1776_Wezel_104 Topic 1

Johann Karl Wezel

Belphegor

oder

Die wahrscheinlichste Geschichte

unter der Sonne

So lange ein Mann, dem die Natur gleich viel Feuer in die Einbildungskraft und in die Empfindung gelegt hat, die Erfahrungen zu seinen Begriffen blos aus seinem guten Herzen und dem kleinen Zirkel simpathisirender Freunde hernimmt, so lange wird er sich mit schonen Illusionen hintergehen, der Mensch wird ihm ein Geschopf hoherer Ordnung, geschmuckt mit den auserlesensten moralischen Vollkommenheiten, und die Welt der reizende Aufenthalt der Harmonie, der Zufriedenheit, der Gluckseligkeit seyn. Man stosse ihn aus seiner idealen Welt in die wirkliche; man lasse ihn die vergangnen Zeiten, die Geschichte der Menschheit und der Volker durchwandern; man werfe ihn in den Wirbel des Eigennutzes, des Neides und der Unterdruckung, in welchem seine Zeitgenossen herumgetrieben werden: wie wird sich die ganze Scene in seinem Kopfe verwandeln! die blumichten Thaler und lachenden Auen, voll friedsamer freundlicher Geschopfe, die ihr Leben in gutherziger Eintracht dahintanzen, werden zuruckfahren, und statt ihrer Walder und Gebirge mit zusammengerotteten auflauernden Haufen hervorspringen, worunter jeder des andern Feind ist und nur durch Besorgniss fur sein Interesse abgehalten wird, es offentlich zu seyn, wo jeder Auftritt das Theater mit Blute besudelt, in jedem eine Grausamkeit begangen wird: das wird ihm izt die Welt, und der Mensch ein listiger oder gewaltthatiger Rauber seyn, der auf sein ICH eingeschrankt, mit verschiedenen Waffen wider die ubrigen ficht, keinen irgend worinne uber sich dulden, und gern uber alle seyn will eine Maschine des Neides und der Vorzugssucht.

Ist die korperliche Zusammensetzung eines solchen Mannes er sey Zuschauer oder Mitspieler brausend und thatig, so wird sich seine Seele einem so ausserordentlichen Widerspruche wider ihre bisherigen Begriffe widersetzen, unwillig werden, wie ein Mensch, den man aus einem Feenschlosse in eine Wildniss fuhrt, alles bessern, alles umschaffen wollen, und wenn er zu seinem Herzeleide seine Umschaffung nie zu Stande kommen sieht, auf Welt und Menschen zurnen, sie hassen, dass sie seine gutgemeinte Bildung nicht annehmen wollen, aus den verwirrten Scenen der Welt kein harmonisches zweckmassiges Ganze zusammensetzen konnen, alles daher fur ein Chaos erklaren, das Verwirrung und Unordnung in ewigem Streite erhalten, und wenn ihm sein gutes Herz doch hin und wieder anscheinende Spuren einer abgezweckten Anordnung entdecken lasst, sich mit Unruhen und Zweifeln martern: dieser Mann ist BELPHEGOR.

Hat ihm aber die Natur einen Zusaz von Kalte in die Masse seines Korpers geworfen, mehr Lebhaftigkeit als Feuer verliehen, so wird er durch die Menschen vorsichtig hinwegschlupfen, alles nehmen, wie es ist, und sich bey dem Schauspiele der Welt nicht anders interessiren, als der Zuschauer einer theatralischen Vorstellung, ohne sich drein zu mischen; er wird vielleicht zuweilen bitter lachen, aber stets Besonnenheit genug behalten, uber die Welt mit so vieler Kaltblutigkeit zu rasonniren, als jener mit Warme deklamirt: der Kontrast zwischen den Begriffen, die ihm die gegenwartige Erfahrung aufdringt, und den Vorstellungen, die er ehmals hatte, muss ihn nothigen, einen Ausweg zu suchen; sein gutes Herz lasst ihn die vielfaltigen Unordnungen, Grausamkeiten und Verwirrungen keiner wollenden Vorsicht zuschreiben, er geht einer Ursache nach, und sein Rasonnement fuhrt ihn auf die Nothwendigkeit des Schicksals, welcher er alle Unordnungen aufburdet, und er kann nach seinem Temperamente Beruhigung darinne finden: Dieses ist FROMAL in der folgenden Geschichte.

Endlich setze man ein leichtes Blut, munter dahingleitende Lebensgeister, ein froliches lebhaftes Gemuth, einen Kopf ohne weiten uberschauenden Blick, einen Verstand, der wenig rasonnirt, ein Herz, das gern glucklich seyn will und darum den Verstand desto leichter uberredet, alles geradezu oder auf leichte Grunde zu glauben, was zur Ruhe und Zufriedenheit fuhrt, und deswegen leicht uber die Unvollkommenheiten der Menschheit hinzuschlupfen, mit einer guten Dosis ehrlicher Treuherzigkeit zusammen; und so hat man den guten MEDARDUS, der einen herzhaften Puff von der Widerwartigkeit geduldig ertragt, und fest glaubt, dass es ihm irgend wozu nuzlich seyn konne, nur damit der Unmuth daruber seine Heiterkeit nicht doppelt unterbreche.

Nach des Verfassers Theorie sind Neid und Vorzugssucht die zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Standen der Menschheit und Gesellschaft, bey allen Charakteren allgemeinsten Triebfedern der menschlichen Natur und die Urheberinnen alles Guten und Bosen auf unserm Erdballe; er stellte also in dem Leben jener drey Personen ein Gemahlde der Welt auf, in welchem Neid und Unterdruckung die Hauptzuge sind, wie sie ihm die Geschichte der Menschen und Volker darbot.

Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als vortreflich geschildert: aber entweder betrogen sie sich selbst, oder wollten sie die Leser betriegen; entweder kannten sie den Menschen nicht genug, nur von einer Seite, oder wollten sie die Leser bestechen und sie uberreden, dass sie die Zuge ihres Gemahldes von ihrem eignen Herzen kopirt hatten. Der Verfasser glaubt wenigstens kein schlechter Herz empfangen zu haben, als diese Herren, wenn es auch nicht besser ist, und ohne die Welt und den Menschen mehr oder weniger kennen zu wollen, als sie, sagt er, was jeder Schriftsteller einzig sagen kann was ihm scheint, nichts als das Resultat seiner Beobachtungen.

Nicht eigne Widerwartigkeiten denn der Pfad seines Lebens ist bisher mehr eben als holpricht gewesen nicht Hypochonder oder Milzsucht denn er war jederzeit Freund der Freude und Feind des Trubsinns nicht Mangel an wahren Freunden denn er besizt deren eine kleine Anzahl und hat auf seinen Wegen immerhin Menschen mit guten liebreichen Herzen gefunden keine von diesen Widrigkeiten hat auf seine Vorstellungen, so viel er sich bewusst ist, einen schwarzen Schleier geworfen: er sah die Welt an, so weit sein Blick in gegenwartige und vergangne Zeiten reichte, und sagt aufrichtig, was er gesehn hat.

Die ubrigens lieber ideale Schilderungen von ganz guten Menschen und ganz glucklichen Welten lesen, denen kann dieses Buchelchen keine taugliche Speise scheinen; und wenn sie lieber solche von ihm verlangten, so konnte er sie damit bedienen: denn er hat Risse zu vollkommnen Republiken und vollkommnen Welten fertig, in denen sichs aber vielleicht, wenn sie durch eine schaffende Kraft zur Wirklichkeit gebracht wurden, sehr schlecht wohnen liesse: wenn es seyn soll, kann er auch traumen. Bis hieher hat er aber mehr Beruf gefuhlt, zu sagen, was ist, als was er wunschte oder seyn sollte.

Doch fehlt es ihm auch nicht an guten und liebenswurdigen Zugen der menschlichen Natur, und er hat, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schon langst eine Idee im Kopfe herumgewalzt, die Idee eines Gemahldes, das alles, was sich mit Wahrheit Gutes vom Menschen und der Welt sagen lasst, in sich schliessen soll, und nichts wird ihn von der Ausfuhrung abhalten, es ware denn Gefuhl der Unfahigkeit, oder Mangel an Lust und Musse. Dieses wunderbare Kompositum, das wir Menschen nennen, ist im einzelnen und im Ganzen ein wahrer JANUS, eine Kreatur mit zwey Gesichtern, eins abscheulich, das andre schon eine Kreatur, bey deren Zusammensetzung ihr Urheber muss haben beweisen wollen, dass er die streitendsten Elemente vereinigen, Geselligkeit und Ungeselligkeit verknupfen und auch ein Etwas formen kann, dessen Masse aus lauter Widerspruchen bereitet ist und durch diese Widerspruche besteht.

Denen sein Buch ganz misfallt was sollte er diesen weiter sagen? 'Tis too much to write books and to find heads to understand them sagte Sterne, und sagte auch er, wenn man IHM nicht als unbescheidnen Stolz anrechnen wurde, was man Sternen als Wahrheit gelten lasst.

Chronologische und geographische Fehler mogen Kenner der Geschichte und Erdkunde berichtigen.

Wezel

Erster Theil

Bellum omnium contra omnes.

Erstes Buch

Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger! rief die schone Akante mit dem jachzornigsten Tone, und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stossen mit dem rechten Fusse zur Thure hinaus.

Der arme Vertriebne schleppte sich mit stummer Betrubniss bis zu einem nahen Hugel an der Landstrasse, wo er sich niedersezte, das Gesicht nach dem Hause zugekehrt, aus welchem er eben izt so empfindlich relegirt worden war, dass ihn die Schmerzen des linken Huftbeins nicht einen Augenblick an der Gewissheit des Unfalls zweifeln liessen, ob ihn gleich seine Verweisung so unvermuthet uberraschet hatte, dass ihm die Begebenheit wie im Traume vorgegangen zu seyn schien. Aus Liebe zu der grausamen Akante hatte er gern die Wahrhaftigkeit ihrer harten Begegnung gelaugnet, wenn nicht der Schmerz jede Minute sie unwiderlegbarer gemacht hatte. Mit einem tiefen Seufzer gab er sie also zu, liess eine Thrane fallen, und machte seiner Beklemmung durch eine wohlgesezte Klage Luft.

Ach, rief er, so ist auch Akante ungetreu? Auch sie thut, was ich sonst als die Beschuldigung eines bosen Herzens verwarf, das mir das edelste schonste Geschlecht zu verlaumden schien SIE widerlegt mich? SIE beweist mir, dass diejenigen Recht hatten, die zu meinem grossen Aergernisse ihr Geschlecht wankelmuthig, treulos, veranderlich, unbestandig nannten? So empfindlich muss ich uberfuhrt werden, dass ich in einer blinden Bezauberung lag, als ich diese verkleideten Ungeheuer ohne Fehler, ohne Laster glaubte? O Akante! warum rissest Du mir die Augen auf, statt sie mir zu offnen? Nein, es ist nicht moglich! DU warst es nicht; ich habe getraumt. Breite deine Arme aus! ich komme zu dir zuruck.

Er wollte in der Begeisterung aufstehen, um sich an ihren Busen zu werfen, und er konnte sich nicht einen Zoll hoch von der Erde erheben: die gelahmte Hufte zog ihn wieder zuruck, dass er vor Schmerz laut schrie. Zur Vergrosserung seines Kummers musste die ungetreue Akante ihm gleich gegenuber, von seinem Nebenbuhler umschlungen, am Fenster stehn und mit der ausgelassensten Frolichkeit seiner spotten: wenigstens gab ER ihrem Lachen diesen Sinn.

Ja, sie war es, sagte er endlich leise zu sich, sie war es, die Tigerinn! Sie hat mir meine Hufte zerbrochen; sie hat mich zum Krupel gemacht. In diesem Tone fuhr er noch lange Zeit fort und sagte sich mancherley von den herzbrechenden Dingen, die meine Leser in jedem Romane oder Trauerspiele nachschlagen konnen. Mitten in dem Selbstgesprache naherte sich ihm ein Mann, auf einem Grauschimmel zwo Gestalten, die er schon von weitem hasste, weil der Reuter eine so froliche Mine in seinem Gesichte trug, als wenn die Glucksgottinn seine leibliche Schwester ware, und das Pferd in einem so leichten sorglosen Trabe daher tanzte, dass er mit seinem Herrn von Einem frohen Muthe belebt zu seyn schien.

Der Reisende redte ihn an, und erhielt lange keine Antwort, bis endlich seine muntre Freundlichkeit Belphegors Herz offnete, zu dem jede Empfindung leicht und bald den Schlussel fand. Ich merke, Freund, sagte der Fremde, dass du ein unzufriedner oder ein unglucklicher Mensch bist: in beiden Fallen bist du kein Mann fur mich; denn ich kann dir nicht helfen, und mich mit dir zu gramen, habe ich keine Lust. Sey munter und lustig! und ich setze mich zu dir, so schwatzen wir eins zusammen. Willst du? oder lebe wohl!

Indem kehrte Belphegor, der ihm bisher den Rukken zugewandt hatte, weil ihm seine Huftschmerzen die Bewegung des Umdrehens verboten, sich mit dem Gesichte und dem Oberleibe, so viel er konnte, nach jenem um, und ach! Belphegor! rief der Andre und stieg vom Pferde guter Mann! Bist DU es? Nein, so muss ich wissen, was dir fehlt. Mit diesen Worten band er sein Pferd an eine Stange und sezte sich zu Belphegorn nieder. Wunderlicher Mann! was hast du denn? sagte er, indem er den rechten Arm um ihn schlang und ihn an seine Seite druckte.

Ach, Freund Fromal! war Belphegors seufzende Antwort, wobey er, sich windend, die Arme seines Freundes losmachte: denn er hatte seine geschwollne Hufte gedruckt.

"Lustig, lustig, Belphegor! Hast du denn gar die Narrheit begangen, ein Misanthrop zu werden? Mit deinem verdammten philosophiren, spekuliren, meditiren! Ich sagte dirs wohl: alles das Zeug wird deiner Frolichkeit den Hals brechen."

Ach, Fromal, wie glucklich, ware mein ganzes Leben nichts als eiskalte Spekulation gewesen! Hatte nie Eine Empfindung sich darunter gemischt! Aber

"Was hast du denn mit deiner Empfindung fur Zank? Sey frolich! und den andern Empfindungen schlage die Thur vor der Nase zu, wie ich!"

O wusstest du, bester Fromal! die Treulose

"Ey, ey! du hast dich verliebt, und bist betrogen worden? Ja, wer hat dich das geheissen?

Meine Empfindung, mein Gefuhl, ihre Reize, ihre Anmuth, ihre unaussprechliche Anmuth; alles, alles befahl es mir. So ungewissenhaft sie mich hintergieng, so ist sie mir doch noch der schonste, der reizendste Theil der Schopfung. Meine ganze Seele ist in ihre Reizungen verwebt; sie kann sich nicht losreissen, ohne sich selbst zu zerreissen: mein Gehirn

"Nimm mirs nicht ubel! mag ein wenig versengt seyn. Glaubst du denn, dass die Natur in ihrem ganzen Leben nur ein einzigmal Luft, Feuer, Wasser, Erde zusammen knetete, und nur eine einzige so schone Wachspuppe daraus bildete, wie die Ungetreue, die "dich izt, lahm geschlagen hat? Es ist ja alles voll davon! Was machst du mit der Empfindung in dieser Welt? Das ist eine Last, die dich mit jedem Schritte zu Boden zieht. So viel als nothig ist, um die Freude zu fuhlen! das ubrige wirf weg! Ich habe mich in mich selbst zusammengerollt, und lasse mich vom Schicksale durch die Welt durchwalzen, ohne dass mich etwas aufhalt: stosse ich irgendwo an, so bleibe ich so lange liegen, bis ich wieder einen neuen Stoss bekomme, und dann geht die Reise von neuem fort."

Bester Fromal! warst du an meiner Stelle, du nenntest die Empfindung keine Last

"Aber zum Henker! wenn sie dir lahme Huften macht

Nicht mir, nur Akanten habe ich gelebt

Wen nennst du da? Akanten? Ey, da bist du schon aufgefallen.

Kennst du sie? Ist es nicht das schonste Engelbild, welchem die Natur die herrlichsten Merkmale ihrer Meisterhand eingedruckt hat

Ja, ja, ein hubsches Madchen ist es; aber so falsch, wie eine Tigerkatze

Fromal, sie kann es nicht seyn! Sage mir alles, nur nenne sie nicht falsch! Kaum hatt' ich sie ein einzigmal erblickt, so war meine Seele schon ganz in die ihrige gegossen, ihr Bild schon mit meinen innersten Gedanken so ganz zusammen gewachsen, dass eine Trennung sie beide vernichten musste. Ich trank aus ihren Blicken, von ihren Lippen das reinste himmlischste Vergnugen. Wochen lang taumelte ich in einer Berauschung herum, Akante hatte den Schlussel zu meinem Herzen und zu meinem Vermogen: sie gebot mit Einem Winke, und beides mein Herz und meine kleinen Schatze thaten sich fur sie auf

"Und da sich die kleinen Schatze nicht mehr aufthun konnten, jagte dich die englische Akante zum Teufel?

Nie hatte ich geglaubt eine so unschuldige ungekunstelte Aufrichtigkeit, eine so naife Offenheit, muntre lebhafte Gefalligkeit, so liebenswurdige Sitten, so ein zartes Gefuhl, das jedes Luftchen bewegte, zu jeder Empfindung gestimmt, so sanfte Minen, ein Gesprach mit den lieblichsten Wohlgeruchen des Witzes und moralischer Gute umduftet setze daraus ein Bild zusammen und denke

" dass es eine Larve ist! Das hatte ich dir zum voraus sagen wollen. Armer Belphegor! Bist du mit deinem Gelde ganz auf dem Boden?"

So geldarm als in Mutterleibe! Ich kaufte ihr Vergnugen uber Vergnugen kleine unschuldige Vergnugen; dass sie ihr Genuss ergozte, war mein Dank. In den seligsten vollsten Entzuckungen weidete ich mich an dem Gedanken, ein Geschopf gefunden zu haben, das meine Empfindung ganz ausfullte: alle, auch die bewundertsten Schonen hatten vor ihr stets ein trauriges Leere darinne zuruckgelassen, nur SIE nahm mein Herz ganz ein; und hatte ich noch eins gehabt, sie hatte es uberfullt: so ganz war ich von ihren Reizungen uberstromt! Und siehe! plotzlich wirft sie sich in die Arme eines Nebenbuhlers

" dessen kleine Schatze sich weiter aufthaten als deine geplunderten! Nicht mehr als billig! Von dir hatte sie weiter kein Vergnugen zu hoffen; sie musste sich also ihren Mann wieder suchen, der so treuherzig, wie du, sein Geld fur Blicke und Minen hingiebt: ist er mit seinen kleinen Schatzen am Ende, so schlagt sie ihn lahm, wie dich, oder wohl gar ein Paar Beine entzwey.

Soll man es dulden, dass die Hassliche die edelste empfindungsvollste Klasse der Schopfung durch ihre Theilnehmung an dem schonsten Geschlechte entweiht?

"Du machst mich zu lachen, guter Belphegor! Ich dachte, du thatest eine kleine Reise durch die Welt: die wird dich von deinem Grame und deiner Empfindlichkeit kuriren. Lerne, was fur ein Ding der Mensch und die Welt ist! dann wollen wir sehen, ob deine Empfindung sich ausdehnen oder zusammenschrumpfen wird. Schame dich! wer wird um eines hubschen Madchens willen zum Narren werden? Fort in die Welt hinein!

Oder lieber aus ihr! Hier ist mein Daseyn voruber; ich habe gelebt.

Freilich lebt sichs schlecht, wenn man kein Geld "mehr hat; um einer Akante willen geh ich dir nicht Einen Schritt naher zum Grabe. Wenns denn nun ja seyn muss es giebt ihrer mehr!

Aber so hinterlistig zu tauschen!

Vergiss das nur, und sieh erst, ob du der einzige bist!

Die heilige Unschuld zum Deckmantel zu misbrauchen!

Ich bitte dich, vergiss das! Alle Menschen betriegen und werden betrogen; einer laurt auf den andern, ihm ein Paar Schritte abzugewinnen, oder, wenn er kann, ihn mit Gewalt zuruckzustossen: alles ist im Kriege, und ohne Waffen geschehen alle Tage Niederlagen und Siege.

Und der Freche! meiner zu spotten!

Naturlich, weil er der Starkere war! Der Sieger hat allezeit Recht vom Ganges bis zur Spree und bis zum Sudmeere.

Fromal, so verhulle ich mich in meine Tugend.

Das kannst du thun, wenn du fein zu Hause in deiner Stube bleiben willst; aber so bald du dich unter die Menschen mengst, so wird die Hulle in kurzem Locher bekommen: sie zersetzen sie dir, oder du musst sie bey Seite legen und dich so lange herumbalgen, bis du dich in Autoritat gesezt hast: dann furchten sie sich, und du kannst dein Hullchen wieder hervorholen.

Himmel! hat mir die Verderbniss auch meinen Fromal geraubt? Du warst mir sonst so theuer

Weil ich so oft von moralischer Schonheit, von Empfindung, von Liebe in einer Begeisterung mit dir sprach, in welcher damals meine Fantasie taumelte, und deine noch herumschwarmt! Ich weis nunmehr, was eine jede von jenen Raritaten in dieser Welt werth ist; der Firniss ist von meiner Fantasie weggewischt: lass dir Deine auch ausputzen! Du hast alsdann zwar weniger einsame Freuden, aber auch weniger Leiden unter Menschen; und wenn du ja einmal wider einen recht herzangreifenden Puff des Schicksals eine Starkung brauchst, so wird eine Fantasie, wie die Deinige, noch immer brennbar genug seyn, um sie auf ein Paar Stunden zu erhitzen.

Du, sonst der edle, der empfindende, der begeisterte Verehrer der Tugend! Doch die Welt

hat mich aus meiner Begeisterung gerissen; du wolltest sagen verdorben! wie man es nimmt! was wir sonst einander vorschwatzten, war der Rausch einer warmen Imagination und eines warmen Herzens: izt bin ich nuchtern; ich sage dir nicht mehr so viel Schones und Begeisterndes, aber desto mehr Wahres: was kann ICH dafur, dass dies weniger begeisternd ist. Ich bin dir doch noch theuer, wie sonst?

O Akante! o Welt!

Lass doch Akanten und die Welt in Ruhe! Verhulle dich in Unempfindlichkeit! das ist der beste Mantel.

So lehre mich, Fromal, meinem Herzen gebieten, dass es nicht schlagt, und meine Gedanken, sich selbst umbringen! O die Menschen konnen die Empfindung gar herrlich abschleifen! Sie reiben an Geduld und Empfindung so lange, bis die Scharfe stumpf ist.

Doch, sezte er hinzu, indem er das Gesprach abbrach, hast du gar kein Geld mehr?

Die Antwort war: Nein. Nimm! fuhr Fromal fort, hier theile ich meinen lezten Rest mit dir. Lass dich heilen, und dann wandre, wohin dich dein Schicksal fuhrt! Nimm dein Herz und deinen Verstand mit, aber deine Empfindung, Akanten und ihr Andenken lass um des Himmels willen hier auf diesem Flecke zuruck! Lebe wohl! und gleich gab er dem stummen Belphegor einen freundschaftlichen Kuss, schwang sich auf sein Pferd und trabte davon. Vielleicht finden wir einander wieder, war sein letzter Zuruf, dann wollen wir sehn!

Belphegor sass unbeweglich, wie in den Boden gepflanzt, seufzte, weinte mit unter ein Tropfchen, exklamirte, winselte, schalt, lobte seinen weggegangnen Freund, zahlte sein Geschenk, warf es von sich, las es wieder zusammen; und endlich nach zwo Stunden voll solcher unruhigen angstlichen Grimassen, da die Dammerung einbrach, fieng er an zu uberlegen, was bey so gestalten Sachen zu thun sey. Die Dammerung wurde zu pechschwarzer Nacht, und seine Ueberlegung war dem Entschlusse keinen Strohhalm breit naher; er sank vor Mattigkeit nieder, schlief ein, und fand bey dem Erwachen fur seine Berathschlagung so freyes Feld als Tages vorher.

Die Ruhe hatte indessen seine Lahmung und seinen Schmerz verschlungen; er konnte wieder gehn. Gegen Mittag fand sich eine Menge Gaste bey Akanten ein;

Musik, Gerausch, alles verkundigte die Freude eines Bankets, das ihr neuer Liebhaber gab. Welche Menschenseele, der Tages vorher die Besitzerinn eines so frohen Hauses Huftenschmerz gemacht hatte, konnte einen solchen Anblick ertragen! Augenblicklich fand er die lange gesuchte Entschliessung: der Aerger half ihm auf die Beine, er gieng und ubergab allen zwey und dreissig Winden des Himmels ein dreymaliges lautes Akante! in eben so viele vernehmliche Seufzer eingepackt.

Er gieng. Kaum hatte er eine kleine Strecke zuruckgelegt, als vor seinem Gesichte ein Habicht auf eine Taube herniederschoss und die flatternde Hulflose wurgte. Die Scene versezte ihn in eine so tiefe Wehmuth, dass er sich auf einen Rasenrand niedersezte und uber die lezten Reden seines Freundes Fromal ernsthaft nachdachte.

Indem er in seinen Gedankentraum versenkt dasass, naherte sich ihm ein Getose, das nichts geringers als einen Zank ankundigte. Auf einmal erschienen ein Trupp Knaben und Madchen, an dessen Spitze ein dickstammiger achtjahriger Bube einen Schwachen von geringerm Alter an den Haaren siegreich neben sich herschleppte, wahrend dass die ganze Begleitung den Triumphirenden mit einem einstimmigen Jubel erhub, und hingegen dem Ueberwundnen von Zeit zu Zeit Koth oder Schimpfworter zuwarf. Der Anblick bewegte Belphegorn: seine mitleidige Gutherzigkeit spornte ihn an, dem unbarmherzigen Sieger seine Beute aus den Handen zu reissen, und ihn wegen seiner Grausamkeit zu vernehmen. Auf seine Erkundigung nach der Ursache des Streites erfuhr er von einem unpartheiischen Zuschauer, dass die beiden Streitenden zween Pachterssohne waren, dass sie beide kleine Gartchen zu ihrem Vergnugen sich neben einander gemacht hatten, dass der altre allmahlich dem jungern beinahe die Halfte von dem seinigen betriegerisch abgezwackt, dass der Beraubte sich daruber beklagt, dass ihn der andre ausgelacht und endlich herausgefodert habe: darauf hatte er die noch ubrige Halfte von des Jungern Garten verwustet, und da dieser das Recht der Selbstvertheidigung seinen Verheerungen entgegen setzen wollte, so ubermannte ihn der Starkre, schlug ihn zu Boden, und fuhrte ihn izt im Triumphe auf. Belphegor verwies dem Ungerechten seine Grausamkeit, und ermahnte ihn, dem andern das Entwendete wieder zu ersetzen. Hier bin ich! er mag mirs wieder nehmen! war die Antwort, und blieb es, aller Zureden ungeachtet. Belphegors gutes Herz wurde warm, er nahm den Leidenden in seinen Schutz und wollte den Frechen durch lebhafte Vorstellungen zur Gerechtigkeit nothigen, wofur er ein Paar Steine an den Kopf, ein honisches Gelachter und etliche Schimpfreden zum Danke bekam; die ganze ubrige Gesellschaft stimmte im Unison mit ihm ein und eilte ihm nach: jedes darunter gab ihm Recht und vertheidigte ihn, weil er die starksten Fauste und das unverschamteste Maul im ganzen Dorfe hatte.

Um seinen Schutz nicht unkraftig zu sehen, liess sich Belphegor von dem Zuruckgebliebenen zu seinen Eltern fuhren. Er trug ihnen den statum causae sehr ernsthaft und lebhaft vor, und drang in sie, den ungerechten Eroberer mit allem vaterlichen Ansehn zur Billigkeit anzuhalten. Man lachelte; Belphegor gluhte: der Junge kam dazu, riss den Zaun zwischen den beiden Garten nieder, der Vater gab ihm zur Belohnung seiner Tapferkeit noch ein Stuckchen Land dazu, der arme Ueberwundne musste sein Eigenthum mit dem Rucken ansehn, und sich als einen schwachen elenden Nichtswurdigen oben drein verachten lassen.

Belphegor stuzte, wollte aus diesem Hause der Ungerechtigkeit entfliehn, liess sich aber doch auf vieles Bitten zum Essen dabehalten. Der Herr des Hauses wurgte zwo Tauben: Belphegor bedauerte bey sich die armen Kreaturen, und verzehrte sie beide vom Halse bis zu den Beinen ohne das mindeste Mitleiden, als sie gebraten auf dem Tische erschienen. Da er satt war, reiste er fort, that unterwegs einen Seufzer und rief: O Ungerechtigkeit! der Habicht wurgt die Taube, der starkre Bruder den schwachern, und der Mensch verschlingt die unschuldigen Thiere! Ja, Fromal alles ist ungerecht wie Akante.

Die Nacht nothigte ihn bald zu einer neuen Einkehr. Kaum hatte er sie erreicht, als ihn ein hagrer Kerl, der mussig an einem Baume lehnte, auf die Seite zog und warnte, in diesem Loche nicht zu ubernachten. Es ist das argste Diebesnest, das der Mond bescheint. Wo soll ich aber bleiben? Lieber unter freyem Himmel: wenn Sie wollten, so konnte ich Sie wohl an einen guten Ort bringen. Belphegor merkte, worauf es ankam, um dahingebracht zu werden; er gab ihm von dem Wenigen, was ihm sein Freund zuruckliess, ein kleines Geschenk und folgte ihm nach. Der Wegweiser fuhrte ihn in einen dichten Wald, fasste ihn in der Mitte desselben bey der Gurgel und schwur, ihn auf der Stelle umzubringen, wenn er nicht seine ganzen Habseligkeiten an ihn auslieferte. Aber welches Recht habt Ihr Bosewicht dazu? fragte Belphegor. Der Rauber wies ihm statt der Antwort ein langes Messer, nahm ihm sein Vermogen aus der Tasche, warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust und durchsuchte alle Behaltnisse an seinem ganzen Leibe, wo sich nur eine Beute vermuthen liess, gab ihm einen derben Fluch zum Abschiede, als er nichts erhebliches fand, und begab sich auf den Ruckweg.

Die ganze Nacht hindurch blieb er in diesem Zustande liegen, ohne wegen der Unbekanntschaft mit dem Walde Einen Fuss von der Stelle zu wagen. Gegen Morgen horte er einen Mann sich ihm leise nahern und bey jedem Schritte still stehn, um sich umzusehn, ohne Belphegor gewahr zu werden, bis ihn dieser anredete. Mann, rief er, hast du Herz

Nicht viel! antwortete der Ankommende furchtsam. Hast du ein menschliches Herz mit menschlichen Empfindungen, fuhr Belphegor fort, so nimm dich meiner an!

"Ach du lieber Himmel! wenn sich jemand erst meiner annahme!"

Warum das, mein Freund?

"Warum? Ich hatts sehr nothig. Nur ein wenig leise gesprochen!"

Was furchtest du? fuhr Belphegor hitzig auf.

"Weiter nichts als ins Zuchthaus zu kommen."

Wenn du es verdient hast, so wunsche ich Gluck dazu.

"Ich habe ein Madchen, das mich in meiner lezten Krankheit gepflegt und gewartet hat, wie eine Mutter: ich wollte sie heirathen; aber ich darf nicht. Das arme Madchen sizt zu Hause, und weint sich die Augen aus dem Kopfe. Mein Herr will mich zwingen, ein Gutchen zu bearbeiten, das ein andrer vor mir verdorben hat. Ich kann nicht; es wurde mich zu Grunde richten. Im Stocke habe ich schon gelegen; und da ich noch nicht wollte, so drohte er mir mit dem Zuchthause. Mein armes liebes Madchen soll ich auch nicht nehmen: wir mussen ach! das wissen Sie nicht, lieber Herr! auch von unsrer Liebe eine Abgabe bezahlen. Ja, das Bischen, was wir sauer erarbeiten! ich bin entsprungen, und du gutes Madchen! wenn sie mich haschen "1

Mein Freund, wenn du Recht hast, so geh ich mit dir und spreche fur dich. Er weigerte sich anfangs; doch endlich uberliess er sich ihm und fuhrte ihn zu seinem Herrn.

Belphegor war ein lebhafter Advokat und bekam auf seine Anfrage warum dieser Elende zu seinem Verderben gezwungen werden sollte? die lachende Antwort: weil ich das Recht dazu habe. Und wer gab Ihnen das Recht? Das hab' ich gekauft. Also kann man Unterdruckung kaufen? Blitz! der Herr ist wohl verwirrt. Recht ist keine Unterdruckung; auch nicht, wenn ich den Herrn zum Hause hinausjage; und so fiff er eine Kuppel Hunde zusammen, hezte sie auf den armen Belphegor los, der mit Muhe einige Fragmente von seiner Kleidung aus ihren Zahnen rettete, und alles anwenden musste, um nicht einen Theil seiner eignen Person einzubussen.

Welche Ungerechtigkeit! welche Unterdruckung! rief er, als er sich ein wenig gesammelt hatte; und sein Magen sezte hinzu: welcher Hunger!

In seinem gegenwartigen Zustande war ihm nichts ubrig, als von der Wohlthatigkeit andrer zu leben; er bat um Almosen, hungerte selten und bekam niemals Ribbenstosse, noch Steine an den Kopf.

Eines Tages kam er auf eine Heide, wo etliche Freybeuter einen Mann so unbarmherzig behandelten, als wenn sie willens waren, ihn in Stucken zu zerlegen und auf gut huronisch zu essen. Belphegor gluhte, so bald er den Auftritt erblickte, gieng hinzu und erkundigte sich nach der Ursache einer solchen Barbarey. Man wurdigte ihn keiner Antwort, doch erfuhr er bey Gelegenheit, dass man ihn strafe, weil der Hund nichts herausgeben wolle. Aber welches Recht habt Ihr denn, etwas von ihm zu fodern? Sie schlugen an ihre Degen, und einer darunter gab ihm oben drein einen wohlgemeinten Hieb, der ihm das rechte Schulterblatt in zwey gleiche Stucken zerspaltete. Aber, ihr Barbaren, welches Recht habt ihr ein zweiter Hieb uber den Mund hemmte seine Frage mitten im Laufe.

Alles grausam wie Akante! dachte er, und stopfte sich mit dem Reste seiner Kleidung seine Wunden zu. Er bekam eine Stelle in einem Krankenhause und wurde sehr bald geheilt. Ein Elender, der neben ihm lag und schon ein ganzes Jahr lang sein Bette nicht verlassen hatte, war wahrend der Kur sein vertrauter Freund geworden: doch izt wurde er uber die schnelle Genesung seines Freundes neidisch, und biss ihn des Nachts in den kaum geheilten Arm; die Wunde wurde so gefahrlich, dass der Arm beinahe abgelost werden musste.

Nach einem langen Kampfe mit Schmerzen und dem Neide seines Freundes wurde er wiederhergestellt und der Willkuhr des Schicksals ubergeben.

Seine erste Auswanderung machte ihn schon wieder zum Martyrer seines guten Herzens. Er langte in einem Dorfe an, wo eben das grasslichste Weiberscharmutzel das Publikum belustigte. Ein Madchen, das der ganze weibliche Theil der Kirchfahrt arger als den Teufel hasste, weil es von Jugend an sich durch seine Kleidung unterschieden hatte, war in einem saubern Anzuge, einem ehrbaren Geschenke von der Regentinn des Dorfs, in der Kirche erschienen. Jedermann empfand, wie billig, den lebhaftesten Abscheu und Aerger uber eine solche Hoffart: man murmelte die ganze Kirche hindurch, man schimpfte bey dem Herausgehn, und auf einmal sturzte die anwesende weibliche Christenheit mit geschlossnen Gliedern auf die schongepuzte Nymphe los, um ihren Staat auf das jammerlichste zu zerfleischen. Sie waren schon wirklich in ihrer Arbeit bis zum Hemde gekommen, das sie ebenfalls, ob es gleich nur aus grober demuthiger Leinwand geschaffen war und nicht die mindesten Spuren des Stolzes an sich hatte, nicht verschonen wollten, als Belphegor ankam. Er erblickte nicht so bald das Gesichte des leidenden Madchens, das gewiss eine der besten landlichen Schonheiten war und izt durch eine verschonernde Mine der Traurigkeit einen doppelt starken Eindruck machte, als seine Stirne gluhte, als er mitten in das Gefechte rennte, das Madchen und ihre Schamhaftigkeit aus den Klauen ihrer Gegner zu befreyen. Weil sein Ueberfall so plozlich geschah, und noch ein Nachtrab von Hulfstruppen zu befurchten war, so zerstreuten sich die Feinde anfangs: da sie aber wahrnahmen, dass sie ihre Furcht betrogen hatte, so wurden sie desto ergrimmter, liessen das gemishandelte Madchen liegen und griffen ihren Helfer an, dem sie ein Auge ausschlugen, einen Finger quetschten und die Backen mit ihren Nageln meisterlich bezeichneten. Oben drein wurde er noch nebst der Grazie, die er beschutzen wollte, von den dastehenden Gerechtigkeitspflegern in Verhaft genommen, die um so viel erbitterter auf ihn waren, weil er ihnen eine Lust verdorben hatte, und an die Herrschaft des Madchens ausgeliefert.

Durch einen glucklichen Zufall war es veranstaltet worden, dass gerade damals zwischen den beiden Monarchen, demjenigen, welchem sie ubergeben, und demjenigen, von welchem sie ausgeliefert wurden, eine Zwistigkeit herrschte, die oft in einen Privatkrieg ausbrach wie er namlich nach Einfuhrung des Landfriedens Statt findet. Eine von den beiden Damen dieser Herren hatte bey einer Feierlichkeit, die die ganze schone Welt der dasigen Gegend durch ihre Gegenwart verherrlichte, an der andern, die eine ganze Stufe im Range unter ihr war, einen Halsschmuck wahrgenommen, dessen Anblick ihr sogleich alle Nerven angriff, dass sie nicht anders als die Besitzerinn desselben von ganzem Herzen hassen musste. Da ihre Manner, weil sie durch die Ehe Ein Fleisch und Ein Blut mit ihnen geworden waren, es fur ihre Pflicht hielten, sich gleichfalls deswegen von Herzen zu hassen, so wurde Belphegorn und seiner Mitgefangnen sogleich ohne Verhor Recht gegeben; Belphegor bekam seine Freiheit und war froh, nicht mehr als Ein Auge und Einen Finger eingebusst zu haben: die gemeldete Feindschaft brachte ihm sogar eine Mahlzeit und ein kleines Geschenk fur die bewiesne Tapferkeit ein. Das war ein Sporn in die Seite gesezt.

Seine warme Gutherzigkeit fand auch bald eine neue Ursache, das Blut in Feuer zu bringen. Er traf unter einem wilden Apfelbaume ein kleines Mannchen an, das mit gesenktem Kopfe und betrubter Mine dasass. Lieber Mann, was fehlt dir? fragte Belphegor, indem er sich zu ihm sezte. Alles, antwortete jener mit einem Seufzer; denn ich habe gar nichts. Bettelarm bin ich.

So bist du nichts reicher als ich, erwiederte Belphegor.

Das konnte ein Trost fur mich seyn, sprach der Andre, wenn ein Trost mir etwas helfen konnte: aber es ist umsonst!

Sage nur, was dir widerfahren ist! rief Belphegor hitzig. Das kann zu nichts dienen. Willst du mich bedauren? Bedauert hat mich jedermann, aber niemand geholfen.

So will ICH der einzige seyn, sprach Belphegor gluhend. Armer Elender! wie konntest du das? Hilf DIR! dann glaubte ich, dass du Wunder thun und auch mir helfen konntest.

Belphegor knirschte mit den Zahnen und verstummte vor Aerger und Begierde. Mann, so sage mir nur deine Geschichte! sprach er endlich mit halb erstickter Stimme.

Meine Geschichte? ist kurz. Der menschliche Neid hat mich zu Grunde gerichtet. Ich hatte ein Vermogen, ein schones Vermogen nicht gross aber hinreichend; es war ein Theil von meinem vaterlichen Erbgute. Ich war unermudet, auf die Wirthschaft aufmerksam, und mein Vermogen vermehrte sich zusehends; ich kaufte beinahe mehr an, als ich geerbt hatte. Indessen nahmen die Umstande meines Bruders immer mehr ab; er wurde auf mein Gluck neidisch; er gab mir schuld, ich habe ihn bey der Theilung bevortheilt: er verklagte mich. Wir prozessirten, masteten Richter und Advokaten, er spielte alle mogliche Kabalen, und ich verlor beinahe: endlich gewann niemand den Prozess, und ich verlor mein Vermogen: nun blieb die Sache liegen. Nicht einen Pfennig behielt ich ubrig: die Gerechtigkeit nahm alles, weil sie mir Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen wollen, wenn ich nicht vor der Zeit verarmt ware.

Komm! wir wollen dem fuhllosen Bruder den Kopf zerbrechen; er verdients! rief Belphegor hastig und ergriff ihn bey dem Arme.

Guter Mann! ich sehe, du hast Herz ein gutes und ein muthiges. Wozu kann das dienen, dass wir ihm den Kopf zerschlagen?

Ihn zu bestrafen, den Hartherzigen!

Wozu konnte das dienen?

Du machst mich rasend, Freund! Komm!

Ja, ich komme um mit dir betteln zu gehn: das Kopfezerschmeissen ist gefahrlich. Ach!

Was siehst du, dass du so seufzend hinblickst? fragte Belphegor und war halb zum Aufspringen gefasst.

"Meinen Bruder!" Weg war Belphegor, ehe er das Wort noch vollig aussprach, oder ihn zuruckhalten konnte gerade auf den Mann zu, den er fur den Bruder des Unglucklichen hielt. Er ereilte ihn, fasste ihn bey dem Halse und kundigte ihm seinen Untergang, die Strafe fur seine Unbarmherzigkeit und seinen unbruderlichen Neid an. Der Andre, der wahrend des Prozesses eine reiche Wittwe durch List zu seiner Frau gemacht hatte und sich izt wohlbefand, rief einen Trupp Arbeiter zu Hulfe, die in einem nahen Busche Holz fur ihn fallten. Sie kamen mit allen Werkzeugen der Rache, Knitteln, Aexten, Beilen, schlugen den ubermannten Belphegor vom Kopf bis auf die Fusse blau, die linke Hand morsch und ein grosses Loch in den Hirnschadel: so verliessen sie ihn.

Der Mann, um dessentwillen er sich allen diesen Schmerzen ausgesezt hatte, wagte sich nicht in die Nahe des Streites, blieb furchtsam in der Ferne stehn, so lange es Schlage sezte, und schlich langsam zu seinem Verfechter hin, als die Gefahr voruber war. Er beklagte ihn herzlich und versprach mit der geruhrtesten Dankbarkeit, sich seiner anzunehmen, sich nie von ihm zu trennen. Er wusch seine Wunden, verband ihn, so gut er konnte, und trug ihn auf seinen Schultern in ein Dorf, wo sie auf vieles Bitten in einer Scheune beherbergt wurden.

Eine Regel hatte sich Belphegor aus seinen bisherigen Unglucksfallen abgezogen, dass er in die Flamme seines guten empfindungsvollen Herzens eine gute Dosis kuhle Vorsicht giessen musse: er nahm sich auch in volligem Ernste vor, Neid und Unterdruckung ins kunftige als blosser Zuschauer zu betrachten, eher an dem Feuer des Unwillens zu ersticken, als es hervorbrechen zu lassen, und wenigstens die innerlichen Theile des Leibes unbeschadigt zu erhalten, da kein ausserliches Glied an ihm war, das nicht Denkmale seines Eifers fur die Gerechtigkeit, blaue Flecken, Narben oder Beulen bezeichneten.

Der Mitleidige, der ihm einen Plaz bey sich verstattet und auch zuweilen eine Wohlthat mitgetheilt hatte, bot ihm izt, da er wieder geheilt war, wie auch seinem Gefahrten eine Stelle unter seinen Arbeitern an: keiner von beiden schlug das Anerbieten aus, besonders nicht Belphegor, und zwar deswegen, weil er hier weniger Reizungen, sich neue Wunden zu erwerben, zu finden hoffte. Seinen bisherigen Begleiter, Warter und Freund knupfte die Dankbarkeit auf das engste mit ihm zusammen, und ihre Freundschaft schien ihnen unzerstorbar, sie war die warmste, die unverbruchlichste auf der Welt weil keiner einen Gran Elend oder Gluck mehr oder weniger besass als der andre.

Belphegor erhielt bald einen merklichen Vorzug in der Gunst seines neuen Herrn, weil er, seiner Leibesschaden ungeachtet, viel mehr Thatigkeit und Arbeitsamkeit, als sein Freund, bewies. Der Alte erkannte es mit freudigem Danke, dass er sich um seines Nutzens willen zu Tode arbeiten wollte, und gieng damit um, ihm zu Belohnung seiner nutzlichen Dienste, nach Labans loblichem Beispiele, seine einzige Tochter in die Arme zu werfen ein dickes rundes wohlbeleibtes Madchen, das alle Sonntage einen vollwichtigen Doppeldukaten mit Kaiser Karl des sechsten Bildnisse an dem gelben Halse trug, zwey Hemde und einen ungeflickten Rock besass, da das ganze ubrige Dorf Winter und Sommer halbnackt gieng. Ehe Belphegor diese wohlgemeinte Absicht erfuhr, kam sein Freund dahinter. Er fuhlte sogleich, als ihm das nahe Gluck seines Freundes bekannt wurde, eine so starke Revolution in der Galle, dass er augenblicklich seinen Herrn aufsuchte und ihm hinterbrachte, er habe vor ein Paar Minuten Belphegorn und die tugendreiche Tochter vom Hause hinter einem Heuschober in einer so vertraulichen inbrunstigen Vereinigung gesehn, dass er dieser seiner Aussage gewiss Glauben beymessen wurde, wenn er drey Vierteljahre auf den Beweis warten wollte. Der Alte, dem die Keuschheit seiner Tochter am Herzen lag, und der ohne grosse Noth weder gottliche noch menschliche Gesetze gern brach, noch brechen liess, brannte von Wuth, rennte nach dem Orte zu, wo er Belphegorn zu treffen glaubte, fand ihn bey der Arbeit, ergriff eine Heugabel und rennte ihm von hinten zu alle drey Zinken in das dicke Bein, stach ihm eben so viele Locher in den Kopf und schlug ihm das linke Bein einmal entzwey. Zwo Stunden darauf liess er den Bader kommen und ihn vom Kopf bis auf die Fusse wieder ausflicken, um nicht von der Gerechtigkeit des Orts dazu angehalten zu werden: da er wieder ausgebessert war, nahm er eine Peitsche und gab ihm mit funf und zwanzig wohlgezahlten Hieben seine Entlassung, und mit einem kraftigen Fluche ein Empfehlungsschreiben an den Teufel auf den Weg. Belphegor nahm von seinem Freunde beweglichen Abschied, und dieser bekam den Tag darauf die dicke Rahel mit allen Pertinentien in rechtmassigen ehelichen Besiz.

Diesmal konnte sich es Belphegor mit dem grossten Eide versichern, dass ihm sein gutes Herz nicht den Kopf zerlochert hatte: eigentlich wusste er gar nicht und erfuhr auch niemals, warum ihm ein so schmerzhafter Abschied ertheilt wurde. Demungeachtet, sagte er, will ich auf meiner Hut seyn und mich von meiner Hitze nicht hinreissen lassen, wenn man gleich Millionen Menschen vor meinen Augen zerhackte und in Blute kochte.

Er litt viele Tage Hunger, weil auf dem ganzen Striche, wo er gieng, alle Dorfer verbrannt, die Einwohner niedergesabelt oder betteln gegangen waren. Der Nachbar des Landes hatte einen Einfall in dasselbe gethan und viertausend Stuck Schafe, die es mehr ernahrte als das seinige, aufspeisen lassen: bey der Gelegenheit hatte man statt des Freudenfeuers uber erlangten Sieg ein Dutzend Dorfer angezundet.

Belphegor fand einen von den Kriegsmannern, die bey diesem Treffen sich Heldenlorbern erfochten hatten, an einem kleinen Bache, wo er sich seine Wunden wusch. Er sezte sich zu ihm und machte ihm ein sehr rednerisches Bild von der Verwustung und dem Elende, das er unterwegs angetroffen hatte, das der andre mit einem stolzen Lacheln anhorte. Ja, heute sind wir brav gewesen, sprach er und strich den Bart. Aber um des Himmels willen, rief Belphegor vor Hitze zitternd, wer gab Euch denn das Recht, so viele Leute unglucklich zu machen?

Der Krieg! brullte der Soldat.

"Und wer gab Euch denn das Recht zum Kriege?

Die Leute leben hier zu Lande, wie im Paradiese, schwelgen und schmausen. Wir haben zwolfmalhunderttausend geubte Arme, und unsre Feinde kaum sechstausend: wir mussen ihnen die sundliche Lustigkeit vertreiben.

Und also, ihr Barbaren, ist eure Uebermacht das Recht, eurem Neide so viele Unschuldige aufzuopfern? Ist das euer Recht?

Kerl! du bist nicht richtig im Kopfe; du phantasirst; so ungereimtes Zeug schwatzest du: am besten, mit dir ins Tollhaus! und so ergriff ihn der Kriegsmann, band ihn mit einem Riemen an sein Pferd und liess ihn neben sich her ausser Athem laufen, wenn er nicht von dem Pferde geschleppt seyn wollte, das in einem frischen Trabe fortschritt. Zwo Stunden nach ihrer Ankunft in der nachsten Stadt war Belphegor, zwar in keinem Tollhause, aber doch im Zuchthause einquartiret, wo er an einen Pfahl gebunden und mit dreissig muntern Peitschenhieben bewillkommt wurde: darauf schloss man ihn ein und befahl ihm, jeden Tag zwanzig Pfund Wolle zu verspinnen, und da er menschlicher Weise diese Zahl niemals vollmachte, so bekam er zu Ersparung der Kasse selten etwas zu essen und alle Abende fur jedes fehlende Pfund sechs Hiebe.

Seine Gesellen wurden in kurzem seine Freunde; ein gemeinschaftliches gleich trauriges Loos machte sie dazu. Nach langen Bitten erbarmte man sich endlich uber den armen Belphegor und erliess ihm taglich zwey Pfund von der vorgeschriebnen Quantitat Wolle; er bekam nichtsdestoweniger alle Abende Prugel, weil er auch achtzehn Pfund eben so wenig bestreiten konnte, nur jeden Tag zwolf Schlage weniger, als die ubrigen. Von Stund an hassten ihn alle seine Kameraden wegen dieses vorzuglichen Glucks, und beschlossen, ihn des Nachts im Bette zu verbrennen. Sie fuhrten ihren Anschlag aus, legten brennenden Zunder in das Bettstroh, die Flammen nahmen uberhand, Belphegor und die ubrigen Zuchtlinge entwischten, und das Haus lag nebst einer ganzen Gasse innerhalb etlicher Stunden im Aschenhaufen da.

So soll man mir doch die Zunge ausschneiden, wenn ich mich wieder verleiten lasse, Ein Wort uber Ungerechtigkeiten zu verlieren! sagte sich Belphegor, als er in Sicherheit zu seyn glaubte. O grausame Akante! in alles dieses Ungluck hast DU mich gesturzt! Akante! Akante!

Diesen Ausruf that er, nachdem er zwolf Stunden in einem Zuge gelaufen war und sich izt ermattet in einem frischen Birkenbuschchen niederliess, wo er sicher vor allem Nachsetzen auszuruhen gedachte. Er war im Lande der LETTOMANIER. Kaum hatte er Athem geschopft, als er ein barbarisches Geschrey aus der Ferne horte, als wenn Pygmaer und Kraniche zusammen kampften. Schon wieder etwas! dachte er; aber meinethalben schlagt ihr euch in Millionen Stucken; ich will zusehn.

Das Geschrey wurde immer starker, immer naher, und Belphegor immer unruhiger, als sich endlich ein ganzer Haufe Bauern in den Busch hereinsturzte, wo er verborgen sass. Hier sind wir sicher, sprachen sie und lagerten sich. Das war ein warmer Tag! Andre brachten ein Fass mit einem Triumphgeschrey herzugeschleppt, das die Gelagerten beantworteten, und das Glas gieng munter herum. Ein jeder trank seinem Fursten und der Freiheit zu Ehren.

Der Freiheit? dachte Belphegor, hui! was mussen das fur Leute seyn? Er horchte und konnte nichts zusammenhangendes erschnappen, als dass hier zu Lande Bauernkrieg war; bis endlich einer in gewissen Angelegenheiten seitwarts schlich und auf seinem Wege Belphegorn im Gestrauche erblickte, den er sogleich hervorzog und seinen Mitbrudern vorstellte. Man untersuchte ihn genau, ob er vielleicht zu der feindlichen Partey gehorte, und nachdem man ihm, in Ermangelung einer gesezmassigern Tortur, hundert Prugel auf die Fusssolen gegeben hatte, ohne ein Ja aus ihm herauszwingen zu konnen, so wurde er feierlich fur unschuldig erklart und zum Glase zugelassen, was ihm aber wenig schmeckte: denn seine Fusssolen brannten wie Feuer.

Willst du mit fur die Freiheit fechten? fragten ihn einige. Gebt mir nur die meinige, dann seht, wie ihr die eurige behauptet! Was? fur die Freiheit willst du nicht fechten? Du bist ein Spion! ein Feind! und sogleich sezte man sich in Positur, ihn mit einem Strohseile an eine schone schattichte Eiche aufzuhangen. Sagt mir nur erst, wer eure Freiheit gekrankt hat? rief Belphegor, als er den Spass dem Ernste so nahe sah: sagt mir es, und gern, gern will ich fur sie fechten.

Siehst du, nahm sein Nachbar das Wort, der bisher bestandig still gesessen hatte siehst du! der liebe Gott hat uns nur zwey Hande und zwey Fusse gegeben, und doch sollten wir den Leuten, die uns gekauft haben, so viel arbeiten, als wenn wir ihrer ein Paar Dutzend hatten. Sie wollten uns weis machen, wir hatten keinen Magen; wir sollten nur hungern, SIE wollten schon fur uns essen: und ob uns ein Paar Lumpen auf dem Leibe hiengen, oder ob wir nackt giengen, ware auch gleich viel; Adam sey ja in Gottes Paradiese auch nackt gegangen und ein braver Mann, der erste Erzvater gewesen. Was ware denn nun vollends solchen nackten Lumpenkerlen Geld nothig? meinten sie; wir hatten ja ohnehin keine ganzen Taschen; also wars doch tausendmal besser, dass wirs IHNEN gaben, als wenn wirs verloren: das ware ja jammerschade: sie wollten uns dafur recht hubsch gepuzte Kerle, Laufer, Lakeyen, Heyducken, schone Pferde, allerliebste Hunde, hubsche Kutschen zu sehn geben, und alle Sonntage sollten wir ihr Vivat rufen, ihnen langes Leben und Wohlergehn wunschen, und wenn wir etwas in der Tasche aus Versehn zuruckgelassen hatten, es auf ihre Gesundheit in ihrem Biere vertrinken. Die Woche uber sollten wir nur hubsch fleissig seyn, hubsch viele und gesunde Kinder liefern, die auch bald arbeiten und geben konnten, und dabey Gott mit frolichem und zufriednem Herzen danken, dass er uns so gnadige Herren beschert hat, die uns nicht lebendig schinden, weil sie uns sonst nicht brauchen konnten. Des Lebens wurden wir satt; freyer Tod ist besser als sklavisches Leben; wir schlugen zu. Achtzehn Schlosser haben wir schon bis auf den Grundstein zu Pulver verbrannt, neunzig Grafen und Edelleuten die Bauche aufgeschnitten und einen ganzen Schwarm Edelfrauen bey Strohwischen gebraten, samt den schonen Jungen und Jungfern, Hunden und Pferden, die sie von unserm Gelde gekauft haben. Heisa! Es lebe die Freiheit! Willst du mitfechten? Komm! wir sind zuruckgesprengt worden. Wir wollen dort ans Schloss ansetzen, das im Walde liegt. Dem rotkopfichten Junker dort auf den Hals! Fort Bruder! du sollst unser Anfuhrer seyn, Freund! Ja, unser Anfuhrer! riefen sie alle und machten sich marschfertig.

So wenig sich Belphegor diese Ehre wunschte, oder auch sein Amt versehen konnte, weil er wegen der zerprugelten Fusssolen kaum ohne Schmerz aufzutreten vermochte, so wollte er doch lieber mit seinem Kommandostabe vor ihnen her hinken, als sich an die schone schattichte Eiche aufknupfen lassen: er stolperte also vor seiner Armee voran, wie ein zweiter Ziska, mit dem gegenwartig sein ganzer Korper grosse Aehnlichkeit hatte. Der Marsch gieng unter einem unaufhorlichen Ausrufe der Freiheit auf das Schloss des Junkers los, dem sie ihren Besuch zugedacht hatten. Sie kundigten ihre Ankunft zuerst durch eine volle Ladung Steine den Fenstern an, erbrachen das Wohnhaus und liefen schon herum, um brennbare Materien aufzusuchen. Plozlich war der ganze sturmende Haufe von einem Truppe der Landesarmee umschlossen; man schrie, man fluchte, lief, stund, gieng; man warf Steine, Balken, Dachziegeln; man erschoss, man wurgte, man raufte sich bey den Haaren; einige stachen mit Mistgabeln, andre metzelten mit Sabeln die Feinde nieder, und viele schlugen sie mit Knitteln todt; viele suchten den Ausgang zur Flucht, fanden ihn nirgends, offneten sich ihn mit Gewalt und wurden mitten im Durcharbeiten daniedergetreten; der Vater todtete unwissend den Sohn, und der Sohn erwurgte den Vater; sterbende Stimmen achzten Freiheit! und lebende riefen Rebell! Abgerissne Fusse, zerfleischte Arme, gequetschte Kopfe, verstummelte Leiber, Waffen, Beute, Pferde lagen in dem schrecklichsten Chaos neben und uber einander. Zweyhundert Bauern wurden auf dem Wahlplatze erschossen, von Pferden zermalmt, im Gedrange erdruckt, zertreten, eine viel grossere Anzahl gefangen, und nur wenige entkamen, worunter auch Belphegor war, der in der Begeisterung des Treffens ritterlich gefochten und von einem sich davon sturzenden Schwarme mit fortgerissen worden war. Man sezte ihnen nach, die ubrigen entkamen durch die Geschwindigkeit der Fusse, doch den unglucklichen Belphegor nothigten seine wunden Fusssolen zuruckzubleiben und in die Hande der Nachsetzenden zu fallen. Eine lange Allee vor dem Stadtthore wurde sogleich mit vierhundert aufgehangten Bauern geschmuckt, hundert wurden geradert, andre lebendig eingemaurt, und alle als Rebellen verflucht, ihre Namen in Stein eingehauen, und ihr Andenken auf ewig mit der grossten Schande gebrandmahlt. Fur die Anfuhrer, worunter auch Belphegor sich befand, wollte man bey grosserer Musse eine Strafe aussinnen, die alle Strafen der ganzen polizirten Welt an Strenge und Grausamkeit ubertrafe.

Belphegor, der das grassliche Schauspiel mit ansehn musste, gerieth bald in Feuer; stark empfindende Herzen, wenn sie zu heftig angegriffen werden, wagen das Aeusserste: er fasste einen von den dastehenden Richtern bey der Knotenperucke. Welches Recht, sprach er, habt ihr, Barbaren, diese Unglucklichen ohne alles Gefuhl wie Rebellen niederzumetzeln? Sie wollten das Joch abwerfen, das schandlichste Joch der Unterdruckung, und ihr straft sie, dass sie eine Freiheit zu erkampfen suchten, die ihnen die Natur so gut als euch gab, und die ihr ihnen entrisset! Schande! ewige Schande fur die Menschheit, dass sie ihr Wohlseyn auf den Untergang etlicher Schwachen aufbaut.

Der Richter, der kaltblutigste Mann, der auf einem Richterstuhle gesessen hat, antwortete ihm zur Kurzweile ganz trocken: wer hat ihnen denn etwas unrechtes zugemuthet? Es blieb ja alles bey dem Alten.

Ja, unterbrach ihn Belphegor, bey der alten Unterdruckung! Unsre Vorfahren in dem unseligsten Stande der Wildheit uberwaltigten die Vater dieser Elenden und legten ihnen das barbarischste Joch auf; und wir, die wir jene Zeiten mit der stolzesten Verachtung unter uns herabsetzen, wir 2

Das ist ja immer so gewesen! fiel ihm der Richter ein. Der Starkere hat von Ewigkeit her den Schwachern zum Sklaven gehabt, ein Mensch hat bestandig uber den andern herrschen wollen, und wer den andern hat daniederwerfen konnen, der ist der Herr gewesen. Es war ja immer so, wie wir in Historienbuchern finden, dass der Schwache, wenn er so dumm war, sich von dem Machtigen nicht alles gefallen lassen zu wollen, gehangen, gekopft, geradert wurde.

"Aber diese Elenden wollten ja gern eure und der ubrigen Menschheit Diener seyn, nur als Menschen behandelt werden, die zu ihrer Gluckseligkeit so wohl als ihr auf diese Kugel gesezt sind.

Es ist ja immer so gewesen; was wollen sie denn neues haben? Die Menschen haben ja bestandig einander gequalt, und wer sich nicht qualen liess, den schlug der andre todt, wenn er konnte. Es ist ja immer so gewesen; wenn dirs so nicht ansteht, so andre das! Mache, dass du morgen nicht gehangen wirst; wenn dus kannst, so hast DU Recht, aber bis hieher haben WIR es.

Belphegor, der durch den dehnenden fuhllosen Ton und die eiskalte Frostigkeit des Mannes ganz ausser sich selbst gesezt war, biss vor Zorn und Wuth so heftig in seine Ketten, dass ihm zween Zahne blutig aus dem Munde sprangen, und gern hatte er das ganze Tribunal mit den ubrigen zerrissen, wenn ihm nicht nach seiner ersten Invasion in die Knotenperucke, zu Verhutung alles Schadens, der Hals vermittelst einer dauerhaften Kette mit den Knieen zusammengeschnurt worden ware.

Den Tag darauf wurde das Urtheil an ihm vollstreckt, das ihm der kaltherzige Richter prophezeit hatte: er wurde an einem der ansehnlichsten Platze der Stadt in Ketten aufgehangen, die man in Ermangelung derselben in Stricke verwandelte: da man aber seinen Namen erfuhr, und aus dem fremden Klange desselben schloss, dass er keines lettomanischen Ursprungs seyn konnte, so wurde beschlossen, ihm, als einem Auslander, die schuldige Ehre anzuthun, und ihn eine Viertelelle hoher zu hangen, als den Lettomanier, der neben ihm seine Stelle finden sollte, und dieser musste ihm aus Hoflichkeit die rechte Hand lassen. Der Lettomanier, der dies als eine Beleidigung gegen seine einheimische Abstammung und gute Geburt ansah, wurde neidisch auf Belphegorn: er bestach den Scharfrichter, diesen Nebenbuhler der Ehre so schwach zu befestigen, dass ein massiger Sturm ihn entweder in gleiche Linie mit ihm bringen oder ganz unter ihn daniederwerfen konnte. Es geschah. Kurz darauf entstund ein Erdbeben, der Himmel uberzog sich mit furchterlichen Wolken, es donnerte und blizte, regnete und sturmte welches alles die Lettomanier nunmehr, da sie durch den Ausgang belehrt waren, wer Recht hatte, als einen Beitrag der gottlichen Rache zur Bestrafung der umgebrachten Rebellen betrachteten. Der Sturm warf den schlecht befestigten Belphegor herunter, der Blitz traf ein Haus in der Nachbarschaft, das sogleich in hellen Flammen aufloderte, das Feuer verbreitete sich von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse, und verheerte fast die halbe Stadt. Wahrend des Tumultes, da alles winselte, schrie, larmte, lief und rennte, erwachte Belphegor, an dem der Scharfrichter sein Amt uberhaupt schlecht verwaltet hatte, von seiner bisherigen Betaubung, da Blut und Lebensgeister wieder ihren ungehinderten Lauf bekommen hatten; er erblickte nicht so bald den Aufruhr und das allgemeine Schrecken, als er ohne Anstand die Entschliessung nahm, die Gelegenheit zur Flucht zu nutzen. In Eile arbeitete er sich los, so gut er konnte, und floh zur Stadt hinaus: niemand bemerkte ihn, und niemand wollte ihn bemerken.

Die ganze Nacht hindurch lief er, ohne ein einzigesmal auszuruhen, und kam in der Morgendammerung mit der Angst eines Gehangten, der nicht gern eine zweite Erfahrung machen mochte, wie es sich zwischen Himmel und Erde wohnt, an eine Priesterwohnung, wo er mit so grosser Verwunderung als Bereitwilligkeit aufgenommen wurde. Sein Gefahrte war nebst Stricken und Galgen verbrannt, und weil man ihn gleichfalls in Asche und Staub verwandelt glaubte, so blieb er vor der Nachstellung desto sichrer.

Zweites Buch

Der ehrliche treuherzige Magister MEDARDUS war gegenwartig der Besitzer dieser einsamen landlichen Wohnung ein Mann, der alle Menschen Bruder nennte und als Bruder behandelte, der armste und doch der freygebigste gastfreyeste Seelenhirte des ganzen Landes, der mit Ungluck und Gefahren gekampft hatte und noch taglich von ihnen herausgefodert wurde, sieben lebendige Kinder besass und eine Vorsehung glaubte.

Zween Ungluckliche bedurfen keiner Mittelsperson, in Bekanntschaft oder Vertraulichkeit zu gerathen: bey dem guten Medardus war sie noch viel weniger nothig. Ein Krug voll Apfelwein, das sein taglicher und liebster Trank war, vertrat die Stelle derselben und wurde haufig unter beiden gewechselt; Belphegor klagte und jammerte dabey uber den Neid und die Unterdruckung der Menschen, und Medardus ermahnte ihn, mit der Welt zufrieden zu seyn, so lange es noch Apfelwein und eine Vorsicht gebe.

Bruderchen, iss und trink heute noch! Morgen ists vorbey; morgen muss ich fort, sprach er.

Morgen fort! warum das?

Die Leute sind bose darauf, dass mir mein Apfelwein so gut schmeckt. Du weisst, Bruderchen, dass Bauernkrieg ist

Ja, leider weis ichs! unterbrach ihn sein Gast mit einem tiefen Seufzer. Ja, Freund, der ungluckliche Belphegor

Was? Bist du Belphegor, Bruderchen? der Belphegor, der dem Richter die weisse Knotenperucke schuttelte? Du bist ein braves Kerlchen! Der brave Belphegor soll leben! und dabey that er einen herzhaften Schluck. Siehst du, Bruderchen? die Bauern haben Unrecht behalten, das weisst du! Ich bin einer von ihren Pfarrern; morgen muss ich fort.

Aber was hat denn der Pfarrer mit dem Baurenkriege zu schaffen?

Je, Narrchen, ich habe ein Wortchen fallen lassen nicht viel! gar nicht viel! daruber sind sie bose geworden; und weil sie denken, sie konnens, so plagen sie mich so lange, bis ich fortgehe. Meine Kinder sind versorgt; mein Apfelwein ist diesen Abend alle; und morgen geht die Reise fort. Die Vorsicht ist uberall. Meine Frau ist vor Kummer gestorben Hier hielt er schluchzend inne: sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf: aber die Vorsicht lebt noch, sezte er ruhig hinzu. Es war eine herzensgute Frau er weinte gar ein goldnes Weibchen er weinte noch mehr. Da, Bruderchen! fuhr er auf einmal auf, indem die Thranen noch uber sein erheitertes Gesicht herabliefen da Bruderchen! Ihr Andenken! und brachte ihm den Krug zu.

Ach Akante! du grausame Akante! rief Belphegor, indem er den Krug dem Munde naherte.

Bruderchen, ist das deine Frau? rief Medardus.

Nein! aber kennst du das grausame Felsenherz?

"O, Narrchen, mehr als zu wohl! Ich habe als Jesuiterschuler dreyhundert wohlschmeckende Hiebe um ihrentwillen bekommen

Um Akantens willen? Auch da war sie schon eine Wolfinn?

O, Kind, sie war schon! tausendmal schoner als meine Frau, aber nicht den hunderttausendmaltausendsten Theil so gut; so gut kann aber auch keine auf der Welt seyn, als das liebe Weib." Die Thranen stunden schon wieder in den Augen, und der Ton wurde weinerlich. Ihr Andenken, Bruderchen! sagte er frolich und trank. Hui! fuhr er fort, also kennst du Akanten, Bruderchen?

Und meine Hufte noch mehr! die Barbarinn! Sie ist die Urheberinn alles meines Unglucks, sagte Belphegor.

Und auch des meinigen! fiel ihm Medardus ins Wort. Dreyhundert gute gesunde Hiebe brachte sie mir zuwege. Sie gefiel mir, und ich ihr, und zwar mehr als mein Lehrer, der ihr mit aller Gewalt gefallen wollte. Siehst du, Kind? das machte ihm die Leber warm; weil er der Starkre war, so durfte ich ihm meinen Rucken nicht verweigern; ich bekam zu Heilung meiner Liebe dreyhundert baare Hiebe und wurde in ein Kloster gesteckt. Wir erhielten darinne zuweilen heimliche Besuche von etlichen artigen Puppen, die uns die Einsamkeit erleichtern sollten: bey meiner Schlafmutze! ich war so unschuldig, wie ein Sechswochenkind: ich hatte nichts Boses im Sinne und konnte auch nicht: purer Naturtrieb! die Kinderchen gefielen mir, es war mir wohl, wenn ich bey ihnen war, und schlimm, wenn ich sie entbehren musste. Auch mir waren sie herzlich gut, und die ubrigen Schlucker bekamen kaum einen Kuss, wenn ich schon sechse zum voraus hatte. Siehst du, Bruderchen? Sie wurden neidisch: Bruder Paskal versteckte sich, und da ich im Dunkeln vor ihm vorbeygehe, fasst er mich bey den Ohren und will mir beide Ohren abschneiden, aber das Messer war zu stumpf; so kam ich mit einem hubschen langen Schnitte davon, den ich wieder zuheilen liess. Damit war aber der Groll nicht voruber: wenn ich nur einen Blick mehr bekam als ein andrer, so musste ich leiden; und ob ich gleich izt mit ihnen nur in gleichem Schritte gieng, so blieben sie mir doch feind und suchten alle Gelegenheit, mir zu schaden, mich zu verfolgen. Einige beschlossen, mich zu entmannen, doch Bruder Paolo widersezte sich ihrem Anschlage. Er konnte an sich selbst abnehmen, wie schrecklich ein solcher Zustand seyn musste. Aus christlichem Mitleiden empfahl er seinen Mitbrudern in einer zierlichen Rede die Barmherzigkeit, als eine der Kardinaltugenden, und beredete sie, mir lieber, um ihr Gewissen vor Grausamkeit zu bewahren, im Schlafe alle Flechsen am ganzen Leibe zu zerschneiden. Zum Glucke erfuhr ich diesen schonen Plan, als er eben geschmiedet wurde, und ehe sie ihn ausfuhren konnten, war ich unsichtbar.

Ich anderte Land und Religion zugleich und studirte. Siehst du, Bruderchen? nun gieng eine neue Noth an. Der Superintendent * * * hatte viel Liebe fur mich; er erhielt mich und war auf eine Versorgung fur mich bedacht. Indessen bekam auch die Matresse eine kleine Liebe fur mich; es lag ihr an weiter nichts als einen Hofprediger zu haben, der IHR alles zu danken hatte und ihr darum aus Dankbarkeit das Wort reden musste; in kurzem war ich Hofprediger, ohne dass vorher jemals einer gewesen war. Nun war alles wider mich; alles was ich sagte, war heterodox, alles Irrlehren, ich war ein dummer unwissender unwurdiger Mann, ob sie sich gleich alle vorher uber meine Wissenschaft gewundert hatten, meine Sitten, mein Betragen war unanstandig, man streute die argerlichsten Erzahlungen von meinem ehmaligen Wandel aus, ob ich gleich von einem jeden meiner Neider und vormaligen Patrone schriftliche und mundliche Zeugnisse fur mich hatte, die mich wegen meiner Auffuhrung als ein Muster lobten und priesen. Ich wurde von Tage zu Tage verhasster: die Beschuldigungen von Irrthumern wurden immer haufiger und angreifender, dass ich endlich aufgefodert wurde, mich in einer offentlichen Unterredung zu rechtfertigen. Ich musste darein willigen, oder mich meinen Feinden uberwunden geben. Meine Gegner fochten, wie Seerauber; alles verdrehten sie, sie schrieen auf mich los, um mich aus der Fassung zu bringen, und der Superintendent, der nicht sonderlich frisch Latein reden und auch nicht sonderlich frisch denken konnte, hustete, stotterte, wusste nichts zu sagen, und gab mir endlich mit der gelaufigsten Zunge von der Welt alle Ketzernamen, die er aus Rechenbergs Kompendium gelernt hatte. Quid volumus plus? sagte er; ut finiamus controversiam, er ist ein Pelagianer, Samosatenianer, Cerinthianer, Nestorianer, Eunomianer, Arrianer, Socinianer, Eutychianer; und alle stimmten in einem Tutti zusammen: -aner, aner, -aner! Ich versammelte die Krafte meiner Lunge und bombardirte, da sie erschopft waren, mit einem solchen Schwalle Jesuitenlatein auf sie los, dass sie schwizten, stammelten und besturzt sich umsahen. Meine Beforderinn und Beschutzerinn, die dem Wettstreite in eigner Person beywohnte, nuzte diesen gunstigen Zeitpunkt, erhub ein lautes Gelachter, alle Damen und Herren hinter drein, denen endlich das ganze anwesende Publikum beytrat, meine Gegner wurden ganz ausser sich gesezt, und konnten kein Wort hervorbringen, weil jedes, das sie versuchten, durch ein neues Gelachter erstickt wurde. Der Sieg war mein; ich hatte bey jedermann Recht. Siehst du, Bruderchen? ich hatte Recht, weil ich die Oberhand hatte.

Meinen Feinden blieb die Leber lange warm: meine Beschutzerinn fiel in Ungnade. Siehst du, Bruderchen? nun kam die Reihe an MICH, Unrecht zu haben. Sie untergruben mich heimlich auf die listigste Weise, und ehe ichs dachte, ward mein Amt wieder aufgehoben, und ich in eine andre Stelle versezt, wo die christliche Gemeine so klein war, dass meine Heterodoxie nicht viele verfuhren konnte. Siehst du, Bruderchen? izt hatte ich bey jedermann Unrecht, weil ich unten lag: aber eben deswegen wurden der Superintendent und alle meine vorigen Gegner allmahlich meine guten Freunde, und ich war in ihren Augen wieder so orthodox, als ein symbolisches Buch.

Bald darauf wurde Krieg, und ich Feldprediger. Mein Kollege war mir behulflich dazu und ausserordentlich gewogen: aber wenige horten ihn gern, und alle verlangten mich; wer es Umgang haben konnte, vermied seine Predigten, und in meine kamen sie haufenweise. Siehst du, Bruderchen? die Freundschaft war aus; und er wurde mir gar feind, als ich einen gewissen Fromal zum Tode bereiten musste

Was? fuhr Belphegor auf, einen gewissen Fromal zum Tode bereiten musste! Ist Fromal todt?

Er sollte gehangt werden, aber er kam gelinde davon; er wurde nur mit nackten Rucken um das ganze Lager, bey Trommeln und Pfeifen, herumgefuhrt, und bekam alle zehn Schritte sechs Ruthenstreiche.

Fromal! mein Freund! schrie Belphegor, was hatte er denn gethan? Verdient kann er eine solche schimpfliche Strafe nicht haben.

Er wurde fur einen Spion gehalten: aber siehst du, Bruderchen? ICH kam am schlimmsten dabey an. Fromal hatte mich ausdrucklich verlangt, ob es gleich meinem Kollegen zugekommen ware; dadurch wurde der alte Hass wieder aufgeruhrt. Mit der Orthodoxie konnte er nichts ausrichten, wenn er mir gleich alle Ketzereyen auf den Kopf hatte schuld geben wollen. Er machte mich also auf einer andern Seite verdachtig; er klagte mich heimlich bey allen Offizieren eines grossen Eifers fur die feindliche Parthey an, und uberredete sie, dass mich nichts als die Furcht vor der Schande abhielt, sonst wurde ich zu ihr ubergehn und selbst mit ihr fechten: er machte es ihnen sogar wahrscheinlich, dass ich uber einem solchen Anschlage brutete. In kurzem kam es dahin, dass jedermann meine Predigten so ungern horte, als die seinigen; er genoss wegen seiner Entdeckung ein wenig Achtung mehr als ich; und wir waren wieder herzensgute Freunde. Siehst du, Bruderchen? wird dir die Zeit etwa lang? Siehst du? wer zu mir kommt, muss einen Krug Apfelwein mit mir trinken und meine Geschichte horen; sonst lass ich ihn nicht von mir. Da! Freund Fromal soll leben!

Die grossen Herren machten Friede, und bey mir gieng der Krieg an. Ich sollte zu einer ansehnlichen Stelle erhoben werden, und meine Patrone machten alle Anstalt dazu. Gleich war ich wieder ein Irrglaubiger; alles an mir, bis auf die Schuhschnallen, war heterodox. Ich musste mich lange herumtummeln und richtete doch nichts aus. Ich behielt Unrecht: denn ich lag unter. Siehst du, Bruderchen? Ich musste vorlieb nehmen, was sie mir gaben: die mich vorher, als ich uber sie wollte, hassten und verfolgten, thaten mir izt Gutes was ich bey meiner Einnahme sehr brauchte recht viel Gutes, weil ich unter ihnen war.

In diesem Aemtchen nahm ich meine verstorbne Frau. Die Thranen standen ihm schon in den Augen, als er sie nur nennte; und er fuhr schluchzend fort: Ach, Bruderchen, das beste Weibchen unter der Sonne! Ich mochte heute noch sterben, um sie wiederzusehn: sie war so gut! so treuherzig! wahrhaftig, ich bin nur ein Schurke gegen sie. Dass doch die guten Leute so fruhzeitig sterben! das herzeliebe Weib! Hier brach er in eine Fluth von Thranen aus, die nicht in Tropfen sondern in Einem Gusse uber die Backen herabschossen. Der Strom war noch in vollem Laufe, als der ganze Horizont seines Gesichts sich schon wieder aufklarte. Ihr ewiges Andenken, Bruderchen! rief er mit thranenvollen Backen und frolicher Mine, und trank.

O Akante, murmelte Belphegor, konnte ich so dein Andenken bey mir erneuern! Aber, du undankbare Schlange

Bruderchen, das Herze springt mir, wie ein Lamm, wenn ich nur an einen Buchstaben von ihrem Namen denke. Die Thranen ergossen sich von neuem. Kein Wunder, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, dass ich um ihrentwillen so viel ausstehn musste! Mein benachbarter Amtsbruder hatte schon lange um sie geworben, und nun nahm ich ihm Hoffnung und Frau auf einmal weg. Er wurde neidisch; er schwarzte mich bey unserm Superintendenten an, und machte mich abermals zum Ketzer. Meine pabstlichen jesuitischen Meinungen sollten mir noch anhangen; tausend Ungereimtheiten dichtete er mir an, an die ich niemals gedacht hatte. Siehst du, Bruderchen? ich sollte in Untersuchung kommen; es geschah auch. Ich focht mich ritterlich durch, oder vielmehr der Superintendent half mir durch, weil er ein Feind vom Prasidenten war, und meine Gegner diesen auf ihre Seite gebracht hatten, weswegen jener gleich zu meiner ubergieng, um nur den Mann zu uberstimmen, den er todtlich hasste, weil er Prasident und eine ganze Stufe uber ihn war.

Aber, Bruderchen, es war doch nicht zu dulden: ich wurde auch bey meiner Gemeine wegen grosser Irrlehren verdachtig gemacht; ich nahm kurz weg meine Partie, bewarb mich um ein ander Amt und kam hieher. Meine gute Frau liess ich hier begraben; siehst du, Bruderchen? hier in der Ecke starb sie sieben Kinder er stockte vor Wehmuth. Doch die Vorsicht lebt noch, fuhr er erheitert fort, meine Kinder sind versorgt: morgen wandre ich fort: meine Mobeln sind voraus. Siehst du, Bruderchen? wie ich dir sagte, ich liess ein Wortchen zu viel fallen; und ich bin geplagt worden! ich bin geplagt worden! Ich dachte, lange sollt ihr mich nicht plagen; ich fand ein andres Aemtchen, und so lebt wohl! Morgen geh ich; aber trink, Bruderchen! der Apfelwein muss heute alle werden. Ich habe erzahlt; nun, Bruderchen, erzahle du! Willst du mit mir, so steht dir mein kunftiges Haus offen. Nu, erzahle!

Belphegor erzahlte ihm darauf seine ganze tragische Geschichte von Akantens unbarmherziger Verweisung bis zu seiner Einquartirung zwischen Himmel und Erden. Den Beschluss machte eine klagliche Apostrophe an Akanten, die er ein Demantherz, einen Feuerstein, eine Tigerinn, Lowinn schimpfte, und versprach ihr als ein ehrlicher Mann, sie von Herzen zu hassen, und wenn es seyn konnte, gar zu vergessen.

Des Morgens darauf wanderte Medardus mit Belphegorn aus, um ihre Reise bis an den Ort zusammen zu thun, wo jener sein neues Amt antreten sollte. Belphegor gieng mit schwerem Herzen und traurigen Ahndungen wieder in die offne Welt aus, und wurde vermuthlich noch tausendmal unmuthiger diese Ausflucht unternommen haben, wenn er nicht einen so wohlmeinenden gutherzigen Freund an seinem Begleiter gehabt hatte. Medardus nahm von der Wohnung und dem Orte, wo er sein Liebstes zuruckliess, mit den weichmuthigsten Thranen Abschied, und ehe er noch ausgeweint hatte, kehrte er sich um, fasste seinen Reisegefahrten bey der Hand und sagte mit lebhafter Frolichkeit zu ihm, als er seine verstorte Mine erblickte: Bruderchen, sey gutes Muthes! Die Vorsicht ist uberall.

Aber auch die Welt! unterbrach ihn Belphegor. O Fromal! dass du Recht hattest, als du mich lehrtest, uberall sey Krieg. Ich, Elender, trage die traurigsten Beweise, dass du die Wahrheit sagtest: doch dies sollen die lezten seyn. Freund, rief er, indem er den Medardus hastig ergriff, Freund, wo ich bey den hasslichsten Ungerechtigkeiten mehr als mitleidiger traurender Zuschauer bin, wo ich nur Ein strafendes Wort uber meine Lippen kommen lasse, so lose, reisse, schneide, senge mir meine Zunge von der Wurzel aus, wie du willst! Mag die ganze Erde sich um mich in Faktionen zertheilen und sich um das elendeste Nichts, um Seifenblasen herumschlagen ich schweige, ich hulle mich nach deinem Rathe, Fromal, in die dickste Unempfindlichkeit und sehe zu.

Ja, Bruderchen, sagte Medardus, ich lasse auch gewiss kein Wortchen wieder fallen, und wenn die Starkern die Schwachern lebendig assen.

Ihr Weg war viele Tagereisen lang, deren Anzahl um so viel starker wurde, da sie jeden Tag nur langsam ein Paar Meilen fortgiengen. Bey ihrer zweiten Einkehr fanden sie einen heftigen Krieg in dem Wirthshause, der einen grossen Trupp Zuschauer herbeygelockt hatte. Ein Mann von ehrbarem Ansehn mishandelte einen Juden auf das harteste, dem er unaufhorliche Vorwurfe machte, aus welchen man schliessen konnte, dass ihn der Hebraer betrogen haben musste.

Freund, zischelte Belphegor seinem Gefahrten leise ins Ohr, siehe! wo der Mensch nicht mit Gewalt unterdrucken kann, da unterdruckt er mit List, da betriegt er. Immer Mensch wider Menschen!

Als der thatlichste Theil des Streits voruber war, liess sich der Zorn in Worte aus: man legte die Waffen nieder und kehrte sich zu einem mundlichen Prozesse.

Der Mann, der den Juden mishandelte, war der Statthalter und Justizpfleger des Orts. Nachdem er dem Israeliten, der izt mit den empfangenen Schlagen noch zu viel zu thun hatte, um seine Einreden anders als in den Bart zu murmeln, seine Titel und Macht umstandlich explicirt und ihm dabey begreiflich gemacht, dass, obwohln er anbefugter Massen ihn mit harterer Strafe hatte belegen konnen, er doch sich nicht entbrochen habe, ihm die Ehre anzuthun und seinen Rucken in eigner hoher Person den tragenden Richterzepter empfinden zu lassen. Schliesslichen sezte er hinzu, dass er aus Christenpflicht schon verbunden gewesen ware, ihn fur seine Betriegerey so kurz weg zu bestrafen, da er ohnehin so bettelarm ware, dass es nicht die Muhe belohnte, ihn in der gehorigen Form zu bestrafen. Du Hund von Juden! Du Betrieger!

Was? rief der Jude mit seinem judischen Tone, hott der Herr nit mich zuerst betrogen? Hott er mir nit a Pfardel verkoft, a Pfardel, das war blind, das war steif, das hotte ein angeleimt Schwanz, das war nit zwa Thaller werth, und hobe gegaben dem Herrn, hobe gegaben achzig Reichsthaller! achzig Reichsthaller, so wahr ich leb!

Nachdem und alldieweiln du ein Jude bist, als kann dir mit einem solchen Traktamente nicht Unrecht geschehen.

Nu, wohl! weil der Herr a Christ ist, so dorf mirs der Herr nit ubel nahm, dass ich ihn wieder betrieg: der Herr hott mich betrogen zuerst: wir sind beede Betrieger.

Der Andre war wegen der grossen Anzahl der Anwesenden etwas betroffen. Ihr Christen, fuhr der Jude, der deswegen Herz schopfte, in der namlichen Sprache fort, ihr seyd saubere Leute; wenn ihr einen armen Juden anfuhrt, so glaubt ihr, ihr habt noch so viel gethan; und wenn wir uns rachen, so bestraft ihr uns als Missethater: ihr habt uns doch das Beispiel dazu gegeben. Ihr verachtet uns, als die elendesten Kreaturen, und wenn ihr Geld braucht, sind wir doch die liebsten schonsten Leute. Sind wir nicht Menschen? Wenn ihr immer an uns zapft, so mussen wir euch betriegen, um bestandig voll zu seyn, wenn ihr zapfen wollt.

Da er sahe, dass sein Gegner immer verschamter wurde, so wuchs sein Herz zusehends. Er drohte, ihn bey einem halben Dutzend Excellenzen und ein Paar Durchlauchten zu verklagen, die er insgesamt sehr genau, wie Bruder, kennen wollte, und doch weiter nicht, als jeder unter den Anwesenden dem Namen nach kannte; und da er in der grossten Hitze seinen Gegner zur Thur hinausgedonnert hatte, so wandte er sich mit ruhiger Hoflichkeit zu Belphegorn: hat der Herr nicks zu schackern? zu schackern? fragte er und nannte ihm eine Menge Materialien her, mit welchen er zu schackern wunschte: da er aber keine Antwort erhielt, so that er an andre noch etlichemal ahnliche vergebliche Anfragen und begab sich fort.

Belphegor, der eine Heldenstarke gebraucht hatte, um seine Zunge und seinen Unwillen zuruckzuhalten, fasste seinen Freund bey dem Arme und bat ihn, mit ihm an die frische Luft zu gehn. O, rief er, als sie in einem kleinen Baumgarten angelangt waren, und schlug mit Bewegung die Hande zusammen ist das der Mensch, der edle, freundschaftliche, gesellige Mensch, dies empfindende, denkende, mitleidige Thier, wie ich mir ihn sonst abmahlte? So viel ich ihrer bis hieher gesehn habe, alle waren Raubthiere; alle laurten auf einander, sich mit List oder Gewalt zu schaden: einer war, wo nicht der Feind des andern, doch nur so lange sein Freund, als er unter ihm war, und gleich weniger, so bald er uber ihn stieg: alles misbrauchte seine Starke zur Unterdruckung. Bedenke, wie ungerecht war dieser Mann, einen Elenden zu mishandeln, weil er zu einer Nation gehorte, die wir zum Ziele unsrer Verachtung und Eigennutzigkeit hingestellt haben: die wir gezwungen haben, Betrieger zu werden, weil wir ihnen alle Mittel abschneiden, ehrlich sich zu erhalten, weil wir sie zu einer Geldquelle bestimmen, aus welcher jedermann schopfen will, und verlangen, dass sie nie versiegen soll.

Siehst du, Bruderchen? antwortete ihm Medardus, das ist immer so gewesen. Die Christen, die sich uber alle Volker des Erdbodens, uber die weisesten Griechen und Romer erhoben haben, weil diese kein Wort von der Nachstenliebe sagen die barmherzigen, sanftmuthigen Christen, die es bis auf diese Stunde den Heiden vorwerfen, dass sie ihren Feinden nicht, wie Theaterhelden, grossmuthig vergaben, sondern Beleidigungen auf der Stelle ahndeten diese Christen haben von jeher es fur ihre heiligste Pflicht gehalten, die armen Hebraer zu peinigen, zu qualen, auszusaugen, und noch izt, in unserm lichthellen Jahrhunderte sieht es ein grosser Theil als eine Wohlthat an, diesem irrenden Volke menschlich zu begegnen.

Die Nation hat sich freilich selbst unter die Wurde der Menschheit herabgesezt

Siehst du, Bruderchen? durch unsre Schuld! Wir schwatzen an allen Enden und Orten von Mitleid und edlen Empfindungen und hassen die armen Israeliten auf den Tod. WIR haben angefangen zu hassen; das kann ich ihnen nicht ubel deuten, dass sie ein Geschlecht, das sie hasst, nicht lieben. Weil wir die Machtigern waren, unterdruckten wir sie: da sie sich durch die Starke nicht vertheidigen konnten, fuhrten sie den Krieg mit uns durch Hass und Betrug. Jedes Menschengeschopf ergreift zu seiner Selbstvertheidigung die Waffen, die es erhaschen kann. Mit Schauern denke ich noch daran, Bruderchen; betrachte nur! Ein Konig von Frankreich trat einem Juden in hochsteigner Person einstmals seine Zahne aus, um Geld von ihm auszupressen, und liess sich fur die Operation eines jeden Zahns eine ungeheure Summe bezahlen. Man liess die Juden Geld entrichten, weil sie Juden waren, und strafte sie um Geld, wenn sie Christen wurden. Hore, Bruderchen, wie hiess denn der Graf bey den Kreuzzugen? Ach, Graf Emiko! Der Barbar liess ihnen die Bauche aufschneiden, liess die armen Teufel vomiren, purgiren, um zu sehen, ob sie ein Paar elende Goldstucken in sich zuruckgelegt hatten. Siehst du, Bruderchen? In Spanien ist kein Auto da Fe Gott angenehm, wenn nicht ein Jude dabey lodert; und am Ende sollen sie gar, wie die Aliden ihnen prophezeihn, auf den Turken, wie auf Eseln, in die Holle traben. Siehst du, Bruderchen? Ich liebe zuweilen so etwas aus der Historie: wenn wir nur ein Glas Apfelwein hier hatten, so wollt' ich dir manch Anekdotchen von der Art erzahlen.

Freund, ich habe genug! sagte Belphegor; ich habe genug gesehn und gehort, um zu wissen, dass Fromal, dass der kaltherzige Richter Recht hatten: es ist immer so gewesen, dass Menschen Menschen qualten, und der Starkre den Schwachern zermalmte. O konnte ich dem kalten Schneemanne die Zunge ausreissen, und dadurch machen, dass er eine Luge gesagt hatte! Traurig, hochsttraurig! wenn unsre hohe grosse Idee von dem Menschen mit jedem Tage mehr zusammenschmilzt! und vielleicht zulezt gar nur ein verachtlicher Haufen Unrath ubrig bleibt! Wie wohl war mir, Freund, da in der Einsamkeit meine geschaftige Fantasie und mein Herz aus allen moralischen Vollkommenheiten einen Koloss zusammensezten und ihn den Menschen nannten: ich dunkte mir selbst gross und erhaben, weil ich mein Geschlecht dafur hielt: meine ganze Aussicht war in mich selbst konzentrirt und lass michs offenherzig gestehn! ich sah nichts als Gutes, nichts als Liebenswurdiges. Ein fantastischer Traum, aber wahrhaftig suss! Wenn ich izt ausgetraumt habe, wenn dies wachen heisst, so habe ich unendlich verloren, dass ich nicht mein ganzes Leben in dem Schoosse der Einbildung verschlummerte: denn izt scheine ich mir selbst aus einem Kaukasus in einen Ameisenhaufen zusammengeschrumpft, und der Stolz auf die Menschheit liegt darunter begraben. O Akante! Akante! wehe dir, dass du mich aus diesem engen Gesichtskreise in die weite Aussicht der Welt hinausstiessest! Wenn DU nicht warest, Freund, wo sollte alsdann meine Empfindung etwas finden, um sich anzuhangen; und wie ode ist ein Leben, wo unser Gefuhl immer im Finstern herumtappt und nie einen Gegenstand erhascht, den es umarmen kann! Er sprach dies mit einer affektvollen Bewegung.

Siehst du, Bruderchen? trostete ihn Medardus mit gutherzigem Ton die Vorsicht lebt noch. Ungluck ist immer zu etwas gut: wenn du gleich in Millionen Stucken zerhauen und auf dem Roste gerostet wirst, das kann immer zu etwas gut seyn: DU weisst es nur nicht. Wenn ich nur einen Krug Apfelwein hier hatte, so wollte ich dir schon Muth zutrinken. Komm, Bruderchen, ich mochte doch wissen, was es fur ein Mann ist, der den armen Juden um achzig Thaler so schandlich betrogen hat.

Sie kehrten in die Stube zuruck, um daruber Erkundigung einzuziehn. Der Wirth bezeigte sich anfangs sehr zuruckhaltend, als er sich aber sorgfaltig umgesehn und keinen Belauscher bemerkt hatte, so schuttete er sein Herz gern aus und that ihnen zu wissen, dass dieser Mann der schandlichste Unterdrucker des Erdbodens sey. Wir armen Leute, sprach er, die wir unter seiner Gerichtspflege stehen, wir sind seine Schafe, denen er die Wolle abnimmt, so bald sie nur ein wenig gewachsen ist; und mannichmal fahrt uns seine Scheere gar ins Fleisch, dass wir uns verbluten mochten. Er weis jede Kleinigkeit zu einem Verbrechen zu machen; und dann straft er! und wer nicht gar bis auf die Haut ausgezogen seyn will, der legt herzlich gern alle zehn Finger auf den Mund: jedermann giebt gern, so viel er verlangt, und schweigt, damit er nur nicht mehr als andre geben muss. Alle Rechte und Freiheiten, die wir so nach und nach durch die Lange der Zeit erlangt haben, Kleinigkeiten, die den Armen viel und den Reichen wenig helfen, macht er uns streitig, legt uns neue Burden auf, und weis allemal ein altes Recht vorzuschutzen. Wenn wir uns beschweren wollten, so halfe das zu weiter nichts, als dass er uns nun die Wolle ausraufte, da er sie izt abschiert. Er halt ein halbes Dutzend Spione, vor denen man nicht ein Wortchen entwischen lassen darf, die zuweilen gar durch verfangliche Fragen etwas herauslocken wollen: man muss sich huten! sonst findet er gleich eine Gelegenheit, dass man unter sein Messer fallen muss. Seine Spione werden immer haufiger: denn jeder denkt, sich das Geben zu erleichtern, wenn er ihm andre zum Plundern schafft: so muss ein ehrlicher Mann den Kummer und Aerger in sich nagen lassen und darf ihn nicht einmal jemandem anvertrauen, aus Furcht, er mochte an einen Falschen kommen und sich ihn nur noch vermehren. Den armen Juden hat er um achzig baare Thaler betrogen, oben drein noch ausgeprugelt, als ihn dieser wieder angefuhrt hatte: und mit Klagen richtet niemand etwas gegen ihn aus: er weis sich herauszuschwatzen ich glaube, wenn er uns alle umbrachte. Wider den Starkern ist keine Justiz.

Hol der Teufel den Schurken! rief Belphegor und stampfte ergrimmt auf den Tisch. Komm, Freund! wir wollen ihm das verdammte Schelmenherz aus dem Leibe reissen!

Ja, Bruderchen, ich mochte, dass ihm im Leben kein Tropfen Apfelwein mehr schmeckte! dem Bosewicht! sprach Medardus und warf seinen Hut auf den Tisch.

Gott! mir gluht meine Stirn bis zum Verbrennen, dass ich einen solchen Unterdrucker mit mir zu Einem Geschlechte rechnen soll. Komm, Freund, wir wollen ihn fuhlen lassen.

Narrchen, wir sind ja in seiner Gerichtspflege: Unterdruckern muss man nicht die Spitze bieten, sondern aus dem Wege gehn. Komm, Bruderchen! nicht eine Minute langer wollen wir die Luft hier athmen, sie mochte in seiner Lunge gewesen seyn.

Belphegorn fiel der Gehorsam schwer; aber er erinnerte sich seines Entschlusses und der Verwunschungen, die er auf die Brechung desselben gesezt hatte: er nahm also seinen Abschied und begnugte sich, seinem Zorne unterwegs durch Ergiessungen gegen seinen Begleiter Luft zu machen.

Da die Tage heiss waren, so nuzten sie den kuhlen Morgen, um sich mit ihrer Reise desto weniger zu ermuden. Eines Morgens langten sie bey einem Truppe nicht allzu hoher Erlenstrauche an, die ein naturliches Kabinet bildeten, so einladend, dass man ohne Undankbarkeit nicht vorbeygehen zu konnen schien: sie sezten sich nieder. Kurz nach ihrer Niederlassung zeigte sich ihnen ein Frauenzimmer, das bey ihrer Annaherung einige Verlegenheit in der Mine verrieth, doch sich bald wieder fasste und unerschrocken auf sie zukam. Ohne die geringste Eingangsrede rief sie sogleich: Belphegor, ich komme nur, dir zu zeigen, dass du gerochen bist, dann will ich wieder in mein Elend zuruckwandern. Sieh mich ein einzigesmal an, und sage: ich bin gerochen! dann habe ich genug.

Ach, um des Himmels willen! schrie Bephegor Akante! Akante! O du Ungetreue! du Schamlose! du Verratherinn!

Ich verdiene diese Namen nicht, wenn du gerecht seyn willst.

Verdienst sie nicht? Du, die mich zur Thure hinauswarf und meine Hufte auf zween Tage lahmte? du, die mich dem Hohne preis gab und einem reichern Buhler in die Arme lief.

Alles that ich, aber nur auf deines Freundes Befehl. Unglucklich warst du in der Wahl deiner Freunde, aber nicht deiner Geliebten.

Welcher Freund, Ungeheuer? denkst du mich durch eine schone Fabel zu tauschen?

Nein, das brauche ich nicht: die Wahrheit ist meine beste Schuzrede. Dein Freund, Fromal, der Arglistige hat unsre Liebe zerrissen und mich verleitet, die harteste Ungerechtigkeit an dir zu begehn. ER war der reichere Buhler, wie du ihn nennst, der mich aus deinen Armen empfieng.

Unsinnige! du lugst! Er, der mich trostete, der mir mit der thatigsten Liebe beysprang, der mich mit Rath und Belehrung erquickte, wahrend dass du am Fenster in der Umarmung meines Verdrangers, mit der unverzeihlichsten Frechheit meines Elendes spottetest!

Ich deiner spottete! Gewiss, dein Groll machte falsche Auslegungen. Mein Herz blutete mir, als ich dich so gewaltsam verabschieden musste, und Schmerz und Reue nagten in mir, indessen dass mein Mund lachelte.

O du Sirene! Hatte sich dein Herz lieber ganz verblutet, dass du mich mit einer solchen Erdichtung nicht hintergehn konntest!

Ich schwore dir, keine Erdichtung! Du warst arm; ich brauchte Geld: Fromal und ein Andrer boten sich mir zu gleicher Zeit an: beide gaben vor, reich zu seyn, oder waren es wirklich. Das schwache eigennutzige Weiberherz! willst du von dem Heldenthaten fodern? Meine Liebe war leider! auf den Eigennuz gepfropft: sollte die Frucht besser seyn, als die Safte, die ihr der Stamm zufuhrte? Ich musste mich von Dir trennen, oder voll Treue mit Dir verhungern. Fromal verlangte schlechterdings, dir einen so empfindlichen Abschied zu geben; was konnte ich thun? Ich musste mich zwingen, ihm zu gehorchen, oder ihn verlieren: der Wechsel war schrecklich: der Eigennuz drangte auf mich los, ich liess mich uberreden, ich verubte die Gewaltthatigkeit an dir, und wunschte sie, durch Reue ungeschehen machen zu konnen. Belphegor, in Thranen habe ich geschwommen, in den heissesten Thranen, wenn der Gedanke an meine Ungerechtigkeit in mich zuruckkam.

O wenn ich dir nur glauben durfte!

Du musst, wenn du nicht die Wahrheit verwerfen willst. Ich wandte mich von dir zu dem Unglucklichen, der mit Fromaln dich verdrangte, und den dieser Barbar seiner Misgunst und Eifersucht aufopferte

Unverschamte! wagst du auch die Ehre meines Freundes zu beschmeissen, Insekt? Erdichtung! Geh! mein Freund

Hat ihn in meinem Schoosse ermordet! Er, der gewissenlose Fromal hat ihn ermordet! Lange wusste er nicht, dass ein Andrer meine Liebe mit ihm theilte: ich ware auf der Stelle das Opfer seiner blutgierigen Eifersucht geworden, so bald ich ihm den mindesten Verdacht gegeben hatte. Doch endlich uberraschte er meine Vorsichtigkeit: er traf ihn in meinen Armen an, und gleich gluhte ihm die Stirn, seine Augen walzten sich, wie drohende Kometen; er ergriff ein Messer und durchstach den Unglucklichen, dass er in meinen Schooss sank. Schon holte er aus, um mich gleichfalls seiner Wuth aufzuopfern, als auf mein Rufen zween Leute herbeysprangen, den unbandigen Lowen zu zahmen. Die Furcht gab mir in der Geschwindigkeit den Einfall zu entfliehen, um den Untersuchungen der Justiz zu entgehen: Liebhaber, Geld, Kleider, Mobeln alles verliess ich und rettete mich glucklich uber die Granzen.

Und was wurde aus Fromaln? Doch was glaube ich denn solche Erdichtungen, die die Leute im Stehen einschlafern konnen? Schweig, Betriegerinn! ich will nichts weiter horen.

Belphegor, du musst es horen um zu sehen, wie du gerochen bist.

Lugen! so musste ich mich selbst nicht kennen, wenn ich glauben konnte, dass Fromal mich mit Falschheit getauscht hatte. Ich schame mich, das zu denken. Geh! du mochtest mich zum zweitenmale uberreden, dass du keine hinterlistige Betriegerinn bist! Ist dies nicht genug, selbst untreu zu seyn, musst du auch der Treue andrer den giftigen verratherischen Anstrich der deinigen leihen? Freundschaften trennen wollen, die Natur und Erziehung unaufloslich geknupft haben? Ich hore nicht Ein Wort mehr.

Sie bat, sie flehte, sie beschwor ihn, bis endlich Medardus sich ins Mittel schlug und ihn gleichfalls um geneigtes Gehor fur sie ersuchte. Siehst du, Bruderchen? sprach er, du kannst ja glauben, was du willst, aber sie doch wenigstens horen. Ich mochte doch gern wissen, wie wir hier zusammenkommen hier, gerade hier und nicht anderswo! das ist doch wahrhaftig sonderbar. Warum nur gerade hier? Ich weis wohl, warum Alexander, der Grosse, und Scipio gerade auf dem Flecke zusammenkamen, wo sie mit einander redten: aber Akanten hatte ich mir hier nicht vermuthet, so wenig als meine gute verstorbene Frau. Nu, Kind, erzahle du nun!

Akante fuhr darauf in ihrem Berichte fort.

Ein boser Geist trieb mich an, in Gesellschaft eines deutschen jungen Herrn eine Wallfahrt nach Rom zu thun. Er hatte bisher in der Begleitung eines Arlekins, der vom toskanischen Hoftheater abgedankt worden war, die vornehmsten Stadte Italiens besehen, und wunschte auf seiner zweiten Reise, weil er auf der ersten demungeachtet Langeweile genug gehabt hatte, mehr Gesellschaft mitzunehmen, um desto weniger einsam zu seyn: ich nahm die Partie an. Ob ich gleich nicht um meiner Sunden willen reiste, so war ich doch die ganze Reise uber niedergeschlagen: die Possen des Narren, der mit uns reiste, und das Lachen seines Herrn, der den Mund bis an beide Ohren bey jedem Einfalle zu dem unsinnigsten Gelachter aufriss, ermudeten mich: weswegen ich die meiste Zeit der Reise geschlafen habe, besonders da mein Liebhaber ein so schwerfalliger deutscher Wizling war, dass ich tausendmal lieber den Narren von Profession anhorte. Da ich ihm auf der Reise so wenig Dienste gethan, vornehmlich so wenig uber seine Einfalle gelacht hatte, so ward er im hochsten Grade unwillig uber mich; und da er eines Tages etwas sagte, das ihm vorzuglich gefiel, und ich ganz ungeruhrt fortschlief, so stieg sein Aerger uber meine Kaltblutigkeit so hoch, dass er mich aus Rachsucht in den rechten Backen biss und wenigstens eine gute Quente Fleisch hinwegnahm, weil nach seiner Meinung jedes seiner Worte den Leuten auch im Schlafe gefallen musste. Zu Hause bey mir, sagte er oft, sind die Leute wahrhaftig tausendmal kluger, als in Frankreich und Italien. Alle Damen haben die Mauler schon offen, wenn ich nur die Lippen bewege; und uber meine Erzahlung vom weissen Bare haben in Einem Nachmittage drey Fraulein hysterische Zufalle bekommen; bey meiner Geschichte vom vogtlandischen Pfannkuchen uberfiel eine meiner Niecen vor Lachen ein so heftiger Schlucken, dass sie ihn noch bis diese Stunde nicht verloren hat; eine von meinen Tanten hat sich bey einer andern Erzahlung von dem Wolfsmuffe eine Ader an der Lunge gesprengt und ist wahrhaftig daran gestorben; alle meine Leute vom Verwalter bis zum Kuchenmensche lachen, wenn sie nur Ein Wort von mir horen: aber ausser meinem Vaterlande sind die Leute wahrhaftig so schwachkopfig, so trocken, dass sie kaum die Lippen verziehen, man mag sich todt und lebendig schwatzen. Wozu verthut man unter den Schurken sein Geld, wenn man nicht einmal den Gefallen von ihnen erlangen kann? Das soll aber auch gewiss meine lezte Reise seyn: mein Geld sollen Leute bekommen, die besser dafur zu danken wissen. Ein solcher niedlicher Ritter war es, den ich izt als meinen Liebhaber behandeln sollte, und dem ich kaum die Ehre gegonnt hatte, mein Bedienter zu seyn. Doch der Himmel bescherte mir eine Schlafsucht, die bis vor die Thore von Rom dauerte. Den Tag nach seiner Ankunft wurde ich entlassen, und nahm statt der Belohnung eine Wunde auf dem Backen und allenthalben blaue Flecken mit mir hinweg alles Merkmale seines morderischen Witzes!

Ich war mir selbst uberlassen und hatte zu arbeiten und zu kampfen, bis ich endlich die Vertraute Pabst Alexanders des sechsten wurde

Pabst Alexanders des sechsten! rief Medardus. Bruderchen, das ist wohl wider die Chronologie?

Sey es, was es wolle! sagte Belphegor ungeduldig; nur weiter!

Ich wurde es; doch der Kardinal BESSARABIO wurde bald sein Nebenbuhler

Der Kardinal Bessarabio! unterbrach sie Medardus. Bruderchen, hast du von einem solchen Kardinale etwas in der Geschichte gelesen?

Nicht Eine Silbe! aber nur weiter! rief Belphegor.

Bessarabio war sein heimlicher Nebenbuhler, und GRIMALDI theilte meine Liebe auch mit ihm, auch KOLOMBINO und SACOCCIO, und SAMUELE ISBENICO

Nur weg mit den Namen! schrie Belphegor.

Die er aber alle vergiften liess

Alle vergiften liess! rief Medardus und Belphegor zusammen.

O wir haben in Einem Jahre dreissig vergiftet, achzig durch Banditen ermorden lassen und acht und zwanzig zu Tode geargert, weil sie sich einem gewissen Projekte widersezten oder im Wege waren, das auf nichts weiter als auf die Unterdruckung der ganzen Christenheit abzielte. Mit unsern Vasallen gelang es uns zur Noth, was, wie ich hore, unser Nachfolger vollends zu Stande gebracht hat: aber wir wollten weiter: unsre geheimen Absichten stiegen bis zur Universalmonarchie: was Hildebrand nur zur Halfte gethan hatte, sollte durch uns vollendet werden. Es ist nichts edleres, habe ich gehort, als der Trieb, uber Menschen zu herrschen: sonach sind die Nachfolger Petri gewiss die edelsten Sterblichen auf dem ganzen Erdenkreise: denn sie wollten nicht bloss uber den ganzen Erdboden, sondern auch uber den Himmel, nicht blos uber die Korper, sondern auch uber den Verstand herrschen. Auch habe ich gehort denn ich bin bey dieser Bekanntschaft etwas politisch geworden dass nichts erhabner unter den Menschen ist, als alle seines Gleichen unter sich herabzusetzen, sich uber alle emporzuschwingen und Menschen durch Mord, Blutvergiessen oder andre Mittel das gilt nun gleich unter seine Fusse zu treten. Wenn der Eroberer, der Sieger, der Held der grosste Mann ist, so haben unter der Tiare grossre Manner gesteckt als unter allen griechischen und romischen Helmen. Wenn nur mein Liebhaber nicht zu zeitig gestorben ware: wir hatten die Welt in Erstaunen setzen wollen! Ich habe auch zuweilen mir sagen lassen, dass der hochste Gipfel der menschlichen Grosse sey, den meisten, wo moglich, allen zu befehlen: wer hat mehrern Menschen befohlen, als die Vorganger meines Alexanders

Aber, Bruderchen, lebte denn Alexander nicht vierhundert, und

Ich bitte dich, Freund, schweig! rief Belphegor; nur weiter! Ich gluhe vor Ungeduld.

Akante fuhr fort: DSCHENGIS-KAN, ALEXANDER der Grosse, MAHOMED, KUBLAI-KAN, die kurz vor uns3 so furchterliche Reiche erobert und so vielen Menschen befohlen haben, sind nichts, gar nichts gegen uns. Sie mussten die Welt mit den schrecklichsten Beschwerlichkeiten durchlaufen und hatten am Ende nichts als ein Paar wilde Horden Tatarn mit ihren wilden Anfuhrern dahin gebracht, dass sie von ihnen als ihre Ueberwinder erkannt werden mussten: aber unsre geistlichen Helden sassen ruhig auf ihrem Stule, und geboten mit Feder, Dinte und Pergament Kaisern, Konigen, Fursten: ihre Armee war zahlreicher, enthusiastischer, getreuer, thatiger, als alle Armeen der ganzen Welt. Die Pabste waren die grossten Herrscher, die grossten Eroberer, die grossten Menschen: WIR hatten sie aber alle ubertroffen: wir hatten gewiss Asien zu unserm Fussschemel, Afrika und Amerika zum Sessel, und Europa zum Paldachin gemacht.

Das wollte Alexander der sechste! fiel ihr Medardus ins Wort. Da war ja schon das kostnitzer Koncilium gewesen: nein, Bruderchen, in meinem Leben habe ich nicht so etwas von ihm gelesen. Was war denn aber eigentlich Eure Absicht?

Eigentlich? Es dahinzubringen, dass der chinesische Kaiser sein Reich von uns zur Lehn nehmen sollte: die Mandarinen sollten in Erzbischoffe, Bischoffe, Monche, und der Porzellanthurm in eine Domkirche verwandelt werden. Mit dieser Armee wollten wir nach Japan ubergehn, beide Kaiser zwingen, sich der Kirche zu Fussen zu legen, uber die japanischen Inselchen nach Ostindien zuruckkehren; und da unsre Macht nunmehr stark genug seyn musste, so waren wir nicht zufrieden, Vasallen zu machen: nein, in Ostindien mussten alle Reiche jenseits und diesseits des Ganges unsre wahren Unterthanen werden. Hier liesse sich auch allenthalben unsre Religion mit vieler Oekonomie einfuhren: Fetische, Braminen, Derwische, Bonzen, Fakiren, durften nur andre Namen bekommen, und die Leute wurden durch ihre Bekehrung in keine neuen Unkosten fur die Instrumente ihrer Andacht gesezt. Persien und die Turkey mussten nun schon Sklaven werden; diese sollten in den Kirchenstaat gebracht werden, um Moraste auszutrocknen und die wusten Felder anzubauen. Bis dahin war unser Plan vollig ausgedacht, und alle Maschinen zur Ausfuhrung angelegt: die Schiffe in Civita Vecchia waren sogar schon ausgekehrt und ausgeflickt, als plotzlich Alexander starb.

