1776_Miller_071 Topic 1

Johann Martin Miller

Siegwart

Eine Klostergeschichte

Vorbericht.

Allen edeln Seelen widm' ich dieses Buch, die beym Lesen etwas mehr, als blos Befriedigung der Neugierde, und Beschaftigung der Einbildungskraft suchen. Fast jeder Schriftsteller, und der Dichter besonders dessen Beruf ich fur einen der erhabensten halte sollte hauptsachlich auf das Herz seiner Leser Rucksicht nehmen. Dadurch bahnt er sich am leichtesten den Weg zum Unterricht und zur Belehrung. Wer Empfindungen erhoht und bessert, der erreicht gewiss einen eben so erhabnen Zweck, als der, welcher blos fur den Verstand sorgt. Der letztere Schriftsteller kann auch nicht so ausgebreitet wirken. Er hat immer nur eine kleinere Anzahl von Lesern, weil er Menschen voraussetzt, die schon in den Wissenschaften geubt sind.

Jeder Roman ein Wort, das, leider! vielleicht durch schlechte Muster verachtlich worden ist sollte, meinem Ideal nach, zugleich unterrichten. Der Romanschreiber hat sich Leser von verschiednen Standen, von verschiednem Geschlecht, von verschiedner Denkungsart u.s.w. zu versprechen, daher sollte er, soviel als moglich, Allen alles werden. Daher muss sein Unterricht mannigfaltig, und an keine gewisse Form gebunden seyn. Jeder Schriftsteller wunscht nach dem Zweck seiner Arbeit beurtheilt zu werden. Ich habe dieses, wegen gewisser Stellen meines Buches, besonders zu wunschen, bey denen man, wenn man billig urtheilen will, am ersten das bedenken muss: fur welche Menschen, und fur welche Gegenden von Deutschland ich zunachst geschrieben habe. Dann werden viele Einwurfe wegen schon bekannter, oft gesagter Sachen, oder wegen anscheinender Weitschweifigkeiten wegfallen.

Erster Theil.

Siegwart, ein edelgesinnter Jungling, war auf einem Oettingischen Dorf in Schwaben, an der Donau gebohren. Sein Vater, ein Mann von acht deutschschwabischem Charakter, war seit vier und zwanzig Jahren Amtmann auf dem Dorfe. Von seiner, ihm zu fruh verstorbnen Frau hatte er zwo Tochter, und drey Sohne, wovon unser Siegwart der jungste war; ein geselliger Knabe, der sich nie mehr fuhlte, als wenn er andre Kinder lustig sah, ihnen Freude machen, und tausend kleine Gefalligkeiten erweisen konnte. Wenn der Winter ihn ins Zimmer einschloss, so war ihm nirgends wohl, die Gesellschaft seiner altern Bruder, und zwoer muntrer Schwestern war ihm nicht gross genung; er rief alle Baurenkinder, die sein Haus vorbeygiengen, zu sich, und tummelte sich mit ihnen auf dem Saal herum. Dann schlich er sich wieder in den Stall, besah die Pferde, ritt sie an die Tranke, warf sich mit Schneeballen, oder fuhr auf seinem kleinen Schlitten den steilsten Berg herab, und thats an Kuhnheit, oft auch an Verwegenheit, den kuhnsten Baurenknaben zuvor.

Sobald die Fruhlingssonne schien, konnt' ihn gar nichts mehr zu Hause halten. Er trieb den Kreisel, warf den Ball, stellte mit den Baurenjungen Jagden an, theilte immer die Rollen aus, machte den einen zum Jager und den andern zum Hirsch, und umzingelte den ganzen Wald mit jungen Jagern, wie ers bey der furstlichen Jagd gesehen hatte. Dann spielte er wieder den Soldaten, warb alle Jungen des Dorfs an, und bestellte sie am Sonntag auf das Feld hinaus. Da gab er ihnen holzerne, selbst geschnitzte Flinten; holzerne Sabel; drey Kindertrommeln, die ihm und seinen Brudern gehorten; papierne Fahnen, und ein altes Jagerhorn. Jeder Knabe musste zugleich eine Schlehenbuchse, und zwanzig Kugeln dazu haben. Damals wuthete der Krieg der Oesterreicher mit den Preussen. Obgleich sein Furst auf der osterreichischen Seite war, so hielt ers doch mit den Preussen, weil er in den Zeitungen gelesen hatte, dass diese immer mehr den Sieg davon trugen. Er theilte sein Heer in zwey Theile, und wahlte immer die starksten Knaben fur die Preussen aus, deren Anfuhrer er bestandig war, und an deren Spitze er die Oesterreicher mehrentheils zuruckschlug. Er machte selbst ein Kriegslied, das seine Krieger, nach ihrer Weise, absangen. Beym Nachsetzen musten die Knaben mit den Schlehenbuchsen schiessen; wer getroffen war, muste fallen, und am Ende der Schlacht wurden die Todten gezalt; da denn immer die Preussen die wenigsten hatten.

Wenns warmer wurde, badete er sich in der Donau, und schwamm unter allen Jungen am besten. Ein paarmal war er in Lebensgefahr, und wurde von den Fischern gerettet; diess hielt ihn aber nicht ab, gleich den andern Tag sich wieder zu baden. Halbe Tage brachte er im Walde zu, wo er Vogelnester aufsuchte. Er hielt ein ordentliches Verzeichnis davon, und fand alle Tage neue. Kein Baum, auf dem er ein Nest sah, war fur ihn zu hoch; er klomm wie ein Eichhornchen hinauf und wagte sich auf die dunnsten Aeste. Demohngeachtet war er nicht grausam gegen die Vogel. Er nahm nie ein Nest ganz aus, sondern nahm nur den schonsten Vogel, den er zu Hause atzte, und gross zog; die andern liess er ihren Eltern. Besonders holte er die jungen Staaren und Wiedehopfen aus den hohlen Baumen, weil er gehort hatte, dass man diese sprechen lehren konne, und gab sich mit deren Unterricht, wiewol vergeblich, viele Muhe.

Aus dieser Anlage des jungen Siegwart schloss sein Vater, der kein unvernunftiger Mann war, dass sein Sohn wol am besten zum Jager oder Soldaten taugen mochte. Er hatte auch schon bey sich den Plan gemacht, ihn in seinem 15ten Jahr (Siegwart war jetzt dreyzehn) zu seinem Bruder, einem Forstmeister in der Gegend, zu thun, und ihn die Jagerey erlernen zu lassen; daher drang er auch nicht sehr in ihn, das Lateinische, und gelehrte Wissenschaften zu lernen. Er suchte nur seine Anlage zum rechtschaffnen deutschen Mann zu entwickeln, und durch gute moralische Grundsatze, die aus der Religion hergeleitet waren, mehr zu befestigen; denn, obgleich der alte Siegwart ein Katholik war, so hatte er sich doch die Erlaubnis erkauft, in der Bibel lesen zu durfen, deren Geschichten und Lehrsatze er seinen Kindern fruhzeitig einzupragen suchte. Und diess legte wirklich den Grund zu der fruhen Rechtschaffenheit des jungen Siegwart, die sich nachher so oft in seinem Leben ausserte, ihn bey allen seinen Widerwartigkeiten unterstutzte, und zulezt so ruhig ans Grab wandeln lehrte.

Siegwart wuste den Plan seines Vaters wohl, und freute sich daruber; Er war in seinem Sinne schon ein Jager, und legte oft, wenn der Vater ausgeritten war, seinen Hirschfanger an, hieng die Flinte um, und spazierte so, mit schwerem Tritt, das Zimmer auf und ab; oder schlich sich wol, wenn der Vater nicht sobald zuruckkommen konnte, in den Wald, und schoss einmal zu seinem innigen Vergnugen einen Hasen, den er aber, weil er ihn nicht mit nach Hause bringen durfte, einem armen Mann schenkte.

Allein ein Zufall vernichtete auf einmal seine Hofnungen, und anderte den ganzen Plan seines Vaters um.

Obwol Siegwart fur das mannliche und charakteristische des Deutschen geschaffen war, so liebte er doch auch das Sanfte, und die schone stille Natur. Beydes! ist sehr oft beysammen, und bildet einen liebenswurdigen, fur die Welt sehr brauchbaren Charakter; er ist mehrentheils ein Eigenthum des Dichters; und zu diesem hatte Siegwart alle Anlage, die, bey glucklicheren ausserlichen Umstanden noch mehr emporgeflammt seyn, und die Herzen seiner Mitburger noch mehr erwarmt haben wurde.

Oft schlich er sich im Fruhling, mitten im Spiel, von seinen Kameraden weg, sammelte Blumen, und band sie in einen Strauss zusammen; beobachtete alle Auftritte und Veranderungen der Natur; gab auf jedes Wurinchen acht; sah der Biene zu, wie sie in die Blumenkelche schlupfte, und Honig oder Wachs an ihren Beinchen heraustrug; er horchte jedem Vogel, am meisten aber der Lerche, der Grasemucke und der Nachtigall: die letzte gefiel ihm am besten, ob er wol ihren Namen noch nicht gehort hatte. Oft lag er an der Quelle, die durch Tropfstein und Moos, und niederhangendes Gras am Berg herabmurmelte; da fuhlte er ein ungewohntes Sehnen und eine nie empfundne Wehmuth in der Seele; mit glanzendem Auge gieng er weg, druckte jedem Baurenjungen, der ihm begegnete, die Hand starker, und gab ihm von seinem Abendbrod. Oft gieng er an das Grab seiner Mutter, wo er Rosen und Jesmin und Todtennelken gepflanzt hatte, und weinte da. Kein Gerausch weckte ihn so leicht aus dem Schlaf; aber wenn vor Sonnen Aufgang an seinem Kammerfenster, das in den Garten gieng, die Nachtigall auf einem Apfelbaume sang, da wachte er schnell auf, ward munter, sprang aus dem Bette, horte ihr unbeweglich zu, und sah mit Entzucken die Sonne hinter den Baumen aufgehn. Noch lieber horte er die Nachtigall des Abends, wem die Blumen und die Apfelbluthen susser dufteten, und alles stille war, und der Mond herabsah. Da hatte er Gefuhle, die beym Jungling, der ihm gleich ist, zu Liedern werden. Da dachte er oft an seinen Bruder, der vor 4 Jahren in seinem 6ten Jahr gestorben war, und machte einst ein Lied auf ihn; da vergass er oft sich und die ganze Welt; da rief man ihn oft zum Abendessen, und er horte nichts, bis ihn sein Bruder oder Vater fand, und zu Tische holte, wo er wehmuthig sass, und nichts sprach. Nach dem Abendessen lag er wieder unter seinem Kammerfenster, horte bis 11 Uhr oder 12 Uhr der Nachtigall zu; wunschte nichts, als wie sie singen zu konnen, und traumte sich im Schlaf in paradiesische Gegenden zu seinem Bruder.

Einen Abend nahm ihn sein Vater zu einem Spaziergange nach einem Kapuzinerkloster mit, wo dieser einen alten guten Freund hatte. Der Abend war einer der schonsten. Sie kamen aus einem kuhlen Wald' heraus, wo die Grasemucken, Amseln, und Nachtigallen in Gesangen wetteiferten, und die Holztauben drein gurrten. Das Dunkel des Waldes, und der melancholische Gesang der Amsel hatten die Seele des jungen Siegwart zum Wehmutigen und Feyerlichen gestimmt, worein ihn das ernsthafte Gesprach seines Vaters uber die Schonheit der Natur und die Liebe des Schopfers noch mehr versenkte. Ihr Gesprach kam auf das Kloster. Du wirst, mein Sohn, viel ehrwurdige Leute drinnen antreffen; gute ehrliche Manner, die die Thorheiten und Betrugereyen der Welt kennen lernten, und sich bey Zeiten von ihr los machten, um im Frieden Gott zu dienen, ihr Herz zu bessern, und sich fur die Ewigkeit vorzubereiten. So ist mein Freund, der alte Pater Anton, der deine ganze Hochachtung verdient; aber nicht alle Paters denken so; andre werden dir weniger gefallen. Ich sage dir dieses nur, damit du dich nicht daran stossest, und nicht lauter Engel drinnen suchst. Es ist eine eigne Sache um das Monchsleben. Eigentlich sollten nur Leute da seyn, die den Menschen sonst nicht mehr dienen konnen. Doch, das geht uns nichts an! Sieh, dort liegt das Kloster schon; bey den Tannenbaumen dort!

Sie waren nun, ausserhalb dem Wald' auf eine Anhohe gekommen, an deren Fuss das Kloster gebaut war. Rechterhand an einem Eichenwalde gieng die Sonne ganz golden unter. Sie spielte noch auf den umgebognen Spitzen der Saat, die vor ihnen, wie ein sanfter Strom dahin schwamm. Druber hin waren Gespinnste von Spinneweben wie ein Teppich ausgebreitet, die im Stral der Sonne alle Regenbogenfarben trugen. Hoch in der Luft sangen noch die Lerchen, deren Flugel, wenn sie sich ein Bischen wendeten, wie Gold glanzten. Ein Arm der Donau, der ganz still zwischen Weiden hin floss, fasste das Bild des rothen Abendhimmels auf, und man konnte die ganze rotdammernde Gegend drinnen sehen. Zur linken Seite ward der Himmel schon dunkler; unten am Tannenwalde war er grau, und oben gelbroth. Vor ihnen lag das Kloster in ruhiger Stille. Die, mit weissem Blech belegten Dachkuppeln glanzten noch ein wenig; hinter dem Gebaude erhuben sich zwanzig oder dreissig hohe schwarzgrune Tannen; alles war jezt still, da die feyerliche harmonische Bethglocke erklang, und die ganze Gegend um den jungen Siegwart her zu einem Tempel machte. Seine Seele war jezt weich wie Wachs; unwillkuhrliche Thranen, die das Mittel zwischen Wehmuth und Freude hielten, glanzten ihm im Auge. Er sprach nichts; mit halbfrohem und halbbangem Zittern kam er dem Kloster immer naher, und nun waren sie am Thor. Ein alter ehrwurdiger Kapuziner in schneeweissen Haaren empfieng sie mit der Freundlichkeit eines Engels, und fuhrte sie, weil er den alten Siegwart kannte, in den Speisesaal. Hier sassen dreissig Vater, mehrentheils ehrwurdige Greise mit einer Glatze, und langen silberfarbnen Barten. Sie standen alle auf, bewillkommten mit einem stillen heitern Lacheln den alten Siegwart, und umarmten ihn, einer nach dem andern, mit bruderlicher Liebe; Sie gaben auch dem jungen Siegwart die Hand, dem das Herz laut schlug. Die beyden Ankommlinge musten sich mit zu Tische setzen, und das kleine massige Mahl mit geniessen. Stille heitre Zufriedenheit sass auf allen Stirnen; jeder begegnete dem andern mit Freundlichkeit und Liebe. Der junge Siegwart sah einen nach dem andern an, und verlohr sich in dem Gedanken von dem Glucke dieser Vater; er fieng jeden an zu lieben, und freute sich, wenn er bald von diesem, bald von jenem angelachelt, oder angeredet wurde. Besonders nahm der ehrwurdige Vater Anton, neben dem er sass, seine ganze Seele ein, denn er sah wie ein Apostel aus, und begegnete seinem Vater mit der treuherzigsten Liebe.

Wie lange sind Sie nun, sagte dieser zu dem eisgrauen Pater Gregor, der die zwote Stelle an der Tafel einnahm, hier im Kloster? Vier u. funfzig Jahre sinds, Gottlob! antwortete Gregor, dass ich von der Welt mich abgesondert habe, und hier im Kloster meinem Gott diene, und dem Tod entgegen sehe. In meinem zwanzigsten Jahre that ich Profess, und seitdem weiss ich von der bosen Welt nichts mehr. Ich bin niemals krank gewesen, aber nun fuhl ichs, dass mein ende nahe ist. Es sind mir so viele vorgegangen, von denen ich geglaubt habe, dass sie mich begraben wurden: endlich muss die Reihe doch auch an mich kommen. Die nachste Leiche wird wol mir gelten, meine Bruder! und hier sah er alle, heiterlachelnd, an. Das wolle Gott nicht, sprachen die Paters einmuthig; nein, das wolle Gott nicht, dass wir dich so bald verlieren! Der alte Mann sah mit einem Blick gen Himmel, und wischte sich die Augen. Nun ward ein lange Stille, welche keiner unterbrechen wollte, bis der Guardian vom Tische aufstand, dem die andern alle nachfolgten. Anton und noch ein andrer Pater baten den alten Siegwart, die Nacht im Kloster zu schlafen, weil der Mond, den er abwarten wollte, doch erst um halb 10 Uhr aufgienge. Wir haben zwar im Kloster keine weiche Betten, sagte er, aber unser Verwalter draussen soll Sie gut beherbergen. Wir mussen wieder einmal einen Abend mit einander gemessen, wer weiss, wie lange uns diess auf der Welt vergonnt ist? Der alte Siegwart wars zufrieden.

Nach dem Abendgebeth gieng man in den Garten, wo die Levkoje und die Nachtviole mit der Apfelbluthe susser duftete. Viele Gange zwischen hohen Hekken durchkreuzten sich. In der Mitte des Gartens platscherte das Wasser des Springbrunnens lieblich. Von hier konnte man alle Gange ubersehen, in die sich die Vater, je Paar und Paar, vertheilt hatten. Die sich gleich geschaffen waren, schlossen ihre Herzen vor einander auf, entdeckten sich ihre Gedanken, sahen zum gestirnten Himmel, sprachen vom Grabe, von der Trennung, vom Wiedersehen, und der Ewigkeit. Andere, die die Freundschaft in der Jugend schon vereinigt hatte, sprachen von den Tagen ihrer Kindheit, von ihren Freuden oder Leiden, von den Freunden, welche sie verlassen hatten, ob sie wol noch lebten, oder sie im Himmel schon erwarteten?

Sie theilten sich ihre Besorgnisse wegen andrer mit, von denen sie wusten, dass sie ehedem der Welt und ihren Leidenschaften zu sehr nachgehangen, und nicht rechtschaffen gedacht und gehandelt hatten; und nun beteten sie gemeinschaftlich mit Worten, oder auch mit Blicken fur ihr Wohl ihre Besserung.

In andern Gangen schlichen weniger edelgesinnte Manner, die der Neid gegen andre, oder das Misvergnugen uber ihre Vorgesetzten vereinigt hatte, und die sich mit den Fehlern oder Schwachheiten ihrer Mitbruder beschaftigten, und boshafte Krankungen fur sie aussannen Weg von diesen Unedeln, deren es leider in dem Kloster, das ein Sitz. der Unschuld seyn sollte, nur zu viele gibt!

Aber last uns die bedauren, die einsam, ohne Gefahrten in den dunkelsten und engsten Gangen wandelten, um ihre Seufzer dem Ohr ihrer Bruder zu entziehen; die zu lebhaften Seelen, die, aus Ueberdruss der Welt, in der nur Ungluck sie verfolgte, sich in einer Stunde des Unwillens und der aufgebrachten Leidenschaft entschlossen, ihr auf ewig zu entsagen, und ein Gelubde zu beschworen, welches sie nachher so oft bereut hatten. Sie glaubten, dem Elend zu entgehen, und fanden neues grossres Elend. Wie mancher beweinte jetzt noch die Stunde des Taumels und der Trunkenheit der Seele, worein ihn der Pomp eines Klosters, die feyerliche und himmlische Musik der Vater, die Ruhe und die Heiterkeit, die auf ihren Angesichtern zu wohnen schien, versetzt, und die den Entschluss, den falsche, oder einfaltige Freunde noch bestarkten, hervorgebracht hatte, nach der gemeinen Redensart, die Welt zu verlassen. Nun wuthete die Melancholie in ihrer Seele, die jene Vater in der Gegenwart von Fremden immer hinter der Mine der Heiterkeit und Ruhe zu verbergen wusten. Sie kannten nun kein ander Gluck mehr als den Tod, um den sie mit stummen Thranen, und mit unterdruckten Seufzern zu Gott beteten.

In einem solchen Taumel, der sie ehedem ins Kloster getrieben hatte, schwamm jetzt unser junger Siegwart, der den langen Gang hinab mit seinem Vater und dem guten Pater Anton, dem kleinen dunkeln Tannenwaldchen zugieng, das den Klostergarten begranzte. Die beyden Freunde giengen Hand in Hand, und vertieften sich in vertrauliche Gesprache, wozu sie die schweigende Fruhlingsnacht einlud. Lauschend gieng der junge Siegwart neben her. Sie kamen nun ans Tannenwaldchen, dessen Wipfel in der Abendluft sanft sauselten; hinten, wo der Wald am dunkelsten war, setzten sie sich in die kuhle Grotte, neben der ein kleiner Bach vorbeyrieselte.

Hier sitz ich nun, sagte Pater Anton, seit vierzig Jahren jeden schonen Fruhlings- oder Sommerabend, und uberdenke da mein Tagwerk und die Fuhrungen des Himmels. Oft, mein guter Siegwart, denk ich auch an dich, und die Tage, die wir in der Welt zusammen lebten. Ach, wie ist mein Herz seitdem so ruhig geworden! Du weist, Lieber, was ich ausgestanden habe; wie das Ungluck uber mich her sturmte; wie die Menschen mich verfolgten; und wie viel ich mit mir selbst und meinen Leidenschaften zu kampfen hatte! Hier sprach er leiser, und mit mehr gebrochner Stimme. Man hat lang zu streiten, bis man sich von allen Schlacken losreist, zumal wenn das Herz den Eindrucken der Sinnlichkeit offen, und heftig ist. Ich glaube, dass man fast nur in der Einsamkeit dazu gelangen, seine Seele reinigen, vom Irrdischen abziehen, und in Gottes Liebe versenken kann; und da ist die Klosterregel gewiss das beste Mittel dazu. Ich sage nicht, dass alle Menschen das Gelubde ablegen sollen, aber wer es thun und halten kann, der thut wol, und sorgt fur seine Ruhe.

Aber, fiel der alte Siegwart ein, auch fur das Gluck der Welt, fur seine Bruder? denn das sind doch alle Menschen. Vergib mir diesen Einwurf, ich weiss wol, dass man ihn bey uns nicht laut machen darf, aber bey Dir darf ichs wol.

Du hast Recht, sagte Anton, ich hab oft druber nachgedacht, und anfangs konnt ich mich nicht sogleich beruhigen; aber, ich denke, wenn man so lebt wie ich, und es so gut meynt, dann thut man seiner Pflicht genug. Sieh' ich will dir meinen jetzigen Lebenslauf erzahlen. Ein Tag ist wie der andre. Des Morgens steh ich fruh auf, im Sommer mit der Sonne, und im Winter um 6 Uhr; dann halt ich meine eigne Morgenandacht, lese mein Brevier, oder geh im Garten spatzieren; dann studir ich etwas, lese in der Vulgata, im heiligen Chrysostomus, oder sonst in einem guten und erbaulichen Buche, deren unsre Bibliothek genug hat. Dann sing ich meine Horas, oder lese eine Messe. Wenn ich meditiren muss, so denk ich nach, wie ich erbaulich predigen will, wenn ich zu den Bauren komme. Beym Mittagsmal esse ich wenig; nach dem Essen geh ich in den Garten, und pflanze verschiedenes, oder lerne allerley Vortheile vom Gartner, die ich dann den Bauren in den Dorfern herum wieder sage. Dann les' ich wieder etwas; nach der Vesper geh ich zu einem oder dem andern Bruder auf die Zelle, wo wir bis ans Abendessen von ernsthaften Dingen sprechen; und nach diesem geh ich immer, wenn das Wetter schon ist, im Garten spatzieren, oder auf den Gottesacker zu dem Grabe meines lieben Bruder Josephs, oder ich sitze hier in der Grotte, und denke so uber mich selbst nach, und was ich den Tag uber gethan habe.

Trift dich oft das Auswandern, sagte Siegwart, wenn ihr aufs Almosenholen oder Predigen und Messlesen ausgeht? Alle vierzehn Tage einmal, antwortete Anton, und da freu' ich mich immer recht darauf. Ob ich gleich den Bauren nicht vorschreibe, was sie geben sollen, oder ihnen viel abzuschwatzen suche, weil es mir weh thut, wenn die Leute, die oft weniger, als wir, haben, sich vom Nothigen entblossen sollen, so bring ich doch immer so viel oder mehr ins Kloster, als die andern Bruder; denn die Leute sagen, dass ich ihnen das alles wieder tausendfaltig einbringe, weil ich sie, wie schon gesagt, Garten- und Ackerkunste lehre, ihre Kinder unterrichte, wenns im Gesprach auf was Geistliches kommt, und in der Kirche allemal nach der Messe erbaulich und verstandlich predige. Da haben mich die Leute so lieb, und drucken mir die Hand, und wunschen mir soviel Gutes, dass ich vor Freuden schon im Himmel zu seyn glaube. Hier rollten dem guten Alten die Thranen in den langen Bart, und er sprach viel lauter und geschwinder; auch dem alten und dem jungen Siegwart stunden Thranen in den Augen

Ja, lieber Siegwart, fuhr der Greis fort, du mochtest es fur Pralerey halten, wenn ich so von mir selber spreche, aber Gott weiss, das ist es nicht; ich freue mich nur so druber, wenn ich etwas Gutes thue, und da muss ich zuweilen meine Freude ausbrechen lassen. Ach, ich habe noch Schwachheiten genug an mir, die mir diese Freude wieder ganze Wochen lang verbittern; und es giengen lange Jahre hin, eh ichs den Bauren so gut zu machen wuste.

Ich weiss, Vater Anton, ich weiss, sagte Siegwart, dass es keine Pralerey ist; das war nie dein Fehler. Du hast den Ruhm in der ganzen Gegend, dass man dich am liebsten sieht; und die Bauren in meinem Dorfe lieben dich wie ihren Vater. Ja, wenn alle, so wie du, waren! Xaver, (so hiess der junge Siegwart) wie sagte doch neulich unsre Nachbarinn vom Pater Anton? du hast mirs ja heute noch auf dem Herweg erzahlt. Der junge Siegwart wurde roth, und stotterte: der Pater Anton, fieng er an, und hielt wieder inne; der Pater Anton sey ein lebendiger Heiliger, sagte sie, den man jetzt schon anrufen sollte, und man must ihn zum Pabst machen, wenns auf sie ankame. Es sey alles noch so gut, was Er auf der Kanzel sage, weil mans so verstehen konne.

Hier druckte Anton dem Junglinge die Hand; das ist zu viel Lob, sagte er, die Leute ubertreibens. Ich thue nur, was ein jeder thun sollte.

Inzwischen kamen ein paar Kapuziner bey der Grotte vorbey, und grusten den Pater Anton, den sie an der Stimme kannten, freundlich.

Das sind ein paar heilige und rechtschaffne Leute, sagte er, indem sie weggiengen, die mir den Verlust meines lieben P. Joseph noch in etwas ersetzen. Du wustest wol noch nichts von seinem Tode, lieber Siegwart? Du besuchst uns auch gar zu selten. Er sagte mir noch den Tag vor seinem Tode, dass ich dich vielmals grussen sollte; in der Ewigkeit seh er dich einst wieder. Nun ists bald ein Vierteliahr; am Charfreytagabend starb er. Ach, du hattest ihn sehen sollen, wie er starb; mit welcher Ruhe, mit welcher Heiterkeit! Aber so ein Leben war auch eines solchen Todes werth. Ich habe viele Leute gekannt, seit ich hier im Kloster bin, aber einen Mann, der so rein und unschuldig lebte, und so viel Gutes stiftete, wie er, hab ich nie gesehen! Jedermann hielt ihn fur seinen Vater, und ward in seiner Gegenwart frommer. Du hast ihn selbst gekannt, Siegwart; und ich wurd' auch gar zu wehmuthig, wenn ich viel von ihm erzahlen wollte. Hier an meiner Seite sass er so oft, goss seine ganze Seele vor mir aus, und sprach mit einer Freudigkeit vom Himmel, als ob er schon einmal da gewesen ware. Oft, wenn ich so allein in der Dammerung hier sitze, dann kommt mirs vor, als ob ich ihn horte, und dann fahr ich auf, und wag' es kaum, wieder wegzugehen. Grosser Gott, und er muste mir entrissen werden! Doch ich werd ihm bald nachfolgen.

Wenn dirs recht ist, Siegwart, so gehen wir zu seinem Grabe; der Kirchhof liegt an der Seite dort.

Sie stunden auf, und giengen schweigend, beym Gesang der Nachtigall, aus Grab. Hier ists, sagte Anton, ich hab ihm einen Rosenstrauch drauf gepflanzt; ubers Jahr soll er Rosen tragen. Hier nebenan werd ich einst liegen.

Ja, lieber Freund, so mussen wir sterben, wenn wir glucklich sterben wollen; aber auch so leben! Er kam erst auf den rechten Weg, als er ins Kloster gieng. Vorher hat er wenig an Gott gedacht. Er sagte hundertmal: dem Kloster hab ich alles zu verdanken. Ich denk immer, Siegwart, du schenktest Gott auch einen Sohn. Wie wars, wenn dein Xaver zu uns gienge? Nicht wahr, lieber Xaver, Er gienge wol gern ins Kloster, und sagte der Welt ab, um hier in Fried und Ruhe Gott zu dienen?

Der junge Siegwart, dessen Seele voll von den Bildern dieses Abends, und der reizenden Beschreibung war, die Anton von dem Klosterleben gemacht hatte, wuste nicht, wie ihm zu Muthe war; sein Herz schlug, und er sagte willig. Ja, weil der Wunsch schon mehrmals diesen Abend in ihm aufgestiegen war, in dieser ruhigen Einsamkeit, unter Leuten, die er alle fur Engel hielt, zu leben.

Siehst du, Siegwart, er sagt ja; er will zu uns kommen. Kannst du ihm wol seinen Wunsch versagen?

Ich weiss nicht, sprach der alte Siegwart, ich dachte diesen Abend auch schon einigemal dran; aber mein Xaver taugt nicht fur das Kloster; er ist zu munter und zu lebhaft, und hat selbst nie keine Lust dazu gehabt. Er sagt jetzt zwar Ja; aber das ist wol nur so ein Einfall. Wie ists Xaver, gefallt dirs wirklich hier? Hattest du wol Lust, einmal beym Pater Anton zu leben?

O ja, sagte der zu feurige, erhitzte Jungling; Ich wuste vorher nicht, dass es so gut hier im Kloster ware.

Nun, wir wollen druber nachdenken, es ist noch Zeit, sprach der Vater; und sie giengen wieder vom Grab weg. Indessen gieng hinter ihnen der fast volle Mond auf, und beschien die hohen Tannenwipfel. Als sie in den langen Gang mit der hohen Hecke kamen, sah man oben nah am Kloster ein Paar Kapzuiner wandeln, deren schneeweisses Haar im Mondschein glanzte. Die Nachtigallen schlugen laut, und flogen nicht davon, wenn man dicht bey ihnen stand. Das Mondlicht, das nun den ganzen Garten erhellte, und die Schatten, die das Laub der Busche machte, hupften vor ihnen in mannigfaltigem Gemisch dahin; in der Mitte, wo das Wasser des Springbrunnens platscherte, und tausend goldne Sternchen bildete, kamen nach und nach die Monche aus den verschiednen Gangen zusammen, und stellten sich in einem Kreis um den alten und jungen Siegwart, und den Pater Anton her. Sie sahen im Mondschein noch so heilig und ehrwurdig aus. Nun, wie gefallts ihm hier im Kloster, junger Herr Amtmann? sagte einer von den Monchen zu dem jungen Siegwart. O recht gut, fiel ihm Anton ein; er will bald bey uns Profess thun. Schon, schon! riefen alle Monche. Es gibt doch noch immer Leute, welche Gott von Herzen dienen.

Bleib er bey dem Entschluss, lieber junger Herr! sprach ein alter Monch, der neben unserm Siegwart stand, und es soll ihn nicht gereuen; wir wollen ihm alle Liebs und Gutes thun.

Es ist noch nicht so gewiss, sagte drauf der alte Siegwart; Pater Anton scherzt nur. Ey warum, lieber Herr Amtmann? sagte P. Gregor. Hatten Sies nicht gerne, wenn Ihr Sohn ein frommer Mann wurde? Sie mussen ihm zureden. Glauben Sie; ein frommer Monch bringt Segen uber seine ganze Familie.

Nun giengen sie alle mit dem bruderlichen Kuss auseinander, und jeder wunschte noch besonders dem jungen Siegwart gute Nacht. Die beyden Gaste wurden zum Verwalter vors Kloster hinausgefuhrt, wo sie schon ein zubereitetes Schlafzimmer fanden. Der alte Siegwart vermied vorsetzlich, mit seinem Sohn von dem, was diesen Abend vorgefallen war, zu reden. Er kannte sein lebhaftes, leicht zu erhitzendes Temperament, und dachte, die Bilder, die sich ihm diesen Abend eingepragt hatten, wurden wieder mit der Nacht verfliegen.

Allein der junge Siegwart, der in einem besondern Zimmer lag, konnte nicht schlafen; der Gedanke an das Kloster, an die stille Ruhe und glanzende Heiligkeit der Monche beschaftigte ihn bis um Mitternacht. Er baute tausend Luftschlosser auf; seine dichterische Phantasie malte ihm die Tage vor, die er hier so glucklich zubringen konnte; sie malte ihm das Kloster als einen Himmel auf Erden ab, und er gluhte von dem Wunsche, bald ein Einwohner dieses Himmels zu werden.

Endlich schlief er ein; er sah im Traum Engel herabsteigen, und ihn zum Altar fuhren, wo er das Gelubde ablegen sollte. Seine Mutter, die schon gestorben war, winkte ihm an der Seite der Maria, ihnen zu folgen; er horte eine himmlische Musik, und wachte von der zu heftigen Bewegung seiner Seele auf. Der Tag war schon angebrochen; die Sonne gieng auf. Er konnte nicht langer im Bette bleiben, und gieng ans Fenster, von da aus er das Kloster und einen Theil des Gartens ubersehen konnte. Rings ums Kloster herum lagen Fruchtfelder, die, vom Thau benetzt, in frischer Farbe prangten. Ueberall schwebten Lerchen in der Luft, und sangen ihr gottliches Lied auf die neuerwachte Welt herab. Im Klostergarten sangen Rothkehlchen, Aemmerlinge, Nachtigallen und Amseln. Einen Pater sah er schon mit gefalteten Handen, die ein kleines Kreuz hielten, in den Gangen auf und nieder gehen. Dies erweckte seine Andacht, die nie feuriger gewesen war. Lieber Gott! lass mich auch zu so einem frommen Mann werden, seufzet' er, und schwieg wieder.

Rechterhand lag der Gottesacker; und er konnte deutlich das Grab sehen, auf dem sie gestern Abend gestanden hatten. Hier fiel ihm der Pater Joseph ein, und Thranen schossen ihm ins Auge.

Indem trat sein Vater ins Zimmer; er fuhr zusammen, drehte sich um, und suchte seine Thranen zu verbergen.

Wie, mein Sohn, du bist schon auf? und so traurig? ich glaube gar, du hast geweint. Fehlt dir was, Xaver?

Ach nein, Papa, ich sah da auf den Kirchhof, wo wir gestern gewesen sind. Der Pater Joseph muss ein treflicher Mann gewesen seyn.

Ja, mein Sohn, das ist er gewesen, und es ist mir lieb, dass dir sein Andenken werth ist. Wie hast du denn diese Nacht geschlafen? Doch recht ruhig?

Nicht so ganz, Papa; Ich hatte allerley Gedanken durcheinander, und dann ttaumt' ich auch so wunderlich.

Nun, wovon denn?

Je, vom Kloster, und dergleichen.

Ja, das hab ich mir eingebildet, und deswegen kam ich auch heruber. Du warst gestern auf eine ausnehmende Art bewegt; ich gab immer auf dich Achtung, aber ich wollte nichts davon sagen. Es schienen mancherley sonderbare Veranderungen in dir vorzugehen. Heute muss ich nun aufrichtig mit dir reden. Der Pater Anton lag mir schon lange an, dass ich dich ins Kloster thun sollte. Ich hatte wenig Lust, weil ich deine Munterkeit kannte, die sich nicht furs Kloster schickt; und deswegen hab ich dich auch nie mitnehmen wollen. Nun ists einmal geschehen, weil du mir keine Ruhe liessest. Du sagtest gestern dem Pater Anton, dass du Lust zum Klosterleben hattest. Er fieng das auf, und sagte es gleich vor den andern Monchen. Diese freuen sich nun immer, wenn sie neue Ankommlinge bekommen konnen. Sie werden heute gleich wieder davon anfangen, und darum wollt ich erst mit dir davon reden. Du sagst, es habe dir vom Kloster getraumt; was war es denn?

Ich war in der Kirche, sagte Xaver, wo die Kapuziner alle um mich herum stunden. Ich sollte zum Altar hin gehen; und da war mirs, als ob Engel herabkamen, und als ob die selige Mama mit der Mutter Gottes kame, und mir winkte, dass ich hingehen sollte. Ich wachte dann wieder auf, und konnte nicht mehr einschlafen.

Das ist sonderbar, sagte der alte Siegwart, und gieng auf und nieder. Es hatte ihm was ahnliches von seiner Frau getraumt, weil er sich an Pater Josephs Grabe allein mit dem Gedanken an sie beschaftigt hatte. Xaver, ist es dir denn Ernst mit dem Kloster?

O ja, Papa; wenn Sie es wollen

Ich will es nicht, mein Sohn; Aber ich will dir auch in deiner Wahl nicht vorgreifen; ich weiss, dass du jetzt dafur bist; aber du must alles wohl uberlegen; wenn man hier einmal gewahlt hat, dann ist die Neue zu spat. Ich wunschte schon zuweilen, dass einer meiner Sohne ein Geistlicher werden mochte; mit Karl und Wilhelm geht es nicht mehr an; die haben ihre Versorgung; aber wegen deiner war ich immer zweifelhaft. Mit dem Klosterleben ists so eine Sache; bald gefallt es mir, bald wieder nicht, und die wenigsten schicken sich dazu. Gestern Abend hat mich nun Pater Anton wieder ganz dafur eingenommen. Er ist ein guter frommer Mann, und mein vieljahriger Freund. Wenn du ihm gleich werden konntest, so wurd ich Freude an dir erleben. Aber, Xaver, ich glaubte immer, fur dich ware eine so ganz einformige Lebensart nicht. Du bist zwar oft gern allein; aber zuweilen bist du wieder immer in Gesellschaft. Und dann must du dir das Kloster nicht so vorstellen, wie es dir gestern das erstemal vorgekommen ist! So lange einem etwas neu ist, da gefallt es immer. Vor den Leuten thun die Paters immer friedlich, und scheinen, wie die Engel zu leben; aber es mogen wol, wie ich manchesmal aus des Pater Antons Reden merkte, manche bose Leute unter ihnen seyn, die einem das Leben recht sauer machen konnen. Kurz, ich weiss nicht, ob ich dir dazu rathen soll? Freylich, wenn ich an den Traum denke; denn ich muss dir nur sagen, dass mir eben das getraumt hat.

Eben das getraumt? rief Xaver. O Papa, das ist gewiss nicht umsonst geschehen! Es gefallt mir so gut hier, als mirs noch an keinem Ort gefallen hat. Ich wollte Sie wol bitten, dass Sie mich hier liessen! Hier im Kloster bleiben kannst du jetzt noch auf alle Falle nicht, erwiederte der Vater, denn die Kapuziner unterrichten keine jungen Leute, und dann wustest du auch noch vorher auf Akademien. Aber dazu wollt' ich dir wol rathen, dass du einige Tage lang hier zurucke bliebest, um die Einrichtung der Lebensart genauer kennen zu lernen. Du must auf alles genau Acht geben, ob die Paters dir gefallen? ob du dich an die bestandigen Andachtsubungen; an den Gehorsam; an die strenge Klosterzucht; an die, mehrentheils geringe und schlechte Kost; an das einformige, stille, von der ubrigen Welt abgeschnittne Leben gewohnen kannst? Ob du dich fur stark genug haltst, den Vergnugungen der Welt zu entsagen, und, von ihr ungekannt, nur dir und Gott zu leben? Pater Anton soll dich von allem noch genauer unterrichten, auf ihn kannst du dich verlassen. In vier oder funf Tagen komm' ich wieder, um deine Meynung zu erfahren; denn nun ists gerade Zeit, dass du dich zu einer Lebensart entschliessest, welche kunftig dein ganzes Leben ausfullen soll. Ich werde alt, wer weiss wie lange ich noch lebe; und ich wunschte dich so gern vor meinem Ende noch versorgt. Ich dachte, dich zu meinem Bruder dem Forstmeister zu thun, aber der ist nun vor sechs Wochen auch gestorben. Doch ich lasse dir die freye Wahl, und rede dir zu nichts zu, um nachher keine Vorwurfe zu haben. Willst du so, mein Sohn?

O ja, Papa; Sie sind auch gar zu gutig. Lassen sie mich nur hier! Ich hoffe, dass es mir recht wohl gefallen soll; denn so schon hatt' ich mir das Klosterleben gar nicht vorgestellt.

Nun kam der Thorwart des Klosters, und fragte, ob sie in das Conversatorium kommen wollten? die Paters waren alle schon da versammelt, und hatten ihre Vigilien schon gesungen. Sie besprachen sich uber den jungen Siegwart, den sie gern bey sich im Kloster gehabt hatten, und redeten dem Pater Anton zu, weil er doch soviel uber den Herrn Amtmann vermoge, dass er ihm ja recht anliegen sollte, seinen Sohn der Kirche und dem Kloster zu schenken!

Indem trat der Vater mit dem Sohn herein. Sie eilten dem ersten mit offnem Arm entgegen, und empfiengen ihn, einer nach dem andern. Dem jungen Siegwart drukten sie treuherzig die Hand, und nannten ihn ihren jungen Bruder. Das gefiel dem Jungling.

Morgen sollt er hier seyn! sagte der Guardian. Wir haben Festtag, da wirds ihm gefallen!

Ja, ich bleibe hier, rief der enzukte junge Siegwart, der Papa hats schon gesagt.

Gemach, mein Sohn, sprach der Vater; du must erst von den Ehrwurdigen Herren die Erlaubnis dazu haben.

O recht gerne, sagte Pater Gregor, der dabey stand, und wandte sich zu den ubrigen: der junge Herr mochte etwas bey uns bleiben. Sie erlaubens doch?

Warum nicht? riefen alle. Herr Amtmann, sagte einer, Sie mussen Ihren Sohn ja der Kirche schenken! Er hat recht einen gottlichen Beruf dazu. Wir sahens ihm schon gestern an, und sprachen noch heute viel davon. Er wird ihnen Freude, und dem Orden Ehre machen. Wir glaubten schon, Ihren Karl zu kriegen; aber Xaver taugt noch mehr dazu. Lassen Sie ihn so lange bey uns, als Sie wollen; Er soll gewiss gut aufgehoben seyn.

Das bin ich uberzeugt, sprach der alte Siegwart; wenn Sie so erlauben wollen, so lasse ich ihn etliche Tage hier; er bat mich heut darum. Es scheint, dass er recht viele Lust zum Kloster hat, und wenn es Gottes Wille ware, so bin ichs auch recht wohl zufrieden. Ich sollte auch einmal ins Kloster, und vielleicht war' mirs besser gegangen, als so. Doch ich bin jetzt auch zufrieden. Wollen Sie erlauben, so schick ich heute statt des Kostgelds etwas Wein und Korn. In ein paar Tagen hol ich meinen Sohn dann wieder ab.

Sie mussen aber heut doch erst bey uns zu Mittage essen, sagte Gregor, und das Kloster ein bischen besehen.

Er und Anton giengen nun mit den beyden Siegwarts auf die Bibliothek, wo sie Bucher mit den schonsten Kupfern sahen. Dann besahen sie die herrlichen mit Perlen und Gold gestickten Messgewande, deren Anblick das Auge des jungen Siegwarts fast verblendete; die goldnen, mit Steinen besetzten Kelche; Silberne und vergoldete Bildnisse von Aposteln und Heiligen. In der Kirche schimmerten die goldbedeckten Altare im Stral der Morgensonne. An den Wanden hiengen herrliche Gemalde von Heiligen, und Kapuzinern, die als Martyrer gestorben sind. Besonders ruhrte ein Gemalde den jungen Siegwart bis zu Thranen. Viele Kapuziner hiengen todtblass, aber doch mit einer innern Heiterkeit, und einem halbgebrochnen, muhsam zum Himmel empor gehobnen Auge, an Kreuzen. Ueber ihnen schwebten, in halberleuchteten Gewolken, Engel mit Siegerkronen, und Palmzweigen in der Rechten. Auf einer andern Seite wurden welche durch das Schwert hingerichtet. Verschiedne, mit Blut befleckte Rumpfe lagen schon vor ihnen. Auf einem derselben kniete ein alter silberhaarichter Kapuziner, der eben hingerichtet werden sollte, mit dem Kruzifix in der Hand. Auf dem Vordergrunde wurden andre an einem Thurm vorbey gefuhrt, aus dessen festvergitterten Oefnungen abgeharmte Gesichter heraussahen, die sich eben einen solchen Tod mit Sehnsucht zu wunschen schienen; besonders ruhrte unsern Siegwart das Gesicht eines Junglings, der ihn mit Thranen anzusehen schien.

Das waren alle unsre Bruder, sagte Anton, die als Missionarien nach tausendfachen Leiden der Martyrerkrone sind theilhaftig geworden. Wir werden sie einst alle wieder bey Gott antreffen, wenn wir, wie sie, willig Armuth, und, wenns seyn soll, auch Verfolgung tragen.

Mit diesen Worten sah er den jungen Siegwart an, der den ganzen Ausdruck dieses Blickes fuhlte.

Nun kamen sie im Hof an ein kleines steinernes Hauschen, das ans Kloster angebaut war. Gregor machte das Thurchen auf, und ein Haufen Krucken und Stabe lag da uber einander gethurmt.

Das sind Zeugen von den Kuren, sagte Gregor, welche mit Gottes Hulfe durch unser Gebeth, und die Kraft unsers wunderthatigen Marienbildes, das Sie in der Kirche gesehen haben, hier im Kloster verrichtet worden sind. Kruppel und Lahme kamen an ihren Krucken, und auf Wagen zu uns. Gesund und frisch konnten sie in ihre Hauser zuruckgehen, und liessen zum Andenken ihrer Heilung ihre Krucken und Stabe hier. So thun wir Gutes, was wir konnen, an Leib und Seele.

Der junge Siegwart betrachtete diese Stutzen der Elenden, die sie nun nicht mehr bedurften, mit einer heiligen Ehrfurcht; und noch mehr die Vater, denen er in seiner frommen Einsalt solche Wunderkrafte zutraute. Er glaubte nun, er musse ein Monch werden, und brannte vor Begierde, es schon jetzt zu seyn. Seine ganze Seele war von einem Taumel ergriffen, der ihn nichts horen, und nichts sehen liess, als nur das Kloster. Die ganze andre Welt war ihm nun verhast, und ode. Er betrachtete sie als den Wohnplatz abgeschiedner, bedaurenswurdiger Seelen; und hatte in diesem Augenblicke den gehast, der ihn wieder aus seinem ertraumten Himmel hatte heraus reissen wollen. So schnell werden lebhafte Seelen, die jedem Eindruck offen sind, oft durch Schattenbilder zu Entschlussen hingerissen, die einen Einfluss auf ihr ganzes kunftiges Gluck oder Ungluck haben. Mochten doch nicht Leute, die diese schwache Seite einer feurigen Seele kennen, sie so oft misbrauchen!

Noch verweilten sie sich eine Zeitlang in den Zellen der beyden Monche. Alles gefiel hier unserm jungen Siegwart; das kleine Krucifix, das holzerne Bette, und besonders der Todtenkopf, den Pater Anton auf seinem kleinen Tische stehen hatte.

Nun wars bald Essenszeit. Man speiste heute, um der beyden Fremden willen, in dem Gartensaal. Die Paters begegneten dem jungen Siegwart mit besondrer Achtung, um ihn immer noch mehr furs Kloster einzunehmen. Gegeneinander zeigten sie eine ausserordentliche bruderliche Freundlichkeit; einer erzalte nach dem andern etwas Angenehmes aus dem Kloster; sprach verachtlich von der Welt und ihren Freuden; ruhmte das Gluck der Einsamkeit, und pries den Tag als den glucklichsten seines Lebens, an welchem er das Gelubde abgelegt hatte.

Der alte Siegwart muste versprechen, wenn es, wie nicht zu zweifeln ware, seinem Sohn serner im Kloster gefiele, ihn in kein anderes, als in das ihrige zu thun. In der Stadt konne Xaver bey den Piaristen, wohin sie ihn empfehlen wollten, in 3 oder 4 Jahren die Anfangswissenschaften lernen, und dann konne er gleich auf die Universitat gehen.

Nach Tische gieng man noch ein paar Stunden im Garten spazieren, oder setzte sich ins Gebusch, wo eine Menge Amseln, Nachtigallen und andre Vogel fast ganz zahm herumhupften, und sangen, weil ihnen die Paters nie nichts zu Leide thaten.

Gegen Abend gieng der alte Siegwart nach Hause, nachdem er seinen Sohn den Monchen noch einmal empfohlen hatte. P Anton, P. Gregor und sein Sohn begleiteten ihn bis ans Waldchen; wo sie zartlich von einander Abschied nahmen.

Traurige und freudige Gedanken wechselten nun in seiner Seele mit einander ab. Er wunschte sehr, dass sein Sohn ein Monch werden mochte, denn er war noch vom Aberglauben nicht ganz frey, und glaubte, ein gutes Werk zu thun, wenn er seinen Sohn Gott, das heist, nach den angenommnen irrigen Begriffen, dem Kloster schenkte; aber er konnte sich doch auch des, nur zu richtigen Gedankens nicht entschlagen, dass sein Sohn nicht furs Kloster gebohren, und dass sein jetziger Entschluss nur eine Art von Betaubung sey, die eben so bald wieder voruber gehen konne.

Doch wenn der Aberglaube mit der Vernunft ringt, so siegt dieser mehrentheils, weil er immer sehr furchtsam und angstlich macht. Der gleiche Traum von seiner Frau, den Siegwart mit seinem Sohn gehabt hatte, und den er fur ein gottliches Werk hielt; das schon lang anhaltende Zureden seines Freundes Anton; das Dringen der Monche, dem er nicht ausweichen konnte, und die eigne Neigung seines Sohnes, dessen freyer Wahl er alles uberliess, beruhigten ihn wieder von der andern Seite, und befestigten ihn in dem Entschlusse, seinen Sohn der Welt absagen zu lassen. Er wird einst unter Antons Anfuhrung ein frommer Mann werden, und mehr kann ich ihm nicht wunschen.

Auch der Gedanke gab seinem Entschluss noch einiges Gewicht, dass er dann mehr fur das Wohl seiner seiner beyden andern Sohne und fur die Versorgung seiner beyden Tochter thun konne, weil er auf diese Art nicht soviel an seinen Xaver zu verwenden brauche.

Als er nach Hause kam, und den beyden Sohnen, davon der alteste ihm an die Seite gesetzt war, sein Verfahren bekannt machte, billigten sie dasselbe auch aus eigennutzigen Absichten sehr, ob sie gleich die Religion zum Deckmantel nahmen, und viel von Verdienstlichkeit und guten Werken sprachen. Nur Therese, die alteste Tochter, billigte den Entschluss nicht, und bedaurte insgeheim ihren armen Bruder, ohne dass sies merken lassen durfte.

Der junge Siegwart gieng indessen zwischen seinen beyden Monchen langsam wieder nach dem Kloster zu. Diese wetteiferten, ihm angenehme Dinge vorzusagen, und seinen Entschluss zu loben.

Der Abend strich ihm in der Gesellschaft der Kapuziner, die sich beym Abendessen fast allein mit ihm beschaftigten, und ihm das Klosterleben von der reizendsten Seite abzuschildern suchten, sehr angenehm hin. Sein Herz ward immer mehr gefesselt; wo er hin sah, erblickte er Ruhe, Zufriedenheit, und bruderliche Liebe; Bilder, die bisher immer nur in seiner Einbildungskraft geschwebt hatten, und die nun wirklich und lebendig vor ihm da standen. Nach dem Abendessen gieng man wieder in den Garten. Heute hatte sich eine Nachtigall ganz nahe zu der Grotte gemacht, und sang da ihr gottliches Lied. Siegwarts Seele war ganz voll. Er druckte einigemal dem P. Anton mit einer innigen Bewegung die Hand.

Er besuchte noch mit ihm und Pater Gregor einen kranken Pater, der mehr vor Alter als vor Krankheit langsam dahin zu sterben schien, und der Rose glich, die an einem stillen Abend, wenn kein Luftchen sich bewegt, die Blatter nach und nach verliert. Der Kranke athmete still, und sprach wenig. Neben ihm lag sein Gebetbuch, und der Rosenkranz. Dazwischen stand ein Krucifix. Einige Blumen welkten in einem irdenen Gefass. Ein paar Arzneyglaser standen dabey. In der Ecke der Zelle hing eine dustre Lampe, die ihr Licht nur schwach umher verbreitete. Anton und der andre Pater, die dem Kranken wachen solten, sprachen leise. Jede lautere Bewegung ward vermieden, und tiefe feyerliche Stille herrschte rings umher, wie es bey dem Sterbebette der Mutter Siegwarts gewesen war. Ihr Andenken wachte auch hell in seiner Seele auf, und sie erschien ihm noch einmal im Traum; lebhafter als die Nacht zuvor.

Anton, der seine tiefe Traurigkeit wahrnahm, fuhrte ihn ganz langsam an die Thure, ofnete sie leise, und lispelte ihm in die Ohren: der gute Pater wirds nicht lange mehr machen. Komm er morgen fruh, wenn er Lust hat, wieder zu mir in die Zelle; vielleicht hat mein Freund bis dahin uberwunden.

Siegwart gieng nun mit traurigen Gedanken schlafen; um funf Uhr wachte er auf, und sein erster Gedanke war an den kranken Pater. Die Sonne gieng neblicht auf; der halbe Himmel war blutrot, und warf einen blassen Wiederschein an die weisse Wand des Schlafgemachs. Er zog sich schnell an, und gieng an die Zelle. Er klopfte zweymal an die Thure, ohne dass ihm geantwortet wurde; doch horte er laut reden.

