ihr Pferd auch seyn. Ich habe allerliebste Reitund Jagdkleider in Curland gesehen, die Mitgabe meines Reisegefahrten kann hier zum Beleg dienen, unerachtet sein Herr Vater durchaus keinen Jager auf der Universitat haben wollte, seinem Sohn den Satan abschlug und unter lebendigen Thieren die Huhner in Vorschlag brachte.
Unsere P r e u ss e n verzogerten uns beinahe zwei Tage, ehe wir endlich die curische Residenz verliessen. Das herzogliche Schloss hat so wenig Verhaltniss zu dem ubrigen Theil der Stadt, als das Mitausche Pflaster zur Regelmassigkeit und Ordnung. In Wahrheit, wenn man die Nation beschreiben wollte, musste man Mitau beschreiben. Ich fiel auf den Gedanken, indem ich diess niederschrieb, ob nicht jede Residenz das Land im verjungten Massstabe sey, allein ich habe mich geirrt; es gibt so viel Ausnahmen, so viel ungerathene Sohne bei dieser Regel, dass die Regel selbst den Mutternamen Regel nicht verdient. Unter dem Alltaglichen, was auf der Reise vorkommt, fielen mir die armen Menschen auf, die an Hecken sitzen und sie den Reisenden offnen. In Wahrheit, dachte ich, das konnen nicht alles Leute von niedriger Geburt seyn. Ich sah einen alten Mann in einem dergleichen Diogeneshauschen an der Hecke, der einen so vortrefflichen Kopf hatte. Das war wenigstens ein Literatus! und wo anders sah ich ein armes krankes Weib, das in der grossten Behendigkeit aus ihrer Behausung kam und Hand ans Werk legen wollte, allein krampfige Zufalle lahmten ihr stehenden Fusses die Hand. Es war ruhrend anzusehen. Die Preussen wollten ihr keinen Schilling geben, weil sie ein altes Weib war und der Krampfe wegen die Hecke nicht offnen konnte; ich entschadigte sie zwar, allein ich musste die Entschadigung auf Gottes Acker, auf die Erde, werfen. Nicht Geld konnte sie halten. Dafur ward ich im Wagen ausgelacht und wer weiss, was noch der Kritikus thut?
In Wahrheit, wenn sich jemand finden sollte, die Lebenslaufe aller dieser Unglucklichen in Diogeneshauschen zu schreiben, auf einer Reise, die freilich nicht durch die Welt seyn durfte, wie ohnedem noch niemand gereiset ist, gewiss, er ware ein vortrefflicher Schriftsteller und wurde gelesen werden bis an den lieben jungsten Tag.
Ich hatte, um mir eine Bewegung zu machen, den Wagen verlassen, und hiezu kam noch dankbare Empfindung gegen mein freies Vaterland, die ich unmoglich sitzend aushalten konnte. Ich sah die Granzscheidung, und da ich eben einen grunen Platz fand, beredete ich meinen Gefahrten, Curland zu umarmen. Wir legten uns hin, so lang wir waren. Der Wagen fuhr langsam weiter, so unvermerkt, wie aus einer Monarchie Despotismus wird, wenn sie es nicht schon an sich ist, woruber die Gelehrten noch uneins sind.
Lebe denn wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Ich danke dem Himmel, dass dein freier Boden das erste war, was mein Fuss betrat. Das fuhlte ich noch! noch! dass er frei war, und ich wunschte, meine Leser mochten es auch, wo nicht uberall, so doch wenigstens an einigen Stellen gefuhlt haben. Natur und freier Staat sind Geschwisterkind und vertragen sich wie Kinder. Etwas reine klare Natur muss bei jedem Werke der Kunst seyn, und diess Etwas eignet sich Seelenwurde zu; es ist Seele, es ist gottlicher Hauch, lebendiger Odem in die Nase. Die Kunst, die Verschonerung, ist L e i b . Man kann in Wahrheit auch die Menschenseele durch den Menschenkorper verschonern. Nun leider heut zu Tage wird der Korper nicht verschonert, sondern geschwacht. Ich laugne es nicht, dass dadurch, dass der auswendige Mensch gelitten, der inwendige Mensch zum Theil zugenommen, wir haben mehr Seele und weniger Korper bekommen; es fragt sich aber, ob wir gewonnen oder verloren haben? Wir haben aufgehort zu geniessen und haben angefangen zu denken!
Wer lacht, macht zu lachen, wer weint, macht zu weinen. Denn es gibt kein gefahrlicheres Thier, den Affen selbst nicht ausgenommen, als den Menschen; allein wer darstellt, wer handelt und handeln lasst, bereitet ein Lachen von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kraften, und auch solch ein Weinen. Wer im gemeinen Leben keinen Blick hervorlacht, sondern nur durch sein Handeln mit Fleiss zum Lachen Gelegenheit gibt, ist komisch im hohen Grade. Und in Wahrheit, ein verstohlenes Ach gilt mehr, wenn man darauf vorbereitet ist, das ist, wenn man leiden gesehen und es nicht bloss gehort, als eine Sundfluth von Thranen. Pruft nach diesen Angaben die Dichter alter und neuer Zeit. Ich fur meinen Theil wollte hier nur sagen, so wie Darsteller vom Selbstlacher und Selbstweiner unterschieden ist, so wie Werk vom Wort, so monarchischer Staat vom f r e i e n . Wer es fassen kann, der fass' es.
Ich merk' es, dass ich meinem grunen Platz entlaufen bin, und will mich gleich wieder, so lang ich bin, hinstrecken, um mein Vaterland zu Ende zu segnen. Der Mensch ist zum Scheiden geboren. Sterben lernen und philosophiren ist von jeher fur einerlei gehalten worden; denn in Wahrheit, diese Welt ist entweder ein Vorbereitungsort, oder wir sind die elendesten unter allen Geschopfen! Drum nehme ich s o g e r n A b s c h i e d auf die Art, wie vom Vaterlande, wenn ich schon weg bin. Ich empfand wahrlich mehr, als ich sagen kann, und was noch mehr als sagen ist: schreiben kann. Noch wo ich grun sehe, kommt mir vor, als sahe ich Freiheit. Seht, was ich diesem Scheidewandchen zwischen Curland und Preussen und dem grunen Fleck, auf dem Herr v. G., der altere, uns belehrte, dass wir Curlander waren, zu verdanken habe!
Ich wunsche allen Konig'schen, wess Standes und Geburt sie seyn mogen, sonder Arglist und Gefahrde, etwas Grunes, damit sie wenigstens einigermassen wissen, was Freiheit sey. Monarchischer Staat ist wie eine Lanze, oben klingt es, unten ist Holz, wie ein Kegelspiel, das die Kugel nicht trifft. Was Se. Majestat nicht allerhochst eigenhandig fallt, das thun die fallenden Kegel, einer wirft den andern mit. So wie gesteiftes und ungesteiftes Kleid, so Monarchie und freier Staat. Hier stammen wir in gerader Linie von der Mutter Natur ab, dort hochstens von der Seitenlinie. Im monarchischen Staate wachst, was noch in die Hohe schiesst, wie eine Bohne an der Stange. Im freien Staate, sagt man, sind die Menschen wild, das heisst mit andern Worten: im monarchischen Staat sind die Menschen Menschen. Warum denn alles nach der Regel de tri? Ein Konig'scher, ein Unterthan, ist ein zahmes Thier, das aus der Hand frisst und nicht weiss, was es erst thun soll, ob fressen? oder die Hand kussen? Er sitzt bestandig auf den Tod und wartet nur auf den Appetit seines Allergnadigsten. Ruft nicht Pensionars! Im freien Staat ist wenigstens ebenso viel Sklaverei als Freiheit. Diess hat mich Herr v. G. besser gelehrt, der meines Wissens keine Pension zog. Wo Weizen wachst, wachst Unkraut, und je besser der Boden, desto besser schiesst beides hervor. Die ganze Natur ist fur und wider sich; alles kreuzt sich in der Welt, Vogel und Aeste. Was sich neckt, das liebt sich. Seht da wieder Natur im freien Staat, Homer'sche, Shakespeare'sche Natur! Das Lobopfer, das ihr der Monarchie bringt, ihr Professores Poeseos! was ist's? Erbauliche Gedanken neben einer Hekke, die eben gekopft ist, auf die Melodie: N u n sich der Tag geendet hat und keine Sonn' mehr scheint.
Lebe wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Du hast mich gelehrt, die Freiheit schatzen, obgleich du selbst bei weitem noch nicht frei bist, sondern dich zu Polen verhaltst, wie ein A u f s c h l a g zum K l e i d e . Frevelhafte Beschuldigung ist es, dass man in deinem Schooss wie eine Flinte sey, die nicht mehr, nicht weniger knallt, es fall' ein Sperling oder ein Mensch, nach Gottes Bilde gemacht. Es gibt monarchische Staaten, wo man sich uber den Kopf eines Morders wenigstens zwolf Monate bedenkt, so, dass das Publikum die Verbindung zwischen Verbrechen und Strafe vergisst, und der Pastor loci recht gemachlich Gelegenheit nehmen kann, den Geist und die Kraft der Religion an diesem Bosewicht ad oculum zu demonstriren. Alle Morder sterben alsdann wie der Schacher am Kreuze! Dagegen fliesst in diesen Staaten das Blut von tausend Edlen im Kriege. Niemand lothet die Wunden der Redlichen. Es gibt Thiere, sagte mein Vater, die im Marmor, aber nicht im Leben gefallen, und so wie der Bienenschwarm, so der freie Staat. Nicht also, mein Vater; ich glaube, dass das Denken im monarchischen Staat und das Reden im freien zu Hause gehore, oft auch das Thun so wie ein Sklave nur eigentlich unverschamt seyn kann; im freien Staat kennt man diess Wort nicht.
Meine Leser werden ohne Fingerzeig einsehen, dass ich dieses nicht auf dem grunen Platz schreibe, sondern in einem Staat. Bald hatte ich zu viel gesagt. Ich empfand auf diesem grunen Platz, und zwischen Empfinden und Denken ist oft so ein Unterschied, wie zwischen Wachen und Traumen. Ein schoner Traum! ich gab' einen Tag drum unbesehens.
Meine Empfindungen wurden den Preussen, dem Fuhrmann und seinem Untergebenen, zu lange Ich s c h l i e f ihnen zu viel. Sie schrien mich heraus und gaben mir zu verstehen, dass hier guter Weg sey, wo der Wagen ohne Noth aufgehalten wurde, und dass schon Stellen vorfallen wurden, wo ich Gelegenheit haben wurde, mich zur Ruhe zu begeben (eigentlich zu empfinden).
So grundlich gleich diese Aufforderung war, so verdross mich doch dieses Commando, und ich konnte nicht umhin, ich weiss selbst nicht, wie ich darauf fiel, zu fragen, warum sie denn nicht Soldaten waren? Ich hatte doch gehort, dass alles, was einen stattlichen Schritt in Preussen hatte, gerade ausseh' und sich wohlbefande, Soldat ware, daher auch zartliche Mutter Gott auf Knien danken sollten, sobald sie aus dem Wochenbette auf die Fusse kamen, wenn er sie einen Kruppel auf die Welt zu bringen gewurdigt, weil dieser allein das Recht hatte, eine Stutze der Familie zu werden. Herr! sagten die Preussen, wer Ihnen das gesagt hat, ist ein H-t. Beim hochstseligen Herrn gings zuweilen in diesem Stuck bunt uber Eck und da konnte man manches nicht spitz kriegen. Gott lass ihn hochstselig ruhen! Unser jetziger Herr, sie zogen ihre abgekrempten Hute ab, braucht Fuhrleute und Generale, und es thut in Preussen nichts, ob man einen Orden oder eine Peitsche umgehangen hat. (Sie hatten die Peitschen wirklich auf Ordensart.) Ich lasse keinem Menschen die Mittelsteine, wenn ich nicht will. Ein General oder Corporal geht mich mit keiner Ader an. Ich fur mich, sie fur sich. Wer dem Herrn die Abgaben gibt, ist ihm angenehm, so wie dem lieben Gott, wer recht thut, und wenn die Soldaten zur Revue sind, verstehen Sie mich (der Alte sprach), junger Herr Curlander, so bin ich wahrend der Zeit Major von der Cavallerie, und dieser, mein Schwestersohn, ist Junker, und ich versichere den Herrn, dass wir unsern Sabel fuhren (er machte Luftstreiche und der Junker gleichfalls) wie Einer.
Es fiel mir eben, da die preussische Glanze anfing, eine grosse Eich' ins Auge, die sich nicht um das, was unter ihr war, bekummerte. Sie hatte sogar gegen unten keine Schattenaste fur ihre Unterthanen. Stolz wuchs sie gen Himmel, und selbst ich hatte Muhe, ihren Gipfel zu erreichen Sieh da einen Monarchen, sagte ich zum jungen Herrn v. G., und er verstand die Eiche und mich auf ein Haar.
Ich wunschte, dass mein Vater diese koniglichen Fuhrleute gesehen hatte denn ich selbst war so begeistert, dass ich gern Luftstreiche mit diesen tapfern Preussen um die Wette gewagt hatte, wenn mir nicht mein Reisegefahrte heimlich auf den Fuss getreten und eben so heimlich die rechte Hand gedruckt hatte, als wollt' er treten und drucken Bruder, lass den Major und Junker, den Fuhrmann und seinen Untergebenen.
Es war gleich alles wie abgeschnitten. Unsere Heerfuhrer waren so sehr von allem Eifer zuruckgebracht, dass sie uns herzlich versicherten, wie die Fuhrleute und Studenten in Konigsberg Schwager und Freunde waren! Trotz dem grunen Platz und dem kleinen Streit, der zuweilen vorfiel. Sie bewiesen uns ihre aufrichtige schwagerliche Verwandtschaft, dass sie den folgenden Tag schon um drei Uhr Halt machten, um uns oder eigentlich mir, Zeit und Raum zu lassen, eine Leichenbeerdigung zu horen und zu sehen.
Wir waren eben im Begriff, in Mittag zu machen, da die Glocke gezogen ward. Ich verstand auf den ersten Anschlag, dass es Trauertone werden sollten.
Wer ist todt? fragte ich den Hauswirth. Fragen Sie, antwortete er, wer wird begraben? Auch das, erwiederte ich, und wer?
Schon, fuhr er fort, nun werd' ich Sie fragen, wer wird begraben?
Ich sah den unwitzigen Mann ernsthaft an, und wenn nicht eben eine Sturmglocke fur mein Herz zu horen gewesen ware, es ware schwerlich beim Anblick geblieben. Der Hauswirth war indessen so gefallig, mir sogleich auf meinen ersten Augenschlag (der Herr v. G. trat und druckte mich wieder) aus dem Traume zu helfen. Mein Herr, setzte der Hauswirth im Geschichtsstyl hinzu, es ist ein Fremder, ein Unbekannter. Niemand weiss, wo er her ist. Unfehlbar hat er nicht nach Hause reichen konnen, denn man sieht ihm sein hohes Alter an. Er hat ein sehr gutes Aussehen weil man einige Gulden und eine Schreibtafel (beides hat der Pfarrer gleich an sich genommen) bei ihm gefunden, so wird er mit einer Leichenpredigt begraben.
Gott, schrie ich, das ist der Alte! Alt ist er, sagte der kupfernasige Hauswirth ganz gelassen.
Ich konnte nicht mehr ich will hin, ich will hin und seine kalte starre Hand angreifen. Noch ist Segen Gottes darin. Da die Gebeine jenes Mannes, den man in Elisa's Grab warf, die Gebeine des Propheten beruhrten, wurden sie lebendig und es trat der Mann auf seine Fusse.
Ich will hin, ich will hin und wenn ich seinen einen Handschuh erben konnte! O welch eine Erbschaft hatt' ich gethan!
Der Hauswirth nahm, wahrend dieser heiligen Entschlusse, Tabak und zog ihn sehr hoch in die Hohe.
Jetzt erst wandt' ich mich zu unsern Fuhrleuten, um sie zu uberreden, den Mittag und Abend in einem weg zu halten.
Abgemacht,
Der Herr v. G. erkundigte sich nach Wild und ich ging spornstreichs in die Kirche.
Eben hatte der Pfarrer den Text, den er zu der Leichenpredigt ausgesondert hatte, verlesen. Den Spruch fand der Leichenprediger in der Schreibtafel des Seligen aufgeschrieben und d r e i m a l unterstrichen. Er steht in der zweiten Epistel an die Corinther im sechsten Capitel, vom vierten bis zehnten Vers:
"Sondern in allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes, in grosser Geduld, in Trubsalen, in Nothen, in Aengsten, in Schlagen, in Gefangnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntniss, in Langmuth, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geiste, in ungefarbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch bose Geruchte und gute Geruchte, als die Verfuhrer und doch wahrhaftig, als die unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden und siehe wir leben, als die Gezuchtigten und doch nicht getodtet, als die Traurigen, aber allezeit frohlich, als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichts inne haben und doch alles haben."
Ein Thema pflegt bei den Geistlichen ein leeres Haus zu seyn, wo man mancherlei und manches anschlagen kann, ein Nagel, an den man viel hangt; ich weiss nicht, ob man nicht auch in diesem Sinn sehr richtig sagen wurde: man m u ss nicht zu v i e l an einen Nagel hangen.
Das Ziel, nach dem der Pastor loci anlegte, war der S c h e i n und das S e y n des Christen! Meine Mutter hatte, wenn sie selbst diese Leichenpredigt gehalten, kein gereimteres Thema gefunden; ich fur mein Theil hatte alle Fassung nothig, um mich zuruckzuhalten. Ich brannte vor Begierde, den Sarg dieses Seligen aufzusprengen und mir einen Segen abzufordern. Es war sehr zu merken, dass ich dem Pfarrer ein Meteor war und ein unverhoffter Gast er haspelte seine Predigt in hochster Eile herab; indessen verzahlt' er alle Augenblicke die Faden, und diess zwang ihn, von neuem zu zahlen. Endlich die Nutzanwendung zum S c h e i n und S e y n .
Meine Geliebte! der selig Verstorbene schien uns anfanglich ein Mann nach der Weise Melchisedech. Ich fragt' ihn nach dem Namen, Geburtsort, Vaterland; ob er noch in dieser Welt etwas zu berichtigen hatte? Auf alle diese Fragen nicht eins zur Antwort.
(Ich ward uber und uber roth, und nun erschien mir der Pfarrer als ein Meteor und ein ungebetener Gast, und das Aergste bei dieser Verlegenheit war, dass ich nicht haspeln konnte. Nichts ist einem Verlegenen heilsamer, als wenn er reden kann; er fallt zwar immer tiefer darein, indessen ist es ihm Labsal, reden zu konnen, wenn er auch nur stammeln und stottern sollte. Er ist wenigstens vor einer Seelenlahmung sicher, die eben so, wie eine korperliche, oft zeitlebens auf die Seele einen Einfluss hat. Die Zunge ist in solchen Fallen Ventilator in einem stockigen Zimmer. Sie bringt frische Luft herein.)
Da ich einsah, fuhr der Leichenprediger fort, dass unser Seliger Ursachen zur Zuruckhaltung hatte, wandt' ich schnell um und klopft' an eine andere Thur, die zum Seelenheil fuhrt. Hier blieb er mir kein Wort schuldig. Nach seinem seligen Hintritt klarte sich alles auf. Er fand nicht fur gut, zu erzahlen, was seine Schreibtafel enthielt, er wollte sich nicht die Augenblicke entwenden, die er himmlisch anwenden konnte. Sein Wandel war nicht von hier, sondern von droben. Das erste, was ich offnete, war seine Schreibtafel, die wie ein Communionbuch gebunden war. Seinen Geldbeutel, worinnen vierzig Gulden waren, offnete ich nachher.
(Ich war im preussischen Gelde ganz unerfahren, und ich muss mich noch huten, um ja hiebei nicht wider das Costum zu sundigen.)
In seinem Communionbuch von Schreibtafel fand ich mehr als ich gefragt hatte. Man pflegt oft in Schreibtafeln das Geheimste, das man oft seinem geheimsten Rathe nicht entdeckt, zu finden. Es ist der Manner Schoosshundchen.
Unser Seliger heisst
Ha! kunstrichterlicher Leser! da hattest du schon deine Bleifeber zum Strich gespitzt. Wieder einer o h n e Namen, e i n e u n b e n a n n t e G e s c h i c h t e ! Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen, und damit ich bei dieser Gelegenheit auch an eine andere Thur anklopfe, die zum Seelenheil fuhrt, bet' ich ein Vater unser fur dich! damit du nicht vielleicht ohne Namen dahin fahrst in deinen Sunden. Halt den Hut vor!
Ne nos inducas in tentationem,
Sed libera nos a malo. Amen.
Unser Seliger heisst wie er seinen Namen ganz mit allen Punkten und Clauseln ausgeschrieben.
Er fahrt fort:
Ich war reich ich hatte so viel, dass meine grossstadtische Freunde zuweilen zu mir kamen und sich landlich vergnugen konnten.
Ich ward arm, fahrt er fort, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sey gelobt! Wie er um das Seinige gekommen, meine Lieben, ist nicht angefuhrt. In seinem Wohlstande hatt' er zum Aufbau eines Lusthauses und Lustgartens fur eben diese Freunde, wenn sie ihr stockendes Blut wieder in Fluss bringen wollten, zweitausend Gulden angeliehen, s c h w e r G e l d .
Da er arm geworden, erliessen sie ihm die Schuld und gaben ihm seinen Schuldbrief zuruck. Sie bedachten vielleicht, dass er nur ihretwegen diesen Bau unternommen. "Was dankt' ich Gott," schreibt der Selige, "dass ich unter meinen Freunden Menschen fand. So in der Nahe, dacht' ich. Gott schlagt, Gott heilt, Halleluja!" Unser Seliger hatte zwar nicht das Gluck des Hiobs, der zwiefaltig so viel bekam, als er gehabt hatte, und ausser dem schonen Groschen und dem guldenen Stirnband, so ihm seine Bruder und Schwestern und Bekannten verehrten, noch vierzehntausend Schafe und sechstausend Kameele, und tausend Jochrinder und tausend Esel wie er denn auch nach seinem gehabten Unfall einhundert vierzig Jahre lebte und Kinder und Kindeskinder sah, bis in das vierte Glied. Unser Seliger konnte zwar nicht seine Freunde zum landlichen Vergnugen mehr einladen, sein Gartchen und sein Lusthauschen waren in fremden Handen; allein er hatte doch Nahrung und Kleider! Seine Freunde hatten auch nach der Zeit sich b i t t e r und s a u e r B r u n n e n angewohnt, welchen sie die namliche Kraft, als guter frischer Milch und einem Gartenhauschen und einem Lustgarten, beilegten. Der Selige hatte sich indess so weit herausgewunden, dass er viertausend und siebenzig Gulden nach Konigsberg nehmen konnte, um seinen Verkehr durch einige neue Waaren zu verstarken. Bei viertausend und siebenzig Gulden baar Geld konnt' ein so ehrlicher Mann, als er, auf noch einmal so viel Credit rechnen. Seine Anverwandten horten von den viertausend siebenzig Gulden und nahmen ihn allein.
Sie fragten nach der Handschrift. Hier, sagte er, und zog sie aus der Schreibtafel. Solang ich lebe, soll auch diese Handschrift leben; ich konnte vielleicht aufhoren dankbar zu seyn, wie viele Menschen, wenn sie zu satt werden, Gottes vergessen. Hier, sagt' er, ohne Flecken, ohne Runzel, oder dess etwas, so wie ich sie gestellt hatte und zuruck erhielt.
Der Senior Familiae, ein alter herzloser Mann, nahm sie entgegen, und es ward dem Dankbaren angedeutet, dass, da man von den viertausend Gulden, ohne an die siebenzig zu denken, gehort, er wohl ihre zweitausend Gulden, zusammt den Verzogerungszinsen, entrichten konnte.
Freunde, fing er an; allein man droht' ihm mit dem b r e i t e n W e g e R e c h t e n s , der zur Verdammniss fuhrt, und v i e l e sind, die darauf wandeln.
Freunde, fing der Selige wieder an; allein (und diess krankt' am meisten) sie machten ihm Vorwurfe, dass er noch dazu die zweitausend Gulden zu Lusthaus und Garten verwendet hatte.
Aber fing er wieder an, und der Senior Familiae fiel ihm ins Wort: Freilich hatte Sie Gott damals reichlich gesegnet und Sie konnten an Lust denken, jetzt aber bei viertausend siebenzig Gulden mussen Sie an Zahlung denken. D e n k t , sagte der Selige. Z a h l t , sagten die Verwandten, die Unseligen. Sie hatten ohne Flecken, ohne Runzel oder dess etwas, das Document und er hatte keinen Beweis der Schenkung, und wenn ich auch, schreibt er, Beweis der Schenkung gehabt hatte und wenn auch
Er bezahlte.
"Nur die Zinsen!" es macht' auf jeden der Herren eine Kleinigkeit.
Keinen Dreier! sagte Senior Familiae. Es sind die usurae morae (die Verzogerungszinsen); er hatte diesen Bissen Latein von einem Rechtsgelehrten erhandelt!
Der Selige musste von Heller zu Pfennig Capital und Zinsen berichtigen, und da einige andere von seinen unbetrachtlicheren Glaubigern, die ihm aber nichts erlassen, sondern theils auf seine Verbesserung wegen der alten Schuld gewartet, theils ihn mit neuem Flickvorschuss unterstutzt hatten, dieses horten, verlangten auch sie Geld und reservirten sich quaevis juris competentia contra quem vel quos, wenn der Vierzig Gulden war alles, was unser Selige erub"Vierzig Gulden," sagt' er zu sich selbst und sah Freude.
Was das fur eine Freud' im Traum war, schreibt er, ist unaussprechlich! So was kann man nicht leben, so was muss man traumen. Er ging zu Fuss aus Konigsberg, und es sey, dass die Ungewohnheit, ein Fussganger zu seyn, oder dass der gerechte Schmerz uber dergleichen Verfahren ihn noch tiefer als sein hohes Alter angriff, unser Seliger ward in krank. Ich fuhlte, schrieb er, beim ersten Stich in der linken Seite, dass mein Stundlein vorhanden sey und die Erfullung des Traumes: G e h ' e i n z u d e i n e s H e r r n Freude.
Diese Worte wiederholte der Sterbende unzahligemal, und allemal mit einer Freude, die wie Kraft der zukunftigen Welt aussah.
Er hatte in Rucksicht seiner Wohnung nichts weiter auf seinem Herzen, als die Bitte, seinen Tod in , wo er zu Hause gehorte, zu melden und alle, die sich seiner erinnern sollten, grussen zu lassen.
Er hatte nicht Frau, nicht Kind. Gehabt zwar beides, allein beides war vorausgegangen, um ihm dort entgegenzukommen. Gott ruft mich, schreibt er, zu rechter Zeit. Ich habe meine Schulden bezahlt und bin keinem weiter als dem lieben Gott schuldig, der mit mir wahrlich, das hoff' ich, anders rechnen wird, als meine Verwandten. Die mir zu tragen schwergewordenen vierzig Gulden bleiben zu meinem Begrabniss und fur
U n d f u r waren seine letzten Worte.
Ich hatte diesen Bruch, fuhr der Pfarrer fort, heben und es so erklaren konnen: u n d f u r den Pastorem loci; denn ich hab' ihn zweimal mit Gottes Wort besucht und den glimmenden Docht der Hoffnung, die in ihm war, so wenig ausgeloscht, dass ich ihn vielmehr vollends anfachte; allein ich hab' Euch auch all' an diesem u n d f u r Theil nehmen lassen wollen. Den Organisten und die Leichenbegleiter und an uns allen verdient der Selige einen Gotteslohn!
Mir fiel eine naturliche Erklarung des u n d f u r ein. Da schon des Begrabnisses erwahnt war, so hat der Selige, dacht' ich, mit seinem u n d f u r die Dorfarmen gemeint; denn in Wahrheit, das waren bei seinen Umstanden seine nachsten Anverwandten. Es gehen freilich verschiedene Sterbende, die noch viel Unrecht auf ihrem Herzen und Gewissen haben, zur Beichte, um am Himmel nicht aufgenommen zu werden; sie lassen sich hier plombiren, um dort bei der Himmelspforte sich keiner Revision auszusetzen, und da tragt es sich freilich wohl zu, dass dem Geistlichen, dem Besucher, etwas in die Hand gedruckt wird. Unser Todter, das wett' ich, nicht also!
Wohl dem! rief unser Pfarrer aus, wohl dem, der, solang er mit seinem Bruder auf dem Weg ist, das heisst, so lange sie beide die Strasse dieses Lebens gehen, ihm ersetzt, was er ihm Unrecht gethan, dem abbittet, den er beleidigt, den in integrum restituirt, den er beschadigt hat. Wohl dem, der alles mit warmer Hand abtragt! denn wie leicht kann der Glaubiger sterben? und die Ersetzung ist alsdann nicht moglich; wie leicht kann der Lebens' lauf des Schuldners gehemmt werden und wie leicht kann es kommen, dass sie aufhoren, einen und denselben Weg zu wandeln? Weh' alsdann dem Schuldner! Alles ist aus! Er kann nicht mehr bezahlen, so gern er auch wollte. Seine Munze galt nur in dieser Welt, mit einem ewigen Vorwurf geht er in die Ewigkeit uber. Diese Stelle uberwog die ganze Predigt. Wer sie liest, der merke drauf, solang er eine w a r m e Hand hat, solang er noch auf dem Wege mit seinem Glaubiger ist und mit ihm lebenslauft!
Es starb der Selige (meine Leser horen wieder den Pastorem loci), seines Lebens mud' und satt, mit der dringenden Bitte, ihm auf unserm Gottesacker ein Raumlein zu gonnen, bei frommer Christen Grab. So wie Abraham zu den Kindern Heth, nach dem ersten Buch Mose im dreiundzwanzigsten Capitel, im vierten Vers sprach:
Ich bin ein Fremder bei euch, g e b e t m i r B e g r a b n i ss ; so sprach auch unser Seliger, und obgleich er nicht vierhundert S e k e l S i l b e r s , das im Kauf gang und gebe war, wie Abraham zu bezahlen im Stande war, so war unser Alter doch auch nicht der Abraham und wir nicht die Kinder Heth. Das Platzchen, das wir ihm verstattet, ist kein Erbbegrabniss, wer wollt' auch seine Anverwandten mit den zweitausend Gulden Capital und den Verzogerungszinsen zur Nachbarschaft haben! Man erzahlt, dass Hande, die ihre Eltern geschlagen, nicht verwesen, sondern aus dem Grabe herauswachsen, obgleich ich viele ungerathene Kinder, bisher aber, leider! noch keine herausgewachsene Hand gesehen habe. Wahrlich, wir wurden alle die Hande der Anverwandten unseres Seligen sehen, wenn diese Sage wahr ware und die Hand des Senioris Familiae, hager und ungestaltet, mit langen, unabgeschnittenen Nageln. Wie schrecklich! Nein nicht fur hundert Sekel Silbers, das im Kaufe gang und gebe ist, nicht fur tausend! Fur dich aber, Seliger, machet die Thur unseres Kirchhofs weit und die Thore hoch, damit er bei uns einziehe! Wenn der Fall nicht so, wie er wirklich ist, gewesen ware, wir hatten keinen Dreier fur dieses Platzchen genommen. Die Kirche dankt dir, lieber Seliger, fur das, was sie durch meine Hand erhalten hat, und ich danke dir fur das, so uns allen zugewendet worden, bis auf den letzten Trager. Judas verrieth wegen dreissig Silberlingen seinen Meister. Hier sind freilich nur vierzig Kupferlinge, und es ist allerdings mehr S c h e i n als S e y n dran, indessen, wie bald wird sein abgetragener Leib in einer Hand Raum haben. Diese Handvoll ehrliche Erde gibt er uns ohnehin als Agio von den vierzig Gulden.
Uns allen lehre der Herr unseres Lebens bei dieser Gelegenheit unser S c h e i n und S e y n , das heisst, er lehr' uns wohl bedenken, dass wir nicht wissen, wann der Herr kommt. Darum w a c h e t ! So gesund wir scheinen, so ist doch nichts gewisser, als dass es ein Ende mit uns haben musse, dass unser Leben ein Ziel habe und wir davon mussen. Das ist unser Seyn!
Ihr Gebeugten im Volke, freuet euch in dem Herrn, und abermals sag' ich euch: freuet euch, denn ihr werdet s t e r b e n ! und eben dann, wenn ihr nicht aus noch ein wisst, wird euch der Herr gen Himmel zeigen da werdet ihr Friede haben und nicht horen die Stimme des Steuereinnehmers, da werden getrocknet werden die Thranen von den Wangen der Wittwen, da werden die Gottlosen aufhoren mit Toben, und sanft ruhen die des Lebens Last und Hitze getragen haben. Fasset eure Seelen in Geduld, und wenn euch eine Krankheit anficht, denkt, dass sich eure Erlosung naht. Seht an den Feigenbaum und alle Baume, wenn sie jetzt ausschlagen, so seht ihr's und merkt, dass jetzt der Sommer nahe sey, Bei Menschenkindern ist es umgekehrt. Wenn der auswendige Mensch stirbt, fangt der inwendige zu leben an. Gern hatt' ich diese Lebensumstande, die mir, so wie sie da sind, gewiss nicht wenig Muhe gemacht, da sehr viele Worte halb verwischt und viel unleserlich geschrieben war; gern hatt' ich, weil mir wohl bekannt ist, dass ihr lieber einen Lebenslauf als eine Predigt horet; gern hatt' ich diese Lebensumstande verstarkt, wenn ich mehr im Taschenbuche gefunden hatte. Zum Beschluss wollen wir vom einunddreissigsten Vers bis zum sechsundvierzigsten des funfundzwanzigsten Kapitels des Evangelii Matthai verlesen horen und verlesen:
Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Volker versammelt werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Bocken scheidet. Und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Bocke zur Linken. Da wird denn der Konig sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getranket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen und ihr seyd zu mir kommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeiset, oder durstig und haben dich getranket? Wann haben wir dich einen Gast gesehen und beherbergt? oder nackend und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir kommen? Und der Konig wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sag' euch, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brudern, das habt ihr mir gethan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich nicht getranket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besuchet. Da werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sag' euch, was ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben!
Ins ewige Leben verhelf' uns alle zusammen der Herr des Lebens, Amen!
Nach der Predigt liess der gute Pfarrer singen: Lieber Gott, wann werd' ich sterb e n , und seine werthen Zuhorer, welche bis auf mich lauter Bauern und Fischer waren, sangen diess Lied mit einem so himmlisch-sehnsuchtsvollen, der Welt abgestorbenen Herzen, dass ich sehr geruhrt ward. Man horte es ihnen genau an, dass niemand unter ihnen vierzig Kupferlinge im Vermogen hatte, und dass sie alle des Tages Last und Hitze dieses Lebens trugen. Der Pfarrer sang ebenso herzlich, nur mit dem Unterschiede, dass er mit seiner Stimme die ganze Gemeinde commandirte.
Meinen Lesern zu Gefallen, die kein Gesangbuch haben, will ich die Stelle, die mir der Pfarrer vorzuglich ins Ohr und Herz sang, abschreiben:
Lieber Gott, wann werd' ich sterben?
Meine Zeit lauft schnell dahin,
Und des alten Adams Erben
(Wo ich auch ein Erbe bin)
Haben diess zum Vatertheil,
Dass sie eine kleine Weil'
Arm und elend sind auf Erden,
Und am Ende Erde werden.
Ich mit allen meinen Brudern
Lebe eine kleine Zeit,
Trag' ich nicht in allen Gliedern
Samen zu der Sterblichkeit?
Geht nicht immer da und dort
Einer nach dem andern fort?
Und wie mancher liegt im Grabe,
Den ich hoch geehret habe.
Aber, Gott, was werd' ich denken,
Wenn es wird zum Sterben gehn!
Wo wird man den Leib versenken?
Wie wird's um die Seele stehn?
Ach, ein Kummer fallt mir ein:
Wessen wird mein Vorrath seyn?
Man hatte glauben sollen, das Gewissen hatte beim guten Pfarrer wegen seiner Erklarung der Worte u n d f u r diese Reihe mitgesungen; allein ich versichere auf Ehre, das Gewissen gab seine Stimme nicht dazu. Beinahe mocht' ich das Gewissen auf ein Haar kennen, wenn es mitsingt. Es halt selten Melodie, singt lahm und so, als durft' es nicht.
Schriebe meine Mutter diess Buch, sie hatte von diesem Liede seinen Buchstaben ausgelassen; indessen will ich einigen meiner Leser diesen Gefallen thun.
Die ganze Gemeinde, o Gott! wie inbrunstig sang sie diese Zeilen:
Lieber heute noch als morgen,
Ich verzeih' es gern d e r W e l t ,
Dass sie alles h i e r b e h a l t ,
Und bescheide meinen Erben
Einen Gott'. der wird nicht sterben!
Vorzuglich fiel mir ein alter Mann bei dieser Stelle auf, der unfehlbar nicht mehr Trager wegen seiner sehr hohen Jahre sehn konnte, und sich in einem etwas finstern Kirchenwinkel aufgestutzt hatte. Ich hatte mich nicht enthalten konnen, diesem Aufge
stutzten etwas aus meinem ` zu geben, wenn ich es bei mir gehabt. Diesem alten Manne gehorte, das merkte man, noch ein Haufen Kinder an, der um Brod schrie. Es war recht, als wenn alle diese Kleinen mitleierten.
Z w i n g e d i c h n i c h t , schreibt meine Mutter, ohne Geld auszugehen, das heisst: aus einem guten ein schechter M e n s c h w e r d e n w o l l e n . Diessmal freut' ich mich aber, ohne dieses versiegelte Schatzpackchen gewesen zu seyn, da ich zu Hause kam; denn ich hatte mich in Wahrheit nicht gehalten und meines Vaters Auflage geradezu entgegengehandelt! "I n d e r g r o ss t e n N o t h !" Diess brachte mich zum Gelubde bei mir selbst, diess Schatzpackchen nie bei mir zu tragen. Ohne Geld aber, liebe Mutter, werd' ich nicht ausgehen.
Bei der letzten Strophe, die ich meinen Lesern auch nicht entziehen will, war der Ton ganz anders:
Herrscher uber Tod und Leben,
Mach' einmal mein Ende gut!
Lehre mich den Geist aufgeben
Mit recht wohlgefasstem Muth!
Hilf, dass ich ein ehrlich Grab
Neben frommen Christen hab',
Und auch selber in der Erde
Nicht zu Spott und Schande werde!
Ob nun gleich der Alte, den ich bis oben zu begraben gesehen, nicht der mit dem einen Handschuh war, als welchen Handschuh ich mithin ebenso wenig als den Segen dieses Himmlischen aus seiner Hand erben konnte, so war ich doch sehr belohnt, dass Mittag und Abend in einemweg gehalten ward. Ich dacht' an M i n e , wie beim Schloss in Mitau und bei aller Gelegenheit, und wie hatte wohl ein Vorfall, der mich zum Stehen, zum Denken bringen konnte, nicht zugleich Mine und ihn in einem Paar darstellen sollen? Wenn man liebt, ist uberall schone Natur fur den Liebenden.
Mein Reisegefahrte kam eben von der Jagd und hatte drei Vogel erlegt, die wir uns braten liessen. Ich hatte noch nichts gegessen und er hatte sich weidmannlich ermudet.
Indem wir uns niedersetzten und ich ihm von meinem Todten, er mir von seinen drei Vogeln erzahlte, pflastergeruch, so dass der Pastor die ganze Stube wurzte.
Er konnte nicht unterlassen, denjenigen, der heut ihm die Ehre gethan, sein Zuhorer zu seyn, naher kennen zu lernen, und da wir aus seiner Art sich zu fuhren uns uberzeugten, dass er nicht abschlagen wurde, mit uns vor'n Willen zu nehmen, so baten wir ihn, seine Kapuse abzulegen. Der Herr v. G. erzahlte, eben drei Vogel geschossen zu haben. E b e n d r e i ? sagte der Pastor und fand hiebei was Besonderes. Der Mann einen Vogel! beschloss ich, und der Pastor konnte nicht aufhoren zu wiederholen: e b e n d r e i ! Der arme Pfarrer entdeckt' uns gelegentlich seine recht schlechte Verfassung. In Curland, sagt' er, sind meine Herren Amtsbruder Edelleute! Mogen sie doch. Wenn ich nur einen bessern Fang wie vor'm Jahr hatte!
Diesen Wunsch klart' er uns durch die Erzahlung auf, dass er auf den Drosselfang gewiesen ware und dieses ein Hauptaccidenz bei der Pfarre sey. Unfehlbar war dies die Ursache, warum er: e b e n d r e i ! so oft sagte. Wir offneten dem armen Pastor noch unsern Esskorb, den uns die Frau v. G. reichlich gefullt hatte. Unser Wein war ihm Labsal. Ich konnte mich kaum des Lachens enthalten, da er den heut Begrabenen einen Z u g v o g e l nannte. Da ich die Verfassung dieses ehrlichen Drosselpfarrers horte, fand ich die Erklarung, die er von den letzten Worten:
und fur
gemacht hatte, der Sache so vollkommen angemessen, dass ich uberzeugt war, das Geld hatte nicht besser angelegt werden konnen, wenn es ins Hospital gekommen ware. Die sogenannte Pastoralklugheit ist, in einer guten Uebersetzung, eine wohlehrwurdige Bemuhung, auf anderer Leute Kosten zu leben; bei unserm Drosselpastor nicht also.
Ich erkundigte mich noch nach verschiedenen Umstanden des zur Ruhe Gebrachten; allein ausser dem, was der gute Pfarrer in der Kirche angebracht, wusst' er kein Wort.
Ich gab dem Pastor loci fur den Alten, der sich in einem finstern Kirchenwinkel aufgestutzt hatte und die Worte:
Und bescheide meinen Erben
Einen Gott, der wird nicht sterben!
uberlaut sang, eine Kleinigkeit, um sie ihm morgen abzugeben. So hat er, sagt' ich, zwei frohe Tage denn wenn er gleich Alters wegen nicht getragen hat Allerdings, fiel der Pfarrer ein, ich habe die Anordnung gemacht, dass sie alle was zu essen und zu trinken haben. Der Alte ein Theil mehr, weil er noch ausser den grossen Kindern drei kleine Kinder zu
Da der Pastor horte, dass wir auf die Akademie gingen, wunscht' er uns tausend Gluck. Mit einer besondern Freude, die ihn wohl kleidete, erzahlt' er von seinen akademischen Jahren, wo er sich alles ganz genau zu besinnen wusste, wie alle von gewissen Jahren, die nach Art von Leuten, welche trefflich in die Ferne sehen, schlecht aber in der Nahe sehen konnen, alles haarklein wissen, was in ihrer Jugend geschah, wenig aber oder gar nichts von dem, was gestern und ehegestern vorfiel. Das ist die beste, beste Zeit, sagt' er, sobald man ein lastbares Geschaftsvieh wird, ist's aus. Ich pfluge zwar Gottes Acker, indessen fallen doch all' Augenblicke Menschensatzungen vor. Wohl dem, mein Herr v. G., dem die Geburt das Recht gegeben ein Mensch zu seyn fur ein Amt zu halten. "Wenn Jagden dabei sind," fiel ihm Herr v. G. ein.
Der ehrliche Pfarrer liess sich merken, dass er herzlich gern einen Adjunctus hatte, und wenn es auch nur der Gesellschaft und der Maulbeerbaume wegen ware, welche das e h r w u r d i g e C o n s i s t o r i u m ihm zu pflanzen ausgegeben hatte. Endlich kam seine Tochter Marthe hinter dem Berge hervor, und man sah wohl, dass der Adjunctus nicht bloss seiner Gesellschaft und der Maulbeerbaume halber gewunscht ward. Noch hat er keinen gefunden, der einen so uberwiegenden Drosselgeschmack gehabt, dass er ihm andere Vortheile aufzuopfern kein Bedenken getragen hatte. Man sagt, setzte er hinzu, dass man darum nicht gern ein Testament mache, damit den Erben nicht die Zeit zu lang wurde; allein ich versichere auf Ehre, dass ich bei der Anfrage meines Schwiegersohns, w i e i c h g e r u h e t u n d w i e i c h m i c h b e f a n d e ? keine Falschheit vermuthen wurde.
Die Gegend war wust und ode. Ich habe keine Biene gehort, und ich wollte was drum geben, dass hier kein Bienengewachs im ganzen Bezirk aufzutreiben gewesen.
Nachdem der Pastor drei bis vier Glaser Wein getrunken hatte, sang er das Studentenliedchen:
Vivat Academia!
Nach dem Liede (dacht' ich mit einem Verwunderungszeichen), nach dem Liede:
Lieber Gott, wann werd' ich sterben? Indessen, wenn gleich ein solcher Zugvogel nicht tagtaglich kommt, so wird ein Prediger doch mit der Zeit mit dem Tode so bekannt, wie eine geubte Wochnerin mit einer Entbindung. Muth, das bin ich vollkommen uberzeugt, ist nicht Starke der Seele, sondern Bekanntschaft mit dem Gegenstande.
Unser alter Pfarrer war nicht ohne Empfindung; er ward sehr leicht roth, wenn man ihn nur mit einem Blick etwas zu hart anfuhlte. Gleich roth ist ein so sicheres Zeichen von einem empfindlichen als empfindsamen Menschen, von einem Menschen, der sich fuhlt, und der auch fuhlt, was um und neben ihm ist; so wie es was Sanftes, was Weibisches verrath, wenn man Musik liebt! Der gute Pastor! in Wahrheit, er brauchte keinen andern Beweis von seiner Frommigkeit, als sein heiteres, Gott ergebenes Auge, in dem Ruhe und Zufriedenheit lag. Ich will nicht, sagt' er, wie Israel uber die Wachteln murren, und war' es auch der vierzig Wustenjahre, der vierzig Festungsjahre wegen ich bin schon, fugt' er seufzend hinzu, zehn Jahre bei dieser Wachtelstelle.
Es wusst' unser Gast nicht viel von dem Zustande der Konigsberger Universitat, ausser, dass er uns einen Catalogum lectionum aus den Intelligenzzetteln vorwies und uns versicherte, dass es noch bis jetzo nicht friedlich herginge; er war ein Inpietist, denn einen Orthodoxen kann ich ihn nicht nennen, falls namlich die Orthodoxie, wie ich fast vermuthe, eine Strenge der Observanz ist, sich und andere an angenommene Regeln zu binden. Ihm schien der Pietismus so sehr nicht zu Herzen zu gehen, obgleich er nicht umhin konnte zu bemerken, dass die Pietisten viel sahen, was kein Inpietist sahe, und viel empfanden, was sie nicht ausdrucken konnten. Es blieb dabei, ohne die inpietistische Partei unsers guten Pastors zu nehmen, dass Gedanken, die man nicht ausdrucken konnte, unreifes Obst waren. Bald, sagte der Pastor, hatt' ich gesagt, dass ein Wort ein verdauter Gedanke sey. Er ward roth dabei.
So wie Gartner ihre Blumen oft so pflanzen, dass die Farbe einer in die andere spielt, und dadurch jede einzelne verdirbt, so ist's auch auf Universitaten.
Bei dem zweiten Vers des:
Vivat Academia!
ward die Frage aufgeworfen, warum man beim Trunk so gern Larmen mache und vorzuglich Fenster einwurfe; welches auch solche Junglinge thaten, die bei spatern Jahren einen stillen, innerlichen Rausch bekamen?
Unser Pastor nahm Abschied. Sein letztes Wort war vivat Academia! Wir verpfandeten uns schliesslich, so oft wir diese Strasse zogen, uns ihm a u f z u d r i n g e n . Diess Wort bitt' ich zu streichen, fiel er ein; vielleicht gibt mir Gott bald ein Stuck Brod anstatt der Drosseln, und alsdann bitt' ich zu mir alles andere: Gott sey mit Euch, lebt wohl, fasst' er zusammen in das vielbedeutende vivat Academia!
Kaum hatten wir uns niedergelegt, so horten wir einen schrecklichen Streit, den unsere Fuhrleute, die von Mittag bis Abend in einem Zuge gezecht hatten, erregten.
Ich wollte Mittler seyn, allein mein Reisegefahrte verbat es dringend.
Warum, Bruder, willst du gerad oder ungerad spielen? Deine Worte werden nichts gegen diese Rosse und Mauler verfangen. Glaub' mir, ich zittere vor einem Lande, wo ein Fuhrmann Major, sein Schwestersohn Junker und ein Pastor ein Drosselfanger ist.
Das Ungewitter legte sich und stieg wieder auf ich schlief vielleicht beim hartesten Schlag ein.
Habt Ihr je in einer Gesellschaft, in der alles uberlaut war, auf Euerm Stuhl geschlafen? Wie suss! Mein Reisegefahrte versicherte mich des folgenden Tages, dass er noch nach meinem Einschlaf zwei Stunden gewacht hatte.
I c h . Aus Furcht, Bruder?
E r . Ich kann es nicht laugnen
I c h . Entschliesse dich, Bruder, meinem Beispiele zu folgen. Ich furchte mich nur vor der Furcht; das scheint ein Wortspiel, allein es ist ein richtiges, wahres Wort. Auf mein Wort gehe hin und thue desgleichen!
Unser Major und Junker waren mit den Wirthsleuten des Hauses an diesem guten Morgen so einig, dass man nichts anderes hort' als Bitten: bald, bald wieder zuzusprechen, und Versprechungen: bald! bald!
Wie schon es sich, sagte Herr v. G., nach dem gestrigen Gewitter abgekuhlt hat! Da siehst du, Bruder, erwiedert' ich. Der Teufel traue den Preussen, beschloss er.
* * *
Und nun in Konigsberg! Ein grosser, weitlaufiger Ort. Ich fragte meine Fuhrleute, wo dieser und jener Professor wohne, die mir dem Namen nach bekannt waren. Das weiss Gott am besten, sagten sie.
Im Kneiphof gehort die Akademie in die Kirche; und vor diesem kam der Magnificus mit einem Purpurmantelchen, es war spannenlang und mit einer goldenen Borte bebramt, alle Michaelis und alle Ostern in diese Kirche.
Nun nicht mehr?
Nein, nun nicht mehr. Man erzahlt, dass ein grober Kerl von Bauer, der von ungefahr zu dieser Ceremonie zu Mass gekommen, uberlaut (der Puffel! doch was versteht ein Bauer von Safran) gesagt haben soll:
"Wie sich doch so ein alt und wohlbetagter Herr noch zum Narren macht!"
Nach der Zeit geht der Magnificus ohne spannenlanges Mantelchen in die Kirche.
Die Kneiphofsche Kirche ist der Dom und auch die akademische Kirche. Die zur Akademie gehorigen Gebaude sind in einer so vertrauten Nachbarschaft mit dieser Kirche, dass alles wie Eins aussieht. Diess ist eine Erklarung zur Fuhrmannserzahlung.
Wir stiegen bei dem Major ab, der uns zwei Zimmer mit der Versicherung aufraumte, dass wir sie so lange gebrauchen konnten, bis wir ein gutes Quartier bekommen wurden. Er fur sein Theil schlug' uns die Magistergasse im Kneiphofe vor, wo die meisten Studenten logiren und der Name selbst schien ihm sehr angemessen. Es wahrte nicht drei Stunden, so waren drei Landsleute bei uns, welche die Sorge uber sich nahmen, uns ein Quartier z u m K u s s e n , wie sie's nannten, a n z u a n g e l n . Diess Wort war damals, so wie das Wort f i d e l , Universitatsparole.
Diese Nacht blieben wir bei unserm Fuhrmann. Den Morgen um neun Uhr kamen schon unsere f i d e l e Landsleute, verstarkt mit drei andern: das Quartier z u m K u s s e n war a n g e a n g e l t und wir B u r s c h e n (um ganz akademisch zu sprechen) zogen vom P f e r d e p h i l i s t e r aus.
Ist es Hecht oder Barsch? fragt' ich, was Sie uns angeangelt haben, und sie lachten herzlich uber eine so unakademische Frage.
Wir gingen unser Quartier besehen, das uns uber alle Massen gefiel. Es hatt' es ein Curlander bewohnt, der heim reiste, um nachher in franzosische Dienste zu gehen.
Warum in franzosische? sagt' ich.
Zum grossten Theil d e r S p r a c h e w e g e n . Auch gut! Ehemals verliebte man sich, um Franzosisch und das Feine der Sprache, das je ne sais quoi des Herrn v. W., zu lernen.
Es ward verabredet, dass die Landsmannschaft von dem Abziehenden und den Anziehenden bewirthet werden sollte. Jeder, sagten die Aeltesten und Vorsteher, gibt sein Theil, und zwar der Abziehende allein so viel, als Ihr Anziehende beide denn er kommt bald nach Canaan.
Um indessen diesen Schmaus mit Ehren zu geben, ward beschlossen, dass wir zuvor immatriculirt werden sollten.
Einer der Landsleute begleitete uns zu Sr. Spectabilitat, wie man den Decanus der Facultaten nennt, zum Examen.
Curlander? fanden Se. Spectabilitat, der Decanus der philosophischen Facultat fur gut zu fragen, als wollten Sie zugleich andeuten, dass das Examen darnach eingerichtet werden wurde. Man hat uberhaupt die Gewohnheit, Fremde entweder ganz und gar nicht, oder hochstens nur sehr wenig zu examiniren. Es sind, wie sich unser ehrlicher Pastor in ausgedruckt haben wurde, Z u g v o g e l .
Se. Spectabilitat schienen ohnedem uberschwenglich lustig, und, wie wir nach der Zeit erfuhren, waren Sie die Nacht vorher Grossvater geworden. Sie kamen uns mit einem Mund voll Latein entgegen und erkundigten sich in dieser Sprache nach unserm Namen, Geburtsort und Alter. Ich antwortete sehr behende, und da das lateinische Gesprach bloss zum Spass angehoben, von mir aber im Ernste fortgefuhrt wurde, so wollten Se. Spectabilitat es durchaus nicht glauben, dass ich ein Curlander ware. Nachdem ich ihm dieses in lateinischer, nachher aber, um es desto kraftiger zu machen, auch in deutscher Sprache versicherte, fand er fur gut, mich zu fragen: ob mein Vater ein Curlander ware? Diess setzte mich aus aller Fassung, besonders da er diesen Ausfall in reinem Deutsch that, und meinem Reisegefahrten diese verfangliche Frage zu Ohren gekommen war. Ich ward blutroth und nach einer Weile (dergleichen Empfindung ist immer wie ein kaltes Fieber) fuhlte ich, dass ich wie eine bleich gewordene Rose ausgesehen haben musste. Der Professor (das merkte ich auch) sah mich so an, wie man eine bleich gewordene Rose anzusehen gewohnt ist mit einer grossen Theilnehmung. Er trieb diese Frage nicht weiter; allein ich war bestimmt, bei Sr. Spectabilitat aus dem Regen in die Traufe zu kommen.
Erst einige Fragen nach Art meiner Grossmutter mutterlicher Seits, z.B. wie sich latinum von latinitas unterschiede?
Was der Magister Saliorum fur eine Wurde bekleidet? Was fur ein unlauteres, unorthodoxes Wort dem Tiberius Gewissensbisse gemacht, da er Neujahrsgeschenke verbeten und daruber ein Edict erlassen?
Wie Attejus Capito, dem er daruber gebeichtet, ihn absolvirt?
Was Marcus Pomponius Marcellus, als der zweite Hofprediger, ihm im Beichtstuhl gesagt?
(Jener meinte, das Wort konnte wohl dem Kaiser zu Gefallen auf- und angenommen werden, dieser aber war so stockorthodox, dass er dem Kaiser geradezu sagte, er konne zwar den Menschen das Burgerrecht ertheilen, allein den Worten nicht.)
Was den Virgilius bewogen, wie er selbst gesagt, aurum ex Ennii stercoribus legere, und warum er nicht, da doch Ennius ingenio maximus, arte rudis gewesen, lieber geradezu, zur Natur oder zum H o m e r , gegangen, der fur uns Adam der Natur ist, ob es gleich in diesem Stuck Praadamiten gegeben?
Bei jedem grossen Werk mussen zwei Kopfe arbeiten, wenn auch der eine nur den Kalk loschen, oder einen Grundstein legen oder abmessen sollte. Moses und Aaron sind gemeinhin nothig. Einer erfindet, der andere sagt. Einer schafft den Leib, der andere die Seele. Einer weiset den Weg, der andere geht. Niemand, der sterblich ist, kann ein selbststandiges Genie seyn!
Hier ein Wort von der Natur des Dichters und von dem Lande, wo er sie p f l u c k t .
Er pfluckt seine Natur, denn der Ort, wo er sie nahm, ist, wenn man die Natur wieder sucht, die der Dichter beherzigte, wie abgemaht, man sieht hochstens die Statte; das, was der Dichter sah, ist es wohl mehr ersichtlich?
Des Dichters Natur ist unsterblich. Sie macht die Seele, die Monaden in seinem Werke.
Man sagt, und in Wahrheit, kluge Leute sind unter diesem M a n s a g t inbegriffen: Ergiebiger Boden zieht nicht Genies, sondern schwieriger. Nicht also! Reiset nach Holland, um nur eine einzige Reise vorzuschlagen, hier hat der Fleiss alles gethan. Wie das Land, so die Kopfe. Ein schwieriger Boden zieht Kritik, ein ergiebiger Genies.
Wieder eine Frage.
Was den Casimirus, den vierten Konig in Polen, zum Befehl bewogen, die lateinische Sprache in Polen zu treiben?
In wie viel Tagen Josephus Justus Scaliger, des Jul. Cas. Scaliger Sohn, den ganzen Homer, und also 63,000 griechische Verse, durchgelesen und zwar so, dass die Frage wegfiel: verstehst du auch, was du liesest? Es waren, glaub' ich, einundzwanzig. Elias, setzten Se. Spectabilitat hinzu, oder, wie er sich schreibt, Helias Putschius, der, sobald er auf die Welt kam, herzlich zu lachen anfing, bis in sein vierzehntes Jahr kein Latein konnte und e b e n d r u m als Grammaticus und Criticus es so weit brachte wie Einer, nennt den Joseph in seiner Epistola dedicatoria vor den zweiunddreissig Grammatiken, die er kommandirt,
illustrem et incomparabilem virum.
(Wir sollten, bemerkten Se. Spectabilitat, alle spater die Wissenschaften anfangen, alle wie Putschius sein Latein. Wir waren auf Ehre weiter! Fruhzeitige Unterrichte sind seine Ketten, die uns binden, oft so sein wie Seidenfaden. Bei spatern Anfangen wurde der Schuler, wo nicht selbst was erfinden, so doch den Lehrer drauf bringen.)
Die Scaliger bildeten sich ein, aus dem Geschlecht der Fursten de la Scala abzustammen, sagten Ge. Spectabilitat. Jammer und Schade, fuhren Sie fort, Putschius vergass sein Latein bald, denn er starb im sechsundzwanzigsten Jahre, so, dass er also nur etwas uber zehn Jahre Latein gekonnt hat. Se. Spectabilitat kamen wieder auf Ihre Rathselaufgaben und wandten sich zur Auflosung Notarum und vorzuglich juridicarum, und so wie unser G r o ss v a t e r sich herzlich aufhielt, dass man Aut verkurzt durch A. Ante durch AN. Auctor durch AVCT. Est durch E., so gab er mir vielerlei Abbreviaturknoten zu entziffern und zu losen. Ich liess mich mit einer Bemerkung horen, wie man ein Volk aus der Sprache kennen lernen und beurtheilen kann; so sind, sagt' ich, in der Sprache vorzuglich diese Abbreviaturen, sobald sie ins Allgemeine gehen, eine Findgrube. Sie sind das Volk in compendio. Jeder Mensch hat indessen seine eigenen Abbreviaturen, und diess ist ein Grundriss eines jeden Menschen. Bei dem Abbreviaturknoten bewies ich mich als Alexander, und da das meiste, so bis dahin verhandelt war, lateinisch zwischen uns vorfiel, so konnte mein Reisegefahrte und Begleiter nicht wissen, wo ich ging und wo ich stand mithin wussten sie nicht, was aus dem Kindlein werden wurde.
Kann was Aehnlicheres zwischen meiner Grossmutter mutterlicher Seits und diesem seit der vorigen Nacht gewordenen Grossvater seyn? Meine Grossmutter ist mir seit der Zeit eben so spectabilis (sichtbar) als ein Decanus. Seltene Fragen sind seltene Fragen. Rathsel sind Rathsel. Knoten sind Knoten. Die Sprache thut hiebei nichts.
Ich rechne nicht bloss auf Leser, sondern auf Leserinnen, und diese guten Kinder haben nicht nothig, mit f r e m d e n K a l b e r n zu pflugen und ihre Liebhaber wegen einer Uebersetzung, die ohnehin stutzerfrei ausfallen durfte, in Anspruch zu nehmen; denn was der Magister Saliorum fur eine Wurde bekleidet, heisst mit andern Worten, was der Engel Gabriel fur Federn in seinen Flugeln gehabt? und alles, was sie von Tiberius, Ennius, Attejus Capito und Marcus Pomponius Marcellus gelesen, betrifft den Nabel des Adams, die Farbe Rahels, die Frage: ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt? Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, und wie viel Selas in der heiligen Schrift vorkommen? Durch die Auflosung der Abbreviaturen, wo ich meine Leser wissen warum? g i n g und nicht am B e r g e s t a n d , wetzt' ich alle gemachte Scharten aus, und Se. Spectabilitat beliebten mich wirklich auch fur ein sichtbares Geschopf zu halten, wofur ich Sr. Spectabilitat noch jetzt dienstergebenst verbunden bin. Nun liessen mich Se. Spectabilitat einige Stellen aus den Carminibus saliariis ins Latein kunsteln, und sodann dieses Kunststuck mit einigen Stellen aus den z w o l f T a f e l n machen. Meinem Reisegefahrten bot er auch einen lateinischen Rapier an; allein er erhielt eine abschlagige Antwort, und ich nahm das Wort fur ihn.
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sagten Se. Spectabilitat, und ich weiss nicht, ob diese Stelle, oder ein Hund, der auf der Strasse sich horen liess, und eben dadurch den Herrn v. G. aufsprengte und ans Fenster zog, Se. Spectabilitat auf die Frage brachte: Ob auch im Griechischen?
Der ehrliche Noster holte seinen Homer nicht aus einem russigen Bucherschrank. Homer war so wenig wie die Bibel, die neben ihm lag, bestaubt. Ich dachte, wenn ja ein Mann Grossvater zu werden verdient, ist er's. Er liess mich eine der Lieblingsstellen meines Vaters, die ein adliches Thier anging, ubersetzen, ich wusste sie, eben weil es eine vaterliche Lieblingsstelle war, fast auswendig. Sie fangt an: i ~ , ` ` ` ` `
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Mein Vater hatte die Gewohnheit nicht angenommen, die haufig grassirt, das Griechische zu verlateinen, ich musst' es verdeutschen, und diese Gewohnheit behielt ich bei, und mein Reisegefahrte lernte den Hund A r g o s kennen, der nach zwanzig Jahren seinen Herrn Ulysses erkannte, sich von seinem Sterbelager aufrichtete, mit dem Schwanze wedelte, indessen nicht mehr das Vermogen hatte mit seiner Zunge seinen Herrn zu beruhren, um ihm Dank zu lecken. Dieser weinte.
A r g o s aber, der seine starren Augen noch angestrengt hatte seinen Herrn zu sehen, starb, nachdem er ihn gesehen hatte, in Frieden. Gott hab' ihn selig, sagte Herr v. G., und eine Thrane blinkte in seinen Augen denn es war ein Hund, von dem geredet war. Herr v. G., Sie haben mich etwas sehen lassen, sagte der Grossvater, was eben so gut ist, als griechisch verstehen. Wollte Gott, antwortete Herr v. G., ich konnte griechisch, des Argos wegen. Es sind mehr schone Stellen im Homer, fuhr der Grossvater fort. Herr v. G. wiederholte: D e s A r g o s wegen.
Endlich singen Se. Spectabilitat (auch diess, weit Sie Grossvater geworden waren) etwas aus der lieben Weltweisheit an. Es sah so aus, als wenn wir einen Ritt dran wagen wollten.
Quid est
Wenn Ew. Spectabilitat es im Deutschen erlauben?
Der gute Mann stimmte bei, und aus unserm Examen ward ein Gesprach, ein Piknik, wo jeder sein Schusselchen gibt.
* * *
Die Philosophie und die deutsche Sprache wollte Gott, dies; konnt' ein Paar werden fur und fur! Wollte Gott, unsere Philosophen mochten solche Gewissenskoliken haben, als Tiberius uber jenes Wort im Edict, und uber dass Wort Monopolium, von welchem mir bekannt ist, dass er es mit salva venia verbramt, und uber das Wort
, welches er, wie
Se. Spectabilitat beilaufig anzumerken beliebten, aus einem Edict ausradiren lassen.
Es gibt Naturphilosophie und Kunstphilosophie. Leben! Leben! Leben! und Schulweisheit. Philosophie, die bloss weiss, und Philosophie, die weiss und thut, gelehrten Wust und Weisheit. Aristoteles war ein Kunstler, Epikur, Diogenes (mit Fleiss zusammen) waren Naturalisten und Sokrates dessgleichen. Die kunstliche wird ganz und gar gelehrt, bei der naturlichen ist nur eine gewisse Methode, die gezeigt wird. Das Fass des Diogenes, der Brei des Epikur, wie verehrungswerth! Die Fenster im Auditorio, wo naturliche Weisheit gelehrt wird, gehen all' ins gemeine Leben. Die naturliche lehrt die Zeit gebrauchen, die kunstliche sie vertreiben. Die Naturphilosophie ist fliessend Wasser, Springwasser, die kunstliche ist Wasser, welches steht. Die Kunstphilosophie treibt Commissionshandel, die Naturphilosophie hat bloss eigenes Product. Das Leben der Naturphilosophie ist eine Copia vidimata ihrer Grundsatze, und zu ihren Angaben ein solch erklarender nachhelfender Beleg, dass ohne Beilage sub Vide ihre ganze Lehre wie gar nichts ist. Wohl dem, der von diesem Wasser des Lebens getrunken hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphilosophie zum Grunde, die nicht gleichgultig, sondern gleichmuthig macht. Ist wohl ein passenderes Motto zur kunstlichen Philosophie, als "die Herren werden doch wohl Spass verstehen?" Will man ein Emblem, so ist's ein optischer Kasten.
Vom naturlichen Philosophen sagt man, er p h i l o s o p h i r t . Ein kunstlicher Philosoph hat P h i l o s o p h i e . Er hat sie fur Geld und gute Worte zum Verkauf und zur Pacht. Man muss es bei der Philosophie nicht anlegen, ein Buch, den beliebten Autor, sondern die Sache zu verstehen. Man will sich vorzuglich selbst verstehen und das Buch Gottes, die Welt Diese Philosophie kann nicht auswendig gelernt werden; es ist was Inwendiges, ein Philosoph zu seyn. Denken und leben heisst: philosophiren. Wenn man die Wissenschaften in die der Gelahrtheit und die der Einsicht eintheilt, so wurd' ich die kunstliche Philosophie zur Gelahrtheit rechnen, und so wie man z.B. von einem Historikus sagen kann: er sey ein Gelahrter, er habe viel gelernt, so auch von einem Kunstphilosophen. Die naturliche Philosophie besteht nicht in Nachricht, sondern in Einsicht. Man kann nicht vom naturlichen Philosophen sagen: er habe viel gelernt, allein er kann viel lehren. Alle Vernunfterkenntniss aus Begriffen gehort zwar zur Philosophie, allein der Philosoph ist eigentlich ein Fuhrer der Vernunft, und bringt den Menschen an Ort und Stelle. Der Mensch ist nicht bei sich, heisst oder sollte heissen: er habe diesen eigentlichen philosophischen Weg verfehlt. Die Bestimmung des Menschen, und die Mittel, dahin zu gelangen, das ist das Ziel, wo alle philosophische Erkenntniss zusammentrifft. Es ist die Probe der Philosophie. Der gemeine Mann m e i n t und w u n s c h t , und selbst dazu ist er ex speciali gratia privilegirt; der Weise denkt und will. Verstand und Wille zusammen ist e i n e Seele. Wer kann die Seele halbiren? Der Mann hat Geist und Leben, das heisst: der Mann ist ein Philosoph naturlicher Art. Zwar sagt man auch, diess Buch hat Geist und Leben, allein alsdann denkt man, der Verfasser, ein Philosoph her besagten Art, hat es geschrieben und es sich so ahnlich gemacht, dass er ihm etwas Geist und Leben abgegeben. Er hat es angehaucht wie Gott den bis auf die Seele fertigen Adam. Der Mann ist im Buche getroffen! Oft hab' ich gehort, wenn man den Mann sieht und sein Buch, sollte man sie wohl fur Vater und Sohn halten? Ja und wenn ihr sie nicht dafur haltet, liegt es an euch. Wie der Autor, so das Buch, per omnia saecula saeculorum. Jeder Physiognomist muss den Autor aus dem Buche a b z i e h e n und zum Reden treffen. Das Buch hat Hand und Fuss, der Mann hat Hand und Fuss, heisst ein Mann mit Winkelmass und Wage, der alles misst und passt, und ein Buch von der namlichen, richtigen, abgemessenen Weise, wo weder Mangel noch Ueberfluss ist, sondern just die erforderlichen Gelenke. Die Naturphilosophie ist keine Feindin von reinen Vernunftsbegriffen, allein sie bestatigt sie, wenn ich so sagen soll, auf der Stelle. Sie schafft sich gleich einen Abdruck wie Gott die Welt. Die Religion fangt heut zu Tage mit dem Katechismus, und die Philosophie mit einem Compendio an. Allein in Wahrheit, man sollt' auf ein lebendiges Erkenntniss dringen, dann wurde man doch einmal einen Philosophen zu sehen bekommen.
Rousseau, damit ich eine Bemerkung mache, die in unsern Tagen zu Hause gehort, Rousseau (Schade, dass er todt ist!) war wirklich eine Spectabilitat unter den Philosophen. Der blosse philosophische Kunstler weiss nichts Rechtes, nicht dass ein Gott ist; der arme Schelm! Man konnte die naturliche: Philosophie die kunstliche: V e r n u n f t e l e i nen
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nen. Die Vernunftelei und die Zweifelsucht sind Grenznachbaren. Ein Zweifler und ein Aberglaubischer sind Schwester und Bruder. Ein Zweifler macht sich sein Leben nicht gemachlich. Nein, er hat sich mehr aufgelegt. Er hat Ja und Nein zu tragen, wenn er denkt. Im Fall er aber bloss spasst, ist er nur ein Scheinzweifler, und ein Mann, der alles der Nachfrage wegen hat. Man glaubt gemeinhin, ein Zweifler sey kein Vielwisser, allein er ist es im eigentlichsten Verstande, und es kann gemeinhin von ihm heissen: d a s W i s s e n b l a s e t a u f . Wer Dinge, die gang und gabe sind, bepruft, und keinen Stein auf dem andern lasst, ist kein Zweifler, sondern ein Prufer, im Fall er namlich aus pro und contra, aus links und rechts, sich etwas auspunktirt, was Stich halt. Solch ein Mann ist nicht aufgeblasen, sondern bescheiden. Seine Zweifel leiteten ihn auf den rechten Weg zur Ueberzeugung, zur Wahrheit und zum Leben. Ein Lehrer der Naturphilosophie kann von sich und seinen Jungern sagen: I c h l e b ' u n d i h r s o l l t a u c h l e b e n . Wer hat je mit dem Pietisten uber die Wahrheit der christlichen Religion gestritten? Wer so lebt als er lehrt, darf nur bitten, ihm die Ehre zu thun, bei ihm einzusprechen. Man ist heut zu Tage von der Naturphilosophie so abgekommen, dass man den, der so lebt als er lehrt oder glaubt, einen Schwarmer nennt. Sehr unrichtig!
Meine Leser werden, hoff' ich, nicht vergessen haben, dass sie zu einem Piknik geladen sind, wo nur Se. Spectabilitat und ich (meinen Vater kann ich immer mit einrechnen) ihr Schusselchen austrugen. Wenn ein Koch diese Schmauserei angeordnet hatte, war' es freilich abgemessener gewesen ob schmackhafter, weiss ich nicht.
Ich bemuhe mich auch hier, Lebenslaufer zu seyn, und diese Abschrift ist dem Original ahnlich. Wir fielen von einem aufs andere. Wir scheitelten die Haare nicht. Wurd' ich nicht einen Roman schreiben, wenn ich nicht auch von einem aufs andere fallen und die Haare scheiteln sollte? Ein Roman! fern sey er von mir!
Die Eintheilung der Philosophie in die naturliche und kunstliche ist die Haupteintheilung, die philosophische Eintheilung der Philosophie. Sonst gibt es Eintheilungen Gott weiss wie viel! In Absicht der Krafte des Menschen, in Absicht der Principien, in Absicht der Objekte, der Erkenntnisse.
Ein Philosoph muss das Allgemeine in concreto und das Einzelne in abstracto erwagen, und wenn man gleich gern zugibt, dass bei jeder Wissenschaft die Idee des Ganzen die Avantgarde macht, und dass aus der Eintheilung des Ganzen die Theile entstehen, und dass, um die Theile zu wissen, man erst das Ganze von Personen zu kennen die Ehre haben musse, so ist doch nicht gut, wenn ein erschrecklicher Eingang praludirt und prologirt wird, ehe man zum Thema schreitet, auch wenn die Praludia, wie die des Hermanns, noch so ausstudirt sind. Wozu die Prolegomena und das erschreckliche Geschrei: d a w e r den Sie sehen! da werden Sie s e h e n ! Gleich das Lied ist am besten! Wenn ich heisshungrig bin, und der Wirth, der mich geladen hat, zeigt mir erst seine drei Porcellanservice und sodann sein Silberzeug, und endlich seine Fayence, bis ich mich uberhungert und keine ordentliche Mahlzeit thun kann, wie wenig Ursache hab' ich, den Wunsch einer gesegneten Mahlzeit anzunehmen und mich ergebenst zu bedanken; ich wollt' anbeissen und nicht mit der Gabel anspiessen. Warum nicht kurz prasentirt: Herr Gott, dich loben mir. Befiehl d u d e i n e W e g e . Philosophie! Verstandes- und Willensphilosophie, theoretische und praktische, wenn es ja nach der alten Leier gehen soll. Vernunftund Erfahrungsphilosophie. Empirische und rationale, und damit die Eintheilung in Rucksicht des Objekts nicht vernachlassigt werde Philosophie der engelreinen Vernunft und der menschlichen Sinne. Die Philosophie der Sinne heisst die Naturlehre. Die Sinne sind zweifach, innerlich und ausserlich. Was ich mit dem innerlichen Sinn gewahr werde, ist einzig und allein meine Seele. Also gibt's Seelennaturlehre und Korpernaturlehre. Empirisch und rational kann jene und diese seyn, und was kann nicht alles so seyn? Ich kann zwar nur mit mir selbst Seelenbetrachtungen anstellen, allein ich kann nach dem Kennzeichen der Uebereinstimmung auf andere schliessen. Welch ein grosses Wort: L e r n e d i c h s e l b s t k e n n e n ! Mancher Philosoph, der sich auf die Seelennaturlehre legt und viel darin philosophirt. kommt endlich zu einer Art nota bene, zu einer Art von Geisterseherei, von Anschauung vom Platonismus und mystischem Wesen. Es wird entzuckt, und wenn man gleich mit dem Verstande nicht sehen, sondern nur denken kann, so ist er doch in einer Verfassung, wo es heissen konnte: Es hat kein Auge gesehen, kein Ohr gehort, es ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben. Oft versehen sich diese guten Leute so, dass sie an ihren Ort gestellt werden, der nicht der angenehmste ist. Biegen oder brechen ist die Losung dieser Seher. Jammer und Schade, dass es gemeinhin bricht!
Ist denn in den aussern Sinnen Wahrheit, ihr Sinnenglaubige? Gehet die Sonne an, geht oder steht sie? Selbst wenn unser Urtheil mit der Erscheinung ubereinstimmt, und wenn man sagen kann, die Sache ist wahrscheinlich, ist sie darum so und nicht anders?
Gott allein kann die Gegenstande mit dem Verstand anschauen, denn sie sind durch ihn und in ihm. Er hat alles in originali, wir uns selbst nur so. Was heisst: Gott schauen und in Gott alle Dinge? Durch eine einzelne Vorstellung erkennen, konnte man anschauen nennen, durch allgemeine Begriffe erkennen, wurde denken heissen. Man kann physisch und mystisch schauen, durch Korper- und Seelenaugen. Die Seele hat, nach der Mystiker mystischem Dafurhalten, wie die Cyclopen nur ein Auge.
Die Logik ist Verstandesgrammatik. Die lehrt uns von keinem Gegenstande etwas selbst vom Verstande nichts; allein sie lehrt uns von Dingen, die wir gar nicht kennen, viel, und was noch mehr ist, gelehrt r e d e n . Von Dingen, die man weiss, von denen man uberzeugt ist, spricht man nur wenig. Man handelt wie oben gezeigt worden. Dingen aber, von denen man nicht uberzeugt ist, legt man durch eine gewisse Hitze einen Grund bei. Man legt es recht dazu an, sich dadurch, dass man den andern uberzeugt, auch selbst zu uberzeugen, und oft ist man hiebei glucklich, so dass man in der That auch hier durchs Lehren lernt. Es kann eine allgemeine Grammatik aller Sprachen geben, so auch eine des Denkens, die namlich allgemeine Regeln des Denkens enthalten musste. Was thun Worter zur Grammatik! Allgemeine Regeln der Sprachen wurde eine allgemeine Grammatik seyn. Vielleicht hatte die lateinische dazu alle Anlage. Die Dialektik ist die Logik des Scheins. Wahrheit ist der Inhalt der Erkenntnisse, mithin kann sie durch die Dialektik nicht erkannt werden. Die Dialektik tragt die Livree des Verstandes, sie ist die Kunst des Scheins, die Wissenschaft der Sachwalter und der Skeptiker. Die Romer waren nicht speculativisch in der Philosophie, sondern gesund. Sie waren nicht Aristoteliker, sondern Menschen. Den Cicero machten die Wissenschaften ruhig, denn er sprach wenigstens, wie Sokrates lebte, und schon diese von der Naturphilosophie entzundeten Worte wehten ihm Ruhe zu. Durch die Scholastiker ist dem Summus Aristoteles ein Ehrengedachtniss gestiftet. Der Ausleger weiss immer ein Drittel mehr, als sein Autor; so geht es immer, und so ging es auch hier. Man findet von diesem Greuel der Verwustung noch Ueberbleibsel und vorzuglich sind diese Antiquitaten noch in der Logik zu sehen. Da gibt es Alterthumer die Menge. (Einen W i n c k e l m a n n bei den Antiquitaten der Logik wunschte ich bloss der Seltenheit wegen; dieses ist ein Wunsch, der ohne Fingerzeig weit junger als mein Examen ist.)
Des Aristoteles, Gott verzeih' mir meine Sunden! oder vielmehr seiner A u s l e g e r wegen denn wahrlich, er fur seine Person war ein Mann, der sich gewaschen hatte sollte man eine Feindschaft wider alle undeutsche Namen in der Philosophie haben. Die A u s l e g e r ! was sind sie meistentheils und was sind sie in casu besonders? Kanale in die Kreuz und Quer, die dem Lande die feuchte Kraft nehmen und den Reisenden hindern.
Viele behaupten, dass wir mit Erkenntnissen auf die Welt kommen, die man allmahlig herausspinnt, wie Garn aus Flachs, Diese halten die Seele fur eine beschriebene, andere halten sie fur eine unbeschriebene Tafel. Beide fur Tafeln von Wachs, und nicht von Stein wie die Tafeln Mosis. Alle Sunden aus der Erbsunde herleiten, heisst: eben dadurch eine wirkliche Sunde mehr begehen. Es waren schon Weise des Alterthums, die der Meinung waren, dass alles noch Ueberbleibsel von unserer vorigen Gemeinschaft mit Gott ware, dass alles, damit ich mich deutlich und christlich ausdrucke, aus dem Paradiese herkame. Was mein Vater von angebornen Begriffen dachte, konnte ich nicht anbringen, Se. Spectabilitat uberkreischten mich, und was Se. Spectabilitat davon dachten, ergibt sich ziemlich deutlich aus dem Vorigen. Sie glaubten, der Tisch sey nicht mit Essen und Trinken besetzt; allein auf dem Tisch stande ein Beutel mit Ducaten und Thalern, gross und klein Geld, je nachdem die Fahigkeiten sind, Essen und Trinken anzuschaffen. Die Erkenntnisse mogen nun aus den Sinnen geschopft werden, oder die Sinne mogen bloss Gelegenheitsmacher seyn; diess sey der Weg zur Erkenntniss.
Es ist die Frage, ob wir alle gut, alle bose, oder bald gut, bald bose auf die Welt kommen?
Wenn wir in die Hohe wollen, mussen wir steigen. Wenn der Mensch alles aus dem lieben Gott beweiset, so will er ohne Leiter auf den Kirchthurm; gluckliche Reise! So philosophiren, nenne ich einen leichtsinnigen Eid schworen. Man muss sich nicht anders auf Gott berufen, als bis Noth am Mann ist. Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnutzlich fuhren! Eure Rebe sey ja, ja, nein, nein, was druber ist, ist vom Uebel. So wie sich Gott durch die Werke offenbart hat, und der Mensch von allen Geschopfen, die wir die Ehre haben zu kennen, sein Meisterstuck ist, so will er auch keinen Sprung zu ihm hinauf, sondern will, dass es sein in dem Geleise der Natur bleibe, die nicht springt. Die Instanzen, die Gott angeordnet hat, mussen nicht ubergangen werden. Schein ist ein Urtheil, das aus der falschen Anleitung des Verstandes entspringt, Wahrheit ist die Uebereinstimmung der Erkenntniss mit dem Gegenstande. Wenn also gefragt wird, was ist Wahrheit? reine gediegene Wahrheit? so kann man nicht besser drauf antworten, als Wahrheit ist Wahrheit. Wenn mir nicht ein Gegenstand gegeben wird, so kann ja auch keine Probe der Uebereinstimmung gezogen werden. Eine Erklarung der Wahrheit in der Art zu geben, dass sie auf alle Objecte ohne Unterschied passt, ist unmoglich. Jeder hat seine Uhr, jeder seine Brille, jeder sein Pferd und jeder seinen Hund, seinen Argos, setzte Herr v. G. hinzu. Ein allgemeines Wahrheitsmerkzeichen, wo ist es? Eine Regel, die alle Objecte umfasst und sie herzt und kusst, wo ist sie? Ich muss vergleichen Erkenntniss und Gegenstand; wenn ich aber keinen Gegenstand habe, wie kann ichs? Vielleicht konnte sie die Uebereinstimmung der Erkenntniss mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft heissen, und der Irrthum, der Widerstreit der Erkenntniss mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft vielleicht!
Die Seele in jeder Sache, oder dasjenige in der Erkenntniss von ihr, was in allen Vorstellungen, die wir von der Sache haben konnen, gilt, ist dass Wahre darin.
In so weit sich eine Sache nicht widerspricht, in so weit ist eine Seitenwand zum Wahrheitsgebaude fertig, in so weit ist eine Bedingung da, unter der etwas wahr ist. Wer kann und will aber sagen: Alles, was sich nicht widerspricht, ist wahr? Es kann wahr werden. Es ist in Gott wahr, jeder Gedanke bei ihm steht da. Das Principium des Widerspruchs ist immer ein negatives Wahrheitskennzeichen. Es ist nur eine Laterne in der Hand, allein es gehort mehr dazu, als meiner Mutter Handlaternchen, wenn man hier sicher und unangefallen an Stelle und Ort kommen soll.
Die Sinne lehren das Formale eines Dinges, der Verstand das Materiale. Das, wodurch das Mannigfaltige auf gleiche Art gedacht werden kann, heisst Regel. Der Verstand ist das Vermogen der Vorstellungen nach Regeln. Wir haben viele Vorstellungen, die wir nicht wahrnehmen, deren wir uns nicht bewusst sind. Man kann mit einem Menschen sprechen, ohne dass man weiss, was er fur ein Kleid hat, und man kann denken, ohne dass man es wahrnimmt. Ein abstrakter Kopf ist, der so denkt, dass er nur immer auf das sieht, was den Begriffen gemein ist. Das Vermogen, sich Dinge durch Begriffe vorzustellen, heisst denken. Einen Begriff analysiren, ihn klar machen, ist ein Hauptstuck der Philosophie. Sie macht Gold; denn wenn es aus der Erde kommt, ist es Erde, durch Lauterungen wird es Gold. Ein Moralphilosoph kann keinen Buchstaben mehr als diess. Lage der Begriff der Tugend nicht in uns, wie konnten wir von ihm uberzeugt werden? Wie? Begriff, Urtheil, Schluss, major, minor, conclusio! Ein Uebergang von einem Urtheil zum andern heisst Schluss. Major enthalt mehr in sich, als das Subject quaestionis. Es ist der Vater vieler Kinder, Sohne und Tochter. Ehe man sein Zimmer bezieht, steht man den ganzen Palast. Das Pradicat ist grosser als das Subject. Es behaupten einige: Empfindung ware die grosste Wahrheit; allein sie gibt nur Stoff zum Urtheil. Die Sinne urtheilen nicht, die Vernunft urtheilt. Die Sinne sind Stahl, Feuerstein und Zunder. Zum Irrthum (Heil mir und meinem Buche!) gehort so gut als zur Wahrheit Verstand. Die Unwissenheit allein kann sich ohne ihn behelfen. Der Verstand wird beim Irrthum anders gewendet. Beim Irrthum ist Illusion des Verstandes. Sinne und Verstand sind Wasser und Wein. Wer hat Wein ohne Wasser getrunken? Schon in der Traube ist Wasser.
Jedes muss sein Mass und Gewicht haben. Die Schranken des Verstandes bringen nicht Irrthumer hervor, sondern nur weniger Erkenntnisse. Ein engbegrenzter Verstand irrt weniger als ein grosser! Bei Gelehrten sind mehr Irrthumer, bei gemeinen Leuten aber mehr Vorurtheile. Wenn man den Menschen bindet, so lauft er nicht davon. Man sagt von grossen Genies, ihre Irrthumer, ihre Fehler waren schon. Schmeichelei!
Ein Kleid hebt das Gesicht. Ein kleines Mannchen kann so richtig gebaut seyn, als der grosste; es kommt nur auf das Verhaltniss unter den kleinen Theilchen an. Irrthum, wenn ihn ein Kluger begeht, ist Taschenspielerei; es gehort ein Auge dazu, den Trug zu entdecken, und diess Auge hat nicht jeder. Irrthum liegt oft in Satzen, oft in der Anwendung dieser Satze. Ein Fehler in Absicht der Satze heisst w i r k l i c h e , in Absicht der Anwendung S c h w a c h h e i t s s u n de.
Erst buchstabiren, dann lesen, sagten unsere lieben Alten. Erst ein Urtheil uber Bausch und Bogen, dann ein richtiges. Erst der Laufer, dann der Herr. Wer in seinen vorlaufigen Urtheilen das rechte trifft, heisst: ein Gluckskind, oder sollte es eher heissen, als der, in dessen Familie viele alte Tanten sind. Es ware wohl werth, ein Buchstabirbuch in diesem Verstande, in diesem Sinn, herauszugeben, und uber die vorlaufigen Urtheile eine Anleitung zu ertheilen. Die Franzosen sind vorlaufige Urtheiler. Der erste Gedanke ist oft der beste, und in Wahrheit, es gibt vorlaufige Urtheile, die werth sind in Rahmen gefasst zu werden.
Vorurtheile sind Urtheile aus der blossen Sinnlichkeit, die man fur Urtheile aus dem Verstande halt. Die Sinnlichkeit lauft dem Verstande vor. Den Grund, den wir haben, von einer Sache zu urtheilen, der aber nicht aus den Gesetzen des Verstandes genommen ist, heisst ein Vorurtheil. Die Eltern haben Vorliebe zu ihren Kindern, hieraus entsteht eine Vorsprache, welches die Redekunst des Vorurtheils ist.
Ein Vorurtheil ist eine Luge, nur dass sie nicht immer vom Vater, dem Teufel, ist.
Grosse Kopfe stiften viel Gutes, allein auch wahrlich viel Unheil, denn sie werden verehrt, und niemand untersteht sich, weiter zu gehen. Sie sind ein Wall, den kein Remus zu ersteigen sich unterfangt. Jeder Mensch hat seinen Hang, seine Meinungen andern mitzutheilen, und der Gelehrteste ist nicht gleichgultig gegen das Urtheil seiner Wascherin und seines Ofenheizers. Die Methode ist dogmatisch uber apodiktische Wahrheiten, und diess ist die Methode der Unterweisung und Behauptung. Die Methode ist aber skeptisch, polemisch, wo man erst untersucht, ob etwas apodiktisch heissen kann. Diess ist die Methode der Untersuchung, Beprufung oder Kritik. Die polemische Methode ist die Lauterung, das Sterben, die Verwesung in der Kenntniss, ehe wir zum Licht und Leben kommen. Die skeptische Philosophie ist hievon unterschieden, von welcher wir oben loco congruo schon ein Wortchen gewechselt. Zweifeln und sein Urtheil aufschieben ist so unterschieden, als vorurtheilen und nachurtheilen.
Hier eine schone Predigt uber die Worte: der Glaube kommt durch die Predigt, viva vox docet.
Ein mundlicher Vortrag verrath die Art zu denken. Sie zeigt den Lehrer unangekleidet. Beim Horen denkt man immer mehr als beim Lesen. Horen ist auch naturlicher als Lesen. Zwar konnen auch Bucher erbauen, allein es ist hier das namlich Verhaltniss wie zwischen Kirchen- und Hausandacht.
Man muss beim Lesen die Seele des Buches suchen und der Idee nachspuren, welche der Autor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen ist freilich die Seele schwer zu finden, wie bei manchem Menschen sie wahrlich auch schwer zu finden ist. Der Verfasser selbst wurde Muhe haben die Seele aus seinem Buche herauszurechnen indessen hat jedes Buch eine Seele, etwas Hervorstehendes wenigstens, und gemeinhin pflegt sich hiernach das ubrige zu bequemen.
Es scheint in der Welt bei allen Sachen eine Fibel nothig zu seyn, uberall ein gewisser Mechanismus, uberall eine Schule, eine Akademie. Wer nur ein Buch liest, vergisst, dass das Jahr vier Jahreszeiten und dass jeder Tag vier Tageszeiten habe. Man lese v i e r Bucher auf einmal, und man wird finden, dass diess dem Gemuthe Erholung sey. Ein einziges Buch lesen heisst im Seelenverstande den Pflug fuhren oder dreschen. Neue Beschaftigung ist wahrlich Erholung. Warum ist die Gesellschaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr als ein Buch liest. Der hat es weit gebracht, der Menschen lesen kann!
(Gott weiss, diess ist ein grosses Studium! Die schonste Gegend, was ist sie gegen einen Menschen? Und wer die Gesellschaft aus diesem Gesichtspunkt nimmt, kann gelehrt werden ohne ein gedrucktes Buch, das ohnehin selten Leben hat.)
Es gibt einen gewissen Lesegeiz, alles, was man liest, in seinen Nutzen zu verwenden. Einen Lesevielfrass, alles zu verschlingen und da ereignen sich oft Kopfdrucken und Verschleimungen. Sich in einem Buche betrinken heisst: daruber Sehen und Horen vergessen und es so vorzuglich finden, dass nichts druber ist. Wenig und gut lesen ist grossen Kopfen eigen. Es ist schwerer so schreiben als so reden, dass es einen interessirt. Das beste ist, sich selbst herausdenken, nicht bei Hand- und Lehrbuchern, sondern bei seinem Genie in die Schule gehen und ihm Folge leisten, und die Logik dem naturlichen Gange seines selbsteignen Geistes, sowie die Moral seinem Gewissen zu verdanken zu haben. Wohl dem, der sich von allem entkleiden kann, was nicht er selbst (das letzte Hemde nicht ausgenommen) ist! Wohl dem, der seine Willkur dem Gesetz der Wahrheit und der Tugend unterwirft; wohl dem, der Wesen vom Schein, Schatten vom Licht absondert; Menschenfurcht, Menschenehre und den ganzen unwurdigen Tross von Vorurtheilen, sie mogen gleich die hochste Stufe des menschlichen Lebens und ihre Achtzig erreicht haben und mit dem regierenden Hause in Einverstandniss leben, vom Hauptpastor canonisirt und vom Professore Philosophiae ordinario als ein Anhang vom Catechismus der Vernunft beigebunden seyn, fur das halt, was sie sind Menschensatzungen und Tand! Wohl
Alles Rationale zusammengenommen heisst Metaphysik. Sie ist die Seele der Philosophie. Die Metaphysik enthalt Urtheil des Verstandes, abgesondert von aller Erfahrung und von allen Verhaltnissen der Sinne, wenn z.B. von der Moglichkeit, Zufalligkeit u.s.w. gehandelt wird. Hier reden, wir nicht vom Schein, sondern vom Seyn, um dem Drosselpastor nachzuahmen. Die Metaphysik hat kein Verhaltniss zu den Sinnen. Es will hier alles geistig gerichtet seyn. Sie ist ein Lexikon der reinen Vernunft, ein Versuch, die Satze des reinen Denkens in eine Tabelle zu bringen. Was in der Logik Urtheile sind, sind in der Ontologie Begriffe, unter die wir die Dinge setzen, T i t e l des Verstandes, I n h a l t der Vernunft. Die Metaphysik muss kritisiren. Ihr Gebrauch ist negativ, wenn
Wir waren im Begriff, uns recht viel Metaphysik ins Auge zu streuen, allein, siehe da! die Hausmutze Sr. Spectabilitat, die Grossmutter, wurgte die Thur auf und blickte durch ein Ritzchen. Man sah, dass die alte Frau noch einen Brand im Auge hatte. Sie schlug einen Strahl ins Zimmer. Dieser Wink sollte ihren lieben Ehegatten zum Schluss bringen, weil sie unfehlbar beim Grosssohn den Abend versprochen waren. Man sah es Sr. Spectabilitat an, dass Sie wussten, was man einem Blick durchs Ritzchen schuldig ware. Es ging uber und uber. Ich weiss nicht, ob ich diess uber und uber schriftlich werde nachmachen konnen.
Die moralischen Maximen, singen Se. Spectabilitat nach diesem Blick durchs Ritzchen (ich weiss nicht warum?) an, zeigen, wie ich der Gluckseligkeit wurdig werden konne, die pragmatischen zeigen, ihrer theilhaftig zu werden. Die Moral lehrt, der Gluckseligkeit wurdig zu seyn; ihrer theilhaftig zu werden, ist eine Lehre der Geschicklichkeit. Es ist nicht moglich, die Regeln der Klugheit und der Sittlichkeit zu trennen. Es ist kein naturlicher Zusammenhang zwischen dem Wohlverhalten und der Gluckseligkeit; um es zu verbinden, muss man ein gottliches Wesen annehmen. Ohne diess kann ich keine Zwecke in der Welt finden, keine Einheit. Ich spiele in der Welt blinde Kuh. Ohne Gott hab' ich keinen Punkt, wo ich anfangen soll, nichts, was mich leitet. Gott ist g r o ss und unaussprechlich! Die Menschen bedienen sich ihrer Vernunft a priori zum Nachtheil des praktischen Gebrauchs, wenn sie nicht durch kunstliche Schranken zuruckgehalten werden. Dieses ist auch die Pflicht der Metaphysik. (Zehnmal singen Se. Spectabilitat quid est? an, und zehnmal macht' ich eine Verbeugung, um ihn vom Fragen abzubringen.) Das erste, was ich bei mir gewahr werde, ist das Bewusstseyn, diess ist kein besonderes Denken, sondern die Bedingung und die Form, unter der wir denkende Wesen sind. Wie schon bauen und wirken nicht manche Thiere, wie nah' kommen sie uns nicht auf die Seele; allein eins, was nicht ersetzt werden kann, das Bewusstseyn, fehlt, und wahrlich, es fehlt wenig, und es fehlt viel! Mein Reisegefahrte wollte wegen der Hunde einwenden, indessen konnt' er nichts mehr als husten. Alles, was da ist, ist im Raum und der Zeit. Raum und Zeit sind Formen der Anschaunngen, sie gehen den Erscheinungen vor, wie das Formale dem Wesentlichen. Ich muss Zeit und Raum haben, damit, wenn Erscheinungen vorfallen, ich sie hinstellen und beherbergen konne. Die Objecte der aussern Sinne werden im Raum, die der innern Sinne in der Zeit angeschaut. Hier ein ganz kleiner Commentarius uber den theologischen terminum technicum Zeit und Raum zur Busse, der, wie Se. Spectabilitat sich ausdruckten, nicht ausserm Wurf lage. Wie vielen Dingen mussten wir auf der Stelle, des Blicks durch die Ritze wegen, einen Scheidebrief geben. Wir nannten bloss ihre Namen und behalfen uns damit, dass wir diese Namen nannten und uns einander zulachelten. Ein wahres Examen!
Bei reinen Verstandesbegriffen haben wir keine Begriffe von Sachen, sondern nur Titel, worunter wie uns eine Sache denken konnen. Durch diese Titel konnen wir nichts ausrichten, ausser wenn wir sie auf Gegenstande der Erfahrung und Anschauung anwenden. Wer kann aber, ohne die Titel des Verstandes vorauszusetzen, wer kann Erfahrungen anstellen? wer Fische ohne Netz oder Hamen fangen? Die Metaphysik enthalt alles und enthalt nichts. Sie macht nichts von den Gegenstanden aus, allein ohne sie kann man nichts von Gegenstanden ausmachen. Sie ist das Zollhaus, die offentliche Wage der philosophischen Erkenntniss. Sie enthalt Titel des Denkens, allein keine Pradicata der Dinge. Nur die Erscheinungen verleihen Begriffe von den Dingen.
Vernunftelei (Se. Spectabilitat wurden von einer Mucke verfolgt, die um sie herumsauste und sich nicht haschen liess) ist das, was kein Object hat. Was eine Bedingung der Vorstellung und des Begriffs vom Gegenstande ist, machen wir oft zur Bedingung des Gegenstandes selbst, die subjective Bedingung zur objectiven. Die Mucke verhinderte Se. Spectabilitat, dieses Thema weiter auszufuhren. Im Ernst, die Mucke hatte nicht besser ihre Sache machen konnen, wenn sie von der Frau Gemahlin Sr. Spectabilitat war' auf den Hals geschickt worden.
Der analytische Theil der Metaphysik enthalt Definitionen meiner Begriffe, der synthetische Bereicherung von Erkenntnissen. Der Begriff von den Monaden muss billig nur auf denkende Wesen gedeutet werden, singen Se. Spectabilitat mit einem frischen Athemzuge nach einer geendigten Cadenz an, und schienen noch sehr viel Metaphysik auf Ihrem Gewissen zu haben, allein die Thure ging auf. Wir sahen ein Grossmutterchen in Sterbensgrosse, denn sie war so zusammengefallen, dass man Kegel mit ihr schieben konnen, wie Hr. v. G. bemerkte. Was fur Feuer im rechten Auge! Damit hatte sie durch die Ritze geblitzt; das linke Auge war schon aus der Welt gegangen, es war stumpf und todt, als wenn eine Blatter darauf gefallen ware, allein das war es nicht. Die Zeit hatte es so abgefeilt. Die Tochter, fing sie an, und ohne sie auszuhoren, schrie die uberfallene Spectabilitat gleich, gleich! Nur das Signum depositionis. Er schrieb uns einen Passirzettel, einen Freibrief, womit wir uns noch bei Sr. Magnificenz zu melden hatten.
Wahrend der Ausfullung dieses gedruckten Zettels wandt' er sich zu mir:
Sie, fing er an, werden sich wohl der Universitat widmen?
Ich? fragte ich etwas einfaltig.
D e r H e r r v. G. n i c h t , erwiedert' er.
Ich auch nicht!
Alles, was geschieht, hat seine Ursache, fuhr er fort, und warum?
Es war sogar, mit Ew. Spectabilitat Erlaubniss Streit, ob ich gar auf eine Universitat gehen sollte?
Dieser Streit war wohl gewiss generis feminini, und die Frau Mutter?
Ich. Wenn sie daran Theil nahm, so geschah es bloss, um den Akademien Ruhm, Preis und Ehre zu geben und Starke und Kraft, denn sie behauptete, dass das Paradies die erste Universitat gewesen, weil die ersten Eltern relegirt worden.
Der neue Grossvater lachte herzlich uber diesen Einfall und machte mir viele Complimente auf Rechnung meiner lieben Landsleute.
Der eine der Landsleute, der uns zu Sr. Spectabilitat begleitet hatte, war die ganze Zeit uber in Seelennoth gewesen. Es waren ihm alles bohmische Walder, bis aus Casimirus IV., Konig von Polen, welcher vom Konig in Schweben, Carolo Canuto, in Danzig examinirt ward, und mit seinem ganzen Hofstaat kein Latein verstand. Diesen Konig kannte er par renommee, alles ubrige war ihm dicke Finsterniss. Er erzahlte mir beim Weggehen, dass er gefurchtet hatte, der Professor wurd' ihn aus Hoflichkeit ein Wortchen mitfragen.
Und wenn? sagt' sich.
Bruder, erwiederte er, Deutsch, Latein und Griechisch alles war mir gleich unverstandlich.
Wegen der zwolf Tafeln fragt' er mich im Vertrauen, wie der gute Professor auf zwolf Tafeln gefallen ware, da ihm doch nur zwei steinerne Tafeln bekannt waren? und musst' ich ihm erklaren, dass Se. Spectabilitat nicht von den Tafeln Mosis geredet hatten.
Ich erinnere mich an ein Versprechen zuruck. Den Regen kennen meine Leser, allein die Traufe bin ich ihnen noch schuldig.
Nachdem das Signum depositionis unterschrieben und besiegelt war, und wir uns der Gewogenheit Sr. Spectabilitat, als unseres Vorgesetzten, empfohlen hatten, sagten Se. Spectabilitat lachelnd zu mir:
So wunsch' ich Ihnen denn ein Secessum, Secretum, Angulum das ist ein Pastorat in Ihrem Vaterlande, damit Sie bald Ihre zuruckgelassene Schone heirathen konnen.
Das war die Traufe. Ich weiss nicht, was ich geantwortet, nur das weiss ich, dass es nicht griechisch, nicht latein, nicht deutsch war, und dass ich mich gern noch einmal lieber examiren lassen wollen, als . Se. Spectabilitat beschlossen den ganzen Actum mit einer guldenen ABCregel: Minus est actionem habere, quam rem.
Unser B e g l e i t e r begegnete mir mit einer ganz vorzuglichen Achtung. Beim Schmause sagt' er der ganzen Landsmannschaft, was ich fur ein Kerl ware, und dass ich von zehn Tafeln mehr wusste, als er bis heute gewusst hatte. Man versicherte mich, dass kein Curlander bei Menschengedenken durch so viel Trubsal des Examens in das akademische Reich eingegangen ware, und dass besonders Se. Spectabilitat gar kein beissiger Hund waren.
Wer Henker, setzt er hinzu, konnt' es wissen, dass er eben die Nacht vorher Grossvater geworden. Ich dachte bei dieser Gelegenheit an den Backofen, der bei meiner Geburt, wie der Tempel zu Ephesus, als Alexander geboren ward abbrannte, und hatt' in Verbindung mit diesem Examenvorfall, nach meiner Mutter Anweisung, recht erbauliche Gedanken. Das Testimonium unseres Begleiters setzte mich in eine solche Achtung bei meinen Landsleuten, dass ich dux, fax et tuba war, und kein Duell konnte vorfallen, keine Fackel angezundet, keine Musik gebracht werden, wo mir nicht, der zwolf Tafeln wegen, ein votum decisivum war' eingeraumt worden.
Bald hatt' ich Se. Magnificenz vergessen, wohin uns Se. Spectabilitat sandten. Gott verzeih' mir meine Sund', ich dachte, von Pilatus zu Herodes.
Se. Magnificenz sahen den weissen Stein, den wir aus den Handen Sr. Spectabilitat mit hatten, und wollten uns anfanglich auf den Stein und Bein des Albrechts, Stifters dieser hohen Schule, schworen lassen, allein sie besannen sich eines andern, eines Bessern, und verwandelten den Eid in einen Handschlag worauf wir die akademischen Gesetze erhielten und mit grossen Siegeln zu den lieben Unsrigen nach Hause kehrten, wo uns die Landsmannschaft mit einem curischen Liedchen bewillkommte. Jede Strophe ward mit einem Lihgo oder Frohlocken beschlossen. Es war mir, als war' ich mit dem Ritter Jachins und seinen Leuten zusammen.
Unsere Landsleute besahen die grossen Siegel und die Schriften; als wenn sie ihnen was neues waren, und bliesen den Sand von unsern Taufscheinen. Kinder, hiess es am Ende, ihr kriegt darauf nicht einen Dreier geborgt.
Ich muss n o c h einen Vorfall nachholen, der in dem Hause Sr. Magnificenz auf mich zukam.
Der Edelmann, sagten Sie, zahlt doppelt, und hat die Ehre, einen Degen zu tragen, der in preussischen Staaten dem burgerlichen Studenten wegen vieler vorgefallenen Schlagereien verboten ist. Die auswartigen Familien sind uns indessen nicht so bekannt (mit einem Fragzeichen), also beide Edelleute? Mein Reisegefahrte nahm hier das Wort, wie ich beim Latein. Beide, sagt' er. Verzeihung, Bruder, erwiedert' ich
Es verdross mich, dass ich in einem fremden Lande,
wo ich mein Geld und, im Fall der Noth, mein
` auszugeben Willens war, und wo es keinen was anging, ob ich als Edelmann oder als Burger ass' und tranke, durchaus Adel oder Unadel documentiren sollte und wie? dacht ich, hat man hier zur Ruhe des Degens, wenn ihn der Edelmann tragt, ein besseres Zutrauen, als wenn ihn ein Burgerlicher angelegt hat?
Ich bezahlte wie ein Edelmann, allein ich bat sehr, mich als Burgerlicher in Album Studiosorum einzufuhren. Diess fiel Sr. Magnificenz nicht wenig auf. Da aber dieselben die vorige Nacht nicht Grossvater geworden waren, so gaben dieselben weiter nichts darauf, sondern nahmen, was Ihnen gebuhrte, und wunschten wohl zu leben.
Ich konnte nicht umhin, von diesem Umstande gegen meine burgerlichen Landsleute Gebrauch zu machen; allein diese lachten herzlich uber meine Einfalt. "Den Edelmann dir so nah zu legen und ihn nicht zu nehmen!" Und eine Luge? "Sie wird ja bezahlt." Und wenn ich heim komme? "Ja, dann mussen wir freilich Ew. H o c h w o h l g e b o r e n oder mein G o n n e r sagen, indessen sind wir doch Literati." Dass euch Gott helfe, dacht' ich, Literati, ohne von keinen Tafeln mehr als von den zweien des Moses zu wissen!
Der Abend ward mit Essen und Trinken und Musik zugebracht. Einige gaben dem Abreisenden das Geleite, und da in der ganzen Strasse, so weit nur das Gesicht reichte, die ganze Nacht hindurch Licht brannte, so brachte mich dieses auf die Frage: was diese Erleuchtung und nachbarliche Aufmerksamkeit zu bedeuten hatte? Die Antwort unseres Vorfahrs war: Seht da, Kinder! so viel Lichter, so viel Madels, die ich euch unentgeldlich lasse; indessen will ich wohlmeinend anrathig seyn, dass sich jeder eins oder zwei aussondere und die andern fahren lasse. Sonst geht es euch wie mir! Diese, jene, dort, hier, die, da, diesseits, jenseits, links, rechts, kurz, in all' den Hausern, die ihr seht, sind Madchen, die den ganzen ausgeschlagenen Tag, von fruh bis in die sinkende Nacht, im Fenster liegen und liebaugeln, die guten Dinger! Man sieht ihnen den Verdruss an, dass sie nicht Mittag und Abend am Fenster halten konnen. Ihr konnt es nicht glauben, wie die Madchen unserer Landsmannschaft treu, hold und gewartig sind. Ein Prasentchen, und ihr habt das ganze Spiel gewonnen. Glaubt mir, die all' zusammen, wo ihr Licht seht, waren mein! Sie sahen mich so steif und fest an, als ob sie mich mit den Augen fassen wollten. Die guten Dinger! Und ich sah sie all' zusammen so (der Himmel weiss, wie mein Aug' auf diese Art ausfiel), dass jede glaubte, ich sahe nur sie an. Ich regierte hier wie ein Sultan, hol' mich der Teufel! nur dass jedes Fenster glaubte, es hatte mein Schnupftuch. Die guten Dinger! Die eine da, ein Aug' in Himmelsblau getaucht der, den sie mit diesem Aug' ansieht, glaubt, er sahe den Himmel in Miniatur. Wenn ich sie zuweilen (denn sie verdient' es) ganz a l l e i n ansah, dann, dann! fragte mich ihr Auge so, dass es mein Innerstes horen konnte: ist's auch wahr? und wenn ihr mein Auge vorlog: ja, es ist wahr! o wie zitterte dann susse Verwirrung in ihrem Auge, recht als ob wir zur Trau gehen sollten und noch weiter. Das ist ein Madchen, so ich dir gonne (er wandte sich zu mir). Ihr Athem gottlich, Bruder! Wen sie anhaucht, von dem konnt' es heissen: A l s o ward der Mensch eine lebendige S e e l e ! Sie spielt eine Laute, Bruder! Des Abends im Sommer, wenn sie am Fenster diesem Instrumente die Zunge lost Zephyrs, die eben der Hitze halber Mittagsruhe gehalten denn es ist im Sommer hier sehr heiss flatterten ganz frisch und munter herum und brachten mir alles, bis auf die geheimste Bebung zu. Auf Ehre, in jedem Finger hat sie eine Seele! und wenn alle diese Seelen eine Ton herausbrachten Bruder, da ist die Nachtigall ein Kind! Leb' wohl, A m a l i a ! leb' wohl! Ich lass dir einen braven Jungen zuruck, der auch Bebungen versteht. Schau, wie sie die Laute halt und wie sie das Ordensband sich so leicht umhangt, als floss' es, Bruder! Die Laute ist an sich ein so gutherziges Instrument. Amalia trauerte jungst, und da kam die Weisse ihres Arms aus der Dunkelheit so abstechend hervor, dass ich sitzen blieb wie vom Schlage geruhrt. Hast du bemerkt, wenn das Hemd auf dem Busen eines Dorfmadchens sich einen Finger breit verschiebt, und bei dem sonnenschwarzen Busen den weissen Fleck verrath? Das, sagte Herr v. G., hab' ich bemerkt; meine Leser wissen, wo?
Die, sagte unser Maler zum Herrn v. G., die in diesem Hause, Bruder! schwarzes Haar, wie Ebenholz! Ein Auge, das immer drei Schritt weiter ging als meines, so stark auch meines zudrang. Ein Busen, zehntausend Liebesgotter tanzten darauf. Pfui, sagte Herr v. G., was muss das fur ein Busen seyn! Unser Reisender hatte Muhe, ihn mit dem Busen und den Liebesgottern auszusohnen, die er auf zehn reducirte, wobei sich am Ende Herr v. G. zufrieden gab. Bei deiner lebt man, bei des (auf mich) stirbt man. Bei deiner halt man sich gerade, denn sie ist eine Gottin. Man sieht gen Himmel. Bei deiner (wieder auf mich) legt man den Kopf von einer zur andern Seite, denn sie ist eine Schaferin! O die schonen Schaferstunden! Ich hab' noch vergessen, fuhr er zu mir fort, ihr Busen wallt so wie eine Laute, er bebt nur herauf, und, Bruder! ihre Stimme, wenn sie singt sie thut es selten; sie hat eine blonde Stimme, du wirst mich verstehen; sie stiehlt das Herz, deine Brunette (zum Herrn v. O.) nimmt es mit Gewalt! sie raubt! Sie kommt nicht mit vollen Segeln! Sie ist stolz und scheint sich wenig aus einem Siege zu machen, denn sie ist sich bewusst, dass sie Herzen wie Fliegen zu fangen im Stande ist. Jene streichelt, diese schlagt; allein wenn sich diese Konigin herablasst, ist's auch so, als wenn die Sonne aufgeht. Man hat sich besoffen, wenn man sie liebt, und einen Jesuiterrausch, wenn es die mit der blonden Stimme gilt. Diese spielt kein Instrument. Die Orgel wurde sie spielen, allein wenn sie singt das thut sie oft, Bruder, so prachtig wie ein Donnerwetter! D i e s e b e i d e n A u s e r w a h l t e n empfehl' ich euch zu Gemahlinnen, d i e a n d e r n zur linken Hand und so neben an, zum Spiel. Noch eine Warnungsanzeige, eh' ich von hinnen gehe. D i e b e i d e n waren freilich die Hauptpersonen und meine Gemahlinnen, allein auch unter den andern gibt's Dingerchen zum Rasendwerden! Sie waren gleich in den ersten acht Tagen alle mein. Ich meine mit den Augen; und nun hielt da unten zu ein Kaufmann Hochzeit, der die ganze Gegend und mich mit bat. Ich kam zum erstenmal mit all' diesen angeangelten Madchen zusammen; jedes Auge forderte Rechenschaft. Da ward ich, wie Casar, mit dreiundzwanzig Wunden erstochen. Sah ich eine an, so waren die andern wie Tiger auf mich und forderten Antwort uber meine Untreue. O, wer da mehr Augen gehabt hatte als zwei! Ich musste nicht aus noch ein bis ich endlich Muth zum Entschluss fasste und mich zu vieren bekannte, und in Rucksicht der andern die A u g e n e h e n aufhob und diess Band trennte. Diese vier halfen mir selbst die andern abfertigen und diesen vieren bin ich auch so treu geblieben als moglich. Sie haben sich bis an mein End' in meinem Gewahrsam befunden. Seht, d a ist es am hellsten! Es blieb nicht bei den Augen in Rucksicht dieser vier, indessen durft ihr nichts von mir furchten.
Mich musste der Teufel plagen, setzte der Abschiedsredner fort, ein Madchen in Konigsberg zu heirathen, wo Curlander gerad' uber logirt haben! Ihr werdet Wunder sehen und glauben! Schaut die andern selbst, von denen ich mich, nach dem fatalen Gefechte, scheiden musste; auch die noch Licht! Wenn es angeht, schranke sich jeder auf zwei ein, damit kann man bestehen und bei Ehren bleiben; einer das rechte, der andere das linke Auge!
Wie wenig ich von dieser Uebergabe Gebrauch gemacht, darf ich nicht bemerken. Herr v. G. vergass zwar seine Dorfdirne, seine schmucke Trine, nicht; indessen legt' er sich dennoch, wenn er nicht zu jagdmude war, in's Fenster, und dann hatt' er sie, nach seinem etwas jagdfreien Ausdruck, wie am Rosenkranz. Ich habe mich nie in Liebeshandel anderer Leute gemischt, nur das konnte mir nicht verborgen bleiben, dass er seine ubrige Zeit (er hatt' indessen nicht viel ubrig) den beiden von unserem Vorganger beschriebenen Madchen schenkte, mit denen er, wie er zu sagen pflegte, so ziemlich bekannt ware. Sie sind, sagt' er, meine Dorfdirne in mangelhafter Copie; allein mich soll der Teufel beim ersten Kuss, den ich ihnen zudrucke, holen, wenn ich nicht mein Dorfmadchen viel hoher schatze als sie! Ehrlicher, und das heisst genau genommen, auch schoner. Meine Trine, ausgewachsen wie eine Gottin, kein Missglied an ihr, keins verkrummt und verkratzt. Alles reif, herausgegangen wie die Natur!
Redet dein Vater aus dir? fiel ich ihm ein. Getroffen, erwiedert' er, aber meine Empfindung bestatigt seine Rede.
Mein akademischer Wandel ich kam nicht mit Denksucht, sondern mit Lernsucht in die Horsale, nicht verwohnt, sondern hungrig und durstig. Ich dachte nicht meinen Lebenslauf zu schreiben, welcher Einfall mich nur seit kurzem uberfiel, sondern ich wollte leben lernen. Ich durfte nicht meine Hengste der Einbildungskraft ausspannen, die mich zu tausend Zeitungslorbeeren fuhren sollten; denn ich hatte sie nie angespannt. Ich flog nicht, ich ging und wusste, wie es wachsernen Flugeln, wenn sie der Sonne nahe kommen, zu gehen pflegt. Hochstens lief ich um aus einer Stunde zeitig genug in die andere zu sturzen. Im Horsal dacht' ich: E r h a t ' s g e s a g t ; zu Hause frug ich mich: W a s h a t e r g e s a g t ?
Ich schreibe (meine Leser werden es, wie ich nach der Liebe hoffe, wissen) L e b e n , nicht S c h u l e , und was kann ich also von meinem akademischen Laufe sagen, was ein grosser Theil meiner Leser nicht schon selbst, wie ihren Haus- und Wirthschaftskalender, aus- und inwendig wusste? Die Lehrer l a s e n , ich h o r t e . Ich lernte von allem was ich schon wusste, die Grammatik, auf der Reitschule, auf dem Tanzboden, in der Philosophie, in allem. Ich lernte meinen Lehrern den kurzesten Weg zum Ziel ab und war aufmerksam auf die Strasse die zu gehen, und auf die Strasse die zu meiden war. Sollte man nicht uberhaupt auf Universitaten mehr Polemik als Thetik in allen menschmoglichen Wissenschaften lehren? Und sollte nicht K r i t i k , in einem besondern Sinne, der Gegenstand der akademischen Beschaftigungen seyn? Der ist in meinen Augen der beste Professor, der am grundlichsten seinen Schulern zu sagen weiss, was nicht verlohnt gelernt zu werden, und die Titel von dem, was lernenswerth ist. Meine Hauptbemuhung in Rucksicht der Gelehrsamkeit auf der Universitat war, ein Lexikon zusammenzutragen, wo ich die Gelehrsamkeit weiter nachschlagen konnte, wenn ich, wie Felix, gelegenere Zeit haben wurde. Gottlob! diese gelegene Zeit ist gekommen. Die Sprachen, die ich angefangen, setzt' ich fort, in so weit es von ihnen und mir heissen konnte: Der Schmied hat mehr als eine Zange. Ich wunsche, dass Sie Ihre Zeit gut anwenden mogen, war damals in dem Munde eines Professors, wenn er mit einem Studenten sprach, so viel als guten Morgen, guten Abend und gute Nacht! Die Pietisten setzten hinzu: Gott segne ihre Studia! und mehr als diess weiss ich von diesen Leuten nicht zu sagen.
Se. Spectabilitat nannten mich, wo Sie mich reichen konnten, den curischen Philosophen und empfahlen mich Ihren Herren Collegen, wo ich nicht viel Grossvater fand; indessen wunschten alle, dass ich meine Zeit gut anwenden und dass Gott meine Studia segnen mochte. Wenn sie zum Inpietismus gehorten, blieb der eingliedrige Segen weg.
Froh denk' ich noch heut (es ist eben Michaelstag) an diese akademische Zeit, und rufe mit dem guten Drosselpastor: vivat Academia! Mir fehlte nichts als Mine, der Kirchhof, das Waldchen und die andern heiligen Orte, wozu noch die grundicke Laube des Bekannten gekommen war; indessen ersetzte mir die Einbildungskraft alles. Ich las Minens Briefe, beschaftigte mich mit den von ihr eingeweihten Sachen und kam mir wie ein Wittwer vor, der seine Frau in seinen von ihr zuruckgelassenen Kindern sucht. Seine schonste Zeit ist, wenn er mit ihnen spielen kann. Meine Spaziergange waren Kirchhofe, Waldchen und uberhaupt Orte, die mich desto deutlicher an Minen erinnern konnten. Sie sah ich uberall. Ich studirt' an ihrer Hand. Sie beseelte mich mit Muth und war mir sans comparaison das, was jedem Ritter seine Schone ist.
Mein lieber v. G. blieb keinem Professor einen Dreier schuldig, das ist alles, was ihm zum Ruhm im Testimonio behauptet werden konnen, wenn er ein dergleichen Ding nothig gehabt hatte. Ich studirt' in seiner Seele als sein Sachwalter und erzahlt' ihm des Abends im Zeitungston, was ich den Tag uber im eigenen Namen und vi specialis mandati gehort hatte, woruber er, wenn er jagdmude war, sanft einschlief. Ich indessen setzte meine Wiederholung fort und hatte dadurch den Vortheil, mit dem gehorten Worte bekannter zu werden. Die Digestion der Wissenschaften wird eben hiedurch unendlich befordert, wenn man erzahlt, was man weiss. Man lernt auf diese Art mit der Wissenschaft conversiren und sie auf einen freundschaftlichen Fuss nehmen, der Horer sey ubrigens jagdmude oder nicht. Was konnte Herr v. G. dafur, dass es um Konigsberg solche schone Jagdplatze gab und dass ihm davon viele Feldmarken, die durch zwei besondere Thore lagen, als plus licitanti zugeschlagen wurden? Herr v. G. hatte sich vortreffliche Jagdbucher angelegt und war jetzo so sattelfest in der Jagdterminologie, dass er nicht allein Hochselbst fur Fund zeitlebens sicher war, sondern er war noch obenein im Stande, andern Fund zuzuwenden, die ihre Zeit auf der Akademie nicht so, gut wie er angewendet hatten. Mir versprach er, wenn es nothig seyn sollte, aus Noth zu helfen; du hilfst mir wieder, setzt' er hinzu, wenn etwas vom A r g o s vorfallt. Am Ende, fuhr er fort, dunkt mich, dass uberall bei Eurer weltgepriesenen Gelehrsamkeit Jagdterminologie ist. Den mangelhaften Copien seiner Dorfdirne entging oft zu viel durch diese Jagdneigung, und gern hatten sie ihn davon abgebracht allein so sehr hatten sie ihn nicht g e t r o f f e n , wie er sehr jagdmassig sich gegen mich erklarte. Die eine liess ihre blonde Stimme horen, die andere donnerwetterte; allein es gehorte mehr dazu als Orgel und Laute, den Herrn v. G. auf mehr Sprunge zu bringen. Bei alledem war er Sieger und die beiden Schonen geschlagen. Die andern Schonen in der Strasse sah er an, wie solche Feldmarken, die ihm nicht als plus licitanti zugeschlagen waren. Bruder, sagt' er zu mir, in Rucksicht der beiden, sie sind abgerichtet, sie sind dressirt, sie verstehen alles auf ein Haar. Die werthen Eltern dieser beiden setzten die Freundschaft mit uns fort, wobei ich freilich in der Hauptsache sehr leer ausging. Diese Freundschaft war also nicht an die Personen, die hier logirten, sondern an die Zimmer gebunden, nicht eine Personal, sondern eine Realbekanntschaft, wie es jede nachbarliche Bekanntschaft ist. Freilich trug es sich zuweilen zu, dass die Dirnen den Herrn v. G. in die Enge brachten; allein er pflegte sehr richtig mir in's Ohr zu bemerken, dass die Stadtschonen, wenn gleich sie mit Witz ausziehen, doch ohne Witz in die Flucht geschlagen werden konnten, wenn nur Herr v. G. besass von diesem w e n n n u r gerade so viel, um seinen Posten zu behaupten. Der S c h w e i ss A b e l s , hatt' er im Jagdeifer gesagt, schrie zu Gott um Rache, und unsere Stadtnymphen wollten ihm hart fallen. Ich war Augen- und Ohrenzeuge von ihrem witzigen Ausfall er sah sie nur an, und sie, gleich in die Flucht.
Unsere Bekanntschaften waren, ausser den beiden Nachbarn, das Haus eines Kreisrichters, auf dessen Haus unser Vorfahr gleichfalls seine Assignation zuruckgelassen. Dieser Kreisrichter, der eine alte Frau des Geldes wegen geheirathet, hatte keine Kinder. Er braucht' ein paar junge Leute zu seinen haufigen Gesellschaften als Hausofficiere, und obgleich diese Stellen besetzt waren, so honorirt' er doch die Assignation unseres Vorfahren, dessen Andenken uberhaupt im Segen war. Ich nahm selten an diesen Zeitverkurzungen Antheil; indessen lernten wir einen koniglichen Rath bei dem Kreisrichter kennen, der an Leib und Seel' auffiel, und sich auch bei jedermann zu erhalten im Stande war. Er schien gegen Vierzig und hatte sehr seine Kenntnisse. Er las die Alten und kannte die Neuern. Er legt' es nicht dazu an, dass man ihm diess anhoren und ansehen mochte; allein wo er stand und ging, streut' er Funken. Er verdrangte keinen. Er vernichtete nicht Sprosslinge vom Witz der Junglinge, die mit ihm zu Tische sassen, um den Saft den bejahrten Zweigen zuzuleiten. Witz und Verstand war ihm Witz und Verstand es mochte hervorsprossen, wo es wollte. Er wusste wohl, dass alles Obst nicht reif sey, das der Wind herabwirft. Es war nicht abgezogener Geist, nicht Lebenstinktur was er sprach. Beim Kreisrichter sprach er wie der Kreisrichter, der uber nichts als Schlagereien, neue Brautschaften, Todesfalle oder dergleichen Dinge mehr, sich verlauten liess; indessen wusst' unser R a t h uber die gemeinsten Dinge besonders zu seyn. Ost war er ganz still, und alsdann sah man es ihm an, dass er wohlbedachtig mit den falschen Spielern in der Gesellschaft nicht mitspielen wollte. Ich fand, wenn er sprach, so viel Eigenes, dass ich tausendmal wunschte, wenn er doch schreiben mochte, oder wenn er doch wenigstens mehr sprache. Er verbesserte nie ein Urtheil, das er in Gesellschaft horte, und legte sich nie das Ansehen einer Appellations- und Revisionsinstanz bei. Wenn ich eine Rechtssache gehabt hatte, ware mir sein Gutachten Entscheidung gewesen. Viele hatten diess Zutrauen zu seinem Herzen und Verstande, und sein Laudum (sein Schiedsspruch) galt ihnen mehr als ein fur Geld und gute Worte in bester Form genommenes Urtheil. Er war unverheirathet. Man sagt', er war' in der Liebe unglucklich gewesen. Schade! Es haben Curlander vielleicht, bemerkte Herr v. G., seiner Schonen grad' uber logirt. Mag wohl seyn! Dieser wurdige Mann war im Stande, Menschen zu lesen, und diess schien sein Hauptgeschaft in Gesellschaft zu seyn. Durch vereinte Kraft eins seyn, ist der Zweck der grossen Staatsgesellschaften, sagt' er zu mir. So im Grossen, so im Kleinen! Instinkt und Vernunft lehren uns, dass ein grosser Theil unserer Gluckseligkeit von Menschen abhangt, und darum seh' ich Menschen, darum geh' ich nach ihnen aus und freue mich herzlich, wenn ich was Unerwartetes vorfinde. Im Collegio ist alles auf einen gewissen bestimmten Horizont calculirt.
Noch seh' ich den Mann mit seiner offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar, einem Auge, in dem man ihn im Kleinen allein doch ganz sah. Zuweilen hatt' er kleine Abendgesellschaften, woran er mich Theil nehmen liess. Dieses Collegium versaumt' ich nie. Ich fand einen Officier, einen koniglichen Rath, seinen Collegen, einen Prediger und einen Professor; allein alle waren grosse Lehrer in ihrer Art fur mich. Da war er zuweilen ausgelassen. Er warf Munzen aus, und ich muss aufrichtig bekennen, dass, wenn ich je in meinem Leben mit Leib und Seele zugleich gegessen und getrunken, so war es hier; ich wundere mich noch jetzt, dass es mir so gut bekam. Wenn er es nicht langer aussetzen konnte, gab er eine grosse Mahlzeit. Da that er wenig mehr als vorlegen, und hiezu braucht' er auch alsdann den Officier, den koniglichen Rath, den Prediger, den Professor und mich.
Ich habe schon bemerkt, dass ich das votum decisivum bei der Landsmannschaft hatte, und so lang' ich den Prasidentenstuhl bekleidete, ist kein Stein von einer curischen Hand gehoben, um ehrlichen Leuten die Fenster zu verwusten. Mit der Zeit war' ich weiter, bis zum Kopf meiner Landsleute gekommen. Furs erste hatt' ich Ursache, mir Gluck zu wunschen, dass ich uber ihre Hande disponiren konnte.
Wenn ein Landsmann kam oder ging, ward ein Mahl gegeben, wozu ich zwar meine Stimme, allein nicht meinen Magen gab.
Herr v. E. war, unter vielen andern, Konig eines solchen Mahls. Er war von seiner Mutter, die Wittwe geworden, aus Frankreich nach Curland gerufen. Seine Geschafte indessen hatten ihn noch ein halbes Jahr in und um Konigsberg zuruckgehalten, ohne dass wir uns zusammen getroffen. Kein Wunder! Er ging nicht in die Horsale und ging nicht auf die Jagd. Seine Geschafte waren wie man sich leicht vorstellen wird Liebesangelegenheiten. Freilich hatten die Konigsbergischen Schonen Ursache, einem Manne Complimente zu machen, der von Paris kam und sie nicht verschmahte. Endlich schlug seine Stunde. Ich war, ohne selbst zu wissen wie's zuging, bei diesem Mahl, und lernt' einen Menschen ohne Kopf und Herz kennen, der auf den preussischen Adel loszog, weil ihm niemand (die Sache ohne Allegorie vorzutragen), obgleich er angeklopft, aufgethan. Wahrlich, diess brachte mir eine sehr gute Meinung vom preussischen Adel bei, die ich auch nie aufzugeben Ursache gefunden. Ich brachte die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapost abging, wider Gewohnheit schlaflos zu, und selten hab' ich einen Menschen gefunden, in dem jeder Zug mir so entgegenarbeitete. Dem Herrn v. G. war er auch unausstehlich. Er sollt' ihn bis S c h a c k e n begleiten, allein er konnte nicht. Herr v. E. kroch und war stolz; er war Franzos und Curlander. Fur und wider sich und gewiss auch Freund und Feind eines jeden, der es mit ihm anbinden wollte. Sein Gesicht und er schienen zweierlei, und waren es auch immer. Er fragte uns, ob wir nicht an unsere Madchen was zu bestellen hatten? Da fuhr es mir so durch die Seele, dass ich ausser mir war! Herr v. G. sagte, dass er ihn am wenigsten zum Liebespostillon brauchen wurde, weil er aus Frankreich kame; und Sie? fuhr er fort, indem er sich zu mir wandte. Ich habe, sagt' ich, nur eben Briefe von ihr. Er nahm es als Scherz, und ich fand diessmal, und hab' es oft gefunden, dass selbst bei dergleichen Verlegenheiten die Wahrheit am besten aushilft Ich hatte wirklich Briefe von Minen.
Sie erfullte redlich ihr Versprechen, sie hielt ein Tagebuch, und alle Vierteljahre erhielt ich es durch den bezeichneten Weg. Das erste Packchen kam nach Manatsfrist; ich hoffe, niemand werde fragen, warum? Er an S i e ging vor sich, sobald ich an Ort und Stelle war. Ich fuhlte jeden Kuss in ihren Briefen, so warm so sonnenwarm, obgleich er seine funfzig Meilen gereiset war. In Wahrheit, hatt' ich Minchen nicht gehabt, ich hatte nicht die Halfte von dem auf der Universitat g e t h a n , was ich jetzt t h a t , nicht die Halfte vor mich gebracht.
* * *
Da bin ich an einer schweren Stelle meines Lebens, wo ich noch zittre und bebe! Der Himmel helfe mir auch in diesem Buch uber! Er, der sie mir leben geholfen, helfe sie mir auch schreiben! Ein bitterer Kelch! Gottes Wille gescheh' auf Erden wie im Himmel! Ich will ihm nicht fluchen, dem Vater meiner Mine, denn diese Holdselige verbietet es mir. Ich will ihm nicht fluchen.
Sie schrieb mir ehemals:
"Ich will meinen Vater nie unsern Vater nennen.
Der meinige ist er, weil's Gott hat haben wollen, warum sollst du dich aber mit ihm beschweren?"
O Mine, warum warst aber du mit ihm beschwert?
warum? du Dulderin, du Martyrin! du Heilige! mit diesem Peiniger, mit diesem Tyrannen, mit diesem Unheiligen mit diesem
Ich will abbrechen, bis ich besser gefasst bin, sonst
wurd' ich dein heiliges Gebot ubertreten, d u h e i l i g e r E n g e l ! und ihm doch fluchen.
Auf heute, morgen und ubermorgen nehm' ich von
meinen Lesern Abschied. Ich will mir ordentlich Zeit nehmen, mich zu fassen und wenn ich es in drei Tagen nicht bin, noch einen und noch einen zugeben und bis acht Tage zu dieser Fassung aussetzen. In dieser stillen Woche soll meine Seele gen Himmel sich aufrichten, und mit meiner Mutter will ich beten:
Herr, wie du willst, so schick's mit mir,
Im Leben und im Sterben.
Rede, Herr! dein Knecht horet. Thu mit mir, wie's dir wohlgefallt. In deine Hande befehl' ich meinen Geist.
donnerte.
Ich habe meine Leser nur drei Tage allein gelassen. Je mehr ich mir Zeit nehme mich zu fassen, desto mehr verlier' ich das Gleichgewicht. Fast glaub' ich, dass die Fassung so schnell komme als der Schreck, die Hulfe wie die Krankheit, und wenn alle Fassung nur Betaubung ware?
Der Gedanke hat mich am meisten in diesen drei heiligen Tagen erfrischt, dass es Tugenden gabe, die es nicht geben wurde, wenn nicht bose Menschen in der Welt waren. Wahrlich, die grossten Tugenden werden hierdurch an Tageslicht gebracht. Durch Schatten wird das Bild erhoht. Es ist, ich gesteh' es gern, dieses eben nicht einer von den Gedanken, die einer gottlichen Eingebung nahe kommen; allein wenn Noth am Mann ist, schmeckt Hausmannskost am besten und bekommt auch so. Der Ungluckliche, der Furchtsame glaubt alles, wenn es nur Trost enthalt.
Fluchen will ich dem Hermann nicht, allein ich will treu b e f u n d e n werden.
Von dem ersten Tag an, da meine Leser den alten Herrn kennen lernten, fanden sie einen Mann (kaum kann das Wort Mann von jemanden gebraucht werden, der sich nicht nach seiner Decke zu strecken versteht. Doch Minchens ), einen Mann, der allem, was man Belang heissen kann, gerade entgegen war. Person, einen Hofnarren, Kammerherrn, Forst- und Jagermeister, einen Witzdiener, Positivschlager. Einen, von dem man n i c h t b e h a u p t e n , kann, dass er seinen Namen, wie mein Vater sein Vaterland gefliss e n t l i c h v e r s c h l o ss (wie einer meiner Splitterrichter des ersten Bandes der Meinung gewesen), sondern den man den alten Herrn zu nennen fur gut fand, und der, weil mit dem Wort A l t das Wort H e r r verschwagert war (womit man wahrlich in Curland nicht verschwenderisch ist), nichts mehr erwarten konnte, und mit dieser Ehre sehr zufrieden schien; und wie hatte wohl dieser Schneider, Schuster, Topfer, Ton- und Tausendkunstler, und war's auch nur des Podagra's wegen, welches keine gemeine Krankheit ist, wider den Ehrennamen, Nicolaus Hermann, eine Sylbe einwenden und den Kopf schutteln konnen? Der alte Herr war kriechend und stolz, wie die Stolzen immer zu seyn pflegen. Obgleich er seinen Abschied als Witzdiener in hochsten Gnaden erhalten, so sprudelte doch ein schwarzes Blut in seiner satyrischen Ader auf, sobald es Gelegenheit gab. Die Ader war recht schwarz und furchterlich aufgequollen zu sehen. Seine ganze Geberde verstellte sich, sobald diese Ader auflief. Er pflegte sich selbst einen Invaliden des Apoll zu nennen, und Dank sey meiner Mutter, die ihn, wie ich mich eben erinnere, bei dieser Gelegenheit einmal fragte: wie's mit seiner Wunde am Kopfe stunde? D i e Z e i t e n , sagte Hermann selbst, s i n d g o t t l o b v o r b e i , und diess waren Zeiten, da er Graber schandete; allein kann auch ein Mohr seine Haut bleichen und ein Parder ein Flekkkugelchen benutzen? E r s t m e h r F e c h t e r , jetzt mehr Tanzer!
Ich bin der Meinung, dass sich die Physiognomisten nie eher, als in der Miene eines Pasquillanten (war' es auch ein Recensent) und Morders irren konnen. Da muss ein sehr seiner Unterschied seyn! Sie sind eines Handwerks: beide schlagen aus Gewinnst todt und es kommt nur auf Umstande an. Beide legen Hand' an uns, und so wie es bloss von der Kurze der Jahre kommt, dass nicht jeder, dem der Strick in den Lineamenten liegt, gehangen wird, so
Wenn ich in einer grossen Gesellschaft einen Witzling sehe, der nach Landesmanier wie der dritte Mann zum Spiel gebeten wird, und der uber Tisch und Stuhle schreit, ist mir nichts anders, als war' ich mit dem verstockten Schacher zusammen. Wer in einer Gesellschaft von zwolf Personen witzig seyn und sich horen und sehen lassen kann, ist ein schrecklicher Mensch. Wo zwei und drei versammelt sind, da ist Witz an Ort und Stelle. Niemand ist geiziger, als ein wirklich Witziger. Er wirst seine Perlen nicht weg. Ein Witziger ohne Urtheil ist ein Witzling und wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniss kommt! Vorrede genug.
Hermann hatte, nach dem Tode der Mutter meiner Mine und der meinigen, noch Lust, sich ein Hochzeitsbett anzulegen. Der Tischler, den er daruber besprach, glaubte, es sey ein Sarg, da er sich in der Stille an ihn wandte. Der Tischler wandte sich mit einem Warum? auch in der Stille an Hermann zuruck. Ich hab' es von meiner Mutter, dass eben dieser Tischler in seiner Gewerksstube herzlich geweint habe, wenn er einen Sarg fur einen Redlichen im Land' erbaute. Meine Mutter nannt' ihn oft des Todes Zimmermann, und gratulirte Curland und der dortigen Gegend, wo h o l z e r n e H a u s e r etwas Gewohnliches sind, weil sie schon im Leben mit ihrem letzten Hause sich bekannt gemacht. Wir sind schon im Leben im Sarge, pflegte sie zu sagen. Wir sterben taglich; Heil uns! Der eigentliche Sarg wird uns kein so wildfremdes Gemach seyn.
"Lieber Freund," fing Herr Hermann wieder in der Stille an, und der liebe Freund liess ihn nicht zum Worte, wenigstens nicht zum Ende kommen.
Sie sind ja, unterbrach er ihn, munter und gesund frisch und gesund hab' ich Sie nie gekannt.
"Eben darum, weil ich munter und gesund bin."
Recht! Es sieht uns nicht vor der Stirn geschrieben.
"Vor der Stirn?"
Sie fochten lang' in die Luft, bemerkte mein Waffentrager Benjamin, von dem ich diess alles hab', ehe sie zusammentrafen.
"Ein H i m m e l b e t t , " sagte Hermann; allein da man einen S a r g eben so gut, wo nicht besser als ein Brautbett, ein Himmelbette nennen kann, so erwiederte der Tischler: "Schoner Ausdruck!" Der gute Tischler konnte den Sarg nicht aus dem Sinn und Gedanken bringen, und selbst, da ihm Hermann ziemlich laut (er war hitzig geworden) gesagt hatte: "Ein Brautbette," schuttelte der Tischler noch den Kopf und diess Schutteln war dem Hermann widriger, als das vorige Missverstandniss vom H i m m e l b e t t und von der S t i r n , und von m u n t e r u n d g e s u n d .
In Rucksicht der Jahre hatte freilich Hermann eher an Sarg als an Braut, oder, wie man es gewohnlich in Curland nennt, an ein Himmelbette denken konnen; wenigstens hatte Hermann, der ein Weib wie unsere Mutter gehabt, eine andere, der Seligen und ihm anstandigere Wahl treffen sollen. Ich will, um aller Parteilichkeit auszuweichen, an seine Tochter nicht denken, obgleich auch Tochter, wenn sie wie Mine sind, hiebei einen Blick verdienen.
Seine Schone war eine Person, die sich in der Nachbarschaft, Gott weiss, wie? ein kleines Vermogen erworben hatte. Der Unterricht der Kinder ward dem Hermann in der Lange zu beschwerlich, und es ist freilich eine andere Sache, Kinderlehrer, und eine andere, Hofnarr zu seyn. Diess war die Ursache, warum er zuweilen z u s e h r fur die k o r p e r l i c h e n Uebungen war, und die Kinder ohne Unterricht ganze Wochen hinschleudern liess. Hiedurch litt sein guter Ruf. Seine Selige wusste alles zum Besten zu kehren. Nach ihrem Tode war er sich ganz und gar allein uberlassen, und das hiess an der Hand eines schlechten Fuhrers seyn. Die Schuljugend trieb sich um und der Lehrer dessgleichen. Kurz, Hermann war wieder auf der schlimmen Seite und lebendig todt, ja wohl! lebendig todt!
Ich will mir, sagte Hermann, einen ruhigen, guten Tag machen; eigentlich wollte er sich diesen ruhigen, guten Tag fur baar Geld kaufen, ohne zu bedenken, dass Ruhe nicht feil sey. Immer noch uberzeugt, dass es besser sey ein Schneider als ein Hofnarr zu seyn, blieb des Hermanns Losung zwar:
Gottlob! die Zeiten sind vorbei; indessen war er doch fest entschlossen, aus einem Hofnarren ein Stocknarr zu werden. Der Unterschied ist ungefahr wie zwischen Postbote und Nachtwachter.
M a g d a l e n e (so hiess die Schone quaestionis) war nicht abgeneigt, mit diesem Manne zu ziehen. Sie hatte nicht ermangelt, weit und breit herumzublicken und ihr Augennetz auszuwerfen, allein sie hatte nichts gefangen; sie hatte, um die Sache deutlicher zu machen, nicht abgesehen, dass sich ein anderer mit ihr in diesem Leben einspannen wurde. Magdalene weinte herzlich, so oft sie an den seligen gnadigen Herrn dachte, dessen gnadige, zuruckgebliebene Wittwe so herzlich nicht uber diesen Verlust weinte. Diess machte Aufsehen in der ganzen Gegend, die nur eine solche Kleinigkeit von Anlass brauchte, um laut zu sagen, was jeder langst und schon bei Lebzeiten des seligen gnadigen Herrn, da Magdalene noch nicht so herzlich weinen durfte, gedacht hatte. Man machte uber diese Thranen der Magdalene bittere Anmerkungen, so dass, da der grosste Theil davon an die beiden Weinenden kam, Wohlstandes wegen Magdalene weniger als die nachgebliebene Frau Wittwe zu weinen anfing. Der wunderbare Wohlstand!
Es hatte der Herr Gemahl der Frau v. E. in seinem letzten Willen die feierliche Verfugung gemacht, dass seine Gemahlin und Mamsell D e n e (so ward Magdalene im ganzen Hause und uberall genannt) sich nicht von einander trennen, sondern beisammen bleiben sollten, bis sie der Tod schiede. Das war ein neuer Gegenstand zu Anmerkungen, welche die ganze Gegend machte, sobald das Testament eroffnet war. Die Frau Wittwe, die vor der Eroffnung des Testaments, und vorzuglich bei Gelegenheit der Thranen, den Plan gemacht hatte, D e n e n in allen Gnaden zu verabschieden, war jetzo, wie sie sich ausdruckte, gezwungen diese Klette am Kleide zu leiden. Sie sah es also im Herzen sehr gern, dass Herr Hermann D e n e n die Aufwartung machte. Zwar hatte sie sich so fest an den Willen ihres verstorbenen Gemahls gebunden dass sie keine Trennung von D e n e n moglich glaubte; indessen glaubte sie, durch D e n e n s Umgang mit Hermann wenigstens die Scene zu verandern und der Nachrede eine andere Wendung zu geben. Einen Rechtsgelehrten hatte sie nicht das Herz daruber zu Rathe zu ziehen. Es gibt Krankheiten, die man nicht gern entdeckt. D e n e fand von dieser Seite nicht die mindeste Schwierigkeit, wohl aber war ihr bedenklich, dass sie die Ehescheidungsstrafen, wenn sie den Aufstand anheben sollte, zu tragen wurde angewiesen werden. Wenn aber die Frau v. E. anfinge, dachte D e n e , was konntest du nicht fur Bedingungen vorschreiben! D e n e sah wohl, wie uberlastig sie der Wittwe war, sie mochte mehr oder weniger weinen als sie. Wenn Dene also nach dieser ihrer Verbindung mit dem Herrn Hermann gefragt ward, war ihre Antwort: Sie belieben zu scherzen, oder: ich bitte tausendmal um Verzeihung, oder: mir fehlt ohne den Herrn Hermann nichts auf der Welt. Roth zu werden hatte sie entweder schon langst verlernt, oder hatte es nie gekonnt. Es blieb also ihre Verbindung mit dem Herrn Hermann problematisch. Die Nachbarschaft pflegte die gnadige Frau und Denen zu nennen: Sara und Hagar. Sowohl Sara als Hagar argerten sich uber diese Beinamen, ohne gegen einander sich diese Aergerniss merken zu lassen.
Magdalene hatte, seit ihrer vieljahrigen Praxis, alle Kniffe auf einem Schnurchen, wodurch unser in Liebesangelegenheiten aberglaubisches Geschlecht gefesselt gehalten werden kann, so dass es noch diese Fesseln als Ordensketten verehrt. Sie hatte den alten Herrn erst ausserst verliebt gemacht und war ihm in allem wenigstens ein Viertelmeilchen (ich rede von deutschen Meilen) zuvorgekommen. Auf einmal eine andere Dekoration. Wer A sagt, muss auch B sagen, war bei Denen keine Regel, und alle ausgelernte Coquetten denken so. Der alte Herr hatte durch eine uberaus gefallige Aufnahme in dem Hause der Sara sich das Wohlleben so angewohnt, dass, wenn auch nicht die korperlichen Uebungen seine Schuljugend, die wie Schafe in der Irre ging, zerstreut hatten, diese guten Tage sich mit den Schulstunden nicht langer vertragen haben wurden. Was sollte der alte Herr anfangen? Der Unterhalt, den ihm seine verstorbenen Witzprincipale zugestanden hatten, war klein und zum Theil ungewiss. Dene hatte, nach der Meinung des alten Herrn, mit Herzen, Mund und Handen A gesagt; allein nun war sie nicht aus der Stelle und bei weitem nicht zum B zu bringen, vielmehr schien sie zuweilen gar das A zuruckgehen zu wollen, wenigstens ward aus dem grossen A ein so kleines, dass man es beinahe dafur nicht ansehen konnte. Ich habe, dachte der alte Herr, das unreine Wasser ausgegossen, ohne reines aufgefangen zu haben obgleich er wirklich reines Wasser ausgegossen hatte, um unreines zu schopfen. Diess machte ihn ausserst verlegen; allein diese Scharten wetzte er zu Hause aus, und Mine, die arme Mine, hatte nicht in Aegypten mehr ausstehen konnen, als bei diesem wetzenden Vater, der reines Wasser ausgegossen hatte und keinen Tropfen unreines auffangen konnte, seine Zunge zu kuhlen; denn es ging ihm wie dem reichen Mann in seinem Praludio. Der Frau Sara Gnaden, welche sich auf dergleichen Wendungen (meine Mutter wurde Ranke und Schwanke geschrieben haben) wohl verstand, suchte dem alten Herrn Trost zuzuneigen und ihn wenigstens durch guten Frass und Suff zu starken und zu festigen, seine Last zu tragen. Dene blieb indessen halsstarrig beim kleinen, ganz kleinen a, und so wie kein Ungluck allein, sondern paarweise kommt, so musste es auch dem Amtmann S. einfallen, um Denen in einem Brief, ehe ihr Trauerjahr noch um war, formlich anzuhalten. Diesen Amtmann, der ohnehin in den namlichen Jahren des Hermanns sich befand, obgleich ihn kein Zipperlein plagte, wurde Dene um alles nicht einem Literatus (unerachtet dieser Literatus den kalten Brand hatte) vorgezogen haben, indessen konnte ihr nichts erwunschter kommen, um den Herrn Hermann vollig aufs Haupt zu schlagen. Hermann litt zusehends, denn er war in das Geld der Dene sterblich verliebt. So wenig Herz auch der alte Herr hatte, so wurde er doch mit diesem Amtmann eins versucht haben (namlich in Briefen), wenn nicht die gnadige Wittwe den glimmenden Docht der Hoffnung in dem Herzen des alten Herrn angefacht hatte. Zwar brannte es sehr schwach, indessen brannte es doch. Zu keiner kleinen Freude des alten Herrn veranstaltete die Wittwe einen Besuch beim Herrn Hermann. So viel Ehre ihm dieser Besuch war, so wusste er doch nicht, wie er seine Gaste aufnehmen wurde. Der Frau Sara Gnaden wollten mit; wie hatte auch die viel Ehre und Tugend belobte Jungf r a u Magdalene, ohne eine solche Bedeckung, zu einer los und ledigen Mannsperson kommen konnen? Die Frau Sara war jetzt ihre feste Burg, in welche sie sich zu werfen Willens war, wenn die bose Nachrede sie verfolgen wurde. Im Herzen konnte ihr nichts willkommener als dieser Vorschlag seyn, denn sie wollte gar zu gern ihr kunftiges Bleibchen kennen lernen, und auch ihre Stieftochter, von der so viel Gutes gesagt ward. Uebermorgen also! Der alte Herr beurlaubte sich sogleich und reiste mit Freuden und mit Kummer zu seiner Wohnung.
Mine! Mine! Mine! das arme von einem Briefe an mich verscheuchte Madchen, kam und erfuhr die grosse Neuigkeit von dem Heil, das diesem Hause widerfahren sollte. Der Stolz machte ihren Vater verdriesslich; denn es war nicht nach Herzenslust in seinem Hause eingerichtet uberall blickte Durftigkeit hervor. Wurde nicht die Hoffnung auf D e n e n dieser Leidenschaft Zaum und Gebiss angelegt haben; die arme Mine, was hatte sie nicht noch mehr ausgestanden, als sie ausstand! Das arme Madchen, das viel zu edel war, um ein einziges Wort von ihren hauslichen Verfassungen gegen mich auch nur fallen zu lassen, das sich in alles schicken konnte, das selbst auch ihren Bruder Benjamin, obgleich er das Schneiderhandwerk lernte, zu dieser Denkungsart hinauf gestimmt, der um alles in der Welt willen nichts von
meinem ` angenommen hatte; diess arme Madchen sollte zu meinen Eltern gehen und borgen, damit die hohen Gaste, wie Hermann sie nannte, ubermorgen, wie es sich eigne und gebuhre, aufgenommen werden konnten. Verzeihung, Vater, das kann ich nicht! sagte Mine sehr gefasst. Hermann stampfte, wuthete und tobte, bis ihm Mine endlich einen Plan vorlegte, der, ohne dass geborgt werden durfte, zu bestreiten ware. Mag es antwortete er, wiewohl noch unwillig mag es denn er konnte es Minen nicht verzeihen, dass sie zu meinen Eltern zu gehen verweigert hatte. Er gab ihr, wiewohl unter Hieroglyphen, zu verstehen, dass sie meinetwegen dieses Schrittes wegen die Peinlichkeit eben so nothig nicht hatte. Mine verstand nicht bloss, was er sagte, sondern auch, was er dachte; indessen verschwieg H e r m a n n meinen Namen vorsichtig, und da Mine ihren Plan gut einzukleiden wusste, uberwand ihn die Hoffnung, Magdalenens Reichthum zu uberzahlen, endlich ganz. Die Freude nahm Oberhand, und diese verfuhrte ihn, Minen seine Heirath rund aus zu entdecken. Das gute Madchen horte keine Neuigkeit, allein sie konnte nicht umhin, ihm im Hintergrunde des Gemaldes, das so schon in seiner Erzahlung aussah, die Fehler zu zeigen. Die Sache war indessen nach ihrer Meinung zu weit gekommen, als dass sie sich lange bei diesen Fehlern im Hintergrunde verweilte.
Mine hatte durch ihrer Hande Arbeit sich schon seit der Zeit, dass ihr Vater D e n e n s wegen die Schulanstalten aufgehoben, beinahe allein erhalten. Jetzt brachte sie von diesem ihrem kummerlich ernahten Verdienst von freien Stucken etwas in den Plan zur Aufnahme, ohne sich einst daruber ein Verdienst zuzueignen und es dem Vater zu entdecken. Das gute Kind! Der feierliche Tag erschien, den Sara und Hagar zum Besuch bestimmt hatten. Der alte Herr konnte diesen Mittag nicht essen, nicht trinken; er blies selbst den Staub ab, wo er noch Staub in dem Zimmer entdeckte, und vergass so sehr, dass er Literatus war, dass er Holz gespalten haben wurde, wenn es auf diesen Umstand bei Minens Plan angekommen ware. Er trug nicht tagtaglich Manschetten, allein er legte sie, wie die Pastoren den Kragen, in die grosse Bibel, um die Manschetten in Zuchten und Ehren zu erhalten. Diessmal nahm er ein ganz neues Paar, allein dem unerachtet musste Mine sie ihm noch aufbugeln, und da sie's ihm nicht zu Dank machte, vollendete er dieses Werk selbst. So lang wie des Himmelsburgers waren die Manschetten Hermanns nicht; allein Hermann war auch in Wahrheit nicht werth, meines Vaters Landsmann in dem allerentferntesten Sinne zu seyn.
Mine hatte Tannenreiser und Kalmus in die Zimmer gestreut und mit Wachholder gerauchert, da Hermann eben mit den Augen seinen Gasten entgegengelaufen war. Diess musste alles, bis auf das letzte Wolkchen Rauch, das sich im Zimmer herumzog heraus, sobald Hermann wieder kam, weil es, wie er sagte, in grossen Hausern nicht mehr Sitte sey, Tannen, Kalmus und Wachholderrauch zu riechen. Man spritzt, fuhr er fort, die Zimmer mit wohlriechendem Wasser aus, um den Staub eben hiedurch niederzuschlagen. Die Nase des alten Herrn fand, nachdem schon alles aus dem Zimmer war, noch so einen gemeinen und, wie er ihn nannte, Coriandergeruch, dass er durchaus Modeweihwasser verlangte, um es auszusprengen. Mine konnte ihm damit nicht dienen sie hatte gern das Grune im Zimmer beibehalten.
Es schlug die Stunde, da er seine Gaste erwartete, und da man nach Ortsumstanden sie mit Grund erwarten konnte, allein vergebens. Hermann, obschon er einen Boten ausgesandt hatte, um ja den hohen Gasten weit genug entgegenkommen zu konnen, konnte sich nicht entbrechen, auf die Zinne des Tempels zu steigen. Es konnte bei dieser Gelegenheit nicht fehlen, dass seine Unter- und Oberkleider, obgleich er die letzten durch einen Mantel von Glanzleinwand in Obhut genommen, vom Staub angegriffen wurden. Er hatte nichts von seinen Gasten entdeckt, und das war sehr naturlich. Wenn der gute Mann sein hochst unzulangliches Gesicht zuvor ubermessen, so hatte er diese Muhe sparen und den Mantel von Glanzleinwand in sanfter Ruhe lassen konnen. Er war von unten bis oben zu beschaftiget sich wieder zu reinigen und zu lautern, und zitterte an Handen und Fussen und uber Leib und Leben, wenn er was rauschen horte. Da sind sie! schrie er, und lief und kam wieder, und lief noch einmal und kam noch einmal wieder. Obgleich M i n e , die heute wohl M a r t h a hatte heissen konnen, ihm eben so oft als er lief und wieder kam, " d e r B o t e " nachschrie, so war er doch in einem solchen Gedankenconcurs, dass er nicht aus noch ein wusste. Endlich (nachdem er schon eine halbe Stunde rein und sauber, wie aus einem Schreinchen gezogen, dastand) der Bote! Wie ein Blitz war er fort. "Noch eine halbe Viertelmeile;" auch die halbe Viertelmeile hielt ihn nicht. Er flog. Regine, das Hausmadchen, schrie ihn diessmal bei aller seiner Eile zuruck; unfehlbar glaubte er, dass Mine ihm noch eine Frage zu thun hatte.
Wollen Sie, sagte sie auf lettisch, nicht den Glanzleinwandsmantel uberziehen? Keine Furie kann wuthender werden, als unser alter Herr ward, und nun hatte ihn nichts zuruckgebracht, nichts
Sie kamen. Mine war hoflich, ohne sich wegzuschleudern. Sie hatte m i c h vor Augen und im Herzen und der alte Herr konnte nicht aufhoren, mit Geberden ihr zu verstehen zu geben, dass sie zu wenig, viel zu wenig thate. Er, das wissen ja meine Leser, war ein Regenwurm.
Die gnadige Sara hatte so viel mitgebracht, dass Minchens wohlgemeinter Plan vollig vereitelt ward. Die hohen Gaste hatten, dunkt mich, wenn es auch nur der guten, wohlmeinenden Hand Minchens wegen gewesen ware, sich zu demjenigen bequemen konnen, was dieses gute arme Madchen des Hausfriedens halber zum Theil von ihrem Nahgelde angerichtet hatte; allein Sara und Hagar waren viel zu stolz, um sich so tief herabzulassen.
Minchen hatte den Einfall, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und nichts von dem Mitgebrachten anzunehmen; allein konnte sie's ihres Vaters wegen? Er winkte so lange, bis sie nahm und ass. Nun hatte er zu winken aufhoren konnen und sollen, allein er setzte es fort, und wollte durchaus, dass Mine sich den Magen verderben sollte. Das that sie nicht. Es war ein unbeschreiblicher Stolz, womit diese Antiken, Sara und Hagar, uber Minen herfuhren. Dass sie nicht von den naturlichen, wohlgemeinten Speisen nahmen, wurde den beiden Damen endlich zu verzeihen gewesen seyn; allein es war unverzeihlich, dass sie sich uber Gottes Gaben heruberbogen und die Nase rumpften. Sie massen Minen hundertmal mit ihren Augen, und hier und da hielt sich der Blick auf, als ob er ein Platzchen gefunden hatte, das werth ware ein wenig anzuhalten. Diess alles war Minen unertraglich. Sie durfte nicht hundertmal auf- und abblicken, um dieses Paar vollig zu ubersehen und ihre Ueberlegenheit zu fuhlen. Die Wittwe Sara that einige Fragen an sie. Womit sie sich die Zeit vertreibe? Ob sie einen Liebhaber hatte? Ob sie auch die Kuche verstunde? Anzusehen, setzte sie hinzu, ist es nicht. Ihre Hande sind so kuchenrein als einer Dame von Stande. Nicht wahr, liebe D e n e ? D e n e enthielt sich aller Fragen, allein man konnte es deutlich bemerken, dass sie sich solche in bester Form Rechtens vorbehielt. Ihre Stunde hatte noch nicht geschlagen.
Das abgebohnte Clavier brachte die hohen Gaste auf die Musik und die gnadige Sara auf die Frage: ob Minchen musikalisch ware? Mine beantwortete diese Frage mit der ihr eigenen Bescheidenheit. Obgleich die hohen Gaste keinen Beweis, in wie weit sie musikalisch sey, begehrten, so bestand doch der alte Herr darauf, "Mine sollte singen und spielen," da er es seinen hohen Gasten so nahe legte, b e s t a n d e n sie auch darauf, denn eine Bitte war es noch lange nicht. Etwas Bekanntes, sagte er; denn er wusste wohl, dass ein Praludium, wenn es Hand und Fuss haben sollte, bei ihm vierzehn Tage zuvor bestellt werden musste. Mine sang und spielte, weil sie singen und spielen musste. Es war indessen keine Dedication an die hohen Anwesenden. Wenn diese Damen Gefuhl gehabt, hatten sie wohl den Vogel im Bauer gehort. Indessen hatten die hohen Gaste weder so seine Ohren, noch so seine Herzen.
Dene hatte ein Paar Strahlen der Hoffnung auf den alten Herrn fallen lassen, die ihn entzuckten.
Uebermorgen erwarte ich meinen Sohn, sagte die gnadige Sara zum Hermann, Sie werden doch so gut seyn und zu uns kommen? Minen fuhr es in alle Glieder. Mir war es, wie sie schreibt, als ob Sara hinzusetzen wurde: Bringen Sie Ihre Tochter mit. Ihre Befurchtung war vergebens. Der Stolz liess diese Bitte nicht zu.
Noch ein paar Blicke von oben bis unten, und dann wieder von unten bis oben, ohne dass der Blick Minen die Ehre that, irgendwo zu weilen, und nun G o t t b e w a h r e S i e , m e i n K i n d ! Ein gewohnliches Compliment. Mine schreibt: "Mir war es als hatte ich gesagt: V o r s o l c h e n L e u t e n ich erschrak, allein ich hatte es nur herzlich und von ganzer Seele gedacht." So ward hier, und so wird jederzeit das Gesetz erfullt: Unrecht straft seinen eigenen Herrn.
Der alte Herr war in Seelenangst, auf welche Art, ohne sich zu viel herauszunehmen, er die gnadige Wittwe in den Wagen bringen sollte. Endlich legte er Hand aus Werk. Mit D e n e n ward er geschwinder fertig. Sie hatt' ihm Muth und Leben eingeflosst. Er wollte durchaus zu Pferd' und den hohen Gasten vorreiten, allein sie verbaten es, der ublen Nachrede wegen, und also begnugt' er sich, sie wieder bis auf die Stelle zu begleiten, wo er sie entgegengenommen.
Froh kam er zu Mine, allein diess konnte die Strafpredigt nicht abwenden, die er ihr hielt, viel zu wenig, viel zu wenig sich gebuckt, gesungen, gespielt und gegessen zu haben.
"Und wie gefallt dir (diese Frage ausser allem Zusammenhang), wie gefallt dir D e n e ? "
Wie sie mir gefallt?
"Wie sie dir gefallt?"
Da sie meine Mutter werden s o l l "Das ist sie schon!" unterbrach er Mine, wegen der paar Strahlen von Hoffnung, die sie auf ihn geworfen hatte s o i s t e s P f l i c h t "diese Antwort erwart' ich von Minen."
Es ist schwer, schreibt Mine, sehr schwer, wenn man eine so gute Mutter gehabt, einer Dene als Mutter zu huldigen, und ware das vierte Gebot nicht
Der alte Herr verfehlte nicht, der Einladung der gnadigen Sara gemass sich zu rechter Tageszeit einzufinden, und wer hatte das gedacht? Der Herr Sohn der Madame Sara war kein anderer als der Herr v. E., der franzosische Curlander, welcher kriechend und stolz, fur und wider sich, und gewiss auch Freund und Feind eines jeden Menschen war, je nachdem es die Umstande gaben. Der Affe mit den Halbstiefeln! Der alte Herr fand ihn schon, da er ankam, und machte tausend Umstande, dass er ihm nicht entgegengekommen.
Der Teufel, Herr! wo haben Sie wissen konnen, dass ich kommen wurde?
Die gnadige Mama!
Wir waren beim Herrn Hermann, i c h und D e n e , fing die gnadige Mama an. Dank, Herr Hermann, fur alle erzeigte Hoflichkeiten! Fur den schonen Sang Ihrer Tochter! Das ist wahr, Herr Hermann, Sie konnen sich was auf solch eine Tochter einbilden. Ist es Ihre rechte Tochter? Ein hubsches Madchen! Nur scheint sie mir die Finger nicht in kaltes, nicht in warmes Wasser zu stecken. Ihre Hand fasst sich wie Atlass an.
Da war unser Ankommling wie ein Geier auf die Taube.
Ich liebe schone Hande, gnadige Mama, die nicht kalt und warm vertragen, die sich wie Atlass anfassen lassen; wann sind Sie zu Hause, Herr Hermann?
Wenn Ew. Hochwohlgeboren befehlen.
Ich will meiner Mutter nicht die Ehre allein lassen, Sie besucht zu haben; denn in Wahrheit, es kann kein Mensch ein grosserer Liebhaber von einer schonen Hand oder von der Musik seyn, das ist beinahe einerlei, als ich.
Die Wittwe v. E. (ich habe sie lange genug und bis zum Ueberdruss meiner Leser Sara genannt) machte ihrem Sohne Vorwurfe, dass er sie so lang' auf sich hatte warten lassen. Dein Brief aus Konigsberg
S c h o n s t e Mutter (Frau v. E. horte diess gern), ich fand in Konigsberg noch diess und das, und Sie wissen wohl, wenn man diess und das findet, so kann man so geschwind nicht. Wir wissen das d i e ss und d a s , wobei Herr v. E. um und in Konigsberg, vor seiner Ruckkunft nach Curland, noch zum Ritter zu werden den Beruf hatte: nicht zum i r r e n d e n , denn hiezu hat er keinen Ansatz.
Deine Mutter aber hattest du uber dein d i e ss und d a s nicht vergessen sollen, sagte die Frau v. E.
Vergessen? Schonste! vergessen? Noch unterwegs traf ich ein hubsches, liebes Kind, und sagen Sie selbst, wie kann man eine schone Gegend sehen und nicht wenigstens darauf athmen, und sich freuen, dass man athmen kann? Die gnadige Wittwe holte sehr tief A t h e m und ward durch diese und dergleichen Unterredungen, die alle ergaben, dass Herr V.E. ein grosser Verehrer von schonen Gegenden war, zur eigentlichen Materie gebracht. Du weisst, mein Kind, fing sie an, was dein seliger Vater wegen des Frauleins S. noch bei seinen Lebtagen berichtigt. Du weisst, dass dein Herz und deine Hand vergeben sind, und wenn du diese Gegend, die dir bald eigenthumlich zugehoren soll, mehr in Erwagung gezogen, ich wette, du hattest deine Mutter nicht so lange warten lassen. Im Testament denkt er an diese deine Verlobte, welche dich mehr liebt, als du dir vorstellen kannst. Sein letzter Wille setzt fest hier nahm sie ihren Sohn, um sich mit ihm dieses Testamentswegen zur vertraulichen Unterredung einzuschliessen.
Hermann hatte Gelegenheit, mit seiner Dene eine gleiche vertrauliche Unterredung anzustellen, bei der es beinahe bis zum B gekommen ware. Es war dieses im eigentlichen Sinn fur Hermann ein Schaferstundchen denn er liebte, er liebte brennend nicht D e n e n , sondern das liebe Ihrige, und davon sollt' in dem gegenwartigen Stundchen gehandelt werden. Es fiel sehr auf, dass die Frau v. E. sich mit ihrem Sohne, nicht seiner Heirath wegen, eingeschlossen. Diese diente nur zum Vorwand und Ueberrock; D e n e war die Hauptrolle. Hermann empfand den glucklichen Vorfall, dass sich die Frau v. E. und ihr Sohn paarten; denn wo ein vertrautes Paar sich sondert, da gibt's mehr.
Sehen Sie nur, Herr Hermann, fing Dene an, es ist bei alle dem eine eigene Sache mit dem Testament, ich bin mit der gnadigen Frau wie getraut, wir konnen es nicht, der Tod soll uns scheiden.
Das dacht' ich, sagte Hermann, hatte nichts zu sagen.
Ein Testament!
Eine Ehescheidung!
Recht, l i e b e r Hermann!
(Hermanns Herz sing diesen Ball und freute sich, wie
sich ein Kind freut, wenn es den Ball gefangen hat.)
Nun, meine Englische?
Aber die Scheidungsstrafen?
Das ist zu machen.
Und wie?
Sie leben. Wenn sie will. Sie muss wollen. Wenn ich zur Scheidung Anlass gebe? Wenn auch! Im Herzen, glaub' ich, steht sie nicht ungern Dass ich gehe? Diess ist auch meine Hoffnung. Zu der meinigen gehort mehr. Was mehr? Sie, meine Englische. Lieber Hermann, ich dacht' eben dran. O wie glucklich bin ich! Ich dacht' eben, wenn die Frau v. E. diese Pension nur auf meine Lebenszeit beschrankt, so wurden meine kunftigen Erben
(Hierbei hatte dem Hermann angst und bange werden
konnen; indessen deutet' er diese Erben, wie es auch
wohl gemeint zu seyn den Anschein hatte, auf sich.)
O Englische, o Gutigste! Sie denken auch nach Ihrem Tode (Er weinte, denn das ward ihm nicht schwer. Ein Mensch wie er hatte beim Worte Tod heulen und zahnklappen sollen; allein es waren diese Thranen wie alles an ihm war. Seine Empfindungen waren Kunst. Sie ergossen sich nie, sie wurden nur durchs Druckwerk getrieben. Er hatte beides, Lachen und Weinen, in einem Behaltniss wie man wollte,
O, den werd' ich, den werd' ich nicht u b e r l e ben!
D e n e , welcher unfehlbar der selige gnadige Herr beim Ueberleben einfiel, fing auch bitterlich zu weinen an. Hermann deutete dieses auf sich und umfasste ihre Knie, und da horten diese Turteltauben die zuruckkommende Frau v. E. und ihren Sohn, das Testament in der Hand.
Jedes, Dene und Hermann, gingen an ein ander Fenster. Es hatte sich schon jedes etwas kalt gewordenes Theewasser aufs Schnupftuch gegossen, um desto grundlicher alles zu verwischen.
Herr v. E. wandte sich, da er zuruckkam, das Testament noch in der Hand, zu Denen. Da find' ich, liebe Dene, fing er an, eine narrische Clausel. Hat der Teufel je so was gehort, zwei Frauenzimmer sollen sich verheirathen! Sie haben mir nie was Boses gethan, liebe Dene, und noch bei meines Vaters Leben, wo Sie im Hause was galten, habe ich alles Liebe und Gute, es versteht sich in allen Ehren, von Ihnen genossen; allein so weit geht die Erkenntlichkeit nicht, und so nah sind wir, mit Ihrer Erlaubniss, nicht verwandt, dass meine Mutter eine Person im Hause ertragen sollte, die ihretwegen gar nicht ins Haus kommen sollen. Sie verstehen mich doch, Dene?
O ja, sagte Dene.
Sie haben also Ihren Abschied.
F r a u v. E. Ohne dass Sie sich eben ubereilen durfen.
H e r r v. E. Heute, morgen, ubermorgen.
D e n e . Und wegen meiner treu geleisteten Dienste?
F r a u v. E. sah ihren Sohn an, als ob sie sagen wollte: Hab' ich es nicht gedacht?
H e r r v. E. Es wird sich finden
Frau v. E., die herzlich froh war, dass sie Dene so auf gute Manier, ohne einst einem Rechtsgelehrten dessfalls zu beichten, los war, fiel ihrem Sohne ins Wort; Dene soll nicht drunter leiden! Wir werden daruber eins werden!
Dene kusste der Frau v. E. die Hand und dem Herrn v. E. dessgleichen, und so war also Herr v. E. ein trefflicher Executor testamenti.
Hermann erzahlte diese Geschichte, da er heim kam, seiner Tochter Minen. Denn er war ausser sich. Kein Stein des Anstosses mehr auf dem Wege zu Denens Herzen aber ein grosses Aber blieb ihm im Herzen stecken, weil es noch nicht berichtigt war, was D e n e z u m A b t r a g h a b e n s o l l t e . Minen ergriff eine grosse Angst. Sie hatte bestandig Ahnungen. In dem Augenblick, schreibt sie, da mein Vater den v. E. aussprach, noch eh' er ihn aussprach, wusst' ich, dass Herr v. E. zu uns kommen wurde; nur wer er war, wusst' ich nicht halb, nicht ein Viertel.
Den achten Tag, so lange hatte sich Hermann wegen kleiner podagraischer Anfalle, die ihm sehr ungelegen kamen, zu Hause gehalten, langte Herr v. E., wie er schwor, der Musik wegen, an, und nebenher zu sehen, wie Hermann sich befande. Mine that einen heftigen Schrei, da sie den Herrn v. E. sah. Er aber, nachdem er sie durch's Glas betrachtet, fand sie a l l e r a l l e r l i e b s t und das sagt' er ihr so ohne Ruckhalt, als ob sie zum Kauf stande, wo jedem Vorbeigehenden frei stehet, ohne Umstande allerliebst zu sagen.
Es blieb bei diesem Allerliebst nicht. Sie war im Neglige, und da fand er das Band am Busen so sehr der Jahreszeit angemessen, dass man es nicht besser in Paris hatte wahlen konnen. Er packte seine drei Glaser (durch alle drei hatt' er sie gesehen) ein und schien es dazu anzulegen, Minen mit seinen leiblichen Augen zu erreichen. Er war fertig, sie in nahern Augenschein zu nehmen. Da nahm Mine ihre ganze Gewalt im Auge zusammen, um ihn zur Erde zu sehen. Er fuhlte diesen Blick, obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen war, und er kam wieder zuruck zu seinen drei Glasern und zum Allerliebst. Von dieser Stelle hatt' ihm das Auge der Tugend selbst nicht wegblitzen konnen. Mine hatte nichts mehr nothig, als diesen Zwitter von Franzos und Curlander zu sehen, um ihn unausstehlich zu finden. Sie wurd' uber den ersten Sterblichen mich nicht vergessen haben. Sie war ganz mein. Sobald sie diesen Gecken gesehen hatte, sah sie, was sie oft gesehen, dass ihre Ahnungen nicht immer trafen. Ein Geck dieser Art kann nicht schwer zu entfernen seyn, dachte sie, und in Wahrheit, sie dachte sehr richtig, denn mich dunkt, nichts ist einem jeden gutdenkenden Madchen leichter, als einen Stutzer, der ein Jahr in Paris gewesen, auf seine Grenze und zu seinen drei Glasern zu bringen ich weiss wohl, wer unverschamter ist.
Es ist mir unbekannt, ob meine Leser schon einen curischen Franzosen gesehen haben. Werth zu sehen ist er! Franzos und Curlander reimen sich, als Chapeaubashutchen und Stallmeisterstiefel, als Sonnenschirm und Jagdtasche.
Ich habe schon die Ehre, gehabt, den Herrn v. E. als meinen Nebenbuhler zu prasentiren, und jetzt kennen ihn meine Leser noch obenein.
Herr v. E. konnte nicht ein Auge, oder eigentlich ein Glas, von Minen lassen. Er war ausser sich, steckte die drei Glaser an ihren Ort, und kam wieder an das der Jahrszeit so angemessene Band am Busen, das man in Paris nicht besser wahlen konnen. Mine warf ihn auch wieder mit einem Blick zu Gottes Erdboden den Elenden! der nicht werth war, dass ihn die Sonne beschien. Dem Kuss zum Abschiede ward ihr schwer zu entgehen; sie entging ihm zwar, indessen singen ihre Ahnungen wieder ihr Recht zu behaupten an. Hermann selbst schien die Freiheiten, die sich Herr v. E. herausgenommen, zu missbilligen. Diesen Schein dedicirt' er indessen bloss Minen hinter des Herrn v. E. Rucken. Uebrigens verstattete das Podagra dem Hermann nicht, so hart er sich gleich stellte, den Herrn v. E. so weit zu begleiten, als seine Geburt es mit sich brachte, und wegen dieses Umstandes konnt' er nicht aufhoren um Verzeihung zu bitten.
Schon den folgenden Tag ward Hermann zur Frau v. E. gebeten; allein er konnte von diesem Ruf erst den dritten Tag Gebrauch machen. Hermann war noch nie so bitterbos aufs Podagra gewesen als diessmal.
Herr v. E. hatte beinahe, wie er sich ausdruckte, den Verstand uber Minen verloren! Dazu, glaub' ich zwar, wurde wenig erforderlich gewesen seyn, weil er gewiss keine grosse Summe zu verlieren hatte; indessen sah man aus allem, dass, so bereist er gleich war, er selten eine so schone Gegend als Minchen gefunden, obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen.
Da er ohne und mit den drei Glasern gesehen, dass Minchen kein bonum vacans (erbloses, lediges Gut), wobei der Dieb galgenfrei stehlen kann, sondern zu tugendhaft ware, um sein Allerallerliebst zu beherzigen, so fand er nothig, einen andern Weg einzuschlagen und diese Festung, nach seinem Ausdruck, die nicht im Sturm uberging, durch List einzunehmen.
Nachdem ich das Testament, fing er an, genau erwogen, find' ich Ihre Scheidung von Denen so leicht nicht, gnadige Mutter, als zuvor.
(Hermann und Dene gegenwartig.)
Das dacht' ich wohl, erwiederte Frau v. E. in ihrer Unschuld. Ein Testament ist ein Testament. Es ist der Wille eines Vaters! eines Gemahls! der letzte Wille und ich glaube nicht, dass Sie sich von Denen so leicht zu trennen im Stande sind.
Die Frau v. E. wurde mehr gesagt haben, wenn nicht der Herr Sohn dieses Drama in Gegenwart Denens und Hermanns aufgefuhrt. Die Mutter schrieb diesen Umstand auf die Rechnung seines Leichtsinns, allein er gehort' auf ein unwurdigeres Blatt, auf die Rechnung einer niedrigen List. Es war dieses Drama Ausdunstung eines bosen Herzens. Die Mutter blinzte bald mit dem rechten, bald mit dem linken Auge, allein der Sohn liess den Vorhang nicht fallen, das Gluck hatte seine funf Aufzuge Dene und Hermann horten wie naturlich auf. Er machte dem Hermann, auf den es bei dieser List angelegt war, so bange, dass er stehenden Fusses Minen verrathen und verkauft hatte, wenn er damit dem Testament eine gunstige Wendung geben konnen. Diess war das Ziel, nach welchem Herrn v. E's Rede gerichtet war.
Je mehr seine Mutter bei dieser Sache abbrach, desto weitschweifiger ward er. Sein Auge lag auf der Erde und konnt' also dem Winken der Frau v. E. nicht begegnen. Die Mutter nahm ihn endlich bei der Hand er kusste die Hand und fuhr fort. Wollen wir nicht allein? sagte sie. Warum, schonste Mutter? antwortet' er; es sind ja unsere Freunde.
Seht! was ist Recht und Unrecht? Wachs in einer warmen Hand; du aber, gerechter Gott, siehst auf alle, die auf Erden wohnen.
Nach einem sehr ausstudirten Vortrage aller der Schwierigkeiten, warum Dene nicht das mutterliche Haus verlassen konnte, sucht' er mit Fleiss eine Gelegenheit, den Hermann allein zu sprechen, um ihn vollende in sein Netz zu ziehen. Herr v. E. that, da er diese Gelegenheit hatte, als ob sie ganz von ungefahr gekommen oder, wie man sagt, vom Himmel gefallen ware.
Nothig hat er nicht, den Hermann uber Denen auszufragen, denn alles war gegendkundig; indessen fing er an, von Denen als von einer Sache zu sprechen, bei der man wenig oder nichts verlore. Diess wirkte. Er brachte den Hermann immer weiter, bis er ihn endlich so weit hatte, dass er zu allem Ja zu sagen warm war; nur Dene musste von diesem Ja abhangen. Was meinen Sie, sagte Herr v. E., wurd' Ihre Tochter wohl Denens Platz vertreten? Kurz, M i n e sollte D e n e werden. Ein Engel ein Teufel. Hermann nahm nicht nur den Apfel vom verbotenen Baum und ass, sondern riss noch einen ganzen Ast mit. Er dankt' in tiefster Unterthanigkeit fur die gnadige Versorgung, und es ward auf Treu' und Glauben verabredet und abgeschlossen, dass Mine die erledigte Stelle der Dene einnehmen sollte.
Bosewichter! warum starrte nicht euer Kopf, da ihr diese Verratherei, diesen Mord dachtet, und eure Zunge, da ihr ihn ausspracht! Hermann, deine Tochter, die Gerechte, kannst du verrathen und verkaufen? Minen, die dir nicht mehr zugehort, sondern mir? Minen?
Herr v. E. brachte den Hermann krumm und gebuckt zu seiner Mutter. Er trug die Sache offentlich vor, das heisst, in Gegenwart seiner Mutter und D e n e n s , die nun wohl einsahen, warum? Sie lachelten beide, allein sie fanden die Sache an sich sehr uberdacht. Die Frau v. E. hatte nur noch die eine Bedenklichkeit, dass, ehe Mine Dene wurde, ihr Sohn sich mit dem Fraulein S. verheirathen sollte. Es ist nicht darum, sondern darum, sagte die gnadige Mutter. Sie behauptete dergleichen Dinge zu verstehen, und endlich, nach vielen Zweifeln und Auflosungen, blieb es dabei, dass er sich, ehe Mine zur Frau v. E. zoge, wenigstens offentlich verlobt haben musste. Wer die Beistimmung des Hermanns zu diesem Morde fur Uebertaubung gehalten, wird jetzt auf diese Entschuldigung Verzicht thun und was vom Hermann denken? Zu Anfange sollte Hermann, dem unter dieser Bedingung sein Ja gegeben war, Minens Ja abholen. Dene musst' unter dieser Bedingung B sagen; allein dieser Plan ward abgeandert. Herr v. E. entschloss sich selbst in hoher Person Minens Ja abzuholen. Wenn gleich Minchen nicht eher Dene wird, sagt' er, als bis ich verlobt bin, so kann ich doch mit ihr den Contract vollziehen und ihn, um eine feste Bindung zu haben, verkitten. Warum nicht? fragte Hermann; alles fragte ihm nach. Das Strategem, dachte Herr v. E., kann nicht fehlschlagen, und du Hast das susse Vergnugen, Minen Ja sagen zu horen "und wenn ich's auch nur durch's Glas horen soll. Wer hort nicht gern Madchen-Ja's! Ich will hin!"
Herr v. E. machte jetzt einen ganz andern Auftritt als im ersten Akt. Der Knoten war geschurzt. Wer den Vogel im Kafig hat, bedarf keines Vogelleims. Ohne ihr Band am Busen der Jahreszeit angemessen zu finden, ohne die Exclamation: aller-, allerliebst! trug er Minen, die auf diesen Antrag nicht im mindesten vorbereitet war, das bewusste Brodstellchen an. Vielleicht wurd' ein weniger kluges Madchen als Mine drei Schritte zuruckgetreten und Bedenkzeit nachgesucht, oder wohl gar Ja gesagt haben, obgleich es an sich immer ein falscher, ein Pariser Zug war, diese Anwerbung selbst, und nicht durch gute Manner auf deutsche Weise zu thun. Mine sagte Nein! Ein so offenes Nein, ein so kurzes und gutes Nein, dass Herr v. E. nicht weiter das Herz hatte, auf ein Ja bei diesem hartschaligen Madchen (wie er es zu nennen pflegte) zu bestehen. Hermann war bei dieser Anwerbung nicht gegenwartig. Herr v. E., der von Minen Ja (diess Wortspiel von Ja, denn sie sollte den Worten nach Ausgeberin, Gesellschafterin werden) horen wollte, fand sie auch schon beim Nein. Er kusste ihr die Hand brennend.
Ich beklage, sagt' er und wusste nicht von sich selbst, ich beklage meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter, meine schone Mutter, die schonste, die ich kenne. Es fahrt mir durch Mark und Bein, wenn mein Finger noch so leise den ihrigen t i p p t . Eine aller-, aller-, allerliebste Mutter. Der Saum ihres Kleides macht mich schon glucklich! Sein Auge redete weiter. Es war so unverschamt, so ungezogen als moglich. Viele Leute glauben zwar, dass man mit dem Auge nicht ungezogen seyn konnte. Die Pariser!
Hermann reiste mit und kam, sobald Herr v. E. zu seiner S. abging, wieder heim. Er that M i n e n eine Frage, die ihr durch die Seele ging. Wie gefallt dir der Herr v. E., fing er an allein Mine, die das vierte Gebot wusste und auf die Frage: wie ihr Dene gefiel? "als Mutter" antworten konnte, besass keine Fassung auf diese ausser dem Gebiete des vierten Gebots liegende Frage: wie ihr Herr v. E. gefiel, zu antworten. Sie vergass hiebei den V a t e r im K u p p l e r und sprach so gewaltiglich, so zudringlich, dass sie den Hermann aus aller Fassung setzte. "Solch einen Antrag", fing Mine an, ihre Zunge war feurig, "solch einen Antrag m i r ! War ich denn auch nicht einmal eines gefirnissten, eines verkleideten werth? Musste mir denn dieser Entwurf ganz wie er war und nicht einmal gekrummelt dargelegt werden? Mir! Zwar ware mir die Bosheit auch in ihrer Larve nicht entgangen, ich hatte das Gift auch im Wein erkannt, und wenn ich zu schwach gewesen, wahrlich! Gottes Engel hatten mir den Vorhang aufgezogen, wenn er noch so kunstlich ware gewebt worden! aber diese Dummdreistigkeit im Laster! Gott!" Sie reckte ihre Hand weit gen Himmel, um sich durch diese Vollmacht zu der guten Sache zu berechtigen; sie sprach im Namen der Tugend, als ihre Machthaberin, und Hermann rang die Hande, schlug an seine Brust und versprach, sie nicht zu verrathen und zu verkaufen: sie nicht zu vertauschen, auch selbst was konnt' er mehr versprechen? auch selbst "wenn ich druber D e n e n verlieren soll!"
Diese Bussandacht bewegte Minen, sie fiel ihm um den Hals, sie weinte, sie betete, sie versprach ihn mit ihrer Hande Arbeit zu ernahren, und ihren Bruder, der bald aus der Lehre treten wurde, zur Beisteuer zu bequemen, um ohne D e n e n leben zu konnen. "Diese Hande," sie faltete sie und sprach so feierlich als wenn sie einen Eid ablegte, "diese Hande sollen Tag und Nacht arbeiten!" Hermann war wirklich bewegt. "Ist Ihnen der Unterricht der Kinder schwer, Sie konnen ja nicht bloss ein Mundwerk, sondern mehr als ein Handwerk." Pfui, sagte der alte Herr, so geruhrt er auch war. M i n e wollte das Handwerk dieses Pfui's wegen verreden, allein H e r m a n n liess sie nicht vom Fleck. Handwerk fuhr er fort. Wie kannst du mir ein Handwerk vorrucken? Was hab' ich denn fur eins getrieben? Die Schneiderei an ihren Ort gestellt, wo ich doch auch kein Kleid, keinen Ueberrock, sondern Sachen verfertigte, die nicht ins Auge fielen. Brusttucher und so was. Von Stiefeln Schuhe, von Schuhen Pantoffeln kunsteln, heisst das Schustern? Und etwas aus Thon drechseln, heisst das Topfer seyn? Ich war, damit du's einmal fur allemal weisst, Freischneider, Freischuster, Freit o p f e r , so wie viele von unsern hochwohlgebornen Herren, wenn sie von Reisen kommen, F r e i m a u r e r sind. Mine gab sich alle nur ersinnliche Muhe, ihren Vater zu beruhigen, allein vergebens. Er konnt' ihr das Handwerk nicht verzeihen. Und die Schule? fuhr Mine fort. Auch nicht! erwiederte Hermann, der nicht Commissbrod essen wollte, wenn er magenverderbendes Gebackenes haben konnte. Du weisst, sagt' er ihr, dass wir die letzte Zeit jahrlich e i n g e s c h u s t e r t haben (gern hatt' er dieses Wort zuruckgehabt) Du weisst Mine weinte. Sie leitet' ihren Vater auf Gott, den Brunnquell aller Gnaden. Wie ein Vater sich erbarmt uber seine Kinder, so wird sich Gott erbarmen uber uns, wenn wir ihn furchten wenn wir auf seinem Wege wandeln, seine Rechte halten und darnach thun. Ich will Nacht und Tag zu Gott empor rufen! Ich will eine Nahschule halten; ich will beten und arbeiten bei Brod und Wasser. Ich will alles, alles versuchen, was ehrlich und recht ist, vor Gott und Menschen. Aller Augen warten auf den Herrn! Er gibt Speise zu seiner Zeit, er thut seine milden Hande auf, sattigt alles was lebt, bis auf die himmelschreienden Raben. Sind wir denn nicht so gut als sie? Mine sagte diess mit solcher Zuversicht, dass Hermann ihr nicht weiter den Vorschlag von Mundund Handwerk nachtrug.
Hermann wiederholte sein Versprechen langsam,
bedachtig, als schwor' er einen Eid, Minen zu behalten, auch wenn er Denen druber einbussen mochte.
"Wie hatt' ich," schreibt Mine, "ihm Glauben ver
weigern konnen? Das Blut, das mir bei dieser Scene zu Herzen schoss, redete fur ihn." So weit konnt' es Mine nicht bringen, dass er nicht mehr nach zur Frau v. E. reiste.
Wer hingeht, sagte Hermann, muss zuruckgehen;
indessen wiederholte er mit einem feierlichen, Gott anrufenden Blick sein Versprechen. Es war gleich den folgenden Tag nach seinen Brustschlagen, nach seinem Blick, oder, welches einerlei ist, nach seinen Schwuren, dass er zur Frau v. E. dringend geladen ward. Mine nahm Gelegenheit, da sie ihren Vater auf dem rechten Wege hatte, ihm unsere Verbindung so deutlich zu machen, dass nur noch die Worte fehlten: Ich bin mit Alexander verlobt, wir s i n d E i n s . Mit Fleiss offnete sie ihm Aussichten, wodurch er Denens wegen entschadigt werden sollte, und glaubte sie (wie sie schreibt) ihn im Geistlichen und im Leiblichen gewonnen zu haben. So unbescheiden Hermann in dergleichen Fallen war, so hascht' er doch nach keiner Sylbe mehr v o n m i r als ihm Mine gab. Diese Bescheidenheit leistete Minen Burgschaft fur alles. Vergessen Sie Ihre Tochter nicht, sagte Mine, da er von ihr Abschied nahm, Gott, wird Sie auch nicht vergessen, wenn Ihnen Hulfe, Trost, Rath noth ist. Es bleibt, erwiederte Hermann, und schwur wieder mit einem Blick.
Um also zuruckzugehen, ging Hermann nach und
Mine war voll guter Hoffnungen, und diese gab sie, so sehr sie gleich das lange Ausbleiben des Vaters befremdete, doch noch den ganzen Tag, den Abend, die Nacht, den folgenden Mittag nicht auf.
Da aber Hermann auch den Mittag drauf noch nicht nach Hause kam, stiegen wieder Wolken oder Ahnungen auf. Sie wartete noch bis Mittag des folgenden Tages, und nun war es Minen mittagsklar, dass ihr Vater so viel Zeit nicht bedurfe, um z u r u c k z u g e h e n . Gegen Abend ein Brief von Hermann! Mine wusste schon, ehe sie ihn offnete, was drin war, und meine Leser werden es auch wissen.
"Ich bin krank, komm, deinen Vater zu sehen, denn vielleicht stirbt er, damit er dich segne."
Das war der abscheuliche Inhalt eines Briefes, den ein Mann schreiben konnte, in dessen Mark Gichtgift verborgen lag, das oft, eh' er sich's versah, aufgahrte; der mit feierlichen, Gott anrufenden Blicken geschworen hatte. O Hermann, konntest du so mit dem vaterlichen Segen spotten? und so mit dem Tode? und so mit Eiden?
Mit diesem Brief kam ein sehr gemeines Fuhrwerk, um alles desto glaubwurdiger zu belegen und die Sache desto kluglicher zu machen. Man wollte durch diesen Einfall den vorigen zu plumpen Plan ausputzen und in einem elenden Zimmer Schildereien aufschlagen.
Mine schrieb sehr kalt an ihren Vater, bedauerte seine Zufalle, kommen wurde sie nicht, die Ursachen mussten ihm erinnerlich seyn; sie hoff', er wurde sein Versprechen erfullen, und hiemit: leben Sie wohl!
Dieser Brief machte dem Hermann naturlich sehr viele Muhe, um sich herauszuwinden; denn er hatt', aller seiner Betheuerungen unerachtet, auf den ersten gegenseitigen Angriff alles, alles aufgeopfert, alles Das Wort von der Hoffnung, d a ss H e r m a n n s e i n V e r s p r e c h e n e r f u l l e n w u r d e , das Mine eingestreut hatte, machte seiner Hermeneutik die meiste Muhe. Herr v. E. sowohl als Dene wollten daraus herleiten, dass er z w e i e n H e r r e n diene. Dieser saure Schweiss bei der Auslegung brachte den Hermann wider Minen auf eine hochst ungerechte und unnaturliche Art auf. Nun hatt' er mit genauer Noth diese Briefstelle gerettet und die hohen Anwesenden uberzeugt, dass er nur einem Herrn diene, und nun war ihm auch nichts heilig. Der Satan fuhr in ihn. Er wollte Gift mischen und wusst' es nur nicht anzufangen. Er entdeckte meine Verlobung mit Minen als den einzigen Grund ihres N e i n s . Die Sache ward im ganzen Zusammenhang genommen, und nachdem er meine Mutter, meinen Vater und mich (Herr v. E. erinnerte sich meiner haarklein) in Lebensgrosse dargestellt, so ward beschlossen, meiner Mutter Minens Liebesverstandniss mit mir zu entdecken, ihr einen von meinen Briefen in der Urschrift beizulegen und Minen alle Auswege abzuschneiden, den Stricken so vieler Teufel zu entkommen.
Arme, arme Mine!
Hermann kam, um seine Krankheit desto wahrscheinlicher zu machen und Minen desto sicherer ins Verderben zu sturzen, erst nach drei Tagen nach diesem unglucklichen Brief an gerechnet, nach Hause. Was Mine wahrend dieser Zeit ausgehalten, ist unbeschreiblich. Die erste Beschaftigung Hermanns nach seiner Ruckkehr war, einen von meinen Briefen an Minen zu entwenden. Dieser Vorposten macht' ihm keine Muhe, weil Mine von dieser Seite nichts befurchtete. Vielleicht kuhlt' ihn dieser Umstand, oder vielmehr die Vorstellung, dass Zorn die gute Sache verderben konne. Seine Maske war Gute und Freundlichkeit. Eine leichte Rolle fur einen Bosewicht. Der entwandte Brief ward sogleich an die Behorde, namlich an meine Mutter, und zwar in B e g l e i t u n g eines anonymen Briefes versandt.
Ich weiss nicht, ob meinen Lesern mit einem Theile des anonymen Uriasbriefes gedient seyn werde, womit diese R o t t e Minen bei meiner Mutter anschwarzte, um ihr die letzte Trostquelle zu stopfen. Hermann war dabei der Fahnchenfuhrer; denn obenein racht' er sich so an meiner Mutter, ohne dass sie wusste, von wannen es kam.
* * *
"Da lesen Sie selbst, hochzuehrende Frau Pastorin. Sie kennen Bild und Ueberschrift wahrlich, ein unwurdiger Sohn einer so wurdigen, gottesfurchtigen Mutter, die genug fur ihn gebetet und gesungen hat! So viel ist indessen gewiss, dass er nicht der Verfuhrer, sondern der Verfuhrte ist. Retten Sie seine Seele, die im Argen liegt, und machen Sie, dass er sie aus dem Argen ziehe und in seinen Handen trage. Die ganze Gegend, und vorzuglich die in derselben, so seine Predigt angehort, ziehen uber ihn die Achseln. Man glaubt, er habe Wilhelminen ein lebendiges Andenken zuruckgelassen. Das wolle der Himmel nicht! Indessen war' aus den Worten: M a n n und W e i b , d u und d u , auf ein dergleichen im Verborgenen gebildetes Andenken, dem Sie, hochzuehrende Frau Pastorin, gewiss den Namen Grosskind entziehen wurden, nicht unsicher zu schliessen. Das beste ist, Wilhelminen den Kauf aufzukundigen und ihr bei Hangen und Wurgen alles Einverstandniss mit dem Herrn Sohn zu untersagen, der in Konigsberg nichts thut als Wilhelminen schriftlich lieben. Man weiss aus sicherer Hand " Genug, ich kann nichts mehr abschreiben.
Mein Brief an Minen, den Hermann entwendet hatte und her diesem Schleichhandel den Schein des Rechts beilegte, war wie gewohnlich treu und herzlich. Die Stelle:
"O Mine, o Weib! du bist mir wie gegenwartig, und alles, alles ist mir gegenwartig. Denkst du auch dran, wenn wir uns die Augen kussten, als tranken wir sie aus, wenn ich deine Hand so fest an mein Herz hielt, dass du jeden und den allergeheimsten Schlag drin fuhlen konntest, den Puls der Liebe "
Diese Stelle klammerte meine Mutter ein und nahm sie in frommen Beschlag. Zur Seite schrieb sie: "Gedenke nicht der Sunden meiner Jugend und meiner Uebertretungen, gedenke aber mein nach deiner grossen Barmherzigkeit!" Ueberall, wo Weib stand, zog sie einen Strich, als zoge sie einen Vorhang.
Mine konnt' es nicht uber ihr Herz bringen, sich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen. Er dagegen hatt' auch kein Herz, an seine Krankheit zu denken. Hermanns Gesicht war bei aller angenommenen Freundlichkeit so durchsichtig, dass Mine wortlich ihr Schicksal daraus abnehmen konnte.
Er fing die Lobrebe auf Herrn v. E. mit dem Eingang an: Wir haben uns geirrt, Mine. Irren ist menschlich. Wir haben uns geirrt. Herr v. E. ist nicht der Herr v. E., den wir glaubten, sondern ein ganz anderer Herr v. E. Der Text der Lobrede betraf seine Verlobung mit dem Fraulein S., und seine erd-, wand, band-, niet- und nagelfeste Liebe zu ihr.
Ost kam die Verlobungserzahlung so unzeitig, dass Mine mehr als zu deutlich sehen konnte, was diese Wiederholung sagen wollte. Nach einer Weile fing er an: Du kannst nicht glauben, mein Kind, wie du dich durch deine Tugend dem Herrn v. E. empfohlen hast; er hat zum ersten- und zum zweitenmal ein Geschenk fur dich in der Hand gehabt; allein du hast ihm so viel Achtung eingeflosst, dass er es nicht wagen durfen
Ein Geschenk, warum das?
Beim Geschenk, liebes Kind, fragt niemand warum?
Mine konnt' und wollte nicht ihren Vater an seine Schwure erinnern. Sie zitterte.
Wenn sich zu seiner Zeit ein Candidat fande, der dich heirathen wollte, fuhr Hermann fort, er sollte gewiss nicht lange auf ein Pastorat warten durfen. Hat der Herr v. E. Pastorate zu vergeben? fragte Mine bitter. Das nicht, allein die Connexion der Edelleute unter einander
Wieder nach einer Weile: Magdalene wird meine Frau! Das war nicht der erste Blitz, der Minen durchs Herz ging. Meine Frank! wiederholte Hermann; ob du aber ihre Tochter werden willst, hangt von dir ab die alte gnadige Frau will dich du sollst nichts mit der jungen Herrschaft zu thun haben. Herr v. E. heirathet, das weisst du doch?
Ja, sagte Mine, ich weiss
Wieder nach einer Weile: Er will, wenn du's verlangst, noch herkommen und sich wegen seines Antrages bei dir entschuldigen, den er dir sehr unzeitig gethan. Seiner Mutter kam dieser Antrag zu.
Ich sollte denken, sagte Mine
Und dann wieder nach einer Weile: Er sieht seinen Fehler ein.
Mit oder ohne Glas? erwiederte Mine so bitter, so todesbitter, dass das weise Hofmannchen ganz aus dem Concept kam.
Mine war in einer schrecklichen Situation. Sie sagt', ihr Plan ware, ihre kunftige Stiefmutter zu ehren, nie ginge sie in den Hof. Mein Leben, setzte sie sehr lebhaft hinzu, und meine Ehre ist eins!
"So?" sagte Hermann. Ja, Vater, sagte Mine.
"Und weisst du auch ". Er wollte zu drohen anfangen; allein eben zu rechter Zeit fiel ihm seine Maske ein, er b e g n u g t e sich daher grossmuthigst, Minen den Bettelstab, Elend und Verachtung zu prophezeien.
Arme Mine, edles, ungluckliches Madchen! ich empfinde, was du empfandest und durft' ich doch nicht erzahlen, was Mine sehr naturlich noch weit unglucklicher, noch bedauernswurdiger machen musste.
Diess verfolgte, ungluckselige Madchen entschloss sich, in den Armen meiner Mutter eine Freistatt zu suchen. Sie war aufs Aeusserste gebracht. Sie schrieb an sie. Den Brief hat Mine mir nie gezeigt. Es ist deine Mutter! schrieb die Holdselige und machte einen
Ehe sie aber diesen Brief abschicken konnte, stehe da! ein Brief von meiner Mutter an Mine. Die Wirkung des Uriasbriefes und seiner Beilage. Dieser Brief fing sich an:
"Es will verlauten, dass Sie meinen Sohn verfuhrt hatten und noch verfuhren " und schon dieser Anfang lehrt, dass meine Mutter dem Uriasbriefe seine Schliche abgemerkt und den Verfasser fur das, was er war einen Schwarzkunstler, gehalten. Sie glaubte sein Hokuspokus vom lebendigen Andenken nicht, allein anstatt dass sie der verfolgten Mine, ihrer so wohlgerathenen Schwiegertochter, die Hand geben und sie in Schutz nehmen sollen, was that sie? Sie verschwieg diesen ganzen Vorgang meinem Vater, und wenn ich ihren Brief ganz meinen Lesern mittheilen sollte, wurd' ich der Achtung zu nahe treten, die ich meiner Mutter schuldig bin. Sie liess Mine aus besonderer Milde Vorzuge, nur den konnte sie ihr nicht zugestehen, die Frau eines Pastors und die Schwiegertochter einer so ahnenreichen Pastorin zu werden. Es ware nicht das erstemal, schreibt sie, dass ein Cavalier ein armes Madchen geheirathet hatte; sie wunschte, dass aus Scherz Ernst und Mine die Frau v. E. wurde; denn unverhofft, setzte sie hinzu, kommt oft.
Ein paar Stellen muss ich ungekurzt geben:
"Es ware Stank fur Dank, wenn Sie die Nachbarsrechte so gewissenlos aus den Augen setzen und meine grauen Haare so mit Schimpf und Schande hinab ins Grab bringen wollten. Ich habe e t w a s in originali gelesen, auf dessen Rechnung eine grau gewordene Stelle meines Hauptes gehort. Ich weiss die Minute, da sie grau ward. Gott verzeih' dem Urheber d i e s e s E t w a s in originali die graue Stelle auf meinem Haupte. L a s s e t a l l e s e h r l i c h u n d o r d e n t l i c h z u g e h e n , das, dacht' ich, hiesse wohl ziemlich klar und deutlich, die Tochter eines noch zu bezweifelnden Literati konne meine Schnur nicht werden. Ich habe schwarz auf weiss und verbitt' alle Sprunge durch einen Reif, alle Kunststucke der Entschuldigung, und kurz und gut, alles und jedes zur Antwort, die ich so warm, als ich sie erhalte, zurucksenden werde. Ihren Zuspruch muss ich noch aus einer andern Ursache mehr verbitten; auch selbst wenn Sie an der Hand meines Sohnes kamen, wurd' ich fur beide uber Feld gegangen und nicht zu Hause seyn. So was kann nicht g e s c h l i c h t e t , sondern muss g e r i c h t e t werden. Ungern hab' ich an Sie geschrieben; allein um nicht Oel zum Feuer zu giessen und das allgemeine Gerede noch gemeiner zu machen, das ohnehin schon in fliegende Blatter ausartet, wie eine Raupe in einen Schmetterling bloss darum dieser Brief, der erste und der letzte.
Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,
Vertrau' des Himmels reichem Segen,
Und er wird jeden Morgen neu!
Denn wer nur seine Zuversicht
Auf ihn setzt, den verlasst er nicht."
Da war nun Mine von aller Welt verlassen, diese Gerechte! Das S c h w a r z und W e i ss und das a l l g e m e i n e G e r e d e , und das E t w a s in originali, auf dessen Rechnung eine grau gewordene Stelle gehorte, die Gott dem Urheber verzeihen sollte, waren Mine unbegreifliche Dinge, allein die Hauptsache war desto begreiflicher. Mine that ihren Mund nicht auf. Zu meinem Vater sich zu wenden hatte sie kein Herz. Es fiel ihr der Ueberfall im Waldchen ein. Dieser hatte bei Mine etwas zuruckgelassen, was sie hielt. Sie wollte schon, allein sie konnt' es nicht vollenden. O liebe, liebe Mine, warum nicht?
Als ich einem meiner Freunde aus freier Faust meinen Lebenslauf erzahlte und an diese Stelle kam, bei der ich ihn fragte: Haben Sie das von meiner Mutter gedacht? antwortete er: Ja, Freund, denn sie konnte buchstabiren, sie setzte ihren Casum und war fromm.
Ob mein Freund recht gerichtet, mogen meine Leser nicht hier, sondern uber ein Kleines beurtheilen.
Herr v. E. kam jeden Sonntag in unsere Kirche. Mine sah ihn nicht an; allein er sah sie, und wie er sah, das wissen wir schon. Er verlobte sich wirklich mit dem Testamentsfraulein; den Sonntag darauf war er in unserer Kirche mit ihr und trieb die Sache so weit mit Mine, dass alle das Kirchengestuhl, wo Herr v. E. sass, und Mine in einer Reihe ansahen, so dass mein Vater selbst ein paarmal ein Wort zweimal sagen und ein anderes lang ziehen musste, um sich auf das folgende zu besinnen, so sehr ward er gestort! Mine horte, indem sie aus der Kirche ging: "Der Braut im Gestuhl druckt er' die Hand und von Jungfer Minchen liess er kein Auge. Was ist besser, Hand oder Auge?"
Hermann ward in dieser Verlobungszeit mit keiner Ladung beehrt, allein dass er mit dem Herrn v. E. in Verbindung war, ergab sich unter anderm daraus, weil sie haufig Briefe wechselten, weil Verschiedenes in die Kuche kam, wovon aber Mine keinen Bissen ass, und weil Hermann so gefallig gegen Mine that, dass sie sich vollstandig uberzeugte: es ging etwas vor.
Sie hatte schon oft an ihren Bruder in diesen Herzensnothen geschrieben; jetzt schrieb sie dringender und Benjamin kam. Seine Ankunft konnte bei Hermann um so weniger Verdacht erwecken, da er selbst verlangt hatte, dass sein Sohn zur Schicht und Theilung kommen sollte. Es ist unaussprechlich, wie sich Mine freute, ihres Geliebten Bevollmachtigten, ihrer Liebe Zeugen, ihren Benjamin zu sehen. Sie konnte sich nicht zuruckhalten, diese Freude vor den Augen des Vates aufflammen zu lassen schon, wie ein Opferfeuer!
Mine entdeckte ihrem Bruder mehr, als sie zu schreiben im Stande gewesen, und Benjamin kannte sie kaum wieder, so sehr hatte sie sich verandert. Arme, arme Mine! rief er und sah sich um, ob es auch Hermann gehort hatte. Die ungewohnlich starke Correspondenz ihres Vaters mit dem v. E. fiel beiden zu deutlich auf. Zwar gingen alle Briefe:
An die
Hochedelgeborne ehr- und tugendbelobte Jungfer
Magdalene
dienstfreundlichst
in
indessen schien sie nur uberhaupt das Feigenblatt zu seyn. Bald, schreibt Mine, hatt' ich Hoffnung, es wurd' ein End' gewinnen, dass ichs konnt' ertragen, bald verlor ich den letzten warmen Tropfen Muth und ich zitterte uber Leib und Leben. So ging es auch dem Benjamin. Ohne dass dieser seiner Schwester etwas davon sagte (wer weiss, ob sie's zugegeben hatte?), entschloss er sich, da Hermann einen guten Nachbar besuchte (noch ward er nicht zum Herrn v. E. beschieden) das Pult zu offnen und eine Hand voll Briefe zu nehmen. Er rief seine Schwester, "L i e s !" sagt' er. Sie konnte nicht weit kommen; es uberfiel sie eine Ohnmacht nach wenigen Reihen. Antwort ganz.
B r i e f d e s v. E. a n H e r m a n n .
Herr, Sie sollen nicht Denen haben und wenn ich Denen selbst heirathen sollte! ich selbst! Hort der Herr? wenn ich sie selbst sollte! Ihr krummer Buckel und Ihr Handedruck macht es nicht. Fur was ist das? Ich bin Sohn und will das vaterliche Testament aufrecht erhalten. Das will ich! ich will das! Der Herr schreibt nicht hin, nicht her! nicht gehauen, nicht gestochen. Ich muss wissen, woran ich bin, denn ich liebe Ihre bildschone Tochter zum Entsetzen. Unter uns gesagt, ich denk' auch nicht, dass Sie ihr Vater sind. Minchens Mutter wird sonder Zweifel so bildschon gewesen seyn, wie die Tochter noch ist, und dessen Gebeine mogen sanft ruhen, der den Weg mit der Mutter ging, den ich, wenn ich lebe und gesund bleibe, mit der Tochter gehen will. Das Madchen hat Verstand wie ein Engel, oder besser wie ein Teufel. Gegen mich ist sie ein Teufel. Damit Sie, lieber Hermann, sich alles zuruckerinnern, worauf es bei der Sache ankommt, so bitt' ich, ja nicht zu vergessen und zu versaumen, Minchen alle zwolf Stunden, und wenn es auch ofter ware, zu sagen, dass ich heirathe, und zwar aus lichterloher Liebe. Sie wissen es anders, lieber Freund, allein Mine braucht es nicht anders zu ein zehnfaches Muss, das eilfte sag' ich keinem, als Ihnen, meinem vertrautesten Freunde! Ich habe Reiseschulden, und in kurzem werden ein halbes Dutzend a Datos eintreffen. Sehen Sie nur, lieber Hermann, um Sie recht von meiner ehrlichen und redlichen Absicht zu uberzeugen, ich will das Testamentsfraulein und Minchen zu gleicher Zeit, mit einer Klatsche zwei Fliegen. Sagen Sie selbst, wie mir bei der Trauung zu Muthe seyn musste, wenn ich nicht auf den Trost Ihres Engels rechnen konnte. Ihr gutes Herz wird mich nicht verwahrlosen. Alle Welt hat Holz zu diesem Brande gelegt, und nun verbrenn' ich in dieser Flamme. Ich weiss alle Fehler bei dieser Sache, denn sonst ware Mine schon mein ihrer stoischen Tugend ungeachtet, die eben so wenig wie heut zu Tage irgend eine Festung Stich halt. Wir leben in uberwindlichen Zeiten. Ich knirsche mit den Zahnen vor Liebe und vor Wuth, dass ich so schlecht gespielt habe. Wenn meine Mutter Minen den Antrag gethan, hatt' ich gewonnen Spiel gehabt; allein alsdann konnten Sie, Freund, Ihre Kunst nicht zeigen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Kurz, Herr, so wahr ein Teufel in der Holle und ich ein Cavalier in Curland bin, das ist viel gesagt, Dene ist nicht die Ihrige, wenn Minchen nicht die meinige ist! Eine Hand wascht die andere. Wird aber M i n e D e n e Sie verstehen doch deutsch? so sollen Sie von meiner Mutter, namlich von ihrem Wittwengehalt, von Testaments wegen, so lange Dene lebt, und wenn Dene eher als Sie stirbt, noch so lange Sie leben, achtzig Thaler Albertus haben. Gelt, das schmeckt? Ausserdem geb' ich Ihnen ein- fur allemal noch zweihundert Thaler Albertus, sobald Minchen sich zum Ziele legt. Die Kinder sollen als deutsche Leute erzogen werden, wie mein seliger Vater Denens Kinder erzogen hat. Um die Sache Ihnen ganz auf ein Haar deutlich zu machen: ich verlange Minen nur her, und Sie haben die Wette zum grossten Theil gewonnen. Es musste mit dem feuerspeienden Drachen zugehen, wenn ich nicht Minchen bewegen sollte. Nur her, Herr Magister, und das ubrige wird sich finden, wie eine auswendig gelernte Predigt. Wenn Minchen sich weigert, wie sich ein Ast weigert, wenn man Kirschen pflucken will: einhundert funfzig Thaler Albertus; wenn sie nichts horen und wissen will und doch herkommt: hundert Thaler Albertus und bald vergessen. Muss man doch dem Herrn alles zu Hacksel schneiden! Die Kruste kann der Herr Brautigam nicht vertragen, darum Krume, wo nicht gar Pappe. Genug, wenn Sie sich alle Muhe, es versteht sich alle erdenkliche, geben, Mine zu bequemen, und man dennoch Nein schreit und weint und klagt, ist noch ein Mittel. Ich denke doch, Sie wissen, was ein Cavalier in Curland vermag, und dass er, wie Konige, lange Hande hat? Drei verschwiegene Kerls zu Hand- und Spanndiensten sind auf einen Wink hier, und dort und da. Das Beste ware, Sie brachten Minchen her. Schlagen Sie vor, was Sie fur gut finden, sparen Sie keinen Fleiss. Auch auf den Fall der drei handfesten Kerls funfzig Thaler Albertus, und in allen Fallen, wo nur Mine ist, auch Dene. Sonst aber, hol' mich der Teufel, nicht ewig nicht! Der Herr soll wieder seine Klippschule halten und seine Knackwurst essen und Kofent dazu trinken. So was von Minchen trifft man nicht so leicht. Ich bin nicht etwa in sie verliebt, ich bin in sie verruckt, und das kommt wohl zum grossten Theil, weil ich eben Brautigam bin und den Verliebten spielen soll (eine verdammte Rolle!) bei einer Braut, die mir so unertraglich ist, und die mir noch unertraglicher ware, wenn ich nicht eine Mine hatte, bei der ich mich erholen konnte. Mine gehort alles, was ich der Testamentsbraut sage, und wahrlich, ich wurd' ihr nichts sagen konnen, ich wurde vergessen, was verliebt seyn und verliebt thun hiesse, wenn ich Mine nicht zur Uebung hatte. Wer Minens Tugend? Ist so etwas Tugend, so ist wenig auf der Welt hol' mich der Teufel wenig! Ich schwore nur fur Eva, weil niemand als Adam da war. In Paris und an andern Orten essen die Schafchen aus der Hand. Nur ganz zuletzt in Konigsberg hab' ich Ihnen ein Madchen Mundlich mehr! Einen so langen Brief hab' ich, seitdem ich schreiben kann, nicht geschrieben. Ware Minchen nicht der Inhalt, so musste mich der Teufel plagen, so viel zu schreiben. Das Testamentsfraulein soll, bei meiner Seele! keinen uber sechs Reihen besitzen. Haben Sie nicht was Gutes von Liebesbriefsteller, damit ich daraus ein paar Briefe fur die S. abschreiben kann? Ich hab' aus vielen Grunden, und auch darum an sie geschrieben, weil ich dich kenne, du verzagter, argwohnischer Hund! Nun hast du doch was Schriftliches in der Hand und kannst mich vor allen Gerichten knebeln. Neu ist's bei alledem, dass meine Testamentsbraut die Courtage fur Minchen bezahlt. Glaubt mir, Hermann, ich mein' es ehrlich mit Mine. Man wird von Tag zu Tag alter und muss solid denken. Wenn der Pastor uns, S. und mich, traut, lass Mine dabei stehen. Dem Testamentsfraulein geb' ich zwar die Hand, denn das bringt die Ceremonie so mit, aber Mine will ich ein ganzes Auge voll Ja's schenken, und hol' mich der Teufel, ich will sie selbst ansehen, wenn ich Ja zur S. sage, und diess Ja soll so leise seyn, dass es der liebe Gott selbst kaum horen soll. Mehr, glaub' ich, kann Minchen nicht zur Gewissensberuhigung fordern, wenn sie Superintendentin ware, und mehr kann sie nicht fordern, wenn sie zehn Jahre Jura studirt hatte. Dieser Brief muss zerrissen werden, sobald er gelesen ist, oder ich stecke dem Herrn Hermann das Haus an. Hat Magdalene nicht ofter Wochen gehalten als meine Mutter? Und einen Mund voll Zahne abgerechnet, was fehlt ihr zur Ehre, die Frau eines Literatus zu werden? Reinen Wein, ober ich heisse nicht
v. E.
Wenn meine Leser die saubere Antwort auf diesen curisch-franzosischen Brief lesen wollen, hier ist sie:
Hochwohlgeborner Herr und Gonner!
Gnadiger Herr Baron und Gonner!
Ew. Hochwohlgeboren werden gnadigst zu verzeihen geruhen, dass ich gleich anfanglich in aller Ehrfurcht bemerke, wie ich mich wohl zu bescheiden weiss, an Briefe von gnadigen Handen nicht gewaltthatige Hand zu legen; indessen ist dieser hohe Brief fur Minen wie verbrannt, und noch arger wie verbrannt, da sie nicht einmal die ubrig gebliebene Asche sehen soll. Es wird Ew. Hochwohlgeboren par renommee bekannt seyn, dass es mir nicht an Witz und Fahigkeit gebricht; indessen steht mir jetzo alles still, und ich muss aufrichtigst bekennen, dass ich bei dieser Sache keinen Einfall anzubeissen weiss, wenn's mir das Leben kosten sollte. Die Ochsen stehen, mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubniss, am Berge. Der Auftrag, womit Ew. Hochwohlgeboren mich zu beehdass ich beschamt bekennen muss, nie auf so viel Gnade gerechnet zu haben. Minen (verzeihen Ew. Hochwohlgeboren, dass ich mit dem Namen meiner Tochter den Punkt anhebe; es geschieht bloss in Aussicht der Ehre, die ihr vorsteht) hab' ich alles gesagt, was ein redlich gesinnter Vater seiner ins Verderben laufenden Tochter nur bei dieser Gelegenheit sagen kann. Sie bleibt indessen bei dem, was Ew. Hochwohlgeboren schon wissen. Ich habe leise und laut geredet, sauer und suss, Boses und Gutes gezeigt, Finsterniss und Licht; was hat's geholfen? Was die Tugend ohne Brod ist, weiss ich leider aus eigner Erfahrung, und da Ew. Hochwohlgeboren entschlossen sind sich zu verheirathen, so fallt ja alle Gelegenheit zum Verdacht weg, welches in Absicht eines Madchens, nach meiner wiewohl unmassgeblichen Meinung, die ganze Madchentugend ist. Meidet den Schein, kommt mir als die ganze M a d c h e n o r d n u n g d e s H e i l s vor. Es ist nichts versaumt, sie ist gebeten, sie ist bedroht, sie ist gesegnet, ihr ist geflucht; allein sie bleibt bei ihrem Eigensinn. Ich sag' es ohne Ende und Ziel: Herr v. E. sind Brautigam, und da ich es ihr schon so oft gesagt habe, thu' ich, als sagte ich's zu mir selbst: "Der Herr von E. Brautigam! wie's ihm doch lassen wird?" u.s.w. Es war' als mein Rath, uber drei Wochen, so lange geruhen Ew. Hochwohlgeboren sich gnadigst zu behelfen, zu uns zu kommen und noch Hochselbst einen Besuch zu kunsteln. Wie wurd' ich mich freuen, wenn er einschluge! Sollt' auch dieser Vorschlag vergebens seyn, so muss ich schon auf die drei verschwiegenen Kerls votiren, und werd' ich alsdann mundlich Zeit und Ort zu bestimmen die Gnade haben; indessen bitt' ich, ihr diese Widerspenstigkeit nicht nachzutragen, sondern ihr sogleich zur bewussten Brodstelle zu verhelfen, und mit der Zeit sie ihrem Seelenhirten als Pastorin zu uberliefern. Ew. Hochwohlgeboren konnen sich ganz sicher darauf verlassen, dass ich nicht zum erstenmal bei einer solchen Gelegenheit, wo drei verschwiegene Kerls dabei sind, in Dienst gewesen; nur bei einer Tochter, ich muss es zu meiner Schande bekennen, durft' es mir schwer werden, falsch zu weinen und die Hande zu reiben. Vielleicht kann ich indessen so glucklich seyn und mir die einhundert funfzig Thaler Albertus verdienen, daher wiederhol' ich ganz unterthanigst meine Bitte, mir und ihr annoch drei Wochen huldreichst nachzusehen. Fur die Nachricht von Magdalenens glucklichen Niederkunften bin Ew. Hochwohlgeboren ich ganz dienstlich verbunden; indessen wunscht' ich doch ungefahr zu wissen, wie oft sie Dero seliger Herr Vater begnadigt, um sie desto hoher schatzen zu konnen. Wiewohl ich ohne Stolz glaube, dass es ihr nicht gleichgultig seyn konne, dass sie einem Literatus zu Theil werde. Ew. Hochwohlgeboren Bedienter hat sich sehr schon bei diesem Briefe benommen. Er verdient das Geschenk, wozu Ew. Hochwohlgeboren ihm bedingliche Hoffnung gegeben. Meine Tochter ist auf keinen Schatten von Verdacht gefallen, und da ich, wie ihr bekannt ist, mit der Jungfer Dene in einem Liebesverstandniss stehe, so kann es sie nicht befremden, dass ich in dieser kritischen Zeit mehr schreibe, als ich sonst zu schreiben gewohnt gewesen. Wenn Mine an Ort und Stelle und (was ich unter Ort und Stelle einbegreife) zu sich selbst zuruckgekommen seyn wird, so wird sie's einsehen, wie redlich gut es Ew. Hochwohlgeboren mit ihr gemeint. Ich weiss nicht, was sie bei der heftigsten Gewissenskolik (anders kann ich die Stiche nicht nennen, welche die Madchen uber dergleichen Dinge zuweilen, wenn ein Ungewitter aufsteigt, befallen) mehr beruhigen konnte, als wenn sie erwagt, dass sie die Ehre gehabt, in gewisser Art selbst mit Ew. Hochwohlgeboren getraut zu werden. Das Auge ist doch wohl mehr an Menschen, als die Hand? obgleich mir noch wohl bekannt ist, dass. Ew. Hochwohlgeboren eine weisse Hand nicht verachten, wie es denn auch wohl zu seiner Zeit ein Leckerbissen seyn kann. Uebrigens rechnet Ew. Hochwohlgeboren ganz unterthaniger Diener es sich zur vorzuglichsten Ehre, dass Ew. Hochwohlgeboren ihn mit einem so langen Briefe zu beehren geruht. Von Liebesbriefen im neuen Geschmack ist mir wohl ausser dem bewahrten Talander nichts bekannt; indessen wenn es Ew. Hochwohlgeboren gar zu viel Muhe machen sollte, so steh' ich sehr zu Befehl, und leg' auch zu diesem Ende ein Probchen nach eigener Weise bei. Wenn Ew. Hochwohlgeboren so viel Zutrauen zu mir hatten, die Uebergabe der Jungfer Dene an mich gnadigst zu bewilligen, ehe Minchen ubergeben wird, und ohne dass es eben Zug um Zug ginge, so konnten Sie ja D e n e n noch obenein den Eid abnehmen, dass Mine Ihnen allenfalls gegen einen Solawechsel, Contrakt, Revers, oder wie es in den Rechten am besten und schnellsten gilt, abgeliefert werde. Dene wurde hiebei mehr als vier Kerls verschlagen; indessen ist dieses nur ein unvorgreiflicher Vorschlag, uber den ich nicht entrustet zu werden ganz unterthanigst bitte.
Ich ersterbe, nachdem ich die Hand des Gebers mit den aufrichtigsten Wunschen, dass es ihm reichlich wiedervergolten werde, gekusst, mit der tiefsten Ehrfurcht
Ew. Hochwohlgeboren,
meines gnadigen Herrn Barons und hohen Gonners,
ganz unterthanigster Knecht und Diener
Wortlich abgeschrieben von abgeschickt den
Es fanden sich auch ein paar kurze Briefe, worin Montags der Termin zur Suhne angesetzt war. Hermann wollt' alsdann mitfahren und wiederkommen, und dann sollte der Ueberfall verabredet und Mine mit Gewalt fortgeschleppt werden. Der alte Herr wunschte nichts sehnlicher, als dass er die hundert funfzig Thaler Albertus verdienen mochte. Bei diesen vaterlichen Wunschen blieb es, bis auf den letzten Brief. Hier schreibt er: Ich thue jetzt auf alles Geld Verzicht, wenn Ew. Hochwohlgeboren Minen gutwillig bereden konnen. Ich habe sie ehegestern durchs Schlusselloch beten gesehen und gehort. O! gnadiger Herr, ich wurd' ein unglucklicher Mensch zeitlebens seyn, wenn diese Entfuhrung ubel fur Minen ablaufen sollte. Um alles wunscht' ich, dass Mine nicht so kraftig, so machtig, als ich sie durchs Schlusselloch sah und horte, wider mich beten mochte. Da muss Donner und Blitz wuthen, wowider sie betet. O, gnadigster Herr, Sie werden sie wohl gutwillig an Ort und Stelle bringen!
Dass der Herr v. E. des Hermanns Vorschlag verworfen, ihm Denen zuvor zu geben, und sie auf die Entehrung Minchens in Eidespflicht zu nehmen, darf ich kaum bemerken. Herr v. E. musste nicht in in und gewesen seyn, wenn er einem Eide hatte trauen sollen und du, Bosewicht, kannst du so was auf einen Eid aussetzen? Kannst du deine Tochter durchs Schlusselloch behorchen, wenn sie mit Gott allein ist, wenn sie betet? Gerechter Gott!
Nach diesem allen, was konnte fur ein anderer Ent
schluss gefasst werden, als zu fliehen? Ohne Geld, ohne Beistand? Schrecklich! Was hilft's aber dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewonne und nehme Schaden an seiner Seele, oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele lose? Mine war entschlossen und Benjamin war Alexander. Mine, diess war das Resultat, sollte zu Fuss nach gehen. Da wurde Benjamin Wagen und Pferde besorgen, und sie kam' alsdann zu ihm, nicht z u s e i n e m M e i s t e r , sondern und von da nach Mitau, zu einem Anverwandten ihrer seligen, seligen Mutter. Um alles desto geheimer zu machen, sollte Mine allein bis . Bon wollte Benjamin sie bis Mitau begleiten von Mitau Mine wieder allein mit einem Fuhrmann nach Konigsberg, nicht zu mir Ach, Mine! Mine! warum nicht zu mir? sondern nach L. wieder zu einem Verwandten ihrer seligen Mutter. Von da aus einen Brief zu seiner Zeit an mich, dass ich kame und sie im Schooss ihrer Freunde sprache. Dieser Plan ward bebetet und besungen. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke. Arme Mine! ich hatte wissen sollen! Arme
Und wann? fragte Mine. Dienstags, Schwester;
Sonntags kannst du noch Gott in seinem Hause anflehen, dass er mit uns sey, und vor uns her eine Wolkenund Feuersaule ziehen lasse. Gott! sagte Mine und rang ihre Hande, aus denen ein kalter Angstschweiss drang Gott, du weisst! Leite mich! fuhre mich! verlass mich nicht! Ich gehe deinen Weg, den Weg der Tugend! ich hoff' auf dich! Vater und Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich an. Hier bin ich, mach' es mit mir, wie's dir wohl gefallt. Lass meine Seele, wenn sie schwach wird, empfinden, was geschrieben steht: Furchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich starke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! Amen.
Hermann war in Gedanken weggegangen und kam in Gedanken zuruck. In Wahrheit, er hatte Ursache zu denken!
Mine war nachgebend gegen ihren Vater, ohne eine Luge, auch nur mit dem Auge, zu begehen; diess brachte ihn zu Ruhepunkten zu Hoffnungen, hundert und funfzig Thaler Albertus in der Lotterie zu gewinnen.
Benjamin drang auf die Berechnung, weil er nicht Zeit hatte, sich langer aufzuhalten. Es war diess Donnerstags Abends. Morgen, sagte Hermann. Sie berechneten sich Freitags, und diese Berechnung wahrte keine Stunde. Sein Erbtheil war auf den Fingern abzuzahlen: es war nicht viel. Da Benjamin sehr bat, weil er der G e w e r k s l a d e Geld zu zahlen hatte, ihm den wenigen Muttertheil baar auszuzahlen, so zeigt' ihm Hermann die Unmoglichkeit. Ich will, wenn du es durchaus und durchall nothig hast, an den Herrn v. E. schreiben, mir dieses Anlehen auf Abschlag Denens zu geben. M i n e stiess ihren Bruder an, der es sogleich ausschlug. Mit solchem Gelde, sagten sie, da sie wieder allein waren, wurden wir nicht w e i t k o m m e n . Benjamin hatte vor, dieses Geld seiner Schwester mitzugeben. Jetzt musste der letzte Weg eingeschlagen und Minens Kleider und viel von ihren Sachen, welche ohne Aufsehen weggenommen werden konnten, verkauft werden. Benjamin besorgte diess mit einer unbeschreiblichen Behutsamkeit. Er brachte zehn Thaler Albertus zusammen. Mine bat ihren Bruder herzlich zu bleiben und ihr noch Montags beim Termin zur Suhne beizustehen; allein er konnte nicht sondern befahl sie dem Schutze Gottes Dein Mann, sagte er, ist Gottes Liebling, und du bist es auch; ihr seyd beide fromm! Wie kann euch Gott verlassen? Euch, seine Kinder! Sie weinten, da sie schieden. Zum letztenmal im vaterlichen Hause, lieber Benjamin wo ich die erste Thrane weinte, wo sie konnte vor Thranen nicht mehr. Auch Benjamin weinte. O Schwester, fing er an, du warst von jeher weit weit besser als ich! Alexander und du haben mich zum Menschen gemacht. Du warst nie bose, Benjamin, sagte Mine, jetzt bist du gut! gut! Und dann wieder: Du warst nie bose! O Gott! fing Benjamin an, wenn ich denke, wie du dich nicht bloss des Viehes, sondern der Pflanze, der Blumen auf dem Felde erbarmtest; wenn ich denke, wie du dich nicht satt sehen konntest an dem grunen Grase und an den gelben Blumchen; wenn ich denke, wie du mich batest, die Rinnen zu offnen, wenn sie verstopft waren, damit das arme Wasser, wie du sagtest, nicht aufgehalten wurde; wenn ich bedenke, dass ich dir oft dergleichen Bitten abschlug und dir den Rucken kehrte, wenn du mir so was Uebermenschliches, so was Himmlischgutiges batest; wenn ich denke Lass diess, fiel ihm Mine ein; du warst nie bose, denke vielmehr, wo wir oft unschuldig sassen und Salat fur unsere fromme selige Mutter lasen, und wo wir mit Alexandern herzlich froh waren, mit Alexandern! Denk, wo wir rothe und weisse Johannisbeeren pfluckten, und ich euch den Saft mit Zucker zubereitete und wir uns einander sagten, wenn es uns herzlich schmeckte: zweierlei Wein, rother und weisser! Denk an meine Liebe zu Alexandern, und an seine zu mir! Du bleibst hier, Bruder. Lass mich jetzt Uebergabe halten, ich will alles in deine Hande geben.
Komm, da liegt unsere Mutter begraben! Ost habe ich hier gebetet, oft Gott gedankt; denn hier hat er mich manche seelenfrohe Stunde leben lassen! Sie knieten beide aufs Grab und weinten bitterlich.
Ich nehme Abschied von dir, o du mir liebes Grab! Sie bog ihr Haupt auf selbiges, als ob sie's kusste. O mochte ich wie die Selige ruhen, die du bedeckest, liebe sanfte Erde! O mochte ich sie konnten beide nicht mehr.
Bruder, ich beschwore dich bei der heiligen Asche unserer Mutter, die auferstehen wird am jungsten Tage, dass du diess Grab ehrest. Pflege es, warte sein. Gott erhore dich, wenn du hier betest. Gehe oft hin, und wenn der Vater Hochzeit halt, vergiss nicht, auf diesem Grabe zu weinen. Wenn dich Gott aus Curland ruft, es ist moglich gib diess Grab in die Hande deines Vertrautesten, beschwore ihn, wie ich dich beschworen habe, dass er sein pflege und warte. O liebe, liebe Mutter! bald, bald werde ich dich wiedersehen! Ja, Benjamin, bald werde ich sie sehen und sie von dir herzlich grussen. Du bist ihr gut, unserer Mutter. Hier wieder eine Thranenscene.
Lebe wohl, liebes Grab, lebe wohl bis an den lieben jungsten Tag!
Ich ubergebe dir diesen heiligen Ort, wo ich mit Alexandern getraut bin, mit deinem Freunde! Gott gab uns zusammen, Menschen wollen uns scheiden; allein sie sollen es nicht! sie sollen es nicht! Was meinst du, Benjamin? Benjamin schluchzte: "Sie sollen nicht!"
Hier ist der Ort, wo er mich zum erstenmal kusste! Sieh, wie die Natur ihn geschmuckt hat. Es sind mir heilige Oerter gewesen. Du weisst, wie mich Alexander liebte. Ich weiss, sagte Benjamin. So, so lag ich in seinem Arm, wenn er mich kusste. O seine Kusse! Wahrheit und Leben waren in ihnen! Ich sein, er mein! Wenn ich was Liebliches gegessen oder getrunken hatte, wovon der Nachgeschmack noch auf meinen Lippen war, fand er meinen Kuss nicht halb so. O der liebe, lieb Junge! Ich will dich, so naturlich, wie du bist, sagte er, und ich wollte ihn auch so naturlich, wie er war. Wir liebten beide die Natur, und wahrlich, die Natur liebte uns wieder. Sie hat viel an uns gethan! Der Bach spricht nicht, Benjamin, allein wenn wir zusammen gingen, horten und verstanden wir ihn aufs genaueste. Die ganze liebe, gutige Natur sprach mit uns, und alles so zuthatig, so freundlich O Benjamin, alle diese heiligen Orte befehle ich dir!
Hier, Benjamin, falte deine Hande, denn die Statte ist heilig! Hier sah Alexander mein Gesicht, er sah mich im Mondenglanz, wie er mich nach der Auferstehung sehen wird in alle Ewigkeit. Dort sah ich ein Gesicht, ich sah Alexandern im Sonnenglanz ich sah uns beide im Himmel, ihn in Sonne, mich in Mond gekleidet und meine Mutter zog mir das Sterbehemde ab und kleidete mich ein zur ewigen Seligkeit. Diese Statte, Bruder, ist heilig und jene Statte ist heilig! Amen. Sie ist heilig, sie ist Gottes Haus, die Pforte des Himmels! Amen.
Die Orte, wo wir in unserer Jugend froh waren, da wir noch keinen v. E. und keine Dene kannten, lass sie dir empfohlen seyn, vergiss sie nicht! Wir haben hier den besten Theil gelebt, glaube mir, den besten Theil! Komm! Paulus war der jungste unter den Aposteln, und doch ein auserwahltes Rustzeug. Sieh hier meinen Paulus! diess ist der letzte Ort, den ich in deine Hande befehle, ich bin zuletzt mit ihm vertraut worden, der (unser Bekannter) pflanzte diese Laube, seine Charlotte begoss sie. Hier bejammerte er sie, da ihm seine Augen aufgingen, hieher wallfahrtete er taglich; du weisst seinen Lebenslauf seinen stummen, seinen bohrenden Gram. Gott hat seines Leidens ein Ende gemacht. Diese Laube, Bruder, sey der Ort, wo du deine Schwester beweinen kannst. O, hier sind schon viele, viele Thranen vergossen worden! Gott lass es dir wohlgehen, lieber Benjamin, wenn du heirathest. Lehre hier in dieser Laube deinem Weib ihre Schwester kennen und sage ihr, dass sie unglucklich war. Lehre deine Kinder hier w e i n e n . Es ist eine schwere Sache, Gott gefallig zu weinen. Schreibe dir, Benjamin, alle diese Orte tief ins Herz, und Gott setz mit dir mit meinem Alexander und mir!
So schieden Benjamin und Mine aus dem vaterlichen Hause. Er reiste Freitags gegen die Nacht.
Wortlich von Minen:
"Sonnabends den "
"Wie geruhrt, lieber Mann meiner Seele, wie geruhrt ich gestern war, weisst du besser, als ich es dir heute sagen konnte. O Gott, wie sehr anders bin ich heute! Felsenhart ist mein Herz, gallenbitter meine Zunge! Weisst du, von wann an? Vom Abschied an, den mein Vater von Benjamin nahm. Nach einer so warm empfundenen Sonne, ein kaltes: G l u c k l i c h e R e i s e ! an Benjamin, und dann hinterher: Wenn du den Augenblick Geld zur Gewerkslade nothig hast, will ich dem Herrn v. E. druber schreiben. Da fuhr all das unausstehliche Wesen, das Unwesen, was ich noch diesen Augenblick an mir habe, fuhr in mich."
Liebe Mine, kalt und warm bekommt dem Herzen so wenig, als dem Magen. In den Worten: Gluckliche Reise! sahst du deinen Vater ganz. Alle Briefe des v. E., alle Briefe deines Vaters und nicht bloss die ersten wenigen Reihen, die du gelesen hast bis auf die letzten, letzten Hefen, dachtest du diese Briefe, alle Briefe, den ganzen hollischen Plan, alles, alles dachtest du dir, und dir ekelte vor dieser losen Speise.
Mine befand sich den ganzen Sonnabend in einer schrecklichen Lage. Ihr Vater hatte ihr das sturmlaufende Herz ansehen mussen, wenn er ein Auge fur seine Tochter gehabt hatte. Sie war mehr als unruhig; ein Aufruhr in jeder Aber, das Blut schien alle Aderdamme brechen zu wollen. Doch sie selbst:
"Gott sey gelobt und gebenedeit! ich habe uberwunden! ich bin wieder ruhig und wieder gut! O lieber Mann, man hat mir erzahlt, dass, ehe die letzte Todesangst eintritt, jeder Sterbende entsetzlich unruhig sey; da er nichts weiter kann, soll er das Deckbett reissen unsere Mutter riss es nicht. So, lieber Mann, war ich gestern; ich riss das Deckbett und warf mich grasslich, bald zur Rechten, bald zur Linken. Allein nach dieser Unruhe folgt bei Sterbenden was der Name des Herrn sey gelobt! Bei mir folgte sanfte, sanfte Ergebung. Ich ging noch mit einem aufgewiegelten Herzen, mit siedendem Blut. Alle Adern schienen mir den Dienst aufzusagen und wollten springen so ging ich in die Kirche zum letztenmal, dachte ich! Gewiss ein ruhrender Gedanke; mir war er's nicht. Ich fing an zu beten, ich druckte die Augen dicht zum Gebet zu; allein konnte ich? Die Augen rissen sich los; sie hielten nicht zusammen, und ich musste das Kirchengestuhl ansehen, wo der Verfuhrer mich zur allgemeinen Storung buhlerisch angesehen! Ich musste, ich mochte wollen oder nicht, ich sah diesen Ort, und wenn Teufel drin gewesen waren, er hatte mir nicht furchterlicher seyn konnen! Ich denke. Mein Liebster, ein Unschuldiger, den falsche Zeugen vom Leben zum Tode gebracht, sieht so den Richtplatz, wie ich diesen Ort ich sah deiner Mutter Stuhl. Verzeihe, lieber Mann, zwar sah ich keinen Teufel drin; allein ich dachte doch Arges in meinem Herzen. Das eine fromme Frau! das eine heilige Sangerin! dachte ich da kam deine Mutter. Sie grusste mich, allein so verstohlen, als ob sie diesen Gruss vor der Gemeinde bergen und ja nicht merken lassen wollte. Das konnte wohl freilich meine Hitze nicht niederschlagen! Gottlob, der Bosewicht blieb diesen Sonntag aus. Es verzeih mir der allbarmherzigste Gott mein steinernes Herz, das ich in sein Haus mitnahm, das sich noch mehr versteinerte, verfelsete!"