Und was hattet Ihr davon gehabt, wenn euer Entwurf reif geworden ware? fragte Belphegor.

Wir waren die grossten, die erhabensten Sterblichen geworden: denn ganz Asien hatte unsern Namen gewusst, ganz Asien hatte gesagt, Pabst Alexander der sechste hat uns die Kopfe zerschlagen, und wir hatten uns eingebildet, Herr aller dieser Lander zu seyn, hatten fleissig Bullen hingeschickt; und ist es nichts grosses, nichts gluckliches, im Schlafrocke und der Nachtmutze dem Menschenverstande eines ganzen Welttheiles zu befehlen, was er glauben und verwerfen, willkuhrlich ihm vorzuschreiben, was Wahrheit und Irrthum seyn soll, nicht allein uber ihre Seelen, Glauben, Erkenntniss, Einsicht, Beifall, sondern auch uber ihre Gaumen und Magen zu regieren und selbst Seligkeit und Verdammniss unter sie nach Willkuhr auszutheilen? heisst das nicht der Vorsicht den Zepter aus den Handen reissen und sich ihr zum Mitregenten aufdringen? Wenn herrschen das edelste, das erhabenste ist, so kann wohl keine Herrschaft begehrungswurdiger seyn, als diejenige, die man mit niemandem als dem Schicksale theilt: hoher lasst sich fur Sterbliche nichts denken. Es kam bey der Ausfuhrung nur darauf an, dass einem Paar Millionen Menschen die Hirnschadel zerschlagen wurden, dass etliche hunderttausend Kinder ihre Eltern, eben so viele Eltern ihre Kinder, oder Weiber ihre Manner einbussten, dass etliche tausend vergiftet, ermordet, erwurgt wurden: aber was ist alles dieses gegen einen so schonen grossen herrlichen Plan, der Ueberwinder und Lehnsherr von ganz Asien zu seyn? Ich habe auch wirklich schon Anstalten dazu machen mussen; den Kardinalen Quirinale, Escuriale, Vatikano, Monte Cassino und andern habe ich, als sie auf meinem Schoosse schliefen, giftige Federn in den Hals gesteckt, die sie insgesamt gierig hinunterschlungen und in zwolf Stunden daran starben, weil sie mit dem chinesischen Kaiser in einem heimlichen Verstandnisse seyn sollten.

Du Barbarinn! rief Belphegor; kann ich mich nun noch wundern, dass du grausam genug warest, mir meine Huften zu lahmen, wenn du so viele Menschen um eines Entwurfs willen todten konntest, der dir nichts half? Du Morderinn!

Bester Belphegor! ich bin nicht der einzige Sterbliche, der sein Gewissen und seine Ruhe einem fremden Nutzen aufgeopfert hat. Man dunkt sich schon gross, indem man grosse Absichten befordert, daran arbeitet; und jener Mann schazte sich schon glucklich und gross genug, wenn er nur Trossbube bey der Armee des maccdonischen Alexanders oder des Dschengis Kan gewesen ware.

Wenn aber nun euer Projektchen gescheitert ware? sagte Medardus.

Je so hatten wir es gemacht, wie die meisten unsrer Vorganger: die Schwachen und Furchtsamen hatten wir angefahren und sie unter die Fusse getreten, und den Starken und Herzhaften waren wir zwischen den Beinen durchgekrochen. List oder Gewalt!

Um eines solchen eitlen leeren Vorzugs willen so viele vernunftige Kreaturen umbringen oder unglucklich machen zu wollen! seufzte Belphegor.

Auf das Gluck der Menschen ist es niemanden noch angekommen. Die Menschen, lehrte mich Fra Paolo, wollen uber einander, das ist der Endzweck ihres Daseyns: da aber nur wenige uber die andern seyn konnen, so mussen die meisten unter andern seyn: folglich muss sich jeder bestreben, so sehr als moglich sich der Klasse "uber" zu nahern, wenn er nicht ganz darein rucken kann: das gilt nun gleich, wie er dahin kommt und andre unter sich bringt; kann er sie nicht bereden, dass sie ihm weichen, so drangt er sich mit Gewalt durch: wer im Gedrange erdruckt wird, wird erdruckt; warum geht er nicht freywillig aus dem Wege? So haben die Menschen von Ewigkeit her gehandelt, und es ist nichts loblicher, als dass man eben so handelt. So belehrte er mich, als ich noch zu furchtsam war, die Leute mit giftigen Federn zu futtern. Als ich in der Folge die Kirchengeschichte etwas mehr studirte, so fand ich, dass Fra Paolo die reine Wahrheit gesagt hatte. Wenn man nicht weiter kann, fand ich, so muss man die Leute tumm machen: dann lasst sichs ihnen tausendmal leichter befehlen: sie gehorchen auf den Wink. Das war auch grossentheils in unserm Plane mit eingeschlossen. Den Chinesern hatten wir ihre ganze weitlauftige Sternkunde untersagt, den KONFUT-SEE und MENT-SEE verboten und alle ihre KINGS verbrannt: so viel albernes und gemeines Zeug sie auch mit unter enthalten, so ist doch nicht zu trauen, ob sich nicht ein Funken gesunder Menschenverstand zu viel darein geschlichen hat: allen gescheidtern Buchern hatten wir durch unsre Aufpasser den Zugang schon verwehren wollen. In Japan hatten wir besonders gute Hoffnung fur unser Kommerz: da die Japaneser ganz ungeheure Sunder sind, so ware dort ein herrlicher Absaz von Indulgenzen und andern geistlichen Galanteriewaaren zu erwarten gewesen.

O traurige entehrende Grosse, rief Belphegor aus, die auf das Verderben und die Erniedrigung der Menschheit gebaut wird! Mochte ich doch lieber im Staube, in der Bettlerhutte, unbekannt, durftig und elend vermodern, als nur mit Einem Tropfen Menschenblute, nur mit Einer Unterdruckung der Menschheit befleckt, in Ruhm und Ehre auf einem diamantnen Throne glanzen! Ihr Unmenschen!

Nein, Belphegor, wir haben sehr menschlich gehandelt: das ist immer so gewesen, dass Menschen durch Morden, Rauben, Betriegen, Plundern sich Anbetung und Ehrfurcht erkampft haben. War das nicht ein viel grosserer Aufwand von Menschen, als unsre Vorfahren ganz Europa nach dem gelobten Lande zum Aprile schickten, um kahle Berge, steinichte Felder und ungebaute Gegenden zu erobern, die sie zu Hause im Ueberflusse hatten? da sie Kaiser und Konige, wie Klopffechter, auf einander loshezten? Nur Schade, dass Alexander so schnell starb! durch seinen Tod wurde ich ausser aller Geschaftigkeit und von meiner Wurde herabgesezt: es krankte mich; aber Ruhms genug fur mich, an der Seite einer Theodora, Marozzia, Mathildis, Olympia zu prangen, die den hochsten Gipfel des menschlichen Ruhms erstiegen, uber die furchterlichsten Weltbezwinger zu herrschen! Ich entwischte heimlich aus Rom, weil ich alle Ursache hatte zu befurchten, dass man mich in Verwahrung bringen werde, um mich die anvertrauten Geheimnisse nicht ausschwatzen zu lassen: doch warum entwischte ich? um den schrecklichsten Bedrangnissen entgegen zu gehn. In Neapel wurde ich vom Pobel fast zerrissen, weil ich mich zu nahe zum Blute des heil. Januars hinzudrangte und beinahe wahrgenommen hatte, dass man die Leichtglaubigen mit einer Taschenspielerey betrog: ich kam eben dort an, als man einen Hund zum furchterlichen Exempel aller Hunde offentlich enthauptete, weil er die Gottlosigkeit begangen hatte, ein Kind umzubringen. Ob ich gleich viel freyes uber diesen Gebrauch sagte, so kam ich doch glucklich durch: aber meine Gutherzigkeit, den Pobel kluger zu machen, hatte mich beinahe ums Leben gebracht. Ich entkam voller Locher und Wunden vom Wirbel bis auf die Fusssolen, und gieng nach Venedig, um dort erdrosselt zu werden. Ich sagte einem Nobile, dessen Matresse ich war, dass ich mich wunderte, wie ein Paar tausend Leute dazu kamen, so viele Menschen unter sich stolz niederzudrucken, und ihnen allein, mit Ausschliessung aller andern, zu gebieten. Er gab mir zwar ganz gelassen die Ursache an, weil wir die Machtigern sind. Also gesteht ihr doch, dass Euer Recht sich auf Unterdruckung grundet? sezte ich hinzu; aber er schwieg, und morgens darauf sollte ich erdrosselt werden, doch kam ich mit einer leichten Zuchtigung von dreyhundert Ruthenstreichen auf den blossen Rucken davon.

Nun sehe ich doch, dass Gerechtigkeit in der Welt ist, rief Medardus. Wir sind quitt, Akante; das ist die Wiedererstattung der dreyhundert, die ich um deinetwillen als Jesuitenschuler zugezahlt bekam. Waren Sie recht frisch und munter, Schwesterchen?

O so frisch, dass ich zween Monate uber zweifelte, ob ich jemals wieder einen rechtschaffnen Rucken bekommen wurde! Ich wurde darauf die Matresse des Markgrafen von SALOCCA, der sich ein kleines Serail hielt. Da ich die neueste und folglich die liebste unter seinen Buhlerinnen war, so hassten und verfolgten mich die ubrigen als eine Todfeindinn. Sie arbeiteten mit allen Kraften, meine Schonheit, die aller Gefahrlichkeiten und Verwundungen ungeachtet noch ertragliche Reizungen hatte, und also die Ursache meines Vorzugs zu vernichten, welches sie um so viel hitziger betrieben, weil sie meistentheils alt, kranklich, hasslich waren und deswegen nur um ihrer vorigen Verdienste willen in Pension stunden. Sie beredeten sich zusammen, mir die besten und zur Schonheit unentbehrlichsten Theile des Gesichts zu nehmen; und eine blasse Vierzigjahrige rieth, mit der Nase, als der edelsten Zierde des Gesichts, den Anfang zu machen vermuthlich weil sie selbst durch eine Krankheit so viel von der ihrigen eingebusst hatte, dass ihr nur noch ein nasenahnliches Stumpfchen zwischen Mund und Stirne hervorguckte. Meine Neiderinnen fuhrten den grausamen Vorschlag aus und sezten mich durch Einen wohlabgepassten Messerschnitt noch unter die verhasste Rathgeberinn: denn sie schleiften mir die Nase vom Grunde weg, machten ihren Plaz dem ubrigen Boden des Gesichts gleich und liessen nicht einmal ein Fragment davon ubrig. Sie wundern sich, mein Herr, sprach sie zu Medardus, der sie steif ansah, dass ich demungeachtet, wie jedes Geschopfe Gottes, mit einer Nase prange? Hier zog sie die ganze Nasenmaschine herunter und zeigte ihnen, dass es eine von gekautem Papiere, nach dem Leben lackirte Nase war. Dieses ist ein Geschenk von meinem Marchese, dessen Gunst mich um meine naturliche gebracht hatte: er schnaubte und drohte mit dem furchterlichsten italianischen Zorne; da aber die Unternehmung sehr heimlich von mir unbekannten Leuten geschehen war, so konnte ich seiner Rache nicht zu dem verdienten Gegenstande verhelfen. Kurz darauf fiel es einer andern als sehr anstossig auf, dass ich eine so reine fleckenlose weisse Haut hatte, und sie doch, wenn sie in den schonsten venetianischen Spiegel sah, auf ihrem Gesichte eine Flache erblickte, die mit Leberflecken und Sommersprossen, wie eine Landcharte, illuminirt war. Eine andre von einem zweifelhaften Kolorite zwischen kastanienbraun und schwarzgelb, stimmte in ihre Beschwerden uber meine schone spiegelebne Haut ein und vereinigte sich mit ihr zur Rache. Sie liessen mir durch unbekannte Hande meine Wangen so jammerlich zersagen, dass nach der Heilung eine Naht, eine Narbe an der andern sich darauf befand, und die ganzen Backen einem frisch gepflugten Felde voller Furchen nicht unahnlich sahen. Auch diesen Verlust hat mir ein gewisser spanischer Don mit sechzig Namen, durch diese Larve glucklich ersezt. Sie ist von dem feinsten egyptischen Papiere, mit einem feinen Leime auf der Haut befestigt und von dem Ritter MENGS nach dem Leben gemahlt

Siehst du, Bruderchen? unterbrach sie Medardus; wahrhaftig so naturlich, dass es der liebe Gott nicht naturlicher machen konnte. Der Mann ist ein Tausendkunstler!

Vorher wurden alle Erhohungen und Vertiefungen der Haut mit einer sehr geistreichen Masse geebnet: doch diese Wiederherstellung meiner verlornen Schonheit erhielt ich erst nach der Verabschiedung aus dem Hause des Marchese, und auch die Nase erst bey dem Abschiede. Er liebte mich indessen bey allen diesen Mangeln nicht weniger feurig als vorher. Da meine Neiderinnen mit ihrem Hauptzwecke, mich ausser Gewogenheit zu setzen, noch nicht zu Stande kommen konnten, so fuhren sie fort, wenigstens meine Schonheit unter die ihrige zu erniedrigen. Eine meiner Mitschwestern, die am ganzen Leibe bis auf die Hande eine nicht gemeine Schonheit war, beneidete meine kleinen runden niedlichen Engelhandchen, wie du sie sonst nanntest, Belphegor, wenn du sie voll Entzucken an deine Lippen drucktest.

Belphegor seufzte.

Als ich eines Tages in einem Bosket sitze und die emporgerichteten Arme mit aufwarts gekehrten Fingerspitzen an zween danebenstehende Baume gelegt habe, um durch diese Stellung, die ich meinen Armen jeden Tag eine Stunde gab, das Blut zu nothigen aus den Handen und Armen sich zuruckzuziehn und ihr blendendes Weiss dadurch noch blendender zu machen, so haut mir jemand plozlich von hinten zu die ganze schone marmorne Rechte ab, wirft sein Beil hin und sturzt sich in das Gebusche zuruck. Ich ergoss mich in einen Strom von Thranen uber den Schmerz, doch am meisten uber den Verlust einer meiner vorzuglichsten Schonheiten. Ich habe nie einen unter meinen Freunden finden konnen, der mich mit einer neuen Hand hatte beschenken wollen, und ob ich gleich verschiedene Kunstler selbst darum ersuchte, mir eine zu verfertigen, so waren sie doch alle wegen einer Materie verlegen, die den Vorzug der Leichtigkeit und die Schicklichkeit zur Bearbeitung des Meisels besasse: und einer machte mir sogar das Kompliment, dass ich der florentinischen Venus ihre Rechte wegstehlen musste, wenn meine naturliche die geborgte nicht sogleich uberfuhren sollte, dass es eine geborgte ware. Hierauf zog sie aus dem Handschuhe oder vielmehr einem Futterale eine Hand ich mag sie nicht beschreiben! genug, Medardus und Belphegor hefteten beide, wie versteinert, einen starren Blick auf sie und konnten sich nicht enthalten, ihr unter dem Vorwande, als wenn sie untersuchen wollten, ob es nicht ein angemachter Marmor ware, mit einem mehr als medicinischen Drucke an den Puls zu fuhlen. Doch dies war nicht mein lezter Verlust: die Halfte meines rechten Ohres, das mir mit einem der schonsten Ohrgehenke abgerissen wurde, ist ein Werk der Kunst, bis sie zulezt durch eine der listigsten Maasregeln mich zwangen, das Haus des Marchese zu verlassen, wo ich meine papierne Nase zum Andenken von ihm empfieng. Vom Neide und Eifersucht vertrieben, floh ich in den Kirchenstaat zuruck und langte in der illustrissima republica St. Marino gerade zu der Zeit an, als die gesammten Burger derselben in Furcht und Aengsten waren, dass der pabstliche Legat, sie unter das Joch seines Herrn zwingen mochte. Alles, Junge und Alte, Weiber, Kinder und Manner waren in tiefer Trauer um ihre Freiheit und baten den lieben Gott mit Beten und Fasten instandigst, dass er sie in Gnaden vor der Herrschaft seines Vikars bewahren moge. Doch kurz darauf wurde ihr Kummer in die hochste Freude verwandelt, als der Pabst das Unternehmen seines gewissenlosen Legaten misbilligte und der Republik ihre alte Freiheit und also auch ihre Gluckseligkeit wiederschenkte eine Handlung von Menschenliebe und Uneigennutzigkeit, die meines Erachtens mehr als eine ganze Ladung Indulgenzen werth ist.

Das war ein braver Pabst, rief Belphegor.

Dafur wird ihm aber auch sein Apfelwein alle Tage recht herrlich schmecken, und wenn er heirathen durfte, so wunschte ich ihm oben drein eine Frau, wie meine verstorbne. So eine Belohnung konnte schon anreizen, dass man mehrmal so eine gute Handlung that und von dem System der Unterdruckung abgienge. Der abscheuliche Legat! so ein Haufchen, das sich nicht wehren kann, unterdrucken zu wollen!

Der Bosewicht verdiente eher zu hangen, sprach Belphegor, dass er ein ungerechtes Joch auflegen wollte, als die Bauern, die mich zugleich an den Strang brachten, dass sie unwillig ein druckendes Joch abwerfen wollten. O wer nur mehr Macht hatte!

Ich hielt mich kurze Zeit, fuhr Akante fort, bey einem Landmanne des pabstlichen Gebiets auf, der mich von Armuth, Auflagen, Aussaugen, Beschwerungen und verwandten Materien unterhielt, worauf ich meinen Weg nach Genua nahm. Ich fand daselbst jedermann mit Anstalten zu einem Kriege wider die Korsikaner beschaftigt, die jedermann verfluchte, dass sie keine Narren seyn und sich das Bischen Freiheit nehmen lassen wollten, worauf sie doch nicht den mindesten Anspruch machen konnten, da die Genueser Lust hatten, ihre Herren zu seyn. Ich verliess diese fuhllose Stadt und gieng in einer Verkleidung durch die Schweiz und Deutschland hieher, wo ich dich, edler Belphegor, unvermuthet fand, wo ich Vergebung von dir fur eine Beleidigung erwarte, zu welcher mich mein Schicksal und dein arglistiger treuloser Freund zwangen, wo ich diese Vergebung erlangen muss, sollte ich sie auch durch den Verlust meines halben Ichs erkaufen mussen. Belphegor! konntest du unerbittlich, konntest du unversohnlich seyn? Du, dessen Herz nur von Edelmuthe schlagt? Belphegor! und so fiel sie vor ihm auf die Kniee.

Siehst du, Bruderchen? Die Hufte ist ja wieder heil: vergieb ihr doch! Du hast ja gehort, dass ihr das Herz weh genug that, als sie dich zur Thur heraus warf: aber der gottlose Fromal! wenn er nur damals gehangt worden ware, als ich ihn zum Tode bereiten sollte: der Galgen ware ihm doch nur pranumerirt worden. Nu, Bruderchen, vergieb ihr! dann, Akante, komm und trinke in meinem neuen Hause einen Krug Apfelwein mit mir!

O du Listige! rief Belphegor; dass du so glatt ins Herz schlupfen und ein Ja auch wider meinen Willen wegstehlen kannst! Gern vergeb' ich dir: nur rechtfertige meinen Fromal! Beweise mir, dass er nicht ungetreu ist, und du hast mehr als meine Vergebung meine Liebe!

Wenn die Wahrheit mir deine Liebe raubt, so muss ich mein trauriges Schicksal tragen rechtfertigen kann ich ihn nicht: ich loge, um mich selber zu hassen.

Drittes Buch

Die Gesellschaft trat ihren Marsch an; Belphegor beschenkte seine Gefahrten unterwegs mit oftern Klagen uber Akantens Untreue und die neuen Beispiele von dem Neide und der Unterdruckung der Menschen, die er aus ihrem Munde empfangen hatte; und Medardus ermahnte sie zur Zufriedenheit und Frolichkeit, indem er sie oft einen guten Krug Apfelwein in seinem neuen Hause erwarten hiess, oft uber seine liebe Frau weinte und oft ein Anekdotchen aus der Historie erzahlte.

Eben war er bey einem Geschichtchen von der unkeuschen Messaline, als sie von fern sich etwas nahern sahen, das sie nach aller Wahrscheinlichkeit fur den aufgeregten Staub einer marschirenden Armee hielten. Himmel! rief Belphegor, hast du mich bestimmt, abermals Zeuge von der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gegen Menschen zu seyn. Kommt! lasst uns fliehen, das nahe schreckliche Blutbad nicht anzusehn! Mein Herz bricht mir schon. Wir konnen nicht fliehen, Bruderchen, sagte Medardus, es ruckt so schnell naher, dass wir kaum den nachsten Hugel erreichen werden, ehe uns schon der Staub auf dem Nacken liegt.

Sie eilten zwar, aber wurden schon eingeholt, als sie noch nicht am Fusse des Hugels hinangiengen. Die vermeinte Staubwolke war eins der furchterlichsten Phanomene der Natur eine sogenannte Wasserhose4, dergleichen zwar bisher nur in Holland und andern wasserreichen Gegenden wahrgenommen worden sind; da aber in der Gegend, wo unsre Gesellschaft gegenwartig vor Erwartung zittert und zagt, und die ich meinen Lesern mit gutem Vorbedachte nicht genannt habe, das Meer in der Nahe war, so sehe ich keinen Grund, warum man mir die wahrscheinliche Existenz derselben laugnen wollte. Diese Wasserhose war eine der grossten, so lange Zeitungsschreiber eine Presse beschaftigt haben; und ein gewisser Gelehrter, Namens , demonstrirte mit A B X Y Z, dass besagte Wasserhose, die er zwar nicht gesehen aber doch in seiner Studierstube sehr naturlich nach dem verjungten Maasstabe auf franzosischem Papiere abgebildet hatte, nur noch 3 [Pfund] Kraft gebraucht habe, um ein preussisches Regiment von der Ostsee zum mittellandischen Meere zu transportiren. Izt that sie weiter nichts, so viel wenigstens unsre Geschichte angeht, als dass sie sich von einem starken Winde herbeyrollen liess, unsre Reisenden mitten in ihren Schooss fasste, mit ihnen sich in die Hohe zog, sie in der Luft forttrug, zerplazte und sie in einer Gegend niedersezte, wohin sie ihre Beine in vielen Wochen nicht gebracht haben wurden.

Belphegor und Medardus, die sich wahrend des Transportes unablassig umarmt hatten, befanden sich izo an den Donaustrom in die Wallachey versezt: doch Akante war von ihnen getrennt. Sie schopften Athem und konnten vor Verwunderung und Erstaunen kaum zum Worte kommen; besonders schien es ihnen ganz unbegreiflich, wie sie von einer solchen Hohe ohne die mindeste Verletzung herabsturzen konnten. Nichts an ihnen hatte bey dieser Luftfahrt eine Veranderung gelitten, als ihre Kleidung, die durchaus nass war, welches aber keiner andern Ursache, als der gewaltigen Ergiessung von Regen zugeschrieben werden musste, die bey ihrer Niedersetzung herabstromte; und weil sie in Schlamm fielen, den eine Ueberschwemmung der Donau zuruckgelassen hatte, so diente ihnen dieser statt eines weichen Bettes, das ihre Gebeine vor aller Beschadigung bewahrte. Doch der Strom ergoss sich von dem ubermassigen Plazregen von neuem, und nothigte die beiden Ankommenden, sich unverzuglich auf eine Anhohe zu retten, wo sie ihre Kleider an der Sonne trockneten, ein jeder sich auf ein Ohr legte, und beide einschliefen.

Nach ihrem Erwachen rieth ihnen Klugheit, Hunger und Selbsterhaltung ihren Weg zu einer menschlichen Wohnung fortzusetzen, bis sie an eine Hutte kamen, wo sie anklopften. Man liess sie lange warten, bis endlich ein altes Weibchen sie aus dem Fenster in verschiedenen europaischen Sprachen weiter gehn hiess. Da sie unter den vielen eine getroffen hatte, die die beiden Reisenden verstunden, so thaten sie ihr in der namlichen ihre Bedurfnisse zu wissen, und versicherten sie, dass sie hochstdringend waren. Als die Alte merkte, dass Bitten nichts vermochten, sie wegzukomplimentiren, und die Fremden schon nach dem Thurriegel griffen, in dessen Widerstand sie kein sonderliches Vertrauen setzen konnte, und vielleicht auch aus wirklichem Mitleid kam sie ihren Gasten entgegen und bewillkommte sie sehr hoflich. Das ganze Gebaude hatte nur Ein Zimmer, und sie fanden also gleich ohne besondre Anweisung den Plaz, wo sie leben und weben sollten. Bey genauerer Erkundigung zeigte sich es, dass ihre Wirthinn eine Christinn, eine geborne Franzosinn war, welches sie auch vor ihrem eignen Gestandnisse schon aus zween Grunden schlossen; weil sie franzosisch hurtig und alle ubrige Sprachen stotternd sprach, und weil sie sich einmal uber das andre aus dem Fenster entschuldigte, dass sie nicht im Stande ware, les honneurs de la Turquie zu machen, so gern sie wollte.

Sie verschwendete den ganzen Rest ihrer vaterlandischen Politesse, den ihr die Walachey ubrig gelassen, um ihren Gasten begreiflich zu machen, dass sie ihre baldige Abreise sehnlich wunschte; sie sezte ihnen einen Tisch voll Teller und etwas weniges Essen auf, das man unter der Menge Teller kaum finden konnte, und liess mit einer schuchternen Behutsamkeit die Fremden niemals aus den Augen, die ihres Appetites ungeachtet aufmerksam darauf wurden und ein Geheimniss argwohnten. Der Argwohn gieng in ihre Mine uber, und dies vermehrte die Behutsamkeit der Dame bis zur sichtbarsten angstlichsten Besorgniss. Um sie nicht wahrnehmen zu lassen, schwazte sie ihnen in einem unaufhorlichen Strome vieles von der schonsten Stadt de l'Univers, von den diners und soupers, assemblees, bals und festins vor, die sie mit Pairs, Herzogen, Markis und schonen Geistern in Paris genossen haben wollte: doch ihre Sprache war wegen ihres innerlichen Aufruhrs izt nicht halb so fliessend mehr, als sie es ehedem uber dergleichen Materien in Paris gewesen seyn mochte. Medardus brach endlich die Ruckhaltung durch und offenbarte ihr aufrichtig, was er von ihrer Mine und Stimme argwohnte; sie erschrak bis zur Ohnmacht. Man suchte sie zu beruhigen, als man aus einem Winkel der Stube eine schnelle Bewegung und darauf das Rocheln eines Sterbenden vernehmlich horte.

Belphegor rennte sogleich nach dem Orte zu, indessen dass Medardus sich mit der Beruhigung der Wirthinn beschaftigte. Jener eroffnete ein nicht allzugrosses Gefass, aus welchem ihm der Schall zu dringen schien, und entdeckte voller Entsetzen darinne einen Knaben, der in seinem Blute schwamm und mit dem Tode rang. Er wusste vor Besturzung nicht, was er zuerst thun sollte, bald griff er nach dem sterbenden Knaben, ihn herauszuziehn, bald sezte er sich in Positur, zur Franzosinn zu laufen, bald wollte er jenem helfen, bald diese zur Rechenschaft ziehn. Unter dem Gewuhle eines so vielfachen Wollens und der hochsten Unentschlossenheit, fasste er endlich plozlich die kurzeste Partie und zog den von Blute triefenden Jungling heraus, der unter furchterlichen Konvulsionen in seinen Handen das Leben ausbliess. Die Rettung war also unmoglich, und Belphegor, der die Franzosinn vollig im Verdachte des Mordes hatte, sprang mit seinem gewohnlichen Feuer auf sie los, um ihr was weis ich? die Kehle zuzudrucken, wenigstens den vermeinten Mord empfindlich zu rachen: doch Medardus schuzte sie wider den Eifer seiner strafenden Gerechtigkeit. Bruderchen, sprach er und hielt ihn von ihr zuruck, erst wollen wir horen, was sie zu sagen hat. Darauf fieng er das Verhor an, und sie versprach ihm, jede seiner Fragen zu beantworten, so bald ihre Ruhe wiederhergestellt seyn wurde.

Ach, fieng sie darauf an, der Ungluckliche, den Sie hier im seinem Blute erblicken, wollte dem unseligsten Tode entfliehen, und musste sich ihn mit eigner Hand anthun. Es ist der jungste Bruder des itzigen Sultans, Prinz Amurat. Ihre Zuhorer erstaunten. Sie wissen, dass der Despotismus eine grausame Vorsicht erfodert, die jeden Thronbesteiger nothigt, allen Empfindungen der Bruderliebe, des Blutes zu entsagen, und unbarmherzig jeden Verwandten niederzumetzeln, den ein unglucklicher Einfall verleiten konnte, dem Despoten seine Macht streitig zu machen. Kaum hatte der gegenwartige Tirann den ersten Schritt zu der Herrschaft uber die Ottomanen gethan, als er um seiner Sicherheit willen seine ein und zwanzig Bruder, Vettern und andre Anverwandten ermorden liess: alle erlagen unter ihrem Schicksale, nur dieser Prinz, der sich durch sein Naturell uber seine Erziehung erhoben hatte, ruhrte durch seine einnehmenden Bitten den abgeschickten Morder, der schon den Dolch auf ihn gekehrt hielt, dass er einen Sklaven an seiner Stelle umbrachte und ihm im Sklavenkleide auf die Flucht verhalf. Er kam in dem klaglichsten Zustande vor drey Tagen an meine Thur, bat mich ihn einzunehmen, und hatte den edlen Muth, sich mir geradezu zu entdecken, mit der Erklarung, dass er einen Dolch bey sich trage, den er sich augenblicklich ins Herz stossen wolle, so bald er in Gefahr gerathen werde, in die Hande seiner Feinde zu fallen. Sie wissen, dass eine Franzosinn zu schwach ist, den Bitten einer schonen Mannsperson zu widerstehn Mitleid und Liebe sind die Elemente unsers Wesens ich nahm ihn auf; ich habe ihn erhalten, verborgen, so bald die mindeste Gefahr drohte: ich verbarg ihn bey Ihrer Ankunft in diesem Fasse. Vermuthlich glaubte er, als er uns so lange in einer fur ihn unverstandlichen Sprache reden horte, dass Sie Ausspaher waren, dass ich ihn verriethe und hinterlistig in Ihre Gewalt liefern wollte: vermuthlich durchbohrte er sich darum mit dem schon langst bereiteten Dolche, den er nie von seiner Seite liess: darum zitterte ich fur ihn, und mogen Sie Kundschafter seyn oder nicht, Sie haben meine That entdeckt: sind Sie ausgeschickt ihn auszuforschen eh bien! hier ist mein Kopf: ich that eine Pflicht der Menschlichkeit, begehn Sie an mir eine That der Unmenschlichkeit. Mit dieser witzigen Antithese fiel sie auf die Kniee und legte ihren Kopf in Bereitschaft zum Abhauen auf einen Sessel.

Da sie bey dieser Gelegenheit ein sehr hubsches witziges Ende hatte nehmen konnen, was einem Franzosen gerade das ist, was wir Deutsche ein erbauliches nennen, so war sie beinahe unzufrieden, dass sie von den beiden Fremden in der Erwartung des Todes getauscht und ihres Lebens theuer versichert wurde. Beide huben sie auf und vereinigten sich mit ihr, den todten Korper bey Seite zu schaffen, den sie in moglichster Eile verscharrten und die blutigen Spuren seines Todes auf dem Boden auftrockneten.

Nach Endigung dieser tragischen Begebenheit war die Franzosinn ganz frey und ungehindert, den Fremden les honneurs de la Turquie zu machen, welches sie auch mit vielem Eifer that, woran sie vorhin die Gegenwart des Prinzen verhindert hatte, den sie durch ihre Mine zu verrathen furchtete: denn, sagte sie, einem Franzosen liegt sein Leben weniger am Herzen als Wort und Ehre. Sie bot ihnen sogar freiwillig ein Nachtlager an, welches sie mit der erkenntlichsten Freude annahmen.

Des Abends wurde sie ersucht, ihnen zu melden, wie sie ein Land der Menschlichkeit und feiner Sitten, wie ihr Vaterland, mit diesem Wohnhause der Barbarey und der Grausamkeit habe vertauschen konnen. Schreckliche Schicksale mussten Sie hieher verschlagen, Madam, sagte Belphegor.

Ja, schreckliche Schicksale! war ihre Antwort. Ich bin die bekannte Markisinn von E., die den grossen Kriminalprozess verlor, die uberfuhrt wurde, ihren Mann vergiftet zu haben, und doch vor Gott und ihrem Gewissen unschuldig war; und davon wissen Sie nichts? Wie ist es moglich, dass sie auf der Welt sind und eine Sache nicht wissen konnen, die in Frankreich vorgieng? Mein Mann starb plozlich, und alle Merkmale der Vergiftung machten die Art seines Todes unzweifelhaft. Ich hatte nicht allzu wohl mit ihm gelebt: er war ein murrischer, eigensinniger, harter Ehemann, so unfreundlich und tukisch, dass er mich mit seinem Vorwissen keine Freude geniessen liess, und sie zu hindern oder doch zu verbittern suchte, wenn mir der Zufall eine ohne sein Zuthun zuwarf. Sein finstres menschenfeindliches Gemuth konnte unmoglich jemanden froh, zufrieden und glucklich sehn, ohne sich selbst fur minder glucklich zu halten, und weil er keines Vergnugens fahig war, so war ihm alles verhasst, was ihn hierinne ubertraf: die Munterkeit eines Thiers gab ihm schon schlimme Laune. Da ich ein betrachtliches Vermogen zu ihm gebracht hatte, so trennte ich mich auf eine Zeit lang von ihm; und er war untrostlich und arbeitete mit allen Kraften, mich wieder zu einer Aussohnung zu bringen: vermuthlich war es ihm unertraglich, niemanden zu haben, an dem er seine bose Laune befriedigen konnte. Das Herz einer Dame vergiebt schon, indem es uber die Beleidigung zurnt: die dringenden Bitten seiner Anverwandtinnen beredeten mich, wieder zu ihm zuruckzukehren. Im Anfange war er, wenigstens so sehr ER es seyn konnte, ein ertraglicher und beinahe gutiger Gemahl: doch in vier Wochen war er durch diesen Zwang erschopft; er warf ihn ab: seine Gutigkeiten waren nur, so zu sagen, pattes de velours gewesen, und er zog izt seine ganzen Krallen hervor. Mitten unter unsern Unzufriedenheiten starb er plozlich an einer Vergiftung, die durch die gultigsten Beweise gerichtlich dargethan wurde. Ich hatte keine sonderliche Ursache, betrubt zu seyn, ich war es nicht, und fand auch keine, es mehr zu seyn, als ichs war. Ich wollte mein Vermogen zuruckziehn und seinen Erben das seinige uberlassen, denen es gebuhrte, weil wir keine Schenkung errichtet hatten: doch dieses war mit jenem in den lezten Jahren so verwebt worden, dass eine Absonderung ohne weitlauftige Streitigkeiten nicht geschehen konnte. Eine Dame ist fur die Kampfe der Liebe, aber nicht fur die Kampfe der Gerechtigkeit gemacht: ich liess von meinem Rechte bis zu einer betrachtlichen Schmalerung meines Vermogens nach, um zur Ruhe zu gelangen. Umsonst schmeichelte ich mir mit dieser Hoffnung: seine Erben machten auf einmal, schon einige Zeit nach dem Tode meines Mannes, einen Prozess wider mich anhangig, worinne sie MIR die Vergiftung meines Mannes schuld gaben. So rein ich mein Gewissen fuhlte, so wenig furchtete ich von dem Ausgange etwas mehr als einen Verlust meines Vermogens: doch die Sache bekam die unglucklichste Wendung wider mich. Advokaten, Schreiber, Richter parlirten, schmierten, referirten, dekretirten so lange, bis ich fur schuldig erkannt, und mir Vermogen, Leben und Ehre abgesprochen wurden. Ich Ungluckliche! um dem traurigsten Schicksale zu entgehn, floh ich aus meinem Vaterlande und liess die Schande auf meinem Namen zuruck, die ich nicht selbst tragen wollte. Ich wurde von einigen Kaufleuten, die meinem Vater grosse Verbindlichkeiten schuldig waren, nebst einem kleinen Reste meines Vermogens hieher gerettet. Ich kaufte diese elende Hutte und eine Sklavinn, mit welcher ich hier in der Einsamkeit lebte und noch lebe. Vor einem Jahre besuchte mich einer von diesen edelmuthigen Mannern, der mir die angenehme Nachricht brachte, dass mein Name von der Schande des Mordes befreyt sey, und dass ich ungehindert und ohne Gefahr in mein Vaterland zuruckkehren konne. Durch die Aussage eines Madchens, das unter neun Vergiftungen auch diese bekannt hatte, waren einige meiner Freunde veranlasst worden, die Sache von neuem in Bewegung zu bringen. Nachdem mein Name zwanzig Jahre lang unter der entehrendsten Schande gelegen hatte, nachdem ich meines Vermogens, meiner Freunde, meines Vaterlandes, meiner Ruhe, meiner Gluckseligkeit beraubt war, nachdem ich meine besten Tage in der Einsamkeit, dem Kummer, der Verachtung, der Durftigkeit verseufzt hatte, liess man mir die Gerechtigkeit widerfahren, mich fur unschuldig zu erklaren, fand man, dass einer meiner ehemaligen Richter, der einen von mir wenig geachteten Anspruch auf mich machte, den ich mit einiger Verachtung von mir wies, der Anstifter der Vergiftung war, dass er durch tausend listige Kunstgriffe der Sache eine solche Wendung zu geben gewusst hatte, wodurch der Verdacht wider mich bis zur hochsten Wahrscheinlichkeit erhoht und dadurch von ihm desto weiter entfernt wurde, welches um so viel leichter geschehn konnte, weil niemand als das Madchen und Er um den Mord wussten, und jenes mit einem Offiziere ausser Landes gefluchtet war. Die Treulose war, wie ich mich nachher besonnen habe, zu der Zeit, als mein Mann starb, mein Kammermadchen; und entfloh denselben Abend, als die Vergiftung bekannt wurde ein Umstand, den man wider mich nuzte und mich beschuldigte, mit Bestechungen das Madchen vermocht zu haben, durch ihre Flucht meine Schuld auf sich zu nehmen. Gutiger Gott! Meine Ehre, meine Unschuld, mein Name ist gerettet: aber zwanzig Jahre lang unter dem druckenden Joche der Schande zu schmachten, das, meine Herren, das nagt das Herz. Kann eine so spat, so zufallig erlangte Gerechtigkeit den langen Kummer, Schmerz, Schande wieder ersetzen? kann sie mir zwanzig ungluckselige Jahre wiedergeben und glucklich machen? Nein! Wehe dem Unterdruckten, dem Unrecht leidenden! Seichter Trost, dass man ohne Verschuldung leidet! Er erhalt das Leben, dass es der Schmerz nicht gleich zerfrisst, um desto langer daran zu nagen.

Belphegor konnte von seinem Erstaunen nicht zuruckkommen, dass man in einem Lande, welches die Gesezgebung der Manieren, der Moden und Ergozlichkeiten in ganz Europa an sich gerissen hat, die Gesetze, welche das Eigenthum, die Ehre und das Leben des Einwohners sichern sollen, in einer Verfassung lasst, die eine solche Unterdruckung, eine solche Uebersehung der Unschuld moglich macht. Die Gesetze, die Art des gerichtlichen Verfahrens, die Verfassung muss doch die einzige Quelle seyn, aus welchem Ihr Ungluck herfloss, sagte er. Leicht bleibt der Schuldige ungestraft: tausend Umstande, ohne die menschliche Schwachheit, machen es moglich; aber wehe, wehe! wenn es moglich ist, dass der vollig Unschuldige mit dem Schuldigen verwechselt und an seiner Stelle gestraft wird!

In Deutschland wurde das nicht geschehn, sprach Medardus; das ist gar ein braves Landchen, Madam. Wenn mich nur der ungluckliche Sturm nicht so weit von meiner Heimath verschlagen hatte! Sie sollten wahrhaftig bey mir wohnen und allen meinen Apfelwein mit mir theilen. Wenn Sie wollen, noch ist es Zeit: in dem Lande hier konnte ich so nicht bleiben: es geht ja so barbarisch, wie unter den Menschenfressern, zu.

O, mein Herr, erwiederte die Markisinn, hier hat die Unterdruckung ihre naturliche grause wilde Mine: doch anderswo tragt sie tausend betriegerische Larven, wovon einige das Ungeheuer ganz unkenntlich machen, nicht eher darunter vermuthen lassen, als bis man von seinen Zahnen gewurgt wird. Einer meiner Bruder ist exilirt, der andre verbrannt worden.

Beide Gaste exklamirten laut vor Erstaunen. Der eine war ein Hugenott, fuhr sie fort, der andre ein Feind der Geistlichkeit und besonders der Jesuiten. Dieser, der jungste von beiden, liess sich von jugendlichem Feuer und dem noch ungestumern Eifer der Rechtschaffenheit hinreissen, etlichen ihrer unverantwortlichen schadlichen Meinungen zu widersprechen. Er glaubte aus Mangel an Erfahrung, dass es genug sey, Recht zu haben, um Recht zu behalten, und dass man, um unsinnige Meinungen zu verdrangen, nichts brauche, als den Schuz der Vernunft und Wahrheit. Man begnugte sich anfangs, seine Meinungen als ketzerisch und schadlich zu verdammen, dem Urheber derselben etwas von der Verdammniss mitzutheilen, und ihn in die Flammen zu wunschen, die sein Buch verheerten. Man larmte, man schrie, man verfolgte ihn mit Verlaumdungen, man machte seinen Namen bey jedermann beinahe infam, und behielt den Groll im Herzen, um ihn bey der ersten gunstigen Gelegenheit zu seinem Verderben auszulassen. Sie zeigte sich: die Boshaften, die kein andres Interesse hatten, ihn zu Grunde zu richten, als dass er sich Vorurtheilen widersezte, die sie blos vertheidigten, weil es verjahrte Vorurtheile waren, sturmten mit einer Wuth auf ihn los, die nicht heftiger hatte seyn konnen, wenn er die Grundstutzen der Religion mit verwagener Hand niedergesturzt hatte. Man streute eben damals Erzahlungen von Wundern aus, die ein neu entdecktes Haar von den Augenwimpern des heil. Ignatius gethan haben sollte. So lacherlich und ungereimt die Erdichtungen waren, so sehr ihre Falschheit in die Augen sprang, so leicht liessen sich vornehme und geringe Laien von ihrer Wahrhaftigkeit uberzeugen. Die Absicht war eigentlich, einem ungestifteten Kloster Gonner, Bewunderer und Beitrage zu verschaffen: der Franzose, der alle Nationen uber die Schultern ansieht und vielleicht in vielen Stucken ein Recht dazu hat, glaubte ubel ersonnene Mahrchen, die mit Mutter Gans in einem Range standen, und opferte reichlich. Mein Bruder, vielleicht halb von Rache, aber gewiss auch halb vom Eifer der Wahrheit angefeuert, trat zum zweitenmale auf den Kampfplaz; aber zu seinem Unglucke. Man beschuldigte ihn der schwarzesten Verbrechen, man brauchte die niedertrachtigsten Kunstgriffe, falsche Zeugen, untergeschobne Briefe, um ihn der Gotteslasterung und Irreligion zu uberfuhren. Man gelangte zu seinem Zwecke; der unwissende Pobel ist jederzeit auf der Seite des Betriegers: er verlangte die Verurtheilung meines Bruders. Der Mann, der sie aus den Ketten der Unwissenheit und dem Despotismus fanatischer Monche reissen wollte, wurde auf Begehr Hoher und Niedriger offentlich verbrannt.

Himmel! schrie Belphegor, offentlich verbrannt! So sind ja die Banden der turkischen Sklaverey tausendmal leichter als die Tiranney eines unerleuchteten Klerus!

Tausendmal leichter, mein Herr! Hier stirbt der Sklave mit Einem Dolchstiche, ohne Schande; der Despot, dessen Eigenthum er ist, wirft ihn weg, wie ein abgenuztes Kleid; sein Loos befremdet ihn nicht, weil er auf kein andres Anspruch machen kann: allein wo der Burger eines Staats den machtigen Gedanken der Freiheit im Kopfe hat, da ist es ihm unendlich schwer, etwas zu dulden, das nicht mit ihr besteht. Unter dem despotischen Himmel todtet man mit Einem Hiebe, unter vielen andern qualt man mit hunderttausend Stichen langsam zu Tode: denn alle kann man nicht verbrennen, wie meinen Bruder.

O, seufzte Belphegor, welch Unthier ist der Mensch! Immer ein Unterdrucker, hier des Eigenthums, dort des Menschenverstandes, hier des Rechtschaffnen, dort des Armen!

Ja, fasste Medardus die Rede auf, dass die Menschen doch so einfaltige Kreaturen sind! In Ruhe und Friede konnten sie bey einander sitzen, ein Glas Apfelwein trinken und sich einander ihr Leben erzahlen: aber nein! da schlagen, schmeissen, balgen sie sich, wie das liebe Vieh; und noch arger machen sies: denn die Thiere verschlingen sich doch nur aus Hunger, aber die Menschen, wenn sie der Hunger nicht dazu zwingt, suchen ein Sylbchen, ein Wortchen, und verbrennen, hangen, kopfen und sengen sich daruber.

Ja, leider, sprach die Dame, sonst ware mein altester Bruder nicht aus dem Schoosse des Vaterlandes, seiner Guter, seiner Familie vertrieben worden, weil er ein heimlicher Hugenott war. Ein Elender, dem er einen kleinen Dienst versagt hatte, weil er ihn desselben unwurdig hielt, gab ihn an; er musste, um sich nicht der Verfolgung preis zu geben, mit Schiffbruch sein Vermogen retten und den Weg wandern, den viele tausend seiner Bruder gegangen sind, in Lander, wo Vernunft und Freiheit herrschen, und vernunftig denken und wahr denken eins ist: noch glucklich, dass er nicht zu jenen Zeiten der hochsten Unmenschlichkeit lebte, wo Frankreich seine Felder mit dem Blute seiner Einwohner dungen wollte! O du schandlichster verderblichster unter allen Despotismen! Despotismus des Aberglaubens, der Scheinheiligkeit, der Habsucht im schwarzen Mantel, der heiligen Dummheit, der Vorurtheile! verheere nicht langer mein Vaterland, dessen milder Himmel nur Menschlichkeit und gesunde Vernunft einflossen sollte! verheere kein Land dieser Erde mehr! und die ihr es vermogt, tilgt, sengt, schneidet, wurgt, reutet ihn von der Wurzel aus, wo ihr ihn findet, wenn ihr euch und euer Volk liebt!

Belphegor, der nur ein Funkchen brauchte, um in die Flamme der Begeisterung aufzulodern, fiel auf seine Kniee und rief mit entzuckter Stimme: O du gottliches Geschenk! Freiheit zu denken, Freiheit zu reden! komm auf alle Lander herab, die der Gluckseligkeit einer allgemeinern Erleuchtung immer naher rucken! Komm! wurge den schandlichsten Gotzen, den Aberglauben, und reisse so viele Provinzen, die die bluhendsten seyn konnten, aus den Ketten des graulichsten Despotismus, des Despotismus uber den Menschenverstand. Kommt! wobey er aufsprang wir wollen allen den scheusslichen Tirannen die Kehle zudrucken, die ihre Grosse auf die Unterdruckung der Vernunft, auf die Sklaverey der Unwissenheit und Dummheit baun! die den Keim der Menschenliebe ersticken, und feindselige Rotten aus Menschen machen, die sich, wie Bruder, lieben wurden, und izt sich hassen, weil man ihnen den Hass befiehlt! Kommt! Narrchen, Narrchen! wohin denn? sprach Medardus und fasste ihn bey der Hand. Der Herr Markis ist ja in Frankreich verbrannt worden, und wir sind in der Turkey. Ach, wir werden genug zu kampfen und zu streiten finden, ohne dass wir erst so weit laufen, um Feinde aufzusuchen. Da ist mir doch Deutschland ein ander Landchen, Madam: da sitzen sie so still und ruhig beysammen, wie die Lammchen; wenn sie einander gleich nicht gut sind, so lassen sies doch wenigstens dabey bewenden, dass sie einander nicht lieb haben. Mannichmal fuschen wohl ein Paar wunderliche Kopfe auch ins Verfolgungshandwerk, aber sie mussen doch nur im Kleinen arbeiten; und wenn sie zu laut werden, so stehn auf allen Ecken Aufpasser, die sie offentlich auszischen und auslachen; auf diesem Wege giebts dort wahrhaftig nicht viel rechtes mehr zu verdienen. Den ersten Krug Apfelwein, den ich in meinem Leben wieder an meine Lippen setze, trinke ich auf die Gesundheit des deutschen Menschenverstandes aus. Nicht Bruderchen? du bist dabey?

Belphegor bejahte es wohl; aber sein Herz war nicht bey der Bejahung. Er dachte noch etlichemal an die Welt und an Akanten, die sich ihm izt wieder sehr wichtig gemacht hatte, legte sich nieder und schlief ein.

Sie hatten nicht lange die Ruhe genossen, als ein Trupp turkischer Soldaten mit Tumult zum Hause hineinsturzte und mit Gewalt den Prinzen Amurat darinne finden wollte. Die Markisinn glaubte, diese Barbaren durch die Nachricht von seinem Tode zu gewinnen, und versicherte sie, dass er auf ihrer Schwelle sich ermordet habe, zeigte ihnen seinen blutigen Dolch, wies ihnen sein Grab, und liess sie seinen Leichnam ausgraben und besichtigen. Wider so deutliche Beweise hatten sie freilich nicht Lust, etwas einzuwenden; allein da sie einmal zum Morden ausgeschickt waren, und in der Turkey ein Menschenleben die wohlfeilste Waare ist, so spalteten sie, um der Absicht ihrer Sendung ein Genuge zu thun, die alte Markisinn nebst ihrer Sklavinn, jede in zwey Stucken, und die beiden Fremden, weil sie noch jung waren und also etwas gelten mussten, beschlossen sie mitzunehmen und an den ersten Liebhaber als Sklaven zu verkaufen, wovon aber weder Belphegor noch Medardus etwas wussten, weil sie die Sprache ihrer Ueberwaltiger nicht verstanden; ehe sie es vermuthen konnten, waren sie das rechtmassige Eigenthum eines Mannes, der sie zu den niedrigsten Beschaftigungen bestimmte. Siehst du, Bruderchen? sagte Medardus, als er zum erstenmale seine elende Kost genoss, nun ist es mit dem Apfelweine vorbey! der ganze schone Vorrath, den ich mir in meine Wohnung habe schaffen lassen, wird verderben: denn so bald werden wir aus dem Raubneste nicht wieder hinauskommen, das merke ich wohl. Wenn das meine liebe Frau wusste du gutes Kind! wie wohl ist dir! mit Thranen sagte er das; wie wohl! und dein Mannchen ist gar ein Sklave, ein elender Hund! Doch muthig, Bruderchen! die Vorsicht lebt noch; da trink die elende Pfutze, und denke, es ist Apfelwein! da! Gluckliche Ruckkunft nach Hause! und so trank er ihm einen Topf voll schmuziges Wasser zu, wovon Belphegor einen kleinen Schluck mit verzerrtem Gesichte nahm.

Unterdessen war die Entfliehung des Prinzen Amurat ruchbar geworden, und ein unbekannter niedriger Mann liess sich es einfallen, diesen Ruf zu nutzen und sein naturliches Recht auf den Thron des Despoten durchzusetzen: denn wo Unterdruckung und Gewalt die einzige Stutze des Throns ist, da hat jedermann ein gegrundetes Recht, ihn zu besteigen, wer den Besitzer herunterwerfen, sich hinaufschwingen und seinen Siz mit jenen beiden Stutzen befestigen kann. Jedermann, der sich zu ihm schlug, war sicher und gewiss, dass er, wenn die Unternehmung gelang, blos die Person des Despoten veranderte: niemand hatte einen Begriff von einer andern Regierungsform, noch Begierde dazu: man stritt hochstens fur die Ehre, sich seinen Unterdrucker selbst gewahlt zu haben. Dieses geringen Vortheils ungeachtet, verschafte ihm doch die angeborne Neigung des Menschen zum Kriege und eine gewisse neidische Freude, den Tirannen, den man, wenn er machtig ist, furchten muss, zu sturzen, und sich dadurch gleichsam fur die bisherige Furcht zu rachen diese beiden Antriebe verschaften dem Anfuhrer einen so zahlreichen Anhang, dass er allenthalben die schrecklichste Verwustung verbreitete, und jedermann entweder fur ihn fechten oder niedergehauen werden musste.

Bey einer so nahen und furchterlichen Gefahr hielt es der Herr des Belphegors und Medardus fur die beste Partie, mit seinen Effekten, so viel er davon fortbringen konnte, und seinen Sklaven sich durch die Flucht zu retten und den ganzen zuruckgelassnen Rest seinem Leben und der Wuth der Rebellen aufzuopfern. Ein Trupp hatte sich in einen Distrikt geworfen, durch welchen die Entflohnen schlechterdings wandern mussten. Sie fanden ringsum die entsezlichsten Spuren der Verheerung und der unsinnigsten Grausamkeit: zitternde Glieder ermordeter Sauglinge, die im Blute ihrer Mutter schwammen, verstummelte halblebende Greise, Gewimmer von Sterbenden, fliehende, verfolgende, in der Ferne flammende Dorfer, dampfende Brandstellen, das Larm der Mordenden, das Geschrey der Ermordeten, das Aechzen der Zertretnen, das Wiehern verwundeter Rosse, blutbedeckte Felder, deren Furchen von Bachen stromten, Verwirrung, Angst, Todesschmerz und der Tod selbst in den grauenvollsten Gestalten dies war das Bild, das sie eine lange Strecke neben sich auf einer weiten Ebne sahen: da sie aber mit ihrem Gepacke von dunnem Busche bedeckt waren, so entgiengen sie der ohnehin beschaftigten Aufmerksamkeit der Barbaren.

Belphegor zitterte vor Entsetzen und Zorn bey der Erblickung eines so unmenschlichen Schlachtfeldes, und Medardus war ganz versteinert. Bruderchen, sprach er endlich leise zu jenem, das geht dir hier zu, wie in der Holle: die Schlacht zwischen dem Hannibal und Scipio kann nicht so blutig ausgesehn haben. Mich friert vor Grausen; was machst DU denn, Bruderchen?

Ich verbrenne! rief Belphegor. Gott! Geschopfe von Einem Geschlechte, aus Einem geistigen und korperlichen Samen gezeugt, Geschopfe, die sich einer Vernunft ruhmen, erwurgen sich? erwurgen sich im tummen trunknen Taumel der Mordsucht, ohne dass eine einzige fur ihre Wohlfahrt wichtige Ursache ihr Blut fodert! um ein Nichts, aus blosser toller Begierde sich die Kopfe zu zerschmeissen! O, Freund, den ersten besten Dolch mochte ich mir in die Brust stossen, um nicht mehr zu einer rasenden Gattung von Geschopfen zu gehoren, die nicht verdienen, dass eine Sonne uber ihnen aufgeht, oder ihnen ein Mond leuchtet. Thiere fuhren doch nur den allgemeinen Krieg mit Thieren anderer Art, und scheuen unwissend die heiligen Bande, die sie zu Einem Geschlechte verknupfen: aber der Mensch ist das argste Ungeheuer der Holle. Ich bin mir selbst gram, ein Mensch zu seyn.

Ja, Bruderchen, es geht wahrhaftig bunt her: wenn WIR nur erst glucklich durch waren, dann mochten sie sich schlachten, wenns ihnen nun ja so beliebt.

O mochten sie uns lieber zerfleischen und unter dem allgemeinen Ruine begraben! Was nuzt uns der elende Lebenshauch, als nur um die Grausamkeit der Menschen zu leiden und leiden zu sehn. Komm! ich sturze mich mitten unter die Barbaren, und wohl mir, wenn ich erliege!

Narrchen, Narrchen! rief Medardus und zog ihn aus allen Kraften zuruck. Die Vorsicht lebt noch: wer weis, wozu das gut ist, dass sich die Leute hier die Kehlen abschneiden? Auf dem Felde hier wird folgendes Jahr das schonste Getreide wachsen. Wer weis, ob uns das Metzeln hier nicht desto eher wieder zu meinem Apfelweine verhilft? Zu etwas muss es doch gut seyn. Wenn sie UNS nur die Kehlen ganz lassen; sonst ist es mit der Hofnung aus.

Belphegor wurde unwillig uber die Gelassenheit seines Freundes und schoss einen verachtlichen Blick auf ihn, der aber noch nicht vollig bis zum Medardus gekommen war, als die Rebellen das Gepacke hinter ihnen anfielen, Fuhrer und Lastthiere niedermachten, die aufgepackten Effekten zerhieben, zertraten und nur etliche tragbare Kleinigkeiten nahmen, den Sklaventrupp gleichfalls angriffen und unbarmherzig niederhieben: alle, auch Belphegor und Medardus, lagen in Einem Haufen zusammen. Da die Heldenthat verubt war, giengen die Krieger zu dem Hauptchore mit ihren Lorbern zuruck.

Belphegor und Medardus waren nur verwundet und in dem Wirbel des Scharmutzels unter die Todten mit niedergerissen worden. So bald die erste Betaubung des Schreckens verschwunden war, so arbeiteten sie sich unter den Erschlagnen allmahlich hervor, einer lieh dem andern seine Krafte, und es gelang ihnen hervorzukommen: doch ermattet von Arbeit und Verblutung sanken sie auf die oberste Reihe wieder zuruck. Mit der Kleidung der Getodeten stopften und verbanden sie endlich ihre Wunden und schleppten sich nach dem Orte zu, wo die Plunderung des Gepakkes vorgegangen war, aus einer sehr weisen Vorsicht, ihrem ganzlichen Mangel durch eine Kostbarkeit abzuhelfen, die vielleicht ihre Morder in der Hitze der Verwustung zuruckgelassen haben mochten. Unter vielen verderbten vortreflichen Sachen fanden sie ein Schachtelchen, von dem sie sich viel Gutes versprachen: auch betrog sie ihre Hofnung nicht: sie offneten es hurtig und fanden einen einzigen Diamant von ungeheurer Grosse darinne. Ihr Appetit wurde durch den Fund rege gemacht, und sie suchten weiter; sie entdeckten noch etliche kleinere und andre tragbare Sachen von Werthe, die sie sorgfaltig in die abgelegensten Winkel ihres Korpers versteckten. Darauf machten sie sich gefasst, diesen Ort des Entsetzens so schnell als moglich zu verlassen. Sie warfen noch einen mitleidigen Blick auf ihre daliegenden Mitbruder, obgleich aller Vermuthung gemass kein einziger Christ darunter seyn mochte, als sie eine Bewegung an einem Haufen wahrnahmen. Da sie erwarteten, dass es gleichfalls ein Verwundeter seyn werde, der sich, wie sie, zum Leben emporarbeiten wolle, so vereinigten sie ihre Hulfe, die todten Korper abzuwalzen. Kaum hatten sie sechs oder achte abgeworfen, als einer seine Hande nach ihnen ausstreckte, mit welchen sie ihm aufhalfen. Er war wenig oder gar nicht verwundet und durch die Druckung der ubrigen nur erschopft. Er stieg von ihnen gefuhrt herunter, und da sie auf ebnem Boden waren, so schlug der Errettete und die Erretter zum erstenmal ihre Augen gegen einander auf, um Dank zu geben und zu empfangen, stuzten insgesamt, waren verlegen, ungewiss, konnten sich nicht besinnen, bis sichs nach drey Fragen und drey Ausrufen fand, dass hier auf diesem Flecke Belphegor, Medardus und Fromal beysammen stunden, sich umarmten, nicht wussten und vor grossen Freuden nicht wissen wollten, wie sie zusammengekommen waren.

Am lebhaftesten war die Freude uber diese plozliche Zusammenkunft auf Belphegors Seite: er wurde so ganz freundschaftliches Gefuhl, dass er nicht einen Augenblick an die Nachrichten dachte, die ihm Akante von der Untreue seines Freundes hinterbracht hatte. Es war nur eine kurze Unterredung nothig, um zu erfahren, dass Fromal der Herr der niedergesabelten Sklaven und des geplunderten Gepackes gewesen war; da er seine beiden Freunde hatte kaufen lassen, ohne sie selbst zu sehen, und sie auch kein Verlangen noch Gelegenheit gehabt hatten, ihren Gebieter kennen zu lernen, so war es um so viel leichter, dass ihre Erkennung bis auf den gegenwartigen Augenblick verschoben bleiben konnte.

Nachdem sie noch eine neue Durchsuchung mit den Resten der Plunderung vorgenommen und nichts entdeckt hatten, so beschlossen sie einmuthig, dies Land der Barbarey und der Unterdruckung zu verlassen und sich mit den grossen und kleinen Diamanten nach dem humanisirtern Theil von Europa zuruckzubegeben, um dort mit dem Herrn Magister Medardus einen Krug Apfelwein auszuleeren.

Da die Pest eben in Konstantinopel wutete, und der Aufruhr sich sehr schnell nach dieser Stadt hinzog, so nahmen sie ihren Weg nach der mittaglichen Meerseite, um dort eine Gelegenheit zum Ruckmarsche zu suchen. Unterwegs erst fuhrte sie das Gesprach auf Akanten, und Belphegorn auf den Verdacht, den sie ihm wider Fromals Freundschaft hatte beybringen wollen; allein da die Lange der Zeit und die gegenwartige Freude uber sein Wiedersehn die Starke desselben ungemein gemildert hatte, so beruhrte er ihn nicht als einen Vorwurf, sondern vielmehr als eine Erzahlung, welcher er nicht sonderlichen Glauben beymass. Fromal rechtfertigte sich nicht, sondern ohne grosse Betheurungen berichtete er ihm in planem historischem Stile, dass er allerdings Belphegorn von Akanten zu entfernen gesucht habe, doch ohne die schmerzliche Begegnung, welche seinem Befehle und seiner Absicht zuwider gewesen ware.

Ich wusste, sprach er, dass du auf der Neige deines Geldes warst, dass deine zu feurige Liebe dir keine eigne Ruckkehr erlauben wurde: du warst von dem ganzlichen Verderben nur einen Strohhalm breit entfernt; ich beschloss, dir eine schimpfliche Verabschiedung zu ersparen, und bot mich Akanten an deine Stelle an. Ich bot mich ihr blos an, damit sie desto leichter in deine Trennung willigen sollte: denn den Ruin deines Vermogens wusste sie noch nicht. Damit sie mich desto williger annahme, stellte ich mich reich, ob ich gleich nicht mehr in der Tasche hatte, als eben so viel, wie ich dir gab: hatte ich gewusst, dass sie einen andern viel reichern Liebhaber schon an der Seite hatte, so ware mein Weg nicht einmal eine so weite Strecke mit ihr gegangen. Dass sie dich so empfindlich behandelte, das war gewiss eine Wirkung ihres eignen rachsuchtigen Herzens, das das Hasslichste auf dem Erdboden ist. Dich hat sie mit Ribbenstossen verjagt, und mich wollte sie gar vergiften.

Vergiften? rief Belphegor. Davon hat sie mir kein Wort gesagt; aber wohl, dass du deinen Nebenbuhler in ihren Armen durchbohrtest.

Sie wird keine Verratherinn ihrer eignen Bosheit werden: aber ihre Vergiftung war eben die Ursache meines Mordes. Sie merkte bald, dass mein Reichthum nur Grosssprecherey gewesen war; und weil ich zu gleicher Zeit meinen Nebenbuhler ausgekundschaftet hatte, so war mein Plan schon gemacht, mich unter einem anstandigen Vorwande von ihr loszureissen. Weil sie wieder und zwar gut versorgt war, so befurchtete ich nichts von ihrer Rache: doch ich betrog mich. Sie verrieth mich an ihren Nebenbuhler, sie beredete ihn, dass ich mich durch den Tod von ihm befreyen wollte, dass sie mich im Grunde hasste und meiner gern entubrigt ware: genug, sie kutzelte ihn so lange, bis der Leichtglaubige sich ubertauben und zu dem Anschlage meiner Vergiftung hinziehn liess. Zum Glucke behorchte ich sie, als sie den Entwurf zu der schandlichsten That schmiedeten, ich erbrach in der Wuth die Thure und rennte mit blossem Degen auf den Bosewicht los, der unter dem ersten Stosse erlag: Akante entsprang. Was konnte ich anders thun? Krieg gegen Krieg! Mein Leben oder das Leben des Angreifers! Sie stellte dir mein ganzes Verhalten vermuthlich in einem Lichte dar, das den hasslichsten Verdacht der Treulosigkeit gegen dich darauf werfen musste?

O mit den gehassigsten schwarzesten Farben!

Sie hintergieng dich, Freund! Meine Absicht war die redlichste: du musstest von ihr entfernt, oder wenn sie deine Verarmung gewahr wurde, am Ende das traurigste Opfer ihrer Rache werden. Ich musste dich retten, oder nicht dein Freund seyn ich musste, sollte ich auch gleich der Gefahr mich aussetzen, einige Zeit von dir nicht dafur gehalten zu werden. Ich sahe keinen andern Weg vor mir, als den ich wahlte: unglucklich, dass die Boshafte meinen Befehl uberschritt! wofur sie bereits gebusst hat, gleich als ich dich verliess, und noch bussen soll, wenn sie das Schicksal wieder in meine Hande liefert.

Belphegor wusste nicht, wohin er sich mit seinem Glauben lenken sollte, zu Fromals oder Akantens ganz entgegenlaufenden Erzahlungen: sein Verstand sprach fur Fromaln, und sein Herz fur beide: endlich neigte er sich bey einer solchen Unentschiedenheit auf Fromals Seite und glaubte der lezten Erzahlung der gewohnliche Gang, den der Glaube der Menschen nimmt! Einmal wurde er auf alle Falle betrogen, und konnte nie ausmachen, von wem eigentlich; und bey dieser Bewandniss war es gewiss das Beste, dem Anwesenden Recht zu geben und sich mit ihm in gutem Verstandnisse zu erhalten: die Klugheit rieth ihm dies schon, wenn auch sein Herz und seine Freundschaft fur Fromaln nichts dabey hatten thun wollen. Er dankte ihm freundschaftlich fur seine aufrichtige Vorsorge und die Errettung aus den Klauen eines solchen Ungeheuers, that noch ein Paar verliebte Ausrufe an Akanten und verfluchte ihr Andenken auf ewig.

Ja, wenn alle Akanten wie meine Frau waren, sprach Medardus mit Ruhrung, so brauchte man ihr Andenken nicht zu verfluchen. Bruderchen wobey er Fromals Hand ergriff, das war dir eine Frau! Ein solches Weibchen und einen Krug Apfelwein! und wahrhaftig ich wollte es in der Turkey alsdann mit ansehn. Siehst du, Bruderchen? das war dir ein Weibchen!

Guter Mann! wenn du einen Engel zum Weibe hattest, du warst doch in diesem Lande unglucklich, du musstest denn die Menschheit zur Halfte ausziehn. Ich habe viele Lander durchschweift und allenthalben in dem Menschen einen Unterdrucker gefunden: doch nirgends ist mir noch die Unterdruckung mit so offner unverstellter Mine entgegengekommen, Leute, die nie einen hohern Grad von Freiheit gekostet haben, sind auch hier glucklich, wie der Arme bey der Verachtung, wenn er nie die Sussigkeiten der Ehre geschmeckt hat; aber wir unter einem mildern politischen Himmel erzogne, wir krankeln mit unsrer Gluckseligkeit unter dem hiesigen bestandig. Ich war der gefurchtete Herr vieler Sklaven, Besitzer von Reichthumern, und doch fehlte mir stets etwas, so sehr ich alles zu haben schien.

Du, Fromal? der du so verarmt warest, als du mit mir theiltest, du hattest dies alles?

Ja! und kam auf eine sonderbare Weise dazu. Ich musste entfliehn, als ich meinen boshaften Nebenbuhler ermordet hatte, um Akantens und der Gerechtigkeit Rache zu entkommen. Ich begab mich nach Frankreich und fand Paris bey meiner Ankunft in der heftigsten Bewegung. Du weisst, Belphegor, dass ich in der Welt selten mitspiele, sondern mich vom Schicksale, vom Strome der Begebenheiten fortreissen lasse: auch hier blieb ich meinen Grundsatzen getreu und war mussiger Zuschauer. Man hatte ein neues Schauspiel aufgefuhrt, das vielen Beifall aus den Logen erhielt: das Parterr uberstimmte sie mit seinem Misfallen. Der Streit war der allgemeine Gegenstand des Gesprachs, aller Wunsche und Neigungen: man hasste und liebte sich blos um der Parthey willen, zu welcher man gehorte: wie Gelfen und Gibellinen, wie die grune und blaue Faktion stritt man, nur mit andern Waffen als diese, wider einander. Wo ich einen schonen Geist, einen witzigen Kopf, einen Kunstrichter erblickte, der war wider den Autor aufgebracht: man schwur ihm allgemein den Untergang. Ich nahm mir die Freiheit, mich bey einem nach der Ursache dieses Hasses zu erkundigen, und erfuhr, dass der Verfasser ein junger Mann, dass dies sein erstes Stuck sey, und dass ein altrer von ihm beleidigter Dichter, der einen so schnellen Beifall ahnden musste, den Aufstand veranlasst habe. Aber wie machte er das? fragte ich. Eine Schauspielerinn, die er liebte, wurde von ihm angestiftet, eine Schmeicheley an das Parterr im dritten Akte in die bitterste Satire zu verwandeln: sie opferte ihren eignen Ruhm der Liebe auf; und das lezte Wort von diesem herben Komplimente war auch das lezte, das im ganzen Stucke gesprochen wurde: weiter liess man sie nicht. Der Mann muss nieder, sezte er hinzu, er mag sich noch so sehr strauben: man ist in Zorn wider ihn, und nie wird er durch die feinsten Schmeicheleyen sich eine Handvoll Beifall erkaufen konnen: er soll nicht, er muss nieder. Ich gieng nach meinem Abschiede von ihm uber einen Plaz, wo eine Menge Gaukler die Aufmerksamkeit des anwesenden Publikums an sich ziehen wollten. Ein jeder sagte dem Theile, der bey ihm stand, alles Bose von seinen ubrigen Mitbewerbern und denen, die sie begunstigten, die sogleich die besten klugsten Sterblichen wurden, so bald sie zu IHM ubertraten. Einer darunter, dem die ausgelassensten Spottereyen keine Zuhorer verschaffen wollten, hatte die Bosheit, einen von seinen Leuten abzuschicken, der unter die Zuschauer der nachsten Buden brennende Schwarmer werfen musste: das Volk sprengte aus einander, war allen den Gauklern gram, wo sie mit diesem Feuerwerke begrusst worden waren, und liefen dem Haufenweise zu, der sie damit hatte begrussen lassen: die ubrigen wurden beinahe gesturmt. Sein Nachbar, der am meisten dabey gelitten hatte, dachte auf Ranke, sich zu rachen: er liess heimlich ein Paar Kerle die Nagel an den Hauptbefestigungen von der Bude seines Feindes ausziehen, alsdann einen guten Stoss daran thun, und die Bude sturzte uber dem Kopfe ihres Besitzers zusammen, quetschte ihn mit Lebensgefahr; die Menge lachte und gieng zu dem andern uber. Kaum hatte er sich seiner gelungenen List zu erfreuen angefangen, als seine Bude in lichten Flammen stund: sein Nachbar hatte sie ihm angezundet, als er den Strom zu ihm kommen sah. So suchte einer dem andern durch List oder Gewalt den Beifall abzujagen; und der einfaltige Pobel liess sich von einem zum andern herumschicken, bis sie ihm alle misfielen. Da der ganze Plaz leer, einer beschunden, der andre versengt, fast keine Bude mehr unbeschadigt und alle gleich verachtet waren, so traten sie zusammen, kondolirten einander herzlich und giengen in Gesellschaft zum Weine. Einige Tage darauf fand ich meinen Mann wieder, den ich um die gegenwartige Lage des theatralischen Streites befragte. : Es ist vorbey, antwortete er: der Mann hat durch seine Freunde bekannt machen lassen, dass er nicht Einen Vers von seiner Arbeit mehr auf das Theater kommen lassen will: und er hat heute mit seinem Rivale in Einem Speisehause gegessen; sie sind gute Freunde: und weil jener gestern ein Nachspiel auffuhren liess, worinne er das ganze Komodienhaus fur sich und wider den jungen Schriftsteller zu interessiren wusste, so ist auch das Publikum wieder einig und hat die ganze Sache schon vergessen: mir selbst ist das Ding so alt, als wenn es unter dem Merovaus vorgegangen ware. Indem wir so mit einander sprachen, horten wir einen Tumult, der einen lebhaften Zank ankundigte; als wir darnach forschten, so erfuhren wir, dass es zween Bediente von einer gewissen Herzoginn waren, wovon der eine Tages vorher die unvermuthete Ehre gehabt hatte, die schone Hand seiner gebietenden Frau mit der seinigen zu beruhren, als sie uber den zu starken Duft eines parfumirten Herrchen in Ohnmacht sank, und er allein in der Nahe war, sie aufzufangen. Ein andrer, der nicht weit davon stund, aber zu diesem Glucke zu spat kam, wurde neidisch daruber, und als sie gegenwartig zusammenspeisten, uberfiel ihn sein beleidigter Ehrgeiz von neuem, dass er das Messer ergriff und dem andern zwo grosse und etliche kleine Adern an der beneideten Hand entzweyschnitt. Welch ein feiner Ehrgeiz muss in diesem Lande herrschen! rief Belphegor.

Mich beschaftigte die Begebenheit nicht langer, als ich daruber lachte: ich bin dergleichen Wettstreite um die Ehre gewohnt. Das ist der Krieg der Hofhaltungen, der aber nirgends so hitzig gefuhrt wird als an der Hofstatt des Apolls. Jedermann buhlt da um die Gunst des eigensinnigsten Geschopfes des offentlichen Beifalls. Belphegor! dein gutes menschenliebendes Herz wurde Kapriolen machen, wenn du die Kunste, die Kabalen sahest und hortest, die sich die Leute, jenem wankelmuthigen leeren Dinge zu Gefallen, spielen, wie sie sich hassen, mit Satire, Pasquillen, Verlaumdungen verfolgen, unterdrucken, ihr und andrer Leben verbittern, fast unglucklich machen, um einander ein Brockchen Beifall abzujagen, dessen Genuss ihnen doch wahrhaftig die Halfte der erlittnen Unannehmlichkeiten nicht wieder vergutet. Aber keiner unter diesem kriegerischen Dichtervolk hat doch gewiss seit der Schopfung so weitaussehende Absichten gehabt als NIKANOR: der Mann war ein geborner Eroberer; er strebte nach der Universalmonarchie in dem Reiche des Beifalls so stark als Alexander in der politischen. Alle Madchen, mit welchem ein Dichter nur zu thun hatte, ware er gleich von der untersten Klasse gewesen, musste er zu seinen Freundinnen machen; und jeden Poeten, jeden, von dem er nur erfuhr, dass er in seinem Leben zwo Zeilen zusammen gereimt hatte, betrachtete und behandelte er als seinen Nebenbuhler. Ihre Madchen, Freundinnen und Gonnerinnen waren seine Spione: sie mussten ihm von jedem verfertigten Verse ihrer Liebhaber Nachricht geben, das neue Produkt in Abschrift ausliefern und ihre skandalose Geschichte zu wissen thun. Aus diesen drey Materialien machte er sein Pulver, und sein Wiz diente ihm zur Kanone. Wenn er die Ueberlegenheit eines Mannes fuhlte, so liess er ihm sein Manuskript wegstehlen und verbrennen, oder Stellen heimlich einschieben, die es zum Beifalle schlechterdings unfahig machten: die Buchdrucker fuhrte er deswegen insgesamt an seinem Seile. So bald er die Geringfugigkeit, das Mittelmassige eines neuen Werkes merkte, so arbeitete er, durch versteckte Wege die Bekanntmachung desselben zu beschleunigen, und gleich darauf erfolgte ein ganzes Packet Schmahschriften, Parodieen, die es so lacherlich machten, dass es niemanden nicht einmal mittelmassig schien: alle waren seine Arbeit, und seine Kreaturen mussten sie ausstreuen oder drucken lassen: oft liess er im Manuskripte Satiren auf Werke herumlaufen, die noch unter der Presse bruteten. Wenn ein neues gutes Werk ohne sein Vorwissen, oder ohne dass seine List es hindern konnte, an das Licht gelangte, so war ER der erste, der es unter dem Namen eines schlechten Mannes von ubelm Kredite so ausgelassen lobte, dass es einem grossen Theile schon dadurch verdachtig, und allemal der Eindruck desselben geschwacht wurde. Einmal widerfuhr ihm das Ungluck, dass ein muthiger Mann seiner List und seiner Unverschamtheit trozte: er liess sich mit Fleis sein Manuskript stehlen, indessen dass er an einem entfernten Orte eine andre Abschrift davon drucken liess, die schon in den Handen des Publikums war und allgemein gelobt wurde, als der betrogne Nikanor noch ruhig uber seinen Raub triumphirte. Plozlich erfuhr er, wie man ihn hintergangen hatte; er wutete, wie ein Lowe, besonders da ER darinne die lacherlichste Hauptrolle spielte, und jedermann sich schon auf seine Unkosten belustigte, ehe er es nur vermuthen konnte. Sein Gegner hatte sich zwar versteckt, aber es gelang Nikanorn doch, ihn auszuforschen: nun fieng der drollichste Krieg an. Man focht von beiden Seiten mit den scharfsten Waffen des komischen Witzes; und am Ende hatten sie den Nutzen, dass beide lacherlich gemacht waren: doch eignete sich Nikanor den Sieg zu, weil er das lezte Pasquill drucken liess. Durch diesen Krieg sank er in den Augen des Publikums: doch blieb er noch immer der gefurchtete Tirann in dem Reiche des Witzes, dem jeder huldigte und den ersten Rang zugestehn musste, wenn er den zweiten nach ihm haben wollte. Er unterhielt eine Menge Lobredner, die fur ein kleines Lob, das er ihnen aus Gnaden zuweilen zuwarf, sich fur seine Verdienste zur Posaune der Fama gebrauchen liessen: wenn sie weiter nichts thun konnten, so mussten sie wenigstens seinen Namen in dem Andenken des Publikums durch die oftre Wiederholung desselben erhalten; und man hat mich versichert, dass er selbst einen Haufen Broschuren unter fremden Namen schrieb, worinne sein eigner werther Name, nebst Citaten aus seinen Schriften, auf allen Seiten zu finden war; auch bestach er die Setzer, dass sie in andrer Werken, wo seiner gedacht wurde, seinen Namen jederzeit mit grossen hervorleuchtenden Lettern drucken mussten. Nach einem sechzigjahrigen Leben voll immerwahrender Scharmutzel und Kampfe hatte er endlich das Gluck errungen, dass er sich einige dreissig Jahre fur den Diktator perpetuus in der Republik der schonen Wissenschaften gehalten hatte, und nun, da seine komischen Waffen stumpf, sein Arm zur Lanze des Wizes zu matt war, da er nicht mehr morden und wurgen konnte, jeder Esel, jeder Hase dem alten kraftlosen Lowen einen derben Stoss gab, bis endlich nicht einmal auf diese Weise mehr sein Andenken erneuert wurde, und den grossen Universalmonarchen der Tod im Stillen vor den Kopf schlug.

Der Narr! unterbrach ihn Medardus; so bin ich doch wahrhaftig bey meinem Kruge Apfelweine neben meinem Weibchen tausendmal glucklicher gewesen, als er mit seinem grossthuenden Ruhm, und will es gewiss auch wieder werden, wenn ich nur erst aus dem barbarischen Lande wieder weg ware. Sage mir nur, Bruderchen, wie du in so ein Land hast gehen konnen?

Der Zufall schleuderte mich hin. Ich gieng von Paris nach London auf ein ungewisses Gluck aus. Was fur einen Larm, was fur Unruhen traf ich dort an? Nicht blos heimlicher schleichender Hass, nicht Faktionen, die blos in Gesellschaften uber den Werth eines Schauspiels sich theilen! oder Dichter, die sich ihren guten Namen mit unblutigen Waffen zerreissen! Nein, offentlicher lauter Tumult! Tumult der Grossen und des Pobels! Ein unbekannter Mann, der seine Niedrigkeit nicht ertragen mochte, schreiben und lesen konnte und unverschamt dreist war, hatte sichs einkommen lassen, eine Schrift auszustreuen, worinne er von Gefahren fur die Freiheit, von der Usurpation der Regierung, von Unterdruckung schwazte: ohne Zusammenhang, ohne Grunde machte er alles verdachtig und ermunterte zur Vertheidigung der Freiheit. Sogleich rotteten sich seine Leser zusammen; wer sie oder ihren Autor aufs Gewissen gefragt hatte, worinne ihre Freiheit gekrankt worden ware, wurde keine Antwort darauf erhalten haben: dennoch sezte das einzige Wortchen "Freiheit" das ganze Volk in Feuer. Man schlug Pasquille an, man warf Fenster ein, man verfolgte diejenigen, die der Autor verhasst gemacht hatte, auf allen Gassen, hielt ihre Kutschen an, sie konnten sich beinahe nicht ohne Lebensgefahr sehen lassen, man erdruckte, man zerquetschte sich, rief dem Autor ein Vivat, bis alle Kehlen durstig wurden, und dann zerstreute man sich in die Bierhauser, um fur die Freiheit zu saufen. Dem Manne, der sie losgehezt hatte, kam es wenig auf die Freiheit an, von der er vielleicht selbst keinen Begriff hatte: er wollte sich aus der Dunkelheit reissen, und war ihm der entgegengesezte Weg dienlicher dazu, so schrieb er wider die Freiheit so gut als izt dafur. Doch in England bringt nun einmal der Eifer fur die Freiheit empor, wie in verschiednen andern Reichen der Eifer fur die Unterdruckung: ein jeder, der empor will, wahlt sich den Weg, der ihn unter seinem Himmel am nachsten dahin fuhrt; schlachtet, wenn er kann, dort die Grossen, und hier die Kleinen: wenn er nur durch ein Wortchen Leute anlocken kann, sich zu seinem Endzwecke Arme und Beine entzweyzuschlagen, und fur sein Interesse zu arbeiten, indem er ihnen weis macht, dass sie es fur das ihrige thun: wohl ihm alsdann! sein Verlangen ist befriedigt. Die Kunst der Illusion! das ist die einzige probate Kunst des Erdbodens. In England ist sie leicht und gelang meinem Autor sehr wohl. Der Aufstand vergrosserte sich taglich; Glaser und Glasfabriken wurden mit jedem Tage mehr mit Arbeit versorgt; man illuminirte der Freiheit zu Ehren, man baute ihr Ehrenpforten, man verbrannte, hieng, kopfte die vermeinten Unterdrucker im Bildnisse, man hohnte und schimpfte sie in Schriften, der wilde Haufe gerieth selbst in Uneinigkeit, sie trennten sich in Faktionen, steinigten, prugelten sich wund und lahm, und da ihr Aufhetzer seine Absichten so ziemlich befriedigt, sich bekannt, angesehen und erhoben sah, so zerstreute er ihren Unwillen, besanftigte die Verfechter der Freiheit und bezahlte niemanden seine Versaumniss, seine Wunden und sein verschwarmtes Geld: es blieb wie sonst, und die Freiheit war nichts besser und nichts gekrankter.

Wohl einem Volke, sagte Belphegor, das fur die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist glucklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich jahrlich etliche hundert Hirnschadel opfern musste. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor ubereilter zustromender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang Freiheit tonen hore. Komm! wir kehren zuruck nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne muss dort erfreulicher warmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freyes Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes bestunde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn heraustropfeln lassen, konnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich fur freyer als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch glucklicher zu werden. Meinst du nicht, Freund? redte er den Medardus an.

Ja, Bruderchen, war seine Antwort, ich dachte selber, dass in einem freyen Lande ein Krug Apfelwein tausendmal schoner schmecken musste, weil er uber eine freye Zunge geht: aber wenn nicht solche Weiberchen zu haben sind, wie meine verstorbne, ey! Schade fur die Freiheit!

Fromal lachelte und fuhr in seiner Erzahlung fort. In London machte ich die Bekanntschaft einer ziemlich reichen Kaufmannswittwe, die wegen einer empfindlichen Beschimpfung, die sie erlitten hatte, den festen Entschluss fasste, ihr Vaterland zu verlassen: ich bot ihr meine Begleitung und meine Person an; wir heiratheten einander und zogen zusammen in die Turkey, wo sie einen Vetter beerbte: ich theilte den Genuss ihres Vermogens und dunkte mir glucklich. Das Schicksal kollerte mich aufwarts, izt wieder unterwarts; wer kann sich dem Schicksale widersetzen? das ware der tollste Krieg. Es mag mich weiter fortschleudern: seine Hand hat die Elemente sich zu dem Dinge, das ihr Fromal nennt, zusammenballen und aufwachsen lassen, sie wird es schon durch die Welt transportiren, und weis sie es nicht mehr fortzubringen, so wirft sie es wider die Erde, dass es aus einander fallt; und aus den Fragmenten wird der Zufall wieder etwas anders bruten: es geht nichts verloren. Frisch! munter! meine Freunde! Getrost wollen wir uns von dem Stosse des Schicksales fortrollen lassen, wohin uns auch seine Richtung treibt: wir bleiben immer auf der Erde, finden allenthalben Menschen, allenthalben Krieg in verschiedener Gestalt, allenthalben Kampf, wenn wir uns unter ihr Spiel mischen, und werden vermuthlich ganz wohl davon kommen, wenn wir stillschweigend neben ihnen wegschleichen.

O Fromal, hatte ich diese Regel fruher befolgt! sprach Belphegor; vielleicht ware ich izt weniger Krupel. Die unbandige Hitze, die mich dahinreisst!

Bruderchen, sprach Medardus, sey du guten Muthes! die Vorsicht lebt noch. Wer weis, wozu es gut ist, dass du ein Krupel bist? der Apfelwein wurde dir immer noch wohl schmecken, wenn du einen Krug voll hier hattest. Lass das Gramen und Harmen! wer weis wozu dirs gut ist?

Wozu? unterbrach ihn Fromal lachelnd; zu nichts! In der langen Kette von Ursachen und Wirkungen in dieser Welt war es schon langst vorbereitet, dass er ein Krupel seyn sollte: wer kann der Nothwendigkeit widerstreben, die die sterblichen Begebenheiten aus einander hervorwachsen lasst? Wer kann den Bliz aufhalten, dass er nicht mein Haus trift? Ware die Lage und Wirkung der Theilchen der Atmosphare von Anbeginn durch den Zufall anders geordnet worden, so trafe er vielleicht meinen Nachbar: aber nein! er soll, er muss mich treffen. Gut ist mirs wahrhaftig nicht, wenn er mich bettelarm macht, aber meine Armuth kann mir in der Folge vielleicht durch den Zufall irgend wozu nuzlich werden: ich bilde mir es ein, ich suche den Nutzen; wohl mir, wenn ichs zu einer solchen glucklichen Illusion bringe! Wohlan! wie leichte Spane, schwimmen wir auf dem Strome der Nothwendigkeit und des Zufalls fort: sinken wir unter gute Nacht! wir haben geschwommen!

Viertes Buch

Das Gesprach, das sie uber diesen Gegenstand noch einige Zeit fortsezten, hatte sie unvermerkt zum Strande kommen lassen, wo sie ein Schiff zu erwarten gedachten, das sie nach England fuhren sollte, wohin Belphegor mit brennender Begierde verlangte. Durch eine hochstgluckliche Verknupfung von Ursachen und Wirkungen nach Fromals Ausdrucke musste gerade damals ein Fahrzeug in Bereitschaft liegen, das der Grossvezier, der bey veranderter Regierung aus gegrundeten Ursachen fur seinen Kopf furchtete, heimlich zu seiner Flucht bestellt hatte. Es wurde nur von drey Leuten bewacht, die mit ihm an einem versteckten, zum Einsteigen bequemen, verborgnen Winkel lauschten: die Reisenden naherten sich ihnen und erkundigten sich nach der Ursache, die sie hier zu halten bewegte, wovon ihnen aber, wie zu vermuthen, eine falsche angegeben wurde. Da die Schiffer sich aber umstandlich und etwas angstlich nach der Beschaffenheit des Tumultes, und besonders nach der Lage des Grossveziers erkundigten, so drang Fromal, der gut Turkisch sprach, in sie, ihm ihr Geheimniss zu entdecken, und versicherte sie mit dem hochsten Schwure, sie nicht zu verrathen. Die Muselmanner weigerten sich und sezten sich in Positur wider Gewalt, als plozlich von hinten zu aus einem Walde her ein wilder kriegerischer Larm gehort wurde, der sie insgesamt aufmerksam und besorgt machte. Die nachste Vermuthung war, es fur die Annaherung eines tumultuirenden Truppes zu halten, von dem alle ihren Tod gewiss erwarten mussten, schuldige und unschuldige. Die Schiffer wollten vom Lande stossen, doch Fromal kam ihnen zuvor, sprang in das Boot und nothigte seine Gefahrten seinem Beispiele zu folgen. Die Schiffer, die dies fur Verratherey hielten, wollten Fromaln hinauswerfen, doch kaum sah er einen auf sich zukommen, als er ihn in der Mitte fasste und hinausschleuderte. Die ubrigen fiengen an zu rudern, er riss einem die Stange aus der Hand und dem andern gab er einen Hieb mit seinem Sabel, dass er sie selbst sinken liess und zum Boote hinausfiel. Fromal trieb das Boot dem Ufer wieder um vieles naher, um seine Freunde einzunehmen, als ihn der lezte von hinten zu anfiel, zu Boden warf und vom Ufer wegruderte. Fromal rafte sich auf und sendete ihn vermittelst seines Sabels mit gespaltnem Kopfe den namlichen Weg, den seine Bruder genommen hatten: darauf fuhr er zum Ufer zuruck. Der erste, der ohne Wunde ins Meer gesturzt war, schwamm indessen herzu und stiess aus Rache und Neid das Fahrzeug mit aller Gewalt vom Lande zuruck, dass Fromal kaum ihm widerstehen konnte: es war einen kleinen Raum noch von dem Einsteigeplatze entfernt: seine zween Freunde stunden zitternd und rufend am Ufer: schon schoss ein Schwarm Rebellen mit verhangtem Zugel auf sie herzu und die Sabel schwebten beinahe schon uber ihren Hauptern: Tod im Meere oder von den Handen der Barbaren, war ihre Wahl. Schnell zog der friedliche Medardus einen Sabel, den er um der Seltenheit willen einem Erschlagenen vom Wahlplatze genommen hatte; hieb dem Kerle, der das Boot zuruckstossen wollte, die auf dem Rande desselben liegenden Hande ab, dass er herabsturzte, und Belphegor gab ihm mit einem Knittel, da er ihr Einsteigen noch immer verhindern wollte, einen Schlag auf den Kopf, Fromal trieb das Schiff naher, sie sprangen beide hinein und ruderten eilig fort: die Nachsetzenden schossen nach ihnen, trafen aber keinen. Da man kurz darauf den entflohnen Grossvezier erhascht hatte, so gab man sich weiter keine Muhe, sie zu verfolgen.

Belphegor hatte seit seinem Eintritte in den Kahn in einer todtenahnlichen Betaubung dagelegen, indessen dass seine beiden Freunde unermudet vom Lande wegruderten. Izt sind wir in Sicherheit, rief endlich Fromal; sie ruderten langsamer, und Belphegor sammelte sich wieder.

Gott! was haben wir gethan! rufte er mit zusammengeschlagnen Handen aus. Menschen, unsre Bruder, Wesen unsrer Art, Verwandten unsers Geistes und unsers Blutes ermordet! von ihrer Selbsterhaltung verdrangt! in den Abgrund hinabgestossen! Gott! welch ein Gedanke, ein Menschenmorder zu seyn! Fromal! ich zittre, ich schaudre vor ihm; und so umfasste er bebend seinen Freund.

Belphegor! was ist dir? erwiederte dieser. Verfolgt dich dein feuriges Blut noch immer mit Gespenstern? Was haben wir gethan? Menschen von ihrer Selbsterhaltung verdrangt, die uns von der unsrigen verdrangen wollten. Jedes Geschopf ist sich selbst die ganze Welt; ohne andre Rucksicht kampft jedes fur sich und seinen Wohlstand: wen der Zufall gewinnen lasst, wohl ihm! Er hat UNS begunstigt; hatte er unsern Gegnern wohlgewollt, so lagen wir izt an ihrer Stelle, vom Meere verschlungen, so nahrten WIR die Ungeheuer der See.

"Aber, bester Fromal, woher waren sie denn unsre Gegner? "

Weil sie unsrer Rettung, unserm Wohl im Wege stunden.

"Hatten SIE nicht einen grossern Anspruch auf dieses Boot, SIE, denen wir es entrissen? "

Und konnten ihn ungekrankt haben, wenn sie uns verstatteten, uns mit ihnen zu erhalten.

"Aber welches Recht hatten wir, uns ohne sie zu erhalten, da sie uns nicht vergonnten, es mit ihnen zu thun? "

Die Obermacht, das Gluck!

"Geben diese ein Recht? "

Sie verschaffen es, sie sind es. Jedes Recht ist eine verjahrte Unterdruckung, ein verjahrter Raub; nichts weiter. Den Flecken Erde, den ich izt zum rechtmassigen Eigenthume erkaufe, raubte, riss der erste Besitzer an sich: alle Menschen hatten vor ihm gleich gegrundetes Recht darauf: er raubte ihn dem Menschengeschlechte und behauptete ihn durch die Obermacht; diese vollendete sein Recht. Zu den Diensten, die ich izt von gewissen Personen vermoge eines erkauften Rechtes fodre, zwang der erste, der sie sich leisten liess, ihre Vorfahren, oder Furcht und Elend zwangen diese, sie ihm anzubieten: allemal Unterdruckung! Mein Leben ist das Eigenthum meiner Natur; wer es mir nimmt, dem giebt die Obergewalt ein Recht darauf.

"Fromal, du erschreckst mich! Ist es moglich, dass DU so denkst? Eine unmenschliche Behauptung! " Sie ist so menschlich, dass dies die Maxime aller Zeiten gewesen ist. Warum fodert der Despot, warum der Monarch, warum die Republik mein Leben? Nicht um meinetwillen; blos um ihrentwillen: aber sie konnen es fodern, weil sie mich zwingen konnen; die Obermacht ist ihr Recht.

"Aber das Leben dieser Unglucklichen war doch so sehr ihr Eigenthum, ihr ohne Unterdruckung erlangtes Eigenthum "

Keineswegs! Auf die Materialien ihres Wesens, auf die Theile ihres Bluts, ihrer Lebensgeister hatte ich, hatte jeder andre einen gleichen Anspruch mit ihnen: die Natur streute die Elemente zu unser aller Leben aus: der Zufall theilte einem jeden das mit, was er izt besizt: indem er es bekam, nahm ER es einem andern weg: nimmt es ihm dieser wieder, und der Zufall begunstigt ihn

"Rede noch so subtil! mein Herz wirft alle deine Spizfindigkeiten zu Boden. Meine Empfindung macht mir den Vorwurf, dass ich eine Grausamkeit mit dir begangen habe; in meinen Augen bleibt es eine, wenn es gleich dein Rasonnement fur keine erklart "

Allerdings ist es eine, auch nach meinem Gefuhle, so gut als nach dem deinen: aber was kann ich dafur, dass die Natur die Erhaltung des einen Wesen auf die Zerstorung des andern gebaut hat; dass sie uns auf dieses Erdenrund gesezt hat, mit einander um Lander, Leben, Ehre, Geld, Vortheil zu fechten: warum entzundete sie diesen allgemeinen Krieg, und druckte mir ein Gefuhl ein, das mich treibt, mich allen andern vorzuziehen, und mich qualt, wenn ich es gethan habe? warum stellte sie mich an den engen Isthmus, entweder mir schaden zu lassen, oder andern zu schaden? Ey! ey! gewiss ein Seerauber, den ich dort sehe! Gleich wirst du einen traurigen Beweis bekommen, dass in dieser Welt stater Krieg, und Obergewalt Recht ist. Er schifft verzweifelt hastig auf uns zu: tummer Teufel! durftige Leute wirst du zu ernahren finden, aber nicht einen Flitter, der dir den Weg bezahlte.

Himmel! schrie Belphegor, Seerauber! Was sollen wir thun? Uns ihnen ergeben, sprach Fromal, weil sie die Starkern sind! Geschwind unsre Diamanten verborgen! versteckt, wo sie niemand finden kann, dass sie den Weg umsonst thun!

Sie folgten seinem Rathe, und wegen der Eilfertigkeit, mit welcher sich ihnen das Schiff naherte, schien es ihnen ungezweifelt, dass es ein Korsar sey. Medardus und Belphegor zitterten vor Angst und Erwartung! doch Fromal ruderte ihnen unerschrocken entgegen. Es ist izt eine Wohlthat fur uns, sagte er, in ihre Hande zu fallen: sie mussen uns futtern, da wir ohnedies hier zwischen Wasser und Himmel verhungern wurden. Wir werden freilich ihre Sklaven: aber wenn nun in der Reihe menschlicher Begebenheiten alles sich so geordnet hat, dass wir Sklaven in Algier oder in Tunis seyn mussen, wer will sich der Nothwendigkeit des Schicksals widersetzen? Muth oder Gelassenheit! das lezte muss izt unsre Partie seyn.

Medardus raffte seine Entschlossenheit wieder zusammen. Getrost, Bruderchen! sprach er. Die Vorsicht lebt noch: wer weis wozu das gut ist, dass wir izt Sklaven werden?

O Freiheit! rief Belphegor, du gottliches Geschenk der Erde! so lebe zum zweitenmale wohl! Ich soll von neuem Zeuge der Unterdruckung, der Grausamkeit der Menschen werden: wohlan! ich kusse die Sklavenkette, wenn sie mich nur mit euch, Freunde, untrennbar vereint.

Kaum hatte er seinen Schwanengesang an die Freiheit geendet, als die Rauber schon an ihr Fahrzeug heranruckten; da sie nichts als ein beuteleeres Boot mit drey Menschen erblickten, so schienen sie unschlussig zu seyn, was sie mit ihnen anfangen wollten: doch endlich erinnerten sie sich, dass sie das Boot brauchen konnten, und nahmen es also ein. Man untersuchte alle Winkel ihres Leibes, um verborgne Schatze zu entdecken: doch man entdeckte nichts. Sie wurden ins Sklavenbehaltniss gebracht, und nach langem vergeblichen Herumkreuzen fanden sie eine Prise, von der sie sich gute Hoffnung machten. Es war das alte Lied des menschlichen Lebens: ein Trupp Menschen wurde des andern Herr, nachdem sich etliche von ihnen ermordet, ersauft, erschossen hatten. Die Rauber kehrten voller Lust und Freude uber ihre Eroberung nach Algier, wo sie ihre Abgabe von ihrer Beute entrichteten, auf neues Gluck ausreisten und unsre drey Europaer in einer zweyjahrigen Sklaverey zuruckliessen, ohne dass einer den Aufenthalt des andern wusste.

Fromal machte wahrend dieser Zeit verschiedene Versuche, sich und seine Freunde aus einem fur Freygeborne so traurigen Zustande zu reissen: doch keiner gelang ihm, bis er es endlich dahinbrachte, unter einen Trupp von tausend Sklaven den Samen des Aufruhrs auszustreuen, der sich schnell ausbreitete. Grosse Armeen von Sklaven brachen sich los, befreyeten andre, und Fromal war ihr Anfuhrer. Man sturmte, rasste, wutete: das ganze Land war Ein Gemahlde des Aufruhrs. Die erbitterten verwilderten Sklaven wurgten und verheerten, wohin sie geriethen: die Reichen starben in den Flammen ihrer Reichthumer; man wollte alles ausrotten, was nicht Sklave war. Die Truppen der Republik sezten den Verwustern zu, todteten und wurden getodtet. Als alle Ebnen mit dem Blute und den Leichnamen der Aufruhrer und ihrer Sieger besat waren, beschloss man das schreckliche Schauspiel mit den furchterlichsten Scenen einer barbarischen Justiz.

Ehe es bis dahin kam, waren unsre Europaer insgesamt gerettet. Fromal hatte keine Absicht, als sich und seine Freunde zu befreyen, und liess daher, bey Erbrechung eines jeden Sklavenbehaltnisses die Namen Medardus und Belphegor ausrufen: nicht eher wollte er vom Aufstande ablassen, als bis ihm entweder der Tod das Leben genommen, oder das Gluck seine Freunde wiedergegeben hatte. Sein Wunsch wurde bald befriedigt: er fand sie in den ersten zween Tagen, begab sich mit ihnen heimlich auf die Flucht und liess seine Armee fur Freiheit und Leben fechten und sterben, so lange sie wollte.

Nach einer langen ermudenden Wanderschaft sahen sie sich an den Granzen von BILIDULGERID. Hier glaubten sie sich sicher genug, lagerten sich unter einem Palmbaume an einem kleinen Flusse und waren unschlussig, ob sie Schlafrigkeit oder Hunger zuerst besanftigen sollten. Sie griffen zuerst nach den Datteln, die uber ihnen hiengen, und schliefen bey dem Mahle alle drey ein.

Bey ihrem Erwachen blickten sie einander zum erstenmale wieder frey und ruhig an, erzahlten ihre Drangseligkeiten, und Belphegor beschloss jede Erzahlung mit einem herben Klageliede uber die Grausamkeit der Menschen; und da die Reihe herum war, brach er in melancholischem Tone, mit Thranen in den Augen aus: O Fromal! was ist die Welt? du riethest mir, dies barbarische Schlachthaus kennen zu lernen: der Zufall erfullte deinen Rath: ich hasse dich dafur; du hast mich unglucklich gemacht Freund! in den engen Kreis der Unwissenheit eingezaunt, als ich nie uber mich, meine kleinen Bedurfnisse und zwey oder drey Freunde hinausblickte, da ich mich vom Strome der Zeit hinwegreissen liess, ohne mit Einer Minute Nachdenken bey einer Scene ausser mir zu verweilen, da ich mit meinen Empfindungen uber die kleinen einzelnen Anhohen auf meinem Wege hinabgleitete, da ich ass, trank, schlief und empfand, ohne mich zu kummern, wer in Norden oder Suden wurgte, vergiftete, unterdruckte; wie wohl war mir da! und izt wie duster, mitternachtlich schwarz um die ganze Seele! Sonst schien mir die Erde eine Blumenwiese, wo die Menschen zwischen rieselnden einladenden Bachen, Hand in Hand, mit verschlungnen Armen herumwandelten, schwerbeladne Obstbaume ihrer lachenden Fruchte entladeten, die Beute friedlich mit einander theilten und zur Sattigung der Musse Blumen pfluckten, wo sie den anmuthvollen muntern Reihen des Lebens in einsamer Stille oder lauter Frolichkeit hinabtanzten: dies war das goldne Zeitalter meines Lebens, die glucklichste Blindheit, der seligste Traum der Unwissenheit. Izt habe ich die Augen geoffnet, ich ubersehe einen weiten Raum der vergangnen und gegenwartigen Zeiten, von dem grossen Zirkel der Erde den meisten Theil, den Umfang der Menschheit, Sitten, Staaten, Verhaltnisse, und die Weite der Aussicht macht mich unglucklich! hochstunglucklich! der Mensch, der Mensch ist in meinen Augen gesunken, und ich mit ihm. Ich ubersehe ein ungeheures Schlachtfeld, wenn ich uber die Erde hinschaue

Belphegor! unterbrach ihn Fromal, lass MICH das Bild mahlen! Du mochtest zu dunkle Farben dazu nehmen; meine gute Laune, merke ich wohl, hat unter uns dreyen am langsten ausgehalten. Hier, Freunde! schmaust Datteln und seyd gutes Muthes! Zum Zeitvertreibe zeichne ich Euch die Geschichte der Erde im Kleinen; wenn ich kann, so will ich uber mein Gemahlde lachen, und darf ich rathen lacht mit mir! Wenns auch ein bittres Lachen ist es ist doch besser als bittres Klagen.

Er machte sich die Kehle mit einer Dattel geschmeidig und fieng an: Habt ihr nie von den lustigen Affen etwas gehort, denen man einen Korb mit Fruchten und eben so viele Prugel hinlegt, als ihrer versammlet sind, wovon alsdann ein jeder einen ergreift und sich nebst seinem Gefahrten so lange herumprugelt, bis ein Paar die Oberhand behalten, die alsdann mit den namlichen Waffen ausmachen, wer von ihnen beiden den Korb allein besitzen und den ubrigen allen nach seinem Gefallen davon austheilen soll, was und wie viel ihm beliebt. Der Sieger wirft von Zeit zu Zeit Fruchte unter sie, um welche ein neuer Krieg gefuhrt wird; jeder Ueberwinder wiederholt mit seinem Antheile dasselbe Spiel, und so dauert der Krieg fort, bis alle ausser einem etwas besitzen, der sich mit den Schalen und schlechtern Bissen begnugen muss, die ihm die ubrigen zuwerfen. Wenn das Mahrchen nicht wahr ist, so hat es jemand zum Sinnbilde fur die Geschichte unsers Erdenrundes ersonnen. Kann etwas ahnlicher seyn? Die Natur baute einmal ein eyformiges oder pomeranzenformiges Ding, und sezte unter andern Geschopfen eines darauf, das sich dadurch von allen ubrigen unterschied, dass es weniger tumm, als jene, war, und sich fur vernunftig ausgab. Jedem von diesen Wesen hieng sie, wie den romischen Rennpferden, zwo stachlichte Kugeln an, die sie bey jeder Bewegung in die Seite stechen und anspornen Neid und Vorzugssucht. Hier, sprach sie, Kinderchen, habt ihr einen hubschen geraumigen Plaz, der euch und eure Nachkommen nahren soll. Darauf gebe ich euch vier Stucke, die euch Gelegenheit geben sollen, eure Krafte zu brauchen: Weiber, Reichthum, Gewalt, Ehre. Balgt, prugelt, wurgt, mordet euch darum, so sehr ihr konnt! Ich habe euch etwas Mitleid ins Herz gegeben, dass ihr einander nicht vertilgt; weiter kann ich nichts fur euch thun. So sprach sie und ubergab dem Schicksale die Aufsicht uber ihre Sohnchen. Da das Haufchen klein war, fand wohl ein jeder sein Plazchen: man nahm, wo es beliebte. Bald wurde ihre Zahl grosser: der Raum jener wenigen reichte fur diese mehrern nicht zu: die Starkern jagten die Schwachern fort. Die Vertriebnen argerten sich uber das Gluck ihrer Vertreiber: sie kamen verstarkt nach einigen Zeiten wieder, schlugen jene todt und sezten sich auf ihren Fleck. Die Nachbarn wurden besorgt, dass ihnen dasselbe widerfahren mochte, andre, die in ihrem Distrikte ein Paar Eicheln weniger zu essen hatten, beneideten diese glucklichen Eroberer; beide thaten zusammen, schlugen sie todt und theilten ihr Stuckchen Erde, ihre Eichelbaume, ihre Hutten unter sich. Da die tummen Teufel nichts von der stereographischen Projektion wussten und folglich keine Theilungskarte machen, vielleicht nicht einmal bis auf drey zahlen konnten, so musste die Theilung nach einem ungewissen Augenmaasse geschehen. Eine Rotte wurde in der Folge, da sie im Rechnen etwas weiter gekommen war, inne, dass die andre sechs oder acht Baume mehr besass; sie nahm sie weg: jene wurde bose, dass man ihr ihr heiliges theuer erworbnes Recht krankte, schlug zu, und wer ubrig blieb, hatte ein volliges erlangtes Recht dazu. Die kleinen Rotten verschlangen einander, schmolzen zusammen und wurden zu grossern Rotten, die sich um ein Stuckchen von dem schmuzigen Erdenklosse weidlich herumzankten, bald um nicht zu verhungern, bald weil andre weniger hungerten, sich die Halse zerbrachen, sich trennten, sich vereinigten, sich alle von Herzen hassten, einander alles Herzeleid wunschten und anthaten, wenn sichs thun liess, sich zulezt als Fremde betrachteten, und nicht mehr daran dachten, dass sie von Einer Mutter Natur ausgebrutet waren und zu Einem Geschlechte gehorten, und das Schauspiel interessanter zu machen sich gar nach huronischem und kannibalischem Volkerrechte frassen. Was ist der ganze Lauf der Welt vom Anbeginn, als eine Prugeley um den elenden Erdenkloss, der gewiss alle ohne Kopfzerschmeissen ernahren wurde, wenn sie nur gut einzutheilen gewusst hatten?

Kaum hatten sich die zusammengerotteten Schwarme auf verschiedenen Platzen gelagert siehe! da fahrt einem wunderlichen Manne der Hochmuth in den Kopf; er will mehr als andre seyn; kurz, er machte es so listig und grob, dass die andern von seiner Rotte ihn fur ihren Herrn erkannten, oder erkennen mussten. Geschwind uberfiel mehrere der namliche Hochmuth; sie thaten es ihm nach. Nun gieng ein neuer Zank an; einer wollte herrschen, der andre auch, der dritte desgleichen, und noch mehrere: sie schlugen sich abermals herum, und die Leutchen, die zum Gehorchen gemacht waren, gaben ihre Kopfe dazu her. Bisweilen theilten sich zwey in die Gewalt, und bey der nachsten Gelegenheit verdrangte einer den andern; oder einer riss gleich die ganze Macht an sich; ein Theil wollte, der andre musste gehorchen.

Da diese Gelegenheit zum Zanke so ziemlich abgenuzt war, und alle Rotten ihre Herrscher hatten, so wandelte diese ein noch artigerer Hochmuth an; einer wollte des andern Herr seyn. Sie machten ihren Rotten etwas weis, dass sie mit ihnen giengen und die andern Nebenmenschen so lange und herzhaft plagten, was diese nicht zu erwiedern vergassen, bis einer oder der andre den Hals zum Joche darbot und den andern seinen Herrn nannte. Die Rotten hatten meistens nicht den mindesten Vortheil dabey; aber da ihnen doch der liebe Gott zwey Arme gegeben hatte, so wussten sie dieses Geschenk nicht besser anzuwenden, als sich damit herumzuschlagen; und daher ermangelten sie niemals, wenn ihnen gepfiffen wurde, auf einander loszugehn. Das Spiel gieng nun ins unendliche fort; es kam mit der Zeit so weit, dass sich der Herrscher alles, und seine Rotte nur ein Nebending ward, das um seines Interesse willen ohne Bedenken geschlachtet und gewurgt wurde. Einem gefiel der Fleck, den der andre mit seiner Rotte besass; er nahm ihn weg, und wer ihm den Besiz streitig machte, wurde niedergesabelt. Dieser sah, dass die Menschenkinder in der andern Rotte hubsche Tochter hatten; er nahm ihnen eine gute Ladung weg, und der Starkre besass sie.

Der Menschenverstand wurde von Tage zu Tage feiner und also auch die Begierden. Lange Zeit waren den Sterblichen Weiber, Felder, Hutten, Berge, Thaler, Gewalt, Herrschaft gut genug, sich deswegen die Kehlen abzuschneiden: sie zankten sich um ein grobes Etwas, doch izt prugelten sie sich um ein feines Nichts, um eine Idee, um die Ehre. War das nicht eine Verfeinerung, eine Erhebung ihrer Krafte? sie konnten sich izt schon umbringen, ohne etwas anders dabey zur Absicht zu haben, als die Ehre sich umgebracht zu haben. Die Herrscher dunkten sich die grossten, die vortreflichsten, deren Rotten am unbarmherzigsten gemordet, und fremde Distrikte am geschicktesten zur Wuste gemacht hatten.

Indessen war die Dosis Mitleid, die die Natur ursprunglich mitgetheilet hatte, in Bewegung gesezt worden, diese brachte etliche Ideen von Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Barbarey und dergleichen in die Kopfe; man schamte sich des Mordens ein wenig: man gab ihm einen Namen, der sich mit jenem Gefuhle vertrug, und die Rotten mordeten mit ruhigem Gewissen fort, weil das Ding einen hubschen Namen fuhrte, um dessentwillen sie oft gar etwas verdienstliches zu thun glaubten.