Als er aufmachte, hielt P. Anton dem Sterbenden den Kopf in die Hohe und nickte ihm mit Thranen in den Augen zu. Der andre Pater las aus einem Buche vor. Der Kranke war mehr gelb, wie blass; Seine Augen standen unbeweglich, und man sah nur das Weisse davon. Er sammelte seine letzten Krafte, und betete laut nach. So flammt die sterbende Lampe noch einmal hell auf, und verlischt. Die letzten Worte, die er mehr herausstiess, als sprach, waren: Hilf, Herr Jesu! Nun zuckte er ein paarmal, und lag todt da.

Gottlob! hat wieder einer uberwunden, sagte Pater Anton, liess den Kopf des Todten sinken, und druckte ihm die Augenlieder zu. Er ist bey seinem Heiland Jesu Christo, und bey allen Heiligen. Du guter Pater, Martin, warst ein frommer Mann; mein Ende sey wie deines! Der andre Pater gieng hin, es dem Guardian anzuzeigen; Anton legte eine Decke uber den Leichnam, gieng aus Fenster, und schwieg eine Zeitlang still.

Siegwart gieng hierauf mit schwerem Herzen, und allein im Garten auf und nieder; stellte sich die Zuge des Sterbenden wieder vor, druckte sie in seinem Herzen tief ein, und folgte seiner Seele in Gedanken in den Himmel nach, sah den Jubel der Gerechten, die die Siegerinn empfiengen, und ihr Palmenzweige streuten. Seine ganze Seele war emporgehoben, und er wuste lange nicht, dass ihm helle Zahren aus den Augen rollten. Alle seine Wunsche waren auch ein solcher Tod; und der einzige Weg dahin schien ihm das Kloster. Er warf sich auf eine Rasenbank, verhullte sein Gesicht in beyde Hande, und lag in einer Art von Betaubung da, als der Schall von allen Glocken den Anbruch des Fests verkundete.

Er gieng in den Versammlungssaal, wo die Vater traurig bey einander standen, und sich vom Verstorbnen unterhielten. Alle lobten ihn einmuthig, und schickten ihm ihren Segen nach. Sein Begrabnis ward auf ubermorgen angesetzt, und nun giengen die Paters Paar und Paar in die Kirche, die mit Blumen bestreut, und mit Meyen ausgeschmuckt war. Mehr, als hundert Wachslichter wurden angesteckt. Dicke Weihrauchswolken stiegen auf, und umgaben die Paters und den jungen Siegwart. Es ward ein feyerlicher voller Choral angestimmt, der wie ein Meer daherbrauste. Der langsame, andachtsvolle Gesang und der begeisternde Weihrauchsduft trugen unsers Siegwarts Seele zu den Wolken. Er hatte tausend, sich durchkreuzende Empfindungen, ohne Eine davon deutlich zu fuhlen. Es war ihm, als ob er zwischen Himmel und Erde schwebte, und zuweilen einen Blick durch die Wolken an den Thron des Hochsten thate. Das Gesicht der Geistlichen schien ihm zu glanzen, und verklart zu seyn. Er warf einen Blick auf das Gemalde, wo die Kapuziner hingerichtet wurden. Sie schienen ihm zu leben, und ihn anzublicken. Er hielt sich schon fur ein Mitglied des Ordens, und blickte in die Welt, wie in ein Grab zuruck, von dem sich sein Geist dem Himmel zugeschwungen hatte. Der Guardian hielt das Hochamt; die Gemeinde kniete nieder, und ein heiliges Te Deum trug die Seele des Junglings in noch tieferes Erstaunen und Entzucken uber. Nach vollendetem Gottesdienst gieng er mit dem P. Anton in die Zelle des Verstorbenen, der schon in einem schlechten Sarge lag, um welchen brennende Wachskerzen standen. Nach einer kurzen Unterredung von den Tugenden des Todten, die in Siegwarts Seele eine brennende Nacheiferung erweckte, ward zum Essen gelautet.

Wahrend der ganzen Mahlzeit herrschte eine fast ununterbrochene feyerliche Stille. Die Augen waren niedergeschlagen; zuweilen sah ein Pater den andern an, und kehrte schnell, wenn er bemerkt wurde, den Blick, in welchem Thranen schwammen, wieder weg. Wider Willen stiess der eine und der andre einen lauten Seufzer aus, der die Losung zu einer neuen allgemeinen Besturzung gab. Inzwischen redete doch jeder mit dem jungen Siegwart, den das allgemeine Bedauren des Verstorbenen, und die Liebe gegen ihn, wovon dieses ein Zeuge war, im Innersten ruhrte. Er gewann die Vater, die so vieler Freundschaft fahig waren, nur um desto mehr lieb, und wunschte sich, nur auch recht bald dieser Freundschaft wehrt zu werden. Es ward ihm nun schon als einem, der zum Orden gehorte, begegnet, und diese Art von Vertraulichkeit nahm ihn vollig ein.

Den Nachmittag brachte er grostentheils in P. Antons Zelle zu, wo noch ein andrer Monch hin kam, der ihm lauter abentheuerliche Wundergeschichten von Leuten aus seinem Orden erzalte, und ihm besonders das Leben des heil. Franciscus von Assissi empfahl, das er ihm selbst, zum Durchlesen zu leihen versprach. Gegen Abend giengen sie im Garten spatzieren, wo die Monche zerstreut und niedergeschlagen umher giengen. Sie kamen durch verschiedne Gange unvermerkt an den Gottesacker, wo schon ein Grab aufgeworfen wurde. Der Abend war zu traurigen Betrachtungen gemacht, trub und neblicht. Die Sonne gieng verhullt unter, und schickte erst, eh sie ganz am Horizont hinabsank, noch einige blutrote Stralen auf das schweigende Gefild des Todes. Nach dem Abendessen gieng Siegwart auf sein Zimmer, hatte halbtraurige und halbfreudige Gedanken, legte sich zu Bette, und beschaftigte sich die halbe Nacht durch im Traum mit dem Verstorbenen, den er mit allen Zugen und Bewegungen auf dem Sterbebette liegen und verscheiden sah. Zuweilen wachte er auf, und da deucht' es ihm, als ob Engel ihm zulispelten: Folge dem Gerechten nach! Gleich am Morgen kam Pater Ignatz, mit dem Leben des H. Franciscus, und einigen andern Legenden, deren immer eine fabelhafter war, als die andre, zu dem jungen Siegwart, und empfahl sie ihm nochmals mit tausend ubertriebnen Lobserhebungen zum Durchlesen. Dieser hatte kaum zu lesen angefangen, so war seine ganze, leicht zu erhitzende Einbildungskraft in einer andern Welt. Seine Seele wurde mit dem Wunderthater vertraut, schwarmte mit ihm in der Welt herum, hatte mit ihm Erscheinungen, und wuste sich kaum in die neuen uberirrdischen Empfindungen zu finden. Er wunschte sich, auch Vermogen zu haben, um es so, wie sein Heiliger, den Armen auszutheilen; er wunschte, schon den Orden zu haben, um, gleich seinem Vorbilde, nach Cairo gehen, und den Turken das Evangelium predigen zu konnen. Er hielt schon in Gedanken Predigten, deren Feuer und Beredsamkeit, wie er glaubte, Menschen und Thiere, deren sich sein Patron auch angenommen hatte, zur Ueberzeugung hinreissen muste. Er hofte, auch einmal des Eindrucks der Stigmatum wehrt zu werden, weil er eben das thun zu konnen hofte, was Franz in seinem heiligen Eifer gethan hatte. Nichts beschaftiget das Herz mehr, als Chimaren und Entwurfe, die man in die Zukunft baut. Man steigt von Einem aufgethurmten Schloss aufs andere, und sieht mit Verachtung auf die ubrigen Menschenkinder herab, die im Staube kriechen, und den ordentlichen Weg gehen. Alle Hindernisse schwinden weg; man sieht nichts vor sich, was im Wege stehen konnte; oder schreitet mit Riesenschritten druber weg, und sieht mit Wolgefallen auf die zuruckgelegte steile Bahn herab. Einem Schwarmer ist in seinem Sinne alles moglich; und kein Herz ist mehr zur Schwarmerey geneigt, als ein solches, das, bey einer lebhaften Einbildungskraft ein zartes moralisches Gefuhl hat, und es mit den Menschen, seinen Brudern, gut meynt. So giengs unserm jungen Siegwart; er sah lauter Hulfsbedurftige vor sich, sah schon ihre Thranen rinnen, horte schon den Dank von Lippen erschallen, die er Gott und Jesum hatte anrufen lernen.

P. Anton uberraschte ihn in dieser heiligen Begeisterung, und schlug ihm vor, ihn auf den Nachmittag in ein paar nahgelegne Dorfer zu begleiten, um Allmosen einzusammeln. Siegwart nahm den Vorschlag mit Freuden an, und gieng, nachdem er erst seine Bucher sorgfaltig aufgehoben, und eins davon zu sich gesteckt hatte, mit dem P. Anton in den Speisesaal, erzahlte da dem P. Ignatz seine Freude uber die geliehnen Bucher, und unterhielt sich mit den andern Vatern wahrend dem Essen von den Wundern des H. Franciscus. Alle lobten seine Liebe zu ihrem Stifter, und prophezeyten ihm ein gluckliches und heiliges Leben. Man gab ihm einige Bilder vom H. Franz und andern Heiligen, die er den Bauerknaben und Madchen austheilen konnte. Ein Bild vom H. Franciscus behielt er selbst, um es in seinem Zimmer anzukleben, und sich taglich an seinem Anschauen zu belustigen und zu erbauen.

Nun gieng er mit P. Anton auf ein, anderthalb Stunden weit vom Kloster entferntes Dorf. Sie konnten auf dem Wege wenig miteinander sprechen, weil die Leute, die im Feld und auf den Wiesen arbeiteten, Hauffenweis herbeygesprungen kamen, und den Pater, den sie alle liebten, um den Seegen baten. Jeder blieb mit seiner Harke, oder was er sonst in der Hand hatte, stehen, oder sprang herbey, und grusste den Ehrwurdigen Vater mit der grosten schwabischen Treuherzigkeit. Andre baten ihn, in ihrem Hause einzukehren, und sprangen voraus, um mit allem Vorrath aufzuwarten, den sie hatten. Sie grussten alle auch den jungen Siegwart, den sie kannten, weil er aus der Nachbarschaft war, und sahen sich vergnugt und einander zulachelnd an, dass ihm P. Anton so freundlich begegnete, wie ein Vater seinem Sohn. Dieser machte ihm die Freude, und liess ihn die Gemalde von Heiligen unter die Bauerkinder austheilen, die ihn darum baten. Er fuhlte das innerste Vergnugen druber, wie die Kinder sich verneigten, das Geschenk ansahen, und dann mit froher Eile ihren Eltern zuflogen und sie sehen liessen, was der Ehrwurdige Pater, und der junge Herr ihnen schones geschenkt habe.

Wahrend dass die Dorfglocke zum Allmosengeben gelautet wurde, sprang eine Baurinn mit zerrissnen Haaren und verweinten Augen aus der Hutte heraus, um dem Pater ihre Noch vorzutragen. Ihr Mann hatte sie geschlagen, und nun sollte Anton der Friedensrichter werden. Er gieng mit ihr und dem jungen Siegwart in die Hutte, wo der Bauer noch ganz wild in der Stube stand, und sich das Blut aus dem Gesicht wischte, das ihm seine Frau, um sich zu vertheidigen, zerritzt hatte. Hinter dem Ofen stand ein kleiner Knabe weinend, und zitterte, weil er seinen Vater so in Wuth sah. Die Tochter, ein unschuldiges Madchen von 16 Jahren, weinte auch in ihre Schurze, weil der Vater sie geschlagen hatte, als sie ihrer Mutter hatte zu Hulfe kommen wollen. Der Bauer ward vor Schrecken schneeweiss, als er den Pater mit der Mine des Friedens und der Ruhe hereintreten sah. Er nahm die Mutze ab, fieng an einen guten Abend zu stottern, um seine Verwirrung zu verbergen, und ward dadurch nur noch verwirrter.

Ey, Ey! was muss ich sehen? fieng Anton endlich an; Was ist das, Michel, dass ihr so zerstreut und blutrunstig ausseht? Es scheint, da hats Handel gegeben; das ist doch nicht schon, Michel, eure Frau so unchristlich zu schlagen, wie sie mir erzalt hat. Ja, sie hat mirs auch darnach gemacht, fiel der Bauer ein; wenn Sie wusten, Ihro Wohlehrwurd So? Hast du nicht selbst angefangen, du? rief das Weib, und trat aus dem Winkel hervor.

Eins nach dem andern, lieben Kinder! sagte Anton, setzte sich auf eine Bank und winkte dem jungen Siegwart, es auch zu thun Eins nach dem andern! Sonst kann ich nicht draus klug werden, wer Recht oder Unrecht hat? Ihr seyd noch zu hitzig, Michel! lasst euer Weib erzalen, wie der Handel angieng?

Die Frau. Ja, Ihr Wohlehrwurd, sehn Sie nur, da stund ich da draussen vor der Thur, und nahm meiner Kinder Wasche vom Seil' herab; kommt da ein armer Soldner vom nachsten Lutherschen Dorf her, der schon drey Jahr mit der Schwindsucht zu thun hat, und keinen Menschen, der sich seiner annimmt, weil er arm ist, und ein Fremder, aus dem Salzburgerland, da von den Vertriebenen, wie Sie werden g'hort haben Der kommt, an zwey Stocken, dass er kaum aus der Stelle kommen kann, sieht aus, wie der bittre Tod, der leibhafte Hunger gukt' ihm aus den Augen, und bittet mich um Gottes und um Jesus willen um ein Stucklein Brod, und einen halben Scherben saure Milch, weil er noch den ganzen Tag nichts gessen hab, und so kraftlos sey. Es war ein Jammer anzusehen, wie er klaglich that, und zitterte. Ich, ohne lang mich zu bestimmen, lauf ins Haus, will ihm einen Scherben susse Milch, und ein gut Stuck Brod dazu holen; denn ich denk halt immer, was man den Armen gibt, das gibt man Gott, und unter den Lutheranern gibts doch auch Arme, und sind auch Menschen, wie unser eins. Mein Mann kommt wie wuthig hergelaufen, sagt, was will der Ketzer draussen? Mach, dass er sich fort schiert! Je, Mann, sagt ich, sey doch nicht so arg! Ich wollt ihm nur ein Stucklein Brod geben. Siehst nicht, wie er aussieht? So! das war schon, hub er an; willst noch gar den Ketzern geben, den verfluchten Hunden! Sapperment! Du bist mir ein rechtes Weib! Beym Teufel! Man sollt dich aus dem Haus schmeissen. Wirst wol gar noch Lutherisch werden wollen; hast doch immer so Geschmeiss gnug an dir. Komm mir nur, und gib ihm was! Theilst doch immer gnug unter die Halunken unsers Glaubens aus. Und da fieng er an zu fluchen, dass es schrocklich war.

Ich ward denn auch hitzig, wie's so geht, Ihr Wohlehrwurd! und geb ihm brav heraus, und sag, dass ein Ketzer auch ein Mensch sey, und auch einen Gott hab, wie wir, und einen Seeligmacher, Jesus Christus; und lang nach dem Brodmesser, und will ein Stuck Brod abschneiden; da kommt er auf mich zu, nimmt mich bey der Gurgel, schmeist mir's Messer aus der Hand, und schlagt mich ins Gesicht, und wo's hingeht. Er hatt mich schier erwurgt, war mein Madel nicht dazwischen kommen, und da fallt er uber die her, schlagt sie braun und blau, dass ich nur gnug abzuwehren hatte. Und da sprang ich endlich aus dem Haus und traf zu allem Gluck Ew. Wohlehrwurden an, sonst hatt er mich gewiss umgebracht. Es ist ein Elend, bey so einem Mann zu leben; und nun fieng sie an, bitterlich zu weinen.

P. Anton. Ist das wahr, Michel, ist der Handel so angegangen?

Michel. Ja, Ihr Wohlerwurd, nun will ich sehn wer recht hat! Hab ich nicht christlich gehandelt? Mussen Sie's nicht selber sagen?

P. Anton. Christlich, Michel? Ey, Ey! Das war schlimm, wenn das christlich ware! Wer hat euch so was gelehet? Hort mir einmal ruhig zu, wenn ihr konnt! Seht! dass die Ketzer Menschen sind, wie ihr, und unser eins, konnt ihr ja schon daraus sehen: wenn einer davon zum katholischen Glauben uvertrit, so wird er ja nicht verwandelt; er bleibt, was er vorher war; hat Augen, Ohren, Nasen, wie wir, isst und trinkt, wie wir, und wird um kein Haar anders. Und dass man alle, die wie wir Menschen sind, und Fleisch und Blut, wie wir haben, lieben musse, werdet ihr doch glauben; es steht hundertmal in der Bibel geschrieben. Warum sollten wirs auch nicht thun? Sind wir doch alle von Einem Vater, Adam. Und, nicht wahr? Leute, die Einerley Vater haben, heissen Bruder oder Schwestern, und die mussen doch einander lieben?

Michel. Das ist wahr, Herr! Aber

P. Anton. Nun, ihr meynt wohl, die Ketzer konn unser Herr Gott nicht lieb haben; aber denkt nur einmal nach! Scheint die liebe Sonn etwa nur in katholische Dorfer, oder nicht auch in die lutherischen? Haben wir allein Wasser, und Brod? oder haben's eure lutherische Nachbarn nicht auch? Regnet's nur bey uns, wenns nothig ist, oder auch bey den Lutheranern? Ihr durft ja nur eure Aecker und Wiesen ansehen, sie stossen oft an die luthrische. Bey ihnen gedeyht das Korn und das Gras so gut, wie bey uns, und wenn ein Wetterschaden kommt, so trift er eure Felder so gut, wie die ihrigen; das ist alles eins. Meynt ihr denn, Gott wurde Menschen erhalten, wenn er sie nicht lieb hatte? Oder wollt ihr sie verhungern lassen, oder todtschlagen? Wollt ihrs besser machen, wie Er? In der Bibel steht kein Wort davon, dass man seinem Nebenmenschen, wenn er auch ein Ketzer ist, so hart und unmenschlich begegnen soll. Ich will euch gleich eine Geschichte erzalen; unser Seeligmacher hat sie selbst erzalt, und ihr werdet draus sehen, dass ein Ketzer auch ein guter Mensch seyn kann, an dem Gott Wohlgefallen hat; und an wem er Wohlgefallen hat, den macht Er selig, wenn er auch ein Ketzer ist.

Die Geschichte lautet so: Ein Rechtglaubiger wollte eine Reise machen, und da fiel er unter Spitzbuben, die ihn halb todt schlugen, und so liegen liessen. Da reiste ein Priester vorbey, das war ein Rechtglaubiger, der sah ihn, und liess ihn ohne alle Barmherzigkeit liegen. Drauf kam ein Levit, das war auch ein Rechtglaubiger, der liess ihn auch in seinem Elend da liegen. Nun gebt Acht! Was geschieht? Ein Ketzer, ein Samariter reist von ungefahr vorbey, sieht den halbtodten Menschen, der nicht seines Glaubens, und, seiner Meynung nach, ein Ketzer ist, liegen; sieht ihn mitleidig an, geht zu ihm hin, verbindet ihm seine Wunden, legt ein Pflaster drauf, und bringt ihn auf seinem Maulesel in ein Wirthshaus, wartet ihn da selber, und tragt dem Wirth auf, als er weiter reisen muss, er soll fur den Kranken sorgen, und bezalt von seinem eignen Geld dem Wirth auf einige Tage voraus, dass ihm ja nichts abgehen soll. Ist das nicht schon? Und das hat ein Ketzer gethan, und den Ketzer lobt Christus, und sagt, dass mans ihm nachmachen soll.

Meynt ihr nicht, Michel, dass unter euren Nachbarn, die ihr so verketzert, auch solche gute Leute sind? Ich wenigstens wuste nicht, dass sie euch was zu leid thaten; vielmehr halten sie gute Nachbarschaft, und thun euch alles Guts; wurden euch auch wol ein Krumchen Brod und etwas Milch geben, wenn ihr so, wie der arme Mann, wesswegen ihr eure Frau so geschlagen habt, vor ihre Thur kamet und betteltet. Pfuy, das ist nicht fein, so mit Menschen umzugehen!

Hier fieng Michel an zu weinen. Und wisst ihr denn nicht, dass es heist: Christus der Herr ist fur alle gestorben? fur die christkatholische, wie fur die Ketzer. Ihr durft deswegen nicht lutherisch werden; da behut mich Gott davor, euch so was zu rathen. Es ist immer besser, den geraden Weg gegangen, als den krummen. Aber friedlich und nachbarlich sollt ihr leben; und ich wollt, wir hatten all Einen Glauben!

Und was seyd ihr denn fur ein Mann, Michel? Da ists euch nicht genug mit den Ketzern so unmenschlich umzugehn; da muss noch eure arme Frau dran, die besser und christlicher denkt, als ihr. Da entsteht Unfried im Haus druber; Eure Kinder schlagt ihr auch, und gebt ein boses Exempel. Aber ich weiss wol, wo der Schaden liegt; ihr seyd geitzig, hangt am Zeitlichen, und meynt, ihr musst alles allein zusammen scharren, damit's sein einen grossen Hausen gebe. Das sind mir die rechten Christen! Ich habs vorhin wol gemerkt, ihr werft ihr vor, sie geb den Armen viel. Sie thut recht dran, und Gott wird ihrs einst im Himmel noch vergelten, wo ihr nicht hin kommt, wenn ihrs so macht. Ihr seyd ein schlechter, unchristlicher Mann, der kein menschlich Herz im Leibe hat!

Hat ...del Thuts euch leid? Wacht euch das Gewissen auf? Weint ihr? Seht, Michel! Gott weih! ich meyns herzlich gut mit euch. Es ist mir nur um eure Seeligkeit zu thun.

Michel (weinend) Ja das weiss ich wohl, Ihr Wohlehrwurden, und es thut mir herzlich leid. Ich habs nicht so uberlegt; bin eben ein hitziger Mann; und der vorige Herr Pfarr ...

P. Anton. Ich weiss wol, was ihr sagen wollt. Euer voriger Pfarr, Gott geb ihms ewige Leben! Ich hab oft mit ihm druber gesprochen. Der wollt auch so uber die Ketzer her. Aber euer jetziger, der wirds euch ganz anders sagen, fragt ihn nur!

Michel. Ach, Ihr Wohlerwurd, wenn ichs nur nicht gethan hatt! nun geht mirs erst recht nah.

P. Anton. Nun, nun. Es ist mir lieb, dass auch noch ein guter Funken in euch ist! Reu und Leid uber seine Sunden ist der Anfang zur Besserung. Und dann wird euch Gott um Christi willen auch gnadig seyn, wenn ihrs nur von Herzen meynt. Da, geht hin, gebt eurer Frau die Hand, und bittet sie um Verzeihung! (Indem stand P. Anton und Siegwart auf; die Frau trat naher und weinte. Siegwart, und das Madchen schluchzten, und der kleine Knabe weinte auch mit.) Nun, in Gottes Namen gebt einander die Hande! Michel, es ist euch doch Ernst?

Michel. Ja warlich, recht von Herzen Ernst, Ihr Wohlehrwurd. Verzeih mir nur, liebes Weib, was ich dir hab zu leid gethan! Es soll gewiss nicht wieder geschehen. Verzeih mir du auch, Cathrine! Der liebe Gott mag mirs auch verzeihen, dass ich bisher so ein Mensch war, und mit den Luthrischen so umgiengl Nicht wahr, liebes Weib, du vergibst mir, wenn mirs leid ist? Sollst kunftig einen ganz andern Mann an mir haben. Ich will dir so fromm seyn, als ein Lamm. Kannst den Armen meinetwegen geben, so viel du willst ...

Die Frau konnte vor Weinen nicht sprechen, und fiel ihrem Mann schluchzend um den Hals. Es war ein Anblick, da sich Heilige und Engel druber freuten. P. Anton sah beym Fenster hinaus, und wischte sich die Augen. Siegwart suchte seine Thranen mit dem Schnupftuch zu verbergen. Dieser Auftritt machte auf sein ganzes Leben einen tiefen Eindruck in sein Herz. Es hatte ihm immer in der Seele weh gethan, wenn er den Lutheranern und den Juden arger als dem Vieh begegnen sah. Er dachte immer, ob denn Gott so abscheuliche Menschen auf der Welt dulden konne, die man so verachten musse? Und nun hatte er den P. Anton noch gedoppelt lieb, weil er so seine Meynung hatte, die er nie an Tag zu legen wagen durfte. Der Bauer war nun so liebreich und freundlich, wollte alles auftragen, was er hatte, um dem Pater nur recht seine herzliche Dankbarkeit zu bezeugen. Seiner Frau, und den Lutheranern begegnete er von dem Augenblick an, und sein ganzes Leben durch, mit wahrer ehelicher Zartlichkeit, und ungeheuchelter christlicher Liebe. Wenn er hitzig werden wollte, fiel ihm dieser Tag, und das ungelehrte aber treuherzige, und eben darum tief eindringende Zureden des P. Anton ein, und da war wieder Fried und Menschenliebe in seiner Seele. Er schafte sich heimlich eine Bibel an, und las am Sonntag, oder an den langen Winterabenden darinn, und da fand er, dass Gott keiner Religionsparthey befohlen habe, die Ketzer zu hassen, oder zu verfolgen; vielmehr dass das erste und wichtigste Gebot: Liebe gegen Gott und gegen Alle Menschen sey. Seine Frau sah sich, wie in einem neuen Leben; sie glaubte, das Paradies sey wieder aufgeschlossen worden, und schloss taglich mit Thranen in ihr Gebeth den rechtschaffenen Pater Anton ein, der sie seit diesem Tage allemal besuchte, wenn er in ihr Dorf kam.

Voritzt wollten sie ihn mit Gewalt noch langer bey sich behalten, und ihm Kuchen und Wein vorsetzen; aber er verbats, denn sein Herz war belohnt genug. Lasst mich jetzt weiter, lieben Leute, sagte er; ich muss noch zum Klosterbauren; Er hat mir schon ein paarmal sagen lassen, ich mochte doch ja zu ihm kommen, wenn ich hier im Dorf ware; Er hatte mir gar was wichtiges zu sagen; ich weiss nicht, was es seyn mag? Ich wollte doch noch ins nachste Dorf; aber das wird fur heute wol zu spat seyn. Nun, ein andermal! Lebt wohl, Michel, und haltet, was ihr mir versprochen habt! Und ihr, Anna, bleibt bey euren guten Gesinnungen! so wirds euch wohl gehn.

Er gieng, von den ausgesohnten Eheleuten noch eine Strecke weit begleitet, mit Siegwart zu dem Klosterbauren.

Als er von hintenzu durch den Garten nach dem Hause gieng, sah er in der Ecke des Gartens den Sohn vom Hause traurig da stehn, und am Zaun was ausbessern. Der junge Mensch nahm den Hut freundlich ab, und sah dem Pater lange schwermuthig nach. Dies bemerkte der junge Siegwart, und hatte Mitleid mit ihm. Sie traten ins Haus, und trafen den Bauren an, der eben aufs Feld hinaus gehen wollte. Hastig lehnte er die Harke an die Wand, nahm den Hut ab, und rief: O Herr Pater, seyn Sie mir tausendmal willkommen! Ich hab schon so gar lang auf Sie gewartet, wollt was wichtiges mit Ihnen reden. Sieh, das ist ja des Herrn Amtmanns Sohn; willkomm, junger Herr! Wo bringen Sie denn den her, Ihr Wohlehrwurd? Vom Kloster, sagte Anton, er ist bey uns, und will auch ein Geistlicher werden. Ey, Ey, sprach der Bauer, das ist schon! Ja, ja, der Herr Amtmann hat halt Mehr Kinder, da muss er schon sehen, wie ers unterbringt. Treten Sie doch in die Stub, Ihr Wohlehrwurd! Hier aussen siehts aus, wie in Kaiser Karls Rustkammer. Ich will gleich wieder bey der Hand seyn; Gehen Sie nur zu!

Indem sprang er weg, liess Wein und Bier und Wecken holen, und kam selbst mit einem Teller voll Fleisch ins Zimmer. Da, ihr Wohlehrwurd, es ist noch frisch; lassen Sie sichs brav belieben; und Er auch, junger Herr! Anton und Siegwart verbatens; Man setzte sich um den Tisch herum, und nun fieng Franz an:

Franz. Was ich Ihnen sagen wollt, Ihr Wohlehrwurd und woruber ich lang gern mit Ihnen gesprochen hatt, ist halt fur mich eine traurige Sach, die mir schon viel Herzeleid gemacht hat. Da hab ich einen ungerathnen Sohn; es ist noch darzu mein einzig Kind; Sie werden ihn wol gesehen haben; Er steht da im Garten draussen; der will mir ubern Kopf wachsen, will kluger seyn, als ich und seine Mutter, die ihm nur zu viel nachsieht, und hat sich schon seit Jahr und Tag, ohne dass wir das geringste davon wussten, an ein Madel hier im Dorf gehangt, und das Madel hat nichts, ist des Jorg Silbers Tochter, und ich hab ihm langst schon in Gedanken etwas besseres ausersehen. Wie ich nun vor 3 Wochen so von ungefahr dahinter komme, dass er das Madel karessirt, und alle Nacht, wenn wir zu Bett sind, noch mit ihr im Mondschein herumspatziert, oder auf dem Kirchhof mit ihr sitzt; da lass ich ihn am Morgen drauf in meine Kammer kommen, damit's die Dienstbothen nicht horen; die Mutter war auch dabey, und halt' ihm seinen Unfug recht ernstlich vor; sag ihm, was er fur ein Kerl sey; er hab einst von mir den Hof zu gewarten, und schone Feldguter, so und so viel Jauchert Acker, Wiesen, Kuh und Gaul, und ein schon Stuck baares Geld und so fort an; und hang sich da, wider seiner Eltern Wissen und Willen an ein Madel, das nichts hab, als sechs oder siebenhundert Gulden und ein glatt Gesicht; was es uns fur Herzeleid mache, so was von ihm zu horen; wir hielten doch so viel auf ihn, scharrten alles fur ihn zusammen, und was ich sonst so mehr sagte. Da sang ich denn an, wacker drauf zu schmalen, und das End vom Liede war, er soll sich ja nicht mehr gelusten lassen, mit dem Madel nur ein Wort zu sprechen, oder sie den Abend hinter's Haus zu bestellen; es werd nichts gutes draus; er werd mich und seine arme Mutter ins Grab bringen, wenn er so fort mach; aber vorher werden wir ihn von Haus und Hof jagen, ihn enterben, und ihm statt des Segens auf dem Todbett unsern Fluch geben. Sakerlot, Ehrwurdiger Herr! da fangt der Jung an zu greinen: sagt, er konn das Madel nicht lassen, woll mit ihr leben und sterben; es konn ihr kein Mensch im Dorf etwas boses nachsagen, sie hab immer brav gethan, und er hab ihr im Namen der heiligen Jungfrau, und aller Heiligen im Himmel am Osterabend zugeschworen, sie zum Weib zu nehmen, und den Tag drauf hab er auch das heilige Nachtmahl drauf genommen. Und nun sey sie sein, und musse sein bleiben! Ich wuste bey Gott nicht, was ich vor Zorn sagen sollte. Die Mutter wollte sich durch sein Greinen schon herum bringen lassen, ich stiess sie aber bey der Thur hinaus, und sagt ihm noch einmal, er wisse meine Meynung nun, und konne sich darnach richten. Wenn ich wieder was erfahre, woll ich ihn ins Loch stecken lassen, und da konn er sitzen bleiben, bis mein Schimmel schwarz werde. Er sagt', es sey schon recht, und gieng trotzig weg. Etlich Tage gieng er nun herum, wie vor den Kopf geschlagen, ass und trank und sprach nichts, gab kaum Antwort, wenn man ihn um etwas fragte, und Abends, sagten meine Leute, lieg er immer unterm Kammerfenster, kratz die Wand mit den Nageln heraus, spreche was fur sich oder pfeif, und dann wisch er sich wieder das Gesicht, als ob er weinte.

Holla, dacht ich, das ist schon gut; die jungen Leutlein sind immer so, wenn ihnen etwas durch den Sinn fahrt. Weh muss es ihm freylich thun, denn im Grunde hab ich nichts gegen das Madchen, 's ist ein brav schon Ding, nur dass sie nicht reich ist. Kommt Zeit, kommt Rath! Nach und nach wirds schon besser, und das Greinen wird ihm schon entleiben. Wenn ich ihm nur erst von des Wirths Susanna sage, denn die hab ich hier in der Stube g'redt im Sinn. Ich war also ganz ruhig, that aber freundlich gegen ihn, denn ich sah, dass er mager wurde, weil er Nachts gar nicht schlief.

Ich denk, es ist alles gut; er ward wieder muntrer, that seine Arbeit, und guckte Abends nicht mehr aus der Kammer, bis vor acht Tagen der Teufel verzeih mirs Gott! wieder los geht. Ich lieg Abends schon im Bett es war halb zehn Uhr da fangen die Gaul an, im Stall zu schlagen; ich ruf meinem Sixt, weil der Knecht uber Feld war; aber da war kein Sixt. Ich stund auf, gieng selber in den Stall, band den Schimmel an, der sich losgerissen hatte, und visitirte drauf in meines Sohns Bett; Sieh, da war der Vogel ausgeflogen. Ich frug mein Weib, ob sie nichts von ihm wisse; sie sagte nein, bat mich aber ruhig zu seyn, er werd wol bald wieder kommen, und nur mit den andern Baurenkerls im Wirthshaus seyn. Das Ding war mir aber verdachtig, ich zieh also meine Jacke an, und geh nach dem Wirtshaus; da war schon kein Licht mehr. Halt, dacht ich, der wird dem Madel wieder nachgeschlichen seyn; und, indem ich's so denke, seh ich von weitem bey des Schmieds Haus was weisses gehen; ich drauf zu; und da wars mein feiner Sohn mit der Dirn am Arm. Tausend Sapperment, wie mir da zu Muth wurde! Das Madel lief davon, und Sixt kam auf mich zu, als ob nichts geschehen ware. Hol dich dieser und jener! sagt ich; heist das auch dem Vater gehorchen, wie ichs haben will? Gelt, hast geglaubt, ich schlafe, und da stiehlst du dich hinterruks vom Haus weg? du nichtsnutziger, ungerathner Sohn! Ich hab dirs so verboten, mit dem Madel nichts mehr zu thun zu haben, und du thust mirs doch! Komm nur heim, da will ich dir was anders sagen! Er wollte sich noch verantworten, es sey ihm nicht moglich gewesen, seine Regina zu verlassen; er habs thun wollen, da sey ihm aber immer sein Eid wieder eingefallen; er hab Tag und Nacht keine Ruh gehabt; das Madel hatte sich zu Tod gegramt, sey schon ganz abgezehrt, und hab ihm sagen lassen: Er soll ihr nur bald mit der Leiche gehn; sie habe schon die Todtenuhr schlagen, und die Sterbeglocken lauten horen. Und da sey er eben in Gottes Namen wieder hingegangen. Ins Teufels Namen, sagt ich, du verdammter Kerl! Komm nur! Morgen sollst's schon horen. Heut will ich meine Nachbarn nicht mehr aufwecken um so eines Bubens willen. Ich gieng, fluchte so vor mich hin, und der Kerl hinterdrein; er war mauschenstill, nur zuweilen schluchzte er, als ob er die Seel' aus dem Leib heraus weinen wollte. Die ganze Nacht uber konnt ich kein Auge zuthun. Mein Weib wollt ihm noch die Stange halten, und da sah ich wohl, dass sies mit ihm hielte; das brachte mir noch mehr Herzeleid. Gleich am Morgen liess ich ihn herauskommen; stellt' ihm Himmel und Holle vor; sagt' ihm, was da zuletzt herauskommen wolle? dass ichs schlechterdings nie zugeben werde. Wenn du sie nicht lassen willst, sagt' ich endlich, so kannst du dich packen, wo du hin willst. Ja das will ich thun, gab er mir zur Antwort; denn, weiss Gott! ich kann das Madel nicht sitzen lassen, Ihr mogt mit mir anfangen, was Ihr wollt; es ist im ganzen Dorf keine Dirne wie sie, so arbeitsam und fromm und redlich, und das muss ihr auch ihr argster Feind nachsagen. Was habt Ihr denn gegen Sie? Dass sie nicht so viel hat, wie ich? Nun sie hat doch genug. Arm ist sie auch nicht; und dann hat sie ein redlich christlich Gemuth, und wurde fur mich leben und sterben. Das ist mehr, als Geld und Gut. Gesunde starke Hand haben wir auch, und sind das Arbeiten von Jugend auf gewohnt, und dann last Gott keinen Vogel Hungers sterben, geschweige denn einen Menschen, der sich redlich durch die Welt bringt. Ich habs Euch gesagt, Vater, ich kann und darf sie nicht lassen, denn ich hab ihrs zugeschworen; und wenn ihrs nicht anders wollt, so werd ich Soldat, da kann ich sie heyrathen heut und morgen, und behalt ein gutes Gewissen, und krieg ein bravs Weib; nun bedenkt, was Ihr thun wollt?

Sehen Sie, Ihr Wohlehrwurd, so hat er gesagt, und dann gieng er weg. Ich stand da, wie vom Wetter getroffen; seine Reden vom Soldatenwerden giengen mir stark im Kopf herum. Es ist mein einziger Sohn, und er ist mir lieb, weil er sonst immer brav war, und mir nie nichts zu Leid gethan hat. Es soll jetzt wieder Krieg werden; wenn ihm eine Kugel vor den Kopf geschossen wurde! Und Kourage hat er auch: Er hat seitdem schon ein paarmal mit den Werbern hier im Dorf gesprochen. Da bin ich nun voller Aengsten. Mein Weib liegt mir immer in den Ohren, sagt, ich sey ein harter Mann, und habs zu verantworten, wenn ich sie um ihren Sohn bring. Ich sagt' endlich, ich will mit dem Herrn Pater Anton sprechen, was Er davon halt? Ob er unsern Sixt nicht auf bessre Gedanken bringen kann? Ich hab zu Ihnen ein gross Zutrauen, Ihr Wohlehrwurd. Der neue Herr Pfarr ist erst angekommen, den kenn ich noch nicht so. Da wollt ich Sie denn bitten, was Sie darzu sagen? ob Sie meinem Sohn nicht zureden wollen?

P. Anton. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, Franz, so seyd ihr mir ein wunderlicher eigensinniger Mann. Ihr habt einen einzigen Sohn, und ein gross Vermogen. Ihr sagt, dass ihr ihn lieb habt; wenn das ist, so muss euch auch sein Gluck lieb seyn. Nun seht ihr wohl, dass der junge Mensch anders nicht vergnugt leben kann, als wenn er seine Regine zum Weib bekommt. Es muss ihm Ernst mit seiner Liebe seyn, weil ers so drauf ankommen last, dass er lieber euer Haus meiden, und sein Vermogen verlieren will, als das Madchen lassen. Junge Leute kommen freylich oft so aneinander, sie wissen selbst nicht, wie? und waren dann froh, wenn sie sich bald wieder los werden konnten. So aber ists, wie mir deucht, bey eurem Sohn nicht, da ers schon uber ein Jahr treibt, und noch immer am Madchen hangt. Er ist ein braver Mensch, und sie auch, wie ihr selber sagt. Glaubt mir, Franz, in dergleichen Sachen lasst sich nicht viel spielen. Euer Sohn konnt sich das zu Gemuthe ziehen, und ich habe schon viel Schwermuthige gekannt, die's aus Liebe geworden sind; solchen Leuten ist dann schwerlich mehr zu helfen, auch wenn man ihnen hinterdrein das Madchen geben wollte. Warum wollt ihrs denn nicht thun? Gesteht mirs nur, dass sich viel Eigensinn und Geiz mit einmischt! Beydes sind gar grobe Laster. Wer sein ganzes Gluck auf Geld und Gut setzt, der vergisst zuletzt seine Seele druber. Ihr habt ein schon Vermogen, mehr als ihr braucht, wenn ihr auch hundert Jahr alt werdet. Sie hat auch ihre 6 bis 700 Gulden. Wenn die Leutchen nun zusammen kommen und fleissig arbeiten, so kanns ihnen nicht wol fehlen. Sie werden zusammen leben wie die Engel, still und friedlich; werden euch ihr Lebelang ihr Gluck verdanken, und euch Freude machen. Was hilfts, wenn euer Sohn ein reicheres Weib nimmt, das er nicht lieb haben kann? Ich hab solche Ehen schon gesehen; da leben sie zusammen, wie die Hunde und die Katzen; wenn das eine dahinaus will, will das andre dort hinaus. Da gibts ewigen Unfried, Zank und Schlage und eines wird des andern Teufel. Wollt ihr euren Sohn glucklich sehen, und ihm eine solche Holle zubereiten? Einigkeit ist das erste Gluck der Ehe, und erhalt ein Haus allein aufrecht. Ich will mit eurem Sohn reden, Franz, aber ich versprech euch nicht, dass ich viel ausrichten werde. Wenn ihr wollt, so lasst ihn hereinkommen! Aber, wenn mein Zureden nichts uber ihn vermag, dann musst ihr mir versprechen, dass ihr nachgeben wollt. Sonst mag ich mit der ganzen Sache nichts zu thun haben. Durch mein Zuthun soll kein Mensch auf Erden unglucklich werden, weder ihr, noch euer Sohn. Uberlegts wohl!

Franz. Ja ich will mich in Gottes Namen drein schicken, Herr! Ich sag immer, was der P. Anton will, das will ich auch. Er versteht die Sache besser, als unser eins. Anne! (zu der Magd, die eben Bier und Wein brachte). Sag dem Sixt, er soll hereinkommen; der Herr Pater woll was mit ihm sprechen! Sie wissen einem das Herz im Leib so weich zu machen, Ihr Wohlehrwurd! Es ist mir schon ganz anders zu Muthe, und schier kommt mirs vor, als ob ich bisher Unrecht gehabt hatte. Ja, ja, wie Gott, und der Herr Pater will, pfleg ich so zu sagen. Da kommt er schon! Sixt, der Wohlehrwurdige Herr will dich etwas fragen. Komm nur naher her! Darfst dich nicht furchten.

P. Anton. Sixt, ich hab gehort, ihr habt ein Madel hier im Dorfe?

Sixt. Ja, Herr!

P. Anton. Und wollt nicht von ihr ablassen?

Sixt. Ach ich kann nicht, Wohlehrwurdiger Herr! (und hier schossen ihm die Thranen in die Augen.)

P. Anton. Und warum denn nicht? Da's doch euer Vater nicht gut heisst?

Sixt. Ja, Herr Pater, das ist so eine eigne Sache; wenn man schon will, man kann nicht. Ich hab schon hundertmal druber geweint, und allerley im Sinn gehabt; aber wenn ich wieder an sie denke, und an den Eid, den ich ihr gethan habe, und dass sie so brav und gottsfurchtig ist, und mich so von Herzen lieb hat, dass sie druber zu Grund gehen wurde; dann ists, als ob ich mit hundert Haken wieder zu ihr hin gezogen wurde, und sie in Zeit und Ewigkeit nicht lassen konnte. Nein, bey Gott, ich kanns nicht! Bey allen Heiligen will ichs schworen, dass es kein Eigensinn ist! Ich thu sonst so willig, was mein Vater will; er muss es selber sagen. Aber wenn ich meine Regine nicht haben soll, das hiess mir Gift geben, da will ich mich lieber lebendig braten lassen. Jedermann muss mir's Zeugniss geben, dass nichts an ihr auszusetzen ist, und dass wir nie nichts Unrechtes miteinander vorgehabt haben. Sehen Sie nur, Herr Pater, es ist ein engelschones Madel, frisch und rasch, zu aller Arbeit aufgelegt; ihre Eltern sind auch brave Leut, die sie christlich und wohl erzogen haben. Sie versieht das ganze Hauswesen, seit die Mutter krank ist; den ganzen Tag sieht sie bey der Arbeit nicht auf, wenn auch ich zu ihr kame. Alle Menschen sind ihr gut; sie hatt schon zehen Bauren haben konnen, die noch reicher sind, als ich; aber sie will keinen, als mich; und da sollt ich ihr den Stuhl vor die Stube setzen? Nein, das will ich nicht, das kann ich nicht! Einem Kerl, der ein Madel angefuhrt hat, kann's nicht wohl gehen. (Hier wischte er sich die Augen.)

P. Anton. Nun, Franz, was sagt ihr dazu?

Franz. Nichts, als dass der Blitzkerl recht hat.

Sixt. Seht, Vater, es thut mir leid, dass ich euch die Zeit her so viel Kummer gemacht hab. Es war mir nirgends wohl. Der liebe Gott weiss, wie ich ganze Nachte durch geachzt habe. Ich hab mir tausendmal den Tod gewunscht. Aber es ist einmal nur umsonst; wider besser Wissen und Gewissen kann man nicht thun. Der Mutter hab ichs oft gesagt, die hatte auch keine ruhige Stunde; aber sie sah's doch ein, und horte mir zu.

Franz. Nun, Sixt, gib mir die Hand, und verzeih mir! Es war nicht so bos gemeynt. Kannst das Madel haben. Sey's in Gottes Namen! Stromauf kann man freylich in der Donau nicht schwimmen. Sapperment! ich wollt dir des Wirths Tochter geben; das war auch was gewest. Aber, nicht wahr, Herr Pater, besser ist besser? Nun, nun, wenn ihr einander mit Gewalt haben wollt, so kriecht zusammen! Hatt ichs doch nimmermehr gedacht, dass mich der Herr Pater so herum bringen wurde. Heh, Weib! Sie ist draussen in der Kuche komm herein! Sollst wan neues horen. Frisch! eingeschenke, Herr Pater!.. Wie, Sixt? du stehst ja da, wie ein armer Sunder. Da! trink auch eins! Soll leben deine Regine! Trink ers auch mit, junger Herr! Das Aug steht ihm ja voll Wasser. Hab ich ihms nicht recht gemacht mit meinem Sohn da?

Siegwart. O ja, vollig recht, Nachbar Franz! Es freut mich, dass es so gegangen ist. Eure Gesundheit, Franz! und Eure auch, Sixt, und Eurer Regine ihre!

Sixt. O ich bedanke mich, junger Herr, tausendmal! Ach, ich weiss nicht, was ich sagen soll, Herr Pater! Das Herz ist mir so voll, ich mocht Ihnen nur zu Fussen fallen; weiss nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden bin? Gott vergelts, was Sie an mir und meiner Regine gethan haben! Wir arme Leut konnens doch nicht. Und Ihr, Vater! ach verzeiht mir, und seyd tausendmal bedankt! Ich kann nichts reden, muss nur weinen und mir Luft machen.

Franz. (Zu seinem Weib, das herein kommt) Heh Weib! Viktoria! lass dir eine neue Haube machen auf die Hochzeit! Unser Sixt soll seine Regine haben; da, dem Herrn da hast du's zuverdanken; denn ich weiss doch, dass dirs lieb ist, alte Mutter; nicht wahr?

Die Baurinn. Ja wohl. Gott sey ewig Lob und Dank, Franz, dass du dich besonnen hast! O Herr Pater, da haben Sie ein recht gutes Werk gethan. Mein armer Sohn war zu Grund gegangen, und sein Madel auch. Nun Sixt, wie ist dirs? Siehst ja so traurig aus, und greinst.

Sixt. Ach Mutter, last's nur seyn! Ich kann kein Wort sprechen; 's ist des Glucks gar zu viel auf einmal. Ich weiss wohl, der Herr da nimmts nicht ubel; sieht mir wohl an, dass ich danken wollte, wenn ich konnte. Lasst mich nur hinaus! Es wird schon besser werden in der frischen Luft.

Sixt gieng hinaus, und Siegwart sah ihm noch durchs Fenster nach. Nun ward Franz bey seinem Glaschen Wein immer munterer, und tranks dem P. Anton, und dem jungen Siegwart fleissig zu. Es that ihm wohl, dass ihn Anton und sein Weib wegen seines geanderten Entschlusses lobten, und druber vergass er die Bedenklichkeiten wegen der Ungleichheit des Vermogens vollig. Ein Geistlicher hat, vermittelst der Religion und des Ansehens, das ihm sein Stand in den Augen andrer Leute gibt, viel Gewalt uber das Herz der Menschen und besonders des gemeinen Mannes; Mocht' es doch jeder zu so guten Absichten, wie P. Anton, und nicht, wie so viele thun, zu Befriedigung seiner Leidenschaften, seines Ehr- und Geldgeizes oder seiner Rachgier anwenden! Der edle Mann, mit dem schneeweissen Haar und der breiten Glatze sass jetzt da, gesegnet von den Eheleuten, die er wieder ausgesohnt, gesegnet von einem jungen Paar, dessen Gluck, das schon zu wanken anfieng, er aufs ganze Leben befestigt hatte, und von einer Mutter, der er ihren Sohn und die Ruhe ihres Mannes wieder gab. Siegwart sah ihn an wie einen unmittelbaren Abgesandten Gottes; helle Zahren stunden ihm im Auge, und er konnt es gar nicht von ihm wegwenden. Franz sprach schon davon, wann sein Sohn Hochzeit machen sollte, und setzte sie auf den kunftigen Monat fest, da denn Anton versprechen musste, auch dazu zu kommen. Er bekam reichliche Geschenke fur sein Kloster, Vntrer, Flachs und Eyer, und nahm endlich mit dem jungen Siegwart Abschied, um das Allmosen bey dem Schulzen in Empfang zu nehmen, seine Abfahrt zu besorgen, und dafur im Namen seiner Bruder zu danken. Sixt war nicht zu finden, als er von dem Hause weggieng.

Nach empfangnem Allmosen machte er sich mit Siegwart auf den Weg nach seinem Kloster. Sie waren schon eine Strecke weit vom Dorf weg, und giengen an einem einzelnen Dorngebusch zwischen den Aekkern, als Sixt mit seinem Madchen draus hervorsprang.

O Herr! riefen beyde zugleich, und waren wieder eine Zeitlang still. Da, das Ist mein Madel, sagte Sixt, und will Ihnen danken. Tausend, tausend Gottes Lohn, rief sie weinend, und druckte dem Pater mit Heftigkeit die Hand.

Ja Ihr Wohlehrwurd, fuhr Sixt fort, das war eine Freude, als ich zu ihr kam, und sagte, dass wir nun einander haben sollten. Ich hatte, weiss nicht wie viel drum gegeben, dass Sies selbst mit angesehen hatten; Sie verdienten es. Sie hub ihre Hande auf, und dankte Gott laut fur die Gnade, und als ich ihr sagte, dass wir alles dem P. Anton zu verdanken haben, wollte sie, wie sie gieng und stand, in mein Haus und Ihnen danken. Ich sagte aber, dass wir's vorm Dorf draussen besser konnten, wenn wir so allein waren. Nun haben wir da gewartet, bis Sie kamen, und wollen nun, wenns Ihnen recht ist, Sie bis vor den Wald hinaus begleiten.

Es thut mir Leid, meine lieben Kinder, sagte Anton, dass ihr euch wollt Muhe machen. Mir habt ihr wenig zu verdanken; wag ich gethan hab', hab' ich gern gethan. Wenn ich meinem Nachsten helfen kann, das geht mir uber alles, und so muss es jeder brave Mann machen und thut es auch. Ich hoff', ihr werdets redlich miteinander meynen, und ein gutes christliches Ehepaar werden. Ihr musst nun eurem Vater gut begegnen, Sixt, und ihm alles zu Lieb thun, da er's euch auch gethan hat. Und ihr, Regina, musst euren neuen Schwiegereltern auch recht freundlich begegnen, und euch nicht einmal darum zu rachen suchen, dass der Vater euch seinen Sohn nicht gleich hat geben wollen. Er hats mehr um des Gelds als um euretwillen gethan; denn wider euch hat er nie nichts gehabt. Jeder Mensch hat seine Schwachheiten, und ihr musst ihm die vergeben.

Ach ja herzlich gerne, sprach das Madchen. Lieber Gott, wer wird sich deswegen rachen wollen? Wenn ich nur meinen Sixt habe, dann will ich mit der ganzen Welt in Fried und Einigkeit leben. Ich musste ja immer furchten, den lieben Gott zu erzurnen, wenn ich jemand krankte, und da konnt' er mir zur Strafe meinen Sixt nehmen. Nein, um seinetwillen sind mir alle Menschen lieb, und am meisten seine Eltern. Ich konnt ihnen nie recht bose seyn, wenn sie's auch schon bose mit mir meynten. Ich bin nie so fromm gewesen, als seit ich meinen Sixt habe, und wenn er nun erst mein Mann ist, und ich immer um ihn bin, da werd ich ja noch frommer werden. O Herr Pater, Sie konnen nicht glauben, was Sie uns fur einen Dienst geleistet haben; und ich, als ein einfaltiges Bauermadchen kanns eben nicht so an Tag legen; aber doch ist mir's Herz voll, und Sie mussen mit dem guten Willen vorlieb nehmen. Ich wills dafur dem lieben Gott sagen, was ich denk, und Ihnen Gutes anwunsch!

So giengen sie noch eine gute Strecke Wegs mit dem Pater und dem jungen Siegwart fort, und ausserten ihre Gesinnungen, die zwischen Dankbarkeit und Zartlichkeit getheilt waren. Man wird selten in der Stadt, wo die Menschen sich gewohnlich aufgeklarter und besser dunken, als die Landleute, ein Paar finden, das sich mit der reinen unverfalschten Zartlichkeit, mit der Treue und Festigkeit liebt, wie unser Parchen. Aber Unschuld und Reinigkeit des Herzens war das Band, das sie verknupfte; und dieses ist das festeste, das noch jenseits des Grabes in der Ewigkeit fortdauert. Wohl dem Jungling, dessen Seele sich allein durch dieses Band fesseln lasst! Er und seine Freundin werden einst mit Semida und Cidli, mit Petrarch und Laura, mit Klopstock und mit seiner Meta unter den Lebensbaumen wandeln, und sich ihre Liebe auf der Unterwelt erzahlen.