Schon beim Liede vor der Predigt:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt etc.
fing diess Herz an fleischern zu werden; und die Predigt! o Gott, welch eine Arznei fur mein Herz! Es war recht, als ob dein Vater von meinem Entschluss wusste, als wenn er mich, mich predigte. Bis dahin war jede Nerve gespannt; kein Schlaf hatte die letzten zwei Nachte mein Auge gebrochen, kein Gebet brach es es war starr. Mein Blut schlug Wellen. O lieber Junge, diese Predigt bedrohte den Wind und das Meer, und es ward ganz stille ich sah dich, da ich deinen Vater, den Boten Gottes, sah. Er kam herein, Name des Herrn sey gelobt! O Mein Einziger! ich wunschte nicht, noch solch einen Abend, solch eine Nacht, solch einen Tag und solch eine Nacht, und noch solch einen Morgen zu leben, als vom Freitag Abend bis zur Predigt. Eine Hitze, und keinen Tropfen Wasser in dieser Hitze, wo mir die Zunge an dem Gaumen klebte. Warum bat ich nicht Gott in dieser Durre um Thau und Erquickung? Warum suchte ich nicht durch seine heilige Religion mich abzukuhlen und in die selige Fassung zu setzen, in der ich jetzt bin, wo es, wie im Fruhling, weder zu kalt noch zu warm ist? Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, warum nannte ich ihn nicht, im Geist und in der Wahrheit. Vater, da der leibliche es ganz und gar aufgehort hatte zu seyn? Warum betete ich nicht um Thranen? Warum sang ich nicht mit Inbrunst:
Gott, gib einen milden Regen;
Denn mein Herz ist durr, wie Sand!
Vater, gib vom Himmel Segen.
Tranke du dein durstig Land!
Warum? Ei, konnen! Ich mache mir jetzt Vorwurfe; allein es ist, als horte ich eine Stimme zu meiner Lossprechung. Das Gebet ist auch eine Gabe Gottes, und Thranen sind ein unaussprechliches Geschenk! Habe denn Dank, Allgutiger, dass ich jetzt beten, dass ich jetzt weinen kann! Habe Dank fur diese Gabe, fur diess Geschenk! Es ist das Schrecklichste, mein Lieber, das habe ich erfahren, wenn ein Vater zum Sohn: g l u c k l i c h e R e i s e ! sagt, und wenn er seine Tochter verhandelt! Habe Mitleiden mit deiner Mine, wenn du diess liesest, und Gott wird es mit dir haben, und dich nie solch eine Herzensdurre erleben lassen!
Gleich die erste Strophe:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt!
Er mach's mit mir, wie's ihm gefallt!
wie empfing sie mein Herz! Sie zogen sich ein, diese Trostworte, wie Thau auf einer welken Pflanze. Bei der dritten Strophe regnete es schon:
Es ist allhier ein Jammerthal,
Angst, Noth und Trubsal uberall;
Des Bleibens ist eine kleine Zeit,
Voll Muhseligkeit!
Was ist der Mensch! Ein Erdenkloss,
Vom Mutterleibe nackt und bloss;
Bringt nichts mit sich auf diese Welt,
Kein Gut noch Geld,
Nimmt nichts mit sich, wenn er hinfallt.
Ich hab' hier wenig guter Tag',
Mein taglich Brod ist Muh' und Klag';
Wenn mein Gott will, so will ich mit
Hinfahren in Fried'!
O lieber Junge singe, wenn du dieses liesest! Gott weiss, wenn du es lesen wirst singe dieses schone Regenlied!
Deines Vaters Predigt war Vollendung fur mich, wie auf mich gemacht, Wort fur Wort auf mich. O lieber Junge, wie glucklich ist man, wenn man todt ist wie namenlos glucklich!
Er kam ohne Gebet mit den Worten auf die Kanzel:
"Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft, und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will."
Ich zeichnete mir diese Stelle, sie steht im ersten Buch Mosis, im zwolften Kapitel, im ersten Vers; ich zeichnete sie aber heimlich. Ein offentliches Zeichen, dachte ich, wurde mich verrathen ich konnte in einigen Minuten nicht aufblicken. Wahrlich, Gott redete mit mir durch deinen Vater! Wie er die Worte anfing: Gehe aus deinem Vaterlande, von deiner Freundschaft und aus deines V a t e r s H a u s e , war's mir, als ob es die ganze Gemeinde nun wusste, dass ich weggehen wurde. Der erste Aufblick, den ich wagte, war nach dem Stuhle meines Vaters. Er war leer; kurz vor dem Gelaute war ihm was vorgefallen. Diess starkte mich; ich sah mich rund um. O lieber Junge, lass mich noch mehr von der Predigt deines Vaters predigen, die mich so erquickt hat. Gott lindere dafur seine Todesangst, und so wie er mich gestarkt und getrostet hat, so starke und troste ihn der Herr, wenn er heimfahrt aus diesem Elend; und so wie er die Bande losete, die mein Herz und meine Augen hielten, so lose auch der Herr seine Bande und mache ihm alles leicht, wenn seine Stunde kommt! Die Glimme Gottes an Abraham war mir ein sicheres Geleit, ein Pass auf meiner Reise, ich war gefasst, getrost und so heiter, als ware ich schon angelangt, und wo? Ich ging in meinen Gedanken nirgend anders, als in die selige Ewigkeit, aus meines Vaters Hause aus meinem Vaterland und aus meiner Freundschaft! Gern hatte ich communicirt, wenn es so angegangen ware ich war recht dazu vorbereitet, recht
Der Text zur Predigt war Ebraer im dreizehnten Kapitel der vierzehnte Vers: W i r h a b e n h i e r keine bleibende Statt, sondern die zukunftige suchen wir!
Alles auf mich! Du kannst dir deinen Vater vorstellen, der auch nicht in Curland zu Hause ist. Er redete mitten durch's Herz. So hat er noch nie gepredigt. Es war Seelenspeise auf den Weg. Er predigte, als wenn er auch schon den Abend von hinnen ziehen sollte.
Dein Vater fuhrte in seiner Predigt die Geschichte vom Sohne der Wittwe zu Nain an, er erhob seine Stimme, und diese nahm sich so heraus, dass jedes aufmerkte. A l s e r a b e r n a h ' a n d a s Stadtthor kam, siehe, da trug man einen Todten heraus, der ein einzig e r S o h n w a r s e i n e r M u t t e r . Lukas im siebenten Kapitel, im eilften Vers.
So wenig diese Worte eine Deutung auf mich zu haben schienen, so fielen doch auch diese Worte schwer auf mich, und es war mir als sagte jemand: "Das bist du du bist die Person des Todes!"
Wie kommt das, mein Lieber, wenn es einem so ist, als horte man eine Stimme: Das bist du!
Nach der Predigt ward gesungen aus: B e f i e h l d u d e i n e W e g e , die letzten Verse.
Der Anfang war:
Auf, auf, gib deinen Schmerzen
Und Sorgen gute Nacht!
Lass fahren, was im Herzen
Dir bangen Kummer macht!
Der letzte Vers ist schon langst mein Liebling gewesen, und nach dieser Leichenpredigt auf mich war er's noch weit mehr.
Mach' End', o Herr, mach' Ende
Mit aller meiner Noth
Stark' meine Fuss' und Hande,
Mich allzeit deiner Pflege
Und Treu' befohlen seyn;
So gehen meine Wege
Gewiss zum Himmel ein!
O Lieber, das Amen, welches dein Vater sagte, war
ein Amen fur alle, allein fur mich besonders fur mich! Es war ein Wink fur mich, in diesem Gotteshause Abschied zu nehmen, wo wir unser Glaubensbekenntniss vor dem Altar ablegten, und auch oft zu Gott in der Hohe schwuren: W i r w e r d e n u n s l i e b e n , b i s v o r d e i n e n T h r o n ! O Gott, dieser Abschied war mir ruhrend, und wie ruhrend aus Nro. 5 zu gehen, wo ich so oft gesessen, wo ich so oft einen uberzeugten Mann Gottes Wort reden gehort, wo ich so oft inbrunstig gesungen und gebetet und erhoret worden, wo ich dich predigen gehort, mein Lieber! Gott sey fur alles gelobet und gebenedeiet, Halleluia! er sey mit seinem Hause! Amen. Ich betete fur dich und fur mich und riss mich endlich von Nro. 5 los. Sanft fasste ich diese Bank noch an, recht, als wenn ich ihr die Hand druckte, und nun raffte ich mich auf, um nach Hause zu gehen, da mir deine Mutter in's Auge kam. Was weiss ich, ob sie's mir ansehen konnen, dass ich geweint hatte, oder ob etwas anderes die Ursache war: sie grusste mich liebreich. Zum letztenmal, dachte ich, und eine Thrane sturzte aus meinen Augen! Deines Vaters Hand, oder die deinige, war auch das Letzte, was ich ansah, und hiermit fielen mir die Worte ein: Der Herr behute deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
Da ich zu Hause war und die Predigt deines Vaters, und den liebreichen letzten Gruss deiner Mutter mir wiederholte, uberfiel mich der Gedanke, deinen Eltern lieber alles zu entdecken. Wer steht dir, dachte ich, fur den Erfolg? Fur deinen Vater war mir zwar seine Predigt Burge geworden, s e i n e H a n d war mir Burge, du warst mir Burge; indessen schlug der Eifer deiner Mutter fur den Stamm Levi diesen Gedanken nieder. Die feste Verabredung mit Benjamin, die Gewalt, die sich ein curischer Cavalier beilegt und endlich das W a l d c h e n , waren Beitrage zur Entkraftung meines Muthes. "Ich kampfte lange, endlich siegte der Zweifel."
Mine packte noch das Uebrige zusammen, berichtigte jeden Dreier, wo sie etwa fur Milch oder fur Fruchte etwas schuldig war, schenkte ihren Pathen im Dorfe viele Sachelchen, die ihr auf der Reise nichts helfen konnten.
Nichts, schreibt sie, M o n t a g s fruhe, nichts ist, mein Einziger, von den gesegneten Sachen zuruckgeblieben! Alles, alles, was ich von dir habe, alles, was dein Mund, deine Hand eingeweiht hat, geht mit mir Regine bat mich, da sie sah, dass ich im Austheilen begriffen war, um das Band, das dir so sehr gefallen hatte; du hattest es oft in deiner Hand. Nein, Regine, das nicht. Ich gab ihr ein anderes Band, und da ich kein schlechtes hatte, eins, das zehnmal hoher im Weltwerth war.
Du packst ja, Mine, sagte Hermann, indem er sich Sonntags an den Tisch, der mit Schopfenfleisch und weissem Kohl besetzt war, hinsetzte. Mine muss es sehr merklich gemacht haben.
Ich raume auf, antwortete sie.
Schon, mein Kind; es ahnt dir vielleicht ein Besuch.
Ein Besuch?
Es konnte sich zutragen, dass Herr v. E. kame. Wenn es sich zutruge, liebe Mine, wenn Folge deinem Vater und sey gefallig.
Sie hatte kein Wort im Vermogen; allein sie war so ruhig, dass Hermann diese Ruhe fuhlte und sie zu seinem Vortheil entgegennahm. Er klopfte ihr auf die Wange und sagte: Du bist doch ein hubsches, gutes Madchen, und wirst eine Pastorin werden zum Kussen. Auch daruber entrustete sich Mine nicht. Sie blieb ruhig. Hermann zahlte schon die hundert funfzig Judasthaler in Gedanken.
Montag Nachmittag kam Herr v. E., alles, wie es geschrieben stand. Die Suhne ward eroffnet. Hermann entfernte sich, nachdem er, wie er glaubte, die Sache in Gang gebracht. Sobald die Hauptparteien allein waren, fing Herr v. E. ohne Glas seine Rebe mit vielem Bitten um Verzeihung an, und machte sich als Brautigam mit Fraulein S. bekannt. Mine gab darauf nichts als das Alltagliche. Es hatte wieder das Ansehen, dass Herr v. E. ein Geschenk in der Nahe hatte. Er wollte wagen es zum Vorschein zu bringen; allein es schien, als durfte er's nicht. Nun nahm er einen andern Weg und bemerkte, dass er mich kenne. Zwar hatte er nur einen Abend in meiner Gesellschaft zugebracht; indessen ware ein Abend hinreichend, wenn man Leute, wie mich, trafe. Mine hatte sich so sehr in ihrer Gewalt, dass sie Fragen nach mir that, die Herr v. E. zu meinem Vortheil beantwortete. Mine ward dadurch aufgeraumt, und Herr v. E. ergriff diesen Zeitpunkt, im Namen seiner Mutter seine Anwerbung zu thun. So, setzte er hinzu, hatte diese Sache gleich gefasst werden konnen und gefasst werden sollen. Verzeihen Sie diesen, verzeihen Sie alle und jede Fehler ich bin jung; allein merken Sie es nicht selbst, fugte er hinzu, bin ich nicht alter geworden, seitdem ich mich verlobt habe? Meine Mutter darf also hoffen?
Mine sagte ihm mit einem Anstande, der nicht seines Gleichen hatte, dass sie nie gewohnt gewesen, Hoffnungen zu geben, die sie zu erfullen ausser Stande ware; sie musste es abschlagen. Und warum? fiel Herr v. E. hitzig ein.
Sie und mich zu schonen und, wollen Sie noch
mehr, Ihre kunftige Gemahlin.
Er widerlegte sie Schritt vor Schritt mit vielem
kunstlichen Zubehor. Da Mine aber fest in ihrer Gottseligkeit blieb, und das s e g n e G o t t u n d s t i r b des Herrn v. E. mit englischer Geduld trug, lief Herr v. E. uber und stand da, ganz wie er war. Mine erschrak, da sie die plotzliche Verwandlung der Schlange in einen Tiger sah; indessen kam sie nicht aus der Fassung.
Es scheint, Sie haben Ihrem Adonis zugeschworen,
keine Mannsperson anzusehen, fing Herr v. E. nach einigen Erholungsblicken spitzig und hohnlachelnd an Seine Zahne blieben unbedeckt.
Eben wurde ich das Gegentheil bewiesen haben,
wenn ich einen Adonis hatte, erwiederte Mine.
Du sollst nicht andere Gotter haben neben mir, ist
zwar, fuhr Herr v. E. fort, das erste Gebot im Katechismus; allein die Liebe hat keinen Katechismus.
Die meinige hat einen.
Herr v. E. war in Anordnung gekommen und hatte
tief vergessen, was in seiner Rolle stand; er extemporirte, ward zudringlich grob, und Mine gab ihm auf eine Art seinen Abschied, dass er mitten im Wort blieb. Ihre Hande riss er an seine Lippen, eine nach der andern, und brannt' ihnen Kusse auf. Mine fuhlte in jedem Handkuss das Siegel, das er auf seinen teuflischen Plan druckte, und ein Schreckschauer ergriff sie uber den andern. Seine Handkusse brannten wie hollisch Feuer. Auf einmal fasste sich Mine zusammen und entriss ihm beide Hande. Er zum Hermann, mit dem er heftig sprach. Im Plane folgte, dass Hermann mitfahren sollte; allein diess unterblieb und Herr v. E. fuhr allein.
Hermann schien nicht zu wissen, wie er gegen Minen seyn sollte. Er wollt' und konnte nicht. Mine sank in eine entsetzliche Angst, denn es fiel ihr ein, dass v. E. vielleicht seinen Plan abgeandert, und der Ueberfall noch diesen Abend erfolgen konnte. Zwar sagte ihr Hermann, dass er morgen nach reisen wurde. Er hatte mich heute schon mitgenommen, indessen sind zu viel Gaste. Minchens Befurchtungen wurden hiedurch nicht im mindesten widerlegt. Die Art, wie Hermann sich gegen Minen betrug, bestatigte vielmehr ihre Furcht. Masken uber Masken! dachte sie und rang die Hande, betete und war in einem unaussprechlichen Zustande. Wende dich, Herr, zu mir nach deiner grossen Barmherzigkeit, und verbirg dein Angesicht nicht vor mir, denn mir ist angst; erhore mich! Ich vergeh' in meinem Elende! Wahrlich, sie verging.
Was konnte sie anfangen? Wahr oder nicht wahr, ein Entschluss musste gefasst werden. Sie schloss kein
Ich bin ja, Herr, in deiner Macht,
Denn du hast mich an's Licht gebracht;
Du unterhaltst mir Leib und Leben,
Du kennest meiner Monden Zahl
Und weisst, wann diesem Jammerthal
Ich wieder, gute Nacht soll geben
Wo, wie und wann ich sterben soll,
Das weisst du, Lebensvater, wohl!
O Gott, wohin kann die Tugend kommen! Mine n e n u n d s p r e c h e n w i r , sondern: k o m m t u n d g e h t ! Ich will in Gottes Hande fallen; er ist gerecht, er ist barmherzig! Sie warf sich zur Erde und betete an, den, der gemacht hat Himmel und Erde; sie bat um Hoffnung der Seligkeit, wenn sie eine Selbstmorderin wurde, um Verzeihung, wenn sie in der Art fehle. Sie betete: So du willst, Herr, Sunde zurechnen, Herr, wer kann, wer wird bestehen? Bei dir ist die Vergebung! Und nach einer Weile: Erforsche mich, Herr, und prufe, wie ich's meine, wie ich's meine! Sieh, ob ich auf falschem Wege bin, und leite mich, fuhre mich zurecht auf den Weg zum Leben! Lass, wenn ich irre, Gnade fur Recht ergehen, Gnade! Gnade! Wenn diese Hand Morder an diesem Herzen wird und es durchbohrt o Gott, Gnade! Gnade! Allbarmherziger, nimm mich an zu Gnaden und lass mich selig sterben.
Denkt, empfindsame Leser, wie Minen zu Muthe gewesen! Sie suchte ein Messer, und musste lange suchen. Find ich es nicht, dachte sie, kann es Gottes Wille nicht seyn. Sie fand! sie fand! scharfte das Messer, hielt es gen Himmel, flehte noch einmal zu Gott, versuchte wieder zu fingen, konnte nicht, legte das Messer, das zugeschlagen war, vor sich zur Erde und warf sich auf's Bett. Die Unruhe ihres Herzens war gross. Sie sprang schnell auf, nahm ihre Bibel, riss das Messer auf, und legte es auf die Spruchstelle im ersten Buch der Chronik, im zweiundzwanzigsten Kapitel, im dreizehnten Vers: "Mir ist fast angst, doch ich will in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr gross, und will nicht in Menschenhande fallen." Nach einem namenlosen Seelenschmerz, nach einer wahren Todesnoth, legte sich Mine wieder auf ihr Bett in Kleidern, wie sie war.
Soll diese Nacht die letzte seyn
betete sie
In diesem Jammerthal,
So fuhr' mich, Herr, im Himmel ein
Zur auserwahlten Zahl!
Und also leb' und sterb' ich dir,
Du starker Zebaoth,
Im Tod und Leben hilfst du mir
Aus aller Angst und Noth!
Sie legt' es nicht an zu schlafen, denn daran war nicht zu denken sie wollte nur ruhen auch das konnte sie nicht. Alle Augenblicke sprang sie auf, diess Isaaksopfer! je naher aber zum Morgen, desto ruhiger. Sie fing an einzusehen, dass sie sich vergebens gefurchtet hatte. Sie war indessen so sehr an Furcht und Zittern gewohnt, dass auch der helle, lichte Morgen sie nicht vollig beruhigen konnte.
Da kamen Pferde und Wagen nach ihrem Vater, und diese brachten ihr die verlorene Ruhe mit. Mine dankte Gott, der Grosses an ihr gethan, der bisher geholfen und alles, alles wohl gemacht hatte. Sie konnte weder die aufgeschlagene Bibel, noch das aufgeschlagene Messer ansehen. Mit Entsetzen wandte sie ihr Gesicht weg und machte beides zu. Es kam ihr vor, als sahe sie Menschenblut auf dem Messer. Der Ort, wo sie diess Messer gewetzt, machte sie schwindlig, da er ihr in's Auge fiel. Das Messer warf sie unter Dank und Gebet fort. Gott, sagte sie, lass es nie Einen finden, der es brauchen will, als ich wollte. Sie glaubte hiedurch diesen schrecklichen Vorsatz aus ihren Gedanken geworfen zu haben; allein hierin fand sie sich getauscht. D u r c h S t i l l e s e y n u n d H o f f e n , heisst es, w e r d e t i h r s t a r k s e y n ! Wer kann aber, o Gott, wer kann immer stille seyn und hoffen?
Wahrend der Zeit war Hermann reisefertig.
H e r m a n n . Leb wohl, Mine.
M i n e . Leben Sie wohl, mein Vater leben Sie wohl, mein Vater, leben Sie wohl!
H e r m a n n . Was fehlt dir? du weinst ja?
M i n e . Ach Gott!
H e r m a n n . Mine, uberdenk alles, uberleg! du bist klug! Du jammerst mich! Mine uberleg! Leb wohl!
M i n e . Leben Sie wohl!
Morder, wo willst du hin? Furchtest du dich denn nicht, dass die Erde ihren Mund offne und dich verschlinge, und die Wolken sich trennen und Feuer und Schwefel auf dich regnen lassen? Du kennst Minen, wie Judas seinen Meister. Der Abend, da du mir die Geschichte vom Judenknaben und von den Huhnereiern erzahltest, wird wider dich zeugen, Frevler! Kuppler! Bosewicht!
Mine nahm von ihrer Zelle Abschied, und konnte nicht umhin, noch einmal nach ihrer Mutter Grab zu blicken. Hierbei liess sie es bewenden. Sie befahl Reginen das Haus und sagte ihr, sie durfe nicht warten, sondern konne nur immerhin zeitig zu Bette gehen, womit Reginen sehr gedient war. Ich, fuhr Mine fort, werde diese Nacht nicht zu Hause kommen; und nun ging Mine mit dem Gesang:
So gehen meine Wege
Gewiss zum Himmel ein!
aus ihrem Vaterlande, und aus ihrer Freundschaft, und aus ihres Vaters Hause, in ein Land, das ihr der Herr, wie sie glaubte, zeigen wurde. Ihre Fusse und Hande zitterten; indessen fand sie sich durch die Gedanken gestarkt, dass sie den Anschlagen der Bosheit entginund zwei Pferde. Ohne zu fragen, wie und wohin? setzte sie sich auf. Alles verstand sich einander. Der Fuhrmann hatte selbst nicht nothig, die Pferde zu ihrer Schuldigkeit aufzuschreien. Es ging alles seinen Gang. Bis hierher hat der Herr geholfen, sagte sie, und fing an freier zu athmen. Sie hatte schlafen konnen, so ruhig war sie; allein die Dankempfindungen gegen Gott verwiesen den Schlaf aus ihren Augen. Arme Mine! du weisst nicht, was auf dich wartet arme Mine! Sie kam in den Flecken, wo Benjamin war. V o r t r e f f l i c h ! dachte sie, und noch ein Vortrefflich dachte sie hinzu, da der Wagen nicht bei der Thure des Meisters ihres Bruders hielt. Alles plangemass nur ihr Bruder Benjamin fehlte. Zwar fand sie eine willige Frau, die sie herzlich bewillkommte; allein ihren Bruder Benjamin fand sie nicht. Anfangs fing sie an zu zweifeln, ob sie Benjamin nach der Verabredung vorfinden sollte oder nicht? Ihr Kopf, das heisst ihr Gedachtniss, hatte sehr gelitten; sie fragte sich, ob Ja oder Nein? und da sie noch mit Ja und Nein kampfte, fing die gute Frau an: Sie werden sich doch nicht erschrecken? Die gewisseste Art, uns einen Schreck beizubringen. Sie werden doch nicht? Gott! rief Mine und glaubte, sie sey verrathen und verkauft.
Nach vielen unertraglichen: S i e w e r d e n d o c h n i c h t , erfuhr die Ungluckliche erst, dass ihr Bruder in den letzten Zugen ware. Noch ehe Benjamin sich legte, hatte er in diesem Hause von seiner Schwester geredet, allein bloss vorlaufig. Ist es moglich! fing Mine an. Es ist erschrecklich zu lesen, was Mine hierbei ausgestanden. Sie zitterte zu ihm hin, ohne an die Gefahr zu denken, der sie sich bloss gab, und da sie an sein Bette trat und seine Hand nahm schlug er mit Heftigkeit auf sie zu. Was Gewalt? D e n e wie, Gewalt? Bluthund! ich werde dir Gewalt lehren! Gegen Minen Gewalt, du Aftermutter? Er sprang aus dem Bett, und da er sich weder im Guten noch im Bosen beruhigen liess, so musst' er gebunden werden und Mine davon Augenzeuge seyn!
"Der Meister, der mich ohne Bedenken bei meinem Namen nannte, und sich einbildete, dass ich, bloss weil ich von Benjamins Krankheit gehort hatte, da ware, erzahlte mir, dass Benjamin gleich Freitags, als er zuruckgekommen, uber Kopfweh geklagt. In der Nacht hatt' er eine grausame Hitze bekommen, und diese hatte Sonntag Abend seinen Verstand vollig zerruttet. In seiner Phantasie hatt' er: Rett' sie! rett' sie, die arme Schwester! gerufen. Seht ihr nicht Rauber? Diebe? Rett' sie! rett' sie! und dann alle Augenblicke: Spannt an! spannt an! sie kommt! spannt an! Und dann wieder hatt' er die Hausfrau bei der Hand genommen: Ach liebe, liebe Frau, was ich auf meinem Gewissen habe. Sind wir auch allein? Ihnen will ich's wohl entdecken! Ich kann keine Vergebung der Sunden haben ich bin ein Hollenbrand! Und wissen Sie, warum? Ich hab' meinen Vater nicht todt geschlagen, und das hatt' ich sollen! Es sind lauter Flicken, liebe Jungfer, sagte der Meister, es kann kein Mensch ein Kleid daraus machen. Sie sehen doch, wie er, leider! ist. Er kennt seine eheleibliche Jungfer Schwester nicht."
Mine, die wohl einsah, wie alles dieses zusammenhing, und die noch uberdem sehr leicht herausbringen konnte, dass ihr ungluckliches Schicksal ihren Bruder so sehr angegriffen, dass er in die entsetzliche Krankheit, die einen Menschen auf eine Zeit lang aus dem Buche der Menschen streicht, gefallen machte sich bittere Vorwurfe. Ich bin schuld an seinem Tode! schrie sie mal auf mal. Ich legt' ihm mehr auf, als er tragen konnte! Mine war so von Mitleiden und Kummer durchdrungen, dass sie nichts mehr als ein: Erbarm dich, Gott! uber das andere ausrufen konnte. Sie fiel sich indessen selbst zur rechten Zeit ein. Stirbt er, sagte sie zu den bewegten Leuten, die ihren Lehrling mit Thranen in den Augen gebunden hatten, stirbt er, werd' ich ihn finden, wo man nicht: rett' sie! rett' sie, mehr rufen darf in den Wohnungen der Gerechten! Bald, bald werd' ich ihm folgen! Hilft ihm wie ich hoff und bete, so bitt' ich ihm zu sagen, dass ein Frauenzimmer bei ihm gewesen, die ihre Hande zu Gott aufgehoben, da man die seinigen gebunden hatte, die Kyrie Eleison gerufen. Sie konnte nicht ausreden so bewegt war sie. Sie ging und kam wieder, sasste ihn an und sagte: Benjamin! Er sah sie mit starrem Blick an, wollte sich losreissen konnte nicht, und sie ging, betrubt bis in den Tod!
Benjamin hatte die Reise nach Mitau nicht bestellt. Mine dacht' aus dem: S p a n n t a n ! s p a n n t a n ! s i e k o m m t ! Ja, "allein sie fand Nein," und sah sich genothigt alles selbst zu berichtigen. Wer beten kann, pflegte mein Vater selbst auf der Kanzel zu sagen, kann auch mit Vornehmen und Geringen umgehen und diess fiel ihr ein, wie sie schreibt. Sie fand die Bestatigung zu derselben Stunde, traf Anordnungen, schloss Contract und reiste nach Mitau. Kurz vor der Stadt hatte Mine einen neuen Schreck, gegen den alles, was sie am Krankenbett ihres Bruders erlitten, nach ihrem Ausdruck wie gar nichts war. Sie war abgestiegen, weil der uble Weg diese Wagenerleichterung nothwendig gemacht. Sie suchte sich grune, schone Stellen aus, wo sie ging und wo sie mit den Vogeln des Himmels den Schopfer lobte, in dessen heilige Hande sie sich befahl. "Wenn auch hier und da schwere Stellen auf dem Wege des Lebens sind, es gibt doch, dacht' ich, links ober rechts grune, blumenreiche Stellen, aus denen uns die schone Natur willkommen heisst. Gott, segne meinen Er war es! er, v. E. selbst! "Schon wollt' ich niederknien und von dem BoseIn diesem Wagen sass seine Verlobte und Frauenn o c h e i n P a a r d e r A r t ! Unfehlbar eignete sich die Braut dieses Compliment zu, das aber Minen gehorte. Alles lachte ohne End' und Ziel im Wagen uber dieses Abenteuer, und Herr v. E. musste Schande halber sich beim Wagen, der sich zur Linken wandte, halten; indessen sandt' er unvermerkt einen seiner Getreuen Minen nach, sie zu examiniren: wohin? und woher? Mine, welche zwar in diesem Vorfall, dass Herr v. E. mit Blindheit geschlagen war und sie verliess, aufs neue gesehen hatte, dass sie auf Gottes Wegen ware, konnte sich doch von diesem Umstande nicht erholen. Es kam alles Schlag auf Schlag. Da sie den Abgesandten des Satans sah, that sie einen Schrei, der diesen Inquirenten mit erschreckte. Sie wusste nicht seinen Auftrag, und stellte sich nichts anderes vor, als dass er sie fortschleppen wurde. Der Abgesandte hielt Minen fur keinen Bissen, der einer Jagd werth ware. Es war dieser Helfershelfer nie bei Hermann gewesen noch in der Kirche zu , und wie konnte man alles Wild fangen, was Herr v. E. aufjagen liess? Ermudet von dergleichen Auftragen, begnugte der Abgesandte sich, als er von Minen: " N a c h M i t a u , z u m e i n e r M u h m e ," heraus hatte, kehrte zuruck und log seinem Befehlshaber das ubrige zu, um diesen Roman sein sauberlich zu endigen. Durch diesen Vorfall war Mine so ausser Fassung gebracht, dass sie nicht einmal Gott danken konnte. Es war ihr alles wie im Traum. Gross ist, Herr, deine Gute! fing sie zuweilen an, und dann rief sie wieder: Herr! hilf, ich verderbe! Wenn sie sich recht gesammelt hatte, erschrak sie vor sich selbst. Fast kannte sie sich nicht, so sehr hatte sie sich verandert. Kurz vor Mitau fand sie sich wieder und rang ihre Hande zu Gott. Der dich behutet, schlaft und schlummert nicht, dachte sie; in Finsterniss ist er dein Licht! Die dir nachstellen, erschrecken sehr und werden zu Schanden plotzlich. So dachte Mine und freute sich, dass B i b e l u n d G e s a n g b u c h seit einiger Zeit ihre Hauptbucher, ihre einzigen Bucher gewesen. Dein Wort, rief sie, ist meiner Fusse Leuchte und Licht auf meinen Wegen!
Mine kam nach Mitau. Ihre Anverwandten, die sie bald ausfragte, waren in der traurigsten Verfassung. Sie hatten in der Nachbarschaft einem Cavalier ein Stuck Land abgepachtet, und da an den Schaden nicht ausdrucklich im Contract gedacht war, so mussten sie von Heller zu Pfennig bezahlen und den Schaden ersetzen, obgleich er vom Himmel kam.
"Der liebe Gott hat's gethan," sagten die armen Leute vor Gericht; allein die Richter behaupteten W . R . I . V . R . W . dass dieser Contract ohne den lieben Gott gemacht ware. Die Armen! I n d e r W e l t h a b t i h r A n g s t , sagt Christus zu seinen Jungern, und das konnte man von diesen Armen mit Wahrheit behaupten. Alles, was sie an und um sich hatten, ward ihnen genommen. Sie behielten sich nur allein ubrig und die Erinnerung an einen Contract, der ohne den lieben Gott gemacht war. W . R . I . V . R . W . Anstatt, dass Mine also von diesen Armen Beistand erwartete, liess sie ihnen etwas von ihren Sachen. Sie wollt' ihnen auch durchaus von ihrem wenigen Vorrath an Geld die Halfte abgeben; allein diese Armen erklarten diess fur den grossten Diebstahl. Mine musst' ihnen den Sterbenslauf ihrer Mutter (die Verwandtschaft kam von Mutter Seite her) erzahlen, und die guten Leute freuten sich uber ihre Versorgung. Wer einmal oben ist, o! der ist wohl versorgt! sagten sie beide. Wer weiss, wie nahe mir mein Ende, setzten sie hinzu; auch Mine sagte: Wer weiss! und alle drei freuten sich.
Die unglucklichen Leute hatten einen Sohn, der Pastor an der Granze war, wie sie sich ausdruckten. Wenn er lieber was anderes ware, wunschten sie, dann wurden wir eher Hulfe von ihm erwarten konnen. Mine befragte sie, ob sie denn schon Proben von seiner Harte hatten? Harte konnen wir es nicht nennen, erwiederten sie. Er hat sich das Beten statt des Gebens so angewohnt, und freilich kommt man dabei am wohlfeilsten ab. Hol' doch, sagte er, liebe Mutter, hol' doch den Brief vom neuen Jahr, da ist ein Gebet drin, das ein Kirchengebet werden konnte!
Unser Nachbar, sagte die liebe Mutter, anstatt dass sie den Brief mit dem Gebet holte, welches ein Kirchengebet werden konnte, unser Nachbar hatte eben so ein Pachtungluck; aber wie weit glucklicher ist der! Er hat einen Schneider zum Sohne, der schon alles reichlich mit Zinsen ersetzt hat, was der Vater verloren. Sag nicht, Mutter, beschloss der Alte du weisst noch nicht, was unsrer thun wird! Geben ist gut Beten ist auch gut. Nicht wahr, Jungfer Muhmchen? fragte der Alte.
Minchens ehrliche Anverwandten halfen die Sache mit einem preussischen Fuhrmann berichtigen, und da Mine ihren Freunden von ihrer Geschichte so viel, als ihnen zu wissen nothig war, entdeckt hatte, blieb die Hauptsache eine geschwinde Abreise.
Minens Verwandte gab ihr einen Brief nach L. in Preussen, neun Meilen hinter Konigsberg, mit, wo eine leibliche Schwester des ehrlichen verungluckten Pachters wohnte, und wohin auch Minchen gleich anfangs hindachte. Es sind reiche Leute, sagte er; vielleicht thaten sie an uns etwas. Gott wird es ihnen bezahlen, hier zeitlich und dort ewiglich.
Und Minens Vater?
Er hatte einen harten Kampf mit dem Herrn v. E., dass er Minen nicht weichherziger, wie er sich auszudrucken beliebte, gemacht. Dieser Kampf hatte schon, wie sich meine Leser erinnern werden, in Hermanns Hause angefangen, und ward noch hitziger fortgesetzt, da Hermann zum Herrn v. E. kam.
Was will die Narrin? schrie er. Nach einer Viertelstunde raunte er diess: W a s w i l l s i e ? dem Hermann ins Ohr.
Um aus der Noth eine Tugend zu machen, war Hermann es ganz unterthanigst zufrieden, dass Gewalt fur Recht gehen und Mine dem Herrn v. E. als ein Schlachtopfer gebunden zu Fussen gelegt wurde. Ich hoffe doch, sagte Hermann, dass es alles ehrlich und ordentlich mit Minen zugehen werde? denn wahrlich, hochwohlgeborner und gnadiger Herr Baron, es ist ein Madchen, das sterben konnte, ehe man sich es versahe, und ei, dann Vater seyn! Versteht sich, sagte Herr v. E., ehrlich und ordentlich ich werde doch, Herr! zum Teufel! wissen, mit einem Madel eine Comodie zu spielen! Hat der Herr schon gehort, dass die Personen im letzten Akt des Lustspiels sterben? Und ein Lustspiel, hort der Herr? ein Lustspiel soll es werden! Dieses Lustspiel ware, Dienstags vollendet worden; allein Herr v. E. musste nolens volens seine Braut zu einem ihrer Anverwandten, der bei Mitau wohnte, begleiten. Hermann blieb, auf Geheiss des Herrn v. E., so lange bei der Frau v. E. Gnaden und bei der Jungfer Dene Hochedelgeboren.
In zwei bis drei Tagen bin ich hier, schrie noch Herr v. E. dem Hermann vom Pferde zu, und dann Herr v. E. traf nach drei Tagen ein, fand den Hergende Schrift:
Sie wissen selbst, m e i n V a t e r Vater werde ich Sie nennen, es gehe wie es gehe Sie wissen selbst, dass ich nicht aus Tucke des Herzens aus meinem Vaterlande, und aus meiner Freundschaft, und aus meines Vaters Hause gegangen, in ein Land, das Gott mir gezeigt hat! Sie wissen alles! Ich bin Ihre Tochter! Mehr als diess: S i e w i s s e n a l l e s , darf ich mich nicht unterstehen, zu schreiben, und sollten oder wollten Sie nicht alles wissen, so ware es ein sehr unzeitiges Geschaft, mehr zu schreiben. Gott verzeihe es mir, wenn ich jetzt oder jemals die Achtung aus dem Auge verloren, die ich Ihnen schuldig bin. Mein Weg geht, wie ich fuhle, zum Himmel ein. Ich habe zu viel Angst, zu viel Kummer erlitten, um hoffen zu konnen, eher als vor Gottes Thron bei meiner seligen, ja wohl seligen Mutter glucklich zu seyn! Dann, dann wird, o wie freue ich mich dessen! das Grab in Absicht meines hinfalligen Theils meine Behausung, Finsterniss mein Bette, die Verwesung mein Vater und die Wurmer die Meinigen seyn allein mein Geist! dort, dort werden abgewischt werden die Thranen von meinen Augen! Im Himmel ist mein Theil und Erbe! Ich bitte Gott, dass ich Sie einst auch da finden moge, mein Vater, da, wo Ruhe ist! Sie haben mir auf volle acht Tage Ausgabegeld gegeben; die Rechnung vom Sonntag und Montag liegt auf Ihrem Schreibtische. Reginen habe ich Geld auf zwei bis drei Tage zuruckgelassen, hier ist das ubrige vom Wochengelde. Ich habe nichts von dem Ihrigen mir zugeeignet, ich habe Ihnen nichts entwendet. Sie berechneten sich mit meinem Bruder Benjamin, und wie mir es vorkam, legten Sie auch mein Theil ab. Diesen schenke ich meinem Bruder. Ich wunschte wohl, dass D e n e nichts truge, was meine theure Mutter getragen hat, wenn es ihr, wie ich vermuthe, nicht schon an sich zu schlecht ist. Sollten Sie, mein Vater wider all mein Vermuthen, etwas missen, so muss Regine davon Anzeige thun konnen, die indessen, wie Sie wissen, die Ehrlichkeit selbst ist. Ich gehe, und das konnen Sie sich leicht vorstellen, mit schwerem Herzen, o Gott! mit schwerem Herzen von hier. An diesem Briefe habe ich drei Tage geschrieben. Thranen beziehen mir so die Augen, dass ich auch jetzt nicht sehe, was ich schreibe. Gott sey mir gnadig! Ich bete auch fur Sie! und werde es nie aufhoren zu thun. Haben Sie tausend Dank fur alles Gute, so Sie meiner Mutter, und so Sie mir gethan! Meine Mutter lasst sich noch durch mich bedanken. Gott vergelte es Ihnen! Ihr Grab war mein Labsal, sonst ware ich vergangen in meinem Elende. Verzeihen Sie alle meine Fehler, wodurch ich Sie in meiner Jugend betrubt habe. Seit vielen Jahren, dunkt mich, habe ich Ihnen nicht Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben. Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen. Meine Entfernung rechnen Sie nicht unter Fehler, die ich Ihnen abzubitten schuldig ware ich bitte sie Ihnen dennoch ab, weil ich weiss, dass sie Ihnen einigen Verdruss machen wird. Der Himmel gebe, dass er so klein sey, als nur moglich, nur moglich. Wenn Sie nicht glauben wollen, dass mich Gott zu gehen geheissen hat, so lassen Sie sich von dem Herrn Pastor die Predigt vom vorigen Sonntag geben. Diese Predigt liess Gott durch ihn an mich halten das konnen Sie mir glauben, weil ich es empfunden habe, und wenn Sie die Predigt lesen, werden Sie es auch empfinden, und mir wenigstens e i n e g l u c k l i c h e R e i s e wunschen, wie Sie meinem Bruder wunschten. Die Frau Pastorin haben Leute, das weiss ich, wider mich aufgebracht.
Ich bitte Sie, meine liebe Frau Pastorin, um Gottes
willen, um Gottes willen, nicht zu denken, dass ich Ihren Sohn verfuhrt habe, und noch verfuhre. Eben so wenig, als er mich verfuhrt hat und verfuhren wird, eben so wenig ich ihn. Sie sind eine gute, verehrungswurdige Frau, meine geistliche Mutter, die mich uber die Taufe gehalten hat ach! Gott, der Herr, segne Sie! Ich kusse Ihnen und dem Herrn Pastor, dem Boten Gottes, die Hand. Gott wird ihn so in seinem Letzten erquicken, als er mich vorigen Sonntag in meinem Letzten in erquicket hat.
Lieber Vater, sagen Sie diese Stellen der Frau Pastorin vor, und danken Sie dem Herrn Pastor tausendmal, tausendmal! Lieber Herr Pastor! Engel Gottes! ich danke Ihnen tausendmal, tausendmal!
Ich wunschte sehr, mein Vater, dass diese frommen Leute gut von mir dachten, des Gebets dieser Frommen wegen, dem ich mich empfehle. Setzen Sie mich, mein Vater, in die Gute, in das fromme Andenken der Frau Pastorin zuruck. Schlagen Sie mir, lieber Vater, diese letzte Bitte nicht ab, und dann noch eine nicht: das Grab meiner Mutter in Ehren zu halten! Wenn die Erde nachlasst und das Grab sinkt, lassen Sie, lassen Sie doch Erde, gute schwarze Erde nachschutten, damit es nicht das Ansehen, das edle Ansehen eines Grabes, eines Hugels verliere. Meine Mutter ist ja die Handvoll schwarzer Erde werth! Nun leben Sie wohl! Wenn Sie Denen heirathen, lassen Sie sie nicht verachtlich von meiner Mutter reden; es ist eine selige Mutter. Verdoppeln Sie Ihre Liebe gegen meinen Bruder Benjamin. Er ist jetzt das einzige Kind, das von einer Mutter stammt, die im Himmel ist. Grussen Sie ihn von mir tausendmal; so oft er zu Ihnen kommt, grussen Sie ihn tausendmal! Grussen Sie alle, die sich meiner zu erinnern die Gute haben. Verfolgen Sie mich nicht, denn ich gehe auf Gottes Wegen. Regine ist so unschuldig an meiner Entfernung, als die Sonne am Himmel. Grussen Sie auch Reginen von mir. Ich bitte Reginen ab, dass ich Sie wegen meiner Flucht getauscht habe. Gott lasse es Ihnen allen, allen, allen wohl gehen zeitlich, geistlich und ewig wohl! wohl! Wenn Herr v. E. seine Gemahlin treu lieben wird, nur dann wird er glucklich seyn. Gott sieht das Herz an und alle guten Leute, die Gottes Bild an sich tragen, dessgleichen. Ich wunsche auch ihm alles, alles Gute! Hiermit leben Sie wohl, alle! alle! Leben Sie wohl!
* * *
Hermann war geruhrt weinen konnte er nicht. Schon wollte er den ganzen Handel mit D e n e n wieder aufgeben und zu meinem Vater gehen, und seine Sunde in den Schooss seines Beichtvaters bekennen. Er konnte sich nicht entbrechen, vor sich zu sagen, als ob er sich auf das Compliment zu meinem Vater besonne: Vater, ich habe gesundiget im Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht werth, dass ich dein Beichtsohn heisse.
Diese Bussgedanken wurden aber bald zerstreut. Nimmt Herr v. E. Denen von mir, was hebe ich an? Graben mag ich nicht; doch schame ich mich zu betteln. Diess setzte er seinen Bussgedanken entgegen, und wenn sie gleich nicht vollig in Flucht geschlagen wurden, so waren sie doch wenigstens wankend gemacht. Je weiter er dem Vorfall nachdachte, desto mehr befestigte sich sein Entschluss, sich unter die gewaltige Hand des Herrn v. E. zu demuthigen. Sein letzter Vorsatz war, dem Herrn v. E, der, wenn er wollte, ihn ganz und gar an den Bettelstab bringen konnte, alles zu entdecken und sich ihm auf Gnade und Ungnade, auf Tod und Leben zu ergeben. Er nahm den Brief mit (die Hand zitterte ihm, da er ihn angriff) und ritt nach zum Herrn v. E.
Nun, Teufel! war der Willkommen.
Hochwohlgeborner, gnadiger Herr! hier!
Was? (Herr v. G. nahm und las.) Blitz! Donner! Zeter! Wetter! wo ist die Bestie?
Gnadiger Herr, verzeihen Sie
Er ist toll!
Wie Ew. Hochwohlgeboren befehlen.
Die Bestie, wo ist sie?
Das ist Gott bekannt!
Nach einem langen Missverstandnis; kam es heraus, dass der Abgesandte J a k o b die Bestie war. Ich bin ihr begegnet! Gewiss und wahrhaftig, sie war es! schrie Herr v. E.
Ketten! Jakob! wo ist die Bestie? Jakob kam, und nach den entsetzlichsten Fluchen wurde Jakob in Eisen geschmiedet. Dieser Kerl, mit dem ein kurzer Process gemacht ward, schien der Ableiter der Wuth des Herrn v. E. zu seyn. v. E. erholte sich.
So lange als ich sie nicht habe, sollst du so liegen, Bestie! das war das Urtheil.
Es wurden Steckbriefe und Boten zu Fuss, zu Pferde und zu Wagen ausgesandt allein Mine kam glucklich nach Konigsberg. Sie erschrak uber diesen Ort. So gross! sagte sie zu den Fuhrleuten. Es war der namliche Major und der namliche Junker, die mich nach Konigsberg gebracht hatten. Mine schlief in Konigsberg auf der namlichen Stelle, wo ich geschlafen hatte, und es sey, dass Ahnung es ihr eingab, oder, was weiss ich, wie sie empfand, dass ich da gewesen. Bis dahin hatte sie hiervon keinen Gedanken gehabt. Jetzt kam es ihr schnell ein, wie alles kommt, was gut ist. Mine lenkte das Gesprach auf die hohe Schule, und immer weiter und weiter, bis die Majorin selbst von mir anfing. Der Major hatte mich langst vergessen. Ueberhaupt schwacht nichts so sehr das Gedachtniss, als R e i s e n . Die Majorin gab so viele Umstande an, dass Mine mich vor sich sah. Hatte Kummer und Elend, und vorzuglich der Ueberfall des Bosewichts, da Mine zu Fuss ging, und die peinlichen Fragen des Abgesandten, der jetzt in Eisen geschmiedet war, diese Arme nicht so sehr zuruckgesetzt, ich glaube, die Liebe hatte ihre Grunde, mich nicht zu sehen, uberwunden. Jetzt uberwanden die Grunde. Wer sieht gern Leute, die man recht zartlich liebt, wenn man so kummerlich ist, wie Mine war? Ihre Grunde:
"Die Pastorin nennt mich eine Verfuhrerin! Konnte ich es nicht werden? Und unter welchem Namen sollte ich? unter wessen Schutz? Was wurden seine Bekannten von mir denken, von ihm sagen? Wie und wo soll er mich sehen?" Mine, die uberall auf Gottes Wegen ging, hatte schon der Majorin gesagt, dass sie keinen Verwandten in Konigsberg hatte, und dass sie nach L. wollte. Es war schon unterwegs abgemacht, dass man sie dorthin senden wurde. Eine gewisse frauliche Delikatesse, die, wenn sie Schwache ware, selbst unserm Geschlecht angenehmer als Starke ist, gab jedem Gedanken Nachdruck.
"Konnte man nicht denken, ich ware seinetwegen? Er kann und wird mich sehen, im Schoosse meiner Verwandten und sterbe ich in der seligen Ewigkeit!"
Kurz, es ward beschlossen, nach L . Der Herr Major sagte: Frau, solch ein Frauenzimmer hast du noch nicht gesehen, und die Frau Majorin that mir die Ehre, Notabene, nachdem mein Andenken bei ihr aufgefrischt war, bei dieser Gelegenheit zu bemerken, dass sie solch einen jungen Herrn, als mich, so leicht nicht gesehen hatte. Mitte schrieb: "Diess kam mir so unerwartet, dass ich feuerroth wurde. Ich freute mich, mein Lieber, so sehr sich Mine freuen konnte!" Da Mine eine Lust bezeigte, die Stadt zu besehen, so ward den Morgen eine Kutsche angespannt. Die Majorin machte Umstande, mit Minen zusammenzusitzen. Sie wollte gerade uber sitzen. Endlich Alle Augenblicke, wenn Mine einen jungen Menschen sah, fiel sie zuruck. Sie glaubte mich
Den namlichen Tag nach Tische.
Herr v. G. Ich.
E r . Endlich.
I c h . Ich bin auch heut noch zu beklommen, ich habe noch kein empfangliches Herz fur die Natur keinen Hunger und Durst nach ihrer Milch und Honig. Sie nimmt es ubel, Bruder, wenn man zu ihr kommt und sauer sieht.
E r . Sie wird dich aufmuntern.
I c h . Das thut sie nicht.
E r . Ihren Lieblingen wohl, und du sitzest ihr im Schooss.
I c h . Wohin denn?
E r . Das lass mir uber. Unser ehrlicher Major hat, das weisst du, Ursache, es ubel zu nehmen, dass wir nicht schon die Parole von ihm abgeholt. Ein paar Pferde
I c h . Meinetwegen! Wen senden wir?
I c h . Desto besser.
E r . Zum Major!
I c h . Zum Major!
Wir gingen, nachdem wir uns umgezogen. Schon sahen wir sein roth abgeputztes Haus, freuten uns, unsere Kriegskameraden zu sehen, und fragten einander. Da begegneten uns ein paar Landleute im Wagen, die uns hineinwinkten. Wir nahmen diesen Wink entgegen und fuhren ihren Weg nach Hollstein (einem Lustorte bei Konigsberg). Warum konnten wir nicht zum Major, obschon wir das roth abgeputzte Haus sahen? Grosse Frage! warum? O Gott, warum? Eine kurze Freude fur meine Leser!
Der Weg nach Hollstein ist einer der schonsten, den man fahren kann. Auf der einen Seite Wasser, wo Schiffe sich kreuzen, auf der andern die anmuthigsten Wiesen. M a n k o n n t e , sagte einer in unserm Wagen, um den Wiesen ein Compliment zu machen, Billard darauf spielen!
Ich war blind und taub. Wie konnte es anders? Schon sechs Wochen uber das Vierteljahr und kein Brief von Minen!
Mine reiste den andern Tag nach L zu ihren Verwandten. Wie sie zum Thor hinaus fuhr, fielen ihr wieder die Worte ein: M a n t r u g e i n e n T o d ten aus der Stadt, der war der einz i g e S o h n s e i n e r M u t t e r . Sie konnte diese Worte nicht los werden.
Mine schreibt: "Mein Weg, mein Lieber, wie du schon weisst, wie ich dir schon tausendmal geschrieben habe, ging himmelan, uberall himmelan."
Sie fand ihren Verwandten auf dem Brette. Seine Frau war schon langst gestorben. Mude und matt fiel Mine bei dem Anblick ihres Verwandten in Ohnmacht. Nachdem sie sich erholt hatte und den Todten ansah, fand sie eine Aehnlichkeit von ihrer Mutter in allen seinen Zugen. Sie konnte ihr Auge nicht von ihm lassen. Sie selbst:
"Es sey, mein Lieber, dass alle Todten eine Aehnlichkeit haben, die im Herrn sterben, ober der Selige hatte, der Verwandtschaft wegen, wirklich ahnliche Zuge von meiner Mutter. Mir war es Zug an Zug! Lieber Gott, dachte ich, indem ich ihn starr ansah, nun habe ich auch einen Brief in den Himmel. Du weisst doch, mein Lieber, den Brief aus Mitau. Gott, dein heiliger Wille geschehe! Nur dass du mich nicht verlassest, wenn ich diesen seligen Weg gehe und die letzte, letzte Reise thue."
"Lass mich, wenn ich sterbe,
Mit der Schaar der Frommen
Aus Sturm und Wellen kommen
An den erwunschten Ort."
"Wieder ein Wegweiser himmelan, himmelan,
mein Lieber! Ich glaube nicht, dass ich noch weit zum Ziele habe. Es kann, es kann nicht mehr weit seyn!"
"Ich wollte in Konigsberg mich mit dem Fuhrmann und seiner Frau abfinden, die Leute hatten mir viel, sehr viel Gutes gethan; allein weder er, noch sie, waren zu einem Dreier zu bequemen. Ich schenkte der kleinen Tochter, die nicht von mir liess, einen Kopfputz, und mehr war den Leuten nicht aufzubringen. Sie hatten mir gar zu essen und zu trinken auf den Weg gegeben, ohne dass ichs wusste. Mein Gott, was gibt es doch fur gute Menschen in der Welt! Diese Gute bewegte mich bis zu Thranen, die, Gott sey gepriesen, sogleich da sind, und mir sehr treue und gute Dienste thun."
Der Prediger in L , wahrlich ein Mann, der nicht bloss betete, sondern auch arbeitete, der nicht bloss lehrte, sondern auch gab, kam eben von der Erfullung des letzten Willens des Seligen. Es hatte der Verstorbene verordnet, da er keine Erben hatte, dass sein ganzer Nachlass an das Hospital und die Hausarmen gegeben werden sollte. Der gute Prediger hatte alle die frohen Zuge der Armen in seinem Gesicht, die er veranlasst hatte, und so kam er ins Trauerhaus. Einen Tag eher, und Mine hatte fur die bewussten A r m e n in Mitau Anspruch auf diesen letzten Willen machen konnen. Es war seit undenklichen Jahren keine Nachricht von ihnen in L eingelaufen, und der Selige glaubte sie schon alle da zu finden, wo er hinging.
"Auch die Hospitalitin," schrieb Mine, "hatt' ein Recht an dieser Austheilung gehabt. Ich prufte mich vor Gott, ob ich es einem beneidete, auch der es weniger, wie ich, nothig hatte; allein ich bestand in der Wahrheit. Mein Lieber, ich bin verlassen; allein Gott weiss, dieser Gedanke kostet mir keinen bittern Augenblick. Keinen einzigen ist der verlassen, der auf Gottes Wegen geht! Wenn mir einfallt: wo Brod in der Wuste? bild' ich mir ein: wenn ich kein Brod habe, werd' ich auch keinen Hunger haben, und das ist jetzt mein unaufhorliches Denken, solang ich bei der Leiche bin und dann noch ein grosser, uber alle Massen wichtiger Gedanke ist mein: bald wird mich gar nicht mehr hungern und dursten und nicht mehr auf mich fallen Froste des Schrecks, und keine Flamme der Anfechtung mich mehr ergreifen. Ich fuhl' es, Geliebter, innerlich, obgleich mir ausserlich nichts anzusehen ist, es werde bald Amen mit mir seyn. Glaub mir, ich bin mehr d o r t , wie h i e r ; ich sehne mich nach meiner rechten Behausung! denn kann ich nicht mit Wahrheit sagen: Ich habe hier keine bleibende Statt gefunden, sondern die zukunftige such' ich? Bald, bald wird man einen Todten heraustragen! Was sollt' ich mich also gramen und wider Gott murren, der den Himmel ausbreitete und die Erde grundete, und so gross er ist, doch auch meinen Schmerz wog? Warum sollt' ich murren und uber die klagen, die den Nachlass meiner Verwandten in Empfang genommen? Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. Er liess mein Angesicht nicht zu Schanden werden, da mich v. E. und sein Botschafter sahen. Ich Elende rief, und es horte mich der Herr und half mir aus allen meinen Nothen. Der Engel des Herrn lagerte sich um mich her und schlug mit Blindheit, die mich greifen wollten. Du kannst nicht glauben, Geliebter, wie froh ich bin, froh bei einem Todten! Er ist entgangen, ich werd' auch entgehen. Von ganzer Seele empfind' ich die Worte: Der Mensch lebt nicht vom Brod allein. Ich habe so wenig Hunger, dass ich noch drei Tage ohne Essen und Trinken bleiben konnte. Ich schmecke und sehe, wie freundlich der Herr ist; wohl dem, der auf ihn trauet!"
Der Pfarrer in L fand Minen verehrungswurdig. Er sah ihr an, was sie war. Er war mit einem gestarkten Auge zu ihr gekommen. Mit einem Anstande, frei wie die Tugend, erzahlte ihm diess liebenswurdige, frische und muntere Madchen einen Theil der Geschichte ihrer Reise. Sie bluht wie eine Rose; allein sie fiel auch so hin, wie diese. Indem sie mit dem Prediger sprach, sank sie zur Erde. Vielleicht dass sie der Theil der Geschichte, den sie zuruckbehielt, so angriff, vielleicht dass die Krankheit, wie es ofters geschieht, den Ruhepunkt, den sie abgewartet hatte, eben jetzt erreicht, um auszubrechen.
Mine bemerkte zwar, dass die Erscheinung des Herrn v. E. und seines Gesandten ihr ganzes Wesen bebend gemacht, und dass dieser Schreck sie mehr angegriffen, als alles indessen half sie sich wieder aus. Jetzt aber war ihr Stundlein vorhanden. Sie konnte nicht mehr. Sie sank: o Gott, sie sank! Es ist, glaubt mir, lieben Freunde, mit Leben und Tod eine besondere Sache. Der Mensch bringt zwar die Ursache seines Todes mit auf die Welt er stirbt an seiner Geburt allein man konnte behaupten, dass der Tod immer, wie ein Dieb in der Nacht, immer wie ein Blitz komme, und dass man in gewisser Art jederzeit, und auch alsdann noch plotzlich sterbe, wenn man gleich an einer Lungenkrankheit stirbt. Der Eintritt dieser Krankheit ist alsdann der plotzliche Tod, und sobald diese Sterbenskrankheit eingetreten, sagt, leben wir wohl noch? Wir hoffen doch? Wir zweifeln, willst du sagen, und das ist wahrlich kein so glucklicher Zustand! Ein Hektikus, der in der Lebenshoffnung, wie man sagt, am starksten seyn soll, ist er nicht schon immer todt? wenn gleich er dem Arzt entgegen hustet: "Heut befind' ich mich so leidlich!" Was er nicht weiss, ist der Augenblick, da ihn die Welt todt nennt. Eigentlich ist er schon verschieden. Was dunkt dich, f r i s c h e r J u n g l i n g , dich, b l u h e n d e s M a d c h e n , was dunkt euch, die ihr dieses leset? Wenn euch beim Wort: s i e s a n k , ein Schauder durchs Herz fuhr, denkt daran: so wird auch euer Tod kommen, so wird er eintreten. Darum wachet, wachet! Jeder, so dieses Blatt liest, alt und jung! Ich beschwor' euch alle bei dem Gott, der an den Tag bringen wird, was im Dunkeln geschah, und der den Rath der Herzen offenbaren kann; ich beschwore jeden, so dieses Blatt liest, heute, heute heute eine gute Handlung im Stillen zu thun; diese Handlung, wenn es moglich ist, vor sich selbst zu verbergen damit sie im Sterben euch Lust zuwehe. Heute, Freunde, heute! folget mir heute noch!
Der Selige war ein grosser Liebhaber vom Vogelsang. Da er nicht mehr ausgehen und ihn im Freien horen konnte, hatte er verschiedene von diesen Sangern im Zimmer. Ihr Gesang soll mich auch im Sterben nicht storen, pflegte er zu sagen. Es ist der Ausbruch der Freude und der Unschuld, es sind gluckliche Geschopfchen. Seine letzte Verfugung war: seine Vogel nach seinem Tode ins Freie zu lassen. Zuweilen wunscht' ich, hatte er hinzugefugt, dass ich ihnen etwas im Testament legiren konnte allein was wurd' ihnen ein Legat gegen die weite und breite Welt seyn, die ihnen eignet und gebuhrt. Mine war bei der Erfullung dieses letzten Willens, den der gute Pfarrer mit sehr vieler Empfindung befolgte. Nach den ersten Begrussungen an Minen war diess sein Geschaft. Sie brauchen kein Legat, sagte der Prediger, diese Weltburger. Auf jedem Aestchen ist ihr Bette gemacht. Gott sey mit euch, fugte er hinzu, und liess die Vogel fliegen.
Mine sank der gute Prediger ermunterte sie; allein er ah, dass ihr das Herz gebrochen war sie war nicht mehr. Sie haben mich sterben gesehen, sagte sie zum Pfarrer. Das hab' ich, erwiederte er. Der Bote des Friedens liess sie nicht von seiner Hand und bat sie, mit ihm zu kommen. Dieses nahm sie als Gottes Einladung an und dankte ihm herzlich fur das Aestchen, das er ihr anbot. Mine war so schwach, dass sie sich gleich ins Bette legen musste, sobald sie zum Prediger kam.
Lasst mich kurz seyn, lieben Leser, ihr konnt fuhlen, nicht wahr? Ihr konnt es wie mir ist; wenigstens hier und dort und da. Lasst mich abbrechen, und leset mehr als da steht.
Die Dulderin konnte selbst ihren Verwandten nur durchs Fenster begraben sehen. Da man ihn einsenkte, sank sie ohnmachtig hin, und musste ms Bett getragen werden. Sie sagte, da sie wieder zu sich selber kam, es war' ihr im sanften Schlummer so vorgekommen, als truge man sie selbst ins Grab. Sie war zuweilen sehr unruhig, und blieb es so lange, bis sie dem rechtschaffenen Geistlichen ihren ganzen Lebenslauf gebeichtet und ihr schwer beladenes Herz gelichtet hatte. Der redliche Mann starkte und trostete sie. Er billigte diese so engelreine Liebe, die lilienkeusche Liebe, wie er sie zu nennen die Gute hatte und was man Minen an ihren gebrochenen Augen ansehen konnte, war da.
Die Absolution des guten Predigers machte Minen munter. Diess kann man auch bei einer grossen Krankheit seyn. Man sah, dass ihr Geist heiter war und nicht zu seyn aufhoren wurde, wenn gleich der Korper dahin fiel. Er war so sehr dem Korper uberlegen, dass der Prediger mich versicherte, hiess ware sein Beweis von der Unsterblichkeit. Ost, sagte er, hab' ich diess gefunden, und noch ofter hatt' ich's finden konnen, wenn nicht die meisten Seelen im Concurs sturben und von so vielen Schuldnern uberlaufen wurden, die sie nicht befriedigt, so lange sie mit ihnen aus dem Wege dieser Welt waren.
Mine wollte die Communion, und zwar in der Gemeinde, empfangen. Ich werde, sagte sie, darin schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, und wie wohl denen auch dort seyn wird, die auf ihn trauen, ich werd' einen Vorschmack drin von dem himmlischen Manna finden. Der Prediger setzte hierzu einen Tag an, und sie empfing die Communion mit zwolf Personen in ihrem Zimmer. Diese Zahl kam ganz von ungefahr; indessen fiel sie Minen sehr auf. "Gott, lass doch keinen Verrather unter diesen Zwolfen seyn!" Mine gab jedem von ihrer geistlichen Tischgesellschaft die Hand. Wir sehen uns wieder, sagte sie. Die Danksagung, welche der Prediger aus der A g e n d e nach der Communion las, sprach Mine laut und mit Seelenwonne mit. Die Tochter des Predigers, ein Madchen von neunzehn Jahren, wollte durchaus sterben, da sie Minen so sterben sah. Sie war immer um und bei ihr. Mine bat den Prediger nicht, mit ihr zu beten. Dazu hatte sie keinen Geistlichen nothig, obgleich sie den Prediger sehr gern um sich hatte. Sie sprach bestandig mit ihm von Sterbenden, die er zum Tode vorbereitet hatte, und freute sich, wenn sie von Leuten horte, die freudig aus dieser Welt gegangen, und deren Seelen so stark gewesen, dass man ihnen die Vollendung angesehen. So was, sagte der Prediger, uberzeugt. Man sieht in gewisser Art Geister und so, wie sie sich aus dem Korper herausschlauben, so werden sie sich auch zu seiner Zeit beim Weltgericht aus dem Staube machen. Wenn Minchen allein war, ging sie im besondern Sinne mit Gott um. Von langen Gebeten hielt sie nichts auch in gesunden Tagen nicht. Sie war, das sah man, das horte man, ihrer Sache gewiss. Sie war im Himmel bekannt. Ich habe dort eine Mutter, die mir gewiss entgegenkommen wird, pflegte sie zu sagen, und dann wieder: Ich behalte denselben Gott in Curland, in Preussen, im Himmel! Ich verandere nicht den Beherrscher, sondern nur den Ort. Ich zieh' aus einer Provinz Gottes in die andere. Hier wohn' ich zur Miethe und dort werd' ich Eigenthumer seyn. Es war ruhrend, sie sterben zu horen, sie sterben zu sehen.
("O Gott, lehre mich bedenken, dass ich sterben werde, dass mein Leben ein Ziel habe, dass ich davon musse! Lehre es jeden, der dich liest!")
Auf einmal fiel es Minchen ein, mich noch zu sehen. Da sie gewiss zu sterben gedachte, sprach sie von unserer Verbindung mit so wenigem Ruckhalt, dass sie mich gegen den Prediger ihren Mann hiess. Der Prediger sprach auch von uns wie von Verlobten. Gretchen, die Tochter des Predigers, wusste einen grossen Theil von meiner Geschichte; nur gegen die Predigerin war man zuruckhaltend. Man liess sie selbst selten zu Minen, obgleich sie sich recht nach ihr sehnte. Sie neigte sich sehr zur Schwermuth, und man musste alles entfernen, was diesem Temperamente Nahrung gab. Bei ihren letzten Wochen war einer von den drei Lindenbaumen, die vor dem Pastorhause standen, ausgegangen; diess hatte sie sich so zu Gemuthe gezogen, dass vorzuglich jeder Lindenbaum sie gleich zum Tiefsinn brachte. Wenn die Linden bluhten, war sie immer in Thranen. Die gemeinen Leute nannten es eine L i n d e n k r a n k h e i t . Sie fand indessen auch in andern Vorfallen Anlasse zur Traurigkeit und Nahrung fur ihre Schwermuth. Die gute Pastorin hatte sich eingebildet, dass der Lindenbaum vor dem Pastorat, da er in ihrem Geburtsjahre gepflanzt worden, jetzo ihren Tod ankundige und ihr Vorlaufer, ihr Johannes, seyn wurde. Gewiss hat dieser Baum ihr Leben mitgenommen. Sie weinte oft am heitersten Tage. Der arme Prediger, welcher anfangs alle Mittel angewendet hatte diese Krankheit zu heilen, sah wohl ein, dass sie nicht heilbar ware.
Oft musste er ihr sogar die Bibel wegnehmen. Sie war nicht aus den Klageliedern Jeremia, den sieben Busspsalmen und der Offenbarung Johannis herauszubringen und im Gesangbuche waren die Todtenund die Abendlieder ihre Sache. "So komm' doch auf einen grunen Fleck!" sagte der kreuztragende Prediger; allein sie blieb wo sie war. Sie sah in jedem Grun die Linde vor ihrem Hause. Es war diesem Baum sein Taufattest, sein Pflanzjahr eingeschnitten, und also wusste sie gewiss, dass sie eines Jahres Kinder waren. Zuweilen kam die Schwermuth der Frau Predigerin bis zu Ausbruchen. Dann waren ihre Begriffe alle durcheinander.
Was meinen Sie, lieber Pastor, sagte Mine, soll ich ihn noch sehen? Ihre Grunde hatte sie jetzt alle aufgegeben. Der Prediger war f u r , der Arzt w i d e r . Es war betrubt anzusehen. Sie wollte mit ihrem Arzt daruber sprechen; allein das konnte sie nicht. Sie hatte kein Wort unmittelbar mit ihm gewechselt. Er war sehr harthorig und eines der Hauptubel, die sich bei Minen ausserten, war kurzer Athem und Brustschwachheit. Da man dem Arzt Minens Wunsche ins Ohr schrie, widerrieth er. Nichts, setzte er hinzu, was sie angreift! Der erste Blick ihres Freundes wurde ihr letzter seyn. Die geringste Spannung wurde ihre Nerven in Stucke reissen.
Mine war es zufrieden, oder musste es zufrieden seyn, da der Prediger dem Arzt beitrat. Sie erholte sich, allein nicht zum Leben, sondern zum Tode, wie sie selbst bemerkte; indessen danke sie ihrem Arzt mit einem Handedruck. Zuweilen stand sie auf, sah nach dem Grabe ihres letzten Verwandten, liess sich von fern die Graber der Frau dieses f r i s c h B e g r a b e n e n und ihrer Kinder zeigen. Sie waren alle mit einer kleinen, in die Hohe stehenden Tafel bezeichnet, worauf ein Spruch stand. Die Tochter des Predigers musste sie lesen gehen und sie Minen erzahlen das Auge reichte nicht so weit.
Auf s e i n e r Tafel standen die Worte, Daniel 12. V. 13: D u a b e r , D a n i e l , g e h e h i n , b i s das Ende kommt, und ruhe, dass du aufstehest in deinem Theil, am E n d e d e r T a g e . Er hiess Daniel.
Auf der Tafel seiner Frau, Hiob 7. V. 2, 3: W i e der Knecht sich sehnet nach dem Schatten, und ein Tagelohner, dass seine Arbeit aus sey, also sind mir elender Nachte viel worden.
Auf dem Grabe der Tochter, Buch der Weisheit 3. V. 1: D e r G e r e c h t e n S e e l e n s i n d i n Gottes Hand, und keine Qual ruhret sie an.
Auf dem Grabe des Sohnes, 2 Samuelis 12. V. 23: Ich werde wohl zu ihm fahren. Er kommt aber nicht zu mir.
Mine eignete sich diese Denkspruche zu. Es war ihr S t a m m b u c h , und jedes Grab brachte sie auf das Grab ihrer Mutter. Ost machte sie die Augen dicht zu, um, wie sie sagte, mit ihrer Seele in nahere Bekanntschaft zu treten und zu versuchen, wie es ihr nach dem Tode seyn wurde. Zuweilen sass ich schon, so fuhr sie fort, wie ich noch lebte, wenn ich mich sehen wollte; ich machte eine Schlafende, um desto besser uber die Fragen: Wo kommst du her? Wo willst du hin? Auskunft zu finden. Ich kehrte mein Auge in mich, und ab von der Welt und von dem, was in der Welt ist. Da liess ich mich denn nicht aus den Augen; ich konnte mir selbst nicht entlaufen, und welche selige Stunden habe ich auf diese Art zugebracht! Jetzt ube ich mich, auf gleiche Weise zu sterben. Sie pflegte zu Gretchen, des Pfarrers Tochter, zu sagen: Da war ich uber drei Stunden zur Probe todt.
Es war den , ein Tag, da sie sehr munter war, und da sie zu Gretchen sich ausliess: Mich dunkt, liebe Freundin, es geht mir, wie dem Konige Hiskias. Ich horte die Stimme: Beschicke dein Haus, denn du wirst sterben und nicht leben bleiben, und nun geht der Schatten hinter sich zuruck, zehn Stufen am Zeiger Ahas, die er war niederwarts gegangen. Mine wollte nicht fur sich, sondern fur mich leben. Mine und Grete waren diesen Morgen froh mit einander; allein wahrlich eine kurze Freude! denn Mine und das ganze Haus hatten einen Schreck, der Minen auch den letzten Herzensrest gab.
Um die Sache in ihrem Zusammenhange zu zeigen, mussen wir aus diesen Vorhofen des Himmels in die arge, bose Welt zuruck.
Alle Boten zu Wagen, zu Pferde und zu Fuss, die Herr v. E. ausgesandt hatte, kamen ohne Minen zuruck; allein nicht ohne Spuren, welchen Weg sie genommen. Es war vollig klar und deutlich ausgemittelt, dass sie in L bei ihren Verwandten sich aufhielt. Hermann, wie es sich von selbst versteht, hatte zu dieser Klarheit und Deutlichkeit einen Familienbeitrag geliefert. Er stand als ein Gefangnisswarter, der eine Staatsverbrecherin entfliehen lassen; indessen begegnete ihm Herr v. E., der zu seinen Absichten noch auf Hermann mehr als einen Anschlag in petto hatte, leidlich das heisst, er schlug ihm nicht vor'n Hals, er spie ihm nicht in's Gesicht, hob seinen Fuss nicht auf wider ihn.
Was ist zu thun? frug Herr v. E. Das ganze Haus, und niemand wusste, was zu thun ware. Endlich fiel es ihm ein, ein Gutachten von ein Paar Rechtsgelehrten, die ihren Schnitt verstanden, fur Geld und gute Worte einzuziehen. Diesen zweien ward noch einer zugesellt, um die Sache von allen Enden zu fassen. Herr v. E. dirigirte. Die preussischen Staaten hat uns der Teufel zur Nachbarschaft zugemessen, sagte Herr v. E. Aus der Holle ist keine Erlosung, setzte einer von den dreien hinzu.
Das consilium juridicum eroffnete seine Session. Hermann war Beisitzer. Die Sache musste in hochster Eile getrieben werden. Einer der Rechtsgelehrten, der, wie er selbst zu bemerken die Ehre hatte, sich in allen Fallen a m K o p f zu halten gewohnt sey, schlug vor, an den K o n i g selbst zu schreiben. Er ist das in Preussen, was Ew. Hochwohlgeboren auf Ihren Gutern sind, setzte Hermann hinzu. Herr v. E. war, fur dieses Compliment in hochsten Gnaden dem Hermann wohl beigethan. Die andern zwei Rechtsgelehrten, die sich nicht so sehr am Kopf zu halten gewohnt waren, brachten ein Anschreiben an die Landesregierung in Konigsberg in Vorschlag, mit welcher die curische Regierung in freundnachbarlichem Vernehmen, wie sie nach der Liebe hofften, stunde. Dieses Votum ging durch. Der Thron bleibt uns sagten sie alle, bis auf den K o p f h a l t e r . Wenn Ew. Hochwohlgeboren, fing derselbe, oder Herr (ich will die drei Rechtsgelehrten mit ihrer Erlaubniss , , nennen), nach einer Weile an, nur innerhalb vierundzwanzig Stunden von ihrer Flucht Nachricht eingezogen
Wenn, sagte Herr .
Und wenn, Herr .
Der Edelmann hat in Curland das Recht, wenn ihm sein Unterthan entlauft, ihn innerhalb vierundzwanzig Stunden zu nehmen, wo er ihn findet, und Hand an ihn zu legen auf jeglichem Boden. Nach der Zeit wird der Unterthan gerichtlich gefordert, doch wird stehenden Fusses obtorto collo verfahren, und geht's hiebei eins, zwei, drei; wie denn das Recht der Wiederforderung, obschon der Menschen Leben siebzig und, wenn's hoch kommt, achtzig wahrt, allererst in hundert Jahren verjahrt.
Das hochweise Consilium sah Minen als eine Unterthanin des Herrn v. E. an, und niemand fiel ein Wort zum Widerspruch ein. Der Literatus Hermann, pro tempore Assessor, wollte allein konnt' er? Man disputirte in die Kreuz und die Quere. Herr , der sich gewohnlich am Kopfe hielt und der sich das Ansehen gab, als sasse er unter einem Baldachin, und einer von seinen Kollegen ihm zur Rechten, und der andere ihm zur Linken, schuttete so viel Gelehrsamkeit uber die Ruckforderung der Unterthanin aus, dass die Stadte bei dieser Gelegenheit ubel wegkamen, wie gewohnlich in Curland.
Herr nahm sich der Stadte an; indessen sah man nach vielen Streifereien in andere, wiewohl mit den gegenwartigen verschwagerte Materien, wie Herr sich ausdruckte, ein, dass die Stadte in Curland gar nicht zum Gutachten gehorten, indem von P r e u ss e n die Rede sey.
Ich besitze eine Abschrift des bei diesem Blutgerichte gefuhrten Protokolls. Herr brachte, des Kopfes wegen, in Vorschlag, dass das Pro und Contra bei dieser Sache genau verzeichnet werden mochte, und eben dieser Vorschlag des Herrn wurde mich in Stand setzen, eben so ganz, als ich diese Verhandlung empfangen habe, sie meinen Lesern mitzutheilen, wenn das meiste in diesem Protokolle nicht Dinge waren, die ganz und gar keine Beziehung auf den gegenwartigen Fall haben. Juristische Hobelspane. Wozu die kunsterfahrnen Einschaltungen: wie es mit dem Grossherzogthum Litthauen und mit Liefland ehemals in dergleichen Angelegenheiten gehalten worden und jetzt gehalten werde? welches der Protokollist alles getreulich und sonder Gefahrde mit einverzeichnet. Der gelehrte hatte ihm befohlen, nichts auf die Erde fallen zu lassen, was sie q u i r l e n und nach Beschaffenheit k o c h e n wurden, und diess war die Ursache, warum der Protokollist ganz fremden, zur Sache nicht zweckenden Materien das Gastrecht in seinem Protokoll angedeihen liess. Herr (so hiess der Protokollist) war damals ein junger Mensch, der durch diese Proben wie Gold gelautert und bewahrt werden sollte, und ist jetzt mein Rechtsfreund. Ausser den Protokollen hab' ich viel von ihm mundlich. Aus allem nur ein Extract.
Es ward ein Gesuch beliebt, kraft dessen Mine als eine Unterthanin vindicirt werden sollte. Auf einmal fiel es dem ganzen Concilio, wie es sagte, z u m G l u c k ein, dass die Sache, ob und in wie weit Mine wirklich Unterthanin sey, sehr leicht zur nahern Untersuchung in Preussen fortgesetzt werden konnte, wenn man sie (und was ist gewisser?) in Preussen uber ihren Statum befragen wurde. Ei dann, sagte Herr , ei dann , ei dann , und ei dann der Beisitzer dieses Conciliums, der sich herzlich freute, dass seine Tochter ohne sein Zuthun emancipirt war.
Herr wunschte, seinen Gedanken, denen er ob periculum in mora Zaum und Gebiss anlegen musste, freien Lauf lassen zu konnen. In obscuro libertas praevalet, l. 5. ff. de fideic. libert. und Favor libertatis saepe benigniores sententias exprimit, lib. 32. in f. ff. ad L. Falcid. Er war im Begriff, noch mehr fur die Ehre der Freiheit anzufuhren, wovon ein rechtskraftiges oder rechtsgestarktes Auge auch selbst im monarchischen und seinem Granznachbar, im despotischen Staat schone Ruinen finden wurde; allein Herr v. E., als Prasident dieses Collegiums, bat, weil es ein agonisirender Fall ware, um ein geschwindes Recept welches Herr und Herr , die dem gelehrten Herrn nicht gleich thun konnten, auch sehr nothwendig fanden. Der vollige Abschluss war folgendes Gesuch, das in pleno bis auf die letzten Kleinigkeiten ins Unreine und ins Reine gebracht ward:
Durchlauchtigster Herzog!
Gnadigster Furst und Herr!
Das Ableben meines Vaters legte meiner Mutter, der v. E., gebornen v. R., die Verbindlichkeit auf, die Sorge fur seine betrachtlichen Guter eine geraume Zeit zu ubernehmen, denn meine auswartigen Verbindungen liessen mich nicht eher als jetzt den Wunschen meines Herzens genugen, um mein Vaterland wieder zu sehen, das ich auch selbst auf allen meinen Reisen nicht verlassen hatte. Wie glucklich dunkte ich mich zu erfahren, dass Curland als frei und gerecht weit und breit bekannt ist. Diese grossen Eigenschaften meines Vaterlandes nehm' ich bei einem Vorfall in Anspruch, der, so klein er beim ersten Ueberblick erscheint, ins ohne Ruckhalt gestehen, hatte durch ihre Gelindigkeit die den Gutern Angehorigen von genauer Erfullung ihrer Pflichten abgebracht, anstatt dass diese meiner Mutter eigene Denkungsart ihr die Herzen aller Unterthanen zuziehen sollte. Besonders gab eine gewisse Wilhelmine durch unertraglichen Stolz und Ungehorsam ein so schlechtes Beispiel, dass, da meine Ermahnungen nichts bewirkten, ich ihr drohen musste. Diese wohlgemeinte Bedrohung, die in den Granzen der Worte blieb, und gewiss nicht anders als im hochsten Nothfall weiter herausgeruckt seyn wurde, brachte die besagte Person so sehr aus allen Schranken des Gehorsams und der Verbindlichkeit, dass sie es fur gut fand, fluchtigen Fuss zu setzen und ein hochst nachtheiliges Exempel zuruckzulassen. Hierbei blieb es nicht, sondern es lehrt die Anlage, dass besagte Wilhelmine noch mehr Pflichten durch eben diesen Austritt verletzt, indem sie diebischer Weise verschiedene Sachen an sich gebracht, welche sie theils verkauft, theils leibhaftig oder in natura mitgenommen.
Das Corpus delicti bei diesem Diebstahl ist wohl ganz unstreitig bewiesen, da wegen der geschehenen Entwendung und der dabei beabsichtigten Gewinnsucht alles entschieden ist; die kunftige mit der Lauflingin zu haltende Untersuchung wird die Grosse des Diebstahls noch genauer begranzen, indem vorderhand nur ohne alle Nebenrucksichten die Frage seyn kann, ob Wilhelmine eine Diebin sey? Die Flucht der besagten Person wurde dem angeschlossenen Protokoll noch einen Grad der Gewissheit ertheilen, wenn noch mehr Gewissheit erforderlich ware und die Sache nicht schon an sich da und offen lage. Denn was ist auffallender, als dass Wilhelmine , welche wenige Tage, nachdem sie die Sachen verkauft, entsprungen, bloss aus Furcht vor der Strafe sich entfernt, zu diesem Behuf abgelegene Strassen gesucht und den Weg nach Preussen genommen? Der Umstand, dass ihr Begleiter sogar den M a r t i n J a k o b K e g l e r morderischer Weise ums Leben bringen wollen, erschwert ihr Verbrechen so ungemein, dass man die Tucke des Herzens dieser Unglucklichen im ganzen hasslichen Umfang erblickt. Ein wohlgefuhrtes Leben ist fur die Unschuld ein alles uberredender Vertheidigungsgrund, und wenn selbst nach einem viele Jahre her gefuhrten guten Lebenswandel jemand wegen eines Verbrechens in Anspruch genommen wird, ist und bleibt der vorige gute Lebenswandel ein unbezweifelter Linderungsgrund.
Ludovici de praesumt. bonitat.
Wenn aber der Lebenslauf des Bezichtigten wider ihn das Wort nimmt und eine Kette von schlechten Aeusserungen ist, kann da ein An- und Sachwalt eine Vertheidigung, ich will nicht sagen unternehmen, sondern auch selbst wagen? Wilhelmine ist eine so boshafte Person, dass sie mit der Besserungsaussicht pracludirt zu seyn scheint. Es sind selbst schwerlich, wenn ich mich hier dieses Ausdruckes bedienen darf, gute Stunden, heitere Abwechslungen, dilucida intervalla, von ihr zu erwarten. Damit ich indessen Ew. Durchlaucht nicht zu beschwerlich werde, so sey es mir erlaubt, meinem eigentlichen Gesuch naher zu treten. Es ist die mehr besagte Wilhelmine nach Preussen gefluchtet und halt sich in L im schen bei ihren Anverwandten, Namens , auf. Ich ersuche also Ew. hochfurstliche Durchlaucht unterthanigst gehorsamst, die preussische Landesregierung zur Nothund Rechtshulfe zu ersuchen: besagte Wilhelmine nach Sicht dieses nachbarlichen Requisitorialausschreibens dingfest zu machen und unter Bedeckung bis an die Granzstadt Memel gefalligst auszuliefern, wo ich sie entgegenzunehmen und wegen des Gewahrsams die erforderlichen Einrichtungen zu treffen nicht ermangeln werde.
Dieses Gesuch bedarf keiner Unterstutzung in Rucksicht der preussischen Regierung, denn obgleich, wie es die Archive nachweisen, in altern Zeiten Bauernforderungen zwischen Preussen und Curland vorgefallen, so ist doch nach der Zeit keine Nachfrage weiter desshalb vorgefallen. Der curische Landtagsabschied von 1624 setzt im . 23 fest: "Wir wollen auch alle fremden Bauern ausantworten, welches eine edle Ritter- und Landschaft ebenmassig zu thun verbunden, ausgenommen welche uber dreissig Jahre nicht abgefordert und verjahret worden," und so wie ich Ew. Durchlaucht tiefunterthanigst anflehe, diese Stelle mit der Urschrift gegeneinanderhalten und als stimmig vergewissern und attestiren zu lassen, so werden Ew. Durchlaucht auch der koniglichen Landesregierung in Konigsberg die Versicherung, wenn sie erforderlich ware, ertheilen, dass nach diesem Abschiede verfahren und vorzuglich die preussischen Laufer ohne Anstand ausgeliefert worden, wovon sowohl der Stadt Memel als dem koniglichen Amte Althof-Memel Beispiele bekannt seyn werden. Die Seltenheit der Falle entscheidet nichts zu meinem und zu Curlands Nachtheil, denn die preussischen Granzen sind besetzt und so geschlossen, dass selten ein Laufling sich durchzudringen Gelegenheit findet.
Wenn diese Auslieferung indessen schon bei Bauern von curischer Seite beobachtet wird, so werd' ich um so mehr bei einer Diebin, Storerin allgemeinen Ruhe, ja selbst einer Mordanfuhrerin auf diese Rechtshulfe Anspruch machen konnen.
Es ist eine Sache der Menschheit, dergleichen Verbrechen zu strafen, und ohne mich in einen Streit einzulassen, was fur ein forum das vorzuglichste sey, ob das des delicti, des domicilii oder deprehensionis, so ist wohl offenbar, dass Preussen keines von allen dreien ist, sondern allererst durch das Angesuch Ew. Durchlaucht bewogen wird, die Wilhelmine dingfest zu machen, so dass also diese Deprehension Namens Ew. Durchlaucht geschieht; und was ist wohl angemessener, als da das Verbrechen zu untersuchen, wo es vollbracht worden? Hier bieten alle Umstande dem Inquirenten die Hand, und wurde man nicht selbst dem Endzweck der Strafe entgegenhandeln, wenn man an einem mit dem Verbrechen unbekannten Orte die Strafe vollziehen wollte? Bei diesen sehr auffallenden und in gesitteten Staaten allgemein beliebten Grundsatzen bin ich der Erhorung meines Gesuchs gewiss und konnte mit der vollkommensten Zuversicht schliessen, wenn ich nicht noch unterthanigst gehorsamst bemerken musste, wie ausser den bezeichneten Lastern, die der Wilhelmine naturlich geworden, die Liebe zu Unrichtigkeiten mit gehort, welche ohnehin bestandig, sowie mit allen Lastern, so vorzuglich mit der Dieberei in Gesellschaft zu treten pflegt. Wenn also ein Verhor mit ihr veranlasst werden sollte, so wurde ihre Verschlagenheit, die alle Gestalten sich zuzueignen versteht, der Sache ganz andere Wendungen beilegen. Dieses zwingt mich zu einer Beischrift meines unterthanigen Gesuchs: die koniglich preussische Landesregierung zu requiriren, die Wilhelmine ohne alle Weitlaufigkeiten einzuziehen und zu transportiren.
Der Einfluss, den dieser ins Publikum dringende Vorfall auf meine Guter hat, ist unaussprechlich, und kann nur dadurch den Fremden, die unsere Landesart nicht kennen, begreiflich gemacht werden, dass die Letten, so wie alle begranzte, eingeschrankte Menschen, mehr nach Exempeln als nach Grundsatzen leben.
Damit allendlich wegen der Person der Wilhelmine keine Irrung entstehe, ist selbige in Absicht ihres Korpers das Gegentheil von dem, was man g e w o h n l i c h nennt, ihr Wuchs selbst ist zwei Finger breit uber das Gewohnliche, den gang und gaben Weiberwuchs. Sie hat nichts Kleinigliches und nichts Kindisches, sondern granzt aus Mannliche, allein es ist demungeachtet nichts mannlich an ihr. Sie ist schlank, sehr gesund, roth und weiss, hat schwarzes Tint-, allein nicht Zigeunerhaar, grosse, stimmige, schwarze Augen, wo aber nichts Gutes wohnt. In der Mundgegend, die Zahne nicht ausgenommen, liegt Spott und Hohn. Ihre Sprache ist klingend, ihr Gang kraftig und entschieden. Sie sieht mehrentheils aus, als ob sie Kreuz truge; allein sie ist eine Heuchlerin und Spitzbubin von Haus aus.
Die mir durch die Willfahrung meines auf Gleich und Recht sich grundenden Gesuchs zu erzeigende landesvaterliche Huld, Gnade und Gerechtigkeit werd' ich lebenslang verehren, und niemals aufhoren, mit so viel Ehrfurcht als Treue zu seyn
Ew. hochfurstlichen Durchlaucht
unterthanigst gehorsamster
v. E.
Actum den
Des Herrn v. E. auf Hochwohlgeboren erklaren, wie sehr entfernt Sie waren, gleich bei dem Antritt der vaterlichen Erbguter auch nur durch eine anscheinende Harte sich die Zuneigung und Liebe Ihrer Unterthanen zu entziehen, und stellen den leiblichen Vater der entlaufenen Wilhelmine vor Gericht, um wegen ihrer strafbaren Auffuhrung gewissenhafte Anzeige zu thun.
Es wird bemerkt, dass man den Vater, der Gewohnheit gemass, zu seiner Anfrage rechtlich vorbereiten und mit einem Eide belegen wollen. Der Herr v. E. indessen bittet bei dieser Gelegenheit, den so betrubten Vater, insoweit es rechtlich bestehen konnte, zu schonen. Soviel fallt sehr auf, dass ein leiblicher Vater das Verbrechen der Tochter nicht vergrossern werde, und wurde also nur bloss zu besorgen seyn, dass er aus vaterlicher Neigung vielleicht zu wenig anbringen und der Sache einen Anstrich zuwenden durfte. In dieser Rucksicht wird dem Publiko sein Recht bei der kunftigen nahern, hier mit der Wilhelmine anzustellenden Untersuchung ausdrucklich vorbehalten und der hochst betrubte Vater vorgelassen.
Er heisst , ist achtundfunfzig Jahre alt, lutherischer Religion. Der gegenwartige Fall druckt ihn so schwer, dass er nicht aus noch ein weiss. Seine Tochter Wilhelmine hat von Jugend an einen Trieb zur Widerspenstigkeit geaussert, und sowohl ihm als seiner verstorbenen Ehegattin viele betrubte Tage zugezogen. Ihr Wortauffang, ihre Spitzfindigkeit, ihre Griffe und Hinterhalte konnten einem gutgesinnten Vater freilich keine Freude machen, wozu die Ungerathene es auch nie anlegte. Nach dem Tode seiner Ehegattin ausserte sie den Trieb zur Unregelmassigkeit noch naher, vorzuglich emporte sie sich wider eine Heirath, die er zu unternehmen mit Hulfe Gottes entschlossen. Diese und andere Umstande hatten den Comparenten nothgedrungen sie im Hofe zu anzubringen, wo sie, anstatt sich die gnadige Zuneigung der hochwohlgeborenen Herrschaft zu erwerben, sich auf eine strafbare Art fuhrte. Ich habe nicht verfehlt, sie vaterlich zu ermahnen, so vielen unverdienten gnadigen Gesinnungen nicht entgegen zu seyn, bemerkte der Vater (um seine eigenen Worte beizubehalten), allein diese Zusprache wollte nicht Platz greifen. Gute wiegelte sie noch mehr auf, bis sie, dem zurechtbestandigen Contract zuwider, der mit der hochwohlgeborenen Gutsherrschaft verabredet, getroffen und geschlossen ist, das Weite suchte, nachdem sie vorher ihre Hande nach unrechtem Gute ausgestreckt und verschiedene Sachen und Baarschaft, Geld und Geldeswerth diebischer Weise mitgenommen.
Comparent zeigt ein Verzeichniss vor und verbindet sich, solches bei der kunftig wider seine Tochter zu eroffnenden Untersuchung zu den Akten zu legen.
* * *
Es wird dem Comparenten aufgegeben abzutreten, allein vo dem Abschluss des gegenwartigen Verhors sich nicht zu entfernen.
Das Verzeichniss der entwandten Sachen bleibt in richterlichen Handen, um davon bei diesem Verhor Gebrauch zu machen.
* * *
Ob es gleich aus dieser vaterlichen Anzeige schon vollstandig erhellt, dass mehr besagte Wilhelmine
a) als eine Dienstpflichtige, sich selbst zur wohlverdienten Strafe und andern zum schreckenden Beispiel, dingfest zu machen, nicht minder, dass Wilhelmine
b) unstreitig als eine Diebin zu nehmen, die nicht als eine ausgetretene Person etwa bloss der Dieberei bezichtigt worden, sondern deren Diebstahl vollig am Tage ist, so sind doch, um die Sache noch mehr zu ergrunden, einige Zeugen wegen der Dienstflicht der Wilhelmine und ihrer Dieberei vernommen.
Des Herrn v. E. Hochwohlgeboren benahmen eine lange Reihe von dergleichen Zeugen, wovon aber nur einige zum Verhor vorgelassen werden. Der erste unter diesen Ausgewahlten ist: J o h a n n P e t e r B e i f u ss , von welchem, nachdem er wohl ermahnt worden, die reine Wahrheit zu sagen, folgendes vorschriftsmassig zum voraus bemerkt wird: Er heisst Johann Peter Beifuss, ist ein Deutscher, und steht in Diensten Sr. Hochwohlgeboren des Herrn v. E. Sein Alter ist siebenunddreissig Jahre und seine Religion die lutherische. Zur Sache.
Wilhelmine hat ihrer Geburt nach nichts Solideres erwarten konnen, als die Lage, in welche sie ihr Vater gebracht; indessen war ihr storrisches Betragen so unausstehlich, dass wohl sonst schwerlich jemand anders, als eine so gut denkende gnadige Herrschaft so nachgebend seyn konne. Man gab, so vieler Hintergehung unerachtet, nicht alle Hoffnung auf, sie auf den rechten Weg zuruckzulenken, dem aber die Lauferin bei aller Gelegenheit auswich. Von ihren ersten Lebensjahren ist dem Zeugen zwar nichts Genaues bewusst, indessen war Wilhelmine als eine dem Stolz und Eigensinn ergebene Person jederzeit bekannt, die Flitterstaat und Frechheit liebte; wie denn bei dem unerwarteten Tode ihrer Mutter die Rede gefallen, dass sie selbige ins Grab geargert. Comparent besinnt sich sehr genau, wie Wilhelmine bei dem Begrabniss ihrer Mutter so leichtsinnig gewesen, dass sie, anstatt ihre Augen auf den Sarg zu heften, mit selbigen herumgeschweift und flankirt, auch solche zum allgemeinen Aergerniss einem jungen Menschen zugebracht, mit dem sie einen unanstandigen Verkehr getrieben. Comparent steht an, diesen jungen Menschen zu nennen, obgleich die Sache an sich jedermann, Jung und Alt bekannt seyn soll. Die Steine wurden schreien, fugte er hinzu, wenn nicht jedermann, Jung und Alt, in , wo die Lauflingin zu Hause gehort, reden sollte. Ich selbst, fahrt er fort, bin ein Augenund Ohrenzeuge gewesen, wie Wilhelmine den gnadigen Ermahnungen des Herrn v. E. Hochwohlgeboren widerstand, die doch nichts als ihr wahres Heil bezweckten.
Mit ihrem leiblichen Vater lebte diese heillose Wilhelmine in einer argerlichen Feindschaft. Der ehrliche Mann, der auch am besten weiss, wo ihn der Schuh druckt, wollte zur zweiten Heirath schreiten, allein Mine vertrat ihm den Weg; das machte in der ganzen Gemeinde gwaltiges Aufsehen, indessen ging es ihr vor genossen aus, und sie kam jetzt und immer ungeschlagen davon.
So viel weiss Zeuge gewiss, dass die Ermahnungen des Herrn v. E. Hochwohlgeboren an die Entwichene von keiner Harte begleitet gewesen, und dass der Zwang sie vielleicht weit eher in das Verhaltniss gebracht haben wurde. Sie hatt' einem jeden als eine solche geschienen, die fuhlen musste, weil sie nicht horen wollte. Ihr Beispiel hat sogar viele von ihrem Gelichter zu einem gleichen Aufruhr gegen die Wohlmeinung des Herrn v. E. Hochwohlgeboren gelenkt, der nur eben die Guter angetreten und d i e L i e b e selbst ware.
Sonst sey die Fluchtlingin nicht uneben, wende aber sowohl Geistes- als Leibesgaben nicht zum Nutzen des Nachsten an, wie aus dem Obigen sich ergeben wurde.
Nichts sey zuverlassiger, als der Diebstahl, oder die Diebstahle, denn schwerlich konnte die Lauflingin aus einmal so viel entwendet haben. Wer weiss es nicht, fahrt Comparent fort, dass sie im Dorfe viele gestohlene Sachen versilbert und dass sie eine Menge Sachen in Packen mitgenommen? Den eigentlichen Werth des Diebstahls kann Comparent zwar nicht abwiegen, indessen glaubt er, dass, ohne viele Stucke nach dem Lieblingswerth zu wurdigen, der Diebstahl wohl einhundert Reichsthaler Albertus wiegen und betragen konnte. Comparent bedient sich des Ausdrucks, da er die Verschlagenheit der Wilhelmine und ihre Verkleisterungs- und Verflechtungskunst beschreiben will, sie sey v e r s t a n d f l i n k und versichert, dass sie sich in einen Engel des Lichts lugen und ausstaffiren konnte, welches zur Steuer der Wahrheit mit verzeichnet wird. Auf die Frage: ob und in wie weit Comparent Leute namhaft zu machen wusste, denen Wilhelmine Sachen verkauft? erwiederte er: Ich kann viele nennen.
Die Amtmannin und die Schwester dieser Amtmannin, ein noch unverheirathetes Madchen, fallen ihm urplotzlich ein. Es ist so gewiss, als irgend etwas seyn kann und als meine Aussage ist, sagt Comparent, dass Wilhelmine langstens Handel und Wandel getrieben; wo war' auch ihr Prunk hergekommen, wenn es nicht unrichtig zugegangen ware? Es wird dem Comparenten wortlich seine Aussage vorgehalten, welche er in allen Punkten sich zueignet. Von den Umstanden der Flucht weiss B e i f u ss nichts Zuverlassiges; indessen gibt er an, wie K e g l e r hiervon vollstandig unterrichtet sey, indem er ihr auf Hochwohlgebornen Befehl nachgesetzt, und uberlasst es der Erkenntniss, ob und in wie weit dieser Martin Jakob Kegler noch zum Verhor zu ziehen seyn werde?
Martin Jakob Kegler wird vorgefordert, wohl ermahnt, die reine, klare Wahrheit auszusagen und solche nicht zu lassen, um Liebe ober Leid, um Freundschaft oder Feindschaft, um Geschenk oder Gabe und um keinerlei Ursache willen. Vorlaufig wird bemerkt, dass Comparent Martin Jakob Kegler heisse, im Hofe wird er Jakob genannt. Er ist im Dienste Gr. Hochwohlgeboren des Herrn v. E. Seine Religion ist die lutherische. Alt ist er funfundzwanzig Jahre. In Rucksicht der Sache selbst stimmt er in seinen Aussagen mit dem Beifuss punktlich, ausser dass er wegen der Flucht der Wilhelmine noch folgende Umstande nachtragt:
Es ward ihm aufgegeben, die Fluchtlingin einzuholen, nachdem ihre Flucht und ihr grosser Diebstahl zu jedermanns Wissenschaft drang. Nach einigen fruchtlosen Bemuhungen war er wirklich so glucklich, sie auf der Flucht zu erspuren und zu bezirken, da indessen sein Auftrag sich nicht weiter erstreckte, als die Lauflingin gutlich zur Ruckkehr zu bequemen, blieb er bei der Verfolgung dieser Lauflingin unbewaffnet. Sobald er sie traf, machte sie einen Schrei, welcher ihm zwar sehr auffiel, indessen hatt' er sich eher den Tod, wie er bemerkt, als die Folge vorgestellt, welche dieser Schrei wirklich gehabt; denn es war ein Hulfsund Nothzeichen, und sogleich sturzte eine starke Mannsperson auf ihn zu, mit einem Messer, mit welchem er den Comparenten nicht etwa bedrohte, sondern er sturmte los auf ihn, und wurd' ihm auch wirklich auf der Stelle das Leben genommen haben, wenn er sich nicht zu retten gesucht hatte. Wilhelmine forderte diesen Morder mit Geberden und Worten auf, setzte Comparent hinzu, mich zu verfolgen, indessen war mein Pferd aller dieser Bemuhung uberlegen. Dieser ungluckliche Vorfall brachte den Comparenten nicht ab, der Fluchtlingin nachzusetzen, vielmehr sprengte er ins nachste Dorf, um sich zu verstarken. Er hatte Muhe, wegen der Feldarbeit, ein paar Manner fur Geld und gute Worte zu Stande zu bringen. Er ritt mit zwei herzhaften Begleitern wir alle drei, wie die Baren, sagte er, allein Wilhelmine und der Morder (anders kann ich ihn nicht nennen) waren nicht aufzufinden ihre Statte war nicht mehr. Wir ritten in die Kreuz und Quere, bis in die sinkende Nacht hinein. Auf die Frage: in welchem Verhaltniss Comparent den Morder gegen Wilhelminen gefunden, und was sich eins gegen das andere angemasst? erwiederte er, um seine eigenen Worte beizubehalten: Ich halte diesen Kerl fur nichts weniger als ihren Liebhaber, wohl aber fur einen, den der Liebhaber gedungen haben konne, ihr sicher Geleit zu geben. Unfehlbar schlief Mine, da ich sie entdeckte, und schon die Entfernung des Morders bei dieser Gelegenheit beweist meine Meinung.
Ob Wilhelmine zu Wagen, zu Pferde oder zu Fusse gewesen, weiss Comparent nicht anzugeben, der sehr bedauert, dass Se. Hochwohlgeboren ihm, dieses Vorfalls wegen, einen grossen Theil des vorigen gnadigen Zutrauens entzogen, so dass ihm, wenn selbst er ein Schuldgenosse, Mitgehulfe und Theilhaber von dieser Lauflingin gewesen, nicht ungnadiger begegnet werden konnte, indem Gute und Wohlwollen die Hauptzuge an Sr. Hochwohlgeboren waren. Seine, des Comparenten, Wunsche, die er mit gefalteten Handen thut, gehen dahin, dass Wilhelmine als eine Landstreicherin, Diebin und Mordbefehlshaberin dingfest gemacht und zur Bestrafung eingeliefert werden mochte, und dass alsdann nicht Gnade fur Recht ginge, wie er aber, nach der Milde Gr. Hochwohlgeboren, nach vielen belebten Datis, befurchten musste.
Nachdem dem Comparenten seine Aussage wortlich vorgelesen worden und er ihr in alle Wege beigestimmt, ward er abgelassen.
Bei der kleinsten Nachfrage findet sich vor, dass Wilhelmine weit und breit gestohlene Sachen verkauft. Um die Akten nicht ohne Noch zu haufen, schrankt man sich auf die laudirte A m t m a n n i n und ihre S c h w e s t e r ein, welche bei allen Anstrichen und Bemantelungen, die sie der Sache zuwenden, jedoch so viel unverdreht eingestehen, dass sie Wasche und Kleider wenige Tage vorher, da Wilhelmine entsprungen, gekauft. Sie versichern, dass sie auf keinen bosen Gedanken verfallen, da Wilhelmine schon sonst Kopfputz und andere Stucke ihnen kauflich uberlassen. Diessmal, sagt die Amtmannin, war das erstemal, dass sie nicht unmittelbar mit uns handelte, sonst geschah es nie durch die dritte Hand, sondern vor aller Welt, Augen und Ohren und allen andern Sinnen. Diessmal war das erstemal, dass die Sachen unter der Vorspiegelung zu uns gebracht wurden, die Person, welcher diese Stucke als Eigenthumerin zustunden, sey in Geldverlegenheit und nothgedrungen, hiess und das auszustossen. Beide, sowohl die Amtmannin als ihre Schwester, bekennen, aus vielen Umstanden bemerkt zu haben, dass Wilhelmine bei diesem Verkauf unter der Decke spiele, gewiss aber, fugen sie hinzu, wussten wir's nicht. Sie bitten instandigst es zu vergunstigen, dass sie diese Sachen, da sie solche nicht unter dem Werth berichtigt, behalten und nicht auszuantworten mogen angewiesen werden.
Nebenumstande findet man nicht nothig diesem Protokoll einzuverleiben, welche diese beiden letzten Personen, namlich die Amtmannin und ihre Schwester, eingestreut.
Alle Brodlinge des Herrn v. E. Hochwohlgeboren treten den Aussagen des leiblichen Vaters der Lauflingin bei und bekunden, dass diese Wilhelmine ein verhartetes, verdorbenes Herz besitze, und sich durch die gnadigsten Verheissungen der hochwohlgebornen Gutsherrschaft, sie auszustatten und den Kranz zu bezahlen, nicht auf andere Wege lenken lassen; wie sie denn geflissentlich, vorsatzlich und arglistig Zwistigkeiten, Irrungen und Verschiedenheiten erregt, die klarsten Dinge verflochten und verdreht. Mit diesen Gesinnungen vereinbarte sie auch obenein die verteufelte Schadenfreude, so dass um die Sache kurz zu fassen, diese Person, welche schnode zu handeln sich zur Gewohnheit gemacht und, ihres Blendwerks von Gesicht unerachtet, den Satan im Herzen gehabt, Untersuchung und Bestrafung verdient Es strahlt aus vielen Umstanden hervor, wenn es gleich nicht durch aussere Kundgebung an den Tag gelegt worden, dass Wilhelmine , falls sie nicht anders ihre Absichten erreichen konnen, sich aus einem M o r d m e s s e r kein Gewissen gemacht haben wurde.
Der Vater der Unglucklichen ward noch vor dem Abschluss dieses Protokolls vorgelassen, welcher vor Wehmuth sich nicht zu bergen weiss. Da ihm indessen von Sr. Hochwohlgeboren, seinem gnadigen Gonner, ein Wort des Trostes verehrt wird, so beruhigt er sich in der Hoffnung, dass, da er sehr leicht selbst in seinem guten Ruf durch diesen Vorfall leiden konnte, allererst die kunftige auszuubende Strafe an seiner entlaufenen Wilhelmine Vater und Tochter unterscheiden, und ihn in die Achtung des hochwohlgebornen Publikums zurucksetzen wurde, die von jeher der Gesichtspunkt seiner Handlungen gewesen. Um diesen bedrangten Vater nicht noch mehr in die Enge zu bringen, hat man ihm viele Stellen aus diesem Verhor verschwiegen, und dieses Protokoll, in so weit es seine Aussage enthalt, von ihm in fidem unterzeichnen lassen. Actum ut supra.
Namen des Justizbeamten
Namen des Herrn v. E.
Namen des Hermann
Ist's moglich! Mehr als diesen Ausruf kann ich nicht. I s t ' s m o g l i c h !
Nichts ist mir von jeher herzzerschneidender gewesen, als wenn die Bosheit ihre Lugen mit ein wenig Wahrheit salzt und wurzt und sie dann auftischt, und wie war euch zu Muthe, ihr edlen L e s e r i n n e n , da Johann Peter Beifuss Minen einen Muttermord, eine Grabesschanderei anrugt? Und wie, da er unsere engelreine Liebe schandet und lastert, wie, edle Seelen? Eine Luge ist schandlich, allein sie ist es um die Halfte weniger, wenn nichts von Wahrheit eingemischt ist. Das ist ein ehrlicher Lugner, der so lugt! Und fast wollt' ich behaupten, dass solch ein rechtschaffener Lugner nicht vom Vater, dem Teufel, in gerader Linie abstamme! Allein der Teufel selbst, der ein Schild der Wahrheit aushangt, um desto besser Mord und Todtschlag im Hinterhalt zu verstecken solch ein Giftmischer, solch ein Hostienverfalscher von Lugner, welch ein Scheusal!
Verzeiht, Leser, ich bin ein Mensch und Mine ist ein Engel! Die Regierung in Mitau fand nichts unbilliges in dem Gesuch des Herrn v. E., das von den Herren , , mit einem gerichtlichen Verhor ausgestattet ward, und das Requisitorialschreiben an die preussische Landesregierung ward ohne Anstand bewilligt. Ich konnt' es wortlich mittheilen, allein warum? Hier ist die treffende Stelle:
Ew. Ew. Excellenzen werden sich aus diesen Umstanden uberzeugen, aus was fur Grunden wir das unterthanigst gehorsamste Gesuch des hochwohlgebornen v. E. verstattet, und da der ausfuhrliche Vortrag der Sache, welcher durch gerichtliche Verhore bestarkt worden, uns der Pflicht uberhebt, noch nahere Aufschlusse beizufugen, so begnugen wir uns, die ausdruckliche Versicherung zu ertheilen, dass von Seiten dieser Herzogtumer in gleichen Fallen eine gleiche Gerechtigkeit bewiesen werden soll. Der Verlust dieser an sich unbedeutenden Person kann den hochwohlgebornen v. E. freilich nicht bestimmen, die nach Preussen verlaufene Wilhelmine wieder zuruckzusuchen, allein die Folgen sind zu bedeutend, die dieser Vorfall, wenn er nicht eingelenkt wurde, dem hochwohlgebornen v. E. und der ganzen Gegend zuziehen durfte. So wie aus dem gleichmassig in der Anlage bis zur Vollstandigkeit gebrachten Grunden sich ergeben wird, warum der hochwohlgeborne v. E. alle Untersuchung in Preussen verbeten, so treten wir des Endes, so wie in allem, so auch in Rucksicht dieses Theils seines Gesuchs, ihm bei, und sehen uberhaupt der geneigtesten Erfullung dieser unserer Wunsche um so zuversichtlicher entgegen, als Ew. Ew. Excellenzen uns jederzeit von einer so grossen Gerechtigkeitsliebe, als nachbarlichen Gefalligkeit, beweisende Proben gegeben. Wir verharren mit vollkommener Hochachtung
Ew. Ew. Excellenzen
ergebenste Diener
Mitau, den ergebenste Oberburggraf.
17 ergebenste Canzler.
ergebenste Landhofmeister.
ergebenste Landmarschall.
Die Antwort der preussischen Regierung:
Hochwohlgeborne,
insonders hochgeehrte Herren!
E. Hochfurstl. Herzogl. Curlandischen Regierung erwiedern wir auf das gefallige Anschreiben vom 17 , wie wir sogleich den erforderlichen Auftrag an die Behorde erlassen, die aus Curland entlaufene Wilhelmine uber die im Angesuch des Curischen von Adel v. E. enthaltene Umstande, durch welche ein gemassig zu vernehmen und nach diesem Verhor wegen ihres Arrestes die nothigen Verfugungen, die wir ihm auf alle Falle zugemessen, werkthatig zu machen, weil wir, ohne ein mit dieser Person gehaltenes Verhor, uns in der Sache entscheidend zu erklaren ausser Stand sind. Wir haben die Ehre mit vollkommener Hochachtung zu seyn
E. Loblichen Herzogl. Curlandischen Regierung
freund- und dienstwillige
N.N.N.
Zu gleicher Zeit ein Auftrag an das Collegium, Minen durch einen Deputatus zu vernehmen und, wenn sich die Umstande protokollgemass und nach dem curischen Anschreiben verhielten, sie sogleich dingfest zu machen, und zu dem Ende dem zu ernennenden Commissarius zugleich ein Gesuch an die nachste Garnison mitzugeben, um davon, wenn die Lauflingin gefanglich eingezogen werden sollte, einen augenblicklichen Gebrauch machen zu konnen. Sollt' indessen Mine Milderungs- oder gar Aufhebungsumstande fur sich anfuhren, oder auch nur die wider sie angebrachte Klage zu entkraften vermogend seyn, so konnte sie zwar nicht in feste Hand genommen und in engere Verwahrung gebracht werden, indessen schienen so viel Umstande wider sie einzutreten, dass, wenn gleich dieser Kummer nicht nachgeblich ware, dennoch eine genaue Aufsicht ihrer Person, oder wenigstens eine hinreichende Kaution anzuordnen seyn wurde. Von allen diesen Vorgangen sollt' ein so schleuniger als genauer Bericht erstattet werden.
Das Ruckschreiben der preussischen Regierung fand in Mitau keinen, am wenigsten den vollwichtigen Beifall, und da es dem Hochwohlgebornen v. E. in Abschrift zugefertigt ward, liess er sogleich, wie P h a r a o , da er von den sieben fetten und sieben magern Jahren getraumt, den hohen Rath der Traumeund Zeichendeuter , , , zu sich kommen, und anstatt der ersten Frage:
Was ist zu thun? fragten Se. Hochwohlgeboren:
Was nun? und schienen nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass bei allen bewiesenen Merkzeichen der Einsicht und Geschicklichkeit die Herren , , kein Gluck hatten. Jeder der Herren , , behauptete, dass er von Gluck sagen konnte, und schrieb alles flugs auf die Rechnung der preussischen Staaten, die der Teufel ihnen zur Nachbarschaft zugewiesen hatte. Hab' ich nicht gesagt, fing Herr an: aus der Holle ist keine Erlosung! Mit Ihrer Erlaubniss, Herr College, erwiederte Herr , aus der Holle nicht, wohl aber aus dem Fegfeuer. Wenn man, fuhr dieser K o p f h a l t e r fort, auf meine unvorgreifliche Meinung, an den Konig selbst zu gehen, stimmige Rucksicht genommen, die Sache war' in einer andern Lage. Ich lasse meinen Kopf in einer andern vielleicht in einer gefahrlicheren, bemerkte Herr v. E. und jeder, selbst Herr , trat ihm bei mit einem V i e l l e i c h t !
Wenn ein Bollwerk erklettert werden soll, muss eins da seyn, und diess suchten die Herren , , , in der grossten Geschwindigkeit zu schutten und zu haufen.
Man that, ohne auf die gegebene Frage! W a s n u n ? das Auge zu richten, wie gewohnlich verschiedene Ausfalle, und hatte dagegen Einfalle, bis der Herr v. E. die in der Irre gehenden Rechtsgelehrten zusammenrief und festhielt. Was nun? fragte jeder. Herr v. E. wollt' an der Abschrift des konigsbergischen Ruckschreibens ein Exempel statuiren und sich daran vergreifen; indessen liess er sich bedeuten und sah zu rechter Zeit ein, dass es nur Papier und, was noch mehr war, eine curische Abschrift sey. Endlich und endlich war noch ein erneuertes und gescharftes Anschreiben nach Konigsberg verabredet, geschlossen und getroffen. Hier und da bitter und hier und da wieder suss. Landlich, sittlich, sagte Herr . Es ist nicht so ganz ohne, dass man Wilhelmine zuvor verhort. Audiatur et altera pars, und wenn, setzte er hinzu, und wenn Preussen alle seine Unterthanen reklamiren sollte, was meinen Sie, meine G o n n e r und meine H e r r e n , wer wurde mehr verlieren, Curland an Wilhelminen, oder wir an so vielen wurdigen Prapositis, Pastoren, Aerzten und Rechtsgelehrten? Bei dem letzten Worte liess er die Stimme fallen, und man besann sich, dass Herr Collega aus Preussen ware welches so ganz dreist heraus zu behaupten, er unfehlbar ausserhalb der Jahreszeit hielt, da Herr v. E. so sehr gerustet schien, sich an allem, was preussisch war, zu vergreifen und ein Exempel zu statuiren. Herr nannte diese Zuruckhaltung, um zu zeigen, dass er durch das preussische Ruckschreiben nicht k o p f s c h e u geworden ware: w i e e i n e K a t z e u m d e n h e i ss e n B r e i g e h e n . Er sah den Herrn steif und fest an, und man merkte, dass er seinen Einwand aus dem Grunde widerlegen wollte. Schon recht, sagte Herr , allein Preussen hat noch keinen Prapositus, Pastor, Arzt und Rechtsgelehrten, unter denen ich einen guten Freund habe, den wir alle kennen, gefordert; wir aber fordern Wilhelminen. Was das Fordern anbetrifft, wollte Herr fortfahren, indessen schlug Herr vor, das Wiederholungsschreiben noch einmal vorzulesen und punktatim zu beprufen. Es ward also eine Zugabe festgesetzt, dass es nach drei Wochen allererst abgelassen und, falls in dieser Zeit eine Definitivantwort aus Preussen kame, nach Bewandtniss derselben mit diesem Entwurf verfahren werden sollte.
Diese Erzahlung ist wieder ein Auszug aus genau gefuhrten Protokollen und den mundlichen Zusatzen des Herrn , der eben jetzo bei mir ist, und nie, wie er sagt, an diese Erstlinge seiner rechtlichen Arbeiten zuruckdenken kann, ohne dass ihn ein Herzensfieber, Kalte und Hitze ergreift; es ist ein guter Mann und kein , und , obgleich er beim das Handwerk erlernt hat.
Eine Einschaltung, die freilich zu diesem Rechtskram wunderlich abstechen wird. Eine Eule unter den Krahen.
Herr v. E., das zeigt freilich sein Krieg und Kriegsgeschrei fand fur gut, Minen zu lieben, und alles, was ich thue, wie er es dem Vater Hermann (bald hatt' ich: dem Vater, dem Teufel geschrieben) sagte, geschieht aus lichterloher Liebe. Dieser Bosewicht sprach das Wort Liebe, so wie die Teufel den lieben Gott aus, und f a n d f u r g u t , Minen zu lieben ein Teufel einen Engel!
Sie, nur sie! Alles, was ich bisher geliebt habe, ist Staub, Erde und Asche! schrie er. Ich vergass alles, was ich je von Mutterleib an geliebt habe, seitdem ich sie sah, sie horte und ihre Hand druckte; s o s e h r liebt' ich sie, so r e i n ! Sie schwebt mir vor Seel' und Sinn! Sie, nur sie! nur sie! rief er einmal uber das andere und kusste den Hermann, der nicht wusste, wie geschwind er die hochwohlgeborne Hand erhaschen sollte, um ihr diesen Kuss ganz warm wieder abzugeben bald jagte er den Hermann zu allen Teufeln und sah ihn als den Rauber dieses Kleinods an.
Dann wieder wie in G e d a n k e n , wie v o r
s i c h . Wenn ich denke: sie in Preussen, im Soldatenlande! o dann ist mir, als wenn ich Gift eingenommen hatte, und hab' ich's nicht? Es wuthet in meinem Eingeweide, es schneidet in mir! Ist denn kein Gegengift? Da lieg' ich, ein abgerissener Ast, der von seinem Baum getrennt ist und welkt; wahrlich, ich welke! Herr, schrie er auf zu Herrmann, nicht wahr, ich welke?
Hermann, jubelfroh, dass er auf keine kategorische
Antwort bestand, buckte sich bis auf die Erde.
Sie hatte was aus mir gemacht! Sie hatte gemacht,
dass ich den Testamentsnickel geliebt hatte. Minen zu Gefallen hatt' ich es, und was hatt' ich nicht alles, ihr zu Gefallen ihrer Liebe zu Gefallen! Hin ist sie hin! hin! und Satanas weiss, welch ein Glucklicher auf mein Fundament baut. (Ich fiel dem Herrn v. E. ein.) Ich bin eifersuchtig, schrie er wieder, zum Rasendwerden! Die blaue Farbe, wo ich sie sehe, martert mich, denn war blau gekleidet. Auf die Art, Hut und Haarlocken und Stiefel zu tragen, und auf alles, was sein war, bin ich gallenbitterbose!
Was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrie
ben, was ich habe schreiben lassen, das hab' ich schreiben lassen. Bin ich nicht mehr, viel mehr gefangen, wie sie? Ich, ich sitz' im Kafig! lasst m i r die Freude, in die Stangen des Kafigs zu beissen. Wenn jedwede e i n u n d e i n z i g e L i e b e , A d a m - u n d E v a s l i e b e , solche Leiden macht, so sind es Einfalle von Milzsuchtigen, eine einzige Liebe. Wer kann so lieben und leben?
Sonst war mein Stolz, in der Liebe wetterwendisch zu seyn. Diese Grundsatze haben sich verlaufen, und das erschreckliche Gericht der Bestandigkeit ist uber mich eroffnet. Weh' mir, dass ich bestandig bin! weh', weh' mir, dass ich es bin! Vergib mir diese W e h ' s , liebe Mine, vergib sie mir; wohl mir, dass ich bestandig bin, wohl! Wahrlich, eine ganz nagelneue Empfindung fur mich! Hatt' ich ihr nur einen Kuss gegeben, so wusst' ich doch wie's ware wenn man einen Engel kusst. Ihren Odem hab' ich von fern geschmeckt und wie Veilchen und Rosenduft eingesogen. Meint ihr denn, lieben Freunde, dass ich sie hasse, ihr aus Wuth mit Ruge und Bezichtigung nachsetze, meint ihr? Ich kann nicht O h ' s und A c h ' s rufen, allein hier liegen sie fingerdick im Herzen. Ich liebe sie. Ich hasse sie, weil ich sie liebe; ich liebe sie unendlich. Ein Schwanenbett soll ihr Gefangniss seyn, Liebe, die liebste Liebe, ihre Ketten, sobald die Nachricht eingeht: Mine ist eingeschlossen. Entzuckt will ich schon uber diese unbetagte Schuld seyn, entzuckt, noch ehe der Verfalltag kommt all ihr Leiden sey wie abgeschnitten! Bis M e m e l soll sie zwar zum Schein leiden der Teufel trau' den preussischen Staaten aber dann im Triumph. Mine, du bist mein, meine Gemahlin bist du; dir gehort mein Herz! Mit deinem Auge will ich getraut werden, mit dir Hochzeit halten, dir will ich das Ja zusagen und es halten so lange ein Stuck von mir ist. Wenn gleich nicht vor der grossen Welt, so doch im Stillen. Im Stillen, wo sich's am besten liebt. Mine, Liebe gehort in die Stille zu Hause. Mine, die verbotene Frucht schmeckt am sussesten. War' alles Gebot und kein Verbot, so mochte der Teufel ein Mensch seyn! Nur einen Versuch, Mine. Komm, Mine! komm komm! komm doch! Wird sie kommen?
Was meinen Sie, rechtsgelehrter lieber Achseltrager? (zum Protokollisten, den Herr v. E. nicht von sich liess, um ohne Aufhoren zu fragen:) W i r d sie? wird sie?
Dieser junge Mann, der den Herrn v. E. von Universitaten her kannte, war uber diess und jenes bei der Sache im Irrgarten, aus dem er sich endlich herausgefunden haben wurde (obschon v. E. auf die Art noch nie geliebt hatte, oder eigentlicher, verliebt gewesen war), wenn nicht Minens leiblicher Vater eine Rolle in diesem Stucke gehabt.
Herr v. E. litt wirklich, allein so wie jeder Sunder leidet. Kann man so etwas leiden nennen? Zuweilen war er stummtoll. Man hatte Ursache, seinetwegen zu furchten. Der Protokollist hatte wirklich Mitleiden mit ihm; so nahe wusst' er's ihm zu legen. Konnt' ich doch weinen, sagte er eines Abends zu ihm, Herzensfreund, weinen! Wer kann es aber in der Holle? Hatt' es der reiche Mann gekonnt, wurd' er nicht nothig gehabt haben, einen Tropfen Wasser zu betteln. Und dann wieder: "Freund, wenn die Holle arger seyn kann, ist kein Gott im Himmel!" Wurde Mine auch nur in Mitteldingen (wenn es dergleichen gibt) ergiebiger gewesen seyn, Herr v. E. wurde sie geliebt haben, wie er sonst zu lieben gewohnt war. Ihr edler Ruckhalt, ihre heroische Flucht bracht' ihn mit zu diesem, ihm sonst wildfremden Schwung.
Der Justizrath (wir sind wieder in Preussen) ward vom Direktor, als das A und O im Collegio, zu diesem Geschaft ausersehen, und eben weil er ausersehen war, wollt' er ein Meisterstuck liefern. Er lernte fast das Gesuch des Herrn v. E. an die curische Regierung und das Protokoll auswendig, um ja keine Sylbe ungetroffen zu lassen. Folgender Entwurf zu den Fragen an die engelreine, unschuldige Mine kann von seinem Diensteifer ein Probchen abgeben. Es konnte sich der Deputatus nichts Gewisseres denken, als dass Mine alles und jedes ware, wozu sie das seine curische Protokoll und dessen Ueberrock, das verkleisterte, gekunstelte Gesuch des Herrn v. E., machen wollte. Dieses blinde Zutrauen zu einem gerichtlichen Protokoll bestimmte ihn, den Requisitorialbrief an die Garnison noch eher abzusenden, als er Minen gesehen und gehort hatte. Eine Meile vor L sandte er, nachdem er nochmals alles uberlesen und das Vollwort des Protokolls ihn uberschienen hatte, den Requisitorialbrief ab. Den Erfolg dieser Absendung wollt' er eben hier und eine Meile vor L abwarten. Es kann seyn, dass auch etwas Furcht vor dem starken Kerl, der dem Martin Jakob Kegler so schwer gefallen, zu den Ingredienzen dieser Eilfertigkeit und dieses Vorlauts gehort. Zwar erfolgte keine schriftliche Antwort; allein es erfolgten ein Unterofficier und zwei Mann, die sich Verhaltungsanordnungen ausbaten. Einen Augenblick, sagte unser Scharfrichter, denn er ubersah noch seine Fragstucke, und fand sie hie und da nicht bandfest. Einen einzigen Augenblick, sagte unser Justizrath; allein es wahrte eine Stunde.
Ein Probchen von unserm Justizrath.
Promemoria
in Untersuchungssachen wider die aus Curland ent
laufene Dienstbotin und Diebin, W i l h e l m i
n e , ihre vorlaufige Abhorung und Haft betref
fend.
Nach den gewohnlichen Fragen:
Namen? Geburtsort? Vaterland? Eltern? Wer ihr Vater sey? (Es ergibt sich nicht aus den Akten unterthanig ist sie nicht.) Bei der Mutter ein Wort zu seiner Zeit. Wie alt? Religion? Wozu noch ausserhalb der Linie kommen konnte: ob sie vom vierten Gebot unterrichtet und mit den Pflichten bekannt sey, die sie allen denen, die Gottes Bild an sich tragen, welches im gegenwartigen Fall Herr v. E. ware, schuldig? Des Vaters Segen baut den Kindern Hauser. Stoff zur dreifachen Ermahnung. Bleib im Lande und nahre dich redlich. Ob sie das siebente Gebot Gottes wisse? Gescharfte Ermahnung. Ob das funfte Gebot Gottes? Wer lugt, stiehlt auch, und wer stiehlt, mordet. Eine Erschutterung!!!! Wer Menschenblut vergiesst, dessen Blut soll wieder vergossen werden. Ob sie nicht alle zehn Gebote Gottes ubertreten und ob, wenn noch mehr als zehn waren, sie nicht auch die mehreren mit Fussen gestossen?
Es gibt nur ein Laster, nur eine Tugend. Einmal eins ist eins.
Das gegebene bose Exempel ist wie eine Brandstiftung; wenn man auch gern die Flamme hemmen wollte, kann man?
Donner und Blitz!
Vogel friss oder stirb!
Nach diesen Vorbereitungsfragen:
Ihr stehet vor Gott und der Obrigkeit, die von ihm geordnet ist, pruft Euch, ob Ihr mit dem Vorsatz hergekommen, Gott die Ehre zu geben und die reine, ungeschminkte Wahrheit zu bekennen? Ist es nicht Euer Vorsatz gewesen, sondern habt Ihr geflissentlich Sunden mit Sunden haufen wollen, so verstockt wenigstens auf diess Wort Euer Felsenherz nicht.
Das Wenigste, was Ihr thun konnt, ist Bekenntniss und eine geduldige Unterwerfung in Rucksicht der zeitlichen Strafe, die gegen die ewige leicht ist. Antwortet ohne Gleissnerei und Kunststuck, aus dem Innersten Eures Herzens und so, wie Ihr es einst vor dem letzten strengen Richterstuhl Gottes zu verantworten gedenkt, wohin, so jung Ihr seyd, Ihr uber ein Kleines citirt werden konnt. Wollt Ihr?
Ehe noch Mund und Hand ans Werk gelegt wird, die R e c o g n i t i o n der Person, nach denen, wiewohl im besondern Styl, ubersandten Angaben:
Wuchs.
Sie granzt ans Mannliche.
Schlank.
Gesund.
Roth und weiss.
Wann? (Ungewissheit.)
Wen sie bestohlen? (Finsterniss.)
Ob sie noch von den gestohlnen Sachen etwas bei sich hatte? Wo sie die andern Sachen angebracht?
Das Geld?
Wider die Amtmannin und ihre Schwester ist aller Verdacht der Mitwissenschaft. Das Verhor mit ihnen ist voller Mangel. Da Inculpatin erst geraden Weges mit diesen beiden feinen Zeisigen gehandelt, hatte der Nebenweg, den Inculpatin jetzt einschlug, sie zum Nachdenken bringen sollen, wenn sie anders nachdenken konnen.
Es fragt sich:
Ob Inculpatin der Amtmannin und ihrer Schwester angezeigt, dass es gestohlene Sachen?
Ob der Kopfputz, den Inculpatin der Amtmannin und ihrer Schwester verkauft, auch gestohlen Gut?
Was es fur andere Stucke gewesen, welche Inculpatin der Amtmannin und ihrer Schwester verhandelt?
(Andere Stucke, wie unbestimmt!)
Sie hat fluchtigen Fuss gesetzt.
Wer ihr behulflich gewesen?
Wer der junge Mensch sey, mit dem sie im unregelmassigen Verkehr gestanden?
(Ein tiefes Schweigen im Protokoll.)
Wie sie geflohen, ob zu Fuss oder wie sonst?
Sie hat zum Morde aufgefordert.
Gott sey ihrer Seele gnadig!
(Beim ersten Ueberblick nahm ich schon die Sache der Inculpatin; allein, alles genau genommen, ist sie nicht zu retten, um alles nicht.)
Die starke Mannsperson.
Schwarzes Haar.
Grosse Augen von der namlichen Farbe.
Spott und Hohn.
Kraftiger Gang.
Heuchlerin und Spitzbubin von Hause aus.
Hauptpunkte:
Sie hat ihre Mutter ins Grab gebracht. Ungehorsam, verstockt gegen ihren Vater. Sie hat sich wider seine Heirath emport. Warum? Kinder mussen auch wunderlichen Eltern gehorchen; ihr Vater hat zu ihrem wahren Heil an eine zweite Heirath gedacht. Vielleicht weniger um eine Frau fur sich, als eine Mutter fur sie zu haben. Er ist achtundfunfzig Jahre. Ein schones Alter! Der Vater hat sie im Hofe angebracht; sie ist aus dem Contrakt gelaufen. In welcher Qualitat und Gestalt sie im Hofe angebracht worden.
(Es ist hiervon in der Schrift mit keinem Jota
gedacht, und sollte doch. Ohne Zweifel als
Kammerjungfer, Ausgeberin oder so etwas.)
Warum sie diese guten Absichten vereitelt und dem Herrn v. E. in seiner Wohlmeinung widerstanden, der doch die L i e b e s e l b s t sey und der, wenn sie ausgedient, sie gewiss zu seiner Zeit unter die Haube gebracht haben wurde?
S i e h a t a n d e r e a u f g e w i e g e l t ? (Dunkelheit.)
Sie hat Verschiedenheiten und Z w i s t i m H a u s e e r r e g t . (Auch dunkel. Die Brodlinge sagen es zwar aus, Gott weiss aber, wer und warum?)
Sie hat gestohlen?
Was sie gestohlen? (Unzulanglichkeit.)
Der Schrei, als ein Nothzeichen.
Warum Inculpatin sogar diesen Bosewicht, obgleich Martin Jakob Kegler sie bleiben lassen musste, Jakob genannt) zu verfolgen?
Ob dieser starke Kerl allein sie begleitet?
Ob noch sonst jemand?
Wer ihn zu diesem Mordgeschaft gedungen?
Noch vor dem Verhor d a s H a u s b e s e t z e n .
Den Wirth des Hauses an seinen des K o n i g s Majestat geleisteten theueren Eid erinnern.
Alles im Hause zu erinnern, o h n e E r l a u b n i ss mit der Inculpatin keine Gemeinschaft zu haben.
Die Inculpatin mit einer kurzen Anrede der Wache zu uberliefern:
Da seht Ihr nun die traurigen Folgen Eures Ungehorsams! Diese koniglichen Soldaten, nicht wie die Engel bereit, zum Dienst derer, die ererben sollen die Seligkeit, sondern fertig, Bosheit zu bestrafen und Frevler zu bewachen, sollen Euch vorerst an Handen und Fussen geschlossen in feste Hand nehmen und in engere Verwahrung bringen, damit Ihr, nach eingezogenen nahern Verhaltungsbefehlen, nach M e m e l gebracht und von dort aus den Abgeschickten Eures so gnadigen Brodherrn, des v. E., uberreicht werden konnet. Wollte der Himmel, dass Euch Eure so groben Verbrechen das Herz durchbohren und Ihr, noch ehe Ihr dort, dort Eure Mutter vor Gottes Richterstuhl erblickt, Euch mit ihrem Schatten aussohnen mochtet! Wollte der Himmel, dass Eure verfalschte, unlautere Seele noch gerettet und Ihr wenigstens die Hoffnungen auf die andere Welt nicht aufgeben durftet, da in dieser fur Euch kein Ort abzusehen, wo Ihr vor Vorwurfen Eures Gewissens und anderer ehrlichen Leute werdet sicher seyn konnen. Eure Flucht nach Preussen ist Euch gegluckt; allein Euch selbst und den Augen der Rechtschaffenen konnet Ihr nicht entfliehen! Geht hin zu Eurem gnadigen Herrn, werfet Euch vor ihm auf die Knie. Ein gutes Wort findet ein gutes Herz! Vielleicht, dass er Euch seine gnadige, alles verzeihende Hand zureicht und Eure Strafe nicht ganz genau mit Eurem Frevel abmisst. Geht zu Eurem leiblichen Vater. Ob verlorner Sohn oder verlorne Tochter, gleich viel! Wenn Ihr von ganzem Herzen sagt: Ich habe gesundigt im Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht mehr werth, dass ich dein Kind und des Herrn v. E. Magd heisse! so wird er vielleicht so sehr durch Reue, durch Eure ganze Buss- und Beichtandacht erweicht, als ihn testantibus actis Eure Bosheit und Gottesvergessenheit erweicht hat. Sein Furwort wird den Herrn v. E., der die Liebe selbst seyn soll, vollig aussohnen. Eure Jugend redet Euch das Wort, und wenn Euch Gott, nach ausgestandener Strafe, noch Leben und Gesundheit fristet, habt Ihr noch Zeit und Raum, Gutes zu thun, die Leute, die ihr bestohlen habt, zu entschadigen und da Friede und Ruhe zu stiften, wo Ihr Zank und Zwist verbreitet habt. Seht, wie nahe liegt der Mord, das letzte schrecklichste Cainsverbrechen in dieser Welt, dem ersten Schritt vom rechten Wege! wie nahe! Wir werden uns schwerlich in dieser Welt mehr sehen, wie sehr aber wurde ich mich freuen, wenn wir uns da zusammenfinden wurden, wo wir beide Parteien sind und wo ich auch mein Richteramt dem, der mich damit belehnt hat, abzugeben verbunden bin. Thut eure Pflicht, brave, tapfere Soldaten! nehmt diese Frevlerin hin. Vorderhand kann sie nach ins Gefangniss abgeliefert werden, bis ihres weitern Transports wegen von hoherem Ort Verhaltungsbefehl erfolgt.
Gott bekehre die Frevlerin!
Salvis omnibus.
Dieses Promemoria's wegen mussten der Unterofficier und die zwei Mann eine Meile vor L einen sogenannten Augenblick, der aber eine Stunde war, verziehen, indem der Deputatus noch hier und da ein Wort nahm und gab; und nun nach L.
Das erste, was Deputatus vornahm, war die Belagerung des Hauses des verstorbenen , und da er damit fertig war, ging er geradezu ins Haus und redete den Wirth, ohne ihn zu sehen, an:
"Er mochte wohl bedenken, was er nachst Gott Sr. Majestat schuldig ware, namlich treu, hold und gewartig zu seyn, das Beste Sr. Majestat uberall zu befordern, Schaden und Nachtheil aber zu verhindern," und nachdem er ziemlich weit in dieser Anrede gediehen, ward er erst gewahr, dass niemand als ein altes Weib vor ihm gestanden. Sie war, ausser einer Katze, welche ihr selbst zugehorte, die einzige lebendige Seele im ganzen Hause. Er war also, nachdem er sich mit diesem Phanomen bekannter gemacht, verbunden, sein Protokoll wie folgt anzuheben:
Actum L 17.
Dem hochsten Befehl der koniglichen Regierung von zur unterthanigsten Folge, begibt sich Endesunterschriebener, nachdem er die ihm zugefertigten Akten genau gelesen, bepruft und sich den erforderlichen Plan entworfen, nach L in die Behausung des , wo der Angabe nach Inculpatin, Wilhelmine , sich aufhalten soll. Das Haus ist indessen vollig wust und bis auf eine alte Person leer, welche sogleich vernommen wird.
Sie heisst Catharina ist achtundsiebzig Jahr alt, lutherischer Religion, nahrt sich von Kinder- und Krankenwartungen, und ist nicht eher, als nach dem seligen Ableben des in dieses Haus gekommen. Der Pfarrer des Orts hat sie dazu berufen, damit, so lange das Haus nicht verkauft sey, welches nicht anders als nach offentlicher Feilbietung und mittelst gewohnlichen Anschlages geschehen konnte, es nicht ledig stehen und am Werth einbussen mochte. Der selige Mann ist seit funf Wochen, wie es ihr dunkt, begraben, und zwar kinder- und erbenlos. Sein Hab und Gut ist, nach seinem letzten Willen, den Ortsarmen zu Theil geworden. Die Comparentin sagt: Ich selbst hatte Ursache, seine kalte Hand zu kussen. Der Prediger ist Testamentswarter und Vollstrecker gewesen, und, um ihren eigenen Ausdruck beizubehalten, "e s i s t v i e l d a v o n z u s a g e n ." Zur Sache fuhrt sie an, dass ein Frauenzimmer, wohlgebildet wie Milch und Blut, gleich nach dem Ableben des angelangt. Sie kam ohne alle Begleitung und ganz allein an, sagt Comparentin, und wie ich nicht anders weiss, in einem gemeinen Wagen mit vier Pferden bespannt. Ihr Besuch, der auf diese Art zu spat gekommen, hat, wie's der Comparentin dunkt, keine andere Absicht gehabt, als ihren Verwandten zu besuchen und ihn vielleicht, wenn es Gottes heiliger Wille so genehmigt, zu beerben.
Auf die Frage: ob sich keine starke Mannsperson
zu dieser Zeit, oder vor und hernach, blicken lassen? erwiederte sie: ja, es hatte einige Tage vorher sich jemand blicken lassen. Nachdem aber diesem Umstande genauer nachgespurt wird, so kommt endlich heraus, dass dieses ein Luftspringer sey, der sich im Dorfe zur Schau gestellt. In wie weit dieser Luftspringer mit der Inculpatin in Verbindung gewesen sey, noch sey und seyn werde? ist der Catharine ganz und gar unbekannt.
Damit alle Gerechtigkeit erfullt und bei dieser Gelegenheit der Umstand eingetrieben und eingemahnt werde:
ob dieser Gaukler die starke Mannsperson mit dem gezogenen Messer sey? und
in wie weit dieser Gaukler ein a l l e r h o c h s t p r i v i l e g i r t e r sey, wird dem Amtswachtmeister aufgegeben, diesen Luftspringer vorzubescheiden. Dieser stellt sich mit seiner Bestallung, die a l l e r h o c h s t e i g e n h a n d i g vollzogen ist, dar und will durch einige Proben dem Deputatus ad oculum seine Geschicklichkeit demonstriren, welches verbeten wird. Ausser dieser Nothdurft bringt er bei, wie der Prediger die Kirchspielskinder von ihm abgepredigt und ganz offenbar zu verstehen gegeben, dass sie besser thaten, wenn sie was anderes machten, als einen allerhochst privilegirten Gaukler sahen, und dass ein Gaukler ein Gaukler bleibe, wenn er auch ein konigliches Patent hatte, und dass dergleichen Gaukler mit koniglichen Patenten v i e l waren, obgleich sie nicht alle s p r a n g e n und dass Deputatus kann und mag diese Sache nicht angreifen und begnugt sich zu bemerken, dass der Gaukler auch nicht den mindesten Verdacht abschatte, dass er die starke Mannsperson sey, daher er abgelassen wird. Es ist aller Muhe unerachtet nichts, rein nichts von der starken Mannsperson mit dem gezogenen Messer herauszubringen, und behalt Deputatus wider ihn dem preussischen, curischen und dem Weltpublico seine Rechte vor. Ob (um wieder auf Inculpatin einzulenken) die fehlgeschlagene Hoffnung, ihren Verwandten zu beerben, oder der Umstand, dass der verstorbene Verwandte ihren Besuch nicht mehr annehmen konnen, oder sonst was anderes Schuld daran gewesen, weiss Comparentin nicht anzugeben, wohl aber, dass Inculpatin, nachdem sie frisch und gesund angekommen, in Gegenwart des Pfarrers, der als Testamentsvollstrecker (wie der Selige es angeordnet) einige Vogel ins Freie gelassen, in Ohnmacht gesunken. Der Pfarrer erschrak nicht wenig, sie erholte sich aber wieder und der Pfarrer nahm sie zu sich. Nach der Zeit horte und sah man nichts von ihr. Es hiess: "sie ist krank, sie ist immer krank," aber zuweilen sieht man sie am Fenster, nach der Kirche zu, stehen oder sitzen. Wer sie zuruck haben will, darf nur stehen bleiben, weg ist sie. Es kommt zwar ein Doktor zum Pfarrer, aber man weiss nicht, ob zu ihr oder zu jemand anders? Seitdem sie ins Haus gekommen, ist alles beim Prediger wie umgekehrt. Man sagt sogar, es sey eine Verlobung zwischen dieser Unbekannten und Gottbekannten und noch j e m a n d e m vorgefallen wenigstens sind zwolf Personen beim Pfarrer eingeschlossen gewesen, und heisst es, Gott verzeih mir meine Sunden, sie hatten alle communicirt! Auf die Frage: ob der Pfarrer verheiratet sey? erfolgte die Antwort: er ist verheirathet, er ist auch nicht verheirathet seine Frau ist melancholisch, Gott weiss, wovon; er lebt nicht so recht zusammen mit ihr. Jetzt soll alles uber und uber seyn. E s i s t v i e l z u s a g e n . Melancholisch ist die Pfarrerin zwar schon zum Theil v o r h e r gewesen, aber, aber
Deputatus tragt Bedenken, aus diesen, dem exemplarischen Lebenswandel des Pfarrers sehr entgegen arbeitenden Umstanden Schlusse zu ziehen und der Comparentin ihren Seelsorger durch einige nahere Fragstucke uber die Aufnahme der I n c u l p a t i n Wilhelmine , deren Verlobung und die Schwermuth der Pfarrerin verdachtig zu machen, oder falls Comparentin schon von selbst, wie es fast das Ansehen hat, auf diesen Verdacht gefallen, ihn nicht zu bestarken und diesen Funken anzufachen. In der Hauptsache ist kein anderer Weg, als Inculpatin beim Pfarrer aufzusuchen, diess Protokoll dort fortzusetzen und vorschriftsmassig uberall zu verfahren v.s.
N.N.
Wahrend der Zeit, dass Deputatus sein Verhor schloss und seinen Muthmassungen freien Lauf liess, ging Catharine spornstreichs zum Pfarrer, drangte sich bei Minen vor und sagte der Aufgestandenen geware, um sie zur Haft zu ziehen.
Wie wusste diess Catharine?
Und wie wusste der Deputatus, dass die Pfarrerin, die doch die Lindenkrankheit hatte, Minchens wegen noch tiefer in Schwermuth g e s u n k e n ? Sorget nicht fur den andern Morgen, ein jeder Tag wird fur das Seine sorgen, und es ist genug, dass ein jeglicher seine eigene Plage habe, findet auf den Verdacht und das Misstrauen Anwendung, zu dem die Rechtsgelehrten oft aus Amtspflicht verbunden sind, obgleich sie den Grundsatz debitiren: Jeder ist gut, bis das Gegentheil erprobt und W.R.J. erwiesen ist. Es ist kein misstrauischer Volk, als das rechtsgelehrte. Tausendmal hab' ich gefunden, dass sich die Menschen uberhaupt hierdurch geflissentlich ihr Leben truben und sich vor dem Teufel und seinen Engeln furchten, wenn gleich keine da sind.
Ob Catharine die Gabe der Feinheit gehabt, weiss ich nicht; allein das weiss ich, dass Mine nur einen Hauch nothig hatte, um, o Gott! wieder zu sinken. Eine geknickte Lilie kann ein Zephyr niederwerfen. Ein Hauch ist Sieger uber sie. Catharinens Zudringlichkeit und der Vorfall, dass Mine eben am Fenster stand, da die Soldaten anruckten, schlug sie ganz und gar nieder, u n d n i e hat sie sich weiter aufgerichtet nie! Fur sie war keine Quelle mehr, die den Das Pastorat, oder, wie man in Preussen spricht, die meine Tochter! Bete doch, bete doch, Gretchen! Ha! wie er sie entfuhrt, der Bosewicht! Mein Mann in Ketten und Banden! was h a t e r g e t h a n ? Die arme Tochter, wenn sie nur gewusst hatte, wonach sie greifen wollte, ware sie glucklich gewesen. Es lag ihr hart an, ob sie Mutter oder Minen trosten, starken und in die Arme schliessen sollte. Catharine, wenn sie zu ihrem Beichtvater gegangen ware, wurd' all diesem Jammer vorgebeugt haben; allein jetzt alles, alles aus! Der gute Prediger war der letzte, der dieses Erdbeben merkte, und da sah er auch schon den Schlund weit, weit offen. Herr, hilf! schrie er, es lag zu viel auf ihm, wir verderben! Er wollte sich dagegen baumen, allein konnt' er? Ueberall Jammer. Der Justizrath hielt alles diess fur Gewissensaufgahrung und wollt' eben thun, was seines Amtes war, da ihn der Prediger bat, so viel Menschlichkeit zu haben und ihm nur eine Viertelstunde Fassungszeit zu bewilligen, und ehe diese abgelaufen, keine Gewaltthatigkeit in einem Kirchenhause zu beginnen. Der Justizrath fand Bedenklichkeiten. Gott, sagte der Prediger, wird Ihnen die Viertelstunde in Ihrem Letzten, in Ihrem Letzten vergelten ich bin ein geschlagener, ein ungluckseliger Mann!
Der Justizrath gab ihm dieses Sterbviertelstundchen mit dem Beding nach, dass der Wachtmeister vor Minens Thur sich lagern konnte. Es war ein erschrecklicher Kerl. Wenn er nur nicht donnert, sagte der Prediger. Das soll er nicht, erwiederte der Deputatus; allein er bedachte nicht, dass ein Segen in dem Munde dieses Menschen Fluch ware. Es konnte dieser Henkerhandlanger nichts als Zeter rufen und Stabe brechen, und Morder schliessen und Leitern zum Galgen ansetzen.
Ein Martyrer wurde hier die Standhaftigkeit verloren haben. Seine Geduld wurd' ausgerissen seyn. Da stand der Wachtmeister, wie eine Katze vor'm Kaficht, und die Soldaten, als wenn hungrige Tiger vor der Thure witterten. Des Justizraths Augen glanzten vor Wonne, als hatt' er Gott einen Dienst gethan. Er ging auf und nieder, in Erwartung der Dinge, die kommen sollten.
Der Prediger blieb eine kleine Weile im Lehnstuhl, schlug die Hande in einander, sprang auf und wandte sich zu seiner Frau. Gretchen, seine Tochter, hatte ihm diese Sorge anheimgestellt. Fasse dich, Seele! beruhige dich, willst du mit Gott rechten? sagte der arme Prediger. Harr' auf den Herrn. Die Linden sollen bleiben und deine Tochter soll grunen, wie die Weiden am Kirchengraben. Ich bin nicht in Ketten und Banden. G r e t c h e n ist nicht entfuhrt, sie soll nicht einen Bosewicht, sondern, wenn Zeit und Rath kommt, ihren H a n s e n haben. Hor' auf mit Zeter und Weh. M a n s u c h t h i e r j e m a n d e n , der nicht hier ist.
Diese herzlichen Trostworte hatten den Justizrath
freilich auf andere Gedanken bringen konnen und sollen; allein er liess nicht von Catharinens Hand, die ihn leitete und fuhrte auf unebener Bahn, und von der er jedes Wort als baar annahm. Die Sprache des Herzens ist nicht jedermanns Ding. Sie findet sich nicht, wie das G r i e c h i s c h e , nach einem bewahrten Sprichwort, und wenn ich mich recht besinne, kann ich nur diese Herzlichkeit den Verliebten zugestehen wie kame sie an einen koniglich preussischen Justizrath, der gemeinhin ein rechtlicher Dominikaner von Haus aus ist? Der gute Mann hatte Muhe, die verstattete Frist unverletzt und unbefleckt zu halten. Welche Frechheit, dacht' er, m a n s u c h t h i e r j e m a n d e n , d e r n i c h t h i e r i s t ! Er dacht' es, bei allem treufleissigen Ruckhalt, doch so laut, so laut, eben so uberlaut, als es sein marktschreiender Wachtmeister gesagt haben wurde. Wie konnt' er bei diesem Gedanken sitzen bleiben? Diese Worte: M a n sucht jemanden, der nicht hier i s t brachten ihn auf die Fusse, nachdem er bis dahin Platz genommen. "Armes, armes Weib, du sollst glauben! Solch einen Glauben hab' ich in Israel nicht funden. Glauben, was sie anders mit ihren sichtlichen Augen gesehen hat! Ein feiner Glaube!" Die Ungeduld des Justizraths war unbeschreiblich, sie hatte nicht in der W i d d e m Raum, er ging in Gottes weite Welt mit den Vorstellungen: M e i n H a u s ist ein Bethaus, ihr aber habt's gem a c h t z u e i n e r M o r d e r g r u b e ! Es war das Beste, dass er ging indessen liess er die Widdem nicht aus den Augen, um zu bemerken, wer zu ihrer Thur aus- oder einging. Der plotzliche Aufbruch des Justizraths beruhigte die arme Predigerin mehr, als der Zuspruch ihres Mannes. Sinnlichkeit gegen Sinnlichkeit. Sie ward still, das war ein gutes Zeichen; der Prediger benutzte diese Stille und liess seine Tochter rufen, die das Werk vollenden musste. Er loste sie bei Minen ab, die er starker fand, als er glaubte. O Mann Gottes, fing sie an, ich soll? oder soll ich nicht in die Hande der Menschen? Nein, Sie sollen nicht! antwortete der Prediger; allein sie blieb bei ihrem entsetzlichen: ich s o l l , und konnte sich davon nicht abgewohnen. Es ging dem Prediger durch die Seele, sie so leiden, ohne Hoffnung, ohne Zutrauen leiden zu sehen. Er kniete nieder und betete kurz, stark, himmelsturmend. Und nun auf diess Gebet versprech' ich Ihnen, sagte er zu Minen, S i e sollen n i c h t . Sie blieb still. Nach der Zeit gestand sie, dass es ihr wieder eingefallen sey, sich selbst das Leben zu nehmen, um nicht ein schreckliches Schauspiel der Bosheit zu werden. Ihre starke Einbildungskraft hatte ihr den v. E. in der Nahe gezeigt, frohlockend uber seine gegluckte Rache alle seine Helfer und Helfershelfer, die ihr nach der Seele standen, waren ihr erschienen, und diese Erscheinungen waren ihr schwer zu ertragen. Mine l i t t gewaltig; indessen liess Gott sie nicht versucht werden uber Vermogen. Er, der sie aus sechs Trubsalen erlost, liess sie auch jetzt nicht verzweifeln. Sie unterdruckte die aufsteigenden Selbstmordgedanken beim ersten Anfang. Das weggeworfene Messer und auf ihm die Tropfen Menschenblut fielen ihr ein. (Sie sah alles, was ihr e i n f i e l .) Das Gebet des Predigers hatte eine Nachwirkung sie fand sich sie schmeckte Trost in dem Kelche der Leiden, und diese Prufungsstunde kuhlte sie etwas ab; indessen blieb sie noch angstlich wegen der Dinge, die kommen sollten.
Der Prediger ging zum Justizrath.
Eben recht, fing dieser an.
D e r P r e d i g e r . Und wenn ich jetzt fragen darf?
D e p u t a t u s . An mir ist zu fragen.
P r e d i g e r . So erbitte ich mir die Erlaubnis zu antworten.
D e p u t . Schrecklich, wenn ein Prediger selbst
P r e d . Ungluckliche aufnimmt?
D e p u t . Und eben dadurch Ungluckliche macht. Herr Prediger ich wunschte, ich ware zu diesem Auftrage nicht
P r e d . Und dieser Auftrag?
D e p u t . Nicht mehr und nicht weniger, als die Diebin, die Lauferin, ja, ich kann Morderin hinzusetzen, das kann ich, der Sie in Ihrem Hause Obdach gegeben, zur gefanglichen Haft zu bringen, damit sie an Ort und Stelle leide, was ihre Thaten werth sind.
P r e d . Ach Gott, vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Du weisst es
D e p u t . Er weiss, allein, leider! auch Menschen wissen
P r e d . Furchtet euch nicht vor denen, die den Leib todten und die Seele nicht todten mogen, spricht mein Herr und Meister, der mit Zollnern und Sundern umging.
D e p u t . Aber es nicht selbst ward.
P r e d . Das hoffe ich auch nicht
D e p u t . Er war Herr und Meister, und Sie Prediger in L. Von ihm, dem Heiligen, konnte es nicht heissen: gleich und gleich
P r e d . Wenn Sie selbst wussten
D e p u t . Ich weiss alles.
P r e d . Desto besser!
D e p u t . Und vorzuglich, dass Sie den Namen der Communion entweihen, dass Sie den Ihren Herrn und Meister nennen
P r e d . Der es in seinem Leben, Leiden und Sterben ist.
D e p u t . Das konnen Sie sagen?
P r e d . Das kann ich!
D e p u t . Mir?
P r e d . Und dem ganzen Justizcollegio.
D e p u t . Und Ihrer Frau: m a n s u c h t h i e r jemanden, der nicht hier ist?
P r e d . Sie ist zuweilen nicht bei Troste.
D e p u t . Und wer hat sie trostlos gemacht? wer ihr den Kopf verdreht? wer?
P r e d . Der Lindenbaum, der so alt wie sie war und in ihren letzten Wochen ausging.
D e p u t . Herr, meinen Kopf sollen Sie nicht verdrehen. Irret euch nicht, Gott lasst sich nicht spotten, und ich auch nicht. Meine Geduld ist wie die viertelstundige Frist zum Ende. Kurz und gut, der konigliche allerhochste Auftrag ans Collegium:
"Wir Friedrich von Gottes Gnaden, Konig in Preussen, Markgraf zu Brandenburg, des heiligen romischen Reichs Erzkammerer und Kurfurst etc. Unsern gnadigen Gruss zuvor. Edle, hochgelahrte Rathe "
P r e d . Dass sich Gott erbarme!
D e p u t . "Liebe Getreue, aus der Anlage werdet Ihr ersehen, was die curlandische Regierung wegen einer aus dem Dienst entlaufenen Diebin, Wilhelmine , bei Uns angesucht und zu verfugen gebeten."
P r e d . Und ich bitte um Gotteswillen
D e p u t . "Ob nun gleich so viel Umstande wider sie aus dem gerichtlich abgehaltenen Protokoll und der, in Curland von dem v. E. "
P r e d . Gott, erbarme dich und bekehre, was zu bekehren ist!
D e p u t . "eingereichten Vorstellung hervorgehen, dass die besagte Person nicht allen Rugen zu entwachsen im Stande ist, so befehlen Wir Euch jedoch, diese Wilhelmine zuerst durch einen zu ernennenden Deputatum abhoren zu lassen. Finden sich bei diesem Verhor Umstande, welche die curischen Angaben entkraften, und als Milderungs- oder wohl gar Aufhebungsumstande in den Rechten geltend zu machen waren, so ist es des Deputati Pflicht, die ihm hiermit auferlegt wird, wegen ihrer Person eine leidliche, doch genaue Aufsicht anzuordnen, oder die etwa einzulegende rechtsgultige Caution anzunehmen und in Rechtsform einzulenken."
P r e d . Ich cavire mit Leib und Seele, mit Leib und Leben!
D e p u t . Das glaube ich. "Im Fall sich aber alles den eingesandten Schriften gemass verhalt und angerugte Wilhelmine nicht das mindeste von sich abzulehnen in den Umstanden ist, was als Rechtfertigung, Entschuldigung, Vertheidigung vor den Dingund Rechtsstuhlen zu gebrauchen ware, so muss Wilhelmine sogleich dingfest gemacht werden. Zu dem Ende habt Ihr die nachste Garnison von L zu ersuchen, Euch hinlangliche Mannschaft zu bewilligen, und dieses Requisitorialschreiben Eurem Deputato anzuvertrauen, um davon beim Befinden der Sache, ohne aufhaltende Ruckschrift an Euch, augenblicklichen Gebrauch machen zu konnen. In allen Fallen liegt dem von Euch zu bestimmenden Deputato ob, so genau als schleunig an Uns Bericht zu erstatten, damit in dieser Sache, entweder den Wunschen der curlandischen Regierung gemass, oder anders wie, in alle Wege aber rechtlich, die Verfahrungsart eroffnet werden konne. Das ist unser eigentlicher Wille. Sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegeben Konigsberg, den 17."
P r e d . Tausend Dank fur diese Eroffnung! Und nun?
D e p u t . Und nun werde ich Wilhelminen verhoren, sie dingfest machen und nach ins Gefangniss bringen lassen.
P r e d . Wenn sie aber unschuldig ist? wenn ich Caution einlege? wenn
D e p u t . Kein Wenn weiter Sie verdienen nicht, dass man ein einziges von Ihnen hort, damit ich Ihnen gerade aus mein Herz ausschutte und alle Wenns auf einmal benehme.
P r e d . Wenn Sie aber erlauben wollen
D e p u t . Wieder Wenn?
P r e d . Die konigliche Landesregierung (um geradezu und ohne Wenn meinem Herzen Luft zu machen) hat nur bedingungsweise die gefangliche Haft verfugt, und dem Collegio nicht uberhaupt nachgelassen, die Garnison um Beihulfe anzutreten. Ich weiss also nicht, warum mein Haus belagert ist und ich, wie Jerusalem, an allen Orten geangstiget werde, ehe noch Minchen verhort worden. Sie ist die Ehre ihres Geschlechts.
D e p u t . Und Sie, Herr Prediger, nicht wahr, die Ehre Ihres Standes?
Hier losten sich die Rathsel, denn der gute Prediger konnte die wohlgemeinten Grobheiten des Deputatus langer nicht tragen. Er duldete, da ihm die Grenzen des Auftrages dieses feuerspeienden Rechtsgelehrten und seiner Spiessgesellen unbekannt waren. Jetzt sah er keine Verbindlichkeit ein, den Deputatus im verkehrten Sinn reden zu lassen, was nicht taugt; und da ihm der Justizrath seine Zweifel entdeckt und der redliche Prediger ihm den U n s i n n von diesem Vorurtheil gewiesen hatte, ging Deputatus in sich und hatte nichts weiter in petto. Wenn man sich eine geraume Zeit im Cirkel herumgedreht, scheinen die aussern Gegenstande eben dergleichen Bewegung zu bekommen; auch wenn man aufgehort hat, sich herum zu drehen, bleiben die Objecte noch immer in einer cirkelrunden Bewegung in unserm Auge. So ging es dem Justizrath, bis ihm das Verstandniss ganz geoffnet war; und nun? H e f t i g e L e u t e , L e u t e u b e r H a l s u n d K o p f , kennen nicht die Mittelstrasse, und unser Deputatus war nun wieder so auf das Haupt geschlagen, dass er nicht aus noch ein wusste. Der Prediger gab seiner Gewissensregung, Minen mit eigenen Augen zu sehen, nach. Sie sollen, sagte der Prediger, wie Thomas, alles handgreiflich haben, und ging hin, Minen zu diesem Besuch vorzubereiten. Da der Deputatus sie sah, fiel er zuruck. So hatte er sie sich nicht vorgestellt.
Gott sey mir Sunder gnadig! fing er aus dem Innersten an, sah die abgezehrten Hande, die eingefallenen Augen und die l a n g s a m und s e l i g S t e r b e n d e . Mit einem Blick hatte er alles. Er konnte nach diesem Blick seine Augen nicht mehr aufthun. Das erste war, dass er die Soldaten abgehen hiess, die nicht sehr mit dieser Commission zufrieden waren; auch der Amtswachtmeister musste mit Schanden unten an sitzen und im Wirthshause seine Diaten verzehren. Diess geschah gleichfalls nicht ohne Kopfschutteln. Man sah es dem Peiniger an, dass er gern Ketten und Bande angelegt hatte.
Da stand der Justizrath, wie von Gott verlassen.
Mine wunschte, nachdem er lange vor ihr als Inculpatus gestanden, allein zu seyn; er schwur, er konne nicht von dannen, bis sie ihm verziehen hatte. Mein Gott, was ist der Mensch? Ein trotzig und verzagt Ding. Wer kann ihn ergrunden?
Der Deputatus weinte bitterlich.
Mine hob ihre halb abgestorbenen Hande auf und blickte den Bussfertigen sanft lachelnd an. Ihr Blick sagte: S i e w u ss t e n n i c h t , w a s S i e t h a ten.
Er hatte sich vorgenommen, ihr einige Fragen, wiewohl ausserhalb der Grenzen seines Promemoria's, zu thun, allein er konnte nicht.
Kommen Sie, sagte der Prediger, damit wir uns nach langem Missverstandniss mit Herz und Seele verstehen. Der Prediger erzahlte ihm den letzten Theil von Minens Lebenslauf, um dem Deputatus die curischen Papiere in einem andern Lichte und uberall verborgene Schlangen zu zeigen. Der gute Rechtsgelehrte konnte sich nicht beruhigen, und wenn der Prediger ihm nicht grossmuthigst die Folgen verschwiegen hatte, welche dieser Vorfall auf Minens Gesundheitsverfassung gehabt, er ware nicht gesund aus dem Kirchenhause gekommen, welches schon ohnehin in aller Form ein Lazareth war. Er ass den Mittag beim Prediger. G r e t c h e n wollte nicht mitessen; der Prediger musste es verlangen. Sie kam, allein sie konnte den Deputatus nicht ansehen. Die Predigerin hatte sich uber alle Erwartung ziemlich erholt. Der arme Rechtsgelehrte konnte nicht essen, nicht trinken. Er war unlangst an das Collegium wegen seines bekannten D i e n s t e i f e r s , der ein anderes Ding als D i e n s t v e r s t a n d ist, gekommen, um die Schwachen und Kranken und zum Theil entschlafenen Mitglieder dieses Collegiums wieder herzustellen. Seine Unbekanntschaft mit seinem Kreise trug viel zu dieser Uebereilung bei. Bei Tische uberfiel den Bussfertigen und Zerschlagenen der Gedanke, sein Amt in die Hande der Obern zu legen. Er hatte zu leben. Aus Noth durfte er nicht ein Zelote seyn und sich vom Diensteifer fressen lassen.
Nachdem ich so ubel gerichtet, kann ich, frug er, kann ich wohl hinfort mehr Haushalter seyn? Bei dem Blicke der Unschuld: S i e w u ss t e n n i c h t , w a s S i e t h a t e n , wie ward mir, Gott, kalt unter den Fussen.
Der Prediger suchte ihn von diesem Gedanken zu entfernen, allein er blieb. Wie kann ein Mensch, fing er an, seines Bruders Richter seyn? Bin ich darum gerecht, wenn ich nicht uber Dinge strauchle und falle, uber die andere straucheln und fallen? Jeder Mensch hat seine besondere Welt, seine besondere Klippe, sein ihm eigenes Fleisch und Blut. Ja und Nein sey mir genug. Ich will nicht richten, damit ich nicht auch gerichtet werde!
Gott, schrie er, stand auf und brach die Hande, der du aller Welt Richter bist, dir stehen wir, dir fallen wir! Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Wer kann vor dir bestehen? wer?
Der Prediger versicherte ihn, nachdem er ihn ganz um und um kennen gelernt, dass, wenn je ein Mann den Namen Nathanael verdiente, er es ware. Der heutige Fall sey in gewisser Art Nathanaels Geschichte. Er sagte in Beziehung auf meinen Herrn und Meister, fugte der Prediger hinzu, wie kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Allein Christus nennt ihn demunerachtet einen Israeliten, in dem kein Falsch ist.
Diess richtete den armen Rechtsgelehrten ziemlich auf, wozu der Umstand einen betrachtlichen Beitrag lieferte, dass Nathanael einer seiner Vornamen war.
Seine Heiterkeit war indessen nicht dauerhaft. Er konnte nicht aufhoren, sich Zweifel vorzuwerfen. Wenn ich schwiege, fuhr er fort, wurden die Steine schreien. Mine's Geschichte gieng ihm gerade durch die Seele, und doch bat er ohne End' und Ziel, sie ihm zu erzahlen und das Erzahlte zu wiederholen. Mein tagliches Gebet soll seyn, sagte der Bussfertige: Schaff' in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen n e u e n g e w i s s e n Geist.
Er ersuchte den Prediger so oft und viel, sein Freund zu bleiben, dass der gute Prediger herzlich bewegt war. Wahrlich, wer immer mit schand- und lasterhaften Menschen im Gemenge ist, bekommt am Ende ein Inquirentengesicht. Er findet uberall a r m e S u n d e r und S u n d e r i n n e n , Diebe, Rauber und Morder. So unser Nathanael, der den Menschenblick eingebusst und nur bloss diesen Blick ubrig behalten hatte, den man den Richterblick nennen kann. Dieser Fahnenschwung ist eine defensio ex officio, die ich dem Nathanael schuldig bin. Der Prediger (von dem ich dieses alles haarklein habe) und Nathanael sprachen viel von Menschenkenntniss. Ihr Endurtheil war, der Mensch soll offen seyn; allein er ist unzugangbar. Wer die Menschen leicht findet, hat nicht sie, sondern sich gesucht und gefunden; wer andere richtet, bestraft seine Unart in andern, und glaubt sich eben dadurch weissgebrannt zu haben, wie die liebe Unschuld. Wer hinter dem Fenster in seinem einsamen Zimmer steht, kann alles ganz deutlich wahrnehmen, was auf der Strasse vorgeht, unerachtet er von den Leuten auf der Strasse entweder gar nicht, oder doch nicht deutlich gesehen wird. Es kommt mehr Licht aus der Strasse ins Zimmer, als aus dem Zimmer in die Strasse.
Alle diese Vorstellungen losten sich jetzt beim Nathanael auf (und damit ich mit der Erlaubniss meiner Leser vorgreife), er legte wirklich sein Amt uber ein Kleines nieder und ist nicht mehr Richter im Volke. Diess Geschaft war sein letztes. Ich muss eine Stelle aus dem Briefe des Nathanael an den Prediger in L-, in dem er ihm seinen Erlass eroffnete, pranumerationsweise hersetzen, ich mag wollen oder nicht.
"Ich lege mein Amt nieder, um dem Herrn zu dienen und auf ebner Bahn zu wandeln. Es muss eine Zeit der Heiligung seyn, eine Reinigungsperiode ein Fegfeuer ein Selbstgericht, ehe wir vor Gottes Richterstuhl treten. Diese meine Stunde ist gekommen ich will mich selbst richten und den Krieg Rechtens mit mir selbst anstellen. Ein schon Stuck Arbeit! Nur bloss auf diese Weise sollen fortan meine Vermuthungen, wenn sie nicht zu Gunsten meines Herzens ausfallen, zu Tagefahrten und Protokollen Gelegenheit geben."
"In diesem einzigen Fall kann niemand zu streng seyn; allein um andere zu richten wahrlich niemand gelind genug. Ich besitze nicht Richterkalte, nicht Entscheidungsfahigkeit."
Wenn ihn der Prediger nicht an den Bericht und an den Amtswachtmeister erinnert hatte, er hatte weder Bericht erstattet, noch den Amtswachtmeister mitgenommen, der schon uber seine Diaten getrunken hatte und den Nathanael ins Geheim, doch wegen seiner durchfahrenden Stimme so, dass es jedermann horen konnte, um Losegeld ansprach. Nathanael liess dem Prediger alle Acten, und bat, zur Probe seiner Vergebung und zum Siegel der ihm zugestandenen Freundschaft, diesen Bericht aufzusetzen. Das Promemoria konnt' er so wenig ansehen als G r e t c h e n ihn. Die Predigerin lief noch vor ihm.
Hier ist der Bericht oder vielmehr sein Inhalt, denn meine Leser haben, wie ich selbst zu befurchten anfange, schon zu viel Curialien gelesen.
Es wird die schlechte Denkungsart des Herrn v. E. und Hermanns a u f g e d e c k t und der Gesichtspunkt eroffnet, aus dem dieser ganze Vorgang zu nehmen ist.
"Die letzten Worte der Sterbenden entfernen schon den Begriff des unterlaufenden Betrugs und der Falschheit, und was sollte diese Sterbende, die vielleicht nur noch sehr wenige Stunden in dieser jammervollen Welt zu leben und keinen Transport nach Curland oder sonst eine uble Begegnung zu befurchten hat, was sollte diese Sterbende, welche der Tod gegen alles in Schutz genommen, was sollte sie wohl bewegen, mit Gewissensbissen sich auf der Reise zur Ewigkeit zu beladen und sich eben dadurch ihre Sterbestunde zu erschweren? Dagegen decken die angegebenen Mangel des Protokolls und der Vorstellung, die v. E. eingebracht, uberall und besonders an den unterthanigst bezeichneten Stellen eine schlechte Absicht auf. Ew. Konigliche Majestat kann ich auf meinen Amtseid und bei meinem Seelenheil versichern, dass ich den Eindruck, den der Anblick dieser Sterbenden auf mich gemacht, nie verlieren werde, und wie kann eine Person, die mit so erhabener Fassung und der Seelenruhe einer Martyrerin diese Welt verlasst, sich solcher Laster, als ihr angedichtet worden, schuldig wissen? Der Prediger hat sich verbindlich gemacht, sogleich, wenn diese Unschuldige im Herrn entschlaft, ihren Tod Ew. Koniglichen Majestat einzuberichten."
"Ich ersterbe in tiefster Treue
Ew. Koniglichen Majestat
allerunterthanigster Knecht
Nathanael ."
Meine Leser wissen schon, dass Mine diesen Vorfall zu uberleben ausser Stande war. Vielleicht ware sie mit der Zeit so stark geworden, mich noch in dieser Welt zu sehen; o ware sie's doch! Gott, ware sie's doch! Jetzt war hierzu keine Aussicht. Sie selbst sagte zum Prediger, ehe dieser Vorfall sie vollends zu Grunde richtete: Was meinen Sie, werd' ich nicht bald stark genug seyn, Alexander zu sehen, nur ihn zu sehen in dieser Welt und dann, dann lass mich in Frieden fahren, ich habe genug! Nimm, Herr, meine Seele! Der Prediger trug Bedenken, ihr die ganze Anlage des Herrn v. E. zu entdecken, und besonders war er bemuht, einen Vorhang uber den Antheil, den Mine's Vater an dieser Mordgeschichte genommen, zu ziehen. Sie drang nicht weiter sie war zu schwach, um ihre Bitte zu wiederholen. Wiederholungen derselben Sache kosten allen schwachlichen Personen unglaublich viel. Sie sah des Predigers Bedenklichkeit und that ihren Mund nicht auf. Ihr ganzes, ganzes Leben war Duldung. Sie war nur ein Zogling fur eine andere Welt. Diess empfand sie, wie mir der Prediger auf das heiligste versichert hat, so sehr, dass sie diese Welt nur wie die e r s t e E r d e ansah, aus der sie versetzt wurde. "Sie war froh in Gott" des Predigers eigene Worte "und sich selbst bis auf Falle von der Art, wie der Tod ihres letzten Verwandten und die Veranstaltung zur Haft, immer gleich das heisst, Gott ergeben. Solche ausserordentliche Falle schienen ihren Geist in der Hoffnung der Kunftigkeit zu verstarken, allein ihren schwachen Korper fuhrten sie im Triumph. Ihr Geist war willig, das Fleisch schwach. Die Gottesfreude ist von Dauer, sie ist sich gleich, sie jauchzt, sie larmt und kreischt nicht, wie die Weltfreude, die mit aller ihrer Lust oft nach v i e r u n d z w a n z i g S t u n d e n v e r g e h t . Wer den Willen Gottes thut, bleibt in Ewigkeit. Fast mocht' ich sagen, dass die Gottesfreude niemals im Gesicht lage, sie liegt tiefer und im Herzen. Zuweilen erhebt sie sich bis zum Auge, und das sieht dann erst gen Himmel, eh' es um sich herumsieht. So eine G o t t e s f r o h e war Ihre Mine. Sie dankte dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Gute wahret ewiglich. Freuen und frohlich mussen seyn in Gott, die nach ihm fragen, und die sein Heil lieben, immer sagen: Hochgelobt sey Gott!"
Der Prediger setzte zu diesem allem etwas hinzu, worauf ihn M i n e g e b r a c h t h a t t e : "Die viel beten, sind nicht froh, sie verklagen den lieben Gott bei ihm selbst. Sie sind schwach. Allein Freude am Herrn ist unsere Starke. N e h e m i a i m a c h t e n K a p i t e l , i m z e h n t e n V e r s ."
"Mine betete wenig, ihr ganzes Herz war Gottes."
Nach einiger Erholung, die Minen sogar erlaubte wieder aufzustehen, erschlich sie den Ort, welcher der Catharine mit zum Verdacht Gelegenheit gegeben, um nach den Gebeinen ihrer Verwandten zu sehen. Es war ihr eine Aussicht zum Himmel. Eben kam der Prediger, da sie so voll guter Zuversicht, so voll Seelenwonne hinsah, und freute sich uber ihren heitern Blick. Sollt' ich nicht? sagte Mine und erzahlte dem Prediger das, was er ihr verschweigen wollte und die ganze Absicht des Nathanaels mit sammt dem Einfluss, den ihr Vater dabei gehabt fast wortlich wie er da stand.
Sterbende, sagt der Pastor, indem er mir dieses erzahlte, haben den Geist der Weissagung. Ich habe in meiner lieben Gemeinde Vorfalle gehabt. Mine schien schon lange die Gabe der Ahnungen zu besitzen, fuhr der Prediger fort, und sie hatte wirklich diese Salbung, die nicht jedermanns Ding ist.
Hier ein Auszug eines weitlaufigen Gesprachs, das zwischen dem Prediger und mir bei dieser Gelegenheit vorfiel. Valeat, in quantum valere potest.
Ein grosser Bosewicht ist allemal ein tuchtiger, starker, gesunder Mensch ein Himmels- und Hollensturmer. Es gibt auch schwachliche, feige, hinterlistige Buben; allein diese erreichen nie den Grad der Bosheitsstarke, zu dem jene fahig sind. Diese morden von hinten, jene von vorn. Den Beelzebub wurde ich so fest benervt, bruststark, als den Herkules malen, nur
Wenn aber tuchtige, starke, gesunde Leute Menschen Gottes werden, welch ein Vergnugen, diese starken Geister, diese Engel (die auch stark sind) zu sehen! Die Tugend und ihre Tochter, die Religion, braucht auch in ihrem Dienste Leute fur den Riss und Feldherrn. Einen Petrus mit dem Schwert, einen Luther mit dem Dintenfass solchen Leuten ahnt wenig oder gar nichts; und wenn die Welt voll Teufel ware und wollten sie verschlingen, wenn tausend zu ihrer Rechten fallen und zehntausend zu ihrer Linken, sind sie gefasst; sie gehen auf Lowen und Ottern und treten auf junge Lowen und Drachen. Sie glauben nicht an Traume und fuhlen kein Ungewitter, wenn es gleich schwer in der Luft liegt. Wer das Ungewitter vorempfindet, kommt schon in die Klasse dieser frommen Riesen nicht. Diese Unbesorgte sind stark genug, allem, was ihnen entgegen will, auf der Stelle stattlichen Widerstand zu thun und uberall das Feld zu behaupten. Den frommen, guten Seelen aber, welche ein plotzlicher Ueberfall gleich zu Boden reissen wurde, ist eine Warnung vor einem kommenden Ungluck nothwendig. Die Ahnungen sind ihnen Wecker zur Fassung, zur Geduld, zur Gottergebung; sie sind Sturmglockchen, die sie zum Oelkruge bringen, ihr verloschendes Lampchen aufzufrischen. Diese Seelen sind fast zu schwachlich fur diese Welt, wo so viel Streit, Jammer und Elend ist. Ich bin schon in dergleichen Fallen gewiegt, sagte der Prediger, der selbst die Ahnungsgabe zu besitzen glaubte; ich konnte mich, fuhr er fort, in diese punktlich treffende Erzahlung Minchens finden; da sie alles wusste, warum sollte ich langer zuruckhalten? Dergleichen Ahnungsbegabte pflegen sich die Sachen nicht leichter zu machen, und selbst der Zweifel, der sie, sie mogen noch so weit in der Selbstweissagung, in der Ahnung gediehen seyn, bekampft, ist ein Kampf, und Kampfen macht Muhe. Kurz, der Prediger las Minen alles und jedes und auch das vor, was ich meinen Lesern verkurzt habe. Gott Lob und Dank, sagte Mine, dass ich sterbe! Bei der Aussage des K e g l e r , dass sie zum Mord angefuhrt, und den Worten: dass sie sich a u s e i n e m Mordmesser kein Gewissen gemacht h a b e n w u r d e , sagte sie:
Soll's ja so seyn,
Dass Straf' und Pein
Auf Sunden folgen mussen,
Herr, fahr' hier fort,
Nur schone dort!
Ich muss Ihnen gestehen, lieber Beichtvater, fuhr sie zum Prediger fort, dass der Vorsatz, mir selbst das Leben zu nehmen, der wieder, wie ich die Gewaffneten sah und Catharinen horte, in mir Feuer fasste dass dieser Vorsatz mir oft, oft als etwas vorgekommen, das mir meine letzte Stunde erschweren konnte. Nun sind diese Stiche hin ich habe nichts, nichts mehr, was mich druckt, und ich fuhle es: ich werde selig und ruhig sterben und, wie Alexanders Mutter singt, wenn mir die Gedanken, wie ein Licht, das hin und her wankt, bis ihm die Flamme gebricht, vergehen, werde ich sanft und still einschlafen ich werde ausgehen wie ein Licht. Sagt man nicht: Er ist ausgegangen wie ein Licht?
Gott, so war ihr Ende auch wirklich! Ihre Ahnung liess sie nicht zu Schanden werden, punktlich traf sie ein. Allein Mine blieb nicht fest bei diesen beruhigenden Vermuthungen. Zuweilen schien es ihr schrecklich zu sterben; sie nannte diess Leben einen hellen Tag zwischen zwei dunkeln Nachten. Nur des Leibes wegen, setzte sie hinzu, nenne ich es so, meines Lebens besserer Theil, mein eigentliches Leben, geht nicht aus, stirbt nicht. Wenn diese Anfechtungen Minen uberfielen, wie es der Prediger nannte, kam es Minen vor, dass ihr letztes, letztes Ende vielleicht schreckhaft werden konnte, vielleicht ein Martyrertod, so wie ihr Leben ein Martyrerleben war.
Herr, fahr' hier fort,
Nur schone dort!
rief sie dann zu Gott empor, und ihr Busen hob die Decke, so schlug ihr das Herz.
Geschieht das am grunen Holz, was will am durren werden? sagte der Prediger bei dieser Erzahlung und bemerkte, dass er Minen auf diese Strophe aus dem Liebe gebracht, die er in einer Unterredung mit ihr verloren, im eigentlichen Verstande, fugte er hinzu, verloren; denn sie, das weiss Gott, hatte nur mein Trostamt nothig. Ich durfte nicht zu ihr sagen: wache auf, die du schlafst, und stehe auf, um noch so viel in dieser Welt gut zu machen, als du kannst. Sie war die Unschuld selbst.
Minens Trost bei dem Gedanken, dass ihr Ende hen wurde, war, dass auch diess sein Gutes haben konnte. Das Sterbebette ist weit mehr, als das Grab, die Schule der Weisheit, bemerkte der Prediger. Man erlangt ein anschauendes Erkenntniss, wenn man den Todten da sieht. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch.
Sie nahm ein feierliches Versprechen vom Prediger, mir ihren Tod auf das aller-, aller genaueste zu erzahlen. Ist er schrecklich, ist er sanft, wie er war. Alles, alles ihm! Er braucht Lebenslehren; wenn i c h sie ihm zurucklasse, so werden sie ihm, das weiss ich, desto werther seyn.
Eines Morgens die Sonne ging unbewolkt auf war Mine schwacher als je. Alle Faserchen verloren ihre zusammenziehende Kraft. Mine empfand diese Schwache, und diess bewog sie, Gretchen sehr zeitig zu sich bitten zu lassen. Sie bat sie um Licht, damit sie ihre Briefe zusiegeln konnte. Es war das Tagebuch. Sie befahl Gretchen Gott und seiner Huld und Gnade und bat, mich tausendmal zu grussen tausendmal, und mir dieses Pack (sie gab es ihr) und noch andere Sachen zu behandigen. In seine eigenen Hande! sagte sie, und eine Zahre floss sanft ihre Wangen herab. Minens Auge und Herz brach zu gleicher Zeit. Grete konnte nie an diesen Herz-, an diesen Augenbruch denken, ohne bitterlich zu weinen. Mine erholte sich indessen mit dem Tage, der sich auch erholte. Was sie nach der Zeit schrieb, konnte sie nicht mehr versiegeln. Sie nahm die Verabredung mit Gretchen, diese Postscripte gleich nach ihrem letzten Hauch an sich zu nehmen und sie mir zu geben.
Von ihrem Begrabnisse sprach sie wenig oder nichts. Zuweilen ausserte sie den Wunsch, und auch diess nur beilaufig, unter ihren Verwandten begraben zu werden. Mitten unter ihnen da hat man doch gleich Bekannte bei der Auferstehung um sich herum, sagte sie.
Ich, das bat sie sehr, und es ward ihr heilig versprochen, sollte bei ihrem Begrabniss seyn. Vielleicht wunschte er mich noch zu sehen. Der Arme! trosten Sie ihn; ich sterbe dem Herrn, unserm Gott, ich sterbe als Alexanders Freundin. Er hat mir geschrieben, dass er gern eine Haarlocke von mir hatte. Wenn er nicht vor dem Haar einer Todten zuruckbebt, kann er sie nehmen. Gott sey ihm gnadig!
Der Tod grub jede Stunde naher, um Minen ans Herz zu kommen. Sie lebte zwar nach dem dunkeln Morgen noch einige Tage, allein es waren nur noch wenige Tropfen im Kelch. Sie klagte wenig uber Schmerzen: Was ich dulde, dulde ich Gott. Kopfweh, Brustschmerz und ein schleichendes Fieber waren die Zerstorer ihres Lebens.
An einem sehr schonen Morgen kam der Prediger zu ihr. Gretchen war schon da. Sie nahm den Prediger und Gretchen bei der Hand. Dank, Dank fur alles Gute! Gott lohne Sie, sprach sie sehr leise fur alles, fur alles! Sie sprach noch schwacher, stammelte, schwieg, blickte sehr schnell auf, sah Gretchen, sah den Prediger an, hob ihr Haupt, fiel zuruck, schloss ihre Augen und (Gott, mein Ende sey wie ihr Ende!) starb.
* * *
So war die Ahnung der Seligen erfullt, dass sie des M o r g e n s sterben wurde. Der Tag, der letzte Tag fur Minen unter der Sonne ging schon auf, und blieb wie er anfing. Gretchen war ausser sich, sie war nicht von der Seligen zu bringen. O, der letzte Tropfen Todesschweiss, schrie sie, wie er da starr steht! Und der Prediger: Gott hat abgewaschen die Thranen von ihren Augen; sie ist eingegangen zu ihres Herrn Freude! Mir fielen, sagte er, da er mir diesen Sterbenslauf und den Umstand, dass sie ihr Haupt gehoben, erzahlte, die Worte ein:
Wenn dieses anfaht zu geschehen, so seht auf und hebt eure Haupter auf, darum, dass sich eure Erlosung n a h t . Die Predigerin, als ob es ihr jemand gesagt hatte, empfand, dass ein Todter in ihrem Hause ware, und ward so unruhig, dass der gute Prediger Muhe hatte, ihr alles auf eine fur sie ertragliche Art beizubringen. Er und seine Tochter konnten nicht von der Leiche kommen.
Gretchen nahm, um den letzten Willen der Seligen zu erfullen, ihre Briefe an sich, die sie neben ihr fand. Sie kusste sie und bat ihren Vater, sie zu versiegeln. Sie lasen beide keine Sylbe.
Der Prediger schrieb an seinen Bruder in Konigsberg, mich zu erfragen und mich zu allem vorzubereiten. Er bat ihn, Sorge zu tragen, dass ich wohlbehalten nach L kame. Wagen, Pferde und Vorlegpferde, alles war von dem Testamentsvollstrecker besorgt. Den Bruder bat er nur h a l b , mitzukommen; denn er wusste nicht, dass ich ihn kannte und dass er in Konigsberg m e i n B e i c h t v a t e r ware, so wie er es in L v o n M i n e n gewesen.
Ich darf, nach diesem Umstande, es meinen Lesern nicht naher legen, dass dieser Bruder eben der konigliche Rath, der Menschenleser, war, mit einer offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn zwar im Kleinen, allein doch ganz sah, und dessen Abendgesellschaften aus einem Officier, einem Collegen, einem Prediger, einem Professor und mir bestanden.
Der konigliche Rath hat nicht nothig, mich zu erfragen. Er liess mir sagen, dass er gern den Abend mit mir theilen mochte. Ich kam und fand nicht den Collegen, den Prediger und Professor, sondern bloss ihn. Mit einer Klugheit, die ihres Gleichen nicht hat, bracht' er mich auf meine Liebe, wovon sein Bruder ihm wiewohl nur gerade so viel, als ihm hochst nothig zu seinem Auftrage war, entdeckt hatte. Ich wusste, wo ich war. Deutlich vermuthete ich aus einigen Stellen unseres Gesprachs, dass der konigliche Rath von meiner Geschichte unterrichtet war. Das Vierteljahr, und noch viele Wochen daruber, waren langst uberschritten, ohne dass ich das Tagebuch erhalten. Da ich auf alle meine Erinnerungen und Briefe keine Sylbe erhielt, schlug die Ahnung wie ein Blitz bei mir ein, ohne dass ich mir diese Ahnungsgabe je zugeeignet habe, noch jetzt zueignen darf: "M i n e i s t h i e r !" Wo ist sie, theuerster Herr Rath, fragte ich, wo? Das Feuer, womit ich sprach und womit ich ihm mein Herz vollig aufschloss, erlaubte diesem feinen, sehr feinen Menschenkenner und eben so grossen Menschenfreunde nicht, mir alles zu entdecken. Ich erfuhr nur, dass Mine in L bei seinem Bruder ware, dass sie krank gewesen, und dass sie sehr krank gewesen. Ich wurde mit obgleich mein Bruder mich nur so, als wollt' er mich nicht, gebeten sagte der Rath allein der konigliche Dienst
Wie mir war, kann ich nicht schreiben, ich hab' es
selbst nie aussprechen konnen. Gleich so, wie ich stand und ging, wollt' ich in den Wagen. Er versicherte mich, dass ich nicht nothig hatte, mich zu ubereilen, und dass es s c h o n b e s s e r mit ihr ware. Tausendmal wollt' es mir einfallen sie ist todt; allein es wollte nur, ich liess es nicht dazu. Ich stiess diesen Einfall mit allen Kraften fort und baumte mich so dagegen, dass ich auch wirklich nur kurz vor L mich davon uberzeugte. Wenn ich auf die Gegenstande Acht gehabt, welche mein Lehrer abhandelte, wurd' ich freilich nicht bis kurz vor L ungewiss geblieben seyn ich hatte, die Wahrheit zu sagen, nicht das Herz, auf diese Gegenstande Acht zu haben. Es waren alles Trostgrunde unter fremden Namen; unter ihrem eigenen taugen Trostgrunde ohnedem nichts, sie mussen alle incognito kommen. Ich hatte nicht das Herz, den Fuhrmann eher als kurz vor L nach Minen zu fragen. Hundertmal wollt' ich und hundertmal konnt' ich nicht. Da griff ich Herz, und der gute Fuhrmann, dem freilich verboten war mit der Thur ins Haus zu sturzen, sagte mir eben alles, da er mir nichts sagte, oder nichts sagen wollte.
Gott! mehr konnt' ich nicht. Der Fuhrmann bot mir ein Glas Wasser an, um die Sache gut zu machen, allein ich hatt' es nicht nothig. Ist's Betaubung, oder was ist eine solche Starke?
Auf dem Kirchhofe, kurz vor dem Pastorat, ergriffen mich Schauer auf Schauer, und ich fing an zu zittern und zu zagen. Der Pfarrer und seine Tochter kamen mir entgegen. Todt, alles todt! sagte ich und hielt mir den Kopf Sie liess Sie tausendmal grussen, sagte Gretchen, Oft hab' ich daruber gedacht, wie es zugegangen, Gott, welche Scene! O Mine! Mine! Mine! Geliebten Leser und Leserinnen, habt Mitleiden Nach einer langen Weile, da ich mit starrem Blick l e b t ! Noch diese Minute weiss ich nicht, wie ich zu diesem: S i e l e b t ! kam. Ich druckte sie fest an mich, und stehe da ich fuhlt einen warmen Odem. Der Prediger kam, Gretchen kam, alles mir nach: S i e l e b t ! Minchen, rief ich, du lebst! du lebst! Steh auf von den Todten! Erwach! erwach! du schlafst nur! Mine, Weib meiner Seele! sieh auf! sieh nur noch einmal auf! Nur noch ein Wort, Mine, nur ein einziges! Der Prediger machte Proben mit dem Odem, wie es schien, und das nicht ohne die Fassung, die eine jede Probe erfordert. S i e l e b t ! schrie er mit einer erpruften Gewissheit, dass ich vor Freude ausser mir war. Es ging so weit, dass wir lebendiges Blut in ihrem Gesicht bemerkten und froh und frohlich waren. Wir haben einen Gott, sagte der Prediger, der da hilft, und einen Herrn, der vom Tode errettet.
* * *
Sie lebt nicht! hin ist hin! Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen Herrn, der vom Tode errettet. Dort lebt sie, dort wird sie leben, dort! Ich werde sie eher nicht wiederfinden, als unter den Vollendeten Gottes, die zu seinem Reiche gekommen sind. Heil denen, die gekommen sind aus grossem Trubsal und die dort ruhmen konnen, dass der Zeit Leiden nicht werth sind der Herrlichkeit, die an ihnen offenbar werde.
O Gott, dieser Lebensstunde, wie viel bin ich ihr nicht schuldig? Diess war der Engel, der mich starkte. Es war so, als ob die Selige mir Trost eingehaucht und einen himmlischen Odem verliehen hatte. Ich fuhlte mich kraftig. Bald, bald werd' ich seyn, wo sie ist, bald bei ihr seyn!
Durch das eingebildete Leben ward ich lebendig. Sind wir Menschen nicht besondere Geschopfe? Oft trostet uns, was uns mehr niederschlagen sollte.
Wir blieben ein paar Stunden bei der Leiche. Der Prediger machte nun wieder Entgegenproben. Nachdem wir die Leiche verliessen und der Prediger mich, nach seinem selbsteigenen Ausdruck, wie umgekehrt fand, nahm er mir ein Versprechen ab, i h r e Hulle, ihr Erdenkleid nicht mehr a l s n o c h e i n m a l z u s e h e n . Er machte diess zur Sache Gottes, und ich v e r s p r a c h und h i e l t . Gott weiss, wie schwer es mir ward.
Ich ass wenig, trank noch weniger. Der Prediger glaubte, dass ich nach so entsetzlichen, sprachlosen Stunden Ruhe nothig hatte. Gott schenke sie Ihnen! setzt' er hinzu. Wir gingen ein jeglicher in sein Kammerlein, wie uber ein Kleines jeglicher in sein Grab gehen wird am Ende seiner Tage allein welch eine Nacht! Mein Herz schlug ein anderes Kapitel auf. Die Verklarte hatte mich ihres Ablebens wegen zuvor mit verklart; allein jetzt fiel es mir ein: wie kam Mine nach Preussen? Ich Unglucklicher! so nahe bei ihr. Diese Sandkorner wurden mir zu Bergen, ich druckte die Augen zu, um diese Vorstellungen zu erdrucken, allein diess war eben der Weg, noch mehr zu sehen. Ich sah im eigentlichen Sinne Gespenster. Anfangs fuhr ich auf und nachher wimmert' ich ich wusste von nichts, was ich that. Im Bette hatt' ich nicht Raum mit allen diesen Dingen.
Der redliche Prediger hatte sein Kammerlein neben mir genommen. Anstatt schlafen zu gehen, zog er also eigentlich auf die Wache, um, wenn es nothig ware, bei der Hand zu seyn. Der Schlaf floh auch ihn, und es war mir besonders, dass wir alle im Hause nicht eher eine ruhige Schlafstunde hatten, so mud' und matt wir auch waren, als bis Mine begraben war. Der Prediger meinte, dass es ein unempfindliches Herz verrathen wurde, in einem Hause schlafen zu konnen, wo ein noch uneingesargter Mensch lage. Er wenigstens hatt' es, wie er sagte, nie konnen.
Man bildet sich ein, dunkt mich, zu sterben, wenn man so nahe bei einem Todten einschlafen sollte, und furchtet sich vor dem Schlafe daher die Leichenwachen; oder aus einem andern Gesichtspunkte: man sieht sich selbst todt, wenn ich so sagen soll, bei einem mit Handen zu greifenden Leichnam. Die Aegyptier wurden nicht bei einer Leiche haben essen und trinken konnen, dafur steh' ich.
Wir blieben zusammen. Der Prediger hielt fur's dienlichste, mir die ganze Sache so, wie sie war, darzustellen, und in Wahrheit, das ist das einzige Mittel zur Beruhigung. Wenn ein Unglucklicher die Grenzen seines Unglucks wissen will, messt sie ihm gleich ganz und gar zu keinen Strich weniger, ihr macht ihn sonst bei jedem neuen Zuge unglucklicher ihr lasst ihn einen so vielfachen Tod sterben, als ihr Absatze, Ruckhalte und Punkte macht; ich selbst kann zum Belege in Rucksicht dieser Bemerkung dienen. Was der lebendige Odem Minens gestern Abends war, das war die Geschichte des Predigers heute Morgens. Gretchen kam, horte was vorging, und holte mir das Depositum. Da hatt' ich nun Minens Geist in allen Handen. Ewig werth sind mir diese Papiere; wenn ich sterbe, sollen sie mein Kopfkissen im Sarge seyn. Das, so der Prediger besiegelt hatte, war das erste, welches ich las. Aus dem versiegelten Pack wissen meine Leser schon, was mir schien, als konnt' es ihnen wissenswurdig seyn. Vielleicht ist ihnen vieles nicht also? Verzeihung in diesem Fall geneigter Leser. Ich hab' es oft, nie aber so sehr als hier gefuhlt, wie schwer es sey, mit i c h anzufangen. Pilatus und Herr v. E. sagen: Was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrieben. Schade, sonst wurd' ich's auch auf mich anwenden.
Minchens letzte Schrift
aus Gretens Handen.
Das letzte, was ich in dieser Welt schreibe, sey dein. Gott, der Herr, der Herr! sey mit dir! Wenn ich sagen wurde, ich ging' ohne Wunsch aus der Welt, noch langer hier zu seyn, wurd' ich einen falschen Eid vor Gottes Gericht zu verantworten haben. Eng ist die Pforte, durch die ich mich drange allein wenn ich durchgebrochen ich fuhl's, was fur Erquickung mir entgegenwehen wird. Meine Seele sehnt sich nach Ruhe, nach dem Sabbath! Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual ruhrt sie an. Ich liebe dich, ich liebe dich! Gern' hatt' ich dich noch in der Welt gesehen und gesprochen gekusst jetzt nicht mehr, so gern ich dich sonst gekusst habe. Deine Hand hattest du mir aber reichen mussen. Ich war immer stark an ihr und nun hatt' ich die Starke aus ihr herausgenommen. Ich sterbe darum getrost, weil ich unserer Liebe wegen Gott geopfert werde und ihm und seinem Gebot sterbe. Ich sterb' einen Martyrertod und fuhl' es, wie weit leichter es seyn muss, so und nicht anders zu sterben. Zwischen Tod und Tod muss ein grosser Unterschied seyn, das kann ich besser wissen, wie du. Wir werden uns wieder sehen, Lieber! Lieber! Lieber! Mit diesen Augen werd' ich dich sehen, mit diesem Herzen dich lieben, mit diesem Herzen wie schwach ist's, sehr schwach! Ich will die letzte Kraft abwarten, das letzte Aufflackern meiner Seele. Ich habe meinen Geist in die Hande Gottes befohlen; so lange ich mich noch ganz besass. Jetzt sterb' ich allmahlig! Bald vollbracht! Ihm, dem Vater aller Barmherzigkeit und alles Trostes, sey Lob und Preis fur alles, fur alles! Er schlagt und heilt, er verwundet und lasst genesen. Oft dacht' ich, er hatte sich von mir gewendet; ich rief und er antwortete nicht, allein er erloste mich gewaltiglich aus aller Noth. Bald vollbracht, bald! Ich dachte schon nicht mehr in dieser Welt zu schreiben, denn es uberfiel mich sehr plotzlich, allein ich habe noch viel zu schreiben; wurde mich der Tod ubereilt haben, hatt' ich's mundlich zurucklassen mussen. Wie oft ich gewunscht und mich gesehnt habe dich noch zu sehen, weiss Gott, der Herr! Der Arzt widerrieth es, und der liebe Prediger auch. Gottes heiliger Wille ist geschehen. Ich hatte mich schon ziemlich erholt nicht zum Leben nein, dich zu sehen, und diese Hoffnung, eben diese, diese Hoffnung frischte mich zusehends auf. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, seine Wege sind nicht unsere. Bald hatt' ich dir wieder erzahlt, was du schon weisst mein Kopf ist schwach, sehr schwach. Dass es keine Sunde ist, dich zu lieben, kann ich am besten jetzt entscheiden jetzt, wo uber das ganze Leben entschieden wird. Es entgeht mir nicht das mindeste von allem, allem! allem! was ich von Jugend an gedacht und gethan uber alles halt das Gewissen Gericht! Verzeihe mir, Herr, alle meine Fehler, dein harret meine Seele, meine mude Seele! Du allein, Herr, schenkst den Beladenen Ruhe, Seelenruhe. Dein Joch ist sanft, deine Last ist leicht, schon hier sanft und leicht, allein noch mehr sanft und leicht, wenn man auf die Zukunft sieht. Vor Gott ist kein Lebendiger gerecht; allein glaub' mir, mein Lieber, ich bin ruhig und ich bin der festen, festen Zuversicht, dass, der hier in mir angefangen hat das gute Werk, es bestatigen und vollfuhren werde bis an den letzten Gerichtstag. Ich liebe dich, mein Lieber, Gott weiss es; er weiss auch wie. Es ist eine andere Liebe, wie in auf dem Kirchhofe, mit der ich dich jetzt sterbend liebe. Ueber all' unsere Liebe hat mich das Gewissen gleich losgesprochen, gleich ohne Umstande. Das kann ich dir zum Trost schreiben. O Gott, war' doch diess zureichend, dich zu trosten! Wenn ich wusst' und glauben konnte, dass es dir zum grossern Trost gereicht, wenn du mich gesehen und mich gesprochen, was wurd' ich mir fur Vorwurfe machen! Wahrlich, dann hatt' ich mich sehr an dir versundigt. Ich glaube nicht, dass es dir trostlicher gewesen ware ich glaub' es nicht und dieser Gedanke beruhigt mich.
Ich will, ich werd' an dich denken, mein Geliebter, auch in meinem Letzten, Allerletzten! Verlass dich drauf und sey nicht unruhig, dass du mich und ich dich nicht noch gesehen. Wir werden uns doch kennen, wie ich hoffe, dass Leib und Seele, wenn sie gleich lange durch den Tod und Grab getrennt worden, sich gleich wieder kennen werden. Das wird eine Freude seyn! All' diese Freuden stehen mir vor und auch dir. O, selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Deinen Namen, mein Geliebter, will ich tausendmal aussprechen und dir die kalte Hand zureichen, wenn du auch nicht da bist. Deinen Namen will ich mir auch beim Scheiden vorstammeln, so dass ich noch mit der letzten Sylbe bis in den Himmel, bis in die andere Welt lange. Ich werd', ich kann ihn nicht vergessen, auch wenn ich deinen himmlischen Namen erfahre, will ich deinen irdischen nicht vergessen! Ich habe dich sehr, sehr geliebt! mehr als du gedacht, mehr als ich dir gesagt habe und sagen konnte. Meine Mutter will ich dort von dir grussen und ihr sagen, welch ein guter, edler Junge du gewesen bist bis in meinen Tod. Gott sey mit seiner Gnade, mit seinem Segen uber dir, hier zeitlich und dort ewiglich. Das fuhl' ich im Sterben, im Sterben! bei der letzten Probe von dem, was gut ist und was es nicht ist. Das fuhl' ich, dass eine Liebe, wie die unsrige, eine himmlische Liebe sey. Sie war nicht fur diese Welt, sie war nicht von dieser Welt. Ich empfehle dich Gott und seiner Gnade, der walte uber dich. Wieder schwach ich lege die Feder noch nicht weg ich hoffe Starke. Nein schwach noch immer, sehr, sehr schwach!
* * *
Noch schwach, allein so sehr nicht, wie gestern. Gegen Abend bin ich immer matter, so geht's allen Kranken. Der Prediger sagt, dass die meisten mit dem Tage sterben, sie gehen des Abends zur Ruhe. Mir ahnet, dass ich des Morgens sterben und zu meiner Ruhe eingehen werde. Wie Gott es beschlossen hat. Nicht was ich will, sondern was Gott will. Die Stunde des Todes ist Gottes Sache ihm sey alles anheimgestellt! Lass mich nur selig sterben! Gott, meine Zuversicht, lass mich vor dir Barmherzigkeit finden, im Tode! So wie das Leben ist, so ist das Sterben bald schwach, bald etwas besser. Ganz gut ist's doch nicht hier, sondern dort. Der liebe Pastor, seine Frau und Gretchen sind gute Seelen. O lieber Gott, wie wird's in deinem Himmel seyn, wo dir alles nachmacht und so gut seyn will, wie du's bist! Da kommt Gretchen mit ihrer Mutter ich soll zu Bette gehen. Gott sey mit dir! Ich denk' immer, wenn ich zu Bette gehe: wie wird's seyn, wenn ich begraben werde? wie? Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual ruhrt sie an das trostet mich. Dieser Trost bleibt auch im Tod unuberwunden. Ich lebe dem Herrn, ich sterbe dem Herrn, im Leben und Sterben bin ich des Herrn!
* * *
Ich habe lange mit mir gestritten, ob ich dir das letzte Stuck von meinem Tagebuch, das mit einem g r o ss e n K r e u z e bezeichnet ist, zurucklassen, oder ob ich's mit ins Grab nehmen sollte? Du weisst's, dass ich dir bis an das grosse K r e u z keine Klage uber meinen Vater gefuhrt habe, ich wollt's auch jetzo nicht. Ich stritt lange mit mir, endlich und endlich hielt ich mich verbunden, dir, fur den ich kein Geheimniss gehabt und haben kann, Rechenschaft von meinem Tode zu geben. Im Himmel hatt' ich dir ohnedem so was nicht erzahlen konnen, und niemand weiss es, was ich weiss und was dir dieses Tagebuch sagen kann, ausser Benjamin, und den hoff' ich auch dort zu finden. Lies und fluche meinem Vater nicht, ich hab' ihm nachst Gott mein Leben zu danken. Wurd' ich nicht in dieser Prufung gelebt haben, konnt' ich nicht Gottes Angesicht sehen und ewig genesen. Dort ist mein unbeflecktes Erbe mir aufbehalten im Himmel! Fluch ihm nicht, meinem Vater. Denen, die Gott lieben, mussen alle Dinge zum Besten dienen. Grausamkeit ist meine Beforderung zur ewigen Ruhe. Mein Leib stirbt je langer, je mehr, und der Geist, sein Freund, nimmt oft mehr hieran Theil, als ich's gern sehe. Doch gibt's Stunden, wo ich fuhle, dass meine Seele unsterblich sey, wo ich nicht sehe auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, ist zeitlich, was aber unsichtbar ist (o Gott, hilf mir!), ist ewig, ist ewig! Es ist meiner Seele oft so, als wenn man den Kirchthurm von dem Orte sieht, wo man hin will. Man denkt, man sey schon da. Ich habe heute mit meinem lieben Pastor wegen des T a g e buchs mit dem Zeichen des Kreuzes noch einmal gesprochen. Er nimmt es auf sich, dich zu allem vorzubereiten. Fluche meinem Vater nicht, fluch' ihm nicht! Darf ich hier eine E i n s c h a l t u n g machen? Diess Kreuztagebuch lag im grossen Pack. Nach einem grossen Kreuze fangt es an:
Ob du je diess Blatt und die Folge dieser Geschich
dass meine Ahnungen so haarklein eingetroffen sind. Wenn noch eine andere eintrifft, sehen wir uns nicht eher, als in der ewigen Freud' und Seligkeit. Warst du nicht, lieber Junge, in dieser kummervollen Welt, wie gern, wie herzlich gern! Im Leben und im Sterben bin ich dein, und ewig dein! dein! dein!
* * *
Wieder Minchens Schrift aus Gretchens Handen:
Ein Testament, lieber Junge, ist mir von jeher was Feierliches, eine Herzenslust, eine Seelenwonne gewesen. Schon langst hab' ich darauf gedacht, dir eins zuruckzulassen. Wo ich nur dazu kommen konnte, las ich Testamente, und wie sehr freut' ich mich, wenn ich eins gelesen hatte, dass die Leute oft in ganz gesunden Tagen bedenken, dass ihr Leben ein Ziel hat und dass sie davon mussen. Heute will ich mein Testament machen. Ein Testament in meinem neunzehnten Jahre! So winkt Gott manchem am truben Abend seines Lebens, manchem am heitern Morgen. Komm, Herr, ich bin bereit!
Im Namen Gottes.
In deine Hande befehl' ich meinen Geist, treuer Gott und Herr! Wenn mein Haupt sich neigt, wenn mich nichts mehr erwarmt, wenn die Hande saftlos dahinsinken und der Puls, statt zu schlagen, zittert, als ob er selbst vor dem Tod erschrecke, sey nicht fern von mir, Gott, meine Hulfe! Sey mir nicht schrecklich, mein Gott, in meiner letzten Noth! Ich harre dein. Langst hab' ich den Tod kennen gelernt, denn ich bin schon viel und oft gestorben, wenn ich aber zum letztenmal sterbe, o Gott, hilf mir! Wenn ich heimfahre aus diesem Elend, sey mein Herr und mein Gott. Amen! Amen!
Dich, herzlich Geliebter, bekenn' ich sterbend als den meinigen! Ich beschwore dich, dass du uber meinen Tod nicht trauerst, wie die, so nicht glauben eine Zusammenkunft der Auserwahlten zu Gottes Rechten, und dann Freud' und Wonne in Ewigkeit vor dem Angesicht des Herrn aller Welt! Ich setze dich zum Erben ein alles dessen, was ich habe. Es sind Sachen, die du in deinen Handen gehabt; eben hierdurch hast du sie fur mich geweiht. Nach unserer Trennung hab' ich auf nichts neues gedacht. Mache mit diesen Sachen, was dich gut dunkt. Ein Stuck gib meinem Vater zum Andenken, wenn er's will; ich glaub', er wird wollen, und ein Stuck behalte deiner Mine zum Andenken. Wenn eine Thrane auf diess, dein Lieblingsgewand hinfallt (Gott lass sie sanft wie Thau fallen!), hast du genug Leid getragen um deinen Todten und hiermit nehm' ich von dir, als meinem Mann, Abschied. Ich danke dir fur deine eheliche Treue, du hast mich herzlich geliebt. Habe Dank, mein Seelenmann, fur alles Gute, das du an mir gethan; fur deinen treuen Unterricht, fur dein Beispiel, fur alle, alle Proben deiner Liebe! Gott lohne dir fur alles zeitlich, geistlich und ewig! Meine Sinne sind ausgetrocknet. Fast hab' ich keine Thranen mehr, um diese Wunsche zu begleiten. Da quillt eine empor! sie sey dir zum Segen geweint, Amen! Nun meine feierlichste Bitte, mein Beschwur. Ich bitte dich vor Gott und nach Gott, ich beschwore dich bei allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden, und nach diesem hohen Schwur bei meinem letzten, letzten Seufzer, bei meinem letzten Todesstoss, bei meinem letzten warmen Hauch dich zu seiner Zeit ehelich zu verbinden! Gott segne dein Weib und die Kinder, die sie dir schenken wird! Wir sind geschieden, Gott hat uns verbunden und geschieden, der Tod bringt uns den Scheidebrief. Von diesem Augenblick an, da ich dieses schreibe, bist du nicht mehr mein Mann. Das letztemal nenn' ich dich meinen Mann, o Gott, das letztemal! Und von diesem Letztenmal bist du nicht der meinige, sondern der Mann deines kunftigen Weibes. Wenn dir ein Sohn stirbt, schreckliche Ahnung! sey er mein in der andern Welt ich will mich mit ihm verbinden, wie sich Engel Gottes verbinden, und deine himmlische Schwiegertochter werden. Da kommen dir dann und deinem kunftigen Weibe entgegen ich, meine Mutter, dein Sohn und lehren dich in der Stadt Gottes die Hauser kennen. Halleluja! Halleluja! Amen!
Ich bat Gott um einen Engel mit Starkung aus seiner Hohe; er sandte mir seinen Knecht auf Erden, die auch des Herrn ist. Er liess mich essen aus seiner Hand und trinken aus seinem Becher. Es ist bei weitem nicht dein Vater, allein er ist auch ein treuer Diener seines Herrn, nach der Gabe, die er empfangen hat. Seine Tochter Gretchen druckte mir den Kopf zusammen, wenn er auseinander fallen wollte, eh' es Zeit war und seine Frau, man sagt, sie sey schwermuthig, allein ich sage, sie ist entzuckt, sie hort und sagt Worte, die ubermenschlich sind. Sie war mir als eine Gereisete, die zu erzahlen wusste, wie's dort zugeht. Der Mann sanft, wie Johannes, den der Herr lieb hatte sie eine Hanna.
Er hat mich getrostet, da nichts mehr Mark und Bein erquickte, da kein Trunk mich labte, und das Wasser selbst, wie's der liebe Gott gibt, mir schal schmeckte ich durstete nach dem Wasser des Lebens. Bald, bald! Zehn- und mehrmal war mir der Puls abgelaufen, sein Trost zog ihn, so dass ich's recht merken konnte, auf freilich nur auf wenige Stunden; allein glaub mir, je naher am Tode, desto kostlicher die Zeit. Wenn du dich diesem Priesterhause verbinden kannst, thu' es. Es sind all' zusammen gute, genugsame Leute, die nicht aufs Sichtbare sehen, sondern auf die Erscheinung des Herrn warten.
Schon oft hab' ich gebeten, und ich wiederhol' es noch einmal in diesem meinem letzten Willen, meinem Vater nichts zuzurechnen. Vergib ihm, o Lieber, vergib ihm! so wie du willst, dass mir und dir Gott vergebe. Kannst du ihm helfen, hilf ihm. Meine Flucht kann ihn vielleicht in noch schlechtere Verfassung bringen, als er schon war, da er die Schule aufgegeben hatte. Vergib ihm und dem v. E. so wie ich beiden vergebe. O es ist eine schone Sache, zu vergeben. Vergib ihnen alle Leiden, die sie mir gemacht und auch dir. Du kannst in deiner eigenen Sache nicht Richter seyn. Mein Leiden und Tod trifft dich zu nahe; vergib allen alles den Essig und Galle am Kreuze sie wissen nicht, was sie thun! Oft denk' ich an den T o d des grossten Todten, der uns ein Vorbild liess, nachzufolgen seinen Fussstapfen, und dann bin ich froh uber die Kriegsknechte, welche die Widdem besetzten, und uber so manchen Pilatus, der nur den Leib todten kann und die Seele nicht, worunter ich aber den ehrlichen Nathanael nicht rechne; denn wahrlich, er that mehr, als sich die Hande waschen. Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von Herzen vergeben habe. Seit der Zeit, da er mich schreckte, war es vollbracht, alles vollbracht! Wenn mein Bruder lebt, gib ihm den Brief, den ich deinem grossen, von mir versiegelten Pack beigelegt. Meinem Vater gib auch den seinigen. Kannst du meinen Verwandten in Mitau forderlich und dienstlich seyn, sey es. Gott wird dich lohnen; er segne dich mit reichlichem Segen, mit mehr als einem Segen. Amen! Ueber ein Kleines werden wir uns nicht sehen, und uber ein Kleines werden wir uns sehen; ich gehe zum Vater. Diese Worte hat mir der liebe Pastor in L. so eindrucklich gemacht, dass sie mich starken fur und fur. Grusse deinen Vater und Mutter ich kusse beiden die Hande. Gott lass es ihnen wohl gehen, ewig, ewig wohl! Ich bin matt, sehr matt! Wenn mein Bruder mir im Himmel zuvorgekommen ist, denk an das Grab meiner Mutter, damit es nicht verfalle, sondern ein Grab bleibe; denk an alle heiligen Orte, von denen ich meinem Bruder geschrieben habe. Ich bin , n a h e a m K i r c h h o f e , in die Welt gekommen, in L . n a h ' a m K i r c h h o f e geh' ich aus der Welt. Ich verbiete dir nicht, an mich zu denken, allein thu es nie, wenn du allein bist, sondern im Beiseyn der Deinigen, damit du stark bleibest. Amen!
Diess ist mein letzter Wille, den du in allen Stucken und besonders wegen meiner f e i e r l i c h s t e n B i t t e v o r G o t t u n d n a c h G o t t erfullen musst, so wahr dir mein Andenken lieb ist. Nun zum letztenmal Amen! Angefangen fruh Morgens, geendigt um sieben Abends den 17 .
* * *
Nach diesem Testament, das sie den Tag vor ihrem Tode gemacht hatte, schrieb sie nur noch folgende Zeilen:
Sey gut ich kann nicht mehr. Nach diesem Elend ist uns bereitet ein Leben in Ewigkeit, Heilig, heilig, heilig, ist Gott, der Herr! Hinauf! hinauf! ich kann nicht mehr! aber denken, beten, segnen noch noch noch! Lebe wohl, wohl! wohl!
Noch sehr unleserlich und immer i n d i e H o h e standen die Worte: Ich bin bereit komm, Herr! Schmerz Angst, keine im Himmel Lieber.
Wie sehr mich diese Zugabe geruhrt hat, ist unaussprechlich alles himmelan! Sie ist entgangen! Gott helfe auch mir und allen, die seine Erscheinung lieb haben, kampfen den guten Kampf des Glaubens und den L e b e n s l a u f vollenden. Ihm sey Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
* * *
Den Brief an ihren Vater, dessen sie erwahnt:
Mein Vater!
Wenn Sie diesen Brief lesen, hat Ihre Tochter alles
geendigt, alles! Sie hat ausgerungen, ausgekampft uberwunden. Ihr ist wohl, ewig wohl! Sie ist bei ihrer Mutter in der ewigen Freude und Seligkeit, verklart und herrlich! Halleluja! Ich mache dem Herrn v. E. keine Vorwurfe, und habe meinen Geliebten gebeten, auch keine zu machen, sondern ihm alles zu verzeihen, so wie ich alles dem Herrn v. E. verziehen habe und jetzt mit sterbender Hand verzeihe. Wenn ihn mein Tod auf den Gedanken bringt, dass die verfolgte, unterdruckte Tugend den grossen Vorzug habe, sterben zu konnen (wahrlich, ein grosser Vorzug!), so wird er einsehen, dass sie uber alle Gewalt erhaben sey, und sie eben darum vielleicht hochschatzen lernen. Mochte er es doch!
Ihnen, mein Vater, wunsche ich Gottes Gnade und Segen. Es gehe Ihnen wohl, sehr wohl! Unser Leben ist kurz; Sie sind alter als ich. Was ist doch die ganze, ganze Welt, wenn's zum Sterben geht? Sollte es Ihnen in dieser Welt noch fehlen, sehen Sie meinen Geliebten als Ihren Freund an, der Sie nicht verlassen, noch versaumen wird. Ich empfehle mich Ihrem Andenken. Meine Mutter werde ich von Ihnen grussen, und wie froh werde ich seyn, Sie, mein Vater, einst dort wieder zu finden und meiner Mutter diese feste Hoffnung zu geben. Es wird ihr, das weiss ich, eine grosse Freude seyn. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! ewig wohl!
Der Brief an ihren Bruder Benjamin ist eine Wiederholung ihres von ihm genommenen Abschieds, da sie in sich schieden, und der Uebergabe und Einweisung in Rucksicht aller heiligen Orte, unter denen das Grab ihrer Mutter das vornehmste war. Sodann die Eroffnung, dass sie mich auf seinen Todesfall in dieser Aufsicht substituirt hatte; und auch im Leben, schreibt sie, wird er dich unterstutzen. Er liest diesen Brief, den ich ihm offen lasse.
Ich lernte die Predigerin den Tag nach meiner Ankunft kennen; ihn, glaube ich, kennen meine Leser ohne meine Nachhulfe. Er war ein ehrlicher Mann und wollte nichts mehr, allein auch nicht weniger, als ein Prediger seyn. Seine Stelle war nicht die vorzuglichste, indessen warf sie so viel ab, dass er leben konnte. Mehr, sagte er, bedarf ich nicht. Er hatte zwei Sohne, welche der konigliche Rath als die seinigen in Konigsberg erzog. Gretchens Bruder gingen in eine der besten Schulen, sie sollten beide Geistliche werden. Unser Prediger war kein Kipper und Wipper. Er verfalschte und beschnitt nichts, sondern liess alles, wie es war, unumgeschmolzen beim alten Schrot und Korn. Die Bibel, sagte er, ist an sich schon eine lautere und vernunftige Milch. Wer die Bibel anders, als aus der Bibel erklart, ist ein Miethling. Schon seit funf Jahren hat er an einem Werke u b e r d i e S u n d e w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t gearbeitet, woran er mich nach Minens Begrabniss nahern Theil nehmen liess. Er wollte seinem Bruder eine unvermuthete Freude machen und ihm diese Schrift zueignen. So weit ich den Bruder kenne, konnte ihm mit einer Zuschrift uber ein Werk von der Sunde w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t n i c h t sonderlich gedient seyn.
Seine Frau? Bei ihrer Einbildungskraft war der Zaun gebrochen, sagte der Prediger, und traf sie vollstandig. Sie hatte viel Gutes, viel Herzliches an sich. Sie sah jeden starr an und kam dem, mit welchem sie sprach, ungewohnlich nahe; sie griff ihn mit ihren grossen, etwas verwilderten Augen. Es liess die Prophetin gleich beim erstenmale so viel Zutrauen gegen mich aus ihren Augen schiessen, dass sich der Prediger und alle, die sie kannten, daruber wunderten. Sie blieb sich die ganze Zeit uber gleich, ohne tiefer in ihre Lindenkrankheit zu fallen, die sie indessen nie ganz verliess. Sie hatte eine s c h l e i c h e n d e Lindenkrankheit, sagte Gretchen, wie man d e r g l e i c h e n F i e b e r hat, das auch zuweilen in Heftigkeit ausbricht und nicht immer schleicht.
Gretchen, ein rein und unschuldiges Madchen, das aus Liebe zu Minen mit dem Deputatus nicht essen wollte. Sie hatte Verstand, allein ihr Verstand lag in ihrem Herzen, oder wenigstens nicht weit davon. Alles, was Gretchen sagte und that, sagte und that sie von ganzem Herzen.
Ich habe mit Fleiss meine Leser und mich von Minchens Leiche abgezogen; allein konnte ich sie lassen? Wenn meine Leser scheel uber diesen Abzug gesehen, dann, dann erst konnte ich von Gluck sagen!
Mine hatte sich mit Gretchen am meisten unterhalten und Gedanken mit ihr gewechselt. Gretchen nahm Stunden bei Minen. Ich weiss nicht, ob ich meinen Lesern einen Gefallen erweise, wenn ich ihnen etwas aus einem Aufsatz ausziehe, den Gretchen, wie sie sagte, Minen nachgeschrieben. Nur etwas:
"Ich habe mich sehr mit mir selbst gestritten, ob ich das Leben verliere; allein in Wahrheit, ich verliere nichts, nichts, wenn ich auch einen Strich zwischen dieser und jener Welt ziehe. Denn hatte ich diess Leben? Hochstens hatte ich es haben konnen. Hatte ich Alexandern, den Pastor? war ich Frau Alexander, die Pastorin? Ich habe nur Hoffnung, nicht Leben eingebusst und (wenn ich den Strich wieder losche) diese Hoffnung mit jener Hoffnung abgewogen: Sterben ist mein Gewinn und schadet mir nicht."
Wie wahr in jedem Munde, und wie ruhrend wahr in einem sterbenden! Wer neunzig Jahre gelebt hat, ist im siebenten gestorben und hat sich hin- und zuruckgelebt. Wer sich nicht mit Leben uberhauft und zu viel auf einmal gelebt hat, ist im sechzigsten Jahr stark, wie ein Jungling, und kann selbst noch Vater werden, wie es oft geschehen ist. Im siebenzigsten Jahre ist man Kind, oder fangt es an zu werden. Niemand sagt daher sein Alter gern, wenn er in diese Jahre kommt, auch wenn er, in keiner einzigen Rucksicht, Nachtheile davon fur sich absieht. Der Mensch will durchaus und durchall nicht gern ein Kind seyn. Alles, was um ihn lebt und schwebt, kommt so schnell zur Reise, nur er allein ist der Spatling; er ist ohne Ende und Ziel auf Tertia, dann ruckt er freilich schnell fort, allein bald sind die Classen aus. Wer zwanzig Jahre gelebt hat, ist hundert alt worden; d a s k u n f t i g e J a h r h u n d e r t , sagt man. Thor! wie viel sind nicht schon gewesen, was brachte das neue Neues, recht Neues vom Gott deiner Seele und der andern Welt?
"Es muss doch bei den Menschen grossere Uebel geben, als der Tod, weil sich viele den Tod wunschen, um diesem und jenem Uebel zu entkommen. Die Menschen wunschen selbst ihren Lieblingen den Tod, und freuen sich, dass sie durch ihn oft einer kleinen Schmach und Schande entkommen: 'Gottlob, dass er, dass sie todt ist und dass er und dass sie nicht dieses, nicht jenes erlebt haben!' Ist wohl eine Frage, was Alexander lieber gewunscht hatte, mich todt oder mich in buhlerischen Armen? Wie der Arbeiter am schwulen Tag sich sehnt nach Schatten und ein Taglohner, dass seine Arbeit aus sey (Hiob das siebente Kapitel, der zweite und dritte Vers), so habe ich mich auch gesehnt Tag und Nacht, um zu kommen aus grossem Trubsal. In dieser Rucksicht, in dieser Aussicht, wie gut ist der Tod und was ist er? Ein Weg uber Feld." Diess Leben ist wahrlich ein Jammerthal. Vielleicht wickelt sich diese Welt noch anders aus, wenn sie alter wird. Vielleicht kommt noch Gottes Reich in diesem Leben! Vielleicht dass die Menschen durch so viel Thorheit kommen werden zur Wahrheit, durch so viel Abweichungen zum Gesetz des Herrn. Ein Mensch beherrscht den andern. Schrecklich
"Der Haupttitel, den man der Seele beilegt, ist a r m ; alle Welt spricht, die arme Seele! und woher? Ist sie nicht reicher als der Leib? Der Leib ist, ohne sie, eine Handvoll Staub, und sie ist, ohne Leib, eben das, was sie mit ihm ist."
Arme Seele! warum arm? Weil man nicht weiss, wo sie ist? wie sie ist? Doch dieses steht mit der Armuth in keinem Verhaltniss; genug, dass sie ist. Sie ist ungefahr das im Korper, was Gott, der Herr, im All ist ungefahr sie ist Gottes Bild. Sie ist in allem, und durch alles und mit allem, und in ihr leben, weben und sind wir. Vorzuglich nennen wir sie a r m , wenn der Mensch stirbt und die Seele den Leib verloren hat. Leute, die sich einmal an Korpern die Augen verdorben, halten sie fur arm, fur bettelarm, wie man in der Welt aus dem Kleide Armuth und Reichthum beurtheilt. Man gibt der Seele ein Korperchen mit, damit sie nur nicht ganz und gar nackt und bloss erscheine. Dann ist sie doch, denkt man, wenigstens im Hemde; allein warum diese Umstande? Bleibt die Seele nicht in Gottes Welt, in Gottes Hand, wo nichts arm ist, als was sich dafur halt?
"Gott, der Herr, arbeitet ins Grosse und ins Kleine. In ihm lebt, webt und ist alles! Wer nicht in seinem Leben einen Zusammenhang findet, auch selbst, wenn er es nicht dazu anlegt, hat nicht an Gott und nicht an sich gedacht. Wir konnen nicht den Vorhang vor der Zukunft zerreissen. Bei unserm Tode zerreisst er, wie beim Tode Christi der Vorhang vor dem Allerheiligsten. Wahrlich, die Zukunft ist das Allerheiligste! Wer kann das Triebwerk der Schopfung leiten? Auf Gott aber konnen wir uns verlassen."
Eine selige Empfindung! Der Meister druckt seinem Werke seinen Namen ein, nicht ohne Schamrothe, wenn er ein ehrlicher Kerl ist, und wenn er auf die kleineren Gelegenheiten zuruckdenkt, die ihn zu dem Meisterstucke brachten. Darum, und nicht aus Affektation, sollten grosse Kunstler auch ihren Namen nur so hin werfen und Gott die Ehre geben, ihrem Obermeister ihre Arbeit weihen und zueignen. Wer gab ihnen Handwerkzeug und Materie? wer Zeit, Ort und Umstande? Selbst das Formale gehort dem Obermeister. Ist es denn Wunder, wenn das Werk so sehr uber den Stand des Kunstlers ist, dass es langer lebt, wie er, und dass jeder eher darnach greift, als nach ihm? Des Kunstlers Verdienst in dieser Welt ist ein Kunstgriff, ein Griff nach gutem Stoff zu seiner Arbeit, nach einem guten Reissbrett in der Werkstube Gottes, nach guten Zeichnungen, die ihm die Natur darreicht. Doch, wo gerathe ich hin? Ich sollte mich begnugen zu sagen: Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlasst!
Eben habe ich einem Freunde im Ganzen Minchens Gedanken, in Gretchens Abschrift, vorgelesen. Seine Aufforderung, diesen Aufsatz entweder ganz oder gar nicht mitzutheilen, hemmt Text und Noten. Es ist ein besonderer Gedankengang in diesem Aufsatz. Die Stellen, die ich herausnahm, sind nicht genommen, weil sie c h a r a k t e r i s t i s c h waren, sondern weil sie eben meinen Empfindungen, da ich dieses schrieb, accompagnirten.
Zur Beilage A. habe ich meinen Lesern diejenigen Stucke bestimmt, die m e i n E n g e l in einer ziemlich angewachsenen Sammlung g e z e i c h n e t hatte. Diese Sammlung war entstanden, wie alle Sammlungen entstehen sollten, ohne dass man zu sammeln dachte. Je nachdem Minen dieses oder jenes Stuck gefiel, schrieb ich es i h r auf i h r . Viele Stucke sind aus der l e t t i s c h e n G a r b e meines Vaters, die aus lauter curischen zartlichen Liedlein besteht, die ich halb und halb offentlich mitzutheilen verheissen habe. Viele sind Uebersetzungen aus andern nordischen Zungen und Sprachen. Mein Vater, der gewiss Naturkenner war, pflegte zu sagen, dass die meisten dieser Stucke (er hat sie alle gelesen) e r n e u e r t und g e h e i l i g e t waren. Zwar gab er sich viele Muhe, alles r o h , u n e r n e u e r t und u n g e h e i l i g e t zu haben, allein dahin war es nicht zu bringen. Manche Stucke sind offenbar Kinder neuerer Zeit; alles und jedes aber ist Uebersetzung. Mein Vater (diess trifft die Stucke aus der Garbe) war, wie wir alle wissen, vor dem Brande nicht musikalisch. Die Uebersetzung seiner baurisch zartlichen Liederchen ist, wie ich schon im ersten Theil angemerkt, nach meines Vaters Manier. Eine freie Uebersetzung, pflegte er zu sagen, ist nicht hin, nicht her, ist Wein und Wasser, wo oft das Wasser die Kraft des Weins ersauft; und doch, setzte er hinzu, muss die Uebersetzung frei seyn, in Absicht der Sprache, in die man ubertragt. Ueberhaupt sind alle Uebersetzungen, die ich hier uberliefere, mit Haut und Haar deutsch und ehrlich, oder, wie ich mich an einem andern Orte heilsamer ausgedruckt,
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. Wer mir aber des I n h a l t s selbst wegen etwas anhaben will und sich geberdet, als thue er der K u n s t einen Dienst daran, mag wohl bedenken, dass Gott die Menschen aufrichtig gemacht; allein sie suchen, wie es heisst, viele K u n s t e . Sie vergessen, dass die Lerche fruh aufstehe und die Nachtigall lange aufsitze (schon wollte ich lucubrire schreiben): dass die See b r a u s e und s a u s e , wie meine M u t t e r sich ausdrucken wurde, und der Bach sparsam und wohl gar geizig w a n d l e und h a n d l e ; dass der Nord, so wie die helle Sonne, das Gesicht roth mache, als ware es feurig, und ein Abendluftchen sich bloss mit den ungebundenen Haaren necke. Da verschlage ich wieder in das Feld der A n m e r k u n g e n . Mit den lieben A n m e r k u n g e n ! Macht sie nur, so viel ihr wollt, S c h r i f t s t e l l e r ! auch selbst i h r vom gottlichen Geschlecht, vom heiligen Volke, vom koniglichen Priesterthum, vom Volke des Eigenthums; darum seyd ihr nicht geborgen. Der Kunstrichter findet doch seinen Zaun, von dem er brechen kann, das weiss ich aus sicherer Hand, und wenn es auch nur eine Anmerkung uber eure Anmerkung ware.
Gern wurde meine Wenigkeit A n m e r k e r dieser
Art beim Brode lassen; allein e u c h , die ihr nicht im Vorgemach bleibet, sondern weiter dringt, e u c h , P f e i f e r und G e i g e r , die ihr diese unschuldige H a u t - und H a a r g e s a n g c h e n mit eurem Accompagnement haben und g r o ss - und k l e i n m e i s t e r n wollt wie gern, wie herzlich gern hatte ich Da eben ein Brief von einem R e d l i c h e n i m Wie werde ich wieder auf Beilage A. kommen? Ich G r e t c h e n versicherte, diese Stucke hatten Minchen auf ihrem Lager abgekuhlt, wie Fruchte, wenn es heiss ist. Die namliche Freude, die mich bei den S c h r i f t s t e l l e n uberfiel, welche in meines Vaters Hand- und Hausbibel g e z e i c h n e t waren, die namliche Freude belebte mich hier. Auch bin ich der guten Zuversicht, dass d i e s e gezeichneten Stucke meinen Lesern nicht missfallen werden, ware es auch nur Minchens Z e i c h e n wegen.
Beilage A.
Du bist mir treu, H a n s , treu bist du mir! Ich weiss es, du bist mir treu, aber ach! das arme Kornblumchen, das mir diese gute Zeitung brachte, wie schlecht belohnt! Ich legte mir an ein Kornblumchen, so blau als deine Adern, wenn du das Hemd an deinem nervigten Arm aufgeschoben hast, so blau als der Himmel, wenn der liebe Gott freundlich aussieht. Was mich das freut, dass ich's noch an der Wurzel liess, das arme Kornblumchen! Ich wollt' es abreissen und da war' es noch arger. Sieh, H a n s , ich muss es nur beichten: ich riss ein Blattchen und sagte: "er ist mir treu," und das andere: "er ist mir nicht treu," und wieder eins: "t r e u " und das andere: "n i c h t t r e u ." Das letzte war: "t r e u , t r e u ! " Du bist mir treu, das hat mir das Kornblumchen zugeschworen. Jammer und Schade, dass die Blatter abgerissen sind! Schade, dass es da im blossen Kopfe steht! Schon, dass der Stengel noch an der Wurzel blieb! Schon, uber alles schon, dass Hans mir treu ist!
* * *
Gottlob, der Junker hat gefreit und G r e t e ist mein! Gottlob, der Herzog ist uber Land gezogen! G r e t e ist mein! O Herzog, o Junker! o Junker! o Herzog! Herzog fahr' wohl und Junker fahr' wohl! Du im fremden Land und du im Brautbett. Nun mocht' ich sehen, wer mich uberprunken kann, den H a n s bei G r e t e n ! Hort's weit und breit, den mocht' ich sehen, wer dieses kann, wer denken kann: "Ich konnt' es wohl;" auch den mocht' ich sehen, auch den noch, dem es nur getraumt hat: "er konnt' es." Wie Gras will ich sie all' zusammen wegmahen, und wenn's Baume sind, will ich einhauen, bis sie fallen. G r e t e ist mein! Gottlob der Junker hat gefreit! G r e t e ist mein! Gottlob, der Herzog ist uber Land gezogen.
* * *
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
Nicht, wie mich im ersten festen Schlaf ein Blitzstrahl erweckte; er schoss mir dicht vorbei, als wenn er sich bei mir, dem Hausvater, melden wollte. Schnell sprang ich auf, und siehe da! mein Strohdach in Flammen! Ich armer, alter Mann! was konnt' ich, was mehr, als meine Freunde und Bekannte aufschreien, die so fest schliefen als ich geschlafen hatte. Ich that Schrei auf Schrei, und seht! nicht bloss meine Freunde und Bekannten, nein
Jedes, jung und alt,
sprangen so schnell auf, als wenn sie der Blitz erweckt hatte, so als wenn es ihnen uberm Kopf brennte, und kamen und loschten das brennende Strohdach meines Hauses. Der Blitz war so gut, zu bedenken, dass ich alt sey und nicht Dacher mehr steigen konne. Er liess sich gern loschen, das dank' ich ihm und noch mehr dem lieben Gott, der den Faden in seiner Hand behalt, wenn er den Blitzknauel auf seinen Erdboden schiessen lasst. Der liebe Gott kennt den alten P e t e r und wollte von seinem Hause nicht mehr als eine Handvoll Stroh treffen lassen. Das folgende Jahr war das Gras mannhoch. War es nicht recht anzusehen, dass der liebe Gott es gut mit dem Peter meinte?
Ach, dass sich Gott erbarm!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie die Hagelkugeln mein schones Korn niederschossen, das aller meiner Nachbarn Felder ubersah. Die Leute waren neidisch auf mich, und mancher mag mir den Tod gewunscht haben dieses schonen Korns halber; und der Tod, dacht' ich zu der Frist, wird von selbst kommen, ungewunscht. Jetzt komme der Tod, wann er will; damals hatt' ich noch Lust zu leben, damals hatt' ich noch Weib und Kind, und das ist Lust zu leben. Erst beneidete jedes mein wohlgewachsenes des vorigen Neides. Jedes wunschte mir langes Leben, und das so rechtschaffen, dass mir hundertmal Thranen das Auge uberschwemmten. Man schuttelte mir so ehrlich die Hand, dass sie mir altem Manne wehe that. Am Ende fand ich, dass ich so viel behalten, als die, so der Hagel nicht betroffen hatte.
Ach, dass sich Gott erbarm!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mir mein Weib starb, die hart an der Kirche liegt, wo ich Weihnachten, Ostern, Pfingsten feiere, indem ich auf ihrem Grabe den ersten heiligen Tag kniee und bete. Es wird mir schwer, mir altem Manne! Zum Gluck ist das Grab hoch, und je alter ich werde, desto hoher wird das Grab. Sie starb, und ich dachte, ich ware mitten entzwei geschnitten; doch waren noch da Tochter, Schwiegersohn und mein und ihr Lieschen. Noch schlaf' ich in dem grossen Bette, wo ich mit der Seligen schlief, und wenn ich nicht alle Wochen dreimal von ihr traume, denk' ich, ich sey undankbar und bitte Gott und ihr ab. Ich dacht' ewig zu weinen. Dumm war es von mir, dass ich's dachte, wie bald muss ich bei M a s c h e n seyn! Drei Jahre alter als sie, wie bald muss ich bei ihr seyn! O, war' ich gestorben vor dir, liebe Masche vor dir! O war' ich vor dir gestorben und du gleich nach mir; denn wenn lebe, wurd' ich ein Bosewicht seyn und nie zu dir in den Himmel kommen.