Wenn doch jemand den Ninus, Sesostris, Nebukadnezar, Cyrus, Xerxes, Alexander und ihre Nachfolger wohlmeinend zu Asche verbrannt hatte, ehe sie ihre blutigen Eroberungsprojekte ausfuhren konnten!

MED. Ich hatte selbst ein Scheitchen Holz mit hinzutragen wollen.

FR. Das Blut so vieler zu vergiessen, um den ubrigen Herr zu seyn!

MED. Die Koniginn Tomiris machte es recht; wenn sie doch lieber den blutdurstigen Cyrus vorher, ehe er auszog, so mit seinem Blute ersauft hatte! Siehst du, Bruderchen? wahrhaftig, wenn ich Alexander ware, ich konnte keine Nacht ruhig schlafen: alle die Leute, die um meinetwillen ermordet waren, stunden des Nachts um mein Bette und heulten und rochelten um mein Kopfkussen5; mit jedem Schlucke Apfelwein dachte ich einen Todtenkopf hinunterzuschlingen; bey jedem Bissen Brodte fiel mir bey, das mag wohl den Leuten aus dem Leibe gewachsen seyn, die ich habe erwurgen lassen; bey meiner Schlafmutze! ich vertauschte hier das Fleckchen leidigen Koth, auf dem ich sitze, nicht gegen Alexanders ganze Monarchie, wenn ich sein Gewissen mitnehmen musste: das Herz muss ihm doch geschlagen haben, so hoch, wie die Wellen auf der See.

FR. Guter Medardus! dafur weis man schon Mittel. Wenn Alexander sich und seinem Herrn die reine Wahrheit hatte sagen wollen, so wurde er ohngefahr so gesprochen haben! Lieben Kinder! ich will schlechterdings, dass die Leute auf der Erde, so weit sichs nur thun lasst, meinen Namen wissen: wenn ich ihnen die grossten Wohlthaten erzeigte, so dankten sie mir vielleicht, und in einem Jahre ware ich samt meinen Wohlthaten wieder vergessen; und das musste schon etwas sehr Grosses seyn, wenn es noch so lange dauern sollte: wie lange wurde ich mit meinem Winkel, Macedonien, zureichen? Drum ist es am besten, ich quale, wurge, morde und verheere so lange, dass es die Leute so bald nicht wieder verschmerzen konnen: so denken sie doch gewiss allemal an mich, wenns ihnen ubel geht: die Spuren meiner Verwustung werden wenigstens auch ein Jahrhundert und langer ubrig bleiben: man denkt allemal an mich, wenn man sie sieht. Kommt! wir wollen die Perser, Asien und Europa so lange herumprugeln, bis mich jeder kleine Junge fur einen grossen Mann erkennt. Ausserdem giebts in Asien Gold und Silber die Menge; und bey mir zu Hause ist mehr Sand als Gold: davon mocht' ich auch etwas, und wo es moglich ware, alles. Ich kann es ohnehin nicht verdauen, dass der Konig von Persien sich den grossen Konig nennt, so viele Lander und Leute hat, und ich hier in dem engen Kerker so einsam sitzen soll. Die griechischen Republiken thun so gross auf ihre Freiheit und brusten sich, dass man in Persien ihren Namen weis: sie mussen unter mich. Alles das kann ich mir und andern Leuten aber nicht so geradezu sagen: wir mussen also das Ding ein wenig ubertunchen. Zu MIR will ich sagen: das allgemeine Vorurtheil hat es zu dem wahrsten Grundsatze gemacht, dass nichts so gross, so edel ist, so sehr Ruhm erwirbt, als Tapferkeit und Muth; der Krieg ist die Laufbahn grosser Seelen. Ich will sie betreten und Lorbern erndten, mein Haus und mein Vaterland bis zum Ende der Welt verherrlichen. Ich habe die gerechteste Gelegenheit dazu: ich muss die Sache Griechenlands wider die Perser vertheidigen, ich muss das Blut ihrer Vorvater an diesen stolzen Konigen rachen. Ihr tapfern Gefahrten sollt fur eure Begleitung Reichthum und Ehre gewinnen, die Ehre, tausende von euern Nebenmenschen umgebracht zu haben. Im Grunde sind wir freilich nichts als eine Bande Rauber, die sich mit einer andern Bande herumschmeissen, und ich ihr Anfuhrer: aber im menschlichen Leben kommt alles aufs Wort und die Vorstellungsart an. Im Grunde ist unsre Grosse wohl auf den Untergang andrer gebaut, und ihr habt im Grunde nichts davon, als Gefahren, Schmerz, Strapatzen, Hunger, Wunden, Tod, ihr konntet zu Hause wohl essen, trinken und ruhig schlafen, konntet euch mit eurer Arbeit nahren und nuzlich werden, euer Vaterland anbaun, glucklich seyn und glucklich machen, ihr seyd im Grunde recht herzliche Narren, wenn ihr um meinetwillen nur Einen gefahrlichen Schritt thut, denn ihr habt wenig oder gar nichts davon: aber wer wird sich alles das sagen? ich will Euch und mir schon ein Blendwerk von Worten, eine Verbramung vormachen, dass ihr Eure Kopfe nicht zu lieb haben sollt: man muss uberhaupt nicht zu viel von der Sache sprechen, sonst mochte das Bischen naturliches Mitleid aufwachen; und so ware es um die ganze Heldengrosse gethan. Wohlan denn! schlagt zu und ersiegt die Lorbern der Unsterblichkeit! Mit dieser Illusion zog er und seine Soldaten aus, und erhielt sich darinne, bis er sich zu Tode trank. Guter Medardus! wenn du es zu einer solchen Illusion bringen, und die itzigen Macedonier in eine ahnliche versetzen konntest, so wurdest du sie heute noch wider die Turken anfuhren. Die Illusion! das ist die ganze Kunst eines Alexanders; und wenn du nicht philosophische Gewissensbisse hinter drein leiden wolltest, so musstest du dich in der Illusion bis an dein Ende erhalten: vermuthlich trank und schwelgte Alexander deswegen, um nicht zur Vernunft zu kommen und das Kleine seiner Grosse zu fuhlen.

Elende Grosse, die einer solchen Stutze bedarf! rief Belphegor.

FR. Und doch ist sie zu allen Zeiten die hochste gewesen, die traurige Grosse, an dem Tode vieler Ursache gewesen zu seyn! Wer eine Rechnung uber den Abgang der Menschheit anstellen wollte, wurde vielleicht unter hunderttausend Millionen achzig finden, die der Herrschsucht, dem Neide, dem Geize, dem Aberglauben von Menschen aufgeopfert worden sind, und zwanzig, die die Natur selbst gewurgt hat. Gewiss, die Natur muss die Menschen deswegen auf den Erdboden gesezt haben, dass sie sich in Rotten sammeln und einander von einem Flecke der Erde zur andern herumtreiben sollen

Unmoglich! rief Belphegor.

FR. Aber was haben sie bisher gethan als dieses? Die Tatarn drangen sich aus dem innersten Winkel Asiens hervor, diese verdrangen die sarmatischen Volker, die Sarmaten verdrangen die Deutschen, die Deutschen machen sich unter Galliern, Spaniern, den Einwohnern Italiens Plaz: die Mohren verdrangen Vandaler, Alanen, Sueven, Gothen, die christen verdrangen die Mohren; Danen verjagen die Britten, Angelsachsen die Danen, Danen die Angelsachsen, Normanner die Danen; und wenn es auch oft nichts als eine Verwechselung des Regenten, nichts als eine Vermischung der Volker war, so musste doch beides mit Menschenblut bewerkstelligt werden. Was thaten die Menschen anders als dass sie sich in Rotten sammelten und einander wechselsweise zu unterdrucken suchten? Was war es als Unterdruckungssucht, die den Dschengis-Khan durch beinahe ganz Asien herumjagte? Was brachte seine Tatarn nach der Eroberung von China auf die menschenfreundliche Berathschlagung, ob sie nicht lieber alle Einwohner todten und das ganze Land in Weiden fur ihre Bestien verwandeln sollten? Waren seine Kriege gleich weniger blutig, mochten sie gleich hinter drein einen zufalligen Nutzen wirken, so war doch dieser nicht seine Absicht, so sind sie doch ein Beweis von der Neigung der Menschen zum Unterdrucken. Was anders trieb den Kublai nach China? Was anders hezt die kleinen afrikanischen und ostindischen Konige ewig zusammen, sich bestandig einander zum Herrn aufzudringen, obgleich keiner mehr zum Vortheile hat als den stolzen Gedanken, von einem Paar elenden Geschopfen fur ihren Obern erkannt zu werden? Was Huronen, Irokesen, Algonquinen, Plattkopfe und Kugelkopfe, sich ohne sonderliches Interesse, auf die Eingebung eines wilden Traums anzufallen, einzuschranken, aufzureiben, zu vertilgen und gar aufzufressen? In allen Standen der Gesellschaft und der Menschheit ist der Mensch Krieger, Unterdrucker, Rauber, Morder gewesen. Ein Theil unsers Planetens ist endlich dahin gelangt, dass die Menschen sich einander ruhig unterwarfen, die Obergewalt, die der Zufall begunstigte, fur Recht gelten liessen, dem Starkern wichen, der Nothwendigkeit der Inferioritat nachgaben, in die Verhaltnisse geduldig sich bequemten, die der Zufall angeordnet hat: aber das Spiel der Welt ist im Ganzen immer noch das alte, nur in regelmassigere Form gebracht und mit weniger grausen und unmenschlichen Scenen uberhauft.6 Wenn die Entschuldigungen der Kriege, die einige Gelehrte ausgesonnen haben, etwas mehr als erbettelte Ausfluchte heissen konnen, oder wenn sie deswegen zulassig sind, weil sie unvermeidlich nothwendig, bisher wenigstens, gewesen sind welches unter allen Beschonigungen die einzige geltende ist so muss die Bestimmung der Menschheit auf diesem Planeten im Ganzen diejenige seyn, die ich vorhin angab, oder kein Geschlecht von Geschopfen hat bisher seiner Bestimmung so sehr zuwider gelebt als die Menschen.

BELPH. Ich bitte, ich beschwore dich, Fromal, mache den verhassten Schluss nicht! lass mich ihn nicht wissen, wenn er gleich Wahrheit ist! Und wenn ja der Mensch im Ganzen das war, wie du ihn schilderst, so sagt mir doch mein Herz, dass, den Menschen im einzelnen betrachtet dass du da lugst.

FR. Lugst? Das mochte ich bewiesen sehn! Hast du nicht durchgangig Neid und Vorzugssucht, als zwey der starksten Gewichte, in jedem Menschenherze gefunden? Ich dachte, du hattest zu deinem Herzeleide Beispiele genug davon erlebt. Dein eignes menschenfreundliches Herz ist, offenherzig gesprochen, nicht davon leer: aber wohl dir, dass die Natur mit deiner sanften liebenden Empfindung dir ein Gegengewicht einhieng, das jenem die Wage halt! Lass deinen izt nur glimmenden Neid, deine izt nur lauschende Vorzugssucht Zunder finden ich prophezeihe dir, sie lodern beide zur Flamme auf

BELPH. So viel ich mich kenne, nimmermehr!

FR. Und so weit ICH den Menschen kenne, gewiss! Du wurdest nie ein grausamer fuhlloser Wurger werden, dein Neid, deine Vorzugssucht wurde immer noch die Menschlichkeit mehr als bey jedem andern zur Begleiterinn haben; aber sie wurden gewiss beide hervorbrechen, sey es in welcher Gestalt es wolle.

BELPH. Ich schwore dir: eher wollt ich mein Herz aus dem Leibe reissen, eher

FR. Schwore nicht! Das Schicksal hat oft wunderliche Grillen; es konnte dich in Umstande versetzen, wo du an deinem Schwure meineidig werden musstest.

MED. Bruderchen, den Schwur wollte ich auch thun.

FR. Der Himmel wird euch vermuthlich den Meineid ersparen; aber, aber ... Neid und Vorzugssucht sind die zween allgemeinen Hauptzuge aller menschlichen Charaktere; so viel ich ihrer aus der Geschichte, aus der Erzahlung, aus dem Umgange kenne alle, alle hatten starkre oder schwachre Schattirungen davon; oft waren sie freilich mit den ubrigen Farben des charakters so verschmelzt, dass ein feines Auge dazu gehorte, sie zu erkennen: aber vorhanden waren sie. Wenn die menschliche Thatigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so ist allgemeiner Krieg in jedem Verstande eine unvermeidliche Folge: jeder will uber den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er uber ihn ist, es sey, worinne es wolle: dies ist ein unlaugbares Faktum seit der ersten Existenz der Menschen: allzeit bricht dies freilich nicht in hellen flammenden Krieg aus, weil tausend andre Rucksichten, ganz unzahliche Neigungen und Rucksichten jenem Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre furchterlichen Ueberstromungen hindern. Oft reisst aber der Strom nicht den Damm durch, sondern grabt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergiesst sich durch, und Niemand weis es, als bis er die Ueberschwemmung fuhlt. Von diesen beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkommlinge oder Masken: die Eigenliebe ist die Mutter oder wenn ich hier in Bilidulgerid unter einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich sie euch mittheilen. Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses Lebens hindurchzufuhren: jene sollte seine Thatigkeit anspornen, ihm den nothigen Stoss geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen, dieses ihm Einhalt thun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner Geschopfe im Wege stunde, dass er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriss: jene sollte uberhaupt ihn antreiben, dieses zuruckhalten, jene thatig, wirksam, dieses gerecht, gutig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen entsprungen aus dem Kopfe der erstern zwey Kinder Neid und Vorzugssucht, die das Amt der Mutter ubernahmen und von nun an die Fuhrerinnen der Menschen wurden. Sie entzundeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte, verdrangten die Gefahrtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschafte und machten die Menschen zu grimmigen grausamen Tigern, worunter der Starkre den Schwachern fuhllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne Mitleid aus seiner Verweisung zuruck und suchte es zu seiner Wurde wieder zu erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und liessen es auf einen Kampf ankommen, wer von den beiden Partheien der einzige oberste Herrscher, und wem die andre unterworfen seyn sollte: der Kampf ist noch nicht geendet, noch nicht entschieden, der Mensch noch immer der Fechtplatz, wo diese beiden Gegner um die Obergewalt ringen, abwechselnd bald die eine, bald die andre Parthey auf kurze Zeit einen Vortheil erjagt, den oft der nachste Augenblick wieder zernichtet. Doch ist es dem Mitleide so weit gegluckt, dass es dem Neide und seinem Gesellschafter die Verbindlichkeit aufgezwungen hat, nie anders als unter einer von IHM geborgten Maske zu erscheinen; und diese Masken sind unsre Tugenden. Der Neid hatte indessen eine zahlreiche Nachkommenschaft, die Laster, geboren, und auch diese mussten sich unter jene Verbindlichkeit schmiegen. Europa liegt unter dem Himmel, wo dieser gluckliche Vertrag zuerst errichtet wurde: man fuhrt dort den Krieg der Natur kluger, dass ich so sagen mag, man fuhrt ihn unter der Aufsicht des Mitleides; aber gefuhrt wird er, nur mit andern Waffen und auf andre Art als ehmals.

BELPH. Aber, Fromal, so waren ja die verschiedenen Stufen, die die Menschheit durchwandert hat, nichts als verschiedene Formen von Kriege, die nur die Veranderung der Waffen und des Manovre unterschiede?

FR. Nicht anders! wenigstens bis hieher, nicht anders! So gar Menschen, die nicht

MED. Bruderchen, da ich studierte, horte ich viel von Grundtrieben und abgeleiteten Trieben: die beiden hasslichen, die du da nennst, sollen doch wohl nicht die Grundtriebe des Menschen seyn?

FR. Freund, nichts ist schwerer und willkuhrlicher, als die Genealogie von den Trieben der menschlichen Seele. Ich weis, welche in ihr liegen, aber welche die Natur gepflanzt hat, und welche aus diesen aufgewachsen sind, das ist mir vollig unbekannt: ich denke aber, dass zu allen, was in der Seele ist, die Natur eine Anlage mitgetheilt haben muss. So viel weis ich auch, welche unter diesen Trieben die zu allen Zeiten, unter allen Volkern, unter allen Menschen allgemeinen gewesen sind; diese, schliesse ich, mussen ihm eben so wesentlich als Augen, Nasen, Ohren seyn; wie aber nie zwey Nasen, zwey Augen einander vollig gleich sehn, so hat der Neid, die Vorzugssucht bey verschiedenen Nationen, bey verschiedenen Menschen, in verschiedenen Standen der Menschheit und der Gesellschaft eine verschiedene Mine: die Grundzuge aber sind bey allem eins. Diese Allgemeinheit derselben leuchtet am drollichsten bey denen hervor, die das Schicksal in eine solche Lage sezte, dass sie nicht herrschen, oder mit ihren Mitbrudern um Sklaverey, Lander und Volker die Lanze brechen konnten. Um bey der allgemeinen Thatigkeit nicht mussig zu seyn, ersannen sie sich ein andres Etwas, ihre Tapferkeit daran zu uben: sie wahlten unblutige Waffen, wie sie ihre Umstande erlaubten, und wenn sie einen Kitzel bekamen, das Schauspiel etwas interessanter zu machen, so zogen sie Leute mit hinein, denen Wurgen und Morden verstattet war. Die Philosophen erfanden sich ein Ding, das sie Wahrheit nennten; um dieses hinkten sie herum, wie die Gotzendiener des Baals. Sie erfanden eine Kriegskunst7, Regeln des Angriffs und des Ruckzugs, Trenscheen, Stratageme, Laufgraben, grobes und kleines Geschutze; und die edlen Ritter der Wahrheit sind jederzeit die treflichsten Kanonirer gewesen. Das schnurrichste bey dem ganzen Kriege war, dass das bestrittne Ding gar nirgends existirte, sondern erst aufgesucht werden sollte. Folglich war ihr Krieg ohngefahr auf den Schlag, als wenn die europaischen Machte einen um die terra australis incognita, die unentdeckten Lander des Suderpols fuhren wollten. Was mussten sie thun, um ihrem Streite doch einem leidlichen Anstrich zu geben? Spanien wurde sagen, ich supponire, dass mein Alt- und Neukastilien diese Lander vorstellt; England supponirte, dass Schottland oder Irrland, Frankreich, dass Languedoc oder Provence es unterdessen seyn sollten; und eine ahnliche Supposition machte jede andre Macht, die an dem komischen Kriege einen ruhmlichen Antheil zu nehmen gedachte; und nun frisch losgeschlagen! zerhauen und zerschossen! Sonach konnten diese Machte einen ewigen Krieg um die eigentliche terra australis incognita mit einander fuhren, bey jeder Eroberung der unterdessen dafur angenommenen Lander einen Frieden schliessen und sich die Eroberungen wieder herausgeben. Hatten sie nicht unendlich vortheilhafter und vielleicht auch kluger gehandelt, wenn sie in Ruhe und Frieden auf die Entdeckung dieser Lander ausgegangen waren? und dann omnis res cedit primo occupanti. So ein Froschmausekrieg war der Krieg der Philosophen um die Wahrheit; jeder supponirte nicht, sondern behauptete, das was mir Wahrheit scheint, ist Wahrheit, und das Gluck der Waffen soll entscheiden, wer im Punkte der Wahrheit herrschen und dem Glauben und dem Beifalle der ubrigen Gesetze vorschreiben soll. Man sonderte sich auch hier in Rotten und Faktionen, auch hier waren Neid und Vorzugssucht die Waffentrager, auch hier galt es Unterdruckung und Herrschsucht. Es ist alles eins: nur andre Gegenstande, andre Waffen.

Durch eine lange Reihe der Begebenheiten bildeten sich in der Gesellschaft verschiedene Stande, wurden verschiedene Lebensarten nothig: und gleich entstund daher der grosse Krieg der Verachtung, dieser possirlichste und doch allgemeinste Krieg, da jeder Stand den andern herabsezt, jeder hohere den niedern verachtet, und der niedere sich durch Spott an dem hohern racht dieser Verachtung, die nicht blos innerhalb der Granzen der Verachtung bleibt, sondern aus den Menschen Faktionen macht, worunter jede ein einzelnes Interesse von den ubrigen absondert. Der Mensch ist ein geselliges Thier; wenn er es ist, so ist er es nur, um sich in Rotten zu theilen, sich zu wurgen, sich zu verfolgen, sich zu verachten; die Menschen mussten sich vereinigen, um sich zu trennen, um sich unter dem Namen der Nationen, der Stande zu hassen, zu verachten, zu verfolgen. Was sind Stadte anders als Fechtplatze, wo man mit Verlaumdungen streitet? Alles, alles nuzten die Menschen, um den Naturkrieg fortzusetzen, von dem unsre Kultur nichts als eine veranderte gemilderte Form ist, wie ich vorhin sagte.

Es wurden Monarchen; man kampfte um ihre Gunst. Es wurden Ehren, Titel und Wurden; man kampfte darum. Doch unter den vielen possierlichen Kriegen hat mir keiner mehr Laune gegeben, als der Kampf um offentlichen Beifall. Wenn ein Dichter uber alle seine werthen Zunftgenossen sich bitter satirisch lustig macht, ist das etwas anders als zu dem Publikum sagen: ihr lieben Leute, ich will euch zwingen, dass ihr MICH alle fur den grossten Geist erkennen sollt; und hat er sich in den Besiz seines gesuchten Ruhms hineingedrangt, so hat er nichts gethan, als die Leute beredet, dass sie ihm den Gefallen erzeigt und ihn fur etwas Grosses gehalten haben. Was sind Spiele, gesellschaftliche Ergotzungen anders als Kriege im Grunde? Auch wenn er sich die Zeit verkurzen soll, muss der Mensch streiten, mit der Karte, dem Wurfel, der Kugel. Selbst das sanfte unkriegerische Geschlecht, dem alle Waffen versagt zu seyn scheinen, wahlte, um nicht allein in Musse zu leben, zu ihrem Kriege Blicke, Worte und Kleider, und fuhrte ihn mit Perlen, Juwelen, Stoffen und der Zunge.

Nur Erzbischoffen, Pabsten und Bischoffen war es vorbehalten, das ehrwurdigste erhabenste unter Menschen, die Religion, zum Gegenstande ihrer Kriege zu misbrauchen; und unter allen Religionen genoss die christliche zuerst diese Ehre. Man zankte sich um den Episkopus oekumenikus, um das Wortlein Filioque, um Orthodoxie und Ketzerey, verbannte, verfluchte, exkommunicirte, verfolgte, trennte sich, alles in Gottes Namen, und eigentlich auf Antrieb und Begehr des Neides und der Vorzugssucht.

Wenn zu allen Zeiten vom Anbeginn, in allen Theilen der Welt, unter allen Volkern, in allen Standen der Menschheit und der Gesellschaft der Krieg unter Menschen dauerte, noch fortdauert, und die verschiedenen Gattungen desselben nur die Waffen und die Fuhrungsart unterscheiden; wenn am Hofe und in der Stadt, der Gelehrte und der Handwerksmann, Mannspersonen und Frauenzimmer wenn jedes, der grosste und der geringste, nur fur sich kampft, uber alle will und alle unter sich haben will, und omnes malunt sibi melius esse quam alteri; wenn dieser allgemeine Streit das ewige Gaukelspiel der Welt gewesen ist: was sollen wir alsdann denken? Dass die Natur Affen auf diese Erdkugel sezte, die sich um goldne Aepfel und saure Feldbirnen, die das Schicksal von Zeit zu Zeit unter sie wirft, herumprugeln, und jeder Preis mit der Aufschrift: dem Starksten! bezeichnet ist.

BELPH. Fromal, du bist ein unglucklicher Mann mit deinen Schlussen. Warum willst du nun vollends den Rest von Traume verscheuchen, mit welchem mich mein Herz tauschte? Gewiss, du suchtest nur die gehassigsten Zuge zu deinem Bilde zusammen, und warfest alle zuruck, die dir die Menschenliebe darbot.

FR. Die Menschenliebe? Die Menschenliebe der Spanier meinst du wohl, als sie Millionen ihrer vielgeliebten Nebenmenschen zur Ehre Gottes und seiner apostolischen Majestat erwurgten? oder die Menschenliebe der Romer, die um der vortreflichen Einbildung willen, Herren der Welt zu seyn, dem halben damals bekannten Erdboden die Freundschaft erzeigten, sie nach einem kleinen Blutbade zu ihren Unterthanen zu machen? oder

BELPH. Kein oder mehr! ich bitte dich. Warum nimmst du deine Originale nicht lieber aus dem sanften hauslichen niedrigen gesellschaftlichen Leben, aus deinem, aus dem Herze deiner Freunde, aus dem friedsamen Alter der Kindheit, dem offnen Gemuthe der Jugend

FR. Warum rathst du nicht lieber, aus dem Theokrit oder Gessner? Soll ich, um eine Truppe Gladiatoren zu charakterisiren, die Zuschauer schildern? weil diese friedlich und nur in ihrem Beifalle uneinig dasitzen, ohne sich Leides zuzufugen, diese Zuge in ein Gemahlde von den Fechtern hineinzwingen? Noch ist nicht einmal jenes Alter von allen Spuren des allgemeinen Naturkriegs leer: selbst Kinder trennen sich bey ihren uninteressirten Spielen in Parteyen, ihre liebste Ergotzung ist balgen, das kleinste Madchen ficht mit ihren ersten goldnen Ohrringen wider das zierdelose Ohr des Jungern, aus Vorzugssucht verdrangt der vornehmere Knabe den geringern von seinem Spiele, oder erniedrigt ihn zu seinem Aufwarter, man kampft um die Gunst der Eltern, der Lehrer, oft der Bedienten, das Kind beneidet schon das andre, wenn es nach seiner Meinung schonere Pompons erhalten hat, es will der aufgewartete Monarch in seinem Wirkungskreise seyn. Und wir, bester Belphegor, ungern sage ichs! wir lieben uns, so lange wir keine Ursache haben, uns zu hassen. Alle Menschen lieben sich, so lange sie in gleicher Linie stehen, sind mitleidig, wohlthatig, ohne alle Grausamkeit gegen einander: ruckt einer uber die Linie, dann gute Nacht Freundschaft! So bald der Zufall unsre Liebe auf eine Probe stellte, uns Materialien des Hasses und des Streites zuwurfe Belphegor! Belphegor! fuhle an dein Herz und forsche!

Belphegor und Medardus schwuren beide, dass Himmel und Erde in ein Chaos zusammensturzen konnten, ehe Zufall, Schicksal, Gluck, Macht und Reichthum ihnen die mindeste Regung des Neides oder der Grausamkeit einflossen wurden.

FR. Nicht den leichtesten Schwur thue ich fur mein Herz. Wenn alle Menschen bisher, so bald ihr Neid, ihre Vorzugssucht Zunder bekam, entglommen, und wenn nicht andre Rucksichten und Triebe sie abhielten, in Krieg, ein jeder auf seine Art, ausbrachen, warum sollte ICH so stolz seyn, mich fur die einzige gluckliche Ausnahme zu achten? Kommt, Bruder! wir wollen uns lieben, so lange wir konnen, so lange nur Datteln uns entzweyen mussten; und so standhaft wird doch wenigstens unsre Freundschaft seyn, dass sie sich wider eine Dattel vertheidigen kann? Hier in Wusten, in der Einsamkeit, wo kein Neid, kein Interesse, kein Vorzug uns aufwiegeln kann, hier lasst uns unser trauriges Schicksal verbessern, und den Nutzen fur unsre Freundschaft daraus ziehn, den die Durftigkeit uns anbeut!

Belphegor und Fromal umarmten sich freundschaftlich, indessen dass dieser versicherte, wie sehr er aller falschen Anmassung feind sey und darum frey gestehe, dass nach seiner Erfahrung der Schwur einer immerwahrenden Freundschaft nur in Romanen, in der Einsamkeit, oder bestandigem Elende statt finde. Wahrend dass diese Umarmung beide beschaftigte, rief Medardus voller Schrecken: Jesus Maria! siehst du, Bruderchen? Der Schrecken hatte ihn ganz vergessend gemacht, dass er ein Protestant war, und er wiederholte zu verschiedenen malen sein altes angewohntes, Jesus Maria! Als sich Fromal nach ihm umsah, erblickte er einen Lowen, der seine beiden Vorderklauen auf die Schultern des Medardus gelegt hatte und keuchend den aufgesperrten Rachen uber seinem Kopfe hielt, dass es nur noch nothig war zuzuschnappen, um ihn mit Einem Bisse vom Rumpfe abzureissen. Die ganze Gesellschaft war in der hochsten Besturzung und sahe das Ungeheuer, wie versteinert, an. Fromal bemerkte zuerst, dass das Thier von Zeit zu Zeit einen schmerzhaften Blick auf die linke Klaue, und dann einen bittenden auf ihn warf, aus welcher Gestikulation er schloss, dass es von einem Uebel befreyt zu seyn wunschte. Weil dies eine so bequeme Gelegenheit war, sich in die Gunst dieses gefurchteten Gesellschafters zu setzen; so nuzte sie Fromal, fasste seinen Muth zusammen und naherte sich ihm, um den Schaden zu besichtigen. Der Lowe brullte ihm einen freudigen Dank entgegen, dass der arme Medardus, dem diese Dankbarkeit wegen der Nahe in ihrer ganzen Starke in die Ohren fuhr, vor Erschrecken vorwarts niedersturzte und eine Zeitlang glaubte, dass er wahrhaftig in dem Magen des Lowen schon verdaut wurde: das Thier warf sich auf die rechte Seite und reichte Fromaln die kranke Klaue dar. Die Kur war hochstgefahrlich: denn er hatte sich einen scharfen Feuerstein so tief in das Fleisch eingetreten, dass kaum genug hervorragte, um ihn anzufassen; uberdiess machte die Furcht die Hand des Wundarztes zitternd und jeden Handgriff unsicher: doch er sezte muthig an und zog ihn glucklich heraus, nahm etliche Palmblatter, band sie ihm mit einem Reste von europaischem Bindfaden, den er eben in der Tasche fand, darauf, und zog sich demuthig in eine bescheidne Ferne zuruck. Der Patient riss die Verbindung ab, und leckte die blutende Klaue, bis das Blut gestillt war: alsdann sprang er auf, lehnte sich an Fromaln hinan, der jeden Augenblick statt des Honorariums seinen Tod erwartete, und leckte dankbar sein Gesicht mit der breiten Zunge, dass es von Geifer triefte. Diese grossmuthige Gesinnung erwarb ihm das Zutrauen der ganzen Gesellschaft so sehr, dass sie ihm ihre Hochachtung und aufrichtige Ergebenheit durch Liebkosungen von jeder Art an den Tag legten, die er mit erhabner Majestat in Gnaden anzunehmen geruhte. Da man aber befurchtete, dass bey langerer Gesellschaft der Hunger endlich in nahrungslosen Zeiten die Dankbarkeit des Monarchen ersticken, und er seine eifrigen Verehrer alsdann aufspeisen mochte, so dachte man auf eine heimliche Entfliehung von ihm. Doch jeden Schritt, den Fromal that, begleitete er; er war sein Busenfreund.

Mitten unter diesen Ueberlegungen und Bemuhungen, seiner Freundschaft zu entwischen, kam ein Trupp von schwarzen Einwohnern des Landes, die kaum den Lowen erblickten, als sie sich ihm mit den ehrerbietigsten Konvulsionen und feierlichsten Geberden auf den Knieen naherten. Das majestatische Thier blieb ernsthaft an der Seite seines geliebten Fromals liegen, und bewegte nicht Einen Fuss, so sehr die Schwarzen ihn auch darum ersuchten.

Dieses Thier war, wie sich nachher zeigte, ein wichtiges Mitglied des dasigen Staats. Die Einwohner leben mit den Lowen im bestandigen Streite, um dessentwillen man Schanzen und Kastele angelegt hat, die jene Feinde so regelmassig angreifen und besturmen als wenn sie die Kriegskunst des Konigs von Preussen gelesen hatten. Wenn bey einer solchen Belagerung sich der Vortheil auf die Seite der Belagerer zu neigen scheint, so wird ein gezahmter Lowe, den man in jeder Festung zu diesem Endzwecke unterhalt, als Bevollmachtigter zu seinem Geschlechte abgesendet, sie durch glimpfliche Vorstellungen von ihren ruchlosen Feindseligkeiten abzubringen und billige Friedensbedingungen zu erbitten. Diese Vermittelung ist, wie man es ihr ansieht, eine Erfindung der Priester, die einen solchen Abgesandten, statt des Beglaubigungsschreibens, mit geweihten Palmblattern behangen eine Zierde, die er gemeiniglich bey dem ersten Ausgange von sich wirft. Ein Dorf hatte eben izt eine solche harte Belagerung auszustehn, und da man sich auf das Aeusserste gebracht sah, so griff man zu dem lezten Rettungsmittel und sendete den geheiligten Lowen ab: doch kaum war der Treulose herausgelassen, als er die Wichtigkeit seiner Sendung und seinen ganzen Auftrag vergass, sein Kreditiv von sich warf, davon rennte und belagern und besturmen liess, so lange man beliebte. Auf diesem Wege hatte er sich die Wunde zugezogen, die Fromal kurirte, und wofur er izt ihm die Freundschaft erwies und sich nicht von seiner Seite trennte, ohne den Bitten seiner Aufsucher nachzugeben.

Da die Priester diese Vertraulichkeit merkten, so winkten sie den drey Europaern, ihnen zu folgen, welches sie thaten, worauf der Lowe gleichfalls sich aufmachte und neben seinem Befreyer herhinkte. Als sie an die Festung gelangten, fanden sie die Besatzung in Bereitschaft, an dem noch freyen Orte auszuziehen und alles, was sie von ihren Vorrathen hineingerettet hatten, der Raubbegierde ihrer Angreifer zu uberlassen. Die hochste Gefahr drohte: die Lowen kletterten in dichter Schlachtordnung den Wall hinauf, der aus Sand und Holze verfertigt war, und ein Wagehals unter ihnen hatte seine Klauen schon kaum etliche Zolle von dem obersten Rande des Walles entfernt, als Fromal mit seinen Begleitern ankam. Er stieg hinauf, das Schlachtfeld zu besehen, und fand die Klauen jenes Verwagnen schon oben, um durch einen Schwung den Bosewicht vollends herauf zu bringen. Schnell hieb er mit seinem turkischen Sabel sie beide ab, dass das Thier ruckwarts uber seine nachfolgende Armee wegsturzte und den ganzen Wall hinunterrollte. Darauf verlangte Fromal Feuer, erfuhr aber durch Zeichen, dass keines mehr vorhanden war; sie hatten schon oft mit brennenden Baumzweigen auf ihre Feinde kanonirt, die nach einem kleinen Ruckzuge sogleich wieder anruckten: endlich war ein starker Regen dazwischen gekommen, hatte alle ihre brennenden Materialien ausgeloscht, und neues anzumachen, hatten sie weder Zeit noch Gegenwart des Geistes genug, besonders da ihre Methode, Feuer zu bekommen, ungemein langsam von statten gieng. Fromal schlug mit einem europaischen Messer an den afrikanischen Feuerstein, den er dem Lowen aus dem Fusse gezogen hatte, fieng das Feuer mit trocknen Palmblattern auf, hielt sie an eine resinose Materie, die leicht Feuer fangt und von den Einwohnern zu diesem Endzwecke herbeygeschaft war, brachte es glucklich zur Flamme, zundete vorrathige Baumzweige an, befahl auch andern, seinem Beispiele zu folgen, und so rennte er nebst einem Truppe Einwohner mit flammenden Fackeln den Wall hinauf, fuhr mit ihnen auf die kletternden Feinde zu, die sich anzuhalten hatten und deswegen nicht vertheidigen konnten, sengte ihnen Rachen, Mahne und Ohren; sie sturzten brullend herunter, andre wollten dem Feuer trotzen, liessen sich aber doch vertreiben, die samtliche Belagerer geriethen in Verwirrung, sturzten, rollten, walzten sich hinunter und nahmen mit versengten Nasen und Ohren ihren Abzug, indessen dass ihnen Fromal mit seinem siegreichen Truppe unaufhorlich lodernde Aeste nachschickte, so weit man sie schleudern konnte. Da der Sieg ungezweifelt war, erhub Fromal ein lautes Triumphgeschrey, welches die Einwohner nachahmten, worauf sie ihn auf ihren Schultern ins Dorf nebst seinen beiden Gefahrten zurucktrugen.

Siehst du, Bruderchen? sagte Medardus zu Belphegorn, als sie auf einem offentlichen Platze niedergesezt wurden: sagte ich dir nicht? wer weis, wozu das gut ist, dass Prinz Amurat sich erstach, dass die Markisinn gespaltet, alle unsre Mitsklaven niedergehauen, und die Schiffer von uns ersauft wurden? Siehst du nun? Wir sollten hier die Lowen verjagen, und vielleicht gar

Viel Anstalt zu einem kleinen Nutzen! sagte Belphegor, wenn er dies ganz seyn soll!

Nur Geduld, Bruderchen! Wer weis, wer weis!

Es war die hergebrachte Gewohnheit des Landes, dass die heiligen Lowen nach einem glucklich abgelaufnen Lowenkriege mit einem Menschen beschenkt wurden, dessen Aufopferung sie wegen des Schadens wieder versohnen sollte, den man ihrem Geschlechte zugefugt hatte. Aus einer okonomischen Absicht, die Eingebornen des Dorfs zu schonen, kamen die Priester diesmal auf den sinnreichen Einfall, einen von den drey angelangten Weissen dazu anzuwenden, die ihnen ohnehin verdachtig worden waren, weil sie die Ueberwindung der Feinde bewerkstelligt, und dadurch ihre priesterliche Wunderkunst beschamt hatten. Aus tuckischem priesterlichen Neide thaten sie den unseligen Vorschlag und bestunden darauf, so sehr auch das Volk aus Dankbarkeit sich demselben widersezte; und konnte ein christlicher Pabst blos um eine angenommene Grille geltend zu machen, versichern, dass es ihm und Gotte angenehmer ware, wenn die Priester Schwarme Konkubinen hielten und Millionen unehliche Kinder umbrachten, als dass ein Priester Eine rechtmassige Frau nahme und Ein rechtmassiges Kind zeugte, so darf man es einem afrikanischen Priester um so viel weniger verargen, wenn er aus Neid einen hasslichen Weissen den Lowen vorsetzen und lieber undankbar seyn, als eine hergebrachte Gewohnheit ubertreten will. Sie beharrten hartnackig darauf und lasen, ich weis nicht warum, den armen Medardus zum Schlachtopfer aus, wahrend dass er sich bemuhte, seinem Freunde die weise Anordnung der menschlichen Begebenheiten und ihre Abzweckung zum Guten zu beweisen.

Fromal merkte bald, dass eine ausserordentliche Bewegung unter seinen neuen Freunden vorgieng, er erkundigte sich bey seinem Nachbar, der ihm durch seine Pantomime zur Noth errathen liess, dass seinem Gefahrten eine Gefahr bevorstunde, ob er gleich die eigentliche Beschaffenheit derselben nicht zu erfahren vermochte. Ehe er sie ausstudieren konnte, sah er seinen armen Freund schon von den Priestern umringt, die ihn mit den heiligen Binden von Palmblattern behiengen und zur Speise der Lowen einweihten. Fromal errieth zwar ihre Absicht nicht, allein aus dem vorhergehenden Winke eines Schwarzen schloss er doch nichts Gutes; er zischelte dem Belphegor seinen Argwohn ins Ohr, der ihn nicht so bald vernahm, als er mit seiner gewohnten Heftigkeit auf die Priester losgehn wollte: doch Fromal stiess ihn zuruck und ubernahm es, fur ihn zu sprechen: er drohte mit seinem Sabel, riss dem Medardus den ganzen Opferschmuck vom Leibe und stellte sich zu seiner Beschutzung neben ihn, welches auch Belphegor that. Mit gezognen Sabeln erwarteten sie alle drey in geschlossner Reihe den Angriff; niemand wagte es: doch plozlich, schneller als sie sehen konnten, war Medardus mitten aus ihnen verschwunden, mit Leib und Seele verschwunden. Sie staunten, sie drohten nochmals, foderten ihn wieder: nichts antwortete ihnen als eine traurige Geberde, mit welcher sich die Umstehenden an die Brust schlugen. Belphegor schaumte vor Wuth und Zorn; er hieb einen dastehenden Priester in die Schulter und holte nach einem andern aus, als der ganze Haufe sie beide auf die Schultern fasste und laut rief: Nazib! Nazib! Unter diesem Geschrey wurden sie fortgetragen und langten in kurzer Zeit in einer mit Bergen umschlossnen Ebne an, wo sie ein Gebaude, einer deutschen Gauklerbude ahnlich, und um dasselbe etliche kleinere von gleicher Architektur antrafen. Sie merkten aus allen Umstanden, dass sie sich in der koniglichen Residenz befanden, um der schwarzgelben Majestat vorgestellt zu werden, welches nach einem langen Aufenthalte ausser dem Palaste wirklich geschehen sollte, wahrend dessen alles innerhalb des Gebaudes in Bewegung war, und sie vermuthen liess, dass man entweder das Audienzzimmer zu ihrem Empfange in Ordnung bringe, oder ein Schafott fur sie baue.

Funftes Buch

Die Zurustungen zu dem Empfange der Europaer, so lange sie auch dauerten, konnten doch denselben Tag nicht vollig geendigt werden; man quartirte sie also indessen in eine Hutte ein, die sie fur ein Gefangniss hielten, ob es gleich das schonste Gasthaus der Residenz war, wo sie die konigliche Milde mit Datteln, ein Paar Strausseneyern und etlichen Schlucken Branntewein bedienen, und die Versichrung geben liess, dass sie morgen gewiss das Gluck geniessen sollten, das Antliz Seiner Majestat zu beschauen.

In der Nacht fand sich ein Europaer bey ihnen ein, der sich einige Zeit an dem Hofe des Konigs aufgehalten hatte, ein Franzose von Geburt und ein Herumstreifer von Profession war. Sein Besuch hatte zur Absicht, sie in dem Cerimonielle des Hofs zu unterrichten, zu dessen Erlernung, nach seinem Ausdrucke, Ein Menschenkopf nicht zureichend ware. Fromal und Belphegor baten zwar instandigst, sie mit einer so schweren Wissenschaft zu verschonen; allein er bestund darauf, dass sie wenigstens in den zu ihrer Aufnahme nothigen Gebrauchen seinen Unterricht annehmen mussten. Sie brachten drey ganze Stunden damit zu und waren so ermudet, dass sie endlich um die Endigung der Lehrstunden flehentlich anhalten mussten, welches sie aber nicht eher erlangten, als bis sie noch erfahren hatten, dass ihr Lehrmeister wo nicht der Erfinder doch der Verbesserer dieser Wissenschaft sey; und von wem, als einem Franzosen, sezte er hinzu, war dieses Licht zu erwarten? Die Franzosen tragen allenthalben Geschmack und gute Lebensart hin.

Da ihre Progressen in dieser ersten Stunde nicht sonderlich waren, so meldete ihnen ihr Lehrer den Tag darauf, dass sie a l'allemande etwas schwer begriffen und eben darum wenigstens noch acht Tage in der Unterweisung bleiben mussten, ehe sie wurdig vor dem Throne seiner Majestat erscheinen konnten. Sie unterwarfen sich um der Sonderbarheit der Sache willen seinem Verlangen und verdarben sich mit Kameelmilch und Datteln indessen Appetit und Magen, womit man sie sehr sparsam bewirthete. Da der Tag ihrer Vorstellung erschienen war, that ihnen ihr Lehrmeister mit betrubtem Herzen zu wissen, dass sie wegen der Verwundung des Priesters das Angesicht des Konigs nicht schauen konnten, wenn sie nicht vorher durch gewisse heilige Gebrauche und Bussungen von ihrer Sunde gereinigt waren; Medardus, berichtete er ihnen ferner, sey zwar noch am Leben, wurde aber niemals wieder aus dem Reiche kommen; denn er sey unter die Zahl der heiligen Thiere versezt worden. Zugleich liess ihnen der Konig seine Vermittelung bey den Priestern anbieten, die er vermogen wollte, ihnen wenigstens drey Wochen von der nothigen Reinigung zu erlassen, da sie eigentlich vier ganze Wochen dauern sollte, aber unter dem Bedinge, dass sie ihm gleichfalls einen Dienst erzeigten. Sie stunden herzlich gern zu Befehl und erfuhren darauf, dass der Konig zur Verherrlichung seines Reichs eine Gesandschaft aus Europa zu bekommen wunschte und daher sie ersuchte, diese Gesandten vorzustellen. Da es bey einem so elenden Duodezmonarchen keine Gefahr haben konnte, eine solche Komodie zu spielen, und sie vielleicht die Loslassung ihres Freundes durch ihre Einwilligung zu erlangen hoften, so verstunden sie sich dazu, und zween ganze Monate wurden erfodert, sie theils in den schweren Wissenschaften des dasigen Hofs festzusetzen, theils Anstalten zum Empfange der vorgegebnen Gesandschaft zu machen.

Der Monarch, der seine Grosse auf diese Art glanzen lassen wollte, war der gefurchtete Beherrscher von etlichen hundert schwarzen schmutzigen Kreaturen, die er in verschiedene Konigreiche zertheilt und sie mit Regenten versehen hatte, die ihm Tribut bezahlen und ihn als Vasallen ehren mussten. Er fur seine hohe Person war der Tributar des grossen Monarchen von SEGELMESSE, den sich Marocco zu dem seinigen gemacht hatte. Da er nicht im Stande war, sich von den Potentaten seiner Klasse zu unterscheiden, unter welchen er in Ansehung der Macht die kleinste Rolle spielte, so rieth ihm sein Ehrgeiz, ihnen auf eine einleuchtende Weise zu zeigen, dass er zwar der kleinste an Macht, aber der grosste an Ruhm sey: niemand von denen, die er durch die Taschenspielerey hintergehn wollte, noch er selbst hatte eine homanische Karte vor Augen gehabt, und er liess es also dabey bewenden, seine Gesandschaft dem grossen Konige aus Norden beyzulegen.

Aus Besorgniss, dass seine Herrlichkeit nicht ausgebreitet genug werden mochte, liess er acht Tage vor der Audienz auf allen Gassen und an allen Orten, so gar Lowen und Straussen kund und zu wissen thun, dass sich jedermann versammeln solle, die Gesandschaft des grossen Konigs aus dem Norden zu beschauen. Die Feierlichkeit gieng mit allem Glanze vor sich, den nur seine koniglichen Schatze zuliessen; seine samtlichen Unterthanen vom Greise bis zu dem Kinde, das kaum gehen gelernt hatte, mussten paradiren: der Zug gieng unter der larmendsten beschwerlichsten Musik einen Tag lang seine ganzen Lander hindurch: Kameele, Strausse, heilige Lowen, alle vierfussige und befiederte Kreaturen, deren er nur habhaft werden konnte, mussten die Prozession verlangern helfen: alle Produkte seines Landes, die konigliche Garderobe, die koniglichen Schatze und Kleinodien, die in Datteln, Palmblattern, grossen Schlauchen voll Kameelmilch und ahnlicher Kostbarkeiten bestunden, wurden offentlich vorgetragen: Nach dieser muhseligen Reise durch warme, sandigte, wasserlose Gegenden gelangten sie endlich zum koniglichen Palaste, einer viereckichten grossen Hutte von Palmbaumen aufgefuhrt, dessen Dach man gegenwartig, wie bey allen vorzuglichen Feierlichkeiten, uber dem Haupte des grossen Konigs weggerissen hatte, weil nach seiner eignen Versichrung ein so grosser Monarch nichts als den Himmel Gottes uber seinem Haupte dulden konne; die innern Wande waren mit Palmblattern austapeziert. Der machtige NAZIB sass in halbnackter Majestat auf zween Klotzen, erhaben uber alle die schmutzigen Vasallen, die, wie Sphynxe, um seinen Thron herum demuthigst auf den Bauchen lagen und die Kopfe auf den untergestuzten Armen in die Hohe richteten. Zween langausgestreckte Vasallen genossen die Ehre, ihm zum Fussschemel zu dienen, auf die er von Zeit zu Zeit seinen erhabnen Speichel herabzuwerfen wurdigte, sie ihrer Niedrigkeit und seiner Grosse zu erinnern: plozlich blies er die Backen auf und liess sie mit einem lauten Ausblasen des Athems wieder zusammenfallen, welches ein Befehl an alle Fursten des Erdbodens seyn sollte, vor ihm niederzufallen.

Nachdem die lacherlichste Pantomime auf allen Seiten gespielt war, wobey Fromal kaum seine Muskeln zu der nothigen Ernsthaftigkeit zwingen konnte, und Belphegor vor Erstaunen uber den unsinnigen Grad, zu welchem er die kindischste Vorzugssucht hier gestiegen sah, nicht zu sich kam, sprang endlich der Konig auf, gab jedem seiner Vasallen eine Ohrfeige, und liess sich von ihnen vor den Palast tragen, wo er der Sonne, die eben untergehen wollte, den Auftrag gab, dem grossen Konige des Nordens, zu welchem sie nun bald kommen wurde, grossgunstig zu melden, dass er, der machtige Nazib, sein Gebet erhort, ihn zum ersten seiner Vasallen, zum Sessel seines Hintern erhoben habe, und ihm verspreche, ihm alle Huld und Schuz in Gnaden angedeihn zu lassen. Da die Gesandten aus vielen wichtigen Ursachen die zugedachte Ehre verbeten hatten, das ertheilte Erbamt ihres Principals in eigner Person zu verrichten und dem grossen Nazib zum Sessel des Hintern zu dienen, wie es anfangs veranstaltet war, so musste sich der oberste von den Vasallen dazu bequemen, der uber dieses Gluck so stolz wurde, dass er Tages darauf einem seiner Mitvasallen ein Auge vor Uebermuth ausschlug. Als der Nazib seinen Siz auf ihm mit einem expressiven Stosse genommen hatte, so wiederholte er die obige Grimasse mit dem Backen, um allen Fursten des Erdbodens anzudeuten, dass er ihnen nunmehr die Erlaubniss gebe, von dem anbefohlnen Kniefalle wieder aufzustehn. Zulezt wollte er den Gesandten noch zumuthen, seine Fusse, die es ungemein nothig hatten, in Kameelmilch zu waschen, welches sie mit einem Bundel Palmblatter obenhin thaten, dann lagerten sich die Vasallen in einer Reihe vor ihm hin, und er goss ihnen mit erhabnem Stolze den Rest seines Fussbades ins Gesicht.

Darauf nahm die Mahlzeit ihren Anfang, die uberhaupt aus sechs Ingredienzen bestund, wovon ein jedes unzahlichemal aufgetragen wurde: man sass vom Untergange der Sonne bis zum Anbruche des Tags, und die samtlichen Unterthanen des Reichs standen in Parade um die Tafel: die untersten Vasallen bedienten ihn, und die ubrigen lagen neben ihm am Tische. Nach aufgehobner Tafel wunschten Fromal und Belphegor sehnlich, von ihrer hohen Rolle befreyt zu seyn, allein nun fiengen erst die Lustbarkeiten an; sie mussten aushalten.

Sogleich traten zween Truppe schwarze Kerle hervor, die auf ein gegebnes Zeichen auf einander losgiengen und sich mit Knitteln unbarmherzig prugelten, dass gleich bey dem ersten Angriffe drey todt auf der Stelle niedersanken. Belphegor und Fromal liessen durch ihren Dollmetscher, den Franzosen, flehentlichst bitten, eine so unmenschliche Lustbarkeit zu endigen; allein sie bekamen die lachende Antwort: es sind ja nur meine Unterthanen. Belphegor ergrimmte uber diese entsezliche Antwort so heftig, dass er ohne Fromals Zuruckhaltung dem grossen Nazib den Hirnschadel gespaltet hatte. Die Streiter schlugen einander todt bis auf einen, der die Ehre des Siegs und zur Belohnung die Erlaubniss bekam, den Staub von den Fussen des Nazib zu lecken. Belphegor liess noch einmal alle dergleichen barbarische Ergozlichkeiten verbitten; allein die Antwort blieb bestandig dieselbe: es sind ja nur schlechte Kerle, meine Unterthanen, meine Sklaven.

Als die beiden Europaer in ihre Hutte ermudet zuruckkamen, so konnte sie die Ermattung von einer so beschwerlichen Rolle nicht abhalten, uber den lacherlichen Ehrgeiz des grossen Nazib zu lachen. So eine Karrikatur ist der Mensch, sprach Fromal, unter allen Zonen; die komischste Zusammensetzung von kindischem Stolze und lappischen Einbildungen: aber glaube nicht, dass er unter dem afrikanischen Himmel allein dies possierliche Ding ist! Unter allen neunzig Graden sudlicher und nordlicher Breite, vom ersten Mittagszirkel bis zum lezten ist er das namliche burleske Geschopf, nur in dem Ausdrucke seiner Narrheit verschieden, allenthalben in sich selbst verliebt, allenthalben sich selbst der grosste, der wichtigste, und der Verachter andrer: sollte er gleich nur Strohkorbe machen konnen, so verachtet er doch gewiss, den Brodneid abgerechnet, aus blosser Selbstgefalligkeit alle Korbe, die ER nicht verfertigt hat. Wir lachen uber diesen Muckenmonarchen, dass er seine Vasallen seine Obergewalt so empfindlich fuhlen lasst: allein wo nicht die Furcht vor dem Spotte und dem Gelachter viele Menschen in poliziertern Himmelsstrichen zuruckzoge, so wurden sie alle diesem jammerlichen Nazib gleichen: wer nicht in der That unterdrucken kann, unterdruckt in der Einbildung; wer im Staube liegt, steigt wenigstens mit seinen Gedanken empor, und glaubt der hochste zu seyn, weil er sich der hochste zu seyn dunkt. Das einzige Mittel, das die Europaer vor solchen ausschweifenden Ausbruchen des Stolzes bewahrt, ist meiner Meinung nach die Politesse, Furcht vor dem Spotte, und die vielfaltige Verwickelung des Interesse; wo diese zuruckhaltenden Schranken fehlten, da habe ich den Stolz Farcen auffuhren sehn, oder von ihm erzahlen horen, die unserm afrikanischen Lustspiele nicht viel zum voraus liessen. Kennst du den deutschen Ehrenmann noch, von dem ich dir lezthin erzahlte, dass er sich taglich dem beschwerlichsten Zwange, der langweiligsten Etikette unterwarf, sich und seiner Familie durch einformige abgezirkelte Cerimonien und Komplimente das Leben schleppend, lastig, freudelos machte, blos um seinem Hause das Ansehn eines Hofs zu geben?

Fromal wollte abbrechen, allein Belphegor ersuchte ihn fortzufahren.

Oft, sezte er seine Gedanken fort, habe ich gleichsam an dem Fusse der menschlichen Grosse gesessen und dem Eifer zugesehn, mit welchem eins uber das andre hinwegklettern wollte, wie man rang, wie man kampfte, wenn weiter nichts moglich war, wenigstens das Recht zu erlangen, uber dem andern zu sitzen, zu stehen, vor ihm hineinzugehn und herauszugehn, eher, als er, der Teller und das Glas prasentirt, eher die Verbeugung zu bekommen, wie man sich beleidigt fand, wenn aus Versehen dieses Recht gekrankt wurde. Anfangs that es mir wahrhaftig weh: du weisst, wir hatten beide in Einem Traume der Fantasie geschlummert: der erhabenste Mensch war uns der weiseste, der verstandigste, der geistreichste, der empfindungsvollste kurz, wir massen seine Grosse nach seinem Geiste: aber wie bald fand ich, dass dieser Maasstab dem Maasstabe einer kleinen Provinz glich, der nur in ihr und sonst nirgends gebraucht wird; mein Maas traf nie mit dem Maase eines andern uberein: ich warf es weg und richtete mich nur bey mir selbst darnach. Ich hatte weder Lust noch Krafte mich in den allgemeinen Wettstreit zu mischen; ich blieb Zuschauer. Ich sahe, dass der Mensch SICH SELBST mit seinem ganzen Zubehor von Vorurtheilen zum Muster hinstellte, nach dem er tadelte und lobte, billigte und verwarf; ich sah sie alle nach dem Ringe des Vergnugens und des Vorzugs rennen, ich sah, dass sie nach jedem Vorzuge gierig griffen, wenn er in meinen Augen gleich nicht Eines Schrittes werth war, sollte er auch in einer Schuhschnalle bestehn; ich sahe, dass dem Vortheile alles weichen musste, dass man nur in Rucksicht auf IHN handelte, dass man sich wechselsweise Lob und Bewundrung abkaufte, dass man gab, um zu empfangen, dass das ganze Leben nur ein Kommerz von Schmeicheleyen war, und dass man sich bey dem Besitze eines solchen Beifalls glucklich dunken konnte, ohne einen Augenblick daran zu denken, dass er nur eingetauscht war, dass er nicht dem Manne, sondern seinem Kleide, seinem Pferde, seinem Titel, seinem Gelde gehorte; ich sah bey meinem ersten Eintritte unter die Menschen die freundliche Stirn, die dienstfertigen Fusse, die gefalligen Hande, die ehrerbietigen Verbeugungen, die liebkosenden, schmeichelnden, glatten Worte fur die Dollmetscher des Herzens an, und freute mich! und schalt alle wahnwitzig, die dem Menschen weniger zutrauten, als ich damals an ihm zu finden glaubte: ich sah die Menschen einzeln, ich warf einen eindringenden Blick in ihr Herz, ich belauschte sie, und Tiger entdeckte ich, die einander zerreissen mochten, Falsche, die das verspotteten, was sie vorhin bewunderten, die das beneideten, wozu sie vorhin Gluck wunschten, die den hassten, den sie vorhin gebuckt ehrten; Herzen entdeckte ich, mit dem verachtlichsten Unrathe kleiner Begierden, elender Wunsche, niedriger Verlangen angefullt; Kopfe, mit leeren nichtswurdigen Anschlagen, unterdruckenden Listen, Projekten einer Seifenblasengrosse beladen: nein, dachte ich, mit euch, Leutchen, kann mein Weg nicht lange auf Einem Fusssteige fortgehn; ich musste mich ganz umschmelzen, oder mich mit einem gar zu starken Firnisse der Heucheley ubermahlen, wenn ich nicht in ewigem Widerspruche mit euch seyn wollte. Ich, Narr, ich gramte mich, ich tadelte mich daruber, ich warf mir Unvollkommenheit, Unthatigkeit vor, dass ich meine Zunge nicht zur Bewundrung zwingen konnte, dass meine tragen Hande sich nach keiner der geschazten Hoheiten, nach keiner dieser goldschimmernden Fruchte ausstreckten, dass mein Herz, wie erstarrt, keinen einzigen Pulsschlag um ihrentwillen schneller that: man schalt mich sogar einen Fuhllosen, einen Duns ohne Lebenskraft: ey wozu das? Ich ersparte mir meine Unruhe; ich liess sie schwatzen: warum sollte ich meinen Gaum zu einem Bissen zwingen, der ihm widerstund, und den mein Magen also sicher nicht ohne Schmerzen verdaut hatte? Weg, weg mit ihm! ich liess die Leute darnach schnappen, darnach laufen und rennen, sich freuen und betruben, sich liebkosen und hassen, sich erheben und unterdrucken, stolz und klein seyn, und lachte; freilich bisweilen etwas bitter, mit einer guten Quantitat schlimmer Laune! aber wer kann sich helfen? Wir konnte mir ein so aufgeblasner Ritter, wie unser Nazib, Herzbeschwerungen machen wie dir? Lieber Lungenbeschwerungen von vielem Lachen!

BELPH. Aber, bester Fromal, muss das Herz nicht zum hochsten Aufruhre emporsteigen, wenn dieser lacherliche Gotze seinem Wahne sogar Menschen opfert?

FR. Unempfindlichkeit! Kalte! Eiskalter Frost, wie in Spizbergen! und dann zugesehn! Du hast ja so keinen Flecken am Leibe mehr, den du dir noch entzweyschlagen lassen konntest: schlaf gesund in deiner Haut, und sieh zu, wenn du wachst! Die Menschen sind gar wunderliche Spizkopfe: hattest du dem Nazib seinen aufgedunsnen Schadel fur seine Grausamkeit gespalten, so hatten dir alle, die du von seinem Unsinne befreyen wolltest, ein gleiches gethan: selbst die Todten, wenn sie wieder lebendig hatten werden konnen, wurden dich niedergehauen haben, weil du ihrer Nachkommenschaft die Ehre benahmst, wie sie, fur die Grosse und zum Zeitvertreibe des machtigen Nazib sich todt zu prugeln.

BELPH. Fromal, schaffe mir Eis, schaffe mit die Kunst zu lachen, und unsern Medardus! dann wollen wir sehn. die verdammte Hitze! Hier hast du meinen Sabel; wo ich in Zukunft nicht so frostig, wie ein Eiszapfen, bin, so haue zu! spalte mich vom Wirbel bis zur Fusszehe!

Fromal verbat den Auftrag, versprach ihm gelindere Mittel und schlief mit ihm ein.

Unterdessen hatte der Franzose, ihr Lehrmeister in dem Hofcerimoniell, mit Hulfe seines Ehrgeizes einen wichtigen Grund entdeckt, seine beiden Schuler von Herzensgrunde zu hassen. Die Ehre und Herrlichkeit dieser hohen Gesandschaft, die er sich vorher nicht so gross vorgestellt hatte, leuchtete ihm izt, da er so mussig in der Ferne zusehn musste, so stark in das Gesicht, dass er weder Fromaln noch Belphegorn mit offnen Augen anschauen konnte. Er gieng um sie herum, machte ihnen steife frostige Komplimente, stichelte mit unter ein wenig auf ihre genossne Ehre, versicherte mit etwas bittrer Grossmuth, dass er sie von sich selbst abgelehnt habe, ob es gleich in seiner Macht gestanden hatte, sie vor allen andern zu erlangen, und gab dabey zu verstehn, dass sie IHM die ganze Verbindlichkeit dafur schuldig waren. Fromal und Belphegor gaben ihm gleichfalls zu verstehn, dass sie ihm zwar Verbindlichkeit fur seinen guten Willen, aber nicht fur die Sache hatten, die das beschwerlichste Possenspiel der Welt ware. Sie lachten und scherzten; und in drey Tagen war der Franzose unsichtbar.

Der Ruf von der Gesandschaft des grossen Konigs aus dem Norden war bis zu allen umliegenden NAZIBS durchgedrungen: der sie empfangen hatte und also wohl wusste, dass sie seine eigne Veranstaltung war, wurde doch auf den blossen Gedanken daran so stolz, dass er schon willens war, dem Konige von SEGELMESSE Gehorsam und Tribut aufzukundigen; ob er gleich wusste, dass seine Macht nicht um ein Haarbreit durch diese vermeinte Ehre gewachsen war, so kam er doch im Ernst auf den Einfall, sich zu einem Kriege wider ihn zu rusten, wenn er sich seiner Aufkundigung widersetzen sollte.

Er hatte nicht nothig, sich mit langem Nachsinnen uber einen Operationsplan das Gehirn zu beschweren, als ihn schon die Noth zwang, einen fur seine Rettung auszudenken. Alle Konige von seiner Klasse hatte die Ehre, der empfangnen Gesandschaft wider ihn aufgebracht: sie wollten den Mann demuthigen, der ihnen an Ruhm so uberlegen war. Sie verbanden sich zu einem furchterlichen Kriege wider ihn, und mitten in dem Genusse seiner Grosse uberfielen sie ihn, wie ein Donnerschlag. Der erste Einfall in sein Reich war schon eine Eroberung desselben, und der Nazib in der Gefangenschaft, ehe er vermuthen konnte, darein zu gerathen. Der ganze Sieg war wohlfeil; er kostete nur dreyer Menschen Leben: die einzige Bedingung des Friedens war, neben der Oberherrschaft ihres gemeinschaftlichen Oberherrn von SEGELMESSE auch die Gewalt seiner verbundnen Feinde uber sich zu erkennen. Fur ihn war nichts als ein demuthiges Ja ubrig, das er sogleich mit schwerem Herze von sich gab, und uber seine Demuthigung trostete er sich mit seinem ausgebreiteten Ruhme und der Gesandschaft aus dem Norden.

Jeder von den Siegern verlangte alsdann von den beiden Europaern, dass sie ihnen eine Gesandschaft aus dem Norden bringen sollten; da sie keine Vollmacht dazu hatten, so weigerten sie sich: allein sie wurden gezwungen, entweder zu sterben, oder Gesandten des grossen Konigs aus dem Norden zu seyn. Sie willigten bey einer so misslichen Wahl in das Lezte: doch nun erhub sich ein neuer Wettstreit unter den Monarchen, wem zuerst diese Ehre zu Theil werden sollte. Grunde und Gegengrunde gegen einander abzuwagen, war ihnen zu langweilig: sie griffen zu den Waffen, nicht fur ihre Personen, sondern sie liessen ihre Unterthanen auf einander los; und die guten Narren zausten und mordeten sich, um auszumachen, welcher von ihren Herren zuerst eine erdichtete Gesandschaft aus dem Norden erhalten sollte. Der Zufall erklarte sich fur einen Nazib, der den ubrigen an Macht uberlegen war; man musste ihm den Vorrang lassen. Fromal und Belphegor waren indessen in enger Verwahrung gehalten worden und sollten nun abgeholt werden, dem Ueberwinder weis zu machen, dass er ein beruhmter Herrscher sey. Als sie mitten auf dem Wege waren, thaten die Zuruckgesezten zusammen und raubten die Gesandten, verwahrten sie von neuem und schlugen sich von neuem um sie.

Unterdessen hatte sich der Franzose, dessen vorhin gedacht worden ist, mit Hass und Groll wider Fromaln und Belphegorn an den Hof des Nazibs begeben, der zuerst das Vorrecht auf die Gesandschaft erkampft hatte. Er war von dem ersten Nazib in der Absicht weggegangen, um bey einem andern die Ehre zu geniessen, die er Belphegorn und Fromaln misgonnte: um so viel mehr nuzte er die bose Laune dieses Konigs, bey dem er izt sich aufhielt, uber den Raub seiner Gegner. Es gelang ihm, zu seinem Zwecke zu kommen, beide, der Nazib und der Franzose, waren befriedigt und liessen die ubrigen sich um Belphegorn und Fromaln herumbalgen, so lange sie wollten.

Inzwischen gelangte das Gerucht von diesem komischen Kriege und seiner Bewegursache zu den Ohren des Monarchen von SEGELMESSE, ihres gemeinschaftlichen Oberherrn, der sich mit den gultigsten Grunden von der Welt bewies, dass er vor allen seinen Vasallen das Recht auf eine Gesandschaft aus dem Norden besitze, gebot allen seinen Tributaren von ihrem Anspruche darauf abzustehen und ihm allein diese Ehre zu uberlassen. Sie waren zu sehr in ihren Wunsch verliebt, um ihn sogleich aufzugeben; sie widersezten sich. Der Monarch ergrimmte, schlug zu, bis sie alle demuthig zu seinen Fussen um Verzeihung baten. Er ertheilte ihnen gnadigst Vergebung, liess ihnen huldreichst die Bauche mit einem Feuersteine aufschneiden und sie so insgesamt an Einem Baume aufhangen. Fromal und Belphegor mussten noch einmal ihre Komodie zu Segelmesse spielen, und bekamen zu ihrer Belohnung zwey von den offnen Konigreichen, die sie im Namen des Konigs vom Norden von ihm zur Lehn nehmen mussten, und ihr Lehnsherr freute sich ungemein, einen so grossen Monarchen zum Vasallen zu haben, von dem er nicht einmal wusste, ob er existirte.

Belphegor war mehr zum friedlichen einsamen Betrachter der Welt, als zum wirksamen Mitspieler gemacht, wenigstens nicht zur Rolle eines Monarchen: Fromal passte mehr dazu. Sie suchten beide einen Grad von europaischer Kultur in ihren Reichen einzufuhren, ihre Volker von dem Kriege abzulenken und zu den Kunsten des Friedens zu leiten. Das Projekt war etwas weitlauftig und ungemein schwer; auch blieb es nur bey dem Entwurfe.

Der Franzose, der Neider der neuen Monarchen, war izt nicht mehr uber ihr Gluck neidisch sondern rachsuchtig: er wollte es ihnen schlechterdings verbittern oder gar rauben. Er wollte seinen Nazib zum Kriege wider sie reizen; allein der Schuz, den sie ihr Oberherr geniessen liess, schreckte ihn ab, so gern er einen Gang mit ihnen versucht hatte. Da diese Mine nicht springen wollte, so grub er eine andre; er suchte die beiden Konige zu entzweyn und sie durch sich selbst zu Grunde zu richten. In einer solchen Absicht begab er sich zu Fromaln und machte ihm Belphegorn verdachtig, besonders beschuldigte er ihn eines Bundnisses zu seinem Untergange; seine Beschuldigungen fruchteten nichts. Er machte bey Belphegorn den namlichen Versuch und richtete nichts mehr aus: doch hatte er beide dahingebracht, dass sie sich beobachteten und mehr als vorsichtig gegen einander handelten.

Sich beobachten und argwohnisch seyn ist beinahe eins, wenigstens giebt das erste unendliche Gelegenheit, das lezte zu werden. Sie lauerten bald auf einander und bemerkten oft vieles, woruber man sich bey weniger Freundschaft hatte zanken konnen: doch blieb es ohne Bruch.

Belphegor hatte einen Extrakt von tummen Geschopfen zu regieren bekommen, die sich nicht im mindesten in seine Anstalten zu ihrer Verfeinerung fugen wollten, zumal da ihm seine naturliche Hastigkeit nicht erlaubte, anders als sprungweise zu verfahren. Durch Einen machtigen Zauberschlag sollten seine afrikanische Thiere in europaische Menschen verwandelt seyn: sie lehnten sich gegen seine schnelle Umschaffung auf, blieben, was sie waren, und ihr Regent ward misvergnugt, uberdrussig, an ihrer Polirung zu arbeiten. Fromal hingegen war glucklicher: entweder waren seine Untergebnen von besserm Stoffe, oder durch zufallige Ursachen schon vorher in der Kultur weiter fortgeruckt, oder hatte ihr Beherrscher bessere Maasregeln ergriffen genug, sein Reich war polirter und mit bessern Menschen angefullt als Belphegors Gebiet. Fromals Bemuhungen waren freilich durch etliche gunstige Zufalle unterstuzt worden, die jenem fehlten, allein er gieng auch mit kalterer Bedachtsamkeit und mehr anhaltender Geduld zu Werke, als jener. Genug, die beiden Distrikte schienen zwo Nationen von verschiedenem Geschlechte zu seyn, so auffallend war ihr Unterschied; und Belphegor konnte sich nicht enthalten, den Unterschied mit scheelem Blicke zu bemerken, Fromals Geschicklichkeit dabey zu verringern und die Ursache dem Zufalle zuzuschreiben.

Sie hatten einen kleinen Handel unter sich und den benachbarten Distrikten eingefuhrt, wovon nur unbetrachtliche Anfange vorhanden waren. Auch hierinne war Fromal glucklicher: seine Unterthanen waren gesittet, bis zu einem gewissen Grade freundlich, arbeitsam, keine Muhe eines ehrlichen Gewinstes zu scheuen, und erfindsam, die Gelegenheiten dazu zu entdekken: Belphegors Horde war grob, tumm, trage, wollte ohne Muhe durch Betrug gewinnen, nahm den Vortheil, wo sie ihn fand, ohne ihn jemals aufzusuchen: mit ihnen wollte niemand zu thun haben, indessen dass jene uberflussig beschaftigt waren. Die meisten in Belphegors Gebiete giengen zu dem alten Gewerbe des Raubens und der Jagd zuruck, und der gute Mann war im Grunde der Regierer einer Bande Spizbuben, die den Handel und das Verkehr der umliegenden Gegenden auf alle Art zu hindern suchten, woraus bestandige Privatkriege entstunden.

Belphegor war seiner Hoheit so satt, dass er sich ihrer gern entladen hatte, wenn der Geschmack des Herrschens nicht zu suss ware, um ihn ohne Reue zu entbehren. Es war ausser sich gesezt, und wunschte, seine ganze unselige Rotte mit Einem Schwertstreiche vernichten zu konnen. Unter diesem Unwillen dachte er an Fromals Fortgang, der geliebt und bekannt, wie er hingegen vergessen oder verachtet war; und er konnte sich nicht enthalten, mit einem Zahneknirschen sich von einer solchen Vorstellung wegzuwenden. Er argwohnte gar, dass ihn Fromal durch listige Ranke in der Ausubung seiner Absichten verhindert habe; er wusste sich keinen Beweis davon anzugeben, aber der Argwohn grub sich doch bey ihm ein und unterminirte von Tag zu Tag seine Freundschaft und gute Meinung von ihm, die ohnehin schon geschwacht war.

Die Gahrung war vorhanden; nur noch eine Gelegenheit zum Ausbruche! und die grossten Freunde sind die grossten Feinde. Sie kam. Ihr Oberherr, der Konig von SEGELMESSE, sahe mit Erstaunen und Unwillen die Schritte, die Fromals Gebiet in der Polizierung gethan hatte, dass seiner Hauptstadt ein Theil ihres ehmaligen Handels entzogen wurde; und da er uberhaupt es nicht verdauen konnte, dass seine Tributaren sich mit ihm in gleiche Linie setzen und vielleicht gar eine Macht erlangen wollten, die der seinigen das Gleichgewicht hielt, so beschloss er, sich von einer so angstlichen Besorgniss zu befreyen. Gleichwohl konnte er nicht die Starke der Waffen ohne Gefahr gebrauchen, weil sie, insgesamt vereinigt, ihm das Gleichgewicht hielten. Der Franzose, der sich izt an seinem Hofe aufhielt, merkte kaum seinen Wunsch, als er ihm mit seinem Rathe beystund. Er beredete ihn, Belphegors gahrende Eifersucht so lange anzufeuern, bis sie zu offenbarer Feindseligkeit aufbrauste, und nahm das Geschafte uber sich.

Er that weiter nichts als dass er Belphegorn die guten herrlichen Anstalten seines Freundes, den Fortgang derselben, den bluhenden Zustand seines kleinen Staats, seine Macht, seinen Reichthum, seinen Ruhm, den Zuwachs seiner Unterthanen pries, und dagegen das kontrastirende Bild seines Gebietes hielt, das mit einer Handvoll Jager und Rauber besezt war, die hartnackig von ihrer alten Lebensart nicht abgehn, oder ihren Regenten ermorden wollten, wenn er sie zu einer andern zu zwingen versuchte. Belphegor seufzte anfangs, biss sich vor Aerger in die Lippen, verringerte die Grosse seines Freundes; doch der Abgeschickte, ein Adept in der Kunst der Intrigue, wiederholte jene Vorstellungen taglich so oft, und wusste ein so verhasstes Licht daruber zu verbreiten, dass Belphegor voll Zorn und Aerger, ihn von sich gehen hiess, und ihm drohte, ihn mit Gewalt von sich zu entfernen, wenn er ihn mit einem so widrigen Vortrage unterhalten wollte. Der Franzose sagte ihm ganz gelassen, dass er ein Mittel wusste, ihn von einer so schaudernden Inferioritat zu befreyen. Er bot ihm den Schuz und grosse Versprechen von Seiten des segelmessischen Konigs an, wenn er sich mit ihm wider seine Mitvasallen besonders wider Fromaln vereinigen wollte, um ihn wegen einer Grausamkeit zu strafen, die er an etlichen Unterthanen seines Lehnherrn begangen haben sollte. Belphegor fuhlte einen gewissen Zug zur Einwilligung in sich, und gleichwohl zu gleicher Zeit ein Etwas, das ihn davon zuruckriss. Er blieb wankend zwischen Ja und Nein stehen.

Da der Abgeordnete gewahr wurde, dass er nur noch einen starken Stoss brauchte, um sich auf die Seite zu lenken, wohin er ihn zu bringen suchte, so veranstaltete er heimlich, dass etliche von Belphegors Raubern eine ungleich starkre Anzahl Handelsleute aus Fromals Gebiete anfallen und von diesen umgebracht werden mussten. Kaum war der Vorfall geschehn, als er zu Belphegorn eilte, ihn davon benachrichtigte, seinen Bericht mit den schwarzesten Farben zeichnete, Neid, Eifersucht, Zorn, Ehrbegierde, Rechtschaffenheit in ihm aufwiegelte, und ihn zum Kriege wider Fromaln antrieb. Belphegors Gerechtigkeit liess es aber doch nicht anders zu, als dass er erst Genugthuung von Fromaln verlangte; ob ihm gleich an den schwarzen Kreaturen im Grunde wenig lag, so war ihm doch ihr Leben izt, da andre Leidenschaften sich ins Spiel mischten, so wichtig, so theuer, dass er schwur, ihren Tod unablassig zu rachen. Fromal stellte ihm mit der grossten Billigkeit vor, wie viele Ursachen ER habe, Genugthuung zu fodern, und dass seine Untergebnen das Recht der Selbstvertheidigung wider Rauber und keine Ungerechtigkeit ausgeubt hatten. Der Franzose machte Belphegorn so verwirrt, dass er die Billigkeit dieser Vorstellung verkannte, der Neid, sein vorgefasster Groll gegen Fromaln machten ihn noch verwirrter, und alles mahlte ihm in seinem Kopfe das Verfahren seines vorigen Freundes als eine verweigerte Gerechtigkeit ab; er folgte den Einblasungen des Abgeordneten und glaubte mit volliger Ueberzeugung, dass er ein auf naturliche und willkuhrliche Gesetze gegrundetes Recht habe, die von Gott verliehene Macht der Waffen wider seinen Freund anzuwenden und ihn mit Gewalt zur Gerechtigkeit zu nothigen.

Das Bundniss mit dem Konige von SEGELMESSE wurde errichtet und der Krieg angefangen. Der Franzose vermochte durch seine politische Geschicklichkeit noch einige andre von den kleinen Potentaten, zu dem Bundnisse zu treten; und kaum hatten diejenigen, die durch Fromaln in Flor und Wohlstand gesezt waren, die Nachricht erhalten, was man wider ihn unternehme, als sie alle, um ihren geheimen Neid uber seine Vorzuge zu befriedigen, auf die Seite des segelmessischen Konigs traten. Fromal sah sich ganz allein wider so viele, deren Misgunst ihm den Untergang geschworen hatte. Nicht lange hielt er einen so ungleichen Kampf aus; er wurde geschlagen, gefangen genommen und zum Tode bestimmt.

So sehr es ihn schmerzte, seinen ehmaligen warmsten Freund an der Spitze seiner Widersacher zu erblicken, so kam ihm doch dieses und die erstaunliche Revolution seines Glucks so wenig unerwartet, dass er muthig seinem Tode entgegengieng. Die von Ewigkeit her geknupfte Reihe der Begebenheiten, sprach er zu sich, ist durch den Zufall so geordnet, dass dies alles so und nicht anders erfolgen musste. Ebendieselbe unwiderstehliche Nothwendigkeit riss auch meinen vorigen Freund zur Feindschaft gegen mich hin; alle Ursachen und Wirkungen vereinigten sich in ihm und ausser ihm so, dass dies die einzige mogliche Folge war: wir haben gekampft, das Schicksal hat entschieden, wer Recht haben soll: das eingefuhrte Recht verlangt meinen Tod: wohlan! ich sterbe, weil ich nicht langer leben kann, weil ich muss.

Kaum wurde Belphegor inne, zu welcher aussersten Gefahr sein Freund durch seine Mitwirkung sich getrieben fand, als plozlich alles in ihm aufwachte Mitleid, Freundschaft, Reue, Betrubniss, Schrecken, die sein Herz mit den scharfsten Stacheln zerrissen. Er arbeitete mit allen Kraften seiner Beredsamkeit und seiner Macht daran, ihn wenigstens vom Tode zu erretten. Er bot dem Konige von Segelmesse alles, sein eignes Leben, fur das Leben des Gefangnen an; er war unerbittlich. Er drohte ihm in der aussersten Verzweiflung mit Krieg und der Aufwiegelung aller seiner Vasallen, er wutete, er raste, er schrieb SICH die Veranlassung zu Fromals Tode einzig zu, er wollte sich neben ihm mit dem namlichen Werkzeuge umbringen, das das Leben seines Freundes zerschneiden wurde. Endlich verstand sich der Konig dazu, ihm das Leben zu schenken, mit der Bedingung, dass er mit der nachsten Karavane nach Nigritien gebracht werden sollte, um dort als Sklave verhandelt zu werden; und von dieser Bedingung sollte ihn sein eigner Untergang nicht abbringen.

Belphegor sahe sich genothigt einzuwilligen, obgleich mit schwerem Herzen, und in wenigen Tagen wurde er mit der gewohnlichen Karavane nach Nigritien geschaft, um dort von dem weisesten und menschlichsten Volke des Erdbodens, den Englandern, als Sklave eingehandelt zu werden.

Keine Seuche auf unserm Planeten kann eine so ansteckende Kraft haben, als die Leidenschaft: hat sich eine in unser Herz geschlichen, so konnen wir sicher seyn, dass bald ein ganzes Heer daraus aufwachsen wird, wie aus den Drachenzahnen des Kadmus, das sich auf dem Grunde, wo es aufschoss, ewig herumtummelt, kampft, haut und sticht, bis alle ausser einer niedergemacht sind. Belphegor war von seiner Unruhe uber das Ungluck seines Freundes noch nicht vollig wiederhergestellt, er machte sich noch taglich Vorwurfe uber seinen Antheil an der Veranlassung desselben, und nahm Besiz von seinem entledigten Reiche; weder er noch ein andrer seiner Mitvasallen hatten Anspruch darauf, und doch war ER der erste, der einen darauf machte. Der Konig von Segelmesse war keineswegs gesonnen, einem andern als sich selbst ein Gebiet zu gonnen, dessen Besitzer er in kurzem wieder zu furchten hatte; er erklarte SICH ohne Umstande fur den rechtmassigen Herrn davon und liess Belphogorn die Wahl, ob er aus seiner Eroberung gehn, oder herausgeworfen seyn wollte. Belphegor foderte sie als eine Belohnung seiner geleisteten Hulfe, und bekam eine zweite Drohung zur Antwort.

Unterdessen hatten einige andre Nachbarn gleichfalls Lust zu Fromals Hinterlassenschaft bekommen; ohne ihr Recht darauf vorher zu beweisen, erwarben sie sich es mit den Waffen und vertrieben Belphegorn, zankten sich unter einander selbst, gaben ihren schwarzen Unterthanen den Auftrag, sich an ihrer Stelle herumzuschlagen, bis der Konig von Segelmesse der Komodie ein Ende machte, alle Akteurs hangen liess und das Theater in Besiz nahm.

Belphegor wurde uber diese Ungerechtigkeit, wie er es sich selbst nannte, oder wenn er aufrichtig hatte sprechen wollen, uber das widrige Schicksal, dass er ganz leer ausgieng, ausserst aufgebracht, und beschloss sein verschmahtes Recht geltend zu machen, was es ihm auch kosten wurde. Er errichtete ein Bundniss und sezte sich von neuem ein, ward vertrieben, und vertrieb kurz, er spielte das ganze langweilige Lied der politischen Geschichte, das sich aber seiner Seits mit dem vertrieben werden endigte. Der Monarch von Segelmesse bekam ihn gefangen und verurtheilte ihn kraft aller gottlichen und menschlichen Gesetze, das heisst, kraft der hergebrachten Gewohnheit zum Tode.

Da er nichts gewisser als den Scharfrichter erwartete, der Leib und Seele trennen sollte, so wurde ihm seine Befreyung angekundigt, die er einem von den heiligen Thieren zu danken hatte: es fiel ihm ein, dass Medardus zu der Ehre eines Platzes unter dem heiligen Vieh gelangt seyn sollte, und uberliess sich der angenehmen Einbildung, dass seine Rettung von IHM herruhre. Er verlangte seinem Versprecher in eigner Person zu danken; allein da kein profaner Blick auf ein heiliges Thier fallen darf, so musste er seinen Dank einem Bevollmachtigten anvertrauen, der ihn an Ort und Stelle uberlieferte. Demungeachtet wurde er aus dem Reiche verbannet und ihm auf ewig untersagt, sich in den Granzen des segelmessischen Monarchen blicken zu lassen, wenn er nicht die Vogel des Himmels und die Wurmer der Erde mit seinen Gebeinen futtern wollte. Er wurde gleichfalls nach Nigritien mit der Karavane von Segelmesse gebracht, die unterwegs, um sie nicht unbeschaftigt zu lassen, die ganze Natur, Wind, Sand, Hitze, Durst, Rauber und Lowen auf manchen muhseligen Kampf herausfoderten, doch langten sie wenigstens mit dem Leben an.

Eigentlich war es wohl der ausdruckliche Wille des Konigs, der ihm diese Marschrute vorschrieb, nicht gewesen, dass er, wie Fromal, verkauft werden sollte: allein der Kaufmann, dem er ubergeben war, urtheilte sehr vernunftig, dass ein Mensch umsonst Leib und Seele vom lieben Gotte empfangen hatte, wenn er keinen Nutzen damit schafte, und wollte Belphegorn, der bisher nur ein todtes Kapital fur ihn gewesen war, in Geld verwandeln. Er wurde zwar einem von der erleuchteten englischen Nation zum Verkauf vorgestellt, allein aus vaterlandischer Menschenliebe machte er sich, als er seinen kruplichten nicht sonderlich viel Arbeit versprechenden Korper erblickte, ein Gewissen daraus, wider alle Christenpflicht einen weissen Nebenmenschen in den Handel zu bringen. God damn me! Gott verdamme mich, sprach er, wenn ich jemals den angebornen Edelmuth meiner Nation so sehr verlaugne, dass ich mit weissen Christen handle! Aber, fiel ihm Belphegor ins Wort, sind schwarze Heiden nicht auch Menschen? The ordures, das Auskehricht der Menschheit! rief jener. Aber wollte ihm Belphegor antworten, doch der Mann schien kein Liebhaber vom Disputiren zu seyn, sondern kehrte sich hastig um, ein Paar schwarze Mutter zu bezahlen, die aus Durftigkeit ihrer mutterlichen Empfindung auf einige Zeit den Abschied gaben und ihre Kinder dem grossdenkenden Englander uberliessen, um sie aufzufuttern, bis sie geschickt waren, in Amerika unter Hunger, Elend und Blosse den Europaern den Kaffe suss zu machen.

Belphegor wunschte sich nur einmal noch so viele Macht, als ihm genommen war, um eine die Menschheit entehrende Unterdruckung, den schandlichsten Handel zu vernichten, wovon er izt ein Augenzeuge war. Sein bisheriger Patron, der nach zwo andern Proben deutlich abnahm, dass Belphegor eine verlegne Waare ohne Werth war, gab ihm den wohlmeinenden Rath, sich von ihm zu entfernen, wenn er nicht mit Gewalt entfernt werden wollte: er folgte dem Rathe ohne Anstand und uberliess sich Wind und Wetter, was es aus ihm zu machen gedachte. Er that sich nach einer Gelegenheit um, um mit einem Sklaventransporte aus dieser Gegend zu kommen; doch auch diese Gefalligkeit versagte man ihm. Zulezt traf er einen Mitleidigen, der ihn mit sich nach Abissinien unentgeldlich zu nehmen versprach; aber im Grunde waren seine Bewegungsgrunde nicht die mitleidigsten, wie die Folge beweisen wird. Er schickte ihn mit einigen von seinen Leuten und Kameelen voraus, die ihn an einer Gegend des Senegalstroms erwarten sollten.

Belphegor that seine Reise mit einer Niedergeschlagenheit, die seinem naturlichen Charakter zuwider zu seyn schien: das Ungluck hatte ihn bisher mehr aufgebracht als muthlos gemacht: doch izt war seine Lebhaftigkeit merklich gesunken. Er sezte sich mit tiefsinniger Selbstbetrachtung unter den Schatten eines Palmbaums, indem seine Reisegefahrten die Kameele am Strome trankten.

Was fur Seiten, sprach er zu sich, habe ich, seit Akantens Kniestosse, an dem Menschen gesehn l Seiten, die ich in dem Taumel meiner ersten Jahre mir schlechterdings nicht denken konnte! Ja, Fromal, der Mensch ist ein Wurfel mit unzahlbaren Seiten; man werfe ihn, wie und so oft man will, so kehrt er allemal eine empor, auf welcher Neid und Unterdrukkung mit verschiedener Farbe gemahlt steht. Fromal, DU lehrtest mich das; ich glaubte dir nicht, ich glaubte nur meinem Herze, das mit stolzem Selbstzutrauen sich selbst verkannte. Du wolltest mir es benehmen, und ich schwur, weil mein Herz schwur. Ich Unglucklicher, ich habe dich selbst zum Beweise gemacht, dass ich ein Meineidiger bin. Hatte ich das geglaubt? Geglaubt, dass unter dieser feurigen freundschaftlichen Brust Eis genug liegen konne, die Flamme der Treue zu loschen, alle Regungen des Mitleids, der Liebe so lange zu ersticken? geglaubt, dass in einem Winkel meines Herzens Sauerteig des Neides genug liege, um die ganze lautere Masse desselben anzustecken? Was bin ich denn nun besser, als jene Grausamen, deren Unterdruckung meinen Zorn sonst reizte? Worinne besser? blos dass ich nicht wurgte und mordete; ich bin der Neidische, der Habsuchtige, der Unterdrucker gewesen, der sie insgesamt sind, nur dass der Neid mehr Mitleid in mir zu bekampfen hatte als bey jenen, dass die Starke meines Mitleids durch weniger Gelegenheiten weniger abgeschliffen ist, als bey jenen. Vielleicht eine traurige Vermuthung! durfen nur mehrere Reize, mehrere Verblendungen meiner Vernunft vorgehalten, die Falle meines Lebens mit den Umstanden andrer mehr zusammengeschlungen, verwickelter werden; vielleicht darf nur alsdann in der Bemuhung fur mein Interesse, fur mein Recht dieses feurige enthusiastische Gefuhl der Menschenliebe, dieser Schwung der Einbildungskraft niedergedruckt werden; und ich bin so hartherzig, so fuhllos wie die Unbarmherzigen, die ich tadle. Konnte ich es schon so sehr gegen meinen Fromal seyn? konnte der Neid so sehr alle Stimmen in mir uberschreyen? Doch bis zur Unterdruckung nein, so weit ist mein Herz nicht bose noch schwach. Neid? leider muss ichs zugeben, dass ein blendendes Nichts, betaubende Ueberredungen, glanzende Vortheile die Vernunft des schwachen Menschen so verwirren, seine Eigenliebe so anspornen konnen, dass sie sich unser ganz bemeistert, alle andre Empfindungen verdrangt und alle Federn unsrer Thatigkeit allein nach ihrem Zuge spielen lasst: doch den heiligsten Schwur that ich gleich, ohne Furcht vor Meineid, dass ihre Obermacht in mir niemals bis zur grausen Unterdruckung anwachsen soll. Welche Betaubung alles Sinnes gehort dazu, mit der Freiheit eines Geschopfes von meiner Art ein Gewerbe zu treiben? es zu einem ewigen Sklavenstande zu bestimmen, wenn es weder Kenntniss noch Wahl leitet? es dem Tode auf dem Wege, oder dem Elende in einem andern Welttheile entgegenzufuhren? und auf diesen Ruin der Menschheit seinen entehrenden Vortheil zu grunden? Ja, Fromal, du hast Recht: die Menschen sind Unterdrucker; dieser einzige Fall ist mir Beweises genug. Die Mutter, um sich ein elendes Leben weniger elend zu machen, unterdruckt schon in dem Alter der Unbesonnenheit, der Schwache ihr Kind; der englische Sklavenhandler, um fur die erworbnen Reichthumer zu schwelgen, unterdruckt den hulflosen durftigen Afrikaner, dem die mangelvolle Freiheit seines Landes weit uber die etwas nahrhaftere Sklaverey eines fremden Himmels geht; raubt ihm die Freiheit, er, der mit Handen und Fussen kampft, so bald die seinige in einem elenden Pamphlet nur von fern mit erdichteten Gefahrlichkeiten bedroht wird. Der uppige Handelsmann der neuen Welt unterdruckt ohne alles Gefuhl den gekauften Sklaven, lasst ihn halbhungernd arbeiten, stosst ihn unter sein Geschlecht zu den Thieren hinab, damit die Europaer ihre Tafeln mit wohlfeilem Konfekte besetzen, ihre Speisen wohlfeil mit einer angenehmern Sussigkeit wurzen konnen, als ihre Vorvater: ein Theil der Menschheit wird zu Tode gequalt, damit der andre sich zu Tode frisst. Himmel! wie schaudre ich, wenn ich diesen Gedanken, wie eine weite dustre Hole, ubersehe. Je weiter sich mir die Aussicht der Welt eroffnet, je furchterlicher wird das Schwarz, das diesen traurigen Winkel bedeckt. Ist von jeher die Bequemlichkeit und das Wohlseyn eines wenigen Theils der Menschheit auf das Elend des grossern gegrundet gewesen; hat immer jeder, in sich selbst konzentrirt, den Schwachern unterdruckt; hat immer der Zufall einen Theil der Menschen zum Eigenthume des andern gemacht, und musste dieser durch seine Bedrangung einem Haufen auserwahlter Lieblinge des Glucks Bedrangnisse ersparen: was soll man alsdann denken? Entweder dass die Unterdruckung mit in dem Plane der Natur war, dass sie den Menschen so anlegte, dass einer mit dem andern um Freiheit, Macht und Reichthum kampfen musste; oder dass der Mensch, wenn sie ihn nicht hierzu bestimmte, das einzige Geschopf ist, das seit der Schopfung bestandig wider die Absicht der Natur gelebt hat; oder dass die Natur mit ungemeiner Fruchtbarkeit Kinder gebar, und sie mit stiefmutterlicher Sorgfalt nahrte: denn diesem Elenden versagte sie nicht allein die blos imaginative Gluckseligkeit, ohne die tausende glucklich sind; nein, selbst die thierische! Der Sklave, der bey einem kummerlichen Stuckchen Kassave oder Maisbrodte die beschwerlichsten Arbeiten tragen muss, der von seinem Tirannen nichts empfangt, sechs Tage fur ihn arbeiten und den siebenten die Nahrung der ubrigen betteln muss, der wie das Vieh behandelt und von seinem Besitzer als eine Mobel gebraucht wird dieser Mitleidenswurdige, verglichen mit einem europaischen Schwelger, der Lasten auf seinem Tische und in seinen Zimmern aufthurmt, woran der Schweis und vielleicht das Blut jener Elenden klebt, der sich nicht speist, sondern mastet, in Bequemlichkeit, Ruhe und Sinnlichkeit zerfliesst und doch beide Kinder Einer Mutter! welch ein Kontrast! Mir springt das Herz, wenn ich ihn denke: ich hatte Lust ein Rebell wider Natur und Schicksal zu werden. Unmoglich kann der Mensch das erhabne Ding seyn, wofur ich ihn sonst ansah; er ist eine Karrikatur, oder ein Ungeheuer. O wenn doch die flammende Sonne dieses gluhenden Erdstrichs mir meine Einbildungskraft und meine Empfindung versengte, verbrannte, ganz zernichtete! Sonst mahlten sie mir die Erde als ein Paradies, und izt als eine Mordergrube; sonst den Menschen als einen friedsamen liebreichen Engel, und izt als einen streitsuchtigen unterdruckenden Wolf; sonst den Lauf der Welt als ein sanfttonendes harmonisches Konzert, dessen Melodie in der abgemessensten Ordnung herabfliesst, und izt als ein Chaos, als eine allgemeine verwirrungsvolle Schlacht, als eine Reihe Unterdrukkungen, die nichts unterscheidet als weniger oder mehr Grasslichkeit. O Unwissenheit! einzige Mutter der Gluckseligkeit, der Zufriedenheit! Konnte ich dich zuruckrufen; die Halfte meines Ichs gabe ich um dich, um die andre uberglucklich zu machen. Ware es nur noch einmal mir vergonnt, meinen Blick ganz in mich zuruckziehn, nur in meiner Einbildungskraft und meinem Herze zu existiren, mir mit meinem Fromal die ganze Welt zu seyn! Konnt ich die traurige Wissenschaft des Menschen und der Welt, und die noch traurigere Kunst der Vergleichung ausrotten. O ihr glucklichen Seelen, die ihr innerhalb eures Selbst und eurer nachsten Gesellschaft mit eurer Erkenntniss stehen bliebt, denen die Natur ein kurzsichtiges Auge und einen engen Horizont gab; ihr seyd die Glucklichsten dieser Erde! Ja, gewiss, Fromal, um glucklich unter der Sonne zu seyn, muss man Ignoranz im Kopfe oder kaltes Blut in den Adern haben; man muss traumen oder sterben: denn zu wachen wehe, wehe dem Manne, der dahinkommt, und nicht von Eis zusammengesezt ist!

Er wurde seine schwermuthige Selbstbetrachtung noch lange fortgesezt, und sich vielleicht gar noch am Ende tiefsinnig in den Senegal gesturzt haben, wenn nicht seine Gefahrten durch ihre Zuruckkunft mit den Kameelen den truben Strom seiner Gedanken unterbrochen hatten. Sie hielten sich nur wenige Tage an diesem Platze auf, wahrend dessen Belphegor oft zu seinen Betrachtungen zuruckkehrte: der zweite Trupp, den sie erwarteten, vereinigte sich mit ihnen, und sie gelangten glucklich nach Abissinien, wo sie ihren Weg nach dem Orte nahmen, den der machtige NEGUZ8 mit seiner Hofhaltung damals beehrte.

Kaum waren sie angekommen, als plozlich alle sechstausend Zelte, die die Hofstatt ausmachten, von Einem allgemeinen Schalle ertonten, der dem Tone eines fernen Orkans nicht unahnlich war. Belphegor erkundigte sich voller Verwunderung nach der Ursache dieses Phanomens und bekam zur Antwort: der machtige Neguz niest. Niest? rief er; das muss wahrhaftig ein machtiger Monarch seyn, der mit seiner Nase einen solchen Sturmwind erregen kann. Ach, erwiederte man, der grosse Kaiser niest, wie jeder Sterbliche, allein es ist hier die Gewohnheit, dass Unterthanen und Monarch in einer bestandigen Uebereinstimmung leben. Jede Handlung, die ER thut, muss das ganze Land thun; und wo sich das nicht schickt, wenigstens seine Hofstatt. Wenn ER niest, so wird ein Zeichen von dazu bestellten Leuten gegeben; und der ganze Hof niest: in gewissen Entfernungen sind durch alle Provinzen Posten gestellt, die einander diese Zeichen durch einen weittonenden Knall mittheilen: diese Mittheilung erstreckt sich durch das ganze Land, das ihm unmittelbar unterworfen ist, und bringt es dahin, dass eine halbe Stunde nach dem Niesen des Neguz das ganze Land herumgeniest hat. So geht es mit vielen andern Handlungen, die ich nicht nennen mag, sagte sein Belehrer, und die das ganze Land gewissenhaft und punktlich nachthut. Dieses ist unterdessen nur auf die hauptsachlichsten Verrichtungen der menschlichen Bedurfnisse eingeschrankt; doch die ganze Hofhaltung ist ein wahrhaftes Schattenspiel von dem Neguz. Wenn ER liegt, liegt alles; steht ER, steht alles; sizt ER, sizt alles; ER steckt einen Bissen in den Mund, ER trinkt, und jedermann unter den sechstausend Zelten, der nur von einiger Betrachtlichkeit ist, thut zu gleicher Zeit das namliche; welches alles vermittelst der ausgestellten offentlichen Cerimonienmeister, die gleichsam den Takt zu dem Leben der Hofstatt nach der Angabe des Kaisers schlagen, glucklich bewerkstelligt wird.

Belphegor staunte nicht wenig uber diese abgezirkelte Etikette, und konnte sich nicht enthalten, sie zu belacheln. O, sprach der Andre, der ein Portugiese war und franzosisch sprach, es giebt viel mehr Sonderbarheiten in diesem Lande, die jene weit ubertreffen. Haben Sie noch keine bemerkt? Belphegor besann sich: dass hier so viele Leute hinken? fragte er. Ja, und wissen Sie warum? erwiederte jener. Als der gegenwartige NEGUZ den Thron bestieg, verbreitete sich das Gerucht, dass er hinke; sogleich hinkte ein jeder seiner Unterthanen: wer nicht theatralische Geschicklichkeit genug in den Beinen besass, einen hinkenden Gang naturlich nachzuahmen, der verrenkte sich den Fuss, schlug sich einen Knochen daran entzwey, zerschnitt eine Sehne, eine Ader, oder gebrauchte ein ander Mittel, wie es einem dienlich und bequem schien, sich zu lahmen. Als sich das ganze Land auf diese Art gebrechlich und dem grossen Neguz ahnlich gemacht hatte, so kam man erst auf die Frage, mit welchem Fusse der machtige Kaiser eigentlich hinke. Weil man in der ersten Hitze an diese wichtige Bedenklichkeit nicht gedacht hatte, so hinkte dieser auf die rechte, jener auf die linke Seite: zu andern stund es bey denen nicht, die eine wirkliche Lahmung dem Neguz gleich machte: jede Partey musste also mit Gewalt das Recht des Fusses durchsetzen, an welchem SIE hinkte. Das ganze Reich zerfiel sogleich in zwo Faktionen, die mit der uneingeschranktesten Wuth sich verfolgten, bekriegten, ermordeten; das ganze Land war Ein Krieg; man vergoss sein Blut gern zur Ehre seines Kaisers, um auszumachen, ob das abissinische Reich mit dem rechten, oder linken Beine hinken sollte. Endlich wurde man des Aufruhrs uberdrussig und wollte die Entscheidung des Streites dem grossen Neguz auftragen, der allein mit Zuverlassigkeit berichten konne, welcher von seinen Fussen lahm sey. Es geschah; und man erfuhr, dass der Kaiser gar nicht hinke, sondern auf einem Auge blind sey. Wirklich hatte sich auch das ganze Hoflager von dem Nachsten nach dem Kaiser bis auf den untersten Stallknecht aus Ergebenheit gegen ihren Herrn das linke Auge ausstechen lassen; und nur aus Neid, Misgunst und Unterscheidungssucht war von den Hoflingen das Gerucht von dem Hinken des Kaisers ausgesprengt worden, damit der Hof allein mit dem Vorzuge einer wahren Aehnlichkeit mit dem Neguz prange. Aus alberner Begierde vergass das tumme Volk sich zu erkundigen, welches Auge ihrem Monarchen fehlte, sondern sie liefen haufenweise wie in einer Trunkenheit zuruck, und jeder stach oder stiess sich ein Auge aus. Manche nahmen aus Oekonomie das schlechteste unter ihren beiden dazu; die naturlich Blinden ersparten sich den Schmerz und liessen es bey ihrer angebornen Aehnlichkeit bewenden: andre, die wider keins von ihren Augen erhebliche Einwurfe zu machen fanden, liessen sich in ihrer Wahl vom Zufalle bestimmen: da aber an allen Kopfen nicht dasselbe Auge schadhaft, oder naturlich blind war, oder vom Zufalle getroffen wurde, so waren abermals die Abissinier getheilt, abermals in der grossten Verlegenheit. Sie waren wenigstens in so weit kluger, dass sie ohne Blutvergiessen sich sogleich an den grossen Neguz wandten, der sie belehren liess, dass ihm das linke Auge ganz fehle. Welches Ungluck fur diejenigen, die sich das rechte geblendet hatten! Sie mussten, wie Bastarte des Reichs, zu ihrer Krankung Zeitlebens in ewiger Unahnlichkeit mit dem Neguz bleiben, wie Verworfne von den ubrigen verachtet werden, oder sich ganz blind machen. Einige brachten mit neidischer Verzweiflung viele ihrer glucklichen Mitunterthanen um, andre todteten sich selbst, noch andre geriethen auf den sinnreichen Einfall, das linke Auge ausheben und in die leere rechte Augenhole versetzen zu lassen, und da kein einziger geschickter Okulist unter dem abissinischen Himmel bisher aufgewachsen ist, so wurden sie insgesamt stockblind; kein einziges Auge wollte nach der Verpflanzung bekleiben. Ein kleiner Haufe begnugte sich mit der ersten Thorheit und ertrug seine vermeinte Schande in Gelassenheit. War gleich der geringere Theil der Einwohner beruhigt, so brach nunmehr der Krieg am Hofe aus. Dem grossen Neguz hatte die Natur gar kein linkes Auge mitgegeben: die beiden Augenlieder schlossen sich fest zusammen, oder waren vielmehr zusammengewachsen und in den leeren Plaz des Auges hineingedruckt. Einige von seinen Hofleuten waren so glucklich gewesen, vermittelst eines feinen Leims die Augenlieder ebenfalls zu vereinigen und durch ein andres Hulfsmittel ihnen naturlich die namliche Gestalt zu geben, als wenn es Werke der Natur nach Einem Modelle waren. Allen, die von ihnen hierinne zuruckgelassen wurden, dienten sie zu einem Gegenstande des Neides und des Hasses: die Unglucklichen waren uberzeugt, dass sie niemals mit ihnen zu gleichem Vorzug gelangen konnten, und erregten die hasslichsten Meutereyen, sie ihrer Zierde zu berauben. Jene Auserwahlten durften nie ohne starke Wache schlafen, nirgends ohne Begleitung sich hinwagen, nichts ohne vorgangigen Versuch essen oder trinken, wenn sie nicht ermordet, geblendet, vergiftet seyn wollten. Man spielte sich, da Gewalt nichts wider die Vorsicht vermochte, die hinterlistigsten Kabalen, verlaumdete, verkleinerte sich, einer untergrub des andern Kredit, beschuldigte sich der entsezlichsten Verbrechen, weil alle nicht auf gleiche Art blind waren, welche geheime Gahrung um so mehr zunahm, als der grosse Neguz selbst diejenigen am vorzuglichsten ehrte und erhub, die ihm die meiste Aehnlichkeit mit seiner blinden Person werth machte: um ihm zu gefallen, musste man gerade so blind seyn, wie er. Nicht lange dauerte es, als diese Etikette zu den Hofen seiner Vasallen ubergieng, die sie so weit trieben, dass sogar einer, dem ein Fall in der Jugend die Nase platt an den Kopf gedruckt hatte, allen seinen Hofschranzen das Nasenbein zerschlagen, und ein andrer, dem ein kalter Brand den Arm verzehrt hatte, allen den seinigen den kalten Brand inokuliren liess.

Belphegor sah sich seinen Portugiesen bey dieser Erzahlung etwas bedenklich an und erinnerte sich einer alten Geographie, wo der Nation des Erzahlers die Aufschneiderey beygemessen wurde, weswegen er etliche Zweifel und Verwunderungen uber seine Nachrichten ausserte, welches sein Mann so ubel empfand, dass er sich auf der Stelle von ihm trennte und mit stolzem Unwillen fortgieng.

Zweiter Theil

Of all Animals of Prey, Man is the only sociable

one. Every one of us preys upon his Neighbour,

and yet we herd together.

GAY

Sechstes Buch

Der Bewegungsgrund, warum Belphegor von seinem Patrone die Erlaubniss erhielt, ihn bis nach Abissinien zu begleiten, war nicht der loblichste: er wagte den Unterhalt auf der Reise an ihn, um diese Auslage dort tausendfach durch ihn wieder zu gewinnen. Einer von den Vasallen des grossen Neguz, die bloss das Cerimoniell der Huldigung verrichteten, aber ihm keinen Gehorsam leisteten, der Konig von NIEMEAMAYE, hatte ein Projekt unter der Hand, dass das Projekt aller Projekte genennt zu werden verdient. Er konnte es nicht erdulden, dass einer seiner Nachbarn ein einziges Kornlein Gold ausser ihm besass, und weil durch sein Land nur ein einziger Fluss gieng, der Goldkorner bey sich fuhrte, die er doch ungemein liebte, so wollte er es veranstalten, dass alle Goldkorner seiner Nachbarn in sein Gebiet gebracht werden, und sie keine bekommen sollten. Er liess deswegen den Fluss an der Granze seines Gebiets mit einer standhaften dreyfachen Mauer verdammen, und leitete ihn in unzahlbaren Kanalen in seinem Lande herum: da er aber doch nothwendig endlich einmal ihn einen Ausgang wieder geben musste, wenn er sein Reich nicht zu einer offenbaren See machen wollte, so liess er in einiger Entfernung von seinem Ausflusse in das benachbarte Gebiet, von Weite zu Weite tausend immer feinre Netze, von dem starksten Baste geflochten, vorziehen, die das unnutze Wasser durchliessen und den Sand mit den kostbaren Goldkornern zuruckhielten. Das Projekt wurde zwar ausgefuhrt, hatte aber einen so schlechten Erfolg, dass der Fluss entweder die Netze zerriss, oder sich daneben einen heimlichen Ausgang grub, oder gar die Wohnungen der Einwohner durch Ueberschwemmungen verwustete. Ob man ihm gleich alles das vorstellte, so glaubte er es doch vor grosser Herzensfreude nicht und triumphirte bey jeder Handvoll Goldkorner, die man ihm in seinen Schatz lieferte, dass er bald der einzige gluckliche Besitzer des Goldes, und seine Nachbarn ganz entblosst davon seyn wurden: nichts schlug seine Wonne so sehr nieder, als dass er sich nicht des Flusses von seiner Quelle an bemeistern konnte und so viele Korner vor ihm schon fremde Hande bereicherten. Dieser widrige Gedanke brachte ihn eines Tages auf den tollen Anschlag, den Fluss von der Quelle weg mit einem ungeheuren Umschweife durch eine Sandwuste in sein Gebiet zu leiten, ohne dass er ein fremdes beruhren sollte: doch sehr bald, obgleich mit dem bittersten Widerwillen, verliess er diese ausschweifende Idee und begnugte sich, von der Nothwendigkeit gezwungen, mit dem Antheile, den er seinen Nachbarn abschnitt, die den Fluss von ihm empfiengen.

Demungeachtet bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass fur die Lebensmittel, die sein Land nicht hinlanglich lieferte und die Einwohner doch fur unentbehrlich zu ihrem Daseyn hielten, ein mittelmassiger Theil von seinem Golde wieder zu den Nachbarn ubergieng, die ihnen mit den fehlenden Bedurfnissen aushalfen: er verbot diesen Handel: die Einwohner beschwerten sich uber Mangel, und er gab den Befehl, dass kunftig, um keines fremden Zuschusses zu bedurfen, jeder Einwohner des Tags nur einmal essen sollte.

Alle diese Anstalten waren noch nicht hinreichend, dem Golde jeden Ausgang zu verwehren: der Mensch hat Grillen; das Fremde gefallt ihm, weil es fremd ist, und er wunscht es zu besitzen: auch fur diese Einfalle fluchtete noch eine ziemliche Menge Goldes uber seine Granzen. Sogleich verbot er den Einwohnern dergleichen Einfalle auf immer und ewig, und wer sich derselben nicht enthalten konnte, musste sich von IHM das verlangte Fremde einhandeln: er gab ihnen fur das Gold, das der fremden Waare bestimmt war, innlandische Kleinigkeiten, und gebot ihnen bey Vermeidung einer starken Strafe, sich einzubilden, dass es die verlangten fremden Kostbarkeiten waren: er verkaufte ihnen die Zahne von wilden Katzen, und befahl ihnen zu glauben, dass es Elephantenzahne waren, getrocknetes Schweinsblut musste statt des Zibeths, und Haasenfelle statt der Pantherhaute dienen. Damit aber die fremden Originalwaaren sich nicht unvermerkt einschleichen und heimlich etwas von seinem Golde herausziehen mochten, so zog er eine Mauer um sein Land, besetzte sie mit streitbaren Mannern, die jedem, der seinem Verbote zuwiderhandelte, hundert Ruthenstreiche auf den blossen Rucken stehendes Fusses mittheilen und ihn aus seinen Granzen verjagen mussten.

Nachdem er durch dergleichen Veranstaltungen seine Goldbegierde zum Nachtheile der Nachbarn gesattigt hatte, so konnte er es eben so wenig dulden, dass jemand ausser IHM in seinem Lande dieses herrliche Metall besass. Er sann auf Mittel, auch diesen Vorrath, wo nicht ganz, doch zur Halfte in seinen Schatz zu leiten. Da seine Unterthanen mit allen ihren Habseligkeiten sein Eigenthum waren, so masste er sich das Monopolium aller ihrer Bedurfnisse an: von IHM mussten sie selbst die Fruchte kaufen, die sie durch ihren Fleis auf ihrem Grund und Boden gezeugt hatten; sie mussten ihm sogar fur den Durchgang der Luft durch ihre Lunge einen Zoll bezahlen, bis er endlich alles Gold in seinem Palaste aufgehauft, und die Einwohner zu einem Lastviehe gemacht hatte, dem er das Futter umsonst gab, weil sie es ihm nicht mehr abkaufen konnten. Das ganze Land war Eine grosse Familie, dessen Hausvater der Regent vorstellte, der sein sammtliches Gesinde mit den Fruchten des Landes nahrte, keine Auflagen, keine Taxen erhob, weil es in die gluckliche Situation gekommen war, dass niemand mehr etwas geben konnte.