Endlich nahmen Sixt und Regine von P. Anton und dem jungen Siegwart Abschied. Sie konnten kaum vor Thranen sprechen, und blieben noch, so lang sie ihnen nachsehen konnten, auf dem Hugel stehen; dann kehrten sie in der Dammerung zuruck, kussten sich tausendmal mit dem keuschen Kuss der Liebe, sahn zum Abendstern auf, und ihr Blick war Dank und Gebeth fur den guten Pater Anton. Dieser gieng voll innern Friedens mit dem jungen Siegwart nach dem Kloster, dessen Seele voll war von nie empfundenen Gedanken an die Grosse eines Menschen, der ein Wohlthater seiner Bruder ist, und gleich der Sonne zur Ruhe gehen kann, die den Tag uber das Herz den Menschen und die Welt mit ihrem Strahl erquickt hat.

Der andre Morgen war der Begrabnisstag des verstorbnen Paters. Alle Vater versammelten sich um acht Uhr im Konventsaal. Auf ihren Gesichtern war eine allgemeine Traurigkeit verbreitet; Schmerz und Thranen sprachen aus den Augen; Siegwart war bey ihnen. Man gieng an die Zelle des Verstorbenen; zwolf Paters nahmen den Sarg auf. Die andern und Siegwart giengen Paar und Paar; jeder eine brennende Wachskerze in der Hand. Man gieng durch den langen Kreuzgang nach der Kirche zu. Das Schweigen und das Rauschen der holzernen Schuhe war furchterlich. In der Kirche setzte man am Hochaltar den Sarg nieder; und stellte Wachskerzen drum herum. Nach einer dumpfen feyerlichen Trauermusik, die die Seele durch dunkle, Menschenleere Wusten bis ans Grab hin fuhrte, und sie vor der Verwesung des Korpers zuruckschauern machte, ward eine Seelmesse gelesen. Man hub den Sarg, nachdem er mit dem Weihwasser besprengt worden war, wieder auf, und trug ihn durch den langen Gang im Garten nach dem Gottesacker. Ein dicker Nebel hullte alles ein. Die Wachskerzen warfen einen furchterlichen Schein in die Nacht des Nebels. Der Sarg ward am Grabe niedergesetzt; die Paters stellten sich in einem Kreise um das Grab herum, und beteten. Pater Gregor stand dicht daran, und sah mit starren Blicken in die Gruft. Weinen konnt' er nicht mehr; seine Safte waren ausgetroknet. Der Sarg ward hinabgelassen; der dumpfe Schall, den die Erdschollen auf dem holen Deckel machten, weckte ihn aus seinem Schlummer, und ein tiefer Seufzer hub seine Brust zitternd empor. Er hub seinen Blick zum Himmel, und lachelte halbfreudig, als ob Engel mir ihm sprachen. Das Grab war nun ausgefullt, und der Hugel wurde aufgeworfen. Ein Pater hielt eine kleine, aber ruhrende Rede von den Tugenden des Verstorbenen; einer nickte ihm nach dem andern Beyfall zu, und dankbare Thranen, die schonsten Zeugen eines frommen wohlthatigen Lebens, flossen auf den Hugel. Man gieng nun vom Grabe wieder in das Chor zuruck, wo noch einmal eine Trauermusik gemacht wurde, die sich erst durchs Graun der Graber langsam und melancholisch fortschlich, dann sich schnell und triumphirend wie ein Adler zu den Wolken aufschwang, und die Hofnung der Auferstehung ausdruckte.

Nun gieng man, nach noch einmal gehaltner Seelmesse, auseinander, P. Anton auf seine Zelle, und Siegwart auf sein Zimmer. Seine ganze Seele war umwolkt und traurig; aber als er am Fenster stand, und sah, wie die Sonne mit dem Nebel rang, und endlich siegte, dass die Berge und nachher die Felder wieder aufgehellt da lagen; da wards auch in seiner Seele wieder heiter, und sein Herz erhub sich wieder. Eine freudige Empfindung verdrang die andre, und seine Phantasie durchirrte tausend Scenen aus der Zukunft. Er dachte sich in alle mogliche Verhaltnisse, in die er einst als Monch kommen konnte; alle waren lachend und heiter, wie das Feld vor ihm im Sonnenstral.

Er las hierauf noch im Leben des heiligen Franciscus, und erhitzte seine Einbildungskraft noch mehr, bis zum Essen gelautet wurde. Hier wurde viel vom Verstorbenen gesprochen. Jeder wusste eine Geschichte zu erzahlen, die zu seinem Vortheil gereichte. Am meisten gefiel unserm Siegwart folgende, die der Guardian erzahlte:

Unser seliger Bruder war doch, wie wir alle wissen, ein grosser Freund von der Physik, Mathematik, und besonders von der Astronomie, worinn ers weiter gebracht hatte, als mancher Professor auf der Universitat. Er besass noch von seinem Vater her, der eben diese Wissenschaften getrieben hatte, eine schone Anzahl von den herrlichsten Instrumenten, Zirkeln, Quadranten, Sehrohren und Buchern mit Kupfern, die viel Gelds werth waren. Diese machten seine einzige Freude auf der Welt aus. Ganze Tage durch sass er bey den Buchern und rechnete; und Abends, wenn der Himmel hell war, sah er bis um Mitternacht, und oft noch langer durch sein Sehrohr nach den Sternen und dem Mond. Ich weiss noch, was er Anno. 44. fur eine Freude hatte, als der grosse Komet am Himmel stand; wie er uns alles erklarte, und vorrechnete, wann der Wunderstern wieder kommen werde. Vor ungefahr zwanzig Jahren kriegte er von seiner Mutter, die im Frankenlande wohnte, Nachricht, dass sie nicht nur ihr ganzes ansehnliches Vermogen verlohren habe, sondern auch noch in eine ziemliche Schuldenlast gesteckt worden sey, weil ihr zweyter Sohn, ein liederlicher Mensch, alles durchgebracht, Schulden gemacht, und zulezt sich von den Kaiserlichen habe anwerben lassen. Unser Pater Martin gieng einige Tage lang ganz schwermuthig herum, vermied allen Umgang, und bat sich endlich vom Pralaten die Erlaubnis aus, auf einige Tage nach Augspurg reisen zu durfen. Hier gieng er ins Jesuiterkollegium, wies ein Verzeichnis von seinen Buchern und Instrumenten vor, bot es feil, und ward endlich mit den Jesuiten eins, ihnen die ganze Sammlung um 400 Gulden zu uberlassen. Das Geld, bat er, mochten sie gleich, wenn sie die Sachen in Empfang genommen hatten, seiner Mutter nach Franken schicken. Als er den Handel schon getroffen hatte, bat er die Jesuiten instandig, ihm zu seinem Gebrauch, so lang er lebte, einen Tubus und nur ein paar Bucher, die er sehr werth hielt, zu uberlassen; erst sollte alles schriftlich protokollirt, und ihnen das Ruckstandige zugeschickt werden, so bald er todt ware. Aber das war nun zu spat, die Jesuiten waren harte Leute, und sagten, der ganze Handel sollte ruckgangig werden, wenn sie nicht sogleich alles bekamen.

Nun in Gottes Namen, sagte er, ich muss mir alles gefallen lassen! In 4 Tagen sollen Sie alles bekommen, was auf diesem Zettel steht; wenn nur meine arme Mutter das Geld gleich erhalt.

Er kam wieder ins Kloster zuruck, sah munterer aus und packte alles ein, was er hatte. Ich war bey ihm auf der Zelle; ein paar Bucher sah er noch einmal mit Thranen an, kusste sie, und sagte: Lebt wohl! Ihr habt mir viel Vergnugen gemacht; und nun schrieb er einen Brief an seine Mutter. Ich hab ihn eben vorhin unter seinen schriftlichen Sachen gefunden, und will ihn vorlesen. Er ward ihm, nach seiner Mutter Tod vor 5 Jahren, nebst andern Briefschaften wieder eingehandigt. Der Brief lautet so:

Herzlich geliebte Mutter!

Die Nachricht von dem schlechten Lebenswandel meines Bruders, und dass er nun Soldat geworden ist, hat mich recht schmerzlich betrubt. Ich kann nichts fur ihn thun, als fur seine Seele beten, dass sie noch dem Rachen des Verderbens entrissen werde, und sein aber der Junge wollte nicht folgen, und spottete hinter seinem Rucken. Euer Elend, Innigstgeliebte Mutter, geht mir sehr zu Herzen, und hat mir schon viel Thranen ausgepresst. Hier, nehmt alles hin, was ich habe, und seyd mit dem Bischen Armut zufrieden! Der liebe Gott woll es reichlich vermehren! Ich hab meine uberflussigen Bucher und Instrumente verkauft, um Euch auszuhelfen; wollt gern, es ware mehr! Ihr habt freylich weit mehr an mir gethan, als ich Euch vergelten kann. Lasst mich wissen, wie's Euch geht! Vertraut auf den Gott der Wittwen und der Waisen, so wirds Euch nie an Trost fehlen! Mir gehts wohl hier. Ich bin bis in den Tod Euer dankbarer und getreuer Sohn

Martin.

Hier hab ich auch die Antwort seiner Mutter. Der Brief ist halb zerrissen, weil ihn Martin immer bey sich fuhrte, und mit seinen Thranen tausendmal benetzte.

Einzig geliebter Sohn!

O du Trost und Stutze meines Alters! Du mein Einziges und Alles auf der Welt! Was soll ich dir sagen, und wie soll ich dir fur alles danken? Diese mutterlichen Thranen, die auf meinen Brief herabfliessen, sind dir gewiss mehr werth als tausend Worte. Mocht ich dich doch an mein Herz drucken konnen, goldner, auserwahlter Sohn! Meine Haare sind vor der Zeit vor Kummer grau geworden, und die Augen schwach vom vielen Weinen um den ungerathnen Philipp; aber du, mein Sohn, du Trost von Gott, hast mich wieder aufgerichtet und jung gemacht, wie einen Adler. Lass dich ewig segnen, auserwahlter Sohn! Noch mein letzter Seufzer auf dem Sterbebette soll dich segnen! Wie wird sich einmal dein Vater freuen, wenn ich ihm im Himmel sage, was fur einen Sohn wir auf der Welt haben? Ich mag an den andern nicht denken, wenn ich an dich denke. Du hast mir mehr geschickt, als ich brauche, denn ich werds wohl nicht lange mehr machen, und hast dich vom Nothigsten und alle dem entblosst, was dir lieb ist. O! wenn ich daran denke, mocht ich gleich vorgehen, und das Herz im Leibe will mir brechen. Ich kann nicht weiter schreiben, denn ich seh vor Thranen kaum den Brief mehr. Nur noch Einmal mocht ich dich an mein Herz drucken, unter dem du gelegen hast, Einziger, englischgesinnter Sohn, und dann sterben! Leb wohl, leb ewig wohl! bis ans Ende segnet dich

Deine getreue Mutter

Concordia Dahlern.

Die ganze Tischgesellschaft weinte, als der Brief

vorgelesen war. Siegwart konnte sich kaum enthalten, den Guardian zu bitten, dass er die beyden Briefe abschreiben durfte! Aber er war doch zu furchtsam. Der Guardian fuhr fort:

Unser seliger, theuergeliebter Bruder liess sich nicht ein Wort verlauten, wie weh ihm der Verlust seiner Bucher und seiner Instrumente thue, und doch merkt' ich es ihm hundertmal an. Er suchte unsre ganze Bibliothek durch, vermuthlich, ob er keine mathematische Bucher finde? Aber er fand wenig, oder gar keine. Wenn er Abends mit den blossen Augen an den gestirnten Himmel aufsah, so entflog ihm oft ein Seufzer, dass er die himmlischen Reviere nicht mehr genauer untersuchen konnte. Ein paarmal beklagte er sich gegen mich uber sein abnehmendes und schwaches Gesicht; hielt aber gleich wieder inne, um das Gesprach nicht auf den Verkauf seiner Instrumente zu bringen. Ein einzigsmal, als ich ihn deswegen loben wollte, sagte er halb bose: Ich that ja nur meine Schuldigkeit. O, es war ein treflicher Mann, den wir nie genug bedauren konnen!

Siegwart, sagte P. Anton, wird uns vielleicht einmal seinen Verlust ersetzen, wenn er so fortfahrt, wie er anfangt. Ja das hoffen wir, sagten alle; der bescheidne Jungling ward im ganzen Gesichte blutroth, und wagte kaum mehr, die Augen aufzuschlagen.

Die Paters stunden bald hernach vom Essen auf, und vertheilten sich. P. Anton fragte Siegwart, ob er ihn etwas in den Garten begleiten wolle? Dieser nahms mit Freuden an. Er gieng ein paarmal stillschweigend und nachdenklich mit dem Pater auf und ab. Lieber Xaver? sagte Anton endlich; er ist ja auf einmal so still geworden? Ganz gewiss denkt er noch den Erzahlungen vom seligen Bruder Martin nach; sie haben einen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht, wie's in der Jugend so zu gehen pflegt, und das ist auch recht gut. Lass er's sich nur zur Nacheiferung dienen! Gewohnlich empfindet der Jungling das Schone der Natur und jeder guten edeln Handlung tiefer, als der schon gesetzte, und kalt scheinende Mann. Aber bey den meisten Junglingen bleibts auch beym Gefuhl und geht selten zum Entschluss uber. Der gesetzte Mann hingegen, der oft kalt scheint, weil sein Gefuhl minder stark und gleichsam stumpf gemacht ist, handelt desto mehr fur die Tugend. Er begnugt sich nicht am Anschauen der ausserlichen schonen Gestalt der Gottin, wie der Jungling am Anschanen seines Madchens, sondern sucht sich mit ihr auf ewig zu vermahlen, um ihre Seele zu besitzen. Doch weh dem Mann, der als Jungling die aussere Schonheit der Tugend nicht auch tief gefuhlt hat! Er wird selten, oder nie als Mann fur sie handeln!

Ein Pater, der an ihnen vorbeygieng, grusste sie mit Namen, und nannte unsern Siegwart, Bruder Xaver. Ja, mein lieber Siegwart, sagte Anton, nun ists bald Zeit, wegen des Klosters einen volligen Entschluss zu fassen, denn dein Vater lass mich dich immer du nennen, ich liebe dich, wie meinen Sohn dein Vater, denk ich, wird heut oder morgen kommen, und dich abholen wollen; da mussen wir ihm doch was gewisses sagen. Was meynst du? Hat dirs hier gefallen? Glaubtest du dein Leben als ein Kapuziner, das heisst als ein Mann, der grostentheils von der menschlichen Gesellschaft abgesondert, dem Gelubd der Keuschheit, des Gehorsams, und der Armuth unterthan, von der Welt ungekannt, oder nur zu oft verkannt und verachtet lebt, glaubst du dein Leben als ein solcher hinbringen zu konnen, und doch innerlich vergnugt und glucklich zu seyn?

O ja, ganz gewiss glaub ichs! antwortete Siegwart mit Heftigkeit. Ich musste mir ein Gewissen draus machen, wenn ichs nicht wurde; denn wo konnt ich sonst so viel Gutes thun, und mit so viel heiligen Leuten umgehen? Nein, ich will nichts anders werden, wenn mein Vater nichts dagegen hat! Wenn ichs nur schon recht bald ware!

Nun, nun, so wunsch ich dir zu deinem Vorhaben recht von Herzen Gluck: Dein innerlicher Trieb ist besser, als alles Zureden andrer Leute. Wenn du keine Lust dazu gehabt hattest, so wurd ich dich nie gesucht haben zu uberreden; aber da du selber eine so starke Neigung zum Klosterleben hast, so kann ich deinen Entschluss nicht anders, als loben. Du wirst ein rechtschaffener Mann werden, und dann ist man glucklich. Ich hab es schon gesehen, dass du gottesfurchtig bist, und deinen Nebenmenschen von Herzen liebst, bleib auf diesem Wege! Er ist der einzige zur Gluckseligkeit, die so manche suchen und nicht finden.

Da hab ich dir diesen Morgen ein paar Anmerkungen aufgeschrieben, die ich dir, statt meines Segens, auf den Weg mitgeben will. Sie enthalten Lebensregeln, die ich nun seit dreyssig Jahren schon befolgt, und bewahrt befunden habe. Prage sie dir tief ein, und rufe sie taglich in dein Gedachtniss zuruck! Wenn du sie gleich jetzt noch nicht ganz in ihrer Starke fuhlst, und vielleicht noch nicht vollig verstehst, so wirst du doch, wenn Zeit und Erfahrung kommt, sie fassen, und ihren Werth recht schatzen lernen. In der Ordnung konnt ich sie nicht niederschreiben, ich hatte zu wenig Zeit dazu, und mein Kopf wird nach und nach durchs Alter schwach. Wer weiss, mein Sohn, ob wir uns in diesem Leben wiedersehen? Vielleicht triffst du, wenn du wieder hier ins Kloster kommst, mein Grab an. Denk dann an deinen alten redlichen Freund, wenn du hier allein im Garten gehst; ruf dir seine Lehren zuruck, und befolg sie! Dadurch ehrt man das Andenken an seine Verstorbenen am besten. Werde nicht zu wehmuthig, mein Sohn! Im Himmel sehen wir uns wieder, und vielleicht noch einmal, wenn es Gottes Will ist, hier im Kloster. Der Gedanke an den Tod hat fur mich viel susses. Mach ihn dir zum Freund, und du hast nichts auf der Welt zu furchten!

Lass uns hier auf diesem Rasen sitzen! Er ist schatticht, und das Gehen wird mir zu beschwerlich. Wenn dirs recht ist, so les' ich dir meine Anmerkungen vor. Er zog sie aus dem Gurtel, und las:

I. Mach dir den Gedanken von der gottlichen Allgegenwart recht lebhaft und stets gegenwartig! Er bewahrt vor jeder schlechten Handlung und vor schandlichen Gedanken, die die Mutter einer bosen Handlung sind. Wer sich schamt, vor Menschen schlecht zu handeln, wird sich noch mehr vor dem heiligsten und reinsten Wesen schamen, das zugleich unsre Thaten richtet. Der Gedanke von der gottlichen Allgegenwart erhebt das Herz, und treibt es zu grossen Thaten an. Der gegenwartige Gott wird dich belohnen, wenn auch Menschen deine That nicht sehen. Er wird dich beschutzen, wenn dir Menschen schaden wollen; und dich starken, wenn du sinken willst. Schon unsre Vorfahren, die doch Heiden waren, hatten diesen grossen, herrlichen Gedanken. Sie glaubten, ihre Gottheit, die sie Wodan nannten, fulle den Hain, den sie bewohnten und jeden Ort aus, wo sie lebten. Daher man ihnen jeder Ort ein Heiligthum, jeder Wald ein Tempel; daher ubten sie mehr Tugend aus, als die meisten andern Volker, und entheiligten sich weit weniger durch Brudermord, Diebstal, Ehebruch oder andre Schandthaten.

II. Mach dich am Ersten mit dir selbst bekannt, mein Sohn! Dies ist eine alte Regel, aber selten wird sie recht befolgt. Gib auf alle Bewegungen und Veranderungen deiner Seele acht! Forsch ihren Ursachen nach, ob sie edel sind, oder nicht? Ost macht man sich selber etwas weiss, dass man diese oder jene Handlung aus einer guten Absicht unternehme, und im Grunde hat man einen bosen Endzweck, der den Schaden unsers Nachsten, oder die Entunehrung unsrer selbst zur Folge hat. Oft gibt man einer Gesinnung oder Handlung, die nicht edel ist, den Namen einer edeln, und hintergeht sein eignes Herz durch diesen Kunstgriff. Gib auf dieses alles genau acht, und erlaub dir keine Nachsicht! Werd am ersten gegen dich selbst behutsam! denn der Mensch ist nur zu oft sein eigner argster Feind. Lern deine Krafte kennen, und prufe sie durch Anwendung! Du must wissen, was du dir selbst zuzutrauen hast; sonst versprichst du immer dir und andern, was du nicht erfullen kannst. Lern deine Schwachen kennen! Wer sie nicht kennt, kann sich, wenn der Feind kommt, nicht vertheidigen. Mach dich bey Zeiten mit deinem Feind bekannt, mit alle dem, was dich umgibt, und dich am meisten zur Ausschweifung hinreisst, damit du Waffen zu der Zeit des Friedens anlegest! Sonst ist alle Gegenwehr zu spat. Im Tumult der Leidenschaften wirst du die Vertheidigung vergessen.

Wer sich selber kennt, der kennt auch andre Menschen. Die Grundtriebe der Seele sind sich, ihrer Anlage nach, fast immer gleich. Du wirst finden, dass Eigenliebe, die im Grunde gut, und der, jedem lebenden Geschopf vom Schopfer eingepflanzte Trieb der Selbsterhaltung ist, stets die Haupttriebfeder bleibt, die die Seele in Bewegung bringt. Verschiedne Charaktere bilden sich nur durch die Verschiedenheit der Aeusserungen dieses Grundtriebs. So entstehen Geldgier, Ehrgeiz, Hang zur Wollust, Edelmuth und Menschenliebe, je nachdem wir glauben, durch das eine mehr, als durch das andre, unsre Eigenliebe zu befriedigen.

Kentnis deiner selbst und deines eignen Herzens wird dich in Beurtheilung andrer Menschen billiger machen. Die besondre Lage, Verfassung, und Verbindung eines Herzens, worinn es mit den Dingen ausser sich, und mit andern Menschen steht, bestimmen das Moralische, oder Gute und Bose an einer Handlung mehr, als der ausserliche Schein. Manche Handlung ist so schlimm nicht, als sie scheint, wenn man alle die Umstande wuste, unter denen sie vollzogen wurde. Geh in die Geschichte deines Herzens zuruck! Frag dich unpartheyisch, ob du, unter ahnlichen Umstanden, nicht auch zu einem Fehltritt geneigter warest? Ob es dir nicht oft einen langen, und schweren innerlichen Kampf kostete, eine Neigung zu uberwinden? und ob du ihr nicht oft unterlagest, ohne im Grunde bos zu seyn, oder deinen Grundsatzen ungetreu zu werden? Wenn du so dein Herz studierst, dann wirst du weniger hart und unbillig in Beurtheilung andrer seyn.

III. Willst du den Menschen recht viel Gutes thun, so gewohne dich fruhzeitig an eins strenge Ordnung, und eine weise Einrichtung deiner Geschafte! Sie lehrt den gewissenhaftesten Gebrauch der Zeit. So kannst du jeden Morgen dein Tagwerk ubersehen, und Abends strenge Rechnung halten, uber das, was du gethan hast. (Unserm Siegwart fiel hier P. Anton, und der gestrige Tag ein; er sah ihm mit freudigerer Bewunderung ins Gesicht) Die Zeit wird dir theurer werden, als Gold und Edelstein. Sie, gut angewendet, mein Geliebter, ist das Mittel, uns zum Engel, und Gott ahnlich zu machen.

IV. Wer von der Welt allein Belohnung oder Lob erwartet, wird wenig wirklich grosse Handlungen verrichten, wenigstens nicht in den Augen Gottes, der sie allein wurdigen und schatzen kann. Die grosten Handlungen gehen in uns selbst vor, und treten nicht vors Angesicht der Menschen. Innere Bestreitung seiner Leidenschaften, seiner Lieblingsneigungen, des Hangs zur Bequemlichkeit, zum ausserlichen Ansehen, zum Geld, zur Wollust u.s.w. ist der herrlichste Sieg, der die glorreichsten und fortdaurendsten Palmen erringt, aber erst jenseits des Grabes. Doch fehlts diesem Sieg auch nicht in dieser Welt an seiner hohen himmlischen Belohnung. Das Gefuhl, nach seiner Pflicht gehandelt, und die Menschen, seine Bruder, glucklich gemacht zu haben, ist nach einem Tage, der fur uns mit Wohlthun untergieng, das susseste und edelste. Ein Mann, der so viel Gutes thut, als er kann, darf kuhn auf alle Konige und Sieger stolz herabsehn, die durch Ehrenpforten auf Triumphwagen einziehn!

Hier, mein Sohn, sagte Anton, und gab unserm Siegwart das beschriebene Blatt, hast du meine Lehren. Mocht' ich sie dir mit diesem Kuss einhauchen konnen, dass sie immer dir im Herzen wohnten, und zu seiner Zeit herrliche Frucht brachten! Ich bin mit Freuden alt geworden, weil ich sie befolgte. Mach mir, und deinem alten Vater Freude! Lebe fromm und christlich.

Weiter konnte er nicht reden, denn er war zu sehr bewegt. Sein Auge sah ein paarmal zum Himmel auf, und erflehte Gluck herab fur Siegwart. Lass uns noch ein paarmal auf und abgehn! sagt er, nach einer langen Pause; der Tag ist so schon, und ich fuhle heut das Leben der Natur weit lebendiger, als sonst. Sieh doch dieses herrliche Tulpenbeet, wie die Farben durch einander spielen! Die Natur hat tausend Freude, fur den, der sie sucht, und mit reinem Herzen in ihren Tempel eintritt. Diese gelbe Tulpe hier, mit den feuerroten Streifen, und dem blauen Kelch! Es ist nur eine gemeine Blume, die der Kenner wenig schatzt, und ist doch so schon. Pfluck mir doch diese Aurikel hier! Ich rieche nichts lieber. Was fur ein Balsam aus der Blume fliesst! Er starkt alle Nerven. Alles ist zur Lust des Menschen da, alles sucht ihm zu gefallen. Und der Mensch erkennts so wenig, geht dran vorbey, als obs von ungefahr da ware. Wenn ich allein spatzieren gehe, dann ist mir kein Gedanke heiliger und susser, als die Bewunderung und Anbetung des Gottes der Liebe. Die Gedankenlosigkeit setzt den Menschen weit zuruck; er konnte weit fruher Gott ahnlicher werden, und ihm naher kommen. Daher hab ich immer die Dichter sehr geliebt, weil sie alles Schone so sehr empfinden, und ihre Leser drauf aufmerksam machen. In der Bibel ists eben so; Christus nimmt fast alle seine Gleichnisse von den Dingen her, die auf dem Feld um ihn herum waren. Hier wurden alle Saiten der Seele Siegwarts getroffen, denn niemand war auf die Natur aufmerksamer, als er.

Sie kamen nun dem Kloster nah, und der alte Siegwart gieng auf sie zu. Sein Sohn eilte ihm entgegen, und druckte ihm die Hand; Anton umarmte ihn. Du hast einen lieben Sohn, Siegwart! sagte er; seine Gesellschaft hat mir diese Zeit uber viel Vergnugen gemacht. Ich seh, du hast ihn gut erzogen; Gott vergelt es dir! Und mit dem Kloster, denk ich, hats nun auch seine Richtigkeit; Nicht wahr, Xaver?

Der junge Siegwart. O ja, Papa; ich bitte Sie, Lassen Sie mich nun recht bald darein! Es ist gar ein herrliches Leben; Ich kanns Ihnen nicht genug beschreiben.

Der alte Siegwart. So gefallt dirs so wohl, Xaver? Nun, Nun! ich will dir nichts in den Weg legen. Deine Bruder und Schwestern lassen dich grussen; Sie glaubten schon, ich wurde dich gar nicht mehr mitbringen. Therese war recht traurig druber.

Der junge Siegwart. Aber sie ists doch zufrieden, Papa, dass ich geistlich werde? Den andern, weiss ich, ists schon recht; sie sagtens oft.

Der alte Siegwart. Das kommt auf mich, und dich an, Xaver! Sie haben in dergleichen Dingen nichts drein zu reden. Doch werden sie sichs auch gern gefallen lassen. Therese furchtet nur, du konnest's im Kloster nicht gewohnt werden.

Der junge Siegwart. Ey, was weiss die? Ich will ihrs schon sagen, wie's so gut ist.

Indem kamen ein paar Paters, und luden die Gaste, auf Befehl des Guardian, ins Gartenzimmer. Alle funfe giengen hin. Der alte Siegwart ward bewillkommt und ihm, wegen seines Sohns, Gluk gewunscht. Es ward nun fur ausgemacht angenommen, dass Xaver nichts anders werden sollte, als ein Monch. Der Guardian versprach, gleich Morgen an die Piaristen im nachsten Landstadtchen einen Brief zu schreiben, und dem jungen Menschen eine Stelle auszumachen. Ein andrer Pater sagte, dass er seinem Bruder, Pater Philipp, der ein Lehrer an der Piaristenschule sey, schreiben, und den jungen Siegwart seiner besondern Aufsicht empfehlen wolle. Die ganze Gesellschaft war nun sehr vergnugt; der Guardian liess guten alten Nekkarwein auftragen, den das Kloster erst von einer Wittwe geschenkt bekommen hatte, und man trank fleissig herum. Unserm Siegwart wurde eine Gesundheit nach der andern aufs kunftige Klosterleben zugetrunken; sie nannten ihn im Scherz Bruder Augustin, weil man im Kloster den Namen ablegt, den man in der Welt gehabt hat. Diese Vertraulichkeit und der Wein, den er nicht gewohnt war, so gut, und so viel zu trinken, machten ihn ganz munter und beredt.

Der Vater, der oben bey dem Guardian sass, und nun, wegen seines Sohnes, alles mit ihm ausgemacht hatte, dass dieser nemlich in sechs oder sieben Jahren ganz gewiss ins Kloster sollte aufgenommen werden, stand endlich um sechs Uhr auf, und nahm von den Paters Abschied. Als der Sohn diese Zurustungen sah, ward ihm das Herz auf einmal schwer, und das Auge trub. Es war ihm, als ob er in eine Einode zuruckkehren sollte, so sehr hatte er sich schon ans Kloster gewohnt. Eine Zeitlang stand er stumm und zitternd da; dann sprang er aber eilends weg, und kam nach einigen Augenblicken wieder, mit den Buchern unterm Arm, die ihm P. Ignatz geborgt hatte. Er gieng zu ihm hin, und sagte: Leider hab ich die Geschichte vom heiligen Franz nur halb, und die andern Bucher gar nicht durchlesen konnen; aber ich dank Ihnen doch reckt sehr. Nein, mein lieber Xaver, sagte Ignatz, so ists nicht gemeynt; Er soll die Bucher zum Andenken von mir behalten, oder sie mir erst wieder zuruckgeben, wenn er hier Profess thut. Mach er keine Umstande! Sie sind sein. Xaver sah seinen Vater an, als ob er fragte, was er thun sollte? Ja, wenn der Herr Pater nicht anders will, Xaver, sagte dieser, so must du's eben annehmen. Aber das Geschenk ist gar zu gross, Herr Pater! Ich weiss nicht, was ich Ihnen dagegen anbieten soll? Schicken Sie uns Ihren Sohn bald, wieder, sagte Ignatz, das ist alles, was ich wunsche. Der alte Siegwart machte eine Verbeugung. Lass doch sehen, Xaver, was du denn fur schone Bucher hast? Ey, das ist ja herrlich, das Leben des heil. Franciscus; das ist mein Patron. Nun, nun, da kannst du brav drinn studiren, und viel schones draus lernen. Und da, das Leben des heiligen Nepomuk, das ist der Flusspatron, weil er zu Prag in die Moldau ist gesturzt worden. Ich dank Ihnen vielmals, Herr Pater, in meinem und in Xavers Namen. Wenn Sie mich einmal besuchen, will ich sehen, wie ichs auf andre Art wett mache? Nun, Xaver, empfiehl dich der Liebe dieser Herren! Du siehst, dass Sie dir alle gut sind, mach, dass du dieser Ehre werth bleibst!

Xaver konnte nicht vor Thranen sprechen; Er kusste dem Guardian und den ubrigen die Hand, und benetzte sie mit seinen Thranen. Als er an den P. Anton kam, sagte dieser: Lass nur, mein Sohn! ich will dich und deinen Vater noch eine Strecke weit begleiten. Am Klosterthor blieben die ubrigen stehen, nachdem sie von den beyden Siegwarts auf deine freundschaftliche Art Abschied genommen hatten. Anton gieng mit ihnen. Xaver sah sich wohl noch zwanzigmal nach dem Kloster um, und schickte ihm seine Thranen nach.

Der alte Siegwart erkundigte sich bey P. Anton nach verschiednen Dingen, die den Aufenthalt seines Sohns auf der Schule und dann auf der Universitat, betrafen. Dieser entschuldigte sich damit, dass er schon zu lange von der Welt sey, und dass sich in dieser Zeit so vieles in der Lebensart, und in den Kosten auf der Universitat verandert habe. Er gab aber doch dem Vater und dem Sohn viel weise Lehren und Erinnerungen. Ich wollte dir Prag zur Universitat vorschlagen, sagte er, denn sie hat viele Vorzuge vor andern; Aber, da sie so weit entfernt ist, und man dort weit mehr braucht, als anderswo, so wollt ich dir unmassgeblich Ingolstadt in Baiern vorschlagen, weil da auch gute Professores seyn sollen, wenigstens hat Herzog Ludwig viel drauf gewendet. Ja, ich denke auch so, sagte Siegwart; Ingolstadt liegt in der Nahe, und ich habe da auch noch von meiner seligen Frau her ein paar weitlauftige Verwandte, dass mein Sohn doch etwas Aussicht hat, und auch Unterstutzung, wenn es nothig ware. Der Hofrath Fischer, den du auch noch kennen wirst, steht dort in gutem Ansehen, und ich habe von ihm, vermog unsrer alten Bekanntschaft, viele Freundschaft zu erwarten.

Nach einigen Erinnerungen, die Anton dem jungen Siegwart noch, in Absicht auf die Wahl seiner Freunde auf Universitaten, gegeben hatte, nahm er von den Beyden Abschied. Es flossen gegenseitig viele Thranen, zumal da Anton fast in einem Ton der Weissagung von seinem fruhen Tode sprach. Der letzte Kuss des Paters schwebte noch lang auf den Lippen des Junglings; seine Thranen flossen in die Thrane des Ehrwurdigen Alten, und vereinten sich mit ihr, wie seine Seele mit des Paters Seele sich vereinigt hatte.

Vater und Sohn giengen eine Zeitlang schweigend durchs Gefild hin. Was hast du dann alle Gutes erfahren und gesehen im Kloster? fragte endlich der alte Siegwart. Und nun fieng der Sohn an, in einer Art von Begeisterung, alles zu erzahlen, was im Kloster, und besonders auf dem Dorfe mit dem P. Anton den tiefsten Eindruck in sein Herz gemacht hatte. Der Vater horte mit Vergnugen, oft mir Ruhrung zu, und rief ein paarmal aus: Ja, da malst du mir meinen Pater Anton wie lebendig vor die Augen! Das sieht ihm ahnlich, u.s.w. Wenn du seine Fussstapfen betrittst, Xaver, denn will ich den Tag ewig segnen, an dem ich das erstemal mit dir hieher gieng.

Sie waren aus dem Waldchen herausgegangen, als sie von fern Theresen und Wilhelm, ihren zweyten Bruder, ihnen entgegen kommen sahen. Xaver sah sie kaum, so sprang er voraus, bewillkommte sie, und druckte seiner Schwester, die er herzlich lieb hatte, die Hand, denn er war noch nie so lang von ihr entfernt gewesen. Therese war ein rasches, naives Landmadchen mit einem runden vollen Gesicht, das von der Farbe der Gesundheit gluhte; mit grossen dunkelblauen Augen, die beydes, wenn sie heftig, oder zartlich war, von der Starke und Festigkeit ihrer Seele zeugten. Wenn sie lachte, bildeten sich ein paar Grubchen in den Wangen, und man sah die Gottinn der Anmuth vor sich. Ihre Haare waren dunkelbraun und lang; ihr Wuchs mittelmassig gross. In ihren Reden war sie schnell und hastig; ihr Witz war immer neu und lebhaft. Munterkeit erwachte, wo sie hinkam, und sie lachte gern aus vollem Herzen. Doch verbannte sie zu rechter Zeit den Ernst nicht, und in den Stunden der Dammerung, oder am Klavier zerfloss ihre Seele oft in Wehmuth. Nichts liebte sie mehr, als Geschaftigkeit, und besonders landliche Beschaftigungen. Sie wuste jede Arbeit, die die verschiednen Jahrszeiten auf dem Lande mit sich bringen. Im Fruling sate sie im kleinen Wurzgartchen am Hause; steckte Bohnen und Erbsen; pflanzte Salat und Kohl, und ordnete die Aussaat des Flachses an. Im Sommer war sie in ihrem strohernen Sonnenhutchen, bey der Heuerndte mit; kochte fur die Arbeitsleute; half den Flachs einthun, und zurechte machen; gieng mit aufs Kornfeld hinaus; hatte die Aussicht uber die Schnitter; sprach mit ihnen freundlich, und der Arbeit kundig; ass des Abends Milch mit ihnen; und war von jedermann geliebt, ohne ihrer Wurde etwas zu vergeben. Im Herbst sorgte sie fur die Bearbeitung des Flachses und furs Ausdreschen des Getraides; gieng mit in den Baumgarten, und half die Aepfel und die Birn' einsammeln. Im Winter besorgte sie die Kleidung ihrer Bruder, spann, oder machte Linnen; und versah noch dabey das ganze Jahr durch die Kuche und die Haushaltung. Bey aller ihrer Arbeit war sie immer munter; trillerte ein Liedchen, oder scherzte mit ihren Brudern. Der altere, Karl, war stolz und geizig, der zweyte: Wilhelm, war phlegmatisch und trag. Mit beyden machte sie sich also nicht viel zu schaffen, begegnete ihnen aber freundlich, uns gab ihren Schwachheiten, so viel als moglich, nach.

Aber unser Xaver war ein Mann fur sie. Als Kind hupfte sie immer mit ihm herum, und half ihm bey seinen kriegerischen Zurustungen; sie spielte die Soldatenfrau, oder die Marquetenderinn; und hielts, wie er, mit dem Konig von Preussen. Oft giengen auch die beyden allein, die Hande freundschaftlich in einander geschlossen, nach dem Garten, oder in den anliegenden Hain. Da setzte sie sich ins hohe Gras, sah mit frohem Staunen alle Schonheiten der Natur, deren Betrachtung ihr immer das liebste war; horte, mit lautem Aufjauchzen, dem Gesang der Nachtigallen und Grasmucken zu; indess dass der Bruder Schmetterlinge haschte, oder Blumen pfluckte, und sie ihr mit Lachen in den Schoos warf. Sie wuste die Blumen kunstlich zu binden, oder machte einen Kranz draus; setzte ihn auf; und gieng so, vergnugt, nach Haus. Als sie alter wurde, und sich schon ums Hauswesen bekummerte, spielte sie doch noch oft mit ihm des Abends; warnte ihn, wenn er zu muthwillig gewesen, und der Papa uber ihn erzurnt war; und er folgte ihrer Warnung. Da sie ein paar Jahr' als Kostgangerinn in einem Nonnenkloster lebte, vermisste er sie sehr und schrieb ihr, sobald er schreiben konnte, einen Brief zu. Nach ihrer Zuruckkunft aus dem Kloster wollte sie ihn das Klavierspielen lehren; Anfangs hatte er grosse Lust, und war eifrig drauf; aber bald liess er wieder nach, denn das Notenlernen war ihm viel zu langweilig. Er hingegen musste ihr Phadri Fabeln und Terenz Komodien ubersetzen, weil sie in den Zwischenstunden und an den langen Winterabenden gar zu gern ein gutes Buch las, und doch keines, oder wenige, hatte. Nachher kriegte sie von einem Preussischen Officier, der, im Burgauischen als Kriegsgefangner lag, mehrere gute, deutsche Bucher zu lesen. Je mehr sich die Seele ihres Bruders entwickelte, desto mehr gewann sie ihn lieb, und ward ganz seine Vertraute. Vielleicht kams auch daher, weil ihre Gesichtszuge sehr viel Aehnlichkeit miteinander, und mit den Gesichtszugen ihrer Mutter hatten.

Aber desto weniger Aehnlichkeit in der Gesinnung, im ganzen Karakter, und auch in der Bildung hatte ihre Schwester Salome mit ihr, die drey Jahre junger war, als sie. Dieses Madchen sah nicht gut aus, denn sie hatte Sommersprossen, eine etwas aufgeworfne Nase, und ziemlich hellrothe Haare; und doch war sie auf ihre Bildung, und ihren vortheilhaften Wuchs ubermassig stolz. Eitelkeit war ihre Gottinn, und sie sann Tag und Nacht darauf, ihr neuen Putz und Flitterstaat zu opfern: und doch prangte sie im Dorf vor niemand, als Sonntags in der Kirche vor den Bauren, die ihren uberfeinen Geschmack nicht einmal bewundern konnten. Fur diesen Undank, dessen sich auch ihre Schwester schuldig machte, weil sie's selten bemerkte, wenn Salome mit einer neuen Erfindung, die oft in Veranderung einer Schleife bestand, auftrat, rachte sie sich aber, und brachte den grosten Theil des Jahrs bey einer alten Baase in Munchen zu, wo sie sich von Hofkammerdienern, Laufern, und dergleichen Leuten bewundern, und von Damen, Kammerjungfern und Putzmacherinnen betadeln liess. Die ganze Familie des Amtmanns, und Therese am meisten waren mit dieser Rache sehr zufrieden; denn Salome konnte nichts, als sich, und ihre Kleider im Spiegel begaffen; sich frisieren; zwo franzosische Arien singen, die sie nicht verstand; aufs Land und das Landleben schimpfen; spotteln, wenn man von der Stadt sprach, und nicht alles drinn bewunderte; und endlich uber jedermann, besonders uber ihre Schwester die Nase rumpfen, weil sie das Ungluck hatte, besser auszusehn als sie, und den einfachen Naturlichen Geschmack in Putz und Sitten, dem hokerichten parfumierten Stadtgeschmack vorzuziehen. Therese kannte die Stadt; sie war, nach dem Kloster, noch ein halbes Jahr da gewesen, und sehnte sich mit voller Seele in ihr stilles, ruhiges Dorf zuruck; wo, statt des ewigen Getummels der Karossen und der Menschen, Ruhe; Statt des caremoniosen Wesens, das aus lugenhaften Komplimenten zusammengesetzt ist, alte deutsche schwabische Offenherzigkeit; Statt der sogenannten feinen Lebensart, unverfalschte Unschuld und Wahrheitsliebe; und statt des Prunks in Hausern und Gemachern, einfaltige, ungekunstelte Natur ihren Thron aufgeschlagen hat. Gesellschaft brauchte sie nicht viel, weil sie immer beschaftigt war, und ihren Xaver um sich hatte. Zuweilen gieng sie mit des Postverwalters Tochter, einem stillen sittsamen Madchen, um. Statt fur Ihr Vergnugen in einem angenehmen Umgang mit Freundinnen zu sorgen, hielt sie es fur eine grossere und hohere Pflicht, ihrem rechtschaffenen Vater, der, seit dem Tode seiner Frau, immer einsam gelebt hatte, Vergnugen, und das stille Landleben angenehm und abwechselnd zu machen. Sie war mehr seine Freundinn, als seine Tochter: denn er zog sie bey allen wichtigen Veranderungen in der Haushaltung zu Rath, weil er wuste, dass er sich auf ihre Einsichten verlassen konnte. Sie ehrte und liebte ihn uber alles; In truben Stunden suchte sie ihn zu erheitern, und spielte ihm auf dem Klavier vor. Kurz, sie war die Freude und Stutze seines Alters.

Auch jetzt gieng sie ihm, an der Hand ihres lieben Xavers entgegen, und die Freude, ihren Vater und Bruder wieder zu sehen, funkelte ihr aus den Augen. Sie erzalte erst, was wahrend seiner Abwesenheit zu Hause vorgefallen sey; und fragte dann ihren Bruder, wie es ihm im Kloster gefallen habe? Dieser konnte nun des Redens kaum ein Ende finden, wie es ihm da so wohl gegangen sey: was fur Ehre er genossen, was fur Leute er da kennen lernen, und was er sonst alle schones gesehen und gehort habe. Endlich sagte er, es sey nun ganz richtig, dass er auch ins Kloster gehen, und deswegen in etlichen Tagen nach der Stadt in die Piaristenschule kommen werde.

Die Schwester erschrack anfangs, und that, als ob sies nicht glauben konnte; aber Xaver berief sich auf das Zeugnis seines Vaters, und dieser bejahte es. Sie wagte es jetzt nicht, etwas dagegen einzuwenden, ob ihr gleich die Sache sehr misfiel; aber sie dachte doch, noch etwas auszurichten, wenn sie mit dem Vater und dem Bruder allein daruber sprache.

Was haltst denn du davon? sagte Xaver zu Wilhelm? Du schweigst ja ganz still dazu. Freust du dich nicht druber? Je, was weiss ich? sagte dieser; Mich deucht, du thust ganz recht, Xaver! Es soll ein ruhiges Leben im Kloster seyn; und da ists gut, dass dus wuhlst.

Wilhelm sieht alles von der Seite der Ruhe an; sagte der Vater. Ich wollte, du hattest soviel Leben, wie Xaver! Ruhe kann man schon suchen, wenn man erst brav gearbeitet hat; aber du willst eins ohne das andere. Hast du heut die Rechnung eingetragen?

Wilhelm. Nein, Papa; ich habs wahrhaftig vergessen. Nu, ich denk, ich wills morgen thun.

Der Vater. Ey, was morgen? Ich hab dir aber gesagt, dass du's heute thun sollst! Mit euch, Leuten, kommt man weit! Du wirst noch einmal zu spat in Himmel kommen! Therese, was werden wir heut zu Nacht essen?

Therese. Ich habe Tauben zurichten lassen; Papa, und Salat; weil's jetzt warm ist.

Der Vater: Gut, meine Tochter, du weist, was ich gern esse. Deinem Bruder Xaver must du jetzt Wasche zurecht machen, weil er unter fremde Leute kommt. Er kann bald abgehen mussen; ich warte nur auf Briefe aus der Stadt. Karl ist doch zu Hause, Wilhelm?

Wilhelm. Ja, ich glaube wol, Papa, er wird schreiben.

Sie kamen nun aus Amthaus. Als sie durch den Garten giengen, sah der Vater, dass Therese die Blumen, vor dem Weggehn, schon begossen, und frischen Salat in die Lucken nachgepflanzt hatte, und lobte ihren Fleiss. Die Blumen dufteten ihr susser, weil sie die Freude sah, die ihr Vater druber hatte. Ich denke, wir essen heut in der Laube, sagte der alte Siegwart; der Abend ist lau und angenehm, und wir konnen hier die Nachtigall aus dem Gebusch besser horen. Xaver gieng auf sein Zimmer, packte seine Bucher aus, und grusste seinen altern Bruder Karl, der noch am Schreibtische sass, und ihm einen kalten unfreundlichen guten Abend wunschte, ohne weiter nachzufragen, wie es ihm die Zeit uber gegangen sey?

Bald drauf setzte man sich in der Laube zu Tische; Therese trug mit angenehmer Geschaftigkeit das Essen auf. Sie war wie eine arkadische Schaferinn gekleidet, im weissen Gewand der Unschuld mit rosenroten Schleifen. Ihre schonen braunen Haare waren losgegangen, und flogen in der Luft, wenn sie durch den Garten hupfte. Sie muste sich neben ihren Vater setzen, und ihm allerley erzalen. Mit ihrer gewohnlichen Anmut that sie's zwar, aber nicht mit der, ihr sonst eigenthumlichen Munterkeit; denn das kunftige Schicksal ihres Bruders schwebte ihr, wie eine Wetterwolke am sonst heitern Himmel, vor Augen, und erschreckte sie. Er sass ihr gegenuber; wenn er sie nicht ansah, blickte sie ihn halbverstohlen und mitleidig an; Ein paarmal hatte sie Muhe, Ihre Thranen vor ihm und ihrem Vater zu verbergen. Karl hingegen, der in Gedanken schon berechnet hatte, wie viel er durch den Entschluss seines Bruders, ins Kloster zu gehen, bey der Erbschaft einst gewinnen werde, sprach unaufhorlich von der vernunftigen Wahl Xavers, und von dem Gluck das ihn erwartete, gleich als ob er furchtete, sein Entschluss mocht ihn wieder gereuen. Wilhelm nagte seine Taube langsam ab, und schwieg, oder sagte zuweilen noch: ja; damit man ihn nicht gar fur eingeschlummert halten mochte!

Nach dem Essen gieng man noch ein bischen im Garten zwischen den Aurikeln und Levkojenstocken auf und ab; es ward von Dorfgeschichten und Einrichtungen des Hauswesens gesprochen; der Vater gieng fruh zu Bette, weil er vom Spatziergang etwas ermudet war; Xaver auch. Therese konnte lange nicht schlafen, und sann ihres Bruders Schicksal nach. Tausend traurige und schreckliche Bilder, die die Phantasie, die Stille der Nacht, und der blasse Mond, der seine Stralen an die weisse Wand der Kammer warf, noch vergrosserte, stiegen vor ihr auf Sie schlief endlich unter Thranen ein. Gleich am Morgen gieng sie auf das Zimmer ihres Vaters, und brachte ihm seine Suppe; denn er trank niemals Kaffee; sie machte sich allerley zu schaffen, raumte die Papiere auf; stopfte seine Pfeife; hustete, weil sie reden wollte, und nicht konnte. Wenn ein Wort schon auf ihrer Zunge schwebte, unterdruckte sie es wieder. Als er gegessen hatte, gieng sie hinaus, um ihrem vollen Herzen Lust zu machen, und ihres Vaters Pfeife anzustecken. Sie kam wieder, stellte sich an die Kommode, schlug die Augen nieder, krabbelte mit den Fingern, oder spielte mit einer Feder. Sie gieng ans Fenster, machte es auf und wieder zu, und fieng endlich, mit weggewandtem Gesicht an: Papa, ists denn wirklich Ernst mit Xaver? Soll ich ihm Weisszeug auf die Reise zurecht machen?

Der Vater. Allerdings, Therese! du wirst dich freylich wundern, dass ich so schnell einen Entschluss fasse, den ich selber nie vermuthet hatte. Aber ich hab dir schon gesagt, wie es dem Knaben im Kloster so wohl gefiel, und wie die Paters mir zusetzten, dass ich ihn der Kirche nicht entziehen sollte; und gestern fand ich ihn vollends ganz und gar verandert; er sah und horte nichts, als das Kloster; seine ganze Seele haftet dran, und es war sein Ungluck, wenn man ihn jetzt davon losreissen wollte. Er ist so veranderlich nicht, als er scheint; ich habs oft erfahren. Was er Einmal recht fest gefasst hat, das lasst er so leicht nicht wieder fahren.

Therese. Das ist schon gut, Papa; aber jetzt ist er noch, wie betaubt. Wenn er wieder zu sich selber kommt, und sieht, wie weit er schon vorwarts gegangen ist, ohne dass er mehr zuruck kann, wie wird's ihm dann gehen?

Der Vater. Du machst mir aufs neue bang, meine Tochter; ich war vorher schon nicht ruhig. Aber, sag, wie ichs anders hatte machen konnen? Der Knabe kommt ins Kloster; alles ist ihm neu, gefallt ihm, blendet ihn. Anton fragt, ob ich keinen Sohn ins Kloster geben wolle? Xaver bricht los, sagt ja; die andern Paters erfahren's; nehmen mich beym Wort, und stellen mir die Sache als eine Gewissenssache vor. Nun wusst' ich weder aus noch ein, und suchte mir nur dadurch Verzogerung und einen Ausweg zu verschaffen, dass ich Xavern versprach, er konnte einige Tage im Kloster bleiben. Vielleicht, dacht ich, wird ihn die Einsamkeit bald wieder auf andere Gedanken bringen, und ihm die Freyheit desto angenehmer machen. Aber es gieng umgekehrt. Er will von nichts anders mehr wissen, als vom Klosterleben. Ich kanns nicht andern, und ich denke doch, dass es so auch gut gehen werde, da sein Trieb so stark und beynahe ubernaturlich ist. Es wurde mir uberdiess auch schwer fallen, ihn auf andre Art in der Welt unterzubringen, da ich doch fur euch genug zu sorgen habe. Es ist dein Nutzen auch, Therese, wenn er so versorgt wird, und ich kann dir einmal dafur mehr zum Brautschatz geben.

Therese. Ach, Papa, daran mag ich gar nicht denken! Lieber wollt ich alles fahren lassen, als meinen Bruder, und gerade diesen, unglucklich sehen.

Der Vater. Ich weiss, wie du denkst, Therese, und ich sags auch nicht deswegen; es ist nur so nebenher. Aber jetzt kann ichs warlich nicht mehr andern. Ich habe den Paters mein Wort gegeben, und sie haben meinetwegen schon an die Piaristen geschrieben. Doch auch das sollte nichts verschlagen, und ich wollt es schon so machen, dass ich mich auf eine gute Art herauszoge; aber Xaver wurde nicht damit zufrieden seyn, und ich will meine Kinder zu keiner Sache zwingen, am wenigsten zur Wahl einer Lebensart, von der ihr kunftiges Gluck oder Ungluck abhangt; du kennst meine Art schon. Wenn du glaubst, dass es schlechterdings sein Ungluck ist, wenn er Monch wird, so magst du meinetwegen dein Heil bey ihm versuchen, und sehen, was du ausrichtest! Ich wollte gern, dass es dem Knaben so wohl gienge, als er seiner Folgsamkeit und seines guten Herzens wegen verdient! Sprich mit ihm davon!

Therese. Wenn Sie's erlauben, Papa, so will ich mit ihm sprechen, und ihm meine Meynung frey heraus sagen. Denn hier hilft das Schweigen nichts, man mocht es nachher zu spat bereuen, und sich Vorwurfe druber machen.

Der Vater. Gut, meine Tochter, ich uberlass es deiner Klugheit; nur must du ihm das Klosterleben auch nicht gar zu traurig abmalen! Es mochte eine schlimme Wirkung bey ihm haben, da er einmal ganz dafur eingenommen ist.

Therese gieng nun mit etwas leichterm Herzen weg, als sie hergekommen war. Sie suchte ihren Bruder diesen Morgen noch zu sprechen; aber Wilhelm, der bey ihm auf dem Zimmer sass und durch keinen Worwand wegzubringen war, hinderte sie daran. Den Nachmittag kam ein alter Prediger vom nachsten Dorf, den Therese oft auf ihren Spaziergangen besuchte, und, seiner Ehrlichkeit wegen, sehr lieb hatte. Der alte Mann freute sich recht herzlich, wie er horte, dass Xaver der Welt absagen wollte, und wunschte ihm aufrichtig Gluck dazu. Therese muste versprechen, ihn mit ihrem Bruder, eh er weggienge, noch einmal zu besuchen. Den folgenden Morgen traf sie Xavern allein auf seinem Zimmer, als er eben das Leben des heiligen Franciscus vor sich aufgeschlagen, und das Blatt von P. Anton daneben liegen hatte.