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mir meine Tochter starb, die einzige, die mir mein Weib gleich das erste Jahr nach der Hochzeit schenkte. Das nenn' ich ein Heirathsgut! Masche brachte nicht Geld, nicht Gut; allein sie brachte mir mehr als Geld und Gut, mehr als ein Herzogthum: r e i n e s H e r z u n d r e i n e n M u n d , und nach weniger als einem Jahre ein T o c h t e r l e i n das nenn' ich H e i r a t h s g u t ! So was kann nur der liebe Gott mitgeben. Es war ein hubsches Kind, ihr Tochterlein, mein Tochterlein, unser Tochterlein! Wahrlich, u n s e r Tochterlein! Man durfte sie nur sehen, halb meine Seele, halb Maschens, halb mein Leib, halb Maschens. Es war ein Drittes von uns Zweien. Als diess Madchen geboren ward, war sie weiss wie S c h n e e und hatte Aederchen wie V e r g i ss m e i n n i c h t ; aber sie scheute nicht Gottes Wetter, so strich es sie braun an. Weisse Scherung und brauner Einschlag, allerliebst! Geschwind wie der Wind lief Lottchen bei Sonne und Mond; nicht Hitze, nicht Kalte scheute sie. Am liebsten brachte sie den Leuten Essen aufs Feld, und die Leute, so hungrig sie hen sollten. Sie assen ohne Augen, die Augen brauchten sie, L o t t c h e n anzusehen. Es lag nicht an M a s c h e n und mir, dass wir nicht mehr Kinder hatten; am lieben Gott lag es, der am besten weiss, was jedem dient. O du lieber Gott! L o t t e starb im ersten Kindbett. Alles weinte, nur ich konnte nicht weinen; so ging's mir ans Herz. L o t t e starb, doch zum Trost liess sie mir ein anderes L o t t c h e n , ihr Wesen.
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mein Schwiegersohn starb, der brave Junge! Er ward mit Lottchen erzogen, und sie waren im funften Jahre schon Mann und Weib. Gern sah ich's, dass sie G r e g e r nahm, obschon er nichts hatte. Er war gut, und das ist mehr als alles, wenn man bei allem nicht gut ist. Schon war es zu sehen, wie sich die jungen Leute liebten. Hatten sie sich nicht so abgezehrt, wurd' ich sie so bald noch nicht haben Hochzeit machen lassen. So was Gieriges im Auge, als die Leutchen zeigten, hab' ich noch nie gesehen man bekam Appetit, wenn man ihren Hunger und Durst nach einander sah. Er starb vier Wochen nach ihr. Wer ihn kannte, weinte uber seinen Tod; ich aber freute mich, da er starb, und lobte Gott; denn er starb zu seinem Gluck. Ohne sie hatt' er nur gethan, Hande zitterten und uber seine Fusse fiel er; drum trostete ich mich darob und sagte wie der Pastor: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sey gelobet! Sie schlafen zusammen in einem Grabe, und es kostete mir was, es dahin zu bringen, dass sie in seinen Sarg gelegt ward. Es war ein Bett auf zwei Personen. Die Leute, die sie handhabten, sagten alle, sie hatte gelachelt und ihre Hand war' um ihn herumgefallen, als wenn sie gelebt hatte. Schlaft gesund, liebe Kinderchen, und liebt euch im Himmel!"
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
Das Tochterlein meiner Kinder, das sie mir liessen, mein L o t t c h e n , ist todt, ist todt! lieber Gott, ist todt! O ich Bettler! Lottchen ist todt und ich bin es bei lebendigem Leibe; das ist mehr als todt. Alles todt alles todt nur ich nicht todt! Sie ist bei ihrer Mutter, sie ist bei ihrem Vater, sie ist bei meinem Weibe; allein die hatten an einander genug. Was hab' denn ich? was? Seit Lottchen todt ist, oder seit sie begraben ist (bis dahin dacht' ich noch immer, ich hatte sie), seitdem sie begraben und g a n z t o d t ist, ist alles todt fur mich, alles bis auf mich! Ich, leider, lebe! O ich armer Mann! Ich, wie Brod ohne Kruste alter Mann! Es stirbt nur, wer leben will. Habt Mitleiden mit mir im Himmel, ihr Seligen, und bittet den lieben Gott, dass er mich zu sich nehme. Mein Haus und Hof kommt doch in fremde Hande, ich will es jemanden vermachen, der Lottchen ahnlich sieht; denn wo soll ich's sonst lassen? Oft freut' ich mich darauf, e u c h , meine Seligen, von Lotten neue Zeitung zu bringen, wenn ich zu euch kame, zu euch, ihr mir verwandte Seligen! Sie ist mir vorgelaufen. O! wie gut ist's, wie sehr gut, einen von den Seinen auf dieser Welt zu haben! Ist es denn nicht auch Gottes Welt? Diese Welt der Leib, der Himmel die Seele; beides gut. Wer wird nun vor Tisch, wer wird beten, damit mir das Essen gedeihe, da Lotte todt ist? Wer wird mir so schon, so laut vorbeten? wer? wer? Wer wird mir Weib, Tochter, Schwiegersohn, wer Lotte selbst seyn? Lotte selbst? Wer wird mir die Augen zudrukken? O ich armer Mann! o ich blutarmer Mann! ich Bettler, ich!
* * *
Komm, Schwesterchen, komm auf den grunen Kirchhof, da liegt mein Mutterchen, dein Mutterchen; wir wollen sie besuchen beim Mondenlicht, wenn gute Geister nachtwandeln und wenn sie in den Mond sehen, in des lieben Gottes Nachtlampchen. Vielleicht erscheint sie uns o mochte sie! vielleicht fragt sie: Was wollt ihr, mein Parchen, was hier? Dich, ach dich, dich wollen wir! Dann kommt sie wohl mit und wenn sie nicht vom Kirchhof kann, wenn sie nicht vom grasgrunen Kirchhof will, lass uns bei ihr bleiben, Schwesterchen, bei ihr! H i e r ? O, wenn wir nur bei dir sind, liebes Mutterchen! "W a s w e r d e t i h r e s s e n ? " Grunes Kraut, das steht auf dem Kirchhof uber und uber. "W a s t r i n k e n ? seht, kein Wasser des Lebens ist h i e r !" Den Thau des Morgens, den Thau des Abends wollen wir trinken, und wenn der Thau sich des Morgens verspatet, wollen wir unsere Thranen trinken, die wir so lange weinen werden, bis das Auge uns bricht, wie das deine brach. O, wenn wir nur bei dir sind, nur bei dir, liebes Mutterchen, wir, dein Parchen, deine zwei kleine Tochterchen, die Treuen!
* * *
Ha! du, du, die Baumschanderin! Sprich, nein, schrei, schrei, damit der harthorige Wiederhall es vernehme und der Gegend ausposaune; schrei: W a r u m ziehest du stellenweis den Baumen die Kleider, das Hemd aus und die H a u t a b ? Die Haut! Weisst du nicht, dass die Baume dann in drei Jahren (wenn's hoch kommt) ausgehen an der Schwindsucht und so langsam sterben, so langsam, als die Leute an der stillen Aergerniss? Sieh her, du hast den Baum geargert, zu Tode geargert! Und warum die Haut? Z u r F a r b e ! Zur Farbe? Schame dich, Baummorderin! schame dich von unten bis an den Hals, und dann ganz voll; schame dich so, dass du von Stund' an verstummest! Solch eine Entschuldigung! ist die werth, dass sie die Gegend durch's wahrhaft ehrliche Echo erfahre? Tragt dein Vater, du Ungerathene, tragt er nicht einen w e i ss e n Schafpelz? Der unschuldige Mann, der jeden Baum bei Haut und Hemd und Kleid lasst, wenn er ihn nicht in Zuchten und Ehren braucht zum Bau oder Brand. Er weiss, was dem Stamm gebuhrt, der himmelan mit seinem Wuchse sturmt und grosser ist, als ein Mensch es werden kann. Schame dich, du Baummorderin, schame dich, Farberin! die Natur versteht das Farberhandwerk besser als du; sie weiss, was angemalt werden muss, die liebe Malerin! Z u H a n d s c h u h e n ? Sind denn deine Hande nicht weiss? Warum deine Handschuhe anders? Streich die Butter im Sommer weiss und im Winter gelb an. Schame dich, du Naturbeschamerin, schame dich bis in deinen Hals! Bitte den Vater, dass er diesen Baum bald erlose von all seinem Elende, und dann bleib beim weissen Schaf. Lass dem W a c k e r die sprenglichten und dem A m t m a n n die schwarzen. Es sind viele Felle von Bocken sprenglicht und schwarz. Bleib, wie dein Vater, beim weissen ehrlichen Schaf, und das gnadige Volk lass tragen Marder, Wolfe, Baren, den Herzog Lowen, so tragt alles sein eigenes Haar.1
F r i t z c h e n , mein Bruder, starb. O wenn er noch lebte! o wenn! o wenn! wenn! Welch L i e s c h e n hat nicht ein F r i t z c h e n nothig, ein Bruder Fritzchen? Fur ein anderes Fritzchen dank' ich. Seliges Fritzchen, warum nahmst du mich nicht mit? Warum die Nachtigall? warum? Das Vogelchen verschied in Fritzens Hand. Sie hatten sich sehr lieb das Vogelchen und Fritzchen. Ich sah sie beide sterben. Der Vogel lauerte recht auf Fritzens Seelchen, um sich ihm anzudrangen, wie das Vogelchen sich hier an ihn anschloss. Sie liessen nicht von einander. Fritz sieht mich an. Was siehst du, Fritzchen? Was ich weinte sollte ich nicht? "Still, L i e s c h e n ," ich hore es ihn noch sagen "still, Lieschen, bleib bei Vater und Mutterchen, ich finde dort auch ein Lieschen, unser Schwesterchen, dort, wo der liebe Gott seinen Himmel hat, der besser als seine Erde ist, auch wenn Felder und Wiesen voll sind. Hilf ihn bitten, sehr bitten, den lieben Gott, dass er mich in den Himmel nimmt, und auch mein Vogelchen hinein lasst uns beide fur einen. Du bist ein gutes Madchen, der liebe Gott thut dir's gewiss zu Gefallen."
Fritz sah gen Himmel, das Nachtigallchen auch; Fritz seufzte, das Vogelchen sang noch auf, und jedes neigte sein Kopfchen auf die Brust und jedes starb. O wenn sie noch lebten! wenn Bruder Fritzchen noch lebte! Dort leben sie beide, Fritzchen und sein Nachtigallchen. Was kommt's dem lieben Gott auf ein Platzchen fur ein Nachtigallchen an?
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In das kleine Gestrauch jenseits des Flusses kam ein Sturmwind aus dem Flusse. Der Fluss erschrak und lief was er konnte. Der Sturmwind fuhr durch's Gestrauch rasselnd, wie ein vornehmer Prinz, und riss mir meinen Blumenkranz vom geflochtenen Haarthurmchen; ich griff weg war das Kranzchen! ich lief nach weg, weg! Wer ist so geschwind, wie der Wind? Da kam Hans, mein Herzlieber, und Peter, der was beim Junker gilt bei mir gilt Peter nichts. Sie sahen mich im Blossen und liefen suchen alle beide. Findet Hanschen den Blumenkranz, gern nehme ich ihn und setze ihn auf und trage ihn, solange noch ein Blumenblattchen lebt, und freue mich, dass mich der Wind im Blossen gelassen. Wenn e r doch fande. Aus P e t e r s Hand nichts, rein nichts, auch nicht einen Kranz, der mir gehort und den ich mir zusammengepfluckt; nichts, nichts, wenn er auch gleich beim Junker gilt, und viel gilt.
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Da bin ich uber'm Wasser und Mutterchen ist jenseits. Es ging schwer ab, wie wir Abschied nahmen, und nun ist's mir noch schwerer, da du jenseits des Wassers bist, am schwersten wird's seyn, wenn ich dich nicht mehr sehen kann, o du liebe, liebe Mutter! Noch noch noch stehe doch stehe doch nur noch einen Augenblick. Weg ist sie! und ich? O gutes Mutterchen, ich in der weiten, lang und breiten Welt, erst bei dir, nun in der weiten, pfadlosen Welt. Es muss geschieden seyn. Nun hore ich dich nicht mehr beten, nun sehe ich dich nicht mehr weinen; nun rufst du nicht mehr: L i e s c h e n ! wenn der Tisch raucht, L i e s c h e n ! wenn du reife Beeren findest, L i e s c h e n ! wenn du eine Quelle am schwulen Mittag entdecktest, die von der Sonne nicht gefunden war. Ich armes Lieschen! Diess Wellchen kommt von mir, liebes Mutterchen, und bringt ein Thranchen mit von mir von mir. Siehe es an, es wallt zu dir; sey ihm gut, dem Wellchen, es kommt von mir. Da bin ich, arme Waise, allein, ganz allein! Mutterchen weg, alles weg, alles! Das Sternchen dort oben wie es mich anblitzt! Willkommen! dich habe ich auch in unserm Dorfchen gesehen, du sollst Muttersternchen heissen. Es war das erste, was ich wieder aus unserm Dorfe sah. Ewig sollst du, ewig Mutterchen heissen, solange ich sehen kann, soll es Mutterchen heissen diess Sternchen, eine Spanne lang vom Monde. Nenne auch du ein Sternchen: Lieschen, nenne es Tochterchen, o du gute Mutter jenseits des Flusses! Gottlob, wieder ein Bekannter, der Kukuk, und eine gute Freundin, die Nachtigall. Mutterchen, lebe wohl jenseits des Wassers! Dich habe ich nicht, kein Mutterchen habe ich, doch bin ich nicht mehr in der Fremde. Ich habe ein Sternchen dort oben, den Nachbar Kukuk und die liebe Freundin, die allerliebste Nachtigall.
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Schilt nicht, strenger Vater, dass ich bei Hannchen gewesen; schilt nicht, Vaterchen, ich bitte dich. Sieh in den Stall, deinen Liebling, den Schwarzen, habe ich gefuttert. Sieh, das habe ich schon so viele Jahre gethan und das werde ich auch so viele Jahre thun, als dich Gott leben lasst und den Schwarzen. Ich streue mit glucklicher Hand die Saat und schlage das Getreide wie ein Gewappneter. Warum schiltst du? Du hast vergessen, was l i e b e n heisst, sonst wurdest du wissen, wie mir ware, wenn ich zu Hause bliebe. Immer wunsche ich, wenn ich hinreite und wenn ich wieder komme: Wenn es doch Nebel ware, dass er nicht sahe, der strenge Vater; und wenn auch Nebel ist und wenn ich's auch noch so leise mache, was kann ich dafur, dass der Braune wiehert und sich laut freut, wenn er geht und wenn er kommt? Alterchen, nur Sonntags reite ich. Gehort denn der Sonntag dir, Vaterchen? Nur Sonntags reite ich zu meinem Madchen, nicht mit deinem Schwarzen, den schone ich, wie mein Auge im Kopfe. Ich reite geschwind zu Hannchen, und du willst, dein Liebling, der Schwarze, soll so gehen wie du, Alterchen, ob er gleich nur sechsjahrig ist. Lass mich reiten und schilt nicht, ich reite nur Sonntags, ich reite zum lieben Gott, und auf diesem Wege treffe ich Hannchen und ihre Mutter.
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Mein Vaterchen, mein Trostchen, bist du vor'm Thore gewesen? Da ist's glatt und schlupfrig; wer da geht, fallt schneller, als auf dem blanken Spiegeleise. So ist's den ganzen Sommer auch, wenn die Erde ringsumher brennt, wie ein Backofen. Immer glatt und schlupfrig, wie Lehm, wenn er zum Haus angeknetet wird. Weisst du auch, wie es glatt und schlupfrig ward, Vaterchen, mein Vaterchen? Eben da, da, wo es jetzt glatt und schlupfrig ist, gab mir P e t e r den Silberring bei Mondenschein so schon Silber, wie der Mond; ich hielt beide zusammen und prahlte mich gegen den Mond. Silber ist Silber. Da, eben da verlor ich mich selbst, meine Unschuld, mein Leben, es ist alles eins. Der Bosewicht schwur und fluchte, als er verfuhrte, Phylax, nimm kein Brod von ihm, und wenn er mit frischer Maibutter es auch salbt, nimm nichts vom Bosewicht, der spotten konnte nach der That. Du weisst, er spottete auch dein, Vater, und deiner gesprenkelten Haare. Den Ring hab' ich an der schlupfrigen Stelle vor'm Thore verworfen, verworfen vor'm Thore, wo es jetzt glatt und schlupfrig ist. Alles war da schon, grun und gelb, wie der Bosewicht mich verfuhrte; aber ich weinte, Vater, ich weinte, und weinte von Herzen sehr, ach, sehr! Gleich, Vater, ist das grune Platzchen morastig worden, seitdem ich die erste Thrane darauf fallen liess, und so glatt und schlupfrig, dass alles fallt, was drauf geht.
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Wo bleibst du, mein Liebchen? wo? Schreien darf ich nicht, sonst mocht' es meine Mutter horen, die mich zu Greten zwingen will, weil ihre Eltern Acker haben und du nur gesunde Hande. N u r ? das sey Gott geklagt, n u r zu sagen, wenn man von gesunden Handen spricht. Schreien darf ich nicht allein ich rufe: Liebchen! Liebchen! so wie ein Zeisig: Liebchen, Liebchen! wo bleibst du, mein Liebchen? wo bleibst du? wo? Schreien darf ich nicht, aber der schone Abend, lispelt er's dir nicht ins Ohr, dass ich warte, dass ich nach dir seh' und nach dir laufe? Ha! da kommt sie! Nein, ein Stieglitzchen, leicht leicht wie du, mein Liebchen. Wo bleibst du? wo bleibst du, Hannchen? Hast du ihn abgeschickt? Vogelchen weg ist er. Er kam nicht von dir, war' er nicht sonst geblieben? Schreien darf ich nicht, aber horst du nicht, horst du nicht, Liebchen, horst du nicht die Nachtigall? sie ruft ihr Siechen und ruft dich mit. Die Nachtigall kann lauter seyn als ich, denn sie hat keine M u t t e r zu furchten und keine G r e t e . Ich darf nicht schreien, aber du wirst doch wohl so eine deutliche Ausrede, als die nachtigallische, verstehen? Wo bleibst du, mein H a n n c h e n ? wo? Alle Augenblikke denk' ich, da, da ist sie! und immer ist's ein Vogelchen, eines schoner als das andere keins so schon wie du. Wenn du nicht mich, nicht den Abend, nicht die Nachtigall horen kannst, o, wenn du taub uber taub bist, hore den lieben Gott; du hast mir versprochen zu kommen und kommst nicht. Weisst du auch, dass wir auf die Nacht Ungewitter haben? Wo bleibst du? wo? Hanne, wo?
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Warum weinst du, Schwagerin? Du hast einen Mann verloren, allein er hat dir drei zuruckgelassen; drei Sohne, drei gesunde, starke Jungen, die dich auf ihren Handen tragen, drei brave Jungen, die was tragen konnen. Gonn' ihm die Ruhe, seine Krankheit liess ihn nicht viel schlafen, da er alter war, und in der Jugend liess es die Arbeit nicht. Er hat in dieser Welt nicht viel geschlafen. Gonn' ihm den tiefen, sussen Schlaf; du hast drei Sohne, lass ihn schlafen, Schwagerin, weine nicht.
Was weint ihr, Kinder? ihr habt nur einen Theil verloren, und einen Theil habt ihr noch: eine gute Mutter wischt ihr die Thranen; pflegt sie, damit sie nicht auch krank werde, wie er war, und ihr es nicht am Ende selbst von Gott bitten musst: Ach, wenn sie doch nur sturbe! wer kann sie ringen sehen? wer? wer kann sie wimmern horen? Ach, wenn sie doch nur sturbe! Dann musstet ihr weinen, wenn ihr daran Schuld hattet, dass ihr so beten musstet; jetzt weint nicht.
Mich, mich lasst weinen, lieben Leutlein! lasst mich, mich lasst weinen! Ich hab' meinen Bruder verloren, den einzigen, den ich hatte; und was hab' ich von ihm behalten? Zwar auch was, aber was? Einen Baum am vaterlichen Hause, den unser guter Vater an dem Tage pflanzte, da unsere Mutter zu ihm sagte: Es geht unter meinem Herzen auf. Der Vater pflanzte den Baum, und Caspar und der Baum waren Jahreskinder. Der Vater nannte sie beide Caspar, den Sohn Caspar, den Baum Caspar. Der Baum steht und bluht und ist immer kerngesund. Sein Milchbruder todt! das ist nicht trostlich, argerlich ist's. Der Baum Caspar steht, der Bruder Caspar stirbt; aber auch ich finde mich drein, und sollt' ich nicht? Der Baum lebte nur im Sommer, und Bruder Caspar lebte auch im Winter. Zwar schlaft der Mensch, doch lebt er drum nicht? Ich mocht' einen Traum nicht um drei Tage hingeben, und der Baum, schlaft er nicht auch? lasst er seine Flugel nicht fallen? Seine Blatter geniessen die susse, sanfte Ruhe und werden durch den Sonnenstrahl erweckt fruher wie wir. Waren die Baume im Winter, wo die Storche sind, wurden sie inwarts ausschlagen und bluhen; o, dann war' es was anderes! Ist aber im Winter der Wald nicht eine Einode bis auf die Tannen, die nicht aus den Kleidern kommen? Da stehen sie, wie Trabanten, in voller Pracht und Herrlichkeit, wie eine grune russische Wache um den Regenten, so stehen die Tannen um die Eiche herum und Bruder Caspar, war er nicht ein Mensch? Das ist viel mehr, als ein ganzer Wald voll Eichen und Tannen. Der Baum ist Baum und bleibt Baum. Bruder Caspar ist ein Engel worden, Baum Caspar ist Baum und bleibt Baum. Sey ruhig, lieber Baum, ich werde dich nicht todten. Ihr, die ihr die Hand nach ihm ausreckt, lasst ihn, wenn er auch noch so alt und wohlbetagt ist, oben eine Glatze bekommt und blatterlos wird lasst ihn, er ist mit mir verwandt; er heisst Caspar. Und wenn ich mit dem rechten Caspar im Himmel zusammenkomme, will ich es seinem Milchbruder erzahlen, dass der Baum noch vor dem vaterlichen Hause stehe. Ich weine nicht mehr.2
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Der Krieger ist gefallen, doch fiel er? Nein, er sank. Wer fallt, hat das Herz verloren, und man braucht das Herz bis auf den letzten Lebenshauch. Er sank, allmahlig kam er zur Erde. Hort es, Krieger, die ihr mit ihm lebtet und nach ihm leben werdet: nicht der Feind, nicht der Feind, sondern der Tod hat ihn ubermannt. Unser Held hatte den letzten Schlag; den Krieger schlug er, der ihm den Todesschlag gab, und der fiel, aber unser Held nicht, unser sank. Die Sonne geht a l l m a h l i g unter; seht ihn, wie l a n g s a m er sich zum Staube neigt, zum Staube, ein Held. Kommt, kommt, lasst uns unter sein schwindelndes Haupt einen bemoosten Stein legen; solch ein Kopfkissen geziemt ihm. Kommt, lasst uns seinen Leib auf eine schone Wiese tragen und den Blutstropfen nicht auswaschen, der auf unser Kleid fallt. Es ist edles Blut; der Staub soll sich nicht drin betrinken. Du, grasreiche Wiese, Lager fur Helden, du verstehst diesen Trank, du tragst Blumen fur Helden, womit sie bekranzt werden, wenn sie den Frieden auf schwarz gewordenen Handen heimtragen. Er richtet sich auf kein Ach, das kann kein Held aussprechen. Was ist's denn, was? Seine Zunge ist gelahmt, er kann nicht mehr, er wollte S i e g ; Krieger, die Deinen haben g e s i e g t ! Ha, wie er lachelt! Seht ihn, den G r o ss e n ! eh' euch Engel verdrangen, denn die mussen zu solch einem Anblick herabsturzen; sie haben solcher nicht viel. Sieg, H e l d , Sieg! Gott, so ein leichtes Wort kann er nicht mehr aussprechen; gern wollt' er's. Aber horen kann er's; schreit, Bruder: Sieg! Sieg! Er lachelt wieder und stirbt. O glucklicher Halm! o glucklichster, auf den der letzte Tropfen fiel, auf den er noch warmes Blut thaute! Wie schnell wirst du wachsen und alles ubersehen, was rings um dich steht und grosser zu werden droht! O gluckliche Manner, auf die noch der letzte Strahl aus seinen Augen schoss! wir hatten die Altarlichter dran anzunden konnen, so feurig. Er stirbt ich wollte weiter singen; kann ich? kann ich mehr? Er stirbt, er stirbt! ist alles, was ich sagen werde, bis auch ich sterbe. Das erste und letzte vom Menschen ist das beste. Ich habe viel gesehen, sah ihn, wie er geboren ward, sah, wie er starb; ich hab' ihn ganz! Er lachelte, wie er zur Welt kam; allein er lag so schon nicht, als jetzt, da er starb. Wie schon er da todt ist! So todt sind nur wenige; denn sonst wurde es nicht schwer seyn, zu sterben.
Du hast gesiegt, Held, du hast den Feind uberwunden, und zwei Tode, zwei Tode starbst du, ohne zu sterben, dem dritten musstest du nachgeben. Du warst matt. Ist's Wunder?
Gonnt der heiligen Stelle die Ehre, dass er noch langer darauf liege. Sie ist warm durch ihn worden, lasst sie auch kalt durch ihn werden. Der warme Tag ist schon, der kuhle Abend auch. Und dann scharrt ihn nicht ins Thal; auf jenen steilen Berg, wo wenige hinauf konnen, keiner, der einen kurzen Odem hat, da scharrt ihn auf die Spitze, damit er den Berg noch grosser mache. Er war Berg im Leben und nicht Thal, und muss bei seines Gleichen im Tode.
Wie, du willst ihm die Augen zudrucken? Lass sie starr, wie sie sind, lass sie, Freund. Die Sonne bleibt Sonne, wenn sie gleich verfinstert ist, und auch ein Viertel vom Mond ist Mond. Lass sie so starr, wie sie da sind. Ihre Seele ist weg, allein sie haben noch was, das viele Augen mit Seelen nicht haben. Es wohnte eine grosse Seele in ihnen, und das sieht man jedem Hause an, wenn schon der, welcher es baute, lange todt ist. Aendere nichts was die Natur will, sey auch dein Wille. Willst du was thun, setze oben uber sein Grab ein Kreuz, das ist das grosste Zeichen, was mir bekannt ist; ein Krone hat auch ein Pfau. Mache diess Kreuz gross, damit es in der See gesehen werde, und Schiffe, die sich verirren, diess Kreuz als Wegweiser ehren und sich freuen, wenn sie es sehen.
Lebe wohl, Streiter! Erzahle den Geistern des Himmels, die nie gestorben sind, dass es auch gut sey zu sterben, damit sie den Sterblichen nicht verachten, weil er sterblich ist. Die Engel, die dich todt gesehen haben, kannst du auf mein Wort zu Zeugen rufen. Erhabener Todter, man achtet das Leben nicht, wenn man dich sieht! O mochtest du nicht verwesen! du solltest ewig dazu dienen, den Furchtsamen zu steifen und jeden zu lehren, dass nicht jeder auf gleiche Weise todt sey. Dir sieht man es an, dass du nicht aufhoren kannst, dass du nicht aufgehort hast. Es stirbt nicht jeder auf gleiche Weise, es lebt nicht jeder auf gleiche Art. Stiller Mond, diess grosse Grab empfehle ich dir; du siehst viel, was die Sonne nicht sieht, du bist ein Sonntagskind und kannst Gesichter sehen, die sonst niemand zu sehen versteht. Du siehst fromme Geister, wenn sie um die Graber der Ihrigen wanken, die sie noch nicht in dem weiten Himmel aufgefunden haben; du siehst, wenn sie sich von ungefahr treffen und wenn sie den himmlischen Bund machen: "Wir lassen uns nicht in Ewigkeit." Du siehst erkenntliche Geister, die ihren Ueberrest, ihren verwesenden Korper, besuchen, die Stuck vor Stuck von ihm Abschied nehmen und ihn bedauern, dass er Korper war und dass er gestorben ist. Ruhrend muss es dir seyn, lieber Mond, ruhrend, so was zu sehen, wenn Geist und Leib sich zusammen finden und sich nicht mit einander besprechen konnen; wenn die Seele erkenntlich seyn will gegen ihren guten Freund, den Leib, und es nicht seyn kann. Oft habe ich einen Freund auf dem Brette gesehen, mit dem es mir fast so ging, als dem Geist mit dem Erde werdenden Korper, Da wankt der Betruger, der der armen Wittwe den Acker abgranzte. Gern mochte er sie mit einem dreimal grossern Stuck entschadigen; kann er? will sie? Noch haben sie sich nicht begegnet, allein wenn auch; hat sie denn jetzt nicht mehr als er?
Hier wankt ein Geist, der als roher Jungling ein warmblutiges, zu leichtglaubiges Madchen ins Verderben zog. Bald war ihr Jammer vollendet; sie starb, ohne dem Verrather Vorwurfe zu machen, die Abgezehrte! Ihr Auge durfte nicht zugedruckt werden, es war so tief gesunken, dass man es nicht mehr sehen konnte; es war ein eingefallenes Grab. Sterbend rang sie ihre verwelkten Hande und bat um Gnade bei Gott und den Menschen. Die Menschen erhorten sie nicht. Mit Spott und Schande ward sie begraben; aber jetzt hat sie ausgerungen, ihre Leiden sind geendigt. Wann werden die deinigen geendigt seyn, Ungluckseliger? wann? Im Traume sieht man alles grosser und naher, und so sehen Geister auch. Desto besser fur den Guten, desto schlechter fur den Bosen und fur dich, Morder! Ungluckseliger!
Das alles, Mond, Seelenfreund, das alles siehst du als Sonntagskind; und was siehst du nicht unter den Lebendigen? Doch du bist verschwiegen, ich will es auch seyn.
Wenn der von seinen ungerathenen Kindern verstossene Greis die Hande gen Himmel uber sein Haupt zusammenschlagt und sich nach einem seligen Ende sehnt, wenn er laut betet: "Es ist genug, Herr, lass mich ruhen, ich kann nicht mehr!" dann bestrahle das Kreuz auf diesem Grabe, mache es ringsumher hell und klar, denn in des Greises Augen ist Abend worden. Es war nicht Raum in der Herberge fur mich Unterdruckten in der Welt. Gott, nimm mich in den Himmel, wo fur mich Raum ist. So bete er, wenn er diess Kreuz sieht, und sanft und selig gehe er dann zur Ruhe. Mond, den frommen Pilger, der nicht mehr die Kirchenthurme der benachbarten Stadt erreichen kann, den der Tod auf dem Felde uberrascht, Mond, diesem Pilger leuchte nach Hause, diesem Pilger sey diess Kreuz ein Kirchthurm des Himmels. Mond, lass es diess jedem Kreuztrager seyn und jedem Bosewicht ein Schreckbild, damit er an seine Brust stark klopfe und umkehre und gut werde, und endlich, Mond, wenn unser Land Helden braucht, lass sie von diesem Grabe ausziehen, und wenn blutdurstige Feinde wie Heuschrecken uns uberfallen, dann verhulle dein Haupt und dreimal blitze es um diess Grab. Da sage dann ein Ehrenmann im Volke: So wie dieser Blitz, so blinkte mit dem Schwerte, der da oben begraben liegt, da oben, nahe am Himmel; und wie ein kaltes Fieber im Fruhling in die Glieder fahrt, ehe man es merkt, so fahre Furcht und Schrecken in die Feinde, wenn sie das Grab und das Kreuz daruber im Blitze sehen! Das ist anders als ein M o n d s c h e i n ! Du bist derselbe, wo man steht und geht, weit a u s s e h e n d e r M o n d ! Sey den Freunden des Helden, uns, den edlen Todtengrabern, sey ein Spiegel, in dem wir das Grab und das Ehrenzeichen daruber immer sehen, wir mogen stehen und gehen, wo wir wollen, und auch in deinem letzten Viertel. Bitte ich zu viel, so denke, wie nahe wir diesem Grabe verwandt sind. Auch in deinem letzten Viertel sey diess Grab bis zur Halfte zu sehen, bis zur Halfte! Genug, Freunde; M o n d , K r e u z , G r a b ! das sey unsere Losung, bis auch wir begraben werden im stillen Thal, wie es uns geziemet. Ein kleines Grablein, das sich nichts uber das Thal herausnehmen und kein Hugel seyn darf, sey unser Haus. Ein Orden, ein Kreuz gebuhret nur Helden. Wenn der Geisterseher, der seelenvertraute Mond, wenn er mit den Grabern der Helden fertig ist und noch einen Blick ubrig hat, er wird ungebeten mit ein paar holden Strahlen unsere Graber beehren, damit ein Minnesanger unser Ruhethal bemerke und, auf unser Grab durch heilige Ahnung gebracht, ein Grablied auf seine Geliebte singe und auf sich selbst eins, weil jene ihm starb.
Dank sey euch, ihr Treuen, ihr Lieben des Helden, die er beschutzt hat! Wir haben eine heilige Pflicht erfullet und Ehre gegeben, dem Ehre gebuhret, und einen Helden und einen Berg verbunden. Gleich mit gleich. Lasst uns froh heimkehren; denn es lasst nicht, wenn Helden weinen, und wer kann einen Berg mit Thranen im Auge ansehen? wer? Er hat uberwunden und ist mit Ehren vom dritten Tod uberwunden. Noch eine Pflicht liegt uns ob, diess Grab zu verhehlen seiner Vielgetreuen. Was wir konnen, kann sie nicht. Sie ist so sehr ein Weib, als er ein Mann war. Kommt, Freunde, sie konnte uns uberraschen; kommt! Warum seht ihr euch um, Freunde? Kein Held sieht sich um; kommt! Wir nehmen den Mond mit.
Weh! weh! Ist es nicht ihr Silberton? Versteckt euch doch nein, es ist eine Nachtigall, die auch den Geliebten verloren hat. Solch ein paar Stimmen, L u i s e n s und der Nachtigall, sind leicht zu verwechseln. Schluchze nicht, kleine Betrubte, dein Geliebter ist nicht im Felde gewesen, da fallt nur, was vortrefflich und ehrlich unter den Menschen ist; du wirst ihn wiederfinden, allein L u i s e nicht ihren Geliebten.
Was fur ein Geschrei? Ist es eine Taube, die nach ihrem Gatten girrt? Ist es ein Kauzlein, das erbarmlich sich horen lasst? Ist es beides? Ist es keines? Ha, Freunde, sie ist es, es ist Luise! Gott, wie verandert! Aus einer Nachtigall, was ist sie worden? Kommt, lasst uns fliehen fliehen fliehen! Unsern Freund haben wir sterben sehen, Luisen werden wir nicht leben horen konnen. Kommt, Freunde! Auch du, A l t e r ! Nimm dich zusammen, gib deinem Sohn die Hand, damit er ein Stuck von dir ubertrage. Kommt, kommt alle! Du starrst, Geliebter, du starrst! du vor allen G e t r e u e r ! Was ist mein Gesang gegen dein Gesicht? Lass es mich abschreiben, ich bitte dich, lass! Dann haben Kinder und Kindeskinder ein Muster von edlem Schmerz. Doch seht, es bricht sich Tod und Leben auf deinem Gesicht, mein Geliebter, mein Freund! Gottlob, die Herzensblutschleusse ist nicht mehr gehemmt, sie ist wieder aufgezogen und es fliesst Blut in dein Gesicht. Ach, Geliebter, soll ich, soll ich weiter singen? Es ist Luise, Freund, sie ist es! Kann ich? soll ich? Flieht, Freunde, sie ist uns nahe! Verbergt euch in das Gestrauch tief tiefer! Freunde eines Helden fliehen? verbergen? Doch, einem Weibe zum Besten, dem Weibe eines Helden zum Besten? Solch ein Weib konnen nur Memmen aushalten, Manner nicht. Wir sind Helden, Freunde, weil wir fliehen, weil wir uns verbergen tief im Gestrauch. Je tiefer, desto heldenmuthiger!
Ist Luise nicht eine Heldin, weil sie betrubt ist bis in den Tod, weil sie ihre Stimme verloren hat? Und was weiss sie? Weiss sie mehr, als dass ihr Geliebter im Felde ist? Weiss sie seinen Tod? Weiss sie die Losung: Kreuz, Grab, Tod!
Luise! sie ist es, Freunde. O ware es ihr Geist, dann waren F r a n z und L u i s e doch bei einander! Wie hat ihr Gesang sich verandert! Hatte ich sie nicht gesehen, durch das Gehor hatte sie niemand gekannt, der singen kann, niemand, der nur singen horen kann. Luise! Luise! Seufzt ihren Namen, Freunde, seufzt inwarts; so wie der Seufzer aus dem Herzen kommt, stosst ihn ins Herz sie konnte uns sonst merken und wir waren verloren. Auf unserer Stirn wurde sie lesen, was sie nicht wissen soll. Wir waren ihre Morder. Die geheimen Worte: K r e u z , G r a b , T o d sind uns angeschrieben an der Stirn einmal, zweimal, dreimal, uberall. Stecket die Kopfe ins Gebusch! J u n g l i n g , du hast noch zu wenig Kreuz gehabt, du verstehst nicht Seufzer zu dampfen, lerne es von uns, du wirst es benutzen. Freunde, wenn euch die Hande zittern und die Fusse auch, schlagt sie ins Kreuz, damit einer den andern halte und Luise nichts merke! Ins Kreuz, Freunde!
Wo bist du, F r a n z ? Wo bist du hin, Falscher? Du liebst den Krieg mehr als mich, den Tod mehr als das Leben! Wo bist du? Du hast deine Geliebte verlassen, die nach dir zielte, wie ein Jager nach Wild nach dir sang, wie die Vogel im Fruhling nach einander singen, bis sie sich gefunden haben. Wo sind deine Schwure, deine Verwunschungen, Unglucklicher? Was hat der Krieg, das dich reizen konnte, da du mich hattest? Dein Leben gehort Gott, dir und mir, oder besser, Gott, mir und dir, und keinem von uns dreien gibst du es; du bringst es dem Vaterland! Kennst du diess Ungeheuer? Ich kenne es nicht, ich mag es nicht, ich will es nicht kennen, dieses blutdurstige Thier, das seinen Weg mit Menschenleichen pflastert, um weich zu treten, und an verwusteten Feldern und an ausgebrannten Waldern seine Luft sieht, das jedes Grab hasst, weil es lebt. Vaterland, wie hasslich bist du! Auch meinen Geliebten hast du auf deiner Seele, wenn du eine Seele hast. Vaterland, du wohnst in einer Mordergrube! Franz, wie konntest du dich verleiten lassen? E h r e ? Was ist Ehre? Weisst du es? Ich weiss es nicht. Wer uns in die Augen ehrt, ehrt uns der? Und wer's thut, wenn wir nicht dabei sind, ehrt uns der? Weiss dieser Fels, wenn ich sage: ein schoner Fels, und richtet sich die abgehauene Tanne in die Hohe, wenn ich sage: ein trefflicher Baum? Horen wir, wenn wir gestorben sind? Und was ist die Ehre, wenn wir nicht horen konnen? Du hast falsch Geld eingewechselt, Franz; schame dich, dass du gestorben bist! Doch bist du todt, Franz? Rede doch, ich ringe meine Hande, ich halte sie gen Himmel, ich was weiss ich, was ich thue. So rede doch, Franz, bist du todt? lebst du? Verzeihe einem Weibe, dass sie nicht mannlich denkt. Du hattest zwei Hande, eine fur mich, eine fur deine Pflicht. Es war Pflicht, dass du in den Krieg gingst; du hattest dein Wort eher der Fahne als mir gegeben. Verzeihe mir, Franz. Ich sah dein l i n k e s Auge in Thranen, da du Abschied nahmst; im r e c h t e n war Muth. Eine Hand war stark, die andere sank. O Franz, Franz! wenn wir uns doch eher gekannt hatten! Vielleicht hattest du dich mit keiner andern Pflicht vermahlt, als mit der, mich zu lieben. Die schone Pflicht! Ist sie nicht schon? Traurig schon! O wenn du leben mochtest, doch du lebst nicht, du bist todt! todt! todt! Ich sah dich kampfen, du edler Kampfer, ich sah dich mit vielen zugleich anbinden. Ich sah dich kriegen, edler Krieger, ich sah dich den g a n z treffen, der dich h a l b traf, den sturzen, der nach dir schlug ich sah Blut und Schweiss, beides edel zusammenrinnen und vor deiner Stirn stehen, und da der Zufluss zu stark war, es von deinen Wangen herabthauen ich sah, o Gott! ich sah dich die Knie steifen, die schon zu sinken anfingen! Wie bleich, welche Blutdurre auf deinen Wangen! wie welk! Tod, da liegt er! Das dachte ich wohl, ich dachte es, Geliebter, dass du sterben wurdest. Schreckliche Ahnung! doch war es bloss Ahnung? Es war ein Zeichen vom Himmel; denn es starb ein Edler! Wenn ein solcher stirbt, macht man im Himmel Platz. O ein Trefflicher ist gefallen! Klagt, ihr Jungfrauen, der edelste unter allen Junglingen ist gestorben, ohne seinen Stamm fortzupflanzen und ohne einen Sohn zuruckzulassen, der seinem Bilde ahnlich. Klagt, ihr Feigen, ein Held ist todt. Klagt, ihr Helden, euer Bruder ist dahin. Es sterben tausend und abermal tausend mit ihm, mich ungerechnet. Ich kuhlte jeden Herzensstich, den er ausstand, den er uberwand, und den letzten, letzten Todesstich, der ihm das Leben nahm. Ach, noch dehnt sich dieser Stich in meinem Busen Franz ist todt! todt! todt! todt! Rufe laut, uberlaut, alles, was rufen kann: todt! und was nicht Sprache hat, halle nach: todt! Fur mich alles todt, die ganze Welt todt mein Geliebter hin, alles hin! Leben hin, Tod hin, ach selbst der Tod hin. Luise soll nicht in Franzens Arm sterben o des schonen Todes in seinem Arm! So trefflich soll Luise nicht sterben, so lebendig nicht gen Himmel kommen! Ha, schreckliche Nacht, die ich uberstand! Ich fuhle es, keine werde ich mehr uberstehen ich traumte, was ich sang. Ahnungsvoll sprang ich auf im Traum, und Ahnung bestatigt diesen Todestraum: Franz ist todt! Ich rief im Walde, wo das Echo so oft Franz nachgerufen, ich rief in den Wald: Franz! Keine Antwort; nichts auf mein Franz, auf mein wiederholtes Franz! Echo, bist du verstummt? Du rufst alles, nur Franz nicht kannst du den sussen, leichten Namen Franz nicht mehr nachsprechen, oder liegt es an mir, dass ich mir nicht getraue, ihn laut vorzusprechen? Ich konnte Franzen, dunkt mich, im Sterben storen ihn storen, wenn ich schrie: Franz! und nun endlich wie aus einer Kluft hohl: Franz! Schnell lief ein Schauder mir durch alle Glieder, durch das geheimste Mark. Der schonste Name in der Welt, wie schrecklich ward er mir! Wie ist's, Echo? Ich weiss alles! Heult nicht, Hunde! rufe nicht, Eule! lasst mich rufen, lasst mich heulen! ich weiss alles! Schrecklich! Wie traurig das Licht brannte, als auf einer Leichenwache; vergebens munterte ich's durch eine Nadel auf, womit mein Busen befestigt war, vergebens sachte ich es an, es wollte nicht, es konnte nicht. Franz, auch du hast ausgebrannt! Umsonst walzen dich Freunde, umsonst schutteln sie deine Hande, umsonst du bist todt! todt! todt! Doch sind es Freunde, die dich umgeben. Vielleicht Feinde deine Morder Morder, die deinen Heldenwerth verkennen und sich nicht einmal ruhmen ihrer Mordthat. Vielleicht rinnt dein Blut, dein edles Blut in eine Pfutze voll unreinen, dicken Bluts der gemeinsten Krieger. O Franz, wusste ich, dass du wie ein Held begraben warst, wie du gelebt Auf, Freunde, tretet hervor, folgt mir, verdoppelt oben schlaft Franz! Sie sah mit einem umfassenden Blick. Ach! seufzte Luise, schlug ein Kreuz vor ihrer Brust und sank todt zur Erde.
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Heute habe ich einen Leichenschmaus, alle meine Kinder sind bei mir; komm auch, Nachbar. Damit alles paarweise gehe, habe ich die Wittwe M a r t h e eingeladen. Du wirst Gelegenheit haben, an deine selige Frau zu denken, wenn du die Wittwe M a r t h e , deiner Seligen leibliche Schwester, siehst, und wenn du auf meinem Leichenschmause bist. Ich habe einen Enkel verloren, einen Kernjungen. Der Tod hatte lange mit ihm zu thun, ehe er ihn zu Boden riss; Jakob wehrte sich, so klein er war, mit Junglingsstarke. Jakob, der Erstgeborne meines Aeltesten, der im vaterlichen Hause bleiben wird, weil er der Aelteste ist, Jakob fuhrte meinen Namen und war mir so augengreiflich ahnlich, als mir keiner von allen meinen Kindern und Grosskindern ist, die mir alle ahnlicher sind, als jene. Alle Leute nannten den Seligen: Grossvater, und der kleine Junge freute sich druber und that so alt, als wenn er's ware. Er ist ein Theil von mir, ein Ast vom Stamm, und soll da begraben werden, wo ich einst begraben zu werden den Meinigen anbefohlen habe. Nachbar, wir wollen betrubt und froh seyn, so wie man in der Abenddammerung sieht und nicht steht. O G r e g e r , es ist ein kostlich Ding, wie unser Pastor sagt, zu sterben, ehe man stirbt! Was meinst du, wenn man sich begraben sieht? Du bist gestorben, Greger, ehe du starbst, du hast dich begraben sehen und lebst, denn dein Weib, Wittwer, warst du selbst! Sieh, ich habe noch alle die Meinigen, nur Jakob, den Hauptenkel, habe ich verloren, den begrabe ich heute. Da liegt er schon auf einem weissen Laken; du wirst ihm folgen mit deiner seligen Frau Schwester in einem Paar. Ich werde mir selbst folgen mit meinem Weibe Hand in Hand. Gott gebe, ich sturbe mit ihr paarweise. Zwar hat mich Gott gesegnet mit Kindern und Kindeskindern, die noch grunen und bluhen und Fruchte ansetzen werden zu seiner Zeit. Hast du aber nicht bemerkt, Greger, die Blatter strauben sich lange und trotzen dem Herbste, fallt aber das erste gelbe Blatt, fallen ihm mehrere nach, bis der Baum nackt und bloss steht. Ich bin bereit, mein Weib ist bereit. O waren wir die ersten, die nach diesem gelben Blatte fielen! Ruhe wohl, Jakob, du bist, so klein du warest, eines christlichen Begrabnisses werth und eines Leichenschmauses. Fromm wollen wir reden, Nachbar, und das letzte Glas wollen wir trinken auf ein seliges Ende.
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Tanne, warum so stolz unter deines Gleichen? Warum Meuterei wider die konigliche Familie der Eiche? Ich, dein Landsmann, aus Norden geburtig, wie du, finde keine Hoheit an dir von Fuss bis zur Scheitel. Wenn sanfte Winde dich und alles, was um dich ist, mit einer verstehbaren Sprache beleben, rausche mir zu, was dein Vorzug ist, damit ich's durch den Wiederhall deinen Nachbaren, wer sie auch sind, verkundige, auf dass sie dich ehren, wie die konigliche Eiche geehrt wird, und wenn du es verdienst, noch mehr. Sieh an die majestatische, dreihundertjahrige Eiche, die die Geschichte des ganzen Waldes weiss, da steht sie unerschuttert, trotzt den Sturmen aller Weltgegenden, trotzt allem nur Gottes Donner nicht; wenn du dich vor jedem Winde buckest und dich windest, kriechst und wie ein Hofmann schmeichelst, damit jeder Wind dich nicht aushebe und deine Wurzel aufdecke allen, die vorubergehen. G r u n bist du im Winter, wenn die Eiche, von ihrem koniglichen Schmuck entkleidet, nach Art wahrer Grosse sich nichts vor ihren Unterthanen herausnimmt. Ist aber das Kleid wahre Hoheit? Wo ist dein Werth, wenn auf einem einzigen Eichenblatte sich ganze Geschlechter niederlassen, und du Nadeln statt Blatter zahlest? Sieh nicht verachtlich, Tanne, auf die tief unten grunende Waldblume, die, wenn sie im Fruhling aufgeht und ringsumher im nackten Walde alles ode und leer findet, sich erst im Thau badet, um desto Heller und klarer zu dir hinauf zu blicken und das erste B a u m g r u n zu sehen. Neige dich zu dieser aufgehenden Waldblume, Tanne, die du dich vor jedem nur rauschenden Winde so tief beugest, blicke her auf die Eiche, die keinem Unterthan, der zu ihr flieht, Schutz und Schirm versagt, und wenn der in die Hohe strebende Baum von Buben gebrochen wird und sich zu ihr wendet, ihm einen Ast reicht, damit er den Streich verwachse, den der Bube an ihm vollfuhrte.
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Schmetterling, Schmetterling, setze dich! Sieh den Sperling, der auf dich lauert und seinen Schnabel wetzt, um dich als einen Braten zu essen und Salat von dem Blattchen, wo du sitzest, dazu zu picken. Schmetterling, Schmetterling, setze dich! Ich will dir nicht einen Flugel ausreissen oder einen Fuss, oder dich angstigen, Narrchen; nein, du bist klein wie ich. G e r g , mein grosserer Bruder, fangt sich grossere Vogel, und er geht nicht mit ihnen um, wie ich mit dir umgehen werde. Weisst du, was ich will? Ich will dich ein wenig ansehen, schones Jungferchen, nicht lange. Ich weiss, du lebst nur kurz, armes Vogelchen, kunftigen Sommer bist du nicht mehr, und ich bin schon sieben Sommer alt. Ich will dich nicht vom Leben aufhalten, armes Vogelchen, aber besehen will ich dich, dein niedliches Kopfchen und dem schlankes Leibchen, und deine Spitzenflugelchen, das will ich besehen, und damit du keine Zeit verlierst, werde ich dir ein Blattchen vorhalten, damit du wahrend der Zeit essen kannst. Schmetterling, Schmetterling, setze dich! Narrchen, ich meine es gut mit dir! Schmetterling, Schmetterling, setze dich!
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Es war einmal ein Edelmann, der ritt stets einen Fuchs; der Edelmann war so falsch wie der Fuchs, und der Fuchs wie der Edelmann. Ein schandlich Paar! Zwar war der Fuchs ein schones Thier, der Edelmann nicht minder, doch einer schlug so aus wie der andere, und beide waren beschlagen, der eine mit Bosheit, der andere mit Eisen; beide schlugen und trafen Menschen. Der Fuchs hatte einen seltenen Kopf, einen Hals zum Malen, und einen Fuss, gewiss einen niedlichen Fuss! Sein Schweif hing herrlich herab, zum Schrecken aller Bremsen und Fliegen, die er nicht verjagte, sondern auf der Stelle todtschlug. Auf seinem Rucken war ein Bremsenkirchhof. O des prachtigen Schweifs! Der Edelmann, gewachsen wie eine Birke, hoch und gerade, sein Gesicht braun wie eine Eichel, wenn sie rein und reif ist, und seine Hand noch brauner; nichts an ihm verungluckt, kein Fleck, nichts Schiefes an ihm, wie ein ausgewachsener Halm im Kleinen, war er im Grossen gerad bis auf sein Seitenhaar, das kraus lag in naturlichen Locken. Man glaubte, die liebe Natur hatt' es mit ihnen zu einem Knoten angelegt und sie waren im Zuziehen gestort worden.
Sein Auge meld'te jedem an,
Es sey der Mann ein Edelmann.
Nur die Augenbraunen waren wild gewachsen, sehr wild! Da lag das Bose vom Edelmann; denn wenn er gleich schon von aussen war, so hatte er doch einen innerlichen Schaden. Sein Herz war eine Mordergrube, und von aussen stand ein schoner, adelicher Hof. O hort, ihr tugendsamen Jungfrauen, was sich zutrug im Jahr nach Christi Geburt eintausend siebenhundert und sieben; hort es und weint um eure Schwester! Es war einmal ein ehrlicher Burgersmann, der hatte eine schone Tochter. Der Pastor sah sie an, wenn er die Schonheit des Engels beschrieb, der auf Gottes Geheiss einen menschlichen Leib auf eine kurze Zeit angezogen. Er sah nicht seine Frau an, denn die war alt, obgleich sie sich beide nichts vorzurucken hatten und passend gemacht, dass der Engel nichts abschneiden durfte, wenn er ein Menschengewand auf Gottes Befehl nothig gehabt. Freilich sah sie so schwindsuchtig nicht aus, wie das vornehme Ding in unserer Nachbarschaft, von der alles sagt, sie sey die schonste im Lande. Dass sich Gott erbarm'! wer A n n e n sah, wusste sicher, was Schonheit sey; wer sie nicht gesehen hatte, war zweifelhaft. Man verglich die andern Gesichter nicht mehr mit der Natur, sondern mit Annen, nicht mit der weissen Lilie den Busen, nicht mit dem Himmelsblau das Auge, nicht mit einer aufbrechenden Rose das Frische im Gesicht man verglich es mit Annen. Sie hat das von Annen und jenes von Annen, so sprach jeder, wer Annen gesehen. Man hatte nicht nothig, sich herumzuthun und hier und da was in der Natur zusammenzusuchen Anne war alles zusammen. Sie war weiss, allein wer auch eine Braune liebte, blieb stehen, wenn er sie sah, und sagte laut: schon! Sie hatte so was Gesundweisses im Gesicht, dass man das Blut rinnen sehen konnte. O ein schones Blut! Der ganze Himmel lag auf ihrem Gesicht, weiss, roth, blau. Wenn man ihn im Kleinen wollte, sah man Annen an und ihre Seele? wer eine Seele sehen wollte, sah ihr ins Auge, da hatte sie sich einquartiert. Wen sie damit ansah, hatte Gottes Bild gesehen, und ein Strahl von diesem Bilde liess so viel Ehrfurcht zuruck, dass man Annen liebte und ehrte. Ihr Auge war die Sonne am Himmel. Man dankte Gott, dass er so schone Menschen auf seiner Welt gemacht und war' es erlaubt, dass ein Engel, wenn er auf Gottes Extrapost fahrt und der Erdenluft wegen ein Menschengewand angezogen hat, war' es erlaubt, dass ein Engel ohne Gottes Trauschein sich verheirathen konnte, er nahme sie. Sie ware Fleisch von seinem Fleisch, Geist von seinem Geist. O ihr Jungfrauen, hort, was sich mit Annen zutrug und mit dem Edelmann, der stets einen Fuchs ritt. Er stellte sich, als liebte er sie; allein er liebte sie nicht, denn die Liebe macht tugendhaft, wenn man einen Engel wie Annen liebt. Er liebte sie, doch war seine Liebe Leckerei. Der Bosewicht meinte nicht sie, sondern sich. Hast du ihr nicht ins Auge gesehen und recht ins Gesicht, oder furchtest du dich nicht vor Gott und vor dem Himmel, Bosewicht! vor was furchtest du dich denn? Sie waren beide schon schon! allein welch ein Unterschied in der Schonheit! S i e schon wie ein Engel, e r schon wie ein Teufel, wenn er sich in einen Engel des Lichts verkleidet hat. Er schwur, Annen zu lieben bis in den Tod, und wie leicht konnen wir betrogen werden, wenn es jemand zum Betrug anlegt, der so schon ist wie der Edelmann? Wer sieht immer auf die Augenbraunen? Anne sagte auf sein Zudringen: Ich will, wenn meine Mutter will. Ihr Vater war wahrend der Zeit gestorben, und der Edelmann, der ihn zur Gruft begleitete, hatte sich so betrubt gestellt, dass Anne ihres Vaters und ihres Liebhabers wegen gleich betrubt war. Die arme Ungluckliche! Bis jetzt hatte er noch nicht das vaterliche Haus betreten. Sein erster Schritt war ins Trauerhaus. Eine schreckliche Vorbedeutung! Nun kam er, wenn er wollte, und Anne blieb zwar bei ihrem: Ich will, wenn meine Mutter will; allein sie sprach es immer schwacher. Der Bosewicht grusste die Mutter nicht mit den sussen Worten: Gib mir deine Tochter. Er suchte die Tochter ihrer Mutter allmahlig zu entwohnen. Die Mutter merkte. Wie ist's, fragte sie den Edelmann, Ernst oder Scherz, Spiel oder Ehe? O Anne, warum sahst du ihm nicht in sein verruchtes Gesicht bei dieser mutterlichen Frage recht ins Gesicht? du hattest den Bosewicht entdeckt in Lebensgrosse. Er raffte sich bald zusammen. E r n s t , sprach er, E h e . Wie, sagte die Tochter, da der Bosewicht diesen Abend das Haus der Unschuld verliess, wie war' es anders zu denken? Die Mutter ward ruhig nach diesem Abend. Mehr hatte dem Edelmann nicht gefehlt, seiner Gottlosigkeit vollen Lauf zu lassen und die Unschuld zu vergiften, als diese Ruhe der Mutter. O ihr Jungfrauen, weint um eure Schwester, die durch einen Bosewicht von der strengen Bahn der Unschuld und Tugend verfuhrt ward. Nur Mutter und Tochter und drei aus ihrer Verwandtschaft wussten ihren Fall. Der Tod entriss ihn dem Ottergift der Stadtlippen. Ihre Mutter rang die Hande, Anne konnte sie nicht ringen der Tod war ihr Leben. Sie konnte, sie wollte nichts weiter, als sterben; kniend bat sie ihre Mutter, fur sie zu beten. Ja, Tochter, ich will fur dich beten, ich will beten, dass dich Gott beruhige. Nein, Mutter, dass ich sterbe, dass ich sterbe, dass ich sterbe, alles andere Gebet widerruf' ich der Tod, das ist mein Alles!
Anne sprach diess gelassener als ich, so gelassen, dass man wohl sah, der Tod sey ihr Alles. Sie knieten beide, Mutter und Tochter, dicht zusammen und hielten die Hande gen Himmel, als war' es nur eine. Sehnlichst beteten sie um den Tod, und das ist eine grosse Gabe Gottes, die der liebe Gott nicht erst jemandem gibt, sondern nur denen er gut ist. Wir sterben zwar alle, allein es kommt beim Tod aufs Wann an, auf eine erwunschte, das ist, auf eine selige Stunde. Da nimmt man nicht zehn Leben um einen Tod. Die Tochter starb so ruhig, dass man ihr die ewige Seligkeit ansehen konnte. Die Mutter musste noch acht Tage jammern; sie hatte keinen Schmerz, allein sie jammerte: Mein Mann todt meine Tochter todt und ich, ich hab' ein heimtuckisches, hartes Leben! Schon lange bei Lebenszeit ihres Mannes war sie siech; der Tod ihrer Tochter hatte ihr vollends das Herz gebrochen. Nun ging es gegen den achten Tag, dass die Leiche ihrer Tochter auf sie wartete, unbegraben. Auf einen Tag, sagte die Mutter zu ihrer sterbenden Tochter, auf einen Tag, sagte die Tochter. Auf einen Tag, sagten sie sich hundertmal, und auf einen Tag waren auch ihre letzten Worte. Sie starb o Gott! fast wie ihre Tochter. Fast, ganz nicht, denn die Tochter starb noch leichter. Die Mutter war alter, das Leben hatte sich mehr angeklammert und der Tod musste reissen; eh' er seinen Zweck erriss. Der Mutter Sarg stand schon langst bei dem Sarge ihrer Tochter, noch eh' die Mutter selbst drin war. Was das fur ein Leichenzug war! Sie wollten still begraben seyn, allein alles im Stadtchen, was gehen konnte, ging den Sargen nach. Sie waren allen und jeden Wegweiser zur ewigen Ruhe. Die Taglohner verdungen sich nur auf den halben Tag, um dieses Begrabniss zu sehen. Der Pastor weinte, er war ausser den dreien der vierte, der Annens Fall wusste. Die Engel fielen und wurden Teufel; allein Anne blieb, was sie war, im priesterlichen Auge. Der Pastor weinte, denn er hatte kein Engelsbild mehr in seiner Gemeinde; er wusste nicht, wie er die Engelsgestalt deutlich machen wurde, da er Annen nicht mehr sehen konnte. Ich werde sie bald sehen, fing er prophetisch an mit entzucktem Muthe, druckte sich den Hut in die Augen und ging so, als ob er den Tod ausfordern wollte. Der gute Pastor! Er wollte ein Erbauungswort bei dem Grabe dieser beiden Seligen verbreiten, doch das konnt' er nicht. Annens Gesicht, das ihm noch zu lebhaft vor den Augen schwebte, storte ihn; er verstummte selbst in der Collecte und schluchzte laut. Der Schuster V e i t , der so gut singt als einer, half ihm aus, ohne dass es viel zu merken war. Dieser war bekannt, dass er Melodie hielt und nicht weinen konnte. Sie hatten eben die Todten begraben und wollten heimgehen, da kam der Edelmann auf sie zugesprengt: er ritt keinen Fuchs, sondern einen Schwarzen.
Ha! dachte der Pastor, da er den Edelmann, den er wohl kannte, auf einem Rappen und nicht mehr auf dem Fuchs sah ha, das Gewissen! das Gewissen! Es war ihm Vergnugen, den Judas hangen zu sehen, und wahrlich, wenn ein Bosewicht von der Welt Verzeihung haben will, muss er unstat und fluchtig verzweifelnd aussehen.
Der Bosewicht hatte ungefragt wissen konnen, was und wie und wer? denn unsere Todten kamen in eine Reihe mit Mann, mit Vater. An dieser Stelle, Bosewicht, hast du geweint. Er fragte aber ein blosses kaltblutiges W e r ?
A n n e , sagte der Pastor und zog seinen Hut ab, und die Thranen sturzten herunter, als gosse er seine Augen aus Anne, sagte er, und die ganze Versammlung wimmerte Anne, und lange hernach sagte alles: "Ihre Mutter auch." Da hatte man doch denken sollen, wurde er sich an die Brust schlagen und verzweifeln. Eins sagte dem andern: D a s i s t e r , und mancher, der Herz hatte, setzte, wiewohl ins Ohr, hinzu: d e r M o r d e r ! Alles wusste von seiner Falschheit gegen Annen, allein nur drei, ausser dem Pastor, von i h r e r Leichtglaubigkeit. Der Bosewicht schien mir nichts, dir nichts. Sie hat Ihnen ver ziehen, gnadiger Herr, sagte der Pastor, und konnte das Wort v e r z i e h e n lange nicht herausbringen. Der alte Mann war zu bewegt. Sie hat Ihnen verziehen, wiederholte er mit blossem Haupte. Und ich, versetzte der Frevler trotzig, verzeih' ihr auch, dass sie gestorben ist! O Jungfrauen, denkt ans Jahr nach Christi Geburt eintausend siebenhundert und sieben und an die Verzeihung, dass sie gestorben ist. Traut nicht den gnadigen Herren, wenn sie gleich bei den Grabern eurer Vater weinen.
Es ward dem Pastor und seiner Gemeinde, als ob die Erde bebte, da der Morder siegprankte und trotzte. Der Pastor setzte seinen Hut auf und die Begleiter und Begleiterinnen falteten die Hande. Der Edelmann mir nichts, dir nichts, sprengte davon; denn er hatte seit vielen Wochen ein anderes Annchen, drum verzieh er unserem, dass es gestorben war.
Diese schrecklichen Worte hatten dem Pastor schnell die Thranen gestauet. Beim heftigen Ungewitter regnet es nicht. Da, fing der Pastor an, da habt ihr, meine Lieben, den Teufel gesehen! Sie war ein Engel, er ein Teufel, und alle, die solche Augenbraunen sahen, furchteten sich nach der Zeit, als sahen sie den bosen Geist. Einige von den Stadtfrauen, welche das selige, gute, unschuldige Annchen gekannt hatten und unter denen die bewussten drei am meisten, wunderten sich und sprachen: Warum erscheint nicht Annchens Geist dem Bosewicht? Warum fahrt nicht ihre kalte Hand uber sein Gesicht, bis Todesschweiss vor seiner Stirn steht? Warum heulen nicht des Abends zwischen eilf und zwolf Hunde, damit ihm die Ohren gellen? Warum kreiselt nicht ein Sturmwind sich um ihn herum, damit ihm Horen und Sehen vergehe? Warum pfeift ihm nicht der Nord zu: Du bist der Mann des Todes? Warum rasseln nicht, wenn er mit seiner Buhlerin ins Bett steigt, unter seinem Bette Ketten? Warum fahren nicht kalte Schauer kreuzweis durch seine Seele? Warum schreien nicht Eulen, wenn er des Abends nach frischer Luft schnappt? Und warum verscheucht sich nicht sein Pferd vor einer Erscheinung und wirst ihn herab auf ebenem Wege? Warum schlagt es nicht an sein Fenster mit Fausten an, damit, wenn er: wer da? ruft, er nichts als einen Schatten von der Seite sich wegziehen sahe? Warum klirrt und knarrt, knistert und knastert es nicht in seinem Zimmer, obgleich alles ringsherum altes, reif ausgetrocknetes Holz ist, als wollte es in die Worte ausbrechen: M o r d e r , M o r d e r ! Wundert euch dessen nicht, meine Lieben, sagte der Pastor gar eben, dass das alles nicht geschieht; Anne hat ihm verziehen, eben weil sie ein Engel ist. Wenn sich die Menschen dem Teufel ergeben, lasst der Teufel sie seine Knechtsjahre ungestort. Des Teufels Knechte sind fast immer vornehme Herren allein wenn die Contractsjahre aus sind
Die Gemeinde schlug sich ein Kreuz und alles betete:
"Fur dem Teufel uns bewahr'!"
* * *
Zwar eine Aehrenleserin, und doch reich! Wie ich noch arbeiten konnte, band ich Garben und beschamte oft junge Madchen in der Schnelligkeit. Man sagte von mir, ich griff Gluck, wenn ich unter der blinkenden Sichel Getreide griff. Im Alter lese ich Aehren und freue mich, dass ich's kann. Lieber wurde ich's sehen, wenn ich mich nicht bucken durfte. Doch buckt man sich nicht auch, wenn man stirbt? Und mir ist immer so wohl, wenn ich eine Aehre finde, als fande ich meinen seligen Tod. Auch der wird kommen, wenn Zeit und Stunde seyn wird, so wie der liebreiche Gott mir meine Schurze voll Aehren beschert, wenn es Zeit ist. Da sagen mir oft Leute, die steht das Korn, was leset Ihr? Schneidet mit einem Messer Aehren, so habt Ihr in einer halben Stunde mehr, als Ihr tragen konnt. Seht, wie wir es machen. Schamt euch, Kinder, antworte ich, dass ihr euch mit Aehrenlesen abgebt, und schamt euch doppelt, dass ihr Gott und Menschen mit dem Messer betrugt. Der liebe Gott, der unser Haar zahlt, zahlt auch jedes Erdenhaar, jeden Halm. Glaubt mir, jede Aehre, die ihr abgeschnitten habt, wird euch uber kurz oder lang im Gewissen schneiden. Wie kann euch Brod anschlagen, das ihr stehlt? Brod stehlen, dass heisst so viel, wenn es nicht noch mehr heisst, als vom Altar Gottes nehmen, ungeachtet die liebe Sonne hell brennt. Ehe Hungers gestorben, als solch gestohlenes Brod gegessen! Seht, wenn ein Halm dem Stahl des Schnitters entkommen und wie verwaist allein unter Stoppeln da steht ich nehme ihn nicht. Stehe, sage ich zu ihm, bis dich der Nord knickt, wie mich das Alter. Wenn ihr ehrlich Aehren lesen wurdet, ihr Aehrendiebe, ware es Schande und Sunde; denn konnt ihr nicht noch arbeiten und Gluck greifen, wie ich's gegriffen habe, ohne Aehren zu lesen oder bei Gottes Thure zu betteln? Ich werde euch nicht lange mehr im Wege seyn. Alle Jahre finde ich weniger Aehren, und immer habe ich denn auch weniger nothig. Je alter, desto weniger Hunger, je weniger Zahne, desto weniger Magen. Diess Jahr nur wenige Hande voll Aehren; so wenig hab' ich noch kein Jahr gehabt. Ich glaube, ich habe diess Jahr zum letztenmal gelesen. O wie gern, wie gern mochte ich aus dieser argen, bosen, bosen Welt herausscheiden, wo man sogar Gottes Altar beim hellbrennenden Lichte bestiehlt. Lebt wohl, wenn ich euch nicht mehr wiedersehen soll, gutige Felder! Tragt siebenfaltig und mehrfaltig, so vielfaltig, als es eurem Eigenthumer nutzlich und selig ist. Gott vergelte jedem die Aehren, die mir sein Acker verliehen hat! Lebt wohl, alle ihr mitleidigen Oerter, wo ich mich ausruhte, wenn ich mich nicht mehr bucken konnte, und du vor allen, gutigster Ort, wo mir ein sanfter, spannenbreiter Bach Kuhlung gab und mich in sussen Schlaf rauschte, lebe wohl! Da sah ich, wie das neugierige Feldblumchen, welches am Ufer bluhte, sich recht muhsam heruberbog, als wollte es das Ohr ans kleine Wellchen legen und es behorchen. Da sah ich bis ich sanft einschlief sanft. O so sanft komme mir auch der Tod, so sanft! Dann bin ich reicher, als wenn mir alle diese Felder gehorten und der spannenbreite Bach, den die neugierige Feldblume belauschte, und die mitleidigen Oerter, wo ich mich so sanft ausruhte so sanft!
(Ende der Beilage A.)
nicht bemerken. Ich bat Gretchen, durch geschworne Leute die Sachen wurdigen zu lassen, um dem Hermann nicht zu entziehen, was ihm die Rechte als Erbe seiner Tochter zuwendeten. Ich konnte bei dieser Wurdigung nicht gegenwartig seyn.
Gretchen und ich theilten uns diesen unschatzbaren Nachlass. Sie lehnte meinen Antrag nicht im mindesten, auch nicht durch eine Verbeugung ab; sie dankte auch nicht, sondern eignete sich ihren Theil zu, als etwas, das ihr eignete und gebuhrte. Fur den Hermann ward auf alle Falle, oder eigentlicher auf den Fall, ein Stuck abgelegt, wenn er wollen wurde, und fur den ehrlichen Benjamin unter dem einen Beding wenn er noch lebte. An die Theilung ward nicht eher als den siebenten Tag nach Minens Beerdigung gedacht.
Ueber Minens Begrabniss werde ich kurz seyn. Den ganzen Tag vor dem Begrabnisstage brachten wir in Gesellschaft der Leiche zu. Nur bis dahin war ich an mein Versprechen, Minen nicht zu sehen, gebunden. Jetzt ging das n o c h e i n m a l an, das ich mir vorbehalten hatte, und diess n o c h e i n m a l wahrte einen ganzen Tag. Gretchen hatte mir den mundlichen Bescheid abgegeben: "Wenn er nicht vor dem Haar einer Todten zuruckbebt, kann er eine Haarlocke nehmen." Die Empfindung, mit der ich mir diess Geschenk nahm, ist unbeschreiblich. O du mir theures und werthes Geschenk, wie noch angenehmer warst du mir aus Minchens Hand gewesen, die kalt ist und kalt bleibt, obgleich sie dein Freund, dein Mann an brennenden Lippen anzunden will. Alle ihre Sachen nannte ich m i t t e l b a r , diese Haarlocke war was U n m i t t e l b a r e s ; sie war ein Stuck von Minen selbst, das einzige, was Menschen unmittelbar mit Anstand von einander nehmen konnen. Diess war mit ein Hauptstuck fur mich, ins Grab
Der Tag, den wir mit Minen, eigentlich mit ihrer Halfte, mit weniger als ihrer Halfte, zusammen waren, wie kurz war er! Eh' er sich neigte, schien es mit meiner Fassung auch zum Ende zu gehen; bis dahin hatt' ich mich gut gehalten, wie der Prediger sagte. Er legte es nach verschiedenen Methoden mit mir an, allein keine einzige hielt Stich. Wir hatten ein Tiefes und ein Hohes uber die Gleichmuthigkeit gesprochen. Der gute Pastor sagte mir als etwas ganz Neues, dass die Gleichmuthigkeit zum Charakter gehore, die Gleichmuthigkeit zum Temperament. Ich wusste so gut und besser wie der Prediger, dass, wenn die Gleichmuthigkeit aus der Selbstbeherrschung entsteht, sie bei allen Vorfallen des Lebens das Kleid des Weisen und so sehr von der Fuhllosigkeit unterschieden sey, als lieben und verliebt seyn. Was helfen aber alle diese Vortrefflichkeiten, die nicht zum Herzen gehen? Minchens Leichnam machte alle Kunst zu Schanden. Mit Freuden thaten wir alle auf das Kleid des Weisen Verzicht, und suchten eine Wonne darin, bloss Menschen zu seyn, wie die liebe Mutter Natur sie am liebsten hat. Und am Ende, Freunde, geht's der abgeharteten Seele und dem abgeharteten Korper wie dem Stahl diess und das springt. Ihr, die ihr den Menschen an Leib und Seele verharten wollt, bedenkt, was wir sind. Ich bin ein Mensch, heisst das nicht, ich bin schwach?
Der letzte Abschied, den wir von Minens zuruckgelassenem Theil nahmen, war ruhrend. Wir sprachen mit ihm, als konnt' er horen; wir verstummten, da er nicht antwortete. Wie sehr es mir zur Beruhigung gereichte, dass alles meinen Schmerz mit empfand, kann ich nicht aussprechen. Er vertheilte sich, doch blieb fur mich so viel zuruck, dass mir das Leben wie gar nichts war. Diese Empfindung hatt' ich um alles nicht weggegeben.
Da wir hinausgingen und ich Minen noch zum letztenmal ansehen wollte, konnt' ich es nicht. Ich war mit Blindheit geschlagen; allein mein Ohr und Herz horten die Worte, welche der Prediger, der sich an den Sarg stellte, mit geruhrter Seele aussprach: D e r Herr behute deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigk e i t ! Und nun kamen zwei Leute, die den Sarg fest zusammendruckten und nach diesem schrecklichen Zusammendrucke sich zu uns mit den Worten wendeten: G o t t b e s c h e r ' u n s a l l e n e i n e s e l i g e N a c h f a h r t ! Sie hielten ihre Mutzen vor und beteten, und wir beteten alle.
Minens Sarg war sehr einfach, ohne alle Verzie
rung. Sie hatte es nicht ausdrucklich so angeordnet; allein sie bezeugte ihr Missfallen, dass der Sarg ihres Verwandten zu gekunstelt gewesen. Schon lange zuvor ward ich vom guten Prediger befragt, ob Mine nach c u r i s c h e r oder p r e u ss i s c h e r Art begraben werden sollte? Sie selbst hatte weder im Testament, noch im Codicill, weder schriftlich, noch mundlich daruber Verfugungen getroffen, ausser dass sie gern bei ihren Verwandten begraben werden wollte, um sie am lieben jungsten Tage gleich bei der Hand zu haben. Ich bat ihn sehr, es, wie es Sitte im Lande ware, zu halten; und nun noch ein Umstand.
Zu den ausgezeichneten Eingepfarrten gehorte der
Graf v. , ein besonderer Mann. Seine Hauptbeschaftigung war, Leute sterben zu sehen. Er nahm, wo er von Kranken horte, sie bei sich auf, und wenigstens waren sieben, die bei ihm starben, man mochte zu ihm kommen, wenn man wollte. Oft waren mehr. Unter den Kranken zog er Verlassene und solche Leute vor, deren Schicksal ungemein war, und die meiste Zeit war die Zahl ausserordentlich und uber sieben. Seine Sterbezimmer waren immer besetzt. Der Graf hatte sehr traurige Schicksale uberlebt. Seine sieben Kinder, alle in voller Bluthe, unter denen zwei Tochter als Braute und ein Sohn als Brautigam, starben in Zeit von drei Jahren. Die Brautigame der Tochter, die Braut des Sohnes folgten und seine Gemahlin auch. Ein einziger Bedienter war von seiner Jugend, oder, wie er sich ausdruckte, von s e i n e r Fruhlingsbekanntschaft ubrig, alle ubrigen hatten ihn im Stich gelass e n . Mit diesem alten Bedienten hielt er Haus, das hiess in seiner Sprache, b e s t e l l t e er sein Haus, in dem biblischen Sinn: b e s t e l l e d e i n H a u s , d e n n d u w i r s t s t e r b e n . Der Graf ging mit diesem alten Bedienten als Freund, als Mensch um. Nicht war es Herablassung; denn wahrlich, die ist oft argerlicher als Stolz und Hoffart, sondern Menschengefuhl war es. Spotter nannten sein Schloss ein Gebeinhaus; allein er setzte sich uber dieses und mehr hinaus. Ich lerne sterben, sagte er, und lass es mir von andern vormachen; ich lasse mir vorsterben und bin mit allen letzten Dingen in genaue Bekanntschaft getreten. Seine Gedanken, die er mir bei der Leichenfolge weitlauftiger eroffnete, sind im Kurzen: Ein Arzt und Prediger sehen sterben; allein ausserdem, dass sie selten zu Masse kommen, so haben sie zu wenig Zeit, den Tod abzuwarten. Der eine sieht auf den Leib und der andere auf die Seele; keiner von beiden steht auf den M e n s c h e n . So befremdend es scheint, so hat es mir doch die Erfahrung bestatigt, dass der Arzt, wenn er gleich das P u l v e r e r f u n d e n h a t , das er eingibt, doch eben so selten, wo nicht seltener, den Leib des Kranken treffe, als der Prediger die Seele. Beide gehen aus ihrem Compendio und nicht aus der Sterbestube aus und so und nicht anders werden sie auch von Seelen- und Leibespatienten behandelt. Ich habe nicht sagen gelernt: d e r T o d m a g m i r so oder so kommen, ich will ihm d i e S p i t z e b i e t e n , wohl aber: i c h s t e r b e t a g l i c h . Wahrlich, man macht zu wenig Erfahrungen uber den Eingang des Menschen in und den Ausgang des Menschen aus der Welt. Wir lernen den Menschen kennen, wenn er nicht mehr zu kennen ist, wenn Leib und Seele sich nolens volens so in einander geworfen, dass man in die Schule gehen und sich beglaubigen lassen muss, dass man eine Seele und auch einen Leib habe. Freund, wer zehn Menschen sterben gesehen, weiss, was ein Mensch ist. Ein anderer weiss es gar nicht, oder hat es Muhe zu wissen.
Dieser Graf, d i e s e r b e s o n d e r e M a n n ward zur Leichenfolge gebeten. Es ist das einzige Mittel, sagte der Prediger, um mich mit ihm auszusohnen; denn in Wahrheit, er wurd' es fur eine Todsunde halten, dass ich ihm Minchen entzogen, wenn ich nicht die Sache auf diese Art wenigstens einigermassen in's Reine bringen sollte. Er kommt gewiss, fuhr der Prediger fort, ohne dass ihm jemand daruber Zweifel entgegensetzte. Er kommt gewiss, wenn ihn nicht was Sterbendes abhalt, um, nach seiner Sprache, der Entseelten das Bette machen zu helfen.
Ich war sehr entfernt, mich dem Prediger in den Weg zu legen. Ein Mann, wie dieser Graf, stort nicht, wenn man auch eine Mine begraben lasst, und eben so wenig hatt' ich dagegen, da der gute Prediger mir seine Absicht eroffnete, Minen einen Leichensermon zu halten, wie er, nach seinem Ausdruck, i n d e m H e r r n e n t s c h l o s s e n w a r e . Auch dieser gehorte vorzuglich auf die Rechnung des Grafen. Die Einladung beantwortete der Graf wirklich mit J a , weil er eben n i c h t s v e r s a u m e . Auf alle Falle wird mein Bruder (der alte Bediente) die nothige Sorgfalt ubernehmen, schrieb er zuruck. Seit sechs Wochen haben sich drei von meinen Sterbenden gebessert, oder soll ich nicht lieber verschlimmert sagen? Sie sind gesund geworden.
Minens Begrabnisstag war so schon wie ihr Sterbetag, als wenn sich diese Tage beredet hatten, gleich schon zu seyn und sich einander nichts nachzugeben. Schon des Morgens ward gelautet, Nachmittags gegen funf Uhr wieder; und diess war ein Wink, dass sich ein grosser Theil aus dem Dorfe, Weiber und Manner, versammelten. Die meisten, nicht alle, waren schwarz gekleidet. Unter diesen zu Hauf Gelauteten war auch der Organist und einige wenige Kinder.
Diese letzten stellten sich paarweise vor's Haus und fingen das Lied an:
Was Gott thut, das ist wohlgethan,
welches die versammelte Gemeinde inbrunstig mitsang. Die Knaben und ihr Lehrer gingen darauf voraus mit dem Liede:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt.
In der Kirche fanden sich alle Madchen um Minchens Sarg zusammen, nicht mit Blumenkranzen, daran dachte niemand, der Fall war zu ruhrend, um ihn mit Blumen zu verderben. Sie sangen aus der Tiefe ihres Herzens; so beteten sie auch. Es hatten sich von freien Stucken zwolf Madchen gemeldet, Minchens Leiche zu tragen und zu versenken; allein der Prediger liebte keine Neuerungen, und es blieb bei der Sitte in diesem Kirchspiel, dass die A e l t e s t e n i m D o r f e sie trugen. An andern Orten, bemerkte der Pfarrer, sind die Jungsten Trager. Ich will es so lassen, wie ich es gefunden habe. Diese verliessen den Sarg, nachdem sie ihn vor den Altar gesetzt hatten, Stelle. Wahrend der letzten Strophe des Liedes:
Amen, mein lieber frommer Gott,
Bescher' uns all'n ein'n sel'gen Tod.
Hilf, dass wir mogen allzugleich
Bald in dein Reich
Kommen und bleiben ewiglich
trat der Prediger auf den Altar. Er hielt nach diesem Gesang eine Rede uber die Worte aus der Offenbarung Johannis des dritten Kapitels eilften Vers: "Siehe, ich komme bald; halt was du hast, dass niemand deine Krone nehme."
Die herzliche Art, mit welcher der Prediger den Text behandelte, war alles, was ich von dieser Rede horte oder eigentlich behielt. Ich war an Minens offenem Grabe.
"Schwer und leer," pflegte meine Mutter zu sagen, "was schwer ist, ist mehrentheils leer. In den alten Liedern ist immer die ganze weit und breite Brust, und in den Melodien die ganze Lunge. Wenn auch hier und da ein paar Sylben uberlaufen was mehr? Wenn du dazu weinst, Sanger, Sangerin, so laufst du auch uber." Wer, wenn er singt, Triller schlagen und Cadenzen springen kann, bringt dem lieben Gott ein Standchen, ehret ihn mit seiner Zunge und naht sich zu ihm mit seinen Lippen; allein sein Herz ist fern von ihm. Diess Lieblingslied Minens, das sie sang, da sie aus ihres Vaters Hause und aus ihrer Freundschaft ausging in ein Land, das Gott ihr zeigte, diess Lied, das sie mir so herzlich empfahl, kann keinen bessern Vertheidiger, als meine Mutter haben. Es konnte kein angemesseneres bei dieser Leiche gesungen werden, und wie das Lied, so die Rede. Der Prediger hatte wenig oder nichts aufsetzen konnen. Diess hatte ich, wie es mir eben einfallt, nicht nothig gehabt, zu bemerken, nicht wahr? Es versteht sich.
Der Pastor wusste meiner Mutter Grundsatze, zu denen mein Vater den zweiten Discant sang. Mine hatte diese Grundsatze auf- und angenommen; schon in den Tagen, von denen es hiess: S i e g e f i e l e n i h r , noch mehr aber in den Tagen, von denen es hiess: S i e g e f i e l e n i h r n i c h t . Einem Leidenden scheint die Prosa zu hart, zu angreifend; er sehnt sich nach etwas M i l d e r e m , sagte meine Mutter, wenn sie von dem Drucke sprach, in dem sie lebte.
In dieser Rucksicht hatte der gute Prediger mehrere Liederstellen in seinem Sermon angebracht, den er mit einer Strophe aus einem alten Kirchenliede schloss:
Darum, du milde Erd',
Halt' dieses Pfand in Werth.
Was Gott zu Ehr'n erbaut,
Gott wird sein schon Bild in Lenzen
Des jungsten Tags erganzen;
Mit Ehren wird es glanzen!
Es war ziemlich dunkel in der Kirche geworden, und diess war ein freiwilliger Beitrag zur Feierlichkeit. Dieses heilige Dunkel, noch liegt es vor meinen Augen und vor meiner Seele!
Nach der Rede ward eine Stille. Diess wirkte fast mehr auf mich, als alles. Zu selten bedient man sich dieses Ruhrungsmittels.
Auf einmal fing ein Madchen, das ganz weiss gekleidet war und das ich noch nicht gesehen hatte, allein zu singen an. Sie stand dicht am Sarge:
Gehabt euch wohl, ihr meine Freund',
Die ihr aus Liebe um mich weint.
Die ganze Gemeinde antwortete mit dem Liede:
Nun lasst uns den Leib begraben.
und so ging es durchs ganze Lied hindurch. Es waren zwei G e h a b t e u c h w o h l S a n g e r und zwei G e h a b t e u c h w o h l S a n g e r i n n e n in der L Gemeinde, die bei dieser Ceremonie weiss gekleidet waren, ein Alter, eine Alte, ein Jungling, ein Madchen. der Prediger, nachdem wir Minen in ihre Schlafkammer begleitet hatten, die Art billigen werden, einen Todten redend einzufuhren und ihm Abschiedsworte in den Mund zu legen; wenn wir aber hoffen, dass die Seele in Gottes Hand sey und lebe, warum nicht?
So viel weiss ich, dass mich dieser Ueberfall anfangs erschuttert, nachher sanft bewegt hat.
Die Strophe:
Mein Elend, wie auch mein Beschwerd',
Wird nun verscharrt mit kuhler Erd'.
was fur Thranen hat sie mir gekostet! Am meisten ruhrten mich folgende Stellen:
In dieser Welt war Angst und Noth,
Bekummerniss, zuletzt der Tod.
Nun aber schwindet alles Leid,
Und folget drauf die Ewigkeit.
So lasset mich in stolzer Ruh',
Und geht nach eurer Wohnung zu.
Bedenkt, wie bald euch Gottes Hand
Versetzen kann in diesen Stand.
Und dann die letzten Worte:
Ich scheide, lebet alle wohl,
Seyd hoffnungs-, liebe-, glaubensvoll;
So kommt er selig in das Grab.
Was mich, versunken in Empfindungen, bei der Es war die Gewohnheit in L , dass die Kirche nie
Der ewig reiche Gott
Woll' nun bei unserm Leben
Ein immer frohlich Herz
Und edlen Frieden geben,
Und uns in seiner Gnad'
Erhalten fort und fort,
Und uns aus a l l e r N o t h
Erlosen h i e r und d o r t . Amen! Amen!
Die Leiche ward ohne Gesang von den Alten hinE r d e u n d w i r s t z u E r d e w e r d e n ! Das lag darin.
Der Pastor sprach die Kollekte nach der ersten Schaufel Erde, und den Beschluss machte das Lied:
O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen,
Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen.
Ihr seyd entgangen
Aller Noth, die uns noch halt gefangen.
Und nach diesem Liede gingen wir u n s e r e r W o h n u n g zu. Der Graf und ich waren beim Hingang ein Paar, beim Ruckwege schloss sich der Prediger uns an. Ich buckte mich tief gegen den Haufen Begleiter und Begleiterinnen. Jedes, das mich ansahe, bedauerte meinen Verlust und schien es zu empfinden, was ich verloren hatte, ohne dass es jemand, ausser dem Pfarrhause, e i g e n t l i c h wusste.
Der Graf wollte mir seine E i n r i c h t u n g (wie er bemerkte, mich zu zerstreuen) noch naher eroffnen, und fing schon an, dass sein Bette wie ein Gewolbe gestaltet und dass in den Zimmern, die er selbst unmittelbar inne hatte, U r n e n und S a r g e der Zierrath waren; allein ich weiss selbst nicht, wie er auf einmal auf die u n v e r b r e n n l i c h e L a m p e , das ewige G r a b e s f e u e r , fiel. Er versicherte mich, dass er schon sehr lange auf diese Art Lampen gedacht hatte, welche man zuweilen in den alten Grabern angetrofIch kann es nicht laugnen, dass mir der Umstand morgen dir.
Nach unserm Hingange hatte der Organist eine Rede aus dem Hute gelesen; ich habe nichts verloren, dass ich sie nicht aus seinem Munde empfangen, denn ich war an diesem Tage nicht zum Horen aufgelegt. So wie ich sie meinen Lesern mittheile, erhielt ich sie vom Verfasser noch den namlichen Abend. Er ass den Abend mit uns beim Prediger, und wir wurden, der bittern Stellen unerachtet, wie er selbst sagte, H e r z e n s f r e u n d e . Aus Erkenntlichkeit will ich diese Abdankung zur Beilage B. erheben.
Beilage B.
Abdankung des Organisten in L .
Ich mochte was drum geben,
So wenig es auch ist,
Denn dass ich blutwenig habe, ist euch bekannt.
Allerseits nach Tugend und Alter lieb
und werthe Nachbaren!
Und wenn man mir noch obenein die Leichenabdankungen entzieht, wie es heute (unter uns gesagt) schier den Anfang genommen, so werd' ich wohl am Ende gar nichts drum geben konnen.
Und doch mocht' ich was drum geben, wenn ich fein der Erste gewesen, welcher das menschliche Leben mit einer M a h l z e i t verglichen hatte.
Gelt, es ist ein schmackhafter Vergleich?
Indessen haben ausser mir schon andere kluge Leute diesen gesunden Einfall gehabt und wohl gewusst, was gut schmecke; denn in Wahrheit, es ist der naturlichste Gedanke, den ein Mensch, wenn er namlich einen gesunden Magen im Leibe hat, nur haben kann. Wir essen und trinken, das heisst: wir leben, und wir leben, das heisst: wir essen und trinken. Die liebe Seele ist beim Leben nur, so zu sagen, zu Gaste in der andern, oder in der Seelenwelt soll der Leib der Seele Kostganger werden; denn wie man liest, so wird unser Leib was Extrafeines seyn. So ein Unterschied, wie zwischen H i r t ' s L i s e und der G r a f i n F r i e d e r i k c h e n ihr kennt beide, meine Lieben. Mir ist bange, wenn ich die Grafin Friederikchen ansehe, dass mein Blick ihr einen Fleck machen wird, so fein ist sie; man hat nicht das Herz sie anzusehen.
Wenn wir auf diese Welt kommen, heisst es, wie vor Tische:
"Aller Augen warten auf dich, Herr, du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit, du thust deine milde Hand auf und sattigest alles, was lebet, mit Wohlgefallen."
Die jungen Raben sperren den Mund gen Himmel auf, als hochgahnten sie, und schreien den lieben Gott an, wie unverschamte Bettler uns. Kleine Kinder, das hab' ich an meinem Caspar gesehen, der sich wieder erholt hat und dick und fett ist ja, ich wollte von kleinen Kindern sagen die sehen nicht gen Himmel ich dachte schon, das kame wegen der Erbsunde und weil wir uns dem lieben Gott entwohnt haben; allein ich besinne mich wieder denn nicht wahr? alles was saugt, sieht auf die Mutter, und sein Blick kommt erst durch Umwege zum lieben Gott. Wer in die Hohe steht, ist gleich ein paar Zoll grosser. Das wissen die Werber wohl, die uns Angst und Furcht genug einjagen. Ist aber je ein Rabe, wenn ihn gleich seine Eltern nach Rabenart behandeln, Hungers gestorben? Habt ihr je so was von der kleinsten Mucke gehort? Ich nicht. Und doch sagt man von Menschen, dass sie im eigentlichen Brodverstande Hungers gestorben sind. Dass sich Gott uber solche Bengel erbarme, die nicht werth waren junge Raben zu seyn! S e y d i h r n i c h t m e h r , d e n n s i e ? hatte man auf das Grab dieser Verhungerten schreiben und ein Nest voll junger Raben, eben im Gebet begriffen, aushauen sollen. Sterben wir, liebe getreue Nachbaren und desgleichen, sterben wir, so heisst es, als wenn wir vom Tisch aufstehen und das T i s c h t u c h , bald hatt' ich L e i c h e n t u c h gesagt, zusammenlegen:
Wir danken Gott fur seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten Gott, unsern lieben Herrn,
Er woll' uns allzeit mehr bescher'n.
Er speis' uns stets mit seinem Wort,
Damit wir satt werden hier und dort.
Ach lieber Gott, du wollst uns geben
Nach dieser Welt das ewige Leben.
Kann ein besseres T o d t e n - oder B e g r a b n i ss l i e d seyn? sten Paar mit dem hochgebornen Herrn ging, mag wohl wissen, wie's in Curland bei Begrabnissen gehalten wird; von unserer Manier weiss er keinen Theeloffel aufzuwaschen, das ist ein Loffelchen wie mein kleiner Finger. Der Jungling wurde mich sonst ersucht haben, ein Wort aufs Grab zu sprechen, das mir immer zusteht, wenn die Leiche nicht ins Gewolbe kommt, sondern in die Kirchhofserde. Ich sag' es nicht des Gewinnstes wegen, denn seine Schone (Ende gut, alles gut, sonst ware noch mancherlei und manches davon zu sagen, dass er sich ihr und sie sich ihm verpfandet hatten; mein Sohn sollt' es nicht versuchen! doch sie ist todt), seine Schone, seine verstorbene Wilhelmine ist eines Geistlichen Tochter und er Predigers Sohn; wie ich, wiewohl alles nur durchs Schlusselloch, gehort habe. Eine Krahe hackt der andern die Augen nicht aus. Ich hatte keinen Dreier genommen, ob ich gleich es eben jetzt zum Fuder Holz nothig habe. Doch wenn ihr Nahrung und Kleider habt (an Holz ist nicht gedacht, wie es denn auch unser Glaubensvater Luther bei der vierten Bitte, Gott weiss, warum, ausgelassen hat), so lasset euch begnugen.
Was ich also heute rede, das red' ich von Herzen; denn ich hab' es oft und viel bemerkt, dass meine Grabreden oder Leichenabdankungen nicht ohne Segen geblieben.
Gott verzeih' mir die Sunde! Manchmal dacht' ich, wenn ihr alle aufs Grab weintet, so, dass die Thranen ordentlich drauf zu kennen waren, der selige Mensch werde bald aufgehen und ich hatte die Ehre gehabt, diese Pflanze Gottes auf seinem (namlich Gottes) Acker zu begrussen.
Wenn man recht herzlich weint, hat man nicht Zeit, an einen Schwamm zu denken; und es ist wahrlich ein schoner Anblick, so naturlich weg weinen zu sehen. Aber wieder auf das Leben und die Mahlzeit zu kommen.
Kennt ihr, lieben getreuen Nachbaren und dessgleichen, kennt ihr was Angenehmeres als eine gute Mahlzeit? Ich glaube, es thut den Engelchen leid, wenn sie uns essen sehen, dass sie es nicht auch konnen. Der liebe Gott hat uns alle, nach dieser Welt, mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch bitten lassen das wird schmecken! Freilich werden nur bloss geistliche Gerichte aufgetragen werden, aber man sieht doch daraus, dass der liebe Gott selbst an Essen und Trinken denkt und wohl weiss, dass uns der Mund alsdann eher nach dem Himmel wassern werde, als wenn er gesagt hatte, wir sollten mit Abraham, Isaak und Jakob dort eine lange Predigt anhoren. Wenn ihr so mit euern gesunden Kinderchen um den Tisch euch lagert und bei Sommerszeit Milch und bei Winterszeit Erbsen und Speck esst: o Nachbarn, mich hungert, wenn ich daran denke, und ich wurde mich bei einem von euch gleich heut Abend auf frischer That zu Gast bitten, um meinen heutigen Vortrag recht lebhaft zu machen, wenn ich nicht bei dem Herrn Pfarrer gebeten ware. Der Herr Pfarrer weiss schon, was einem Handlanger am gottlichen Wort zukommt, und ich versichere euch, dass ich dem Studenten begegnen werde wie meinem eigenen Kinde, obgleich er die Landesmanier nicht weiss und mir nicht die Ehre angethan hat, eine Leichenabdankung bei mir zu bestellen.
Seht, liebe Nachbaren, wie die Mahlzeit, so das Leben. Es ist, unter uns gesagt, recht gut zu leben. Wenn ihr nicht arbeiten mochtet, wurd' es euch wohl schmecken? Die wenigsten Vornehmen essen und trinken, sie thun nur so, als assen und tranken sie; und dann am Sonntage denkt nur noch an jenen Sonntag, wo wir des Morgens um vier Uhr ein Werk der Liebe und der Noth verrichteten und dem Herrn Pfarrer sein Getreide wegen des bezogenen Himmels in die Scheuer sammelten, und hernach, wiewohl nach der Predigt, unterm Schauer sassen und regnen sahen, und unser guter Seelenhirte mitten unter uns. Das ging: Prosit, Gevatter! und ich glaube, solcher Prosittage habt ihr viel gehabt.
Niemand ist schlafrig zum Todesschlaf. Jedes hat noch Luft ein Stundchen aufzubleiben. Alles will gern leben. Die lahme T r i n e im Hospital hatte gern noch einige Jahre gehinkt, und es ist gewiss und wahrhaftig so viel Hubsches, besonders im Sommer, in der Welt zu sehen und zu horen, dass man recht gern lebt. Ich liebe darum vorzuglich den Sommer, weil so viel Leben drin ist. Alles lebt im Sommer. Die ausgewachsenen Baume sind fur Vogel und Gewurme grosse Stadte, so wie das Gras schlechte Dorfer und Gestrauch Kirchdorfer sind. Manche Eiche konnte man wohl ein Schloss nennen; alles, wie man es nehmen will. Mir hat noch keine Fliege einen Gedanken weggesummt, und es ist mir gleich nicht recht, wenn nicht ein paar in meiner Stube sind. Kann sie ein so grosser Herr, als der liebe Gott ist, in seiner Welt leiden, so konnen sie doch wohl in meiner Stube seyn? Ich hab' es von einem sehr vornehmen Herrn, der bei einem Feste auch fur seine Fliegen und Mukken Wein eingiessen lasst, um alles, was um ihn lebt und schwebt, zu sattigen und zu tranken mit Wohlgefallen. Seine Hausthiere mussen alle ein Spitzglaschen Wein haben; allein das halt' ich, unter uns gesagt, unrecht, wenn man die Thiere zu menschlich macht. Man wird schon einen Lazarus finden, warum also Fliegen und Mucken? Der Gevatter B r i e s e sprach mir gestern von der Grosse des lieben Gottes, und ich hatte den Einfall, dass der liebe Gott jeden Sperling, jeden Stieglitz, jeden Hanfling, jede Milbe, jede Mucke mit Namen zu nennen wusste, so wie ihr die Leute im Dorfe: S c h m i e d ' s G r e ger, Brisen's Peter, Heifried's H a n s Denkt nur, wenn der liebe Gott so jede Mucke ruft, die sich einander so ahnlich sehen, dass man schworen sollte, sie waren alle Schwestern und Bruder; denkt nur!
Kurz, lieben Freunde, der liebe Gott ist ein guter Herr, bei dem ihr dient, und seyd ihr gleich auf Taglohn bei ihm, und ist die Welt gleich nicht verdungen Werk, hat gleich jeder Tag das Seine, und wird gleich nicht furs Leben im ganzen Stuck, sondern fur jede Tagesabtheilung Rechenschaft gegeben, was schadet es? Je kurzer die Rechnung, desto leichter alles ubersehen. Wir sind wahrlich nicht in Egypten, wenn wir dem lieben Gott dienen. Seyd ehrlich. Habt ihr wohl uber eure weltliche Herrschaft zu klagen, ob es gleich oft adeliche Egyptier gibt und unter den koniglichen Beamten manchen pharaonischen Frohnvogt? Der liebe Gott lasst jedem, was er hat. Er nimmt nicht Zoll und Accise, nicht Hufenschoss und Vorspann, er will nur das Herz, das heisst, dass ihr das Eurige gut anwendet und euch all' zusammen fur Schwester und Bruder haltet. Er gonnt uns Wurden und Ehren und lasst den beim S c h u l z e n a m t , den einen L a n d g e s c h w o r n e n , den einen H a u s v a t e r seyn und mich einen M i t d i e n e r am g o t t l i c h e n W o r t e . Er will nur das Herz, das heisst: dass wir uns einander Gevatter nennen und nicht einer uber den andern erheben und alle einander die Hand geben und wohl bedenken, dass nicht wir, sondern er durch uns regiert; daher werden auch die Schulzen und Landgeschwornen, wie die liebe Obrigkeit all' zusammen, Gotter der Erde genannt. Der liebe Gott hat's nicht verboten, in den Krug zu gehen und ein Glaschen zu trinken und Hannchen herumzudrehen, wenn es nur des Sonntags ist, nichts dabei versaumt wird und alles in Zuchten und Ehren bleibt. Pfui, wer wollte sich betrinken, um vergnugt zu seyn, wer sich die Augen verbinden, um desto besser zu sehen!
Seht, lieben Freunde, so ist das Leben eine Mahlzeit.
Es gibt aber auch bei jeder Mahlzeit mancherlei und manches, was unangenehm ist. Wo Weizen ist, da schleicht sich auch Unkraut herein, wie in unseres Herrn Pfarrers Weizenland. Gott wolle geben, dass in seiner Gemeinde weniger Unkraut sey, als diess Jahr auf seinem Acker. Sonst wurden die lieben Engelein zu jaten kriegen, und es wurden nicht viele in Frieden und Jauchzen eingefuhrt werden in die Scheuern das ist auf den Kirchhof, den ich fur des lieben Gottes Scheuer ansehe.
Wir essen im Schweisse des Angesichts, wir essen, was wir sauer verdient haben. Ich kann zuweilen das Brod nicht ansehen, ohne dass mir der Angstschweiss ausbricht; denn ich weiss, was es mir gekostet hat. Wenn man nur bedenkt, was der liebe Gott erst mit dem Brode fur Wege geht, eh' es Brod wird. Wer kann es ohne Sorgen essen? Und mit dem Hemde, eh' es ein Hemd wird. Wer kann es ohne Seufzer anziehen? Gott weiss, wie es kommt, man sorgt am liebsten am Tische und sieht auf die Erde, obgleich man dankvoll gen Himmel sehen sollte. Man sieht alle um sich herum, die Nahrung und Kleider haben wollen, und das bringt uns in einen Gedankenwald. Oder man glaubt vielleicht, sich das Sorgen leichter zu machen, wenn man bei Tische sorgt; allein man macht es sich schwerer, denn man wird dadurch unthatig, und anstatt dass man die verlorenen Krafte ersetzen sollte, verliert man ihrer noch mehr. Es ist so, wie ein unruhiger Schlaf, der mehr schadet als nutzt, man ist nach ihm noch schlafriger. Wenn man einmal ins Sorgen hinein kommt, findet man sobald nicht heraus. Mein College in B-, der in seiner Jugend Barbier gewesen, ist bis zur Verzweiflung betrubt, dass er nicht so viel Bucher hat, als sein Pfarrer. Und ich sag' oft und viel zu meiner Frau, dass ich Gott fur dreierlei besonders danke, namlich, dass sie ein treues, fleissiges Weib ist, die ihre Finger ins Kalte und ins Warme steckt, wie ihr sie alle kennt; dass mein Acker nicht der schlechteste ist und seinen Organisten schon nahrt, und dass ich nicht viel Bucher habe; denn wahrlich, Bucher stehlen einem das Leben unter den Handen weg. Freilich muss man der Bibel Gesellschaft machen, ausser dem Gesangbuch, das in Absicht der Bibel wie Mann und Frau, Bein von der Bibel Bein, Fleisch von der Bibel Fleisch ist, von dem man sagen kann: Man wird es Mannin heissen, weil es vom Mann genommen ist. Ausser der Bibel und dem Gesangbuch hab' ich acht bis neun Bucher. Was will aber der liebe Herr Amtsbruder mit mehr? Mit Bibel, Gesangbuch und Luthers Katechismus kann man schon haushalten. Wenn ich lese, dann leb' ich nicht, sondern der, so das Buch geschrieben, lebet in mir. So ist es aber mit dem verdammten Neide. Da lob' ich mir doch noch Sunden, bei denen man seine Lust hat und die man mit lachendem Munde thut, denn da ist doch noch etwas dabei. Aber der Neid, der Zorn und dessgleichen sind so traurige, so milzige Laster, dass man gar nicht begreifen kann, wie man zornig und neidisch und dergleichen ist. Bei jenen ist man auf der Hochzeit und Kindtaufe, bei diesen auf Begrabnissen. Man nennt daher diese letzten s c h w a r z e L a s t e r , und das v o n R e c h t s w e g e n , wie's in den Urtheilen steht, dass Gott erbarme!
Fur solche Sorgen, wie mein College, der gewesene Barbier, sich aufbindet, bin ich zwar sicher; allein ich hab' andere und meine neun Kinder alle mit Magen wie Kornsacke. So was will gefullt seyn. Ich mag mein Aemtchen berechnen, wie ich will, uber zweihundert Gulden dresch' ich nicht heraus. Wenn noch so eine gute Ernte gewesen und ich noch so viel Leichenabdankungen gehalten, ist doch am Ende nicht ein Bund Stroh mehr, als zweihundert Gulden. Was das kostet, einen Sohn auf der Universitat zu haben, das konnt ihr nicht glauben, liebe Nachbaren; indessen ist auch Waare dafur, und wenn Gott uns leben lasst, wird er kunftige Pfingsten seine erste Predigt auf unserer Kanzel thun, wozu ich Jung und Alt hiermit zum voraus dienstlich eingeladen haben will. Da wird man doch sehen, ob er weiss, wo er zu Hause gehort. Da ich an diesen hoffnungsvollen Jungling denke, werd' ich Muhe haben, die Mahlzeit dieses Lebens unschmackhaft zu finden. Findet ihr nicht etwas Aehnliches zwischen ihm und dem tiefgebeugten Curlander? Ich glaube, am Ende sehen sich die Studenten alle gleich, und doch
Herzlich geliebte Nachbarn! wenn man auch einen hoffnungsvollen Jungling zum Sohn hat, der auf Pfingsten predigen wird, ist's doch ein elend jammerlich Ding um aller Menschen Leben. Auch die Vornehmen haben nicht alle Tage Rebhuhner. Ich ass ehegestern ein halbes beim gnadigen Herrn v. auf dem Gebetsverhor; allein, unter uns gesagt, es war ein wenig alt. So ist's mit dem Leben, wenn auch Rebhuhner aufgetragen werden. Wer eine Wittwe mit Geld heirathet, isst ein altes Rebhuhn, und wer zu Ehren kommt, isst ein altes Rebhuhn, und gesetzt, die Rebhuhner sind frisch, und gesetzt, sie waren auch ein Alltagsgericht, was hilft's? Die Kinder Israel wurden des Manna's uberdrussig, wie es Leute gibt, die des preussischen Manna's, der Schwadengrutze, mude werden konnen. Das Manna, es sey das israelitische oder das preussische, in Ehren allein wer es dazu hat, dass er alle Tage Haselhuhner essen kann, dem mussen sie wie unser einem die grauen Erbsen werden.
Man sagt, wenn es am besten schmeckt, soll man aufhoren, und wahrlich, so ist's mit dem Leben. Beim Leibgericht verdirbt man sich am ersten den Magen. Die Leibgerichte der Vornehmen konnte man am fuglichsten nennen: d e r T o d i n T o p f e n , und von den ausgewachsenen Bauchen der Landpfleger heisst es: u b e r t u n c h t e G r a b e r . Habt ihr schon, meine Lieben, einen dicken Bauer, einen dicken Organisten und einen dicken Schneider gesehen? In unserm und den drei uns benachbarten Kirchspielen ist keiner aufzutreiben, und uberhaupt ist so was ein seltener Vogel allein bei uns, die zu Pharaonis magern Kuhen gehoren, sitzt das Uebel wo anders. Wo sitzt es immer bei Reichen oder Armen, Vornehmen oder Geringen? Wir futtern alle durch die Bank den Tod, Selten ist eine Hochzeit, wo nicht was Trauriges Wenn es nicht schmeckt, sieht man gern ein VierL u f t und e i n B l i c k i n d e n M o n d ist das wenigste. Wer recht mud' ist, liebe Nachbarn, legt sich lieber, als dass er essen und trinken sollte. Der hort die Kugel nicht, den sie trifft, der sieht den Blitz nicht, den er erschiesst. Ich glaube, es hat noch kein Mensch recht gewusst, wenn er sturbe. Weg sind wir! Der Tod ist, die Sache beim Licht genommen, eben so ein Werk der lieben, gutigen Natur, als das Leben, und der Schlaf eben so gut als das Essen. Wer nicht schlafen kann, kann auch nicht essen; allein wenn es moglich ware, dass jemand immer schlafen konnte, so wurd' er nicht essen durfen.
Wollt ihr die Sache ins Feine haben, denkt euch die Jugend als Fruhstuck, die Junglingsjahre als Mittags-, bis mannlichen als Vesperkost, das Alter als Abendbrod. Da liesse sich viel, b e s o n d e r s b e i m M i t t a g , anbringen; allein denkt der Sache selber nach und fasse jeder in seinen Busen, allwo ich das meiste, was ich gesagt, herausgenommen.
Lasst uns, lieben Freunde, nicht zu viel essen, damit wir sanft schlafen konnen. Man sitzt hochstens eine Stunde am Tische; wer schlaft aber nicht gern seine sieben Stunden?
Manche Bluthe, die schon angesetzt hat, fallt ab, weil ein boser Junge, indem er nach einem Vogel wirft, die kernfrische Bluthe trifft. Viele vergeuden ihre Jugendkrafte und sind Lebensdurchbringer. Wie der Baum fallt, so bleibt er auch liegen. Sorgt nicht fur den andern Morgen, sonst verliert ihr den heutigen und den folgenden Tag, und wer weiss, ist nicht der Tag, da ihr am meisten fur den folgenden sorgtet, euer jungster, euer letzter Tag!
Hiermit verlassen wir dieses Grab. Gewiss, Freunde, ein denkwurdiges Grab! Fliege vorbei, du Geier und Habicht, und wenn du in diese kalte Gegend (wo der Dr. Luther gewiss an Holz in der vierten Bitte gedacht hatte, wenn er in L Organist gewesen), wenn, sag' ich, du in diese kalte Gegend dich verirren solltest, auch du, Adler und all' ihr unheiligen Vogel allein ihr heiligen, Nachtigall, Lerche und Schwalbe, setzt euch auf diess Grab, war's auch nur, weil Christenleute Minen das Geleit gegeben und an ihre Brust geschlagen und gebetet:
Was ich gelebt hab', decke zu,
Was ich noch leben soll, regiere du.
Man fangt die Grabschriften mit W a n d e r e r an, warum aber nicht mit R e i t e r ? Reiter so gut als Wanderer, und auch du selbst, der du mit S e c h s e n f a h r s t hier ruht ein Madchen aus fremden Landen, sie fand hier den Tod, auch du wirst ihm nicht entwandern, entreiten, entfahren. Ihr habt alle e i n e n Weg alle z u m Grabe! eine gesegnete Mahlzeit. Schliesslich lasst uns allerseits auf unsere Knie fald u b i s t E r d e , b e d e n k e d a s E n d e ! Betet also, als betet ihr zum letztenmale:
Vater unser etc.
(Ende der Beilage B.)
Der Prediger erinnerte sich an seine Pflicht, der Regierung nach Konigsberg von dem erfolgten Tode unserer Seligen Nachricht zu ertheilen. Ich schrieb an meine M u t t e r und an meinen V a t e r , an B e n j a m i n und an H e r m a n n . Ich laugne es nicht, dass der Brief an meine Mutter mit Bitterkeit gewurzt war; der an Hermann war gewissensruhrig. Ich bestatigte alles, was Mine in meinem Namen versprochen hatte; ich forderte nicht ihr Blut von seinen und des v. E. Handen, allein ich forderte den Hermann auf, zu bedenken zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. Bald wurd' es vor seinen Augen verborgen seyn, wenn der Richter der Lebendigen und der Todten sein Gericht eroffnen wurde.
Um Minens Grab ward ein viereckiges Bollwerk geschlagen, welches man in L einen Kranz nannte. Es war nichts weiter darauf geschrieben, als:
W i l h e l m i n e ,
g e b o r e n z u in Curland,
g e s t o r b e n z u L in Preussen.
Wer so stirbt, der stirbt wohl!
Acht Tage blieben wir so versammelt, so ein
muthig, so bei verschlossenen Thuren, wie die Junger, da ihr Herr und Meister sich ihren sichtlichen Augen entzogen hatte. Wir sprachen von Minen und gingen Hand in Hand zu ihrem Grabe. Mine war der Mittelpunkt aller unserer Unterredungen, bis auf die Abhandlung v o n d e r S u n d e w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t , worin sich weder Gretchen noch ihre Mutter mischte. So oft ich allein zu Minens Grab wallfahrtete, begegnete ich Gretchen, die mir nie im Wege war.
Fussnoten
1 Bei dieser Stelle finde ich angemerkt: unwortlich. Die Feinheit des Originals kann nicht erreicht werden. 2 Dieses Stuck war Gretchens, des Predigers Tochter in L, Liebling. Sie besass es, wie sie sich zu mir ausdruckte, schriftlich und mundlich; sie hatte es abgeschrieben und wusste es auswendig. Das gute Madchen fand etwas Aehnliches von der mutterlichen Linde darin.
Dritter Theil.
Erster Band
Wir sprachen kein l e b e n d i g e s Wort; als ob's t o d t e gebe? nach der Weise von todten und lebendigen Sprachen? Wenn man lebendige Worte thatige, mit Handlungen verbundene nennen wollte, wurden freilich auch todte Worte seyn. O den Todten! Gott ehre mir Leute, die Hand und Mund zugleich bewegen, pflegte mein Vater zu sagen. Freilich deutete er diesen Ausspruch auf Gute des Herzens und Mildthatigkeit; allein er ehrte auch das Symbol und hatte die Gewohnheit, die Hand mitsprechen zu lassen.
S e u f z e r , h a l b e r d r u c k t e A c h s nennt nicht t o d t e W o r t e , ihr Wortkramer! denn die gelten mir mehr als eure Klagelieder und Condolenzen. Wenn es auf Achs kommt, lost der Geist den verstummten Leib ab, drangt sich vor, vertritt ihn und lasst sich allein horen. Es gibt unaussprechliche Achs! Abba, mein Vater! die Carthauserparole: bedenke das Ende! war gewohnlich unsere ganze Unterhaltung. Gretchen und ich hatten das meiste eingebusst; war es Wunder, dass unser Schmerz zuweilen bis aufs memento mori die Sprache verlor? dass der Geist das Wort nehmen musste? In wenigen Tagen sahen wir etwas Grunes auf Minens Grabe das Haupt emporheben, und das war uns so willkommen, als wenn Minens Leib, diese Gottessaat, schon aufginge. Gretchen kusste diess erste Grun und bethaute es mit ihren Thranen. Sie war neidisch auf Thau und Regen, und wollte diese Erstlinge durchaus nur mit Thranen auferziehen. Mich hatte die Empfindung beim Anblick dieses ersten Gruns gelahmt. Es war mir, als sah' ich ein Stuck von Minen. Am Kopfende schoss dieses erste Grun hervor. Den Noah konnte der Oelzweig nicht so entzucken, als uns dieser Aufschlag aus einem Gebeinhause. Entweder war der gute Prediger so voll von seiner Abhandlung, oder er legt' es geflissentlich dazu an, mich zu zerstreuen; denn eh' ich's mich versah, liess sich der Schriftsteller horen. Ja wohl, e r l i e ss s i c h h o r e n .
Vor dem Begrabnisse war dem guten Prediger selbst Minens Andenken, ebenso wie uns, E i n u n d A l l e s . Nach der Beerdigung trat er zwar auch die meiste Zeit unsern Empfindungen bei; indessen konnt' er zuweilen nicht umhin eine Storung zu machen, wenn wir uns Minens letzte Lebenstage ins Herz hineinmalten, einbildhauten. Da galt es denn den Stuhl, auf dem Mine am liebsten gesessen; jeden Ort, wo sie an mich gedacht, wo sie voll Hoffnung, mich zu sprechen, gewesen wo ihr diese Hoffnung den Dienst aufgesagt, wo sie die Schwache empfunden, mit dem rechten Arm ihren Kopf gestutzt, und sich Gott ergeben, wo
Eben offneten mir diese Erinnerungen Thur und Thor. Nur ein Wort, nur ein Sterbenswort von Minen, fing ich an, wie glucklich hatt' es mich gemacht! und der Prediger, "was den Druck betrifft," er that, als ob es eine Antwort auf unser Seelenringen ware; "was den Druck betrifft: er sey nicht kostbar, allein rein, so wie jeder Anzug. Eine gute Wasche ist bei mir mehr als Gold- und Silberbesatz. In dem Stuck bin ich sehr fur die Englander und Hollander. Fast scheint es, saubere Wasche und gut Papier waren nicht so weit auseinander. Beide Nationen, saubere Wasche und sauber Papier. Ist das Papier gut, ist viel gut."
Dergleichen Eingriffe waren was Gewohnliches, und damit meine Leser den Haupteingriff uberstehen und einmal wissen, woran sie sind: der Eingang des Werks war ein Sundenverzeichniss von Saul und David. Dieser raubte dem Urias das Leben, weil er eine schone Frau hatte; jener war gegen die Feinde Israels mehr schonend, als er sollte. Heutzutage wurde man sagen, er war menschlicher und Saul empfand den B i n d - , David den L o s e s c h l u s s e l .
Meine Leser werden den Uebergang zum T h e m a ohne meine Handleitung finden. Die Sunde i n o d e r w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t ward wie gewohnlich in der Art behandelt, dass der erste Theil die unrechten Begriffe enthielt, welche man sich gewohnlich von der Sunde wider den heiligen Geist mache. Unter diesen unrechten Begriffen kamen freilich einige vor, auf die kein Mensch eher als unser guter Schriftsteller gekommen. Er brachte darauf, weil er recht auf Irrwege studirt hatte. Der zweite Theil war der rechte Weg, oder eigentlich der, der ihm gefiel. Ueberall auf Weg' und Abwegen eine Belesenheit, die sich nicht bloss auf die russigen Bucherschranke der Gegend erstreckte, wie der gute Prediger sagte sie ging weiter. Ich wurde zwar (Gott wend' es aber in Gnaden ab) nicht die Sunde quaestionis, allein doch eine wirkliche Sunde begehen, wenn ich meinen Lesern von diesem gewiss bewanderten Werke eine weitlaufige Erzahlung auslieferte. So viel ist gewiss, dass ich den guten Prediger mit seiner Ausarbeitung ziemlich zweifelhaft machte, indem ich ihm, in beliebter Kurze und Einfalt, meines Vaters Meinung uber diesen heiligen Gegenstand eroffnete, der die Sunde wider den heiligen Geist eine Bemuhung nannte, das ins Herz geschriebene naturliche Gesetz, die Regel, das gottliche Alphabet auszuloschen. Das Kind mit dem Bade ausgiessen, sagte der Prediger, und legte die drei Finger seiner rechten Hand an seine Stirn und sodann ans Herz, als ob er an beiden Orten anklopfen wollte. Endlich ward ihm aufgethan. Ich wurde, fing er an, meine citationseisenschwer beschlagene Abhandlung gern Ihrem Herrn Vater auf eine freundschaftliche Bleifeder ubersenden; allein ich furchte, dass nach diesen Grundsatzen wenig von diesem gelehrten Stuck zuruckkommen mochte. Ich versicherte den guten Prediger, ohne, wie ich bemerkte, ihm ein Compliment zu machen, dass mein Vater keine Bleifeder hatte.
Selten, pflegt' er zu sagen, ist das bestandig, was durch ihre Vermittlung an Tageslicht kommt. Schwarze Wasche und Tafelgedecke verzeichnete meine liebe Mutter mit der Bleifeder, wie es sich eignet und gebuhrt. Wenn schwarze Wasche (meine Mutter nannte es schwarzes Zeug) und Tafelgedecke wieder durch Wasser gereinigt waren, weg waren auch die Bleifederworte. Das mit Bleifeder beschriebene Papier reibt sich an allem, was ihm nahe kommt, sagte meine Mutter, und sehnt sich recht geflissentlich, von einer solchen Unzierde befreit zu werden, wie ein stolzes Pferd von einem schwachen Reiter. Nennt es Bleistift und nicht Feder Feder ist zu schade, fuhr sie fort. Da also mein Vater, sagt' ich, keine Bleifeder hat, und schwerlich eine von meiner Mutter leihen wird, so bin ich fest uberzeugt, dass er Ihre Schrift von der Sunde wider den heiligen Geist ohne Bleifeder lesen werde. Vortrefflich, sagte der gute Schriftsteller; wollte Gott! es waren keine Bleifedern in der Welt, und unsere Kritikaster bedachten: wer die Bleifeder nimmt, wird durch die Bleifeder umkommen; richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Kommt denn, fragte der Prediger, kommt denn alles bei Ihrem lieben Vater ungeschlagen davon, was er hort und liest? Seine Art ist, erwiederte ich, ohne Bleifederstrich, ohne Beziehung auf es sey gehortes oder gelesenes Wort, ein Wort zu seiner Zeit nicht schriftlich, auch nicht einst mundlich, anzubringen, sondern mundlich, zu verlieren. Zuweilen scheint es, fuhr ich fort, dass das, was er sagt, so passe, wie die Faust aufs Auge; indessen war mir oft ein solch verlornes Wort ein Wort des Lebens zum Leben. Dem Prediger gab das verlorne Wort Gelegenheit, von der verlornen Schildwache zu reden, und da liess ich ihn sobald nicht los. Er war ein kleiner Politikus, las die Zeitungen, wusste alle preussische Regimenter namentlich und ihre Uniform; das war aber auch alles! An mir fand er einen andern Mann; ich sprach vom g r o ss e n und k l e i n e n D i e n s t , und hielt den Ehrenmann fest. Was eine vorlorne Schildwache nicht machen kann! Hier fand mich der Prediger gewiegter als bei seiner Abhandlung. Er wollte heim; ich war in meinem Element. Endlich jammerte mich sein, ich loste die Schildwache ab.
Anlangend den Druck, fing der Prediger, sobald er Luft hatte, an, und dankte dem Himmel, dass er aus den Handen des Kriegsknechts war, der ihm Werbegeld aufdringen wollen, anlangend den Druck, wiederholte er, ohne weiter eine Begierde zu aussern, die Bleifeder meines Vaters auszufordern, so sey er nicht kostbar, allein rein. Ein gutes Wort muss eine gute Statte finden. Der gute Prediger, der sich aus so manchem von mir verlornen Wort uberzeugt hatte, dass mein Vater mit seiner Abhandlung nicht zufrieden seyn wurde, ging ganz betrubt von meinem Vater, wie der Jungling von Christo, der alles gehalten hatte von seiner Jugend an; denn wahrlich! der Prediger war so wenig entschlossen seine Noten zu streichen und den gelehrten Wust, wie dieser Jungling sein Hab und Gut zu verkaufen und es den Armen preiszugeben. So wirst du einen Schatz im Himmel haben, sagte Christus zum Jungling. Wer opfert ihm aber eisenschwere Gelehrsamkeit, welche doch Motten und Rost fressen, darnach Diebe graben und sie stehlen?
Vom Kriegsdienst ist vorderhand zwischen uns beiden, nach diesem Ritt, keine Sylbe weiter vorgefallen.
Wir fingen nach einer geraumen Zeit sehr regelmassig, weil die Sunde wider den heiligen Geist uns darauf gebracht hatte im Gesprach, von der heiligen Regel an, die man in Ehren halten musste, wenn sonst gleich alles uber und uber ginge.
Alles in der Natur sucht sich an etwas zu halten. Der Verstand an der Regel, die er als Gottes Bild ehrt, und wahrlich sie ist Gottes Bild. Sie ist nicht Buchstab, sie ist Geist von Geist. Meine Mutter wurde sagen: Diese Regel streichen, heisst: wider besser Wissen und Gewissen handeln und wandeln. Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniss wider diesen heiligen Geist kommt! es ware besser, dass ein Muhlstein an seinen Hals gehangt und er ersauft wurde im Meer, wo es am tiefsten ist. Diess ist das eigentliche Verbrechen der beleidigten gottlichen Majestat, nicht aber das, was Stadt-, Land- und Kaiserrecht so nennt.
Wollte Gott! setzt' ich hinzu, Ihr Werk wurde diesem Aergerniss steuern und wehren! Man kann nicht wissen, antwortete der Prediger.
Was wurd' aus uns werden ohne Regel? Da wurd' all' Augenblick einer seinen Zauberstock aufheben, und das Volk wurd' ihm dienen. Warum uberzeugen wir uns jetzt nicht von Zaubereien? Weil wir der Regel den Boden ausstossen wurden, da wurde sie denn liegen in ihren Ruinen. Regeln sind das Salz d e r Erden, wenn aber das Salz dumm wird, womit will man salzen? Erzahl' ein Wunder von heut und gestern oder ehegestern, wo findest du Glauben, und warum dieser Unglaube? Hat denn Treu' und Glauben aufgehort auf Erden? Nicht also, wohlmeinender Zeterrufer! Die Natur nahm ihren Anfang durch ein Wunder. Wunder genug! Jetzt ist alles ohne Sprung. Die Spharenmusik ist ein einfaches Lied und keine Ode. Es geht naturlich zu, heisst: es versteht sich alles von selbst, die allerorthodoxesten, wundervollsten Geistlichen selbst haben den Wundern Ziel und Mass setzen mussen. Bis dahin, und weiter nicht, sollten die Ausnahmen von der Regel stattfinden und die Wundergaben im Schwange gehen. Die alten Propheten sind todt; die neueren haben kein Creditiv vorzeigen konnen; obgleich meine Mutter jederzeit uber die wenige Aufmunterung fur die jungen Propheten die Achseln zog. Wenn wir keine jungen Propheten leiden, werden wir auch keine alten ziehen. Jung gewohnt, setzt sie hinzu, alt gethan.
Sie verstand indessen durch einen Propheten nur einen Superintendenten, der ein paar Zoll hoher ware (im Kunstwort; mehr hatte), als der regierende Herr in Curland.
Wie kommt's aber, dass alles die Ohren spitzt, wenn vom Wunderbaren die Red' ist? Das kommt, weil der Verstand steif und fest auf seine Regel halt und den Feind kennen lernen will, der diese seine Beste einzunehmen droht. Das kommt, weil der Verstand sein Richteramt beweisen und Urtel und Recht eroffnen will wider den, der die Grenzen zu verletzen droht. Das kommt auch, wurde meine Mutter sagen, "d u r c h A d a m s F a l l u n d M i s s e t h a t ." Wahrlich! der Mensch ist sehr zum Fall geneigt; wer steht, mag wohl zusehen, dass er nicht falle. Wir nahren all' eine paradiesische Schlange im Busen. Der Mensch hat zuweilen einen schrecklichen Hang zum Aufruhr.
Alles diess, und noch mehr von der namlichen Manier, brachte den Prediger nicht weiter auf meines Vaters Bleifeder, wiewohl er noch ofter als zuvor an reinen Druck und an weisses Papier dachte. Kostbar sey er nicht, nur rein.
So viel weiss ich, dass ich meine Zeit in L nach den akademischen Wunschen gut angewendet habe. Gott segnete auch meine Studia, Theorie und Praxis! Ich habe viel, viel an dem Grabe meiner Mine gelernt, wo am Kopfende Grun hervorschoss. Wir werden wiederkommen, rief ich zuweilen aus, und Gretchen faltete die Hande, wir werden wieder kommen gen Zion mit Jauchzen, ewige Freude wird uber unserm Haupte seyn, Freude und Wonne wird uns ergreifen und Seufzen wird weg mussen! Gott wird uns wiedergeboren werden lassen zu einem unverganglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel ist.
Das erste Grun war uns eine Hieroglyphe ihrer Auferstehung. Es kam uns vor, als richtete Mine sich auf, und nie ist das erste Grun so bewillkommt worden als dieses! Es kam von Minen! Sie war handgreiflich so kam es uns vor. Wir hatten ihre Grabeserde so gelockert und bearbeitet, dass sie wie ein Gartenacker aussah. Sie lebt, rief ich eben so entzuckt, als wie ich sie fest an mein Herz druckte und ein warmer, lebendiger Odem sich aus ihren Lippen drangte. Sie lebt! rief ich, und Gretchen rief auch: Sie lebt! Wahrlich, lieben Leser! diess alles war mehr als arkadische Gartnerei. Es lag ein Sinn in dieser Hieroglyphe.
Wenn man sich acht Tage so auf dem Dach ist, als ich dem guten Prediger, hat man sich weg. Die Bucher sind Lexika, nach Beschaffenheit der Umstande Real oder Verbal. Mehr kann ich ihnen nicht zugestehen. Mensch, lerne dich! Welch ein grosses Wort, sagten wir beide, der Dekanus, der die vorige Nacht Grossvater geworden war, und ich, der ich nicht viel weniger Student werden sollte. Wahrlich! ein grosses Wort! allein, welch ein schweres Wort zugleich! Der Vater lernt sich erst in seinem Sohne kennen. Niemand will in sich hinein; ausser sich herumzuschweifen, hat der Mensch eine so eingefleischte Lust, dass er gern unstat und fluchtig ist. Sein eignes Haus brennt dem Menschen uberm Kopf, er furchtet, in sich hineinzublicken, wie Kinder, in einem Zimmer allein zu schlafen. Darum die Geselligkeit. Wenn ich an diese guldene Regel komme: M e n s c h , l e r n e d i c h , bin ich in meiner Heimath. Die Theologen nennen das Selbstverlaugnung, was wirklich ein grosser Theil von Selbstkenntniss ist. Man muss sich absterben, um sich aus den Todten hervorgehen zu sehen, und solch ein Erstandener, das bist du, Selbstkenner!
Es kam zwar in unsern Lektionen der Herr Graf sehr oft und viel vor; indessen dachten wir nicht anders an ihn, als exempli gratia (zum Beispiel). Freilich hatten wir auch auf einen Besuch, den wir ihm schuldig waren, fallen sollen, und des Predigers Pflicht war' es vorzuglich gewesen, sich und mich daran zu erinnern, da der Graf ein Stuck von seinem Kirchenpatron und sein Wohlthater war. Auf einmal ein Brief mit Pleureusen vom Hochgebornen Nachbar. Eine Einladung auf morgen, sagt' ich. Das nicht, erwiederte der Pastor und bemerkte zugleich, dass der Graf niemals jemanden auf einen gewissen bestimmten Tag zu sich bate. Er lebt in diesem Stuck, setzte der Prediger hinzu, wie man stirbt. Es muss ihm alles unvermuthet kommen. Wer kann, soll er sagen, einen uber zwei, drei Tage, auch wohl mehr, zur Mahlzeit einladen? Diese Nacht kann man deinen Appetit von dir fordern! Sehet zu, wachet, denn ihr wisset nicht, wann es Zeit ist. Wer sterben lernt, muss so und nicht anders leben, sey des Grafen Losung, die er ubte, wo es sich nur irgend uben liesse.
Wie gesagt, der Brief war nur eine Erinnerung an unser Versprechen. Wenn bewirthen so viel heisst, als den Gast zu dieser Aufnahme durch eine Einladung vorbereiten, so hat der Graf noch in seinem Leben keinen aufgenommen und bewirthet. Es ward beschlossen, den folgenden Tag dem Grafen zu widmen, und damit mir alles desto unerwarteter seyn mochte, liess mich der Prediger in Absicht der Einrichtung des graflichen Gebeinhauses in wohlgemeinter Unwissenheit. Die Predigerin wollte mit, es gefiel ihr dort unaussprechlich, und gern hatte sie es in ihrem Hause ins Kleine gebracht, was dort im Grossen war. Der Prediger und Gretchen konnten nicht aufhoren zu steuern und zu wehren, damit dieses Miniaturstuck unausgefuhrt bliebe. Der Prediger schlug seiner Frau eben darum auch ab mitzufahren. Der Prediger und ich fuhren fruh aus, um zeitig in zu seyn. Gretchen blieb bei ihrer Mutter. Wie sehr freu' ich mich, diesen Grafen besucht zu haben! Der Prediger aus L-, der schon im graflichen Hause bekannt war, fuhrte mich sogleich in ein Zimmer, wo Sarge gearbeitet wurden. Es war das Bedientenzimmer; denn niemand als ein Sargtischler, wie der Graf mich selbst nachher versicherte, wurde in seinen Dienst auf- und angenommen. Es wurden bestandig Sarge gearbeitet. Der Graf diente armen Leuten aus seiner Sargfabrik. Jetzt war kein Provisionssarg in Arbeit. Der Sargtischler hatte Thranen in den Augen, wie der in Curland, den meine Mutter des Todes Zimmermann nannte, und der in seiner Gewerksstube herzlich weinte, wenn er einen Sarg fur einen Redlichen im Lande erbaute. Gott, sagte der Weinende und wandte sich zu seinem Beichtvater, meinem Reisegefahrten: Ach Gott! lieber Herr Pfarrer, der kunftige Einwohner dieses Hauses hatte ein schones Ende! Das letztemal, dass ich fur jemand einen Sarg mache, den ich sterben gesehen! Mag es thun, wer's kann ich nicht ich hoble mir das Herz ab.
Dieser Ausdruck, der ihm, wie man deutlich sah entfuhr, schlug ihn nieder. Er verlor Spannung und Kraft. Das Handwerkzeug entfiel ihm. Das Ruhrendste war immer, dass er sein Gesicht in ein Stuck seiner Schurze verhullte. Diess ist ein wohlhergebrachtes Zeichen der Traurigkeit. Wir verhullen uns, als ob wir der Welt entsagen und uns auf uns selbst einschranken wollten, als ob der Fall zu schwer ware, um ihn fassen selbst um ihn sehen zu konnen. Wahrlich dieser Vorgang hobelte nicht nur dem Sargtischler das Herz ab ich war, wie er, hin! Er schluchzte unter der Schurze! Freund! fing der Prediger an, man sieht und hort es ihm an, dass er beim Herrn Grafen das Sarghandwerk noch nicht ausgelernt. Es wird sich geben ist er denn nicht auch sterblich? Seine Mitarbeiter, die sich bis dahin nicht einen Augenblick abhalten lassen, kamen jetzt zusammen, als kamen sie zur Kirche. Einer nahm ihn an die Hand, ein anderer streichelt' ihm den Arm, ein dritter legte seinen Kopf auf seine Schulter, als ob er ihm Trost ins Ohr sagen wollte; der vierte, der unempfindlichste, wollt' ihm den Vorhang wegreissen. Unser Betrubter hielt die Schurze fest vors Gesicht. Dieser vierte schien es eben so gut zu meinen, wie die drei andern; allein wer den Menschen kennt, wird es finden, was fur eine grausame Beschamung es fur unsern Weinenden gewesen ware, wenn er uns alle ins Gesicht bekommen hatte. Der Mensch scheint sich in dergleichen Fallen zu schamen, dass so viele Leute gefasst sind, nur er nicht. Ueberhaupt sieht man selten den Troster an, es ware denn, dass viele Trostbedurftige zusammen sind; dann ubertragt einer den andern in Rucksicht dieser Beschamung. Der vierte riss wirklich endlich die Schurze herab wie konnte der Traurige lange widerstehen? Schmerz macht schwach. Unser Weinender machte indessen die Augen ganz dicht zu, und da stand er jammerlich. Der erste nahm dem vierten die Schurze aus der Hand und gab sie dem Weinenden wieder. In dieser Handlung traf uns der Graf, dem des Predigers und meine Ankunft gemeldet war! Alles blieb, wie es da stand. Niemand kam dieses Ueberfalls wegen aus seiner Stellung. Niemand schlich sich an seine Werkstatte, alles schien an Ort und Stelle, selbst unser Betrubter nicht ausgenommen, der Mittelpunkt dieser Scene. Was da? fragte der Graf, nachdem er den Prediger und mich mit einem guten Morgen begrusst oder beherzigt hatte. Der Prediger nahm das Wort: F e r d i n a n d hat den Einwohner des Hauses sterben gesehen, das er baut! Nun, sagte der Graf, Fassung, Ferdinand! Begrab' ich denn nicht alle, die ich sterben sehe? Leim' ich nicht hier und da selbst ein Leistchen an den Sarg? Der junge Mensch, der hier einziehen soll, hatte ein frommes, gutes, edles, warmes Madchen, das ihm starb. Sie starb und er ihr nach. Gott, in deine Hande befehl' ich meinen Geist, dacht' ich tief im Herzen. Der junge Mensch hatte eine M i n e , fuhr ich fort im Herzen zu denken, und war froh, dass Gram und Kummer wegen verungluckter Liebe so lang' am Herzen nagten, bis es durch und durch ist, bis man nachstirbt. Mein Auge sah gen Himmel starr. Ha, sagte der Graf, der mich bei der Hand nahm, da haben wir's. Gelt! wenn Sie einen Sarg fur diesen Jungling machen sollten? Gern, griff ich ein, sehr gern. Das glaub' ich, erwiederte der Graf. Sie wurden nicht weinen und heulen. Nein, sagt' ich, ich wurd' es nicht nicht einen einzigen Thranentropfen, nicht einen. Das glaub' ich, erwiederte der Graf, der stirbt gern, sehr gern, den diese Welt nicht entschadigen kann, es sey in Wirklichkeit oder in Einbildung. So hab' ich einen jungen Menschen gekannt, der mit Freuden dem Tode entgegenging, weil er die Zierde seines Haupts, seine Haare verlor. Er hatte sie so schon wie Absalon; allein eben so leicht, wenn er's bedacht hatte, eben so leicht wie Absalon, hatt' er an einer Eiche hangen bleiben konnen. Eine Krankheit raubte ihm diese Zierde, gegen die ihm der Tod wie gar nichts schien. Er erholte sich zusehends. Kein vernunftiger Arzt entdeckt dem Patienten die erste Erholungsspur. Diess wurde heissen, auf dem Richtplatze Pardon ertheilen. Alle Affekte sind schon an sich dem Menschen schadlich, Freude so gut als Leid. Ein Stuck von Fieber ist immer dabei, und wer ist wohl zu solchen plotzlichen Uebergangen aufgelegt? Nun war unser Absalon so weit in der Besserung gediehen, dass er sich nicht mehr auf dem Richtplatze befand, und nun kam der Arzt mit der frohen Nachricht, dass er und der Tod geschiedene Leute waren. Leben ist ein frohes Wort! ich setze ewig dazu, wenn ich mich freuen soll. Bei den meisten Leuten ist das Wort leben schon genug.
Froh blickte unser Kranker auf, und sein Haupthaar war das erste, mit dem er sich befreuen wollte. Er war mit ihm am mehrsten verwandt allein es war dahin, und siehe da, er wollte nicht leben. Man hatte ihn zu voreilig versichert, dass seine Haare entweder nie wieder, oder wenigstens sehr spat, aufgehen wurden, und wie konnt' er leben? Er hatte, wie Simson, seine Starke in den Haaren. Man nannte ihm Volker alter und neuer Zeit, die sich zur Zierde der Haare entausserten; allein nichts er ward krank und starb so ruhig, als wenn ihm im Tode die Haare wieder wachsen wurden! Du armer Absalon! Bist du denn in keinem Gebeinhaus gewesen? Hast du denn keinen gebleichten Schadel gesehen? Ich nenne so etwas auf Gottes Bleiche liegen, sagte der Graf im vertraulichen Lehrton, in den er oft fiel! und wahrlich! wir werden durch den Tod ausgewaschen. Wenn ich einen alten Mann, ich sage mit Fleiss alten Mann, mit einer Glatze, mit einem Todtenkopf sehe, denk' ich, der Mann ist schon dem Himmel naher als ich. Wie gefallt ihnen die Geschichte von Absalon, der wahrlich an den Haaren starb? O Freunde! Nicht wahr, von vielen, von vielen Sterbenden kann man sagen, sie bleiben an einer Eiche hangen? Nicht wahr, Gevatter Prediger?
Bis dahin hort' ich den Grafen mit Vergnugen; da er aber zur Nutzanwendung uberging und mir ganz zu verstehen gab, dass Minens Verlust von der namlichen Art ware, ward ich uber diese Kalte, uber diese Todeskalte des Grafen, wegen meines unersetzlichen Verlustes ungehalten. Es schicken sich wenig Leute, dacht' ich, zur Nutzanwendung. Ich wandte mich zu unserm W e i n e n d e n und H e u l e n d e n , und verlangte den Uebergang von der Geschichte des eben Verstorbenen zu dem Herzen des Sargtischlers Dieser Weg, dacht' ich, muss sehr gerade gehen. Der junge Mensch, fiel der Graf ein, hat ein Madchen, die ihm seine Eltern verweigern, weil sie reich sind. Ihre Eltern sind reicher als wir alle sie sind todt. Er hat nicht nothig in meiner Werkstube zu seyn; allein er arbeitet fur Protektion, er glaubt, mein Furwort konnte hinreichend seyn, seine Eltern zu bequemen. Und wenn das nicht, fuhr ich fort, so haben der Herr Graf Mittel und Wege, das arme Madchen zu bereichern, und hier gleich und gleich zu machen. Ha, dacht' ich, das ist fur deine Kalte, Hochgeborner Herr. Anwendung fur Anwendung. Schon recht, junger Mann, erwiederte der Graf; allein wenn ich die Vorurtheile der Eltern befriedigen sollte, hatt' ich dann fur die Ewigkeit gesaet? Wahrlich, ich hatt' auf Fleisch und nicht auf den Geist gesaet und am Ende, wenn ich jedes Madchen bereichern sollte? Ich argerte mich, und vorzuglich, weil der Mann bei seiner Todeskalte wieder Recht hatte. So ist, glaub' ich, das Recht uberall. Man fasst Eis, man fasst den Tod an, nicht das rechte Recht ist so kalt, sondern das Weltrecht, mit dem man so selten zufrieden ist, dass man fast lieber Unrecht wunscht, um wenigstens laut schelten zu konnen. Das Weltrecht ist aus dem Codice genommen, der todt an ihm selber ist. Das rechte Recht aus dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt. Ein haarkleiner Unterschied aus der Ursache, nicht aus der Wirkung, wie andert er die Sache! Casus in terminis. Welch ein dummdreistes Kunstwort! Ist euch, ihr hochverordneten Rechtskauer, das Principium indiscernibilium denn ganz und gar unbekannt, und, um euren Collegen ein lehrreiches Exempel darzustellen, einen wirklichen casum in terminis, thut der Arzt nicht wenigstens, als ob er dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt, nach dem Leben, nach dem Puls fasst, obgleich auch er nach dem Corpore Juris Hippocratesiano sein Urtheil formt?
Der Graf setzte diese Unterredung, ohne dass ich es ihm nahe legte, fort. Ich hoffe, sagte er, die Eltern des Weinenden und Heulenden weichherzig zu machen, und dann hab' ich alles aus der ersten Hand; wenn ich sie ausstatten sollte, hatt' ich's aus der zweiten, wo nicht gar dritten. Die erste Hand ist mir immer die beste und sicherste. Ich liebe, fuhr der Graf fort, Heirathen zu stiften; denn wo wurd' ich sonst Gelegenheit zu Sargen vorfinden? Dieser Sonnenschein, den der Graf auf unsern Weinenden (ein Heulender zu seyn, hatt' er ohnedem schon aufgehort) schiessen liess, trocknete seine Thranen, er hobelte weiter, ohne seinem Herzen mit seinem Hobel zu nahe zu kommen, und ihm einen Gnadenstoss beizubringen.
Der Graf bat naher zu treten, und ich weiss auf Ehre nicht, ob es meinen Leser und Leserinnen angenehm seyn werde, naher zu kommen. Sie kennen den Grafen so gut, wie ich, und wissen so gut wie ich, dass ich sie nicht nach Arkadien begleiten werde. Der Graf wurde in Egypten zu der Zeit recht an Stell' und Ort gewesen seyn, da in jedem Hause ein Todter war, und was noch mehr ist, die kernfrische Erstgeburt. Der Graf schien in seinen Todes-, Hor- und Sehsalen sehr tolerant. Es sterben Christen und gottglaubige Deisten bei mir, sagt' er. Wenn gleich ich, mit Gottes Hulfe, wie ein Christ zu sterben der festen Zuversicht lebe, so will ich doch mein Haus zum Sterbehaus und nicht zur Mordergrube machen, das heisst: ich will nicht Christen werben, und ehrlichen Heiden in meinem Obdach zum erbaulich-christlichen Ende Handgeld beibringen. Kein Jude hat mir noch das Vergnugen gemacht, in meinem Hause zu sterben. Mein Haus ist ihm unrein, obgleich er selbst so unsauber ist, dass ich ihn fur einen Cyniker halten wurde, wenn er nicht ein Jude ware. Ich habe zwar nach Anzahl der funf Bucher Mosis funf Juden sterben gesehen; allein bis auf einen nur sterben gehort, vier starben hebraisch, sie hatten den Tod auswendig gelernt, und beteten ihn so her, wie die Nonne den Psalter. Beim Amen weg waren sie. Den funften hab' ich observirt, dessen Aeusseres zwar judisch schien, sein Inwendiges aber war gottglaubig deistisch, und also gehort er eigentlich nicht in die Judengasse. Barba non facit Philosophum. Der Bart macht keinen Juden.
Wir kamen einen Sabbatherweg von unserer eigentlichen Strasse ab, und ich hatte Gelegenheit, von dem judischen Volke die Meinung meines Vaters anzubringen. Hat der gottliche Judenbekehrer diess Volk nicht einlenken konnen, musste er seinen Stab S a n f t zu den Heiden ubersetzen; warum wollen wir bei einem so schlechten Beispiel, das w i r den Juden in den meisten Christen darstellen, mehr erwarten? Des Herrn Reich wird kommen, der Tag, den Gott allein machen kann, einbrechen, da trotz des bartigen und unbartigen Gottesdienstes, e i n e Heerde und e i n Hirte seyn wird. Der gute Prediger aus L hatte viel uberhaupt, besonders aber wegen der Sunde wider den heiligen Geist dagegen, welche sich im eigentlichsten Originalverstande das stockblinde judische Volk, wie er versicherte, zu Schulden kommen lassen; indessen musste er die Juden fur Archivarii, fur Siegelbewahrer der christlichen Religion, anerkennen, und der Graf lenkte mit dem Umstande ein, dass er die vier hebraisch gestorbenen umgekehrt in das Buch der Sterbenslaufe eingetragen. Der funfte stand in einer Reihe mit den Gottglaubigen. Ich habe, sagte der Graf, alles nach Ortsumstanden und Gelegenheit eingerichtet, und zwei Klassen gemacht. Hier zu meiner Rechten Christen, zu meiner Linken Gottglaubige. Muhamedaner gehen diese Strasse nicht; warum also? Hier ist noch ein Simultanstubchen, wo Socinianer, Pelagianer, Semipelagianer, Berliner und Semiberliner (wie der Prediger in die neueste Ketzerei nennet) bleiben konnen. Es sind indessen nur zwei Socinianer hier unsanft entschlafen; die meisten haben sich zu einer der grossten Klassen ohne meine Mitwirkung bekehret und sind auf Prima oder Sekunda, ober zur Rechten oder Linken gestorben. Ich selbst bin ein Christ, mache mir eine Ehre daraus, und alle rechtschaffene Primaner erkennen mich dafur.
Ha, fing der Graf wie aus einer frischen Champagner-Bouteille an: meine Mode ist vielen ein Geruch des Todes zum Tode. Sie spotten mein und belegen mich mit apokryphischen Schandnamen. Es sey also, ich achte alles fur Schaden gegen diese uberschwengliche Erkenntniss; Sterben ist mein Gewinn; ich schatze mich selbst noch nicht, dass ich's ergriffen hatte. Eins aber sag' ich, ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vornen ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziele, nach dem Kleinod. Zwar laugne ich nicht, dass die Kranken- und Todeswarter auch Trager von je her eben nicht in grossem Ansehen gestanden, und dass schwerlich, so lange die Welt steht, ein des heiligen Romischen Reichs Graf und Herr sich damit beschaftigt haben durfte, aber dafur hab' ich auch die Ehre, der erste in dieser Art zu seyn. Es ist wahrlich ein Stuck von Adam in seiner paradiesischen Pracht und Herrlichkeit, wenn man auf einem Wege der erste ist! Es liegt etwas Gottliches darin. Zwar wenn vom Stammbaum die Rede ware, fing der Graf in einem hochgebornen Ton an, mocht' ich sehen, wer einen entferntern erstern hatte, als unser Haus. Ich nehm' aber meinen ersten im andern Sinn. Auch der letzte ist mir ehrenwerth. Der letzte zu seyn ist zwei Drittel weniger kostlich, indessen besser als alle, die vor sind, bis auf den hohen ersten. Adam und Eva wurden nicht geboren, und die den jungsten Tag erleben, werden nicht sterben. Ich mocht' ihn schon nicht erleben, den jungsten Tag, denn ich habe Lust abzuscheiden. Ich habe die Ehre den Tod zu kennen, und kann wohl sagen, dass ich ihn lieb habe, so lieb wie mein Leben und mehr.
Der Graf sprach dieses nicht im Ausforderungstone, sondern so kalt wie der Tod. Er hatte schon die Weise des Todes angenommen. Ich hatte, ihm seine obige Anwendung langst verziehen und war froh, einen solchen Sterbensmann kennen zu lernen. Ich mochte bei dem allen wissen, fing der Graf von frischem an, wie es zugehe, dass Leute, welche alsdann, wenn uns oft die besten Freunde untreu werden, uns zu Diensten stehen, so wenig geachtet wurden und noch werden. Die naturlichste Ursache, erwiederte ich, da der Graf wirklich inne hielt, weil der Mensch ohne Seele nicht viel ist. Es hinkt und stinkt mit ihm, pflegte meine Mutter zu sagen. Da es nun endlich mit uns allzusammen auch einmal hinken und stinken wird, so scheint das Leichenbegangniss, woran alles ohne Anstoss, ohne capitis diminutio Theil nimmt, eingefuhrt zu seyn, welches bei allen gesitteten Personen von jeher ublich gewesen. Hierdurch wollen wir unsere Entfernung von der Leiche, unsere Verachtung selbst gegen die, so ihr nahe blieben, rechtfertigen. Wir treten der Leiche naher. Man nennt diess die letzte Ehre, den letzten Liebesdienst, weil die Seele nicht mehr gegenwartig ist, da der Erdenkloss zum letztenmal nach seinem in der Welt behaupteten Menschenwerth und Rang behandelt wird. Ich will mich hier nicht anfuhren, denn ware es moglich gewesen, mit Minen auch ohne lebendigen Othem zu leben und zu seyn gern! Der Graf, dem dieser Seufzer unangenehm schien, half mir wieder in die Rede, wie folgt:
Ich laugne es nicht, dass wir Menschen vielleicht bei dieser Gelegenheit eine Dosis Grossmuth rauchern wollen. Der Erbe zeiget, er habe, unerachtet der Erblasser nicht mehr da ist, noch Liebe fur ihn und mehr als fur den Nachlass. Der Sohn will die Pflicht der Erkenntlichkeit erfullen gegen den, der ihm sein Bild anhing, das auch noch im Tode nicht ohne ubereinstimmende Aehnlichkeit ist. Die Tochter will beweisen, dass sie eine tugendhafte Mutter gehabt, das heisst mit andern Worten, dass sie selbst tugendhaft sey. Mine weinte bei dem Grabe ihrer Mutter meinet- und ihrer Mutter wegen. Dem Grafen war dieser Eingriff wieder nicht am rechten Orte, denn ich konnte den Namen Mine, der mir mehr als alle Namen ist, nicht aussprechen, ich kann es noch nicht, ohne aus dem Concept zu kommen. Diessmal half der Graf mir ein. Das alles laugne ich nicht, indessen bin ich der lebendigen Zuversicht, dass, weil alle Nationen so einstimmig in puncto puncti sind, es sey die Nachexistenz der Seele die Ursache dieses Hebens und Tragens, das man mit ihrer Hulle vornimmt. Man ehrt sie im Korper, so wie den Mann im Bilde, und will das, was ein Geist getragen hat, in einer Ehrenruftkammer aufhangen, so wie man Harnische in der Kirche aufhangt, obgleich sie nicht alle wider die Turken gebraucht worden. Man will das an andern thun, was man selbst an sich zu seiner Zeit gethan wissen will. Man furchtet ein schlechtes Compliment in der andern Welt, wenn man gegen den Entseelten diese Pflichten versaumt hat. Wahrlich, es liegt sehr was Menschliches in dem Begrabniss, und ich bin ihm sehr gut sehr. Der Graf konnte nicht umhin mich herzlich zu umarmen, mehr konnte er nicht.
Die Fluche, womit man in alten Zeiten diejenigen bedrohte, die Hand an die Todtenhauser legen wurden, wie sehr beweisen sie den Werth, den man auf Staub, Erde und Asche legt! Wer diess Grabmal stort, soll die Seinigen all' uberleben. Schrecklicher Fluch! Er ruhet auf mir, sagte der Graf. Ich lenkte ab und sagte einen Fluch anderer Art: den sollen die Manes sauer ansehen! Ist das nicht schrecklicher als wenn es an den Wegen heisst: wer hier Tabak raucht, soll sechs Jahr in die Festung! denn diess heisst mutatis mutandis, soll ihn sechs Jahr in der Festung rauchen. Diess Wort, zu seiner Zeit oder Unzeit, munterte den Grafen auf, der wider Denken und Vermuthen eine Empfindung uber den Umstand merken liess, dass er auf dem Staube aller Seinigen stunde.
Man hatte zu aller Zeit Familienbegrabnisse, Familiengewolbe, Hypogaa, wo jeder sein Kammerlein besass, jeder Topf sein Platzchen und seine Apotheker-Etikette!
Recht, sagte der Graf, die Urnen und Grabhauser verrathen indessen viel Geschmack. Man findet in diesen galanten Zeiten Tassen, fugte er hinzu, Potpourris, was weiss ich mehr, auf diese Weise, und manches Weibsbild sollte nur wissen, woraus es trinkt, woraus es Geruch ziehet, sie wurde
Dass ich, fuhr der Graf fort, meine Tassen in der Art habe, ist kein Wunder; da ich indessen ein Christ bin, habe ich was Christliches dabei angebracht, ein Kreuz. Ich bin kein Heide, sehender oder blinder! Heide ist Heide! Nicht wahr, Gevatter Prediger?
Der Gevatter Prediger, der des Grafen Toleranz kannte, obgleich er auch wusste, wie achtchristlich der Graf sey, gab kein Wort darauf, sondern liess sich bei dieser Gelegenheit mit der Anmerkung horen, dass Seefahrer, wenn sie in Lebensgefahr gewesen, sich Kostbarkeiten um den Leib gebunden, und ein Gesuch, sie, wenn das Meer die Gnade haben wurde, sie auszuspeien, zur Erde zu bringen; denn der Mensch ist Erde und muss zur Erde werden, setzte er hinzu. Hier sagte der Graf: Recht! Gevatter Prediger.
Ich fuhrte meinen Cornelius Nepos an, wegen des Cimons, dessen Leib der Herr Sohn Miltiades auslosen musste. Es macht Menschen Ehr' und Schande, dass sie einen menschlichen Leib fur ein Unterpfand ansehen konnen, sagte der Graf, und setzte wieder hinzu: Nicht wahr, Gevatter Prediger?
Wir konnten von der letzten Ehr' und letzten Schande nicht abkommen, die wir den Verstorbenen erwiesen. Die letzte Schande, sagten wir einstimmig, finge von dem Augenblick an, da alles sagt: Kalt, und daure bis zur Collocation, bis zur Ausstellung; hier finge sich die letzte Ehr' an, und gehe bis sich Gleich und Gleich gesellt hat, und Erde zu Erde gekommen. Bei uns zu Lande, bemerkte Gevatter Prediger, heben Trager von einiger Bedeutung die Bahre nicht auf, sondern schlechte Leute. Sie setzen sie auch nicht nieder. Da wieder Schand' und Ehre. Wer wird, fragte der Graf, der Albernheit das Wort nehmen, die sich beim Anputz der Leiche und bei dem BegrabnissLuxus zu offenbaren pflegt? Da begraben die Todten die Todten! Wir fielen auf die Todten- und Begrabnisslieder der Alten, die nicht so erbaulich waren, als: Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt; Ich bin ja Herr in deiner Macht, und das neue Todtenlied vom Jahr des Organisten in L
Wir danken Gott fur seine Gaben etc.
Die Todtenlieder der Alten waren weinerliche Lustgesange, sagte der Graf. Ernst und Scherz, wie ist es zu erklaren (das war das Wort, so der Graf suchte), wie ist's zu erklaren, dass so kluge Volker in diesem Stucke so unklug seyn konnten? Diese Gesange, diese Nanien, die Hanswurste und Gaukler, diese Klageweiber, die so lachen konnten, dass alle Welt es fur Weinen hielt, wie ist's in rerum natura, wie ist's erklarbar? Wie Lachen und Weinen zusammen!
Nachbild der Welt, sagt' ich, oder mein Vater.
Doch ich will bloss den Inhalt eines langen Gesprachs geben, sonst wurd' ich zu weitlaufig werden.
Dieses Leben, fing ich an, ist Lachen und Weinen. In einem Sack, setzte der Graf hinzu. Warum der Anstoss bei einem Universalwort, das fast in allen Sprachen ein und dasselbe bedeutet? Sack, sagt' ich dem Grafen nach, Dramas, weinerliche Lustspiele, wurden wahre naturlich-warme Lebensdarstellung seyn, wenn das Ende nicht lustig und der Anfang traurig ware. Links und rechts, bald so, bald anders musste es seyn, das war' ein Leben! Lust- und Trauerspiele waren dann Kunst-, jene Naturstucke; nicht wahr? fragte der bloss mit dem Kopfe, weil von Lust- und Trauerspielen die Rede war, auf die sich der Gevatter so wenig, als auf die weinerlichen Lustspiele, kunstgerecht verstand. Die Alten agirten beim Begrabniss das Leben, so wie sie bei allem, was ihnen gross, erbaulich, gottlich war agirten. Es lag vielleicht ein hoher Sinn in ihrer Begrabnissmethode, wo Lust und Unlust zusammen waren und wechselten, wunderlich. Sie lasen den wahren Lebenslauf des Verstorbenen ohne Tropen und Figuren. Ihre Begrabnisse waren Leichenpredigt, Leichengesang fur die so umher gingen. Seht da das Leben! seht! seht! fasst euch, wenn der Tod es fordert. Lasst Leben und Tod aus einem Stuck seyn, und soll Leben und Tod als etwas verschiedenes angesehen werden, macht, dass der Deckel zum Gefass passe. Das beste ist, so sterben, als man lebt. Der wirklich Traurige, wenn ja ein Pickelharing ihn aus der Fassung bringt und ihm ein Lachen bereitet, welch ein bitterer Vorwurf folgt darauf! Die Freude der Welt wirket den Tod! Das Leben ist so etwas Niedrigkomisches, dass es jedem klugen Mann ekelt zu leben. Alle Todte haben Ernst in ihren Gesichtszugen. In der andern Welt wird vielleicht das Lachen kein solch' Hauptstuck des Lebens seyn; da wird das Lachen werden theu'r! Diess und das konnte vielleicht ein Theil von dem hohen Sinn seyn, der in den Begrabnissen der Alten enthalten ist. Wir laugneten, dass dieser Sinn eben so hoch lage, indem jeder ziemlich leicht, und ohne auf Zehen dazu kommen konnte.
* * *
Wir ehren sehr Leute, die sich durch den Tod nicht aus dem Concept bringen lassen; freilich trifft ein gewisses gesetztes Wesen, das dem Tod entgegen kommt, mehr das Herz, wir schatzen auch Leute von dieser windstillen Art im Leben am meisten. Genau genommen ist nur der Umstand verehrungswerth, dass wir nicht stecken bleiben dass es so aussieht, als lebten wir in eins weg. Des Thomas Morus letzte Worte sahen wie Tischreden aus, und wahrlich, er starb wie ein Mann. Sobald, sagte der Graf, ich einen leichtsinnig sterben sehe, der so lebte sage man mir nichts uber den Leichtsinn; ich nehme dieses Wort im guten Sinn. Man konnte diesen Sinn, um ihn zu verstehen, auch Leichtsinn nennen. Noch hab' ich dergleichen Sterbende nicht gefunden. Denn Witz und Sinne sind in einem besondern geheimen Einverstandniss. B e v o r d i e F r a g e : w i e w i r s t a r b e n ? b e a n t w o r t e t w i r d , sagte Epaminondas, k a n n m a n n i c h t s a g e n , w e r v o n uns die meiste Achtung verdient. Niemand ist vor seinem Tode glucklich, niemand bei seinem Leben gross. Mensch, bedenke das Ende! Aber, fing der Graf an und wandte sich an mich, warum so viel Leid um unsere Todten? Sie gehen keinen Schritt vorwarts und werden vom Schmerz angehalten, sobald der Name Mine vorkommt. Ich habe viel aussere Trauer an mir, als da sind z.B. die Pleureusen an meinen Briefen und mich halt nichts an, und was eigentlich hieher gehort, h a t n i c h t s a n g e h a l t e n . Ist denn der Tod nicht bloss vorausgezogen? Er hast Extrapost genommen, wir gehen mit eigenen Pferden. Werden wir denn nicht zu ihm kommen? Je stiller der Durchgang, je besser! Ich fur meinen Theil liebe sehr die Reisen incognito, ohne Gerausch. Warum wollen wir denn nicht die lieben Unsrigen incognito sterben lassen? Wir sehen uns wieder. Ist in der Welt eine Lucke durch unsern Freund, durch unsere Geliebte worden? Fehlt denn ein anderer? Ist Alexander selbst in der Welt vermisst, der doch wohl unstreitig ein Weltmann war? Haben Sie, mein Kind, in Curland gewusst, dass ich Frau und Kinder verloren? Lasst uns doch nicht vergessen, dass wir in der Welt und nicht in der Familie sind. Das war ungefahr, was der Graf und der Prediger mir ans Herz legten. Hier ist der Extrakt meiner Exception.
Der Zeit kann und muss nichts vorgreifen; nicht Religion, nicht Weisheit. Sie leidet es nicht, und nur sie kann den Schmerz, den allergerechtesten Schmerz, lindern. Zeit und Ewigkeit liegen nicht so von einander wie Konigsberg von Paris, wo ich Extrapost und langsam fahren kann. Die Idee, den Freund, die Geliebte siehst du nicht mehr, so ganz erdenganz, wie sie da waren; die Idee, der Leib, den du geliebt hast, dem du so gut gewesen bist, ist Asche! ist Staub! O liebster Graf! das brennt wie Nesseln an die Seele. Wir betrauern nicht die Seele, sondern den Leib, weil er Fleisch von unserm Fleisch ist.
Wenn noch ja eine kunstliche Storung im Schmerz angenehm ware, wurd' es die seyn, wenn man hohe Achtung fur jemand hat, und sich gerade halten muss. Der Schmerz geht krumm und sehr gebuckt. Durch diesen Zwang kommt man zuweilen der Zeit vor; allein oft ruht sie sich. Es kommen Recidive! Sich Gott, das ist, sich der Zeit uberlassen, das, hoff' ich, wird meine Wunde heilen. Es kann Linderung geben, wenn man aus Schmerz die Binde wegreisst; allein die Wunde wird gefahrlicher durch diesen Aufriss. Man lasse der Natur ihren Lauf; sonst ist's Unnatur. Die Alten erzurnten sich zuweilen mit den Gottern uber einen Todesfall. Sie schimpften, sie warfen die Bilder der Hausgotter auf die Strasse und wollten nicht mehr so unerkenntlichen Gottern ein Obdach verstatten. Es ist Schmerzensnatur, so etwas auslaufen lassen und nichts bringt so sehr zu sich, als dergleichen Excess. Ein ganz stiller Schmerz ist der gefahrlichste. Wenn er poltert, schlagt und stosst, legt sich der Sturm und es wird bald stille. Strenge Herren regieren nicht lange!
Der gute Prediger, der oft zuruckgeblieben, wollte bei dieser Gelegenheit voraus, und eilte uns mit der Anzeige nach, dass Alexander der Grosse, als ihm sein Jonathan Hephastion starb, sogar die Stadtmauern kurz und klein gemacht, um eben hierdurch Trauer zu tragen um seinen Todten.
Dass man sich die Haare abschnitt, um seine Trauer an den Tag zu legen, find' ich nicht unrecht, sagte der Graf. Man will auch was von sich verlieren, man will dem Verstorbenen etwas mitgeben. Ich dacht' an Minens Locke, die ich an meinem Busen befestigt hatte, und gern hatt' ich jetzt eine von mir Minen ins Grab gegeben, wenn es nicht zu spat gewesen. Wie viel Sterbensart kann man von einem Mann wie der Graf lernen!
Ich komme wieder ins vorige Extractsgeleise. Die Haare ausraufen, ist von jeher als ein Zeichen der Traurigkeit angenommen worden. Wer gen Himmel betrubt sehen kann, fordert der nicht fast Gott heraus, thut der nicht mehr, als die Hausgotter ausfegen? und doch halt' ich ihn fur einen bessern Menschen als den, der dem lieben Gott was vorliebaugelt, und im Herzen gallenbitter auf ihn ist. Der Pharisaer! Ich glaube, der liebe Gott sieht's recht gern, dass wir Menschen sind, dass wir das Herz haben, es zu seyn! Es ist ein lieber, guter Gott!
Dem Grafen war es eine Besonderheit, dass man zu alten und neuen Zeiten Menschen zur Gruft von andern Menschen tragen lassen und lasst, und dass auch hierbei, nach Bewandtniss der Leiche, bald viel, bald wenig Trager genommen werden, obgleich diess mit zur letzten Ehre gereicht, von der oben gehandelt worden. Leitet man nicht den, der nicht gehen kann? sagt' ich, und um auf die letzte Ehre einzulenken: Trager sind die Livreebedienten des Todten. Sollte man nicht beim Begrabniss Ewigkeit spielen, und diess Verwesliche nach dem Unverweslichen stimmen? erwiederte der Graf. Und der Hammer? fragt' ich. Sollte, fuhr der Graf fort, und nun waren wir im
Saale.
Was seither vorfiel, war gehenden Fusses, war auf der Treppe. Man sieht ihm die Stufen an. Erschrekken, pflegte mein Vater zu sagen, ist die Goldwage fur Manner. Wir konnen erhaben und pobelhaft erschrecken. Die Weiber erschrecken bald, und, was noch mehr ist, nach einer und zwar bekannten Melodie. Sie erschrecken schon, wenn man will. Um alles in der Welt wunscht' ich mir keine Frau, die nicht leicht erschrake. Schamrothe und Erschrecken liegt bei ihnen in einem Bezirk. Eins borgt vom andern; beides kleidet das schone Geschlecht. Es ist extra fein Postpapier, wo alles durchschlagt.
Konnt' ich meine Leser und Leserinnen doch in den Saal selbst und weiter einfuhren! Konnt' ich's doch! Todespracht uberall! Wahrlich Todespracht. Mir war's oft, als hort' ich einen dumpfen Ton: Mensch, du musst sterben! Ware mir diese Botschaft weniger fremd in meiner damaligen Lage gewesen; ich ware mehr zuruckgefallen. Ich weiss nicht, ob meinen Lesern die Geschichte des Belsazars beiwohnt, der eine Hand an der Wand schreiben sah. Solch eine Hand an die Wand schreiben zu sehen
Was ich erzahlen kann und werde, o! wie gar nichts gegen das, was ich sah nichts
Den Saal, fing der Graf an, haben die Weltlichen, so nenn' ich die Gottglaubigen, in Beziehung der Christen, die ich in dieser schnurgeraden Linie Geistliche heisse. Verzeihung, Gevatter, sagte der Graf, indem er zum Prediger sich wandte, der tief in Gedanken darniederlag und unfehlbar mit dem Verleger wegen der zweiten Auflage im Streit war. Gern, erwiederte der Prediger. Das Wort g e r n war immer seine Antwort, wenn Verzeihung die Frage war, er mochte wachen oder traumen. Christen, fuhr der Graf fort, sind allzumal geistliche Priester! Ja wohl, erwiederte der Prediger. Der Geistliche konnte den Verleger nicht los werden. Der Graf fuhr weiter fort
Ob nun gleich Christus, der Erzpriester, kein Altarredner und Kanzelprediger war, sondern statt auf die Kanzel auf einen Berg stieg, wo er eine Predigt hielt, die er drucken lassen; der Prediger, wie aus der Pistole: Von der Sunde wider den heiligen Geist. Ei, Freund! fiel der Graf ein: in der Bergpredigt keine Sylbe von der Sunde wider den heiligen Geist. Matth. Kap. 5. versetzte der Prediger. Recht! endigte der Graf, der wahrend der Zeit das O b n u n g l e i c h verloren hatte, so dass diese Periode ungerundet blieb. Christen, hub er von frischem an, verwandelten ihre Hohlen in Kapellen, bis Tempel daraus wurden; und warum nicht? Wohnt gleich Gott der Herr hier nicht ausschlussweise, wohnet er doch auch hier. Christus ging in den Tempel und nannt' ihn ein Bethaus, das man zur Mordergrube gemacht hatte. Christen in die Kirche Gottglaubige in den Saal.
Wir billigten alle die Gewissenhaftigkeit, die Peinlichkeit des Grafen, der Christenthum von Heidenthum, selbst bis auf die Mobilien, trennte. Werden, fing ich wieder an, doch unsere christliche Helden in romischen Ornat gesteckt, wenn man sie aufhangen, aufstellen und also der Ewigkeit zubringen und, wenn ich so frei seyn darf, schon fur die Ewigkeit uber die Taufe halten will. Scheint es gleich uberhaupt, dass der Kleiderschnitt, den wir angenommen haben, nur ein Schlafrock ware, und dass, sobald wir zu Ehren gebeten werden, es romisch seyn musste, so ist es doch nicht recht und loblich!
Ich stelle, sagte der Graf, alles an seinen Ort. Wahrlich, dann wurde wenig zu lehren und zu lernen seyn, wenn alles so gestellt ware. Jetzt ist der Haufe bloss darum so hoch, weil alles, Gross und Klein, durcheinander geworfen ist. Wenn indessen, fing der Prediger in einer abzurundenden Periode, der gewiss nicht, wie des Grafen sein: O b e s n u n g l e i c h , in Stocken gerathen wird, an wenn indessen der Christ allen allerlei werden soll, und wenn Christus, der Herr, selbst sich beschneiden lassen und das Osterlamm gegessen; die Junger auch, obgleich sie Juden waren, am Sabbath Aehren zu lesen und Esel aus dem Brunnen zu ziehen von ihrem Meister die Erlaubniss erhielten; so darf doch der Christ kein so grosser Ceremonienmeister seyn. Ceremonialgesetz ist bei allen, selbst den geistigen Dingen; indessen sind wir in der christlichen Freiheit, wie es selbst bei unsern christlichen Ceremonien am Tag ist, denen ich indessen von Herzen gut bin. Der Christ hat den Geist von allen Religionen, das unsterbliche Wesen, so Christus durchs Evangelium ans Licht gebracht hat. Lasst uns also tolerant seyn, wie unser theurer Graf, der es ist, wenn er gleich Saal und Kirche unterscheidet. Und in allem, fuhr ich fort, dem Geist, dem Wesen nachspuren, bis ein Hirt und eine Heerde wird. Hosianna, gelobet sey diese Zeit, die da kommt im Namen des Herrn! Hosianna ihr in der Hohe! Das Christenthum, sagt' ich, ist die einfachste Religion auf Gottes weitem Erdboden, so wie der Geist einfach ist. Sie kann Korper annehmen, wie in der Schrift Engel Korper angenommen haben, und wie man von sehr guten Menschen, die gut wie Seelen sind, sagen konnte: sie hatten Korper angenommen. Freilich adoptirten Engel keine andere, als menschliche, als solche Korper, die sie im Griff hatten, die ihnen die nachsten waren. Die christliche Religion hat keinen Tempel, kein Haus, kein Obdach nothig, sondern uberall, wo Luft und Sonne ist, wo wir sind und weben, ist Gottes Stuhl, und die ihn anrufen, durfen nicht das Gesicht drehen und wenden. Gott ist uberall. Im Morgen und in Mitternacht. Wer recht thut, ist ihm angenehm. Diess war (obgleich es hohe mystische, nur wenigen verstehliche Toleranz ist) dem bloss gewohnlichen und fur's Haus toleranten Prediger so gefunden, dass er mit einer Dreistigkeit schloss, die dem Grafen ein wenig zu hart auffiel.
Ceremonien, sagt' er, sind des Herzens Hartigkeit wegen, und da, nach Ortsumstanden, die ersten, die besten!
Nicht also, lieber Gevatter, versetzte der Graf, etwas untolerant. Ceremonien, lieber Gevatter, sind Kleider der Sache. Kleiden denn alle Farben alle Gesichter? Es ist ein Aufputz, das Colorit das wahrlich seinen Meister erfordert. Wenn es also recht ware, mussten Christen christliche Ceremonien haben. Wie stimmet Christus mit Belial? hatt' ich bei einem Haar gesagt; allein Belial und ein Heide ist zweierlei. Die Folge dieses Spruchs passt besser. Was hat das Licht fur Gemeinschaft mit der Finsterniss?
Ich gestehe es gern, dass mein Auge dem Ohre viel abgewonnen; indessen kam die Sache endlich so zu stehen:
Es gibt ein blindheidnisches und ein gottesverehrendes, ein sehendes Heidenthum. Auch diese Sehenden sind von Christen unterschieden, so wie Saal von Kirche. Findet man Antiken, wo man einen unbekannten Gott drin siehet, einen Kunstler, der bei dieser Arbeit nicht auf's Sichtbare, sondern auf's Unsichtbare sah: Heil dem Kunstler! Und findet man einen Samariter mit Oel und Wein er sey uns ehrenwerth und findet man genug.
Zu beiden Seiten der grossen Thure standen zwei Genien, deren jeder seine Fackel umgekehrt hatte und ins Kreuz auf eine Urne hielt. Zwei Sphinxe von beiden Seiten sahen zu.
In einem Felde waren zwei reissende Thiere, die nach einem Schmetterling haschten, der uber einer prachtigen Urne flog. Sie haschten; allein er entfloh.
In einem andern die Artemisia, mit einem Trank, kostlicher als die Perle der Cleopatra! Mannsasche. Zu einer Seite ein Kunstler mit dem Riss vom Mausoleum in der Hand, zur andern ein Dichter, der mit den Augen sang. Wie kann er anders auf der Wand?
Sodann allerlei Arten von Pyramiden, Mausoleen, Grabmalern, Urnen, Thranenflaschen. Ein Feld mit drei Parzen! Zu beiden Seiten solch Feld.
Endlich Himmel und Holle, der Alten drei Furien, der Tantalus, der heidnische reiche Mann, der mitten im Wasser steht und doch Gefahr lauft zu verdursten. Ein Rad, mit dem ein Verdammter ewig herumgetrieben wird. Das nenn' ich radern, sagte der Graf! Leidenschaft heisst diess Rad.
Ferner ein Leichenbrand, von Leuten angezundet, die ihre Gesichter abgewandt hatten. Eine Gebeinlese von Verwandten und die Collekte: S.T.T.L. sit tibi terra levis. Leicht sey dir die Erde drei, vier, funfmal angeschrieben.
Sodann ein Feld. Elysisch. Fruhling. Paradies. Ein Korper, diesem Klima gleich drei Grazien.
Endlich eine Art von Altar, oben ein Spiegel. Um den Spiegel die Aufschrift: d e m u n b e k a n n t e n Gott!
Diess, sagte der Graf, ist der Erbauungssaal derer, welche nur eine Offenbarung durch die Vernunft kennen, nur ein Licht, das den Tag regiert, ohne an das Licht, das die Nacht regiert, und die Sternenflur zu denken. Die Vernunft wird durch den Spiegel angedeutet, den man nur auf Zehen erreichen kann. Es muss ein Flugelmann seyn, der einen Blick hineinstehlen soll; und was sieht er? Ein klein Stuckchen Kopf! Er sieht sich, wenn er Gott sehen will. Bei allem dem bin ich kein Feind dieser Gottesverehrer, ich habe Kerls darunter sterben gesehen, besser wie Sokrates, ohne Hahn, ohne Todesangst. Kein Wunder, sie hatten das neue Testament unsers Herrn gelesen. Sie sollen einige sehen unter meinen Todtenkopfen, wo ich Christ- und Gottverehrer zusammen, wie es in allen Gebeinhausern Sitte ist, gestellt habe. Da ist nicht mehr Tempel und Saal.
Paulus kann unmoglich brunstiger den u n b e k a n n t e n G o t t e s a l t a r angesehen haben, als ich den des Grafen, geweiht den Menschen, die Gott nicht als Vater, sondern als Herrn, als Alleinherrscher, anschauen. Ist denn, dacht' ich, Gott den Christen bekannter? Wohnt er nicht in einem Lichte, wozu niemand kommen kann? Ist er nicht ein Wesen, das niemand gesehen hat und sehen kann? Der Gottverehrer indessen sieht sich selbst im Spiegel, der Christ sieht Christum, wenn beide Gott sehen wollen. Ihm, dem Vater aller Dinge, sey Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!
Wir gingen durch mancherlei Zimmer zur Kapelle; durch viel Trubsal, sagte der Graf, zum Reiche Gottes. Es waren ihrer dreimal sieben. Der Graf liebte diese Zahl sehr, er nannte sie eine Offenbarung-Johanniszahl, eine biblische Zahl, und hatte gewiss ein paar Zimmer (da wollt' ich drauf wetten) eingehen lassen oder mehr angebaut, um nur die Zahl sieben herauszubringen! Man lasse ihm doch die siebente Zahl! Meine Mutter pflegte zu sagen, jeder habe seine Zahl, die ihm am Herzen liege. Es war kein einziges unter allen siebenmal sieben Zimmern (so viel waren im Hause), in dem nicht Ende, Tod und Verwesung angeschrieben war! Alles mit grossen Buchstaben. Er war ein heiliger Vater, der die Bilder die Schrift der Einfalt nannte. Sie sind es; allein fur den Klugen sind sie Poesie. In dem Saal und sechs andern Zimmern gemeine Liebe, in den siebenmal sieben Zimmern weniger sieben die christliche. Sarge in den christlichen Zimmern ohne End' und Zahl. Wenn ich bei jedem dieser Sarge eine christliche Leichenpredigt halten und die Todeszimmer alle zusammen be- und umschreiben sollte, wurd' ich zu langweilig werden. Ein guter schneller Tod, ist er nicht der beste? Ich behalte mir vor, auf drei (auch eine heilige Zahl, eben so gut wie die sieben, vielleicht eine, die mir nach dem Ausdruck meiner Mutter am Herzen liegt, so wie meinem Vater die Zahl neun) Zimmer einen Accent zu legen und eile zur Kapelle. Es fuhrte ein finsterer Gang dahin; so wie oft ein schlechtes Gelaute zu einer schon gebauten Kirche einladet, sagte der Graf. Es konnten nur zwei gehen, so eng war der Gang, um den schmalen Weg zu parodiren. Von beiden Seiten kamen Aerme heraus, auf welchen, obgleich es hoch Tag war, dennoch Lichter brannten oder brennen mussten; denn hier war es ewig Nacht. Die Aerme schienen (so besonders waren sie) schnell herauszuwachsen, um den Wanderern auf dem finstern Wege zu leuchten! Auf einer Seite waren sechs Lichter, auf der andern funfe. Warum das? Dafur konnte der Graf nicht, dass die eine Abtheilung der Spruchstelle: Dein Wort ist meiner Fusse Leuchte, sechs, und die andere: Ein Licht auf meinem Wege, ganz richtig berechnet, funf und nicht weniger Worter hatte. Ueber jedem Lichte stand ein Wort, schon wie eine Dedication. Wurd' er mit dem Worte U n d auch einen Arm verehrt haben, so waren beide Seiten gleich gewesen. Das arme Wortlein U n d , ich hatt' es nicht verstossen, wenn ich der Graf gewesen ware. Es ist gemeinhin ein menschliches, liebes, gutherziges Wort, und ist seinen Arm werth. Der Graf aber sprach ihm die Gottlichkeit ab; wenn Gott spricht, ist's ohne U n d . In der Kapelle selbst hing ein Crucifix und der Schacher, den Christus ins Paradies mitnahm. Der sterbende Simeon, mit einer Friedensmiene im Gesicht, die entgegenrief: H e r r , n u n l a s s e s t d u d e i n e n D i e n e r i n F r i e d e n f a h r e n . Einige Apostel als Martyrer sterbend. In ihren Gesichtern lagen die Worte: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn; ob wir leben oder sterben, sind wir des Herrn. Hier stand auch in einem Behaltniss, von einem eisernen Gegitter eingeschlossen, des Grafen Sarg. Ruhrend war es mir anzuhoren, dass er alle Vierteljahr einmal drin schlief. Ich habe mich mit meinem Hause, sagt' er, so bekannt gemacht, dass ich alles im Griff habe. Die erste Zeit schwitzt' ich, als hatt' ich Bezoarpulver eingenommen; jetzt schlaf' ich, ohne einen einzigen Schweisstropfen, ruhig und sanft. Der Tod wird mir, das hoff' ich, nicht unbereitet kommen. Der Wappenzierrath war mir bei diesem Sarge unausstehlich. Es waren drei bemalte Pfeiler in der Kapelle, Weisheit, Starke, Schonheit, Glaube, Liebe, Hoffnung! drei Grazien drei Frauenzimmer, sagte d e r G r a f und ich: "Die Tugend selbst ist ein Frauenzimmer, das Laster ist eine Mannsperson." Ei! schrie der Graf, ei! der Prediger. Ich hatte Muhe die guten Herren zu uberzeugen, dass mein Vater wohl wusste, was er sprache. Man muss nur alles nehmen, wie es von Gott und Rechtswegen zu nehmen ist. Der Buchstab' ist todt, allein der Sinn ist lebendig. Ich blieb bei Wurden und Ehren, und das E i war vertilgt bis auf den letzten Buchstaben, welches um so leichter geschehen konnte, da es nur aus zweien besteht. Sonst versteht jeder, was Glaube, Liebe, Hoffnung sey, oder eigentlicher, wie sie gemalt werden; indessen hatte der Graf seinen eigenen Glauben, seine eigene Liebe, seine eigene Hoffnung.
Der Glaube war ein Madchen, das mit der rechten Hand gen Himmel mit einem Crucifix den Weg wies, in der linken Hand einen Kelch hatte, woraus es trank; mit dem einen Auge liess es die Bitterkeit des Tranks merken, mit dem andern aber himmelan, als sah' es den himmlischen V a t e r auf dem Haupte eine Krone mit Lorbeeren durchflochten. Es lag auf den Knien, das gute Kind. Oben standen die Worte: Ich glaube, Herr! hilf meinem Unglauben! G l a u b e war gross geschrieben und es war auch nothig, denn wer hatte sonst wohl wissen konnen, dass diess der Glaube sey? Es thut mir ordentlich leid, dass ich vergessen habe, mit welchem Auge der Glaube gen Himmel und mit welchem er in den Kelch der Bitterkeit sah, als wollt' er die Tropfen auszahlen. Kannst du sie zahlen, hiess es zu Abraham, da ihm die Milchstrasse am Himmel gewiesen und die Versicherung in forma probante behandigt ward: also soll auch dein Same seyn.
Die Liebe war eine junge, liebenswurdige Mutter (das schonste in der Natur), ein Kind an ihrer Brust, eins lag ihr auf der Schulter und kusste sie mit Inbrunst. Noch war ein Kind, dem sie drohend ihre rechte Hand reichte. O wie drohte sie! Allerliebst. Oben stand:
Starker als der Tod!
Die Liebe ist sehr beschaftigt! sagte der Graf. Sie hat alle Hande voll, die wird wohl jeder kennen!
Die Hoffnung war eine Gesegnete, eine der Entbindung nahe. Das Kind sprang ihr im Leibe, wie der Elisabeth, und doch sah man ihr einigen Kummer an. Sie zahlte die Monden. Sie hatte sich auf einen Anker gelehnt. Sie lag fast ganz darauf. In der einen Hand hatte sie ein postfliegendes Noataubchen. Den Kopf hielt sie in die Hohe, als ob sie wissen wollte, wie weit von ihr zur Erfullung ware, vom Ja zum Amen. Die Augen, das merkte man, konnte sie nicht in die Hohe bringen, sie wollte
Es standen die Worte herum: Hoffnung lasst nicht zu Schanden werden! H o f f n u n g gross.
Der Prediger war ein Musikus, und da ihm der Graf das kleine Positivchen zuwies, zog er den Tremulanten, den Hauptzug an diesem Werklein und spielte: Was willst du, armes Leben?
Beim Herausgehen wurde mir ein Buch in die Hand gegeben, das die Aufschrift fuhrte:
"Namen derer, die in dieser Kapelle gewesen, die,
da sie schrieben, waren, und eh' sich das Blatt um
kehrt, nicht mehr sind. Ihre Namen mogen ge
schrieben seyn ins Buch des Lebens! Amen."
Herzlich freut' ich mich, dass ich meinen Namen beinahe am Ende schrieb, so dass das Blatt bald umgekehrt werden musste b a l d ! Es ergriff mich ein Schauer und es war, als hort' ich Minen sauseln: bald!
Der Graf bewohnte sieben Zimmer, wo er und sein Bruder Feuer und Herd hatten. Des Grafen Bette war ein formliches Gewolbe. Lazarus, unser Freund, schlaft, sagt' er zu mir, da er es mir zeigte. Sein Bruder gab ihm nichts nach, nur dass auch hier das grafliche Wappen eine Scheidewand machte. Der Graf, der sehr in die Urnenfacons verliebt war, hatte in seinen sieben Leibzimmern christliche Urnen, wo er wirklich christliche Todtenknochen unter wohlriechende Dinge gelegt und aufbewahrte.
Bei Gelegenheit, dass uns der Graf in seinen sieben Leibzimmern herumfuhrte, war er nicht etwa stumm, sondern so beredt, als nur irgend jemand seyn kann. Wir setzten unsere Gesprache, des Sehens unerachtet, ohne Zeitverlust fort. Man sieht noch einmal so gut, wenn man drein spricht, wenn man sagt, was man sieht. Das Horen leidet Abbruch, wenn man recht von Herzen sieht. Wir sprachen uber das, was wir sahen und uber vieles, was wir nicht sahen. Meine Leser werden keine Muhe haben zu wissen, was jedem aus unserm Kleeblatt, aus diesem Spiritus oder wie es sonst heisst, eignet, zugehort und gebuhrt. Die Griechen, sagte der Graf, hatten die Gewohnheit, einen Zweig an die Thur zu stecken, wo ein Todringer lag, wie ungefahr hier, wo Bier feil ist. Ich behalte diese Gewohnheit auch bei. Ueber jede Thur in meinem Sterbehause, wo gestorben wird, ist ein Reis als ein Siegeszeichen angesteckt; warum ich aber an einem Sterbenden nicht genug habe, geschieht nicht sowohl meinet- als der Sterbenden wegen. Man hat sich gewaltiglich uber den Gebrauch der Alten gewundert, dass man bei der Leiche anderer viele Leichen machte, um dem Gott des Todes den Mund zu stopfen und den Charon auf einen Tag in solchen Schweiss zu setzen, dass er fast selbst gestorben ware. Man hat, dunkt mich, Ursache sich zu wundern. Soviel ist aber gewiss, dass es weit angenehmer ist, in Gesellschaft zu sterben als in Gesellschaft zu leben. Der grosste Theil der Menschen stirbt eben darum so schwer, weil er alles verlassen muss und weil ihn alles verlasst, weil er so sehr allein bleibt. Ein schweres Wort a l l e i n . Der Mensch ist ein geselliges Thier. Der Sterbende hat selbst so oft und viel in seinem Leben derer, die starben, vergessen, als dass er auf die Ehre eines langern Andenkens rechnen sollte. Wenn er aber mit dem Cirkel, in dem er leibte und lebte, in einem stirbt, wie trostet diess? Auch wenn ihm die andere Welt und die Wiederkunft der Guten und Bosen ein unauflosliches Rathsel bleibt, gibt ihm dieser Gedanke einige Ruhe und welch eine Seelenruhe, wenn er mit ihnen, sowie er hier lebte, dort wieder lebt! Da denkt denn der Reiche, er werde unter seinen mit ihm zusammen gestorbenen Schuldnern noch immer der Glaubiger bleiben. Die Leute werden sich doch schamen, ihn auf einen andern Fuss zu nehmen, da sie ihm die Zinsen ohnedem acht Tage nach der Verfallstunde berichtigt, welches aufs Jahr schon etwas betragt. Da denkt der Herr, wenn er mit seinen Bedienten zusammen stirbt, die Menschen werden doch Lebensart verstehen. Ich, sagte der Graf, ich selbst mochte mich nicht gern von meinem Bruder trennen. Darum, fuhr er fort, sind uns neue Freundschaften so verhasst, wenn wir in gewissen Jahren sind, im Fall die Freundschaftsparteien nicht jahregleich sind. Auf Ehre, liebe Sterbenscandidaten und Candidatinnen! wenn die Hohen und Reichen, die Augenlustigen und die vom hoffartigen Leben wussten, wie wohl es in dieser Rucksicht sich im Hospital sterben liesse, sturben viel drin, die sich jetzo wohlbedachtig genugen, Geld unter diese Armen auszuwerfen. Diese Armen besitzen oft mehr als alle Schatze der Welt; denn das Himmelreich ist ihrer! Darum vorzuglich glaub' ich, sagte der Graf, durch gute Gesellschaft meinen Sterbenden ihr Ende zu erleichtern und ihnen einen Dienst daran zu thun. Sie konnen jetzt die Zeit nicht abwarten, sie keuchen recht nach dem vorgesteckten Ziel und oft hab' ich gehort: Willst du mit? Ich bin bereit. So komm ich geh Gern! So komm doch! Gern! Nun? Hol' mich nach. So gern ich wollte, kann ich?
Wenn die grausame Gewohnheit der Alten, Leichen bei Leichen zu machen, in diese Ideen zum Theil einschluge? sagten wir alle drei, und thaten so als frugen wir's. Wir machten es wie die Redner und Schriftsteller, bei denen das Fragezeichen nicht ein Menschenhaar mehr bedeutet als gehorsamer Diener, unterthaniger Knecht und dergleichen siebenmal sieben Sachen mehr.
Selbst der Selbstmord wurde beim offenen Grabe noch am ersten aus der Natur des Menschen zu erklaren seyn, und es gehort ein eben so grosser Grad Lebensliebe dazu, als der grosse Menschentopfer uns mit eingeblasen, um diesen Grillen bei den offenen Grabern der lieben Unsrigen zu entkommen. Man dunkt sich ohne die Seinen verwaist in der weiten Welt, und ist man es nicht an diesem unempfindlichen, grossen Orte? Was ware das Leben, wenn man nicht noch den Cirkel der Seinen hatte, wo man noch das susse Echo seines Schmerzes, seiner Freude hort und eine Theilnehmung sieht, Liebe und Gegenliebe empfindet? Wer sich auf einem andern Wege als am offenen Grabe das Lebenslicht ausblast, bedenkt nicht, von wannen er kommt und wohin er fahrt. So ehrbar es manchem lasst, er ist doch mit seinem Kopf uber Bord. Ei, wenn es der Mensch in einem entsetzlichen, ubermenschlichen Schmerz thate? Gibt's ubermenschlichen? Exempel zwar, dass Menschen sich des Schmerzes halber umgebracht, ob's aber ubermenschlicher Schmerz war, bleibt Frage. So viel ist auffallend, dass der Leib, der, wenn er todt ist, da liegt wie ein Stuck abgehauenes Holz, unmoglich dem Schmerz ausgesetzt seyn konne, den er im Leben empfand, und wenn also ein Leidender seine Seele Gott befiehlt und seinem ihn plagenden Leibe einen Streich spielt oder dem armen Schelm eine Wohlthat erweist, so liesse sich daruber reden, mehr aber auch schwerlich; denn ein solcher Selbstmorder kommt aus dem Text der Natur. Wie selten sind indessen Exempel von Leuten, die aus Schmerz sich ins Leben greifen, in ein zweischneidendes Schwert fassen; denn Leute, die dem Tode recht ehrlich trotzen konnen, o, die trotzen auch dem Leben.
Ei, wenn der Mensch alles vollendet hatte? Wenn ihm die Zeit mit Recht lang wurde? Alles vollendet, Lieber, alles! Wenn wir gethan haben, was wir zu thun schuldig waren, sind wir dann mehr als unnutze Knechte? Wer hat aber alles vollbracht? Wem wird die Zeit auf eine weise Art zu lange?
Jener Freigelassene der Agrippina, der sich bei dem Scheiterhaufen seiner Gonnerin (um ihr Ehrenbette nicht zu beflecken) erwach. Viel Erkenntlichkeit, wenn sie ihm bloss Schutzgottin war! Doch solche Erkenntlichkeit haben noch mehr bewiesen. Weiber, Freigewordene, selbst Hunde und andere Thiere, die sonst nicht so treu befunden werden.
Sehen und Horen, ich habe es, glaub' ich, schon sonst wo gesagt, vertragen sich mit einander wie Halbgeschwister. Ich gestehe es sehr gern, viel, sehr viel von dem Gerede des Grafen verloren zu haben, und das ist Schade! Der Graf, der in andern Fachern eben keine grosse Kenntnisse bewies, war unerschopflich in den Sterbenswissenschaften. Da hatte er gedacht und gelesen. Da konnte er mit dem Gelehrtesten schon eins anbinden. Ich wundere mich noch, dass er bis auf die Terminologien, die eben seine Sache nicht waren, den Tod in allen Zeiten, in allen Zungen und Sprachen verstand. Sogar aus fremden Sprachen, die er nicht kannte, wusste er gewisse Worte, den Tod betreffend. Der Prediger konnte ihm in dieser Kunst auf sechs kaum das siebente antworten; indessen examinirte er nicht, wie es denn auch niemand thut, der dem andern sehr uberlegen ist. Wer wirklich weniger weiss, als der Initiandus, ist ein Inquisitor im Examen. Der Ueberlegene lehret nur, das heisst, er legt es alles zum Greifen nahe.
Ich erinnere mich meines Versprechens, meine Leser in drei Zimmer zu fuhren.
* * *
D a s e r s t e Z i m m e r soll das seyn, wo der Graf seine verstorbene nachste Familie hatte.
Es wird meinen Lesern noch im frischen Andenken seyn, dass ich bei dem seligen Ende des zweiten Theils der Lebenslaufe, da ich den besondern Mann, den Herrn Grafen, am dritten Ort zu prasentiren die Ehre hatte, zugleich anbrachte, wie er sehr traurige Schicksale uberlebt. Sieben Kinder, alle im Lenze des Lebens, waren ihm gestorben. Dieses Zimmer hiess Familienkabinet, und war den Schatten dieser sieben Seligen, dieser sieben Engel, die Gottes Angesicht sahen, gewidmet. Lange stand der Graf an, ob er diese heilige Seelenzahl verrucken und ihnen noch die beiden Brautigams der beiden als Braute gestorbenen Tochter, und die Braut des als Brautigam gestorbenen Sohnes, zugesellen sollte? Endlich Ja! weil seine Gemahlin schon uber sieben war. Die Zahl war also schon verdorben. Diess Familienkabinet enthielt diese lieben Todten, wie der Graf sie nannte, von denen immer eins dem andern die Hand gab und eins nach dem andern an den Reihen kam. Eines fordert das andere zum Todtentanz, zum Grabesgang auf. Viel Einheit der Zeit, alles starb in Zeit von drei Jahren. Ich kann eben nicht sagen, dass in diesem Trauerspiel griechischer Geschmack herrschte, indessen war viel Manns- und Vaterwarme da, viel Empfindung. Es waren zwei Thurstucke, das eine stellte G e n e s i n , das andere A p o c a l y p s i n vor. G e n e s i s war in Gestalt eines Menschen, A p o c a l y p s i s wie ein Engel gekleidet. In jenem sah man die Worte: Es ward in diesem das Offenbarungs-Johannis-Wort: Amen!
Die Seligen waren alle wie Geister gekleidet. Sie hatten weisse Kleider. Sie waren mit Korperchen umschlagen, mit einem leichten Gewande, mit dem Sterbehemde. Die Gesichter kenntlich, aber himmlisch. Wenn die jungen Grafen und der Brautigam nicht Hutkranze von weissen Federn auf ihren fliegenden Haaren gehabt, und ganz unvermerkt das grafliche Wappen nebst der Perlenkrone an ihrer Seite hervorgeschimmert hatte, so wurden die Geister mehr Geister gewesen seyn. Jetzt waren es grafliche Geister. Andere Welt! wenn du Fursten, Grafen, Freiherren, Ritter, Burger und Bauern hast! sind sie auch nur durch ein Wappen unterschieden, wie wenig bist du dann, andere Welt! wie wenig! Alles handelte in diesem Familienstuck. O, der unseligen Wappen und der weissen Federbusche! und der graflichen Krone!
Die Grafin Mutter hatte sieben Weinreben in der Hand, die alle sieben weinten, so dass die Thranen zusehends herabtraufelten; drunter gingen Vergissmeinnicht auf.
Zwei Sohne hatten Grabschaufeln in der Rechten, standen an einem aufgemachten Bette, wie der Graf es nannte, an einem fertigen Grabe, und besahen die Erde und sich, als wenn man sein Portrat und sich collationirt, um beizuzeichnen: concordare cum suo originali testor. Man sah, dass sie sich sagten: Staub von unserm Staub! Zwei Grafinnen, unschuldig wie Engel, bis auf die verfluchten Wappen. Wozu doch die Wappen? Zwei Grafinnen, wirkliche Engel, gossen jede eine Schale auf die aufgeworfene, zur Saat Gottes vorbereitete Erde.
Meine Mutter hatte das Taufwasser nicht feierlicher ausgiessen konnen, als diese Engel die Schalen.
Die beiden Braute mit herabhangenden, halbverwelkten Kranzen, Hand in Hand. Der eine Brautigam den rechten Arm in der linken Hand so aufgestutzt sieht er starr auf einen Fleck im blossen Kopf, wie der Graf sagte, das ist, auf nackte Erde. Wohin der Blick nur reichen kann, ist die Stelle kahl, ohne grun und gelb. Der andere neigte sich sanft zur Erde, die er kusst. Die Bewegung jenes Romers, da er seinem Vaterlande einen Kuss gab, ist nichts dagegen.
Der Sohn und seine Braut, oder Federn und Wappen, hielten eine mit Blumen durchflochtene Schnur. Sie zogen jedes sein Ende mit Macht, und siehe da, sie reisst und beide sind im Sinken. Zwei Tauben fliegen mit Oelzweigen uber der ganzen Gesellschaft. Und nun noch ein Engel ohne Sterbehemde, ohne schlafrocksmassig um den Geist hangendes, fliegendes Korperchen, ein Engel in einer noch angemessenern Uniform, in einem so Original-Engelgewande alles englisch an ihm; wie schon er in die Hohe sieht! wie schon! Es war der jungste, der Benjamin unter seinen Brudern. Wenn ich doch diese Uniform beschreiben konnte! Schade! er hat ein Ordensbandchen, worauf das lutherische Wort sieht: Vivit. Freilich mehr als pro gloria et patria.
Allein ein Ordensengel! O des Ordens, der Wappen, der Federbusche!
Das zweite Zimmer, mit dem Accent; ich gesteh' es, ich hatt' es fur mein Leben gern.
Lauter sterbende Kopfe! Noch ist's Zeit zuruckzutreten, gnadige Frau allein die letzte Zeit war diese heilige Schwelle betreten ich stehe nicht fur ihn. Man sieht es Ew. Gnaden an Sie erliegen! ohne Umstande ein polnischer Abschied, ober ein deutscher, wie Sie befehlen!
Ha! das war ein Odemzug! Das Beharren bis ans Ende ist nicht jedermanns Ding. Viel Vergnugen auf der Redonte. Da sind freilich andere Gesichter! Narrenkappen wie man sie will. Als Schaferin also? Und diese Kopfe? O Freunde, wie werth, wie werth zu sehen! Es sind Gestorbene, die eben kalt geworden, eben. Alle ganz punktlich, richtig nach dem Leben nach dem Tode, wurd' ich sagen, nach ihrem Sonnenuntergang! Selig, selig, selig, sagte der Graf, sind die Todten, die im Herrn sterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit, ihre Werke folgen ihnen nach. Wir falteten alle drei die Hande! Es war erwecklich anzusehen. Sie sind, fing der Graf etwas zu gesucht an, diese Todten hier, sind nach dem Ausgang der Seele durchs rothe Meer, wie diese schon Canaans Thurmspitzen sah, gemalt. Wenn die Seele, fuhr er fort, von ihrem vieljahrigen Freunde Abschied nimmt, verehrt sie ihm noch ein kleines Andenken. Eine goldne Tabatiere mit ihrem Bilde. Sie wirst noch Strahlen auf ihn, die so aus den Gesichtszugen des Gestorbenen herausleuchten, wie das Antlitz des Moses, obgleich er schon vom Donner- und Blitzberge war. Der Mensch dort, der, so lange die Seele in ihm lebte, schwebte und war, sich so oft hinter ihr versteckte, und vom Verstande Feigenblatter, Vorhange borgte, kaufte, wie es die Noth wollte, ist da auf ein Haar zu sehen, als wenn er lebt, als wenn die Seele nur uber Feld gegangen ware, um frische Luft zu schopfen, um ins Freie zu gehen, als wenn die Seele gleich wieder kommen wurde. Ihr Hauptsessel ist noch nicht kalt. Spassvogel Diogenes, losche deine Laterne aus! Hier sind Menschen, recht wie sie sind. Da ist das aufgegebene Rathsel und die Losung, das Exempel und die Probe! Jeder furchtet sich vor dem naturlichen, vor dem Kammertode, vor dem kalten, vernunftigen Tode. Der Heldentod, der Feldtod ist nicht kalt, nicht vernunftig. Es ist ein kunstlicher Tod, man weiss nicht wo man bleibt; und ich, sagte der Graf, ich, der ich dem Tode seine Kunste ablaure, ich, der ich ihm nachschreibe, wollte in Fallen dieser Art nicht Observationen anstellen, um alles nicht, in Fallen namlich, wo der Mensch so recht in seinen Sunden, ohne Zeit und Raum sich in Ordnung zu legen, dahin stirbt, dahin. Zwar, fuhr der Graf fort, zwar hab' ich selbst zwei Bruder, die auf dem sogenannten Bette der Ehren geblieben sind, und ich hoffe sie gewiss in der seligen Ewigkeit zu treffen; indessen ist nichts richtiger, als dass der Baum wie er fallt, liegen bleibe. Da liegt der Grund von meinem Grundsatz. Wahrlich, lieber Leser, das war das Motto zu dem Zimmer, in das ich euch ein- und die gnadige Frau v. , die eben jetzo schon ein englisch Tanzchen macht, ausgefuhrt habe, obgleich die gute Frau, unter uns gesagt, uber ein Kleines auch ein Todtenkopf werden wird, und ins Ohr gesagt, schon jetzt halb einer ist. Und diese Kopfe? So hab' ich schon einmal gefragt, und so werd' ich noch oft fragen und immer darauf antworten: o Freunde, wie werth zu sehen, wie werth! Wer kann sie aber ohne Verlust beschreiben? Wer? Ein Gemalde von andern Gemalden ist Copie, ist todt an ihm selbst, ist kalt von kalt wie der eine Kopf als frug' er: wo kam ich hin? so bescheiden gefragt, dass es ihm gleich war, wohin es ginge. Die Augen so geschlossen, als ob er sich alles willig gefallen liesse, und gern unter Gottes Regiment blind ware, ohne alle Capitulation. Wer wird auch mit dem guten, mit dem lieben Gott capituliren.
Tiresias todtete die Frau Drachen und ward aus einem Manne ein Weib. Nach sieben Jahren todtete sie oder er den Herrn Drachen und ward ein Mann. Seiner Offenherzigkeit halber, da Jupiter und Juno uber die Sussigkeiten des Ehestandes stritten, und er dem weiblichen Geschlechte den Apfel reichte, ward Juno aufgebracht; denn welche Dame, ware sie auch eine Gottin, thut nicht so, als sey ihr nichts um die Liebkosung der Manner zu thun, und sey es auch Herr Jupiter, der ihr liebkose. Der Zorn der Juno machte den Tiresias blind. Jupiter aber verlieh ihm in hochsten Gnaden das Privilegium personale, wiewohl in casu onerosum, wahrzusagen, zur Erkenntlichkeit. Die Anwendung dieser Fabel: Tiresias hatte so die Augen zu, wie unser Verstorbener er war so zufrieden, wie Tiresias. Das Schicksal wollt' es, dass er die Augen schliessen sollte, und er schloss sie. So auch unser Kopf. Tiresias war blind und sah mehr, als Leute, die ihre zwei Augen im Kopfe hatten. Unser Gestorbener schien auch beim Verlust seiner Augen eines andern Heils gewiss zu seyn. Das war Aussicht. Die Rucksicht? Sich selbst von Jugendsunden zugezogener Sterbensschmerz schien auf der Stirn zu runzeln: allein kein Bewusstseyn, seinen Nachsten um funfzig Procent gebracht zu haben, kein Betrug, kein Bubenstuck. Die Unterlippe biss die obere ein, doch verwundete sie solche nicht. Paete, non dolet. Oberlippe, es thut nicht weh, schien die Unterlippe der Oberlippe aufbeissen zu wollen. Just dann schmerzt es aber, wenn man sagt, es schmerzt nicht. Man bespricht den Schmerz, wenn man spricht, indem es weh thut, wenigstens glaubt man ihn zu besprechen.
Sollten Sie denken, meine Herren, sagte der Graf, es ist ein blosser Gottverehrer der, wie er mir bekannt hat, den lieben Gott bloss in seiner lieben gutigen Natur gesehen, gekannt und sich drob gefreut hat. Denn Gott ist nicht ferne von einem jeglichen. Den feurigen Busch der Religion hat er nicht gesehen. Er blieb seinem Naturglauben und Vernunft-Catechismus, der nur einen Artikel hat, treu! Ich kann nicht, sagt' er, wenn ich gleich wollte, allein ich habe keinen in seinen drei Artikeln gestort, keinem seinen Catechismus im Spiel abgenommen, keinem geschwindes Witz- ober langsam wirkendes Verstandesgift eingegeben, keinem in seinem Thun und Lassen einen Stein des Anstosses in den Weg gelegt. Ich hielt viel fur Gotteslasterung, was andere fur Gottesverehrung hielten ich besonders war es, bemerkte der Graf, dass er das I c h unendlich oft und viel aussprach, und mit seinem I c h hinten und vorn war. Er blieb auch im I c h . Er stiess sich das Herz daran ab. Mit dem lieben I c h ! Die Herren Naturalisten im guten Sinne, dabei bleib' ich, fuhr der Graf fort, halten sich selbst fur kein Kleines. Ihre Seele wenigstens ist ihnen ein Stucklein lieber Gott, wie wir Christen denn auch darin nicht ganz in Abrede sind, allein wie? Man konnte die Deisten Seelenverehrer nennen, bald hatt' ich Seelenabgotter gesagt; allein seht nur die Miene des Gestorbenen! Ist da wohl Abgotterei drin? Ich mag keinen Stein aufheben wider ihn, weder einen grossen, wie wider den Stephanus, noch einen kleinen, wie wider Goliath ich nicht. Noch ein Deist mit mehr Stirnunbeladenheit, allein mehr Lebensmuhseligkeit uber den geschlossenen Augen, die er eigentlich nicht geschlossen, sondern zugedruckt hatte. Es schien so, als ware der Schlussel abgedreht. Eine Auferstehung gehorte dazu, um diese verschlossenen Augenthuren zu offnen. Alles war dicht zu auf beiden Wangen. Von der Mitte der Nase an bis ganz herunter lag ein Strick von Runzel, der sich unten zusammen gab. Er ist sehr verfolgt, der arme Schelm sagte der Graf. Sein Tod war sanft, das sah man kein Gewissensbiss, auch nicht einmal in einer Lippe. Ruhe lag uber und uber und so viel Ergebung, dass er, wenn Gott gesagt hatte: hor' auf, erwiedert haben wurde, dein Wille geschehe! Wahrlich das konnt' ich nicht, bemerkte der Graf; ich wurde dem lieben Gott wenn nicht mehr antworten, so doch: a b e r l i e b e r G o t t . Ich konnte nicht weg von diesem Kopfe. Herr, wie du willst, so hiess er. Der Graf erzahlte mir viele Verfolgungsscenen von Geistlichen, und besonders von einem gewissen Consistorial-Prasidenten Caiphas der selbst weder Gott noch Teufel glaubte, der aber von Amtswegen und aus ledigem Prasidentenstolz orthodox schien bis zur Raserei, die uberhaupt mit ihm sehr nahe verwandt war. Gott lasse dich ruhig hangen, sagt' ich, da ich ihn sah du ruhiger Mensch! Konnte seine Seele wohl in der Holle und Qual seyn, und sein bestes Leibstuck, sein Kopf, so aussehen? Es war' ihm, sollt' ich denken, auf dem Holle- und Qualfall gewiss etwas vom Durst anzusehen, den seine andere Halfte dort litte. Mein Vater pflegte zu sagen: alles Paarweise, Seele Mann, Korper Weib. W.Z.E.W. Meine Mutter wurde gesagt haben: Leib Weib ohne W.Z.E.W. Diess fiel mir ein, und schnell dacht' ich: ein gutes Weib! Sollte wohl da oben uber den Augen etwas Menschenhass liegen, und der Gerntodt eben daher sein schones Feierkleid her haben, und die Entschlossenheit, auch ganz zur Erde zu werden, daher kommen, um nur mit Menschen nicht mehr zusammen zu seyn? Seht ihn recht an, ich finde keine Schuld an ihm, und wenn etwas Bitterkeit wider Priester und Leviten, wie Unkraut unterm Weizen, stunde, war nicht vielleicht Verfolgung wider diesen Samariter Schuld daran? Es liegt auf jedem lebensausgegangenen Gesicht Rucksicht und Hinsicht, sagte her Graf. Ich fand keines von beiden auf unserem Ruhigen. Er neigte nicht sein Haupt, das that auch sein Bruder nicht; sie hatten den Kopf ruckwarts gebogen, und doch in die Hohe! Schlaf gesund, du Verfolgter, und geniesse der stolzen Ruhe derer, die in Gottes Hand sind und von denen es heisst: keine Qual (auch nicht einst vom Consistorialprasidenten Caiphas, dem Schwiegersohn des Hannas) ruhret sie an. Das waren die beiden Deisten, denen der Graf hier ein Raumlein bei seinen Christenkopfen gegonnet hatte, so dass diese Todtenkopfgallerie eben hierdurch ein Simultangewolbe worden war.
Der Deist, da er wohl einsieht, er komme nicht aus, er habe eine Rechnung ohne Wirth gemacht, nimmt sich eine Handlung aus seinem Leben heraus, stellt sie auf und sieht sie so mit unverwandten starren Augen an, dass er drauf lebt und stirbt, dass er sich einbildet, der liebe Gott werde auch sein ganzes Leben so vergessen als er, bis auf das Probchen, das er zur Schau aufgestellt. Moses ward begraben, ohne dass jemand wusste, wo? Doch! ich wollte vom Lykurgus reden. Dieser grosse spartanische Gesetzgeber eroffnete dem Volke seine in Delphos confirmirten und gottlich erklarten Gesetze, und da Sparta unter seinen Gesetztafeln bluhte, wie ein Weidenbaum an den Wasserbachen, nahm er von seinen Burgern einen Eid, die Gesetze so lange in Ehren und Wurden zu lassen bis er heim kame; denn er musste wieder nach Delphos, und nun reiste er nach Cirra und bestatigte mit seinem Tode seine Gesetze. Eine Parenthese. Ist Lykurgus ein Selbstmorder, und jener Patriot, der fur sein Vaterland in ein warmes Todesbad ging? Nein, sie sind Martyrer und haben den namlichen Zug im Gesicht als die, so aus Liebe zu einer Sache, damit sie, die Sache, nicht sturbe, gestorben sind. Ich komme ab. Ich wollte sagen, Lykurgus habe so ausgesehen, wie jeder Deist, der sich ein Lebensbild aufschlagt, und diess ohne Aufhoren ansieht. Die Seele selbst gewohnt ihr Auge dran.
Ueber die Christenkopfe uberhaupt die Anmerkung: die Augen alle nicht ganz zu. Sie wollten sehen, wo ihre durch Christum geheiligten Leichname blieben. Sie wollten lauschen (das thut man nur mit niedergeschlagenen Augen), wohin die erloste Seele citirt worden, und also die Augen etwas offen. Die Augen waren von andern zugedruckt; allein die Thuren wollten nicht zuhalten, sie waren eingetrocknet. Die Christen hatten alle das Haupt geneigt. Sie hatten, das sah man ihnen an, schon das Seelentestament deponirt: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hande, nimm meinen Geist a u f ! und nach diesem Testamente neigten sie ihr Haupt und verschieden. Die Erde ist des Herrn! Nimm, liebe Mutter, diesen Leib, den du neu gebaren sollst ich furchte nicht deinen verschlossenen Leib ich weiss, an welchen ich glaube, und bin gewiss, dass er diese Beilage bewahren werde, bis zu meinem Geburtstage, bis an jenen Tag
* * *
Der eine Mann da, sollt' ich mich irren, wenn ich behaupte, dass etwas Zweifel in ihm lage? Eine edle Unruhe bald hatt' ich sokratische gesagt; allein sie war lange noch nicht sokratisch. Es war eine christliche. Baal, erhore uns, hatte dieser Mann nimmer und in Ewigkeit gerufen! Heute im Paradiese heute noch? Wo liegt es? Gott von Angesicht zu Angesicht sehen? Ein Geist den andern? Ewige Seligkeit! e w i g e ! in einem weg, ohne dass uns die Zeit, hatt' ich bald gesagt, ohne dass uns die Ewigkeit (das, glaub' ich, kann ich auch nicht sagen) lang wird. Auferstehung der Todten, des in alle Welt zerstreuten Leibes? Dergleichen Fragzeichen schien der Mann auf dem Gesichte zu haben, und auch sein Nachbar, auch der hier, auch jener dort, o! der an der Thur am deutlichsten: das ganze Gesicht ein Fragzeichen! allein bei alle dem, mit einer Art von Vertraulichkeit gegen Gott. Nicht Dummdreistigkeit, nicht Christenstolz, wie die Feinde der christlichen Religion es zu benennen belieben, sondern kindliche Zudringlichkeit, hochstens Vorschnelligkeit, hochstens Kinderfrage. Sind Kinderfragen Zweifel? Sind es Knoten, die der Deist heroisch, statt zu losen, entzwei haut? Werdet wie die Kinder! Wer kann das genug lehren und lernen, und beim Kapitel der Rucksicht, o! mein Gott, welche richtige Rechnung! Wie stimmig die Balance! keine Schuld im Ruckstande, nichts zum Uebertragen, alles t h u t w i e o b e n . Alles rein abgeschlossen! ohne Bruch, ohne
Der Kalte da! die wenigsten Zweifel! im linken Auge ein halbes Aber, kaum halb, das rechte glaubt beide christlich neugierig; ist das Wunder? Aber wie ruhig wegen des vollbrachten Lebens! Der Deist, wenn er's recht, wenn er's genau nimmt, bankerottirt, und sein Tod ist ein Prangertod, ein Spektakeltod, als Christ? Alles bezahlt! Sollte denn der Christ starker in seinen Tugenden, fester in seinen Gesinnungen seyn? Sollte! Halt! gelehrter Frager, der Christ ist uberall kindlicher. Er thut nichts aus Stolz oder eitler Ehre. Gott ist Vater, er ist ein kleines Kind, das wo einmal in's Licht greift und sich verbrennt, das
Wer, Freunde, ist der Engelreine, der nichts auf seinem Herzen und Gewissen hatte? Solch ein Paar Gottes-Menschen, als wir beim Grafen erblickt, finden sich, glaub' ich, nicht in vielen Jahren. Wir haben sie aber ruhmlichst abgehandelt; indessen haben auch sie gewiss ein Probchen ausgehangen. Der Mensch, wenn er alles gethan hat, hat er alles gedacht? Und bleibt er nicht ein unnutzer Knecht? Und wer macht das Blutrothe schneeweiss und das Rosinfarbne wie Wolle? Ich glaube nicht, dass Gott der Herr unmittelbar beleidigt werden konne! Und die crimina laesae majestatis divinae sind, wie schon bemerkt worden, so was Menschlichgesagtes, als Gottes Hand, Gottes Fuss, Gottes Auge. Wer von Gottes Mund spricht, thut etwas sehr Gewohnliches; wer aber nur die Halfte von Gottes Nase sprache, und von seiner Stirn und von seinen Beinen, wurde Gott danken konnen, wenn man ihn nicht fur eine Art von Gotteslasterer hielte. Warum das?
Gott, der nicht zu sehen ist, wird nur in unsern Brudern beleidigt, die zu sehen sind, und in uns selbst, die wir auch sein Odem sind. Hier indessen, welch ein Feld zu Verbrechen! Wir wollen annehmen, dass Selbstsunden auch Selbststrafen nach sich zogen (Sunde, den Tod); ists aber darum gut gemacht? Ware diess, so ware jeder Selbstmorder selig, ohne Streitschrift, weil er das Leben eingebusst hat; nicht also? Wer sich zum Arbeiter im gottlichen Weinberge, zur Weltarbeit untauglich macht, wer nicht treu und fleissig mit den Gaben umgeht, die er empfangen hat, verdient nicht allein keinen Taglohn und Armuth und Mangel, sondern er hat auch mit seinen Sunden noch andere Strafen verdient. Und wer ist so unschuldig, dass er seinen Bruder nicht mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken beleidigt hatte?
Schon, Freunde! wenn ihr das Seine dem gebt, dem ihr's genommen, dem Nachbar sein Weizenland, und der armen Priesterwittwe ihren Kohlgarten. Schon, wenn ihr dem die landublichen Zinsen wegen des entbehrten Niessbrauchs ersetzet, dem ihr den Niessbrauch seines Ackers entzogen. Habt ihr aber auch die drei Lebensjahre erstattet, welche ihr diesem Armen durch eure Krankungen entzoget? Die Sonne, die auf dieses Land sah? Den Regen, der darauf fiel? Habt ihr dadurch schon den in integrum restituirt, den ihr fur einen Weinsaufer, beissig, hartherzig ausgabt, wenn ihr uber viele Zeit, da er schon dieses eures Todtschlags halber in die Verwesung ubergegangen, eine Palinodie sanget und behauptetet, er sey ein Wassermann, habe keine Zornzahne, sey warmherzig; und wie mancher ist gar nicht mehr mit euch auf dem Wege, den ihr beleidigt habt! Wird der Mord, den ihr an der Mutter verubtet, etwa nicht gestraft, wenn ihr ihrem Sauglinge eine Amme gebt? oder wenn ihr den Altar bekleidet oder dem Oberpastor einen Antheil vom Besten spendiret? Hat Christus, der Mund der Wahrheit, etwa die Unwahrheit unter die Christenleute gebracht, wenn er uber jedes unnutze Wort Rechenschaft einfordert? Ist was wahrer, was richtiger? Herr! wenn du willst Sunden zurechnen, wer kann bestehen? So gut ich mein Buch gemeint, konnen nicht Stellen seyn, die nicht da seyn sollten? Und was alsdann? So ruhig wie die zwei Gottes-Menschen oben gestorben! Wer es kann. Wer nach Orts-Ellen gestempelt, durch den Land- und Stadtphilosophen Gottes Eigenschaften abmisst, und Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nach dem Einmaleins berechnet; was meint ihr, kann er wohl bei ganz gesundem Nachdenken sein Haupt so ruckwerfen, wie die beiden, die wir nahebei gesehen haben? Und seht sie doch nur r e c h t an. R e c h t ! Ist denn die Ruhe der beiden guten Leute die rechte Ruhe? Wer steht uns dafur? Der Phlegmatische ist ruhig, weil er phlegmatisch ist. Wenn aber ein Betriebsamer seine Geschafte richtig durchkalkulirt, Debet und Credit abzieht und Summa Summarum Ruhe abzieht. Was meint ihr? Ist das nicht eine andere Ruhe? Eine Ruhe, ohne vorherige Unruhe, was ist sie? Reue, die niemand gereut, wirkt Leben, und wenn denn ein Deist traurig wird, was kann diese Trauigkeit der Welt anders wirken als den Tod? Seht da den Christen, die Augen offen (im Leben heisst es, Nase und Mund offen) wegen der Hinsicht; allein wie ruhig wegen der Rucksicht! Selig! selig wer wie Mine stirbt! so kindlich gross! so schon! So sterben zu sehen, ist das nicht Wonne? Wer so stirbt, der stirbt wohl, wohl, wohl! Und verdenkst du, unberufener Kunstlichter, dem Grafen, dass
Seht nun, wie ausdrucklich berechnet ist die Ruhe der Christen auf ihren Gesichtern! Gilt es denn hier etwa nur eine taube Nuss, oder gilt es eine Ewigkeit?
Nach diesem Praludio, ich wunscht' es war' in der Wirklichkeit so stark im Ausdruck, als das des alten Herrn in der Einbildung! Seht euch mit mir um, lieben Leser!
Auf den Christen-Todtenkopfen eine vollstandige Quittung, Brief und Siegel zum Losspruch. Kein Zweifelglaube, ohne alle Einwendung in der Rucksicht. Die Kinderfrage in der Hinsicht thut nichts zur Sache. Seht jenes Weibsbild! wie unbefleckt, wie frohruhig, wie zweifelsfrei! Nicht Hoffnung, sondern der Himmel selbst in hoher Person, hatt' ich bald gesagt, liegt auf ihrem edlen Gesichte! Ich kann hier selbst keine Neugierde, keine Kinderfrage finden. Solch ein Weib, wie schon selbst im Tode! Alles ist neues Testament, alles ist Erfullung in ihrem glanzenden Angesicht! Nichts Prophezeiung, nichts Vorbild, nichts Verheissung. Jener alte Mannskopf ihr gleich! O Gott! war' ich doch einst auch so todt, wie die beiden! Da ist auch nicht ein einziger Zug, der nicht wunschenswerth ware! Nicht einer! So schone Kopfe wurde man Muhe haben, im Leben zu finden. Der Graf erzahlte uns beider Sterbenslaufe. Sie waren gern, wie er sagte, herzlich gern gestorben, und hatten die Krafte der zukunftigen Welt so gewaltig gefuhlt, dass sie mehr dort als hier gewesen. Ueberdruss der Welt ist Vortodt, bemerkte der Graf. Es ist ein gut Hausmittel, die Bitterkeit des Todes zu vertreiben. Wer aber so gleich gerade stirbt, so einen klaren reinen Tod ohne alle Ingredienzen! O schon! rief der Graf aus. Ein auszehrendes Fieber losete die beide Kopfe auf. Ihr Geist lag nicht an der Auszehrung; feierlich, sagte der Graf, so mit Verstand und allen funf Sinnen, gingen sie aus der Welt, so dass nur ein Thor, wie der Graf sich etwas zu hart ausdruckte, sagen konnte: Sie waren gestorben. Freunde! auf Ehre, sie zogen nur uber Land. Wer einfach, wer im Naturstande, im Stande der Unschuld lebt, stirbt der? Nein, er wird lebendig gen Himmel geholt und solcher Ueberganger, solcher Himmelsfahrer gibt's viel, obgleich das Paradies nicht mehr ist. Es ist mit der Unschuld zusammen verschwunden.
Wir sprachen bei dieser Gelegenheit ein Hohes und Tiefes uber den Einfluss, den die Krankheit auf die Gestorbenen behauptet; allein der Graf versicherte, wenig oder gar nichts. Auf den Agonisirenden zwar; allein auf den eigentlich Sterbenden, auf den Gestorbenen nicht. Sobald der Mensch todt ist, fuhr der Graf belehrend fort, zieht sich alles, wenn ich so sagen soll, nach der Seele, die grossten, eindrucklichsten Krankheiten verlieren ihre Spuren. Das Wort: k o m m oder g e h , welches die Seele, die ihr voriges Leben dem Gewissen vorreferirt, schon in den letzten Augenblicken vor dem infallibeln, unappellabeln Richterstuhl des Gewissens, vor dem Baum der Erkenntniss Gutes und Boses, als eine rechtskraftige Sentenz erschallen hort, geht in den ganzen Korper uber, in die ewigen Elemente desselben, wie ein Blitz oder Sonnenstrahl, nach dem es k o m m oder g e h heisst und bleibt.
Wenn ich, sagte der Graf, dessen Einbildungskraft im Adlerfluge war, den Augenblick hinmalen lassen konnte, wenn ein Mensch stirbt, was wurd' ich drum geben! Diesen Augenblick zu observiren, kostet Muhe und Erfahrung, und doch glaub' ich am Ende, hab' ich nur funf im eigentlichsten Sinne sterben gesehen; ich hoff's zu sieben zu bringen. Ein heftiger Ruck bei allen Funfen; bei einem unter den Funfen war der Tod ein wirklicher Einschlaf. Diese Funfe hangen wir, nicht wahr, etwas zu sehr im Dunklen? Ich liebe einen gewissen Schatten auf diesen Gesichtern, den ich zum Theil erkunsteln muss. Die Fensterladen auf! Da der, der ist's, von dem ich sprach! Wahr! ich fand es, ich fand noch Seele, aber eben abschiednehmend, und so lieblich, als sagte sie: Leb wohl, lieber Junge, Leib! leb wohl! Ich werde dich noch oft auf dem Kirchhofe besuchen, wo man dich hinbringt; wenn es angeht, will ich sehen, wo du bleibst, auch wenn sich Staub von Staub losreisst. Sey gutes Muths! Gott vermag alles! So lange du in seiner Welt bist, sind wir zusammen! Weine doch nicht! Armer Junge, konnt' ich dich doch trosten! Armer lieber, geliebter Erdenkloss, konnt' ich doch! O konnt' ich! Beten kann ich, will ich. Lass ihn, o du Seele aller Seelen, Geist aller Geister, lass ihn nicht versinken in des Todes letzter Noth, erbarm dich sein! Ein Theil Leben, wenn es ginge, wie gern gab' ich es hin fur dich, lieber Getreuer! und ihr, Elemente! ihr ewigen Stucke am Korpertheil des Menschen, ihr Vorsteher des Korpers, nehmt euch der unedlen Stucke an, wenn sie gleich nicht von Familie sind, schamt euch ihrer nicht. O der guten abschiednehmenden Seele!
Gott, was fur Schmerz auf zwei Gesichtern!
Warum verstellest du deine Geberde? konnte man zu allen beiden sagen. Der zur Linken scheint sich zu fassen, oder fassen zu wollen. Es ist Alexander, da er krank war und den Arzneibecher von General-Feldmedico Philippus entgegennahm. Eben ein Brief von Parmenio. Er nahm den Becher und trank, und gab dem Doktor Philipp den Brief, der ihn las. Fast so, sagte der Graf. Nicht vollig, sagt' ich, denn ich kannte den Alexander auf ein Haar, und besser als unser Hochgeborner Herr, obgleich er Graf war. Aber da! mein Gott, welche Verzogenheit, Carrikatur, als war's kein Menschenkopf. Der Graf erzahlte mir zu meiner allergrossten Verwunderung, dass diess ein Plotzlichgestorbener sey. Mein Gott! rief ich aus, wie sehnlich hab' ich mir, bis ich diese Verzerrung sahe, einen guten schnellen Tod gewunscht! Vielleicht, fuhr ich fort, war diess ein boser, schneller Tod, von dem es in unserer Litanei heisst:
Fur einen bosen schnellen Tod
Behut' uns, lieber Herr Gott.
Ich glaub' es nicht, erwiederte der Graf, allein uber den schnellen Tod, mein Freund, wie viel zu sagen! Ich habe Ursache zu denken, fuhr der Graf fort, dass jeder Mensch gleich viel Todesnoth ausstehe. Todesangst und Noth ist zweierlei. Die Angst ist zufallig; nachdem der Mann, nachdem die Angst. Die Noth ist wesentlich. Aber, wandt' ich ein, sollte Mine so wie ist wahrlich so nicht gestorben! Recht, sagte der Graf, sie hat die Todesnoth, mit einem Stoff Wasser gemischt, getrunken. Dieser auf einmal! Aesop nahm den grossten Korb zu tragen; allein es waren Lebensmittel darin, und eben dadurch war der Korb ihm am Ende am leichtesten. Mein Gott, was gibts fur schmerzhafte Krankheiten und Vorfalle in dieser bosgewordenen gefallenen Welt! Alles Todte, die Schrift nennt sie todt, und sie sind es im eigentlichen Sinne; wenn aber der Mensch, der nie gestorben, auf einmal recht und eigentlich stirbt, auf einmal weg soll, im Augenblick, aus dem Lande der Lebendigen; Seele und Leib so bekannt mit einander; er eben in der Ausfuhrung von vier Planen, wovon immer einer den andern deckt: o Freund! so was pflegt in einen Schrei auszuarten! Und dieser hier ist eben im Schrei! Ich hab' ihn nicht observirt. Es ist ein grosses Prasent von einem Freunde, der mir aber auf Treu und Glauben diess Stuck gegeben hat, und mich dunkt, es sey ein Stuck auf Treu und Glauben. Und dieser verhangene Kopf? (Es war einer aus den Funfen.) Freund, sagte der Graf, der Maler T i m a n t h malte I p h i g e n i e n s , der Tochter Agamemnons, Aufopferung und theilnehmende Personen, die jeden ruhrten, der sie sah. Timanth brachte alles zum Vorschein, alles, alles vom Schmerz, was auf der Stirn dem Throne des Schmerzes, im Aug' und im Gesichte nur Raum hat, was man nur vom Schmerze weiss. Niemand konnt' in die Hohe sehen, wer Iphigeniens Aufopferung von Timanth sah; alles stand betrubt, gebeugt zur Erde; nur Iphigeniens Vater, und wie der? eine schwarze Trauerdecke um sein Angesicht. Warum also? Darum also, weil es der Vater ist. Hier, sagte der Graf, hier unter diesem entsetzlichen Leichentuche ist auch ein Schmerz, grosser, tiefer als jeder Ausdruck. Etwas ist davon am Tuche zu sehen, und nur eben so viel etwas, als hinreichend ist, uns das Herz zu durchbohren. Sehen Sie hier nicht mehr als uberall? Und doch ist hier nur ein Strich, ein Punkt! Diess Stuck ist auch d e r V a t e r !
Ich kann es nicht aussprechen, was ich empfand! Ich unterlag.
Der Prediger machte dem Grafen bei Gelegenheit der Todesangst und Todesnoth einen Einwand. Es hat, sagte der Prediger, Leute gegeben die aus Freude gestorben sind. Was thut's? sagte der Graf.
Viel!
Nichts!
Wo da die Todesnoth?
Freund! erwiederte der Graf, die heftige Freude kann eher, wie heftige Traurigkeit todten. Die heftige Freude hat sehr was Widerliches an sich. Fast wollt' ich behaupten, es ist noch niemand aus Traurigkeit gestorben, wohl aber aus Freude. Nicht weil die Traurigkeit dem Menschen eigner als die Freude ist, obgleich dieser Umstand uns eben nicht aus dem Wege liegen wurde; sondern weil der Mensch bei der Traurigkeit auf seiner Hut ist, die ganze Wache ins Gewehr ruft, alle Macht und Kraft aufbietet, und: macht euch fertig! schreit. Bei der Freude uberlasst sich der Mensch sich selbst, es geht mit ihm rips raps, holter polter, uber und uber, und diess Freudenwirrwarr, wie leicht kann es dem Menschen eins versetzen! Ein aus sich versetzter Mensch ist todt. Grosse Lustigkeit und tiefster, schmerzhafter Unwille sind so nah, dass sie sich in die Fenster sehen konnen. Fast wollt' ich sagen, ein heftig lustiger sey eben so gefahrlich unwillig im Sinn, wie man gefahrlich Kranke hat, die sehr gesund aussehen.
Diagoras freute sich uber seine drei Sohne, weil sie alle drei den Preis der Akademie der Wissenschaften erhalten, fing ich an. Lassen sie den Diagoras, sagte der Graf, er hat mehr seines Gleichen. Ein grosses Gluck ist eine Posaune der Ewigkeit, und sollte jeden Menschen aufmerksam machen. Wenn man schnell dick und fett wird, ist diess eben kein Beweis der Gesundheit. Hat man Schmerz, Kummer und Gram, und der Korper ist nur aus gesundem Schrot und Korn, Freunde! das sind Leute, die ihr Leben bis auf den Gipfel treiben, das sind Leute aus dem vierten Gebot! Ein lachend Sterbender fuhlt Noth uber Noth. Er macht nur zum schlechten Spiel ein gut Gesicht, und gelt! das ist schwer Ding! Stirbt er schnell und lacht er uberlaut, ist's arger, als der Schrei dieses Mannes hier! Wer so lachen gehort hatte, wurde nie mehr lachen. Stirbt man langsam und lachelt, kann ein so freundlich Aussehender auch ein leichtes Ende haben; denn er ist schon lange zuvor gestorben, eh' er diess Ueberwinderlacheln aufschlug. Ich halt' es, beschloss der Graf indessen mit Ernst, im Sterben mit einer gewissen Fassung, und die kennt weder Lachen noch Weinen. Eine gewisse Grazie liegt zwar in jedem ernsten Gesicht, und ein gewisses Seelenlacheln, wenn Ernst edler, unangenommener, nachdrucklicher Ernst. Ein Ernstspieler, ein Einfallsernst, o das kennt man auf ein Haar!
Noch ein Wort zu seiner Unzeit.
Meine Leser werden es von selbst gemerkt haben, dass diess alles nicht in wenigen Stunden verhandelt ward. Wir assen und tranken, wenn die Zeit und ihr Zeiger, die Sonne, es wollte; da war der Graf wie ein anderer Mensch. Und ich kann versichern, dass es hier nicht heissen konnte: der Tod in Topfen; inzwischen war auch bei Tafel alles wie beim Leichenessen. Eine unsichtbare Stimme rief, statt des Benedicite und Gratias, nach Art des Philippus: Gedenke an den Tod! Bei Tafel war geredet, und zwar viel. Wir waren nicht Papageien, die nur Memento mori bei schicklicher Nun mit der Erlaubniss meiner Leser in
das dritte Zimmer,
Ehe ich sie hineinfuhre, wieder ein Wort der VorBei den Sterbenden war der Graf mit Tubus und l i c h , das war seine Losung; das wissen wir schon. Als etwas Neues und Besonderes muss ich bemerken, dass der Graf fast immer Zeit und Stunde wusste, wenn es mit dem Patienten aus seyn wurde, allein er sagte es nie dem Sterbenden. Er? nie? obgleich er den Tod so hochschatzte, und eigentlich lebte, u m zu sterben, oder eigentlich starb, und nicht lebte. Der Graf hatte zu diesem Ruckhalt sehr grosse Ursachen. Man muss, sagte er, keinem Menschen das Sterben verderben. Der Arzt, der es durch die Signa Mortis vielleicht eben so gut weiss als ich (ich sage vielleicht, denn er weiss es vom Korper, ich von der Seele), ist mein Mann nicht mehr, sobald er es seinem Patienten ins Ohr rannt, oder Leuten entdeckt, die der Patient an den Arzt abgesandt. Eine schreckliche Gesandtschaft! Meine Aerzte mussen sich dergleichen Kunstverrathereien nicht zu Schulden kommen lassen. Mir konnen sie zunicken, was sie hoffen was sie furchten. Das erste, fuhr der Graf fort, was die Patienten gefragt wird, ist: ob sie schon ihren letzten Willen entworfen, ihr Haus bestellt und ihren Geist in die Hand Gottes einschreiben lassen? Diese peinliche Frage, dieses Verhor enthalt den grossten Theil des Lebenslaufs, den der Graf gern, herzlich gern, vor'n Willen nahm, indessen ihn, wie er auf Ehre versicherte, nie erpresst hatte. Viele Leute furchten den letzten Willen, bloss des Worts l e t z t wegen, obgleich die Postscripte, Codicille und alles, so lange die Zunge nur lallen kann, aufzuheben und zuzugeben, von den Gesetzen berechtigt werden. Die Lehre von den Testamenten, wie gefallt sie Ihnen? fragte der Graf. Indessen kamen wir von dem letzten Willen an sich ab. Wer wird, rief der Graf aus, solch eine unverdiente Gute, als die Lehre von den Testamenten, nicht vor'n Willen nehmen, und so etwas bis auf den letzten Abdruck aussetzen? Ist denn schon jemand am letzten Willen gestorben? Hat sich der Patient leiblich wohl bereitet, denn auch diess ist eine feine aussere Zucht, so geht das Geistliche an, und der Patient wird e i n g e l a u t e t , und sodann Gott und meinen Anstalten uberlassen. Ich hatte gern, das laugne ich nicht, diess G l o c k l e i n gehort, indessen ward's abgeschlagen. Man hort' es nie, als wenn eins zur geistlichen Vorbereitung schritt und ins Sterbekloster auf- und angenommen ward. Ist aber, da diess Glockchen nur bei Einlauten eines Sterbenden zu horen, dieser Klang nicht schon die letzte Oelung, ist er nicht die Entdeckung, dass man ins Todesthal eintrete? Ins Noviziat, Freund! versetzte der Graf, wo man, wie bekannt, auch heraus kann, wenn Gott will. Viele ahnen die Sterbestunde selbst, und das ist ein ander Ding, sagte der Graf, denen hat es Gott offenbart. Wie viel ich fur solche Leute Achtung habe, ist unaussprechlich; ich denke immer, der liebe Gott habe mit ihnen geredet, und sie waren getrieben vom heiligen Geist. Wer sie nicht ahnt, sterbe, ohne Zeit und Stunde zu wissen, welche Gott seiner Macht vorbehalten hat. Daher auch alle Sterbenszeichendeuter, ich selbst nicht ausgenommen, oft irren und fehlen. Meine Aerzte haben aus diesem Grunde ihre Instruktion, in ihrer Kur der lieben Natur zu folgen, ihr nicht in den Weg zu treten, sondern sie bloss zu begleiten. Will sie nicht mit solch einem elenden Geschopf, als ein Doktor ist, zusammen gehen, so lasse sie der hochgelahrte Herr allein. Auch gut. Bei mir stirbt niemand durch den Arzt, versicherte der Graf, sondern naturlichen, nicht medicinischen Todes. Das Stundensanduhrchen muss sanft abnehmen, ohne dass ihm nachgeholfen wird. Meine Mutter wurde sagen: ohne dass es geruttelt und geschuttelt wird. Man hat so viel von der Abstellung der Todesstrafen in die Kreuz und Quere geredet und geschrieben, dass wirklich einige Staaten die C.C.C. wo ohn' Ende und Ziel getodtet wird, ins Galante, ins Feine gebracht. Ich wurde, sagte der Graf, die Todesstrafe darum abstellen, weil niemand weiss, ob er nicht durch die Hand des Arztes schmerzhafter, als durch die des Henkers, stirbt, und weil eine Seele, die noch kernfrisch ist, sich auf tausenderlei Art, durch Anstrengung auf einen Punkt, des Todes Bitterkeit vertreiben kann. Das einzige, was einen Henkerstod schrecklicher, als einen Kammertod macht, ist die Gewissheit der Stunde; wer also die weiss, wenn er auf seinem Bettlein dahinfahrt aus diesem Elend, stirbt ganz und gar wie ein Delinquent, wie ein armer Sunder ganz und gar.