Alle Kanale des Reichthums auf der Oberflache der Erde waren versiegt, oder doch so bekannt, dass sie ihm keine besondre Freude machen konnten. Er wollte auch die Eingeweide des Erdbodens plundern: nur fehlte es ihm an Leuten, die die Kunst verstunden, der Erde ihre Schatze abzunehmen. In dieser Hinsicht liess er aus allen Gegenden Kunstler von dieser Art zu sich einladen, und that ihnen Versprechungen, die jeden anlocken mussten, sich dafur auszugeben.

Von allen diesen Umstanden hatte Belphegors Patron genaue Nachricht, und war fest entschlossen, sie nicht ungenutzt zu lassen. So bald seine Geschafte in Abissinien verrichtet waren, begab er sich mit Belphegorn auf den Weg nach NIEMEAMAYE, in dessen Nachbarschaft er vormals schon einen Handel getrieben und eben bey dieser Gelegenheit die vorhergehenden Nachrichten von dem Konige jenes Landes gesammelt hatte. Auf der Reise dahin offenbarte er erst Belphegorn seinen Anschlag. Wir wollen, sagte er ihm, uns fur die erfahrensten Bergmanner ausgeben, dadurch das Vertrauen des Konigs gewinnen, unter der Hand seine im Herzen missvergnugten Unterthanen auf unsre Seite bringen, den geizigen Barbaren umbringen, und uns in seine aufgehauften Schatze theilen: im Grunde aber was er weislich in petto behielt sollte Belphegor fur seine Absicht nur zur Maschine dienen, auf die er, wenn der Streich mislange, alle Strafbarkeit laden, und die er nach einer glucklichen Ausfuhrung ohne, oder mit einer kleinen Vergeltung sich vom Halse schaffen konnte. Belphegor erschrak: kaum merkte dies sein Gefahrte, als er sich seine Besturzung zu Nutze machte, und ihn mit dem grausamsten Tode bedrohte, wenn er sich nicht zu dem Vorschlage bequemen wollte: Belphegor straubte sich lange. Wohl! so verhungre hier in der Wuste! sprach jener, und machte eine Bewegung zum Abmarsche. Selbstliebe, Rechtschaffenheit, Abscheu gegen eine so grause That, wie ein Mord, stritten mit dem wildesten Aufruhre in dem verlegnen Belphegor: er wollte ihn zuruckrufen, er setzte einen Fuss bedachtlich vorwarts und zog ihn hastig wieder zuruck; er achzte, er zitterte, er sann, und endlich eilte er dem bosen Manne nach, um ihm seine Hulfe zu versprechen, ob er gleich bey sich den festen Vorsatz hatte, nicht Einen Finger zu einem Morde anzulegen: nur aus Liebe zur Selbsterhaltung that er ihm dies verstellte Versprechen, und war willens, sich lieber einer Verratherey gegen diesen Bosewicht, als einer Mordthat schuldig zu machen. Der Listige, um sich ihn desto fester zu verbinden, schlug anfangs sein Anerbieten aus, und versicherte, dass er einen solchen feigen Undankbaren nicht zu einer Unternehmung zulassen wurde, fur die er von einem so schlechten Werkzeuge alles furchten musste. Belphegor wurde angstlich, die Qual des Verhungerns stellte sich ihm in der furchterlichsten Schwarze vor, er setzte in ihn, beschwor ihn und erhielt endlich, doch als eine Freundschaft, die Erlaubniss, an der mordrischen That einen ruhmlichen Antheil zu nehmen. Belphegor wunschte nur durch diese Einwilligung mit ihm in bevolkerte Gegenden gebracht zu werden, um alsdenn sich seiner Gesellschaft, ohne Hungersnoth, heimlich entziehen zu konnen. Auch dieser Anschlag wurde ihm vereitelt: die Wuste dauerte bis an die Mauer, die die Granze von NIEMEAMAYE bezeichnete, und er musste wider seinen Willen an die Betrugerey Hand anlegen.

Noch immer hoffte er seinem Gefahrten entwischen zu konnen, so sehr ihn dieser auch beobachtete und aus Furcht vor Verratherey fast nicht von der Seite liess. Sie wurden nach der Gewohnheit des Landes dem Konige hinter einem Schirme vorgestellt, der ihren profanen Augen seine geheiligte Person verdeckte und nur seine Stimme durchliess. Belphegors Gefahrte verstund die Sprache des Landes, und jener musste daher ein stummer Zuhorer seyn. In acht Tagen war es schon so weit gekommen, dass sie der Konig unter die Zahl der Auserwahlten erhub, denen es vergonnt ist, ohne Schirm mit ihm zu sprechen: doch bey solchen Unterredungen wusste es Belphegors Gesellschafter jedesmal dahin einzuleiten, dass er dieser Ehre allein genoss, und Belphegor in einem verschlossnen Zimmer zu Hause bleiben musste, weil seine Treue durch verschiedene bedenkliche Aeusserungen zu verdachtig geworden war, um ihn bey dem Vorhaben eine spielende Person seyn zu lassen, oder sich vollig von ihm zu trennen.

Der kritische Tag ruckte heran, an welchem der Konig von dem Gefahrten des Belphegors mit einem Dolche aufgeopfert werden sollte. Langer konnte er den Gedanken nicht ertragen, der Mitbewusste einer so nahen schrecklichen That zu seyn: er arbeitete sich aus seiner Gefangenschaft heraus, begab sich in den koniglichen Palast, wo er auf das vorgewiesene Zeichen, dass er unter die Vertrauten des Koniges gehore, zu ihm eingelassen wurde und ihm die drohende Lebensgefahr eroffnete. Sobald er in den Saal trat, machte ihn die Physiognomie des Konigs stutzig: sie schien ihm so bekannte Zuge zu haben, die nur durch Zeit und Zufalle verdunkelt waren, dass er den unbeweglichsten Blick auf sie heftete. Die namliche Aufmerksamkeit verwandte auch der Konig auf Belphegorn, und uber der wechselseitigen unaufhorlichen Betrachtung vergassen sie lange, dass sie zusammengekommen waren, um sich zu sprechen. Belphegor liess in der Verwirrung sich einen europaischen Ausruf entfahren, den der Konig in der namlichen Sprache beantwortete, und sehr bald war es entwickelt, dass auf dem niemeamayischen Thron der Herr Medardus, Magister der Philosophie und freyen Kunste, sein bester Freund, sass. Sie bewillkommten und freuten sich einige Zeit, worauf Belphegor seinem wiedergefundenen Freunde die Absicht seines Besuchs bekannt machte; man kehrte sogleich Anstalten vor, dem gefahrlichen Streiche zuvorzukommen, setzte den boshaften Unternehmer desselben gefangen, bestrafte ihn und that andre so alltagliche Sachen, dass ich mich schame, eine darunter zu beruhren.

Nachdem man sich hinlanglich uber das Unvermuthete dieser Zusammenkunft gewundert hatte, so fand sich bey beyden die Neubegierde ein, zu wissen, wie sie moglich war. Belphegor that seinem koniglichen Freunde seiner Seits bald vollige Genuge und dankte ihm besonders mit vieler Ruhrung fur die Befreyung vom Tode, die er ihm zu SEGELMESSE unter dem Charakter eines heiligen Thiers hatte angedeihen lassen.

Siehst du, Bruderchen! unterbrach ihn Medardus, davon weiss ich Dir kein Wort; in meinem Leben bin ich nicht in das Ding Selenmesse, oder wie Du es nennst gekommen. Da ich von euch weggerissen wurde

Um des Himmels willen! wie gieng das zu?

Wie das zugieng, Bruderchen? Das musste eine Hexerey oder eine andre Teufeley seyn. Da ich so mitten unter euch stehe, war mirs auf einmal, als wenn mir leise ein Strick um den Leib geschlungen wurde, und siehst Du, Bruderchen? in der Minute hieng ich Dir in einem Walde an einer hohen Stange, zu welcher sie mich, wie ich hernach gewahr wurde, mit einem starken Seile und einer Rolle hinaufgezogen hatten. Kurze Zeit darauf wurde ich herabgelassen, um dem Lowen vorgesetzt zu werden, den Fromal kurirte: doch was denkst Du wohl, Bruderchen? Das narrische Thier liess sich bey mir nieder, belekte mich, wie Fromaln, von der Stirn bis zum Kinne, und brullte so freudig, als wenn er seinen leiblichen Bruder in mir angetroffen hatte, legte die geheilte Klaue auf mich und behandelte mich recht freundschaftlich. Die Priester wurden stutzig, hielten mich fur ein besondres Geschopf und glaubten gar, dass die Seele eines nahen Anverwandten aus der Familie des Lowen auf ihrer Wanderung in mir herberge: denn anders konnten sie sich die glimpfliche Begegnung des Thieres nicht erklaren, als dass er sich scheue, die Banden des Bluts in mir zu verletzen. Die Leute mussen eine Kolonie von den Aegyptern seyn, oder ihren Glauben an die Seelenwanderung in Aegypten geholt haben: wer Lust hat mag das untersuchen, genug, MIR schafte die Seelenwanderung herrlichen Nutzen. Sie thaten mir die Ehre an, mich als ein heiliges Thier zu bewirthen, und weil ich doch ausserlich die Menschenfigur hatte, so gab man mir menschliche Nahrung und einen eignen Stall gleich neben meinem vermeinten Blutsfreunde.

Nicht lange, nachdem ich diese Wurde zu bekleiden angefangen hatte, entstund Krieg, und weil das Konigreich, wo ich mit meinen ubrigen heiligen Kameraden lebte, das einzige heidnische war, so hielten es die mahometanischen Feinde desselben fur ihre erste Pflicht, alle Spuren des heidnischen Gottesdienstes zu vernichten; und die Reihe traf vor allen Dingen zuerst uns heilige Thiere. Als man meine europaische Abkunft aus meiner Gesichtsfarbe schloss, so nahm man mich voller Freuden in Triumphe mit sich fort9: doch mein Trupp wurde von den Feinden zerstreut, man liess mich zuruck, und ich entfloh den schwarzen Barbaren.

Ich irrte herum und stiess auf eine Karavane, die nach Nigritien gieng. Es waren Europaer dabey, die mich verstunden; ich bat um Aufnahme und erlangte sie. Was sollst du in Nigritien, unter den kohlschwarzen Kreaturen? dachte ich. Siehst Du, Bruderchen? ich wusste aus einer alten Geographie, dass weiter herunter die Goldkuste liegt: wo es Gold giebt, glaubte ich gewiss einen Europaer, wenigstens einen Spanier anzutreffen. Ich wusste auch, dass die edeldenkenden Englander hier ein Monopolium mit ihren Nebenmenschen treiben; wenn also alles fehl gieng, hofte ich wenigstens mit einer Ladung dieser Waare nach Amerika und von da nach Europa zu schiffen, oder wie ich sonst dahin kommen mochte. In dieser Meinung, Bruderchen, suche und finde ich eine Gelegenheit, wie ich sie wunschte. Die Abreise verzogerte sich, und indessen machte ich eine Bekanntschaft, die mich ganz davon zuruckzog.

Dem Manne, der mich nach Europa transportiren wollte, war durch seinen Abgeordneten, die den Einkauf besorgten, von den schwarzen Tochtern des Landes eine zugefuhrt worden, die in ihrer pechschwarzen Haut so schon war, als jede europaische Venus von dem glanzendsten Marmor. Das Gesicht war zwar etwas afrikanisch; aber ihre runden fleischichten Arme, ihr luxurirender Busen, ihre vollen Huften, das Bruderchen, alles, alles war schon an ihr. Ihr Herr hatte die keuschesten Absichten von der Welt auf sie; er fuhlte nicht ein Funkchen Liebe zu ihr, sondern sie gefiel ihm, weil ihm ihre Person mit allen ihren Schonheiten ein baares Kapital zu seyn schien, das er in Amerika mit reichen Interessen durch ihren Verkauf haben wollte. Deswegen enthielt er sich aller unerlaubten Begierden gegen sie, weil er fur sie und daher auch fur seinen Vortheil gefahrliche Folgen davon besorgte. Er unterrichtete sie selbst in Franzosischen und Englischen, worinne es ihm aber nicht sonderlich gluckte, weil ihm seine Geschafte so vielfaltig daran verhinderten: er ubergab sie meiner Unterweisung. Sie wusste wenig von den beiden Sprachen, die sie lernen sollte, aber doch zur Liebe und zur Erzahlung ihrer Geschichte genug. Bruderchen, seitdem meine Frau von Gottes Erdboden weg ist, habe ich kein einziges Madchen so lieb gehabt, als die allerliebste niedliche ZANINNY. Bruderchen, fuhle einmal, wie mir das Herz pocht, indem ich sie nenne! Sie merkte wohl, ohne dass ichs ihr sagte, dass eine Revolution in meinem Herze vorgehn musste, wenn ich sie sah; und dass es unter ihrer schwarzen Brust eben so zugehn mochte, das sagte ihr aufrichtiges Gesicht und Auge ohne Hulfe der Zunge: dem guten Geschopfe stiegen gleich alle Empfindungen in die Mine, und wer ihr Gesicht buchstabirte, buchstabirte ihr Herz. Sie hatte ein Paar zartliche funkelnde Augen, die sie uber der platten Nase so verliebt herumwalzte, dass ich mannichmal mir nach dem Pulse fuhlte, ob ich noch athmete, oder von ihnen versteinert ware. Ich wusste schon, dass sie ihren Eltern gestohlen worden war, und sie sagte mir durch Geberden und mit ihrem Bischen Franzosisch, dass sie ihr Land nicht gern verliesse, und sagte mir noch oben drein dass sie mich von Herzen lieb hatte, bat mich, sie wieder zu ihren Eltern zu bringen, und bat mich so, dass ich dachte:

Nun, so bist du doch mit deiner guten ZANINNY wahrhaftig fast so glucklich als mit deiner verstorbenen Frau, und wenn dich ihre Eltern zum Schwiegersohne annehmen und sich nicht daran stossen wollten, dass ich so hasslich weiss bin ja, ich bliebe mit meiner ZANINNY in ihrer Hutte und wurde ein Afrikaner, ass, trank, schlief, spielte mit ihr, jagte, sammelte Datteln fur sie, hutete das Vieh mit ihr, oder was es sonst hier zu Lande zu thun giebt: die afrikanische Sonne wurde ja wohl mit der Zeit einen hubschen Neger aus mir machen. Kurz in meinem Herze war sie schon vollig meine zweyte Frau. Endlich kamen zu ihren Bitten gar Thranen, so recht aus der Empfindung herausgeweinte Thranen, dass ich alter Narr neben ihr sass und eine nach der andern unter die ihrigen auf ihren Schoos fallen liess. Sie schlang ihre Negerarme um meinen Hals, und wahrend der Umarmung tropfelte eine Thrane auf meinen linken Bakken Bruderchen, die brannte! die brannte, dass mir die Warme bis zur Zehe herunter lief; ich schwitzte, das Herz klopfte, alle meine funf Sinne waren in Bewegung, und in meinem Kopfe gieng es so verwirrt her, wie in der Welt alles unter und uber einander! Ich konnte nicht anders, ich musste ihr versprechen, sie von dem Sklavenhandler zu erretten. Was fur eine Freude, als sie das horte! wie unsinnig sprang und hupfte sie, und fiel mir um den Hals, um die Kniee, druckte mir die Hand, streichelte mir die Backen, dass ich wie ein alberner Tolpel da stand, unbeweglich, und nicht wusste, dass ich stand, nicht einmal, dass ich existirte. Des Nachts marschirten wir aus. Ich wollte sie, aus Mitleid zu ihren Fussen, auf die Schultern nehmen: aber ehe ichs konnte, fasste sie mich in der Mitte, nahm mich auf ihren Rucken und galopierte, wie ein Rennthier, mit mir davon, so lange, ohne Aufhoren, so sehr ich auch bat auszuruhen, bis sie mit ihrem africanischen Accente rief: Je meurs! und entkraftet mit mir in den Sand niederfiel. Kein Tropfen Wasser, keine menschliche Hulfe, nichts war bey der Hand. Ich angstigte mich, ich lief um sie herum, ich fasste ihre Hand, ich fuhlte an ihr Herz, ob es noch schlug, ich bat sie nur ein Wort zu sprechen: umsonst sie schlief vor Mattigkeit ein. Schlafe sanft, sagte ich, aber erwache mir nur wieder! Ich setzte mich neben sie und fachelte ihr das Gesicht. Ja, Madchen, wenn du mir nicht wieder erwachst! dachte ich immer; aber sie seufzte, und nun war ich froh; ich fachelte bis sie endlich erwachte; so mude ich war, konnte ich doch vor Sorge und Angst kein Auge zu thun. Hungernd und durstend wanderten wir von neuem durch lange Sandfelder, kamen dem Ufer zufallsweise nahe, wollten es nicht wieder verlassen, und verliessen es doch wider unsern Willen. Bruderchen, nichts war gewisser als unser Tod; und mir giengen die Augen schon uber, wenn ich nur daran dachte, wer wohl zuerst sterben wurde: was sollte aus meiner gutherzigen ZANINNY werden, wenn ich vor ihr aus dem Leben musste; und wenn SIE vorangieng daran konnte ich gar nicht denken. Plotzlich, da wir mit der grossten Angst kampften, kamen wir an Hutten: wir waren im Lande der MALADELLASITTEN. Wir fanden wieder Datteln, und ich hielt mit meiner ZANINNY die erste frohe Mahlzeit: wir labten uns, waren zusammen frolich und giengen tiefer ins Land. Auf einer Ebne, die mit grunen einzelnen Strauchen und Palmbaumen besetzt war, sass an einem Flusschen, das sich vielfaltig auf dem Platze herumschlangelte, ein Kreis von nackten Damen, die auf den kreuzweis untergeschlagenen Fussen mit einer Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit da sassen, als wenn sie uber die Staatsangelegenheiten des maladellasittischen Reichs rathschlagten. Ueber ihre Schultern hiengen ungeheure Maschinen von Fleische, deren eigentliche Beschaffenheit ich anfanglich nicht zu erklaren wusste; allein bey naherer Bekanntschaft fand ich, dass es die Bruste dieser Damen waren, die hier zu Lande zu einer solchen Grosse anwachsen, dass man sie uber die Schultern wirft: auf welcher Gestikulation die vornehmste Grazie der dasigen Frauenzimmer liegt, weswegen viele, die besonders gefallen wollen, sich oft so kunstliche Bewegungen zu geben wissen, dass jene schonen Auswuchse von den Achseln herunterfallen mussen, worauf man sie mit einer so annehmlichen reizenden Nachlassigkeit zuruckwirft, wie mein ehemaliger Superintendent die Knoten an seiner Alongenperucke. Um den Kreis herum hupften und sprangen eine Menge Meerkatzen von einer besondern Art. Bruderchen, die lustigsten Thierchen, die ich gesehn habe! Sie sprangen den Frauenzimmern auf den Rucken, knippen sie in die Ohren, guckten ihnen durch die Arme, bissen sie in die Backen, schlugen Burzelbaume uber sie weg, setzten sich auf die Schultern und graueten ihnen mit den Tatzen sehr lieblich die Kopfe, kitzelten sie, balgten sich mit einander und spielten tausend andre kurzweilige Possen, welche von den ernsten da sitzenden Frauenzimmern, die ausserdem den Mund zu keinem Worte offneten, mit der lustigsten Laune belacht wurden. Die drollichten Thierchen hatten von der Natur am Ende des Ruckens ein glattes polirtes Horn, wie der Spiegel auf den Rucken eines Hirschkafers, nur vielmal grosser, das vollig die Dienste eines Spiegels verrichtete. Nie war das Gesicht dieser Damen heitrer und ihre Mine frolicher, als wenn jene Lustigmacher ihnen ihre Spiegel zukehrten, worinne sie ihre ganze Figur in der schonsten Miniatur erblickten, so verschonert, dass ich selbst, als ich mich einst darinne besah, von meiner Gestalt begeistert wurde, ob sie gleich in Natur nicht sonderlich begeisternd ist; und die listigen Kreaturen sprangen alle Mal mit einer solchen Wendung, dass eine aus dem Kreise ihr liebes ICH in dem Spiegel zu ihrer grossen Herzensfreude erblickte, worauf derjenige, der ihr diese Lust gemacht hatte, einen sanften Schlag mit ihrer rechten Brust empfieng, um sie alsdann mit einer zierlichen Grazie wieder uber die Achseln werfen zu konnen. Da war noch nicht Bewundernswurdiges genug. Ein Theil von diesen Meerkatzen bediente die Nymphen so ordentlich und regelmassig, als vernunftige Menschen nur hatten thun konnen. Sie reichten ihnen in Cocosschalen Erfrischungen, sie vertrieben die Fliegen von ihren Schonheiten, die vom Kopfe bis auf die Fusse mit einem rothlichen Safte ubertuncht waren, sie dienten statt der Pferde, wenn sie von einem Orte zum andern wollten, und wenn sie weiter nichts thaten, gierigen sie wenigstens auf den zween Hinterfussen neben ihnen mit sehr niedlichen Grimassen her. Ich wollte mich nicht vor dieser Gesellschaft voruber wagen, und gleichwohl konnten wir doch keinen Umweg nehmen, um sie zu vermeiden. Endlich fasste ich meine ZANINNY bey der Hand und gieng mit ihr auf sie zu. Man sah uns an, lachte und schwieg. Die Meerkatzen bedienten uns mit Cocussafte, und wir liessen uns hinter dem Kreise, ein jedes auf seine gewohnliche Art zu sitzen, nieder. Nicht lange wahrte es, als die Meerkatzen ihr Spiel um meine ZANINNY trieben: sie kehrten ihr den Spiegel so oft und so vielfaltig zu, dass das Madchen mit ihrem ganzen Gesichte in Freundlichkeit und Wohlgefallen zu zerfliessen schien. Was ist Dir denn, ZANINNY? fragte ich etliche Mal und schuttelte sie bey der Hand, als wenn ich sie aus dem Traume erwecken wollte, in welchem sie versenkt schien. Ich fragte noch einmal, und Bruderchen! plozlich sezte sie sich auf eine Meerkatze und trabte davon. Ich gerieth vor Schmerz und Schrecken ausser mir; ich lief ihr nach, ich rufte: umsonst! sie galopirte frisch hinweg und war mit in kurzer Zeit ganz aus den Augen. Ich wusste nicht, ob ich uber sie weinen oder zurnen sollte. Ich wollte vor Unwillen allen Meerkatzen ihre verdammten Spiegel ausreissen, die doch einzig daran schuld waren; ich seufzte und schmahte, ich achzte und tobte, warf mich auf den Boden und machte meiner Beklemmung durch einen Strom von Thranen Luft. Indem ich, vertieft in meinen Schmerz, dort liege, und die Augen aufschlage Bruderchen, so hat mich die ganze Gesellschaft umringt, und lacht! und lacht! dass einer jeden zwo Meerkatzen die Huften halten mussten. Ich lachte mit: Du weisst, Bruderchen, ein froliches Gesicht macht das meinige gleich zu seinem Gefahrten: ich musste lachen, ob ich gleich vor Schmerz halb verruckt war. Denkst Du wohl, Bruderchen? das brachte mich in ihre Gunst. Ich musste in der Mitte sitzen bleiben: die Meerkatzen lagerten sich hinter den Damen, und diese lachten uber jede Bewegung, jede Mine, die ich machte, uber meine Art zu sitzen, und machten sich uberhaupt auf meine Unkosten so lustig, turlepinirten mich bisweilen, um das Gelachter zu scharfen, stiessen, warfen mich, liessen ihre Meerkatzen auf mir herumspringen, um uber mich zu spotten, wenn mir eine einen losen Streich spielte: kurz, ich schien mir in meinen Augen eine erbarmenswurdige Figur, weil ich eine lacherliche abgeben musste.

Ja, Freund, unterbrach ihn Belphegor, Du hast Recht. Aber welch ein trauriger Beweis von der Neigung des Menschen zum Unterdrucken! Fromal, wenn Du es hortest, wurdest Du nicht sagen? wo der Mensch nicht mit ehernen Waffen, nicht in der That unterdruckt, da thut er es mit der Lunge, in der Einbildung, durch die Vorstellung sich so lange andre unter sich zu denken, als er uber sie lacht. Mensch! Mensch!

Ach, Bruderchen, die Erniedrigung war mein Gluck auf einige Zeit

BELPH. Daran zweifle ich gar nicht. Weisst du noch, was du mir einst sagtest? Gegen Kreaturen unter sich ist der Mensch gutig, gerecht, mitleidig, wenn sein Vortheil nicht in den Weg tritt, nur uber und neben sich ist ihm alles verhasst.

Medardus ubergieng diese Erinnerung mit einem errothenden Stillschweigen und fuhr in seiner Erzahlung mit dem Tone fort, wie ein Mensch, der sich bey einer Satyre getroffen fuhlt. Ja, Bruderchen, sie war mein Gluck, sagte er. Sie luden mich durch ihre Winke ein, ihnen zu folgen; weil ich fur meinen Appetit dabey zu gewinnen hofte, nahm ich die Einladung ohne Bedenken an: die ganze Gesellschaft ritt mit sittsamen Ernste auf ihren grossen Meerkatzen fort, und ich hatte die Ehre ihnen zu Fusse nachzuspatzieren.

Nach unsrer Ankunft in eine Hutte von Baumasten wurde die Tafel von Meerkatzen besetzt, die in dieser Gegend alle hausliche und galante Verrichtungen unter Handen haben, und sehr fruhzeitig dazu abgerichtet werden. Sie lernen ihre Wissenschaften so schnell, dass in einem Jahre eine Meerkatze den hochsten Grad ihrer Vollkommenheit erreicht. Siehst Du, Bruderchen? es wurde viel aufgetragen, von wenigem gegessen, und nichts fullte nur eine Viertelelle Hunger in meinem Magen aus. Man spielte nur mit dem Essen; und ich hatte Lust, im volligen Ernste damit zu verfahren. Man lachte abermals uber mich; und da man sich uberdrussig gelacht hatte, sahe man mich mit keinem Blicke mehr an. Ich wurde aus der Hutte verwiesen, musste eine ziemliche Strecke von dem Schlafgemache meiner Gonnerinnen in einer kleinen Kabane schlafen und mich mit Seilen von Bast fest anbinden lassen; vermuthlich damit sie ungestort und sicher fur meinen nachtlichen Ueberfallen schlafen konnen, dachte ich: aber es musste wohl nur eine Cerimonie seyn; denn mit jeder Viertelstunde bekam ich von einer meiner uberfirnissten Damen einen Besuch, der mich keine Minute ruhig schlummern liess, so sehr meine ermudeten Lebensgeister der Erhohlung bedurften. Ich ward ungeduldig, riss mich von meinen Banden los, ergriff die Muthwillige, die mich eben beunruhigte, um sie aus meinem Schlafgemache hinauszuwerfen: sie schrie Gewalt, und aus ihren angstlichen Geberden konnte ich schliessen, dass sie ihren herbeyeilenden Schwestern meine That als einen Anfall auf ihre Tugend abmalen mochte, ob sie gleich vorher mehrere auf die meinige gethan hatte. Sie schrieen, larmten und tobten alle, steinigten mich, hezten ein ganzes Regiment Meerkatzen auf mich los, die mich mit ihren Tatzen elendiglich zerkratzten. Ich ertrug mein Schicksal mit Geduld; aber den Tag darauf wurde ich ausgelacht! Bruderchen, ausgelacht, bis zur argsten Beschamung! Ich forschte nach meiner ZANINNY, ich lief allenthalben herum, sie aufzusuchen; ich fand sie nirgends: ich war untrostlich, doch wurde ich bald durch ein lacherliches Schauspiel wieder aufgemuntert. Die Meerkatzen haben das feinste Gefuhl der Ehre: Neid und Vorzugssucht beherrschen sie ganz. Tages vorher hatte einer das Gluck gehabt, dass uber seine Kapriolen der Zirkel am lautesten und haufigsten gelacht hatte:

alle ubrigen wurden neidisch und versengten ihm mit einem Feuerbrande im Schlafe seinen Spiegel auf dem Rucken: weil er aus einer harten fuhllosen Haut besteht, so wird er es nicht eher inne, bis der Brand die Hinterkeulen schon zu verwusten anfangt. Das arme Geschopf hinkte traurig herum und musste mit seinen Schmerzen der Gesellschaft oben drein zur Kurzweile dienen, die sich in ein ausgeschuttetes Gelachter uber seinen Zustand ergoss, das zunahm, je mehr seine Kameraden ihn neckten und qualten. Die ganze Erklarung des Vorfalles theilte mir eine von den rothen Nymphen durch ihre kunstliche Geberdensprache mit: denn sie waren insgesamt geborne Pantomimenspielerinnen und sprachen deswegen selten anders als durch Minen und Gestikulationen. Durch eben diesen Weg erhielt ich auch die Eroffnung, dass in diesem Distrikte nichts als lauter Frauenzimmer mit ihren bedienenden und zeitverkurzenden Meerkatzen wohnten, und dass sie bey andern Bedurfnissen der Natur ihre Manner aus einem nahgelegnen Gebirge zu sich beriefen, die dort das Land fur ihren beyderseitigen Unterhalt bauen und Schminke fur die Korper ihrer Damen sammeln mussten. Lange konnte ich in dem Lande nicht mehr ausdauern; unter lauter Meerkatzen bekommt man leicht Langeweile; auch ICH wurde den schonen Bewohnerinnen des Landes beschwerlich, weil ihnen alles so alltaglich an mir geworden war, dass sie nicht mehr uber mich lachen konnten. Der ganze Himmelsstrich war mir verhasst, weil er meine geliebte ZANINNY ohne mich besass: ich nahm meinen Abschied, und diejenige Dame, die ich in der ersten Nacht zu einem Geschrey genothigt hatte, und die mir seitdem gewogner als alle andre war, gab mir mit dem langen Nagel ihres Daumens, die sie dort zu der ansehnlichsten Grosse anwachsen lassen, zum Andenken ihrer Gewogenheit einen Schnitt auf den rechten Backen, wovon du noch bis itzt die Narbe siehst. Alle Mannspersonen mussten sich in dieser weiblichen Republik mit einem solchen Schnitte zeichnen lassen, zum Beweise, dass sie diejenige Schone, von welcher sie ihn empfiengen, als Sklaven unter sich gebracht hat; und wenn man der Meerkatzen uberdrussig ist, so ist es die einzige Zeitverkurzung unter ihnen, einander die Schnitte vorzuzahlen, mit welchen eine jede ihre vermeinten Sklaven gebrandmahlt hat. Ich begab mich auf den Weg und wandelte langsam mit trauriger Beklemmung von dem Orte, wo ich meine beste ZANINNY zuruckliess. Doch, dachte ich, wer weiss, wozu dies gut ist, dass du sie verlieren musstest? Vielleicht ach, wer kann sich alles Bose denken, dem ich dadurch entkommen bin, und alles Gute, das ich moglicher Weise dadurch erlangen kann? Wer weiss, wozu es gut ist? Mit diesem Gedanken beruhigte ich mich auf meinem Marsche und kam mit ihnen zu den EMUNKIS, einem elenden Volke, das unter dem abscheulichsten Regimente lebte. Ihr Herr war der geilste, geizigste, grausamste Tyrann der Erde. Meine Ankunft fiel auf einen Tag, wo alles in der grossten Feierlichkeit war. Der neue Despot hatte den Thron bestiegen und nach dem dasigen Staatsrechte seinen ubrigen zwey und siebzig Brudern goldne Stricke zugeschickt, an welchen sich ein jeder mit eigner Hand aufhangen musste: das ganze Volk lief einer Gallerie zu, wo sie alle nach der Rangordnung des Alters an ihren goldnen Stricken schwebten, und der tumme Pobel frolockte uber diese ersten Opfer, die der Despot seiner Tyranney gebracht hatte. Ich habe mich lange Zeit an seinem Hofe aufgehalten, und ihm muss ich mein Konigreich NIEMEAMAYE verdanken. Medardus seufzte ein wenig bey dieser Stelle und fuhr sogleich wieder fort. Der dicke Gotze sass unaufhorlich in einer dichten Wolke von Wohlgeruchen, die ihm alle Sinne so sehr benebelten, dass er nie zu sich selbst kam: unaufhorlich musste ein Haufen Gold und eine von seinen Weibern zu seinen Fussen liegen. Seine Leibwache bestand bloss aus Weibern, die nie eine mannliche Seele zu ihm liessen: die hochsten Stellen des Landes waren zwar mit Mannern besetzt, allein die obersten Befehlshaberinnen der Leibwache hatten in allen Rathsversammlungen die ausschlagenden Stimmen, und jene mussten nur vortragen und vollstrecken, was diese geboten. Alle Madchen von den ersten Augenblicken des Lebens waren im ganzen Reiche seine Leibeignen: die Vornehmern und Reichern hatten sich des Rechts bemachtigt, seine Leibwache auszumachen, und die Gemeinen oder Armen wurden in sein Serail nach dem Maasse ihrer Schonheit gewahlt, und die Hasslichen im Namen des Konigs an die Liebhaber offentlich verkauft. Der Despot hatte eine so unsinnige Liebe zum Golde, dass er nicht schlafen konnte, wenn nicht einige Haufen neben seinem Lager aufgeschuttet lagen.

Also war er dein Lehrmeister? unterbrach ihn Belphegor etwas bitter.

Der gute Medardus erschrak: er wollte seine Erzahlung fortsetzen, und die Bitterkeit der Frage nicht zu fuhlen scheinen; allein Belphegor fasste ihn starker und liess ihn nicht durchwischen. Er malte ihm mit den frischesten Pinselzugen, doch mit etwas Galle vermischt, den Neid und die Unterdruckung vor, die er, als der sonst treuherzige wohldenkende Medardus, als Beherrscher von NIEMEAMAYE gegen seine Nachbarn und Unterthanen ausgeubt hatte. Dem Monarchen wurde bange; er rausperte sich, er ruckte sich auf seinem Sitze hin und wieder, er wusste nicht, ob und was er reden sollte, bald schien er sich entschuldigen, bald anklagen zu wollen, wahrend dessen sein Moralist unaufhorlich fortfuhr, mit aller Starke seiner Beredsamkeit sein eingeschlafertes gutes Herz aufzuwecken. Bruderchen, sprach er endlich, ich bitte Dich, schweig! Du machst mir so banglich ums Herze, dass ich heute noch lieber zu einem Glase frischen Apfelwein mit Dir zuruckgehn, als hier eine Minute langer befehlen mochte. Du ubertreibst!

Nicht Einen Strich in dem Gemalde ubertreibe ich, antwortete Belphegor, und liess den Strom seiner Gesezpredigt von neuem hervorbrechen.

Was bist Du denn besser? schloss Belphegor; worinne besser als der wilde Despot, an dessen Hofe du deinen Geiz lerntest? Weniger grausam, aber der namliche Unterdrucker.

Sein Freund fiel ihm um den Hals, erbot sich alles gesammelte Gold unter seine Nachbarn auszutheilen, allen seinen Sklaven das Ihrige wieder zu erstatten, wie der geringste unter ihnen zu leben, seine ganze Macht niederzulegen, mit ihm zu einem Kruge Apfelwein zuruckzuwandern und so viel Gutes zu thun, als er konnte. Belphegor war mit seiner Reue zufrieden und fragte ihn, um ihre Aufrichtigkeit zu versuchen, welchen Tag er alle diese Versprechungen erfullen wurde. Er stuzte ein wenig uber die Frage, doch setzte er lebhaft hinzu:

Morgendes Tages! Belphegor nahm seine Hand darauf an und brach die Materie ab, doch sein Freund kehrte oft zu ihr wieder zuruck. Bruderchen, sagte er, es ist ein verzweifelt schweres Ding, allein Herr von seinem Willen zu seyn und lauter Gutes zu thun. Sonst, wenn ich einem armen durstigen Manne einen Trunk Apfelwein reichte, wunschte ich immer: o wer dich doch auf einen Thron setzte, dass du die Leute glucklicher machen konntest! Jammerlich ist doch die Armuth, dass man nicht mehr fur den armen Nebenmenschen thun kann, als ihm hochstens auf ein Paar Minuten den Durst loschen oder den Hunger stillen! wenn ich reich, wenn ich machtig ware kein Mensch auf Gottes Erdboden, so weit nur mein Auge reichte, sollte mir Zeitlebens hungern oder dursten. Bruderchen, ich hab es erfahren. Ich habe sonst mit meinem Kruge Apfelwein Mehrern Gutes gethan, als itzt mit meinem Golde. Das bose Menschenherz! Fromal sagte mir wohl, ich sollte nicht schworen, ich wurde einen Meineid begehn; ich habe ihn begangen. Aber, Bruderchen, nicht ein Tropfchen Menschenblut klebt an meinem Gewissen. Siehst Du? ich fand an dem gelben Unrathe so vielen Gefallen, ich wollte gern viel und immer mehr haben, ich nahm es, wo es zu bekommen war: ich habe doch wenigstens niemanden Leides gethan. Wenn man so bloss sich selbst, seine Begierden und seine Macht zu Rathe zu ziehn braucht, da lasst man leicht die Zugel schiessen: doch Du, Belphegor, Du sollst in Zukunft mein einziger Rath-geber seyn.

Belphegor fand bey dieser Erklarung fur seine moralisirende Laune eine herrliche Aussicht und nahm deswegen den Vorschlag zur Mitregentschaft mit Freuden an; und seit diesem Augenblicke theilten sie Macht und Ansehn mit einander.

Den ersten und zweyten Tag that Belphegor ernstliche Erinnerungen wegen der versprochnen Wiedererstattung, und es fanden sich tausend Entschuldigungen und Verhinderungen: Belphegor drang alsdann weniger ernstlich, seltner und endlich gar nicht mehr darauf; tadelte alle getroffne Anstalten als unbillig, unfreundlich, unterdruckend, und behielt sie bey: es blieb alles, wie es war, und statt dass sonst alles Gold aufgehauft wurde, liess er etwas mehr von den gesammelten Schatzen in den Umlauf kommen, damit das Volk wieder die Ingredienzen zu zwo Mahlzeiten kaufen konnte. Unter seinen Leidenschaften war die Liebe zum Golde schwacher als bey seinem Mitregenten: er war freygebig und ermahnte auch diesen es zu seyn: aber desto heftiger war sein Ehrgeiz: allmahlich vermehrte er die Ehrenbezeugungen, die er von seinem Volke foderte, und wenn er nicht reich zu seyn wunschte, so wollte er angebetet seyn, ohne zu fuhlen, dass es auch eine Unterdruckung giebt, die dem Menschen seine Wurde nimmt und ihn zum kriechenden Sklaven macht. Genug, der weise Moralist wurde zum Unterdrucker, hasste und liebte die Menschen nach ihrer grossern oder geringern Kunst zu schmeicheln und sich zu demuthigen, der Kriechendste, der Hingeworfenste war ihm der Beste, und man musste kriechen oder leiden eine Alternative, die dem volligen Zwange gleich ist!

Inzwischen waren die benachbarten EMUNKIS von ihrer Sklaverey so ubermassig niedergedruckt worden, dass ihr betaubtes Gefuhl rege wurde; sie empfanden, dass sie Menschen waren, sturzten ihren Tyrannen von dem Throne, ermordeten die Leibwache, die bisher den Meister gespielt hatte, wie vorhin der Konig von NIEMEAMAYE erzahlte, und da Faktionen unter ihnen entstunden, vertrieb eine die andre, welche itzt mit dem wutendsten Ungestume in das Reich einbrachen, dessen Herrschaft Belphegor und Medardus theilten. Der Sturm drang mit einer unglaublichen Schnelligkeit bis zur Hauptstadt, alles gerieth in Verwirrung und Unordnung, man setzte sich zur Gegenwehr, und niemand wusste, warum man angegriffen wurde. Die beyden Regenten, die nicht sonderlich kriegerischen Muth besassen, hielten es fur das heilsamste, sich mit der Flucht dem Ungewitter zu entziehn. Belphegor versorgte alle Taschen von dem aufgehauften Golde und entkam glucklich: doch Medardus, der sich zu reichlich damit versehen wollte, zauderte so lange bis die Burg umringt wurde, die die aufgebrachten Vertriebnen einnahmen, plunderten und ansteckten.

Belphegor entkam wohl, aber der Sturm folgte ihm nach. Seine vorigen Unterthanen, die NIEMEAMAYEN, waren von den EMUNKIS vertrieben, jene brauchten einen andern Platz, sie vertrieben die nachsten Volker, deren sie machtig werden konnten, und man vertrieb und ward vertrieben, so lange bis zwey Volker vernunftig genug waren, sich unter Einem Himmel neben einander in Friede zu vertragen.

Von dem Tumulte wurde Belphegor mit fortgerissen, machte sich aber glucklich davon loss, und nahm seinen Weg allein nach Aegypten, wo er bey einem europaischen Kaufmanne sein rohes Gold in Geld umsetzte und sich sehr in seine Gunst empfahl, weil er sich nach seinem Verlangen nur die Halfte des Werthes dafur bezahlen liess. Er versprach ihm fur hofliche Worte und einen massigen Vortheil seinen Schutz und seine Gesellschaft, in welcher er nach Asien ubergieng. Weil der Werth seines Goldes nicht lange mehr aushalten zu wollen schien, so bot er seinem Beschutzer seine Dienste an, der sie nicht ausschlug und ihm in kurzer Zeit einen Auftrag nach Persien gab, wo er gewisse Handlungsgeschafte fur ihn besorgen sollte.

Seine Reise gieng glucklich und ohne widrige Zufalle von statten bis zu seiner Annaherung an die persischen Granzen. Bey der Gesellschaft, mit welcher er reiste, befanden sich einige Aliden,10 die zu jeder Zeit des Tags, wenn es die Gesetze ihrer Religion foderten, seitwarts giengen, um ihr Gebet einsam zu verrichten. Belphegor ward von der Innbrunst, mit welcher er sie es verrichten sah, wenn er sie belauschte, so entzuckt, dass er nur eine Ueberredung und ein Messer brauchte, um sich auf der Stelle beschneiden zu lassen und ein Junger des Mahomed und Ali zu werden. Er gewann die Leute lieb, unterredete sich oft mit ihnen uber ihren Glauben und bewies ihnen sehr viel Gute, welche sie ihm reichlich erwiederten. Die Freundschaft war geknupft, und er ersuchte sie sogar, ihn einen Zeugen ihres Gebets seyn zu lassen, welches sie ihm bewilligten: doch bediente er sich dieser Erlaubniss mit vieler Bescheidenheit, und nie gebrauchte er sie, ohne dass das Feuer ihrer Andacht ihn zu einem Kniefalle und zur Vereinigung seiner Innbrunst mit der ihrigen hinriss. Aber warum nennt man nur diese Leute Unglaubige? dachte er oft bey sich selbst; sie, die mit den feurigsten Regungen Gott verehren, deren ein Christ nicht fahiger seyn kann? Kann ein Herz, das zu einer so ruhrenden Erhebung von seinem Schopfer begeistert wird, das Herz eines Unglaubigen seyn? Mag er doch den MAHOMED, den ALI oder ABUBECKER fur grosse Menschen halten, mag er sich doch ein Stuckchen von seinem Fleische verschneiden lassen, mag er doch nach Mekka oder nach Bagdad sein Gesicht bey dem Gebete kehren: wenn sein Herz nur zu Gott gekehrt ist, gilt jenes nicht alles gleich? O dass doch die Menschen keine Gelegenheit entwischen liessen, sich zu entzweyen, sich zu trennen, sich zu hassen, zu verfolgen, sich zu schlagen, wurgen, morden! Ja, Fromal, Recht hattest du: die Menschen vereinigten sich, um sich zu trennen. Konnten sie nicht alle in stiller Eintracht auf diesem weiten Erdenkreise sich niederwerfen und das ewige Wesen mit der vollen starken Empfindung anbeten, die es verdient? Konnten sie die Welt nicht einen allgemeinen friedsamen Tempel seyn lassen, wo Millionen Menschen, Nationen und Volker in unubersehlicher Weite mit vereintem Gefuhle ihren Dank zu dem Allgutigen emporsandten, der sie fahig machte, ihm zu danken? Konnte es nicht dem einen gleichgultig seyn, ob sein Nachbar das Gesicht nach Osten oder Westen kehrte, ob er sich im Staube walzte oder auf den Knieen lag, sich dabey die Haut blutig rizte oder das schonste Festkleid anzog, die Hande erhub oder senkte, ein flammendes Opfer zu seiner Andacht hinzuthat, oder sein Herz nur flammen liess? Und sollte es nicht vielleicht dem Schopfer und also auch dem Menschen gleichgultig seyn mussen, ob der Hochste, der Grosste, dessen Begriff unser Gedanke doch niemals umfasst, in dem Wurme, dem Stier, der rohen Misgeburt, der ungebildeten Phantasie, im Stein, Holze, Metall oder in der blossen Idee, als Tien, Jehovah, Jupiter angebetet wird? Sollte dies nicht vielleicht seyn? Wenn so viele Tausende durch einen unvermeidlichen Zusammenhang von Ursachen unter die Stufe der Erleuchtung, der Aufklarung des Verstandes hinabgestossen werden, sollte der Ewige ihre Empfindung verschmahen, die sie ihm in einem Bilde opfern, das ihre schwache Vernunft und wilde Phantasie nicht anders zu schaffen vermochten? Sollte er sie darum verschmahn, weil er sie durch eine Reihe von Begebenheiten zu tumm bleiben oder werden liess, um sich zu den Begriffen eines christlichen Philosophen zu erheben? Im Grunde, bey genauerer Untersuchung war es nicht der Peruaner aus eigner Wahl, der seinen Schopfer in der Sonne fand und das Blut seiner eignen Kinder zu ihr empor dampfen liess, nicht der Mexikaner, der sich an dem geopferten Fleische seiner Feinde labte nein, eine lange Reihe von nicht selbst gewahlten Ursachen gaben den Erkenntnisskraften dieser Volker eine solche Wendung, drangen ihnen solche Ideen in einem solchen Lichte auf, dass sie sich ihren Gott so und nicht anders, seine Verehrung so und nicht anders denken konnten: ihre Begriffe vom Guten und Bosen, von Recht und Billigkeit bildete das Schicksal, nicht SIE. Sie deswegen strafen, weil ihr Geist zu schwach war, sich durch aufgedrungne Irrthumer hindurchzuarbeiten, hiesse das nicht einen Menschen mit Stricken und Fesseln allmahlich auf den Boden niederziehn und ihn zuchtigen, dass er nicht gerade steht? Hiesse das nicht einen Bucklichen peitschen, weil er seine verwachsne Brust nicht gerade ausdehnt? Und gleichwohl unterstanden sich es Sterbliche, dem Richter der Welt dies Verfahren zuzuschreiben, ja sogar es an der Stelle des Richters der Welt zu thun! Gewiss, die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen, um zu kriegen, und weil es ihrem Neide und ihrer Vorzugssucht an hinlanglichen Platze fehlte, so peitschen sie sich auch herum, weil der Zufall in dem Kopfe des einen die Ideen anders geordnet hatte, als in dem Gehirne des andern: o Unsinn! und oft zankte man sich oben drein nur deswegen, weil der eine etwas weniger einfaltiges glaubte als der andre. Eine Sekte, wo die dogmatische Sucht kein Herze nagt und seinen Leidenschaften zum Lanzentrager dient wo ist eine solche, sie ist mir willkommen! sie ist mir die beste! Freund, rief er dem Aliden zu, der sich eben naherte, Freund! wenn alle Junger des Ali mit solcher Inbrunst beten wie Du, so werde ich noch heute ihr Bruder! Wenn sie sich selbst so lieben, wie ihren Gott, so schneide mir ein Stuck Haut ab, ritze mir die Backen, bade mich, oder mache eine Cerimonie, wie du willst, um mich zu deiner Sekte einzuweihen, oder mich zu zeichnen, dass ich zu ihr gehore! genug, ich will der Genosse deines Bekenntnisses seyn und unter Menschen leben, die sich weniger hassen als andre: denn dass sie sich mehr lieben sollten, das fodre ich von Menschen nicht.

Der Alide erstaunte uber den Eifer, mit welchem er diese Anrede hielt, und war im Begriffe, ihm seine Freude daruber auszudrucken, als eine Stimme aus dem Gestrauche hervorbrullte: Du Verworfner, der du die heilige SONNA11 verachtest, und den kriegerischen Ali uber den erhabnen Abubecker setzest, stirb von meinen Handen, Unglaubiger! Sogleich durchrennte ein hervorsturzender Mann schaumend mit einem Spiesse den betaubten erschrocknen Aliden, dass er leblos auf den Fleck niedersank, den kurz vorher sein Knie in dem Feuer seines Gebetes gedruckt hatte. Blut! setzte der Morder hinzu, gottloses Blut! fliesse zur Ehre des grossen Propheten und seiner rechtmassigen Nachfolger!

Belphegor war von Schrecken und Erstaunen einige Zeit uberwaltigt, doch bald kehrte sein Muth und seine Fassung zuruck, und er sprang auf, den Tod seines Gefehrten zu rachen: allein er war ohne Waffen, und sein Gegner verwundete ihn mit der namlichen Wuth, womit er jenen durchbohrt hatte; doch nicht todtlich. Als Belphegor von dem Stosse niedergesturzt war und in der Ohnmacht von dem Sonniten fur todt gehalten wurde, so begab sich dieser hinweg, nachdem er vorher in einem lauten Gebete dem grossen Propheten und seinem Nachfolger Abubecker zu Gemuthe fuhrte, was fur eine wichtige Verbindlichkeit er ihnen durch die Ermordung dieser beiden Unglaubigen auferlegt, und was fur einen vorzuglichen Anspruch er sich auf die schonste Huri des Paradieses erworben habe. Sein Religionseifer war gesattigt, und nach einer so verdienstlichen Handlung gieng er an seine Berufsarbeit zuruck und plunderte mit seinen Gesellen die Karavane, zu welcher Belphegor gehorte: denn er war ein Rauber vom Handwerke.

Belphegor lag ohne Besonnenheit in seinem Blute und erwachte nur, um seine Entkraftung zu fuhlen: er sah sich um, er rief, so stark er vermochte; alle menschliche Hulfe war von ihm fern. In einem so trostlosen Zustande war Geduld das einzige Uebrige, ihm die Erschopfung seiner Lebensgeister zu erleichtern; Er war vor Mattigkeit in einen Schlummer verfallen, aus welchem ihn der Ruf einer Stimme erweckte. Er schlug die Augen auf und wurde einen Mann gewahr, der ihn arabisch anredete. So wenig er auch von der Sprache wusste, so konnte er doch seine Begebenheit und sein Verlangen nach Hulfe darinne ausdrucken. Der Araber machte sogleich die grossmuthige Anstalt ihn fortzuschaffen, und liess ihn auf ein Kameel laden, dass er kurz vorher nebst etlichen andern einer reisenden Karavane abgenommen hatte, wobey er seinen Leuten den Befehl gab, den Verwundeten in sein Schloss zu bringen und bis zu seiner Ankunft gehorig zu pflegen. Der Mitleidige war, wie man leicht merkt, gleichfalls ein Rauber von Profession, kam in einigen Wochen auf sein Schloss zuruck und fand Belphegorn von seinen Wunden geheilt. Er war so edelmuthig, jeden Dank von sich abzulehnen, und bot ihm Wohnung und Tafel auf so lange Zeit an, als ihm beliebte. Belphegor wurde von Dankbarkeit uber eine solche Begegnung um so viel lebhafter geruhrt, weil die uble Behandlung, die er bisher von den Menschen in verschiedenen Welttheilen erdulden musste, das menschliche Geschlecht in seinen Augen so erniedrigt hatte, dass er eine solche Denkungsart von einem Mitgliede desselben gar nicht mehr erwartete. Der Rauber schenkte ihm eins von den schonen Kleidern, die er mit seiner lezten Beute erobert hatte, gab ihm verschiedene andre Kostbarkeiten und liess ihm nicht die mindeste Bequemlichkeit mangeln.

Belphegor wurde durch diesen freygebigen Rauber mit dem Menschen um vieles wieder ausgesohnt: nur blieb es ihm ein unauflosliches Razel, das oft sein Nachsinnen beschaftigte, wie man so vortreflich und so schlecht zu gleicher Zeit handeln, zu gleicher Zeit so gutdenkend und ein Rauber seyn konne. Da er keine befriedigende Erklarung dieses Phanomens zu finden im Stande war, so wandte er sich an seinen Wohlthater selbst und legte ihm die grosse Frage vor, deren Beantwortung ihm so schwer fiel. Der Araber war ungemein erstaunt, dass er so fragen konnte, und versicherte, dass er nicht begreife, warum jene beiden Dinge nicht beysammen seyn sollten, da das eine sowohl wie das andre, eine gute wohlanstandige Sache ware. Gastfrey, sagte er, sind meine Voreltern vom Anfange her gewesen: der Mensch war in ihren Mauren ihr geheiligter, unverletzlicher Freund, und ausser denselben jederzeit ihr Feind. Der weise ALLAH12 theilte seine Guter unter seine Kinder aus; wer keine Portion davon bekam, muss sie sich verschaffen, oder darben. Ich wage mein Leben, um eine zu erhalten: mein Gegner wage das seinige, um seine zu behalten: wohlan! der Tapferste ist der Besitzer. Der Elende, der Arme, der Kranke, der sich nicht in den Streit mengen und Wohlseyn und Bequemlichkeit erkampfen kann, muss der Sklave des Machtigern seyn, oder von seinen Wohlthaten leben. Jeder rechtschaffne Araber hatte Dich in sein Haus, wie in eine Freystatte aufgenommen, weil Du ihrer bedurftest; Du warst zu elend, mein Sklave zu seyn: ich musste also dein Wohlthater werden; und so lange Du in meinem Bezirke wohnst, hore ich nie auf, dies zu seyn: Du bist der Sohn meiner Familie.

Aber ausser demselben dein Gegner, unterbrach ihn Belphegor, den Du plunderst, oder zum Sklaven erniedrigst?

Nicht anders! Ich und meine Familie sind zu Einem Korper vereinigt: was nicht mit diesem Bande an mich geknupft wird, ist Feind. Denkt ihr unter euerm Himmel anders?

"Allerdings! Ungestort geniesst jeder den Antheil von Gluck, den ihm der Zufall zuwarf: Gesetze und Henker sind seine Wachter. "

Und Niemand raubt dem andern einen Pfennig? Einer darbt, wenn der andre sich futtert, ohne sich mit seinen Fausten etwas zu erkampfen?

"Nein, wir kampfen nicht mit Fausten, sondern leider! mit unserm Verstande wir betriegen.

Betriegen? Elende feige Kreaturen! der listigste Haufe hat bey Euch also das Obergewicht? Fi! "

"Der Machtige, der Grosse geniesst seinen Ueberfluss sorgenlos; denn er ist auf allen Seiten verschanzt: der Arme geniesst das Brod seines Schweisses eben so ruhig; Mangel schutzt ihn wieder Bevortheilung: der ganze ubrige Haufe ist im Krieg verwickelt, und der Hinterlistigste ist der glucklichste Sieger. "

Was fur jammerliche Kreaturen ihr seyd! die niedertrachtigsten Rauber des Erdbodens! Jede Beute ist bey uns der Preis der Tapferkeit, jede bey euch ein Denkmal einer niedrigen Seele. Trenne mein Haupt sogleich von meinen Schultern, wenn Ein Betrug darinne gebrutet worden ist! Was ich bin, wurde ich durch mich selbst, durch meinen Muth.

Belphegor war wahrhaftig am Ende seiner Disputirkunst, und der zuruckgebliebene Grad von Abneigung gegen den Menschen liess ihn auch keine sonderliche Muhe nehmen, etwas fur die polizierten Raubereyen zu sagen: er schwieg mit einem Seufzer und gab den Grundsatzen des Arabers Recht.

Eine so angenehme Ruhe storte nichts als der Einfall eines benachbarten Raubers in das Schloss, wo sie Belphegor genoss. Dieser Held hatte in Erfahrung gebracht, dass Belphegors Gonner bey dem letzten Meisterstreiche, den er spielte, zwo der herrlichsten cirkassischen Schonheiten in seine Gewalt bekommen hatte. Ein solcher Preis war es wohl werth, dass man sein Leben einmal daran wagte: die Liebe setzte seiner Tapferkeit den Sporn in die Seite, und er zog mit seiner ganzen Mannschaft aus, jene zwo Nymphen entweder in seine Hande zu bekommen, oder sie wenigstens ihrem gegenwartigen uberglucklichen Besitzer zu entreissen, sollte es auch durch den Tod geschehen mussen. Er ruckte an, uberraschte seinen Gegner, der sich nicht in der mindesten Bereitschaft befand und sich schon ergeben musste, ehe er sich zur Wehre stellen konnte. Der Feind begnugte sich, alle Oerter zu durchsuchen, wo er die verlangten Schatze vermuthete, und ward nicht wenig ungehalten, da ihm allenthalben sein Wunsch fehlschlug. Er erhielt zwar die Nachricht, dass der uberwundne Herr des Schlosses, den sein Alter uber die Begierden der Liebe schon ziemlich hinwegsetzte, die schonen Cirkassierinnen nach ihrer Erbeutung sogleich in Geld verwandelt habe: allein da er dies bey seiner jugendlichen Lebhaftigkeit nicht begreifen konnte, so erklarte er es schlechtweg fur eine Erdichtung, stellte seine Nachforschung noch etliche Mal an und fand jedesmal nichts. Um aber doch seinen Gang und seine hintergangne Hoffnung bezahlt zu machen, nahm er dem Ueberwundnen seine Sklaven und eine Auswahl von seinen besten Habseligkeiten mit sich hinweg, das Uebrige nebst dem Schlosse steckte er in Brand, und war so grossmuthig, und gab Belphegorn und seinem Wohlthater, weil er sie beyde zu nichts anzuwenden wusste, die Freyheit und vollige Erlaubniss, alles Gluck in der ganzen weiten Welt aufzusuchen.

Sie giengen beyde mit einander fort, und es war schwer zu unterscheiden, welcher von ihnen eigentlich den Verlust erlitten hatte. Sie nahmen ihren Weg nach der Landschaft DIARBEK und fanden sie bey ihrem ersten Eintritte mit Emporung und Blute uberschwemmt. Kaum hatten sie ein Dorf erreicht, als sie schon mit dem Schwerdte in der Hand auf ihr Gewissen befragt wurden, ob sie sich zu DUBORS oder MISNARS, oder ABIMALS, oder AHUBALS, oder des Sultans AMURAT Parthey hielten. Zu derjenigen, die das meiste Recht fur sich hat, oder lieber zu keiner, antwortete Belphegor. Ich kenne weder Amuraten, noch Duborn, noch die du mir nennst; es herrsche uber Diarbek, wer kann oder will! Da ein Turke keine andre als lakonische positive Antwort annimmt, so wurde die Frage noch einmal und zwar peremtorisch gethan, und um ihn zu einer bestimmten Antwort desto schneller anzutreiben, schwangen die Examinanten ihre Sabel uber ihren Kopfen und hielten sich zum Hiebe bereit. Jede entscheidende Antwort konnte ihnen den Tod bringen, und jede Verzogerung brachte ihn gewiss: sie wahlten blindlings ihre Parthey und trafen glucklicher Weise diejenige, zu welcher die Fragenden sich bekannten. Diese vortheilhafte Wahl errettete sie vom Untergange: man liess ihnen die Freyheit, in DIARBEK zu existiren, und bekummerte sich weiter nicht um sie. Bey dem Fortgange ihrer Reise geschah ihnen von Zeit zu Zeit die namliche Anfrage, und der Zufall, auch zuweilen List half ihnen jedesmal aus der Gefahr! Um sich ihr aber nicht langer auszusetzen, beschlossen sie ein Land mit dem ehesten zu verlassen, wo die Neutralitat schlechterdings unerlaubt war. An den Granzen erfuhren sie, dass MISNAR alle seine Nebenbuhler besieget, ermordet und sich auf drey Wochen die Herrschaft uber Diarbek errungen hatte, nach deren Verlaufe der Sultan Amurat fur gut befand, ihn vom Throne heruntertreiben und stranguliren zu lassen, nebst allen denjenigen, die die kurze Gnade seiner Regierung erhoben hatte.

Siebentes Buch

Einem Blutbade entgiengen sie, um in ein andres zu gerathen: bey dem ersten Schritte, den sie auf persischen Boden setzten, kamen ihnen schon blutige Strome entgegen: je weiter sie ihr Weg fuhrte, desto mehr hauften sich die Spuren des Mordes und der Grausamkeit, und zuletzt gelangten sie an einen grasslichen Wahlplatz, wo Schaaren uber einander gesturzter Leichname in grasslichen Haufen, mit getodteten Kameelen und Maulthieren vermischt, lagen. Belphegor fuhr mit Entsetzen vor dem schrecklichen Anblicke zuruck, und sein Gefahrte zitterte eben so sehr vor Furcht und Grauen, und beyde standen lange in einem stummen Erstaunen.

Bald aber machte die Furcht der Neubegierde Platz: sie verlangten ausserordentlich, die Ursache zu wissen, die Menschen zu einem so unmenschlichen Todtschlage berechtigt haben konnte: demungeachtet zog sie die Besorgniss, in die namlichen unbarmherzigen Hande zu verfallen, bey jedem Tritte zuruck. Sie fassten aber dennoch Muth, setzten ihre Wanderschaft fort und fanden hin und wieder halblebende Todte, aber nirgends einen vollig Lebendigen. Was soll das? rief Belphegor. Sind das Anstalten, die menschliche Gattung in diesen Gegenden auszurotten? Eine so ausgesuchte Begierde hat doch keiner der beruhmtesten Tollkopfe noch gehabt. Wohlan, Freund! wir wollen weiter dringen! Werden wir unter dem allgemeinen Ruine begraben, was schadets? Wir athmen die verpestete Luft dieses Erdkreises nicht mehr, deren kleinstes Theilchen durch den Hauch eines Unmenschen entweiht, durch die Lunge eines Barbaren gegangen ist. Gewinn ist ein solcher Verlust.

Sie setzten ihren Weg noch einige Tage fort und trafen nichts mehr als die vorhergehenden Gegenstande an Beweise der Unmenschlichkeit genug, aber keinen Menschen. Endlich wurden sie gewahr, dass die Einwohner aus den Dorfern nur gefluchtet waren und einzeln mit bedachtlicher Schuchternheit aus den Waldern zu ihren Wohnungen zuruckkamen. Sie forschten so lange bis sie erfuhren, dass vor einigen Tagen eine schone Europaerinn in dem Harem des grossen Koniges von Persien gefuhrt worden sey: eine Karavane von Reisenden war dem Zuge begegnet, und da sie ungluckseliger Weise ihm nicht ausweichen konnte, so hatten sich die Evnuchen einen Weg mit dem Schwerdte durch sie gebahnt. Das namliche Schicksal betraf alle, die die Unvorsichtigkeit oder das Ungluck hatten, sich auf dem Wege finden zu lassen: der klugere Theil war aus den Wohnungen, die an der Strasse lagen, gefluchtet, um nicht durch einen unbedachtsamen Blick auf eine verschleierte Schonheit das Leben zu verwirken.

Belphegor hatte gern dem grossen Sohne des Himmels fur diese Barbarey den Kopf abgeschlagen, wenn er bey der Hand gewesen ware, und machte verschiedene Anmerkungen in seinem Tone daruber, die bey andern, als sklavischen erstorbnen Gemuthern, einen formlichen Aufruhr veranlasst hatten. Wenn es aber gleich nicht diese Wirkung that, so fuhlten doch seine Zuhorer einen gewissen Schwung in seiner Denkungsart und seiner Beredsamkeit, welcher sie dunkel uberredete, dass er keiner vom gemeinen Haufen, sondern ein Weiser seyn musse, weswegen sie ihm riethen, die Bekanntschaft eines gewissen Derwisches zu machen, der in einer volligen Einsamkeit lebte und ihnen unter dem Namen des Derwisches in den Bergen bekannt sey. Sie setzten hinzu, jedermann, der ihn gesprochen, sey voller Bewundrung und Ehrfurcht zuruckgekommen und habe versichert, dass sein Mund von einem unerschopflichen Strome von Weisheit und heilsamen Lehren uberfliesse.

Eine solche Nachricht war fur Belphegors Begierde ein Sporn: kaum konnte er sie endigen lassen, als er um einen Wegweiser bat, der ihn zu dem glucklichen Orte fuhren sollte, wo er einen Menschen zu finden hoffte. Sein Gefahrte, dessen Durst nach Weisheit nicht so heftig brannte, warnte ihn sehr eifrig, sein Leben und das wenige gerettete Geld nicht der Treulosigkeit dieser Bosewichter anzuvertrauen, die ihn in unwegsame Gebirge fuhren und in den ersten Abgrund sturzen wurden. So sehr er ihm mit seiner arabischen Beredsamkeit zusetzte, und so stark er seine Warnung mit Grunden unterstutzte, so blieb doch Belphegor in seinem Vorsatze unbeweglich: eben so unbeweglich blieb auch der Araber in dem seinigen, und trennte sich von seinem Gefahrten, um wieder in sein Vaterland zuruckzukehren, wo man nach seiner Meinung viel edelmuthiger stiehlt und raubt als irgendwo.

Belphegor kletterte nebst seinem Wegweiser mit seinem gewohnlichen Ungestume uber Felsenspitzen, steinichte unsichre Wege, schlupfrige hervorragende Stucken Stein, wo ein einziger Fehltritt in unabsehbare Tiefen sturzte, wo den herabfallenden Millionen hervorstehende Spitzen erwarteten, um ihn zu zermalmen, durch stechendes Gestrauch von Wacholdern, die einen kleinen verschlungnen Wald bildeten, uber Wasserfalle, uber Schnee, Eis und fast durch die Wolken, um zu dem Derwische der Berge zu gelangen. Nachdem sie drey Tage mit dem hochstmuhsamen Wege gekampft hatten, so wurde er selbst ein wenig misstrauisch gegen seinen Fuhrer: doch druckte die Hitze seiner Erwartung und die Grosse der gehofften Freuden bald jeden Argwohn nieder; er beruhigte sich damit, dass er dem Wegweiser alles bey sich habende Geld ubergab und ihn versicherte, dass der ganze Schatz sein werden sollte, wenn er ihn durch Verkurzung des Weges nur etliche Stunden fruher zu dem weisen Derwische zu bringen wusste: der Andre nahm es mit Dankbarkeit an und versprach sein Verlangen so sehr als moglich zu erfullen. Auch fanden sie sich beym Anbruche des Tages auf einem Felsenrucken, von welchem sie eine schone muntre lachende Ebne ubersahen, die durch den Anblick schon ihnen die ausgestandnen Beschwerlichkeiten hinlanglich vergutete. Belphegors Herz schlug vor Entzucken, als er die Wohnung des Derwisches durch ein dunnes Palmwaldchen hervorschimmern sah: gern hatte er mit Einem Sprunge die heilige Schwelle betreten: jedes Lufttheilchen, das er einhauchte, schien ihm reiner und heiliger zu seyn.

Wenn die Musen gegen einen Prosaisten nicht etwas sprode waren, so rief ich sie mit lautem Schreyen um ihren Beystand bey der Schilderung eines der schonsten Thaler an; aber so muss ein armer Verfasser in ungebundner Rede die Sache allein bestreiten. Will indessen eine sich herablassen, meinen Pinsel zu fuhren, so greife sie zu!

Die ganze Flache des beynahe eyformigen Thales war ringsum von Bergen umschlossen, die sich amphiteatermassig in mannichfaltigen Absatzen erhuben: hier steilte sich eine schneeweisse Felsenspitze, wie ein Thurm, in die Hohe, hinter ihr dehnte ein brauner Berg den langen Rucken weg, und hoher als beyde verlor sich eine Menge zackichter graulicher Gebirge mit ungleichen Hohen am Horizonte: dort hiengen Felsenstucken in der Luft, die nur Einen Stoss zu brauchen schienen, um herabzusturzen, neben ihnen bedeckte ein dustres Strauchwerk den phantastisch gekrummten Berg, der sich mit einer Menge kahler Beugungen und Holungen endigte, und die breitsten weitschimmernden Haupter entfernter Gebirge daruber emporsteigen liess: bald sturzte sich ein kleiner Bach beynahe hangend an einer Felsenwand herab, verschwand, brach eine weite Strecke davon wie ein brausender schaumender Bach aus dem Felsen hervor, flog uber ausgeholte schwebende Steine hinweg und wurde von einem Schlunde gierig verschlungen, um nie in dieser Gegend wieder zu erscheinen: bald stieg eine allmahliche schiefgedehnte berasete Anwand bequem in die Hohe und thurmte sich plotzlich in unzachliche Hohen, die sich gleichsam wetteifernd uber einander erhuben, hier nackt, dort in einem Mantel von gelbgrunem Gestrauche, bald aus Pyramiden, bald als umgesturzte Kegel, hinter welchen eine weissgraue Kolonnade vom majestatischen Felsen den Gesichtskreis begranzten und weitgedehnt in ungleicher Grosse allmahlich verschwanden. Die Seite, von welcher sie in die Ebne hinabstiegen, war ein hoher platter Berg, der an sich schon die Aussicht beschloss, mit einem Cedernwalde bedeckt, durch welchen sie hindurchwandern mussten, und kaum waren sie heraus siehe! so stund, wie hinter einem eroffneten Vorhange das ganze schone Thal, in seine vielfaltigen Walle von Geburgen und Felsenwanden, wie sie vorhin gemalt worden sind, eingezaunt, mit etlichen kleinen schmalen Wasserkanalen durchzogen, mit einzeln Bucketen von Obstbaumen, lichten und dunkelgrunen Buschchen, beynahe regelmassigen Pflanzungen, frischgearbeitetem Acker, bluhenden kriechenden und aufgestengelten Gewachsen, Gruppen von Citronenbaumen mit goldnen blinkenden Fruchten, zerstreuten kleinen Huttchen gleichsam bestreut kurz, das herrlichste lachendste Mosaik der Natur vor ihren Augen.

Belphegor war uberrascht, betaubt, uberwaltigt, hingerissen, er staunte, er war seiner Sinnen nicht machtig; er warf sich vor Begeisterung auf die Erde und kusste den Boden, als den Eingang zu einem Heiligthume. So bald seine Empfindungen weniger gewaltsam wurden, so besahe er die Gegend um sich mit unersattlicher Begierde, sahe und hatte nie genug gesehn. Sein Fuhrer ermahnte ihn zur Eilfertigkeit, wenn er noch vor Abend bey dem Derwische anlangen wollte, weil seine Wohnung fast an dem andern Ende des Thales liege und noch viele Stunden erfodre, wenn sie gleich ihre Schritte verdoppeln wollten. Belphegor riss sich, wiewohl mit einigem Widerstande, von dem entzuckenden Anblicke los, um einem noch entzuckendern zuzueilen.

Kaum waren sie die langgedehnte Anhohe hinuntergestiegen, als sie ein krummlaufender Gang einlud, durch einen kleinen dunkeln Hain zu wandeln, an dessen Ende sich zwo vierfache Reihen von Pomeranzenbaumen anschlossen, die dahinterliegende Saatfelder von Mais durch die Zwischenraume der Stamme durchschimmern liessen. Am Ende derselben fanden sie etliche Hutten von Baumzweigen, doch ohne Bewohner. Belphegorn befremdete diese Entweichung, und er ward um so viel neugieriger, die Bewohner aufzusuchen. Sie giengen in der Folge uber verschiedene kleine Kanale, die mit Obstbaumen eingefasst waren, durch kurze ganz naturliche Wildnisse von Ahornbaumen, durch Felder mit funkelnden Kurbissen, Melonen und andern lachenden Fruchten. Schoner, als alles, war der Zugang zu der Wohnung des Weisen: Reihen Maulbeerbaume, um die sich die herrlichsten Weinreben mit halbreifen rothlichen lang herabhangenden Trauben schlangen; hinter ihnen Beete mit Gartenfruchten, besonders Melonen; darauf Pfirschbaume mit rothschimmernden samtnen Fruchten beladen, Abrikosenbaume mit Reichthume uberschuttet; die ganze Scene schlossen vier erhabne Zypressen, die uber dem lachelnden Kolorite der Fruchtbaume mit ihrem melancholischen Grun in vier Spitzen emporstiegen und unter ihre Zweige die Wohnung des Derwisches gleichsam wie unter Flugel nahmen. Der ehrwurdige Alte sass mit zwo Tochtern in persischer Kleidung auf einem Steine vor seiner Wohnung und schaute mit entblosstem Haupte nach der Sonne hin, die eben hinter dem gegenuber stehenden Berge versinken wollte.

Belphegor hatte ihn kaum in der Ferne erblickt, als er mit seiner Hastigkeit auf ihn zuflog, sich ihm zu Fussen warf und mit der feurigsten Inbrunst seine Kniee umfasste. Der Alte hub ihn lachelnd auf und nothigte ihn durch ein freundliches Zeichen, sich neben ihm niederzusetzen. Das Gefuhl einer gegenwartigen Gottheit konnte kaum feuriger und mehr uberwaltigend seyn, als Belphegors Empfindungen: er war sich seines Daseyns nicht bewusst, ein Schwarm ununterschiedner Vorstellungen und glanzender Bildern schwebten um seine betaubte Seele, und eben so viele verwickelte Gefuhle fuhren durch sein Herz. Lange sass er, so ausser sich gesetzt, neben dem Alten, der den innerlichen Tumult in seiner Mine las und darum ihn geruhrt bey der Hand fasste, ohne sein Stillschweigen zu unterbrechen. Endlich machte sein Gast den Anfang: er schuttete ihm in einem Strome von persischen Worten sein Herz aus, die aber meistens halberstickt und abgerissen hervorkamen, weil er der Sprache zu wenig machtig war, als dass seine Empfindungen und Gedanken die Gelaufigkeit der Zunge nicht ubereilen sollten. Der Derwisch bat ihn, von seinem Wege auszuruhn und alsdenn ein kleines Mahl mit ihm im Mondscheine einzunehmen. Belphegorn uberlief ein susser Schauer, als er dieses horte, und er begab sich hinweg.

Die alteste von den beyden Tochtern fuhrte ihn in ein Kabinet, wo sie ihm ein reinliches Lager von Blattern mit einer Decke von einem orientalischen Halbtuche zu seiner Ruhe anbot und zu ihrem Vater zuruckkehrte. So ermattet er war, so hatten doch die vorhergehenden heftigen Empfindungen seine Nerven zu sehr angespannt, als dass der Schlaf sie hatte uberwaltigen sollen. Er lag voller Gedanken in einem oft unterbrochnen Schlummer, und konnte endlich seinem Verlangen nach dem Gesprache des Derwisches nicht mehr widerstehen: er sprang auf und gieng zu ihm.

Wahrend der Mahlzeit entwickelte es sich bald, dass der vermeinte Derwisch ein Europaer war. Ein Europaer! rief Belphegor voll Freuden: und aus welchem Lande? Aus Frankreich, antwortete jener und seufzte. Aus Frankreich, das mich mit vielen seiner Sohne undankbar ausstiess. Ich bin der Bruder der unglucklichen Markisinn von E. Der Markisinn von E.! unterbrach ihn Belphegor. Der unglucklichen Markisinn, die die graulichen Turken in vier Stucken spalteten, dass sie grossmuthig den Prinzen Amurat bey sich aufgenommen hatte! Ein Zug ihres Charakters! die gute Schwester! sagte der Alte. Freund! erzahle mir die Geschichte, dass ich hore und in meinen weissen Bart dazu weine.

Belphegor gehorchte ihm; und sein Zuhorer horte ihre widrigen Schicksale mit geruhrter Aufmerksamkeit, erhub bey dem Ende der Erzahlung seine Augen gen Himmel, indessen ihm etliche Thranen die Wangen heruntertropfelten: diese, sprach er, weih ich dir!

Aber, fieng Belphegor nach einer kleinen Pause an, wie konnte dich, ehrwurdiger Vater, deine Flucht in diese himmlische Einsiedeley, so weit von deinem Vaterlande fuhren? Du flohest Frankreich.

Um einer Ursache willen, unterbrach ihn der Alte lebhaft, die die Menschheit mit ewigen Flecken brandmalt Flecken, die keine Thranen auswaschen konnen. Wir wurden Opfer der Ruhmsucht eines stolzen Monarchen,13 des eingewurzelten Vorurtheils, politischer Ranke und des Privathasses; und wurden, nach dem offentlichen Vorwande, der Religion, der Rechtglaubigkeit geopfert. Ich floh nach Deutschland mit einigen meiner vertriebnen Mitbruder, um es zu bereichern und poliren zu helfen. Ich floh, aber mein Herz blieb in Frankreich, oder es irrte vielmehr mit meiner S * * herum: denn unmoglich konnte ihre Liebe sie in einem Lande zuruckbleiben lassen, das ihren zartlichen Freund verstossen hatte. Ich lebte indessen nur zur Halfte: ich bin von jeher ein Geschopf gewesen, das mehr in der Imagination als in der Wirklichkeit lebte, glucklich und unglucklich war. Meine verlassne Liebe erzeugte bald mit Hulfe meiner Einbildungskraft eine Melancholie in mir, die mich von aller Gesellschaft entfernte: ich lebte, dachte und fuhlte in der tiefsinnigsten Einsamkeit, und ich dachte nichts, als meine S * *, und fuhlte nichts als meine Liebe. Geschafte und andre Verbindungen zwangen mich haufig, meine Einsiedeley zu verlassen: ich that es mit Widerwillen, mit dem grossten Widerwillen, weil keine andre S * * in der ganzen schimmernden Gesellschaft, in welcher ich, wie ein Gespenst, taglich herumwanderte, anzutreffen war: keine, auch nicht die schonste, auch nicht die bewundertste bewegte den Perpendickel meines Herzens nur um eine Sekunde schneller: alles waren mir steife unnaturliche Kreaturen, die den Mangel des naturlichen Reizes durch Kunst und Anstand ersetzen wollten, aber ihn fur mein Gefuhl unendlich wenig ersetzten, durch den falschen Anstrich nur desto mehr vermissen liessen; mein Herz fand nirgends anziehende Kraft und allenthalben Widrigkeiten. Je weniger mein Gefuhl gleichsam ausgefullt wurde, desto mehr verstarkte es sich! und zuletzt war gar nichts mehr ubrig, das nicht, so zu sagen, wie ein leichter Span auf einem Weltmeere, darauf geschwommen hatte: gar nichts druckte sich ihm ein. Geschwind zerriss ich alle Banden, die mich an die Menschen fesselten, und floh eine Gesellschaft, wo ich allzeit Gelegenheit zum Misvergnugen fand, weil kein Vergnugen meinen Foderungen gleich kam.

Nicht lange nach dieser Entfernung von den Menschen that ich einstmals eine kurze Ausflucht in die Gesellschaft: ich fand ein Madchen, das gleich bey dem ersten Anblicke eine mehr als magnetische Kraft fur alle meine Sinne hatte. Mein Gefuhl, das in meiner einsamen Periode mit der Einbildungskraft in genauere Vertraulichkeit gerathen war, erhob sich plozlich zu einer solchen Starke, dass ich mir selbst sagte: ich habe sie gefunden! Ein Madchen voll der sussesten Naifetat, mit der aufrichtigsten Mine, die mit der Zunge und dem Herze in Einer vollkommnen Harmonie stund, ohne Zwang, ohne studierte Hoflichkeit, ohne galante Grimassen, voll Natur, voll der unschuldigsten Natur, ohne glanzenden Wiz, aber mit einem feinen Verstande und den gesundesten Grundsatzen geziert alle diese Zuge leuchteten mir auf einmal mit vereinigter Kraft in die Augen. Mein Herz wankte, alle meine Krafte bis zu den innersten wurden erschuttert, meine Empfindungen vom Grunde aufgewiegelt, mein Kopf schwindelte, die Augen wurden trube, ich schwarmte, ich schwatzte wie im Phantasieren des hitzigen Fiebers, ich taumelte und sank durch eine geheime Veranstaltung des Schicksals an ihren Busen, an den Busen des Madchens, das jenen Tumult in mir erregte. O edler Freund! mein altes Herz schlagt noch itzt hurtiger, wenn ich an das Erwachen gedenke, das auf jenen Fall erfolgte. Das unschuldige Madchen entsagte aus naturlichem Mitleide allen Foderungen des Wohlstandes und liess mich an ihrem Busen liegen, trieb alle zuruck, die mich von ihr reissen wollten. Er ruhet hier sanft, sprach sie mit dem naifsten Tone der Gutherzigkeit: er liege, bis er wieder erwacht. Alles sagte sie, ohne zu wissen, dass sie das brennbarste Herz an das ihrige druckte und ein Feuer einfangen liess, das nie die Vernunft wieder loschen wurde. Ich lag an sie gelehnt; und an sie gelehnt, erwachte ich. Himmel! welche Empfindung, als ich um mich blickte! als ich bey meiner ersten Bewegung mit ihrem Blicke zusammentraf! Ich war nicht mehr mein: sie verstund meine Verwirrung, wollte sie mindern und vermehrte sie. Endlich ermannte ich mich; ich sprang auf und gieng hinweg.

Das gute Madchen merkte genau, dass sie die Ursache meiner Unruhe und meiner Entfernung war: aber unglucklich, dass diese Bemerkung sie selbst in die schrecklichste Unruhe sturzen musste! Sie war schon verlobt: das ist mit Einem Worte alles gesagt. Meine naturliche Melancholie wuchs zu der hochsten Starke an, ohne dass ich das Hinderniss meiner Liebe wusste: alles war mir schwarz: ich qualte mich mit selbstgeschaffnen Schwierigkeiten; ich marterte mich mit Kummer, dass ich zu dem Besitze meiner Geliebten nicht gelangen konnte, ohne mich im mindesten erkundigt zu haben, ob ihr Besitz unmoglich oder schwer zu erlangen sey. Sie war arm, und eine kleine Ueberlegung ware zureichend gewesen, meine traurigen eingebildeten Schwierigkeiten zu zerstreuen; allein mein schwermuthiges Gefuhl ergotzte mich: die Vernunft wurde mir meine Gluckseligkeit geraubt haben, wenn sie es wegrasonnirt hatte. Oft genug unterbrachen es meine Geschafte, auf die ich zurnte, und die ich doch gut abwarten musste, wenn ich nicht an meinem Einkommen leiden wollte. Gott! dachte ich oft in meinen einsamen Stunden, warum ordnetest du deine Welt so an, dass tausend geschmacklose Geschafte, Millionen mit der Empfindung nicht zusammenhangende Dinge den Menschen im Wirbel herumdrehen, dass elende Berufsarbeiten die Zahl der Stunden verringern mussen, die er in dem sussesten Schlummer des Gefuhls und der Einbildung vertraumen konnte? Freund! hast Du nie einen Mangel in Deinem Leben empfunden, der jede fuhlende Seele unvermeidlich treffen muss? Die Natur hat eine unendliche Menge Anlasse zur Empfindung in die Welt ausgestreut, aber zu einzeln ausgestreut, jeder Mensch trift auf seinem Wege nur selten einen an: der grosse Haufe, dessen Gefuhl vom Sorgen und Geschaften zusammen gepresst ist, vermisst nichts; er lasst sogar die aufstossenden Veranlassungen vorubergehn, ohne dass eine sich an seinem Herze einhangt, und es auf sich zieht: aber der Mann, bey dem Gefuhl alle seine ubrigen Krafte uberwiegt, bey dem sich, so zu sagen, alles in Empfindung auflost, was soll der thun, wenn er allenthalben Sattigung sucht, wenn er seine Gluckseligkeit gern haufenweise verschlingen mochte, und sie ihm doch nur gleichsam in einzelnen Bissen zugezahlt wird: muss ein solcher nicht bey der gegenwartigen Einrichtung der Welt einbussen? Konnte die Natur unsern Planeten und seinen Bewohner nicht so anlegen, dass er, mit wenigem, mit dem Nothdurftigen zufrieden, seine Bedurfnisse niemals erweiterte, niemals in die tolle Geschaftigkeit sich hineinwarf, zu welcher ihn itzt unzahlige, unvermeidliche Nothwendigkeiten hinreissen? Ware die Welt gleich weniger thatig, weniger lebhaft geworden, ware sie nicht dafur glucklicher? Was nutzt es, dass itzt jedermann eilfertig nach seinem Vortheile lauft, rennt und andre wegstosst? Nimmt man diese ungluckliche Geschaftigkeit der Welt, diese Mutter so unzahlbarer Uebel hinweg, mussen nicht alsdann alle die unseligen Leidenschaften wegfallen, die itzt Menschen von Menschen trennen und selbst den empfindenden Zuschauer dieses allgemeinen Kampfjagens der Welt das Leben verbittern? Die Menschheit ist gewiss nichts dadurch gebessert, dass sie sich zu den gegenwartigen Bequemlichkeiten und dem Ueberflusse der Europaer emporarbeitete, dass man nicht mehr Eicheln, sondern die mannichfaltigen Schmierereyen der Mundkoche geniesst, dass man nicht mehr auf Stroh, sondern Matratzen oder Federbetten schlaft, dass man statt des klaren Bachs in einen franzosischen oder venetianischen Spiegel sieht: gewiss im Grunde nichts gebessert, nichts glucklicher! Alles hierinne bestimmt die Gewohnheit: diese machte es, dass vormals englische Lords auf einem Schneeballen so sanft ruhten, als itzt ein englischer Zartling auf dem seidnen Kopfkussen. Nach meinem Wunsche und meiner Einbildung sollte der Mensch mitten auf seinem Wege zur Verfeinerung stehen bleiben, wenn er auch gleich nicht auf der ganz untersten ewig seyn wollte: die Materialien der Geschaftigkeit und der Begierden, die ihn itzt herumtreiben, sollte vor ihm verborgen und er ein ruhiger sanfter Hirte, hochstens ein Ackersmann bleiben: die Erde ware nicht zu enge fur die Beybehaltung dieser Lebensart gewesen, wenn nur die Menschen nicht die tollen Begierden besessen hatte, uber und neben einander her zu kriechen: und Freund! bey jener geringen mittelmassigen Geschaftigkeit sein Leben unter dem Schatten der Empfindung ohne Politik, ohne Oekonomie, Jurisprudenz, Handel und andre Vervollkommungen, die den Menschen zum kalten fuhllosen Geschopfe, leer von Imagination und Empfindung machen, ordentlich und ruhig hinwandeln, welch ein Gluck! Welch eine Herrlichkeit, wenn ich damals fur mich und meine LUCIE die Erde so hatte umschaffen konnen! Wahr ist es, ich hatte getraumt: aber susser Traum ist doch besser als bittres Wachen. Meine Geschafte verbitterten mir wirklich mein Leben ausserordentlich: sie storten meine Melancholie und wurden von meiner Melancholie gestort; und am Ende meines Harmens erfuhr ich, dass Lucie verlobt und gar verheirathet war, dass sie an einen der verachtlichsten Manner des Landes verheirathet war. Welch ein Donnerschlag fur einen trubsinnigen Liebhaber! Ich empfieng taglich die schrecklichsten Nachrichten von seinem Betragen gegen sie. Der Unmensch, das unsinnigste Geschopf des Erdbodens, das gar nicht aus der Hand Gottes gegangen seyn kann, qualte sie aus Eifersucht und zuletzt aus blossem tyrannischen Muthwillen: er merkte, dass auf dem Boden ihres Herzens eine Zuneigung lag, die durch die aufgezwungene eheliche Pflicht nur niedergedruckt, aber nicht getodtet war: er merkte dies blos, weil seine angeborne Eifersucht; oder vielleicht das Bewusstseyn seines Mangels am Verdienst ihn voraussetzen hiess, dass sie ihn nicht ganz und jeden andern mehr lieben musste. Ohne die mindeste Veranlassung zu diesem Argwohne behandelte er sie, als wenn er vollig bewiesen ware. Er foderte eine Bedienung von ihr, die er kaum der niedrigsten Magd zumuthen konnte: sie musste ihn auf seinen Befehl die Speisen auftragen, auf seinen Befehl fasten oder essen, ihn ankleiden und ausziehn, und die schlechtesten Dienste verrichten, indessen dass die Aufwarterinn, die im Mussiggange zusah, von ihm geliebkost wurde und die Rechte der Frau genoss. Der Barbar wollte sich an seiner unschuldigen Ehefrau auf diese Art, gleichsam wie durch Repressalien, rachen; und da sie ohnmachtig, empfindlich, zartlich und schwach zum Wiederstande war, so verdoppelte der Unbarmherzige seine Martern, jemehr er wahrnahm, dass sie dadurch niedergeschlagen und gekrankt wurde. Sie kam in die Wochen, sie wurde gefahrlich krank; und wahrend, dass sie nach Troste und Wartung schmachtete, hetzte der Bosewicht Dachse mit seinen Hunden im Hause, liess seine Pferde im Hofe unter ihren Fenstern herumfuhren und dazu trommeln, des Nachts, oder wenn sie sonst schlummerte, plozlich Topfe oder Flaschen vor ihrem Zimmer entzweyschlagen, oder ein andres heftiges Gerausch erregen, das sie aufwecken musste kurz, er marterte sie auf alle ersinnliche Weise und studierte darauf, sie nicht allein zu qualen, sondern jede Qual noch mit einer Bitterkeit zu begleiten, die starker als die Qual selbst schmerzte. Er nahm ihr das Kind und ubergab es fremden Handen, wo sie es ohne die angstlichste Besorgniss nicht wissen konnte, da es unter den ihrigen die beste Erziehung, den nutzlichsten Unterricht hatte geniessen konnen. Sie bat, sie flehte auf den Knieen: der Tyrann lachte. Sie fiel ihm um den Hals, sie badete sein Gesicht mit Thranen, sie beschwor ihn bey der Wohlfahrt seines Kindes, bey seiner eignen Gluckseligkeit, sie nicht von ihrem eignen Herze zu trennen, das allzeit mit ihrem Kinde an Einem Platze wohnte. Der tuckische Bosewicht verbarg die Empfindung, die ihm eine solche Bitte wider seinen Willen aufdrang: er verliess sie, gab zwar Befehl, ihr das Kind zu uberliefern, wiederrief ihn aber gleich, ehe es noch gebracht wurde. Seine Launen waren gewiss die einzigen unter dem Himmel: er war ihr bestandiges Spiel und wurde von ihnen von einer Entschliessung zur andern herumgeworfen; ehe er eine ausfuhrte, riss ihn eine andere hin, so eine dritte, und nach einem weiten Zirkel kam er wieder auf den ersten Fleck. So gieng es ihm hier: seine Tochter blieb in den Handen, denen er sie zu ihrer Verwahrlosung anvertraut hatte, und ihre Mutter eine betrubte, ungetrostete Mutter.

Von allen diesen Drangseligkeiten empfieng ich Nachricht, so wie sie geschahen; und was denkst Du, das ich thun sollte, Freund?

Dem Henker den Kopf zerbrechen! rief Belphegor und stampfte, ihn erwurgen, und mit dem unglucklichen Schlachtopfer auf dem Arme davon fliehn!

Nein, Freund meines Herzens, so hastig war ich nicht: ich nahm allen empfindlichsten Antheil an ihrem Unstern und gramte mich in Stillen fur sie, da ich weiter nichts vermochte. Mein Kummer wollte mich todten: die Liebe spornte mich an, die Ungluckliche zu erlosen, aber Muthlosigkeit schrankte meine Ueberlegung und meine Krafte ein: ich Feiger erloste sie nicht.

Himmel! konntest du mich nicht rufen? fuhr Belphegor hastig, wie aus einem Traume, empor.

Der Derwisch sah ihn lachelnd an. Edler Mann! wo sollte ich dich suchen? fragte er mit gefalliger Freundlichkeit.

Belphegor besann sich und merkte, dass ihm die Schwarmerey seiner Einbildungskraft den Streich gespielt hatte, ihn einen solchen Anachronismus begehen zu lassen. Nun, so fahre fort! sprach er errothend.

Bester Freund, sagte der Derwisch nach einer Pause, dieser einzige Zug macht dich mir theuer. O hatte ich dich damals gekannt, hattest du damals mit deinem Feuer meinen erloschnen Muth wieder anzunden konnen, wie glucklich ware ich gewesen! ich ware nicht die Speise eines heimlichen Grams geworden! Doch das Schicksal half schnell: der Tyrann spannte seine Folter so stark an, dass alle Erduldung und Gelassenheit zerreissen musste. Da alle seine Erfindungskraft im Qualen erschopft schien, so gab ihm eine wollustige Laune den tollen Gedanken ein, sie nackt sehen zu wollen. Er gebot ihr, sich auszukleiden, und vor seinem und etlicher Freunde Angesicht wie er es nannte a la grecque zu tanzen. Sie wiedersetzte sich, sie stritt, sie focht: umsonst! sie wurde uberwaltigt: man riss ihr die Kleider ab, man entblosste sie, und sie, die leidende Unschuldige, stand, wie die Bildsaule der Geduld auf einem Monumente, mit bethrantem Gesichte und versteinertem Blicke da, um den Hohnereyen der Unsinnigen zum Ziele zu dienen. Sie gieng verwildert hinweg und gerieth in eine Verruckung, von welcher sie, bis an ihren Tod, zuweilen Ruckfalle spurte. Zween Tage lang irrte sie zerstreut und ohne Besonnenheit im Hause herum, seufzte und sprach kein Wort; endlich warf sie in einem Anfalle von Raserey in der Nacht verzweiflungsvoll alle Bande der Mutterliebe von sich, vergass sich selbst und entfloh, ohne bemerkt zu werden. Doch bey aller Verwirrung fuhrte ihr das Gedachtniss mein Andenken zuruck: sie fuhlte in sich selbst, dass sie ehmals fur mich empfunden: ihre verungluckte Liebe suchte in der meinigen Trost, und sie floh zu mir. In dem entsetzlichsten Zustande der Verwilderung, mit herumhangenden Haaren, rothen aufgeschwollnen Augenliedern, in offner flatternder Kleidung, mit blossen Fussen kam sie in dem furchterlichsten Regenwetter eines Abends auf meine Stube, als ich tiefsinnig uber Mittel, sie zu retten, nachdachte. Sie fiel auf die Kniee, sie flehte mich um meinen Beystand an: ich erkannte sie nicht, so sehr war sie entstellt, und so wenig liess mich die Betaubung des Schreckens meine Sinne gebrauchen. Sie sturmte, wie unsinnig, auf mich los; und noch kannte ich sie nicht, bis sie ihren Namen nennte, bis sie an meine Liebe mich erinnerte da erwachte ich, aber nur wenige Augenblicke, um desto langer mit allen meinen Kraften niederzusinken. Ihr Bild erschutterte mich bis in das Mark; in einer todtenahnlichen Fuhllosigkeit sass ich da: ich glaube, wir waren zu Monumenten unsers eignen Kummers versteinert, wenn uns nicht mein Nachbar, der neben meiner Stube wohnte und uber die Stille, die so plotzlich das lauteste Wehklagen unterbrach, erstaunt war, durch seine Dazwischenkunft getrennt hatte. Er hatte Kaltblutigkeit genug, unsrer Sinnlosigkeit durch gesunde Ueberlegung zu Hulfe zu kommen: er schlug der unglucklichen Entlaufnen einen Zufluchtsort vor, wo sie weder Mann noch Gesetze wiederfinden sollten.

Es geschah; und ich beschloss, mich von meinen lastigen Geschaften loszureissen, mein Vermogen heimlich aus dem Lande zu bringen und mich in einer hinlanglich sichern Entfernung mit ihr niederzulassen: ich ware nicht stark genug gewesen, ein solches Projekt zu bewerkstelligen, aber mein Freund unterstutzte mich. In einiger Zeit war alles vorbereitet, der Tag bestimmt, und ich eilte, meinen Anschlag ins Werk zu setzen. Ich komme in das Haus, wo ich sie abholen sollte, und wohin ich, seit ihrem Eintritte darein, nicht gehen durfte; ich finde sie voller Erwartung und Zittern in den Armen eines Frauenzimmers, die vor Verwundrung oder Schrecken zusammenfuhr, als ich hineintrat. Meine Aufmerksamkeit war auf mein Vorhaben zu sehr geheftet, um sie mehr als fluchtig zu ubersehn: ich bot meiner Lucie schon die Hand, um mit ihr fortzugehn, als mir ihre bisherige Beschutzerinn die andre ergriff, und in der Sprache meines Vaterlandes mir die Geschichte meines Lebens und meiner Liebe bis zu meiner Flucht aus Frankreich erzahlte, und zuletzt mich fragte, ob ich mich dazu bekennen wollte. Ich erstaunte, dass sie alles dies wissen konnte, und noch mehr, als ich in ihr meine S * * fand. Gutiger Gott! welche Begebenheit! Zu einer Zeit sie wieder zu finden, wo mein Herz schon ganz an ein andres geknupft war! Die Liebe zu ihr war zwar durch die Lange der Zeit verdunkelt, aber ihr Andenken kehrte doch stark genug in mich zuruck, um mich in einen Streit mit mir selbst zu versetzen. Ohne Anstand sprach sie mich, da sie meine Verlegenheit gewahr wurde, von meiner ersten Verbindung frey und kam mit mir uberein, meine Liebe in Freundschaft zu verwandeln, die Alter und Zeit bey ihr von der ehemaligen Warme zu einer kaltern Gesetztheit herbeygebracht hatten. Sie begleitete uns eine kleine Strecke; in kurzem war ich mit meiner Lucie an Ort und Stelle und gleich darauf ihr Mann.

Ich hatte die Verwegenheit, in mein Vaterland nach einiger Zeit zuruckzugehn, mich um Gelder zu bewerben, die ich dort zuruckgelassen und in den Handen meiner Anverwandten glaubte: doch wie betrog ich mich! Der Sturm der Verfolgung hatte aufgehort zu wuten, aber sie wutete noch durch die Gesetze. Allenthalben fand ich noch Spuren der Unmenschlichkeit, allenthalben horte ich die vergangnen Grauel noch erzahlen, bald im triumphirenden, bald im klagenden Tone. Meine Mitbruder, die sich noch heimlich dort aufhielten, zogen mich mit aller Muhe von dem Ansuchen um mein Ruckgelassnes ab; aber sie konnten mich nicht zuruckhalten. Ich erlangte nichts und brachte mich durch meine Zudringlichkeit ins Gefangniss. Meine Frau und meine beyden Tochter, die mir itzt das Alter und die Einsamkeit versussen, befanden sich in der klaglichsten Lage: sie mussten sich im Verborgnen bey einem meiner gutherzigen Anverwandten aufhalten, der mit der Grimasse ein Katholik und im Herzen der aufrichtigste Hugenott war, und mich der Willkuhr einer blinden zelotischen Justiz uberlassen, oder sich entdecken und mit mir zugleich dem Aberglauben aufopfern wollte. Gutiger Gott! wie wir litten! wie ich in meinem Kerker seufzte! Ich war schon beynahe von meinem Schmerze aufgezehrt und trostete mich mit meinem nahen Ende, ich war schon gegen alle Vorstellungen von den kunftigen Ungluckseligkeiten meiner Familie abgehartet, als ich plotzlich die entsetzlichste Nachricht erhielt, dass meine Frau und Kinder in dem Gefangnisse neben mir schmachteten. Auf einmal sturzten alle meine schlafenden Empfindungen, wie ein Donnerwetter, uber mich her und warfen Besonnenheit, Leben und alle Krafte darnieder: ohnmachtig lag ich da, und mein Warter hielt mich fur todt.

Als ich wieder zu mir zuruckkam, verlangte ich nichts so angelegentlich, als meine Familie ein einziges Mal zu umarmen und dann zu sterben: diese Gute war zu gross, um sie mir nicht zu verweigern: meine grausamen Richter schlugen sie nicht allein ab, sondern setzten sogar die grausame Bedingung hinzu, dass ich, um sie nur zu sehn, um nicht sie und mich auf ewig den Ketten zu uberliefern, in vier und zwanzig Stunden das Bekenntniss meiner Vater abschworen und in den Schoos der Kirche, dieser verfolgenden Kirche, als in den Schoos einer Mutter zuruckgehn musste. Alles setzte mir zu, eine Heucheley zu begehn, um einer Grausamkeit auszuweichen. Ich uberlegte und uberlegte, kampfte und stritt mit mir selbst. Gutiger Gott! rief ich endlich und sank auf meine Kniee, konntest du den Menschen so schaffen, dass nothwendig einer mit dem andern nicht gleichformig denken musste, und dass doch gleichwohl jeder sich fur den einzigen Besitzer der Wahrheit hielt, konntest du zulassen, dass einer den andern zu seiner Meynung zwingen wollte; warum solltest du es mir als ein Verbrechen anrechnen, wenn ich den Gesetzen deiner Einrichtung folge, wenn ich, der Schwachre, dem Starkern mich unterwerfe und in die Anordnung fuge, die von Ewigkeit her in deiner Welt geherrscht hat dass der Schwachre Unrecht behielt, thun und selbst glauben musste, was der Starkre zu glauben gebot. Glauben kann ich nicht: aber um drey Menschen aus einem martervollen Leben zu erlosen, um sie nicht ewig in Banden seufzen zu lassen, um sie der Gluckseligkeit fahiger zu machen, wozu du doch jedes Geschopf auf diese Erde, nach unsrer aller Gefuhle, gesetzt haben willst kann ich nicht um solcher edlen Endzwecke willen, die dein eigner Wille seyn und deine Billigung haben mussen, den Starkern ohne Sunde betriegen, thun als wenn ich das Joch seiner Meynung annahme, und bleiben, was ich meiner Einsicht nach seyn muss? Nach den namlichen Gesetzen der Natur, die meine Seele befolgt, wenn sie meine Meynung fur wahr erkennt, handelt auch die seinige, wenn sie der ihrigen anhangt: du hast uns einmal so angelegt, dass unser Glaube von erlernten Vorurtheilen, Leidenschaften, unmerkbaren Neigungen und Trieben, wie eine Marionette, regiert werden soll, was kann ICH dafur, dass mich die meinigen zur Linken ziehn, und meine Feinde zur Rechten? Noch mehr! was kann ICH dafur, dass meine Gegner die Starke haben, mich nach ihrer Richtung hinzureissen oder zu wurgen? Ich schwore: wer von uns beyden Recht hat, weisst DU nur, du Richter der Welt: du willst es nicht unmittelbar entscheiden; ich bleibe also bey der Wahrheit, die mir die Nothwendigkeit des Schicksals als Wahrheit aufgedrungen hat, und entsage ihr mit dem Munde, weil ebendieselbe Nothwendigkeit der Starkern mich dazu zwingen lasst. Wohl! mein Meineid muss das edelste Werk seyn; denn es rettet drey zur Gluckseligkeit bestimmte Geschopfe vom Elende.

Und du schwurst? fragte Belphegor.

Ja, ich that es! und mein Gewissen hat mir noch nie einen Vorwurf daruber gemacht: ich glaube, ich that die nutzlichste, die beste That. Sie machte mich und meine Familie frey, sie brachte uns der Moglichkeit, nicht unglucklich zu seyn, naher: was konnte ich mehr? dass meine Absicht nicht erreicht wurde, dass wir einem Unglucke entgiengen, um in ein andres zu fallen, war das meine Schuld?

Und, guter Mann, noch kamst du nicht zur Ruhe? unterbrach ihn Belphegor.

Nein, ich wurde herumgetrieben. Der Glaube der Europaer war damals in einer allgemeinen Gahrung: niemand glaubte als was er musste, und wenige glaubten, was sie bekannten. Nirgends konnte man neutral seyn: allenthalben wurde man in den Krieg verwikkelt. Meine Melancholie erneuerte sich: die dustre Vorstellung, dass ich, ein Geschopf, das sich dem Engel gleich dunkte, nicht die Gluckseligkeit des niedrigsten Insekts geniessen sollte, dass meine Bruder um mich herum sich zerfleischten, erwurgten, elend machten, dass sie, wie Raubthiere, einander aufrieben, eins der entschlossne Feind des andern war und nur Gelegenheiten, untriftige Gelegenheiten ablauerte, um die Feindschaft in Thatlichkeit ausbrechen zu lassen die noch schwarzere Vorstellung, dass dies der ewige Lauf der Menschheit gewesen war, womit sich tausend andre Ideen vergesellschafteten, die mir dieses Leben und unsern ganzen Planeten wild, ode, duster, neblicht abmalten ein Gemalde, das nicht bloss in meiner Einbildungskraft wohnte, sondern das ich in der Wirklichkeit um mich, hinter und vor mir erblickte, so bald ich nur Einen Blick aus mir selbst that! alle diese melancholischen Gedanken machten meine langstgefasste Neigung zur Einsamkeit wirksam: ich beschloss, ausser der Welt zu seyn, bloss in meiner Einbildungskraft zu existiren, fur mich und meine Familie zu leben. Ich unternahm mit einem Kaufmanne, der Geschafte in Persien hatte, die Reise, suchte den abgelegensten Winkel und suchte so lange, bis ich diesen Plaz fand, wo mein Haupt grau geworden und meine Schlafen eingesunken sind. Mein Gefahrte war unglucklich in seinen Geschaften, wurde geplundert, entfloh mit Muhe den Handen der Barbaren, die ihn zerstucken wollten, fluchte der Welt und begab sich mit zween seiner Gefahrten zu meiner Gesellschaft. WIR haben diesen Platz angebauet, bepflanzt, wir haben uns in kleine Gesellschaften getheilt; wir haben glucklich, ruhig und im Frieden zusammen gelebt, weil wir klein an Anzahl und unsre Nahrung hinreichend war: aber furchterliche Aussicht, wenn dieser kleine Trupp zu einer Grosse anwachsen sollte, die den Eigennutz anfachen und die schone Ruhe dieses Winkels in eine kriegerische Scene verwandeln wurde! Aber vielleicht sehe ich noch selbst den Tod diesen ganzen Schauplatz leer machen, und dann moge ein andrer tugendhafter Trupp ihn finden und bewohnen, aber nie zu einem Volke werden! Freund! ich habe es dahin gebracht, wohin ich wunschte: ich habe mir in meinem Kopfe den Menschen zu den Vollkommenheiten eines hohern Geistes erhoben, ich liess ihn in dieser glucklichen Illusion mit den Geschopfen der hochsten Ordnung wetteifern, ich liebte diese Idee, ward stolz darauf und war glucklich. Um in dieser Welt sich zu freuen, dass man ein Mensch ist, um sich und seinem Geschlechte Wurde zu geben, um auf seine Natur stolz zu seyn, muss man sich illudiren:

man muss die Augen verschliessen, keinen Blick ausser sich thun, und dann in sussen Schwarmereyen dahintraumen. Itzt, da meine ganze Seele von ihrer Hohe und anschauenden Kraft heruntergesunken ist, itzt will sie nicht mehr traumen: aber wohl mir! ich werde bald zu einem andern Traume hinuberschlummern.

O edler Mann! unterbrach ihn Belphegor; ich habe ebenfalls in deinem Traume gelegen, aber das Schicksal und Akante verscheuchten ihn; und seitdem habe ich gesehen! gesehen und gelitten! Ich mischte mich in das Gedrange und

"Und du bekamst Wunden und Beulen an Ehre, Vermogen und gutem Namen!"

Noch mehr! kein Fleck ist an meinem Korper, den nicht eine Narbe brandmarkt! und wenn ich aus dem Getummel zur Stille kam, so verwundeten die grasslichsten Vorstellungen meine Seele: die Welt sollte mir eine friedliche Wohnung glucklicher Kreaturen seyn, und die Erfahrung stellte sie mir als eine Hole auflauernder Rauber vor: in dem Menschen wollte ich einen guten freundlichen Bruder finden, und ich fand einen eigennutzigen habsuchtigen Wolf.

"Lieber Fremdling! wenn du mit dem blossen innern Geistesauge die Erde ubersiehst, so findest du ein gewisses Leere, ein gewisses Geistliche darinne, das dir ekelt, dass du sie ein fades Werk nennen musst; gleichwohl ist es dein Beruf auf ihr zu leben. Um das zu konnen, finde ich nur zween Wege: entweder sturze dich in das Gewirre, das Getummel der Freuden, der Geschafte, des allgemeinen Streites des Eigennutzes, ficht, siege oder stirb! Lass dich in dem Wirbel des Taumels herumdrehen, ohne zu denken, ohne anders als uber die Oberflache der Dinge zu reflektiren: zum ruhigen stillen Anschauen der Sachen, zum Eindringen in sie lass es nie kommen! Lebe, wie die meisten Einwohner der Welt leben, das heisst, komme nie zu dem Grade des Nachdenkens, wo du mehr als einen kleinen Zirkel der Welt uberschaust, siehe nicht uber dich und deinen Nutzen hinweg! Sey ein menschliches Thier, kein menschlicher Geist! Oder wahle den andern Weg: reisse dich von allen Banden loss, die dich an die Menschen fesseln, existire nur in deiner Seele, vergrabe dich in ruhige einsame Stille! und dann alle Fittige deiner Einbildungskraft und Empfindung angespannt! lass sie fliegen so hoch sie die Luft tragt, bis zum Aether! uberlass dich ganz den sussesten Illusionen,14 die die Menschheit ersinnen mag, dem Glauben an Vorsicht, Unsterblichkeit und Erhabenheit der Seele: setze deine Natur und also auch dich selbst auf die hochste Staffel der Wesen, rucke sie der Gottheit nahe: weide dich an diesen Schauspielen der Imagination und der Empfindung: sey mehr Geist als Thier, lebe mehr in der Idee als in der Wirklichkeit und kenne nichts auf der Erde ausser dir! Einer von beyden Wegen muss dich zur Gluckseligkeit fuhren: du musst entweder mit der Welt rasen, oder dich von ihr trennen! Der denkende Mann, mit starkempfindendem Herze, der nur zuweilen sich in ihr Spiel mischt und nur selten eine Karte zugiebt, der verliert allzeit an seiner Ruhe, besonders wenn er jedesmal den Fuss zuruckzieht und nachdenkt und vergleicht und erwagt. Ich betrat den zweyten Pfad: dich stiess das Schicksal auf den ersten, aber du verliessest ihn, wie ich merke, du irrtest von einem zum andern, du wolltest rasen und auch vernunftig seyn; und siehe! die Stunden der Vernunft, des Nachdenkens wurden fur dich Stunden der Angst, der Beunruhigung."

Weiser, ehrwurdiger Mann! rief Belphegor entflammt, fuhre mich auf den Weg meiner ersten Jugend zuruck, in die Gefilde der Einbildung, in welchen du bisher gewandelt hast! Ich bleibe bey dir: ich baue statt deiner das Feld und erarbeite meine und deine Nahrung: wenn der Abend mir den Schweis abkuhlt, dann sitze ich mit dir unter dem Schatten dieser Zypressen und schwarme mit dir in bilderreichem Nachdenken und sussen Grillen herum; wir traumen wachend uber unser Selbst, du lehrst mich deine alte Erfahrung, wir leben in uns, mit uns, und denken nicht Eine Minute daran, ob Kreaturen, die sich mit uns zu Einer Art rechnen, ausser unsern Bergen einander zerfleischen, wurgen, braten, rosten, essen. Wehe euch, ihr Freunde, dass ihr noch auf der ofnen See der Welt herumgeworfen werdet, noch nicht wenigstens eine kleine Bucht gefunden habt, die euch vor den Gefahren sicherte, wenn ihr gleich das tolle Spiel der Welt mit ansehn musstet. O wusstet ihr, welchen Hafen ich hier entdeckt habe, der mich vor Sturmen, selbst vor dem Anblicke der Sturme verbirgt, wie wurdet ihr uber mein Gluck frohlocken und eilen, es mit zu geniessen! Kommt, kommt! Meine Arme sind offen, weit ausgebreitet, euch zu empfangen! Hier wollen wir in seliger Entzuckung, wie gekronte Streiter, die Wunden zahlen, die wir erfochten haben.

Die Freude riss ihn so heftig hin, dass er den Alten umarmte, kusste und nicht aus seinen Armen lassen wollte. Mitten unter diesen Freudensbezeugungen hub sich der Alte empor und sprach mit ernster Mine: Freund, noch eine Pflicht ist mir ubrig eine traurige aber doch susse Pflicht: begleite mich! Du kanst empfinden; Du wirst also kein uberflussiger, kein mussiger Zeuge davon seyn.