Ey, guten Morgen, Herr Pater! sprach sie lachelnd; Immer so fleissig? Und was studieren Sie dann, wenn ich fragen darf? ... Im Leben des heiligen Franciscus. War das auch ein Klosterherr? oder wol gar auch ein Kapuziner?

Xaver. Freylich, unser Ordensstifter, Therese! Ein gar herrlicher und heiliger Mann.

Therese. So? Ja, was weiss ich auf unserm Dorfe hier? Da erfahrt man nichts dergleichen.

Xaver. Du solltest's aber wissen! Konntest viel von ihm lernen! So gibts wenig Leute!

Therese. Nu, Nu! ich werde doch ohn ihn selig werden konnen? Meynst du nicht?

Xaver. Geh! du sprichst auch gar zu leichtsinnig! Kannst dergleichen Dinge nicht begreifen.

Therese. Ja, das glaub ich gerne. Aber nur nicht gleich so bose, Bruder! Das hast du doch im Kloster nicht gelernt? Sey ein bischen freundlich, Xaver!

Xaver. Herzlich gerne, liebe Therese! Nimm mirs nicht ubel, wenn ich dich hart anfuhr! Ich war da so vertieft im Lesen, und habs warlich nicht so bos gemeynt.

Therese. Gut, gut! Wer wird auch gleich alles ubel nehmen? und zumal dir? Ach, du weist nicht, wie ich dich so lieb habe, Bruder! Und du wolltest uns verlassen? Gelt das war dein Ernst nicht? Bleib nur in der Welt! Sie ist so gut, und die Menschen drinn sinds auch.

Xaver. Das kann wol seyn, Schwester! Aber mir ists Ernst; ich muss ins Kloster.

Therese. Und warum denn, lieber Xaver? Kennst du auch die Welt und das Kloster, das du drum eintauschen willst? Ich seh, dass es dir Ernst ist, und muss einmal offenherzig mit dir reden, wenn du nichts dagegen hast.

Xaver. Was dagegen? Sprich nur frey heraus! Du thust ja ganz fremd gegen mich.

Therese. Nun, so hor denn an! Was ich sage, sag ich blos um deines Besten willen, und weil ich dich so lieb habe. Sieh, ich kenn das Klosterleben auch; habs zwey Jahre lang versucht und da kann ich aus Erfahrung reden. Ansangs gefiel mirs auch wol; ich glaubte schon im Himmel zu seyn, und wollte nichts mehr von der Welt wissen. Da war lauter Eintracht und Liebe. Man horte nichts, als: liebe Schwester! Engelsschwester! und dergleichen. Man kusste sich des Morgens, wenn man ausstand, gieng mit Kussen auseinander. Ich einfaltiges Madchen dachte, das ist immer so; der Friede muss wol aus der Welt ins Kloster gezogen seyn und bedaurte, dass ich nicht schon langer mich drein begeben hatte. Aber nach etlichen Wochen, da ich nicht mehr neu im Kloster war, giengs ganz anders. Erst entstunden bey Tische kleine Nekkereyen; eine Nonne zog die andre auf, man verantwortete sich; ward bose; die Aebtissin winkte; das half eine Zeitlang; aber, wenn sie weg war, giengs gleich wieder an, und oft entstand ein solcher Zank, dass die Schwestern weinend auseinander giengen. Du solltest's nicht glauben; aber es ist mehr Eifersucht und heimliche Feindschaft da, als anderswo. Mir begegnete man zwar sehr freundlich, und den andern Kostgangerinnen auch, aber das hat seine Ursachen; so wie man dir auch freundlich begegnet hat. Man muss eine bittre Arzeney uberzuckern, wenn sie hinunter soll; wo wurden neue Schwestern und Bruder herkommen, wenn man sie gleich anfangs alles Harte fuhlen liess? Soviel weiss ich, mich sollen sie gewiss nicht ins Kloster kriegen, wenn man mirs auch noch so golden abmalte! Glaubst du denn die Ruhe, und innere Zufriedenheit der Seelen wohne da? Ja, so dacht ich auch! Aber ich sah wol, wie so manche Nonne Morgens aus der Zelle schlich, mit verweinten Augen, die die ganze Nacht keinen Schlaf gesehen hatten. Glaub mir, Bruder, es ist traurig, zwanzig oder dreissig Frauenzimmer zu sehen, die zum Theil noch jung sind; wie sie, mit halbverloschnen Augen, mit abgebleichten, eingefallnen Wangen, da stehen; ihren Psalm absingen; und dann einen Blick zum Himmel aufheben, der, im tiefsten Ausdruck des Schmerzes, keine andre Wohlthat, als den Tod herabzuflehen scheint; Glaub mir, das ist traurig, Bruder!

Und wenn man erst in die Zellen kommt, wo sie ihren Thranen freyen Lauf lassen konnen; wenn sie da den Schleyer aufheben, der noch halb das traurige Gesicht bedeckt hatte! Bruder, das ist gar nicht zu beschreiben, was man da fuhlt! Die heilige, keusche Brust, die nur ihren Seelenbrautigam eingeschlossen haben sollte, wird so oft von unwillkuhrlichen Seufzern emporgehoben, die einem ganz andern Gegenstand geweiht sind. Der Mensch bleibt Mensch, in der Zelle, wie in der Welt! Da gibts innre Kampfe! Die armen unschuldigen Opfer verdammen sich und ihr Gefuhl, fasten und kasteyen sich, und ringen oft mit der Verzweiflung. Glaub! ich ubertreibe nichts; blos Erfahrung hat mich das gelehrt. Eine junge Baronessinn, ohngefahr in meinen Jahren, oder hochstens zwey und zwanzig Jahr alt, hat mich zur Vertrauten ihres Jammers gemacht. Wenn ich an den Abend denke, wie sie mir im Mondschein ihre Geschichte erzahlt hat, das Herz blutet mir. Ein Junker aus ihrer Nachbarschaft liebte sie; sie ihn auch; Er versprach ihr die Heirath, und die Eltern von ihrer Seite warens ganz zufrieden. Weil er Officier bey den Baiern war, so musst er mit seinem Regiment zu der Reichsarmee. Er nahm zartlich von ihr Abschied, versprach, ihr zu schreiben, und schickte ihr auch in den ersten zwey Monaten funf Briefe. Auf einmal blieben sie aus. Sie wartete drey, vier Wochen; war in steter Angst, weil sie nicht wusste, ob er lebendig oder todt sey? fiel in eine Krankheit; phantasirte, nannte nichts als ihren Brautigam, und lag so vierzehn Tage lang. Als sie wieder zu sich selber kam, war ihre erste Frage: ist ein Brief da? Man konnte nicht mit Ja antworten, weil sie gleich den Brief gefodert hatte, und wollte doch nicht nein sagen; sie merkte es, phantasirte wieder, schlug sich wutend vor die Brust, und der Arzt besorgte eine ganzliche Zerruttung ihres Verstandes. Sie erzahlte mir Gesichte, die sie in diesem Zustande gehabt hatte, dass mir Grauen ankam. Man sann auf eine List, ihr zu helfen. In einem derer Augenblicke, da sie bey sich selber war, erzalte der Arzt: Man habe Nachricht von dem Lieutenant, dass er in einem Scharmutzel in den rechten Arm sey geschossen worden, nun sey er aber ziemlich wieder hergestellt, und hoffe, bald wieder schreiben zu konnen. Die Nachricht davon sey an seine Eltern gekommen, und er habe sie zugleich zartlich grussen lassen! Diese Erdichtung half mehr, als alle Arzeney. Der Ruckfalle in die Phantasie wurden weniger, ihr Auge war nicht mehr so wild, und blickte ruhiger umher. Ihre Krafte kamen wieder, und nach vierzehn Tagen war sie in so weit wieder hergestellt, dass ihr der Arzt anrieth, auszufahren. Zweymal wurde sie von ihren Eltern begleitet; das drittemal fuhr sie allein mit ihrem Kammermadchen ... Fahrt zum Baron Steinburg nach Wettenheim! rief sie zum Kutscher, als sie auf dem Feld war. Das Kammermadchen erschrack, und misrieth ihrs; Es sey zu weit; konn' ihr schaden u.s.w. Nichts! Sie wollte von den Eltern ihres Theodors selbst erfahren, was er mache, und ob er wieder hergestellt sey? Was macht Er? Lebt Er? ist er wohl? rief sie zu der Baronessinn, als sie aufs Schloss kam. Wer denn, gnadiges Fraulein? was wollen Sie? Mein Theodor, ihr Sohn; Ist er wohl? Ihr Theodor, Fraulein? Wissen Sie denn nicht, dass er sich vor einem Vierteljahre schon in Schlesien verheirathet hat? Verheirathet! Ihr Sohn? Mein Theodor? Und so flog sie wieder in den Wagen, wo sie ohnmachtig in die Arme ihres Kammermadchens sank. Der Kutscher fuhr fort, ohne etwas davon zu wissen. Erst vor dem Dorfe draussen hielt er, auf das Schreyn der Kammerjungfer. Durch vieles Reiben der Schlafe und den Geruch des Englischen Salzes ward das Fraulein wieder so weit gebracht, dass sie die Augen aufschlug. Mit starrem Blick, und Verzuckungen des Mundes sass sie da, ohne sonst sich zu bewegen. Als man uber eine Flussbrucke fuhr, machte sie eine Bewegung, als ob sie den Schlag an der Kutsche ofnen, und ins Wasser springen wollte; aber, als ihr Kammermadchen sie hielt, blieb sie wieder unbeweglich sitzen. Sie kam nach Hause, lief die Treppen hastig hinauf, und rief ihrer Mama, die oben stand, zu: Er ist verheirathet! Drey Wochen flossen unter den klaglichsten Umstanden fur meine Freundinn hin. Sie sagte nichts, als: Theodor! und: verheirathet! Nach einem Vierteljahre ward sie wieder besser, und verlangte ins Kloster. Die Eltern wagten's nicht, ihr zu widersprechen. Nach dem Probjahr legte sie das ewige Gelubde ab. Man durfte nicht mit ihr von Theodor sprechen; sie verfluchte ihn, wenn sie seinen Namen horte, und weinte dann wieder ganze Nachte durch! Vor drey Jahren kam Theodor zuruck; wollte seine Braut sprechen, der er immer treu geblieben war; horte, sie sey im Kloster; rannte zitternd hin, kam ans Gitter, sprach sie, und fiel zugleich mit ihr in Ohnmacht. Man brachte ihn ins Wirthshaus, da erzalte ein unvorsichtiger Bedienter alles, und besonders, dass seine Mutter ausgesprengt habe: Er sey verheirathet. Nach einer schrecklichen Nacht, die er unter tausend Kampfen zugebracht hatte, ritt er mit verhangtem Zugel nach dem Schlosse seines Vaters; foderte, die Mutter zu sprechen, und durchstach sie mit dem Officiersdegen. Seitdem weiss man nichts von ihm, wo er hingekommen ist? Ein einzigsmal glaubte man ihn bey Nacht im Klostergarten gespurt zu haben. Es stund jemand unten an der Zelle meiner Freundinn, und sprang davon, als eine Nonne aus dem Fenster sah. Sie schmachtete noch ein Jahr ihr Leben hin, sah einem Todtengerippe ahnlicher, als einem Menschen, sprach selten, und allein mit mir, wenn ich bey ihr in der Zelle war. Ein einzigesmal hatte sie Kraft genug, mit mir von ihm zu sprechen, und mir die ganze Geschichte zu erzalen. Sie beschloss damit: "Geh nicht ins Kloster, Herzensfreundinn, was dir auch begegnet! Mitten in meinem Elend war ich in der Welt noch glucklicher, wo ich doch Freunde hatte!" Drey Wochen nach diesem starb sie. Ihr letztes Wort war: Jesus, stark Ihn! Du bist geruhrt, Xaver! Glaub mir, Bruder, solche ungluckliche Seelen gibts im Kloster noch genug. Es ist ein Sammelplatz von Elend. Die meisten hat das Ungluck hineingetrieben; und nun kommt die Reue noch hinzu. Ich wuste nicht Eine Nonne, wo ich war, die ihren Entschluss nicht bereut hatte, wenn sies gleich nicht sagte. Verdruss, Schwarmerey, Eigennutz der Eltern und Verwandten, und Uebereilung sinds allein, die das Kloster fullen; diese haben ihre Granzen, horen wieder auf; aber das Gelubde, Einmal ausgesprochen, ist ewig unaufloslich.

Xaver. Das ist schon recht, Therese, du sprichst hier von Nonnenklostern, und da weiss ich nichts davon, hab mich auch niemals drum bekummert, aber bey uns

Therese. Nun? ists bey euch wol anders? Seyd ihr denn nicht auch Menschen, wie wir? Habt ihr nicht anuch Fleisch und Blut? Bey Euch, denk ich, sollt's noch arger seyn, da ihr die Freyheit mehr gewohnt seyd, starkere Leidenschaften habt, und euch weniger schmiegen konnt, als wir. Wir mussen uns so vieles in der Welt gefallen lassen; sind an Unterwerfung und Gehorsam schon von Jugend auf gewohnt; leben immer einsamer, als ihr, und sind oft ganze Wochen lang zwischen unsre vier Wande eingesperrt, da ihr indessen volle Freyheit habt, in der Welt anzufangen, was ihr wollt. Von uns sollte man weit eher denken, dass das Kloster fur uns ware, und doch ists nicht.

Xaver. Gut, Schwester! Aber das must du doch auch sagen, dass zwischen Manns- und Nonnenklostern ein gar himmelweiter Unterschied ist. Ihr seyd ewig eingesperrt, und wir konnen zu gesetzter Zeit ganze Tage lang herumgehen; konnen unter Menschen leben, wie vorher.

Therese. Ja, das ist schon etwas; aber viel hast du nicht damit gewonnen. Wenn Ein Ungluck kleiner ist, als das andere, so bleibts deswegen immer noch ein Ungluck, dem man ausweichen muss, wenn man kann. Die Hauptsache bleibt doch immer dieselbe; du must auch das Gelubde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut beschworen; must Dinge beschworen, gegen die sich deine ganze Natur emport. Fur was gab denn Gott uns Freyheit, wenn wir sie nicht brauchen sollen? Warum schuf er zweyerley Geschlechter, wenn sie sich durch Mauren von einander absondern wollen? Und Geld und Gut sind doch auch Gaben Gottes; soll man sie verachten und wegschmeissen, und von andrer Menschen Arbeit leben? Ich glaube nicht, Xaver, dass das recht ist; und sich selber unglucklich machen, soll man auch nicht.

Xaver. Du bist streng, Schwester, und von der Seite hab ichs noch nie angesehen. Ja, wenn man sich ins Kloster einsperrt, und keinem Menschen dienen will, als sich; dann, glaub ich, ist das Monchsleben unverantwortlich; aber, sieh, so, wie ichs habe kennen lernen, ist es ganz was anders. Ich hab dir vorgestern vom P. Martin, und vom P. Gregor, und noch mehr vom P. Anton erzalt, was das fur Leute sind. Da must du doch gestehen, dass sie hundertmal mehr Gutes thun, als andre Weltmenschen.

Therese. So viel mehr Gutes eben nicht; und dann sind das ausserordentliche Leute, deren es wenig gibt, und die gewiss in der Welt eben so viel Gutes wurden ausgerichtet haben. Sieh nur unsern Papa an, wie der um die Menschen sich verdient macht! Er halt das ganze Dorf in Ordnung, verschafft dem Fursten seine Abgaben, ohne dass die Bauren drunter leiden. Jedermann im Dorf hat ihn lieb, und segnet ihn. Allen Armen, die es werth sind, thut er Gutes. Die selige Mama hat er, wie sich selbst geliebt, und ihr diese Welt zum Himmel gemacht. Uns hat er mit der grosten Sorgfalt fromm und christlich erzogen, dass wir gute Menschen werden, und der Welt nutzen konnen. Wir haben tausend Gutes von ihm gelernt, tausend Wohlthaten genossen, und geniessen sie noch taglich. Sag einmal, Bruder, ist das nicht ein Leben, das wohlthatig ist, und Gott wohlgefallen muss? (Xaver weinte) Und so sieh jeden rechtschaffnen Hausvater hier im Dorf an, ob der nicht auch thut, was er kann? Ob er nicht auch Segen in dieser und in jener Welt einerndten muss, ohne eben ins Kloster zu kriechen?

Xaver. Ich glaub aber, Schwester, dass ich mehr ins Kloster taug, als in die Welt. Dass ich da mehr Gutes ausrichten kann, als anderswo. Gott weiss, dass ich keine andre Absicht habe, als den Menschen so viel Guts zu thun, als in meinen Kraften ist. Darauf hab ich immer gesehen. Und da kenn' ich fur mich, keinen Stand, in dem's besser angienge, als im Geistlichen. Was mein eignes Gluck betrift, so find ichs gewiss nirgends eher, als im Kloster.

Therese. Und das ist eben, was ich furchte, und weswegen ich mir deinethalb so vielen Kummer mache. Ich glaube, dass du fur nichts weniger bist, als fur's Kloster. So ein muntrer frischer Knabe, wie du bist; an dem alles lebt und Bewegung ist; der soll da in einer finstern Zelle sitzen, wo der Mond und die Sonne nicht hinscheint; soll ewig Ave Maria, und Rosenkranze beten; Psalmen singen, und im Brevier lesen; soll mit alten murrischen Leuten umgehen, die an der Welt, die fur dich so viel schones hat, keine Freude mehr finden; soll sich einem eigensinnigen Pralaten unterwerfen, und thun, was dem einfallt. Nein, Bruder, das kann unmoglich fur dich seyn! Bedenk nur selber, wie dir zu Muthe ist, wenn du einmal bey schlimmem Wetter, oder wenn du krank bist, ein paar Tage lang zu Hause sitzen must! Gleich fehlt dir's uberall, bist verdrusslich und hast an nichts keine Freude mehr. Was will nun das sagen, gegen eine ewige Gefangenschaft, die erst mit dem Tod ein Ende nimmt? Ich bitte dich, Bruder, um der Mutter Gottes, und um aller Heiligen willen, uberleg's wohl! Ich kann dir nichts einreden; aber rathen will ich dir, und muss ich dir. Du weist, was ich auf dich halte. Nach dem Papa hab ich keinen Menschen auf der Welt so lieb, wie dich. Und ich sollte dich unglucklich sehen, da ichs doch hatte verhindern konnen, Sieh, wenn du geistlich werden willst, weil du glaubst so am meisten Gutes thun zu konnen, warum wirst du nicht ein Weltgeistlicher, wie der alte Pfarr, der gestern bey uns war? Der thut gewiss so viel Gutes, als ein Monch im Kloster. Wart, wir wollen heut gleich zu ihm gehen, und du sollst dich wundern, was das fur ein Mann ist! Ein Weltgeistlicher kann doch immer noch des Lebens mehr geniessen, und glucklicher seyn. Nicht wahr, Bruder, du thust mirs zu Gefallen, und besinnst dich?

Hier nahm sie ihn bey der Hand, sah ihn lachelnd, und mit Thranen in den Augen an. Xaver konnte sich nicht langer halten, fiel ihr um den Hals und schluchzte. Schwester, sprach er, ich weiss nicht, was ich sagen soll? Ja, besinnen will ich mich, das versprech ich dir; will nicht unbedachtsam handeln; Nein, bey Gott nicht! Ich will alles uberlegen; will zuruckgehen, wenn ich kann; kannst dich drauf verlassen. Lass mich nur allein, Schwester! dass ich weinen kann, und mich besinnen!

Sie gieng weg und warf noch einen Blick auf ihn, der mehr sprach, als hundert Worte. Xaver war in der aussersten Beklemmung. Nur noch ein paar Worte, und er hatte ganz gewankt. Die Reden seiner Schwester giengen ihm tief ins Herz, weil sie wahr waren, und er sie von Herzen liebte. Sie hatte Bedenklichkeiten in ihm rege gemacht, an die er vorher niemals gedacht hatte. Nunmehr liess er seinen Thranen freyen Lauf, lief im Zimmer auf und ab, und rang die Hande. Was soll ich thun? war sein einziger Gedanke. Noch unentschlossen warf er sich auf seinen Stuhl, und da fielen ihm die Anmerkungen des P. Anton in die Augen. Auf einmal war seine ganze Seele im Kloster; alles fiel ihm wieder ein, was ihn da so sehr geruhrt hatte. Er sah den P. Anton vor sich. Was wird der alte Mann sagen, dachte er, wenn du so bald wieder wankelmutig wurdest? Wie wurd' er sich betruben? Auf einmal ware seine Freundschaft und Liebe hin! Solche, und ahnliche Gedanken stiegen schnell und unvollendet in ihm auf. Nein, ich kann nicht anders! Muss ins Kloster! rief er laut, und sprang von seinem Stuhl auf. Seine Seele fuhlte sich bey diesem Entschluss wieder ruhiger, die angenehmen Vorstellungen vom Klosterleben stellten sich ihm wieder dar, und machten ihn alles andre vergesssen. Das will ich thun, dachte er, und das kann ich auch; ich will meiner Schwester versprechen, alles wohl zu uberlegen, und vor ein paar Jahren keinen ganzlichen Entschluss zu fassen. Find ich, dass sie in ihren Besorgnissen Recht hat, dann kann ich immer noch ein Weltgeistlicher werden. Aber sonst ists aus, und nichts kann mich davon abbringen!

Als er hierauf aus dem Fenster in den Garten, und seine Schwester drinnen sah, gieng er zu ihr hinunter, grusste sie freundlich, und sagte ihr, dass er sich so weit entschlossen habe, nicht blos auf einen Monch, sondern auch auf einen Weltgeistlichen zu studieren, und vorjetzt sich weiter fur nichts zu bestimmen; mehr konne er nicht thun, so lieb er sie auch habe.

Sie war es zufrieden, dankte ihm fur seine Liebe, und sagte, er musste freylich am ersten seiner Einsicht und Ueberzeugung folgen; vorjetzt wollten sie von der Sache nicht mehr sprechen, weil es doch nichts helfe. Sie wolle nun sorgen, dass seine notigsten Kleider in ein paar Tagen fertig wurden, wenn er ungefahr bald abreisen musste. Das ubrige konne man ihm leicht nachschicken, da die Stadt ja nur sieben Stunden von ihnen entfernt liege.

Auf den Nachmittag, sagte sie, gehn wir doch zu meinem lieben Prediger? Recht gerne, Schwester, wir mussen doch die kurze Zeit, die wir noch beysammen sind, recht nutzen.

Nun giengen sie zu Tische. Es wurde viel von Xavers kunftigen Einrichtungen auf der Schule gesprochen, denn Therese hatte, noch vor dem Essen, ihrem Vater gesagt dass sie im Wesentlichen nichts bey ihrem Bruder ausgerichtet habe, und dass er sich den Entschluss, ein Geistlicher zu werden, nicht benehmen lasse. Nach dem Essen, sagte sie, wollen wir, wenn Sies erlauben, nach Windenheim zu dem Pfarrer gehen, dem wirs gestern versprochen haben, vielleicht kommt dem Bruder das Amt eines Weltgeistlichen eben so angenehm und reizend vor, als das Monchsleben; es ware fur ihn doch immer besser, wenn er jenes dem andern vorzoge. Als man abgegessen hatte, besorgte Therese noch einige hausliche Geschafte, und gieng um 3 Uhr mit ihrem Bruder nach Windenheim. Auf dem Wege dahin freuten sie sich der schonen Gegend, und der bluhenden Jahrszeit; sie riefen tausend angenehme Auftritte aus den Jahren ihrer Kindheit zuruck; versprachen sich, einander fleissig zuzuschreiben, und sich alle Heimlichkeiten ihres Herzens zu entdecken. Xaver musste auch versprechen, ubers Jahr in den Ferien, seinen Vater und sie zu besuchen.

Sie kamen nun ans Pfarrhaus; der Prediger, der eben im Fenster lag, kam ihnen mit ungemeiner Freundlichkeit entgegen. Nun, meine Tochter, (so nannte er Theresen) das heiss ich recht Wort gehalten! Seyd mir tausendmal willkommen, lieben Kinder! Setzt Euch, wenn ihr mude seyd! Womit kann ich aufwarten? Sagt's nur frey heraus, ob ihr lieber Wein, oder Kaffee wollt? Alles steht Euch hier zu Diensten. Was beliebt euch?

Therese. Nichts als frische Milch, wenn wir bitten durfen. Sie wissen, Herr Pfarrer, dass ich nicht um Essens und Trinkens willen zu Ihnen komme.

Pfarrer. Nun ja; Milch sollt ihr nachher auch bekommen, wenn wir ins Gartchen gehen. Susanne! (zu der Haushalterinn) mach sie nur indessen eine Schaale Kaffee! Und wie stehts denn zu Hause? der Papa ist doch gesund?

Xaver. Ja; Er lasst sich Ihnen empfehlen, Herr Pfarrer!

Pfarrer. Vielen Dank, junger Herr! Nun, in ein paar Tagen wirds wohl abgehen, in die Stadt? Ja, ja! Gott segne seinen Entschluss! Und lass den Papa Freud an ihm erleben!

Therese. Aber, Herr Pfarrer, ich hab heute noch mit ihm druber gesprochen. Glauben Sie nicht auch, dass er besser thate, wenn er ein Weltgeistlicher wurde, und so etwan einmal als Pfarrer in unsre Nachbarschaft kame? Das Kloster, furcht ich, taugt nicht fur ihn, oder er nicht fur's Kloster.

Pfarrer. Meine Meynung war's freylich auch, Jungfer Therese. Aber in dergleichen Dingen lasst sich nicht gut rathen. Die Klosterherren sind selten gute Freunde von uns, ob sie uns gleich das Geld fur's Messlesen hundertmal wegschnappen; und da konnt mirs nur ubel ausgelegt werden, wenn ich ihm davon abriethe. Ich mochte gern das Bischen Jahre, das ich noch zu leben habe, im Frieden hinbringen, dass man nicht nach meinem Tode sagte, ich habe mich mit niemand vertragen konnen. Werd er nur ein frommer Mann, dann ists einerley, wie sein Kopf geschoren ist, halb oder ganz! Und er kann sich ja auf der Universitat immer noch besinnen, welche Weihe er annehmen will? Es gibt im Kloster brave Leute, Jungfer, wie bey uns, und auch schlimme. Wenn er sich nur in die Regel schicken kann, das ist das Hauptwerk, und da muss er sich am meisten druber prufen! Da hab ich eben eine traurige Nachricht gekriegt. Mein Bruder in Burgau ist gestorben, und hinterlasst sechs vater- und mutterlose Waisen. Ich habs zwar schon immer im Sinn gehabt, dass ich fur sie sorgen will; und das Bischen Vermogen, was ich von meinem Einkommen zuruckgelegt habe, fallt ihnen zu; aber was hilft Kindern Geld und Gut, wenns an der Erziehung fehlt? Man weis schon, wie's bey fremden Leuten geht. Nun, nun, Gott wird sich ihrer auch annehmen; er ist doch der rechte Vater. Nun ist niemand mehr von uns ubrig; wir waren funf Geschwister, und sind alle weggestorben, bis an mich, ob ich gleich immer der schwachlichste unter ihnen war. Aber hatt ich auch nicht so ordentlich und massig gelebt, ich ware langst nicht mehr da. Kinder! ich sag immer: Ordnung, und Massigkeit ist die beste Arzeney! Lasst euch das zur Regel dienen, und ihr werdet mit Freuden alt. So hat man sich nichts vorzuwerfen, wenn der Tod kommt. Ich habs Gottlob! bey meinen Bauren auch so weit gebracht, dass man selten einen aus meinem Dorf betrunken sieht, und Sonn- und Feyertags beym Wirtshaus vorbeygehen kann, ohne das argerliche Gejuchz zu horen. Ist der Kaffee schon fertig, Susanne? Nun, meine Kinder, lassts Euch belieben! Zu meiner Zeit war das freylich auch nicht; Aber, andern Leuten zu gefallen, muss man schon so etwas mit machen. Nur immer massig! sag ich, und zu seiner Zeit! Das hat mir immer am Klosterleben wohl gefallen, dass da alles so ordentlich hergeht. Wenn nur alle folgen wollten! Tabak rauchen thut er wol noch nicht, Xaver? Es ist auch nicht notig; fang ers nur nicht an! Im Kloster muss ers doch wieder aufgeben. Ich war nie dazugekommen, wenn man mirs nicht einmal des Zahnwehs wegen angerathen hatte; und da blieb ich eben so dabey, weil mir's taugte. Taglich eine Pfeife; mehr nicht! Heut rauch ich, um des Kaffees willen, zwey. Schenk sie ein, Susanne! Sie kanns besser machen, als ich. So? Sie trinkt viel Milch, Jungfer Therese? Das ist recht; ist auch viel gesunder. Was macht denn P. Anton im Kloster, junger Herr? Ist er wohl auf? Das ist ein braver Mann. Ich seh ihn gern in meinem Dorf, weil er die Bauren auch zur Massigkeit, und andern christlichen Tugenden anhalt.

Xaver. Er befindet sich recht wohl, Herr Pfarrer, das ist gar ein heiliger Mann.

Pfarrer. Weiss wohl. Bin mit ihm auf Schulen gewesen, und hab ihn immer gern gehabt. Nun, wenn ihr getrunken habt, so gehn wir, denk ich, in den Garten. Es ist gar zu schon, wenn alles so um einen her bluht! Man wird wieder mit den Baumen jung. Sie muss doch meine Einrichtungen sehen, Jungfer Therese, die ich dieses Jahr in meinem Garten gemacht habe. Mich dunkt, es wird ihr gefallen; Sie versteht es.

Therese. Ja! Herr Pfarrer, wenns Ihnen gefallig ist, so gehen wir. In der frischen Luft ists jetzt am Besten, und in Ihrem Garten kann man immer etwas lernen.

Sie gab ihm mit der liebenswurdigsten Ungezwungenheit die Hand, und gieng uber den Hof nach dem Garten hin; Xaver folgte nach. Hier, meine Tochter, sagte er, gleich beym Eingang ins Wurzgartchen, seh sie, wie die Apricosen- und Pfirsichbaume gebluht haben! Die Frucht setzt schon an, und wenns der liebe Gott vor Frost oder Hagel bewahrt, so werden die Baume tragen, dass sie brechen mochten. O sie hatt es sehen sollen, wie die Bluthe so gar herrlich war, dass man kaum das Auge davon wegwenden konnte! Mitten in der Nacht konnt' ich noch an meinem Fenster die Apricosenbluthe durchschimmern sehen, und da uberdacht ich, wie der liebe Gott so gut ist, dass ein Baum erst durch seine Schonheit das Auge, und dann noch durch seine Frucht den Gaumen weiden muss. Wenn dann der Abendwind durch die Bluthen sauselt, und den sussen Geruch mir zuweht; dann ist mirs oft, als fuhlt ich Gottes Gegenwart leibhaftig, und musst mich schnell vor ihm niederwerfen und anbeten! O es ist ein herrlich Ding um die Welt! Alles ist so schon, und jeder Monat hat seine eigne Schonheit, aber doch der May am meisten! Da seht mir nur Wundershalb den Kirschbaum an! Ists nicht, als obs Ein Strauss ware, da man kaum das Laub dran sieht! Hier in den Einfassungen hab ich Blumen hingepflanzt, sieht sie; es ist ganz was neues. Vorher war alles Krautland; aber, dacht ich, man muss doch auch etwas Augenlust haben; und da hat mir des Barons Gartner Tulpen- und Narcissenzwiebel, auch Aurikeln und gelben Lack geschenkt. Mit den Tausendschonchen hab ich da die Beeten eingefasst, weil sie jeden Monat neu bluhen. Da hab ich nun so meine Freude, nach dem Mittagsessen, oder Abends in der Kuhle, dass ich nach den Blumen sehe, sie wart' und sie begiesse. Jedes Stockchen liegt dann meinem Herzen naher; jedes kenn ich, und seh taglich, wie's heran wachst, und zunimmt! Es ist sonderbar; aber nicht wahr? man hat alles so lieb was man selbst pflanzt, und heran zieht?

Therese. Ja wohl, Herr Pfarrer, mir gehts eben so; und wenn mir eine Blume welkt, oder vom Wurm verdorben wird, da bin ich so traurig, als ob ich, weis nicht was? verlohren hatte.

Pfarrer. Recht, Jungfer Therese! Da hab ich denn so meine Gedanken, was der liebe Gott fur eine Freud und Gluckseligkeit empfinden muss, unter dessen Augen und durch dessen Sorgfalt Menschen, Thier und Pflanzen so heranwachsen und gedeihen! Da ist mir denn so wohl, bey dem Gedanken, dass ich weinen muss. Lieben Kinder, man ist so selig, wenn man sich Gott in der Nahe denkt, und lernt sein Vaterherz immer mehr kennen. Warlich fur den Gebrauch unsrer funf Sinne konnen wir Ihm nie genug danken. Durch sie wird man am meisten mit ihm bekannt; mit dem Verstand geht's viel zu langsam. Seht ihr, wie der Salat schon so kopficht wird! Das ist Abends mein rechtes Labsal, wenn's so heiss ist, und ich mich mit einem Gericht davon abkuhlen kann.

Therese. Ey der Tausend! Ihre Erbsen sind ja schon so hoch; sie bluhen bald.

Pfarrer. Ja, Jungferchen, das sind Zuckererbsen, aus des Barons Garten. Die hab ich auch selbst gepflanzt. Auf den Herbst kann ich ihr wol auch Korner davon geben, sie muss sie aber weit auseinander stekken, weil sie starkes Kraut geben. Und was sagt sie denn zu meinen Kartoffeln? Kommen die nicht schon heraus? Man durfte wol mehr bey uns pflanzen, weil's ein kostbar Essen ist, und einem recht aushilft, wenn Gott einen Miswachs beym Getraide schickt. Ich hab auch meinen Leuten schon viel gegeben, und sie pflanzen's haufig. Die armen Leute konnten manches besser einrichten, wenn mans ihnen nur sagte, und sie mit Rath unterstutzen wollte.

Xaver. Ja, so machts der Pater Anton, der lehrt die Bauren allerley Handgriffe beym Ackerbau.

Pfarrer. Brav! brav! Gott segn' ihn dafur! Ich sag immer, man muss fur den Leib, wie fur die Seele sorgen, wenn man ein rechtschaffner Pfarrer seyn will; denn was ist die Seel' ohne den Leib? Mit den Cichorien hier will ich eine Probe machen. Man ruhmt so viel davon, dass sie einen herrlichen und gesunden Trank geben. Wenn das ist, so brauchen wir nicht so viel Geld ausser Lands zu schicken, zumal da der gewohnliche Kaffee fur uns gar nicht gesund ist. Da seht einmal den herrlichen Apfelbaum! Sieht er nicht aus, wie das liebe Morgenroth? Mein Gott! Die Augen vergehen einem, wenn man ihn lange ansieht. Und wie suss er duftet! Da leben nun von Einem Baum tausend Wurmchen, Kafer, und Bienen, die sich ihres Daseyns freuen, und im Duft herumtaumeln; und hintennach haben wir den vollen Segen davon einzuerndten. Hier im Baumgarten hab ich nun mein rechtes Leben; da gibts immer was zu thun; Raupen abzunehmen, nach der Wurzel und dem Stamm zu sehen, dass er nicht brandig wird; Zweige einzuimpfen, und im Herbste sag ich die verdorrten, oder uberflussigen Aeste ab, um den andern Luft zu machen. Da verschaff ich mir Bewegung, und erhalte mich gesund. So kann man sich das Landleben angenehm und unterhaltend machen, dass man sich nie nach der Stadt sehnt. Jungfer Therese weis das wohl.

Therese. Ja, Herr Pfarrer, das ist wahr; in der Stadt mocht ich auch nicht leben. O Sie hatten gestern unsern Garten sehen sollen, wenn's noch Zeit gewesen ware! Da bluht alles auch so voll. Der Apfelbaum an des Papa Zimmer ist besonders schon. Man glaubt, er sey uberschneyt, so weiss ist er. Und der Zuckerbirnbaum; schoners kann man gar nicht sehen ... Ey, da kommt ja ein Baurenmadchen hergewackelt! Was das Kind fur schone blaue Augen hat; und so ein offenes Gesicht!

Pfarrer. Das ist meines Nachbars Mariekchen; da hab ich so meine Freude mit, und spiele manchesmal mit ihr. Ich kann mir nichts liebers denken, als so ein kleines unschuldiges Geschopf, wenn's so eben zu sprechen anfangt. Alles ist so naturlich, und so unverdorben! Komm, Mariekchen! Kuss das Handchen von der Jungfer, da! Darfst dir nicht furchten; Sie hat die Kinder auch lieb. Komm! verneig dich schon! So!

Und nun nahm der liebe Mann das Kind auf den Arm; kusste und herzte es, brach ihm Blumen aus dem Gras ab; nahm sein Handchen in den Mund; das andre war um seinen Hals geschlungen. Hielts Theresen und Xavern hin, dass sie's kussen sollten; liess es laufen, und aus Scherz halb fallen; dann schenkt' er ihm einen Kreuzer, als es gehen wollte, und fuhrte es bis an die Thure. Xaver und Therese lachelten einander zu, und freuten sich uber die schone Herablassung des ehrlichen Alten, und als er von der Gartenthure wieder zuruckkam, sagte

Therese. Es ist Jammerschade, Herr Pfarrer, dass sie nicht auch Kinder haben! Sie wurden durch ihre Liebe lauter Engel aus ihnen machen.

Pfarrer. Das ist lang mein Kummer gewesen, Jungfer Thereschen! Aber, lieber Gott, wir durfen ja keine Kinder haben. Uns armen Leuten hats die Kirche ja verboten. Es ist freylich hart; aber in die Ordnung muss man sich nun einmal schicken. Ich troste mich mit meinen Untergebenen, dass ich die durch Lieb und Treue zu meinen Kindern mache. Wer weis, obs mein Gluck gewesen ware, wenn ich eigne Kinder hatte? Man ist oft auch sehr unglucklich mit. Ha, ha! da bringt meine Susanne Milch!

Wollen wir nun in die Laube gehen, und sie dort essen?

Sie giengen mit einander hin. Therese rieb den Zukker und das Brod, und streute es uber den Milchrahm her. Sie assen so vergnugt, wie eine Familie der Erzvater. Therese sass in ihrem Sonnenhutchen da, und wurzte die Kost durch ihre Freundlichkeit und den heitern Scherz. Der alte Prediger war so munter, wie ein Jungling. Xavers Seele war voll Ruhe und voll susser Wehmuth. Niemand hatte die gluckliche Gabe mehr, wie Therese, sich in einen jeden Charakter zu schmiegen, und seine Aufmerksamkeit zu erhalten, ohne eitel zu seyn, oder ihre Grundsatze zu verleugnen. Sie war frolich bey den Frolichen; heiter bey den Heitern; ernst und aufmerksam bey gesetztern oder altern Leuten, und erhielt dadurch die Zuneigung aller. Es war ein angenehmes Schauspiel, mit welcher Kentnis und mit welchem ganzen herzlichen Antheil sie sich mit dem Prediger von lauter Dingen unterhielt, die Ihm wichtig waren, wie sie sich nach seinen Pfarrkindern, nach seinen Verwandten, nach seinem Zehenten, und besonders nach der Einrichtung seines Obst- und Wurzgartens erkundigte; mit welcher Lehrbegierde sie ihn horte; wie angenehm sie ihm kleine Geschichten aus der Haushaltung und der benachbarten Gegend erzalte! Der alte Mann unterhielt die beyden mit der treuherzigsten Laune; mischte allerley gute Lehren in seine Reden mit ein, und freute sich der Aufmerksamkeit, mit der ihm die beyden zuhorten.

Abends, als sie zuruckgingen, begleitete er sie noch vors Dorf hinaus; druckte Theresen die Hand, und wunschte Xavern noch einmal von Herzen Gluck zu seinem Vorhaben.

Die beyden Geschwister theilten sich ihre herzliche Freude, und ihr Wohlgefallen an dem Betragen des ehrlichen Landpredigers mit. Du siehst nun, Bruder, sagte Therese, wie man in allen Standen, und besonders auch in diesem, Gutes thun kann! Was kann reizender seyn, als das Leben eines Mannes, dessen ganzes Dorf gleichsam eine einzige Familie ausmacht, weil er ihrer aller Vater wird. Der brave Pfarrer hat noch tausend gute Eigenschaften, die man nur nach und nach, und gleichsam beylaufig erfahrt. Er gibt seinen Bauren guten Rath, wenn sie einen Process anfangen wollen. Er misrath es ihnen, und versohnt sie miteinander. Wenn sie krank sind, kommen sie zu ihm, klagen ihm ihre Noth, und er schreibt ihnen Gesundheitsregeln vor, oder theilt ihnen einfache und unschadliche Arzeneyen mit. Sieh, so ein Mann konntest du auch werden, wenn du wolltest.

Xaver. Das kann ich im Kloster auch, wie der Pater Anton. Aber ich versprech dir doch, Schwester, dass ich mich noch recht bedenken, und zu nichts entschliessen will, bis ich alles streng gepruft habe. Die Zeit ist noch lang bis dahin; wer weis, was noch alles dazwischen vorfallt?

Therese. Nun, wenn das ist, Xaver, so will ich mich beruhigen; und jetzt auch nicht weiter davon reden.

Sie war auch wirklich seit der Zeit seinethalben weit ruhiger, und hoffte gewiss, dass ihr Bruder sich noch anders bedenken, und vom Klosterleben abstehen werde. Jetzt kamen sie, beym schonsten Abendrot, das den halben Himmel farbte, bey ihrem Vater wieder an; assen in der Laube, und erzalten ihm, mit ruhrender Einfalt, was sie bey dem Prediger gesehen und gehort hatten; wie er so ruhig und vergnugt mit seinem Gott und der ganzen Welt lebe, und was er fur schone Einrichtungen in seinem Garten gemacht habe. Der Vater stimmte mit in das Lob des braven Mannes ein, und sagte, dass seine liebe Therese auch viel Gutes von ihm gelernt habe. Sie lachelte, schlug die Augen nieder, und ward roth.

Den andern Morgen kam ein Bote aus der Stadt und brachte einen Brief vom obersten Professor an der Piaristenschule. Das Schreiben war, aus Achtung fur die Kapuziner, die den jungen Siegwart empfohlen hatten, sehr gutig abgefasst. Er konne gleich eintreten, und in ihre Schulen kommen; sie versprachen ihm treuen Unterricht, und vaterliche Aufsicht. Der alte Siegwart wurde finden, dass sie seine Stelle bey seinem Sohn so viel als moglich zu vertreten suchen wurden, u.s.w. Sie liessen Xavern auch besonders grussen, und ihn ihrer Liebe versichern. Besonders werde sich P. Philipp, der im Kloster einen Bruder habe, seiner treulich, und noch ganz besonders annehmen.

Der Vater antwortete, dass sein Sohn in zwey Tagen nach der Stadt kommen werde. Xaver freute sich auf die Veranderung, und brannte recht vor Lehrbegierde, um sich nur bald zu einem geistlichen Amt tuchtig zu machen. Therese war traurig, weinte in der Stille, und machte die notigen Einrichtungen zur Abreise. Karl freute sich heimlich in der Seele, dass er nun bald eines Bruders los werden sollte, auf den der Vater so viel hielt, den seine Schwester uber alles liebte, und von dem er furchtete, der Vater mochte, zu seinem Nachtheil, nur zu viel an ihn wenden. Wilhelm war alles gleichgultig, und er wuste nicht einmal, wann sein Bruder abgehen wurde?

Der alte Siegwart sagte seinem Sohn, in drey oder viertehalb Jahren konn' er, wenn er's nicht am gehorigen Fleiss fehlen lasse, sich auf der Schule die notigen Kentnisse erwerben, um auf die Universitat zu gehen. Dort konn' er dann auch drey bis viertehalb Jahre bleiben; indessen sey er zwanzig Jahr alt, welches, wenn er noch Lust dazu bezeuge, gerade die Zeit sey, in der es einem Jungling frey stehe in einen Orden zu treten. Er fugte noch viel gute Lehren, und dringende vaterliche Ermahnungen hinzu, Gott getreu und rechtschaffen zu bleiben, sich vor Verfuhrungen zu huten, und seine Zeit und Geld wohl anzuwenden. Xaver versprachs mit Thranen, und mit einem tiefbewegten Herzen; er gieng auf sein Zimmer, brach in einen Strom von Thranen aus uber seines Vaters Zartlichkeit und gutige Gesinnungen; gieng heftig auf und ab, und betete laut, dass ihn Gott in seinen guten Vorsatzen unterstutzen, und den Lehren seines Vaters immer treu erhatten wolle!

Den andern Tag brachte er grostentheils in der Gesellschaft seiner Schwester zu, die seine Sachen vollends in Ordnung brachte, weil der Koffer den Abend noch gepackt werden muste, um den andern Morgen mit Anbruch des Tages mit dem Wagen abzugehen. Ihre Unterhaltung war traurig, und oft schwiegen sie halbe Stunden lang, so viel sie sich auch noch zu sagen hatten. Sie schenkte ihm zum Andenken einen Geldbeutel, den sie selbst gestrickt hatte, damit er sich fein fleissig ihrer erinnern mochte. Das Versprechen, sich recht oft zuzuschreiben, wurde noch einmal feyerlich erneuert. Anfangs wollte er gar nicht zu Bette gehen, um nur seine Therese recht zu geniessen; aber der Vater widerrieth's, weil er Ruhe notig habe. Der alte Siegwart hatte seinen Sohn gern begleitet, aber unaufschiebliche Geschafte, und weil der andre Tag ein Gerichtstag war, hielten ihn zuruck. Sie blieben bis um eilf Uhr auf. Xaver bat seine Schwester, morgen fruh liegen zu bleiben. Aber sie that ganz bose, dass er ihr so etwas zumuthen wollte. Wie konnt ich das verantworten, sagte sie, wenn ich nicht von meinem liebsten Bruder Abschied nahme? Wer weiss, setzte sie mit Thranen in den Augen hinzu, wann wir uns wiedersehen? Nein, Bruder das gienge mir mein Lebtag nach! Fodre so was nicht von mir!

Sie giengen zu Bette. Um vier Uhr, als der Himmel schon ganz roth war, und der Morgenstern noch allein da stand, wurde Xaver vom Bedienten geweckt. Er zog sich hurtig an, und war ungewohnlich traurig. Therese kam in ihrem weissen Negligee, mit blassen Wangen und verweinten Augen zu ihm, sie fiel ihm um den Hals und kusste ihn; sprechen konnte sie nur wenig. Lieber Bruder, vergiss mich nicht! war alles, was sie sagte.

Der Vater liess ihn noch allein aufs Zimmer kommen, sprach liebreich und beweglich mit ihm. Mache, dass ich Freud an dir erlebe! sagte er, und werd ein frommer Mann! Unsre Familie hat von jeher den Ruhm gehabt, dass wir's treu mit Gott und Menschen meynen. Verscherz du diesen Ruhm nicht! Er ist das beste Kleinod, das ich dir mitgeben kann; alles andre ist nur Tand und Puppenwerk. Hier hast du noch was zum Andenken. Wends gut an! Es war ein Beutel mit ungefahr zwolf Conventionsthalern, und ein paar Dukaten Ich will fur dich sorgen, so lange ich kann. Aber verlass dich nicht zu sehr darauf! Wir Menschen sind sterblich, und wer weiss, wie lange ich noch lebe? Hier brach Xavern ganz das Herz Ja, mein Sohn, man muss sich auf alles gefasst machen. Lerne du was rechts, damit du nicht zu sehr von Menschen und ihrer Gnad abhangen darfst! Gott segne dich, mein Sohn, und erhore meine heissen Wunsche! Hier konnt er sich nicht langer halten; er fiel seinem Sohn um den Hals, druckte ihn fest an sich, kusste ihn mit der grossten Heftigkeit, und weinte. Seine heissen Thranen rollten uber Xavers Wangen mit den seinigen. Dies war das zweytemal in seinem Leben, dass ihn Xaver weinen sah; das erstemal weinte er, als seine Frau starb. Xaver sah vor lauter Thranen nichts; er schluchzte laut, und sein Herz wollte fast zerspringen. Der Vater ermannte sich wieder, und machte dem traurigen Auftritt selbst ein Ende, indem er seinen Sohn ins Wohnzimmer fuhrte, wo Therese und Karl waren. Wilhelm war nicht aus dem Schlaf zu bringen.

Therese hatte Kaffee gemacht, und schenkte ihrem Bruder ein. Thranen, die ihr unaufhorlich aus den Augen sturzten, liessen sie nicht reden. Er war stumm, und wie betaubt. Karl wollte auch traurig seyn aber man sahs ihm wol an, dass es Zwang war. Der alte Siegwart stand bewegt am Fenster, und sah die Pferde an den Wagen spannen. Therese setzte sich zu ihrem Bruder, sah ihn schmachtend an, und neue Thranen schossen ihr ins Auge. Sie legte seine Hand in die ihrige, und druckte sie. Xaver sah sie an, dann den Vater, dann den Bruder; suchte seinen Schmerz zu unterdrucken, und auf einmal brach er wieder mit einem lauten Seufzer aus. Xaver, sagte endlich der Vater, wenn du fertig bist, die Pferde sind angespannt. Diese Worte waren ihm ein Donnerschlag; er stand auf, suchte seinen Hut und Stock, ohn ein Wort zu sprechen, hielt den Hut halb vors Gesicht, und stand so, mitten in der Stube. Therese, die's nicht langer aushalten konnte, gieng vors Zimmer hinaus, um da auf den Bruder zu warten. Nun, mein Sohn, sagte der Vater, viel Umstande wollen wir nicht machen; das Herz ist dir doch so schwer. Du weist, was ich dir vorhin gesagt habe, behalt's fein im Herzen! Leb wohl! Gott segne dich! Er umarmte ihn, und gieng dann weg, um seine Thranen zu verbergen. Von Karln war der Abschied ziemlich frostig und kurz. Als Xaver vor die Thure trat, fiel ihm Therese um den Hals, und rief: Tausendmal tausendmal leb wohl, mein lieber, lieber Xaver! Unser Herr Gott erhalte dich gesund! Diess war alles, was sie sagen konnte. Er gieng schweigend voran an den Kutschenschlag; sah noch einmal zu seinem Vater, der im Fenster lag, und ihm noch ein Lebwohl zurief. Theresen reichte er noch die Hand aus der Kutsche, und nun fuhr er weg.

Schon eine halbe Stunde war er auf dem freyen Felde, von der schonsten Dammerung beglanzt, gefahren, ohne was davon zu fuhlen. Endlich weckte ihn die Sonne, die ganz wolkenlos, und golden aufgieng, aus der Betaubung. Er stund auf, um noch einmal die Thurmspitze seines Dorfs zu sehen, und da fiel ihm Linkerhand das Kapuzinerkloster in die Augen, dessen blecherne Zinnen die Sonnenstralen zuruckwarfen. Auch den dunkeln Tannenhain am Kloster sah er, und erinnerte sich nun aller Auftritte wieder, die er da gehabt hatte, besonders seines lieben P. Antons. Seine Seele weidete sich nun aufs neu an dem Gedanken ans Klosterleben, das ihm wieder doppelt reizend vorkam; ein so thatiges und lebhaftes Gemuth, wie Xavers seines, schmuckt jeden Gedanken mit den hellsten Farben; es verweilt am liebsten bey feyerlichen und Romanhaften Ideen, die die meiste Neuheit haben; und die Einsiedeley des Klosters fuhrt gewiss viel romanhaftes mit sich. Er ward nun wieder heitrer, und bewunderte die schone weite Ebne, die sich vor ihm ausbreitete. Aecker, Wiesen, Dorfer und Walder wechselten auf die angenehmste Art mit einander ab. Die Sonne warf verschiedene Schattirungen darauf, und gab der Aussicht noch mehr Mannigfaltigkeit. Vor sich sah er in der tiefsten Ferne die ehrwurdigen Tyroler Schneegebirge liegen, die eine Art von Kette um die Gegend zogen. Ihre eine Seite war vom Sonnenstral beglanzt, und blendete, wenn das Auge lange dran verweilte; die andre lag im tiefen dunkelblauen Schatten. Seine Phantasie bildete sich aus den Bergen ganz verschiedene Gestalten von Riesen, Drachen, Schiffen und dergleichen, die sich, wenn er sie lange ansah, endlich zu bewegen schienen. So vergass er nach und nach sein ganzes jetziges Verhaltniss, Gegenwart und Zukunft. Er fuhr eine Stunde lang so fort, bis ein Hirte, der die Kuhe nach der Weide trieb, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der alte Mann, der nur halb mit Lumpen bedeckt war, sang mit frohem Herzen und klarer Stimme sein Morgenlied, dass Busch und Hain wiederklangen. Diese zufriedne Andacht ruhrte unsern Siegwart im Innersten; er winkte dem Hirten, gab ihm ein Sechskreutzerstuck, und Thranen schossen ihm in die Augen, als der Alte ihm so herzlich dankte, und drauf sein Morgenlied wieder fort sang. Eine Viertelstunde drauf horte er einen Gesang von ganz andrer Art, als er an zehen oder zwolf halb besoffenen Rekruten vorbeykam, die von vier kaiserlichen Werbern nach dem Werbplatz gebracht wurden, und die liederlichsten Zoten sangen. Die Kerls riefen ihm Schimpfworter nach, und schrien dann wieder: Vivat Franciscus! Vivat Theresia! Nur Einer von den Rekruten ruhrte ihn, der traurig hintennach schlich. Er war gut gekleidet, hatte ein sittsames, feines Gesicht, das mit dustrer Schwermuth uberzogen war. Allem Anschein nach war er von guten Eltern, und durchs Ungluck genotigt worden, Dienste anzunehmen. Er zog vor Xavern freundlich den Hut ab, der ihm, so lange er konnte, nachsah.

Nach einer Stunde hielt der Wagen in einem Dorfe, wo die Pferde gefuttert wurden. Xaver gieng in die Wirthsstube, wo der Wirth, ein dicker Mann, und Schulz im Dorfe, mit zween Bauren heftig stritt. Der Streit war uber das Wildschiessen, und bey Gelegenheit einer Erzahlung angegangen, dass den Tag vorher zween Wilddiebe von den furstlichen Jagern waren aufgehoben worden. Denen wird was schones zubereitet werden, sagte der Wirth. Wenn's mir nachgienge, mussten all auf Hirsche geschmiedet werden; aber unser Furst ist viel zu gnadig; der lasst ihnen hochstens noch den Daumen und den grossen Zehen lahmen.