Ich konnte noch viel, viel erzahlen, wenn ich alle Bemerkungen wiederholen wollte, die mir reichlich und taglich in Wurf kamen.
Ein Paar, und damit genug.
Das Handefalten hielt der Graf fur ein schmerzlinderndes Mittel und sprach sehr von der guten Wirkung, die er von diesem Hausmittel ersichtlich erfochten.
Die Art, wie er Kranke behandelte, war wirklich Erfahrungsweise. Alles hatt' er aus dem Leben, nichts, rein nichts aus Buchern.
Kurz, ehe es zum Sterben kam, trank er mit den Sterbenden Bruder- und Schwesterschaft. Eine solche Sterbensschwester konnte von ihrem Lager aufstehen, und wenn es ihre Natur so wollte, gesund werden; allein sie blieb, was sie einmal war Schwester, obgleich ihr Vater Organist, Fabrikant, Nadler war.
Der Graf nannte diese Ceremonien: Becherreichung. Ich freue mich, sagte er, schon hier in dieser Welt im Himmel zu seyn, wo wir alle, bis auf den lieben Gott, der der Hausvater ist, Bruder und Schwestern sind. Solch ein Trank ist wirklicher Himmelstrank, wirklicher Nektar, von dem viele Menschen sich keine Idee machen konnen.
Der Prediger aus L hatte anfanglich dieser Becherreichung wegen viel zu erinnern gehabt; indessen ward alles fein ordentlich und ehrlich beigelegt.
Es herrschte im ganzen Hause des Grafen ein Krankentritt; langsam und auf den Spitzen der Fusse ging alles. Kein Wunder, sagte der Graf, wenn hie und da etwas steif in meinem Hause ist und nach diesen Einrichtungen aussieht. Wenn's nur der Staat nicht ist, fuhr er fort, der auf den Zehen geht. Im Privathause hat's wenig oder nichts zu sagen. Ich kenn' einen Staat, der schon lange auf den Zehen geht. (Meine Mutter wurde "geht und steht" gesagt haben.) Der Himmel helf' ihm auf die Beine, wenn es ihm nutzlich und selig ist! fugte der Prediger hinzu. Ich liebe den Privattod wie mein Leben, fuhr der Graf fort, nur den publiken, den Nationtod nicht. Da stirbt nichts und alles. Der Graf konnte sich nicht erholen, um die Krankensprache zu reden, so voll war er uber den publiken Tod, und freilich ist's eine Todesart, die mit in sein Fach einschlagt. So im Todtentritt kamen wir in eine der Sterbezellen. Der Graf nannte diesen Zehengang den Todtentanz und hatte wunderliche, steifbenutzte Regeln daruber und eine ganz peinliche Theorie. Ich konnt' es in so kurzer Zeit freilich nicht weit in dieser Kunst bringen, wie ich denn uberhaupt kein grosser Tanzer in meinem Leben gewesen. Furs Haus und so war ich auch ein Todtentanzer.
Der alteste unter den Sterbenden hiess P a t e r , die alteste M a t e r . Diese Aeltesten veranstalteten entweder eine Versammlung in einem Zimmer zum Gebet und Gesang und Krankheitserzahlung, oder es wurden, wenn es die Krankheit nicht zuliess, alle Zellenthuren geoffnet und jedes sang und betete auf seinem Sterbebettlein. Alle Zimmer waren in Gemeinschaft. Jede Sterbezelle war auf zwei Personen eingerichtet. In Littera O (alle Buchstaben kommen nicht zu dieser Bezeichnungsehre, der Graf hatte einige, denen er diesen Vorzug erwies), wo ich eben die Thure zu offnen mir die Erlaubniss nehmen werde, um einen Accent darauf zu legen, war kurz zuvor eine Sterbenscandidatin gesund geworden, und nun war nur
die Curlanderin
in Littera O. Ich bitte, sagte der Graf, und kaum hatte er's ausgesagt, da ich eine Stimme horte: d e r P a stor aus Curland, der Pastor a u s C u r l a n d ! Sein Sohn, erwiederte der Graf. Bei aller Lebenslaufsneugierde und Verhorslust, wovon der Graf schon in L ein Probchen zuruckliess, war er, wie wir schon wissen, nichts weniger als zudringlich. Der Ausruf: der Pastor aus Curland, den der Graf verbesserte und stehenden Fusses ins des Grafen in Bewegung gebracht. Die Curlanderin hatte so was Liebevolles im Auge, da sie rief, dass sie Strahlen aus ihren Augen warf; die Augenbraunen gingen so schnell in die Hohe, als wenn man Fenstervorhange durch Schnellfedern zieht. Ein Romanheld wurde die Neugierde seiner Leser und Leserinnen noch wenigstens ein paar Seiten erhitzen und ihnen alsdann einen Labetrank geben, so ungesund es gleich ist, in voller Hitze zu trinken. Ich sage geradezu: d i e Krippenritterin, verstossen, verworf e n von ihrem Ehemann und im Begriff irgendwo den Tod zu suchen. Gottlob, setzte sie hinzu, da sie diesen Umstand erzahlte, dass der Tod mich ohne mein Verdienst und Wurdigkeit bei Ew. Hochgeboren in Empfang nehmen will. Ich bitte, fiel der Graf ein, Hochgeboren weg. Hier zu Lande sind wir nur schriftlich Hochgeborne. Ich dachte bei dieser Gelegenheit an den Ordensengel und die Wappen und die Federbusche. Dieser Eingriff setzte die Curlanderin in eine kleine Unordnung; nach einigem Stillstande fuhr sie fort: so ein schones Rendezvous war ich vom Tode nicht erwartend. Sie dankte dem Grafen mit einem Blick, dass ich vollig einsah, wieviel sie mit ihrem Auge vermochte.
Ich will ihre Geschichte in tertia persona geben, ohne zu bemerken, ob ich die Umstande von ihr selbst oder vom Grafen empfangen Ihre Schicksale waren hochst traurig. Der Ritter hatte wirklich Neigung zur jungsten Tochter des Pastors L . Die Ohrfeige gab den Ausschlag. Er hatte in Curland nichts zu verlieren als mensam ambulatoriam, zu deutsch Krippenritt, und da Pastor L von jeher seine Geberde so zu verstellen wusste, dass man ihn reich hielt, kostete es dem Krippenritter wenig Muhe, seinen Freunden Tisch und Krippe aufzusagen. Ihre Anzuglichkeiten gegen ihn, somit sie ihm alles versalzten, was er genoss, nachdem er geschlagen war, bestimmten ihn vollig. Der Weinstock seiner Gonner war ihm des Weinstocks zu Sodom und von dem Acker Gomorra. Ihre Trauben waren ihm Galle, sie hatten bittere Beeren. Ihr Wein war ihm Drachengift und wuthige Otterngalle. Worte, uber welche der Casuist Pastor L seinem Schwiegersohne eine Abschiedspredigt hielt, und sich wegen zeither genossener Hoflichkeiten im Namen desselben bei seinen Tischfreunden bedankte, obgleich in Curland Weinstock und Trauben etwas Wildfremdes ist. Zu lesen im 5. Buch Moses im 13. Capitel im 32. und 33. Vers, sagte der Prediger aus L und freute sich, dass er, so alt er ware, noch so gut treffen konne.
Der alte Herr spielte im figurlichen Verstande zu der Predigt des Casuisten. Er gab dem neuen Ehepaar durch einige Reimlein das Geleite. Die Curlanderin brauchte den Ausdruck: er bestreute diesen Weg mit einem Pasquill und da sie alle Beilagen zu ihrem Lebenslauf aufgeblattert hatte, fand sie diese Beilage A. mit einem Griff, womit ich meine Leser aber nicht belastigen will.
Ein Reimschmied war gewohnlich die andere Hand des Hermanns. Aus Hoflichkeit nannte er ihn seine rechte Hand. Selten war er ohne eine solche andere oder rechte Hand. Ein paar Strophen:
Was hat in dieser letzten Zeit
Ein Pastor uber Fingerbreit?
Den Beichtstuhl, arme Sunder,
Und, wenn zu Haus es wohl gedeiht,
Ein ganzes Hauflein Kinder!
Wie aber Sie? Halt! us hat e
Achtbarer Herr Praposite
Zu Mosen und Propheten?1
Und bei der Zeiten Ach und Weh
Zu Pauken und Trompeten?
* * *
Ein Jungferchen wird gnad'ge Frau;
Des Pastors Trinchen kommt zum V.
Auf ungebahntem Wege.
O Wunderworte! braun und blau,
Schlag uber alle Schlage!
* * *
Ist Ende gut, ist alles gut!
Das neue Paar zieht wohlgemuth
Mit Bibel und mit Degen.
Der Herr Gemahl hat adlich Blut,
Und Sie des Vaters Segen.
O des Hermanns und seiner andern Hand! Meine Mutter, wie wir alle wissen, war keine Freundin ihrer Nebenbuhlerin, und alle Reimlein fein waren ihr ein susser Geruch. Was wurde sie indessen zu diesem Auswuchs gesagt haben? "So wie Christus der Herr unter Morder kam, so auch oft die Dichtkunst, diese edle Gabe Gottes. Die Sonne geht auf uber Fromme und Gottlose, und der Regen fallt uber Gerechte und Ungerechte." Sie nannte sonst die Poesie etwas, was der liebe Gott seinen Lieblingen in die Hand stecke, ohne dass es andere merken. Was kann der Geber dafur, setzte sie aber hinzu, wenn der Schlingel in der nachsten Schenke seine Gabe versauft? Doch von allem dem ist schon sonst gepredigt worden.
Hermann warum vorderhand von ihm auch nur ein einziges Wort?
Der Ritter erhielt vom Pastor L so viel als das Haus vermochte. Ein Schelm gibt mehr als er hat. Der Pastor L that sich wehe seines hochwohlgebornen Schwiegersohns halber, seine andere Tochter litt Noth dabei; sie starb im Hospital. Unser Ritter hatte nie Gelegenheit gehabt, Debet und Credit in seiner eigenen Angelegenheit abzuschliessen, indessen verstand er doch zu ubersehen, dass die Mitgabe nicht hochadelich zugeschnitten ware. Er entschloss sich also zum Incognito, wo es, wenn nur eine reiche Weste hervorsticht, aufs Kleid nicht ankommt. Der Ritter beschonte seinen adelichen Namen und legte sich wohlbedachtig einen unadelichen bei. Das junge Paar lebt' also in burgerlichen Ueberkleidern in einem preussischen Stadtchen, und verzehrte bei einer friedlichen Ehe alles, was es hatte. Die Ritterin fand Ursache, ihren Gemahl fur ein gut Spiel in der Hand zu halten, wobei es zwar noch immer auf den Spieler ankommt; da sie indessen des Dafurhaltens war, dass sie sich schon in die Zeit zu schicken im Stande seyn wurde, so lebte sie sorgenlos froh, das heisst seliglich. In dieser glucklichen Periode hatte sie keine Kinder. Die Anzeige, dass ihr Vorrath zum Ende ginge, bracht' ein Nordwind zuwege, der lange anhielt, wie die Nordwinde gewohnlich zu thun pflegen. Was war zu thun? Unser Ehepaar entschloss sich zur Hauptstadt, und nach mancherlei Hin- und Her- und Ueberlegen wollte der Ritter franzosischer Sprach- oder Tanz- oder Fechtmeister werden, obgleich er sich schliesslich als Sprach- und Tanzmeister bei der Universitat Konigsberg fur Geld und gute Worte eintragen liess. Es waren ihm Kleinigkeiten, dass er so wenig tanzen konnte als parliren. Im Fechten war er zwar in naturalibus; indessen hatt' er doch eher als Fechtmeister als wie ein andrer Meister die Zunft gewinnen konnen. Er war indessen wegen einer naturlichen Herzlosigkeit auf diese edle Kunst gar nicht fundirt. Der Teufel, glaubt' er, konnte sein Spiel haben, wie er's oft hat. Da unser Krippenritter ein Mann war, der sich in allem, selbst bei einer Ohrfeige, wie uns bekannt ist, zu finden wusste, so half er sich aus und brachte es dahin, dass er in beiden schonen Wissenschaften, denen er den Eid der Treue abgelegt, das Gewohnliche leistete. Vom Franzosischen haben meine Leser am Wortchen rendez-vous eine Probe, das er sogar auf seine Frau fortgepflanzt hatte.
Unser Meister zweier brodgebenden Kunste hatte ein Gedachtniss, das er auf curische Manier ein Pferdsgedachtniss hiess, und was brauchte er mehr, als ein Lexikon, wozu er in kurzem Rath schaffte. Nun war er furs Haus ausstaffirt. Die Kunst verrath den Meister nicht. Er hatte gelehrt und gelernt, den Acker cultivirt und sogleich Samen auf den Boden gestreut. Doppelte Schnur reisst nicht. Diese Methode erforderte Fleiss und Hauslichkeit, und das ist der Grund und Boden einer glucklichen Ehe, woruber unsere Ritterin, nachdem sich der Nord gelegt hatte, nicht klagen konnte. "Jetzt, da ich weniger Brod hatte, erhielt ich mehr Zahne und mehr Magen. Ich schenkte meinem Manne einen Sohn und eine Tochter." Unser Meister musste bei seinem sauren Wein der Sprach- und Tanzkunst verschiedene Kranze aushangen. Er zog die studirende Jugend mit Rath und That an sich. Die That bestand in Cautionen, die er fur seine Leute, vom Professor an bis zur Wascherin, einlegte. Man nahm ihn uberall, seiner Frau und Kindes halber, als Burgen an. Der Hauptkranz, den er aushing, war sein Incognito. Er zeigte zuweilen den Schimmer seiner Weste und bedeckte sogleich wieder diesen Sonnenglanz durch die Verfinsterung seines Burgerrocks. Man wird selten einen Sprach- und Tanzmeister finden, der nicht Menschenblut auf sich sitzen hat, und so hatte auch unser Sprach- und Tanzmeister e i n e n Gewissen im Duell erstochen, um mit Blut seine Frau zu losen. Fur einen Mann, der Sprach- und Tanzmeister zusammen in einer Person war, ist es sehr bescheiden, dass er nur einen, und nicht fur jede Kunst wenigstens einen, ums Leben gebracht; obgleich dieser Eine gewiss sich gottlob besser befand, wie er. Leute, die den Pfiff verstanden, schatzten die Schonung des unschuldigen Menschenbluts und die Bescheidenheit unseres Tanzbaren und Deutsch-Franzosen. Die es aufs Wort glaubten, sahen die mit kostbarem Menschenblute geloste Krippenritterin so steif an, dass sie roth werden musste. Ich bin als Gast in ein paar franzosischen Stunden des Krippenritters gewesen, und muss nach einem L.B.S. ihm ein Zeugniss mit Obgleich geben. Ob er gleich durchs Lehren wirklich gelernt hatte, so wollte mir doch verschiedenes nicht in Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne.
Unser Ritter fing an warm zu werden; ich glaube das wird kein Deutscher, wenn er nicht franzosisch kann. Er liess es seinem Weibe empfinden, dass sie ihn bis zu Trebern erniedrigt hatte, wie er sich, weil sie Pastors Tochter war, biblisch ausdruckte. Du hast ja gottlob ein gutes Lexikon, erwiederte sie in edler Unschuld; allein der Krippenritter hatte aufgehort Unschuld zu fuhlen. Es war nicht zu laugnen, dass es nicht immer F u c h s e gab, die F u c h s e hatten (ein paar akademische Ausdrucke, die ich so frei, wie die Curlanderin sie brauchte, meinen Lesern abgebe; Fuchse heissen Dukaten und einjahrige Studenten), allein diess war nicht der Hauptgrund seiner Ausgelassenheit. Es hatte sich ein Liebeshandel zwischen ihm und der Mutter und Tochter eines wohlachtbaren Mannes auf dem Tanzboden angesponnen; diess setzt' ihn zuruck, und war die Hauptursache von allem. Unser Ritter legt' es seinem armen Weibe nahe, dass sie den Weg des Fleisches gehen sollte, den er ritterlich ging; es ist, setzt' er hinzu, der Weg alles Fleisches. Nicht also, erwiederte die Curlanderin. Also, also, rief er. Ein unmenschliches A l s o ! Der Tyrann entzog seinem Weibe alles, was zur Leibesnahrung und Nothdurft gehort; den letzten Bissen Brod. Seine Kinder, die nach Speise jammerten, storten ihn nicht in seinem Lustschlossbau, wo er mit seinen Prinzessinnen in Gedanken sich weidete. Ich will heute, sagte der Kleine eines Abends, aufbleiben, um dem Vater die Fusse zu kussen und ihn zu bitten. Was denn? fiel die Mutter ein. Das konnt Ihr wohl rathen (es war alles I h r und I h r ). Die Mutter weinte; denn sie wusste wohl, dass der arme Jacques gern noch eine Semmel gehabt hatte. Jackchen schlug sich mit dem Schlafe und hatte einen desto schwereren Stand; denn ihn hungerte, weil er den Schlaf uberwunden hatte. Der Vater kam um Mitternacht und, wie es aus seiner Art Gepolter den Anschein hatte, frohlich und guter Dinge heim. Der liebe kleine Junge kroch im Finstern (zu Licht war kein Dreier im Hause) zu seinen Fussen. Was da fur ein Hund? rief der Unvater. Dein Hundchen, lieber Vater, sagte Jackchen. Er: "Fort!" Der Kleine: "Gleich, lieber Vater." Warum lasst dich die Mutter herumkriechen? Auf diese Aufforderung gab das arme Weib, das sich schon langst in ihr Schlafkammerlein zuruckgezogen hatte, keine Sylbe. Der liebe Junge erzahlte mit einer himmlischen Leichtigkeit, dass er sich des Schlafs erwehrt, und dass er seinen Vater etwas zu bitten hatte, was seine Mutter nicht horen durfte. Vielleicht wacht sie noch, fuhr der Kleine fort, hebt mich an Euer Ohr, oder neigt Euch zu mir. Der arme Junge bat den Vater ganz leise, seiner Mutter zwei Semmeln zuruckzulassen. Wir beide, setzt' er hinzu, meine Schwester und ich, werden, wie ich hoffe, satt werden, wenn wir Mutterchen essen sehen. Diese fussfallige Bitte beantwortete der Vater mit einem Stoss und dem Ausschrei: Comodie! Vortrefflich! Madam hat nicht einmal nothig zu souffliren, brummte er hinterdrein. Das arme Weib verlor uber diese Geschichte den letzten warmen Tropfen Fassung, und unserm Jackchen (ich will ihn lieber Jakob nennen) spielte der Schlaf den Streich, dass er kein Auge schliessen konnte. Die Mutter schluchzte und der kleine Junge weinte so bitterlich, so, dass er bis Morgens um funf daruber vergass, dass er hungrig war. Die Curlanderin lebte mit ihren Kindern von ihrer Hande Arbeit. Das Madchen musste spinnen und Jakobchen die Wolle auseinander ziehen. Sie wollte eher ihren Ismael und seine Schwester Hungers sterben sehen, als auf unrechtem Wege Nahrung und Kleider suchen. Sie erfuhr in Wahrheit, dass der Mensch nicht vom Brod allein lebe, sondern vom Worte aus dem Munde Gottes, vom Bewusstseyn, recht und richtig zu wandeln. Ich war nie bose, sagte sie, allein mein trauriges Schicksal brachte mich weiter; ich ward fromm, gut, so wie es Menschen sehn konnen. Ein gewesener Sprachschuler hatte schon zur Zeit des genommenen Unterrichts ein Auge auf sie geworfen, ohne dass sie dieses Auge auf ihren Wangen, geschweige an ihrem Herzen empfunden. Jetzt glaubte der gewesene Sprachschuler beide Augen auf sie werfen zu konnen. Um indessen desto sicherer zu gehen (er kannte ihre Denkungsart), musste seine Base, die in der Familie kuppelte, es mit der Ritterin freundschaftlich anbinden. Diese Base war in einen Engel des Lichts gekleidet, und wenn auch vielleicht zuweilen ein schwarzes Fleckchen hervorkam, wie hatte es wohl unsere Curlanderin sehen konnen? Verliebte haben mit guten Seelen eine gewisse Denkungsart gemein; jene lieben alles, diese halten alles fur ihres Gleichen. Die Geschenke, womit die Base der Nothleidenden auf eine so gute Art zuvorkam, machten sie blind, wie doch Geschenke sogar die Weisen blind machen und die Sachen der Gerechten verkehren. Der Knoten war geschurzt, und der Buhler fand sich eines Tages bei Frau Basen ein, und von Stund' an, so oft die Curlanderin zur Base ging. In geraumer Zeit sah sie das Netz nicht, das zu ihrem Fang ausgebreitet war. Einst aber kusste dieser Buhler die Kinder der Curlanderin so verliebt, dass die Wangen der Mutter aus Scham gluhten. Vielleicht war' es ihr weniger bedenklich vorgekommen, wenn er nicht noch obenein die Kinder diessmal, da er kusste, so reichlich beschenkt hatte, dass die Curlanderin ganz deutlich sah, worauf es herausging. Die Sache kam dem funften Akt immer naher, und Frau Base deckte jetzt so wenig ihre schwarzen Flecken, dass sie uber und uber kohlschwarz erschien. Sie brachte, um recht ordentlich und bedachtig zu Werke zu schreiten, ein Pakt in Vorschlag. Die Curlanderin, die ihr Herz ehemals in ihren Handen getragen, schloss und verriegelte es jetzt, brach mit Frau Basen, sandte die Geschenke zuruck, welche die Kinder erhalten. Die mit buhlerischen Kussen befleckten Kinder wusch die Mutter mit frischem Wasser aus dem Brunnen vor ihrem Fenster. Die Kleinen weinten uber ihren Verlust, allein ihre Mutter trostete sie mit sussen Worten. Das arme Weib wusste nicht, was man vorhatte. Man drohte, da Bitte nicht helfen wollte. Es entrathselte sich, dass Frau Base nur die Geschenke spedirt hatte, die jetzt zuruckgefordert wurden. In welcher Seelennoth sah sich die Curlanderin. Sie rang die Hande, entdeckte sich ihrem Manne, der zum erstenmal im Jahr (es war im November) lachte; allein er lachte so, dass noch nie so schrecklich gelacht ist, seitdem der Teufel lachte, da Adam und Eva so dummkopfig fielen. Der Satan war lichterloh in ihn gefahren. Sie sprach Leute an, allein vergebens. Sie hatte von einem r e i c h e n M a n n e gehort, von dem man sagte, dass er zuweilen einen guten Augenblick hatte. Sie ging, fand ihn beschaftigt; er nahm sich Zeit, sie anzuhoren. Sie musste ihm ihre ganze Geschichte erzahlen. Da sie am Ende war, fragte er sie mit einer Gelassenheit, die mit dem Lachen ihres Mannes sehr nahe verwandt war, ob sie hypothekarische Sicherheit hatte? Nein, antwortete sie. Nun, jede Noth findet ihren Trost, fuhr der reiche Mann fort, so werden Sie einen Biedermann finden, der Burgschaft fur Sie leistet. Die Curlanderin bat ihn, dieser Biedermann selbst zu werden; allein er erklarte ihr nach Rechtsgrundsatzen, wie er bei sich selbst nicht Burge sehn konnte. Ich fuhrte die grosse Burgschaft an, sagte die Curlanderin, die Gott sich selbst geleistet hatte allein er meinte, diese Sache ware zu heilig, um sie auf irdisches Geld und Gut zu deuten. Schliesslich gab er ihr das Geleite bis zur letzten Stufe und befahl sie Gott. Eben dacht' ich, fuhr die Curlanderin fort, wenn Gott die Menschen auch nach Hypothek fragen, wenn er mit ihnen verfahren sollte, wie sie unter sich als ich ohnmachtig hinsank, und noch jetzt nicht weiss, wie ich in ein Haus in der h e i l i g e n G e i s t s t r a ss e gebracht worden. Sie fand sich, da sie erwachte, in den Handen einer alten Frau und eines jungen Mannes. Diess brachte sie zum Schrei, denn sie stellte sich die Base und ihren Vetter vor; allein sie erfuhr, dass es Schwiegermutter und Schwiegersohn waren. Sie war in ihrer Erzahlung noch nicht bei der Hypothek, als diese Mutter und Sohn sich ansahen und den Blick schnell abbrachen. Ein Blick, sagte die Curlanderin, der mir wie ein Sonnenstrahl tief in die Seele schien. Die Tochter der Alten, die Gute selbst. Die guten Leute liessen die Kinder der Curlanderin holen und gaben ihnen zwei Tage zu essen und zwei Nachte Betten zu schlafen. Dieser Schlaf war mir ein Vorschmack des Todesschlafs, so suss, sagte die Curlanderin. Nun kam sie in ihr hausliches Elend, allein sie fand ihren Mann nicht mehr; sein Auszug hatte keine Stunde erfordert. Ein jammerliches Bett, mehr war nichts nehmenswerth, und eben diess fehlende Bett zeigte seine Entfernung an. Sie warf sich auf die wuste Statte, wo sein Bett gestanden, nieder und wollte beten, da ihre Thur aufging und eine weibliche Gestalt erschien. So trug der Engel dem Elisa Essen, wie diese Gestalt ein im weissen Tuche verknupftes Wer? Wie? Wo? Weg war die Tragerin. Die Beterin losete auf, fand das Geld fur den Bosewicht und noch daruber. Da blinkerte der Blick vor ihren Augen, der ihr in der heiligen Geiststrasse in die Seele strahlte. Diesen Abend dankte sie Gott, den folgenden wollte sie ihren Errettern in der heiligen Geiststrasse danken, allein sie fand niemand im Hause. Die Nachbarn versicherten, dass die gewesenen Einwohner uber Land gezogen, wohin, wussten sie nicht. Sie haben's im Himmel zu gut, liebe Freundin. (Bald hatte der Graf Schwester gesagt, das war sie noch nicht.) Wehe der Stadt, die solche Leute verlassen! Ich dachte an Lot und seine Familie, fuhr die Curlanderin fort. Doch warum diese Weitlauftigkeit in wortlicher Nacherzahlung? Der Vetter und seine Base wurden von Heller zu Pfennig befriedigt, das ubrige im Bundel war kein Oelkruglein, allein es war Spargeld in den Tagen der Krankheit, womit Gott unsere Curlanderin heimsuchte. Ihr Tochterlein starb an den Blattern, Jakob aber, ein rustiger Junge, der es selbst mit dem Schlaf anzubinden sich getraute und den Sieg erhielt, unterlag nicht der Krankheit, sondern starb im eigentlichen Sinn an der Gesundheit, die mehr als die Krankheit forderte. Er uberstand die Blattern, allein Mangel der Pflege war die Ursache seines seligen Todes. Er kam mit dem Tode wie mit dem Schlafe zurecht. Eine benachbarte Wittwe brach in dem grossten Elend mit unserer Unglucklichen das Brod. Sie hatte einen Sohn, den sie den Brautigam der kleinen Julie (so hiess die Tochter der Ritterin) nannte. Da aber ihr Sohn mit der Tochter zu gleicher Zeit die Blattern bekam und auch zu gleicher Zeit ein kurzes Leben endete, ward die Wittwe so bitter unwillig, dass sie die Curlanderin mit einem Tropfen Wasser vergeben hatte. Ist das der Dank, schrie die Wittwe ohne Aufhoren, dass sie mein Kind wurgt? Sie begegnete der Curlanderin als der Morderin ihres Sohnes, und wollte nichts weiter von ihr sehen noch horen. Der Schmerz thut mehr als dergleichen Dinge, und auch seltener als der Zorn, was recht ist.
Noch eine Anekdote muss ich einholen, die mich sehr bewegte. Zur Zeit, da ihr Ungetreuer sein Bette noch nicht aufgehoben und sie verlassen hatte, war die Krippenritterin wegen Quartiermiethe sehr verlegen Ostern und Michael war Zinstag und Jammertag, wie sie sagte. Nie konnte sie Zeit und Stunde einhalten. Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen, war alle Jahre zweimal ihre Bitte. Der Vermiether hatte Geduld: es war ein Leineweber. Einstmals ward ihm die Zeit zu lange; die Weihnachten waren vor der Thur und mit dem Michaeliszins noch kein Anfang gemacht. Der Krippenritter hatte den Leineweber, der ihn in Zuchten und Ehren mahnte, ziemlich deutsch abgefertigt, obgleich er franzosischer Sprachmeister war. Mit einer Frau und einem Leineweber getraute er's sich schon anzubinden. Der Hausherr ward zornig. Sie kam, und eine spiegelblanke Thrane stand ihr im Auge. Der zornige Hausherr sah sich in dieser Thrane und fand seine Geberden verstellt; denn er hatte es auch mit ihr zum Scheltworte angelegt. Plotzlich ward aus dem Saulus ein Paulus Liebe, gute Madam, ich bedauere Sie. Freilich, Sie sind unschuldig, aber er ein boser Mann. Sie seufzte in die Hohe; die Thrane blinkerte. Nach ein paar Worten fing er an: Lass gut seyn! So lange ich lebe, horen Sie? so lange ich lebe, sollen Sie in meinem Hause wohnen und sich Ostern und Michael (ein paar schone Feste!) nicht mehr durch die Frage verderben, wo die Miethe? frank und frei! Der Leineweber konnte die Worte: frank und frei, vor Bewegung nicht laut herausbringen, er sprach sie gebrochen, das heisst, die meiste Zeit, herzlich. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Die diessjahrige Michaelismiethe, fuhr er fort, zum heiligen Christ fur ihr Jungstes; das war Jakobchen. Gott! mehr konnte sie nicht; sie wollte den Geber anfassen und ihm danken man fasst gern an, wenn man dankt allein noch ehe sie dazu kam, legte der Wohlthater beide Hande auf den Tisch, eine auf die andere, den Kopf langsam darauf und wer hatt' es denken sollen? starb. O glucklicher Leineweber, dein Lebensfaden, wie schon ist er zerrissen! Du bist lebendig gen Himmel geholt. Solch ein Tod! Das nenn' ich sterben! sagte der Graf, der Todesangst und Noth unerachtet, wovon ich unsern Seligen nicht loszahlen kann.
O du, der du die Menschen lassest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Ich bin zu geringe, wie jener Martyrer den Himmel offen zu sehen; lass mich, lass mich nur mit einer solchen That, wie dieser, dahinscheiden! Konnte Gott diesen grossen Thater mehr belohnen? Nicht wahr, der starb in einer seligen Stunde? Gott schenke sie mir und allen, die solch eine Thrane verstehen. Amen!
Hiermit ware diese Leinewebergeschichte fur den
Himmel zu Ende, allein fur die Erde bei weitem nicht. Die frohen Erben verstanden sich so auf Thranen nicht, als unser Leineweber. Das Versprechen: S o l a n g e i c h l e b e , war mit seinem Tode abgelaufen, das verstand sich von selbst; allein der Michaeliszins? Auch den musste die Curlanderin einbussen, oder ihr Jungstes
"Denn es ist mit nichts bescheinigt, dass eine der
gleichen Schenkung vorgefallen, vielmehr sind alle Umstande dawider. Defunctus hat zu verschiedenenmalen den Zins im Guten und Bosen verlangt, und ist nicht abzusehen, warum er so schnell seine Gesinnungen andern sollen. Es ist unter dem vorschriftsmassig schriftlich errichteten Miethskontrakt diese Schenkung mit keiner Sylbe bemerkt, vielmehr findet sich weder hinter dem Miethskontrakt, noch sonst wo, eine Quittung wegen des angeblich verschenkten Zinses. Niemand hat die Schenkung entgegengenommen, und konnen die vorgeschutzten Worte: ' D i e d i e ss jahrigen Michaeliszinsen zum heil i g e n C h r i s t f u r i h r J u n g s t e s , ' wenn sie wirklich vorgefallen, auf verschiedene andere Weise gelenkt und ausgelegt werden, zu geschweigen, dass kein deutlicher Sinn herauszubringen und dass das Hauptwort: Schenkung, ganzlich fehlt. Der so plotzlich darauf erfolgte Tod lasst vielmehr vermuthen, dass, wenn Defunctus sich ja wirklich (welches doch an sich zu bezweifeln) dieser Worte bedient, er schon ohne Bewusstseyn gewesen. Defunctus hat, wie es zugestanden ist, sich jederzeit und auch nur kurz vor seinem Ableben gegen den Mann bitter ausgelassen; und wurde es wohl der Ehegattin Ehre machen, wenn sie sich mit eben demselben Mann so gut gestanden? Auffallend ist's, dass sie durch diese Schenkung ihre eigene Schande veroffenbaret. Dergleichen Personen versagen die Rechte allen Glauben, sowohl nach den gemeinen als den statuarischen Rechten."
Das war ungefahr der Inhalt zu einer Sentenz, die uns die Curlanderin sub B. in copia authentica vorzeigte. Ich mag nicht weiter abschreiben, mir ekelt vor dieser losen Speise.
O der feinen, spinnwebfeinen, nadelspitzen Gerechtigkeit! sagte der Graf. Wie oft hab' ich mich in meiner Jugend der heiligen Justiz angenommen und den Kopf geschuttelt, wenn Priester und Kuster, Prasident und Notarius in offentlichen Lust- und Trauerspielen dem Volke zum Spektakel aufgezaumt wurden; nach der Zeit sah ich ein, und wer sieht's nicht, dass man ihr nicht zu viel, sondern zu wenig thue. Der Fehler ist, man behandelt sie bei ihrer Feinheit zu handgreiflich. Mit demselben Masse, womit sie misset. Doch weh', weh' ihr, wenn der Richter aller Welt sie messen wird! Die Curlanderin behielt die Sentenz zum Sterbekissen, und wahrlich, auf solch ein Urtheil den Kopf gelegt, muss sich leicht sterben, fast so leicht, wie der Leineweber auf seiner eigenen Hand. Wie aber, der solch eine Sentenz formte? Richtet nicht! Eine von des Leinewebers Erben war ein niedliches Madchen, das ein Rath aus dem Ober-Collegio nicht sauer ansah. Ich weiss nicht, ob und in wie weit dieser Umstand auf die gemeinen und statuarischen Rechte einen Einfluss gehabt. O der wachfernen Nase! rief der Prediger, und dachte an das Promemoria des Justizraths. Der Graf beschloss: Wenn die Christen zur heiligen Christzeit solche Sentenzen machen! Der Judenjunge und Benjamin fielen mir ein, jener in Ketten, dieser wie er dreimal um den Tisch hinkt.
Dieses Sterbekopfkissen war nicht das einzige, das unsere Curlanderin sich unterzulegen im Stande war; sie konnte noch weicher liegen. Ihr Ehemann war entschlossen, die Tochter quaestionis zu heirathen. Die Mutter quaestionis glaubte, bloss ihret-, der Mutter halber, die Tochter bildete sich ein, es besser zu wissen. Der Ritter gewann zusehends bei diesem Spiel und liess die Mutter glauben und die Tochter sich einbilden, was jedes wollte. Er musste, ehe aus ihm und der Tochter ein Paar, und die Mutter zugerechnet, ein Dreiblatt werden konnte, von seiner vorigen Frau, nach der Sitte im Lande, geschieden werden. Es ist ein Grauel in Preussen zwei Weiber zu gleicher Zeit haben, allein ich habe einen Mann gekannt, der zwei Frauen, von denen er geschieden war, bei sich hatte, die dritte ungerechnet, mit der er aber priesterlich verbunden war. Es kommt alles auf die Form an. Gott, der du Mann und Weib, Adam und Eva schufst!
Der Brautigam schrieb an seine Frau einen schrecklichen Brief, er beschuldigte sie der schwarzesten Laster und trug es ihr als eine Grossmuth an, dass er sich aller Beahndung in bester Rechtsform begeben wollte, wenn sie gutwillig, unter dem Vorwande, dass eine Todfeindschaft sich zwischen sie ins Ehebett gelegt, in die Trennung willigen wurde. Das arme Weib, die sich ihrer Unschuld bewusst war, antwortete ihm, wie er's mit seinen Sunden verdient hatte, und nun der Weg Rechtens! Ein kleiner, schielender Bube, der Rath des Ehegerichts (ein Verwandter von dem Hause, mit dem der Ritter ehelich und unehelich verbunden war und werden sollte), war Klager, Richter, Henker. Er entwarf die Eingaben, referirte, erkannte und trieb sein Werk, wie die feinsten Bosewichter, so offentlich, dass er mit dem Ritter vor aller Welt Augen ging und stand, ass und trank. Unserer Beklagten ward ein Anwalt ex officio zugeordnet, dem sie den Schaden Josephs entdeckte; indessen that diess Mannchen nichts weiter als die Achseln ziehen. Mit einem Steuermann des Collegii, eines Armenparts wegen, einen Speer brechen, verlohnte der Muhe nicht. Der Klager nahm aus der Beilage sub B Gelegenheit, die Beklagtin eines verdachtigen Umgangs mit dem Leineweber zu beschuldigen. Die Base ward zur Zeugin laudirt, dass sie Geschenke von ihrem Vetter angenommen, die sie wieder zu erstatten ware gezwungen worden. Ihr Lebenswandel, behauptet der Bosewicht, sey schon vor der Ehe verdachtig gewesen, und eben dieses Verdachts halber hatte sie mein Vater (wie unschuldig man in Akten prangen kann) recusirt. Die zwei Tage und Nachte, die sie bei den Engeln in der heiligen Geistgasse gewohnt hatte, wurden als eine bosliche Verlassung (malitiosa desertio) ausgegeben. Sie ward als eine Verschwenderin dargestellt, und wenn alle diese Stricke reissen sollten, ward eins (ein Galgenstrick) angebunden, das uber alles ging, die liebe Todfeindschaft. Wohlbedachtig verschwieg der Herr Eheklager die Ohr , die er vor der Ehe aus guter Hand erhalten, allein er erwahnte, wie oft er nothgedrungen gewesen, Hand an sein Weib zu legen und sie sich von Leib und Seele zu halten, wenn sie als eine Furie Feuer gespien. Er hatte wirklich, unfehlbar dem Beirath des Klagers, Richters und Henkers zur gehorsamsten Folge, ihr das erste Liebesband, die Ohrfeige, mit vielen wucherlichen Zinsen erstattet. Die Sentenz war in den besten Handen. Der schielende Bube setzte sich auf den Richtstuhl an der Statte, die da heisset Hochpflaster, ja wohl Hochpflaster, auf hebraisch aber Gabbatha. Sie wurden geschieden, und da es keiner Auseinandersetzung sowohl wegen Kinder als Vermogens bedurfte, weil nichts von beidem da war, so wurden der Beklagten in der Sentenz ihre Bosheiten und Herzenstucke aufs nachdrucklichste verwiesen und sie zwar fur diesesmal und, wie es hiess, vorzuglich um den Namen ihres gewesenen Mannes zu schonen, von einer offentlichen Gefangnissstrafe befreit, indessen furs kunftige angewiesen, sich eines christlichen, eingezogenen Lebenswandels zu befleissigen. O du sanftes Kopfkissen im Sterben! S o l l i c h a p p e l l i r e n ? fragte der Advokat, und eine Thrane fiel ihm auf die Abschrift, die er in Handen hielt. (Er war nur im ersten Jahr in der Praxis.) Nein, sagte sie, Sie nicht, ich werde appelliren, ich, und sah gen Himmel. Wenn der arme Schelm von Advokaten doch ein anderes Handwerk gewahlt hatte! Ich habe nichts, sagte die Curlanderin, was ich Ihnen anbieten kann, als hier diese Bibel von meinem Vater (sie hatte silberne Clausuren ). Ware sie nicht in Silber, wie willkommen sollte sie mir aus Ihren Handen seyn, erwiederte der Advokat. Nun hatte die Curlanderin nichts, was einen Ruckblick nach Sodom veranlassen konnen, wenn sie auch Madam Lot gewesen ware. Sie war sicher, dass sie keine Salzsaule werden wurde. Der Weg nach der heiligen Geistgasse, den sie dreimal auf- und abging, war ihr letzter in Konigsberg. Sie weinte bei diesem Auf- und Abgang dankbare Thranen, die besten, die man weinen kann, und nun? wohin Gott wollte! M i n e ging in ein Land, das Gott ihr zeigen wurde. Die C u r l a n d e r i n hatte, wie sie sagte, zum Gluck etwas aus dem gutthatigen Worterbuch gelernt und wollte mit ihrer Wissenschaft wuchern. Nicht auf die Saat, sondern aufs Gedeihen kommt's an. Ich fur mein Theil, sagte der Graf, wurde meine Kinder eher von Ihnen als von einer Franzosin, die nur eben geraden Weges von Paris kommt, im Franzosischen unterrichten lassen, wenn ich Kinder hatte, fugte er nach einer Weile hinzu, und das so geruhrt, dass Er selbst weinte nicht. Indessen war der Geist bei unserer Curlanderin willig, das Fleisch aber schwach; sie erreichte mit genauer Noth ein Wirthshaus, wo man sich bloss des Lagers wegen das letzte Bischen Sachen zueignete, das sie mittrug. Man nahm sogar ein Bundel franzosischer Vocabeln, die sie sich als ein Viaticum ausgeschrieben hatte, weil sie in Goldpapier genaht waren, in Zahlung. Die Sentenzen und andere Papiere ohne Goldpapier liess man ihr. O die Ungluckliche! Sie verlor mit den Vocabeln auch die Herzhaftigkeit, in der Sprache Unterricht zu geben. Hand an sich zu legen, wer kann das? Die Hungersnoth, dachte ich, wird ohne dein Zuthun dich erlosen, und argerte mich, dass mich nicht hungerte. Solch ein Hungerswunsch ist das schrecklichste, was man sich denken kann. Die Todesfurcht ist naturlich, und mich dunkt, man sey immer ubler dran, wenn man den Tod wunscht als wenn man ihn furchtet. Da traf sie einen Menschen, der nicht Oel, nicht Wein in ihre Wunden goss, sondern sie zum Grafen brachte, und da der Graf auf eine Kleinigkeit zur Erkenntlichkeit es nicht ansah, wenn die Todescandidaten, wie er sich auszudrucken pflegte, des Sterbens werth waren, so machte dieser Priester und Levite (ein Samariter war er nicht) keine unrichtige Speculation. Nun sind wir an Ort und Stelle.
Das war in kurzem der Lebenslauf der Antagonistin meiner Mutter. Ich konnte dem Grafen noch verschiedene Auskunfte zu diesen Erzahlungen zureichen, und das war ihm ein Fund, den er zu schatzen wusste. Die Curlanderin bat mich, nach Curland zu schreiben, wenn sie gestorben seyn wurde.
Gott kann Ihnen helfen, fiel ich ein.
Durch Tod oder Leben! fuhr der Graf fort; denn wenn er gleich keinem die Sterbestunde anzeigte, so war er doch sehr entfernt, bei seinen Patienten den Worten Tod und Grab auszuweichen. Man muss, wenn man frisch, gesund und stark ist, auf Tod und Leben gefasst seyn, fuhr er fort, und wenn man krank darnieder liegt, allein auf den Tod. Wenn die alten hochadelichen Hauser die schon gestorbene, verschiedene Hand der Curlanderin jetzt gesehen, die sie ihr zu einer Zeit rund abvotirten, obgleich andere mehr bewanderte hochadeliche Herrschaften sie ihr gnadigst liessen, wahrlich, sie hatten ihr Urtheil revocirt. Mit den Urtheilen!
Die arme Ungluckliche konnt' ihr Gesicht nicht von mir wenden. Gewiss, sagte der Graf zu mir, ist sie Ihrem Vater, dem Sie sehr ahnlich seyn mussen, guter gewesen, als er ihr. Auf diese Art scheint wohl die jungste Tochter des Pastor L (der nicht Prapositus ward, obgleich er sich auf den Kopf setzte) Theil am Gastmahl zu haben, wozu mein Vater eingeladen ward, nachdem im Pastorat des verungluckten Prapositus L. in Curland erscholl: mein Vater hatte die Gabe der Enthaltsamkeit nicht. Ob das Ave Maria, der Gruss, den mein Vater dieser Ritterin eher als ihren altesten Schwestern zuwandte, ober wirklich allmahlige Neigung die Ursache gewesen, und viele Ob's und viele Oder's mehr, leg' ich bei Seite. Was konnte das arme Trinchen (diesen Namen erseh' ich aus dem Hermann'schen Pasquill) dafur, dass ihr Vater nach der Weise Melchisedech zum Sprichwort aufbrachte? was?
Um die Observationen uber diesen Kometen in der gegenwartigen Geschichte zu schliessen, sey mir erlaubt zu bemerken, dass diese Arme, nachdem sie eingelautet war und nachdem sie geohrbeichtet, sich erholte. Der Graf hatte den grossten Theil dieser Ohrbeichte bis auf meine Anwesenheit gespart. Nach der Zeit fiel sie wieder ein und starb als Schwester des Grafen und seines Jonathans, des alten Bedienten (denn wahrlich, sie hatte den Kelch der Todesnoth allmahlig ausgetrunken) sanft, willig und selig, ihres Alters funfundvierzig Jahre.
Meine Mutter, an die ich diesen Vorfall, sobald der gute Prediger in L mir ihn meldete, weiter brachte, antwortete mir wie nachfolgt:
Herr, der du sprichst, es geschieht, der du gebeutst, es stehet da, der du Gehet und Kommet in deiner Gewalt hast, gelobet sey dein Name! In Curland und Preussen, fur die Wege und Stege, die du mit dieser Geendeten und Vollendeten eingeschlagen! Durch gute und bose Geruchte, durch mancherlei Kummer und Leiden ist sie zu deinen Freuden eingegangen. In Unfrieden ging sie aus ihrem Vaterlande, in Frieden fuhr sie zu deiner Herrlichkeit, wo sie ihr franzosisches Bundel nicht mehr nothig hat, den Bettelsack. Sie hat mich vielleicht nur im Traume beleidigt, und hatte sie es auch im Wachen gethan, hatt' ich den Schlag bekommen, den ihr Ritter bekam, was nun mehr? Wir sind hier nicht zu schlagen, sondern geschlagen zu werden. Verzeih mir, lieber Gott, wenn ich im Wachen den Traum ihr ubel nahm. Ihrer Seele sey wohl unter denen, die gekommen sind aus grosser Trubsal und haben ihre Kleider gewaschen und sie helle gemacht. Heil ihr, wenn sie im Namen dessen starb, dessen, der unschuldig lebte auf Erden und auch ein Fremdling war und in Gottes Hand im Himmel seine Wohnung bestellte! Nimm auch ihren Geist in deine Hande, du allgemeiner Vater, du, Preussens und Curlands Vater! Ihrem Leibe Ruhe, er bedarf ihrer! Ein weiches, ungestarktes Sterbetuch fur ihr thranendes Auge ein stilles Grab! Vollbracht Uns alle lehre bedenken wohl, dass auch wir des Bleibens nicht haben, mussen alle davon, gelehrt, jung, reich, alt oder schon! Du aber, mein Sohn, schone dich in Preussen, es scheint eine Grube zu seyn, wo alles fallt, was aus Curland ist.
Wenn es nicht mehr leben kann, liebe Mutter! Aus dieser Stelle sollte man nicht schliessen, dass meine Mutter ihren Casum setzt und fromm ist in dem Sinn, wo fromm seyn etwas geistliche Aufgeblasenheit, geistliche Starke durch Kraftmehl ist, die hart und ansehnlich macht. Vergib mir, Mutter, wenn ich dir im zweiten Theil zu viel that. Ich that's im Traum, wie Pastors L Trinchen. Wenn ein einziges empfindliches Herz eine Thrane bei diesem Grabe gemeinschaftlich mit mir weint, so hat die Arme ein schones Leichenbegangniss. Meine Thrane hat eine schwere Geburt, fast nimmt sie mir das Auge mit. Die deinige, liebe Leserin, falle sanft auf dieses Blatt und diene deiner Tochter zum Zeichen, diese Stelle wieder zu finden, wenn sie ihr nothig ist.
Alle diese Auftritte, welche uns anderthalb Tage beschaftigten, hatten mich so mitgenommen, dass ich bei einem Haar zum zweitenmal in diesem Buche krank geworden ware. Doch Krankheit kann ich's nicht nennen, was mich niederriss. Was es war, weiss ich nicht; der Pastor in L meinte, dass dieses Uebel gerades Weges vom inwendigen Menschen, von der Seele, herkame, welche kein Arzt todten, allein auch nicht heilen konnte. Er rechnete diese Krankheit zu den Lindenkrankheiten, die oft gefahrlicher, oft leichter als die Leibesgebrechen sind. Recepte, Schlagwasserdoschen, meinte er, waren hierbei nicht anzuwenden. Hier ist Gott allein der Arzt, und sein heiliges Wort Medicin. Zur Bewegung ware am Fruhlingsmorgen eine sanfte Flur vorzuschlagen; der Waldgeruch sey schon zu stark und greife solch einen Kopf an. Das, sagte der Prediger, ist die Art der Seelenkrankheiten. Unsere Aerzte curiren oft den Korper, wenn die Seele leidet. Korperkrankheiten pflegen nicht den Kopf vorbeizugehen, sondern ihm die Ehre zu thun, von ihm auszuziehen in den ganzen Korper weit und breit.
Der gute Pastor! Ich seh' ihn noch, wie bekummert er war. Es uberfiel mich mit einer Ohnmacht. Der Graf schien froh zu seyn, dass es mich so uberfiel naturlich, um einen Sterbecandidaten mehr zu haben; er gab dem Prediger nicht undeutlich zu verstehen, dass, wenn er sich nicht langer aufhalten konne oder wolle, er ihm keine Bitte in den Weg legen wurde. Jeder, setzte der Graf hinzu, hat sein Packchen.
Ich sagte der Prediger, und konnte nicht mehr.
Beim Ich Punktum? fragte der Graf.
Ich werde diesen Jungling nicht verlassen.
Auch ich, sagte der Graf, nicht verlassen, noch versaumen.
Gott, wenn er sturbe!
Nun, wenn er sturbe?
Er kann nicht sterben
Wenn er unsterblich ist.
Gott!
Gevatter, entweder glaubt ihr Herren nicht, was ihr lehrt, oder was ist das Sichtbare gegen das Unsichtbare, das Gegenwartige gegen das Zukunftige, Zeit gegen Ewigkeit? Ist's denn nicht eine schone Sache um die Hoffnung? Und der Genuss?
Freilich, der Himmel wird anders genossen als Dinge der Erde. Der Erdengenuss gebiert den Tod, den Ekel.
Der Himmel ist Himmel, ist Genuss ohne Ekel, ohne Tod. Tod und Ekel sind gleichbedeutende Worter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ein Jungling wie dieser soll nicht glucklich werden?
Ach, ich habe Kinder, er Eltern, und d i e zeugten einen Sohn, der ihrem Bilde ahnlich war.
Warum mehr von den frommen Anzuglichkeiten, welche diese beiden Leute, der Graf und der Prediger, aus gleich gutem Herzen auswechselten? Sie schlugen Ball. Der Prediger wollte nicht von meinem Stuhl und war fur mich auf eine so ruhrende Art bekummert, dass er seine Abhandlung ganz und gar daruber vergessen zu haben schien. Die Bekummerniss gefallt am meisten, wenn sie unzeitig, wenn sie nicht an Ort und Stelle ist; daher die Sorgfalt der Weiber, so kindisch sie ausfallt, wie schon! Auch bei den Mannern muss sie weiblich ausfallen, sonst ist sie Furchtsamkeit. Der gute Vater Gretchens! Er erhielt auf vieles Bitten die Versicherung vom Grafen, dass ich noch nicht eingelautet werden sollte. Auch (diess hab' ich alles nach der Zeit vom Prediger) war diese Furbitte Schuld daran, dass ich nicht in die Todtenliste eingetragen ward, welche der Graf das H i m m e l s b u r g e r b u c h nannte. So kam ich wieder um's Gelaute, wonach ich doch so lustern war.
Herr, lass ihm noch diese Nacht, diesen Tag, noch drei Tage! sagte der Prediger mit andern Worten zum Grafen, die sich der Graf oft wiederholen liess, ehe er diese Frist bewilligte. Herr, lass ihn noch! war der Morgengruss des Predigers; denn ich hatte eine elende, lange, lange Nacht gehabt, und der Tag war wie sie.
Der Graf deklamirte fur, der Prediger wider den Tod, jener mit erhabener Stimme, dieser mit leiser, schmerztheilnehmender. Nie vergesse ich die graflichen Worte: Stirbt man denn an der Krankheit, Freund? Vom Leben stirbt man, und wenn unser Liebling (ich liebe ihn wie Sie), wenn er gesund wird, entfloh er dem Tode? Nein, nur der Krankheit. Allen? Nein, dieser. Eine grosse Sache!
Der Graf hielt drei Safts bei seinen Kranken, die Untersafts, die Aderbinder und Pulsbeschleicher ungerechnet. Der Arzt, der mich besuchte, wusste, dass er dem Grafen mit einem heimlichen Kopfschutteln einen Gefallen erwies, und schuttelte also, es mochte Gefahr seyn oder nicht. Bei einem Manne wie der Graf, und bei Krankenlagern, die von lachenden Erben umgeben sind, haben die Herren Safts immer gewonnen Spiel, es stehe oder falle.
Der Prediger aus L , der die Lindenkrankheiten aus Erfahrungen kannte, hatte vollig Recht, dass diesen Ober- und Untersafts meine Krankheit zu hoch ware. Freilich steckt eine kranke Seele den gesundesten Leib an, alle Seelenkrankheiten sind ansteckend; allein es war Lebensekel, Lebenskummer Ueberdruss, was mich ergriffen hatte. All' die Gebeinhauser, in die ich herumgeleitet worden, hatten meine Einbildungskraft so erhitzt, dass ich wirklich nicht todtkrank war, nicht gefahrlich krank aber beides zu seyn herzinniglich wunschte. O Gott, wie sehnte ich mich nach einem seligen Ende! wie nach Minen! Sie war der Mittelpunkt von allem. Ich suchte meinen Tod uberall, auf allen und jeden Gesichtern, und wo ich ein Todeswort fand, wie sehr druckte ich's an's Herz! Ich war eigentlich nicht krank, allein ich wunschte es zu werden. Eine der gefahrlichsten Gemuthskrankheiten, wenn es nicht im Apostelsinn heisst: I c h h a b e L u f t a b z u s c h e i d e n . Gern wollte ich bei Minen seyn, und sollte ich nicht w o l l e n ? Nach des Grafen Meinung nicht. In dieser Aussicht sterben, heisst: sich den Tod verderben, ihn mit allem Fleiss verunstalten, ihm den gesunden, naturlichen Geschmack nehmen, englisches Gewurz, Galgant, Pfeffer, Kreidnelken daran legen. Man muss sterben, um zu sterben. Der Graf hatte hieruber mit dem Prediger eine sehr gelehrte Unterredung. Ich vernahm die Worte nicht, allein der Geist von allem wirkte auf mich. Mein Vater pflegte diess Wirken W a n k e n zu heissen, wie man von Gespenstern sagt: sie wanken. Ich wankte; es war mir, als horte ich in der Ferne lauten. Der Hauptinhalt der gelehrten Unterredung war: ob man nicht auch durch kunstliche Mittel berechtigt ware, sich den Tod zu erleichtern? Der Graf behauptete Nein, und nannte diese Kunst Betrug. Wenn Sie wollen, frommen Betrug. Ich will aber nicht fromm betrogen werden.
Es sey nun aber wie ihm wolle, Mine war mein Schutzengel bei meinem Seelenzufall, sie starkte mich; ich holte alles nach, was ich bei ihrem Grabe durch Betaubung ubersprungen hatte. O wie gern wollte ich bei ihr seyn! Die vier Nagel, wovon meine Mutter sechs fur einen Vierding kaufte, glanzten mir schrecklich in meinem vierzehnten Jahre. Das Blatt aber, wo ich in der Kapelle eben am Ende meinen Namen verzeichnete, wie trostreich fur mich! Es war eine sichere Verschreibung, bald, bald, bald bei Minen zu seyn. In meinem vierzehnten Jahre liess ich sie zuruck; hier sah ich das vorgesteckte Kleinod. Es war mir ein Licht aufgegangen; ich empfand den ganzen heiligen Busch einer gottgefalligen, gottgeheiligten, himmelklaren, engelreinen Liebe ich hatte Lust abzuscheiden. Ein paar Schauer, womit dieser Leib und diess Gebein seine Rechte sich vorbehalt, abgerechnet. Ist's Wunder, dachte ich, eine so hoch geadelte Erde soll wieder zuruckkommen, wovon sie genommen ist? Ein solch Gefass zu Ehren zum Wurmgehekke? Doch schnell gab ich meinem Seelengefahrten den Segen: Gehe hin in Frieden, es soll dir alles wohl belohnt werden; du sollst auferstehen in Kraft, und Minens Leib und ihr Gebein, und dieser Leib und diess Gebein. Halleluja blieb mein Hauptwort, in meinem vierzehnten Jahre war es das Amen fein, Amen, das ich meiner Mutter nachbetete, Freunde, wohl dem, der eine Mine im Himmel hat! Die fuhllosen S a d u c a e r mussen keine M i n e n gehabt haben. Mein Herz hing an Minen, und sollte dieser Sitz des Lebens an etwas wirklich Todtem, auf Ernst Todtem hangen? Gott ist nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen, und meine Seele, sein Aushauch, ist hier sein Ebenbild. Mine lebt, ich werde auch leben! Junge Leute sterben leichter, sagte der Graf, weil sie keinen Anhang und Zugabe haben, weil eine lange Reihe Weils ich glaube kurz und gut, weil sie gewohnlich nach der jetzigen Weltmanier unglucklich lieben. Die Liebe hoffet alles, sie duldet alles, sie macht ein ruhiges Leben und einen sanften Tod.
Das erstemal, wie ich aus zum Ende gehende Blatt dachte, war's so, als ein aus dem Feuer gerissener Brand ins Herz. Das war ein Hauptreservat des Leibes, eins in optima forma. Es ist einem so warm auf einem Fleck, und kommt dergleichen Brand dem von der Schamrothe so nahe wie moglich. Beide verbreiten ihre Flamme zum Angesicht, die Stirn kalt. Dergleichen Vorbehalte, dergleichen Erdbebungen, hatt' ich bald gesagt, Erschutterungen wollt' ich sagen, das war alles, was ich von Todesangst bei dieser fur den Grafen, wie es anschien, so erwunschten Gelegenheit empfand. Es war indessen alles so, dass ichs ertragen konnte. Der Tod selbst, sagte der Graf, ist das allerwenigste; da springt das Band, das man so lange zog und riss und neckte, weg sind wir. Tod als Tod hat weniger Schreckliches als das Leben, er hat nichts Schreckliches. Ich furchte mich nicht vor Gespenstern, wohl aber vor Dieben und Mordern. Wer wird sich vor etwas furchten, was er nicht kennt, und wer kennt den Tod? Das Leben aber kennen wir. Wenn auf Regen die Sonne scheint, auf Muhe Lohn folgt, wohl uns, dass wir sterben, wohl, wenn wir todt sind, wenn unser Glaube an die Unsterblichkeit auch nur wie ein Senftkorn ist. Der Tod gibt Trost uber Trost, Wonne uber Wonne, und sollte der Gang zu diesem Aufschlusse des Menschengeheimnisses (wahrlich, wir sind ein Rathsel, der Tod ist unsere Auflosung) schrecklich seyn? Ende gut, alles gut. Der Tod ist das Ende vom Klagelied, von allem Elend. Canaan im Kleinen, in Miniatur, im Auge; was schadet ein Fuss in der Wuste? In einer unseligen Stunde sterben, heisst in den Henkerhanden der Krankheit sterben; das kann schrecklich seyn. Dem besten Kampfer aber das Kleinod, dem starksten Ringer der Preis. Wie wohl ruht es sich nach der Arbeit, wie wohl! Lasst uns nur des Sterbensleidens, ehe das letzte Stundlein kommt, viel haben, wenn es Gottes Wille ist; dann verdienen wir im Tode getrost zu seyn und wie der selige Leineweber gen Himmel geholt zu werden. Wer wollte sich aber das Sterben, aus Furcht des letzten Augenblicks, ohne Noth bitter machen, wer das Leben dadurch verleiden? Es gibt Leute, die sich das Leben auf diese Art versterben; warum das? Ich kann von mir sagen, ich sterbe taglich, allein diess will nicht viel mehr sagen, als: ich sehe taglich a n d e r e sterben, obgleich es auch Stunden gibt, wo es mehr sagen will. Der heilige, geplagte Apostel starb taglich anders als ich. Paulus trank taglich einen Tropfen aus dem Todesbecher; es war nicht Todesfurcht, die er trank solch ein Mann wusste schon, was im Kelche war es war wirklicher Tod; er starb allmahlig. Wer es horet, der merke darauf. Sich sein ganzes Leben vor dem Tode furchten, heisst zwar, ein Knecht, ein agyptischer Sklave des Todes seyn, allein noch lange nicht, sterben lernen, den Tod studiren. Mensch, bei allem, was du thust, gedenke ans Ende, so wirft du nimmermehr ubel thun! das heisst: Mensch, lebe gut, um gut zu sterben! Ich fur mein Theil (der Graf fiel in einen andern Ton) habe den Tod herzlich lieb, sehr gern seh' ich sterben. Sterben allein, das ist mein Leben; jeder muss wissen, was ihm Leben ist. Ich habe nichts wider das Leben, wie der Herr Gevatter meint. Da der Prediger sich bloss auf diess Wort buckte, brach der Graf ab und versicherte, der festen Hoffnung zu leben, dass er sanft sterben wurde. Du weisst, Bruder, sagte er zum Bedienten, ich hoffe zu sterben, wie der Leineweber. War es nicht, lieber Gott, fragte er zuversichtlich, inbrunstig, war es nicht Todesangst, Todesnoth, was ich aus dem Kelche trank, den du, mein Vater, mir gabst? Hab' ich noch diesen ganzen Kelch zu leeren, oder wird meine Zunge, wenn es ans Letzte geht, nur noch die letzten wenigen Tropfen aufziehen? Dein Wille, nicht wie ich will, sondern wie du willst.
Der Graf hatte so ohne End' und Ziel reden konnen. Es war Zephyr, den er mir zuwehte wirklicher Zephyr, sanfte Empfindung, womit er mich anfachelte. Es gibt Stunden, wo wir keinen Sturm ertragen konnen. Der Bruder des Grafen neigte sich, als schien er sagen zu wollen: Ich werde eher sterben, als du, graflicher Bruder; allein es schien auch gleich darauf, dass er sich bedachte, wie es ihm gebuhre zu folgen. Ehre, dem Ehre gebuhret. Und Sie (fing der Graf zu mir an), a u s b l u h e n d e r Jungling schnell hielt er sich auf, als bedachte er sich bei dem Worte: ausbluhender Sie haben auch nach Ihrer Art gelitten vielleicht sind nur noch wenige Tropfen Todesangst ubrig. Ich, fuhr er nach einer Weile fort, habe bei der bittersten Arzenei nichts nachgetrunken. Ich auch nicht, erwiederte ich; allein ich muss gestehen, nur blutwenig Arzenei gegessen und getrunken zu haben, setzt' ich hinzu. Bravo! schrie der Graf. Er wollte bemerkt haben, dass Leute, die sanft einschliefen, auch Anlage zum sanften Tode hatten, und befragte mich, zum innerlichen Verdruss des Predigers, wie es mit meinem Einschlafen ware? Bei Leuten, die schnarchen, fuhr er fort, hab' ich bemerkt, dass sie zu ihrer Zeit rocheln, und die unruhig schlafen, sterben gemeinhin auch unruhig, wenn namlich der unruhige Schlaf keine Folge des vorigen Abends ist.
Wie ich verschlage! Desto besser, so sehen meine Leser am deutlichsten, wie ich zu dieser Frist gestimmt war.
Der Prediger musste des Sonntags wegen, der vor der Thure war und anklopfte, von dannen; jeder hat sein Packchen. Das Wort: ausbluhender Jungling, so dem Grafen selbst auffiel, war dem Prediger aufs Herz gefallen, der gute, theilnehmende Mann! Sagt selbst, lieben Leser, verdient nicht seine Abhandlung von der Sunde wider den heiligen Geist bloss darum deutlichen Druck, gutes Papier und so weiter? Meine Seelenkrankheit kehrte das Blatt den Abend noch, und kurz, ehe der Prediger aufbrach; er nahm noch den ersten Besserungsstrahl mit. Mein Gruss an Gretchen, den er so gern in die Hand sich drucken liess, heiterte mich sichtbarlich auf. Gern hatte der Prediger dem Grafen wiederholt: Lass ihn noch; durft' er aber? Man widerrath den Schwermuhigen die Einsamkeit, und in vielen Fallen mit gutem Grunde; bei dem allen glaub' ich, dass, wenn ja ein Kraut und Pflaster sie heilen konne, es die Einsamkeit, die Selbstgelassenheit sey, wenn diese Einsiedelei nur gleich beim Anfange gebraucht wird. Die Einsamkeit ist dem Ungewohnten wie ein kaltes Bad, das anfangs widerlich ist, allein es starkt die Nerven. Gesellschaft angstigt schwermuthige Personen, das heisst, sie macht sie kranker. O ihr gutigen Thranen, was fur ein sicheres Recept seyd ihr in dieser Krankheit, und in Gesellschaft weinen, welch ein Mann kann das? Der Graf wunschte mir Gluck zu meiner Genesung. Jetzt sah er selbst ein, was fur ein Zufall es gewesen. Das Phanomenon bei dieser Sache war, dass ich, so froh ich war zu sterben, es auch zufrieden war wieder zu leben. Nicht wahr, ein wahres Phanomen? Ich, der ich meine Hande nach dem Tode ausstreckte, nach dem Freiwerber, den Mine zu mir gesandt, ich, der ich mit diesem Manne ziehen wollte, der ich nach der Zeit tausend- und abermals tausendmal bei ihr zu seyn mich herzlich sehnte. Der Graf versicherte mich, dass er kein Sterbenszeichen um und an mir entdeckt. S a f t hat also unzeitig sein Haupt geschuttelt; d e m G r a f e n z u m M u n d e wurde ich in Rucksicht des Gesprachs mit dem Prediger in L sagen. Wie kam es aber, dass der Graf Gluck wunschte? Und wie kam es, dass ich den Gluckwunsch als Gluckwunsch entgegennahm? Wir Menschen sind wunderbare Geschopfe! Es war mir so, als ob ich Minens wegen schon wirklich gestorben gewesen und nun, nachdem ich ihr mein Gelubde bezahlt, wieder auferstehen konnte. Ach, diese Seelenkrankheit, s o hat sie nicht mehr mich ubermannt; allein wie oft hiess es von mir: Siehe, um Trost war mir bange! Wie oft bluheten die Linden fur mich! Ach heute, da ich dieses schreibe, war ich in meiner Kammer, hatte die Thure nach mir zugeschlossen und mich verborgen, um
Wenn ich wusste, dass einer von meinen Lesern uber das, was Sitte beim Grafen war, seelenkrank werden konnte, wie bei mir dieser Fall eintrat, obgleich sie nicht sehen, sondern nur lesen, ich wurde hier schliessen, ohne ein einziges Wort weiter zu verlieren nicht wahr, verlieren? Kommen meine respektiven Leser und Leserinnen aber mit einem einsamen Stundchen, mit einem kalten Badestundchen ab was hat's zu sagen? Wir haben doch alle ein langes, kaltes Bad im Grabe vor, und wahrlich, das wird eine rechte Nervenstarkung seyn! Sieht noch obenein unter meinen Lesern ein Alexander seine Mine, und unter meinen Leserinnen eine Mine ihren Alexander in dieser Geschichte im Bilde, tragt er oder sie Leid um seinen, um ihren leiblichen oder geistlichen Todten, o dann ist's kein boses, dann ist's ein gutes Stundlein, das ich euch beschert habe. W o h a t t e e r d e n n s o v i e l Z e i t ? fragte ein kluger Mann, da er horte, dass ein Held im Felde an einer Krankheit gestorben ware. Diese Frage wurde bei unserm Grafen, der nichts mehr in der Welt zu versaumen hatte, der im Fegefeuer sich befand, ohne dass ihm, wie den drei Mannern im Feuerofen, ein Haar gekrummet ward, die uberflussigste von allen seyn.
Zum Schluss ein paar Reden, die mir der Graf zu Ehren am Sonntage halten liess. Das Evangelium, wie es mir vorkam, war nicht so ganz nach seinem Sinn, es war zu viel Leben darin. Der Graf war wegen seiner Sterbenden zum Hausgottesdienst gewohnt, und hielt sich wegen einiger lebendigen Evangelien einige Reden, von einem Christen und blossen Gottesverehrer bearbeitet, uber seinen Lieblingstext. Das Gelaute zu diesen Reden hier ist's.
Ein Gesprach zwischen dem Grafen und mir. Meine Leser mogen es als eine captationem benevolentiae ansehen.
Alles, was keine Sprache besitzet, was sogar keinen Laut vermag, ist todt an sich selbst. Alles, was nicht mit vernehmlichen Tonen von der Natur ausgerustet ist, ringt fast nach Gelegenheit, dass ihm die Zunge geloset werde. Sprache, Ausdruck ist Leben. Die schwerste Schrift wird biegsam, gefalliger, gelenkiger, geschliffener in unserm Munde. Die Zunge ist ein klein Stucklein Fleisch, und fast konnte man von ihr sagen, sie ware das Lustschloss der Seele. Der Mensch ist der Gott alles Leblosen; wenn er ihm gleich nicht einen lebendigen Odem einhauchen und es beseelen kann, ist's doch fast so, als ob alles sprache, wenn der Mensch ihm zuspricht, als wenn es antwortete, wenn der Mensch es fragt. Die Figur, dass man leblose Dinge anredet, wenn nur die Kunst nicht zu merklich ist, ware so unnaturlich eben nicht, als sie jetzt auffallt. Es scheint, als mache der Mensch den Versuch, ob es nicht anginge? Gott sprach, und es ward; der Mensch spricht, und es scheint zu werden. Sprich, damit ich dich sehe. In der Sprache liegt die Gewalt, welche der Mensch uber alles hat, was lebt, schwebt und ist, der Binde- und Loseschlussel. Mein Vater pflegte zu sagen: Noch sind jene Tone nicht cultivirt, wodurch wir vielleicht mit allem auf der Erde so umspringen wurden, als der Hauptmann von Kapernaum mit seinen Knechten: Komm, geh, thue das! Vielleicht waren diese Tone schon und gingen verloren, wie viel verloren ging.
Mein R e d n e r , fing der Graf an.
R e d n e r ? erwiedert' ich. Nicht anders, sagte der Graf. Beleben die? Sich im Leben angreifen, sich uberleben, zu viel leben, ist Tod, uberall Tod, fuhr ich fort. Es gibt Redner, die nicht bloss schlechthin beleben, sondern beseelen, begeistern; allein das sind nicht ausgelernte Papageien und Raben, die auch zuweilen zu rechter Zeit oleum et operam perdidi krachzen, sondern Leute mit feurigen Zungen, nachdem ihnen ihr Geist gab auszusprechen. Aus dem Herzen aufs Papier, Schwarz auf Weiss, vom Papier ins Gedachtniss, aus dem Gedachtniss in Hand, Mund und Fuss. O der ermattenden Umwege! Und wie selten geht's gerade aus dem Herzen aus.
Der Graf fuhlte, was ich sagen wollte, obgleich nur ein Funke auf meiner Zunge blinkerte. Feuer war nicht drauf, die Lindenkrankheit hatte gedampft, geloscht. Eine Rede, sie sey auch die beste, ist ein Gipsabguss der Gedanken. Gemeinhin verschlingen hier die sieben mageren Kuhe die sieben fetten, wie in Josephs Traum; indessen ist nicht zu laugnen, dass eben dieselbe Sonne, wie ein witziger Schriftsteller sagt, die das Wachs schmilzt, die Erde versteinert; und es gibt Leute, die gern reden, und andere, die auch nur durch Reden gewonnen werden. Leidet aber jeder, dass auf ihn Jagd gemacht, dass auf ihn angelegt w i r d ? Und thut der Redner mehr, als seinen Bogen spannen und auf die Herzen seiner allerseits nach Stand und Wurden hochst und hochzuehrenden Zuhorer zielen? Freilich, erwiederte der Graf, wo Feuer ist, da raucht es auch. Meine Prediger, fuhr er fort, hab' ich so ziemlich ins Geleise bei Leichenpredigten gebracht, indessen raucht es doch noch. Conferatur: S i e h e , ich komme bald, behalte was du hast, dass niemand deine Krone n e h m e . Da war noch viel zu sagen, und doch war es aus dem Herzen. Wenn er aber empfangt, wenn er concipirt, o dann beisst der Rauch in die Augen! Willst du denn was Besseres sagen, als du kannst? Das war eine weise Lehre eines weisen Mannes, die er einem Junglinge gab, der sich uber den Eingang seiner Rede den Kopf zerbrach. Ein Redner, sagte m e i n V a t e r , ist ein Mann, der mehr von einer Sache sagen will, als er von ihr weiss; ein Avanturier, der sich uber seinen Stand kleidet, ein Petitmaitre, der zum verschimmelten Brod frische Butter gibt. Er machte einen Unterschied zwischen Redner und Prediger. Mit Feierlichkeit von einer Sache sprechen, nannt' er predigen, und in diesem Sinn war er Prediger uberall. Aber die Redner, sie machen einen grossen Schuh auf einen kleinen Fuss. Schuster nicht ubern Leisten, sagte der Maler zum Recensenten, der sich, wie gewohnlich, mehr herausnahm und herausliess, als er verstand. Dem Redner konnte man zurufen: Redner, nicht ubern Fuss! D u r c h R e d e n s i n d mehr Lander erobert, Festungen e i n g e n o m m e n , a l s d u r c h W a f f e n ; allein wie gewonnen, so zerronnen, wurde meine Mutter sagen.
Der Graf theilte mir sein System uber die Leichenandachten, wie er sie nannte, mit. Die Worte: Leichenpredigt und Leichenrede, gefielen ihm nicht. Bei den Aegyptern konnte man nicht alle Todten ohne Unterschied loben, es musste per judicata feststehen; der Todtenfiscus trat auf und ward gehort. Man erkannte auf Beweis salva reprobatione, und ehrliches Begrabniss und Leichenpredigt hing von diesem Urtheil ab. Der Konig hatte vor dem geringsten seiner Kammerlakaien keinen Vorzug; im Leben sah man ihn durch die Finger an, um den Staat zu schonen, nach seinem Tode, fiat citatio. Er so gut Staub, Erd' und Asche als ein anderer, und warum jetzt eine andere Procedur? Wie oft wurd' es jetzt von bepredigten und beredeten Leichen heissen: Lasst die Todten die Todten begraben.
Ich hore gern Leichenpredigten, setzte der Graf hinzu; allein in meinem Sinne sind es nicht Leichenpredigten, wenn es namlich nicht Lugenpredigten seyn sollen. (O wenn meine Mutter doch diesen letzten Gedanken von Lugen- und Leichenpredigten gehort hatte!) Kupfernes Geld, kupferne Seelmessen, fuhr der Graf fort. Weh' uber diese Aergernisse! Da heisst es denn: E r h a t t e n i c h t s M e n s c h l i c h e s a n s i c h , a l s d a ss e r s t a r b , oder wie von jener Madam: S i e b e t r u b t e i h r e n Herrn nur ein einzigmal, namlich d a s i e s t a r b ! Wer ist da mehr todt, fragte der Graf, die Leiche oder der Redner? Rauch uber Rauch! Etwas Rauch schadet nicht. Opferrauch, fiel ich ein, Blumenrauch, der gen Himmel steigt, wenn es hubsch warm ist. Und das ist eine inwendige Warme, die alles Lebendige hat; Kalte ist Tod, Warme Leben, innerliche Hitze ist Krankheit oder Anfang dazu. Wer anstecken will, muss selbst feurig seyn. Ein Redner will sein Auditorium anstecken, mithin muss er im Feuer seyn. Ein Brand raucht zu sehr; allein eine durch und durch gluhende Kohle, das ist das Bild eines Redners! Da war es ausgelautet. Wir waren feuerempfanglich, das heisst: warm. Noch einen Kloppelanschlag. Vom g o t t g l a u b i g e n zum w a h r e n C h r i s t e n ist es kaum ein Sabbatherweg weit, hab' ich sehr viele Leute (versteht sich, christliche) sagen gehort.
Plato wurde zuverlassig Superintendent geworden seyn, wenn er das Gluck gehabt, in christlichen Zeiten geboren zu werden, und Sokrates irgendwo Rector an einer Domschule.
Der Graf sagte zu mir: Freund, v o n u n t e n a u f . Ein feiner Knabe; Oelzweige um sein Haupt freie Stellung. Nichts, auch kein paar Handschuh in den Handen; allein um ihn ein weisses, weites Gewand, bald hatt' ich's Chorhemde genannt, wenn ich hier ein christliches Wort fliegen lassen konnte.
Das Jahr hat Monate, der Monat Wochen, die Woche Tage, der Tag Tageszeiten; Morgen und Abend ist uberall. Was Anfang hat, muss sich auch enden; der Mensch wird geboren und stirbt, beides, wenn sein Stundlein vorhanden ist; er wachst hin und zuruck, er sinkt, wird hinfallig mit dem ersten Tage, da er zu wachsen aufhorte. Seht die Tage, wie sie abund zunehmen, so habt ihr euer Leben. Ein Jubeljahr, ein Hundertjahriger, ist ausserhalb des gemeinen, und am Ende, was ist der ganze Jubel? Weiber, schwachliche Mannspersonen bringen es im Leben am langsten, sie lebten am langsamsten in die Hohe und in die Breite und sterben also auch so langsam wieder ab. Massigkeit in Absicht des Leibes, Massigung in Absicht der Begierden konnen uns zwar zum ruhigen Leben, zum ungestorten Genuss desselben bringen, ob sie aber das Leben verlangern, ist noch die Frage. Der Mensch hat seine bestimmte Zeit. Wenn es Ausnahmen gibt, so ist die Lebensokonomie wenigstens nicht immer Schuld daran. War' es durchaus nothig gewesen, dass wir nicht mehr, nicht weniger essen und trinken sollten, hatte die Natur eine Thure angebracht, die von selbst zugefallen ware: erreichten denn nur gute Lebensokonomen, oder erreichten nicht gemeinhin auch Verschwender dieses ausgeruckte Ziel? Sie scheinen zu Ausschweifern bestimmt zu seyn, im Tod und Leben; sie leben, wenn man so sagen soll, auf Tod und Leben, sie empfangen ihr Gutes in diesem Leben. Lasst sie doch, lasst sie doch leben! Ich wette drauf, es sind wenige, die solch ein Leben nehmen fur halbes Geld. Die meisten Menschen haben nur Jahre, nicht Leben zuruckgelegt; sie reden vom Leben, als von einer Sache, die man vom Horensagen kennt. Wie viel gehort zum Leben! Man nehme den Zufallen des Lebens ihre Wichtigkeit; wer kann das? Man bedenke, dass nur das Wohlverhalten den Werth des Menschen und seines Seyns ausmache. Wer versteht diese Kunst? Und besteht die Gluckseligkeit in etwas anderem, als in der Befriedigung der Sinne, aller Neigungen? Beim Lustigen tritt der Nervensaft uber seine Ufer, und diese Ueberschwemmung, diese Sundfluth richtet Unheil an. Das Leben ist eine Last, und warum sollten wir uns den Ruckgrat brechen und daruber froh seyn? An der Lange liegt's nicht, an der Wurde liegt's. Unsere Bruder aus zweiter Ehe haben von den Juden gelernt, dass langes Leben als Lohn fur den kindlichen Gehorsam anzusehen; allein auch sie behaupten, dass Gott mit den Seinen eile. Und so wahr es ist, dass Junglinge, die das Alter ehren, sich alt zu werden vor Menschen berechtigen, so ist doch diess Menschenrecht nicht auch Gottes Recht. Dein Wille, Gott, dein Wille geschehe! Das mannliche Alter schurzt den Knoten, der Tod lost ihn. Wer Gott gelebt hat und nicht sich selbst, wird auch Gott im Tode preisen und den verherrlichen, der das Weizenkorn, wenn es gleich dahingestorben und in Faulniss ubergegangen, zum Aufleben bringen kann; den, der Seelen wegzuhauchen Macht hat, alles, wie er will. Was er will, das geschieht, was er gebeut, das steht da. Sein Blick ist Sonne, sein Wort Erdenball. Sein Wille, und es ist nicht mehr, was es war. Wer sich auf alle Falle bereitet, ist weise; wer sich einen einzigen Weg erzielt, wird oft durch eine Kleinigkeit so zuruckgesetzt, dass er nicht aus noch ein weiss. Richtet sich der Lauf der Welt nach uns, und ist es darum schones Wetter, weil wir nach Athen fahren wollen, oder weil es im Kalender steht: klarer Himmel, oder weil wir ein Weib nehmen, oder einem Freunde das Geleite geben und eine Ausfahrt machen wollen, um dicht am Flusse ein Gericht Fische zu essen?
Das Denken allein hat wenig Trost in sich; wer es aber versteht, was fur Kraft in der Rede liegt, wird auch wissen, sich alles aus dem Sinne zu reden, was ihn niederschlagen kann, und sich selbst Muth zuzureden, wie es unsere in Gott ruhenden Vorvater gethan, die den namlichen ungewissen Weg ohne Wegweiser, ohne Grenzenmal gingen, der vor uns liegt. Der Herr, der Herrscher des Lebens, der ihnen an Ort und Stelle geholfen, wird uns auch an seinen Ort stellen. Der Thor klagt uber das, so nicht zu andern ist, der Weise sucht Bewegungsgrunde, es zu tragen. Das Ende liegt immer im Anfang, so wie der Anfang im Ende. Wir werden, das heisst wir horen auf zu seyn; wir sind, das heisst wir sterben. Wenn wir gegessen haben, stehen wir auf, und wenn wir gewacht haben, gehen wir, wie alles, was lebt und webt, zur Ruhe. Die Sonne geht auf und unter und der Mensch ihr nach. Sich gramen, dass wir sterben mussen, heisst: sich gramen, dass wir sind. Durch Philosophie, der man durch Ton und Geberde nachzuhelfen verbunden ist, kann man den Tod besiegen. So kann man des Todes Bitterkeit vertreiben, und wenn Noth an Mann ist, selbst fur Ehre und Vaterland sein Haupt hingeben, wie Johannes sein Haupt zum Schauessen. Eine grassliche Melone auf der Tafel eines Tyrannen! Nicht wer uberwindet, sondern wer so viel thut, als er weiss und kann, ist Held. Wohlan denn, lasst uns alle Krafte zusammenraffen und uns anspannen, um dem Tode, dem Fursten der Finsterniss, stattlichen Widerstand zu thun und das Feld zu behalten. Unser Leben ist ein Quodlibet von Abwechselungen, ein Apriltag, und wenn Thoren es gleich fur Mangel der Lebensart halten, an den Tod zu denken, so haben doch von jeher kluge Leute Todesbetrachtungen als richtige Proben eines gutgerechneten Lebens angesehen. Mensch, weisst du, ob du diese Nacht schlafen, ob du je schlafen, ob du Lust zum Essen haben, frohlich und guter Dinge seyn, Sohne oder Tochter zeugen wirft? Dass du aber sterben wirft, dass dein Leben ein Ziel hat und du davon musst, weisst du gewiss oder kannst es so wissen, als dass zweimal zwei vier ist. Aber selbst der Schnee auf dem Haupte erinnert den Greis nicht an den Winter seines Lebens; es ist Hagel und Schlossen, denkt er, so was fallt auch mitten im Sommer; der Himmel lasse nur das Getreide ohne Schaden! Die Menschen denken vielleicht darum nicht an den Tod, weil er das einzige Gewisse ist, und weil er sich von selbst versteht, das andere alles aber mit auf ihrer Sorgfalt beruht. Nicht also, Freund! ein hitziges Fieber, ein plotzlicher Tod kann zwar deine Vorbereitung storen, dein mit Fleiss besaetes Feld in Unordnung bringen, allein auch beim Misswachs bleibt dir Grund und Boden. Du kannst heute sterben, also lern es heute. Ein Seefahrer, der dem Weltmeer entging, findet seinen Tod im Brunnen, aus dem er sich einen Labetrunk schopfen will. Den Riesen Goliath schleudert der Hirtenknabe David zu Gottes Erdboden; jenen romischen Sieger trifft auf dem Wege zum Capitol ein Dachziegel und er stirbt; Heliogabalus wollte so sterben als er gegessen hatte, es ward ihm ein gewaltsamer Tod prophezeit und er liess sich kostliche Stricke bereiten, goldene Becher zum Gift und einen prachtigen Thurm zum Herabsturz; allein siehe, seine Anstalten zum kaiserlichen Ende waren vergebens, sein eigenes Blut war sein Leichentuch und die Tiber sein Grab.
Der Tod hat eine Sanduhr in der Hand, die er verdeckt halt, wir sehen nur die Sense, die er in der andern fuhrt. Wenn wir gefasst sind, warum einen Blick auf Sand in unserer Lebensuhr? Es fallen uns Tausend zur Rechten und Zehntausend zur Linken, lasst uns also bereit seyn und eine Nachtlampe anzunden, wenn wir schlafen. Wir stehen auf Rechnung, lasst uns also in unserm Wirthschaftsbuche alles unstraflich addiren, subtrahiren, multipliciren und dividiren, damit wenn der Herr kommt, wir Credit und Debet sein haushalterisch vorlegen und auf das Testimonium von ihm Anspruch machen konnen: E i , d u f r o m m e r u n d g e t r e u e r K n e c h t ! Wer mit Bestandigkeit und Geduld in guten Werken trachtet nach dem ewigen Leben, hat vom Herrn selbst sterben gelernt, und bedenkt dass es ein Ende mit ihm habe und er davon musse, dass das Leben einem Faden gleich sey, der in der Hand des Webers so leicht abgerissen wird. Seht euch um, Lilien knicken, Eichen sturzen. Ein kleiner Wurm sticht die schonste Blume, und manche wird, wie Casar, mit dreiundzwanzig Wunden erstochen durch und durch. Ein Nebel fallt uns auf die Brust und unsere Statte ist nicht mehr. Wir mussen wirken, ehe die Nacht kommt; wir mussen, wie alle Weisen es thaten, sterben, ehe wir sterben; wir mussen uns absondern und aus der Welt gehen, um unsere Seele zu retten; wir mussen uns selbst auflosen, ehe wir aufgelost werden, und so wenig den Korper, Fleisch und Blut aufkommen lassen, dass wir je mehr und mehr geistig werden. Lasst uns, Freunde, beim Tode uns nicht verwahrlosen. Wer bemuht sich nicht, sein Kind gesund und unverwahrlost aus Mutterleibe zu ziehen? Wisst, unsere Seele wird geboren, wenn wir sterben. Der Tod ist eine Niederkunft, eine Geburt zum andern Leben, und es ist gut, auch auf diese Geburtsstunde und diese grossen sechs Wochen zum voraus zu denken. Werden wir darum eher sterben, weil wir den Tod in Erwagung nehmen, eher begraben werden, weil wir diese Gewichte, die uns zur Erde ziehen, abschneiden? Willst du den Redlichen, der nach Gott fragt und nach sich selbst, von der Welt entfernen, gib ihm den Rath, sich mit ihr zu verwikkeln. Gibt's eine grossere Aufforderung zum Memento mori-Orden als eben diese? Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wer sich selbst ein Vergnugen entzieht, gewinnt; nur wenn andere es uns entziehen, verlieren wir. Der ist der Glucklichste, der am wenigsten zu verlieren hat. Besitzen wir das, was wir uber ein Kleines zurucklassen mussen? Gott gibt alles und behalt nichts; seyd wie Gott. Jedweder geht den rechten Weg, der recht thut. Der Christ glaubt an Christum, der gottlich auf Erden gewandelt hat, dergleichen Erscheinungen glaubten auch unsere Vater. Sind nicht noch der Erde die gottlichen Spuren anzusehen von diesem heiligen, gottlichen Menschen? Ueberall Gottes Fussstapfen. Wenn Gott auf Erden kommt, was kann er anders als Mensch seyn? Er begibt sich ins Fleisch, in den Menschen. Der Mensch ist das beste Stuck Zeug, wovon der Allerhochste sich ein Kleid machen lassen kann. Diogenes sah einen Knaben mit der Hand Wasser schopfen und warf den Rest seines Mobiliarvermogens, seiner fahrenden Habe und Guter, seine Wasserschale dahin. Wer die Knie aufeinander legt, kann ohne Tisch schreiben. Der Christ glaubt an Christum, wir an Gott, der da ist und der da war und der da seyn wird in Zeit und Ewigkeit. Sollte Gott nicht verzeihen, wofur mein Fleisch und Blut, das ich von meinem Vater seligen und meiner Mutter seliger geerbt habe, allein kann und nicht ich? Wenn ich nur rechtschaffenes Wollen habe, das Vollbringen, steht es wohl in meinen Kraften? Meine Seele kommt mit einer Bittschrift ein; der Korper, der sich nun einmal, weil er in die Hohe geschossen und grossmachtig ist, auf den Thron geschwungen, schlagt das Gesuch ab. Wenn ich das Supplikat nur recht von Herzensgrund eingerichtet und weder am Formale noch am Materiale was versehen, der Herr Konig Leib aber dem unerachtet den Kopf schuttelt, was kann das arme Seelchen dafur, was kann es wider Tyrannei? Wenn ich wie ein Engel von der Toleranz sprache und hatte der Liebe nicht, meinen christlichen Bruder gehen und stehen zu lassen, wo und wie er Luft hat, und ihm sein Trostkammerlein nicht ungestort zu vergonnen, war' ich nicht ein Morder von Anfang und wurd' ich wohl bestanden seyn in der Wahrheit? Ich bin Demokrit, der Christ Heraklit. Konige und Ketzermacher haben beide lange Hande, selten ist mit dem Kopf bei beiden zu prahlen. Uebers Grab weg, jenseits des Grabes ins Schwarze (dunkel ist zu wenig) reicht keiner mit einem Finger, auch nicht mit dem Mittelfinger, obgleich er der langste ist.
Unsere Sache ist leben und sterben, was druber ist, ist vom Uebel, so wie alles, was uber Ja, Ja, Nein, Nein ist. Die christliche Religion und unsere Religion hat durch die heilige Schrift ein Herz und eine Seele. Wer laugnet, dass ohne Bibel wir, die wir alle an einen Gott, Schopfer Himmels und der Erden glauben, lange nicht so weit waren als wir jetzt sind, wenn nicht Christi Lehre so mancherlei in der Vernunftmoral aufgeraumt hatte, allein wer? Doch warum dieser Maulaffe von verfanglicher Frage? Gottlich ist, was von Gott kommt und ewig bleibt, menschlich ist, was so fingerlang als das menschliche Leben ist, eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind voruberfahrt, ist der Mensch nicht da und seine Statte kennt man kaum mehr. Worte haben dem Menschengeschlechte einen unersetzlichen Schaden gethan; am Ende sind Kriege, wo Blut fliesst, als war' es schlecht Wasser so gut Wortgezanke, als die Dispute der Gelehrten, die sich kein Komma vergeben, wie die Monarchen keine Provinz, und wenn's auch nur der Name davon in ihrem Vongottesgnadentitel ware. O sagt mir, Menschen, sagt mir, damit ich einlenke, warum ihr so zittert und zagt, wenn's aus Sterben geht, wenn man nur das Wort Tod ausspricht? Warum ihr im eigentlichen Sinn am Worte Tod sterbet? Ist es das Leben werth, dass ihr darum siebenzig, und wenn's hoch kommt, achtzig Jahre Leid traget? Wahrlich, die meisten Menschen leben nicht, sondern betrauern das Leben. Wenn wir todt sind, leben wir nicht, warum sollten wir also nicht bemuht seyn, wenn wir leben, den Tod zu entfernen? Wie braucht ihr das Leben, das euch so kostlich dunkt? Lebt ihr denn wirklich auch, wenn ihr das Trauerkleid abgelegt habt? Die meisten Menschen wachen, damit andere schlafen mogen; ihr lebt fur andere, und so kurz und kostbar euer Leben auch ist, so verkauft ihr es doch gern fur wenige Gran Gold und Silber, die Erstgeburt fur ein schnodes Linsengericht. Warum also die Klage: kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahre? Hattet ihr Oekonomie studirt, ihr Lebensdurchbringer, ihr verlornen Sohne, wahrlich, ihr wurdet das Leben nicht zu kurz finden! Thiere werden alter als wir, Baume, die wir pflanzen, uberleben uns und wir sind im Stande, uns ein Grabmal aufzurichten, das stumm wie es da ist, zu seiner Zeit mehr von uns anzeigen kann als wir selbst. Wie lange wahrt es nicht, bis der Eichbaum so dicht wird, dass kein Nahrungssaft mehr durch kann, dass die Feuchtigkeit keine Circulation mehr hat, die Adern zu Knochen werden und die Lebenssafte austrocknen? Beim Menschen geht's geschwinder, geschwinder werden seine Haute Knorpel, seine Knorpel Knochen, seine Knochen Steine, wahrlich Leichensteine. Ich laugne nicht, dass aller Menschen Leben nur ein Tag sey. Dieser lebt einen Winter-, jener einen Sommertag, dieser ein Aequinoctium, jener den langsten Tag. Am Ende hat der, so in den Zeitungen steht, als habe er des Moses Lebensschlagbaum aufgemacht und noch zehn Jahre druber gelebt, und das kleinste Kind einen Tag gelebt. Methusalem, da er starb, kam nicht in die Zeitungen, darum steht er auch in der Bibel. Was wimmerst du, Unvernunftiger? Lebt auch was, das nicht Vernunft hat? Du abbrevirst dein Leben wie Geschwindschreiber und machst es so unleserlich, so ungestaltet, dass du uber ein Kleines selbst nicht klug daraus werden kannst. Die Natur ist nicht karg gewesen, allein du bist ein Prasser. Wer kann dir das Maul stopfen, wer dich bereichern? Ein grosser Lebensdurchbringer, dass dich Gott mit seiner milden Rechten selbst nicht reich machen kann! Du dienst dem Publikum und vernachlassigst dich selbst; du sinnst Tag und Nacht, um das Geld, das dein Nachbar hat, dir zuzuwenden, es sey durch Handel und Wandel oder Diebstahl, das heisst durch grobes und subtiles Stehlen. Und wenn du Meere durchkreuzt und gute und falsche Wechsel unter die Leute gebracht und endlich alles in deine Scheuern gehauft hast, was ist deine Sammlung? Leben ist's nicht, das ist nicht feil in der Welt, du allein haft es zu verkaufen. Bleibe im Lande. Fasse in deinen eigenen Busen. Nahre dich redlich. Sieh, deinem leiblichen Bruder wird die Zeit lang. Der Thor, sagst du, ohne zu bedenken, dass jener es in der Schlafmutze und du in Reisekleidern bist. Die meisten Menschen sehen ein, dass sie sich ums Leben betrugen, drum setzt sich jeder sein Ziel. Wenn ich dahin komme, will ich Halt machen! Allein, du Kornjude, heute wird man deine Seele von dir fordern und wer wird das Korn mahlen, das du aufgemessen hast? Er ist in der Lehre geblieben, sagt man von einem Menschen, der als Hauptmann stirbt und Feldherr werden sollte. Sind wir nicht alle nur Hauptleute, wenn gleich nicht von Capernaum? Wie kannst du mit deinem Leben so schalten? wie einen geliehenen Ring verschenken? Dem Staate, das heisst, dem furstlichen Schatz und deinem grunen Netze von Beutel, die Erstlinge geben und Spreu fur dich behalten? Kann man denn, wenn man alt ist, wieder in Mutterleib gehen und geboren werden? Jeder Tag beim Menschen konnte ein Ganzes seyn, ein Leben in compendio. Wer nie solche ganz ausgeschlagene Tage, solche Lebenstage gehabt, ist ein elender Mensch; wer wird ihn erlosen von dem Leibe dieses Todes? Wir legen uns unter drei und vier Schlosser. Die Perlen fur die Saue, die Diamanten in ein Kastchen. Du lebst kurz, Mensch; allein ist ein kleiner Mensch nicht ein ganzer Mensch? Wer an die Weisheit kommt, hat seinen Lauf vollendet; wer tugendhaft ist, ist alt, ohne graue Haare. Unser Leben wahrt siebenzig Jahre; wenn's hoch kommt, sind's achzig Jahre; der Tugendhafte lebt druber. Ein Tag ist bei Gott tausend Jahr und beim klugen Menschen wenigstens ein Monat; je kluger, desto zeitsparsamer. Zwischen Pflanzen-, Thierund Menschenleben, welch ein Unterschied! Dieser hat sein ganzes Leben verspielt, jener hat zwolf Procent in gutem, gangbarem, kassenmassigem und auf keinem Abschlage stehendem Gelde gezogen; der hat den H o m e r gelesen, dieser da weiss die Kometen auf Secunden zu berechnen, die Gottlob! mit der Erde jetzt gute Freunde sind und so freundlich zu uns kommen, als kamen sie zum Gevatterstande. Nur wenige haben zu dieser ihrer Zeit bedacht, was zu ihrem Frieden dient, und sich die Fragen woher? und wohin? aufgeworfen. Das Leben ist eine Geschichte, wobei man nicht nach der Lange, sondern nur fragt: wie sie ausgefallen? Wie lange wir leben, steht nicht in unsern Kraften, wohl aber, ob wir gut leben. Mensch, klage nicht uber Lebenskurze, schicke dich in die Zeit, mache Plane uber deine Tage, und wenn du dein Leben zu Ende gelebt hast, wahrlich, so kannst du ruhig sterben. Und warum wunschest du denn langer zu leben? Sey weise, das heisst, halte deine Zeit fest; ist sie indess mehr als eine ungetreue Schone? Sie druckt dir die Hand und lachelt dem Nachbar zu. Der Tod nimmt von jeder Minute die Halfte, von jedem Athemzug zieht er seinen Theil; wir werden jeden Augenblick schwacher. Jede Minute geht ein Theil von dir; diesen Augenblick, sieh, wie das Leben in einem tiefen Seufzer davon geht! Greifst du nach, was ist's? Schatten, weiter nichts. Der grosste Lebensschoner kommt hier nicht ungeschlagen davon. Der Genuss, wie schmeckt er? hast du ihn schon gekostet? Zum wahren, innerlichen Zeugen, dass es mit diesem Leben nicht aus seyn konne, ist noch etwas da, das auf die Zunge beisst, das sie kitzelt und das wirklich Geschmack hat: die Hoffnung; und die sollte zu Schanden werden lassen? Glucksguter sind Zeitverlust, je weniger wir besitzen, desto mehr Zeit haben wir. Jener Weise lachte, und jener Weise weinte; das beste ist, weder lachen noch weinen, den Richtsteig halten und mit ernster Heiterkeit wandeln. Gern leben und gern sterben, heisst: Gott gefallen, denn unser Leben und Tod ist in seiner Hand. Wer nichts mehr zu hoffen hat, stirbt gern, und es kam' auf die Probe an, dass uns der Arzt allen Hoffnungsfaden abschnitte, vielleicht wurden wir leichter sterben als jetzt, wo sich alles unserer Lebensart oder Lebensgrille bequemt und uns mit Hoffnungen schmeichelt. Wer hat Lust, die Probe auszuhalten? Die Aerzte machen feig; wenn sie nichts thaten, als Todesurtheile publiciren: du stirbst, d u , auch d u , auch d u , wir wurden Helden haben, in jedem Flecken mehr, als Tage im Jahre. Ein Blindgeborner denkt noch sehend zu werden, und welch ein Unglucklicher hofft nicht auf Gluck? Wir bringen eine richtige Summe heraus, der Fehler steckt nur in der Rubrik dieses und jenes Lebens; so was allgemeines ist von Gottes Finger in uns hineingeschrieben, wir verstehen nur diese gottliche Schrift nicht recht zu lesen. Ist es ein so gross Wunder uber Wunder, dass sich die andachtigen Zuhorer das Leben nahmen, da Hegesias die Muhseligkeiten dieses Lebens beschrieb? Die Freude des Lebens, ist sie mehr, als leidlicher Schmerz, als weinerliche Luft? Wir begrussen die Welt mit Thranen, und wahrlich: Lachen, du bist toll! H e g e s i a s , du hattest halbe Arbeit, deine Zuhorer waren schon vor deiner Rede uberzeugt; weit mehr ist's bedenklich, dass sich eine lebendige Seele uber ein Buch, das ein Christ von der andern Welt geschrieben hatte, das Lebenslicht ausblies. War es Neugier? Die Neugier ist's, wenn ich nicht irre, von dieser Welt. Die Vernunft zeigt den Tod als was wunschenswurdiges, die Sinnlichkeit als einen Konig der Schrecken. Nicht die viel denken, sondern die viel thun, verpflichten sich mit dem Leben. Der Mensch lebt die meiste Zeit wie das liebe Vieh, und noch ofter stirbt er so. Warum? Die Vernunft ist dem Menschen gegeben, um Tod und Leben zu wurzen und jedem von beiden seinen Jahreszeitgeschmack beizulegen; sie besitzt die einfachen Hausmittel, die uns im Leben und Sterben, wo nicht froh, so doch getrost zu seyn lehren. Die Rothe, so sehr sie einnimmt, was ist sie? Tod oder Leben? Wer, wenn er sein Urtheil uber das Leben abgeben soll, nicht hier und da eine schone Stelle auswahlt, sondern uber das Ganze urtheilt, ist weise. Was ist aber alsdann das Leben? Wenn es kostlich gewesen ist's ein Lebensanfang. Der hat am schonsten gelebt, der am meisten gedacht, wie er leben wollte. Jener Weise, welcher behauptete, dass Tod und Leben eins und eben dass e l b e w a r e n , war nicht in der Lage, da man ihm den Einwand machte: Warum stirbst du denn nicht auf der Stelle? Darum eben, erwiederte er, weil Leben und Sterben einerlei ist. Es stirbt sich, wenn man's nur dazu anlegt, leichter, als es sich lebt. Lasst uns ehrlich seyn; ist die Zahl unserer Freuden nicht auf augenblickliche Intervalle eingeschrankt? D e r r e c h t e n F r e u d e n , sag' ich. Dass wir so herzlich gern hoffen, beweist, dass an der grossten Lust nicht viel seyn konne. Die Menschen wunschen sich ohne End' und Ziel, weil der Wunsch ein Keim der Hoffnung ist. Schon der Mechanismus tropfelt Thranen in den Wein unserer Freuden. Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt; seht, andere Thiere kommen eingekleidet und bedurfen des Schneiders nicht; wir Konige von Gottes Gnaden aber mussen die Thiere bestehlen, unsere Unterthanen mit Abgaben bedrucken, um Nothdurftigkeiten zu bestreiten, die schwer auf uns liegen. Vernunft, wozu braucht sie der Mensch? Dem Thiere das Fell uber die Ohren zu ziehen und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben abzugewinnen. Das Ziel der Vernunft ist, wenn sie einsieht, dass sie uns nicht glucklich mache, dass wir uberall damit anstossen, wie ein junger Mensch, der in die grosse Welt eintritt. Je vernunftiger der Mensch ist, desto mehr zweifelt er. Die Kinderjahre sind die schonsten, weil wir mit der Vernunft in ihren Schranken bleiben. Gott, was ist der Mensch?
Diese Welt ist ein Gefangniss, in das wir vielleicht wegen voriger Verbrechen verbannt sind, ein Exilium, ein wahres Sibirien. Der Tod hebt diese lebenswierige Festungsstrafe auf und lasst uns wieder auf freien Fuss. Freuden, wenn sie nahe sind, erschopfen sie nicht mehr, als der Schmerz? Bei der Hektik kann man alt werden; ein dicker, vollblutiger Korper, wie schnell dahin! Krankheit und Schmerzen kommen unverdient, selbst wenn wir ihnen recht muhsam auszuweichen gesucht. Wer sein Leben lieb hat, verliert es; wer das Leben genossen hat, stirbt gern, das heisst: wer diess Leben kennt, kauft es nicht. Ist der Tod ein Uebel, ist er ein nothwendiges Uebel? Ist es nicht eben so thoricht, sich zu gramen, dass man nur zwei Augen und zehn Finger hat, als dass man sterben muss? Was nicht in unserer Gewalt ist, sollte diess uns wohl beunruhigen? Man kann es uns nicht leichter machen, als wenn uns gleich zu Anfang, ehe wir noch Hand ans Werk legen, gesagt wird: Das ist uber euch.
Der Tod ist bitter? Vielleicht den Umstehenden, dem Sterbenden nicht. Bist du denn schon gestorben, dass du die Bitterkeit des Todes auspunktirt hast? Ich habe es an Sterbenden gesehen, sagst du, ich habe es von Scheidenden gehort. Von fremden Leuten deinen Tod? Und war es der Tod, von dem sie dich unterrichten konnten? War es nicht das Leben, uber das sie wehklagten? Man thut dem Tode Unrecht, dass man ihn bitter beschreibt; wer hat die Ehre, ihn zu kennen? Ein Cholerischer will schnell fort, ein Phlegmatischer will absterben und nicht sterben; allein in allen Fallen hat nicht der Tod, sondern das Leben die Hektik, Schlagfluss, Krampfe, Gichte, Beklemmungen. Der Tod hebt diese Uebel und schlagt diese Lebensfeinde in die Flucht. Der Held! Wenn dir keine bose Handlung in der Brust sticht, sey unbekummert; warum willst du furchten, was so und anders seyn kann? Die Braminen sehen auf die Nase und weissagen. Wenn man lange auf einen Punkt sieht, ists einem so, als sahe man nichts. Seht auf das Unrecht, das man euch in der Welt thut, auf den Acker, den euch der reiche Nachbar abgrenzte, auf eine B a t h s e b a , um die euch ein Wollustling betrog, auf die Zwanzig, die euch ein Verschwender von eurem Hundert in seinem Concurs darreichte. Braucht ihr mehr, um gern zu sterben?
Suche, Freund, ein gut Gewissen zu behalten, beides gegen Gott und den Menschen, und wahrlich, ich sage dir, du wirft selig sterben, auch ruhig, wenn dir das Leben es zulasst; es wird wohl so gut seyn. Ein gut Gewissen ist ein probates, schlafbeforderndes Mittel. Das Gegenwartige hat seinen unlaugbaren Reiz, denn es ist etwas Gewisses. Da aber das unsichere Gegenwartige kaum der Rede werth ist, was thut denn die Gewissheit dazu? Die Alten brauchten den Tod zur Aufmunterung. Es sollte noch auf allen Grabmalern stehen: Sey getrost, Wanderer, geniesse das Leben, denn es ist kurz! Wer den Tod zuerst als ein hassliches Gerippe vorstellte, war gewiss ein junger Maler, der seine Geliebte verloren hatte. Die Griechen malten ihn als einen Engel, und wahrlich, er ist ein Engel, ein Bote Gottes zur Ablosung. Der Tod ist die grosste Gabe des Hochsten; den Seinen schenkt er den Tod. Jene fromme Mutter, die ihre beiden Sohne, vor einen Wagen gespannt, in den Tempel zogen, bat die Gotter, diese fromme Handlung mit der besten Gabe zu lohnen; den Morgen fand man beide im Bette in den Tod eingeschlafen. Tod und Schlaf sind Kinder von zwei Vatern und einer guten Mutter. Ist es nicht gut, dass die Fesseln sich abnutzen und wir endlich aufhoren, Rudersklaven zu seyn? Der Tod ist der letzte Auftritt in der Reihe der Stufen; wir sind schon bis auf den letzten Tritt todt, ehe wir sterben.
Die Liebe duldet alles, allein sie hofft auch alles. Wie wohl wird uns seyn, wenn wir unter dem Lindenschatten des Tages Last und Hitze vergessen und uns von der Arbeit erholen werden; wie wohl, wenn wir von den Ungerechtigkeiten der Welt noch ans Thal Josaphat die Appellation einlegen und sie geltend machen! Was der Tod dir rath, ist wohlgerathen. Der Leichenstein ist der wahre Stein des Weisen. Auch die Sehnsucht nach dem ewigen Leben wird befriedigt werden. Unser Heisshunger nach Existenz ist Gottes Hauch sey getrost. Ja, wenn die Ursachen keine Wirkungen und die Wirkungen keine Folgen hatten, ja, wenn! Ja, wenn das Leben dir nicht so viel Vordersatze darreichte, aus denen du den unlaugbaren Schluss zu ziehen im Stande warest von einem unsterblichen Leben, das dort dein seyn wird, ja, wenn!
Wir werden leben, wir werden wiederkommen und zum Tode sagen: Tod, wo ist dein Stachel? Das Principium des Lebens, ist es nicht die Seele? Der Korper, die Materie, ist todt, und sollte diess Lebensprincipium nicht ohne die Materie besser, gemachlicher, als mit ihr seyn und leben konnen? Was ist Gott, was seine Welt; was sind wir, was das Gewissen in uns, wenn die Zeit Summa Summarum unseres Seyns ist? Wer will nicht mehr, als er kann? Wer wunscht nicht, wer hofft nicht? Die Essenz des Lebens ist Wunsch und Hoffnung. Wir ehren jeden Mann, der so wenig Bedurfnisse hat, und halten den Genuss, die ganze Sinnlichkeit fur etwas, das unschicklich ist. Unsere Talente selbst, was lasst sich nicht von ihnen erwarten? Was ist nicht schon erfunden, und das Reich der Moglichkeit, wer kennt seine Grenzen? Ich erstaune, wenn ich die Geschichte mir uber tausend Jahre denke. Sollte uns Gott geschaffen haben, um unserer zu spotten? Monarchen, und auch Salomons unter ihnen, brauchen lustige Rathe. Wie? das hochste Wesen sollte Menschen zu solch einer Absicht oder im Zorn sollte Gott den Menschen gemacht haben, wie einige Gottschander gewahnt? Und was ist selbst leichter zu denken, dass wir bleiben oder dass wir aufhoren werden? Wer ist, der sich nicht nach Unsterblichkeit sehnt? Und diese Sehnsucht sollte wie Spreu zerstreut werden? Die meisten unserer Bruder sterben gemeinhin in Fragezeichen, einige in Verwunderungszeichen, viele in Komma; wer stirbt im Punktum? Und sollte der Mensch seinem Oberherrn trotzen konnen, sollte er, wenn es ihn gut dunkt, in der Welt Brand stiften, alle Kinder, die jahrig und drunter sind, in Bethlehem morden lassen und sodann fluchtigen Fuss setzen konnen, ohne dass ihm Steckbriefe nachgesandt werden konnen, ohne dass er einzuholen und zu bestrafen ist? Ist Tugend und Laster ein und dasselbe Ding, und soll die That im Stillen, die Gott nachahmt, unerkannt und unbelohnt bleiben? Wo dann die Bewegungsgrunde zu diesen gottlichen Thaten? Und wann wurde ich aufhoren zu fragen, wenn der Tod ewiger Tod, ewige Verdammniss zur Vernichtung ware? Zwar, wenn wir erwagen, wie der Mensch auf die Welt kommt, sieht es doch fast so aus, als ob man Menschen saen konnte. Wie der Hausvater sich Federvieh schafft, so der Monarch Unterthanen; jener legt Eier unter die Henne, dieser schliesst seine Wolken auf, lasst Freiheit und Ueberfluss in seinen Staaten regnen, und siehe da, es wird! Ist aber dieser Gang der Natur, so unbedeutend er anscheinet, nicht eben darum gottlich? Der Mensch kann alles und kann nichts. Die Natur sangt im Kleinen an, allein wie weit ins Grosse geht sie! sie springt nicht, sie geht mit bedachtigem Schritte. Was sind wir, wenn wir auf die Welt kommen, und was, wenn wir hinausgehen, und zu was sind wir dann nicht aufgelegt? Wir sind gepruft, gelautert und bewahrt. Es gibt Tugenden, die nicht anders als in einem niedrigen, schattigen Thal auf durrem Boden wachsen konnen; darum d i e Welt, und darum auch die andere. Es kann alles aus uns werden, was Gott will; zwar wissen wir's nicht, wir glauben es nur. Die Vorsicht hat weise, grosse Absichten in diesen Schleier der Ungewissheit gehullt; allein brauchen wir mehr als Wahrscheinlichkeit? Wir sollen nicht in der Welt die Hande in den Schooss legen. Welch eine andere Wendung wurde die Welt gewinnen, wenn wir auf einmal wussten, was wir hoffen? Wurden wir noch einen freien Willen behalten, und wurden wir nicht nur bloss so fromm und gut seyn, als wir jetzt uns gerade halten? Die Christen wissen es gewiss, wie sie sagen, dass sie bleiben werden; allein leben sie wohl so, als wussten sie mehr davon als wir? So etwas muss das Leben ausweisen. Wenn die Lehrer des Volks selbst Erscheinungsgeschichten, die sich nicht aus den Wochenstuben herschreiben, horen, wie fahren sie in einander, wie erschrecken sie! Ich will den ehrlichen Kerlen unter ihnen keinen Vorwurf machen; wenn sie es aber so gewiss wussten, als selbst ihre hiesige Existenz, wurden sie nicht anders leben, weben und seyn? Wurde man aus diesem Leben wohl so viel auf den Kanzeln machen? Wer untersteht sich, an heiliger Statte einem Fursten, einem Kirchenpatron etwas anderes, als aus dem alten Testament und der vierten Bitte, zu wunschen? Arme Leute werden in der Nutzanwendung mit dem Himmel getrostet, uberhaupt ist die andere Welt, auch bei unsern herzlich geliebten christlichen Brudern, bloss Trost, dieses Leben aber o was ist es nicht alles? Zuweilen kann man sich nicht entbrechen, an die himmlische Freudenkrone zu denken; allein man setzt wohlbedachtig hinzu: nach spaten, urspaten Jahren.
Horen wir auf, was haben wir zu furchten? Zwar auch nichts zu hoffen, allein wenigstens doch kein Klagelied. Wo warft du, ehe dir zum Menschen die Vokation ins Haus geschickt ward? Ein nicht Geborner und Gestorbener, sind die weit auseinander? Wie viel Grunde aber zur Wiederkunft! Das Laster allein furchtet, die Tugend sitzt der Hoffnung im Schoosse.
Das Grab, Freunde, ist eine heilige Werkstatte der Natur, ein Formzimmer; Tod und Leben wohnen hier beisammen, wie Mann und Weib; ein Leib sind sie, Eins sind sie, Gott hat sie zusammengefugt, und was Gott zusammenfugt, soll der Mensch nicht scheiden. Eine Handvoll Erde ist eine Handvoll Welt. Schaudere nicht vor der Verwesung. Das Weizenkorn fault und wird ein hundertfaltiger Halm; alles muss sterben, was zum Licht und Leben herausbrechen soll. Diess Erdenall, dieser Erdenball hat alles, was schon und gut ist, erzeugt und ernahrt; er ist das Herz, unter dem jedes gelegen, die Brust, die jedes gesogen. Die Erde ist des Herrn; fast sollte man glauben, dass es des lieben Gottes Lustschloss, sein Sanssouci sey, so gut ist's auf ihr, oder so gut konnte es auf ihr seyn. Nimm doch diesen Staub in die Hand, vor dem du bebst; es ist Bein von deinem Bein. Aus Erde sind unsere Windeln und unser Leichentuch. Wir werden, was wir waren. Die Goldkorner, die letzten Korpertheilchen, das eigentliche Saatgetreide, ist aufgespeichert und wird zu seiner Zeit schon vom lieben Gott wieder ausgestreut werden auf einen schonen Acker. Die Natur ist das perpetuum mobile, sie steht nicht still, sie wirkt Leben im Tode, Tod im Leben schon durcheinander, dass es eine Lust ist anzusehen, dem, der ein Auge dazu hat. Der Geist ist in Gott, in dem er lebt, webt und ist. Das Schlechtere vom Korper, das sich die Wurmer so gierig zueignen Mensch, trauere nicht es wird nur abgezogen, vom Felde in den Garten verpflanzt, wo es so lange verpflanzt und gepflanzt wird, bis
Es ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden. Du, mein Geist, der du dein bewusst bist, du, der du dich selbst anredest, du Funke Gottes in dieser stockfinstern Erde, du Funke, an dem sich jeder das Licht anzundet, das in seinem Hause brennt, was warst du, ehe dir dieses Kleid zugeschnitten, ehe es dir umgehangen ward, und was wirst du seyn, wenn du dieses Regenkleid, diesen Schlafrock, wenn's kostlich gewesen, ausziehest, oder wenn er, aus Alter unbrauchbar, wie ein zerrissenes Gewand abgeschuttelt wird? Von wannen kommst du? Wohin fahrst du? Woher? Wohin? finster vor und hinter dir. O ihr entkleideten, ihr nackten Geister, die ihr vielleicht diess Selbst-, diess Seelengesprach angehort, redet drein: sagt, wo seyd ihr? Wisst ihr, dass ihr seyd, dass ihr waret, dass ihr seyn werdet, und seyn so oder anders in Ewigkeit? Seyd ihr es, die in uns wirken, wenn uns ein heiliger Schauer durchblitzt? Nicht von Hautschauer, sondern von Seelenschauer rede ich. Wollt ihr etwa den Geist warnen, wenn ihr der Seele, des Geistes Busenfreunde, winkt, da ihr an seinem Korper anpocht? Nur herein, ihr guten Geister, herein! Naher weg seyd ihr! Diese Ebbe und Fluth des Bluts, was will sie? Solch ein Seelenschauder, Todesvorschmack, wozu? Es ist wahr, es geht durchaus und durchall; allein ich, hoffe ich, werd's vollenden. Was ist der Tod? Selige Geister unserer Vorfahren, die ihr vor uns waret und mit eben der Neugierde, wie wir, euch nach Nachrichten aus der andern Welt sehntet, sagt uns, gebt uns ein Zeichen: was ist der Tod? Hebt euer Incognito, bittet Gott um diese Erlaubniss. Wir haben nicht Mosen und die Propheten, die wir horen konnen; wir wunschten, dass einer von den Todten aufstande. O du, mein eben entschlafener Freund, wache auf, der du schlafst, stehe auf von den Todten, entdecke mir, wie dir war, wie dir ist, womit du dich beschaftigst. Der Christ ist musikalisch in der andern Welt, der Muselmann wollustig lustern, wir sind druben so einfaltig, als man nur einfaltig seyn kann. Wie? frage ich, nicht: ob? ist meine Frage; doch auch diese Frage und alle meine heiligen Fragstucke sind wilde Reben der Wissbegierde, sind vorschnelle Sprosslinge meiner Einbildungskraft, welche die Vernunft, wo nicht ganzlich wegzuschneiden, so doch zu verkurzen verbunden ist. Freunde, lasst uns in die Hande Gottes fallen! Warum sorgt ihr fur euer kunftiges Schicksal? Gott, euer himmlischer Vater weiss, was ihr bedurfet. Ob Leben oder Tod, ob Tag oder Nacht, sorget nicht. Ist es nicht genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe? Es wird alles gut werden. Leben ist eure Sache, Sterben gleichfalls, was druber ist, bleibt uber euch, Freunde. Was euch nicht angeht, davon lasst euren Vorwitz. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, das ist das Grundgesetz in Gottes Staat, und das andere wird euch von selbst zufallen. Lasst alles gehen, wie Gott will, lasst die vier Winde uber euern Staub sich in Anspruch nehmen, lasst die vier Gegenden darum streiten, lasst den eichenen Sarg euer Fleisch an Dauer ubertreffen, was kummern euch solche Kleinigkeiten. Wir, die wir nicht in die Sonne sehen konnen, wollen Gott sehen; wir, die wir den Mond nicht bespannen konnen, wollen Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit behugeln und begrenzen, wir, die wir die Fixsterne nicht zu zahlen verstehen (Mensch, kannst du sie zahlen?), wollen die Ewigkeit messen und eine Schlaguhr fur sie meistern!
Wer kennt den morgenden Tag? Und doch will man einen Kalender uber Ewigkeiten schreiben? Der Anfang und das Ende dieser Welt sind uns Geheimnisse und wir glauben einen Massstab fur die Himmel der Himmel zu besitzen. Hat der Christ einen nahern Weg als wir? Gut fur ihn! Unsere Bahn ist die Landstrasse, diese Bahn ist plan und naturlich. Im Glauben kommen wir mit dem Christen uberein, als wenn wir unter einem Mutterherzen gelegen hatten, nur sein Glaube hat ein ander Feld, als der werthe unsrige. Wir wollen so leben, als konnten wir eine andere Welt sinnlich machen, so fingersinnlich, als dass zweimal zwei vier ist, als waren wir wie die Christen bis in den Himmel entzuckt gewesen. Denn fragt euch selbst, Freunde, wenn auch euer Muth an der andern Welt zweifelt, um eure Kunst in Zweifeln zu zeigen; als ob's Kunst zu zweifeln ware? Was sagt euch euer Herz? Will ich denn, dass ihr einen Riss von der Stadt Gottes, vom himmlischen Jerusalem entwerfen sollt? Es ist mir genug, wenn ihr nur alle menschenmogliche Wahrscheinlichkeit fur die andere Welt findet.
So gut leben, dass, wenn eine andere Welt, schon wie die Sonne, aufgeht, unser Burgerrecht in derselben gewisser, wie Brief und Siegel ist, das heisst mit andern Worten: der andern Welt wurdig seyn. Je besser der Acker, desto mehr Unkraut. Vorwitz ist unechtes Kind des menschlichen Verstandes, eine Anlage zur Vorschnelligkeit, eine Krankheit des Scharfsinns, ein helles Glockchen in der Thorheitskappe. Wir wollen uns entschliessen, wie einer unserer Vorfahren, zu bekennen, d a ss w i r n i c h t s w i s s e n , dass wir hier und da Wahrscheinlichkeiten haben; allein im Thun komm' uns niemand zuvor. Weder Wagehalse, noch Wagekopfe taugen viel.
Der Ausdruck: seine Seele in Handen tragen, heisst, wenn ihn die Philosophen brauchen, so viel, als gute Gestus machen. Wir wollen uns weniger um das F u r und W i d e r , diese oder jene Meinung bekummern, als bereit seyn, es komme, was nur wolle, dass Oel in unserer Lampe sey. Gott wird uns richten, nicht nach unserm Wissen, sondern nach unserm Thun, je nachdem wir die Winke befolgt, die uns zum Guten aufforderten, je nachdem wir die Keime gepflegt, die er in uns gepflanzt hat, je nachdem wir nicht, wider unser Gewissen, die Leute mit allerlei Schwindelei der Lehre hinter das Licht gefuhrt. Weg mit Sophisterei, weg aber auch mit dem Dichterlaub, das hochstens vor dem brennenden Sonnenstrahl und einem Regenschauer sichert. Ein starkzweigiger Stamm soll aus uns werden, der dem auswurzelnden Organ stattlichen Widerstand leistet, dessen zur Erde sich neigende Aeste Wurzel fassen und der ein Abraham, ein Stammvater eines ganzen heiligen Hains wird. Wissen macht schwach, Thun starkt, festigt und grundet. Thatige Menschenliebe ist eine Silhouette von Gott, dem Herrn. Der Anblick des Glucklichen macht froh, das Bewusstseyn, einen glucklich gemacht zu haben, macht selig. That ist das Mass der Zeit; Tod und Sunde ist eins. Die personificirte Bosheitssunde ist der Tod, das, was wir gemeinhin Tod nennen, ist nicht der Tod. Ich bin der festen Hoffnung, es sey Geburtsschmerz, was wir Tod nennen, und gebaren nicht die schwachlichsten Werkzeuge unter den Menschen?
Gutes thun, heisst Leben. Auch der Niedrigste hat seinen Geburtsbrief (seinen Taufschein wurde ein Christ sagen) von Gott. Lasst uns die Mutterhand der Natur kussen, welche uns einige unserer Bruder und Schwestern, so voll Zutrauens, zur Aufsicht und Pflege uberlasst, die uns die ihr zustehende naturliche Vormundschaft abtritt; lasst uns dieser so gutigen Mutter nachahmen, Gutes zu thun nicht mude werden und durch so unzahlige mittlere Zwecke hindurch zu einem einzigen, letzten, grossen Endzweck arbeiten, das heisst, die hochste nur mogliche Wohlfahrt des ganzen menschlichen Geschlechts befordern. Vorwarts ist Bahn! Gesetzt, wir erreichten nicht das Ziel; ihm nahekommen heisst: es erreichen. Das Aergste, was wir zu furchten haben, ist, dass wir im Thun bleiben; das ist besser als in der Lehre. Man sollte allen Subtilitatenkramern das Handwerk legen, es sind die argsten Zeitverderber in der Welt; sie gewinnen uns die Zeit ab, wie die falschen Spieler das Geld.
Strebt der Sonne entgegen, Freunde, damit das Heil des menschlichen Geschlechts bald reif werde! Was wollen die hindernden Blatter, was die Aeste? Schlagt euch durch zur Sonne, und ermudet ihr, auch gut, desto besser lasst sich schlafen.
Eine wohlgesetzte Rede ist nie zum Behalten eingerichtet, man will sie ganz, und hat nichts; es ist ein regelmassiger Garten, wo es recht hubsch und fein aussieht, allein was kannst zu heimfuhren? Blumen? Blumen in der Hand, von der Wurzel gerissen, was sollen die? Nimm den ganzen Garten mit, was hast du? Ein ganz richtig gerechnetes Exempel zusammt der Probe. Wildniss, Berg und Thal, aus dem Vollen gehauene Gange, Parke, die machen Eindruck und lassen ihn auch. So vortrefflich unordentlich war diese Rede. Es war kein Kunst-, sondern ein Naturstuck, und was ist, pflegte mein Vater zu sagen, was ist es denn, das die kunstlich gezogene Wortschleusse und die daherrauschenden Fluthen des Redners, die alle an seinen Text schlagen, erzeugen? Schaum, und wenn auch eine Venus daraus wurde; nicht jedem ist mit dieser Schaumgottin gedient. Was ich meinen Lesern von der Wildnissrede gegeben, sollte eine Nachfolge des Originals seyn; ich wollte nicht den Hauch der Natur von der Pflaume wegwischen, sondern so wie sie da ist, mit diesem Naturathem, der mir wie ein Heiligenschein vorkommt, wollt' ich sie da ist die rothbackige Birne ungeschalt, die Baumwolle auf der Pfirsich, der Sammt auf der Aprikose, Blatt und Stengel obenein. Was meint ihr, Freunde, hatt' ich besser gethan, alles in Ordnung zu stellen und zu nehmen und zu geben, mit Allerseits anzuheben, mit Dixi zu schliessen? Ich mag nicht, sagte mein Vater, freie Gedanken in die Festung bringen, obgleich er ein Konigscher, ein Monarchenfreund war. Doch ich bin ausser dieser Rede noch eine reine Lehre schuldig. Und freilich hatt' ich diesen Pfirsichen-, Aprikosenund rothbackigen Birnennachtisch weit fuglicher bis ans Ende versparen und da erst zum Besten geben konnen und sollen; wer kann sich aber helfen? Dafur werd' ich auch nichts nach diesem christlichen Exercitio exploratorio abkanzeln, noch eine Kinderlehre fur die Kunstrichter anstellen.
Es trat ein Madchen auf. Allerliebst! Nicht mit fliegendem Haar, als standen sie ihr zu Berge, nicht mit einem Gewande, als war' es vor dem Winde nicht sicher, nicht mit einer hin- und herfahrenden, vorspiegelnden Hand, mit Augen, als wollte sie einfadeln, um uns nur etwas aufzuheften sondern mit einem fest an den Leib gegossenen weissen Kleide, einem schwarzen Kranze vor der Brust ihr Haupt mit einem Schleier bedeckt, zwar auch fest, doch liess er zuweilen nach. Das Auge schweifte nicht aus, allein es blickte inbrunstig gen Himmel und zufrieden auf Gottes Erde. Die Hande, die meiste Zeit gefalten, oft aus Herz gelegt, das aus Empfindung in die Hohe kam und sich zu Gott wolbte.
Das Ende kronet das Werk und zeigt den Unterschied dessen, der Christum angezogen hat, und dessen, der im Blossen geblieben und hochstens einen Regenschirm fur allerlei Wind und Wetter in seine Rechte genommen, welcher aber zur Zeit der Trubsale gemeinhin die Flugel sinken lasst und abfallt. Nur Christus hat Leben und unsterbliches Wesen an das Licht gebracht, die Dunkelheiten der Weisen zerstreut und selbst die finstere Nacht des Grabes ins helle Licht des Evangeliums gesetzt. In ihm war das Leben und das Licht der Menschen. Der Tod ist fur den christlichen David der Riese Goliath; er geht ihm nicht mit Schwert, Spiess und Stange, mit weltweisem Panzer und blank geputzter glanzender Rustung, mit spitzigen Sentenzen und kriegslistigen Fragen, sondern mit kleinen Steinen entgegen, und, wenn er ihn glucklich geschleudert hat, nimmt er sein Haupt gefangen, und es heisst von ihm: Wenn Sokrates tausend geschlagen, der Christ habe zehntausend uberwunden und das Feld behalten. Halleluja! Tod, wo dein Stachel? Holle, wo dein Sieg? Gott aber sey Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum! Wer vor Gott wandelt, wer seine Seele und seinen Leib unbefleckt bewahret, nach dem vorgesteckten Ziele lauft, wer heilig lebt, weil Gott heilig ist, der stirbt selig; wer dem Herrn lebt, stirbt ihm auch.
Die ersten Christen versammelten sich, aus Furcht vor den Verfolgern, auf Grabern zum Gottesdienste; und wie schon klingen Todesglocken dem, der zu sterben versteht. Kein Deist hort gern lauten. Zwar hat der liebe, grundgutige Gott fur alle Menschen gesorgt, fur Christen sowohl als fur Nichtchristen. Die Unchristen und Antichristen sollten, wenn sie Gelegenheit haben, sich dem Christenthume einzuverleiben und einzuverseelen, die Einladungen nicht verwerfen, sondern sich den Kopf waschen lassen, wodurch das Herz mit rein wird. Was hilft die reine Vernunft, wenn das Herz nicht rein ist? Nur die, s o reines Herzens sind, werden Gott s c h a u e n . Mensch und Christ sterben; allein der Christ ist eigentlich der Lehnstrager, der Gutserbe, der eigentliche Sterbliche; man kann nur von ihm sagen, dass er geboren werde und dass er sterbe. Der Unchrist ist ein Mensch, als wollt' er Mensch seyn; der Christ ist alles wirklich, was er ist.
Sankt Paulus spricht zu den Ephesern, im vierten Kapitel, im siebzehnten und achtzehnten Verse: So sage ich nun und zeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr wandelt wie die andern Heiden wandeln, in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher Verstand verfinstert ist, und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Blindheit ihres Herzens. Der Korper war da, noch ehe Christus kam, das heisst: es fehlte nicht an prachtigen Worten, allein der Geist fehlte; da blies uns Christus an und sprach: Nehmet hin den heiligen Geist! Der Christ ist das Geschopf, das Gott, wenn ich so sagen soll, am sechsten Tage schuf, um die Lehren der Heiden und Juden und alle Schriften, geschrieben von auserwahlten Menschen, zu benutzen und den todten Buchstaben zu beleben, und aus einem Gebeinhause eine Himmelswohnstube zu machen. Der Christ hat den Schlussel zu den funf ersten Tagen und ist ein Herr des unvernunftigen Viehes, das auf dem Bauche oder auf Vieren geht, oder fliegt oder Der Heiden Tugenden sind, nach dem Ausspruch des heiligen Augustinus, glanzende Sunden, und ihr Tod ist ein Armessunderende, wo immer viel geredet wird. Christus hielt keine Reden, wie Sokrates, da er starb; ihm schrieb kein Plato die Predigt nach der Herr der Natur starb naturlich. Alles zusammen, mit sammt dem Testamente, bestand in sieben Worten. Eine schone Zahl! Lasst uns die Sache beim rechten Ende fassen. Der Mensch mag es machen wie er will, es finden sich Lebensstellen, wo er offenbar zu kurz kommt; er kommt nicht aus und macht einen Concurs, wo G o t t , e r und sein M i t m e n s c h classificirt werden, wo es uberall heisst: S o l l h a b e n , h a t n i c h t ; s o l l b e z a h l e n , k a n n n i c h t . Wir konnen uns zwar vor den Blicken der Welt verbergen; allein der Furcht, verrathen und verkauft zu werden, wer kann der auf Flugeln der Morgenrothe entfliehen? Und wenn wir der Welt entkommen, sind wir uns selbst entflohen? Der Hauszeuge ist in den Gerichtshofen verdachtig; allein das Gewissen ist unbestechbar und so erhaben, dass man ihm auch nichts einmal anzubieten wagt. Verschliesse dich wie du willst, das Gewissen begleitet dich; es schlaft und schlummert nicht, es geht nicht uber Feld, und was das argste ist es hat ein gottliches Gedachtniss. Das Gewissen ist Gottes Unterrichter, es eroffnet dir in jeder dir selbst gelassenen Stunde, du seyst ein ungerechter Haushalter; du hattest mehr thun sollen, weil du mehr thun konnen; du hattest gesundigt im Himmel und vor ihm und warest nicht werth der gottlichen Natur, nicht werth ein Mensch zu seyn. Schame dich, sagt es dann, und sammelt feurige Kohlen auf dein Haupt. Wohl dem, der diese Kohlen zum Fegefeuer anfacht! Wohl dem, der zu dieser seiner Zeit bedenket, was zu seinem Frieden dient, und dass er in eine Gegend gehe, wo er nicht mehr mit seinem Bruder auf dem Wege ist und wo es angeschrieben steht: D u k a n n s t h i n f o r t n i c h t m e h r H a u s h a l t e r s e y n . Was nun?
Die meisten Handlungen, Freunde, sind darum gut, weil man sie sich viel boser denken kann. So wird das Spiel als eine erlaubte Sache gepriesen, weil es besser als Schmahsucht und Zungentodtschlag ist. Priester und Leviten der Vernunstreligion stehen mit Lebensbalsam, mit Gewissenskuhlungen, mit Herzstarkungen aus; allein wenn's zum Sterben geht, hilft kein Seelenkraut und Pflaster, das Wort Gottes allein heilet. Jeder unrichtige Gedanke, jedes unnutze Wort ist verantwortlich. Wie schrecklich wahr ist diess Gesetz der sich selbst gelassenen Vernunft! Wo fliehet sie hin in diesen Seelennothen?
Wohl mir, dass ich ein Christ bin! Wenn ich alles gethan habe, was ich zu thun schuldig war und was ich nur thun konnte, bin ich zwar noch immer ein unnutzer Knecht, dem noch viel fehlt; allein welch ein Trost fur mich im Leben und Sterben, dass Christus lebte und starb! Er hat Gott, dem Schopfer der Menschen, im Leben und im Sterben den ganzen Werth der Menschheit in hoher Person gezeigt; er hat ihn uns dargestellt, und wenn, nach dem aussersten Bestreben, zu werden, wie Jesus Christus auch war, Unvollkommenheiten vorfallen, bitten wir Gott, dass er nicht uns, sondern die Essenz der Menschheit, das Ideal menschlicher Tugenden, anschaue, und in ihm, in diesem grossen Muster, uns sundige Geschopfe; und dass er uns gnadig sey und barmherzig und von grosser Gute und Treue.
Der Mensch ist gottlichen Herkommens, gottlichen Geschlechts. Aller dieser Verwandtschaft, wie unwurdig sind wir ihr im Fleisch durch die Sunde! Heil uns, dass unsere Natur einen Reprasentanten hat, in welchem Gott uns und wir Gott sehen. Christus ist der Erste in der Menschenfamilie, der Chef des menschlichen Geschlechts, der zweite Adam, der uns den Weg wies, eine verlorne Festung einzunehmen und wieder ins Paradies zu kommen, wo keine Schildwache mehr steht. Er ist der Erstgeborne, denn Adam aus dem Paradiese war nicht geboren, sondern aufgehaucht. Ausser diesem Verdienstlichen, welch ein Muster im Tod ist sein Tod? Sein Leben sey mein Leben, sein Tod der meinige. Wer starb so, als dieser Furst des Lebens? Das M u ss des Weisen ist so wenig trosthaltig, dass er sich vielmehr wieder fragt: Warum muss ich? Wenn ich den Schmerz verbeisse, leid' ich nicht, ich stosse zuruck, was heraus will. Und da der Nichtchrist ungewiss ist, ob sein Lebensziel nicht auch sogleich sein ganzes Ziel sey, wie sehr ist er ein Knecht seines ganzen Lebens, ein Knecht von der Stunde des Todes! Alle Pulsschlage schlagt sich der Gedanke auf: nicht etwa diese Nacht, sondern diese Stunde, diesen Augenblick kann man, nicht etwa bloss deine Seele, sondern dich ganz von dir fordern, und was wird seyn, das du gesammelt hast? Elender Nachruhm! Du Unsterblichkeitsanalogon des Nichtchristen, du wirst die zitternden Nerven nicht halten und dem Herzen nicht Luft zuwehen.
Zwar auch Christus war von Gott verlassen, allein mit Ehren und Schmuck ward er gekront, selbst da er noch am Kreuz hing. Sein gottlicher Tod losete dem Hauptmann die Zunge zu der Stunde: "Wahrlich, es ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen!" Der Christ, wenn er im bosen Stundlein auf den Gedanken fallt, sein Geistfaden wird mitreissen, wenn der Lebensfaden reisst, Gott sey von seinem Geist gewichen und dieser sein Geist werde verrauchen, so wie sein Fleischtheil aufgelost wird, dann erscheint ein Engel und starkt ihn. Wenn das was gedichtet wird, keine Moglichkeit in sich enthalt, ists Hirngespinnst, je mehr Wahrscheinlichkeit aber, desto vollkommener das Gedicht. Wenn der Nichtchrist uns vorwirft, wir sturben poetisch so lass er uns diese heilige Poesie, diesen Schwung. Trifft dieser Schwung nicht naher, als ein geschliffenes Kunstsystem von Hoffnung? Ist die ganze Hoffnung mehr oder weniger als Dichtkunst?
Der Christ, entzuckt in den Himmel, hort unaussprechliche Worte. Wann haben wir nicht unaussprechliche Selbstlaute gehort, wenn uns eine schone Fruhlingsmorgenrothe ins Freie einlud und wir einsam der Sonne entgegengingen? Und das Gefuhl der Krafte der zukunftigen Welt, welche Begeisterung im Sterben!
Die Offenbarung ist eine erhohte Vernunft, die Vernunft in heiliger Poesie, ein Vernunftkorper; sie stellt dar, sie macht anschaulich, es ist ein Hochstes der Vernunft, ein vernunftiges Ideal, und doch eine solche lautere Milch, dass sie ein Kind fassen kann. Wo die Vernunft Zahlen hat, besitzt der Christ lebendiges Wesen. Der Weise denkt, der Christ sieht. Wie sehr weg setzt ihn diese Fassung uber alles was in der Welt ist! Er isst Aehren am Sonntage, wenn ihn hungert, und wenn selbst der Hohepriester, auf dessen Brust Licht und Recht strahlen sollte, diesen gottlichen Orden verkennt, und den Pobel zum k r e u z i g e i h n auffordert und sein Muthchen an ihm kuhlt, wenn der Sadducaismus und der Pharisaismus es mit ihm anbinden will, wenn die Welt ihn auspfeift, uberwindet er weit. Christus hat am meisten von Gelehrten gelitten. Seht die Sunde, wie sie wollte und nicht konnte! Wo ist ihr Sieg? Und wenn der Zweifelkopf der Vernunft, und wenn das eigene Herz schuttelt und spricht lauter N e i n ! Er weiss. Zwar ehrt er den Namen Gottes unter dem Patent, das die Vernunft vorzeigt, er lasst ihr ein freies Votum, allein er verlangt auch eins. Was weiss die Vernunft von der Zusammennehmung dieses und jenes Lebens, dem ersten und zweiten Theil des Menschen, von unsern Schicksalen, vom ersten Menschen? Von der Sprache, dem gottlichen Unterricht bis auf die Kleider zu?
Nicht so, nicht so ist die Vernunft im Leben und im Tode. Der Christ weiss, sein Tod sey nur Verwandlung, Verklarung, melior compositio ohne grammatikalische Fehler, ohne Flecken, ohne Runzeln oder dess Etwas. Alles schon gegeben, vortrefflich ausgedruckt. Die zweite Auflage und auch die, so mit ihm aus einem Gesangbuch sangen, in einer Bibel lasen, auch die wie e r . Was trauerst du, arme Wittwe, um den einzigen Sohn? Mein Meister spricht: w e i n e n i c h t ! Zwar erweckt er nicht mehr einzeln die Todten, denn auch die Erweckten sind wieder gestorben, oder was sind sie? Wahrlich, doppelter Tod ware eine Ungerechtigkeit. Wittwe, warum die tiefen Thranen? Zwar wird er nicht zu dir kommen, aber du zu ihm. Weine nicht, ruft dir der Herr zu, dessen Herz auf den Grund bewegt war, und auch vor Schmerz, vor Mitleid uberging. So konnen nur trauern, die keine Hoffnungen haben. Ist's nicht gut, dass ein Weltknoten nach dem andern geloset wird, und dass ihr Bekannte in der Stadt Gottes habt, welches euch gut und wahrlich besser, als ein Freund am Hofe ist? Die Zeit trostet den Weisen. Beweise, christliches Weib, dass du auf die Zeit nicht warten darfst und auf die Stunde, wenn es ihr gelegen ist. Die Ewigkeit sey dein Trost, die auf der Stelle lindert, verbindet, heilt! Es gibt ein allgemeines Ziel, spricht Sirach, hundert Jahre; allein diess ist ein apokryphisches Ziel. Moses verkundigt fein canonisch: Unser Leben wahret siebzig Jahre, wenn's hoch kommt sind's achtzig, wenn es kostlich gewesen ist's Muhe und Arbeit gewesen, denn es fahret schnell dahin, als flogen wir davon. Der Christ sucht dieses Ziel nicht zu verrucken, er walzt den Grabes-Grenzstein nicht weiter, ubt sich, indem er den Lusten und Begierden abstirbt, im Sterben, und was kann ihn scheiden von der Liebe Gottes?
Was braucht aber der Christ von den gottlichen Absichten zu erklugeln? Er weiss, dass der Herr alles wohl mache, und das ist genug.
Wenn andere leben, um nach dem Tode einen Leichenstein zu verdienen, auf dem Leben und Thaten eingeatzet sind, welchen ein gedungener Haufen Leichenbegleiter fur Geld und gute Worte mit feilen Thranen taufte, hat der Christ nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Sein Name und Wappen, wenn er sie aushauen lasst, sollen nur bloss, auch nach seinem Tode, ein gutes Beispiel stiften.
(Bei dieser Stelle sagte mir der Graf ins Ohr: Wenn ich meine Krone im Wappen sehe, denke ich an die himmlische und an die Perlen, deren auch in der hohen Offenbarung gedacht wird.) Der Mensch ist ein Hieroglyph der ganzen Natur; wer es zu erklaren und aufzulosen versteht, hat den Schlussel zur Natur. Der Leib gehort hiezu eben so, wie die Seele. Glaubt mir, Freunde, er muss was zu verbeissen haben, wenn die Seele im Fluge ist, und wenn es uns recht gut bekommen soll, muss unsere Mahlzeit geistig gewurzt seyn. Den Menschen ganz zu erklaren, dazu gehort mehr, als wir diesseits des Grabes vermogen. Der Christ kommt bei dieser Auslegung noch am nachsten. Er versteht das Menschenhieroglyph, so wie die Kinder ein Buch aus den Bildern. Das Grab hat nur auf die Schlacken Anspruch. Das Feine des Korpers wird auferstehen; das ist eine Wahrheit zum Warmen, wenn alles an uns kalt wird. Gottes Weisheit handelt uberall im Verborgenen: in Grabern nur wird sie gerechtfertigt. In diess Auge, das im Tode verloscht, wird wieder Licht geschlagen werden. Heilig, selig ist der elektrische Funke, der in diese Finsterniss gespruht werden wird! Diess Leben ohne den Herrn ist ein Fischzug Petri, der die ganze Nacht arbeitete und nichts fing, und nur, wie er auf seines Meisters Befehl das Netz auswarf, mehr zog, als das Netz halten konnte. Wenn auch beim Christen zuweilen das Netz reisst, was ist's gegen den Segen, der von Fischen gezogen wird? Heil dem Christen! Sein Leib ist im Dienste der Seele, die Seele im Dienste des Geistes, der Geist im Dienste Gottes.
Heil dem Christen, denn er hat uber sich einen gnadigen Gott, in sich ein stilles Gewissen, unter sich einen ihn befriedigenden Erdboden wenn gleich die Aepfelbaume nicht so gut wie im Paradiese fortgehen hinter sich eine glucklich zuruckgelegte Bahn, den Trostspruch: Sohn, Tochter, dir sind deine Sunden vergeben, stehe auf und wandle!
Vor sich einen seligen Tod und eine frohliche Auferstehung, einen Richter, der wohl weiss, wie es einem Menschen zu Muthe ist, der auch lebte und starb!
Das verlohnte also wohl, dass Engel der Erde gratulirten: Ehre sey Gott in der Hohe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
Wollt ihr mehr? O ihr Kleinglaubigen? Wohlan, ich will euch die Furcht des Herrn lehren, den eigentlichen Anfang der Weisheit. Lasst uns von den letzten Dingen anheben. Letzt und Erst ist nur, nachdem man es nimmt.
Was du saest, Freund, wird nicht lebendig, es sterbe denn. Ist dein Leib nicht ein blosses Saatkorn, das ausgesaet ist? Ist der Mensch hier mehr, als Fayence, und soll er dort nicht seyn ein Gefass zu Ehren? Gott weckt alle Fruhjahre Todte auf, und jeder Augenblick ist eine Auferstehung. In jedem Felde sind Schaaren Evangelisten, die uns die Lehre der Wiedergeburt, des Wiederlebens alles Fleisches, das wie Heu ist, verkundigen. Wir ziehen aus diesem Leibe, um in eine andere himmlische Wohnung einzuziehen, wie aus der Pacht ins Eigenthum. So verwandeln sich vor unsern Augen unzahlige Dinge. Der Geist ist der eigentliche Mensch; dieser Junger Christi stirbt nicht. Der Pfeil des Todes trifft nur den Leib. Sobald es zum Sterben geht, beruht alles auf der Einbildung derer, so nicht sterben und sterben sehen. Seht ihr denn d e n G e i s t , ihr Handeringer? Er ist in Gottes Hand, und keine Qual ruhrt ihn an, und warum sollte der Geist um diesen Leib und diess Gebein zittern und zagen? Warum sollte er beim Leichenbegangniss im ersten Paar, wie ein leidtragender Wittwer, gehen. Wie vielmal soll ich den Trost des Christen wiederholen? Auch sein Leib wird nicht untergehen. Pflanze und Thier fordern das zuruck, was ihnen zugehort, und was ist denn, was wir ihnen zuruckgeben? Ist es nicht Etwas, das uns oft so lastig war? In der Natur ist ein immerwahrender Wechsel; allein eine Allwissenheit regiert ihn! Und kommt denn Etwas aus unserem eigenthumlichen Hause? Ist die Erde nicht unser Haus? Ob dieses oder jenes Stuck von unserem beweglichen Hab und Gut in diesem oder jenem Zimmer steht? Ob unterm Spiegel oder am Kamin? Ob im Saal oder im Nebenzimmer? Und warum sollte ich nicht etwas Abgetragenes gegen etwas Neues hingeben? Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond. Es wird gesaet verweslich und wird auferstehen unverweslich; es wird gesaet in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit; es wird gesaet in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft; es wird gesaet ein naturlicher Leib und wird auferstehen ein geistiger Leib.
Ist es nun begreiflicher, dass auch der Leib nicht untergehe? Alles, was stirbt, steht auf. Nennen wir nicht vielleicht ofters todt, was wir in seiner Entwicklung nicht ubersehen? Jene tausendmal tausend Vollendete sehen vielleicht unserer Geburt, unserem Durchdrange durch Tod zum Leben zu und freuen sich, die Taufzeugen bei dem Namen zu seyn, der dem Ueberwinder, dem Gepruften, des Heiligsten wurdig Befundenen, beigelegt wird.
Geschopfe, die Gott erkennen, in denen Christus wohnt, konnen unmoglich auf der ersten Stufe bleiben, auf der Stufe der Kindheit. Dieses Leben ist ein Kinderstand; diese Leiber sind Windeln. Aus Kindern werden Leute. Unsere Seele ist in dieser Welt ein Licht unterm Scheffel. Wir steigen die Stufen, die Jakob im Traume sah, wo die Engel hoch und niedrig standen, und wenn ich gleich nach meinem Abschiede aus dieser Welt ein Engel werde, kann es denn nicht auch hier Klassen der Seligkeit geben. Der Thurhuterposten ist hier aber schon eine uber alle Massen wichtige Herrlichkeit, weil weder Neid noch Eigendunkel mehr ist. In Gottes Hause sind viele Wohnungen. Unser Haus ist die Erde; Gottes Haus ist die Welt. Das feste prophetische Wort zeigt uns die andere Welt in Kupferstichen, hie und da illuminirt. Wie kann ein vernunftiger Lehrer anders mit Kindern verfahren? Gastmahl, Paradies, himmlisches Jerusalem, eine schone Erbschaft, eine Ehrenkrone, ein Siegerkranz, ein Ruhesitz Gottes, eine Festfeier; so wird uns die andere Welt vorgestellt, und wenn wir annehmen, dass wir Gott in seinen Werken naher schauen, dass wir tugendhafter und also auch glucklicher seyn werden, was wollen wir denn mehr? Der christliche Himmel besteht in reiner Wahrheit und vollkommener Tugend. Sehen wir gleich hier nur durch einen Spiegel in einen dunkeln Ort, so ist es doch genug zu wissen, dass, wenn gleich unser ausserlicher Mensch verwest, der innerliche jedoch von Tag zu Tage erneuert und starker wird. Ist denn das nicht Gewahrleistung fur die andere Welt? Ein achter Christ ist hier schon im Himmel! Er sieht sich ab- und zunehmen; das Sichtbare, das Zeitliche fallt, das Unsichtbare, das Ewige hebt sich. Er hat das andere Leben in der Hand es ist ihm so nahe, als der Leib der Seele. Warum sollten wir uns bemuhen, zu bestimmen, ob aus Steinen Pflanzen, aus Pflanzen Thiere, aus Thieren Menschen, aus Menschen Engel werden? Ob wir in eine Sonne oder in einen Planeten, ob wir in ein Winter- oder Sommerzimmer unseres lieben Gottes dereinst einziehen? Ob wir in unser Sonnensystem oder wo anders hinkommen? Beides, Leben und Tod, ist dem, der alles recht bedenkt, wunschenswerth. Gott hat uns in dieser Welt den Weg gebahnt, zu werden, was wir geworden, und in jener wird er, der Herr und Vater uber alles, was Kinder heisst im Himmel und auf Erden, uns nicht verlassen!
Diess ist die Zuversicht, die ich durch den habe, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergangliches Wesen ans Licht gebracht durchs Evangelium. Wir besitzen des Himmelreichs Schlussel, zu binden und zu losen, wo der Philosoph Lucken findet und nicht aus, nicht ein weiss. Ueberhaupt weiss er nichts. Einer ist unter ihnen wider den andern. Der ist ein Plato, der ein Aristoteles, der ein Redner, der ein Sophist. Sophisten sind Taschenspieler und Redner sind Schmeichler. Wahre Weisheit wohnt nicht in geschmuckten Garten von Kunstworten, sondern in dem friedlichen Thale der kindlichen Aufrichtigkeit. Darum schilt ein Weiser den andern. Sie haben unter sich Katholiken, Protestanten, Muselmanner und Gott weiss, was mehr. Je nachdem jedem der Kopf steht, je nachdem will er es auch vom Auditorio. Dieser spricht von der Mutter Gottes, der Jungfrau Maria, der grundgutigen Natur und von guten Werken, predigt viel Gesetz, allein kein Evangelium. Jener ist der Meinung, der Mensch konne sich nicht besser machen, als er ist. Seine Neigungen sind nicht Vorschriften, die er sich selbst gegeben, sondern steinerne Gesetztafeln, die man zwar zerbrechen kann; wer aber, fragen diese guten Herren, wer kann ein Gebot der Neigung ausradiren? Es ist ja ein Stein. D i e s e r ist sinnlich, J e n e r geistig; D i e s e r ein Kopfhanger, J e n e r frohlich und guter Dinge; D e r zweifelt uber alles, auch selbst, dass er zweifelt, D i e s e r thut so grundgelehrt auf seine Worte, dass man wirklich glauben sollte, er wusste Etwas. Ein Einfall, sagt er, ist ein einziger Fall, den auch ein blosser Witzling haben kann. Mir stehen Principien, das heisst, eine Sammlung aller Falle zu. Gut, aber wo sind denn deine Principien, in so weit sie wirklich weise und selig machen? Die Philosophen sind Rathselaufgeber, sie lehren Rathsel und lehren sie rathselhaft. Eine Volksphilosophie musste so kurz ausfallen, wie Luthers kleiner Catechismus. Ist denn die Wahrheit nicht nackt, und wenn einige der Alten fur Dunkelheiten waren, mussten sie es nicht wegen der Unvernunft des Volks seyn? Jetzt aber, ihr Weisen, da ihr selbst nicht laugnen konnet, Weisheit aus dem Volk und aus dem Volksbuch, aus der Bibel, geschopft zu haben, warum gebt ihr nicht verstandlich wieder, was ihr verstandlich empfinget, und was ist's denn, was euch selbst zusteht? Der Christ weiss, an wen er glaubt. Von diesem Glauben des Christen hat der Nichtchrist keine Vorstellung. Es ist ein lebendiger, ein wissender Glaube. Gott sandte uns nicht ein Buch herab, voll Worte und Meinungen, fein sauber geschrieben. Unsere Vorfahren waren Geisterseher, allein wir? wir sahen Christum, den Anfanger und Vollender unsers Glaubens. Hier ist Sache, That, Begebenheit, Wahrheit. Er war zwar Mensch, allein Gottmensch; man sah ihn, und wir sehen ihn noch in Begebenheiten mancherlei Art; sein Geist blieb bei uns. Christus liess sich nicht malen, denn da hatte man nur eine Stellung von ihm gehabt, sondern er ward geboren, lebte, lehrte, starb. Er lehrte durch Thaten, er lebte durch Lehren. Was von seinem Leben geschrieben worden, ist auch Leben. Einfalt ist die Art, womit alles behandelt wird; allein Einfalt ist die achte Tochter alles Guten, alles Wahren, alles Vollkommenen. Wo ich gottlichen Finger sehe, warum will ich denn da noch meine Hand auch in die Nagelmale legen um sagen zu konnen: Mein Herr und mein Gott! Empfindest du nicht in jedem deiner Schicksale (o Mensch, gib auf dich Acht!) Gottes Wege? Fuhlst du nicht, dass, so wie Gott Einer ist, er dich auch so leite und fuhre, als ob du der einzige warest, den er zu leiten und zu fuhren hatte; und warum willst du denn ein Zeichen am Himmel, um zum Dank, zum Lob, Lob sey Gott! ohn' Ende aufgefordert zu werden? Lasst uns Hand ans Werk legen, und wir werden finden, ob die christliche Lehre von Gott sey, oder ob die Bibel so von ihr selbst rede? Von dem Weltweisen heisst es, wie vom reichen Manne: Er starb und ward begraben. Die Herren Recensenten hielten ihm Reden und Predigten, die Dichter fangen, und doch ward er begraben. Vom Christen kann man wie vom Lazarus sagen: Er starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schooss!
Was habt ihr denn fur einen Beweis? rufen uns die W e i s e n zu. Verzeiht, ihr Herren, Gott allein ist w e i s e ! Was aber unsern Beweis betrifft, so fuhren wir ihn menschlich. Unser Beweis ist vernunftige, lautere Milch und Erfahrung.
Wie ist der Mensch auf Gott, Geist und Ewigkeit gekommen, wenn sie nicht waren? Der Mensch ist gross und klein; er zahmt Lowen, verkauft Wallfische und wird von einer Schlange getodtet.
Zweifler! i c h s o l l b e w e i s e n , d a ss e i n G o t t s e y ? Beweise mir erst, dass er nicht ist. Wie kann man Thatsachen beweisen? Wie kann ein Sohn beweisen, dass Dieser oder Jener sein Vater ist?
Es geht in der Welt uber und uber, und wie konnte das, wenn Gott, der Herr derselben, Konig w a r e ? Ei, Lieber, wenn Gott sein Bild dem Menschen anhing, wenn er ihm Verstand und Willen gab, wer hat Schuld an dieser Unordnung?
Jeder Mensch hat so etwas bei sich, was Ja oder Nein bei allen Dingen sagt, sie mogen Wissen oder Thun, Rath oder That betreffen. Es gibt so gut ein Verstandes- als ein Willensgewissen. Ist euch das zu hoch? euch zu hoch, die ihr den Gang Gottes in der Natur, das Kommen einer jeden Pflanze in ihrem sanften Tritt beschleicht? Ihr solltet euer eigenes Erdreich nicht kennen?
Es gibt baare Kenntnisse und Kenntnisse auf Verfalltage. Das Christenthum hat von beiden sein Theil. Die wichtigsten Artikel konnen durchs Leben bewiesen werden. Ich lebe, sagt Christus, und ihr sollt auch leben.
Ich weiss eure Einwendungen, ihr Weisen der Welt.
Das Christenthum, sagt ihr, habe den Muth gehemmt, froh zu leben und froh zu sterben; es lehre, dass nur wenig Auserwahlte seyn werden. Allein was ist besser, seine Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern, oder wider besser Wissen und Gewissen handeln? Es ist ein Aufwaschen, bringt ihr Leichtsinnige bei; allein seyd ihr schon von euerm Gewissen je in Anspruch genommen? Seyd ihr schon in der Tinte gewesen? Glaubt ihr denn, dass das Auge, welches seinem Nachsten nach Leib und Leben stand, mit einer Thrane der Reue abgewaschen werden konne?
Wenn die reine Vernunft lehrt, sich so zu fuhren,
dass, wenn ein Gott und eine Ewigkeit ware, wir seine Kinder und die Erben des Himmels zu seyn das Recht hatten, so lehrt sie uns etwas Uebermenschliches. Sobald wir zweifeln, Freunde, so bricht die Sinnlichkeit Thur und Thor, schlagt alle Schlosser auf und findet im Zweifel so viel Unterstutzung, dass alles uber und uber geht. Ja, wenn der Mensch funfzig Jahre alt und des Tages Last und Hitze der Sinnlichkeit getragen hat, dann, Freunde, konnte diese Lehre weniger gefahrlich seyn.
Und doch ist sie gerade zuwider der lautern Milch
Christi, des Herrn, der ein h e r z l i c h e s Z u t r a u e n von seinen Nachfolgern will. Zweifel, Freunde, ist das Schrecklichste, was man sich denken kann! Wo Zweifel ist, wie kann da Zutrauen seyn? Man will sich in den Schatten legen, eh' noch die Baume ausgeschlagen sind. Man brennt sein Haus aus eitler Baulust ab; man ist nicht kalt, nicht warm; man hinkt auf beiden Seiten. Gelehrte Zweifler, gute Freunde, ihr dringt aufs Thun, und wenn ich euch sage: Ihr konnt, ohne zu wissen, ohne den Glauben, ohne die Lehre Christi nichts thun. Eine Gott ehrende Menschenliebe ist unsere Tugend. Wir leihen dem Herrn, wenn wir den Armen geben. Wir geben nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen, im Geist und in der Wahrheit; wir entaussern uns unser selbst, wenn wir Gutes thun.
Euer ganzes System beruht auf Furcht, die aber nicht die Furcht des Herrn ist. Lebt so, als wenn wirklich ein Gott, wenn wirklich eine Unsterblichkeit ware. Schon gesagt, aber auch gethan? Liebe, Liebe, Liebe ist die Quelle alles Guten, der Brunnen des Lebens! Die Liebe treibt die Furcht aus.
Niemand hat Gott je gesehen, niemand besitzt eine Demonstration von seiner Existenz; allein braucht's einer Demonstration, dass ihr seyd?
Du glaubst, Freund, dass sich die Welt selbst erhalte, dass, wer erhalten konne, auch zu schaffen vermogend sey, dass, wer B zu sagen verstunde, auch A zu sagen im Stande sey? Ich weiss, dass ein Haus sich nicht selbst bauen konne, weil es ein Kunststuck ist, dass aber die Natur taglich, stundlich, augenblicklich baue und niederreisse, bessere und fordere; allein, Lieber, was ist die Natur? Lass mich mit deinen Worterchikanen; die Wahrheit hat, wie die Sonne, ihr eigen Licht.
Vorwitz ist freilich Untugend, allein kindliches Zutrauen und Zudringlichkeit, wie sehr unterschieden!
Ich weiss, was ich glaube, heisst das viel weniger, als: ich weiss?
Guten, lieben Freunde, wenn eure Lehre unter den Haufen kame, was wurde da aus der Welt werden? Gott schlagt euch mit W o r t s b l i n d h e i t , sonst mussten wir unsere Kirchen brechen und Gefangnisse daraus machen. Und doch, lieben Leute, glaubt ihr die Wohlfahrt des ganzen menschlichen Geschlechts durch eure Lehre zu befordern, ihr, durch solche Lehren, die nichts denn Menschengebot sind? Freunde, das lasst dem Christenthum uber, oder der ganze Plan ist platonisch. Uns sollt' es gleich seyn, wie das Reich Gottes kame, wenn es nur kame! Nur eure Fahne scheint es nicht dazu anzulegen, das Verirrte zu sammeln damit eine Heerde und ein Hirte werde. Doch, warum sollten wir mit euch rechten? Richtet nicht, sagt unser Herr und Meister, und es wird die Zeit kommen, da wir alle werden gerichtet werden. Wohl uns, wenn wir bestehen in der Wahrheit! Als gute Streiter im Reiche der Vorurtheile, nicht, die suchten das Ihre, sondern das, was der Wahrheit und Tugend ist; nicht, die uber die Menschen herrschen, sondern die sie glucklich machen wollten. Wie oft kann es hier heissen: Grosse Schulden erhalten bei Credit, kleine schwachen ihn. Der Christ will keinen verfuhren; er gibt jedem die Bibel in die Hand, und da liest sich jeder heraus, was seinem Verstande gemass ist. Es finden sich Spruche fur Gelehrte und Ungelehrte, Reiche und Arme. Hier ist harte Kost, hier ist Milch, starker Wein und Labetranke. Die Bibel ist allen allerlei; sie ist fur Leben und Tod; sie lehrt uns, Cisternen auszusetzen, um himmlisches Wasser aufzufangen. Der Geist der heiligen Schrift ist so kurz, als das Vaterunser. Glaubt, lieben Nichtchristen, im Sterben sieht man Gott, sich und die Welt aus einem andern Gesichtspunkte, als im Leben.
Lasst mich an Ort und Stelle, lasst mich zuruck, wo ich ausging!
Was Johannes sagt, ist jeden Augenblick wahr: Kinder, es ist die letzte Stunde! Wohl uns allen, wenn wir bereit sind zu stehen vor des Menschen Sohn! wenn wir ihm unter Augen treten und sagen konnen: Wie du gewandelt hast, haben auch wir gewandelt; so ehrlich, wie du gelehrt hast, haben auch wir gelehrt. Gestern haben wir uberwunden, heute lass uns mit dir im Paradiese seyn!
Komm, Tod, heute, morgen! Mein Freund ist mein, ich bin sein. Ich habe Luft abzuscheiden und bei ihm zu seyn; welches auch besser ware. Amen, ich komme bald, Amen! Ja komm, Amen! Vater, in deine Hande befehl' ich meinen Geist!
Lieber Graf, bis zum Wiedersehen, hier oder dort!
Von einem Manne, wie der Graf, wer kann Abschied nehmen? oder besser, den Abschied mittheilen? Ich nicht.
Der Prediger aus L kam und war so inniglich froh, mich wieder besser zu finden, dass er bei einem Haar mit dem Grafen wieder freundschaftlich zerfallen ware. Der gute Prediger! Er hatte fur mich, unter dem Namen eines Leidenden aus einer andern Gemeinde, auf der Kanzel gebetet, und eignete den grossten Theil meiner Besserung dieser ernstlichen Furbitte zu. Die ganze Gemeinde, fugte er hinzu, wusste beim ersten Wort, dass Sie der Leidende aus einer andern Gemeinde waren. Der junge Ehemann, sagten sie unter einander, dessen Frau wir jungst begruben.
Ich bin sonst sehr furs Abschiednehmen, wovon ich in diesem Buche manches Probchen gegeben; allein hier, kann ich?
Das ganze Leben des Grafen war eigentlich ein feierliches Abschiednehmen, nicht bestehend in: Leben Sie wohl, Dank fur alle erzeigte Gute! Wunsche so glucklich zu seyn, vom Wohlbefinden die besten Nachrichten einzuziehen! Solch elend jammerlich Zeug hat das Abschiednehmen, so wie das Gesundheitstrinken, burgerlich gemacht und doch liegt in einem Leben, im andern Sterben. Ich trinke Gesundheit und nehme Abschied.
Wahrlich, ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Bewegung ich diesen hochgebornen Todtengraber verliess. Auf meinen wohlehrwurdigen Reisegefahrten konnten diese Dinge naturlicherweise keinen so starken Eindruck machen. Der Prediger kannte das Erdreich auf diesem Gottesacker und hatte hier zuweilen selbst die Hand an den Pflug legen mussen. Anfang, Mitte und Ende meines Aufenthalts auf dem graflichen Gute lag auf meiner Seele; allein sanft war mir dieses Joch, leicht diese Last. Hier oder dort! Ich dachte nicht das H i e r . Hier galt bei mir wenig, das D o r t verschlang es bei mir. Nicht hier, dort! bald! dort! dort! wo Mine ist, wo sie ewig seyn wird, dort! dort! dort! Ich komme bald, Amen! hiess es beim Schluss der christlichen Rede. Ja komm! Amen!
Der gute Prediger stiess mich mit der Frage an, wie mir die Reden gefallen, von denen er gehort, dass sie gehalten worden? Herzbrechend, sagt' ich. Dort, lieber Herr Prediger, dort sehen wir uns wieder! Der gute Prediger fasste mich bei der Hand und druckte sie, und sagte mir so sanft: Gretchen lasst Sie grussen! dass mir ward, ich weiss nicht wie? Jungen Leuten ist Leben und Sterben wie Wachen und Schlafen; alles an einem Rosenkranzchen. Auch hier ist gut seyn, sagte der Prediger. Nur nicht zum Huttenbauen, versetzt' ich, wenn man eine Mine verloren hat. Auch die Erde ist des Herrn, fuhr der Prediger fort, so wie es der Himmel ist.
Der Prediger fand viel eigenes in Absicht des Styls in den Reden. Es ist, sagte er, so was Beangstigendes, so was von Todesnoth darin. Eben das, sagt' ich, hat mich entzuckt bis zur Halle des Himmels. Diess in der Rede zu treffen, zu copiren, war unmoglich. Ich liebe, fuhr der Prediger fort, eine genaue Bindung der Perioden, eine gewisse Baukunst im Vortrage, und so viel Fenster wie moglich in jedem Stock. Zwar halte ich es fur keine Sunde wider den heiligen Geist
Da waren wir wieder, wo mich der gute Prediger hin haben wollte. Er wiederholte mir Plan und Ausfuhrung, Geist und Ausdruck, versicherte, alles Eckige in den Perioden, was nicht schon gerundet und abgeschliffen ware, noch runden und abschleifen zu wollen. Was meinen Sie, fragt' er mich, ob ich das Register lasse? und zur Nutzanwendung noch ein ob? noch die kritische Frage: ob sein Bruder, der konigliche Rath, sich nicht uber die Zuschrift kreuzen und segnen wurde? Ohne Vorrede, sagte der Pastor, lass' ich's nicht. Es ist nicht gut, dass das Buch allein sey. Die Vorrede, sagte mein Vater, ist der erste Eingang, wo Bitte, Gebet, Furbitte und Danksagung vorkommt, damit der Autor ein geruhiges und stilles Leben fuhren moge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.
Zur Erkenntlichkeit versah mich der Prediger mit einigen Zugen vom Grafen aus seiner Vorrathskammer, womit ich meine Leser versehen will. Die letzte Hand
Der Graf rechnete mit seinen Pachtern und Verwaltern jedesmal die Woche vom neunten bis zehnten Sonntag nach Trinitatis. Am neunten Sonntage nach Trinitatis wird von dem ungerechten Haushalter gepredigt, am zehnten von Jerusalems Zerstorung. Der Graf ist nie von seinen Haushaltern betrogen.
Wenn er in die Kirche kommt, wird er mit Gelaute eingeholt. So wird's klingen, sagte der Graf, wenn Sie mich werden heimfuhren a u s d i e s e m E l e n d . Kyrie eleison.
Zu seinen Kirchenabgaben, wozu auch das Predigtamt gehort, halt er seine besondere Sonn- und Festtage. Er berichtigte sie doppelt, nur nicht wenn Quatember roth im Kalender steht, sondern z.B. am sechzehnten Sonntage nach Trinitatis, wo man der Wittwe Sohn aus Nain tragt; am ersten Sonntage nach Trinitatis, wo vom reichen Mann und armen Lazarus gepredigt wird. Solche Evangelien muss man eindrucklich machen, sagte der Graf.
Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wo, wie er sagt, die christliche Illumination vorkommt (das Evangelium handelt von den funf klugen und funf thorichten Jungfrauen), schenkt der Graf zehn Kirchenlichter, die bei der Communion (nach der Gewohnheit in Preussen) brennen.
An seinem Geburtstage legt' er sich zwei Stunden in seinen Sarg, welcher, wie meinen geneigten Lesern bekannt ist, in der Hauscapelle steht und zwar im Sterbehemde. Geduld, Standhaftigkeit, sagt' er einstmals zum Der Graf war sehr glucklich im Rathen. Er setzte Die Welt, sagte der Graf, ist ein Garten in Norden, Nichts konnt' ihn mehr argern, als wenn sich der Der Graf sah entweder gen Himmel oder auf die
Pathengeschenke gab er nicht eher, als bis der Pathe zum erstenmal zur Communion ging. Ein schwarzes Kleid war das geweihte Geschenk.
Seine Bucher waren schwarz eingebunden. Silberne Griffe, sagt' er, das heisst: der T i t e l war mit versilberten Buchstaben eingestochen.
Wenn man fallt, besieht man die Stelle, wo man gefallen ist. Der Geist wird sich gewiss von seinem Lebensreisegefahrten nicht sogleich trennen. Er wird sehen, wo er gefallen ist. Wer mit den Seinigen noch langer zusammen zu bleiben Luft und Liebe hat, gehe auf die Kirchhofe, wo sie hingelegt sind. Ich habe den Einfluss der Meinigen lang in meiner Seele empfunden, und noch empfind' ich ihn.
Wenn man erzahlt: die und der ist todt, fragt der Horer: Ist sie? ist er todt? Warum fragt der Horer also?
Wenn der Graf communicirte, hatt' er einen rothen Mantel uber das schwarze Kleid. In seinen Tischtuchern, Servietten war Name und Wappen schwarz eingenaht.
Ich kann, sagte der Graf, im dreissigsten und vierzigsten Jahre mit vieler Zuverlassigkeit wissen, ob man siebenzig oder achtzig Jahre alt werden soll. Ein Glucks- oder Unglucksfall ist schuld daran, wenn man es nicht wird.
Melancholische Leute (diese Anmerkung machten wir beide, der Prediger und ich) sind sehr zur Dichtkunst aufgelegt. Vielleicht besteht die Melancholie im Dichten.
Am neuen Jahrstage wurd' es schwer seyn angemessen zu predigen, wenn nicht die Worte drin vorkamen: d a a c h t T a g e um waren. Also von der Zeit. O du liebe Zeit! exklamiren einige Leute im Spruchwort. In der Entfernung ist sonst alles klein, nur die Zeit nicht.
Der Graf setzte einem seiner Pathen, der nur sieben Wochen gelebt hatte, selbst eigenhandig die Grabschrift: Aus einem Mutterschooss in den andern.
Der Schlaf war eher in der Welt, als der Tod. Das Vorbild eher, als die Erfullung.
Auch du wirst sterben, das war des Grafen Condolenz, wenn man wirklich trauerte um einen Todten.
Gehst du aus der Welt, wenn du stirbst? Deine Seele entschwebt nur den Dunsten dieser Erde! Ewiger Geist der Liebe weht im Athem der Natur; wo der webt, ist Leben!
Was mir der Prediger vom Leichenanzuge im Namen des Grafen sagte, gefiel mir nicht. Ich stimme mit ihm nicht ein. Warum bekleiden wir denn einen nackten Korper selbst im Grabe? Wollen wir etwa den Wurmern etwas zu verbeissen geben, ehe sie an uns kommen? Dem Menschen gefallt nichts, was ein Bedurfniss verrath. Wir sind in Gesellschaft gewohnt, unsere Bedurfnisse zu verhehlen. Wir verehren Leute, die sich mit Wenigem behelfen, wenn nicht Geldgeiz die Wage halt. Man glaubt, sie sind schon gestorben und auferstanden. Sie sind schon Vollendete.
Wer in einer grossen Stube schlaft, sagte der Graf, bedenkt nicht, wie klein der Sarg ist.
Von unserem Korper heisst's im Tode: Lazarus, unser Freund, schlaft, und es wird besser mit ihm!
Wer viel Leib hat, von dem konnte man eben so gut "entleiben" sagen, als nur von dem, der viele Seele hat, "entseelen" gesagt werden sollte.
Es ging alles schwarz beim Grafen. Herr v. W wurde mit seinen Freudenfesten eben so wenig, als mit seiner drei Viertel-, Halb- und Viertel-Trauer, bei ihm Gluck gemacht haben. Der Graf kam nicht aus der Verwunderung heraus, dass ich nur einen schwarzen Flor um den Arm trug.
Seine Bettdecken waren alle schwarz.
Es ist ein falsches Mitleid, was die Menschen von den Todtenbetten zuruckhalt, sagte der Graf. Bohmische Steine, anstatt Diamanten Glanzgold.
Der Graf liebte viel Lichter. Er schlief gerade auf dem Rucken, nie lag er auf einer Seite. Im Sarge, sagt' er, liegt alles auf dem Rucken.
Die Jugend ist witzig wegen der Plane, die sie sich macht, um die Frage zu beantworten: Was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? Dem Alter schmeckt das Leben am besten. Je weniger Wein im Keller, desto besser schmeckt er.
Der Tod hat grosse Leute bei Buchern getroffen. Man wollte vielleicht des Todes Bitterkeit mit papierner Unsterblichkeit verjagen. Vielleicht liegt eine Fassung darin, sich nicht in seinen Cirkeln storen zu lassen. Ich, sagte der Graf, halt' es fur Furchtsamkeit.
Oft dachte der Graf an einen seiner besten Unterthanen, der beim Ungewitter unter einen Baum geflohen und hier erschlagen worden. Auch der Baum war zu Boden geschlagen! Da ist ja M i c h e l schon eingesargt, sagte der Graf, als er diesen Fall horte, und ordnete an, dass dieser Baum zum Sarge gebraucht werden sollte.
Bis zum letzten Seufzer, sagt man. Warum nicht bis zum letzten Lacheln? Weil das Leben ein Jammerthal ist; und doch kommt der letzte Augenblick, die letzte Stunde, sehr oft, wie der Geist des Herrn, im sanften Winde. Da sieht vielleicht die Seele den Engel, der sie aus Sodom fuhren will. Stehe auf, hebe dein Bett auf, und gehe heim!
Ein b o s e r s c h n e l l e r Tod ist ein guter Mann, und ein boses Weib.
Der Tod ist nicht Gottes peinliche Halsgerichtsordnung. Gemeinhin sprechen wir uns selbst das Todesurtel. Die Art des Todes grundet sich auf die Art unseres Lebens, wenn diese Todesart nicht schon eine Erbsunde ist. Der stirbt an Zangenrissen, an Stichen; der wird verbrannt und stirbt am hitzigen Fieber; der wird gehangen und stirbt am Schlagfluss. Wir sitzen alle auf den Tod.
Wo die Praxis nicht der Theorie vorgeht, da verdient sie kaum den Namen.
Jeder Schwindsuchtige, der unter meiner Aufsicht gestorben, hat den Wunsch geaussert, einen hohen Sarg zu haben! So sind die Menschen!
Der Graf hielt Ahnungen fur Warnungen guter uns verwandter Geister, fur Orangenbluthen, die wir noch aus dem Paradiese gebracht.
Sein Trost war der Tod! Ich, sagt er, bin nicht fur leidige Troster. Gemeinhin ist der Trost ein beglaubtes Zeugniss, dass wir mit leiden. Wir wollen uns uberreden, der Troster nehme einen Theil Leiden auf sich. Wir wollen gewiss seyn, dass niemand froh und glucklich in der Welt seyn konne.
Kunstrichter, die ihr diesen hochgebornen Mann angreifen wollt, lasst ihn, wenn ich bitten darf und ist es moglich, erlaubt mir die Frage: ob euch vindicta Lycurgi bekannt sey? Ein Studiosus wie ihr, hatte dem Lykurgus ein Fenster eingeschlagen, oder, weil euch vielleicht die Lykurgische Geschichte nicht beiwohnen durfte, es war das Auge selbst, das er ihm ausschlug. Das Criminalgericht beschloss in diesem besondern Casualvorfalle, den Jungling dem Lykurgus zur Strafe zu ubergeben. Was eroffnete Lykurgus fur eine Sentenz? Schickt' er ihn in die Festung, oder ins Irrenhaus? Nein, die Hand, sagt' er zum Augenrauber! Studiosus gab sie, wie naturlich, Sr. Magnificenz mit Zittern und mit Beben, und Lykurgus? gab ihm die seinige und so gingen sie Hand in Hand in Lykurgus Haus, wo er ihn unterrichtete, nicht, wie arme Sunder, ehe sie hingerichtet werden, den schlachtcalecutschen Hahnen gleich, mit Katechismuslehren gefuttert und gemastet werden, sondern in Lebensregeln, und da der junge Mensch Candidat worden war, stellte er ihn vor das Criminalgericht und fragte dienstlich an: ob sie mit diesem in Rechtskraft ubergegangenen Urtel zufrieden waren? Kunstrichter, der Graf bietet dir auch die Hand dar, um dich sterben zu lehren. Bedenke das Ende, so wirst du dem Grafen kein Aug ausschlagen.
Gretchen empfing mich so froh, so gutthatig, dass wir uns beide Hande reichten. Zwar weiss ich es nicht mit vollstandiger Gewissheit; indessen kommt es mir so vor, dass wir uns auch herzlich gekusst haben! Ein unschuldiger Kuss! War' er wiederholt worden, hatt' ich ihn vielleicht nicht vergessen; alsdann war er aber auch schon vom verbotenen Baume gewesen.
Auf Gretchens Gesicht lag noch viel Schmerz; indessen waren es bloss Narben, welche nur bei Veranderung des Wetters die vorige Wunde ins Gedachtniss bringen.
Ich fing an mein Haus in L zu bestellen: ich hatte viel zu bestellen! So gern ich gleich noch bei Minchens Grab geblieben ware, so wollt' und konnt' ich doch nicht fuglich langer weilen. Ein ganzes Tagewerk war, die Abhandlung von der Sunde wider den heiligen Geist von Anfang bis ans selige Ende zu horen; das Register bloss ausgeschlossen. Der Prediger hielt Komma, Kolon, Semikolon, Ausrufungszeichen (deren viel vorkamen), Fragzeichen, und wie sie weiter lauten, diese himmlischen Zeichen, wie meine Mutter sie benamt. Ich werde mir vorstellen, fuhr der Prediger fort, als ob Sie mein Bruder waren, und nun brach er mit der Zueignungsschrift los, und that wortlich so, als ob ich der konigliche Rath ware. Ich wollt' Ihnen, sagt' er beim Anfang der Vorlesung, keinen unbeseelten Odem mitgeben, keinen todten Korper, sondern ihm vielmehr einen lebendigen Odem einblasen und sie Ihnen empathisch vorlesen. Er hielt Wort. Ausdruck, nicht Eindruck, machte diese Abhandlung. Man konnte druber sprechen. Zum Weiternachdenken war sie nicht eingerichtet. Ein Unterschied, der gewiss weit her ist. Das Schlusswortregister war das Amen dieser Taufhandlung. Der Vater ubergab mir dieses sein wohlbestalltes Kindlein so feierlichst, wie man einem Pathen nur die Frucht seines Leibes ubergeben kann.
Mit der Abhandlung sind wir also fertig. Noch mehr aber lag mir in L ob.
Meine Schuld druckte mich zu Boden. Der Prediger in L war nicht in der besten Vermogensverfassung. Er hatte (diess und jenes erfuhr ich von ungefahr) verschiedene Auslagen bei Minens Begrabniss gehabt: Glocken, Erde, Trager und dessgleichen. Dem Organisten musst' ich auch eine gesegnete Mahlzeit wunschen; denn, wenn gleich eine Krahe der andern nicht die Augen aushackt, so hat doch unser Glaubensvater, Dr. Luther, in der vierten Bitte das Holz ausgelassen, welches nicht geschehen ware, falls Dr. Luther Organist in L gewesen, und wenn gleich der gute Organist schon den Abend beim Prediger sich's wohlschmecken liess, so kostet es doch viel und mancherlei, einen Sohn auf der Universitat zu haben, der kunftige Pfingsten predigen und zeigen soll, ob er wusste, wo er zu Hause gehore? Ost hatt' ich schon diess alles uberdacht; allein meine Verlegenheit war bis jetzt noch nicht herrschend worden. Das Ende trug die Last. Wie ich stand und ging, trat ich meine Reise nach L an, und wenn ich auch mehr Zeit gehabt, oder mir mehr Zeit genommen, was hatt' ich mitnehmen konnen? Eben erwartet' ich mein Ausgeding von Hause. Wo Brod in der Wuste? Ohn' einer Bedenklichkeit Rede oder nur Gedanken zu stehen, ging ich hin, brach und las.
"Weisst du was ` sagen will? Dein Griechisch hast du nicht vergessen, das weiss ich. Sollte der Geist dieser Worte von dir gewichen seyn? Das wolle Gott nicht! und die deutsche Note nebenher: In der grossten Noth! Ist sie dir entfallen? Prufe dich, ehe du weiter brichst. Es gibt nicht bloss Geldnoth, sondern auch viele von anderer Art, z.B.
Melchisedechs-Noth! ` in der grossten Noth! "
Ich fand in dem Zimmer meines Amulets, das ich erbrochen hatte, Schaustucke. Ich zahlte sie nicht, sondern nahm ihrer drei; zwei fur den Prediger, eins fur den Organisten. Dem letzten schickt' ich eins hin. Herr Prediger, sagt' ich dem ersten, wegen der gehabten Auslagen. Ich zog den beiden Goldstucken kein weisses Hemd an; denn eben dadurch wurd' es ein Geschenk, eine Verehrung geworden seyn, und schenken, welch ein grassliches Wort ist es unter Leuten, die empfinden konnen! Der Prediger kam mir mit einem gleich kalten: Wofur? entgegen, und nach einem kleinen Wortwechsel blieb's dabei, dass ich ihm die baaren Auslagen ersetzen sollte. Als Unterpfand, fuhr ich zwar eben so kalt und ehrlich, allein lange nicht so treffend und anstandig fort; ich habe kein ander Geld. Ich brauche kein Unterpfand, erwiederte der Prediger, und um der Sache ein Ende zu machen, geben Sie die Auslagen, die sich auf 2 Rthlr. betragen, meinem Bruder. Dem, das wusste der Prediger, durft' ich mit einem Schaustuck gewiss nicht ankommen.
Dass man doch nicht umsonst sterben kann, sagte der Prediger. Wir sollen nicht sorgen fur den andern Morgen; unser Arme muss weiter hinaus, und fur sein Begrabniss sorgen wie der Mann mit dem einen Handschuh.
Der Organist erliess ein grosses Danksagungsschreiben an mich, und bat hoflich sich's dagegen aus, die Stellen in seiner Abdankung zu streichen, worin er mir zu nahe gekommen, oder gar zu viel gethan. Ich wurde kein Geld um alles in der Welt willen nehmen, setzte er mundlich hinzu: allein ein ander Ding Geld, ein ander Ding solch Schauessen. Ass doch David von den Schaubroden, rief er einmal uber das andere aus. Noch drang er mir eine ausgearbeitetere Abdankung auf, die ich aber nicht als Beilage C. ausstatten werde, eben weil sie ausgearbeitet war. Leute, die bloss Mutter Natur, und nicht Vater Kunst, haben, mussen werfen, nicht legen, Gluck greifen, nicht sortiren.
Freilich hatt' ich bedachtiger mit meinem Amulet zu Werke gehen, und, wie meine Mutter, Ja und Nein in zwei Zettelchen schreiben, und eins von beiden ziehen konnen indessen
Was meint ihr Herren Kunstrichter, wenn ich die ubrigen Goldstucke (es waren ihrer zwanzig) unter euch vertheilen sollte, wie es wohl Sitte in Deutschland war, und noch ist, wenn der Verfasser sich einen Titel, oder Amt, oder dess etwas, an den Hals schreiben will?
Noch war ich mit meinen letzten Dingen nicht fertig. Ich liess mir die Taxe von den Sachen meiner Mine methodisch extradiren, gab Gretchen eine Abschrift des letzten Willens meines seligen Weibes, weil Gretchen mich darum bat. Grete erhielt diess Andenken auf Minens Grabe. Wir weinten beide bei dieser Gelegenheit. Freunde, wenn alle Contrakte, alle Verabredungen auf Grabern, an diesem Altar der Natur, geschlossen wurden, was meint ihr? Ich liebte Gretchen nicht, allein ich liebte ihren Schmerz um Minen, und fand, dass es tief in unserer Natur lage, wenn man was Liebes verloren, sich sogleich mit was Liebem zu verehelichen. Einer Wittwe, einem Wittwer, ist vielleicht die zweite Ehe in den ersten sechs Wochen noch am ersten zu vergeben. Gretchens Mutter wollte, das sah man deutlich, dass Gretchen meine Mine wurde. Gretchen selbst verlangte feierlichst von mir, dass ich wenigstens (auf diess w e n i g s t e n s der Ton) noch einmal (auf n o c h e i n m a l wieder) nach L kommen mochte, ehe ich von hinnen zoge. Des Grabes wegen, setzte sie mit einem Seufzer hinzu, der mir durch die Seele ging. Der Prediger dachte an weiter nichts, als an seine Abhandlung von der Sunde wider den heiligen Geist.
Lieben Leser! Kann ich dafur, dass ich so oft dran denken muss? Die Autorschaft konnte wirklich solch ein Punkt, solch ein schwarzer Fleck seyn, auf den man im Leben und im Sterben starr hinsieht, um alles andere weit zu uberwinden. Oft ist sie's wirklich! Gretchen sagte mir gerade heraus, dass sie einen gefahrlichen Eindruck befurchtete, den meine Abreise auf ihre ungluckliche Mutter machen wurde. Sie ist Ihnen gut, setzte sie hinzu (und ward roth, nachdem die Worte weg waren), als waren Sie ihr Sohn.
Wenn sie nur nicht glaubt, sagte Gretchen: es sey eine Linde ausgegangen, wenn Sie abreisen.
Diese Befurchtungen machten eine allmahlige Entfernung von ihr vor meiner Abreise nothwendig. Vergessen Sie uns alle und Gretchen nicht sagte die Lindenkranke, da ich Abschied von ihr nahm. Gretchen kusst' ich nicht; allein beide Hande reichten wir uns. Ein paar Stunden vor meiner Abreise liess sich der Justizrath Nathanael anmelden. Wenn ich nicht mehr da ware, liess er sagen, um meinen Schmerz nicht aufzubringen, nicht zu erneuern. Ich bat Gretchen, ihn zu grussen. Mich? fragte sie. Sagen Sie ihm, ich wendete mich zum Prediger, dass Mine ihm von Herzen vergeben habe. Gretchen hat das Testament.
Und so kam ich mit dem kunstlich gewindelten mir auf die Seele gebundenen Werklein von der Sunde wider den heiligen Geist nach Konigsberg. Mein Gefahrte sprang mir um den Hals, da er mich sah, und herzte und kusste mich. Zu Hause, fing ich an. Seit ehegestern, erwiederte er, hause ich; ich habe es der Blonden in einem schwachen Stundlein versprochen, weil eben heute ein Lautenconcert, dem Vater zu Ehren, aufgefuhrt wird. Gestern war die Probe. Es ward bei der Probe alles durchs Fenster gespielt. Heute bin ich in bester Form gebeten aber du kommst mit, wenn nicht, so soll auch heute die wirkliche Auffuhrung durchs Fenster geschehen. Aber, fing ich an, ohne aufs Mitkommen ein Wort zu geben, und sah einen Stoss Bucher und Schriften. Beim Scherz muss Ernst seyn, beim Zeitvertreib Arbeit; dic, cur hic? Schon, dacht' ich, und v. G. (er hiess Gotthard mit dem Vornamen) fuhr fort, da hab' ich mir einige Bucher uber Jagdgerechtigkeit und Jagdungerechtigkeit, uber fas und nefas in dieser freien Kunst, nicht minder die kunterbunten preussischen Jagdverordnungen geben lassen. Bruder, ein Studium, um den Tod zu haben! Freilich mehr als Jagdterminologie, wodurch man fur Fund zeitlebens sicher ist, und noch dazu Fund andern zuwenden kann. Indessen sag mir, du bist doch ein kluger Kerl, wie kommen die regierenden Herren dazu, die Jagden zu Herrlichkeiten und Gestrengigkeiten zu rechnen, und sich daruber solche Rechte anzumassen, als ob ihnen das liebe Wild naher ware, als Schafe, Ochsen allzumal? Da hab' ich schon gedacht, dass sie ihre allerunterthanigst treugehorsamste Sklaven nicht zu genau mit dem Wilde bekannt machen wollen, um sie nicht auf wildgrosse Gedanken zu bringen, aus dem Schafstall ins Freie.
v. G brachte mich durch einige Betrachtungen, die nicht aus dem Stalle waren, zum Ausruf. Bruder, exclamirt' ich, du entzuckst mich; du bist, ohne die Concertprobezeit abzurechnen, die du am Fenster verhort hast, noch nicht vierundzwanzig Stunden zu Hause, und sprichst so wahr! Und wenn ich immer zu Hause bliebe, fiel er mir jagdeifrig ein, gelt! dann war' ich Sklave uber Sklave. Nicht also, sagt' ich, wenn je die Freiheit noch einst in ihrer edlen einfaltigen Gestalt auf Erden erscheinen soll, wenn je so kann sie jetzt nur aus der Studirstube ausziehen. Der Heerfuhrer Moses war unterrichtet in aller agyptischen Weisheit.
Da kam eben ein Bote, der mich mit zum Concert einlud. Man hatte mich kommen sehen und hoffte gewiss
Ich war so wenig gestimmt, eine solche Dissonanz anzuhoren, dass ich geradezu abschlug. Junker Gotthard, dem ein Menschenstimmhammer ohnedem nicht eigen war, und der keine meiner Herzenssaiten in Harmonie ziehen konnte, nahm indessen das Wort, sagte dem Boten: Ich werde ihn mitbringen. Dieser ging, und ich mochte wollen, oder nicht, ich musste. Freilich, sagte Junker Gotthard, wirst du heute nur die Hochzeit sehen; die Verlobung ist vorbei, wie du zu sagen pflegest! Wer kommt indess in der Welt immer zur Probe?
Herr v. G hatte nicht die mindeste Neugierde, Geheimnisse zu hetzen oder zu schiessen. Ich reisete, ich kam, ohne dass er was, und wie, und wo wusste. Mein Herz brach mir uber den guten wilden Jungen. Ich wusste wohl, dass Theilnehmung ein Wunder in seinen Augen setz, und doch sagte ich ihm alles. Ohngesagt verstand er nicht, das wusst' ich, einen Herzensbruch, die schreckliche Ohnmacht eines beklemmten Herzens, den Wortstod auf der Zunge, das Beben auf der Lippe, wo man sonst mit sichtlichen Augen den Geist sieht, der den allerfeinsten Korper von Wort (war' es auch ein blosses Ach!) zu schwerfallig fur sich findet. Ich sagt' ihm alles, und musste mich wahrlich zwingen, zu reden; denn wer kann in solchen Herzensnothen, wer kann mehr, als abgebrochen seyn? Ich war diessmal so glucklich, solche Worte zu ertappen, dass ich den Junker Gotthard in Bewegung setzte. Bruder, sagte er, du jammerst mich! Das war viel!
Nach einer Weile: wenn ich das gewusst hatte, ich hatte dich zu Hause gelassen und ware selbst zu Hause geblieben. Hiebei stand er auf; denn er sass bei seinen Jagdschriften. Hatte v. G diese Periode nicht mit w e n n angefangen, was hatte ich mehr erwarten konnen? Was, meine Leser? Was fehlte denn zum thatigsten Beweis einer lebendigen, leibhaften Theilnehmung? O war' es dabei geblieben! Si tacuisses!
Schon war ich entschlossen, nach einem so guten Anfang meinem lieben v. G Empfindung beizubringen, die Jagdwerke unvermerkt zuzumachen, um ihn zur Absage des Lautenconcerts zu bequemen, da er wieder, um seinen Ausdruck zu adoptiren, ins Zeug gesetzt war. Urplotzlich war er wieder da mit Flinte und Tasche und dem Satanas.
Hattest du denn, fing er von freien Stucken an und setzte sich wieder, hattest du denn nur e i n e schmukke Mine? Bruder, erwiederte ich und wollte was anders sagen, Bruder, wir gehen aufs Concert.
Junker Gotthard wollte zwar seine Frage durch eine andere wieder gut machen und schwur mir hoch und theuer, dass ich wie eine Wassersuppe aussahe, so verzweifelt wie ein gejagter Hirsch; allein unsere Empfindungsstunde war vorbei. Ich schloss die Sunde wider den heiligen Geist in den namlichen Kasten, wo mein
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dessen Vorhang bis zum Allerheiligsten, wie mich dunkt, gezogen war, an einen Ort, doch so, dass sie nicht zusammen kamen. Zweimal schloss ich den Kasten auf und legte sie jedesmal noch mehr auseinander, recht als ob ich besorgte, sie konnten sich doch wohl zu nahe kommen und Schaden thun, und nun ging es an eine stadtische Lauterung, die ich nicht nothig gehabt hatte, wenn Grete die Heldin, prima donna, dieses Concerts gewesen.
Was ein ander Kleid, ein gewisses stadtisches Wesen, eine gewisse Korpertracht, aus der der Tanzmeister alles schlichte, naturlich gute Wesen herausgegeigt und herausgebrochen, machen kann, wird jeder wissen, der in Rom und auf dem Tusculan gewesen.
Ich ging mit meinem guten v. G zum Concert, wo ich Lichter und Kleider von Gold und Silberstuck uber alle Mass und Gewicht fand.
Was mir seit einiger Zeit dergleichen Pracht und Herrlichkeit widerlich ist! Ein wahres Theater! Da ging ich leise hin und her, ohne dass ich horte. Ein paar Tone kamen mir so vor, als hatten sie was ahnliches von den Glocken aus L , und dann ein paar Adagiosstellen als waren sie aus dem Liede: N u n l a ss t u n s d e n L e i b b e g r a b e n , und das war, nein, sondern so, als war' es gar nicht. Der Herr des Festes sollte durch diese Solennitat uberrascht werden, mithin hatte er thun mussen als wusst' er nicht, was Trumpf ware. Er wollte es auch, wie mich dunkt; indessen zeigte seine lichterloh brennende goldene Weste das Gegentheil. Alle sein Dichten und Trachten fiel zusehends dahin aus, dass ihm diese Feierlichkeit, die im Finstern geschlichen, nicht unbekannt geblieben. Er sah leibhaftig wie das Ziel aus, nach dem geschossen ward.
Ich merkte bei aller meiner Zerstreuung, dass Amalia der schmucken Trine des guten Junker Gotthards Abbruch gethan, und obgleich er gewiss mehr als eine in dieser Gegend (wieder sein Ausdruck) auf dem Korn hatte, so schien doch Amalia das Schnupftuch empfangen zu haben. Jene mit schwarzem Haar, wie Ebenholz, wobei eigentlich Junker Gotthard titulo institutionis honorabili zum Erben eingesetzt war, hatte es wegen der zehntausend Liebesgotter auf dem Busen, die bis auf zehn reducirt wurden, verdorben. Amalia hatte sehr wohlbedachtig diesen Abend alles, was ihr nachtheilig seyn konnte, entfernt; sie allein wollte mit ihrer blonden Stirne siegen und mit ihrem wallenden, herauf bebenden Busen und mit ihrem dahinfliessenden Ordensbande und mit allem, was der Testator so punktlich von ihr angegeben hatte.
Ich horte es Amalien in der Kopie an (das Original, die Probe war wie bekannt vorbei), dass sie von ganzem Herzen dem Junker Gotthard zuspielte, dass ihr Herz alle seine Gedanken und Begierden der Laute anvertraut hatte, die alles wieder raunte, was sie wusste! Nur Schade, dass es eine Laute war! Wenn's ein Waldhorn gewesen ware, wurde v. G es eher verstanden haben. Den Lautenzug verstand er nicht. Amaliens Auge, das wahrlich nicht ins Ohr sprach, sondern vernehmlich sich ausliess, diess redende Auge verstand v. G , wie's schien, stellenweise. Er war eine lebendige Seele worden.
Vater und Mutter, obgleich beide auch bei dieser Gelegenheit so thaten, als der Hausvater beim heutigen Namenstage, konnten doch eine gewisse Freude von lichterloh brennender goldener Weste nicht bergen, welche sie uber diese Augenvertraulichkeit (es war mehr als Augenumgang) verspurten.
Wenn ich den Junker Gotthard nicht als einen so jagdgerechten Jager und einen, der mehr als eine schmucke Trine und schmucke Amalia zu lieben verstunde, gekannt, wurde ich ihn stehenden Fusses gewarnt haben; allein jetzt, dachte ich, wird sich alles geben.
Da fand ich ein Glas voll Rosen, zwar ausserhalb der Jahreszeit, wie alles am Hof und in der Stadt ist, doch anziehend. Vier Rosen waren aufgebluht und eine Knospe. Gott verzeih mir meine schweren Sunden, dass mir in einem Musikzimmer, bei so viel Glanz und Lichtern nur Mine einfiel. Der grafliche Todtengraber liebt auch viele Lichter, und man sage, was man will, Lichter (die Menge thut nichts dagegen) haben etwas Melancholisches, etwas von Mondschein bei sich. Eine heilige! meine heilige! mein Schutzgeist wie in diesem Saal der Eitelkeit? Wie stimmt Himml und Erde, Seligkeit und Weltfreude! Doch, war es nicht bei einer Rosenknospe, ihrem Ebenbild?
Da war diess Knospchen unter ihren aufgebluhtern Schwestern. Es schien gerungen zu haben, sich herauszuhelfen, allein vergebens. Bleich, abgezehrt begab es sich in die liebe Geduld; es spurte wohl, dass es nie zum Aufbruch kommen wurde. Gott, dachte ich und sah gen Himmel! Eine Platzthrane fiel aus meinem zum Himmel andringenden Auge, das ich uber diesen Rosenbusch hielt. Diese Thrane entblatterte die Knospe. Ob so oder anders. Die Blatter fielen auseinander und ich Wer so stirbt, der stirbt wohl.
* * *
Ich ging oder lief wie es kam wieder in die Stunden. Meine Abwesenheit war mir nicht nachtheilig ich half mir selbst nach, und da ich mit dem besten meiner Beiganger oder Beilaufer collationirte, fand ich hier und da eine andere Ader! Auch gut, dachte ich. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Man muss dass Pfund, das uns der Herr anvertraut hat, nicht ins Schweisstuch vergraben, sondern es anlegen, damit es Fruchte bringe zu seiner Zeit.
Mein Vater pflegte zu sagen: alle Philosophie will den Menschen still machen. Erinnerst du dich nicht an schone Abende, wo sich kein Blattchen am Baume bewegt, wo die ganze Natur, wenn ich so sagen soll, beim lieben Gott in der Kirche ist und I h n , nur Ihn anhort und die Spharenorgel, wo auch ein Lied: Freu dich sehr, o meine Seele, und v e r g i ss a l l ' A n g s t u n d Q u a l gespielt wird; allein wahrlich von anderm Inhalt und wahrlich auch in andrer Melodie als es deine Mutter singt. Wahrlich, die Philosophie will uns in Stille bringen! Es soll sich kein Blattchen an uns bewegen, kein Vergnugen, kein Schmerz soll bis zu unserer Seele eindringen, es sey denn der Schmerz, der Seligkeit wirkt, der Schmerz wegen verletzter Pflicht. Nicht jeder Schmerz ist Traurigkeit; nur alsdann wird er's, wenn er bis zum Gemuthe kommt. Nicht jede Ruh' ist Frohlichkeit; sie wird es nur, wenn wir das Vermogen besitzen, alle Vorfalle unseres Lebens aus dem Gesichtspunkte zu betrachten, der uns auf irgend eine Art an dem unangenehmen Vorfall ein Vergnugen verschafft, eine sonnbeschienene Stelle zeigt. Wir sind leidend bei Affekten, schickt sich das fur uns? Schickt sich passiv zu seyn fur Manner? Man verachtet jeden Menschen, wenn er in Affekt ist, Weiber weniger, denn sie sind zum Leiden gemacht. Woher die Verachtung? Weil die Menschheit herabgesetzt ist und die Thierheit auf dem Throne sitzt und tyrannisirt. Wohl, recht tyrannisirt. Beim Affekt tritt die dumme Figur ein: Pars pro toto. Der Theil ist so gross als das Ganze. Ein Theil der Bedurfnisse uberwiegt Summa Summarum aller Bedurfnisse. Eine Neigung uberwiegt die Sammlung aller Neigungen. Es ist ein Monstrum, ein Mannskopf und Kindsfuss oder umgekehrt. Neigung ist schon Schwachheit; indessen behalt sie noch immer eine Klarheit, allein im Affekt, wo bist du Sonne geblieben? Der Tag ist schier dahin.
Alle Thiere sind des Vergnugens und Schmerzes, nicht aber der Freude und Traurigkeit fahig; denn diese entstehen nur alsdann, wenn wir von dem Hugel unseres jetzigen Zustandes unsern ganzen Zustand uberschauen. So weit reicht das Auge des Thieres nicht, war's auch ein Elephant. Der Mensch ist Thier, wenn er ergotzt wird, wenn er Schmerz empfindet, kann es ihm wohl verdacht werden? Nur ausserordentlich freudig, ausserordentlich traurig zu seyn, ist ihm unanstandig.
Der Eifer fur des Herrn Haus, der edle Zorn fur die Rechte der Weisheit, die Entzuckung uber das Gluck der Menschheit kleiden einen Menschen, weil sie den Menschen dahin leiten, wo kein Affekt mehr seyn wird. Diess Reich Gottes (mein Vater nannte Reich Gottes was zwar hinein gehort, allein es eben nicht ist, pars pro toto) wird schon in dieser Welt kommen, kann kommen; allein dort ist's gewiss, darum ewige Ruhe! Die Sunde ist der Menschen Verderben, und das Verderben ist die Quelle aller das Gleichgewicht habenden Leidenschaften, sie mogen ubrigens seyn, welche sie wollen, angenehm oder unangenehm. Am Ende sind sie alle unangenehm, glaubt mir!
Diese Predigt, welche meinen Lesern keinen Dreier in den Seckel gekostet hat, diese Wiederholung einer paranetischen Stunde, wie wandte ich sie an? So wie man gemeinhin alle Predigten ohne und mit dem Sekkel anzufangen pflegt. Fast konnte ich sagen, dass ich diess alles angesehen, wie die Henne ihre Ausbrut junger Enten, womit sie die Hausmutter betrogen hat, wenn sie schwimmen. Es ist noch lange nicht alles gesagt in der Welt, was gesagt werden kann, weit weniger ist alles gethan. Was that ich aber? Was konnte ich thun? Da Mine lebte, sah ich sie uberall. Ich studirte an ihrer Hand. Jetzt, da sie im Himmel ist, ruhte ihr Geist auf dem meinigen. Ich konnte nicht so glucklich seyn, in L , wo ihre Gebeine ruhten, korperlich mit ihr zusammen zu seyn, und eben dadurch, nach der Meinung des Grafen, langer sie zu haben, langer sie zu besitzen. Es war mithin alles im Geist. Wahrlich, unsere Liebe war Geist zu Geist, war himmlisch, war auserwahlt. Ich wallfahrtete, so oft ich konnte, auf alle Kirchhofe, christliche und unchristliche, und las mir einen aus, wo ich Minens Andenken stiften wollte. Diesen fand ich an einer Kirche, die man die Rossgartsche nennt.
Der Tod, Freunde, ist naturlich furchterlich! Der Denker, der sein eigen Licht hat, und der gemeine Geist, der sein Licht von der Sonne borgt, mussen gleicher Weise ihre Zuflucht zur Kunst nehmen, um den Tod sich leidlich vorzustellen, und da kommt es mit auf die Oerter an, wo man uns hinbringt.
Gewolbe, sind das nicht Oerter, wo einem angst und bange wird? Der Moder, der Todtengeruch, womit wir unsere Kirchen verpesten, wie schrecklich zieht er dahin und daher, wenn er eingemauert wird? Bringt den Todten in die freie Luft, er ist lebendig. Schliesst den Gesundesten ein, er verweset.
Meine Kirchhofsidee fand ich auf dem R o ss g a r t s c h e n Kirchhofe am grundlichsten in ganz Konigsberg ausgefuhrt.
Ein vortrefflicher gruner Platz, mit Baumen unordentlich besetzt, zuweilen viere nicht weit von einander, und unter ihnen ein Grab, das sie bedecken, zuweilen ganze Stellen als ein Wald, und dann ein Monument, wie verloren, nicht nach Regeln der Kunst, sondern schlechtweg gearbeitet. Ein lebendiger Zaun unterscheidet einen kleinern Kirchhofstheil vom grossern. So vortreffliches Grasgrun auf diesem eingeschlossenen Platze, dass man sich das Auge daran starken kann. Vielleicht wird hier das Taufwasser ausgegossen. Die andere Seite dieser Kirchhofsparenthese geht nach dem Wasser. Dieser Einschluss, dieser Kirchhof im Kirchhof, dieser Status in Statu nimmt die Gebeine der verstorbenen Herrnhuter an Kindesstatt an, die nach dem sehr pracisen herrnhutischen Kunstworte, das auch dem Grafen v. eigen war, nicht sterben, sondern heimgehen. Da ich nach meines Vaters Weise bei allen dergleichen Dingen durch die grosse Pforte zu gehen gewohnt war, so blieb ich auch mit meiner Mine auf dem unverzaunten Hauptkirchhofe. O hier ist gut seyn! Man kann sich auf diesem Kirchhofe kaum des Gedankens erwehren, dass die Abgeschiedenen hier im Mondenschein sich regen und bewegen, wie meine Mutter sich ausdrucken wurde.
Der Todtengraber dieses Sprengels wohnt unweit dem Kirchhofe, sein Hauptfenster geht hinein. Da er mich unfehlbar mit einem Gesichte, worauf Tod und Begrabniss deutlich zu lesen war, herumwanken und Stelle und Ort suchen sah, kam er mit einer eisernen Stange zum Vorschein und fragte mich, was mein Begehren sey? Die eiserne Stange diente ihm beim Grabmachen, um zu versuchen, ob auch tief genug, ohne einem frischen Sarge zu nahe zu kommen, gegraben werden konnte. "Ich kann den Kirchhof empfehlen, wenn es was zu begraben gibt, fing er zu mir an. Wie sehr uberraschte mich der Todtengraber mit seiner Stange und seiner Frage! Ich erwiederte ihm mit schwerem Herzen, dass ich ein Liebhaber von Kirchhofen ware, und eben einen getroffen hatte, der mir sehr gefiel. Sie sind nicht der erste, der diesen Kirchhof schon findet. Der Graf v. besuchte ihn, so oft er nach Konigsberg kam. Ich bin bei ihm einige Jahre im Dienst gewesen, setzte er hinzu. So, dacht' ich, bist du ein wirklich ausgelernter zunftiger Todtengraber, bei solch einem Meister!"
Nach diesen Umstanden fand ich es nicht langer schwierig, diesen ausgelernten Todtengraber in mein Herz tiefer hineinsehen zu lassen. Ich habe, sagte ich, eine Schwester verloren, die ich sehr liebte, und an die ich gern hier auf diesem Kirchhofe denken will. Ich gehe darauf aus, mir einzubilden, dass sie hier begraben sey, um mich mit dem Andenken an sie desto fester zu binden, das dauern soll, bis dass auch ich begraben werde. Sterbe ich in Konigsberg, versteht sich, ist hier mein Grab. Der Todtengraber, dem mit dergleichen idealischen Grabern, bei denen er seine Stange nicht brauchen konnte, nicht im mindesten gedient war, widerrieth mir, obgleich er einige Jahre beim Grafen v. gedient, diese Imaginationen, die keinem Menschen was einbrachten, wohl aber dem, der sich mit ihnen in Vertraulichkeit einlasst, an Leib und Seele schaden konnten. Ich glaubte zu merken, worauf es bei diesem Ehrenmann ankame, und nachdem ich mich seiner Gebuhren halber erkundigt, und ihm noch einmal so viel in die Hand gesteckt hatte, als ein wirkliches Grab galt, weil ich ein idealisches Grab bei ihm bestellte, so fand er weniger Bedenklichkeit bei meiner Sache, und liess es mir selbst uber, ein Platzchen fur meine Phantasie auszusuchen. Er fragte mich zum Beschluss, wie alt ich ware, und schuttelte, da ich ihm antwortete, den Kopf. Ich fragte ihn zur Wiedervergeltung, wie lange er beim Grafen v. gedient hatte, und schuttelte, da er mir antwortete: sieben Jahr! auch den Kopf.
Wir hatten, glaub' ich, beide gleich Ursache zum Schutteln.
Ich suchte hin und her eine Stelle fur mich zum Monument und sah endlich einen Baum, den ein anderer nicht bloss angefasst hatte; er hatte sich hinangewunden. Der Todtengraber, der seine Amtspflicht vollbracht hatte, und mit seiner Stange nach Hause zu gehen im Begriff war, sah sich zum Gluck noch einmal um. Ich winkte ihm nicht, allein er sah die Frage im Auge und kam.
I c h . Diese Baume
E r . Von selbst zusammen.
I c h . Selbst?
E r . Ohne Menschenhande.
I c h . Und begraben?
E r . Ein junges P a a r .
I c h . Paar?
E r . Wie ich sage. Schade, dass Ihr Verlust eine Schwester ist, sonst eine Stelle fur Sie, wie gewonnen.
I c h . Wer zuerst?
E r . Sie.
I c h . Gott!
E r . Es war ein Madchen, das Liebe hatte bei Jung und Alt. Die Eltern, wie's doch immer so geht, wollten sie zwingen, und sie wollte sich nicht zwingen lassen. Sie liebte einen jungen Menschen, dessen Vater das ist, was ihr Vater ist. Kein Fingerbreit mehr oder weniger. Die Eltern wollten hoher mit ihr hinaus; endlich sahen sie, es ginge nicht, denn das Madchen gramte sich zusehends. In der Gemeinde kenne ich meine Kundleute auf's Haar. Da sollten wohl zehn eingeschnurte verheimlichte Schwangerschaften der Hebamme des Kreises eher entgehen, als mir eines, das an Grabes Bord ist, obgleich ich auch mich auf die gesegneten Umstande und Leibeserlosung, wiewohl nur nach Augenmass, verstehe. Ein Auge ist bei unser einem die andere Hand. Diessmal glaubte ich schon, mich zu irren. Ich irrte mich wirklich; die Eltern sagten endlich ja zur Heirath und alles sagte ja. Das Madchen erholte sich zusehends. Verlobungen kommen unser einem selten zu Ohren. Die Leute halten mich fur ein Stuck vom Tode, fur einen Verwandten des Todes, und wollen mit dem Tode bei dergleichen Gelegenheit nichts zu thun haben, obgleich der Tod immer hinterm Stuhle steht, es sey bei einer Verlobung oder sonst. Es ist, dunkt mich, zu sehen, dass ich so gut lebendig bin, wie einer, und wenn der Tod bedenkt, dass unser einer ihm gewiss ist, und dass er ihn aus der ersten Hand hat, so geht er lieber auf die Jagd, als dass er nach dem Haushahn greift.
I c h . Das Madchen, Freund, das Madchen erholte sich
E r . Ja wohl erholte es sich. Ist die Verlobung nicht vorgefallen, so hatte sie doch vorfallen sollen. Es war alles: Ja und Amen, und da starb es wie eine Knospe Rosenroth, und nun ging's ans Heulen und Zahnklappen.
I c h . Und er? er?
E r . Er? weiss Gott wie's war, er ist am Tode gestorben. Es hat ihm so wenig gefehlt, wie Ihnen und mir. Sie starben einander so nach, wie Blitz und Donner. So was hat man bei Menschen Gedenken nicht erfahren! Die Nachbaren und dessgleichen sagten nun freilich wohl, dass der liebe Gott an ihnen ein Exempel statuirt, weil sie doch vom verbotenen Baum essen und den lieben Eltern der Braut ungehorsam werden wollten. Sie meinten es gut mit ihr und dachten hoher mit ihr hinaus.
I c h . Ach Freund! Sie ist hoher hinaus, wie wir alle!
E r . Ja, wenn Sie's so nehmen, habe ich nichts dawider. Sonst pflegt's zu heissen: wer den Eltern nicht folgt, der folgt dem Kalbfell. Hier ging sie einen andern Weg und er folgte.
(Das Spruchwort: wer den Eltern nicht folgt, folgt der Trommel, fiel mir so auf, dass ich aus der Weise kam; indessen erholte ich mich nach einer kleinen Weile und lenkte das Gesprach zuruck auf i h n und sie.)
I c h . Aber diese Baume?
E r . Ein lebendiger Leichenstein, zum Zeichen der frohlichen Auferstehung gesetzt. Ihr setzten seine Eltern diesen lebendigen Leichenstein, ihm die Mutter der Seligen, mit Zuziehung der Kirchhofsobrigkeit.
I c h . Mit bebender Hand.
E r . Kann nicht sagen; was man setzt, muss mit Herz und Hand gesetzt werden, sonst geht's auch so fort. Ohne mich kann kein Grab gegraben und kein Baum gepflanzt werden. Auf diesem Acker bin ich, ohne Ruhm zu melden, Gottes Gartnierer, so wie der Herr Pfarrer sein Diener ist in der Kirche. Die Mutter der Seligen hatte den Glauben, dass diess Parchen dort Hochzeit machen wurde, obgleich ich's ihr ohne Ende und Ziel sagte, sie werden dort weder freien noch freien lassen. Noch kann sie niemand von dem Gedanken abwendig machen; ich wenigstens gebe meine Kunst auf, denn sehen Sie, die Baume wurden mit Herz und Hand so hingesetzt, mir nichts, dir nichts. Wahrlich ein stark Stuck! Dieser Baum da, auf Ehre und Redlichkeit, schlang sich um den andern so herum, dass es nun freilich so aussieht, als waren sie um einander gewunden.
Wie mich diese Zugabe des Todtengrabers geruhrt, mag jeder meiner Leser selbst empfinden, der sich diess in einander geschlungene Paar Baume so lebhaft vorstellen kann, als ich! Da lag ich, und Mine im Geist in meinem Arm! Die Baume waren Linden.
Bis hieher hat der Herr geholfen, sagte Samuel, da er einen Stein zum Altar hinlegte, und auch ich; ihr wisst es, ihr heiligen Graber und ihr Baume, die ihr mit ihnen so nahe verwandt seyd, ihr wisst es, wie ich bei diesem Altar bewegt war, den ich nachst Gott Minen setzte. Der Todtengraber war weg. Ich allein. Ein heiliger Schauder nach dem andern nahm mich, als wenn diese oder jene abgeschiedene Seele auf und in mich wirkte, und nun, da ich mir selbst zu schwer war, fiel ich auf Gottes Gartenacker, von wo ich beide Hande offen gen Himmel hob, als wenn mir Gott einen sanften, seligen Tod hineinlegen sollte. O wahrlich! ich bettelte darum. Siehe, da fiel ein welkes Blatt auf meine Rechte; diess nahm ich und ging gesegnet in mein Haus. Noch liegt diess Blatt in der Bibel, die mir mein Vater auf den Weg gab. Wie mir diesen Einweihungsabend war, vermag ich nicht auszudrucken. Oft hab' ich ihn wiederholt, den vortrefflichen Abend, ohne dass mich der Todtengraber weiter mit seinem Spiess storte. So oft wir uns uberfielen, berichtigte ich ihm meinen Canon.
Einen schonen Abend, da der Mond die Nacht regierte, ging ich tief andachtig zu meinem Altar, und stehe da, der konigliche Rath kam, stellte sich vor ein Grab, sah in den Mond und aufs Grab, wie's mir vorkam, so lange, bis die Thranen ihm nicht mehr erlaubten, in den Mond und aufs Grab zu sehen. Ich glaube nicht, dass er mich bemerkt hat; allein ich habe ihn weinen sehen, weinen, und das beim Mondenschein. O! wie schon die Thranen da aussehen! Er war mir von jeher schatzbar; seit diesem Abend aber war er es mir unendlich mehr. Es kamen und gingen viele Leute dieses Weges, und diess war das einzige, was mir auf diesem Kirchhofe missfiel und meine Andacht unterbrach. Denn wahrlich die wenigsten sahen, wie der konigliche Rath, in den Mond und auf ein Grab, bis die Thranen es nicht mehr verstatteten. Die wenigsten wallfahrteten einer Mine wegen an diese heilige Statte. Ich hab' ihn auch nie mehr an diesem Grabe weiter gefunden; allein nie bin ich seine Thranenstelle vorbeigegangen, ohne daran zu denken, dass dieser in der Welt so gefasste Mann hier weinte.
Bei dieser Gelegenheit freue ich mich, auf den koniglichen Rath zu kommen, der, wie alle Obersten im Volke, nur des Nachts, nur beim Mondschein, weinen konnte.
Die Abhandlung uberlieferte ich sogleich nach meiner Ankunft dem Verleger, ohne, nach der dem guten Prediger gegebenen Verheissung, seinem Bruder hievon einen Strahl leuchten zu lassen. Ich indessen stellte auf meine eigene Hand diess Werk und den koniglichen Rath zusammen und uberzeugte mich je langer je mehr, dass ihm mit der Zuschrift nicht sonderlich gedient seyn wurde. Ich erzahlte dem koniglichen Rath meine Geschichte mit aller Treue, und hatte Gelegenheit zu bemerken, dass er, auch ohne in den Mond zu sehen, empfinden und theilnehmen konnte. Es war hoch am Tage. Weinen nur konnt' er ohne den Mond nicht. So lieb, als in meine Stunden, und waren sie auch beim Professor Grossvater gehalten, ging ich in seine kleine Abendgesellschaften, wo ein koniglicher Rath, sein College, ein Officier, ein Prediger und ich mit Leib und Seele waren. Selbst, wenn er es nicht langer aussetzen konnte, und er ein Mittagsmahl gab, wo mehr gegessen und getrunken und weniger gesprochen ward, und wo der konigliche Rath, sein College, der Officier, der Prediger und ich, nichts mehr thaten als vorlegen, selbst da hielten mich manche Anmerkungen schadlos, die der konigliche Rath zuweilen zum Besten gab. Es ist viel, einen Mann von seinem Stand zu finden, der zu Gott, der Natur und zu sich selbst zu kommen verstand, wie sein College Nicodemus zu Christo. Der College des koniglichen Raths, mein Mitgast, ein Mann von anderm Schrot und Korn, hatte nicht geweint, wenn sich der Mond gleich seinetwegen alle Muhe gegeben. Man nannt' ihn ein juristisches Genie, das heisst, er fing seine Sentenzen nicht mit Alldiew e i l e n , sondern mit Alldiew e i l an; schrieb nicht: Wie Recht ist von Rechtswegen, sondern von Rechtswegen; liess den Buchstaben h bei vielen Worten weg.
Das letztemal, da ich diesen Altar besuchte, liess ich es darauf nicht ankommen, ob ich dem ehemaligen siebenjahrigen Bedienten des Grafen v. und jetzigen wohlbestallten Todtengraber des Rossgartschen Kirchhofs, oder Gottes Gartnierer, in dem Sinn, wie der Prediger des Orts Gottes Diener ist, begegnen wurde. Ich war verbunden, ihm Minens Grabmal zuruck zu treuen Handen zu liefern, und mich mit ihm, neben dem Dank fur dieses Begrabniss der Einbildung, auf eine wirklich fuhlbare Art abzufinden, des Canons ungerechnet, den ich ihm, so oft ich ihm begegnet, abzutragen fur Pflicht gehalten. Ich klopfte an sein Fenster. Gleich, war seine Antwort, und da stand er auch mit seinem Spiess in der Hand, den er lachelnd ansah, nachdem er mich gewahr ward. Er war es nicht gewohnt, dass ich ihn auf diese Art aufrief; sich zu begegnen war eingefuhrt. Hier, fing ich an, lieber Freund, gebe ich diess Grab, frei von aller Einbildung, die bis jetzt darauf haftete, zuruck. Die Gebeine des guten Paares, das in dieser Welt, des Ja und Amens unerachtet, nicht zusammenkommen konnte, das an der Liebe starb mogen wohl ruhen! Ich ziehe mit meiner Todten von dannen, die diess Grab, so lange ich sie hier beigesetzt, nicht beunruhigt hat. Mein Begrabniss war geistig gerichtet. Da wollt' ich wetten, sagte der Todtengraber und stutzte sich auf seinen Spiess, diesem Paar wird es ein Vergnugen gewesen seyn, ein ander Paar guter Freunde bei sich zu sehen! Die Gesellschaft kann auch den Todten nicht unangenehm seyn. Von jeher sind Kirchhofe gewesen. Hier fiel mir die Sterbensmethode des Grafen ein, die auch auf Gesellschaft hinausging. Von der Erde, womit der liebe Gott von Anfang, da er Himmel und Erde schuf, diese Kugel bestreute, so wie meine Hausmutter alle Sonntage unsere Prunkstube, wird wohl schwerlich viel mehr ubrig seyn. In dieser Anfangsrede war freilich kein pulverisirtes Gebein; allein unsere j e t z i g e sind wir selbst, bis auf die Seele! Nach diesen Betrachtungen, welche der Todtengraber in beliebter Kurze und Einfalt, auf seinen Spiess gelehnt, nicht ohne Bewegung der Hande, bald zur Rechten, bald zur Linken, hielt, und worin ich seinen hochgebornen Meister in Lebensgrosse fand, berichtigte ich ihm meine Schuld, und er kam zur Nutzanwendung seiner angefangenen heiligen Rede, die zwar seinem Text nicht angemessen war, die indessen aus gutem Herzen quoll. Vor allen Dingen, fing er an, schenke Ihnen der liebe Gott Gluck und Segen und ein langes Leben! Bei Ihnen verliert der Todtengraber nichts bei lebendigem Leibe; wenn ich aber bitten darf, begraben Sie Ihre Einbildung auf diesem schonen Kirchhofe, wo es Ihnen gefallen hat. Jeder Platz soll Ihnen gehoren, den herrnhutschen grunen Einschluss nicht ausgeschlossen. Es ist keine Schwester, der Sie hier im Geist ein Grabmal errichtet! Ich weiss, was Schwester sagen will. Die begrabt man ohne Einbildung, und, wenn ich's selbst nicht wusste, mein Weib weiss mehr als das. Da stirbt keins vom koniglichen Hause, was ihr nicht voraus gemeldet wird. Wunderbar verkehrt sie im Schlaf mit den Geistern. Das Paar, das unter den zusammengewachsenen Baumen schlaft, ist hier mit dem Herzen zusammengewachsen. Sie lasst auf diess Paar nichts kommen. Sie, mein Herr, haben eine Braut verloren. Ja, sagt' ich, meine Mine! Den Namen wusst' ich nicht, erwiederte er. Geister haben keinen. Minens Geist, Freund, heisst Mine, fiel ich ein. Einbildung, und diese Einbildung, wenn ich bitten darf, begraben Sie sie. Es ist Raum in der Herberge. Das Grab haben Sie reichlich bezahlt! Ich will es eigenhandig machen. Sie sind jung, und wissen nicht, was solch eingebildetes Wesen fur Folgen hat. Seit einiger Zeit war mein Vorsatz, Sie aufzusuchen und Ihnen diese Lehre zu wiederholen, die ich Ihnen beim Miethskontrakt nicht verhielt. Konnt' ich aber so grob seyn, und Sie aus der Miethe setzen, ehe Sie sie mir selbst aufzukundigen genehm finden wurden? Heute alles, wie gerufen. Der Todtengraber belegte seine Ermahnung mit einer Geschichte, die vor kurzem ihre Endschaft erreicht hatte. Es verdross mich, dass so etwas auf dem Rossgartschen Kirchhofe geblieben, ohne dass ich in meinem Quartier der Stadt davon eine Todtenglocke gehort.
Was liegt nicht alles auf den Kirchhofen begraben! In grossen Stadten ist Vergnugen der Inhalt. Das Wort Tod ist hier so contreband, als das unhallische Salz in Preussen. Hier ist diese Geschichte, womit ich diesen Kirchhof schliesse, so wie ich ihn mit einer Geschichte meinen Lesern offnete. Zuvor eine Todtengraberbemerkung, die meinen Lesern nichts neues ist, dass mehr Leute an der Liebe sterben, als an den Blattern. Die Schuld hiervon gehort auf die Rechnung des Zwangs, den man den Menschen auflegt. Man hat so viel uber die Kloster geschrien; allein wahrlich jeder Staat macht recht geflissentlich ein grosses Kloster aus sich!
Die Geschichte.
Ein Eigenthumer von einigen Hufen Acker und einem kleinen artigen Hauschen, hatte einen Sohn und eine Tochter. Eltern und Kinder lebten in so glucklicher Ruhe, dass der Pastor loci selbst zu sagen pflegte, es ware ein patriarchalisches Leben, das sie fuhrten. Der Sohn kam ins Jahr, in dem sein Vater geheirathet hatte. Diess fiel dem Alten an seines Sohnes Geburtstage ein, und er forderte ihn selbst auf, an diess heilige Werk der Natur zu denken. Der Sohn hatte schon daran gedacht, und entdeckte dem Vater seine Absichten. Anwerbung, Verlobung und Hochzeit waren so nahe zusammen, dass alles wie Eins war. So sollt' es auch immer seyn. Gretchen, so will ich die Tochter des Hauses nennen (ohne Pastors Gretchen in L im mindesten zu nahe zu treten), hatte das grosste Recht von der Welt, zu erwarten, dass ihre Mutter sie eben so auffordern wurde, als es der Vater in Rucksicht ihres Bruders nicht ermangeln lassen. Sie war einundzwanzig; ihre Mutter hatte im zwanzigsten geheirathet. Diese Aufforderung blieb aus. Bose war es hiebei nicht gemeint; die Mutter haben gemeinhin die Rucksichten nicht in diesem Punkte fur ihre Tochter, die die Vater fur ihre Sohne haben. Gretchen machte diese verfehlte Aufmerksamkeit ihrer sonst lieben Mutter nicht die mindeste Sorge. Sie fiel ihr nicht einmal ein. Wann werden denn wir, sagte Hans, ihr Geliebter, es so machen, wie dein Bruder mit seinem Gretchen? Hans war nicht mit seiner Liebe in der Festung; allein vollig im Freien war er auch nicht. Er war nicht bloss auf die Walle eingeschrankt, sondern konnte Sonntags und Festtags Gretchens Eltern besuchen, Gretchen sehen, ihr verstohlen die Hand drukken, und beim Weggehen ihr geradeswegs die Hand geben; bei welcher Gelegenheit ihm aber die Hand so zitterte und bebte, dass er sie kaum hinlangen konnte. War niemand dabei als Gretchen und er, war sie ihm fest in allen Gelenken. Er war ein starker Hans an Leib und Seel. Gedacht mogen die Eltern uber Hansens Liebe viel haben; allein gesagt hatte sich Vater und Mutter kein Wort. Unser Paar liebte sich so inbrunstig, als man nur lieben kann, und doch so unschuldig, so rein. Gretchen hatte ihrem Hans viel von dem schonen Meiergute erzahlt, das ihr Bruder mit bekame, und Hansen, obgleich er kein anderes Eigenthum, als eine unbefangene Seele, und ein Paar gesunde Hande, besass, ware es nicht eingefallen, dass das Gutchen, worauf Gretchens Eltern waren, ihm mit Gretchen zufallen wurde, wenn Gretchen ihn nicht selbst darauf gebracht hatte. Der Sohn, der sonst das nachste Recht gehabt, war jetzo wohl versorgt. Das liebe Eigenthum; es hat mehr Unheil, als diess, angerichtet. Hans machte sich den Kopf so warm mit allerlei Entwurfen, die er, wenn Gott will, auf diesem Gutchen ausfuhren wurde, dass sein Paar gesunde Hande am Werth verloren. Gretchen merkte, dass Hans mit etwas umging; indessen wusste sie nicht, was es war. Einst sagte sie ihm: Du hast da etwas im Kopf, und sollst doch nur etwas im Herzen haben. Hans indessen hatte Gretchen bei seinen Entwurfen nicht vergessen. Alles macht' er an ihrer Hand. Ein Stuck uncultivirtes Land wollt' er erziehen, und es sollte Gretchenfeld heissen. Dort sollte ein Gang angelegt werden, und der sollte Gretchenhall genannt werden. Der arme Hans! Was ihm sein Gutchen, das er nur in Gedanken besass, schon fur Gedanken machte! Gretchen hatte ihm so viel von der Anwerbung und Verlobung und Hochzeit ihres Bruders erzahlt, dass nichts daruber war; nur einen Umstand hatte sie verschwiegen, dass namlich ihre Schwagerin einen Bruder hatte. Die Meierei, welche das neue Ehepaar bezogen, lag zwei Meilen von dem Gutchen, das Hans in Gedanken, und sein kunftiger Schwiegervater wirklich besass. Nach einiger Zeit kamen das neue Paar und die Seinigen, Gretchens Eltern zu besuchen. Der erste Stoss, den Hans ans Herz erhielt, war die Nachricht, dass Gretchens Schwagerin einen Bruder hatte. Auf diesen Umstand war Hans nicht gefasst. Und warum? fragte er sich selbst, warum hat sie mir das gethan, und kein Wort daruber verloren? Sich so in Acht nehmen, wer kann das ohne boses Gewissen? Hans hatte nicht so ganz unrecht, so zu fragen, allein Grete war unschuldig, wie die Sonne am Himmel. Es blieb nicht bei dieser Unruhe. Hans ward zu den unschuldigen einfachen Gastmahlern, welche in dem Hause seiner Schwiegereltern angestellt wurden, nicht gebeten. Zwar hatt' er diese Tage fur Festtage ansehen und von selbst gehen sollen; allein dieser Entschluss, wenn er gleich zuweilen wollte, konnte nicht aufkommen. Gretchens Bruder, der voll von seinem Weibe war, und der seinen leiblichen Bruder daruber in den Tod vergessen hatte, besuchte zwar Hansen, seinen alten guten Freund; indessen war es nur so beilaufig. Hans, der einmal ins Auslegen gekommen war, deutete alles zu seinem Nachtheil. Das schone Wetter schien ihm als von Gretchen bestellt, um mit ihrer Schwagerin Bruder spazieren zu gehen, und auch der Regen gehorte auf ihre Rechnung; damit sie ungestorter mit ihm lieben konnte, regnete es. Sieh! dacht' er, auch selbst von der Natur will sich die Ungetreue und ihr Liebling nicht einmal storen lassen. In diesen Vorstellungen vergingen einige Tage, die Hansen in der Holle und Qual nicht hatten warmer seyn konnen. Nun sehnte er sich nach Gretchen, nicht, um von ihr diese Rathsel losen zu lassen, sondern ihr Vorwurfe zu machen, und ihr das Gutchen wieder zuruckzugeben, das er von ihr erhalten, und eben nun begegnete ihm Gretchens Vater, der ihn bei der Hand nahm und zum Abend einlud. Wo so lang gewesen? fragte der Alte. Hans antwortete nur bloss durch eine Pantomime, indem er den Hut abzog und wieder aufsetzte. Hans ging mit dem Alten, und alles kam ihm verandert vor. Es war ein Kalberbraten aufgetischt, und Gretchens Mutter fing an: Da kommt ja Hans recht zum Verlornensohn-Braten. Das Verlorne fiel ihm sehr auf. Gretchen war zwar freundlich gegen Hansen; allein eben, weil sie freundlich war, fand er Nahrung fur seinen Argwohn, und was weiss ich, was er aus ihrer Unfreundlichkeit geschlossen. Nach dem Abendessen ging man in die Luft, und da Gretchen den Fremden in dem Gutchen herumfuhrte und ihn alles Schone desselben mit Aug' und Handen greifen liess, kam es Hansen nicht anders, als eine Schlange vor, die in Gestalt eines Junkers den Herrn Christum auf der Zinne herum fuhrte, und ihm das alles anbot, wenn er niederfallen und ihn anbeten wurde. Der Fremde fand alles so allerliebst, dass er mehr als einmal den Wunsch fallen liess, wie ihm diess Gutchen viel besser als der vaterliche Meierhof gefiele, der i h m bestimmt war. Nun war Hans bis zur letzten Stufe der Verzweiflung gebracht. Gretchen, die seine Unruhe merkte, wollte sich mit ihm eine Luft machen, und schien den Fremden aufzumuntern. Sie war froh und lachelte, weil sie sah, dass Hans sie so liebte, und Hans that froh und lachte auf eine recht schreckliche Art. Diess war der letzte Abend, den die Gaste bei Gretchens Eltern zubrachten. Hans horte unaufhorlich bitten, wenn es ihnen allerseits gefallen, doch bald wieder zu kommen. Auch Gretchen bat. Hansen kam es vor, dass es bloss seinem Nebenbuhler galt. Sah sie ihn nicht an? fragt' er sich. Hans ging voller Verzweiflung von hinnen. Er lachte, da er ging. Den andern Morgen, als er alles zusammen rechnete (bis dahin lag alles ungezahlt, unberechnet), was er gesehen und gehort, war sein Entschluss gefasst, wozu Gretchen ihm die Hand bot. Es jammerte sie sein. Sie wollte ihren Vielgetreuen beruhigen, und legte es recht geflissentlich an, mit ihm ins Feld zu gehen. Er, gleich da. Was ist dir aber? fuhr Grete fort. Es wird sich, erwiederte er, im Freien geben, sollte ich denken. Gretchen wollt' es anfanglich heimlich machen, endlich entschloss sie sich, von ihren Eltern die Erlaubniss zu diesem Gange zu erbitten. Diess kleine Opfer, dachte sie, bin ich Hansen wegen des Kummers schuldig, den ich ihm gemacht habe. Mit Hansen? sagte der Vater und lachelte. Die Mutter sagte: S o ? und lachelte dessgleichen. Gretchen hatte zu keiner erwunschtern Stunde diese Erlaubniss bitten konnen. Vater und Mutter hielten in Gegenwart Gretchens einen Rath uber sie und das Ende war: Grete sollte Hansen zum ehelichen Gemahl haben. Ja doch, sagte der Vater, ich muss jemand haben, der mir zur Hand geht; allein halt' ich's nicht mehr aus. Ja doch, sagte die Mutter, der es jetzt einfiel, was ihr langst hatte einfallen konnen, dass sie schon ein Jahr fruher geheirathet hatte. Grete stand da, so froh, dass sie ihren Eltern vor Freude nicht danken konnte. Das, dunkt mich, ist der beste Dank, fur Erkenntlichkeit nicht zum Dank kommen konnen. Dieses Gesprach hielt Greten uber die Zeit auf, die verabredet war. Hans war schon unruhig. So fand sie ihn. Du wirst schon ruhig werden, dachte sie; hiebei zielte sie auf den Rath, den ihre Eltern gepflogen hatten, allein sie liess sich nichts merken. Anfanglich wollte sie ihr Lustspiel fortsetzen. Hans war ihr aber zu ernsthaft. Sie besann sich bald, und zog ein ander Kleid an; das naturlichste, das beste. Ihre Eltern hatten sogar ihr nicht verboten, Hansen zu sagen, was geschehen war, und war' es ihr verboten gewesen, wie hatte sie sich helfen konnen? Lieber Hans, fing sie an, und nahm ihn bei der Hand. Ha, dacht' er, Mitleiden! Wie es mit solchem Mitleiden ist, wissen wir alle. Solch Mitleiden ist das empfindlichste, was ich kenne. Nichts thut so weh, als diess. Mitleiden kann zuweilen der Liebe Anfang seyn, noch ofter aber ist es das Ende der Liebe und ein schreckliches Ende! Du bist bose, dass ich so spat gekommen, fing Gretchen an. Betrugerin, dachte Hans, ohne mehr zu sagen und zu thun, als sich den Hut tiefer zu setzen. Jetzt waren sie so weit, dass sie von dem vaterlichen Gutchen vollig entfernt waren. Nur zwei Stiere, die sich von der Heerde verlaufen hatten, waren ihnen nachgekommen, woruber sich Gretchen wunderte, Hans aber nicht. Eben wollte Gretchen ihrem Hans erzahlen, was vorgefallen war, und wozu sich ihre Eltern von freien Stucken entschlossen hatten, als Hans sie fasste, sein Mordmesser zog und ihr zehn Wunden beibrachte. Seine Hand zitterte und bebte nicht, als wie vorhin, wenn er aus ihres Vaters Hause ging und Gretchen offentlich die Hand reichte. Gott! schrie sie, Gott! nimm meinen Geist auf! Sie war uber und uber mit Blut bedeckt und schwamm in ihrem Blute. Die Stiere brullten auf eine so schreckliche Art, dass dem Morder ihrentwegen das erste Grausen ankam. Sie kamen hinzugelaufen, als ob sie diese That verhindern wollten, sie liefen davon, als ob ihnen der Anblick zu schwer wurde. Nun fragte Hans lachelnd (es war das letztemal, dass er lachte): Wen willst du jetzt lieben, Ungetreue? Dich, antwortete Grete, und Blut schoss aus ihrem Herzen. Dich, wiederholte sie und druckte Hansen auf eine Art die Hand, dass er seinen ganzen entsetzlichen Irrthum einsah. Jetzt hatte er der Stiere nicht mehr nothig; das Grausen kam von selbst. Er warf sich auf die Erde, schrie nach Rettung, sprang auf, eilte selbst, Hulfe zu suchen, in ein benachbartes Stadtchen und fand den Wundarzt nicht an Ort und Stelle. Alles hatte er Gretchen zur Hulfe aufgeboten. Nun kam er, wie ein Verdammter, der um einen Tropfen Wasser bettelt und ihn nicht erhalt, und fand den Wundarzt, den Gretchens Eltern aufgefunden, fand die Eltern selbst, die ihm mit offenen Armen entgegen kamen. Einem Tochtermorder! Grete hatte diese That auf einen andern ausgesagt, der sie uberfallen, und hiebei hatte sie Hansens starke Hand gepriesen, die sie zu retten unermudet gewesen. Gott, diese Unwahrheit, betete sie im Herzen, vergib sie mir! Die Eltern hatten ihr zugeschworen, Hansen das Gutchen zu lassen, und nun, voll des Danks und der Erkenntlichkeit, kamen sie ihm entgegen, fielen auf die Blutflecken, die sie an seinem Kleide gewahr wurden, als so viel Beweise seines Edelmuths. Fur jede Wunde, die Grete erhalten, umarmten sie ihn! Es kostete Hansen kaum so viel Muhe zu morden, als die Eltern zu uberreden, dass er Morder sey. Sie glaubten, er hatt' aus zu grosser Liebe den Verstand verloren. Je gutiger Gretchens Eltern gegen ihn thaten, je schrecklicher klagte Hans sich an. Wenn er Gott und alles, was heilig, zu Zeugen aufgerufen: er sey der Thater; so sahen ihn Gretchens Eltern so muhselig, so beladen an, als wollten sie sagen: der arme Junge, wie ihn Gretens Schicksal ubernommen hat! Und wenn er ihnen das Mordmesser zeigte, druckten sie ihm die Hande, weil sie Gretchen so machtig beschutzet. Wenn er es gen Himmel hielt und schwur, bogen sie sanft seine Hande zur Erde. Niemand wusste, woran es mit Hansen war. Lieber Sohn, fingen die Eltern an, du bist mehr todt als sie! Endlich ging allen ein Licht auf. Hans ward eingezogen. Er sah die Gerichtsdiener, die ihn fesselten, als seine Wohlthater an, die ihm den Tod, das einzige Verband fur seinen Schmerz, mitbrachten! Der Abschied war ruhrend. Er bat Gretchen um Vergebung; sie versicherte, dass sie ihm nichts zu vergeben hatte, und da sie endlich einsah, dass alle ihre Bemuhungen, Hansen zu retten, vergebens waren, rang sie die Hande, und weinte so herzlich, dass selbst die Gerichtsdiener zu weinen anfingen. Hansen ward der Process gemacht. Er konnte die Zeit nicht abwarten, sein Todesurtel zu horen. Wenn ich doch an einem Tage mit ihr sterben konnte, das war der einzige Wunsch, den er noch in dieser Welt hatte. Eben an dem Tage, da sich die Richter einigten, dass Hansen, als einem Unmenschen, der den Vorsatz gehabt, auf der Landstrasse zu morden, sein Leben auf eine schreckliche Art, vor aller Welt Augen, genommen werden sollte, war es ausgemacht, dass Grete ausser Gefahr sey. Sie erholte sich nach diesem Tage zusehends, und es war die Frage: ob es gut sey, Gretchen Hansens und Hansen Gretchens Schicksal zu entdekken? Die Frage wurde noch bei herzensguten Leuten problematisch abgehandelt, da schon weniger herzensgute Menschen der Beantwortung zuvorgekommen waren. Hans wusste um Greten, und Grete um Hansen. Im ersten Augenblick war es Hansen anzusehen, dass ihm uber Gretens Aufkommen der Kopf herum ging. Da er sich aber besann und noch dazu horte, dass Grete durchaus nicht leben wollte, schrieb er an sie wie folgt:
Es ist genug, Du lebst, und ich will frohlich sterben! Dein Blut wird mir nicht vor den Augen fliessen, wenn ich fur meine That bluten werde. Nun darf ich an meiner Seligkeit nicht verzweifeln und an meinem ewigen Leben. Meine Hand ist mir von den Ketten nicht so schwer, als vom Herzen. Vergib Deinem Morder und bete fur Hansen. Dank dem, der mich verhort hat. Mit dem edlen Mann hat Tod und Leben, Gesetz und Menschlichkeit gekampft. Wunsch ihm in meinem Namen ein langes gluckliches Leben, und geh nicht heraus, wenn ich ausgefuhrt werde. Reise, wenn es Deine Gesundheit erlaubt, dahin, wo ich Dich erschlug, und schreie ein Vater unser fur mich.