Belphegor staunte voller Erwartung, als die beiden Tochter den Alten unter die Arme fassten und ihn seitwarts durch einen gekrummten Weg in ein dunkles Zypressenwaldchen fuhrten, das jedem, der hineintrat, einen heiligen Schauer entgegen sandte: durch die Spitzen der Baume fiel dustrer Mondschein auf den Weg und auf einzelne Platze zwischen den Baumen, wo ihn eine zufallige Oeffnung durchliess: Stille herrschte uberall und weit sahe das Auge in eine langgedehnte Du-sternheit hinab, die aber der Blick mehr vermuthen als sehen liess. Der Greis gieng stillschweigend fort bis zu einem Steine, wo er sich seufzend niedersetzte und mit einem Tone, der Thranen vermuthen liess, zu Belphegorn sprach: Itzt, Freund, will ich Dir ihre Geschichte erzahlen, dann tropfle ein Paar Thranen auf diesen Stein! und wir gehn. Eines Morgens kurz nach unsrer Ankunft in diesem Thale, als die frischeste Heiterkeit die ganze Natur belebte, sass ich, meine Lucie im Arme, auf diesem Stein und freute mich mit ihr uber die Ruhe, die wir genossen, und die Drangsale, denen wir entgangen waren, und waren so zufrieden und liebten uns in der glucklichsten Trunkenheit und Vergessenheit unsrer selbst; wir dachten auf den Plan, wie wir unser kleines Feld bepflanzen, und diesem freygebigen Boden unsre nothdurftige Nahrung abgewinnen wollten. Siehe! rief sie und wies auf ein bluhendes Gewachs, das zwischen den Baumen stund, auch dieses mussen wir pflanzen; es lacht so lieblich; wer weis, welche heilsame Krafte es in sich verbirgt? Lass uns versuchen! So sprach sie und langte darnach. Nein, sagte ich und hielt sie zuruck, lass mich lieber zuerst sehn; ware es Gift, es konnte dich todten. Wie konnte, erwiederte sie, unter einem so einladenden Blicke todtendes Gift verborgen seyn? ich pflanze es um unser Haus, ware es auch nur um seiner reizenden Bluthe willen. Sie pfluckte einen Zweig ab, kostete die Frucht der herabhangenden Schote und fand ihren Geschmack weniger schon als die Mine, aber doch nicht ubel. Sie kostete noch einmal, und dann wieder, gab mir davon, ich konnte aber nichts geniessen. Ich bat nochmals, die Frucht wegzuwerfen; allein sie fand den Geschmack susser und angenehmer, je mehr sie genoss. Wir beschlossen, die Pflanze zu versetzen, sprachen und ergotzten uns an kunftigen Einrichtungen noch lange Zeit. Plozlich verstummte sie, entsank sich windend meinem Arme, ich fasste sie auf, rief; umsonst! alle Glieder zitterten mit konvulsivischer Bewegung, die Muskeln des Gesichts verzerrten sich in schreckliche Minen, sie schluchzte noch einige unvernehmliche Worte, starrte dahin und starb.

Er verstummte, und die Geschichte selbst lehre den Leser seine Empfindung.

Mitten in der Nacht als die ganze kleine Kolonie in dem tiefsten sorgenlosesten Schlafe lag denn vor welchem Eigennutze sollten sie in der abgesondersten Einsamkeit sich furchten? weckte Belphegorn plozlich ein Getose, das immer mehr sich verstarckte, und naher ruckte: er hob sich empor und wurde von einem Widerscheine erhellet, der die schrecklichste Feuersbrunst ankundigte. Er sprang auf, schaute herum und erblickte Wohnungen und Baume vom Feuer ergriffen, und zahlreiche Truppe mit lodernden Harzfackeln uber die Ebnen hinstreichen, um die Verwustung noch weiter auszubreiten. Er erschrak, wollte seinen Freund retten, wurde inne, dass seine Hutte beinahe schon niedergebrannt war, vermuthete, dass er das Opfer der Flammen geworden sey, dachte an sich und floh.

Der Ueberfall geschah von einem Truppe Einwohner, die jenseits der Berge zunachst angranzten. Die Ruchlosen vermutheten, dass Niemand einen so beschwerlichen Weg, wie Belphegor, unternehmen konne, wenn ihn nicht wichtige Reichthumer lockten: da ihnen der Mann etwas auslandisch vorkam, so war der nachste Einfall, ihn fur einen Zauberer zu erklaren, der durch geheime Wissenschaften in den Bergen verschlossne Schatze in der Ferne gespurt habe und itzt gekommen sey, sie abzuholen. Aus dieser Ursache versammelten sie sich sogleich als der vermeynte Schatzgraber seinen Weg in das Geburge antrat, folgten ihm heimlich nach und beschlossen, seine Ruckkunft mit den Schatzen zu erwarten: da ihnen aber einfiel, dass der Mann, als ein Zauberer, wohl seine Ruckreise auf geflugelten Drachen oder mit einer andern Art von Hexentransporte veranstalten konnte, so anderten sie weislich den Plan und fassten den Schluss, ihn noch die namliche Nacht mit Feuer, als den sichern Waffen wider alle Zauberey anzugreifen, wiewohl sie auch noch die menschenfreundliche Nebenabsicht hatten, ihn vermittelst desselben aus seiner Wohnung hervorzuscheuchen, sich die Schatze zeigen zu lassen, und ihm alsdann zur Belohnung die verdammten Zaubergebeine zu Asche zu verbrennen. Noch mehr wurden sie in ihrer Meynung bestarkt, da der zuruckkommende Wegweiser ihnen das empfangne Geld zeigte und, um seine Erzahlung interessanter zu machen, hinzusetzte, dass ihm dieses der Mann durch einen Schlag mit seinem Stabe aus der Erde habe hervorspringen lassen. Jedermann brannte vor Verlangen auf diese Nachricht und sahe schon aus jedem Flecke, worauf er trat, Silber und Edelgesteine hervormarschiren, besichtigte jedes besondere Steinchen und vermuthete unter jedem abgefallnen Blatte eine verdeckte Kostbarkeit. Sie warteten in einem Hinterhalte, bis der Zauberer schlafen wurde, wo seine Krafte nicht wirken konnten, und fuhrten ihr schreckliches Stratagem aus. Sie zundeten die Hutten des Derwisches an, der wegen langer Sicherheit ungewohnt worden war, Feindseligkeiten von Menschen zu besorgen, und mit seinen Tochtern verbrannte, ehe sie ihr trauriges Schicksal wahrnahmen. Belphegor erwachte, ehe das Feuer seine Wohnung verheerte und entrann in den nahen Wald, indessen dass die Feinde an der brennenden Hutte des Derwisches und den ubrigen lauerten, um den herauskommenden Zauberer zu erhaschen: sie lauerten, bis alles niedergebrannt war, sie lauerten bis zum Morgen: der Zauberer erschien nicht, weswegen sie vermutheten, dass er durch die Lufte entwischt sey, und da sie sich nicht getrauten, ihm auf diesem Wege nachzusetzen, so verfluchten sie ihn, giengen unwillig fort, machten eine Eintheilung von den Schatzen, die sie hatten bekommen konnen, und prugelten sich tapfer herum, wenn einer zu habsuchtige Anspruche machte: so nahm die Komodie doch wenigstens ein wurdiges Ende.

So sind meine schonen Hoffnungen abermals zerstaubt? rief Belphegor, als er sich ein wenig gesammelt hatte. Ich wollte erst anfangen zu traumen, und habe schon ausgetraumt! dass doch jede Gluckseligkeit auf diesem elenden Planeten voruberfliegender Traum ist, und nur die Leiden nicht! So will ich wenigstens die Umstande brauchen, wie sie sind: kann ich in diesem Winkel nicht mit meinem ehrwurdigen Freunde glucklich leben, so will ichs ohne ihn thun. Hier in diesen Bergen will ich wohnen, die Fruchte der verscheuchten und getodteten Bewohner geniessen, und dann Tod! dann in deiner Umarmung glucklich werden!

So beschlossen, so gethan. Er schlich schuchtern zu den Wohnplatzen zuruck, fand alles verheert, verwustet, verbrannt und keine lebendige Seele. Die wenigen Fruchte, die er antraf, reichten auf einige Tage hin, und so eifrig er die Hulfe des Todes vorhin wunschte, so bekummert war er itzt, da ihr Termin so nahe herbeyruckte. Er machte schon verschiedene Anschlage, wie er sich mit dem vorhandnen Vorrathe beladen und aus den Geburgen hinausbringen sollte. Allein, sprach er endlich unmuthsvoll, ob mich der Hunger oder die Menschen todten! Sollte ich ihrer Grausamkeit gar den Gefallen erzeigen und mich von ihnen umbringen lassen? Nein, hier sterbe ich! Hier, Tod, erwarte ich deinen hulfreichen Schlag!

Mit dieser Entschliessung setzte er sich unter einen Baum und wartete voller Verlangen auf den Tod. Mitten unter seinen Erwartungen horte er das Gerausche eines Fusstrittes, hielt es fur einen Feind, und weil er schlechterdings nicht von Menschenhanden umgebracht seyn wollte, so sprang er auf und floh. Der andre sezte ihm nach und erhaschte ihn: in der ersten Hitze, ehe sie einander erkannten, thaten sie sich ein Paar Feindseligkeiten an, und wurden endlich zu ihrem Leidwesen gewahr, dass sie sich unnothige Wunden gemacht hatten. Es war einer von der Kolonie des Derwisches, der Belphegor bey diesem gesehn hatte und also wohl schliessen konnte, dass ihn Eine Ursache mit ihm in die Flucht getrieben habe. Sie verstandigten sich hieruber, und Belphegors erste Frage war alsdann, wo der Derwisch hingekommen sey.

Er ist nebst seinen beiden Tochtern zu Pulver verbrannt, war die Antwort. Ich habe in den Ruinen seiner Wohnung ihre Gebeine gefunden, gesammelt und dort unter jenem frischen Erdhugel verscharrt.

So verscharre mich neben ihm! unterbrach ihn Belphegor; denn ich will sterben, hier auf diesem Flecke sterben.

Der andere that etliche unmassgebliche Vorschlage, wie sie wohl mit Ehren beide noch langer leben konnten, und ermahnte in dieser Rucksicht Belphegorn, mit ihm sich durch das Geburge durchzuarbeiten, franzosische Kaufleute aufzusuchen und dann nach Frankreich zuruckzukehren.

Nein, ich will sterben! rief Belphegor. In Frankreich sind Menschen; wo die sind, ist man unglucklich: ich will sterben.

Sein Freund sezte ihm mit seiner ganzen Beredsamkeit zu, weil ihm daran lag, einen Gefahrten zu seiner Reise zu haben, und brachte es endlich so weit, dass er wenigstens seine Vorschlage in Erwagung zog. Wir wollen als Gaukler, als Leute, die Merkwurdigkeiten zeigen, herumziehn, bis wir in eine Stadt kommen, wo uns die Zuflucht zu einem Konsul meiner Nation offen steht: das war sein Vorschlag. Belphegor weigerte sich, wollte sterben, willigte drein und blieb leben.

Sie versorgten sich mit allem, was sie tragen konnten, traten den Weg an und Belphegor sandte einen schwermuthigen Seufzer in das verwustete Thal zuruck, als sie in den Wald hineintraten, um es nie wieder zu erblicken.

Sie sannen nunmehr auf Projekte, wie sie die Neugierde der Perser reizen und ihnen fur eine kleine Belustigung den Unterhalt abgewinnen konnten. Nachdem vieles Nachdenken verschwendet war, so brachte Belphegorn ein Einfall darauf, die Geschichte Alexanders des Grossen nach seinem Tode zu malen, und sie als ein den Persern hochst interressantes Schauspiel fur Geld zu zeigen: versteht sich, dass die Vorstellung nicht zum Vortheile des Macedoniers ausfallen sollte.

Belphegor war nun einmal geschworner Feind der Eroberer und aller, die jemals zum Wurgen und Morden Anlass gegeben hatten: weil er bestandig wider sie zurnte, so wollte er schon vor vielen Jahren in einer unwilligen Laune, sie insgesammt der offentlichen Verachtung aussetzen, doch glucklicher Weise hatte er die Idee aufgehoben, um izt sein Brod damit zu verdienen.

Die Komposition des Gemaldes war erfunden, und man schritt zur Ausfuhrung; aber zur grossten Besturzung wurde man gewahr, dass man zum Malen Leinwand und Farbe brauche und doch kein Geld bey der Hand habe, um diese Materialien anzukaufen. Belphegors Gefahrte wusste Rath zu schaffen: er schlich des Abends in ein kleines Dorf, kam zuruck und uberbrachte seinem Gefahrten, so viel er fur nothig erachtete, was er aller Wahrscheinlichkeit gemass gestohlen haben musste: es wurden Farben aus Wurzeln gepresst, aus Erden zubereitet, die Leinwand aufgespannt, das Palet ergriffen und das Ganze meisterlich ausgefuhrt. Belphegor konnte etwas zeichnen und sein Gefahrte hatte es ehemals gekonnt: dieser wenigen Talente ungeachtet, brachten sie doch ein Werk zu Stande, dem man wenigstens mit Hulfe einer deutlichen Erklarung ansehn konnte, was der Kunstler auszudrucken gemeynt gewesen war. Dies Meisterstuck der Kunst wurde auf Stangen zusammengerollt getragen und jedem neugierigen Auge zur Ansicht geofnet, sobald dafur etwas bezahlt war.

Ein neues Hinderniss! Beide waren nicht stark genug in der Landessprache, um ihr Gemalde mit der gehorigen Fluchtigkeit der Zunge redend zu machen: und gleichwohl war eine wortliche Erklarung mehr als Licht und Schatten in ihrem Werke. Sie machten indessen einen Versuch. Belphegor erzahlte in dem nachsten Dorfe den erstaunenden Zuhorern mit lauter Stimme von dem Wutrich, dem bekannten Alexander, der ganz Persien bezwungen, und versprach ihnen zu zeigen, wie dieser Erzfeind des persischen Namens nach seinem Tode zur verdienten Strafe gezogen, wie sein Korper zerstuckt und in die niedrigsten Gestalten verwandelt worden, und wie er zulezt mit seinem ubermuthigen Stolze sey gebraucht worden, um ein Mauslochlein zuzustopfen u.s.f.

Niemand wusste etwas von diesem Bluthunde, dem Alexander: den Ali kennen wir wohl, sagten die Anwesenden, welcher hochgelobt und gepreist sey. Andre glaubten, dass er den Ali lastern und von ihm so schandliche Aergerlichkeiten erzahlen wolle. Diese machten dem Schauspiele ein plozliches Ende, huben Steine auf und bombardirten auf Gemalde und Kunstler los, dass beide nicht ohne Locher davon kamen: sie ergriffen die Flucht und besserten, als sie sich in Sicherheit sahen, Tapete und Malerey wieder aus.

Die Leute sind hier zu devot, sagte Belphegor. Freylich muss man Platze suchen, wo schon ein gewisser Luxus herrscht, und wo die Menschen nicht mit ihren Bedurfnissen zu sehr beschaftigt sind, um am Vergnugen Geschmack zu finden. Dummheit und Devotion mussen Leute, die fur den Geschmack und die Philosophie arbeiten, wie das Feuer vermeiden.

Sie giengen in eine kleine Stadt, aber auch hier wusste niemand etwas von dem grossen Alexander, doch sah man, um das Bedurfniss der Langeweile zu befriedigen, die wunderbaren Schicksale des todten Halbgottes auf der Leinwand an. Sie schauten also erstlich: wie dem seynwollenden Halbgott Alexander und grossen Menschenwurger die Wurmer aufm Leib herummarschiren und jedes sein Portionlein abzwackt. Ferner schauten sie: wie von dem grossen Alexander und Erzfeind der Perser ein Theil in den Magen eines Schweins ubergeht. Die Idee, sieht man wohl, war sehr moralisch, und Belphegor bedeutete sein Auditorium dabey, dass die Theilchen Materie, die ehemals den Alexander ausmachten, als er Persien schandlicher Weise bekriegte, nach seinem Tode zerflogen und verschiedenen Menschen, Pflanzen und Thieren zu Theil geworden waren. Er liess daher seinen Helden unter einer Eiche begraben liegen, seine Bestandtheile in den Baum aufsteigen und zu Eicheln werden, dann unter dieser Gestalt in den Magen einer Sau hinuntersteigen, von dieser seinen Ausgang nehmen, einen Fleck dungen, zu Flachse aufwachsen und in dieser Form von einem alten babylonischen Weibe gebraucht werden, um ein Mauseloch zu verstopfen. Auf ahnliche Weise musste ein andrer Trupp von seinen Bestandtheilen eine Reise thun, so ein dritter und noch mehrere, und jede Reise endigte sich mit einer hochstunangenehmen Herberge. So viel sinnreiches und wahres die Erfindung auch enthielt, so konnten die Einwohner doch nicht viel Belustigung daran finden, weil sie nichts davon begriffen; besonders wollten sie nichts mit dem Alexander zu thun haben, der nie einem unter ihnen den Kopf entzwey geschlagen hatte, und ihnen also auch nicht bekannt war: der Gewinnst war ungemein geringe.

Sie machten einen dritten Versuch in einer grossern Stadt: abermals Unwissenheit! keine Seele wusste nur Eine Sylbe vom Alexander; man konnte ihn nicht einmal aussprechen. Sie stellten sich auf einen Marktplatz, wo das Volk sich um einen Gaukler aufmerksam versammelt hatte, den es aber sogleich haufenweise um der Neuheit willen verliess, als die beyden Europaer ihre Stangen hoch in die Luft aufrichteten. Man wurde durch den Anblick der Gemalde nicht sonderlich ergotzt, man gahnte: indessen hatte der Gaukler es doch einmal ubel genommen, dass er durch die Ankunft dieser Leute einen Verlust an Zuschauern erlitte; er horte also kaum die erste Sylbe von dem Namen des Alexanders, als er, um sich zu rachen, unter die Menge das Geruchte ausstreute, dass diese Ruchlosen den grossen Propheten Ali verspotten und lacherlich machen wollten: das Volk, das ohnehin wegen seiner betrognen Erwartung wider die Europaer eingenommen war, fieng bald Feuer, gab eine Salve Steine und Knittel auf die Gemalde, sturmte darauf loss, eroberte und vernichtete es unter dem lautesten Jubel. Ein Gluck war es, dass der Pobel Gelegenheit fand, seine Wuth an der fuhllosen Leinwand zu sattigen: denn wahrend dieser Raserey erwischten die beyden Europaer eine Oeffnung in dem Gedrange, durch welche sie wohlbedachtig hindurchkrochen und mit leidlich heilen Gliedmassen zum ersten Thore hinausliefen.

O Wohnung des Neides und des Unglucks! rief Belphegor; hassliche Erde! Auch in dem niedrigsten Gewerbe ist Krieg! findet sich Gelegenheit fur Menschen, einander missgunstig zu verfolgen! O Erde, du Wohnung des Neides! Freund! was sollen wir nun thun?

Betteln! sagte der Gefahrte seines Unglucks.

Betteln! schrie Belphegor und seufzte.

Nicht anders! Weg mit dem Stolze! Unverschamtheit her! das ist itzt unsre nothwendigste Brustwehr.

Belphegor stiess einen Valetseufzer an den Stolz aus, liess sich von seinem Freunde die Haare abschneiden und wanderte mit ihm auf gutes Gluck hin.

Die Lebensart war nicht wenig eintraglich fur sie: doch fur Belphegorn weniger als seinen Gefahrten, weil dieser die Kunst der Unverschamtheit besser inne hatte. Belphegor trostete sich damit, dass er sein schlechteres Fortkommen einer hohern naturlichen Wurde zuschrieb, und sein gesicherter Stolz hielt den Neid zuruck. Plotzlich wandte sich durch einen Zufall das Gluck. Der zuruckgesetzte Belphegor gerieth auf den Einfall, das Frauenzimmer zu seiner Goldmine zu machen, und bediente sich dabey der bekannten Wunschelruthe der Schmeicheley: jeder, die er ansichtig wurde, sagte er eine Sussigkeit je hasslicher sie war, je starker gab er die Dosis und er lebte im Ueberflusse. Sein Gefahrte war schon zu sehr gewohnt, einen Vorzug vor ihm zu haben, als dass er sich itzt so ruhig von ihm uberholen lassen sollte: es kam ihm als ein Eingriff in seine Rechte vor, sein Neid wurde rege, und da er ihm nichts entgegenzusetzen hatte, so wuchs er taglich im Stillen, bis er mit Sturm ausbrach. Er suchte Ursache zum Zwiste, und wie leicht kann jedem in dieser Welt damit gedient werden! Er fand sie, Belphegor gab nach, bis er endlich durch den Ungestum des Andern gleichfalls erhitzt wurde; es wurde offner Krieg, worinne Belphegor den Kurzern zog: sein Gefahrte plunderte ihn, und versetzte ihn in einen Zustand, dass er ihm nicht sogleich nachfolgen konnte, entfloh und trennte sich von ihm auf ewig.

Belphegor lag mit blutendem Gesichte und halbgelahmten Lenden an einem kleinen Flusse, wo er abermals uber Welt und Menschen sein Klagelied sang und von den Beschwerlichkeiten des vorigen Treffens ausruhte. Endlich da er weiter nichts vor sich sah, als seinen Weg und sein Bettlergewerbe fortzusetzen, stund er unwillig auf und hinkte langst des Flusses hin.

Nach einer kleinen Strecke stiess er an ein Frauenzimmer, das an einem Scheidewege auf einem Steine sass und ihn schon in der Ferne mit den wollustigen Geberden bewillkommte: er merkte also leicht, dass es eine von den orientalischen Schonheiten war, die ihre Reize auf den offentlichen Strassen selbst verhandeln. Sein Muth war zu sehr gesunken, um an ihren Einladungen Theil zu nehmen: er gieng also ungeruhrt voruber und wurdigte sie kaum eines Seitenblickes. Sie folgte ihm und beunruhigte ihn mit den Bemuhungen, sein Felsenherz zu erweichen, so lange bis er unwillig sie zuruckwies: sie verfolgte ihn unaufhorlich. Um wenigstens die Qual ihrer Zudringlichkeit zu mindern, bat er sie, ihm den Weg zur nachsten Hauptstadt zu zeigen, welches sie gern that, weil der namliche Platz fur ihre Geschafte der vortheilhafteste war, und unterwegs, da sie durch seine Offenheit gleichfalls offen geworden war, unterhielt sie ihn mit ihrer Geschichte, den Beschwerlichkeiten ihres Handwerks und ihrem Ekel dafur. Sie bewies besonders bey dem letzten Punkte eine Empfindsamkeit, die sie ihrem Begleiter merkwurdig machte, und versicherte, dass sie nichts als die ausserste Noth in eine der schandlichsten erniedrigendsten Lebensarten gesturzt habe, die sie hasste und verfluchte, und nur, um nicht zu verhungern, emsig betreiben musste. O, setzte sie hinzu, Schicksal! du bist der Schopfer unsrer Vergehungen!

Achtes Buch

Belphegors Begleiterinn fieng ungeheissen an, ihm etliche Stucke ihrer Geschichte mitzutheilen, und zwar mit dem Tone eines geheimen Kummers, der sich offnen will, um sich zu erleichtern: allein ihr Zuhorer war mit seinen eignen trubsinnigen Gedanken zu sehr beschaftigt, um von ihrer Erzahlung interessirt zu werden. Sie fuhr demungeachtet ungehindert fort und versicherte, dass der ganze unubersehliche Faden ihrer grausamen Schicksale von einem gewissen FROMAL angesponnen sey, dem sie dafur allen Fluch des Himmels und der Erde zur Belohnung anwunschte.

Belphegor fuhr auf und sah sie unbeweglich an. Von einem gewissen Fromal! rief er, wie aus einem Traume erwachend.

Ja, von diesem schandlichsten aller Bosewichter, der mich verleitete, einen gewissen BELPHEGOR zum Hause hinauszuwerfen

Einen gewissen Belphegor! unterbrach sie ihr Gefahrte erschrocken, doch ohne sich zu verrathen, ob er gleich merkte, mit wem er zu sprechen die Ehre hatte.

Sie erzahlte ihm hierauf mit gelaufiger Zunge ihre ganzen Schicksale bis zu der grossen Wolkenreise,15 wo sie von ihrem versohnten Liebhaber und seinem Freunde Medardus getrennt wurde, und zwar mit den namlichen Umstanden, unter welchen meine Leser ihren Bericht bereits vernommen haben. Belphegor konnte daraus nichts anders schliessen, als dass die Geschichte wahr und sein Freund Fromal ein treuloser Freund sey, der ihn doppelt hintergangen, als er ihn nach seiner Verweisung aus Akantens Hause beruhigte, und als er ihm die Ursachen herrechnete, warum er zu seiner Vertreibung etwas beygetragen hatte. Er nahrte schon lange einen bittern Unwillen wider alles, was menschlich heisst, bey sich, und glaubte um so viel leichter, dass sein Schluss richtig, und Fromal, wie alle Menschen, ein Bosewicht sey.

Wahrend dass er mit einer geheimen melancholischen Freude dieser Meynung beyfiel, fuhr Akante in ihrem Berichte fort und erzahlte ihm, dass sie von ihrer Wolkenfahrt in die Turkey herabgelassen worden sey und sich, um ihrem ganzlichen Mangel abzuhelfen, an einen reichen Kaufmann als Sklavinn verhandelt habe.

Mein Herr, sagte sie, ward meiner bald uberdrussig: so sehr ich selbst nach dem Verluste meiner hauptsachlichsten naturlichen Schonheiten in Europa gefiel, so wenig wurde dieser fuhllose Turke von meiner marmornen Hand und meinem schon lackirten Gesichte geruhrt, das leider! itzt nur noch Ruinen seiner vormaligen Schonheit aufzuweisen hat. Er verkaufte mich an einen Herrn, der sich besser darauf verstand, weil er ein Paar elende Goldstucke bey dem Handel gewinnen konnte. Mein neuer Herr nahm mich in sein Serail und verkaufte mich in etlichen Wochen an MULAI JASSEM, einen Handelsmann aus Antiochien; MULAI JASSEM verkaufte mich an ABI NIZZA nach Bagdad; ABI NIZZA uberliess mich seinem Bruder, dem ABI ESSER: ABI ESSER, ein aufbrausender Mann, ward zornig auf mich, warf mich zum Hause hinaus, liess mich wieder zuruckholen, um mir hundert Peitschenhiebe mitzutheilen, und vertauschte mich gegen ein schones kastanienbraunes Pferd an einen Franken,16 der mich endlich in die Hande eines persischen Herrn brachte, eines der machtigsten Herrn im Konigreiche; und ich wurde unter die Zahl seiner Beyschlaferinnen aufgenommen. Ob er gleich aus besondern Absichten nur zwey Weiber hatte, so war doch sein Haus ein bestandiger Schauplatz des Zanks und Tumultes: es theilte sich in zwo Faktionen, die einander todtlich hassten und mit aller Erfindungskraft auf Mittel sannen, ihren Hass zur Thatlichkeit werden zu lassen: Sklaven, Sklavinnen, alles hatte den Groll von seiner Gebieterinn angenommen und verfolgte sich, als wenn es seine eigne Angelegenheit ware. Vorzuglich ausserte sich diese Feindschaft bey der Geburt eines Kindes; die eine von den beyden Weibern war ganz unfruchtbar, und die andre hingegen hatte ihrem Herrn schon drey Kinder geboren: ein solcher Vorzug war des bittersten Neides werth. Als diese Gluckliche zum viertenmale niederkam, so biss sich ihre Neiderinn vor Zorn und Unwillen bey der ersten Nachricht davon so heftig in die Unterlippe, dass man sie ablosen musste, um eine Entzundung des ganzen Gesichts zu verhindern. Kaum hatte sie den Schmerz ausgestanden, als ihr die Rachsucht den grausamen Entschluss eingab, die Wochnerinn nebst ihrer Frucht im Bette zu verbrennen: sie gab ihrer Partey Befehl dazu, die mit der grossten Bereitwilligkeit eilte, ihn zu vollstrecken. Im Augenblick loderten die Flammen in ihrem Zimmer und allen Ecken hervor, ergriffen die nachst daran stossenden, verbreiteten sich weiter, und in wenig Minuten war der ganze Palast in Rauch und Flammen gehullt: man rettete sich, wie man konnte, und mit dem grossten Theile der Sklavinnen entlief ich, um ein leichter Joch zu finden, als das wir bey unserm gegenwartigen Tyrannen zu tragen hatten: doch wir wurden von etlichen Verschnittnen eingeholt, gemustert und bis auf eine kleine Anzahl verkauft, bey welcher Gelegenheit ich in die Hande des grossen machtigen FALI gerieth, um die Aufwarterinn einer seiner Beyschlaferinnen zu werden. Er hatte dem Sultan, seinem Herrn, wichtige Dienste im Kriege gethan und noch vor kurzem etliche Provinzen erobert, weswegen ihm sein Herr mit vieler Achtung und Schonung begegnete. Einer von den Feldherren, der mit ihm eine gleich lange Zeit gedient hatte und es hochst ubel empfand, dass ihm das Gluck weniger gewogen war und ihn etliche Stufen niedriger in der Gunst seines Despoten sitzen liess, hielt sich fur verpflichtet, einen solchen Mann zu hassen, zu verfolgen, und wo moglich, unter sich zu erniedrigen. Er suchte jede Gelegenheit anzuwenden, ihn seinem Herrn verdachtig zu machen; und keine gluckte ihm. Seine Missgunst stieg zu einer solchen Hohe, dass es ihm genug war, seinen Nebenbuhler zu sturzen, wenn er gleich selbst in seinen Fall mit hinabgezogen werden sollte. Unter den vielen fehlgeschlagenen Listen erfand er endlich eine gluckliche, wobey ICH die Hauptrolle spielte.

Als ich eines Tages dicht an den Mauern des Harems Feldblumen fur meine Gebieterinn suchen musste, so naherte sich mir ein alter Evnuche und versprach mir gleich bey der ersten Anrede, mein Gluck auf ewig zu machen, wenn ich mich in ein Verstandniss von der aussersten Wichtigkeit mit ihm einlassen wollte. Ich wurde neugierig, und er verlangte von mir, dass ich mich schlechterdings in die Gunst des FALI einschmeicheln und zu der Ehrenstelle einer wirklichen Beyschlaferinn erheben lassen musste. Wie kann ich das? fragte ich. Dafur lass mich sorgen! war seine Antwort: gieb mir nur dein Wort, dass du dich zu allen Schritten, die die Sache erfodert, gehorsam bequemen willst, ohne jemals zuruckzuweichen oder furchtsam vor Schwierigkeiten zu erschrecken, die sich dir in Menge entgegenstellen werden. Ueberlass dich meiner Fuhrung, und folge an meinem Arme jeder meiner Bewegungen ohne Widerstreben nach! In wenig Wochen sollst du im Triumphe auf dem Gipfel stehen, von welchem deine Gebieterinn itzo auf dich herabsieht. Ich versprach, ihm in allem zu gehorsamen: und sogleich verliess er mich, ohne mir das mindeste von dem Gange seines Anschlags zu entdecken. Ich war erstaunt, ich sann nach, und gieng voll unruhiger Erwartung und Erstaunen mit meinen Blumen in den Palast zuruck. Ich musste jeden der folgenden Tage Blumen suchen; ich glaubte jedesmal den alten Evnuchen zu finden, um etwas bestimmteres von meinem bevorstehenden Glucke zu erfahren: allein statt seiner kam den dritten Tag der grosse Fali und eine kleine Weile darauf der alte Evnuche, der uns aber bald wieder verliess, nachdem er mir einen verstohlnen Wink gegeben hatte, die Gelegenheit zu nutzen. Ich nahm die schonste unter meinen Blumen, uberreichte sie ihm demuthig und warf mich vor ihm nieder. Herr, sprach ich, siehe in Gnaden das geringe Geschenk deiner Magd an und verschmahe nicht die Gabe ihrer Hande! Er befahl mir aufzusehn, und versicherte mich sehr freundlich, dass ich Gnade vor seinen Augen gefunden hatte, worauf er mir zu meiner Arbeit zuruckzukehren gebot und mich verliess. Ich pfluckte gedankenvoll weiter und fand in diesem Rathsel alles unaufloslich: ich brachte vier und zwanzig Stunden in der qualendsten Ungewisheit zu, bis der alte Evnuche zu mir kam und mir das Geheimniss zum Theil entwikkelte. Du sollst, sagte er mir, von Stund an zur Beyschlaferinn des erhabnen Fali, des grossen Feldherrn ausgerufen werden, und sogleich wirf die Sklavenkleider von dir und ziehe dieses Gewand an, das dich mit deiner bisherigen Gebieterinn in gleichen Rang setzt, und, wenn du klug genug bist, meinen Rathschlagen getreulich folgst und die nothige Vorsichtigkeit gebrauchst, dich an die Spitze des ganzen Harem emporheben wird. Ich zog das kostbare Kleid an, gelobte ihm den unverbruchlichsten Gehorsam und folgte ihm, worauf ich in ein schones moblirtes Zimmer kam, das mir nebst etlichen andern zu meiner Wohnung bestimmt war: die fur mich bestellten Verschnittene und Sklavinnen empfiengen mich und stunden auf jeden meiner Winke in Bereitschaft: kurz, ich war die geehrteste glucklichste Bewohnerinn des ganzen Harems und in der Gunst meines Herrn die oberste.

Guter Mann! Du weisst es vielleicht aus eigner trauriger Erfahrung, dass der Neid unmittelbar in die Fusstapfe tritt, wenn die Grosse den Fuss von ihr aufhebt: ich erwartete ihn und trug ihn daher desto standhafter. Meine vorige Gebieterinn setzte den ganzen Harem wider mich in Aufruhr; ihre ehemaligen Feindinnen welches alle ihres gleichen waren wurden itzt die auserlesensten Freundinnen, die sich mit ihr zu meinem Untergange verschwuren. Der alte Evnuche stellte mir die Grosse der Gefahr oft vor Augen, da ich sie ohne ihn nicht einmal erfahren haben wurde, so versteckt waren alle Minen, die mich sprengen sollten, ermahnte mich zu vorsichtiger Standhaftigkeit und schwur mir theuer zu, dass mich nicht der mindeste Stoss von der angelegten Untergrabung treffen werde, weil ER mein Beschutzer sey. Sein Wort war mir um so viel sichrer, weil ich wusste, dass er der Liebling unsers Herrn war und so viel uber ihn vermochte, dass auch die Neigungen des grossen Fali von dem Willen und der Billigung dieses alten Geschopfes abhiengen: alle Unternehmungen wider mich giengen also fehl, nur die einzige, die unglucklichste unter allen ware beynahe gelungen man trachtete mir nach dem Leben. Weil man nirgends zum Zwecke gelangen konnte, so liess man die Decke meines Schlafzimmers allmahlich so zerwuhlen und die Befestigung derselben so locker machen, dass sie unfehlbar herunterfallen und mich todten musste. Ob man gleich bey diesem morderischen Anschlage die nothigsten Maasregeln ergriffen hatte, um den volligen Einsturz zu veranstalten, wenn ich den Untergang nicht vermeiden konnte, so kam doch der Zufall ihren weisen Veranstaltungen zuvor, und warf die Decke mit einem gewaltigen Krachen hernieder, als ich eben auf den glucklichen Sofa in den Armen des grossen Fali in der vollsten Empfindung lag. Der Feldherr, der uber diese Storung seines Vergnugens ergrimmte, forschte nach dem Thater; denn man fand deutliche Spuren, dass Kunst gebraucht worden war, den Fall zu befordern: er forschte mit aller Strenge nach ihm, doch ohne ihn zu entdecken. Diese Fruchtlosigkeit seiner Bemuhung liess ihm eine Verschworung vermuthen, in welche, wo nicht das ganze Harem, doch wenigstens der grosste Theil desselben verwickelt seyn musste: theils um zu strafen, theils um abzuschrecken, liess er ein schreckliches Blutbad anrichten, das die Halfte des Serails und mit derselben auch meine vorige Gebieterinn wegnahm. Ich bat, ich flehte; aber der rasende Fali war unerbittlich und ruhte nicht eher als bis er die Zusammenrottung in Stromen Menschenblut ersauft hatte.

Kurz nach diesem grausen Auftritte entzundete sich ein neuer Krieg: alles war in Zwietracht; und mein alter Evnuche berichtete mir, dass ER der einzige Urheber dieser Unruhen sey und sie zu Beforderung seiner Absichten nie erloschen lassen durfe. Und welche sind das? fragte ich neugierig. Absichten, erwiederte er, deren Reife herannaht. So hore dann! Den Mann, in dessen Umarmung du bisher die sussesten Empfindungen der Liebe geschmeckt hast, sollst du sturzen. Ihn? fuhr ich auf: ihn, von dessen Handen ich Gluck und Wohlseyn empfieng, der mich auf die oberste Staffel seiner Gunst erhob, ihn sollte ich sturzen? Undankbar will ich nimmermehr seyn. So sturze dich! war seine kalte Antwort. Wahle zwischen seinem und deinem Untergange! Ich wollte Einwendungen machen und Fragen thun, aber er schnitt mir meine Rede gerade zu ab, verbot mir alle Declamationen und befahl mir zu wahlen, und dann zu horen, was ich gewahlt hatte. Keine Verlegenheit kann in der Welt grosser gewesen seyn, als die meinige damals: sich selbst, oder seinen Wohlthater schaden mussen, ein trauriger Wechsel! Ich gehorchte dem Verlangen meiner Selbsterhaltung und bezeigte mich zu den Anschlagen des bosen Evnuchen bereitwillig, der mich alsdann durch den schrecklichsten Schwur die Bewahrung des Geheimnisses angeloben liess. Der grosse EDZAR, fieng der Bosewicht an, der Nebenbuhler unsers Herrn, hat mich zu der Ausfuhrung seiner Absichten ausersehen; ich habe mich ihm verpflichtet und muss schlechterdings seinen Auftrag zu Stande bringen. Er gebot mir eine von den niedrigsten Sklavinnen in die Gunst des Fali zu bringen, deren Gluck in meiner Gewalt ware, und die also entweder sich in unsre Entwurfe fugen oder ihrer eignen Erhaltung entsagen musste: ich wahlte dich dazu, und du hast dein Gluck dem Glucke eines andern vorgezogen, was man leicht voraussehn konnte. Vernimm also was dir weiter zu thun obliegt! Der grosse machtige Herr deines Herrn wird dich von ihm verlangen: es wird ihm schwer werden, und ich will machen, dass es ihm unmoglich wird, dich zu missen, eben so wie der Feldherr Edzar es bey seinem Herrn dahinbringen wird, dass es ihm unmoglich ist, dich nicht zu besitzen. Der erhabne Herrscher aller Herrscher wird uber die Verweigerung deines Herrn ergrimmen, und siehe! so ist sein Fall gewiss, und du wirst zu der Umarmung des machtigsten Regenten erhoben.

Die so lange vorher ausgesonnene Bosheit wurde ihrer Ausfuhrung taglich naher gebracht: in kurzer Zeit hatte der tuckische Edzar seinen Herrn beredet, dass ich die grosste Schonheit des Orientes sey, und diese Ueberredung war hinreichend, ihn bis zum Unsinne in mich verliebt zu machen, ob er mich gleich nie gesehn hatte. Er verlangte mich schlechterdings zu besitzen, und erwartete nichts weniger, als dass sein getreuer Knecht Fali seinen Wunschen den mindesten Wiederstand entgegensetzen werde! je mehr dieser wankte, dem Verlangen seines Herrn zu gehorsamen, je mehr feuerte der alte Evnuche seine Liebe an, je mehr suchte er ihm glauben zu machen, dass er ohne mich der unglucklichste Sterbliche sey, und sich daher den ungerechten Zumuthungen seines Herrn gerade zu wiedersetzen musse: der alte Bosewicht, um den Untergang seines Herrn desto schneller zu befodern, rieth ihm sogar, den Antrag der Harte und Unwillen abzuweisen. Auf der andern Seite blies Edzar die Leidenschaft des Despoten unermudet an, und die beiden Alten, der Konig und sein Feldherr Fali, waren wie zween gierige Raubthiere, die sich auf die Aufmunterung und Loshetzung jener beiden Verbrecher um mich, ihre Beute, hassten, verfolgten und lieber gar gewurgt hatten. Der Konig musste meinen Herrn schonen, wenn er sich nicht der Gefahr eines Aufruhrs aussetzen wollte: denn Fali war der Liebling aller Soldaten, die ihn, wie ihren Vater, vor jeder Verletzung zu sichern suchten und fur seine Erhaltung ihre eigne verachtet hatten. In dieser qualenden Verlegenheit griff er nach der List und wollte mich durch verdeckte Wege aus den Handen des widerspenstigen Fali reissen: Edzar erfuhr seinen Anschlag und begunstigt ihn. Man legte an dem Theile des Palastes, wo ich wohnte, Feuer an, und wenn ich mitten durch die Flammen mich retten wurde, so sollten mich einige Auflaurer auffangen und dem Konige uberliefern. Der alte Evnuche, der von allen diesen Ranken vollig unterrichtet war, liess zwar die Flammen ungehindert auflodern und mich eben so ungehindert von meinen Entfuhrern davontragen, allein auf seine Veranstaltung wurden einige von den koniglichen Aufpassern eingefangen und vor dem Fali gebracht, der mit der Wuth eines Lowen wider seinen Herrn tobte, Schatze, Palast, Weiber und alles der Willkuhr der Flamme uberliess, und davon eilte, um mich zuruckzuholen, oder alles zum allgemeinen Aufstande aufzuwiegeln und dann seine Beleidigung mit Blute zu rachen. Er raste wie sinnenlos, und Zorn und Rachsucht machten seine Liebe zu mir starker als sie wirklich war: er lief, ohne zu wissen wohin, indessen dass ihm der Dampf von seinem verbrennenden Vermogen nachrollte. Wem er auf seinem Wege begegnete, dem erzahlte er mit der aussersten Hastigkeit seine Geschichte, und jeder war schon auf seiner Partey, ehe er ihn noch dazu ziehen wollte: in kurzer Zeit verbreitete sich der Tumult allenthalben, Soldaten und andre Einwohner eilten in vermischter Ordnung einher, und alles rief: es lebe Fali! es sterben alle seine Feinde! Der beleidigte Feldherr selbst war an ihrer Spitze und schnaubte vor Zorn und Rache: das Scharmutzel fieng an und wurde bald zur offnen Schlacht. Man erwurgte sich, man schlug sich blutig, man hieb sich nieder, mir und dem Fali zu Ehren. Der Sieg schien ungezweifelt fur den Feldherrn, als plozlich seine ganze Partey sich von ihm trennte und ihn der Wuth seiner Gegner uberliess, die ihn gefangen nahmen. Dieser plozliche Unfall war Edzars Veranstaltung, der unter dem Hintertrupp von Falis Verfechtern das Geruchte ausstreuen liess, dass ihr Anfuhrer in einer entlegnen Strasse grosse Gefahr laufe, in die Hande der Feinde zu fallen: sogleich sturzte sich der getreue Trupp an den Ort, wohin sie das falsche Geruchte rief; die Uebrigen, die dies fur Flucht hielten, folgten ihnen zum Theil nach, um sich mit ihnen zu retten, zum Theil um die Entflohenen zu ihrer Schuldigkeit zuruckzubringen. Diese Trennung verursachte bald allgemeine Unordnung und Verwirrung: dieser furchtete sich, jener zurnte, dieser tobte, jener stand vor Zerstreuung unthatig: ein jeder wurde durch eine Leidenschaft von der Gegenwehr abgerufen, die Feinde drangen ein, trieben sie fort umringten den verlassnen Fali und brachten ihn vor seinen Herrn, der ihn gern mit dem Blicke vor Wuth getodtet hatte und ihn sogleich den graulichsten Martern ubergeben liess.

Nunmehr, da der Sturm voruber war, hatte er Musse, die Schonheit in Betrachtung zu nehmen, die ihn veranlasst hatte: ich wurde zu ihm gefuhrt. War es Unmuth und bose Laune oder entsprach meine Gestalt seiner uberspannten Erwartung nicht! ich missfiel ihm im hochsten Grade, so sehr dass er mich von zween Evnuchen zum Serail hinauspeitschen liess und sogleich Befehl gab, dem Edzar, der die Wollust seines Herrn so unverantwortlicher Weise zu der falschesten Erwartung verfuhrt hatte, den Kopf glatt vom Rumpfe herabzusabeln.

Da sieht man doch, dass die Vorsicht noch lebt! wurde Freund Medardus ausrufen sprach Belphegor, ohne zu uberlegen, dass diess ein Mittel seyn konnte, sich vor der Zeit zu verrathen: allein Akante war zu sehr in ihre Geschichte vertieft, um sich ein solches Anzeichen nicht entwischen zu lassen. Sie hielt sich also blos an das Wesentliche des Ausrufs und fiel ihm hastig ins Wort: Ja, so wurde ich auch denken; aber warum musste denn der ungluckliche Fali umkommen, der treu fur seinen Herrn gefochten und eine niedertrachtige Beleidigung nicht als ein feiges Lamm erdulden, sondern den Urheber derselben muthig bestrafen wollte? warum liess da deine Vorsicht nicht lieber den Streich des Fali gelingen, der in seinem Herrn ein grosern Bosewicht gezuchtigt hatte als Edzar war?

Belphegor wollte antworten, aber sie liess ihn nicht zum Worte: in Einem unaufhaltsamen Strome fuhr sie zu fragen fort. Warum musste ich, die ich zu dem gottlosen Anschlage hingeschleppt worden war, die ich wie eine leblose Maschine dabey gleichsam fortgestossen wurde, warum musste ich arger als Edzar, der gottlose Anstifter des Verbrechens, behandelt werden? Mit Einem kurzen Hiebe war sein Leben und seine Marter aus: aber ich Elende wurde von zween wilden Evnuchen zum Serail unter tausend empfindlichen Hieben hinausgetrieben, dem Schmerze, dem Kummer, der Durftigkeit und allen nur erdenklichen Ungluckseligkeiten ubergeben; ich musste vier und zwanzig Stunden lang unter freyem Himmel, allen Unfallen der Witterung ausgesetzt, mit einem von Blute unterlaufnen Rucken liegen, durch die Barmherzigkeit eines Fremden in ein Haus gebracht, geheilt und durch seine plozliche Abreise mitten in der Kur dem Elende von neuem ausgesetzt werden, ich musste von Almosen leben und die meiste Zeit hungern, ich musste endlich, um weniger zu hungern, mich der Willkuhr eines jeden uberlassen und hier verstummte sie.

Alles verdiente Strafen! fuhr Belphegor hastig auf, fur die lahme Hufte, die du mir hier besann er sich: denn Akante sah ihn sehr ernsthaft und bedenklich an; und weil ein Argwohn leicht Grunde zur Gewisheit findet, so erblickte sie, aller Unkenntlichkeit ungeachtet, ungemein viele Aehnlichkeit in den Gesichtszugen des Mannes mit demjenigen, dem sie ehemals lahme Huften gemacht hatte. Sie hielt es wenigstens der Muhe werth, einem Versuch mit einer Anfrage zu thun; und da ihr ehmaliger Liebhaber ein Bettler war, so konnte sie nichts dabey verlieren, sich ihn unter den Charakter einer Hure darzustellen. Sie sah ihn immer steifer an, sagte die ersten Sylben seines Namens, bis sie ihn ganz heraussprach, und der gute Mann aus angeborner Aufrichtigkeit es ihr langer nicht verhelen konnte, dass ER es war, den sie nannte. Beide, obgleich keins vor dem andern viel voraus hatte, schamten sich mit ihrem Reste von europaischem Gefuhle, sich in so traurigem erniedrigendem Zustande widerzufinden. Hatte auch gleich kein Ueberbleibsel von Liebe mitgewirkt, so ware die Gleichheit des Elends und ihrer Abkunft schon kraftig genug gewesen, sie fur einander anziehend zu machen: doch mitten unter den Empfindungen, die ihre Wiedererkennung begleiteten, konnte Akante nicht vergessen, dass ihr bisheriges Ungemach eine Folge von den Huftenschmerzen seyn sollte die sie Belphegorn gemacht hatte, besonders da Leute, die viel gelitten haben, alle Beyspiele wider die Billigkeit der Vorsehung begierig auffangen, um sich gleichsam fur ihr ausgestandnes Ungluck dadurch an ihr zu rachen.

Was? rief sie; so vieles Herzeleid soll ich durch zween oder drey Ribbenstosse verdient haben, die ich dir, verblendet von unwillkuhrlicher Leidenschaft und von Fromals ruchloser Ermunterung angetrieben, ohne deinen grossen Schaden gab? indessen dass Edzar, dieser uberlegene studierte Bosewicht, mit Einem leichten Schwerthiebe davon kam, und sein niedertrachtiger Herr, der keine Sonne ohne eine That der Grausamkeit untergehen liess, noch lebt und in hohem Wohlseyn uber Persien herrscht? Welche Proportion? Oder hat vielleicht mein ganzes Geschlecht schon vor der Geburt lahme Huften gemacht, dass es unter diesem ganzen Himmelsstriche zur elendesten Sklaverey verbannt ist? schon von dem ersten Augenblicke seiner Existenz dazu verdammt ist? Warum ist mein ganzes Geschlecht von ewigen Zeiten her der Jochtrager des eurigen, eurer Bedurfnisse, eurer Bequemlichkeit, eurer ublen Laune gewesen? Wodurch hat es eine solche Zurucksetzung unter das eurige verdient? Nichts als seine ungluckliche Schwache warf es in die allgemeine Unterdruckung! Uebersieh alle Zeiten und Lander! Musste die Gattung vernunftiger Kreaturen, die ihr in Europa als Engel anbetet und vielleicht durch Schmeicheleyen einschlafern wollt, damit sie euch ihre Ueberlegenheit nicht fuhlen lassen, der schonste Theil der Schopfung nicht bestandig dienen, in jedem Verstande dienen? und nicht blos dienen, sondern der Sklave des rohen grausamen starkern mannlichen seyn? Allenthalben war dies, den einzigen kleinen Punkt ausgenommen, auf welchem wir das Leben empfiengen, und auch hier noch vor wenigen Jahren. Ihr Manner konntet in der tollsten Raserey zu Tausenden nach einem kleinen Striche steinichten unfruchtbaren Erdreiches laufen17 und Tod und Gefahren in jeder Gestalt entgegengehn; ihr konntet euch um eines leeren Titels, einer einfaltigen Grille: eines blendenden Nichts, wurgen, zerfetzen, verstummeln: und doch kam keiner noch auf den edlern Vorsatz, das weibliche Geschlecht in allgemeine Freiheit zu setzen. Schamt euch, ihr Elenden! Um euern verfluchten Durst nach Golde, nach Landern, Titeln oder andere noch niedrigere Leidenschaften der Rache, der Zanksucht, des Neides zu sattigen, macht ihr, so oft es euch beliebt, die Erde zum Schlachtfelde und wisst euren unmenschlichen Thaten tausend schimmernde Mantel umzuhangen und tausend glanzende Anstriche von Edelmuth, Grossmuth, Menschenliebe, Patriotismus zu geben: doch fur das Geschlecht: das euch mit Schmerzen gebar, wagtet ihr nie einen Schritt! vergosst ihr nie einen Tropfen eures menschenfeindlichen Blutes! Wohl den guten freundlichen Rittern, die wahrend der Barbarey unsers vaterlandischen Himmelsstrichs sich uber alle Vortheile und Rucksichten des Eigennutzes emporschwangen und mit der Lanze in der Hand, von dem einzigen Triebe der Ehre und Menschenliebe begeistert ausgiengen, die Banden der weiblichen Knechtschaft zu zerbrechen und rohen Unterdruckern des schwachern Geschlechts die Kopfe zu zerspalten! Wohl ihnen, sie waren die edelsten Krieger, die jemals die Waffen ergriffen: deren Namen in alle Felsen des Erdbodens mit unausloschlichen Zugen hatten eingegraben werden sollen, und welche die Verewigung mehr als alle beruchtigte Landerverwuster, Stadtezerstorer und Menschenwurger verdient hatten. O dass ihr geheiligter Staub nicht hier unter meinen Fussen ruht! dass die Statte unbekannt ist, die ihre edlen Gebeine bewahrt! Jedes Mitglied des weiblichen Geschlechts sollte zu ihnen eine Wallfahrt thun und sie mit Blumenkranzen und Raucherwerke ehren: jedes Madchen sollte ihnen die ersten Locken weihen, jede an ihrem Hochzeittage ihnen ein Fest feiern. Dann wurde einem unter euch vielleicht das eiskalte Blut genug erwarmt werden, um nach einem ahnlichen Lorber zu streben: dann wurde ein solcher Preiss vielleicht die Tapferkeit einiger ruhmsuchtiger Waghalse beleben, sich zu der grossten Unternehmung zu vereinigen; dann wurden Schaaren von edlen Streitern den nuzlichsten Kampf wagen, muthig uber Seen, Berge und Schlunde hineilen, um in Norden und Suden, in Osten und Westen die Ketten zu zersprengen, womit mein Geschlecht an das Joch der mannlichen Unterdruckung angeschmiedet ist. O Freund! hattest du Geist und Feuer genug, so konnten WIR zuerst diese Lorbern einerndten! so konnten wir, wie der enthusiastische Peter18 uber den Erdboden hinfliegen und Kaiser, Konige und Fursten aufmuntern, dem halben Theile der Menschheit Friede, Ruhe, Freiheit und Gluckseligkeit zu erkampfen! Komm, Freund! Lass uns jeden, der Macht hat, das schwarze Gemalde der weiblichen Sklaverey mit den schauderndsten Farben vor die Augen halten, und wer dann keinen Sporn in seinem Herze fuhlt, den treffe Fluch, den verzehre der Donner des Himmels! den Feigen! den Nichtswurdigen!

Belphegorn schauderte bey dieser lebhaften Deklamation, und er fuhlte in seinem Kopfe so etwas, als wenn seine Einbildungskraft anfienge Feuer zu fangen; sein Herz schlug gleichfalls schneller, und in allen seinen Adern regte sich seine vorige Tapferkeit: allein zu Akantens Begeisterung konnte er sich doch nicht erheben, um das Missliche und Phantastische in der vorgeschlagnen Unternehmung nicht zu fuhlen. Die ganze Sache war: Akante hatte kurz vor ihrer Zusammenkunft mit Belphegorn von einem ihrer Liebhaber, weil er ihr seine Erkenntlichkeit nicht besser zu beweisen wusste, eine grosse Schachtel mit Opium empfangen, wovon sie in der Geschwindigkeit eine ziemliche Portion verschluckte, die ihre Nerven zu jenem Schwunge der Begeisterung anspannte, dass sie ein solches phantastisches Projekt entwerfen und Belphegorn mit solcher Lebhaftigkeit zur Ausfuhrung antreiben konnte.

Da sie endlich nach vielen Zunothigungen gewahr wurde, dass ihr Gesellschafter nie genug befeuert werden konnte, so bot sie ihm in einer Art von Trunkenheit das Mittel an, das bey ihr eine so wirksame Kraft geaussert hatte. Nimm, sprach sie, und iss! Diese Frucht muss deiner Einbildungskraft Flugel ansetzen, sie muss dich uber dich selbst emporschwellen: nimm, iss! und wenn du dann zu der wichtigen Unternehmung dich nicht hingerissen fuhlst, so bist du nicht werth, dass du aus der Brust deiner Mutter einen Tropfen Blut empfiengst.

Der gluhende Belphegor nahm den angebotnen Opium und verschluckte eine grosse Menge, die in kurzer Zeit eine fluchtige Anspannung aller seiner Gefasse veranlasste, dass seine Imagination aufbrauste; und in diesem Taumel gab er Akanten die Hand, schwur ihr einen theuern Eyd, und nichts war gewisser, als dass sie beide, wie irrende Ritter, zu der Erlosung des weiblichen Geschlechts auswandern wollten. Da sie in einem Lande waren, das ihnen Gelegenheit genug anbieten konnte, ihre ritterliche Tapferkeit zu uben, so sollte das Kriegstheater zuerst dort eroffnet werden. Sie fiengen den Zug an, und ihre vier Arme dunkten ihnen in ihrer stolzen Berauschung so stark als hunderttausend zu seyn, weswegen sie nicht die mindeste Bedenklichkeit hatten, ohne Hulfstruppen mit dem ganzen Oriente allein fertig zu werden. Sie ruckten an den nachsten Ort an, drangen mit Geschrey in ein Haus und verlangten von dem Manne die Befreyung seines Weibes und seiner Tochter aus der hauslichen Sklaverey. Der Mann, der weder ihre Anrede noch ihre Foderung verstand, aber doch aus ihrem Betragen schliessen konnte, dass sie nichts weniger als in friedlichen Absichten zu ihm kamen, hielt es fur rathsam allen Gewaltthatigkeiten vorzubeugen, weil es noch in seiner Macht stunde, setzte sich zur Gegenwehr, und seine Weiber, zu deren Erlosung unsre Helden ausgereist waren, gesellten sich zu ihnen wider ihre Befreyer, die sie mit Faustschlagen, Nagelkratzen und andern Waffen zum Hause hinauskomplimentirten, vor der Thure liessen und in Friede und siegreich wieder in ihre vier Mauern zuruckkehrten.

Theils von ihren ritterlichen Thaten und den empfangenen Schlagen, theils von der Ueberspannung des Opiums ermudet, blieben sie beide auf dem namlichen Flecke liegen, wohin sie der letzte feindliche Stoss versetzt hatte, und im kurzen waren sie in dem tiefsten Schlaf, worinne sie unter den schwarmerischsten Traumen und Entzuckungen bis zum Morgen verblieben.

Als sie erwachten; sahen sie sich voller Verwundrung an einem Orte, den sie vor ihrem Schlafe niemals gekannt hatten, entdeckten voller Verwundrung Beulen und geronnenes Blut eins in des andern Gesichte; erblickten mit Erstaunen Spuren eines Scharmutzels, dessen Folgen sie deutlich fuhlten, ohne dass sie nach ihrem lebhaftesten Bewusstseyn dabey gewesen waren. Das ganze kriegerische Projekt, wovon sie eine mislungene Probe geliefert hatten, war bis auf das kleinste Sylbchen aus ihren Kopfen verflogen: sie sannen, aber ihr eigner Zustand blieb ihnen ein unauflosliches Rathsel, weswegen sie ohne ferneres Kopfbrechen sich von der Erde erhuben und bedachtlich ihren Weg antraten.

Sie bettelten und waren bey diesem Gewerbe ehrlich und redlich in die chinesische Tartarey hineingerathen, wo neue Unfalle auf sie warteten. Bekanntermassen herrscht noch der vollige Naturkrieg unter dem tartarischen Himmel, und eben damals hatten die NUNNI, weil sie an ihren Platzen Langeweile hatten, sich es einfallen lassen, einen Spatziergang von etlichen funfzig Meilen zu den HIUTSCHIS zu thun und sie aus ihren Wohnsitzen herauszutreiben: die HIUTSCHIS, welche einmal auf Gottes Erdboden existiren sollten und zu ihrer Existenz Platz brauchten, thaten den NIUNGIS ein Gleiches und nothigten sie, ihnen zu weichen: die NIUNGIS rachten sich dafur an den ALDSCHEHUS; allein diese waren so halsstarrig tumm, nicht weichen zu wollen, welches die NIUNGIS, die ihrentwegen einen so weiten Weg nicht umsonst gethan haben wollten, so ubel nahmen, dass sie alle umzubringen beschlossen: da dieses aber nicht so schnell von statten gehen wollte, als sie anfangs vermutheten, und sogar ihnen selbst den Untergang zu drohen schien, so waren sie zeitig genug so klug, dass sie Friede anboten und den ALDSCHEHUS einen Plan vorschlugen, wo sie sich auf Unkosten ihrer Nachbarn fur die Kopfe entschadigen konnten, die sie ihnen nicht entzweygeschlagen hatten. Die ALDSCHEHUS ergriffen begierig eine so schone Gelegenheit, ihrem Schaden beyzukommen, und wanderten mit ihnen zu den MOGOLUTSCHIS, die sie bis auf das kleinste Kind dem Vergnugen ihrer Tapferkeit aufzuopfern gedachten: allein die MOGOLUTSCHIS waren kluger als ihre Angreifer, und entwischten ihnen, weil sie sich ihrer ungleichen Krafte sehr wohl bewusst waren. Eine solche unverantwortliche Vereitlung aller ihrer Absichten machte sie hochst unwillig, dass die MOGOLUTSCHIS ihre Halse zu lieb hatten, um sie sich von ihnen zerbrechen zu lassen, und die vereinigten ALDSCHEHUS und NIUNGIS fassten in ihrem Grimme den ruhmlichen Vorsatz, alle ihre tartarischen Nebenmenschen, deren sie nur habhaft werden konnten, bis auf die Wurzel zu vertilgen. Sie hielten Wort: sie schweiften nach allen Himmelsgegenden zu, und welches Menschenkind in ihren Weg gerieth, das hatte gelebt. Durch diese erhabne Tapferkeit brachten sie es in wenig Jahren dahin, dass in einem weitlauftigen Distrikte keine Spur von Gottes Schopfung mehr anzutreffen war.

Gerade zu einer Zeit als man eine Trophee von Erwurgten errichtet hatte, fuhrte das Schicksal unsre beyden Wanderer unter Muhseligkeiten und Hunger dahin: ihre Kleidungen waren sehr abgenutzt, sie hielten es also fur dienlich, sie auf der Stelle von den Fragmenten, die an den Leichnamen hiengen, so gut zu rekrutiren als es die Umstande erlaubten. Wohin sollen wir nun? fragte Belphegor. Wir wollen gehn, bis uns der Hunger todtet, es sey wo es wolle.

Kaum hatte er den Entschluss gefasst, als sie ein Trupp NIUNGIS umringte und auf ihre bittenden Zeichen, besonders wegen ihres friedfertigen auslandischen Aussehns, mit sich zu ihrem Oberhaupte schleppte, der ihnen bey dem Truppe zu bleiben verstattete und sie dem Hauptanfuhrer seiner Nation als eine Seltenheit vorzustellen gedachte.

Die Marsche waren ubermassig schnell und eilfertig: sie wurden durch etliche vereinigte feindliche Horden getrennt, und diese hatten die Bosheit, den Trupp, zu welchem unsre Europaer gehorten, zu verfolgen, bis ihn ein Morast von der Gefahr der Nachsetzung befreyte, wo der grosste Theil desselben stekken blieb und starb. Unsre Europaer waren mit einigen Tartarn seitwarts in einen Wald gesprengt, wo sie der Feind ruhig liess und zu andern erhabnen Kriegsthaten wieder umkehrte.

Belphegor und Akante hatten nebst ihren Gefahrten einige Zeit in dem Geholze zugebracht; als diese sie plotzlich verliessen und durchaus nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben wollten.

Trauriges Schicksal! rief Belphegor. Trauriges Schicksal! rief Akante; und beyde wollten mit aller Gewalt sterben: sie baten den Tod instandigst, mit ihren Korpern die Raubthiere der dortigen Gegend zu bedienen, aber der Tod war taub: sie erblickten Fruchte, langten zu, erquickten sich und wurden durch die einzelnen Stamme der Baume Wasser gewahr, giengen darauf zu und fanden offenbares Meer. Vielleicht, sprach Belphegor wieder auflebend, vielleicht hat uns hier uber diese Fluthen der Himmel einen Weg gebahnt, um in das kostliche Europa wieder zuruckzukehren. Lebe auf, Akante! Hier ist der Weg in unser Vaterland. Alles, was ich dort ausgestanden habe, von deinen Huftenstossen bis zum Aufhangen unter den Lettomanern, ist nichts gegen die Schmerzen, die ich in andern Welttheilen habe ertragen mussen. Wenigstens kann man dort ruhiger Zuschauer von dem allgemeinen Kriege bleiben und so leidlich ohne Schmerzen leben, wenn man sich nicht in das tolle Spiel der Welt mischt, wenigstens die Leute nicht einen vernunftigern Weg fuhren will, als sie selbst zufalliger Weise oder aus eigner Wahl eingeschlagen haben. Ich sehe es wohl leider zu spat! dass ich selbst, von meinem warmen zelotischen Herze und von ubertriebner Rechtschaffenheit verleitet, Millionen Schmerzen auf mich geladen habe: aber wohl mir! dieses Meer fuhrt mich nach Europa zuruck, und da will ich mit dir, Akante, die gemeinschaftliches Ungemach an mich fesselt, glucklich leben: denn Erfahrung hat mich auch klug gemacht, mein Feuer ist verdampft, und selbst der Neid der Menschen soll mir meine Rechnung auf ein ruhiges zufriednes Leben nicht verderben. Akante! freue dich! Unser Schicksal heitert sich auf.

Akante, die diese Aufheiterung in der Entdeckung eines offnen weiten unbekannten Meeres nicht finden konnte, blieb ungeruhrt und beschloss mit einem Seufzer und dem Ausrufe: trauriges Schicksal!

Auch warteten sie wirklich lange auf den gehoften Beystand des Himmels und die Ueberfahrt nach Europa, nahrten sich kummerlich mit gesammelten Fruchten und Wurzeln, bis endlich die Saiten der Hofnung schlaff wurden, und der Muth gleichfalls. Trauriges ungerechtes Schicksal! dabey blieb Akante und beschloss verzweiflend, sich in die See zu sturzen. Lass mich voran! rief Belphegor. Gab mir die Natur das Leben und doch keine Mittel es zu erhalten, so werfe ich die unnutze Last von mir und sterbe. Mit diesem Worte sprang er unaufgehalten in die Fluth: allein ein Rest von Liebe zum Leben oder eine andere Ursache machte, dass er sich unbewusst im Wasser, ohne zu sinken, fortarbeitete und nach dem Ufer zuschwamm, wo er ganz durchnasst und kraftlos sich auf das Trockne hinwarf.

Er erholte sich; sein erster Blick gieng nach Akanten, aber fand sie nicht: er suchte, er rief und fand sie eben so wenig. Nach langem vergeblichem Bemuhen blickte er endlich seufzend nach der See hin, als wollte er zum zweytenmale sich ihr ubergeben; siehe! plotzlich wurde er ein Fahrzeug gewahr, das mit etlichen Personen an einer andern Seite des Ufers abfuhr. Er rief, er suchte das Gerausch des Wassers zu uberstimmen, es gluckte ihm, und man ruderte auf ihn zu. Es war ein Kanot aus einer benachbarten Insel, das ihm wiewohl weigernd einnahm und ihm seine geliebte Akante wiedergab. Sie hatte sich nicht entschliessen konnen, nach seinem Beyspiele ihren Tod in den Wellen zu suchen, war trostlos am Ufer hinaufgeirrt und hatte in einer Bucht das Kanot mit zween Wilden gefunden, die Muscheln suchten: sie wurde von ihnen aufgenommen, und auf ihr Bitten waren die Wilden Belphegors Geschrey zugerudert, ob sie gleich mehr wunschte als hofte, dass sie seine Errettung bewirken wurde, weil er nach aller Wahrscheinlichkeit schon als Leichnam von den Wellen emporgetragen werden musste. Sie liessen sich mit freundschaftlicher Freude fortrudern und liebkosten ihre Erretter mit allen ersinnlichen Zeichen der Dankbarkeit; doch konnten sie nicht den ganzen Rest von Mistrauen ausloschen, der ihrem Geschlechte eigen ist. Die Reise wahrte lang, und ehe sie sich es versahen, setzten sie ihre Fuhrer unter einem listigen Vorwande an einem weitausgedehnten festen Lande aus, an welchem sie hinfuhren, worauf sie in ihre Kanote sprangen und mit der grossten Eilfertigkeit hinwegruderten. Die beiden Betrognen riefen ihnen nach, aber vergeblich.

Abermals durch die Bosheit der Menschen unglucklich! sprach Belphegor. Von einem festen Lande zum andern fortgeschleppt, was haben wir gewonnen? Dass wir nicht die Vogel jenes Landes, sondern die Raubthiere dieses Bezirkes futtern! O Akante! welch ein Ungeheuer ist der Mensch! Unbeleidigt, bey den grossten Zeichen des Zutrauens, der Dankbarkeit, der Freundschaft ist er doch, selbst ausser dem Stande der Gesellschaft, der hartherzigste Feind von jedem, den er nicht kennt. Muss nicht tief in die Seele der Zug der wechselseitigen Feindschaft gegraben seyn, wenn er jeden als seinen Gegner behandelt, ihm als seinem Feinde nicht traut, so lange er nicht durch die Bande der Gewohnheit und der Gesellschaft mit ihm verknupft ist? O Fromal! du hattest Recht: die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen. Was sollen wir nun, Akante? Wir wollen uns ins Land wagen; ob uns der Hunger und das unbarmherzige Schicksal im Stillesitzen oder auf dem Marsche aufreibt: gleich viel! Wohlan, wir gehn!

Akante war es zufrieden: die Reise wurde angetreten, und in wenig Tagen horten sie das Geschrey von Menschen. Hore, Freundinn, sagte Belphegor dabey, wohl ist mir bestandig in der Einsamkeit: aber so bald ich Menschen merke, so ist mein Wohlseyn voruber: ich erwarte einen Feind. Wir wollen den Rufenden entgehn: eher will ich hier in der Wuste unter Thieren sterben, als unter Menschen leben.

Plotzlich, als er noch redete, flog langsam ein glanzender goldgelber Vogel nahe vor ihrem Gesichte vorbey: seine Federn warfen an der Sonne den Strahl eines Sterns von sich, und ihre Augen waren so sehr davon geblendet, dass sie seine schone Bildung kaum bemerken konnten. Unmittelbar auf ihm folgte ein Paar nackte Menschen, die keuchend und mit aller Anstrengung des ganzen Korpers ihm nachsetzten, beide Augen unverwandt auf ihn emporgerichtet, ohne neben sich mit Einem Blicke zu schauen. Der Vogel schien zuweilen nur zu schweben und ihre Ankunft zu erwarten: seine Verfolger sammelten ihre letzten Krafte, eilten hinzu, und kaum glaubten sie mit ihren Fingerspitzen den strahlenvollen Spiegel seines Schwanzes zu beruhren, als er langsam fortschwebte und sie entkraftet hinter sich zuruckliess. Da das Schauspiel auf einer weiten ausgebreiteten Ebne vor sich gieng, so konnten die beyden Zuschauer ungehindert jede Bewegung bemerken. Die Nachsetzenden rafften sich zwar jedesmal, dass ihnen der Vogel einen solchen Betrug spielte, wieder auf und verfolgten ihren Raub von neuem, allein da ihre Krafte ungleich waren, so kam ihm der eine meistens um etliche Schritte naher als der andre, woruber dieser sich so erbitterte, dass er alle seine Starke anwandte, jenen Glucklichern von seinem Vorsprunge zuruckzuziehn, und da eine solche Aufhaltung gleichfalls Erbitterung erregen musste, so zankten sie sich so lange herum, bis keiner von beiden einen Schritt weiter gehen konnte, oder der Vogel indessen so weit aus dem Gesichte gekommen war, dass sich keiner ohne Narrheit die Lust ankommen lassen konnte, seine Beine nach ihm zu ermuden, oder von den ubrigen, die in verschiedenen Entfernungen gleichfalls nachfolgten, waren einige so weit zuvorgekommen, dass sie sich unmoglich uberholen liessen. So jagten unzahlige Truppe hinter dem goldnen Gefieder drein, keiner erhaschte es, und alle hatten am Ende mude Beine.

Kaum hatten die beiden Europaer diese Lustjagd aus dem Gesichte verloren, als ein neuer Larm ihre Aufmerksamkeit auf eine andre Seite zog. Sie horchten; und bald sturzte sich ein schlankes Reh, dessen Laufte aus Einem grossen Kristalle gemacht zu seyn schienen, und dessen ganzer Leib so hell leuchtete, dass die Gegend, wo es lief, Busche und Baume, wie von dem aufsteigenden Lichte der Morgensonne, ubergoldet wurden: seine Augen strahlten wie Fixsterne, und wer in seinem Leben nie einem Rehe zu Gefallen sich wunde Fusse gemacht hatte, der musste doch durch die Schonheit dieses Thiers gereizt werden, die seinigen einmal daran zu wagen. Belphegor war schon im Begriffe, darnach zu haschen, als ein Trupp Reiter in volligem Galope, mit verhangtem Zugel, schaumenden, schnaubenden Rossen uber Busch, Gestrauch, Hugel und Steine daherflogen und das funkelnde strahlende Thier zu ereilen suchten. Alle Rosse hatten nicht gleichen Athem und alle Reiter nicht gleiche Geschicklichkeit; es mussten also einige zuvorkommen, einige zuruckbleiben: um sich nicht mehrere zuvorzulassen, wandten sie sich zu den Folgenden, und nun focht man mit allen Kraften, wer die Ehre haben sollte, voranzureiten: man verwundete, man verstummelte, man lahmte, man todtete sich, und wer die Oberhand behielt, gewann nichts als den leidigen Vortheil, seine Weg und seine Thorheit weiter fortzusetzen.

Himmel! wo sind wir? rief Akante. In der Welt, antwortete Belphegor: denn man zankt, man ermordet sich. Aber, fuhr Akante fort, was fur ein herrlicher Theil der Welt ist das, wo solche kostbare funkelnde Vogel und so strahlende Rehe angetroffen werden! Kaum kann ich glauben, dass wir noch auf unserm Planeten sind. Wir sind es, mitten auf dem Kothhaufen, wo alles funkelt und glanzt, und alles nichts ist. Lass uns weiter gehn! O wer doch einen so reizenden Vogel, oder so ein gottliches Thier fangen konnte! Was haben wir zu verlieren? Ich dachte wir wagten eine Jagd mit. Eine solche thorichte Jagd! die so viele Beschwerlichkeiten kostet, wo die Beute sich bald nahert, bald entfernt und, wie es scheint, nie erhascht wird! Und was hattest du am Ende, wenn du den goldnen Vogel auch gleich vor Tausenden einholtest? Nimm ihm das schimmernde Gefieder! und vielleicht hast du ein ubelschmeckendes unnahrhaftes Fleisch als die verachtlichsten Federn bedecken. Nein, ich kenne die Welt mit ihren Tauschereyen. Aber sieh nur, Belphegor, das volle feurige Gold, das dem Vogel vom Rucken blitzt! Ach, so ein gottlicher Vogel und ihm nicht nachzulaufen! Du bist erstaunend finster und trage. Ich gehe: willst du mit mir?

Belphegor hielt sie zuruck und schwur sehr nachdrucklich, dass er nie einen Fuss nach dem glanzendsten Vogel bewegen werde, sollte er sich gleich seinen Handen selbst darbieten. Sie liess sich zwar durch ihn abrathen, weil keiner von den reizenden Vogeln bey der Hand war, alleine sie wiederholte doch ihr Verlangen darnach so oft, dass sie bey jedem Schritte einen erwartungsvollen Blick auf die Seite warf, ob nicht vielleicht bald einer von den paradiesischen Vogeln erscheinen werde, um ihm sogleich nachzusetzen. Sie hofte und hofte, aber keiner wollte ihr diesen Gefallen erzeigen.

Nachdem sie sich indessen, bis auf gunstigere Zeiten, die sich Akante vollig gewiss versprach und Belphegor vollig unmoglich glaubte, mit etlichen wilden Fruchten gesattigt hatten, uberliessen sie sich von neuem dem Schicksale und dem Wege, die sie beide nach etlichen Tagen an einen Platz fuhrten, wo alles den Hauptsitz des Landes vermuthen liess. Eine zehnfache Mauer von hohem dornichten Gestrauche umschloss den Platz, aus welchem die Stimmen der Freude und des Vergnugens so weit und so laut erschallten, dass selbst Belphegors Herz, so disharmonisch auch seine Stimmung war, wider Willen zu einer gleichlautenden Empfindung hingerissen wurde; und Akante war ganz Gefuhl, sie brannte vor Begierde nach einem Orte, der schon durch die Annaherung so bezaubern konnte. Wir mussen hinein, sprach sie zu ihrem Gefahrten, es koste, was es wolle! Wir mussen hinein! Was fur Wonne muss an diesem Orte wohnen und jede Empfindung der Traurigkeit verdrangen, der uns so munter, so frolich, so himmlisch einladet!

Der Ort ist auf der Erde, antwortete Belphegor; es sind Menschen drinne: das ist genug, um alle diese verfuhrerischen Tone fur Sirenentone zu halten. Nicht einen Schritt thue ich.

Aber wie kannst du einer so gottlichen Musik wiederstehn? Du, der du sonst, bey jeder leisen Beruhrung fuhltest, der du nichts als Gefuhl schienst! Meine Seele erhebt sich uber sich selbst; ich denke und empfinde ganz anders, seitdem ich jenen goldnen Vogel erblickt und diese reizende Musik gehort habe. Komm! deine Erfahrung hat dich misstrauisch gemacht.

Menschen sind Menschen, und Welt ist Welt; und desto gefahrlicher, wenn sie mit solchen Tauschereyen lockt!

Aber hore nur! Auf dem Todbette, unter dem Kampfe mit Hunger und Schmerz, musste dein Herz noch bey solchen Tonen erwachen und schneller schlagen. Komm! wir mussen hinein!

Belphegor straubte sich lange, setzte ihr noch manche schwarze und bittre Anmerkung uber das arme Menschengeschlecht entgegen: nichts half! Je langer er ihr Vergnugen aufhielt, desto starker wurde ihr Verlangen. Sie qualte ihn so lange, bis er sich endlich nach einem Eingange, und da er diesen nicht fand, nach einem bequemen Orte zum Durchbrechen umsah. Akante, die uber seine saumselige Bedachtsamkeit hochst ungeduldig war, versuchte selbst allenthalben, den Weg zu eroffnen, rizte sich blutig, entkraftete sich und kam nie zum Zwecke. Indessen fand Belphegor eine kleine schmale Oeffnung, wo die Dornen weniger dicht stunden und einer vorsichtigen Beugung nachgaben: hier machte er einen Versuch und es gelang ihm wirklich, mit etlichen leichten Verwundungen durchzuschlupfen. So sehr er auch Akanten Behutsamkeit und Langsamkeit empfahl, so war doch ihre Begierde zu feurig, sie ubereilte sich, schlupfte zwar hindurch, aber zerriss sich das Kleid, und das ganze Gesicht war voller Ritze.

Die erste Dornenpallisade war durchkrochen: kaum hatten sie ausgeschnaubt, als sie eine zweite aufforderte. Sie thaten das namliche mit dem namlichen Glucke und Unglucke. Es zeigte sich eine dritte: auch diese wurde uberwunden; und so arbeiteten sie sich noch durch zwo Mauern hindurch, wo sich Belphegor ungeduldig hinwarf und schlechterdings nicht weiter wollte: allein Akante bat ihn mit allen weiblichen Kunsten, mit einem Kniefalle, mit Thranen, mit Liebkosungen; er war unerbittlich. Sagte ich dir nicht, sprach er unmuthig, dass wir in Dornen und Sumpfe gerathen wurden? Wo gehst du auf diesem Planeten Einen Schritt, ohne dass deine Fusse nicht bluten? Verstopfe deine Ohren! verschliesse deine Augen! sey kein Mensch, wenn du auf ihm ohne Ungemach leben willst! War das nicht mein Rath? Wer weis, wie viele Tagereisen lang wir ohne Nahrung, ohne Kleidung uns unter tausend Schmerzen durch diese vermaledeyten Dornenzaune durcharbeiten mussen, um zu dem Platze zu gelangen, wohin uns dieses Zauberkonzert ruft; und wenn wir angelangt sind, was wird alsdenn geschehn? Entfliehn wird die Musik, wie die goldnen Vogel und die strahlenden Rehe! entfliehn, je naher wir kommen, und uns, wie alle Guter dieses Kothballes, zum Narren haben! herumfuhren, Muhe machen, um uns am Ende einsehn zu lassen, dass wir Thoren gewesen sind! Ich gehe nicht weiter.

Auch liess er sich wirklich durch keine Vorstellung weiter bewegen, sondern ubernachtete da, Akante konnte mit Muhe einschlummern, so beschaftigte sie ihre Erwartung und die Gewalt der Musik, die ihr mit jedem Augenblicke voller und hinreissender zu werden schien; und wenn ja eine kurze Zeit der Schlummer sie uberwaltigte, so rollten doch so viele Gedanken und Empfindungen unaufhorlich durch Kopf und Herz, dass sie nie zu einem anhaltenden erquickenden Schlafe ubergehn konnte. Kaum warf der Morgen den ersten Schimmer auf ihre Lagerstatte hin, als sie schon aufstand und Belphegorn mit neuen Kraften antrieb, seinen Weg fortzusetzen. Die Ruhe hatte seine Seele der Kraft der Musik und der Starke von Akantens Vorstellungen geoffnet: es schien ihm gleich thoricht umzukehren und weiter zu gehn: er wahlte also, wohin ihn seine Empfindung zog; er fieng die Arbeit von neuem an. Sie legten noch den namlichen Tag die funf ubrigen Dornenhecken zuruck, und obgleich die Dornen weniger verschlungen, die Oeffnungen haufiger und die Musik aufmunternder und entzuckender wurde, je weiter sie kamen, so traten sie doch erschopft und kraftlos aus der letzten hervor, besonders da sie auf ihrem heutigen Wege nur hin und wieder einige nicht sonderlich schmeckende Fruchte zu Stillung ihres grossten Hungers angetroffen hatten.

Bey ihrem Heraustritte aus der letzten Dornenwand eroffnete sich ihrem Blicke ein weites merkwurdiges Theater; aber die Musik wurde nur noch leise in der Entfernung gehort, welches unsre beiden Wanderer um so viel weniger bemerkten, weil ihre Augen genug Beschaftigung hatten, um das Ohr sein Vergnugen nicht vermissen zu lassen. Eine weite unubersehlige Ebne dehnte sich vor ihnen aus, und die Aussicht wurde durch eine Menge grosser und kleiner Gebaude unterbrochen, worunter besonders eins in der Mitte derselben wegen seiner Schonheit und seines Umfangs hervorleuchtete: alle waren von Reissig und Baumstammen sauber geflochten, weitlauftig und kundigten auf allen Seiten Bewohner von Geschmack und Liebhaber des Schonen an. Auf der Ebne zeigte sich ihnen eine Menge grosser riesenmassiger Figuren, die gravitatisch auf und abwandelten, indessen dass ihnen eine Menge Personen einen Platz fur ihre Schritte frey machen mussten, worauf ein homerischer Gott mit seinem gottlichen Riesengange Raum genug gefunden hatte. Je mehr sie sich diesen Kolossen naherten, jemehr nahm ihre Grosse ab, und als sie endlich ihrem Wirkungskreise so nahe waren, als es die abhaltenden Platzmachenden Kreaturen zuliessen, so fanden sie zu ihrer grossen Verwunderung, dass es Zwerge waren, Zwerge von der kleinsten Art, die auf unmassig hohen Stelzen daherwandelten. Ihr einziger Zeitvertreib war ein solcher gravitatischer Spatziergang, und ihre ganze Beschaftigung bestund darinne, dass einer den andern durch irgend ein Mittel von seiner Stelze abzuwerfen suchte. Je hoher die Stelze ihren Mann emportrug, desto aufmerksamer waren aller Augen auf ihn gerichtet, und desto eifriger waren die Bemuhungen, ihn herunterzusturzen. Einige zielten von Ferne mit Steinen und Stangen nach ihm, von welchem jeder, der zu ihrem Ziele geworden war, gewiss allemal Beulen und Quetschungen bekam, wenn er sich auf seiner Stelze im Gleichgewichte erhielt: andre drangten sich so nahe zu ihm, dass sie, wie renomistische Studenten, bey dem Ausschreiten mit den Stelzen zusammenstossen mussten, und wer fiel, fiel, oft der Angreifer, oft der Angegriffne: noch andre liessen einem so vorzuglich hohen Stelzenzwerge plozlich Steine in den Weg walzen, die den Zirkel seiner Leibwache so schnell uberraschten und mit dahin rissen, dass sie dieselben nicht fortschaffen konnten; und wenigstens stolperte der Mann mit der Stelze, wenn er auch nicht ganz sturzte, und die ubrigen hatten wenigstens die Freude uber ihn zu lachen. So war dieser Platz ein bestandig abwechselnder Schauplatz, wo neue Zwerge mit hohern Stelzen erschienen, und andre von den ihrigen heruntergeworfen wurden, einige stolz daherwandelten, und einige mit zerbrochnen Armen, zerquetschten Kopfen, beschundnen Beinen schmerzhaft sich im Staube wanden.

Lustig ist es, sprach Belphegor, Zuschauer von diesem Stelzenkaruselle zu seyn; aber sich drein zu mengen! bewahre dafur der Himmel jeden Mann, der solche Stelzen entbehren kann! Aber, sieh, Akante! was wimmelt dort?

Sie sahen beide hin, und wurden einen Trupp kleinere Zwerge gewahr, die auf kurzen niedrigen Stelzen das ganze Spiel der vorigen auf einem kleinen Platze nachafften, sich wechselsweise herunter warfen und sich, um die Ehre der Gleichheit mit jenen grossern Zwergen zu erlangen, Beine, Arme und Halse zerbrachen.

Siehst du, Akante? das alberne Menschenvolk! rief Belphegor. Sonst wurde mir dieser Anblick ein Lacheln abgenothigt haben, izt zwingt er mich zum Aerger. Kannst du etwas rasenderes denken, als sich die Halse zu zerbrechen, um sie sich wie andre zerbrochen zu haben. Fort! lass uns keine Menschen sehn, so sehn wir keinen Unsinn! Wo ist nun die Freude, die dir jene lockende Musik versprach? Horche doch! Wo ist es hin, das tonende Konzert? Verstummt! Nicht einen Laut, nicht ein Geschwirre horst du izt mehr. Was zu verwundern? Sagte ich dirs nicht? Es ist eine Freude unsers Planetens, und also eine Betriegerinn.

Akante erstaunte, horchte und wurde itzo erst inne, dass sie sich durch einen so beschwerlichen Weg dem Vergnugen naher gebracht hatte, um es zu verlieren. Sie trostete sich inzwischen mit der Moglichkeit, es mit einer doppelten Vergutung wiederzufinden, und munterte Belphegorn auf, sie zu den ubrigen Merkwurdigkeiten des Ortes zu begleiten. Sie giengen weiter, und sogleich zog ein weitlauftiges Gebaude ihre Aufmerksamkeit an sich, besonders war Akante vor Entzucken ganz ausser sich selbst gesetzt, da ihr aus demselben ganze Reihen von den goldnen Vogeln entgegenstrahlten, denen sie vor etlichen Tagen mit aller Gewalt nachjagen wollte, da sie ganze Truppe von den helleuchtenden Rehen erblickte, und Schaaren Menschen bey ihnen, die mit ihnen vertraulich umgiengen.

O Belphegor! seufzte sie, wie glucklich mussen diese Menschen seyn, die die schonen Vogel in solchem Ueberflusse besitzen, wovon mich ein einziger schon hinlanglich beglucken wurde! Siehe! Diese Gluckseligen konnen sie pflegen und warten, sie streicheln, sie liebkosen, den goldgelben Samt ihres Gefieders beruhren, ihre Ohren an den lieblichen Liedern ihrer Kehle weiden o wer ein Glied von diesem beneidenswurdigen Haufen ware! Sie haben errungen, wonach vermuthlich so viele noch keuchend laufen, dem ich gern nacheilte ach! komm! Lass uns wenigstens die Augen an diesen englischen Geschopfen ergotzen!

Gute Akante! Du beneidest diese Leute; aber, aber! ich sehe schon ein trauriges Anzeichen. Was gilts? Sie fuhlen ein Gluck dieser Erde, das heisst, eine beneidete Last. Siehst du nicht?

Und was? rief Akante hastig.

Sie hangen ja alle die Kopfe. Deine Einbildungskraft berauscht sich bey dem Vergnugen gleich, und du vergisst, dass du auf der Erde bist.

Nein, da sind wir nicht! Weder bey dem Pabst Alexander, dem sechsten, noch bey dem Markgrafen, wo meine Schonheiten so jammerlich verwustet worden sind, weder bey dem grossen Fali, noch bey irgend einem Herrn, dessen Sklavinn ich gewesen bin, habe ich eine so entzuckende Kostbarkeit angetroffen, als diese goldnen Vogel oder diese strahlende Rehe: sie sind uber alle Herrlichkeiten dieser Welt erhaben, und wir mussen nothwendig in einem Paradiese seyn.

Wohl! aber wissen mochte ich nur, warum die guten Leute in ihrem Paradiese die Kopfe hangen. Sie giengen, um Erkundigung daruber einzuziehn, allein da sie die Sprache nicht verstunden, so erfuhren sie blos, was sie ihre Augen belehrten, namlich dass die Leute muhsam die goldnen Vogel und Rehe warten und futtern mussten, und nach aller Wahrscheinlichkeit Langeweile bey diesem Amtsgeschafte hatten.

Weil ihre Neubegierde auf diese Art nicht weiter gesattigt werden konnte, so wandten sie sich auf die andre Seite, wo sich ihnen neue Merkwurdigkeiten darboten. Ein Zwerg, der die ubrigen an Kleinheit merklich ubertraf, lag auf einem sehr erhohten von Zweigen geflochtenen Sofa, an welchem eine Menge Zwerge zu ihm hinaufzuklettern versuchten. Ob er gleich nur von der Hohe war, dass ihn die beyden Europaer aufrecht stehend bequem ubersehen konnten, so kostete es doch den armen Kreaturen unendliche Muhe daran hinaufzusteigen, besonders weil einer dem andern aus Neid die Muhe vielfaltig vermehrte: denn sobald einer nur um ein Paar Zolle mit dem Kopfe hoher zu rucken schien, so beeiferten sich ganze Schaaren aus allen ihren Kraften, ihn hernieder zu reissen: man schlang sich um seine Fusse, man hieng sich ihm an die Huften, man suchte ihn durch Kutzeln oder durch Gewaltthatigkeiten herunterzubringen, und meistentheils gelang es den Misgunstigen, ihre Schadenfreude an dem Falle eines solchen Gesturzten zu vergnugen. Die wenigen aber, die allen diesen Hinderungen wiederstanden, alle diese Beschwerlichkeiten uberwanden und glucklich zu dem Sofa emporkamen, genossen fur ihre angestrengte Bemuhung kein andres Gluck, als dass sie neben dem kleinen Zwerge, der den Sofa inne hatte, sich niedersetzen und ihn taglich und stundlich ansehn durften. Dabey waren sie unaufhorlich, ein jeder fur sich, beschaftigt, den Blick des kleinen Zwergs durch alle nur ersinnliche Mittel auf sich zu lenken und seine Gesichtsmuskeln in eine lachelnde Mine zu versetzen. Zu diesem Ende zwickten ihm einige sanft die Ohren, andre hielten ihm starkriechende Essenzen vor, andre boten seinen Lippen die auserlesensten Fruchte und wohlschmeckende Konfituren dar, diese belustigten ihn mit burlesken Grimassen und kurzweiligen Gaukeleyen, jene rieben ihn am ganzen Leibe mit kleinen Samtburstchen so einschlafernd sanft, dass er oft durch ihre Dienstfertigkeit in einen wohlthuenden Schlummer versezt wurde. Sobald einer es durch sein angewandtes Mittel dahin brachte, dass er einen freundlichen Blick weghaschte, so musste er sogleich mit allen seinen Kraften sich Festigkeit auf seinem Sitze verschaffen, um nicht hinuntergesturzt zu werden: denn sobald die Sehnerven des kleinen Zwergs nur anfiengen, sich in die Richtung nach ihm hinzuwenden, so war der ganze ubrige neidische Haufe schon in Bereitschaft, Hand an ihn zu legen, um ihn durch einen wohlabgezielten Stoss aus dem Gleichgewichte von der Hohe hinabzuwerfen.

O Akante! rief Belphegor unwillig aus, bin ich denn bestimmt, zu meiner Qual bestimmt, taglich mehrere taglich abgeschmacktere Narrheiten zu erblicken? Komm! ich muss mich dem schmacklosen kindischen Spiele entreissen oder zu meinem Aerger hier bleiben. Thorheit oder Bosheit! dass ihr doch der ewige Wechsel auf diesem verhassten Planeten seyn musst!

Obgleich Akante nicht so viel Aergerliches in jenem Schauspiele fand und es gern und mit Vergnugen noch einige Zeit genossen hatte, so musste sie ihm doch nacheilen oder allein zuruckbleiben: denn kaum hatte er die letzten Worte gesagt, als er hastig fortlief und einen Ausgang aus diesem fur ihn widrigen Orte suchte, den er ohne Muhe entdeckte, und nicht den zwanzigsten Theil so viel Zeit brauchten sie, um herauszugehn, als sie nothig hatten, um hineinzukommen: in wenigen Augenblicken sahen sie sich wieder auf freyem Felde, und die Musik erhub sich von neuem so lieblich als jemals und hatte sie es bereuen lassen konnen, dass sie dem Orte entflohen waren, wenn sie nicht gewusst hatten, dass es eine sussklingende Tauscherey war, die nur ausser ihm in der Ferne anlockte, aber in ihm selbst ganz verloren gieng. Demungeachtet hielt sich Akante oftmals auf, um sich von dem lieblichen Konzerte entzucken zu lassen, allein Belphegor trabte so frisch davon, dass sie jede Minute nutzen musste, um ihm nachzukommen.

Belphegor konnte nicht aufhoren, uber das Gesehne zu eifern, und Akante unterliess eben so wenig, es zu bewundern: jenem schmeckte jeder Bissen ubel, weil er nach seinem Ausdrucke in diesem Vaterlande der Thorheit gewachsen war, und diese war noch zu voll von Entzucken uber diese namlichen Abgeschmacktheiten, um Appetit und Speise zu fuhlen.

Einen kleinen schmalen Weg wurden sie gewahr; sie uberliessen sich ihm, und er fuhrte sie in einen Wald: sie giengen lange Zeit, und siehe! plotzlich stiessen sie auf eine grosse Gesellschaft Zwerge, die sich in verschiedene kleine Partien getheilt hatten. Belphegor, der in seiner misanthropischen Laune alles vermied, was mit dem Menschen verwandt war und ihm nach seiner Meynung nichts als Aerger erwarten liess, drehte sich unwillig und fluchend um, als ihm ein Alter nacheilte und ihn durch Zeichen bat, mit seiner Gefahrtinn naher zu kommen: er liess sich endlich bewegen und wurde von ihm in die Gesellschaft eingefuhrt. Man sollte vermuthen, dass die Zwerge, da sie nie andre Menschen als von ihrer Grosse gesehn hatten, uber die Statur der beiden Europaer erstaunt seyn wurden, allein weit gefehlt! Aus dieser Gleichgultigkeit konnte man schon schliessen, dass sie die weisesten Zwerge im Lande seyn mussten, die vermoge ihres Verstandes wohl prasumiren konnten, dass der Kreis ihrer Erfahrungen nicht mit dem Kreise der Wirklichkeit und Moglichkeit Eine Peripherie habe.

Diese ehrwurdige Gesellschaft besass ein Geheimniss, dessen Erfindung noch in unserm Jahrhunderte einem der grossten europaischen Genies19 Kopfschmerz und Nachdenken vergeblich gekostet hat das Geheimniss der allgemeinen Sprache. Sie konnten sich mit den Menschenkindern aller Zonen und Mittagskreise unterhalten, ohne ihre Sprache zu wissen, wenn diese nur eine kleine Anzahl Zeichen verstehen lernten, die sie einem jeden durch eine eigne Methode schnell und leicht beyzubringen wussten. So bald diese Schriftzeichen gefasst waren, deren ungemeine Simplicitat ihre Erlernung ausserordentlich erleichterte, so setzten sich die beiden Interlokutoren an eine Tafel, die mit feinem Sande bedeckt war, in welchem jeder mit einem weissen Stabchen seine Gedanken zeichnete, die er ausdrucken wollte; der andre, so bald er den Sinn davon gefasst hatte, machte den Sand mit einem platten Instrumente wieder eben und setzte das Gesprach durch die namliche Zeichnung fort.

Auf diese Weise erfuhr Belphegor, der sich mit seiner Gefahrtinn zu seinem Vergnugen und zu ihrem Leidwesen lange unter jenen weisen Zwergen aufhielt, eine umstandliche Beschreibung von diesem sonderbaren Lande, der Lebensart und den Beschaftigungen seiner Einwohner, wovon der Leser hier das Vornehmste antreffen soll.

Wir haben lange Zeit, zeichnete ihm der Alte, der ihn bey seiner Ankunft so gutig aufnahm, auf dem Sande vor wir haben lange Zeit unser Land fur das einzige dieser Erde, und uns daher fur die einzigen Bewohner derselben angesehn; allein schon langst haben wir auch durch die tiefsinnigsten Schlusse entdeckt, dass diess ein ungeheurer Irrthum ist, der uns weit von der Wahrheit abgefuhrt hat. Der ganze Lebenslauf unser aller ist dass wir geboren werden, eine Zeitlang in Dummheit und Unwissenheit herumwandeln, in einem gewissen Alter, wenn wir Thatigkeit und Starke genug besitzen, auf die Jagd nach goldnen Vogeln, helleuchtenden Rehen und Hirschen, auf den Fang nach buntschimmernden Fischen ausgehn, oder die nicht Geist, Muth und Athem genug besitzen, sich in diese Jagd einzulassen, diese kriechen verachtet und abgesondert in einem Winkel herum, wo sie fur sich und die ubrigen Einwohner Wurzeln ausgraben, Fruchte sammeln und andre Nahrungsmittel aufsuchen mussen. Wir andern, die wir zu jener Jagd und Fischerey tuchtig genug sind, wir wenden alle unsre Krafte dazu an, wir verfolgen Vogel, Wild oder Fische, nachdem unser Geschmack oder die Gelegenheit uns bestimmt; keiner hat noch jemals eins erhascht, und doch sind tausende dabey umgekommen, weil ihnen der Athem ausgieng, tausende haben einander aus Neid darum gebracht; nur wenige erjagen zuweilen eine goldne Feder, die sie kaum besitzen, als sie des erlangten Besitzes uberdrussig sind: demungeachtet bleibt keiner, der es nur im mindesten vermag, von diesem muhsamen Geschafte zuruck, lauft und lauft, und hat am Ende nichts, oder wenigstens ein Etwas, das so gut als ein Nichts ist, sieht ein, dass es ein Nichts ist, und begiebt sich endlich an diesen Ort, der der letzte allgemeine Sammelplatz unser aller ist, wo wir uber die Thorheit unsers Lebens weinen oder lachen, schmalen oder lacheln. Siehe! alle diese Truppe hier thun nichts als dass sie mit lustiger oder trauriger Geberde sich uber die Narrheit derjenigen aufhalten, die noch itzt goldnen Vogeln und rothschimmernden Fischen nachlaufen, ohne zu wissen, dass sie leeren Fantomen nachjagen, die sie am Ende eben so betriegen werden, wie uns alle; und wenn wir einige Zeit so geseufzt oder gelacht und gelernt haben, dass wir Narren Zeitlebens gewesen sind, so schlagt uns der grosse machtige Tod mit der Keule auf den Kopf und weg sind wir! Wir gehn hinweg, um kunftig unter andern Gestalten die namliche Reihe unbewusst wieder durchzumachen.

So wart ihr ja Menschen, wie wir alle sind! dachte Belphegor bey sich; und euer Land nicht ein Haarbreit anders als die ubrige Welt! Das wahre Ebenbild unsrer Erde!

Akanten lag nichts so sehr am Herzen als den Ort kennen zu lernen, der sie mit dem schonen Konzerte entzuckt hatte, und Belphegor bekam auf seine Anfrage folgende Antwort: Das ist der Ort, der aussen lockt und inwendig schreckt, aussen lauter Vergnugen verspricht und inwendig lauter Langeweile giebt, wo ein Theil auf Stelzen stolz daherschreitet und sich wechselsweise abwirft, ein andrer muhsam, mit Ueberdruss und Ekel goldne Vogel, Rehe und Fische pflegt und unter vieler saurer Beschwerlichkeit wartet, und ein dritter sich um susse und saure Blicke zankt, beneidet, verfolgt; wo jeder ein beneideter Lasttrager ist

Und was fur ein Ort ist das? wollte eben Belphegor fragen Himmel! was fur ein Krachen! welches Getose! rief Akante plotzlich. Welche Erschutterung! Wir gehn unter! Die Erde wankt! rief Belphegor; und im Augenblicke versenkte ein schreckliches Erdbeben eine unubersehliche Flache Landes in den Abgrund, das Meer schwoll an seinen Platz in hohen gethurmten Wellen empor, das Stucke Boden, auf welchem unsre Gesellschaft sass, riss sich mit der entsetzlichsten Erschutterung los und schwamm, wie Delos als es Latonen wider die Wuth ihrer Feinde schutzen sollte, mit seinen Bewohnern auf der See fort und fuhrte sie der Himmel und das neunte Buch wissen es wohin. Dieses war der grosse Riss, den das liebe Schicksal, nach der Muthmassung vieler Geographen, Historiker und Philosophen, in das feste Land unsrer Erdkugel gemacht hat, um alle diejenigen zum Aprile zu schikken, die trocknes Fusses aus Asien nach Amerika ubergehen wollen; und wenn Belphegor und die schone Akante eine Zeichnung von dem Wege hinterlassen hatten, den die schwimmende Insel mit ihnen nahm, so wurden wir ohne Zweifel mit Gewisheit erfahren, wie man aus Asien nach Amerika segeln soll.

Neuntes Buch

Wie, wenn der Fuhrmann, der seine Rosse durch Fluch und Peitsche zum unumschrankten Gehorsame gewohnt hat, sein allmachtiges O! ruft, der ganze Postzug sogleich in einem Tempo, wie angemauert, stillsteht; so schwamm das abgerissne Stuck Land mit Belphegorn und seinen Gefahrten eine lange Strecke fort, und plotzlich ruhte es unbeweglich und ward zur festen Insel, nicht weit von Kalifornien; und wie verschiedene grosse Gelehrte an ihrem Schreibetische uberzeugend eingesehn haben, so wurde der schwimmende Boden auf einen spitzigen Felsen aufgespiesst, der ihn bis an den jungsten Tag tragen kann, wenn nicht ein Erdbeben einen Strich in die Rechnung macht.

Die Gesellschaft, die diese bedenkliche Fahrt nicht ohne eine kleine Besorgniss, dass der Tod mit dem Spiele Ernst machen mochte, aber doch glucklich und wohlbehalten zurucklegte, bestund aus Belphegorn, Akanten und dem Alten, der in seiner Unterredung mit ihnen durch das grauliche Erdbeben gestort wurde. Belphegor war nicht ubel zufrieden, dass ihn das Schicksal so einsam, fern von allen Menschen, auf die offne See hingesetzt hatte, und ward es viel weniger, als er sich gegenuber ein grosses festes Land wahrnahm, welches die ubrigen, weil sie nicht so viel Menschenfeindlichkeit besassen, doppelt erfreute. Doch auch fur ihn musste das Vergnugen uber seine Einsamkeit nur von kurzer Dauer seyn, wenn er die Durftigkeit und Hulflosigkeit betrachtete, worinne sie sich befanden. Das Erdbeben hatte ihnen wohl einen guten Vorrath Brennholz mitgegeben, aber nicht einen einzigen Fruchtbaum, nicht ein einziges Gewachse, nicht eine Staude, die nur im mindesten geschickt gewesen ware, einen menschlichen Hunger zu stillen. Fische zu fangen hatten sie keine Werkzeuge, und eben so wenig Materialien, sie zu verfertigen; gleichwohl war diess die einzige Nahrung, deren sie habhaft werden konnten. Zum Glucke hatte der Alte auf seiner Jagd nach goldnen Fischen in jungern Jahren die Kunst gelernt, sie bey hellem Wasser mit der Hand zu fangen: der Hunger trieb ihn an, dass er eine Fertigkeit wieder versuchte, die er schon langst aufgegeben hatte, allein durch das Alter und die Ungewohnheit waren seine Hande unsicher und unstat geworden, dass er also mit der aussersten Anstrengung in einem Tage kaum genug fieng, um sich und seiner Gesellschaft das Leben zu fristen, aber nicht um sie zu nahren. Oben drein musste das Ungluck ihren Jammer vermehren und den Alten, dessen schwachlicher Korper einen so kummerlichen Unterhalt nicht ertragen konnte, in wenig Tagen sterben lassen. Was nun zu thun? Nichts als zu hungern oder zu sterben!

In dieser schrecklichen Verlegenheit musste sich Belphegor bequemen, den Ton seiner Menschenfeindlichkeit um vieles herabzustimmen: so sehr er sonst vor dem Anblicke der Menschen flohe, so eifrig spahte er itzt an dem Rande seiner Insel, um vielleicht an dem entgegenstehenden Ufer menschliche Figuren zu entdecken, denen er durch Rufen und Zeichen verstandlich machen konnte, dass hier einige von ihren Brudern ihres Beystandes bedurften: er dunkte sich zwar etwas bewegliches wahrzunehmen, allein sein Auge reichte nicht vollig bis dahin, um es gehorig zu unterscheiden. Endlich, nach langem vergeblichen Warten, warf er sich verzweiflungsvoll nieder und rief:

O Natur! o Schicksal! dass ihr doch in ewiger Uneinigkeit wider einander seyn musst! Sollte das Ungluck die Bande der Menschheit naher zusammenziehn, sollte es ein Geschopf dem andern theuer und nothwendig machen, warum musste das Schicksal wohl tausend Unglucksfalle in unser Leben hinwerfen, aber unter diesen tausenden kaum einen die Wirkung thun lassen, wozu er nach unsrer Meynung bestimmt ist? Meine traurige Hulflosigkeit, die Nahe des Todes, die Moglichkeit der Rettung, die Zudringlichkeit der Gefahr alles zusammen hat mein Herz wieder geoffnet: ich fuhle einen Zug nach Menschen; ich wurde sie vielleicht lieben, wenn sie mich retteten; ich hasse sie schon weniger: aber wenn ich meine Hande gleich zu Freundschaft und Wohlwollen ausstrecke, und Niemand mir die seinigen bietet? Wenn mich das Schicksal auf der einen Seite zu den Menschen hinstosst, und auf der andern sie wieder von mir entfernt? O Labyrinth! O Rathsel! Der Tod schneidet den Knoten am besten entzwey. Wohlan! zeugt die Natur Geschopfe, um sie in Qual zu versenken; macht sie so herrliche Anstalten, um sie unter einander zusammenzuknupfen, dass sie erst hungern, frieren, schmachten, die ausserste Erschopfung der Krafte durch Schmerz und Gefahren erdulden, sich kranken, verfolgen, martern, erwurgen mussen, damit der kleine Rest, der der Gefahr und dem ganzen tollen Spiele der Welt entrann, sich lieben und in Friede bey einander wohnen konne; durchwebte sie dieses Leben mit Dornen, um uns die einzeln bluhenden Blumchen desto wohlthuender, einnehmender zu machen; gab sie ihren Geschopfen eine so traurige Fruchtbarkeit, dass sie mehrere ihres Gleichen hervorbrachten, als nach der Veranstaltung des Schicksals ernahrt und erhalten werden konnten: mag sie es verantworten! Ich kann nicht mit ihr rechten: denn unglucklich genug! wir haben keinen Richterstuhl, der uber uns erkennt; der Mensch, ihre Kreatur, muss leiden, weil er der schwachere, weil er nichts ist. O Akante! warum sollten wir uns nach Hulfe umsehen? Um noch einmal so lange unter Schlangen, Eidexen, Skorpionen herumzukriechen? Haben wir nicht Bisse und Stiche genug bekommen? Lass das verachtliche Geschlecht, das zum Qualen allzeit, und zur Hulfe nie bey der Hand ist, lass es! Wir wollen ihn fluchen und sterben!

Mit diesen schwarzen Gedanken fasste er sie halb sinnlos in die Arme; sie weinte, er fluchte; sie dachte an alle Oerter der Freude zuruck, wo sie jemals in Lust und Entzucken geschwommen hatte. O wie schon, dachte sie, war es im Serail des grossen Fali! wie schon bey dem Markgrafen von Saloica, ob ich gleich alle meine Schonheiten dort einbusste! wie schon bey Alexander dem sechsten! wie schon uberhaupt in Europa in den Armen meiner Geliebten, Belphegors und Fromals und Stentors und Bavs und Maos und Euphranors und andrer schonen Junglinge! Ach, die gluckliche Zeit ist voruber; und hier soll ich nun auf dieser durren oden Insel ohne Gesang und Klang nicht einmal begraben, sondern vermodern und von den Vogeln des Himmels zerstuckt werden! Kein Jungling soll eine einzige Strophe auf meinen Hintritt singen! kein Liebhaber eine Thrane auf meine erblassten Wangen tropfeln und sie wieder aufkussen! Nichts, alles nichts! alles nichts! alles ist aus! Ich muss sterben, unbeklagt sterben! Belphegor, du hast Recht: das lacherliche thorichte Leben ist nicht werth, dass man es durchlebt, weil man es so bald missen muss. Ich habe von Heiden, Juden und Christen leiden mussen, und die graulichen Keile waren alle eins: aber ich habe auch Freuden genossen, und da ich sie wieder zu erlangen hoffe, so soll ich gar sterben! sie auf ewig missen! O du tolles abgeschmacktes Leben! warst du nur schon voruber! Sie weinte bitterlich.

Beide wollten sterben; allein da der Tod mit seiner saumseligen Hulfe nicht allzeit auf die erste Bitte erscheint, so kam indessen zu Stillung ihrer Schmerzen sein Bruder der Schlaf.

Bey ihrem Erwachen, das etwas spat des Tages darauf erfolgte, sahen sie einen Trupp Kanote nicht weit von ihrer Insel in Ordnung gestellt und mit einer Menge wilder Mannspersonen angefullt; und so sehr sie Tages vorher unwillig waren, dass nicht zween Menschen zu ihrer Hulfe herbeyeilten, so sehr erschraken sie itzt, dass ihrer eine so grosse Menge bey der Hand war. Wirklich hatten sie auch alle Ursache zu erschrecken: denn nicht aus bruderlicher Liebe, sondern aus Besorgniss fur Feindseligkeiten waren sie herbeygekommen. Sie hatten ihre Schiffahrt mit der Insel angesehn und viel Bedenkliches dabey gefunden, dass sich in ihrer Nachbarschaft eine so grosse Masse niederliess, die vorher nicht vorhanden gewesen war: da dieses verschiedne wunderliche Gedanken veranlasste, besonders dass es vielleicht gar eine Rotte boser Geister seyn konnte, die nicht in den besten Absichten auf die Nachbarschaft mit einer so ansehnlichen Wohnstatte angekommen seyn mochten, so beschlossen sie, nicht langer in einer qualenden Ungewissheit zu bleiben, sondern die Sache stehendes Fusses in Augenschein zu nehmen. Daher waren sie in der Nacht mit ihrer ganzen Flotte von Kanoten abgesegelt, einige hatten sich in der Entfernung gehalten, und andre waren gelandet, um heimlich die neue Insel zu untersuchen. Als sie aber so wenig erschreckendes und nur zween in tiefen Schlaf versenkte Sterbliche antrafen, so schien es ihnen das rathsamste den Tag in Schlachtordnung abzuwarten und sie alsdenn die Probe ihrer Gottheit oder Sterblichkeit ablegen zu lassen. Zu diesem Ende wurden die beyden Schlafenden durch ein heftiges Geschrey, das alle anwesende Halse zugleich anstimmten, bey Tages Anbruche aufgeweckt, und etliche tollkuhne Wagehalse hatten sich schon in ihren Kanoten um die Insel herumgeschlichen, um sie von hintenzu anzufallen, zu binden und triumphirend in ihre Heimath zu fuhren, um ihren Stand und ihre Macht weiter zu untersuchen.

Sobald als Belphegor bey seinem Erwachen die Menge Menschen erblickte, so war seine erste Empfindung Schrecken, wie bereits gesagt worden ist: doch belebte die Nothwendigkeit der Hulfe und eine Art von Verzweiflung seinen Muth so sehr, dass er durch bittende Zeichen und demuthige Geberden sie auf seine Insel zu locken und ihnen zu gleicher Zeit verstandlich zu machen suchte, wie sehr er ihres Beystandes bedurfe. Anstatt einer gutigen freundschaftlichen Antwort tonte ihm ein furchterliches Kriegsgeschrey entgegen, das bald hinter seinem Rucken wiederholt wurde, worauf etliche sie uberfielen, mit Seilen von Baste fesselten und ihren Gefahrten winkten, mit den Kanoten herbeyzurudern und die Gefangnen einzunehmen, welches im Augenblicke geschah.

Obgleich die Art, mit welcher diese Wilden die beiden Europaer bewillkommten und aufnahmen, nicht die erfreulichsten Aussichten versprach, so war doch Belphegor ausserst zufrieden, das er auf ein langes festes Land gebracht werden sollte, wo er wenigstens Einen Fleck mit hinlanglicher Nahrung anzutreffen hofte: Akante hingegen, deren Keuschheit eben keine sonderliche Muhe und Vorsorge mehr verdiente, weil sie schon leider! so sehr als ihr Gesicht zerfezt und verstummelt war, dachte an alles, wahrend der Ueberfahrt, nicht so sehr und angelegentlich als an die Gefahren, die unter so wilden Barbaren ihrer weiblichen Ehre drohen konnten. So naturlich, so tief mit dem weiblichen Wesen verwebt ist Sittsamkeit und Keuschheit, dass hier Akante so gar, nachdem sie schon in neun und neunzig Fallen besudelt worden sind, doch im hunderten noch fur die Erhaltung ihrer Reinlichkeit sorgte!