Gerg. So, beym Teufel! Ihr seyd mir der rechte! Ja wohl, auf Hirsche schmieden! 's ist meiner Seel, schon zu viel, dass man den armen Leuten so was thut! Man sollt jeden schiessen lassen, was und wie er will! Unser Herr Gott hat das Wild erschaffen, und 's lauft fur den Einen rum, wie fur den andern. Nicht so, Vetter Michel? Was haltst du davon?

Michel. Ich weiss dir selbst nicht, was ich sagen soll? Wenn ich Furst ware, liess ich freylich jeden schiessen; denn ich wuste nicht, warum ich Gottes Gab allein haben sollte? Aber mit den Fursten ists so eine Sach. Man darf's Maul nicht aufthun.

Gerg. Freylich, Michel! Aber Recht ist doch Recht! Vater Adam durfte schiessen, was er wollte, weils ihm Gott erlaubt hatte! Und da denk ich, wir sind seine Kinder, und wir durfens auch. Denk dir einmal, wenn's dem Fursten einfallen wollte, dass das Wasser auch fur ihn allein geschaffen sey? Was dir da herauskommen wurde? Gelt, d' Maus durfen wir wohl todtschlagen, weils der Furst nicht brauchen kann! Man mocht ein Narr werden, wenn man sich so hudeln lassen muss!

Wirth. Gerg, brauch Respekt, sag ich! Oder 's geht nicht gut. Sapperment! weist du nicht, wen du vor dir hast? Bin ich nicht des Fursten Schulz?

Gerg. Nu ja, Herr Wirth; man kann ja wol im Unwill ein Wort zu viel sagen; wer wirds auch gleich so genau nehmen? Seht, ihr habt da auch ein harts Wort geredt, dass man all auf Hirsche schmieden soll. Ich bin kein Wilddieb, hab nicht einmal eine Flint zu Haus; aber's thut einem eben weh, wenn man so sein schones Korn aufm Acker stehen hat, und der liebe Gott hats vor Wetterschlag behutet, und man denkt, man darfs nun schneiden und heimfuhren; wenn da so ein Rudel Hirsche kommt, und frisst alles weg, oder d'Schwein wuhlen einem alles um. Meiner Seel'! 's Herz im Leib weint einem, wenn ein armer Mann auf den Acker kommt, und siehts, und schlagt d' Hand uberm Kopf zusammen, und flucht auf die Leut, die 's Wild so hegen. Bey Gott! da mocht ich der Furst nicht seyn, uber den die Fluch, und die Zahren schreyen. Lieber wollt ich da kein Wildpret essen! Jagen konnt er doch, das wurd ihm kein Mensch verwehren. Seht ihr, Schulz! So ists gemeynt!

Wirth. Ihr versteht das nicht, Gerg! Ihr konnt Nachts hinausgehn aufs Feld, konnt da wachen, und 's Wild abtreiben.

Gerg. Beym Blitz! Was das wieder g'sprochen heisst? Seyd ihr auch ein Baur, Herr? Man sieht wohl, dass ihr immer nur daheim sitzt, und am Bierkrug zapft! Da schafft mir einmal einen Tag uber, in der Sonnenhitz, von Morgens vier an, bis Nachts achte; und dann geht mir aufs Feld hinaus, und wacht, um 's Wild abzutreiben! Weiss Gott, wir sind doch auch Menschen, und keine Hund! Wollt sehen, wo der Furst blieb, wenn wir nicht waren, und uns schier zu Schanden arbeiteten? Sackerlot, da sollen wir noch wachen! Das hiess recht, Schmerzenbrod gegessen; und doch will ich schworen, dass kein Baur es ein Vierteljahr treiben solle. Nein, da lob ich mir die Wilddieb, die 's Wild fein wegputzen, und dem armen Baur Ruh verschaffen! 's ist nicht recht, sag ich, dass man so mit ihnen umgeht, und wenn ich drum ins Loch musst!

Michel. Gerg, nimm dich in Acht! du kommst z'viel in Eifer! Da Herr Schulz, fullt's Glasel noch einmal! Nehmt ihms nicht ubel! Er meynt's nicht so bos.

Wirth. Ja, was nicht so bos? Er verstehts nicht, sag ich; weiss nichts von der Jagdgerechtigkeit. Das muss ich besser wissen, Schops! Wer des Fursten Wild schiesst, ist ein Rebell, und den muss man strafen.

Gerg. Ist ein Rebell! Ist ein Narr! Da seht einmal, Schulz, da kommt ein kaiserlicher Werber, hat ein paar feiste Hasen aufm Buckel. Ist das auch ein Rebell? Sagt ihms doch!

Wirth. Pst, Pst! Still! Das ist ein anders. Mit den Herren ist nicht gut anbinden. Lasst's nur seyn! Blitz, was das fur ein paar Hasen sind!

Indem traten die Werber mit den Rekruten, die Siegwart auf dem Weg angetroffen hatte, in die Stube. Der Wirth war ganz erschrocken, und fragte, was er einschenken sollte? Sie foderten Brandtewein und Bier. Der Rekrute, den Siegwart besonders bemerkte hatte, setzte sich allein in eine Ecke, und stutzte den Kopf auf die Hand.

Was fehlt denn dem dort? sagte der Wirth leise zu einem von den Werbern. Ich weiss selbst nicht recht, antwortete dieser. Soviel weiss ich, es ist ein Student von Dillingen, und vermutlich hat er einen im Duell verwundet, oder gar umgebracht. Es ist ein braver, stiller Mensch, mit dem ich schon oft Mitleiden hatte. Er muss auch ein Madel haben; denn er sieht oft seine Dose an, wo ein schones rothbackichtes Ding drauf abgemalt ist, und da weint er, dass der Deckel ganz nass wird, oder druckt ihn, wenns niemand sieht, an den Mund, und kusst ihn. Indem sah der junge Mensch auf, und blickte Siegwarten scharf an, der ihn mitleidig betrachtete. Er zog die Dose heraus, und bot Xavern eine Prise an. Das ist ja ein schones Frauenzimmer, sagte dieser. Ja wohl, antwortete der Rekrute; ein leibhafter Engel! Und nun sah er's wieder wehmutig an.

Heh! rief ein Werber, Herr Wirth! Was gibt er mir fur die beyden Hasen? Habs eben geschossen. Sieht er, was sie Fett aufm Leib haben!

Wirth. Je nu, Herr Feldwaibel; ich dachte, funfzehn Kreuzer waren wol genug. 'S gibt jetzt der Hasen viel, und 's Geld ist rar

Werber. Geh er! Ist der Herr ein Narr? Funfzehn Kreutzer, fur zwey Haasen! Das ist, meiner Treu, der Balg werth. Da ess' ich sie lieber selber. Sieben Batzen soll er mir geben! Keinen Heller weniger! Ist das noch mehr, als zu billig.

Wirth. Nun, schau er, Herr Feldwaibel; Sechs Batzen will ich geben, und ein Schluckchen Kirschenwasser oben drein; Weils Er ist, und weil er so fleissig bey mir einspricht.

Werber. Meinetwegen! Hol er nur ein Glaschen! Aber vom Guten, hort ers?

Gerg. (Heimlich zu Michel, indem der Wirth abgeht.) Siehst den Teufelskerl? Da weiss er so schon zu predigen, und thut selber nicht darnach. Nun soll er mir noch ein Wort sagen, dass ich raisonnirt hab! Ich verklag ihn, meiner Six, beym Amtmann.

Siegwart betrachtete unterdess den Rekruten, der einen Brief aus der Tasche zog, und ihn mit Bewegung las. Wenn ich ihm nur helfen konnte! Dachte er. Gern hatt er ihm von seinem Geld etwas mitgetheilt, und griff schon ein paarmal in die Taschen, aber er wagte es nicht, vor den ubrigen, ihm was anzubieten, weil er furchtete, ihn in Verlegenheit zu setzen.

Indess kam Siegwarts Knecht, und sagte, die Pferde seyn gefuttert. Er nahm Abschied, und fuhr weiter. Eine halbe Stunde vor dem Dorfe gieng ein Weib mit drey Kindern an dem Wagen vorbey, und weinte. Gelobt sey Jesus Christus! sagte sie. In Ewigkeit! antwortete Siegwart. Ach, lieber junger Herr, theilen Sie doch einem armen Weib eine kleine Gabe mit, die Haus und Hof verlassen muss! Warum? sagte Siegwart. O du lieber Gott, war ihre Antwort, weil mein Mann ein paar Hirsche todtgeschossen hat, die uns unser Korn wegfrassen. Nun werd ich ihn wol in meinem Leben nicht mehr sehen. Sie haben ihn schon in die Karre gebracht. Siegwart gab ihr einen ganzen Konventionsthaler. Sie rief ihm nach; aber er befahl dem Kutscher zuzufahren.

Nun sah er schon von fern das Stadtchen liegen, wo er hin sollte. Es lag auf dem erhohten Donauufer anmutig da, und zu beyden Seiten standen Eichenwalder.

Seine Seele hub sich bey dem Anblick einer neuen Gegend um so mehr, weil sie eine Zeitlang seinen Wohnplatz ausmachen sollte. Eine unruhige Freude bemachtigte sich seiner; er zitterte, und sein Gesicht gluhte. Anfangs wunschte er, nur recht bald da zu seyn, um seine neuen Lehrer zu sehen; aber, als er naher zu dem Stadtchen kam, wunschte er sich wieder weiter weg. Nun lag's immer deutlicher vor ihm da; er sah die ganzen Thurme, mit den Kirchen dran, und konnte schon einzelne Hauser unterscheiden. Mit der Deutlichkeit wuchs seine Unruhe. Als er uber die Donaubrucke fuhr, begegneten ihm ein paar Piaristen mit vier oder funf Studenten; sein Herz schlug ungestumer; er nahm den Hut ab, und buckte sich sehr tief. Einer von den Lehrern dankte freundlich, als ob er ihn kennte. Mochte das doch P. Philipp seyn! Dachte Siegwart. Nun fuhr er durch die Vorstadt, und den Stadtberg hinauf ins Stadtchen. Er stieg beym Posthaus ab, und liess sich gleich darauf in die Schule fuhren. Der Thorwart am Schlosshof meldete ihn an; er stand indessen zitternd in dem Hof. Man hiess ihn nach einem grossen Saal kommen, wo der oberste Professor und ein andrer ihn erwarteten.

Nun, ist er der junge Siegwart, der das Zutrauen zu uns hat, dass er Kostganger bey uns werden will? sagte der erste. Ja. Sey er uns vielmals willkommen! Wir haben schon viel Gutes von ihm gehort, und hoffen, dass es ihm bey uns nicht missfallen soll. Siegwart neigte sich, und that sehr furchtsam. Sey er nur gutes Muths, und ohne Furcht! Wir werden bald besser mit einander bekannt werden. Bruder Johann, wollen Sie ihn auf sein Zimmer bringen?

P. Johann nahm ihn bey der Hand, und fuhrte ihn auf ein ziemlich geraumiges Zimmer, das eine freye Aussicht an die Donau, und das herum liegende Weidenufer, nebst der ganzen weiten Ebne hatte. Es war noch ein Kostganger auf dem Zimmer, Namens Joseph Kreutzner, der ihn mit ausserordentlicher Hoflichkeit bewillkommte. So, hier konnen Sie beyeinander wohnen, sagte P. Johann. Ich hoffe, Sie werden sich gut vertragen, weil Sie von Einem Alter, und beyde von hubschen Eltern sind. Kreutzner, ich empfehl ihm den jungen Siegwart, dass er ihm gut begegnet! Denn es soll ein braver Mensch seyn, wie wir horen. Kreutzner machte eine Verbeugung. Er kann sich jetzt bequem machen, Monsieur Siegwart, und seine Sachen einrichten! In einer Stunde wird man ihn zum Essen rufen. Drauf gieng P. Johann weg.

Kreutzner sagte unserm Siegwart viel Schmeicheleyen vor, bot ihm seine Freundschaft an, und erzalte ihm, wie gut es hier auf der Schule sey, und was sie fur Freuden miteinander haben wollten. Indem kam Siegwarts Bedienter, und brachte den Koffre; er schrieb noch in paar Zeilen an seinen Vater, voller Danksagungen, und ward sehr dabey bewegt, dass ihm Thranen auf den Brief flossen. Dann schrieb er noch an seine Schwester Therese, und theilte ihr die Freude mit, die er uber die gute Aufnahme bey den Piaristen hatte.

Bald drauf kam ein Pater, und zwar eben derselbe, den Siegwart auf der Donaubrucke angetroffen hatte. Wie gross war seine Freude, als er horte, dass es P. Philipp, der Bruder des Kapuziners im Kloster sey, der ihn ihm noch besonders empfohlen hatte. Dieser P. Philipp war ein Mann zwischen vierzig und funf und vierzig Jahren, mit einem heitern, offenen Gesicht, das, wenn er lachelte, ein Sinnbild der Liebe war. Er druckte Xavern, dessen freye Mine ihm beym ersten Anblick ganz gefiel, treuherzig die Hand, und versicherte ihn seiner Freundschaft und Gewogenheit, wenn er sich ihm anvertrauen wolle. Xaver musste ihm verschiedenes vom Kloster, von seinem Bruder, und von seiner eigenen Familie erzahlen, und ward, durch das liebreiche Wesen des Paters, bald offenherzig. Kreutzner sprach immer auch mit drein, und suchte Siegwarts Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. P. Philipp aber schien nicht viel auf ihn zu achten. Man klingelte hierauf zum Essen, wo acht Lehrer, und zwischen zwanzig und dreysig Schuler gegenwartig waren. Xaver wurde noch als Gast behandelt, und sass zwischen dem Prior, und dem Pater Kellermeister.

Die Kost war massig, aber gut; die Unterhaltung ungezwungen, und munter. Die Lehrer nahmen nicht den stolzen Ton an, wodurch man sich mehr von den Schulern entfernt, als ihre Liebe und ihr Zutrauen sich erwirbt; welches doch der einzige Weg zum Herzen ist. Jeder durfte frey sprechen, ohne dass dadurch die, den Lehrern schuldige Hochachtung beleidigt wurde. Nur einer von den Lehrern, P. Hyacinth, schien stolz und auffahrend zu seyn; er widersprach nicht nur den Schulern, sondern auch den Professoren, und that immer entscheidende Ausspruche.

Ein paarmal fragte er unsern Siegwart etwas in so rauhem Ton, dass dieser ganz erschrocken zuruckfuhr, und verwirrt antwortete; aber P. Philipp ubernahm die Antwort, und half ihm aus der Verlegenheit. Die meisten Schuler waren bescheiden und gesittet. Ein junger Edelmann von 18 Jahren, Namens Kronhelm, der am P. Philipp sass, zog Siegwarts Aufmerksamkeit besonders auf sich. Er hatte sanftte blaue Augen, hellblondes Haar, und etwas schwermuthiges in der Mine, das aber von der innern Seelenruhe, wie mit einem Schleyer, uberdeckt war. Seine und Siegwarts Blicke begegneten sich ein paarmal, fuhren schnell zuruck, wie der Blick eines Liebenden, und suchten sich unvermerkt wieder auf. Beyde Junglinge schienen sich in der Seele zu lesen; jeder glaubte, den andern lange schon zu kennen; und stillschweigend fassten sie, in der ersten Stunde, ein Zutrauen zu einander, das nachher so sehr befestigt wurde.

Nach dem Essen wurden in den verschiednen Klassen Stunden gehalten. Siegwart gieng mit Kreutznern in seine Klasse, wo, nach der Klostereinrichtung, der Syntax gelehrt wurde. Der Unterricht des Lehrers, der mit Ernst und Liebe vermischt war, nahm unsern Siegwart sehr ein. Die Piaristen haben uberhaupt in der katholischen Kirche das groste Verdienst um die Erziehung; weil sie sich fast mit nichts, als mit ihr, zu beschaftigen haben, und daher alle, dazu notigen Kenntnisse sich erwerben konnen; da hingegen die Jesuiten tausend andre, oft sehr tadelnswehrte Zwecke zu erreichen suchen. Den Abend musste Siegwart, wider seine Neigung, mit Kreutznern auf einem Spatziergang zubringen; denn er ware lieber beym P. Philipp, oder bey dem jungen Kronhelm gewesen.

Kreutzner that uber die Massen freundlich; lachelte bestandig, wenn er sprach; druckte Siegwarten oft die Hand, und gewann dadurch den unerfahrnen, noch zu leichtglaubigen Jungling. Beym Essen erzalte Xaver, wo er gewesen sey? Was er gesehen, und wie die Gegend ihm gefallen habe? Die Piaristen schienen sehr mit ihm zufrieden zu seyn, und sprachen viel mit ihm. Als er nach Tisch mit Kreutznern auf sein Zimmer kam, zog dieser hinter dem Bucherschrank ein paar Pfeiffen hervor, und wollte Xavern uberreden, auch mit zu rauchen. Er verbat es aber, theils, weil er das Rauchen nicht gewohnt war; theils, weil ers mit Recht auf der Schule fur verboten hielt. Kreutzner wunderte sich druber, und sagte, dass er mit seinem vorigen Stubenkammeraden alle Abende geraucht habe. Hierauf kriegte er ein Kartenspiel, das er unter eine losgegangne Diehle versteckt hatte; und Xaver musste, ob er sich gleich anfangs weigerte, mitspielen. Er war zu gefallig, und widersprach nicht gerne. Man musse doch was zu thun haben, sagte Kreutzner, und konne nicht stets studieren; die Professoren machten auch wol ein Spielchen; es sey blos zum Zeitvertreib; sie wollten daher nur eine Kleinigkeit einsetzen, u.s.w. Dem ungeachtet verlohr Xaver uber einen halben Gulden; denn er spielte ehrlich, und Kreutzner betrog, wo er konnte. Den andern Tag hatte Siegwart noch frey, und richtete seine Sachen ein. P. Philipp liess ihn Abends auf sein Zimmer kommen, und sprach viel mit ihm. Sein freyes, muntres Wesen und seine Herablassung nahm ihn sehr ein. Er erzalte, mit der grosten Anmuth, allerley Anekdoten aus der Geschichte, die seine Lieblingswissenschaft war; mischte ruhrende Bemerkungen mit ein, die von seinem edeln Herzen zeugten, und wiess viele artige Landschaften vor, die er selbst mit Tusch gezeichnet hatte. Xaver gieng sehr vergnugt weg, nachdem er vorher, zu seiner grossten Freude, hatte versprechen mussen, ihn ofters Abends zu besuchen, oder einen Spatziergang mit ihm zu machen. Er musste wieder mit Kreutznern spielen, und verlohr diesmal einen Gulden.

Den folgenden Tag wurde er von den vier obersten Professoren, unter denen P. Philipp auch war, examinirt. Sie waren mit seiner Herzhaftigkeit, und seinen treffenden Antworten, die von seinem gesunden Verstande zeugten, sehr zufrieden, und beschlossen einmuthig, ihn in die dritte Klasse zu setzen, wo der Syntax, oder die grundliche Erlernung des Lateinischen hauptsachlich getrieben wird. Siegwart, dem es weder an den gehorigen Grundsatzen, noch an Eifer und Verstand fehlte, schickte sich sehr bald in die Ordnung, und erhielt den Beyfall seiner Lehrer vollig; denn sie waren vernunftig und sahen, dass es ihm ernstlich angelegen sey, ihnen durch Folgsamkeit zu gefallen, und sich selbst durch grundliche Einsichten zu vervollkommen. Er faste das mechanische der Lateinischen Sprache bald; aber doch war ihm mehr am Kern, als an der blossen Schaale gelegen. Er sah bey den Stellen, die aus Romischen Geschichtschreibern, besonders aus dem Nepos genommen waren, und in der Schule erklart, und ubersetzt wurden, immer auf den Innhalt. Auf der Stube las er die erklarten Stucke wieder durch, und verweilte sich oft Stundenlang bey edeln Handlungen, die der Menschheit, und ihren Urhebern Ehre machen. Besonders waren Cimon, Epaminondas, Conon, Leonidas, Aristides, Phocion, Timoleon und andre Edle seine Leute. Er liebte, und bewunderte die grossen Seelen, die sich und ihren eignen Vortheil dem allgemeinen Besten aufopferten. Bey ihrer heissen Vaterlandsliebe gluhte seine Seele, und starkte sich zu ahnlichen Gesinnungen und Thaten. Bey ihrer stillen Tugend, bey ihrer menschlichen Zartlichkeit flossen seine Thranen; aber alle, die nur Helden, oder Menschenwurger, und Unterdrucker eines freygebohrnen Volkes waren, hasste und verabscheute er. So die Schriftsteller zu lesen, und sich durch die Geschichte menschlicher zu bilden, hatte ihn P. Philipp gelehrt, dem kein Zug im Charakter eines Menschen entgieng, der das Herz erhohen und veredeln konnte. Die Religion ward ihm von P. Johann auch vernunftiger und einwurkender beygebracht, als gewohnlich. Da der brave Mann, bey seinen vielen Unglucksfallen, und bey seinem schwachen Korper aus der Erfahrung gelernt hatte, wie wenig Streitigkeiten, und kunstliche Bestimmungen und Einschrankungen von Dingen, die uns unerklarlich sind, und oft seyn sollen, zur Beruhigung des Herzens und zum Trost im Elend beytragen, so flosste er seinen Schulern nur den Geist und Saft der Religion ein, das heisst: die Lehren Jesu und seiner Apostel, die alle, sowol fur unser eigen Herz, als auch fur andre Menschen wohlthatig sind, und deren Kentnis und Ausubung uns allein in der letzten Stunde trosten kann. Er suchte seine Schuler durch die Religion mehr zu weisen und tugendhaften Menschen, als zu grossen Gelehrten zu bilden. Auch in der Geographie und Messkunst sah sich unser Siegwart um, und sass oft die halbe Nacht durch bey den Buchern, so, dass er sich in kurzer Zeit nicht gemeine Kenntnisse erwarb. Nur in P. Hyacinths Stunden gieng er ungern, weil dieser murrische Mann, mit der polternden Stimme, nur aufs Phrasesmachen drang, und immer mit aufgehobnem Stock vor den Schulern stand.

Da es uns bey Siegwart mehr um die Geschichte seines Herzens, als seines Verstandes, und seiner gelehrten Kenntnisse zu thun ist, so werden wir von dem letztern wenig, und nur da reden, wo es wurklichen Einfluss auf seine kunftigen Schicksale, oder auf seinen Charakter hatte. Also kehren wir in den Anfang seines Aufenthaltes bey den Piaristen zuruck.

Nach dem Examen wurden ihm die Gesetze, sowohl der Schule uberhaupt, als auch besonders seiner Klasse vorgelesen, und er musste dem P. Johann mit einem Handgelubd versprechen, sie getreulich zu beobachten. Unter andern war durch ein Gesetz verboten, auf dem Schulgebaude, und auch ausserhalb demselben Taback zu rauchen, oder um Geld zu spielen. Er erschrack, als er dieses lesen horte, weil ihm sogleich der gestrige Tag einfiel. Den Abend drauf wollte Kreutzner wieder spielen. Er schlugs ihm rund ab, und schutzte das Verbot vor, das ihm erst heute, in seiner Gegenwart, vorgelesen worden sey. Kreutzner lachte, gab ihm Einfalt schuld, und sagte: Wer sich darnach richten wollte, musste ein Mucker werden; es sey nie darauf gehalten worden; man verbiet es nur zum Schein, u.s.w. Dies alles half bey Siegwart nichts; er hielt ein Gelubbe, das eine Art von Eyd ist, fur zu heilig, und fing an, von Kreutznern schlimmer zu denken. Als es dieser merkte, suchte er wieder einzulenken, und hintergieng Xavern durch eine angenommene Gewissenhaftigkeit und Scheinheiligkeit aufs neue. Er warf die Karten beym nachsten Spatziergang in die Donau, betete alle Abend und Morgen laut, sprach viel von Religion, und gewann dadurch Siegwarts ganze Seele wieder, so, dass man diesen fast allein in seiner Gesellschaft sah. Selbst den P. Philipp besuchte er weniger.

Eines Tages kam Kreutzner traurig heim, und stellte sich, als ob er oft verstohlen weinte; aber doch so, dass es Siegwart sehen musste. Dieser fragte endlich, was ihm fehle? Ach, antwortete er, da hab ich eine Familie gefunden die mit der kummerlichsten Armuth ringt. Es sind sechs unerwachsne Kinder, und eine halbkranke Wittwe. Denen hatt' ich nun so gern geholfen, und leyder! hab ich jetzt nichts; denn mein Geld von Hause kommt erst uber vierzehn Tage. Siegwart, dessen Seele leicht geruhrt, und mitleidig war, gab ihm ein paar Gulden, und bat ihn, sie der leidenden Familie zu bringen. Kreutzner dankte ihm mit heuchlerischen Thranen, lobte sein menschliches Herz, und verschleuderte das Geld an Leckereyen. So ward der edelmuthige Jungling durch die Mine der Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit hintergangen; eine Schlinge, welche guten Seelen so oft von Bosewichtern gelegt wird. Seine Seele bekam dadurch immer mehr Zuneigung zu Kreutznern, und machte ihn zu ihrem Vertrauten. Er erzalte ihm alles von seiner Familie, liess ihn seine Briefe lesen, und Kreutzner schrieb an seine Schwester einen Brief voller Schmeicheleyen. Sie antwortete ihm kalt, und schrieb ihrem Bruder folgendes:

Liebster Bruder!

Liess diesen Brief allein, und lass ihn niemand sehen! Du wirst mir glauben, dass dein Wohlbefinden mich im innersten erfreut. Auch ist mirs lieb, dass du gute Freunde gefunden hast. Nach dem, was du mir vom Herrn Kreutzner schreibst, muss er freylich wohl ein guter Mensch seyn; aber verzeyh mir, Bruder, wann ich sage: sein Brief gefallt mir gar nicht. Er sagt mir so viel vor, dass ich schon und artig sey; und da mochte ich wol fragen, wo ers her weiss? Du hast ihm so was gewiss nicht gesagt. Also kanns ihm wol nicht Ernst seyn, was er schreibt, oder er spottet gar uber mich. Das ist aber nicht artig, ein einfaltiges Landmadchen, das man gar nicht kennt, zu vexiren, und ihr Grillen in den Kopf zu setzen. Mich soll er aber durch seine Schmeicheleyen nicht blenden. Ich weiss wohl, nicht. Verzeyh mir, Bruder, dass ich harter schreibe, als du's wunschen mochtest; aber du weist, dass ich nie kein Blatt vor's Maul genommen habe. Was du mir vom P. Philipp und dem jungen Herrn von Kronhelm berichtest, hat mir weit besser gefallen. Der junge Mensch muss eine gute liebe Seele seyn, aber es scheint, du habest nicht viel Umgang mit ihm. Wie kommt das? Papa ist, Gottlob! recht wohl, und lasst dich grussen. Die Bruder auch. Salome will bald wieder aus Munchen kommen; da wird mein Elend wieder angehen. Ich sag aber: Ein froher Muth macht alles gut. Unsre Kornfelder sind diess Jahr sehr gesegnet; auch unser Garten. Ich habe viel zu thun, und bin seitdem erst zweymal bey unserm Pfarrer in Windenheim gewesen. Er hat mich wieder in seinem Garten herum gefuhrt, und lasst dich herzlich grussen. Ich muss abbrechen, weil ich wieder an die Arbeit muss. Leb wohl, Herzensbruder, und schreib bald deiner getreuen Schwester

Th. Siegwart.

Xaver ward anfangs etwas stutzig, als er diesen Brief las, aber, dachte er: das Madchen sieht die Sache von der unrechten Seite an; und vergass ihre Erinnerungen bald wieder. Kreutzner schlich sich durch allerley Kunstgriffe immer mehr in sein Vertrauen ein; wegen einer Unpasslichkeit, ein paar Tage auf dem Zimmmer bleiben musste, nicht von seiner Seite, that herzlich betrubt; und befestigte sich dadurch noch mehr in der Liebe des Junglings. Er entlehnte, unter allerley Vorwand, alle Augenblicke Geld von Siegwart; versprach immer, es ihm wieder heimzugeben, und gewanns ihm dann durch Wetten, oder durch Spiele, die er aber anders nannte, ab, oder verkaufte an ihn schlechte Bucher theuer, so dass Siegwart sich in kurzer Zeit fast seines ganzen Vorraths los sah.

P. Philipp hielt nicht viel von Kreutznern, und sah, dass er Xavern ganz von ihm abzoge. Er sagte also einmal auf einem Spatziergange, wo Kronhelm auch dabey war: Mein lieber Siegtwart, er lasst sich ja bey mir wenig mehr sehen, und bey Kronhelm auch nicht, den ich ihm doch so sehr empfohlen habe. Ja, sagte Siegwart, Herr Professor! ich bin eben viel beym Kreutzner. Gut, antwortete P. Philipp, Kreutzner ist ein Mensch, dem ich zwar nichts offenbahr Boses nachsagen kann; aber er hat so was in der Mine, und in seinem ganzen Betragen, das mir nicht gefallt. Ich weiss nicht; der Mensch lachelt immer so freundlich, wenn man mit ihm spricht; und sieht man ihm ins Aug, so schlagt ers nieder, als ob er kein gut Gewissen hatte. Dabey ist er so uberhoflich, und die gar zu hoflichen Leute kann ich fur den Tod nicht ausstehn. Sie haben immer so ihre Ursachen und Nebenabsichten dabey, warum sie's sind. Da, wers gut meynt, geht gerad heraus, und sagt ohne Umschweife, was er denkt. Man braucht deswegen noch nicht grob zu seyn! Es gibt so eine Mittelart; man weiss selbst nicht, wie mans nennen soll; aver fuhlen kanns ein jeder. Nicht wahr, Kronhelm, er denkt von Kreutznern eben so? Ja, wenn ichs frey heraus sagen darf, Herr Professor, anrwortere Kronhelm, so gefallt er mir auch nicht. Er har so was heimtukisches und schleichendes und freut sich nie recht, wenn wir miteinander lustig sind; oder es sieht immer aus, als ob er sich auf Andrer Kosten freute. Neulich giengen wir einmal spatzieren, da kam ein Bettelbub und bettelte. Wir konnten ihm nichts geben, weil wir nichts bey uns hatten; Kreutzner aber affte den armen Knaben immer; liess ihn wol eine Viertelstunde hinter drein laufen, sagte immer: Wart, bey jenem Baum dort sollst du was kriegen, und zuletzt schlug er ihm die Mutze aus der Hand, dass sie in den Koth fiel, und der Bube weinte. Das gefiel mir gar nicht, und ich sagt ihms auch; aber er lachte druber.

Das sieht ihm so recht ahnlich, sagte P. Philipp. Ich warn' ihn aus guter Meynung, Siegwart, lass er sich mit dem Jungen nicht zu tief ein! Er mocht's zu spat bereuen. Ich weiss wohl, dass Ers nicht bose meynt, wann er mit ihm umgeht; aber man kann durch den Schein gar leicht betrogen werden.

Xaver dachte druber nach, und ward in seinem Umgang mit Kreutznern behutsamer und kalter; dafur besuchte er desto mehr den Pater Philipp und den jungen Kronhelm, in dessen Umgang seine Seele mehr Nahrung fand. Er lernte bey dem Pater das Zeichnen, wozu er ziemlich Anlage und Lust hatte. Noch weiter aber brachte er es in der Musik. Kronhelm spielte die Violine sehr gut, und musste Xavern jeden Abend in der Dammerung zartliche Arien oder klagende Adagios vorspielen. Dadurch bekam er selbst Lust zur Violine, und lernte in kurzer Zeit bey einem jungen Pater sehr viel; so dass er nun dem jungen Kronhelm schon akkompagniren konnte. Der junge Pater merkte auch bey ihm viel Anlage zum Singen; er hatte eine gelaufige biegsam Stimme, und einen hellen Tenor; und in einem Vierteljahre ward er kein gemeiner Sanger; wozu ihm sein zartliches Gefuhl und sein empfindungsvolles Herz, das jedem Ton den rechten und einzigwahren Ausdruck gab, viel half.

Kreutzner, der in Siegwarts Zuneigung zu ihm eine so plotzliche und starke Abnahme bemerkte, sann nun auf neue Kunstgriffe, ihn wieder an sich zu ziehen. Er war schlau, und sah wohl, dass ihn P. Philipp und Kronhelm ihm abgeneigt machten; er suchte ihm also zuforderst ein Mistrauen gegen diese einzuflossen. Hast du heut bey Tisch auf Pater Philipp und Kronhelm Acht gegeben? fieng er einmal an. Nein, warum? antworte Siegwart.

Kreutzner. Du hast also nicht gesehen, wie sie zu einander lachten, und das Maul verzogen, als du vom Pfarrer in Windenheim erzaltest?

Siegwart. Nicht das mindeste.

Kreutzner. Nun, so muss ich dirs eben sagen, wenn du's ihnen nicht wieder ausplaudern willst; denn ich hab dich viel zu lieb. Sie machen sich uber dich lustig; ich habs schon hundertmal bemerkt; so bald du den Mund aufthust, stossen sie sich an, und lauren dir auf jedes Wort, ob du's recht sagest? Und sobald du dich versprichst, schmunzeln sie sich zu, und winken mit den Augen.

Siegwart. Geh! Da hast du falsch gesehn! Wie konnten sie so was thun?

Kreutzner. Aber doch nicht falsch gehort hab ich, als ich vorgestern an des Paters Thure vorbey gieng. Da war dir ein lautes Gelachter in der Stube. Ich dachte, du must doch horen, was da drinnen vorgeht, und lausch' an der Thure. Da giengs uber dich her, dass ich glaubt', ich musst hineingehen, und sie drum zur Rede stellen. Der Kronhelm kratzte was jammerliches auf der Violin her, und sagte, so machts Siegwart; und dann schlugen beyde ein lautes Gelachter auf. Und wie singt er denn? sagte P. Philipp. Kronhelm krachzte was, dass die Ohren einem gallten, und da ward noch unbandiger gelacht. (Siegwart, der einen edeln Ehrgeiz hatte, wurde hier roth und aufgebracht. Kreutzner, der das merkte, fuhr fort:) Glaub mir, Xaver! Sie meynens gar nicht ehrlich mit dir; ich weiss, dass sie's schon mehrern eben so gemacht haben. Der Pater schmeichelt sich bey den Sohnen ein, um von den Aeltern brav Geschenke zu bekommen. Denn wo hatt er sonst die vielen Bucher her? Wer nichts giebt, dem ist er aufsatzig; wie ers mir macht. Und der Kronhelm hat dich nur gern bey sich, damit du ihm bey seinem elenden Gefiedel helfen sollst. Es ist gar nichts an ihm; du darfst mir glauben. Frag nur nach, was sein Vater fur ein Kerl ist? Jedermann im ganzen Land kennt ihn; wo soll dann das Gute herkommen? Von ihm hats der Sohn nicht gelernt, aber wol liederliche Streiche. Nicht wahr, um 8 Uhr must du immer von ihm? Da heissts, er will noch studiren. Ja wohl, recht studirt! Bey den Madels! Da schleicht er sich noch Abends aus dem Kloster, und der Pater Philipp hilft ihm. Sieh ihn nur an! wie er immer so blassgelb aussieht! Das kommt vom liederlichen Leben; von nichts anders. Sie konnen keinen Menschen aus der Schule leiden, und von mir werden sie dir auch nichts Gutes gesagt haben, denn sie machens einem, wie dem andern. Ich wollte dich schon lang warnen, weil ichs so herzlich gut mit dir meyne; aber du bist mir immer ausgewichen. Nun muss ich mir einmal Luft machen; ich hab lang genug geschwiegen, und heimlich Mitleiden mit dir gehabt. Du kannst nun thun, was du willst. Ich mocht aber, dass es jeder so treu mit dir meynte, wie ich! Frag nur all im Kloster, ob ich je einem was zu Leid gethan habe? Und dir bin ich immer vorzuglich gut gewesen.

Siegwart war sehr aufgebracht, und wollte gleich zu Kronhelm; aber Kreutzner misrieth ihms, und sagte, ob er ihn verrathen wollte? Das sey nun der Dank u.s.w. P. Philipp war in der That ein muntrer Mann, und lachte gern; er that oft mit Kronhelm ziemlich vertraut, und da kam Kreutzners Aussage unserm Xaver desto glaubwurdiger vor. Auch das hatte er schon gehort, dass Kronhelms Vater ein sehr schlechter Mann sey, und der Sohn sah immer etwas blass aus; also war auch das, was Kreutzner von ihm sagte, nicht ganz unwahrscheinlich. Siegwarts beleidigter Ehrgeiz, und die schmeichlerischen Freundschaftsversicherungen des schlauen Kreutzners, die er gar mit Thranen begleitete, kamen noch dazu; also nahm sein Zutrauen zu P. Philipp und zu Kronhelm ziemlich ab. Den andern Tag, als er zum Pater wollte, bat ihn dieser, ihn diessmal allein zu lassen, weil Kronhelm bey ihm sey, mit dem er etwas Geheimes zu reden habe. Diess brachte ihn noch mehr auf, und machte ihn noch mistrauischer. Kreutzner blies den kleinen Funken der Eifersucht noch mehr an, und als P. Philipp eine Kuste mit Buchern geschickt bekam, rief er ihm, und sagte: sieh, das sind wieder Geschenke eines armen Vaters, um Gnade fur den Sohn zu erbetteln. Kreutzner hatte eben Geld von Haus bekommen und da zalte er Siegwarten einen Theil seiner Schuld wieder ab; also fiel auch der Verdacht von Eigennutz auf Kreutzners Seite weg.

Diess alles, und noch zwanzig andre Nebenumstande zusammen genommen, machte Siegwarts Herz gegen P. Philipp und Kronhelm ziemlich lau; er besuchte sie seltener, und that immer sehr zuruckhaltend. Die beyden, die das merkten, entzogen ihm auch in etwas ihr Vertrauen, und so waren sie in kurzer Zeit fast wie getrennt. Sie bedauerten den leichtglaubigen und unvorsichtigen Jungling in der Stille, und wunschten nur, dass sein Irrthum nicht von langer Dauer seyn, und sich ihm nicht zu seinem Schaden aufklaren moge! Aufdringen mochten sie sich ihm nicht.

Der Umgang mit Kreutznern machte nach und nach unsern Siegwart in manchen Stucken leichtsinniger, eh ers selber an sich wahrnahm. Sie machten sich oft mit einander uber ihre Lehrer und Mitschuler lustig, und liessen das Studieren ziemlich liegen. Sie ersannen tausend Ausreden bey ihrem Vorgesetzten, um nur recht oft ausgehen zu konnen. Dann giengen sie nach einem Gasthof vor der Stadt, wo noch andre junge Leute waren; spielten da Kegel, und betranken sich ein paarmal. Kreutzner wollte Xavern so gar einmal uberreden, sich mit ihm bey Nacht aus dem Kloster zu schleichen; aber so weit war er doch noch nicht verdorben, dass er in einen solchen Vorschlag mit eingewilligt hatte. Als einmal beyde Geldmangel hatten, verkauften sie drey oder vier von ihren besten Buchern. Kronhelm, der diess alles mitleidig mit ansah, schrieb einmal, ohne seinen Namen zu nennen, mit verstellten Zugen einen Brief an Siegwart, worinn er ihn sehr ruhrend vor Kreutznern warnte. Aber diess half nichts. Siegwart liess den Brief Kreutznern selber lesen; sie spotteten daruber, und verbrannten ihn. Kronhelm gewann auch weiter nichts damit, als dass ihn Kreutzner nur noch mehr hasste, weil er ihn sogleich fur den Urheber des Briefs hielt.

Eines Abends kam Kreutzner nach Hause, und sagte: Xaver, diese Nacht muss ich hinaus! Ich habe einen Bekannten in der Stadt, der ist krank, und ich hab ihm versprochen, diese Nacht bey ihm zu wachen. Einen Liebesdienst, wie diesen, kann ich keinem abschlagen. Du darfst unbesorgt seyn, dass es auskommen mochte; ich hab schon mit dem Thorwart gesprochen, dass er mich um ein paar Maas Bier morgen fruh in aller Stille wieder hereinlasst. Xaver wagte nicht, etwas dawider einzuwenden, weil der Bosewicht einen Liebesdienst zum Vorwand nahm. Kreutzner schlich sich indessen hinaus, brachte die Nacht bey liederlichen Leuten zu, und kam Morgens wieder. Dieses trieb er noch bey acht Tagen so, weil er immer sagte, sein Freund liege noch krank; bis es endlich ein paar Paters merkten, und dem Prior anzeigten. Man suchte die Nacht darauf Kreutzners Kammer durch, und fand unsern Siegwart allein da, der sogleich alles gestand, und sich deswegen, dass ers nicht, seiner Schuldigkeit gemass, angezeigt habe, damit entschuldigte, dass sein Stubenkamerad sich in einer guten Absicht aus dem Kloster weggestohlen habe. Er brachte die ganze Nacht schlaflos und voller Angst zu, was ihm den folgenden Tag begegnen werde?

Kreutznern passte man indess am Morgen auf, und brachte ihn, bey seiner Ankunft, gleich aufs Carcer. Anfangs legte er sich aufs Lugen, als er verhort wurde, und wollte die Schuld halb auf Siegwart schieben; aber bey einer genauern Untersuchung, und als man ihm mit einer noch engern Gefangenschaft drohte, gestand er ein, wo er gewesen sey, und was er da gemacht habe? Seine Vergehen waren so, dass er, nach den Schulgesetzen, verstossen werden musste. Die Strafe ward ihm auch angekundigt, und ein paar Famuli wurden so gleich hingeschickt, seine Sachen auf dem Zimmer einzupacken und wegzubringen. Indessen legte sich der Heuchler aufs Bitten, und suchte alle mogliche Kunstgriffe hervor, seine Lehrer zum Mitleiden zu bewegen. Er warf sich vor ihnen auf die Knie nieder, weinte bitterlich, und sagte, er konne nicht eher aufstehen, als bis er wieder angenommen werde. Auf ihren Ausspruch komme es an, oh er sein Leben durch glucklich, oder elend seyn solle? Er sehe nichts vor sich, wenn man ihn verstosse, als ein Leben voller Jammer, denn er musse nothwendig Soldat werden. Seine Aeltern seyen arm, und konnen sich seiner auf keine Art annehmen. Dabey sey sein Vater so streng, dass er ihm nicht unter die Augen treten durfe. Er wurde die Thure vor ihm zuschliessen, und ihn seinem Ungluck uberlassen. Ob man einen armen reuigen Menschen ganz ins Elend sturzen wolle? Sein Vergehen sey ihm in der Seele leid; er wisse es auf keine Art zu entschuldigen, aber ob denn Gott nicht einen Sunder, welcher Busse thue, wieder annehme? Ob sie nicht die Gute Gottes nachahmen wollen u.s.w.? Er verspreche kunftig den genauesten Gehorsam, und man werde sehen, wie er seinen groben Fehler durch ein tugendhaftes Leben wieder gut zu machen suchen werde? Fangen Sie alles mit mir an! sagte er, ich will alles mit Geduld und Gelassenheit ertragen! Nur verflossen Sie mich nicht! und entreissen Sie mich der Verzweiflung und dem Untergang!

Die Paters sahen einander an; Thranen stunden ihnen in den Augen, und das Mitleid siegte. Nun so steh er auf, in Gottes Namen! sagte der Prior. Diessmal wollen wir noch Nachsicht brauchen; aber wenn man nur noch Einmal das Geringste von ihm hort, dann hat alle Barmherzigkeit ein Ende. Wir wollen unsre Untergebene nicht durch ein schabiges Schaaf anstecken lassen. Er soll wieder angenommen werden; in einer halben Stunde soll er horen, was wir ihm fur eine Busse auflegen, denn ganz ungestraft kann ein solches Verbrechen nicht hingehn. Steh er auf, und bedank er sich hier bey den Herren!

Kreutzner stund auf, gieng von Einem Pater zu dem andern, kusste jedem die Hand, und dankte aufs feurigste, als eben die beyden Famuli herein traten, und zehn bis zwolf Bucher in Franzband unter dem Arm trugen. Das haben wir in Kreutzners Bette gefunden, sagten sie; die Bucher lagen unter dem Kissen, ganz im Stroh versteckt, und diese Oberhemden auch; vermuthlich sind sie dem jungen Siegwart, denn es ist ein S drein genaht. Kreutzner ward auf einmal todtblass. Die Bucher sehen ja aus, wie meine, sagte P. Philipp und schlug die Titel auf; ja wahrhaftig: Die Auszuge aus der allgemeinen Weltgeschichte; der Thuanus, und P. Daniels Geschichte von Frankreich. Wie ist er zu diesen Buchern gekommen, Monsieur Kreutzner? Dieser stand, wie versteinert da, und sprach kein Wort.

Nun, nun, wir sehen, was das fur ein Wolf in Schafskleidern ist, sagte der Prior. Nicht wahr, feiner Geselle, das hast du gestohlen? Hurtig, Famulus, bringt ihn ins Carcer, bis wir das Weitere mit dem Bosewicht verfugen! Das ist ein Gluck, dass wir da noch darhinter gekommen sind! Hatten wir gar einen Hausdieb im Kloster! Ohne Umstande! Fort mit ihm!

Der Bosewicht ward fortgebracht, und nun beratschlagte man sich uber seine Strafe. Der einmuthige Entschluss war, ihn so lang gefangen zu halten, bis sein Vater Nachricht von ihm hatte, der ihn dann vermutlich ins Zuchthaus, oder unter die Soldaten stekken wurde. Nun besprach man sich auch uber Siegwart. Weil ihm alle gut waren, und besonders P. Philipp nachdrucklich fur ihn sprach, so beschlossen sie, ihm, als einem Neueingetretenen aufs gelindeste zu begegnen, und ihn blos zu warnen, kunftig vorsichtiger zu seyn. Man lud ihn nicht einmal vor den Schulkonvent, sondern P. Johann ubernahm es, mit ihm auf seinem Zimmer zu sprechen; welches er auch sogleich, und mir der grosten Liebe that. Siegwart ward dadurch mehr geruhrt, als wenn man ihn gestraft hatte, und er bat mit tausend Thranen um Vergebung. Ueber Kreutzners Bosheit konnte er sich nicht genug wundern; denn sein Herz war zu gut als dass er glauben konnte, ein Mensch sey im Stande, es so weit zu treiben. Man brachte ihm seine Oberhemden wieder, die er, da er in dergleichen Dingen etwas sorglos war, noch gar nicht vermisst hatte. Bey Tische wagte er es nicht, die Augen aufzuschlagen, und noch weniger den P. Philipp oder Kronhelm anzublicken, die mit innigem Mitleid ihn betrachteten, und in seiner Reue seine ganze Seele lasen. Den Abend brachte er allein auf seinem Zimmer in der tiefsten Wehmuth zu; sein Herz machte ihm tausend Vorwurfe, dass er den edeln Pater und seinen lieben Kronhelm durch sein Betragen so beleidigt, und ihrer Freundschaft den Umgang mit einem Bosewicht vorgezogen hatte. Sein Vergehen vergrosserte sich in seinen Augen, und so grossmutig er sich auch die beyden dachte, so konnte er doch nicht glauben, dass sie ihm verzeihen, und ihn wieder ihrer Freundschaft wurdigen wurden. Er gieng trostlos in seinem Zimmer auf und ab, blickte aus dem Fenster und ubersah mit kalter Gleichgultigkeit die schone Donaugegend, die jetzt keine Reize fur ihn hatte; dann nahm er seine Violine, phantasirte wild und schwermutig; warf die Geige wieder weg; kurz, sein ganzes Daseyn wurde ihm zur Last. Indem klopfte jemand an die Thur, und Kronhelm trat herein. Siegwart erschrack, fuhr zusammen, stund auf, wollte reden, und konnte nicht.

Xaver, sagte Kronhelm, komm ich dir ungelegen? Sags nur! ich will nachher wieder kommen. Hast du was zu thun?

Siegwart. Nein ich hab nichts zu thun. Setz dich nur! Ich wusste nicht, dass du kommen wurdest. Es ist hier so unaufgeraumt. Nimms nicht ubel!

Kronhelm. Xaver, du machst ja so viel Umstande! Thu doch nicht so fremd! Wir sind ja gute Freunde, Nicht?

Siegwart. Ja wenn du willst

Kronhelm. Wenn ich will? Lieber Stegwart! Sieh mich an! Guter Junge; ich weiss, wie dir ist. Lass uns vergessen, was vergangen ist! Komm, kuss mich einmal! Gott weiss, ich bin dir herzlich gut. Komm, Xaver! (Sie umarmten sich.) Du lieber guter Xaver! Wir haben uns schon so lang nicht gesprochen. Bist doch recht vergnugt? Nicht wahr, kannst mich doch noch leiden?

Siegwart. Weiss Gott, ich kanns nicht aushalten, Kronhelm Geh! Ich bins nicht werth; lass mich weinen! Wie hatt ich das denken konnen, dass du zu mir kommen wurdest? Und so freundlich? Weiss Gott, du bist ein Engel! Bist kein Mensch! Alle Heilige mussen dich geschickt haben! Mich noch ansehen! Mich! O, ich mochte dich zerdrucken, Junge! Geh! Ich kann dir nicht ins Aug sehen. Du bist gar zu freundlich. Jesus, Maria! Was ich fur ein Mensch gewesen bin!

Kronhelm. Ich bitte dich, Siegwart, sey doch ruhig! Was hab ich denn gethan? Musst ich denn das nicht? Du weist gar nicht, was ich auf dich halte! Wenn ich dirs nur zeigen konnte! Sieh! du bist eine Zeitlang mit Kreutznern gegangen, das ist nun vorbey. Wir sind wieder Freunde. Ich, und P. Philipp warens immer, und du wirst sehen, dass wirs immer bleiben.

Siegwart. Pater Philipp auch? Grosser Gott? Was das Leute sind! Ists wahr, Kronhelm? bey Gott! Lug mich nicht an! Ist er mir noch gut, P. Philipp? Kann er mich noch leiden? Hat er mich nicht langst vergessen? Mir sein Herz verschlossen? Sag!

Kronhelm. So wahr ich selig werden will! Er ist dir noch so gut, wie ehmals.

Siegwart. Nun, so will ich gern sterben! Mags nun gehen wie's will! Hor', Kronhelm, das hatt ich nimmermehr geglaubt. Aber ihr seyd Heilige; thut mehr, als alle Menschen. Nun, Gott wird sich meiner nun auch erbarmen, da ihrs thut. Hab Dank, Lieber! Warlich ich kann dirs schworen! Mein Herz ist noch nicht ganz verdorben. Bos hab ichs nicht gemeynt. Aber ich war doch ein Scheusal. Wenn ihr mir nur verzeiht! Dann ist alles gut.

Kronhelm sank nun wieder an sein Herz, und weinte. Kein Schauspiel ist auf Erden schoner, als die Aussohnung zweyer Freunde. Der ganze Himmel freut sich uber einen Sunder, der Busse thut; so freut er sich, wenn zwo Seelen, die einander werth sind, und sich eine Zeitlang misverstanden haben, sich wieder mit einander aussohnen. Sie lieben sich nun starker, wie zwey Liebende nach einer kurzen Trennung. Siegwart wurde nun wieder vertrauter, und offenherziger; er wagte es nun wieder, seinen Kronhelm frey anzusehen. Wenn er ihn lang ansah, ward sein Herz auf einmal weich, und ein unwiderstehlicher Trieb zog ihn in die Arme seines Freundes. Er schwur ihm ewige Treu, und versprach, ihm kunftig die kleinsten Bewegungen seines Herzens zu entdecken. Sie sassen bey einander, bis die Dammerung anbrach; dann spielten sie ein Duett, alle Tone schmolzen in einander, wie ihre Seelen, und wurden Eins.

Siegwart warf sich, als sein Freund weggegangen war, auf sein Knie, und dankte Gott fur dieses himmlische Geschenk. Den andern Tag kam auch P. Philipp zu ihm auf sein Zimmer; sein Herz ward aufs neue zerrissen, aber durch den Balsam der Freundschaft ward es wieder geheilt. Nun war er unaufhorlich bey den beyden Edeln, nahrte seine Seele mit der Weisheit des Paters, und der himmlischen Gesinnung seines jungern Freundes. Sie genossen alle Freuden der Natur und des Lebens miteinander, und fuhlten alle Wonne doppelt. Siegwart bekam immer mehr einen festen und mannlichen Karakter; bereicherte seine Kentniss durch die Hulfe des Paters, dessen Umgang so lehrreich war, weil er aus der Geschichte der Menschheit wahre Lebensregeln abgezogen hatte, die er stets am rechten Ort anzuwenden wuste. Dabey lieh er auch Xavern viele gute Bucher, die er ihn auf die rechte Art lesen lehrte. Kronhelm war im Umgang, besonders mit mehrern, mehr still, als gesprachig; aber was er sprach, war empfunden und gedacht. Sein Gefuhl furs Schone und Gute war das tiefste und feinste. Er blieb sich, in allen Lagen immer gleich; und wen er einmal liebte, von dem war sein Herz nicht mehr abzuziehen; sein Freund musste denn lasterhaft geworden seyn. Diess war ihm aber niemals noch begegnet, denn er war in der Wahl seiner Freunde vorsichtig und langsam. Er machte keine Freundschaftsversicherungen, und bot seine Dienste niemals an; aber, sobald sein Freund sie notig hatte, half er ihm, ohne was davon zu sagen.

Vierzehn Tage nach seiner Gefangenschaft wurde Kreutzner seinem Vater uberliefert, und, auf dessen Verfugung, unter ein Kayserliches Regiment in Ungarn gesteckt. Er hatte gewunscht, unsern Siegwart noch einmal zu sprechen; dieser verbat sichs aber, weil er ihn zu sehr verachtete; doch schickte er ihm noch aus Mitleiden etwas Geld zu, weil er vom Famulus gehort hatte, dass er halb krank, und von allem Nothigen entblosst sey.

Bald drauf schrieb Siegwart seiner Schwester Therese, die er wahrend seines genauern Umgangs mit Kreutzner fast vergessen hatte. Er bat sie, wegen seines langern Schweigens, sehr beweglich um Vergebung, meldete ihr offenherzig die Ursache davon, und berichtete ihr Kreutzners Schicksal. Von P. Philipp und Kronhelms Lob war er ganz voll; am Schluss meldete er ihr noch eine Adresse ausserhalb dem Kloster, wo die Briefe an ihn abgegeben werden sollten. Kronhelm hatte ihm diese Gelegenheit gezeigt; denn alle Briefe, die vom Kloster aus geschrieben, oder dahin adressirt sind, mussen erst vom Prior gelesen werden, und diess war unserm Siegwart und Kronhelm sehr verdrusslich. Therese schickte ihm nach etlichen Tagen diesen Brief;

Theurester Bruder!