Dieser Brief, anstatt dass er Kraut und Pflaster zur Beruhigung fur Greten seyn sollte, nahrte ihren Gram. Er brachte ihr empfindlichere Wunden bei, als Hansens Mordmesser. Niemand hatte Hansens Tod erwartet. Hans nahm sein Urtel als Gottes Ausspruch an. Grete war ausser sich. Sie wollte fur ihn sterben. Die Geistlichen losten die Wundarzte ab, um ihr Ruhe zuzusprechen; allein vergebens. Das Wollen, schrie sie, nicht das Vollbringen. Wenn Gott strafen sollte, was wir wollen, wer konnte vor ihm bestehen? Sie sprach wie alle Leute, die ausser sich sind, so weise, so vernunftig, dass sich jedes wunderte, wo sie alles dieses her hatte, was wirklich uber ihr war. Es war klaglich anzusehen, dass diese beiden Menschen ohne einander nicht leben, nicht sterben konnten. Grete trat, ohne dass Hans es wusste, den Konig an. Sie sind ein Mensch, schrieb sie, Monarch, und machen sich eine Ehre daraus, es zu seyn! Schenken Sie Hansen das Leben, oder nehmen Sie es mir, so und nicht anders ist uns beiden geholfen. Der Konig verwandelte die Todesstrafe in eine einjahrige Festungsstrafe, und alle Welt sagte, dass dieses ein Salomonisches Urtheil ware. Um solch ein Urtel zu sprechen, wer wunschte nicht Konig zu seyn! Hans ware gar nicht in der Festung gewesen, wenn nicht Grete seine Strafe mit ihm getheilt hatte. Diess war das einzige, was ihm schwer zu tragen war. Seine Ketten waren ihm nicht lastig. Nach so viel Kummer und Noth, ging endlich die Sonne uber dieses treue Paar auf. An das Gutchen, in welchem Hans so viele Veranstaltungen in Gedanken getroffen, war nun nicht mehr zu denken. Sie wollten beide weder Land noch Leute dieser Gegend sehen, und entschlossen sich, um sich recht zu verbergen, nach Konigsberg zu ziehen. Sie waren eben zum drittenmal aufgeboten, da Hans in ein hitziges Fieber fiel und starb. So entscheidet Gott, der Herr, wenn gleich Konige anders entscheiden. Seine Wege sind nicht unsere Wege, seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Grete fiel an Hansens Begrabnisstage in eine solche Schwermuth, dass sie jetzt im Irrenhause, wiewohl in einem bessern, als den gewohnlichen Zimmern, gehalten wird. Gott, was hat Grete verbrochen, dass sie gelacht hat? Sara lachte auch und Gott segnete sie mit dem Sohne Isaak; und Grete? im Irrenhause. Ihre zerruttete Einbildungskraft lasst sie glauben, Hans sey auf dem Richtplatze aus der Welt gegangen. Sie macht bestandig eine Bewegung mit der Hand, als kopfe sie! H a n s liegt auf dem Rossgartschen Kirchhose zur linken Hand, am kleinen Ausgange, begraben.
Diese Geschichte hab' ich aus einem Aufsatz ge
nommen, den ein armer Candidatus Theologiae zu einem Jahrmarktsliede entworfen, zu singen von einem lahmen Bettler, auf die bekannte Melodie: E s i s t g e w i ss l i c h a n d e r Z e i t . Der Todtengraber, der nun sehr unvollstandig diese Geschichte erzahlte, behandigte mir diesen Entwurf, den ich ausgezogen habe.
Wahrlich, Freund Todtengraber, wer seine Einbildungskraft begraben kann, hat sich leicht gemacht! Wie konnt' ich aber Minens Andenken zurucklassen?
Schlusslich stiess ich auf drei ausgegangene Baume, und mein Lehrmeister versicherte mich, dass, nachdem die Familie, die hier ihr Erbbegrabniss gehabt, ausgestorben, sie in einem Herbst alle drei ausgegangen waren. Das ist nichts Neues, setzte der Todtengraber hinzu. Es haben sich viele Hunde um ihren Herrn zu Tode gegramt, und die Stiere, die in dieser Geschichte vorkommen, sind ein neuer Beweis, dass die Baume gewusst, wenn es Zeit zum Ausgehen war. Ich bat den Todtengraber, diese Mordgeschichte dem Grafen zu ubersenden, welches er mir aber abschlug. "Ich muss so etwas aufbewahren, um es ihm hier vorzusetzen."
Ich schliesse den Kirchhof, ehe das Stadtthor fur mich geschlossen wird. Wer mir aber dergleichen Vorgriffe ubel nimmt, kann mir mehr ubel nehmen, wenn es ihm so beliebt. So sehr mir diese Geschichte auffiel, so war ich doch nicht im Stande, Greten im Irrenhause zu besuchen, um ihren schrecklichen Scharfrichterhandgriff zu sehen!
Wenn es ausgemacht ist (und nichts ist gewisser als diess), dass die wahre Philosophie eine Sterbekunft sey, so legt' ich mich mehr auf die Philosophie, als auf irgend etwas. Um reich zu seyn, braucht man nicht Geld, nicht Gut, sondern Massigkeit. Gute Fuhrung beehrt uns, nicht Wurde. Wer lang und glucklich leben will, sey sein eigner Herr, im philosophischen Sinn! Wer die Welt verachten will, hab' eine Mine im Himmel! Mine war der philosophische Text, uber den ich studirte. Ueberall war sie. Je mehr ich studirte, je mehr fand ich: Gesunder Verstand sey taglich Brod. Worterkram, Schnirkelei aber, kopfverderbendes Gebackenes. Wenn mein Vater redete (docirte, wenn man will, denn ich laugn' es nicht, dass der Lehrton ihm wie eine Klett' am Kleide hing), hatt' er jederzeit etwas in der Hand, Messer, Scheere, ein Buch, einen dem Wachslicht abgenommenen Bart, einen Zahnstocher, kurz, ohne was Korperliches war er nicht. Er schwur immer einen k o r p e r l i c h e n E i d , wenn ich mit Verzeihung der juristischen Genies mich so erklaren darf. So was hilft die Sache sinnlich machen. Er knetete die deutlich zu machende Sache durch, wurd' ein anderer gesagt haben; er nicht ich auch nicht. Gott der Herr hatte ein Chaos, aus dem er die Welt allmahlich herausrief, und wenn ich's recht bedenke, ist was Korperliches vielleicht darum in der Hand gut, um fur den Gedanken ein Kleid, fur den Geist einen Korper zu finden. Gott ehre mir Leute, die Hand und Mund zugleich bewegen, war, wie wir wissen, meines Vaters Losung. Der Kirchhof in L , der Rossgartsche Kirchhof in Konigsberg, das waren meine Messer, Buch, Scheere, Wachsbart, Zahnstocher.
Die Alten brauchten den Tod, als ein Mittel der Aufmunterung. Ich ahmt' ihnen nach, wiewohl auf andre Weise, die aber nichts zur Sache selbst thut. Hatt' ich, einsam in mich verschlossen, der Welt das Rauhe zugekehrt: da ware freilich nichts Kluges herausgekommen. In Gesellschaft gefallt das Wundersame; in der Einsamkeit schadet es.
Ich habe schon meinen Lesern meinen Studirplan ad unguem vorgerissen. Ich war darum auf der Akademie, um mich vor Irrthumern protestando zu verwahren. Mein Vater stand keinem Menschen das Recht zu, ohne Rand zu schreiben, und auch, wie er sich uneigentlich auszudrucken pflegte, ohne Rand zu sprechen. Wir sind Menschen, setzte er hinzu. Man muss sich mit keiner Schrift so einverstehen, dass man es dabei lasst: E s s t e h t g e s c h r i e b e n . Was mundlich vorfallt, ist Scheidemunze. Was ist Ihre Meinung, lieber Professor Grossvater? Was? Ist's genug, dass die erste Erziehung negativ sey? oder muss jeder Unterricht cum reservatione reservandorum negativ seyn? Ich denke ad Zwei, Ja. Willst du ein collegium charitativum anordnen, willst du causa cognita rechtliches Erkenntniss eroffnen? In allen Stukken will ich horen! denn dazu bin ich und du zum Lesen (Gott helf' dir!) berufen. Wurde mein vorgeschlagener Weg gewandelt, wahrlich wir waren selbst im speculativen Fache ein wenig weiter, nicht eben in Rucksicht von Sonne, Mond und Sternen, sondern unserer selbst, der Welt in nuce, in compendio. Wahrlich das sind wir. Der Mensch hat einen innerlichen Sporn zur Thatigkeit. Er will durchaus, dass die Leute selbst mehr von ihm sagen sollen als an ihm ist. (Obgleich der Philosoph durch sich selbst und nicht durch sein Aeusseres sich vom Haufen unterscheidet, obgleich alle Affektation ein Mangel wahrer Vollkommenheit, ein Mangel menschlicher Vollstandigkeit ist.) Woher diess? Der Mensch dringt durchaus zum Positiven. Glaube mir, hohe Schule! Wenn jeder positive Jungling, nach ruhmlichst zuruckgelegter akademischen negativen Bahn, weiter ginge, was wurde da nicht zum Vorschein kommen? Mehr als in vielen uberdachten Beantwortungen gleich uberdachter Preisaufgaben! Wie selten ist der Mensch Mensch, wie selten kann, wie selten darf er's seyn! O! wenn er's doch immer ware. Tausendmal um Vergebung, sagte Herr v. W und Hermann: Tausendmal unterthanigst um Vergebung, wenn von jemanden, wo ein Schnack mit andern Umstanden erzahlt ward, als Herr v. W oder der schnackreiche alte Herr ihn zu wissen das Vergnugen hatten. Es hat ehegestern gefroren, sagte Herr v. G . Tausendmal um Vergebung, fallt Herr v. W ein, und der alte Herr nimmt sich die Erlaubniss, tausendmal unterthanigst um Vergebung zu bitten. Warum tausendmal? erwiederte Herr v. G , ich sag's einmal, und warum um Vergebung? Hat's nicht gefroren, so sagen Ew. Hochwohlgeborcn und Hochedlen: es hat nicht gefroren. Hat es aber gefroren, so haltet beide das Maul! Mit der Vergebung bleibt mir in alle Wege vom Leibe. Vergebt eurem Schuldiger, wie Gott euch vergeben soll. So der brave v. G . Mein Vater wurde diesen Auftritt auf philosophische Noten setzen und sich also verlauten lassen: der Mensch fuhlt sich berufen zur Thatigkeit, wenn ihm jemand in die Quere kommt, schlagt er aus, mit dem Munde namlich. Beim Einwurf wird er aufgehalten, dieser Renner nach dem Preise, und das ist freilich unangenehm. Daher Pardonnez Verzeihung! Weg mit diesem franzosischen unphilosophischen hoflichen Halt! Lasst den Herrn v. G den altern erzahlen, was ihn gut dunkt, lasst jeden seine Meinung sagen. Wer hindert euch dagegen geraden Wegs und ohne Buckling einzuwenden? Jeder Mensch hat in der Welt gleiche Rechte. Das ist so und das ist nicht also, kann jeder sagen. Auf diese Art wurde sich von wahr und nicht wahr alles fein abgezogen der Ueberschuss schon finden, den diese Behauptung vor jener hat und jene vor dieser! So kame das Positive ohne unser Gebet allmahlig zum Vorschein, wenn wir erst recht negativ gewesen. Nach langem Regen die Sonne. Und bliebe dann so manches, aller Muhe unerachtet, unentschieden, mir schon recht. Man wusste denn doch, woran man mit solchen unzuentscheidenden Dingen ware, die jetzt so oft ungebuhrlich auf Wetten ausgesetzt werden, obgleich hier nichts zu wetten ist.
Was meint ihr Herren Gelehrten, waren Universitaten nicht die Platze, wo dergleichen Streit gefuhrt werden konnte? Es versteht sich nicht uber den Umstand, ob es ehegestern gefroren oder nicht? Und uber diesen und jenen Schnack, den Herr v. W anders und Hermann anders gehort haben.
Bei unsern jetzigen Verfassungen sieht man offenbar ein, wie nutzlich und selig es sey, gewissen Dingen ein Ansehen beizulegen, sie zu Wurden und Ehren zu bringen und sie dabei zu erhalten. Ebenso sieht man auch ein, wie wenig die Sache sich von selbst zur Strenge, zum Ernst berechtige, und was ist zu thun? Man wurzt gesundes Essen, man hangt sich einen langen schwarzseidenen oder wollenen Mantel, eine Reverende um die Schultern, man theilt Stock und Degen aus. Der Mensch ist von seiner Unwichtigkeit, sobald er sich ins rechte Licht stellt, vollstandig uberzeugt, und diess bringt ihn zum Luftigen, obgleich es noch eine zum Streit auszusetzende Frage ware: ob der Mensch zur Lustigkeit geboren sey? Das Klugste, was ein unwichtiger Mensch anfangen kann, ist lustig seyn. Das sehen wir an unsern Alltagseinfalligsten. Die einzige Rolle, die der Mittelmassigkeit angemessen ist, ist frohlich und guter Dinge seyn. Seht euch um! Alle mittelmassige Leute sind es von Herzensgrunde. Sie haben nicht umsonst Verstand. Wer kann nicht Vogel leiden, die lustigen Thierchen auf Gottes Erdboden? Der Professor Grossvater erzahlte, einen Tauben gekannt zu haben, der sich Vogel gehalten bloss des Springens wegen!
Meine Mutter wurde freilich das S i n g e n vom S p r i n g e n nicht scheiden, da es die Natur zusammengefugt hat; was konnte aber der Taube dafur, dass seine Ohren verschlossen waren?
Man lasse die Menschen bei ihrer Lustigkeit, der ersten Thranen unbeschadet, womit wir alle das Taufwasser verstarkt haben und des altesten biblischen Buchs unerachtet, welches ein Trauerspiel ist. Liessen sich doch die Stoiker selbst zu offentlichen Bedienungen brauchen, da gibt's genug zu lachen. Und Epikur! war er nicht ein allerliebster Weiser? Warum sollten wir den Menschen nicht zugestehen zu hupfen, wenn sie nur nicht luftspringen; und ihr grundgelehrte Herren selbst, die ihr darauf bedacht seyd, alles trokken zu sagen, allem ein Ansehen beizulegen, ein gewisses Ceremoniel einzufuhren, wobei sich jeder gerade halten, ein steifes Kleid anlegen und im blossen Kopfe gehen muss wenn ihr doch den Versuch machen mochtet, auf alle diese steife Etikette Verzicht zu thun. Sagt eure Wahrheiten immerhin trocken, gebt uns kalte Kuche, nur schreibt uns die Bratenkur nicht vor, wenn wir gesund sind. Thut nicht so ernsthaft, wo zu lachen ist. Hangt euch nicht eine Reverende von Worten um, wo es auf Sachen ankommt. Ich weiss, Kleider machen Leute, allein nicht unter Mannern, denen das Denken obliegt. Warum das ermudende Ceremoniel, das, sobald es aus eurem Tempel ins Freie gebracht wird, lacherlich ist? Gehort denn dazu soviel Kunst zu sagen: wir wissen nichts! und das ist doch das Ende aller eurer Kunst. Wahrlich eine menschliche Kunst, die aber naturlich vorgetragen werden muss, wenn sie Frucht bringen soll in Geduld. Was ist denn positiv, so wie ihr es nehmt, hochgelahrte Herren? Das Format des Positiven ist Duodez. Warum doch alle die Formalien, wo es auf J a und N e i n ankommt? So sey eure Rede! Was daruber ist, sagt, ist es nicht vom Uebel? Wir leben nicht mehr im alten Bunde, sondern in der christlichen Freiheit, wo das Ceremonialgesetz, Gott sey gedankt! abgestellt ist; warum wollt ihr solch einen Kopfzwang, solche Daumenschrauben einfuhren? Gesteht aufrichtig, legt ihr es nicht recht geflissentlich darauf an, das Allerleichteste schwer zu machen, das Lichte zu verfinstern und euch vom Leben zu entfernen? Hat denn diese Welt nicht Muhseligkeiten genug und ihr wollt sie noch mit mehr Drangsalen belastigen? Seht! Ich vergelte nicht Boses mit Bosem, nicht Kunstwort mit Kunstwort, ich begegne nicht trocknen Wahrheiten mit trocknen Einfallen, obgleich trockne Wahrheiten und trockne Einfalle Gevattersleute sind und in canonischer Verbindung stehen. Wie kann ich euch aber retten, wenn sich dergleichen trockne Einfallisten wirklich fanden, die euch uber kurz oder lang darstellten, wie ihr seyd? Um des armen Menschengeschlechts willen bitt' ich euch, lasst ab vom Ziegelstreichen und von egyptischer Dienstbarkeit und vom Morde der geistvollen Knablein, und wollt und konnt ihr nicht? Es wird ein Moses kommen, der uns nach C a n a a n fuhrt, wo Milch und Honig fleusst.
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Dass das Studiren troste, hab' ich erfahren. Der einzige Trost in der Welt, wenn ja die Welt Trost hat, liegt in den Wissenschaften. Selbst die Unvollkommenheit unseres Wissens ist trostlich; die edle Art uns zu zerstreuen, die den Wissenschaften eigen ist, hat weder die Welt noch etwas, das in der Welt ist! Die Wissenschaften allein konnen zerstreuen! In ihnen liegt Lehr- und Trostamt eines guten, eines heiligen Geistes, den der Vater in unsern letzten Tagen gesendet hat, denen zur Starke, welche ob dem Jammer, ob dem Elend dieser im Argen liegenden Welt darnieder liegen! Wir haben die Natur, die Freiheit verlassen und uns selbst in die Festung gebracht. Die Wissenschaften sind da, um uns wenigstens in der Festung eine gute Aussicht zu verschaffen, um uns die Zeit zu vertreiben.
Studiren ist eine Art von Geisterseherei, eine Empfindung hoherer Krafte, ein Vorschmack des Himmels! Die Alten, welche die Ideen der andern Welt nur fur schone Traume hielten, wussten nicht, wie dieser Trost eigentlich mit den Wissenschaften verbunden war, wo er eigentlich zu Hause gehore?
Uebrigens hangt diess Leben an einem seidenen Faden. Wir leben nur einmal, wir haben nur eine Seele zu verlieren. Ein Mensch, der im Himmel, das heisst uberall, nur im Planeten Erde nicht zu Hause gehort, sollte aus Paris, London, Rom, Athen seyn? Unser Wandel ist im Himmel. Wir wollen Herzhaftigkeit haben aus Gottes Welt, aus uns selbst zu seyn.
Den Menschen kennen lernen heisst: den besten Theil der Wissenschaften gewahlt haben. Das soll nicht von uns genommen werden! Wenn uns alles verlasst, behalten wir uns doch!
Ich werde noch Gelegenheit haben, von meinem akademischen Lebenslauf ein Wortchen zu geben. Will man diess Wortchen in Rucksicht, dass das Studiren eine Art von Geisterseherei ist, so ubersetzen: ich werde einen Geist erscheinen lassen! Auch gut! Einen guten Geist, versteht sich. Alle gute Geister loben Gott den Herrn!
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Ich verliess, wie es meinen Lesern nicht unbekannt seyn kann, Gretchen eben zu einer Zeit, da sich der Justizrath Nathanael zwei Stunden zuvor in dem Widdem (Pastorat) anmelden liess. Meine Leser wissen, dass ich Gretchen bat, ihn zu grussen, und dass sie dagegen fragte; m i c h ? Ich kusste Gretchen nicht, da ich von hinnen zog, wohl aber, da ich vom besonderen Grafen kam; wenigstens glaub' ich es so. Nichts war mehr zu vermuthen, als dass sich der Justizrath seiner Anmeldung gemass einfinden wurde. Auf die Verlobung folgt die Hochzeit, wenn kein Einspruch geschieht, wenn nicht wo der Wagen bricht, oder andere Hindernisse sich in den Weg legen. Nathanael kam wohlbehalten in das Wirthshaus in L , aus welchem er zuvor Kundschafter sandte, ob ich auch wirklich schon abgereist ware? Und da er J a zuruck empfing, kam er mit einer ganz frisch aufgepuderten Perucke, und so stattlich ausgeziert, dass der Prediger sehr um Verzeihung bat, dass er ihn so alltaglich fande. Meine Leser wissen zwar schon, dass er seinen Erlass erhalten, allein diess war ein Wort aus gutem Herzen, das auch oft zur Unzeit fallt. Nathanael war jetzt, da er seine Aufwartung in L machte, auf das allerunterthanigste Gesuch um seinen Erlass noch nicht beschieden und konnt' auch noch nicht beschieden seyn. Das erste und letzte Wort des Nathanael war M i n e ! Und diess schien die einzige Ursache, warum Gretchen auf alle seine Fragen antwortete. Er liess sich das Grab zeigen, und weinte herzlich, wie Petrus, da er seinen Meister verrathen hatte Da ihm Gretchen die Stelle in Minens Testament, auf die Erinnerung des Predigers (von selbst that sie es nicht) zeigte: "Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von Herzen vergeben habe," weint' er so heftig, dass er die Hande brach und sich an die Stirn schlug, ohne seine aufgepuderte Perucke und die stattliche Verzierung zu bedenken, womit er ausgerustet war. Der Prediger hatte sein ganzes Trostamt nothig, um ihn wieder ins Geleise zu bringen. Mein Gruss, den ihm Gretchen warm bestellte, kostete ihm neue Thranen; allein er trostete ihn auch. Die Predigerin selbst lief nicht mehr vor ihm. Seine Thranen hatten sie aus dem andern Zimmer herbeigelockt. Nathanael konnte nicht aus L kommen. Jetzt bedauerte er, dass er zwei Stunden vor meiner Abreise sich melden lassen und nach vieren vor derselben gekommen ware. Diess alles machte den Nathanael bei den Frauenzimmern ertraglich, ohne dass hiebei auf seine muhsame Dekoration gesehen ward, die der Schmerz, nach seiner Gewohnheit, ziemlich in Unordnung gebracht hatte. Man bat den Nathanael sogar, noch langer zu weilen, um von Minen und mir erzahlen zu konnen. Nathanael blieb in Mitbetracht des Mondscheins. Seine Bitte war die Erlaubniss, Minens Andenken in L ofters feiern zu durfen, die ihm selbst von der Predigerin bewilligt ward. O h n e T h r a n e n a b e r n i c h t , fugte diese gute Hanna hinzu. Zu befehlen, beschloss Nathanael, und fuhr seine Strasse weinerlich. D e r P r e d i g e r , H a n n a und G r e t c h e n begleiteten ihn bis an den Mond, hatt' ich bald geschrieben bis ins Freie. Alle sahen auf Minens Grab, und es kam jedem so vor, als wenn der Mond hier ganz besonders sich hingewandt und es beblitzet. Was meinst du, Einzelner! es ist doch gut, wenn man Freunde nachlasst, die beim Mondschein nach unserem Grabe sehen. Nathanael, der, ohne dass Gretchen es empfunden, so oft es die Thranen nachgeben, sein Auge nicht von ihr gelassen, war so erbaut von allen diesen Vorgangen, dass er weg war. Am Heck sang ein Bauernmadchen ein bekanntes Volkslied in gleich bekannter Melodie, indem sie das Heck offnete:
Der Mond scheint hell,
Der Tod reit't schnell!
Feins Liebchen, graut dir auch?
Das fehlte noch dem Nathanael, um von ganzer Seele seinen Abschied zu wunschen und einem Plan nachzuspuren, in den Gretchen mitgehorte. Nathanael wiederholte seinen Besuch, ohne sich weiter melden zu lassen. Gretchen blieb, wie sie stand und ging. Vater und Mutter bedachten die erneute Perucke des Nathanael und sein sonstiges Schnitzwerk, und halfen sich nach. Gretchens Nachlassigkeit machte Nathanael noch verliebter. Mine und ich blieben die Hauptmaterien. Nathanael kam auch der Ermahnung der Hanna, n i e o h n e T h r a n e n , nach; indessen wusst' er je langer je mehr es so einzurichten, dass er Gretchen einen begehrenden Blick zuwandte, den Gretchen nie auffasste. Sein Funke zundete nicht. Jetzt war die Erlassung gekommen, die keinem in Preussen schwer wird, und ware Nathanael das A und O in Staatssachen gewesen, da er es doch jetzt nur im Justiz-Collegio war. Der Konig von Preussen halt keinen. "Wenn der Tod ihn will, muss ich nicht auch wollen?" ist sein koniglicher Grundsatz. Ein Konig muss sich zu allem gewohnen lernen, so wie sich alles zu ihm gewohnt.
Mit einer Freude, die ihres Gleichen nicht hatte, kam Nathanael nach L , entdeckte dem Prediger, sein Vermogen zu einem kleinen Gutchen ohnweit L angelegt zu haben, und hatte ohne Promemoria Herz genug, dem Prediger sein Anliegen naher zu legen. Nathanael war diessmal noch geputzter, wie je, obgleich ihm schon zuvor nichts abging. Der Prediger erwiederte, diesen Antrag in Erwagung zu nehmen, und Nathanael trat ab, wie alle Parteien, wenn die Richter in ihren Sachen erkennen wollen. Der Prediger trug Frau und Tochter mit einer kleinen Anrede die Sache vor und kleidete alles in eine wohlgemeinte Rede uber die Worte ein: W i l l s t d u m i t d i e s e m M a n n e z i e h e n ? Da ging Gretchen uber manchen unverstandlich gebliebenen Blick ein Licht auf. Hanna hatte tausend Bedenklichkeiten, die aber alle tausend in den Umstand zusammen kamen, dass ich Gretchen ward roth. Nun, sagte der Prediger, wenn das ist, desto besser; ich bin ihm wegen m e i ner Sunde wider den heiligen Geist tausend Verbindlichkeiten schuldig. Er hatte schon langstens den Erfolg seines Auftrags in Handen. Wenn er mit dir so umgeht, wie mit dieser Abhandlung, hast du gewonnen Spiel Fein Papier. Der schonste Druck. Die Recensenten werden wider diese Verbindung kein Wort haben. Der Beschluss war, dem Justizrath Nein zu schreiben, weil Gretchen mit mir eins ware. Nathanael hatte gebeten, ihm sein Urtel schriftlich zuzusenden, welches er als publicirt ansehen wurde, und war voll Erwartung der Dinge, die kommen sollten, heim gereiset. Den andern Morgen fiel dem Prediger die Frage ein: ob ich denn wirklich mit Gretchen eins ware? Und da man alles zusammenhielt, fand man mich in weitem Felde im weitesten. Es gibt nicht alle Tage Nathanaels, sagte der Prediger, der diesen ganzen Vorfall seinem Bruder zu referiren und die Sache seinem Schiedsspruch zu uberlassen antrug. Hanna trat bei, und bat nur, das Testament in dieser Relation abschriftlich beizufugen, als ein Dokument, woraus ganz deutlich hervorginge, dass ich Gretchen heirathen musse.
Der Haupteinwand, den Gretchen aber fur sich behielt, war, dass, obgleich sie mit zwei Accenten verlangt, dass ich wenigstens noch einmal nach L kommen sollte, ich doch in so langer Zeit nicht gekommen. Zwar hatt' ich geschrieben, allein, da war auch keine Spur, die dieses Obgleich heben oder nur mindern konnen.
Ein Brief von mir an Gretchen, der meine Reise nach Gottingen eroffnete, gab allem eine andere Wendung. Der Prediger sah diesen Brief als eine gottliche Schickung an. Die Predigerin selbst war der Meinung, dass die Relation nicht abgehen durfe. Er hat doch keinen Amtswachtmeister mehr, setzte Hanna hinzu, und Gretchen? Sie hatte freilich bedenken konnen, dass ihre Eltern arm waren und ihre Mutter noch obenein lindenkrank, allein diess war ihr wenigster Kummer. Es ist nicht die einzige und sichere Art, Madchen durch Schmeicheleien zu fahen. Man sollte kaum glauben, was in einem unbefangenen Weibsbilde Raum hat. Eine Grossmuth, die uber allen Ausdruck ist. Ich getraue mir zu behaupten, dass man ein Madchen durch Beleidigungen eben so weit bringen kann, als durch Liebkosungen. Wenn nicht Curlander geradeuber gewohnt und ihr Herz durch buhlerische Blikke verdorben haben, was kann sie nicht? Wisst ihr, Freunde, wer die grossten Menschenfeinde sind? Die, denen die Menschen am meisten Gutes gethan. Diese Begluckten empfinden ihren Unwerth, sie wissen am besten, durch was fur Wege sie sich diess und jenes erschleichen, und eben diess macht sie zu Menschenfeinden. Ungluck, Freunde, das man duldet, leitet uns oft zur genauesten Menschenliebe. Daher Freud und Leid, Sarg und Hochzeitbette so nahe verwandt! Nichts ist naturlicher, als dass Gretchen J a sagte. Sie hatt' es gesagt, wenn gleich Nathanael nicht so geweint, als er gethan, wenn er gleich den Abschied nicht genommen. Gut ist gut, allein besser ist besser. Einer, der Busse thut, ist besser, als neunzig, die der Busse nicht bedurfen. Ehe es sich noch schickte, die Bedenkzeit zu schliessen, wiewohl alles schon bedacht war, erschienen Se. Hochgeboren, der hohe Eingepfarrte, mit einer Anwerbung auch fur Nathanael. Das Nathanaelsche Gutchen stiess an eines des Grafen. Wer viel im Himmel haben will, muss sorgen, dass die Welt fruchtbar sey und sich mehre. Man gab, um alles fein und schon zu machen, dem Grafen die Einwilligung mit, und siehe da! Nathanael und Gretchen ein Paar! Eins hatte Gretchen sich gern ausbedungen, wenn es sich geschickt hatte. Sie wunschte, dass Nathanael, der sonst eben nicht unleidlich war, seine Haare wachsen oder sie wenigstens mit seiner Perukke so verheirathen mochte, dass man nicht wusste ob's Natur oder Kunst, eigen Haar oder Perucke ware. Die Natur tragt ihr eigen Haar. Solche Wunsche heben in der Ehe sich von selbst. Das Weinen liess dem Nathanael, wie Hanna versicherte, nicht ubel. Die erweinte Rothe, welche sich von einer andern ungefahr wie das Taufwassergrun vom andern unterscheidet, gefiel Greten selbst. Ueber das Weinen liess sich Hanna aus: "Es kleidet wenigen Leuten, Lachen steht fast allen gut; darum lassen sich die Menschen fast alle im Lacheln malen." Wer war glucklicher, als Nathanael? Dass du es noch immer seyst, gutes Paar, ich wunsch' es von Herzen! Gretchen bestand darauf, dass die Verlobung auf Minens Grabe geschehe. Man bat mich schriftlich um diese Erlaubniss, und ich bewilligte sie mit einem Seufzer, der aber bloss Minen zugehorte. Gretchen schrieb: " d a m i t a u c h e i n E n g e l des Herrn dieser Verlobung beiw o h n e ! " Der Graf fand dieses so originell, dass er sehr bedauerte, nicht auch auf diesen Fuss sich verlobt zu haben. Der Prediger schenkte seinem Schwiegersohne zwei Autorexemplare von der Abhandlung, die auf extrafein Papier gedruckt waren, und fragt' ihn, was fur Bande in seiner Bibliothek hervorstachen? "Lieblingswerke broschirt ohne Glas und Rahmen, am wenigsten g o l d n e n ; " indessen schien der Prediger zu wunschen, dass er mit diesem Werklein eine Ausnahme von der Regel machen und ihm eine schwarzcorduane Uniform anziehen mogen. Nathanael hatte das Werk auswendig gelernt, so lieb hatt' er Gretchen. Ein schwarzcorduanes Kleid war das wenigste, was er daran wenden konnte.
Nachdem alles von Seiten der Verlobten Ja und von Seiten des Predigers und seiner Hanna Amen war, und man sich, wie doch im Brautstande gewohnlich, das Herz ausschuttete, erschien auch ein Theil von der geheimen Abschiedsgeschichte des Justizraths. Er entschloss sich freilich auf frischer That, nicht mehr zu richten, damit er nicht auch gerichtet wurde; allein bei alle dem wurde wenigstens der Abschied nicht so schnell gesucht und erfolgt seyn, wenn nicht noch ein Umstand dazu gekommen ware.
Der Justizrath fand wegen verschiedener unrichtigen Beschwerden, die man wider das Collegium hoheren Orts, das heisst in Konigsberg, angebracht, bei seiner Ruckkunft einen Revisor, bald hatt' ich Sequester gesagt, das ist, ein Mannchen aus einem Collegio, das den koniglichen Titel hat, wenn es beisammen ist, ein Mannchen, das den Tag seine drei Reichsthaler aus dem Seckel der Justiz, aus der Sportelkasse, sich zueignet und jedes einladet, seine Beschwerden uber die Ortsobrigkeit anzubringen. Besonders, dass der Konig von Preussen den Militarpersonen, wenn gleich sie excellent sind (das ist hier zu Lande der Feldherr vom Generallieutenant an), sein Bild nicht anhangt und ihnen den koniglichen Titel verleiht, dagegen im Civildienst oft an einem Ort vier Stuck Konige regieren, oder Collegia, die den Namen ihres Konigs unnutzlich fuhren. Ein Konig uber den andern. Ein Revisor ist ein einzelnes Mitglied aus einem dergleichen mit dem koniglichen Namen begabten Collegio. Ein Postillon ohne Horn. Solch ein Postillon ist indessen im Collegio zu sehr gewohnt, alle Augenblick ins Horn zu stossen und durch: Wir Friedrich von Gottes Gnaden etc. sich Platz zu machen, als dass er nicht auch ohne diesen Ordensfaden sich einbilden sollte, er sey etwas. Muthwillige Knaben machen mit der Hand das Posthorn so nach, dass man glauben sollte, die Post kame. Jeder Mann denkt sich unter einem Richter einen Aeltesten im Volke, und es ist nicht zu laugnen, dass es auf zehn Jahre, in oder ausser dem Wege, sehr viel beim Richter ankommt. Von dem Geburtsbrief, vom Taufschein unseres Revisors, war der blanke Streusand noch nicht abgerieben. Er konnte ungefahr dreiundzwanzig Jahre haben und war also sehr zeitig zur Landesregierung gekommen. Dieser Jungling hatte die juristischen Collegia durchlaufen, wie ungefahr ein Hofmann ein Puderstubchen, damit nur ein feiner Septemberreif kleben bleibe. So viel war dem Revisor auch kleben geblieben. Stolz, feurig indessen in Gedanken, Geberden, Worten und Werken! Er ruhmte sich, einen glucklichen Aktenblick zu haben. Das hiess: Er las die Akten nicht ganz, sondern schweifte nur umher, hupfte sie nur durch, und doch, sagt' er, find' ich die rechten Stellen, die verba probantia, den physiognomischen Fleck. Gott erbarm' sich dessen, der sein Wohl und Weh so aufs Spiel setzen muss! Ein Schurk' anderer Art war er obenein, nach der Weise des Ehegerichtsraths, der den Ritter und die Curlanderin schied, und Klager, Richter, Henker in einer Person war. Er liess sich so klar und offenbar bestechen, dass kein Mensch es grober machen konnte, und eben diese Grobheit war Feinheit. Er borgte namlich von allen Menschen Geld und gab es nicht wieder, oder besser, man fordert' es nicht. Das nenn' ich einen Bock zum Gartner setzen! Unser juristisches Genie war dem A und O im Collegio wie auf den Leib gebannt. An keinem kleinern, als ihm, wollte der Knabe zum Ritter werden.
Wo gewesen?
Auf koniglicher Commission?
Und die Akten?
Beim Prediger in L .
Als Mitcommissarius?
Nein.
Warum denn?
Damit er der Regierung Bericht erstatte.
Desto besser!
Nathanael erzahlte dem Postillon ohne Horn sehr gerade den Vorfall und zeigte ihm das Promemoria, das er allein zuruckbehalten. Der Revisor bestand darauf, dass er wieder zuruck nach L sollte. Er selbst wollte mit, um diese Sache zu ergrunden. Mine kam ihm als die feinste Betrugerin vor. Sterbend hin, sterbend her, sagte der Revisor. An diesem Herodes, an diesem Zaunkonig, hatte es auch noch gefehlt! Einige dringende Beschwerden derer, die von den Strassen und Zaunen geladen waren, hielten diese Reise auf, und eben da er hin wollte, kam die Nachricht und der Bericht zur Unterschrift, dass Mine i m H e r r n e n t s c h l a f e n s e y . Der Revisor behauptete, Mine hatte Gift genommen, da er die unzulanglichen Aktenstucke las. Solch einen trefflichen U e b e r b l i c k hatte er! Zwar liess er auf die Vorstellung des Nathanaels die Obduction, die er anfanglich durchaus veranstalten wollte, nach; indessen konnte Nathanael es nicht hindern, dass der Revisor auf zehn Bogen Papier diesen Vorfall auseinander setzte, um denen, die ihn gesandt hatten, zu zeigen, was geschehen ware, und was nicht geschehen ware, und was geschehen konnen, und was geschehen sollen.
Da kam eine Wittwe, die sich beschwerte, man hatte zu viel Stempelgebuhren von ihr genommen. Akten! schrie der Revisor, und setzte auseinander, was bei dieser Sache versehen ware. Nun fand er zwar, dass nach der Verordnung mehr Stempelgebuhren genommen werden sollen, die auch das arme Weib nachbezahlen musste; allein nebenher setzte er die Fehler ins Licht, welche bei dieser Sache vorgefallen. Akten waren nicht gehorig geheftet, nicht gebuhrend foliirt, das Rubrum war falsch und hatte auch grosser geschrieben werden mussen. Lateinische Worte, die man schon besser als die deutschen verstand, verdeutschte er, und das mit einer Randweisung: in Zukunft, des gemeinen Mannes wegen, sich so viel als moglich der deutschen Sprache zu bedienen. Wo er Termin fand, setzte er Tagfahrt, wo Concurs, Brodel u.s.w. Die tausend Kleinigkeiten, welche der Revisor zu moniren fand, zeigten eben so, wie der blanke Streusand auf dem Geburtsbriefe, ziemlich deutlich, dass er nicht sehr lange aus dem ABC heraus ware.
Der Wittwe wurden alle diese Erinnerungen und Weisungen, wiewohl ohne Stempelpapier, gegen Bezahlung der Copialien zugefertigt, und anstatt, dass sie herausbekommen sollte, musste sie V.R.W. noch das zu wenig genommene Stempelpapier und die Copialien fur den Revisionsbescheid zuzahlen. Schwerlich wird sie, mehr klagen! Ich wollte, sagte sie, fur meine Tochter, die eben heirathet, zu einem silbernen Speiseloffel aus den Akten heraus haben, und muss in die Akten einen silbernen Vorlegeloffel dazu geben.
Das war furs Promemoria, dacht' unser guter Nathanael. Wen Gott lieb hat, den zuchtigt er auf frischer That, wie jeder gute Vater seinen Sohn! Wenn ich meine Ruben pflanze, wie angenehm wird es mir seyn, gebusst zu haben! und beim vermissten Fruhoder Spatregen nicht denken zu durfen: furs Promemoria! Wahrlich, Nathanael war hiebei auf keinem unrichtigen Wege. Mein Vater pflegte zu sagen: es muss jedem klugen Menschen (und auch der kann ein Sunder seyn) eben so angenehm seyn zu bussen, als zu sundigen. Die bittersten Erniedrigungen, in Gegenwart der andern Mitglieder des Collegii und der Subalternen, krankten den Nathanael, das A und O, am meisten. Selten ist ein Ungluck allein. Der Director des Justizcollegii starb, aus Furcht unfehlbar. Furcht ist eine Krankheit, welche den grossten Theil der Menschen, nach der Liebe, dahinrafft. Es ist die Seelengicht. Unser Revisor hatte einen adlichen Referendarius, Auscultator, was weiss ich, wie solch ein Zogling recht heisst, mit. Man kann sich vorstellen, wie alt dieser gewesen, da er an der Brust des Revisor lag. Nach dem Vorschlage, den der Revisor denen, die ihn gesandt hatten, that, und der durchaus genehmigt ward, sollte dieser Saugling von unserm Revisor als Interimsdirector eingefuhrt werden. Nathanael hatte wider diesen Director den Spruch " a u s d e m M u n d e d e r j u n g e n K i n d e r " und die Stelle Jesaia drei, der zwolfte Vers: " K i n d e r s i n d T r e i ber meines Volks, und Weiber herrs c h e n u b e r s i e , " gemissbraucht. Die Folge war g r u n e G a l l e b e i d e r I n t r o d u c t i o n s r e d e und ausser ihr noch ein Anhang mehr, als Galle. Der Interimsjustizdirector machte den Revisor mit den Benachbarten vom Adel bekannt. Das war ein Leckerbissen fur seinen Stolz, ein Kitzel fur seinen Gaumen; der Revisor war nicht von Adel. Jedem seiner adlichen Wirthe sagte der Revisor die Spottereien uber das Justizcollegium vor, die er in seiner Einfuhrungsrede angebracht, und zum Schluss, der adliche Wirth mochte lateinisch verstehen oder nicht,
cognovit bos et asinus,
quod puer erat dominus.
Der Justizrath hat ihn aus der Bibel beleidigt; der Revisor schlug ihn aus dem Gesangbuche. Diese Strophe ist aus dem Liede: Ein Kind geboren zu Bethlehem: Puer natus in Bethlehem, und heisst nicht, wie wir singen, das Oechslein und das Eselein, sondern der Ochs und Esel erkannten, dass der Knabe Herr war. Ob nun gleich Nathanael nicht wusste, wie er und sein College (aus zwei Rathen bestand das Justizcollegium) sich diese beide Pradicate vertheilen sollten, so waren doch beide Ehrentitel nicht viel auseinander. Beide Leute horten ganz laut diesen Zusatz erzahlen, obschon der Revisor ihn nur jederzeit ins Ohr gesagt hatte. Wieder ein Genieblick von unserm Revisor. Der Adel nimmt Recht beim Justizcollegio.
Der Mensch besteht aus Leib und Seel, ausserlichem und innerlichem Sinn, und bedarf also immer etwas von innen, und etwas von aussen, wenn er zum Ziel kommen soll; ohne einen Schlag ans Herz, etwas ad hominem, bleibt die speculativische Demonstration ein Luftschloss. Fast sollte man glauben, dass die Sinnen, die anfangen, auch vollenden, Allerseits und Amen sagen! Selbst zu Entschlussen, wenn nichts ans Herz kommt, wie schwer die Geburt! Wen Gott lieb hat, dem gibt er, ausser dem schweren Buche, noch ein Handbuch, ausser der Bibel einen Katechismus, ausser den hohern geistigen Grunden, einen mit Fleisch und Bein ausser tiefer Wissenschaft Dichtkunst.
So mit unserm Justizrath. Minens Geschichte erregte den Entschluss: D u k a n n s t h i n f o r t n i c h t m e h r H a u s h a l t e r s e y n ! Der ReviBei diesen Umstanden verdachte der Prediger in Gretchens Hochzeit ward meinethalber zeitiger verwar hier ohnedem nicht zu denken. Er liebte Gretchen unendlich. Anfanglich affectirt er dabei so eine Heiterkeit, dass man gar nicht wusste, wie ihm geworden. Bald darauf ward er unruhig. Er schien nicht aus noch ein zu wissen. Wenn ich mit ihm allein war, fragt' er mich ohn' Ende und Ziel: wenn ich denn gedachte Preussen zu verlassen? Und, ohne mich zu nothigen, auch nur einen Tag langer zu bleiben, war wieder ein W e n n da. Sobald mir uber diese Eifersucht, die sich jetzt in eine ungewohnliche Hoflichkeit gegen Gretchen auflosete, nur das erste Licht aufging, dacht' ich auf Mittel, den armen Nathanael zu heilen. Ist's nicht eigen, dass man den Eifersuchtigen allein durch Affectation beruhigen kann? Ich fing an, gegen Gretchen mich zu zwingen, und da sie sich daruber beschwerte, sucht' ich fur den Justizrath auf eine so gute Art alles zum Besten zu kehren, dass er von Stund an anders zu werden anfing. Ganz kam er nicht ins Geleise; obgleich er nicht mehr w e n n fragte.
Der Graf konnte so wenig, wie sein an Brudersstatt angenommener Bedienter, auf die Hochzeit kommen. Etwas Sterbendes hielt ihn ab. Gern hatt' ich ihn zu Cana in Galilaa gesehen. Und der konigliche Rath? Auch er nicht. Er hatte einen Revisionsauftrag erhalten. So viel weiss ich, dass er keiner Wittwe, ausser dem eingebildeten Gewinnst eines silbernen Essloffels, einen Vorlegeloffel von der Seele revidirt haben wird.
Gretchen hatte von jeher auf ein stilles, kleines Hochzeitmahl bestanden. Ihre Mutter war zu diesen Wunschen eine Mitursache. Wir sind in Trauer, sagte sie zum Justizrath, und sah mich an. Einige der Eingepfarrten indessen mussten geladen werden, und hiezu war der 14te angeordnet. Den 13ten des Morgens gingen wir alle zusammen ins nahe Waldchen, und kamen so heiter zuruck, dass wir, Gretchen, Nathanael und ich, auf den Gedanken fielen, heute stehenden Fusses den geschurzten Knoten zuzuziehen. Der Prediger hatte Bedenklichkeiten; unfehlbar war er mit der Hochzeitrede noch nicht fertig. Er gab indessen nach, da er unsere vereinigten Wunsche merkte. Gretchen und ich gingen zur Mutter; was konnte die uns beiden abschlagen? Wahrend der Zeit, dass der Prediger sich in seine Reverende setzte, und an seine Traurede dachte, ward nach dem Organisten und ein paar Dorfaltesten gesandt, wozu noch ein Verwandter des Justizraths, der schon den 12ten angelangt war, stiess. Es war ein koniglicher Amtmann (Pachter eines Domanenguts). Gretchen fragte den Nathanael: ob sie ihren Brautschmuck anlegen sollte? Den konnen Sie nie ablegen, erwiederte der galante Brautigam. Wir baten alle, Gretchen mochte bleiben, wie sie ware, und diese Bitte machte uns wenig Muhe, weil sie selbst dazu geneigt war. Sie blieb, und die Natur selbst hatte sie nicht besser putzen konnen, als sie's war. Sehet die Lilien auf dem Felde! Und Salomo war nicht gekleidet, wie derselben eine! Wahrlich, Gretchen war eine schone Feldblume! Wie schon sie da stand! Nathanael konnt' es ohne Puder nicht lassen, sonst konnt' er seiner Galanterie keine Elle mehr zusetzen; er war wie aus einem Putzkastchen gezogen. Der Amtmann war nicht im Stande, sich aus seinem Erstaunen heraus zu finden. Er hatte sein Kleid mit den goldbesponnenen Knopfen noch nicht herausgepackt, und nun war es zu spat. Der Organist bat um Verzeihung, dass er kein hochzeitliches Kleid anhatte, und wahrend aller dieser Dinge kamen die Begleiter zu Hauf. Gretchen bat mich um Blumen, die ich ihr zitternd brachte; ich hatt' ihr gewiss keine gepfluckt, wenn sie's nicht selbst verlangt hatte. Sie nahm diese Blumen mit einem Blick entgegen, der mir durchs Herz ging, und steckte sie sich, warm von meiner Hand, an den Busen. Nathanael war zu andachtig, um daruber eifersuchtig zu werden, und der Blumen halber zur Frage: wenn? Gelegenheit zu nehmen. Nathanael ging mit seiner Braut, ich mit der Predigerin, der Prediger mit dem Amtmann ohne die goldbesponnenen Knopfe; dann Gretchens beide Bruder, ein paar Primaner, die beiden Dorfaltesten machten das letzte Paar. Der Organist war voraus gelaufen, um uns mit einigen seiner Schuler zu bewillkommnen. An Minens Grabe standen wir einige Minuten still, als wenn wir uns ausruheten. In der Kirche trafen wir eine ungebetene Versammlung, der man es ansah, dass sie mit dieser Eilfertigkeit nicht vollig zufrieden war. Vielen sah man an, dass sie auf die erste Nachricht sich zu putzen angefangen, und in diesem gutgemeinten Bestreben, zu Gretchens Ehrentage etwas beizutragen, gestoret worden. Es war nicht halb, nicht ganz. Die Tochter der Dorfaltesten stachen durch grunes Band hervor; indessen waren auch selbst sie nicht fertig. Der goldbesponnene Knopf fehlte ihnen so gut, wie dem Amtmann. Die Tochter der Dorfgeschwornen hielten einen Kranz, den sie Gretchen, eben da sie in die Kirche trat, aufsetzten. Der Organist, der entweder auf ein Praludium nicht denken konnen, oder der dem Gesang durchs Praludium nicht zu nahe treten wollte, fing bei unserm Eintritt singend und spielend an:
Was Gott thut, das ist wohlgethan.
Es bleibt gerecht sein Wille.
Eben so begann Minens Begrabniss und diese Erinnerung, wie bewegte sie mich! Der Prediger war gerades Weges auf den Altar gegangen. Wir andern standen rund herum. Nach den Worten: D a r u m l a s s ' i c h i h n n u r w a l t e n , als ob er sich mit uns unterhalten wollte:
"Hatten Sie sich's wohl vorgestellt, lieber Freund!" so ungefahr war sein Anfang, "dass Sie, was Gott thut, das ist wohlgethan, in unserm lieben L bei einer Hochzeit singen wurden?" Eben wollte ich antworten: nimmermehr, lieber Pastor, da er feierlicher fortfuhr: "Und doch lag dieses: Was Gott thut, das ist wohl gethan, in jenem: Was Gott thut, das ist wohl gethan."
Der gute Mann hatte sich, das merkte man, vorgesetzt, uber Minchens Leichentext: s i e h e i c h komme bald, halt was du hast, dass n i e m a n d d e i n e K r o n e n e h m e , auch seine Hochzeitsrede zu halten, allein es fehlte ihm just so viel Zeit, um seiner Rede die goldbesponnenen Knopfe anzusetzen. Sonst war sie fertig, in sechs Stunden ware alles angeheftet gewesen, und wir hatten gesehen, wie dieser Text eben so gut fur Minens Tod, als fur Gretchens Hochzeit, in der Offenbarung Johannis des dritten Capitels eilften Vers stunde.
So gut es indessen dem Amtmann und den beiden Tochtern der Dorfaltesten liess, eben so gut stand es auch dem guten Pastor. Was ihm an gerundeten Perioden abging, ersetzte er durchs Herz, und ich hatte um vieles nicht diese Hochzeitrede mit der grundgelehrten Abhandlung von der Sunde wider den heiligen Geist vertauscht, obgleich diese Abhandlung beseilt und beschliffen war und in zwei gleichlautenden und gleichgebundenen Exemplaren in der Bibliothek des Brautigams stand. Zehnmal schien es mir so, dass es der Prediger dazu anlegte, mit diesem oder jenem unter uns ein Wort zu wechseln. Es lief indessen allemal so ab, wie mit mir beim Anfange. Zuletzt hatte er sich zu tief in seinen Spruch, ich komme bald, verwikkelt, oder war es vaterliche Ruhrung? Kurz, ohne Uebergang nahm er seine Agende und las:
"Lieben Freunde in dem Herrn!
Gegenwartige beide Personen wollen sich in den Stand der Ehe begeben" und so weiter.
Diess Formular, alt und wohlgemeint, war mir darum so ruhrend, weil ich mich all' Augenblicke befragte: wenn du da so mit Minen stundest?
Der Prediger erzahlte uns nach der Trauung, dass bei Hauscopulationen, die in Preussen sehr haufig waren, gemeinhin das Formular verbeten wurde, und zwar wegen des Fluchs und Segens des heiligen Ehestandes, der in diesem Formular so ehrlich als nur immer moglich vorgetragen wird.
Ist's Wunder, dass Gott denen den Ehesegen entzieht, deren zu feine Ohren die Ehestandsbeschwerden nicht einmal in der Kirchenagende ertragen konnen? Leute, denen die Bibel zu herb ist, Gottes Wort was fur einen schwachen Kopf und Herz mussen die
"Und Gott der Herr sprach: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sey."
Das ist ein Wort in allem Verstand anwendbar. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sey. Selbst im Sterben, wurde der Graf wiederholen, ist's nicht gut, dass er allein sey. Selbst auf dem Kirchhofe, wurde der Todtengraber hinzufugen.
Der Prediger machte in seiner Rede die Anmerkung, dass die Copulation vor dem betrubten Sundenfall ganz anders gewesen ware, und manche, setzte er hinzu, die vielleicht den betrubten Sundenfall am deutlichsten an sich tragen, wollen durchaus eine paradiesische Copulation und kein Wort aus dem dritten Capitel des ersten Buchs Mose, sondern alles hubsch und fein, alles aus dem zweiten Capitel. Wie kann das aber? Freilich erschrak das aus dem Paradiese getriebene Paar uber das dritte Capitel so sehr, dass, da Gott ihnen Kleider von Fellen machte, sie solche in der Verwirrung nicht einmal anzuziehen verstanden: er zog sie ihnen an, heisst es. Die meisten unserer angehenden Eheleute hatten weniger Ursache, diesem Capitel durch eine Hauscopulation und Weglassung der Agende auszuweichen, da sie vom Stande der Unschuld keinen Begriff haben.
Meine Leser sind in der Kirche zu L schon so bekannt, wie ich selbst, und wissen, dass die Kirche nie anders als nach einem Lobgesang geschlossen wird. Wie beim Begrabniss ward nach der Copulation gesungen: " N u n d a n k e t a l l e G o t t ! "
Nach diesem Gesang betete alles vor dem Altare. Die Braut hatte, wie es sonst wohl etwas ungewohnliches ist, keine einzige Thrane geweint. Nach dem Gebet traten die beiden Tochter der Dorfaltesten hinzu, und wunschten Gretchen alles aus dem zweiten Capitel. Die edle Einfalt dieser Wunschenden war ruhrend, so wie es alles Edeleinfaltige ist. Gretchen und die Madchen waren Jahreskinder, Milchschwestern, zusammen in die Kinderlehre gegangen und zusammen confirmirt, oder, wie es in Preussen heisst: e i n g e s e g n e t . Gretchen wunschte, dass sie auch bald Gelegenheit haben moge, ihnen beiden so Gluck zu wunschen. Die Madchen hatten Thranen in den Augen, und man sah es ihnen an, dass es Thranen der Liebe waren. Gretchen kusste sie beide, und nun gingen sie zum grossern Haufen zuruck, der in der Entferung geblieben war.
Es ging alles wieder paarweise so, wie es gekommen war. An Minens Grabe streute Gretchen die von mir erhaltenen Blumen hin. Sie warf sich nieder (schwerlich hatte sie diess thun konnen, wenn sie in hochzeitlichem Schmuck gewesen ware) und weinte, als ob sie bis hieher ihre Thranen aufgespart hatte. Der schwerfallige Justizrath setzte sich ich kniete. Der Prediger und seine Frau hatten sich umfasst. Die beiden Dorfaltesten standen von ferne. Wir weinten alle. Das neue Paar weinte mit, aus dem dritten Capitel. Es war ruhrend! Ihr sah man die Worte an: "Ich will dir viel Schmerzen machen, wenn du schwanger wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebaren, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen seyn, und er soll dein Herr seyn." Ihm, die folgenden Verse: "Dieweil du hast gehorchet der Stimme deines Weibes und gessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sey der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nahren dein Lebenlang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brod essen, bis dass du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde werden."
Mir war nur Minchen in Herz und Sinn.
Die ungebetene Versammlung hatte noch das Postludium des Organisten gehort, der sich, weil wir nicht mehr darin waren, mit Manual und Pedal horen lassen. Jetzt kam der ganze Haufen und blieb stehen. Allen und jeden sah man auf den Gesichtern: D u bist Erde und sollst zur Erde werden.
Genau genommen, lieben Freunde, ist's all' eins, taufen, sterben, heirathen. Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden! Nach dieser Scene kamen wir in die Widdem. Das neue Paar fiel sich in die Arme! Man sah, wie es sich liebte. Von Stund an liess Gretchen nicht mehr ihren Nathanael. Sie nahm mich nicht weiter. Er war der Ihrige. Pflicht, Freunde! ist sie nicht besser, als Neigung? Sicherer, starker, wahrlich! Sie uberwindet den Tod oft weit leichter als die Liebe; allein auch sie wird von der Pflicht uberwunden. Der Justizrath fragte so wenig w e n n ? dass er mich jetzt zu bitten anfing, doch ja zur Heimfuhrung zu bleiben. Da Gretchen fortfuhr, sich ihm ganz zu weihen, gab er in seiner Bitte immer mehr zu. Zuletzt bat er mich im ganzen Ernst, gar nicht aus Preussen zu gehen. Haben Sie nicht hier Minens Grab? setzte er hinzu, und konnte keinen grossern Bewegungsgrund anfuhren. Doch warum vorgreifend? Wir setzten uns zu einem Mahl, so naturlich eingerichtet, wie Gretchen gekleidet war. Wir alle, konnt' ich fast sagen, waren so gekleidet, bis auf den Justizrath, der wie ein sauber geschriebenes Urtel in beweisender Form aussah. Der Prediger bringt mich auf diesen Ausdruck. Er hatte den Einfall, dass wir alle, wie ein Concept, ein Entwurf aussahen. Wie die Probe, sagt' ich, indem mir das Lautenconcert einfiel. Der Organist, obleich er kein hochzeitlich Kleid anhatte, blieb zum Mahl; nur die Dorfgeschwornen nicht, obgleich man sie sehr darum ersuchte. Ich erzahlte dem Prediger und dem Justizrath, was ich bei dem Gluckwunsch der beiden Kranztragerinnen bemerkt hatte, und bat sie beiderseits, sich der Herzen dieser guten Madchen anzunehmen. Diess geschah unverzuglich. Da kam es denn bald zum Vorschein, dass der eine Vater seine Tochter einem kleinen dicken Pachter, und nicht dem raschen M a r t i n , der die Tochter liebte, bestimmt hatte; der andere wollte sie seiner Schwester Sohn, einem weit schonern reichern Burschen, als Caspar war, zuwenden; das Madchen aber wollte Casparn oder keinen. Dergleichen Wahleigensinn, sollte man ihn wohl unter Leuten dieser Art vermuthen? Kunst ist er. Von Anbeginn ist es nicht so gewesen. Adam konnte nicht wahlen, und doch hatt' er ein allerliebstes Weib. Caspar war indessen ein guter Junge, der dem Madchen mehr zur Hand ging, als der Schwestersohn, der seiner Sache sich gewiss glaubte. Nathanael und der Prediger brachten es in kurzer Zeit zum Vergleich. Martin und Caspar waren an dem Tage, da Gretchen Hochzeit hielt, die glucklichen Brautigame. Wir werden schon nacheilen, sagten die vergnugten Bursche, und Gretchen ward roth, was weiss ich warum? Nathanael sah in den Spiegel. Ich glaube nicht, dass es eben so angenehm sey, in Gesellschaft zu heirathen als zu sterben, obgleich ich nicht vom Grafen zu diesem Glauben aufgefordert bin. Ein verliebtes Paar ist Adam und Eva in der ganzen weiten Welt; sie dunken sich die einzigsten Menschen in der Welt zu seyn und sich selbst genug.
Eine Gesellschaft wie diese indessen, muss auch bei den Verliebtesten ein Beitrag des Vergnugens seyn. Das Dorf kam unserer Hochzeitfreude eben dadurch naher. Es war alles Paar und Paar. Die Dorfaltesten hatten sich schon langst vor der Hochzeit festgesetzt, dem Nathanael-Gret'schen Myrtenfeste zu Ehren eine Beifreude zu bezeigen. Ein Reihentanz konnt' es nicht seyn; denn sie war aus dem Stamme Levi und des Seelenhirten eheleibliche einzige Jungfer Tochter. Nach vielem Hin- und Herdenken waren sie endlich auf einen landlichen Gesang gefallen, den zwolf der schonsten Madchen in weissen Kleidern kurz vor Schlafengehen absingen sollten. Ein junger Bursche hatte diesen Gesang entworfen, der Herr Organist aber, wie es hiess, hatt' ihn stylisirt oder die Natur verkunstelt. Die beiden Kranztragerinnen hatten grosse Rollen bei dieser singenden Mitfreude, wobei sich alle zwolf die Hande geben und eine Freudenkette machen wollten. Hatten die Mitfreudigen und selbst der Censor von den neun Musen gewusst, es waren nicht nach Zahl der Monate zwolf gewesen! Unfehlbar aus denen mehr als zwanzig jungen Madchen, die in die Stelle der Leichenbegleiter traten, nachdem Minens Sarg vor den Altar gesetzt war.
So ward es beschlossen; jetzt aber kam alles in Unordnung. Die beiden Kranztragerinnen, welche die grossen Rollen hatten, waren aus Text und Melodie gekommen. Niemand wusste, ob das Standchen heut oder morgen gebracht werden sollte, und doch wollte jedermann es so gut als moglich machen. Kurz, das Dorf war in Unordnung. Diese Unordnung selbst indessen bot Hand zur Freude. Die Freude ist die unordentlichste von allen Leidenschaften. Unser Pfarrhaus war wahrend der Zeit das glucklichste Haus in der Welt. Gretchen so ganz und gar des Nathanael, dass sie auch nicht einmal einen Blick fur mich ubrig hatte. Neigung ist so punktlich nicht. Pflicht aber ist das punktlichste, was ich weiss. Der gute Pastor liess sich an diesem Tage die Verlagsgeschichte seiner Sunde wider den heiligen Geist erzahlen, und war so froh, dass er sein Seelenkind so gut, wie Gretchen, angebracht! Ein wahrer Nathanael von Verleger, sagte der Prediger, und feierte ein doppeltes Hochzeitfest. Gretchen und ihre Mutter nahmen wie gewohnlich keinen Theil an diesem Seelenkinde. Nathanael indessen musste wegen der in schwarz Corduan eingebundenen Exemplare sein Ohr zu dieser Unterredung neigen. Da er Gretchen hatte, war ihm schon vieles von diesem Ehrenwerk entfallen, das er, als angehender Brautigam, fast wortlich wusste. Gretchens Mutter war selbst so heiter, als ware sie gar nicht lindenkrank, als ware der Lindenbaum, der so alt wie sie war, und der in ihren letzten Wochen ausging, wieder zu Kraften gekommen; der Organist, so erkenntlich gegen mich, wegen des Schaustucks, dass er nicht aus dem Bucken herauskam, und so ehrerbietig gegen den hochedelgebornen Herrn Justizrath, dass ich immer besorgte, er wurde wieder etwas aus dem Hute lesen, obschon er nur auf Begrabnissreden fundirt war; der Amtmann so ins Vergnugen verstrickt, dass er den goldbesponnenen Knopf vergessen hatte. Wahrlich, man kann auch ohne goldbesponnenen Knopf vergnugt seyn! Und Gretchens beide Bruder, welche der konigliche Rath als die Seinigen in Konigsberg erzog, die in eine der besten Schulen gingen, wo sie gerades Wegs auf einen Superintendenten losstudirten die guten Primaner, hatten ein Gedicht zusammen getragen, das sie beim Braten ubergaben. Freilich hatten sie bis zum Kuchen warten konnen, indessen war es ihre erste Autorschaft, die selten den Kuchen abwartet. Der Vater kritisirte die armen Jungens sehr scharf, und nannte ihr Mascopiewerklein ein ahrengelesenes Stuck! Guter Pastor, hast du denn schon aller kritischen Tage Abend erlebt? Die beiden Knaben thaten in alle Wege so altklug, dass man ihnen ihre Aaronsbestimmung ohne Fingerzeig ansah. Es gebrach bei diesem Feste nicht an Wein. Se. Hochgeboren hatten dem guten Prediger ein gutes Fasschen Rheinwein verehrt, welches wir nicht feierlicher begrussen konnten. Wein hatte heute getrunken werden mussen. Der Communion wegen wird an allen christlichen Orten Wein gehalten. Da aber die Andacht keinen Geschmack am Korperlichen hat, so ist der Communionwein gemeinhin schlecht, sagte der Prediger. Ich, fuhr er fort, habe noch nie bei dieser heiligen Handlung den Wein geschmeckt. Viele der Herren von Adel schicken den Tag zuvor ein Flaschchen aus ihrem Keller; unser Graf nicht also, obgleich sein Rheinwein sich nicht gewaschen hat. Wir sassen langer als gewohnlich bei Tisch. Heut, sagte der Prediger, frohlich mit den Frohlichen! Wir waren traurig mit den Traurigen; wir sind es noch, sagte Gretchen, und dachte so ruhrend an Minen, ohne sie zu nennen, dass alles an sie dachte. Der Prediger belebte diesen Gedanken durch ein paar ruhrende Worte. Wer seiner Todten nicht denkt, wenn er vergnugt ist, bedenkt nicht, dass auch sie lebten und dass auch er sterben wird. Das war das Gerippe, das er auf gut agyptisch aufstellte! Wahrlich, es war nicht furchterlich. Sie hat ihren Myrthentag nicht erlebt, sagte Gretchen, und liess eine Thrane fallen. Nathanael kusste sie herzlich. Wer es weiss, wie schon es sey, ein Madchen in solchen Thranen zu kussen, denke sich die Wonne dieses Paares. Ohne Thranen gibt es keine Trunkenheit der Liebe. Diese Ehe, sagte die Predigerin, hat der Tod gerathen; was er rath, ist wohl gerathen. Die Dorfaltesten schlossen diese wahre hochzeitliche Scene, sie kamen und fragten im Namen der jungen Dorfleute an, ob es wohl erlaubt ware, die vier Dorfflinten dem Tage zu Ehren abzufeuern, wie es wohl sonst bei dergleichen Gelegenheiten geschehen ware? Das ware so recht fur Junker Gottharden gewesen! Wir alle aber verbaten diess Feuerwerk. Die Anfrager mussten ein Glas Wein dem Brautpaar zu Ehren leeren. Das ist besser als ein Flintenschuss, sagte der Amtmann ohne goldbesponnene Knopfe; und dann noch eins, und dann das dritte. Aller guten Dinge sind drei, sagte der Prediger, und ich stimmt' ihm, meiner heiligen Zahl wegen, herzlich bei. Im Paradiese, was braucht' A d a m mehr als E v a , um froh zu seyn? sagte Nathanael. Nach dem Falle haben wir auch Rheinwein nothig, um uns ins Paradies zu bringen Man muss sich hinein trinken. Er fing sich aus lichterloher Galanterie zu wundern an, dass Adam nicht beim Blick seines Weibes aus Entzucken, aus Uebermass des Sehens, blind geworden! Der Prediger half ihm zurecht. Es war im Paradiese, sagt' er, wo Adams Auge so gut, wie seine andern Gliedmassen, unsterblich waren. Der Organist, damit ich sein nicht vergesse, hatte den gesunden Gedanken, da sich das Brautpaar kusste: Lassen Sie uns ihm mit den Glasern nachkussen! Wir stiessen an, und zur Ehre dieses Einfalls zweimal. Der heiligen Zahl war er nicht werth. Wir standen auf. Der Prediger schlug einen Spaziergang in das namliche Waldchen vor, das uns zu diesem Tage anrathig gewesen, und beschlossen wir also, wie angefangen war. Wahrlich, ein schoner Tag! Wir kamen in der Dammerung heim, und eben wollten wir ins Pastorat, da uns der Musenchor uberfiel. Der Organist hatte sich der Noth angenommen und die Zahl zwolf noch mit zwolf andern vermehrt. Ein wahrer Minnegesang! Gretchen ging nach vollendetem Standchen unter diesen schonen Haufen, nannte alles Schwester, und dankte so schon, dass jedes Madchen glaubte, Gretchen hatte nur ihm gedankt.
Der Prediger konnte sich ohne Abendessen nicht behelfen. Nathanael declamirte wider das Abendessen, er ward aber uberstimmt: den Alten, sagt' ich, ware das Abendessen freilich das vorzuglichste, und den Christen, bemerkt' er, sollt' es noch weit mehr seyn. Man setzte sich an ein Milchmahl. Die Sangerinnen hatten uns musikalisch gemacht. Alles s a n g und sprang, hatt' ich beinahe mutterlich hinzugereimt. Es war aber wahrscheinlich kein Springen, es war eine stille Freude, eine Milchfreude! O Gott, was liegt in der Unschuld, in der lautern Milch der Unschuld! Unter tausend andern Dingen liegt auch Vernunft darin. Es heisst v e r n u n f t i g e lautere M i l c h , und nichts ist einpassender als diese Beiworte zur Unschuld. Es liegt in ihr Vernunft, hochste oder tiefste, wie soll ich sie nennen?
Nun ging das neue Paar ins Schlafgemach. Es verschwand und das ist das naturlichste Ceremoniel, wenn ein neues Paar zu Bette geht. Die Auskleidung der Braut ist ebenso unwurdig als eine laute Hochzeit. Geht in Frieden, lieben Leute! Es geleite euch der, welcher dem Menschen sein Schopferbild anhing, mit seinem himmlischen Segen! Das ist mein Hochzeitgeschenk. Auch jedes der Hochzeitgaste ging in sein Kammerlein, nur ich nicht. Ich schlich mich an Minens Grab und hatt' eine Scene uber alle Scenen. Eine himmlische Hochzeit! Wer war glucklicher, ich oder Nathanael? Spat kam ich in mein Kammerlein und fand, dass der Amtmann, mit dem ich gepaart war, auf mich gewartet. Ich konnte nichts sprechen, nicht einmal ein Wort zum Dank. Auf solch einen Tag, wie schon schlaft es sich! Mein Schlaf war eine Entzukkung in den dritten Himmel. Es fiel keine Schakerei den andern Morgen vor, keine Strohkranzrede. Die Frau Nathanael schlich sich aus der Schlafkammer und ich merkte, sie ward roth auf ihre eigene Hand; sie hatte nicht schleichen durfen, auch nicht roth werden das gute Gretchen! Nathanael und Gretchen waren jetzt so ganz Eins, ein Leib, eine Seele!
Wie sich das Paar benachbarter Freunde kreuzt' und segnete, das zur Hochzeit gebeten war und, wie der Prediger sagte, post festum (nach dem Fest) kam, kann man sich leicht vorstellen. Hatte der G r a f et Compagnie zusagen lassen, dann hatten wir den Tag zuvor diese Freude nicht haben konnen. Mit dem Paar benachbarter Freunde hatte es nichts zu bedeuten. Dieser Nachtag, diess Agio von Hochzeitfest hatt' drei Umstande, die ich ausserdem, dass dreimal mehr Essen und dreimal weniger Vergnugen herrschte, der Bemerkung werth halte. Die erste Denkwurdigkeit. Der Amtmann brachte sein Kleid mit den goldbesponnenen Knopfen nicht zum Vorschein. Warum sollt' ich? sagt' er; Mostrich nach der Mahlzeit.
So gern ich also auch meinen Lesern des Kleides Farbe, Form und nahere Nachricht von den Knopfen und ihrer Zahl mittheilen mochte, kann ich?
Die zweite Denkwurdigkeit. Die post festum gekommenen Freunde hiessen die neuen Eheleute nicht anders als Brautpaar, und wenn sie's ausgesprochen hatten, schamten sie sich dieser Uebereilung, die sie doch gleich darauf wieder begingen und dann noch einmal. So fest hatten sie es sich eingepragt, es ginge zur Hochzeit.
Vielen wird dieser Mittelumstand nicht denkwurdig scheinen. Mag's doch.
Die dritte. Der Graf kam ohne seinen Bruder nach Mittage. Alles voll Freude! Auch zu Ihnen komm' ich, sagt' er, um Sie noch einmal zu sehen und noch einmal zu sagen hier oder dort. Was er sich freute, dass die Hochzeit vor der Hochzeit gewesen! Das kommt aus dem Bitten heraus. Das Feine des Vergnugens geht verloren. Die Natur lasst sich nicht melden, es ware denn bei Krankheiten. Wir mussten dem Grafen den gestrigen ganzen Tag referiren, und wahrlich unsere ganze Freude dieses Tages war, dass wir den vorigen Tag froh gewesen.
Mit den lieben, grossen Hochzeiten, sagte der Graf. So was nenn' ich nicht leben, wenigstens will ich das Leben bei dieser Gelegenheit so wenig observiren, als auf dem Schaffot den Tod! Allzuviel ist ungesund. Zu Warnungsanzeigen findet sich zwar in beiden Fallen Stoff die Menge, nur zu Lebens- und Sterbensobservationen nicht.
Der Graf konnte nicht lange bleiben. Er hatte, wie er sagte, einen rechten Segen Sterbender bei sich. Obgleich, fugt' er hinzu, ich wenig Heil in meiner Ehe erlebt, ist's mir doch lieb, geheirathet zu haben, um dort einst sagen zu konnen: hier bin ich und hier sind, die du mir gegeben hast! Kann das ein Eheloser? So ruhrend mir diese Empfindung war, so schwachte sie doch die Erinnerung an die Grafenkrone, an die weissen Federn und den Orden. Fullt die Erde! heisst: fullt den Himmel! Wenn Menschen sich nicht Leid klagen konnten, wie unglucklich wurden sie seyn! Die Ehe ist ein Band, wo sich Mann und Weib auf Lebenslang verbinden sich Leid zu klagen.
Der Organist, der auch diesen Abend herrlich und in Freuden beim Prediger lebte, hielt sich wahrend der Zeit, da der Graf gegenwartig war, so demuthig, dass er nicht vom Ofen kam. Wieviel sind diesen Monat im Kirchspiel gestorben? fragte ihn der Graf, und er: ich habe nicht geglaubt, die Ehre zu haben, Ew. Gnaden zu sehen. Zwei Reden hab' ich gehalten, aus diesem Dorf also zwei. Der Prediger musste das Buch holen und wir fanden abermal, dass die Erinnerung des Todes keine Hochzeitfreude verderbe. Die Hochzeitgeschenke, welche der Graf unvermerkt in die Brautkammer setzen lassen, waren Sinnbilder vom Tod und Verwesung. Sie hatten einen ausgemachten Werth. Eine Urne von Porcellan gefiel mir am besten.
Ich blieb noch einen Tag in L und diesen einen Tag waren wir wieder ganz unter uns. Den Amtmann hatten wir unter uns aufgenommen. Es war ein recht guter, biederer Mann! Wie lang er am Hochzeittage meinethalben seine Ruhe abgebrochen! Mittelmassig war er in allem; allein warum sagen wir: die Mittelstrasse die beste und wanken doch so gern? Warum?
Bei dem Mittelmassigen fallt es mir ein, dass wir den dritten Tag viel von der Schonheit sprachen. Nathanael that sich bei dieser Unterredung recht sichtlich hervor. Er setzte die grosste Schonheit in die Mitte zwischen Feistigkeit und Magerheit, obgleich er selbst mehr fett als mager war. Gretchen aber diente ihm zum Exempel, seine Regel zu beweisen und ausser ihr alle Statuen der Alten. Ich muss es doch wohl wissen, sagte Nathanael. Der Amtmann, der seinem Bauche nichts vergeben wollte, fand indessen diess letzte Argument unwiderlegbar, schlug sich auf seine Bauchburde, sah Gretchen an und schwieg.
Nathanael liess nicht ab, mich zur Heimfuhrung einzuladen; allein meine Stunde war gekommen. Ans w e n n ? war gar nicht weiter beim Justizrath zu denken. Diesen Abend weihte ich noch Minens Grab, nahm von Nathanael und Gretchen das feierliche Versprechen, dieses Grabes Beschutzer zu seyn, und nun wollte ich L (allem Vermuthen nach auf ewig) gute Nacht sagen. Die Predigerin machte es mir zur Pflicht, dass ich, wenn ich bei der Heimfuhrung nicht gegenwartig seyn konnte, wenigstens bis zu Gretchens Abreise bleiben mochte. Der Prediger und seine lindenkranke Frau blieben auch zuruck. Der Amtmann allein und Gretchens beide Bruder begleiteten das junge Ehepaar. Der Abschied? Bei Beschreibungen der ganzen Natur kann man malen oder pinseln nach der Gabe, die jeder empfangen hat. Ist von Menschen die Rede, wer kann ohne lastig zu werden Leidenschaften in Worte ausbrechen lassen?
Gretchen war im Reisekleide ausgegangen und kam mit verweinten Augen zuruck. Wo sie gewesen? werden meine Leser nicht fragen. An Minens Grabe. Ihre Mutter stand am Fenster, sah unverwandt den Reisewagen an und hatte sich betrubt aufgestutzt. Gretchen ging zu ihr, fasste sie zartlich an und Hanna kusste sie herzlich. Gretchen fiel ihr zu Knien und bat um Segen! Sey gesegnet, sagte Hanna und legte beide Hande auf sie, und sey eine so gute Mutter, als du eine gute Tochter gewesen. Nie geh' ein Lindenbaum vor deiner Thure aus! Hier hemmten die Thranen der Mutter und Tochter diese Segenshandlung. Nach einer Weile setzte sie hinzu, deine Tochter werden wie Mine und deine Sohne wie Minens Mann. Gott bewahre die Sohne, im Fall sie Justizrathe werden, vor Treibern, vor Revisoren, die Knaben sind, und die Tochter vor Nachstellern der Unschuld, vor v. E s. Und nun legte der Prediger den Segen, womit Gott sein Volk zu segnen befohlen, auf beide: der Herr segne dich u.s.w., ohne dass er von einem Candidaten mit langen Manschetten aus der Bauskeschen Prapositur unterbrochen ward.
Die beiden Aeltesten der Gemeinde kamen gemeinschaftlich das Aufgebot fur ihre Tochter nachzusuchen, welches den nachstfolgenden Sonntag zum erstenmal geschehen sollte. Nebenher wollten sie sich erkundigen, wenn heimgefahren werden sollte, und da sie sahen, dass es hier so rasch als mit dem Hochzeittage ging, setzten sich einige junge Ehemanner zu Pferde, um dem neuen Paar bis zur Grenze das Geleit zu geben. Einige junge Frauen, worunter drei gesegnet waren, begleiteten das Paar bis aus dem Dorfe. So weit ging auch Vater, Mutter und ich. Der Genius des mir unvergesslichen Kirchdorfs ging weiter mit Gretchen, mit seinem Liebling. Es gehe dir wohl, liebe Seele, vergiss Minen und ihr Grab nicht!
Ich reiste denselben Tag nach Konigsberg und fand bei meiner Ankunft einen Brief nebst hundert Pistolen. Ich brach den Brief und fand weiter nichts als folgende Devise:
"Fur Minchens Verwandten in
Mitau."
Ein Zug, an dem ich den Grafen erkannte, obgleich er incognito war und blieb. Aller Muhe, die ich mir gab, unerachtet konnte ich ihn nicht herausbringen. Wahrlich dieser Zug ahnelt ihm! Der Graf, dachte ich, der den Sargtischler nicht in Stand setzen wollte, ein Madchen zu heirathen, das keinen andern Fehler hatte als den, dass es arm war; der Graf, der diesen Jungling fur Protektion arbeiten und sich das Herz abhobeln liess da fiel mir wieder seine strenge Gerechtigkeit ein. Er war Patron der Kirche und des Hospitals, dem Minchens Anverwandter in L den Halbscheid seines Vermogens zugewendet hatte. Also gedankt hatt' ich dem Grafen nicht, wenn gleich ich seines Namens gewiss gewesen ware. Gott dank' ihm! Der dankt nicht mit Worten, sondern mit That und Wahrheit. Zwar hatte ich meiner Mutter die Worte aus Minchens Testamente bestens empfohlen:
"Kannst du meinen Verwandten in Mitau forder
lich und dienstlich seyn, sey es. Gott wird dich loh
nen!"
indessen kam mir diess ` , diese Lotteriedevise mit einem Gewinnst sehr willkommen. Willkommner kann es den Anverwandten in Mitau nicht seyn! Schwer war es mir, zu diesem allen nichts mehr als ein Franko beitragen zu konnen ein Scherflein in den Gotteskasten.
Das Schwere bei einem massigen und zugemessenen Auskommen ist bloss, dass wir nichts mehr als hochstens die Gabe der Reichen frankiren konnen! Darf ich wohl bemerken, dass ich gegen den Grafen kein Wort von Minchens armen Verwandten in Mitau verloren? Es wird nicht jeder so neugierig seyn zu fragen, ob die Post auch richtig das Haus der Armen gefunden, die in der Welt Angst hatten. Um ihnen keine Minute zu entziehen sandte ich das Geld geraden Wegs und nicht durch meinen Vater, auch nicht einmal durch Wechsel; allein ich bat meine Mutter, sich nach der Aufnahme dieses Geldes zu erkundigen, da ich hieruber dem lieben Gott unmittelbare Rechnung abzulegen hatte. Er, der ehrliche Alte, war schon seit drei Wochen zur Ruhe eingegangen in jene seligen Wohnungen, wo ihn kein Pachtungluck und kein Contrakt, der ohne den lieben Gott gemacht ward, und kein W . R . I . V . R . W . mehr drucken konnte. Seine Frau lebte noch, zahlte bis zehn. Noch mehr? sagte sie, als ob das Geld unter ihren Handen sich mehrte. Sie sprach fur den Geber Segen, gab das ungezahlte Geld und die gezahlten zehn einem ihrer Nachbaren zum Aufheben und starb. Der Tod war ihr lieber als hundert Pistolen. Der Sohn, der Amtsgeschafte halber seinem Vater nicht das letzte Geleite geben konnte, kam zum mutterlichen Begrabniss. Sollten ihn wohl die hundert Pistolen dazu vermocht haben? Meine Mutter versicherte mich, dass der leidtragende Herr Sohn nicht aufhoren konnen, Gottes wunderbare Fuhrung zu verherrlichen! Das dacht' ich wohl und meine Leser mit mir, dass er diese hundert Pistolen nicht ohn' ein Kirchengebet einstreichen wurde. Ich wunsche wohl zu bekommen, lieber Herr Prediger an der Grenze.
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Ein Wort zur Rettung der Ehre meiner Mutter, die ich vielleicht hier und da auf zu frischer That beurtheilt haben kann. Darf ich bitten, lieber Freund! zu diesem Rettungswort? Auch du urtheiltest auf frischer That, da ich dir meinen Lebenslauf aus freier Faust erzahlte und an den Brief kam, den meine Mutter an Minen schrieb, sich anhebend:
"Es will verlauten."
Hermann machte meine Mutter mit dem Abschiedsbriefe bekannt, den Mine ihrem Vater zuruckliess, als sie aus ihrem Vaterlande und aus ihres Vaters Hause in ein Land ging, das ihr der Herr zeigte.
Hier ist die Antwort meiner Mutter und meines Vaters. Was jenes Weib vom Petrus am Kamin sagte, gilt auch von diesen Briefen. Die Sprache verrath sie.
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Fasse dich! bedenke das Ende, so wirst du auch in deinem Schmerz nicht ubel thun. Gott ist die Liebe! Das grosste Ueberbleibsel des gottlichen Ebenbildes ist die Liebe. Liebe ist der Funke, den Gott anschlug, da er die Welt schuf. Du weisst das Sinnbild Feuer, Liebe, Wasser, Hass! Wo Feuer ist, ist Licht wo Licht ist, ist Wahrheit. Das Licht der Vernunft ist Liebe, die Luft der Geister ist Liebe. Suche deinen Trost in der Liebe! Du sollst Gott lieben, den du nicht gesehen hast und nicht siehest. Sieh! ein Hulfs-, ein Hausmittel, dich zu dieser Gottesliebe hinauf zu schwingen, da du Minen liebst, die du gesehen hast und nicht siehest. Um diese Welt gleichgultiger zu finden, ist's gut, einen geliebten Gegenstand in der andern Welt zu haben. Wahrlich! es warten noch Stunden auf dich, wo es dir in dieser Welt nicht gefallen wird. Du liebst Minen und wunschest sie nicht glucklicher, als du bist? Ist die Liebe nicht starker, als der Tod? Sind wir nicht am geneigtesten, allenthalben eine Aehnlichkeit von Menschen zu entdekken? Ein Baum in der Entfernung dunkt uns ein Mensch. Wir geben ihm alle Gliedmassen, und alles dunkt uns so. An der Wand, im Dunkeln, uberall Menschengestalten! Nichts ist uns wichtiger, als der Mensch, nichts naturlicher, als er; und dir sollt' es schwer werden, Minen darzustellen? Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch andere nicht. In der Schule der Nachstenliebe wird mit der Selbstliebe der Anfang gemacht. Ein Verschwender kann dem Durftigen sein Brod nicht brechen, weil er selbst nichts zu beissen, nichts zu brechen hat.
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Warum aber so kabinetsverschwiegen? Waren wir denn Vater und Sohn? oder waren wir du und du, und gute Freunde zusammen? Ich find' in diesen Fragstukken Trost; allein du wirst ihn hier schwerlich finden. Auch fur mich selbst ist hier Unkraut zwischen dem Weizen. Friede mit Minens Seele, Friede mit der deinigen! Friede mit deiner Mutter, die unaussprechlich leidet. Fallt dir ein, dass ich es euch im Waldchen wohlfeilern Kaufs lassen konnen, so wisse, dass dieser Umstand mich oft ergriffen, dass er mich noch ergreift, und mehr, als es Christen geziemt. Gott helf' unserer Schwachheit! Dieser Brief wird mir saurer, als je ein Brief mir worden, obgleich mir jede Schrift schwer wird, und ich meinen Schreibtisch, der aber kaum diesen Herrnnamen verdient, die meiste Zeit widerwillig ansehe. Trost z u s p r e c h e n , sagt man; wer kann ihn schreiben? und wenn es viele konnten, wurde diese Kunst doch nicht mein seyn! D e n k e ! mein Sohn! das heisst: sey mit Minen zusammen. Du hast nur Minens Form verloren! Mine lebt! und wir werden auch leben! Besorgt seyn und sorgen, ist zweierlei. Hier ist so viel von der Predigt uber den Text: Wir haben hier keine bleibende S t a t t e , als ich selbst besitze. Du kennst meine Weise zu concipiren. Hie und da ein Wecker. Betrugen mag ich nicht. So schick ihm doch das Concept, wie es steht und geht, sagt deine Mutter. Da ist es, wie es steht und geht.
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Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrubter und nach kurzer Freude viel Leid tragender, einziger lieber Sohn!
Da sitz' ich und lese diese Ueberschrift zehnmal: Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrubter und nach kurzer Freude viel Leid tragender, einziger lieber Sohn, und kann keinen Anfang finden, ich, die ihr Lebtage nicht des Anfangs halber eine verlegene Minute gehabt, und auch noch hab' ich den Anfang nicht, denn das ist erst der Anfang zum Anfang. Beim Ende, mein Kind, war ich oft verlegen. Dein Vater pflegte zu sagen, ich konnte das Ende nicht finden, obgleich mit seinen Anfangen, wenn er was schreibt, wahrlich nicht zu prahlen ist. Bis jetzt hab' ich, Gott sey Dank, noch immer das Ende gefunden, freilich oft in Winkeln, wo es nicht jeder zu suchen gewohnt ist. O mein Sohn, wenn du wusstest, wie schwer es mir wird, den Anfang dieses Briefes zu finden, du wurdest deine Mutter bedauern, und sie in deinen Schmerz einschliessen, wie ich dich immer in mein Gebet eingeschlossen habe und jetzt in mein Gebet einschliesse. Ich will sie nur nennen so gern ich diesem Namen auswiche: Mine da ist der Anfang, Mine! o mein Sohn! wie wird mir, da ich diesen Namen, diesen seligen Namen schreibe und spreche. Zacharias schrieb und sprach: Er soll Johannes heissen, und war ein so glucklicher Vater, als ich eine ungluckliche Mutter bin, obgleich mein Johannes nicht daran Schuld ist, sondern ich selbst, ich allein selbst. Mine! Mine! Mine! Da ist der Anfang. Ihr Name wird auch das Ende seyn! Meine Seele ist betrubt bis in den Tod!
Wohl ihr, dem Kind der Treue!
Sie hat und tragt davon
Mit Ruhm und Dankgeschreie
Den Sieg, die Ehrenkron'!
Gott gibt ihr selbst die Palmen
In ihre rechte Hand,
Und sie singt Freudenpsalmen
Dem, der ihr Leid gewandt.
Aus dem Liede: Befiehl du deine Wege, woraus, wie ein Ausgebaube, die schonen Worte: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoff' auf ihn, er wird's wohl machen, h e r a u s s p r i n g e n . Dieser Vers heisst W o h l ! Der Spruch steht im siebenunddreissigsten Psalm, der funfte Vers. Fast kann ich sagen, ich fiel zu Grunde, wie ein Stein. Nichts, nichts in dem ganzen Laufe meines Lebens hat mich so ergriffen, als dieser Fall. So wie den Egyptern ging's mir. Sie sassen in der Nacht, wahrend dass bei den Israeliten Tag war. Das Licht war nicht bei mir. Zu Gott rief ich: Die Angst meines Herzens ist gross, fuhre mich aus meinen Nothen! Siehe an meinen Jammer und Elend Ich habe Gnade gefunden in seinen Augen, so wie den Anfang zu diesem Briefe. Meine Brust schwoll so in die Hohe, dass alle Bande zu reissen schienen. Jetzt legen sich diese Blutwogen obgleich ich noch lange nicht sagen kann: es ist stille. Vielleicht wird es nie ganz stille. Du warst kein Kind mehr, als du schwach und krank darnieder lagest und wieder gesund wurdest, ich weiss indess nicht wie? Der Dr. Saft hat wenig oder nichts dabei gethan, der, wenn gleich er seinem Vater selig eben nicht in Wunderkuren durch Heirathen gleich kommt, jedoch in der Apotheke zu Hause gehort und seine Kunst versieht trotz einem. Du weisst wie gottergeben ich damals war. Warst du gestorben, ich hatte keine Thrane, wie ich nach der Liebe hoffe, sinken lassen. Seit der Minute, da ich fuhlte, dass ich dich hatte, bis jetzt, da du dich zum Dienst des Herrn weihst und heiligest wusste ich, dass mein Sohn sterblich war. Sterblich von sterblich, und warst du gestorben! Wohl dir, du Kind der Treue!
Du sangest Freudenpsalmen,
Dem, der dein Leid gewandt.
Aus der Strophe W o h l ! Du warest w o h l versorgt. Ein himmlischer Superintendent und Oberpastor! Das ist mehr als in Mitau, wohin dir der liebe, gutige Gott, wenn es seiist, verhelfen wolle zu seiner Zeit! Da ist er wieder in Herz und Feder der Name: Mine! Mine! O der namenlosen Angst bei diesem Namen, den Gott in Gnaden von mir wende, wenn der letzte Kampf anbricht. O wende ihn, wende am Lebensende das Schreckliche dieses Namens, du der du alles lenkst wie Wasserbache.
Wie hiess der Barbar, der zwei romische Rathkopfe (nicht Glieder) jammerlich hinrichten liess, und, da ihm nach kurzer Zeit bei einem Abendmahl unter vielen andern Speisen ein gekochter Fischkopf aufgetragen ward, ihn fur das Haupt des einen Erwurgten ansah? Er sprang auf, denn der Fischkopf drohte ihm in seiner Einbildung. Er floh, der Fischkopf verfolgte ihn, und unter diesen Aengsten, da beide Ermordete ihr Blut von seinen Handen forderten, starb er. Man kann leicht denken wie? Ich meines Orts behaupte Stein und Bein von dergleichen Leuten, dass sie lebendig in die Holle gefahren! Da sagen denn die Gewissenslosen: der Barbar hatte Hitze! Freilich hatte er Hitze, allein Hollenhitze! Er setzte sich hin, um frohlich und guter Dinge zu seyn, bis der Ermordete ihm erschien. Der Fischkopf war ihm ein magischer Spiegel, und so ist's immerdar mit dem Gewissen. Einbildung? Recht. Allein das ist des Gewissens Art und Weise. Es halt uns immer einen Spiegel vor, dieser sey ein Fischkopf oder was anderes und am Ende will ich lieber wirklich leiden, als einen solchen Fischkopf sehen. Was mich mit Wasser in meiner Minenhitze besprengte, war der Umstand, welcher andere vielleicht unmuthiger gemacht haben wurde. Du hast, dachte ich, meinen grausamen Brief an Minen! Du weisst alles; das Bekenntniss der Sunde ist eine halbe Reue, eine halbe Besserung. Die Beichte konnte eine sehr vernunftige Sache seyn; jetzt freilich ist sie nichts weniger wie das. Sey mein Richter. O hier ist mehr als ein Fischkopf! Es ist immer ein und dieselbe Saite, die in mir sumset. O ein schrecklicher Ton! Auch die Horner des Altars selbst kann ich nicht ergreifen. So oft ich in Gottes Hause bin, seh' ich hier Nummer 5, und da Nummer 5. An Nummer 5 hangt mein Gewissensspiegel. Da seh' ich das stille gute Madchen und fuhl' es, dass ich ihr mit Ungestum begegnete, den letzten Sonntag, da schon ihre Seele alles eingepackt hatte. Sie grusste mich und dich. O Nummer 5! Nummer 5! O wenn diese Zahl nicht ware! Einfaltiger Wunsch, da eben fallen mir die funf Finger ein. Sie bleibe, diese Zahl, und die Erinnerung bleibe, dass ich Minen auf der Seele habe! Wie lebhaft ich mir alles zuruckerinnere! Ich besann mich, indem ich dankte, ob ich wohl danken sollte, und solch ein Dank ist arger, als Undank. Jetzt danke ich, so oft ich die Bank sehe und niemand ist, der mir diesen Dank abnimmt. O wenn doch Minchens Geist diese meine Bucklinge sehen konnte und mich bedauerte! O wenn doch ihr Geist nur ein einzigmal noch in unsere Kirche kame! Wenn ich diesen Fischkopf: Sonntag, zuruck hatte, was gabe ich darum! Nur den Vormittag, nur die Predigtstunde. Ich sah Minen deines Vaters Predigt horen uber: wir haben hier keine bleibende Statte, sondern die zukunftige suchen wir! welche dir dein Vater auf mein Zudringen, wie sie da geht und steht, senden wird. O Gott, wie horte Mine diese Predigt, und ich, wie sah ich sie horen! Gleich, dachte ich, ein Madchen, das so horen kann, kann das bose seyn? Es kann nicht. Ich sah Minen manches Predigtwort befeuchten mit ihren Thranen. Ein warmer, fruchtbarer Regen zur Seligkeit! Ich sah sie Abschied von Nummer 5 nehmen, einen sanften, seligen Abschied! O mochte ich doch auch, wenn ich zum letztenmal in das Gotteshaus gehe, von Nummer 1 so Abschied nehmen, und wenn es auch zu mir heisst: wir haben hier keine bleibende Statte, sondern die zukunftige suchen wir! so von hinnen gehen, wie sie aus Nummer 5. O hatte ich doch nur einen Buchstaben von diesem Abschiede gemerkt, da Minchen ihn nahm, nur ein Uhutchen, ein Ipunktchen! Welch ein schreckliches Licht ist mir j e t z t aufgegangen. Vorigen Sonnabend ging ich allein ins Gotteshaus und wollte versuchen, ob ich mich vielleicht in der Stille mit Minens Bank versohnen konnte. Langsam ging ich zu ihr, als zu meinem Richterstuhl. Ungefahr kam ich an die Stelle, der sie die Hand gedruckt, und siehe, es waren feurige Kohlen, die da brannten. Noch jetzt bin ich mit Nummer 5 nicht in Ordnung. Gott sey gelobt und gebenedeit, dass ich Minchen anders grusste, da sie herausging. Gott! Gott! Grosser Gott, ihre Thranen! Ihr Ringen im Auge, ehe die Thranen flossen, die bangen Thranen und die letzte, die Abschieds-Thrane, die sie weinte, da sie ging, die ihr mein letzter Gruss erregte. O sie komme zur Linderung uber mich, zum Erquickungstropfen in meiner brennenden Todeshitze, in meiner Todesnoth! Vater, vergib! Ich wusste so wenig, als Nathanael, was ich that! Dieser Wehrwolf
Doch warum klag' ich andre an,
Ich habe alles selbst gethan.
Der Stank fur Dankbrief! O hatt' ich nie schreiben gelernt! Die Zunge hat viel Unheil angerichtet; allein es geht mit ihr, wie mit dem Brod beim Backer. Den andern Tag wird frisch gebacken. Nie, mein Sohn, das schwor' ich schriftlich vor Gott, der uber mir ist, ich schwore, nie werd' ich Lebenslang einen Brief, ein Promemoria, einen Waschzettel schreiben, wo ich nicht an Minen schriftlich denke, und ihren Namen, war' es auch nur der erst' und letzte Buchstabe M.e. meinen Stank fur Dank zu bussen. Sey mit dieser Busse zufrieden, lieber gutiger Gott, und sieh mich so nicht an, wie ich Minen, vor der letzten Predigt in unserer Kirche! Wie konnt' ich sonst vor dir bestehen! Straf mich nicht nach meinen Sunden, vergilt mir nicht nach meinen Missethaten! So du willst, Herr, Sunde zurechnen hier, in der ersten Instanz, vor dem Gewissen, und dort in der letzten, wer kann bestehen?
Gott, du kennst vorhin
Alles, was mich kranket,
Und woran mein Sinn
Tag und Nacht gedenket.
Niemand weiss um mich,
Als nur d u und i c h .
Das! das! mein Sohn, ist mein taglich, mein stundlich Gebet zu Gott, das ich aus der Tiefe herauswinde, wie ein muder Wanderer einen Labetrunk aus einem Brunnen, der dem Reisebecher Tropfen auspresst. Wie gern ich sehe, wenn das Glas beschlagt, kann ich dir nicht sagen. Es ist mir so, mein lieber Sohn, als erquicke sich das Glas selbst.
Du hast mir, es ist nicht zu laugnen, einen stark gewurzten Brief geschrieben; Muskatennuss, Englischgewurz, Pfeffer und Ingwer war darin. Zu sehr indessen zeigt der Brief noch, dass du mein Sohn bist, und ich deine Mutter; zu sehr, dass du unter meinem Herdein Vater, und der nur beilaufig, gesehen hat. O warum, warum vergisst du denn diess nicht alles? Das konntest du leider nicht. Warum denn nicht? Griff ich dir nicht ins Herz hinein? Riss ich dir nicht ein Aug' aus? Sohn! zu guter Sohn! Wisse, dass ich mir selbst, wie jener Gesetzgeber, dessen Sohn ein Gesetz ubertrat, worauf zwei Augen standen, auch ein Aug' ausgerissen, und zwar das linke, das ich das Herzensauge nenne, so wie das rechte das Verstandesaug' ist. Jetzt, ich weiss selbst nicht, wie's zugeht, da ich diess alles aus der Fulle meines Herzens herausschreibe, fuhl' ich mich einigermassen getrostet. Mich soll verlangen, ob es von Bestand seyn wird. Wundershalber brech' ich auf einen Tag ab.
Gelobt sey der, dessen Aufsehen unsern Odem bewacht! Ich bin zufriedener. Ich bitte dem lieben Gott wegen des Fluchs ab, den ich uber's Schreiben aussprach! Es ist grundfalsch, dass das Schreiben nicht auch sein Gutes habe. Freilich hatt' ich an Minen nicht schreiben sollen. Was kann aber das Wasser dafur, dass es nicht Taufwasser wird, welches so schones Grun hervorbringt, dass das Auge fuhlbar gestarkt wird? Denke doch weiter uber das Schreiben, und schreibe mir mit nachstem, was du gedacht hast. Bei deinem Vater kann ich mir desshalb nicht Raths erholen. Das Schreiben kommt mir als ein vernunftiger Monolog vor, die beste Manier, wie man zu sich selbst kommen, und sich ein Wortchen ins Herz und Seele hineinbringen kann. Wenn man mit sich selbst spricht, lauft jeder fur uns: und mit den lieben Gedanken wer zaunt sie gern ein? und unverzaunt, wie selten halten sie Stich? Ich weiss, an welchen ich glaube und bin gewiss, dass er mir meine Beilage bewahren werde bis an jenen Tag, dass der, so meinen Nelkensamen gestreuet, auch die Nelken ablegen, und in ein ander Beet versetzen werde; dass der, so in mir angefangen das gute Werk seiner Verherrlichung, es auch durch seinen heiligen Geist bestatigen und vollfuhren werde, bis an den lieben jungsten Tag. O wie es mich entzuckt hat, dass die Selige Mosen und die Propheten, Bibel und Gesangbuch, zu ihrem Ein und Alles gemacht, und dass sie besonders in geistlichen und himmlischen Liedern ihre Wonne gefunden! O du mir sonst theures und werthes Lied:
Ich hab' mein Sach' Gott heimgestellt,
wie weit theurer und werther bist du mir jetzo, du, Minens Reiselied auf ihrer Wanderschaft zur seligen Ewigkeit! Weisst du auch noch, mein Erst- und Letztgeborner! wie wir unterwegs, da wir die Folianten, die uns kreuzweise zur Verewigung des vetterlichen Kupferstichs dienten, zu Hause brachten, wie wir sangen:
Wohl aus den Augen und aus dem Sinn.
Behute Gott, dass ich dich an diese preiswurdige Stelle darum erinnern sollte, damit auch die hingetragene Mine dir wohl aus den Augen und aus dem Sinn kommen moge! Nein, ewig sollst du an sie denken, aber denk' an sie, als Christ! Sieh! die Natur gibt dir die Vorschrift, deinen Schmerz nicht zu verewigen. Allmahlig, wie Spiritus, duftet er aus. Man merkt wohl, es ist Spiritus gewesen, allein die Hauptkrafte sind in den Wind geschlagen. Dein Vater pflegte zu sagen, dass er jeder Hand ansehen konnte, auch dann, wenn jetzt kein Ring daran hing, dass einer daran gewesen. Ein gewisser Zwang, ein gewisser Stolz, bleibt darin, und der kleine Finger will mit aller Gewalt der Daumen oder Mittelfinger seyn. Das kleine Narrchen! So nicht mit Christenleuten. Sie sind einen Zoll uber die Natur! grosser, starker, als sie. Was die Natur nicht kann, vermag die Gnade, die machtig macht! Dieser Gnade befehl' ich deinen Geist, Seel und Leib, alles musse unstraflich behalten werden bis zum allgemeinen Concilio, wenn offenbar wird, der Gott dient, und der ihm nicht dient. Wenn du das schone Werk: E h r e u n d L e h r e d e r A u g s b u r g i s c h e n C o n f e s s i o n , von J o h a n n W e i d n e r , U l m , 1732, habhaft werden kannst, lass es nicht aus der Hand und dem Auge! Dein Vater hat es heimgestellt, hab' ich nicht ohne die ausserste Ruhrung meines Herzens nachgeschlagen, dass ein siebenundsiebenzigjahriger Greis, da er sich diesen Kern- und Sterngesang vorsingen liess, und an die Worte kam:
Es wird nicht eins vom Leibe
mein,
Sey gross oder klein,
Umkommen, noch verloren seyn,
sich so angegriffen, dass sein erstorbener Korper sich verjungte, wie ein junger Adler. Man sah ihn ordentlich auferstehen. Nicht eins, nicht eins, nicht eins, schrie er, vom Leibe mein, umkommen und verloren seyn! und starb ruhig und selig! Wurdest du es wohl gern sehen, wenn du von Minen in der andern Welt nur ein Gemalde, nur einen Kupferstich sehen solltest? Nicht eins, nicht eins, hor' ich dich auffahrend rufen, wie den siebenundsiebenzigjahrigen Greis. Nun, du sollst sie wieder haben, ganz und gar! Es gibt platze in unsern Liedern, wo man in der grossten Sonnenhitze vor dem Sonnenstich sicher ist, wo kein Sonnenfunke hineinblitzt, kein Strahl hineinschleudert und wo es einem so wohl ist, so herzlich wohl! Ich weiss nicht (mein Gedachtniss fangt mir an so schlecht zu werden, und ich merke selbst bei Liederstellen, dass sie mir wie die Zahne ausfallen), ich weiss nicht, wo ich es gelesen habe, dass ein braver Mann sich alle liebe Morgen, wenn er aus dem Bette gefahren, einen frischen Erdenkloss bringen lassen, daran er eine Weile gerochen. Er behauptete, dass er Gesundheit und Lebensverlangerung daraus roche! Mein Sohn! gibt's einen originalern Menschengeruch? Ein Erdenkloss war noch vor dem Adam, und er ward aus ihm gemacht. Zwar ist die Erde jetzt sehr mit Todten versetzt, denn wer weiss, ob ein Stellchen ist, das nicht ein Kirchhof, eine Urne ware? Und wer kann es laugnen, dass so ein Erdenkoss, aus dem Gott der Herr den ersten Menschen machte, sich ungefahr gegen unsere jetzige Erde verhalten haben konne, als gekochtes Gemuse und rohes Obst. Indess erfrischt auch das gekochte Gemuse das Blut und auch noch, glaub' mir, auch noch muss man von der Erde was Originales riechen konnen, wenn man sich nicht an sogenannten wohlriechendem Wasser die Nase von Grund aus bis auf die Wurzel verdorben hat, welches aber nicht, wie dir erinnerlich seyn wird, durch Himmelsschlusselchen, wozu auch Krausemunze zu zahlen, geschieht. Den Erdenkloss, aus dem Adam ward, nicht wahr, den hattest du riechen mogen? Ich auch, mein Sohn! Noch eine Anekdote schwebt mir in Gedanken uber: i c h h a b ' m e i n ' S a c h ' ; allein ich kann sie nicht zum Stehen bringen. So geht's, je alter, je kalter! und bald wird mich der Papagei jenes spanischen Gesandten ubertreffen, welcher, wie ein bewahrter Schriftsteller versichert, die ganze Litanei singen konnen. Das ware ein Casus fur mich! Was ist Nachtigall und Lerche! und alle Finkenarten gegen solch einen Litaneipapagei? Zum erstenmal merke ich, dass sich Litanei und Papagei reimt! Schon! Es gibt Lasten des Lebens, mein lieber Sohn, die auch dem Christen zu schwer zu heben sind; allein er vermag alles durch den, der ihn machtig macht; er probirt und probirt so lange, bis er hebt und tragt. Es kommt viel darauf an, wie man's angreift und sich auflegt. Die Gelehrten lassen sich gemeinhin mit einem Buch in der Hand malen und daruber wegsehend! Nicht also! mein Sohn, wie diese Verkehrten! Ins Buch, sag' ich, ins Buch das Auge! Glaubt ihr Herren Gelehrte, Verkehrte, etwa, dass das Auge dem, der euch sieht, verloren gehe? Eben dieser Blick ins Buch ist das Auge eines Gelehrten, wenn er nicht ein Verkehrter seyn will, und nun, mein Sohn, lass dich nicht bloss so malen, sondern sieh wirklich ins Buch des Lebens! Die Bibel ist davon die erste Ausgabe, die zweite vermehrte wird dir in der andern Welt aufgethan!
Dein Grossvater seliger, d e r G l u c k l i c h e , machte, wenn er nachsann, kleine Augen, recht als ob er keinem Gegenstand mehr Platz lassen wollte; dein Vater macht sie gross, wenn er nachdenkt, wenn er mit der Seele wohin sieht, und da fallen denn Sonnenkorner, kleine Sterne, wie die Sternschnuppen, aus seinen Augen. Manche machen die Augen dicht zu, als ob sie nicht sahen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare, denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Was steht in der ersten Ausgabe des Lebensbuchs? Denen, die Gott lieben, mussen alle Dinge zum Besten dienen. Kann der Thon sprechen zum Topfer: warum machst du mich also?
Der Mensch sieht immer scheel uber den lieben Gott, weil er so gutig ist, nicht nur in Absicht seines Groschens, sondern anderer. Diess Evangelium vom Groschen ist vortrefflich; es ist nicht mit Gold zu bezahlen. Was kannst du, Mensch, mehr als einen Groschen verlangen? Am Ende hat niemand mehr. Nur dass es anscheint, als hatte dieser oder jener daruber. Was willst du mehr, Mensch! wenn du deinen Groschen bekommst? Was mehr? Du willst die ganze Natur verschlingen. Unthier! Wie viel Arten von Speisen in einer Mahlzeit? Fast alle sechs Tagewerke werden aufgetragen. Dafur musst du aber auch leider! den Dr. Saft in Ehren haben. Selbst das Sterben muss dir dafur schwer werden. Du bringst dich selbst um, Israel! Wahrlich, in allem Betracht dich selber! Das ist ein theuer werthes Wort, dass sich der Mensch mit dem lieben Gott in Verbindung denkt, dass er weiss, wie ohne den Vater uber alles kein Sperling fallt, wenn gleich dieser den Kirschen nachstellt. Kein Haar auf deinem Haupte ist, das Gott der Herr nicht gezahlt hatte. Alles ist in Verbindung mit einander und alles zu Gott. So drehen sich grosse Weltkorper um ihre Achse und wandeln, sagt dein Vater. Ich stelle die grossen Weltkorper an ihren Ort, genugsam mit der Bemerkung, dass gottliche Heimsuchungen, dergleichen du jetzt erfahren, dergleichen ich auch oft erlebt, besonders da dein Vater mir lieblos den Rucken kehrte und ich im hitzigen Fieber hebraisch lernte, da mir deine Grossmutter den Ring aufdruckte, und da dein Vater dich Alexander hiess, und da er selbst M l ch genannt ward, was wollt' ich sagen? Dergleichen Heimsuchungen sind Wecker, sind Haltrufer! S t e h d o c h , S e e l e , s t e h d o c h s t i l l e ! Gott sucht den Menschen heim, wenn es dem Menschen wohlgeht. So sieh dich doch um, wie schon dein Feld steht; dein Weib furchtet den Herrn und deine Kinder stehen wie Palmen am Wasser; du hast, was dein Herz wunscht und deinen Augen gefallt. Gott sucht den Menschen heim, wenn er ihm mit unerwartetem Ungluck in die Quere kommt. Gluck kommt in die Lange. Gott kommt, so zu sagen, bis ins Menschen Haus, um ihm Gutes im Gluck und Ungluck zuzufugen. Was liegt nicht alles in dem Worte h e i m s u c h e n ! Gott sucht den Menschen heimzuziehen, von der Welt ab und in sich selbst, in seinen eigenen Busen, um durch eben diese Selbsterkenntnis ihn dahin zu bringen, wo wir ewig seyn werden! Kreuz und Leiden, mein Kind, sind der Zaum und Gebiss, so der liebe Gott uns, seinen Rossen, ins Maul legt, wenn wir nicht zu ihm wollen; und wer ist ohne Kreuz und Leiden? Willst du mit Gott rechten, du toll und thoricht Volk, das wahrlich nicht an seine Brust schlagen und sagen kann: mein Gewissen beisst mich nicht meines ganzen Lebens halber. Das Gewissen, wie du selbst wissen wirst, geht von unten, ungefahr um den Magen herum, in die Hohe. Oben halt es sein richterliches Amt, unten ist sein Schlafstubchen. Wenn es aufwacht zum harten Criminalurtel, wie brennend sind seine Tritte! Wie gluhend Eisen geht's in die Hohe. Was schreien wir denn? Dass wir nicht diess und dass wir nicht jenes haben? Wenn wir auch das nicht hatten, was wir haben? Wenn du z.B. nicht Pastors Sohn warst und Mine die Tochter eines Literati, obgleich uber seine Literatur noch ein Streit ist. Waren wir nicht Thon, aus dem der Weltmeister machen konnte, was er wollte! Warum sollten wir der Erde noch mehr Dornen und Disteln auf den Hals wunschen und ihr fluchen? Glaub mir, am Ende hat der Generalsuperintendent und der Herzog, der Prapositus, der Pastor, der Literatus, schlecht und recht, fast mocht' ich sagen, der Wacker selbst, nichts vor dem andern daruber und darunter. Jeder hat seinen Groschen. Staub ist Staub, er sitze im Sammetrock oder im Kittel. Schmerz ist ein Praludium zur Freude, Freude ein Praludium zum Schmerz. Es geht in der Welt alles aus e i n e m Ton, aus B dur. Freilich leiden wir oft des Ganzen wegen, so wie der Gerechte durchs Gesetz, das eigentlich nur dem Ungerechten gegeben ist; allein leiden nicht auch viele fur uns? Es geht immer mit einander auf. Wie viel Hande sind nicht unsertwegen, eben da ich diess schreibe, in Bewegung. Die Menschen haben schon einen angebornen Trieb zur Hulfsamkeit, sich einander forderlich und dienstlich zu seyn. Du empfindest die Sonne, weisst du aber ihre Natur und Wesen, weisst du, ob darin gegessen oder getrunken wird? Das sey dir eine Warnung! Ueber Gott und seine Wege meistere nicht! Dein Standort ist dir nicht recht; weisst du aber auch, wo du stehst? und wenn du es weisst, stehe wohl zu, dass du nicht fallst. Willst du gerechter, gutiger seyn, als der Allgutige, der Allgerechte? Die Natur des Menschen hilft sich durch die Krankheit, so wie die grosse Hauptnatur durch Donner und Blitz, Hagel und Sturme. Wenn sie sich den Magen verdorben hat, muss es heraus. So lange dir der liebe Gott die zwei Brunnlein deiner Augen gibt, in denen Wasser des Lebens, des Trostes rinnen, und so lange der Mensch manche schwere Stunde verweinen kann, was will er denn? Zwar
Die Fromme stirbt, die recht und
r i c h t i gh a n d e l t ,
Die Bose lebt, die wider Gott
misshandelt;
allein ist's nicht besser, dass eine Wohlvorbereitete unter die Engel kommt, als eine die es nicht ist. Wurden die Engel sonst nicht alle Liebe zu den Menschenkindern verlieren, wurden sie sich nicht des Menschen schamen, obgleich er wie sie Gottes Geschopf ist? Wenn der v. E mit seinen habsuchtigen Augen dahingerafft ware, wahrlich ganz Curland hatt' im Himmel darum verloren. Es ware Curland gegangen, wie es den Deutschen dadurch geht, dass sie lauter Grutzkopfe nach Paris geschickt, das Land zu besehen, woruber dein Vater nicht genug seinen deutschen Kopf schutteln kann. Lies dir da Trostgrunde aus, wie wir Zuckererbsen zur Saat auszulesen pflegen. Was wurmstichig ist, wirf davon. Nicht alle meine Trostgrunde sind Saatzuckererbsen. Du weisst doch, man muss sie erst aufweichen, wenn sie aufgehen sollen. Weine, herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrubter und leidtragender Sohn! und erweiche die Saaterbsen von Trostgrunden durch deine Thranen; dann wirst du alles ganz anders finden. Weine fur Freuden, dass wir weinen konnen, und erhole dich, wie die angebrannte Pflanze nach dem Abendthau. Verstopfe die Quelle, aus der Leben abfliesst, nicht durch bittere Harte. Murre nicht wider Gott! Nicht alle konnen alles: nicht jeder kann einen Wald voll Waldgreise alter und wohlbetagter Eichen, nicht jeder kann einsame Gegenden aushalten, wo Schauer aus allen Winkeln zusammenkommen, und den Ankommling angstigen, als kam' er in ein verfluchtes Schloss. Da wird er denn in die Enge getrieben, und kommt so im Kleinen zu stehen, dass er wie in sich selbst verkrochen ist. Ich konnte den dicksten Wald aushalten, als sah' ich Johannisbeerenstrauch, und selbst in der alten Rummelei eines vernachlassigten Waldes, in einer zerstorten Statte, wo ein Kauzlein keinen Laut wagt, konnt' ich froh seyn. Da fing ich dann ein Morgen- oder Abendlied an, und freute mich, dass der Wiederhall so gut Melodie hielt. Da sah ich dann manchen Baum, dem die Erde an der Wurzel ungetreu worden. Sie wollte von ihm abfallen; allein er befasste sie mit seiner Klaue und sie blieb. Da war ich wie zu Hause, und fuhlt' es tief in der Seele, dass im Stillen wirken gottlich sey. Die Natur (Gottes Sprachzimmer) sieh, wie still sie ist! Eine Waldblume, obgleich sie nie eine Eiche wird, bekommt etwas von der Starke ihrer Kameraden. Sie steht langer als die auf dem Felde; denn wenn ich gleich nur ein Lied bin, geht doch manche Ode auf meine Melodie ich horte den Donner nicht, als hort' ich Gottes Scheltwort. Schelten konnte nur meine selige Mutter uberall, und ich in der Kirche. Ich hab' es selbst gesehen und gehort, dass mitten im Gesange deine Grossmutter selige, war es Katharinen oder einer andern, einen Schlag ans Ohr gab mitten darin. Dergleichen Taktschlage sind mir nicht eigen. Wer ein gut Gewissen hat, halt den Donner fur eine Instrumentalmusik der Natur. Thut Busse, tont er dem Verbrecher, denn das Himmelreich ist nahe herbeikommen. Und der Blitz? Gott verzeih mir meine Sunden, oft ist es mir vorgekommen, als schluge sich der liebe Gott Licht an, und auch im dicksten Walde, wo ich denn wohl einsah, dass die stolze Eiche, die gern ein Wortchen mitspricht, und die, wenn der Wind daherfahrt, Scheltwort auf Scheltwort gibt, stockstill war; im Walde, wo der Blitz sich so recht herumschlangeln kann, war mir ehemals nichts schrecklich! Wie still es hier war, wie vor dem Worte: es werde Licht! Da bewegte sich kein Blatt. Mir war ehemals diese Stille erwecklich, himmlisch! Nach Minens Tode, ich kann es nicht laugnen, ist mir beim Donner und Blitz nicht mehr so zu Muthe! Jetzt ist auch was von t h u t B u ss e darin, und im Blitz: b e d e n k e d a s E n d e ! Ich schaudre vor dicker Finsterniss, und alles scheint Mine im Munde zu haben und wider mich a u s b r e c h e n zu wollen. Vor diesem, selbst wenn eins vom Blitze getroffen war, kam es mir vor, als war' es im feurigen Ross und Wagen gen Himmel geholt; vorzuglich dacht' ich diess bei dem Blitztode des alten Peters, denn er war ein so guter, frommer alter Mann, dass nichts wider ihn zu sagen war. Man suchte nach seinem Tode; allein kein blauer Fleck an ihm! Es war kein Schmerz in seinen Falten; sie schienen wie ausgeglattet. Im Leben hatte Peter auch keinen Fleck, ausser dass er zuweilen ein Glaschen uber den Durst trank. Eins nur. Jetzt ist alles mit mir gar anders! Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt, von den Fusssohlen an bis zum Scheitel ist nichts Gesundes, nichts Festes an mir.
Charlottens Laube selbst, wie schrecklich sie mir da ist! Hier, wo so viele Thranen vergossen sind, hab' ich Muhe, die meinigen in Gang zu bringen. Sieh, mein Sohn! Du bist zu Superintendenten-Leiden und zu Superintendenten-Freuden geboren und erkoren, zur hohen Wurde, zur schweren Burde. Zum hoheren Halleluja, zum tieferen Kyrie Eleison. Du bist, das weiss ich, nicht unbehulflich in diesem Kummer. Der Gram ist durstig, wenn er aus verungluckter Liebe, aus Todesliebe, kommt, hungrig, wenn er Verachtung, Verspottung zur Triebfeder hat. Trink ein wenig Weins, deines schwachen Magens halber, und wisse, dass deine Mine wohl versorgt sey; aber warum schein' ich es selbst nicht zu wissen?
Ach! wer doch einmal droben
w a r e ! Wenn du gelegentlich, mein Kind, ein Buch: Die grosse Diana der Epheser, oder ein Traktatchen von den Accident i e n d e r P r e d i g e r , D a n z i g 1693, lesen kannst, lies es und schreib mir den Inhalt. Selbst lesen mag ich es nicht, wohl aber die Ehre und Lehre der Augsburgischen Confession von Johann Weidner, Ulm 1732. Wenn es dir begegnet, kauf' es. Mit Freuden ersetz' ich Kosten und Porto. Glaube mir, mein hiesiger Aufenthalt wird nicht langwierig seyn, und ich freue mich daruber, bald, bald ausgespannt zu seyn und ausser dem Leibe zu wallen. Meine Seele, ein Strahl aus dem gottlichen Lichte, sehnet sich, zuruckprallen zu konnen und mit dem lieben Gott ins nahere Verkehr zu kommen! Der Tod wahrlich ist das wahre Universale wider alle Leiden dieser Zeit. Wurden wir wohl Lust haben einzupacken, wenn nicht heute hier, morgen da einer von unsern Lieblingen und Gespielen das Zeitliche segnen und aus unserem Kranzchen wie eine Rose, die am besten riecht und am ersten bricht, ausfallen wurde? Und was hat sie denn, die Welt, im Palast und in der Wachterhutte? Was hat sie denn,
So uns nicht naget und plaget?
In der Natur ist Tag und Nacht, Sommer und Winter, Morgen, ware nicht der Tod, ware wohl Leben? Hier ist der erste Eingang bei den meisten Menschen bis ans Vaterunser. Bei den andern das Thema, die Partition, bei den meisten ein Gerippe zur Ausfuhrung, die mein seliger Vater, wenn der Edelmann communicirte, vorn in die Bibel zu legen pflegte, um keine Division und Subdivision zu verlieren.
Die rechte Ausfuhrung, vorzuglich die Applikation, ist der Zukunft vorbehalten. Zum Amen kommt es bei keinem Menschen. Gott allein ist Amen. Alle Verheissungen sind Ja in Ihm, und Amen in Ihm! Gott zu Lobe durch uns! Darum lieb' ich auch diess Wort, das Amen fein, Amen, bis zum Herzandruck, bis zum Kussen Gott der Herr ist uberschwenglich; er thut mehr, als wir wissen oder verstehen. Wir fragen zwar alle Augenblick, wie Maria, w i e s o l l d a s z u g e h e n ? und lachen wie Sara, weil ihr Herr alt war und es ihr nicht mehr nach der Weiberweise ging; allein Zeit bringt Rosen, und Hoffnung lasst die nicht zu Schanden werden, die im Dienst der Wahrheit und des Lebens stehen, und nicht auf den Wirrwarr dieses Lebens, sondern auf die Harmonie des Zukunftigen sehen; daher auch der Himmel musikalisch vorgestellt wird.
In Parenthesi merk' ich an, dass ich am Sterbetage deiner Mine faste und fasten werde, bis mich nicht mehr hungert, noch durstet, und auf mich fallt irgend eine Hitze der Angst. Aber wie fast' ich? Nicht, dass ich mich verschlosse, sondern dass ich meine Lieblingsschusseln selbst mit eigener Hand koche und mit eigener Nase rieche. Dann ist's keine Kunst zu fasten, wenn uns Feuer und Wasser im Exilio versagt werden. Sey getrost, mein Sohn! Der Trieb des Lebens hort nicht auf, sondern mehrt sich mit den Jahren; nur durch die Religion wird er eingeschrankt und zur rechten Ader gelenkt. Ich kann es dir versichern, dass meine Lust zum Leben so ziemlich versiegt ist. Wie sollte das zugehen, wenn nicht noch was dahinter ware? Darauf verlass dich! Es ist noch was dahinter.
Deiner Gute will ich trauen,
Bis ich frohlich werde s c h a u e n
Weiter kann mein centnerschwer beladenes Herz weder schreiben noch singen. Wieder ein Absatz! Meine Lippen sind gedorrt, so, dass die Triller nicht aus der Stelle wollen, eben so wenig, als die Feder. Ich will morgen wieder eins versuchen. Alte, mein Sohn, mussen aufs Vergangene, Junge aufs Zukunftige denken. Wer die Ursachen der gegenwartigen Dinge und ihre Verbindung mit den zukunftigen ubersehen kann, das ist ein weiser, das ist ein gottlicher Mann. Der hat Verstand, dem etwas leicht wird, was andern Menschen schwer ist; der hat Verdienst, der es sche dir wohl zu ruhen!
* * *
Mein Gott, nun ist es wieder Morgen!
Die Nacht vollendet ihren Lauf;
Nun wachen alle meine Sorgen,
Die mit mir schlafen gingen, auf!
Die Ruhe, wie der Schlaf, ist hin,
Ich sehe wieder, wo ich bin.
Ich bin noch immer auf der Erde,
Wo jeder Tag sein Elend hat,
Hier, wo ich immer alter werde,
Und haufe Sund' und Missethat.
O Gott, von dessen Brod ich
zehr',
Wenn ich dir doch auch nutze
war'!
Diese beiden Reihen hort' ich einmal von einer Bettlerin singen, und dieser Gesang ist mir in der Erinnerung noch so ruhrend, dass ich keine Zeile mehr weder abschreiben noch singen kann. Wie hast denn du geschlafen? Wenn man auch nicht gut wacht, wenn man nur gut schlaft, so findet sich auch das Wachen. Der Candidat erzahlte jungst ein Vorfallchen, das kurzer als seine Manschette, allein recht artig ist. Ein Bauer kommt nach Mitau, um den Brief an seinen Sohn ja recht gut anzubringen. Er gibt ihn ab, und wartet bis der Postillon blaset, und nun bittet er ihn recht freundlich, doch ja den Brief gut zu bestellen. Lieber Sohn! Wir Menschen, denk' ich, machen es eben so, und auch du bist, mit deiner Erlaubniss, nichts mehr, nichts weniger, als dieser Bauer mit dem Briefe. Wir alle bitten den Postillon, den Brief, den er zwei Meilen tragt, gut zu bestellen. Wer erreicht seine Schicksale, nur uber eine Handvoll Jahre, das sind funf nach der Zahl der Finger? Wer bis an Stell' und Ort? Auch in Absicht deiner Mine bist du nach Mitau gereiset, und hast so lang gewartet, bis geblasen ward, und hast recht freundlich gebeten, doch ja den Brief zu bestellen. Sag am Ende, um nur mit einem Blick, mit einem einzigen, auf die nachstfolgende Station zu kommen, hatte wohl Mine fuglich Superintendentin werden konnen? Wenn ich schwach bin, bin ich stark, sagt ein Apostel, der doch entzuckt ward bis in den dritten Himmel, ins Paradies, wo er unaussprechliche Worte horte, die kein Mensch ausdrucken kann. In Parenthesi, mein Sohn! Betruge den Petrus und den Paulus nicht um ihr u s . Scheer ihnen den Bart nicht, der ihnen so trefflich fleht. Recht Mass, rechte Elle, recht Gewicht. Sey nicht solch ein Ehrenschander, als ein junger Candidat, der vor acht Tagen bei uns war, welcherlei es viel gibt unter den Deutschgelehrten. Der heilige Paul, der heilige Peter! O du "Ich habe mehr gearbeitet, ich habe mehr Schlage O des vortrefflichen Paulus! O des theuren auserh o r n mit uns von der Seitenlinie verwandt ist? Ist's denn nichts, Menschen vom Irrthum und Thorheit bringen zu der Wahrheit? Ist's denn nichts, Superintendent seyn? Der Herzog regiert uber den Leib, der Superintendent uber die Seele. Dein seliger Grossvater sagte, wer ein kluges Buch schreibt, hat ein Edict ausgeschrieben, das nicht ein spannenlanges Landchen, sondern die Welt beobachtet. Er ist mehr von Gottes Gnaden, was er ist, als diese Durchlauchtigen Haupter. Wenn ich die Wahl hatte, so wollte ich lieber N e w t o n , als C z a r P e t e r seyn, sagte unser Hauptcandidat. Dein Vater schuttelte den Kopf, was ist aber da zu schutteln? Und wenn nicht ein Dichter, ein Historicus dazu kommt, fuhr der Candidat fort (es ist immer derselbe mit den langen Manschetten), was ist denn des Helden grosste That? Ein Held, ein Monarch braucht einen Dichter, einen Redner; aber diese konnen sich ohne ihn behelfen. Dein Vater nahm den Candidaten bei der Hand, damit aber war die Sache nicht ausgemacht. Es ist kein Kleines, Gottes Diener zu seyn. Was ist der kaltbrandige alte Herr dagegen? Und doch ist er Minens Vater. Sein Flick von Literatur macht es nicht aus. Wie, sage selbst, wie hatte sich Hermann zum Schwiegervater eines Ehren Superintendenten geschickt, wenn auch Mine seine Tochter zur Superintendentin zu erkiesen gewesen? Wenn auch? O vergib mir dieses w e n n auch, und oben die Frage: H a t t e w o h l M i n e f u g l i c h Superintendentin werden konnen? Ein bosartiges f u g l i c h . Ja sie hatte f u g l i c h konnen. Ja, sie hatte konnen!
Du weisst wohl, wie dein Vater sich zu argern
pflegte, wenn jemand Papier im Garten viertheilte, wenn Papierstucke auf der Erde lagen. "Papier," pflegt' er zu sagen, "gehort so wenig in den Garten, dass es das Auge beleidigt, so was im Freien zu sehen. Weisst du was kunstlicheres, ausser deinem Hemde, als Papier? Und doch muss erst dein Hemde alt werden, wenn Papier daraus werden soll." In der Studirstube deines Vaters war freilich mehr zerrissen, als ganz. Da liegt der Mensch, sagt' er! wenn ich ausfegen wollte, hiess es: lass ihn! Ich meines Orts, das weiss Gott, habe kein Blattchen entzweiet, und oft, wenn ich gern was vertilgt hatte, konnt ich's? Ich kann nicht zusehen des Knaben Sterben, hiess es von mir, wie von Hagar und Ismael! Obgleich Ismael ein Spotter war, ich aber kein Wort geschrieben habe, was ismaelitisch ware. Die Frage: hatte Mine fuglich Superintendentin werden konnen? und die Stelle: w e n n a u c h das ware so etwas, das ich Lust zu vernichten hatte! Und der Brief an sie ist wahrlich des Feuers schuldig. Selten, mein Sohn, ist ein Herz, das nicht mit dem Kopf uber den Fuss gespannt ware; oft wenig oft viel. Selten ist's, dass Kopf und Herz sich mit einander einverstehen, und dann spotten sie sich nach. Da spielt denn das Herz den Kopf, und der Kopf das Herz, und die beiden Gecken sehen sich als ein Paar Affen an! Ja, sie hatte! Mine hatte konnen! Wenn ein Hechtkopf aufgetragen wird, suche des Kopfs habhaft zu werden. Zwar ist's auch ein Fischkopf, der jedem Tyrannen schrecklich seyn wurde; dich aber wird er erbauen: da fehlt nicht ein Stuck von dem, was bei der Kreuzigung vorgefallen Speer, Kreuz. Wie steht's, wie geht's auf der Akademie? Lass dich nicht durch Minens Tod von deinem Fleiss abwendig machen. Sie studirt dort, du hier, beide Theologiam! Vergiss nie, mein Sohn, dass du im Dienste der Wahrheit und in keines Menschen Dienst stehest. Die Wahrheit ist Gottes. Professor Grossvater, so gut ich ihm gleich bin, ist doch ein Mensch. Von den kopfhangenden Pietisten, dergleichen es in Konigsberg an allen Ecken der Strassen geben soll, lass dich nicht verfuhren. Die Hurer und Ehebrecher wird Gott richten. Ein Mensch, wie du, muss so seelenkrank in der Welt seyn! Ist das nicht Jammer und Schade! Doch du wirst alles gewohnt werden, und Gewohnheit ist die andere Natur. Minchens Anverwandte in Mitau sind Anverwandte meines Herzens durch Minens letzten Willen worden. So lang' ich Brod habe, soll's ihnen gebrochen werden. Die guten Alten! Warum sollt' ich ihnen sogleich sagen lassen, dass Minchen todt ware? Was die Minchen gesegnet haben! Sie braucht euren Segen nicht mehr. Jetzt wissen sie ihren seligen Tod; denn die Wahrheit zu sagen, ich wollte mir diese Pension von Segen selbst zuwenden; da hab' ich einen Geiz, der seines Gleichen nicht hat. Sieh! das ist ein Capitalchen, das in der himmlischen Bank aussteht, wo die Zinsen auf den Tag fallen. Eile mit Weile. Ein Arzt, der einem Schaden vorbeugt, ist theurer und werther, als einer, der ihn heilt. Ich weiss nicht, ob du Minens wegen ein Schwarzrockler werden wirst? Ich vermuthe es und bin drob frohlich, weil du dich schon zeitig an diese Farbe gewohnst, die deine einzige, deine Leibfarbe, werden wird; wenigstens wurd' ich dir zu schwarzen Knopflochern und Knopfen namlicher Farbe anrathig seyn. Was Gutes kann man nie zeitig genug anfangen. Schwarz kleidet jeden Menschen. Hier wird Minens Geschichte sehr geheim gehalten. Alles schleicht incognito. Du kannst sehr leicht rathen, warum? Der Herr v. G. kam jungst, bloss dieser traurigen Geschichte wegen, zu uns, und so was muss man sehen, wie sie ihm nahe ging. Die Frau v. G. soll gesagt haben: Da sieht man, was nicht adelich, nicht Wie wenig beneid' ich ihr diesen Adel! Und wie wenig hab' ich es Ursache, wenn dich Gott zur Superintendentur aufgehen lasst. Ich werde es freilich nicht erleben, in diesem Jammerthal; allein solch eine Nachricht kommt sehr schleunig und durch einen himmlischen Courier gen Himmel! und da werd' ich mich freuen, wenn mir meine englischen Gesellschafter oder Gesellschafterinnen (wie soll ich sagen? es wird da, glaub' ich, kein Mannchen, kein Weibchen, sondern alles wird Engel seyn) Gluck wunschen werden. Habt Dank, ihr lieben guten Engelein wegen eurer Gluckwunsche! Schon da ich mit ihm gesegnet ging, schon im Mutterleibe war er Superintendent und ihr werdet horen und sehen, in wie viel Abgewichenen er das glimmende Docht anfachen, wie viel Fromme er befestigen, wie viel unschuldige junge Seelen er grunden werde! Wir werden so ein Plus im Himmel haben, dass man daruber erstaunen wird, und kommst du selbst einmal, lieber Sohn, wenn dein Stundlein vorhanden ist, zur ewigen Freud' und Herrlichkeit, wie wonnereich wird es mir seyn, die Stimme zu horen: ei du frommer und getreuer Erzknecht! Das ist eine andere Ehre als die Canonisation, die wir einem unserer Vorfahren erwiesen, der dir so ahnlich sieht wie ein Ei dem andern, als dessen Kupferstich wir dem Himmel nahe brachten, indem wir es in der Speisekammer aufhingen! Du wirst es nicht bei Ostereiern bewenden lassen, lieber Sohn, welche dieser unser Vorfahr in seiner Gemeine ruhmlichst abstellte, sondern mit offenbaren im Schwange gehenden Sunden so umspringen, wie er mit den Ostereiern. Mache mir, geliebtester Sohn, die Freude, dass ich von dir im Himmel hore und bei dem: g e h e e i n z u d e i n e s H e r r n F r e u d e ! ich, als des Triumphators Mutter mit triumphiren und jubiliren konne in Ewigkeit. Gern werd' ich dich dort in Pontificalibus sehen, das heisst nicht in Mantel und Kragen, sondern als himmlischer Superintendent. Ohne dir den Tod zu wunschen, wenn du hier zu leben Lust hast, stell' dir vor, wie es dich selbst ergotzen wird, wenn d e r und d i e kommt, dieser und jene, und dir dankt, dass du das glimmende Docht angefacht, dass du es befestigt, dass du es gegrundet hast! Da wirst du manche That emporgeschossen finden, die du aus einem Wortkern gezogen hast! O, der unnennbaren Wonne! Ist diess schon so schon in der Prophezeiung, was wird die Erfullung seyn! Guter Oberhirte
Gibst du schon so viel auf Erden,
Ei was will im Himmel werden!
Du weisst, mein Lieber, wie ich zuweilen mich von Grund aus recht von Herzen freuen kann in dem biblischen Sinn: freuet euch in dem Herrn und abermal sag' ich euch, freuet euch! Dein Vater pflegte zu sagen: bei der rechten Freude sind alle Fenster beim Menschen offen, und da hat er ganz recht. Man fuhlt solch eine Freude durch alle Organe. Ich fliege zwar nicht an allen meinen Gliedern, wiewohl diese Freuist in Bewegung an mir. Wo ist aber diese Freudensonne geblieben? Sie ist hin ihre Statte ist nicht mehr. Eben war es bei mir so schon Maigrun an der Erde und Maiweiss auf den Baumen, und siehe da die Botschaft: Mine ist todt, zertrat jedes Gras, das sein Haupt heben wollte, und zog den Baumen das weisse Hemd aus, so dass alles wust und leer steht! Alles ward so eilig in einem Nu, in einem einzigen, alles so kurz und klein, so verheert und zerstort, alles so bettelarm entkleidet, dass es auch den Kaltherzigen jammerte. Deinem Vater, das sah ich, geh' ich so nah', dass ich ihn drob liebe, als konnt' er hebraisch wie Wasser. Der gute Mann seines Weibes, der gute Vater seines Sohnes! Alles ubrige, was ein jeder Christ und jede Christin auf seinem und ihrem Herzen und Gewissen hat, die Noth der ganzen Christenheit, besonders das gegenwartige und zukunftige Gewitter fasse ich zusammen in die schonen Worte: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn! Sonst, mein lieber Sohn, muss wohl das Lichtere den kleinern Theil ausmachen. Rothe Weste, blauer Rock. Wer kann die stets lustigen Leute ausstehen? Der kleinste Theil des Lebens kann nur dem Vergnugen gewidmet seyn! Dem allen unerachtet will ich dir doch wegen der noch bluhenden Jahre das meiste Licht erlauben, wenn nur das kleinste, Knopf und Knopflocher schwarz sind. H e l l e r F u t t e r a l s d i e F a r b e d e s K l e i d e s pflegt dein Vater zu sagen, allein er verzeihe mir. Diess wurde heissen: sie glanzen schon von aussen oder der hochwurdige Herr weiss sich nicht zu regieren und zu fuhren. Also lass dein Licht leuchten vor den Leuten, trag' ein lichtes Oberkleid und beweise, dass du auch mit Pharisaern und Obersten im Volke zu Tische zu sitzen verstehst ohne deinem Innerlichen, dem inwendigen Menschen, dem schwarzen Unterfutter zu nahe zu treten. Ich beharre deine treue Mutter und Furbitterin bei Gott!
Deines Vaters Brief, der ihm durchweg so viel Schweiss gekostet, als mir der Anfang, leg' ich diesem Sendschreiben bei!
* * *
Der V a t e r A m a l i e n s und i c h nach meiner Zuruckkunft von dem Nathanael Gretenschen Myrtentage.
E r . Wenn das Ehegeld in Curland nicht hoher ist.
I c h . Schwerlich es gibt Falle, sie sind aber selten.
E r . So ist die Sache richtig. Meine Frau, um mit der Thur ins Haus zu fallen, wunscht den Herrn v. G. zum Schwiegersohn. Er hat ihr sein Ja so deutlich gemacht, nicht etwa zu verstehen gegeben, so deutlich gemacht, dass es jedem Menschen sichtbar ist, nur horbar noch nicht. Die Aussprache des Worts fehlt. Angeschrieben steht's in seinen Augen, Mund, Handen, Fussen.
I c h . Sie sagen mir da etwas
E r . Was Sie selbst wissen.
I c h . Ich?
E r . Hatten Sie es denn nicht gelesen? Doch stand es so leserlich, so fraktur-gross.
I c h . Von wem geschrieben?
E r . Ich sehe wohl, dass Sie in dergleichen Schrift nicht gelehrt sind; das hab' ich von jeher Ihretwegen behauptet. Gelt! Sie sind ein Abstemius, obgleich das Gerede im Weibercirkel ging, Sie hatten wirklich ein Madchen unter die Haube gebracht, das heisst bei uns: Sie waren verheirathet. Bald darauf ging es: Sie waren Wittwer! So oder anders, ich kann in Sachen meiner Tochter
I c h . So oder anders sind Sie mir lieb.
E r . Horen Sie nur, auf Betrugerei steht ein boses Gewissen, auf Wind steht Verachtung. Warum der Streit zwischen Geist und Fleisch, zwischen Fleisch und Blut? Gerade aus ist am nachsten. Sie kennen mich einestheils und hatten mich anderntheils noch naher kennen lernen konnen, wenn Sie ofter bedacht, dass wir uns in die Fenster sehen konnen und so nahe Nachbaren sind. Mit Ehren zu melden bin ich so offenbar wie mein Laden. Am Ende was ware denn, wenn meine Tochter Frau v, G. wurde?
I c h . Frau v. G.?
E r . Nicht anders.
I c h . Soll ich ohne offnen Laden so offen seyn wie Sie? Herr v. G.
E r . Ich bitte
I c h . Herr v. G.
E r . Zu dienen.
I c h . Ist Studirens halber in Konigsberg, und gewiss nicht, um sich eine Lebensgehulfin zu suchen.
E r . Und wenn er was ungesucht findet?
I c h . Ist ein Edelmann.
E r . Ha, da liegt der Hund begraben wohl recht, der Hund! Edelmann! Er Edelmann, ich Kaufmann. Mann ist Mann. Herr v. G. ware nicht der erste und wird der letzte nicht seyn, der es so macht, ob es gleich freilich nicht al corso, nach laufendem Preis ist, ich finde nichts in den zehn Geboten
I c h . Gott und Natur haben nichts dagegen, allein der Lauf der Welt
E r . Lasst die Welt einmal gehen und nicht laufen.
I c h . Lauf oder Gang
E r . Wenn die Welt geht und nicht lauft und sich nicht ubereilt, kann meine Tochter so gut Ja sagen als ein Fraulein
I c h . Und kommt so gut von Adam und Eva als ein Fraulein
E r . Nicht anders.
I c h . Aber wir sind nicht bestanden in der Wahrheit, und eben darum Stande, Konigreiche, Furstenthumer, Grafen, Freiherren, Herren und dessgleichen. Ehe die Welt wieder ins Paradies kommt, und das mochte wohl eine Zeitlang dauern. Noch ist an diese Gleichheit nicht zu denken. Meinen Sie wohl, dass wir's erleben werden?
E r . Curland ist doch aber ein freier Staat.
I c h . Das heisst: der Edelmann geht in Stiefeln zur Kur, wenn es ihm so einfallt.
E r . So! das ist alles?
I c h . So ziemlich! Ein Cavalier wenigstens heirathet ein Fraulein und ein Fraulein einen Kavalier, des freien Staats unerachtet.
E r . Und das ist ein freier Staat?
I c h . Wie es heisst!
E r . Basta! Das Weiberzeug! Ich hab' es gleich gedacht, Herr v. G. konnte mein Kundmann nicht seyn; aber da wollen die Weiber immer hoch hinaus. Der Henker mag wissen, was am Ende wird. Ein Schustermadel will einen Kaufmann, eines Kaufmanns Tochter einen Geheimenrath, die Tochter des Geheimenraths, die wenigstens Emilia Philippina Polyxena Alexandria heisst, ubrigens kein Hemd, wenigstens keines von hollandischer Leinwand, auf dem Leibe hat, will gar einen Fahndrich, ein Fraulein schlechtweg einen Grafen u.s.w. Das ist schon Preis courant; aber da bleibt denn auch manches Madel ein Ladenhuter, wenn sie nicht klein beigibt.
I c h . Sie sind ein vernunftiger Mann.
E r . Decourtiren Sie immer etwas von diesem Lobe. Ich liebe meine Frau, und da passirt denn zuweilen unrichtig Mass, Gewicht und Elle.
I c h . Ihre Tochter selbst
E r . Sagen Sie nicht! Der Jager hat ihr das Herz getroffen.
I c h . Das bedaur' ich!
E r . Landlich, sittlich! Costi, das heisst: hier auf dem Platz ist es so was ungewohnliches nicht, dass ein Edelmann Hans und eine Burgerliche Grete ist.
Der ehrliche Nachbar bat mich dringend, das Wort: i c h l i e b e auszuloschen, das auf dem Gesichte des Junker Gotthards mit so blendenden, goldenen Buchstaben angeschrieben ware, und ich versprach es dem Biedermann. Der Vater hatte einen Collegen, einen Kramer bei der Hand, der den Junker Gotthard ersetzen sollte. Das Madchen wollt' um alle Welt nicht. Sie hatte, wie es sich von selbst versteht, ihr gebranntes Herzeleid vom Vater, Ruckhalt aber von der Frau Mama, die durchaus ihr Blut, wie sie sagte, ins Reine bringen wollte. Ihr Vater seliger war Sekretar und hatte des Jahrs praeter propter hundert Reichsthaler jahrliche Einkunfte gehabt, womit ihr Ehemann gewiss kaum vierzehn Tage haushielt, aber des Blutes wegen
E i n e E r m a h n u n g a n H e r r n v . G . , der von der Jagd kam und sich noch ein Viertelstundchen vom Schlaf losbitten musste.
Es kostete ihm doch einige Muhe, die Frakturbuchstaben fur die Blondine auszustreichen, eigentlich auszukratzen. Die Reise kam ihr sehr zu statten. Waren wir langer in Konigsberg geblieben, wurd' er sich vorzuglich an die Brunette gewendet haben, die ihm der Testator eigentlich beschied und die, so stolz sie war, mit keiner Sylbe an die heilige Ehe dachte. Sie wollte nur siegen, bloss siegen, aus der Beute machte sie nichts. Sie theilte sie andern aus. Mit den lieben Blondinen, sie wollen gleich heirathen, sagte Junker Gotthard. Ich hab' es schon irgendwo bemerkt, dass Junker Gotthard beide, die Brunette und Blondine liebte. Die Blondine hatte indessen, wie das mitgetheilte Gesprach es ausweist, nach der Zeit die Oberhand erfochten unfehlbar weil sie mir legirt ward (wer isst nicht gern vom verbotenen Baum), obgleich auch die zehntausend Liebesgotter, die auf dem Busen der Brunette tanzten, einen Beitrag zum Siege fur Amalien das Ihrige geliefert haben konnen. Das Nein, welches Amalia dem Collegen ihres Vaters, dem Kramer halsstarrig sagte, so eine blonde sanfte Stimme sie auch sonst hatte, that mir Amaliens halber leid. Mich dunkt, sie hatte Ja sagen sollen, wenigstens kein so halsstarriges Nein, welches keiner Blondine eignet und gebuhrt.
Ich kann nicht sagen, dass der Zeitpunkt des Herrn v. G. gekommen ware, zu Hause zu bleiben. Stossweise kam es ihm so. Er war oft auf der Jagd, wozu ihn, ausser den wohlfeilen ihm als plus licitanti zugeschlagenen Feldmarken, die H o m e r i s c h e n H u n d e , A r g o s genannt, verleiteten, die ihm ganz vortrefflich einschlugen. Er wusste durch den Ton, durch die Aussprache des Namens, die Argosse so von einander zu unterscheiden; dass ich anfange zu glauben, man konne sechs Sohne J o h a n n taufen lassen, und der von ihnen gerufen wird, konne wissen, dass just er es sey, der unter den sechsen aufgefordert worden.
Lass uns, sagte ich dem Junker Gotthard einen Abend, sobald als moglich von hinnen gehen. Amalie wird sich bedenken, und dem Collegen ihres Vaters, dem Kramer, nicht mehr halsstarrig, sondern blond begegnen, und dann gehst du mit dem Gedanken aus Konigsberg, Amalien in ihrem Lebenslauf keinen Stein der Aergerniss, uber den sie leicht fallen konnen, in den Weg gewalzt zu haben! Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniss kommt! Junker Gotthard straubte sich wegen der Abreise, und diess nahm ich als einen Beweis seiner Liebe zu Amalien. Ich sann auf Mittel und Wege, ihn abzubringen, bis es, ehe ich mich versah, herauskam, dass die Feldmarken den eigentlichen Grund des Widerstandes enthalten. Er hatte sie auf vier Jahre sich zuschlagen lassen, wie wenig sagte er, habe ich sie benutzt. Alle Augenblick Setzzeit! Eben dieser Setzzeit halber komm, Bruder, ich bin fertig!
Unser Lebewohl war kurz und gut. Amalia nahm auf eine Art vom Junker Gotthard Abschied, dass wenig Hoffnung fur den ehrlichen Kramer blieb. Er beklagte sich gegen sie wegen der entbehrten Jagdnutzung, dass es mir so schien, als wollte er die noch kunftige Pachtzeit ihr zum Andenken uberlassen. Ich mischte mich in die Unterredung, und sie ward beigelegt. Der Professor Grossvater wunschte mir so altklug Heil und Segen, dass, wenn ich ihn nicht schon so herzlich geliebt hatte, ich es jetzt angefangen haben wurde. Ich konnte nicht weg von ihm. Es ist, wie mich dunkt, kein unangenehmer Anblick, wenn ein alter Mann und ein Jungling sich so zusammenpassen, wie der Professor Grossvater und ich. Den Grossvatern ist eine solche Art eigen; sie gewohnen es sich bei ihren Enkeln an! Die Grossmutter in Sterbensgrosse schlug diessmal kein Feuer aus ihrem rechten Auge. Sie liess sich nicht sehen. Mir kam es vor, dass sie zu ihrer Tochter gegangen.
Freund, sagte der Alte, ich halte nicht viel von Leuten, die Lander und keine Karte gesehen haben. Sie gehen, das weiss ich, von dem Ganzen auf die Theile, und das ist der Weg zur Deutlichkeit. Eine Erkenntniss, die ohne einen uberdachten Zusammenhang derselben mit andern Erkenntnissen entspringt, heisst bei mir ein Einfall. Wer hat nicht alles Einfalle? Schade, dass der gute Grossvater so wenig gesellig war. Ich glaube, seine Schlafmutze war schuld daran. Ein grosser Kopf ist indessen gewohnlich ungesellig. Geselligkeit hat nur was Gemeines, was Unvollstandiges. Man ist sich nicht selbst genug. Diese Grosse hatte unser Grossvater nicht. Man sah es ihm an, dass Umgang sein Bedurfniss sey. Er war frohlich und guter Dinge, wenn seine Hausmutze ihm die Erlaubniss ertheilte, in Gesellschaft zu gehen. Beim koniglichen Rath hatte er in alle Wege ein ordentliches Mitglied werden sollen. Das Schreien, sagt man, befreit den Augenblick von Schreck. Es treibt das zusammengezogene Blut auseinander, und die Natur selbst hat dieses Hausmittel dem schonen Geschlechte verliehen. Das war ein Gluck, sagte der Professor Grossvater, dass ich schrie, nun ist's uber. Er hatte die Buste des Homer auf einem seiner Repositorien, die herabsturzte, da er zu heftig aufstand; ich fing sie auf und dunkte mich gross, diesen Kopf in meiner Hand zu haben. Schnell fasste ich ihn auch mit der andern an, und wahrlich, solch ein Kopf verdient beide Hande. Der Grossvater freute sich uber meine Freude, und wir brachten den Kopf wieder dem Himmel naher, wohin er, der blinden Heidenschaft unerachtet, eher hin gehort, als der Kopf des Eierheiligen, dessen Kupferstich in der Speisekammer hangt. Bei allem was fallt, bemerkte der Grossvater, ist uns so, als fiel es uns auf den Kopf. Wer glaubt nicht, jede Rakete steige gerade auf uns herab? Fast schien es, dass wir das Examen bis auf den Homer, den ich aber diessmal nicht ubersetzte, sondern der mir auf den Kopf fiel, wiederholten. Dem Kunstrichter zu dienen noch die Glosse, dass die Buste von Holz war. Ei, sagte der Grossvater, ich habe gehort, Sie waren Wittwer geworden. Beim Examen hiess ich diesen Seitenblick auf Minen Traufe, und wusste ich nicht, was ich geantwortet, nur das wusste ich, dass es nicht griechisch, nicht lateinisch, nicht deutsch war, und dass ich mich lieber noch einmal examiniren, als diese Frage an mich ergehen lassen wollte. Jetzt war ich gefasst und sagte dem Grossvater, dass ich Minen verloren. Schade, sagte er. Der Todesfall wird Sie in Ihrem Studienlauf gestort haben. Nicht im mindesten, antwortete ich; er ist mir sogar forderlich und dienstlich gewesen. Wie das? Schonheit gefallt unmittelbar; die Wissenschaften mittelbar. Ich hatte des Weges nichts zu bestellen. Der Professor merkte es mir ab und umarmte mich! Wir nahmen sehr ruhrend Abschied. Allem Vermuthen nach, sagte er, werde ich so wenig einen neuen Beweis meiner Grossvaterschaft erleben, als Ihre Zuruckkunft. (Seine Tochter war hektisch) Mir schon recht, setzte er hinzu, ich habe gelehrt, und will gern lernen; der Schatten des Todes enthalt, wenn er sich enthullt, Klarheit des Lebens die grosste Unvollkommenheit der Natur den Weg zum ewigen Leben. Der Professor empfahl mir Aufmunterungen, weil es auch in Wusten Versuchungen gebe, und nahm so Abschied, als wenn er unter Minens Leichenbegleitern gewesen. Schliesslich bat der Grossvater, dem Junker Gotthard fur die richtige Zahlung zu danken, wenn er nicht die Ehre haben sollte, diesen Dank selbst zu sagen. Das baten alle akademischen Lehrer, denen ich mich empfahl. Man bemerkte, dass selten ein Curlander so richtig Zahlungstermin gehalten wie Junker Gotthard. Gern, das weiss ich, hatte Gotthard den Professor Grossvater gesprochen, und war' es nur gewesen, um ihm des Argos halber verbindlichst zu danken, wenn er sich nicht des Dankes wegen richtig bezahlter Collegiorum geschamt hatte.
Der Kreisrichter wollt' uns durchaus den Abend ein Mahl geben, welches wir aber ausschlugen. Gotthard war in die Stelle eines Hausofficiers wirklich geruckt, die ein anderer ihm uberlassen, und sah sich also, dieses Verhaltnisses wegen, gedrungen, seinen Erlass nachzusuchen, den er mit vielen hoflichen Ausdrukken erhielt. Mit eins fing der Kreisrichter an: Sie reisen ab, eben da in Ihrer Gegend ein lustiger Sprung vorfallt: Diess sollte Amalia und der unerhorte Kramer seyn. Gotthard hatte Amalien in des Kreisrichters Haus eingefuhrt. Junker Gotthard versicherte, diese Neuigkeit ware kaum reitergahr, und da er merkte, dass man ihm auf den Zahn zu fuhlen anlegte, so macht' er ein Rechts um kehrt euch, und der Kreisrichter war so klug als zuvor. Die alte und wohlbetagte Frau hatte ihr Gehor, diesen Sinn der Geselligkeit, verloren, und war eben dadurch argwohnisch und verdriesslich worden. Gesicht, pflegte mein Vater zu sagen, ist im Dienst des Verstandes, Gehor im Dienst der Vernunft. Was diesen Dienst betraf, so hatte die gute Frau ihn wahrlich nicht ubertrieben. Wenn Gott ihr nicht hilft, sagte der Kreisrichter, so geht meine Brust verloren, die ich zu meinem Amte wahrlich nothwendig habe. Diese Hulfe, das sah man dem engbrustigen Manne an, war nach seiner Meinung ein baldiger Tod, der nach menschlichen Berechnungen auch nicht lange mehr ausbleiben konnte. Sie liess, obgleich wir beide keinen Lungenfehler hatten, uns nicht vor. Was meinst du, sagte Gotthard, da wir gingen, wenn er Wittwer wird, und wieder heirathet, ob er die Hausofficiere behalt, oder die Stellen eingehen lasst?
Bei unserm koniglichen Rath mussten wir die letzte Mahlzeit halten. Junker Gotthard hatte uberhaupt keine Collegia gehort, und war auch nur, wenn der konigliche Rath es nicht langer aussetzen konnte, und eine grosse Mahlzeit gab, unter diesen Gasten. Es gefiel Gottharden dieser Cirkel, bestehend aus einem Officier, einem andern koniglichen Rath, einem Prediger und Professor, ungemein, und wenn eben dieser Professor ihm nicht wegen richtiger Bezahlung seines Collegiums gedankt, und ihn dieses Danks halber auf eine Viertelstunde in Verlegenheit gesetzt hatte, Gotthard ware noch weit vergnugter gewesen. Bruder, sagt' er, wie wir weggingen, Gesellschaften solcher Art machen weit kluger als Collegia. Die Erkenntniss aus Buchern ist todt, die aus Gesellschaften lebendig. Sie hat eine offentliche Probe ausgehalten, sie ist abvotirt.
Nach Gottingen.
B e r l i n , den 17
Den Konig, den Konig, nicht einen Konig, den Konig hab' ich gesehen? Gern mocht' ich sagen Konig, wenn's nicht undeutsch ware. Von Angesicht zu Angesicht, lieber Vater, gesehen! Das nenne ich sehen; wenn man so horte, wurd' ich sagen: er predigt gewaltiglich. Dich, mein Vater, hab' ich so gehort, Augen? Sterne hat er, Sonnen, die ihr eigen Licht haben und Strahlen werfen. Er ist die Experimentalphysik zu deinen Grundsatzen uber den monarchischen Staat. Herr v. G. der altere, das wett' ich, wurde huldigen, wo nicht mit den beiden Schwurfingern, so doch innerlich. Bis recht zum Herzen bringt, glaub' ich, keine Huldigung, sie geschehe dem Konig, oder sonst wem. Mein Reisegefahrte ist in Beziehung der Monarchie dem Bilde seines Vaters ahnlich. Ich behalte mit Fleiss deine Distinction bei, nicht ihm, sondern s e i n e m B i l d e ahnlich nicht die andere Welt empfinden, heisst es, sondern d i e K r a f t e d e r a n d e r n W e l t . Der dem Bilde seines Vaters ahnliche Sohn stand, sah und war weg weg war er! Er hatte nicht angelegt, wenn das Wild ihm zu Fuss gefallen und gehuldigt hatte. Was wahr ist, ist wahr, sagte der gute Wildfanger zu Hause, nachdem er sich von der koniglichen lieben Sonne Licht und Pracht im Schatten erholt hatte. Was wahr ist, ist wahr! Ein besonderes Ding, Konig zu seyn! Was wahr ist, ist wahr! Dieser da! Gross, sehr gross, wie ein Lowe! (um beim Wild zu bleiben) und wenn er Liebhaber von der Jagd ware "u n d w e n n e r aufhoren mochte, der Konig zu s e y n ! " Ob ich ihn recht beim Worte gefasst, ob ich recht eingegriffen, stelle ich deiner reifern Entscheidung anheim. Vater! die Augen! die Augen! Die Nase, Stirn, Hand, Gang, alles koniglich. Wenn er sie doch schonen mochte, die grossen Konigsaugen, und sie nicht so hin- und herwerfen, oft und auf Leute, die des Blickes nicht werth sind wahrlich nicht. Nach allem Menschenmoglichen hab' ich mich erkundigt. Der kleinste Zug hat einen Konig. Man isst bei ihm; er isst bei keinem seiner Unterthanen. Keiner wurd' ihn, wenn der Legitimationspunkt zum Regiment je zur Frage kommen sollte, seiner Vollmacht wegen in Anspruch nehmen. Er tragt sie unterschrieben und besiegelt in Gedanken, Geberden, Worten und Werken. So viel Siegel, dass der Lack ordentlich verschwendet ist. Feiner Lack, Vater! Gleich wie ich ihn sah, dacht' ich, warum reisen denn nicht Dichter, Maler, Bildhauer nach diesem Ideal eines koniglichen Aussehens, nach diesem Bilde des Konigs? Er herrscht und regiert. Regenten gibt's auch in der Schule. Mein Rector magnificus, den ich das letzte halbe Jahr hatte, regiert' im rechten wahren Sinn; allein herrschen kann nur Konig Friederich! Beim Regieren wird's schwer! Du hattest horen sollen, wie Se. Magnificenz Krone und Scepter niederlegten, als wenn Sie sich gebadet hatten, so leicht, so wie neugeboren. Herrschen sieht immer leicht aus, so leicht als einschlafen. Eins, Vater, mit Sr. Majestat Erlaubniss, gefallt mir nicht. Was ich mich geargert habe, dass Er die Flote spielt, das soll er dem Apoll uberlassen, wenn er in der Schafermaske ist. Sage, Vater, gibt's ein konigliches Instrument? Ich kenne keines. Die Flote? Freilich, da der Konig sie blast scheint es, es konne etwas aus ihr werden. Einige glauben gar, sie ware gekonigt, in den Konigsstand erhoben. O, ihr Kleinglaubigen! Ich find' es nicht. Blasen? Kann man denn nicht den Odem zum Worte sparen, den Odem, den gottlichen Spiritus, den Geist oder das Bild von ihm! Aber der Konig lasst s i c h n i e h o r e n , er blast die Flote eben so, als er sich im Schlafgewand, wenn man es so nennen soll, sehen lasst. Eine Schlafmutze hat er nie auf seinem koniglichen Haupte gehabt. Sie sticht uberhaupt schlecht mit der Krone ab. Sein Hut steht ihm, als eine Krone! So tragt keiner seinen Hut. Der Hut ist uberhaupt ein Hauptkleidungsstuck am Konige. Der Konig von Polen mit einer Mutze, der Sultan mit einem Bund machen keinen Einwand. Den Bischofen ihr Insul! Wenn der Konig grusst, du solltest sehen, Vater, wie er den Hut fasst! Seine Kleidung? Nichts was neu anschiene. Ein neues Kleid ist nicht koniglich! Am Hut, der gewiss nicht neu war, keine Verzierung! Vater, durchweg ein Konig! Alles so naturlich. Thaten wir es, war' es die ausserste Affektation.
Aber wieder von der Flote. Nur die haben seine Triller, seine Laufe gehort, die ihn nicht als Konig ansehen durfen. Freunde! Fremde! Tonkunstler! Ein Konig, F r e u n d e ? Konig Friedrich soll einen haben oder ein Paar, und das ist viel! Ich hatte nicht das Herz, es zu seyn; auch du, Vater, so sehr du Monarchenfreund in abstracto bist, hattest du wohl gottlichen Ruf, es in concreto zu seyn? Immer gerade, wer kann sich halten? Nur die so geschnurt sind, und dann thun es nicht sie, sondern das Eisen.
Die Verse, die er macht? Auch das konnt' er bleiben lassen und es dem Voltaire anheim stellen. F r a n z o s i s c h e , Notabene g e r e i m t e , Verse! hattest du das gedacht, Vater? Gott der Herr hat nie in Versen geredet; Konige tragen sein Bild. Es sind Gotter der Erden. Das schwerste Stuck Arbeit eines Dichters ist, wie mich dunkt, Gott den Herrn redend einzufuhren. Wenn Gott zu Menschen spricht, ist es Prosa. Den Donner selbst ist wahre Prosa. Wir Menschen, wenn wir zu Gott sprechen, poetisiren, und das ist nicht ohne
Du pflegtest zu sagen, Vater, jeder grosse Mann hat einen Vers gemacht, es sey im Wachen oder im Schlaf. N e w t o n so gut wie R o u s s e a u , und ich glaub' es dir aufs Wort, dir, dem einzigen, dem ich aufs Wort glaube und als Sohn zu glauben von Gott und der Natur angewiesen bin, wofur ich dem lieben Gott Dank sage fur und fur. Da, dunkt mich, hab' ich die ganze Pflicht des Sohnes zum Vater gesagt. Christus verlangt selbst nichts mehr, da er uns zu Kindern Gottes berief, erleuchtete und heiligte.
D e s K o n i g s P o e s i e .2 Gern, lieber Vater, hatt' ich mir den Konig abmalen lassen, allein da ist er so eigen, wie Alexander, mein Vetter.
* * *
Du hast mir oft und viel, lieber Vater, den Schlussel zu deiner Monarchenliebe behandigt, und wie viel hab' ich nicht, wie sehr viel, was ich noch weglege, weil du dieses Depositum mit der Ermahnung zu ubergeben pflegtest: Wintersaat kommt Zeit kommt Rath! Wenn ich gleich, wie du weisst, das erste Siegel
von ` gebrochen; diess Siegel soll mir heilig seyn. Es gibt Dinge, die durchaus Jahre erfordern. Leibnitz war zwar im funfzehnten Jahre Magister; allein als Magister war er nicht Leibnitz, und da er schon Leibnitz war, wie oft fiel er in den Magister! Ich bescheide mich von selbst, dass ich gewisse Dinge, die du fur mich eingepackt hast, noch so anzusehen verpflichtet bin, wie die meisten Menschen einen Folianten. Wenn ich gelegene Zeit habe oder wenn ich volljahrig bin; denn wahrlich, ein Foliant in der Hand eines Knaben ist nicht gleich und gleich, das doch allein sich gesellen, sich paaren sollte. Zwar hab' ich oft in meinem Leben Folianten getragen, und stellenweise, durch deine Gute, aus Folianten, die einige Leute, ich weiss nicht warum, geradeweg Quellen heissen, geschopft. Quellen im gemeinen Leben sind im Verhaltniss mit andern Gewassern nicht Folianten.
Verzeih, Vater, meine Altklugheit, die in diesem Briefe hie und da hervorflicht. Der Konig von Preussen, oder sein Blick, gab mir Veniam aetatis. Ist man doch heiter am heitern Tage. Ich musste mich sehr irren, wenn ich nicht des Dafurhaltens seyn sollte, du warest darum ein Monarchenfreund, weil du ein Menschenfreund bist; der Monarchen wegen ist's nicht. Da dem Herrn Christo, deinem Herrn, eine Munze vorgezeigt ward, was sagt' er? Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Die Monarchen sind unseres Herzens Hartigkeit halber von Gott gegeben, und da nur ein Gott ist, so ist nach deiner Meinung die Monarchie die klugste, die naturlichste Staatsform. Sie ist die Theokratie in hochst fehlerhafter Uebersetzung. O Gott, wenn sie doch einmal Dr. Martin Luther ubersetzen wollte, so ins ehrliche Deutsch! Monarchie ist der Freiheit halber da, die dem menschlichen Geschlecht ins Herz geschrieben ist. Der Monarch soll so lange grunen und bluhen und leben und hoch leben, bis die Unterthanen zu ihm kommen und ihm sagen: nun sind wir alle so, dass, wenn uns Gott der Herr ins Paradies setzen wollte, wir nicht essen wurden von der verbotenen Frucht, Jetzt ist kein Mein und kein Dein mehr zu verzaunen nothig, wir brauchen keine Besatz- und Hypothekenbucher und keinen rothbeschlagenen Richterstuhl weiter. Sey, lieber Herr Konig, wie unser einer. Sey mit uns, wie Engel Gottes im Himmel, wie Adam vor dem Fall!
Hab' ich dich nur von weitem verstanden, so schreibe mir ja, Vater, sonst hilf mir zurecht mit einer authentischen Interpretation.
Die meisten Menschen reden wider den Staat, wider den Konig. Dergleichen gibt's in Preussen, so wie uberall; indessen hilft der Konig sich mit seinen Augen. Sein Auge ist sein Miniatur. Wenn die Berliner, seine nachsten Nachbarn, politisch kannegiessen sieht er, und sieht alles rings umher treu und hold, folgsam und gehorsam. Er hat ein Gesicht, das man sehen muss,. so oft es zu sehen ist. Er komme, wenn er wolle, jedes lasst liegen, was er treibt, sieht, oder will sehen. Es ist, als wenn heraus gerufen wurde. Die Mutter hebt ihr Kleines in die Hohe und der Junge bleibt starr! Das Madchen lachelt! Er ist selten in Berlin. In Potsdam ist er Konig; in Sanssouci Mensch. Aber, Vater! warum redet alles wider die Obern? Es ist die naturliche Freiheit, welche sich vordrangt, welche das Wort nimmt, pflegtest du zu sagen, und Herr v. G. ist dein unumstosslicher Beleg. Ich hab' indessen Missvergnugte gefunden, die es bloss sind, weil sie den Tyrannen in Kopf und Herz haben. Sie selbst wollen auf den Thron. O der Tyrannen! mit ihrem Freiheitsgeplarr! O der Sunder wider den heiligen Geist! Einige der Missvergnugten sind es, weil sie es sind. Sie wissen nicht, was sie thun. Das Wort Freiheit ist ihnen nicht ein Deckel der Bosheit, wohl aber ein Deckel des Unverstandes.
In Curland, pflegtest du zu sagen, ist Sklaverei und Freiheit zu Hause. Jeder Adelhof ist ein Thron, jeder Thurm Sibirien, jeder Stock Scepter. Der Edelmann ist Despot, Tyrann, seine Einwohner, bis auf den Pastor loci und den Hofmeister, welche altioris indaginis sind Sklaven!
Solch ein Konig auch Konig Friedrich ist, getraue ich mir doch (und das ist wieder ein Wunder in seinem Auge) zu ihm zu kommen, und ihm den Antrag zu thun, zu seyn, wie unser Einer; es versteht sich, wenn diess Stundlein vorhanden ist. Das Menschengeschlecht sucht alles auf dem unrechten Wege, und das kommt, weil es nicht zusammenhalt. Da es nicht Gott treu ist, wie kann es Menschen treu seyn? Gott hat alles dabei gethan, und den Menschen den Trieb der Geselligkeit so gar tief ins Herz gelegt; allein noch stossen sie sich von einander. Wie sehr in weitem Felde liegt nicht alles, und wie nahe konnte es liegen, wenn Gottes Wille geschahe!
Nimm, lieber Vater, mit diesem specimine academico vor den Willen, das ich dir loco testimonii schuldig bin. Ich habe die Kosten dabei gespart, und bin bei einem Manne, wie du, eben so weit, wo nicht weiter.
* * *
Meine Leser werden freilich aus diesem Briefstuck des mehreren ersehen, dass eine gewisse mir angeborne Konigsfreude mich begeistert habe, und eben darum dieses E r an I h n verzeihen, dafur sind auch so viele S i e ' s an I h n (Briefe meiner Mutter an mich) weggefallen, und mit keinem einzigen i c h an S i e , mit keinem einzigen von m e i n e n Briefen a n m e i n e M u t t e r sind meine Leser belastigt. Ich habe m e i n e n B r i e f a n m e i n e n V a t e r so gelassen, wie er war; warum sollt' ichs nicht?
Im letzten Kriege, nicht in dem Prozess, die Succession von Bayern betreffend, sondern im letzten Kriege, sagte Madame Pompadour, da ihr einer aus dem Volke vorwindbeutelte: man wurde den Konig gefangen nach Paris fuhren, d a w i r d m a n d o c h einen Konig zu sehen bekommen! Diess, was freilich nur eine Maitresse sagen konnte, so wie das erste nur ein Franzose, ist so schon, als wahr gesagt! Einem Kreuzzug der Konigin aus Saba zum Konig Salomo sieht es freilich nicht ahnlich, dafur ist auch Pompadour nicht Konigin aus Saba, und Friedrich, ist er Salomo, der durch eine Lilie auf dem Felde in seiner Herrlichkeit beschamt ward? Konig Friedrich lasst sich mit keiner Feldlilie in Wettstreit ein.
Der Konig lacht nur mit seinen Freunden, denn er ist Konig. Ernst liegt in ihm, und wenns hoch kommt, Beifall. Er straft durch seine Collegia; den Lohn hat er sich vorbehalten. Danken kann er nicht; durch Thaten dankt er. In seinem Danke liegt: ihr seyd ein unnutzer Knecht, ihr habt gethan, was ihr zu thun schuldig waret! Das sagt er, nicht in seinem, sondern im Namen des Staats. Er wechselt nicht mit Leuten, auf die er einen koniglichen Accent gelegt; allein er hat auch keinen Liebling, ohne den es ihm schwer ware zu seyn.
Bei seiner Liebe zu Hunden ist mir eingefallen: er sahe selbst als Konig ein, dass, wenn der Mensch sich dienen lassen sollte, es durch Hunde geschehen musste. Sie scheint die Natur dazu bestimmt zu haben. Vielleicht wurden die Hunde und noch andere Thiere besser, wenn ihre angebornen Herren besser waren. Wenn ein Mensch Mensch ist, bedarf er wahrlich keine andere Bedienung, als im Fall der Noth einen Hund. Diogenes konnte sich ohne ihn behelfen.
Der Konig, halt viel von glucklichen Menschen. Der Mensch hat Gluck, sagte er. Gluck und Welt ist in diesem koniglichen Sinn nicht viel auseinander, und so konnte man auch sagen, der Konig habe Gluck!
Der Konig liess in seinen Feldzugen die Kugeln um sich herum pfeifen und heulen; so wie Mucken sah' er sie an, die um seinen Kopf sich lustig machten. Man sollte fast glauben, fur einen unverwandten Blick auf einen Fleck, fur einen festen Gang zum Ziel, fur ein Bewusstseyn, das ist der rechte Weg! haben die Kugeln selbst Respekt. Im Willen des Menschen liegt eine menschliche Allmacht. Alle beherzte Leute verlieren das Gleichgewicht, wenn sie einen Unsinnigen sehen. Ists Wunder, da die Beherzten die Mitleidigsten sind? Feigheit allein ist grausam.
Was ist der Mensch ohne Vernunft? so sehen Thiere nicht aus, welchen es doch allen am Besten, an der Vernunft, fehlt als ein unsinniger Mensch. Er ist weniger als ein Thier geworden. Die menschliche Gestalt ohne Vernunft ist das Schrecklichste, was man in der Natur sehen kann. Kains Zeichen ist ein Gnadenkreuz dagegen. Der Konig kann keinen Unsinnigen aushalten. Er sieht, wie tief der Mensch sinken konne, obgleich er seines Gleichen ist. Ein
dunkt ihn daher wie ein Bruch der Vernunft. Er zieht sich vor jedem zuruck, der vor ihm die Knie beugt. Alles aus einer und der namlichen Quelle. Das Haupt regiert, und nicht die Fusse, sagte der namliche Kaiser, da man ihm zu Fussen fiel, der, da man ihm sein theures Leben landesvaterlich vor dem Geschutze zu decken anrieth, erwiederte: es ist noch kein Kaiser erschossen!
Gott der Herr ist uberall. Der Himmel, heisst es zwar, ist sein Stuhl und die Erde seiner Fusse Schemel; allein das ist Poesie, und ein Selbstherrscher, ein Monarch, der im eigentlichen Sinne Gottes Bild tragt, sollte auch keinen bestandigen Aufenthalt haben. Er, der uberall seyn sollte, musste wenigstens uberall zu Hause seyn. Das Hoflager, kann es denn nicht wandelbar seyn, um die Allgegenwart zu spielen? Die deutschen Kaiser waren ehemals an keiner Stelle und Ort zu Hause. Die Konige von Polen zogen auch umher, und was ist naturlicher, als dass Residenzen, Konigsstadte, durch den Vorzug, den ihnen das Schlafzimmer des regierenden Herrn beilegt, das Haupt, die andern Provinzen aber die Glieder werden! Wurde es nicht gut seyn, wenn die hohen Collegia des Landes an den kleinsten, unbedeutendsten Oertern waren? Gott regiert im Verborgenen. Der Konig von Preussen visitirt wenigstens jahrlich seine Provinzen. Er braucht keinen Wardein seiner Diener. Sein Auge ist Schwert und Wage, und da blickt er umher, und wenn er einen Ueberhang von Aesten eines Unterthans uber des andern Boden findet, der diesen stort, heisst's: haue sie ab, was hindern sie das Land? Er besitzt ein moralisches Menstruum universale, alle seine Unterthanen aufzuschliessen. Bei T h i e r g a r t e n , rief Junker Gotthard, und lief w o h i n ? w e r ? w i e ? w a s ? an den Thoren ihn nicht mit Vorurtheil eingenommen hatten. Muss man sich doch, sagte er, hier durchdecliniren und durchconjugiren lassen. Da hatte ich's ja beim Professor Grossvater noch leichter, wo ich dich fur mich antworten liess und den Argos kennen lernte, welches der beste Hund in der ganzen Welt ist. Einen seiner konigsbergschen Argos, von dem er glaubte, dass er vom Homerschen abstammen musste, hatte er mit. Die andern wurden verschenkt. Amalia hatte einen (diess erfuhr ich erst unterwegs). Es war wahrlich kein Schoosshund! Was thut die Liebe nicht! Gottfried sagte, da auch er am Thor examinirt war: Muss man sich doch hier an die Glocke schreiben. Da, wo der Konig selbst ist, gilt kein Revisor, wie der Nathanaelsche, kein Knabe, der mit der Hand das Posthorn so nachmacht, dass man glauben sollte, die Post kame. Nathanael wurde hier seinen Abschied nicht genommen haben. Wo solche Revisors, wie unser Nathanaelscher, den Konig selbst vor Augen haben, konnen sie unmoglich: W i r F r i e d r i c h , ohne Furcht der Ruthe, missbrauchen. Ich wurde kein Kind zum Treiber des Volks machen. Wahrlich! Richterverstand kommt nicht vor Jahren!
Einem seinen Englander lief ich in Berlin nach und machte ihn mit vieler Muhe zu meinem Bekannten; Freund war er noch nicht. Ein Mensch von ausnehmendem Kopf. Seine Nation war in ihm getroffen, wie aus dem Auge gerissen. Er kam von Russland und wollte noch weiter in die Welt. Hier, sagte er, in e u r e m Staat (ich bin ein Curlander, mein Herr Englander) uberall eine Saladiere zu wenig, ein Friedrichsd'or erspart. In Russland zehn Rubel, ein paar Schusseln zu viel. Immer Epakten, immer Ueberschuss! Das, fuhr er fort, liegt im geheimsten Mark des Staats. In Petersburg ist zu viel, in Berlin zu wenig Platz, das sehe ich an Gebauden, die sich sehen lassen. Man weiss, wie die Englander sind! Fur den Konig war er wie ich. Ganz gewiss hat er an seinen Vater auch so geschrieben wie ich. Der Starrkopf! Die Franzosen waren seine Freunde nicht, wie gewohnlich. D e r K o n i g v o n P r e u ss e n , sagte mein Englander, l i e b t d e n f r a n z o s i s c h e n Verstand, aber nicht den franzosis c h e n W i l l e n . W i r u n d i h r (Wir voraus, das hiess: England und Deutsche) b l e i b e n b e i der Angel, wenn gleich in einigen Stunden kein Fisch kommt. Der Franzose schiesst wahrend der Zeit einen Vogel. Er tragt Gold auf dem H u t ; w i r e i n s e i n e s H e m d e . Viele in Berlin, fuhr er fort, welche den Unterschied von Verstand und Willen nicht so gut wie der Konig einsehen, sind ganz und gar Franzosen. Man konnte diese, unterbrach ich meinen Englander, weit eher als die Letten in Curland Undeutsche nennen. Diess war ihm was Neues vom Jahr. Undeutsch! wiederholte er und lachelte. Das Frauenzimmer, bemerkte er, ist in Berlin zum grossten Theil vom Haupt bis zu den Fussen franzosisch. Z u m g r o ss t e n T h e i l , fiel ihm Junker Gotthard ein, u n d d e r k l e i n e r e T h e i l ? ist englisch! Deutsch! wie Sie wollen, erwiederte der Englander. Ich dachte, beschloss Junker Gotthard, das Frauenzimmer stamme durch die ganze Welt von den Franzosen, oder die Franzosen vom Frauenzimmer. Wir, der Englander und ich, vereinigten uns wider den Junker Gotthard und bewiesen ihm, dass es noch Frauenzimmer deutscher oder englischer Art gebe, und zeigten ihm davon e t l i c h e in Berlin! Ihr kennt sie nur von Ansehen, fuhr Junker Gotthard fort. Darf man mehr, wenn vom Frauenzimmer die Rede ist? Da ich dem Junker Gotthard die Gewissensfrage that, ob denn seine T r i n e von franzosischer Abkunft sey? war er verlegen. Ich richte meine Frage nicht auf Amalien, die einen Argos von dir zum Geschenke zuruckbehielt, nicht auf die Brunette mit dem trefflichen Busen, wo ein Ball gegeben wird, und wo zehntausend Liebesgotter schweben! von T r i n e n , frage ich. Gotthard trat uns bei.
Der gute Junker Gotthard hatte es von seinem Vater, und dieser von dem meinigen, dass man das Volk in der Sprache suchen musste, und da er sich viel darauf zu gute that, ein halber Landsmann von Grossbritannien zu seyn, so neckte er sich mit dem Englander, dem es sichtbarlich Vergnugen machte. Schade nur, dass Junker Gotthard nicht viel Englisch wusste. Englisch Mann, fing er an, England! Curland, warum denn nicht: curisch Mann? Und dann wieder: Was solch ein englisch Mann vom Kopfe macht! Da haben wir doch, Gottlob! Stirne und Scheitel, und er Kopfkron und Vorkopf! Bruder! erwiederte ich, das Volk kann ein Wort vom Kopf mitreden. Und dann immer i c h s e l b s t , fuhr Gotthard fort, das Selbst doch ja nicht zu vergessen! Sieh! sagte ich ihm, Bruder! da ist doch jeder was selbst, im monarchischen Staat ist man alles par Bricole. Diess vom Billard geliehene Kunstwort fiel ihm so auf, dass er als Curlander auch von selbst zu sagen sich berechtiget glaubte obgleich ein Curlander mehr als zwei Herren dient, und niemand kann zwei Herren dienen!
Dass sich die Englischmanner auch in Abwesenheit beehren und dem Namen ein ehrerbietiges Herr vorsetzen, wenn gleich der Herr nicht da ist, und es auch so mit ihren Weibern halten, gehort auf das namliche Conto! In der Monarchie ist man Augendiener, fing ich an. Wenn man mit dem Herrn spricht, buckt man sich dazu, und ist er nicht da, heisst er schlechtweg Peter Paul Pompei. Heuchelei ist der Erbfehler der Monarchien. In Curland, wo doch Freiheit herrschen soll, fuhr ich fort, sehen die Leute ein, wie wenig sie bedeuten. Doch warum eine D o n a t s c h e Stunde! Ich will sie mit dem Worte Konigreich schliessen, auf welches mein Vater aus dem englischen V a t e r u n s e r den Accent legte, und zwar nicht, wie man beim ersten Blick glauben sollte, weil mein Vater ein Konigscher war, sondern weil er den seligen Zeitpunkt wunschte, das Fest aller Heiligen, wie er's zu nennen pflegte, da wir allzusammen eine Heerde seyn werden, und Gott unser Konig, ein koniglicher Vater. Ist's Wunder, dass wir uns in einer Residenz, wo unstreitig der e r s t e K o n i g regiert, an diess Fest aller Heiligen erinnerten, wo eitel Gute und Wahrheit herrschen wird, wo nicht steinerne Herzen und steinerne Gesetztafeln, sondern fleischerne Herzen seyn werden, und Leben fur und fur? Gott verhelf' uns allen dahin, wo Freude die Fulle und liebliches Wesen ist immerdar! So lang aber diess gottlich-vaterliche Konigreich nicht kommt, ist's wahrlich das beste, einen Konig zu haben, der es im Geist und in der Wahrheit ist.
Der Konig von Preussen hat viele Rathe; allein er ziehet keinen zu Rath.
N o c h m e h r v o m K o n i g e . Gern! Sowohl der Englander, als ich, sind zu mehr bereit. Junker Gotthard wird sehen, wie es fallt.
Der Konig schreibt, trotz allen Worterbuchern, Federic, obgleich Friederich Frederic heisst.
Ich habe schon bemerkt, dass er sich nur angekleidet sehen lasst. Ein Held ist wie eine Uhr; sie muss aufgezogen seyn, wenn sie gehen soll. Sollte man diess nicht auch von einem Konige sagen konnen?
Der Englander sagte: Finden Sie es nicht auch, dass Preussen so lange gross bleiben werde, als es immer Schach bietet?
A l e x a n d e r d e r G r o ss e furchtete sich bekanntlich vor dem a t h e n i e n s i s c h e n C z a r P e t e r , vor den h o l l a n d i s c h e n Z e i t u n g e n . A r e t i n machte sich alle europaische Hofe zinsbar; K o n i g F r i e d r i c h ist daruber weg. Man sagt: er habe bei Gelegenheit, dass eine unschickliche Schrift, die wider ihn gerichtet war, sehr hoch hing, bloss verfuget, s i e s o l l t e e t w a s t i e f e r geschlagen werden.
Was ich gern Prinzen sehe! sagte mein Englander; ich sehe in ihnen ein ganzes Land. Hunderttausend in Einem.
Der Konig sieht jeden an; allein er will nicht, dass man ihn wieder so dreist ansehe. Wer kann in die Sonne sehen?
Man sagt: der Konig habe blode Augen, und eben daher sein Blick, sein grosses Auge! Kann seyn! Seinem Blick ist es nicht anzusehen. Er hat alles an sich, Der Konig halt den Soldaten fur seinen Freund, den Der Konig will einen gewissen Esprit de corps in Wie kommt's, fragte der Englander, dass beim Exerselbst des Todes Bitterkeit ist d a m i t z u v e r t r e i b e n . Es ist eine monarchische Kur, sagte der Englander, und Gotthard trat bei. I c h w e i ss , d a ss v i e l e K r a n k h e i t e n hiedurch curirt sind! Man verbeisst sie!
Bei allem, was der Konig offentlich thut, ist die Uhr aufgezogen. Thun die Menschen, sagte der Englander, denen der Konig die Parole gibt, doch so, als wenn sie den Konig Salomo urteln gehort!
Der Konig hat in gewissen Dingen keine Proportion. "Da geb' Er doch den beiden Madchen drei Friedrichsd'or." Es sind viere, Ew. Majestat, die gesungen haben! "So geb' Er dreihundert," das heisst: geb' Er ihnen eine Kammer oder ein Schloss!
Der Konig (wahrlich das ist gross) wird so wenig im Krieg als im Frieden bewacht. Man sieht offenbar ein, er sey unbesorgt, er sey ruhig! Wenn das ein Konig seyn kann, so hat er's weit gebracht!
Noch etwas, das dem Englander das Herz stahl! Alles ist gleich weit vom Throne. Der Bediente des Konigs ist ein Bedienter.
Warum beschreibt er nur eine Seite? Und warum muss alles was an ihn gebracht wird, auf einer Seite Platz haben?
Er liebt nicht Registraturen und Canzleien. Herzog Friedrich der Weise, Kurfurst zu Sachsen, nannte die Alexander der Grosse argerte sich, da Aristoteles Was ist besser: wenn die Fursten philosophiren
* * *
w i l l i c h z u r L i n k e n , obgleich er den Deutschen die Ehre that, sich mit ihnen wider die Franzosen in Bundniss einzulassen. Ich liess es mir merken (bitten hatt' ich ihn um vieles nicht konnen; kein Englander lasst sich bitten), dass ich es gern sehen wurde, wenn er noch acht Tage bliebe, wie ich. Den andern Morgen war er weg und, um ganz englisch zu seyn, ohne Abschied. Unfehlbar, stand in seinem Reisekalender: G e h ' i c h a b , und da hatt' ihn keine Observation der Venus durch die Sonne gehalten. Gott geleit' ihn, den guten Jungen! Ich wunschte wohl, wenn er seinen Lebenslauf schriebe, dass er an mich dachte. In dieser Welt glaub' ich, werd' ich ihn so wenig wiedersehen, als den Alten mit dem einen Handschuh, der auf ein sanftes Ende mit dem Herrn v. G. trank, und der nur hochstens noch acht Tage zu leben hatte, da er zum Herrn v. G. kam und dessen Zeit edel war. O da werden wir so manche gute Seele finden, die wir in diesem Buche verloren haben! Junker Gotthard wurde hinzufugen, auch so manchen Argos. Die F o r t s e t z u n g also von unserm Englander f o l g t k u n f t i g .
Ich habe viel in Berlin verloren, da mein Englander mit seinem zu viel und zu wenig nicht mehr da war. Junker Gotthard munterte mich wahrlich nicht auf. Gottfried glaubt' auch noch andere Oerter zu finden, wo Glockenspiel ware.
Auch ohne Englander, wie vortrefflich B e r
l i n ! Ausser meinem Elemente, dem Paradeplatze, was fur Nahrung fur Geist und Herz! Berlin konnte Deutschlands Athen seyn, wenn der Konig es wollte und so mancher Undeutsche, der um ihn ist!
Den Tag vor unserer Abreise kam Junker Gotthard
so ausser Athem nach Hause, dass ich befurchtete, es ware ihm ein Ehrenhandel aufgestossen. Was ist dir? fing ich an. Und siehe da, man hatte sich uber sein grunes Kleid lustig gemacht, und wusst' er nicht, wie er damit daran war. Wal um, fing ich an, hast du nicht was daran spendirt und dem Witzling, dem eine derbe Antwort noth that, Wehr und Harnisch genommen? Warum waghalsen, sagt' er, Bruder? Wir reisen heute. Morgen, erwiederte ich. Damit ich mich rache, fiel er ein, heute! Ich hatte Muhe, ihm zu beweisen, dass man sich darum an einem Verrather der grunen Farbe nicht racht, wenn man einen Tag fruher aus Berlin reist. Wir blieben die vollen acht Tage.
Fussnoten
1 Hiess zu der Zeit in Curland G e l d und G u t , oder, wie einige wollen, Gold- und Silbergeld, oder im Provinzialausdruck, grob und fein, gross und klein Geld, diess will sagen, Albertsthaler und Vierdings. 2 Ich mag nicht mehr daruber abschreiben, sondern begnuge mich, ehe ich weiter komme, die Anmerkung hinzuzufugen, dass Se. Majestat und ich einen und den namlichen Verleger haben. Ein Compliment fur uns alle drei! Das hatte noch mein Vater erleben sollen!
Zweiter Band.
Nach Konigsberg brachte uns ein Major und sein T r i n c h e n , welche die heilige Geiststrasse dreimal auf und ab ging, und so viel andere grune Stellen mehr. Was thut's? E x t r a p o s t , nicht wahr? wenn sie gleich mehr kostet als ein Riga'scher Fuhrmann; ich mache mir nichts daraus.
Von Gottingen. Parnass und
Musen, wie es fallt.
Vortrefflich fur jeden, der Luft und Liebe zum Dinge hat, und doch so ziemlich ohne Jammer und Schaden fur den, der es nicht hat. Diese Akademie hat bei der Letztgeburt den Segen, wie Jakob vom Isaak, ohne ihn durch rauch gemachte Hande zu erlisten, ohne ihn durch ein schnodes Linsengericht zu beschonigen. So viel ist gewiss, G o t t i n g e n ist so wenig die kleinste unter den deutschen Universitaten, dass sie vielmehr auf dem Wege ist, die grosste zu werden, oder dass sie es schon wirklich ist, den G r o ss v a t e r in Konigsberg in Ehren; allein gibt's in Gottingen nicht auch Grossvater? Und wenn gar zum A e l t e r V a t e r Hoffnung ware? Ich kann den Gedanken nicht bergen, ohne mich zum competenten Richter aufzuwerfen: ob und in wie weit eben der Umstand, weil Gottingen jung von Jahren, vieles zu diesem Fortschritte beitrage? Die Musen werden im ewigen Fruhlinge der Jahre dargestellt. Zwischen Majoraten, Lehen, Stiftern und Universitaten ein Unterschied! Damit ich noch ein Kappfensterchen aufstosse: war' es nicht gut, wenn sich die Universitaten in Zuchten und Ehren einverstanden, was sie eigentlich erziehen wollten? Da konnt' eine erkoren werden, Professores, akademische Lehrer zu bilden. Lasst uns Professores machen, Bilder, die uns gleich sind! Den andern Stief- und rechten Schwestern ware zu uberlassen, mit der ubrigen studirenden Jugend umzuspringen, oder zu thun und zu lassen, was jetzt gethan und gelassen wird. Kommen denn alle auf die Universitaten zu lernen, um wieder zu lehren? Da sind ihrer viel, die nur selbst wissen wollen. Zwischen einem Wisser schlechtweg, zwischen einem Vielwisser und zwischen einem Lehrer, welch ein Unterschied! Und dann unter der Rubrik L e h r e r , was steht da nicht alles? Schullehrer, Kirchenlehrer, ist zwar der bekannteste Lehrunterschied; allein auch gewiss der unbedeutendste. O der unaussprechlichen Unterschiede! Wie wird ein Jungling seinen Weg unstraflich gehen? Diese Welt ist eine Schule, wo Lehren und Lernen abwechselt, und fast bestandig so, dass man zu gleicher Zeit lehrt und lernt, Docendo discimus; sonst wurd' auch die edle Zeit verloren gehen, die oft die besten Kopfe aufs Lehren verwenden. Es ist indessen wahrlich weit schwerer zu lehren, als zu lernen. Der Mensch hat was sehr Gelehriges; allein wenn er unterrichten soll, zeigt er uberall, dass Gott sein Lehrer gewesen, und dass er, in Rucksicht des Lehramts, das Bild Gottes verloren. Wahrlich, dass es mit dem menschlichen Geschlechte so wenig fort will, dass es nicht von einer Stelle kommt, liegt am L e h r s t a n d e . Das arme Menschengeschlecht, wie es da noch immer in seinem Blute liegt! Und was thun unsere Gross- und Kleinsprecher? Sie bestellen einen schonen eichenen Sarg mit im Feuer vergoldeten Griffen, um fur ein standesmassiges Begrabniss Sorge zu tragen. Die meisten Lehrer sind Curatores funeris, Leichenbesorger. Gott, wann erschallt die Stimme; sie komme aus Osten, Suden, Westen, Norden, wenn sie nur erschallt: d u s o l l s t l e b e n !
Ist's also Gotteswerk zu unterrichten, so gehorcht euren Lehrern und folgt ihnen, denn sie wachen uber eure Seele, so lange sie nicht Irrlehrer sind! Ich glaube mit meinem Vater, dass der, welcher zur rechten Thure in den Schafstall gekommen, fein methodisch seine Lektion gelernt und kein Miethling ist, auch andern die rechte Thur zeigen und ein guter Hirte seyn konne, der bekannt ist den Seinen und die Seinen kennt. Diess findet vorzuglich bei Universitatslehrern statt, so wie sie jetzt im Schwange gehen. Da hat jeder seine Lektion, die er ad unguem, bis auf den Nagel selbst, weiss, und also auch lehren kann; indessen sollte man es bei der Mannigfaltigkeit der Lernenden und des Unterrichts, nicht bei einem Leisten, ja wohl Leisten, lassen. Wurd' es nicht Fruchte bringen in Geduld, wenn man die Saat nach der erwunschten Ernte, den Unterricht nach der kunftigen Anwendung, einrichten mochte? Jetzt stehen die Studirenden nicht viel ordentlicher, als die Bucher in den meisten Bibliotheken, nach der Grosse, nach den Banden, nach dem Schnitt, nach der Anwerbung. Es fehlt nur noch, nach dem Verleger und dem Druckorte. Das Druckjahr, worauf am wenigsten gesehen wird, wurde vielleicht ein Umstand seyn, der nicht zu verwerfen ware.
Der Professor hangt jetzt den Brodkorb bald zu hoch, bald zu niedrig, und wie oft vergessen nicht die Speisemeister auf Universitaten uber der Seele den Leib! Zankt nicht auf dem Wege, sagte Joseph zu seinen lieben Brudern, da er ihnen den Zehrpfennig gab; und wahrlich, diess sollte die Losung aller Universitaten seyn. Durchs Zanken wird zwar die Schale polirt; der Kern aber trocknet ein in diesem sein geschliffenen Gehause.
Kann ich doch auf keine Universitat kommen, ohne mir ihren Ton eigen zu machen. Ein guter Ton! wenn die Angeber weniger quid est fragen, und alle Wissenschaften zu Experimental-Wissenschaften zu bringen bemuht sind, wie es jetzt am Tage ist.
In einigen Dingen kann man Universitatsgebrauch lassen. Da man einsieht, wie wenig man weiss, will man lieber irren, als unthatig seyn. Wir ehren einen paradoxen Mann und blossen unser Haupt nicht vor gemeiner Erkenntniss. Wir kleiden uns prachtig und sollen nur rein einhergehen. Ein Sunder, der Busse thut, ist besser als neunundneunzig, die der Busse nicht bedurfen. Ein fahiger Unwissender, er sey wirklich unwissend, oder er konne seine so genannte Vernunft gefangen nehmen, so oft sie die Fenster einwerfen will, ist ein so schones Naturstuck, als man nur, nachdem das Paradies eingegangen, sehen kann.
Kein E x a m e n i n G o t t i n g e n . Wozu der Unrath, wenn gleich ein Grossvater dabei am Ruder war, wie erwunscht fiel der Blitz durch die Ritze! Gute Hausmutze, du konntest nicht gelegener, wie ein Eid, das Ende alles Haders machen!
Den F e c h t b o d e n und das R e i t h a u s nicht zu vergessen; wahrlich ein paar Vergissmeinnicht in Gottingen! Wir sind hier geborne Fechter und Reiter, sagte mir der konigliche Rath beim Kreisrichter in Konigsberg, da der letzte eben eine denkwurdige Schlagerei mit allen ihren Punkten und Klauseln referirt hatte. Kein Wunder, dass ich in Konigsberg so schone Vergissmeinnicht nicht fand!
In Gottingen spielt' ich auf Fechtboden und Reithaus Alexander, wiewohl ohne an jene jugendliche Ritterspiele zu denken, deren vorgestecktes Kleinod M i n e war. B e r l i n aber sah ich vor mir; den Paradeplatz namlich in Berlin und Potsdam, wo der Konig, wie die Sonn' auf ein Gelander Pfirsichen, wirkt; dann schien es, dass sich ein Gedanke in mir hob, der wollte und noch nicht konnte. Man muss ihm seine neun Monden Zeit lassen! Getauft soll er werden, wenn er zur Welt kommt.
Ich studirte die Mathematik. Sie, dacht' ich, ist zu allen Dingen nutze. Sie ist das Lineal und lehrt, sich bei allen Wissenschaften gerade halten. Selbst Cicero mass Doch hatte er nicht zu viel Mathematik in seinen Reden?
Zu viel Mathematik im Felde taugt nicht. Was meinen meine Leser vom ciceronianischen Kriege?
Mein Vater war mit dem ganzen Gange meiner Studien, den ich ihm getreulich und sonder Gefahrde vorlegte, zufrieden. Meine Mutter empfahl mir, grosse Manner zu horen, d i e s i c h h o r e n l i e ss e n , um ihren Ausdruck beizubehalten, und ich lernte hier einen kennen, der weder Hand noch Auge brauchte. Das Auge, pflegte mein Vater zu sagen, hat Christus selbst bei seiner Bergpredigt angewandt. Es gehort dem Prediger; die Hand aber dem Handwerker. Dieser Redner ohne Aug' und Hand fachte in mir keinen gottlichen Ruf zum Geistlichen auf, der sich vollig gelegt hatte, da ich keine Mine mehr hatte. Bei meiner ersten Predigt galt mir ihr verstohlener Blick und Nummer funf mehr, als alle ubrige klingende Munze von grosser Anlage, von unvergleichlichen Kanzelgaben, von kirchenvaterlichem Anstande. Minchen liebte mich nach der ersten Predigt mehr als ehedem. Ich hatte mich zum Manne ihrer Seele gepredigt, und war vom Alexander bis zum lieben Jungen erniedrigt oder erhoht worden.
Vergeblich erinnerte ich mich, dass mein Vater, wiewohl nach dem Brande, mich versichert hatte, dass ein Geistlicher der glucklichste Mensch in der Welt ware, und dass seine Seele in bestandigem Fruhling sey, wo es nicht zu kalt, noch zu warm ist. "Fruhling ist das Klima des Himmels; in der Holle ist Winter und Sommer! Herbst wurde alsdann das Fegfeuer seyn!" Bestandiger Fruhling, guter Vater? Wenn es aber ein nordischer ware, wo man den Fruhling bloss im Kalender und in einer lebhaften Einbildung hat? Zwar in deinem Lande, wo man zeitig eine Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle trinkt und lange Manschetten tragt aber wo gehorst du zu Hause? wo? "Im Himmel!" Guter Vater, da ist aller Menschen Vaterland. "Dinge der Zukunft sind der Geistlichen Beschaftigung." Das ware ja ein gefundenes Essen fur mich, der ich jagdmude bin, und wahrlich kein Linsengericht, das eine Erstgeburt zu stehen kommt! Wie aber, wenn der Geistliche uber der andern Welt diese vergasse, nur an den Lohn dachte, ohne des Tages Last und Hitze zu ubernehmen? Wenn er, den Purpur und die kostliche Leinwand selbst nicht abgerechnet, hier, wie einer der sieben Bruder des reichen Mannes, herrlich und in Freuden lebte; wenn er's mit der Ewigkeit so machte wie geizige Leute, die aus Furcht, in ihrem Lande das Ihrige durch Handel und Wandel zu verlieren, die uberflussigen Capitalien in auswartige Banken senden, oder sie auf sichere Hypotheken eintabuliren lassen, um ein recht gemachliches Zinsenleben fuhren zu konnen? Man sehe sich doch um; lasst sich denn der Geistliche nicht weit lieber bei seinem Lehnspatron als bei Abraham, Isaak und Jakob zu Tische bitten? Sich zerstreuen, heisst denn das l e b e n ? Es heisst, recht geflissentlich nicht leben; es heisst, das Leben fliehen, das ohnehin nicht leiden kann, dass man es sauer ansieht. Zwar gibt's Manner, die wie mein Vater, ein Rad gebrochen und im Wirthshause weilen, die, wie der Pastor in , Drosselfanger, und wie der in L , Ehemanner von Weibern sind, die eine Lindenkrankheit haben, aber
Ich will es meinen Lesern nicht langer vorhalten. S o l d a t , dachte ich, um mein Leben in die Schanze zu schlagen, um so zu stehen, wie Urias wiewohl wider Wissen und Willen, stand, als der Konig David sein Weib zur Wittwe machen wollte. Welch eine Kluft indessen war zwischen diesem Gedanken und der Ausfuhrung! welch eine Beste war einzunehmen! Ich versteckte mich, wie meine Leser es selbst wissen, mit diesem Gedanken unter die Baume im Garten, und stellte mich geflissentlich so, damit meine Mutter mich am wenigsten sehen mochte, deren Losung es war: "Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfell."
Ich studirte in Gottingen K r i e g s k u n s t . Kriegskunst? Das war ein Wort fur manchen. Die Kriegskunst und Urias? Aber du guter Mancher! Lernt man denn die Kriegskunst fur sich oder fur andere, und stehe ich denn mit dem Urias eben in einem Gliede? Wagen kann der Mensch sich selbst; umbringen muss er sich nicht.
Die hoch- und wohlgeordnete und eben so auch verordnete Bibliothek in Gottingen ist nicht ein Schatz fur Motten und Rost, wonach hochstens die Diebe graben und stehlen; sie ist ein offentliches Haus, wo jeder einen Zutritt hat. Die Bemerkung meines Vaters, wie wahr! Eine Universitat und keine Bibliothek ist ein Weinhaus ohne Keller. Da gehe ich doch hundertmal lieber in einen Keller, so finster es auch drin aussieht, und so schwer hinabzusteigen er auch ist, und trinke die Gabe Gottes frisch und kraftig, fast wie an der Quelle; lieber, sage ich, als dass ich in manchem prachtigen Auditorio lange gestandenen, warmgewordenen Wein aus einem begriffenen Geschirr trinken sollte. Das Geschirr mag patriarchalisch, griechisch, gothisch oder modisch gearbeitet seyn. Eine Universitat und eine Bibliothek sind sich so nahe verwandt, dass ich behaupten konnte, eine Akademie sey nichts weiter als eine Bibliothek, wo es oft genug ist, zu wissen, im Schranke linker Hand, da und da! Mit diesem Entschlusse kam ich in Konigsberg an, und ging nach Gottingen. Ich that nichts weiter, als Register machen, welches ein ander Ding ist als Kalender, pflegte mein Vater zu sagen. Das Motto uber eine Bibliothek dieses Mannes, der meinen Lesern bei seiner Buchermusterung bekannt zu seyn die Ehre hat, wie richtig! "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn ihr nun darbet, sie euch aufnehmen in die ewigen Hutten."
Ich kann nicht aufhoren, zu sagen, was mein Vater gesagt hat. Mich wunderts, pflegte er vor dem Brande zu bemerken, dass man nicht das Vater unser und seinen Namen vergisst, und mancher Professor sein Collegium.
Ausser der Mathematik studirte ich mich selbst. Wenn N e w t o n entdeckt hatte, wie es mit der Welt von Anfang gewesen, und was es mit ihr, oder mit ihrem Ebenbilde, dem Menschen, fur ein Ende haben werde; so ware es doch noch ein Erfinder gewesen; allein so gehts! Wenn die Menschen sich zeigen, kehren sie wohl vor ihrer eignen Thur?
Seht, wie die Natur es zur Menschenkenntniss recht geflissentlich angelegt hat! Die Menschen sind gesellig, wie man sagt. Wenn wir nach Menschen auslaufen, wollen wir die meiste Zeit nicht den Menschen, sondern diese oder jene That. Nur wenn man was Grosses von jemandem gehort, ist man begierig, ihn zu sehen, und wenn man ihn sieht, sieht man dann wohl den Menschen? Fast nicht, sondern seinen Geist (sein Gespenst), die That, die ihn vergrosserte. Es ist eine Erscheinung, ein Gesicht! Schurken drangen sich vielleicht, grosse Leute zu sehen, weil sie sich nicht vorstellen konnen, dass es solche Menschen gebe. Der Edle sieht in den Spiegel.
Auch den Bosartigsten will man sehen; vielleicht um seine Pfosten zu sichern, dass der Wurgengel voruber gehe! Akademien sind selbst, um zu sehen. Das Gehor ist ein Stuck vom Gesicht. Im Odem liegt die Liebe, in der Rede die Probe von Weisheit und Thorheit. Rede und du bist, habe ich schon sonstwo behauptet; allein selten trauen wir der Rede, wenn wir Temperament und Gemuthscharakter kennen lernen wollen. Man halt die Zunge fur bestochen, fur gedungen. Sie ist hochstens ein Hauszeuge. Eben darum der naturliche Hang zur Physiognomik. Man will in den Augen sehen, wie dem Menschen ums Herz ist. Freilich ist's schwer, von dem auswendigen Menschen auf den inwendigen zu schliessen. Ich wurde weit eher aus dem Kleide, aus dem Pferde den Menschen beurtheilen, als aus seinen Gesichtszugen und andern Schilden, die er vielleicht mit gutem Vorbedacht aushangt, und vom besten Stadtmaler zeichnen lasst. Ware hier zur Gewissheit zu kommen, wurden die Folgen nicht eben so gefahrlich seyn, als es die von der Gewissheit unserer Todesstunde sind? Ich gebe selbst zu, Gottes Finger habe ins Gesicht dem Menschen sein Testimonium geschrieben; wer kann aber Gottes Hand lesen? Da sie auf C a i n s Stirn leserlich werden sollte, musste sie verstandlich gemacht und mit rother Tinte unterstrichen werden. In der namlichen Rucksicht sind wir so fur Handlungen, furs Entstehensehen vor unsern Augen, furs gottliche Sprechen, wo Donner und Blitz eins ist! "E h e r h a t t e i c h d a s b e d e n k e n s o l l e n ? " Und wenn ichs bedacht hatte, gestrenger Herr, bin ich denn nicht auf der Akademie? Und sollte man, sobald man der Sache naher tritt, nicht finden, dass ich auch hier handle, und nicht erzahle? Hier ist Vivat und Pereat, hoch und tief! eine Serenade und eine Stunde im Auditorio.
Wollen Ew. Gestrengigkeit alles mit Einem von hohen Schulen? Wir haben ihnen die Absonderung der Wissenschaften, die Bevolkerung derselben zu danken, und ein gewisses Stellen in Reihe und Glieder. Zwar weiss ich den Einwand dagegen; allein wird dieser Mauerbrecher unserm System Schaden zufugen? Freilich ist alles in der Welt in der Gemeinheit, und freilich ist noch die Frage: ob es denn so gut sey, dass alles und jedes aus der Gemeinheit gesetzt werde? Freilich kann man auch seine Lieblingswissenschaft nicht ganz aus aller Gemeinheit bringen, da selbst Leib und Seele in einander wirken; indessen ist doch ein Tausendkunstler gemeinhin ein schlechter Kunstler! Der Schuster kann dem Maler nicht verbieten einen Schuh zu treffen, und der Schneider nicht, wenn der Maler ein Kleid fertigt; allein gemalt ist nicht gemacht! Das Gemenge konnte vielleicht dem symbolischen Erkenntniss forderlich und dienstlich seyn, wo man am Leitfaden der Aehnlichkeit zur Wahrheit kommt; allein bleibt denn auf dem gelehrten Marktplatz der Universitat nicht noch eine Gelegenheit zu Symbolen ubrig, wenn gleich verschiedene Abtheilungen vorhanden sind? Muss ich denn gehen in dem Garten, um ihn zu beurtheilen, und ist hier nicht ein Ueberblick oft nutzlicher als ein Gang? Alles ist Symbol; Zahlen selbst, wer sollte das denken, sind Symbole der Grosse! Der Mensch ist's von Gott. Darum sind wir so grosse Bilderliebhaber! Den Kindern bringt man alles durch Bilder bei, weil Bilder kleiner als die Natur in Lebensgrosse sind. Mit dem Bilde spielt man; allein wer kann es mit der Natur, ohne sich die Finger zu verbrennen? Je mehr der Begriff in die Sinne fallt, oder in dem Sinne liegt, je weniger Muhe machen die Worte. Je abstrakter aber der Begriff, je schwieriger der Wortfang. Auf Universitaten, wo auf allen Strassen abstrahirt wird, scheint diese Gewohnheit zur andern Natur zu werden! Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Die Probe bei der Abstraktion ist geistisch. Zwar ist auch hier die Anschauung die Probe; allein sie bleibt so schwer als das zu probirende Exempel selbst, und noch schwerer. Leichter ist's, die Spharenmusik zu horen, oder ein Dichter zu seyn, als abstrakte Sachen anzuschauen und anschauend zu machen: Nur Sonntagskinder konnen Geister sehen, so wie Leibnitz, zum Beispiel, auf einem Baume das Principium indiscernibilium. Zwar geben sich auch etliche mit Geisterbeschworungen ab; allein ich halte nichts von der Clavicula Salomonis, und wer weiss es nicht, wie es dem Dr. Faust gegangen?
Der Fuss schlaft zuweilen ein, und wer kann alsdann von hinnen? Man nennt diess Besterben; wer sagt aber, dass der Kopf bestirbt, und doch bestirbt er eben so und aus eben der Ursache wie der Fuss. Wir merken nicht so stark auf das, was den Organenbeweger trifft, als auf die Organe. Ungern lassen wir etwas auf den Kopf kommen, den wir zur Schau tragen fur jeden, der Lust und Liebe zu sehen hat. Wir thun gegen alle Welt gross damit. Dem Manne der Hut, dem Weibe die Kinder. Den Hut konnen wir mit leichter Muhe abnehmen, sonst wurden wir ihm die Wurde eines Ehrenzeichens nicht einraumen. Es gibt Volker, die das Haupt blossen, wenn sie mit Gott reden, und Volker, die es decken. Die es blossen, thun es bei Leibe nicht, um dem Kopf gegen Gott nichts zu vergeben; sie wollen vielmehr zeigen, dass auch der Kopf ein armer grosser Sunder sey. Volker, die ihr Haupt decken, schopfen aus der namlichen Quelle. Sie schamen sich, vor Gott ihr Licht leuchten zu lassen, und kriechen unter die Baume im Garten.
Sollte hie und da ein Kunstrichter von meinem Kopf zu behaupten fur bequem finden, dass er zuweilen besterbe so mag er wissen, wie man der Erde nicht ansehe, dass sie spornstreichs laufe. Sieh da! Ich reise Extrapost, und scheine nicht von der Stelle zu kommen! Furs Kleinkauen bin ich nicht, guter Freund, so gesund es ubrigens deinem schwachen Magen seyn mag!
Alles, was ist, hat Geist und Leib. Ich liebe von allem nur den Geist, vom Buch, vom Trank, vom Essen.
Wie weit, sagte mir einstmals e i n f e i n e r J u n g l i n g vor der Stunde, wie weit sind noch unsere hohen Schulen vom Ziele! wie weit! Alles ist noch zu tapfer, anstatt dass es verfeinert seyn sollte. Je roher die Nation, je tapferer der Burger! Je mehr Renommist, je weniger Fleiss!
Aber, fing ein a n d e r e r an, wissen Sie auch, dass ein Knabchen, Milch und Blut im Gesicht (schon wollte ich Angesicht sagen, das gebuhrt keinem Knabchen), wissen Sie auch, dass ein solches Burschchen mit aller seiner Wissenschaft kein Kerl ist? Ich nahm mich diessmal des a n d e r n an. Der Nutzen ist beim Geschmack nur nebenher, sagte ich. Sobald der Nutzendurst, eigentlich Hunger, zu merken ist, leb wohl, Geschmack! Fein ist der, der in der Anschauung Vergnugen findet; fest, steif, klug, wer auf Nutzen, wenn der Nutzen gleich nicht zu den sichtbaren Geschopfen gehort, bedacht ist. Nutzen ist ein Gegenstand des Nachdenkens, Feinheit ist ein Dienst der Sinne. Wenn aber gleich eine silberne Dose weniger gefallt, als eine von zerbrechlichem Porcellan, es sey berlinisch oder aus Dresden; was meinen Sie, hat man denn immer Zeit, eine Dose zu warten? und ist's nicht unangenehm, wenn sie bricht? Hat man denn nicht mehr in der Welt zu thun, als Geschmack und extrafeinen Geschmack zu zeigen? Ein Bauer, der seine milchgebende Kuh verkauft, um sich eine Alonge zu kaufen, oder eine Brabanter Kante, oder einen Rubens (ein Stuck von ihm), was meinen Sie?
Wer recht viel vor sich gebracht hat, kann an Verfeinerungen denken; wer sein Feld gebaut, an den Garten, und wer sein Haus in Dach und Fach berichtigt, an Verzierung in seinen Zimmern. Das Menschengeschlecht, in Wahrheit, hat so wenig mehr zu verlieren, dass, wenn es noch lange mit zerbrechlichem Porcellan spielen wird, wenn es nicht bald anfangt sich zu besinnen und eine silberne Dose, die was aushalt, zu kaufen, wenn es nicht wieder auf Dauer, Starke des Leibes und der Seele zu sehen sich entschliesst, nicht viel drum zu geben ist. Ware das menschliche Geschlecht mehr Renommist, mehr stark, mehr deutsch, man konnte eher was mit anheben.
Ja wohl, sagte Herr v. G., der diessmal in der Stunde war, wer nicht seine drei Tage und Nachte auf der Jagd seyn und dem Hirsch den Fanger entgegensetzen kann, ist weder zum Groben noch zum Subtilen aufgelegt. Mehr wollte er nicht anbringen, um es mit dem Jungling, der, so fein er war, doch wohl Herz haben konnte, nicht zur Jagd anzulegen.
Ein Haus, pflegte mein Vater zu sagen, das lange niemand bewohnt hat, verliert ein gewisses Leben! Was nur bewohnt ist, lebt, oder ist belebt. Es ist ihm ein Leben eingehaucht. So geht's mit den Wissenschaften, sagte Herr v. G., da ich bei einer Gelegenheit die vaterliche Bemerkung mittheilte. Ich freue mich, dass ich auf ihn komme, um noch anfuhren zu konnen, dass ich auch in G o t t i n g e n in seiner Seele studirte. Unser Wirth hatte keinen Taubenschlag, am wenigsten ein geschmackreich gebautes Huhnerhauschen, keinen Garten; und wie konnte sich Herr v. G. anders helfen, als dass er sich drei Hunde zulegte, die er Argos hiess? Sie hatten andere Namen, er aber firmelte sie. Ich will nichts vom christlichen Namen Satan sagen, fing er an, wie kann aber ein Hund Packan heissen, wenn man in Konigsberg vom Grossvater examinirt ist? Homer! ich kann dich anreden, denn du lebst, du bist unsterblich! Wie ist's moglich, dir ein besseres Opfer, selbst in christlichen Zeiten, zu bringen? Die dir angrenzende Nachwelt schlug sich deines Geburtsorts halber; ein curischer Edelmann nennt seine Hunde Argos! Wer es empfinden kann, wie schon es sey, dass ein Buch aufs Leben wirkt, was kehrt sich der an die P a c k a n s seiner Zeit!
In einem kleinen Garten kann fuglich nicht Natur
seyn. Der Geschmack liebt Miniatur! Er besteht in der Kunst, etwas aus dem Grossen ins Kleine zu bringen, um es ubersehbar zu machen. Er ist so etwas Menschliches, als die Natur Gottliches ist! Und hiemit, lobliche Universitaten, lebt wohl, lebt wohl! Wir scheiden so, wie in diesem Theil oft geschieden werden wird! Ihr habt keine Authentica habita Cod. ne filius pro patre etc. nothig, keinen Kranz, kein Gnadenzeichen die ganze Fulle der Gelehrsamkeit wohnt in euch leibhaftig!
In seinem ganzen Leben hatte mein Vater keinen
langern Brief geschrieben, als den ich auf meinen b e r l i n i s c h e n von ihm erhielt. Ein gross Compliment fur Konig Friedrich, wenn er deutsch konnte. Mein Vater suchte Rinnen, um abzulaufen, so voll war er s t e l l e n w e i s .
Ich habe zwar die Melodie noch behalten; allein den Text habe ich in diesem sogenannten freien Lande, dass sich Gott erbarm! vergessen. Ein Hutmacher macht Cardinale; allein kein Juwelier ein Konig! Ich will es nicht sagen, dass es dir wie manchen Malern gegangen, die das Pferd besser als den Reiter treffen; allein wie ungern fand ich hie und da einen Abbruch zur Unzeit! Reden kommt vom Reden; Thun vom Thun. Weiber essen sich trunken; Manner mussen Pokale haben, wenn sie warm an der Stirne werden sollen!
Auszug aus einem Briefe nach
Konigsberg.
Gern seh' ich, dass du den Konig sehen wirst! Wenn er dich mit seinem Aug' elektrisirt, fuhl es, dass es ein koniglicher Funke sey. Gruss den Konig von mir. Das heisst, sieh ihn fur dich und fur mich! Man glaubt gleich alles im Menschen zu finden, was der andere sagt. So kann man fur gross und klein, klug und unklug gehalten werden, je nachdem man im Ruf ist. Es ist gut, dass sich die Konige nur selten, und dann zu Pferde zeigen. Sie sind geborene Reiter. Wandelten sie unter uns, wie oft wurde der allerunterthanigst treugehorsamste Knecht sein Uebergewicht empfinden!
Fortsetzung des vorigen Briefes
auf meine Epistel von Berlin.
Es gibt olympischen Neid oder Eifersucht; der steht einem Konige nicht ubel, vielleicht ist er uns allen nutzlich. Dieser Neid schadet dem andern nicht, sondern ist nur bemuht, sich nicht vorkommen zu lassen. Wir sind alle faul von Natur und brauchen Leidenschaftenvorspann, um weiter zu kommen! Konig! Wo kommt's her? Von konnen? Kung, wie du weisst, heisst im Lettischen Herr. Nicht, als ob meine Achtung fur Konige eine Folge von der Meinung ware, die ich fur die Person selbst habe. Meine Achtung ist so rein nicht, als ein mathematisches Problem; du kannst es nicht vergessen haben, dass ich von jeher des Dafurhaltens gewesen, der monarchische Staat wurde uns in mancherlei Hinsicht zum Reiche Gottes fuhren. Wilde Baume haben Stacheln, Ungezahmte Thiere fallen den Menschen, ihren Herrn an. Und lehrt's nicht die tagliche Erfahrung, dass sich ein freier Staat sehr bald in kleine, fingerlange Konigreiche zergliedert? Hier und dort und da fangt sich ein Mensch zu verbreiten an! Da geht's ihm denn freilich wie dem menschlichen Korper, der, wenn er in gewisse Jahre kommt, an Grosse, in der Breite, mit dem Verlust der Krafte und Wirksamkeit, zunimmt. Das Ganze leidet bei solchen Kleinkonigen; die Beilage hiezu ist Curland und Semgallen. Man lobsingt dem Alten, weil man im Wahn steht: die Natur brauche sich ab, werde alt! Nicht also; noch heute kann Eden werden, im Gedicht und im Original.
Ich nehme dem Konige Friedrich seine Schatzkammer nicht ubel. Wo eine Qualitat ist, da lass ich auch eine Quantitat gelten. Das Geld ist beim Privatmann ein schones Piedestal, und ein Konig, der so wie er denkt, muss entweder alle Augenblicke Schatzungen ausschreiben, oder es machen, wie Friedrich was ist besser?
Die Farbe des Verdienstes ist die Farbe der Schamrothe, so, dass auch alle rothe Farbe von ihr ein fast allgemeines Ansehen erhalten hat. Sie ist von ihr ins Geschrei gebracht. Purpur ist die Schamrothe auf einer braunen Wange! Unser guter Hermann reisst beim letzten Vers des Liedes alle Zuge seines Positives auf, und die gewohnlichen Redner und Schreiber suchen mit einem epigrammatischen Gedanken zu schliessen. Mich schmerzt so was. Stich ist Stich. Dein Brief schliesst B . R . W . mit dem alten Vale! Vale!
Ueber das Spiel hattest du mehr schreiben sollen. Es scheint mir wechselseitige Abmachung, interessirt seyn zu konnen. Eigennutz und alles und jedes, wo das Wort e i g e n vorkommt, ist aus dem Stammhause Eigenliebe. Wer kann indessen in einer guten Gesellschaft einen Menschen ausstehen, der ohne End und Ziel von sich selbst spricht; es ware denn, dass er sein uberstandenes Ungluck erzahlt. Eben so ist ein Eigennutziger ein Grauel im Umgange. Das Spiel scheint erfunden zu sehn, den menschlichen Neigungen, die man durch Lebensart zu unterdrucken verbunden ist, zu Hulfe zu kommen. Wir wurden es sehr ubel nehmen, wenn der andere uns geflissentlich gewinnen liesse. Der Gewinner muss indessen eben so viel Gluck als Spielverstand zeigen, wenn wir ihm das Recht zu gewinnen zuerkennen sollen; obgleich es auch gewiss ist, dass S p i e l e r diesen gern, jenen hochst ungern gewinnen lassen, es besitze jener gleich Gluck und Verstand in der besten Proportion. Du verstehst mich von ferne. Unter dem Worte Spieler versteh' ich keinen, der auf's Spiel ausgeht, oder vielmehr auslauft. Keinen Virtuoso, sondern einen Dilettante, um es dir deutlicher (das heisst oft uneigentlicher) zu geben. Bei Leuten, die keine Bewegung haben, ersetzt das Spiel diesen Mangel. Es ist Seelenbewegung, die nothiger ist als die korperliche, es ist eine Abwechselung aller Leidenschaften, aller Jahreszeiten hatt' ich bald gesagt; und zur Gesundheit gehort diese Abwechselung.
D e r K o n i g s p i e l t n i c h t ; kein Konig sollte spielen. Spiel ist Zeitvertreib, und wer kann des Morgens Karten mischen, ohne das Unschickliche zu fuhlen? Ich kenne noch keinen Violonisten, der nicht selbst einem treuen Kenner oder Liebhaber lastig geworden, wenn er vor Mittage gespielt!
Konig Friedrich hat gern Leute, die Gluck haben. Wo Verstand ist, muss auch Wille seyn. Ein Entwurf will Ausfuhrung, ein Anfang Vollendung. Man glaubt selbst glucklich zu werden, wenn man Glucklichen so nahe ist, und wer beschaftigt sich nicht am liebsten mit Dingen, wo Gluck dabei ist. Darum spielt man Karten, darum setzt man in die Lotterie, darum geht man auf die Jagd, wenn man kein Konig ist, darum fuhrt man Krieg, wenn man Konig ist. Herr v. G. sagt, alle Konige sind Spieler.
Leb wohl, gib dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Furchte Gott, ehre den Konig. Lebe wohl!
Aus einem andern vaterlichen
Briefe:
Deine Mutter schreibt dir viel, und unfehlbar auch von mir. Ich bin nicht mehr, der ich war. Wenn man einmal in gewissen Jahren ist, so hat man sich so ausprobirt, dass man lange vor Krankheit sicher ist. Da weiss man den verstimmten Clavis uberzuspringen, da halt man eine Rede ohne R, wenn man das r nicht aussprechen kann. So gings mir; aber die Jahre traten ein, von denen es heisst: sie gefallen uns nicht. Das erstemal, dass ich klage. Stohnen erleichtert den Schmerz, so wie der Aufschrei von Schrecken. Was hilft es, dass du fruh aufstehst, und lange sitzest, und dein Brod issest mit Sorgen? Seinen Freunden gibt er's im Schlafe, im Tode. Wer nach einer frohen Stunde den Tod schon finden kann, das ist ein Mann. Leben und Tod liegt im Gemenge. Was thun wir im Tode? Wir legen bloss das Kleid ab, das jedem zu enge ist. Wir glauben vom Tode, so wie die Junger von ihrem Herrn und Meister, er sey ein Gespenst.
Ueber vierzig Jahre, wer wird von denen seyn, die jetzt sind? Diesen Augenblick kann man deine Seel' abfordern, und was wird es seyn, das du an Zeit gesammelt hast? Ich habe mich lange umgesehen, um
von hinnen zu ziehen ins Vaterland! ` . "Lebe wohl!"
Das letzte Lebewohl! Der Herr setze ihn uber viel, diesen lieben Getreuen uber wenig. Er ist eingegangen zu seines Herrn Freude! Amen! Amen!
Ich kann nicht mehr, als A m e n schreiben, obgleich es schon so lange her ist, dass er mir diess letzte Lebewohl schrieb. Um es authentisch meinen Lesern mitzutheilen, schrieb ich es aus dem Original aus, das noch da vor mir liegt. Ich weiss es, dass einige meiner Leser dem Herrn v. G. nachsagen werden, die Konigin ist weg, das Spiel ist verloren! Der Trefflichste in diesem ist gefallen! Meine Leser haben ihn gehort und ich! ich hab' ihn gesehen! Noch seh' ich diesen Mann. Jede Falte in seinem Antlitz zeigte, wie gut er war! Wahrlich, die beste Probe eines guten Alten! Ist's nicht wahr, dass die Falten sich nach den Lieblingsmienen formen? Ist's nicht wahr, dass sie da reifen, wo jene bluheten? O konnt' ich ihn darstellen!
Ruhe sanft, seltener Mann! Dein Segen war die Wolken- und Feuersaule, die mich geleitete auf meinen Wegen. Deinen Tod feiern heisst: Deinem Beispiel folgen.
Er ging mit der Sonn' unter! Es blieb unentschieden, wer schoner untergegangen! In Abendroth gekleidet war die Wolke, die ihn zum Himmel nahm, schrieb meine Mutter.
Er starb den 24. Junius des Abends um 9 Uhr, in seiner Lieblingsstunde. Jeder hat seine Zahl, die ihm am Herzen liegt, versichert meine Mutter. So war dem hochwohlgebornen Todtengraber sieben ins Herz geritzt, die Zahl der Ruhe, die Sabbathszahl, die Zahl der Vollendung. Meines Vaters Liebling war die Zahl neun! Sie ist neun, pflegt er zu sagen und bleibt neun. Zweimal neun ist achtzehn, acht und eins ist neun; dreimal neun ist siebenundzwanzig, sieben und zwei ist neun; viermal neun ist sechsunddreissig; sechs und drei ist neun. Es ist die Zahl der Bestandigkeit! Es kann seyn, dass die im ewigen Fruhlinge sich befindenden neun Jungfern den ersten Probirer auf diese Berechnung gebracht, oder die Berechnung auf die neun Musen. Wer kennt nicht, wie mein Vater, die liebe, treue neunte Zahl? Meine Mutter schreibt, diese selbstbestandige Zahl blieb ihm auch treu bis in den Tod. Er starb um neun Uhr Abends, ward neunundfunfzig Jahr alt, neun Monate und neun Tage!
Doch der Tod meines Vaters gehort zum vierten Bande, der seinen Lebenslauf enthalten soll, den ich bergab zu erzahlen versprochen habe.
So viel noch v o r l a u f i g ! Er starb, wie er lebte, sprach bis in den letzten Augenblick seines Lebens, wie Sokrates, sein Freund!
Meine Mutter, beschloss ihren Brief! Curland war sein Zoar, wo dieser fromme Lot Gnade fand vor Gottes Augen. Sein Vaterland hab' ich auch in seinem letzten Augenblick nicht erfahren, so herzlich gern ich es auch, die fruhen Spargel und die Pfeife in der freien Luft, und die langen Manschetten an seinen Ort gestellt, in dieser Welt gewusst hatte. Er, hat uberwunden so manchen Hohn, der arger ist als andere Leiden dieser Zeit, bei welchen wir in die Hande Gottes fallen! Je mehr Pfand, je mehr Wucher! Seine Melchisedechspredigt, wo Salz und Schmalz war, und so manche andere gewaltige Predigten, zeigen, dass er nicht von sich selbst geredet, und so sang er auch nicht von sich selbst, da er bei der zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel:
Lasst sie nicht lange weinen
In diesem Jammerthal!
Er wird nicht in dem hin himmlischen: Heilig, heilig, heilig! einen falschen Ton angeben oder den Takt verlieren, dafur steh' ich! Er wird mir aber danken, dass ich ihm Sang und Klang empfahl, um dort bei der Probe zu bestehen. Das Wissen blaset auf, aber die Liebe bessert!
Auch sie singt schon im hohern Chor ein himmlisches Halleluja! ein Heilig, Heilig, Heilig! dessgleichen kein Ohr gehort und in keines Menschen Herz kommen, und Gott bereitet hat denen, die ihn lieben! Hier war sie ein Lied, dort ist sie ein Psalm Davids; hier ein Sonnabend, dort ein Sonntag, ein Sabbath; hier ward sie gesat in Schwachheit, dort geht sie auf in Kraft! Wohl dem, der so stirbt, wie sie! Sie wartete auf ihren Tod, wie Simeon auf den Trost Israels. Sie starb wie Simeon: "Herr! nun lassest du deine Magd in Frieden fahren!"
Mein Leib und Seel' befehl' ich dir,
O Herr, ein selig End' gib mir!
Das war nach Minens Tod ihr immerwahrender Seufzer! Ach! wann werd' ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue! Ich habe Lust abzuscheiden! Sie war getreu bis in den Tod, und wahrlich, wahrlich! sie hat das Ende des Glaubens, der Seelen Seligkeit, die Krone des Lebens davongetragen. Solch ein Weib stirbt nicht alle Tage! Wenn der hochgrafliche Todtengraber sie hatt' observiren konnen, was hatte er darum gegeben! Elias sprach zu Elisa: Bitte, was ich dir thun soll, ehe ich von dir genommen werde. Elisa sprach: Dass dein Geist bei mir sey zweifaltig. Sollt' ich mich trugen, wenn ich behauptete, dass viele diesen Wunsch hinauf gethan? Nun so mogen die Prophetenkinder allen diesen guten sanften Biederseelen das Zeugniss geben, das sie Elisen gaben? Der Geist Elia ruhet auf Elisa, ruhet auf diesen Wunschenden! Er ruhe wohl!