Belphegor rasonnirte indessen unaufhorlich bey sich uber die Feindseligkeit und das Mistrauen, das die Wilden bey ihrer Aufnahme blicken liessen. Ein neuer Beweis, sagte er sich, unter den vielen, die ich schon erlebt habe, dass die Natur ihren Sohnen keine angeborne bruderliche Zuneigung zur Mitgift ertheilte. Warum fuhlt der Wilde diesen Zug zu keinem Fremden? Warum ist ihm ausser der kleinen Gesellschaft, die lange Gewohnheit mit ihm eins hat werden lassen, alles Feind! O Natur! Natur! Du musstest dem Menschen dieses Mistrauen einpflanzen, um deine Kreaturen Selbsterhaltung zu lehren: aber trauriges Mittel! damit jedes sich erhalte, muss jedes des andern geborner Feind, von allen sich trennen und nur durch Gewohnheit, Eigennutz, Zwang der Freund von etlichen wenigen werden! Ungluckliche Geselligkeit! magst du doch Instinkt oder vom Bedurfnisse erzeugt seyn, du bist allzeit ein trauriges Geschenk: du sammeltest die Menschen in Rotten, um sich zu befeinden und zu zerfleischen. War es aus Oekonomie oder um das Schauspiel blutiger zu machen, dass nicht Menschen gegen Menschen, sondern Trupp gegen Trupp streiten musste? Doch weg mit den truben Gedanken! Ich bin vom Hunger und vom Tode gerettet: diese unverdorbnen Kinder der Natur, die Unerfahrenheit furchten, und die Furcht feindselig verfahren lehrte, werden unsre friedlichen Gesinnungen kaum merken und uns eben so friedlich begegnen. Der Zunder der Feindschaft, der in der ganzen Welt glimmt, kann sich nicht bey ihnen gegen uns entflammen: freue dich, Akante, wir sind wenigstens dem Tode, wo nicht fernern Ungemachlichkeiten entflohen! Es muss doch so eine Anordnung, so ein geheimes Etwas seyn, das die menschlichen Begebenheiten zum Besten der einzelnen Mitglieder der Erde zusammenknupft: ein Etwas, das aus den widerwartigsten Saamen den entgegengesezten Vortheil, aus Mistrauen und feindlicher Furcht Errettung entwickeln kann.

Die Freude, sich aus der augenscheinlichsten Todesgefahr so unvermuthet geholfen zu sehn, gab seiner Philosophie einen so geschmeidigen Fluss, dass sie bis zum Landen sich in diese Selbstbetrachtung ergoss.

Nachdem sie unter einem ununterbrochnen Jubel in das erste Dorf eingezogen waren, so glaubte Belphegor nichts gewisser, als dass man auf seine erste Bitte, sobald sie nur verstanden worden ware, mit der grossten Bereitwilligkeit seinen Hunger befriedigen werde. Er that zwar seine Bitte, aber niemand schien sie zu verstehen, sondern man sperrte ihn nebst Akanten nach einer langen Prozession in ein Gebaude ein; und eine kleine Weile darauf trug man ihnen Speisen im Ueberflusse auf, deren Ungewohnheit ihnen die Ueberladung ersparte. Die Einwohner, die sie genau beobachteten, frohlockten nicht wenig als sie ihre Gefangnen mit so vielem Appetite essen sahen, welches Belphegorn, der es sich als eine Freude der Menschenliebe und des Mitleids ausgab, beinahe auf bessere Gesinnungen von der menschlichen Natur brachte und seine bisherigen Beschwerden uber sie bereuen liess. Hier, sagte er zu Akanten, hier ist unverdorbne Natur: in keiner sogenannten polizierten Gesellschaft wurde man so naife Ausdrucke des Mitleids und vielleicht auch schwerlich eine so sorgsame Verpflegung, ohne alle Rucksicht auf eignes Interesse, angetroffen haben.

Nur das einzige war ihm unbegreiflich, dass diese mitleidigen Versorger sie gleich anfangs aller Kleider beraubt hatten, bestandig gefesselt hielten und auf das scharfste bewachten: er sann tausend gunstige Ursachen dafur aus, die insgesammt ganz wahrscheinlich, aber keine die wahre war.

Nach einer achttagigen Wartung und Bekostigung, die ihnen ihre Krafte vollig wieder hergestellt hatte, wurden sie des Morgens unter dem Zusammenlaufe des ganzen Dorfs ausgefuhrt, und jedes in der ganzen naturlichen Blosse an einen Pfahl gebunden: beide zitterten nicht ohne Grund fur ihr Leben; doch war ihnen alles noch Rathsel. Verschiedene von den Umstehenden waren mit bedenklichen Werkzeugen bewaffnet, die zu nichts als zum schneiden und sagen geschickt waren: ein grosses Feuer loderte in hohe Flammen empor, und nichts war wahrscheinlicher, als dass sie beide gebraten werden sollten. Mitten unter dieser unseligen Vermuthung rennte eine Weibsperson, unsinnig wie ein Manade, auf Belphegorn zu und zwickte ihm mit einem steinernen Instrumente ein Stuck Fleisch aus dem Arme, dass er vor Schmerz vergehn mochte; das Blut quoll aus der Wunde, und schnell hielt einer der Dastehenden ein Gefass unter, um es aufzufangen und zu verschlucken. Dem Beispiele des rasenden Weibes folgten einige andre, und in kurzer Zeit waren die beiden Leidenden vor Schmerz fast erschopft und ganz mit Wunden bedeckt, ihr Blut von verschiedenen getrunken, und Stucken von ihrem Fleische im Triumphe davon getragen worden. Aus diesem tragischen Ende, das ihre gutige Verpflegung nahm: konnte man schliessen, dass man nur die menschenfreundliche Absicht dabey gehabt hatte, ihr Blut und ihr Fleisch fetter und wohlschmeckender zu machen und ihnen Krafte zu geben, dass sie durch ihre Martern desto langer ihrer Grausamkeit zur Kurzweile dienen konnten.

Von dem schrecklichen Schauspiele war kaum der erste Akt voruber, als plozlich ein Schwarm von der benachbarten Volkerschaft eindrang, nach einem kurzen Gefechte die Barbaren vom Schauplatze fortschlug, das Dorf anzundete und die blutenden Europaer mit sich hinwegnahm, die diese Sieger sogleich nach der Ankunft in ihrem Dorfe verbanden und sorgfaltig verpflegten. Weder Belphegor noch Akante trauten itzt dem Glucke mehr, sondern argwohnten eine neue Grausamkeit hinter dieser Gutigkeit: da sie aber so sehr lange bis zur volligen Heilung anhielt, so wussten sie wenigstens nicht, was sie denken sollten, wenn sie auch gleich nichts Gutes erwarteten.

Ihre gegenwartigen Verpfleger waren sehr religiose Leute. Sie hielten es fur hochstsundlich, einen Menschen zu essen, ohne ihn vorher den Gottern geopfert zu haben; und um ihre Nachbarn, die gewissenlose Leute waren und sie frassen, ohne ihren Gottern einen Bissen davon anzubieten, von dieser argerlichen Gottlosigkeit abzuhalten, unternahmen sie bestandige Anfalle auf sie: so oft sie durch Kundschafter erforschten, dass man eine solche Mahlzeit halten wolle, so brachen sie auf, befreyten die fur die Gefrassigkeit jener Barbaren bestimmten Opfer mit Gewalt, kurirten sie sorgfaltig wieder aus, opferten sie ihren Gottern und assen sie mit der grossten Anstandigkeit.

Kein andres Schicksal ist also von der Frommigkeit dieser Leute fur unsre beiden Europaer zu hoffen: und kurzer Zeit nach ihrer volligen Genesung erfuhren sie es selbst, dass kein andres auf sie wartete. Belphegor raste vor Zorn und Verdruss; er wollte nicht essen, und man zwang ihm die Speisen ein: er wurde gemastet, um ein wurdiges Gericht fur die Tafel der Gotter zu werden. Der Termin des Opfers, das Hauptfest des Jahres, naherte sich, und die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang.

Unterdessen fuhlten ihre Nachbarn ein gewaltiges Jucken der Tapferkeit in Armen und Fussen, sie hatten lange mussig zu Hause gelegen, und wie das unvernunftige Vieh nichts gethan als gegessen, getrunken und bey ihren Weibern geschlafen. Um sie dieser unruhmlichen Ruhe zu entreissen, fand sich bey einem unter ihnen gerade zu gelegner Zeit ein Traum ein, der kaum erzahlt war, als alle bis zum kleinsten Nervengefasse sich begeistert fuhlten, nach den Waffen griffen und auszogen, als brave Menschenkinder ihre Gliedmassen gegen ihre Nachbarn zu brauchen, die izt mit ihrem Feste beschaftigt waren und also ihren Muth nicht in der gehorigen Bereitschaft hatten. Sie kamen; sie fielen das Dorf an, wo Belphegor und Akante zum Opfer aufbewahrt wurden, sie ermordeten und erwurgten, was ihnen in den Weg kam, und um so viel hitziger und unbarmherziger, weil die lange Ruhe ihre Krafte und ihren Muth thatiger gemacht hatte. Die Uebereilten wurden in die Flucht getrieben, und die Sieger bemachtigten sich der zum Opfer bestimmten Gefangnen, unter welchen auch Belphegor und Akante mit fortgeschleppt wurden: allein da sie von den Einwohnern des Dorfs eine hinreichende Anzahl bekommen hatten, um ihr blutbegieriges Vergnugen an ihnen zu befriedigen, so gaben sie auf die ubrigen weniger sorgfaltig Acht. Als sie nach Hause kamen, wurden sie wegen grossen Ueberflusses ausgetheilt, und jedermann, der einen Anverwandten im Treffen eingebusst hatte, bekam einen von den Gefangnen an dessen Stelle: unter welchen die beiden Europaer zu einer Wittwe kamen, die ihnen die Ehre anthat, erstlich den Verlust ihres Mannes auf das empfindlichste an ihren Leibern zu rachen, und dann sie zu ihren Sklaven zu machen.

Der gegenwartige Zustand war unangenehm, aber in Vergleichung der nachstvorhergehenden vortreflich; wenigstens war das Leben sicher. In kurzer Zeit bekam das ganze Dorf einen neuen Paroxismus von Tapferkeit, und alles zog aus, sogar die Weiber waren nicht davon ausgenommen: auch Belphegor und Akante mussten, so wenig sie auch den Kutzel der Tapferkeit empfanden, den Zug verstarken helfen. Da sie aber voraussehen konnten, dass das Ende des Feldzugs ihren Zustand wohl verschlimmern aber nicht verbessern konne, so beschlossen sie bey der ersten Gelegenheit zu entwischen, in eine Einode zu fliehen und da lieber kummerlich zu verhungern, als in bestandiger Gefahr zu seyn, dass man der Grausamkeit eines Barbaren mit langsamen Martern zur Belustigung und endlich gar mit seinem Fleische zur Sattigung dienen musse. Die Gelegenheit zeigte sich, und sie entflohen, versteckten sich lange Zeit, um der Nachstellung zu entgehn, in einem Moraste, und ruckten, so oft sie sich sicher genug glaubten, weiter fort. Aber ihre Noth hatte nur eine andre Mine angenommen: der Tod drohte ihnen immer noch, nur unter einer neuen Larve. Ihre Nahrung mussten sie muhsam suchen und fanden sie nicht einmal in zureichender Menge, und die Beschwerlichkeiten der Witterung machten ihre traurige Situation vollstandig.

Wer hatte sich in solchen Umstanden nicht den kummervollsten Reflexionen uberlassen sollen, auch ohne so viele Misanthropie, wie Belphegor, im Leibe zu haben? Um so viel mehr musste ER es thun: der Strom seiner argerlichen Klagen ergoss sich von neuem uber den Menschen und die Natur. Als er eines Morgens sein Kummerlied unter einem Brodfruchtbaume sang, so horte er plozlich einige Stimmen und erschrack, wie leicht zu vermuthen, weil er izt bey jeder unbekannten Stimme einen Menschen vermuthete, der ihn schlachten wollte: er verkroch sich und horchte. Der Ton hatte nichts barbarisches, und bey seiner Annaherung wurde er inne, dass es Akante war, die zween Fremde in europaischer Kleidung zu ihm fuhrte. Er verliess also seinen Schlupfwinkel und erfuhr, dass es zween Spanier waren, die man mit einem Schiffe von PANAMA abgesendet hatte, um Untersuchungen in dieser Gegend anzustellen, Fahrten und Lander zu entdecken. Akante, die bey dem Don, dessen Matresse sie ehemals gewesen war, ein wenig Spanisch gelernt hatte, wusste wenigstens noch genug davon, um zu erkennen, dass es Spanisch war, was diese beiden Leute mit einander sprachen, als sie ihrer bey einer Quelle ansichtig wurde, wo sie tranken: sie wagte sich zu ihnen, entdeckte ihnen die Verlegenheit, in welcher sie nebst Belphegorn hier schmachtete, nebst einigen andern Umstanden so deutlich, als ihre kleine Fertigkeit in der Sprache es zuliess. Die Fremden liessen sich bewegen, zu Belphegorn mit ihr zu gehn, kamen zu ihm, und erboten sich, sie beide auf das Schiff mit sich zu nehmen. Der Vorschlag wurde freudig angenommen, und der Marsch zu dem Schiffe angetreten.

Sie kamen an den Ort, wo sie das Boot befestigt hatten, das sie uber einen nicht allzu breiten Fluss wieder zuruckfuhren sollte; aber sie suchten umsonst: das Boot war unsichtbar. Sie riefen, sie sahen, und siehe da! in einer weiten Entfernung sahen sie es, mit Hulfe eines Fernglases, den Fluss hinuntertreiben, und nur einen einzigen Menschen auf ihm, der, so viel sich unterscheiden liess, durch unaufhorliche Bewegungen, die auch von einem Geschrey begleitet werden mochten, seine Rettung vermuthlich zu bewirken suchte. Man eilte, so schnell man konnte, an dem Rande des Wassers hin, es einzuholen, und bemuhte sich durch bestandiges Schreyen theils die Leute herbeyzubringen, die es verlassen hatten, theils dem armen Hulflosen, der darauf zuruckgeblieben war, Hofnung zu machen, dass seine Errettung vielleicht nicht weit mehr sey. Das Boot stiess indessen an eine kleine Sandbank an, wo es aber der Strom bald wieder losarbeitete. Dieser Umstand liess wenigstens die, welche ihm nacheilten, Zeit gewinnen, und sie waren ihm itzt schon so nahe, dass sie mit dem Verlassnen darinne sprechen konnten. Man wollte ihm helfen und wusste nicht wie: man hielt sich indessen mit Stangen in Bereitschaft, um sie bey der ersten gunstigen Gelegenheit anzuwenden. Der Strom naherte zuweilen ihrem Ufer das Boot und einmal so sehr, dass einer von den Spaniern es mit seiner Stange erreichen konnte; er zog es ein gutes Stuck naher, der darinne sitzende frohlockte schon, Belphegor warf sich ins Wasser, schwamm zu dem Taue, womit es am Ufer befestigt gewesen war, und das itzt nicht weit vom Rande schwamm, ergriff es, nahm es zwischen die Zahne und schwamm zuruck, der andre Spanier haschte es mit seiner Stange, man griff zu, und nach etlichen Drehungen und Wendungen war man so glucklich es mit vereinten Kraften so nahe zu bringen, dass man es bis zu einem Aussteigeplatze von dem Strome forttreiben lassen und mit dem Taue zuruckhalten konnte, dass es sich nicht zu weit vom Ufer wieder entfernte.

Mit einer unbeschreiblichen Freude sprang der Errettete aus dem Boote und dankte seinen Errettern so lebhaft, dass man beynahe das Fahrzeug, das ihnen zu ihrer eignen Zuruckfahrt zu dem Schiffe unentbehrlich war, hatte entwischen lassen: besonders wurde Belphegor fur seine muthige Handlung mit Liebkosungen uberschuttet und in Umarmungen fast erdruckt. Man besichtigte das Tau und wurde mit Erstaunen uberzeugt, dass es entzweygeschnitten war. Jedermann war deswegen um so viel mehr begierig, die besondern Umstande von der Losreissung des Bootes zu wissen: man sturmte von allen Seiten auf den Erretteten mit Fragen zu, und er versicherte sie, dass er weiter nichts von dem traurigen Vorfalle sagen konne, als dass die vier ubrigen, die sie im Boote bey ihm zuruckgelassen, unter dem Vorwande, dass sie Enten auf einem nahen Sumpfe schiessen wollten, aller seiner Vorstellungen und Verweise ungeachtet, ausgestiegen waren und mit einem Jagdmesser hinterlistig den Tau entzweygehauen hatten, um ihn der Willkuhr des Stroms zu ubergeben. Die Ursachen ihrer Bosheit waren ihm unbekannt: wenn er aber eine vermuthen sollte, so musste es nach seiner Meynung Unzufriedenheit seyn, dass man IHM die Aufsicht uber das Boot anvertraut und ihn einen Fremden jenen Eingebornen vorgezogen habe. Die Spanier, die man itzt fur ein Paar Offiziere erkannte, wuteten wider die Bosewichter, und am meisten daruber, dass sie sich durch die Flucht ihrer Strafe entzogen hatten.

Unterdessen flog der Gerettete, den seine Dankbarkeit noch ganz begeisterte, noch einmal auf Belphegorn zu und versuchte als er merkte, dass er kein Spanisch verstand eine Sprache zu finden, worinne er ihm seine Empfindungen frey und gelaufig auszudrucken wusste: es gelang ihm, und dann empfieng Belphegor eine feurig warme Danksagung, eine so freundschaftlich warme, als sie ihm sein vertrautester Freund hatte geben konnen, und oben drein die Versichrung, dass er nebst seiner Gefahrtinn in Karthagena so lange bey ihm bewirthet werden sollte, als es ihm nur gefiele. Die Vorsicht lebt noch, sprach der dankbare Mann mit frolichem Tone: sie hat mir mit meinem Bootchen aus dem grimmigen Flusse geholfen, warum sollten sie mir denn nicht nach Karthagena wieder verhelfen, um dir fur deine Wohlthat zu danken? Ja die Vorsicht lebt noch: wenn wir zum Schiffe kommen, Bruderchen, so wollen wir ihr zu Ehren eine Flasche zusammen ausleeren.

Das Boot wurde unterdessen bestiegen, und man ruderte den Strom hinab, um wieder zu dem Schiffe zuruckzukehren, und jeder spannte dabey seine Geschicklichkeit und seine Krafte an. Sie erreichten das Schiff, und Belphegor wurde mit Akanten von ihrem neuen Freunde auf das herrlichste bewirthet: die Flasche losste allen die Zunge, und jedes liess seinen Gedanken und Worten ungehinderten Lauf: man erzahlte sich und erzahlte sich so lange bis der Bewirther die Flasche vor Hastigkeit hinwarf und Belphegorn um den Hals flog. Bruderchen, schrye er, bist DU es? bist DU es? Gewiss? DU, Bruderchen? der mich, deinen MEDARDUS, in dem abscheulichen Palaste zu NIEMEAMAYE mitten in den Flammen zuruckliess? Sagte ich doch: die Vorsicht lebt noch: wir dachten einander nimmermehr wieder zu finden, aber siehe! hier sind wir beysammen. Wer hatte das denken sollen? Und Du auch, Akantchen? Wohl uns! wenn wir erst wieder in Karthagena sind! Dann solls euch gehn! so gut, als ihrs itzt schlecht gehabt habt! Gluckliches Wiedersehn, und nimmermehr wieder Verlieren! und so trank er munter sein Glas aus.

Aber, sprach Belphegor, wenn die Vorsicht noch lebt, wie Du noch immer fest glaubst, warum liess sie mich erst so lange Zeit zweifeln, ob uberhaupt eine existirte? Warum musste ich geschunden, zerschnitten, gesengt und beynahe gefressen werden, um davon uberzeugt zu werden? und noch kann unser Wiedersehn eben so sehr die Wirkung eines Ohngefehrs, eines zufalligen Schicksals als einer Vorsicht seyn? Meine Leiden machen meinen Glauben an sie kein Haarbreit starker; ja so gar sie schwachen ihn.

Bist Du noch so ein Grubelkopf, Bruderchen? unterbrach ihn Medardus. Ersaufe Zweifel und Grillen in der Flasche: genug, ich glaube, dass eine Vorsicht ist, und wers nicht glaubt, den soll der Teufel holen! Nun, Bruderchen! und so stiess er an sein Glas alle, die eine Vorsicht glauben, sollen leben!

Man merkte es, dass die Flasche den jovialischen Medardus begeistert hatte; und da Belphegors Rausch ein truber melancholischer Rausch war, so hatten beyde beynahe uber Schicksal und Vorsicht in einen unseligen Zwist verwickelt werden konnen, wenn nicht Akantens Dazwischenkunft sie getrennt und im Frieden erhalten hatte.

Als der Rausch ausgeschlafen war, so kehrte zwar die alte Vertraulichkeit wieder zuruck, allein Belphegor blieb doch trubsinnig. Akante heiterte sich mit jeder Stunde wieder auf: mit jeder Erzahlung, die ihr Medardus von dem Reichthume und den Schonheiten zu Karthagena machte, mit jeder Aussicht auf Ruhe, Bequemlichkeit, Ergotzlichkeit, die er ihr eroffnete, verschwand das Andenken der uberstandnen Beschwerlichkeiten, und es verstarkte sich ihre Munterkeit und Lebhaftigkeit; sie qualte sich nicht, ob diese angenehme Erwartungen ein Geschenk des Schicksals oder der Vorsehung seyn mochten: genug, sie sollte sie geniessen, und war damit zufrieden, dass sie sie geniessen sollte. Belphegor hingegen lief taglich und stundlich die traurige Geschichte seines vergangnen Lebens durch, fand uberall Gelegenheit zu klagen und mit seinem Glauben sich auf die Seite eines blinden Schicksals zu neigen, wozu Medardus mit seinem unumschrankten Vertrauen auf eine Vorsehung nicht wenig beytrug, weil er ihm dadurch immer Gelegenheit gab, zu seinen Zweifeln und dem Nachdenken daruber zuruckzukehren.

Indessen hatte das Schiff seinen Weg nach Panama angefangen und jede Stunde, die Medardus missen konnte, brachte er mit Belphegorn zu, um einander zu erzahlen und Anmerkungen daruber zu machen.

Was findest Du nun in meinem ganzen Lebenslauf? fragte Belphegor eines Abends, als er seine Geschichte von dem Brande in NIEMEAMAYE bis auf den gegenwartigen Augenblick geendigt hatte was findest Du darinne, blindes Schicksal oder uberlegte Vorsehung? Ich wollte durch eine Reihe Beschwerlichkeiten dahin, die Neid und Bosheit meistens nur gelegentlich uber mich ausgossen: keins hangt mit dem andern zu einem gewissen Zwecke zusammen, sondern ich wurde gequalt, weil die Menschen nun einmal so gemacht sind, dass sie nach ihren Gesinnungen und Leidenschaften, die auch nicht ihr Werk sind, nicht anders als mich qualen mussten. Die Barbaren, die mich und Akanten nach einer langsamen Marter fressen, oder die uns ihren Gottern opfern wollten was konnen diese dazu, dass sie diess nicht eben so sehr, wie wir, fur die schrecklichste Grausamkeit halten? Eine fortgesetzte Reihe von Begebenheiten, nebst ihren ursprunglichen naturlichen Anlagen, Trieben und Neigungen, stellten ihnen allmahlich jenes als zulassig und dieses als vortreflich vor, so wie uns eine andre lange Reihe von Begebenheiten die Handlung, einen Menschen zu schlachten, als abscheulich abmalte. Was fur ein Plan ist es aber, Menschen so anzulegen, dass aus ihrem ersten Triebe der Selbsterhaltung Leidenschaften aufwachsen mussen, die solche barbarische Grundsatze erzeugen? Was sind diese in jenem vorgeblichen Plane? Zweck oder Mittel? Zweck konnen sie nicht seyn: denn welche Idee, Kreaturen zu schaffen, damit sie einander fressen! Mittel eben so wenig: denn wozu fuhren solche Unthaten im Ganzen oder im Einzelnen? Entweder musste also hier in dem Plane der Begebenheiten ein thorichter Zweck oder ein thorichtes Mittel angenommen werden, oder die ganze Sache muss ein zufalliger, nicht intendirter Umstand seyn; und, und! vielleicht war die ganze Reihe meines, deines Lebens, die Begebenheiten der ganzen Erde nichts als dieses Wirkungen des Zufalls und der Nothwendigkeit, wo Leute, die diese Worter nicht leiden konnten, Zweck und Mittel herauskunstelten, und, wie die Wahrsager, auch zuweilen diese beyden Sachen selbst herausbrachten.

Bruderchen, Du schwatzest zu subtil: Du grubelst und grubelst, und hast am Ende nichts als Unruhe und Ungewisheit zum Lohne: ICH glaube frisch weg, ohne mich links oder rechts umzusehen, dass alles gut und weise angeordnet ist, und wenn mich die Kerle, die Dich verschlingen wollten, schon halb hinuntergeschluckt hatten, so dachte ich doch: wer weiss, wozu das gut ist? Ich komme am besten dabey zu rechte: ist auch wirklich alles Nothwendigkeit und Zufall; muss ich mich von diesen beyden Machten herumstossen lassen wohlan! ich wills gar nicht wissen, dass sie mich blind herumstossen. Der Kopf wird so dadurch wirblicht genug, soll ich mir ihn noch durch Grubeleyen wirblicht machen? Nein! jede Freude genossen, wie sie sich anbietet, jeden Puff angenommen, wie er kommt, und immer gedacht: wer weiss, wozu er gut ist? das heisst klug gelebt! Und das kannst Du mir doch nicht laugnen, Bruderchen, dass die gottlosen Kerle, die mich mit dem Boote fortwandern liessen, mich in die Angst versetzen mussten, damit ich dich wiederfande? Ware ich in dem Palaste zu Niemeamaye nicht beynahe verbrannt, hatte ich nicht so viele Gefahren zur See und in Amerika ausgestanden, so ware ich itzt nicht bey Dir, so freueten wir uns itzt nicht

Bester Freund! unterbrach ihn Belphegor: dieser Zweck ist auf deiner Seite erreicht, aber auf der meinigen nicht. In dem Sturme der Leidenschaften, unter dem Gefuhle der Widrigkeiten wutete meine Seele, wie ein Betrunkener; alles war mir schwarz, ich deklamirte, aber ich rasonnirte nicht. Itzt da sich durch dein Wiedersehn meine Aussichten erheitern, da der Taumel des widrigen Gefuhls verfliegt, itzt tritt eine Stille ein, die tausendmal qualender als der Sturm ist uberlegtes Rasonnement in dem truben Tone, in welchem ich vorher deklamirte: kurz, ich bin aus dem Getummel der Schlacht, Wunden und Schmerzen herausgerissen worden, um an mir selbst zu nagen. Soll dieses Zweck oder Mittel von einem kunftigen Zwekke seyn? und so wird wohl der letzte, auf dem alles abzielt, der Tod seyn.

Wer weiss, wozu Dir das gut ist, Bruderchen? sprach Medardus. Du musst nur Muth schopfen

Lieber Mann! heisst das nicht zu einem lahmen Fusse sagen: hinke nicht? Fuhre ICH die Federn meines Denkens und Empfindens an der Schnure, um sie nach Wohlgefallen lenken zu konnen?

Bruderchen, mir war bange, als ich in dem Palaste zu Niemeamaye mitten unter den Flammen, wie in einem Feuerofen, steckte: aber ich dachte doch, wenn Du gleich zu Pulver verbrennst, wer weiss, wozu das gut ist? wo nicht Dir, doch einer lebendigen Kreatur auf der Erde itzt oder in Zukunft; und siehst Du? ich kam glucklich durch.

Aber wie kamst Du durch, Freund?

Durch einen besondern Zufall. Du weisst, der Bosewicht, der mit Dir nach Niemeamaye kam, um mich schandlicher Weise zu todten, wurde zu einem ewigen Gefangnisse verdammt, weil wir kein Blut vergiessen wollten, ob er gleich den Tod verdient hatte. In dem Tumulte, als ihn seine Wache verliess, hatte er sich durchgearbeitet, strich durch die Burg, fand die Kleidung, die Du von Dir geworfen hattest, zog sie an, weil sie ganz mit Goldkornern angefullt war, und wollte so in ihr entfliehen. Da aber die koniglichen Insignien darauf waren, so hielten ihn die Feinde fur den Konig, nahmen ihn gefangen, und wahrend dass alles jauchzte und nach dem Orte zulief, wo man den gefangenen Konig zeigte, erwischte ich eine Oeffnung und entkam glucklich. Ich wanderte bis zur Hauptstadt des grossen abissinischen Reichs, wo ich mir durch die mitgebrachten Goldkorner die Bekanntschaft einiger Kaufleute erwarb, die mir nach NEUGUINEA zu helfen versprachen, damit ich von da nach Europa zuruckgehn konnte, wohin ich mich ausserordentlich wieder wunschte. Mein Verlangen wurde befriedigt: ich gieng mit einem englischen Sklaventransporte ab, aber um zwischen zwey Elementen, Wasser und Feuer, beynahe umzukommen. Siehst du, Bruderchen? Den schwarzen Afrikanern wurde in ihrem engen Loche bange: sie wollten mit Gewalt in ihr Vaterland zuruck, sollten sie auch durch den Tod dahinkommen: denn die narrischen Kreaturen bilden sich ein, dass sie sicher ihre Heimath wieder finden, so bald sie gestorben sind. Um diese Reise zu thun und sich zu gleicher Zeit an den Leuten zu rachen, die sie wider ihren Willen in eine andre Gegend versetzen wollten, stiegen sie in der zwoten Nacht nach unsrer Abreise einer dem andern auf die Schultern, um die Fallthure ihres Behaltnisses aufstossen und herausklettern zu konnen: der Raum von dem Boden bis an die Thur war so hoch, dass wenigstens drey Mann uber einander stehen mussten, um sie zu offnen. Der bose Streich gelang ihnen wahrhaftig: einer von ihnen kletterte heraus und fand die Sklavenwache schlafend. Hurtig warf er seinen zuruckgebliebnen Kameraden eine Strickleiter hinunter, ergriff das Gewehr der Wache und brachte sie mit einem guten Degenstosse um, worauf er den Getodteten mit Hilfe der ubrigen herzugeeilten Negern uber Bord warf. Zum Unglucke schlief alles, was schlafen durfte, fest, weil jedermann die ganze vorhergehende Nacht hatte arbeiten mussen, und die wenigen Wachenden wachten nur halb: dieser Umstand verstattete den Negern durch das Schiff zu streichen. Sie fanden einen schlafenden Matrosen, der seinen Tabaksbeutel mit dem Feuerzeuge an sich hangen hatte: sie schnitten ihn los und brachten wirklich ein Stuck Schwamm zum brennen; durch etliche andre brennbare Materien brachten sie es zur Flamme, die sie in verschiedene Theile des Schiffs ausstreuten. Damit aber niemand SIE fur die Urheber des Bubenstucks erkennen mochte, krochen sie in ihr Behaltniss zuruck, und waren bereit, in dem Feuer mit umzukommen, wenn es das Schiff ganz zu Grunde richten sollte, welches sie von Herzen wunschen mochten. Die Flamme griff auch schon wirklich weit um sich, verwustete hin und wieder, als man es erst gewahr wurde. Bruderchen, das war ein Schrecken! das war ein Tumult! Verbrennen oder ertrinken! Das schien die einzige Wahl: aber, Bruderchen, ich sollte Dich wiedersehn: das Feuer wurde gedampft und die Urheber entdeckt. Die einfaltigen Geschopfe hatten vergessen, die Strickleiter an ihrer Fallthure wegzuschaffen: kurz, der bose Handel wurde ausfundig gemacht und hart gestraft.

Waren wir dem Feuer entgangen, so war es nur, um in die Hande der Feinde zu fallen. Die Spanier und Englander hatten damals das Recht, einander allen ersinnlichen Schaden und Feindschaft anzuthun: denn kurz vorher war zwischen beiden ein Krieg ausgebrochen. Siehst Du, Bruderchen? wir wussten nichts davon, und erwarteten also gar nicht, dass jemand unser Feind seyn wollte, weil wir niemanden etwas zuwider gethan hatten: allein da die beiden Machte uneinig waren, so mussten wir arme Unschuldige ihren Zorn entgelten und uns mochten wir, mochten wir nicht als Feinde behandeln lassen, weil uns ein englisches Schiff trug. Ein spanisches griff uns an und fuhrte uns glucklich nach Karthagena, wo ich bewies, dass ich kein Englander war und auch nicht einmal den Namen nach an dem Missverstandnisse zwischen den beyden Konigen einigen Antheil hatte: auf diesen Beweis gab man mir die Erlaubniss, mein Gluck zu suchen, wo ich es finden konnte. Ich fand einen Platz bey einem Kaufmanne, wo ich mich gegenwartig noch befinde, und auf dessen Verlangen ich diese Reise nach dem kalifornischen Busen mit unternehmen musste. Gluckliche Reise! ich habe Dich wiedergefunden; ich bringe Dich nach Karthagena, und nun leben und sterben wir beysammen.

Seine Wunsche wurden erfullt: sie erreichten glucklich Panama und machten alsdann in kurzer Zeit den Weg bis nach Karthagena, wo Medardus seinem Freunde eine anstandige Versorgung verschafte, und dieser Akanten, die Gefahrtinn seiner Schmerzen und seines Unglucks, zu seiner wirklichen Ehegattinn erhub.

Belphegor glaubte sich nunmehr am Ende seiner Leiden, heiterte sich durch seine Zerstreuungen und Geschafte genugsam wieder auf, um seine bisherige trube Laune ziemlich zu vergessen; allein der herrschende Ton seiner Empfindungen und seiner Gedanken blieb bestandig der schwermuthige, der melancholische, und seine Unterhaltungen mit seinem Freunde betrafen meistens das grosse Labyrinth die Begebenheiten und Schicksale der Menschen. Er wankte mit seinem Glauben zwischen Nothwendigkeit und Vorsehung hin und wieder, und seine eigne Ueberzeugung zog ihn allezeit zu der erstern, ob ihn gleich sein Freund zu der letztern zu ziehen suchte. Wenn aber auch sein innerlicher Zustand nie vollig ruhig werden konnte, so glaubte er wenigstens, dass die Menschen und das Schicksal seinen ausserlichen nicht weiter beunruhigen wurden; aber auch hierinne glaubte er falsch: die Menschen mussten ihn in seiner Ruhe storen, weil er sie im Laster und der Unterdrukkung storen wollte.

Seine Geschafte fuhrten ihn oft in solche Verbindungen, dass er das ganze Spiel der Leidenschaften und des Eigennutzes in dem deutlichsten Lichte sehen konnte: er fand, dass auch in dieser neuen Welt, wie in der alten, der Neid bestandig den Bogen gespannt hielt, und jeder seine Obermacht zur Unterdruckung missbrauchte. Anfangs liess er sich zwar von der Klugheit zuruckhalten, allein in kurzem hauften sich die Reizungen so sehr, dass sein Unwille alle Klugheit uberstimmte: er riss ihn hin und sturzte ihn in tausend Unannehmlichkeiten und eben so viele Gefahren.

Der Herr, in dessen Diensten er stand, war ein Kreole20 und hatte deswegen den Hass aller gebornen Spanier auszustehn: bey jeder Gelegenheit, wo von einem unter diesen das Interesse oder die Ehre seines Herrn gekrankt wurde, focht Belphegor mit allen Kraften seiner Beredsamkeit und seines Leibes, ihn zu vertheidigen. Sein Eifer machte ihn bey seinem Herrn beliebt und wurde dadurch um so viel starker angefacht.

So lange er wider die Ungerechtigkeiten und den Stolz der gebornen Spanier deklamirte und mit seiner gewohnlichen Heftigkeit auf die Verachtung loszog, die sie gegen alle Kreolen blicken liessen, auch zuweilen dadurch, dass er zu heftig die Partie der Kreolen nahm, sich blaue, braune, gelbe und rothe Flecken, Wunden und Beulen verursachte, so uberhaufte ihn sein Herr mit Liebkosungen und Geschenken, Belphegor empfieng die freundlichsten gutigsten Blicke unter allen im ganzen Hause, sein Gesprach war die liebste, die einzige Unterhaltung seines Herrn, und dieser konnte ihm stundenlang zuhoren, wenn er eine Strafpredigt uber Welt und Menschen hielt und die Zuge in seinen Gemalden des kindischen menschlichen Stolzes von gebornen Spaniern entlehnte: sobald er aber Einen Zug der Unterdruckung einfliessen liess, die der Kreole so gut als der Spanier begieng, so schwieg man anfangs still, und wenn er seine Schilderungen mit solchen Dingen gar zu sehr uberladete, so wurde die Unterhaltung abgebrochen. Belphegor, der seinen Herrn, im Durchschnitte gerechnet, fur gut hielt, dunkte sich verpflichtet, ihm auch die kleinen Flecken abzuwischen, die die Grundflache seines Charakters beschmuzten und die sich nur durch die Lange der Gewohnheit so tief eingefressen hatten, dass er sie, wie alle Menschen seines Schlages um ihn, fur keine Flecken hielt. Dahin gehorte vorzuglich diese Art von Grausamkeit, die auch Menschen begehen, wenn sie nichts als gerecht sind, andern zwar sehr punktlich ihre eignen Obliegenheiten entrichten, aber auch mit der aussersten Strenge ihr Recht von andern verlangen. Da diese Strenge sich am meisten da aussert und auch, ohne gerichtliche Straffalligkeit, am meisten da aussern kann, wo eine alte verjahrte Unterdruckung zum Recht geworden ist, und ein Trupp armseliger Kreaturen, so bald sie zu existiren anfangen, schon die Mobeln eines andern sind kurz, wo Leibeigenschaft und Sklaverey herrschen; so fand Belphegor fur seinen Strafeifer nirgends reichlichern Stoff als in seinen gegenwartigen Umstanden. Die Indianer, diese armen Lasttrager, diese Soufre-douleurs von Amerika, und man mochte sagen, der ganzen Menschheit, reizten seinen Unwillen am heftigsten. Er sah, dass alles sich vereinigte, auf die Kosten dieser Elenden wohl zu leben, und sein Ungestum, da er so viele Nahrung fand, brach von neuem los. Ihr seyd Unmenschen, sprach er einst zu seinem Herrn; ihr macht eure Schultern leicht und legt alle Lasten der Menschlichkeit diesen Kreaturen ohne Mitleid auf: ihr druckt sie, weil sie keine rechten Christen sind, ohne zu bedenken, dass sie Menschen sind. Lasst diesen Ungluckseligen ihren Pachacamac21 oder wie sie ihn sonst nennen wollen, und erleichtert ihnen die Muhe zu leben, und ihr seyd ihre wahren Wohlthater. Ist es nicht ewige Schande, eine halbe Welt zu erobern, ihre Einwohner zu Sklaven zu machen und dann noch an ihrem durftigen Unterhalte zu saugen? Aber warum konnte nun die Natur ihr Werk so anlegen, dass alle diese Harte eine nothwendige Folge von seiner Einrichtung seyn musste? dass ein Theil der Menschen von dem andern nicht allein zur Arbeit gezwungen, sondern auch uberdiess noch hart behandelt werden musste? dass ein Theil ganz erniedrigt werden musste, damit der andre desto hoher sich emporhebe? O Gott! mir schwellen alle meine Adern, wenn ich diesen tollen Lauf der Welt uberdenke! Was sind diese Befehlshaber, diese Corregidoren anders als privilegirte Unterdrucker! Was seyd ihr, die ihr den Reichthum des Landes der Erde abgewinnt, anders, als immerwahrende Unterdrucker? als vom Recht geschuzte Unterdrucker, wenn ihr auch noch so gelinde verfahrt? Und wenn der Elende diese beiden Ruthen bis zum Verbluten gefuhlt hat, dann setzt noch der geistliche Blutsauger den Russel an und zieht dem armen Einfaltigen den wenigen Saft aus, der ihm ubrig blieb, verkauft ihm schnode nichtsnutze Possen und pflanzt ihm den hasslichsten Aberglauben ein, damit ihn Gewissen und Blodsinn zum Kaufe zwingen. Ist es erhort, o Natur, dass du eine Gattung von deinen Geschopfen so ganz stiefmutterlich vernachlassigen konntest? Waren die Indianer nicht auch dein Werk? Und doch liessest du sie vielleicht viele tausend Jahre in Dummheit und dem grausamsten Aberglauben herumkriechen, Sklaven ihrer Tyrannen und ihrer Gotter seyn, dann sie zu tausenden erwurgen, in das Joch der Europaer stecken und nun langsam von allen Seiten bis zur Vernichtung qualen: du schufest sie, um sie langsam aufzureiben.

Einen solchen Sermon hielt naturlicher Weise sein Herr nicht langer aus, als bis er sich das erstemal getroffen fuhlte, wo er sich meistentheils wegwandte, rausperte, eine Beschaftigung vornahm, jemanden rief, das Zimmer verliess, oder etwas anders that, das ihn darauf zu horen hinderte. Eine jede solche Unterhaltung schwachte bey ihm den Geschmack an Belphegors Umgange, und obgleich dieser sich sehr oft durch ein kleines Lob auf die Gutherzigkeit des Mannes wieder in Gunst sezte, so hiess das doch nur, einen schlimmen Eindruck benehmen, aber keinen guten geben. Diesen Umstand nuzten seine Kameraden, die schon langst mit schielen Augen die Vorzuge angesehn hatten, die er von seinem Herrn genoss, ihn dieser Vorzuge zu berauben. Sie stellten Belphegors Deklamationen von der schlimmen Seite vor, erdichteten etliche, die er wider seinen eignen Herrn namentlich in seiner Abwesenheit gesagt haben sollte: sie fanden leicht Glauben, und bald wurde Belphegor zuruckgesezt, verachtet, und jedes auch das mindeste seiner Worte ubel genommen, man machte ihm, ob er gleich von Wunden und Beulen verschont blieb, das Leben doch so schwer, dass er diesen innerlichen Schmerz gern gegen alle korperliche vertauscht hatte: er wurde es endlich mude, verlies das Haus und lebte von der Gutigkeit seines Freundes Medardus, der sich mit der grossten Bereitwilligkeit seiner annahm und auf einen andern Plaz fur ihn dachte.

So schwer ihm diese Bemuhung wurde, so gieng sie ihm doch endlich glucklich von statten: er verschafte seinem Freunde einen andern Platz, aber keine Ruhe. Er brachte ihn in das Haus eines Mannes, der recht dazu geschaffen schien, seinen bisherigen Unwillen uber die amerikanische Unterdruckung zu erhohen, und den ganzen Belphegor in Feuer und Flammen zu setzen. Ein Mann war es, der sein Leben in der wollustigsten Tragheit dahinschlummerte, und wenn er ja handelte, doch nie uber die Granzen der Sinnlichkeit hinauswich: wenn er geschlafen hatte, so ass oder trank er, und wenn er gegessen oder getrunken hatte, so schlief er, und wenn er dessen uberdrussig war, so liess er sich von einem Pferde tragen oder von etlichen ziehen: zuweilen gebrauchte er sogar Sklaven, hierzu, um zugleich seinen Stolz zu kutzeln, wenn er Geschopfe, die mit ihm einerley Figur hatten, so unter sich erniedrigt sehen konnte. Wenn er speiste, musste einer von seinen Hausbedienten ihm mit lauter Stimme seinen Stammbaum, der von Erschaffung der Welt anhub, vorlesen, desgleichen jede Lobrede, die auf einen seiner Vorfahren gehalten worden war; und da er meistens uber dem Lesen einschlief, so war es kein Wunder, dass die Geschichte seiner Abstammung seine einzige Lekture schlafend und wachend ausgemacht hatte, ohne dass er mehr davon wusste, als dass Adam sein erster Stammvater gewesen sey, weswegen er es bey jeder Gelegenheit mit grossem Stolze zu ruhmen wusste, dass seine Familie unmittelbar von Gott selbst gemacht worden sey.

Der Anblick eines so vegetirenden Geschopfes musste Belphegorn naturlich aufbringen, besonders wenn er es mit den hulflosen Mitgeschopfen verglich, die ihm die Mittel zu einer so weichlichen Bequemlichkeit erarbeiten mussten: er wollte nicht mehr dieselbe Luft mit ihm athmen, oder von Einem Dache mit ihm bedeckt seyn; und als er eines Tages den Auftrag bekam, ihn mit der Verlesung seines Geschlechtsregisters einzuschlafern, so that er ihm mit dem Eifer eines Busspredigers eine so nachdruckliche moralische Vorhaltung seiner noch weniger als thierischen Lebensart und der Unterdruckung, die er begehn musste, um sie geniessen zu konnen, dass der Mann kein Auge zu thun konnte, woruber er so ergrimmte, dass er den armen Belphegor, als einen unbrauchbaren Bedienten, zum Hause augenblicklich hinausweisen liess. Das Schicksal war hart, aber ein kleiner Rest von Stolze, der ihn uberredete, fur die Wahrheit eine Aufopferung gethan zu haben, starkte ihn hinlanglich, dass er so aufgerichtet und frolich, wie ein Martyrer, uber die Schwelle schreiten konnte.

Er nahm seine Zuflucht zu Akanten, die noch, so sehr sich ihre Reize auch vermindert hatten, aus dem namlichen Grunde gern mit der Liebe spielte, aus welchem ein alter Fuhrmann gern klatschen hort, wenn sein Arm zu steif ist, die Peitsche selbst zu regieren. Sie war wenn man ihre Verrichtung bey dem eigentlichen Namen nennen darf eine Kupplerinn, und genoss die Freuden ihrer Jugend wenigstens in der Einbildung, wenn sie den fremden Genuss derselben vor sich sahe, da das unbarmherzige Alter sie leider! unfahig gemacht hatte, sich in der Wirklichkeit daran zu vergnugen. Ihr Mann, der mit seinem Kopfe immer auf irrendritterliche Fahrten ausgieng, konnte uber dem Eifer, die ganze Welt zu bessern, nicht daran denken, sein Haus zu bessern, das durch die Geschaftigkeit seiner Frau einem Bordelle nicht unahnlich geworden war. Er merkte nicht das mindeste hiervon, sondern lebte nunmehr von der Einnahme seiner Frau, unbekummert, dass sie der Gewinst einer Unterdrukkung war, die alle andern uberwiegt der Unterdrukkung der Tugend. Indessen dass diese ohne sein Bewusstseyn taglich hinter seinem Rucken geschah, schwarmte er mit seinen Gedanken in der Welt herum, suchte Materialien zum Aerger auf und zurnte, dass die Natur nicht IHN um Rath gefragt hatte, als sie eine Welt schaffen wollte. Mitten unter seinem traurigen Zeitvertreibe gerieth er in die Bekanntschaft eines Mannes, der sein Haus oft besuchte, Akanten reichliche Geschenke machte, ohne jemals mehr zu thun, als bey ihr ein und auszugehen. Da er also bey den Lustbarkeiten, die an dem Orte vorgenommen wurden, blos ein uberflussiger und oft lastiger Zuschauer war, so bekommplimentirte ihn Akante so lange, bis er sich zuweilen bereden liess, sich zu ihrem Manne zu begeben und mit ihm zu unterhalten.

So zuruckhaltend und lakonisch der Fremde war, so offenherzig aus der Brust heraus redte hingegen Belphegor: und bald fanden sie beide, dass ihre Denkungsart nicht ganz disharmonisch war; sie wurden einander interressant und in kurzem Freunde, doch lange nicht so sehr, dass der Fremde auf die vielen Zunothigungen, sich entdeckt hatte. Endlich machte einstmals die Flasche, womit er Belphegorn haufig bewirthete, seine Zunge so gelaufig, das er folgendes Bekenntniss ablegte: Ich war ehemals ein Herrenhuter, konnte aber den verschleierten Despotismus, der diese Gemeine unter den heiligsten Benennungen tyrannisirt, nicht langer mehr erdulden, und trennte mich deswegen von ihr. Menschen geboten uns willkuhrlich und wollten uns uberreden, dass die Stimme des heiligen Geistes durch sie gebiete. Ich glaubte dem heiligen Geiste nicht mehr blindlings und wurde deswegen gemishandelt: ich verlies eine Sekte, wo die naturliche Freiheit ungleich mehr eingeschrankt ist, als in der despotischen Monarchie, und die Schranken ungleich schwerer erweitert werden, weil sie mit der Heiligkeit uberfirnisst und zugleich die Stutzen des Ganzen sind, um dessentwillen sie je langer, je mehr vervielfaltigt werden mussen, so dass zuletzt entweder ein Pabst mit etlichen listigen Fuchsen den ubrigen Haufen ganz abrutiren muss, um ihn in Ruhe nach Willkuhr, wie Marionetten, zu regieren, oder die ganze Gesellschaft ein Trupp so verdorbner Christen voll Zanks, Uneinigkeit und Tumult werden wird, wie die ubrigen alle. Solltest du denken, dass unter der stillen friedfertigen Mine des Bruders das namliche Herz lauscht, und dass seine Gesellschaft eine Welt ist, wo der Schwachre eben so sehr unter schonen Namen betrogen und tyrannisirt wird als in andern Gesellschaften? Glaube mir, es ist so! Ich entsagte dem separatistischen Despotismus und durchlief Konigreiche, Herzogthumer und Furstenthumer, Aristokratien und Republiken, allenthalben begegnete ich dem Despotismus im Grossen oder im Kleinen, unter dieser oder jener Maske, versteckt oder offenbar. In jedem, auch dem kleinsten Staate lauschte diess vielkopfichte Ungeheuer, und ganz Europa schien von ihm verschlungen zu werden. Regierungsgehulfen, denen die Gunst des Fursten mehr galt als die Gluckseligkeit des Volks, untergruben listig die Schutzwehren, die die Monarchie vor den Eingriffen des Despotismus sichern sollten, oder warfen sie aus eigner Herrschsucht mit Gewalt nieder: sie legten der Nation Lasten auf, dass sie sich unter der Burde krummte: und beschwerten sie, um sie glucklich zu machen.

Um es glucklich zu machen! rief Belphegor verwundert.

Ja, Freund! Man ersann eine Philosophie, deren oberster Grundsatz im Grunde war: man muss den Menschen das Leben sauer und schwer machen, um sie glucklich zu machen. Man hatte bemerkt, dass Staaten durch Industrie und Geschaftigkeit bluhend und glanzend geworden waren: man hielt den Glanz des Staats und die Gluckseligkeit seiner Mitglieder fur untrennbare Dinge! oder man wurdigte vielleicht nicht einmal die leztern einiger Rucksicht, und sezte es also als einen Grundsatz fest, dass die Gluckseligkeit eines Volks mit seiner Industrie zunehme; und jedermann dachte auf Mittel sein Volk auf diesen sichern Weg zur politischen Gluckseligkeit zu fuhren. Sogar Junker, die eine Hand voll Bauern unter ihrem Kommando hatten, die ihnen ihr Feld pflugen und ihr Vieh huten mussten, sprachen von Industrie, und wollten ihre Arbeiter industrios machen, weil sie alsdann noch mehr faullenzen zu konnen hoften. Indem man allenthalben Mittel zur Industrie aufsuchte, bemerkte man, dass die Einwohner einiger Lander mit wenigen Auflagen beschwert und nicht industrios gewesen waren: sogleich erklarte man diess fur die Wirkung von jenem, was es vielleicht in einigen einzelnen Fallen wirklich seyn mochte, ob es gleich in den meisten nur ein begleitender, oder hochstens mitwirkender Umstand war. Das Geheimniss war gefunden, und jeder Politiker, der rechnen gelernt hatte, machte es zum Glaubensartikel, dass man dem Volke viel nehmen musse, damit es viel gewinne; und ein junger Sekretar einer Kammer fertigte mich, da ich aus meinem gesunden Menschenverstande Einwendungen dawider machen wollte, frisch weg damit ab, dass ich das Ding nicht verstunde. Freund! heisst das nicht einen Esel mit Peitschenschlagen zum Laufen bringen? Gut! er lauft starker nach Empfang der Hiebe; aber ist nicht ein gewisser Punkt, wo das gute Mullerthier nicht starker laufen kann, wo er entweder unter den Schlagen erliegen, oder seinen Fuhrer sich wiedersetzen muss? und ist nicht ein gewisser Punkt, innerhalb dessen die Industrie durch die erschopften Krafte der Menschen, durch die besondre Lage und Beschaffenheit des Landes und tausend andre Ursachen eingeschrankt wird, uber die sie nie hinausgebracht wird, man lege dem Volke jeden Tag neue Lasten auf? Und ist denn die Gluckseligkeit der einzelnen Mitglieder bey der Berechnung eine blosse Null? Sollen die Menschen nichts als Lasttrager seyn, denen man taglich mehr auflegt, damit sie taglich mehr tragen lernen? Sollen sie immer gieriger nach Gewinn trachten, um immer mehr geben zu konnen? Heisst das nicht, sie zu allen den Lastern hinstossen, die man fur Schandflecken der Gesellschaft erkennt? zur Habsucht, List, Betrug kurz, zu allen Vergehungen, die durch den leichten Zaun der Gesetze durchschlupfen konnen?

Verflucht sey die Industrie! rief Belphegor. Je mehr sie steigt, je mehr raubt sie der Gesellschaft Annehmlichkeit, Zierde, und den einzelnen Mitgliedern die Gluckseligkeit. Was thut sie? Sie schiebt einigen wenigen das Kopfkussen der Bequemlichkeit unter, macht alle, mehr oder weniger, zu habsuchtigen Wolfen und listigen Fuchsen, und wirft den grossten Haufen auf den harten Pfuhl der Arbeit, der Beschwerlichkeit, der Kummerniss, des Mangels. Wohl euch! ihr Thiere, und ihr Menschen, die ihr ihnen gleicht, denen thierisches Bedurfniss den ganzen Kreis ihrer Gluckseligkeit schliesst!

Freund! Du bist voreilig. Die Industrie rottet eben so viele Laster aus als sie giebt

Was ist da gewonnen?

Was bey jedem Wechsel auf unserm Planeten gewonnen wird man tauscht ein andres Uebel ein. Daran kann ich mich gewohnen, nur an die Unterdruckung nicht. Mein Gefuhl von Freiheit, das bey jeder Spur von ihr bis zum Tumulte aufruhrisch wird, trieb mich aus der alten Welt, wo despotische Grundsatze die Schranken derselben immer enger zusammenzogen, so enge, dass an manchen Orten kein Mensch mehr ein freies Wort zu flustern wagte. Aber Freund! welch ein Wechsel! hier fand ich die Unterdruckung in roher unbekleisterter Gestalt, und mit feiner Tunche uberzogen; gerade dieselbe Welt, wie auf der andern Halbkugel, an manchen Orten besser, an manchen schlimmer. Ebendieselbe Kraft, die in der Bewegung der korperlichen Welt ein gewisses Gleichgewicht erhalt, muss auch die moralische und politische Vollkommenheit des Ganzen in einer gewissen Temperatur erhalten, dass alle Zeiten und alle Orte im Besitz und Mangel sich die Wage halten.

Leider! seufzte Belphegor, ist die Welt sich allenthalben gleich. Aber muss es so seyn? Oder ist nicht zu vermuthen, dass einst ein Mann, der mehr Geist ist als seine Mitbruder, die groben Fesseln zerbrechen wird, die diesen und jenen Theil der Menschheit an den Bock der Sklaverey anketten: denn die feinen gewohnten Banden, an welchen der Gewaltige den Schwachen allzeit fuhrt, diese zu zerreissen, ist Gott und Mensch zu schwach, so lange die Natur keine Umschaffung unternimmt: aber ein solcher Mann, der die Indianer an ihren Unterdruckern rachet, zwar tausend Unschuldige bey seiner Rache mit hinraft, aber sie doch zu einem edlen Zwecke hinraft

Diese Erlosung wird die Zeit bewerkstelligen.

O die leidige langsame Zeit, die erleichtern aber nicht erlosen kann! Die Menschen kampften um Herrschaft, bis der Machtigere obsiegte und den Schwachern niederwarf: so lange diesem das Joch neu war, trug er es unwillig und regte sich, wenn jener zu hart druckte: mit der Zeit wurde er durch die Gewohnheit eingeschlafert, und fuhlte gar nicht mehr, dass ihm der Druck auf dem Halse lag: siehe! das ist bisher die Hulfe gewesen, die die trage langsame Zeit gereicht hat.

O Freund! ich bin nicht der Mann, der diese hohe Unternehmung wagen konnte; aber eins kann ich! ich kann Vorschlage und Projekte thun. Von jeher war es meine Lieblingsbeschaftigung, uber die Gebrechen der Regierungen nachzudenken und Plane zu ihrer Verbesserung auszusinnen: keine darunter sind ausgefuhrt worden, aber die Welt befande sich gewiss wohl dabey, wenn sie alle ausgefuhrt waren. Ich habe einen Entwurf ersonnen, wie alle Kriege, wenigstens in Europa, auf immer unthatig gemacht und ganz vertilgt werden konnten.

Willkommnes Projekt! O Natur! warum gabst du mir nicht Krafte in meinen Arm und Muth genug in mein Herz, ein so erhabnes Projekt zu bewerkstelligen?

Er braucht weder Muth noch starken Arm dazu, um die Uebereinstimmung aller Machte von Europa, uber die Beylegung ihrer Fehden etlichen aus ihrem Mittel den Auftrag zu geben.22 Herrliches Projekt, das Schwerdt und Kanone unschadlich, einen ganzen Welttheil ruhig, bevolkert, wirklich polirt machen, und jedes empfindende Herz mit dem Menschengeschlechte aussohnen wird? Freund, wenn ich den Anfang eines solchen Glucks erlebte! und sich dabey bewusst zu seyn, dass man die Idee dazu im Kopfe gehabt hat, was fur eine Freude musste das seyn!

Bester Freund! eine uberschwengliche Freude! Allein Krieg ist seltner, doch Unterdruckung dauert Tag fur Tag: hattest Du ein Projekt, diess Ungeheuer zu vertilgen.

Auch dafur weiss ich eins. Alle Regenten durften nur mehr fur die Gluckseligkeit ihrer Staaten als fur ihren eignen Glanz sorgen, alle despotische Grundsatze aus sich und ihren Dienern verdrangen, das Leben und Wohlseyn des geringsten Unterthans hoher schatzen als allen Pomp, sich und das Volk nicht als zwo Parteyen betrachten, worunter eine die andre immer feiner zu uberlisten sucht, eine nicht geben, und die andre nehmen will, sondern sich als eine Gesellschaft behandeln, die ein gemeinschaftliches Interesse vereint

Wenn soll diess Projekt ausgefuhrt seyn?

Ja wollte er antworten, aber man rief Feuer im Hause, und die Antwort blieb unvollendet.

Zehntes Buch

Das Feuer war bald gedampft, und die beiden Unterredenden kehrten beruhigt zu ihrem Gesprache wieder zuruck. Belphegor nannte kein Gebrechen in dieser Welt, wofur sein Gesellschafter nicht ein Recept wusste: er wusste eins fur die Unordnung der Finanzen in Deutschland, Frankreich und andern Landern; er konnte habsuchtige Minister kuriren, er wollte mussige Regenten von ihrer Liebe zum Vergnugen heilen, er wollte ihnen Kraft und Willen zur Ausubung ihrer Pflichten einpfropfen ach, was weiss ich, was fur trefliche medicinische Geheimnisse er weiter noch in seiner Gewalt hatte? Doch liess sich seine Kur niemals unter einen Fursten, einen Minister oder einen ganzen Staatskorper herab und war so ziemlich den Verfassern politischer Systeme gleich, die Fursten und Konigen vorschreiben, was sie thun sollen, um uns zu lehren, was sie nicht thun.23 Demungeachtet musste sich ein Mann, wie Belphegor, ungemein uber so kunstliche Spinneweben freuen und brachte manche Nacht schlaflos hin, um ahnliche Gespinste aus seinem Gehirne zu erzeugen. Er erzahlte sie seinem neuen Freunde und liess sich die seinigen erzahlen, wodurch ihre gegenseitige Zuneigung taglich fester wurde, wiewohl auch der Fremde noch eine andre Absicht hatte, warum er Belphegors Haus so oft besuchte, und mit welcher er gleich anfangs hineingekommen war.

Auch dieses war nichts geringers als ein Projekt, das aber nicht die weitlauftige Besserung eines Fursten oder Staats, sondern die Kur eines Anverwandten betraf, der sich allen Ausschweifungen uberliess, ihm, um sie desto freyer zu geniessen, entlaufen war, und den er darum Schritt vor Schritt betrachten wollte. Wir hatten, erzahlte er eines Tags Belphegorn, ansehnliche Besitzungen in NEW WIGHT: mein Verwandter und ich sollten eine Erbschaft heben, auf die wir langst gewartet hatten; allein der Befehlshaber des Gebiets, der ungerechte FROMAL

Fromal? rief Belphegor erstaunt.

Ja, er selbst, dieser gewissenlose Mann, verwickelte uns in feingewebte Schwierigkeiten, die uns den Besitz der Erbschaft lange Zeit aufhielten.

Fromal! ER that das?

Ja, und zwar aus einem Grolle wider den Erblasser und aus Habsucht, ein Stuck Landes zu besitzen, welches an einem seiner Garten stiess, den er dadurch zu erweitern wunschte. Der Verwandte, den wir beerbten, schlug ihm sein Ansuchen darum etliche Mal ab, aus welchen Ursachen weiss ich nicht; und hatte der ruchlose Fromal ihn nicht gefurchtet, so wurde er ohne Bedenken Gewalt gebraucht haben, zu seinem Zwecke zu gelangen; allein da ihm seine eigne Sicherheit dieses widerrieth, so versteckte er sich hinter tausend Kunstgriffe, die ihm aber unser Verwandter glucklich zu vereiteln wusste; doch liess die Vereitelung einen Groll in ihm zuruck, den nichts als unser Verlust versohnen konnte

Alles diess that Fromal?

Ja, alles that er, der Ungerechte! Er legte uns mannichfaltige Fallstricke, als unser Verwandte starb, wovon jeder eine rechtmassige Foderung zu seyn schien; die Schwierigkeiten waren unendlich, und wir wurden unsre Erbschaft noch nicht gehoben haben, wenn wir uns nicht entschlossen hatten, ihm das Stuck Landes zu uberlassen, das die Ursache seiner Verfolgung war. Wir mussten unsern Bedrucker liebkosen, ihm ein Geschenk damit machen und noch oben drein allen Schein der Bestechung sorgfaltig vermeiden, und in kurzer Zeit waren wir die ruhigen Besitzer unsrer Erbschaft.

Alles diess that Fromal?

Er that noch mehr als alles diess; wir sind nicht die einzigen, zu deren Unterdruckung er seine Gewalt missbrauchte.

Komm! wir mussen ihn bessern oder strafen! Er war mein Freund, sein Herz war gut, ich will ihn sprechen, er wird mich horen; schon einen meiner Freunde habe ich von dem Wege der Unterdruckung zuruckgebracht, warum nicht auch diesen? So bald Du in sein Gebiet wieder gehst, so nimm mich mit Dir! Er muss ein gerechter oder kein Befehlshaber seyn.

Wenn diess moglich zu machen ware, Freund! Ich habe schon uber manchem Entwurfe gebrutet, wie man ihn bessern konnte, aber wer will sie ausfuhren?

ICH! unterbrach ihn Belphegor hitzig.

Einen schlafenden Lowen mag ich nicht wecken. Die Schuld einer Ungerechtigkeit, die er an uns begangen, liegt auf ihm. Ich werde, so bald ich meinen Anverwandten gewonnen habe, in sein Gebiet zuruckkehren und dem Gotzen opfern mussen, damit er mich nicht verschlingt: siehe! das ist das Grundgesez des Schwachern. Alles, was man thun kann, ist Plane entwerfen; aber sie ausfuhren zu wollen, dafur bewahre der Himmel!

ICH will meinen ausfuhren, sagte Belphegor, und seitdem war er unaufhorlich mit seiner Reise zu Fromaln und mit seiner Besserung beschaftigt, deren Anfang er so sehnlich wunschte, und wovon er so gewiss einen glucklichen Erfolg hofte, dass er mit Ungeduld und oft mit Harte seinen Freund ermahnte, die Abreise zu beschleunigen.

Nachdem dieser seine Geschafte abgethan, seinen Neffen, dem er ungekannt in alle luderliche Hauser nachfolgte, wieder gewonnen und von seinen Ausschweifungen abgezogen hatte, so wurde die Fahrt angetreten, und Belphegor erhielt unter der Bedingung die Erlaubniss, der Reisegefahrte seines Freundes und sein Hausgenosse zu werden, wenn er sein Projekt, den ungerechten Fromal zu bessern, aufgeben wollte, wenigstens sich es nicht befremden liess, wenn er, so bald Ungelegenheit von seinem Verfahren zu besorgen stunde, sein Haus und seine Freundschaft meiden musste. Belphegor versprach alles, vergass Akanten, seinen Freund Medardus, sein Haus, und folgte allein dem Triebe seines warmen Gerechtigkeit liebenden Herzens.

Sie erreichten die Insel NEW WIGHT glucklich; und Belphegors erste Bemuhung war, seinen alten Freund zu besuchen. Er glaubte, dass seine Person seinem Vortrage ein grosses Gewicht geben werde, und suchte sich darum so gleich zu entdecken, als er sich um den Zutritt zu ihm bewarb. Fromal empfieng ihn mit der lauen Hoflichkeit eines Vornehmen, begegnete ihm freundlich, aber nicht freundschaftlich. Belphegor vermisste die ehemalige Warme der Vertraulichkeit bald und gab sich alle Muhe, ihn zu befeuern: Er lenkte das Gesprach auf die Vorfallenheiten seines Befehlshaberamtes, und sein Freund wurde noch zuruckhaltender: er kam auf die Begebenheit des Mannes, der ihn mit sich gebracht hatte, liess etliche hingeworfne Worte verrathen, dass er von der Sache wohl unterrichtet war und sie als eine Ungerechtigkeit verabscheute. Er erzahlte ihm die Geschichte davon unter veranderten Namen und mit starken lebhaften Ausdrucken der Missbilligung. Fromal schien dabey zu empfinden: er machte die gewohnlichen Geberden eines Menschen, der sich getroffen fuhlt, und eben als Belphegor die Moral zu seiner Erzahlung hinzusetzen wollte, brach er ab und entschuldigte sich mit dringenden Geschaften, dass er sich von ihm beurlaubte. Sein Gesezprediger war zwar mit dieser Entwickelung des Gesprachs nicht sonderlich zufrieden, doch hoffte er einen glucklichen Ausgang seines Vorhabens, weil sein Freund noch Gefuhl hatte.

Er wiederholte seinen Besuch' zum zweyten, zum dritten und mehrmalen: allemal wurde es mit der grossten Hoflichkeit beklagt, dass unaussezbare Geschafte die Annehmung seines Zuspruchs nicht verstatteten, und wenn der gute Mann von der Vortreflichkeit seines Unternehmens nicht zu sehr geblendet gewesen ware, so hatte er leicht darauf verfallen konnen, dass man jemanden oft abweist, um ihn nicht wieder zu sehn: allein eine so ruhige Bemerkung verstattete ihm die Hitze, womit er seinen Zweck verfolgte, nicht zu machen: er liess sich getrost abweisen und setzte getrost seine Anfragen fort. Endlich merkte er wohl, dass er mehr Schwierigkeiten bey Fromals Bekehrung fand, als bey dem ehrlichen treuherzigen Medardus, und begriff den Bewegungsgrund, der den Befehlshaber gegen eine Unterredung mit ihm abgeneigt machte: seinen Plan aufzugeben, war fur ihn der Tod; er entschloss sich kurz und nahm seine Zuflucht zur Feder. Er schrieb ihm die lebhafteste angreifendste Vorhaltung seiner Ungerechtigkeiten, bat, beschwor, drohte in schauernden Ausdrucken, und verlangte nichts als eine Wiedererstattung aller begangnen Bedruckungen. Gieb, schloss er, gieb den Bedruckten, die Du vor Raubereyen schutzen solltest und selbst beraubt hast, gieb ihnen alles wieder, sey kunftig gerecht, billig, menschenfreundlich! und Du bist wieder mein Freund; wo nicht, so soll Dich meine Nachkommenschaft bis in Ewigkeit verfluchen, und jeder Tropfen meines Blutes, so lange er noch in einer Ader fliesst, um Rache wider Dich schreyen.

Der Brief that seine Wirkung. Belphegor hatte sehr sorgfaltig verhelt, dass er der Urheber von ihm war, und Fromal, der diess nicht vermuthete, hatte bereits zu viel gelesen, um wieder aufhoren zu konnen, als er den Verfasser desselben errieth. Er las ihn unruhig und zitternd durch, musste es noch einmal thun und wurde in ein tiefes Nachdenken versenkt, las ihn wieder und sann, konnte nicht essen und nicht schlafen. Die schauerhaften Beschworungen seines Freundes schlichen unaufhorlich, wie Gespenster, vor seiner Seele voruber: er wunschte, sich bey dem Manne rechtfertigen zu konnen, der einen solchen Aufruhr in ihm gemacht hatte, und doch schamte er sich, ihm in die Augen zu sehn. In dieser unruhigen Unentschlossenheit liess er zween Tage verstreichen, und Belphegor seufzte und trauerte schon, dass ihm sein Zweck so ganz fehl gegangen, und sein Freund so verhartet sey. Mitten in seiner Unzufriedenheit daruber bekam er die Nachricht, dass der Befehlshaber ihn zu sprechen verlange: er gieng nicht, er flog. Ob sich gleich eben so leicht vermuthen liess, dass seine Vorstellung beleidigt habe, und dass man ihn nur rufen lasse, um ihn den Unwillen uber seine Besserungssucht zu empfinden zu geben, so war doch bey allen schmahenden Deklamationen, die ihm eine gegenwartige Mishandlung wider den Menschen auspresste, noch zu viel Rest guter Meynung von der menschlichen Natur aus den ersten Jahren der Einbildungskraft bey ihm ubrig, als dass er insbesondre seinen ehmaligen Freund einer ganzlichen Verhartung fahig halten sollte.

Seine gute Erwartung wurde zum Theil erfullt: Fromal dankte ihm fur die wohlmeynende Absicht seines Briefs und verbarg ihm keine von den Regungen, die er in ihm erweckt hatte; er erkannte sich aller Vorwurfe werth, die ihm darinne gemacht wurden, hatte aber auch fur jede eine schone Entschuldigung in Bereitschaft, und bat Belphegorn, sein Freund wieder wie vormals zu seyn, welches gewissermassen ein stillschweigender Vertrag seyn sollte, ihn ins kunftige mit solchen Unruhen zu verschonen. So legte es auch Belphegor aus und sprach daher mit dem ganzen Ernste eines Bekehrers: Nicht Eine Minute kann ich Dein Freund seyn, so lange Deine Reue nicht wirksamer ist: nicht bloss vergessen, sondern wieder gut machen musst Du Deine Ungerechtigkeiten, nicht bloss unterlassen, sondern besser handeln. Fromal wiederholte die Versichrung seiner Reue nochmals und glaubte damit wegzukommen, allein Belphegor wich auch nicht Einen Punkt von seinen Foderungen ab und gieng in dem Feuer der Unternehmung so weit, dass er von ihm, wie ehmals vom Medardus, verlangte, seine Befehlshaberstelle aufzugeben, um sich vor neuen Missbrauchen zu huten. Die Anfoderung war ubertrieben, und verdarb darum die Halfte der gemachten guten Wirkung: Fromals Eigenliebe fuhlte etwas zu widriges dabey, um ihm nicht ein Vorurtheil wider den Mann einzuflossen, der sie thun konnte. Aus dieser Ursache brach er kurz darauf abermals das Gesprach ab, ohne weiter einen Anspruch auf Belphegors Freundschaft zu machen, der ihn ungern verliess, weil er von dieser Unterredung den entscheidenden Ausschlag gehoft hatte.

Indessen blieb doch Fromaln, so schwer es ihm fiel, sich mit seiner Eigenliebe ganz zu entzweyen, ein Stachel zuruck, der ihn von Zeit zu Zeit an Belphegors Vorhaltungen erinnerte: er liebte ihn wegen seines Eifers fur seine Besserung, er wollte ihn gern oft sehen, und gleichwohl furchtete er eben diesen Eifer zu sehr, um ihn oft sehen zu konnen. Endlich schlug seine Eigenliebe einen Mittelweg ein: er bemuhte sich, ihn durch Liebkosungen, Geschenke und Ehrenbezeugungen zu gewinnen, oder seine ernste Beredsamkeit einzuschlafern: er zerstreute ihn durch verschiedene Vergnugungen; er kutzelte ihn durch Wohlleben und dachte seine ernste Tugend im Weine zu ersaufen. Zur Halfte gelangs ihm; aber mitten unter Ergotzlichkeiten musste er sichs oft gefallen lassen, einen verwundenden Stich zu empfangen: doch muss man es zu Fromals Ehre ruhmen, dass er oft selbst den Faden zu ernsten Betrachtungen anspann und mit seiner vorigen Starke und Lebhaftigkeit uber Welt und Menschen philosophirte: er beruhrte so gar oft seine eignen Vergehungen, tadelte und entschuldigte sie. Belphegor liess keine Gelegenheit vorubergehn, die Wiedererstattung fur alle zu verlangen, die Fromals Unterdruckung gefuhlt hatten: um sich auch diese beschwerliche Anfoderung zu ersparen, bot er Belphegorn das Stuck Land zum Geschenke an, das er seinem Hausherrn durch Bedruckungen abgenothigt hatte. Belphegor weigerte sich, und seine Gerechtigkeitsliebe stellte ihm den Besitz dieses Geschenkes als einen zweyten Diebstahl an: doch Fromal, der den Menschen kannte, machte ihn durch haufige Zunothigungen, durch die Vortheile und Annehmlichkeiten, die er ihm dabey versprach, mit der Idee davon so vertraut, dass er wirklich nach langem Weigern das Geschenk annahm, ohne es weiter fur einen Diebstahl zu halten. Der Genuss mannichfaltiger Vergnugungen bey dieser Besitzung und die Erkenntlichkeit dafur minderten allmahlich den Unwillen wider Fromals begangne Ungerechtigkeiten, und bald wurde nur davon gesprochen, um daruber zu spekuliren. So war nach vielfaltigen, meistens selbsterregten Leiden Belphegor in Ruhe, besass ein kleines Landgutchen mit einer fur ihn bequemen Wohnung, mit schattichten Baumen, um darunter philosophisch zu traumen, uber sein Leben nachzudenken, die Welt nach Maassgebung seiner Laune zu schimpfen oder zu bewundern mit einem Gartchen, um darinne, wie die Patriarchen, zu graben, zu saen, zu pflanzen mit einem Felde, um darauf seinen Unterhalt von etlichen Negern erbauen zu lassen, die ihm Fromal dazu geschenkt hatte. Itzt, da er selbst die Nutzlichkeit dieser Schwarzen genoss, verschwand das Dustre in der Vorstellung von ihrem Zustande ganz: ob er sie gleich als Menschenfreund beklagte und behandelte, so schienen sie ihm doch nicht mehr so unglucklich wie ehmals, und die Idee von einem Sklaven, von dem Verkaufe desselben, diese sonst fur ihn so aufbringende Idee, familiarisirte sich so sehr mit ihm, dass sie ihm gleichgultig wurde. Er lebte in der glucklichsten Einsamkeit, in der beneidenswurdigsten Ruhe; was ihm mangelte, ersetzte ihm sein Freund, und beide waren itzt wieder mit ganzer Seele einig und vertraut.

Belphegors Gluckseligkeit weckte bald in Fromaln ein Verlangen nach einer ahnlichen Ruhe auf, welches die Ermudung von Geschaften verstarkte, besonders da er von Natur eine starke Neigung zur Spekulation hatte, die itzt durch Belphegors Beispiel wieder aufgelebt war.

Lange blieb sein Verlangen ein blosser Wunsch, und Belphegors Auffoderung vermochten nicht, ihn zu einem Entschlusse zu bringen, zu welchem ihm eine widrige Begebenheit zwang. Schon lange hatte einer von seinen Unterbedienten, vermuthlich von Neid und Eifersucht angetrieben, heimlich eine Partie wider ihn gemacht, die itzt zu seinem Schaden ausbrach. Man wollte ihn durch Verdriesslichkeiten abmatten und nothigen, die Befehlshaberstelle niederzulegen, zu deren Erlangung sein Nebenbuhler schon die nothigen Veranstaltungen getroffen hatte. Er sah ein, worauf es angefangen war, und um einem gewaltsamen Sturze zu entgehen, stieg er selbst von seiner Wurde herunter und vergrub sich mit seinem Freunde Belphegor in der Einsamkeit: da er aber die Schikane und Beunruhigung des neuen Befehlshabers furchtete, so verliess er mit Belphegorn die Insel und kaufte sich eine massige Besitzung in Virginien, die er auf den Rath seines Freundes in drey gleiche Theile zerschnitt, um sie so mit seinen zween Freunden zu besitzen: denn man hatte sich schon Muhe gegeben, Akanten und den guten Medardus gleichfalls zu der Gesellschaft zu ziehn. Die Nachfragen blieben lange fruchtlos; man schrieb und schrieb, und erfuhr nichts, bis endlich, da sie bereits verzweifelten, sie wiederzufinden, Fromal die Nachricht erhielt, dass sie einer seiner Bekannten auf seinem Schiffe zu ihnen fuhre. Die Nachricht wurde bald durch ihre Ankunft bestatigt, und die glucklichste Stunde vereinigte drey Freunde wieder, die Schicksal und Leidenschaften oft von einander getrennt hatte, um hier in stiller Ruhe dem Tode langsam entgegenzuwandeln.

Akante erschien nicht; sie hatte kurz vor der Abreise eine verliebte Kuppeley unternommen, und da der Mann, dessen Frau sie durch ihre Bemuhungen zur Untreue verleiten wollte, die Sache sehr ubel nahm, so rachte er sich mit einem guten Schlage an ihr, der so ubel abgepasst war, dass sie nach langen Schmerzen verschied. Aus alter Liebe, und weil er ihre schlimme Seite nicht genug kannte, betrauerte sie Belphegor und beklagte ihren Tod als einen Verlust fur sich: allein Medardus unterbrach sein Klagelied und rieth ihn, nicht Einen Seufzer an ein schandliches Weib zu verschwenden, das nicht verdient hatte, Athem zu holen. Bruderchen, sprach er, sie hatte die Minute nach ihrer Geburt einen so gesunden Schlag auf den Hirnschadel bekommen sollen: so waren viele Menschen weniger unglucklich, und Du nicht betrogen worden. Sie war eine Falsche, die listig die Grundsatze und Neigungen desienigen annahm, dessen Hulfe sie eben brauchte: in einer Minute war sie zartlich, feurig verliebt und bis zur Uebertreibung einschmeichelnd, die folgende Minute, wenn es ihr Vortheil verlangte, kalt, verachtend stolz, und warf vielleicht einen Liebhaber zum Hause hinaus, in dessen Umarmung sie kurz vorher den Himmel zu fuhlen vorgab.

Belphegor seufzte.

Sie trieb, fuhr Medardus in seiner Parentation fort, zuletzt die schandlichste Kuppeley, und war so geschickt, Dir ihr abscheuliches Gewerbe zu verbergen. In Einem Hause unter Einem Dache mit ihr wusstest Du am wenigsten davon, und oft, wenn Du in Deiner Stube spekulirtest, wurden vielleicht unter oder neben Dir der Wohllust die schandlichsten Opfer gebracht. Sie hat mich, sie hat Dich hintergangen, durch Lugen und durch That: wie fuhrte Dich nur das liebe Schicksal wieder zu ihr?

Belphegor ertheilte ihm daruber die gehorige Nachricht, und am Ende seiner Erzahlung rief Medardus aus: Da sieht man doch, dass die Vorsicht noch lebt! Betrugerey und Laster finden am Ende allezeit solchen Lohn.

Aber, unterbrach ihn Belphegor, ist das Vorsehung, ein Geschopf, das tausend andre unglucklich gemacht hat, mit einer Keule vor den Kopf schlagen zu lassen? Wenn heute, wenn morgen einen unter uns ein herabfallender Stein quetscht, oder die Keule eines Raubers verwundet, dass wir unter langen Schmerzen sterben mussen, so sind wir Akanten gleich: was ist aber bey uns die Absicht der Vorsehung? Ist es Strafe? warum soll ICH oder DU, die wir nicht zur Halfte so viel Boses begangen haben, warum sollen WIR mit jener ungleich grossern Verbrecherinn gleich gestraft seyn? und das ist eine uble Gerechtigkeit, wo alle Vergehungen auf gleichen Fuss behandelt werden: wenn wenig oder viel mit Einem Grade von Bestrafung wegkommt, so hatte ich Lust, lieber viel zu begehen. Ist es in unserm Falle keine Strafe? desto schlimmer! warum trift den Unstrafbaren mit dem Strafbaren ein Gleiches? Woher weiss ICH das, dass Einerley Begebenheit in einem Falle es ist, im andern nicht? und wie kann ich aus Akantens Vorfalle schliessen, dass eine Vorsicht mit Absicht ihr dieses Schicksal wiederfahren liess?

Bruderchen, Du disputirst mir nichts aus dem Kopfe. Vielleicht wurden wir von einem Steine erschlagen, um grossen Lastern und Ungluckseligkeiten zu entgehen. Wer weiss! wozu es gut ist?

Elende Ausflucht! Warum wurde denn Akante, die dadurch von ungeheuren Lastern und vielem Unglukke hatte bewahrt werden konnen, wie man nun deutlich sieht, nicht im sechsten oder siebenten Jahre erschlagen? und warum geschah diess so vielen, deren wohlgefuhrtes Leben es nicht vermuthen liess, dass ihnen durch ihren Tod grosse Laster erspart wurden? Sollten WIR Akantens Geschick erfahren, um grossem Unglucke zu entgehn? Wahrscheinlich keinem grossern als wir schon erduldet haben! Nach Deiner Philosophie, Freund, ware es der hochste Grad der Vorsehung, alle Kinder unmittelbar nach der Geburt vor den Kopf schlagen zu lassen.

Aber, Bruderchen, wenn viele, die es nicht verdienten, eben so gestorben sind, so ist ja das nichts sonderbares: es braucht nicht Strafe zu seyn: sie mussten einmal sterben, so galt es ja gleich, ob ihnen eine Krankheit die Kehle zudruckte, oder ein Stein den Kopf zerquetschte.

Alles gut, Freund! Aber woher weisst Du, dass diess bey Akanten nicht eben derselbe Fall war? Woher weisst Du, dass Eine Begebenheit in zween Fallen zwo verschiedene Absichten hatte? Das kannst Du nicht beweisen; Du kannst gar nicht beweisen, dass eine Absicht dabey war, Du kannst

Freund, unterbrach ihn Fromal, darf ich auch meine Meynung sagen? Ich erblicke in den Begebenheiten der Erde und jedes einzelnen Menschen einen Zusammenhang, der sie so zusammenkettet, dass eine wirkt, und die andre gewirkt wird, um wieder zu wirken. Diess ist das einzige, was ich mit Gewisheit sehe, und wenn ich daran zweifeln wollte, so wurde ein Stein, der auf meinen Kopf fallt, mich lebhaft davon uberzeugen: es ist eine Bemerkung, die eine leichte Aufmerksamkeit macht, und sie hat, deucht mich, die namliche Evidenz, die das Zeugniss unsrer Sinnen giebt. Dieser bemerkte Zusammenhang soll einen Namen bekommen: richte ich meinen Blick bloss auf die Nothwendigkeit und Unwiderstehlichkeit dieses Zusammenhangs, dass ein Glied in der langen Kette der Begebenheiten genau an das andre schliesst, dass ich keins herausnehmen kann, ohne die Ordnung und Folge des Ganzen zu andern und also eine andre Kette zu machen, dass durch lange Vorbereitungen eine gunstige und widrige Begebenheit, der Sturz vom Pferde und der Gewinnst eines grossen Looses seit dem Anbeginne der Dinge schon gewiss war und izt, wenn sie geschieht, unvermeidlich ist: so nennen wir den Zusammenhang der Dinge, von dieser Seite betrachtet Schicksal, Falum. Betrachten wir ihn aber auf einer andern, in so fern eine jede Wirkung die abgezielte Absicht von dem Urheber der Dinge bey der Anordnung aller vorhergehenden Ursachen seyn konnte: so nennen wir es Vorsehung. In beiden Fallen bleibt der Zusammenhang derselbe, gleich nothwendig und unausweichbar, nur der Name und die Vorstellungsart wird geandert. In dem ersten Gesichtspunkte ist die Welt ein von dem Urheber der Welt veranstaltetes Spiel der naturlichen Krafte: er warf Schwerkraft, Centralkraft, elektrische, magnetische und andre Krafte der Korperwelt zusammen, er warf denkende und wollende Vermogen, Neigungen und Leidenschaften in die Geister, und gab einer jeden Kraft eine bestimmte Regel fur ihr Wirkungen. Das Spiel begann: Ideen, Neigungen, Leidenschaften kampften unter einander, Korper stritten mit Korpern: die Maschine der Welt ist ein perpetuum mobile, wo Stoss auf Stoss, Wirkung auf Wirkung unausbleiblich folgen, der Gerechte und Ungerechte von einem Steine zerquetscht wird, wenn er gerade vorubergeht, indem ihn seine Schwerkraft zur Erde herabzieht, wo der Bose und Gute von der Kanonenkugel weggerissen wird, wenn sie ihn auf ihrem Wege antrift kurz, wo aus dem verwirrten streitenden Haufen der Weltkrafte eine Wirkung nach der andern hervorsteigt, und jede der ihr angewiesnen Regel allein folgt. Im zweyten Gesichtspunkte ist die Welt eine kunstlich ausgesonnene Maschine, wo Rad in Rad greift, der Gang und die Wirkung eines jeden nach einem Risse ausgerechnet und bestimmt ist, es sey nun, dass der Kunstler durch unsichtbare Federn unaufhorlich bey jedem Radchen mitwirkt, oder dass er nur einige dieses Einflusses wurdigt, oder dass sein Werk nach seiner ersten bestimmten Anlage ohne fernere Beyhulfe seinen angewiesnen Gang vor sich fortgeht. Da nun jede Wirkung auf die vorhergehende Ursache so gut passt, dass diese um jener willen dazuseyn scheint, so stellen wir uns vor, dass der Stein darum einem Menschen auf den Kopf fallt, weil er getodtet werden soll: die Einbildungskraft hat hierbey Raum die Menge zu ihrem Spiel; wenn der Stein einen Menschen trift, den wir nach unserm Urtheile fur bose halten, so nennen wir es Strafe: trift er einen guten, so nennen wir es Schikkung, oder wie es uns sonst beliebt. Aber allzeit ist es blos unsre Erfindung, unsre Vorstellung, die wir nie zu einiger Evidenz erheben konnen. Jeder Mensch wird durch Erziehung, Unterricht, naturliche Anlagen und Neigungen zu einer von diesen Vorstellungsarten hingerissen und gleichsam so gestellt, dass er den Zusammenhang der Welt in einem von jenen Gesichtspunkten sieht. Dich, Freund Medardus, leiteten die Umstande auf das System der Vorsehung, mich auf das andre. Wir wollen nicht uber Namen und Vorstellungsarten streiten: darinne kommen wir alle uberein, und diess sehen wir alle so evident, als unsre Augen uns von dem Daseyn einer Sonne uberzeugen, dass ein festgeketteter, nothwendiger, unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Erde und jedes Bewohners derselben vorhanden ist: wer diess laugnet, spielt mit Worten. Wer sich eine von den beiden Vorstellungsarten dieses Zusammenhangs wahlt, wahle diejenige, die ihm nach seiner Lage Thatigkeit zur Handlung und Beruhigung in der Widerwartigkeit mittheilt; und er hat wohl gewuhlt: aber wessen Gewalt ist es uberlassen, eine solche Wahl zu treffen? Allmahlich erzeugt sich aus seinen Kenntnissen, Schicksalen und Beobachtungen daruber ein gewisser lichter Schimmer der grossern Wahrscheinlichkeit, der eine von jenen Meinungen in seinem Kopfe hervorstechender macht; und ich kann mir vorstellen, dass dieser Mann bey dem Fatum eben so viele Beruhigung findet, als ein andrer bey der Vorsehung.

MEDARD. Unmoglich, Bruderchen! Das trockne, leere, geistlose Fatum verglichen mit einer lebenden, thatigen, wirksamen Vorsehung welch ein Unterschied!

FROM. Ja, Freund, fur die Einbildungskraft! die freylich ein freyeres Feld fur sich findet, wenn sie den Zusammenhang der Dinge personificiren und ihn mit allen Eigenschaften eines sorgsamen Vaters ausputzen kann. Ich tadle diess nicht: da die meisten Menschen blos durch Einbildungskraft und Empfindung geleitet werden, so muss das System der Vorsehung fur sie ein unendlich wohlthatiges und vorzugliches System, und die Menschen desto glucklicher seyn, je ausgebreiteter es wird: und doch besizt es nur der kleinste Theil der Menschheit.

MEDARD. Ganz Europa besitzt es ja.

FROM. Dem Namen nach! Der grosste Haufen, Gelehrte und Ungelehrte, mochte ich behaupten, hat im Munde und in der Imagination die Vorsehung und im Verstande das Fatum: prufe sie, und du wirst finden, dass die Vorsehung der meisten ein personificirtes, mit etlichen glanzenden Eigenschaften der Vorsehung ausgeschmucktes Fatum ist. Von Europa fallt also ein grosser Theil wahre Anhanger dieses Systems hinweg; und welche Menge in den ubrigen Welttheilen, die insgesammt bey der ersten einzig gewissen evidenten Beobachtung stehen geblieben sind, dem Grunde, von welchem alle unsre Erklarungen und Vorstellungsarten entstanden sind, und in welchen sie sich alle auflosen lassen, namlich: dass ein festgeketteter unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Welt ist. Frage den Neger, den Indianer, den Kalmukken! und wenn er seine dunkle Empfindung hiervon auszudrucken weis, so wird er dir diese Idee geben; und doch, obgleich das Fatum der herrschende Glaube von mehr als der halben Menschheit ist, streitet der Turke mit der Kuhnheit eines Lowen, und jedermann glaubt, er habe seinen Muth seinem Glauben an das unausweichbare Schicksal zu verdanken. Das System der Vorsehung scheint mehr die Starke zum Dulden als zum Handeln zu geben; und, Freund, du wirst herrlichen Trost von ihm empfangen haben?

MEDARD. Herrlichen Trost? Wer weis wozu mir das gut ist? so dachte ich bey dem furchterlichsten Sturme des Unglucks, und ich konnte getrost hindurch gehn.

BELPH. Gluckliche Illusion! Wie wohl ware mir gewesen, wenn sie mein Unmuth nicht aus meiner Seele getrieben hatte: aber mein Ungluck war zu ungestum;

eine eiserne Seele hatte es kaum tragen konnen: und wenn ich gleich alle Fittige meiner Einbildungskraft ausgespannt hatte, um mich zu uberreden, dass alles zu etwas gut sey, wie hatte ichs vermocht? Wozu konnte es gut seyn, dass die Natur die Menschen so anlegte, dass sie in dem allgemeinen Handgemenge auch meinen Scheitel so oft verwundeten? Wozu konnte das gut seyn?

FROMAL fiel ihm ins Wort: Du hast erfahren, Belphegor, dass die Menschen nicht das sind, wofur wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschopfe, die vom Verlangen wohl zu thun gluhn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich uber ihr wechselseitiges Gluck freuen, und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhupfen: Du hast sie gefunden, wie ich dir verkundigte eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu konnen, durch ihre naturlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwahrenden Kriege bestimmt, den sie bestandig in roher grausamer, oder minder grausamer, oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhaltnisse es ihnen erlauben; eine Heerde Raubthiere, wo eins uber das andre will, eins das andre zu unterdrucken sucht, und wo die meisten auch in einer bestandigen verjahrten Unterdruckung gehalten werden: denn ubersiehe die ganze Flache der Erde, ob nicht blos kleine Flekken von der Sonne der Freiheit mit schwacherm oder starkerm Schimmer erhellt werden, indessen dass grosse weite Ebnen von der tiefsten Finsterniss der Sklaverey uberdeckt sind, wo jedes muthige Wort auf der Zunge stirbt, wo der Geist der Freundschaft nie athmet, und jeder mit ruckhaltender Kalte den andern in langer Entfernung von sich halt, wo der Elende nicht einmal das Eigenthum seines Lebens besitzt: ubersieh alle Zeiten, und sie werden Dir das namliche Trauerspiel der Unterdruckung vorstellen: ubersiehe Dein eignes Leben, Freund, und hast Du nicht allenthalben, wenige gute, edlere Seelen ausgenommen, die Menschen im einzelnen und im Ganzen mit meiner Schilderung passend gefunden?

BELPH. Ja, leider! sind mir Lahmungen, Narben, Beulen unverwerfliche Zeugen davon!

FROM. Wovon Du Dir aber den grossten Theil erspart hattest, wenn Du der Partie jenes londner Jungen gefolgt warest, dessen Beispiel fur mich die goldne Regel meines Verhaltens jederzeit gewesen ist. Ein Haufen grosserer Buben, in deren Mitte er stund, geriethen in Zank: das Handgemenge wurde allgemein, man schlug sich blutrunstig, man riss sich Haare aus, nur mein Knabe buckte sich und kroch mit besondrer Geschicklichkeit durch die erhabnen Arme der Streiter hindurch und kam allein unversehrt aus dem Kampfe. Lass den Menschen die wilde Lust ihres Kampfjagens, lass sie sich balgen und raufen, mit dem Degen, mit der Feder, mit Verlaumdungen, mit den Nageln! schleiche dich durch sie hindurch und lass dich nie gelusten, ihnen zu sagen, dass sie Narren sind, noch vielweniger sie gescheidter machen zu wollen! Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Stoss der auf sie wirkenden Rader treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muss Krafte genug zum Wiederstande haben, oder er bekommt Stosse, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft. Entdeckte ich Dir nicht diese Erfahrung, Freund? Und warum folgtest Du ihr nicht?

BELPH. Folge einer kalten Erfahrung, wenn dein Herz in lichten Flammen lodert, und die Gluth Dich ersticken oder den Busen zersprengen will! Folge ihr, wenn Du keinen Schritt thun kanst, ohne dass Dich nicht tausend Gegenstande umgeben, die Dich durch ihre Narrheit oder Schandlichkeit zum Unwillen reizen, wenn du bessern oder nicht sehen, kein Mensch seyn, kein Gefuhl von Recht und Unrecht, vom Guten und Bosen haben musst!

FROM. Alles diess besitze fur DICH, zu DEINEM Gebrauche, um Dich in Deinem eignen Verhalten davon leiten zu lassen, und danke der Natur und dem Schicksale, dass sie sich beide vereinigten, Dich zum warmen gefuhlvollen denkenden Manne, zum Kenner und Verehrer des Guten und Rechtschafnen zu machen! dass sie unter Deinen ubrigen Mitgeschopfen nur wenigen diese Wohlthat erzeigten, ist das DEIN Werk? oder kannst DU das andern? Es ist im Laster und in der Thorheit eine gewisse Fatalitat hier in Virginien zwischen zween Freunden kann ich diess sagen die Erfahrung lehrt es, man folgre daraus, so viel schadliches man wolle: was kann ICH dafur, dass die Erfahrung mich eine Wahrheit lehrt, die aus schadlichen Folgen beschwangert ist? Mein eignes Beispiel lehrte mich sie. Ich habe zwo Hauptvergehen in meinem Leben begangen: ich habe Dich, Belphegor, meinen Freund, hintergangen, und bin ein Unterdrucker geworden. ICH war es ich gestehe diess, Freund ICH war es, der Akanten antrieb, Dich aus ihrer Liebe und ihrem Gesichte, obgleich nicht mit der gebrauchten Harte, zu verbannen: allein die Liebe riss mich hin; sie uberwaltigte meine Freundschaft fur Dich so ganz, dass ich Dich unmoglich ohne Neid in ihren Umarmungen die susseste Wohllust geniessen sehen konnte: die Freundschaft kampfte wider die Eifersucht, und ich war blos ihr Tummelplatz: ich konnte nichts wollen und nichts beschliessen: die Leidenschaft siegte, ich verdrangte Dich, und wurde ein Falscher, um mir die Scham vor Deinen Vorwurfen zu ersparen, hintergieng Dich zweimal mit Lugen: doch Akantens Treulosigkeit strafte mich dafur. Freund, vergiebst Du mir einen Fehltritt, zu welchem mich alles hinriss? Ich war meiner nicht machtig, ich musste ihn thun, in meiner Lage war er unvermeidlich, nothwendig.

BELPH. Meine Freundschaft vergab Dir ihn, ehe Du ihn thatest. Umarme mich! Verzeihung geben und empfangen ist die Geschichte des Menschen. Jeder dieser Fehltritte ist mir begreiflich; allein wie Du, ein so entschlossner Feind aller Unterdruckung, verleitet werden konntest, Handlungen zu begehn, die Du jederzeit verabscheutest, das, das ist mir unerklarbar.

FROM. Nicht unerklarbarer, als da Du uber den Tod eines einzigen Schwarzen einen Krieg mit mir, Deinem Freunde, anfangen konntest

MEDARD. Oder da ich eine Mauer um Niemeamaye ziehen und allen Einwohnern ihr Gold abnehmen liess. Siehst Du, Bruderchen? dazu wird man Dir durch die Gelegenheit so hingerissen, dass man hinter drein sich nicht einmal erzahlen kann, wie es zugieng.

FROM. Als Sklave verkauft, kam ich unter den weissen Knechten nach Amerika, in die Pflanzung eines Tyrannen, der uns das Joch seiner Gewalt bis zur Uebertreibung fuhlen liess. Ich wurde durch eine solche Behandlung gewissermassen wild und grausam gemacht: ich fasste oft den Entschluss den Mann umzubringen, oder selbst zu sterben und ein qualvolles Leben zu endigen. Wahrend dass ich unentschlossen mit diesem Gedanken umgieng, entstund ein Aufruhr auf der Insel: man hatte sich allgemein zu dem Untergange des Befehlshabers verschworen, dessen Bedruckungen und Krankungen alles Rechts schon langst unertraglich geworden waren. Man sturmte sein Haus, man nahm ihn gefangen, man steinigte ihn, und er wurde im Getummel erdruckt. Diesen Tumult nuzten einige Banden weisse Knechte, setzten sich in Freiheit, erschlugen ihre Herren, und unter diesen Streitern der Freiheit war auch ich. Da das Volk sich selbst einen Befehlshaber wahlen wollte und doch in zwo Parteien getheilt war, so stellte ich mich mit meiner Bande an die Spitze der machtigern, half ihr siegen, und ihre Wahl, weil sie keinem unter sich einen so wichtigen Vorzug gonnten, fiel auf mich: ich wurde ihr Befehlshaber und blieb es so lange, bis mich die Kabalen eines Nichtswurdigen befurchten liessen, dass ich, da mir die Bestatigung des Hofs fehlte, zulezt unterliegen wurde. Mein Sklavenstand und die rohe Behandlung darinne hatten mir einen Theil meiner Menschlichkeit genommen: drucken und bedruckt werden, hatte sich mit mir so familiarisirt, dass es mir nicht mehr wie sonst einen Schauer abnothigte, sondern ich konnte es mit kaltern Blute sehen und denken, weil es mein taglicher Anblick und mein tagliches Gefuhl gewesen war. Ich kam mit dieser verminderten Menschlichkeit in meine Wurde, erhielt einen weitern und freyern Wirkungsplatz, mehr Gegenstande der Begierden und mehr Gewalt, meine Begierden wuchsen, wuchsen uber meine Krafte hinweg und Freunde, soll ichs euch weiter erzahlen? Meine Geschichte ist die Geschichte aller Menschen. Ich wurde die Marionette meines Eigennutzes und meiner Eigenliebe; und Belphegor, Du weisst es, wie sehr ich unter ihrem Befehle stund, als Du mir Deine freundschaftliche Hulfe zur Besserung anbotest. Wegen dieses einzigen glucklichen Erfolgs lass Dich alle Wunden und Beulen nicht gereuen, die Dir Dein zu feuriger Eifer fur Recht und Gerechtigkeit geschlagen hat. Du hast mich zum Menschen wieder umgeschaffen, Dir bin ich mehr als mein Leben meine Ruckkehr zur Vernunftigkeit schuldig. Freunde! lasst uns unsre Erfahrung nicht umsonst mit dem Verluste unsrer Tugend, eingesammelt haben! Wir haben bewiesen, dass man nie gut genug seyn kann, um es bestandig und in allen Vorfallenheiten zu seyn, dass der Sauerteig des Neides und der Herrschsucht in jedem Herze liegt und bey starkrer oder schwachrer Veranlassung die ganze Masse unsrer Begierden durchsauert, dass Freundschaft, Rechtschaffenheit und selbst die Religion zu schwach ist, seiner beissenden Scharfe zu wiederstehen: wir wollen es nicht ohne unsern Nutzen bewiesen haben. Hier auf diesem Flecke lasst uns in froher Einsamkeit und ruhiger Eintracht den Rest unsrer Tage hinleben, und unsern Begierden jeden Sporn, jeden Reiz benehmen, die sie aufwiegeln konnten, diese schone Ruhe zu storen. Wir wollen diesen Flecken Erde, der unser Eigenthum geworden ist, zu gleichen Theilen besitzen; unsre Bedurfnisse konnen nicht uber unser thierisches Selbst hinausreichen, und sie werden uns nicht entzweyen, so lange uns nicht ganzlicher Mangel um Leben und Nahrung kampfen lasst. Wir wollen uns von unserm Geschlechte trennen, damit nicht ein neidischer Anfall von ihnen unsre Gluckseligkeit unterbricht: so sind wir von innen und von aussen verschanzt und machen fur uns allein eine Welt aus eine Welt, wie wir sie in den ersten Jahren unsers Lebens traumten, Belphegor eine Gesellschaft, die Freundschaft, Liebe, Sympathie des Kopfs und des Herzens zusammenknupft, die so arm ist, dass keine neidische habsuchtige Begierden sie zu trennen vermogen, und so reich, dass sie ausser sich selbst nichts weiter bedurfen.

Alle billigten den schonen Plan, und Belphegor fiel seinen beiden Freunden vor Entzucken um den Hals, segnete und preiste sie, dass sie ihm das goldne Alter seiner Jugend wieder zuruckfuhrten. So werden wir, sezte er hinzu, die einzigen Glucklichen auf der Erde seyn, die im Himmel sind, wahrend dass alles ausser unsrer Gesellschaft im Aufruhr der Leidenschaften herumgetrieben

Ja, unterbrach ihn Fromal, wir konnen es seyn, so lange nicht die Menschen uns unsre Freude misgonnen. Du weisst, Belphegor, in dem Rausche unsrer fruhen Jahre schufen wir uns ein Ideal von Gluckseligkeit, womit wir aus Mangel an Erfahrung die Wohnung des Menschen ausschmuckten: ich suchte sie, als ich in die Welt trat, allenthalben, und erblickte sie nirgends. Je mehr ich von der Erde kennen lernte, je mehr musste sich meine Vorstellung von der menschlichen Gluckseligkeit verengern, und zuletzt schrumpfte sie gar bis auf das magre Etwas zusammen Abwesenheit wirklicher Leiden; wer diese errungen hat, der ist menschlich glucklich. Die Freuden des Lebens sind dunne, wie die Frucht eines sandigen Ackers, verstreut: es gehort zu beiden gute Oekonomie. Freiheit, dieses hauptsachlichste Ingredienz einer positiven Gluckseligkeit, wie wenige geniessen sie! Die meisten mussen sich mit dem Schatten und dem Worte begnugen: macht die Rechnung und ziehet die Summe, und unter allen Volkern der drey Welttheile unsrer Halbkugel werdet ihr nicht bey dem zehntausendsten Theile die Illusion der Freiheit finden. Der nackte Wilde kampft mit Hunger, Durst, Kalte und Regen: der polizierte Europaer mit tausendfachem kunstlichen Mangel, mit Arbeit, mit dem Eigennutze, der unterdruckenden Gewalt und Millionen Leidenschaften: Asiater, Afrikaner und Amerikaner sind mehr oder weniger vom Despotismus und Geize ihrer Beherrscher gequalt: nirgends sind die Bewohner der Erde zufrieden, und nirgends konnen sie es seyn: Die Gluckseligkeit unsers Planetens scheint in die gemassigte Zone der Gluckseligkeit des Ganzen zu gehoren, eine mittlere laue Temperatur, nicht befeuernd und auch nicht ganz kalt. Gewohnheit und Unwissenheit sind ihre beiden Endpunkte. Wer die Erde zum Garten, zur Heimath der Gluckseligkeit macht, ist ein Schwarmer oder ein Unwissender; wer sie als eine Wuste, ein Jammerthal schildert, ist ein Milzsuchtiger oder ein Bosewicht. Sie ist ein Mittel zwischen beiden, ein what d'ye call it

BELPH. Das aber doch bisweilen mehr der letztern Schilderung gleicht.

FROM. Ja, es scheint, besonders wenn man den Lauf der vergangnen Begebenheiten im Ganzen uberschaut: aber merke auch, dass die Geschichte derselben ein gedungnes voll gruppirtes Gemalde ist, dessen Theile sich in der Natur nicht so nahe beruhrten, wo zwischen den armseligen Spitzbubereyen und Mordereyen etwas heitre Intervalle waren. Doch lasst uns alle diese leidigen Kenntnisse wegwerfen! Lasst uns nichts als unsern kleinen Zirkel der Freundschaft ubersehen, und wenn sich unsre Spekulation uber ihn hinauswagt, mit Medardus Auge alles anschaun, in der Absicht alles gut zu finden: sich so belugen, ist eine Pflicht, die unsre Zufriedenheit fodert.

BELPH. Oft war diess meine Rede. Gluckliche Menschen, ihr Unwissende, ihr, denen der Himmel bloss schlichten Menschenverstand und keinen forschenden grubelnden Geist gab! Ihr schleicht den Pfad eures Lebens dahin, weint oder lacht, wie euch die Umstande gebieten, ihr lasst euch gewisse fur eure Ruhe heilsame Meinungen einpfropfen, sie durch die Lange der Zeit zum festen unverwelkenden Glauben aufwachsen, ohne zu untersuchen; und wohl euch! Da euer Auge nicht weit reicht, so erblickt es in dem kleinen Horizonte wenig Boses, von der Unordnung der Erde nur kleine einzelne Fragmente, die euch nicht eher stark ruhren, als bis sie auf euern Scheitel fallen. Freund, wenn es moglich ware, den lastigen Plunder der Erfahrung von uns zu werfen, das Auge unsers Geistes zu stumpfen und seinen Gesichtskreis so sehr als moglich zu verengern, waren wir nicht glucklich?

Ja, unterbrach ihn Medardus, wir werden diess seyn, Bruderchen; und wenn mein gutes Weibchen, oder meine Zaninny, oder das schone Negermadchen in Karthagena bey uns ware wir waren doppelt glucklich; und dann einen Trupp kleine Nachkommenschaft um uns herum Bruderchen, das ware Dir ein Himmelreich.

Fromal nickte und schwieg.

Beschluss

So war der Plan fur ihre Einsamkeit, die fur sie ein Zustand der erfreulichsten Ruhe und der sussesten Zufriedenheit, die glucklichste Periode ihres ganzen Lebens war. Sie suchten sich je langer, je mehr von dem Geiste des Nachforschens und der grubelnden Untersuchung abzuziehn, weniger zu denken und mehr zu handeln, sich in alle die kleinen Beschaftigungen des Gartenbaus, der Feldarbeit zu zerstreuen, zu saen, zu pflanzen, zu begiessen, zu erndten, und dadurch ihre Lebensart derjenigen nahe zu bringen, die die geringste an Achtung, und die oberste an Gluckseligkeit ist, der friedlichen Lebensart der ersten Vater, des arkadischen Dichterlandes und des Landmanns in den Zonen der Freiheit. Ein jeder hatte in seiner Besitzung eine kleine reinliche Wohnung, worinne er nebst seinen Sklaven Raum hatte, ein jeder machte mit seinen Sklaven eine Familie aus, wovon er der Vater war, der seine Kinder nur so lange in leichten Einschrankungen erhielt, bis sie erkannt hatten, wie liebreich ihr Vater war. Hinter jeder Wohnung breitete sich ein Garten in eine langliche Flache aus, mit Kuchenkrautern und Gewachsen, auch mit einigen Blumen, die das Klima vertrug, geschmuckt, den jeder Besitzer mit eigner Hand pflegte und bearbeitete: jeder ass das Werk seiner Hande, und jede Staude, die auf seinem Tische erschien, schmeckte ihm doppelt suss, weil er sie mit dem Schweisse seines Angesichts erkauft hatte. Wenn sie die Arbeiten des Gartens ermudeten, giengen sie auf das Feld, die Verrichtungen ihrer Sklaven wiewohl sie ihnen nie diesen Namen gaben zu ubersehen, sie durch ihre Gegenwart zum Fleisse und durch Freundlichkeit zu Muth und Geduld anzufrischen. Zu gewissen Jahrszeiten und nach Endigung gewisser Arbeiten, des Pflanzens, des Saens, der Erndte stellten sie kleine Feste an, wo sie unter hohen Baumen oder am Eingange ihrer Wohnungen sassen und sich vaterlich an den Ergotzlichkeiten ihrer Angehorigen vergnugten: Diese spielten die rohen Spiele ihres Vaterlandes, sangen mit rauher Kehle und mit der vollsten Empfindung, tanzten mit unabgezirkelten Schritten, wilden Sprungen, hupften sich lustig, mengten in alles ihren ungebildeten Scherz und plumpe Schakereyen, und lachten sich frolich, frolicher als die Tafel der auserlesensten witzigen Kopfe. Oft versuchten ihre Herren, ihre Spiele und Tanze nachzuahmen, und wurden fur jeden Fehler der Ungeschicklichkeit mit einem lauten Gelachter bestraft. Die kleine Bande wurde durch diese Ermunterungen belebt und erfindsam: sie strengten oft ihren Wiz an, ihre Herren gleichfalls mit kleinen Freuden zu ergotzen. Sie uberraschten sie unvermuthet mit einer vorzuglich grossen oder schonen Frucht, mit einem ansehnlichen Gewachse, das sie entdeckt und verborgen, oder mit Fleiss und in der Absicht heimlich gewartet hatten, ein unvermuthetes Vergnugen damit zu erwecken: sie sannen neue Tanze und Verschonerungen fur die alten aus, um sie bey dem nachsten Feste aufzufuhren, und die Erwartung des Vergnugens machte ihre Hande und Fusse thatig. Wahrend dass in der Entfernung etlicher Meilen von ihnen, langst der ganzen Kuste von Nordamerika, Sklaven von ihren Herren, und die Herren von ihren Sklaven geplagt, und beide ein Paar feindliche Parteien ausmachten, die sich wechselseitig qualten und wechselseitig dafur rachten, sass hier Herr und Knecht, in Eins vereinigt, beysammen und machte sich das Leben angenehm: niemand liess die Subordination fuhlen, und niemand fuhlte sie, und jeder, der sich eines solchen Glucks unwerth machte, wurde aus der Gesellschaft verbannt und an einen Herrn verkauft, der ihn den Unterschied zwischen hartem und leichtem Joche lehrte. Auf diese Weise, ohne politisches Regiment, beynahe in dem Stande der Gleichheit, wie er nie war und Philosophen ihn traumten, in der blossen Familienunterwurfigkeit der Natur, entgieng diese kleine Gesellschaft allen den beschwerlichen Folgen zweyer Dinge, die dem Menschengeschlecht die grossten Wohlthaten erwiesen und den grossten Schaden zugefugt haben der Geselligkeit und des Eigenthums.