Tausendmal hab ich schon dem Himmel gedankt, dass du nun des Kreutzners ganzlich los bist. Ich weiss nicht, ich konnte den Menschen gar nie ausstehn, ob ich gleich nur wenig von ihm wusste. Aber dein Pater Philipp, und dein Kronhelm sind gar liebe Leute, denen ich recht herzlich gut bin. Sags ihnen nur! Sie durfens wissen! War das nicht brav gehandelt, dass der Herr von Kronhelm, um den du's eben nicht verdient hattest, gleich von freyen Stucken zu dir kam, und dir seine Freundschaft wieder anboth? Ich musste weinen, als ichs las, und ward ihm noch einmal so gut. Ach, es muss ein herrlicher Mensch seyn, und der Pater auch. Nimm dich nur in Acht, ich bitt dich lieverscherzest, und dich mit einem andern zu weit einlasstest! denn die Beyden meynens gewiss recht ehrlich mit dir. Denk, wie unglucklich du durch Kreutznern hattest werden konnen! Papa wird dir auch druber schreiben. Unsre Salome ist seit vier Wochen wieder hier. Ich mag nicht gerne klagen, sonst konnt ich dir gar viel anfuhren, wie sie mir immer so zuwider ist. Sie sagt, dass sie vom kunftigen Herbst an ganz in Munchen bleiben will. Ich habe nichts dawider, denn mit mir und dem Landleben scheint sie sich einmal nicht vertragen zu konnen; ob ich ihr gleich gewiss nichts wissentlich zu leide thu. Karl will des Amtmanns in Dollingen Tochter heyrathen; ich weiss nicht, ob du sie kennst? Sie hat uns einmal, schon vor drey Jahren, besucht. Ich kenne sie nicht genug, um dir meine Meynung uber sie sagen zu konnen. Das weiss ich, dass sie reich und geitzig ist; mich sah sie nicht viel an, als sie neulich hier war; es scheint, ich bin ihr zu munter; denn sie sieht immer sehr verdrusslich aus, und thut so altklug. Karl daurt mich, wenn er sie kriegt; freylich sieht er auch aufs Geld; aber ich dachte, nach meiner einfaltigen Meynung, das ware zur hauslichen Gluckseligkeit noch nicht genug. Wenn ich ein Mann war, und eine Frau haben wollte, so musste sie mir fein freundlich seyn, und nicht bey jedem Heller, den man ausgibt, so ein saures Gesicht machen; doch das geht mich ja nichts an. Papa wurd ihms auch missrathen, wenn er sich nur einreden liesse. Weist du schon, dass in Burgau Preussische Officiers liegen, die von der Reichsarmee gefangen worden sind? Es haben uns schon mehrere verschiednemal besucht; aber einer, der mir ausnehmend gefallt, besucht uns besonders oft, und das ist der Hauptmann, Herr von Northern. Ich sag dir, Bruder, das ist ein herrlicher Mann, gar nicht so, wie man uns die Ketzer sonst beschrieben hat. Er soll reformirt seyn, ich glaub aus dem Hessischen; aber das thut nichts; er ist doch ein braver Mann! Er hat ein paar schwarze Augen, wie Perlen, und ein Gesicht, das von der Sonne ganz verbrannt ist, mit ein paar Narben, eine auf der Stirn, und die andre unten am Kinn; und doch sieht er freundlich aus, und hat gar nichts so rauhes an sich, wie man sonst von den Soldaten sagt. Er spricht ganz fremd, und das steht ihm recht gut. Ich hor ihm gar zu gern zu, wenn er vom Krieg erzalt, und von seinem Konig. Um den Krieg muss es eine schrockliche Sache seyn, weit furchterlicher, als wirs uns vorstellten da wir als Kinder mit einander Krieg spielten. Er kann von Wunder nicht genug erzalen, was die armen Bauren ausstehn, wo der Krieg ist; und wie's aus dem Wahlplatz und in den Lazarethen aussieht! Die Thranen stehen ihm oft selbst dabey in den Augen. Wenn ich Konig oder Kayser ware, so wurd ich viel auf den Frieden halten. Vom Konig in Preussen erzalt er uns viel Gutes; mehr, als man hier zu Land sagen darf. Am liebsten hor ich ihm zu, wenn er uns von seiner Braut erzalt, die weit von hier weg seyn soll. Er muss sie recht lieb haben, denn er ist immer so bewegt, wenn er von ihr spricht. Sie soll ausehn, wie ich; aber ich glaub, er sagt nur so; denn er weiss, dass ichs gerne hore. Von Buchern ist er ein grosser Liebhaber. Als er neulich horte, dass ich gern was schones lese, brachte er mir gleich darauf drey Bucher mit. Eins heisst: Gellerts Fabeln, es liesst sich gut darinn, weil alles so leicht und fasslich ist, und weils der Mann, ders geschrieben hat, recht gut mit einem meynt. Das andre Buch ist schon hoher geschrieben, und heisst Rabeners Satyren; es sollen mehr Bande seyn; in dem, den ich habe, stehen lauter Briefe, die recht lustig zu lesen sind; oft steckt viel dahinter, und die meisten sind so recht naturlich. Das dritte Buch soll weit schwerer zu verstehen seyn, aber dafur soll auch desto mehr drinnen stehn; der Herr Hauptmann ruhmts gar ungemein, und nennts ein Buch aller Bucher, das ihn besonders im Krieg recht erbaut habe. Es heisst der Messias, und ist in ganz besondern Versen geschrieben. Ich hab den Mann wieder vergessen, ders geschrieben hat, und noch fortsetzt; er hat einen sonderbaren Namen. Weil das Buch schwer ist, und so schon seyn soll, will ich lieber bis gegen den Winter warten, da ich mehr Zeit zum Lesen und zum Nachdenken habe, denn ich lese gern was ernsthaftes, aber da muss mich dann auch nichts zerstreuen. Der Herr Hauptmann ist gar gut, und sagt, ich konne die Bucher behalten, so lang ich wolle. Er liesst mir oft etwas vor, und liesst recht angenehm, dass mirs immer besser gefallt, als wenn ichs fur mich in der Stille lese. Salome kann ihn nicht gut ausstehn; ich glaub, weil er mehr mit mir macht, als mit ihr. Aber da kann ich ja nichts dafur. Sie sagt, ich hange mich an den Ketzer, und sey in ihn verliebt. Das ist ja lacherlich, da er eine Braut hat. Oder soll ich nicht mit ihm sprechen, weil er ein Ketzer ist? Er ist doch so artig, und hat ein recht gutes Gemuth, so gut als ein Katholik. Ich hab dir diessmal recht viel geschrieben Bruder; das macht, weil ich dich so lieb habe, und dir gern alle Kleinigkeiten erzahle, die mich angehn. Der Herr Hauptmalm weiss es auch, dass ich dich so lieb habe, und lasst dich vielmals grussen. Er sagt, du solltest nur kein Monch werden. Leb recht wohl, herzliebster Bruder, und gib mir bald Nachricht, wie's dir geht? Empfiehl mich dem Herrn P. Philipp, und dem Herrn von Kronhelm aufs beste! Ich verbleibe lebenslang

Deine getreuste Schwester

Therese.

Siegwart gieng gleich mit diesem Brief auf Kron

helms Zimmer, und las ihn ihm vor. Kronhelm war uber die schone Einfalt des Madchens ganz entzuckt, und nun musste ihm Siegwart den ganzen Abend durch von ihr erzahlen. Er thats mit so vieler Warme, und herzlicher, ungekunstelter, bruderlicher Liebe, dass Kronhelms ganze Seele von ihr eingenommen wurde, und an allen Kleinigkeiten Antheil nahm, die sie betrafen. Er trug ihm seine vielfache Empfehlung an sie, und die Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung auf. Xaver, sagte er, ich bedaure dich, dass du einst durch keine Frau glucklich werden sollst; ich halte die hausliche Gluckseligkeit fur die groste, ob ich gleich in meines Vaters Hause, leyder! nie keine Spur davon angetroffen habe. Du sprachst vorhin von deiner lieben Schwester mit so vieler Warme; du bemerkst alle Vorzuge des weiblichen Geschlechts so genau, weist sie so zu schatzen, und fuhlst sie so tief, dass ich bange fur dich bin, wenn du einmal ein Madchen antreffen solltest, welches deiner Schwester ahnlich ist. Glaub mir, Siegwart, mir einem fuhlenden Herzen in der Welt zu leben, und nicht fuhlen zu durfen, muss der groste Schmerz seyn, der unsichtbar am Leben nagt. Dein Herz ist jedem Eindruck so offen, hangt sich gleich so fest an alles Gute an: und die Liebe, Siegwart, muss was Gutes seyn. Warum fuhlte sie denn jeder Mensch, auch die Besten auf der Welt? Nimm dich in Acht, mein Lieber! oder wahl lieber einen Stand gar nicht, der dem Herzen so vielen Zwang anlegt! Denk einmal, wenn du liebtest, und nicht lieben durftest! Wenn du sahest, dass ein Madchen dich allein glucklich machen konnte, und du musstest, aus ihrer Gegenwart weg, in deine ewige Gefangenschaft und Einsamkeit zuruckkehren!

Siegwart. Geh, Kronhelm, du siehst jetzt die Sache von der traurigen Seite an, und vergissest druber ihre angenehme. Ich hab im Kloster hohere Pflichten zu erfullen, die mich von der Welt schon abziehen werden. Vor der Liebe ist mir gar nicht bang; ich bekummere mich zwar wol um meine Schwester, aber nicht um andre Madchen. Ich halte auch das haussliche Leben fur eine grosse Gluckseligkeit, und habe sie in meinem Hause recht gesehn, so lang meine selige Mutter lebte; aber deswegen gibts der Gluckseligkeiten noch mehr, und jeder Mensch sucht sie auf seinem eignen Weg. Du sahst vorhin so wehmutig aus, als du von deinem Vater sprachest, hat er denn deine Mutter nicht geliebt?

Kronhelm. Ach, Siegwart, da bringst du mich auf eine traurige Sache, von der ich ungern rede; aber dir kann ich nichts verhehlen; ich weiss, dass du's bey dir behaltst. Sieh, mein Valer ist ein Mann es thut mir weh, dass ichs sagen muss wie ich nicht seyn mochte. Er hat sich in Munchen und im Krieg eine Lebensart angewohnt, bey der die hausliche Gluckseligklit nicht gut bestehen kann. Meine selige Mutter musste ihn in ihrem siebzehenten Jahr heyrathen. Sie war ein Fraulein aus der Pfalz, wo sie mein Vater, als er mit den Reichstruppen am Rhein stand, kennen lernte. Er hatte sie nur Einmal bey ihrem Vater auf dem Land gesehen, und sich gleich in sie verliebt. Bruder, sagte er zu meinem Grossvater, der auch gern bey der Weinflasche sass, ich muss deine Tochter haben! Gut, du sollst sie haben; willst sie Heut, oder Morgen? antwortete dieser. Und nun war alles richtig. Meine Mutter hatte wenig Vermogen; sie wars uberdrussig, unter dem bestandigen Gelarm in ihres Vaters Haus zu leben; denn alle Tage gabs Gesellschaft; sie hofte, meinen Vater, der sehr verliebt in sie war, bald auf den rechten Weg bringen zu konnen, und gieng mit ihm auf seine Guter nach Baiern. Anfangs gieng alles recht gut. Mein Vater lebte still und eingezogen, war gern um seine Frau, und legte, ihr zu Lieb, fast alle seine vorige Gewohnheiten ab; besonders das Fluchen und das Trinken. Nach ein paar Jahren, als der Krieg vorbey war, kamen zwey oder drey Edelleute, die im Krieg seine Kammeraden gewesen waren, in unsre Nachbarschaft; besuchten meinen Vater fleissig; und er fieng seinen vorigen Lebenswandel wieder an. Man spielte, trank, fluchte, gieng auf die Jagd, kam um Mitternacht mit 3 oder 4 Junkern nach Haus, und unser Schloss sah einer Dorfschenke ahnlicher als einem Edelhof. Meine Mutter, die eine trefliche und fromme Frau war, trug ihr Leiden lang in der Stille. Ich weiss es noch aus meiner Kindheit, wie sie oft auf unsrer Kammer weinte, da indess die Edelleute beym Weinkrug larmten. Endlich nahm mein Vater auch eine Person ins Haus, die er noch bey sich hat, die vorher etliche Jahr im Feld mit herum gezogen war, und sich mit den gemeinsten Kerls abgegeben hatte. Dieser ubergab er die ganze Herrschaft, und sie wuste sich derselben nur zu viel zu bedienen. Sie war mit bey Tische, und brachte mit meinem Vater und der ubrigen Gesellschaft solche Zoten und Zweydeutigkeiten vor, dass meine Mutter alle Augenblicke weggehen musste, wenn sie nicht roth werden wollte. Kunigunde, so heist die Person, that meiner Mutter alles mogliche Herzeleid an; stichelte auf sie; gab ihr grobe Reden; und sagte oft, dass sie nur aus Gnaden auf dem Schloss sey. Mir und meinem Bruder, und meinen zwey Schwestern begegnete sie aufs grausamste, schimpfte auf uns, schlug uns nach Gefallen, und lehrte meine Schwestern die leichtsinnigsten Zoten und Lieder. Meine Mutter, die sonst Starke der Seele genug hatte, konnte das nicht langer ansehen; sie fur sich hatte gern gelitten; aber wir dauerten sie zu sehr, sie hielt also bey meinem Vater an, ob sie mit uns auf ein entferntes Gut ziehen durfte, das ihm zugehort? Er willigte mit Freuden ein, denn das war langst seine und Kunigundens Absicht gewesen, die ihm derwegen immer in den Ohren gelegen hatte. Wir reissten also mit unsrer Mutter nach Wissdorf, wo wir unter ihrer Aufsicht die treflichste Erziehung genossen, die ich ihr noch tausendmal im Grab verdanken muss. Sie hatte das zarteste Gefuhl des Herzens, das bey jedem fremden Elend mit litt, und an jeder Freude ihrer Nebenmenschen Antheil nahm. Sie war eine Wohlthaterinn der ganzen Gegend; verarmte Bauren, bedrangte Witwen, ungluckliche Eltern kamen zu ihr, und giengen mit Trost und Rath wieder von ihr weg. Ihr Verstand war scharf und fein, dass sie gleich bey jeder Sache auf den Grund kam; gleich die besten Mittel wahlte, oder angab, und sich in jedermann zu schikken wuste. Ihre Lebhaftigkeit war ausserordentlich; an allem, was sie sah und horte, nahm sie Antheil; unsre Spiele machte sie Stundenlang mit, und wuste sie uns immer neu und unterhaltend zu machen, denn niemand war erfinderischer, als sie. Ihr Herz beschaftigte sich unablassig mit der Religion, und doch bezogen sich alle ihre Handlungen, auch ihre Andachtsubungen, bestandig auf das Wohl der Menschen, und besonders ihrer Kinder. Sie wuste uns die wichtigsten Wahrheiten und die heiligsten Gesinnungen spielend, und gleichsam nur von ungefahr beyzubringen. Keine feyerliche Gelegenheit, wenn das Herz zu den Eindrucken der Religion am geschicktesten ist, liess sie ungenutzt vorbey gehen. Wenn wir von der Schonheit der Natur recht entzuckt waren, zeigte sie uns unvermerkt den Urheber derselben, und flosste uns Ehrfurcht und Liebe gegen Ihn ein. Oft kniete sie mit uns in ihrer Kammer, betete mit Thranen um das Wohl, und die Erleuchtung unsers Vaters; um unser zeitliches Gluck, um die Erhaltung unserer Unschuld, und dass sie uns einmal alle wieder bey sich im Himmel versammelt sehen mochte! Dieses Krucifix hier auf dem Tisch ist mir ewig heilig. Sie hatte es in ihrer Kammer, kniete oft davor mit heisser Innbrunst, und benetzte es mit ihren Thranen. Nie hab ich von unsrer heiligen Religion mit solcher Einfalt, mir solcher Wurde, und mit solcher innigen Empfindung sprechen horen. So ausserst zart von Gefuhl, und so angstlich sie auch von Natur war, so streng auch ihre Grundsatze von Religion und Tugend waren, so verleitete sie dieses doch nie zur Lieblosigkeit in Beurtheilung anderer. Sie war streng, aber gegen sich am strengsten. Wenn sie sich zuweilen auch wegen andrer, und besonders wegen ihrer Kinder, zu vielen, auch wol ungegrundeten Kummer machte, so war doch die Quelle davon so rein, so edel, dass ihr gewiss jedes dieser Leiden ewig wird vergolten werden. Die Religion gab ihrem Herzen die groste Festigkeit; sie wurde, wenn ich jemals von ihr wanken konnte, mit der Muter der sieben Bruder gesagt haben: Sohn, erbarm dich mein, und stirb! Ihr Geschmack war so sicher, dass ihr nicht das geringste Gute oder Bose an einer Handlung entwischte. Sie folgte immer der Natur; Ihre Kleidung zeugte von der grosten Einfalt; sie gieng nie prachtig; aber immer reinlich und zierlich. Von uns war sie die vertrauteste Freundinn, vor der wir keine Heimlichkeiten hatten. Sie sorgte vor die Bildung unsers Herzens, und gab uns einen treuen Leiter unsers kindischen Verstandes, den rechtschaffnen Friedmann, der uns alles wurde; dem wir, nachst ihr, alles zu verdanken haben. Er kam als ein Mensch von zwanzig Jahren zu uns, und blieb bey uns bis in sein dreissigstes. Die Treue, die er an uns bewiess, kann man von keinem Vater grosser erwarten. Alle seine Zeit, und alle seine Krafte waren uns gewidmet. Er hatte viele und ausgebreitete Kenntnisse, die er uns mit unermudeter Geduld und lauter Liebe einzuflossen suchte. Sein Herz war das sanfteste und beste. Sein Gesicht druckte die ganze stille Ruhe seiner Seele aus. Er war immer ernst, und doch bestandig heiter. Alle seine Reden lehrten Weisheit, ohne dass man eine Absicht an ihm merkte, sie zu lehren. Die Religion, fur die er, auch im ausserlichen die groste Ehrerbietung hatte, lenkte alle seine Handlungen; und Geschmack und Weltkentnis machten alles, was er that, und sprach, angenehm. Meine Mutter hatte ihn zu ihrem vertrautesten Freund gemacht, und zog ihn bey allem, was sie mit uns vornahm, erst zu Rath. In ihrer letzten Krankheit vor drey Jahren musste er bestandig um sie seyn, sie unterhalten, und ihr aus geistlichen Buchern vorlesen. Ihre letzte Mine lachelte ihm Dank zu, und erinnerte ihn ans Wiedersehn im Himmel. Von ihrem Tode kann ich dir nur wenig sagen, Siegwart, denn das Andenken daran ist mir viel zu traurig. Sie lag lange krank, und litt viel, aber immer mit Geduld und himmlischer Gelassenheit. Den Tag vor ihrem Tode liess sie uns noch alle zu sich kommen. Wir knieten um ihr Bett herum, und glaubten zu vergehen. Sie fasste sich, wie ein Mann; betete mit nie empfundner Innbrunst; und gab uns ihren Segen. Ich kann dir nicht sagen, Freund, was das fur ein Auftritt war, und welchen tiefen Eindruck er, auf mein ganzes Leben, in mein Herz gemacht hat. Bey ihrem Tode waren wir nicht gegenwartig; sie starb fruh; Friedmann war allein bey ihr, und wollte uns nicht rufen, um uns den ersten unertraglichsten Schmerz zu ersparen. Ich kam drauf zu meinem Onkel, dem geheimen Rath von Kronhelm in Munchen, wo ichs auch recht gut hatte, bis ich vor zwey Jahren hieher kam. Mein Bruder kam an Hof wo er noch ist; meine altre Schwester kam auch zu meinem Onkel nach Munchen, wo sie sich nun recht glucklich an einen braven Mann verheyrathet hat; und meine jungste Schwester musste zu meinem Vater, wo sie noch ist. Das gute Madchen daurt mich; denn sie ist zwar gut erzogen, aber jetzt soll sie, durch die freye Lebensart bey meinem Vater, schon ziemlich verwildert seyn. Friedmann bekam bald darauf, durch Vorschub meines Onkels, eine gute und eintragliche Bedienung.

Sieh, Xaver, das ist die Geschichte meiner, nun begluckten Mutter, deren Andenken mir ewig unvergesslich und theuer seyn wird. Was ich dir von meinem Vater gesagt habe, must du ja verschweigen! Ich hab's noch keinem Menschen, ausser dir, anvertraut.

Siegwart. Sey unbekummert druber, lieber Kronhelm! Ich danke dir recht sehr fur die Erzalung. Sie hat mich unaussprechlich geruhrt. Ich habe tausendmal dabey an meine selige Mutter gedacht, die soviel ahnliches mit deiner Mutter hatte; nur ihr vieles Leiden ausgenommen; denn Gott sey dank! Ich hab den herrlichsten und rechtschaffensten Vater, der meine Mutter wie sich selber liebte. Was ist denn nun deine Bestimmung, Kronhelm? Must du nun wieder zu deinem Vater zuruck, wenn du ausstudirt hast?

Kronhelm. Ich kann noch nichts gewisses sagen, Xaver. Mein Onkel will mich auch an den Hof haben. Ich leb aber lieber auf dem Lande, und muss auch einmal, als der alteste Sohn, die Landguter, die zwar freylich etwas verschuldet sind, antreten. In anderthalb Jahren geh ich nach Ingolstadt auf die Universitat.

Indem kam P. Philipp auf das Zimmer, um bey dem angenehmen Wetter die beyden Freunde zu einem Spatziergang an die Donau mitzunehmen. Sie brachten den Abend unter heitern freundschaftlichen Gesprachen zu, und freuten sich der schonen Witterung, die jedes Gras und jeden Vogel neu belebte. An einem etwas erhohten Theil des Ufers, das mit Tannen und Eichen bepflanzt war, fanden sie die Gegend so schon, dass sich P. Philipp mit den beyden Junglingen niedersetzte, sein Reisszeug herauskriegte, und die Landschaft zu zeichnen anfing. Vor ihnen floss die grune Donau ruhig; nur hie und da, wo grosse Kiesel lagen, warf sie Wellen. Am jenseitigen Ufer, welches sandig, und nur hin und wieder mit Weiden bewachsen war, standen Kuhe halb im Wasser, und tranken. Diesseits des Ufers, welches eine grune Wiese bedeckte, sassen einige Knaben, die sich eben zum Baden auszogen. Siegwart und Kronhelm setzten sich eine Strecke weit vom P. Philipp unter einen Tannenbaum, um ihn im Zeichnen nicht zu storen. Erst bewunderten sie die mannigfallige Gegend, und lasen dann zusammen eine Ekloge im Virgil, den Kronhelm zu sich gesteckt hatte. Plotzlich entstand unten an der Donau ein Geschrey; denn einer von den Knaben, welche badeten, wollte eben untersinken. Unsre beyden Junglinge liessen den Virgil, den sie gemeinschaftlich hielten, fallen, dass er vor ihnen den Berg hinunter holperte, und sprangen in vollem Trab den Berg hinab. Weil das Ufer steil und sandig war, dass der Sand unter den Fussen wegwich, so sturzte Kronhelm uber und uber, bis er unten lag. Siegwart aber sah und horte nichts, als den Knaben in der Donau, und sprang, so wie er war, hinein, um ihn zu retten. Kronhelm raffte sich indessen wieder auf, und wollt ihm eben nachspringen, als der Pater auch den Berg herab kam, und ihn zuruckhielt, weil er sich das Gesicht ganz blutrunstig gefallen hatte. Siegwart brachte nun den Knaben wieder aus dem Wasser, der vor Schrecken und Todesangst zitterte. Ein andrer Knabe, der beym Schreyen seines Kammeraden ganz nackt weggesprungen war, kam mit dessen seiner Mutter, welche todtenblass aussah, herbeygelaufen. Wo ist er? wo ist er? rief sie, ohne jemand am Ufer zu bemerken, und rannte wild ans Wasser hin. Philipp eilte, sie zuruckzuhalten, und sagte, dass ihr Sohn gerettet sey. So? So? rief sie, sah stier um sich, und flog endlich, als sie ihren Knaben sitzen sah, auf ihn zu, umschlang ihn, als ob sie ihn zerdrucken wollte; rief: Gott sey ewig Lob und Dank, dass ich dich wieder habe! und brach in einen Strom von Thranen aus. Und welcher Heilige hat dich denn errettet, Joseph? Ich weiss nicht, Mutter, war des Knaben Antwort. Hier, dem jungen Herren da, hat sies zu verdanken, sagte Pater Philipp, und wiess auf unsern Siegwart. Ihm? Ihm? Nun, so dank Ihm Gott! Belohn Ihn, segn Ihn tausendfaltig! Du lieber Gott! hat Ers gethan? Sieht er? 's ist mir so Ernst zum Danken; aber ich kann nicht. Du lieber Herzensknab! wenn ich dich verlohren hatte! Aber das verfluchte Baden, dass du mir das kunftig lassest! Sieh, da seh ich erst, dass du ganz nackt bist. Die Herrn mussen dirs nicht ubel nehmen; ich habs nicht gewusst. Lieber Gott, wenn du da ertrunken warest! O junger Herr, er hat mirs Leben erhalten; weiss Gott, er hats! Der Jung geht mir uber alles. Nicht wahr, Herzens Joseph? Aber dass du mir nur nicht wieder badest. Sieht er, junger Herr, wenn ich kunftig einmal Freud an ihm erlebe, so verdank ichs Ihm; und taglich will ich vier Rosenkranze fur ihn beten; aber sonst hab ich nichts; ich bin ein armes Weib. Nun fieng sie an zu weinen.

Als Philipp mit seinen jungen Freunden endlich weggieng, kusste sie Siegwarten noch die Hand; dieser druckte ihr, zum Andenken, wie er sagte, einen Gulden in die Hand; Philipp und Kronhelm thatens auch. Nun war sie gar ausser sich, und wollte vor ihnen auf die Knie niederfallen; noch hundertmal rief sie ihnen nach: Tausend Gotteslohn! und ihr Knabe musste ihnen noch einmal nachspringen, da sie schon weit weg waren, und jedem noch die Hand kussen.

Das ist eine traurige Bemerkung, sagte Philipp, die ich schon recht oft gemacht habe, dass der Anblick des Geldes uber das Baurenvolk alles vermag! Sie wissen nicht mehr, wo sie sind? wenn sie ein paar Gulden sehen, und halten keine andre Wohlthat fur so gross. Entweder setzen sie all ihr Vertrauen drauf, oder die Landsherren lassen ihnen so wenig, dass sie's fur die groste Seltenheit, und eben darum fur das groste Gut halten.

Siegwart. Ich furchte fast das letztere. Aber, Kronhelm, da seh ich erst, dass du im Gesicht ganz blutig bist. Es ist dir doch kein Ungluck begegnet?

Kronhelm. Nein, ich fiel nur den Berg herab, als ich dem Knaben zu Hulf kommen wollte. Es hat gar nichts zu bedeuten.

Siegwart. So? wolltest du auch in die Donau springen? Ich glaub, du kannst nicht einmal schwimmen.

Kronhelm. Doch! Ich habs im Lech gelernt; der fliesst ja an unserm Schloss vorbey. Du bist noch ganz nass, Siegwart. Wenn dirs nur nicht schadet, dass du dich verkaltet hast?

Siegwart. Ey, was! das hat nichts zu sagen! Ueber der Freud hab ich alles wieder vergessen. Ich kanns wohl sagen: Es ist mir herzlich lieb, dass ich den Knaben noch errettet habe. Er klammerte sich so fest an mich an, und machte sich so schwer, dass ich fast mit ihm hinunter sank. Nun bin ich aber auch recht mud.

P. Philipp. Das glaub ich, lieber Siegwart; ich bins schon vom Schrecken. Dafur soll ihm aber auch die Ruhe heut recht suss schmecken. So ein Tag geht uber alles! Zuvor wollen wir noch ein gutes Glas Rheinwein mit einander trinken; ich hab gestern welchen geschenkt gekriegt. Und morgen, lieber Siegwart, mach ich meine Landschaft vollends fertig, und zeichne seine, und des braven Kronhelms That drauf. Ihm kopier ich das Stuck auch, lieber Herr von Kronhelm. Ihr mussts dann beyde, zum ewigen Andenken, in eurem Zimmer aufhangen.

Nun kamen sie ins Kloster zuruck, und brachten den Abend recht vergnugt bey einem Glas Wein zu. Siegwart fuhlte so ein inniges Vergnugen uber seine That, ohne dran zu denken, wie ein Schutzgeist, der einen Entschluss, den er seinem Freund im Schlaf eingeflustert hat, zur That werden sieht. Siegwart und Kronhelm beredeten sich, bey ihrem Prior anzuhalten, ob sie nicht auf Ein Zimmer zusammen ziehen durften? Der Prior gab es ohne Anstand zu; und Kronhelm zog auf Siegwarts Zimmer, das, wegen seiner herrlichen Aussicht, so vorzuglich war. Die beyden Freunde fuhlten so viele Uebereinstimmung ihrer Seelen; ihre kleinsten Empfindungen schmolzen so ineinander, dass sie beynahe unzertrennlich wurden; und in jedem Augenblick eine Leere fuhlten, den sie nicht miteinander zubringen konnten. Kronhelm, der in den eigentlichen Wissenschaften schon weiter war, theilte unvermerkt im Umgang alle seine Kentnisse seinem Freunde mit, und P. Philipp erweiterte sie durch seinen Umgang immer mehr. Er liebte sie, wie seine Kinder. Beyde malte er ab, und hieng sie uber seinem Schreibpult auf. Die beyden Bildnisse sahn einander an, und lachelten sich mit dem unbeschreiblichsten Gefuhl der Freundschaft zu. Wers nicht wuste, sah es, dass die Beyden Freunde waren. Zweymal in der Woche gab der junge Pater, der Musikdirektor war, ein Koncert, und unsre beyden Junglinge nahmen so sehr im Violinspielen zu, dass sie Meister wurden. Sie spielten sich in ihren Privatubungen so zusammen, dass, wenn sie spielten, die Tone ihrer Violinen zwey Bache schienen, die erst nebeneinander herrieseln, und dann in eins zusammenfliessen. Auch im Singen nahm Siegwart taglich zu.

Gegen den Herbst bekam Kronhelm folgenden Brief von seinem Vater:

Mein Sohn.

Ich sag dir, Jung, du must zu mir kommen, und mich auch besuchen thun. Sapperment, hab dich ja sint vielen Jahren nit gsehn. D'Jagt ist braf, und Hirsch und Reh gibts ihr gnug, auch Haasen die schwere Meng. Komm nur und sollt deine Lust hahn. Muss doch auch mal sehn, wie d' aussehen thust, bist wol ein Kopf grosser worden? Narr, 's sind dir Junker ten. Wirst doch schiessen konnen, sonst bist 'n Hundsfutt, und 'n alte Hur, sag ich. Kanst auch 'n Kammraden mitnemmen, oder 'n Paar, wenn d' willt. Z'fressen gibts gnug. Auch z' sauffen. Hol mich der Teufel! ich bin dein getreuer Vater, und must kommen, sag ich, auf d' Fakkants. Schreib mirs erst, wie viel Gaul du brauchen thust, dass ichs schick durch den Jackerl, und wenn du kommen willt? Hasts ghort? Bin, wie schon gesagt dein ehrlicher Vater

Veit Kronehelm.

Kronhelm gieng nicht gern, aber er muste doch. Er trugs unserm Siegwart an, ob er ihn begleiten wolle? Ich weiss wol, sagte er, dass du da wenig Freude haben wirst, und mehr Verdruss; aber, Bruder, du erzeigtest mir einen ausserordentlichen Gefallen. Die Zeit wurde mir draussen so lang werden, wenn ich mit keinem Menschen umgehn konnte; und ohne dich kann ich fast gar nicht mehr seyn. Willst dus thun, Xaverchen? Ich thu dir auch wieder einen Gefallen. Nicht wahr? Du gehst mit? Siegwart antwortete: Freylich, Kronhelm! wo du hin willst, und wenns in die Holle ware! Dass du auch noch so was fragen kannst? Meynst denn, ich mocht ohne dich hier seyn?

Kronhelm schrieb also seinem Vater, er wurde zu Anfang des Augusts, wenn das Schuljahr geendigt die Ferien da zubringen. Jetzt war er sehr beschaftigt, die Rolle auswendig zu lernen, die er bey der bevorstehenden Schulkomodie zu spielen hatte. Xavern wurde noch keine Rolle aufgetragen, weil er noch nicht lang auf der Schule war; aber im Orchester spielte er mit, und akkompagniete bey dem Singspiel eine obligate Arie, auf der Violine, mit solch allgemeinem Beyfall dass das ganze Parterre zusammen klatschte, und den Sanger, der nicht schlecht war, druber vergass.

Zwey Tage drauf, nach der Schulkomodie, schickte Junker Veit seinen Reitknecht mit drey Pferden nach der Stadt, um seinen Sohn und Siegwart abzuholen. Sie nahmen ihre Violinen mit, um sich allenfalls die Zeit zu vertreiben, und steckten den Virgil, nebst noch ein paar Buchern zu sich. Der Reitknecht Jakob, oder Jakerl, war ein lustiger Kerl, den Junker Veit im Nothfall statt eines Kammeraden brauchte, denn er verstund die Jagerey aus dem Grunde, und hatte auch jetzt einen Windhund, einen Huhnerhund, einen Dax und eine Flinte bey sich. Das Schloss des Junkers lag sechs Stunden weit vom Stadtchen, und hiess Steinfeld. Der Weg dahin gieng mehrentheils durch Ebenen und Tannenwalder. Jakob sah die ganze Gegend als ein Jager an, und wenn ein dicker Wald kam, bedaurte er immer, dass der gnadge Herr diesen Forst nicht habe. Der Donner! rief er einmal aus, als ein Volk Rebhuner aufflog, was ich fur ein Esel bin! Man sollt mich gleich erschiessen, dass ich mein Huhnergarn nicht mit genommen habe! Hatte da mein Tyras sie so schon stellen konnen! Was wurde sich mein Herr g'freut haben, wenn ich ihm was fremdes mitbracht hatt! Aber so gehts; man vergist immer 's best! Sie ritten nun durch einen Eichenwald, und plotzlich geschah hinter ihnen ein Schuss; als sich Siegwart und Kronhelm umsahn, hatte Jakerl losgedruckt, und rannte nun mit seinem Pferd und dem Windspiel ins Gebusch hinein. Die beyden sahn einander an, und wusten nicht, was sie sagen sollten? Nachdem sie eine Weile auf den Reitknecht gewartet hatten, so horten sie im Gebusch drinnen ein grosses Geschrey, und ritten drauf zu. Jakob war vom Pferd abgestiegen, hatte sein Weidmesser ausgezogen, und wollte den Hirsch, den er geschossen hatte, aufbrechen. Der Jager eines andern Edelmanns, dem der Forst gehorte, war auf den Schuss hinzugekommen, und wollte nun dem Reitknecht das Gewehr abnehmen. Daruber entstand ein grosser Zank, denn Jakob wollte sich durchaus nicht ergeben. Was gibts, Jakob? sagte Kronhelm. Ey was wirds geben, Junker? Der Hundskerl da will mir den Hirsch wegnehmen, der mir von Gotts und Rechtswegen ghort, weil ich ihn gschossen hab, und 's Gwehr dazu! Ja komm mir nur, Zigeuner! Meynst, ich sey ein Wilderer (Wilddieb) weil du mir so kommst? Da frag nur meinen Junker, ob ich nicht eines ehrlichen Edelmanns Kutscher sey, und ein Jager dazu, so gut, als du?

Jager. Zum Teufel! was schiert mich das? Das ist meines Herrn Forst. Kehr du vor deiner Thur, und ich vor der meinen! 's Gwehr her, sag ich, und den Hirsch auch! oder 's geht nicht gut! Nicht wahr, Junker, er ist ein Spitzbub, und verdient den Galgen?

Kronhelm. Ein bischen langsam, guter Freund! Der Bediente ist mein, und ich bin des Junker Kronhelms Sohn. (Hier nahm der Jager schnell den Hut ab.) Sieht er, es ist nicht recht, dass mein Jakob das gethan hat, und ich hab ihm's auch nicht geheissen. Aber Er muss es nun auch gut seyn lassen'. Der Hirsch ist sein, und da hat er noch ein Trinkgeld fur den Aerger. Jakerl dass ihr mir den Augenblick das Weidmesser einsteckt, und aufs Pferd steigt! Was sind das fur Possen! (Jakob stieg aufs Pferd, und sah den Jager von der Seite drohend an.) Wer ist denn sein Herr, guter Freund? Ist er hier zu Lande?

Jager. Ja, gnadger Herr! Es ist der Junker Felsberg, ein Herr, wie die gute Stund, der nie in eines andern Herrn Gau gejagt hat.

Kronhelm. Nun, schon gut! Den Junker Felsberg kennt mein Vater wohl; Sie sind die besten Freunde. Mach er seinem Herrn mein Kompliment, und sag er, ich lasse wegen der Narrheit meines Kerls um Vergebung bitten; Mir seys leid! Bey Gelegenheit wirds mein Vater schon noch selber thun. Adjeu!

Siegwart, Kronhelm und sein Jakerl ritten nun wieder aus dem Gebusch in den Fahrweg. Jakerl sprach erst kein Wort, und schien bose zu seyn. Endlich fieng er an: Aber, junger Herr; nehmen Sie mir nun nicht ubel! Das war doch nicht recht, dass ich da den schonen Hirsch musste fahren lassen! Hatte, meiner Seel! Vierzehn Enden. Ich mochte mir d' Zung durchbeissen, wenn ich dran denk! 's ist schon recht, dass man d' Wilderer wegschiesst, und ich hab schon manchem auch eins versetzt, dass er 's Aufstehen druber vergass; aber dass man mir 's Jagen verbieten will, da ich doch einem Edelmann dien', der seines gleichen im Land sucht, das ist nicht recht, sag ich; und das thut mir weh. Ihr seyd nicht klug, Jakerl, sagte Kronhelm. Seyd ihr denn hier in meines Vaters Waldungen, dass ihr schalten und walten konnt, wie ihr wollt? Denkt einmal, wenn der Jager in unsern Forst gekommen war, ob ihr ihn da hattet schiessen lassen, wie er wollte? Jakob schiens nun zu begreifen; brummte aber immer noch etwas in den Bart hinein.

Sie kamen drauf durch ein Dorf, wo eine Baurenhochzeit war. Unsre Junglinge stiegen beym Wirtshaus ab, um den Tanz mit anzusehen. Anfangs thaten die Bauren ganz furchtsam, und wollten nicht mehr forttanzen; aber Kronhelm winkte seinem Reitknecht, dass er ihnen zu verstehen geben sollte, sie mochten sich in ihrer Lust nicht storen lassen; die Herren sehens gerne, wenn sie recht munter waren. Nun uberliessen sich die jungen Leute ganz der Freude wieder. Siegwart und Kronhelm fanden ein gar inniges Vergnugen an den acht schwabischen Tanzen; wie die Bauren in den Wendungen eine so naturliche Anmuth hatten, und die ungezwungensten Abanderungen machten, die kein, noch so geubter, Tanzmeister lehren kann. Sie ergotzten sich an den mannigfachen Kunsten; der Eine tanzte auf den Knien, der andre auf Einem Bein, der dritte hob sein Madchen in die Hohe; ein Paar hielt sich mit den Handen fest, und ein Bauer schlupfte unten durch, oder wiegte sich darauf. Wahrend dem Tanzen sprachen die Tanzer und die Tanzerinnen miteinander, oder die Bauren sangen nach dem Ton der Geigen und Schalmeyen. Wenn der Tanz vorbey war, so gab jeder Bauer seiner Dirne einen lauten herzlichen Handschlag. Dann liebaugelten sie miteinander, tranken sich das Bier und den Brandwein zu, und liessen die Musikanten Tusch machen. Siegwart bemerkte, dass die Bauren eben so wohl, wie die Stadter, ihre witzigen Kopfe, ihre Stutzer, und Koquetten hatten, und dass der Unterschied blos in der Art liege, diese Eigenschaften zu aussern. Kronhelm trank mit Siegwart die Gesundheit des jungen Brautpaars, welches sich ausserordentlich druber freute, und diese Hoflichkeit mit vielem Geprang erwiederte. Unsre beyden Junglinge hatten sich noch langer an Beobachtung dieser landlichen Lustbarkeit ergotzt, wenn nicht der Schulmeister gekommen ware, sie zu unterhalten. Dieser war kaum auf die Muthmassung gefallen, dass diess wol Studenten seyn mochten, so kam er, weil er sich auch fur einen, nicht geringen Gelehrten hielt, mit vielen steifen Buklingen, um seine Herren Kollegen zu bewillkommen; und fieng von der Philosophey, von der Grammatika und Rhetorika ein so abgeschmaktes, weitlauftiges und ungereimtes Geschwatz an, dass Siegwart dem Kronhelm heimlich winkte, aufzubrechen. Der Schulmeister begleitete sie noch die Treppe hinab bis an die Thur, und nahm mit vielen Scharrfussen und ungemeiner Freundlichkeit von ihnen Abschied. Drauf sah er seine Bauren, die hinter ihm drein geschlichen waren, mit lachelnder Selbstzufriedenheit an, winkte mit den Augen, und druckte sie halb zu; das sind Herren, sagte er, die haben was rechts studirt! Man kann sie auf die Probe stellen, wie man will, sie sind uberall zu Haus! In omnibus aliquis, in totum nihil! Ja, Leute! das ist eine Lust, mit Gelehrten umzugehen! Aber bey euch vergisst man alles wieder! Doch wer kann wider die duram necessitam? Seht ihr, das ist lateinisch. Nun gieng er langsam wieder die Treppe hinauf; die Bauren wichen alle aus, und sahen ihn ehrerbietig an. Droben auf der Stube wollte jeder wissen, was die jungen Herren mit ihm gesprochen haben? Ihr verstehts nicht, sagte er; das ist nur umsonst! Es betraf die Gelehrsamkeit, eruditium, wie mans nennt. Jeder Bauer trank nun seine Gesundheit; Er bedankte sich mit vielem gelehrtem Anstand, und nicht geringer Gravitat.

Kronhelm und Siegwart ritten unterdessen weiter, und lachten herzlich uber die gelehrte Einfalt des Schulmeisters. Jakob ritt ganz langsam hinter ihnen her, und schlief; denn er hatte sich den Brandwein im Wirtshaus ziemlich schmecken lassen. Nach zwey Stunden kamen sie in Steinfeld an; Sie waren etlich funfzig Schritte weit vom Schloss entfernt, als ihnen eine Menge Jagdhunde von verschiedner Art mit so schrecklichem Gebell entgegen sprang, dass Jakob druber aufwachte, und ein lautes Joh ho! anstimmte. Das ist ja eine ungeheure Menge Hunde, sagte Siegwart. Kleinigkeit! antwortete Kronhelm, wenn du erst in den Hof, und in die Stalle kommst, dann must du sehen.

Im Hof war alles still und ruhig, als sie hinein ritten, und kein Mensch liess sich sehen. Kronhelm und Siegwart stiegen ab; endlich kam Sibylla, Kronhelms jungste Schwester aus dem Schloss heraus geflogen, druckte ihren Bruder fest an sich, und sagte: Bist du's Bruder? Hab dich in der That kaum mehr gekannt! Xavern sah sie frey an, und verneigte sich vor ihm, gab ihrem Bruder die Hand, und fuhrte die beyden in das Schloss hinauf. Aber du must gleich wieder fort, Bruder, sagte sie, und der Herr da auch. Ihr konnt nur eine Suppe essen. Wohin denn? fragte Kronhelm ganz betroffen. In den Steiner Forst zum Papa. Der Jager hat gestern ein Schwein da gespurt, und diesen Morgen ritt er gleich hinaus. Er hats aber hinterlassen, dass Ihr ja gleich nachkommen und die Lust mit ansehen sollt. Da sind zwey Flinten und zwey Jagertaschen. Siehst du, die mit Silber ist fur dich, und die andre fur den Herrn da ich weiss nicht, wie er heisst? Siegwart, sagte Kronhelm Nun ja fur den Herrn Siegwart. Jezt nur schnell die Suppe gegessen, und dann gleich wieder weiter! Wein und kaltes Essen ist schon draussen; wenn ihr nur was Warms im Leib habt! Sie hupfte und sprang in der Stube herum, trillerte und druckte dann ihrem Bruder wieder mit aller Kraft die Hand. Siegwart gefiel ihr wohl; nur sagte sie, er sey so still, und musse muntrer weren. Als die Suppe gegessen war, liess sie ihrem Bruder und Xavern keine Ruh; sie musten die Waldtaschen und die Flinten umhangen, und gleich wieder fort. Sie sprang selbst die Treppe voran hinab, und fuhrte die Pferd' aus dem Stall heraus. Als ihr Bruder aufgestiegen war, gab sie seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte, dass es hinten ausschlug, und brach daruber in ein lautes Gelachter aus.

Kronhelm und Siegwart ritten mit dem Reitknecht nach dem Forst zu. Das ist ein wildes Madel, weine Schwester, sagte Kronhelm; du must ihrs nur nicht ubel nehmen, Siegwart; sie war sonst nicht so, als sie noch bey meiner Mutter war; sie hat im Grund ein recht gutes Gemuth; aber ich dachte wol, dass sie bey meinem Vater so werden wurde, denn sie war immer unter uns das wildeste.

Nach einer halben Stunde kamen sie an den Forst, wo das Jagen war. Der Junker Veit (so nannte ihn die ganze Gegend) stand an einer Eiche mit gespanntem Hahnen. Sobald er seinen Sohn und Siegwart in der Ferne sah, winkte er ihnen zu, von den Pferden abzusteigen. Sie thatens, und kamen naher. Er wiess ihnen, ohn ein Wort zu sagen, nur mit Winken, ihre Posten an, wo sie anstehen sollten. Sein Sohn stand am nachsten bey ihm, aber er sprach nicht ein Wort mit ihm, sah ihn auch nicht an, sondern laurte nur auf das Schwein, das herausgetrieben werden sollte. Endlich kams auf Siegwarts Seite heraus; dieser schoss es, dass es auf der Stelle fiel. Junker Veit flog wie ein Pfeil herbey, gab ihm den Fang, und nun sprang er auf Siegwarten zu, umarmte ihn, dass er hatte schreyen mogen, und rief: Herrlicher Junge! 's ist, meiner Seel! ein Hauptschwein Du wirst ein grosser Kerl werden! Sieh nur, wie du's auf den Pelz geschossen hast! Grad am rechten Fleck! Du kannst Oberjagermeister werden, wenn du willst Bist ein Teufelsjunge; lass dich recht aufs Maul kussen! Nun, Waidmanns Heil, Friedrich! (so hiess der junge Kronhelm) hast mir einen herrlichen Knaben da mit gebracht. Gott geb! dass du auch so bist! Wie gehts, wie stehts? Bist recht gross worden. Nun, nun, ein Jager darf wol stark seyn, wenn er will 'n guten Fang geben. Komm, wir wollen erst d' Sau wegbringen lassen, und dann zur Mamsell Kunigunde, sie ist auf der Wiese dort beym Essen; kannst ihr deinen Diener machen Sapperment, was das 'ne Sau ist, und der Blitzkerl hat sie gschossen! 's argert mich halb, dass er mir sie weggenommen hat! Nu, nu, wem's Gluck eben will. Friedrich, du siehst mir so kalmauserisch aus. Frisch! Auf der Jagd muss man munter seyn! Mir ist nie so wohl, als im Forst. Komm, sollst ein Glas Wein trinken, dass du lustig wirst; und du auch, junger Eisenfresser!

Hier nahm er Siegwarten beym Arm, und schlenderte mit ihm und seinem Sohn nach der Wiese, wo Kunigunde war. Halt, sagte er, unterwegs, riss sich von Siegwart los, und schoss einen Fuchs, der eben von der Seite durchs Gebusch schlich. Sieh, den hab ich schon troffen; beym Einen Aug 'nein, und beym andern wieder 'raus; aber 's ist doch nichts gegen dein Hauptschwein. Nun kam er zu seiner Maitresse, (wir Deutsche nennen's Hure) Da, Jungfer Kunigund, da sieht sie einen Kerl vor sich, der hundert Baiersche Junker ubersieht; Der hat die Sau g'schossen, auf die wir ausgangen sind; und das da ist mein Jung Buck dich brav, Friedrich! Sie ist mein Alles und Alles. So, nun geb sie brav Wein her, denn ich bin so durstig, wie 'n Brunsthirsch! Nu, angstossen, junger Herr! Es leb d' Jagd und der Krieg! Ich bin auch Soldat gwest, muss er wissen, hab drey Jahr am Rhein gstanden; aber da war blutwenig z' machen, die Teufelsfranzosen hatten alles schon wegg'schossen. Heh! wo ist denn der Michel und der Steffen? Die Kerls sollen mir 's Jagerlied blasen: (Er sang)

Das Jagen ist mein' groste Lust

Ziehs allem andern fur!

Man ist so frisch

Rennt durchs Gebusch,

Und springt, als wie ein Thier!

Ey, wie wars, Jungfer Gundel, wenn sie mit dem Xaver da tanzte! Mach sie keine Umstand! der Jung ists wehrt! Nun muste Siegwart den wildesten deutschen Tanz auf der Wiese mit ihr machen. Nach ihm tanzte Junker Veit. Fritz kann noch warten, sagte er. Der Jung muss erst zeigen, ob er mein Sohn ist, und auch schiessen kann? Sie ritten nun, weil es Abend wurde, mit einander nach Haus; Kunigunde muste auch mit reiten. Unterwegs fiels dem Junker ein, sie wollten beym Junker Seilberg vorbey reiten. 'S ist nur drey viertel Stund Umweg, sagte Veit; der ehrliche Kerl muss doch auch von meiner Freud wissen, dass ich die Sau kriegt hab. Nun gab er seinem Ross die Sporn, und die andern mussten nach, sie mochten wollen, oder nicht. Man horte gleich, eh man noch an Seilbergs Schloss kam, ein schrockliches Geschrey; denn es war Gesellschaft da. Veit gieng mit seiner Gesellschaft unangemeldet in den Saal, erzalte mit grossem Geschrey, dass Siegwart ein Schwein geschossen habe und stellte ihn mit vielem Triumph unter diesem Karakter den vier da versammelten Junkern vor. Man setzte sich gleich um den Tisch herum, und muste tapfer trinken. Die anwesenden Edelleute waren: Seilberg, ein Mann von 65 Jahren, der, wegen des Podagra nicht von der Stelle kommen konnte, und die Fusse mit Kissen eingebunden hatte; sein Tochtermann, Baron von Striebel ein ehemaliger Husarenlieutenant, der auch jezt noch die Uniform und einen schwarzgewixten Schnurrbart trug, ein Mann von vier und dreissig Jahren, war der zweyte. Der dritte, Junker Jobst, war ein Junggesell von 59 Jahren; ein armer Schlucker, der nicht einmal eine eigne Wohnung hatte, und sich wechselsweise bald beym Einem, bald beym andern Junker, oder auch im Nothfall bey einem Bauren aufhielt, der sein Lehnsvasall war, und ihm jahrlich 40 oder 50 Gulden an Frucht auszalen musste. Er liess sich von den Edelleuten zu allem brauchen. Er ritt von einem Schloss zum andern, wenn ein Schmauss angesagt werden sollte; er brachte den Edelleuten ihre Pferde nach der Stadt, wo ein Rossmarkt war, und verkaufte sie da, oder handelte neue ein; er nahm die Koppelhunde mit auf die Jagd, oder trug das Huhnergarn; und liess sich einen ganzen Abend fur den Narren halten, wenn er nur mit essen und mit trinken durfte. Aber Adeliche musten's seyn, die ihn fur den Narren hielten; von Burgerlichen hatt er keinen Heller angenommen. Die vierte Person war ein junger Edelmann von drey und zwanzig Jahren, aus dem Baierschen, der sich aber am Munchnerhof als Kammerjunker aufhielt, Namens Silberling. Er war zart gebaut, und sehr galant; hatte ein schones grunes Kleid mit einer goldbordirten Weste an, und druber eine golddurchwurkte Hirschfangerkuppel. Sein Haar war mit einem Perlenfarbnen Bande zierlich aufgebunden, und seine Locken nachlassig schon zuruckgebogen. Er wurde sich nicht in die Gesellschaft dieser rohen Landjunker gemischt haben, wenn er nicht eine geheime Absicht auf das Fraulein von Stellmann gehabe hatte, die eine Enkelinn vom alten Seilberg war, und sich seit dem Tod ihrer Mutter bey ihm aufhielt. Sie gieng aus und ein, um die Gaste zu bedienen.

Nun sag mir einmal, Fritz, fieng Junker Veit an, was ist denn dein Xaver? Wie heisst sein Vater, und was ist er? Es muss ein treflicher Kerl seyn, da sein Bub schon so ein guter Jager ist!

Siegwart. Ich heisse Siegwart; mein Vater ist Amtmann zu Dahlenburg im Oettingischen.

Jobst. Nicht von Adel?

Siegwart. Nein.

Veit. Nicht von Adel? Nun, so hol mich dieser und jener! Du bist also nichts, gar nichts? Ein Amtmanns Sohn! Element! Wer hatt das glauben sollen? Aber, ich weiss schon, wie's gangen ist; deine Mutter hat mit'm Edelmann zugehalten. Nicht wahr, Jung, ich weiss's? Darfst nicht roth werden! Narr, hast dich nicht drob zu schamen. Lieber ein Bankert von 'm Edelmann, als ein lausichter Amtmannssohn. Komm! ich bin dir doch gut, weil du so schiessen kannst.