Meine Leser werden sich mit leichter Muhe erinnern, dass mein Vater in seiner Bibel beim Hauptmann zu Capernaum und bei drei Obersten Zeichen eingelegt, nicht minder uberall wo das Schwert schlagt, das Fahnlein weht, Trompeten schallen, und wo Sold ausgetheilt wird. Eben so erinnerlich wird ihnen die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis seyn, die in der vaterlichen Bibel erschrecklich begriffen war, und die ich meinen Lesern im ersten Theile, so wie sie im lutherischen Altdeutschen lautet, wortlich vorgelesen. Sollte hie und da einem Capitellosen diess in Vergessen gerathen seyn, so sey es mir erlaubt, ihn an meine Mutter zu erinnern, die, wenn sie meinen Vater, mit dieser Epistel angethan, zur Kanzel steigen sah, zu sagen die Gewohnheit hatte: Heute geht er gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter, auf die Kanzel. Indessen war auch sie, das gute Weib, von einer Pradilection wegen gewisser Spruchstellen nicht frei. Jeder Mensch hat nicht bloss seine Lieblingszahl, sondern auch seinen Spruch. Der Liebling meiner Mutter war: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Wenn der Kelch noch nicht da war, mochte sie vielleicht gewunscht haben, er gehe voruber; allein wahrlich, sie hat auch herzlich hinzugefugt: Nicht wie ich will, sondern wie du willt! Meine Mutter fand im diesseitigen Leben zwar Dornen und Disteln, allein auch Veilchen, Himmelschlusselchen und Krausemunze. Sie hatte mit Schmerzen ein Kind geboren; allein dafur hatte sie auch einen Sohn. Dieser hiess zwar Alexander; allein er studirte Theologie. Ihr Ehemann sagte zwar nicht, wo sein Vaterland ware; indessen war er doch rein und lauter in Lehr' und Leben. Zwar konnte sie eine Zeitlang keinen Menschen aufs Kanapee nothigen, der Name Melchisedech ward nicht anders als bei gedeckten Thuren ausgesprochen, und selbst alsdann noch nur ins Ohr; indessen schlug mein Vater doch durch eine einzige Predigt so viele Blutgierige und Falsche, und befreite das Kanapee, das, wie ein verfluchtes Schloss, wuste war, vom Fluch. Ein Weib, wie meine Mutter, war mit allen Wegen Gottes kindlich zufrieden. Wenn sie unter den Israeliten gewesen, so hatte sie nach keinen Wachteln verlangt, obgleich sie ein Priesterweib und aus dem Stamme Levi war. Mit Manna hatte sie sich begnugt, so dass ihr nie ein Fleischtopf eingefallen ware. Sie war nicht wachtellustern. Viel fur eine Pastorin! Da ich in meinem vierzehnten Jahr ohne Hoffnung krank darnieder lag, und mein Vater L i c h t ! L i c h t ! L i c h t ! rief, sang sie mit einer Seelenfassung:
Gott eilet mit den Seinen,
dass sie sogar meinen ungestimmten, unmusikalischen Vater dahin sang, dass er selbst bei der zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel, wie oben und unten erwahnt worden!
Da mein Vater nach dem Brande versicherte, dass, da Cleopatra die eine Perle auftrank, sie nicht mehr verzehrt hatte, als er, und dass kein Lucius Plancius die andere Perle gerettet, war meine Mutter so Gott ergeben, dass sie mitten in der Predigt sang, mitten im Gewitter sanft regnen liess, und nur eins lag ihr auf dem Herzen, dass ich nicht gepredigt hatte, ehe ich sturbe!! Wie s e h r ich meine Mutter g e l i e b t , ist am Tage; und wenn selbst mein Tod sie nicht aus dem sonst sie zu unterbrechen im Stande gewesen Nichts, nichts konnte sie scheiden von ihrer Fassung, nicht Trubsal, nicht Angst, nicht Tod, nicht Leben! Wahrlich, sie kam nie aus der Melodie, sie hielt Takt, und konnte selbst ihre Hausgenossen, ihre Corinther, wie sie sie in ihrem Condolenzschreiben nannte, in Takt und Melodie setzen. Minens Tod indessen brachte sie so sehr vom Leben ab, dass sie gern sterben wollte.
"O des schonen Baums im Garten Gottes!" schreibt sie noch in ihrem vorletzten Briefe. "Nach ihrem Ableben fuhle ich keinen Schlag mehr der herrlichen Natur, wovon sonst meine Seele genas! Sie electrisirt mich nicht weiter. Sie ist mir nicht greiflich. Sie sitzt mir nicht mehr, dass ich sie malen kann! Keine Tulpe offnet mir ihren keuschen Busen, den sie zuschnurt, wenn der Abend sich Freiheiten herausnehmen will. Die Rose lockt mich nicht wonniglich in die Abendkuhle. Wenn ich sonst in den Wind sah, war mir, als hatte ich mich mit kaltem Wasser erfrischt, jetzt wird mir warm um's Herz, wenn ich ihn sehe! Er macht mir Hitze. Da sehe ich die Saat, die sich krummet, wie das Alter, und sage nicht: Sey gesegnet im Namen des Herrn! Und dem Baume wunsche ich nicht Gluck zur Erziehung seiner neugebornen Fruhlings-Sprosslinge, die ich sonst so gern mit einer Handvoll Wasser zu taufen pflegte! Ich verstehe die Linde nicht mehr, wenn sie in der Gegend den Priester vorstellet, wenn sie sich ehrfurchtsvoll neiget, das kleine Gestrauch segnet und fur selbiges betet. Es ruhrt mich nicht mehr, wenn dieses kleine Gestrauch so rings um die bruderliche Linde steht, u n d m i t d e i n e m G e i s t e lispelt, oder wenn es vielmehr, nach russischer Art, mit einem Gospobi pumilu sich buckt.
Wie schwer athme ich den Balsam des schonen Morgens ein! Ist es mir doch nicht anders, als wenn ich Arzenei einnahme! Wie pflegte mich die Natur lieb zu haben! Wie fest an sich zu drucken! Lieb hatte ich sie wieder! ich weinte oft vor Freuden in ihren mutterlichen Armen! O ich habe eine liebe, gute Mutter verloren! Wenn ich jetzt etwas sehe, ist es alles ungerathen, eitel! Da argert mich der Baum, der gerade wachsen konnte, und aus Eitelkeit schief wird, um sich in dem kleinen Gewasser zu bespiegeln, das in einiger Entfernung blinket und dort verdriesst mich das elende Kraut, das sich auf der stolz herausgewachsenen Wurzel der Eiche niederlasst und diesen edlen Baum chikanirt, wie oft der Pobel grosse Manner.
Zwar liebe ich mich abzusondern; allein ich kann nicht ganz allein seyn; das heisst im Finstern. Licht ist Gesellschaft, pflegte unser S e l i g e r zu sagen, und ich brenne selbst Licht in der Nacht, als ob ich es besser wusste, wie der liebe Gott, der gewiss mehr Licht am ersten Tage hatte schaffen konnen, wenn es gut gewesen ware. Bei weitem bin ich nicht, was ich war. Eine Scheelsuchtige bin ich!
Das Kind muss einen Namen haben! Warum Winkelzuge? Freude an der Natur ist das Probatum est eines guten Gewissens. Eine feurige Kohlensammlerin, eine Aufhetzerin ist die Natur dem, der es mit dem Gewissen verdorben hat. Den Zorn kann man besprechen; allein den Schmerz nicht.
Das thranenschwere Veilchen gefallt meinem Auge am meisten, weil sich gleich und gleich gern gesellen, und wenn uns beiden der Tropfen entblinkt, sehen wir gen Himmel, der am besten weiss, was uns nutzet. Da zitterte gestern ein Tropfen auf einem Vergissmeinnicht, und der in meinem Auge bebte eben so lange, bis mein Auge zugleich mit diesem blauen Blumchen entbunden war, und beide Tropfen zusammenflossen zu den Fussen des schonen Vergissmeinnicht. M i n e , M i n e , M i n e ! Ich vergesse dich nicht, ich vergesse dich nicht!
Welke, gelbe Blatter, das ist meine Wonne, wenn sie abfallen, ich lese und hore Gottes Wort; allein ich lege keine Sylbe bei! Und je mehr ich mich fassen will, je arger ist es. So geht's mit den Leidenschaften, sagte dein Vater, je mehr man druckt, je elastischer sind sie! Ich, die ich keine Fliege auf dem Rucken liegen sehen konnte, wenn sie an's Fenster prallte und sich den Kopf stiess; ich, die ich ihr aufhalf, obschon sie mich oft aus der Melodie sumsete, habe unschuldig Blut verrathen. O M i n e ! Ist es Wunder, dass mir der Bluthenschnee wie ein Leichentuch vorkommt? O, wann wird es von mir heissen: I c h l i e g e u n d s c h l a f e o h n e K u m m e r ! Wie lange soll ich noch fragen: H u t e r , i s t d i e N a c h t s c h i e r h i n ? Wann ruft Gott der Herr in mein Chaos: E s w e r d e L i c h t , und e s w i r d L i c h t ? Wann singe ich im hohern Chor: D e r T a g v e r t r e i b t d i e f i n s t e r e N a c h t ?"
Das war die anhaltende traurige Lage meiner Mutter um Minens willen! Geschieht das am grunen Holz Die gute Bussfertige! In ihrem Trostschreiben, das ich in seiner Lange und Breite mitgetheilt, so wie sie es in verschiedenen Absatzen, die sonst ihre Weise nicht waren, an mich erlassen, war nichts in der ersten Hitze geschrieben. Sie blieb so, bis in ihren Tod! "Wer lebt so, wie er glaubt?" pflegte sie zu fragen, und darauf: "Das thaten nur die Apostel," zu antworten. Wahrlich! sie lebte, wie sie glaubte. Sie that, was sie sagte. Sie redete lebendig, sie handelte, wenn sie sprach. Jetzt war sie nicht mehr die Sanftfliessende! Alle Augenblick schlug sie Wellen. Sie lag nicht still auf einer Seite. Sie riss das Deckbette.
Etwas uber das Gewissen.
Man sey noch so fromm, noch so gut, wer hat nicht ein Wort, dem er nicht auswiche, wie meine Mutter, wiewohl meines Vaters halber: Melchisedech. Wer hat nicht eine Handlung, an die er ungern denkt, und wer kann auch bei der sorgfaltigsten Bemuhung, ein unbeflecktes Gewissen zu behalten, beides vor Gott und den Menschen, vor allem Schaden stehen? Zwei Dinge sind uns noth, Gewissen und Ruf. Dieser des Nachsten, jenes unsertwegen. Das Gewissen aber verdient, nach der Meinung eines Weisen des Alterthums, mehr Rucksicht als der Ruf. Dieser kann trugen; jenes nie. Beim Ruf fallst du in der Menschen Hande; beim Gewissen in die Hand Gottes. Ich halte dafur, dass es zweierlei Gewissensarten gebe, ohne dem neuen gewissen Geist, den wir als eine Frucht eines guten Gewissens von Gott erwarten konnen, ohne dem gottlichen Diplom des Gewissens zu nahe zu treten, und auch ohne auf der andern Seite die Distinctionen von Vor- und Nachgewissen u.s.w. ungultig zu machen. Es ist ein Lebens- und Sterbens-Gewissen. Auch der redlichste Richter findet, ehe er von seinem Obern untersucht werden soll, noch Mangel, ohne auf ABC-Schnitzer, die nur ein Revisionsknabchen rugen kann, Rucksicht zu nehmen. Auf die Frage, was ist die Freiheit? antwortete jener Weise: Am Sonnabend uberdenkt jeder gute Haushalter die ss e r t , die auf den Missethater wartete, wenn er nicht geflohen ware. Mit der Desertion ist's so eine Sache. Es kommt alles auf den Contract an, den der Soldat eingeht. U n s e r m waren von den Capitulationspunkten nicht ein einziger gehalten, und doch sollt' er des Todes sterben. Bitter und gesetzt, wie ein Martyrer, ging er zum Richtplatz. Die Martyrer haben alle den Todesgang, als ware nichts, Welt auf, Welt ab, ihrer werth. Die Geistlichen hatten sich mude und matt bemuht, unserm Verurtelten zu beweisen, dass er alle zehn Gebote, und des Dr. Luthers Auslegung obenein, bis auf jedes Komma und Punkt ubertreten hatte; allein er blieb dabei, er sterbe unschuldig. Nun sagte einer der vornehmsten unter den ehrwurdigen Herren, so ware seine Behauptung, unschuldig zu seyn, eine Todsunde; denn, setzte er hinzu, wenn wir alles und jedes gethan haben, was wir zu thun schuldig sind, bleiben wir doch unnutze Knechte und des Galgens werth. Da der Deserteur aber diesem Manne, der die Sache beim rechten Ende angegriffen zu haben glaubte, seinen Platz anbot, hiess es, dass sie so nicht gewettet hatten. Kurz, weder Kaiphas noch Pilatus, weder das geistliche noch das weltliche Gericht konnten ihn von seiner Martyrer-Denkungsart abbringen. Der Tag des Todes erschien, und auch der ging ihm auf wie alle andern, ausser dass er, der Lust wegen, die er, wie er sagte, lange nicht genossen, ein Glas Wein fruhstuckte. Es ward zum Todesgang getrommelt. Furchterlich! Er ging ihn, da er sich bloss wegen der Lust pracaviren zu durfen glaubte, getrost. Unterwegs fiel ihm ein Bettler ins Auge! Halt! schrie er ich habe gesundigt! Gott erbarme sich mein, nach seiner grossen Barmherzigkeit! Sagt' ich nicht, fing der Geistliche an, der ihm das Geleite gab, kommt Zeit, kommt Rath. Der Martyrer kam so aus der Fassung, dass er kaum weiter konnte. Der kommandirende Officier, der an der armen Seele des Deserteurs wahren Theil nahm, bewilligte ihm Zeit und Raum zur Busse, und war eben im Begriff, ihm den Soldateneid vorlesen zu lassen; der Geistliche, die zehn Gebote mit ihm nochmals kurzlich durchzugehen, und, wo es die Zeit zuliesse, auch noch die ubrigen Hauptstucke des christlichen Glaubens: als es sich ergab, dass der verstockte Sunder uber sein Kapitalverbrechen noch eben so, wie zuvor, dachte. Der Bettler hatt' ihn an eine Schuld erinnert, die er mitnahm! Zwar, fing er an war ich in Noth; allein musst' ich darum dem armen alten Kerl das Brod nehmen? Er hatte vor funf Jahren einem alten Bettler ein Brod genommen; (um meine Leser nicht aufzuhalten) der Bettler, dem unser Laufer begegnete, mochte nun entweder eine Aehnlichkeit haben mit dem, welchem er das Brod genommen, wie denn alle Bettler sich gleich sind, oder es mochte das Gewissen, welches, wie man sagt, auch seine funf Sinne hat, bei dieser Gelegenheit auf die alten, schon reponirten und bestaubten Acta gefallen seyn; kurz, dieser kleine Vorfall brachte ihm zum Bekenntniss, ein grosser armer Sunder zu seyn, und das Leben verwirkt zu haben. Nicht immer machen dem Menschen die schadlichsten, gefahrlichsten Dinge den grossten Schmerz. Wer ist am Zahnweh gestorben, und wer kann diesen Schmerz, ohne zu murren, ertragen? Einer der Kameraden, den dieser Vorfall ruhrte, bot dem grossen armen Sunder einen Theil von seinem Solde an, um dass Gewissen zu stillen; er nannt' es aus gutem Herzen: d e m G e w i s s e n w a s z u v e r b e i ss e n g e b e n ; allein der Laufer verbat's: Gib es, wenn du, ohne selbst zu betteln, es missen kannst, in deinem eigenen Namen. Ich will nicht prahlen! Das Gewissen eines Sterbenden ist nicht so leicht befriedigt sagt' er nach einiger Zeit. Der arme Kamerad gab es, und hatte, acht ganzer Tage Bussund Bettage, das heisst: er konnte in acht Tagen keinen Tropfen Bier trinken; es war von seinem Solde. Der Prediger hatte kein Geld bei sich; der Stabsofficier hatte Familie, und die Subalternen waren noch Billardpartien schuldig.
Das Gebet des Bussfertigen war kurz, herzbrechend! Er hatte ein Weib und zwei Kinder in den Staaten eines andern Herrn, und hatte im besoffenen, oder welches gleich viel ist, im zu guten Muth, Handgeld genommen. Seine Capitulationsjahre waren abgelaufen. Weib und Kind wollten seine Schwiegereltern nicht ziehen lassen, und also Solch einen Schuss, der diesem Armen das Herz bohrte, Gott lass ihn mich nie mehr horen! Seinem Weibe liess er noch durchs seinen Freund der ihm den Becher kalten Wassers auf dem Richtplatz reichte, zur Pflicht machen alten Bettlern, die so aussaen, wie der, der ihm begegnet und dem der Kamerad seinen Sold, sein taglich Brod gebrochen, ein ganzes Brod zu geben; auch wollte er, dass seine Kinder und Kindeskinder es thaten immerdar. Das ist mein letzter Wille, sagte er, und hiemit gab er seinem Kameraden die Hand, her den Bettler, der Wittwe zur Regel, abzeichnete und ihn traf. Leb wohl! Du warst ein ehrlicher Junge, und so stirbst du auch. Der Kamerad durfte, des grausamen Herrn Fahnrichs wegen, nicht weinen, desto mehr hielt er aus. Es war ein Auslander!
Die Nutzanwendung.
Mine war das Alles meiner Mutter! was der Bettler dem Laufer. Sie war alter, als der Laufer. Es fiel ihr also manches genommene Brod ein! Der Hauptdiebstahl war Mine. Noth hin, Noth her. Das Sterbensgewissen ist nicht so leicht zu befriedigen. Bis auf die Curlanderin lag alles schwer auf ihr. Eine verBei mir ist mehr als eine in Unordnung. Was bei manchem Rath ist, ist bei mir Unrath.
Meine Mutter ging in Gedanken in ein Carthauserkloster und sah es ein, dass der Mensch, auch bei den besten Gesinnungen, unmoglich mir nichts dir nichts sterben konne. Wer kann wissen, wie oft er fehle?
Der Stamm Levi vermehrte bei dieser Selbstprufung ihre Seelenleiden. Es war die Kohle auf ihrem Haupte, welche die andern noch mehr aufgluhte. Wer viel empfing, von dem wird viel gefordert. So viel Mund, so viel Pfund! sagte sie. Zwar empfand sie leibhaftig, dass sie ihrem Nachsten nicht Wasser und Luft verkauft, dass sie kein verirrtes Schaf in ihren Stall getrieben und dem Nabot keine Spanne Acker abgegrenzt, dass sie keine Taubenkramerin, keine Kauferin im Tempel gewesen. Geben war ihr seliger als nehmen; indessen heulte doch die ganze Orgel.
Jacobs Ausruf: "Er lebt, ich will hin, ihn zu sehen," hatte ein grosses Zeichen, und so auch alle Stellen, wo Tod und Todtengebeine vorkamen. Die Lebenszeichen wurden zwar nicht verworfen, dazu war sie zu sanft; allein sie wurden so in die Bibel gesteckt, dass ihr Haupt nicht zu sehen war. Er hatte sich geneigt.
Mein Vater sagte, es sind alte verdiente Officiere, die man zu Commandanten macht. Ein dergleichen Commandantenpostchen hatte auch ihr ehemaliger Liebling: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Der Inhalt der liebsten, ja einzigen Gesprache waren die vier letzten Dinge: T o d , A u f e r stehung der Todten, jungstes Ger i c h t , E n d e d e r W e l t . Alle, die sie sonst gekannt hatten, fanden jetzt bei ihr eine so grosse Veranderung, als zwischen Tod und Leben, zwischen Wachen und Schlafen, und sie verbarg sie auch nicht, wie ehemals den Namen Melchisedech. Thur' und Thor standen offen bei ihr. Jeder sah den Unterschied, wie Tag und Nacht. Ich weiss nicht, wie es zugegangen; allein alle Augenblicke hatte sie einen schweren Namen im Munde. Mein Vater wollt' ihr aushelfen; allein sie verbat's. Der Tod ist weit schwerer, als diese kauderwelschen Namen, sagte sie, und mein Vater schwieg bedenklich.
Tertullianus und Theophylactus in Ehren, fing sie
an, welche die Paradoxie gehabt, dass die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus eine blosse Parabel sey: die guten Herren haben gewiss keine Mine in ihrem Dorfe gehabt, und keinen Sohn, der Minen liebte und keinen Gewissensscrupel Minens Todes halber, sonst waren sie gewiss so orthodox gewesen, die Erzahlung vom reichen Mann und dem armen Lazarus fur das zu halten, was sie ist, fur reine, gediegene Wahrheit. Hat denn Adrichomius sich nicht anheischig gemacht, des reichen Mannes Haus in Jerusalem zu zeigen jedem, wer es sehen will? Ich thue drum keinen Schritt, fugte meine Mutter hinzu, und eben so wenig mag ich das H u s t e n Christi sehen, das man irgendwo vorzeigt.
Das heilige Grab aber, das Grab Christi, o! wie gern hatte diess meine Mutter gesehen! Sie nannt' es ein geistliches Bad, einen geistlichen Gesundbrunnen, und wunderte sich nicht, dass so viele Seelenkranke, so viele Pilgrime dahin wallfahrteten! Mein Vater, der hiebei indessen seinen ritterlichen Gesinnungen ihren Lauf liess, hatte so wenig wider diese Reise etwas einzuwenden, dass meine Mutter wegen seiner Reisefertigkeit zuweilen fast auf den Gedanken gefallen ware, ob nicht im heiligen Lande sein Vaterland sey, wenn die langen Manschetten ihr nicht im Wege gestanden. Vater und Mutter reisten also die Woche ein- bis zweimal ans heilige Grab, und legten sich, so oft sie sich auf diesen Weg machten, so pilgermude, so gottselig nieder, dass ich wetten wollte, kein frommer Grabeswanderer hat eine bessere Nacht gehabt, als sie. Des Morgens waren sie zwar immer in , ohne dass sie einen Turken gesehen; was thut aber der Turke zur Sache?
Wie ich mich verirre, ohne dass ich diese Reise nach dem gelobten Lande mitmache! Da bin ich wieder bei den vier letzten Dingen!
Wer meiner Mutter einen Liebesdienst erweisen wollte, musste von diesen vier letzten Dingen mit ihr sprechen. Wenn es auf sie angekommen ware, hatte sie noch gern wenigstens ein letztes Ding daruber gewunscht, um noch mehr daruber reden zu konnen, wenn nicht die F u n f , eine herzbrechende Zahl, darauf gefolgt. Mein Vater sagte ihr, von den vier Theilen Europens, von den vier Weltgegenden, von den vier Jahreszeiten, von den vier Altern des Menschen, von den vier Temperamenten und vier Elementen, lasst sich leichter reden, als von den vier letzten Dingen; allein meine Mutter liess sich nicht abwendig machen. Die v i e r t e Zahl war ihr Liebling geworden. Es hat zwar, sagte sie, kein Auge gesehen, kein Ohr gehort, und ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; wenn es aber gleich schwer ist, von einer Sache zu sprechen, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehort, und die in keines Menschen Herz kommen: so haben wir doch Mosen und die Propheten, und im neuen Testamente bis Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, wo man, des Tertullianus und des Theophylactus unerachtet, mehr von den hauptletzten Dingen hort, als uns Vernunft und alle funf Sinne zu lehren im Stande sind. Die Meinung der Psychopannychiten, als ob die Seelen noch in der Welt herum wanken, und andere dergleichen Meinungen, wie abgeschnitten! Luc. 16. stand der Text meiner Mutter, der keinen Commandantenposten, sondern ein hervorstehendes Zeichen hatte; und sollt' er nicht? Eine Cocarde am Hute, sagte ein Einfallist, ein neumodischer Candidat, den meine Mutter auf diese Zeichen aufmerksam machen wollte; allein dieses Burschchen ward gerupft, obgleich er noch mit seiner theologischen Scharpe und Ringkragen, so wie er eben gepredigt oder auf der Wache gewesen war, da stand. Unmoglich hatt' er ubler wegkommen konnen, wenn er einer der f u n f G e m u t h s - oder G e b l u t s -Bruder des reichen Mannes gewesen ware!
Der Tod ist Prosa, sagte meine Mutter, der Himmel Poesie. Darf ich weiter in dem Text? Kurzen heisst nicht veruntreuen. Ich will mit Fleiss bei der Extrapost bleiben, damit niemand meiner Mutter den Vorwurf mache: sie hatte ins Gelag hinein geredet. Meine Leser kennen sie noch nicht in der Todeslaune, die auch prosaisch war, wie der Tod. U e b e r L u c . 16.
Es kommt, fing sie zu ihren Korinthern an, alles von Gott, Gluck und Ungluck, Leben und Tod, wie Sirach im eilften Capitel und dessen vierzehnten Vers schreibt. Abraham war ein reicher Mann. Er wurde gewiss mit keinem Curischen von Adel getauscht haben, und der Konig Salomo, dem der Reichthum im Postscript zufiel, wie reich war er nicht! Was ist vom ehrbaren Rathsherrn Joseph von Arimathia zu sagen, der, so reich er war, doch auf das Reich Gottes wartete, und der vornehmste Todtengraber gewesen, der je gelebt hat! Wie leicht fallt aber beim Reichen die Frage vor: wer ist der Herr? Wer lasst sich durch Gottes Gute zur Busse leiten? Wer sagt nicht zu seinem Palast wie Nebucadnezar: diess ist die grosse Babel, die ich erbauet habe zum koniglichen Hause, zu Ehren meiner Herrlichkeit; und bei Gelegenheit seiner vollen Scheuern: du hast nun einen guten Vorrath auf viele Jahre, liebe Seele, habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Muth. Wie leicht kleidet man sich in Purpur und kostliche Leinwand. Des dreigliedrigen Candidaten Manschetten konnten, unter uns, k l e i n e r und f e i n e r seyn.
Was wird seyn, du Prasser, du Vielfrass, du Saufaus, was wird seyn, dass du alle Tage herrlich und in Freuden gelebt hast? O ihr, die ihr euch weit vom letzten Tage achtet, die ihr auf elfenbeinernen Lagern schlaft und Ueberfluss treibt mit euren Betten, die ihr die Lammer aus der Heerde esst und die gemasteten Kalber, die ihr Wein aus den S c h a l e n trinkt und salbt euch mit Balsam und bekummert euch nichts um den Schaden Josephs, was ists, was ihr gelebt habt? Wir wollen uns mit dem besten Wein und Salben fullen; lasset uns die Maienblumen nicht versaumen! Weisheit im zweiten Kapitel, der sechste und siebente Vers: euer Morgensegen, euer: d a s W a l t , ist: wohl her! Lasset uns wohl leben, weil es da ist, und unseres Leibes brauchen, weil er jung ist! Euer Benedicite! Euer: A l l e r A u g e n : Kommt her, lasst uns Wein holen und voll saufen, und soll morgen seyn wie heute, und noch viel mehr. Wehe! wehe! es wird nicht lange so seyn! Der Reiche starb und ward begraben, und als er nun in der Holle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarum in seinem Schooss die Engel waren seine Seelentrager! Seiner Seele war es nicht anzusehen, dass der Leib voll Schwaren und dass die Hunde seine Wundarzte gewesen. Gerades Weges, ohne allen Umweg, kam er an seinen Ort, so wie der reiche Mann an den seinigen! Was der Tod nicht machen kann! Welche Kluft ist zwischen beiden befestigt! Lange war der diesseitige Wall so gross nicht.
Die Sterbensgeschichte meiner
Mutter selbst.
Das Ableben meines Vaters war Oel fur diese Lampe, die fur die Ewigkeit brannte. Auch der Tod des Herrn v. G. lieferte einen Oelbeitrag. Dieser starb plotzlich in unserer Kirche, und kann ich, wenn es verlangt wird, noch Red' und Antwort von seinem Hintritt ertheilen! Der hochgeborne Todtengraber hat so viel Leichenbegangniss in diese Lebenslaufe gebracht, dass ich fast vermuthe, mancher Kunstrichter werde sich auch eine Spruchstelle merken, und ihr kein Commandantenzeichen beilegen. L a ss t d i e T o d t e n d i e T o d t e n b e g r a b e n ! Kann seyn; hab' ich aber nicht Minens Tod zu feiern?
Nach meines Vaters Tode lagen meiner Mutter ein grosser Theil Amtsgeschafte auf, womit sie den benachbarten Herrn Confrater nicht beschweren wollte, welcher sich sonst der heiligen Nothdurft der verwaisten Gemeinde annahm. Oeffentlichen Amtsverrichtungen konnte sie sich freilich nicht unterziehen, weil die Weiber, wie sie sich von selbst beschied, schweigen mussen in der Gemeinde; dagegen war sie, wo ein Christ nur irgend ein geistlicher Priester seyn kann, dieser Priester mit Leib und Seele. Sie setzte den Unterricht mit den Katechumenen fort, sie zeichnete die Beichtkinder an, ermahnte und trostete sie, nachdem es der Seelenzustand wollte. Die vier letzten Dinge wussten die Kinder wie das Vaterunser. Vorzuglich besuchte meine Mutter die Kranken. Ehre den Arzt, sagte sie, da mein Vater auf ihr bestandiges: d e r B r i e f , gab, sondern wider die Aerzte declamirte; in Wahrheit, sie ehrte die Aerzte; es sind Leibessorger, pflegte sie zu sagen. Obgleich sie die Aerzte, und unter ihnen den Dr. S a f t , ehrte, spendete sie dennoch, wenn es die Gelegenheit gab, Hausmittel aus, denen sie indessen, wider die Meinung meines Vaters, bei weitem nicht so viel als einem Saftschen Recept zutraute. Sie war sehr fur alles Geschriebene, und stand jedem Saftschen Schwarz auf Weiss den Rang zu. Die Seelencur ging bei ihr uber alles. Heirathen rechnete sie in gewisser Hinsicht auch zu Seelenmitteln. In allen Seelencuren war sie so glucklich, dass das ganze Kirchspiel zu ihr ein so unumschranktes Zutrauen hatte, dass die Gemeinde (den Adel nehm' ich aus, der zum Theil sein Gespotte mit ihr trieb) sie sehr gern in die Stelle ihres Mannes zum Predigtamt berufen hatte, wenn nicht das Geschlecht ihr entgegen gewesen ware. Selbst von der Nothtaufe hatte sie ihre besondern Meinungen, wobei die Herren Diaconi, Pastores, Prapositi und Superintendenten gewiss nicht den Kurzern zogen.
Was jene weise Frau zum Feldhauptmann Joab sagte, da er Abel besturmte! "Vor Zeiten sprach man: wer fragen will, der frage zu Abel, und so ging's wohl aus," das galt von meiner Mutter und ihrem Rathe, den sie keinem entzog, der ihn begehrte. Das Pastorat blieb wie gewohnlich lange erledigt, und meine Mutter hatte also Gelegenheit, ihre Gaben in mancherlei Art unter die Kirchspielsleute zu bringen. Da zersprang ein Felsenherz, welches vieljahrige Bosheit gehartet hatte; da thaute der Frost wie vom Marzschein auf, wenn sie ermahnte, wenn sie lehrte. Zwar hatte ein Benachbarter von Adel sich uber sie gar lustig ausgelassen, dass sie ihm wie ein flugellahmer Storch vorkame, der den Winter zuruckgeblieben; allein diess war ihr kein Stein des Anstosses, kein Fels der Aergerniss. Rache war nie ihre Sache, wie sie sagte. Man fand das kunstlose Alterthum, wenn man sie sah. Ihre sehr treuherzige Art zog ihr alle Herzen zu. Sie war keine Blendlaterne, die von allen Seiten zugezogen ist, sondern eine glaserne Lampe, die uberall Licht zeigt, wo man sieht. Eine Fackel war sie nicht und wollt' es auch nicht seyn. Ein Dorfmadchen, das eine Hauptdichterin der Gegend war, sagte, dass ihre Worte die Herzen, wie die Morgensonne die Blumen, offneten, dass sie dastunden wie die Blumenkelche. Seht, so hat die Natur selbst ihre Kunst. Es ist ein sehr bekanntes Sprichwort: "Wie die Natur spielt!"
Einst traumte meine Mutter, dass Minchen sie auf ein himmlisches Vocalconcert einladen liess, bei welchem mein Vater, der wahrlich diesseitig, auch selbst nach dem Brande, nicht sehr musikalisch war und nur den zweiten Discant versucht hatte, eine Hauptstimme ubernehmen wurde. Ehe sie antworten konnte, war das Gesicht verschwunden. Diese Einladung blieb sehr lebhaft in ihrer Seele. Des Tags auf diesen Traum ging meine Mutter, die Seelenbesorgerin, zu einer Kranken (es war die Mutter des armen kleinen Jungen, der seinen Milchtopf zerbrochen hatte und dem Minchen aus der Noth half, indem sie behauptete, dass sie schnell zugegangen und da ware der Topf hin gewesen). Sie hatte eine hitzige Krankheit; ein landlicher Universalname aller Krankheiten. O meine Lehrerin, schrie ihr die Hitzigkranke zu, ich bin diese Nacht zu Gaste bei Minchen gebeten auf ein Gericht Manna, wo ich mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen werde. Gewiss werd' ich auch meinen Siebenjahrigen finden, der den Milchtopf zerbrach. Der Liebe wird himmlisch gross geworden und schon ausgewachsen seyn! Meinen Sie nicht, liebe Frau Pastorin? Meine Mutter hatte die Einladung auf Manna so getroffen, dass sie nicht antworten konnte. Nach ihrer Erholung entdeckte sie der Kranken ihre Einladung auf Gesang. Ich habe aber nicht zugesagt, sagte meine Mutter. Und warum? die Kranke. Weil das Gesicht die Antwort nicht abwartete. Gut, fuhr die Kranke fort, so werd' ich die Antwort mitnehmen. Amen! sagte meine Mutter, um ein himmlisches Wort zu gebrauchen; Halleluja! die Kranke, und nun ward eine Todesstille, als ob beide sich zu dieser Einladung vorbereiteten. Nach einer Weile kamen sie wieder, wo sie stehen geblieben, und die Kranke konnte sich nicht drein finden, dass meine Mutter auf Gesang, sie aber auf Manna geladen sey, wobei meine Mutter ihr ins Geleis half. Seht nur, gute Nachbarin, da kann ja wahrend dem Singen, sagte sie, auf Blattern vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Boses und vom Baum des Lebens Manna herumgetragen werden. Wenn die Blatter gross sind, sagte die Kranke Messer und Gabel und Teller, fuhr die Kranke fort. Weg damit, versetzte meine Mutter. In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel. Die Kranke reichte meiner Mutter die Hand und mit ihr den Tod. Mit einem Schauer trat er ihr in alle Glieder. Sie wusst' es, dass er eingetreten war und ging heim. Die Nachbarin starb in wenigen Stunden, um bei Minen Gesang und Manna nicht zu versaumen. Meine Mutter ward krank, ohne dass sie und Dr. Saft wussten, was ihr fehle. Sie starb an der Einbildung, wenn ich mich nicht irre, an der mehr Leute sterben, als man glauben sollte. Dass viele daran krank sind, ist eine ohnedem bekannte Sache. Sie hatte, wie der Graf in Preussen, das himmlische Heimweh, nur mit dem Unterschiede, dass es beim Grafen eine lange zehrende, bei meiner Mutter eine hitzige Krankheit war. Ein Lied war ein Springwasser, das ihr zuweilen Kuhlung bot, und mit welcher Inbrunst sang sie! Ihr Trost war ohne allen Aufwand sie sah nicht in die Sonne. Der Mond war ihr Planet, der Planet eines Planeten. Wer kann in die Sonne sehen! sagte sie. Der Mond hat so was Menschliches. Lass sie, die hochweisen Herren, nur immerhin behaupten, fuhr sie fort, den Baum des Erkenntnisses Gutes und Boses schon in dieser Welt gefunden zu haben; es ist wahrlich eine Schlange, die sie verleitete. Die Regeln konnen zwar schlechte Dichter vom Parnass, oder besser vom Sinai zuruckhalten, haben sie aber je einen gemacht? Die Weisheit dieser Welt, was ist sie beim Licht der reinen Wahrheit? Werdet wie die Kinder. Wenn andere lehren: Zieht die Kinderschuhe aus, lehrt uns wahre Weisheit: Zieht sie an und noch bis jetzt, fuhr meine Mutter fort, hab' ich mich beim lieben Mond und bei den Kinderschuhen wohl befunden. Was sie uber ihr Herz bringen konnte, das konnte sie auch mit der Vernunft reimen. Das Herz spielt auch wirklich weniger Streiche als die Vernunft. Die Vernunft ist eine Gemeinuhr, jeder schiebt ihren Zeiger; das Herz trag' ich bei mir. Je weniger der Mensch der Vernunft und dem Schicksal Blossen uber sich gibt, je unuberwindlicher, je starker ist er. Wenn ich schwach bin, bin ich stark, konnte meine Mutter sagen. Ihr Portrat war weibliche Schwachheit im Arm mannlicher Starke. Vater und Sohn konnen an einem Tage taufen lassen. Ein Pomeranzenbaum hat Bluthen und Fruchte.
In Betreff ihrer Krankheit, so verstellte sie nicht ihre Geberde. Schon bei meines Vaters Leben hatte sie eine alte Priesterwittwe, anstatt einer Diakonin, zu sich genommen, und v o n i h r h a b ' i c h e m p f a n g e n , was ich meinen Lesern erzahle, und zwar so, als war' ich Augenzeuge gewesen. Auf meine Sunde wider Mine steht Gewissensbiss in der vorletzten Stunde, pflegte meine Mutter oft zu sagen; die letzte aber, setzte sie hinzu, wird heiter seyn. Es nagte und plagte sie noch heftig, wenn gleich sie bis auf die vorletzte Stunde uberwunden zu haben glaubte. Sie sagte in einer schweren Stunde der Anfechtung, in Rucksicht der schon erkampften und sie jetzt wieder fliehenden Ruhe, auf eine schreckliche Weise: wie gewonnen, so zerronnen; indessen wurden ihre Hande bald, bald wieder gestarkt, die strauchelnden Kniee erquickt und der zerbrochene Rohrstab geleimt ihre blutrothe Schuld war dann wieder schneeweiss. Geschieht das am grunen Holz, geschieht das an Minen, die auch noch vor ihrem Ende manchen Gewissensknoten zu losen hatte, ehe sie uberwand; geschieht das an meiner Mutter, die Gewissensangste ergriffen; was will am durren werden! Wer kann diess zu oft wiederholen? Wer es liest, der merke drauf! Die Krankheit meiner Mutter behinderte sie ausserhalb ihres Hauses Amtsverrichtungen vorzunehmen. Sie kam seit dem H a n d s c h l a g e nicht mehr aus dem Pastorat; indessen liess sie ihre geistlichen Priesterhande nicht vollig sinken. Freilich mussten sie zuweilen gestutzt werden, wie jenes Priesters, wenn er das Volk segnen sollte; indessen ward sie nicht lass, zu strafen, zu lehren und zu trosten. Jedes, das einen Stein auf dem Herzen hatte, kam zu ihr; jedes, das sich nicht finden konnte, suchte Rath, im Geistlichen und im Leiblichen.
Eine Besonderheit, noch denkwurdiger, als die schweren Worte, womit sie sich belastete! Sie hatte das Gluck, dass sie einige verborgene Dinge, als z.B. Diebstahle, ans Licht brachte, die wie eine Pest im Verborgenen schlichen. Sie sagt' es dem Schuldigen auf den Kopf zu. Wo sie anklopfte, da ward aufgethan. Ich weiss nicht, schreibt die Priesterwittwe, ob die verschiedenen denkwurdigen Traume die Ursache waren, woher sie die ihr verliehene Gabe der Prophezeiung inne ward; nur das weiss ich, dass sie viel Aufsehen gemacht haben wurde, wenn sie diese Begeisterung eher verspurt hatte. Sie sagte der Frau v. , sie wurde einen Sohn zur Welt bringen, und doch ging die Frau v. nur im funften Monat. Sie wusste, wer Pastor werden wurde, und sagte diesem und jenem Dinge, woruber dieser und jener erstaunte. Selbst von den fetten und magern Kuhen der kunftigen Jahre liess sie Worte fallen, die manchen Kornjuden hatten bereichern konnen, wenn dergleichen ihren Worten getrauet. Wenn sie sich eine Wunschelruthe gebrochen, wurde sie alles Metall in ganz Curland und Semgallen auspunktirt haben. Zuweilen kam ich auf den Gedanken, dass es ein Erbstuck von ihrer seligen Mutter gewesen. Eine Blitzfrau! Die verknupftesten Rathsel, die intrikatesten franzosischen Schlosser, ohne Dietrich gleich offen. Sie hatte einem Superintendenten was zu rathen aufgeben konnen, von Rahels Gesichtsfarbe zum Beispiel, und von der Seifenkugel des Pontius Pilatus.
Unten noch ein Rathsel, das ich losen zu konnen wunschen wurde. Hier noch die Anmerkung, dass der Candidat mit den langen Manschetten meines Vaters Platz erhalten. Ich glaube, meine Leser haben, unerachtet des dreigliedrigen Segens und der langen Manschetten, die eherhin nicht von kostlicher Leinwand waren, nichts dagegen.
Nicht eins aus dem Kirchspiele konnte sich behelfen, ohne von meiner Mutter Abschied zu nehmen, und keines ging von ihr ohne Andachtsrothe (wie die Priesterwittwe sich ausdruckt) auf den Wangen. Man brachte die Kinder zu ihr, damit sie sie einsegnen mochte, und gesegnete Weiber befragten sie: ob's ein Sohn oder Tochter ware? Ueber mich, sagte sie, wollte sie nicht den prophetischen Zugel schiessen lassen, so gern ich eine Probe ihrer Kunst aus der ersten Hand gehabt hatte.
Ausser der Lehre von den vier letzten Dingen war sie jetzt uber die Lehre von den Engeln unerschopflich geworden. Der Spruch, erste Korinther im eilften Kapitel der zehnte Vers: Das Weib soll eine Macht auf dem Haupte haben, um der Engel willen, war ein Text, woruber sie sich ausliess, wiewohl ohne ihn zu zeichnen. Sie zeichnete jetzt uberhaupt keine Spruchstellen mehr. Da sie indessen, auch selbst als Prophetin, orthodox blieb, und die Kinder, so man zu ihr brachte, nur zweigliedrig segnete: so blieb es bei der gewohnlichen Erklarung, nach welcher H a u b e das Gegentheil von Hut anzeigt. Dieser deutet Freiheit an, jener Unterwerfung unter den Willen des Mannes, und sollen also die Weiber Schleierhauben tragen, um die Engel durch Gelegenheit zur Untreue nicht zu betruben. Die gute Predigerwittwe fand diese Erklarung so uberschwenglich, dass ich ihr zum Andenken sie hier einrucke! Wie mag diese Spruchstelle doch ihr Ehegatte seliger erklart haben? Vermuthlich legte er sie durch heidnische Aufpasser in den Versammlungen der Christen aus.
Die Engel sind die treuesten Geschopfe, die Gott geschaffen hat, sie sind rein und selig.
Die Auslegung, dass die Weiber darum Hauben zu tragen angewiesen worden, damit sie die Engel nicht ansehen mochten, um sie zu begehren, war meiner Mutter ein Stein des Anstosses. Sie uberlegte alles mit ihrem Schutzengel, und war so sehr der Meinung, dass jedem Menschen ein Gefahrte zugeordnet ware, der ihn in der Jugend und im Alter begleite, dass sie nichts davon abwenden konnte. In den Jahren, sagte sie, wenn der Mensch im eigentlichen Sinne Mensch ist, wie selten ist er da eines Engels werth? Die Engel sind nicht unsere Diener, wiewohl etliche des Dafurhaltens gewesen, sondern unsere Vormunder, unsere Curatores. Wie muss es sie verdriessen, dass eine Gestalt, die der erste Adam und der zweite Adam getragen, so vernachlassigt wird! Aus der gottlichen Uniform, o! was ist aus ihr worden! Die Engel lernen von uns die Auswicklung eines Geistes, den Einfluss des Geistes auf den Korper, und dieses auf jenen! Sie sehen, was es mit einem sublunarischen Korper fur eine Bewandtniss habe, und wie er einem Geiste steht. Sie sehen die Ungemachlichkeiten, die ein Eigenthum vor einer Miethe, die ein eigenes Haus vor einem geheuerten hatte. O was ist vom Menschen zu lernen! Vielleicht ist in ihm aus jedem Hauptweltstuck etwas! Er ist die Welt im Register! Man kann sie bei ihm nachschlagen und wenn er stirbt, welcher neue Unterricht! Die Trennung, das Ueberbleibsel ausser der Seele, das Hemde vom Menschen, von kostlicher Leinwand. Wir sind also, ihrer Vormundschaft unbeschadet, ihre Lehrer! Hier sind wir Engel und Menschen in einer Person! Wer sagt, dass wir sterben, druckt sich uneigentlich aus. Wir sind unsterblich.
Kindlich-grosse Mutter! Du schlecht und rechtes Weib! Selig bist du, selig, dreimal selig ist dein Kind, das Christus unter seine Junger zum Muster stellte. Jesus rief ein Kind, und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch, es sey denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst erniedrigt, wie diess Kind, der ist der Grosste im Himmelreich! Selig ist, der ein Kind wird, um dieses Kinderfreundes willen!
Gern hatte ich meinen Lesern ein Engelgesprach meiner Mutter mitgetheilt, welches wir andern Leute ein Selbstgesprach zu nennen gewohnt sind, das auf dem Theater ein Staatsfehler ist indessen besprach sie sich mit ihrem Schutzengel in der Stille. Unsere Seele kennen wir nicht, und wollen die Engelnatur begrunden? sagte ein Schriftgelehrter in der Gegend. Wir wissen in unserm eignen Hause nicht, wer Koch oder Kellner ist, und wollen alle Einwohner jener Sterne zu Gevattern bitten? Allein meine Mutter widerlegte ihn nicht. Oft brach sie, schreibt die Pastorwittwe, mitten drein ab: was ich weiss, das weiss ich, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass sie mit ihrem Schutzgeist bekannt zu werden Gelegenheit gehabt. Sonst wusste ich auch nicht, wo sie alles her hatte von den sieben fetten und sieben magern Kuhen kunftiger Jahre; ob Sohnchen oder Tochterchen, und wer Pastor werden wurde.
Es war in der Gegend eine Frau v. B von sehr bekannter Einsicht. Sie hatte nie Kinder gehabt. Man sagt, viele Kinder schwachen die Weiber an Leib und Seele, und wenn man manche alte Jungfer daruber zu Rathe zieht, sie sey Durchlauchten, hochgebornen, hochwohlgebornen oder burgerlichen Standes, findet man zu dieser Anmerkung Bestatigung. Ihre Neider behaupteten sie ware keine Frau, sondern ein Mann, obgleich ihr verstorbener Gemahl nie daruber Klage gefuhrt. Diese Frau war eine Jungerin vom seligen Herrn v. G , ohne dass er es dazu anlegte. Sie hatte wider manches Scrupel, und trat dem Herrn v. G in allen seinen Meinungen bei, ohne zu bedenken, ob ihre Scrupel dadurch gehoben waren oder nicht. Nach der Zeit fing sie selbst an aus Buchern zu schopfen. Das sind nie Quellen fur Weiber! Bei ihnen kommt aller Glaube durch die Predigt, und siehe da! sie hatte von der Existenz der Seele nach dem Tode solche Hirngespinnste zur Welt gebracht, dass es ihr besser gewesen ware, wenn sie Kinder gehabt hatte, wenn sie ihr gleich nicht gerathen waren. Hirngespinnste sind oft schadlicher als ungerathene Kinder. Hiezu kam, dass sie keinem diese Meinungen mittheilte, sondern alles mit sich selbst berichtigte. Sie hatte eine grobe Stimme, sonst aber war sie fein, ausgenommen Nase und Augen, die ungewohnlich gross waren und doch war etwas Frauliches in beiden Stucken. Dass sie nicht zu unserm Kirchspiel gehorte, muss ich noch bemerken. Der Prediger, der ihr angewiesener Seelenhirte war, schien keine Seelenweide zu verstehen, am wenigsten die Gabe zu haben Scrupel zu heben und alles wieder auf gut Weideland zu treiben. Diese Frau v. B. hatte fur meinen Vater viel Achtung gehabt; obgleich er durch das zehnjahrige Interregnum von der fur ihn gefassten guten Meinung viel verlor. Wo sie nur von einem Zeichen horte, erschien sie, und immer im Amazonenhabit. Sie war eine geborne Amazonin. An Swedenborg, den Geisterseher, hat sie ofters Briefe erlassen, auch an einige Jetzt horte sie vom benachbarten Phanomen. "Liebe Frau Pastorin! ich komme zu sehen, wie Sie sich befinden." Besser als je! "Das hore ich!" und nun alles einsylbig: Je nun, mag, nun denn! Acht Siehe doch! und dergleichen. Die Frau v. B hatte meine Mutter fur eine einfaltige gute Frau gehalten. Sie war wegen ihres Singens weit und breit bekannt. Die Frau v. B sang gar nicht. Sie war fur keine Musik. Meine Mutter kannte die Frau v. B wegen ihrer Heterodoxie, und merkte sogleich, dass es auf ein Zeichen wurde abgesehen seyn. Sie fertigte sie indessen so kurz und gut, als Vater Abraham den reichen Mann, ab, da er seiner funf Bruder halber eine Erscheinung begehrte. "Horen sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Todten auferstunde." Mit der Nachricht, wer Pastor werden wurde, war der Frau v. B am wenigsten gedient, und da sie aus zwei bekannten Dingen ein drittes unbekanntes herauszubringen gar wohl verstand, nicht minder gar wohl wusste, dass das Gluck allem Ausserordentlichen zur Seite ginge, so ward sie so wenig uberzeugt, als die Pharisaer und Sadducaer und Schriftgelehrten. Meine Mutter hatte indessen etwas im Gesicht, was der Frau v. B auffiel. Die Festigkeit, mit der meine Mutter alles behandelte, machte die Frau v. B auch ohne erhaltenes Zeichen aufmerksam. Sie nahm die Assignation auf Mosen und die Propheten an, und bat sich die Erlaubniss aus, kunftigen Sonntag wieder zu kommen. Wenn man den Lowen vorgeworfen werden soll, stirbt der grosser und ist mehr als Martyrer, der sich ihnen gelassen anbietet, als der sie reizt. Die Frau v. B zog ihre Strasse, und da sie wohl einsah, dass meine Mutter nicht mehr lange hier wallen wurde, entschloss sie sich etwas auszufuhren, wofur sie bis dahin zuruckgebebt. Sie kam. Noch ein klein Gelaute zuvor, wegen des Sonntags. Seit der Zeit, dass meine Mutter eine Prophetin geworden, war sie des Sonntags mehr als sonst in diesem Prophetenelement; obgleich sie sonst so sehr fur den Sonnabend war. Sie kam, habe ich schon gesagt. Beide sahen es sich an, dass sie heute ausserordentlich waren. Es war bei beiden Sonntag ich will die Pastorwittwe sich selbst uberlassen.
Ich wunschte wohl mit Ihnen ganz allein zu sehn, sing die Frau v. B an. "Kann nicht seyn," antwortete meine Mutter. "Gott ist bei uns, und meinen Schutzengel kann ich nicht gehen heissen. B l e i b , L i e b e r !" Dieses kurze: Bleib, Lieber! zu etwas, das die Frau v. B nicht sah, wurde sie sonst zum Lachen gebracht haben; jetzt wandelte sie kein Lachen an. "Auch diese, meine Collegin," fuhr die Selige fort, "darf nicht von mir. Sie hat mein Herz und weiss meine ganze Sterbensgeschichte." Nach einigen Erholungsaugenblicken versicherte die Frau v. B , dass sie eine Bitte an die Selige hatte, die sie wohl uberdacht. "Im Namen Gottes," erwiederte die Selige. Ich glaube, fuhr die Frau v. B fort, an Gott den Vater, allmachtigen Schopfer Himmels und der Erden, und ehre in tiefster Demuth alle die Wege, die er mit den armen Menschen, seinen Geschopfen, eingeschlagen, um sie zur Erkenntniss der Wahrheit zu bringen ich glaube doch, unterbrach sie sich selbst, Sie wissen was ich glaube. "Ich weiss," sagte die Selige mit aller Ueberzeugung, und legte eben hiedurch ein Zeichen von ihrer Uebernatur ab; denn mir kam es vor, dass die Frau v. B selbst nicht recht wusste, was sie glaubte. Gern, ich laugne es nicht, hatte ich sie den zweiten und dritten Artikel des Glaubens beten gehort. So beschwore ich denn, rief die Frau v. B mit einer Mark- und Beinstimme, so beschwore ich deinen Geist bei dem ewigen Anschauen Gottes und bei allen Hoffnungen der Seligkeit, dass, wenn es zur Ehre des Geistes der Geister und mit Bewilligung deines Geleitengels seyn kann, der hier ist, ohne dass ich ihn sehe, dass du mir drei Tage nach deiner Auflosung erscheinest ich werde in meinem Hause rechter Hand im weissen Cabinet deiner warten. Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Die Selige antwortete auf so viel Kreuzblitze mit einer Gelassenheit, die man nicht beschreiben kann: "Eure Rede sey: Ja, ja, nein, nein, was daruber ist, ist vom Uebel! Lasst mich!" Sie winkte uns ab! Ich (das heisst, die alte Pastorwittwe) zitterte von dannen: denn ich fuhlte, dass ein unsichtbares Geschopf in der Nahe sey, das mit der Seligen conferiren wollte; die Wahrheit zu sagen, ich horte ein Rauschen, als eines sanften Windes, als einer atlassenen Schleppe. Die Frau v. B ging mit der ehrfurchtsvollsten Geberde von dannen! Samuel konnte nicht ehrfurchtsvoller sagen: Rede, Herr, dein Knecht horet! Wir kamen ins blaue Stubchen, das ich tausendmal gesehen, und jetzt war mir so, als ob ich es zum erstenmal sahe. Es kam mir vor, als sahe ich uberall Kreuze! Mich umgesehen hatte ich nicht um Tausende. Die Frau v. B sah mich mit ihren grossen Augen starr an und eigentlich bemerkte ich, wie sie eine Todesangst fasste. Die Aengste hoben sie; was schweben heisst, konnte man an ihr sehen. Diess nahm zusehends zu; auch sie konnte sich nicht mehr umsehen. Wie es zuging, weiss ich nicht; allein ein plotzlicher Sturm riss die Fensterladen von ihren Eisen; alles bebte im Zimmer. Alles, was einen Klang im Zimmer hatte, gab einen Laut. Schrecklich. Weh! war es nicht; allein nicht viel auseinander. Die Hahne krahten auf eine Art, als wenn eins verrathen und verkauft werden sollte! Im Sturm waren Worte zu horen. Wer konnte sie vernehmen? Die hochgelahrte Frau v. B rang die Hande und konnte sich auf den Knien nicht halten. W a s ! W i e i s t m i r ! Damals, und auch nach der Zeit, glaubte die zeichenbegierige Frau v. B , dass die Unterredung der Prophetin mit ihrem Schutzgeist auf den Geist der Frau v. B gewirkt hatte. Etwas ging in Wahrheit vor; was es aber war, mag Gott wissen und der Prophetin Schutzgeist. Die Prophetin klingelte. So was von Klingeln habe ich nie gehort. Die hochgelahrte Frau v. B hatte so wenig Herz hinein zu gehen, dass sie mich bat, ich mochte horen, was sie wollte; und da ich vorging, hielt sie mich zuruck, weil sie nicht bleiben, nicht gehen wollte. Da eben gingen die Glocken unserer Kirche, und der Sturm, der noch nicht nachliess, brachte sie uns so nahe, dass sie uns recht ins Ohr schrien: "Bedenke, Mensch, das Ende!" Es war eben ein bluhendes, junges Madchen, das nur seit drei Tagen krank gewesen, verschieden. Gott habe sie selig! Die Frau v. B that, ehe wir noch zu der Seligen gingen, eben so feierlich, als ihre Beschworung war, Verzicht auf die Erscheinung der Prophetin, als Eines von den Todten, und da wir voll von diesem Verzicht zur Seligen kamen, so habe ich nie erfahren, wie die Conferenz abgelaufen und wie sie sich mit dem Schutzgeist berathen. Gern wusste ich es jetzt. Zu der Zeit hatte ich es nicht tragen konnen. Das bin ich uberzeugt, hatte sie versprochen, sie ware gewiss gekommen, und wenn sie vom lieben Gott selbst Urlaub bitten sollen! Es ware ja ohnedem nicht auf lange gewesen! "Rechter Hand in's weisse Cabinet;" Jammer und Schade!
Die Prophetin entdeckte uns bei so bewandten Sachen nichts von ihrer Conferenz, und so blieb auch die Frage: Ob es angeht, dass man erscheinen konne? unentschieden.
Nach einigen, das Ableben der Dirne betreffenden Umstanden erzahlte die Prophetin uns eine zur Stiftung des Carthauserordens gehorige Geschichte (die Sie besser wissen werden, als ich). Es war ein von der ganzen Welt fromm geglaubter Mann; dieser starb und sollte begraben werden. Unfehlbar hatte man uber seinen ruhmlich gefuhrten Lebenswandel und sein seliges Ende eine Standrede gehalten, und da richtete er sich auf und sagte (die Prophetin richtete sich im Bett in die Hohe): Ich bin vor das strenge Gericht Gottes vorgeladen. Alles ging, der Neuheit der Sache wegen, von dannen, wiewohl unbesorgt wegen des Urtheils. Des folgenden Tages, da man das Leichenbegangniss fortsetzen wollte, richtete sich der fromme Mann wieder auf und rief: Das Verhor ist vor dem Richterstuhl geschlossen! Die Leichenbegleiter und das Volk verliessen diessmal banger die Leiche. Ein Verhor, dachte man, doch vielleicht um dem frommen Mann desto grundlicher zu lohnen! Den dritten Tag, wie begierig war alles, den Spruch der Gnade zu horen, das: "Ei, du Frommer!" Allein Weh! Weh! rief die Prophetin; sie richtete sich so in die Hohe, dass sie mir ungewohnlich gross vorkam; der fur fromm Gehaltene sprach mit einem Tone, mit einem Tone: "Ich bin verdammt!" Die Amazonin fiel in Ohnmacht. Ein Weib, auch im Amazonenkleide, ist doch nur ein unausgebackener Mann! Die Prophetin ermunterte sie durch das schone Lied: "Du stehest, Mensch, wie fort und fort." Diess Lied half zusehends. Sie druckte meiner Mutter die Hand. Nicht eher, als dort, wunsche ich Sie zu sehen, rief sie laut, recht als ob sie es dazu anlegte, dass auch die Unsichtbaren es horen mochten. Sie nahm noch ausser ihrer Kammerjungfer einen ihrer Bedienten in den Wagen, und hat keinen Scrupel mehr, und geht nicht weiter im Amazonenkleide. Den dritten Tag nach Ihrer heiligen Mutter. Hintritt fiel Frau v. B in heiler Haut in eine dreistundige Ohnmacht und erwachte wieder so, als wenn man ausgeschlafen hat. Sie hat wirklich etwas, man weiss nicht was erfahren, wovon sie aber bis in ihren Tod, der kurze Zeit darauf folgte, keine Sylbe entdeckt hat. Ich habe diesem Vorfall eine Pension von funfzig Reichsthaler Alb. zu danken, die sie mir mit der Bitte legirt hat: diesen Sonntag, ihr zum Andenken, nicht zu vergessen; und das will und werde ich erfullen, bis auch ich wissen werde, wie es in der Geisterwelt stehet. Wie mir vorkommt, werde ich Sonntags sterben, am Pensionstage. Fr. v. B ist sehr sanft gestorben. Ich konnte wegen Selbstkrankheit bei ihrem Ende nicht seyn.
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Des alten Herrn muss ich bei dieser Gelegenheit auch gedenken, sowohl meiner Mutter, als der Frau v. B wegen, die nach Geistern ausging, und am Ende doch zu den Seligen gehorte, welche nicht sehen und doch glauben. Meine Mutter hatte ihn sogleich, nachdem sie von Minens Geschichte unterrichtet war, citirt, und nachdem sie ihm Himmel und Holle vorgestellt, seinem Herzen die Wahl uberlassen ob Himmel? oder Holle? Herr v. E hatte, um sich aus der Schlinge zu ziehen, den Hermann vollig verlassen. Magdalena aber schien, um einen Literatus zu heirathen, ihn nicht aufgeben zu wollen. Er schien wirklich Minens Andenken und der Zuruckerinnerung an ihre Mutter den Gedanken dieser Heirath vollig geopfert zu haben. N o t h , sagte meine Mutter, halt kein G e b o t ; wenn ich Ihnen aber Nahrung und Kleider verspreche, so lange ich lebe! versteht sich. Hermann machte Busse und Glauben durch das gute Werk thatig, D e n e n zu entsagen. Nach der Zeit t r o s t e t e sie den Hermann; darf ich mehr bemerken, um an den Tag zu legen, dass der tochterlose Hermann wirklich Reue und Leid uber seine Sunden getragen? Sie hatte ihm alles aufgedeckt, auch was er an der Curlanderin verschuldet. Er ging krumm und sehr gebuckt; den ganzen Tag war er traurig. Der Tremulant war sein Hauptzug. Seine grosste Strafe, wie meine Mutter bemerkte, war die Furcht vor dem Tode; nicht weil es ihm in der Welt gefiel, sondern weil er sich furchtete, seinem Weibe und Tochter unter die Augen zu kommen. So war unser B e k a n n t e r voll Angst, seinen Sohn und Charlotten zu sehen.
Eines Tages, da meine Mutter ihn in tiefster Schwermuth fand, welches sie zwischen eilf und zwolf in der Nacht nannte, nahm sie ihn bei der Hand: Getrost! sagte sie. L u t h e r liess sich zu seiner Zeit gegen einen traurigen Organisten so aus: Lieber Mathia, wenn Ihr traurig seyd, und es will uberhand nehmen, so sprecht: Auf, ich muss ein Liedlein schlagen auf dem Regal, das Te Deum oder Benedictus. Gehe hin, thue dessgleichen! Hermann, so betrubt er war, konnte nicht umhin, anzumerken, dass er nie Organist gewesen, sondern nur ein Post- und Praludium hie und da gehalten, wenn es vierzehn Tage zuvor bestellt worden, womit es meine Mutter bewenden liess, die um alles in der Welt willen ihm nichts vom kalten Brande gesagt hatte. Sie krankte seine Literatusehre nach Minens Tode nicht weiter. Diese Welt, lieber Hermann! sagte sie, ist ein Praludium; die kunftige das Textlied! Ja wohl, erwiederte er mit einem tiefen Seufzer. So lebte Hermann nicht viel anders als ein Carthauser, hatte nicht Lust und Liebe mehr, seitdem er den Kinderunterricht aufgegeben, seine Handwerke zu treiben; obgleich er noch vom Schneider die Gewohnheit beibehalten, auf den Tisch zu klopfen, vom Schuster das weite Ausholen mit den Handen, und vom Topfer das bestandige Wackeln mit dem Fusse. Die Frau v. B. hatte ausser der Pastorwittwe auch an ihn im Testamente gedacht. Sie hatte sich, nach ihrer Wallfahrt zu meiner Mutter, um alle Umstande, die Minen und mich betrafen, erkundigt. "Auch Hermann jahrlich funfzig Thaler Alb.," hiess es in ihrem mildthatigen Testamente. Mir hatte sie ein schwarzes Kleid nebst Kragen und Mantel legirt, wenn ich Prediger werden wurde, welches ich, so unbetrachtlich der Umstand ist, hier anzumerken nicht ermangeln kann!
Meine Mutter ward von Tage zu Tage schwacher; der Geist immer noch willig, thatig, kraftig, das Fleisch schwach. Ihre Einbildungskraft nahm so zu, dass sie hier schon wie ein Geist aussah. Aus der Geschichte mit der Frau v. B. ergibt sich, dass sie zu Bette gewesen. Sie war wirklich so, dass sie sich nicht auf den Fussen halten konnte. Seht nur, meine Lieben, sagte sie, wie sehr ich beweise, dass mein Geist unsterblich ist! Da bin ich durch den, der mich machtig macht, starker als Socrates, von dem so viel gemacht wird, und der doch, wie man mir erzahlt hat, einen Hahn opfern liess, um seine Religionsgrundsatze zu laugnen. So muss ein Hahn immer bei der Verlaugnung seyn! Ich lebe auf, indem ich sterbe. Mein Geist fliegt, indem mein Korper sinkt!
Besonders war es, dass meine Mutter uber mich, wie bereits bemerkt worden, auch keinen einzigen Laut prophezeite! Nach ihrem letzten Briefe, den ich extractsweise meinen Lesern mitgetheilt, war alles still uber mich. Zuweilen dachte sie meiner im Fluge; wer kann aber im Fluge treffen? Die Pastorwittwe konnte es nicht. S i e b e n Tage vor ihrem Ende, wie diese Krankenwarterin mit den funfzig Thaler Alb. Pension mir berichtet, war der Geist, wie soll ich's nennen? noch starker. Kann es nicht heissen, als je? Sie war in einer wirklichen Ekstase, wo zuweilen Funken fielen; allein sie fielen auf kein gut Land, schreibt die Pastorwittwe, sie zundeten nirgend. Es war alles so in die Luft. Die gute Frau hat mir davon eine Probe mitgetheilt, die ich so wiedergebe, als ich sie empfangen habe. Meine Leser wissen, wie sehr ich fur eigene Worte bin!
Alles, was Odem hat, liebt, und was keinen hat, mochte gern lieben. Es sehnet sich nach Liebe. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch. Habt ihr nicht gemerkt, wie sich manches Gewachs an einander schlingt, so fest als ein junges Weib an ihren Gatten, und was sich nicht umschlingen kann, beruhrt sich, wenn ein sanfter Wind es bewegt? Wie es sich kusst! Wonniglich ist der Kuss, den der Zephyr der Rose stiehlt. Ist er der Rose treu, ist er der Herr v. E., der barbarische Stutzer? Ist's ein Stutzer, der zerschmilzt, der wie ein Flotenton vergeht? Wie Zucker in der Tasse? Was ist die Liebe? Der Athem Gottes! Fasst ihn doch auf, so warm er da kommt aus seinem Munde! Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth, und alle Lande sind seiner Ehre, seiner Liebe voll! Entweder wirklich lieben oder lieben wollen, nach Liebe sich sehnen; sonst verlohnt's nicht, dass ein Hund ein Stuck Brod von uns nimmt. Die Hunde nehmen's auch nicht vom Lieblosen und Falschen. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hatte der Liebe nicht, so war' ich ein tonend Erz und eine klingende Schelle. Wenn man dem Huhn nicht ein Nest bereitet, legt es in die Nesseln. Auch Wasser wird Lauge, wenn es durch Asche geseihet wird. Seht! seine Einfalt erhebt den Witz, wie Schatten das Licht. Wenn die Natur ein Chorhemde anzieht, ist sie das Christenthum. Zergliedere, und du findest an der schonsten That Flecken oder Runzeln oder dess etwas. Sie hat Sommersprossen, eine Blatternarbe; allein im Ganzen schon! So geht's auch mit aller diesseitigen Heiligkeit! Die Liebe ist kein Portratmaler. Sie malt die Seele! Sie malt den ganzen Menschen! Das Gute ist zu horen, das Schone ist zu sehen! Das Schone erscheint von vorn, das Gute von hinten. Mine ist zu sehen und zu horen; mein Schutzengel dessgleichen, wie er da um mich wallt, unsichtbar dem Werktagsauge! Der Mond scheint hell, der Tod reitet schnell, ihr lieben Leutlein graut euch auch? Singst du, Holde? Apfelbluthen vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Boses waren auf ihrer Wange; jetzt Bluthen vom Baum des Lebens. Mine singst du? Hort sie singen, sie ist des alten Herrn Tochter nicht mehr, sie ist meines Mannes Tochter und ihrer Mutter Tochter! Wie schon sie singt! "Es ist das Heil uns kommen her!" Wie eine Lerche wolbt sich ihr Gesang, wie eine Wachtel fallt er! Da steht sie! Wie ein Stern uber meinem Haupte! O des schonen Morgensterns!
Also werd' ich auch stehen,
Mein Gott aus diesem Jammerthal!
Nun ruhen alle Walder, von P a u l G e r h a r d . Nun wachen alle Walder, von F e u s t e l und R i e d n e r , die beide in Maskopie die Walder aufgeweckt. Zur Unzeit, wie gewohnlich! Sie hatten sie ruhen lassen konnen! Seinen Freunden gibt er's im Schlafe! Gott lasst uns sinken, aber nicht ertrinken. Wenn der Klugste beichten sollte, was er in seinem Leben fur Einfalle und Ausfalle gehabt, ware er des Irrenhauses schuldig! Grune Ostern, weisse Pfingsten. Viel konnen zwar zusammen singen, aber nicht zusammen reden. Der Gesang ist gesellig, die Prosa ist leuteschen, einsiedlerisch, tuckisch bei alle dem ernsthaft. Traume! ihr sollet nichts seyn, und wenn die Ursache vom Zukunftigen schon in mir liegt? Auch dann nichts, wenn das Seelenauge schon sieht, was das Korperauge noch nicht zu sehen im Stande ist? Die Kalendermacher machen den Kalender, der liebe Gott das Wetter! Stecke ein Licht an, wenn die Sonne scheint; kannst du das Licht sehen? Greife auf der Laute, wenn die Glocken tonen; kannst du horen? Wenn's gut schmeckt, verdaut man auch gut! Jede Empfindung, die das Leben unterbricht, ist Schmerz; die Leben ins Leben bringt, ist Freude! Der Tod ist Beforderung des Lebens! Der Tod hat auch sein Sonntagskleid. Alte Leute in Doktorhanden, waren sie sind von der Natur und im Wasser stehen! Es geht eine Zeitlang: allein nicht lange. Viel Koche verderben den Brei. Bei sieben Kunsten geht man betteln, bei einer kann man Altmeister werden. Gott der Herr hat in jedem Dichter sein Feuer und Herd! O Jerusalem! Jerusalem! die du todtest die Propheten und steinigest die zu dir gesandt sind, wie oft hab' ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Kuchlein unter ihre Flugel, und ihr habt nicht gewollt. Und es werden Zeichen geschehen an der Sonne, Mond und Sternen, und auf Erden wird den Menschen bange seyn und werden zagen, und das Meer und die Wasserwogen werden brausen, und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Krafte sich bewegen werden. So seyd nun wacker allezeit, und betet, dass ihr wurdig werden moget zu entfliehen diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn. Sollte Gott nicht retten seine Auserwahlten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte Geduld daruber haben? Ich sage euch: er wird sie erretten in einer Kurze! In der Welt verschlingen die sieben fetten Kuhe die sieben magern; in des Traumers Pharaonis Traum umgekehrt! Wo ist deine Schone, du heilige Stadt, wo dein Glanz, du Gotteshaus, wo dein Allerheiligstes, die L a d e des Bundes? Wehe, wehe, wehe deinen Thoren! Wehe deiner Feste! Wehe dem Tempel! Wehe uber diess Wehe! Diess letzte Wehe! Wehe auch mir! Mine traf mich, wie jenen Weherufer auf Jerusalems Mauern ein romischer Pfeil, in Schlangengift getaucht. Wehe auch mir! Wie es zischt in meinem kochenden Busen! Labung! Labung! Meine Zunge verdorrt in dieser Qual! Essig und Galle! O Grauel der Verwustung an heiliger Statte! Fliehe auf den Berg, der du im Thal bist! Sturze in den Abgrund, du, der du dich vor den Wolken buckst! Wer auf dem Felde ist, kehre nicht um, seine Kleider zu holen. Wer auf dem Dache ist, in blossen Fussen, sturze nicht herab, um einer Verkaltung zu entweichen! Wehe, wehe der Schwangern, die eine Tochter tragt! Wehe der Saugenden! Sie sterben dahin in fremden Landen! und keine Milchschwester singt ihnen das: G e h a b t e u c h w o h l . Keine Gespielin streut Blumen auf ihr Gebein. Minens Statte ist in Curland nicht mehr! Der Mond, seht ihr denn nicht! Scharlach! Zeter! Der Komet, Gottes angebrannter Wachsstock! Er kommt! er kommt, uns anzuzunden! Ha! da brennt die Erde, und der sie anzundet, verbrennt sich die Finger, wie mein Seliger, da er Licht! Licht! Licht! rief, und todt! todt! alles todt! Was ist der Tod? Die Saite platzt an der Harfe, die ist leicht bezogen und gestimmt. Der Wurgengel mit seinem letzten Wehe! Ich bin vor dem gestrengen Richterstuhl verklagt, citirt vor Nein, da kommt ein heiliger Engel, der Gnade bringt, Gnade fur Recht! Und Minens Mutter! Und sie singen eine Terz tiefer: Gnade! Gnade!
Drei Tage vor ihrer Auflosung, oder ihrem Auflosungsanfang, verliess sie die Gabe der Weissagung, der Geist der K r a f t und M a c h t . Die Flugel der Morgenrothe sanken. Sie kam auf die Beine. Der Sabbath hatte sich geneigt, und sie war wieder ein anderer Tag in der Woche; indessen doch kein Sonnabend mehr! Diese Gemuthsfassung verlor sich so allmahlig, so weich. Merklich ward dieser Verlust durch den Umstand, dass meine Mutter sehr gelassen anstimmte:
"Was willst du, armes Leben!"
Ja wohl, armes Leben, auch bei der Gabe der Prophezeiung, und bei dem Geiste der Kraft und Macht! Es war dieser Tag Minens Sterbetag. Auch an diesem Tage beobachtete meine Mutter ihre Fasten so streng, als ob sie den Tag vorher bei einer Hochzeit auf den Fasttag pranumerirt hatte. Sie fuhlte, wie sie selbst sagte, dass sie zu weit gegangen. Wahrlich, es war mehr, als ein Gang. Ein Kind geht. Jetzt war sie wieder in diesem Kindergleise im Gange. Das erste, was sie in demselben that, war ein Brief an den Herrn Amtsbruder, der in der Vacanz ab- und zureiwelches sie in ihrer Ekstase, wie sie selbst sagte, nicht gebeten haben wurde. Sie wusste alles, was in dieser Entzuckungszeit vorgefallen war, aufs genaueste. Der Amtsbruder versprach zu kommen und kam. Kurz vor seiner Ankunft hatte meine Mutter Tinte und Feder gefordert und eine Viertelstunde geschrieben. Sie versiegelte diese Schrift dreimal!
Von jeher hatte meine Mutter die Gewohnheit gehabt, sich den Morgen vorher, ehe sie zur Communion ging, die Fusse zu waschen. Das war ihr ein so nothwendiger Vorhergang, als ein Praludium vor dem Liede. Auch jetzo hatte sie zu diesem Ende ein Fussbad veranstaltet. Ohne alle Specerei! Sie ersuchte ihre Gesellschafterin, die Pastorwittwe, dieses Fusswaschen zu ubernehmen, und bat sie, aus dem funften Capitel des ersten Briefes an den Timotheus, den neunten und zehnten Vers aufzuschlagen und laut zu lesen:
"Lass keine Wittwe erwahlet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen, sey e i n e s Mannes Weib, und die ein Zeugniss habe guter Werke: so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Fusse gewaschen hat, so sie den Trubseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachkommen ist."
Die Pastorwittwe, die nur einmal verheirathet gewesen, freute sich herzlich uber diese Worte, die wie auf sie zeugend waren, und war bereit, diese ehrwurdige Ceremonie zu verrichten, da meine Mutter sie die Einsetzungsworte laut verlesen hiess. Sie fing also, nachdem sie sich mit dem weissen Schurz, den ihr meine Mutter in die Hande gegeben, bekleidet, zu lesen an, wie folgt:
"Stund er vom Abendmahl auf, legte seine Kleider ab, und nahm einen Schurz und umgurtete sich. Darnach goss er Wasser in ein Becken, hub an den Jungern die Fusse zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, damit er umgurtet war. Da kam er zu Simon Petro, und derselbige sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Fusse waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich thue, das weissest du jetzt nicht; du wirst's aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollt du mir die Fusse waschen. Jesus antwortete ihm: Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein Theil mit mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Fusse allein, sondern auch die Hande und das Haupt. Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, darf nicht denn die Fusse waschen, sondern er ist ganz rein, und ihr seyd rein, aber nicht alle. Denn er wusste seinen Verrather wohl; darum sprach er: Ihr seyd nicht alle rein. Da er nun ihre Fusse gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder, und sprach abermal zu ihnen: Wisset ihr, was ich euch gethan habe? Ihr heisset mich Meister und Herr, und sagt recht daran, denn ich bin's auch. So nun ich, euer Herr und Meister, euch die Fusse gewaschen habe; so sollt ihr auch euch unter einander die Fusse waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr thut, wie ich euch gethan habe. Wahrlich, wahrlich! ich sage euch: Der Knecht ist nicht grosser, denn sein Herr, noch der Apostel grosser, denn der ihn gesandt hat. So ihr solches wisset, selig seyd ihr, so ihr's thut."
Diese Ceremonie ward so ruhrend vollzogen, dass die Pastorwittwe mit Thranen das Fusswasser verstarkte, welches nach vollbrachter Ceremonie, u n w e i t dem grunen Taufwasserplatz, ausgegossen ward. Es ist kein Taufwasser, sagte meine Mutter. Da dieses alles der Pastorwittwe als etwas sehr neues schien, verhehlte ihr meine Mutter nicht, dass die Wiedertaufer mehr heiliges Wasser in ihrem Glauben hatten als wir, indessen es spater zu gebrauchen anfingen. Behute Gott, dass wir das Fusswaschen, nach Meinung mancher Irrchristen, fur etwas mehr, als einen Nachtmahlsvorklang, ein reines Hemde zum Fest erklaren wollen, als eine Sache, die seyn und nicht seyn kann; warum sollten wir aber dieses Zeichen der Erniedrigung weglassen, und nicht vielmehr, bei diesem Fussbad, an die Reinigung der Seelen denken, ohne welche niemand Gottes Angesicht schauen wird! Meine Mutter, wie die Pastorwittwe, eines Mannes Weib, bemerkt, war hier nachgebender, als sie es wohl in gesunden Tagen gewesen. Die Mennonisten kamen besser weg, als man denken sollen. Sie nannte sie sonst Fusswascher und behauptete, dass sie wegen ihrer Agapen oder Liebesmahler sich den christlichen Magen verdorben hatten. Jetzt gar anders. Wenn gleich sie ihnen nicht den Beinamen der Honigbienen des Staats bewilligte, womit man sie wegen ihres Fleisses und ihrer Sparsamkeit zu beehren pflegte, vielmehr es sich ziemlich deutlich merken liess, dass sie ungelehrte, oder, wie sie's nannte, plattdeutsche Socinianer waren; so richtete sie dennoch nicht, um auch nicht gerichtet zu werden. Fasten und leiblich sich bereiten, sagte sie, bleibt beim Nachtmahl eine feine ausserliche Zucht; aber der ist recht wurdig und wohlgeschickt, der die Worte f u r e u c h versteht! Fur euch! Nach dem vollendeten Fussbade faltete die Gewaschene die Hande, und sprach: Das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Thranen von ihren Augen. Offenbarung Johannis das neunzehnte Kapitel, vom siebenten bis zum neunten Vers. Lasset uns freuen und frohlich seyn, und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist kommen, und sein Weib hat sich bereitet, und es ward ihr gegeben sich anzuthun mit reiner und schoner Seiden (die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen). Und er sprach zu mir: Schreibe: selig sind, die zum Abendmahl der Hochzeit des Lammes berufen sind.
In dieser fussgereinigten, geduldigen, nachgebenden Lage traf sie der Pastor, der sie noch in der vorigen Verfassung zu finden glaubte. Er musste also seine Anrede, die er auf den entzuckten Zustand zugeschnitten, kurz und gut abandern. Sein unstudirter Vortrag fiel indessen so erbaulich aus, dass alle, die ihn horten, geruhrt wurden. Seine Hauptworte waren: Selig sind, die zum Abendmahl der Hochzeit des Lammes berufen sind. Meine Mutter hielt eine Beichte, die sie aus dem Innersten des Herzens nahm. Mine war Anfang und Ende. Nach mancherlei Herzensnothen schloss meine Mutter mit den Worten: "Gott helfe meiner Schwachheit, Amen!" Alles andere war im Verhaltniss gegen Minen, wie Worte gegen Sachen, wie das Haupt gegen seine Glieder. Mine war oben drauf.
Wenn ich diese Beichte, die meine Mutter nicht ins Ohr, sondern laut ablegte, mit allen ihren Punkten und Klauseln erhalten, wie gern gab' ich sie meinen Lesern! Mit welcher Inbrunst empfing sie die Communion! Sie ass und trank Trost und Beruhigung. Von der Minute, da sie das Nachtmahl empfangen, klagte sie nicht mehr uber Angst, als in den vorletzten Augenblicken ihres Lebens. Die Worte Christi beim Lukas im zweiundzwanzigsten Kapitel, die er kurz vor dem Abendmahl sprach, wie ruhrend sagte sie ihm meine Mutter nach: Mich hat herzlich verlanget, diess Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide; denn ich sage euch, dass ich hinfort nicht mehr davon essen werde. Man sah, dass sie mit der Seele ass. Den H e r m a n n hatte sie zu dieser heiligen Handlung bitten lassen, der aber nicht den Judas beim ersten Abendmahl machte, sondern den Petrus, welcher, nachdem er beim Kaminfeuer in Caiphas Hause seinen Meister verrathen, hinausging und bitterlich weinte. Meine Mutter pflegte den Apostel Paulus einen Notarius des letzten Testaments zu heissen. Ich habe es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben habe; denn der Herr Jesus in der Nacht da er verrathen ward, nahm er das Brod Kann was Ruhrenderes seyn, als dieses Gedachtnissmahl? Verachtet man doch eines Menschen Testament nicht, sagt Paulus den Galatern, pflegte meine Mutter zu bemerken und schuttelte sonst das Haupt, weil im C r e d o nichts vom Sacrament des Altars steht. Jetzt dachte sie zwar, da sie sich selbst mit den Mennonisten vertragen, hieran nicht; indessen konnte die Ruhrung nicht hoher seyn, als die meine Mutter zeigte. Johannes der Junger, den Christus liebte, communicirte so an seinem Busen. Gott thut was Ueberschwengliches im Nachtmahl an seinen Gasten, pflegte meine Mutter zu sagen, und wie sehr war es an ihr sichtbar, dass sie auf den Geist gesaet. Wer auf sein Fleisch saet, der wird von dem Fleische das Verderben ernten, wer auf den Geist saet, der wird von dem Geiste das ewige Leben ernten, und wie viel nach dieser Regel einhergehen, uber die sey Friede und Barmherzigkeit und uber den Israel Gottes! Wahrlich, schreibt die Wittwe, das Weib eines Mannes: Sie hatte ein hochzeitliches Kleid an! Nach diesem Mahl sprach sie mit dem Pastor uber verschiedene, die Gemeinde treffende Dinge. Sie trat ihm die letzten Sorgen uber die Gemeinde, welche sie noch behalten, in ruhrender Form ab. Ich s t e r b e , fing sie an, und G o t t w i r d m i t e u c h s e y n ! Obgleich sie angeordnet, dass nach dem Weissagungszufall niemand zu ihr gelassen werden sollte, als den sie selbst zu sehen verlangen wurde; so konnte sie es doch nicht verhindern, dass jetzt in ihrer wiederhergestellten Fassung das Volk sich zudrangte. Ich sterbe, sagte sie, und Gott wird mit euch seyn!
Ermahnet euch unter einander und bauet einer den andern; dem fehlt ein Fenster, dem eine Thur, dem ein Stuck am Strohdach; helfet ihm, so wie ihr wollt, dass euch der Herr helfen soll, im Leben und im Sterben, und vor seinem Richterstuhl! So lieb einem jeden sein ewiges Wohl ist, vermahnet die Ungezogenen, trostet die Kleinmuthigen, traget den Schwachen, seyd geduldig gegen jedermann! Sehet zu, dass niemand Boses mit Bosem vergelte, sondern allezeit jaget dem Guten nach, beides unter einander und gegen jedermann. Seyd allezeit frohlich. Betet ohne Unterlass. Seyd dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch. Den Geist dampfet nicht, die Weissagung verachtet nicht; prufet aber alles, und das Gute behaltet. Meidet allen bosen Schein. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz, sammt Seel und Leib, musse behalten weiden unstraflich auf die Zukunft unsres Herrn Jesu Christi. Getreu ist er, der euch ruft, welcher wird's auch thun. Lieben Freunde, betet fur uns! Die Gnade sey mit euch! Gehorchet euren Lehrern und folget ihnen; denn sie wachen uber eure Seelen, als die da Rechenschaft dafur geben sollen, auf dass sie das mit Freuden thun und nicht mit Seufzen, das ist euch nicht gut! nicht gut. Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schaut an, und folget ihrem Glauben nach. Wir sind alle mit Fehlern versetzt, der aber ist der Fehlerhafteste, der seinen Bruder, seine Schwester darben lasst. Bedenkt, dass die Welt Gottes Speise-, Gottes Vorrathskammer sey. Sehr gross, werdet ihr sagen, aber bedenket auch, was der liebe Gott fur Kostganger hat. Wer mehr nimmt, als er verzehren kann, thut seinem Nachsten unrecht. Wenn dieser zu klein war, zum Fach zu reichen, thut ihr es fur ihn. Wer wird aber des Handgriffs wegen glauben, dass man an der genommenen Habe und Gut allein ein Recht besitze? Seht, alle guten Menschen geben von dem, was sie druber haben. G o t t g e b ' s w i e d e r , sagte jener Arme, allein der Geber noch weit besser: E r h a t ' s s c h o n g e g e b e n !
Almosen geben armt nicht,
Kirchengehen saumt nicht.
Beneidet euch nicht unter einander, wie die wilden Thiere. Seht die Sternlein, wie still sie da des Abends bei Mondschein zusammen sind. Keines kommt dem andern zu nahe, und doch find ihrer mehr zusammen, als wenn die ganze Gemeinde bei einander ist. Kannst du sie zahlen? sagte Gott zu Abraham. Ein Vogel singt, ein anderer fangt Fliegen. Jedes Ding nach seiner Art. Lasst euern kunftigen Lehrer nicht von euch sagen, wenn er euch eine Busspredigt gehalten, dass er in ein Wespennest gestochen; lasst es ihn nicht an seiner Calende empfinden. Er tragt die Bibel nicht umsonst! Es ist die Laterne zum Himmel! Die Manschetten wird er ablegen. Gott segne euch! Herzoge gelten nicht viel nach dem Tode, Gelehrte nicht viel beim Leben. Und hiermit dank' ich euch, ihr meine Lieben! fur alle eure Liebe und euer Zutrauen, das ihr kein Saemann, dass nicht jedes Korn aufgeht, und wenn hie und da ein Pulver, das ich fur den Leib, und ein Trostwort, das ich euch fur die Seele eingab, nicht anschlug ich bin unschuldig an eurem Blute! Liebet euch! das ist mein letztes, allerletztes Wort. Hab' ich euch beleidigt, es sey mit zu heftiger Ermahnung, oder mit unterlassenem Trost, es sey That- oder Unterlassungssunde, vergebt! Vergebt mir um Gottes willen! Ich muss es Gott klagen und euch; ihr wisst, was mir auf dem Herzen gelegen. Wer walzt diesen Stein von mir, war mein Gebet! Ich war traurig, wie E s r a und N e h e m i a . Ihr wisset, dass mich der gerechte Gott gezuchtigt hat durch des alten Herrn Tochter, der ich hart begegnet. Ihr wisst, was in diesen Tagen geschehen ist. Alle Zuchtigung aber, wenn sie da ist, dunkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu seyn; aber darnach wird sie geben eine friedsame, Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geubt sind. Ich scheide und ubergebe eure Seelen d i e s e m treuen Hirten seines Herrn, der so segnet, wie meine Vater gesegnet haben; er leite und fuhre euch auf ebener Bahn, damit er euch dereinst dem Nachfolger meines Lebensgefahrten, als eine geschmuckte Braut dem Brautigam, ubergeben konne, den Gott lehren wolle, sein Volk zu segnen. Dich, o lieber Altar! wo ich so oft das Nachtmahl meines Herrn empfangen, o konnt' ich diesen rothbeschlagenen Tisch noch einmal sehen! Der Herr mit euch! wenn ihr dazu tretet, und wenn in Pfingsten Maien bis zu den Hornern des Altars gesetzt sind, die gern ihren Geist im Tempel aufgeben und doppelt so angenehm wie im Walde duften, die in der Kirche begraben werden; so troste der grundgutige Gott den, der Trost bedarf, und erhore das stille Gebet, das aus dem Innersten eures Herzens quillet, das Gott allein weiss; das, das erhore Gott! Ja! Amen! Ich will nicht in der Kirche begraben werden, wie die Pfingstmaien. Auch im Grabe will ich meinem Seligen die Hand geben und da liegen, wo Er, Minens Mutter und Charlotte liegt. Wenn ihr diese Graber vorbei geht, denkt: Selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Auf die Kanzel, wo mein Lebensgeleitsmann und unser Sohn stand, trete nie ein Miethling, nicht einer, den Fleisch und Blut, sondern den Geist und Kraft zum Diener des Herrn erkoren! Zweigliedrig sey sein Segen, den er dem Zerknirschten gibt, und zweischneidig das Schwert seines Mundes, wenn er dem Sunder das Ohr abhaut. Es wird sich das dritte Segensglied von selbst geben, wenn die Manschetten wegfallen werden. No. 5, die Bank, wo Mine gesessen, sey euch mehr, als No. 1. Die funfte Zahl ist eine Wundenzahl. Ich kann nicht mehr! Sie hielt inne, sie hatte sich sehr ermudet. Nach einer Weile sah sie alle an! Lebt, sagte sie, dass wir uns alle, alle dort wieder zusammenfinden, wie wir hier von einander schieden, damit ich sagen konne: Herr! hier bin ich und die, so du mir gegeben hast! Lieb wird es mir seyn, herzlich lieb, euer Angesicht zu sehen mit Freuden in der seligen Ewigkeit! Gott aber des Friedens, der von den Todten ausgefuhrt hat den grossen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Testaments, unsern Herrn Jesum, der mache euch fertig in allen guten Werken, zu thun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor ihm gefallig ist, durch Jesum Christ, welchem sey Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!
Es war ein gesegneter Einfall, dass meine Mutter dem Pastor, der selbst sehr geruhrt war, das Lied: "Es woll' uns Gott gnadig seyn und seinen Segen geben;" zuwinkte, um den Ausbruch der Ruhrung der Gemeinde zu hemmen. Jetzt kam alles in sanfte Thranen, und alles wunschte, dass Gott meine Mutter geleiten moge, und an Ort und Stelle bringen, in den Himmel. Amen! Sie versprachen, die Graber in Ehren zu halten, und es ihren Kindern und Kindeskindern auf ihrem Sterbebette anzubefehlen, so dass der jungste Tag sie noch finden sollte!
Die Wittwe bricht hier ab, und auch ich muss abbrechen.
Dem Pastor gab meine Mutter die Schrift mit drei Siegeln, mit dem ausdrucklichen Beding, sie nicht eher, als sieben Tage nach ihrem Begrabniss, zu offnen! Ja, sagte sie; Er: Amen! Er legte sie in die Agende. Sie fing ihm noch einmal zu danken an. Es ist sehr ruhrend, wenn ein Sterbender dankt. Gemeinhin ist sonst der Dank eigennutzig. Der Pastor liess sie nicht ausdanken, sondern druckte ihr die Hand und ging mit den Worten von dannen. In Ewigkeit! Sie, noch ein: Amen!
Man hat nie erfahren, was in dieser Schrift mit den drei Siegeln gewesen. So viel ist gewiss, dass sie mehr enthalten, als die Zeitungsnachricht, wer Pastor werden wurde. Der gute Vikar ist nach dem siebenten Tage, von dem Begrabnisse an gerechnet, ein ganz anderer Mann in Gedanken, Geberden, Worten und Werken worden. Es schien, als hatt' er einen Pranumerationsschein auf einige kunftige Falle erhalten. An die Frau v. B war in dieser Schrift gedacht. Warum denn nicht an mich? Warum fur mich' nicht auch eine ` mit drei Siegeln, sieben Tage nach dem mutterlichen Begrabnisse zu eroffnen? Meine Mutter hatte herzlich gewunscht, dass das heilige Abendmahl ihre letzte Speise seyn mochte auf dieser Welt, und ihr Wunsch ward erfullt. Sie ward von Stunde zu Stunde schwacher, und bat die Pastorin, ihr die Leidensgeschichte Christi und seinen Tod vorzulesen aus allen Evangelisten! Wir sollen, sagte sie, des Herrn Tod verkundigen, bis dass er kommt.
Wahrend dem Lesen sagte sie zuweilen Strophen aus Liedern. Beim Begrabniss Christi sang sie mit dumpfen Tonen. (Diess war ihr letzter Gesang. Sie selbst sagte: Meine Stimme ist schon begraben! Sie wird wieder auferstehen im ewigen Leben! Man kann langer reden, als singen.)
Die Welt ist mir, ich ihr nicht gut,
Mir ekelt alles, was sie thut;
Was kann sie mehr als Fromme schmahen?
O! nimm mich! nimm mich hin ins Grab,
So sterb' ich meinen Sunden ab,
Und werde sauber auferstehen!
Komm so, mein Tod, und sey gegrusst,
Der mehr als tausend Leben ist!
Dr. S a f t , der, ohne dass sie ihn verlangt, zu ihr gekommen war, sagte der Pastorin, dass eine Entzundung da ware. Den Gang der Krankheit konnte er nicht bezeichnen. Jetzt war freilich mehr als Einbildung. Aus dem Schein war das Seyn worden. Sie selbst sagte der Pastorin ins Ohr, dass sie des folgenden Tages sterben wurde. Fruher als einen Tag zuvor schien sie ihren Todestag nicht zu wissen; vielleicht wusst' es ihr Schutzgeist nur eine Stunde fruher. Auf Seelenkrankheiten verstehen sich die Engel, sagte sie, auf Leibeszufalle wenig oder gar nicht. Gott weiss alles. Sie hatte verlangt, dass niemand zu ihr gelassen werden sollte. S a f t drangte sich noch den letzten verweigerte ihm die Hand, da er sie beprufen wollte, und zeigte mit vieler Muhe gen Himmel. Sie bluhete im Gesicht wie eine Rose. Den Tag wusste sie, die Stunde nicht. Sie war, wie wir wissen, aus Sonnabend, Sonntag geworden. Starb den Sonntag
Wie er von ihr ging, neigte sie ihr Haupt und dankte ihm! Die vorige Nacht hatte sie noch die entsetzlichsten Schmerzen. Um vier Uhr Nachmittags war alles vorbei! Zuweilen fiel sie in eine Phantasie und sprach wieder mit ihrem Engel. Da sie ihn zum erstenmal wieder inne ward, redete sie ihn mit einer Heftigkeit an, die durch die Seele ging:
"Alle guten Geister loben den Herrn."
Die Pastorin versicherte, dass sie bei einem Geisterrauschen eine holde Stimme vernommen: "Ich auch!" Je naher zum Tode, je mehr sprach sie mit diesem guten Geiste, der sich I c h a u c h genannt hatte, wie die Pastorin versichert. Sie sprach mit ihm, wie mit ihrem Seelentrager, mit ihrem Reisegefahrten, und war so froh, an seiner Hand in Abrahams Schooss zu kommen und die Krone der Gerechtigkeit zu empfahen, dass sie den gluhenden Fegofen, die Lowengrube der Trubsale, nicht achtete. "Aber der Engel Gottes," sagte sie zur Pastorin, "fuhrt mich zu einem Wasserbrunnen, dass ich beim Leben erhalten werde. Er lagert sich um die her, so den Herrn furchten, und hilft ihnen aus."
Der Schmerz ist weg, fing sie zu der Pastorin nach einer Weile an, aber die Seele, die Seele, thut mir sehr, sehr wehe! Sie hat sich an die Melodie des Korpers sehr gewohnt.
Die Wittwe musste hier Verschiedenes aus der Bibel lesen und aus dem Gesangbuch singen. Die selbst sprach sehr unvernehmlich! Die Angst, bis sie stossweise ausstand, war gross! Das letzte Lied war:
Herr Gott, dich loben wir.
Die letzte Strophe musste die Pastorin viermal singen, nach Zahl der letzten Dinge
Behut' uns heut, o treuer Gott,
Fur aller Sund' und Missethat.
Sey uns gnadig, o Herre Gott!
Sey uns gnadig in aller Noth!
Zeig' uns deine Barmherzigkeit,
Wie unsre Hoffnung zu dir steht.
Auf dich hoffen wir, o lieber Herr,
In Schanden lass uns nimmermehr! Amen!
Auch im Grabe, sagte sie, nicht zu Schanden!
Trinken konnen die Kranken langer als essen. Die letzte Zeit konnte sie, wie wir wissen, keinen Ton angeben. Zuweilen schien es, sie wollte; allein sie sah sich verbunden, ihre Seele in Geduld zu fassen und sich mit Prosa zu behelfen.
Die Pastorin musste den Vorhang am Fenster, wo sie lag, mitten entzwei reissen! So, so, sagte sie, so reisst's hier, hier! Licht! rief sie. Der Vorhang ward weggezogen; sie sah Licht. Grun, grun, fing sie an, Fruhling! so schones Grun als das Taufwassergrun, und noch schoner! Kein Fusswasserplatz daneben! Alles gleich schon! Oft reckte sie beide Hande aus. Paradies! rief sie. Sie ward wieder still, liess sich ein Crucifix dahin setzen, wo der Vorhang zerrissen war. Sie sah es starr an, verlangte es naher, druckt' es an ihr Herz mit den Worten, die sie ungewohnlich vernehmlich aussprach:
Wenn ich einmal soll scheiden,
O scheide nicht von mir!
Soll Todesangst ich leiden,
O scheide nicht von mir!
Und wenn am allerbangsten
Mir rings ums Herz wird seyn,
Reiss du mich aus den Aengsten,
Kraft deiner Angst und Pein!
Sie fiel wieder ohnmachtig ein. Was ist die Uhr? fragte sie die Pastorin, und diese versicherte, dass ihr keine Frage empfindlicher gewesen. Vier? Bald! Sie hielt sich fest am Crucifix, das sie sich hatte reichen lassen.
Ihre letzten Worte, nicht vollig vernehmlich,
Komm so, mein Tod, und sey gegrusst,
Der mehr als tausend Leben ist.
Ihre gewaschenen Fusse lagen im Kreuz; so im Kreuz mit Handen und Fussen wollte sie auch begraben werden. Ihr Gesicht war nicht im mindesten im Tode entstellt.
Kein Hund heulte, schreibt die Pastorin, weder vor noch nach ihrem Ableben; der Storch nur, der in der Gegend des Pastorats sein Sommerhaus hatte, ist verzogen.
Von ihrem Begrabniss will ich nur wenig anfuhren.
Sie hatte nur bloss uber den Ort, wo sie ruhen wollte, uber ihre Begleiter und einige Austheilungen an die Armen der Gegend Einrichtungen getroffen, alles andere aber den Zuruckbleibenden uberlassen. Sie wollte nicht in der Kirche ruhen, sondern unter ihren lieben Todten; indessen hatte sie verfugt, dass sie in die Kirche gebracht und rund herum getragen werden sollte. Bei Nr. 5 bitt' ich anzuhalten, sagte sie. Mein Gott, schreibt die Wittwe, wie bange war mir, sie wurde sich aufrichten: Ich bin vor dem strengen Richterstuhl Gottes verklagt! Furs Urtheil war mir nicht bange. Eine S e l i g e ist sie wahrlich!
Der Vicarius hielt ihr eine Rede uber die Worte Matthai im funften Kapitel der achte Vers: "Selig schauen!"
Eine Stelle aus dieser Rede:
"Unsere Glaubensschwester fuhrte ein verborgenes Leben in Gott. Man sah an ihr die Worte erfullt: Lass dir an meiner Gnade genugen, denn meine Kraft ist in den Schwachen machtig. Die Trubsal hatte in ihr gewirkt Geduld, die Geduld Erfahrung, die Erfahrung Hoffnung, und diese lasst nicht zu Schanden werden. Ihre Seele war genesen, da sie aus meinen Handen das Mahl des Herrn empfing! Gott war mit ihr! Wahrlich, Freunde, diese Gegend hat eine Beterin, eine Himmlischgesinnte, eine Gottverlobte verloren."
Vor der Rede ward gesungen:
Wenn Gott von allem Bosen etc.
Die Pastorin schreibt, dass sie den zweiten Vers dieses Liedes auch mit heiligem Schauer gesungen, nicht mit Bangigkeit, wie beim Herumtragen bei Nro. 5. Sie wird den Sargdeckel heben, dacht' ich (ihre eigenen Worte) und mitsingen:
Mein Mund wird nichts als lachen,
Und meiner Zungen Klang
Wird lauter Lieder machen,
Gott, unserm Heil, zu Dank!
Nach der Rede ward gesungen:
Es ist gewiss ein' grosse Gnad' etc.
Bei der vierten Strophe, schreibt die Pastorin, empfand ich, wie wohl gewahlt diess Lied war:
Da wird Gott all's in allem seyn;
Da wird dann recht erklingen
Der Sang der heil'gen Engelein,
Die Gott ein Loblied singen
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Sie ward, wie sie angeordnet, in die Erde gelegt, bei meinem Vater. Hier werden sie Hand in Hand ihren schonen Morgen erwarten, wenn das Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche, und das Sterbliche die Unsterblichkeit! Ausser den Begleitern, die sie erbeten hatte, war die ganze Gemeinde jung und alt gegenwartig. Man hatte keine Schaufel nothig, sie zu bedecken. Jedes warf eine Handvoll Erde sanft auf ihren Sarg. Der Greis flehte um einen seligen Tod; der Mann um die gluckliche Entbindung seines Weibes; das Weib, dass ihr Erstgeborner ihr wohl gedeihe; der Jungling fur seine Geliebte; die Braut um die treue Liebe ihres kunftigen Gatten; das Kind um das Leben seiner Eltern! Was jedem das Liebste und Beste war, das erflehte er sich bei diesem Grabe, und jedes warf eine Handvoll Erde!
Freunde, schaudert ihr vor dem kalten Arm der eurer Pilgrimschaft ausruhen, und auch der hier nicht viel schlafen konnte, wie sanft wird er hier sich legen! Was weiss ich, schreibt die Pastorin, ob das Laken gerissen oder die Wehmuth derer, die einsenkten, daran Schuld gewesen (die Wehmuth ist schwach wie ein Kind) der Sarg riss sich los, recht als ob er die Zeit nicht abwarten konnte! Wie er nahe an meines Vaters Sarg kam, wankte der Deckel. Diess vermochte die Trager, um die Erlaubniss zu bitten, beide Sarge noch zu offnen und beider Hande in einander zu legen. Diese einfaltige, fromme Bitte ward von den Leichenbegleitern bewilligt, und sie copulirten dieses Paar, weinten die bittersten Thranen auf die Hande, deckten jeden Sarg zu, und alles empfand bei diesem ungekunstelten, unbereiteten Vorgange, dass er ungekunstelt, unvorbereitet war.
Noch einen dergleichen muss ich nachholen. Den Abend vor dem Begrabniss versammelten sich die besten Sanger und Sangerinnen im Dorfe und sangen vor dem Trauerhause das Todtenlied, so ich meinen Lesern in einer Uebersetzung mitzutheilen nicht anstehen kann.
* * *
Todtenglocken, klagt, klagt laut und wimmert nicht so dumpfig, so innerlich, dass es Mark und Bein durchtont! Ruft es aus, damit jedes, Klein und Gross, wisse, woran es sey: V a t e r t o d t ! M u t t e r t o d t ! Unsere Kirche eine vater- und mutterlose Waise.
Armes Weib, die doch gern gebaren wollte, damit unsere K i r c h e n m u t t e r ihre Hand auf das Knabchen lege und es einsegne, du kamst zu spat! Ihre Hand ist eiskalt! Nicht ein Tropfen warmer Segen ist drin. Sie hat ihn keinem entzogen, der seinen Kopf darreichte! Wir fuhlen noch alle die Stelle, wo ihre milde Hand lag!
Wer wird nun unsern Kleinen Honigbrod geben, wenn sie den Glauben beten? Wer wird sie bei der Hand nehmen, wenn sie Abba, mein Vater! an einem Nest voll junger Vogel, die ihren Mund gen Himmel aufreissen, beten lehren? Wer nach dem Ungewitter, wenn die Luft sich erholt hat, ein Loblied singen mit den Finken um die Wette?
Kommt, lasst uns gehen, wo es wiederhallt, und Mutter rufen, Mutter! Vielleicht erfahrt sie dadurch, dass wir ihrer denken. Uns spottet das Echo nach; mit Geistern spricht es wie wir mit einander. Kommt in den Wald, wo es wiederhallt! Fast hochnoth ist, dass wir Zweige brechen, den Weg zu bestreuen zu diesem Grabe. Ihr Grab wird von selbst grunen und bluhen. Nicht von Aesten, diese sich jeglicher Reisende brechen kann, um sich auf seinem Wagen eine Bude zu bauen, die ihn vor der Sonne schirmt. In die Hohe wollen wir klimmen und aus den Gipfeln Aeste nehmen und brechen. Sie ist's werth, dass man hoch steigt und dass man bricht und nicht schneidet. Sie ist von der Seele gerissen wie diese Aeste vom Stamme. Sie welkt, wie dieses Laub auf dem Wege zu ihrem Grabe. Wem dienen die Tauben, die sie im Schlage zuruckliess? Auch sie sind arme Waisen wie wir alle. Sie fressen nicht mit Wohlgefallen, seit sie todt ist. Lasst uns Theilung halten, jedes Haus ein Paar. Ihre Jungen und die Jungen ihrer Jungen, die sie bruten, sollen das Andenken eines Pastorpaares erneuern, das wie ein paar Tauben war, und wenn wir von diesen Tauben unsern Kindern ein Paar zurucklassen, sey es mit der Ermahnung, an die Graber dieser Frommen zu denken und ihnen kein Leid zu thun! Ist es euch nicht so, als wenn die Tauben selbst drum baten, ohne unser Zuthun? Gar fromme Thiere! Unser Pastorpaar wird sich der liebe Gott so halten, wie jeder von uns das Taubenpaar! Seht ihr nichts im Monde? Seht! Sie ist's! Im weissen Kleide, weisser, heller noch als der Mond; sonst konnten wir sie nicht sehen. Das Tuch um ihr Haupt, so wie sie da lag, ehe sie eingesargt ward. Wie sie uns zublickt! Seht! Seht! Welch ein Abglanz auf uns! Nicht um das Auge zu blenden, nein, um es zu starken. Nicht Mittag, Abendkuhle liegt drin! Heilige! Dank fur deinen Blick! Dank fur alles! Sieh auf dein Grab; ist es nicht aus Erkenntlichkeit gut aufgeklopft? Da soll dein Gebein ruhen, sicher vor jedem Sturmwind, der sich mit unbedeckten Gebeinen neckt, als konnt' er sie lebendig machen, und die frommen Tauben mogen Habichte werden und unsere jungen Kuchlein aufhacken, wenn wir dein Gebein nicht ehren, du fromme Mutter, um deinetwillen!
Am Begrabnisstage, und noch zwei Tage nachher, ward in der namlichen Procession diess Lied abgesungen, und jedesmal mit einer Ruhrung, die ihres Gleichen nicht hatte. Immer als zum erstenmal.
Der namliche lettische gelehrte Sanger hat auch auf meinen Vater einen Sang herausgegeben; indessen finde ich die gegenwartige fromme Sonnabends-Empfindung bei weitem nicht drin. Naive Tandelei ist dem Volke eigen; indessen ist, was druber ist, nicht immer vom Uebel.
Eine Stelle verdient Mittheilung. Man merkt leicht, dass das Lied aus hoherem Chor ist, und dass uberhaupt unser Meistersanger das Kunstlose des Volksliedes ofters verfehlt! Wie das zugeht, weiss ich nicht. Mein Vater pflegte zu behaupten: Meine Mutter sey Schuld daran! Nicht doch, erwiederte meine Mutter, das kommt weil er ein Christ ist. Das Christenthum ist gottliche, himmlische Kunst.
Die Stelle:
Er starb zu einer seligen Stunde, eben da wir den Weizen einstreuten. Sein Leib, diess Weizenkorn Gottes, wird so leicht verwesen, als eine Rose verbleicht, so sanft, als Leib und Seel' von einander gingen und sich zum letztenmal herzten.
Die Erde ist nicht so kalt, als sie zu dieser Jahreszeit zu seyn pflegt! Schaud're nicht, ehrwurdige Pastorleiche! Die Sonne schlug so warm, ringsum warm herum, als wenn sie es auswarmen wollte, und was war's fur ein Rauch, den ihre Strahlen herauszogen? Weihrauch, den sein Engel, der auf dem Sonnenblick herabfuhr, anzundete, um diess Grab zur Schlafkammer auszuluften.
Ist es erlaubt, zu der S t a n d r e d e des Herrn Vikars uber die Seligkeit der reinen Herzen, die Gott schauen werden, etwas zum Lebenslauf meiner Mutter zu liefern? Prose, wie ihr Tod war. Den Gesang hab' ich dem Letten uberlassen, dem der Vikar, ein grosser Lette, nachgeholfen zu haben scheint.
Sie war von mittelmassiger Grosse, hatte braunes Haar, eine sanftgebogene Nase und grosse Augen, die am Blitz jenem Grossmutterauge durch die Ritze, wenig oder gar nichts gewichen hatten. Aus beiden Augen liess sie diess Licht leuchten. Die Nase ist der Zeiger am Menschen. Sie sah gerade zu, und trug die Nase, wie sie selbst bemerkte, weder gen Himmel, noch hatte sie ein Schatzgraberaussehen. Sie war sehr verhaltnissmassig gebildet. Man sahe ihren Handen an, dass sie solche nur selten in Handschuhen verschlossen gehalten, und doch waren ihnen die Priesterahnen und eine gewisse bewahrte Feinheit anzusehen. Sie hatte die folgsamste Zunge, die je im Dienste des Herzens gestanden. Ihre Hande lebten mit der Zunge in Gemeinschaft; sie schrieben sich: & Compagnie. Aergert dich dein Auge, reiss es aus, argert dich deine Hand, haue sie ab, konnte keinem Zuhorer meiner Mutter einfallen, wenn sie sich horen liess! Alles war im besten Zusammenhange und liess auf ein gleich ubereinstimmendes Herz schliessen. Sie bezog nicht Leben und Thaten der hochwohlgeborenen Herren mit Firniss, Messing, Blech, Gold; sie war selbst keine Freundin von englischem Lack. Papilloten konnte sie nicht leiden; ich habe nie in meinem Haare Papilloten getragen; Vater und Mutter waren dagegen. Papier im Garten und in den Haaren war meinem Vater gleich unnaturlich, und meine Mutter sagte, wenn sie einen falschen Menschen beschreiben wollte: Es ist ein Mensch, der sich in Papilloten zu legen versteht. Eine Ordnung war ihr eigen, die mein Vater ein S c h n u r c h e n P e r l e n zu nennen pflegte. Sehr war sie fur Leute, die von Natur lockigt Haar hatten. Geborene Pastores, pflegte sie zu sagen! Im Tanzen hatte sie nicht Unterricht genommen, das sah man ihr an. Sie hielt sich nicht rohrgerade; allein sie fiel auch nicht zusammen; ein kunstloser, vollig naturlicher Anstand war ihr eigen. Sie schnurte sich nie, ging etwas schnell und ein wenig mit dem Kopfe vorgebogen. Eine Lieblingsart von Andachtsbezeugung war es, die Schultern in die Hohe zu ziehen. Die Hande faltete sie auf eine so vortreffliche Weise, dass man Ausdruck drin sah. Sonst hemmt das Handefalten alle Handaction; es scheint die tiefste Ehrfurcht zu verrathen, die immer unbeweglich ist. Man will sich selbst halten, sich selbst binden. Die Hande meiner Mutter bewegten sich indessen auch gefaltet, und zwar der Ehrfurcht unbeschadet. Sie hatte keine Menschenfurcht; indessen war sie auch eben so weit entfernt sich zu erdreisten.
Ihr seyd ein Narr, sagte ein bekannter Landesvater zu einem seiner Hoflinge! Wer ist's nicht? allergnadigster Herr! erwiederte der Hofling. Diess: wer ist's nicht? sieht meiner Mutter ahnlich; obgleich sie gewiss in einem andern Tone, als der Hofnarr, es gesagt haben wurde. Da sie alles nahm, wie es kam, fiel nichts bei ihr vor, das wie gesucht anscheinen konnte! Sie pflegte zu sagen: Man muss keinem Gedanken die Thure verschliessen. Sie war im hochsten Grade gastfrei.
Trau, schau, wem! war ihr ein Spruchwort, das sie nicht liebte; obgleich wider den Reim nichts zu sagen ist.
Sie hielt keine Wirthschaftsbucher, und liebte sehr, ohne Etat zu leben. Wenn der liebe Gott mit uns alles zu Buch bringen sollte, pflegte sie zu sagen, ei denn! Sie dachte uberhaupt alles ohne Zahlen.
Mein Vater bemerkte: sie dachte alles poetisch. Ein neues Haus ohne Baukosten; indessen bot sie ihm die Spitze durch einen hohen Geistlichen, den Papst S i x t u s d e n F u n f t e n , welcher behauptet hatte, dass man auch einem Esel die Arithmetik beibringen konnte.
Der Mond war ihr Liebling. Das Profil und das Geradezu, pflegte sie zu sagen, wie schon!
Sieh einen Geizigen, sagte meine Mutter, Treppen steigen; wo er nur kann, nimmt er zwei Stufen auf einmal! Man lasse doch dem Reichen seine vollen Scheuern, ihm, der gemeinhin arm an Leib und Seele ist!
Wer Worte aufmutzt, war ihr ein Hahn, der den Auskehricht nachkehrt. Gern hatte sie gesehen, dass der Hahn die uble Gewohnheit nicht hatte. Er war ihr ein bedeutendes Thier. Sie selbst war sehr grammatikalisch und setzte ihren Casum.
Die Holle nannte sie oft b r e n n e n d e K a l t e !
Ich meines Orts, pflegte sie zu sagen, habe nichts wider die Herren Philosophen; allein sie sind alle, wie mein Hausphilosoph, im Herzen fur den monarchischen Staat. Freiheit ist Himmel!
Der Dichter ist fur gleich und recht aus der goldenen Zeit her. Er hebt alles Ansehen auf. Den Grossen lasst er einen Kittel anziehen, den Unbedeutenden einen blanken Rock! Das beste ist, es kostet ihn nichts. Er ebnet und gleicht alles, und da sieht man sonnenklar, dass kein Ansehen in der Welt ist! Er ahmt Gott nach; denn auch vom Dichter kann es heissen:
Es ist dem Dichter alles gleich,
Den Grossen klein und arm zu machen,
Den Armen aber gross und reich!
Er ist der rechte Wundermann.
Da liegt die Ursache, warum nur gewohnlich arme Leute dichten!
Das Pfingstfest nannte sie Geniefest, und hielt es fur nothwendig, dass in diesen heiligen Tagen Wein getrunken wurde; selbst Champagner, wenn nicht anders. In Ostern ass sie ein Lamm mit Brunnenkresse. Ueberhaupt verwahrte sie alle Erstgeburt, so die Mutter gebrochen, auf Festtage. Die Erstgeburt war ihr heilig. Auch selbst das erste Glas aus einer Flasche war ihr wie Erstgeburt werth. Sie gab es dem, den sie lieb hatte.
Sehr war sie fur ihr Geschlecht; indessen war Adam doch die Erstgeburt, das konnte sie nicht laugnen, und sagte, dass ein Weib eine 0 sey, der eine 1 vorstehen musste, wenn die Null was bedeuten sollte. Die Madchen, sagte sie zu mir, sind wie Hopfen, sie mussen sich von klein auf rankeln. Du nicht also, setzte sie hinzu.
So lasst, ich bitte euch, das D o c h aus dem Vaterunser und wenn Bitte nicht helfen wollte, frass sie ein heiliger Eifer. Ist denn, fuhr sie fort, das vollkommenste Gebet auch nicht vollkommen? O ihr Kleinglaubigen, dass ihr's mit einem D o c h verstarkt! Fuhr' uns (doch) nicht in Versuchung. Erlos uns (doch) von allem Uebel.
Mein Vater nahm sich des Flickwortchens D o c h weniger, als der armen Leute an, die, wenn sie beteten, nicht ans Vaterunser, sondern ans D o c h und an meiner Mutter Scheltwort dachten! Lass sie! Lasst Gott der Herr nicht manches D o c h an uns? Meine Mutter liess demungeachtet nicht nach, das Unkraut aus dem Vaterunserweizen, wie sie sagte, zu jaten.
Das Gedachtniss meiner Mutter war ausserordentlich; es war eisern. Kein Wunder, wenn sie zu Sprachen aufgelegt war. Sie behauptete, dass man bei der Poesie das Gedachtniss schone. Sie ist dem Gedachtniss eben das, pflegte sie zu sagen, was die grune Farbe den Augen ist. Bei Sprachen hingegen, fuhr sie fort, greift man das Gedachtniss an. Was ich sagen wollte, betraf eigentlich Sprachen.
Meine Mutter war keine Freundin von Worterbuchern. Wenn auch, sagte sie, dir das oder jenes Wort fehlt; die Sprache verlasst keinen, der sie nicht verlasst. Sie hat nicht unrecht. Wer eine Sprache nicht ex professo weiss, kann sich doch drin trefflich ausdrucken, wenn er nur sonst ein Kopf ist. Wagen gewinnt, wagen verliert, heissts hier! Was ich ein Genie gern eine Sprache reden hore, deren es nicht vollig machtig ist! und wo ist ein Genie, das seine Sprache punktlich weiss? Da sehe ich denn, wie dem vollen Ausbruch der Flamme nur ein Mund voll Luft gebricht. Ein Genie ist ein Kopf, der nicht aufs Wort merkt, und doch fehlts ihm nie an irgend einem Guten. Kraft und Macht sind hier verschieden; obgleich sie sonst ein Paar sind.
Mein Vater las nie ohne Worterbuch eine Sprache, in der er nicht Meister war. Er musste alles aus dem Grund haben und jedes Wort aus der Wurzel ziehen. Mein Vater war ein Prosaist; meine Mutter eine Dichterin.
Wenn ein Hahn krahte, dachte meine Mutter an den Hochverrath des Petrus und an ihren eigenen, den sie sich wegen Minen zu Schulden kommen lassen. Der Prapositus unter ihren Hahnen, der alle andern uberschrie, war ihr ein ehrwurdiges Thier! In den Denkzetteln that sie ihm sogar die Ehre, ihn Superintendent zu nennen. Schade, sagte sie, dass auch er den Auskehricht noch einmal auskehrt! Nichts konnte es ihr naher legen; wer steht, mag wohl zusehen, dass er nicht falle, als ein Hahn.
Sie konnte keine Uhr schlagen horen, ohne dass sie auffuhr. Kauft die Zeit aus! sagte sie. Wenn sie wo war, stand sie mit dem Schlage auf, wenn sie wo hinging, geschah es mit dem Schlage, und diess nicht etwa der Punktlichkeit wegen, sondern des Vollschlagens halber. Sie that, als wusste sie, dass sie mit dem Schlage sterben wurde. Ich wollte auch nicht im ersten oder dritten Viertel, oder wenn es halb ist; kalt oder warm, sagte sie, da du aber lau bist, will ich dich ausspeien.
Ware es nicht gut, fragte sie, lieber Mann! wenn man lieber sprache, wie Matthaus, Marcus, Lucas sagt, und nicht, wie sie schreiben? Sagen ist lebendiger Glaube, schreiben todter. Jenes Geist, diess Leib. Mein Vater lachelte.
Meine Mutter, die gegen jedermann gerecht war, und die mir in ihrer Textsammlung, in ihren Denkzetteln die Lehre gab, die u bei ihrem Strich und die i bei ihrem Punkt (privilegio reali) zu lassen, war eben so gerecht gegen alte Worter und ihre wohlhergebrachten Privilegia. Der Wurmstich thut zu ihrer Gultigkeit nichts ab, nichts zu. Luther war ihr Autor classicus.
Sie liebte sehr Realworte, solche, welche die Sache selbst waren, wie sie sich ausdruckte. Donner! Blitz! Sturm! In dieser Hinsicht war sie mit einigen nicht zufrieden, z.B. mit Geschwind. Es wird kalt, ehe man das Wort zu Ende spricht. Schwind wie der Wind, ware besser. Du sollt' nicht stehlen, setzte sie hinzu, und wich dem Worte Geschwind aus, um ihren Grundsatzen nach auf der einen und auf der andern Seite dem Worte keinen Schaden noch Leides zu thun, sondern allen, wars auch einer Sylbe, forderlich und dienstlich zu seyn.
Sie gab allen Baumen zu viel Wasser, die sie selbst pflanzte. Ueberaus gern sah und horte sie regnen.
Ihren Unterricht pflegte sie eine Schopfe zu nennen. Wollte Gott, setzte sie hinzu, aus einem Gesundbrunnen, aus einem Brunnen des Lebens! Nicht jeder kann, so lange wie er ist, sich in den B e t h e s d a sturzen.
Seht doch jenen Baum, dem die Aeste brechen. Er hat mehr Kinder, als er tragen kann! So fromm, wie jene Wittwe das Scherflein einlegte, so fromm stutzte sie diesen Baum!
Ein Pastor aus der Gegend, dessen Geiz granzenlos war, hatte einem durftigen Eingepfarrten 10 Thlr. Alb. geliehen. W o s i n d d e n n d i e n e u n e ? sagte er zu seinem Schuldner, da er ihm einen Reichsthaler zum Anfang abtrug. Das neune ich, sagte meine Mutter, eine Spruchspotterei, dergleichen sich zehn Freigeister nicht zu Schulden kommen lassen; wiewohl sie ob der Bibelsprache hielt.
Die Juden sah meine M u t t e r , wie W i n c k e l m a n n die Antiquitaten an. Von getauften Juden war sie vielleicht bloss darum keine Freundin. Nie hatte sie bei einer Judentaufe Gevatter gestanden, obgleich sie gern bei Christenkindern dieses Pathenamt ubernahm. Sie drangte sich recht zu Gevatterstanden. Lasst die Kindlein zu mir kommen, sagte sie, und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes!
Wer beim ersten Gericht von Religionssachen spricht, ist ein Heuchler! da denkt man an den Leib. Beim letzten Gericht vorzuglich beim Kuchen, wird in allen Gesellschaften von Religion des Mittags, von Erscheinungen des Abends gesprochen.
Das Gewissen, sagte sie, ist eine Saite, die nie ausgespielt wird.
Sie schrieb Christ mit einem X und Christenthum Xthum, und war eine so grosse Verehrerin vom Kreuz, dass, wenn gleich sie nicht mehr ein Kreuz schlug, wenn sie gahnte, sie doch alles und jedes ins X legte Z.B. Messer und Gabel. Die E c k a r t s c h e n Kamine waren ein Greuel in ihren Augen, weil das Holz hier nicht kreuzweise brannte. Sonst war Kaminfeuer ihr Leben. Mein Vater war auch dafur.
Z u f r u h , sagte meine Mutter, ist eben so zur Unzeit, als z u s p a t . Wer etwas zu geschwind sagt, weiss es, und weiss es auch nicht. Sie ging zwar etwas schnell; allein sie sprach so, wie man muss, nicht zu fruh, nicht zu spat. Sie hatte sehr was Vernehmliches in der Sprache, eine klingende Stimme!
Sie war sehr fur rasche Pferde, und da mein Vater gleicher Meinung war, so pflegte sie oft, wenn sie mit ihren vier Braunen fuhren, zu sagen: F e u r i g e R o s s e u n d W a g e n . Es kann seyn, dass sie, bloss weil sie Dichterin war, rasche Pferde geliebt; indessen erwahnte sie nie des P e g a s u s .
Wer wird, sagte sie, einen Erzengel Gottes wirklich geheimen Staats- und Kriegsminister nennen? Kindliche Weisheit mit Scholastik verkaufen? Wisset ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig das ganze Gebacke versauret?
Sie glaubte sich, als Pastorin, wirklich im gottlichen Dienste. Die Schauspielerin arbeitet so gut als er. Eine Sangerin erhalt oft ihren Mann. Eine Pastorin besorgt den kleinen Dienst, sagte sie, um meinem Vater zum Munde zu reden!
Ein Berg ist die eigentliche Kanzel Gottes! Christus der Herr, bestieg selbst eine dergleichen Kanzel, und predigte gewaltiglich.
Vernunft nannte sie U n t e r f u t t e r ! Oberzeug, sagte sie, muss Dichtkunst seyn, wenn es kleiden soll.
Sie konnte nichts Uebertriebenes leiden, und ubertrieb selbst, wenn sie dergleichen Leute auf den rechten Weg leiten wollte. "Thut sie doch so keusch, dass sie Bedenken tragt, ein Sohnlein christlicher Eltern uber die Taufe zu halten."
Einen Unbestandigen bezahlte sie mit gleicher Munze. Im Mutterleibe, sagte sie, ist er am langsten gewesen. Wer hat aber seine Mutter daruber befragt, ob sie nicht Beschwerde zu fuhren gehabt, dass er den Zaun brechen wollen, ehe es Zeit war?
Fur die A u g s b u r g i s c h e C o n f e s s i o n war sie uber alle Massen. Herzlich konnte sie sich uber einen curischen Candidaten freuen, der auf die Frage: woher sie Confessio Augustana hiesse? antwortete, weil sie vom Augustino herkame; warum nicht gar vom Kaiser Augusto, der eine Schatzung ausschrieb? Der C o n v e r s u s war aus A u g s b u r g , kein Wunder, dass, des Konigs von Spanien unerachtet, alles mit dem Hieronymo a sancta fide so gut beigelegt, und ein fur den Conversus so vortheilhafter Friede eingegangen ward.
Wenn meine Mutter zuweilen im heiligen Eifer war, sprach sie, wie sie selbst bemerkte, nach Prophetenart, die es auch, wie sie glaubte, so bose nicht gemeint hatten. Den f o l g e n d e n Fluch hatte sie aus den Propheten ausgezogen; nie hat sie, ein Glied davon gebraucht. "In der Stadt soll keine Muhle mehr gehen; keine Braut soll sich ihres Lieblings freuen; kein Richter soll einen Mord rugen; jede Erstgeburt verunglucken. Nie werde gesungen und gesprungen. Hulle und Fulle sey nirgend, weder im Tempel, noch beim Schmause. Lang werde den Tischgasten die Zeit, wie den Taglohnern, und kein Mark sey auf ihrem Tische; in ihren Hausern rieche es nach eitel todten Leichnamen, die den Weihrauch nicht aufkommen lassen, wenn gleich ihn A a r o n s Hand wolbt. Wenn es donnert, ergreife den Einwohner eine Angst, wie eine Gebarerin, und niemand finde hier volle Genuge. Keine Creatur freue sich hier ihres Seyns. Der Vogel sitze langer, um seine Jungen zu bruten, und verlasse das Nest, ehe seine Nachwelt einen Flug gethan. Ein Schwindelgeist sey unter ihre Jugend ausgegossen, dass sie wie Trunkenbolde laufen, wie aufgeraffte Mittagsschlafer. Ihr Alter sey wie Rohr, das der Wind hin und her beugt! Verzagtheit wohne in ihren Stadten, und bei dem kleinsten Uebel recke jeder seine Hand wie ein Ertrinkender, wenn er sie zum letztenmal reckt." Die Propheten, behauptete sie, fluchten schon und wer lese nicht gern solche Fluche?
E i n e f e i n e F l u c h e r i n ! Ich schreibe mir nichts hinter's Ohr, sagte sie, und that auch also. Ich habe mit keinem Menschen ein Huhnchen zu pflukken. Wahrlich! sie war ein schoner nordischer Maitag. Sie war nicht eine Flache, die dem Auge nicht hinreichend Nahrung gibt! Ein Berg, eine Kanzel Gottes, grenzte an ihr Thal.
Einen Plan machen konnte sie nicht. Sie schlug nicht Alleen im Walde, sondern, nachdem es die Gelegenheit gab, hier und da einen Stamm. Zum ersten, besten Bahnbruch war sie nicht aufgelegt. Sie selbst aber wusste ein und aus.
Mein Vater war gleich mit einem Riss fertig. Meine Leser werden selbst so manche Abschnitzel von Entwurfen bemerkt haben. Gern aber mochte meine Mutter Plane horen, z.B. die Disposition meines Vaters von der Sonntagspredigt schon Sonnabends zu wissen, war ihr Leben. Mein Vater nannte es den Kuchenzettel der Predigt. Meine Mutter war mit diesem Ausdruck hochst unzufrieden.
Sie sah sehr ungern, wenn irgend ein gemeiner Mensch ein Instrument spielte. Singen, sagte sie, muss jeder konnen; allein spielen nur der, wer Geld und Zeit hat. Sie glaubte, ein Reicher hatte unendlich mehr Zeit, als ein Armer, und man konne wirklich Zeit kaufen.
Sehet die Vogel unter dem Himmel, sie saen nicht, sie spinnen nicht, und darum singen sie doch, pflegte sie zu sagen.
Das Schreiben hielt sie in Absicht des gemeinen Haufens unnothig, sogar schadlich, dagegen behauptete sie, musse jeder Mensch sein Augenmass excoliren, das heisst, setzte sie hinzu, zeichnen lernen, wenn nicht anders, so mit den Augen allein.
Weder Hefen, noch Schaum. Der alte Herr ist oft beides. Sie goss alles ohne Schaumchen auf.
Ein Becher war ihr liebstes Geschirr; ein Halbbruder vom Kelch, sagte sie. Mein Vater war fur Glaser.
Der Champagner war ein Stutzer unter den Weinen! Windbeutel nannte sie ihn. In Pfingsten hiess er Geniewein.
Sie ass gern Honigseim, wie sie es nannte, zu deutsch Honigkuchen.
Sie hatte eine Weise, der Mode nicht ungetreu zu seyn; indessen brachte sie dabei etwas an, wodurch sie ihre curische Freiheit sich reservirte. Mein Vater, der Monarchenfreund, versicherte, dass sie eben diese Abweichung am vortheilhaftesten gekleidet hatte, und in Wahrheit, eine bloss modische Frau ist geputzt, eine, die, wenn es nothig, sich selbst etwas vorbehalt, hat Geschmack. Sie ging sehr reinlich. Wenn sie sich ungewohnlich ankleidete, pflegte sie zu sagen: Wir brauchen Brod alle Tage; Geld aber nur alle Jahr.
Walt', ewiger Gott! Wie viel Vorliebe hat der Mensch doch furs Sinnliche! Lasst er wohl das Kippen und Wippen? Und doch ist er schon hier im Stande, verklart zu werden. Es gibt Seelen von Menschen! Geister von Menschen, sagt man nicht. Es gibt Gemuther, von denen man behaupten konnte, sie hatten keine Erbsunde; allein den meisten Menschen ist nicht um Sachen, sondern um Worte zu thun! Welch eine Thorheit! singt dein Vater, und das mit Recht! Nach dieser Fahr und Noth will ich dir lobsingen, Gott, meine Zuversicht, in deinem Heiligthum! Als ob Gott, dem Herrn, mit einer Handvoll Worte, mit einem Panegyrikus gedient ware! Handlungen, das ist die eigentliche Art, mit Gott zu reden; das heisst, ihn im Geist und Wahrheit anbeten!
Das sind mir die rechten Pastores, die bose Hunde halten, und die Leute bloss ins Gebet einschliessen! Sie hielt die Hunde fur eine Beleidigung der Gastfreiheit.
Mein Sohn! schreibt sie mir gleich nach meiner Abreise, bald hatte ich mein Kind geschrieben, und das ist nicht Jungchen, nicht Madchen. Dieser Ausdruck schickt sich fur keinen, als den Johannes, den Evangelisten, den Christus lieb hatte, mit dem er spielte. Das war ein Kind, ein liebes Kind, im erhabenen Sinne. Wie ich den Johannes lieb habe! Was ich dir sagen wollte: Saul suchte die Eselin seines Vaters, und fand ein Konigreich. Joseph traumte sich zum Herrn uber ganz Aegyptenland, der nicht ein Kornjude, wie etliche wollen, sondern ein feiner Finanzminister ward. Es ist sehr gut, dass es dem Menschen nicht immer nach seinen Wunschen geht. Gott behalt sich ein Votum bei ihm vor, und anstatt, dass ein Mensch betrubt seyn sollte, dass ihm ein Posten abgeschlagen wird, sollte er sich freuen, dass Gott der Herr sich in die Sache eingemischt. Wenn man die Zeit abwarten kann, wird Wasser in Wein verwandelt. Wer weiss, ob Horeb oder Gethsemane der beste Berg ist? Du willst in die Rathsstube, und weisst nicht, dass du in die Mordergrube gerathen wurdest; du willst Geld, und bedenkst nicht, dass Geiz die Wurzel alles Uebels ist; du klagst uber oftern Anfall von Kolik, und weisst nicht, dass, wenn der Stohner nicht lange lebt, der Prahlhans gewiss nicht. Ich zittere vor einem grossen Gluck, wie dein Grossvater selig. Wenn es recht warm gewesen, donnert und blitzt es. Da erzahlt mir jungst der Candidat mit den langen Manschetten, dass eine Glocke, die nicht fest genug hing, auf ein Madchen von sieben Jahren gefallen, die unten spielte, und zwar so, dass sie sie bedeckte. Von solchem Glucke konnte dein Grossvater nicht sagen: D a s h e i ss t G l u c k . Da hatte auch der Himmel fallen konnen, und nicht bloss eine Glocke. Diess Madchen ware keine Frau fur dich geworden. Mag sie doch der Herzog heirathen, wenn er Lust und Liebe zum Dinge hat!
Bucher und Kinder kosten am meisten, und es ist unrecht, dem geistlichen Stande den Credit daruber zu benehmen. Die alten Prediger liessen etwas Bart zur Art stehen, und diese Weise, gar eben ware so etwas in meinem Kram. Vielen unserer Candidaten wurde es Muhe kosten, diesen Aufwand zu machen. Der Bart wird sich zeitig bei dir einfinden! Es ist kein ungebetener Gast, er sey willkommen!
Sobald du den Kopf auf einer Seite und nicht geradezu trugst, merkte ich gleich, du warest verliebt. So tragt ihn der Verliebte. Du fingest an, in Tenor zu fallen. Gut, dachte ich, er hat das Weltburgerrecht gewonnen. Ich wusste, mein Blick konne nicht fehlschlagen, und du warest nicht gleichgultig gegen Minen. Mein Gott! aber wer konnte auch gleichgultig seyn! Wenn ich ihr kaum einen guten Morgen bot, da sie kam, musste ich sie doch kussen, wenn sie ging. Viele Menschen lassen die Natur nicht zum Worte. Mine stand so mit der Kunst. Wahrlich, die Natur hat euch die Liebe gelehrt! Lass sie nur Pfefferkraut sammeln, dachte ich! Was hat es zu sagen, wenn es beim Pfefferkraut bleibt? Ich Thorin! konnte ich denn nicht bedenken, zu dieser meiner Zeit, dass du die erste und letzte Geburt einer Dichterin warest, und dass deine Einbildungskraft kein Stuck Kleid bei dem, was es ist, lassen, sondern es in ein himmlisches Gewand umschaffen wurde? Ich, die ich deines Vaters halber hebraisch lernte, ich konnte diess alles nicht bedenken?
Meine Mutter, obgleich kein Wort ihr Kopfschmerzen machte, und sie Genie im Ausdruck war, trat doch der u und i Gerechtigkeit halber meinem Vater in Absicht der Stammworte bei. Diese waren ihr so ehrwurdig als ihre Ahnherren, die Superintendenten und Prapositi. Sie rieth, sich daran zu halten, um jedem Worte seine Wurde und Ehre zu geben. Ohne das ist alles nicht Fleisch, nicht Fisch, nicht gekocht, nicht gebraten. Soldat ist zusammengesetzt von Sold und That, sagte sie. Wer ums Lohn Dinge thut, thut sie der? fragte sie; denn sie hielt nicht viel auf Soldaten. Sie hiess sie gewohnlich mit der heiligen Schrift Kriegsknecht. Die Bauern nannte sie lachelnd Bauherren.
Wenn gleich in Curland bloss der Bauern- und Ritterstand obwaltet, und der Literator der Rinnstein zwischen beiden ist, doch so, dass er sich mehr zur bauerlichen Seite wendet, so meinte sie doch, das M i t t e l s t u c k sey das beste.
Wie heisst das vierte Gebot?
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dirs wohl gehe und du lange lebest auf Erden!
Was ist das?
Ob denn nicht ein Autor auch ein geistlicher Vater sey? Gern sehe ich es, um den verlornen Sohn von Kunstrichter bei Gelegenheit, dass ich meiner Mutter die kindliche Pflicht erstattet, zur ahnlichen Schuldigkeit anzuweisen. Mag er doch bei seinen Trebern bleiben!
Du aber, ruhe wohl, meine gute, liebe Mutter! bis der liebe jungste Tag anbricht, bis zur Stunde, da es heisst: S t e h t a u f ! Du warst zur Wiedergeburt gewohnt, wahrlich, du wirst wiederkommen! Ei, du Fromme und Getreue! du bist uber wenig treu gewesen! Du wirst zu vielem kommen! Du warst reines Herzens, du wirst Gott schauen, du preisest Gott mit deinem Leibe und deinem Geiste, welche sind Gottes. Was gesaet war in Schwachheit, wird auferstehen in Kraft! Eva ass und gab ihrem Manne auch davon, und er ass, und doch war Eva das Weib aller Weiber, die Mutter aller Lebendigen. Gute, einfaltige, fromme Seele! Gott segne dich! Vergesse ich dein, so vergesse mein Herz meiner! Mein Vertrauter, der aus einem Becher mit mir trinkt, sey ein Judas, der Gift unter meinen Kuss mische! In meiner Rechtssache spreche ein schielender, kleiner Bube aus einem Obergericht! Der in der Curlanderin Sache sprach, richte auch meine Sache, wenn von Ehre und gutem Namen die Rede ist! Mit Thranen will ich ernten, was ich mit Freuden saete! Dein Mann, mein Vater, versplitterte oft das beste Stuck Bauholz, woraus ein anderer eine Kirchenstutze gekannt hatte, wenn ers im gemeinen Leben brauchte. Er wechselte ein Schaustuck eines Durftigen halber, und auch du gabst, was du unterm Herzen hattest! Wahrlich du warst kein Gras, das unter Steinen wachst, das keinen ruhrt, und wozu niemand sagt: Gott gruss dich! Eine grune Taufwiese warst du, ein holdes Thal, das einen Berg zum Nachbar hat. Ein Lied im hohern Chor, ein Sonnabend, auf den der Sonntag folgt. Eine Glorie vom hellen Mondschein war hier dein Theil; dort bist du gekleidet in Sonne der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit war deine Aussaat und wird deine Ernte seyn. Keinem Worte hast du einen Zahn ausgestossen, keinem einen bleiernen oder silbernen eingesetzt! Jedem Buchstaben, gross und klein, gabst du, was sein war. Sumpfe zu verurbaren, gemeine Seelen zu adeln, in den Schwachen machtig zu seyn, so wie es Gott in dir war, das hieltest du fur deinen Beruf. Du hattest richtige Laufe. Ruhe wohl! Du hast deine Quarantaine vor der Ewigkeit richtig gehalten; du bist eingegangen! Gott webe seine Hand uber deinen Staub! Lebe wohl!
Dass Herr v. G. der altere noch vor meinem Vater den Weg gegangen, den wir alle gehen werden, hat meine selige Mutter anzuzeigen nicht ermangelt. Freilich gehort Herr v. G. nicht so unmittelbar in diese Geschichte, und ware es wohl Zeit, dass ich an mich selbst mehr dachte: soll man denn aber seinen Nachsten nicht lieben als sich selbst, und ist denn Herr v. G. der altere nicht wahrlich unser aller Nachster? Je weniger man andere aus den Augen setzt, je mehr sagt man von sich selbst und damit ich mein Schwert in die Scheide stecke und meinen Lesern reinen Wein einschenke, so verlangt der namliche Freund, der mich schon mehrmals in dieser Geschichte besuchte, den Herrn v. G. in Lebensgrosse. So werd' ich ihn nicht darstellen konnen, weil ich Extrapost genommen; indessen doch hie und da ein Zug von diesem Naturmanne, der auch die Kunst nicht zum Worte kommen liess, wie meine Mutter es Minen nachruhmt. Es argert mich jederzeit, wenn ich eine Vor- oder Nachrebe vollbracht habe, und doch kann ichs nicht lassen! Wer kann sich ohne guten Morgen und gute Nacht behelfen? In allen Sprachen wird es der lernenden Jugend zuerst beigebracht, und wer sich uberhaupt ohne Vor- und Nachreden behelfen, oder wenn sie schon da sind, sie mir nichts dir nichts streichen kann, kann mehr als ich! Es ist so etwas von Erstund Letztgeburt darin.
Damit meine Leser indessen gleich wissen, woran sie sich zu halten, so sey mir erlaubt, den Text zu verlesen, woruber gepredigt werden soll. Wahrlich, diess ist auch der einzige Gesichtspunkt, aus welchem Herr v. G. zu nehmen ist.
Er und mein Vater hatten sich in zehn Jahren nicht besucht, wohl aber, so oft sie sich nur reichen konnten, mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken (wiewohl alles in Ehren) gepfandet. Sie empfingen sich, da Junker Gotthard und ich zusammen gegeben werden sollten, wie die beiderseitigen Schwiegereltern gemeinhin am Hochzeitlager, so freundlich, dass nichts daruber war. Aber Pastor! sagte Herr v. G., nachdem sie in der freien Luft so manches gute Wort gewechselt, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein Paar Nullen gewesen, dass wir uns und so manchen Realitaten sieben Jahre, wenns nicht mehr ist (es waren, wie ich nicht anders weiss, zehn, die vollkommene Zahl), den Rucken gekehrt?
Aus einem Briefe meiner Mutter.
Ich habe, das weisst du, je und in alle Wege viel aus den Predigten deines Vaters gemacht, obgleich er nicht viel aus meinem Gesang, bis er mit Brand heimgesucht ward. Am liebsten hor' ich ihn, wenn er eine C a s u a l p r e d i g t halt. So ist mir die Predigt: R i c h t e t n i c h t , noch immer in den Ohren ein susser Schall, und hatt' er's bei den Liedern nicht versehen, dieser Sonntag ware werth, in Gold gefasst zu werden und Edelstein. Ueber den Herrn v. G. hielt er eine Predigt trotz der: R i c h t e t n i c h t ; indessen war sie nicht fur jedermann. Sein Text war aus dem e i n h u n d e r t n e u n u n d d r e i ss i g s t e n Psalm und dessen dreiundzwanzigstem und vierundzwanzigstem Vers: "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prufe mich und erfahre, wie ich's meine, und stehe, ob ich auf bosem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!" Seine Predigt handelte v o m V e r s t a n d e u n d H e r z e n e i n e s C h r i s t e n , nicht, wie alles ist, sondern wie man's glaubt, dass es so recht, kommt's allein an. Mancher, der nicht Herr, Herr! gesagt hat, wird dort die beschamen, die Herr, Herr! des Morgens, des Abends und vor und nach Tische sangen und beteten. Nicht die V a t e r u n s e r s , nicht die d a s W a l t ' s machens aus, sondern die den Willen thun des Vaters Jesu Christi im Himmel, sind hier auf gutem, auf ewigem Wege. Da bekamen in die Lange und in die Quere, die sich uber den Herrn v. G. aufgehalten, weil er lange nicht communicirt, und kein Kirchenganger gewesen. Es war deinem Vater nicht anzusehen, dass er sein ganzes Hebraisch vom Conversus hatte, und das heisst, eben nicht weit her. Er sagte uns Christenleuten so manches theure, werthe Wort, und wahrlich, mein Sohn, er hatte nicht Unrecht. Die Orthodoxie des Herrn v. G. will ich an seinen Ort stellen. Gott gebe, wenn es nicht zur Rechten ist, es wenigstens nicht ganz zur Linken, sondern von der Seite sey. Der Herr v. G. bekannte und laugnete nicht. I c h b i n k e i n e r , sagt' er rein heraus, und ohne Sprichwort. Wenn man aber die jetzige neue Mode, Christen zu seyn, erwagt, die unsere jungen Herrn (Gott nehme dich in seinen Schutz!) von einigen Akademien, mitbringen; (Heil mit Konigsberg und Gottingen fur und fur!) so konnt' es wohl heissen: d e i n S i l b e r zu reden aus Jesaias dem ersten Kapitel und dessen zweiundzwanzigstem Vers: "O Christenthum! dein Silber ist Schaum worden, und dein Getranke mit Wasser gemischt," und aus dem drittem Kapitel, der siebenzehnte und vierundzwanzigste Vers: "Der Herr wird den Scheitel der Tochter Zion kahl, machen, und der Herr wird ihr Geschmeide wegnehmen." Das heisst, er wird den Leuchter von der heiligen Statte stossen, und statt der feierlichen, hellbrennenden Kerze prasselt dann ein elendes Talglicht, zwar in einer glasernen Form gegossen, schon von aussen, allein doch Talglicht; dann wird Stank fur Gutgeruch seyn, und ein loses Band fur einen Gurtel, und eine Glatze fur krauses Haar, und fur einen weiten Mantel ein enger Sack; fur Bibel und Gesangbuch allerlei Naschwerk und Marcipan, das suss auffallt, allein den Magen verdirbt.
In dieser Verstandes- und Herzenspredigt dachte dein Vater an den Herrn v. G. Es war wie vom Himmel gefallen. Ha! vermuthete man, da wird er die zehnjahrige Entfernung aufdecken; da wird man erfahren, ob Rahel weiss oder braun gewesen; was fur Federn Gabriel in seinen Flugeln gehabt; ob Adam mit einem Nabel versehen gewesen wenn gleich der Text darnach nicht war! Es war eine Stille, wo man das Wort fast in der Seele horen konnte. Die F r a u v., die so tief zu seufzen gewohnt ist, dass die Wande es horen und wiederhallen, als wunderten sie sich drob! still! ganz still! O mein Sohn! dein Vater ist ein feuerschlagender, geistreicher Mann! Schade! dass er sein Hebraisch nicht aus der ersten Hand hat! und abermals Schade, dass man nicht weiss, wo er her ist! Sein Text ist Stahl und Feuerstein. Er schlagt, und es fallen Funken, des Kuchenzettels unerachtet, den er uber jede Predigt macht. Ich habe geweint bitterlich, und die ganze Kirchen- oder Trauerversammlung weinte so. Er schalt nicht, er drohte nicht. Er stellte dem es heim, der da recht richtet. Wenn ich doch schreiben konnte, was er sagte! Es war alles wie in Versen, so leicht, so schon!
"Lasst uns ungebeten an ein Mitglied einer benachbarten Gemeinde denken, dessen Erforschungs-, dessen Prufungsjahre selig zu Ende gegangen, und der den ewigen Weg der Wahrheit und des Lebens angetreten! Er kam nicht zu mir, so wie er's seit einiger Zeit ofters zu thun die gutige Gewohnheit hatte, sondern zu unserm Gotteshause! Er wollte unsern frommen Uebungen beiwohnen, ohne dass ich's zuvor wusste. Ich sprach ihn nicht, ich begrusste ihn, allein von weitem, und siehe da! noch ehe ich meine Predigt anfing, hatte er seinen Lauf vollendet. Noch ehe ich Ja sagte, war er beim Amen. Er starb, wie ihr alle wisset, in den letzten Worten des christlichen Glaubens:
Nach diesem Elend
ist uns bereit
dort ein Leben in Ewigkeit.
Unvergesslich wird mir jedes Wort dieses Umstandes seyn, so wie dieser Mann es einem jeden seyn muss, der ihn gekannt hat! Er besuchte selten die Kirchen, und musste in einer Kirche sterben! Ich sah den Aufstand, der unseres Vollendeten halber entstand; allein ich hielt seinen Zufall fur einen solchen, der bei weitem nicht der letzte ware."
"Welch, eine Kluft zwischen Gottes und unsern Gedanken! Dein Wille, unser Vater! dein Wille ist geschehen. "
"Er war ich sage das Wort war, anstatt ist, zum erstenmal und ich fuhle es, es ist das erstemal, er war mein Freund! Er war, ich, will mich an diess Wort gewohnen, er war ein Freund der Wahrheit, und ich kann hinzusetzen, ein Freund Gottes und der Menschen, nach seinem Bilde gemacht. Gemeint hat er es gut, das wissen wir alle, mit Gott und Menschen. Was konnen leichte Wolken der Sonne schaden? Sie darf sich nicht vordringen, sie leuchtet ungesucht hervor, und jeder sagt: die liebe Sonne! Er dachte nicht, so wie wir, Freunde! Ihr wisset, dass er und ich uns darob wie Loth und Abraham trennten, und fiel etwas vor, was nicht ganz wie Loth und Abraham war, verzeihe es Gott! bei dem viel Verzeihung ist. Ich bekenne es frei, ich war bei dieser Trennung der Eiferer, und der Eifer thut nicht jederzeit, was recht ist. Mein Trost ist, dass auch ich es gut meinte! O Gott, wie oft ringt meine Seele zu dir! Wie oft bete ich in meiner Einsamkeit, nur allein von dir gehort: Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prufe mich und erfahre, wie ich es meine, und siehe, ob ich auf bosen, auch nur auf Irrwegen, bin, und leite mich auf ewigem Wege! Ich habe gethan, was meines Amtes ist. Thut, Freunde, auch, was das eurige ist. Ich wunsche ihm die Ruhe der Gerechten! Ihr dessgleichen. Gedenke an mich, wie ich gestorben bin; so wirst auch du sterben. Gestern war es an mir, heute an dir, das sey unser Geleitsspruch, wenn wir dieses Gotteshaus verlassen!"
Dieser Auszug bedarf keines Zusatzes. Kurz und gut war der Tod unseres theuern v. G. Eben so kurz soll auch meine Leichenrede seyn; ob so gut, kann ich nicht bestimmen.
Herr v. G. war ein sehr n a t u r l i c h e r Mann; alles, was er sagte, war mit der Hand geschopfte Natur. Diogenes sah einen Knaben Wasser mit der Hand schopfen, so wie unsere es mit dem Hute zu thun gewohnt sind, und setzte sich aus dem Besitz, seines Mobiliarvermogens, ohne solches publica legis auctione dem Meistbietenden zu uberlassen. Wenn die Natur Lehrer und Propheten sendet, sind es alle solche Wasserschopfer! Herr v. G. hatte eben da seine eigentlichen Collegia gehort. Er war aus Curland. Da, wo er geboren, waren schon sieben Herren v. G. geboren und gestorben; allein wahrlich kein v. G. seiner Art. Curland hat einen solchen Mann schwerlich aus seinen Mitteln gehabt. Mein Vater konnte sich nicht uberzeugen, dass seine Vorfahren Curlander gewesen. Er ist, wie die Curlander seyn konnten, und wo sind v. Gs? Wie aber, wenn die Natur in einem Lande, wo Keckheit, Rauhigkeit, Trotz und Tyrannei unter dem Namen von Freiheit gang und gabe ist, einen Mann, der ihrem edeln Bilde ahnlich ware, recht mit Fleiss schaffen wollen? Wenn sie gedacht, lasst mich einen Curlander machen, ein Ideal?
Herr v. G. hatte, wie jeder Junker, seinen Hofmeister. Dieses war zum Ungluck ein so ausgelernter Kunstler, dass er wider die Landesgewohnheit viel todte Kenntniss besass, die in der curischen Dunkelheit hell schien, so wie faules Holz gewohnlich im Finstern. Unser Jungling war seinem Fuhrer am Verstande unendlich uberlegen, dieser aber jenem an Spruchen; und da der gute Goliath an dem Herrn Vater unseres kleinen Davids einen Verehrer gefunden, so war der junge Herr gezwungen, den Kurzern zu ziehen, seine Schleuder ungebraucht zu lassen, und sich hochstens mit einem verstohlenen Blick des Beifalls von seiner guten Mutter zu begnugen. Dieses edle Weib hatte die gerechtesten Klagen wider ihren Mann, besonders in puncto puncti. Auch ausser dem puncto puncti nahm sich der alte Herr v. G. so manche schreiende Harte nicht ubel, und befand sich dabei recht wohl. Fiel ja ein Gewissensbiss vor, so hatte der Hausarzt ein Recept von Spruchen, die ihn auf der Stelle beruhigten. Arzt und Patient waren gleich kurzsichtig. Aus seines Vaters Hause ging unser seliger Mitbruder in die akademische Welt, liess seiner Denkungsart, die bisher Ziegel gestrichen, den freien Lauf und ward D r e i s t d e n k e r . Anfanglich war es nur, um das Grossmaul, den t h e o l o g i s c h e n G o l i a t h , zu Gottes Erdboden zu bringen. Obgleich dieser A u s f o r d e r e r in dem vaterlichen Hause zuruckgeblieben war und mit keinem kleinen Stein erreicht werden konnte, so war er doch unserm David so lebhaft, dass er mit einem kleinen Steinchen nach dem andern seine Stirn probirte. Dieser Steinwurf ward ihm eigen. Jung gewohnt, alt gethan. Die Gewohnheit ist eine andere Natur, hatte ich bald gesagt; allein in Wahrheit nicht die andere, sondern die erste, die eigentliche, die Natur selbst. Unser Seliger studirte L e b e n s - und nicht S c h u l w e i s h e i t , von der er immer der Nachfrage halber eine Kiste erhandeln konnen! Freilich, sagte er, hatte ich, und es thut mir oft leid, dass ich's nicht habe; allein wenn es mir wieder einfallt, dass alle die Raritaten so sehr der Mode unterworfen sind, als es kein Kopfputz meiner Frau ist, warum sollte ich? Wahrlich! Gelehrsamkeit ist Weiberkopfputz; der erste unter den Gelehrten geht frisirt! Pfui! da ehre mir Gott mein eigen Haar, wenn's gleich nicht kraus ist, wie die gute Pastorin es gerne sieht. Nicht war er in sich selbst verliebt; ist denn das die Natur? Lasst sie nicht die Kunst in ihre geheimsten Zimmer? Hilft ihr nicht die galante Kunst beim Anziehen, bald hatte ich gesagt, reicht sie ihr nicht oft das Hemde; allein ist sie darum eine Buhlschwester? Mit nichten.
Alles, was Herr v. G. aus der zweiten und dritten Hand hatte, war ihm nur insoweit theuer und werth, als ein gutes Stuck Natur darunter war. So konnte er sich uber n a i v und L a u n e nicht zufrieden geben, obgleich diese ganze Lehre viel Kopfputz enthalt! Ich habe die Schule durchgelaufen, pflegte er zu sagen, spornstreichs, setzte er hinzu. Was thut's? Er hatte mehr beim Fenstereinwerfen und beim Standchen, bei einer Professor-Cour, und was weiss ich, wo mehr, gelernt, als hundert seiner Gesellen in den Collegien, die sich argerten, wenn jemand dem naturlichen Wink seiner Nase folgte, und sie mit dem Schnupftuch in der Hand storte. Da sehe ich noch so manchen Nachschreiber lebhaft, der gern dem guten Pastor nachgefragt hatte: Wer grunzt in der Gemeinde? wenn diess Milchknabchen nicht befurchten mussen, es wurde ihn ein Spiessgeselle angewiesen haben, seine weise Nase ins Heft zu stecken.
Herr v. G. behauptete, Gelehrsamkeit sey nur, um nachzuschlagen, und wenn man ein so gutes Lexikon in der Nahe hatte, wie mein Vater, so ware nichts uberflussiger, als sich den Kopf mit Worten zu uberladen, oder mit der Schale zu schopfen!
Es gibt Schrift- und Redgelehrte, Sokrate und Platone, so wie es gehende und sitzende gibt. Ich mag deren keines. Zum Erfinden, sagt der Pastor, gehort Einfalt, kindische Einfalt! Selten ist ein Erfinder ein Gelehrter. Wenn ich doch ja was seyn sollte, wollte ich ein Erfinder seyn. Da gibt's freilich Professoren, die sich auf ein Definitionchen so viel einbilden, als auf eine eingenommene Festung mit Sturm oder List! Die Thoren! Was hilft's, in schonem Porcellan jammerliche Kost, ohne Geruch und ohne Geschmack? Was im krystallenen Pokal verschalter Wein? Ein Definitionskramer wird wahrlich kein Newton werden, obgleich auch dieser uber die Offenbarung Johannis schrieb.
Herr v. G. las blutwenig! Wenn ich ein Buch lese, sagte er, lassen mich meine Gedanken nicht zum Worte kommen! Bose Gesellschaften verderben gute Sitten. Die Natur wollte ihn nicht verfuhren lassen! Die gute Mutter Natur! Bald hatte ich geschrieben, die gute Frau v. W. Ich habe mir immer eingebildet, so wurde die Natur aussehen, wenn sie Menschenkindern zu Ehren sich in unsre Gestalt verlieben sollte. Sie wird es nicht.
Las Herr v. G. ja etwas, so musste es leserlich geschrieben seyn. Der Autor musste, wie er sagte, ihn nicht breitschlagen oder zum Besten haben wollen. Mein Vater hatte ihm einige Stellen aus den Alten verdeutscht, und Herr v. G. war so gutig, sie ein Brennglas zu nennen, wodurch wir die Sonne an die Pfeife zogen. Er liebte nicht, mit Schriftstellern umzugehen. Die sich frisch und gesund lesen lassen, sagte er, sind, wie ich gehort habe, stockstill in Gesellschaft. Man sagt ein Hephata nach dem andern, die Zunge wird nicht los. Herr v. G. selbst war, ehe er schrieb, noch schwieriger wie mein Vater; hatte er indessen die Feder einmal ergriffen, gings, seinem eigenen Ausdruck zufolge, wie aus der Pistole. Er strich so wenig, wie meine Mutter, und nie hatte er ein Blatt zerrissen, um es besser zu schreiben. Warum soll ich mich mit mir selbst schlagen? warum mich selbst herausfordern? Ich bin sehr fur den Hausfrieden, das ist, fur den mit mir selbst. Nie machte er ein Couvert; am liebsten schrieb er auf unbeschnittenem Papier. Gemeinhin schrieb er mit umgekehrter Feder; kehrt man denn nicht, sagte er, den Hut um, wenn die Sonne scheint? Die Ursache war, weil er nicht gern Federn schneiden machte, und da meinte ers denn so ehrlich mit jeder neuen Feder, dass sie bald unbrauchbar ward. Hermann schnitt ihm zuweilen Federn; allein gemeinhin waren sie ihm zu spitzig.
Plane, pflegte er zu sagen, kann man erzahlen; Ausfuhrungen reden von sich selbst.
Nie zog er seine Stiefeln um, wie andere ehrliche Leute. Schuhe hat er so wenig getragen, wie der Konig von Preussen.
Das Brod schnitt er sehr gerade. Schade! pflegte er zu sagen, dass es geschnitten werden muss! Was nur moglich war, ass er ohne Gabel und Messer. Hatte er zuweilen eine Mahlzeit, die er durchweg ohne dergleichen Mordgewehr, wie ers nannte, vollbringen konnte, so war sein Gratias an Gott desto inbrunstiger.
Er war hitzig; da mochte ich, sagte er selbst, gleich das Haus zum Fenster hinauswerfen; allein wenn ich naher komme, sehe ich, dass das Fenster zu klein ist!
Die Feder gilt nichts, wenn sie zertreten ist, war sein Spruchwort; warum er diess Spruchwort eben von der Feder entlehnt, weiss ich selbst nicht.
Jeden seiner Herrn Bruder hielt er drei Schritte vom Leibe. Nie liess er sich zu nahe kommen; allein auch er kam keinem zu nahe.
Mit dem Kunstler, M e i s t e r H e r m a n n , sprach er wie Naturmann. Er fragte sich nie: was werden andere Leute sagen? allein er lebte wahrlich so, dass niemand von ihm auch nicht einmal etwas Boses denken konnte; darauf, fugte er hinzu, muss man es anlegen. Der Schmahsucht entgeht niemand. Selten wird ein Mann seyn, der so gleichgultig gegen das Urtheil anderer ist, als er war. Um von gewissen Leuten nicht gelobt zu werden, hatte er sogar etwas thun konnen, das er sonst nicht wurde gethan haben!
Es gibt Krippenreiter in Curland, die es recht geflissentlich dazu anlegen, ihre Bruder in Versuchung zu fuhren, ihnen auf die Zahne zu fuhlen; indessen nur alsdann, wenn die Zahne los sind, stossen sie sie ihnen aus. Da hatte einer eine Ohrfeige erhalten und nichts dagegen vorgenommen, als gefragt: wie er diese Zweideutigkeit verstehen sollte? Das war sehr naturlich unserm v. G. ein Stachel im Auge. Der Thor! sagte er. Sieh den andern, der dich ansieht, wieder an, und sein Auge sinkt. Ziele nur, der andere wird wanken, wenn er Herz hat, und sich zuruckziehen, wenn er keines hat. Umgekehrt, so wird ein Vers draus. Auf den Hohn: das Pulver scheint der Herr Bruder nicht erfunden zu haben, gleich den Trumpf: aber zu gebrauchen weiss ichs! Ich wette drauf, der Pulvererfinder wird sich in bester Ordnung zuruckziehen!
Herr v. G., der standhafte Mann, blieb indessen gefallig. Seine Lieblingsthiere waren Huhner, und nur nach ihnen folgten Hunde! Er uberrumpelte niemanden; jeden liess er zum Wort und beim Worte. Keine Dissonanz in seinem Umgange; er war immer gestimmt immer heiter.
In seinen Zimmern war ein eigener Geschmack, kein fournirter Tisch, keine Falschheit. Keine Weste, wo hinten Leinwand war, ware sie auch von Gold und Silberstuck gewesen, ist je an seinen Leib gekommen. Von allem, was ihm gefiel, sagte er, es schmecke ihm: So schmeckte ihm ein Zimmer, dieser oder jener Freund. Er behauptete, auch ein Zimmer habe seine Physiognomie, und aus der Schlafstube, oder vielmehr aus einer solchen, wo kein Fremder so leicht einen Zutritt hat, musste man den Hausherrn beurtheilen.
Vom Trinken machte er mehr als vom Essen. Kalt ass und trank er am liebsten.
Das naturlichste, pflegte er zu sagen, ist, wie Diogenes zu essen, wenn man Hunger hat, ohne sich an Morgen und Abend zu binden. Gesunder wurde man dabei seyn, auch alter werden; allein wir wurden mehr einbussen, als gewinnen. Das Essen und Trinken mit Wohlgefallen, weg ware es. Loffel sind im Hospital erfunden. Alle flussigen Sachen schwachen. Fur Kinder Milch, fur Manner Kase.
An seine Gemahlin war er gekommen, wie man an vieles kommt. Sie soll ausser der Weise schon gewesen seyn. Wieder Natur am Herrn v. G. Des d a r f i c h b i t t e n wegen, hatte er sie geheirathet, sagte Herr v. G., da er in zu Tische bat. Sie konnte, wenn sie wollte, allerliebst seyn, und gutherzig scheinen. Ist man es wirklich, wenn man so stolz, wie die Frau v. G. ist? Unser Freund hatte die beste Ehe von der Welt. Wenns zu arg kam, sagte er P u n k t u m , und die gnadige Frau ging sehr freundlich ab, wovon wir alle einer Probe beigewohnt haben. Von ihm, und nicht von ihr, hing es ab, ob einem in seinem Hause wie Herr oder Monsieur begegnet werden sollte. Seine Liebkosungen waren immer mit Ungestum. Frau v. G. befurchtete zuweilen, dass es ihr wie den russischen Weibern, wiewohl ohne ihr Zuthun, gehen wurde, die aus Liebe von ihren Mannern geschlagen werden. Wo der Herr v. G. gekusst hatte, war gewiss ein rother Fleck.
Sie pflegte von ihrem Manne, den sie im Herzen sehr hoch hielt, zu sagen: Er hatte Einfalle wie ein altes Haus; und wahrlich, er hatte Einfalle, nicht wie der lebendig todte Hermann, an dem man immer den Bocksfuss sah, sondern wie ein Mann, der alles gern beim rechten Namen nennt. "Er hat zwar," sagte er von einem alten Geistlichen, der sich sehr viel zu gut that, "einen kahlen Kopf, wie Elisa; allein den Mantel hat er nicht von Elias geerbt." Pastor! sagte er zu einem andern Seelsorger, Sie schlagen mit Moses um die Wette: jener auf den Fels, Sie auf die Kanzel; hier und dort kommt Wasser. Man hielt ihn fur einen Feind der Geistlichen, und die Wahrheit zu sagen, seine a l t e n H a u s e i n f a l l e trafen diese Herrn am meisten. Diess war vielleicht eine geheime Ursache, warum mein Vater sich zehn Jahre von ihm entfernte.
Mein Vater hatte ihm seiner Hitze halber im Scherze angerathen, i c h , d u , e r , w i r , i h r , s i e zu sagen, so wie er sich selbst vorgenommen hatte, panis, piscis, crinis, ignis, finis, glis in dergleichen Fallen zu brauchen; allein Herr v. G. konnte sich nicht ohne den Teufel behelfen. Es luftet das Herz, so wie eine Prise achter Curlander die Nase. Sein Argos hiess Satan. So wie meine Mutter kein i um seinen Punkt betrog, so sagte Herr v. G. nie, d a ss d i c h ! So was, fugte er lachelnd hinzu, heisst den Teufel betrugen!
Er barbirte sich so, wie mein Vater, mit kaltem Wasser, oft mit Schnee, um etwas Seifahnliches zu brauchen. Wer warmes Wasser an seinen Leib kommen lasst, ist aus Furcht des Todes ein elender Knecht seines Lebens. Herr v. G. war viel zu sehr ein freier Curlander, um beim Leben in Dienst zu treten.
Herr v. G. hatte sein Lebtag keine gewisse Essstunde. Wenn gleich er leider! Mittag und Abend hielt, so wollte er wenigstens sich doch nicht auf Stunden einschranken lassen. Hierin mindestens wollte er frei seyn, wenn es nicht vollstandiger angehen konnte. Dergleichen Regeln, und fast alle, pflegte er zu sagen, sind der Gemachlichkeit wegen da; wer Verstand und Willen hat, braucht keine dergleichen Kinderregeln. Grundfalsch war nie etwas, das er behauptete. Er hatte einen so treffenden Blick in Seele und Leib, dass man glauben musste, es ware alles regelrecht, was er sagte. Er war, wie wir wissen, ein W u r z e l m a n n . Die Frau Gemahlin, die bei ihrem hohen Sinn nicht allemal einen hohen Ausdruck hatte, pflegte diess zu ubersetzen: e r m e r k e M a u s e . Jeder Mensch hat seine Manier, seine Natur im Sprechen. Herr v. G. besass, wenn gleich nicht den treffenden Ausdruck meines Vaters, so doch einen wohlgemeinten, einen verstandlichen. Gnade dem Gott, wer ihm mit Punkten und Clauseln kam, die man so und anders nehmen konnte; so was mochte er versaufen im Meere, wo es am tiefsten ist. Auf die Juristen war er ubel zu sprechen; die besten, behauptete er, bemuhten sich d e m K i n d e einen N a m e n zu geben; der Name ist ein Zaun, ein Schranken, bis dahin und weiter nicht. Gott hat keinen Namen.
Das naturlichste, was noch in der Welt ist, sagte Herr v. G., ist der Schlaf und Wasser. In Rucksicht des Wachens und Essens sind so viele Verstummlungen vorgefallen, dass die eigentliche Natur zu finden ein Rathsel ist. Der Schlaf, in so weit die Traume von des Tages Last und Hitze abhangen, ist auch schon verfalscht, wenn man's genau nimmt. Wasser also ist allein aus dem Paradiese ubrig geblieben; Wasser ist das einzige unter allem Flussigen was reinigt, setzte er hinzu.
Die vier Elemente, Feuer, Luft, Wasser, Erde, nannte er die vier Temperamente der Natur; die funf Sinne die Poststrassen zur Seele; ein Liebhaber der funften Zahl hat darum funf angenommen, mag seyn nach Anzahl der funf Finger.
Unsere Sinne sind nicht gleichen Ursprungs, einige haben ihre Privilegia erschlichen. Geruch und Geschmack sind gekaufte Titel; kein Kind hat Geruch und Geschmack. Freilich lernt es auch sehen, allein diese Lehre bekommt es aus der ersten Hand; durch wie viel Hande erhalten wir dagegen Geruch und Geschmack! Kann es je heissen: Gott hat die Menschen aufrichtig gemacht, aber sie suchen viele Kunste; so hier.
Das Herz war das Gesetz unseres theuren v. G., und wahrlich ein trefflicher Gesetzgeber, wenn es wie das v. Gsche ist!
Empfindsamkeit, pflegte er zu sagen, schutzt vor Zugellosigkeit; allein was ist besser, zugellos oder weibisch?
Er glaubte, dass es Hand-, Mund- und Herzensworte gebe. Die Augen sind Filiale, pflegte er zu sagen, vom Herzen; die Fusse von den Handen; der Mund hat keinen so nahen Bundesgenossen.
Sobald uber Natur die Rede ging, war er unuberwindlich; in der Kunst war er gern Schuler! Selbst im Wortwechsel uberrumpelte er keinen. Seinen Grundsatzen war er treu wie Gold; er war kein Pravaricator, kein zweier Herren Diener.
Die Hauptsache, woruber mein Vater und der Herr v. G. uneins geworden, waren freilich die drei Artikel des christlichen Glaubens; indessen stand der monarchische Staat hiemit in Verbindung, ohne an manche geheime Ursache zu denken, die nie ausbleibt. Herr v. G. glaubte, die christliche Religion und die monarchische Regierungsform arbeiteten sich in die Hand, und mochte ihn wohl der Umstand, dass mein Vater beides, Christ- und Monarchenfreund war, zu diesen Gedanken gebracht haben. Ueberhaupt paarte er zuweilen Dinge, die, wenn man es genau erwog, wirklich ein Herz und eine Seele waren, wenn gleich niemand sie dafur gehalten. Ob nun zwar die christliche Religion dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist zu geben anordnet, so ist sie doch so wenig fur die Monarchie, dass sie vielmehr das Reich Gottes einfuhren will.
Lasst euch mit den Menschen ein, sagte Herr v. G., sie klagen immer! Woher kommt's? Warum die Klagen uber schwere Zeiten, die, seitdem der Cherub mit dem gezogenen Schwerte vor der Thure des Paradieses auf die Wache gezogen, entstanden? Weil der Mensch sich frei fuhlt und es nicht ist. Recht, sagte mein Vater, Gottes Reich ist noch nicht kommen. Der Wir sollten immer einfacher werden und uns in den In dem Gesetz: was du nicht willst, dass dir andere Wenn's so fiel, war alles trefflich. Sobald aber Herr Mein Vater war ein Bienenfreund und Herr v. G. G o t t e s G n a d e n . Freilich ist die Biene militarisch, hat ihr Schwert bei sich, sticht; allein wenn sie gestochen, wenn sie Krieg gefuhrt hat, ist sie auch so matt und elend. U n d w e n n u n s d i e A m e i s e n b e k r i e c h e n ? fiel mein Vater ein. So schuttelt man sie ab. D i e h a ss l i c h e n T h i e r e ! Sind Curlander, sagte Herr v. G. K o n n t e s e y n , mein Vater.
Staat ist ein so nothdringliches Mittel, den Menschen glucklich zu machen, dass man ohne diess Mittel zu keinem Zweck kommen kann. Alles fuhrt zum Staat, untere und obere Seelenkrafte, Seele und Leib, Bedurfniss und Leidenschaft, Hospital und Schauspielhaus. Die burgerliche Gesellschaft ist auch eben darum sogar fur Naturzweck von etlichen gehalten. Staat ist freilich Kunst, allein diese Kunst besteht aus zusammengesetzter Natur und muss denn der Staat eben Monarchie seyn?
Ist nicht nur ein Gott? und wird nicht eher lieber Ein Gott der Erden dem Original weichen, sobald das Volk sich ans Unsichtbare gewohnen lernt, als an so viele Gotter?
Doch warum in spitzfindigen Reden und Antworten; ich will versuchen, meinen Vater in Eins zu bringen, und was stuckweise uber den monarchischen Staat vorfiel, in einen Ausbund vom Ganzen zu ziehen. In der Vernunft, womit der Mensch ausgestattet ist, Mein Vater hielt ein wenig an, und fuhr fort, ohne n e r , e i n M e n s c h i s t k e i n M e n s c h ," wurde meine Frau sagen; Ein Mensch aber ist kein guter Mensch. Nicht der Mussiggang, sondern die Einsamkeit ist die Mutter alles Bosen. Es ist indessen Grund und Folge; allein seyn und mussig seyn, ist ziemlich einerlei. Grosse Erfindungen selbst sind in Gesellschaft gemacht; alle Kunstelei in der Einsamkeit. Gott allein ist Einer; hier gilt nicht, Eins ist keins. Der Verstand und der Wille eines einzelnen Menschen scheinen nicht zuzureichen, ein vollstandiges menschliches Seyn auszudrucken; der Pluralis vom Verstand und Willen ist erforderlich, wenn der Mensch was auszurichten im Stande seyn soll. Der Staat ist der Mensch im Plurali; im Plurali indessen gilt eben das, was im Singulari gilt. Der Staat ist der vollkommenste, der die meisten Menschen hat, die wie Einer scheinen. Je volkreicher ein Land ist, je mehr scheint es sich dieser Probe eines wohleingerichteten Staates zu nahern. In Staaten, hab' ich gesagt, mussen auch die Gesetze aus der Natur erklart werden, falls sie nicht agyptische Plagen seyn sollen, und wenn ich hinzufuge, dass es Natur aus der ersten und Natur aus der zweiten Hand gabe, so hab' ich mich naher bestimmt. Im Naturzustande, wo sich der Mensch ganz allein denkt, im Paradiese, ist er zwar ein Gott der Erde; allein so lange er so denkt, wie Adam und die zeitigen Adamskinder, wird er gewiss vom verbotenen Baume essen, und bei der Muhe und Arbeit und dem Schweiss seines Angesichts, mit dem er sein Brod isst, sich weniger bedauern, als in der Einsamkeit, wo der Mussiggang ihm eigen ist, wo er vielleicht langer lebt, und ohne viel Schmerz einschlummert, wo indessen gegen eine einzige Stunde jetzigen Lebens Tage und Wochen dieser Einsamkeit wie gar nichts sind. Was ist ihm solch ein Baum des Lebens? Er lebt hier auch im Singulari. Im Staate lebt der Mensch im Plurali. Zwar kann man sich einen Stand der Natur denken, und der erste bekannte Schriftsteller entwirft uns ein Bild im paradiesischen Adam von dem Naturstande, so wie der Stifter der christlichen Religion, der zweite Adam, ein Urbild des vollkommensten Menschen im Staate ist.
Wenn Feinde seines Namens behaupten wollen, Christus habe ein weltliches Reich stiften wollen, so ist's aus zwei Drittel Ursachen eher unglaublich, als glaublich; allein gesetzt, er wollt' es, so war es bloss, um die Menschen auf diesem Wege zu dem Ende des Vaterunsers, zu dem zu bringen, dessen allein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit ist! Dahin ging er auf dieser Welt! und wenn die Menschen so stockblind waren, dass sie das Licht nicht sahen, das er ihnen anzunden wollte; wenn er in sein Eigenthum kam, und die Seinen ihn nicht aufnahmen, so liess er uns wenigstens ein Vorbild, nachzufolgen seinen Fussstapfen. Es gibt eine doppelte Theokratie; die eine wurde korperlich, die andere geistig zu nehmen seyn. Was ist glaublicher, als dass die Menschen uber kurz oder lang zu allgemeinen Weltgesetzen kommen werden, wo jedem Staate sein bescheiden Theil angewiesen ist, und wo, wenn der eine weiter gehen will, er alle ubrigen vereinigten Staaten wider sich hat? Diess verbesserte Volkerrecht, mocht' es doch bald kommen! Wie weit naher waren wir alsdann schon dem Ende des Vaterunsers, als jetzo! Man konnte von dieser korperlichen Theokratie, von dieser Welt-Regierungsform sagen: es ist eine Heerde und ein Hirte; allein auch selbst alsdann ist noch alles leiblich! Geistlich wird es seyn, wenn wir selbst diese allgemeineren Weltgesetze nicht mehr brauchen, wenn der gottliche Codex eintritt, wenn der Glaube an Gott schon alles in allem ist! Um sich die Sache noch begreiflicher zu machen, kann man den Redegebrauch der Theologen beibehalten. So wie die Welt jetzt ist, konnte man sie das Reich der Allmacht nennen. Das Reich der Gnaden ware die korperliche Theokratie, wenn die Menschen anfingen allgemeine Weltgesetze zu machen, wohin es gewiss kommen musste, wenn der gemeine Mann zu mehreren Kenntnissen kame, als er jetzt hat. Das Reich der Herrlichkeit ware jenes Reich der Moglichkeit, wo wir alles um Gottes willen thaten, wo
War es Wunder, um wieder auf den ersten Adam zu kommen, war es Wunder, dass die Natur ihm so wohl anstand? Adam kam aus den Handen des Schopfers, er war die Bluthe des Naturstandes, zu Fruchten kam es mit ihm nicht, er fiel als Bluthe ab. Schade! Er war allein und durfte sich vor keinem furchten, und konnte jede Creatur durch Vernunft beherrschen.
Man kann sich einzelne Menschen denken ohne Gesetze, ohne Zaune, wie Gotter auf Erden unter einander herumwandeln. Die Welt ist gross fur alle; niemand darf dem andern vorbauen, zu solch einem Stande hat Gott den Menschen angelegt; allein dem Menschen fiel das Mein und Dein ein, wovon er erst nicht wusste; jetzt wird sein Stand ein wahrer Stand der Sunden, wissentlicher und unwissentlicher Schwachheits- und Bosheitssunden. Diese Erde, diese Menschenwelt, das laugnet niemand, ist jetzt noch in der Kindheit, hie und da ein Kopf. Eine Schwalbe aber macht keinen Sommer. Ich kann mir aber denken, dass der Mensch wieder zuruckkommen werde, und zwar aus Grundsatzen zuruckkommen werde, wo er ausging, dass zuletzt wieder die Welt ein Paradies seyn und jeder Mann Adam, und jedes Weib seine Rippe seyn werde. Das tausendjahrige Reich, wovon so viele traumen, liegt sehr verworren in diesem Gedanken, sehr verworren! kein Stein auf dem andern. Meine Beruhigung ist, dass alles, was moglich ist, auch wirklich sey oder werde. Warum war' es sonst moglich? Die Gelehrten haben sich oft gestritten, ob der Mensch gesellig oder ungesellig sey? So oft die Gelehrten sich gleich vergebens gestritten, so ist doch diese Frage keine vergebliche. Jeder Mensch sucht selbst im Staat sich zu befreien; es ist seine Herzenslust, wenn er sich nur einigermassen in Freiheit setzen kann. Jeder kluge Gesetzgeber muss gewisse Falle dem Menschen anheimstellen, wo er frei seyn kann; sonst wurde er zuverlassig auch den menschenfreundlichsten Landesherrn Tyrann heissen, und sich sein Joch abschutteln, so sanft, so wohlmeinend es ist. Dagegen wurde der Mensch den grossten Tyrannen ertragen, wenn er ihn nur hie und da im Freien liesse. Monarchen, die Religionsfreiheit einfuhren, konnen immer Zoll und Accise hoher stellen. Der Geiz, der Sammlungstrieb, gehort auf diese Rechnung. Man ist ein Sklave, um einst frei zu werden; man dient als Soldat, um nicht als Burger zu gehorchen; man ist Ehemann, man ist ein Sklave, um zu glauben, man sey frei. Selbst dieser so ausgeartete Trieb fuhrt, oder konnte uns auf den Punkt fuhren, den Christus angab: er sey bei uns alle Tage bis an der Welt Ende; zu einer Theokratie, wo jeder dem andern lasst, was er hat, wo im erhabensten Sinn jeder fur sich und Gott fur uns alle ist; wo wir nicht messen und wagen, wo alles in den Tag hinein lebt. Diese guldene Zeit, dieses mannbare Weltalter, wann wird es kommen? Wann die leibliche Theokratie, wann die geistliche das Reich der Gnaden und der Herrlichkeit? Amen! Komm du schone Freudenkrone! singt meine Frau.
Diess ist das Paradies aus Grundsatzen, das sich der Mensch selbst bauen kann.
Denkt man sich aber einen verwilderten Naturmenschen, der gewiss in keinem Paradiese seyn wird, wenn es ihm nicht ein anderer gebauet hat, so kann er freilich Herr der Thiere seyn; allein wenn er seines Gleichen sieht, denen er die namliche Vernunft, die namliche Quelle zu Zwangsmitteln ansieht, so flieht er. H o b b e s hat dem ungeachtet Recht, wenn er behauptet, dass der naturliche Mensch den Begriff von Botmassigkeit und Herrschsucht in sich tragt. Herrschsucht, Tyrannei und Furcht sind sich so nahe verwandt, als moglich. Ein Grad mehr Furcht am andern zu erblicken, macht den Wilden nachdenkend. Jener lauft, dieser verfolgt ihn; jener verkriecht sich, dieser spurt ihm nach. Freilich, wenn sich jener umsehen, nur umsehen, nur hervorblicken mochte, wurde dieser umkehren; allein da jener sich nicht umsieht, da er nicht hervorblickt, so wird dieser sein Meister. Aus Furcht wird er ihn beherrschen, damit er sich nicht mehr vor ihm furchten durfe. Im wilden Naturstande musste man also den Herrn bloss als ganzen Menschen, die Unterthanen aber als verstummelt, blind, krumm und lahm sehen. Mit der Zeit wurde sich der Mensch besser kennen lernen; es wurde dem herrschenden Scharfrichter leid thun, dass er diesem die Hand, jenem das Bein gelahmt, und man wurde sich in Verbindungen mit einander setzen. Wenn sich gleich beim Anfange ein paar Warmherzige begegnen, sollte nicht, ohne den Weg durchs Hospital zu gehen, eine Gesellschaft zu Stande kommen? Der Stand der Natur ist ein Stand des Kriegs; allein der polizirte Staat ist es auch, bis wir zum Stande der Gnaden, zu allgemeinen Weltgesetzen kommen, welches der Vorhof zum Reiche Gottes im eigentlichsten Sinne ist. (Ich habe so manches Lobopfer ausgelassen, welches bei dieser Gelegenheit dem monarchischen Staate gebracht ward; indessen fand auch Hr. v. G , der Freund und Feind meines Vaters, seine Rechnung bei dieser Deduktion.) Die Hauptfrage blieb mir: bringt die Monarchie oder die Freiheit am nachsten zum Reiche, oder, wie Herr v. G es wollte, zum Stande der Gnaden? Im Naturstande denkt der Mensch darum nicht an Gesetze, weil er gar nichts denkt. Sich zu erhalten, sich fortzupflanzen, das wurde das einzige seyn, was ihm auffallen und was ihn beschaftigen konnte. Es liegt alles in uns! Allein dieser Nahe unerachtet, wer wurde es finden, wer es nur suchen? Tausend und abermal tausend Menschen im Naturstande wurden auf keinen Buchstaben von naturlicher Religion und naturlichem Rechte fallen, wenn nicht die Gottheit es ihnen noch naher gelegt hatte. Die Gottheit kann sich Menschen nicht anders als durch Menschen offenbaren, und die bleiben Menschen, wenn gleich sie Gottes Menschen sind, getrieben vom heiligen Geist. Niemand hat Gott je gesehen; erhabene, grosse Menschen sendet Gott zu Menschen, um ihnen zu sagen, was sie gleich alle wissen, wenn es ihnen nur gesagt wird. Wir sind Alles und Nichts. Das Licht der Vernunft, das in uns ist, muss angezundet werden, sonst bleiben wir bestandig Kinder der Finsterniss. Das naturliche Recht ist, so lange der Mensch nicht gottlich unterrichtet wird, das, was das romische Recht sehr treffend von ihm sagt: w a s d i e N a t u r a l l e n T h i e r e n l e h r t . Die Krafte, die der Mensch noch daruber hat, unterscheiden ihn vom Thiere. Selbst die Gesellschaft, die Vereinigung, die die Natur dem Menschen so sichtlich beibringt, indem seine Jungen weit spater zu sich selbst kommen, als andere Jungen, fordert ihn zur Gesellschaft auf; allein wenn es auf einen Streit ankame, wurde ich denen eher beitreten, welche glauben, dass ein Ungefahr die Menschen zusammengebracht, und nicht die Vernunft. Selbst jetzt regiert wohl die Vernunft im Grossen. Sie lebt so in bedruckter Kirche, dass man von ihr behaupten konnte, sie wohne in Hohlen, in Kluften, und doch darf man von ihr nicht furchten, dass sie so ausarten wurde, als die christliche Kirche, da sie ins Grosse ging, ausgeartet ist. Die Ausartung der Vernunft ware Unvernunft.
Fast konnte man behaupten, dass die Menschen, nachdem sie vielleicht durch ein Ungefahr zusammengebracht waren, auf die Vernunft gekommen, so wie man auf etwas kommt. Gott hat es ihnen offenbart. Es waren vielleicht erst positive Gesetze, ehe man an naturliche dachte. Der Grund der positiven Gesetze, wenn sie anders den Namen von Gesetzen verdienen sollen, ist so gut die Vernunft, als sie der Grund der naturlichen ist. Die Rechtslehrer machen einen Unterschied zwischen positiven, naturlichen und gemischten Gesetzen. Jedes Gesetz muss naturlich, oder, welches fast dasselbe ist, vernunftig seyn, so auch jede Offenbarung. Das Christenthum ist eine vernunftige, lautere Milch. Was vernunftigen Menschen Regeln vorzeichnen will, muss, dunkt mich, selbst vernunftig seyn; es muss sie uberzeugen. Zwar laugne ich nicht, dass der Staat Anordnungen treffen konne, die sich nur aus dem Staat erklaren lassen, und alsdann ist die Vernunft, auf den Staat angewendet, der Grund des Gesetzes. Wenn man die positiven Gesetze aus diesem Gesichtspunkte nimmt, wie ehrwurdig sind siel Sind sie nicht der moralische Katechismus des Volks? Wo ist solch ein Codex? Ich habe noch keinen von dieser Art gesehen.
Ich will mich nicht uber die positiven gottlichen Gesetze auslassen. Die Frage: ob es allgemeine gottliche positive Gesetze geben konne? kann wohl keinem Streit unterworfen seyn, da es bei dieser Frage auf die Frage ankommt: ob es Gesetze gibt, die aus der Natur nicht zu erkennen, und die Gott ausserdem dem menschlichen Geschlecht eroffnet hat? Gibts solche? Diese Frage ist streitig. Herr v. G. nahm das Wort: Streitig? sagte er. Unstreitig ists, dass es keine dergleichen gibt und gegeben hat und geben kann. Mein Vater fuhr fort:
Jeder Staat ist eine Theokratie. Gott ist nicht fern von einem jeglichen unter uns. In ihm leben, weben und sind wir. Das judische Volk behauptet, dass es im besondern Sinne Gottes Volk ware, obgleich es sich am wenigsten als ein Volk Gottes unter allen Volkern aufgefuhrt hat, und doch ist aus ihm allen Volkern Heil widerfahren.
Menschliche positive Gesetze heissen auch, und das mit Recht, burgerliche. Das Volk selbst, oder der oder die, dem oder denen es das Volk ubertragt, geben Gesetze. Hier gibts gemeine und P r o v i n c i a l g e s e t z e . Ich wunschte, es waren keine Provincialgesetze. Was sollen sie, wenn sie nicht Polizei- und solche sind, wozu Boden und Sonne Gelegenheit gibt, und die aufs Mein und Dein wenig oder gar keinen Einfluss haben? Wir sind alle Kinder Gottes; alle Sohne der Mutter E de. Wir haben eine Sonne; wir sind alle Bruder. Alle Augenblicke der Wunsch: o wenn doch Gottes Reich leiblich und geistlich, das Reich der Gnaden und der Herrlichkeit, kame!
Es gibt Provinzen, die einem Herrn unterworfen sind, und in jeder Provinz sind andere Gesetztafeln. Ein Staat scheint kein Ganzes zu seyn, wenn er seine Gesetzbucher nach Provinzen zahlt. Man sieht ihm Nabel und Zwirn an, womit er zusammengenaht worden. Er scheint nicht fur sich zusammengeboren; die Vereinigung scheint nicht im Himmel geschlossen zu seyn. Wer liebt nicht selbst in seinem eigenen Hause eine Uebereinstimmung seiner fahrenden Habe? Wer halt nicht lieber Auction wenn er erbt, als dass er fremdes Gut und das seinige unschicklich zusammenbringt? Excipe! Wenn es Sachen sind, auf die man einen Accent legt, die einen Lieblingswerth haben.
Naturlich sind in einem so unubereinstimmenden, so zusammengerafften Staate die Burger sich auch fremd; sie machen einen Staat im Staate; es kommt unter ihnen zu Anfeindungen, und am Ende wird dieser Staat wuste; keine Provinz, kein Stein bleibt bei einander. So gewonnen, so zerronnen!
Aber sagte Herr v. G. (das passende Wort zum aber wird freilich schwer zu finden seyn, ich fur meinen Theil mag es nicht suchen); aber sind denn die Fursten von der Art, dass man glauben kann, sie werden die Welt zum Gnadenreiche bringen? Noch scheint es nicht, erwiederte mein Vaters.
Je langer, je weniger! Herr v. G.
Ich zweifle.
Sie sind Tyrannen!
Desto besser!
Was zu hoch gezogen wird, reisst.
Nicht anders!
Und wenn es reisst, sind wenigstens zwei Enden!
Die man verbinden kann.
Durch einen Knoten!
Mein Vater setzte diese Allegorie nicht weiter fort. Herr v. G. fiel auf die Bemerkung meines Vaters.
Freilich, Pastor! fing er an, wenn uns die Vernunft wieder ins Paradies bringt, werden wir solche Narren nicht seyn, als unsere ersten Eltern! Die Fursten, fuhr Herr v. G. fort, thaten ehemals alles mit Bewilligung der Stande, darum W i r von Gottes Gnaden. Jetzt ist von allem dem nur der Pluralis ubrig, der sogar gebraucht wird, wenn sie sich vermahlen. Wir haben uns entschlossen, unser Beilager auf den und den geliebt's Gott, zu halten. Wir sind durch die Entbindung unserer Gemahlin eines Thronerben wegen hochlich erfreut. A l s o b ? fragte Herr v. G. so wie mein Vater bei einer andern Gelegenheit; allein mein Vater antwortete nicht:
"J a w o h l ! "
Vielmehr war mein Vater der Meinung, diess kame daher, weil sie den Menschen im Plurali, den Staat, vorstellten. Herr v. G. blieb bei seinem: als ob?
Theurer Naturmann, sagte mein Vater, die Wahrheit ist nackt.
Wir anders?
Allein man gibt ihr ein Gewand.
Die Fabel thut's.
Niemand kann einen nackten Menschen aushalten. Das Nacktseyn hat so etwas Wildes, Anstossiges an sich, dass ich fast die Wahrheit selbst nicht nackt sehen mochte.
Zwar hatten die beiden guten Manner, Herr v. G. und mein Vater, bei der feierlichen Aussohnung den Friedenspunkt mit beruhrt, dass des monarchischen Staates weder im Guten noch im Bosen gedacht, sondern er vielmehr in seinen Wurden und Unwurden gelassen werden sollte; indessen war Herr v. G., dem zum Vortheil dieser Punkt verzeichnet war, der Erste, der ihn brach.
Die drei Hauptartikel des christlichen Glaubens indessen waren die Hauptsteine des Anstosses!
Mein Vater verkundigte (wie meine Mutter versichert) das Wort Gottes rein und lauter, und ich muss noch hinzufugen (ich weiss nicht, ob es meinen Lesern von ihm gefallen wird?), dass er Lehrer und Prediger als Zunftverwandte ansah, die alles zu thun und zu lassen verbunden sind, was die Innung mit sich bringt. Unser Schild, pflegte er zu sagen, ist die Bibel. Wenn wir ein ander Buch aushangen, und eine andere Arbeit treiben, oder die uns angewiesenen Geschafte nicht nach dem Zunftprivilegio einrichten, sind wir Pfuscher, Betruger. Zwar gab mein Vater im Streite mit Herrn v. G. zu, dass, wenn jemand mit der Bibel eingeschlossen werden sollte, um daraus ein System herauszubringen, er nie das unsrige herausbringen wurde, im Fall er namlich nicht das mindeste von einem Katechismus gehort, und darin gegangelt worden. Was aus dem System des alten Testaments werden wurde, war' ich begierig zu sehen, sagte Herr v. G.; und was das System aus dem neuen betrifft, fuhr er fort, und mein Vater griff ein: s o k o n n t e es naturlicher, kindlicher und herzlicher ausfallen; ob aber in Hauptsachen von dem unsrigen abweic h e n d , w e i ss i c h n i c h t . Meines Vaters Losung war aut, aut; er war in keinem Stucke lahm, und da Herr v. G. nicht aufhoren konnte zu spotteln und zu lacheln, und da nicht beten und dort nicht das Nachtmahl nehmen wollte; da er die Beichte fur eine Art von Tortur schalt und die Geistlichen beschuldigte, sie waren Usurpateurs des Gewissens, und das Christenthum sey monarchischer Staat, eingetheilt in drei Provinzen: Papstthum, Lutherthum und Calvinismus; so konnte unter diesen beiden Mannern kein Reich der Gnaden vorerst zu Stande kommen! Zwar, fuhr Herr v. G. fort, hatte die selbsteigene Schwere dieser den obersten Gipfel erstiegenen Monarchie und Tyrannei sie wieder zur Erde gezogen, wovon sie genommen war; allein mein Vater liess ihn nicht ausreden.
Alle solche Zwars und Alleins, solche Abweichungen zur Rechten und Linken konnte mein Vater nicht ertragen. Horen und Sehen verging ihm. Ein einzelner Mann (seinen sehr gesunden, naturlich edlen Verstand und Willen bei Seite), will sich wider die Kirche auflehnen; was wurde man von mir denken, wenn ich funf gerade seyn liesse, und einen Mann nicht miede, dem man sonst die Wahrheit zu sagen nicht fuglich meiden kann? Er ist Lot in Curland. Ein Gerechter. Seine Gemahlin sey was sie wolle, hier kommt sie nicht in Anrechnung; allein er sey Lot in Beziehung auf Curland, nur nicht in Rucksicht auf mich, wenn ich den Abraham vorstelle. Willst du zur Rechten, so will ich zur Linken, willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, konne zwischen dem Herrn v. G. und mir nicht statt finden, wenn von der lautern Milch unserer Religion die Rede ist. Zwar will ich nicht richten; allein man muss doch hier, wie uberall, auf einen Ausgang denken. Die Pluralitat selbst, wenn ich dem Herrn v. G., diesem Naturmanne, einen Gefallen thun wollte, es drauf auszusetzen, wurde fur mich entscheiden. Zwar ist die Religion nicht mehr so ganz die Religion Christi, sondern die christliche Religion; allein wenn gleich das Paradies verloren gegangen, so gibt's doch noch ein Reich der Gnaden und eines der Herrlichkeit in der christlichen Kirche.
Die Pfandungen, welche testantibus actis Vol. I. vorfielen, waren, wie aus allem diesem zu ersehen, lauter Religionskriege.
Der Brief, dem mein Vater zehn Jahre weniger einen Tag entgegengesehen, was konnt' er anders, als ein Glaubensbekenntniss in sich halten, das, wenn es gleich nicht aus Augsburg, wie der Conversus, war, jedoch Mit dem Versprechen begleitet ward, nicht von Religionssachen sprechen zu wollen, es sey denn der Belehrung halber, als wobei, wie es von selbst sich verstunde, Herr v. G. Schuler und mein Vater Lehrer ware. Diess waren die Vortheile, die meinem Vater schon in den Praliminarpunkten eingeraumt waren, wogegen sich Herr v. G. alle Anzuglichkeiten gegen den freien, und Lobreden auf den monarchischen Staat, verbat.
Die Punkte kosteten, bis die Sache abgeschlossen war, noch so manchen Kopfstoss. Der Vergleich kam allerliebst zu Stande. Diesen Brief, dessen l.c. Erwahnung geschehen, will mein Freund Kein Wunder, weil er auf den Herrn v. G. in Lebensgrosse besteht. Gern, lieber Getreuer l Du weisst, diess ganze Buch ist ein langer Brief an dich; allein du findest hier Vorhange, die ich im Hause des Herrn v. G. nicht fand. Wer diese Vorhange zugeschnitten und angebracht, weiss ich nicht. Vermutlich liess Herr v. G. nach der Zeit sich naher durch meinen Vater belehren, und strich, was er anders einsah.
Die ganze Vorrede gestrichen.
Gott allein die Ehre.
Den historischen Wahrheiten geht es, wie den alten Leuten, je alter, je schwacher. Ich verdamme keinen, wenn er daran zweifelt, was er nicht selbst gesehen; wenigstens kann ihm ein Zweifel dieser Art keinen Schaden noch Leides thun. Da es der Vernunft erlaubt ist, jede historische Wahrheit durchzuprobiren, so ist nichts gewisser, als dass die Sache, wenn nicht vor meinen sichtlichen Augen, so doch vor dem Auge meiner Vernunft noch einmal vorgehen muss, wenn ich sie glaubig annehmen soll.
Es gibt notwendige Hypothesen, wahrscheinliche Gewissheiten. Nichts ist ohne Praxis. Bei der Theorie kommt man nicht weit. Sie ist der Buchstabe; die Praxis ist das Leben!
Wollte Gott! es ware ein Katechismus moglich, den ich sokratisch nennen wurde, wo die Beantwortung und Frage, wenn man so sagen soll, in der Sache, nicht in der Person liegen, wo beide, der Frager und der Gefragte, an der Quelle waren und selbst schopften! Solch ein Buch ware freilich nicht zum Lesen, zum Auswendiglernen; allein es musste ins Herz gebracht werden. Man frage nicht, wie? Gehen und reden ist schon eine halbe That. Ein Leser ist ein Tagedieb. Wir wollen den gemeinen Mann nicht an eine Studirstube gewohnen, da kame er aus dem Regen in die Traufe.
* * *
Ich glaube an Gott den Vater, allmachtigen Schopfer Himmels und der Erben. Zwar ist Gott der Herr mir unbegreiflich; allein er ist (damit ich mich kurz fasse, und doch so, dass ich mir wirklich etwas denke und nicht bloss einbilde, was gedacht zu haben) er ist der Inbegriff aller Moral, mit der zugefugten Gewalt, der Herr der Sonne und des Blitzes und Donners. Pastor! da kann kein Mensch was dawider sagen; dieses unendlich moralische Wesen nehme ich an. Mein Herz sagt es mir: Er ist, ich sehe ihn, ich hore ihn in allem.
Ich glaube an Gott, und glaube, dass man an einen Gott in drei Artikeln glauben konne; ich glaube aber auch, dass ein einziger Artikel genug sey. Ich glaube, dass sich der Glaube andern konne. Der Mensch besteht, wie man sagt, aus Geist, Seele und Leib, und Gott den Herrn kann man sich als Vater, Sohn und heiliger Geist vorstellen. Vielleicht ist der Geist die Vorstellung, die Gott sich von sich macht, vielleicht
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Ich glaube an Gott, das heisst: ich bin ein Kind im Verhaltniss gegen ihn, ein Bruder im Verhaltniss mit meines Gleichen, ein Mensch im Verhaltniss alles dessen, was ich ausser mir sehen oder nur empfinden kann, alles, was lebt und nicht lebt, im Grossen und im Kleinen, was weniger schatzbar angenommen wird, und was zur hoheren Schatzbarkeit in der Welt, ich weiss nicht warum, gekommen ist. Ich gebrauche, was sichtbar und unsichtbar lebt (alles lebt), zur Speise, zum Getrank und zum massigen Vergnugen. Was druber ist, halte ich strafbar. Ein Hauch Gottes, und so hat alles Leblose eine lebendige Seele. Was weiss ich, was ich war und was ich seyn werde. Die ganze Welt ist mit mir verwandt. Erbe bin ich und Erde werde ich, wovon ich genommen bin; denn der Mensch ist Erde, und soll wieder zur Erde werden.
Ich bin in der Welt Kind, Bruder, Mensch oder Herr; doch bin ich in meines Vaters Hause, wo viel Wohnungen sind, und wo mir nur das Muttertheil abgetreten ist, wo ich viele Bruder habe, und unter dem Auge des gutigsten, allein auch gerechtesten Vaters stehe, der mir das Vatertheil noch vorbehalten hat.
Ich glaube, das heisst, wenn tausend Schwarz- und Weisskunstler und Klugheitsgaukler auch kamen und sprachen: es ist kein Gott! so mussten und konnten mich doch diese Sprunge durch den Reif aus diesen Verhaltnissen nicht herauslugen und trugen, da schon die Wahrscheinlichkeit, selbst die Moglichkeit, dass er sey, und der eben hieraus fliessende Glaube an ihn hinreichend ist, mich in den Verhaltnissen als Kind, als Bruder, als Herr zu erhalten und zur strengsten Erfullung der hiermit verbundenen Pflichten zu bringen.
So erklare ich mir den Glauben, von welchem vielfaltig in der Bibel geredet wird. Eine vollstandige demonstrirte Gewissheit von dem Daseyn des Unvollkommenen wurde mehr schaben als nutzen, so wie die Gewissheit von meinem Tode; wenigstens ist mir die Demonstration von der Existenz Gottes nicht nothwendig, und ein lebendiger Glaube ist, die Sache genau genommen, mehr als eine Demonstration. Einen lebendigen Glauben nenne ich, der durchs Leben thatig ist; denn der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er todt an ihm selbst, wie die meisten Bucher, die nicht Gottesmenschen geschrieben haben, todt an ihnen selbst sind. Die Menschen mussen nie von Gott reden, ohne dass sie an ihre Pflichten gegen ihre Mitmenschen denken. Gott ist in allem und durch alles. In ihm leben, weben und sind wir. Er, der Originalgeist, der Geist im Ganzen. Die Natur ist die Seele.
Von Gott, dem unendlich moralischen Wesen, kommt alles her. Er ist, wie oben gemeldet, die Moral in origine. Die Schopfung ist ein hingestellter gottlicher Gedanke, ein Buch Gottes! Bei uns sind die Gedanken Wasserblasen; beim lieben Gott eine Welt! Diess All verkundigt das Daseyn Gottes, und es gehort nicht Schulweisheit dazu, sondern bloss menschliches Gefuhl, die Macht und Gute Gottes wahrzunehmen: und diess: Er ist, zu verstehen. Wurde der Verstand selbst den Kopf schutteln, das Herz sprache doch Ja. Der Gedanke, es ist ein Gott, ist der Anfanger aller bildlichen Poesie! Was schadet es also, ihr Herren Sophisten, dass man Flugel der Morgenrothe nimmt, wenn man von Gott spricht!
Alles versteht sich in der Natur, und diese Uebereinstimmung, diese Mitwirkung aller moralischen und physikalischen Krafte, dieses Sichtbaren und Unsichtbaren in der Natur, sind die unbescholtensten Zeugen der gottlichen Weisheit. Was schadet die anscheinende Unregelmassigkeit? Ist sie es? Und wenn sie es in meinem Wirkungskreise ist, kann dieser Misslaut nicht ein feiner Triller im Ganzen seyn? Der Pastor redet so von der Harmonie der Spharen, als hatte er diese Geistermusik gelernt, die anders klingt, als das Waldhorn. Ich habe seinem feinen Gehor viel zu danken; nichts lernt man leichter, als horen.
Ich hange von Gott ab, und drange mich recht, von ihm abzuhangen. Mein Gefuhl uberzeugt mich, dass ich als ein Mitwesen in der Reihe der erschaffenen Dinge, und zwar unter ihm stehe. Da darf der Pastor nicht gleich kreischen, er hatte als Monarchenfreund die Schlacht gewonnen! Der liebe Gott lasst einem jeden so seine Freiheit, als man sie nur in Curland haben kann. Ich bleibe in diesem Abhange noch immer ein curischer Edelmann, kann thun und lassen, was ich will; allein da Gott ein lieber, guter Gott ist, so ist mein Gefuhl der Abhangigkeit die Mutter der Ehrfurcht, der Liebe fur ihn, den Schopfer, und des Gehorsams fur seinen heiligen und allezeit guten Willen und dessen Gesetze; diess heisst mit andern Worten, ich kann von Herzen sagen: Abba, mein Vater, dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel! Ich thue ihn gerne, dein Gesetz hab' ich in meinem Herzen! Gottes Willen gern thun, heisst: Gott dienen!
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Ich schwore nicht beim Himmel, dass dich der Donner erschluge! nicht bei der Erde, dass du den Hals brachest! Der Himmel ist Gottes Stuhl, die Erde sein Fussschemel. Ich liebe Gott mit einer besondern Liebe, uber alles und in allem; meinen Nachsten liebe ich, wie meine ehrliche Haut.
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So denken hab' ich gelernt. Nicht unmittelbar von Gott, sondern mittelbar von Gottesmenschen, von solchen, die sein Bild an sich tragen, im besondern Sinn. Diese Gottesverkundiger, getrieben vom heiligen Geist, durfen nur den Wachsstock in mir anzunden, der schon da ist. Jeder hat seinen fertigen Wachsstock bei sich. Wie er gleich lichterloh brennt!
Wenn ich nicht einmal weiss, wie ich im Mutterleibe zum Menschen geronnen, wie ich Ich geworden, wie kann ich wissen, wie die Welt, wie Himmel und Erde entstanden und zum Stehen und Gehen gebracht sind?
Vom Pastor in hab' ich viel gelernt. Es ist zuweilen hochst nothwendig, nicht ubereinstimmend zu denken. Die Wahrheit hat keinen grossern Feind und keinen grossern Freund, als die Uebereinstimmung. Es kommt nur auf Umstande an. Der alteste von den Gottesmenschen, von den Gefuhlanzundern, hat uns die Erschaffung der Welt gemalt. Ein schones Stuck! Die neuen Maler sind Klecker gegen ihn. Es hangt vor meinen Augen zum ewigen Andenken das Bild eines Mannes, der ausser gottlicher Kraft viel Menschenkenntniss besass und sein Voll von Grund aus kannte. So wie aber die Maler ihren Namen in einer Schattenstelle gewohnlich anbringen, so auch er bei dieser Schilderei! Das kann man ihm lassen. Ich wenigstens stosse mich an diese Schattenstelle nicht. Wissen, wie die Welt gemacht ist, heisst: Gott seyn. Wie kann ein Endlicher hiess wissen, diess fassen? Und wurd' es ihm nutzlich und selig seyn, zu wissen und zu fassen, wenn er es wissen und fassen konnte? Wir sehen diess so leicht an, und es scheint wirklich so; allein alles, was recht schwer ist, sieht leicht aus.
Warum aber so weit hinaus? Gott weiss, ob der Mensch langer als zehntausend Jahr in seinem Kopf, in seinen Buchern tragen und beherbergen kann? Er wirb schwerlich selbst mehr Geschafte fassen konnen. Wenn alsdann nicht ein seliger Kelch der Vergessenheit dem menschlichen Geschlechte gereicht wird, wie wird es aussehen? Die zehnte Zahl ist die Zahl mit beiden Handen, die vollkommenste, sagt der Pastor, mit welchem Friede sey jetzt und in Ewigkeit! Er ist ein guter Christ und ein braver Mann, und wenn ich das erste weniger bin, so glaub' ich doch ruhig und selig zu sterben, weil ich ihm in Letzten keinen Tritt weiche.
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Jetzt sind dem Menschen Zuruckgedanken allerdings noch zu gestatten; denn die Welt ist, nach Sethi Calvisii Kalenderberechnung, eben aus ihren Junglingsschuhen. Dass sich der Mann verrechnet hat, ist durch mehr als eine Probe zu erweisen. Dem gottlichen Maler Moses geht dabei nichts ab der war klug genug, i m Anfang zu setzen, und die Jahrzahl dem Setho Calviso zu uberlassen.
In Moses Schopfungsgeschichte leitet dieser Fuhrer in einer schonen Malerei geradesweges die Menschen uberhaupt zur Wahrheit, und nicht, wie sein Volk, aus weisen Absichten, durch Wusteneien bei der Nase herum; indessen ist nicht jeder Liebhaber von der Malerei, und der versuche, wie weit er durch's Licht der Vernunft gelangen werde? Die Geschichte Moses von Entstehung der Welt ist so abgefasst, als sie dem Menschen vorgekommen seyn wurde, wenn Gott die Welt vor seinen Augen hatte schaffen wollen. Dem Moses fiel vielleicht an einem schonen Morgen, da er fruher als sonst aufgestanden war, ein: so wurde es dir geschienen haben, wenn dich Gott der Herr auf die Schopfung zu Gaste geladen, und dein Auge das Licht hatte vertragen konnen, das die Sonne ansteckte! Dieser mosaische Gedanke war gottlicher Funke, der schnell zundete, gottliche Eingebung, die zum feurigen Busch ward! Die ersten Kapitel im ersten Buch Mose, wie schon sie brennen! Es ist ein allerliebster Bibelmorgen! Ganz aufrichtig gefragt: ist nicht sehr viel vom Morgen in der Schopfungsgeschichte? Das Licht ist das Schimmerlicht, ehe die Sonne aufgeht, und so fortan! Pastor! Sie haben mich immer damit ausgelacht; mogen Sie! Eben so denk' ich (und, Zweifler, fass' in deinen Busen, du wirst's auch so finden), dass jeder Mensch den Stand der Unschuld, der Sunde, der Gnade, selbst belebt. Gott helfe uns zum Stande der ewigen Herrlichkeit! Nimmt man die Sache so, wie viel Weisheit, Starke und Schonheit in allem! Da sieht man eine Hieroglyphe, die von allen Ecken und Seiten erklarungsfahig ist. Man findet nicht anstossig, dass Fische im Meer und Myriaden Welten paarweise wandeln. Malerei und Astronomie sind sich spinnenfeind! Beim Moses sind sie verwandt. Noch bis auf den heutigen Tag ist keine Entdeckung gemacht worden, wobei Moses zu kurz gekommen ware. Wer kann ihm die Gottlichkeit absprechen?
Ist, damit ich die namliche Hieroglyphe auf die andere Art nehme, ist denn nicht jedes Kind, wenn es auf die Welt kommt, im Stande der Unschuld? Weiss es vom Mein und Dein? Fallt es nicht in den Stand der Sunden? Kann es indessen nicht erzogen und der gottlichen Absicht, das heisst, dem gottlichen Ebenbilde, naher gebracht werden? Muss der Mensch gleich oft im Streite seyn und im Schweiss des Angesichts uber seine Leidenschaft kampfen; kann er nicht auch siegen? Und was ist besser, die Hande in den Schooss legen und nicht wachen, nicht schlafen, oder beides recht von Herzen thun?
Ich komme wieder zum Anfange.
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Am Anfange, in einer neuen Weltperiode, oder auch am tiefern Anfange, am allerersten Anfange, war das menschliche Geschlecht so Eins, wie Einer. Das ganze Geschlecht war Adam, weniger einer Rippe, oder, und eine seiner Rippen. Welche gottliche Weisheit in diesem Bilde! Mann und Weib sind eins und verschieden. Es fehlt dem Manne, wenn er ein Weib hat, eine Rippe, allein dieser Verlust, wie reichlich ersetzt, wie reichlich, eben weil er ein liebes Weib hat!
Im Schlafe verlor Adam eine Rippe, und es ergibt sich besonders im Schlaf, wo so viel Bilder um uns herumgaukeln, wie nothig dem Manne ein Weib sey.
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Vom Garten fing die Haushaltung an, nicht vom Ackerbau. Man ass eher Aepfel, als Brod. Jeder Mensch bebauete sich einen Fleck mit Baumen und Kraut, niemand beneidete dem andern sein Gartenland, und niemand kam dem andern ins Gehege. Das Hirtenleben, das Schaferleben wird dem Ackerbau im ersten Buch Mose vorgezogen, und das mit Recht. Die Schafer waren Kinder Gottes, die Ackerbauer Kinder der Menschen. Cain brachte dem Herrn ein Opfer von Feldfruchten, Abel von den Erstlingen der Heerde. Cain gefiel dem Herrn nicht so wohl, der schon bei seinem Acker, bei seinem erarbeiteten Mein und Dein mit dem Gedanken umging, eine Stadt zu bauen, die er nach seinem Sohn Hanoch nannte; der Morder der! So ging's! Erst e i n Garten, dann zwei Wege, e i n e r das Schaferleben, der a n d e r e Akkerbau. Beim Schaferleben war noch am wenigsten von Mein und Dein; allein beim Ackerbau, wo der Mensch der Natur weniger uberlasst, wo er selbst Hand aus Werk legt, wie viel Mein und Dein! Vom Ackerbau bis zur Stadt ist nur so weit, als von Vater und Sohn, vom Morder Cain und vom Hanoch. Noch jetzt thun wir uns etwas zu gut, wenn wir vom Schaferleben, von der guldenen Zeit, traumen. Wir sehen das Schaferleben als den nachsten Grenzort zum Paradiese an.
Der Fall Adams ist der Fall aus der Natur ins Mein und Dein, wodurch Arbeit, Muhe, Schweiss des Angesichts, Uebermuth, Weichlichkeit in die Welt kam. Auch der Tod ist der Sold dieses Standes der Sunden, der aus Krankheiten besteht, welche aus einem unparadiesischen Leben entstehen, und womit der Tod jetzt gemeinhin verbunden ist. Vor diesem ware der Mensch lebendig gen Himmel gekommen; er ware in dieser Welt eingeschlafen und im Himmel aufgewacht.
Das lasst sich schon horen, lieben Freunde in dem Herrn! allein eingemachte Fruchte sind auch nicht zu verwerfen, und eine vorhergegangene Krankheit, hat sie denn nicht ihren grossen Nutzen? Macht sie uns nicht das so liebe L e b e n e k e l ? Ich habe schon oben gesagt: es ist gut, zu wissen, dass man wacht, und dass man schlaft, und so konnte ich auch behaupten eben so gut sey es auch, zu wissen, dass man stirbt, und dass man lebt. Ist denn die Kurze des Lebens so etwas schreckliches? Ja, wenn das Wohlgehen mit dem langen Leben verbunden ist; wem geht's aber in der jetzigen argen, bosen Welt wohl, wo selbst in Curland ein Herzog ist? Ost lebt man darum so gern lange, damit man sich nicht den Vorwurf zuziehe, sein Leben verkurzt zu haben. Ein langes Leben scheint uns ein Testimonium des Wohlverhaltens gegen uns.
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Der Fluch, der die Weiber traf, gehort er nicht auf
die Rechnung der Weichlichkeit und Verzartelung? Weiber, die sich weniger verzarteln, empfinden von dem Fluch: "D u s o l l s t m i t S c h m e r z e n K i n d e r g e b a r e n , " noch bis diesen Augenblick wenig oder gar nichts, und wenn sie selbst, wie im Naturzustande, arbeiten und sich nicht bloss vom Herrn General ernahren lassen, haben sie so gut ihren Willen, als die Manner. Eignen sich nicht viele Weiber diesen Eigenwillen, besonders im adelichen Stande, schon wegen ihres Eingebrachten zu? Dass sich Gott erbarme! In seinem eigenen Hause ein Sklave seyn!
Der Stand der Unschuld, oder der Stand der ersten Natur, das Paradies, war ein Zustand, da der Mensch, so wie die Thiere, wandelte, nur dass ihn seine Vernunft zum Herrn uber seine Schulkameraden machte! Der Mensch sass in Prima. Keinem Menschen fiel es ein, sich Grenzen abzuzeichnen. Eine Hohle, das war alles, was er nothig hatte, und auf die war er so wenig neidisch, und hatte es auch so wenig Ursache zu seyn, dass niemand so leicht dem andern in den Weg kam. Er ging nackt und brauchte keine Kleider. Kleider sind eben das, was den meisten Zank unter den Menschen verursacht, denn sie sind bestandig sichtbar; dagegen Speise und Trank, wenn es gleich Neid verursacht, ihn auch wieder dampft, weil es nicht ins Auge fallt. Die Vernunft braucht Gesetze, sobald sie heranwachst. Diese Zaune, diese Grenzen brauchte auch das menschliche Geschlecht, da es mehr seine Starke fuhlte. Die Herrschaft uber die Thiere brachte es zur Herrschaft unter sich. Die ersten Grenzzeichen waren Baume; wer sie nicht achtete, war der Mensch. Das Weib reizte den Mann, der Kinder halber, an, die mit dem zugewiesenen Platz nicht auskommen wurden, und so brach der Mensch die Grenze, und von diesem Zeitpunkt an lernte er aus der Sunde, aus der Grenzubertretung, das Gute und Bose erkennen, was er erst nicht kannte, da er vor diesem so in den Tag hinein lebte, Gott den Vater walten liess, das Maul aufsperrte, wenn es regnete, und den Apfel nicht eher ass, als bis er halb faul vom Baume sich herabschlich. Da lobe ich mir, ein Sprindt zu suchen und den Apfel herabzuholen, ehe er naturlichen Todes so alt und schwach stirbt, dass er inwendig faul und auswendig zusammengefallen ist. Freilich hatten die grenzstreitigen Parteien sehr leicht auseinander kommen konnen, wenn sie so klug gewesen, nur ein paar Schritte weiter zu gehen, wo sie eine vortrefflichere Gegend, eine Gegend v o l l L e b e n , kennen gelernt, und wo sie, ohne sich zu nahe zu kommen, hinreichend entschadigt gewesen waren. Sie durften nicht nach Amerika! Mit dem rohen Adamsnaturstande ist's indessen so eine Sache! Zu ein paar Schritten weiter waren sie nicht zu bringen.
Der Stand der Sunde, der Stand, da aus Familien allmahlig Staaten wurden, hat freilich sein vieles Bose an sich; indessen ist er doch auf der andern Seite nicht ohne sein vieles Gute. Der Staat ist wirklich ein Baum des Erkenntnisses Gutes und Boses.
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Der Mensch ward feiner an Leib und Seele. Schande und Sunde ist's freilich, dass die Seele nicht wachsen kann, wenn nicht zugleich auch der Korper verzartelt wird oder abnimmt.
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So geht's! Der Stand der Sunde bringt uns gerades Weges zum Stande der Gnaden. Durch den Pastor bin ich zuerst auf diese Begriffe gekommen; indessen irrt er, wenn er des Glaubens ist, dass der monarchische Staat zum Stande der Gnaden eher, als der aristokratische und demokratische fuhren werde. Mit nichten! Der monarchische Staat ist vielmehr der Stand der w i r k l i c h e n Sunden; die andern Staatenarten sind E r b s u n d e . Wenn der monarchische Staat erst zum hochsten Despotismus hinausgewachsen, kommt man wieder in's Freie; wogegen der freie Staat kaum den Namen des Standes der Sunde verdient. Durch einen sanften Schlaf kann man aus ihm zu den Seligkeiten des Standes der Gnaden gedeihen; man weiss nicht wie. Sie sehen, Pastor! wie weit ich in der Orthodoxie gekommen. Sie sind nur drei-, ich gar viergliedrig. Wenn Sie die theologische Distinktion vom Reich der Allmacht, Reich der Gnaden und Reich der ewigen Herrlichkeit zum Grunde legen, thue ich ein gleiches mit dem Stande der Unschuld, Stande der Sunden, Stande der Gnaden und Stande der ewigen Herrlichkeit. Die Sache genau genommen, hebt sich der Bruch und eins geht mit dem andern auf. Ich bin fur S t a n d e , Sie fur R e i c h e . Ich wunsche den Stand der Gnaden, Sie das Reich der Gnaden, Sie sind ein Konigischer, ich ein Curlander! Den Stand der Gnaden wurde ich fast so bestimmen, dass es in der ganzen Welt wie in Curland stande. A u ss e r d i e s e n B a n d e n , sagt der Apostel Paulus, und freilich muss Curland noch von vielen Ungnaden gelautert werden, ehe es ein wahrer Stand der Gnaden ist. Auf dem Wege dazu ist es. Wie sind wir denn unterschieden, Pastor? Sie wissen mehr als ich, und glauben mehr als ich. Ich weiss wenig, und glaube wenig. Sie haben ein Perspektiv ich mein leibliches Auge. Sie Schule, ich gemeines Leben! Man ist nur so gross, als man gewachsen ist! Sie denken verfanglich von Curland und Semgallen, und ich von der Schopfung. Alles hebt sich. Wir sind beide im Jammerthal und werden beide gen Zion kommen. Wollen Sie noch mehr vom Stande der Gnaden?
Der Stand der Gnaden ist ein durch Vernunft gereinigter Naturzustand, nach welchem die Vernunft den Menschen regiert, nach welchem er ihre ewigen Gesetze verehrt, ihnen folgt, und wenn Klima und Denkart sich ihr Votum vorbehalten, so halt der Mensch auch diess Votum, sobald es die Vernunft an Kindesstatt annimmt, oder ihm beitritt, in Ehren. Kann man denn nicht bei leiblichen Kindern auch Kinder adoptiren! Auch noch eher, als der Mensch zu diesem Glucke des Standes der Gnaden gelangt, kann er sich selbst in diesen Stand hinein denken, ihn sich so eigen machen, als ware er wirklich schon da, und wenn das viele thaten, wie der Pastor und ich, ich wette drauf, Gottes Reich, wie der Pastor will, oder der Stand der Gnaden, wie ich will, kame einige Jahrhunderte eher als jetzt. Vor unserer Trennung war dieses Reich und respektive Stand der Gnaden in unsern beiden Wohnungen. Mein Weib bisweilen abgerechnet.
Auch noch, Geliebte in dem Herrn! auch noch ist der Mensch, wenn er will, wie im Paradiese. Er ist mehr drin, wie vorhin. Er setzt sich jetzt selbst herein, und erst kam er so dazu, mir nichts dir nichts. Erworbenes Brod schmeckt am besten, und bekommt auch so. Der Teppich der Erde ist mit den vortrefflichsten Krautern angefullt. Nur wir sind nicht mehr Schoosskinder. Wir mussen Hand ans Werk legen. Wie die Natur nur ein Kind hatte, da hielt sie's freilich auf dem Schooss; jetzt aber was sollte sie mit so viel Tagdieben anfangen? Bloss das Gute kennen, Freund Pastor? Ist's denn so herrlich, oder ist's nicht besser, wie Gott wissen, was gut und bose ist, aus dem Paradiese in die Welt gehen, aus der bloss simpeln Unschuld zur Vernunft? Die vernunftige Unschuld ist was gottliches allein jene rothbackige, gemeine Unschuld, was hat sie denn fur Reiz? Wusste denn wohl Adam sich eine Talubbe (Schlafpelz) zu machen? Ich mag ihm keinen Namen beilegen, diesem Namengeber, denn wahrlich, er wurde nicht sonderlich abkommen, wenn ich ihn taufen sollte.
Ist der Mensch denn nicht noch jetzt der Herr der Erde? Er ruft alle Geschopfe mit Namen und kann ihnen Namen geben, sobald er ihnen nur ins Auge sieht, falls sie namlich noch nicht benannt sind. Der Mensch vertragt alle Gegenden, und hat er einen guten Hund, das naturlichste Hausgesinde, das Gott dem Menschen zugeordnet hat, wie wir alle wissen, hetzt er Lowen wie Hasen, obgleich der Lowe Herzog unter den Thieren ist, als welches ich ihm gar nicht streitig machen will. Konig mag ich, mit des Herrn Pastors Erlaubniss solch ein edles Thier nicht nennen. Wo ist denn Unkraut? Nirgends. Freunde, nur dann ist etwas Unkraut, wenn es nicht an der rechten Stelle steht, wenn es nicht gebraucht, sondern gemissbraucht wird. Dem Thoren ist alles Unkraut. Dem Weisen ist alles Kraut, alles ist ihm gut, was in der Welt ist; er macht's wie Gott der Herr, siehet an, was Gott gemacht hat, und es ist alles sehr gut.
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Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr wohl!
Was bose scheinet, ist Gewinn,
Der Tod selbst mein Leben!
singt Ihre Frau! Der Schein trugt. Das was bose aussieht, die Grundtriebe, womit der Mensch auf die Welt kommt, wie wickeln sie sich vortrefflich aus! Lasst sie nur wachsen, ohne an einen Stock zu binden. Lasst sie wachsen, wie Gott und sie wollen, und siehe da, es ist alles sehr gut! Die Menschenfurcht, die das Misstrauen, den Geiz und andere Schand und Laster erreget, auch sie ist aus der unversiegenden Quelle alles Guten. Welch eine Fulle der Weisheit liegt in allem verborgen! Eine Welt mit diesem Bosen ist besser als eine ohne solches. O welch eine Tiefe des Reichthums, beide der Weisheit und der Erkenntniss sind deine Gerichte und unerforschlich deine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Rathgeber gewesen, oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten? Denn von ihm und durch ihn und in ihm sind alle Dinge! Ihm sey Ehre in Ewigkeit, Amen!
Was aus Gottes Handen kommt, ist eitel gut!
Ich nehme, wie er's giebet,
singt Ihre Frau, die anders rechnet als ich. In der Summe stimmen alle guten Menschen auf ein Haar! Thoren! Ihr wollt Gott den Herrn meistern? Ihr wollt sticken und flicken wie die Pastorin sagt? Es ist nicht vollig r e g e l m a ss i g , glaubt ihr? Und wisst ihr denn, dass sogar alles was uber die Regel wegragt, was der Regel uber die Schulter sieht, g o t t l i c h ist? Man nennt das Geniezuge, die grosser als die gemeinen, bekannten Regeln sind, und sagt zuweilen von einem Stuck, wo doch zuweilen nur ein einziger gewagter Strich vorfallt: Ueberaus schon! Unvergleichlich!
Ein Gesicht, ist es bloss regelmassig, kann es schon seyn aber nicht druber. So war das Gesicht der Jungfrau Maria schon. Christus, der Herr, hatte einen Zug, der gottlich, der nicht regelmassig war. So und nicht anders seht die Welt an, und findet ihr dennoch
Was bose scheinet, ist Gewinn,
Der Tod selbst ist mein Leben!
Der Teufel selbst ist Gottes Staatsminister.
An die Vorsehung glauben, ist weit besser, als lauter gute Schicksale haben! Wir wurden sonst gleichgultig gegen alles seyn. Du denkst nicht an Gott? Wer lange nicht an ihn gedacht hat, scheut sich, ihm nahe zu kommen. Er furchtet sich vor ihm. U n g l u c k ! Ist denn wirklich Ungluck in der Welt? Die Kunstelein, die Bedurfnisse, welche der Mensch so muhsam suchte, haben sein Ungluck gemacht. Reichthum ist nichts Wesentliches. In der im Argen liegenden Welt sieht er zwar so aus, allein er ist es nicht. Gott der Herr wurde ihn sonst nicht so vertheilt haben. Wer hat denn den Reichthum? Gemeinhin Leute, mit denen wir nicht tauschen wurden. Christus war ganz und gar nicht fur den Reichthum, und da er wirklich an sich etwas Unnaturliches ist, wie schwer ist es, hier ein guter Amtmann Gottes zu seyn. G o t t ! wende den Reichthum, wende ihn von mir, wenn ich die Buchhalterei nicht verstehe, die vor dir gilt!
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heisst das Salz der Erde seyn, wodurch uns die Welt schmackhafter wird; das Reich oder den Stand der Gnaden beschleunigen, diesem Gnadenzeitpunkte Gewalt anthun. Hab' ich nicht viel von Ihnen behalten, Pastor?
Einen sehr grossen Theil ist dieser Gnadenpunkt durch die Erscheinung Christi ins Fleisch herangeruckt! Daher heissen auch die Tage von den ersten Weihnachten: diess ist die angenehme Zeit, diess ist der Tag des Heils! Und es mag es gesungen haben, wer da will, wahr ist's, dass durch Christi Herabkunft Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, und eben dadurch Ehre Gott in der Hohe entstanden!
Dess sollen wir alle froh seyn,
singt die Frau Pastorin, und ich singe es mit. Was wollen Ew Wohlehrwurden mehr?
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Diess Singen und Singen bringt mich zur Behauptung, dass das alte Testament Poesie, das neue Prosa sey: so wie die Poesie eher als die Prosa gewesen. Garten, wie wir wissen, eher als Feld. Alles war im sogenannten alten Bunde Bild! Opfern ist ein sehr nawirklich etwas ab, und zwar eben dahin, von wo so viele gute und vollkommene Gaben herabkommen. Seht nur, wie im Junius die Natur opfert! Das Opfer steigt hinauf, welches die Blumen dem himmlischen Vater bringen! Die Erstlinge des Fruhlings! Wie naturlich die ersten Menschen aufs Opfer gekommen! Es ist viel Poesie beim Opfer, sagten Sie, Pastor! Wahr! Weg mit dem Rauch aus der Schachtel des Apothekers! Lasst die Blumen opfern; wir wollen im heiligen Leben wandeln! das Alter ist nicht so empfindsam als die Jugend. Es scheint, dieses sey die Folge der Vernunft. Einer jungen Frucht druckt man alles ein. Wozu dienen aber junge, unreife Fruchte? Freilich schmecken unreife Stachelbeeren mit jungen Huhnern nicht ubel; allein sie mussen versusst werden, und reif bleibt doch reif.
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Christus brachte die Menschen auf die Akademie, nachdem sie vorher in der Schule gewesen und oft Schullaufer geworden. Nie legte er es darauf an, ein weltliches Reich zu stiften. Hatte er's gethan, sagt selbst, wer kann es oft genug fragen, ware es nicht gewesen, um das Reich Gottes naher zu bringen? Johannes und Jacobus liessen zwar durch ihrer Frau Mutter ein paar Platze zur Rechten und Linken bestellen; allein Christus gab ihnen zur Resolution, ihr wisset nicht, was ihr bittet. Er war ein Jude, weil dieses Volk das einzige war, das mit so entsetzlicher Muhe zum einigen, alleinigen Gott, der ein Geist ist und nicht abgebildet werden kann, vorbereitet worden, sagen die Herren Theologen. Max seyn, auch nicht! Was geht mich das Warum an?
Wer kann einen Geist malen? Und wenn er nicht gemalt wird, wie es ein judisches Kirchengesetz war, wie schwer ist er von Menschen zu glauben, die nur auf das Augsichtbare zu sehen gewohnt sind? Man kann es sich kaum vorstellen, wie sehr das Menschengeschlecht von jeher zur Abgotterei geneigt ist. Christus nannte Gott den Herrn Vater, und wenn unsere Maler ihn als einen alten Mann bilden, kann es bleiben? Ist's verwerflich?
Wie eifrig Christus bemuht gewesen, die reine Erkenntniss Gottes zu lehren, beweisen die Evangelisten, die unter uns gesagt, auch mehr hatten von Christo aufschreiben konnen. E s s i n d a u c h v i e l a n dere Dinge, die Jesus gethan hat, sagt Johannes, w e l c h e , so sie sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt wurde die Bucher nicht begreifen, die zu beschreiben waren. Lieber Johannes! der Pastor und ich hatten sie begriffen; denn wir sind nicht von der Welt.
Moses kleidete die abstrakten Wahrheiten in Allegorien ein! So die Schopfung in ein Fruhstuck; so die Quelle des moralischen Bosen in die Erzahlung vom verbotenen Baum; so den Ursprung der mancherlei Sprachen in die Geschichte vom Thurmbau zu Babel. Christus, der Herr, war sehr entfernt von aller ruckhaltenden, aberglaubischen, spitzfindigen Lehrart, welche, voll Verachtung gegen alles Fassliche, gern in der Dammerung ist. Er war das wahrhafte Licht, welches die Welt erleuchtete. Seine Lehre war eine Kinderlehre; allein man sieht es noch jetzt, wie gross sie sey! Er war wahrlich ein Gesandter Gottes, der in Gottes Schooss war und Gott verkundigt hat, den kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann. Seine Offenbarung, seine Verkundigung Hat der Vernunft die trefflichsten Dienste, so wie diese sie nach der Zeit und noch jetzt erwiedert. Seit dem Christenthum ist noch kein Philosoph gewesen, dessen Vernunft nicht von der Offenbarung geleitet oder bestochen worden! Die guten, lieben Herren, den Pastor nicht ausgenommen! Man sollte Wunder denken, wo sie es her haben! Lies das neue Testament, geneigter philosophischer Leser! und du wirst finden, dass die Philosophie nichts weiter als Formalitat, als Leisten, als Worterbuch sey. Suche, so wirst du finden, klopfe an, so wird dir aufgethan!
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Christus forderte eine Reinigkeit des Herzens, die noch nie jemand vor ihm gelehrt hat. Der Mensch soll, des Glaubens halber an Gott, und nicht aus Stolz, aus Gewinnsucht, seinen Obliegenheiten nachkommen. Es soll kein Wasser diesen Wein verderben; und ist sie denn nicht werth, die Tugend, dass man sie liebt? Hat sie denn nicht die glucklichsten Folgen, die bis in Ewigkeit dauern? Nichts vergeht ganz; alles, der Korper selbst, ist ewig. Und unsere Handlungen? Keine ist kinderlos; jede pflanzt sich fort, und oft wird aus einem Adam von Handlung eine ganze Welt! Lasset uns Gutes thun und nicht mude werden, denn zu seiner Zeit werden wir ernten ohne Aufhoren! Ueber diesen Spruch horte ich Sie predigen, lieber Pastor, und noch hore ich Sie, so wohl thut mir diese Predigt!
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Der Mensch ist auf der Stufe seiner gottlichen Natur nicht im Stande, so Herr seiner Handlungen zu seyn, dass er den moralischen Gesetzen vollig folgen konnte. Die Welt hat eine Beziehung auf unsere Seele und Korper, nachdem wir die Welt aus diesem oder einem andern Gesichtspunkte fassen. Bald so, bald so. Geht's uns schlecht, ist alles schlecht. Geht es uns wohl, so lachelt uns alles an. Zwar ist der Geist unabhangig vom Korper, und sagen wir also nicht: sein boser Geist, sein guter Geist, sondern sein boses Herz, sein gutes Herz. Wer kann den Geist indessen allen ausseren Antrieben entziehen? Diesen Geist, wer kann ihn heiligen, so wie Gott heilig ist? wer kann ihn gewohnen, bloss nach Grundsatzen der Vernunft zu handeln? Dieser Kampf des Geistes und des Fleisches ist der gute Kampf, den wir alle kampfen. Um mich indessen in einer fur mich so hochst wichtigen Sache nicht in Ungewissheit zu lassen und mich von der Sentenz zu unterrichten, die Gott vor seinem Richterstuhl uber jede meiner Handlungen ausspricht, gab er mir ein moralisches Gefuhl.
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Vor Gott sind die Himmel nicht rein, und eine ganz absolute Vollkommenheit kann in keinem endlichen Wesen seyn. Etwas, das uber die Schranken der Menschlichen Natur geht, kann der Schopfer nicht fordern. Es gibt keinen allgemein guten und keinen allgemein bosen Menschen.
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Erbsunde ist vielleicht Bewusstseyn von naturlicher
Freiheit, mit der wir alle auf die Welt kommen, vorzuglich ein Curlander. Die Herren Theologen nehmen sie anders. Ich lasse sie bei ihrer Freiheit; allein ich bestehe auch auf der meinigen. In dem Sinne, wie die Herren Geistlichen es nehmen, hat die Frau v. W. keine Erbsunde, und so kenn' ich viele ohne Erbsunde. Was ist die Erbsunde nach der Meinung der Geistlichen? Ein Kind der Dogmatik. Der erste schlechte Erzieher, der sich entschuldigen wollte, erfand diess Namenspiel.
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Wie kann sich aber der Mensch bei dem Bewusstseyn, gesundigt zu haben, beruhigen? Es gibt im eigentlichen Sinne nur Sunde wider seinen Nachsten. Wir sundigen wider Gott in so weit als wir unsern Bruder beleidigen. Die Liebe zu Gott hat keinen andern Beweis, als die Liebe zum Bruder. Die meisten Menschen glauben, den lieben Gott so behandeln zu mussen, wie einen vornehmen Herrn, obgleich Christus ihn als Vater dargestellt hat. Er hat sich uns z u m V a t e r h e r g e g e b e n . Wer hat sich aber nicht von Jugend auf angewohnt Gott zu schmeicheln, den Herzenskundigen mundlich zu versichern, was uns nicht ums Herz ist, ihn mit den Lippen zu ehren, und die Seele, sein Gnadenwerk, von ihm zu entfernen?
Kurz, wer bemuht sich nicht, durch susse Reden Gott ums Herz zu betrugen? Solch eine Fuhrung halt' ich gerades Weges fur Menschengebot und Menschentand. Wenn es mich angreift, schrei' ich aus. Ich bin zuweilen ordentlich bos' auf den lieben Gott und da wett' ich, das muss ihm lieber seyn, als wenn ich den Widerwartigkeiten ausserlich begegne, wie einem Boten von ihm, und innerlich wunsche, dass dieser Abgeordnete zum T ware! Ich bekenne es frei, dass ich nicht danken, nicht beten kann, wenn mich Ungluck trifft. Wenn's donnert, ist der lustigste Vogel hypochondrisch, und wenn's ein schoner Morgen ist, wie jubilirt die ganze Schopfung! Ueberhaupt denk' ich vom Gebet anders, als der Pastor, obgleich ich das meiste von seiner Meinung auf- und angenommen, und wohl eins mitbete, wenn's so die Gelegenheit gibt. Thor! Was kann denn dem gottlichen Wesen damit gedient seyn, dass du seinethalben die Augen verkehrst, dich krampfartig stellest, die Hande ins Kreuz haltst des Sonntags so thust, als hattest du die Wache vor seinem Palast?
Mit diesen meinen Gesinnungen stimmt meine Hymne, die ich Gott dem Herrn beim Eingange dieses Aufsatzes angestimmt, und die mich zuweilen so anwandelt, dass ich mich kaum auf den Fussen halten kann. Ich springe, als wollt' ich gen Himmel springen, so ein alter, steifer Kerl ich bin. Eine Ader hab' ich mir dabei nicht verrenket. Da hab' ich zuweilen eine Hymnestunde, wo mir das Herz die Brust durchstossen will. Hinauf will es, und alles um mich her hat dann eine allerliebste Stimme, alles singt melodisch: G o t t a l l e i n d i e E h r e ! Lachen ist ein Kranz, der gemeinhin sauren Wein anpreiset. Meine Freude braucht keinen Kranz die Natur hat eine Wonnecirculation, die mich zu dieser Freude auffordert.