BELPHEGORN zerstreute diese ruhige unangefochtene Lebensart allmahlich die dustern Wolken, die seine Widerwartigkeiten um seine Seele versammelt hatten; er sahe die Dinge der Welt weniger schwarz, weil der Zirkel um ihn erheiterter war, und weil er sich gewohnte, mehr das Gegenwartige zu empfinden als daruber nachzudenken, seinen Blick mehr in sich und den kleinen Umkreis seiner kleinen Bedurfnisse und Freuden zuruckzuziehn und uberhaupt den Horizont seines Nachdenkens mehr und mehr zu verengern, mehr sinnlich als geistig, mehr empfindendes und handelndes als denkendes Thier seyn zu wollen. Zu gleicher Zeit nahm er unvermerkt die gutherzige Philosophie seines Freundes, Medardus an, sich zu uberreden, dass alles gut sey, und dass vielleicht die grossten Unordnungen der moralischen und korperlichen Natur zu einem unbekannten Guten abzwecken, nichts der Natur zur Last zu legen, zu glauben, dass sie ganz Nordamerika Jahrhunderte hindurch sich bekriegen, fressen, schinden lassen kann Denn das konnte er sich nicht ausreden, dass die Natur die erste Urheberinn dieser hergebrachten Grausamkeiten sey dass sie die Mexikaner Jahrhunderte durch viele tausend Menschen schlachten und uberhaupt den Menschen zum grausamsten Raubthiere schaffen konnte, um ihn langsam nach den schrecklichsten Unthaten zum listigen feinen Fuchse oder zum friedsamen Schafe werden zu lassen zu glauben, dass alles dieses die Natur wollen musste, da sie der menschlichen Gattung die Disposition dazu gab, ohne dass sie dabey etwas anders als die heilsamsten besten Endzwecke vor Augen hatte, und dass sie die Menschen recht schlimm werden liess, um sie leidlich gut werden zu lassen, ohne dass sie deswegen Tadel verdiene. So unvertraglich auch jene gesammelten Erfahrungen mit dieser medardischen Philosophie scheinen, so stiftete doch die Liebe zur Ruhe nebst der Abwesenheit aller Widerwartigkeiten, wie auch die Senkung seiner Imagination, die vollkommenste Vereinigung zwischen ihnen, die nur zuweilen eine dustre Stunde unterbrach, aber nicht trennte.

FROMAL war stets ein kaltrer Rasonneur gewesen, als Belphegor, und diente auch itzt noch dazu, Wasser in die Flamme zu giessen, wenn sie zuweilen bey diesem aufloderte. Er gestund frey, dass er sich nicht in die gluckliche Illusion versetzen kann, welche seinem Freund Medardus so vielfaltig das Leben erleichtert habe und noch erleichtere, dass ihm aber sein Glaube an Notwendigkeit und unvermeidliches Schicksal die namlichen wohlthatigen Dienste erzeige, und dass auch uberhaupt seine Meynung hieruber von der medardischen nur im Namen und der Vorstellungsart unterschieden sey. Zugleich verbat er aber, mit Einwilligung seiner ubrigen Freunde, anders als mit Kalte uber diesen Punkt zu sprechen, um sich nicht durch warme Imagination und durch ein warmes Herz in eine neue Tiefe von Zweifeln und Beunruhigungen sturzen zu lassen.

MEDARDUS erhielt sich in seiner Heiterkeit und Zufriedenheit bis an sein Ende, und da er im Begriffe war zu sterben, war noch sein letztes Wort: wer weiss, wozu mirs gut ist? Er hatte vor seinem Tode noch zwo fur ihn sehr erfreuliche Begebenheiten erlebt. Der Kaufmann, der Fromals und Medardus Gelder unter sich hatte und ihnen von Zeit zu Zeit Provisionen zuschickte, die sie in ihrer kleinen Kolonie nicht besassen, sendete ihnen solche einstmals unter der Aufsicht eines jungen Menschen, der sein Faktor war und andre Materialien, die in der Kolonie erbaut wurden, mitnehmen sollte. Medardus, ein Freund vom Gesprache, liess sich mit ihm ein, erzahlte ihm, wie gewohnlich, sein Leben und liess sich das seinige erzahlen; und aus deutlichen Beweisen erhellte es sonnenklar, dass der Fremde des Herrn Medardus leiblicher Sohn war, der ihn berichtete, dass seine Geschwister ausser einem alle verblichen, seine ubriggebliebne Schwester verheirathet und er hieher geworfen worden sey. Alle gestorben? sprach Medardus. Siehst Du, mein Sohn? wer weiss, wozu das gut ist? Er sollte mit der Zeit in die Kolonien aufgenommen werden, allein ehe es geschah, starb sein Vater und die folgenden Unruhen hintertrieben es.

Die zwote angenehme Begebenheit war das Wiederfinden seiner geliebten ZANINNY, die als Sklavinn nach Amerika verkauft, unter einem harten Herrn gelitten hatte, ihm entlaufen war und sich in die Kolonie unsrer Europaer rettete, wo sie ihren geliebten Medardus an der Narbe erkannte, die ihm eine von den gleissenden Damen im Lande der Meerkatzen mit dem Nagel ihres Zeigefingers geschnitten hatte; und da der Schnitt in einer eignen Figur gemacht war, die sie in diesem Lande oft gesehen hatte, so brachte es ihr das Andenken ihrer alten Liebe zuruck: doch umsonst! Denn sie war so hoflich geworden, oder der Geschmack ihres Liebhabers hatte sich so geandert, dass er ihr einen Platz in seiner Wohnung aus Wohlthatigkeit, aber nicht aus Liebe anwiess.

Kaum drang zu Anfange des gegenwartigen Krieges das Gerucht bis in die Kolonie, dass jeder Kolonist fur die Freyheit wider ein unterdruckendes Vaterland fechten musse, als Belphegorn sein Enthusiasmus von neuem ergriff; er riss sich, ungeachtet aller Vorstellungen seines Freundes Fromals, der ihn mit Gewalt und mit List zuruckhalten wollte, aus seinen Armen und ward unter einem andern Namen einer von den Vorfechtern der kolonistischen Armee. ER war es, der einige der kernhaftesten Reden in einigen Versammlungen hielt: ER erlangte etliche ansehnliche Vortheile uber die Englander; der Auszug des Krieges wird lehren, wer von beyden Theilen Recht behalten, und ob Belphegor als Patriot und Menschenfreund allgemein bekannt werden, oder im Streite fur die Freyheit ungeruhmt umkommen soll.

Fussnoten

1 Alles dieses wird vielleicht nur in gewissen Gegenden verstandlich seyn. 2 Nichts muss fur einen Mann, der denkt und empfindet und also die mannichfaltigen Reste der Barbarey in unserm Zeitalter nicht ohne widriges Gefuhl betrachten kann, aufrichtender seyn und seinen Blick in die Zukunft froher machen, als dass Monarchen, und unter ihnen der grosste seine Sorge dahin lenkt, die Unglucklichen, die das Schicksal dem Besten des Ganzen gewisser massen aufopfert und sie arbeiten lasst, damit andre sich pflegen konnen, ihrer ursprunglichen Freiheit so nahe zu bringen, als es sich ohne Nachtheil des Staats thun lasst, und dass sogar diejenigen, denen eine verjahrte Unterdruckung jene Lasttrager unterwarf, grossmuthig die Hande bieten, ihnen mit Entsagung ihres eignen Nutzens ihr Joch zu erleichtern, da es nun einmal nicht moglich ist, es ihnen ganz abzunehmen. Wenn Joseph Millionen Soldaten in der besten Disciplin unterhielt, Taktik, die Kunste des Angriffs und Ruckzugs in den vollkommensten Stand sezte, Turken, Heiden und Christen uberwand, so waren in meinen Augen alle diese. lorberreichen Thaten nicht zur Halfte so viel werth, Bauern etliche Grane burgerlicher Freiheit mehr zu geben, als sie vorher die Verfassung, das heisst, eine verjahrte, zum Recht gewordne Unterdruckung geniessen liess; und diejenigen Herren, die ihren eignen Verlust nicht achteten, sondern die Absichten ihres Monarchen unterstuzten, sind meines Bedunkens mehr als Scipione und Turenne: denn sie besiegten den Eigennuz, den hartnackigsten schlausten Feind. Ihr Dichter und Redner! fur solche Handlungen allein solltet ihr Wiz und Beredsamkeit haben! Bis zum Anbeten kann ich den Monarchen lieben, der seinen Blick auf die niedere verachtete Klasse der Menschheit wirft und ihnen zwar nicht Bequemlichkeiten, Ueberfluss, Verfeinerung geben will eine schadliche Gabe! sondern von den vielen Einschrankungen der Freiheit, die sie zur Arbeit nothigen, diejenigen hinwegnimmt, die ohne Revolution weggenommen werden konnen, den Herren einen kleinen zu verschmerzenden Verlust, und dem Unterthan ungleich grossern Vortheil verschaffen: wie ich hingegen nie ohne innerliche Erschutterung einen sonst guten Mann im Durchschnitte genommen! mit Ernst behaupten horen konnte, dass ein Bauer nichts mehr als gesunde Hande und Fusse und zwey Locher brauche, eins zum essen, das andre zum d.i. ein instrumentum rusticum sey. Desto erfreulicher ist es, dass das Beyspiel des Oberhauptes es vielleicht noch in unserm Menschenalter dahin bringen wird, dass sich jeder einer solchen vom Eigennutze gestimmten Denkungsart schamt. Izt, bey einem so guten Anschein solltest du leben, Belphegor! so wurde dich die gute Hoffnung vor der Misanthropie bewahren! 3 Die gute Akante hat freilich eine ganz argerliche Chronologie, dass man dem kunsterfahrnen Medardus sein oftres Kopfschutteln nicht ubel deuten darf. 4 Eine ungeheure Menge gesammelter Dunste, die die im Texte beschriebenen Wirkungen, nach dem Berichte der Zeitungsschreiber, thun soll. 5 We Shall sit heavy on thy Soul to-morrow.

Shakesp.

6 If it be cruelty, yet there's method in't konnte man vielleicht von den heutigen Kriegen sagen. 7 Die Dialektik, oder Disputirkunst. 8 Der Kaiser. 9 Dies war vermuthlich einer von den Konigen, die mit aller Gewalt eine weisse Gesandschaft aus dem Norden haben wollten. 10 Eine von den mahomedanischen Sekten. 11 Bey den Mahometanern dasjenige, was bey den Katholiken die Tradition ist. 12 Das hochste Wesen. 13 Ludwig des 14. 14 Unter Illusion versteht der gute Alte wahrscheinlicher Weise die Meynungen, die nicht mit einer solchen Strenge bewiesen werden konnen, dass gar kein Zweifel mehr ubrig bleibt, sondern wo im Grunde allemal der ausschlagende Grad Ueberzeugung angenommen, und nicht durch die Beweise allein gewirkt wird; und in diesem Falle ware im Grunde die ganze Philosophie Illusion. Alle Meynungen, die jemals von Philosophen erdacht sind, oder kunftig erdacht werden, sind nichts als verschiedene Vorstellungsarten von den Dingen: die Dinge selbst kennt niemand; z.B. den Lauf der Welt stellen sich einige als die Wirkung eines blinden Zufalls, andre als die Folge einer festgeketteten Nothwendigkeit, eines Fatums, andre als die abgezweckte Anordnung einer nach Plan und Absicht handelnden Vorsicht vor: jede unter diesen Vorstellungsarten hat Grunde fur sich, aber keine so viele, dass sie die Beweise der ubrigen und alle Zweifel ganz vernichtete: es sind Vorstellungen von dem Laufe der Welt, aus verschiedenen Gesichtspunkten genommen: wer nun unter diesen eine fur die einzige wahre halt, der setzt dem Gewichte ihrer Grunde etwas wissentlich oder unwissentlich hinzu welches meistentheils unsre Leidenschaften und Ideen ohne unser Bewusstseyn thun und illudirt sich, in so fern dieses zur Ueberzeugung ausschlagende Etwas nicht die reine Wirkung ist. Glauben kann man in dieser Welt nie ohne Illusion. 15 Im ersten Theil. 16 So werden die Christen im Oriente genennt. 17 Nach Palastina in den Kreutzzugen. 18 Peter der Eremit, der die Kreutzzuge veranlasste. 19 Leibnitz. 20 Ein in Amerika von europaischen Eltern geborner. 21 Gott der Peruaner. 22 Vermuthlich ist seine Meynung, dass eine Veranstaltung getroffen werden sollte, die den Austragen der Fursten im deutschen Reiche gleich kamen, wo bey entstehenden Zwistigkeiten die Untersuchung und Entscheidung einigen selbstgewahlten Machten von Europa aufgetragen wurde. Freylich ein herrliches aber schweres Projekt! 23 Sagt ich weiss nicht wer?

Johann Karl Wezel

Kakerlak

oder

die Geschichte eines Rosenkreuzers

Die Rosenkreuzer waren eine Gesellschaft, von welcher man seit dem Jahre 1610 sehr viel sprach, ohne dass man jemals die mindeste Spur von ihrem Dasein entdecken konnte. Das lustigste war, dass damals alle Paracelsisten, Alchimisten und andere Weisen von dieser Art dazu gehoren wollten, und jeder von ihnen schrieb seine eigenen Meinungen den Brudern des Rosenkreuzes zu. Die Lobspruche, womit die Bruderschaft offentlich uberhauft wurde, brachten einige fromme Leute auf, die nicht ermangelten, ihr alles mogliche Bose schuld zu geben, und keinem fiel die Frage ein, ob es wirklich Rosenkreuzer gabe.

Unterdessen sagte man sich offentlich, dass itzt eine sehr merkwurdige, bisher verborgene Gesellschaft zum Vorschein kame, die ihren Ursprung Christian Rosenkreuzen verdankte. Man setzte hinzu, dass dieser Mann, der 1387 geboren ware, eine Reise ins Gelobte Land zum Heiligen Grabe getan und zu Damasco Unterredungen mit chaldaischen Weisen gehabt hatte. Von diesen sollte er geheime Wissenschaften, besonders die Magie und Kabbala, erlernt und sie auf seinen Reisen in Agypten und Libyen bis zur Vollkommenheit studiert haben. Nach seiner Zuruckkunft in sein Vaterland, erzahlte man weiter, fasste er den edelmutigen Entschluss, die Wissenschaften zu verbessern, und stiftete zu diesem Endzweck eine geheime Gesellschaft, die aus einer kleinen Anzahl von Mitgliedern bestand. Er entdeckte seinen Auserwahlten die tiefen Geheimnisse, die er besass, nachdem sie ihm vorher einen Eid geschworen hatten, dass sie nichts davon bekanntmachen und sie auf ebendieselbe Art der Nachkommenschaft uberliefern wollten.

Um dieser Erzahlung mehr Gewicht zu geben, erschienen zwei Schriften, worinne die Geheimnisse der Bruderschaft offenbart wurden; eine hat den Titel "Fama fraternitatis, id est, detectio fraternitatis laudabilis ordinis roseae-crucis", die andere "Confessio fraternitatis" erschien lateinisch und teutsch.

In diesen beiden Werken schreibt man der Gesellschaft ausser einer besondern Offenbarung, die ein jeder Bruder fur sich erhalten haben sollte, und ausser dem Vorsatze, alle Wissenschaften, besonders die Arzneikunst und Philosophie, zu reformieren, auch vorzuglich den Stein der Weisen zu; durch diesen sollten sie eine Universalarznei, die Veredlung der Metalle und Mittel, das Leben zu verlangern, gefunden haben; zuletzt wird ein goldnes Jahrhundert angekundigt, wo alle Arten der Gluckseligkeit auf unserm Planeten herrschen werden.

Da diese beiden Schriften viel Aufsehn machten, so urteilte ein jeder nach seinen Vorurteilen uber die lobliche Bruderschaft, jeder wollte das Ratsel aufgelost haben. Viele Theologen argwohnten sogleich, dass es eine Verschworung wider den christlichen Glauben ware; ein Herr Christophorus Nigrinus bewies, dass es Calvinisten sein mussten, aber zum Ungluck fur alle diese Mutmassungen der Rechtglaubigen fand sich eine Stelle in den angefuhrten Schriften, woraus erhellte, dass die Bruder eifrige Lutheraner waren; nun zweifelte niemand mehr an ihrer Orthodoxie, niemand hielt sie mehr fur Feinde des Glaubens, und einige lutherische Theologen nahmen offentlich und eifrig ihre Partie.

Der aufgeklarte Teil vermutete, dass alles nur eine Erdichtung von Chymikern ware, wie die chymischen Kenntnisse bewiesen, deren sich die Gesellschaft ruhmte; sie setzten als einen neuen Beweis hinzu, dass der Name Rosenkreuz chymisches Latein ware und einen Philosophen bedeutet, der Gold machen konnte; denn ros (der Tau) soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden.

Viele waren einfaltiglich uberzeugt, dass Gott aus besondrer Gnade sich einigen Frommen und Auserwahlten geoffenbart und sie ausgerustet hatte, die Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte Geheimnisse zu entdecken.

An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon entdecken; verstandige Leute bestarkten sich daher in ihrer Meinung, dass es gar keine solche Bruderschaft gabe noch jemals gegeben hatte und dass alles, was man von ihr und ihrem Stifter erzahlte, nur ein Marchen ware, das man erfunden hatte, um sich auf Unkosten der Leichtglaubigen zu belustigen oder um die Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu erfahren.

Das Ende war, dass niemand mehr von dieser Bruderschaft sprach, seitdem die Erfinder nicht mehr davon schrieben. Man warf einen starken Verdacht auf Valentin Andreae, einen wirttembergischen Theologen, dass er vielleicht nicht der erste Erfinder dieses Possenspiels ware, aber doch die erste Rolle dabei gespielt hatte.

Gegenwartige Geschichte beweist auf eine unumstossliche Art, dass alle diese Herren in ihren vernunftigen und in ihren einfaltigen Mutmassungen sich betrogen; sie beweist nicht allein, dass die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal existierte, weil ich sonst die Geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzahlen konnte, sondern auch dass die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren, als man glaubte.

Gelehrte, die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind, werden bei dem Namen des Mannes, dessen Geschichte hier erzahlt wird, zuerst an das ungluckliche Geschlecht der schneeweissen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken, die man in Asien Kakerlaken, in Afrika Albinos und im Franzosischen Negres-blancs nennt. Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten: Sie vermuten alles, nur nicht was sie vermuten sollen. Der Name Kakerlak ist ganz naturlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weissen Negern nicht das geringste gemein; wem daran liegt zu wissen, was diese beiden Worter in der alchymistischen Sprache bedeuten, dem rate ich, ein Worterbuch der edlen Goldmacherkunst nachzuschlagen.

Kakerlak war ein Philosoph, der den moralischen Stein der Weisen, die Gluckseligkeit, suchte; nach dem Willen der Natur sollte er sie vorzuglich in sich, in seinem Verstande und seinem Herze finden, allein der gute Mann wurde seiner Bestimmung uberdrussig und glaubte daher, dass er auf dem unrechten Wege zur Gluckseligkeit ware. Er vermutete, dass ein glanzender Stand viel eher dazu fuhren musste und dass die Sinne viel leichter dazu verhalfen als der Geist, mit dem sein Versuch nicht gut abgelaufen war; da es aber menschlicherweise nicht wohl moglich ist, sich so oft in einen andern Zustand zu versetzen, als man wunscht, und seine Vergnugungen so oft abzuandern, als der Uberdruss sie uns langweilig macht, so ergriff er das naturlichste Mittel von der Welt und wandte sich an die Hexen. Eine, die eben damals aus dem Hexenstaate verbannt war, gewahrte ihm seinen Wunsch, fuhrte ihn von Vergnugen zu Vergnugen, und da er sie alle genossen hatte, verlangte er ... Doch nein! so treuherzig bin ich nicht, dass ich das Ende meines Marchens voraussage; wer es erfahren will, wende das Blatt um und lese, bis das Buch aus ist.

Wzl.

Erstes Buch

Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!

Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation

Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron,

Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter

reisen,

Mit euerm Maulwurfsblick das Radchen

auszuspahn,

Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.

Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,

Wo die Natur mit nie erschopfter Kraft

Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.

Ihr wollt mit schweren Ganseschwingen

Bis uber Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit

dringen,

Und fragt man euch: "Was habt ihr dort gesehn?",

Dann wisst ihr ebendas zu sagen,

Als die der Dummheit Los ganz philosophisch

tragen

Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn.

So rief, voll Unwillen, der grosse Kakerlak, der beruhmteste Rosenkreuzer zu der Zeit, da Rosenkreuzer noch beruhmt waren; er schleuderte alle Weisen in Folio und Quart, die seinen Hofstaat ausmachten, in die vier Winkel seiner Stube. Sein Bruch mit der menschlichen Weisheit war so ernstlich gemeint, dass er sogar die Geheimnisse nicht verschonte, die ihm den Stein der Weisen hatten verschaffen sollen; er trat seine Spekulationen mit Fussen und schwur, nicht langer etwas zu suchen, das sich nicht finden lassen wollte. Die Galle war uber seine Philosophie Herr geworden, und es liess sich nichts Besseres tun, als dass er geduldig stillhielt, bis die Philosophie wieder Herr uber die Galle wurde; er ging in den Garten, setzte sich unter einen alten Apfelbaum und rief mit erhabnen Handen:

Ach, welche Gottheit nimmt den traur'gen

Uberdruss

Aus diesem Leben weg! Man seufzet nach Genuss,

Solang man ihn entbehrt; man wunscht, ihn zu

entbehren,

Wenn man gekostet hat. Die Sattigung

Schwebt uber jeder Lust und schiesst mit schnellem

Schwung,

Dem Geier gleich, herab, das Taubchen zu

verzehren.

Nur der geniesst, wer bloss den Sinnen lebt,

Vergnugen sucht und nie nach leerer Weisheit

strebt;

Ein stetes Gastmahl ist fur ihn das Leben;

Er eilt von Lust zu Lust, fuhlt nie das Einerlei.

Ihr Machte dieser Lust, steht meinen Wunschen

bei!

Auf Zauberflugeln lasst in eine Welt mich

schweben,

Wo ins Vergnugen nicht, sobald sein Keim sich

hebt,

Der Uberdruss den gift'gen Stachel grabt.

Kaum hatte er seine Ausrufung geschlossen, so hupfte ein Vogelchen, klein und schonfarbig wie ein Kolibri, im Grase daher, hub die kleine rote Brust und rief mit sanftem gutherzigen Tone: "Kakerlak!"

Ich bin die Hexe Tausendschon

Und liess vom hohen Brocken1

Mich durch dein philosoph'sches Flehn

Zu dir herniederlocken.

Mich plagt die Neigung, wohlzutun

Zu allen Tagesstunden,

Und lasst mein Herz nicht eher ruhn,

Als ich den Mann gefunden,

Den nie der Uberdruss beschwert,

Der niemals im Vergnugen

Nach Wechsel gahnt, solang es wahrt.

In einem von den Kriegen,

Die ewig unsern Staat entzwein,

Wo nur Kabalen siegen,

Ward ich verdammt, dass mir zur Pein

Das Wohltun werden sollte.

Du fragst, fur welch Vergehn man mich

So hart bestrafen wollte?

Nein, frage lieber, wie man sich

So leicht begnugen wollte.

Ich hab ein weiches Herz, gemacht

Aus Mitleid, Lieb und Tranen:

Nur wohlzutun war Tag und Nacht

Von Jugend auf mein Sehnen.

Aus Tigerblut und Eisen sind

Die Herzen meiner Schwestern:

Zum Guten tolpisch wie ein Kind

Und voller Witz zum Lastern,

Lasst keine sich Gelegenheit

Zu schaden leicht entgehen.

Nun horten wir vor kurzer Zeit

Den Furst Omega flehen.

Er wurde der Matressen sehr

Auf einmal uberdrussig;

Fur ihn war keine Freude mehr,

Sein armes Herzchen mussig.

Mein Mitleid ward von ihm erweicht:

Ich riet, ihn zu verjungen;

Doch meine Schwestern sind nicht leicht

Durch Mitleid zu bezwingen.

Ihr schadenfroher Rat beschloss,

Des Fursten Qual zu mehren;

Durch ihre List kam in sein Schloss

Ein Madchen, warf mit Zahren

Sich auf die Kniee hin und bat

Um Gnade fur den Bruder:

Er war fur eine Freveltat

Verdammt zum schweren Ruder.

Sie gossen in des Fursten Blut

Schnell jugendliche Flammen,

Und lodernd schlug der Liebe Glut

Ihm uberm grauen Haupt zusammen.

Er liebt seitdem das Madchen ach!

Was soll ich dir's erzahlen?

Mich ruhrt sein hartes Ungemach:

Sein Herzchen brennt, die Krafte fehlen.

Durch einen Zaubertrunk gelang

Es mir, die Qual zu lindern;

Doch meiner Schwestern Bosheit drang

Hindurch, die Bosheit zu verhindern.

Wie sturmte dann auf mich ihr Grimm!

Ich floh voll Angst und Schrecken,

Um mich vor ihrem Ungestum

In diesen Vogel zu verstecken.

Sie sprachen drauf das Urteil aus,

Das meine Flucht verbittert:

"Wir stossen sie zu unserm Reich hinaus,

Sie hat des Schicksals Schluss erschuttert,

Das zum Gefahrten jeder Lust

Dem Sterblichen den Uberdruss bestimmte,

Damit in seiner kuhnen Brust

Die stolze Meinung nie entglimmte,

Er sei der Herrscher seines Glucks,

Zu trager Sinnlichkeit geboren,

Zum einz'gen Liebling des Geschicks

Vor allen andern auserkoren.

Drum irre sie, die dies Gesetz

Aus schwachem Mitleid storte,

In steter Furcht vor Flint und Netz;

Sie, die ihr weiches Herz betorte,

Sie hab ein weiches Herz zur Pein.

Sie soll zu den Betrubten eilen,

Die nur mit sich den stillen Kummer teilen

Und die mit lautem Schmerz um Hulfe

schrein,

Soll immer vor Begier zu helfen brennen,

Stets helfen wollen und nicht konnen.

Bis sie den Mann, den nie der Uberdruss

beschwert,

Gefunden hat, den Mann, der niemals im

Vergnugen

Nach Wechsel gahnt, solang es wahrt,

Bis dahin soll auf ihr dies unser Urteil

liegen."

Ich komme dann nach diesem Schluss,

Mit Trost dir beizustehen.

Dich qualt der Weisheit Uberdruss;

Doch hab ich dich ersehen,

Mich von der Strafe zu befrein.

Dir schenkt von nun an das Vergnugen

Stets Becher uber Becher ein;

Bist du nach wenig Zugen

Des einen satt, so rufe "Kak";

Gleich lad ich dich auf meine Flugel

Und trage dich, Freund Kakerlak,

Weit uber Tal und Hugel

Zu einer neuen Wonne hin,

Bis ich erloset bin.

"Du armseliges Vogelchen!" antwortete der Schwermutige. "Du willst mich auf den kleinen Schwingen, wo eine Milbe eben Platz hatte, zur Freude tragen? Geh! Mich betrugst du nicht; meine Lippen sprechen nie dein elendes "Kak"."

Kaum hatte er's gesprochen, so schwebte er schon auf dem Rucken des Vogelchen in den Luften; dort flog es hin mit dem ganzen Philosophen und schuttelte ihn auf einen samtnen Stuhl im Vorgemache der Konigin Ypsilon. Die schnelle Fahrt durch die Luft hatte ihm den Kopf schwindlich gemacht: Er schlief ein.

Auf der Ottomane sass die Konigin Ypsilon und gahnte; am Fenster sass Prinzessin Friss-mich-nicht und brummte; auf dem Taburett sass Prinz Lamdaminiro und lachte, alle drei aus gutem Grunde: Die erste hatte Langeweile; die zweite war bose; der dritte spielte mit einem Gaukelmanne.

Das Vogelchen, in welchem die Hexe Tausendschon wohnte, hupfte auf das Fensterbrett und pickte ein Stuckchen Biskuit auf. "Ein schones Vogelchen!" rief die Konigin. "Der abscheuliche Mistfinke!" sprach die Prinzessin. "Das allerliebste Tierchen!" schrie der Prinz und liess vor Entzucken den Gaukelmann fallen.

"Du hast Langeweile, grosse Konigin?" fing das Vogelchen an. "Ich schaffe dir Zeitvertreib."

"Du mir?" antwortete die Konigin. "Narrchen, wie machtest du das?"

Das Vogelchen: "Ich schaffte dir einen Gemahl."

Die Konigin: "Schlecht getroffen! Ich hatte einen und ward des Lebens nicht froh."

Das Vogelchen: "Du hattest keinen; denn dein Gemahl liebte dich nicht." Die Konigin: "Wird mich ein andrer mehr lieben? Manner sind langweilig. Kannst du nicht singen?" Das Vogelchen sang:

Ohne Liebe sucht vergebens

Auf dem dustern Pfad des Lebens

Der verlassne Wandrer Licht;

Zwischen Alpen muss er schmachten,

Wo des Eises tiefe Schachten

Nie ein Fruhlingsluftchen bricht.

Die Konigin befahl, einen goldnen Kafig herbeizubringen; der Prinz holte ihn, und das Vogelchen hupfte munter durch die enge Ture hinein. Beide waren vergnugt, gaben dem sanften Geschopfe Zuckerkorner und Zwieback und foderten jede Minute ein Liedchen, der Prinz ein lustiges und die Konigin ein verliebtes. Je mehr ihm geschmeichelt wurde und je mehr es sang, desto erbitterter wurde die Prinzessin; wer ihr nicht schmeichelte, war ihr verhasst, und sie schwur bei sich dem Vogelchen den Tod, weil es andern Freude machte. Man merkt wohl, dass ihre Gesellschaft nicht die beste sein konnte, und es ist daher sehr gut, dass sie vor Arger zum Zimmer hinausging, damit wir nicht weiter von ihr sprechen durfen.

Kaum naherte sich die Nacht, so schlupfte das Vogelchen durch die goldnen Stabe des Kafigs, setzte sich dem schnarchenden Kakerlak auf die Stirn und pickte ihn mit dem kleinen Schnabel dreimal in die Nase, um ihn zu wecken. "Kak, kak, kak", rief er traumend, fuhr in die Hohe und wollte sich die Augen reiben, aber er hatte nicht Zeit dazu; denn das erste "Kak" war eben uber die Lippen, als er schon dem Vogelchen auf dem Rucken sass; dort flog es mit ihm hin in die schone Garderobe des Fursten Omega.

"Suche dir zwolf der schonsten Kleider aus", sprach zu ihm das Vogelchen, "dass du jede Stunde des Tages ein andres tragen kannst. Morgen abend bist du Konig in Butam." Er suchte sie aus. Darauf zog die Hexe dem jungsten Bruder des Fursten im Schlafe sehr sanft die Physiognomie vom Kopfe und befestigte sie sauber auf dem Gesichte des kunftigen Konigs; dieser steckte kaum einen Augenblick unter der neuen Larve, so fing er an, gewaltig zu kommandieren, zu larmen, zu fluchen und zu prugeln. Die goldne Staatskutsche des Fursten musste sogleich mit acht porzellanfarbnen Rossen bespannt werden, Stallmeister und Jagermeister sich zu Pferde setzen, die Laufer voranrennen und die Bedienten nachfahren; der Zug ging so schnell, dass bei Tagsanbruche die erste Kutsche schon auf dem Schlosshofe der Konigin Ypsilon war, und die Sonne stand noch nicht uber dem Horizont, als sich schon die Kammerjunker pudern liessen.

Kakerlak mit seiner gestohlnen Physiognomie wurde uberaus gnadig empfangen und eroberte das Herz der Konigin mit dem ersten Komplimente, als er ins Zimmer trat; so geschwind ging es vermutlich nicht zu, wenn nicht eine Hexe die Hand im Spiele hatte. Die Konigin wurde bei jedem Worte verliebter und fiel schon bei dem Handkuss ihres Gastes in Ohnmacht; nach der Tafel warb er um sie, wurde noch vor Einbruch der Nacht ihr Gemahl und des Morgens darauf zum Konig in Butam ausgerufen. Jedermann glaubte, es ware der Prinz Alfabeta, da es doch eigentlich nur seine Physiognomie war.

Als der neue Konig am zweiten Morgen auf der Bergere lag und uber den Plan seiner Regierung nachdachte, setzte sich ihm das Vogelchen auf die Schulter und flisterte ihm in die Ohren: "Hast du noch Langeweile wie bei deinen grossen Buchern, als du den Stein der Weisen suchtest?" "Nein", antwortete der Konig, "aber Sorgen. Ich mochte nicht gern bloss ein Konig sein; ich wunschte, ein grosser Konig zu werden, und habe die ganze Nacht gesonnen, wie ich's werden soll." Das Vogelchen unterbrach ihn: "Geruhen Ihre Majestat, sich ins Nebenzimmer zu begeben und dreimal die letzte Silbe Ihres vorigen Namens auszusprechen, und Sie konnen ein grosser Konig werden."

Der Konig stand auf, ging ins Nebenzimmer und rief dreimal "Lak", und plotzlich lag vor seinen Fussen ein grunes Sackchen, eine goldne Buchse und ein roter Nachtstuhl. "Was soll mir dieser Plunder?" fuhr der Konig unwillig auf, der seinen neuen Stand schon ein wenig fuhlte. "Verzeihn Sie in Gnaden", erwiderte das Vogelchen, "mit diesen drei Mobeln sollen Sie ein grosser Konig werden. Sobald Sie eine Anstalt machen wollen, die Geld erfodert, es sei, soviel es will, so greifen Sie in diesen grunen Sack: Je tiefer Sie greifen, desto grosser wird er; je mehr Sie Gold herausnehmen, desto mehr wird darinne sein. Sobald ein neidischer Nachbar Ihnen den Krieg ankundigt, so offnen Sie Ihre goldne Buchse: Wo Ihre Majestat die goldnen Korner darinne hinstreuen, werden Soldaten aus der Erde hervorwachsen, Reiter und Fussvolk, vollig bewaffnet, montiert und equipiert, ohne dass Sie ihnen einen Knopf auf den Rock oder ein Hufeisen ans Pferd zu kaufen brauchen. Aber", setzte das Vogelchen warnend hinzu, "gebrauche beides mit Uberlegung; trage beides bestandig bei dir, und lass keine Hand ausser deiner in den Sack greifen oder die Buchse offnen, denn "

"Glaubst du, dass ich so schwer begreife?" unterbrach sie der Konig mit Empfindlichkeit. "Fast sollte man glauben, dass du der Philosoph gewesen warst und nicht ich; denn du willst beweisen, dass am Mittage Tag ist. Ich verstehe deine Warnung und werd ihr folgen. Ich danke dir fur beide Geschenke; aber hier diesen roten Nachtstuhl schaff mir augenblicklich aus den Augen; es ist ja ganz wider den guten Geschmack, so eine Mobel im Zimmer zu haben."

Das Vogelchen: "Hier irren sich Ihre Majestat wahrend Ihrer zweitagigen Regierung zum ersten Male!"

Der Konig: "Unverschamte! Wofur war ich denn Konig, wenn ich mich irrte?"

Das Vogelchen: "Dies verachtlichste Bedurfnis unter allen menschlichen Bedurfnissen soll die Grundfeste deines Throns werden. Sooft du jemand einen Dienst anvertrauen willst, so lass ihn vor allen Dingen zur Probe auf diesem Stuhle sitzen; bleibt er ohne Schmerzen, so ist er ein ehrlicher Mann; krummt und windet er sich, als wenn ihn die Kolik plagte, so ist er ein Schurke, und du kannst ihn auf der Stelle hangen lassen. Ich verlasse dich, und wenn ich zu dir zuruckkomme, so ist es ein Zeichen, dass du einen Fehler machtest."

Der Konig wollte seiner Beschutzerin danken, aber sie war verschwunden, eh er die Lippen offnete. "Gut", sagte er zu sich, "mit dem Stuhle musst du die erste Probe machen."

Er liess augenblicklich alle seine Rate und Beamte an den Hof berufen, und jeder musste in seiner Gegenwart Probe sitzen. Sein Schatzmeister hatte kaum den Stuhl beruhrt, so schrie er wie ein Besessner; sein Justizaufseher sank vor Schmerzen mit dem Kopf in den Schoss, und die Kammerbedienten bekamen Konvulsionen; allen ohne Ausnahme machte der verdammte rote Stuhl eine Kolik.

"Soll ich denn die Leute alle hangen lassen?" sagte der Konig betrubt zu sich. "So muss die eine Halfte meines Reichs zu Scharfrichtern und Seilern werden, damit es der andern nicht an Stricken und Henkern fehlt."

Indem er traurig so klagte, sass ihm unbemerkt das Vogelchen auf der linken Schulter und flisterte ihm ins Ohr: "Ihre Majestat haben wahrend Ihrer dreitagigen Regierung den ersten Fehler gemacht."

"Was?" rief der Konig erzurnt. "Du willst mich eines Fehlers beschuldigen, nachdem du mich mit deinem verwunschten roten Stuhle unglucklich machtest? Er hat mir die traurige Uberzeugung verschafft, dass mich lauter Schurken umgeben; mochten sie es doch sein, wenn ich's nur nicht glauben musste! Ich bin ein unglucklicher Konig, denn ich muss misstrauisch sein. Schaff mir den roten Stuhl aus den Augen, damit ich nicht versucht werde, ihn noch einmal zu brauchen."

"Nein", sprach das Vogelchen, "du sollst ihn brauchen, aber mit mehr Klugheit. Sagt ich dir, dass du Leute darauf sitzen lassen solltest, die schon in deinem Dienste sind? Sagt ich nicht ausdrucklich: Lass jeden, dem du einen Dienst anvertrauen willst, zur Probe auf diesem Stuhle sitzen? Niemand kann dir nur funf Jahre dienen, ohne wider sein Wissen und Wollen seine Pflicht zu verletzen; der ehrlichste Mann muss oft wider seine Neigung dir schaden, um sich nicht von einem Machtigern schaden zu lassen; er muss die Pflicht seinem Wohlsein aufopfern, wenn er nicht verhasst und unglucklich werden will. Drum befreie dich nur von den wenigen, denen der Stuhl die grossten Schmerzen verursachte; die ubrigen halte fur ehrliche Leute und traue jedem so lange, bis du ihn ertappst; aber nimm keinen an, der nicht ohne Kolik vom roten Stuhle aufsteht."

"Dein Rat ist nicht ubel", antwortete der Konig. "Das Misstrauen machte mich so unglucklich, als ich in meinem Leben noch nicht war. In Zukunft will ich's schon besser machen."

"Ich verlasse dich", sprach das Vogelchen, "und komme nicht eher zuruck, als bis du den zweiten Fehler gemacht hast", und sogleich verschwand es.

Der Konig entfernte alle, denen der Stuhl die grossten Konvulsionen machte, und fand ohne Schwierigkeit soviel andre, die ohne Schmerzen vom Probesitze aufstanden. "Das Vogelchen ist wahrhaftig nicht dumm", sprach er voll Freuden, da die Proben so gut abliefen. "Die Menschen sind herzlich gern ehrliche Leute, aber Not, Gelegenheit und Interesse erlaubt den meisten nicht, es zu bleiben. Wie gut, wenn man ein wenig Philosoph ist und schliessen gelernt hat!"

Er verwandelte seitdem sein Misstraun so sehr in unbeschranktes Vertraun, dass er niemand fur keinen ehrlichen Mann hielt, wenn man ihm gleich bewies, dass er's nicht war, und um sein Vertrauen und seine milden Gesinnungen recht durch die Tat zu zeigen, steckte er seine gnadige Hand in den grunen Sack und beschenkte jeden, der beschenkt sein wollte. Die Zahl der Liebhaber wuchs mit jeder Stunde: Sie krochen, schmeichelten, bettelten, ruhmten ihre Verdienste, ihre Treue, ihren alleruntertanigsten Gehorsam, keiner ging mit leerer Hand hinweg.

Der Konig wollte sich eben uber seine Milde und seinen unerschopflichen Sack freuen, als er das Vogelchen auf der Schulter erblickte; er erschrak, dass er den grunen Sack aus der Hand fallen liess. "Du Freudenstorerin!" rief er, "willst du mir nicht schon wieder einen Fehler aufburden? Komm und tadle mich! Hab ich nicht mit wahrer koniglicher Freigebigkeit gehandelt?"

Das Vogelchen: "Ihre Majestat haben wahrend Ihrer viertagigen Regierung den zweiten Fehler begangen."

Der Konig: "Sage mir, welchen! Ich fodre dich auf."

Das Vogelchen: "Sieh nur, wen du beschenkt hast, und dann wird dir dein erleuchteter Verstand statt meiner antworten. Die Elendesten, Verachtlichsten, Verdienstlosesten im ganzen Reiche genossen deine Freigebigkeit, kriechende Bettler, niedertrachtige Schmeichler. Das wahre Verdienst fuhlt zu sehr seinen Wert, um dir deine Gnade abzuschmeicheln oder abzubetteln; du bist sie ihm als einen Tribut schuldig, und es mahnt dich nicht, wenn du ihn nicht freiwillig entrichtest."

Der Konig: "Du magst wohl recht haben, aber du machst mir's wahrhaftig ein wenig zu sauer, Regent zu sein. Du musst in der Geschichte so unwissend sein wie ein neugebornes Kind, wenn du verlangst, dass man alles so genau nehmen soll."

Das Vogelchen: "Ich verlasse dich und komme nicht eher wieder, als bis du das erste Lob verdient hast."

"Ich wollte, dass du nie wiederkamst", rief ihm der Konig nach, als es verschwunden war. "Man wird eines solchen Hofmeisters uberdrussig, der den ganzen Tag moralisiert und dem man keinen Schritt nach seinem wunderlichen Kopfe recht machen kann. Ich will einen andern Weg einschlagen, um gross zu werden; ewig still zu Hause zu sitzen und in der besten Absicht die grossten Fehler zu begehn, das fuhrt zu nichts. Du sollst mich schon loben mussen, wenn ich den halben Erdboden erobert habe; wag es alsdann jemand, mir einen einzigen Fehler vorzuhalten! Ich will Krieg anfangen und die eine Halfte der Erde zur Wuste machen, damit die andre vor mir zittert."

Sogleich liess der Konig alle Bauern mit Pflugen aufbieten und alle Felder seines Reiches umackern; er reiste in eigener Person herum und streute aus der goldnen Buchse den goldnen Samen aus; wohin ein Korn fiel, da wuchs ein bewaffneter Krieger hervor. Das Schauspiel war ungemein belustigend, als ganze Regimenter mit klingendem Spiele und unter Abfeurung des groben Geschutzes hervorsprangen. "Halt, richtet euch!" "Rechts um schwenkt euch!" "Das Gewehr auf die Schulter! Marsch!" so brullten auf allen Seiten die furchterlichsten Stimmen durchs ganze Land; die halbe Erde hatte schon vor dem blossen Geschrei zittern mogen.

Mit rotem Federhut und aufgeblasnen Backen

Hebt ein Trompeter hier Trompet und Nacken,

Lautschnatternd "Treng, Treng, Treng" aus einer

Furch empor;

Dort fahren hoch in die Luft zwei Paukenkloppel

hervor

Und schlagen den klanglosen Acker mit

ungeduldiger Hitze,

Bis dass der schwere Gaul mit der tonenden Pauke

sich hebt.

Durch aufgeworfnes Erdreich grabt

Sich hier des Grenadiers geturmte Mutze;

Er steigt, und steigend streicht er sich den

schwarzen Bart.

"Blitz-Hollen-Sapperment", flucht einer in der

Erde,

Und auf den Fluch erscheint ein Kinn, sehr

schwach behaart.

Mit Brausen drangen sich baumende Pferde

Und blinkende Reuter durch staubende Wolken

herauf;

Sie fliehn in fest geschlossnen Gliedern

Durch Stoppeln und Graben und Sumpf mit

geflugeltem Lauf.

Gehorsam ihres Fuhrers Rufe,

Stehn alle, stampfen, und unter jedem Hufe

Erhebt sich ein Zelt. Kein Brot noch Fleisch wird

zugefuhrt;

Es flucht kein Koch, es knarrt kein Bratenwender.

Kein Topf wird angesetzt, kein Feuer angeschurt,

Gefalschten Wein verkauft kein Marketender.

Die Krippe fullt sich selbst, der Tisch ist stets

besetzt

Und jede Zunge stets mit Zyperwein genetzt.

Das Schauspiel war so unterhaltend fur den Konig, dass er ganze Tage saete und Essen und Trinken daruber vergass; er horte nicht eher auf, als bis ihm der Raum fehlte. Einer seiner Mandarinen arbeitete indessen an einer Deduktion, worinne sonnenklar bewiesen wurde, dass vor zwolf Jahrhunderten der Marktflecken Quinquina zum Konigreiche Butam gehort habe, und sobald der Beweis fertig war, zog der Konig mit seinem Heer aus, dem Konige der kalten Inseln die unrechtmassige Besitzung abzunehmen. Die Marsche gingen ubermassig schnell; da Menschen und Pferde aus ganz anderm Stoffe gemacht waren als sterbliche Soldaten, so marschierten sie Tag und Nacht in vollem Galopp und liefen gewiss uber den Nordpol hinaus, wenn die Offiziere nicht "halt" schrien. Der Konig ritt jede Viertelstunde ein Pferd tot und konnte doch nicht nachkommen; man merkte wohl, dass ihr Laufen nicht mit rechten Dingen zuging. Sobald er sie eingeholt hatte, gab er Befehl zur Schlacht; der Konig der kalten Inseln fuhrte wohl seine Truppen auch ins Feld; aber was fur eine Armee war das! als wenn ein Haufchen Maikafer sich gegen einen Schwarm Kraniche wehren wollte, der die Sonne verfinsterte! Ihre Pferde sahen klein aus wie Katzen und die Reuter, als wenn sie aus Kartenblattern geschnitten waren; einer von den Riesen aus der goldnen Buchse konnte ein halbes Dutzend davon auf der flachen Hand halten, und wenn eins von den Pferden aus der goldnen Buchse wieherte, fiel ein ganzes Glied im feindlichen Heere zu Boden. Der Konig war in Gedanken schon Herr von den samtlichen kalten Inseln und liess das Zeichen zum Angriffe geben; plotzlich erhub sich ein Nordwind, so scharf und schneidend, als wenn er mit allem Eise des Nordpols beschwangert ware; die Riesen froren steif, konnten kein Glied ruhren, und die Pferde erfroren ihnen unter dem Leibe, weil sie in einem warmen Lande gewachsen waren, wo man von dergleichen naseweisen Winden nichts wusste. Die kleinen Zwerge hingegen, die ein solches unfreundliches Luftchen nicht ubelnahmen, weil sie in ihrem Lande keinen bessern Wind hatten, hieben mit Lowenstarke in die erfrornen Riesen hinein und brachten sie doch wahrhaftig alle um; wer kein Blut sehn konnte, war nichts dabei nutze; wenn es nicht gleich gefroren ware, so ertranken die Zwerge mit ihren Katzenpferden insgesamt darinne. Glucklicherweise verstekkte sich der Eroberer in einen hohlen Baum, als der Wind so unverschamt zu blasen anfing, und errettete sich dadurch vom Frost und vom Schwerte der Feinde. Es war kein Spass, so weit von seiner Heimat, ganz allein in einem hohlen Baume zu stecken; wenn es nur wenigstens ein schones warmes Land gewesen ware! Aber bei so einer barbarischen Luft konnte er den Kopf nicht sicher aus dem Loche herauswagen, ohne dass ihm nicht die Nase erfror. Er vertrostete sich auf die Nacht, wo er aus dem Baume steigen und den Feinden ungesehn entlaufen wollte, solange seine Beine hielten; ja, gut getroffen! In solchen verkehrten Landern gibt's wohl Nacht; er wartete ewig, und es kam keine.2 Du guter Kakerlak! Wenn du ein halbes Jahr warten willst, so wird Nacht genug kommen; hier ist's nicht so wie bei dir zu Hause, wo man Licht ansteckt, wenn die Sonne zwolf oder sechzehn Stunden geschienen hat.

"Wehe mir!" seufzte der ungluckliche Eroberer im hohlen Baume, da die Nacht nimmermehr kommen wollte. "Wie wohl war mir auf meiner Ottomane! Wie schmeckte mir der persische Wein aus dem goldnen Becher und das Vogelnest aus der silbernen Schussel so wohl! Wie wickelte ich mich so warm ins seidne Bettchen und druckte mich an meine Gemahlin Ypsilon! Ach, sass ich noch in meiner philosophischen Zelle und suchte mit dem Eifer eines echten Rosenkreuzers den Stein der Weisen! Fand ich ihn auch nicht, so war ich doch in der warmen Stube. Du Tor! Was tatest du, als du dich mit Hexen einliessest und durch sie ein grosser Mann werden wolltest? Ach, Kak ... "

Die erste Silbe seines vorigen Namens war noch nicht vollig uber die Lippen, so schwebte er schon auf dem Rucken des Vogelchen in der Luft; da es sich bei so schneller Fahrt und so scharfer Luft nicht gut sprechen lasst, so blieb die ubrige Halfte des Namens im Schlunde zuruck. Das Vogelchen trug ihn soviel tausend Meilen weit nach Hause und setzte ihn ohne Schnupfen und Katarrh auf seine weiche Ottomane; er wollte ihm danken und Abbitte tun, aber es verschwand, eh er den Mund offnete.

"Ich komm euch gewiss nicht wieder in euer Land ohne Nacht", fing er an, als er sich ein wenig ausgewarmt hatte, "und wenn auf den kalten Inseln alles Eis zu Diamanten wurde, so mag ich sie nicht erobern. Hatte ich doch bei der Eroberung meine gesunden Gliedmassen einbussen konnen; nein, besser ist's, ich bleibe zu Hause und beschenke aus meinem grunen Sacke jeden, der etwas braucht."

Diesem Entschlusse gemass wollte er kunftig seine Grosse auf einem andern Wege suchen, und um die Erinnerungen seiner Beschutzerin zu nutzen, nahm er sich vor, nur das Verdienst seine Freigebigkeit empfinden zu lassen. Er gab also allen seinen Raten und Beamten Befehl, auf Personen achtzuhaben, die durch ihr Talent oder ihren Fleiss dem Reiche Nutzen oder Ehre schaffen konnten und ohne Unterstutzung keins von beiden zu tun vermochten; sein Befehl wurde treulich erfullt, und kein Tag verging, wo er nicht in den grunen Sack griff und ein gut angewandtes Geschenk machte.

Ein Landmann kam, der Vorschuss brauchte, weil ihm Uberschwemmung und Hagelwetter Ernte und Winterfutter geraubt hatte, ein andrer, der sich in einer Heide anbaun und aus unfruchtbarem Sande fruchtbare Felder machen wollte; der Konig griff in seinen grunen Sack und gab ihnen.

Ein Fabrikant kam, der im Lande eine Ware verfertigen wollte, die man wegen ihrer Unentbehrlichkeit dem Fremden abkaufen musste und dem die erste Auslage fehlte; ein Kunstler kam, der aus Mangel, um das Brot zu gewinnen, seine Kunst an schlechte Arbeiten verschwenden und sein grosses Talent vernachlassigen musste; der Konig griff in seinen grunen Sack und gab ihnen.

Ein junger Mann, dessen Talente viel versprachen, wurde dem Konige bekannt gemacht; er musste sich um des Unterhalts willen zu Beschaftigungen herablassen, die weit unter seinen Fahigkeiten waren und ihn an wichtigern Arbeiten hinderten, wodurch er sich und dem Reiche mehr Nutzen und Ehre hatte schaffen konnen; der Konig griff in seinen grunen Sack und gab ihm, dass er in Zukunft bloss fur die Wissenschaften, fur sein Talent und die Ehre der Nation leben konnte.

Tat jemand einen Vorschlag zur Verbesserung des Nahrungsstandes, zur Vergrosserung des Handels, zur Ausbreitung der guten Erziehung oder der Wissenschaften, zur Aufnahme der Kunste, er mochte den Nutzen, die Verschonerung oder die Ehre des Reichs betreffen, der Konig griff in seinen grunen Sack, und wenn gleich die Ausfuhrung nicht allemal den gehofften Vorteil verschaffte, so gewahrten sie doch wenigstens den Nutzen, dass man nun wusste, von welchen Unternehmungen man sich nichts zu versprechen hatte.

Der Konig hoffte taglich, dass sein Vogelchen wiederkommen und ihn loben sollte; aber es liess ihn ein ganzes halbes Jahr in der Ungewissheit. Endlich kam es, hupfte ihm flatternd auf die Schulter und rief: "Grosser Konig, ich lobe dich: Itzt bist du auf dem wahren Wege zur Grosse. Du unterstutzest das wachsende Verdienst; du flickst nicht am Alten, du schaffst etwas Neues. Aufhelfen ist das erste Geschafte des Regenten: Durch Unterstutzung nutzt er mehr als durch Belohnung. Grosser Konig, ich lobe dich. Bist du bald deines Glucks uberdrussig?"

"Uberdrussig?" antwortete der Konig voll Verwunderung. "Da ich erst anfange, mein Gluck zu geniessen? Nein, meines gegenwartigen Vergnugens werd ich nicht uberdrussig, und wenn ich Jahrhunderte lebte. Hatt ich mir doch nicht eingebildet, dass es so schon ware, Konig zu sein."

"Moge doch Ihrer Majestat keine Bitterkeit diesen koniglichen Geschmack verderben!" sprach das Vogelchen. "Wenn Allerhochstdieselben ihn in einem Jahre nicht zu verandern geruhen, so bin ich von meiner Strafe befreit; ich kehre dann in meiner vorigen Gestalt zum erhabnen Brocken in die Versammlung meiner Schwestern zuruck. Heil dem grossen Konige, der des Vergnugens an guten Handlungen nicht satt wird! Ich verlasse dich und erscheine dir nicht eher wieder, als bis du mich von meiner Strafe befreit hast."

Der Konig tat taglich mehr Gutes und Grosses und ward taglich vergnugter; sein Reich bluhte, seine Untertanen liebten ihn, und alle Zeitungsschreiber in Butam nannten ihn den grossen Konig. Wenn er nicht die Physiognomie des Prinzen Alfabeta hatte, so blieb er bis an sein Ende im ruhigen Genusse seiner Grosse. Der Bestohlne wurde zwar gleich den Morgen darauf, als er in den Spiegel sah, einen Mangel an sich gewahr und versprach Belohnungen uber Belohnungen, wenn ihm jemand seine Physiognomie wieder schaffte oder den Dieb anzeigte, der sich so gottloserweise an ihm vergriffen hatte; allein niemand konnte das Verlorne wiederfinden, niemand den Dieb entdecken. Noch mehr ergrimmte der Furst Omega, sein Bruder, als er merkte, dass ihm sein ganzer Hofstaat gestohlen war, nicht einmal einen Bedienten hatte er ubrigbehalten, der ihm den Tee auftragen konnte. Beide Bruder urteilten mit vieler Einsicht, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Omega starb, und sein Bruder musste sich immer noch ohne Physiognomie behelfen.

Ein Page, der zu dem gestohlnen Hofstaat gehorte, bekam einmal den sauern Dienst, der Prinzessin Frissmich-nicht die Schleppe zu tragen; sauer war der Dienst gewiss, so wenig Talent ausserdem dazu gehoren mag, eine Schleppe zu tragen, denn sie hatte die Gewohnheit, im Gehen bestandig zu taumeln, wie die hamburgischen Leichentrager, und sich oft so schnell herumzudrehn, dass der arme Schleppentrager sehr fest auf seinen Fussen sein musste, wenn er nicht an die Wand geschleudert sein wollte. Alle hatten den Dienst, seiner grossen Schwierigkeiten ungeachtet, mit vielem Verstand und Klugheit ohne Leibesschaden verrichtet; nur dieser einzige, der von etwas melancholischem Temperamente war, wollte Gewalt brauchen, wo andre kaum mit Klugheit auskamen. Er hatte die Verwegenheit, dass er die Prinzessin mit der Schleppe (in allen Ehren gesprochen) wie ein Pferd mit dem Zugel lenkte; sooft sie von der geraden Linie abweichen wollte, zog er sie so unsanft von der Abweichung zuruck, dass es keine Naht am Kleide bei ihm aushalten konnte. Wegen ihrer ungemeinen Lebhaftigkeit bemerkte die Prinzessin die Bosheit nicht eher als eines Nachmittags, da sie von der Tafel ging; sie wollte plotzlich eine von ihren Pirouetten machen; krack! schleuderte sie der misanthropische Schleppentrager in einem Wirbel herum, dass sie gerade wieder auf den Fleck sah, wohin sie vorher gesehn hatte. Die Dame war eben nicht in ihrer Festtagslaune und uberhaupt ein wenig griesgramig, wie schon ihr Name beweist; sie versetzte also dem Verwegnen ruckwarts mit dem spitzen Absatze ihrer gestickten Schuhe einen Stoss, dass er zu Boden sturzte und vor Schrekken nicht einmal ach und weh schreien konnte; sie hatte den empfindlichsten Teil seines Leibes und seiner Ehre getroffen, und er musste also aus einem doppelten Grunde beleidigt sein. Er verliess den Hof und schwur, die Beleidigung nicht anders als mit Blute zu rachen; indem er an der Grenze des Reichs uberlegte, wie er das machen sollte, horte er von dem Verluste des Prinzen Alfabeta. "Was?" sagte der Rachsuchtige. "Ware der Prinz Alfabeta nicht Konig von Butam? Hatte er sich nicht vor drei viertel Jahren mit der Konigin Ypsilon vermahlt?" Man lachte ihm ins Gesicht uber seine Fragen und hielt ihn fur einen Verruckten, der dem Tollhause entlaufen ware; der Page versicherte sie mit vieler Hitze, dass er selbst bei der Vermahlung gewesen ware; nun ging erst das Gelachter recht an; da er aber hartnackig auf seiner Meinung bestand, so liess man ihn gehn und bedauerte, dass ein so hubscher Mensch so fruhzeitig um seinen Menschenverstand gekommen ware.

Dem Pagen schien gleichwohl die Sache verdachtig, und er ging daher an den Hof des Prinzen, um sich genauer zu unterrichten; hatte er sich jemals gewundert, so tat er's itzt, da er den Prinzen Alfabeta hier erblickte, den er bisher alle Tage als Konig von Butam gesehn zu haben glaubte. Er entdeckte den Diebstahl um soviel lieber, weil es ihm eine Gelegenheit zur Befriedigung seiner Rachbegierde zu sein schien. Der Prinz war von sanftem Gemut und wollte erst die Gute versuchen; er schickte zwei Gesandte zum Konige von Butam, liess ihn manierlich grussen und geziemend um die Auslieferung seiner Physiognomie ersuchen. "Was?" fuhr der Konig von Butam bei der Audienz der Gesandten zornig auf. "Ich hatte des Prinzen Alfabeta Physiognomie entwendet? Himmel und Erde! Als wenn wir hierzulande nicht selbst Physiognomien hatten, dass wir erst dem Herrn Prinzen seine stehlen mussten, um wie rechtschaffene Menschen auszusehn."

Die Gesandten, da sie durch Gute nichts ausrichteten, entschuldigten sich sehr hoflich, dass sie also dem Befehl ihres Herrn nachleben und den Krieg ankundigen mussten. "Mir, dem Konige von Butam, mir kundigt der Prinz Alfabeta den Krieg an?" rief der Konig, zog aus der Tasche seine goldne Dose und schlug darauf. "Er komme, der Herr Prinz! er komme! Es wird mir viel Ehre sein, ihm und seinen Soldaten die Kehlen abschneiden zu lassen." Um die Gesandten, die er fur nichts Besseres als Betruger hielt, wegen ihrer Dreistigkeit zu bestrafen, liess er sie bis an die Grenze fuhren und ihnen bei jedem Dorfe, durch welches sie gingen, funfundzwanzig Rutenhiebe auf das blosse Hintergebaude ihres Leibes geben; beide litten Schmerz und Beschimpfung mit der wahren Standhaftigkeit eines Weisen und machten bei den Hieben eine Miene, als wenn sie Konfekt assen.

Der Prinz erzurnte sich gewaltig uber eine so offenbare Verletzung des Volkerrechts, die allein schon einen Krieg wert gewesen ware, und machte sogleich Anstalt, seine Physiognomie mit Feuer und Schwert wiederzuerobern, und dreist durch die Gerechtigkeit seiner Sache, zog er mit seinem Heer aus.

Der Konig von Butam besaete indessen alle Acker seines Reichs aus der goldnen Buchse; die Saat ging gut auf und trug recht brave Riesen. Als der Prinz Alfabeta die unmenschlichen Kerle und die ungeheure Menge Truppen erblickte, sank ihm der Mut, und er wurde gewiss vor Schrecken blass, wenn er seine Physiognomie schon wieder hatte. Was wollt er gleichwohl tun? Er nahm seinen ganzen Rest von Mut zusammen, hielt eine wohlgesetzte Rede an seine Soldaten, denen vor Angst die Zahne klapperten, dass sie wegen des Gerausches kein Wort von der Rede horen konnten, und ob sie gleich nichts verstanden hatten, so fand er doch zu seiner Beruhigung, dass ihre Tapferkeit und Streitbegierde auf seine Ermunterung sichtbar zunahm. Die Schlacht ging an; ach, ihr armen Soldaten des Prinzen Alfabeta, wie ging es euch! Die Riesen zogen nicht einmal die Sabel, taten nicht einmal einen Schuss, sondern fingen die Feinde mit den Zahnen, wie die Katze die Mause, zerbrachen ihnen das Genick und speisten sie lebendig auf, wie ein Hecht einen Weissfisch verschluckt. Der Prinz merkte bei guter Zeit, dass man bei solchen Leuten seines Lebens nicht sicher war, machte rechtsum und entkam den Barbaren, die sich kein Gewissen machten, ihre Nebenmenschen lebendig zu verschlingen; er kam zwar ziemlich erschrocken und abgemattet, aber doch glucklich mit allen seinen gesunden Gliedmassen im Schlosse an und liess gern seine Physiognomie unerobert.

Aufgemuntert durch das Gluck seiner Waffen, verfolgte der Konig von Butam seinen Sieg, nahm das ganze Land des Prinzen ein und ihn selbst gefangen; er hielt einen Siegseinzug in seiner Residenz und wurde mit allgemeinem Frohlocken bewillkommt. Er war zwar nicht wenig besorgt, dass eine so grosse Armee allen Raum in seinem Reiche wegnehmen, Akkerbau und Viehweide hindern und dadurch Teurung und endlich gar Hungersnot erzeugen wurde, allein das Schicksal endigte seine Sorge in wenigen Wochen. Diese Karaiben, die ohne Grausamkeit keine Minute hinbringen konnten, rieben sich untereinander selbst auf, da ihnen die Feinde fehlten; einer frass den andern, und der letzte starb an einer tiefen Wunde, die ihm ein solches Ungeheuer mit seinen scharfen Zahnen in die rechte Brust versetzt hatte.

Zweites Buch

Der Konig von Butam war zu glucklich, um es lange zu bleiben; bei so vielen und grossen Freuden dachte er an keinen Uberdruss, und der Zeitpunkt, wo er seine Beschutzerin von der Strafe befreien sollte, nahte sehr heran. Ihre heimtuckischen Schwestern sahen es mit Unwillen und hielten deswegen einen Reichstag auf dem Brocken, um zu beratschlagen, wie sie die Befreiung einer Schwester hindern sollten, die ihnen wegen ihres guten Herzens verhasst war. Die Hexe Schabernack, die gefahrlichste und schlauste unter allen, blies zuerst Larm; sie war Statthalterin des Weltteils, worinne das Konigreich Butam lag.

Sie setzt ihr Horn wie rasend an den Mund,

Und in dem ganzen Erdenrund

Erschallt der furchterlichste Ton:

Der Walfisch horcht im Nord mit aufgesperrtem

Rachen;

Des Sudpols Eisgebirge krachen;

Der Wolkenraum erbebt vor diesem Schreckenston.

Kaum dringt er in der Schwestern Ohren,

So fodert jede gleich die Stiefeln, Peitsch und

Sporen;

Und ohne weitres Aufgebot

Sitzt wie auf einem Zug in jedem Teil der Erde

Im Augenblick der Hexen Schar zu Pferde.

Der Erdbewohner sieht mit Angst den Himmel rot

Von langgestreiftem Feuer gluhen;

Der Landmann ruft: "Die Hexen ziehen."

Leichtsinnig glaubt der Philosoph ihm nicht,

Will kluger sein und nennt's ein nordlich Licht;

Doch wer durchs Denken sich nicht Schaden tat am

Glauben,

Der hort wohl in der Luft genau die Rosse

schnauben.

Zuerst erreicht den tiefbeschneiten Berg

Ein Schwarm von Nordens Zauberinnen,

Sibiriens und Gronlands Herrscherinnen,

Gefuhrt von einem braunen Zwerg,

Den ein genaschig Weib so lehret Gronlands

Sage

Von einem Walfisch einst gebar.

Von Trane glanzend, fliegt wie ein Komet sein

Haar;

Ein Fischbein schwingt sein Arm, und unter seinem

Schlage

Schiesst schneller als ein Pfeil der Seehund, der ihn

tragt,

Dass um ihn her wie Staub die Wolken stieben.

Ihm folgt, in jeder Reihe sieben,

Der Zaubertrupp; hier zieht, nie angeregt,

Ein Rentier flugelschnell, ein Meerschwein dort

den Schlitten.

Mit Tran zum Labetrunk gefullt, umgurtet mitten

Ein dicker Schlauch den Pelz, der die Matronen

ganz

Vom Kopf zu Fusse deckt, Erkaltung zu verhuten;

Den Scheitel ziert ein ungeheurer Kranz

Von Graten schon gewebt. Zwei Chore wuten

In wildem Tanze nebenher;

Die rauhe Trommel schallt, die Muschelschalen

schmettern,

Als brullte Low, als brummte Bar,

Als zitterte die Luft von zwanzig Donnerwettern,

Tont furchterlich, aus hohler Brust geheult,

Das Zauberlied.

Zunachst nach ihnen eilt

Das grosse Heer herbei, das unter allen Zonen

Die kupferfarbnen Nationen

Der Neuen Welt beherrscht. Pizarros3 Seele ritt

Mit blutendem zerrissnen Beine

Als Postillion voran auf einem Stachelschweine,

Fur alles, was von ihm der Peruaner litt,

Verdammt zu dieser Pflicht. O welcher wuste

Haufen,

Welch scheckiges Gemisch ohn Ordnung folgt ihm

nach!

Die einen tummeln sich auf Schlangen, andre

laufen,

Der eine Kopf ist rund, der andre flach,

Der dritte spitz und ein Quadrat der vierte;

Die eine schwingt die Streitaxt mit Geschrei,

Als wenn sie in die Schlacht Huronen fuhrte;

Die andre ritzt die blut'ge Wang entzwei

Und dreht in engem Kreis die schweissbenetzten

Glieder;

Hier blokt ein wilder Schwarm aus vollem Halse

Lieder,

Bis das gepresste Blut die Backen kirschbraun

farbt;

Dort spritzt in Stern und Mond, die sich mit

Abscheu wenden,

Ein andrer dampfend Blut mit vollgeschopften

Handen;

Hier schleicht ein nackter Trupp, an Huft und Brust

gekerbt,

Mit tiefgesenktem Kopf und furchterlichem

Brummen;

Dort tanzen Mutterchen mit rotgemaltem Steiss.

Wohin ihr Zug sich lenkt, sturzt vom Gebirg das

Eis

Zerberstend in das Tal; die Winde selbst

verstummen;

Mit Todesangst verkriecht sich Mensch und Wurm.

Des Brockens tiefbeschneiter Gipfel

Bebt unter ihnen kaum, so schuttelt schon ein

Sturm

Auf dem Gebirg umher der Eichen alte Wipfel

Und meldet sausend schon den dritten Haufen an.

Er kam vom warmen Morgenlande,

Wo der Chineser Tee aus buntem Porzellan

Mit stillem Ernste schlurft, von dem erhitzten

Sande

Des weiten Afrikas, wo dem geglanzten Mohr

Der Sonne nahe Glut die breite Nase senget

Und wo vor einen Ort man sag ihn sich ins Ohr

Der Hottentottin die Natur ein Schurzchen hanget.4

Ein toller Heiliger, der durch des Betens Kraft

Den Weibern Fruchtbarkeit, den Mannern Starke

schafft5,

Lief vor dem Trupp als Laufer her und schwenkte

Um den entblossten Leib die Geissel, dass sein Blut

Die Wolken, wo er ging, mit roten Stromen trankte.

Was Schwarmerei, was finstre heil'ge Wut

Ersinnen kann, sein eignes Fleisch zu qualen,

Das sieht man hier. Ein tolles Weib

Liess voll Begeistrung sich den Leib

So rein, wie einen Apfel, schalen

Und tragt an einer Stang ihr eignes totes Fell.

Man folgt mit Toben der flatternden Fahne,

Man drangt sich, man beisst sich mit gierigem

Zahne,

Man ritzet und dreht in taumelnden Sprungen sich

schnell.

"Platz!" schallt es plotzlich durch die Lufte;

Gleich wird der Berg wie Tag von tausend Fackeln

hell;

Es fullen ihn des Weihrauchs susse Dufte,

Und leise tont der lieblichste Gesang.

Da kommt mit feierlichem Gang,

Mit Kranzen auf dem Haupt und in den Handen

Kerzen

Im schwarzen Totenkleid die ungezahlte Schar,

Die unter Millionen Schmerzen

In Gallien auf dem Altar

Des rohen Aberglaubens brannte,

Die Teutschland zum Schafott als Zauberinnen

sandte,

Die sich in Spanien zur Zauberei bekannte,

Der Folter durch die Flammen zu entgehn.

Zum Lohn des Martyrtods geniessen sie die Ehre,

Sich uber alle zu erhohn.

Sie sind umringt von einem grossen Heere

Trabanten in Kalott und Skapulier;

Die heil'gen Vater sind's, durch deren Rachbegier

Der Pater Grandier6 im Scheiterhaufen flammte,

Weil er die Wunder frech verdammte,

Die doch ein Kloster tat. Wie haun

Ins Zaubervolk hinein die schwarzen Pfaffen,

Dem langen Zuge Platz zu schaffen,

Den alle still in tiefer Ehrfurcht schaun!

Die ehrwurdige Schar nimmt mit den Obersten jedes Weltteils ihre Sitze ein; das Volk lagert sich im Schnee; die schwarzen Trabanten gebieten Stillschweigen, und die Hexe Schabernack tritt auf, um ihren Vortrag an die Versammlung zu tun; sie hustet dreimal und beginnt in Hexametern, die der Kanzleistil auf dem Brocken bei allen offentlichen Reden erfodert:

Schwestern, die ihr durch Kunst die Herzen der

Menschen regieret,

Sie zu Wunschen entflammt, sie von

Leidenschaften hinweglenkt,

Hort mich mit willigem Ohr! Gerecht beschlossen

wir letzthin

Mit einmutigem Spruch, die Verwegne von uns zu

stossen,

Die des Schicksals ew'ges Gesetz aus weichlichem

Mitleid

Storte; sie busset in Qual; doch bald wird die Strafe

sich enden,

Wenn ihr der Listigen nicht mit schneller

Entschliessung zuvorkommt.

Soll ein Sterblicher sich im Arm des Vergnugens

ergotzen

Und der Ekel ihn nie mit leisem Schritte

beschleichen?

In das flammende Herz des Verliebten giessen wir

plotzlich

Einen loschenden Strom; mit gesattigter Liebe

verschmahen

Manner die Weiber; des Ehrbegierigen Seele, den

Abgrund,

Uberfullen wir oft; wir verwandeln die kostlichsten

Speisen

In ein ekelndes Gift dem genaschigen Gaume, die

Reize

Jedes Sinnes in Wollust, in Langeweile das Denken

Und nicht selten in Last den Odem des Lebens, und

Butams

Glucklicher Konig allein soll nicht dem Gesetze

gehorchen?

Nein, ich dulde das nicht; ich will in geborgten

Gestalten

Seinem Palaste mich nahn und durch mannigfaltige

Listen

Seiner Freude den Tod bereiten.

Wofern ihr des Ordens

Ansehn nicht hasset, so gebt mir unbeschrankende

Vollmacht.

Das letzte Wort war noch nicht vollig ausgesprochen, so schallte ihr schon ein vollstimmiges "Ja" in allen Sprachen des Erdbodens entgegen; sie begab sich an ihren Platz, und die Versammlung entschied noch einige wichtige Angelegenheiten. Der grosste Teil des gemeinen Haufens murrte, dass unter den Menschen Orthodoxie und Ketzerei bald aus der Mode kommen sollten und dass bald keiner dem andern um seines Glaubens willen einen Ritz in den Finger schneiden wurde, denn sie sahen die Veranderungen unsers Jahrhunderts voraus. Die Hexen aus gewissen Gegenden Teutschlands, wo es itzt noch Hexen gibt, brusteten sich bei dieser Gelegenheit nicht wenig, dass bei ihnen die naseweise Freiheit im Denken und Schreiben noch lange unter die geistliche Konterbande gehoren wurde, und eine portugiesische Nonne verlas ein lateinisches Lobgedicht auf die Inquisition, allein es fand keinen Beifall, weil man schon damals auf dem Brokken vom Geschmack an geistlichen Inquisitionen zuruckgekommen war.

Der Tag brach an, und die Versammlung trennte sich; die Hexe Schabernack eilte vermoge ihrer Vollmacht zum Palaste des Konigs von Butam und fuhr in die Leibkatze der Prinzessin Friss-mich-nicht. Das Tier kam seiner Gebieterin ganz anders vor, seitdem die Hexe darinne steckte; es schnurrte nicht mehr, verlor ganz seinen vorigen guten Charakter, kratzte und biss, wenn man es anruhrte, und fing endlich gar an zu reden. So etwas hatte selbst einen Philosophen in Verwirrung bringen konnen, und die Prinzessin, ob sie gleich keine Philosophin war, urteilte doch sehr scharfsinnig, dass dieser Vorfall nicht ganz nach dem Laufe der Natur geschahe, und schloss daher sehr richtig, dass Hexerei dabei vorgehn musste.

"Grosse Prinzessin", sprach die Katze, "der Konig liebt dich nicht, und du bist ihm gram. Ich will dir helfen, ihm einen Possen spielen. Sooft du willst, dass ihm etwas Unangenehmes begegnen soll, so sage 'Kak', und du wirst deine Freude an seiner Unruhe sehn."

Von da begab sie sich zum Bruder, dem Prinzen, und sagte ihm: "Erhabner Prinz, du liebst den Konig, und der Konig ist dir gewogen; du wunschest taglich, dass es ihm wohlgehn mag; ich will deine Freude vermehren. Sooft du einen solchen Wunsch fur den Konig tust, so sage 'Kak', und er soll sogleich erfullt werden."

Zuletzt ging sie auch zur Konigin. "Huldreichste Monarchin", fing sie an, "du liebst deinen Gemahl zuweilen, und er ist dir mannichmal auch nicht ungeneigt; du hast oft Langeweile bei ihm und er nicht selten bei dir. Sooft du ihm und dir ein Vergnugen wunschest, so sage 'Kak', und er muss dir's schaffen."

Die listige Hexe verliess ihre Wohnung und setzte sich auf die Feueresse, um die Wirkung ihrer Bosheit zu sehn. Die arme Katze kam am schlimmsten dabei weg, denn zum grossen Leidwesen der Prinzessin starb sie auf der Stelle von der Einquartierung.

Die Prinzessin, die sich's nicht zweimal sagen liess, wenn sie einen Possen spielen sollte, begab sich sogleich ins Vorgemach des Konigs; der Prinz eilte aus gutem Herze eben dahin, um geschwind dem Konige etwas Gutes zu wunschen. "Kak", rief die Prinzessin, "Kak", rief der Prinz, und in der Minute legte jedes ein Ei; sie sahen sich voll Verwundrung an. "Kak, kak, kak", schrie die Prinzessin. "Wird denn das verwunschte Eierlegen bald aufhoren? Da sind schon wieder drei Stuck." Sie rief voll Zorn: "Kak, kak, kak", und je mehr sie rief, desto mehr legte sie Eier, desto mehr verwunschte sie die Eier, stampfte, schimpfte auf die Hexe, die ihr den Streich spielte, und musste von neuem rufen und von neuem Eier legen. Der Prinz, der von einem viel sanftern Temperamente war, verrichtete sein Geschafte mit vieler Gelassenheit, sprach sehr gutmutig: "Kak", und sagte mit ebenso gutmutigem Tone, wenn er sich umsah:

"Schon wieder ein Ei?"

Die Prinzessin wurde immer heftiger und warf endlich vor Grimm alle ihre Eier an die Wand; sie rollten unter die Produkte des Prinzen, eins stiess an das andere, alle brachen entzwei. Und welches Wunder! aus jedem Dotter wurde ein Mensch, und jeder dieser Menschen war einer von dem Heere, das ehmals die Vorgemacher bevolkerte, da die Grossen noch der Etikette fronten und die Fesseln des Zeremoniells noch nicht zerbrochen hatten wie itzt. Grosstursteher, Grossschlusselbewahrer, Grosskleiderkammermeister und wie sie weiter hiessen, und

Alle standen chapeau bas

Frisch gepudert, scharf geschultert da.

Jeder ging an seinen Posten, der Prinz und die Prinzessin in ihre Zimmer und begriffen nicht, was aus dem Wunderwerke werden sollte.

Der Konig wollte auf die Jagd gehn und glaubte noch wie sonst Herr seines Willens zu sein; er gab Befehl; der Befehl wurde dem obersten Stallmeister uberbracht und brauchte eine ganze Stunde, eh er von diesem durch alle mittlere Instanzen zu dem Reitknechte hindurchkam, der das Pferd vorfuhren sollte; ebenso viele Zeit brauchte er, um sich von dem ersten Oberjagermeister bis zu dem niedrigsten Jagdburschen durchzuschlagen, der mitreiten musste, und zwei ganze Stunden wurden erfodert, ehe die Verordnung des ersten Marschalls zu allen gelangte, in welcher Uniform jeder sich einfinden sollte, der zur Begleitung bestimmt war. Der Konig verging beinahe vor Verdruss; er sah mit Verwundrung vom Fenster, dass sich eine Menge Pferde versammelten, als wenn er in den Krieg ziehen wollte. Die Begleitung wartete im ersten Vorgemache, aber niemand konnte zum Konig und der Konig nicht heraus; alle Turen waren verschlossen und der Grossturbewahrer noch nicht da, der den Schlussel dazu hatte. Er kam endlich, und vier Stunden, nachdem der Befehl aus dem Munde des Konigs gegangen war, brach der Zug auf.7

Es liessen sich Fremde vorstellen, und der Konig sprach mit ihnen, wie ein Mensch von Verstande mit einem Menschen von Verstande, offen, lebhaft, ohne Zwang. Als er sie von sich gelassen hatte, tat ihm der Grossfremdenvorsteller einen Vortrag, worin er ihm die Erinnerung gab, dass Ihre Majestat bei der Audienz wider die Regel der Etikette verstossen und mehr gesprochen hatten, als einem Monarchen anstandig ware. Der Konig fragte lachend, was einem Monarchen nach seiner Etikette anstandiger ware zu sprechen? "Nichts", antwortete jener, "als zwei Fragen, eine uber den Weg, die andre uber die Gesundheit." "Ich will reden wie ein Mensch, der zu reden weiss und bei Leuten, mit denen er spricht, Unterricht oder Vergnugen sucht", sagte der Konig unwillig. "Hat denn ein Klotz mehr Wurde als ein Mensch?" Durch diese unbedachtsame Rede tat er sich vielen Schaden bei den Grossen des Reichs; denn sie waren nicht unzufrieden, dass er redte, sondern dass er mit jemand ausser ihnen sprach; es entstand allgemeines Murren.

Der Konig wollte eine von seinen vorigen Freigebigkeiten ausuben und griff nach seinem grunen Sakke; wo war er? Der Grosssackbewahrer hatte ihn unter seine Aufsicht genommen. Umsonst befahl der Konig, ihn auszuliefern; der Verwahrer desselben behauptete, dass allein ihm das Recht zukame, die Auszahlungen aus dem Sacke zu tun; auch dies liess sich der Konig gefallen, aber sooft er Befehl zu einer gab, so machte der Sackbewahrer so viele Gegenvorstellungen und Einwendungen, wenn er keine Lust dazu hatte, dass eigentlich nicht mehr der Konig, sondern sein Sackbewahrer Gnaden austeilte und dass sie daher nicht der Verdienstvolle bekam, sondern wer vor diesem Herrn am besten kriechen konnte.

Nicht besser ging es mit dem roten Nachtstuhl und der goldnen Buchse; der Konig wollte taglich, befahl taglich, und niemals wurde sein Wille, niemals sein Befehl erfullt; er war nichts als eine Puppe, die den Konig vorstellte, die Ehre des Monarchen genoss und den Willen der Grossen unterzeichnete.

Er klagte seiner Gemahlin seine Not, wie sehr er in Vormundschaft geraten ware und wie wenig er sich davon befreien konnte; sie erinnerte sich an den Rat der Katze und antwortete ihm nichts als "Kak". Sie vermutete, dass sich auf dieses Wort alle Vergnugen der Erde um sie her versammeln wurden; aber es geschah nichts. Sie wiederholte den Ausruf zum zweiten, zum dritten Male: Es geschah nichts. Verdriesslich schmahte sie schon bei sich auf die betrugerische Hexe, als sie von ungefahr ihren Gemahl anblickte und in seinem Gesicht eine ungewohnliche Munterkeit wahrnahm, die immer mehr wuchs, je langer sie ihn ansah, und sich endlich so sehr vergrosserte, dass er sich des Tanzens nicht enthalten konnte; er fasste sie bei der Hand, sang eine Bourree und sprang mit ihr herum, dass sie beide zuletzt atemlos auf die Ottomane sanken. Er machte noch denselben Tag Anstalt, Opern, Seiltanzer, Virtuosen auf allen Instrumenten, Schauspieler, Kastraten, Sangerinnen, Taschenspieler und tausend andere edle und unedle Kunstler in Dienste zu nehmen, und der Sackbewahrer, der wohl wusste, was es bedeutet, wenn der Monarch sich ganz auf die Seite des Vergnugens lenkt, machte diesmal nicht eine einzige Einwendung. Er schrieb mit eigener Hand an alle Orte, um das Vortreffliche in jeder Art des Vergnugens am Hofe des Konigs zu versammeln; Operntheater wurden gebaut, worauf ein ganzes Regiment manovrieren konnte, Redoutensale von ungeheurer Grosse, Amphitheater zu Tiergefechten, alles so gross und prachtig, als es die Imagination des Baumeisters zu ersinnen vermochte. Vom Morgen bis zum Abend tat man nichts, als dass man von Vergnugen zu Vergnugen eilte.

Kaum offnete der Tag die Augenlider,

So hallte schon der Wald vom Jagerrufe wider.

Mit wildem Schreien treibt aus dem Gebusch ins

Feld,

Von hohen Wanden weit umstellt,

Ein Bauernchor das scheue Wild. Dort schreitet

Mit schwankendem Geweih der sichre Hirsch

hervor

Und bleibt mit Staunen stehn; er reckt den Hals

empor

Und ahndet keinen Tod. Ihm folgt, von ihm

geleitet,

Ein endenreicher Trupp in langen Reihen nach.

Der Buchse Donner schallt, der dreiste Fuhrer

sinkt.

Die bange Schar, zum Fliehn vor Schrecken

schwach,

Sieht bebend, wie sein Blut der durst'ge Rasen

trinkt.

Der zweite Schuss pfeift durch die Luft und streckt

Den zweiten hin. Wie springt der geangstete

Haufen,

Dem drohenden Tod zu entlaufen!

Und findet ihn, wo er am wenigsten schreckt.

Hier hebt sich, uber die Schranken zu hupfen,

Ein Mut'ger empor und sturzt verwundet herab;

Ein andrer grabt, darunter wegzuschlupfen,

Sich listig einen Weg und grabt sich sein Grab.

Ihr Toren flieht umsonst; was kann euch Schutz

gewahren?

Der Mensch ist euer Feind, aufs Rauben nur

bedacht,

Den nicht wie den empfindungsvollern Baren

Der Mangel bloss, den selbst die Lust zum Morder

macht.

Das blut'ge Schauspiel ist vollbracht;

Man ubersieht mit Stolz die totenvolle Szene.

Mit schallendem Triumphgetone

Verlasst man sie und eilt, bei einem reichen Mahl

Die Heldentaten zu erzahlen.

Man kehret zum Palast, ein andres Kleid zu

wahlen,

Und neugeschmuckt erscheint man festlich in dem

Saal,

Wo auf dem vollen Tisch aus Meere, Luft und

Garten,

Aus Sud und Ost die schonsten Leckerein

In tiefstudierter Ordnung warten,

Mit gleichem Reize Gaum und Auge zu erfreun.

Hier brustet sich, aus buntem Teig geschaffen,

Ein spiegelreicher Pfau, den niemand essen mag;

Gleich unessbar und gleich bewundert, gaffen

Auf einem Berg von Moos mit ausgeholtem

Schlag,

Der niemals treffen wird, zwei Affchen wild sich

an.

Ein Entenvolkchen schwimmt auf einem See von

Bruhe;

An steilen Alpen klettern Kuhe

Zum Gipfel, voller Schnee von Eierweiss, hinan;

Ein Eber lauscht mit scharfgewetztem Zahn

In einem Eichenwald von Petersil und Mandeln.

Kein Essen, das die Kunst in fremde Form nicht

zwang!

Die Kunst, mit der Natur in ew'gem Zank,

Liess Fisch' in Vogel sich verwandeln,

Schuf aus des Hasen Fleisch des Lowen furchtbar

Bild.

Bewundert ist die Pracht, der Appetit gestillt,

Die ganze Jagd erzahlt, die Unterhaltung trocken.

"Was?" ruft der Konig aus und halt die Uhr

Mit Schrecken in der Hand, "beim zweiten Gange

nur

Und doch so spat? Die Hunde locken

Den Fuchs zum schweren Kampf." Er sagt's und

springt empor,

Die edle Zeit mit Klugheit einzuteilen

Und nicht bei einer Lust zu lange zu verweilen,

Wenn eine neue ruft. Ihm folgt der ganze Chor

Der satten Esser nach. Trompet' und Pauken

schallen;

Die Schranken offnen sich, und unaufhaltsam fallen

Den langgeschwanzten Fuchs die Hunde bellend

an.

Sie bellen, und er beisst, sie beissen, und er schreit;

Er wehrt sich, flieht und stirbt, sobald er keins

mehr kann.

Doch, Muse, tut dir's nicht um deine Verse leid?

Verschwende sie an keine Grausamkeit!

Die Lust, die eines Tiers gequalter Tod gewahrt,

Ist keines einz'gen Verses wert.

Schon lange laurt im Opernsaal die Menge,

Bricht Bank' und Arm' entzwei in druckendem

Gedrange

Und wunscht mit Ungeduld den Fuchsen schnellen

Tod,

In Hoffnung langer nicht zu schmachten.

Itzt rollt der Pauke Larm daher, und tobend droht

Der Sinfonie Gerausch mit Krieg und blut'gen

Schlachten.

Der Vorhang rauscht, und schnell wird alles Ohr.

Vom Schauplatz tont ein stimmenvoller Chor

Mit feierlicher Pracht durch den gewolbten Saal

Und druckt dem Herz mit tiefen Zugen

Erstaunen ein. Ein Held, gekront mit Siegen,

Kehrt mit dem Heer zuruck; er legt den blut'gen

Stahl

In der Geliebten Schoss und weiht sich Amors

Kriegen.

Kuhn, wie ein leichter Gems durch

Schweizerklippen hupft,

Springt eine Meisterhand in labyrinthschen Gangen

Die Silbersaiten durch; gewalzt wie Wellen

drangen

Die Tone bald sich rauschend fort, bald schlupft

Der schleichende Gesang hernieder und erlischt,

Wie ein verliebter West um eine Tulpe wirbt,

Sie sanft beruhrt und dann mit leisem Seufzer

stirbt.

Wie von des Fruhlings Hauch zum Leben

angefrischt,

Die Lerche wirbelnd steigt und in den Wolken

schlagt,

So steigt und sinket durch der Tone Leiter

Ein tonender Sopran in leichten Trillern weiter

Empor, als selbst Apollens Lyra tragt.

Durch ungetreue Lieb in Raserei versenkt,

Tobt die Prinzessin dort, dass Schlepp und Kleid

sich schwenkt;

Zorn brauset im Gesang, dass jede Nerve bebt,

Wenn die Beleidigte den Dolch zur Brust erhebt.

Die Heere ziehn, die Schilde klirren,

Der Donner rollt, am Himmel irren

Die Blitze kreuzend hin; im Augenblick

Wird der Palast zum Hain, der Hain zur oden

Wuste,

Die Wildnis eine Flur und durch ein Zauberstuck

Ein Tempel aus der Flur. Ein schwebendes

Geruste,

Mit Wolken reich behangt, mit Lampen schon

erhellt,

Tragt einen Gott herab, der seine Majestat

Mit banger Furcht vergisst, sich nach den Stricken

dreht

Und angstlich sorgt, dass nicht die Wolkenkutsche

fallt

Und er den Gotterhals auf seiner Reise bricht;

Doch langt er glucklich an, dann kommt in sein

Gesicht

Die Gottheit gleich zuruck, und furchtbar ist's zu

sehn,

Wie er die Welt mit Blick und Trillern itzt

erschuttert,

Dass sie vor ihm, wie er vor seiner Reise, zittert.

Das Opfer flammt, die Priester flehn,

Parterr, nebst Logen, sehnt sich nach dem

Abendessen;

Man lasst den Gott, so gut er kann, nach Hause

gehn

Und findet, wohl gespeist, die Oper doppelt schon.

Wie? waren bei dem Plan zwolf Stunden Nacht

vergessen?

Zu Freuden ungenutzt, verschliefe man die

Nacht?

Nein, weislich ward schon langst auf sie gedacht.

Ist nicht im Tanzsaal schon ein buntes Volk

versammelt,

Das sein Gesicht mit Wachs und Leinwand deckt,

Mit roten Wangen prahlt, mit Riesennasen

schreckt,

Oft durch die schwarze Mask ein schones Auge

steckt,

Bald stumm durch Zeichen spricht, bald lispelt

oder stammelt?

Rauscht die Musik nicht schon mit wilder

Frohlichkeit?

Wie schwebt die Perserin dort mit beflugeltem

Schritte,

Leichtfliegend und sanft wie ihr flatterndes Kleid!

Wie schielt sie bei jedem gemessenen Tritte

Nach lachelndem Beifall herum!

Ein krummgebuckter Greis wirft seines Alters

Burde

Gleich einer Feder ab und dreht wie ein Jungling

sich um;

Ein Pfarr' vergisst auf einmal Ernst und Wurde

Und schwenkt sich profan wie ein Weltkind herum;

Der eine hat Witz, der andre Biskuit zu

verschenken,

Mit Spott ergotzt sich der eine, der andre mit

Schwanken.

Kein einz'ger, der sich nicht in der falschen Rolle

gefallt,

Nicht seine wahre mit Freuden vergisst!

Das bunte Volk ist ganz das Bild der Welt;

Ein jeder scheint, was er nicht ist.

So ging es Tag fur Tag; aber je mehr die Vergnugen sich drangten, desto geschwinder wurde der Konig sie uberdrussig. Er gahnte bei der Jagd, er gahnte bei Tische, er gahnte bei der Fuchshetze, er gahnte bei der Oper, er gahnte bei der Redoute, und um das beschwerliche Gahnen nicht zu einer Krankheit werden zu lassen, sann man auf Neuheit.

Das Possenspiel trat auf die Buhne,

An schonen Arien und Albernheiten reich.

In Locken wie ein Schlauch und mit verzerrter

Miene

Spielt einem Narren hier ein Narrchen einen

Streich.

Der Primadonna Spiel ersetzet an Grimassen,

Was an Verstand den Worten fehlt;

Sie liebt, sie wird betrubt und dann vermahlt

Und weiss sich im Final vor Freuden nicht zu

fassen.

Man geht heraus; hat viel gehort und nichts

gedacht,

Hat alles toll genannt und doch gelacht.

Sobald die Neuheit dieser Possen vorbei war, so fing der Konig an gewaltiger zu gahnen als jemals; man riet also, sein abgenutztes Vergnugen mit etwas recht Starkem anzufrischen.

Mit Gift und Dolch, mit Tranen und mit Schrecken

Rauscht unter grausem Pomp das Trauerspiel

daher,

Das weiche Herz zu Furcht und Mitleid zu

erwecken.

Von Ehrgeiz angespornt, ermordet auf Begehr

Der Gattin ein Vasall den Herrn im sichern

Schlafe,

Steigt auf den Thron und wird ein grasslicher

Tyrann,

Wurgt wie ein Wolf die waffenlosen Schafe,

Minister, General, Freund, Kinder, Weib und

Mann.

Doch bald verfolgt den Bosewicht die Strafe;

Die Geister der Erwurgten stehn

Vor ihm im Bett, vor ihm beim Freudenmahle,

Und die erschrocknen Augen sehn

Geronnen Blut im blinkenden Pokale.

Die Hexen kochen das schwarze Gemisch

Der Zaubersuppe, die Luft zu vergiften;

Die Winde sausen mit wildem Gezisch,

Und blasse Tote steigen aus Gruften,

Zu prophezein, dass schon den Dolch die Rache

zuckt;

Und was geschieht? Der Wutrich wird zerstuckt

Und seine bose Frau verruckt.

"Ach!" rief der Konig. "Wollt ihr mich denn mit euren schrecklichen Lustbarkeiten ums Leben bringen? Solche abscheuliche Dinge machen schwere Traume. Dass mir in Zukunft kein Mensch mehr auf dem Theater verruckt wird, oder ich lass ihn gleich ins Tollhaus bringen und den Poeten dazu. Konnen die Leute nichts Lustiges spielen?" Man gehorchte dem Verlangen.

Ein komisch Spiel durchgaukelte die Szene,

Mit Scherz und Laune Hand in Hand.

Mit Selbstgefallen buhlt die abgelebte Schone

Und findet jeden dumm, der sie nicht reizend fand;

Der Alte predigt Sittenlehren,

Nennt's Torheit, wenn man liebt, und liebt, wenn's

niemand merkt;

Der Geiz'ge lasst vom List'gen sich betoren,

Und den Verschwender will der schlechte Wirt

bekehren.

Bald gibt, durch muntern Witz gestarkt,

Dem Hohn die beissende Satire

Das Lacherliche preis; zu andrer Zeit

Erweckt das Drollige den Geist zur Heiterkeit;

Bald malt ein zartlich Herz in susser Trunkenheit

Der Liebe Schmerz, der Liebe Seligkeit,

Ein andres die Verlegenheit,

Wenn man vor Liebe brennt und das Gestandnis

scheut.

Vom Hofmann bis zum Musketiere

Sieht jeder seines Stands Philosophie,

Manieren, Sitten, Sprach in richtiger Kopie.

"Das ist mir recht", sprach der Konig, "dabei wollen wir bleiben; das Lacheln macht aufgeraumt, das Lachen guten Schlaf und guten Appetit."

Als acht Tage vorbei waren, beschwerte er sich, dass ihm etwas fehlte; jedermann war schon bereit, es herbeizuschaffen, sobald er es nennen wurde. "So etwas, das Augen und Ohren beschaftigt", antwortete er, als ihn seine Gemahlin darum befragte. "Der Witz und die Laune sind wohl gute Dinge, aber sie werden's nicht ubelnehmen, wenn man sie endlich auch uberdrussig wird."

Man brachte ein Ringelrennen, ein Feuerwerk, einen Wettlauf in Vorschlag. "Recht so!" war des Konigs Antwort. "Das ist gerade meine Sache."

Laut wiehernd stampft der Hengst im Karussell,

Mit langgestrecktem Galopp durch die staubende

Laufbahn zu jagen,

Zum Siege den glanzenden Ritter zu tragen.

Dicht, wie ein Wald vom Strahl der Morgensonne

hell,

Geordnet in zwei Reihen, blitzen

Der Lanzen aufgepflanzte Spitzen.

Begierig wartet schon, dem das gezogne Los

Den ersten Lauf bestimmt', aufs langverschobne

Zeichen.

Die Pauke schallt, schnell fliegt, wie vom Bogen

ein leichtes Geschoss,

Mit wankendem Federbusch Ritter und Ross,

Die Mitte des schwebenden Rings zu erreichen.

Ach! welch ein neidisches Geschick

Lenkt neben ihm vorbei die schwere Lanze?

Ein ungluckselig Ross bei allem seinen Glanze,

Kehrt ohne Paukenschall der traur'ge Gaul zuruck,

Und seufzend senkt die leere Lanze

Der Ritter mit verschamtem Blick.

Um soviel mutiger durchrennt der zweite

Die Bahn auf einem Ross, durch langen Ruhm

bekannt;

Mit ausgestrecktem Arm fliegt ihm das Gluck zur

Seite

Und lenkt ihm hulfreich Lanz und Hand.

Wie braust der stolze Wallach, da das Eisen

Des abgestochnen Rings am glatten Stahle klirrt

Und im gespitzten Ohr die Siegstrompete schwirrt!

Wie hebt der Sieger sich, wenn alle rings ihn

preisen,

Und klatscht den edeln Hals des Pferdes mit

Triumph!

Bald wurde fur die uberfullten Sinne

Des Konigs diese Lust, gleich jeder andern,

stumpf.

"Wie sate die Natur die Freuden dunne!"

So seufzt' er oft. "Mit geiler Fruchtbarkeit

Gedeihn Verdruss und Langeweile."

Der ganze Hof studiert mit Emsigkeit,

Ein Mittel auszuspahn, das diesen Trubsinn heile.

Indessen wird in grosster Eile

Ein Feuerwerk hervorgebracht,

Wie seit der Schopfung keins auf unserm Erdball

brannte.

In Gnaden schuf dazu der Himmel eine Nacht

So pechschwarz, dass kein Mensch sich selbst

erkannte.

Wald, Ufer, Tal, Gebirge kracht

Von funfzig donnernden Kanonen.

Am Berge steigt ein feuriger Palast

Selbst Feen wurden gern darinne wohnen

Wie hergezaubert auf. Dort walzt sich eine Last

Von Feuer in die Luft mit prasselndem Getummel;

Raketen speit der flammende Volkan

Zu Tausenden empor; sie bilden einen Himmel,

So sternenreich, dass Venus, Wassermann

Und Grosser Bar erlischt. Es prasselt, platzt und

kracht

Weg ist der sternenreiche Himmel,

Geld, Pracht und Lust verdampft und alles finstre

Nacht.

Der Konig geriet ausser sich vor Entzucken und verlangte nunmehr zu seiner Gluckseligkeit nichts als Feuerwerke; an allen Orten wurden Pulvermuhlen angelegt; man ging auf nichts aus, als Schwefel und Salpeter zu entdecken, und die Feuerwerker wunschten sich doppelt so viele Hande, um ihre Arbeit desto geschwinder fodern zu konnen. Schon bei dem funften Feuerwerke beschwerte sich der Konig uber Einformigkeit in den Erfindungen, und das sechste sah er gar nicht.

Da er mit seinem Vergnugen und die Hofleute mit ihrer Erfindsamkeit ganz erschopft waren, so wandte er sich an seine Akademie und gab ihr den Auftrag, die Erfindung eines neuen Vergnugens zur Preisaufgabe dieses Jahrs zu machen. Es liefen eine Menge Abhandlungen ein: Ein Astronom empfahl die Betrachtung des gestirnten Himmels und die Berechnung der Kometenbahnen; ein Antiquar riet die Entzifferung und Aufsuchung alter Denkmaler an; ein Philosoph behauptete, dass ein Mensch gar keinen Kopf haben musste, wenn er Langeweile in einer Welt hatte, wo es Metaphysik gabe; so erteilte jeder seinem Vergnugen den Vorzug und glaubte, dass alle Menschen mit ihm auf einem Wege zur Gluckseligkeit gelangen mussten und nur darum nicht dazu gelangten, weil sie einen andern gewahlt hatten. "Lauter bekannte Dinge!" rief der Konig voll Zorn, als man ihm von den eingelaufnen Vorschlagen Bericht erstattete. "Etwas Neues will ich." Jeder gestand in Untertanigkeit, dass es ihm unmoglich ware, dies Verlangen zu erfullen, weil... "Ach", unterbrach sie der Konig, "beweist mir nur nicht, was ich deutlich genug sehe. Es ist kein Wunder, dass ihr niemals Zeit ubrig habt, wenn ihr alles beweist, woran niemand zweifelt. Halt ich mir nicht eine Akademie, die mir so vieles Geld kostet, und doch kann sie mir nicht einmal das Leben ertraglich machen."

Er warf sich verzweiflungsvoll in seinen Armstuhl und beschloss den Genuss des Vergnugens damit, dass er gar keins glaubte. "Wie wohl war mir", sagte er, "da ich noch in meinem stillen, einsamen Hauschen den Stein der Weisen und die Naturkrafte suchte; ich fand zwar keins von beiden, aber ich war doch durch die eingebildete Hoffnung glucklich, dass ich sie finden wurde. Wie ist der Weg des Genusses in diesem Leben so kurz! Er fuhrt in einem kleinen Zirkel herum, und mit sechs Schritten ist man wieder an dem Orte, wo der Weg anfing. Ach war ich noch der weise Kak ... "

Ohne seinen Willen hatte er in seinem Verdrusse den Ton ausgesprochen, der ihn daraus erretten sollte; das Vogelchen kam auf diesen Ruf herbei, lud ihn auf seine Flugel und fuhrte ihn weit von Butam hinweg zum Schlosse eines teutschen Edelmanns, der nach den damaligen Sitten soviel trinken konnte als zwanzig Sterbliche in unserm gegenwartigen entkrafteten Menschenalter.

Drittes Buch

Der Herr von Blunderbuss lag im tiefsten Schlafe, als sie vor seiner Residenz anlangten, schnarchte und traumte von den Spassen, die ihn des Nachts vorher bei dem Weinglase belustigten. Die Hexe setzte indessen ihren Freund Kakerlak in einem leeren Weinfasse ab, das auf dem Hofe stand, schlaferte ihn ein und sann auf Mittel, ihn zu einem noch ungenossnen Vergnugen geschickt zu machen.

Was sie mit ihm im Sinne hat, lasst sich ohne das mindeste Nachdenken erraten: Er soll den Wein austrinken, den der Herr von Blunderbuss in seinem Keller liegen hat. Die grosste Schwierigkeit war nur, wie ihm seine Beschutzerin einen so grossen Durst beibringen sollte, als zu einem solchen Unternehmen gehorte, da er zeitlebens in allen tierischen Bedurfnissen so massig gewesen war, wie es sich von einem Philosophen verlangen lasst, und da er selbst als Konig von Butam diese Massigkeit beibehalten hatte; denn ob er gleich die kostlichsten Weine auf die Tafel setzen liess, so liebte er sie doch nur als eine Art von Pracht, ohne jemals davon zu trinken.

Das Vogelchen sass vor dem Schlafzimmer des Herrn von Blunderbuss, ernsthaft nachdenkend, und fand kein besseres Mittel zur Ausfuhrung ihres Plans, als dass sie die Seelen der beiden Leute vertauschte. Kakerlaks Seele und Korper, sagte es sich, sind beide so massig, dass sie in diesem Schlosse Jahrhunderte wohnen konnten, ohne sich das Vergnugen zunutze zu machen, das hier zu haben ist; aber wenn ich dem massigen Korper eine durstige Seele zur Aufsicht gebe, so muss er wohl trinken, er mag wollen oder nicht.

Dies tiefgedachte Urteil beweist, dass die Hexe stark in der Logik sein musste und dass sie einen scharfen Blick in die Okonomie des menschlichen Wesens getan hatte. So schnell, als man denkt, hatten die beiden Seelen ihre Wohnhauser verwechselt, und damit der Blunderbussische Korper nicht etwa Handel anfinge, wenn ihm seine neue Herrschaft nicht anstande, so musste er mit ihr im Weinfasse sein Quartier nehmen; das Vogelchen begab sich hinweg, sobald die Zauberoperation geschehn war.

Noch nie sah man so deutlich, wie schlimm es in einem Hause hergeht, wenn Herr und Diener nicht zusammenpassen, als da die Blunderbussische Seele und der Kakerlakische Korper aus dem Bette aufstehn wollten. Sie war von den Dunsten des gestrigen Rausches noch umnebelt; sie merkte wohl, dass im Gehirn um ihr her alles anders war wie sonst, aber ans Nachdenken nicht sonderlich gewohnt, liess sie sich nichts anfechten, sondern fing an, ihre Maschine in Bewegung zu setzen. Welche Unordnung! Wenn sie ein Bein aufheben wollte, zog sie am Arme; anstatt den Arm zu bewegen, zog sie am Munde; es ging ihr wie einem Puppenspieler, wenn er die Faden verfehlt, womit er seine agierenden Personen regiert. Da sie schlechterdings nicht mit ihm zurechtkommen konnte, ergriff sie die kurzeste Partie und gab ihm einen Stoss, dass er zum Bette herausrollte. Der Bediente des Herrn von Blunderbuss, der diese Art aufzustehn bei seinem Herrn gewohnt war, argwohnte nichts Ausserordentliches, sondern kam auf das Gerausch des Falles sehr gelassen herbeigeschritten, seinem Herrn auf die Beine und in einen Stuhl zu verhelfen. Desto grosser war sein Erstaunen, da er den gefallnen Korper aufrichtete und eine ganz andere Nase, andere Augen, Hande und Fusse und sogar eine kleinere Statur an ihm erblickte, als sein Herr bisher hatte; er konnte mit allem seinen Nachsinnen keine naturliche hinreichende Ursache zu einer solchen Veranderung finden und vermutete daher sehr richtig, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge. Die Blunderbussische Seele wollte zu trinken fodern, aber die Kakerlakische Zunge, die der teutschen Sprache nicht machtig war, brachte nach vielen Verzerrungen des Gesichts ein kauderwalsches Gemisch hervor, das halb aus Teutsch und halb aus der Sprache von Butam zusammengesetzt war. Der Bediente, der keine Silbe verstand, fragte voll Verlegenheit einmal uber das andere, und je mehr er fragte, desto mehr ubereilte sich die Seele in ihrem Unwillen, desto mehr grimassierte das Gesicht, desto verwirrter sprach die Zunge. "Mein Herr muss besessen sein", sagte der erschrockene Mensch und eilte mit allen Kraften, den Pater herbeizuholen, der ihn exorzisieren sollte; die arme Seele musste indessen schmachten und plagte die Maschine ganz jammerlich, die unter ihrem Befehle stand, wie ein schlechter Reuter ein statiges Pferd, ohne sie vom Stuhle bewegen zu konnen.

Der Pater kam an und war gleichfalls uber die Veranderung nicht wenig erstaunt, da er den Tag vorher mit einem ganz andern Herrn von Blunderbuss gegessen und getrunken hatte; um nicht zu ubereilt zu verfahren, versammelte er seine Bruderschaft aus dem ganzen Umkreise. Ihre Uberlegung ging ohne allen Streit und ohne alle Verschiedenheit der Meinungen vonstatten, denn der ganze Synodus traf gleich die Wahrheit und entschied einmutig, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge und dass hier nichts als ein recht starker Exorzismus helfen konnte. Sie fingen ihre Beschworungen an, und je mehr sie dem vermeinten Teufel zusetzten, desto erzurnter tobte die Blunderbussische Seele in ihrer Wohnung herum. Die Beschworer fuhren unablassig fort und winkten sich mit freudigem Lacheln zu, dass sie nach ihrer Meinung dem bosen Feinde so viel Angst machten; sie beschworen so lange, bis sie mude und hungrig wurden, und beschlossen daher, sich zu Tische zu setzen und sich zum Kriege wider den Teufel neue Krafte zu sammeln.

Der vermeinte Besessene wurde wie rasend, als man ihn in seinem eigenen Hause vom Tische ausschloss und einer Diat unterwarf, die ihm nicht wohl behagte; die Paters assen und tranken mit gutem Appetit zur Ehre des Sieges, den sie bald uber den Satan zu erlangen hofften.

Die Hexe Schabernack, die auf jeden Schritt ihrer verwiesenen Schwester genau achtgab, machte indessen Gegenanstalten. Sie schloss so: Der Korper eines massigen Philosophen und die Seele eines Trunkenbolds sind zwei Dinge, aus deren Zusammensetzung der vollkommenste Mensch entstehen kann; der Korper halt die Seele zuruck, wenn sie mit ihren Begierden die Grenzen uberschreiten will, und die Seele treibt den Korper an, wenn er in der Massigkeit zu weit geht. Ein solcher Mensch wird sich also bestandig im glucklichsten Gleichgewichte befinden, nie zu viel und nie zu wenig begehren und folglich von keinem Vergnugen so viel kosten, dass er Uberladung, Sattigung und Uberdruss befurchten darf.

Sie bewunderte die grosse Menschenkenntnis, die ihre Schwester auf ein so sinnreiches Mittel gebracht hatte, wodurch sie ihre Erlosung unfehlbar bewirken konnte; sie stahl daher die Prinzessin Friss-mich-nicht und ihren Bruder aus dem Bette und kam mit ihnen eben an, als die Teufelsbeschworer bei Tische sassen. Augenblicklich verwandelte die tuckische Hexe die Prinzessin in ein grosses Deckelglas, mit schonen Figuren und sinnreichen Versen geziert.

Die Geisterbeschworer wurden durch den Wein so munter, dass sie endlich gar eine Gesundheit wider den bosen Feind ausbrachten; sie suchten das grosste Dekkelglas aus, das im Hause zu finden war, und ihre Wahl musste vor allen das bezauberte treffen, weil es sich selbst durch seine Grosse empfahl. Es wurde mit vieler Freude angefullt, und der Oberste in der Gesellschaft setzte es an den Mund. "Au!" schrie er, wollte das Deckelglas auf den Tisch stellen und konnte nicht, denn die Prinzessin Friss-mich-nicht biss ihn so heftig in die Lippen, dass sie sich nicht losmachen liessen. "Au, au, au", rief der gebissne Pater unaufhorlich und rennte in der Stube herum, das Deckelglas an den Lippen. Um ihren Mitbruder aus des Teufels Gewalt zu befreien, fingen sie mit lauter Stimme an, das Dekkelglas zu exorzisieren, und um sie desto mehr zu plagen, liess die Prinzessin nach. Sobald es von den Lippen war, wurde es auf den Tisch gestellt, von neuem angefullt, exorzisiert; aber es blieb dabei: Wer es an den Mund setzte, wurde gebissen und schrie "Au".

Da sich dieser bose Geist durchaus nicht zum Gehorsam bringen lassen wollte, so wahlte man das kleinste Glas auf dem Schenktische, weil ein so enges Behaltnis nur einen kleinen Satan enthalten konnte. Schon getroffen! Als sie danach griffen, steckte die Hexe Schabernack den Prinzen Lamdaminiro hinein. Kaum war es gefullt und kaum hatte es der erste den Lippen genahert, so sprang ihm das Glas auf den Rucken; der Prinz bildete sich ein, auf einem Pferde zu sitzen, gab dem schreienden Pater die Sporen und trabte auf ihm im Zimmer herum, setzte uber Stuhle und Tische und ruhte nicht eher, als bis sein vermeinter Gaul atemlos und entkraftet zur Erde sank. Die ubrigen, die fur eine solche Reuterei dankten, wollten der Ehre entfliehn und sturzten sich mit schrecklichem Getose zur Ture hinaus.

Hier schwenkt, dass Glas und Teller zerbricht,

Sich uber den Tisch ein fluchtiger Pater;

Dort kriecht ein schwerbeleibter Herr Konfrater

Mit Achzen unterm Tisch dahin; ein andrer ficht

Mit Handen und Fussen, sich Raum zur Flucht zu

verschaffen;

Hier dieser schutzt sich mit geistlichen Waffen,

Dort jener ergreift in der Angst den Braten zum

Schild.

Man drangt sich, man stosst sich, man bittet, man

schilt;

Hier betet man "Jesus Maria", dort schreit man

"Au wehe",

Der eine beklagt die Schulter, der andre die Zehe;

Man winselt, man weint, man blokt, man schwitzt;

Denn jeder glaubt, dass der Satan mit blutigen

Sporen ihn ritzt.

Sie entkamen diesem Abenteuer, um einem andern zu begegnen. Kakerlaks Seele und der Blunderbussische Korper waren indessen im Weinfasse aufgewacht. Sosehr sich die Seele uber das sonderbare enge Wohnhaus verwunderte, so verwunderte sie sich doch noch mehr uber die Veranderung zunachst um sich herum. Sie bekam von ihrem neuen Gefahrten ganz andere Empfindungen als sonst; solange sie in einem sichtbaren Korper wohnte, war aus ihm kein so brennender Durst zu ihr aufgestiegen wie itzt; alle Triebe, die durch die sterbliche Maschine in ihr erregt wurden, waren Triebe der Unmassigkeit, alle Gefuhle widersprachen ihren Grundsatzen und Begriffen. Wollte sie nicht vom Drange ihrer Empfindungen uberwaltigt sein, so musste sie sich beizeiten in Autoritat setzen, und sie hielt daher dem durstigen Korper eine sehr nachdruckliche Ermahnungsrede. "Liebes Korperchen", sagte sie ihm, "du wirst ein wenig zudringlich; du willst mich mit aller Gewalt zwingen, wider meine Grundsatze und Einsichten zu handeln und mich durch tierische Vergnugungen zu entehren. Ich sage dir ernstlich, dahin bringst du's nicht bei mir; gib dir weiter keine Muhe. Ich habe deine Schwachheiten bisher geduldet wie die Fehler eines Freunds; du bist eine Masse von Luft, Erde, Feuer und Wasser, weiter nichts; du bist mir als mein Diener zugegeben, als mein Sklave, der mir auf den Wink gehorchen und nicht den Herrn uber mich spielen soll; weisst du das wohl? Wenn du deine Unverschamtheit zu weit treibst, so zieh ich von dir aus; ich habe so lange ohne dich gelebt, als ich seit Jahrtausenden in der Luft herumschwebte und die Zeit erwartete, wo ich eine solche Fleischmasse wie dich beleben sollte; ich kann dich wohl entbehren, aber was willst du ohne mich anfangen? Verlass ich dich, so fallst du zusammen und musst dich begraben lassen. Ich rate dir also wohlmeinend, sei massig! Fodre nicht mehr, als zu deiner Erhaltung notig ist; die Natur bedarf wenig, und es ist eine Ubertretung ihres ersten Gesetzes, wenn man ihr mehr aufdringt, als sie braucht."