Junker Jobst stund auf, und fragte Striebeln heimlich, aber doch so, dass mans halb verstehen konnte, ob man wol den Siegwart in der Gesellschaft mit lassen konne, da er nicht von Adel sey? Striebel sagte; weil ihn Junker Veit mitgebracht habe, so konn mans nicht gut andern. Ueberhaupt dachte Striebel noch vernunftiger, denn er hatte in Heidelberg, wo er ein halbes Jahr lang an einer Wunde krank gelegen hatte, etlich vernunftige protestantische und katholische Professoren kennen gelernt, die seinen Verstand durch ihren Umgang, und die Bucher, die sie ihm geliehen, ziemlich aufgeklart hatten.

Herr von Silberling schlich sich weg, um bey seinem Fraulein seine Aufwartung zu machen, und das Gesprach kam wieder auf die Jagd und auf andre gleichgultigere Dinge. Nachher kam das Fraulein selbst in die Gesellschaft, weil sie mit dem sussen Silberling nicht gern allein war. Sie hatte viel Anmuth in der Mine, und eine ziemlich gute Erziehung. Ihre braunen Augen waren lebhaft, und doch sittsam. Auf den schlupfrigen Scherz der Junker gab sie wenig Acht, und unterhielt sich mehr mit Kronhelm und mit Siegwart. Auf den erstern war sie besonders aufmerksam, und fand viel Wohlgefallen an ihm. Sie sah ihn oft lang an, und konnte zuletzt ihre Augen fast nicht mehr von ihm wegwenden. Silberling, der dieses merkte, wurde ganz unruhig und eifersuchtig druber. Regina, (so hiess die Fraulein Stellmann) gefiel auch unserm Kronhelm, aber doch nicht so, dass sein Herz dabey beschaftigt wurde. Junker Veit und Seilberg sahens gerne, dass ihre Kinder mit einander sprachen, denn beyde hatten halb und halb die Absicht, einst ein Parchen aus ihnen zu machen; wenigstens von Silberling hielt Seilberg wenig, weil er mit ihm von nichts, als vom Hof sprechen konnte. Als Regina Siegwarts Namen horte, ward sie aufmerksam drauf, und sagte: sie habe vor funf Jahren in einem Kloster in Munchen eine Freundinn gehabt, die Therese Siegwart heisse, ob sie wol vielleicht mit ihm verwandt sey? O Ja, sie ist meine Schwester, sagte Siegwart. Regina hatte eine grosse Freude druber, und bemerkte, dass ihr Siegwarts Gesicht gleich so bekannt vorgekommen sey; nun sehe sie dass er viel Aehnlichkeit mit seiner Schwester habe. Das ist gar ein liebes Madchen, Herr von Kronhelm, fuhr sie fort; Sie sollten sie nur sehen! Ich weiss, das sie Ihnen wohl gefallen wurde. Wir waren Ein Herz und Eine Seele. Sie hat ein himmlisches Gemuth; ist immer froh und munter, und doch dabey so gesetzt. Wenn Sie sie wieder sehen, Herr Siegwart, oder an Sie schreiben, so machen Sie ihr ja meine herzliche Empfehlung! Sie wird sich meiner noch wohl erinnern. Siegwart versprach, es gewiss zu thun.

Die Edelleute wurden indess immer lauter, denn sie tranken immer mehr Wein. Seilberg und Junker Veit stiessen ihre Glaser alle Augenblicke an. Jobst unterhielt Kunigunden; denn ob sie wol nicht von Adel war, so bekam sie doch in seinen Augen dadurch einen Wehrt, dass sie die Beyschlaferinn eines Edelmanns war. Baron Striebel und Silberling hatten einen Streit, ob der Pfalzische oder Baierische Hof vorzuglicher sey? Silberling behauptete, dass, nach dem Kaiserlichen, kein Hof in der Welt dem Baierischen gleich komme. Silberling hat Recht, schrie Junker Veit drein, denn am Munchner Hof sind zu meiner Zeit allein 500 Jagdhund ernahrt worden; jetzt werdens ihrer hoffentlich noch mehr seyn. Silberling machte zur Danksagung einen tiefen Bukling gegen Veit. Als das Gesprach wieder auf die Jagd kam, und allgemeiner wurde, zeigte Siegwart so viele Kenntniss und Einsicht, dass die Hasenjager alle drob erstaunten. Junker Veit sprang auf, und sagte: Meiner Seel, dir fehlt aus der ganzen Welt nichts, als der Adel; du bist ein goldner Junge! Aus'm meinen wird nichts, das seh ich schon! Sitzt er nicht da, wie ein Stuck Holz? und spricht kein Wort, wenn's auf d' Hauptsach kommt. Du hattest sollen mein Junge werden; wir hatten z'sammen taugt. 'S ist ein Trost im Alter, wenn man so ein Kind hat. Wenn mein Fritz einmal mein Gut kriegt, so werden ihm d' Sau 's Haus umwuhlen, und d' Hirsch in d' Kammer lauffen. Wie ein Kind doch so schnell aus der Art schlagen kann! 's ist ein rechtes Elend!

Als Junker Jobst sah, wieviel Veit auf Siegwart hielt, so ward er ganz gnadig gegen ihn, denn er trank bey Veit so manches herrliches Glas Wein, dass er ohne seine Gunst nicht leben konnte. Regina ward ganz traurig, als sie sah, wie sehr der junge Kronhelm von seinem Vater mishandelt wurde; denn sie nahm an ihm schon vielen Antheil, und ward nur noch mehr fur ihn eingenommen, als sie seine Geduld und Gelassenheit sah. Silberling war scharfsichtig genug, dieses wahrzunehmen, und machte eine gar traurige Figur. Er bot allen seinen Witz, und seine ganze Artigkeit auf, Reginens Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen; aber vergeblich! Ihr Aug, und ihre ganze Seele hieng an Kronhelm.

Endlich sagte Kunigunde zum Junker Veit: es werde nun wol Zeit seyn, endlich aufzubrechen; und es war auch wurklich schon um Eilf Uhr. Die Gesellschaft taumelte auf, und Veit mit seinen Leuten nahm Abschied, die andern blieben alle bey Seilberg. Regine leuchtete die Treppen hinunter, nahm von Kronhelm besonders freundlich Abschied, und hielt noch das Licht vor die Thur hinaus, um ihn langer reiten zu sehen.

Es war ein Gluck fur den Junker Veit, dass sein Pferd mude war, und der Mond helle schien, sonst war er zwanzigmal gesturzt; er war brav betrunken, wackelte auf seinem Pferd hin und her, und schlief endlich ein.

Um halb zwolf Uhr kamen sie in Steinfeld an, und giengen, weil alle recht mude waren, bald zu Bette. Siegwart und der junge Kronhelm schliefen bey einander auf einem Zimmer. Sie besprachen sich noch eine Zeitlang miteinander, und Kronhelm suchte besonders die Tollheiten seines Vaters zu entschuldigen; Siegwart aber sagte, dass er das nicht nothig habe; er kenne mehr solche Edelleute, und wisse sich recht gut in ihren Ton zu schicken. Bald darauf schliefen beyde vor Mudigkeit ein. Den andern Morgen um sechs Uhr ward an ihrer Kammerthur ein grassliches Gepolter gemacht. Junker Veit war draussen, und rief: Holla hoh! Auf, ihr faulen Jungens! Wollt ihr denn den schonen Tag verschlafen? D' Hirsch sind doch schon wieder all im Bette. Wir mussen heut nur auf d' Huhnerjagd. Hurtig, aus der Ruh, dass wir aufbrechen konnen! Die beyden Junglinge zogen sich schnell an, und kamen zu Junker Veit, der schon angezogen und gestiefelt war. Jedem ward ein Glas Brandwein gegeben, denn Veit sagte, diess sey des Waidmanns wahres Leben. Drauf stopfte er seine Pfeife. Nun, wie? 'raus mit der Pfeife! sagte er zu Siegwart und zu Kronhelm. Als er horte, dass sie gar nicht rauchten, ward er ganz bose. Seyd ihr auch Kerls? Wollt auf d' Jagd gehn, und nicht rauchen? Ich hab, meiner Seel! noch keinen rechtschaffenen Waidmann kannt, der nicht den ganzen gschlagnen Tag seine Pfeife im Mund g'habt hatt; das sind Narrheiten, die man in der Stadt lernt! Was brauchts da viel Umstand? Sibylle, hol du von meiner Kammer die zwey Pfeifen, die gleich bey der Thur hangen; es sind Meerschaumkopfe. Ihr musst rauchen, und wenn alles grun und gelb um euch her wird! 'S ist nur um ein paarmal zu thun, so seyd ihrs gleich gewohnt. Sibylle brachte die Pfeifen, Seht ihr, das sind Meerschaum, die ich von Wien kriegt hab; die kann man kecklich auf den Boden fallen lassen; 's bricht keiner. Da, stopft! der Tabak ist gut. 'S ist drey Konig und Varinas unter 'nander g'mischt. So, nun wollen wir weiter. Adies Madel! Koch fein was Guts! Wir wollen dir schon frisch Wildpret mit bringen. Sie zogen nun mit ein paar Jagern und drey Huhnerhunden ubers Stoppelfeld hin, und fiengen viele Wachteln und Rebhuhner; wenn ein Volk aufstand, so schossen sie drunter, und Siegwart und Kronhelm trafen viele. Daruber ward Veit auf Einmal mit seinem Sohn wieder ausgesohnt, nannte ihn seinen Augapfel, seinen Herzenstrost, und sagte, nun seh er erst, dass die Kronhelms doch nicht aussterben; alle seine Vorfahren, schon sein Ur- Ur- Ur- Grossvater sey ein treflicher Schutz gewesen; er hab noch ein altes Konterfait von ihm, das er gleich zu Hause zeigen wolle; da steh ein schoner Windhund bey ihm, und die Kron in seinem Wappen stehe nicht umsonst zwischen einem achtzehnendigen Hirschgeweihe. Das Tabakrauchen gieng in der freyen Luft auch gut von Statten, so dass Junker Veit ausserordentlich vergnugt war, und versprach, wenn auf den Nachmittag, wie es den Anschein habe, Regenwetter einfalle, so woll er sich einen derben Rausch trinken. Kronhelm schoss auch einem fetten Rammler, und nun war Junker Veit ganz ausser sich, warf die Flinte von sich, sprang dreymal in die Hohe, und umarmte und druckte seinen Sohn. Um Essenszeit giengen sie nach Hause. Auf dem Wege zeigte Veit sein verwildertes Gemuth ganz, und begieng eine grausame That. Eine arme Bauerfrau aus seinem Dorfe gieng mit ihren zwey Kindern, einem Knaben von vier, und einem Madchen von sechs Jahren aufs Feld hinaus, um zu krautern. Einer von den Hunden sprang an die Kinder hin, die erbarmlich zu schreyen anfiengen. Die arme Frau schlug zuruck, um die Hunde abzuhalten. Veit, der das sah, hetzte nun die andern Hunde auch an sie und ihre Kinder, und es entstand ein grassliches Geschrey. Siegwart, dem das einen Stich durchs Herz gab, und Kronhelm, sprangen hinzu, den Hunden abzuwehren. Die Frau sah sich kaum in Sicherheit, so verwandelte sich ihre gekrankte, mutterliche Zartlichkeit in Wuth; sie fieng an zu schimpfen, und schrie: Ist das auch eine Art, mit den Leuten so umzugehen? Pfuy! Ich wollt mich schamen, Kinder anpacken zu lassen! Habs mein Lebtag g'hort. Wenn man d' Kinder schlagen will, so hat man gleich eine Ruth. Das sind mir die rechten Juneker! Ihr gonnt einem doch kaum's Schwarz vor'm Nagel, und nun wollt ihr noch die unschuldigen Kinder martern; aber wart, in der Holl da wird man dich auch kriegen! Da werden d' Teufel auch brav an dich hetzen! Indem legte Veit seine Flinte an, um auf die arme Frau zu schiessen; aber sein Jager fiel ihm noch von hinten zu in den Arm, und der Schuss gieng in die Luft. Er ward ganz rasend, und fieng an zu schaumen: Blitz und Donner! Lasst mich los, dass ich sie zertrete, den Hund! Kronhelm und Siegwart sprangen auch herbey, und hielten ihn fest. Das ist schlecht gehandelt, Papa! sagte Kronhelm Was? du Racker? rief er; willst du mir aus'm Gesicht gehn? Siegwart biss sich auf die Lippen, und dachte bey sich: der Kerl sollte Furst seyn! das war eine Lust fur den Teufel! Als Veit endlich sah, dass er nicht los kommen konnte, stellte er sich geruhiger, und bat, dass man ihn gehen lassen mochte! Kaum wars geschehen, und kaum sah er, dass die Frau mit ihren Kindern sich gefluchtet hatte, so rief er: Tyras, Melack! Fass an, fass an! Frisch! Die Hunde hielten die Frau wieder fest, und die Kinder hiengen sich an ihre Knie. Sie soll mir 3 Wochen in Thurm, sagte er, oder ich will kein ehrlicher Karl mehr seyn! Beym T** sie hat mich ja ausgemacht, wie einen Hundsfuhrer! Alles Bitten Kronhelms und Siegwarts war vergeblich. Die Frau ward von den beyden Jagern weg, in den Thurm geschleppt. Ihre Kinder, die mit hinein wollten, wurden heraus gestossen, und sassen vor der Thur und heulten. Siegwart und Kronhelm brachten durch vieles Bitten, und die ruhrendsten Vorstellungen nicht mehr zuwege, als dass Veit endlich eine Woche nachliess, und die Frau zu vierzehntagiger Thurmstrafe bey Wasser und Brod verdammete. Endlich entschloss sich Siegwart, nach langem Kampf bey sich selbst, sich an die Hure des Junkers zu wenden, und bey ihr fur die arme Frau zu bitten. Diese that erst lange sprode, denn es schmeichelte ihr, dass ein hubscher junger Mensch sie bat. Unserm Siegwart that es in der Seele weh, sich so tief erniedrigen zu mussen; Aber der Gedanke, der unterdruckten Unschuld beyzustehen, uberwand bey ihm alle andre Vorstellungen. Endlich gab Kunigunde nach, und brachte es bey dem Junker so weit, dass die Gefangnissstrafe der Baurinn in eine Geldstrafe von drey Gulden verwandelt wurde, mit dem Anhang, sie soll so lang sitzen, bis sie das Geld baar auszahle.

Junker Veit war beym Mittagsessen ganz mismuthig, und sprach wenig. Es gieng ihm nah, dass sich Siegwart und sein Sohn ihm widersetzt hatten; besonders dass der letztere ihm vorgeworfen hatte, er handle schlecht. Er konnte es auch nicht vergessen, und fieng alle Augenblicke wieder an, davon zu reden. Kunigunde, die nun auf Siegwarts und Kronhelms Seite war, und alles uber ihn vermochte, besanftigte ihn endlich wieder; und, als ihm nach und nach der Wein zu Kopf stieg, ward er wieder ganz munter und aufgeraumt.

Was willt du denn einmal werden? sagte er zu Siegwart; doch ein Forster bey einem braven Edelmann? nicht? Nein, antwortete Siegwart; ich will ein Geistlicher werden, ein Kapuziner.

Veit: Ein Kapuziner? Ein Pfaff? Du wirst doch klug seyn, Xaver? Gelt, es ist dir nicht Ernst?

Siegwart. Ja, wahrhaftig, gnadiger Herr; Es ist mein ganzer Ernst. Ihr Herr Sohn kanns bezeugen.

Veit. Nun, so bist du ein Narr, und mein Sohn auch! Sapperment! Ich kann die Pfaffen fur den Tod nicht ausstehen, und nun willst du auch einer werden. Den Einfall hat dir meiner Seel! der bos' Feind eingegeben, anders kann ichs nicht begreifen. Sag, was willt du denn in so einer lausigen Kult machen?

Siegwart. Ein ehrlicher Mann werden, und Gott und der Kirch, und meinem Nebenmenschen dienen.

Veit. Geh mir zum Henker! Das sind mir die rechten, die Braunkutiler, die Mucker! Ich schwor dir, Junge, 's ist kein Pfaff nichts nutz. Einer ist immer ein argrer Schelm, als der andre. Sie haben mich auch 'nmal gehabt; da in Augspurg druben, die Jesuiten, die verfluchten Schleicher! Da sollt ich ein Gelehrter werden, so 'n Stubenhocker! Aber, ghorsamer Diener! Ich nahm bald den Reissaus, und liess ihnen's Nachsehen. Beym Element, wenn man d' Pfaffen machen liess, sie zogen uns noch d' Haut uber d' Ohren runter! Aber ich habs brav kriegt im letzten Krieg! Da, wenn wir in ein Kloster kamen; wie der Blitz, war alles rein weg! Und, in den Nonnenklostern? O, da denk ich, wird man noch eine Zeitlang an uns denken. Uh, wenn ich so eine Nonne kriegt,! 's Maul wassert mir noch. Aber, Jung, ich bitt dich um alles in der Welt willen, wie bist du auf den rasenden Einfall kommen? Hast so herrliche Gaben, und willt sie all in ein' abgeschabte Kutt 'nein stecken Sapperment! Ein Jager ist doch ein andres Ding! Nicht wahr, Fritz? Du haltsts auch mit mir? Red ihm's doch aus!

Kronhelm. Ich glaube wohl, Papa, dass er was bessers werden konnte; aber ein Geistlicher kann doch auch ein ehrlicher Mann bleiben, wenn ers vorher ist.

Veit. 'S ist erlogen, sag ich! habs schon vorhin g'sagt, keiner ist nichts nutz! Da schimpfen sie dir auf den alten Nimrod, blos weil er ein stattlicher Jager war. Und auf uns poltern sie auch von der Kanzel runter. Ich denk oft, ich konns nicht aushalten, und muss 'naus schiessen. Die Teufelskerl thun mir jahrlich um mehr, als hundert Gulden Schaden. Da, wenn ein Wilderer 's Hochwild aus'm Forst wegschiesst, da kaufen sie's ihm ab; dass du die Krank! Ja, Siegwart, du bist sonst ein ehrlicher Kerl; aber zwey Hauptmangel hab ich an dir auszusetzen; dass du nicht adelich bist, und ein Pfaff werden willt. Weiss warlich nicht, welches schlimmer ist?

Indem liess sich Herr von Silberling anmelden, der, aus ausserordentlicher Entschlossenheit diessmal bey regnichtem Wetter einen Ausritt gewagt hatte. Eigentlich wollte er erforschen, wie Kronhelm vom Fraulein von Stellmann denke? Denn er war sehr furchtsam, und ware nicht gern mit ihm in Verhaltnisse gekommen, von denen seine Furchtsamkeit Verdrusslichkeiten fur ihn voraus sah. Lass ihn 'rauf kommen, sagte Veit zum Bedienten, der ihn anmeldete, was macht er denn viel Umstande? Kronhelm und Sibylle giengen ihm entgegen. Ihr Diener, Ihr Diener! rief Veit, als er kam. Woher beym schlimmen Wetter? Setzen Sie sich nieder! Sibylle, hol noch mehr Wein herauf!

Silberling. Ich danke gehorsamst! Wenn ich mir nur ein Glas Limonad ausbitten durfte! Ich bin so echauffirt vom Reiten. Das verdammte Pferd gieng da vor dem Dorf draussen mit mir durch. Ich rief ihm immer zu, und gab ihm die Sporn, aber die Bestie wollte doch nicht halten.

Veit. (mit grossem Lachen) Das glaub ich, Herr! Wenn man d' Sporn gibt, lauft ein Pferd, so weit es sieht. Ich seh wol, 's Reiten ist eben Ihre Sache nicht. Auf Parforcejagden mussen Sie auch nicht viel mit gewesen seyn. Da hilft 's Spornen etwas, aber nicht, wenn ein Gaul halten soll. Ha ha ha! Aber da sagten Sie vorhin was von Limonad; was ist das? Das kennt man hier zu Land nicht. Da, wenn man warm ist, nimmt man einen Schluck Kirschenwasser. Wollen Sie davon? Ich hab achtes Lindauer. Sibylle, hol doch die Bouteille!

Silberling. Ich bleib gehorsamst verbunden; das mochte mir zu stark seyn.

Veit. Ey, was? Possen! 's kommt mir auf ein Glas

nicht an. Da, trinken Sie nur brav! Prosit! Der Teufel! Sie machen ja ein Maul, als ob Sie Gift tranken! 's ist gut? Nicht wahr?

Silberling. O ja ... Nur ein Bischen zu stark ...

prr ...

Veit. Wollen Sie noch eins? Oder wollen Sie ein

Bissel warten? Nun, nun; hernach wieder, trinken Sie indess ein Glas Wein! Es ist achter alter Seewein. Wie haben Sie denn auf den gestrigen Abend geschlafen? Ich kam heim, ich weiss nicht wie? Und was macht der alte Seilberg? Hat er noch immer sein verdammtes Zipperlein? Der gute Kerl steht viel aus; aber er hats in der Jugend auch darnach gemacht. D' Jugendsunden kommen. S' geht mir auch nicht besser. Da heissts: Geduld ist das beste Kraut, und ein Glasel Tockayer. Sagen Sie mir doch, weil Sie erst von Munchen herkommen, wie siehts jetzt da am Hof aus? Stehts um 's Jagdwesen noch recht gut? Zu meiner Zeit wars gar herrlich.

Silberling. Verzeihen Sie! um das Jagdwesen hab

ich mich so genau nicht bekummert. Aber doch weiss ich, dass es gut ist, und wir haben einen sehr verstandigen Oberjagermeister. Sonst ist aber unser Hof einer der brillantesten. Wir haben gottliche Sanger, und ein Orchester, das in allen vier Welttheilen seines gleichen sucht. Unser gnadigster Churfurst ist selbst Maitre auf der Gambe und spielt bezaubernd.

Veit. Ey, was Musik? Da schier' ich mich einen Teufel drum! Ich kann keine Musik leiden; das Gefiedel und Gewinsel und Gekratz mocht einen rappelkopfisch machen! Ja, wenns noch 's Histhorn ist, und mein Liedel drauf: Das Jagen ist mein grosste Lust, das lasst sich noch horen! Aber sonst sag ich Ihnen, als ein guter Freund, alle andre Musik ist pur lautres Nichts.

Silberling. Sie mogen Recht haben! Aber der Gout ist eben sehr verschieden. Mir macht ein Koncert, und besonders eine Oper ein gar gottliches Plaisir. Doch, vergeben Sie! Ich wollte nicht die Impertinence begehen, Ihnen zu widersprechen. Sie beliebten gestern schon, und auch heute wieder von Munchen zu sprechen. Darf ich mir die Freyheit nehmen Sie zu fragen, wenn Sie da gewesen sind? Und was fur Virtuosen sich damals am Hof aufgehalten haben?

Veit. Da gewesen bin ich; Anno acht und dreyssig; aber von den Virtuosen weiss ich keinen Pfifferling; da hatt ich mehr zu thun, als mich darum zu bekummern. Sehn Sie, ich war beym Oberjagermeister im Hause; das war auch ein Kronhelm, und mein naher Vetter. Ich war auch Officier, und zwar kein so gepuderter Hundsfott, wie die jetzigen sind. Da konnt ich nun alle meine Zeit, die ich vom Dienst frey hatte, im Gehage zubringen. Das war ein Leben! Da hab ich was rechts gelernt. Jetzt ists alles nichts mehr; 's Wild nimmt ab, und d' Forst werden immer mehr ausgehauen. Z'lezt weiss ich nicht mehr, wo man jagen will? Aber damals waren d' Walder voll gespickt. Hund und Jager gabs gnug, und das lauter g'lernte Jager, und Parforcepferd auch! Nein, solche Tage krieg ich nicht mehr. Der Churfurst war selber ein ausgemachter Waidmann, bey dem man sich durch 'n Schuss, oder durch 'n Fang kommendiren konnte. War ich da blieben, jetzt war ich Obersjagermeister, und da war alles noch im alten Stand. Aber die lumpichten Franzosen waren Schuld dran, da musst ich mit meiner Compagnie an den Rhein hinunter. Wir waren Tag und Nacht geschoren, und d' Jagd gieng druber in die Rappuse. D' Pfalz war uberhaupt nicht mein Land; in den Weinbergen hats nichts, als Fuchse, und am Hof in Mannheim, wo wir einmal im Winterquartier lagen, gilt auch die leidige Musik, so wie jetzt in Munchen. Dafur schoss ich brav Soldaten todt, wenn's Feuer angieng. Im Grund ists einerley, und man konnts auch eine Jagd nennen, wenn's Wildpret, das man jagt, nur nicht wieder schosse. Sie haben mich auch brav kriegt, und ich musste tuchtig schweissen. Sehn Sie, da hab ich 'ne Kugel durch den Arm kriegt, und 'n Streifschuss in d' Waden. Es that, meiner Seel! verteufelt weh, und ich konnt zwey Monat lang nicht auf dem Fuss stehn. Aber ich drehte mich hubsch um, und schoss den Kerl auf d' Herzgrub, dass er umsank, wie ein Bock. Zwey Monat lang hatt ichs gut, bey meinem Schwahrvater seliger, das war ein guter Kamerad, aber als ich seine Tochter auftrieb, und zum Weib nahm, da wars aus; ich gieng mit ihr heim, und seitdem hab ich hier schon was ehrliches geschossen.

Silberling. So haben ja Ew. Gnaden recht sonderbare Avanturen gehabt; in der That!

Veit. Das glaub ich, man konnt ein ganz Buch von mir schreiben, wenn mans so recht wusste. Viel hab ich aber auch wieder vergessen. Potz Element! wir vergessen ja das Trinken ganz druber. Frisch eingeschenkt, und ang'stossen! Es leb die Jagd und der Krieg! Das ist so meine G'sundheit Der Seilberg, der kann Ihnen auch noch viel von mir erzahlen, wenn Sies wissen wollen.

Silberling. Ja, er hat mir auch schon viel Ruhmliches von Ew. Gnaden gesagt. Das ist gar ein unterhaltender und amusanter Mann, mit dem sichs gut conversirt. Und seine Enkelinn ist une jolie femme. Sie trug mir an Ew. Gnaden und Dero Herrn Sohn Ihr gehorsames Kompliment auf. (Zum jungen Kronhelm) Mon cher, Sie werden doch auch wol an den Hof gehen? Ich bin versichert, dass Sie da Ihr fortune gewiss machen werden.

Kronhelm. Verzeihen Sie! Ich studire, um mir einmal den Aufenthalt auf dem Land angenehm und unterhaltend zu machen.

Silberling. Eh bien! Die Gelehrsamkeit hat auch viele douceurs bey sich.

Veit. Sie mag haben, was sie will! Ich geb doch keinen Heller drum. Das ewige Stubenhocken! Da kommt mein Lebtag nichts bey heraus. Ich bin auch ein rechter Kerl, und habs doch ubers Lesen nicht 'naus bracht. Aber der Jung will kluger seyn, und sein Onkel, der geheime Rath in Munchen auch.

Silberling. Was ist das fur ein Mann, wenns erlaubt ist, Sie zu unterbrechen?

Veit. 'S ist der geheime Rath von Kronhelm, mein leiblicher Bruder.

Silberling. O, dem hab ich die Ehre, sehr speciell bekannt zu seyn.

Veit. Nun ja! 'S kann wohl seyn! Er ist sonst ein guter Kerl; aber, wenn er mit den Buchern kommt, da mag ich ihn nicht anhoren. Ich sag immer: Ein Edelmann muss nicht studieren, sonst wird er 'ne alte Hure. Aber, was ists? 'S lasst sich nun nicht andern. Mein Fritz soll ihn einmal erben, und da muss ich seine Grillen schon so gelten lassen. Sibylla, du bist ja so still! G'fallt dir denn der Herr? Sieh, so gehen sie in Munchen.

Silberling. O verzeihen Sie, gnadges Fraulein! Das ist nur so mein Reithabit. Ich muss mich sehr entschuldigen, dass ich so im Negligee vor Ihnen erscheine!

Sibylla. O, es steht Ihnen recht gut. Ich mocht wol auch einmal Munchen sehen; es muss da recht lustig seyn. Aufs Fluhjahr besuch ich meine Schwester. Kennen Sie sie auch? Sie heist Baronessin von Eller; ihr Mann ist, glaub ich, am Hof.

Silberling. O ja, ich habe die Gnade, Sie sehr wohl zu kennen. Es ist eine magnifique Dame. Sie gibt wochentlich Einmal Concert, und zweymal Assemblee. Sie werden Ihr recht willkommen seyn, gnadiges Fraulein, und in Munchen sehr brilliren.

Sibylle sprach noch viel mit ihm, und setzte ihn durch ihre Lebhaftigkeit, und ihr offenes Wesen oft in die groste Verlegenheit. Er glaubte aber doch, eine Eroberung bey ihr gemacht zu haben, weil sie sich so viel mit ihm abgab; und ritt ganz vergnugt weg.

Kronhelm gieng noch denselben Abend heimlich nach dem Haus der armen Bauersfrau, die im Thurm lag; und gab ihrem Mann die drey Gulden, damit er seine Frau losen konnte; aber er verboth ihm scharf, niemand ein Wort davon zu sagen, auch nicht einmal ihr, damit nur sein Vater nichts davon erfahren mochte. So gab er vor; aber im Grunde war die Ursache seines Verbots edler; er wollte unbekannt und im Stillen Gutes thun, weil er uberzeugt war, wie wenig fremdes Lob notig ist, wenn man durch Wohlthun glucklich werden will. Anfangs erschrack der Mann, als er den Junker herein treten sah, denn er furchtete neue Misshandlungen. Seine Kinder waren auch voll Angst, und erhuben ein Geschrey, weil ihnen gleich die Hunde wieder einfielen, bey denen sie den Junker diesen Morgen gesehen hatten. Aber als der Mann die Freundlichkeit des jungen Kronhelms sah, ward er ganz zuthatig, und wollt ihn eben um die Freylassung seiner Frau bitten, als ihm Kronhelm das Losegeld in die Hand druckte. Er wuste nicht, was er sagen sollte, stotterte einige Worte ohne Zusammenhang her, druckte Kronhelms Hand, und kuste sie. Ach Herr, das ist gar zu viel! Ich weiss nicht, ob ichs annehmen darf? wenn ichs nur vergelten konnte! Aber Gott vergelts, und die heilige Jungfrau! Sie haben mir auf einmal aus der Noth g'holfen. Ich sass eben da, und dachte, wo ich so viel Geld aufbringen sollte? Und meine Frau ist doch in der Haushaltung notig. Gott vergelts tausendmal! Du lieber Gott, was das ein Herr ist! Ja, ja, das leibhafte Ebenbild seiner Mutter. Sie ist oft auch bey mir gewesen, Junker, und hat mir in der Stille ausgeholfen; denn d' Nahrung ist jetzt eben gar knapp, und d' Abgaben schwer. Komm, Mariandel, kuss dem Herrn d' Hand! Das ist gar ein braver Herr; Komm Peter! Darfst dir nicht angst seyn lassen! Der Herr thut dir nichts. Mariane kam ganz schuchtern auf den Zehen hergeschlichen, gab Kronhelm die Hand, und wischte, mit der Schurze in der andern, sich die Augen. Kronhelm gab ihr einen Dreybatzner, und dem Jungen auch. Diess wollte der Mann gar nicht annehmen. Ich hab schon gnug, sagte er, wenn nur mein Weib los ist. Von der Hand ins Maul konnen wir uns schon verdienen. Nehmen's Sie's nur wieder, Junker. 'S ist, weiss Gott! zu viel. Kronhelm gieng hinaus, und wischte sich die Augen.

Als er nach Hause kam, war sein Vater schon zu Bette, weil er einige Anfalle vom Podagra hatte. Siegwart sass in Sibyllens und Kunigundens Gesellschaft, und erzalte ihnen allerley vom Kloster und von Theresen. Sibylle, die viele, aber aufbrausende Empfindung hatte, fiel ihm alle Augenblicke in die Rede, klatschte in die Hande, sprang auf, und rief: Das ist vortreflich, das ist herrlich! So ein drey Wochen mocht ich auch im Kloster seyn! u.s.w.

Ich keine acht Tage, sagte Kunigund, die von noch aufgeraumterem Gemuth war.

Abends auf dem Schlafzimmer fieng Siegwart an: Hor, Kronhelm, die Geschichte mit der Bauerfrau gieng mir den ganzen Tag nach. Du wirsts wol an mir gemerkt haben, denn ich sprach desswegen in der Gesellschaft fast kein Wort. Wir mussen der armen Frau warhaftig helfen. Sieh, da hab ich schon drey Gulden in ein Papierchen eingewickelt; wenn wirs ihr nur auf eine gute Art konnten zukommen lassen! Weist du nicht, wie wirs machen? Kronhelm. Du bist ein herrlicher Knabe, Siegwart; hast ein trefliches Gemuth! Sey nur unbesorgt! Ich habs diesen Abend schon gehort; der Mann, dessen Frau im Thurm liegt, ist ein reicher Soldner, der die 3 Gulden leicht geben kann; und Morgen wird er sie meinem Vater gleich zuschicken; diesen Abend wars nur zu spat. Nicht wahr, mein Vater ist ein harter Mann? So hab ich ihn aber auch noch nie gesehen. Es wird immer arger, und die leichtsinnige Gesellschaft macht sein Gefuhl immer stumpfer. Siegwart. Sag: die Jagd auch! Wer Tag und Nacht aufs arme Wild laurt und bestandig nichts als Blut und Morden sieht, wie kann der ein fuhlendes Herz, und mit Menschen Mitleiden haben? der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes, heists in der Bibel, und das ist buchstablich wahr. Die Jagd sollte nichts seyn, als dass man das uberflussige Wild, das dem Bauren Schaden thut, wegschiesst; oder, was man zur Nahrung braucht! Aber, wenn man die armen Thiere vollends martert, und zu Tode jagt, wie's am Hof bey Parforcejagden geschieht, da mocht einem das Herz im Leibe bluten. Da konnen sich dann die Unterthanen viel versprechen, wenn der Landsherr sich im Blute badet. Da kommen die abscheulichen Plackereyen und die Kriege her, die dein Vater selber eine Art von Jagd nennt. Nimm mir nicht ubel, Kronhelm! Ich dachte diesen Morgen, ich muste deinem Vater den Hirschfanger durch den Leib stossen, so aufgebracht war ich!

Kronhelm. Du hast recht. Siegwart; Und Gott verzeyh mirs! mir war auch nicht viel anders zu Muth. Aber lass uns von dergleichen Vorstellungen abstehen! Sie machen mich gar zu traurig. Wie wars, wenn wir uns durch unsre Violinen in eine andre Empfindung hinuberspielten? Weist du? Das herrliche Adagio von Schwindl.

Und nun spielten sie so schmelzend, so bebend und so wimmernd, dass ihre Seelen weich, wie Wachs wurden. Sie legten ihre Violinen nieder, sahn einander an mit Thranen in den Augen, sagten nichts, als: Vortreflich! Gute Nacht, Bruder! und legten sich zu Bette. Aber beyde konnten noch lange nicht schlafen, und fuhlten, dass die Seele des Gesangs sie noch umschwebe!

Um sechs Uhr standen sie auf, und weil sie noch niemand im Hause horten, so lasen sie im Virgil. Nach einer guten Stunde kam Junker Veit an den Krucken herein gehinkt, weil er das Podagra hatte. Siegwart legte das Buch, aufgeschlagen, neben sich auf den Tisch. Was Teufels! rief Veit, da habt ihr ja gar ein Buch! Sapperment! Was soll das heissen? Fort zum Henker und seiner Grossmutter! und indem schmiss er den Virgil auf den Misthaufen vor dem Fenster. Verzeyhen Sie, sagte Siegwart, das Buch handelt von Forsten und vom Waidwerk. Das ist was anders, antwortete Veit. Ja, wenn das ist, so hab ich allen Respekt davor. Steffen mags wieder herauf holen! Da, Steffen, hebt das Buch dort auf; auf dem Miste! und bringt mirs! Ich hab ehmals auch so ein Buch gehabt, 's heist der Dobel. 'S steht manches gutes drinn; aber 's meiste hab ich schon gewust. Man muss im Forst lernen, wenn man will ein rechter Waldmann werden. Das verfluchte Zipperlein hat mich so zu Schanden geritten! Ich kann heut nicht naus, und 's ist doch so ein herrlicher Tag. Aber dafur wollen wir doch, die Zeit nicht ganz ungenutzt vorbey streichen lassen. Kommt nur! Ich will euch viel rares zeigen! Erst fuhrte er sie in seine Gewehrkammer. Seht mir einmal! was das fur ein Vorrath ist! Nicht wahr? Der darf sich sehen lassen? Ich nehms mit jedem Churfursten auf, ob ers besser hat? Da seht! Das ist das Kontersait, von dem ich gestern g'sagt hab. Ist das nicht ein ehrliches Gesicht? Mit dem Schnurrbart, und dem krausen Backenbart! Und da, das Windspiel! 's ist meiner Seel! zum Kussen! Ich wollt viel drum geben, wenn ichs so im Leben hatte! Ja, seht euch nur recht um! So was extraschones kriegt ihr nicht so bald wieder zu sehen. Aber das Zeug, wie's so da ist, ist mich auch uber tausend Thaler gekommen. Wundert euch nur nicht! 'S ist warlich wahr; ich will drauf sterben! Nun habt ihrs gnug beschaut? So wollen wir halt allmahlich weiter.

Drauf schleppte er sich, mit vieler Muh, an seinen Krucken, die Stiege hinunter, und zeigte ihnen in der Hausthure die vielen Hirschgeweihe, die oben, in der Reihe herum, wie er die Hirsche geschossen hatte, fest gemacht waren. Mit vieler Umstandlichkeit und tausend Betheurungsfluchen erzalte er ihnen die Geschichte jedes Hirsches, wo und wann er ihn geschossen habe? u.s.w.

Von da giengs zu den Hunden, deren eine ungeheure Menge war. Sa, sa sa! Hurah! Dax, Dax! rief er, und alle Hunde liefen mit grossem Gebell herbey; sprangen an ihm hinauf; hiengen sich an ihn an; und umzingelten ihn so, dass er aussah, wie der Englander Wildmann, dem sich, auf seinen Wink, ein Schwarm von Bienen ins Gesicht setzt. Nun liess er sich von seinem Jager zwo grosse Multen voll derbe Stucken Brod bringen; gab einem Hund nach dem andern ein Stuck, und erzalte dabey sein Alter, seine Race, seinen Namen, seine Tugenden und Thaten. Dies wahrte uber eine Stunde, und im Pferdestall giengs eben so. Indem kam der Junker Jobst auf einem alten Klepper hergesprengt; stieg, ohn ein Wort zu reden ab, fuhrte seine Mahre in den Stall, und sagte nun: Auf den Nachmittag werde Junker Seilberg, Fraulein Regine, Baron Striebel, und der kleine Herr von Silberling mit seinem Haarbeutel zum Besuch kommen. Brav, brav! rief Junker Veit; die kommen mir eben recht bey meinem Zipperlein! Den Einen hats verlassen, und den andern nimmts beym Schopf. Kommen Sie zu Wagen? Freylich, sagte Jobst, Silberling kommt ja im Haarbeutel. Aber, Herr Bruder, nun schaff mir was zu trinken! Denn ich bin verteufelt durstig. Veit bestellte gleich im Stall eine Bouteille, die Jobst ohne viele Umstande austrank. Bis zum Essen wurde von Geschichten aus der Gegend, und Jagdangelegenheiten gesprochen, die zum Anfuhren zu unwichtig sind. Bey Tisch wurden die Rebhuhner aufgetragen, die Kronhelm und Siegwart geschossen hatten, denn das Schwein muste erst in der Stadt gebrannt werden. Die Rebhuhner gaben Junkern Veit zu manchem Spass und zu vielen Gesundheiten Anlass, so dass er heute vor der Zeit stark berauscht wurde, wozu der Verdruss uber sein Podagra auch viel beytrug. Junker Jobst blieb ihm nichts schuldig. Er fieng an, zu singen, und mit Sibyllen schon zu thun; die ihn aber garstig ablaufen liess, und ihm derbe Grobheiten sagte; doch die schuttelte er ab, weil sie von einem adelichen Frauenzimmer herkamen. Endlich kam die ubrige Gesellschaft auch; Kronhelm sprang hinab, sie zu bewillkommen, und hob die Personen aus dem Wagen; der alte Seilberg musste von zwey Bedienten die Treppen hinauf gefuhrt werden. Silberling stand auf der Seite, um Reginen seinen Arm zu bieten. Er trat mit einer Verbeugung naher, als ihr eben Kronhelm, der es nicht wahrgenommen hatte, die Hand gab. Ganz betroffen sprang Silberling zuruck, und ward feuerroth; Kronhelm ward es auch, und sagte: Verzeihen Sie. Es ist recht gut so, lispelte Regine, und sah unserm Kronhelm freundlichlachelnd ins Gesicht. Die beyden Alten erzalten sich nun von ihrem Podagra, schimpften drauf; und kamen auf ihre Jugendstucke zu sprechen, die so erbaulich waren, dass Kronhelm und Siegwart auf einen Wink Reginens sich mit ihr entfernten, und in den verwilderten Schlossgarten giengen. Ihre Abwesenheit ward von niemand bemerkt, als von Sibyllen und von Silberling, dem der Angstschweiss ausbrach. Er ruckte auf seinem Stuhl hin und her, und ware so gern weggegangen, wenn er nur nicht die Anmerkungen und Spottereyen der Edelleute gefurchtet hatte. Sibylle durfte nicht weggehen, weil sie aufwarten muste; denn Kunigunde nahm immer in Gesellschaft die Mine der gnadigen Frau an, und bewegte sich nicht von ihrer Stelle. Dabey war ihr der saftige Scherz der Edelleute viel zu angenehm; sie konnte hier alle ihre Gaben auskramen, und das ihrige treulich hinzuthun. Regine gab im Garten Kronhelm selbst ihre Hand, und sagte: Lassen Sie uns hier, statt des ewigen Gelerms, der stillen und ruhigen Natur geniessen! Ich bin des Aufenthalts bey meinem Grosspapa so satt, dass ichs Ihnen nicht genug sagen kann. Und nun ist noch der abgeschmackte Silberling da. Ich kann ihn nicht anders nennen, so gern ich auch von andern sonst gelind urtheile. Den ganzen Tag hupft er um mich her, und ich bin keinen Augenblick vor ihm sicher.

Siegwart. Erlauben Sie, ist er schon lang bey Ihnen, gnadiges Fraulein?

Regina. Bald vierzehn Tage; und wie lang's noch wahren wird? weiss der Himmel.

Kronhelm. Darf ich mich erkuhnen, Sie zu fragen, wenns nicht zu verwegen ist, hat er Absichten auf Sie?

Regina. Ich weiss nicht, Herr von Kronhelm! Aber soviel kann ich sagen, dass ich keine auf ihn habe. Wenn er mir auch weniger missfiele, so wurd ich doch Bedenken tragen, in die Stadt zu gehen. Ich bin sie so uberdrussig geworden, und das Land, mit aller seiner Ruhe, zieht mein Herz so sehr an sich, dass ich nur da recht lebe. Tausendmal, Herr Siegwart, hab ich mit Ihrer lieben Schwester druber gesprochen, und mich ganz in Traumereyen vertieft.

Siegwart. Ja, sie ist auch ganz Ihrer Meynung, gnadges Fraulein, und zieht das Land allem andern vor.

Regina. Denken Sie sich einmal, Herr von Kronhelm denn ich weiss, Sie lieben auch das Land was das schon ist? Zwey Seelen, die einander uber alles lieben, und nun hier, der Welt unbekannt, in stiller Ruhe leben! Die ganze Gegend, mit allen ihren Reizen bluht fur sie. Ungestort betrachten sie alle Schonheiten und Veranderungen der Natur. Kein Stadtgerucht, keine Verlaumdung naht sich ihnen. Was mussen sie auf einsamen Spatziergangen fuhlen, wenn alle Vogel sich beeifern, Entzucken in ihr reines Herz zu singen; wenn ihr landliches Mahl aus lauter Fruchten besteht, die sie selbst gepflanzt haben; wenn die Abendsonn' in ihre Sommerlaube glanzt, und die Blumen um sie her duften? Wenn dann das himmelvolleste Gefuhl der Zartlichkeit aus ihnen weint; was denken Sie von einem solchen Paar, Herr von Kronhelm?

Kronhelm. Dass es recht glucklich seyn muss, gnadiges Fraulein!

Regina. Recht glucklich? Weiter nichts? Warum so kalt, Herr von Kronhelm? Sind Sie immer so?

Kronhelm. Immer so, gnadiges Fraulein! Kalt zwar nicht. Doch, wenn Sies so zu nennen belieben ?

Regina. Nun, was ist es denn? Sagen Sie mir einmal: mochten Sie nicht der Eine Theil des glucklichen Paars seyn?

Kronhelm. O ja, gnadges Fraulein.

Regina. O ja, O ja! Und immer kalter! Ihr Gesicht muss ziemlich trugen. Es verspricht so viel Empfindung; so viel schwarmerisches! Und ich liebe das Schwarmerische so.

Kronhelm. So thut mirs Leid, dass mein Gesicht trugt! Denn ich mochte Ihnen nicht missfallen.

Regina. Missfallen! Wer spricht auch gleich davon? Aber, Kronhelm! Sie sollten mehr wunschen, als mir nur nicht zu missfallen! Verzeihen Sie, ich hab schon zuviel geredt; Ich bin eben ein Landmadchen; und die verstehen freylich so das Feine nicht.

Kronhelm. Ich verstehe Sie nicht, gnadiges Fraulein!

Regina. Nicht? nun so kann ich nicht dafur. So bedauren Sie mich!

Und nun gieng sie weg, und weinte. Siegwart stand ganz betroffen da, und sah Kronhelm an. Er wuste sich in sein Betragen schlechterdings nicht zu finden. Das Fraulein buckte sich; brach ein paar Tausendschonchen ab; hielt sie fest zusammen, sah sie staar an, und zerriss sie dann plotzlich. Kronhelm gieng allein einen Gang hinauf, Siegwart stand da, und wuste nicht, ob er gehen, oder bleiben sollte? Endlich kam Regine wieder zu ihm, sprach mit ihm von seiner Schwester; und vom Kloster, dass es da so traurig sey; uberhaupt, sagte sie, sind wir Madchen die elendesten Geschopf auf Gottes Erdboden! Alles neckt an uns; alles nimmt man uns ubel, was den Mannern hundertmal erlaubt ist! Siegwart wuste nichts zu antworten. Kronhelm kam wieder. Sind sie bose, Herr von Kronhelm? sagte Regine. Verzeihen Sie! Ich war vorhin viel zu heftig; das ist so mein Temperamentsfehler. Meine Mutter war auch so.

Kronhelm. Sie sind ungerecht gegen sich, Fraulein! Warum sollt ich Ihnen bose seyn?

Regina. Je nun! Lassen Sies gut seyn! Wir haben uns missverstanden. Sagen Sie mir doch, werden Sie noch lang hier bleiben? Werden Sie mich noch einmal besuchen?

Kronhelm. Ueber ein paar Tage bleiben wir nicht mehr hier, die Ferien gehn bald zu Ende. Ich weiss also nicht, ob ich das Vergnugen haben werde, Sie noch einmal zu sehen?

Regina. Also auch das nicht? Nun, es ist gut! Es gehort noch zum Vorigen. Wenns Ihnen gefallig ist, so gehn wir wieder zur Gesellschaft. Mein Grosspapa wird ohnedies heut nicht gar lange bleiben konnen, da ihn das Podagra erst seit gestern fruh verlassen hat.

Sie kamen wieder in die Gesellschaft, wo Jobst und Kunigunde sich uber Silberling sehr lustig machten. Baron Striebel nahm oft seine Parthie, aber immer konnt er es doch nicht, weil Silberling oft gar zu einfaltige Antworten gab. Junker Veit war ganz unaufgeraumt, und beklagte sich sehr uber sein Zipperlein. Die Gesellschaft gieng bald auseinander, und Junker Veit legte sich fruhzeitig zu Bette. Siegwart und der junge Kronhelm giengen auf ihr Zimmer. Kronhelm sah es seinem Freund an, dass er etwas auf dem Herzen habe. Endlich fieng dieser an: Hor, Kronhelm, dein heutiges Betragen gegen das Fraulein Stellmann kommt mir ganz sonderbar vor; ich kann die Kalte, die du annahmst, nicht begreifen; zumal da das Fraulein gegen dich nichts weniger, als gleichgultig zu seyn scheint.

Kronhelm. Wie? Wenn ich aber gerade deswegen mein Betragen so eingerichtet hatte?

Siegwart. Das ist mir noch unbegreiflicher und rathselhafter. Das Fraulein, deucht mir, ist ein vortrefliches Frauenzimmer, das deine Hochachtung und Liebe wol verdiente.

Kronhelm. Vielleicht. Aber muss Hochachtung und Liebe gleich beysammen stehen?

Siegwart. Das nun eben nicht; aber ich denke, die Liebe kommt bald nach, wenn man von einem Frauenzimmer, fur das man schon Hochachtung fuhlt, auch noch geliebt wird?

Kronhelm. Nicht immer, Siegwart; und hier trifts gerade nicht ein. Sieh, ich glaub auch, dass mich das Fraulein liebt; und eben deswegen nahm ich den kalten Ton an, der mir sonst gar nicht naturlich ist, um ihre Leidenschaft mehr zu dampfen, als anzufachen. Man kann im Umgang mit Madchen nicht vorsichtig genug seyn; jedes Wort muss man abwagen; sie legen gar zu gerne aus, und wir mussen keine Veranlassung dazu geben! Ich argere mich doch genug, wenn ich jetzt viele Junglinge in dem leichtsinnigen und schmeichlerischen Ton mit Madchen sprechen hore, der jetzt immer allgemeiner wird. Dadurch werden die Leichtglaubigen und eiteln Seelen ganz verdorben; ihre Eitelkeit wird genahrt, und sie traumen taglich von Eroberungen und von Siegen. Ich halte jeden fur einen Feind des weiblichen Geschlechts, der den Madchen nichts als Sussigkeiten vorsagt; alles an ihnen bewundert und erhebt; und ihnen unaufhorlich die Hande leckt. Die armen Geschopfe wissen ja nicht, worauf es angesehen ist? und ob mans aufrichtig mit ihnen meynt? Sie werden entweder Koquetten, oder misstrauisch und sprode. Ich konnt es nicht uber s Herz bringen, einem Madchen Schmeicheleyen zu sagen, oder den Schein zu haben, als ob mir an ihrer Gunst und Liebe was gelegen ware, wenn ich nicht ihre Liebe suchte, und sie fur mein grostes Gluck hielte. Da das nun zwischen mir und Reginen der Fall nicht ist, so must ich mich zuruck ziehen, und kalt thun; zumal da meine Frage, ob Silberling Absichten auf sie habe? ziemlich vorwitzig und unuberlegt war.

Siegwart. Deine Grundsatze sind herrlich, Kronhelm, und ich wunschte nichts, als dass sie jeder Jungling sich zu eigen machte. Aber, sag mir, warum du gegen das Fraulein keine Zuneigung fuhlst, da sie doch so viele Vorzuge vor andern hat?

Kronhelm. Aus verschiedenen Grunden, Siegwart, und zum Theil auch aus einer dunkeln, unentwickelten Empfindung. In meinem Herzen ist ein gewisses Leere, das durch Sie nicht ausgefullt wird; Sie gefallt mir, aber weiter nicht. So lang ich bey ihr bin, find' ich zwar an ihrem Umgang Wohlgefallen; aber nachher vergess ich sie wieder, und fuhle keine weitre Sehnsucht nach ihr. Kurz, eine dunkle Empfindung sagt mir, dass sie das Madchen noch nicht sey, das fur mich allein geschaffen ist, und dereinst mein ganzes Daseyn ausfullen und beleben soll. Und dann, muss ich dir gestehen, soviel mir an dem Fraulein gefallt, so viel missfallt mir auch an ihr. Was sie heut vom Landleben sagte, scheint mir mehr Deklamation zu seyn, als inniges, empfundenes Gefuhl. Man spricht von dem nur wenig, was man hat und fuhlt! Und besonders hat mir ihr Betragen gegen mich sehr missfallen. Sie kann uberhaupt noch keine wahre Liebe zu mir fuhlen, da sie mich noch viel zu wenig kennt. Wahre Liebe grundet sich auf Hochachtung, und muss der hochste Grad von Freundschaft seyn. Beydes ist nicht moglich, wenn man nicht die Vorzuge des andern genau kennt; und diese lernt man erst durch einen langern und vertrautern Umgang kennen. Ich weiss wol, dass die Liebe sich mehrentheils beym Aeusserlichen, bey der Gesichtsbildung, und dergleichen anfangt; aber von dieser Liebe halt ich auch so viel nicht. Und nun bedenk, wie hat das Fraulein ihre Liebe gegen mich geaussert? Gab sie sich nicht vollig blos? Wars nicht eben soviel, als ob sie sagte: Kommen Sie! wir wollen einander heyrathen! Wahre Liebe spricht nicht! Man kann sich Jahrelang lieben, ohn' es sich zu sagen! Man konnte zwar ihr Betragen schwabische Offenherzigkeit, landliche Einfalt und naives Wesen nennen; aber mich deucht, das ist ganz was anders. Das weibliche Geschlecht kann bey seiner Feinheit der Empfindung so nicht reden. Es muss immer, besonders bey der Liebe, einen gewissen Stolz, eine edle Wurde beybehalten, und sich nie, wenn ich so sagen darf, selbst feil bieten! Niemand schatzt einen offenen Charakter, und ein ungezwungnes, ungeziertes Wesen mehr, als ich. Ein Madchen, das mit einer gewissen Anmuth und Einfalt seine Meynung frey und offenherzig sagt, ist das angenehmste Geschopf; und diese Gabe scheint deine Schwester, deiner Erzahlung und den Briefen nach, die ich von ihr sah, in einem ganz vorzuglichen Maasse zu besitzen. Aber frag dich selbst, ob du das bey Reginen auch findest? Ob durch ihr gerades Wesen nicht die weibliche Delikatesse beleidigt werden muss?

Siegwart. Das ist schon gut, Kronhelm; aber bey dem Fraulein kanns ein Fehler der Erziehung seyn; und dann mussen wir doch das bedenken, was sie selber zu mir sagte, dass das weibliche Geschlecht auf diese Art sehr schlimm daran ist, wenn man ihm alles das ubel nehmen will, was uns hundertmal erlaubt ist.