Was kann es dem lieben Gott helfen, wenn ich, dem lieben Gott zu Ehren, meiner begangenen Sunden halber einen Trauerrock anlege, mit Klotzen an den Fussen gehe? Das nenn' ich die edle Zeit todten und Sunden mit Sunden haufen. Anstatt Leib zu tragen um meinen Tobten, erzieh' ich meine ubrigen Kinder und sage zum verstorbenen Sohne: ruhe wohl! Es besser machen, durch Schaden klug, wie neu geboren werden, ein ander Leben anfangen, das heisst Busse thun, und diess fuhrt die Vergebung der Sunden mit sich. Das Bewusstseyn einer guten That, wodurch wir uns am Morgen des neuen Lebens auszeichnen, vertreibt die vorige finstere Nacht der Sunden! Es ist so, als wenn man ein frisches Hemd anzieht! Ist die Sunde zu ersetzen; gilt vor dem Ersatz keine andere gute Handlung? Mit zinsenreichem Ersatz fangt sich das Werk der Bekehrung an. Ist aber diese Genugthuung nicht moglich, so nehme ich die Einbildungskraft zu Hulfe und stelle mir jemand dar, dem ich's vergelte, dem ich in des Beleidigten Namen Gutes thue, in eines Jungers Namen ein Glas Wasser reiche. Gott, denk' ich, hat doch einmal einen vollkommenen Menschen gesehen, Jesum Christum, der gerecht ist. Wenn's auch mit dir fehlt hie und da, sey unverzagt; und ich bin's auch! Bete du nur zehn Jahre und gib der Wittwe nicht das Stuck Weizenland wieder, um das du sie betrogst; wirst du Ruhe haben, wenn dich ein hitziges Fieber ergreift oder es sich sonst uber deinem Haupte zusammenzieht? Mit nichten. Die beste Cur ist eine gute Handlung, wodurch das Bewusstseyn in dir auflodert: dir sind deine Sunden vergeben. Diess war das Recept, das Christus verschrieb, und wahrlich! es ist kein Kraut, kein Pflaster, was so heilet, wie diess! Viele Leute werden gesund, wenn sie ein Testament gemacht haben, und ich halte diess fur ein gewisseres N o t h m i t t e l , als das versparte Aderlassen. Sobald der Mensch ruhig ist, sobald er empfindet, seine Sunden sind ihm vergeben, so steht er bald auf und wandelt! Pastor! Sie sagten einst, wie mich dunkt: man muss die Korpercur mit der Seelencur anfangen! Die Hypochondrie ist gemeinhin eine im Gemuth stecken gebliebene Sunde, d i e i c h a n m i r s e l b s t verubt. Gibt's denn Sunden an mir selbst? Freilich, denn ich bin mir selbst der Nachste; allein solche Sunden haben mir noch keine schwere Lebensstunde gemacht; ich leide ihrethalber die naturlichen Strafen. Ich sterbe ihretwegen taglich und suche mir durch Bewegung und ein Glas Wein die Gedanken zu vertreiben, wenn sie mir ins Ohr raunen: du bist ein Selbstdieb! Gottlob, ein Selbstmorder bin ich nicht! Wer aber nie an sich selbst gesundigt, der hebe den ersten Stein wider mich! Ich bitte, den Herrn Generalsuperintendenten nicht ausgeschlossen, ich bitte!
G o t t s e y m i r S u n d e r g n a d i g ! Das war so herzlich als: G o t t a l l e i n d i e E h r e !
Es gibt Seelen, die sich immer gleich und wie ein sanfter schoner Tag sind, wo es immer scheint, es wolle die Sonne hervor, es wolle regnen und es regnet nicht und es scheint nicht die Sonne! Ich habe auch dergleichen Tage gehabt. Man konnte sie heilige Tage nennen, und den, der sie zu leben versteht, einen, der geheiligt ist! Da komm einem, was da will, es regnet nicht, es scheint nicht die Sonne. Die Empfindung, dass uns alles, alles zum Besten dient, wirkt so stark auf unser Herz, dass wir innerlich und ausserlich ruhig sind! Da sieht man, so zu sagen, in allem Gott den Herrn. Jaget nach der Heiligung, sagt der Apostel, ohne welche wird niemand den Herrn sehen! Gott, lass mich so leben, so sterben!
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Leidenschaften sind Engel und konnen Teufel werden. Sie sind Beforderer, Mitwirker des Guten. Sie geben Spannkraft und Thatigkeit dem Muden, Warme und Leben dem Kaltgewordenen.
Wohl dem, der sich der Eigenschaften zu seinem eignen und zum Vortheil seines Nachsten bedient, der alles zu edlen Absichten lenkt! Hat doch jemand gesagt, das Ungeziefer ware bloss da, um die Faulen zur Arbeit zu treiben! Dass dich doch die Mucke dafur stache!
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Noch nie hat sich ein Mensch seiner Sunden als Sunden geruhmt. Er wollte vielmehr durch diese seine Offenherzigkeit den andern auf das Gute aufmerksam machen, was in diesem Bosen lag. Wer Boses von sich sagt, ist oft der feinste Lobredner auf sich. Man denkt, er wolle sich was Leides thun; allein er thut sich was zu gut, sowie sich niemand ums Leben bringt, der vor aller Welt Augen die Pistole ladet und laut ruft: auf mich! Wen er lieb hat, den zuchtigt er, konnte man vom Menschen sagen, der ubel von sich selbst spricht.
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Da Christus den grossen Zweck seiner Sendung nicht erreichen konnte, sondern bei der evangelischen Lehre des Gnadenstandes, des Heilstandes nichts anders als Verachtung und den Tod selbst erduldete, so war es kein Wunder, dass seine Junger, die so weit von ihrem Meister abstanden, ob diesem Werke verzweifelten, bis sie endlich, nach sehr geheimen Beratschlagungen, sich entschlossen, das Evangelium zu verkundigen, bis dass er kame, bis dass sein Reich kame und wir ihn wieder im Geist dargestellt sahen! Ein einmuthiger heiliger Geist beseelte die Junger so, dass sie das Werk anfingen mit Freuden, und fur so eine gute Absicht Martyrer zu werden kein Bedenken trugen.
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Obgleich Menschensatzungen die Religion Jesu so sehr verdunkelt, dass wenn Christus herabkame, er die Christen nicht kennen wurde, sagt, ist sie nicht noch jetzt, so wie sie da liegt, vortrefflich? Ist sie nicht die einzige, die den Menschen zum Gnadenreiche, zum Stande der Gnaden zu bringen Kraft und Starke hat? Ich hab' es anfanglich so nicht eingesehen; allein jetzt glaub' ich, dass in dieser Lehre Leben fur diese und Seligkeit fur die andere Welt liege.
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Die Junger Christi waren ehrliche Kerls bis auf den Judas, der ihn verrieth. P e t r u s war feurig, J a c o b u s strenge, J o h a n n e s sanft. Keiner hat sich Schatze erworben. Wie lebten sie, wie starben sie? So lebt, so stirbt kein Leutebetruger!
Vornehm werden wollen, heisst darauf ausgehen, dass man bewundert oder beneidet wird. Beides taugt nicht! Sich Gluck wunschen, heisst andere kleiner verlangen als man selbst ist, andere auf seine Kosten unglucklich wissen! Solche eigennutzige, strafbare Wunsche sind geradenwegs dem Gnadenreiche Christi entgegen, wo kein Kronprinz, kein Konigsbruder ist. Der Erste ist der Letzte, der Letzte der Erste; der Geringste der Vornehmste, der Vornehmste der Geringste. Gegenseitige Gesinnungen bei seinen Besten zu bemerken musste den Erretter, den Erloser des ganzen menschlichen Geschlechts ganz naturlich zum Ruckhalt gegen diese seine sonst guten Freunde bringen, welche die zwolf Stamme unter sich theilten und durchaus etwas vorstellen wollten! War es Wunder? Waren wir in allen ihren Umstanden besser gewesen? Ich glaub' es nicht. Christus nahm sie also wie Kinder, denen man durch Gleichnisse, durch Erzahlungen auf den rechten Weg hilft; und sagt, Freunde! wenn Christus in Curland gewandelt hatte, wo doch alles von Freiheit spricht, war' er nicht gekreuzigt? Sie, Pastor, sind eins mit mir. Was wurde nicht im despotischen, im monarchischen Staate werden! Noch jetzt kann man Christi Absicht, so klar sie gleich da liegt, weder errathen noch ertragen. Man halt sie unmoglich. Was aber bei Menschen unmoglich ist, ist es nicht bei Gott. Wie langsam geht's mit der wahren Erkenntniss Gottes und mit der Tugendubung! Wahrlich, Christus leidet noch wie seine Worte gekreuzigt werden!
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Getrost!
Johannes, der Schoossjunger Christi, sah, da er ein hohes Alter erreicht hatte, ein, dass die Zwolfe nicht im Stande gewesen, dieses grosse Werk auszufuhren; allein seine Hoffnung war noch fest! Die Religion Christi war nicht Menschenwerk. Er half sich mit der Einbildungskraft da, wo er sich verlassen fuhlte. In seinem Gesichte sah er einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlussel zum Abgrunde und eine grosse Kette in der Hand. Doch warum diese Zuge von einem so ins Grosse gemalten Bilde? Er ergriff das Erdenelend und band es tausend Jahr. Johannes, der es empfand, wie menschenunmoglich es sey, Christi Reich auf Erden zu verbreiten, ohne dass Tyrannei und Bosheit gefesselt wurden, bildete sich ein: es sey also. Er stellte sich, um sich nicht zu vergessen, vor, dass die Martyrer, die Zeugen Jesu, welche die Malzeichen an Stirn und Hand hatten, jetzt in diesen Gnadenstand eingehen und tausend Jahre mit Christo regieren wurden! Selig ist der und heilig, der Theil hat an der ersten Auferstehung, uber solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi seyn und mit ihm regieren tausend Jahr.
Der hat den Himmel auf Erden, dessen Lebenszeit in diese tausend Jahre fallt, wo man einsehen wird, was Christus und die Martyrer beabsichtigt. Nach dieser tausendjahrigen Regierung bildet sich Johannes wieder Tyrannei und Blutvergiessen ein! Das Erdenelend wird wieder losgeschlossen; allein nach seiner Vorstellung soll es nicht lange dauern. Hallelujah! Es kommt ein neuer Himmel, eine andere Denkungsart von Gott, eine neue Erde, andere Menschen. Da ist er! Ein immerwahrender Stand der Herrlichkeit!
Ich, sagte Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmuckte Braut ihrem Manne und horte eine grosse Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da eine Hutte Gottes bei den Menschen und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk seyn, und er selbst Gott, mit ihnen, wird ihr Gott seyn, und Gott wird abwischen alle Thranen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr seyn, noch Leib, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr seyn; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhl sass, sprach: Siehe! ich mache alles neu; und er spricht zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. Amen! Amen!
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Meditiren, wie die Gelehrten es nennen, nachdenken, wie der gemeine Mann sagt, heisst in vielen Fallen: beten! Wer das Gebet als einen Erzwang in Hinsicht der Sachen, die er bittet, ansieht, irrt sich; es ist nur die Connexion, in die man sich mit Gott setzt. Das Vaterunser kann jeder Mensch beten; wenn wir indessen, wenn Gott will, in den Stand der Gnaden und in den Stand der ewigen Herrlichkeit eingetreten, mussen wir ein anderes Gebet haben, nicht wahr, lieber Pastor? dazu uns Gott seine Gnade und seines Geistes Beistand, Starke und Hulfe verleihen wolle! Ja, Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in uns bestatigen und vollfuhren bis auf den Introductionstag des Standes der ewigen Herrlichkeit bis auf den Tag Jesu Christi. Getreu ist Gott, der euch ruft, wird's auch thun.
Ein Atheist ist der, welcher seinen Bruder nicht liebt, den er sieht! Selbstverlaugnung ist Ersparung an sich selbst, um gegen den Nachsten freigebig zu seyn. Freude ist Danksagung. Wollte Gott, dass ich alle Menschen diess zu uben bewegen konnte! Das wurde heissen: sie beten lehren! Vergib deinem Bruder, vergiss nicht, dass du erst von den mehreren Pfunden, die Gott dir verlieh, Rechnung abzulegen verbunden bist, ehe du vor Gott treten kannst! Vor Johanni bestellen die Leute ein Gebet beim Prediger, nah Johanni, sagt Gevatter Hans, will ich schon mit meiner Grete beten. Warum haben die gemeinsten Leute Neigung zu Spottereien? Man sollte ihnen nicht mehr zu glauben aufgeben, als glaublich ist. Ein Thomas wirst alles uber und uber und sein Nachbar glaubt, was das Zeug halt, um mit Glauben dem Thun auszuhelfen! Aufforderungen zu guten Handlungen sind nicht Handlungen selbst, das Gelaute keine Predigt. Der Christ hat zwar seinen Stern am Himmel, wie die Weisen aus dem Morgenlande; allein er muss auch seine Lampe in der Hand halten, wie die funf klugen Jungfrauen. Viele berufen, wenige auserwahlt.
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Die Welt ist vorderhand nicht im Stande der Gna
den. Man muss sie so verbrauchen. Doch befinde ich mich unter Wesen, die mit mir zu einer Classe gehoren, denen Gott Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat. Was ist billiger, als dass ich in Rucksicht dieser meiner geliebten Mitbruder genau nah den Vorschriften verfahre, die uns der Wille unseres gemeinschaftlichen Urhebers vorgeschrieben hat? Im Worte Bruder liegen alle diese Pflichten zusammen. Bruder ist ein grosses Wort Mich freut es recht von Herzen, dass hiess Wort in Curland so gang und gabe ist! Zwar ist es in den meisten Fallen nur so da, der Mode halber, wie: hol dich ; indessen ist Rom nickt an einem Tage erbaut.
Durch die Geburt sehe ich mich in gewisse gesellschaftliche Verbindungen gesetzt, zu welchen ich zwar meine Einwilligung nicht mittelst eines deutlichen und aufrichtigen Jaworts beigetragen; hab' ich aber nicht Antheil an den gemeinschaftlichen Vortheilen genommen? Fordern mich also Gesetze des Staats, in dem ich lebe, auf, denen das Gewissen seine Stimme nicht entzieht, so bin ich schuldig, treu, hold und gewartig zu seyn. Ich muss das Land, das mir Brod und Wasser gibt, nicht als eine Herberge ansehen, wo man sich oft langer als man wunscht, aufzuhalten verbunden ist, weil ein Rad gebrochen. Wessen Brod ich esse, dessen Lieb ich singe.
Gott aber muss man mehr gehorchen als den Menschen.
Die Religion im jetzigen Sinn ist der zweite Theil der Staatsverfassung. Sie ist die Ehegattin der Staatsklugheit. Ich bin nicht berechtigt, wider die Religion, die der Staat entweder als Mitregentin nimmt oder als Freundlingin schatzt, mir eine Verratherei zu Schulden kommen zu lassen.
In dieser Rucksicht bekenne ich mich als ein Mitglied eines christlichen Staats zur christlichen Religion, in so fern derselben Lehrsatze meinen gepruften und als wahr anerkannten Grundsatzen, bei denen mein Gewissen prasidirt, nicht entgegen sind. Von dieser Oberrathsstube gilt keine Appellation nach Warschau.
Keinem will und werd' ich meine Grundsatze nahe legen. Nie wurd' ich mit dem guten Pastor gestritten haben, wenn er nicht der Pastor in und ich der ware, der ich bin! Warum wir uns aber zehn Jahre abgesondert, begreif' ich nicht bis diesen Augenblick. Luthers Schuhe, pflegten sie zu sagen, sind nicht allen Dorfpriestern gerecht.
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Ueber Vermogen fordere ich von meinen Untergebenen, sie mogen undeutsch oder deutsch seyn, keinen Schritt. Wenn Gott es mit den Ungerechten machte, wie sie mit ihren Schuldnern.
Milchhaar wird auch braun oder schwarz, und wo
ist denn eine Lust, die ihren Gift nicht bei sich tragt? Wo ist ein Mahl von reinem Wein voll Mark, darin kein Hefen ist? Wo eine Sunde ohne Strafe? W u s t e n e i i s t i n d e r S t a d t . Das ist ein Text; wo er steht, weiss mein Hofmeister, den Gott troste! am besten. Was ist aber richtiger, a l s W u s t e n e i i n d e r W e l t ? Ein unverfalschtes Lachen gibt es nicht in der Welt. Jeder leidet, was seine Thaten werth sind. Der Weise ruhmt sich eines Seelenvergnugens und wirft seinem Weibe aus Verdruss einen Porcellanaufsatz an den Kopf. Ein lautes Vergnugen halt man fur Rausch. Sauer und suss essen Vornehme und Geringe, und wenn man ein rechtes Vergnugen beschreiben will, heisst es eine Thranenwonne. Die gottliche Traurigkeit, die Reue, die niemand gereuet, ist ein Beweis, dass Freude und Leid sich verhalten, wie Rosen und Dornen.
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Ich fuhle zwar mich und meine Krafte in gewissen Grenzen eingeschlossen, allein ich weiss auch, dass das Ende dieses Lebens nicht auch das Ende meiner ganzen moralischen Existenz sey; vielmehr hoffe und glaube ich, dass, wenn gleich mein Korper durch die Verwesung in seine ersten Theile aufgelost und mit der ubrigen Materie vermischt wird, ich dasselbe I c h und kein Fremder fortdauern werde.
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Die Vernunft ist ewig. Sie ist der Sitz des gottlichen Ebenbildes, und diess sein Bild sollte Gott der Herr vernichten?
Glauben, im gemeinen Leben, heisst, anderer Meinungen annehmen. Thun heisst nach seiner Ueberzeugung handeln.
Verstand haben heisst, etwas verstehen.
Leichtsinnig ist der, welcher alles leicht fasst; allein eben darum geht's hier herein, dort hinaus. Der Pastor sagt: ich ware leichtsinnig; allein dieser Aufsatz selbst mag Richter seyn zwischen mir und ihm. Ist denn die Saat, die der Pastor ausgestreut, auf einen Felsen gefallen, wo, wenn es regnet, die Saat zwar keimen, ihr Haupt emporheben, allein nicht Wurzel schlagen kann, wie solches alles der alte Herr in Musik gesetzt hat? Ist die Saat in Rucksicht meiner auf einen so harten Boden gefallen, dass sie keinen Eindruck gemacht, sondern den Vogel zum gefunden Frass und dem Wanderer zum Spiel gereicht? Wie der Wanderer sie da mit seinem Stabe aussprengt! Gehor' ich denn nicht zu den Seligen, die Gottes Wort horen und bewahren? Ein Schwarmer bin ich nicht, der alles gierig und heiss isst und sich total den Magen verdirbt. Er kann die Zeit nicht abwarten.
Alles ist Geschichte in der Welt, und da kommt's freilich viel darauf an, ob ich selbst gesehen, selbst gehort oder mir von andern erzahlen lassen, was diese andere gesehen und was sie gehort. Der hat ein Auge furs Vergangene, der furs Gegenwartige. Man sagt, einige hatten es fur die Zukunft. Ich meines Orts habe keinen von der letzten Art gekannt. Sie, Pastor, sehen das Gegenwartige, als stund' alles vor Ihnen.
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Wie lange kann es mit uns wahren? So alt oder alter. Wir sind nicht von dannen, sondern warten auf unseres Leibes Erlosung.
Solang' ich hoffe, leb' ich, so lang' ich seufze, hoff' ich. Ich bin der festen Zuversicht, dass mein Tod mich nicht aus der Fassung bringen werde. Jetzt, in diesem Stande der Sunden zu leben, wenn gleich Curland noch hie und da vermoge der herrschenden Freiheit mehr Aussicht zum Gnadenreiche hat, als ein ander Land, was ist's mehr als Wustenei? Man stirbt jetzt des Erdenleidens wegen gern, wenn gleich Krankheit und Schmerzen uns den Tod verbittern. Im Stande der Gnaden wird man gern sterben, weil bei einer einfachen Lebensart die Krankheiten sich von selbst heben werden. Leicht ist der Tod immer. Alles ist leicht, nur das Leben nicht. Ein wahres Wort im Stande der Sunde. Nur im Grabe hat der Mensch alles unter seine Fusse gethan. Die sechs Seiten des Cubus sind nicht der ganze Inhalt unseres Seyns.
* * *
Ob auf einem Berge mehr Kornahren oder Baume stehen konnen, als auf dem ebenen Grunde? war eine Frage, die jetzt so klar beantwortet ist, als: wie viel macht zweimal zwei.
* * *
Ich bin vielleicht sehr oft ein Ich gewesen. Man hat drei Reiche, das Mineral-, Pflanzen- und Thierreich, die konnte man, dunkt mich, Reich der Allmacht, Reich der Gnaden, Reich der Herrlichkeit nennen, besonders wenn man den Menschen als das letzte Thier in Erwagung zieht. Durch diese drei Reiche bin ich vielleicht schon durchgewandert. So wie ich leblos als Erde war, so hatte ich Saft als Pflanze, bis ich als Thier Blut bekam. Jetzt bin ich Mensch, bin Thier und Engel! Die Seele ist Mittler zwischen Geist und Korper. Mein Geist denkt vernunftig, zusammenhangend allgemeine Wahrheiten; indessen ist mein Geist ein ausgelernter Geist. Kinder zeigen so wenig von allen diesen Menscheneigenschaften, dass einem jeden klugen Mann bange wird, wenn er sein Kind sieht. Kluger Mann, sag' ich, das heisst ein solcher, der die wenigste Affenliebe hat. Wer hat sie aber nicht? Gemeinhin der verzweifelt der Kluge auch im Verhaltniss von sich auf den Kleinen: ob je aus dem Kindlein was werden wurde, und eben darum gerathen so selten die Kinder der Gelehrten. In der ersten Jugend wissen sie so viel, dass man gewiss glaubt, sie wurden eher Magister werden als Leibnitz; allein sie bleiben bald stockstill stehen. Der Herr Vater gibt sie auf.
Vielleicht werd' ich noch ein paarmal verwandelt, ehe ich das Bewusstseyn meines ganzen G e w e s e n s erhalte und die Kette ubersehe, welche ich hinaufging. Mein Korper steht auf. Nichts wird ganz vernichtet. Alles, das geringste Staubchen nicht ausgeschlossen, ist zu etwas gut! Die Vernunft ist ewig! ewig! Sie ist der Sitz des gottlichen Ebenbildes; und hiess Bild sollte Gott der Herr vernichten?
Hiermit will ich diesen Aufsatz schliessen, den man wohl schwerlich von einem Curischen von Adel erwarten sollte.
Dass Herr v. G. in seinem Aufsatze mancherlei von einem rechtglaubigen Vater angebracht, ist nicht zu laugnen; allein mein Vater nahm sich dieser wirklich Dieser Aufsatz konnte also bei solchen GesinnunHerr v. G. hatte ihm einstmals in einer grossen GeHerr v. G. konnte nicht aufhoren, sich uber die UnHerr v. G. war, wie mein Leser sich's leicht vorstelt i k e r . Ich bin ein Christ, sagte mein Vater, mache mir eine Ehre draus, und alle Rechtschaffenen erkennen mich dafur.
Hier konnte man wohl mit Recht
a l s o b ? und
ja wohl!
fragen und antworten.
Wenn ich noch mit einem Bausch- und Bogenge
sprach uber den Sokrates dienen kann, welches uber die zehnjahrige Entfernung ebenfalls Licht zu verbreiten im Stande seyn durfte, will ich's gerne.
Gehalten am Bausch- und Bogen
tage kurz vor der Tafel an dem schonen Tage, da wir, mein Vater und ich, nach zum Herrn v. G. kamen, und zwischen beiden streitfuhrenden Machten ein Vergleich gesaet und begossen ward, wozu auch Gott das Gedeihen gab.
Wo wissen Sie denn, dass ein Sokrates in der Welt
gewesen? fragte mein Vater; und zwar ein Sokrates eben so und nicht anders?
Aus seinen Fruchten, antwortete Herr v. G., sollt
ihr ihn erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen und Feigen von den Disteln? Plato
Suchte Ideale.
Und fand den wirklichen Sokrates! Den Apostel
der Heiden.
Das war Paulus.
Nach Christi Geburt. Das Orakel versichert, Sokrates sey der weiseste unter allen Menschenkindern gewesen.
~
, weil er nichts
wusste.
Ist das verstandlich?
Ich verstehe kein Griechisch.
Und ich dieses Orakel nicht. Zwar weiss ich den Unterschied zwischen Weisheit und Wissenheit
Wer aus diesem Zeugniss folgert, ergo ist der der Allerdummste, welcher viel oder alles weiss, Pastor! der verdient zur Strafe ewig mit einem umgewandten Kleide zu gehen.
Ich lasse kein Kleid kehren.
Ich auch nicht.
Sokrates
Was sagte der Physiognomist von ihm?
Was Sokrates selbst sagte. Hute dich vor dem, den Gott, gezeichnet hat, ist eine apokryphische Regel. Ist denn, Pastor! ein Sunder, der Busse thut, ist er nicht besser, als neunundneunzig Gerechte, die der Busse nicht bedurfen?
Wahr! ein Prophet muss aber nicht hasslich, nicht schon seyn; so wie Wasser und Brod muss er in seinem Aeussern nach nichts schmecken.
, , , .
`
Hute dich vor dem, den Gott gezeichnet hat, ist freilich eine apokryphische Regel; aber konnen wir denn die Sinnlichkeit ablegen, und trauen wir wohl einer Seele, die so schlecht wahnt, Geschmack zu ? Niemand hat uns Christi Gestalt rein und lauter beschrieben, Weber Lukas, noch die heilige Veronika, und ich argere mich, wenn die Maler und Zeichenmeister sich um die Wette bemuhen, einen Christus-Kopf darzustellen. Den werdet ihr nicht treffen, liebe Leutlein! Ein Marien-Gesicht, das lass' ich gelten, da wollte ich schworen, dass mein Weib einen Zug von ihr hat. Mein Sohn lag in seinem vierzehnten Jahre ohne Hoffnung darnieder, und mein Weib, wie Maria des Herrn Mutter: ich bin des Herrn Magd, mir geschehe wie du gesagt hast. Ich ehre den Sokrates.
Nicht so, wie ich!
Kann seyn, weil ich ein Christ bin.
Und wenn es Sokrates auch gewesen? Christus war er nicht; warum wollen Sie ihm aber den christlichen Glauben absprechen? Weil sie ihm die Hand nicht auf seinen Mondkalbskopf gelegt
Sie spotteln.
Und Sie predigen!
Das that Sokrates auch.
Und schrieb nicht, so wie wir alle beide. Da sind wir wieder zusammen wie Mann und Weib!
Nur noch lange nicht eine Seele! Freilich besass Sokrates etwas, das die Weisen seiner Zeit nicht hatten, was man einen Damon, einen sokratischen Schutzengel nannte, und was nichts weiter als ein philosophisches Genie war. Genie und Damon ist nicht viel auseinander.
Pastor! den Rabatt lass' ich mir nicht gefallen; kann denn nicht wirklich eine unsichtbare Gestalt ? Wusste denn nicht Sokrates Zukunftigkeiten?
Wie Sie und ich.
* * *
Zu Christo kam Nikodemus des Nachts; zu Sokrates der Euklides.
Aber Nikodemus, ein ehrbarer Rathsherr, maskirte sich nicht in Weibertracht.
Wie Sokrates starb!
Ist die Frage.
Gross, Pastor!
Kann seyn.
Stehen Sie etwa des Hahns wegen an? Kommt denn nicht auch ein Hahn in der Passionsgeschichte vor?
Da Petrus Christum verlaugnete.
Eben krahete auch jetzt ein Hahn, und Herr v. G. war still, kam aus dem Zusammenhang und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: du hattest auch nicht krahen durfen.
Mein Vater that, obgleich es schien, dass er wider den Sokrates war, ihm die bundigste Ehrenerklarung, sobald Herr v. G. nur nicht auf Kosten des Christenthums dem Sokrates lobredete. Es war unmoglich, dass Sokrates und mein Vater nicht gute Freunde seyn sollten.
Cicero, sagte er, nannte ihn den Adam der Philosophie, den Vater der Weisen, und das mit Recht, weil er die Sophisten seiner Zeit, die mit einem Wortkram von Scholastik geziert waren, so trefflich durch gemeines Leben, durch edle Einfalt in die Enge trieb. Geht's denn unsern Philosophen anders? Sind denn nicht die meisten, den P r o f e s s o r G r o ss v a t e r nicht ausgenommen, in Wortsunden empfangen und geboren? Haben sie nicht alle sophistische Erbsunde? Sokrates war ein Volksphilosoph, und so ist die Einfalt zu nehmen, die er frei von sich bekannte. Er fing nicht Fliegen in einem Spinnengewebe von Feinheit. Aus Hausmannskost bestand seine Mahlzeit. Was nutzen denn Definitionen, wenn man das Wort versteht, und was hat man denn, wenn man ein ganzes Geschlechtsregister eines Worts gelernt hat? Thun die Philosophen viel mehr, als jener Landgeistliche, der seinen Bauern bei Gelegenheit des Evangelii vom reichen Fischzuge erklarte, was ein Netz sey. Das Dorf hatte grosse Fischerei.
Die Standrede, die Diogenes auf den Sokrates hielt, verhalt sich freilich zu der des Hauptmanns unterm Kreuze wie beide Erblasste gegen einander. Er ist ein frommer Mensch und Sohn Gottes gewesen! Meine Frau sagt: da zog die Erde den Tremulanten, sie bebte! Da wurde das Haus des Entschlafenen der Himmel, mit Trauertuch ausgeschlagen. Es ward eine Sonnenfinsterniss, und hat meine Maria nicht Recht?
Diogenes sagt: ~
~ `
~ ~
, ` ` , `
` .
(Diogen. Laert. I. 2. sect. 20.)
Herr v. G. verstand freilich kein Griechisch; wie konnte er aber auch verlangen, dass Diogenes seinetwegen deutsch oder lettisch lernen sollte? Beilaufig, sagte mein Vater, die drei Theile, in welche die Leichenrede des Diogenes zerlegt ist.
Sokrates war ein Herzensredner, ein Moralist und der erste philosophische Martyrer.
Der erste? fragte Herr v. G. Der erste, antwortete mein Vater; denn wenn gleich in der Recension uber diese Standrede bemerkt worden, dass Z e n o noch vor dem Sokrates ums Leben gekommen, so starb
Die Schacher litten, was ihre Thaten werth waren. Z e n o , als General, in Sachen seines Vaterlandes wider den Tyrannen Nearchus. Sokrates starb und
`, durch ein Criminalurtel unschuldig verdammt.
Theurer Sokrates, du wolltest die Menschen zur Erkenntniss Gottes und seines Willens bringen; du wolltest die Menschen gehen lehren, die gen Himmel sahen und daruber das Bein brachen. War das dein Lohn?
Socrates primus philosophiam devocavit e coelo, et in urbibus collocavit et in domos etiam introduxit et coegit de vita et moribus rebusque bonis et malis quaerere.
Herr v. G. nahm meinen Vater bei der Hand, als wollte er sagen: ich verstehe auch nicht Lateinisch. Sokrates, fing mein Vater an, lehrte nicht, wie die Welt entstanden, wie sie vergehen wurde; er wusste nichts von der Elektricitat und ihren Wirkungen; er hatte Gott dem Herrn, wenn er ihn am ersten Weltmorgen zu sich geladen, keinen Rath gegeben, wiewohl etliche er wusste nichts von Zeit und Raum, von bester und nicht bester Welt! Leben lehrte er um froh zu sterben! Er brachte die Philosophie in Stadt und Haus.
Lieber Pastor! sagte Herr v. G. Sokrates lehrte den Stand der Gnaden, er brachte die Philosophie in Stadt und Haus, das heisst: er wollte alle Gesetze heben und die Menschen so gesittet machen, dass sie uber alle Gesetze waren. Er wollte nicht Recht sprechen, sondern ohne Recht sich behelfen lehren. Nicht also?
Mein Vater liess sich nicht aus dem Concept heraus fragen. Wie trefflich sagt er der Pompadour seiner Zeit, der Theodora, da sie ihm vorruckte, dass sie ihm so manchen seiner Schuler weggeworben, er aber schwerlich einen, der bei ihr Handgeld genommen, abwendig machen wurde: Dein Weg ist breit, der meinige schmal. Dein Weg geht bergab, der meinige bergauf. Die Welt aber vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes thut, bleibt in Ewigkeit.
Eine Frau hatte er nicht nehmen sollen, sagte mein Vater.
Eine Xantippe nicht, erwiederte Herr v. G.
Keine! mein Vater.
Sind sie wohl alle Xantippen? Die meinige hat, ihres schonen d a r f i c h b i t t e n unerachtet, etwas von ihr.
Die meinige keinen Zug.
Ein so hasslicher Mann, wie Sokrates, fuhr mein Vater fort, ohne daran zu denken, dass Herr v. G. kein Griechisch verstand, bei dem man fragen konnte:
, band es mit zwei
Frauen an; war das rathsam? Ein Mann, der zu den Fussen der D i o t i m a die Kunst zu lieben und zu den Fussen der Aspasia die Kunst der artigen Beredsamkeit gelernt, musste sehr leicht solche Ehefehler begehen! Wer hiess ihn denn hier Unterricht nehmen? Kein Weiser muss von einem Weibe lernen. Wer eine Mamsell gehabt, behalt etwas Mamsellahnliches, wenn gleich er Feldmarschall wird. Das ganze schone Geschlecht lehren, das kann der Weise! Sokrates hatte freilich das, was ihm am Korper abging, durch Seele in Rucksicht seiner Weiber ersetzen konnen und sollen. That ers denn nicht? Wer weiss es. Ist es denn so unrecht, dass er gesagt hat:
`
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Ist denn nicht der Mann der Gesetzgeber seines Weibes? Was kann ein Weib ohne Mann? Ware ich Sokrates gewesen, wurde ich freilich meine Philosophie im eigenen Hause zu uben angefangen haben: wer singt indessen nicht den andern Diskant, wenn die Frau Zeit und Stunde trifft und das rechte Lied? Liess denn Sokrates sein Haus ohne Unterricht? Brachte er nicht Freunde ins Haus, ohne ein Dresdener Service und ohne zu den ersten Leckerbissen seiner Frau Geld gelassen zu haben?
Ich weiss, sagte Herr v. G., da kam er einst mit dem E u t h y d e m u s vom Fechtboden; die Frau Professorin, anstatt den Tisch zu decken, kehrte ihn um und um. Euthydemus, ungewohnt, gegen Weiber seine Starke zu zeigen, wunschte vor Tische, eine gesegnete Mahlzeit. Nicht also, sagte der Herr Professor. That denn nicht jungst eine Henne das namliche, da ich das Vergnugen hatte, bei Ihnen zu essen? Mein Vater liess den Herrn v. G., dem er ein- fur allemal nicht gestattete sich des Sokrates anzunehmen, obgleich weder die Henne, noch der um und um geworfene Tisch der christlichen Religion Schaden oder Leides thun konnte, so unangehalten nicht mit dieser Geschichte. Er zeigte sehr gelehrt, wie zwar eine Henne bedeute, allein im gegenwartigen Verstande schwerlich,
und heisst denn um und um
kehren? Hier wurde es um so weniger passen, da ich noch nie gesehen, dass eine Henne den Tisch umgekehrt. Die Geschichte, fuhr mein Vater fort, ist aus dem Plutarch allein der gute Herr v. G. nahm ihn bei der Hand, kehrte den Tisch nicht um und um, sondern wusste meinen Vater so vortrefflich einzulenken, dass er fortfuhr, und die Wahrheit zu sagen, Herr v. G. hatte ihn nicht unterbrechen sollen. Hatte er denn nicht schon gewonnen Spiel? Die Grille, sagte mein Vater, da er wieder an Stelle und Ort war, schwirrt ein Abend-, die Lerche ein Morgenlied. Leidet man nicht Kamine und Kachelofen im Sommer? Leibnitz starb bei Barklais Argenis; ein anderer stirbt bei der letzten Oelung. Solange man der Seele nicht gesunde Triebfedern und den Adern frisches Blut einflossen kann, was ist zu machen? Lot blieb auch in Sodom gerecht. Herr v. G. wollte sagen, Abraham war aber auch sein Oheim; allein mein Vater liess ihn nicht zum Worte, und wenn es wahr ist, dass Xantippe bei seinem Tode die bittersten Thranen vergossen, so ist sie mir lieber, als die Wittwe von Ephesus.
Ihr Philosophen heutiger Zeit, lernt hier vom Sohne einer Hebamme und eines Bildhauers Weisheit lehren, da euch doch das neue Testament nicht kunstgerecht ist. Sokrates that zwei Feldzuge, ward noch im hohen Alter atheniensischer Rathmann, ein Feind der Tyrannei und ein Freund seines Vaterlands. Er lehrte auf den Strassen und an den Zaunen, und catechesirte alle, die nur horen und antworten wollten, wogegen ihr nur Disputationen haltet.
Da fiel es ihm ein, dass er mit den Akademien Friede gemacht, und dass Junker Gotthard und ich reisefertig waren.
Sokrates hatte an den Sophisten die grossten Feinde. Die Schriftgelehrten hetzten den Aristophanes wider ihn auf, der ihn in einem Lustspiel lacherlich machte. Sokrates sah sich auf dem Theater; allein dieser grosse Selbstkenner kannte sich nicht, obgleich die Gallerie einmal ubers andere: b r a v o ! getroffen! rief, und dem Schauspieler klatschte. Wer im siebenzigsten Jahre durch Urtel und Recht stirbt, kann mit Wahrheit sagen, dass eben diess Urtel die Natur schon uber die gestrengen Herren Richter selbst ausgesprochen hatte. Unser Leben wahret siebenzig Jahre.
* * *
Ich wurde, geliebter Leser! diese Unterredung gerne unberuhrt gelassen haben; allein eben jetzt, da ich dieses schreibe, verfolgen mich ein paar Sophisten, Anytus und Melitus, die Gevattern von meinem Aristophanes sind. Ein seines Triumvirat! Gott wird ans Licht bringen, was im Verborgenen geschehen, und den Rath der Herzen offenbaren, und dann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren! Amen! Komm, o schone Freudenkrone! Amen!
Die Umstande des Todes unseres theuern v. G. will ich nicht wiederholen. Er wollte meinen Vater, seinen Freund, an einem Sonntage beschleichen und ihn predigen horen. Er kam ofters nach der Aussohnung zu ihm: noch nie war er einen Sonntag da gewesen. Man sagt, Herr v. G. habe in der letzten Zeit die Bibel sehr fleissig gelesen und zu sagen die Gewohnheit gehabt: Wenn man etwas herausbringen will, muss man die Bibel selbst lesen. Minens Schicksal ging dir zu Herzen, theurer Naturmann! und dein Tod erschuttert meine Seele. Da mein Vater dem Herrn v. G. Minens Begrabniss, und bei dieser Gelegenheit auch vom hochgraflichen Todtengraber erzahlte, konnte er nicht aufhoren den Kopf zu schutteln. Zum Todtengraber hatte Herr v. G. keine Anlage. Bei Gelegenheit des Herrn v. G. sagte mein Vater in der Hitze: Da haben wir Curland! Nicht also, Pastor, sondern die Welt!
Herr v. G. stieg im Pastorat ab, und ware bei einem Haar meiner gastfreien Mutter wegen her Mittagsmahlzeit zuvorgekommen. Sie bat eine Minute zuvor, als er sagen wollte: Diesen Mittag bin ich Ihr Gast, wenn Sie so wollen! Er ging zur Kirche. Meine Mutter ordnete das Mahl an, und um Maria und Martha in Einer Person zu seyn, ging sie etwas spat in die Kirche, und um der Gemeinde kein Aergerniss zu geben, wie der Zollner, unter den Glockenthurm!
Sie kam im letzten W i r , das sie nicht umhin konnte laut mitzusingen, so dass, wenn sie sich nicht besonnen hatte, wie sie unterm Glockenthurm ware, sie eben so gut, als durch die Thur verrathen werden konnen, da sie meines Vaters Vaterland erschleichen wollte.
Von diesem lebte Herr v. G. nur noch wenige Reihen; denn bei den Worten: n a c h d i e s e m E l e n d ! schrie er auf, sank zur Erde und ward todt aus dem Kirchenstuhl getragen. Er fiel vorwarts. Mein Vater sah den Herrn v. G. in die Kirche kommen und wie er aus der Kirche getragen ward. Sein Text war: "Romer im a c h t e n K a p i t e l , d e r f u n f u n d d r e i ss i g s t e V e r s . " "Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trubsal oder Angst? oder Verfolgung oder Hunger? oder Blosse, oder Fahrlichkeit, oder Schwert? wie geschrieben stehet: Um deinetwillen werden wir getodte den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen uberwinden wir weit, um dess willen, der uns geliebet hat."
Bei diesem Text dachte mein Vater so manches Wort dem Herrn v. G. ans Herz zu legen, und da er seit st geraumer Zeit nicht ist seiner Gegenwart gepredigt, es dahin zu bringen, dass Herr v. G. in seinem Glaubensbekenntnisse noch so manche Reihe streichen mochte. Wer kann auf der Kanzel mit euch aufkommen? pflegte Herr v. G. zu sagen. Ihr fragt und behauptet, und kein Mensch ist euch zu antworten und einzuwenden im Stande. Nichts ist unausstehlicher, als die Methode der Redner, zu fragen: I s t ' s nicht also? Was konnet ihr dagegen s a g e n , m e i n e F r e u n d e ? Er nannte diese stumme Fragen, so wie es stumme Sunden gibt.
Der gute v. G., er ist allen Fragen entgangen. Er hat uberwunden. Mein Vater schlug sich diessmal im eigentlichen Sinne mit seinen eigenen Worten. Wie doch immer der liebe Gott das Beste thut, so musste er es vorzuglich bei dieser Predigt thun, da mein Vater ganz zerstreut war und nicht wusste, wie es mit seinem Freunde hinauswollte!
Meine Mutter bemerkt, dass Herr v. G. kein Wort von allen drei W i r ' s mitgesungen, bis die Worte gekommen: nach diesem Elend, da wollte er, wie sie ihren sichern Nachrichten Zufolge schreibt; allein er konnte nicht. Es kann ihm auch wohl, schreibt sie, den ganzen Glauben uber ubel gewesen seyn. Wahrlich! liebe Mutter! am Ende des Glaubens war ihm wohl, sehr wohl! Ende gut, alles gut!
Auch berichtet sie, dass Herr v. G. ohne Klang und Sang, indessen wider seine oftere Aeusserung, nicht in die Erde gescharrt, sondern nach der Anordnung seiner Frau Gemahlin in dem Familiengewolbe beigesetzt sey. Gott schenke ihm, so schliesst sie, eine frohliche Auferstehung! Amen!
Ich weiss nichts hinzuzufugen, als dass die Frau v. W. sehr gerne, ihrem Gemahl zu Gefallen, des Herrn v. G. halber Trauer anlegte. Herr v. W. that so, als ob Junker Gotthard schon wirklich sein Schwiegersohn ware. Beim Herrn v. W. blieb es bei der Trauer; allein seine Gemahlin war so betrubt, dass die Schmahsucht zum Glimpf und Namenbruch, wie meine Mutter sich ausdruckte, Gelegenheit genommen hatte, wenn nicht vom seligen v. G. und von der v. W. die Rede gewesen. Herr v. G. hatte von jeher viel Freundschaft fur die Frau v. W. bewiesen. In seinem Glaubensbekenntnisse stritt er ihr die Erbsunde im theologischen Sinne glatt ab. Gott schuf ihr Herz, pflegte er zu sagen, im stillen, sanften Mondenstrahle! Sein Finger ist kenntlich. Sie ist das Liebchen der Natur. Sie nascht ihr, wie ein frommes Lammchen, aus der Hand! Wie wahr! Und wer war ein treuerer Naturkenner, als Herr v. G.?
Meine Mutter versicherte, dass nie eine Trauer besser gestanden, als der Frau v. W. uber ihren Freund! obgleich, fugte sie hinzu, sie beide vor Gott noch keine Verwandten sind. Der Mensch d e n k t , Gott lenkt.
Noch einen Ausdruck aus meiner Mutter Nachricht, den Tod des Herrn v. G. betreffend. Sie bemerkte, Herr v. G. ware zwar ein braver, allein kein kreuzbraver Mann; jenes sey ein Sokratiker, diess ein Christ. Warum ist er doch nicht in die Erde gescharrt, dieser brave Mann, dieser Naturmann!
Genug vom Herrn v. G., der bloss aus Nachstenliebe in diese Geschichte gekommen, der keines andern als des Gastrechts sich zu erfreuen gehabt. Gott schenke ihm eine frohliche Auferstehung und uns zu seiner Zeit eine selige Nachfolge!
Der Tod meiner Mutter bewog mich, mich wegen des Nachlasses meiner Eltern an einen Rechtsfreund zu wenden. Ich konnte und wollte nicht nach Curland. Meine Leser kennen meinen Bevollmachtigten, es ist der Protokollist, dem der gelehrte aufgab, nichts auf die Erde fallen zu lassen, was im Blutrathe uber Minen vorfiel.
Ich statte dem Curator funeris hier offentlich meinen Dank ab, ohne zu wissen, ob meine Leser diesem Danke in Rucksicht der ihnen mitgetheilten Nachrichten beitreten werden. Ich wunschte es wohl
Unter den mutterlichen Papieren, welche er m i r ubersandte, war ein B r i e f b u c h , welches unser G o t t f r i e d meiner Mutter zugeschrieben. Diess war der geheime Auftrag, den man dem Gottfried, da wir auf dem Gute des Herrn v. G. in Konigsberg schliefen, eben so ansah, als es ihm anzusehen war, dass er geweint hatte. Es sey dieses B r i e f b u c h unter den Abc-Beilagen die letzte. Mit welchem Herzen ich diess Wort l e t z t e niedergeschrieben, weiss Gott und mein Freund es.
Beilage C.
Einen freundlichen Gruss und alles Liebes und Gutes
zum voraus, Wohlehrwurdige, Veste, Hoch- und
Wohlgelahrte Frau Pastorin! Fursichtige Seelsorgerin
und Mutter meines zweiten Herrn!
nebst dienstwilliger Bitte, mir durch die Finger zu sehen, dass ich so keck bin, schriftlich Ew. Wohlehrwurden hinterm Stuhl zu stehen und auf diesem Teller ein Glas Wasser zu reichen. Wer durstig ist, steckt auch die Nase in ein Glas Wasser. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Mit der Zeit hoffe ich ein Spitzglaschen Wein reichen zu konnen. Ew. Wohlehrwurden durfen nicht glauben, dass ich Ihr Kleid mit diesem Glas Wasser begiessen werde, und wenn ich etwas vergosse, ist es doch bloss Wasser! Wo das fleckt, ist die Farbe nicht acht. Ew. Wohlehrwurden haben alles achte Farben.
Ich lerne, was man nur kann. Verstand kommt nicht vor Jahren, wie ich sehe, weder in Kopf noch in Finger. Meine Herren machen sich den Spass, zu sagen, dass ich viel Anlage zum Handwerk habe, aber blutwenig zum Gelehrten, da das Schreiben mir wunderbarlich von statten geht, und da ich die schwersten Worte von der Faust weg aufs Papier setze. Das wachst alles wie Pilze. Wenn ich nur die Herren und Bedienten unter den Worten unterscheiden konnte; aber da liegt der Hund begraben; nicht der Argos meines adelichen Herrn, sondern der Hund im Spruchwort. Wusste ich die grossen und kleinen Buchstaben zu brauchen, was wurde mir dann fehlen? Im gemeinen Leben kennt man so was an der Livree; bei den Buchstaben ist alles eins, nur dass einer ein besser Gesicht als der andere hat. Die l gefallt mir uber die Massen; ein schlanker Buchstab, und uberhaupt bin ich den Buchstaben gut, die gedruckt und geschrieben sich gleich sind, da weiss man doch, woran man ist. Es wird mir herzinniglich lieb seyn, zu vernehmen, wenn mein lieber Vater wohl auf ware, der keine i, geschweige denn eine a machen kann. Fur mich ist a der schwerste Buchstabe im ganzen deutschen ABC. Schwester Trinchen, die so schrieb, wie ich, ehe ich auf die Akademie ging, wird wohl noch nicht aufgeboten seyn. Meinetwegen danke dem lieben Gott fur gute Gesundheit. Mir hat auf der Reise kein Finger, vom Daumen bis zum kleinen, weh gethan und meinen Herren auch nicht. Keinmal umgeworfen, aber alle Augenblick gedacht, es fiele schon. Einem der andern Herren Passagiers kam eine meerschaumene Pfeife, die in Curland ihre zehn Bauern werth gewesen, unter das Rad, und noch einer verlor seinen Hirschfanger, den er auch zu Hause hatte lassen konnen. Er war noch dazu nicht von Adel und trug unter dem Hut eine baumwollene Schlafmutze. Meine Herren pflegten zu sagen, dass er in einem Zuge wache und schlafe. Hatte er den Hirschfanger nicht mit gehabt, ware er nicht verloren gegangen. Er hatte einen silbernen Griff. Das Gehenk schenkte er mir, weil ich ihm unterwegs beisprang. Sonst war er bis auf den Hirschfanger und den Hut und Mutze in einem Stuck, bald hatte ich in einer Person geschrieben, nicht zu verwerfen. Schon hatte ich eher Ew. Wohlehrwurden von allen diesen Dingen diess Glas Wasser voll Nachricht ertheilet, wenn ich nicht erst das Glas reinigen und lautern wollen. Wird sich von selbst verstehen, dass ich mich im Schreiben sichtlich gebessert habe, wofur ich nachst Gott meinen Herren dienstlich verbunden bin. Ein Apfel fallt nicht weit vom Stamm, und wer nur Lust hat, kann schon auf der Akademie was lernen, es sey grosser oder kleiner Buchstabe. Ew. Wohlehrwurden danke ich ganz gehorsamst fur alles Gute und unter diesem Guten fur die schone Predigt, da ich Abschied nahm und den Segen empfing, den Ew. Wohlehrwurden an diese Predigt legten. Das ging mir alles durch Mark und Bein! So ein schoner Text, als wenn er auf mich gemacht ware. N i e m a n d k a n n z w e i H e r r e n d i e n e n ! Ew. Wohlehrwurden Erklarung vergesse ich nicht, solange eine Handvoll Leben in mir ist, dass namlich dieser Spruch so wie der vom Kameel-Nadelohr und dem Reichen zu verstehen sey. Ich habe alles gefunden, wie Ew. Wohlehrwurden es mir auf den Weg gegeben. Meine beiden Herren sind wie Mann und Frau, und ich diene also nicht zwei Herren. Sie sind so von einander unterschieden und wieder so zusammen, wie Mann und Weib.
Ew. Wohlehrwurden Herr Sohn wird einen starken, schwarzen Bart bekommen. Der liebe Gott lasse ihn dabei. Ist doch besser, als ein Judasbart, den ich in drei Kirchen am Altar abgemalt gefunden. So getroffen! Mich wundert, dass ein Barbier nicht in Gedanken dem Judas zu Halse gegangen. Man konnte ihn recht beim Bart halten. Mit dem Herrn v. G. halt es wegen des Barts schwer. Hie und da ein weisses Harchen. Sonst sind hier die Barbiere nicht in sonderlichem Ansehen und werden von den Herren Studenten Bartphilosophen genannt, welches ich Ew. Wohlehrwurden nicht verhalten kann. Grosse Stadte, grosse Sunden, kam auch in Dero Abschiedsermahnung vor, und das ist wahr und wahrhaftig. Prediger die schwere Menge, mit blauen und weissen Kragen. Blau haben die Feldprediger, auch Manschetten und kleine seidene Mantel, die man Advokatenmantel heisst. Die Advokaten gehen hier schwarz mit kleinen Mantelchen, die man Feldpredigermantel heisst. Sie nennen sich Priester her Gerechtigkeit; von andern ehrlichen Leuten werden sie Galgenprediger genannt. Ich konnte diese Herren lange nicht aus einander bringen, bis mich der blaue Kragen an Ort und Stelle brachte. Wie das alles hier durch einander lauft und fahrt, wahrlich noch weit arger, als in diesem Briefe. Prediger und Advokaten. Man kann vor Larm kaum sein eigen Wort horen. Die Pastortracht, die in Curland keiner anzulegen sich erkuhnen darf, er sey noch so hochwohlgeboren und hochgeschoren, ist hier etwas so Gemeines, dass alle Kuster sich in Kragen und Mantel stecken, und kein Ansehen der Person zwischen Pastor und Glockner ist. Grauel ist es anzusehen. Es gibt sogar Leute, die beim Wagen gehen wenn Vornehme begraben Werden, ganz gemeine Kerls, Trager von den eigentlichen Leichentragern, und auch diese Untertrager gehen mit Kragen und Mantel. Anfanglich war mein Hut mehr in der Hand als auf dem Kopf, weil ich jeden Kragen und Mantel grusste; jetzt lasse ich's bleiben, und so bleibt auch wider meine Schuld mancher Pastor ungegrusst, welches Ew. Wohlehrwurden nicht ubel auszulegen belieben wollen. Gott grusse den Herrn, wenn er es verdient und Ew. Wohlehrwurden gleich ist in Lehre und Leben!
Um zur Hauptsache zu kommen, die Ew. Wohlerwurden mir auf meine arme Seele gebunden, so habe ich mancherlei von Ketzern auch in Curland gehort; allein wer den Teufel nicht selbst gesehen, hat keine rechte Vorstellung vom bosen Feinde. Die Ketzer sehen, Gott sey's geklagt! aus, wie wir andere Christenmenschen. Vom Kopf bis zu Fussen, nicht einmal lassen sie sich den Bart wachsen, wie Judas in den drei Kirchen. Man hat mir erzahlt, dass unter den Doktoren und Schriftgelehrten sogar viele waren, die nicht reiner Lehre sind; allein hier ist jeder fur sich, und Gott fur uns alle. Ich habe mir einen Candidaten zeigen lassen, der seine Stimme durch eine Erkaltung verloren, aber darum geht ihm kein Dreier ab. Er steht sich besser, als wenn er eine Gemeinde und eine Stimme hatte. Er lebt vom Predigtmachen so gut, als einer, und wenn der Pastor unter den Mennonisten, den Reformirten, den Katholiken, selbst unter den Juden, eine Predigt nothig hat, husch! ist er mit fertig, und wer sie hort, merkt nicht auf tausend Meilen, dass ein lutherischer Candidat ohne Stimme diese Predigt ausgeheckt. Der Herr Sohn sagt: der Mann sieht wie die Toleranz selbst aus, und da war ich noch ubler mit diesem Candidaten daran wie zuvor; denn ich fand an ihm kein Abzeichen, ob ich ihm gleich zehn Strassen nachlief, wenn ich ihn gehen sah. Was er daruber gedacht hat, fahre in die nachste Predigt, die er fur den Rabbi macht, welches allhier ein feister Mann ist, der wie ein Wechsler aussieht und von Moses kein Haar hat. Die Toleranz sieht wie der Herr Candidat aus, und der Herr Candidat wie ein anderer ehrlicher Mensch. Was ich mir daruber den Kopf zerbrochen habe! Gestern bemuhte sich der Herr Sohn, das Wort ins Licht zu stellen, wozu ich ihm Feuerstein und Toleranz heisst: wenn man funf gerade seyn lasst, Bei uns essen die Juden und die Edelleute freilich h a n n und ist, bis auf den katholischen Glauben, ein guter Knabe, der mich neulich in seine Kirche schleppte, wo ich eine Predigt gehort, die, Gott sey bei uns! mir so vorkam, als ware sie lutherisch. Das soll mir eine Warnung seyn, nie mehr in unachte Kirchen zu gehen. Die preussische Luft ist so tolerant, dass man wie behext dasteht. Ew. Wohlehrwurden versichere auf Ehre, dass, Gott steh' uns bei! wenn ich mir die Augen verbande, ich ein "Vaterunser" in der katholischen Kirche beten konnte, trotz dem Johann, der beim ersten lutherischen Prediger dient. Wie sich das alles hier spricht und widerspricht! Ein Wascherin heirathet einen Kohlenbrenner; eine Herrenhuterin, die selbst so schlecht und recht einhergeht als konnte sie nicht drei zahlen, nahrt sich vom Putzmachen. Jedes geht seinen Weg. Keiner legt es an, den andern zu bekehren. Juden, das versichere Ew. Wohlehrwurden auf meinen christlichen Glauben, kommen sogar in christliche Kirchen, nicht um sich zu bekehren und zu leben, sondern um eine wohlgesetzte Predigt zu horen. In der Kirche bis auf die schone Musik zu, ist es wie auf dem Tanzboden. Alles fasst sich an, hier mit der Hand, dort mit den Augen. Dass die Toleranz dem lieben Gott ein Grauel sey, weiss ich wie einer, dass aber die Leute hier just so dick und fett sind, wie anderswo, ist nicht zu laugnen. Mag aber wohl ungesundes Fett seyn! Hexen glaubt' hier kein Kind von acht Tagen, das doch so in seinen besten Glaubensjahren ist. Mein adelicher Herr sagte gestern: Wenn hier die alten Weiber (mit Ew. Wohlehrwurden Erlaubniss) noch so hasslich aussehen, es ist keine der Gefahr ausgesetzt, verbrannt zu werden, wiewohl auch zu meiner Zeit keine in Curland, Gott sey's geklagt! in Rauch aufgegangen. Ich mochte gern eine prasseln horen. Muss doch einen besondern Knall geben! Der Himmel weiss, wie es kommt, so hasslich sind die alten Weiber in Curland nicht, wie hier. Mag wohl kommen, weil sie hier nicht alt seyn wollen. Die Madchen so frech, dass nur noch jungst eine Ehefrau (ich stand hinter ihrem Stuhl so behext, wie in der katholischen Kirche) die Frage aufbrachte, warum wir nicht alle nackt gingen, wie im Paradiese? Da bin ich gut dafur, dass Ew. Wohlehrwurden das Wort "nackt" noch bis diesen Augenblick nicht ohne Rothe werden aussprechen konnen, und diese war nicht einmal roth. Sie forderte ein Glas kalt Wasser. Dass dein Feuer geloscht werde, dachte ich; allein es scheint, sie bedurfe des Loschens nicht. Landlich, sittlich! konnte man wohl sagen, wenn bei dieser Sache auch nur das mindeste Sittliche ware. Man hat mich versichert, dass dergleichen Madchen mit blossen Busen, hinter deren Stuhl man behext wie in der katholischen Kirche ist, die tugendhaftesten waren. Erbsunde hat jedes, Ew. Wohlehrwurden selbst nicht ausgeschlossen. Das grune Holz, die Frommen, die Stillen, sollen hier zu Lande das durre seyn, und davon kann Ew. Wohlehrwurden ein Probchen geben. Grad uber, wo wir einwohnen, war ein Madchen, in ihrer Art nicht uneben. Sie that so zuchtig, als kennte sie den alten Adam nicht anders, als im Kupferstich, wo ich ihn auch mit Hornern gesehen! Sie dient, ich diene. Mein adelicher Herr kann ihre Jungfer leiden, und was soll ich laugnen? ich sie! Wenn ich sie nur ein wenig hart zur Hand nahm, gleich ein Schrei! und dann wieder: bringen Sie mich nicht zum Ende! Sie werden Unheil anrichten! und so weiter. Kam ich Sonntags, las sie: die in Gott andachtige Jungfer mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Handen, an Sonn- und Festtagen, sowohl durch auserlesene Spruche der heiligen Schrift, andachtige Gebete und geistliche Lieder vorgestellet, als in beigefugten saubern Kupferbildern entw o r f e n v o n M. Nicolao Haas, Pastore Primario u n d Inspectore d e r e v a n g e l i s c h e n Kirchen und Schulen zu Budissin.
Stade, druckt's und verlegt's Caspar Holwein. Im Jahr 1717.
Was mir diese Andacht durchs Herz ging, kann ich nicht sagen. Den Titel abzuschreiben, hat mir, wie Ew. Wohlehrwurden leicht denken konnen, viel Muhe gemacht; aber ich that es mit Freuden, um Ew. Wohlehrwurden diese Freude zu machen. Weiss nicht, ob Ew. Wohlehrwurden diesen H a a s , diesen C a s p a r H o l w e i n und d i e i n G o t t a n d a c h t i g e J u n g f e r kennen. Sollte mir herzlich lieb seyn, wenn es ware! Der Name H a a s ist freilich etwas anstossig; wer kann aber fur den Namen? Die Kupferstiche sind sauber. Wo ich ein andachtiges Weibsbild auf Knien fand, dacht' ich, Lieschen war' es auf ihrem Herzensknie. Das Buchelchen war mit Silber beschlagen. Konnen sich Ew. Wohlehrwurden von dieser in Gott andachtigen Jungfer mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Handen an Sonn- und Festtagen vorstellen, dass sie vor vierzehn Tagen ein Sohnchen taufen lassen? Da war' ich angekommen, wenn ich es mit ihr zu Ende gebracht! Ich habe gar viel Spott daruber von Freund und Feind erlitten, weil man nichts anders glauben wollte, als dass ich Hahnchen im Korbe gewesen! Der Thater soll ein liederlicher Bursch seyn, der durchs Gebetbuch gewiss nicht angelockt worden. Hab' ich doch um das Madel geweint, wie ihr kleines Kind. Da war sie in Angst und Noth wegen ihres Kindes, und wollt' ich wohl oder ubel, musste schon in einen sauern Apfel beissen und das Kind ernahren. Der Apfel ist eben so sauer nicht. Geht schon in den vierten Monat, dass ich das Kind erhalte. Ward mir indessen vom J o h a n n , der sich auf so etwas versteht, angerathen, zum Richter zu gehen und uber das alles ein Protokoll zu losen, damit ich nicht zu Kind und Kegel kame, wozu hier zu Lande die Unschuldigsten am ersten kommen. Ist ein braver Mann der Richter, nahm kein Geld fur die Schrift; wohl aber musst' ich den Stempelbogen bezahlen, weiss nicht, warum? Besser ware es gewesen, das Kind hatte das Geld dafur aufgepappt.
Was das wunderlichste dabei ist, so thut die in Gott andachtige Jungfer, als ware die ganze Sach' eine Kleinigkeit! Wie man es nimmt, freilich eine Kleinigkeit. Der Stempelbogen argert mich am meisten! Wozu ist denn ein Stempelbogen nothig, wenn man ein Kind einer in Gott andachtigen Jungfer, Stade druckt's und verlegt's Caspar Holwein, erziehen will? Johann sagt, ob Rose oder Knospchen. Weiss nicht. Liese soll sich haben verlauten lassen: Wer wieder aufstehen kann, was thut dem der Fall? Ich denke, thut viel, und war' es auch nur, dass alle Leute drob lachten, wenn man fallt. Sollte man glauben, Lieschen liest wieder die in Gott andachtige Jungfer, als ware nichts vorgewesen. Mit der Zeit, merk' ich, ist man allen kleinen Kindern gut. Vater seyn oder nicht, macht nichts zur Sache. Ew. Wohlehrwurden wurden dem Knabchen selbst gut seyn, wenn Sie es sehen sollten. Ist ein feines, sauberes Kind, wie die Kupferbilder! Zwar sagt die arge, bose Welt, dass es mir ahnlich ware; allein was sagt die nicht? Ist nur gut, dass ich das Protokoll auf Stempelpapier habe, um der argen, bosen Welt das Maul zu stopfen; zu so etwas ist ein Stempelbogen gut.
Ew. Wohlehrwurden Herr Sohn wird von allen Menschen geliebt. Ich wette, wenn er Geld lehnen wollte, Juden und Christen wurden ihm leihen auf sein blank Angesicht. Sonst gibt man den Studenten kein Geld, sie studiren weltlich oder g e i s t l i c h ! Warum denn nicht? Sein gerader Weg macht ihm Credit uberall. Wenn was zu sehen ist und es ist Wache ausgestellt, Er kommt, gleich ist die Pforte offen, ich hinterher, wie Ew. Wohlehrwurden leicht denken konnen. Jeder Vater, der ihn ansieht, mochte ihm seine Tochter geben, und jede Tochter, das wollte ich wetten, mochte ihn auch gerne mit Herzen, Mund und Handen! Das lasst er aber bleiben. Er wird sich durch keine in Gott andachtige Jungfer anstecken lassen; ob er aber ohne Protokoll abkommen wird, zweifle sehr! Wer hier ein gutes Herz hat, kann an ein Protokoll kommen, weiss nicht wie! Selten, glaub' ich, ist jemand, der nur mit dem Stempelpapier abkommt, wie ich, wofur ich Seiner Gestrengigkeit grossen Dank sage und es zu ruhmen wissen werde. Lieschen ist einundzwanzig Jahr alt, und bis auf das Sohnchen ein vortreffliches Madchen. Hoffe, dass das Kind ihr Gemuth haben werde und nicht des liederlichen Burschen. Sonst sollte mirs doch wohl um die paar Groschen leid thun, die ich meinem Munde entziehe: der Magen verliert nichts daran. Ob Ew. Wohlehrwurden Dero Abkommling kennen wurden in seiner gelben Weste und Hosen? Konnte wohl schwarz seyn, wird auch, will's Gott, werden. Gegen die Konigsberg'schen Jungfern, ist gleichviel ob grunes oder durres Holz, ist er wie Eisen und Stahl. Weiss nicht, wie es kommt! Wunschte, dass ich gegen Lieschen auch so ware. Bin's nicht! Weiss nicht, wie er auf gelb gefallen; keine sonderliche Farbe. Hat aber seine Grillen! Habe ihn zuweilen mit sich selbst reden gefunden und recht laut; sagt, dass es alle Leute thaten, die sich stark was einbilden konnten. Mir wurde grauen, wenn ich allein seyn und reden sollte. Denk', es konnte sich doch was melden, und da war' ich ubel dran. Ob er zur Uebung mit Tisch und Stuhlen katechisirt, weiss nicht; mochte erfahren, was Ew. Wohlehrwurden von diesem Gerede denken? Ob Roschen oder Knospchen? sagt der Katholik; allein grosser Unterschied! Ist's denn gleich, fein zuchtig sich gehalten, oder Scham und Schande verloren und sich weit und breit jedem darstellen, der's begaffen und beriechen will? Ew. Wohlehrwurden werden meiner Schwester Trinchen diese Rosengeschichte nicht aufblattern. Sie und Hannchen liegen sich immer an den Ohren. Hatte zwar Hannchen halber die in Gott andachtige Jungfer je eher je lieber ehelichen konnen, da ich kein Buch und Tuch aufs Gewiss gegeben; Ein Hannchen aber ist mehr werth als zehn andachtige Jungfern. Werde schwerlich Hannchen zum ehelichen Gemahl nehmen.
Von Wahrzeichen weiss Ew. Wohlehrwurden wenig oder nichts zu sagen, ausser die schone Aufschrift an einem Hause, die meine Herren sich den Tag wohl zehnmal abfragen und abantworten. Der eine fangt an:
Klimm, schlafst du?
Der andere antwortet:
Treu', Glaub', das Recht und das rechte Recht,
Die haben sich alle vier schlafen gelegt!
Nun komm, du lieber Herre,
Und erweck' sie alle viere.
Zwar sind diese Worte im platten Deutsch, welches man so gut wie das Curische undeutsch heissen konnte; hab' indessen Ew. Wohlehrwurden mit diesem platten Deutsch nicht schwer fallen wollen, wohl wissend, was Ew. Wohlehrwurden schuldig bin. Mir ist in dieser Aufschrift so was vom lieben jungsten Tage, dass ich das Haus bei Mondschein nicht ohne Schauer vorbeilaufen kann, wo diese Jungstetagesschrift angeschrieben ist. Gehen konnt' ich nicht vorbei, um Tausende. Da dunkt mich immer, K l i m m regt sich. Wenn Ew. Wohlehrwurden mir bei guter Gelegenheit zu erklaren die Gute hatten, wie das Recht und das rechte Recht von einander waren, wurden Ew. Wohlehrwurden Ihrem Diener ein grosses Licht anzunden. Mein zweiter Herr liess sich zwar verlauten, dass das Recht im Buche, das rechte Recht im Herzen und im rechten Herzensfleck, im Gewissen, angeschrieben stunde, und dass, wo viel R e c h t ware, oft am wenigsten r e c h t e s R e c h t s e y ; das mag aber wohl er und Klimm verstehen, ich begreife da kein Wort.
Der Konig soll sich alle Muhe geben, Recht und rechtes Recht in sein Land zu ziehen, sowie es alle Fremde gut bei ihm haben; allein noch soll K l i m m schlafen. A n R e c h t s o l l es, wie man hort, nicht fehlen; mag wohl am r e c h t e n R e c h t ! Hoffe wohl fur mein Theil ungeschlagen, auch selbst ohne blaues Auge davon zu kommen, da ich das Protokoll in Handen habe. Sollte glauben, dass vor dem lieben jungsten Tag Treu', Glaube, Recht und das rechte Recht schwerlich aufwachen werden! Diesem seligen Tage sehe mit allen frommen Christen entgegen. Wunsche gar andachtig, Ew. Wohlehrwurden desselben Tages fruh Morgens um drei Uhr einen schonen guten Morgen sagen zu konnen. Sollte denken, dass ich d e n K l i m m alsdann ohne Schauer bei Mondschein sehen werde!
Mein erster Herr sagte gestern gar eben, die Hoffnung sey der Steigbugel, woran wir uns halten, und das gefiel mir nicht ubel. Bedaure nur, dass Ew. Wohlehrwurden nicht reiten, um diess Gleichniss probiren zu konnen. Muss bekennen, dass sich mein erster Herr durch meinen zweiten Herrn sichtbarlich verklart, wie aus dem Steigbugel zu sehen. Hat mir seine Antwort gefallen, die er gestern gab. Sie mussen schon das Auge zumachen, sagt' ihm jemand. Das thue ich nur, erwiederte er, wenn ich schlafe.
* * *
Das ubrige, was Freund Gottfried meiner Mutter
zugeschrieben, stellenweis. Ueberhaupt ist mir diese Beilage in die Hand gefallen, ehe ich's mir versah. Ich hatte meinen Lesern ein ganz anderes C bestimmt, womit es mir indessen freilich wie dem Gottfried mit den grossen und kleinen Buchstaben gehen konnen. Ich wunschte herzlich, dass ich dem Buchstaben C durchs gegenwartige Briefbuch nichts vergeben hatte, dessen mein Vater sich als eines Unterdruckten und Nothleidenden angenommen. Er war's, der den Candidaten ohne C widerlegte und diesem Buchstab das deutsche Burgerrecht verlieh, welches ihm meine Mutter zur Gerechtigkeit rechnete, obgleich der l e t t i s c h e D i c h t e r P a u l G e r h a r d kein Lied mit C angehoben, welches ihm meine Mutter nie ganz vergeben konnte. Dass ich Worten, denen respective grosse und kleine Buchstaben gebuhren, diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, und dieses Briefbuch mehr leserlich von dieser Seite gemacht, sey fur die Buchstabenhelden gesagt.
Konigsberg, den
Der Konig hat sich in den Kopf gesetzt, die Sperlinge zu vertilgen, und es ist ein Befehl ausgeschrieben, dass jedes Mannlein eine gewisse Anzahl Sperlingskopfe jahrlich einzuliefern verbunden. Ohne den Willen des himmlischen Vaters, der doch am besten wissen muss, wozu ein Sperling gut ist, fallt keiner. Ware ich wie der Konig, liess ich keinem den Kopf abdrehen. Ew. Wohlehrwurden sollten nicht glauben, wie viel Sperlinge dieser Verfolgung unerachtet in Preussen sind, besonders in den Kirchenmauern, wohin die armen Dinger sich retten und fliehen. Da sieht man doch, dass es nicht ganz gottlose Geschopfe sind. Vor wenigen Tagen hielt mein zweiter Herr den Sperlingen eine Vertheidigung, wobei er auch vom Morgen- und Abendsegen der Raben sprach, die andachtiger auswendig beten mogen, als Lieschen aus der in Gott andachtigen Jungfer. Kann das Madchen nicht aus den Gedanken bringen. Besonders des Nachts gaukelt sie mir vor den Seelenaugen! Hoffe indessen, mit der Zeit sie gar vollig los zu werden. gebe, von welchen die Sperlinge den Boden reinigen. Habe nie gewusst, was eine Insel sagen wolle; b e i d i e s e r Sperlingsgelegenheit auch erfahren. In England kann man Thiere ausrotten, als Baren, wilde Schweine, Wolfe; aber Vogel zu vertilgen, muss man in England bleiben lassen. Mochte wissen, was Ew. Wohlehrwurden von Preussen und den Sperlingen denken, von denen doch ein Paar im Kasten Noah gewesen ?
Ha der Betruger! Lieschen ist so schuldig nicht, als ich glaubte. Er hat sich durch keinen Schrei abschrekken lassen, wie andere wohlgezogene Gemuther! Hat ihr ein seines Briefchen von seiner Mutter gezeigt, die gar hochlich froh uber solch eine Schwiegertochter gethan! Mich hat der Bosewicht, mit Verlaub zu melden, einen Kosaken genannt. Mochte wissen, ob so etwas nicht zu bestrafen? Furchte nur, dass nicht ohne Stempelpapier abkommen wurde. Hat einen Nickel verkleidet, der, als seiner Mutterschwester, Lieschen gar lieblich begrusst, und nun ist Mutter und Mutterschwester nicht zu sehen, nicht zu horen. Glaube auch, dass der Bosewicht, der still wie ein toller Hund hinschleudert, sich unsichtbar machen werde. Mich einen Kosaken? Mochte nicht einmal ein Katholik seyn, wenn Papst werden konnte, so doch ein gutes Stuck Brod ist. Habe es meinem zweiten Herrn erzahlt, wundert sich darob, dass alles wie aus einem Buch genommen ware. Habe es von Lieschen, die es mir mit Thranen erzahlt hat, und konnte ich nicht umhin, herzlich mitzuweinen. Was das Madel den Tanz bedauert, wozu ich die Musik bezahle, ist nicht auszusprechen. Habe Lust, das Protokoll zu zerreissen und dem Kinde meinen Namen zu geben. Ob ich das Protokoll zerrissen zuruckbehalten werde, weiss nicht! Wollte das Kindlein Ew. Wohlerwurden gottesfurchtig empfohlen haben, wenn ich unterwegs bleibe. Die Mutter ist seit gestern so voll Busse, dass, wenn sie nicht etwa eine neue Unthat bereut, welches Gott verhuten wolle, sich ein Stein uber sie erbarmen konnte. Bittet, Ew. Wohlehrwurden auf allen Fall ihres Kindleins halber zu grussen. Hoffe, dass Hannchen, wenn gleich sie's erfahrt, bedenken wird, dass Tanz und Musik zweierlei ist.
Habe gestern eine Wallfahrt mit meinen beiden Herren zu Fuss gehalten nach der alten Stadt und deren Kirche, wo der Sohn des seligen Dr. Luther, J o h a n n e s genannt, begraben liegt. Werden auch wohl in Ferien nach M u h l h a u s e n , ein paar Meilen von hier, reisen wo seine Tochter schlaft. Man zeigt noch ihre Knochen in einem kleinen Sarge. Soll gut fur Kopfschmerzen seyn.
Will Ew. Wohlehrwurden ein paar Geschichtlein nicht verhalten, die hier viel Redens gemacht in Lehr-, Wehr- und Nahrstand, wie Ew. Wohlehrwurden die Christenwelt bedachtsam eintheilen.
Ein armes Weib, die in einem benachbarten Flekken mit Brod ausgesessen, ist allda vor Hunger gestorben. Will viel sagen, frisches Brod riechen und nicht begehren seines Nachsten frisches Brod! Ihr Brodlohn hat sie ihren zwei unerzogenen Kindern zugewendet, welche der selige Mann ihr zuruckgelassen! Wollte nicht in diesem Flecken wohnen! Muss Hagelschaden kommen und Misswachs!
Da geht ein gedruckter Mann in die Kirche nach Trost. Findet ihn! Der Pastor predigt recht nach seinem Herzen; nun geht's an eine Collecte fur eine abgebrannte Kirche. Die Kirche hat nicht Fleisch und Bein, wie ich habe, sondern Stein und Kalk, und ist nicht mein Nachster, wie ich glaube. Der arme Mann will zur Thur hinaus, ehe die Kirchenaltesten die Sammlung anheben. Siehe da! die benachbarte Thur ist verschlossen; und so muss er durch die ganze Kirche, und alles zeigt ihm mit Fingern nach. Er hatte nur einen Gulden in seinem ganzen Hause, und funf Kinder, die nach Brod den Mund aufsperrten. Mein zweiter Herr behauptet, dieser Trostlose hatte mehr gegeben, wie sie alle, obgleich er nichts gab. Er liess sich schnode mit Fingern nachweisen. Wenn es doch mit dem Gulden wie mit dem Oelkruglein ginge. Gott geb's.
Hab' mir noch einige Knoten in's Schnupftuch gemacht.
Ein armes Weib bekommt drei Kinder, und hat nur mit genauer Noth ein Hemdchen vor ihrer Niederkunft zusammengebracht. Wie das dritte kommt, ringt sie die Hande. Das arme Weib will die beiden jungsten nackt taufen lassen! Der Prediger gab nichts als drei Segen, und wollte auch fur drei bezahlt seyn. Was aber die Leute, ohne dass sie Gevattern waren, dem armen Weibe zugewandt, ist nicht zu beschreiben! Mussen doch noch mehr Gerechte hier seyn als in Sodom, wenn gleich man mit "U n s i s t g e b o r e n e i n K i n d e l e i n " vor den Judenthuren hausiren geht, eine Wascherin einen Kohlenbrenner heirathet, eine Herrenhuterin Putz macht, ein stimmloser Candidat fur Juden und Heiden Predigten fabricirt!
Ein grosser Knoten! Meine Herren klagen alle Morgen uber die schlechte Milch. Freilich sieht sie aus, als kame sie von einer der sieben magern Kuhe. Doch liegt's nicht an der Kuh und wird sie mit Wasser von den Madchen verfalscht, die sie ausschreien! Da geht eines dieser Milchmagdlein, und der Wind reisst ihr ihr rothes Tuch vom Halse, und nimmt es mit ins Wasser! Weg ist's! Da steht sie mit blossem Busen, wie die junge Frau, die nackt gehen wollte. Vom Wasser kommt's, zu Wasser geht's! So gewonnen, so zerronnen, sagten die Leute, und Ew. Wohlehrwurden werden diesen grossen Knoten verzeihen.
Es ist eine extra-fromme Schule, wo ein Knabe gefragt wird: wer ist dein Vater? Soll antworten: der Teufel, wie es geschrieben steht; der Junge ist so dumm und sagt: Erzpriester in ; ist daruber hart angesehen, wie er's auch wohl verdient hat.
Habe so viel von einem grossen Gelehrten erzahlen gehort, der im grossen Weinfass seine Wohnung genommen, und sich uber alles aufgehalten, was ihm zu nahe gekommen. Ein Mann desselben Schlages ist allhier befindlich. Seiner Profession ein Jude. Sagt allen Leuten eine trockene Wahrheit, hat nur den Fehler, dass er betrugt, wie andere. Mag wohl der Fassgelehrte auch nicht ohne Tadel gewesen seyn.
Das Pflaster einer der besten Strassen wird gebessert. Was wollt ihr? fragt der Jude, da sie mit Spaten und Steinen kommen. Die Gasse ausbessern! Das geht nicht mit Steinen, sondern mit Friedrichsd'oren. Eine Munze, die hier funfzehn Gulden gilt, und der der Konig seinen Namen gegeben hat. Ist doch nur ein Stuckchen Gold, und Ew. Wohlehrwurden sollten Lieschens schonen Jungen sehen! Ich denk' ich zerreiss das Protokoll und verwerfe die Stucke.
Der Jude ist ein sonderbarer Kauz! "Hangt ein Jude," sag er, "wem kommt's wohl ein, zu schreien: Da hangt ein Dieb! da hangt ein Jude! sagt jeder."
Was habt Ihr das Jahr? gestrenger Herr, fragt er einen Richter. Bald viel, bald wenig, wie es fallt, erwiederte der gestrenge Herr. Sporteln meint Ihr doch? fugte der Richter hinzu. Nicht doch beschloss der Jude, Fluche und Segen.
Der Reiche, hat er sich verlauten lassen, ist ein Kettenhund des lieben Gottes, den er an die Kisten und Kasten gestellt hat. Der Reiche bezahlt fur den Armen; dieser geniesst, jener tragt die Kosten.
So geht's, sagt' er, da jemand fuhr, der sich durch einen wohlthatigen Bankerott bereichert hatte; der Herr fahrt, weil er sich vergangen hat.
* * *
Eine Hand wascht die andere. Gottfried hat fur mich ein gut Bekenntniss gethan, und ich kann ihm mit gutem Gewissen Gleiches mit Gleichem vergelten! Es war kein Augendiener, sondern einer von Herzensgrunde. Wissbegierig bei mittelmassigen Fahigkeiten. Ein seltener Fall. Ost vergass er aus Achtsamkeit dem koniglichen Rath den Teller zu nehmen, und bald gab er ihm Salz fur Pfeffer und Essig fur Zucker. Der konigliche Rath liebte alles sehr suss. Gottfried horte uberhaupt mehr, als er sah; war nicht etwa ordentlich, sondern peinlich. Es verdross ihn nichts mehr am J u n k e r G o t t h a r d , als dass er die Groschen und Pfennige oft unberechnet liess. Herzlich freute er sich uber meine Bemerkung: Bruder! zum Kaufmann und tiefen Gelehrten hast du keinen Beruf; die berechnen Pfennige. Dichter aber konntest du werden. Nach Noten, erwiederte Junker Gotthard! Gottfried lachelte und dachte vielleicht innerlich, zum tiefen Gelehrten mehr Anlage zu haben, als der gnadige Herr!
Zuweilen ubertrieb Gottfried diese Anlage. Wenn er Spielgeld wegtrug, bestand er auf eine Quittung, woruber er einmal bei einem Haare aus dem Regen in die Traufe gekommen ware. Einen gastfreien Ausdruck nahm sich Gottfried nicht ubel, und kam immer mit heiler Haut davon, wenn gleich er zu weit ging. Seine Rechtschaffenheit blickte uberall durch. Jeder nahm Partei, sobald er ihm in's Gesicht sah. Da er sich im Schreiben zu uben Gelegenheit hatte, glaubte er auch im Denken es weit gebracht zu haben. So geht es mit solchen Leuten, und was schadet es, dass es so geht? Man kommt oft mit Erfahrungsbegriffen weiter als mit Vernunftbegriffen. Bei jenen ist man unternehmend, nichts ficht uns an; bei diesen alle Augenblick ein Querstrich, ein Seitensprung. Die Vernunft ist nicht jeder Sache gewachsen, und kann manches Gehege nicht durchbrechen, wo die Erfahrung sich Bahn macht! Die Baarschaft seiner Seelenkraft ergibt sich aus seinem Briefe. Ich habe den grossten Theil seines langweiligen Briefbuchs abgesichelt. Was hindert er das Land? Seine Bemerkungen uber Danzig gehen alle auf das Glockenspiel heraus! In Berlin hat er keine in Gott andachtige Jungfer mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Handen gefunden. L i e s c h e n ist todt, ihr Kind hat Gottfried nach seinem Namen genannt, und das Protokoll nicht etwa eingerissen, sondern verbrannt. Noch eine Stelle finde ich in seinem Briefbuche, die lesenswerth seyn durfte.
Es ist allhier Sitte, dass man d i e v o n G o t t e s G n a d e n o d e r U n g n a d e n , wie es die Leute nennen, in den Wirthshausern zu jedermanns Achtung, sonderlich denen daran gelegen, aufknupft. Da hing ein ganzer Codex (meine Herren nannten es so) am Nagel, und es gefiel meinen Herren die Art, den Codex an den Nagel, zu hangen, woruber der Wirth selbst lachte, da man ihn darauf brachte. Sein Schwager, der das Bier zu versuchen gekommen war, hatte noch einen tuckischern Einfall, den ich Ew. Wohlerwurden mittheilen will. Mein adelicher Herr that die Frage: Nun, Ihr haltet doch diese heilsamen Verordnungen, oder von Gottes Gnaden, wie Ihr sie nennt? Junger Herr, einer halt sie im ganzen Dorfe. Gott verzeih' mir meine schwere Sunden! Da fiel mir der Jungling ein, der alle zehn Gebote gehalten hatte von seiner Jugend an. Ha! dachte ich, das wird wohl so ein Enkelchen dieses Junglings seyn, und freute mich, dass beide Herren fragten: wer? denn hatten sie nicht gefragt, so hatte ich es gethan. Wer? Der Nagel, antwortete der Bauer, und sah nach oben, als ob seine Antwort auch an dem Nagel hinge.
Aus dem namlichen Fasse des judischen Diogenes. Nicht wahr? Ein besonderer Geschmack darin! Es schmeckt nach dem Fasse.
Hier sagt man, schreibt Gottfried, mutterseligallein; habe es in Curland nicht gehort. Mein zweiter Herr ist gleich mit einer Erklarung da. Will es von den sechs Wochen verstanden haben, da der Mann sein Weib, wenn er sie gleich noch so liebt, allein lasst, und wo sie doch allein so selig in der Mutterfreude ist, dass sie nichts mehr begehrt. Liese, fugte er hinzu, hat nur drei Wochen gehalten. Mochte wissen, wenn nach dem betrubten Sundenfall die sechs Wochen aufgekommen?
* * *
Meiner Mutter Lieblingswunsch war: Gott thue wohl den guten und frommen Seelen! und so schliesse ich auch diese Beilage C. S o l d a t . Ob mein Vater den rechten Weg eingeschlagen, mich zum Soldaten zu erziehen, mogen Feldherren und nicht Kunstrichter bestimmen. Dass ich mich aber selbst nach dieser Lebensart, nur erst da Mine todt war, herzlich gesehnt, ist ein Umstand, den ich zur Steuer der Wahrheit, sonder Arglist und Gefahrde, hie und da zu erkennen gegeben. Nie wurde ich diese Sehnsucht befriedigt haben, wenn es nicht dem Herrn uber Leben und Tod gefallen, meine liebe, theure Mutter aus der streitenden Kirche dieser Welt in die triumphirende zu versetzen und zum ewigen Frieden in sein himmlisches Reich zu bringen, wo Ruhe ist. Sie warf zuweilen die grossmutterliche Frage auf: Ob es in der andern Welt zwei Geschlechter geben wurde? und mein Vater, der sich in solche Fragen nie einliess, brachte sie auf die himmlischen H e e r s c h a a r e n und liess das gute Weib im Stich. Sie war wirklich auf dem Wege zu glauben, dass dort nur mannliches Geschlecht seyn wurde! Indessen erklarte sie die Spruchstellen, welche die Engel als s t a r k e H e l d e n , a l s e d l e S t r e i t e r , als Hulfsvolker der Menschen darstellten, in der Art, dass man in der andern Welt sich recht emsig bemuhen wurde (dem Wort: exerciren, wich sie glucklich aus), Gott zu loben! Der Engel aber, sagte mein Vater, der in einer Nacht einhundert funf und achtzig tausend Mann schlug? "Das war durch eine Feldpredigt." Und der mit dem Schwerte vor dem Paradiese aufzog? fiel ich ein. Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.
Ohne dass man wusste, ob diese vortrefflichen Worte auf den Cherub oder mich gingen.
Noch nie bin ich uber etwas so stimmig gewesen, als uber die Ausfuhrung des Entschlusses, Soldat zu werden. Es war gottlicher Ruf. Ich hatte nicht nothig, die goldene Regel von zwei Loosen in Anwendung zu bringen und in eines flugs J a und ins andere flugs N e i n zu schreiben, sie einander gleich zu machen, eins zu greisen, und zu thun, was ich gegriffen. Es war alles Ja in mir, und Amen in mir, und wahrlich, ich empfand, dass ich eine Stimme zum Adler und Lowen hatte, die meine Mutter nur Basspastoren erlaubte, dagegen sie der gutigen Meinung war, dass auch ein Discantist schon ein Thierchen fur sein Stimmchen in der Bibel finden wurde!
Der preussische Dienst hat so viel Anziehendes fur mich, dass ich lange kampfen musste, wo ich den Tod, den lieben Tod suchen sollte. Da fiel mir noch zu rechter Zeit ein Gesprach ein, das der Professor und der Officier beim koniglichen Rath uber diese Materie gehalten. Es ward von einem jungen Manne gesprochen, welcher durchaus und wider seiner Eltern Willen, wie es der Professor hiess, dem Kalbfell und nicht den Prolegomenen der Metaphysik folgen wollte.
Der Kalbfell-Ausdruck fiel dem Officier auf. Er forderte den Professor. Hier ist das Duell:
Und wenn er will?
Der Verstand ist frei!
Der Wille nicht?
Wer sich auf den Verstand verlasst, was thut der?
Alles!
Mit der Feder?
Mit dem Kopf uberall der Soldat. Freund! ich lasse Ihrem Stande alle Gerechtigkeit widerfahren; ich lasse ihm den Degen und, wenn Sie wollen, die Hand.
Und Willen?
Meinetwegen! wenn mein Stand den Verstand behalt, hat er gewonnen Spiel. Den Verstand
Bitte zu behalten. Gegonnt von ganzem Herzen. Mit Verstand ist nicht viel anzufangen; aber was konnen Sie denn meinem Stande nachsagen?
Cain schlug seinen Bruder Abel todt, war der erste Alexander der Grosse, der erste commandirende General-Feldmarschall, ein Allerdurchlauchtigster Ueberwinder, Sieger aller Sieger!
Und das Zeichen, das ihm Gott an die Stirn hing, gelt?
Das war wohl, nach Ihrer Meinung, ein Gnadenkreuz, ein Orden?
Wenn Sie wollen; wenigstens schutzt manches Gnadenzeichen den Trager, dass man ihn nicht Morder schilt.
Gewonnen!
Noch nicht. Gott schuf Weiber und Manner; allein viele Manner sind Weiber, und viele Weiber Manner. Es gibt Leute, die den Baum sein hoflich wegbiegen, und Leute, die ihm gerade entgegen trotzen; Leute, die bitten, und die fordern.
Fordern, Freund? Was haben wir denn Welt auf Welt abzufordern?
Die ganze Welt!
Oder nichts, als uns selbst. Ein jeder hat den Ort, wo er steht, den Platz, wo er seine Ruben Pflanzt.
Und wer ihm das nimmt?
Ist sein Feind!
Also Krieg und Soldat!
Vor dem die steinerne Tafel sub B, die von der Liebe des Nachsten handelt, ihn schutzt: Was du nicht willst, dass dir andere thun, thue andern auch nicht.
Und wenn trotz der steinernen Tafel sub B doch ein solcher Thater ware?
Dann alles wider ihn, bellum omnium contra unum, solum, totum.
So ware das menschliche Geschlecht eine Familie, wo der liebe Gott Hausvater ware. Staaten sind unserer Herzenshartigkeit wegen, und Soldaten?
Traume, Freund! Wir wollen nicht im Schlaf reden.
Ists Schlaf? Ists Traum? Wie gern gabe ich, wie der Astronom, den Tag um diese Nacht! Glauben Sie nicht, Freund, dass einmal eine Heerde und ein Hirte seyn wird? Dass die Bocke ausgestossen und die Lammer gesammelt werden konnen? Es gehen viele Lammer in einen Stall! und in Wahrheit, die Erde ist so ein kleiner Stall eben nicht, dass nicht jedes Paar sein Konigreich, sein Haus und Hof, seinen Acker haben und sich begnugen sollte mit dem, was da ist! Wir haben nichts in die Welt gebracht, und ist gewiss, dass wir auch nichts Herausnehmen werden. Der Mensch, wenn er todt ist, hat mit wenig Spannen Erde genug, und wenn er lebt, schwebt und ist, braucht er ein paar Spannen druber. Man sollte nach Spannen messen. Die verdammten Meilen, sie mogen deutsche oder englische, oder seyn, so sind es Wege, die den Menschen aus dem Menschen hinausfuhren. Die Soldaten sind eigentlich die Meilenzeiger. Sie haben alles Ungluck in die Welt gebracht, sie erhalten es und werden es so lange erhalten, bis die Menschen so klug werden, dass sie kein Herz mehr haben; dann wird sich alles von selbst geben!
In den ersten funftausend Jahren wohl nicht, und da unser Leben siebenzig wahret, wenns hoch kommt achtzig, lassen Sie uns die Welt nehmen, wie sie ist, und den Soldaten Soldaten seyn!
Aber das Bewusstseyn, dass er uberflussig ist, dass die Welt ohne ihn seyn konnte und, was noch mehr ist, glucklicher seyn wurde ha! solch Bewusstseyn thut weh.
Kann nicht sagen! Was wurden denn die Herren Gelehrten in diesem Paradiese vorstellen?
Bewahrer der Labe des Bundes, wo geschrieben steht: Was ihr nicht wollt, dass die Leute euch thun, das thut ihnen auch nicht.
Lieber Freund! Zu so einem kleinen Bundesladchen hat jeder in seinem Hause Platz, ohne den Gelehrten Miethe bezahlen zu durfen.
Nun! so mag alles dahin fahren! Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sey gelobet!
Und gebenedeiet! Kurz und gut, lieber Professor! Gesetze ohne Vollstreckung sind Professores ohne Studenten!
Zur Vollstreckung sind hundert Mann genug.
Nachdem die Unterthanen sind, viel oder wenig, ruhig oder unruhig.
Man weiss nicht, ob Julian die Christen, oder die Christen den Julian verfolgt. Die Sterbescene an seinen Ort gestellt, da Julian eine Handvoll Menschenblut mit den Worten gen Himmel warf: Endlich hast du, Galilaer, doch uberwunden!
I c h . Julian?
Die wenigsten Unterthanen lassen es bis zur Execution
Und die Nachbaren?
Mussen denken wie wir!
Mussen? Und wenn nicht?
Greift der Burger nach seinen Waffen.
Der Professor nach dem Studentendegen.
Hat es denn nicht militiam civicam gegeben?
Schneider zum Beispiele.
Fleischer, Schlosser, Schmiede, unsere Fuhrleute
Ganse zur Leibwache furs Capitolium
Was ich bei dieser Unterredung fur vernunftige, lautere Milch in Absicht meines Entschlusses eingesogen, wird jeder selbst einsehen. So lange die Welt so ist, wie sie ist, scheint der Soldatenstand so etwas Mannliches, so etwas Rustiges an sich zu tragen, dass ich keinem jungen Menschen, falls er nicht eine M i n e hat, verarge, wenn er dem Kalbfell folgt, so wenig wie dem Sokrates, dass er zwei Schlachten pro patria et gloria ubernommen. Der Gebrauch, dass man das Kind die Semmel erst mit einem Pfeile treffen liess, ehe man ihm solche bewilligte, hat er nicht sein Gutes? Und wer kann meinem Vater das Alexanderspiel vorrucken? Man sieht den Krieg als einen Staatsaderlass an, und vielleicht nicht ohne Grund. Der Professor war der Meinung, so wie es alle Schulmanner sind, der Peditatus, das Fussvolk, sey der Kern, die Phalanx der Armee. Weil die Alten dafur gewesen, sagte der Officier, und weil die Schulofficiere selbst alle Peripatetiker, Spazierganger sind. Der Officier war ein Reiter. Ein Pferd ist freilich ein geborner Soldat unter den Thieren, und kann es vom Reiter mit Recht heissen: doppelte Schnur reisst nicht; indessen war ich mit dem Professor sehr furs Fussvolk. Kein Wunder, da ich Student war. Ich blieb aber auch dieser Meinung, weil ich in der Jugend schon bei der Infanterie gedient und einen ruhmlichen Abschied als Alexander erfochten. Fusssoldaten sind die Richter, die das Urtheil aussprechen; die Reiter vollstrecken es nur.
Dass doch der gutige Himmel diess Kranzchen beim koniglichen Rath in Frieden erhalten wolle! Nach meinem letzten Briefe aus Konigsberg lebt er noch, der Prasident desselben, dieser Mann mit einer offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn im Kleinen, allein doch ganz sah, dieser Mann, der in den Mond und auf ein Grab sehen und weinen konnte.
Es gehort, sagte der konigliche Rath, Minister und General zum Kriege; einer, der das Pulver erfindet, und ein anderer, der es braucht; und diess kam dem Professor wie gerufen. Was will denn der Soldatenstand? sing er an. Erfand nicht ein Geistlicher das Pulver? Und hat nicht Daniel einen Traktat von der Cavallerie geschrieben? Der Officier hatte, das sah man ihm an, den guten Mann nicht ohne ein W e r d a ? gehen lassen, wenn nicht Daniel eben von der C a v a l l e r i e geschrieben. Das brachte ihn durch.
Ueber die fremden Worte beim Exerciren war der Officier am verlegensten. Die Herren, sagte der Professor, sind alle deutsche Briefe mit franzosischen Aufschriften. Fur ausbrechen, fortgehen, sagen sie marschiren, fur Schlacht Bataille, fur Rittmeister Capitain, fur Rottmeister Corporal, fur Feldwebel Sergeant. Warum denn nicht Feldherr, sondern General? Von den Polen konnen wir deutsch lernen; da gibt's allein Gross- und Unterfeldherrn. Zwar, fuhr der Professor fort, haben die Herren freilich auch ihre deutschen Kunstworter. So heisst z.B. der Teufel hat ihn geholt, in unserer Sprache: er ist sanft und selig im Herrn entschlafen! aber W e r a n d e r e j a g t , fiel der Officier ein, w i r d s e l b s t m u d e ; und der Professor wie ein Kanonenschuss: Man muss sein Geld nicht in einen Kasten werfen, wozu man den Schlussel nicht hat.
Ausser in den Gotteskasten, sagte der konigliche Rath.
S o l d a t ! aber wo? Eigentlich ist man Soldat furs Vaterland. Da Curland indessen kein Vaterland ist, oder da Curland keine Soldaten halt, so war mir die ganze Welt offen. W o ? dachte ich. Der gute Officier, ohne zu wissen, was ich dachte, sprach ohne Ende und Ziel von der uberwiegenden Wurde eines preussischen Soldaten. Ueberzeugt, dass er mit drei Mann dreitausend schlagen konnte, so dass kein Gebein von ihnen auf dem andern bleiben sollte, war ihm Alexander nicht gross. Alexander nicht? Der Professor sagte an einem tapfern Tage: Gewiss hat ein preussischer Trompeter die Mauern von Jericho zu Schanden geblasen. Unser Reiter lachelte. Wissen Sie, Freund! fuhr er fort, die Unterredung des grossen Alexander mit dem Seerauber, der sich so nahm, als waren sie Kriegscameraden? Der Reiter lachelte. Als Alcibiades, sagte der Reiter, erfuhr, dass die Athenienser ein Todesurtheil uber ihn ausgesprochen, sagte er, lasst uns ein Lebensurtheil eroffnen, und diess Urtheil in Rechtskraft setzen. Alcibiades, lieber Professor, zeigte dass er lebte.
Der Professor schwieg, ohne zu lacheln. Ich wurde unserm Reiter, der wahrlich ein deutscher Brief mit einer franzosischen Aufschrift war, die Verachtung des grossen Alexanders verziehen haben, obgleich Alexander mein Verwandter war, und worden seyn, wie er Einer, wenn nicht zu allem dem noch ein Vademecum von Werbgeschichten gekommen ware, die der Reiter in Bereitschaft hatte, und die mehr interessiren, als die im Druck erschienenen L i s t u n d lustige Begebenheiten der Herren O f f i c i e r a u f W e r b u n g e n . Es ist bekannt, dass Preussen fur seine Kriegsmacht zu wenig Vaterlander habe, und dass durchaus auf Fremde Rucksicht genommen werden musse. Mein Herr, sagte ein Witzling, braucht nicht K i n d e r , sondern Manner, als man von der Unzulanglichkeit der preussischen L a n d e s k i n d e r sprach. Kann man aber vom Witze sagen, dass er seinen Mann halte? Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, bemerkte der Professor uber diesen Gegenstand. Es kommt viel darauf an, wie man ihn tragt, erwiederte der Reiter. Mag seyn! Was kann denn aber ein Fremder fur innerlichen Beruf fuhlen, fur ein fremdes Land zu siegen, oder zu sterben? Sollte man es nicht fur eine Art von Blutschande halten, wenn Fremde fur Geld und gute Worte Blut und Leben in die Schanze schlagen? Freilich geben auch zwei kalte Steine Feuer; allein man muss sie lange reiben; mit einem eilfertigen: Fertig, schlagt an, Feuer' ists hier nicht gethan. Zur Zeit der Anfechtung fallen die Miethlinge ab! Gut, sagte der Reiter, dass der Spreu vom Kern stiebt! allein noch besser, wenn keine Spreu mehr da ist. Der Professor! Sollen Werbungen seyn, warum denn list- und lustige Begebenheiten dabei? Ists denn so unrecht, wenn ein mit List und Luft Geworbener sich mit List Ein Officier, der aus List und Luft in gemeiner
Bei grossen Handlungen ist kein Stand merklich. Man sieht den Menschen nicht vor der That. Jetzt, da beide unter Dach waren, sah der Officier, dass die Seele seines Lebensverehrers weit uber dessen Stand ware! Der Gerettete liess auftragen, was das Haus vermochte. Macht nur den Versuch, es kommt nur auf euch an, wie ihr den gemeinen Mann haben wollt. Ihr habt den Stimmhammer zu seinen Gesinnungen in euren Handen!
Der Officier, so wenig zum Stimmen aufgelegt, dass er bis auf eine sehr kleine Cultur tief unter seinem Retter stand, verhielt sich herrlich zu ihm. Man ass und trank, und ward, wie der Reiter sich ausdruckte, von innen so nass wie von aussen. In diesem ausgelassenen Vergnugen nothigte der Officier seinem Erretter ein Versprechen ab, das sogleich durch eine rothe Binde in Rechtskraft gesetzt ward. Unser Reiter nannte diese Erzahlung einen Wasserfall und that so listig und lustig dabei, dass es jedem von uns wie ein zweischneidiges Schwert durch die Seele ging.
Wenn das der Konig wusste, sagte der konigliche Rath! Wenn? erwiederte der Reiter; was fur ein Federleser wird es ihm denn melden? Da niemand das Wort nahm, fuhr der Reiter fort: Nachdem es fallt. Was fur Collision ist denn hier, wenn man die Sache beim rechten Zipfel fasst?
Ich wunschte, diese zweischneidige Geschichte so kalt erzahlt zu haben, als sie der Reiter erzahlte, der mir in diesem Augenblick mit seiner List und Lust wie ein Menschenhandler vorkam! Er glaubte, dass der Retter nicht hoher, als durch eine rothe Binde belohnt werden konne, da er aus einem Sklaven ein Gebieter worden! Wie man alles in der Welt nehmen kann! Das Copernicanische System scheint paradox und ist doch das wahrscheinlichste! Der Retter war freilich ein gemeiner Mann; muss man denn aber einen Degen tragen, um glucklich zu seyn?
Ich dachte nicht mehr w o ? Die Russen konnen von Riga aus den Curlandern in die Fenster sehen! Unser Reiter selbst konnte den Russen nicht ein gutes Zeugniss abschlagen. Er hatte sich mit ihnen gemessen, und sein Vater, der wahrend des dritten schleichen Kriegs in Preussen den Russen zu huldigen verbunden gewesen, hatte alles Liebes und Gutes von diesen guten Feinden genossen! Alles, fugte er hinzu, alles haben die Russen von uns. Mag! Man sagt freilich, die Russen ahmten nach. Besonders dass eine Nachahmung der Natur, eine Beschleichung derselben, eine unmittelbare Befolgung der Vernunft, eine Erfindung heisst, und von niemandem, als wer es versteht, Nachahmung gescholten wird. Nur wenn ein Mensch ein Menschennachahmer ist, heisst er Affe. Mannchenmacher, oft Possenreisser; dann siehts aus, als wenn man im verbotenen Grade geheirathet hatte. Ist's eine Blutschande, fur ein anderes als das Vaterland den Degen blossen, so ist hier die Blutschande noch ersichtlicher. Wahr! dass kein Menschennachahmer es weit bringt und die Nase (bei jeder Nachahmung ein Hauptstuck, das in Bewegung ist) hoch heben kann. Warum aber wahr? Weil der Menschennachahmer vielleicht mehr vermochte, als sein Herr und Meister, weil der Nachahmer kein Herz hatte; und weil uberhaupt es nicht viel Menschen gibt, deren Bild man tragen kann.
Jeder Mensch ist Original, sagt Pope, und wie oft ist das Uneigenthumliche nichts weiter, als Rost, der sich an eignes Talent anklammert.
Das erste Wort war R u s s e n ! das zweite K r i e g ! und das dritte T u r k e n ! So viel Worte, so viel Gewichte. Die Turken gaben den Ausschlag.
Mein Vater konnte zwar als ein christlicher Geistlicher nicht wie Aristander in dem Alexanderspiel dienen; allein wider die Turken ware er mit Freuden als Feldpropst gegangen.
Ich furchte, er hatte seine Bibel sehr bald mit dem Degen verwechselt. Er hatte nach seiner angestammten Milde keinen Feind in der Welt, als die Turken. Auch diese waren Feinde der Einbildung. Ware es auf Liebesdienste angekommen, er hatte nicht ermangelt. Selbst zog er keine e r b a u l i c h e K i r c h e n g l o c k e wider sie. Meine Mutter besass eine Predigt mit d i e s e r A u f s c h r i f t , die mein Vater in seinem Bucherheere litt. Das will schon viel sagen; was that er denn Curland und Semgallen? und was den Turken? Wem fallt hier nicht seine Reise ein, die er mit meiner Mutter des Abends zum Grabe Christi anstellte? Des Morgens, wenn beide zu Hause wieder eintrafen, hatte keines einen Turken gesehen.
* * *
Junker Gotthard hatte, nach dem Tode seines Vaters, von seiner Mutter dringende Briefe, zuruckzukommen. Schnell fiel ihm auf einmal seine unverkrummte und unverkrummte, reif wie die Natur herausgegangene, wie eine Gottin ausgewachsene T r i n e ein, gegen die alles, was er in Konigsberg Schones erjagt, nur mangelhafte Kopien blieben. Was das fur ein Geruch ist, sagte er mir einen Abend, wenn die Pomade auf dem Kopf und die Rose am Busen im Wettstreit sind! Nun war Junker Gotthard fertig. Er sagte selbst, dass er wie aus der Pistole abgehen wollte. Unvergesslich ist mir der Abend, da die Nachricht von seines Vaters Beforderung einging. Seine Mutter hatte mir ubertragen, ihm diesen Todesfall gelegentlich im Saftchen beizubringen. Er kam mir mehr als halbes Weges entgegen. Meine Vorbereitung indessen verpfuschte mir eine Scene nicht, auf die ich es geflissentlich anlegte. Er ist geborgen, fing er an. Was meinst du, Bruder, ich werde nicht alt werden? Mit diesen Worten stutzte sich Junker Gotthard auf drei Finger seiner linken Hand (er hatte starke Finger), und blieb so eine Viertelstunde. Jetzt sprang er auf und murmelte die Melodie: W e n n M e i n S t u n d l e i n v o r h a n d e n i s t . Das Ende vom Liede, fing er zu mir nach dem dritten Vers an, das Ende vom Liede, Bruder, ist sterben. Wir leben fur nichts und wieder nichts; eins kommt zum andern, erwiederte ich; es gibt auch schone Tage in der Welt.
E r . Summa Summarum, was ist das Leben?
I c h . Freilich, der schonste ist der Sterbetag!
E r . Gelt! es war ein Mann, mein Vater! Ich will nicht ruhmredig seyn. Ich werde nie werden, was er war!
Wahr! Bruder! ich vergesse nie ihn und den Alten mit dem einen Handschuh, den er jetzt mit Bor- und Zunamen kennt!
Junker Gotthard holte sich den Kalender und brachte ganz richtig heraus, dass sein Vater an dem namlichen Tage gestorben, da der ehrwurdige Alte zum letztenmal vom Gewachs des Weinstocks bei ihm getrunken! E i n e S t i l l e !
Junker Gotthard ass den Abend keinen Bissen. Er war ernst und feierlich; Gottfried ausser sich. Beide konnten sich nicht anders nehmen, da sie herzlich betrubt waren. Gottfried weinte laut, als wollte er seinem Herrn den Rang ablaufen. Junker Gotthard keine Thrane!
Man entgeht mit eins, wenn man stirbt, allem, allem Elend, sagte Gottfried, und riss seinem Junker das Kleid herunter und band ihm das Kopftuch mit den Worten um: Ists mir doch, als ware es dem seligen Herrn!
Ich weiss nicht, ob dich oder was anders der Drukker der Flinte gewesen! Junker Gotthard weinte heimlich. Er und ich hatten die Gewohnheit, aus dem Bette g u t e N a c h t auszuwechseln, diessmal hielt es lange an, ehe sie seinerseits zum Vorschein kam! Ich horte ihn weinen! Spat kam die gute Nacht, und so mit Thranen versetzt, dass ich selbst bewegt ward! Ich kein Wort, wie g u t e N a c h t ! Wer sollte glauben, dass Junker Gotthard, dieser rauhe Jungling, auf diese A r t gute Nacht sagen konnte! Er schlief bald ein. Seine drei Argos, die er in Gottingen hatte, konnte er nicht freundlich ansehen. Der Selige hatte es ihm verboten. So wie sein Schmerz nachliess, so nahm die Liebe zu den Hunden zu. Sie heissen Argos, sagte er, ich nehme sie mit. Der Schmerz, sagte ich ihm, ist eine Seelenbewegung! Die deinige hatte sie hochst nothwendig.
Ich gestehe es, sie war der Stockung nahe.
Fast.
Ich kann mich nicht so geschwind auffreuen als mancher!
Desto besser, dass du geweint hast!
Aber weinen!
Wurden wir wohl weinen konnen, wenn wir nicht weinen sollten?
Gerne hatte er, wie er sagte, seinen Vater im Sarge gesehen! Du hast mir gesagt, es gebe Gesichter, die sich da ausnehmen! Mein Vater war einer von denen, die im Tode getrost zu seyn verstanden. Es freute den Junker Gotthard, dass sein lieber Vater, wie ers nannte, zu Kreuz gekrochen und sich mit der Bibel ausgesohnt hatte.
Seine Mutter hatte ihn von allem unterrichtet, und im Postscript, das fast eben so lang als der Brief war, vorgezeichnet, wie die Trauer beschaffen seyn sollte. Die Regel jenes Alten, die er gab, da man ein Mittel wider den Schmerz von ihm verlangte, brachte den Junker Gotthard wieder auf die drei Finger seiner linken Hand: d e n k e a n d i e Z u k u n f t , a l s w a r e s i e d a ! Wahrlich, eine schone Regel!
Gibts Schmerz? konnte man fragen, und: gibts Freude? darauf antworten. Bei Gott ist Finsterniss Licht. Boses ist bei ihm Gutes. Er sieht wie Gott, und wir wie Menschen! Podagra ist Originalschmerz! Edles Salz, uns das Leben schmackhaft zu machen, das ist Schmerz! Dass dem Junker Gotthard seine gute T r i n e einfiel, wer kann es ihm verdenken? Ich verdenke keinem, was die Natur ihm nicht verdenkt! Da ich ihn aber an die l i e b e K l e i n e , an Lorchen, erinnerte, schlug er den Kopf zuruck. Kinderspiel! Das war alles, was er sagte. Junker Gotthard ward, was er nie gewesen, krank, und konnte nicht reisen. Die Aerzte widerriethen ihm die Reise, und seine Mutter, da sie die Nachricht von seiner Krankheit eingezogen, verbot sie ihm. Sie verfugte eine Zeit, damit er sich ja nicht ubereilen mochte. Ihren mutterlichen Segen setzte sie darauf. Junker Gotthard blieb, wie er mir sagte, gern m e i n e t w e g e n ! und ich laugne es nicht, dass ich mich ihm und seinem Gottfried in dieser Vorbereitungszeit mehr widmete, als vor diesem!
Einen Morgen traf ich ihn mit einer Taube beschaftigt. Er wollte ihr beibringen, die Wicken aus den Erbsen zu lesen! Bruder, setze den Citronenbaum dem Fenster naher; siehst du nicht, wie er seine Aeste nach der Sonne reckt? Natur, Bruder! Wie kannst du glauben, dass eine Taube sich so verlaugnen sollte? Dafur ists eine Taube! erwiederte er.
Ich wurde sie verachten, wenn sie keine Erbse mit verschlange!
Zugegeben, sagte er eines Abends, da er sich durchaus noch eine Viertelpfeife langer mit mir unterhalten wollte. Alles zugegeben, eine Flinte ist doch was Grosses. Jupiters Scepter! Donner und Blitz! Jupiter wurde sich nicht schamen, sie zu fuhren.
J e aufgeklarter die Nation, je weniger wilde Thiere, erwiederte ich. Wilde Thiere, wilde Menschen!
E r . Der Sohn des Achill ging mit zwei Jagdhunden in die Versammlung der Achaer.
I c h . Wilde Thiere sind Strassenrauber.
E r . Darum Jagd.
I c h . Ich. wunschte Ausrottung!
E r . Und wo denn Fleisch in der Wuste?
I c h . Wachteln! Vogelwild!
E r . Vogelwild ist Weiberwild. Manner sollten so mannlich seyn und diesen Jagdabschnitt den Weibern uberlassen! Nicht wahr, auch Hausthiere?
I c h . Freilich, wenn durchaus Fleisch seyn soll, wenn Manna nicht hinreichend ist. Man muss doch von jeher Gewissensbisse ubers Fleisch gehabt haben, sonst wurde nicht in den christlichen Kirchen die Fleischfasten ein Religionsstuck worden seyn. Der Mensch, dunkt mich, ist Souveran der Erde, kann essen und trinken was er will, was sein grosses Haus, die Erde, nur vermag! Was seiner Souveranetat in Weg kommt, begeht Hochverrath! Alle schadlichen Thiere sind Verrather. Nimm England!
E r . Hasen gibts da noch
I c h . Die sind zu keinem Hochverrath aufgelegt.
E r . Der Hauptjagdartikel!
I c h . Du sprichst dein Urtel selbst. Siehe da! den Beweis, dass die Jagd mehr ein Spiel, als eine Ausubung der Majestatsrechte uber die Thiere ist! Freilich kommt der Jager mit List, Hunden und Flinte, so wie jeder Despot; allein der Sache nahe getreten, ist er Fiskal, Richter, Henker, der im Kleinen den Monarchen spielt! Ausrottung, Bruder, Ausrottung!
E r . Du redest, wie Moses von den Canaanitern, Hethitern, Amoritern.
I c h . Mit dem Unterschiede, dass meine Canaaniter Baren, wilde Schweine, Wolfe und andere dergleichen schadenfrohe Thiere sind.
E r . Und England?
I c h . Ich bitte.
E r . Dieser Wildfang von Staat ward, was die Thiere erst waren, ward wild.
I c h . Frei, willst du sagen, und Curland, diess Barenland!
E r . Gute Nacht, Bruder!
I c h . Gute Nacht!
E r . Mein Vater pflegte zu sagen, der Monarchist reitet, der Aristokratist fahrt, der Demokratist geht zu Fuss, wie jeder kluge Mann.
I c h . Der Despot lasst sich in der Sanfte tragen.
E r . Der Monarch liebt die Jagd.
I c h . A u g u s t d e r S c h o n e , Konig von Polen, liebte die Jagd rasend, und der Original-Konig Friedrich, liebt er sie?
Schon habe ich bemerkt, dass die Frau v. G. ihrem Sohne die Trauer sehr punktlich vorgezeichnet. Herr v. W. hatte nicht genauer seyn konnen, wenn von ihm ein Trauergutachten auf Ehre und Reputation ware abgefordert worden. Wer aller dieser Trauergesetzgebung ungeachtet nicht trauerte, war Junker Gotthard!
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, sagte er; dem Vater mehr als der Mutter.
Herr v. G., der Selige, declamirte, nach der Relation des Junkers Gotthard, unaufhorlich wider alle Trauer. Jedes, sagte dieser Naturmann, hat seine Tracht. Die Erde grun, die Sonne Gold! Grun und Gold ist Erde und Sonne!
Bruder! sagte ich, man siehts dir nicht an. (Diess war seine Uniform, wie wir alle wissen.)
Ihr Gelehrten habt alle kein Auge, erwiederte er.
Aber die Jagd, Bruder! verbot sie der Selige nicht?
Er selbst war Jager; bin ich denn noch Student?
An der Taube hast du den Erb- und Gerichtsherrn von gesehen, nicht wahr? in Lebensgrosse! Sey immer eine Taube, lieber Gotthard!
Der Zeitpunkt kam, den ihm die besorgte Mutter bezielt hatte, und nun schieden wir an einem regnichten Tage, nach Mittag, weil es eine weite Reise war, von einander.
Es ist in diesem Buche schon so oft Abschied genommen worden, und begnuge ich mich also zu bemerken, dass der unsrige kurz und gut war, wie vieles in diesem Buch ist. Ginge ich zu Fuss, wurde ich behaupten, ich ginge mit einem Springstock. Gottfried hatte etwas Schriftliches aufgesetzt, das er mit einer Art behandigte, die nicht zu beschreiben ist.
Der Jungling, fing Gotthard an, lehrt den Mann, der Mann den Greis. Der Grund, die Folge, pflegtest du zu sagen, lieber Bruder! Du sollst Freude an mir erleben! Gott segne dich, lieber Gotthard, sagte ich.
E r . Du wirst dein Lebtag nicht Pastor werden.
Nach einem kleinen Wortwechsel mit dem Postillon wegen der drei Hunde brachte Junker Gotthard es in einem Augenblick durch Geld und gute Worte dahin, dass der Postillon diesen dreien Argos selbst ein Lager legte! Und nun liess Junker Gotthard uber und uber blasen! R e i s e g l u c k l i c h !
Zum erstenmal empfand ich die Gluckseligkeit, a l l e i n zu seyn! Dass Leute in gewissen Jahren zum Traualtar so schwer zu bringen sind, kommt wahrlich daher, weil sie die Sussigkeiten des Einsiedlerstandes gekostet haben! Luther sagt, wo ich nicht i r r e : wo reiche Leute sind, ist Theurung; wo Menschenhulfe aufhort, da sangt Gotteshulfe an! und gewiss, keinen hat Gott und die Natur verlassen! Wahrlich, Freunde, es ist keine unrichtige Behauptung, dass der ehelose, der einsame Stand nach der jetzigen Eheweise unendlich viel zum gottlichen Leben beitragt; dass eine gewisse Kirche die Ehelosen begunstigt, ist es Wunder? R u s s e n ! K r i e g ! T u r k e n ! das waren die drei Worte, bei denen ich stehen blieb, und mich ausruhte. Auch ich war fertig, nach dem Ableben meiner Mutter, wie aus der Pistole. Preussen vermied ich wohlbedachtig, ich wollte stark seyn, und wahrlich, das heilige Grab hatte mich geschwacht!
* * *
Ich kam ins r u s s i s c h e Lager zu einer theuren Zeit. Die Turken hatten alle Lebensmittel aus der Moldau aufgeraumt, um uns das Bahnmachen, das Vorrucken zu behindern! Solche Zaune sind im Kriege die gefahrlichsten.
Furst G a l l i z i n (sein Name sey in der Geschichte ehrwurdig!) liess zwei Brucken uber den Dniester schlagen und brach auf mit uns. Die Hauptmaxime des Krieges ist freier Kopf und freie Fusse. Sich den Feind vom Leibe halten, ist im Grossen und Kleinen ein wichtiges Gluck.
Wer von mir Ulysseische Wanderungen erwartet, dem gebe ich eine gultige Anweisung auf den H o m e r , und wenn er will, auf den Professor Grossvater, der dem Homer neben der Bibel ein Raumlein vergonnt hatte! Wer nach einer Abhandlung wider den Soldatenstand durstet, gehe zum Antagonisten des Reiters, dem Professor Klein-Vater hatte ich bei einem Haar geschrieben.
Freunde! um euch nicht ganz im Blossen zu lassen: Es ist alles in der Welt nur ein Spiel! Der Soldatenstand, wie der akademische, der Feldherr, Professor, die Stabs- und andere Offiziere, Magistrati, Baccalaurei, Licentiaten, Candidaten, Fussvolk und Reiterei, Studenten, im vollen Mond, im halben, im Viertel: nur mit dem kleinen Unterschiede, dass der Pedantismus mehr im Soldaten, als im akademischen Stande herrscht.
Ich bitte, mein Herr Obrister, diess fur keinen Druckfehler zu halten. Tausendmal habe ich gedacht, nur neue Dekorationen, das Stuck ist das namliche. Wenden Sie Ihre Zeit gut an, sagt der General und der Professor, und wenn sie Pietisten sind, setzen sie hinzu: Gott segne Ihre Unternehmungen! Ich dachte so wenig, da ich Soldat ward, meinen Lebenslauf zu schreiben, als auf der Akademie. Dort wollte ich leben, hier wollte ich sterben. Auch nicht viel auseinander! Kein Wunder, dass ich bei aller menschenmoglichen Gelegenheit Muth zeigte. Ware ich ein Katholik gewesen, vielleicht schrieb ich im Kloster Prodromum aeternitatis, Jacobs Himmelsleiter; als Protestant, sage selbst, liebe Mutter, was konnte ich anders, als Soldat werden? Ich folgte nicht dem Kalbfell, sondern der Todesfahne, in der ein Kreuz hing, dein Lieblingszeichen, das du dir aber meines Vaters halber beim Gahnen abgewohntest. Es gehort auch fur kein gross Maul!
So und nicht anders konnte mir der Soldatenstand nur willkommen seyn; ich wollte nicht den Burger kranken, um mir von seinem Schweiss und Blut einen Bauch des reichen Mannes anzumasten! ich wollte siegen oder sterben. Mine selbst wurde es mir nicht verzeihen, die vielleicht auf dieses Blatt blickt, wie Geister blicken, wenn ich eine Unwahrheit schriebe. Ehre mischte sich in meinen Entschluss, und wo sie nicht ist, was schmeckt? Ich war nicht verliebt in mein Leben; allein ich wollte es nicht um ein Linsengericht dahingeben.
Was kann meinen Lesern mit Scharmutzel- und Schlachtrissen gedient seyn! Hatte ich geglaubt mich dadurch in bessern Ruf zu setzen, wurde ich daraus, mit Gottfrieds Erlaubniss, die Beilage C gemacht haben.
Ich war bei dem Treffen, da es zwischen dem Vordertrab des Fursten Prosorowsky und dem ottomannischen Haufen, der vom Karaman Bassa angefuhrt wurde, zum Angriff kam!
Ich war bei der Belagerung von Chotzim. Ueberall stand ich wie Urias, ohne sein Empfehlungsschreiben zu haben. Mein lebensgleichgultiges Herz hatte mir diesen Uriasbrief geschrieben, die Ehre hatte ihr grosses Siegel mit einem Adler drauf gedruckt. Bei Chotzim gab mir der Tod, mit dem ich wie mit einem guten Freunde umging, die Hand. Ich ward durch den Arm geschossen! Ich kam dieser Armkugel nicht in den Weg, ich sagte nicht: du irrst dich, hier ist der Fleck! aufs Herz zeigend. Es ist ein besonderes Ding, das Leben, auch wenn man eine Gemuthskrankheit hat, die das Leben schwarz, wie die mondlose Nacht, und den Tod weiss, wie einen schonen Lenztag, poetisch verkunstelt! ES ist doch das Leben, worauf es angesehen ist!
Ein Armbruch ist im Kriege ein Aderlass; ehe ich selbst dachte, war ich da, und froh, dass ich da war! Geschafte sind dem Menschen nach unserm Weltlauf so nothig, als das tagliche Brod. Ich kann nicht sagen, dass ich Minen druber vergass; allein Handlungen sind der Einbildung so entgegen, wie Wasser dem Feuer!
G a l l i z i n , der mich bis zum Hauptmann gebracht (er war so gut, zu sagen, ich allein hatte es gethan), ubergab das Commando dem R o m a n z o w . Auch er verdient einen undanksichern Platz in der Geschichte.
Ich stand unter dem braven General E l m p t bei der Einnahme von Jassy.
Was werth zu sehen war, habe ich gesehen. Was ist doch Paris und Rom und die schonste Schweizergegend gegen diesen Schauplatz? Ich sahe mehr, als was alle Kunstler zeigen konnen; ich sah den grossen Sieg, da das turkische Lager erobert ward! Mochten sie doch das heilige Grab verlassen, wie ihre Zelter! Da sah ich den Prinzen W i l h e l m v o n B r a u n s c h w e i g siegen! Warum nicht sterben? Was will eine Civilkrankheit von Helden? Wie mir sein Tod nahe ging, bloss weil es ein Betttod war! Kein Prinz sollte einen Civiltod sterben!
Ich sah B e n d e r mit Sturm erobern. Es war ein Wirbelwind; ob es gleich nur Turken galt, wandte ich doch mein Auge von der Plunderung. Feinde laufen, Prinzen ihr Leben ausschlagen sehen, ist ein Anblick, der seines Gleichen nicht hat. Welch ein Abfall! die Plunderung! Drei Auftritte gingen mir bei dieser Plunderung durch die Seele. Mein Herz rief w e h e ! uber sie. Sie sollen nicht meinen Lebenslauf verunreinigen!
R o m a n z o w commandirte mich zum P a n i n s c h e n Corps. Er schien mit mir zufrieden zu seyn und begiessen zu wollen, was Gallizin gepflanzt hatte. Romanzow band mir ein paar vornehme Russen auf die Seele. Nicht sollen sie, sagte er, wie an der Schnur irgend eines Unterrichts einhergehen! Sie sind schon vor solch einem Garn gewesen! Wir Russen sind gewohnt, die Antwort aus der Frage zu nehmen! Reim dich oder ich fress' dich, ist unsere Regel! Durch Umgang, ohne Uebergang und Curialien, wunschte ich, dass Sie dann und wann einen Funken Ihres naturlichen Verstandes in ihr Herz und ihre Seele fallen liessen. Zunden wird es, hoffe ich! Es waren ein paar allerliebste junge Helden! Sie wussten vom Handwerk mehr, als ich; indessen schlossen sie sich so fest an mich an, als brauchten sie uber alles, was sie wussten, meine Bestatigung. Die mathematische Methode ist in der Philosophie abgekommen, und ist die Mathematik heut zu Tage, da alles, was nur einen halben Kopf hat, studirt, zum Soldaten nothiger, als Gesinnungen, als Grundsatze? Wer kann denn den Franzosen ihre Kriegskunst abstreiten? Bucher sind nur ein Beweis fur das, was in uns ist. Ihr Geist gibt Zeugniss unserm Geiste, dass wir richtig wandeln. Wie leicht wird uns manches durch Umgang, was im Buche so schwerfallig war. Ueber den Fuss, auf dem ich mit diesen jungen Helden umging, waren sie ausgelassen. Mich sollte verlangen, fing der eine an, was er von meinem Aufsatz sagen wird! Ich durfte nur uberall Natur hineinbringen! Alles war schwer von Kunst beschlagen. Ich brauchte nur den Kopf zu schutteln und alles ward glatt ausgeloscht. Gnade dem Gott, der sich unterstand, um den Deutschen zu verargen! Die Russen ziehen selten aus dem Kern etwas gross. Alles wird mit der Wurzel verpflanzt! All' mein Lebtage denke ich an einen Vormittag, wo meines Vaters Geist auf mich fiel, und wo meine beiden Freunde ausnehmend zufrieden mit mir schienen.
Wir sprachen vom obersten Commando, wozu wir die Gelegenheit nicht weit suchen durften. Nicht wahr, es sollte nach der Staatsform geformt werden? Ist die monarchisch, aristokratisch, demokratisch, so auch das Commando. Der hat sehr uber den Soldaten gewonnen, der ihm einbilden kann, er ware zu Hause! Die Maxime ist gar nicht unuberdacht, dass man den Soldaten das Heirathen verbietet. Da merken sie es gleich, dass sie nicht zu Hause sind, wenn sie ihre Weiber nicht bei sich haben! Ein Weib und ein Schlafrock scheint einem Soldaten gleich unpassend.
Soll ein Prinz das Commando haben? Gustav Adolph und Karl der XII. scheinen fast auf ein Nein zu bringen; P e t e r d e r E r s t e , K o n i g F r i e d r i c h wurden es bejahen.
Zum Beschluss tranken wir dem Drosselpastor zu Ehren: Vivat Academia! Es lebe Romanzow!
Meine beiden Schuler waren jung und konnten nicht umhin, sehnlichst zu wunschen, dass Lustbarkeiten, Balle und Theater im Felde erlaubt waren! Ich schlug es ihnen rund ab. Nicht eines? Der keines, lieben Freunde! Der Kampf der Ehre und Liebe macht den funften Actstod so schon, dass man mit Geschmack sterben will! Im Felde muss man den Tod nehmen, wie er kommt da hilft keine Herz-Mutter! Diess brachte uns auf die lieben Franzosen, die ihren Feld-, Tanz- und Fechtboden, ihr Feldtheater und andere Feldplaisirs mehr haben! Feldbibliotheken ja nicht zu vergessen! Die guten Herren! Da sie zu sich selbst kein sonderliches Zutrauen fassen konnen, haben sie Zutrauen zu Festungen! Ich bin fur Soldaten von deutschem Schrot und Korn. Im Felde muss man Flinten blitzen sehen, und Soldaten-Volkslieder singen horen. Ein Marsch, ein Feldgeschrei, das ist alles, was von Instrumental- und Vocalmusik erlaubt ist. Lasst den Schafer ins weiche Bett des Grases sich legen, lasst ihn beiher die Nachtigall aus einem Bluthenbaum schlagen horen! Wir haben vom Stoicismus Handgeld genommen. Wahrlich, die erhabenste philosophische Secte! Lasst uns mit der koniglichen Frau Mutter so umgehen, wie Alexander mit Madame Darius, und ich mit der Babbe, welche zum Leidwesen meiner Mutter uber der koniglichen Wurde die Grutze versalzte! Gute Mannszucht ist Empfehlung zur Huldigung! Mannszucht ist Strenge! wo die nicht ist, wie kann da Gute seyn? Liebe ohne Gerechtigkeit ist ein Unding! Welche Nation denn die tapferste ware? Die russische, sagten meine beiden Junger. Leute aus bergigen Orten, fiel ich ein, sie sind allen Elementen ausgesetzt, und wer die aushalten kann, was hat der seines Gleichen zu furchten? Die Gallier jagten den Romern wegen ihrer Grosse Schrecken ein, und man sage, was man will, Friedrich Wilhelm hatte mit seinen Potsdamern in der Regel so recht, als sein Sohn, diese Riesen in alle Welt gehen zu lassen! Grosse Leute sind wie Mauern und Walle. Zu ersteigen ist alles! Wie viel brechen aber daruber den Hals, ehe sie oben sind? Ich war von Jugend an sehr fur Berge. Grosse Menschen sind Berge! Befehlshaber durfen nicht nur nicht gross seyn, sondern hier wird oft die Grosse schadlich. Hohere Wesen, wenn sie erscheinen sollten, wurden sich in ein mittelmassiges Menschenkleid einkleiden. Kein grosses Genie hat Riesenhohe! Starke ausgewachsene Manner sind die bescheidensten! Ich wollte mit der goldenen Regel schliessen: Ein weiser Mann ist stark und ein vernunftiger Mann ist machtig an Kraften; allein man wollte noch mehr von der Furcht, dem Hauptfeinde des Soldaten.
Ich hatte geaussert, dass man durchaus retiriren lernen musste; bei diesem einzigen musste man im Kriege an strenge Regeln gebunden seyn. Den Feind zu weit verfolgen, heisst ihn zur Verzweiflung bringen, und dann kehrt sich auch der Feigste als Held um. Konnte nicht ein so unbekannter Mensch, als Herostrat, den Tempel zu Ephesus anstecken? Mich argert, wenn man seinen Namen ausspricht. Das wollte er nur. Ein einziger Strahl, so macht der Fluchtling Halt! ist feuerfest ist Mauerbrecher!
Man hat so viel, fing ich an, von der Furcht gesagt, dass gewiss der kleinste Theil richtig seyn kann! Die Deutschen gingen nie zum Rath, nie zum Fest unbewaffnet. Sie schlugen auf ihre Waffen, das hiess Ja! Die Waffen waren ihr Sprachrohr. Diess alles nicht aus Furcht, sondern um mit den Waffen bekannt zu werden. Ordnung treibt so sehr die Furcht aus, dass ich eben hier den weisen, tiefweisen Grund des Exercirens entdeckte, das ohne diese Rucksicht Kinderspiel ware! Eben weil es wie Kinderspiel aussieht, wird es auch von allen Kindern, sobald sie Soldaten sehen, nachgemacht! Man muss sich dicht halten, wie e i n M a n n , ist eine Folge dieser Regel. Ein takthaltender Marsch ist Beweis einer Phalanx. Der Mensch braucht was Unsichtbares, an das er sich halt, und das ist die O r d n u n g . Sobald etwas Unregelmassiges, eine Lucke, sich vorfindet, steht der Feind, dass sein Gegner nicht mehr fur einen Mann steht. Sem Muth wachset er wagt! Er siegt! Die Furcht siegt ofter, als Grundsatze der Herzhaftigkeit. Die Furcht schutzet Konigreiche. Sie ist eine Kunst, wodurch wir andere glauben machen, wir furchteten uns fur nichts. Daher so viele Thrasonen, so viele Donner ohne Blitze! Enthalte dich von allem Gewissensvorwurf, wenn du wider deine Feinde ausziehst: das ist wahrlich kein Feldpredigertext, sondern ein theures, werthes Wort! Ist's ein Gott, der uns entgegen ist; wir haben eine gerechte Sache. Ist es ein Mensch; wir sind das, was er ist. Was meinen Sie, meine Herren! wurde sich Aristander bedenken, die Phalanx uber diese Worte in beliebter Kurze und Einfalt v o n d e n G e s i n n u n g e n e i n e s H e l d e n zu unterhalten? Ich wunschte, er liesse die Predigt drucken!
Die Furcht ist wahrlich ein grosseres Uebel, als das, wofur man sich furchtet! Was ist es denn, woruber dir die Zahne klappern, als Storche, woruber dir die Sporen zittern, als wollten sie einen Ton angeben? Tritt ihm doch naher; es ist dein Schatten! Die Arznei ist arger, als die Krankheit! Junker Gotthard (bei seiner Eheverbindung kann ihm dieser Umstand weder Schaden noch Leides thun) furchtet sich in in einem Zimmer allein zu schlafen, wo Alexander der Grosse gemalt war! E s w a r e n d o c h n o c h a n d e r e B i l d e r d a , sagte ich ihm, Bruder! d i e d u , i m Fall der Noth, zu Hulfe rufen konn e n . Er war getroffen, fuhr Gotthard fort, als wollte er mit mir sprechen. Immer gerade zu auf mich! Da wandelte mich auf einmal die Vorstellung an: wie leicht kann er lebendig werden! Bruder, hast du ihm denn ins Gesicht gesehen? Ein preussischer Corporal mit einem Stutzbart, gut getroffen, wurde eher zu furchten seyn. Alexander hat, so wie alle seines Gleichen, etwas von einer Kinderwarterin, von einer Amme, im Gesicht. Bei mir hiess es, in Rucksicht auf meine Herzensgeschichte: die Liebe treibet die Furcht aus. In Wahrheit! ein wahres Wort! Der ist unschuldig, der keine Furcht hat, der ist nicht furchtsam, der g a r n i c h t s furchtet! Die Flamme, welche der Wind anfacht, verfliegt bald! Wer nach Grundsatzen herzhaft ist, wer nicht schnoden Gewinnstes, oder Zeitungsewigkeit halber, die Waffen ergreift, was kann den storen? Widrige Vorfalle! Sind die nicht uberall? Mars und Venus halten es mit allen. Ist Mars Zweifelhaft, so ist Venus wahrlich nicht sicher. Pack schlagt sich, Pack vertragt sich, wurde meine Mutter sagen. In allen Sachen Herz zeigen, heisst ein grosser Mann seyn.
Hand in Hand ging ich mit meinen beiden Kriegskameraden!
B i a l o g r a d verglich sich. Desto besser fur mein Auge. I b r a i l o f ward von den Turken verlassen! B u k a r e s t ! B u k a r e s t !
Mit welchem Herzen schreib' ich diesen Namen! Einer meiner Junger starb hier einen schonen Tod vor meinen Augen. Gott! welch einen Blick er mir gab! Du Hast mir den Unterricht herrlich bezahlt. Ein unaussprechliches Honorarium. Kein Konig kann so lohnen! So nimmt ein wohlgerathener Sohn Abschied von seinem Vater. Seinem Milchbruder konnte er noch die Hand reichen; mir nicht. Wir waren zu weit auseinander. Soll ich's sagen? er wollte mir seine Liebe noch sterbend beweisen! Wird mein gebrochenes Auge hierzu Kraft haben? Er warf mir eine Handvoll Blut zu mit einer Art, die gesehen werden muss! Den Abend vorher sprachen wir kein ander Wort, als vom Tode! Er war der froheste unter uns! Gern hatte ich den hochgebornen Todtengraber hergewunscht, um diese und so manche Sterbensscene zu besichtigen. Lieber Graf! hier ist der Tod ganz ein ander Wesen. Wer ihn nicht anders, als aus der Kammer kennt (und ware da gleich ein Observatorium angelegt), weiss hier nicht, dass man stirbt. So wie die grosse Welt von Provincial-Flecken, so Tod von Tod. Zwar sind Sie der Meinung, der Heldentod, der Feldtod, wo der Mensch nicht Zeit und Raum hat, sich in Ordnung zu legen, eh' er dahin fahrt, sey keiner Observation werth; allein Sie irren, lieber Graf. Hier ist d i e g r o ss e W e l t des Todes.
Ich will dem Grafen nicht mit Bemerkungen das
Licht halten wahrlich! ich konnte sein Schatzkastlein bereichern!
Warum aber Obst, eh' es reif ist? Warum durch's
Schwert eines Turken? Mir war es, als fielen unser t r e f f l i c h e r J u n g l i n g und der, so ihn schlug! Freund und Feind. Der Turke, der ihm das Leben nahm, ware werth, bei dem Grabe Christi auf die Wache zu ziehen, wie der Hauptmann unterm Kreuz. Was haben die Grossen, die pradicirten Gotter der Erden, mehr als den Bindeschlussel! Der Loseschlussel ist ihnen nicht behandigt.
Weint um meinen Edlen, ihr Jungfrauen im Lande! Leib und Seele hatten um den Vorzug streiten konnen, wer schoner sey, waren sie nicht so stimmige Freunde gewesen! Wehe dem Feueranleger! Es muss Aergerniss kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniss kommt. Was trug sein Mund fur mich, der endlich sank, wie unter einer Last, die ihm zu schwer ward? Blumen waren es nicht, die bald welken; Gesinnungen, die ewig sind, wie er! Ich habe dich verstanden, Edler! dein ganzes Gesicht war leserlich! Du hattest die Handvoll edles Blut nicht verschwenden durfen. Es fiel auf kein gutes, dir werthes Land. Was kann man sich im Kriege mehr wunschen, als einen edlen Feind? Mich dunkt, diess Ziel Hast du erreicht! Verzeih Sterbender! dass ich nur ein halbes Auge auf dich verwenden konnte! ich hatte drei Viertel hochnoth fur die Feinde!
Gott! wann kommt dein R e i c h ? wann wird Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Jeder Irrthum hat seine Schule, sein Auditorium. Keiner kann so ubertuncht werden, als die Idee vom Kriege. Wahrlich! ein ubertunchtes Grab! Nicht meine Leser wurden es mir vergeben, nicht ich selbst, wenn ich mich nicht selbst uber diesen Edlen vergessen hatte!
B u k a r e s t schrecklicher Name! war der Ort, wo auch ich den Tod fand! ich erhielt todtliche Wunden! Guter Turke! ich verzeih' dir alles, auch den Stich, da ich nicht mehr den Arm bewegen konnte, der etwas turkisch war, und den du bleiben lassen konnen! Sey glucklich! Alles gab mein Leben auf. Mein andrer Lehrling starb acht Tage darauf. Sein Sterbelager war vier Schritte von dem meinigen. Fur mich eine halbe Welt. Der Arzt verbot mir sogar allen Trost! Wie konnt' ich ihn aber ohne den sterben lassen? Oft wenn er lechzte, wie gern hatt' ich ihm ein Glas Wasser gereicht! Konnt' ich? Da lag ich noch arger, als todt. So etwas, Freunde, wer kann es erzahlen? Leset den Homer. Ich bitt' euch! Ich kann nicht mehr.
So viel sey euch noch unverholen, dass ich den Sterbenden mit dem Prinzen W i l h e l m von Braunschweig am meisten aufrichtete, der ein Schwestersohn Konig Friedrichs war! Auch er, sagt' ich, starb im Kriege. Eben so wenig unmittelbar. An den Nebenumstanden des Krieges starb er, die, so Wie die Krankheiten, arger als der Tod sind. Ich werde auch als Held auferstehen, sagte er in einer Nacht. Wie denn anders? antwortete ich, und hatte eine Thrane in den Augen. Er starb.
Was konnte ich mehr verlieren! Meine beiden Freunde! Mich selbst! Ich lag vier Wochen ohne alle Hoffnung! Ist's Sunde und Schande, in solcher Lage die Lebensschnur selbst abreissen, die ein Arzt mit solchen unaussprechlichen Schmerzen anknupfen will? Halt die Schnur da, wo sie angeknupft ist, am langsten, und ein eisern Band da, wo es brach, und durch Feuer und Schlag zusammengeschmiedet war? Keine dieser Fragen stellten in meiner Leidenszeit mich zur Rede, Ich hatte nicht Zeit, im Allgemeinen zu fragen.
Der Civilsterbende wollte durchaus auf dem Schlachtfelde eingescharrt werden. Auch ich musste ihm versprechen, eben da den Krieg ausschlafen zu wollen. Sein Testament ist erfullt, was ihn selbst betraf! Ich zwar wache noch; allein ein Theil meines Lebens ist auf dem Schlachtfelde bei Bukarest verscharrt! Ich liege in deiner Nachbarschaft, edler Jungling! Deine Wunsche sind erfullt!
R o m a n z o w , wie er gehort was vorgefallen, soll hochst zufrieden mit meinem Unterricht gewesen seyn, und soll den Edlen und mir eine Leichenrede gehalten haben, die kurzer und dringender gewesen, als die ungebetene des Organisten in L bei Minchens Grabe. Kommt er auf, war der Schluss dieser Leichenrede, ist er Brigadier. Ich war schon seit einiger Zeit Major worden!
Wahrlich, Freunde! diess war ein Examen trotz dem beim Professor Grossvater. Was ist ein Blitz einer Hausmutze durchs Stubenritzchen gegen Kriegsblitze? Zwar lebt jeder seines Lebens, zwar stirbt jeder seines Todes, jedem ist sein Pfund Leben und sein Pfund Tod zugewogen, wie der hochgeborne Todtengraber sehr einsichtsvoll behauptet; doch glaube ich, dass mancher diess Pfund ins Schweisstuch vergraben, und mancher damit wuchern kann. Der Kriegswucher, was meinen Ew. Hochgeboren, ist er nicht der reichlichste? Er tragt tausendfaltig und zwar Leben und Tod. Kaum lebt man, wenn man den Tod nicht in der Nachbarschaft hat. Die weisesten Leute haben von jeher Todesbetrachtungen fur Lebensregeln gehalten. Wo ist der Tod bei lebendigem Leibe dem Gefunden, dem Starken so nah, als im Kriege?- Wo kann man ihn mit mehr Leibes- und Seelenkraft denken, als eben hier? Ihr Weisen des Alterthums, und ihr der neuern Zeit, warum habt ihr nicht uber Kriegstod geschrieben? Sie hochgeborner Todtengraber, warum nicht uber den Kriegstod eine Redeubung angestellt? Weil der Krieg eine von den Kunsten ist, welche die Menschen gesucht haben, die von Gott aufrichtig gemacht find! Wahr! allein auch wahr, dass jeder Weise im Privatkreise alles zum Guten lenkt, so wie Gott der Herr es pro Publico thut!
Prahle nicht, lieber Reiter! Herz haben und im Kriege seyn, ist solch ein Unterschied, wie Grundsatze haben und nach Neigungen verfahren handeln und sich mit einem Gewebe von Empfindungen behelfen! Jedermann, der ein gutes Gewissen hat, und sich bewusst ist eins haben zu konnen, kann von sich sagen: das that ich!
Auch ich, Freunde! wurde es sagen, wenn ich wirklich gethan und nicht bloss gelitten hatte. Glaubt nicht, ihr Kleinglaubigen, jenen Schreihalsen, jenen Zahnarzten, jenen Nachtwachtern, die nicht aufhoren konnen. Schlachten zu malen, als waren es Thaten! Der commandirende General allein hat gethan; alles, was nicht er selbst oder sein Rath ist, leidet! Mit Vielen kriegen, mit Wenigen zu Rath gehen! Wer kann mir sagen, dass ihn nicht Schauder ergriffen, wenn er zwei Heere, auftreten gesehen, und sich mitunter? Ihr, die ihr bis jetzt dafur hieltet, dass es Todesfurcht sey, habt euch, wie mich dunkt, Hintergangen, denn auch mich schauderte! Es ist eher Menschenfurcht, Mangel der Lebensart, als Schrecken des Todes! Seht einen Haufen Menschen bei einander, ist es nicht die namliche Anwandlung? Sie ist so angreifend nicht; vorhanden ist sie. Wenn ich schwach bin, bin ich stark, konnte man hier sagen. Wenn ich allein bin, furcht' ich mich, falls ich gesund bin, vor keinem. Junker Gotthard, der sich vor dem Alexander dem Grossen im Bilde furchtet, macht keinen Einwand. Frische und gesunde Leute sind sogar geborne Freidenker! Ich wurde sie Fleisch- und Blutphilosophen heissen. Frische und gesunde Leute, sag' ich; denn, wenn ich einen Spotter sehe, dessen Korper wie ein zerrissenes Kleid aussteht, weiss ich, dass seine letzten Stunden zu seiner Zeit im Druck erscheinen. Wie kommt's, dass der Mensch, der doch die menschliche Schwache kennt, sich vor nichts so sehr als Menschen furchtet? Der Mensch hat keine naturliche Rustung und Waffen, das, was ausser ihm ist, sich vom Halse zu halten. Nicht Element, nicht Thier kann er allein zwingen, und doch ein Kronprinz der Natur. Vereinigt aber steht alles fur einen Mann. Tausend Kopfe, tausend Arme, sind Ein Kopf, Ein Arm! Ists Wunder, dass er blass wird, wenn er den Feind sieht? Zwar befindet er sich auch in guter Gesellschaft; allein die Furcht sieht immer ins Weite; was nah' ist, ist vor ihren Augen verborgen! Die Furcht hat ein Perspektiv, die Hoffnung ein Vergrosserungsglas. Sonst sind sie Tochter einer Mutter. Kommt man sich naher, wird man auf einander erbittert. Man schlagt, weil man geschlagen wird. Gehort denn dazu Herz? Der Larm, der sehr wohlbedachtig erregt wird, lasst die Vernunft zu keinem Gedanken! Man stirbt, man weiss nicht wie! Ist das ein schwerer Tod? Hunger, Durst, Hitze, Frost sind schwer; die Schlacht ist's nicht, bis auf die Invalidenfurcht, an die kein braver Soldat denkt. Kommt es denn nicht in Anschlag, in Gesellschaft zu sterben?
Beim Seetreffen thut's der Wind. Bei Landschlachten sind Berge, Thaler und, ausser diesen grossen Dingen, oft die unbetrachtlichsten Kleinigkeiten, die wie ein Irrlicht den Feind verfuhren, dass er einen Schritt ruckwarts thut. Diess seinem Volke nur einbilden, diess ihm nur vortaschenspielen, heisst die Schlacht gewinnen.
Der gemeine Soldat muss j u n g seyn; der Befehlshaber, sagt man, alt! Ich glaub' es selbst. Nur nicht z u jung, nicht z u alt. Z i s k a commandirte und war blind. Ein Commandeur braucht nichts, als Kopf! Ein Vorurtheil thut hier oft Wunder! R i c h e l i e u will zwar einen herzhaften General; allein R i c h e l i e u war ein Geistlicher. Wie kommt's, dass kluge Leute so sehr viel auf herzhafte Leute halten, und dass sie unter einander sich nicht sonderlich ausstehen? Sie sehen zu sehr ein, dass man mit dem Verstande eben nicht weit kommen kann, und wollen doch wo den Menschen stark finden! O ihr kluge, liebe, gute Herren! Lasst euch sagen, auch das menschliche Herz ist ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergrunden?
Es ist ein altes Spruchwort: Wer zum erstenmal nach Rom reist, suchet den Schalk. Zum zweitenmal findet er ihn. Zum drittenmal bringt er ihn mit.
Ei, wenn ich das auf den Krieg beuten wurde!
Ich hoffe, grosse Kriege werden abkommen; so wie man dem dreissigjahrigen uber einige hundert Jahre nicht mehr Glauben beimessen wird. Wozu sind auch Kriege, selbst noch ehe das Reich Gottes kommt, wozu? So wenig durch Disputationen die Wahrheit ausgemacht wird, so wenig entscheiden Siege. Darf ich rathen? Hohe Herren, denkt mehr, eure Unterthanen zu mehren! So viel liebe Getreue im Lande, so viel Festungen. Die Bevolkerung ist, wie die Gottseligkeit, zu allen Dingen nutze und hat die Verheissung dieses und des zukunftigen Lebens!
Mit einem Statu morbi kann wohl keinem ein Dienst geschehen, sonst konnte ich damit aufwarten. Die Herren , , , von welchen Herr der Kopfhalter war, wurden mir diesen Liebesdienst gern erweisen. Es war kritischen Sammlern kein alltaglicher Fall. Eine Quetschung an der Seite, eine Zerschmetterung des rechten Armknochens!
Die unaufhorliche Versicherung der Wundarzte, nie mehr dienen zu konnen, war mir mehr als alles. Diesen Trost hatten die kunsterfahrnen Herren bei sich behalten konnen, da ich es selbst so sehr furchtete.
Der Gedanke, obgleich er sehr naturlich war: was wirst du essen, was trinken, womit dich kleiden? beunruhigte mich keinen Augenblick. Er hat mir wenig Kummer in dieser Welt gemacht. Als Mensch kann jeder leben, wenn gleich nicht jeder als Major.
Romanzow liess mich bei aller Gelegenheit Proben seines Wohlwollens empfinden, und das war freilich Oel und Wein in meine Wunden! Der Gedanke, in der Lehre bleiben zu sollen, schlug diesen Aufblick nieder! Bei dem ersten Anklang der Sterbensglocke, die ich freilich nur in der Einbildung horte, war ich auch in der Einbildung bei meinem guten Pastor zu L in Preussen! Mine hatte ihre Anspruche auf mich geltend gemacht! Ich fand, dass die Liebe, solch eine Liebe wie die unsrige, durchaus nur auf gewisse Lebensperioden passt, und doch ist, nach unserm Weltlauf, so zu lieben wie wir, Tugend, hohe Aufopferung seiner selbst! Weite Ueberwindung der Natur! Mein Leben war ein lebendiger Tod, und diess ist eben der Zustand des Menschen, wo eine dergleichen Liebe ihr Feuer und Herd hat. Man kann nicht anders sagen, als dass auch solch eine Liebe ihre schonen Tage habe. Dass Bose hat auch sein Gutes, sagte Herr v. G., und es liegt gottliche Weisheit in diesem Ausspruche.
So war das Ende meiner kriegerischen Laufbahn. Folge, dachte ich, dem Wink deines rechten Armes. Er hat Abschied genommen, nimm du ihn auch! und so musste ich denken. Meine Gesundheit war ausserst zuruckgesetzt. Du Hast, dachte ich, was du wolltest ein paar grosse Schritte naher zu Minen; allein ich widerlegte mich selbst. Wohlgehen steht vor lange leben im vierten Gebot, und krank seyn ist nicht leben, nicht sterben. Fast ists ein Mittelding, bei dem jedem einfallen muss: o dass du kalt oder warm warest! Es gab eine Zeit, wo ich den Tod schlechthin aussuchte, und stehe da, ich hatte weder ihn gefunden, noch das Leben behalten.
Ich erhielt meinen Abschied nicht, sondern einen Auftrag zu einer wichtigen Reise. "Ich weiss keinem diess Geschaft zu ubertragen, der es so, wie Ihr, betreiben konnte," schrieb die Kaiserin, und ihr Wunsch, dass die Veranderung der Luft meine Gesundheit wieder herstellen mochte, war mir das, was jeder Rausch ist. Ich fuhlte keinen Schmerz und reiste nach Petersburg, und sodann
Wie bald ich von meinem Jesuitenrauschchen wieder nuchtern worden, darf ich nicht bemerken!
Wer meinen Auftrag naher kennen lernen will, dem dient zur Antwort, dass er geheim war, wer w o h i n ? fragt, kann grundlicher beschieden werden. Freund! da, wo man fruher, als in Russland, eine Pfeife im Grunen raucht, fruher Spargel isst, und den Wein aus der ersten Hand hat. Wegen der Manschetten muss ich, um die reine Wahrheit zu sagen, bemerken, dass ich sie nicht langer, wie die hiesigen gefunden! Moden andern sich!
Obs nicht gut ware, krankliche Leute zu Gesandtschaften, und was ihnen anhangt, zu brauchen? Eine Frage, die nebenher auffallt. Ich richtete treulich und sonder Gefahrde aus, wozu ich gesandt war; allein meine Gesundheit hatte durch die Luftveranderung noch mehr gelitten! Ich glaubte schon, ich wurde lau zu seyn aufhoren, und kalt werden. Wohl dem, der es wird! Eine so geschwinde Ruckreise, als es die Geschafte wollten, hatte mich wirklich zu Minen gebracht, da kam m e i n F r e u n d , und entledigte mich meiner Burde! So sey es dir wieder, mein Geliebter, wenn du, lebenssatt und mude, suchest, wo du dein Haupt hinlegst. Er konnte sich nur eine einzige Nacht aufhalten, die wir durchwachten! und wie es doch immer geht, wir dachten nicht an uns, sondern an andere. Er hatte meine beiden Anbefohlenen sehr genau gekannt! Warum, Freund! nur eine Nacht? Er konnte nicht. Armer Freund! der Schlaf ware dir gesunder gewesen, als solch eine Todtenwache! Gehe hin in Frieden! in Frieden!
Jetzt, Freunde! hatte ich zum Andreas-Orden gesagt: Geh mir aus der Sonne! Der gnadigste Brief der Kaiserin selbst konnte mir in dieser Lage keine frohe Stunde verleihen!
"Ich entlasse Euch aller Dienste, und, da Ihr durchaus nicht mehr als Major seyn wollt, so bleibt, was Ihr seyd, mit der Versicherung, dass Mir Eure seltene Bescheidenheit zum Wohlgefallen gereicht.
Ich wunschte, dass dieser Brief Euch nicht aus dem Wege zu Badern trafe, wenn sie anders Eurer Gesundheitsverfassung dienlich sind. Ich schenke Euch Gern wurde ich es sehen, wenn Ihr in Liefland
Wenn Ihr Eures Adels wegen Anspruche befurchtet, so ertheile ich Euch hiermit den Adel mit allen seinen Vorzugen, und soll Euch das Diplom, sobald Ihr es verlangt
Lebet so glucklich, als Ihr es verdient, und als es wunschet
Eure gnadige Kaiserin
K a t h a r i n a ."
Wenn solch ein Brief keine frohe Stunde mehr verleihen kann, wie lebensmude muss man seyn! Gott! was kann solch ein Brief!
Allerdurchlauchtigste! Nein
Gute Kaiserin, Mutter eines Staats, der nach einer strengen Vaterregierung Peters des Grossen einer Mutter nothig hatte, um das zu werden, was er unvermerkt wird
Wenn diese Monarchin mit dem Konige von Preussen ein Paar worden: Welt! was meinst du?
* * *
Ich folgte dem Winke, den mir der Gnadenbrief gab, und ging nach Pyrmont. Schon die Reise schlug bei mir an. Wie gar anders ist's doch, reisen mussen, und reisen wollen. Jeder kann diese Erfahrung beim ersten besten Spaziergange anstellen! Auch selbst die Gesundheitssorge muss man dabei verlieren, sonst ist schon kein feiner Zwang dabei, den die frische Luft nicht vertragen kann!
Mit meiner Wiederauflebung meine uninteressirte Leser, die Spazierganger bei dieser Schrift, aufzuhalten, ware unverzeihlich. Gerne erzahlte ich sie, aber den Kunstrichtern, die von Amtswegen die Sonne aufund untergehen sehen, und die den grunen Grund im Naturgewande nicht ohne den albernen Gedanken ansehen konnen: Ei, wenn er weiss ware! O ihr Thoren und tragen Herzens, zu glauben alle dem, was in der Natur geschrieben ist!
Ich blieb den Winter hindurch in Suden, lernte je langer je mehr den kaiserlichen Brief empfinden, bis ich endlich so hergestellt war, als ein Invalide es seyn kann, dessen Korper ein immerwahrendes Wetterglas ist. Eben ein Stich im Arm, der mir den Wunsch abzwingt, dass meine Leser dergleichen Stiche nicht von selbst bemerkt haben mochten! Was geht's meinen Leser an, dass ich im Felde gewesen?
Bei meiner Hinreise ging ich durch Konigsberg, wie Mine. Ich sah keinen, als Postbediente; allein was ich empfand, weiss der, der Herzen und Nieren Prufet! Ich musste mich sehr irren, wenn es nicht Se. Spectabilitat gewesen, die mir, da ich schon im Postwagen war, so heiter ausfielen, als gingen Sie zu Weine! Kann gewesen seyn; denn bei meiner Ruckreise erfuhr ich, dass die Hausmutze Todes verblichen sey und dass der gute Grossvater, da er keinen Blick durchs Ritzchen weiter zu befurchten hatte, gar lustig zu jubiliren angefangen. Alles in Ehren, versteht sich. Jetzt wieder in Konigsberg. Ich wiederholte hier meine Studia. Mein erster Gang war zu Sr. Spectabilitat, nach dem signo depositionis. Ich fand den Grossvater auf dem Sprunge zu einem Clubb, zu dem er mich mitnahm. Wie man sich doch noch als Grossvater andern kann, wenn man keinen Ritzenblick mehr zu furchten hat! Er war seiner Bande entledigt und jetzt ungestort so froh, als wenn seine Tochter den namlichen Tag hatte taufen lassen, als wenn der Taufling ein Sohnlein sey, und noch obenein nach dem Grossvater genannt ware. Setzen Sie sich an meine grune Seite, sagte der Professor (eine preussische Redensart, die zur Rechten bedeutet). Ich setzte mich, und machte an dieser grunen Seite eine Anmerkung, die ich meinen Lesern nicht verschweigen kann. Der gute Grossvater war kein Religionsfreund, obgleich die Bibel so wenig, wie Homer, bestaubt war. Selten ist ein Professor Grossvater ein Religionsfreund. Woher, Freunde? Weil er das Wahre in seiner Lehre aus Gottes Wort geschopft hat, und weil er einsieht, dass, wenn er seine Wissenschaft aufs Volk herabstimmen solle, man nicht anders lehren wurde, als Christus, der Professor des ganzen menschlichen Geschlechts.
Zu diesem Weil noch ein Paar: weil alle w a h r e Philosophie in Zweifel besteht, weil viel Unphilosophisches in die Religion hineingekommen, zu der jeder vernunftige, lautere Christ zu sagen gewohnt ist: "Freund, wie bist du hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid an?" Solch eines Gastes halber aber die ganze Hochzeitfreude aufzuheben, ist sundlich! O ihr guten Philosophen! macht ihrs wohl wie die Engel, die das Unkraut vom Weizen trennen? Ihr reisst beim Jaten Unkraut und Weizen aus, so dass die Erde ohne Hemde nackt und bloss da ist, als war's Wintertag, wenn der Wind allen Schnee weggetrieben! Mich friert!
Was wollt ihr, hochgelahrte Nichtswisser! von den Concilien und den jetzigen Winkelzwiespalten in der Kirche? Fasset doch in euren eignen Busen! Wie lange ist's, dass in Deutschland alles demonstrirt ward? Man hat mir vom grossen W o l f als eine sehr wahre Anecdote erzahlt, dass, als ihn einer seiner Zuhorer um ein Demonstrationchen angetreten, das er keinem abzuschlagen gewohnt war, er gleich auch jetzt damit fertig gewesen. Da der Impetrant den Aufsatz beim Lichte besah, fand er, dass sein Pythagoras das Gegentheil von seinem erwunschten Satze demonstrirt, oder zu deutsch, sonnenklar gemacht hatte. Da stand der arme Jungling wie Butter in der Sonne! Der Lehrer nahm ihn bei der Hand. Was mehr? fing er an. Man kann alles demonstriren. Flugs demonstrirte er ihm, was zu erweisen war. Man sagt, der Jungling sey nicht gerechtfertigt in sein Haus gegangen! Ich, ware ich Jungling gewesen, ich hatte es mit der ganzen Philosophie gebrochen. Die Demonstrirzeiten haben, Gott sey gelobt! aufgehort. Jetzt observirt man. Man geht auf die Jagd Pulver und Schrot wird verschossen; selten trifft man. So geht alles im Cirkell Lieben Herren, wenn die Glocke zwolf geschlagen, geht's auf eins, bis es wieder an zwolf kommt. Bald Vernunft, bald Sinne! Die Philosophie ist ein Wortkram! Ich laugne es nicht, dass manches Wort abgebrannt ist, und die wuste Stelle wohl verlohnte, bebaut zu werden. Nur vergesst nicht, Freunde Grossvater, dass ihr keinen Fischzug Petri gehabt, wenn ihr hie und da Altflickereien von Schuldefinitionen angebracht, ob so oder so. Was habe ich denn, wenn ich weiss, dass geschwind, behend, schnell, nur von leblosen Sachen, z.B. Kugel; rasch, hurtig hingegen von lebendigen gebraucht wird? Ihr legt dem Menschen Daumenschrauben an, und wenn man sich recht umsieht, ist man Tag und Nacht gefahren und immer in die Runde, und auf Einem Fleck geblieben. Schwindlich oben ein.
Unser Grossvater, der wahrlich die Bibel gelesen, die dem Homer zur Seite lag, glaubte vigore commissionis kein Wort in her Bibel; allein jedes Wort in den Reisebeschreibungen war ihm heilig! Theater, Poesie mit allen At und Pertinentien waren ihm unausstehlich; wenn aber die Reisebeschreibung auch noch so poetisch, noch so schon war, so dass man gleich beim ersten Blick sah, die Beschreibung und nicht die Reise sey die Hauptsache bei dieser Arbeit; sie war ihm Ja und Amen! Aber, lieber Grossvater! Aber, lieber Major! Mag es beim Aber bleiben, und jeder lebe seines Glaubens!
Ich kann mich irren; allein mich dunkt, mein Vater
besass das, was die Griechen
`
` nannten. Herr v. G., der Seli
`
ge, pflegte, um dem fruhen Spargel und der Pfeife im Freien meines Vaters nicht zu nahe zu kommen, zu sagen, er sey aus Lacedamon. Herr v. G. ehrte meines Vaters Wortgriffe. Schade, sagte mein Vater, dass ich nur auf Worte herabgesetzt bin. Zum Gluck auf Volksworte, wie ich zu Gott hoffe. Freund, sagte Herr v. G., kommen Sie, wenn's Gelegenheit gibt, auf die Barenjagd! Mein Vater zeigte auf seine Reverende. Jagd, fugte er hinzu, um kein Wort schuldig zu bleiben, ist nur Thatenspiel, Ballschlag! Zum Worte Funken selbst gehort Stahl und Feuerstein! Pastor! beschloss Herr v. G., Sie Stahl! ich Kiesel!
Mein Vater war kein Freund von Spruchwortern, von faulen Knechten, von stummen Dienern, wie er zu sagen Pflegte, wohl aber von Volksspruchen. Vox populi, sagte er, vox Dei. Ein Volksspruch ist die Unterlage zur Handlung, behauptete mein Vater. Bei Spruchwortern und Sentenzen guckt ein sauber gedrucktes Buch hervor!
Ehrlicher Grossvater! du thust wohl, dass du zu Weine gehst; darf ich dir indessen des Herrn v. G. letzte Stunden empfehlen? Je mehr du Menschen sehen wirst, je mehr wirst du finden, dass es auf eine Definitionsspitze nicht ankommt. Lebe wohl! Trink auf meine Gesundheit! Schreibst du, so ist dein Buch gewiss in meinem Buchervorrath. Verzeihe, dass ich unser Examen auf Muthwillen gezogen, und so manches, was du fur ein Ehrenkleid hieltest, so lange noch die Ritze war!
Wer wird nicht gern mit zum koniglichen Rath kommen mit der offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn im Kleinen allein doch ganz sieht. Ich uberfiel ihn, wie er sagte, und da er keiner Erschutterungen gewohnt war, sondern immer seinen geraden Weg ging, selbst wenn er auf dem Gottesacker weinte so kostete ihm, wie er mir den folgenden Tag versicherte, dieser Besuch eine Nacht. Niemand war von unserm Kranzchen mehr ubrig als der Prediger, der aber, wie meine Leser es ziemlich deutlich gemerkt haben werden, nur zum Collektsingen und Segensprechen gebraucht werden konnte. Er war verwandt mit dem koniglichen Rath, sonst hatte er nicht Sitz und Stimme erhalten! Alles todt! Auch der Kreisrichter, wo ich den koniglichen Rath kennen gelernt, und seine Frau, die schon bei meiner Abreise ihr Gehor verloren. Er, eher wie sie, an einer Brustkrankheit, so wie er sich selbst prophezeit hatte! Junker Gotthard hatte die Frau Kreisrichterin noch am Leben gefunden, und als gewesener Hausoffizier seine Schuldigkeit bei der Durchreise beobachtet. Sie hatte ihn vorgelassen. Schade! auch der Reiter todt! Der konigliche Rath versicherte mich, dass dieser Offizier so sehr mein Freund gewesen, dass er bei meinem Entschluss, Soldat zu werden, sobald er erschollen, nichts weiter zu tadeln gefunden, als dass ich nicht sein College geworden.
Auch der Professor todt, der eine so vortreffliche Deklamation selbst im gemeinen Leben besass, dass man seine Stimme eine Prosaische Melodie nennen konnte. Der letzte Zank, den er mit unserm Reiter gehabt, war uber die Zeitungen, die der Reiter in hohen Ehren hielt; er aber so wenig, dass er sich der verachtlichen Bemerkung bediente: er brauche sie nicht anders, als wenn beim Rasiren ein Einschnitt sich etwa zugetragen. Sie wussten nicht, sagte der konigliche Rath, dass sie beide in einer Woche in die Zeitung kommen wurden! Ich konnte den kleinsten von diesen Zugen nicht ohne ganz besondere Aufmerksamkeit horen. Alles nahm ich zu Herzen. Wir erinnerten uns so manchen Streits. Der Reiter behauptete, dass nach dem neuen Testament die Zeitungen den ersten Platz verdienten, und dass eben sie die jetzige Welt vor Barbarei schutzen wurden. Setzen Sie den Fall: man schriebe aus , es hatte sich da ein Gespenst horen und sehen lassen, wurde man nicht gleich aus Berlin antworten: kein wahres Wort ? Die Avancements waren indessen unserm Reiter das Hauptstuck, die nun freilich weniger Interesse fur die Welt haben, als wenn ein Gespenst sich sehen und horen lassen sollte. Ich liess unverhohlen, dass eben der ZeitungsPanegyrist Schuld daran ware, dass ich in russische Dienste gegangen.
Der konigliche Rath hatte die abgegangenen Stellen wieder besetzt, indessen hatte er, um mir die eingebusste Nacht nicht schuldig zu bleiben, ausser dem Stammhalter, dem Prediger, die als ordentliche Mitglieder eingefuhrten Manner, den Offizier, den koniglichen Rath, den Professor und noch einen verabschiedeten preussischen Offizier gebeten, der als Zollner versorgt war. Dieser Zollner und ich sahen uns an, und wie aus einem Munde, A l e x a n d e r ! D a r i u s ! Wer hatte das gedacht!
Es war im ersten Augenblick alles Du und Du. Da aber Darius horte, ich ware Major gewesen, beschied er sich den Augenblick, und ich hatte viel Muhe, ihn wieder an Ort und Stelle zu bringen. Benjamin? Ja er selbst? Auch Benjamins Geschichte will ich Extrapost erzahlen. Wir verliessen Benjamin in einem schrecklichen Zustande.
Mine, die ihm aufgetragen, ihre Reise nach Mitau vorzubereiten, fand ihn selbst reisefertig zur andern Welt und ging von seinem Bette, betrubt bis in den Tod; Benjamin erholte sich zwar, indessen konnte er in einem halben Jahre zu keiner Fassung kommen. Man gab die Hoffnung auf, dass er je ganz zu sich selbst ruckkehren wurde. Endlich war er im Stande, die Scene mit seiner Schwester zu verstehen, die ihm aber wegen der so langen Zeit mit vielen Zusatzen und Verstummelungen beigebracht ward. Meister und Meisterin hatten keine Schuld an ihm. Der alte Herr hatte keine Taube seines Sohns halber versandt, und der Meister war so voller Beobachtung der Regel: was dich nicht angeht, davon lass deinen Furwitz, dass er, um den Darius'schen Ausdruck beizubehalten, seinen Prugel viel zu lieb hatte, um ihn unter die Hunde zu werfen. Vorerst war es auf eine Heirath mit des Meisters einziger Tochter, C h r i s t i n e , angelegt. Es wird doch, sagte der Meister, keine Missheirath seyn. Da aber C h r i s t i n c h e n sich unversehens so sehr verlaufen, wie Darius sagte, dass kein ehrlicher Mann sie aufzusuchen im Stande war, so liessen die betrubten Eltern Benjamin ziehen in Frieden. Beim Abschiede, sagte Benjamin, lief es mir eiskalt ubern Rucken. Es waren sehr gute Leute. Benjamin zog nicht eher Nachricht von M i n e n ein, als bis sie todt war! Ich ass eben, sagte er, Brod in frische Milch eingebrockt, da ich die erste sichere Nachricht von ihrem Tode erfuhr, und ich hatte, so hungrig ich war, den Loffel nicht an den Mund bringen konnen, um wie vieles! Auf meiner Wanderschaft, sagte er, hat mich manch harter Sturm erschreckt, o! wie manche rabenschwarze Nacht habe ich belebt, und wie oft bin ich ganze Tage gegangen, ohne einen Huttenrauch zu entdecken! An einen Kirchenthurm war ohnediess nicht zu denken.
Er kam in eine preussische Stadt, wo er dem Commandeur vorgefuhrt wurde! Benjamin erschrak gewaltig, da er vom Soldaten horte, den ihm der Offizier so suss vorpfiff! Es ward ihm indessen alles uberlassen. Eben weil er nicht gezwungen, sondern sich selbst uberlassen ward, bot er sich nach vier Wochen von selbst an. Die Meisterin des Orts, wo auf kein Christinchen Rucksicht zu nehmen war, hatte ihn ohne Ursach chicanirt, und nun glaubte er, sie wieder chicaniren zu mussen. Ich warf den Plunder weg, sagte er, und ward Soldat! Das Dariusspiel hat viel dazu beigetragen. Benjamin zeigte keine kleine Geschicklichkeit im Schreiben, und da er im ganzen Stadtchen privilegirter Briefsteller und Berechner war, so stand er sich so vortrefflich, dass er auf Standeserhohung dachte, die ihm auch nicht fehlschlug. Er ward namhafter Corporal. Wie war's, wenn es aus Feuer ging? fragte ich ihn. Musste gut seyn! erwiederte er. Freilich hatte ich noch keine Flinte, bis auf den Tag, da ich Menschenjager ward, losgedruckt, und ausser einem Taschenpuffer kein Knall- und fallendes Gewehr in meiner Hand gehabt; indessen fand sich alles nach und nach. Vorerst ward mir dann und wann eins angehangen, und vorzuglich habe ich meines Fusses halber manchen Spass gehabt. Kommts nicht heute, kommts morgen, dachte ich, und es kam morgen! Du pflegtest mir zu sagen, dass in jeder Sache ausser dem, was ins Auge fallt, noch etwas Unsichtbares ware, ausser dem, was da ist, noch ein Geist, der webt. Beim Soldatenstand ist dergleichen Geist nicht, wohl aber, wie du selbst wissen wirst, so mancher blaue Dunst, den man machen kann. Was fehlt meinem Bein? Ich unterrichtete beim Oberstlieutenant die Kinder. Du? meinst du Nein! Jeder Mensch hat im Regiment geglaubt, ich hatte studirt; da habe ich manchmal gedacht: ich ware schon so aus der Erbliteratenfamilie! Der Prediger hielt mich fur einen Juristen, der Auditeur fur einen Theologen! Die Herren Geehrten mussen doch selbst nicht so recht wissen, woran sie sind.
Darius ward auf Werbung vermoge ganz besonderer Empfehlung gesandt, und da er hier Gelegenheit hatte, sich ausnehmend hervorzuthun, vom Konige unmittelbar zum Lieutenant ernannt. Meine Feinde sagen: es sey ein Missverstandniss im Namen vorgefallen und der Konig soll sich auf einen Corporal gleiches Namens besonnen haben, der, vor seinen Augen, wie ein Bar im Kriege gethan. Auf einmal erscholl ein Gerucht, dass alle burgerlichen Offiziere, die nicht zu dieser Ehrenstelle wahrend dem Kriege gekommen, in Gnaden entlassen und nach Bewandtniss der Umstande untergebracht werden sollten. Das Gluck ging mir nach diesem Ungluck bald wieder auf. Anfanglich nur in Gestalt eines halben Mondes; ich hatte nur eine halbe Gluckswange. Dieses Halbgluck war ein Madchen, das mir wohlwollte. Es ward meine Frau. Bald darauf erschien der volle Mond. Ich bekam eine Stelle bei der Zoll- und Acciseverwaltung, wo ich ausser einer Aergerniss, die mir viel zusetzt, ehrlich und ordentlich lebe! Zur Aergerniss gab ein ganz besonderer Vorfall Gelegenheit. Benjamin Hauptmann, der nicht so gut schrieb und rechnete, wie Benjamin Darius, ward als sein Subaltern angesetzt. Der arme Mann hatte Feldzuge mitgemacht, und Darius nichts weiter, als Werbdienste gethan. Naturlich, dass dieser wunderliche Wechsel den Herrn Hauptmann schmerzen musste, und diess um so mehr, da er sich von Adel hielt, woran indessen auch gezweifelt ward. Bruder, fugte er hinzu: es ist ein Literatusadel, den ich mir auch zuzueignen im Stande ware. Ich konnte mich nicht des Lachens enthalten.
Benjamin unterhielt mich mit dem F u r und W i d e r , den Adel des Herrn Hauptmanns betreffend, langer, als ich selbst wollte. Das argste ist, sagte er, dass unser Hauptmann von Capernaum aus einem guten Hause geheirathet und eben darum sich Anhang zusammengesprengt hat. Alles hausarm; allein desto fester halten die Kletten. Da findet denn sich hoch wo ein gnadiger Onkel, der einen Einfluss hat. So viel kannst du glauben, fuhr Darius fort, ich vergebe mir nichts. Ehre verloren, alles verloren. Da ich der Sache naher trat, oder eigentlicher, treten musste, war der anomalisch adliche Hauptmann so wenig ein Subaltern des Darius, dass er bloss eine kleinere Stelle besass. Meinst du? fragte er mich.
Allerdings! und die Hitze des Subordinationsfiebers legte sich.
Freilich furchte ich, es werde eine Palliativcur seyn. Meine Frau g e h e i r a t h e t ? Ja! Ein Sohn und eine Tochter.
Benjamin liess nicht nach, mir dass Versprechen abzufordern, dass ich bei ihm Nachtlager nehmen mochte. So sieht er doch, fugte er hinzu, dass auch ein Major bei mir einkehren kann! Da haben wir das Subordinationsrecidiv. Ich lernte eine recht artige gute Frau Lieutenantin oder, wie sie lieber hiess, Inspektorin kennen. (Der Hauptmann war nur Einnehmer.) Sohn, und Tochter! Ein Paar liebe Kinder! Ich erschrak, an der Tochter einen entfernten Zug von Minen zu treffen, und da ich ihm nachspurte, fand ich ihn auch am Vater, und was noch mehr war, an der Mutter.
Meine selige, in Gott ruhende Mutter behauptete Stein und Bein, wie sie sprach, dass Mann und Weib ein Leib waren, das heisst, was ahnliches hatten, sonst, setzte sie hinzu, wurden sie sich nicht geheirathet haben. Das ist der Abdruck des Himmels, in dem bekanntlich Ehen geschlossen sind. Ich muss frei bekennen, dass ich diese Bemerkung oft bestatigt gefunden. Mag wohl immer seyn, wenn Neigungen Ehen binden! Man liebt sich selbst im andern! Desto angenehmer war mir der Abend!
Wir blieben spat in die Nacht zusammen. Die beiden Kleinen, die von Schlaf umfielen, mussten nicht von der Wache. Hab' ich mir nicht, sagte der Herr Inspektor, mehr im Kriegsdienst gefallen lassen? und konnte ich denn dafur, dass wahrend der Zeit kein Krieg war? Sprach man doch jede Revue vom Marsch! Wir wollen doch sehen, mein Kind! bemerkte die Frau Inspektorin, wer von den Kindern den Meine Frau, sagte Darius, nicht wahr? geht rund
Weibersehnen
L i t e r a t u r v o n
entstricken
L u t h e r b i s T u c h o l s k y
sich eher.
Unfehlbar glaubte sie ihrem Stande durch einen dergleichen Ausdruck nachzuhelfen. Mag wohl literatadlich seyn; naturlich ist er nicht. Mir wenigstens kann kein Naturstuck aufstossen, wo ich nicht etwas Aehnliches entdecke, Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch.
Sie erkundigte sich sehr herzlich nach ihrem Schwiegervater, und wollte von mir eine Beschreibung von einem Literatus, welche sie bis dahin noch nicht von ihrem Manne nach der Tablatur, wie sie es nannte, erkussen konnen. Ich liess den Hermann bei Ehren! Hatte der Hauptmann von Capernaum, pro tempore Acciseeinnehmer, die Abkunft des Inspektors erfahren, Subordination! wo warst du geblieben? Wenn mein Mann wider seinen Vater etwas hat, was gehts mich an? Man sehe doch das galllose Schafchen! Ernst! Ein gutes Weib! Man lasse ihr doch die welkgewordenen Blumen einer Metapher! Was thut es denn dem Manne, wenn seine Frau in so etwas Unschuldiges verliebt ist? Zehnmal versicherte sie mich, wahre Freundschaft daure noch, wenn gleich a l l e K r o n e n U r n e n g e w o r d e n ! Und alle Worte Gedanken, wollte ich schon sagen. Ihrem Manne machte das Tulpenbeet seiner Frau, in zierlichen Ausdrucken dargestellt, keine geringe Freude, obgleich er selbst bei seiner Weise blieb, geradeswegs aufs Dach zu steigen. Freilich musste das Dach nicht zu hoch seyn da Benjamin Darius origetenus auf schwachen Fussen stand.
O der wunderbaren Vermischung der Denk- und Handlungsart der Menschen! und doch wieder so allzusammen eins, dass man weiter gehen konnte, als meine Mutter. Nicht bloss Mann und Weib, sondern alle Menschen haben einen gemeinschaftlichen Zug alle etwas vom Vater Adam und Mutter Eva, denen, sie mogen gewesen seyn wie sie wollen, doch Kindespflicht eignet und gebuhret.
Amalia war mit dem Kramer ehelich verbunden, und glucklich genug gewesen, funf Kinder mit ihm zu erzielen. Junker Gotthard hatte sie nicht besucht, woruber sie sich beklagte, ohne dass der Kramer ein Wort daruber verlor!
Ich erneuerte alle meine alten Bekanntschaften, die heilige Geiststrasse und den Rossgartschen Kirchhof nicht ausgeschlossen. Die Strasse, die zu meiner Zeit beim Abzuge des Malers, dessen Quartier wir bezogen, illuminirt war, soll, wie man sagt, nicht aus der Illumination herauskommen. Was die Mutter thaten, thun die Tochter nach ihnen.
Schliesslich ubergab ich dem Darius und vorzuglich seiner Frau, Minens Grab in L. Ich that es in Gegenwart ihrer Kinder, und so feierlich, dass alles weinte, nur der gewesene Herr Lieutenant nicht, dem man in Darius dankte mir, wiewohl insgeheim (wer mag Ich fand F r o n s p e r g e r s K a i s e r l i c h e s K r i e g s r e c h t beim Darius, und Benjamin versicherte mich, dass ihm das Werkchen viele gute Dienste gethan. Freunde! Darf ich's wiederholen: beim Spiel eine ernsthafte Miene gemacht, so ist's Ernst; beim Ernst eine komische Miene, so ist's Spiel! Entweder ist alles Spiel, oder alles Ernst in der Welt! Wie man es drauf anlegt! Und nun, wenn anders meine Leser keine Tucke auf Benjamin haben, wer hatte gedacht, dass diese linke Hand sich so herausarbeiten wurde. Ist ihm die Nothtaufe anzusehen? Schneider, oder Literatus, sagte seine liebe selige Mutter.
Der Major, der uns nach Konigsberg brachte, war todt. Schade! Eben da ich sein College war! Der Junker war Lieutenant geworden, Benjamins Amtsbruder, nur mit dem Unterschiede, dass Benjamin ein stehendes, sein College aber ein fliessendes Wasser war! Wie weit kann er's nicht noch bringen! Der fliessende Lieutenant, wie er sich daruber freute, dass ich Soldat geworden! Noch lieber hatte er und der verstorbene Reiter, wirkliches Mitglied des gelehrten Kranzchens (wenn letzterer namlich noch gelebt), gesehen, dass ich bei der Cavallerie gestanden!
Beim Abschiede gab ich dem Herrn Inspektor den Brief der Kaiserin, den ich, ausser dem koniglichen Rath, keinem gezeigt hatte. Dem Professor Grossvater ware, wie mich dunkt, am wenigsten damit gedient gewesen. Da war Benjamin wieder aus dem Du-Geleise und bat um Verzeihung, so sehr die Subordination beleidiget zu haben. Ich hatte Muhe, ihn ins Du zuruck zu bringen. Stelle Dir vor, sagte er zu seiner Frau, ohne dass ich es verhindern konnte, dass er diessmal zu Dach stieg: unser Gast ist auch geadelt und ein Gutsbesitzer. Ihr Gesicht wahrlich etwas zur Schau! Gut, dass es beim Schluss war!
Lebe wohl, Konigsberg, auf ewig!
Nach L nach L .
Ich zog durch einen andern Weg, und obgleich ich nichts that, als mich gierig nach dem heiligen Grabe umsehen, fand es doch mein Auge nicht. Der gute Pastor! Mich argern alle die Verzierungen, die man beim guten gemeinen Leben anbringt. Da will man seine vorigen Bekannten rathen lassen, wer man ist! Da lasst die Frau, ohne dass der Herr Gemahl es weiss, zu seinem Geburtstage ein Mahl anrichten. In der Josephsgeschichte selbst gefallt mir der Zierrath nicht. Warum nicht gleich: i c h b i n J o s e p h , e u e r B r u d e r ! Geradezu gab ich mich dem Pastor zu erkennen, wie seinem Bruder, dem koniglichen Rath, der es einen Ueberfall nannte, und der daruber um eine Nacht kam, ich weiss nicht wie. Wie es mit Minens Grabe stande, war meine erste Frage, in die sich unser Pastor nicht finden konnte. Ich umarmte ihn, und ohne ihn zur Antwort zu lassen, die er von der Ueberlegung borgen wollte, nahm ich ihn bei der Hand und da waren wir! Nach der Zeit hat er mich versichert, dass ihm noch selbst auf dem Wege alles wie ein Traum gewesen! Da, sagte er, liegt mein Weib, Minens Nachbarin! Es war kurz vor Ostern und schon war Minens Grab so grun! so schon!
Der Pastor verliess mich, um, wie ich nach der Zeit sah, von Haupt zu Fuss sich umzukleiden. Ich sah gen Himmel, warf mich auf die Erde, auf die heilige, Minen geweihte Erde! Ich konnte nicht weinen! Mine! Mine! war alles, was ich konnte. Ich warf mich mit einer Heftigkeit aufs Grab, die kein Wort aufkommen liess, die es erdruckt haben wurde, wie ein Grausamer einen Wurm, der sich krummt und stehe da! so wie ich hinsturzte, fiel das Grab ein! Ein anderer ware aufgesprungen; allein ich erschrak daruber so wenig, als ich mich uber den kaiserlichen Brief erfreute. Wer kann etwas in solchen Umstanden! Nach einer kleinen Weile war es mir so, als der lebendige Odem aus ihrer Nase, woraus wir ihre Ruckkunft ins Leben erprobten! Gott! schrie ich und sah nun ein, dass der Sarg nachgelassen und die Erde ihm gefolgt war, als ob sie mir Platz machte! dachte ich. Ich komme bald! sagte ich so laut, dass ich's wiederhallen horte; wo es wiederhallte, weiss ich noch nicht: allein diess Bald im Wiederhall, wie es mich ergriff, das kann ich nicht sagen, nicht denken! Empfinden kann ich's. In solchen Fallen lasst der Empfindung ihren Werth, ihr Empfindungssturmer! Noch jetzt hat es mich erschuttert! Bald! Amen! bald! Amen!
Nach einer Weile fiel es mir wie ein Blitz ein, das Ende meines
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zu machen. Schnell riss ich die letzten Siegel auf und las:
"Du bist ein geborner Edelmann, ich heisse . Einen einzigen Buchstaben habe ich im Namen geandert. Wirfst du den weg, bist du, was deine Vorfahren seit undenklichen Jahren gewesen. Mein altester Bruder, der mich verfolgte, ist Schuld an diesem allen. Wie wenig ist d i e s e s a l l e s . Ein geanderter Buchstabe, ein einziger, was will das sagen? Die Beilage ist die Asche von den Papieren, die im Brande drauf gingen, der sich zutrug, da du krank warst. Sie muss gelten, wenn du sie geltend machen willst. Gott segne und behute meinen Bruder und die Seinen fur und fur! Auch dich segne er mit und ohne den Buchstaben "
Mehr konnte ich vorerst nicht lesen und auch meine Leser wissen genug in meinem Lebenslauf. Das ubrige gehort zum Lebenslauf meines Vaters, wovon der vierte Theil bergauf handelt. Die Beilage Asche hatte schwarze Kunst aussah.
O Freunde! Die Scene, wie ich beide Adelbriefe zusammennahm und sie auf Minens Grab legte zu ihren Fussen, konnte ich sie doch mittheilen! Ob sie gemalt im Zimmer sich ausnimmt, weiss ich nicht; aber furs Herz! Ich kann nicht! Sie brachte mich zu Thranen, zu sanften, sussen Thranen. Mine war mir Welt, Leben, Alles!
Sieh! Minens Schutzgeist, steh! der du ihr das Bald so warm wiedergebracht hast, als es das Echo, das Sprachrohr der Geister, dir zubrachte! Sieh diese Treue! Sie war Minens werth! Was sollen mir diese Gnadenbriefe ohne sie? O du lieber, seliger Vater! Dank sey dir, dass du diesen Pomp in Asche verwandelt und sie zur Beilage gemacht hast! Wir sind Staub und Asche!
Der Pastor kam ganz herrlich verziert, und wollte mich seiner Entfernung halber um Vergebung bitten. Da er aber sah, was vorging, war er Willens zu bitten, dass ich ihm seinen Ueberfall verzeihen mochte. Herr Major, fing er an (diess hatte er schon von meinem Bedienten erkatechisirt), das hat nie ein Major gethan, so lange die Welt steht! So hat er auch keine Mine gehabt, so lange die Welt steht! erwiederte ich, nahm ihn wieder bei der Hand, und fuhrte ihn zu dem Grabe seines Lindenweibes. H a n n a wollte durchaus, sagte er, M i n e n s Nachbarin seyn, und wir alle wollen's seyn. Meine Tochter hat sich dieses von ihrem Manne schriftlich versprechen lassen, und er von ihr! Hat Mine es doch dem Nathanael vergeben, lieber Major! Sie wurden sich gewiss vertragen gut begehen, hatte ich bald gesagt! Freund, antwortete ich (selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam), da sind Turk' und Russe Bruder! O, lieber Herr Major! vom Turkenkriege zu reden! Freilich hier nicht, aber doch! Ja! Ich druckte ihm die genommene Hand. Freund! das Grab Ihrer Hanna ohne Linden! Eine wollte ich ihr geben, ausgegangen! drei Jahre nach einander gesetzt und ausgegangen! Wie todt geschlagen! Ohne Leben und Odem! Mehr als eine mochte ich nicht! Warum sollte ich Ihrer Mine die Sonne entziehen? Die Linden nehmen sich viel heraus, wenn sie ins Wachsen kommen. Sie sind sehr sonnengeizig, ungerecht gegen alles, was unter ihnen wachst.
Nach dieser Scene gingen wir in die Kirche. Siehe! ich komme bald; halt was du hast, dass niemand deine Krone nehme, rief mir jede der vier Gegenden zu, Osten, Suden, Westen, Norden! Alles war mir so gegenwartig, als ob es vorginge. Minens Begrabniss, Gretchens Eheverbindung!
Was Gott thut, das ist wohlgethan;
Es bleibt gerecht sein Wille!
Drum lass ich ihn nur walten!
Warum denkt man so gern an gehabte frohe Stunden? Wahrlich, weil das Leben so kummervoll ist, und weil wir ihm durch dergleichen Kunstgriffe forderlich und dienstlich seyn wollen. Wahrlich, die uberall gutige Natur hilft auch hier, so wie in allem, unserer Schwachheit aus. Wir erinnern uns froher Tage fast eben so froh, oft froher, als wir es waren, da wir sie lebten. Die Zuruckerinnerung an traurige Vorfalle geht von langen zu kurzen Tagen uber und wird schwacher.
Alles war uns von Gretchens Hochzeit sichtbarlich: die Verschwendung des Puders von Seiten Nathanaels, das Kleid mit den goldbesponnenen Knopfen des Amtmanns selbst, womit der Amtmann sich bloss ausstaffiren w o l l t e , und das nicht zum Vorschein kam, war uns gegenwartig.
Der gute Pastor hatte nicht die Frage aufwerfen durfen: Wie ware es, wenn wir Gretchen besuchten? Hatte ich ihr so nahe seyn konnen, ohne sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Miss ich denn nicht ihr und ihrem Manne fur die treue Pflege danken, die sie Minens Grabe angedeihen liessen? (Die Zeit hatte meinen Schmerz uber Minen in Poesie gebracht, wie sie es immer thut, o! so sanft lyrisch!) Bin ich Gretchen
Es ward verabredet, zuerst Gretchen und ihren gepuderten Mann, und nach diesem den hochgebornen Todtengraber & Compagnie zu besuchen. Ich habe schon bemerkt, dass ich keine Maskeraden liebe. Warum auch die Mummerei? Da steige ich lieber den Leuten, wie der Herr Lieutenant, aufs Dach, als dass ich ihnen (auch ein Ausdruck des Herrn Inspektors) was ins Maul schmieren sollte. Wie das absticht, der Herr Inspektor und die Frau Inspektorin:
Mein Gott! wie sich Gretchen freute! auch Nathanael!
Sie kusste mich wieder so herzlich, als wie ich zur Hochzeit kam, und den Justizrath zur Frage: W e n n ? brachte. Der arme Mann musste jetzt viel dieser Eifersucht halber ausstehen! Jetzt war er so weit vom W e n n , dass er selbst gern daruber lachen mochte. Er hatte sich ungemein auf die Politik gelegt, und wollte durchaus die Karte herbeiholen, da sich der Herr Schwiegervater an den Turkenkrieg erinnerte. Der gute Nathanael war immer mit marschirt, hatte immer mit gekriegt und mit gesiegt. Er war, so wie sein Schwiegervater, wohlbedachtig russisch, obgleich sonst jeder Mensch eine Neigung hat, sich des Unterdruckten anzunehmen. Ist's Wunder? Es ging ja gegen die Turken! Die Anlage zur Politik, welche der Prediger bei Gelegenheit der verlornen Schildwache zeigte, hatte freilich noch nicht ihren Geist aufgegeben; indessen ubertraf N a t h a n a e l seinen Schwiegervater in der Politik bei weitem. Gretchen war dagegen so unpolitisch, dass sie recht geflissentlich diesem Blutvergiessen auswich. Ein politisches Weib ist wahrlich das unausstehlichste unter allem aus der siebenten Bitte. Fast sollten sie das Wort Krieg nicht auszusprechen, nicht uber ihr Herz zu bringen vermogen. Ein anderes, ging's um die schone H e l e n a ! oder wenn sich ein Paar um das blaue Augenpaar der Huldgottin der Stadt schlugen! In solchen schonen Fallen erlaube ich ihnen auch ein Wort uber Krieg und Kriegsgeschrei zu sprechen!
Gretchen, du hast den besten Theil erwahlt, das soll nicht von du und deinen Tochtern genommen werden ewiglich! Wie du in Reisekleidern ausgingst, liebenswurdiges Geschopf, und mit verweinten Augen zurukkkamst! Gott lohne dich mit seinem reichlichen Gegen! Sein Antlitz hebe Er aus dich, und sey dir gnadig!
Es war ein gutartiger, allerliebster Fruhlingstag. Wir kamen fruh an und fruhstuckten auf einem Haufen. Mir kommt das Fruhstuck als die naturlichste Mahlzeit vor, das sich auch die englische, die naturlichste Nation, nicht nehmen lasst. Omen Morgen, lieber Englander!
Ich setzte mich ins Gras, und die funf Kleinen (so viel hatte Nathanael aufzuzeigen) um mich her. Diess brachte mir ein Vergissmeinnicht, jenes nahm mir den Hut ab; die beiden kleinsten Madchen ergotzten sich an den blanken Knopfen meiner Uniform!
Der gute Prediger sah diese Gruppe und sagte: "Simon Johanna, hast du mich lieb?" Weide meine Lammer! Ich hielt diesen Spruch an, und auch noch schallt er mir ins Herz: "Weide meine Lammer!"
Leopold, willst du ins Grune?
Eben wollte ich bitten.
Komm!
Ohne Strohhut?
Versteht sich
Gretchen sowohl, als Nathanael behaupteten, der dritte von oben hatte viel Aehnlichkeit von mir! Ich fand es nicht. Vater und Mutter hatten ihn am liebsten. Schade, dass er nicht Alexander hiess, sagten die Eltern, der alteste hiess so! Das erste Kind war eine Tochter und hiess Mine! Wie ich diess liebe Madchen an mein Herz gedruckt! Es war es, das mir Vergissmeinnicht brachte! Ich liess mir von Gretchen d a s E n d e i h r e r M u t t e r erzahlen, wo sehr starke Stellen darin vorkommen. Ich will meine Leser, denen ohnehin eine Todesfahrt bevorsteht, mit den nahern Umstanden nicht aufhalten. Sie starb sehr heiter. Ihr Tod war kein Lindentod. Wer nicht von dieser ihrer Krankheit gewusst hatte, wurde sie in Wahrheit aus den letzten vier Wochen ihres Lebens nicht ersehen haben. Ihre Einbildungskraft war wieder eingezaunt. Ihr Auge hatte jene Wildheit nicht mehr; es strahlte nicht, es schien nur. In ihren Segnungen paarte sie mich noch mit Gretchen; das heisst: sie segnete mich so inbrunstig als sie, obgleich Nathanael und seine Kinder hiebei nicht zu kurz kamen. Auf den Enkel Alexander legte sie beide Hande, auf jedes andere ihrer Kinder nur eine. Was sie froh war, sagte Gretchen, Minen zu sehen! Gehe ein zu deines Herrn Freude!
Kaum hatte Gretchen diese fur mich so ruhrende Geschichte vollendet, so marschirte Nathanael schon wieder zum Turkenkriege, und wollte ich wohl oder ubel, ich musste erzahlen. Gretchen bestellte wahrend des Turkenkrieges ein naturlich schones Mahl. Bei Tische war der Justizrath nicht von B u k a r e s t zu bringen, bis ihn endlich Gretchen wie einen Turken schlug. Die kleine, liebe Russin! Sie vergoss uber meine zwei liebe Kriegskameraden bittere Thranen! und mehr, als die Geschichte dieser jungen Helden, wollte sie nicht. Der Prinz W i l h e l m v o n B r a u n s c h w e i g war ihr zu vornehm, um an ihm Theil zu nehmen.
R e c h t e n und F e c h t e n , sing die Lose an, und zeigte mit Fingern auf Nathanael. Er gleich fertig: b r u m m e n , v e r s t u m m e n ! und zeigte auf Gretchen! Ich gab dem Justizrath einen Blick, als wollt' ich sagen: ich bitte, meine Mutter ruhen zu lassen in Frieden!
Was Gretchen wohl ansteht, gebuhrt eben einem so puderreichen Manne nicht. Nathanael fuhlte, dass er zu weit gegangen, und ward so still, dass ich ihn selbst mitleidsvoll durch eine Turkengeschichte aufmunterte. Wer kann immer fechten; ich fing also zu rechten an. "Ich will mich selbst richten," schrieb Nathanael an seinen Schwiegervater, "und den Krieg Rechtens mit mir selbst anfangen." Ein schon Stuck Arbeit! Nathanael hatte redlich Wort gehalten. Nie sprach er ein Urtel uber andere aus. Sich selbst hielt er in Ordnung. Vielleicht fiel er eben darum auf's Politische. Durch eine Schadenfreude uber die Turken konnte er freilich keinen Schaden thun. Wenn er ja noch mit einer Beurtheilung sich horen liess, so war es wider die Gesetze selbst. Wider die Turken und wider die Gesetze sollte wahrlich jedem Christenmenschen ein Wort zu seiner Zeit erlaubt seyn.
Die Gesetze, sagte der Justizrath, scheeren alle Menschen uber einen Kamm! Unfehlbar dachte er ans Promemoria. Wenigstens fiel es uns allen ein, obgleich wir es nicht sagten. Der Gerechte und Ungerechte wird nach einer Form behandelt, und ein gelehrter Jurist ist der, welcher aus einer Tasche nimmt, und es in die andere legt; aus der Ausgabe in die Hauptcasse! Und unsere Philosophen, sagt' ich, was thun sie mehr? Wenn es kostlich gewesen, schlagen sie die Zinsen zum Capital. Und dann, fuhr der Prediger fort, geben sie es an einen unsichern Ort. Und dann, beschloss der Justizrath, holt der Teufel alles.
Der gute Nathanael erschrak selbst uber den Teufel, da er ihn citirt hatte, so wie uber's B r u m m e n und V e r s t u m m e n ! Er hatte in diesen Tagen ein klein Capitalchen verloren, das er vielleicht auch, wie die Philosophen, von Zinsen gesammelt! Solch Geld soll uberhaupt nicht viel Segen haben.
Warum Scheltwort wider die Gesetze? sagte der Prediger. Ihr Herren habt ein gewisses Phlegma, das ihr Diensteifer nennt. Alles nur so nach dem es scheint, nichts, nach dem es ist.
Ihr Bruder! fing ich an
Ist nicht phlegmatisch von Natur
Ein wahrer Menschentreffer.
Mag! allein das beste Auge wird mude!
I c h . Und furchtsam, wenn es ein paarmal fehlgeschossen.
J u s t i z r a t h . Man hat so viel Muhe, sich selbst zu treffen, und hat sich doch immer vor der Nase!
P r e d i g e r . Aber nicht vor den Augen.
I c h . Vielleicht trifft man sich mehr, als es scheint. Man publicirt uns das Urtel nicht. Es bleibt uneroffnet. Jeder Schelm weiss, dass er's ist, der kleine schielende Revisor so gut, wie ein anderer. Die Justizform in England
J u s t i z r a t h . Freilich die beste! Die lieben Dicasteria. Lasst den Nachbar uber den Nachbarn urtheilen; so wie bei uns Soldat uber Soldat, Unteroffizier uber Unteroffizier, Offizier uber Offizier! Wenn nur das Desertionsedikt nicht ware! Dicasteria sind gemeinhin Hospitaler, wo viel geredet und wenig gethan wird! Kommt einmal ein grosser Kopf herein, stosst er ihn sich wund Das edle Geschopf Gottes hatte nicht Raum in dieser Herberge!
Sollte man wohl nach diesen Datis glauben, der Justizrath habe keinen Dienstverstand? Die Herren Rechtsgelehrten lernen die Gesetze; allein selten den Menschen. Es gibt Leidenschaften, die jeder billiget, weil sie mit ihm selbst stimmig sind. Wer zurnt uber den Zorn, wenn der Eifer uber eine Beleidigung kommt, die ins Allgemeine geht? Ein dergleichen Eiferer heisst ein Patriot! Trifft der Eifer einen Lehrer, der ein falscher Munzer ist, der W o r t e fur S a c h e n verkauft, Schiffszwiebacke fur Manna ausgibt, oder auch einen solchen, der seinem moralischen Vortrage durch seinen Lebenswandel widerspricht, dann ist dieser Eifer e i n E i f e r f u r d e s H e r r n H a u s . Bei dieser Gelegenheit, da wir dem, was ins Allgemeine schlagt, Gerechtigkeit widerfahren liessen, fing der Prediger an: Es ist so eine Sache mit dem lieben Allgemeinen! Wir wollen nur Thatsachen, die aufs Allgemeine gehen. Je allgemeiner die Benennung ist, womit man uns belegt, je weniger will man sich so benennen lassen. M e n s c h ! kann zur Probe dienen. Ein allgemeiner Geist zieht in seinem Privathause gemeinhin den Kurzern.
Nathanael versicherte, und auch diess war wahrlich nicht der kleinste Beweis von seinem Dienstverstande, dass er in seiner langen Praxi nie gefunden, dass ein gutdenkender Mann auf einen Dieb bose gewesen, wenn er das Seinige wieder erhalten. Wir Menschen, denk' ich, sehen es zu sehr ein, dass wir alle gleiche Rechte in der Welt haben, und danken Gott, wenn wir nur bei solchen Gelegenheiten ungeschlagen davonkommen.
Der Prediger, der noch kein Wort von seiner Sunde wider den heiligen Geist gesagt, vielmehr seinem Herrn Schwiegersohn, weil er Justizrath war, obgleich ein in Gnaden verabschiedeter, die Vorhand gelassen, holte jetzt alles ein, schlug Zinsen zum Capital, und bemerkte jedes Wort, das er in der zweiten Ausgabe dazu und davon gethan. Er sprengte, da es Nathanael ihm zu lang machte, ubern Zaun, und der Schwiegersohn musste ihm das Wort abtreten, obgleich er Justizrath war. Man kann sich um den Hals reden, auch um den Gedanken! Der gute Prediger fing nicht zu seiner besten Stunde an. Gretchen kam, und ich liess den Justizrath (Gelehrsamkeit gegen Gelehrsamkeit) bei der Frage: "ob auch jemand mit der linken Hand schworen, und ob, wenn er falsch geschworen, ihm die Finger abgehauen werden konnten?" und den Pastor bei der Antwort: "dass er sehnlichst wunschte, einen Sunder wider den heiligen Geist seiner zweiten Ausgabe in Kupfer vorstechen zu lassen." Mogen sie rechten und fechten!
Gretchen und ich gingen spazieren; ein Sohn und ein Tochterchen mit uns. Eins fur mich, eins fur Sie! sagte die gute Hausmutter. Wer Gretchen mit ihren Kindern sahe, und nicht Luft bekam zu heirathen, hatte kein Gefuhl von Unschuld. Sie zeigte mir dort eine neue Anlage zum Spaziergang, hier ein vortreffliches Grasstuck. Den Acker rahden und der Gegend zur Aber lassen, wie Gretchen es nannte, oder einen Graben ziehen, uberliess sie dem Herrn Gemahl; sie nannte das Milchdepartement ihr beschiedenes Theil, und nothigte mich in ein allerliebstes Budchen, ihren Thron, wie sie sagte. Allerliebst! So schon sitzt kein Monarch, als Gretchen in ihrer Milchbude. Hier ward oft frische Milch gegessen, und die schonste Wiese, die das Gutchen vermochte, lag vor'm Auge.
Wer fehlt mir, Freund, als Mine? sagte Gretchen und weinte so sanft, als man in einer Milchbude weinen muss. Sie beklagte sehr, keine Freundin in ihrer Gegend zu haben. Allein ich habe einen lieben, sehr lieben Mann! fugte sie hinzu. Wer hatte das dem Nathanael, dem Justizrath, ansehen sollen? Wenn's geregnet hat, sagte sie, wie schon ist es hier! und gab mir die Hand. Das gute Gretchen! Warum nicht alle Kinder? fragt' ich Gretchen. Gern mocht' ich mich mit diesen Kleinen ins Gras setzen! "Ich wollte mehr mit Ihnen allein seyn!" Wahr ist's, drei kleine Kinder Zusammen ist wie eine grosse Gesellschaft. Gretchen hatte keine andere Gesellschaft, als ihre Kinder. Zuweilen kam der Graf, und sie waren noch ofter bei ihm. Gretchen war nicht ganz fur diesen Geruch des Todes zum Tode. Die Sache genau genommen, ist auch der Geruch des Lebens zum Leben, Leib und Seele gesunder. Eine Person von ihrem Herzen konnte nicht anders, als todtlich geruhrt vom Grafen heimfahren. Nathanael liess sie vorzuglich, wenn sie gesegnet war, nicht zum Grafen. Alles gut! sagte Gretchen, das hiesige Leben ist doch auch nicht zu verachten, und es ist Pflicht, zu geniessen und Trost zu hoffen. Was fehlt uns denn in dieser Milchbude?
Die Milch, Gretchen.
Wollen Sie?
Ich lachelte: Nein!
Der siebenmal sieben liebe Graf! Ist denn nicht mein Stubenornat besser, hatte er jungst zu Gretchen gesagt, als wenn ich meine Zimmer mit geilen Bildern behangen hatte, deren jedes Feuer streut, wodurch so viele junge liebe Herzen in Brand gerathen? Viele lugen, sagt' ich, weil die Wahrheit was gewohnliches ist! Der Graf ist nicht besonders, weil er es seyn will, sondern weil er einen Lebensconcurs gemacht hat. Ich wusste wohl, mit wem ich sprach; Gretchen hatte aufs Haar gelernt, was ein Concurs sey.
Ich habe einen sehr lieben, lieben Mann, wiederholte Gretchen von freien Stucken. Der Concurs kann ihr unmoglich hiezu Gelegenheit gegeben haben. Mein Mann liebt mich, fuhr sie fort, und seine Kinder, ist gerecht gegen jedermann, und verlangt vom Glucke keinen Dreier mehr, als es ihm zugewendet. Wir verloren ein kleines Capitalchen und zweimal haben wir in der Lotterie gewonnen, so dass sich alles ziemlich heben wird.
Es war Gretchen zu kalt. Sie zeigte bei aller Gelegenheit eine schwache Brust. Wenn nur die Lindenkrankheit ihrer Mutter ihr nicht den Stoff zur Hektik eingepflanzt! Schonen sie sich, Gretchen; horen Sie? schonen Sie sich! Ein grosser Theil meiner Leser vereinigt seine Bitte mit der meinigen: Schonen Sie sich!
Ich wendete mich zum Wege, aus dem wir gekommen waren; allein Gretchen zog mich seitwarts, um mir einen Gang zu zeigen, der nach einem meiner Vornamen hiess. Auch einen Minchenberg gab es, wo wir uns wenige Augenblicke niedersetzten. Dass wir doch nicht Geister sehen konnen! sagte Gretchen. Der Graf glaubt zwar drei Seelen bei ihrem Ausflug mit einem Blick erhascht zu haben. Im Fluge, Gretchen, trugt das Gesicht am meisten. Zum Collationiren, sagte sie, gehort Original und Copie! Liebes Gretchen, erwiederte ich, reden Sie doch wie eine wahre Justizrathin.
Wir kamen zuruck und fanden den Herrn Schwiegervater und Sohn noch in gelehrten Streitigkeiten. Der Justizrath sprach uber die Frage: "Ob jemand mit der Todesstrafe zu belegen, der einen Missethater eine halbe Stunde vor des Todesurtels Vollstreckung ermordet?" und der gute Prediger: "Ob es nicht billig, dass der Verleger den Titelbogen fur voll bezahle, wenn gleich nur ein Blatt beschrieben sey." Ists doch der Titel!
Was meinen meine Leser von einem Sunder wider den heiligen Geist in Kupfer? Sollte nicht eine Silhouette mehr anzurathen seyn?
Keinen starkern Beweis konnte wohl Nathanael ablegen, nicht mehr eifersuchtig zu seyn, als eben den, dass er sein liebes treues Weib mir anvertraute. Hat der Herr Major alles gesehen? Ja, lieber Nathanael, a l l e s ! Tausend Dank fur Gang und Berg! Ich will gleiches mit gleichem vergelten, wenn mir Gott an Ort und Stelle hilft! Gretchen war mir lieb als Gretchen, und lieb ist sie mir als Frau Nathanael!
Herr Major, sagte Nathanael, sie ist Minens Schulerin!
Wer kann wohl glauben, dass es nicht drei Minuten dauerte, da wir von Gretchens Milchbudchen bis Bukarest waren!
Diessmal waren Gretchens Bruder meine Retter. Sind sie noch, fragte ich, in Poesie-Compagnie? Vier Augen sehen mehr als zwei, sagte Gretchen und lachelte. Wie Sie doch so gutig sind, fiel der Prediger ein, sich selbst an diese Maskopie zu erinnern! Denken Sie noch daran, wie ich Ihnen meine Abhandlung zum erstenmale anvertraute? Sollte ich nicht? erwiederte ich und lenkte wieder auf die beiden Compagnons ein, wovon einer in Curland Hofmeister war, der andere in dem namlichen Ehrenamt in Preussen stand! Der Prediger empfahl mir den Curlander, wenn er wo mit v, E s. in Collision kame! Ich antwortete mit einem Handedruck.
Den folgenden Tag reiseten wir zum Grafen. Ich wunschte, dass Gretchen mit kame, allein ich bat sie, nicht mitzukommen, da ich wusste, dass der Geruch des Lebens zum Leben ihr lieber war. Ich glaube je langer je mehr, weil sie die Folge der mutterlichen Lindenkrankheit selbst fuhlte, und nicht fuhlen wollte. Das liebe Gretchen! Sie kam von selbst, die gute Grete. Wir fuhren alle viere!
Der Graf freute sich uber alle Massen. Ein Sterbender allein hatte ihn mehr erfreuen konnen. Man schrieb mir aus Konigsberg, Sie waren da, sagte der Graf, und ich ware fast in die Verlegenheit gekommen, Sie zu bitten, Ihren alten Freund nicht zu vergessen. Desto besser, dass Sie ohne das gekommen sind.
Meinen Lesern ist es bekannt, wie viel der Graf von Kunftigkeiten zu bestimmen gewohnt war. Es fiel ihm mancher Umstand wie aus dem Aermel. Wer wird denn wohl im dreissigsten oder vierzigsten Jahre wissen wollen, ob er es bis siebenzig oder achtzig bringen, oder eher sterben werde? Und wem ist uberhaupt damit gedient, da Vorhange aufzuziehen wo die Hand der Vorsicht sie wohlbedachtig angebracht hat? Warum soll man die Kunst lernen, fast immer die Zeit und Stunde zu wissen, wenn es mit dem Patienten aus seyn werde? Gut, keinen medicinischen Tod zu sterben; indessen wurde ich es eben so ungern sehen, wenn ich wusste: ich sterbe und ein anderer observirt mich! Wer lasst sich gern observiren? Eben darum trifft der Maler am besten, der die Gestalt stiehlt! Die Welt ist ein Garten im Norden, wie der Graf sagt, wo wenig reif wird. So wir das wissen, selig sind wir, wenn wir darnach thun! Wie kommt das, dass ich Gretchen unvermerkt in Rucksicht ihres Geruchs beitrat? Ich weiss keine andere Ursache, als weil ich auch vierzig Jahre trage. Der Graf schien es selbst zu merken, dass ich den Antheil an seinen Anstalten nicht nahm, den ich vor diesem genommen. Diessmal, sagte er sehr fein, werden Sie nicht in krank werden! Weil ich es bin, erwiederte ich, und, wie mich dunkt, war meine Antwort eben so richtig als seine Frage. Sie haben ein grosseres Sterbehaus gesehen, Herr Major, sagte er, als das meinige! Der Justizrath und der Prediger waren froh, um vielleicht manches noch vom Turkenkriege zu horen, woruber ich, wie sie wahnten, den Grafen nicht abschlagig bescheiden wurde; allein sie kamen wieder von Bukarest zuruck, ohne mehr zu wissen. Ohnmoglich kann den lieben Herren solch eine schnelle Reise gut thun! Der Graf hielt sich bloss uber die Frage auf: Ob man wohl im Felde, ohne seiner Pflicht etwas abzukurzen, observiren konnte? Ich hatte ihn schon u b e r z e u g t , dass es viel Gelegenheit zu Observationen im Felde gebe, und ihm eine ganz neue Aussicht eroffnet.
Der I n s p e k t o r und s e i n e F r a u . Sie waren zum Prediger nach L. gekommen und von L. zum Grafen, ob sie es sich gleich erst die kunftige Woche zu thun vorgesetzet. Ich war Major und von Adel, und freilich hatte die Subordination gelitten, wenn Benjamin, wie er sich ausdruckte, ermangelt hatte Wie machst du es mit deiner Stelle? Er hatte den Einnehmer damit belehnt, lieber Major! erwiederte die Frau Inspektorin fur den Herrn Inspektor. Das heisst wohl sein Amt an den Nagel hangen. Noch dasselbe Gesicht zur Schau, das die Frau Inspektorin beim Gutsbesitzer und Edelmann aufschlug! Er selbst auch noch die namliche Subordination. Bei ihm wirkte der Edelmann, bei seiner Frau der Gutsbesitzer! Er war aus Curland, sie aus Preussen. Bei diesen Schaugesichtern war es kein Wunder, dass die Sache weiter ging und an den Grafen kam, dem die Nachricht eben so, wie der Frau Inspektorin auffiel. Ihnen, lieber Graf! der Sie taglich sterben? Gretchen allein war wie vorhin! Der Justizrath rausperte sich ein wenig, da er zum erstenmal mit dem adelichen Major, dem Erbherrn auf sprach. Dem Prediger war nichts anzumerken. Der Graf, den der Turkenkrieg bloss des Observationsstubchens halber interessirt hatte, wovon ich ihm einige Winke gegeben, nahm an meinem Adel so viel Antheil, dass die Observation jetzt auf meiner Seite war. Mein Gott! wie kann doch jemand, der taglich stirbt, an dergleichen Kleinigkeiten Theil nehmen! Vorurtheile gegen die doch der Mann, der sich vom Haufen unterscheidet, angehen soll, konnen die auch solch einen Mann so beherrschen? Es ging mir nahe, diese Buhne aufgezogen zu sehen! Sein erster Blick that gleich zehn Fragen an mich, und so lieb es mir war, den Herrn Inspektor noch zu sehen, so war ich doch im ersten Augenblick nahe daran zu wunschen, dass er lieber mit seiner Hausehre beim Herrn Hauptmann geblieben, als uns gestort hatte.
Der Graf wollte die L e b e n s l a u f e aller meiner Ahnen. Lieber Graf! ich weiss sie selbst noch nicht, und suche noch hie und da Lucken auszufullen. Zeit bringt Rosen! Wenn Sie Geduld haben, die jedem noth ist, und Gott Ihnen das Leben fristet, so sollen Sie im dritten Theil meinen Vater und im vierten meinen Grossvater von oben ab sehen! Gleich ein Unterschied zwischen mir und der andern Gesellschaft. Lieber, warum das? warum die weissen Federbusche, und die Wappen und die grafliche Krone? Der gute Pastor in L sagte, auf den Punkt versteht der Graf keine Bruderschaft. Da ist das K r o n c h e n leicht gebrochen. Der Graf kannte meine Familie sollt' er nicht? und nichts war ihm im Wege, als meine Mutter, die doch burgerlichen Standes gewesen. Sie ist todt, lieber Graf! F r e i l i c h h e b t d e r T o d viel, es ist nur der Ahnentafel und d e r S t i f t s f a h i g k e i t w e g e n . Ich versicherte die grafliche Krone, weder an eine Ahnentafel zu denken, noch auf Stiftsfahigkeit je Anspruch zu machen; allein er druckte mir die Hand mit einem sehr bedeutenden: K o m m t Z e i t , k o m m t R a t h ! Da Gretchen alles sah, was vorging, schien sie selbst einen Subordinationszug einfuhren zu wollen, den ich aber sogleich bei der Thur abwies. Die Frau Inspektorin fand vollkommen ihre Rechnung. Sobald sie bemerkte, dass es hier auf Paar und Unpaar ankam, ging sie bei sich selbst zu Rathe, ob und in wie weit ihr der Rang uber Gretchen zustande? Sie ubertrug dem Herrn Inspektor hiebei Sitz und Stimme; da sie aber zu ihrem Leidwesen erfahren musste, dass ihm der Fall zu wichtig sey, nahm sie ihres Herrn Gemahls Verfahrungsart an, stieg Gretchen zu Dache, und drangte sich der lieben Unschuldigen vor, die indessen bei dem allerersten Blick des Vordrangs so nachgebend war, dass die Frau Darius nur ein sehr kleines Dach zu steigen hatte.
Der Graf hatte die ganze Gesellschaft elektrisirt. Alles war geschlagen, bis auf Gretchen, ihren Vater und mich. Elektricitat ist ein Naturblatt, auf dem viel steht, pflegte mein Vater zu sagen. Wenn wir den Altar kennten, von dem diese gluhende Kohle, dieser gottliche Funke genommen ist, waren wir weiter!
In der Naturlehre, lieber Vater! Wenn du aber hier in dieser geschlagenen Gesellschaft gewesen; was fur ein Feld zu moralischen Anmerkungen ware dir da offen gewesen! Wie doch dem Menschen der Zwang so eigen werden kann! Ein kleiner Schlag, und alles gerade wie auf Drath gezogen!
Gretchen gewann bei meiner Standeserhohung am meisten; denn der Todtengeruch war sehr zum Geruch des Lebens zum Leben ubergegangen.
Der Graf bat es sich zur Freundschaft aus, sobald ich mich mit meiner Familie in Verkehr gesetzt haben wurde, ihm uber diesen und jenen Punkt, wo seine Familienkenntnisse nicht zureichten, Auskunft zu ertheilen. Dieser und jener Punkt waren Federbusch, Wappen und dergleichen Dinge mehr! Hie und da eine Anekdote von dem und dem in der Familie! Das war alles? Wie ich sage, keinen Tritt weiter. Ist's moglich, ein Mann, der einen Mann ohne Wappen zum Lebens-, alle Sterbende zu Sterbens-Brudern und Schwestern annahm? Was anderes, wenn's Leute thaten, die dem hiesigen Leben den Eid der Treue geleistet.
Ich konnte das Andenken an jene Grabschrift nicht abwehren:
Hier liegt der lebendig Todte!
Bei diesen Umstanden hatten S i e die Blatter, die von der Reise zum Grafen handeln, nicht uberschlagen durfen, m e i n e g n a d i g e F r a u ! Zwar nahm ich mir die Freiheit, bei Gelegenheit der Sterbensumstande unserer guten H a n n a , diese Reise eine Todesfahrt zu nennen; allein, geruhen Ew. Gnaden die Fraulein Schwester zu fragen, der es gestern, als V e s t a l i n , auf dem Balle recht gut stand, ob nicht diese Blatter unbedenklich mitgenommen werden konnen?
H i e r o d e r d o r t waren die letzten Worte, die ich mit dem Grafen beim Abschiede wechselte, da ich ihn beim Geruch des Todes besuchte! Wer hatte geglaubt, dass das H i e r eintreffen sollte, und zwar ein recht eigentliches Hier, voll Geruch des Lebens. Wie sich die Luft erfrischt hatte, bloss weil ich Edelmann war! Da wir im heiligen romischen Reiche meines Adels halber waren, kamen wir, ich weiss nicht wie, auf Karl V., der sich bei lebendigem Leibe begraben liess, um zu sehen, wie es ihm lassen wurde. Ich glaube, sagt' ich, diese Probe hat sein Ende befordert. Ich nicht! erwiederte der Graf, der alle Vierteljahre eine Nacht in seinem Sarge schlief; Karl V. starb aus Reue und Leid seiner niedergelegten Kronen halber! Und ohne ein Komma zu machen, war der Graf bei der Frage: ob mein Adel alter ware, als Kaiser Karl V. glorreichen Andenkens, der, eh' er 1558 starb, sich Probe begraben liess? Das ich nicht wusste, erwiederte ich.
Wenn doch, dachte ich, was Sterbendes vorhanden gewesen, um den Grafen wieder einzulenken wenn noch Eins eingelautet wurde!
Jetzt Abschied auf ewig, so wie ich ihn auf ewig vom heiligen Grabe in dieser glorreichen Gegend nehmen werde. Dort, lieber Graf, dort!
Lasst mich, lieben Leser, Abschied nehmen! Ich bitte, lasst! Gesundheittrinken ist, wie ihr wisst, ein Sinnbild des Lebens, Abschiednehmen ein Sinnbild des Todes. War es Wunder, dass der Graf beim Abschiede wieder in seinen ihm eigenen Ton fiel? Darum soll ich bose werden, weil es Nacht und Tag in der Welt ist? Vielleicht schmeckt alles suss, was schlecht bekommt. Zucker schleimt, sagt mein Hauptarzt. Vielleicht schmeckt alles widerlich, was uns eigentlich wohlbehagt! Zwischen S c h e i n und S e y n , wie der Drosselpastor ganz recht hat, welche eine Kluft! Weil wider dieses Uebel die China nicht hilft, darum bist du bose? Gibt es nicht Hausmittel, warum China? Konnen denn nicht ausser der Hauptstrasse viele Nebenwege seyn? Sind uberhaupt Uebel in der Welt? Ist es nicht alles, je nachdem man alles stellt? Genau genommen, sind bei allen Dingen die namlichen Ingredienzen. Mutterlich hat die Natur fur uns gesorgt. Wahrlich, mutterlich! Die Hoffnung ist was Geistiges, was Unsichtbares. Sie ist Geist vom Geist. Sie ist selbst ein Geist, der uns lehret, weise zu leben und froh zu sterben. Siehe! wenn der Korper stirbt, fangt ihr Leben in Gott an. Man nehme dem Genuss die Vorstellung, die Weise, alles, was man gern hat, sich weit vorzuglicher zu denken, als es da ist, allem ein poetisches Kleid umzuhangen! Was ist denn der Genuss? Er ist nicht Aufhebens werth!
Diess war unsere Unterredung beim Scheiden. Hatte mir der Graf nicht mit den Worten die Hand gedruckt: Die b e w u ss t e n N a c h r i c h t e n ! wahrlich, ich hatte glauben mussen, es waren zwei Grafen. Was meint ihr? dem allem unerachtet, ein weiss Federbuschchen kann man ihm verzeihen! Der Herr Inspektor sowohl, als die Frau Inspektorin, schienen uber unsere letzte Unterredung sehr erbaut. Sie sahen die Kronen Urnen werden, und die Urnen wieder Kronen. Gretchen und den lieben Ihrigen war nichts neu. M i n c h e n s V e r w a n d t e in Mitau vermied der Graf so sorgfaltig, dass kein Zweifel ubrig ist, er sey der Wohlthater. Doch ein hochgeborner lieber Mann! Nicht wahr? Das ubel angebrachte weisse Federbuschchen thut wenig oder gar nichts zur Sache. Wir Menschen incliniren so zu zwei Principien, dass es mich nicht wundert, wenn man ein gutes und boses Wesen angenommen, die auf dem Weltthron Sitz und Stimme haben. Freilich, wenn man erwagt, dass eines das andere herunterstossen musste: so sieht man wohl, dass die Vernunft hiebei Anstosse findet; wo kann aber auch die Vernunft durch, ohne dass man sich den Kopf stosst? Eine grosse Maschine! sagt man von einem ungewohnlich grossen Menschen. Warum Maschine? Konnte man diesen Ausdruck nicht weit eher von der Vernunft brauchen, wenn sie gleich ubrigens recht sein aussieht, und sich so rein gewaschen, wie moglich?
Bei der rechtlichen Abstellung der beiden Principien kann man freilich dem Ausspruch der Vernunft nichts entgegen stellen; indessen haben wir doch
Vor dem Teufel uns bewahre!
Extrapost! In L. leutschandete ich ein wenig mit Ich ermahnte den Inspektor seinen Vater ja nicht zu Mond sich in meinen Thranen bespiegelt, wenn ich an so manche heilige Schauer zuruckdenke, die ich in beim Grafen empfand, da e r A b s c h i e d n a h m w e n n Sie wollte fortfahren, allein Darius fiel ihr ins Wenn. Man seh' doch! sagt' er, auch du bemuhst dich, mein Kerbholz zu vergrossern und den Major aufzuwiegeln? Noch blieb Madame in ihrer Fassung. Leute von gewissem Stande, fuhr sie fort, sollten sich durch Zuthatigkeit gegen ihre Verwandten auszeichnen. Ein Ast, der den andern uberwachsen will, setzt sich der Gefahr aus, dass der Bube ihn bricht, oder der Gartner ihn wegschneidet. Bei den meisten Menschen sind die Farben nicht recht angebracht, roth die Augen, schwarz die Zahne! (Ihre Augen und Zahne waren, die Wahrheit zu sagen, ohne Tadel.) Jetzt stieg der Herr Inspektor der Frau Inspektorin wirklich zu Dache, und sie, die sich bei dieser Gelegenheit durch Sanftmuth auszeichnen sollen, uberwuchs ihren Gemahl so zusehends, dass man sie nicht wieder kannte. Ein Sonntagskleid wird am Ende ein Alltagskleid. Anstatt dass sie ihren Mann sanft, wie der Zephyr die Rosen, kussen sollen, machte sie ein Geschrei, als wenn die Huhner auffliegen wollen. Wahrlich, die Farben waren auch nicht recht angebracht! Roth die Augen, schwarz die Zahne. Der Inspektor, wie behutsam er vom Dache stieg! Er bewies sich als einen wahren Darius, der auf der Werbung Lieutenant geworden, und war, wie er sich ausdruckte, in die Pfanne gehauen. Er versprach, seinen Vater nicht zu verlassen, und ich bot mich als Mittler an, welches von beiden, vorzuglich von der Frau Inspektorin, dankbarlich aufgenommen ward.
Was machen Sie da, Gretchen? Ich kann mit dem Tuche nicht zurecht kommen. Ich hatte Gretchen die Art gewiesen, wie sich das schone Geschlecht in Russland ein Tuch um den Kopf bindet. Allerliebst, sagte Gretchen. Ich wette, sie geht noch alle Morgen so, bis auf den heutigen Tag!
Ueber die Sprache der Frau Inspektorin sagte mir Gretchen so was Treffendes, dass ich es durchaus meinen Lesern mittheilen muss. Ein grosser Unterschied, wenn der Himmel begiesst, und wenn es die Hand des Gartners thut! Die Blumen wissen gut, wo es herkommt!
Ich ubergab Minens Grab, segnete die ganze gelobte Gegend und schied.
Ich werde es nicht mehr wiedersehen, sagte ich zu Gretchen, und zeigte aufs Grab, nachdem die Ceremonie vorbei war. Die Frau Inspektorin hatte wie ein Kind geweint, und kein Gedanke war ihr angewandelt, ihren Rang mit dem Rang einer Justizrathin in die Schale zu legen.
Am jungsten Tage, sagte Gretchen; wenn die ganze Erde, setzte die Frau Inspektorin hinzu, nur ein Grab ist? Der Pastor umarmte mich und buckte sich tief. Der Inspektor sah auf sein lahmes Bein, als wollt' er sagen, diess Dach ist mir zu hoch.
* * *
Der Drosselpastor war nicht mehr in . Ich wollte mein Pfand einlosen, und mich ihm aufbringen; allein er war weit weggezogen, und sein Nachfolger hielt keine Leichenpredigten nach Art des vorigen. Er war seiner Esausstelle angemessen, und ein gewaltiger Drosselfanger.
Meine Absicht war, so schleunig als moglich nach meiner Heimath zu gehen, das heisst, nach Liefland auf das Gut, so die Kaiserin mir verehrt. Ich hatte meinen Rechtsfreund nach Mitau citirt, um da mit ihm alles fein zu berichtigen. Mitau, nach Junker Gotthards Meinung, die Hauptstadt der Welt, nahm ich aus, sonst wollt' ich Curland ansehen wie eine Herberge, wo man durchs Fenster steht, ob das zerbrochene Rad nicht wieder im Stande ist. War denn L o t nicht todt, A b r a h a m s Verwandter? Und Junker Gotthard? den hatt' ich sein sauberlich gleichfalls nach Mitau beschieden, um sich hier zu rechter fruher Tageszeit einzufinden! Die Graber der Eltern machen keine Gegend zur g e l o b t e n . Wenn ich gelegenere Zeit habe, dacht' ich. Ihre Seelen, die in Abrahams Schooss von den Engeln getragen sind, werden mir immer wie gegenwartig vor Augen schweben!
G o t t h a r d fand ich nicht. Der Rechtsfreund, der wohl wusste, was eine Citation war, hatte die Tagfahrt eingehalten; ein junger Mann mit einer unbefangenen Stirn. Meine Leser wurden ihm ihre Rechtssachen ohne Bedenken ubertragen. Ich gab ihm eine Quittung fur sich, seine Erben und Erbnehmer, wegen meiner wohlbesorgten Erbschaftsangelegenheit. Was es mir angenehm ist, eine Quittung zu geben und eine zu nehmen! Das ist der Abschied in Rechtsgeschaften.
Eben wollt' ich den , der die russischen Angelegenheiten in Mitau betreibt, besuchen, da er selbst zu mir kam und mir ein Cabinetsschreiben ubergab. Es enthielt einen Auftrag, den ich offentlich bekannt machen konnte, wenn ich wollte. Warum sollt' ich? Dieser Auftrag erforderte eine Reise ins Land, die ich unverzuglich antrat. Ich wollte meinem lieben Gotthard von Liefland aus Vorwurfe machen und ihm die Kosten zur Last legen, mich eben dort zu besuchen, und so wollt' ich aus meiner Heimath mein Versprechen erfullen, das ich der Frau Inspektorin in Rucksicht ihres Herrn Schwiegervaters gethan. Jetzt anderten sich diese Vorsatze, und ich hatte so wenig Ursache, die Hoffnung aufzugeben, Gotthard, den alten Herrn und wer weiss wen mehr zu sprechen, dass ich ihnen vielmehr entgegen reiste.
Ich hatte das Gluck gehabt, dem Geschenke der Kaiserin durch den Ankauf eines kleinen benachbarten Gutes eine so betrachtliche Verbesserung zuzuwenden, dass, nach den Beschreibungen meines dortigen Geschaftstragers, mich ein nicht vollig unangenehmer Aufenthalt erwartete. In dieser Rucksicht war mir der kaiserliche Auftrag im Wege, in vielem andern Betracht aber unaussprechlich willkommen.
Ich ging ohne Anstand von Mitau nach , und sollte nach dem mir vorgezeichneten Reiseplan in Nacht halten. Meine Sache war es nie, den Herrn des Gutes zu uberfallen, wo die offentlichen Anstalten fur Dach und Fach gesorgt hatten, so sehr solch ein Ueberfall auch Sitte in Curland ist. Ich ward bei einem Amtmann eingebracht, der nach vielen Complimenten meinen S c h e i n ansah und mein S e y n abfragen wollte. Naturlich erfuhr der Ehrenmann nur so viel, als nothig war. Wie ich aber so wenig neugierig seyn konnte, zu fragen, wer seine hochwohlgeborne Herrschaft ware, weiss ich noch bis diesen Augenblick selbst nicht. Mein Vater war ein Fremdling in Curland, und ich war so wenig zu Wurstreisen, zu Krippenritten angefuhrt, dass ich, wie er, in Curland gleichfalls nicht zu Hause gehorte. Auch selbst jetzt hatt' ich, wie ich schon bemerkt, nur einen Durchzug gehalten, wenn nicht der Auftrag mich auf andere Gedanken gebracht. So viel nahm sich mein lieber Herr Amtmann die Erlaubniss, gleich zu bemerken, dass die einzige Baronesse Tochter seiner hochwohlgebornen Herrschaft morgen priesterlich verlobt werden sollte. Da ich daran keinen Antheil nahm, vielmehr sehr zufrieden war, dieses Haus in seiner hochzeitlichen Freude nicht gestort zu haben: so verschwand mein lieber Herr Amtmann und kam mit einem Livreebedienten zuruck, der sich noch die eben angelegten Manschetten und Halsbinde zurecht zog. Beide stimmten gegen einander ein Duett von Bitte an, von Sr. Hochwohlgebornen ein Nachtlager anzunehmen. Diese Art hatte mich ohne Nachfrage darauf bringen konnen, wo ich war. Soll ich es meinen Lesern noch besonders anzeigen, dass Herr v. W. hier sein Feuer und Herd hat? Ha, dacht' ich, nun weiss ich, warum mein guter Gotthard sich nicht in Mitau eingefunden. Er hat ein liebes Weib genommen, darum konnt' er nicht kommen, und freute mich, dass Fraulein Tinchen (so ward sie seit einiger Zeit genannt, weil ein Lorchen in dieser Gegend kein gutes Lorchen war. Lorchen v. W. hatte gar viele Namen, die der Herr Vater ihr bloss aus Hoflichkeit beilegen lassen) also Tinchen und Junker Gotthard ein Herz und eine Seele worden! Freilich hatte ich auf diess Duett eine Antwort auf Noten setzen sollen; allein sobald ich wusste, wo ich war, und mir Gotthards Verlobung mit dem lieben Tinchen dachte, war ich unverzuglich im Hofe. Ich wusste., wo ich die Ehre hatte zu seyn. Mein Herr Wirth und die lieben Seinigen wussten nur, dass ihr Gast ein Major sey.
Ich kann sehr kurz seyn, wenn ich meinen Lesern die Gesellschaft prasentire, in die ich sie fuhre.
Den Herrn v. W. und die liebenswurdige Frau v. W. kennen sie. Fraulein Tinchen sind wir auch im Hofe des seligen Herrn v. G. inne geworden. Sie hatte einen Bruder, der Mucken mordete. Fraulein Tinchen liess sich Blut von Mucken abziehen und wunschte wohl zu bekommen. Dass der einunddreissigste Julius, an welchem Benedictus der Erste, der sechste romische Papst, nicht minder Ignatius Lojola, im 65sten Jahre gestorben, in dieser Familie denkwurdig waren, gehort so fuglich nicht hieher, und kann es, wie mich dunkt, meinen Lesern sehr gleichgultig seyn, dass der verstorbene Junker Casimir v. W. am namlichen einunddreissigsten Julius die ersten Zahnsprossen erhalten und acht Tage darauf Todes verblichen. Auch zweifle ich, dass meine Leser, die nicht selbst etwa wo einen Beinbruch erlitten, den Umstand so innigst beherzigen werden, dass der Mutter Bruder des Herrn v. W. gleichfalls am einunddreissigsten Julius ein Bein gebrochen. Wer wird sich aber nicht freuen, dass ich ihn daran erinnere, wie Fraulein Tinchen den 18. April (eben heute, da ich dieses schreibe) geboren ist, am Tage, da Alexander Magnus gestorben und Diogenes aus Sinope, der Alexander unter den Philosophen!
Kurz, ehe ich im Hofe war, befragte mich der Livreebediente, der jetzt mit Manschetten und Halsbinde vollig in Ordnung war, nach einer tiefen Bitte, es nicht auf die Rechnung strafbarer Neugierde zu schreiben, ob ich wirklich als Major gestanden, oder nur meinen Abschied als Major erhalten? Nach der Zeit erfuhr ich, dass dieser Umstand, so klein er auch scheinen durfte, in der Etikette des Herrn v. W. einen betrachtlichen Unterschied machte. Er lief mit der Antwort voraus, und der Herr v. W. empfing mich, einen Fuss uber die letzte Stufe zum Hause gesetzt. Hatte ich es weiter gebracht, wurd' er den andern Fuss gefalligst nachgezogen haben! ware ich nicht wirklich Major gewesen, wurde auch der eine Fuss diese Vorbeugung nicht gemacht haben.
Ich freute mich wahrlich, den guten Herrn v. W. so fern von allen Waldhornern zu sehen! Man sah ihm eine gewisse Zufriedenheit an, die nicht von ungefahr entstanden, sondern durch eine frohliche Begebenheit veranlasst war. Herr v. W. war nicht gewohnt, sich ungewohnlich zu freuen. Heute aber hatte sein wohlseliger Herr Grossvater ein vortreffliches Geschenk von des Herzogs Durchlauchten erhalten, das noch bei her Familie aufbewahrt wurde, und in einem Portrat des Herzogs, in Gold gefasst, bestand. Morgen war der frohe Tag, da eben dieser selige Herr Grossvater, ruhmwurdigen Andenkens, sich mit der seligen Frau Grossmutter ehelich verbunden. So sehr die gute Frau v. W. die Arten und Unarten ihres theuren Herrn Gemahls mit Stillschweigen zu ubergehen pflegte, war sie doch, da ihr Herr v. W, eroffnete, wie seine Tochter an dem namlichen Tage verlobt werden sollte, ins alte Volkslied ausgebrochen:
Als der Grossvater die Grossmutter nahm,
War der Grossvater der Brautigam!
woruber der Herr Gemahl gewiss aus der Melodie des damaligen Freudenfestes gekommen ware, wenn er nicht so melodiefest gewesen. Er war eigentlich nur Melodie!
Eben wie Herr v. W. den einen Fuss (ich lasse ungesagt, ob es der rechte oder der linke gewesen) nach mir ausgesetzt, war dieses herzogliche, in Gold gefasste Geschenk, welches, wie Herr v. W. sich ausdruckte, als eine Sonne dieses Tages geleuchtet, untergegangen, und ins Freudennaturalienkabinet, wie Frau v. W. es auch in einer frohen Stunde genannt, gelegt, so dass ich auch diese Gnadengabe nicht zu Gesicht bekommen. Wer wird, fragte Herr v. G., am Pfingsttazu Weihnachten: Wer recht die Pfingsten feiern will. Der heilige Abend des Verlobungsfestes war eingetreten und den brachte Herr v. G. als Brautvater mir so sichtbarlich entgegen, dass ich mich nicht entbrechen konnte, zu sagen: Man konnte aus dem Untergange der heutigen Sonne sehen, was fur ein schoner Tag uns morgen erwarte! Seine Kleidung ganz frohlich und guter Dinge. Herr v. G. sagte dem guten Herrn v. W. bei einem seiner Halbstfeste: Bruder, du bist wie ein Damenbrett gekleidet! Guter, lieber G., heute hattest du den Brautvater sehen sollen!