In diesem Tone predigte sie lange und sehr grundlich uber das Laster der Unmassigkeit, handelte im ersten Teile von seinen schadlichen Folgen, im zweiten von den Mitteln, ihr zu widerstehn, und war eben bei der Nutzanwendung, als die fliehenden Paters im Hofe anlangten. Da der Strafeifer sie bei ihrer Predigt sehr ubernahm, so blieb es nicht bei einem innern Herzensgesprache zwischen einer Seele und ihrem Korper, sondern sie zwang ihn, sich die Lektion vernehmlich und laut selbst zu halten.

"Was?" riefen die Fluchtlinge voll Schrecken, als die Ermahnung aus dem Spundloche in ihre Ohren schallte, "nun predigen uns gar die Weinfasser die Massigkeit? Das ist ein rechter Satansstreich. Noch ist es gut, dass er seine Kanzel in einem leeren aufgeschlagen hat; Bruder, lasst uns beizeiten zuvorkommen, eh er auch in die vollen fahrt." Der Rat war so gut ausgedacht, dass ihm alle ohne Anstand folgten; sie eilten in den Keller, exorzisierten und tranken so lange, bis keine Zunge mehr exorzisieren konnte.

Das Zimmer war also leer, wo die Blunderbussische Seele in ihrem philosophischen Korper schmachtete, und alles so still, dass es ohne Selbstgesprach nicht abgehn konnte; die durstige Monade war zwar sonst an Selbstbetrachtungen nicht gewohnt, aber das Ausserordentliche ihres gegenwartigen Zustandes notigte sie wider ihren Willen dazu. Jeder Ton, jede Farbe, jeder Gegenstand kam ihr anders vor als sonst, weil sie durch ein Paar andre Augen sah und durch ein Paar andre Ohren horte; die bekanntesten Dinge schienen ihr fremd, und es kostete ihr sogar Muhe, ihr ehmaliges Leibglas unter den ubrigen wiederzuerkennen; der Weingeruch, der sie sonst so labte, kam ihr widrig und der Weingeschmack ekelhaft vor. Sie harmte sich uber die Abnahme ihres Vergnugens und ward von der Traurigkeit so sehr uberwaltigt, dass dem Korper die Tranen in die Augen traten; vor Verdruss wunschte sie, sich von einem Leibe zu trennen, der ihr nur matte Empfindungen zuschickte und ihre liebsten Vergnugungen in Bitterkeit verwandelte.

Wahrend dass sie sich so angstigte und den Tod um Hulfe flehte, kam die Seele im Weinfasse mit ihrer Predigt uber die Massigkeit zu Ende, und weil sie damit bei dem unmassigen Korper hinlanglichen Gehorsam bewirkt zu haben vermeinte, um sich ohne Schaden mit ihm unter die Menschen zu wagen, so machte sie Anstalt, aus dem Fasse herauszukommen; sie gab dem Korper einen Stoss, der Korper gab ihn der Tonne, und die Tonne fiel auf die naturlichste Weise von der Welt um, rollte auf den Steinen hin, eine steinerne Treppe hinunter, die Reifen sprangen ab, das Fass fiel auseinander, und die eingesperrte Seele kam nebst ihrem Korper auf die naturlichste Weise von der Welt aus dem Fasse.

Ebenso naturlich ging es zu, dass der Korper, ohne die Seele weiter darum zu fragen, seinen Weg gerade nach der Stube nahm, wo er so oft gezecht hatte: Es geschah aus Instinkt. Wenn sich doch das Erstaunen mit Worten beschreiben liess, das die beiden Seelen uberfiel, als jede ihren bisherigen treuen Gefahrten erblickte, ohne mit ihm in der vorigen Verbindung zu stehen! Sie wussten sich's nicht anders zu erklaren, als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, und um hinter das Geheimnis zu kommen, liessen sie sich in ein Gesprach ein.

"Welcher Sappermenter hat mir meinen lieben Korper genommen", fing die Blunderbussische Seele an, "und mich in eine solche verdammte Maschine gesteckt, der Geschmack, Geruch und alle andre Sinne fehlen?"

"O hattest du ihn noch, diesen lieben Korper!" antwortete die andere, "er wird mich noch um alle meine Philosophie bringen."

"Welches Hundeleben, wenn der Korper nichts taugt!" klagte die erste.

"Welche Qual, wenn der Korper bestandig den Herrn spielen will!" jammerte die andere.

"Schaff mir einen Dolch oder eine Pistole!" rief die durstige Seele. "Ich will die verwunschte Maschine ins Herz stossen, damit ich von ihr loskomme; was soll ich in so einem baufalligen Leimenhaufen sitzen, dem weder Essen noch Trinken schmeckt?"

"Hatt ich einen Dolch, so wurd ich ihn gewiss zu meiner eigenen Errettung anwenden", unterbrach ihn die philosophische Seele. "Ich werde durch eine solche Wohnung erniedrigt. Ach, wenn ich mich von den Fesseln der Materie losmachen und frei, von der Sinnlichkeit gereinigt, in meinen vorigen Zustand zuruckkehren konnte!"

"Gutiger Tod, erlose mich!" riefen beide, aber aus entgegengesetzten Bewegungsgrunden. Ihre Klagen waren so herzbrechend, dass sogar die Hexe Schabernack Tranen daruber vergoss; aber man will behaupten, dass sie die Tranen mehr aus Arger als aus Mitleid vergoss. Sie besorgte, dass die beiden verzweiflungsvollen Seelen Ernst machen und sich wirklich entleiben wurden, alsdann hatte sie keine Bosheit mehr an ihnen ausuben konnen, wozu sie einen starken Hang besass.

Eine Hexe kann die Wirkungen der andern nicht aufheben, und sie suchte daher ihre Schwester Tausendschon mit verstelltem Mitleid zu bewegen, dass sie Ungluck verhuten und jede Seele wieder an Ort und Stelle zuruckbringen sollte. Das gute Herz liess sich durch die Listige einnehmen und eilte voll Schrecken herbei, die Bezauberung zu endigen; sie versetzte die beiden Korper in einen tiefen Schlaf, damit die Operation desto ungehinderter vor sich gehen konnte, und unterdessen brachte sie jede Seele wieder in ihr voriges Wohnhaus.

Hexe Schabernack lachte dreimal laut in der Luft, als ihre List so gut gelungen war, und spottete der gutherzigen Schwester, dass sie sich hatte betrugen lassen; sie konnte vor Begierde die Zeit nicht erwarten, wo die Schlafenden von selbst erwacht waren, sondern jagte in des Herrn von Blunderbuss' Nase eine Fliege, die ihn so empfindlich kitzelte, dass er unaufhorlich im schonsten Trompetenklange nieste.

So stark das Gerausch war und so sehr Blunderbuss es durch sein ungeduldiges Fluchen uber das ewige Niesen noch vermehrte, so weckte es doch den schnarchenden Kakerlak nicht, und die Hexe sah sich genotigt, starkere Mittel zu gebrauchen, um seinen tiefen Zauberschlaf zu vertreiben. Sie fuhrte eine Wespe durch die Offnung einer Fensterscheibe herein, die von den Patern in ihrer ubereilten Flucht zerbrochen wurde; das summende Tier grub ihm seinen Stachel in die Schlafe; er fuhr auf, schlug es tot und schlief wieder ein, obgleich das Blut aus der Wunde quoll. Da an diesem philosophischen Korper mit keinem Sinne etwas auszurichten war, so naherte sich die Hexe seinem linken Ohre und rief mit schmeichelnder Stimme hinein: "Grosster aller Philosophen, grosser Kakerlak, steh auf!" Sogleich offneten sich seine Augenlider; er sprang auf und wollte mit lachelnder zufriedner Miene sich fur einen so sussen Titel bedanken; aber zu seiner Verwunderung erblickte er kein menschliches Wesen um sich als den dicken aufgeschwellten Blunderbuss, der viel zu materiell aussah, als dass eine solche Schmeichelei von ihm herruhren konnte; er vermutete also, dass es nur ein Traum gewesen ware.

Beide Teile befanden sich noch einmal so wohl, da der eine wieder ganz Herr von Blunderbuss und der andere wieder ganz Herr Kakerlak war. Es ist, wie schon jemand gesagt hat, mit Leib und Seele wie mit Futter und Oberzeug an einem Kleide: Beides muss nach einem Masse und nach einem Muster zugeschnitten sein, sonst passen sie nicht zusammen. Blunderbuss stellte vor allen Dingen eine Untersuchung im Keller an, ob die Bezauberung sich etwa auch auf seinen Wein erstreckt hatte, zahlte seine Fasser zweimal, dreimal durch und glaubte, das Zahlen verlernt zu haben, da er seinen Vorrat zweimal so gross fand als vor der Bezauberung; alle Paters, die sich uber dem Exorzisieren im heiligen Eifer zu Boden tranken, hatte die schadenfrohe Schabernack in Weinfasser verwandelt und eines jeden Kopf so ahnlich, als wenn er lebte, in seinen Zapfen en haut relief geschnitten. Blunderbuss geriet ausser sich vor Entzucken und liess sogleich den Bruder Hieronymus anzapfen, um seinen Gast zu bewirten.

Es wurde aufgetragen; der Wirt fand den Wein uberaus kostlich und konnte sich nicht sattigen. Kein Wunder! denn die Hexe hatte ihm die Prinzessin Frissmich-nicht ins Glas gespielt, die bei jedem Zuge die ausserst reizbaren Organe des Trinkers mit ihren kleinen Fingern so lieblich streichelte, dass er vor Vergnugen selbst nicht wusste, wie ihm geschah. Er notigte seinen Gast bei jedem Glase, einem so guten Beispiele zu folgen, allein Kakerlak, der ganz wieder zum Philosophen geworden war, seitdem er die konigliche Wurde verloren hatte, wehrte das Glas weit von sich ab und war schon im Begriffe, einen sinnlichen Menschen zu verlassen, durch dessen Gesellschaft er sich zu entehren glaubte, doch die Hexe Schabernack wusste ein unfehlbares Mittel, ihn zuruckzuhalten. Indem ihm der Herr von Blunderbuss mit gewaltsamen Zunotigungen ein volles Glas an den Mund hielt, spielte sie mit ihrer fertigen Taschenspielerkunst den Prinzen Lamdaminiro hinein, der dem Philosophen leise zuflisterte: "Weisester unter allen Weisen, grosser Kakerlak, trink mich aus! Erhabenster unter allen Sterblichen, wurdige mich, dass ich von dir getrunken werde! Mich bestimmte das Schicksal dem grossten Philosophen der Erde. Trink mich aus, grosser Kakerlak!"

Wie geschmeidig gab seine Philosophie nach! Er schluckte begierig das Glas hinunter, das dem grossten Sterblichen bestimmt war, und foderte ein zweites, um die schmeichelnde Auffoderung zum Trinken noch einmal zu horen; er horte sie und schenkte sich ein, um sie wieder zu horen; er trank fast noch unersattlicher als sein Wirt und berauschte sich in Schmeichelei und Wein so sehr, dass er Sinn und Sprache verlor.

Die Hexe wusste nach ihrer feinen Menschenkenntnis sehr wohl, dass eine solche Uberladung den Uberdruss am schnellsten herbeifuhren musste, und darum hatte sie ihn so listig zur Unmassigkeit zu bringen gesucht. Wie sie wollte, so geschah es: Als der Weiseste unter den Weisen von dem Schlaf erwachte, worein ihn die Trunkenheit versetzte, fuhlte er sich so matt, so zerschlagen! Seine Philosophie war so schwach wie sein Kopf, der nicht einmal Gedanken genug zusammenbringen konnte, um sich an die Lobspruche zu erinnern, die ihm des Tags vorher aus dem Weinglase entgegentonten. Kraftlos schleppte sich der grosse Kakerlak in einen Stuhl, seufzte und klagte in lauten Jammertonen uber die Erniedrigung seines denkenden Wesens, uber die Schande, dass sich seine geistige Substanz so von den Sinnen hintergehn und so mildtatig berauschen liess. "Wie bin ich gesunken!" rief er. "Nimmermehr werd ich wieder der weise Kak ..."

Husch! war das Vogelchen da und flog mit ihm davon.

Hexe Schabernack war nicht fauler als ihre Schwester. Husch! gab sie dem betrunkenen Blunderbuss eine Ohrfeige, packte Prinzessin und Prinzen auf und jagte mit ihnen so geschwind, als eine Hexe durch die Lufte fahren kann, den beiden Abgereisten nach. Die Ohrfeige, die der Betrunkene zum Abschied empfing, hatte eine eigne Kraft: Sie verwandelte ihn in ein grosses Passglas, woran sein Wappen und Portrat geschnitten war und seine Ohren die Henkel ausmachten; es wird noch itzt als ein Familienstuck aufbewahrt und hat grossen heraldischen Nutzen.

Viertes Buch

Fur Hexen ist ein Trab von Teutschland nach Konstantinopel so wenig als fur ein paar Beine, die keiner Hexe gehoren, der Weg aus der Stube in die Schlafkammer; sie hatten kaum dreimal nach der Ausfahrt Atem geschopft, so lag schon Kakerlak in einem Spargelbeet im Garten des Serails zu Konstantinopel.

Der Grosssultan ging eben mit tiefem Nachdenken im mittelsten Gange spazieren und uberlegte, bei welcher Gemahlin er die kunftige Nacht schlafen wollte; da er ein sehr spekulativer Herr war und zur Auflosung des vorhabenden Problems alle seine Gedanken versammelt hatte, so merkte er nicht einmal, dass ihm Hexe Tausendschon das Kleid vom Leibe, den Turban vom Kopfe und die Stiefeln von den Fussen wegblies und ihm dafur Kakerlaks Kleidung anzauberte. Itzt hatte er glucklich seine Beratschlagung geendigt, einen Entschluss gefasst und wollte seinem Maitre des plaisirs die notigen Befehle erteilen: Ach, du armer Grosssultan! Wie schlimm wurde dir zumute, als du dich in einem andern Kleide erblicktest! In dem Kleide eines Unglaubigen! Da du nur in einem einzigen Artikel, den die Hexe aus Schamhaftigkeit ungekrankt liess, ein Muselmann warst!

Er sagte sich zwar gleich, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, allein die Hexerei war ihm eben zu so hochst ungelegner Zeit geschehn, dass er alles daran wagte, um in den Palast zu dringen: Es half ihm nichts, dem armen Grosssultan. Die Wache liess ihn zuruck und fuhrte ihn gar ins Gefangnis, dass er sich unterstanden hatte, in den geheiligten Garten des Serails zu kommen; er beteuerte und schwor bei dem Barte des grossen Propheten, dass er der Herr des Palasts ware: Es half ihm nichts, dem armen Grosssultan; es erkannte ihn niemand dafur, weil ihm des Grosssultans Kleid fehlte. Kakerlak, dem seine Beschutzerin des Sultans Kleid angezogen hatte, kam vom Spargelbeete majestatisch dahergeschritten und wurde um seines Kleides willen mit der tiefsten Ehrfurcht eingelassen. Er ging auf den Wink seiner Beschutzerin die Treppe hinan, die hohe Flugelture des Zimmers offnete sich.

Nachlassig warf er sich auf einen Sofa hin,

Elastisch nahm in eine tiefe Hohle

Der seidne Sitz ihn auf. Mit Augen voller Seele,

In Gang und Miene Reiz, tritt eine Sangerin,

Mit vorteilhafter Kunst in leichten Flor gehullt,

Durch den ein Busen schielt, mit Reichtum

uberfullt,

Wie eine Grazie daher.

Mit Absicht und doch stets als durch ein Ungefahr

Lasst ihm Gebard und Schritt verborgne Reiz'

entdecken,

Um einen Wunsch zum Trotz der Weisheit zu

erwecken,

Bei dem auch Catos Wangen gluhn;

Bescheiden gnug, um anzuziehn,

Und frei genug, nicht abzuschrecken,

Erwartungsvoll, dass man sie zwingt zu fliehn,

Um dann, erhascht nach langem Strauben,

Mit Widerwillen gern gezwungen dazubleiben.

Der neue Sultan rieb sich die Stirne, seufzte und winkte; sie nahm seinen Wink fur einen Befehl an und sang. Ihre sultanische Hoheit hatten nur Augen, aber keine Ohren! Er konnte seinen Blick an der niedlichen Figur nicht sattigen.

Das Vaterland der Schonen war Kaschmir,

Von der Natur gewahlt zum Sitz der Liebe.

Von schweren Wolken niemals trube,

Mit ew'gem Grun geschmuckt, deckt ein Gebirge

hier

Aufs wollustreiche Land den langgedehnten

Schatten,

Dass nicht der Sonne Strahl der Schonheit Blute

sengt,

Die Lebensgeister nie in schwuler Glut ermatten

Und trage Dusterheit auf keiner Stirne hangt;

Dort atmet stets vom nahen Meergestade

Ein kuhlend Luftchen her, belebt des Junglings

Mut,

Giesst in des Madchens feurig Blut

Die milde Zartlichkeit, weht von des Lebens Pfade

Die Sorgen weg und macht

Den feingewebten Sinn den Freuden immer offen.

Wo die Natur so freundlich lacht,

Da lasst sich mit Gewissheit hoffen,

Dass sie nur Grazien, nur Gotterbilder schafft;

Doch hier hat ihre Schopferkraft

Durch Niedlichkeit sich selber ubertroffen.

Zwei Arme, kugelrund, vom feinsten Wachs

bossiert,

Mit einer Haut so zart wie Eierweiss glasiert;

Zwei Augen, die so viel, was man nicht sagt,

verlangen,

Zwei rote hochgewolbte Wangen,

Die jedem Mund befehlen: "Kusse mich!"

Zwei Lippen ... Doch was qual ich mich, sie zu

beschreiben?

So viel ist nun schon klar, es fehlte nichts, um sich

Mit blossem Sehn die Zeit vortrefflich zu

vertreiben.

Auch setzte Herr Kakerlak seine Philosophie ganz beiseite und wurde so sehr Sultan, dass er aufstand, um die niedliche Sangerin bei der Hand zu fassen, als eine neue Schonheit hereintrat.

Aus China brachte sie ein schlauer Handelsmann,

Der tausend nur Prozent an ihr gewann,

Ins kaiserliche Lustgehege,

Doch bloss als eine Seltenheit,

Wie mancher von den reichen Erdensohnen,

Die keine Sultan' sind, mit porzellanen Schonen

Aus China und Japan und solcher Kostbarkeit

Kamin und Tische schmuckt; es ist nicht zum

Gefallen,

Zum Nutzen noch zur Lust, nur einzig zum

Besehn.

Das Wundertier blieb an der Ture stehn

Und liess nicht einen Blick auf unsern Sultan fallen.

Ein lebend Ebenbild der strengsten Sittsamkeit,

Die Augen stets gesenkt, die Hande, Busen,

Nacken

In seidnen Stoff versteckt und immer auf den

Backen

Das sanfte Rot verschamter Schuchternheit,

So stand sie leblos da, wie Albrecht Durers8

Damen,

Mit klosterlicher Blodigkeit.

Der Sultan sah erstaunt die ausgerissnen

Augenbramen,

Die bleiche Totenfarb im ernsten Angesicht.

Er fragte sie und wusste nicht,

Wie ihm geschah, denn ihrer Antwort Tone

Erschallten durch zwei Reihn pechschwarz

gefarbter Zahne.

Er drehte sie herum und fand

Ein neues Wunderwerk: Ein Schritt entdeckte,

Was ihm bisher das lange Kleid versteckte

Ein Fusschen, klein wie eine Kinderhand.

"Bei Mahomet", begann der Sultan laut zu fluchen,

"Hier mag ich nicht nach Wundern weiter suchen;

Es konnte mich vielleicht gereun."

"Du bist kein Hausrat in ein Serail; geh!" und mit diesen Worten wies der erzurnte Sultan der ehrbaren Chineserin mit den pechschwarzen Zahnen und den kleinen Fusschen die Ture. Er wollte sich eben zur Kaschmirin hinwenden:

Schnell flog im wilden Tanz der Wollust und der

Freude

Zirkassiens schonstes Madchen herein.

Die vollen Bruste schwollen beide

Durchs weichende Gewand, das, leicht geschurzt,

allein

Die Huften deckt' und alles unverhullet

Dem Auge liess, was unterm Feigenblatt

Die Mutter Eva nicht verbarg. Ihr Lied erfullet

Des Sultans Herz, das nie so hoch geschlagen hat,

Mit einem sussen Weh, den Kopf mit sussem

Schwindel.

Dergleichen uberaus angenehmer Fall kam unserm Herrn Sultan nicht vor, solang er auf der Welt war, um soviel weniger darf man es ihm verdenken, wenn er ihn etwas angriff. Die Gottin der Wollust schien den schonsten Korper zu ihrer Wohnung gewahlt zu haben, um in eigener Person die Standhaftigkeit des armen Kakerlaks zu besturmen. Das verzweifelte Sultanskleid musste schuld daran sein, denn sie hatte kaum zwei Minuten getanzt und gesungen, so griff er schon nach dem Schnupftuche, und zu Anfange der dritten lag er schon in ihren Armen, so gross war seine Not.

Nun wird ein schones Leben angehn, lieber Leser; da wir beide auf Ehrbarkeit halten, so kann ich unmoglich etwas erzahlen, das du lieber denkst als liest. So viel kann man aber doch ohne Schamrote sagen, dass der Hexe Schabernack bei der Sache angst wurde: Sie verzweifelte selbst, dass sie dem Herrn Kakerlak diese Schussel jemals verekeln konnte. Weiber sollen nie erfinderischer sein, als wenn sie einen Fehler begangen haben; ist auch dieser Grundsatz nicht richtig, so handelte doch die Hexe so, als wenn er's ware. Sie sah ein, dass sie dem Ubel hatte zuvorkommen und statt der Zirkasserin nur die verlegendsten Schonheiten des Serails zum Sultan fuhren sollen; um also die Befreiung ihrer Schwester, des Fehlers ungeachtet, zu hindern, steckte sie die Prinzessin Friss-mich-nicht unter sein Kopfkussen. Kaum naherte er sich dem Vergnugen, so erhob der Unhold unter dem Kopfkussen ein Zetergeschrei, als wenn das grosste Ungluck von der Welt geschahe, der Sultan horte nicht. In der nachsten Nacht gesellte sich die Hexe selbst dazu, und alle drei brullten so grasslich, wie bei Menschengedenken in der Welt nicht gebrullt wurde, der Sultan horte nicht.

Die Hexe war des Spasses desto uberdrussiger, je weniger der Sultan es werden wollte. Zum Glucke hatte sie in ihren jungern Jahren einmal gelesen, dass man am leichtesten satt wird, wenn man sich uberisst, und liess wegen dieser scharfsinnigen Bemerkung der Natur freie Wirkung, und was geschah? Der Herr Sultan uberass sich und wurde so satt, dass ich es nicht erzahlen kann.

"Warte!" rief Hexe Tausendschon und erzurnte sich zum ersten Male in ihrem Leben, weil sie sich einbildete, dass ihm ihre tuckische Schwester den Uberdruss beigebracht hatte. "Warte! Der Sultan soll mich doch, dir zum Trotze, erlosen; auf dies Vergnugen setzte ich meine ganze Hoffnung; ich dachte, dass es ihm nun der Tod unschmackhaft machen sollte, und doch hast du mir meine Hoffnung vereitelt! Warte, du schadenfrohe Schwester! Was die Wollust bei einem Philosophen nicht vermag, wird die Liebe tun."

Sogleich fuhrte sie die reizende Kaschmirin zum Sultan, der matt und verdrusslich auf der Ottomane lag, halb schlummerte und halb wachte und von den genossnen Freuden nicht einmal gern traumte. Er blinzte das Madchen an, als sie vor ihm hintrat, wie eine Sache, wobei man denkt, wenn es nur etwas anders ware! Gleichwohl sah er nicht weg; sie wurde ihm gar im kurzen so interessant, dass er nicht mehr blinzte, sondern die Augen so weit aufmachte, als es sich naturlicherweise tun liess. Je weniger sie buhlte, je weniger sie ihm ihre Liebe anbot, desto begieriger verlangte er nach ihr; die Leidenschaft frass so schnell um sich in seinem Herze, dass er schmachtete. Ganz naturlich ging es mit dieser Geschwindigkeit nicht zu, sonst ware sie unwahrscheinlich; die Hexe hatte die Hand im Spiele.

Nun tat unser Herr Sultan den ganzen Tag nichts als girren, seufzen und achzen; er verschrieb mehr Papier zu Sonetten, Oden und Liedern als seine Justizrate zu Akten. Sieben Nachte tat er kein Auge zu, und erst in der achten gluckte ihm ein halbstundiger Schlummer; er sprach in lauter Ausrufungen und sagte in einer halben Viertelstunde mehr "Ach! Oh! Ah!" als andere Leute in ihrem ganzen Leben. Solche heftige Gemutsbewegungen sind kein Spass: Man kann daran sterben, wenn die Sache lange wahrt. Auch nahm sein Bauch taglich ab, und die innerliche Liebesglut zehrte ihn so gewaltig aus, dass er der magerste Sultan wurde, der jemals auf dem ottomanischen Throne sass.

Die Hexe Schabernack hoffte zwar, dass er es mit seiner Empfindsamkeit nicht immer so treiben konnte, aber es war ihr schon zuwider, dass ihre Schwester sich nur mit der Einbildung, durch ihn befreit zu werden, vergnugen sollte. Prinzessin Friss-mich-nicht, ihre gewohnliche Unglucksstifterin, erhielt von ihr eine mannliche Stimme, die eine gute Quinte tiefer stand als die bisherige, ob sie gleich an sich nicht die sanfteste war und sich dem Brullen ein wenig naherte; sie musste sich in den einen Winkel des Zimmers stellen, ihr Bruder in den andern versteht sich, beide unsichtbar, wie es bei Hexengeschichten gebrauchlich ist. Der Sultan lag auf dem Sofa, vor Liebe krank; die reizende Kaschmirin stand vor ihm, und mit hochklopfendem Herze, schmachtender Miene, abgebrochnen Seufzern und tiefgeruhrtem Schmerze sah er unverwandt in die schonen blauen Augen, die ihn so todlich verwundet hatten; dabei schoss seine bekummerte Seele mitten durch die Betrubnis so brennende Liebesstrahlen um sich herum, dass der Gottin seines Herzens die Augen ubergingen, als wenn sie in die Sonne sahe.

"Anbetenswurdige Schonheit", fing die Prinzessin mit der Mannsstimme in ihrem Winkel an. "Himmlische Tochter der Liebe! Lange hat dein Knecht im stillen nach dir geschmachtet, lange den Sternen, Talern und Bergen sein Leid geklagt. Langer kann ich meine Neigung in der Brust nicht verschliessen, wenn sie nicht bersten soll: Schonster Engel des Paradieses ich liebe dich."

So pathetisch sie dies sprach, so sanft und schmelzend hub der Prinz Lamdaminiro in seinem Winkel an:

Schonstes Blumchen auf der Weide!

Mein Entzucken, meine Freude!

Richt auf mich die Auglein beide;

Siehe, was ich Armer leide;

Eh ich tot von hinnen scheide,

Rette, Taubchen, rette mich!

Schonstes Blumchen auf der Weide,

Himmelskind, ich liebe dich.

"Bei dem Barte des grossen Propheten", rief der Sultan und sprang wutend auf. "Wer sind die Bosewichter, die mir unter der Nase dem geliebten Gegenstande meines Herzens ihre Liebeserklarungen tun? Verschnittene! He! gleich stranguliert mir die Schurken!"

Es lasst sich ubel strangulieren, wenn die Leute unsichtbar sind; die Verschnittenen suchten in allen Zimmern die Halse, die von ihnen stranguliert werden sollten, und statteten den untertanigsten Bericht ab, dass nirgends etwas zu finden ware, das man strangulieren konnte, und dass Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu sagen, die Ohren geklungen haben mussten.

Kaum waren sie aus dem Zimmer, so fing die Prinzessin wieder an: "Erhabne Tochter des Himmels, mein Herz ist ein Feuerofen, meine Seele ein Volkan; losche mit deinen paradiesischen Blicken die Flammen, die mich verzehren. Der brennende Schlund meines Herzens wirft Seufzer und Klagen aus; die Klagen stromen aus meinem Munde wie eine Lava. Holdeste Huri des Paradieses, ich liebe dich."

Der Prinz nahm das Wort:

Schonstes Schafchen auf der Aue!

Susses Herzenslammchen, schaue,

Wie bewegt von Tranentaue

Ich hier schmachte kummerlich!

Schonstes Schafchen auf der Aue.

Herzenslammchen, liebe mich!

Der Sultan kannte sich nicht vor Zorn und liess augenblicklich Grosswesir und Mufti holen; sie kamen, und er befahl, im ganzen Serail alle Mannspersonen zu spiessen, die verliebt aussahen. Sie gingen beide und sahen allen Mannspersonen scharf in die Augen, brachten aber die Nachricht zuruck, dass kein einziger im Serail verliebt aussahe, denn es waren lauter Verschnittene. Es liesse sich daher nach reiflicher Uberlegung nichts anders mutmassen, als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge oder dass Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu melden, die Ohren geklungen haben mussten.

Sie waren noch nicht aus dem Palaste, so gingen die herzbrechenden Liebesklagen von neuem an; wie jedes vorhin allein jammerte, so machten sie itzt ein Duett zusammen, so ruhrend, dass die Fensterscheiben hatten schmelzen mogen. Der Sultan ergriff einen Dolch, mit Diamanten besetzt, und raste im Zimmer herum, stach in alle Winkel, fluchte und tobte so furchterlich, dass die reizende Kaschmirin, die von dem verliebten Winseln nichts horte, ihm mit Tranen zu Fusse fiel und flehentlich bat, er mochte doch ja nicht verruckt werden. Lief er nach dem Prinzen hin, um ihn zu ermorden, so klatschte die Prinzessin hinter seinem Rucken mit dem Munde, als wenn sie die schone Kaschmirin kusste; wandte er sich mit dem Dolche nach der Prinzessin, so tat der Prinz das namliche; wohin er sich nur kehrte, horte er hinter sich kussen und mit Entzucken rufen: "Ach, schonster Engel des Paradieses, wie labt mich dein Kuss! Ach, du schonstes Lammchen auf der Weide, wie labt mich dein Kuss!"

Der schonen Kaschmirin wurde bei dem Wuten des Sultans bange, und sie lief mit lautem Geschrei zur Ture hinaus, mein Herr Sultan mit dem Dolche hinter ihr drein und hinter dem Herrn Sultan her Prinz und Prinzessin mit lautem Hohngelachter. "Betrogen, Herr Sultan!" riefen sie mit Handeklatschen. "Betrogen! Sie ist ihm untreu. Ich entfuhre sie. Lauf ihr nach, Herr Sultan! Ich entfuhre sie doch."

Dergleichen verwunschtes Gewasch erhitzt die Ohren, um soviel mehr die Leber, besonders bei einem Eifersuchtigen, der ohnehin alles glaubt; schlug nicht die schone Kaschmirin zu rechter Zeit die Ture zu, so wurde aus der Posse ein Trauerspiel, wobei ein Mensch ums Leben kam, denn um sie nicht entfuhren zu lassen, wollte er sie ermorden, und um sie zu ermorden, stiess er mit weitausgeholtem Dolche nach ihr, aber das morderische Eisen fuhr in die Tur und brach entzwei, dass der diamantne Heft in der Hand blieb; wer sich gut auf das Rasonieren versteht, kann daraus schliessen, wie heftig der Stoss sein musste und wie leicht jemand das Leben einbussen konnte, wenn er nicht die Ture traf.

"Ungetreue!" rief der Sultan schaumend. "Mach auf, dass ich dein treuloses Herz durchbohre!" Sie war keine Narrin, dass sie ihm gehorchte; die Leute, die durchbohren wollen, darf man sich nicht zu nahe kommen lassen. Poche du, Herr Sultan, soviel du willst! die schone Kaschmirin macht dir nicht auf.

Es half nichts, als dass er in Gelassenheit abzog und seinen Gram im stillen ausweinte, ausseufzte, ausfluchte oder was ihm sonst beliebte; erschopft, keuchend, atemlos warf er sich auf den Sofa. Plotzlich klirrten tausend Sabel in seinen Ohren, als wenn seine ganze Wache im Palast niedergehauen wurde; das Zimmer zitterte vor dem Tumult; eine Kutsche mit brausenden Hengsten rollte durch den Hof, und eine triumphierende Stimme rief zum Fenster herein: "Betrogen, Herr Sultan! Betrogen! Ich entfuhre sie: Mich liebt sie, nicht Ihn. Wunsche wohl zu leben, Herr Sultan."

Der Ungluckliche erlag unter dem Schmerze. "Verdammtes Geschlecht!" rief er mit knirschenden Zahnen. "Treulose Brut! Ewig will ich dich hassen. Ach, warum war ich Sultan und liebte? Unsichtbare Beherrscherin meines Schicksals, nimm mir diese verhasste Wurde wieder, die du zu meinem Ungluck mir gabst. Fuhre mich aus diesem Palast, wo uberall unter meinen Fussen die Dornen der Eifersucht und gekrankter Liebe emporwachsen, und mache mich wieder zu Kak ... "

Bei dem ersten Hauche, womit er seinen Namen aussprechen wollte, schwebte schon der betrubte Herr Sultan auf dem Rucken des Vogelchens in der Luft.

"Ha, ha, ha", lachte Hexe Schabernack und fuhr ubermutig vor ihrer Schwester vorbei, dass der arme Kakerlak auf dem Rucken seiner Gonnerin schwankte, so heftig stiessen die beiden Hexen zusammen. "Bist du nun befreit, Schwesterchen? ha, ha, ha."

So gutmutig Tausendschon war, so hatte sie doch auch eine Galle; der bittre Spott ihrer Gegnerin erregte sie so gewaltig, dass die Erzurnte vergass, wen sie auf dem Rucken trug, und der Spotterin ins Gesicht flog, um ihr mit dem Schnabel wenigstens ein Auge auszuhacken, wenn sie mit allen beiden nicht fertig werden konnte. Das Auge wurde glucklich geblendet, aber Schabernack hielt nicht so geduldig still, sondern griff zornig nach dem Vogelchen, um ihm die Kehle zuzudrucken; Kakerlak hielt sich zwar so fest an als moglich, Prinz und Prinzessin nicht weniger, aber die Bewegungen der Streitenden wurden so heftig, dass alles Anhalten nichts half, und in kurzer Zeit fielen alle drei mit ihrer ganzen Schwerkraft vom Himmel senkrecht auf den Erdboden herab. Der Fall war ziemlich hoch, wie man wohl rechnen kann, und ging gewiss nicht ohne Halsbrechen ab, wenn es Sommer oder schlaffes Wetter war; aber zum Glucke trug sich die gefahrliche Begebenheit in einem der kaltesten Januare zu, wo so hoher Schnee lag, als selbst die altesten Leute nicht wollten gesehn haben. Auf diese Weise kamen die Fallenden mit einem kleinen Nasenbluten durch, das in der grossen Kalte, wo alles gleich gefror, nicht lange anhielt.

Unterdessen dass diese drei bis uber den Kopf im Schnee begraben lagen, wurde das Gefecht in der Luft mit verdoppelter Wut fortgesetzt. Es macht schon Larm genug, wenn zwei gewohnliche Weiber sich zanken; nun denke man, was fur einen es geben muss, wenn es gar Hexen sind. Schabernack befand sich am schlimmsten dabei: Das Vogelchen hackte ihr Wunden an den Kopf, an die Brust, ins Gesicht, und griff sie zu, um sich zu rachen, so flog mein Vogelchen davon, hackte auf einen andern Ort und flog wieder davon. Die Verwundete wollte sich vor Arger zerreissen, weil sie sich fur ihre Schmerzen nicht rachen konnte, und warf sich im grossten Zorn in einen Brunnen herab, um dem Kratzen und Hacken zu entgehn; die Siegerin setzte sich auf einen Baum, putzte ihre Federn und kuhlte sich ab.

Funftes Buch

Dass Prinz Alfabeta einen unglucklichen Krieg fuhrte, um seine Physiognomie wiederzuerobern, und sie doch nicht wiederbekam, sondern sogar in die Gefangenschaft geriet, das wissen wir; dass er noch immer in der Gefangenschaft und ohne Physiognomie war, als sein Uberwinder, der Konig von Butam, wieder Kakerlak wurde und die Reise zum Herrn von Blunderbuss antrat, das wissen wir auch; dass er sich aber mit der Konigin Ypsilon vermahlte und darauf in ihrer Gesellschaft einen Ritt um die Welt tat, das weiss niemand als ich, und darum will ich's itzt erzahlen.

Die Verwunderung auf dem Schlosse zu Butam war nicht klein, als man so plotzlich den Konig, die Prinzessin Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro vermisste; tot waren sie nicht, denn ihre Leichname hatten doch dasein mussen; ausgefahren auch nicht, denn alle Pferde standen richtig im Stalle und alle Kutschen richtig im Wagenschuppen. Sollten sie ausgegangen sein? Ein Konig, eine Prinzessin und ein Prinz werden wohl so weit zu Fusse gehn? Man spekulierte gewaltig uber den Vorfall, und nachdem die meisten am Hofe sich durch vieles Nachdenken Kopfweh gemacht hatten, errieten sie wirklich die wahre Ursache. Man sagte allgemein: "Das geht nicht mit rechten Dingen zu." Die Konigin liess an allen Orten suchen, wo ein Mensch Platz hatte; da war kein Konig von Butam, keine Prinzessin und kein Prinz. Als sie merkte, dass sie sich schlechterdings nicht wollten finden lassen, fasste sie sich in Geduld und befahl, Hoftrauer anzusagen.

Der Prinz Alfabeta horte kaum in seiner Gefangenschaft, dass der Konig fur tot erklart ware, als er schon auf Mittel zu seiner Befreiung dachte, die ihm nunmehr sehr leicht zu bewirken schien, weil die Damen gemeiniglich mitleidig gegen die Mannspersonen sind. Wie er hoffte, so geschah es; er liess der Regentin nur melden, dass es ihm ausser der Gefangenschaft besser gefiele, so erhielt er die Erlaubnis, vor ihr zu erscheinen. Er wusste seine traurigen Schicksale mit so ruhrender Beredsamkeit vorzutragen und vorzuglich den Verlust der Physiognomie in ein solches Licht zu setzen, dass der Dame das Herz brach und die Augen in Tranen zerflossen.

Der Prinz wurde jeden Tag interessanter, und da er einsah, wie tief er ins Herz der Konigin eingedrungen war, wagte er den kuhnen Streich, um ihre Hand anzuhalten. "Sehr viel Vergnugen, aber ein Prinz ohne Physiognomie ..." Wie zog sich mein Prinz in eine demutige Ferne zuruck, als er das horte! Er nahm sich es zwar sehr zu Herzen, und obgleich die Betrubnis seine Seele daniederdruckte, so verliess ihn doch sein Talent zu gefallen nicht ganz. Er besass die unnachahmliche Kunst, den Ton eines ungeschmierten Wagenrads so naturlich nachzumachen, dass alle Menschen, die ihn bloss horten und nicht sahen, auf ihre Seele schworen: "Das ist kein Prinz, sondern ein Wagenrad." Der Konigin ging es nicht besser; er machte sein Kunststuck im Nebenzimmer, und sie fragte gleich, ob die Leute toll waren, dass sie mit Schubkarren und Wagen in den Zimmern herumfuhren; der Prinz kam zu ihr herein, und ob er ihr gleich beteuerte, dass er es ware, so wollte sie ihm doch nicht glauben; desto mehr lachte sie, als er sie aus ihrem Irrtum riss, und seitdem liess sie ihn allemal rufen, wenn sie Langeweile hatte, und bat ihn: "Prinz, machen Sie einmal das Wagenrad."

Diese Gunst munterte ihn auf, sein Ansuchen um ihre Hand zu wiederholen; sie fuhlte ihre Schwache und den Eindruck, den seine Talente auf ihr Herz gemacht hatten; sie gab also nach und gewahrte seine Bitte. Sobald er Konig von Butam und ihr Gemahl war, tat er einen furchterlichen Eid, dass er die ganze Welt durchreisen und nicht eher in seinem Schlosse wieder schlafen wollte, als bis er seine Physiognomie gefunden hatte. Seine Gemahlin, die erst seit einem Tage mit ihm vermahlt war und ihn daher ausserordentlich liebte, willigte unter keiner andern Bedingung in seine Abreise, als wenn er sie zur Begleiterin annahme; wollte er nicht umsonst geschworen haben, so musste er die Bedingung wohl eingehn.

Da sie die ganze Welt durchreisten, so mussten sie notwendig auch einmal an den Ort kommen, wo Kakerlak mit den beiden andern vom Himmel in den Schnee gefallen war, und es ist daher nichts weniger als unwahrscheinlich, dass sie gerade zu der Zeit hinkamen, als die drei Gefallnen im Schnee lagen und noch nicht wieder heraus waren; dergleichen wunderbare Zufalle geschehn alle Tage in der Welt. Etwas unwahrscheinlicher ist es, dass sie auch an diesem Orte hielten, abstiegen und assen; aber was kann ich dafur? Genug, es geschah; sie waren hungrig und stiegen also ab.

Bei solchen abenteuerlichen Reisen, die man in seinem Leben nur einmal tut, schleppt man kein Zelt mit sich; der Prinz und der Reitknecht mussen sich, einer sowohl als der andre, unter den blauen Himmel hinsetzen und ihr Stuckchen Essen von der Faust verzehren. So ging es auch hier: Sie setzten sich in den Schnee und assen, was sie hatten. Der ehmalige Prinz Alfabeta, itzt Gemahl der Konigin Ypsilon und dermalen Konig von Butam, hatte sich auf seiner grossen Reise das Beobachten sehr angewohnt und wurde daher augenblicklich das Loch gewahr, das Kakerlak in den Schnee machte, als er vom Himmel hineinfiel. Wer die Natur aufmerksam studiert hat, dem wird es nicht schwer sein zu begreifen, dass ein Mensch, der aus den Wolken, die Beine voran, in den Schnee fallt, nicht bloss ein Loch, sondern auch in dem Loche bei dem Durchbrechen den Abdruck seines Gesichts zurucklassen muss; tausend Leute konnen vielleicht vom Himmel in den Schnee fallen, ohne ihr Gesicht darinnen abzudrucken; Kakerlaks Fall war aber unter tausenden der einzige, wo es geschah.

"Was in aller Welt?" fing der Prinz an. "Das ist ja meine Physiognomie, so naturlich, als ich sie sonst alle Tage im Spiegel erblickte. Hier in diesem Loche muss mein Dieb stecken." Man wird sich wundern, wie er das so genau wissen konnte, allein fur ihn war es eine Kleinigkeit, so etwas zu erraten. Er schloss so: Wenn an dem Abdrucke, den ein Mensch von seiner Physiognomie im Schnee macht, die Nase unterwarts steht, so muss er nicht aus dem Schnee, sondern in den Schnee gefallen sein; nun finde ich hier die Nase unterwarts gekehrt, folglich muss der Dieb meiner Physiognomie hineingefallen sein und noch darinne stekken. Mit dieser ungemeinen Gabe zu schliessen konnte er zuweilen Dinge ausfindig machen, die im Mittelpunkte der Erde verborgen waren.

Ohne sich lange zu bedenken, machte er Anstalt, den Dieb auszugraben, und es gluckte ihm auch, wiewohl mit vieler Muhe. Kaum hatte er den halberfrornen Kakerlak aus dem Schnee ans Tageslicht gezogen, so fiel er uber ihn her wie ein Wutender und wollte sich sein gestohlnes Eigentum mit Gewalttatigkeit wiederverschaffen. Das ganze Gesicht konnte dabei zugrunde gehn, wenn nicht Hexe Tausendschon dazwischenkam. Der Prinz hatte den falschen Grundsatz, dass er die Haut und die Physiognomie fur einerlei Ding hielt und dass man daher nur die eine vom Gesicht abzuziehn brauchte, um die andre zu bekommen. Wegen dieser hochst irrigen Voraussetzung machte er schon einen merklichen Anfang, Kakerlaks Gesicht zu schalen, als ihm das Vogelchen plotzlich mit solcher Heftigkeit in die Ohren pfiff, dass ihm alle Sinne stillstanden; das Blut in den Adern gerann, und aus dem Herrn Prinzen, der die Leute schalen wollte, wurde eine Bildsaule. Die Konigin Ypsilon schlang ihre Arme um den kalten Stein und wollte ihn an ihrer Brust zum Leben erwarmen; sie weinte die heissesten Tranen, dass die herabrollenden Tropfen den Schnee schmelzten. Aber welch ein Jammer! Der Schnee konnte den steinernen Gemahl nicht tragen, und mitten in ihrer Umarmung sank der Verwandelte hinab. Sie wandte sich zu Kakerlak, den sie fur nichts weniger als einen Zauberer hielt, und bat ihn mit einem Fussfalle, aus dem versunknen Steine wieder einen hubschen Prinzen zu machen, allein sie bekam keine Antwort, denn der arme Zauberer wusste selbst nicht, ob Tag oder Nacht war.

Unterdessen wurde der Aufenthalt in einem kalten Schneehaufen fur das unruhige Temperament der Prinzessin Friss-mich-nicht beschwerlich; sie arbeitete mit Handen und Fussen und warf den Schnee uber sich auf wie ein Maulwurf das Erdreich. Nach langer Arbeit kam sie glucklich heraus und wurde neben sich ihren Bruder gewahr, der vermoge seines ungemein philosophischen Charakters sich in seinem Loche nicht ruhrte, sondern gelassen wartete, bis ihn jemand herausziehen wollte; weil die Prinzessin wohl raten konnte, worauf er hoffte, so bot sie ihm die Hande und half ihm an die freie Luft. Welch Erstaunen, als beide ihre Mutter erblickten! Die Konigin geriet ausser sich, so plotzlich ihre Kinder hier zu finden, flog mit offnen Armen auf sie zu und bat sie, sich mit ihr diesem grausamen Zauberer, der ihr den Trost ihres Lebens geraubt hatte, zu Fussen zu werfen. Prinzessin Friss-mich-nicht hatte die lobliche Gewohnheit, bei jeder zweideutigen Rede immer das schlimmste zu verstehn, und da das Weinen den Ton ihrer Mutter undeutlich machte, so verstand sie, dass sie diesen Zauberer erdrosseln sollte. Im Grunde war wohl Hexe Schabernack an dem bosen Missverstandnisse schuld, weil sie aus ihrem Brunnen der Prinzessin in die Ohren rief: "Erdrossele ihn!" So etwas liess sie sich nur einmal sagen und fuhr deswegen dem vermeinten Zauberer voll Wut nach der Kehle; schnell pfiff ihr das Vogelchen in die Ohren, und sie wurde zu Stein, indem sie zudrucken wollte.

Der Prinz sah mit unbeschreiblicher Kaltblutigkeit zu und gahnte; Hexe Schabernack, die den Liebling ihrer Feindin durchaus tot haben wollte, hauchte dem Prinzen etwas von ihrem feurigen Odem ein, um ihn ein wenig tatiger zu machen. Das Mittel wirkte unmittelbar auf sein Blut: Alles an ihm wurde so behend, so lebhaft, dass er kein Glied stillhalten konnte; aber da sein gutmutiges Herz keines Argen fahig war, so verwandelte sich die eingeatmete Lebhaftigkeit in Vergnugen: Er tanzte im Schnee herum, als wenn er von Sinnen ware, und wollte sich fast zu Tode lachen. Tausendschon schlug ein hohnendes Gelachter auf, dass die Absichten ihrer Widersacherin so fehlschlugen; diese blies unaufhorlich wie ein Blasebalg, und je mehr sie blies, desto mehr tanzte und lachte der Prinz. Vor Arger, dass er nimmermehr grausam werden wollte, gab sie ihm eine Ohrfeige; es ist bekannt, dass man bei einer Hexenohrfeige niemals mit dem Leben davonkommt, und wer es etwa nicht weiss, kann es hier bewiesen sehn, denn der Prinz wurde augenblicklich zu Stein.

Nun war grosse Not: Denn eben erkannte die Konigin ihren vorigen Gemahl, und eben erkannte der vorige Konig von Butam seine vorige Gemahlin. Beide hatten schon die Arme ausgestreckt, sich um den Hals zu fallen; plotzlich schlug Schabernack die Konigin ins Gesicht, dass sie sich im Augenblicke mit ausgestreckten Handen zu Stein verhartete, und schon holte die erbitterte Hexe aus, um dem armen Kakerlak ein gleiches Schicksal zuzubereiten, aber Tausendschon war geschwinder als sie; der Schlag war noch einen Strohhalm breit von seinem Backen, so fuhr sie wie ein Wind mit ihm zu den Wolken hinauf.

Hexe Schabernack schrie und stampfte vor Arger, knirschte mit den Zahnen, raufte sich die Haare aus und wusste nicht, an wem sie sich zuerst rachen sollte; wie ein ungezognes Madchen, das seinen Zorn an leblosen Dingen auslasst, wenn nichts Lebendiges bei der Hand ist, raffte sie Hande voll Schnee auf und schleuderte sie tobend nach allen vier Winden hin. Als sie ihre Galle ein wenig ausgerast hatte, setzte sie den beiden Entflohenen nach, die ihren Zorn erregten; aber wie weit waren die schon! Sie verdoppelte ihren Schritt, und nach langem Herumschweifen in den Luften sah sie die Gegenstande ihres Hasses auf einem Baume ausruhn. Wie der Habicht, wenn er eine Taube erblickt, schoss sie herab; Hexe Tausendschon war nicht so einfaltig, dass sie die Ankunft ruhig abwartete; nein, wie die Zornige herabfuhr, fuhr sie mit ihrem Kakerlak hinauf in eine Schneewolke, und jene, die sich nicht gleich aufhalten konnte, rennte in den hohlen Baum hinein, wo ihre entflohene Schwester gesessen hatte.

"O so versinke, verwunschter Baum", rief sie voll Zorn, "versinke mit mir bis zum Mittelpunkte der Erde, dass ich nimmermehr die Verhasste wieder erblicke, die mir alle meine Anschlage vereitelt!" Eine Hexe wunscht nichts, das nicht gleich geschieht. Der Baum versank mit ihr, und sie bereute ihren ubereilten tollen Wunsch nicht wenig, als sie im Mittelpunkte der Erde steckte, so eine ungeheure Last Steine, Kot, Kies, Leimen und Sand auf sich liegen hatte und bis uber die Ohren mit ihrem Baume im Wasser schwamm.

Hexe Tausendschon wusste zwar den Aufenthalt ihrer Schwester nicht und hielt sich daher ganz inkognito in der Schneewolke auf, bis der Fruhling kam, wo es keine Schneewolken vor Hitze am Himmel mehr aushalten konnten. Da auf diese Weise auch auf der Erde der Schnee wegschmolz, so kam die versteinerte Konigin Ypsilon mit ihrer ubrigen versteinerten Gesellschaft an einem Orte zum Vorschein, wo vorher keine steinerne Figuren standen. Der Ruf dieser sonderbaren Erscheinung breitete sich aus; die Einwohner, die Turken waren, taten Wallfahrten hin, weil sie sehr richtig schlossen, dass vier steinerne Figuren, die niemand an diesen Ort getragen hatte, entweder vom Himmel oder aus der Erde gekommen sein mussten und in beiden Fallen Wunderwerke waren, die wohl einen Gang verdienten. Zwei englische Altertumsforscher, die sich eben in der dortigen Gegend aufhielten, um griechische Schuhsohlen zu graben, liefen gleich, so geschwind als moglich, um vier Figuren zu sehn, die aus den Zeiten des Lysimachus waren, wie sie schon gewiss wussten, ohne sie gesehn zu haben; wie gewiss musste nun vollends die Gewissheit an Ort und Stelle werden! Sie uberlegten unterwegs, ob sie einen Apoll, eine Minerva, einen Satyr oder Priap finden wollten; kaum warfen sie einen Blick darauf, so waren sie so fest uberzeugt als durch eine Offenbarung, dass alle vier Figuren den Lysimachus zum Meister hatten: Der echte griechische Stil! Lauter schone griechische Umrisse! Eine herrliche Gruppe! Niemand kann das sein als Niobe, wozu sie die Konigin Ypsilon machten. Welcher erhabene Ausdruck des Schmerzes und der mutterlichen Betrubnis! Prinz Alfabeta wurde zum Apoll mit dem niefehlenden Bogen, weil er zu einer Zeit versteinerte, wo er speiste, und also den Bratenknochen, wovon er eben fruhstuckte, noch in der Hand hielt. Wie niedlich das Stuck Bogen, wofur sie den Knochen ansahn, gearbeitet ist! Schade, dass ihn der Zahn der Zeit so grausam zernagt hat! Schade, dass von einem so trefflichen Kunstwerke nur zwei Kinder ubrig sind!

Sie reisten mit dem ersten Schiffe nach Hause und machten einen Larm von der Entdeckung, als wenn der grosse Prophet in Asien zu sehen ware. Lord Antick, ein grosser Liebhaber und Sammler der Altertumer, reiste sogleich in eigener Person dahin, um die neuentdeckte Niobe und den niefehlenden9 Apoll in seine Gewalt zu bekommen, wenn er sie auch stehlen sollte. "Vortrefflich!" rief Hexe Tausendschon, als sie ihn aus dem Schiffe steigen sah. "Bald soll mein lieber Kakerlak ein neues Vergnugen finden, dessen er gewiss nicht uberdrussig wird. Wen sollte die Schonheit ermuden? Triumph! Diesmal wird er mich erlosen."

In der ersten Nacht, nachdem Mylord auf dem festen Lande angelangt war, zog ihn Hexe Tausendschon vom Kopf bis zu den Fussen aus und versetzte ihn an den Ort der Antike, die ihn nach Asien lockte, schlug ihn dreimal mit ihren Flugeln, und er wurde zu Stein. Kakerlak wurde in des Lords Bette gelegt, stand des Morgens als Lord Antick auf, zog sich an und setzte sich als Lord Antick in die Kutsche, nicht wenig erfreut, dass er einmal aus den hohen schwindligen Luftgegenden wieder auf festem Grund und Boden war.

Der neue Lord sass nicht lange in der Kutsche, so pfiff etwas vorbei wie ein Vogel, der geschwind fliegt, uber eine kleine Weile wieder und kurz darauf zum dritten Male. Er liess halten, um die Ursache einer so sonderbaren Erscheinung zu erfahren; indem er sich umsah, erblickte er einen Menschen, der mit unglaublicher Geschwindigkeit lief. "Halt!" rief der Lord. Der Mensch stand. "Warum laufst du so?" "Zu meinem Vergnugen." "Wohin?" "So weit es festes Land gibt. Ich habe mir angewohnt, alle Jahr einmal quer durch die halbe Welt zu laufen; ich setze in Spanien an und hore in Japan auf. Ich bin gut zu Fusse, wie Sie daraus abnehmen konnen, und liebe die Bewegung; also tu ich aus blosser Liebhaberei jahrlich so einen kleinen Spaziergang. Wo treffen wir uns?" Der Lord nennte ihm den Ort, den ihm Hexe Tausendschon eingab und wo er in drei oder vier Tagen sein wollte. "Gut!" antwortete der gewaltige Laufer, "so tu ich indessen einen kleinen Gang zum Kaiser von China und bin zur bestimmten Zeit wieder da. Gott befohlen." Dort flog mein Laufer hin, dass er dem Lord in einer Sekunde schon wie eine Mucke aussah, so weit war er.

Den Tag darauf, als er an einem Gebirge hin fuhr, sah er eine Menge starke Eichbaume den Berg herabgehn. "Bin ich denn im Lande der Wunder?" rief er und liess halten. Er hatte wohl Ursache, sich zu wundern, denn er sah den Menschen nicht, der die Eichbaume trug. "Nun begreif ich wohl, wie zwolf so starke Eichen sich bewegen konnen", sagte er, als er den Kopf des Mannes erblickte, auf dessen Schultern sie lagen. "Guter Freund! He da! Du tragst ja einen ganzen Wald. Du willst dir wohl ein recht warmes Stubchen machen, dass du so vieles Holz zusammenschleppst?" "Ach nein, lieber Herr", antwortete der starke Mann, "ich tue das nur zum Vergnugen. Ich vertreibe mir die Zeit damit, dass ich Zahnstocher mache; das ist nun einmal meine Liebhaberei, und um nicht zu oft zu gehn, hol ich mir immer ein Dutzend Baume auf einmal, damit ich das Kernholz zu meinen Zahnstochern aussuchen kann." "Willst du mit mir?" fragte Kakerlak auf seiner Beschutzerin Eingeben. "Das tu ich wohl; ich bin ohnehin mussig. Ich will mein Holzbundelchen hier abwerfen; es wird mir's wohl niemand wegtragen, bis ich wiederkomme." Er setzte sich hinter die Kutsche.

"God damn me!" rief der Lord am folgenden Tage des Morgens fruh zwischen neun und zehn Uhr. "Postknecht, halt! Welch neues Wunder ist das? Hierzulande geht ja alles wider die Gesetze der Natur." Auf einem Berge stand eine grosse Windmuhle, deren Flugel sich itzt rechts und den Augenblick darauf links bewegten. "Das ist kein Wind aus dieser Welt, der einen so wunderlichen Gang hat", sprach er voll Erstaunen und sah sich nach Leuten um, die er fragen konnte, woher die Windmuller hierzulande ihren Wind bekamen; indem er seine Augen uberall herumwandte, wurde er bei dem Fusse des Bergs einen Mann gewahr, der an einem Weidenbaume lehnte und sich ein Nasenloch um das andre zuhielt. Er fuhr vollends zu ihm hin und fragte ihn, woher es kame, dass sich hierzulande die Windmuhlen so sonderbar drehten. "Ha, ha", antwortete der Mann, "das mach ich." "Du? Wieso?" "Sieht Er? Da halt ich mir das linke Nasenloch zu und blase mit dem rechten, und die Windflugel gehn so herum; drauf halte ich das rechte Nasenloch zu und blase mit dem linken, und die Flugel drehn sich anders um. Es ist sehr leicht, wer es kann." "Aber warum das?" "Zu meinem Vergnugen; der liebe Gott hat mir gute Tage gegeben, und so ist das mein Zeitvertreib." "Komm mit mir." "Von Herzen gern; ich habe ohnehin Langeweile zu Hause." Er setzte sich neben den starken Mann, und Kakerlak freute sich schon, das schonste Raritatenkabinett in England zu besitzen, wenn er als Lord Antick dahin kame und drei so sonderbare Leute mitbrachte, als ihm diese drei Tage begegnet waren.

Er kam an den bestimmten Ort und fand den starken Fussganger, der schon seit einigen Stunden aus China wieder zuruck war und ungeduldig auf ihn wartete. Kakerlak war zwar kein Liebhaber von steinernen Schonheiten, aber weil ihm seine Beschutzerin dies Vergnugen bestimmt hatte, so lenkte sie seinen Blick vor allen auf die Konigin Ypsilon, als er bei der Antike anlangte. Ein Rest von alter Liebe erwachte in ihm, ohne dass er selbst es wusste, und die Hexe Tausendschon nutzte diese aufwallende Empfindung so geschickt, dass er ein ausserordentliches Verlangen nach dieser antiken Gruppe bekam; er konnte nicht bleiben, wenn er sie nicht mit nach England nehmen durfte; gleichwohl lief er grosse Gefahr, vom Volke in Stucken zerrissen zu werden, wenn er sie anruhrte. Er ging mit seinen drei Wundermenschen zu Rate, wie er sie des Nachts heimlich fortbringen sollte. "Nichts leichter als das!" riefen sie alle.

"Ich laufe gegen Abend ans Meer und bestelle ein Schiff", sprach der gewaltige Laufer. "Es wird drei oder vier Tagreisen weit sein; das ist mir ein Spaziergang."

"Und in der Dammerung nehm ich die steinernen Manner und Weiber auf die Schulter und trage sie zum Schiffe", sagte der starke Mann. "Es ist zwar ein wenig weit, aber ich geh einen guten Schritt, dass ich gegen Mitternacht wieder da bin, und dann hol ich den Herrn mit seiner Kutsche und seinen Leuten nach."

"Herrlich!" rief Kakerlak voll Freuden. "Aber wenn sie uns nachsetzten und unser Schiff einholten?" "Dafur bin ich gut", antwortete der Windmacher. "Lasst sie nur kommen; das Nachsetzen soll ihnen schon vergehn."

Wie es abgeredet war, so geschah es. Der Laufer lief und bestellte das Schiff; der starke Mann nahm die Konigin Ypsilon und den Prinzen Alfabeta auf die Schultern, den versteinerten Lord Antick auf den Kopf, Prinzessin Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro unter die Arme und holte bei guter Zeit den Herrn Kakerlak nebst Kutsch und Leuten nach. Alles ging gut, wenn nicht ein schadenfroher Geist ein altes andachtiges Mutterchen an diesen Ort fuhrte, wo sie bei den vermeinten Heiligenbildern die bosen Traume wegbeten wollte, wovon sie alle Nachte geplagt wurde. Sie kam eben an, als der starke Mann die Gruppe auflud, und verriet den Diebstahl; es wurde Larm im ganzen Lande, und der Bassa gab sogleich Befehl, dem Diebe zu Wasser und zu Lande nachzusetzen. Es liefen Schiffe aus dem Hafen und verfolgten mit allen moglichen Kraften das Kakerlakische; aber ihr guten Schiffe, wie ging's euch? Da stand mein Windmacher am Ufer und blies mit dem rechten Nasenloche des Lords Schiff in die See hinaus und mit dem linken die turkische Flotte in den Hafen zuruck. Da beide weit genug auseinander waren, ging er wieder zu seiner Windmuhle; der starke Mann war schon auf dem Wege zu seinem Zahnstocherholze und der gewaltige Laufer eine gute Strecke uber die turkische Grenze hinaus.

Kakerlaks Liebe zu den Altertumern wuchs unterwegs mit jeder Minute; das Wachstum ging nicht mit rechten Dingen zu; Hexe Tausendschon war schuld daran. Sie hatte ihn schon unterrichtet, was fur eine Rolle er spielen sollte, als sie ihm Lord Anticks Kleider anzog, und er fuhr daher bei seiner Ankunft in London gerade vor die Wohnung dieses Herrn. Mylady machte sehr grosse Augen, da sie einen ganz andern Mann bekam, als sie vor einiger Zeit aus ihren Armen reisen liess; denn ihr wirklicher Herr Gemahl hatte viel Ahnliches mit einem Kurbis, und der falsche glich eher einer welken Rube, so wenig konnte er sich noch immer von dem langen Aufenthalt in der Schneewolke erholen. Ebensosehr waren die beiden Altertumsforscher erstaunt, als sie eine Gruppe, die bei ihrer Anwesenheit in Asien aus vier Figuren bestand, itzt mit einer vermehrt fanden; alles schrie uber Wunder.

Welch Entzucken, als Kakerlak in die Galerie trat, wovon er nun Herr war. Mit ernstem Lacheln stand Der Liebe macht'ge Konigin Vor allen oben an und war Beherrscherin Im Saal wie in der Welt. Sie deckt mit keuscher Hand (Da ihr der lose Kunstler kein Gewand Um Huft' und Beine warf), was keine Venus gern Vor einer Galerie voll Manneraugen zeigt. Der sittsam edle Blick halt die Verwegnen fern Und sagt, was jede spricht, sosehr sie schweigt: "Ich schreck euch ab, damit ihr in mich dringt; Ich widersteh, damit ihr mich bezwingt; Ich decke zu, damit ihr suchen sollt. Bewundrung wird mir sehr, doch Liebe mehr

behagen;

Erratet das, ihr Herren, wenn ihr wollt; Ich schame mich, es euch zu sagen." An ihrer Seite steht mit lockenreichem Haupt In Junglingsschonheit der Apoll, An welchen Winckelmann10, von Fanatismus voll, Wie an den einz'gen Gott der Kunstler glaubt. Der Gladiator hebt mit wilder Siegesmiene Den nervenstarken Arm und horcht erwartungsvoll, Dass von dem Marmorsitz der blut'gen Todesbuhne Des Volks Befehl ertont, die dargebotne Brust Des hingestreckten Gegners zu durchbohren. So weibisch zart, als war er nicht zum Mann geboren, Schlagt hier, ein Gegenstand der wunderbarsten Lust, Ein lachelnder Kinad die Augen nieder, Beschamt durch den Kontrast der Fechterglieder, In mannlicher Gestalt nur halb ein Mann zu sein. Kakerlak wendet sich verachtend von ihm und erblickt Den edlen Priester, den, zum Lohn Fur patriot'schen Rat, zwei giftgefullte Schlangen Auf einer Gottin Ruf mit grauser Wut umfangen Den leidenden Laokoon. Wie krummt sich der zuruckgeworfne Nacken, Der langgestreckten Zunge zu entfliehn! Wie stohnt mit wild verzerrtem Aug und Backen Aus aufgerissnem Mund der Schmerz, der ihn In der durchgrabnen Brust ergreift, indem sein Blut Die Ungeheuer ihm mit durst'ger Wut Aus den geschwollnen Adern ziehn! Allenthalben im ganzen Saale nichts als Schonheit, mannliche und weibliche! Jeder Reiz unverhullt! Alle Gotter und Gottinnen des Olymps, alle Reste der griechischen und romischen Kunst! Ein wahrer Tempel der Schonheit! Wer ist glucklicher als Kakerlak, dem dieser Tempel gehort?

Er ging in die Gemaldegalerie; wie entzuckte ihn ihr Anblick!, denn Ihm fiel beim Eintritt ins Gesichte Der Keuschheit Monument, die ruhrende Geschichte, Wie ein verwegner Mann in Strauch und Busch sich

steckt,

Dianens Reize zu belauschen11, Wenn sie, nebst einem Chor von Nymphen,

unbedeckt,

Mit sorgenlosem Scherz sich in dem Bade neckt, Und wie der Herr durch unbedachtsam Rauschen Sich in der Trunkenheit der Neubegier verrat. Wie hier mit keuschem Grimm der Walder Gottin

fleht!

Sie bringt sogleich mit einer Hand ihr Bestes Vor dem profanen Aug in Sicherheit. Da! spricht ihr Blick, da! sieh ein andermal, Was du nicht sehen sollst!, indem der Wasserstrahl Aus ihrer Rechten fahrt, der in so kurzer Zeit Geweihe schafft, dass man das Lauschen schon bereut. Indessen fliehn mit zugewandtem Rucken, Mit scheu zuruckgeworfnen Blicken Die zucht'gen Nymphen zitternd fort, Um auf den Schreck und auf das viele Schamen Ein niederschlagend Pulver einzunehmen. "Ah!" ruft Lord Kakerlak und eilt zu einem Gemalde. Gewandlos schlummert dort Auf einem Rasenbette Der Liebe Gottin, und ihr Sohn Knupft tandelnd eine Blumenkette Ihr um den Arm. Vor ihres Vaters Thron Stand nie die Mutter aller Reize So schon wie hier. Mit nimmersattem Geize Hangt an Gesicht, an Brust, an Schoss und Hand Des Lords entzuckter Blick, und seufzend reisst Er sich wie jeder los, der vor dem Bilde stand, Und spricht, wie jeder sprach, mit traur'gem Geist: "Ach, wenn ein Kuss die Frau beleben konnte Und sie der Himmel mir alsdann statt meiner

gonnte!"

In stiller Demut hangt Die Mutter Gottes ihr zur Seite; Mit mutterlicher Lust sieht die Gebenedeite, Wie sich ihr einz'ger Sohn am vollen Busen trankt. Der Zufall paarte hier, was man zu paaren scheut Der Wollust hochsten Reiz, den Reiz der

Frommigkeit.

Kakerlak ging in ein andres Zimmer. Hier stromt in Schlachten aus ehernen Schlunden Das Feuer, hier regnen Kugeln, hier winden, Zerstuckt, zertreten im blut'gen Gewuhl, Sich sterbende Rosse, sich sterbende Krieger. Mit rasender Mordsucht und ohne Gefuhl Zerfleischen sich Menschen wie grimmige Tiger. Hier lodern, in Dampf und Flammen gehullt, Belagerte Stadte; dort schwimmt auf den Wellen Die kriegende Flotte. Das Aug erfullt, Wohin es sieht, des Mords und der Verwustung Bild. Kakerlak hatte noch zuviel friedliebendes philosophisches Blut in den Adern, um hier lange zu verweilen; er ging von der Zerstorung Zur schonen lachelnden Natur, Die in der Felsenkluft und fruchtbeladnen Flur, Im dustern Fichtenwald und lichten Hain entzuckt. Wie ruhig lehnst du dort am Baume, wie begluckt, Du froher Schweizerhirt, und blast dein Abendlied, Indessen dass durchs Tal die Herde langsam zieht Und uber dir vom Strahl der Abendsonne Gebusch und Fels in rotem Feuer gluht. "Ich durste!" ruft beim Baurenschmaus Der Trinker dort und streckt das Glas halbtaumelnd

aus;

Ein andrer klopft bedachtig an die Tonne, Zu horen, ob ihr Klang dem Gaum noch viel

verspricht;

Am Seitentische dampft, dass man das matte Licht Kaum flimmern sieht, des Dorfes Magistrat Mit ernster Gravitat und wohlgenahrten Bauchen. Voll Ehrfurcht nimmt, indem er sich den Herren naht, Um mit dem langen Span ins trube Licht zu reichen, Der Bauer dort das pelzne Mutzchen ab. Wie streicht der Musikant die kreischenden Saiten

herab!

Wie dreht an ihres Korydons Arme Mit schwankendem Rocke das gluhende Madchen

sich um!

Selbst weise Mutter entsagen dem Harme Und tanzen verjungt die Nahrungssorgen stumm. Wer ist glucklicher als Kakerlak, der so viele Schonheiten der Kunst besitzt? Der sich mit ihrem Anblicke laben kann, sooft es ihm gefallt?

In den ersten Tagen fuhlte er sein Gluck kaum: Er war hingerissen, uberrascht, uberfullt. Mylady wollte immer viel von seiner Reise wissen, aber sie erfuhr nichts; denn der Gluckliche wusste nicht mehr, dass er eine getan hatte. Er war von dem Vergnugen, das ihm seine Gonnerin verschafft hatte, berauscht wie ein Trunkener, und Hexe Tausendschon sang schon in Gedanken das Triumphlied ihrer Befreiung; denn wie konnte eine edle Seele, die Gefuhl fur die Schonheit besitzt, des Vergnugens an der Kunst jemals uberdrussig werden?

Die mitgebrachte antike Gruppe war bei weitem nicht so schon als die schlechteste im Saale; gleichwohl zog sie Kakerlaks Blicke mehr an sich als die ubrigen; wenn er alle seine Kytheren nach der Reihe angesehn hatte, kam er allemal zur Konigin Ypsilon zuruck. Mylady war sonst keine Liebhaberin von den Schonheiten der Kunst, aber sie wusste sich selbst es nicht zu erklaren, warum sie itzt einen so gewaltigen Trieb nach dem Antikensaale empfand; und wenn sie alle Apollo, Antinous und Faune angesehn hatte, kam sie jedesmal zur Figur des versteinerten Lords Antick zuruck. Es liess sich nichts anders vermuten, als dass es Hexerei ware, und das war es wirklich; denn unterdessen hatte sich die schadenfrohe Schabernack durch die vielen Erdlagen, durch Kies, Steine, Ton und Wasser aus dem Mittelpunkte der Erde wieder heraufgearbeitet und flog uberall herum, ihre Feindin aufzujagen. Sie spurte ihren Aufenthalt aus, und nun ist das Ratsel auf einmal aufgelost, warum Kakerlak immer zur Konigin Ypsilon und Mylady immer zum Lord Antick geht; die verwunschte Hexe schuf den beiden Steinfiguren so unwiderstehliche Reize, dass wirkliche Liebe daraus wurde.

Wie bei dergleichen Vorfallen die Weiber immer sinnreicher sind als die Manner, so geriet auch hier Mylady zuerst auf den Einfall, die geliebte Figur in ihr Schlafzimmer zu stellen; sie tat ihrem Gemahl den Vorschlag, weil ihm als einem Liebhaber der Antike eine solche Verzierung des Betts sehr angenehm sein musste. "Ich bin es wohl zufrieden", antwortete der Lord, "aber da sich solche Verzierungen ohne Symmetrie nicht gut ausnehmen, so will ich diese weibliche Figur (wobei er auf die Konigin Ypsilon wies) daneben stellen." So war beiden geholfen.

Was nutzten dem armen Kakerlak alle die herrlichen Kunstwerke, was alle Pracht, aller Geschmack in seinen Zimmern? Er konnte sich an nichts ergotzen, keine Schonheit bewundern noch fuhlen; denn in seinem Herze wutete eine Leidenschaft, die ihn lebendig aufzehrte, weil sie sich nicht befriedigen liess. Wie oft wollt' er alle Antiken hingeben, wenn er damit das Talent der Dichtkunst erkaufen konnte! "Wie beneid ich die Leute", rief er, "die weder Antiken noch Gemalde haben, aber Verse machen konnen! Ohne Verse ist die Liebe nur halb; wenn das Herz uberfliessen will, giesst man seine Empfindung in Verse aus; jeder Seufzer, jedes Achzen, jeder Atemzug ist noch einmal so viel wert, wenn er versifiziert wird; dann muss es Lust sein, sich zu verlieben, wenn man Verse macht. O ihr glucklichen Leute, die ihr keine Antiken habt, aber Verse machen konnt!"

So qualte er sich den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend, und des Nachts qualte ihn Hexe Schabernack. Sobald er in Myladys Armen und sie in den seinigen Schutz suchte, fing der steinerne Antick an zu fluchen wie ein Bootsknecht, und die Konigin Ypsilon weinte, dass es ein Jammer war; dies ungluckliche Konzert liess keins von den beiden Verliebten Trost finden.

Wer die Saiten zu hoch spannt, zersprengt sie; da es der tuckischen Hexe so gut gelang, das Vergnugen des Geschmacks durch eine beigebrachte Leidenschaft zu verleiden, so glaubte sie, ihm das Leben ganz zu verbittern, wenn sie die beiden Figuren am Bette lebendig machte, aber das war falsch geschlossen. Als Mylady des Morgens voll Sehnsucht und Bekummernis nach der geliebten Figur hinsah, offnete das steinerne Bild plotzlich die Augen, es bewegte die Lippen, bewegte die Schultern, sah sich verwundert um, fing an zu gehen, und kaum hatte der Neubelebte sich in seinem nackten Zustande erblickt, so rennte er beschamt in die Garderobe, um sich und andern nicht langer anstossig zu sein. Mylady sprang auf, schlug voll Freuden in die Hande, warf sich auf die Knie und rief: "Gedankt sei dir, unsichtbare Wohltaterin, die du ihn belebtest! Gedankt, dass du mir den liebsten Wunsch meiner Seele gewahrtest! Er lebt! Wer kann mein Entzucken aussprechen? Er lebt!" Im Taumel der Wonne vergass sie Anstandigkeit und Klugheit, und ohne zu bedenken, dass sie nur im Nachtkleide war und dass ihr Mann diese freudigen Aufwallungen sah und horte, eilte sie der angebeteten Figur nach.

Mylord war schon mit der notigsten Bedeckung zustande und warf eben den grunen Jagdrock uber, als Mylady nach langem Suchen in allen Zimmern hereintrat. "Gott!" rief sie und bebte vor Schrecken zuruck, als sie sah, dass es ihr voriger Gemahl war. Das ist ja mein Mann! dachte sie. Wusst ich das, so erspart ich mir meine Liebe. Mylord wollte ihr ein Kompliment uber ihr unvermutetes Wiedersehn machen, aber sie liess ihn nicht ausreden, sondern lief wie rasend im Hause herum und schrie: "Diebe! Diebe!" Die Bedienten eilten herbei und ergriffen die Waffen, die sich ihnen zuerst darboten, um den vermeinten Dieb zu vertreiben. Mylord widersetzte sich zwar mit allen Kraften, allein da er merkte, dass seine Gegner keinen Spass verstanden, so gab er sich mit so plumpen Leuten, die unhoflich dreinschlugen, nicht weiter ab, sondern ging zur Ture hinaus, so weh es ihm tat, dass er sich aus seinem eignen Hause vertreiben lassen musste.

Unterdessen hatte Kakerlak kein schlechteres Abenteuer: Mit dem Blick unbeweglich auf den geliebten Marmor geheftet, wurde er kaum gewahr, dass Mylady aus dem Bette sprang und einem lebendig gewordenen Steine nachlief; denn in dem Augenblicke, da dies geschah, offnete seine marmorne Dame die Augen, lachelte zu ihm hin und breitete die Arme aus; er musste sich lange besinnen, ob er wachte oder traumte. Kaum war er mit sich einig, dass er wirklich wachte, so erblickte die Dame ihren nackten Zustand und fiel vor Entsetzen uber eine so himmelschreiende Unanstandigkeit in Ohnmacht. Kakerlak wollte in der Schamhaftigkeit auch nicht zuruckbleiben und warf erst seine Decke uber sie her, eh er ihr zu Hulfe kam. Die Ohnmacht war so hartnackig, dass sie sich durch die starksten stinkenden und wohlriechenden Sachen nicht vertreiben liess; ich wundre mich, dass die Dame jemals wieder aufwachte; denn ihre Situation war so schrecklich fur eine empfindsame Seele, dass unter Hunderten kaum eine in so einem Falle ohne Sterben davonkame; aber so weit trieb sie es glucklicherweise nicht, sondern gab wirklich schon Zeichen des Lebens von sich, als Mylady zuruckkam und ihrem Gemahl berichten wollte, wie glucklich sie gewesen ware, Diebstahl, Mord und Blutvergiessen im Hause zu verhuten. Das Wort starb ihr auf der Zunge, da ihr die ohnmachtige Dame mit ihrer sonderbaren Bekleidung in die Augen fiel; in dem Augenblicke, da sie losbrechen wollte, erkannte Kakerlak die Konigin Ypsilon. Bist du es, die ich so feurig liebte? dachte er bei sich und verstummte. Wusst ich das, so erspart ich mir mein Harmen, Seufzen und Klagen; denn wir waren ja lange genug Mann und Frau, um uns von Liebesschmerzen zu heilen. Indem offnete die Ohnmachtige die Lippen, um wegen ihrer schlechten Bekleidung um Vergebung zu bitten; aber Kakerlak kam ihr mit Hoflichkeit zuvor und versicherte mit einer tiefen Verbeugung, dass es gar nichts zu bedeuten hatte, dass eine Dame von ihrem Stande tun konnte, als wenn sie zu Hause ware. Darauf wandte er sich zu seiner Gemahlin. "Das ist", sprach er, "die Dame aus Butam, von der ... Nein, itzt besinn ich mich, ich habe Mylady noch nichts davon gesagt; es ist eine Dame vom hochsten Stande aus Butam, von gutem Hause. Ihre Gnaden machen sich zuweilen einen kleinen Zeitvertreib und hexen: Dieselben tun alle Dero Reisen durch die Luft und ersparen dadurch ein ansehnliches an ihrem Nadelgelde. Sie kommen freilich allemal in einem beschamenden Zustande an, weil es das Hexenzeremoniell so mit sich bringt; aber dagegen werfen Dieselben auch niemals mit dem Wagen um, bleiben in keinem Moraste stecken und brauchen die Langsamkeit des Postknechts mit keinem grossen Trinkgelde zu bestechen. Es ist ungemein bequem."

Die Konigin freute sich sehr, dass ihr der Lord so gut aus der Verlegenheit half, und hielt das strengste Inkognito; sie wickelte die Bettdecke etwas fester um sich und liess sich als eine Dame von gutem Hause aus Butam an Mylady Antick prasentieren. Beide kussten sich mit vieler Warme und waren uber eine so angenehme Bekanntschaft entzuckt; beide hatten schon lange davon getraumt, dass ihnen ein so grosses Vergnugen widerfahren sollte, und beide versicherten sich, dass sie Freundinnen bis in den Tod bleiben wollten. Der Lord merkte, dass sich die fremde Dame in seiner Gegenwart wegen ihrer Bedeckung Zwang antat, und war daher so galant und begab sich auf sein Zimmer; Mylady beurlaubte sich gleichfalls, schickte ihr Kleider, und in drei Stunden sah es niemand der Konigin Ypsilon an, dass sie so lange ein Stuck Marmor gewesen war. Hexe Tausendschon lachte dreimal auf der Feueresse vor Freuden, dass die Bosheit ihrer Schwester so sehr das Gegenteil bewirkte, und diese weinte vor Arger Tranen, so gross als ein Taubenei, viel grossere als Patroklus' Pferde im Homer; sie schwor sich selbst das Verderben, wenn sie nicht von nun an dem verhassten Kakerlak jede Freude in die bitterste Qual verwandelte.

Sobald sich alle Personen ohne Schamrote voreinander sehen lassen konnten, fuhrte der Lord die Fremde in seinen Antikensaal, seine Gemaldegalerie und sein Porzellankabinett; die Konigin fand alles sehr schon, nur die vielen nackten Leute missfielen ihr. "Allen den Leuten liess ich Kleider malen", sprach sie, "wenn die Bilder mir gehorten, und den steinernen Mannern und Weibern hielt ich eine Garderobe; sie gehn ja so bloss und armselig einher, als wenn sie kein Hemd anzuziehen hatten. Es ist eine Schande fur unsre erleuchteten Zeiten, dass man den Malern und Bildhauern keine Kleiderordnung macht; eine ehrbare Dame von guter Erziehung kann heutigestags keine Bildergalerie ohne Argernis ansehn." Aus diesem moralischen Grunde war ihr das Porzellankabinett das liebste. "Da sieht man doch, dass in China noch gute Sitten sind", sagte sie, "alle diese porzellanen Damen sind von Kopf bis zu Fusse bedeckt, dass man kaum das Gesicht erkennt. Die Mandarine tragen lange Rocke; das heiss ich Anstandigkeit; so etwas kann eine Dame von Stande ohne Verletzung ihrer Ehre ansehen." Sie verliebte sich in dies porzellane Kabinett voll chinesischer Wohlanstandigkeit und chinesischer Ungereimtheiten so sehr, dass sie meistens den Morgen darinne zubrachte und jede Buchse hundertmal ansah.

Um ihrem Vergnugen nichts fehlen zu lassen, tat Kakerlak einige Lustreisen mit ihr; sie besuchten alle merkwurdige Garten, diese herrlichen Nachahmungen der Natur, die Berge, Taler, Flusse und Wassersturze hinsetzen, wo die Natur keine schuf. Die Konigin war sehr zufrieden damit und fand bloss das auszusetzen, dass man immer auf und nieder steigen musste und dass die Wege nicht in gerader Linie gingen. Desto missvergnugter wurde Kakerlak; bei jeder neuen Schonheit, die ihm entgegenkam, dachte er: Ach, der Gluckliche, der einen Park hat! Ach, ich Unglucklicher, dass ich keinen Park habe! Wie wenig ist doch das herrlichste Antikenkabinett gegen einen Park! Hexe Schabernack brachte in seinem Herze die Unzufriedenheit und seinen Wunsch zur Flamme, und er war noch nicht durch die Halfte des Gartens, so schwur er schon, dass er lieber nichts als Salz und Brot essen wollte, um einen Park zu haben. Sehnsucht, Ungeduld und Gram sprachen aus seiner Miene; Mylady konnte kein Wort aus ihm bringen; Tag und Nacht qualte ihn der verdammte Park. Seine Gemahlin nahm ihn ernstlich vor, als sie einmal des Abends allein waren, und bat ihn mit Flehen, ihr seinen Kummer zu entdecken; er wollte lange nicht; endlich warf er sich schluchzend an ihre Brust. "Mylady", rief er, "schaffen Sie mir einen Park, oder ich sterbe." "Aber Mylord hat ja ein Antikenkabinett, eine Gemaldesammlung und einen Porzellansaal." "Ach, was Antikenkabinett", fuhr er entrustet auf, "was Gemaldesammlung? Einen Park will ich, oder ich kann nicht leben. Einen Park! Oder ich erhange mich wie ein rechtschaffner Englander. Betteln will ich lieber, als keinen Park haben." Sie riet ihm, seine Sammlungen zu verkaufen und fur das Geld einen anzulegen; er gehorchte dem Rate, wollte gern um den dritten Teil des Werts losschlagen und fand viele Kaufer, die aber desto langsamer kauften, je geschwinder er verkaufen wollte.

Schabernack konnte einen Mann, den sie hasste, nicht so leicht zu seinem Wunsche gelangen lassen und spielte ihm einen Streich, dergleichen noch nicht unter der Sonne geschah. Sie machte in einer Nacht alle Antiken lebendig; Prinz Alfabeta lief augenblicklich, wie er sein Leben wieder hatte, im ganzen Hause herum und kommandierte, als wenn es sein eigenes ware, weckte Bediente und Stallknechte mit Prugeln und Ohrfeigen auf, liess des Lords beste Kutsche anspannen und entfuhrte auf Eingeben der Hexe die Konigin Ypsilon aus dem Bette. Das war ein Larm! Das war ein Aufruhr im Hause! Die beiden Maschinen der Unglucksstifterin, Prinz Lamdaminiro und Prinzessin Friss-mich-nicht, fingen gleich nach ihrem Aufleben Zank an; so gutmutig der Prinz sonst war, so fand er sich doch unendlich beleidigt, dass ein so schlechter Mensch wie ein romischer Gladiator neben ihm stand, und stiess ihn mit dem Ellenbogen voll Unwillen von sich. Dieser Herr war ziemlich handfest und in einer Republik entstanden, wo man von der heutigen Politesse nichts wusste; er fasste also ohne alle Zeremonie den Prinzen bei dem Leibe und schleuderte ihn langs im Saale hin. Die Prinzessin wollte die Beschimpfung ihres Bruders rachen und biss den baumstarken Gladiator in den Arm, dass er zusammenfuhr; dies Untier hatte nicht mehr Respekt gegen die Damen als gegen die Herren und scherzte nicht sehr fein, denn er fasste die Prinzessin und schleuderte sie im Saale hin wie einen Knaul. Unterdessen verursachte der Fall des Prinzen einen neuen Streit: Er sturzte wider seinen Willen auf die schone Venus und warf sie um, dass der Boden schutterte. Die ubrigen Gotter und Gottinnen erzurnten sich uber die Verwegenheit eines Sterblichen gegen eine Dame von gottlichem Blute, hoben die Gefallne in aller Eile auf, und Minerva trat a la Shakespeare mit ihrer Ferse dem Prinzen zwei Augen und einen Kopf entzwei. Die Prinzessin richtete nicht weniger Ungluck an: Sie rollte an Apollens Fuss; das nahm der Musengott ubel, spannte den Bogen und schoss sie so ohne Gewissen ins Herz, wie wir Sterbliche eine Fliege totschlagen, wenn sie uns sticht.

Was fur ein stolzes Volk die Gotter des Olymps sind, das sah man hier; ihre Majestat schien ihnen schon dadurch entheiligt, dass Sterbliche in einem Saale mit ihnen atmeten, und sie beredeten sich deswegen, sie zu vertreiben. Wer mag Gottern widerstehn? Die Sterblichen mussten weichen und irrten im Hause herum; der eine rettete sich in dieses, der andere in jenes Zimmer.

Kakerlak horte zwar nichts von dem Getose, aber wie erschrak er, als er den Tag darauf die Nachricht erhielt, dass die Halfte der Antiken aus dem Saale gewandert und in alle Zimmer des Hauses zerstreut ware, dass zwei blutig auf der Erde lagen und dass die gottliche Venus ein Loch im Backen hatte, als wenn sie in einem Scharmutzel gewesen ware! Der Lord fand alles dem Berichte gemass, liess die Ausgetretnen wieder an ihren Ort schaffen und wusste keine Moglichkeit auszusinnen, wie ein Klumpen unbeseelter Marmor denn das waren sie wieder sich so weit bewegen konnte. Die folgende Nacht geschah das namliche. Hatte Kakerlak vorher geeilt, sein Kabinett zu verkaufen, so tat er es itzt desto mehr; aber hatte vorher jedermann gezaudert, es ihm abzukaufen, so wollte es itzt niemand umsonst, da sich das Gerucht ausbreitete, dass es mit den Antiken nicht richtig ware. Wenn man sein schweres Geld daran wandte und sie kaufte, so konnten sie ja in einer Nacht alle entlaufen; wer gab denn dem armen Kaufmanne sein Geld wieder? Ein einziger, der von der Freigeisterei Profession machte und darum keine Wunderwerke glaubte, hoffte, sie um jenes Geruchts willen desto wohlfeiler zu bekommen, und bat um Erlaubnis, sie zu besehn. Er besah die himmlische Venus; Venus drehte sich um und wies ihm statt des Gesichts den Rucken; er besah den immer jugendlichen Apoll; Apoll kehrte sich um und wies ihm den Rucken; die namliche Unhoflichkeit begegnete ihm bei allen, denen er ins Gesicht sah. Dem Manne verging beinahe die Freigeisterei, so ubel ward ihm zumute; weil aber seine Gewinnsucht grosser war als die Furcht, bot er eine kleine Summe, und der Lord schloss den Handel, um nur nicht langer mit behexten Antiken in einem Hause zu wohnen.

Die Gemaldegalerie wurde auf ebendieselbe Art verkauft; alles zusammen brachte nicht so viel Geld ein, als notig war, einen Gang im Garten anzulegen; gleichwohl war schon ein Riss dazu gemacht, ein ganzes Gut dazu bestimmt, die Arbeit angefangen, und um nicht mit Schande aufzuhoren, musste Geld aufgenommen werden. Kakerlak verkaufte und verpfandete alles und war schon in Gedanken Herr vom schonsten Garten im ganzen Lande.

Nach langer Arbeit und langer Hoffnung stand endlich das Wunderwerk der Gartenkunst fertig da. Zwischen jungen Fichten dreht Sich der Schlangenpfad dahin, Wo die schonste Charitin In dem schonsten Haine steht. Wie labt der Duft der frischbelaubten Birken! Wie zittert sanft, gleich der verschamten Unschuld, Am weissen Ast das zarte lichte Blatt! Mit jedem Wehn des lauen Luftchens kommen Dem sussgelabten Sinn Geruch entgegen Von Blumen, Krautern, Bluten. Jeder steht, Berauscht sich, ruhmt und sucht den Garten, Der ihn mit solcher Schwelgerei bewirtet. Umsonst! Er tut wie edle Seelen Gutes, Erquickt und lasst nicht wissen, wer es tat. Welch Leben! Welche Stimmen, die hier tonen! Kein Zweig, wo nicht ein froher Sanger hupft! Was in der Schopfung lebt, scheint hier versammelt, Den Grazien sein frohlich Lied zu weihn. Euch, Schmuck der Menschheit! Euch,

Wohltaterinnen,

Die ihr die Sterblichen aus Barbarei Und Wildheit zogt, dem Leben Anmut schenktet, Die Schonheit selbst mit Zauberkraft belebtet, Euch, die ihr unsers Wunsches wert es machtet, Ein Mensch zu sein, gebuhrt der schonste Hain, Der lieblichste Geruch, der lieblichste Gesang. Zwischen Tannenbuschen dreht Aus dem schonsten Birkenhain Sich der Schlangenpfad dahin, Wo ein dunkelgruner Wald Duster auf dem Berge steht. Ihn weihte sich die Spekulation. Sie wandelt hier am Arm des Tiefsinns ernsthaft Im finstern Schatten tiefgesenkter Aste. Bald leitet sie den Treuen, der ihr folgt, Zum lichten Gang, wo durch die hohen, glatten

Stamme

Der Himmel lachelnd blinkt; bald fuhrt sie ihn In Finsternis, wo der Erschrockne steht Und sinnt, sich mit Entschlossenheit zu rusten, Eh er den Schritt ins heil'ge Dunkel wagt. Wie schweigt der Wald in tiefster Einsamkeit, Als ware Leben, Regsamkeit und Ton Aus der Natur auf einmal weggenommen! Die Schopfung ganz in Todesschlaf versenkt! Wie spannst du, heil'ger Ort, des Geistes Flugel Zu hohem Flug! Wer hier nicht denkt, denkt nie. Zwischen Strauch und Dornen weht Sich der Schlangenpfad herab. Uber Stein und Wurzeln muss Muhsam sich der matte Fuss, Wie der Denkende durch Zweifel, leiten, Bis nach Strampeln, Taumeln, Gleiten Vor dem See der Mude steht. So staunt, wie hier, wenn von dem Ozean Der Reisende die Kusten ubersieht, Die Griechenland mit Marmortempeln schmuckte, So hangt der Blick an den erhabnen Trummern. Im Sonnenglanz, umwebt von grunen Strauchen, Steigt dort vom Hugel auf ein Saulengang, Zu dem hinan Apolls geweihte Priester Auf breiten Stufen einst voll Andacht schritten. Bald kahl, bald mit Gebusch bekront, erheben Am Ufer hin sich Hugel uber Hugel Und bilden uns den Sitz der Musen ab. Trag uns, Gondel, durch den See Von dem reizenden Prospekt Zu dem Ufer, wo das Reh Sich, bald sichtbar, bald versteckt, Unter hohen Pappeln neckt. Ha! welche Kluft empfangt uns am Gestade! Ein langes Tal, das durch zwei Reihen Berge Sich krummt und drangt; ein kleiner Bach rauscht

mitten,

Von Gras und Blumen halb verdeckt, dahin Und bringt dem See sein Stromchen zum Tribut. Schon braust durch Baum und Strauch der Wasserfall Mit naherndem Gerausch; der schmale Weg Schleicht, tausendfach gewunden, durch die Wildnis, Und oh! wer zauberte den grunen Grund Mit Schafen, Hirten, Bachen schnell daher? Willkommen uns! geliebte Hirtenszene, Von Felsen rings umfasst, worein mit Muhe Der krumme Baum die durst'ge Wurzel grabt, Wo Strom auf Strom, wie straff gespannte Segel, Vom hochsten Gipfel sturzt, von Fels zu Fels Emporgeschleudert tanzt, sich schaumend bricht, Bald wie geballter Schnee durch Stein und Wurzeln Mit Zischen walzt und bald wie Perlen rollt, Dann mit vereinter Macht hinab zur Tiefe Wie in Verzweiflung schiesst, wo ein gekrauselter

Wirbel

Mit hohlem Brausen die fliehende Nymphe

verschlingt.

So flohen oft des Nereus keusche Tochter, Verfolgt von den Bewohnern des Olymps, Verzweiflungsvoll in des Vaters Arme herab. Das Wasser braust, die Herde blokt, Die Hirten floten, Baum und Felsen horchen; O glucklich, wer mit offnen Sinnen hier Im Schatten liegt und hort und sieht und fuhlt! Glucklicher Kakerlak, wer kann dein Entzucken beschreiben, als du zum ersten Male den Wassersturz rauschen hortest, den du der Natur zum Trotze an einem Orte schufst, wo sonst kein Wasser war? "Glucklicher Kakerlak", rief Hexe Tausendschon, "wie kannst du eines Vergnugens satt werden, das dich dem Schopfer der Natur gleichsetzt? Du riefst Berge, Taler, Wasserfalle, Seen und Walder aus dem Nichts, pflanztest Schatten, wo die Sonne den Kopf verwundete, und bahntest Wege, wo die Wildheit keinen Fuss wandeln liess. Glucklicher Kakerlak! Du wirst deine Beschutzerin erlosen."

Schabernack hatte durch ihre Kunst die Wunden des Prinzen und der Prinzessin unschadlich gemacht und stahl sie aus dem Antikenkabinett, um sie im Garten zu ihren Tucken zu gebrauchen. Stand der Lord vor einer langgedehnten Wildbahn und bewunderte mit Entzucken den sanften, feinen Rasen, der wie ein gruner Teppich ausgebreitet dalag, so musste die Prinzessin mitten auf den Platz als ein alter verdorrter Baum hintreten. Kakerlak entrustete sich, dass eine so hassliche Missgeburt die schone Grasebne schandete, und befahl dem Gartner, den abscheulichen Baum augenblicklich zu vertilgen; der Gartner frage immer: "Wo? wo?", und strengte seine Sehnerven an, dass sie beinahe zerrissen, und wenn er so viele Augen hatte wie Argus, so sah er nirgends einen Baum. Der Lord erzurnte sich noch mehr, fuhrte den Gartner auf den Platz, wo er den Baum sah, und waren sie dort, so war der Baum hier, gingen sie hieher, so war der Baum dort. So wurde der elende Gluckliche unaufhorlich gequalt: Wo er ging und stand, liess die Hexe Grashalme aus den glatten geschlangelten Gangen hervorwachsen; er befahl dem Gartner, sie auszurotten, aber der arme Mann sah itzt so wenig Grashalme als vorhin einen Baum. Sollte der Wasserfall rauschen, so steckte Schabernack den Prinzen in die Rohre, und das Wasser lief so schwach, dass man's kaum rauschen horte; die Rohren wurden gesaubert, aufgerissen, neue hineingelegt; es blieb wie zuvor.

So viele widrige Zufalle verbitterten das Vergnugen schon sehr; nun fanden sich noch dazu taglich mehr Glaubiger ein, fur deren Geld der Garten angelegt war, mahnten und drohten, da sie nicht befriedigt wurden. Kakerlak war ohnehin schon eines Gartens uberdrussig, wo unaufhorlich Baume und Grashalme am unrechten Orte wuchsen, und beschloss, ihn seinen Glaubigern preiszugeben. Damit waren aber die unhoflichen Herren nicht zufrieden, sondern baten sich auch Hauser, Mobeln und die ubrigen samtlichen Habseligkeiten aus. Voll Verzweiflung fluchtete Mylord und Mylady in ein Dorf, entsagte auf immer allem Vergnugen und vergass, dass seine Beschutzerin eine Hexe war, die durch ihn befreit sein wollte. Die Gemahlin hatte heimlich ihre Ringe mit sich fortgebracht; sie wurden verkauft, und von dem gelosten Gelde beschlossen die beiden Unglucklichen, in stiller Einsamkeit, der Welt und ihren Freuden abgestorben, ohne ubernaturlichen Beistand zu leben. Tausendschon weinte; Schabernack lachte.

Um ihm sogar diese kleine Ruhe zu verbittern, holte die Schadenfrohe seine Bucher nebst der ganzen Stube herbei, wie er sie vor seiner Auswanderung nach dem Vergnugen verliess; er sollte nicht ohne Vergnugen sein, um eins uberdrussig werden zu konnen. Wie wenn man nach vielen, vielen Jahren einen Freund wiederfindet, den man schon so lange fur tot hielt, dass sein Andenken fast erloschen war, so lief itzt Kakerlak zu seinen Buchern hin. "Willkommen, Freunde!" rief er entzuckt. "Willkommen, ihr teuern Gefahrten meines Lebens, eh ich undankbar euch verliess! Ich durstete nach Vergnugen und fand keins; ich irrte von einem tauschenden Schimmer zum andern, hielt es fur ein Vergnugen und betrog mich; ein leuchtender Dunst war es, der aus einem Moraste aufstieg. Weg mit den Puppen! Ich bin kein Kind mehr. Ihr seid zwar auch nur Puppen, aber doch mannliche Puppen; ihr seid zwar auch nur Spiele mit Gedanken, wie andere mit Wurfeln oder gemalten Blattern spielen, aber doch edlere Spiele des Geistes. Willkommen! Nie will ich an euch die zweite Undankbarkeit begehn."

Hexe Schabernack, was wird das werden? Du hast dich vermutlich in deiner eigenen Schlinge gefangen, denn der Mann scheint Wort halten zu wollen.

Der Heimtuckischen fing an bange zu werden, weil nichts in der Welt ihn von seiner Philosophie abzubringen vermochte. Sie spielte ihm mit des Prinzen und der Prinzessin Hulfe tausend possierliche Streiche; sie verwandelte die Buchstaben vor seinen Augen und fullte seine Bucher mit Irrtumern, Zweifeln, Paradoxien, Widerspruchen, Ungereimtheiten, narrischen Hypothesen und wunderlichen Meinungen an; nichts konnte ihn in seinem Vergnugen storen. "Der Mensch soll nicht wissen, sondern nur vermuten, nicht geniessen, sondern nur Genuss hoffen und traumen, nicht glucklich sein, sondern sich glucklich dunken" das blieb seine Philosophie, womit er alle Gaukeleien entschuldigte, die sein Vergnugen storen sollten.

Stimmen riefen ihm von allen Seiten zu: "Kakerlak, so ein weiser Mann bist du und spielst? Spielst mit Buchern und Gedanken?" "Das ganze Leben ist ein Spiel", antwortete Kakerlak. "Das Kind spielt mit Puppen oder Trommeln, der Jungling mit Hunden und Pferden, das Madchen mit der Liebe, mit Stoffen und Bandern, die Grossen mit Soldaten, Sternen, Stammbaumen, Ordensbandern, die Kleinen mit Titeln, Manner und Weiber mit Karten, Wurfeln und Kegeln, der Weise mit Gedanken und Empfindungen. Wenn alles spielt, warum sollt ich allein es nicht tun?"

Er wurde krank und kampfte mit tausend Schmerzen. "Unglucklicher Kakerlak!" riefen ihm Prinz und Prinzessin zu. "So ein verdienstvoller Mann und musst so leiden!" "Ich leide, aber ich bin nicht unglucklich", war Kakerlaks Antwort, "denn noch ist mein Herz nicht zur Frohlichkeit stumpf."

"So ein weiser Mann", riefen sie zu einer andern Zeit, "und freut sich! Freut sich wie gemeine Sterbliche uber ein Blumchen, einen Baum, einen romantischen Felsen, uber Wassersturze, Sonnenschein und Regen! Wie erniedrigst du deine erhabne Seele." "Weit gefehlt!" sprach Kakerlak lachend. "Die Freuden der Natur sind mein Beruf; alles, was Menschen ersannen und Vergnugen nannten, ist nur eine Krankenspeise; die gesunde Seele will nichts, was nicht von den Handen der Natur kommt."

"Armer Kakerlak! Lebst so einsam und still ohne alles Vergnugen."

"Mein Vergnugen ist niemals um, sondern in mir; andere suchen es, ich trag es bestandig mit mir herum."

"Armer Mann! Der Hagel hat dir dein kleines Blumenbeet zerschlagen, deinen einzigen Reichtum."

"Auch gut! So pflanz ich neue Blumen und gewinne durch meine Arbeit neue Hoffnungen."

"Armer Weiser! Bald wirst du im Grabe liegen und ein Haufchen Knochen und Staub sein."

"Auch gut! So qualt mich die elende Maschine mit keinem Bedurfnisse mehr."

Da Schabernack sah, dass mit dem hartnackigen Weisen nichts auszurichten war, machte sie einen Versuch, ihn auf einer andern Seite anzugreifen. Der Prinz Alfabeta reiste mit der entfuhrten Konigin Ypsilon noch immer in der Welt umher, um die verlorne Physiognomie zu finden; die Hexe leitete diese beiden Abenteurer zu Kakerlaks Wohnung und freute sich uber den Krieg, den die Physiognomie veranlassen wurde. Sie mutmasste richtig; denn kaum erblickte der Prinz sein Eigentum auf einem fremden Gesichte, so griff er ebenso derb zu, als da er den unrechtmassigen Besitzer desselben aus dem Schnee zog. "Au weh!" schrie der Prinz und fuhr zuruck; das Vogelchen, worein Hexe Tausendschon gebannt war, sass auf ihres Lieblings Gesichte, deckte es mit seinen Flugeln und pickte den Herrn Prinzen, als er seine Physiognomie abreissen wollte, hochst schmerzlich auf die Finger. "Vor einem Vogel furcht ich mich nicht", sagte der Prinz und griff zum zweiten Male zu. Das Vogelchen pickte. "Au weh!" schrie der Prinz. Er versuchte es zum dritten Male; zum dritten Male pickte das Vogelchen, und zum dritten Male schrie mein Herr Prinz: "Au weh!" Nun liess er's wohl bleiben, nach seiner Physiognomie zu greifen.

"Wohl mir! Ich bin befreit", fing das Vogelchen an. "Dank dir, Kakerlak, Dank dem Weisen! Ich bin erlost." Hexe Schabernack fuhr knirschend, polternd und schreiend zur Feueresse hinaus auf den Brocken, um die Versammlung ihrer Schwestern zusammenzurufen und durch Kabale die Erlosung ihrer Feindin zu hindern. Prinz und Prinzessin, die bisher in zwei Folianten wohnten, fielen tot aus den Buchern heraus zur Erde, weil die Zauberin, die sie unsichtbar machte, von ihnen wich und in der Besturzung vergass, fur sie zu sorgen.

"Meine Kinder!" rief die Konigin Ypsilon mit erhabenen Handen aus. "So find ich euch wieder, um euern Tod zu beklagen!"

"Klage nicht, schone Konigin Ypsilon!" unterbrach das Vogelchen ihren Schmerz. "Eine bose Zauberin liess sie sterben, eine gute macht sie wieder lebendig." Sogleich flog es dem Prinzen auf den Kopf und pickte darauf, alsdann auf den Kopf der Prinzessin und pickte darauf, und beide standen so frisch und gesund auf, als wenn sie eben erst aus Mutterleibe kamen.

Das war ein Jubilieren und ein Kussen zwischen Mutter und Kindern! Die Konigin konnte zuletzt keinen Arm mehr ruhren, so mude waren sie von den vielen Umarmungen; die Prinzessin verrenkte sich ein Bein mit ihren hohen Freudenspringen, und der Prinz Lamdaminiro war der einzige, der bei diesem Auftritte des unvermuteten Wiedersehens mit gesunden Gliedmassen durchkam; das hatte er seiner unnachahmlichen Gelassenheit zu verdanken, die ihm bei dieser Gelegenheit so grosse Dienste tat, dass er bloss Kusse und Umarmungen annahm, ohne eine Falte im Gesichte vor Freude zu andern.

"Kehrt", sprach das Vogelchen, "nach Butam zuruck; die Physiognomie soll nachkommen." Der Konig wollte zwar nicht abziehn, aber das Vogelchen nahm einen gebietrischen Ton an und drohte. "Zwei Tage nach deiner Ankunft", setzte es hinzu, "besieh dich im Spiegel, und dann danke mir's, wenn du wieder besitzest, was du in der ganzen Welt vergebens suchtest." Wollte er ganz Alfabeta sein, so musste er sich wohl zur Abreise bequemen, und damit die Reise nicht zu langsam ging, riss Tausendschon aus ihren Flugeln Federn und steckte jedem Pferde eine zwischen die Ohren. Gleich huben sich die schnaubenden Hengste in die Hohe und flogen mit der Kutsche durch die Luft, als wenn das Fliegen zeitlebens ihr Handwerk gewesen ware; dadurch ersparte sie der koniglichen Kammer zu Butam ein Ansehnliches, was auf der Erde unterwegs aufgegangen ware.

Der grosse und kleine Rat hatte sich indessen auf dem Brocken versammelt, und Hexe Schabernack hielt schon ihre Rede in wohlgesetzten Hexametern, als ein paar Bettelmonche, die dermaligen Ratsboten, die Ankunft der Hexe Tausendschon meldeten. Man hiess sie warten und befahl ihrer Gegnerin abzutreten; nach einer zweistundigen Uberlegung, wobei man sich eine Menge Haare ausraufte, musste Klagerin und Beklagte erscheinen, und es wurde ihnen folgender Bescheid bekanntgemacht: Kund und zu wissen sei allen, die Ohren haben und

horen,

Welchergestalten des zaubernden Reichs versammelte

Glieder

Nach der Sachen reifer Erwagung in volliger

Eintracht

Also beschlossen, wie lautet:

"Nachdem ein Sterblicher standhaft

Im Vergnugen des Geistes beharrte, den Freuden sich

weihte,

Die geoffneten Sinnen und einer schuldlosen Seele Die Natur mit okonomischer Sparsamkeit darbeut, Alle Hoheit fur Traum, den Stolz fur Torheit

erkannte,

Fest entschlossen, in frohlichen Sprungen zum Grabe

zu tanzen;

Als erkennen wir dann, dass unsre verurteilte

Schwester

Ihr Gefangnis verlass und in unser hohen

Versammlung

Wieder mit vorigem Recht und Gestalt von nun an

erscheine,

Doch mit ernstem Bedeuten, des Alfabeta von Butam Edles Gesicht zu restituieren in integrum oder Unser Missvergnugen und unsern Zorn zu gewarten." So gegeben am uns geweihten Tage Walpurgis12, Auf dem schneevollen Gipfel des Brockens.

Conclusum in pleno.

Beide Vorbeschiedene neigten sich tief, Schabernack ging mit verbissenem Arger in ihre Statthalterschaft zu ihrem gewohnlichen Posten ab, und Tausendschon vollstreckte sogleich in schuldigem Gehorsam den Befehl des Senats. Als der Konig Alfabeta zwei Tage nach seiner Ankunft in den Spiegel sah, um seine Frisur zu mustern, warf er plotzlich vor Freuden den Spiegel hin und rief: "Ich habe sie wieder! Ich habe sie wieder!", und sogleich wurde auf denselben Tag Gala angesagt.

Indem sich Kakerlak von ungefahr umsah, erblickte er einen goldnen Kafig an der Decke seiner Stube; er enthielt das Vogelchen, aus dem eben itzt seine Beschutzerin gezogen war und das ihn bisher von Vergnugen zu Vergnugen und durch so manche Gefahr trug. Es blieb sein Gesellschafter und Freund, und wenn dem Herrn Weisen zuweilen eine kleine Schwachheit, etwas Stolz, Unzufriedenheit oder Sehnsucht nach einem andern Zustande uberfiel, so sang es gleich:

Mann, du willst dich einen Weisen nennen

Und kannst unzufrieden sein?

Kannst das Nichts, wonach du strebst, verkennen?

Kannst von Stolz und Leidenschaften brennen?

Ach, wie ist der weise Mann so klein!

Hatte er sich hingegen aufgefuhrt, wie es einem Weisen geziemt, dann erschallte sein Lob durch die goldnen Stabe:

O das ist ein weiser Mann!

Sieht das Gluck der Welt mit Lacheln an,

Findet auf des Lebens rauher Bahn

Uberall Ergotzen, wo er kann,

Unterdruckt des Stolzes falschen Wahn,

O das ist ein weiser Mann!

ENDE

Fussnoten

1 Der Brocken ist bekanntermassen der hochste Berg auf dem Harze und der Versammlungsort der Hexen, die am Walpurgistage aus der ganzen Welt dort zusammenkommen, um sich uber ihre Reichsangelegenheiten zu besprechen. 2 Die Leser werden sich erinnern, dass in den Landern des Nordpols das ganze Jahr nur aus einem Tage und einer Nacht besteht und dass jedes von beiden ein halbes Jahr dauert. 3 Der Eroberer von Peru. 4 Der Verfasser folgt hier einem Irrtume, der in der Naturgeschichte des Menschen schon langst verschrien ist; allein er hat sich selbst dafur strafen mussen, denn er machte unvermeidlicherweise einen Vers, der den Artikel (die Natur) zur Zasur hat. 5 Dergleichen es im Orient und besonders in Agypten viele gibt. Man sehe Nordens "Reise nach Agypten." 6 Grandier, ein Geistlicher, der den Nonnen eines Klosters in Frankreich schuld gab, dass sie die Wunder, die eigentlich Betrugereien waren, mit Hulfe des Teufels taten, und da man eine solche Beschuldigung Widerlegung verbrannt. 7 Diese sonderbare Etikette war noch zu Anfange dieses Jahrhunderts in Spanien gewohnlich: Le Roi, voulant aller a la chasse, avait donne l'ordre a son portearquebuse pour deux heures. Les personnes de sa suite se rendirent au palais: elles croyaient entrer dans l'appartement: mais celui qui avait droit d'en fermer les portes, ne parut qu'a trois heures. Il fallut que le roi attendit comme les autres. Les grands jouissaient de privileges que maintenait la severite de l'etiquette: on tenait par-la le Monarque en quelque sorte reclus, excepte pour eux. "Memoires politiques", T. 2, p. 28. 8 Ein bekannter alter teutscher Maler. 9 Der nie mit dem Pfeile sein Ziel verfehlt sein gewohnliches Beiwort bei den griechischen Dichtern. 10 In seiner "Geschichte der Kunst". 11 Aktaon. 12 Das heisst den ersten Mai.

Johann Karl Wezel

Erzahlungen

Satirische Erzahlungen

Erstdruck: Leipzig (Siegfried Leberecht Cru

sius) 1777/1778 (anonym).