Ich ward ins Gastzimmer gebracht, wo ich die Hand der Frau v. W. nicht verkannte. Wie naturlich schon! Da der Herr v. W. kein Wort an Junker Gotthard dachte, den ich doch so gewiss als zweimal zwei vier den Tag vor seiner Verlobung in erwarten konnte, ging ich auch von meiner Regel ab. Zwar stieg ich nicht, wie der Herr Inspektor Darius, zu Dach; allein es war mir nie moglich, auch in gutem Sinn mich unter die Baume im Garten zu verstecken, und mir Schurzen von Feigenblattern zuzuschneiden. Jetzt vergalt ich Gleiches mit Gleichem, that so zuruckhaltend, wie Herr v. W. es war. So gern ich also vom guten Junker Gotthard und vom Fraulein Tinchen ein lebendiges Wort gesprochen; so zwang ich mich doch, dem Herrn v. W. gefalligst nachzugeben, der mich unterrichtete, warum ohne weisse Strumpfe kein Gallakleid stunde. Das that freilich mehr noth, als von meinem guten Gotthard reden zu horen. Beim weissen Strumpf, sagte Herr v. W., ist der Fuss dicker, beim schwarzen schrumpft er vor Ihren sichtlichen Augen ein. So wie beim langen Bart, fuhr er fort, das Auge immer trube und klein ist, dagegen wie heiter, wenn der Bart abgenommen worden. Er stand bei dem Worte: abnehmen, lange an, unfehlbar um dem Barte nicht zu viel zu thun! Abnehmen ist ein so wohlgewahltes Wort, dass kein koniglicher Bart dagegen etwas sagen konnte! Dass mich Herr v. W. nicht kannte, war das grosste Feigenblatt, so ich bei meinem Wiedervergeltungsrecht anwendbar fand! Von einem Manne, der nie gegenwartig ist, sondern hinoder zuruckdenkt, wie kann man erwarten, dass er den Retter seiner Tochter, dem er bei der Abreise mit steifem Arm zu umarmen die Ehre erwies, da er vor ihm stand, kennen sollte? Ich fand ihn in allem wieder, das griesgramische Gesicht nicht ausgenommen, auf das ich mich sehr lebhaft besann. Dass Sie nur ja nicht glauben, mein Herr Major, dass ich taglich in weissen Strumpfen gehe! Alle Einerleiheit beschwert, Wechsel erleichtert, sagte mir ein gewisser Pastor (mein Vater) ein gelehrter Mann, der aber, wie die meisten Gelehrten, zu wenig Welt hatte; und wer hat sie hier zu Lande? Man hat hier Curland; allein nicht Welt!
Wenn immer Tag ware und immer Nacht, so wollte ich lieber kein Mensch seyn! Freude und Traurigkeit, Sommer und Winter, das ist das menschliche Leben! Heute Konig, morgen todt! Wer geht denn immer mit einem Hemde? damit ich mich dieses Wortes mit Ihrer Erlaubniss bediene. Wer wechselt denn nicht im Sommer taglich? Zwar, fuhr er fort, und zog sich eine Viertelelle langer als vorhin, liegt freilich etwas Erhabenes, etwas Grosses in einem gewissen Einerlei; allein das ist nicht fur jedermann! So ist Gott der Herr immer derselbe! Und was meinen der Herr Major von der schwarzen Farbe? Sie ist romisch kaiserlich! man nenne mir aber nach ihr eine einzige Farbe, die Stich halt! Gottes Alltagszimmer, wie oft verandert es sich! Ich meine diese Erde! Alle Augenblicke andere Mobilien! Freilich in seinem Hauptschlosse, im Himmel, wird sich alles nach ihm richten.
Der Herr Major werden verzeihen, fuhr Herr v. W. fort, dass ich Sie mit meinen Lieblingsideen unterhalte!
Nach einigen ausgewechselten Complimenten, wobei ich die morgende Tagesfreude des Herrn v. W. sich lichterloh vermehren sah, konnt' ich mich nicht langer halten, nach dem Brautigam der Fraulein Tochter zu fragen und ein Stuck von meiner Feigenblattschurze einzureissen. Wissen Sie ihn hier? erwiederte der Brautvater. Ich sollte denken, antwortete ich. Sie G a s t ? T i n c h e n s R e t t e r , erwiederte Frau v. W. Herr Major! Herr v. W. O des frohen Tages! sagte der gutige Wirth, und bald darauf: Sind Sie denn wirklich Major? Wirklich. Herr v. W. Da ich schon aus dem Rufe in Rucksicht meines Auftrags bekannt geworden und hiernachst dem Herolde meine Wirklichkeit versichert, so war die Frage f r e m d . Nebenher, was meinen meine Leser, z i e m l i c h u n h o f l i c h ! Ich begrusste die gute Frau v. W. mit so vieler Achtung als Empfindung, nahm Tinchen bei der Hand, die sie sehr nachlassig weggeworfen, und wollt' ihr zum heutigen heiligen Abend und morgenden Verlobungstage Gluck wunschen, da ich bemerkte, dass Mutter und Tochter einen geheimen Kummer hatten, der tiefer lag, als Herr v. W. ihn kurz zuvor anzugeben fur gut fand! War doch Tinchen fast so ausser sich, als wie sie ins Wasser gefallen, und als L u i s c h e n : r e t t ! r e t t ! rief. O wie gern hatte ich das arme Madchen wieder aus diesem Wasser der Anfechtung gezogen, wenn es in meinen Kraften gewesen ware! Endlich erholte sie sich wieder, und Herr v. W. konnte nicht vor dem Bitten um Vergebung Luft und Kraft schopfen. Furs erste, dass er mich verkannt, sodann dass seine Frau so unvorbereitet erschien, hiernachst, dass die Braut sich so wie ins Wasser gefallen aufgefuhrt. An die Frage: ob ich denn auch wirklich Major ware? dachte er nicht, obgleich er billig dieser Frage wegen die erste Bitte um Vergebung anbringen sollen. Was hast denn du getroffen? fragte mich Junker Gotthard, da ich mit meiner Jagdprobe so schlecht in seinen Augen bestand. Diess edle Geschopf, war meine Antwort, die ein Blick auf T i n c h e n geleitete. Diese unschuldige Frage und Antwort fiel mir jetzt so sehr auf, dass ich nahe war, laut daran zu denken! Nicht wahr, Sie hatten T i n c h e n nicht gekannt, Herr Major? fragte mich die gute Mutter. Nein, erwiederte ich sehr aufrichtig. Und woran wurde es gelegen haben, an Bild oder Rahmen? An beiden sagte ich, gnadige Frau. T i n c h e n war nicht gegenwartig. Herr v. W. hatte sich auf ganz kurze Zeit beurlaubt, und die liebe Frau v. W. entdeckte mir, dass Tinchen schon von lang her etwas in ihrem Herzen getragen; in ihrem Gewissen, fugte sie hinzu, wahrlich nicht. Sie ist so, so unschuldig, als wie sie ins Wasser fiel, wie sie Ihnen den Abschiedskuss gab. Tinchen, fuhr sie fort, konnte anfanglich nicht aufhoren, Ihr Lob zu verkundigen, und die Geschichte mit Mine, wie viel Ehre haben Sie damit eingelegt! Seit einiger Zeit hat Tinchen Sie und alles vergessen, mich dunkt, auch sich selbst! Sie ist still! tief was weiss ich, wie sie ist, was weiss ich, was sie ist!
Naturlich!
Nicht ganz!
Sie liebt ihre Mutter, die sie verlasst.
Die sie aber im Auge behalt, wenn gleich nicht an der Hand!
Gnadigste, die Hand ist bei einer zartlichen Liebe die Hauptfache! Unter Mutter und Tochter unentbehrlich!
Sie kann es mit so manchem Lebensvorfall aufnehmen, ihre Entfernung ist's nicht.
Ihr Brautigam ist rauh, allein bieder und gut.
Fast sollt' ich's auch glauben.
Gewiss, Gnadige, gewiss! und solch ein Mann ist behaglicher als einer, der vorerst kriecht und nachher sein Weib verlasst, wie es hier zu Lande zu meiner Zeit Sitte war und noch ist.
Desto glucklicher diese Wahl!
Nicht Raupe, nicht Schmetterling ist fur ein Herz wie Tinchen. Gnadige Frau, ich kenne es.
Kaum in aller seiner Feinheit. Man weiss, wie junge Leute sind; allein er hatte wenigstens bedenken sollen, was Tinchen zu ertragen vermag und was ihr zu schwer ist! Jugendliebe
Nichts als Jugend-, Helden- und Eulenspiegelstreiche! Tinchen und Amalchen thun nichts zur Sache! Jagd ist die Losung!
Da kam der Herr v. W., der da anfing, wo er's gelassen hatte, mit einer Bitte um Vergebung! Er nahm Antheil an unserer Unterredung, und obgleich er wider seinen Eidam allerdings so manche Bedenklichkeit hatte, so war er doch der Meinung, dass Gute des Herzens und Biedersinn uber eine gewisse Zartlichkeit gingen, woran in Curland bloss darum so viel Misswachs ware, weil die Hoflichkeit nicht betrieben wurde, die zu allen Dingen nutze sey! Glucks genug, wenn man heut zu Tage einen Mann ohne Schulden findet, der zu seiner Zeit ein Mahl zu Ehren anrichten kann; einen Mann ohne Eigensinn, der Arten begreifen will; einen Mann, der Verstand hat und Arten zu fassen versteht! Wieder eine Bitte um Vergebung, und warum? Weil ich Sie so lange von meinem kunftigen Schwiegersohn unterhalten habe! Er ist mein Freund!
Desto besser, sagte Frau v. W. Sie bleiben doch morgen? fugte sie hinzu.
Ich bleibe.
Herr v. W. kleidete sein Gesuch, dass ich morgen noch bleiben mochte, in ein so feines Compliment, dass es zugleich fur seine Gemahlin und mich Weisung enthielt, weil wir die Sache so kurz und gut berichtigt. Man hat's, sagte er, wiewohl bei einer andern Gelegenheit, fur ein Geld! Warum sollte man nicht ein wenig Gewurz dran legen?
Es hebt.
Macht aber Hitze!
Nach dem das Gewurz ist!
Wir gingen zu Tische, und Tinchen war sehr heiter. Vater und Mutter schienen ausnehmend mit ihr zufrieden. Was mir vorzuglich auffiel, war die gutige Art, mit der sie sich gegen mich benahm! Sie erinnerte sich an die geringste Kleinigkeit, die zu der Zeit, da ich nach Konigsberg ging, vorgefallen war. Herr v. W. hatte Muhe, uns von einander zu bringen, und wenn wir anstanden, mundlich zu sprechen, waren unsere Augen in einer immerwahrenden Unterhaltung; ich rettete Tinchen, und sie dankte mir! Tinchen richtete den Salat an, und ich nahm mir die Erlaubniss, sie an das examen rigorosum zu erinnern, das sie in uberstand. Mir kam es vor, dass des strengsten Augeninnersten und Handegewichts unerachtet, womit Tinchen sonst begabt war, diesesmal die Salatingredienzien nicht nach richtigem Mass und Gewicht gemischt wurden. Zu viel Salz! zu wenig Essig!
Die Deutschen, Herr Major! hielten auf ehrliche Geburt: alle ihre hoheren Titel laufen auf g e b o r e n heraus.
E h r e n f e s t , H o c h e d e l und W o h l e d e l , G e s t r e n g , sind noch mehr originaldeutsche Titel, als das liebe G e b o r e n !
Erlauben der Herr Major, sagte Herr v. W. Der Franzos sagt Monsieur; wie gehts aber mit dem Geboren? Ich glaube, in Frankreich kennt selten der Sohn den Vater!
Sie haben etwas, die Franzosen, in der Sprache und in allem, was man ihnen nicht nehmen kann; nur das G e b o r e n nicht! Wie dreist ist ein Franzose bei aller seiner Sprachfeinheit! Ein dummdreister Mund und ein liebliches Wort! Man sehe nur, wie die Franzosen ihren mes Dames begegnen! Sie verstehen, in Feinheit grob zu seyn. Sie gehen, als wenn sie einen guten Freund auf der Schulter balancirten, oder wie der letzte Taschenspieler, der eine Pfeife auf der Nase tanzen liess. Zur Hoflichkeit, zur Festlichkeit, gehort auch ein Korper, der etwas auf sich nehmen kann. Ein gewisser Wuchs ist schon an sich festlich, und wenn sich ein Zwerg buckt, ist das hoflich? Da fallt mir immer der Bericht ein, den ein General dem verstorbenen Konige von Preussen uber Paris erstattete: Alles Ausschuss, allergnadigster Herr! Kein Hofcavalier, der Sieben misst! Was ich den Franzosen nicht gonne, ist das Wort Servante. Das deutsche Dienerin ist nicht hin, nicht her; und Magd! Pfui ubers Kopftuch! Wir hielten uber diese Materie ein Gesprach, an dem ich wie der Inhalt es zeigen wird, wenig Antheil nahm. Ich sah lieber Tinchen im Wasser, als dass ich das Fest der Deutschen wiederholte.
Der Franzose ist auswendig gelernt; der Deutsche nimmt sich, wie er sich findet; der erste Blick ist immer der beste, das sieht man beim Villard.
Was geben die Franzosen, wenn sie einen zu Gaste nothigen? Die letztbeklatschte Comodie zu lesen, oder die heutige Zeitung; eine Limonade oben ein! Sie sind geselliger als die Deutschen; allein ihre Gefalligkeit schrankt sich aufs Reden ein. Ists Wunder, dass in ihren Worten mehr Geschmack, als bei uns ist? Wenns aber auf Thaten ankommt, heraus! ihr Herren! wenn ihr Herz habt! Mir gefallt jener Deutsche, der, wie alle seine Landsleute, nie allein trank. Wenn dieser Biedermann keinen hatte, mit dem er Glaser anstossen konnte, nahm er sein Stammbuch und leerte Seite vor Seite aufs Wohl seiner Freunde sein Glas! Dass es dir wohlbekomme, ehrlicher Deutscher!
Der Englander vergrabt alles in sich; zuweilen grabt ers auf, um diesem oder jenem Todten den Ring vom Finger zu ziehen. Man sieht aber fast immer noch am Ringe ein Stuck vom Finger!
Noch eine sehr feine Bemerkung, die Herr v. W. machte, ihm zum immerwahrenden Andenken.
Man sagt: mein Roschen. Niemand mein Nelkchen! meine Lilie! meine Hyacinthe! Da sieht man doch, dass jedes Ding sein Hochwohl- und Hochedelgeboren hat, wenn man es nur nimmt, wie es zu nehmen ist!
Mochten Sie doch, liebes Tinchen, glucklich in Ihrer Ehe seyn! Wer Sie nicht auf Handen tragt, verdient keine Hand zu haben? Junker Gotthard hat zwei Hande.
Wir standen von der Tafel auf. Ich sprach mit Tinchen; allein ohne dass sie und ich an ihren morgenden Verlobungstag dachten!
Wie kam das? Um vieles hatte ich sie nicht daran erinnern konnen.
Herr v W. hatte die Gewohnheit, alle Abende mit seinen Leuten eine Betstunde zu halten. Es war, wie er's nannte, ein schuldiger Gottesdienst! Die Frau v. W. sagte mir diese Gewohnheit mit einer so herzlichen Art, dass ich diese Abendstunde um vieles nicht verlieren wollte. Herr v W. legte es, da die Betglocke geschlagen, so geflissentlich an, mich eben so gern hinaus zu complimentiren, als ich bleiben wollte. Endlich kam es zum Wortwechsel. Warum wollen Sie sich incommodiren? fing er an, als ob das Gebet eine Beschwerde ware, als ob es den Herrn v. W. anginge. Ich liess nicht nach und fand, dass Herr v. W. durchs Gebet mit dem lieben Gott complimentirte, und offenbar bewies, dass er das Gesprach nicht angehort, welches zwischen meinem Vater und dem Herrn v. G. bei der Ankunft in in dem Hause des Herrn v. G. vorfiel.
Wir gingen in das Betzimmer, wo auch, wenn das Wetter zu schlecht war, um in die Kirche zu fahren, eine Predigt gelesen ward, und Tinchen nahm mit einer Unschuld, die uber alles ging, ein in schwarz Corduan gebundenes Buch, und las ein Gebet mit einer solchen Herzlichkeit, dass es mir durch die Seele ging! War es mir doch, als wenn sie Gott sahe! Meine in Andacht trunkene Seele fand in Tinchens Herzen, Mund und Handen das ganze Ideal einer erhorten Beterin!
"Du weisst, was uns bevorsteht, und wir wissen, dass du unser Vater bist! Vater, in deine Hande befehlen wir unsern Geist! Dein Geist! lieber Vater, gibt Zeugniss unserm Geist, dass wir deine Kinder sind! Geister sind so alle zusammen verwandt, und unsere Leiber hast du durch deinen lieben Sohn an Kindesstatt angenommen. Ganz sind wir dein!"
Noch eine Stelle!
"Lehre du uns mit deiner Welt zufrieden seyn, die du gemacht hast sehr gut. Lass uns nie vergessen, dass es an uns liegt, wenn sie uns nicht sehr gut ist! Wenn sie uns nicht sehr gut vorkommt! Dein Wille geschehe!"
Hier brach sich ein Thranchen, das Tine so lange zuruckgehalten, hervor. Man horte es an ihrer Stimme. Gehen konnte es keiner; so weit liess Tinchen es nicht! Wie ruhrend! Jedes von uns hatte eine Thrane im Auge. Herrn v. W. allein ausgenommen, der nur nach vorgeschriebenen Noten weinte.
"Dein Wille geschehe!" Hundertmal mochte ich diese Worte hersetzen, vielleicht trafe Eine meiner Leserinnen Tinchens Ton! "Dein Wille geschehe!"
Herr v. G. der Aeltere soll gesagt haben, den Willen hat sich der liebe Gott vorbehalten, vom Verstand hat er uns ein gutes Stuck abgebrochen, und als er sagte, brach er sich Brod ab, welches er, wie wir wissen, ungern schnitt!
Mein Vater ist dagegen der unvorgreiflichen Meinung gewesen, dass dem Menschen viel Willen anheimgestellt ware, den Verstand aber hatte sich Gott der Herr vorbehalten.
Endlich haben sie sich auf den Satz vereinigt, dass der Verstand eine herrliche Gabe Gottes sey, wenn nur nicht der Unverstand seine Lobrede ubernehme!
Liebhaber, hast du je deine Geliebte beten gehort und gesehen? Lieber Gotthard! wie hattest du hier alles, alles vergessen, was nicht deine Tine ist, wenn du sie gesehen und gehort hattest! Wer verdenkt dem Gottfried seine Liebe zur i n G o t t a n d a c h t i gen Jungfrau?
Jener Arme, der einen reichen Mann um Geld ansprach, erwiederte, da ihn der Reiche fragte: Gegen was fur Sicherheit? Ingrossation auf den Himmel! Der Reiche gab ihm nichts, weil auf diese Guter schon zu viel intabulirt ware, wie der Reiche glaubte.
Das Gebet, Freunde! ist wahrlich eine gerichtliche Verschreibung auf die unsichtbare Welt!
Dem Wille geschehe, sagte Tinchen, und die letzten Worte:
"Dann liegen wir in unserm Grabe und schlafen unbekummert den sussen Schlaf des Todes, und ein Bote des Herrn geht mit einem: G e s e g n e t s e y s t d u d e m H e r r n , voruber, bis wir eingehen zum ewigen himmlischen Reiche, das bereitet ist denen, die Gott lieben!"
Wir schieden sehr still von einander! Die versammelte Gemeinde naherte sich (alles in gewissen Tempos) zu den Knieen des Herrn v. W.; die Frau v. W. wunschte bloss eine gute Nacht. Das Fraulein Tinchen sahen die Leute so an, als dachten sie, schon gebetet! Niemand ruhrte sie an, als ware sie ein Engel Gottes, den niemand tasten kann!
Was meinen der Herr Major, sagte Herr v. W. zu mir, das Forte piano und pianissimo weiss meine Tochter zu halten. O des Erzcomplimentisten, mit seinem Forte piano und pianisimo.
Ich konnte die Nacht kein Auge schliessen. War es Wunder?
Tinchen, wie ihre Mutter des andern Tages versicherte, hatte eine noch argere Nacht gehabt! Die Nacht vor der Verlobung, ist sie nicht wirklich, wie meine Mutter bei Gelegenheit ihres Romans, den sie mit meinem Vater gespielt, sie nennet, eine arme Sundernacht?
In welcher Nacht ich lag so hart,
Mit Finsterniss umfangen.
Ich weiss nicht, was mir war! Schlafen konnte ich nicht, gewacht habe ich auch nicht!
Der Verlobungstag erschien, an welchem der Herr Grossvater des Herrn v. W. mit der Frau Grossmutter sich ehelich verbunden, und ward mit einer Feierlichkeit eingelautet, die ihres Gleichen nicht hatte. Dass Herr v. W. mit einem dicken Fuss wegen der frisch angelegten weissseidenen Strumpfe paradirte, bedarf keiner Anmerkung.
Ich sahe zeitig aus meinem Fenster, das ich offnete. Wahrlich, ich betete, so voll war ich! Bei aufgestossenem Fenster versteht sich. Ich weiss nicht, ob meinen Lesern noch das Vaterunser beiwohnt, da mein Vater und ich im Hofe des Herrn v. G. ausgeschlafen hatten. Wir sahen zum Fenster hinaus, und da ich Abschied in diesem so seligen Hofe von ihm nahm (es war das letztemal, dass ich meinen Vater sah!), stiess Er ein Fenster mit einer Heftigkeit auf, die mir noch auffallt. "Mein Vater! mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!"
Ist sie es? Sie ist es! Ich sah durch mein Fenster Tinen an einem Teiche mit einem Madchen herumgehen, und immer in den Teich sehen. Sollte sie, dachte ich, da ihr Herr Aeltervater mit der Frau Aeltermutter sich ehelich verbunden, und auch sie Gottharden auf ewig die Hand zu geben in dem Herrn entschlossen ist, sollte sie da dass Andenken des Wasserfalls feierlich begehen? Und gleich unterdruckte ich diesen stolzen Gedanken! Wir thaten, als sahen wir uns beide nicht, und doch sahen wir uns beide! und wunschten es, dass wir uns sahen!
Sie verschwand!
Eine feierliche Stille im ganzen Hause! Mehr als ein Pianissimo!
Bald hatte ich zu bemerken vergessen, dass Herr v. W. mir des Abends das Geleite gegeben und des Morgens fruh nach meinem Wohlseyn sich erkundigen lassen. Fruhstuck ward jedem in sein Zimmer gebracht, und es kann Zehn gewesen seyn, da Herr v. W. zu mir kam in vollem Staat und mir die Visite gab. Es ward mir auf den Aermel geheftet, dass ich sie ihm wiedergeben musste; das that ich, und nun war bis zum Verlobungsmittag alles nach Ortsgebrauch berichtigt!
Man gab mir zu verstehen, ob ich nicht Luft und Liebe hatte, das Verlobungszimmer anzusehen. Ich hatte nicht Luft und Liebe! Da ich indessen merkte, dass diese Anregung hoheren Ortes sich herschrieb, ging ich und fand ein Zimmer, wo ein Sopha stand, carmoisinroth beschlagen, daruber Grossvater und Grossmutter so unaufgeraumt gemalt, dass es mir vorkam, als ware diess gute Paar unwillig, dass man sie aus dem Schlafe store.
Man offnete zwei Flugelthuren, und ich fand eine solche allerliebste Uebereinkunft, dass es schien, als freuten sich die Zimmer, dass sie einander sahen. Man sah es recht, dass eins ins andre kam! Wenn eine Saite angeschlagen wird, tont die andere, falls die Instrumente gleich gestimmt sind. Ueberall fand ich die liebe, liebe Frau v. W.
Schwerlich, dachte ich, wird es Junker Gotthard so empfinden, als ich!
Es war alles bereitet, und niemand fehlte, als der Brautigam. Freilich bei der Verlobung ein wichtiges Stuck! Da rasselte ein Wagen! und da lief alles, was nur von Domestiken laufen konnte, auf den Posten. Herr v. W. war nicht Willens, seines Schwiegersohns halber die letzte Stufe der Treppe zu beschreiten, um den Ankommling entgegen zu nehmen; denn vorerst war er der Schwiegersohn, sodann verstand er nicht, was heiliger Abend war, und selbst an seinem Ehrentage hatte er viel zu lange auf sich warten lassen.
Wo sind denn die D a m e n ? schrie Herr v. W., der in seine Rolle gesehen hatte. Sie hatten sich noch nicht sehen lassen, ausser dass ich Tinchen am Wasser erblickte.
So erschrak Luise nicht uber den unzeitigen Flintenschuss, als ich, da ich horte, T i n c h e n w a r e w i e t o d t . Ich horte das W i e nicht, und doch hat ein dergleichen W i e eine grosse Bedeutung! Herr v. W. wollte nicht aus der Rolle weichen, und das war ihm in den Jahren nicht zu verdenken! Er hatte zu viel zu behalten, um sich vollig auf sein Gedachtniss verlassen zu konnen! T o d t ! Herr v. W. todt? Was hilft der Brautigam, wenn d i e B r a u t f e h l t ? Dieser Gedanke muss ihm, wie ich vermuthe, einen Stoss gegeben haben. Er war wirklich aus dem Concept, und ging zu seiner Tochter, die, wie es bald darauf hiess, i m m e r s c h l e c h t e r w u r d e . Soll denn, sagte Herr v. W., da er aus T i n e n s Zimmer kam, aus dem Tag der Freude ein Tag des Trauerns werden? Alles lief durch einander! Die Mutter horte ich rufen: Meine Tochter! meine Tochter! so klaglich, als die R e t t ' s und die H i e r ' s von L u i s e n , schallten sie mir, und o! was ist in solchen Fallen der Wohlstand? Das schrecklichste, was ich weiss! Wird Gotthard, der eben gekommen, es nicht so machen, wie ehemals, und eher die Flinte abzuschiessen bereit seyn, als seiner Kranken die Hand zu reichen?
Nach einem langwierigen, unverstandlichen Mischmasch kam alles an Ort und Stelle. Der Herr Brautigam hatte sich entschuldigen lassen. Sein Fursprecher war Junker Peter, der Muckentodtdrucker, Tinchens Bruder, der mit feurigen Ross' und Wagen angekommen war. Man horte es den Pferden an, dass sie bei einem Brautigam im Dienst sind, sagte Herr v. W., und that sehr zufrieden, dass der Herr Schwiegersohn in Rucksicht der Pferde die Etikette als Brautigam nicht verfehlt; was aber i h n selbst betraf, o! das war ihm zu unertraglich, als dass er uber diese curische Denkart seinen Unwillen nicht aussern sollen. Die Stimme ist Jakobs, die Hande Esau's, sagte der gute Herr v. W., ohne zu bedenken, dass er dem Jakob, den er mit den kecken Brautigamspferden verglich, eben keine sonderliche Ehre erwies. Wie doch alles in der Welt durch Missverstandnisse geschlangelt wird! Ich weiss nicht, ob meine Leser sich noch an den sonst unbetrachtlichen Umstand des vermeintlichen Todes des Dr. Saft erinnern, welchen meine betrubte Sundenfallskrankheit im vierzehnten Jahre veranlasste, und was fur Kreuzwege gingen nicht aus dieser meiner Krankheit aus, bis sie alle zusammen in den zweiten Discant meines Vaters zusammentrafen:
Gott eilet mit den Seinen,
Lasst sie nicht lange weinen!
Du wirst dich so vergessen, sagte Frau v. W. zu ihrem gedruckten Manne, der wahrlich seine Jakobsstimme eingebusst hatte, dass du deinen Gast aus dem Gesicht zu verlieren im Begriffe stehst! Gleich ein Platzregen von Bitten um Vergebung, und doch hinter diesen wieder Glossen uber C u r l a n d und S e m g a l l e n , die mein Vater nicht unhoflicher machen konlichen Verlobungstage so unverrichteter Arbeit untergehen sollte, und ohne dass sie ein Enkelpaar begrusst hatte! Ein Trost fiel mir ein, der noch am heilsamsten anschlug! Wer Thorheit mit Klugheit verbessern will, gebe ja das ganze Geschaft auf. Thorheit muss Thorheit heilen! Gleich und gleich! Grossvaterlicher Hochzeitstag, sagen Sie? J a d o c h , Hochzeitstag! erwiederte Herr v. W., der, unter uns gesagt, sein unhofliches D o c h ersparen konnen, dessen ich mich nicht gewartig war. Indessen ging es nicht mich, sondern seine unbedachtsamen Voreltern an, die zwar den Hochzeits-, nicht aber den Verlobungstag in die Archive von gelegt und in die Familienakten verzeichnet hatten, welches Herr v. W. bei dieser Gelegenheit sehr empfindlich rugte. Nun nahm ich mir die Erlaubniss zu bemerken: Ihr Herr Vater hat auch einen Hochzeitstag gehabt? F r e i l i c h , erwiederte Herr v. W., a l l e i n w i e s c h o n w a r e a l l e s z u stehen gekommen, wenn an diesem T a g e das Beilager, griff ich ein, und an jenem die Verlobung gehalten ware? Darf ich aber Ihren selbsteigenen Hochzeitstag, weil doch die Verlobungstage in der Familie in etwas vernachlassigt zu seyn scheinen, wenigstens nicht ahnenreich sind, darf ich Herr v. W. merkte auf und begriff, wo ich hinaus wollte; er schien sich zu fassen, obschon er nicht umhin konnte, dem Worte Beilager einen Brandmark zu geben, und, wie er sagte, mich hochlich zu bitten, zur Ehre der Deutschen diess Wort bis aufs Blut zu verfolgen; welches ich ihm, um seinen patriotischen Absichten nicht den Weg zu vertreten, versprach!
Tinchen genas, und die Familie versammelte sich zu einem zwar etwas spatern, allein desto eintraglicheren Mittagsmahl, aus welchem indessen zwei Schusseln, nach Anordnung des Herrn v. W., ungegessen abgetragen werden mussten, weil, wie er sagte, sie origetenus Verlobungsgerichte waren. Die eine war, dunkt mich, Kalbermilch. Herr v. W., um nicht die Regeln der Lebensart zu ubertreten (er verzieh mir den harten Beilagerausdruck), verbiss seine Bitterkeit. Die Frauenzimmer schienen so zufrieden, dass selbst von Tinchens Krankheit nicht viel gesprochen wurde. Ein Wasserfall, sagte sie, da ich mich darnach erkundigte. Wenn man einmal auf'm Trocknen ist, was ist mehr? So schien sie mir auch wirklich! Frisch, wie nach dem kalten Bade. Und die Mutter? Auch sie brauchte so wenig wie Luischen, meinen Hut voll Wasser. Die Zufriedenheit ihrer so liebenswurdigen Tochter hatte sie hinreichend getrostet!
Von Tinchens Bruder, vom M u c k e n h e l d e n , bin ich noch die Beschreibung schuldig. Dieser junge Mann war auf eine so hofliche Art von seinem Herrn Vater erzogen, dass nichts daruber ging. Wen er lieb hat, den zuchtigt er, scheint mir noch immer die Hauptregel der Erziehung zu seyn. Ich weiss, dass man es heut zu Tage darauf anlegt, durch gute Worte gute Platze zu suchen. Wenn's nur ohne Nagelbohrer gehen wird!
Meine liebe selige Mutter schrieb meine Krankheit im vierzehnten Jahre auf die Rechnung des betrubten Sundenfalls.
E x t r a p o s t ! Die Festlichkeit und Hoflichkeit, welche unser theurer Herr v. W. so bruderlich zu vereinigen wusste, floss, die reine Wahrheit zu sagen, aus der Quelle des Stolzes! Hierin folgte der Herr Sohn dem Vater buchstablich, und da es ihm nicht verborgen bleiben konnte, dass eben die H o f l i c h k e i t das Wort Melchisedech war, welches seinem Herr Vater rings umher, in einem solchen Lande, wie Curland, ubel ausgelegt ward; so machte er sich noch eine gewisse Heuchelei eigen, die weit unartiger hervorschoss, als wenn sie bloss aus der Wurzel der Fest- und Hoflichkeit entsprossen ware! In seines Vaters Hause war er hoflich und festlich, und zwar gegen seinen Vater; ungezogen curisch in aller Rucksicht, sobald er ins Freie kam. Alles von dieser Verfahrungsart konnte dem Vater unmoglich verborgen bleiben; indessen schrieb er diess flugs der grossen Kunst zu, s i c h i n d i e Z e i t z u s c h i c k e n . Ueberhaupt glaubte der Herr Vater einen wohleingeschlagenen Sohn in Junker Petern vorzeigen zu konnen, und hatte nie etwas dagegen, wenn es dem jungen Herrn einfiel, seinen Vergnugungen Thur und Thor zu offnen. Die gute Mutter, die kein doppeltes Gesicht ausstehen konnte, weil das Gesicht das Patent des Herzens, des Gemuths ist, horte nicht auf einzulenken; allein da war der Herr Sohn, so wie es die Zeit mitbrachte, oft hoflich, wie gegen seinen Vater, oft rauh und curisch, wie mit seinen Brudern!
Was ich einen sich immer gleichen Charakter liebe! Und wahrlich, zu diesem Gleichlaut den Menschen zu bringen, kann nicht schwer halten, wenn man ihn von der Bahn der Ausdrucke, der Worte, zu Handlungen, zu Thaten, von dem Wege der Empfindungen auf den Weg der Grundsatze und der Regeln leitet! Wer kann das zu oft sagen! Wahrlich, es ware gut, den Menschen von allen Neigungen abzuhalten, die sich nicht aus der Naturschule herschreiben! Man lasse das Kind, wie Herr v. G., der Selige, der Meinung war, essen, wenn es hungert, man lass' es zu Bette gehen, wenn es schlafert! Man uberlass' es sich in solchen Dingen so sehr, dass man jedes Gangelband verabscheue! Es hat gute Wege. Wenn der Finger verbrannt ist, wird man das Licht scheuen, und wenn sich das Kind den Kopf gestossen, wird es dem Fall ausweichen. Die Erziehung geht nicht diesen, sondern einen ganz andern Weg. Man sehe doch, wie Gott den Menschen zu erziehen sich bemuht, da der Mensch sich in die Unnatur sturzte und in seinem Blute lag.
Neigungen, Angewohnheiten schranken die Macht der vernunftigen Bewegungsgrunde, der Grundsatze ein, und uberhaupt, was macht uns unglucklich in der Welt? Wahrlich nicht der Mangel der Sache. Der Mensch kann sich ohn' alles behelfen. Selbst ohne die Hoffnungen der andern Welt kann man Gutes thun. Der Appetit, Freunde! die Neigung zu etwas, das entweder gar nicht da ist, oder schwer erhalten werden kann, macht uns unglucklich! Mensch, du bist ein geborner Diogenes! Lerne dich selbst kennen!
Ob und in wie weit der M u c k e n h e l d diese Lection verdient habe, die ich ihm gelesen, sey meinen Lesern zu beurtheilen uberlassen!
Jetzt zur Geschichte, und damit ich meinen Lesern doppelt einbringe, was sie bei dieser Nutzanwendung eingebusst, so sey mir gleich mit der Anzeige anzufangen erlaubt, dass J u n k e r G o t t h a r d nicht Tinens Brautigam war. Wie das moglich ist? und wie ich denn auf Trinchen und Amalchen in meiner Unterredung mit der lieben Frau v. W. fallen konnen? Wohlgesprochen! Aber ich frage wieder: Wie man glauben konnen, dass Dr. Saft todt sey? Und ob nicht jedes der Meinung seyn mussen, Junker Gotthard ware der Brautigam? Wer anderer Meinung ist, blattre das griesgramische Gesicht des Herrn v. W. auf, da er die heissesten Wunsche seinem Schwiegersohne bei der academischen Wanderung auf den Weg gab, dass der grosse Gott ihn auf seiner Reise begleiten, seine Studia zu seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen, und ihn zu seiner Zeit in die Arme seiner kleinen Braut gesund zuruckbringen wolle! Und das war nur ein Theil, der kleinste, von seiner Schwiegervaterempfindung.
Junker Gotthard war's nicht? Warum nicht? Daran wird weniger liegen, als an der Frage: Wer es denn sonst gewesen? Ich will versuchen, beide Antworten unter einen Hut zu bringen.
J u n k e r G o t t h a r d hatte in Gottingen und Konigsberg so wenig Aufmunterung zur heiligen Ehe gefunden, dass ihm vielmehr seine T r i n e je langer, je schmucker vorkam, und was ihm den Rest gab, kann wohl die Art gewesen seyn, wie T i n e v. W. ihm bei seiner ersten Aufwartung begegnete! Herr v. W. mit offnen Armen. Frau v. W. reicht' ihm die Hand. Tinchen benahm sich dabei so, als wenn sie nur zum Zusehen da ware! Erbarmung, diess Mittelstuck der Liebe, wenn Erbarmung rechter Art ist, sieht aufs Ungluck, nicht auf die Person; und die Liebe? Sagt ihr, die ihr geliebt habt, hat nicht jede Liebe einen Gotzen, den sie anbetet? Idol, oder Ideal, ist hier nicht weit auseinander. Alexander bringt das Bild seiner Mine auf die Welt, und Mine das Bild Alexanders. Die Sinnen bringen nur auf etwas, was schon da ist. Sie decken nur den Tisch, um die fertigen Schusseln aufzutragen, und noch jetzt, wenn gleich die Eheangelegenheiten ihre sieben magern Jahre angetreten, gibt's doch noch Adams- und Evasehen.
Junker Gotthard empfand, dass er gekommen, gesehen und nicht gesiegt hatte, und ging gerechtfertigt in sein Haus! Er sah ein, dass hier keine Aussicht fur ihn ware, wenn er mit gutem Gewissen verfahren sollte, und es kostete ihm wenig Muhe umzusatteln, um aus seiner Sprache ein Wort anzubringen. Ich glaube, dass er nie mit dem ernsten Gedanken zu Tinchen gekommen, seine alten Rechte geltend zu machen, und da er fand, dass das Wasser im Teiche Bethesda sichtbarlich nicht fur ihn, sondern fur einen andern bewegt ward, hoffte er nach der Liebe, dass, wenn ihm ja nach der Eheklause eine Sehnsucht anwandeln sollte, ihm sein Kammerchen nicht fehlschlagen wurde.
Tinchen und Gotthard fanden bei diesem Auftritte vollkommen ihre Rechnung; nur Tinchens Vater und Mutter waren nicht sonderlich erbaut, welches Gotthards mindester Kummer war. Ein Gluck fur Junker Gotthard war es (denn sonst wurde ihn Herr v. W. mit Hoflichkeit verfolgt haben), dass er bei dieser Gelegenheit alle Regeln der Hoflichkeit gegen den Herrn Schwiegervater ubertreten. Kein Wunder, dass er diesen Ehrenmann, der mit seiner Tochter nicht verlegen war, in Harnisch jagte, und dass die fehlgeschlagene Hoffnung dem Herrn v. W. keine Minute verdarb! Fast hatte man glauben sollen, Tinchen und Gotthard hatten sich aus blosser Liebe verlassen, so schien es, da sie sich einander los waren. T i n c h e n legte indessen ein Jahr nach dem andern zuruck, und was noch mehr ist, so war sie so sehr in sich gekehrt, dass die Eltern ihrethalben furchteten. Es kann sich wohl auch ein Dr. Saft mit einem Heirathsrecipe obenein gemeldet haben, worauf um so mehr Rucksicht genommen ward, als e i n L o r c h e n , wie schon erwahnt worden, in der Gegend sich so herabgesetzt, dass sogar Tinchen nicht mehr Lorchen genannt wurde. In dieser Lage ward Tinchen von einem reichen Junker gesehen, der nicht aus dem Lande gekommen war. Auge auf, Beutel auf, sagte Herr v. W., und interessirte sich fast groblich fur diese Heirath. Herr v. W. bewies, dass, wenn gleich die Hoflichkeit zu allen Dingen nutze ware, das Geld ihr nur etwas weniges nachgebe, und da er Festlichkeit mit der Hoflichkeit paarte, wie sie denn sich gegen einander wirklich verhalten, wie Mann und Weib, so war es sehr naturlich, dass er das Vermogen des reichen Junkers in eine der Sache gemasse Erwagung zog. Tinchens Freier unterstutzte den Muckenhelden mit Vermogen zu allerlei Vergnugungen, und dieser ihn mit Empfehlungen im vaterlichen Hause. So hoben sich die Bruche, und selbst die gute Frau v. W. war, wie wir gehort haben, eben nicht wider diese Heirath.
Tinchen allein sah die Sache von einer ganz andern Seite an. Sie wollte nicht fremdes Feuer auf einen Altar bringen, der einem unbekannten Liebhaber geweiht war, und eben in dieser Rucksicht sielen ihr tausend Dinge an ihrem Liebhaber auf, die andere Leute nicht bemerkten. Selbst ihre seine Mutter nicht. Die Liebe entschuldigt, die Abneigung tadelt alles und wahrlich, Tinchen hatte nicht Ursache, bei dieser Tadelsucht sich anzustrengen. Tinchens Werber, Herr v. K., damit ich den ersten Buchstaben gebe, hatte sich nicht bloss auf eine schmucke Trine eingeschrankt, sondern auf jedem seiner Dorfer und Vorwerke war eine dergleichen schmucke Person, die er begnadigte (ein lettischer Ausdruck, den ich nur sehr unkraftig verdolmetscht habe). Der Muckenheld war in Absicht dreier dieser Trinchens in Compagnie getreten, wo aller Schaden auf Herrn v. K., der Vortheil aber zu wenigstens gleichen Theilen ging; juristisch L o w e n g e s e l l s c h a f t genannt. v. K. war ein Verschwender, und geizig er liebte und hasste auf eine so uncivile, ungesittete Art, dass freilich bei der Verbindung mit Tinchen keine sehr gluckliche Ehe abzusehen war. Was solche Leute ekelhaft sind! Ich trinke darum ungern Punsch, weil er, wie Herr v. E. und Herr v. K., sich widerspricht. Indessen ward Tinchen endlich eingeschlafert, im Schlafe aufgesprengt, und da hatte sie den Kopf nach vorn genickt, wie alle gute Leute, wenn sie schlafen, nach vorn den Kopf zu neigen pflegen. Diess Nicken hiess beim Herrn v. W. um so mehr Ja, als, nach seinen Regeln der Hoflichkeit, er keinem Madchen in ein deutliches Ja! auszubrechen gestattete; hochstens konnte sie es verlieren. Eben darum hatte er das Trauungsformular, trotz dem zweigliederigen Segen, gern reformirt, wenn es in seiner Macht gewesen ware. Die gute Mutter empfand desto mehr, dass Kopfnicken und deutlich Ja sagen verschieden waren. Sie sah ihre Tochter so oft ganz Gott ergeben vor dem Altare dienen, wo freilich nur das Fest des unbekannten Liebhabers gefeiert wurde; indessen ist die Liebe der Einbildung die gefahrlichste!
Kind! fing sie an, und Tinchen erwiederte: Mutter!
Liebes Kind!
Liebe Mutter!
Einzige Tochter!
Einzige Mutter!
Das war alles, Was verhandelt ward. Du hast gewollt! Ja, liebe Mutter! Ungern? Ja, liebe Mutter! Gott wird helfen! Tinchen blickte gen Himmel! Ihre Mutter fuhrte sie auf so manche Hoflichkeitsscene, durch welche sie sich durchdrangen mussen, auf die Abneigung, die sie fur alles, was sich biegt, gehabt und noch hatte, und dann unterbrach diese Lieben der M u c k e n h e l d , oder sein Herr Vater, und Tine empfand die Unannehmlichkeit in ihrem ganzen Umfange, von diesem des Herrn v. K. halber geliebkost und von jenem aufgefordert zu werden! Alle Zudringlichkeit ist, bei Gemuthern, die selbst zu wissen glauben, was zu thun ist, unausstehlich, es kleide sich diese Zudringlichkeit schwarz oder weiss.
Herr v. K., der wohl wusste, dass Geld bei ihm die Losung sey, bot seiner Braut auf eine recht curische Art ein Geschenk in baarem Gelde an, um nach ihrem weltberuhmten Geschmack, wie er sagte, selbst davon Gebrauch zu machen. Wer kann das so, wie Sie, setzte der galante Herr v. K. dazu! Weltbekannt, erwiderte Tinchen, kehrte den rothen Netzbeutel zuruck und fugte auf eine Art hinzu: W i r s i n d b e i d e n i c h t a u s C u r l a n d g e w e s e n ! dass Herr v. K. selbst es verstand. Das muss doch eine sehr deutliche Art gewesen seyn! Herr v. W., der hofliche Herr v. W. wusste selbst diese Geschenkmanier zu Gunsten des Herrn v. K. auszulegen, obgleich Geschenke in Geld so was Widerstehliches an sich haben, dass kein guter, edler Mensch sie mit offenen Augen nehmen kann. Geschenke machen die Weisen blind! Herr v. W. hatte dem Junker v. K. den Hochzeitstag seines Herrn Grossvaters verziehen; wie sollte er ihm ein Geschenk in Geld ubel deuten? Geld war des Junkers v. K. Losung.
Geschenke in Geld heissen Geschenke in originali, sing Herr v. W. an. Prasente, in Sachen bestehend, heissen Geschenke in authentischer Copie. Alle Originale sind hart, oft widerlich, gestrichen und mit Fahnchen versehen. Eine vidimirte Copie wird gemeinhin schon geschrieben, fallt weicher ins Auge. Original ist indessen Original und bleibt Original.
Tinchen war endlich wirklich entschlossen, Ja in den Augen von ganz Curland und Semgallen zu nikken, bis sie den Tag vor meiner Ankunft solche Beklemmungen erhielt, dass ihre Mutter ihrethalben besorgt war. Ihr Vater hielt es fur ein Kapitel aus der Weiberpolitik, und klatschte, dass sie ihre Rolle so schon spielte. Auf Schauspiele hatte sich doch Herr v. W. besser verstehen sollen!
Auf diese Rechnung gehorten die herzlichen Worte: "Dein Wille geschehe!" und das Pianissimo beim Schluss:
"Dann liegen wir in unserm Grabe, und schlafen unbekummert den sussen Schlaf des Todes, und ein Bote des Herrn geht mit einem: G e s e g n e t s e y s t d u d e m H e r r n , voruber!"
Meine Ankunft war ihr so etwas Wunderbares, dass sie vollig aus dem Zusammenhang kam. Sie extemporirte. Wer denkt beim Extemporiren viel an das, was vorhergeht und was nachflogt? Wer glaubt nicht Wunder, wenn er liebt? Und bald hatte ich gefragt: Wo geschehen in diesen wundergeizigen Zeiten anders Wunder, als in der Liebe? Im alten Bunde versandte Gott Engel; jetzt macht er gute Menschen zu Commissarien! Kommen Sie mir doch wie ein Engel, sagte ich zu meinem I s, da er mich zum letztenmal heimsuchte, und wahrlich! Du warst mir ein Engel, guter I s!
Da die Brautigamspferde ansprengten, fiel Tinchen in Ohnmacht. Warum? Als ob man bei einer Ohnmacht warum fragen konnte? Des Morgens, wie wir alle wissen, war sie gesund und heil aus Wasser gegangen.
Die Brautigamspferde brachten nur den Junker Peter, unbepackt mit Entschuldigungen, die freilich, wenn gleich sie noch so schwer gewesen, an einem solchen Tage unbefriedigend geblieben waren. War es denn nicht der Verlobungstag des Herrn Grossvaters Hochwohlgeboren? Konnte denn aber Peter nicht wenigstens vorgeben, Herr v. K. ware sterbenskrank geworden, und dem Dr. Saft einen Brief an die Braut ubertragen? Junker Peter schien nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass der Ton beim Prasent in originali viel zu dieser Fuhrung beigetragen. Den folgenden Morgen kam ein Brief vom Herrn v. K., worin er alle Unterhandlungen unterbrach, Herr v. W. gab mir in der ersten Hitze diesen Brief zu lesen. Gewiss wurde er's nicht gethan haben, war' es nicht in der ersten Hitze gewesen. Herr v. K. hatte seinem Freunde keinen unhoflichen Blick von seinem Vater zuziehen wollen, der aber mit 300 Thlr. Alb. herausrucken sollte!
Man bat mich, zu bleiben; ich blieb. Der Ton schien uberhaupt in diesem Hause zu Hause zu gehoren. Ueberhaupt gehort er zum Weiberdepartement. Fast wurde ich behaupten, dass alle Declamation Weiberwerk sey.
L i e s c h e n war bis jetzt T i n c h e n s Vertraute geblieben, und da ich mich ihrer so lebhaft und oft erinnerte, ward sie herbei geholt. Sie war an einen Amtmann verheirathet. Sie hatte keine Kinder. Frau Luischen kam und freute sich so, mich zu sehen, dass nichts druber ging. Sie fand, dass ich alt geworden, und dass mein Arm schwerlich ein Fraulein Lorchen mehr aus dem Wasser holen wurde. Ein Fraulein Tinchen noch weniger, setzte sie hinzu. Frau v. W. und ihre Tochter fanden der keines. Die Frau Amtmannin besuchte mich ofters auf meinem Zimmer, wenn ich allein war, und unser einziger T e x t war T i n c h e n . In der Nutzanwendung kam Herr v. K. vor, und da ward er behandelt, wie man die Sunder in der Nutzanwendung zu behandeln pflegt.
Noch vier schone Tage lebte ich in , und da sich meine Commission nicht langer verschieben liess, ging ich mit dem Versprechen ab, nach geendigtem Geschafte wieder zu kommen.
Beim Abschiede wieder der Ton! Wie ich den Ton liebe und alles K o p f n i c k e n hasse, wenn der Kopf gleich nach vom fallt! Nur beim Tode nicht. Herr v. G. starb nach vorn! Nur beim Schlaf nicht; denn er ist des Todes leiblicher Bruder.
Junker Peter hatte sich gegen mich ziemlich fremd benommen, und ich bezahlte ihn mit gleicher Munze; indessen muss ihm der Abschied, den Tine und ich nahmen, aufgefallen seyn, ohne dass eben der Ton, der freilich ein zu gutherziges Kapitel fur ihn war, dazu etwas beigetragen haben kann. Wenn? fragte Tine. O, wie anders, als Nathanael, als er sein Gretchen sehen wollte! Auch die liebe Mutter dieses edlen Geschopfes fragte: Wenn? Herr v. W. konnte sich nicht aus dem Strudel herausarbeiten. Oft kam er in die Complimente, die er seinem Schwiegersohne zugedacht hatte und die er fur nichts und wieder nichts gelernt und nun verlernen musste! Wie er dann abbrach, wenn er auf einmal merkte, es sey ein Wort des Schwiegervaters zum Sohne! Wer sieht nicht gern schwimmen, wenn ein Kunstverstandiger im Wasser ist?
Die Frau Amtmannin konnte nicht umhin, mich weit dringender, als das ganze Haus, zu bitten, wieder zu kommen. Aber, liebe Frau Amtmannin, mein Arm ist nicht mehr in den Umstanden, Lorchen aus dem Wasser zu ziehen! Kommen Sie doch, Herr Major!
Ob Herr v. K. durch seine abschlagige Antwort die Absicht gehabt, Tinchen weichherziger zu machen, das Prasent in originali anzunehmen, um das Lammchen anzugewohnen, aus seiner Hand zu essen, oder ob er ihren Vater zu einer andern Eheverschreibung auffordern wollen, oder ob er sich, was weiss ich, in der Gegend, wo man ihn mit Tinchens Sprodigkeit aufzuziehen anfing, wieder in Credit zu bringen gedacht, oder ob er es seinem Herrn Schwager bloss zu Gunsten gethan, um seinen Herrn Vater bei dieser erwunschten Angelegenheit des Hauses so geschmeidig im Geben zu machen, als der Herr Sohn es im Reden war, das sind kitzliche Fragen, die ich meiner Aeltermutter uberlassen wurde, wenn sie noch am Leben ware.
Junker Peter, ohne einen Auftrag selbst vom Vater zu haben, reiste von selbst wieder, wo er gekommen, und erzahlte dem Herrn v. K., was er gesehen und gehort und was er zu glauben Ursache hatte; erhielt auch sogleich von ihm Macht und Gewalt, sobald ich wieder eintrafe, mich zur Rede zu stellen, wie ich zu der Dreistigkeit kame, in einem Hause mich aufzudrangen, wo er Regent ware?
Mein p o l i t i s c h e r A u f t r a g ging so von statten, als noch kein Geschaft mir je von statten gegangen? Den Turkenkrieg nicht ausgenommen! Ich kam? fand Tinen so, wie ich, sie gelassen; ihre Mutter dessgleichen. Ihr Vater hatte etwas Ruckhaltendes angenommen, obgleich er nicht verfehlte, in Absicht der Treppe mich so zu empfangen, als zuvor!
Warum Nebenumstande, da ein einziger alles entscheidet? Bis jetzt hatte ich an Tine nicht anders als an ein liebes, gutes Madchen gedacht. Den Abend, als ich zuruck kam, ging ich weiter. Was war es, was mich weiter brachte? Ein Ungefahr? O ihr Kleinglaubigen! Ich ehre jedes Ungefahr als gottlichen Fingerzeig. Es ist etwas, das eine unsichtbare, im Stillen wirkende Hand thut, und was sie thut, ist wohlgethan! Was ist's denn hier? Ich kam in mein Zimmer, und da war's wie eine Stimme, die zu mir sprach: M i n e ! Schnell lief ich zu ihren Papieren und fand die Stelle! Gross geschrieben:
"Nun meine feierlichste Bitte, mein Beschwur! Ich bitte dich vor Gott und nach Gott! Ich beschwore dich bei allem, was heilig ist, im Himmel und auf Erden, und nach diesem hohen Schwur bei meinem letzten, letzten Seufzer, bei meinem letzten Todesstoss, bei meinem letzten warmen Hauch dich zu seiner Zeit ehelich zu verbinden. Gott segne dein Weib und die Kinder, die er dir schenken wird!"
Wie mir dabei war, weiss Gott! Ich konnte kein Wort mehr lesen. Schnell legte ich mich nieder, um keine Zeit zu versaumen. Als ob ich nicht schon zum voraus wusste, ich wurde nach dieser Stelle keine Stunde schlafen. Ich schlief wirklich keine Stunde, und doch hatte ich ausgeschlafen! Mein Entschluss war, alles dem Ungefahr zu uberlassen, mich nicht um Tinen zu bewerben, allein ihrer Hand auch nicht auszuweichen. Dass mir Tine schon zuvor nicht gleichgultig gewesen, laugne ich nicht; mich aber so gegen sie zu benehmen, war das Werk dieses Abends, welches der in mir wirkte, der Wollen und Vollbringen gibt nach seinem Wohlgefallen.
Ein Traum? wird der gelehrte Kunstrichter fragen, und wenn er bitter ist, bemerken, dass diess ein Hauptstuck eines regelmassigen Trauerspiels sey! Mein Vater sagte an einem dunkeln Tage: Wenn ja Arzneien genommen werden sollen, ist's gleichviel, was fur welche. Auf die Art, wie? auf den Glauben kommt's an. "Solch einen Glauben," konnte man wohl hinzufugen, "habe ich in Israel nicht gefunden."
Mehr als einmal hat mich eine dergleichen Stimme eines Unsichtbaren aufgefordert. Noch nie hat es mich gereut, diesen Seelenappetit befriedigt zu haben.
Wie ich Tinen und das Haus ihrer Eltern gefunden, wissen meine Leser schon, und eben diese Aufnahme machte mich empfanglich, das Wort M i n e zu fassen! Ich ging mit Tine in den Garten, und eben an der Stelle, wo sie am Wasser herumirrte, fragte ich sie, was sie zum Wechsel zwischen dem Herrn v. K. und mir sagen wurde? D a ss e s k e i n W e c h s e l i s t . W i e s o ? F r a g e n S i e d a s ? Mit einer Art, dass ich alles wusste. Ich nahm ihre Hand und sie legte ihr Gesicht auf meine Schulter. Wir weinten beide.
Gott ist die Liebe! Ist es denn Schande, zu lieben?
Alles, was nur diesen sussen Namen fuhrt und mit ihm in Verbindung ist, stammt von ihm, ist seines Geschlechts! Gott ist die Liebe!
"Jenes korinthische Madchen zog Striche um den
Schatten ihres schlafenden Liebhabers, in denen sie sein Bild sah! Ihre Einbildung fullte mit einem wohlgeruttelten und uberfliessenden Mass diesen Schattenumriss aus." So ging es mir mit Ihnen, nur dass meine Einbildungskraft auch alle die Striche zog. Liebe Tine!
Was man auch immer von Silhouetten sagen mag,
Personen, die man kennt und liebt, sollte man nicht malen! Da hat die Einbildung zu viel Musse! Bei einer Silhouette arbeitet sie mit, sie fullt die Striche aus, bringt Colorit an. Um unsere Lieben der geehrten Nachwelt zuruckzulassen? ist ein Gemalde nothig!
Wir waren so eins am Wasser, dass alles Er und
Sie, Sie und Er war. Warum wir uns nicht duzten, weiss ich bis diesen Augenblick nicht.
Ihre Mutter?
Weiss alles.
Gott Lob!
An Herrn v. W. dacht' ich nicht.
Ich sprach die gute Mutter, die keinen Schatten von Bedenklichkeit fand; allein sie wunschte, dass ich mich an ihren Mann oder wie sie sagte, an Herrn v. W. wenden mochte.
Ich that's, und merkte, dass er sich herzlich freute, eine Gelegenheit zu haben, von seiner Complimentensammlung Gebrauch zu machen. Nachdem ich aber alles sichtete, fand ich unendlich mehr Spreu als Korner, und was noch Korn war, lief auf die wohlhergebrachte Landesmanier heraus, dass man ein Vierteljahr seiner Geliebten die Aufwartung machen, und nach so mancherlei Beiurteln endlich die Definitivsentenz abwarten musse. Hiezu kam, dass Herr v. K.; doch, warum soll ich all die Umwege bemerken? In diesem Schattenriss kann jeder die Striche machen, ohne den Herrn v. K. gekannt zu haben. Da darf man nur den Menschen kennen, und diess Zutrauen hab' ich zur Zeitwelt, und weit, weit zuversichtlicher zur Nachwelt.
Wer will nicht das haben, wornach er einen andern ringen sieht? Wer hatte nicht ein Landgut, ein Haus gern, wenn es eben verkauft ist? Geht auf die erste beste Auction, um euch hievon zu uberzeugen!
Das schlimmste bei dem gegenwartigen Falle war, dass Herr v. W. fest entschlossen war, wenn Herr v. K. nur irgend ernstlich wollte, auch zu wollen. Seine Meinung war, es zu machen wie meine Grossmutter, da mein Vater nach meiner Mutter ging. Herr v. W. wollte seine Tochter auf keine Weise einem Major geben, dessen Vater Pastor in Curland gewesen; er mochte nun in seiner Jugend Alexander gespielt haben, oder nicht! Man muss, sagte Herr v. W., freilich nicht Fleisch und Blut Mannern von Verdienst vorziehen; allein Ehre und Geburt sind die Wurzel alles Guten! O des verfehlten Wurzelmannes! Wie kam dieser Blatterliebhaber selbst aufs Wort Wurzel, das nur dem Herrn v. G. zustand, den ich bei dieser Gelegenheit vermisste? Ich hatte freilich mein Auskommen; allein Junker v. K. war reich.
Das korinthische Madchen, Tine, ware nun wohl bereit gewesen mit ihrem Liebling zu ziehen, wie und wo er's verlangt; allein wer wollte das Licht mit dem Finger ausloschen, wenn Putzscheeren vorhanden? Wer wollt' es ausblasen und Gestank zurucklassen? sagte Herr v. W. bei einer andern Gelegenheit, und hatte nicht Unrecht, obgleich, wenn es eine reine schone Wachskerze ist, der angebliche Gestank Geruch heissen konnte. Wer weiss uberhaupt, wie diess zum Geruch und jenes zum Gestank gekommen? Zwar musste Petrus sein Schwert einstecken, fuhr Herr v. W. bei dieser andern Gelegenheit fort, allein dem Adel gebuhrt es, sich zu gurten, wenn sich der Unadel etwas herausnehmen will. Ein Edelmann ist ein verstarkter Mann, er prasentirt sich und seine Vorfahren. Wer hatte wohl solchen Till und Kummel vom festlich hoflichen Herrn v. W. erwartet?
Da kam Junker Peter im Harnisch gejagt! Ja wohl gejagt, mit Entschlussen, die nicht Fleisch, nicht Fisch waren. Er schnitzelte am Rahmen, noch eh' das Bild angefangen war. Stolz, dass er seinen Vater Hochwohlgeboren gesattelt fand, verzog er seinen Mund, als wollt' er Hohn sprechen, und empfing mich so unartig, dass ich, weil er Tinens Bruder war, nichts anders thun konnte, als ihn grossmuthig ubersehen! Zum Muckenfanger war ich nie aufgelegt. War ich dazu zu kraftig, oder zu gut, das weiss ich nicht. Ich gab auf alle seine Reden, die er entweder vor sich, oder gegen andere richtete, kein Wort. Da aber diess Wuschen eben hiedurch dreister ward, und sich gerad' an meine Stirn klebte, sah ich mich gedrungen, es wegzuscheuchen. Unfehlbar hatte unser Held einige Romane gelesen, wo der Zweikampf in einer Kinderlehre abgehandelt wird! Ihr lieben Herren! Wenn ihr den Menschen da bessern wollt, so habt ihr eben nicht das rechte End' ergriffen. Vorwarts, ihr Herren! zu allen Zeiten stehe oder falle, was da will! Unser Mukkenheld erwartete eine Katechismusantwort, und sah mich uber Hals und Kopf blank. Was wollen Sie, junger Mensch? Ihre Schwester? Die werd' ich nicht nehmen, wenn Tine nicht selbst will, und wenn Tinens Eltern nicht wollen, Vater und Mutter. Was haben Sie fur Rechte auf Ihre Schwester, so lange Ihre Eltern leben, und so lange Tine selbst denken und handeln kann? Unser Held steckte sein Schwert so nothdurftig in die Scheide, dass er den Namen v. K. stammelte und sich eben nicht in der besten Ordnung zuruckzog. Wie er sah, dass auch ich nachliess, fing er seine Vorbehalte an. Wollen Sie mehr, als ich versprochen? erwiederte ich. Haben Sie denn versprochen, meine Schwester dem Herrn v. K., dem sie eigenet, ungestort zu lassen?
Nein.
Aber sie gehorte ihm.
Hat er sie nicht aufgegeben?
Hat er sie nicht wiedergenommen?
Da sie nicht mehr frei war.
Hur v. K. that, oder war wirklich unertraglich verliebt. Er bereute seine Uebereilungen, wie es hiess, und schrieb und sandte Boten ohne Ende. Herr v. W., der schon an sich entschlossen war, dem Herrn v. K. zu verzeihen und, ausser dem Versohnungsfest, noch auf so mancherlei rechnete, was diese Anwerbung begunstigte ging ihm mit zuvorkommender Huld entgegen. Zu allem diesem wissen wir die Beweggrunde.
Der Vater Pastor!
Lieber Mann, der Sohn Major!
Aber, liebe Frau, beim Adel gilt der Vater immer mehr als der Sohn.
Will denn Tine den Vater?
Wenn sie aber auch Sohn, Vater, Grossvater und so weiter in der Person des Sohnes heirathen kann?
Dann ist's Blutschande!
Herr v. W. ward uber die Blutschande bose und fing pathetisch an: ein anderes ist ein Siegel mit dem Lindwurm am Taschenmesser, ein anderes ein wohlhergebrachtes Wappen, ein anderes die feinsten Spitzen, ein anderes Judenkanten, ein anderes Prinzmetall, ein anderes achtes gediegenes Gold; ein anderes ein Kratzfuss, ein anderes eine Verbeugung. Wer wird sich denn die Finger verbrennen, wenn man sein Kind mehr ist?
Allgemach legte sich dieser Ahneneifer, an welchen? Junker Peter vielen Antheil hatte! Der Mukkenheld hatte mich blank gesehen und so mochte er seinen Schwager, wohl aus mehr als einer Ursache, nicht sehen!
Die Frau v. W. nahm Gelegenheit, ihrem Gemahl ans Herz zu legen, was sie gehort, dass ich namlich von gutem alten Adel ware und Tinchen also auch Vater, Grossvater, Aeltervater und so weiter in mir vereinigt heirathen wurde. Warum, fuhr sie fort, ihm Luft und Athem abschneiden, ehe man noch die Granzen seines Seyns kennt? Der Schein betrugt
Er stammt von Melchisedech.
Der war ein Konig und Priester!
Warum diese Ahnentafelunterredung, die das Alltagliche enthalt? Sie hatte indessen die Folge, die ich meinen Lesern schuldig bin.
Frau v. W. nahm mich bei der Hand und zwar so, dass diese Art mir Burge wurde: es sey wie es sey; Sie sind Tinens und Tine ist die Ihre! Sie wusste nicht, wie sie es recht anfangen sollte und fing endlich, nachdem sie mich lange bei der Hand gehalten., allein, w i e m i c h d u n k t , viel zu entfernt an: der Schleier der Bescheidenheit gibt jedem Gesichte, jeder Tugend einen grossern Werth!
Ja, Gnadige! der Beleg ist T i n e !
Da war sie wieder weiter zuruck wie zuvor. Sie nahm mich aufs neue bei der Hand, und ohne dass sie blitzte, mein Schlag!
Gnadige! Sie wollen was sagen Fragen! erwiederte sie.
Die Liebe, das einzige, was die Natur uns noch zuruckgelassen, sollte freilich uber alle Kunst hinaus seyn bei einem Haar ware sie wieder vom Wege gekommen. Wer ist aber heut zu Tage naturlich? Mein Mann? Sie kennen ihn! Konnen Sie sich so viel von Ihrer Denkart auf einen Augenblick abmussigen und ihm in der Nahe zeigen, was so viele von weitem gesehen? Jedes Auge tragt nicht gleich weit. Sind Sie ein Edelmann?
Eine Ehre ist der andern werth. Um wie vieles hatt' ich das Vergnugen nicht gegeben, erst Tinen zu heirathen und ihr sodann zu beweisen, dass sie von dieser Seite keine Ungezogenheit vom adlichen Pobel zu furchten hatte.
Das Wort: e i n G e w i s s e r konnt' ich selbst von meinem Eidam nicht leiden, um wie vieles! fuhr Frau v. W. fort.
Das traf! Frau v. W. hatte Recht. Ein Gewisser, so vortrefflich das Wort gewiss sonst ist, welch ein erniedrigendes Wort! Ein Gewisser heisst Einer, der wegen seiner Existenz besorgt zu seyn Ursache hat und eine Tafel aushangen muss: h i e r w i r d S e i f e g e s o t t e n ! Es ist ein in einem kleinen Enkel bloss Bekannter, ein Kleinstadter, der will und nicht kann! Fast scheint es, dass es mit dem Menschen nicht aufs Gewisse angelegt ist Liebe gnadige Frau! Ich will alles thun, um mich aus dem Gewissen ins Ungewisse zu setzen! Der vorliegende Fall ist von der Art, dass ich's kann. Ich wollte der Frau v. W. zeigen; allein wie doch die Weiber sind, das Siegel war ihr genug! Sie ging zu ihrem Mann, der aber bei der ganzen Erzahlung, das Siegel mit eingerechnet, so ungewiss als moglich blieb. Tine war mir so werth, dass ich selbst Gelegenheit nahm, dem Herrn v. W. zu zeigen, wovon seine Gemahlin nur das Siegel gesehen, und da er weniger erfahren in Familienregistern als der hochgeborne Todtengraber war, so konnt' ich ihm zwar von meinem uralten Adel nicht so uberzeugende Beweise geben, indessen sah er eben darum die Sache grosser als sie war! Er fand in der Dunkelheit so etwas Festliches; dass er den Pastor druber vergass. Er sah uber die Hutte hinweg und heftete sein Auge an die Kirchenmauern. Die rechte Saite in seiner Seele war getroffen. Die Glucksumstande des Herrn v. K. konnten mir nicht den Weg vertreten, da ich ihn vom Geschenk der Kaiserin und dem dazu gekommenen glucklichen Kauf unterrichtete!
Alle Geschenke erniedrigen, nur Geschenke der Grossen nicht, da gilt ein Band mehr als man glauben sollte. Wie doch alle Leidenschaften Nachbarskinder sind! Stolz und Furcht sind ausser der Nachbarschaft verwandt. Herr v. W. furchtete den Junker v. K. und seinen leibeigenen Sohn, der es mit Junker v. K. hielt. Sie wissen, fing er an, und suchte Kraft zum Athemholen! wie es in Curland geht! Die Wahrheit zu sagen, ich bin froh, dass eins von meinen Kindern aus diesem Waldhornstaat, aus diesem Du-Lande erlost wird! Wer ist hier vor ein paar Pistolen sicher? Jeder, der Herz hat, erwiederte ich. Nicht immer! Herr Major! Es gibt unter den Krippenrittern Leute, die ihr Leben keinen Pfeifenkopf werth halten. Was haben sie denn in dieser Welt zu gewinnen und zu verlieren? und wenn Herr v. K. es dazu anlegt, so ist mein Haus belagert und ich mit Mann und Maus verloren. Junker v. K. hat Geld, das will in Curland viel sagen. Freilich, wer's Gluck hat, fuhrt die Braut heim. Der verstorbene Herr v. G. hatte sie weit von sich entfernt. Sie kamen! Er begegnete ihnen nicht wie hochwohlgebornen Brudern, sondern wie bettelnden Schneidergesellen! Den Pferden und Waffentragern dieser DonQuischoten noch ubler. Einer unter diesen Krippenrittern nahm das Ding unrecht und forderte den Schlussel zum Gastzimmer, und weil sich der Gerechte auch seines Viehes erbarmt, zum Stall. Hier ist der Schlussel, sagte Herr v. G. und zeigte auf den Degen. Freilich hatte er hier sind sie sagen sollen, da zwei Schlussel gefordert worden, einer zum Stall und einer zum Gastzimmer, und alsdann hatte er auf die Pistolen weisen konnen, die verheirathet sind und die man nicht anders als paarweise hat Mag! Sein Haus ist von dieser Zeit an von der agyptischen Plage der curischen Heuschrecken verschont blieben. Das nenn' ich aber tolldreist. Zwar hab' ich es, beschloss Herr v. W., mit meiner Hoflichkeit so weit nicht gebracht, indessen kann ich auch nicht bittre Klagen fuhren!
Ich versicherte ihn, dass dieses mein geringster Kummer ware und er schien wirklich die Meinung von mir zu fassen, dass mir nicht leicht das Haar zu Berge stunde!
Sie versprechen, sagte er, mein Herr Major! bei allem, was Gott geben, die Seele denken, das Herz wollen, der Mund sprechen, die Hand greifen kann, meine Tochter zu lieben, bis der Tod sie scheidet? Ich verspreche! Wohlan! so will ich den Verlobungstag festsetzen, an dem ich mich mit meiner Frau verlobte!
Nach dieser Feierlichkeit fiel ihm, das sah ich, mein Vater ein; allein konnt' er nach diesem festlichen Auftritt von diesem Einfall Gebrauch machen?
Wenn ich nicht durchaus mir vorgesetzt, nicht in den alten Geschmack von Gefechten zu fallen, sondern der reinen klaren Liebe getreu zu bleiben, so konnte ich wirklich mit einigen Vorfallen aufwarten, die niemanden als dem Herrn v. W. schwer fielen! Gotthard! wer sollte das denken, legte alle diese Nekkereien bei und alles war wie abgeschnitten oder abgehauen! Gotthard? er ganz allein! Ein Tauber halt sich Vogel und freut sich, dass sie springen, wenn gleich er sie nicht singen hort, und Gotthard war im Stande, in Curland solche Strahlen zu spruhen, dass alles wie vom Blitze geruhrt stand.
Gotthard, den mein Brief nicht getroffen, hatte durch viel Muhe erfahren, dass ich in ware und flog in meine Arme. Entzuckt uber alles, was vorging, versicherte er mich auf Ehre, dass er Tinen mir aufrichtig gonne! und nur dann, fugte er hinzu, ware keine Schlacke unterm Golde, wenn ich mit meiner Frau in Curland bliebe! Was sich Gotthard freute! Aus lichterloher Freude war er gegen den Herrn v. W. hoflich, der ihm wegen der Befehdungen seine Noth klagte, worauf er ihm seinen kraftigsten Beistand versprach. "Bruder?" Ich! erwiederte er, da gehen viele auf der Heerstrasse, andere uber Stock und Stiel, viele durch Blumenbeete, andere uber Felsen, durch Dornen und Disteln. Nicht auf den Weg, Bruder, sondern aufs Ziel kommt's an.
Bruder!
Was ich dir sage!
Junker Gotthard loste diese Rathsel und es ergab sich, dass er seine Helfershelfer hatte, die er besoldete, um andere Helfershelfer abzuhalten. Wer hier Geld hat, Bruder! fugte er hinzu, ist schusssicher! Er halt sich seine Leibwache, und Trotz dem geboten, der sich erfrecht, ihm zu nahe zu kommen und nicht drei Schritte vom Leibe zu bleiben. Jetzt macht mich nichts wild! Herr v. W., der zum Theil von diesen Haustruppen unterrichtet war, nahm dieses Anerbieten mit vielen Complimenten an, das ich aber kurz und gut abschlug.
Bruder! fuhr Gotthard fort, die Kerls, so dich anfallen wollen, sind keine Turken, sind keines Tropfens Christenblut werth. Solchen Lumps auszuweichen ist Ehre.
Herr v. W. trat dieser Behauptung bei, ich nicht vollig. Es sey indessen, dass Herr v. W. mit Junker Gotthard eine geheime Allianz geschlossen, oder dass seine Anwesenheit im Hause schon die gegenseitige streitfuhrende Macht durch Furcht in die Flucht geschlagen, genug, wir waren so ruhig wie moglich.
Der Muckenheld selbst, da Junker Gotthard mit ihm allein gesprochen und ihm vielleicht eine Burgschaft wegen der nachst zu bezahlenden Schuld und etwa eine schmucke Trine zugesagt, hatte andere Saiten aufgezogen, und so waren wir dahin gediehen, dass wirklich in der folgenden Woche das Verlobungsfest ohne zu furchtende Belagerung gefeiert werden konnte!
Junker Gotthard wich nicht von dannen und war mir ein so angenehmer, lieber Gast, dass T i n e selbst so viel Vergnugen in seinem Umgange fand, als sie zuvor Misswillen geaussert hatte.
Ich weiss nicht, wie mir der einige Ausdruck B u s e n f r e u n d entfuhr, den mir Herr v. W. entsetzlich ubel nahm.
Das Wort Busenfreund, fing Herr v. W. an, ist das zweideutigste, was man brauchen kann, so bald man zur heiligen Ehe schreitet. Ist man Junggesell, wo ist ein besseres zu Freund, als Busen!
Junker Gotthard umarmte mich brennend und zeigte mir, wie man auch bei der grossten Rauhigkeit bieder und gut seyn konne. Kein grosser Mann, sagte er zum Herrn v. W., hat sich in sein Hauptwerk allein verliebt. (Es war eine Anmerkung seines lieben seligen Vaters, die er aber besonders lenkte; unfehlbar dachte er an seine schmucke Trine.) Er sucht ein Nebenwerk und findet es. Er sieht die Beklommenheit, die Eingeschranktheit seines Hauptwerks ein und will der schwachen Menschheit durch Abanderung aushelfen! Kein Mann, der sich von andern unterscheidet, ist daher gross in seiner Hauptkunst. Im Nebenwerk bringt er's oft weiter welches auf die Rechnung des Freiheitstriebes gehort, der uberall ausschlagt und schone Zweige zeigt.
B r u d e r ! sagt' ich ihm, von Anbeginn ist es so nicht gewesen! Vortrefflich fiel Herr v. W. ein, bis auf das Wort: B r u d e r , das ihm, wie er sagte, zu kahl, zu entblattert da stunde! Wenn nur nicht unsaftig, erwiederte ich. Gern hatt' es Herr v. W. gesehen, wenn Gotthard und ich das D u gestrichen; allein das ging nicht, und da ich den Herrn v. W. versicherte, dass nur Gotthard und Darius meine Dus waren, die ich in der Welt hatte, und dass ich selbst meine beiden Kriegskameraden, die bei Bukarest im Herrn ruhen, nicht Du genannt; so begab er sich. Froh legte er unsere Hande in einander und sprach: Was Gott zusammengefugt, soll der Mensch nicht scheiden! Und nun nahm er mich allein. Gelt, fing er an, zum Eherath wurde ich den Herrn v. G. nicht vorschlagen? Und ich nicht nehmen, war meine Antwort.
E r . Sie lieben Tinen!
I c h . Herzlich!
Er. Einzig?
I c h . Bis in den Tod.
Griechen und Romer, fing er zu uns beiden an (im Wiederhall des Festes der Deutschen), wo ist jene edle Einfalt, die, wenn gleich sie geradezu ging und mit Gott und mit Menschen gleich sprach, doch so viel Feinheit anbrachte, dass man kein Du merkte, so wie es noch in keiner wohlgesetzten Poesie zu merken ist! Ist wohl eine neuere Sprache ohne Erbsunde? Was lastert ihr Nachbaren uber unser Hoch- und Wohlgeboren, Hochedelgeboren und Hochedlen, da doch auch ihr: Ew. Majestat wird erlauben, Ew. Excellenz denkt zu gerecht, sprecht? Wie man da von hinten kommt! Wie ein Politikus! Wo ist eine Sprache, die nicht dergleichen Flecken oder Runzeln, oder dess etwas hatte? (Mir fiel das Wort Monsieur aus dem Garten Eben des seligen v. G. ein.) Utinam viveret!
Ich nahm das Wort und bemerkte, dass die Deutschen Ew. Durchlauchten, Hochgeboren, Hochwohlgeboren, Hochgelahrten, Hochbenamten, Hochweisen, Gestrengen, vielleicht als eine Satyre uber die andern Sprachen auf- und angenommen! Wie! fiel mir Herr v. W. ein, so wurden Sie auch mich nicht fur einen hoflichen Mann gelten lassen, sondern fur einen Swift uber die Hoflichkeit halten? Ich buckte mich so, dass Herr v. W. vollig mit mir ausgesohnt ward, und da er nicht lange darauf anfing:
Lieber Major, Ihre Meinung, als ware die deutsche Sprache eine Satyre uber andere Sprachen, s t i e ss m i r s o a u f ; so erschrak er selbst uber den harten Ausdruck: stiess mir auf, dass Herr v. W. sich selbst aufstiess. Es hob sich Credit und Debet und wir waren eins.
Die Verlobung kam dem Herrn v. W. sehr hoch zu stehen. Umstande verandern die Sache. Ein anderes ubers Evangelium, ein anderes uber die Epistel! Wir sahen ihn so oft allein und mit sich selbst zu Rathe gehen, wobei wir, die Wahrheit zu sagen, nichts an Rath verloren!
Unausstehlich wurde es meinen Lesern seyn, wenn ich ihnen die ganze Procession dieses Verlobungsfestes erzahlen sollte. Nur ungesuchte Zuge, wie sie fallen!
Gern wollte Herr v. W., dass ich auf Knien Ja sagen sollte. Es war ihm so etwas Ritterliches, so etwas Altadeliches drin. Da ich ihm indessen das Ungewohnliche zu Gemuth fuhrte, so mancher Missdeutungen erwahnte, welche hiedurch zum Vorschein kommen wurden, liess er mich auf den Fussen, nachdem er von mir das Versprechen abgenommen, meiner Prinzessin diese schuldige Ehre inter privatos parietes zu erweisen.
Bei so viel Natur, die bei der Verlobung herrschte, in so weit sie zum Departement der Frau v. W. gehorte, stach die Unnatur des Herrn v. W. so ab, dass man keine Abstufung sah, sondern hier gleich und eben ging, und dort auf dem Sprunge war!
Unter andern war Herr v. W. so parfumirt, dass jeder einen Schlagfluss befurchten musste, der ihm zu nahe kam. Zwar duftete er jederzeit, noch nie aber so, wie heute. Kurz vor der Ceremonie hatte er sich so wohlriechend gemacht.
Junker Gotthard konnte nicht umhin, daruber ein Wort zu verlieren, allein Herr v. W. fuhrte ihn an Stelle und Ort, indem er ihn belehrte, dass Christus der Herr selbst fur wohlriechendes Wasser gewesen, indem er sich von einer Dame mit eau de Lavande besprengen lassen.
Die Verlobung fing mit einer R e d e an, die Herr v. W. ubernahm, indessen schloss er dabei, wie bei der Redeubung am Fest der Deutschen, zu kurz. Sein Allerseits nach Stand und Wurden H o c h w o h l g e b o r n e V e r s a m m l u n g verlor keine Sylbe, und eine Thrane, die ihm allemal zu Diensten stand, wenn ihm ein Wort versagte, bewegte mich so, als ob er zum erstenmal geweint hatte. Wir sagten, ohne dass wir gefragt wurden, Ja, und kussten einander so herzlich, dass jeder glaubte, der uns ansah, er hatte nichts von der Rede verloren. Da Herr v. W. selbst nicht aus und ein gewusst und daruber, wie mir vorkam, verlegen schien, so liess er's geschehen, dass alles uber und uber ging, und eben diess uber und uber, wie schon war es! Wie der Lenz ist die Verlobung! Das Beilager ist ein schoner Sommertag dieses die Sonne im Glanz, jene Aurora!
T i n e warf sich ihrer Mutter in die Arme und bat um ihren Segen. Herr v. W. lenkte diesen zu naturlichen Armwurf so kunstlich ein, dass die Frisur dabei nicht litte. Bei solchen Vorfallen, bemerkte er, muss man schon zuweilen funfe gerade gehen lassen!
Bei Tafel bemerkte Herr v. W., dass man durchaus etwas auf dem Teller liegen lassen musse. Bin ich beim Vornehmern, wie ich, sagt er, lasse ich das beste zuruck, um zu zeigen, dass auch das schlechteste fur mich das beste ist! Selbst in meinem Hause mache ich meiner Frau diess Compliment, welches auch diessmal beobachtet ward!
Mein lieber Gotthard blieb noch acht Tage bei uns und reiste mit der Versicherung ab, so lange er lebe unser Freund zu seyn! Herr v. W., der ihn bis dahin als einen Commandanten angesehen, nahm ihn beim Abschiede allein. Unfehlbar gaben sie sich die Parole; wenigstens konnte man diess aus den Worten schliessen, womit Junker Gotthard aufbrach: Es ist besser, sein Ross an des Feindes Zaun binden, als dass der Feind es an unsern Baum anstrickt! Gute Nachbarschaft, erwiederte Herr v. W., ist die beste Mauer; und ich: Muth der leichteste Harnisch! Peter und Gotthard sprachen wieder geheim. Bald hatte ich vergessen zu bemerken, dass sich Peter bei dem u b e r u n d u b e r an meinem Verlobungstage artig genug benahm!
Ich blieb noch drei Tage in . Tine und ich waren
so seelenfroh, dass alles, was uns sah, Theil dran nahm! Die Liebe ist wahrlich die Sonne des Lebens. Durch sie leben und sind wir! Du bist nicht werth, dass dich die Sonne der Liebe bescheint, ist eine Injurie, welche die grosste ist, die je ausgesprochen worden! Sinai's Fluch ist dagegen Segen!
Meine Uebernahme in ward von einem Tage zum
andern ausgesetzt. Herr v. W. bat aus Hoflichkeit, meine Tine und ihre Mutter h e r z l i c h ! h e r z l i c h ! meiner Tine Leibwort!
Es war die hochste Zeit, dass ich nach ging. Man
che kleine Einrichtung wartete auf mein Auge. T i n e sah selbst die Nothwendigkeit meines Hingangs, und doch liess sie mich ungern hingehen. Ich hatte die geringste Kleinigkeit mit ihr uberlegt. Die Liebe macht alles wichtig, was die Liebenden betrifft ausserhalb ihrer Grenze ist eine Krone des Aufhebens nicht werth! Da sollte ein Sopha, dort ein Nahtischchen, hier ein Schrankchen seyn da eine blaue und wieder da eine rothe Tapete zu stehen kommen!
Nur an die Schlafkammer ward nicht gedacht. Die bleibt immer dem Geschmack des Brautigams und der Schwiegermutter anheimgestellt. Nachdem nun alles und jedes bis auf die letzten vier blinkenden Nagel, die meine Mutter, da sie am Kupferstich eines Eierreformators angebracht wurden, fur Sterne hielt, verabredet war, kam die Frage zur Erorterung: ob ich M o r g e n s oder N a c h m i t t a g s reisen sollte? Was daruber fur und wider verhandelt ward, ist unaussprechlich. Wahrlich, die Andacht und die Liebe sieht alles fur Sterne an, wenn gleich sechs fur einen Vierding zu haben sind. Ich liess nur fallen, dass, wenn ich fruh in mein Land zoge, ich schwerlich mehr als zwei ganzer Tage zur Reise nothig haben wurde. Herr v. W. glaubte, so fruhe nicht mit allem fertig werden zu konnen, was doch der Wohlstand bei dieser Gelegenheit mit sich brachte. Der Fall war eigen. Endlich kamen die Praliminarien in Richtigkeit, fruh des Morgens. So sehr ich darauf drang, dass niemand sich sehen lassen mochte, so war doch Herr v. W. der Meinung, dass dieses auf keine Weise Styli werden konnte. Um indessen eine Finte anzubringen, liess er mich halb und halb in Ungewissheit. Er wollte dadurch der Sache einen Anstrich von Unerwartung und einen desto grosseren Werth beilegen. Ich war um vier Uhr Morgens in Reisekleidern, und eben, da ich mich durch den Saal schleichen wollte, kam mir Herr v. W. entgegen, der, wie ein wachsamer Chef, eine Viertelstunde vor der bestimmten Zeit auf dem Platze witterte. Meine Schuld ist es nicht, fing er an. Und was konnte ich wohl bei diesen Umstanden anders, als Compliment uber Compliment machen? Tinchen kam am letzten, nicht weil sie am spatsten aufgestanden war, sondern weil ihr Vater es ihr vorgezeichnet. Auch bei der zartlichsten, herzlichsten Liebe muss der Wohlstand nicht aus den Augen gesetzt werden, sagte Herr v. W., da er ihr ihre Rolle ubergab. O dieser Morgen! Was ist alles im menschlichen Leben, wenn man es nur zu nehmen versteht! Niemand, selbst Herr v. W. nicht, war vollig in pontificalibus (wie ers nannte). Der Morgen, bemerkte er, muss anzusehen seyn. Diese edle Nachlassigkeit, die jedes Blatt zeigt, ehe es ausgeschlafen hat, wie schon! Mag wohl seyn, weil der Mensch wirklich nicht da ist, um auf Draht gezogen zu werden, ware es selbst durch Arbeit. Wie es alles dahinschlenderte! Die Milch, noch von keiner Sonne getroffen. Alles so frisch! Tine kam zu mir, sobald in ihrer Rolle der lange Monolog zu Ende war, und gab mir, obgleich es nicht vorgeschrieben stand, die Hand, die ich in die meinige einschloss. Ein Handkuss wurde die Sonne verdorben haben. Da kam ihre Mutter und legte sich auf meine Schulter. Selbst Junker Peter, dem der Morgen am meisten anzusehen war, fragte zweimal, wenn er mich wieder sehen wurde? Solch eine Morgengruppe, ich kann sie nicht malen! T i n e verlangte aufs genaueste zu wissen, wo ich jeden Mittag essen und jede Nacht schlafen wurde.
Alles trank Kaffee, bis auf mich. Ich blieb bei Milch, die mir verordnet war. Herr v. W. wurde mich ohne diese Rucksichten nicht vom Kaffee losgelassen haben. Er versicherte, dass der Kaffee so etwas Festliches hatte, dass selbst seine Farbe, wenn die Milch oder die Wasche, wie ers nannte, gut ware, gewiss keinen geringen Rang verdiene. Eines seiner Hauptstaatskleider war kaffeebraun, doch so, dass die gute Milch durchschien. Warum sind Bader so nutzbar? Warum ein Fruhstuck so wohlschmeckend? Weil wir mit dem Morgenkleide den Menschen angezogen und den Staat nicht begrusst haben, dessen Sklavereiuniform unser Feierkleid ist.
Versucht es einmal, ihr, die ihr so etwas zu versuchen versteht, des Morgens Abschied zu nehmen! Ists nicht ruhrender, wenn ein bluhender junger Mensch stirbt, als wenn diess Loos einen Greis trifft?
Her v. W. hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, unfehlbar auf die letzte Oelung zu studiren, und da waren wir, T i n e und ich, mit einem so herzlichen Kuss zusammen, dass kein Wort Platz fand; es ware erstickt. Herr v. W. blieb wieder, wie Absalon, an einer Eiche hangen, nur mit dem Unterschiede, dass ich ihm zeitig zu Hulfe kam und sein langes Haar losriss. Junker Peter wollte daruber spotteln, allein weder seine Schwester noch ich gaben einen Blick, geschweige ein Wort darauf.
Je weniger Saiten bei einem Instrument, je weniger Luxus! Mit diesem Plan kam ich nach , wo alles meine Erwartung ubertraf. Hier, dachte ich, wirst du Ruhe athmen und wie F a b r i c i u s Ruben ernten! Weisheit cum omni causa ist so kurz und gut, dass jeder Mensch sie fassen kann, wenn er will. In den meisten Fallen hat sie aber zwei Aeste, von denen ihr einer inoculirt ist. Gott wird uns ins Paradies helfen, wo das Einaugige verboten ist. Das Wort: Stille! Stille! hat schon so etwas von Silberglockenton. Diese Glocke lautet zum Himmel. Ruhe ist hart gegen Stille. Alles ist in uns, alles thun wir aus uns, und je nachdem wir bloss Sonnen- oder Jupiters-Trabanten sind, je nachdem machen wirs um uns helle oder dunkel. Was will man mehr, als sich? Das ist Eigenliebe, die Gott wohlgefallig ist. Sie ist die Liebe im ganzen Umfange; denn wahrlich, der Nachste kommt dabei nicht im mindesten zu kurz.
Ich richtete alles nach dem mit Tine verabredeten Risse ein, wovon ich ihr auf der Stelle getreuen schriftlichen Bericht erstattete. Viel Anlage zum Garten; Baume und Wasser, das die Baume unvermerkt belauschte. Wie ich uber diess alles frohlich und guter Dinge ward! Da stellte ich mir so lebhaft vor, was da noch alles werden sollte; und das ist immer schoner, als was schon da ist.
Zwei meiner Nachbarn waren Leute, mit denen es der Muhe verlohnte umzugehen. In Rucksicht der andern, die mich begrussten, war mein Entschluss gefasst, dass es beim Begrussen verbleiben sollte. Einer von den Auserwahlten behauptete, noch nie ein Glas Wein allein getrunken zu haben. Ich weiss nicht, ob man ein besseres Zeugniss eines guten Herzens fur sich haben kann. Der andere Auserwahlte stritt sich mit einem der bloss Grussnachbarn wegen der schlechten Zeiten. Die Klagen uber die schlechten Zeiten sind so alt, wie die Zeit, sagte der Auserwahlte, und der Grussnachbar fand, dass diess nicht klappte, und sah es sogar als einen Anstoss an. Es wurde nun zwar alles auf eine Art beigelegt, dass niemand daruber aus der Welt ging; wer sollte aber denken dass der Grussnachbar bei einer Sache etwas Befremdendes finden sollte, die bekannt, wie ein Kind im Hause ist? Der Koch wird vom Geruche satt, sagte der Auserwahlte in der Stille zu mir. Schickt euch in die Zeit, erwiederte ich, denn es ist bose Zeit. Der Auserwahlte hatte diesem handelsuchenden Grussfreunde ein Anlehn, wie Rechtens, abgeschlagen, und diess war die Ursache, dass er ihm so unzeitig auf's Wort merkte.
Den ersten Platz, den ich in meinem Hause aussuchte, war eine Altarstelle fur Tinen, ein Betkammerlein, eine Zelle fur diese Beterin! und von dieser Einrichtung ging ich zu der andern uber. In dieser Capelle sollte Minens Bild hangen!
Einige meiner Leserinnen werden ganz unfehlbar die Anmerkung in ihrem guten Herzen haben aufkeimen lassen, wie ich uber der zweiten Ehe die erste so bald und so tief vergessen konnen? Freilich dachte weder Tine noch ich, von der Zeit, da wir offentlich eins waren, laut an Minen; allein in unserm Herzen ward ihr kein Schritt von der Grenze entzogen. Ich liebte Minen in Tinen! Das menschliche Herz ist ein wunderliches Ding. Warum vermieden wir den Namen Mine? War es, weil Tine befurchtete, ihre Vorgangerin im Amte wurde ihr Abbruch thun? War es, weil ich befurchtete, dass Tine dieses befurchten konnte, oder was war es?
Oft weiss der Menschenkenner, der Menschentreffer, ganz punktlich, was der andere denkt, und lasst ihn dabei, ohne im allergeringsten etwas dagegen zu haben; sobald dieser andere aber seine Gedanken in Worte auswechselt, weg ist die Fassung! Ich vergass uber Minen nicht meine Tine, und uber Tinen nicht Minen. Sie waren mir eins. Wunderbar! Freilich wunderbar! Was ist aber die Liebe? (Das naturlichste, was in der Welt ist). Was ist sie worden? Wenn sie kostlich gewesen, was ist sie anders, als Schwarmerei. Wir sind so weit gediehen, dass diese Schwarmerei allerliebst steht? Nicht wahr? Allerliebst!
Die erste Nacht, die ich in schlief, war's mir doch, als sprach ein Engel mit Minen uber meine Verbindung. Nicht wollte er Einspruch thun, sondern uber Dinge sprechen, die kommen sollten. Da kamen Ruck- und Hin- und Seitensichten zum Vorschein. Mine trat mich so feierlich ab, dass ich druber Thranen vergoss; und endlich wurden unsere beiden Geister, Tinens und der meinige, zusammengegeben. Es soll eine Himmelehe werden, sprach ein Erzengel. Eine Himmelehe!
Herr v. W. war ein solcher Tagewahler, dass jeder Tag, wie wir wissen, seine eigene Plage oder seine Freude hatte. So ward der Hochzeittag nach der Anlage des Verlobungstages bestimmt. Sehr naturlich!
Wer etwas fassen will, sieht es zuerst im Ganzen, und wahlt, sobald es zum Zergliedern kommt, nicht die grossern hervorragenden, sondern die etwas versteckteren Stellen. So mit dem Menschen. Die guten Herren, die ihn so beschrieben, wie er aus des Modeschneiders, Modefriseurs Handen kam, recht als ging er zum Ball, haben ihn wenig getroffen. Sie treffen den Puder und die Kleiderfalten. Wir sind dieselben, wenn wir in Gallakleidern sind oder im Schlafrock. Sagt aufrichtig, haben wir nicht hochst selten den Menschen im Buche gesehen? Einen Theatermenschen, schon geschmuckt, als ging er zur Buhne, als wollte er sich zeigen, als wollte er populo esse spectaculo! Den Menschen mit einer gewissen Lebensart so vorzuschieben, als ein Bild am optischen Kasten o, dergleichen Menschen ohne Ende und Ziel! Jede Bibliothek hat Vorsetzbilder von Menschen dieser Art die schwere Menge. Die meisten Menschenmaler bilden ihn, in so fern er reprasentirt. Eben darum, wie froh ist man, wenn ein Autor nur so thut, als wahlte er die kleinern ungesuchtern Stellen, als riefe er: Adam, wo bist du? als riss' er ihm die Feigenblattsschurze ab.
Ob ich bei dieser Tafel ins Schwarze getroffen, mogen die beurtheilen, die es wollen, wenn sie konnen.
Herr v. W. bestand darauf, ohne dass er nothig hatte, darauf zu bestehen, weil ihm niemand widersprach, H e r m a n n sollte zur Hochzeit gebeten werden; und diess war die Tonangabe, dass Tine und ich wieder von Minen sprachen. Das pythagorische Stillschweigen war grosstentheils gehoben, und Mine war nicht mehr so, wie vorhin, geflissentlich vermieden.
Hermann ward einige Tage zuvor geholt, und ich fand ihn so wie ich ihn gelassen! Sein Auge zeigte indessen eine gewisse Scham uber seine begangene Sunden, eine gewisse Busse. Dem Bussenden muss man nicht mehr auflegen, als er sich selbst aufgelegt hat. Da er sah, wie gut ich ihn aufnahm, so kam er zwar mehr in sein voriges Geleise, indessen blieb etwas im Auge, das man ein Cainszeichnen nennen konnte! O dergleichen haben viele!
Herr v. W., der ihn zum Adjutanten so nothig hatte, gab ihm die erforderliche Instruktion, und hiebei fiel eine Geschichte mit dem Staatsringe vor, die nicht possierlicher seyn konnte. Herr v. W. wollte dem Hermann diesen Ring vorstrahlen.
Schon! schrie Hermann, indem Herr v. W. die einem solchen Ringe zustehenden Ueberzuge und Bemantelungen abzog. Tine (die dabei stand und schon wusste, wie winterlich der Ring bezogen war) ganz nach ihrer Art: H e r r H e r m a n n , e s k o m m e n n o c h z w e i F u t t e r a l e ! Mir fielen diese zwei Futterale, auf welche Hermann bei seinem S c h o n nicht gerechnet hatte, so auf, dass ich laut lachen musste, allein Herr v. W. schien zu glauben, dass Hermann der Sache nicht zu viel gethan, und schon im Geist etwas beklascht hatte, so wie man einem Schauspieler oft das Opfer bringt, sobald er kommt und ehe er noch den Mund geoffnet.
Hermann hatte einsehen gelernt, dass die Liebe zum Leben die ergiebigste Quelle sey, Complimente zu schopfen. Einem Sterbenden wurde er gesagt haben: Er sehe aus wie ein Hochzeiter! Wer dem Kinde sagt, es sehe fur seine Jahre weit alter aus, und dem Manne, er sehe weit junger aus, verbindet sich beide gar hochlich. Beides ist dem Lebensdurst zuzuschreiben; das Wort Lebenshunger kann man nur im Hospital brauchen.
Hermann versicherte, dass ich mich verjungt hatte, und da ich ihn versicherte, dass ich vom Gegentheil uberzeugt ware, so blieb er nicht nur bei seiner Meinung, sondern wusste sie so trefflich zu beschonigen, dass Tine ihm beizutreten Willens schien. Herr v. W. brachte die Sache ins Reine, und bemerkte, dass der Mensch erst in die Hohe, dann in die Dicke wuchse und im dreissigsten Jahre mundig wurde. Diess ist das Jahr, da jeder redet, wenn gleich mancher noch schweigen sollte.
Herr v. W. hielt eine lange Unterredung vor der Hochzeit wegen der Kleidung mit mir, und da er wohl von selbst einsah, dass ich meiner Uniform nicht untreu werden konnte, so bemerkte er, dass bis Einformigkeit in der Kleidung zwar was Gesetztes (ganz gehorsamster Diener!) anzeige, allein es ware nichts Frohliches, nichts Aufmunterndes, nichts Schones dabei. Immerhin! Mit den lieben Schonleuten! Ich liebe sie nicht, sie mogen Schondenker, Schonschreiber, Schonfarber seyn. Tine hatte sich ganz russisch gekleidet. Sie trug, wie sie sagte, meine Uniform. Ich zeigte ihr, wie Gretchen, die russische Art beim Neglige, ein Tuch um den Kopf zu binden. Stchy, ein russisches Originalgericht, kam oft auf die Tafel. Herr v. W. fand es den Umstanden angemessen, da ich russischer Major ware. Kiengis (Pelzschuhe) verehrte ich meiner Braut, und sie zeigte solch eine Freude daruber, dass sie solche stehenden Fusses anzog. Sie schien sie anbehalten zu wollen. Fur den Winter, fing ich an, liebe Tine! Fur den Winter? sagte Tine. Ja, liebe Tine! Herr v. W., der auch diese und andere russische Trachten meinethalber grossmuthigst gestattet hatte, gab seiner Tochter den Wink, dass, da nun bald der tabelnoi prasznick einfiele, sie auf ihren Brautschmuck denken sollte. So sehr ich auch Gretchens Hochzeit empfahl, so fand ich doch sein Gehor und gab gern nach. Mit den lieben Ehepakten! Ich habe sie nie recht ausstehen konnen; indessen war ich ihnen eben so wenig als dem Brautschmuck entgegen. Nachdem sie unterschrieben und besiegelt waren, bat ich eine Abanderung, welche darin bestand, dass ich meiner kunftigen Frau Gemahlin die Herrschaft abtreten wollte, in bester Form Rechtens. Zwar, fuhr ich fort, nennt Dr. Martin Luther dergleichen Manner verba anomala: allein den Herrn Dr. Martin Luther in Ehren, ich trat die Herrschaft ab, und wenn ich mir ja was ausbitte, ist's, dass es nicht zu merklich sey. Ich sprach im Ernst. T i n e kam nicht aus dem Lachen. Sie warf sich in meinen Arm, als ob sie mir gern huldigte. Herr v. W. und sein Waffentrager nahmen diesen Verzicht so hoch, dass sie es fur das feinste Compliment erklarten, das ich meiner Braut hatte machen konnen. Indessen hielt Herr v. W. nach gepflogenem Rath es doch furs beste, dass diese Abtretung nicht in Schriften verfasst wurde. Ein ehrlicher Mann halt Wort. T i n e , hab' ich Wort gehalten? Ich schreibe Ja oder Nein, was du willst. Schreib Ja und Nein. Da steht's.
Zur Hochzeit hatte Herr v. W. noch einen Adjutanten gebeten. Ein Gesellschafter fur Hermann, ein Martyrer der deutschen Sprache. Dieser Ehrenmann hatte als Privatsecretar gedient, und sein Ungluck gemacht, weil er durchaus nicht Herr Capitan, sondern Hauptmann schreiben wollen. Wahrlich, darum verdient er zur Hochzeit gebeten zu werden!
Diese Martyrer-Geschichte brachte den Herrn v. W. geradeswegs auf das Wort Herr, womit er so ganz wegen der zwei e r r e n nicht zufrieden schien; da ich ihm aber erwiederte, dass ein deutscher Herr und franzosischer Monsieur zwei sehr unterschiedene Leute waren, so gab er nach. Ein deutscher Herr ist ein Herr mit einem Zahnezusammenbiss.
Mein guter Gotthard brachte einen Hochzeitgast mit, auf den niemand gerechnet hatte; er commandirte sein Corps, und war ein so toller Hund, wie er ihn nannte, dass nichts druber war. Stolz, barsch. Zum Gluck bekam dieser B a r s c h e einen Auftrag und konnte nicht bleiben, so dass seine Gastrolle eben nicht stark war. Vielleicht dien' ich vielen meiner Leser, die solch ein curisches Original in meinem Buche gesucht und nicht gefunden. Der Commandeur liess schiessen, wenn es donnerte, nicht um die Dunste zu zertheilen. Ein Herr begrusst den andern, sagte er.
Den lieben Gott hat er formlich zu Gevatter gebeten. Der Pastor loci musste ihm einen Insinuationsschein ausstellen, und den lieben Gott wirklich als Taufzeugen auffuhren.
Seinen Hund machte er zum W a c k e r ! Die Bauern mussten den Hut vor ihm abziehen.
Bei der Taufe seiner Kinder musste der Pastor fragen: Wollen Ew. Hochwohlgeboren getauft werden? und beim Abendmahl: Befehlen Ew. Hochwohlgeboren auch vom andern? Seine Beichte fing an: Ich von Gottes Gnaden, Erbherr auf diesen Augenblick vor Gott allein, nicht aber vor dem Pastor, ein armer Sunder!
Ich glaube, meine Leser werden es gerne sehen, dass dieser tolle Curlander abgerufen worden. Wie Oel und Wasser passt' er zu uns allen, am wenigsten aber zum armen Herrn v. W., der wohl lieber ein Waldhorn vor den Willen genommen hatte, wenn ihm die Wahl ware uberlassen worden.
Bruder! wie kommst du zu dem M e n s c h e n ? Es sind deren etliche unter meinem Regiment; der ehrlichste Kerl, den du denken kannst! D e n l i e b e n G o t t z u G e v a t t e r z u b i t t e n ? Sieh, Bruder! Er hat nicht viel, und will sich doch zeigen! Der Herr Gevatter verzehrte einen Wildbraten, zwei Bouteillen Franzwein und eine Ungarisch, gab uns allen die Hand und zog seine Strasse, frohlich, wie es schien. Starke, gesunde Kinder! sagte er zu mir. Ich: Eine gluckliche Reise!
Gottlob, dass ich in Liefland wohne! So etwas war mir in Curland noch nicht vorgekommen, obgleich kein Zug unrichtig, nicht einmal verstellt ist. Alles wie es war! Herr v. W. kannte ihn, wie er sagte, par renommee, bemerkte indessen, dass er dergleichen Schlag Menschen vor den Tod nicht ausstehen konnte! Ich auch nicht so ganz, sagte Junker Gotthard. Was muss man aber nicht, um Frieden zu haben? Nur dass ich ihn mitgebracht, halt dir den Herrn v. K. und seine Spiessgesellen zehn Meilen vom Leibe. Wie kann ihm aber, fragt' ich, der Pastor einen Empfangschein geben? Ei mussen! Bruder! du glaubst nicht, wie viel Pastors es gibt, die sich hier mit dem Edelmann messen wollen. Solch ein Empfangschein schadet ihnen nicht!
Herr v. W. war gezwungen, dem Junker Gotthard fur dieses Meteor den verbundensten Dank zu sagen; indessen dankt' er ihm noch weit mehr dafur, dass er die Hochzeit von diesem feuerspeienden Drachen auch wieder befreit hatte. Er ist nuchtern so unausstehlich nicht, als wenn er was im Kronchen hat, sagte Junker Gotthard, und hatten Sie ihn durchaus nicht langer haben wollen, ich wurd' ihn schon zum Aufbruch gebracht haben, ohne dass er abgerufen ware. Einigen gelingt's in Curland, ohne dergleichen Helfershelfern, sich die Landplagen der Krippenritter vom Halse zu halten; indessen hat sich mein Vater doch funfmal schiessen mussen und Ihnen, Herr v. W., kostet es gewiss manches Compliment. Ich liebe nicht, mich herum zu schiessen; warum sollt' ich's, so lang ich so abkommen kann? Dieser GottesGevatter ist arm, hat eine massige Pension von mir und von meinen Brudern meines Gleichen, die sich nicht schiessen mogen. Ein alter Edelmann ist er, und sein Vermogen hat er mit guten Kerls aufgegessen und aufgetrunken.
Den Tag vor der Hochzeit war ein erschreckliches Regenwetter. Man konnte sagen, die Fenster des Himmels thaten sich auf. Diess brachte dem Herrn v. W. keine kleine Sorge zuwege. Er hatte durchaus schones Wetter auf die Hochzeit invitirt, und mancherlei Vergnugungen gar darnach eingerichtet. Die ganze Nacht an keinen Stern, der Aufklarung verkundigte, zu denken! Den Morgen klarte es sich auf, und wir hatten einen so heitern, einen so schonen Tag, dass Herr v. W. diesen Umstand zum heutigen Feste verzeichnete. Er war es werth, dass er zum Protokoll genommen ward.
Unter vielen Ceremonien nur einige:
Die Trauung war in eine Rede eingeschaltet, welche der Pastor der Gegend uber die Worte hielt!
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl m a c h e n ! zu reden aus dem funften Vers des sieben und dreissigsten Psalms Konigs und Propheten Davids.
Wahrlich kein Gedanke, der auch nur eine Pflanzengrosse ubertraf; indessen traf so mancher mein Herz.
Meine Tine gab mir mitten unter der Rede bei einer Stelle, die ihr auffiel, die Hand, und obgleich ihr Herr Vater diesen Vorfall so ubel vermerkte, dass er uns gern aus einandergeschlagen hatte, so blieb es doch bei diesem Hand in Hand, bis wir sie von Trauungs wegen aus einander nahmen, damit sie der Herr Pastor zusammenlegen, und: was Gott zusammenfugt, soll der Mensch nicht scheiden, daruber sagen konnte.
Wie solch eine Kleinigkeit, zum wahren Beweise, dass die Natur uber die Kunst geht, bis ins Innerste dringt!
Nach der Trauung warf sich Tine in meine Arme. Dein! sagte sie, ohne dass wir ein Du verabredet hatten, und von Stund an war es du und du, dem Herrn v. W. nicht zur kleinen Aergerniss, der dieses auch unter Eheleuten nicht so leicht erlaubte. Wir brachten ihm anderswo ein, was hier drauf ging.
Keine von allen diesen Ceremonien ruhrte mich mehr als die Wallfahrt, die der Herr v. W. in Begleitung unserer und einiger ausgesuchten Hochzeitgaste, wozu auch Hermann und der Herr Hauptmann gehorten, anstellte.
Er allein mit einem Theeschalchen in der Hand, das mit grunen Blattern bedeckt war. Es ward so feierlich getragen, und die ganze Ceremonie sah fast so aus, als wie meine Mutter und ich den Eierheiligen verewigten.
In der Opferschaale lagen zwei Pomeranzenkorner, die er mit einer grossen Feierlichkeit zur Hand nahm und in zwei dazu schon gemachte Topfe setzte. Seyd fruchtbar, sagte er, und mehret euch! Jedem, meiner Tine sowohl, als mir, ward ein Glas Wasser gegeben, womit wir diese eingeackerten Pomeranzenkorner begossen. Gott, sagte er, gebe das Gedeihen! Er hatte uberhaupt die Gewohnheit, die Korner von Pomeranzen und Citronen, die er zu Papst, Kardinal, Bischof und Punsch an festlichen Tagen verbraucht hatte, zum Andenken des festlichen Tages zu pflanzen. So hatte seine ganze curische Orangerie festliche Geburtstage. Er glaubte der Frucht dadurch ein Andenken zu stiften und ihr eine Art von Erkenntlichkeit zu beweisen. Mein Vater dachte in Absicht der Pomeranzen- und Citronenkorner anders. Dafur war er ein Kernmann, Herr v. W. aber ein Blattermann.
Bei Tafel war Herr v. W. der gefalligste Wirth, den man sich nur denken kann.
Er fing eine Unterredung an, oder brach sie schnell ab, je nachdem es Zeit und Gelegenheit wollten.
Den guten Pastor, der heute alles wohlgemacht hatte, brachte er in die Enge, indem Herr v. W. den undeutschen Anfang des Vater unsers auf die Rechnung der Hoflichkeit schrieb. Das Substantivum sollte uberhaupt vor dem Adjectiv zu stehen kommen.
Eine Unterredung fiel mir sehr auf, die Herr v. W. so recht aus dem Innersten seines Herzens geschopft zu haben anschien. Grobe Leute, sagte er, sind glucklicher, als die Hoflichen. Vor Groben furchtet sich jedermann. Man freut sich, wenn sie ein Lacheln wo leuchten lassen. Ich habe Leute gekannt, die sich durch Grobheit als Gelehrte, als Herzhafte, als alles was man will, ins Geschrei gebracht. Indessen ist erspartes Geld, fugte Herr v. W. wohlbedachtig hinzu, besser, als erworbenes, und kommt ein harter Stein zum andern, so steht der hinterste im Genitiv. Die selige Mutter meines Herrn Schwiegersohns wurde gesagt haben: zwei harte Steine mahlen selten reine.
Unser Jupiter, unser Gottes-Gevatter hatte sich, wie mich dunkt, bloss bei dieser Unterredung erholt, alles andere waren Schaubrode fur ihn gewesen, bei denen er nun freilich weit dreister, wie David, zu Werke gegangen. Selbst aber diese Dreistigkeit, wurde sie nicht allen, die zu Tische sassen, unertraglich gewesen seyn? Der geschickteste Mann, sagte Junker Peter, um grob und fein zu seyn, bei den besten Kohlen und recht gesunden Funken: fehlt ihm Wind, das heisst, eine gewisse Art Gefalligkeit, Gelindigkeit er wird in der Geburt ersticken. Gewunscht hatte ich, dass den Junker Peter ein Maler gesehen hatte, wie seine Herzhaftigkeit in der Geburt erstickte, da der Commandeur an ihn kam, um ihm die Hand zu reichen, die er uns allen beim Abschiede reichte. Jupiter liess es dabei nicht, sondern drohte ihm mit den Vorderfingern der rechten Hand. Im Spass, versteht sich. Wie fuhr aber Junker Peter im Ernst zusammen!
Meine Leser werden ohne meinen Fingerzeig bemerken, dass ich dem Herrn v. W. bei der Tafel das Heft in Handen liess. Sein Refrain war, dass Festlichkeit die Freude leite und fuhre auf ebner Bahn, so wie sie auch die Betrubniss in Schranken setze! Wahrlich, ein theures werthes Wort!
Ich hatte mit Tinen Herzensangelegenheiten, die uber alles gingen. Wir sprachen von unserer Trauung, von der wir alle beide nicht sonderlich erbaut waren. Ich freue mich, sagte ich, liebe Tine, dass sie pompreicher und weniger herzlich ablief, als Gretchens Schwerlich wurde ich sie sonst ausgehalten haben.
Tine hatte, wie sie sagte, eine Bitte uber alle Bitten an mich und diese war, dass ich sie nicht mehr A l b e r t i n e , sondern Mine nennen sollte! O T i n e ! das ist mehr als die ganze Trauung. Es war mit mir geschehen! Diese Firmelung brachte mein ganzes Herz aus seiner Fassung. Mine! sagte ich, und druckte sie an offentlicher Tafel so fest an mein Herz, dass Herr v. W. aufschrie, und mitten in der Hoflichkeit sich hart verging. Er fasste sich, und hatte eben so laut um Vergebung gebeten, als er aufgeschrieen, wenn ich die Sache weiter treiben wollen. Sie selbst, als ob sie nun nichts weiter nach der priesterlichen Einsegnung zu furchten hatte, sprach ohne Ende von Minen. Nun war die Zunge vollig gelost. Einmal hatte Tine sie gesehen. Ich habe sie gemalt, setzte sie hinzu. Auswendig weiss ich sie. Du sollst ihr Bild sehen! Ueber der Rustkammer von ihren Sachen, die du ihr zum Andenken aufbewahrest, soll es hangen!
Heiss ich Mine?
Du heissest Mine!
Junker Gotthard, dem die Geschichte von meiner seligen Mine nicht verborgen geblieben, und der diesen mir ewig sussen Namen jetzt nennen horte, warf sich, so wie er da ein Hochzeitgast war, zur Rache wider v. E. auf, die er aber wohlbedachtig durch seinen Jupiter uben lassen wollte.
Friede! sagte ich ihm, Bruder! Ich hore, fuhr er leise fort, und hielt die Serviette vor, als ob er die Frage mit der Serviette verhangen wollte; ihr duzet euch?
Mine lachelte und Junker Gotthard konnte nicht umhin, ihr uberm Tisch die Hand zu reichen, und ein Glas Wein daruber umzusturzen. Nicht das Glas, sondern die Handgabe war ein Greuel in den Augen des Herrn v. W., der aber nicht einmal aufschrie wie oben, da ich Minen an mein Herz nahm. Wie gutig!
Ich darf es wohl nicht bemerken, dass, ausser dem wohlgemachten Pastor, wenig Leute da waren, die einen Begriff vom Zusammenhange in Gesellschaft hatten. Herr v. G. der Selige! was meinen meine Leser, war er nicht geboren, in eine Gesellschaft Geist und Ordnung zu bringen, und selbst Waldhornern den Kammerton beizulegen? Ich wette, Jupiter ware unter seinem Vorsitz ein angenehmer Gesellschafter worden, und behaupte, dass in der Conversation, da wir auf seinem Gute waren, so viel Einheit, so viel Stimmung liege, dass es ein Concert heissen konnte, wenn der Kunstrichter es so erlauben will.
Wahrheiten, die jeder sieht und hort, wer kann sie aushalten? Es regnet, es hat geregnet, es wird regnen! Wer einen Garten anlegt, muss fur Schatten sorgen. Wagen gewinnt, wagen verliert. Wenn ich gehe, komm' ich weiter. Solcher Augenscheinlichkeiten drangten sich in schwerer Menge zum Vorschein; wer kann aber daran Theil nehmen? Wer uber Einfalle der namlichen Art lachen? Ist's Wunder, dass sich unsere Redner geflissentlich bemuhen, den gemeinsten Hut nach der Mode zu stutzen? So wasserklar waren auch die Hochzeittischreden, und das Gedicht, welches Minens gewesener Informator zusammengewurfelt hatte. Das Gedicht lief allen an Wasserklarheit den Rang ab. Ein Reim nahm die Erklarung des andern uber sich. Wie Herr und Knecht war einer gegen den andern.
E i n a l t e r Edelmann unterschied sich durch den Brauch, nach Noten zu gahnen, und hielt dabei ordentlich Melodie. Anfanglich fiel uns diese Musikneigung auf; indessen nahm Herr v. W. in eigener Person seine Vertheidigung uber, und Hermann, der nur auf diess Kommando gewartet hatte, behauptete, dass das Gahnen die Erfindung der Cadenzen ware, die doch heutzutage so trefflich beklatscht wurden. Man bewunderte sogar die Euphonie unseres Gahnenden. Versteht sich, dass er sich desto ofter sehen und horen liess. Herr v. W. hatte seinen so freigebigen Beifall, sobald unser Edelmann es zur formlichen Tafelmusik anlegte, gar zu gern widerrufen; wie konnte sich aber Herr v. W. widersprechen? Freilich war er sonst die leibhafte Katachresis, eine Figur in der andern. Er war ein Trauerfrohlicher. Die Figur liess sich indessen nicht bei dem vorliegenden Fall anbringen.
Auf der Hochzeit zu Cana in Galilaa gebrach es an Wein; hier gebrach es an mehr! An etwas, das kein Wein geben kann; wenn gleich tausendmal jenes paulinische Recept: T r i n k e e i n w e n i g W e i n s , d e i n e s s c h w a c h e n M a g e n s h a l b e r , in Ausubung gebracht wird.
Darf ich noch bemerken, dass es bei der Mahlzeit, in so weit es uberhaupt das Departement der Martha betraf, das sich Herr v. W. in hoher Person zugeeignet, nicht fehlte an irgend einem Guten? Wohl aber war von allem etwas druber; ein Compliment stach uberall durch! Ist das nicht etwas druber?
Der Cadenzgahner brachte, wiewohl in unmassgeblichem Vorschlag, H a m b u r g e r P u l v e r zum Desert; indessen fand er keinen Beifall. Herr v. W. selbst meinte, das wurde heissen: Zum Busstage gratuliren.
Unter einem Martyrer stellt man sich einen thatigen, hervorragenden Mann vor, der einen Kopf zu viel hat, oder der einen Kopf grosser wie der Hause ist. Was aber den unsrigen betrifft, so war er so leidend wie moglich. Wo studirt, Herr Hauptmann?
In Konigsberg.
Auch ein Collegium uber den deutschen Styl?
Beim Professor gehort.
Das dachte ich wohl! beim Professor, Feldherr anstatt General.
Ein Martyrer also vom Horensagen.
Beide, Hermann und unser Hauptmann, sassen an einem kleinen Tische, der an unsere Tafel grenzte. Ich hatte sie zur Tafel gezogen, auch meine Mine hatte es, wenn es auf uns angekommen ware.
Wegen einer aus dem Alter genommenen und auf curischen Grund und Boden verpflanzten Geschichte ware der Herr Pastor, der sonst alles wohl machte, bei einem Haar ubel angekommen. Auf die schriftliche Anfrage: wie viel jahrlich fur einen einzigen Junker? hatte ein Hofmeister, nach der Erzahlung des Herrn Pastors, h u n d e r t T h a l e r A l b . gefordert. Wir werden nicht Handelsleute, erwiederte der Edelmann, dafur halte ich meinem Sohne zeitlebens zwei deutsche Bediente, und da hat er Verstand und Dienst Noch hatte der gute Herr v. W. zwei Reden auf Die Begleitungsrede ins Schlafgemach und die Solche zehn Reden, wenn sie auch alle zehn so geden Gott schauen!
Mehr, dunkt mich, war nicht nothig anzufuhren, als dass diese Schlaftrunksrede verungluckt sey, um zugleich zu bemerken, dass Herr v. W. sie selbst ubernommen!
Die Strohkranzrede ausgenommen, fiel nichts vor unserer Heimfuhrung vor, was bemerkungswurdig gewesen ware.
Ob nun Herr v. W. wieder befurchtet, dass er seinen Mund an einen Stein stossen wurde, oder ob er in Erwagung gezogen, dass eine Strohkranzrede sich fur keinen Vater schickt, wenn gleich dieser Vater zum Complimentiren oder zum Redehalten (das ist sich wohl nicht viel aus dem Wege) geboren ist, weiss ich nicht. Dieses Geschaft war indessen einem jungen Edelmann ubertragen, dem der Hermann soufflirte!
Zu H e r m a n n s Ehre ein Wort: er w e i n t e u n g e s e h e n , da ich mit Minen zu Bette ging ungesehen!
Und warum war die Frau v. G. nicht bei der Hochzeit?
Ich bat die gute Seele der Frau v. W., ausser dem Gewohnlichen, noch ein Wort des Vertrauens an sie zu senden, ihres Seligen und Bruder Gotthards wegen. Warum kam sie dieses Worts des Vertrauens unerachtet nicht? Weil mein adliches Blut durch das poetische Blut meiner Mutter Schaden gelitten, und weil meines Vaters Adel dadurch, dass er die Kanzel bestiegen, einen unausloschlichen Fettfleck erhalten. Junker Gotthard! Deine Mutter, warum? Ware sie meine Mutter nicht, wurde ich mir die Freiheit nehmen, zu sagen: Warum? Guter Junge!
Herr v. W. und Frau v. W. geleiteten uns bis zu unserer Heimath. Besonders, dass keine Thrane bei allen diesen Abschieden vorfiel. Junker Peter blieb zu Hause; er hatte sich zu einem Abschiede vorbereitet, der zu lang war, um nur herzlich zu scheinen.
Ohne Umstande, Peter!
Darf ich
Sie sind der Bruder meines Weibes, wollen Sie auch mein Bruder seyn?
Ernst?
Wahrer!
Konnen Sie vergeben?
Was denn?
Vergessen ist mehr als vergeben! Bruder!
Junker Gotthard gab meinem Weibe und mir die Hande. Jedes von uns erhielt eine. Wir kussten ihn beide. Desto besser, sagt' er. Gott lass' es euch wohlgehen! Meine Trine wird mir die ersten vierzehn Tage kein Leckerbissen seyn, da ich euch gesehen!
Er gab uns sein Ehrenwort, uns alle Jahr' einmal zu besuchen. Sind Jagden in ? Versteht sich! Lebt wohl!
Auch du, guter Gotthard! ich liebe dich herzlich!
Ich halte, was ich versprochen, sagte Gotthard zum Bruder Peter, der sich verbindlichst verbeugte. Noch wollte Peter mit Gottharden in der Stille sprechen. Es bleibt! schrie ihm Gotthard zu.
E h e m a n n a l s o ? der Mann eines Weibes, das mich liebt, und das ich wieder liebe! Komm, liebes Weib! Tine! Mine genannt, komm! schreib selbst damit meine Leser wissen, was an dir ist.
Was soll ich schreiben?
Von der Zeit an, da ich ins Wasser fiel, bis diesen Augenblick.
Ich liebte meinen Mann von dem Augenblick, da die Rett's und die Wo's vorfielen, ohne dass ich wusste, was Liebe sey. Meine Liebe ausserte sich durch meinen Hang, von ihm ohne Aufhoren zu reden. Alle meine Kinderfragen auf die Manier, wie: S e h e n Sie doch, Gnadige! wie hoch der Baum ist; der Babylonische Thurm war wohl weit hoher?
Meine liebe Mutter ward nicht mude, mir Mutterantworten zu geben. Ich weiss den Tag noch, da ich nicht mehr uber ihn kinderfragte, und von dieser Zeit an verwandelte er sich in ein Ideal, das mit mir ging und kam, und ass und trank, das mich zuweilen froh machte, wenn ich glaubte, ich konnte sein werden, und zuweilen betrubte, wenn es mir einfiel: und wenn diess Ideal ein ander Ideal hatte? Diess Ideal verdrangte meinen Alexander, und doch war es mein Alexander, als wenn er gesessen hatte.
Minens Andenken war mir nicht im mindesten im Wege. Nie kam der Gedanken in meine Seele: Ihr Tod ist dein Leben. Ihr Alexander war nicht der meinige. Der ihrige war da; der meinige war ein Seelenalexander! Es war alles, ich weiss nicht wie. Ich hatte einen andern, der diesem Bilde nicht ahnlich war, heirathen konnen; allein aus blindem Gehorsam gegen meine Eltern. Ein dergleichen Isaaksopfertag erschien, und ein Engel brachte mir den zu, den ich liebe und lieben werde bis in den Tod! Wenn ich jetzt an meine Hirngespinnstperiode zuruckdenke, kommt es mir vor, ein Madchen, das uber funfzehn ist, konne nur zweierlei, entweder ein solch Ideal haben, oder sich lieben lassen und sich verlieben, wie das arme Lorchen, derentwegen ich diesen meinen Namen in Tine verwandelte, der jetzt in Mine verandert ist. Es thut mir recht leid um den Namen Lorchen, den ich verlor; Tine hab ich gern verloren.
Es ist eine ganz andere Liebe vor, und eine ganz andere nach der Hochzeit. Bei dieser ist mehr Seyn, bei jener mehr Schein, wie der Drosselpastor sich erklaren wurde, den mein Alexander bei seinem Heimzug nicht gesprochen hat. Was mir das leid thut!
Von dem Augenblick, da ich den Namen M i n e erhielt, und ich meinen Alexander d u nannte, trat die Vesper ein, das
Nach der Hochzeit
Ich bin ein so gluckliches Weib, als man es in einer Welt seyn kann, die ein Sonnabend ist, und auf die der Sonntag folgt. Meine selige Mutter (das S c h w i e g e r kann ich nicht schreiben, es ist nicht kalt, nicht warm) war nicht allein ein Sonnabend. Alles in der Welt ist es! Alles! Unsere Liebe selbst, das vollstandigste was ich kenne, ein Sonnabend! Wollt ihr mehr von unserm Eheleben?
Was ich mir nur merken lasse, thut mein Alexander. Fast aber sollte ich denken, seiner Herrschaftsabtretung unerachtet wurd' er nicht thun. was ich will. Wie kann ein Weib wollen?
Unsere Trauungseinsegnung ware freilich anders ausgefallen, wenn sie der Pastor aus L. ubernommen. Wie sie mir aber noch lebhaft sind die Worte (alle Fragen haben was Feierliches fur mich): Wollen Sie mit diesem Manne ziehen, Gluck und Ungluck mit ihm theilen, und sich nicht eher von ihm trennen, als bis ein, Gott geb! seliger Tod Sie scheidet? Mein Vater hatte mir Ja vorpraludirt; allein mein Herz hielt so wenig Melodie, dass ich laut Ja sagte, und so laut, so herzlich sag' ich es noch jetzo, bis der Tod uns scheidet. Ja, ja! Amen, Amen! Horst du, Alexander? Ja!
Mein Mann kann mir keinen grossern Beweis von seiner Liebe geben, als dass er mir eine Aehnlichkeit mit Minen zuschreibt. Zwar hab' ich sie nur ein einzigesmal in ihrem kummervollen Leben zu sehen das Gluck gehabt, so wie auch vor diesem die frommsten Leute nicht alle Tage Engel sahen; allein auch diess einemal macht sie mir auf ewig wie gegenwartig. Da steht sie! Auch dort werd' ich sie gleich kennen.
Sie hangt in unserm Hause nicht bloss uber den Kleinigkeiten, die sich mein Mann zum Andenken erkoren: uberall hangt sie in Oel, in Pastell und Silhouetten ohn' Ende. Sie lebt und schwebt mir vor Augen. Dank lieber Schutzgeist! dass du mir sie prasentirt hast, da ich mich auf die paar Zuge nicht besinnen konnte! Jetzt darf ich dich nicht mehr beschweren.
Mein Alexander ist sehr geradezu. Meine Mutter liebt ihn wie eine Mutter ihren Sohn. Mein Bruder fangt sich so sehr nach ihm zu bilden an, als es einem ausserst verdorbenen Menschen nur immer moglich ist. Mein Vater selbst ist mit diesem G e r a d e z u so zufrieden, als ich es nie gedacht habe. Aeusserst zufrieden mit meinem Manne, behauptete er jungst, dass ein gewisses e d l e s G e r a d e z u die allerfeinste Hoflichkeit ware. Aufs Einkleiden kommt's an, setzte er hinzu, und eben das Einkleiden scheint meines Alexanders Sache eben nicht zu seyn. Mein Vater fangt mehr an uber die Hoflichkeit und Festlichkeit zu speculiren, als sie zu uben. Ganz wird er diesen Schmuck nicht ablegen, und warum sollt' er? Mein Mann steigt nicht zu Dache. Sein Geradezu ist ein edles Geradezu.
Die Liebe ist kuhn und schuchtern im Grossen und im Kleinen. Mein Vater will nicht leiden, dass ich meinem Alexander unters Kinn greife. Warum nicht, lieber Vater? Ein Eheweib darf nichts Entehrendes finden, als ein Schelmstuck, und da sey Gott vor! Wahrlich eine gewisse unzeitige Scham hat unser Geschlecht unter dem Vorwande es zu heben, so heruntergebracht, dass die wenigsten wissen, was sie thun.
Dem guten Vater fallt oft was auf die Nerven, was andere keinen Augenblick anhalt.
E h r e n t h a l b e r , sagt mein Mann, ist der unausstehlichste Ausdruck, den ich kenne, und beim Kratzfuss des alten Herrn pflegt er zu sagen: W a r u m verstellst du deine Geberde?
Der alte Herr ist, so oft er kommt, ein mir sehr lieber Gast! Was mir das leid thut, dass er am Hochzeittage am kleinen Tische ass! So oft er kommt, muss er mir: I c h h a b ' m e i n S a c h ' G o t t h e i m g e s t e l l t etc. spielen, und da sing' ich es dann so herzlich, dass ich ihn noch jedesmal weinen gesehen! Auch ich weine. Es ist ein Regenlied.
Mein Mann beschuldigt mich, dass ich zu spitzig bin. Noch hab' ich keinem als mir selbst mit einer Nadel Schaden gethan! Wie Alexander da lacht! Sollt' ich wieder wo zu nadelspitz gewesen seyn? Furs Lachen eine Klage!
Mir ist ausserst schwul zu Muthe, wenn ich die Zimmer kehren und aufputzen lasse! Freilich sagt mein Mann kein Wort daruber; allein wenn sein Blick diese meine Thaten bestreicht, ist nur's so, als sage er etwas. Seine Schreibstube wird fast gar nicht gelautert. Weiss der Himmel, es ist wenig Staub drin, aller der Bucher unerachtet, von denen sich manche recht nach Staub zu sehnen scheinen, wie er selbst sagt.
Ehegestern sah er sehr steif an einen Ort und war so tief in Gedanken als man in keinen Schlaf sinken kann. Da hab' ich dich gesehen, sagte Alexander, wie du einst alt und wohlbetagt seyn wirst! Recht so! Sobald die Mienen, wenn man so sagen soll, ohne steife Wuste zusammenfallen, sieht man alle die Ansatze zu Runzeln, die man einst haben wird, wenn keine Ermunterung, keine Aufraffung diese Linien, diese Falten mehr zu verloschen im Stande ist.
Mein Mann isst stark, lauter naturliche Speisen, trinkt wenig Wein, allein immer aus der Quelle! Ich lege vor er giesst ein! Alles was bei Tische nur gebraut und angerichtet werden kann, wird offentlich gebraut und angerichtet. Er macht Punsch und Bischof, ich Salat oft ein Ragout aus freier Faust. Man gewinnt viel, sagt mein Mann, wenn man was werden sieht! Ich glaube selbst. Was muss es dem lieben Gott nicht angenehm gewesen seyn, so alles entstehen zu sehen! Ich will schon gern nicht nach den Sternen sehen konnen, aber Gras und Baume wachsen mocht' ich gern sehen! Wer kann es beschleichen!
Noch einen Beweis der zartlichsten Liebe meines Alexanders! Mein Leopold hat viel Zuge von mir. Er kusst mich in ihm! O! das sind Kusse, sagt er selbst, wenn man sein Weib in seinem Sohne kussen kann! Sage noch einmal, das sind Kusse! Ich fuhle jeden, den du deinem Sohne gibst!
Wie sehr hab' ich mich gescheut, einen Vorfall anzuzeigen, welcher der wichtigste meines Lebens ist; kein Wunder, dass ich ihn bis auf die letzt gespart!
Ich bin die Mutter nur von einem einzigen Sohne, Alexander Leopold genannt. Er heisst im gemeinen Leben Leopold, weil mein Mann da Alexander heisst. Diess waren meine ersten und letzten Wochen.
Nach einem der vergnugtesten Jahre empfand ich alle Bitterkeiten des Ehestandes und den Fluch, der auf unsere Allmutter Eva gelegt ward: Du sollst mit Schmerzen Kinder gebaren. Verzeiht den Seufzer, den ich tief hole! und diese Thranen, die auf dieses Blatt fallen. Mein Mann konnte die Scene nicht aushalten. Er ging davon, da er sie nur anfangen sah. In meiner Sterbensnoth ging er nicht davon! Nun bin ich allein! Vielleicht dreister! Es kam bei der Geburt meines Einzigen auf die Frage an, ob das Kind oder ich geopfert werden sollte. Mein Mann sollte entscheiden, der Arzt und die Hebamme setzten es darauf aus. Mein Gott, was fur Vorfallen kann der Mensch ausgesetzt werden! Fuhr' uns nicht in Versuchung, sondern erlose uns von allem Uebel! Gott, unser Vater Ich kann nicht weiter.
Nach einem sehr harten Kampfe blieben zwar Mutter und Kind, ich und Leopold leben, allein weh mir! Ich kann nicht mehr Mutter werden!
* * *
Ich habe geendigt in dieser Welt! Ich bin in e i n K l o s t e r gegangen. Als Kloster in ein sehr gluckliches! Mein Mann liebt mich wie seine Freundin. Mein Leopold, der Lohn meines Kampfes, ist der beste Junge, der in der ganzen Welt ist. Was will ich mehr?
Einen guten Kampf hab' ich
auf der Welt gekampfet
dass ich meinen Lebenslauf
seliglich vollendet,
und mein arme Seel' hinauf
Gott dem Herrn gesendet.
* * *
Dass ich meiner seligen Mutter nicht vollig im Gesang gleich komme, ergibt sich, dunkt mich, aus meiner Erzahlung. Wenn ich aber in meiner Lage ein Lied anstimme, wo mein Mann, seinem Vater gleich, im zweiten Diskant einfallt, wie wohl ist mir!
Ich bin der Welt im eigentlichsten Sinn abgestorben! und finde in der Hoffnung der kunftigen Welt so viel Trost, dass es wohl der Muhe lohnt, hier nicht ganz glucklich zu seyn! Ich wollte um wie vieles nicht mein Theil in diesem Leben haben, um wie vieles nicht! Wie du willst, Herr, wie du willst, schick' es mit mir! Wahrlich, wir sind zur Hoffnung geboren. Mit dem Genuss will es nicht recht fort. Ich weiss nicht, ich kann keinen Menschen so recht ausstehen, der es sich geflissentlich angelegen seyn lasst zu geniessen, dem man es anmerkt, dass es ihm so recht schmeckt!
Man sagt, dass es die Wehemutter bei meiner Niederkunft versehen haben soll. Ich verzeih es ihr herzlich herzlich. Gott troste sie! Sie ist nach der Zeit ofters tiefsinnig Mein Mann und ich, das weiss Gott, haben nichts dazu beigetragen, dass sie tiefsinnig worLeiden mit dem Troste des bessern Lebens, das Gott geben wird denen, die ihn lieben!
T i n e , genannt M i n e .
Damit ich dich ablose. Mine ist eine Dichterin. Hier ist eine Probe von ihr, die sie nicht lange nach unserer Heirath lieferte. Man wird noch immer das Fraulein Lorchen drin finden, das spitzige Madchen! obgleich sie es nicht haben will, und offentlich behauptet, sie hatte noch keinem andern, als sich selbst, mit der Nadel Schaden gethan. Aus Lorchen ist Tine, und aus Tinen ist Mine worden! Diess ist die letzte Verwandlung, bis der Tod sie und mich verwandeln wird, und das Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit. War' es doch auf Einen Tag, auf Eine Stunde!
* * *
Komm, mein Geliebter, hier ans Kamin, damit ich den Unterschied desto mehr empfinde, in deinem warmen Arm zu seyn und mich am Kaminfeuer zu warmen. Welch ein Abstand zwischen Feuer und Feuer! gemein und Opferbrand! Deine Hand, deine beiden Hande, in allem schlagt ein Schlag der Liebe, und wenn du deine Hand in meine legst, ist's so, als wurden unsere Nerven in einander gestrickt, unsere Adern klingt, Er und Sie! Mine und Alexander! du und ich! Z w e i D u ' s sind wir, z w e i I c h ' s . Ausser dir ist nichts und ausser mir ist nichts!
Welch ein Schauder! Noch einer! Was seh' ich! Sieh Geliebter! an die Fensterscheibe, vor deinen sichtlichen Augen, malt sich ein Vergissmeinnicht! Sieh! Sieh! im Zuge M und A! Fuhlst du es so, wie ich! Mine war's, der Engel Mine! der es malt! Mine, die mich an dich in der Welt abtrat, die dich im Himmel wieder fordern wird. Das war nicht die Hand der Natur, die diese Zuge herausspielte. Dieses M und A im weissen Damast! Genaht ist's nicht. Da ist kein Stich zu kennen! Wie schon, himmlisch schon! wo auch kein Stich zu kennen ist! O Geliebter, verzeih diesen Seufzer! Wenn ich dich im Himmel zu verlieren denke, wie ist mir! der Himmel und Verlust! Wen willst du wahlen? wen? O der zwei S i e e n ! Sie oder mich? Mich oder Sie? M i n e , die immer ein Engel war, oder M i n e , die Fleisch und Bein hatte, und die werden wird, was Mine immer war! Engel Mine! Ist's moglich, schreibt's bei hellem Mondschein ans Fenster, wenn mich ein Herzbeben ergreift, das mir das Naheseyn eines Geistes verkundigt. Du oder ich? Verzeih, Himmlische! diese Erdenfrage! Grossmuthige, verzeih! Du bist mein Geliebter! du bleibst mein Geliebter! Mine, die Gottliche, wie sie mich dir lasst! Komm in meinen Arm, komm ans
* * *
T i n e , genannt M i n e , ist ausserst fromm! Sie
Gebet fur den Sonnabend
hersetzen.
Dieser Tag, in Parentheft, ist meines Weibes Liebling, so wie es der Tag meiner Mutter war; allein aus verschiedenen Ursachen. Mit mir, sagt mein liebes Weib, ists Sonnabend! Gute Seele! Unsere Wege sind nicht Gottes Wege. Unsere Gedanken sind nicht Gottes Gedanken. So hoch der Himmel uber der Erde, so sind auch Gottes Wege hoher denn unsere Wege, und Gottes Gedanken hoher denn unsere Gedanken.
Am Sonnabend.
Gottlob! wieder eine Woche! Wie sie war und nun nicht mehr ist! Ich glaube, es wissen viele Leute nicht, wenn sie sterben, dass sie gelebt haben. O selige Kurze der Zeit, einziger lebendiger Trost bei allen Leiden dieser Welt! die eben deretwegen zeitlich und leicht sind, und doch schaffen sie eine ewige und uber alle Massen wichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare, nicht auf den Leib, sondern auf die Seele, nicht auf die Welt, sondern auf Gott, den Anfanger und Vollender, den Hochsten, so wie der Menschen Geist vielleicht der niedrigste ist. Es geht mit der Zeit so, wie mit allem, was gut ist. Wir schatzen es nicht eher, als bis wir es nicht mehr haben! Nichts ist weniger habhaft zu werden, als die Zeit. Ich stelle mir vor, sie kann alles begreifen, wie es zugeht! Ich furchte mich nicht, wenn diese Woche auftritt und mich einst vor jenem Richterstuhl zur Rechenschaft fordert, wo wir alle werden offenbar werden, an diesem Sonnabend der Welt! Wer kann aber, Richter der Welt, wer kann vor dir bestehen, du Herzenskundiger, du Gedankenkenner? Barmherzigkeit komme uber mich und uber alle, die sich bemuhen, Barmherzigkeit zu uben und Gutes zu thun und in guten Werken zu trachten nach dem ewigen Leben!
Die Zeit vergeht, allein gute Thaten pflanzen sich fort, und ihre Geschlechter dauern bis zum Ende der Tage. Jede gute That hat mehr als einen Sohn, hat viel Erben; und diese Kinder haben wieder Kinder. Wer wollte nicht gut seyn, um ein Vater, eine Mutter von so guten lieben Kindern zu werden, die sich selbst erziehen?
Der Schluss der Woche kann der Anfang zur Besserung seyn. Ich gelobe und wills halten, mein Fleisch und Blut niederzuschlagen, wenn der Eigendunkel mir einbilden will, ich ware besser, als ein anderer; wenn die Harte mir ins Ohr zischt: V e r d i e n t e s a u c h d e r A r m e ? will ich antworten: Bei Gott gilt der gute Wille; was wurde sonst aus uns allen werden? So will ich leben, damit ich einst froh sterben kann. Wann werde ich? Das weiss Gott, der Herr des Lebens! Wohl mir, dass er nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen ist! Wohl mir, dass er mir den Trieb zum Leben so tief eingepflanzt hat! Je alter wir werden, je mehr Lust zum Leben wandelt uns an. Diesen Trieb zum Leben sollte ich haben und doch sterblich seyn? Nein, wahrlich! wahrlich! Ich glaube es, nimmermehr werde ich sterben, es wird nur so scheinen, als sturbe ich! Der liebe Gott wurde sich geirrt haben, wenn er den Lebensplan in den Menschen gelegt hatte, falls der Mensch ihn auszufuhren ausser Stande ware. Gott begeht keinen Irrthum! Ist der Tod nicht Ende? Wie glucklich, dass wir sterben! Erwachen wir nicht, nach einer Nacht voll Schlaf, frisch zu einem schonen Morgen? Die Nacht ist ein Bild des Todes, der Morgen ein Bild der Wiedergeburt, die uns allen bevorsteht. Herr, lehre du mich bedenken, dass ich sterben muss, lehre es mich in jeder Dammerung, lehre es mich am Sonnabend vor allen Dingen! Mache es mit mir, wie du willst und ist der Sonnabend meines Lebens vorhanden, helfe mir Gott, der helfen kann, wenn alle menschliche Hulfe verzweifelt! Wenn kein Trunk mehr unsere gedorrten Lippen labt, erquicke uns der Trost der Unsterblichkeit. Wenn die Unsrigen unsern Segen fordern, und wir segnen wollen und nicht mehr konnen, vollende das Werk; Abba, lieber Vater! du hast mehr als Einen Segen. Lass unsere Lieben bedenken, dass wir sie alle wiederfinden werden an einem schonen Sonntage, mit Feierkleidern angethan! Halleluja! V o l l b r a c h t ! sey unser letztes Wort, G n a d e ! unser letzter Seufzer.
Da denke ich eben an die, so eben jetzt, da ich um ein sanftes, seliges Ende bete, wenn mein Stundlein vorhanden ist, ihr Haupt zum Tode zurecht legen! Mochte doch ihr Sterbekissen ihnen leicht seyn! so wie uns allen einst die Erde! Wir sind ja alle aus deinem Hause, lieber Vater! Kinder der Todesangst unseres sterbenden Bruders, unserer entschlafenen Schwester. Lass den guten Geist, der sie in dieser Welt leitete, ihre Seele geleiten zu den Wohnungen der Gerechten! Sie sterben an einem schonen Tage! Erbarme dich ihrer und unser aller! Kurze die Noth eines jeden, die er auch seinem Vertrautesten nicht entdeckt, der Mann nicht seinem Weibe! Erhore jeden Wunsch, wenn es auch dein Wunsch ist! Amen! In deine Hande befehle ich meinen Geist! Amen!
* * *
Ich habe die Gewohnheit beibehalten, dass sie alle Abend in Gegenwart der Leute betet und auch ein Lied nach dem Gebete anstimmt, das wir alle singen. Ihr gebuhrt die Wahl, und ich habe oft die Freude, durch diesen oder jenen Gedanken eines Liebes herzinniglich uberrascht und selig erquickt zu werden. Wurde sich meine selige Mutter uber eine solche Tochter nicht freuen, wenn gleich sie nicht aus dem Stamme Levi ist, und ich nicht Superintendent worden! Aus dem Liede sehe ich, wie mein liebes Weib gestimmt ist: Gestern Abend sangen wir:
Warum sollt' ich mich denn
gramen?
Gott! wie sang sie den Vers:
Kann uns denn der Tod wohl todten?
Nein! er reisst
meinen Geist
aus viel tausend Nothen;
schliesst das Thor der schweren Leiden,
und macht Bahn
himmelan!
zu dem Sitz der Freuden.
Heute singen wir ein Loblied, das sehe ich ihr an; alle Sonnabend einen Sterbegesang, das weiss ich schon! Meiner seligen Mine Regenlied: I c h h a b ' m e i n ' S a c h ' G o t t h e i m g e s t e l l t , ist auch ihr Seelenlied. Ich wunschte, dass manche edle Seele von meinen Leserinnen den Hermann spielen und mein Weib singen horen konnte. O des guten Weibes! Kind- und Pflichttheil berichtigt! Ich habe ihn beim Publico eingeschrieben; mehr gebuhrt ihm nicht. So viel indessen zur Nachricht, dass er ein lieber, lieber Junge ist, der seinen Lebenslauf zu seiner Zeit schon ohne seines Vaters Beihulfe schreiben wird. Es hat gute Wege mit ihm; Fahigkeiten seltener Art!
Junker Gotthard besucht uns alle Jahre, so wie er uns sein Wort gegeben. Noch ist er nicht Ehemann. Seine Ja Jagdliebhaberei nimmt taglich zu. Sein Herz ist untadelhaft. Man mag sagen, was man will, er ist doch immer das beste Wild in allen seinen schonen Waldern.
Seine Mutter kann es sich noch nicht vorstellen, dass ich die Tochter eines benachbarten Edelmanns geheirathet, und freut sich herzlich, dass nicht die Sonne in Curland diesen unerhorten Fall bescheine. Kame es auf sie an, sie wurde unsere Ehe noch bis diesen Augenblick ungultig erklaren. Sie zahlt zehn Ahnen mehr, als nach Sethi Calvisii Berechnung (der doch auch sein Exempel zu rechnen wusste) die Welt gestanden. O, der stifts- und turnierfahigen Frauen! Doch, warum von ihr Auskunft, da mir noch jemand weit naher ist?
D e r a l t e H e r r hat jetzt seine Freistatt beim Herrn v. W. Seine durftigen Umstande erforderten Beihulfe, und wer wird sich nicht freuen, dass Hermann, der nach dem betrubten Sundenfall den Apfelbaum aus seinem Garten rottete und der tugendbelobten Jungfer D e n e einen Scheidebrief ertheilte, nicht Noth leidet? Herr v. W. konnte aber auch sich selbst nicht besser rathen, als auf diese Weise.
Hermann ging nach Minens Tode krumm und gebuckt, und meine Mutter fand sich verpflichtet, ihm Nahrung und Kleider zuzuwenden. Diese Sorgfalt versprach sie, so lange sie lebte, fur ihn zu haben. Sie hielt mehr, als sie versprochen, und noch nach ihrem Tode empfand er ihre milde, kalte Hand. In die Stelle ihrer Gutherzigkeit trat das Legat der Frau v. b ; indessen war Hermann noch nicht vollig aus aller Leibesnoth, aus welcher ihn Herr v. W. vollig setzte. Der Herr Inspektor fand sich auch mit hundert Thalern preuss. ein, die Hermann zum Bratenrock verwendete. Indessen hat Darius so wenig Lust, seinen Vater, als der Vater den Herrn Inspektor zu sehen. Diese Pension von hundert Thalern preuss. will Darius jahrlich fortsetzen.
Man sagt, Schulmeister werden darum so sehr alt, weil sie immer mit jungen Leuten umgehen. Diesen Kunstgriff haben viele Alte, um sich zu verjungen, wie die Adler. Freude steckt an. Man darf hier nicht bloss auf die Ausdunstung Rucksicht nehmen, auf die es vielleicht bei dem Kebsweibe des Konigs David angesehen war. Hermann hatte nun wohl schon langstens das Schulhandwerk aufgegeben; indessen hatte er ein Temperament, das hier mehr galt, als der Umgang mit der Jugend.
Wenn er zur Treppe heruntergeworfen wird, sagte Herr v. G. der Selige, kommt er zuverlassig, seinen Hut zu holen.
Hast du, lieber Leser, je einen observirt, der dem andern zu Gefallen lacht oder weint? Beides ist hasslich! Unendlich lieber aber will ich, jemanden zu Gefallen, weinen als lachen sehen. Wie Ekel, wenn man jemanden zu Gefallen freundlich thut! Hermann war ein dergleichen Klag- und Freudenweib. E r g i b t , wie Herr v. G. der Selige sagte, w i e e i n T e i c h , nasse und trockene Nutzung.
Der Stolz ist zweierlei, innerlich und ausserlich. Leibes- und Seelenstolz. So kann man stolz seyn auf seine Nase, Augen, Ohren, aufs Zifferblatt; allein auch aufs Werk selbst, auf die Seele. Dieser innerliche Stolz, wenn er ubel angebracht ist, heisst Aufgeblasenheit. Diess war Hermanns Fehler, den er beim Herrn v. W. abzulegen schwerlich Gelegenheit finden wird. Von seinem Schnupftuche hangt ein grosser Theil aus der Tasche. Er schmuckt sich gern mit einem lateinischen Wortchen, welches wie ein Schonfleckchen absticht.
Herr v. G. selbst indessen, wenn er noch lebte, wurde dem Hermann, dieses Schonfleckchens und des herausragenden Schnupftuchs unerachtet, das Zeugniss der Besserung in sehr vielen Stucken nicht versagen. Wir wollen uns nur der stillverweinten Thrane zuruckerinnern, da ich mit Minen zu Bette ging!
Seine Einfalle freilich hat er noch nicht gelassen; wer lasst aber auch Busensunden so leicht? Sie sind Parderflecken.
Herr v. G. der Selige nannte seinen Witz des Satans Engel, der ihn mit Fausten schluge, und wahrlich mit Recht! Seine Einfalle? Sind sie denn Einfalle? Kaum! Es sind Gypsabgusse von Witz.
War es Wunder, dass Hermann wieder zu Kraften kam, da ihm Herr v. W. mit Rath und That so hoflich beistand? Der Tremulant ward zwar noch zuweilen gezogen; indessen liess von Zeit zu Zeit der Trompetenzug sich horen.
Lange hungern, ist nicht Brod sparen, sagte Junker Gotthard, der gute Junge. Er hatte eine gewisse Antipathie wider den Hermann von seinem Vater geerbt. Jungst sah er mich an, und liebangelte mir auf Rechnung meines Schwiegervaters und seines Waffentragers zu. Das Wetter, sagte er, kennt man am Winde. Als Hermann von seinen ausgestandenen Unglucksfallen anfing, machte ihn Gotthard mit der Bemerkung still: was ein guter Haken werden will, krummt sich in Zeiten. Hermann erzahlte eine Beleidigung, die ihm ohne sein Verschulden zugefugt worden. Da hielten Sie wohl ein Schnupftuch vor, und sagten: Mir blutet die Nase? fragte Junker Gotthard.
Hermann hatte die Art, wenn ihn jemand seines Gleichen was fragte, nicht zu antworten, sondern recht, als furchtete er etwas, anstatt der Antwort wieder zu fragen: Wie so? Er begegnete der Frage durch ein andere Frage, und so wie kluge Leute, wenn sie nach gothischer Weise examinirt werden, die schwere Pflicht zu antworten sehr weislich auf den Frager schieben; so machte es auch Hermann, und eben hiedurch gewann er Zeit, erhielt sich bei Ehren, und suchte sich, wie alle Leute seiner Art, zu praserviren.
Dem Junker Gotthard, der doch wahrlich nicht seines Gleichen war, begegnete Hermann auf gleiche Weise; indessen gewohnte er ihm sein: wie so? auf eine so auffallende Art ab, dass Hermann sich bei jeder Frage verscheute, wenn gleich sie nicht: wie so? war.
Das ist so platt, dass es keine Nase hat, sagte Hermann zum Herrn v. W. uber einen Ausdruck des Junkers Gotthard; allein er fand keinen Beistand, vielmehr ward er auch vom Herrn v. W. auf eine Art angelassen, dass, um seinen gewohnlichen Ausdruck beizubehalten, ihm die Ohren klangen. Da verdienen Sie eine Nase, erwiederte Herr v. W. und freute sich, dass bei seinem Scheltwort wenigstens ein Wohllaut, wie er dafur hielt, anzubringen gewesen. Wohllaut Herr v. W.?
Die Gewohnheit, die Hermann, seit so lange ich ihn kenne, hatte, seine Weste mit Nadeln zu bestecken, dass sie wie mit goldenem Rundschnur besetzt aussah, hat ihm Herr v. W. glucklich abgewohnt. Versteht sich, mit Hoflichkeit.
Vor kurzem nahm mein Schwiegervater bei G e l e g e n h e i t d e r N a s e die Sache des Junkers Gotthard; jetzt rettete er Hermanns Ehre, als Gotthard ihm den S c h n e i d e r vorruckte. F e d e r s c h n e i d e r wollen Sie sagen, fiel ihm Herr v. W. ein. Freilich hatte Gotthard bedenken sollen, dass Hermann ein Hausling des Herrn v. W ist. Gotthard war gewohnt, dem Herrn v. W. nachzugeben. Es blieb beim Federschneider. Viele nannten den Hermann Sekretar, und man liess sie, ohne dass sie zurechtgeholfen wurden, dabei.
Um die Zeit, wenn der Inspektor seinem Vater das Jahrgeld sendet, ist Hermann so tief in Gedanken, dass Herr v. W. alle Muhe hat, ihn zu zerstreuen. Er konne sich, sagt Herr v. W., vor Unruhe nicht bergen. Wie das kommen mag! Wenn es nur nicht mit Hermann zum Ende geht! sagte Herr v. W., da er mich zum letztenmal besuchte. Jetzt fangt er an, so tief in Gedanken zu fallen, wenn er nur etwas anlegt, das von dieser Pension gekauft worden! Den Bratenrock zieht er gar nicht mehr an. Gott sey seiner Seele gnadig!
Der Schwager P e t e r hat ein Weib genommen, darum kann er nicht kommen, sagt Junker Gotthard, das heisst: Der gute Junker Peter hat die Herrschaft in seinem Hause nicht abgetreten; allein er ist so wenig Herr, dass seine Frau sogar den Stab Wehe uber ihn fuhrt. Herr v. K. nahm ihn in Anspruch, und forderte alles Geld, das er ihm geschenkt, oder mit ihm gemeinschaftlich reichmannisch durchgebracht hatte. Es war nur, schreibt ihm Herr v. K., auf die Hand gegeben. v. K., der ehemals ein Verschwender war, ist jetzt in einen solchen Geizsumpf gefallen, dass er sich entsetzlich besudelt. Jeder Redliche im Lande flieht ihn. Wer hat aber nicht seinen Anhang in Curland, der auch mit v. K.'s vor den Willen nimmt. Junker Peter konnte sich in der Noth, da er vom v. K. in Anspruch genommen ward, und bei dieser Gelegenheit so mancherlei und manches ans Licht brach, nicht anders als durch ein Eheverbundniss helfen. Wie oft decken Ehen der Sunden Menge! Fast immer sind sie heut zu Tage Sundendiener.
v. E. hat eine sehr liebenswurdige Frau, und von ihr drei Sohne, die dem Bilde ihrer Mutter ahnlich sind. Ich hab' ihn seit der Zeit nicht gesehen, da er in Konigsberg Konig eines Freudenmahls war. Warum bracht' ich die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapost von Konigsberg ging, schlaflos zu? Seine Zuschrift, nachdem er von meiner Ankunft in Curland Nachricht eingezogen, will ich so wenig mittheilen als meine Antwort. Wir wissen alle, dass er Franzos und Curlander war, dass er kriechen und sich ein Paar Zog hoher heben konnte, als er gewachsen war. Ob seine Frau ihn nicht wenigstens auf Eins einschranken, und entweder zum Curlander oder zum Franzosen bringen wird? muss die Zeit lehren. Wie es zugegangen, weiss ich nicht; allein v. E. hat den v. K. gefordert. Wie gewohnlich, haben sie sich nichts gethan. Da hat jeder seinen heisshungrigen Jupiter, und dergleichen Gevatter wetzen die Scharten aus.
Diesen Augenblick erhalt' ich vom Herrn v. W. die Nachricht, dass H e r m a n n in wirklichen Wahnsinn gefallen. Welch ein Unterschied gegen eine Lindenkrankheit! Die Hoflichkeit des Herrn v. W. erlaubt es nicht, ihn von sich zu entfernen. Und auf der andern Seite, bemerkt er, bin ich ausserst mit ihm geplagt. Sich selbst kann H e r m a n n nicht uberlassen werden.
Sein Sohn hat ihm dieses Jahr hundert und funfzig Thaler gesandt. Ob ihm diese Erhohung vollig den Kopf verruckt, oder die Bitte, die Benjamin der Zusage beigefugt, ihn in Preussen zu besuchen, weiss Herr v. W. nicht.
Die Frau Inspektorin sey in gesegneten Umstanden, und truge ein so grosses Verlangen (schreibt Darius) ihren Schwiegervater zu sehen, dass er auf das dringendste bitten musste M u ss t e , das glaub' ich selbst! Einen andern Vater wurde diess entzuckt haben, und Hermann
I s t t o d t ! Ein Brief von meiner lieben Mutter. Drei Tage vor seinem Ende ist er vernunftig gewesen. In den Anfallen der Raserei hat er sehr laut B e n j a m i n gerufen! M i n e aber so hohl, als durft' er nicht. Inspektor! Inspektor! jetzt konnt' es dir leid thun, dass du deinen Vater nicht noch gesprochen hast! Gute Wochen deiner Frau! Eben meld' ich ihm den vaterlichen Tod. In der Beilage dieses Briefes erfolgten 350 Reichsthaler preuss., die Hermann unerbrochen weggelegt hat. Unerbrochen! Das Ehrenkleid, das er von der Pension des ersten Jahres berichtigt, ist ihm mit ins Grab gegeben, auf sein ausdruckliches Verlangen. Ich will es anziehen, hat er gesagt, wenn ich Minen sehe!
Roth wird seinetwegen kein Tag im Kalender des Herrn v. W. gefarbt werden, dafur steh' ich; so wie ich weiss, dass er seinen Tod herzlicher, als den Tod so vieler anderer Rothgefarbten bedauern wird!
Junker Gotthard soll Brautigam seyn! Das ware viel! Alles, was ich sonst noch auf meinem Herzen und Gewissen habe, in die Nutzanwendung!
Schluss.
E n d l i c h ! wird ein grosser Theil meiner wohlmeinenden Leser, wie ich wunsche und hoffe, sagen, und diesem Endlichsagen setz' ich aus dem Innersten meines Herzens G o t t l o b entgegen. Gottlob!
Also hatten wir in den gegenwartigen Theilen abgehandelt, ob kurzlich, weiss ich nicht, einfaltig aber gewiss, meinen L e b e n s l a u f , bis auf eine sachsische Frist vor der Messe, nebst drei Beilagen, A, B, C., denen ich am Thor ein vielleicht zu stolzes Prognostikon gestellt habe. Nichts ist wahrer, als jene Bemerkung: nulla tam odiosa narratio, quam sui ipsius laus, welches Junker Gotthard sehr schon: Eigenlob stinkt, verdolmetschen wurde. Darius wurd' es noch handgreiflicher geben. Damit also nur ja niemand auf den unrichtigen Gedanken falle, als hatt' ich mir selbst dieses Monument errichtet, so sey es mir erlaubt, zu bemerken, dass solches bloss der l e t t i s c h e n M u s e , dem O r g a n i s t e n i n L . und dem guten G o t t f r i e d zu Ehren prangt, und dass der vierte und funfte Theil mehr durch meine Feder, als durch meinen Kopf gehen werde. Qui bene distinguit, bene docet.
Dank dir, Deutschland, an das meines Schwiegervaters Hochwohlgeboren tausend Empfehlungen mitgehen, dass du mir nicht manum de tabula, die Hand vom Schreibtisch! zugerufen. Schuldig bin ich noch (da ich dieses Werk mit einer Hand verglichen, ob rechte oder linke? hab' ich wohlbedachtig unbestimmt gelassen) den Goldfinger und Ohrfinger. Getreulich und sonder Gefahrde hab' ich die drei ersten oder die Schwurfinger dargereicht, den Daumen oder den Kopf der Hand, den Zeige- und Mittelfinger. Zu Abtragung meiner Schuld nur eine k u r z e F r i s t .
Frist!
Ich weiss so gut, wie Nathanael, versprechen macht Schuld? und wer mehr verspricht, als er zu halten im Stande ist, kann zur Ersetzung des Schadens ex L. Aquilia angehalten werden. Schaden? Vortheil soll euch mein Anstand zuziehen und landubliche Zinsen tragen. Es fehlen nur noch einige Nachrichten, meines Vaters Jugend und meines Grossvaters Alter betreffend, um allen respektive Frag- und Verwunderungszeichen zu entgehen. Ein Kind, wenn es sich die Finger verbrannt, pflegt das Licht zu scheuen, obgleich mein Leopold es noch lange erst versuchen wurde, ob die Finger mit der Zeit nicht starker als das Licht seyn wurden.
Kurze.
Ich habe nicht nothig zu fragen: Meinst du, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Es liegt alles bis auf einen Hauch da! Es ringt nach Leben.
Da seht, meine Ehrlichkeit! Hatt' ich denn nicht meiner Lange, wo nicht eine ganze Eile, so doch ein Viertel, und da ich Soldat gewesen, ein Paar Zoll zusetzen und behaupten konnen, dass mich ein anderes gelehrtes Werk abhielte? Ich habe aber nie auf den Zehen in diesem Buche gestanden, oder mich durch einen hohen Absatz vergrossert. Warum sollt' ich's? Warum sollt' ich sagen, dass mich eine andere gelehrte Arbeit beschaftige, und dass ich zwei Herren diene? Bloss bin ich im Dienst der Wissenschaften, und diese meine hochgebietende Herren sind so geneigt, wie Gott der Herr, ihren Dienst einzurichten. Wir dienen nicht Gott, sondern uns, und so geht's auch mir mit den Wissenschaften.
Ich glaube nicht, dass ein Speisemeister vom andern und dritten Theile zu sagen Ursache gefunden: J e d e r m a n n gibt zuerst den guten Wein, und wenn die Gaste trunken sind, den geringen. Diess sey die Burgschaft, die ich bei meinen Lesern in bester Rechtsform wegen der Fortsetzung einlege, und sollte hie und da ein Speisemeister diese Klage wider mich rechtlich fuhren zu konnen des Dafurhaltens seyn; so wisse er, dass ich nicht J e d e r m a n n bin, und dass ich in Wahrheit es nicht zum Betrinken angelegt. Freiheit ist meine Losung bei Tisch, als Schriftsteller uberall. Ein Jesuiterrauschchen hat bei den truben Tagen des Lebens nichts zu sagen. Zwar hab' ich mich bemuhet, allen einschlafernden Erweiterungen auszuweichen. Was ist aber ganz vollendet? Alles, was vollendet ist, ist dem Menschen nicht auf seinen Leib, oder eigentlich auf seine Seele gemacht. Selbst ihr Unsterblichen, du, N e w t o n , und du, C o p e r n i k u s ! wisst ihr denn auch gewiss, dass alles so ist, wie es euch in einer glucklichen Nacht traumte? Das rechte Wort zu allen Empfindungen. Konnt' ihr sagen, es ist vollendet? Ihr, die ihr selbst nicht vollendet, sondern nur Numero sieben seyd. Maulwurfe, konnen die vollenden? H o m e r und M i l t o n , Vater und Sohn; was meint ihr? Ach Gott! du allein, Unbegreiflicher, du allein bist vollstandig, vollkommen. Alle Erfindungen, so hoch man auch kommt, lehren nur den Menschen, wie weit er noch vom Ziel sey. Die Hauptmenschen in der Welt verdienen nur den Namen Propheten. Sie sagen, was kunftig seyn wird.
Es wurde die vires haereditatis ubersteigen heissen, wenn sich irgend ein Mensch einbilden wollte etwas zu schreiben, wovon er behaupten konnte, es ware so ganz da, wie er! Ein andres Schopfer, ein andres Geschopfe! Niemand kann sagen: er sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr gut.
Ein Fragment ist mir aus diesem Gesichtspunkt ein angenehmes Wort. Es ist ein Menschenwerk. Der Mensch selbst kommt sich in dieser Welt nur als ein Fragment vor, so ganz er gleich da ist. Heil ihm, dass er eben von diesem Ganzen schliessen kann, dass er selbst sich in allen Rucksichten begreifen, von allen Zipfeln einst fassen werde, in der Fortsetzung seines Lebens, in der andern Welt!
Das, was meinem Herzen von meinem Leben am meisten aufgefallen, hab' ich mitgetheilt und was die Zukunft betrifft was kann mir kunftig (beim Licht die Sache genommen) viel mehr begegnen, als der Tod? und da hoff' ich zu dem, der in mir angefangen hat das gute Werk, er werde es durch seinen heiligen Geist in mir bestatigen und vollfuhren, bis an diesen meinen jungsten Tag, auf dieser Welt und in der neuen. Ein doppelter jungster Tag! Sollten sich Umstande ereignen wer weiss die Geschichte seines morgenden Tages, die eines Protokolls werth waren? so trag' ich es hiermit meinem beim Publico als Autor eingeschriebenen Sohne Alexander Leopold auf, getreulich alles zu geben, wie er es empfangen hat. Gott segne dich, lieber Leopold! und deine Mutter fur und fur! Amen!
Schone mich nicht, mein Sohn, ziehe vielmehr den Vorhang auf, wenn ich mich vor dem Publico geflissentlich in einem andern Lichte darstellte! Schreibe getrost; schone nicht: S o w a r m e i n V a t e r nicht, so war er!
Was soll ich von meinem Buche sagen? Wahrlich, es ist nicht ein olympischer Lauf nach einem Zeitungslob! Ein unverwelktes Erbe war mein Ziel, zu trachten in guten Werken nach dem ewigen Leben, meine Hoffnung!
Ich schrieb den Menschen, oder bemuhte mich, ihn zu schreiben. Jeder hat noch ein Aestchen aus dem Paradiese mitgebracht, und jeder hat etwas vom Apfel gegessen! Die Menschen sind alle auf einen Fuss. Man darf sie nur aus dem gehorigen Gesichtspunkte nehmen, so sind sie als Einer, als Adam. Madam Eva war ja auch in ihm, in seiner Rippe. Solch ein Gesichtspunkt ist vorhanden; ob ich ihn getroffen, sey dem wachhabenden Officier, dem mit einem Achselbande zu Pferde, zu Fuss, von der Leibgarde, von der Garde der Gelehrtenrepublik, anheim gegeben! Mit den Thorschreibern habe ich mich, wie erwecklich zu lesen, in dem Buche selbst ein Langes und Breites abgegeben.
Freilich ist zwischen Wachtern und Richtern ein Unterschied. Wie wenige verdienen aber den ehrwurdigen Namen Richter? Ein Richteramt ist ein schweres Amt. Nathanael wahlte den besten Theil, da er's niederlegte, und wie wenig gibts Nathanaels und solche kunstrichterliche Justizrathe, wie er! Kleine schielende Revisionsknaben die Menge! Die Herren , , mochte ich auch ungern daruber sprechen lassen.
Wer in den Charakteren nicht Pracision findet, kann jeden in Person kennen lernen, bis auf die, welche in diesem Buche selig entschlafen sind, und wer meiner Grossmutter nachspottet, und mit gerumpfter Nase die Frage aufwirft: wie vielmal A m e n in diesem Buche vorkommt? wisse, dass ich ein Liebhaber dieses Wortes bin. Ich liebe nicht Flittern, nicht Schminke, trage keinen Regenschirm, keinen Hermann'schen Glanzkittel. Eine Jahreszeit ist mir so, wie die andere. Alles, was aus Naturhanden kommt, ist Gottes Gabe! G e s c h m a c k ? Ja freilich hat nicht jeder Lust zu lauter Milch und Kuchen, und zum Stuck vom zarten guten Kalbe, diesem Verlornensohnsbraten, obgleich Abraham himmlische Herrschaften damit bewirthete.
Wer nicht zuweilen Himmel und Erde in Eins gefuhlt hat, Seele und Leib in einer Person; wer nicht Muth gehabt, im dicken Walde die heiligem Schauer, aus seinem Grabe herausgestiegen, zu empfinden, und die Stimme der menschenfeindlichen Eiche verstanden: aus mir wird einst dem Sarg geschnitten! muss freilich ganze Bogen dieses Buchs unausstehlich finden. Wer aber dieses Gefuhl kennt, das sich nicht untersteht, einen Ausdruck zu wagen, damit ihn nicht ein Bote Gottes ungewahlt fande, mit dem gehe ich zusammen. Hebt sich dein Herz, wird dem Busen entzundet, komm in Charlottens Laube, und wo du sonst willst, hier ist meine Hand!
Ein Mensch, der zu empfinden weiss, dass er nicht mehr brauche, als zu leben, dass alle Reichthumer Schatze sind, die Motten und Rost fressen, und wornach die Diebe graben, um sie zu stehlen, erhalt eine gewisse edle Art, ein wahres Geniegefuhl, das allen hoch- und hochwohlgebornen Zwang verschmaht, sich entsattelt, und den Reiter verachtet, der sich ihm aufburden will. Das ist ein Genie!
Muttermaler der Sinnlichkeit und Schonpflasterchen sind so unterschieden, als ein unschuldiges, frommes Madchen und eine Nonne.
Wir verehren nicht gemeine Dinge und versundigen uns oft schwer an ihnen. Was selten ist, gefallt. Man hasst den, der im Kleinen betrugt. Thut er's im Grossen, so finden wir so viel nicht auszusetzen. Das Spiel verlohnt das Licht nicht! Grosse Diebe laufen, kleine hangen. Der Beobachter wendet sich nur an kleine Zuge, und uberlasst gern die Hauptstucke Andern, bloss weil sie mehr ins Auge fallen. Das Gemuth, das Herz schlagt im Winkel an seine Brust, wie der Zollner, es will durchaus nicht gesehen seyn; allein jeder auch seinen Pharisaer bei sich, der geflissentlich bemuht ist, sich vorzudrangen, wenn man den Menschen malen will.
Gern, gern verzeihe ich allen, die mich truglich behandelt, mit Lugen und mit falschem Gedicht, durch notas selectas und variorum. Scire leges, non est verba earum tenere, sed vim et potestatem.
Der, der aller Welt Richter ist und recht richtet, der das r e c h t e R e c h t spricht, das sich schlafen gelegt hat, weiss den innersten Gedanken meiner Seele und den Rath meines Herzens, Er weiss, wie ich ringe, die Menschen, die sich von ihm entfernt, zu ihm zu sammeln, und wie ich getrost ohne Menschenfurcht gerufen: T r a c h t e t a m e r s t e n n a c h d e m Reiche Gottes, und nach seiner Gerechtigkeit; so wird euch das ander e a l l e s z u f a l l e n . Vor ihm ist all' mein Begier, mein Seufzen ist ihm nicht verborgen, meine Thranen nicht, fur Jerusalem: a c h ! w e n n e s bedachte zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden dienet, aber noch ist es vor seinen Augen verb o r g e n , und mein Gebet: D e i n R e i c h k o m m e das alles weiss der Herzenskundiger!
Und doch hielten viele mein Buch, weil ich mit Zollnern zu Tische sass, fur einen Verfuhrer des Volks. Ihr, die ihr nur aufs Sichtbare seht und nicht aufs Unsichtbare, obgleich das Sichtbare zeitlich ist, und das Unsichtbare ewig! O ihr, Gottes Augendiener, die ihr Splitter im Nachstenauge seht, und euren Balken nicht bemerkt, was meint ihr wohl von Tugend und Religion, die ich entweiht haben soll? Werdet wie die Kinder, das ist die gottliche Lehre, deren Geist mich trieb, und ihr Pharisaer, die ihr nicht seyd wie andere Leute, Rauber, Abgotter, oder dieses Buch, dieser im Winkel stehende Zollner, die ihr zwier in der Woche fastet, und gebet dem Armen von allem, was ihr habt, und die ihr diess alles gerade vor dem Altar laut sagt, glaubt ihr gerechtfertigt in euer Haus zu gehen? Glaubt ihr, dass der Paukenschall allein gen Himmel reiche, und dass euer Odenwirbel dem ein susser Geruch sey, der menschlich zu Menschen sprach, und allem was gross ist, Einfalt beilegte? Was schlecht und recht ist, ist ihm angenehm; nicht das Hohe, das sich baumt und schwillt, nachdem es respective sich baumen oder schwellen kann.
Ich will euch nicht namentlich darstellen, euch, die ihr Gottes Finger verkanntet, die ihr Steine wider mein Buch aufhobet, und ein Gesicht dabei schnittet, als thatet ihr Gott einen Dienst daran. Unser Herr und Meister schalt nicht wieder, da er gescholten ward, draute nicht, da er litte, sondern stellte es dem heim, der da recht richtet; indessen konnte er nicht umhin, eine Geissel in die Hand zu nehmen und die Kaufer und Verkaufer aus dem Tempel zu treiben, und das seyd ihr! Ihr, die ihr Gott zu lieben vorgebt, den ihr nicht sehet, und euren Bruder nicht liebt, den ihr sehet. Ihr, die ihr einen Menschen, schnoden Gewinnstes, gallsuchtigen Neides halber, verfolgt, der die Lebenslaufe in aufsteigender Linie s c h r e i b t , und am Sonntage Aehren isst, wenn ihn hungert, auch, wenn ihm Gelegenheit gegeben wurde, einen jeden E s e l aus dem Brunnen ziehen wurde am Sabbath was habe ich euch gethan? Habe ich je einen Pharisaer und einen Sadducaer namentlich genannt? Habe ich nicht vom Laster geredet, wenn ich den Lasterhaften meinte? Mit dem einzigen V o l t a i r e habe ich namentlich ein Gespotte getrieben, und ich versichre es euch auf Ehre, dass es mir leid thut, obgleich er gewiss den ersten Theil meines Lebenslaufs nicht gelesen hat, und also unmoglich daran gestorben seyn kann.
Fragt meine Eltern, Vater und Mutter, die alle in der Erde liegen und schlafen, ob ich sie nicht geliebt habe bis in den Tod; fragt diess Buch; wenn gleich es die Wahrheit geschrieben, hat es darum nicht Vater und Mutter geehrt? Wahrlich, des vierten Gebots halber wird es ihm wohlgehen, und es wird lange leben auf Erden, und selbst, wenn es gekreuzigt wurde, wird es auferstehen.
Entweder die Religion muss alles tingiren, oder es ist gar keine. Ist denn Gott nicht uberall? Und glaubt ihr, Leutbetruger, Gott sey wie ein Mensch, den ihr mit einem Gesichte voll Ergebenheit, wenn gleich das Herz fern von ihm ist, hinters Acht fuhren konnt? Mit gutem Herzen zu sagen: Es ist kein Gott aus Tyrus und Sidon seyn, ist besser, als Gott heucheln, wie des Hiobs Freunde!
Willst du erlauben, lieber Herr , dass ich dich ganz deutlich ins Gesicht frage: Verstehst du auch, was du liesest? Wenn meine Mutter nicht eine Originalchristin ist, mochte ich sagen, gibts kein Christenthum!
Biblische Worte und Wendungen. Ist denn die Bibel nicht werth, dass man ihr nachspricht? Fehlt es ihr wo an Lebensart, dass man sie nicht in Gesellschaft nehmen darf? Und die wohlgemeinte lutherische Uebersetzung, kommt sie nicht von Herzen und geht sie nicht zu Herzen? Wir haben schon anders den Grundtext, und wer steht uns dafur, dass Man Luthers Bibelubersetzung in der christlichen hochdeutschen Gemeine nicht verbietet; wird sie aber darum das Kindliche verlieren? Und haben nicht selbst einige dieser neuen Uebersetzer Luthers Stern und Kern, wie meine Mutter sagen wurde, im Segen benutzet? Von einigen Stellen sollte man fast glauben, Christus, der Herr, wurde solch Deutsch geredet haben, wenn er diese Sprache bei seiner Amtswanderschaft auf Erden gefunden. Ist die Bibelsprache zu erhaben? zu heilig? Sollen Was macht die U n g n a d i g e ? fragte ich jungst, g e h t h e r u m n a c h 1 P e t r i 5 . V . 8 . Und diesen silberharigen Greis, diesen Mann Gottes, sollte ich seines 1 Petri 5. V. 8. wegen ansehen, wie Cain seinen Bruder Abel? weil er nicht, wie seine Amtsbruder, am Wort und an der Lehre halt, weil er nicht mit jedem v o n und jedem u n d Abgotterei treibt, das in der Bibel steht? A n i h r e n F r u c h t e n s o l l t i h r s i e e r k e n n e n ! Du sollst nicht andere Gotter haben neben mir, spricht der Herr, und aus diesem Herrn ist unser Vater worden, nach dem Unterricht des, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was durch Uebelverstand verloren war. Ich habe nichts dagegen, wenn Nathanael sich in den Pandekten den Titel de verborum significationibus bekannt macht; was ist aber Bild und Ueberschrift, wenn Barren da sind?
M e i n N a m e ? Was thut denn der zur Sache? Muss man durchaus in Kupfer gestochen seyn, wenn man ein Autor ist? Und muss der Herr Kunstrichter, um sein Muthchen zu kuhlen, noch den von Angesicht zu Angesicht kennen, den er mit Lob oder Tadel misshandeln will? Du sollst keine Person ansehen noch Geschenke nehmen! Geschenke machen selbst die Weisen blind und verkehren die Sachen der Gerechten. Was recht ist, dem sollst du nachjagen. Kannst du denn nicht loben, Elender, als ins Gesicht? D e r N a m e ? Bin ich denn anders, seitdem ich Alexander Seht! ich hab' es dazu nicht angelegt, dass diese Nur drei wissen meinen Namen, und Einer ist's, an Ich trinke lieber mit meiner lieben Mine und meiG e i s t Gelegenheit geben sollte!
Christus der Herr verbot seinen Jungern alles Studiren: Es wird euch zu der Zeit schon alles gegeben werden! Diess ist eine Regel, die mit goldnen Buchstaben angezeichnet zu werden verdiente, uber alle Bibliotheken in der Welt! Ueber alle Autortische!
Es ist sehr naturlich, dass man sich wundern werde, wie ich. selbst nicht an Stelle und Ort bekannt worden, und bis jetzt allen feurigen Pfeilen der Bosewichter, auch der im Dunkeln schleichenden Anekdotensucht, so ritterlich entgangen.
Obgleich ich nun eben nicht nothig hatte, eine Polemik, ehe mir dazu Gelegenheit gegeben wird, diesem thetischen Werke anzuhangen, und eher zu antworten als ich so naseweise gefragt worden; so habe ich lieber so viel Anstosssteine, als ich nur sehen konnte, wegzuraumen, als sie im Wege zu lassen mir in dem Herrn vorgesetzet.
Wisse also, Opponens doctissime! dass Mitau zwar nur sieben Meilen von Riga liegt; allein diese sieben Meilen sind in Absicht der Sitten und Gebrauche nicht sieben, sondern siebenzigmal sieben. Es ist zwischen beiden Stadten eine so grosse Kluft befestigt, dass die da wollten, konnten nicht. Wer liest in Curland? Wahrlich wenig sind, die diesen schmalen Weg finden. Herr v. G. ist todt! Also hatte ich mir Curland mit leichter Muhe vom Halse geschafft.
An Ort und Stelle habe ich dreien braven Leuten, wie oben bereits gesagt worden (der Organist in L. wurde sagen, dreien getreuen Nachbarn und dessgleichen), das Geheimniss entdecken mussen. Die guten Herren lasen, und schon beim dritten Blatte des ersten Theils waren sie mir so zu Dache, wie der Inspektor es nur immer seyn konnte. Das sind Sie ja mit Leib und Seele! Nun ja doch! Ich bins! Allein fur jeden nicht! Was braucht ein Vierter und Funfter den Ringschlussel zu tragen, und warum soll ich jedem Gecken erlauben, in meinem Hause gemachlich zu thun? Kann ich denn nicht auch, wie Herr v. G. der Selige, auf meinen Degen schlagen, wenn der Krippenritter nach dem Schlussel zum Gastzimmer und Stall fragt?
Behalte es bei dir! du mir liebes Triumvirat! bei dir! und wenn der mit dem rothen Bart, her immer Wasser auf seine Muhle sucht, seine Nase in euren theuren Rath (denn guter Rath ist theuer!) steckt, schlagt dem Bengel, der mir schon so oft gallenbittere Stunden gemacht, auf seine unbedeutende, herausgegohrene Nase, damit er das Stecken in anderer Leute Handel aufgebe und seine eigene Haustafel lerne, wo Rechenmeister, nur er nicht, wie am Pasquin, mit durren Worten gelten haben: Land- und Leutebetruger! O du Muckensauger, Kameelverschlucker! Lederdieb, um ein Paar Pantoffeln zu fertigen, das du dem Bettler gibst, wenn er namlich eine Rohrdommelstimme hat und in allen Strassen singen kann:
Es ist das Heil uns kommen her!
Ich kenne dich mit deinen Klauen kenne ich dich, Raubvogel! und konnte ich diese Klauen einem klugen Physiognomisten in copia vidimata senden, er wurde ex ungue nicht leonem, sondern kennen, und sie zur Warnungsanzeige drucken lassen, allen, die Gottes Finger und Menschenfinger kennen. Du, ein argerer falscher Zeuge, als Johann Peter Beifuss und Martin Jakob Kegler, um du! bist mein A l e x a n d e r S c h m i d t , der dem ehrlichen Petrus viel Herzeleid zufugte und seinen Werken und Worten oft widerstand! Gott vergelte dir nicht nach deinen Werken, sondern schenke, wenn's moglich ist, dir schwarzes Haar im Bart, und statt der Nebucadnezarnagel menschliche wenn es seinem heiligen und allezeit guten Willen nicht zuwider ist.
Gott weiss am besten, mit welchem schweren beklommenen Herzen ich dieses Buch geschrieben! Menschentreffer werden es ohne Wegweiser finden, und ich sollte noch obenein mir von diesem oder jenem Weibe, wenn ich in erlaubter Entfernung am Kaminfeuer stehe und mich warme, ins Gesicht sagen lassen: w a r e s t d u n i c h t E i n e r ?
D e i n e S p r a c h e v e r r a t h d i c h ! Ich mag nicht klatschern am Kaminfeuer, Rede stehen und Gecken das Verstandniss offnen, dass sie die Schrift verstehen. Horen sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie nicht glauben, wenn einer von den Todten auferstunde und das Reich Gottes predigte, welches nicht bestehet in Essen und Trinken, sondern in Liebe und Freude im heiligen Geist! Kann wohl auch der Geduldigste die so boshafte Art, womit man Kopfen begegnet, ertragen? Kann er, wenn sein Name in allen Landen bekannt ist, einem MelchisedechsSpottworte in seinem Lebenscirkel ausweichen? Gern sehe ich Wahrheit sich mit Kritik herausfordern; allein nicht pobelhaft balgen!
Ein Burschenvivat oder Pereat ist nicht fur mich. Ich verbitte beides! Und wer kann beidem entgehen, wenn man weiss, wo ich des Abends Licht brenne? Wenn nun an auch jetzt ein verzogener ungenannter Bube, der auf der Landstrasse die Vorbeigehenden mit Schneeballen wirft, die er alle in seiner Hand gedruckt und gedrangt hat, eins auf mich abfeuert, lasst ihn doch, diesen Prophetenknaben, ohne ihm die Ruthe zu geben! Er ist zu petulant, um von ihm sagen zu konnen: Der Herr hat's ihm geheissen! Ist's doch auf der Landstrasse, wo man mich auch nicht kennt. Ich sollte! Nein! Das Bubchen wird seinen Schulmeister schon finden und das Birkenreis, ware es auch ein Revisor!
Was willst denn du mit den kleinen Steinen? Konntest du sie schleudern wie David, und ware eine Goliathstirn dir zu Diensten, so war's eine Sache! David hob anders seine kleinen Steine, wie du; und alle ihr! die ihr voll Wuth das Strassenpflaster zerstort und Steine nehmet, mich steinreich pobelhaft zu uberfallen, steinigt! Wisst, ich sehe den Himmel offen, und einen, der meinen Geist aufnimmt! Grabt mir Gruben! Ich singe mit meiner Mutter:
Wenn wir geschlafen haben,
Wird uns erwecken Gott.
Und mit meinem Vater aus seinem Lieblingsliede, wo er zuerst den zweiten Discant anstimmte:
So ging's den lieben Alten!
Ich werde nicht sterben, sondern leben bleiben Nur dann, wenn das Wasser geradert wird, wenn man es aufhalt, macht's ein Geschrei. Was thue ich euch? Roman? Und wenn es denn einer ware! Freilich bekam es dem guten Bischof H e l i o d o r u s nicht sonderlich, dass er in seiner Jugend einen Roman geschrieben, der noch unter dem Namen Aethiopica, wenn nicht bluht, so doch vorhanden ist. Seine Herren Amtsbruder sahen, dass sich junge Leute diesen Roman kauften und verlangten, dass der Bischof entweder diesen Roman offentlich wie einen Sodomiten verbrennen oder seine Mutze abnehmen sollte. Der Schriftsteller liess die Mutze fahren. Gott sey gelobt! Ein Bischofthum habe ich nicht zu verlieren, und wer es genau nimmt, wird finden, dass alles in der Welt Roman sey. Hat je ein grosser Herr das gemeine Leben, so wie es da gemein ist, gesehen? Wer kennt die Stadt, den Berg, das Thal aus der Beschreibung, wenn er an Stelle und Ort kommt? C u r t i u s hat es nur ein klein wenig zu grob gemacht; welch ein Geschichtschreiber indessen hat ihn nicht in der Schule ubersetzt? Man behauptete zu seiner Zeit: P h i l i p p I I I , K o n i g v o n S p a n i e n , sey Autor des Don Q u i x o t e , und C e r v a n t e s habe nur Hebammendienste verrichtet und den Druck besorgt. Ware mein Buch also ein Roman, warum sollte ich es zuruckhalten? Was Philipp III, Konige von Spanien, anstand, kann sich ja wohl ein Major mit einem abgeanderten Buchstaben im Namen gefallen lassen!
Seht ihr aber, ihr Romanhelden! seht ihr nicht in meinem Buche das gemeine Leben? Ist der Geist wahr, wie er denn wahr und wahrhaftig ist, was kummert euch der Leib? Ein Konig von England sagte uber einen Betrunkenen, der sich Freiheiten gegen ihn herausnahm, die den ubrigen, die zu Tische sassen, nicht wohlgefielen: Lasst ihn! ein Betrunkener ist mein College! Wer geizig ist, um zur rechten Zeit drauf gehen zu lassen, kann der geizig heissen? und wer seine Zinsen verzehrt, ohne den Hauptstuhl anzugreifen, ist das ein Verschwender? Wo Holz gehauen wird, fallen Spane! Sparpfennige sind wie gute Feueranstalten, um gleich zu loschen, wenn es brennt!
Ich fuhle es, Freunde! Ich habe einen guten Kampf gekampft, ich habe den Lauf vollendet, forthin ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, nicht allein aber mir, sondern allen, welche die Erscheinung, welche den Advent des Reichs Gottes lieb haben! Komm, du schone Freudenkrone!
Der zeitlichen Ehre will ich gern entbehren! Du wollest mir nur d i e e w i g e g e w a h r e n , und wenn ich mir noch etwas zur Gefalligkeit erbitten darf, zeichnet mein Buch nicht durch Falten; konnt ihr nicht ohne Merkmal finden, wo ihr geblieben, nehmt Denkzettel! Solltet ihr euch aber auch nicht ohne die behelfen konnen? Ich habe keinen Sand auf das Manuscript gestreut, es ist durchweg durch die Sonne getrocknet! Und solltet ihr nicht ohne Zeichen lesen konnen?
Gott grusse euch! lieben Leser und Leserinnen! und lasse es euch nie mangeln an irgend einem Gute, das heisst: Er lasse es euch selbst erkennen, wie wenig der Mensch braucht, um alles zu haben!
Wenn ich zum vierten und funften Theil schreite, sehen wir uns wieder. Ist's gleich nicht so nahe, sehen wir uns doch. Da kommts nur aufs Auge an. So wie ich meinen Tod wunsche, so plotzlich nehme ich Abschied. Lebt wohl!
Geschrieben zu l
Von Tr 1
Aus! Alles aus! Amen! Amen! Auf ewig lebt wohl, lieben Leser. Mein Leopold ist hin! Sanft und selig ehegestern, den sechsundzwanzigsten Marz, des Abends um sieben Uhr. Bis heute konnt' ich kein Wort, und heute, was werd' ich konnen? Wenig oder gar nichts! Wie ruhig Pold starb! Es war ein lieber, lieber Junge, einen Himmelszug um die Augen, welcher laut lehrte, Pold sey nicht von dieser Welt, sondern von jener! Fass' dich, armes liebes Weib! Wir werden alle sterben! Gott gebe, sanft und selig, wie Pold uns vorstarb! Kinder, die den Eltern gar nicht ahnlich sind, sind Gottes Bild, gehoren ihm; Pold glich weder meinem Weibe, noch mir. Er ruhe wohl! wohl!
Geschrieben den neun und zwanzigsten, eben da es sieben schlagt. Polds Sterbestunde!
Mein Pold ist beerdigt, und ich bin gefasster, als den neunundzwanzigsten um sieben Uhr Abends. Ich hoffe, dass ich Kraft haben werde, etwas von ihm zu schreiben. Nur eine Handvoll! Ich hab' ihn in dieses Ihr gutherzig Rachsuchtigen! ihr Edelgestrenge, die Wenn dir ein Sohn stirbt,
Erfullt! Aber, Mine, ich habe nur den Einzigen, kann nur einen Einzigen haben! Nimm ihn hin! Gott, dein Wille ist geschehen!
Ich habe geendigt! Mein schriftlicher Lebenslauf ist zum Ende! Auch ich bin es; ich bin auch zu Ende! Mein Weib zu Ende! Alles! Amen! Amen!
Ich kann nicht weiter, so gern ich meinem Leopold parentirte. Es ist spat! Spat oder fruh! Ich schlafe keine Minute diese Nacht!
Des Abends um eilf
Da ich heute den Tag, des Morgens um sechs Uhr, lese, was ich ehegestern, des Abends um eilf Uhr, geschrieben, find' ich schon der Parentation Anfang, Der liebe Junge! so gern wollt' er ins Buch! Komm herein, du Gesegneter des Herrn, warum stehst du draussen? Deine Wunsche sollen erfullt werden; die meinen bleiben unerfullt. Ich wollte, dass du meinen Lebenslauf erganzen, und wenn zwischen jetzt und meiner Sterbestunde sich noch ein Fall ereignete, der werth ware in einem Postscript aufbewahrt zu werden, dass du ihn verzeichnen mochtest. Ich trug du eine Durchsicht auf, so wie du sie vor deinem Gewissen zu verantworten gedachtest. Du bist vollendet! Du bist bei Minen! Da ruft deine Mutter, deren Schmerz lange stumm war, so, dass diess Ansichhalten meine Seele betrubte: "Susser Mondstrahl! Kommst du von Minen, kommst du von Pold? O bringe mich, bringe mich zu meinen Lieben! Hinauf, hinaufleuchte mich, wenn diese Augen brechen. Dort oben, wo Ruhe ist!"
Wie bald ist's mit unsern Vergnugungen geschehen! Schnell, wie der Schnee auf der Strasse, schmelzen sie weg und ihre Statte ist nicht mehr! Diese Welt ist erster Wurf! Man sieht den Meister; allein es bedarf Ausarbeitung. Diess sind allgemein verlautbare Klagen, die, nachdem das Blut aufschlagt, oder wieder fallt, angestellt werden. Es gibt ein besonderes Licht, wenn die Nacht sich mit dem fernen Sternenlicht kreuzt. Das ist das treue Bild unseres Wissens, unseres Weissagens und unserer Hoffnung, welches die gottlichen Kabinetsbriefe, geschrieben auf Gottes allergnadigsten Specialbefehl, durch Manner, getrieben vom heiligen Geist, uns ertheilen. Diess ist das Sehen durch einen Spiegel in einen dunkeln Ort. Das Regale der Vernunft ist zu zweifeln; der geoffenbarten Kinderlehre zu glauben. Gott helfe meiner Schwachheit! Amen!
Pold war nicht kindisch, sondern kindlich. Ein paar Worte, bei denen meine Mutter einen himmelweiten Unterschied fand.
Es war ein lieber, sehr lieber Junge. Weiss und roth, Lilien und Rosen! Oft in Gedanken! Was hast du kleiner Mensch zu denken? Statt einer Antwort lachelt er.
H o m e r und M i l t o n und all' ihr Menschenleser! ihr seyd alle zu fruh gestorben, denn ihr habt keine F i b e l geschrieben! Wie sehr ich diess Werk bei meinem Pold vermisst, ist unaussprechlich. Welch ein grosser Geist wird einst die Kindlein zu sich kommen lassen und sie nicht zu klein finden, denn ihrer ist das Reich Gottes! In solche Schulen zu gehen wurde so viel heissen, als eine Promenade ins Paradies machen. Jetzt haben sich auch hier Staatsgrundsatze eingeschlichen, und jedes Kind wird jetzt schon an eine Kette gelegt, als ein beissiger Hund.
Mensch, ist denn diess das Reich Gottes? Wahrlich! ich sage euch, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen!
E t w a s von Aehnlichkeit haben die Kinder auch von unmittelbaren Eltern. Dieser Aehnlichkeitsflecken ist oft sehr versteckt. Mein Vater fand ihn sehr ofters in den Nageln an den Fingern. Die Probe durfte meistentheils richtig seyn.
Gottlob! dass ich P o l d e n nicht ins Treibhaus gebracht! Was hatt' es ihm geholfen, wenn er zu decliniren und zu conjugiren gewusst? Er ist zeitig reif worden, sagt meine Mine! Er wird es werden, meine Liebe!
Gedankenwerk ist Fachwerk Bildung der Vernunft ist eigentliche Erziehung und Seelenbeschaftigung. Mein Vater hatte die Gewohnheit, uber den: Kyrie eleison! auszurufen, der nicht griechisch verstand. Warum, lieber Vater? Er gab, so klein ich war, alle Tage ein griechisch Wort zur Parole aus.
Warum, lieber Vater? Wenn P l a t o nichts anders als griechisch weiss, kann mein Pold kein Wort mit ihm wechseln. Gewiss wird er nicht beim Griechischen geblieben seyn! Mein Vater sagte, die hebraische Sprache sey die metaphysische, die deutsche die philosophische im allgemeinen Sinne; die franzosische die witzige, die englische die dichterische! Die englische die Genie-, die franzosische die Geschmackssprache!
Ich uberliess P o l d e n , wo ich nur wusst' und konnte, der Natur und entfernte ihn so wenig von den Kindern gemeiner Leute, dass ich ihn vielmehr in ihre Art kleidete. Sein Anzug war nur durch innern Werth, auf den kein Kind sieht, unterschieden.
Warum wie ein Hollander, wie ein Englander, wenn man in Liefland wohnt?
* * *
H e r a u s schrie Pold einmal, da mein Schwiegervater kam, und alle Jungens traten ins Gewehr. Wie hoch diess Herr v. W. aufnahm, kann ich nicht aussprechen! Seine Mutter hatte ihm unfehlbar gelehrt, den Bohnen nachzuhelfen, und sie von den allerersten BlatBesonders! Pold selbst pflanzte nicht, durchaus Ein Kind muss in seinem irdischen Vater den Er war sehr geneigt, fur sich zu seyn. Oft hab' ich Einen guten Mittag, da er noch junger war, trat er tersuppe und den Braten und den Kuchen! Kuchen nicht! Gestern hatten wir Kuchen, und gestern hab' ich auch dafur gedankt!
Die Mutter wollte haben dass er die Hande unter die Decke beim Schlafen legen sollte; allein er schlief nie anders, als die Hande frei und uber der Decke.
Aus Handefalten war er schwer zu bringen! Er hatte einen Gefangenen an Handen geschlossen gesehen. Sind wir denn des lieben Gottes Gefangene, sagte er, dass ich die Hande schliessen soll? Wir sollen beten und arbeiten, sagte ihm die Mutter, darum zeigen wir dem lieben Gott die Hande. Das gute Weib hatte diese Erklarung freilich nicht selbst erfunden. Sie war fur Polden beruhigend; er faltete die Hande. Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brod essen, ist das beste Recept fur alle Krankheiten.
Wie ich noch ein kleines Madchen war, sagte der Kleine bei einer Erzahlung, und meinte die Zeit, da er noch im langen Rocke gegangen.
Die Mutter liess ihn nur acht Stunden schlafen. So lange soll er schlafen bis er acht Jahr ist, und nach der Zeit sieben Stunden. Sie hat Recht, dass man eben sowohl zu viel essen, als zu viel schlafen kann.
Einen Tag kam ich vom Felde, und Pold hatte das Bild der seligen Mine mit den ersten Blumen so bekranzt, wie eine Braut, sagte der Kleine, und sprang herum.
Die Geselligkeit ist nicht die Folge einer aufgeklarten Vernunft. Je kluger der Mensch, je weniger theilnehmend, je weniger gesellig ist er. Je mehr Cultur, je kleiner der Wirkungskreis! Es scheint, ein vernunftiger Mensch bilde sich ein, er sey so stark an Leibeskraften, als an Verstandesvermogen, und braucht keiner Gesellen!
Das schwerste ist, den Kindern einen Eindruck von Gott machen, ohne ihnen Gott zeigen zu konnen. Mit Gott in Gemeinschaft treten, ohne ihn zu sehen, ist schwer, und doch stehen wir uns selbst im Licht, wenn wir gewisse Begriffe nicht in der Jugend grunden, und allmahlich einen Damm von dieser zur kunftigen Welt schutten, die unsichtbar ist, wie Gott der Herr.
Meine selige Mutter hielt viel auf eine Lade. Jedes im Hause hatte seine Lade. Ich auch die meinige. Mein Vater lachte daruber. Sie hatte dabei die Bundeslade in Gedanken. Schon das Wort war ihr heilig. Pold musste nichts verschliessen. Was hat denn Gott der Herr verschlossen, das wir brauchen?
Mein Vater pflegte zu sagen: Es waren funf Wunschperioden beim Menschen:
Erstlich, Beinkleider.
Zweitens, Taschenuhr.
Drittens, Madchen.
Viertens, Vermogen.
Funftens Landgut! Die funfte Zahl, setzte er hinzu, ist bei dem Menschen nicht zu verachten, es ist die Korperzahl.
Meine liebe Mine, der das meiste auf diesem Blatte zugehort, will noch etwas mehr angefugt haben. Gern, liebes Weib!
Wie er klein war, sagte sie, liess ich ihn so lange schreien, bis er aufhorte, ohne ihn zu herzen und zu kussen. Nie hat er in einer Wiege gelegen.
Da ging ich mit ihm spazieren nach dem Berge, wo die Baume so stehen, als stiegen sie den Berg hinauf. Es war ein schoner Abend! Pold sagte: wie die Engel auf Jakobs Leiter!
Pold ass nicht susse Fruchte; saure waren fur ihn!
Da sah er einen Ast an dem Birnbaum geknickt, und nahm sein Strumpfband und band ihn an.
Liebes Weib! Wem kann das alles behagen?
Nur noch, wie er starb.
Meinethalben! Herzlich gern!
Ich (mein liebes Weib namlich) erzahlte ihm viel von der seligen Mine, an die ich ihm, wie an eine Verwandtin unseres Hauses, eine Empfehlung gab.
Du wirst sie dort finden sie wird dich aufsuchen. Auch sagte ich ihm, dass er keinen Bruder, keine Schwester mehr haben wurde! Warum, liebe Mutter? Unser Nachbar und seine Frau haben sieben Sohne. Wir keinen, mein Kind! wenn du todt bist, keinen! Sag es Minen in meinem Namen, keinen! A u c h i n V a t e r s N a m e n ? fragte Pold. Ich stand an uber diese Frage. Ja! erwiederte ich, auch in Vaters Namen! Hab' ich zu viel gesagt? Nein! liebes Weib, auch in meinem Namen! Meine Mutter hatte nur mich! Gottlob! dass sie dich behielt! sagt und schreibt Mine.
* * *
Mine wollte, dass ich Polden nach preussischer Manier begraben lassen sollte; allein ich thats nicht, sondern liess ihn einen Morgen bei Sonnenaufgang begraben. Ich begleitete ihn mit einem meiner Freunde, den ich an diesen Ort bestimmt hatte. Sie weiss, wo er ruht, und noch heut hat sie Mutterthranen auf sein Grab geweint. Weine nicht, Mine! Weine nicht!
Gott, was ist das Leben?
Eben eine Antwort von unserer Mutter und ihrem Gemahl. Sehr verschiedenen Inhalts.
Zwar auch er scheint den Fall zu Herzen zu nehmen, der ihm so viel Gelegenheiten zu Freudenfesten genommen. Da er ihm aber doch ein Trauerfest verleiht, scheint er sich zu finden. Complimente machen kalt. Man lost sich ganz in Worten auf, und in abgemessenen Verstummungen. Wer es zu Worten bringt, ist getrostet: so wie ich es jetzt unendlich mehr bin, als zuvor. Ein Complimentist ist ein Klugredner! Meine liebe Mutter, Gott, was hat sie gelitten! Das Wort Sohn! gilt sonst nicht um die Halfte so viel bei der Grossmutter, als der Mutter. Die Grossmutter rechnet auf seinen Schutz nicht. Pold aber war das einzige Grosskind, und seine Grossmutter war die Frau v. W. Soll ich aufhoren, Grossmutter zu seyn? schreibt sie und ringt die Hande; schriftlich ringt sie die Hande. Es ist ihrethalben zu furchten Isaak! der Eineinzige! Ei du frommer und getreuer Knecht, schreibt die gewesene Grossmutter, du bist uber wenig treu gewesen; ich will dich uber viel setzen! Diese Worte, so anstossig sie wegen des Knechts scheinen, beruhigen mich doch auf eine unbeschreibliche Art; ich fand sie so treffend. Beim Trost muss man jede Gelegenheit benutzen, die ohnedem immer wie eine Sibylle ihre Waare ausbietet. Wer nicht zugreift, verliert die Halfte davon und muss die andere Halfte doppelt bezahlen.
Da der Mensch immer leidet, so hat auch Gott der Herr dafur gesorgt, dass er auf trostergiebigem Boden wandelt. Der Trost halt Stich, wenn man alle zerstreute Zuge in einem Brennpunkt zu vereinigen sucht. Er ist wie die Schonheit, die hasslich wird, sobald man sie zergliedert. Das dressirteste Pferd stolpert unter einem schlechten Reiter, und auch den hartesten Stein weiss der Kunstler so weich darzustellen, so warm zu machen, dass man glaubt, es sey Blut in ihm.
Liebe Mutter! liebes Weib! fasst euch! wir werden zu ihm kommen! Seht nicht auf die Person, sondern auf die Sache, und dann blickt euch um! Gehts anders in der Welt? Sind wir die Einzigen, die einen Pold verloren haben?
Beim Sonnenlicht besehen, was hat die ganze weite Welt, so lange der Mensch noch nicht auf seine eigene Hand lebt? Ohne durchs Schlusselloch Entdeckungen zu machen, fragt den besternten Hofmann, wenn er des Tages Last und Hitze getragen, und gekrummt nach Hause kommt, ob alles Gold sey, was man fur Gold ausgibt? Der Wurgengel geht keine Thur vorbei. Er hat den Auftrag, sich uberall an der Erstgeburt, am Markt des Lebens zu halten. Vielleicht ist es noch am besten, den Exorcismus gebrauchen, den allgemeinen Klagen und allen Uebeln des Lebens durch eine Tollkuhnheit widerstehen, den lieben Gott zu Gevatter bitten und Krippenreiten. Als ob die Spekulation etwas anderes ware, als wenn ein Gevatterstand, den man dem lieben Gott ansinnt! Wahrlich ein Krippenritt!
L. 3. Inst. quibus ex caus. manum. non lic. saepe de facultatibus suis amplius, quam in his est, sperant homines! Lasst sie doch, die armen Menschen, wenn sie sich durch Selbstbetrug weiter bringen konnen; ob so, oder anders!
Ehemals wirkte das Bewusstseyn der Muhseligkeiten dieses Lebens den Entschluss, der Welt zu entsagen, welcher noch bis jetzt in einer Kirche, wiewohl nur in den meisten Fallen pro forma, Stich gehalten, bei mir wirkt er das Gegentheil. Nachdem ich mich anders bedacht, fand ich mein Zoar, meine Bucherstube, der Lage nicht angemessen, in die ich versetzt war. Gibt es denn mit Zoars und Sodoms und Gomorras in der Welt? So wie die Welt jetzt ist, was meint ihr? scheint sie uns nicht noch am allerertraglichsten, wenn wir naher auf sie zugehen, und durch Wandel ohne Krumme ihr ein Beispiel zeigen, nachzufolgen unsern Fussstapfen?
Studium, wenn es Trost des Lebens seyn soll, kann nicht in einem platonischen optischen Kasten, oder in einer bessern Melodie auf den namlichen alten Text bestehen. Und ist die Spekulation etwas anderes? Lasst euch doch nicht durch den Schall bethoren! Der Text ist immer derselbe. Die Stoiker liessen sich, ihrer Philosophie unbeschadet, zu Weltgeschaften brauchen.
Christus war nur vierzig Tage und vierzig Nachts in einer Wuste, und nie wagte sich der Satan an den Heiligen als eben hier! Fleisch und Blut ist in der Einsamkeit so laut, als es die Thorheit in der Welt ist. Wer kann mit Spekulation und wer mit Weisheit zu Ende kommen? Mit Geschaften aber kommt man zum Ende. Und welch eine Freude, zum Ende zu kommen! Wer sich selbst Arbeiten auflegt, dispensirt sich auch selbst, farbt, ehe man sichs versieht, einen ganzen Monat roth im Kalender, und hat alle Augenblicke einen Heiligen, dem er nicht die Messe abschlagen kann.
Geschaften ist bei dem Uebergewicht des Menschen zur Tragheit nichts besser als ein Muss! Wenn es schon auf Kunst angesehen ist, warum soll man nicht zu diesem kunstreichen Muss greifen? Wenn die Dienstjahre nur nicht langer als sechs Jahre dauern. Jakob diente sieben und sein Lohn war eine Lea. Wie man schlaft, wenn man was beendigt hat, ist unaussprechlich! Man ruht, man stirbt, man aufersteht wie neugeboren! Dem Pastor schmeckts am Sonntag am besten, dem Junker am Ernteschluss und dem Kaufmann am Posttage.
Ich uberlegte alles mit meinem Weibe und sie fand es wie ich. Was findet diess Mariengesicht nicht so?
Sehet, wir gehen hinauf gen Jerus a l e m , sagten wir einander, und ich entschloss mich, noch einmal mich in Geschafte einzulassen, wozu ich mich so wenig gedrangt hatte, dass vielmehr die dringendsten Antrage mich zuerst auf den Gedanken brachten. Diese Stelle ist sechsjahrig, sie ist wohlthatig fur andere, und ohne alle andern Einkunfte als Diaten, zu denen ich noch einmal so viel legen muss, um in zu leben, wo alles kostbar ist.
Mein Weib, wunschte ich, mocht' einen Victualienzettel beilegen. Warum aber Beilage D, zu der ich mich nicht verbindlich gemacht? So muss man geschaftig seyn, wenn uns Geschafte zerstreuen und hulfliche Hand leisten sollen! Wenn diese Capitulationsjahre geendigt sind, bin ich gegen funfzig, und wer druber geschaftig ist, glaubt nicht, was Herr v. G. herzlich mitsingen wollte und nicht mehr konnte, was meine selige Mine mir noch zu guter Letzt schrieb:
Nach diesem Elend
ist uns bereit
dort ein Leben in Ewigkeit.
E i n V e r s u c h ! werden viele meine Leser sagen, und mein lieber s dessgleichen. Freilich ein V e r s u c h , allein ein misslungener Process in der Chemie brachte das Porzellan aus Tageslicht, welches zwar zerbrechlich ist, indessen doch schon aussieht. Das Berliner hat eine schonere Malerei als Porzellan anderer Orte! Ein Baum ohne Zweige, ohne Kinder und Erben, schiesst in die Hohe! Das will und werd' ich nicht. Mein Muth ist nicht zum Himmelsturmen und das ich mich auf die gutige, milde Ausspannung aus dem Jahre der Standesrucksichten und gewisser Etiketten, ohne die kein Amt ist, und die mir schon seit der kurzen Zeit, da ich eingespannt bin, so druckend sind! Bei Geschaften, falls sie kostlich gewesen, ist alles eine authonianische Chrie, wenns noch so unpedantisch aussieht. Auch wenn ich von dem Legat der Amazonin, der Frau v. b-, Gebrauch gemacht, und Mantel, Rock und Kragen angelegt, war' ich ohne authonianische Chrie abgekommen?
* * *
Jener Heide horte: d e i n S o h n i s t t o d t , da er den Gottern opferte und raucherte; ich nicht also!
Meine Stunde ist kommen, um von meinen Lesern, vielleicht auf ewig, vielleicht auf sechs Jahre, Abschied zu nehmen. Wer hatte das denken sollen, da ich uber die Worte: k u r z e F r i s t commentirte. Naturlich bringt mich dieses: nach einem Endlich noch auf ein
letztes Endlich!
Ich weiss, was fur eine herrliche Sache es ist, den Schlussstein des ganzen Gewolbes zu entdecken und bei dieser Gelegenheit sich zu uberzeugen, dass die sind! Weisheit, Starke und Schonheit an einem dergleichen Schwibbogen finden, ist so was Erwunschtes als etwas in dieser Welt, wo so selten der Schlussstein zu sehen ist, nur seyn kann! Ists aber meine Schuld? Dacht' ich, Zoar je zu verlassen? Legt' ich es je zu einem Buchstaben so oder anders, mehr oder weniger, in meinem Namen an, um diese Namensveranderung mit mir sterben zu lassen? K i n d e r l o s ! bei einem so lieben, edlen Weibe! Und was soll mir der Lebenslauf meiner Vorfahren in a u f s t e i g e n d e r L i n i e , da keine a b s t e i g e n d e vorhanden ist? So hat es dem Herrn uber Leben und Tod gefallen, und er allein weiss es, ob ich noch mein Wort erfullen und die beiden fast fertig daliegenden Theile ubersehen und erganzen werde! In meinen Amtsjahren gewiss nicht. Was da alles aufs Wort merkt! Gewiss nicht in den sechs Dienstjahren.
Verzeiht, lieben Leser, diesen Umschlag, den ich zu machen gezwungen bin.
Seht, ich gehe hinauf! So wie ich einen jeden, wess Standes, Alters und Ehren er ist, hiermit feierlichst ersuche, nichts zu diesem Werke hinzuzuthun, und unter dem Scheine des Rechts meinen Vater und Grossvater durch magische Kunste zu citiren, so sey es mir auch erlaubt, zu bitten, nichts von diesen drei Theilen abthun zu durfen, und das Bild und die projektirte Ueberschrift zum ewigen Andenken so zu lassen, wie beides da ist!
Hiermit l e b e t w o h l !
Nach geendigtem Buche, lieber es, noch etwas hinzufugen heisst die Einheit verletzen und der gottlichen Natur eines Buchs zu nahe kommen. Ich bin kein Freund, wenn schon letzte Worte da sind, noch mehr letzte Worte und allerletzte letzte Worte beizufugen. Meinethalben! Ein paar Zuge konnen freilich nicht helfen, nicht schaden.
Herr v. G. war furs Einfache: M e i n V a t e r hatte fur Eins auch eine wahre Achtung; ware er sonst ein Monarchenfreund gewesen? Im Skelett, sagte er, scheinen Mann und Weib einerlei. Je naher man der Natur tritt, je mehr uberzeugt man sich, dass der liebe Gott alles vortrefflich rubricirt hat. Sein Hausbuch der Welt hat weniger Artikel als man glauben sollte. Drei Ingredienzen konnte mein Vater leiden, nicht aber mehr. Vertragt sich doch Oel und Essig. Die neunte Zahl war meines Vaters Liebling. Dreimal drei ist neun.
Eisen war ihm in vielen Rucksichten besser als Gold! Gold ist Wahn und Zufall, Eisen ist Wahrheit und wirklicher Werth.
Nur neulich erinnerte mich mein Schwiegervater, dass er wegen des Abschiednehmens mit meinem Vater ein Herz und eine Seele gewesen. So ganz nicht! Etwas kann seyn.
Mein Vater hasste armselige Allgemeinheiten. Wer Abschied nimmt, singt die Melodie des Todes; mancher pfeift sie!
Herr v. W. nannte einen kurzen Abschied, der, wie mich dunkt, der beste ist, den man nehmen kann, einen Schlagfluss; einen feierlichen Abschied, die Hektik, die sich in die Zeit zu schicken versteht.
Wer ohne Abschied aus der Gesellschaft scheidet, oder, wie man sich ausdruckt, sich unsichtbar macht, hat sich, wie mein Vater sagt, selbst umgebracht.
Mein Vater war kein Tagwahner, Tagfarber! Auf Tagezeiten hielt er sehr! So hab' ich ihn nie des Morgens lachen gesehen! Den Sommer hielt er fur den Gelehrten weniger zur Arbeit tauglich als den Winter. So verkehrt ist die liebe Gelehrsamkeit! Man sagt, Milton, obschon er blind gewesen, soll im Winter bessere Verse gemacht haben.
Mein Vater war ernsthaft, hager und hielt sich gerade. Ein gewisses Nachdenken, das wie Schwermuth aussah (so sieht das Nachdenken gemeinhin aus, vielleicht weil wir zu sehr wissen, dass wir nicht weit damit kommen), war in seinem ganzen Gesicht verbreitet. Er war sonst heiter und guter Dinge. Selten griff ihn etwas an. Die Augen hatten ein besonderes Feuer. Die Lerche singt im Fluge, so auch achte Dichter. Der Philosoph steht. Oft, wenn er spazieren ging, blieb er stehen, die linke Hand auf seinen grossen weissen Stock gelegt, und mit der rechten sich aufgestutzt.
Da sehen die meisten Leute diese Welt als eine Spielgesellschaft an, wo die Klugen nichts weiter thun, als Partien machen. Einigen scheint sie, wie ein Schauspiel, wo sich der Zuschauer, bloss weil er seinen Platz bezahlt hat, uber andere zu lachen berechtigt halt. Der Weltpatriot sieht diess Leben als Zeit und Gelegenheit zu ernsthaften Dingen an, wenigstens halt er sich verpflichtet, Vorsatze hiezu zu fassen. Gott segne seine Studia.
Mein Vater stritt, ohne eben darauf auszugehen, Recht zu behalten. Jeder wird seines Glaubens leben, war sein Glaube. Meine Mutter pflegte zu sagen, er sey von der streitenden, nicht aber von der triumphirenden Kirche.
Ich mochte wetten, er hatte gern einen Ring getragen, wenn er nicht Pastor gewesen. Herr v. G. seliger gewiss nicht, um wie viel nicht.
Mein Vater setzte nichts ins Spiel, was er lieb hatte. Meine Mutter glaubte, man konne seine Zuneigung zu allem Leblosen nicht anders an den Tag legen, als wenn man es an einen Ehrenort setzte. Selbst war sie fur Gewolbe, bis mein Vater sie davon, wie vom Kreuzschlage, abbrachte. Mein Vater brauchte alles, was er lieb hatte. Durchs Aufbewahren, bemerkte er, zerbricht alles leichter. Peinlichkeit schadet uberall. Wenn man mit der Dose im Umgange ist, wird sie zuletzt ganz dreist mit uns, und so bekannt, dass sich keines vor einander scheut, weder ich noch sie. Ist es nicht thoricht, sich Knoten ins Schnupftuch machen, um sich an diess und das zu erinnern?
Was er doch uber die Theilung von Polen gesagt haben wurde, wenn er sie erlebt hatte?
Gern, lieber Freund! hatte ich gewunscht, Sie hatten meinen Vater, wenn nicht gekannt, so doch einmal gesehen. Er gehorte unter die sichtbaren und unsichtbaren Geschopfe, und war in allen Rucksichten ein verehrungswurdiger Mann.
Manner seiner Art sieht man gern. Eine doppelte Personlichkeit am Kern und Schale, Korper und Geist!
Es gibt Leute, an denen es auffallt, dass sie den Leib nur wie einen Schlafrock umgeworfen. Er hangt so, wie ein Dieb am Galgen. Meinem Vater war der Leib auf die Seele gemacht, so wie man vom Kleide sagt: Es ist auf den Leib gemacht. Es war ihm Mass genommen. Ein feiner Anzug! Keine steife Leinwand, alles so locker und adellose und doch anprobirt! Wie auf den Leib gegossen. Oft ging er fur die Seele. Es gibt wirklich Seelenbewegung, wobei man ordentlich fuhlt, dass der Leib keinen Antheil hat. Den Magen nannte er die Wurzel des Thieres; das Gehirn die Wurzel der Seele.
Z u o r t h o d o x ? Er war freilich den Grundsatzen seiner Kirche treu; allein wahrlich, er wurde den kindlichen Communionshunger des Johann Jakob Rousseau, welcher auch in meinem Buche Todes verblichen, gestillt haben. Meine Mutter, die eine Schutzpatronin der leidigen Erbsunde war, hatte ihn zwar ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Tisch des Herrn gewiesen und wider seinen Zutritt in bester Rechtsform protestirt; allein mein Vater nicht. Wahrlich, wahrlich! ich sage es euch, er hatte ihm diesen Tisch gedeckt und einem so hungrigen und durstigen Mann das Brod gebrochen und diesen Kelch gegeben. Ihm, der Bruder und Schwestern suchte, und so viel Seelenmordbrenner und Gewissensvergifter fand, dass er zuletzt meinem vierschrotigen Freunde H u m e nichts Gutes ansah, und ein solch wunderlicher Seelen- und Leibesphysiognomist ward, dass sich Gott erbarme! Nie kann ich es vergessen, was mein Vater, der mit dem Apostel J o h a n n J a k o b nur nach meiner Zeit naher bekannt worden, meiner Mutter (aus dem Einhornschen Geschlecht) bei Gelegenheit, dass sie den Stab uber den Herrn v. G. brach, dessen er sich in seiner Abwesenheit immer ritterlich annahm, zurief: Preussen! Holland! Toleranz hin, Toleranz her! Ein anderes ist Toleranz aus Commerciumabsicht, ein anderes von Gotteswegen. Ein anderes Holland, ein anderes (er nannte ein Land). Glaube mir, mein Kind! wer wurde in Holland und dem Herrn Christo die Communion versagen, wenn er da ware? Die Narren! ohne zu bedenken, dass er sie in der Nacht da er verrathen ward, eingesetzt hat. Nenne mir ein Land, liebe orthodoxe Seele, wo man ihn nicht kreuzigen wurde? Wo er nicht noch in manchem seiner Junger (Rousseau und ) gekreuzigt wird? Lieber Rousseau! Ich habe dich meinem Schwiegervater empfohlen, und er feiert deinen Sterbetag, obgleich du nicht von Adel bist. Mehr vermag ich nicht. Meine Mutter hatte dir kein Monument in der Speisekammer errichtet? Ob mein Vater zum E u g e n im Prunkzimmer zur rechten Hand unterm Spiegel gesagt: W e i c h e d i e s e m ! weiss ich nicht. Wenn ich erwage, dass du, wie alle edle Menschen, nicht hattest wo du dein Haupt hinlegtest, und da dich durstete, dir nichts gegeben ward, als Essig und Galle, so fallt mir der Spruch ein: Was ihr gethan habt einem meiner geringsten Bruder, das habt ihr mir gethan!
Geburt, sagte mein Vater, klebt an bis ins Grab. Wahrlich, er hatte Recht! Die wahre Religion ist die, in der man geboren und erzogen ist. Erziehung ist ein Stuck von Geburt; Seelengeburt! Seht selbst Gelehrte, wenn sie von schlechtem Herkommen sind, wie sie sich nach ihres Geburtsgleichen sehnen! Sie finden, dass der gemeine Mann eben so klug ist, wie der Hofmann, nur dass ihm der Ausdruck fehlt, zu dem ihn doch zuweilen ein Glaschen uber'n Durst bringt, und dann ist dieser Ausdruck immer treffender und warmer, als der Ausdruck des Hofpapageien. Gelehrte von geringer Abkunft wollen nicht Engelaffen, sondern Menschen seyn. Thun sie ja, als wussten sie auch, wie es bei Hofe zugeht, so steht's ihnen gewaltig ubel. Selten ist Geschmack in ihrer Kleidung, am wenigsten bei Perucke und Schuhen. Ein Schweinbraten kommt bei einer wirklichen Hofschussel zu stehen. Etwas wohlfeiles in ihrem Ausdruck, und dann zuweilen ein Schwung, dass man fragt: Wo sind sie geblieben? Sie nehmen sich des gemeinen Mannes an, und wollen es nicht seyn.
Ich weiss nicht, ob es meinen Lesern nicht aufgefallen, wie sehr mein Vater von je an Zeichen einer guten Geburt schimmern lassen. Er hatte wahrlich eine sehr feine Lebensart. Ein gewisses Selbstgefuhl war ihm eigen, bei einer edlen Mittheilung auch immer ein gewisser Ruckhalt, der Leuten von Stande eigen ist! Aus diesem Gesichtspunkte wird man manches so nach und nach auflosen, was in seinem Charakter sich zu widersprechen anscheint, und sich nicht widerspricht. Nie wand sich das Licht in einem schwarzen Chaos, ehe es herausspritzte. Es spritzte nicht, es floss. Er schrie nicht, er sprach, und es ward. Sein Ausdruck war nie gemein, allein auch nie schwer. Er war kein Tongeber, allein auch kein Tonnehmer. Die Italiener bitten aufs Casino zu Gast. Sie wollen's zu gut in ihrem Hause machen, und lassen es lieber gar bleiben. Der ist geborgen, der schon bei ihnen im Saal ist. Licht ohne Ende. Allein auf der Treppe flosst man sich den Kopf.
Vielleicht hatten wir, ohne menschliche Seele, Anlage zu H a u s t h i e r e n , sagte mein Vater; und dann wieder kaum!
Meine Mutter hatte die beliebte Pastor-Erklarungswendung: A l s w o l l t e e r s a g e n . Wenn er Pastorin in gewesen, fiel mein Vater ein. Die Commentatores empfehlen, was jetzt getragen wird. Sie machen aus einem Kopf- ein Kniestuck und sticken ein Stuck Leinwand an, das sie nach Gutdunken bemalen. Schade um den alten guten Rahmen, aus dem sie den Kopf gehoben! Meinst du? Jammer und Schade um das Bild! Ein junger hohnsprechender Pastor, der von kam, liess sich aus: Er wurde eine Vorsundfluths-Weltgeschichte schreiben und der Bibel Vorfluth schaffen. Mein Vater vermied so sehr als moglich, mit ihm zusammen zu seyn. Noch ist das Werk nicht heraus.
Mein Vater war nie verlegen uber seine Predigten. Im gemeinen Leben schien er rednerisch; es war aber bloss ein lebensartiger Ausdruck. Die Redekunst macht seichte Kopfe, pflegte er zu sagen, und wenn einige seiner vernunftig milchlautern Collegen sich unter einander beschwerten, dass sie nichts mehr zu predigen wussten, und dass sie sich ausgepredigt hatten, versicherten; so konnte er diess eben so wenig begreifen, als dass irgend jemand die Zeit lang werden konne. Oft nahm er eine Blume, einen Ast aus der Sonntagslection, Evangelium oder Epistel, oft ging er sie ohne meiner Mutter: A l s w o l l t e e r s a g e n , nach ihrer ganzen Lange durch. Kopf- blieb Kopf- Kniestuck Kniestuck!
Wenn Christus, sagte meine Mutter, eine Bibel vom Himmel gebracht, wie doch die gewesen ware!
Darstellung, sagte mein Vater, ist der nachste Weg zum Menschen. Wer durch die Speculationsthur kommt, ist ein Miethling!
Die Feierlichkeit, mit der mein Vater alles that, war so sehr von der Festlichkeit des Herrn v. W. unterschieden, dass ich behaupten kann, bei einem war der Leib, bei dem andern die Seele im Sonntagsgewand.
Meine Leser! (oder soll ich mich bloss zu dir, mein guter es! wenden?) werden dieses Sonntagskleid oft gefunden haben; nie aber mehr, als wie er: Licht! rief. Das Papier gluhte so feierlich, sagte meine Mutter, als wenn einst Gott den Bogen Papier des Himmels am Licht anzunden wird.
Meine Mutter konnte ihm seine Kopfunterlage im Bette nicht hoch genug machen! Es war ein Berg aus lauter Matratzen. Herr v. G. hatte fast nichts unterm Kopf.
Salbei ein Kraut, woraus die Alten viel machten, ward, meinem Vater zu Gunsten, an die meisten Schusseln gelegt, die meine Mutter anrichtete.
Er schopft die Natur so von oben, sagte meine Mutter, wie ich den Milchrahm; obgleich sie auch naturfinderisch war.
"Gleich das erste Jahr nach unserer Hochzeit ging ich mit ihm spazieren; wir sahen eine Eiche, die am Zaun stand. Sieh nur, sagte er, sie sieht auf den Zaun, dessen Kinder und Kindeskinder sie beleben wird."
Von abgerissenen Blumen, die im Zimmer ihr Leben aufgaben, war er kein Liebhaber. Man riecht den Todesschweiss, sagte er, und ihre Verwesung!
Meine Mutter konnte nicht vergessen, dass er die Frosche einst Dorfmusikanten genannt.
Wie die Blumen und Baume da schlafen, sagt' er einen schonen Abend zu mir (alles aus dem Munde meiner Mutter), da uns der Mond herausgelockt hatte. Sieh! einige Blatter legen die Fusse zusammen, andere legen sich ganz zu. Alles anders, als wenn es wacht! Zweige beugen sich, als wenn du in dem Stuhl eingeschlafen bist. Wie schon alles eingeschlummert ist! Gute Nacht! lieber Mond.
Was meines Vaters theosophischen Ausdruck beUeber die Liebe sprach er gern und gewaltiglich. Meine Mutter hatte diese Liebessprache so zu HerDie Epistel am Sonntage Quinquagesima hebt sich Wenn ich mit Menschen- und mit
Engelzungen redete und hatte
der Liebe nicht, so war' ich ein
tonend Erz oder eine klingende
Schelle,
und schliesst:
Nun aber bleibt Glaube! Hoffnung! Liebe! diese drei: Die Liebe ist die grosste unter ihnen.
Am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis ging mein Vater, nach meiner Mutter Meinung, wie ein geistlicher Ritter gestiefelt und gespornt auf die Kanzel. Herr v. G. Seliger hatte bemerkt, am Sonntage Quinquagesima wie ein Goldmacher. Liebe ist die Firmelung der Seele, sagte mein Vater u.s.w.
Die heilige Eins meines Vaters ist uns bekannt, und seine heilige Drei dessgleichen.
Man muss Gott, sagt' er, nicht verkorpern und den Menschen nicht vergottern. Statt Leib und Seele, sagte er oft: Meine Physik und Metaphysik, und diese Ausdrucke sind noch in der dortigen Gegend gang und gabe bis auf den heutigen Tag.
Der Geiz sieht auf die Folge der Sache. Wenn andere spazieren fahren, denkt er, sie werden wieder zu Hause kommen, und dann sind sie eben so klug, als ich, der ich zu Hause geblieben. Ich konnte, denkt er, wenn ich wollte, auch traktiren, und gibt keinem Salz und Brod.
Mein Vater pflegte sehr artig die Christen aus diesem Gesichtspunkte des Geizes zu beschuldigen, die nur bloss bei ihrem Gutseyn (doch wer ist das, als Gott?), bei ihrem Bestreben gut zu seyn, auf die andere Welt sehen. Er war kein Feind dieses Lebens, obgleich er mit einer seligen Fassung starb, und wirklich auch in der Hoffnung selig war eines kunftigen Lebens.
Er ging mit der Sonne unter, wie ich schon gemeldet habe.
Er starb, sich vollstandig bewusst, und nur in einer Stunde, in der er viel griechisch redete, schien die Einbildungskraft der Vernunft das Uebergewicht abgewonnen zu haben. Es wahrte indessen nicht lange, und alles war wieder an Stelle und Ort.
Er dachte an mich mit herzlichem vaterlichem Segen.
Meine Mutter fragte ihn, ob es ihm leid thate, dass ich Alexander hiesse? Er lachelte. Gern, wie sie schreibt, hatte sie ihn wegen seines Vaterlandes und nach einer schweren Menge ihr unaufloslicher Dinge gefragt, wenn sie, wie sie anmerkt, Herz gehabt. Er sah so himmlisch aus, dass meine Liebe sich in Achtung verwandelte, schreibt sie. Liebe fragt, fuhr sie fort; Achtung merkt auf. Mein Vater starb mit den Worten: N i m m m e i n e n G e i s t a u f ! Er verstummte nicht, schreibt meine Mutter, dieser treue Lehrer! Er blieb nicht im Worte. Der Geist vertrat ihn und half seiner Schwachheit aus. Man horte ganz vernehmlich: N i m m m e i n e n G e i s t a u f ! Sobald er kalt war, sang sie das Pfingstlied:
Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Dass er uns behute! an unserm Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende!
Kyrie Eleison!
* * *
Auch diess ist vollendet. Ein kleines Stuck aus dem vierten Theil! Weit weniger, als ein Fragment!
Dass ich schon in Jerusalem bin, wo ich hinaufging, will ich noch kurzlich bemerken. Ich will ausdauern, aber wahrlich niemanden rathen, ins Geschaftskloster zu gehen, um sich zu zerstreuen. Lieber I es, lass dich nicht gelusten!
Ein ehrbarer romischer Rathsherr liess sich aufs Grab schreiben: Hier liegt Similis, ein alter Mann, der doch nur sieben Jahre gelebt hat. Sieben Jahre lebte er in S i m i l i s H o f c h e n das andere von seinem Leben gehorte nicht ihm!
Sechs Jahre, weniger funf Monat! Gott wird helfen! Amen!
Eben hat Mine mir wieder ein Probchen von ihrer Dichtungsgabe vorgelesen. Da ist es. Es enthalt eine treue Beschreibung meines Festungsgartens, den sie spottweise A l e x a n d r i e n nennt. Meine Arbeitsstube geht in diesen Garten, so, dass ich ihn mir eigen mache.
Alexandrien.
Ist die Welt denn etwas anderes, als ein Vogelbauer, wo man sich herumdreht, und, wenn es recht lustig hergeht, Sprosse auf Sprosse abspringt? Klage nicht uber dein Gartchen, das rings umher mit Hausern umgeben ist, so dass dir nur nach oben zu freie Aussicht ubrig bleibt. Gibts eine andere freie Aussicht, als die nach oben gen Himmel? O die schone Gipsdecke Gottes, so schon kann kein Kunstler sie nachmachen! Alles konnen Maler und Zeichner nachbilden, nur den Himmel nicht. Wie kann man die Welt in eine Kammer bringen? Den grossen Gott in ein Haus, wenn's auch einen Thurm hat? Sieh dich um in deinem Gartchen, sind die nachbarlichen Mauern nicht grun behangen, und so schon von der Natur bewirkt, dass man die Festungsmauer ringsum nicht wahrnimmt? Willst du mehr, als diese augenstarkende, herzerfrischende grune Tapete? Das Grasstuck Wiese, und diese lebendige Wand, Wald; was hat die Erde herrlicher? Was war im Paradiese mehr, als Baume und Gras? Und sieh nur jenen grossen Baum! Er stammt geradeweges vom Baum des Lebens im Paradiese. Wie herrlich er da steht, sich verbreitet und sich einbildet, deinen ganzen Garten befassen zu konnen! Lass ihn gross thun, diesen Baum aus so gutem Hause, lass ihn gross thun! Es kostet ihm am meisten. Das Gras braucht Schatten und die Hecke Aeste, die ihr zu Hulfe kommen. Sieh! Wenn dieser Lebensbaum ihr nicht unter die Arme griffe und aushulfe, sie wurde nicht bis oben zu die Mauer bedecken, die allem, was grun ist, so spinnenfeind ist. Auch wurde die Sonne sonst dieser nur frisch gepflanzten Hecke das Kleid beflecken und es verderben, ehe der Herbst kommt und es Zeit ist. Klein ist dein Garten; allein merkst du nicht, wie alles sich bestrebt, sich darnach einzurichten? Die Biene sumset so laut nicht, um den Finken nicht zu storen, der deinen kleinen Garten sich zur Kapelle geheiligt hat, sein Morgenlied abzusingen und wenn die der Welt abgestorbene Philomele deine kleine Einsiedelei entdeckt, was sollte sie abhalten, hier ihr Klagelied anzustimmen und diese Einsamkeit dem vogelreichen, larmvollen Walde vorzuziehen, welcher ihrer nicht werth ist! nicht werth!
Sieh, wie der Sperling sich in der Stille paart, um durch sein galantes Zwitschern keinem gesitteten Burger deines Gartens durch Ueppigkeit ein boses Beispiel zu geben!
G r o ss ist dein Garten dem Weisen, dem Guten, dem nichts zu klein ist, wie unserm Herr Gott! Einen so grossen Erdschollen als der Mensch zum Grabe braucht, hat er auch nur nothig. Froh zu seyn! Wie weit mehr hast du! Du und dein Weib konnen in diesem Gartchen begraben werden und selig ruhen, und doch bleibt noch Raum fur einen Menschenfreund, dem Philomele beistimmt, wenn er unsern Tod beweint!
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Eben ein Brief, dass meine Schwiegermutter ausser Hoffnung sey. So stirbt denn alles, was gut ist! Vielleicht bessert sie sich! Gott geb' es! Meine Mine will den altesten Sohn des Nathanael, Alexander genannt, erziehen. Mag sie sich wissen! H i e r m i t l e b e t w o h l ! Das waren die Worte, in die mein Freund es griff. Jetzt, da ich auch ihn befriedigt, kann ich mit vollig entledigtem Herzen lebt wohl! wiederholen. Wenigstens habt ihr doch etwas von der a u f s t e i g e n d e n L i n i e , so dass Bild und Ueberschrift dieses Buchs zum kleinen Theil erfullt ist. Sterb' ich in den sechs Jahren, gonnt mir die Ruhe! Lasst, was ich euch gesagt habe, im Segen bei euch bleiben. Ich lasse euch den Frieden, ich gebe euch den Segen des Friedens Gottes, der hoher ist denn alle Vernunft! Nicht geb' ich euch den Frieden, wie die Welt gibt, die mit ihrer Lust vergeht. Euer Herz erschrecke nicht ob dem grossen Gedanken vom Reiche Gottes und furchte sich nicht. Weiter, lieben Bruder! was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach! Der Gott des Friedens sey mit euch und meinem Geiste! Amen!
Legt es dazu an, Freunde! dass wir uns einst wiederfinden in der Versammlung der Guten, nach dieser Zeit Leiden, wo so mancher seine M i n e , seinen P o l d wiederfinden wird unter den Verklarten des Herrn!
L i e b e s h o l d e s M a d c h e n ! schame dich der Thrane nicht, die dir entfiel! Deine Liebe zu dem Vertrauten deiner Seele war eine edle, gute Liebe. Du wirst ihn wiederfinden, deine Traurigkeit wird in Freude verkehrt werden. Du hast deinen Willen uberwunden, der Welt halber, du hast uber die Welt gesiegt, in welcher du Angst hattest! Sey getrost!
Auch du, k i n d e r l o s e r M a n n ! der du Kraft fuhltest, dir Nachkommlinge zu erwecken, der du jene astronomische Prophezeiung nicht zu hoch fandest, zahle die Sterne, kannst du sie zahlen; also soll auch deine Nachkommenschaft seyn! Du in deiner Kraft durch den Weltlauf erstickter edler Mann, nimm Trost aus meinem Beispiel! Sieh! ich werde, ohne mich fortzupflanzen, versammelt zu meinen fruchtbaren Vatern. Kein Sohn wird bei meinem Grabe gen Himmel sehen und sagen: Mein Vater! Keine Tochter wird ihre Hande ringen und meine Gebeine begrussen mit einem: Ruht wohl! Und sieh Freund! Du bist weiblos, und ich habe eine Mine und sie hat mich! Weib meiner Seele! Wende dein Auge, ich seh' es brechen, wend' es! Ich bitte, ich flehe! Lass mich mit diesen Kinderlosen allein! Unser Pold sieht das Angesicht unseres Vaters im Himmel, der heute, nach einer so langen Durre, regnen liess. Blick' her, wie sich der Baum vor dem Fenster erholt hat. Unser Pold ist bei Gott. Die Gerechten werden weggerafft vor dem Ungluck, und die richtig vor sich gewandelt, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern. F r e u n d ! hast du sie gesehen? Hast du m i c h gehort? O danke Gott, dass du kinder- und weiblos bist, dass du nicht nothig hast ein Weib zu trosten ihres einzigen Sohnes halber! Wie weit glucklicher bist du!
Die Freude an Gott und seinem Reich sey unsere Starke. Bis unser Ende kommt, wollen wir nicht weichen von unserer Frommigkeit. Vergiss, L i e b e r ! was dahinten ist, und strecke dich nach dem, was da vorn ist: jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches verhalt die himmlische Berufung. Wandle wurdiglich, dem Herrn zu gefallen, und sey fruchtbar in allen guten Werken, bis uns der Herr erlost von allem Uebel und uns aushilft zu seinem Soll ich euch, g e l i e b t e s t e n L e s e r ! uber Lebt alle, alle wohl, fromm und glucklich! Steht auf und lasset uns von hin
Fussnoten
1 Dass diess die Anfangsbuchstaben meines Namens sind, bekraftige ich hiermit mit Ja und Amen!