Kronhelm. Recht, Siegwart, das sag ich auch! Ein Geschlecht sollte soviel Freyheit haben, als das andere! Man hatte diesen Ton nicht einfuhren sollen! Wir sind Tyrannen des weiblichen Geschlechts. Aber da es nun einmal ein angenommner Grundsatz ist, so mussen sich die Madchen auch darnach bequemen, weil ihnen die Ueberschreitung desselben so nachtheilig ist. Und ganz scheint die Regel doch nicht von unserm Eigensinn abzuhangen. Es ist allgemein, dass ein Madchen sich verachtlich macht, wenn sie sich selbst anbeut. Jeder fuhlts bey sich; sein Gefuhl wird beleidigt, und es scheint so in der Natur zu liegen. Ich hab ubrigens mit dem Fraulein Mitleid. Dem Anfang der Liebe kann man schwer widerstehen. Glaub mir, dass mein Herz viel litt, als ich den trockenen und kalten Ton annehmen muste.

Siegwart. Ich sahs wol, als du den Gang allein hinaufgiengest, dass in deiner Seele mancher Kampf vorgehen musse. Ich bewundre deine Klugheit, und begreife nicht, wo du die Kentnis des weiblichen Herzens und der Liebe her hast?

Kronhelm. Mir hab ich wenig, und das meiste meinem Onkel in Munchen zu verdanken, der oft uber diese Sache sprach; und dann fand ich seine Grundsatze durch die Erfahrungen bestatigt, die ich an den Frauenzimmern machte, die in sein Haus kamen. Weist du aber, was wir nun zu thun haben? Wir mussen sobald als moglich wieder auf die Schule zuruck. Ich muss dem Fraulein soviel, als sich thun last, ausweichen, und dann bin ichs auch uberdrussig, langer hier zu bleiben. Ich kann von meinem Vater besser denken, wenn ich von ihm entfernt, als wenn ich um ihn bin, und seine Art zu denken und zu handeln mit ansehe. Wir wollen sagen, dass die Schule kunftige Woche wieder anfange, und dann mussen wir ubermorgen, oder hochstens in drey Tagen wieder in die Stadt.

Siegwart war es sehr zufrieden; denn seit der Misshandlung der Baurenfrau gefiel es ihm auch bey dem Junker Veit gar nicht mehr. Sie beschlossen, es ihm morgen zu sagen, und legten sich, nachdem sie noch etwas auf der Violine gespielt hatten, zu Bette.

Junker Veit befand sich den andern Morgen, wegen seines Zipperleins, sehr ubel; er muste sich zu Bette halten, und liess seinen Sohn und Siegwart zu sich kommen. Seht ihr, was ich fur ein Hundsfotr bin? sagte er. Da lieg ich, wie eine alte Hirschkuh, und kann mich vor Schmerzen nicht ruhren, und nicht wenden! Ja, wenn man in der Jugend alles so bedachte, da hatt ich freylich manches unterlassen konnen. Aber, Sakerkot! wer wird da immer an d' Gicht und ans Zipperlein denken? Fritz, ich sag dir, lass doch nicht zu viel mit den Madels ein! 's nichts g'scheides bey heraus! Sieh! daher kommt mein meistes Elend. Ja, wenn ich deiner Mutter immer g'folgt war! Aber die nahm halt vieles auch gar zu genau! Stopf mir einmal meine Pfeif! Vielleicht hilfts Rauchen fur die Schmerzen; wenigstens vergisst mans druber. Siegwart, du siehst ja ganz trubselig aus! Hast Mitleid mit mir? Guter Jung! Aber glaub mir, ich verdiens auch; denn das Zipperlein brennt gar infam! Ich wollt gern ein paar Messen lesen lassen, wenns nur hulfe! Aber schaden kanns doch auch nicht. Lass dem Pfarrer sagen, Fritz, er mocht fur mich beten; aber eifrig! Hasts ghort? Zuweilen, Siegwart, kann man die Pfaffen schon brauchen, wenn Noth an Mann geht. Nun, Fritz, ists bestellt? Ich sag euch, Jungens, keine Stunde reut mich, die ich auf der Jagd zubracht hab, denn da wird man frisch und munter, wie ein Rehbock; aber das andere Zeugs hatt ich freylich konnen bleiben lassen. Nun, nun, was geschehen ist, last sich nicht mehr andern! Wenns nur nicht gar zu lang anhalt; denn diessmal hat michs recht niederg'worfen Heut must ihr schon zu Haus Geduld haben! Morgen konnen wir vielleicht wieder 'naus, wenns besser wird! Verzeihen Sie, Papa, sagte Kronhelm, auf den Montag gehn unsre Schulstunden wieder an, und da werden wir wol ubermorgen reisen mussen. Was? schrie Junker Veit, schon wieder fort? Und seyd kaum herausgekommen? Sapperment! Erst zweymal sind wir auf der Jagd gewesen, und ich wollt euch noch in allen meinen Forsten rumfuhren! Nein, das geht nicht an! Seht, jetzt wollt ihr mich verlassen, da ich wie ein Kruppel da liege, und mir nicht zu helfen weiss. Nein, bey meiner Seel! ihr must noch bleiben! Siegwart sagte, dass es schlechterdings nicht angehe; Sie wurden bey ihren Professoren in Ungelegenheit daruber kommen, und bestandig Vorwurfe deswegen horen mussen. Ja so gehts bey den Blitzpfaffen; sagte Veit; da ist das ewige Kommandiren und Einsperren! Da werden die besten Leute durch verdorben, und zu Dummkopfen gemacht, die nicht wissen, ob die Welt grun oder gelb aussieht? Mit der einfaltigen Gelehrsamkeit! Ich hab in meinem Leben nie gehort, dass ein Gelehrter 'n guten Soldaten, oder Jager abgeben hab. Da must ihr nun wieder in euer Klaus 'nein, und bey den dummen Buchern schwitzen! Ja, da war ich ein Narr! Da ist mir Gott's freye Luft lieber! Konnt ich nur jetzt drinn seyn! Er klagte noch so eine ziemliche Zeit fort, und erzalte dann wieder von seinem Soldatenstand, und von seinen Jagerthaten. Endlich nahmen seine Schmerzen etwas ab, und er liess sich aus dem Bette heben. Bey Tisch wurd er wieder ganz munter, und mit den Schmerzen verliessen ihn auch seine ernsthaften Gedanken wieder. Ueber Tisch liess sich der Pfarrer aus dem Dorfe melden. Hah, hah! sagte Veit, der riecht den Braten; Nun, last ihn nur kommen! Er wird wieder durstig seyn, und da weiss er, dass er am ersten etwas kriegt, wenn ich krank bin. S ist sonst ein guter Narr, mit dem man wol 'n Spas haben kann.

Der Pfarrer kam, und schlich sich demuthig in die Stube herein. Willkomm, Herr Pfarr! schrie Veit; Nur frisch hereingegangen! 'S ist schon wieder besser.

Pfarrer. Ich bedaure, gnadiger Herr! Ich hab gehort, dass Sie wieder nicht recht

Veit. Ja, ja! 'S ist schon gut, sag ich. Leg er nur den Hut ab, und setz er sich hieher! Wie stehts denn, Alter? Was macht seine Kochinn? Braucht er bald wieder eine neue?

Pfarrer. Ich bitt um Vergebung, Ihr Gnaden! Warum sollt ich eine neue brauchen?

Veit. Je nun, das hat so seine Ursachen. Man kennt euch Leute schon! Thu er nur nicht so sittsam, als ob er alle Heiligkeit allein gepachtet hatte! Vor den Leuten da darf er sich nicht scheuen, die kennen seine Umstande schon. Das ist mein Sohn, und der andre ist ein guter Freund von ihm. Was giebts denn Neues? Ists wahr, dass des Pfarrers von Aderlingen Kochinn schwanger ist?

Pfarrer. Ich weiss nicht, Ihr Gnaden; aber die arge Welt sagt so.

Veit. Die arge Welt? Da muss es die arge Welt seyn, wenn von Euresgleichen was gesagt wird. Aber gelt, wenn ein armer Teufel, der kein Pfaff ist, was gethan hat, da konnt ihrs nicht genug ausposaunen; da fangt ihr 'n Lerm auf der Kanzel an, als ob d' Welt einfallen wollte! Nun, es leben d' Pfaffen und ihre Kochinnen! Gelt, da schmunzelt er, der alte Knasterhart? Ja, ihr seyd mir rechte Fuchse! Hat er denn den Morgen brav gebetet, dass mein Zipperlein zum Teufel geh? Nun, 's hat brav geholfen, und jetzt wollen wir uns dafur tuchtig betrinken!

Der Pfarrer that auch von seiner Seite alles Mogliche, und brachte es in Kurzem so weit, dass er die argsten Zoten vorbrachte, und von sich die niedrigsten Schandthaten erzalte. Er blieb bis Abends um zehn Uhr da, und muste von zween Bedienten nach Haus gebracht werden. Kronhelm that es in der Seele weh, dass ein Mensch, der sich fur einen Lehrer Gottes an die Menschen ausgibt, sich bis zum Thier herab erniedriget. Siegwart dachte tausendmal dabey an seinen Pater Anton, und den ehrlichen Pfarrer in Windenheim.

Wenns viel solche Prediger gibt, sagte Siegwart Abends noch zu Kronhelm; dann wundre ich mich nicht mehr uber die Geringschatzung der Religion. Wer sie nicht selbst aus der Quelle kennt, und sie dann von solchen Leuten lernen, und hochschatzen und lieben soll, der muss beynah ein Freygeist und Religionsspotter werden; aber eben deswegen sollte man unsern Laien die Bibel nicht entziehen, damit sie daraus Trost und Lehre schopfen konnten, wenn sie von ihren Lehrern keinen zu erwarten haben. So ein Mann, wie dein Pfarrer ist, macht tausend Seelen unglucklich, und ich mocht' einst seine Verantwortung nicht ubernehmen!

Den andern Tag befand sich Junker Veit etwas leidlicher, doch must er sich zu Hause aufhalten. Er schlug unsern beyden Junglingen vor, ob sie nicht auf die Jagd gehen wollten? So konnten sie doch noch einen andern von seinen Forsten kennen lernen; Er woll ihnen einen Jager mitgeben, der ein Ausbund von einem Waidmann sey. Kronhelm und Siegwart nahmen den Antrag gerne an, denn in seiner Gesellschaft ward ihnen die Zeit ziemlich lang. Sie schossen verschiedne Stucke Kleinwildpret, und einen Bock. Um Essenszeit kamen sie wieder nach Haus; Der Junker hatte ein inniges Vergnugen uber ihre Geschicklichkeit, und bedaurte nur, dass sie schon so bald fort musten. Den Nachmittag sprach er wieder bey der Bouteille brav ein, und versprach, sie den andern Morgen eine Meile weit zu begleiten, wenn es nur sein Zipperlein zulasse. Er konnte aber sein Versprechen nicht halten, weil seine Schmerzen wieder zunahmen. Fruh um sieben Uhr, als die Pferde schon gesattelt waren, liess er sie vor sein Bette kommen; und nahm von ihnen, da ihn die Schmerzen etwas murbe gemacht hatten, mit ziemlicher Bewegung Abschied. Nun leb wol, Fritz, sagte er, und wischte sich die Augen; wenns denn seyn muss! Und fuhr dich als ein Junker auf! Es war mir lieb, dass ich dich als 'n ehrlichen Kerl hab kennen lernen, der sein Waidwerk versteht. Wenn du nur das nicht vergist; am andern ist blutwenig g'legen! Wenn du wieder einmal zu mir kommst, dann solls, denk ich besser gehen! Diesmal hat mir das verhenkerte Zipperlein einen Strich durch die Rechnung gemacht. Geld will ich dir auch schikken, wenn du's notig hast; und da schenk ich dir noch zum Andenken eine Flinte. Sie ist probat, und versagt dir gewiss nie. Mit den Madels lass dich nicht ein! Denk an deinen Vater und ans Zipperlein! Nun kannst du gehen! Weiler weiss ich nichts. Und dir, Siegwart, dank ich, dass du bey mir eing'sprochen hast. Du hast mir viel Freud gemacht, weil du mehr verstehst, als mancher Junker. Wenn du von Adel warest, Junge, solltest meine Tochter haben; aber so ists nichts! Adies! Sie musten noch ein Glas Quetschenwasser trinken, und setzten sich zu Pferde. Kunigunde liess sich nicht sehen; aber Sibylle war zugegen; kuste und herzte ihren Bruder, und nahm mit Thranen Abschied. Der Reitknecht Jakob ritt wieder mit ihnen. Als sie durch den Wald kamen, wo er den Hirsch geschossen hatte, fieng er wieder an: Sapperment, Junker, den Streich kann ich noch nicht vergessen, den sie mir auf diesem nehmlichen Platz g'spielt haben. Der Hirsch war gar zu schon! Ich mocht meinem gnadigen Herrn nur nichts sagen, um Ihnen keinen Verdruss an den Hals zu werfen; denn ich will drauf schworen, dass er g'wettert haben wurd! Kronhelm hiess ihn schweigen, und gab ihm die Erlaubnis, seinem Vater die ganze Geschichte zu erzalen.

Als sie wieder auf der Schule ankamen, und sich beym Prior gemeldet hatten, so war ihr erster Gang zum braven P. Philipp. Wie erschracken sie, als das Zimmer, wegen der herabgelassenen Vorhange ganz dunkel war, und ihr lieber Pater im Bette lag! P. Johann sass neben ihm, und hatte einen lateinischen Psalter in der Hand. Willkommen, lieben Freunde, sagte P. Philipp mit heiserer und leiser Stimme. Es ist mir lieb, dass ich euch noch sehe! Gott hat eine Veranderung mit mir beschlossen. Ich werd euch bald verlassen mussen. Mir gehts wohl!.. Die beyden Junglinge konnten sich nicht langer halten; die hellen Thranen sturzten ihnen aus den Augen, und sie schluchzten laut. Gebt euch zufrieden, lieben Freunde! Mir gehts wohl; und Bruder Johann wird euch meine Stelle wieder ersetzen; er liebt euch auch .... Ich habe gnug auf der Welt gesehen.. Hab auch viel gelitten.. Mir wirds wohl werden. Mein Andenken ist alles, was ich euch hinterlassen kann, und etliche Bucher, die ich aufgeschrieben habe.. Ihr bekommt nun einen Freund im Himmel mehr.. Um Christi willen hoff ichs ... Kronhelm, gib mir deine Hand!.. Du auch, Siegwart! Seht, ich leg sie ineinander.. Bleibt Freunde!.. und wandelt auf dem Weg der Rechtschaffenheit dem Himmel zu!.. Vergest euren treuen Lehrer, Freund, und Bruder nicht! ... Nun mocht ich wol ein Bischen allein seyn!.. Ich bin so matt

Die beyden Freunde wankten aus dem Zimmer auf das ihrige; Jeder warf sich auf einen Stuhl, sah den andern an, und sprach kein Wort. Gott! sagte Siegwart, was ist der Mensch? Ist denn nichts, als Elend auf der Welt? Wenn ich nur mit ihm sturbe! Und du auch, Kronhelm! Dieser, der von Natur gelassener war, und sich mehr gleich blieb, ob sich gleich seine Seele tief verwundet fuhlte, suchte seinen Freund zu trosten, und von seiner Ungeduld abzubringen. Endlich fiengen aber doch beyde wieder mit einander an zu weinen. Nach einer halben Stunde schlichen sie sich an das Krankenzimmer, und sahen, weil die Thure halb offen war, hinein. P. Johann winkte ihnen; sie traten leise an das Bette; und der Fromme, mit dem blassen, eingefallenen Gesicht, lag in ruhigem Schlummer da, und lachelte zuweilen; ein paarmal streckte er die Hande aus und faltete sie. Endlich wachte er mit heftiger Bewegung auf, blickte wild umher, und sagte hastig: Bald ists vorbey! Nur noch Einmal!.. Ich hab ihn schon gesehen!. Er ist schrocklich!.. und schon!.. und furchterlich! ... Dann sah er wieder um sich, erblickte die beyden Junglinge; lachelte; gab Siegwarten die Hand, und sagte: Seyd ihr auch noch da? Ich dachte, ihr waret langst gestorben! Dann schwieg er wieder, und bewegte nur die Lippen, vermuthlich, um zu beten, denn sein mattes Aug sah muhsam in die Hohe. Kronhelm und Siegwart baten den P. Johann, dass sie die Nacht bey ihrem Lehrer wachen durften. Er gab es gerne zu, weil er durch ein paar Nachtwachen schon sehr abgemattet war, und die meisten Lehrer die Ferien uber verreist waren. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, um zu schlafen, und bat, ihn nur dann zu wecken, wenns mit dem Pater merklich schlimmer wurde. Dieser phantasirte fast die ganze Nacht durch; nur zuweilen hatte er lichte Augenblicke, und dann sprach er aufs zartlichste mit seinen Freunden, ermunterte sie zur christlichen Rechtschaffenheit, und sagte: ohne sie wurd er dem Tod nicht so getrost entgegen sehen konnen. Nachdem er sich die Nacht durch ganz mude phantasirt hatte, so fiel er gegen Morgen in einen tiefen Schlummer, der dem Tode fast ahnlich sah. Kronhelm und Siegwart warfen sich auf ihr Bette, und blieben bis gegen Mittag liegen.

Als sie wieder auf das Krankenzimmer kamen, so war der Pater aufgewacht, und sah weit heiterer und frischer aus. Der Schlaf hatte den Abgang seiner Krafte wieder ersetzt und der Arzt, der eben dazu kam, fasste nicht geringe Hofnung zu seiner Besserung. Er konnte wieder etwas Nahrung zu sich nehmen, und das Irrereden blieb aus. Kronhelm und Siegwart wurden, durch diese Hofnung, wie neubelebt, und konnten nun erst um die Gesundheit ihres Freundes beten; vorher hatten sie's nicht gekonnt. Er ward merklich besser, und konnte nach ein paar Tagen schon wieder eine halbe Stunde auf sitzen. Die beyden Junglinge waren unaufhorlich um ihn, und lernten aus seinem Munde tausend weise Lehren; denn nichts ist lehrreicher, als das Krankenbette eines weisen Christen; Nirgends dringen die Lehren tiefer ein. Nun lernten Kronhelm und Siegwart erst das Gluck recht schatzen, einen solchen Lehrer zum Freund zu haben. Nun sahen sie die Grosse des Verlustes erst recht ein, den sie mit seinem Tod erlitten haben wurden. Nun sahen sie, dass es weise Liebe Gottes sey, wenn er uns zuweilen ein Gut zu entziehen droht, dessen Wichtigkeit und Grosse wir vorher nur halb eingesehen, und das wir deswegen nur halb benutzt haben. Noch eh die Schulstunden wieder angiengen, konnten sie an einem schonen Nachmittag eine Stunde mit ihm spatzieren gehen. Lieber Gott, sagte er, wie mir nun die Welt wieder so neu vorkommt, als ob ich sie noch nie gesehen hatte! Alles deucht mir jetzt schoner und herrlicher zu seyn. Der dunkle Tannenwald dort, und die Sonne druber her! Der Mischling mit dem gelb und roth und blassgrunen Laub! Die Natur sinkt nun ins Grab, und ich stehe wieder draus auf; war doch wenigstens schon halb drinn. Ach, die Natur ist ein herrlicher Anblick! Zumal, wenn man seiner eine Zeitlang beraubt war! Ich dank dir, lieber Gott! Ich sehs euch an, dass ihr meine Freude mitfuhlt. Es ist mir so wohl, dass ich in den Luften schweben mochte! Lieben Freunde, es ist doch gut, dass ich noch eine Zeitlang bey euch bleiben kann; die Welt ist gar zu schon! Indem kam ein Kruppel zu ihnen, und bettelte. Sie gaben ihm. So ein Anblick, sagte Philipp, kann einen freylich wieder traurig machen. Man leidet soviel, wenn man andre leiden sieht. Aber, lieber Gott, wer wollte dich druber zur Rede stellen? Und dort, dort (indem er zum Himmel wies) gibts keine Kruppel und Lahme mehr! Diess ist alles, was man sagen kann; und allenfalls, dass dergleichen Leute nach dem Gluck nicht so sehr schmachten, was sie nicht kennen, und mit kleinerm Labsal vorlieb nehmen, als wir. Vielleicht sind auch ihre Empfindungen schwacher. Das beste ist, das Gute, das man hat, mit Dank annehmen und geniessen, und dem Unglucklichen sein Elend so viel erleichtern, als man kann! Sie giengen vergnugt wieder nach Haus.

Zween Tage drauf fiengen die Schulstunden wieder an. Siegwart wurde, mit Einstimmung aller Lehrer, seiner besondern Zunahme in den Wissenschaften wegen, in eine hohere Ordnung befordert. Im Lateinischen las man hier vorzuglich den Casar vom gallischen Krieg. P. Philipp schenkte ihm eine schone Ausgabe von diesem Schriftsteller, und zeigte ihm, mit welchem Geiste, und mit welchem Nutzen man ihn lesen konne. Siegwart sass Tag und Nacht dabey, und ubersprang durch seinen Fleiss gar bald die Lektionen in der Schule. Er bewunderte an Casar den grossen Feldherrn, der, mit der bestandigsten Gegenwart des Geistes, sich aller Umstande und Abwechselungen des Krieges, stets zu seinem Vortheile zu bedienen wuste; aber er konnte in ihm den Geist nicht lieben, der, von rasender Eroberungssucht dahin gerissen, keinen hohern Zweck kennt, als den: ein freygebornes Volk, das ihn nie beleidigt hatte, das ihm nicht einmal im Wege stund, seiner Freyheit, des hochsten Gutes, das es kannte, zu berauben. Er verabscheute den Mann, der Strome Bluts seiner Landsleute und der Gallier vergoss, um diesen ungeheuren Durst zu stillen. Er entdeckte mit Verwunderung in dem Gemahlde der alten Gallier die Grundzuge, die noch jetzt den Charakter der neuern Franzosen ausmachen: den Wankelmut in ihren schnell, oft ubereilt, gefassten Anschlagen; die Begierde, immer etwas Neues auszuhekken und zu erfahren; (B. IV. K. 5.) Die Grausamkeit, die sich noch jetzt in ihren Todesstrafen aussert. (VI. 19.) Den sklavischen Gehorsam des Volks gegen seine Obrigkeit (K. 13) u.s.w. Dagegen schlug sein Herz laut bey der Schilderung der mannlichern und freyergesinnten Deutschen, und besonders der nervichten Sueven; ihrer patriarchalischen Lebensart, die sich blos von der Viehzucht und der Jagd nahrte, (B. IV. 1. fgg.) u.s.w. Kein Umstand, der der Menschheit Ehre macht, entgieng ihm. Die edle That der beyden Romer, des Pulfio und Varenus (B. V. K. 44.) zog besonders seine ganze Bewunderung auf sich. Er besprach sich nachher mit Kronhelm und dem P. Philipp wieder druber, und lernte, mit ihrer Hulfe, noch mehrere und wichtige Bemerkungen machen. Er gerieth oft sehr in Eifer, wenn er gegen die Erobrungssucht gegen die Tyranney, und fur die Rechte eines freyen Volkes und der Menschheit uberhaupt sprach. Sein Herz ward immer freyer, mannlicher und fester, sein moralisches Gefuhl immer richtiger, und feiner. Die Religion, die er durch vernunftigen und zweckmassigen Vortrag immer mehr in ihrer Einfalt und Wurde kennen lernte, ward ihm taglich heiliger und verehrungswurdiger; denn P. Johann verschwieg fast alle Menschensatzungen, die sie verunstalten. Er sah an P. Johannes und P. Philipps Beyspiel, welchen Einfluss sie auf die Gute eines Menschen haben kann, und spurte ihre heilsame Wirkung eben so lebendig an sich selbst.

Zuweilen gieng er noch mit Kronhelm, ohne den er uberhaupt fast keinen Schritt aus dem Kloster that, zu einem Jungling, Namens Grunbach, der auch auf die Schule gieng, aber bey seinen Eltern in der Stadt wohnte. Es war diess ein Mensch von einem ernsthaften, aber heftigen Charakter. Er hatte viel Kopf und eben so viel Ehrbegierde. Wenn er sich vornahm, etwas zu lernen, so liess er nicht nach, bis ers ganz inne hatte. Er eiferte unserm Kronhelm und Siegwart nach, weil sie die besten auf der Schule waren. In kurzer Zeit brachte er es auf der Violine so weit, dass er mit ihnen spielen konnte, und nun machten sie sehr schone Trios zusammen. Unsre beyden Junglinge waren noch ofter zu Grunbach gegangen, wenn er nicht so gerne, besonders uber Religionssatze, gestritten hatte; und diesen Streit liebten sie durchaus nicht. Sein Vater war ein reicher Kramer, der sich auf seinen Sohn sehr viel zu gute that. Er schaffte ihm alles an, was er haben wollte, Bucher, Kleider, Musikalien und dergleichen. Sobald jemand zu seinem Sohn kam, war er auch auf dem Zimmer, machte den glasernen Bucherschrank auf, wies die schonen Bande, sagte, was sie gekostet hatten, und neigte sich lachelnd, wenn man etwas zu seinem, oder seines Sohnes Lob sagte. Er erzalte fleissig, wenn einer von den vornehmern Schulern, oder gar von den Professoren seinen Sohn besucht hatte, und rekommandirte ihn der Gewogenheit dessen, dem er es erzalte. Er fragte allemal, wie sich sein Sohn auf der Schule halte? weil er was schmeichelhaftes zu horen hoffte. Wenn die drey Junglinge auf der Violin spielten, so war er gleich dabey, sah und horte blos auf seinen Sohn, trat immer mit dem Fuss, als ob er den Takt gabe, und nickte mit dem Kopf, ob er gleich nichts von der Musik verstand. Seine Frau und seine Tochter liess er nie aufs Studierzimmer kommen, auch nicht, wenn Musik war, weil er sagte: Die Gelehrten wurden durchs Frauenzimmer gleich gestort. Er las auch Historienbucher und Romane, welches er vorher nie gethan hatte; weil er glaubte, der Vater eines gelehrten Sohns musse, ihm zu Ehren, auch ein Gelehrter werden. Kronhelm bat er besonders instandig um die Freundschaft fur seinen Sohn, weil er von Adel war; doch begegnete er auch Siegwarten, um seinetwillen, sehr hoflich.

Siegwart hatte seiner Schwester Therese von seiner Reise, vom Junker Veit, und von Reginen, geschrieben. Nach drey oder vier Wochen bekam er diesen Brief von ihr:

Liebster Bruder!

Vielen, herzlichen Dank fur deinen lieben Brief, und die Nachrichten von deiner Reise! Wie ist es Vater hat, der gerad das Gegentheil von ihm ist? Aber destomehr muss ich ihn bewundern und hochschatzen. Nun, lieber Bruder, dachte ich, du machtest, wenn wieder Ferien einfallen, eine Reise zu uns, und brachtest deinen lieben Kronhelm mit. Der Papa wurd es sehr gern sehen, ich sagte ihm gestern davon. Sags dem Herrn von Kronhelm ja, und vergiss mein aufrichtigstes, freundlichstes Kompliment nicht! Nicht wahr, Bruderchen, du kommst? Du weist ja, ich hab dich gar zu lieb. Nun bist du schon ein halbes Jahr weg; denk einmal die lange Zeit! Also hast du Fraulein Regine kennen gelernt? Das ist mir ja recht lieb. Sie hat viel Gutes. Ihr zu offenes Wesen, und ihre Ungeduld muss man ubersehen; beydes ist nicht bos gemeynt. Hier schickt dir der Papa Geld, und ein Brieflein. Er ist, Gottlob! frisch und munter. In drey Wochen heyrathet Karl die Jungfer aus Dollingen; da sie jetzt unsre Schwagerinn wird, so schickt sichs nicht mehr, dass ich etwas gegen sie rede. Karl zieht ins Nebenhaus, und fangt eine eigne Haushaltung an. Gut! so kann ich auf den Winter des Abends eher lesen, denn ich bin jetzt recht erpicht drauf. Salome will nach der Hochzeit wieder nach Munchen; sie ist jetzt bey unsrer neuen Schwagerinn, und eine warme Freundinn von ihr; wenns nur lange daurt! Der Hauptmann von Northern besucht uns fleissig. Er hat jetzt das Portrait von seiner Braut bekommen; sie sieht Himmlisch aus; ich habe das Bild schon sehr oft gekusst. Wenn ich bey ihr ware, so wurden wir gewiss gute Freundinnen; ich sehs ihren Augen an. Der Mann, der den Messias geschrieben hat, heist Klopstock. Er soll ein sehr frommer Mann, und doch der angenehmste Gesellschafter seyn. Hauptmann Northern hat mir ein paarmal aus dem Messias vorgelesen. Ich sag dir, Bruder, es ist alles vortreflich. Man fuhlt was dabey, was man sonst in seinem Leben nicht gefuhlt hat; man ist ganz uber der Welt, und sieht auf sie herunter. Nun fang ich das Buch bald selber an zu lesen. Es soll etwas Muhe kosten, eh mans erst ganz versteht, sagt Hauptmann Northern; aber wer wird sich, um etwas Herrlichen willen, eine kleine Muh verdriessen lassen? Leb wohl, liebster Bruder, und empfiehl mich dem P. Philipp! Gottlob, dass er wieder gesund ist! Dem Herrn von Kronhelm hatt ich fast selbst geschrieben; aber das war auch gar zu dreist! Sags ihm ja nicht! Adjeu!

Deine getreue Schwester

Th. Siegwart.

Siegwart liess auch diesen Brief seinen Kronhelm lesen. Dieser fand an Theresens Denkart immer mehr Wohlgefallen, und sagte zu Xaver, wenn er seiner Schwester wieder schreibe, so woll er auch ein Briefchen beylegen. Er freute sich, dass Therese mit ihm uber Reginens Charakter gleichgesinnt sey, ob sie gleich gelinder von ihr urtheilte, als er, in einem andern Verhaltnisse, gethan hatte.

Siegwart hatte schon lang in das Kapuzinerkloster gehen wollen, das dicht am Stadtchen lag, und war immer dran verhindert worden. Endlich gieng er an einem Heiligentage mit Kronhelm hinaus, in die Predigt. Er horte eine hochstfabelhafte und abgeschmackte Lobrede auf den heiligen Bischof Martin, bey der das Lachen weit naturlicher war, als Andacht und Erbauung. Nach diesem gieng er im Klostergarten spatzieren, in der Absicht, mit einem, oder dem andern Pater bekannt zu werden. Endlich redete er einen an, der ihm aber sehr kurz antwortete. Ein andrer, den er drauf antraf, war weit freundlicher, und freute sich sehr uber die Nachricht, dass er auch ein Kapuziner werden wolle. Er versprach, diess seinen ubrigen Brudern zu sagen, und setzte hinzu: Wir werden ihn bald einmal zum Essen bitten lassen. Besuch er mich indessen mit seinem Freunde, wenn er will! Es soll mich immer freuen. Nach acht Tagen wurde Siegwart zum Essen eingeladen. Die Patres alle empfiengen ihn sehr freundschaftlich. Ueber Tische fieng der Prior an: Aber, Monsieur Siegwart, es ist loblich und uns allen sehr erfreulich, dass er in unsern heiligen Orden eintreten will; nur befremdet es uns sehr, wie er an ein solches Kloster gerathen ist, wie das zu Fullendorf; (so hiess P. Antons Kloster,) da ware ja das unsrige weit besser! In jenem ist gar nichts zu machen. Der Prior ist ein harter Mann, und die Patres sind einfaltige Leute. Tret er dafur zu uns! Es soll ihn gewiss nicht gereuen. Es sind hier in der Stadt viel vermogliche Leute, die uns oft zu essen schicken. Anstatt, dass wir herumsammeln mussen, wird es uns zugetragen. Wir haben taglich wenigstens acht Messen zu lesen, und an Festtagen wol zwanzig. Sieht er, das tragt ein, da kann man bequem leben. Z.E. Diesen Wein hier har uns erst heut der Postverwalter zugeschickt. So gibts fast alle Tage etwas. Sey er klug, und versprech er uns, zu uns zu kommen! Siegwart gab voll Befremdung zur Antwort: Es sey ihm, bey seinem Entschluss, nicht um gut Essen und Trinken zu thun, und er habe den andern Paters schon sei Wort gegeben. Die Kapuziner lachten uber seine Bedenklichkeiten, und sagten: Man muss' es nicht so genau nehmen! Als all ihr Zureden bey ihm nichts vermochte, so liessen ihn die Paters mit ziemlicher Verachtung und Gleichgultigkeit von sich. Er gieng mismuthig weg, und argerte sich uber die Geistlichen, die aus Neid ihre Mitbruder verachteten, und den Hauptvorzug ihres Klosters in besser Essen und Trinken setzten. Er fieng jetzt an, seine Ideen von der Heiligkeit der Monche uberhaupt, etwas herabzustimmen; doch nahm er in Gedanken seine Kazpuiner in Fullendorf gleich wieder davon aus, obwohl der Schluss sehr naturlich gewesen ware: Jedes Kloster sieht auf seinen eignen Vortheil, und ist deswegen auf jedes andre eifersuchtig. Die Artigkeit der Paters in Fullendorf hatt er sich auch leicht daraus erklaren konnen, dass sie sich um ihn Muhe gaben, und ihm deswegen so hoflich begegneten. So erklarte es wenigstens Kronhelm, dem er seinen Unwillen mitgetheilt hatte, und der die Gelegenheit wahrnahm, ihm eine Abneigung gegen die Kloster uberhaupt einzuflossen. Aber das Ideal steckte noch zu tief in Siegwarts Seele, als dass es sobald hatte konnen herausgerissen werden.

An einem Sonntage nachher gieng Siegwart in die L. Frauenkirche, die den Nonnen in der Stadt gehorte. Sie waren, ohne dass man sie sehen konnte, oben auf der Orgel, die zu oberst an der Decke gebaut war, und machten eine himmlische Musik von allen Instrumenten, die sie zum Theil sehr gut spielten. Dazwischen horte er ihre silberreine und melodische Stimmen. Diess that auf ihn eine ganz erstaunliche Wirkung. Er horte eine zaubrische Musik, wie vom Himmel herab, und sah nichts. Er glaubte die Chore der Engel anzuhoren und traumte sich uber unsre Welt hinaus. Die Nonnen schienen ihm die heiligsten und beneidenswurdigsten Geschopfe zu seyn. Er gieng nun fast alle acht Tage in ihre Kirche, und nahrte sich mit Ideen von Heiligkeit und Vollkommenheit. Kronhelm sah diesen Schwung seiner Einbildungskraft nicht gerne, der ihn aufs neue in die Mystik hinein, und von der Welt abbrachte.

Nach einiger Zeit ward eine Nonne installirt, wobey Siegwart auch gegenwartig war. Das Opfer war eine junge, engelschone Baronessinn von 19 oder 20 Jahren. Sie stund in ihrem Brautschmuck vor dem Altar, und legte, durch den heiligen Pomp erhitzt, das Gelubde mit vieler Freundlichkeit ab. Unserm Kronhelm gieng es durch die Seele, als sie der Welt, allen Freuden, ihren Eltern und Verwandten, die mit gegenwartig waren, auf ewig absagte; sich auf die Erde, als in ein Grab legte, und dann, als eine Braut Christi, wieder aufstand; den Trauring anlegte; und ihren Brautigam, ein wachsernes Christkind, mit Flittergold behangen, auf den Arm nahm; als sie drauf in einem Zimmer ausgezogen; ihres Myrthenkranzes, und ihres schonen blonden Haares beraubt, und in eine grobe braune Kutte gehullt wurde. Todtenblass kam nun das Madchen, das eben noch wie eine Blume gebluht hatte, heraus, und ward auf ewig in das Kloster eingeschlossen. Kronhelm ergrimmte bey sich selbst; verwunschte das Gesetz und den Aberglauben, der solche Verwustungen im menschlichen Geschlecht anrichtet, und konnte etliche Tage lang sich dieser Vorstellung, die ihm seine Seele verwundete, nicht entschlagen. Siegwart hingegen war vor himmlischem Entzucken ganz ausser sich; erblickte nichts als Engel und Heilige um sich herum; und pries die Baronessinn, und jedes Madchen selig, das ihr folgte. Er horte nachher noch oft von der Orgel herab ihre Stimme, die sich uber den Gesang der andern Nonnen erhob, und glaubte; sie weit freudiger singen zu horen, als die ubrigen.

P. Philipp, mit dem Kronhelm uber die Schwarmereyen seines Freundes gesprochen hatte, gab sich auch alle Muhe, ihn zu zerstreuen, und seine Aufmerksamkeit auf andre Gegenstande zu lenken; er gab ihm daher allerley Bucher, und besonders historische, zu lesen. Etwas half es, aber doch nicht viel. Die Einsamkeit, die der Winter mit sich bringt; und die wenige Zerstreuung, da man immer eingeschlossen ist, zwang unsern Xaver, sich am meisten mit sich selbst zu beschaftigen, und da war seine Einbildungskraft geschaftig genug, ihm lauter Ideale von Heiligen und Monchen in den Kopf zu setzen. Er ward oft fast bose, wenn ihn Kronhelm durch einen kleinen Scherz aus seinen Schwarmereyen herauszureissen suchte.

Kronhelm hatte nun Theresen auch ein kleines naturliches Briefchen geschrieben, sie seiner aufrichtigen Hochachtung versichert, und um ihre Freundschaft gebeten. Sie antwortete ihm, acht Tage drauf, gleich wieder, und freute sich ungemein uber seinen Brief und seine Freundschaft; Wenn Sie Geduld haben wollen, schrieb sie unter andern, mich zuweilen anzuhoren, so schreib ich Ihnen wol ofters, und frage Sie um verschiedenes, das Sie mir dann gelegentlich beantworten. Aber ich weis freylich nicht, ob Sie es der Muhe wehrt halten, ein neugieriges Landmadchen zu belehren? Am Ende machte sie ihm eine Empfehlung von ihrem Vater, und lud ihn in seinem und in ihrem Namen sehr hoflich ein, sie auf die kunftigen Ferien mit ihrem Bruder zu besuchen. Kronhelm war uber diesen Brief ganz entzuckt; Sein Herz schlug ihm, als er ihn las, und es stiegen Gefuhle in ihm auf, die er sich selber nicht erklaren konnte. Unserm Siegwart hatte sie folgendes geschrieben:

Bester Bruder!

Gottlob, dass ich den Messias zu lesen angefangen habe; und argern muss ich mich, dass es nicht schon weit eher geschehen ist! Das ist ein heiliges gottliches Buch, und Klopstock, der's gemacht hat, muss noch gottlicher und heiliger seyn. Nun will ich gern alle Bucher weggeben, die Bibel ausgenommen, wenn ich nur den Messias habe. Du kannsts nicht glauben, Bruder, was fur einen Schatz der Andacht, der Empfindung, des Grossen und Gottlichen dieses Buch in sich enthalt; und es ist noch lang nicht zur Halfte fertig1, und ich habe das, was da ist, noch nicht halb gelesen. von Engeln, wie sie sich wol noch nie eine menschliche Seele vorgestellt hat, so gross und vollkommen sind sie. Meynst du nicht, dass ein Mensch, der sich das so lebendig vorstellen kann, eben so gross und vollkommen seyn musse? Die Stellen, die ich bis jetzt am meisten bewundre und liebe, sind: die von Samma und Joel und Benoni. Die Haut schaudert einem, wenn mans liest und alles so mit ansieht. Dem Seraph Abbadona bin ich recht gut; wenn er doch nicht so unglucklich ware! Philo ist ein abscheulicher Kerl! und der menschenfreundliche Nikodemus neben ihm! Wie sticht das ab! Am meisten hat mich die Geschichte von Semida und Cidli geruhrt. So etwas schmelzendes und susses und wehmuthiges hat wol noch kein Mensch gedacht; und doch ist alles so wahr und treffend! O, ich mochte mich mit Cidli zu Tode weinen! Letzthin traumte mir von ihr. Ich glaub, ich hab sie gesehen, wie sie aussah. Bruder, du must dir das Buch kaufen! Gib lieber alle andre Bucher weg, und schreib an einen Buchhandler nach Augspurg oder Ulm, dass er dir den Messias schicke! Der Herr Hauptmann von Northern hat mir zwar den Messias selbst geschenkt; aber so lieb ich dich auch sonst habe, so kann ich ihn dir doch nicht schicken; ich muss ihn immer bey der Hand haben. Er ist so schwer nicht zu verstehen; Man muss nur seine Gedanken brav beysammen behalten. Kauf das Buch ja gleich, du wirst mirs danken! Ich bin

deine getreueste Schwester

Th. Siegwart.

Unser Siegwart schrieb sogleich an einen Buchhandler in Augspurg, um drey Exemplare vom Messias; denn Kronhelm und Grunbach wollten ihn auch haben. Der Bediente des Buchhandlers in Augspurg hatte zum Gluck selber viel Geschmack und eine gute Bekanntschaft mit der neuern deutschen Litteratur. Es kam ihm sonderbar vor, dass ein Jungling, und noch dazu ein Katholik in diesen Gegenden etwas von Klopstock wuste. Er schickte also zugleich mit den Exemplaren einen Brief an unsern Siegwart, worinn er ihm sehr freundlich anbot, ihm auch kunftig Bucher zuzuschicken, wenn er welche nothig habe; und zugleich erbot er sich, ihm immer Nachrichten von neuen Buchern, besonders aus dem Fach der schonen Wissenschaften mitzutheilen. Siegwart, der ohnediess sehr wissbegierig war, nahm diesen Vorschlag mit tausend Freuden an, und schrieb dem Buchhandler sogleich wieder: Er mochte ihm die besten Bucher, auch die altern, in der Dichtkunst, und denen dahin einschlagenden Wissenschaften melden. Der Buchhandler that es mit viel Gefalligkeit, Geschmack und Einsicht, so dass Siegwart und seine beyden Freunde, auch von dieser Seite, gut gebildet wurden. Sie schafften sich die besten Bucher an, und konnten die, so ihnen nicht gefielen, wieder nach Augspurg zuruck schicken. Siegwart blieb gleich denselben Abend, da er den Messias bekommen hatte, mit seinem Kronhelm bis nach Mitternacht aufsitzen, und las ununterbrochen fort. Anfangs war ihm der Kopf, durch das Anstrengen, ganz wuste geworden, denn er konnte sich in die Sprache, und die neuen Wendungen nicht sogleich finden; aber kaum war er uber diese Schwierigkeiten weg, so fand er soviel ausserordentliches, himmlisches und uberirdisches in dem Gedicht; seine ganze Seele ward davon so erfullt, und erhitzt, dass er nicht mehr auf der Welt zu seyn glaubte, und in lauter Himmelswonne schwamm. Oft sprang er auf; wiederholte laut, was er gelesen hatte, und konnte nicht begreifen, wie ein Mensch im Stand gewesen sey, dergleichen hervorzubringen? Die ganze Nacht schlummerte er nur, und las bestandig noch im Traume fort. Klopstocken, dessen Herz an so vielen hundert Stellen des Messias durchschimmert, liebte er von dem Augenblick an mit der kindlichsten Dankbarkeit, und den andern Tag machte er folgendes Gedicht an ihn, das erste, was er, nach dem auf seines Bruders Tod, gemacht hatte:

An Klopstock.

Heisser Dank strom aus in Thranen!

Strom dem Mann, von Gott gesandt, zu!

Hor, o Mann, des Junglings Stammeln!

Seine Seele stammelts.

Fern, in fremdem Lande hast Du

Feuer in mein Herz gegossen!

Hohe, himmelvolle Andacht

Wallt zum Thron des Mittlers.

Dass ich nun Ihn heisser liebe,

Den, fur uns, dahin Gegebnen;

Dass ich ganz sein Heil, nun kenne,

Dank' ich dir, Du Edler;

Nie wird dieses Aug' auf Erden

Sehnsuchtsvoll an Deinem hangen;

Nie wirst Du die Rothe sehen,

Die mein Antlitz farbet;

Aber, wenn des Mittlers Stimme

Mich auch aus dem Grabe rufet,

Dann, o Mann, von Gott gesendet,

Horst Du meinen Dank auch!

Auch Kronhelm und Grunbach lasen Tag und Nacht im Messias, und waren von seiner Vortreflichkeit ganz dahin gerissen. Pater Philipp verschrieb sich auch ein Exemplar und P. Johann machte das Buch zu seinem Erbauungsbuche. Der rechtschaffene Buchhandler schickte ihnen von freyen Sucken den Gellert, Rabener, Haller, Lichtwer und Hagedorn zu, und bildete durch eine vaterlandische und freundschaftliche Bemuhungen ihren Geschmack. Sie hatten nun den Winter uber die angenehmste Beschaftigung, indem ihre Zeit zwischen Lesen und Musik unvermerkt dahin floss. Dabey versaumten sie ihre eigentliche Wissenschaften nicht, indem P. Philipp sie durch seinen Rath in den Schranken hielt, und sie das Angenehme dem Nutzlichen unterordnen lehrte.

Am Charfreytage wurde in dem Stadtchen, wie in andern osterreichischen Stadten, die Kreuzigung Christi von den Burgern mit grossem Pomp vorgestellt. Mehr als dreyhundert Bauren kamen vom Land herein, um ein Kreuz zu schleppen, oder sich zu geisseln. Siegwart, der mit seinen Freunden diess mit ansah, konnte nicht begreifen, wie Menschen, an dem Tage, da Christus an ihrer Statt gelitten hatte, sich noch einfallen lassen konnten, durch eigne blutige Bussungen Gott genug zu thun? Er argerte sich, wie er den Misbrauch sah, der mit der ernsthaftesten und wichtigsten Begebenheit fur die Menschheit, getrieben ward; da der verkappte Christus, ein Baurenkerl, zu den Baurenmadchen, oder seinen Kammeraden lachte; und da sogar einer von den Schachern vom Kreuz herab einem andern Bauren zurief: Heh, Hans! Hast du nichts zu trinken?2 u.s.w. Als Christus einen Fussfall that, fiel das ganze Volk nieder, und schlug sich auf die Brust, dass es wiederhallte. Ein Lutheraner, der, wie viele andre, aus dem nachsten Orte gekommen war, das Schauspiel mit anzusehen, stund neben Siegwart, und fiel nicht mit auf die Knie. Sogleich entstand ein Gemurmel unter dem Volk, und einige schrien, schlagt den Ketzer nieder! Ein starker Kerl gab ihm auch wirklich einen Schlag auf den Kopf; aber Siegwart sprang auf, nahm den Ketzer bey der Hand, riss ihn aus dem Gedrang heraus, und brachte ihn in ein Wirtshaus in Sicherheit. Diese Handlung, die so edel und menschlich war, zog ihm den Hass seiner meisten Mitschuler zu, worinn sie P. Hyacinth, der ihm ohnedies nicht gut war, noch bestarkte; aber Siegwart machte sich nicht viel daraus, denn P. Philipp lobte seine That, und rieth ihm nur an, kunftig die gehorige Klugheit zu beobachten.

Unsre Junglinge brachten theils mit P. Philipp, theils unter einander den Fruhling sehr vergnugt zu. Sie giengen taglich spatzieren, besonders in einen schonen Garten, der dem Kloster gehorte, sie badeten in der Donau, und lasen Kleists Gedichte und besonders seinen Fruling. Therese hatte ihrem Bruder geschrieben, er solle sich vor allen andern Dichtern den Kleist kaufen, weil er das Landleben so ausserordentlich lachend und angenehm schildere. Ich liebe, schreibt sie, diesen Mann nach Klopstock am meisten. Er ist ein vertrauter Freund von meinem braven Hauptmann Northern. Er hat drey Jahre zugleich mit ihm im Feld gestanden, und soll der beste, menschenfreundlichste Held seyn, der keinem Menschen wissentlich Boses, wol aber Tausenden Gutes thut. Ein Soldat, der menschlich denkt und handelt, wie mein Hauptmann, ist gewiss was seltnes und verehrungswurdiges. Vor zwey Jahren ist der theure Kleist, nicht weit von Hauptmann Northern verwundet worden, nachdem er erst wie ein Low gestritten hatte. Nach erschrocklichen Schmerzen starb er in Frankfurt an der Oder. Hauptmann Northern, der auch von den Russen gefangen worden, und bis an sein Ende bestandig um ihn war, kann mir nicht genug erzahlen, wie standhaft er gelitten, und wie ruhrend und christlich er gestorben ist. Ich und der Hauptmann Northern weinten den ganzen Abend, als ers mir erzahlte. Er hat auch sein Portrait in der Dose, der Mann sieht so edel und menschenfreundlich aus, wie seine Gedichte. Wie muste ich weinen, als ich seinen Wunsch las, der ihm leider nur zu fruh erfullt worden ist:

Wie gern sterb ich ihn auch

Den edeln Tod, wenn mein Verhangnis ruft!

Und:

Auch ich, ich werde noch Vergonn es mir, o

Himmel!

Einher vor wenig Helden ziehn.

Ich seh dich, stolzer Feind! Den kleinen Haufen

fliehn,

Und find Ehr oder Tod im rasenden Getummel.

Lies ihn, Bruder, du wirst fast sonst in keinem Dichter so viel schone Gemalde, so viel menschliche Empfindung, die aus dem besten Herzen stromt, antreffen! Ein andrer Officier hat mir auch andre Bucher geliehen, die mir weniger gefallen. Besonders ein gewisser Versuch in Schafergedichten; ich hab ihm aber das Buch gleich wieder zuruckgegeben, weil es so sehr anstossig ist, und viel muthwillige Stellen und Zweydeutigkeiten enthalt. Ich kann nicht begreifen, was ein Mensch fur Absichten haben kann, der solche Dinge schreibt? Will er uns die Unschuld als etwas gleichgultiges abschildern, und uns Ausschweifungen als etwas schones anpreisen? Pfuy, er wird doch nicht glauben, dass wirs seinen Schaferinnen, nachmachen sollen, oder dass uns solche Zweydeutigkeiten angenehm seyn werden? Wenn er nichts bessers schreiben kann, so such er nicht, noch unverdorbene und reine Gemuther anzustecken! So ein Mensch ist ein Feind von unserm Geschlecht, und von aller Rechtschaffenheit. Klopstock und Kleist haben mich gelehrt, dass man das Gemuth auf das angenehmste beschaftigen kann, ohne es zu verderben. Ein Dichter muss ein guter Mann seyn, sonst ist er ein schadlicher Mensch. u.s.w.

Siegwart horte nun auch die ersten Regeln der Dichtkunst und der Redekunst, aber zu allem Ungluck beym P. Hyacinth. Die Regeln dieser beyden Wissenschaften sind uberhaupt fur den, der eigne Kraft hat, drinn zu arbeiten, das, was einem erwachsnen Mann ein Gangelband ist; Aber Hyacinth trug sie noch dabey so erbarmlich und abschrockend vor, dass, wenn Siegwart die Dichtkunst, und auch in etwas die Redekunst nicht schon vorher gekannt hatte, er sich nun gewiss nie drum bekummert haben wurde. Regeln werden einen nie, weder zum Redner noch zum Dichter machen. Alles also, was man in den Schulen thun kann, ware, dass man junge Leute fruhzeitig mit den besten Mustern der Redner und Dichter bekannt, ihnen sie verstandlich, und sie auf versteckte, oder Hauptschonheiten aufmerksam machte. Aber dafur tragt man lieber Recepte zu elenden und unnaturlichen Chrien vor; und lehrt, wie ein Deutscher elende lateinische Verse machen soll? Abgeschmaktere und widersinnischere Erziehungsregeln kann wol kaum ein Phantasirender in der hitzigsten Krankheit traumen!

Im Junius wurden die Rollen zu dem Schuldrama ausgetheilt, das im August, am Ende des Schuljahrs sollte aufgefuhrt werden. Das Stuck war biblisch, und enthielt die Geschichte der Athalia. Siegwart bekam die Rolle des Joas; Kronhelm sollte den Hohenpriester Jojada und Grunbach die Athalia machen. Sie kamen nun taglich zusammen, und spielten ihre Rollen. Siegwart machte die seinige besonders sehr naturlich. Als das Schauspiel aufgefuhrt wurde, erhielt er auch den grosten Beyfall, zumal da er in dem Zwischenspiel, das ein Singspiel war, auch eine Hauptrolle hatte, und sehr vorzuglich sang. Den Abend nach der Komodie wurden P. Philipp, Kronhelm, und Siegwart vom alten Grunbach zum Essen gebeten, und sehr kostbar bewirthet. Der Kramer machte tausend Komplimente, und nothigte sie unaufhorlich zum Essen und zum Trinken. Er hatte eine herzliche Freude uber seinen Sohn, dass seine theatralische Probe heut so gut von statten gegangen sey. Er fieng alle Augenblicke davon an, um nur vom P. Philipp und den andern das Lob seines Sohns zu horen. Er glaubte, einen recht witzigen Einfall zu haben, und lachte lange druber, als er die Gesundheit der Koniginn Athalia ausbrachte. Diessmal durften seine Frau und seine Tochter auch mit gegenwartig seyn. Die Frau war ein recht gutes wolmeynendes Burgerweib, die zu allem ihre einfaltige Meynung mit sagte, und deswegen alle Augenblicke durch die Winke ihres Mannes einen Verweis bekam. Er schamte sich und ward roth, so oft sie den Mund ofnete, obgleich ihre Reden nicht selten weiser und verstandiger waren, als die seinigen. Er belehrte sie sehr oft und gab sich dabey ein recht stattliches, vielbedeutendes Ansehen. Die Tochter, Sophie, war ein artiges Madchen, dem der Varer eine vornehme und gute Erziehung hatte geben lassen. Sie hatte dunkelblaue, tiefliegende Augen, in denen sich viel Schwarmerisches ausdruckte. Ihr ganzes Gesicht verrieth uberhaupt viel Anlage zum Nachdenken und zur Melancholie. Ihr Auge ruhte oft lang auf Siegwarts Gesicht, der ihr schon eine ziemliche Zeit, und besonders heut in der Komodie vorzuglich gefallen hatte. Sie sprach wenig, aber sehr bestimmt, und mit vieler Wahrheit und Empfindung. Ihre Aufmerksamkeit auf Siegwart wurde von niemand besonders bemerkt, obgleich der Vater unzufrieden war, dass sie so wenig sprache. Nach Tische muste sie sich auf dem Klavier horen lassen, welches sie mit vieler Fertigkeit und wahrem Ausdruck spielte. Alle waren sehr damit zufrieden, und besonders lobte sie unser Siegwart, welcher, vermoge seines heftigern Charakters alles Vortrefliche und Schone laut bewunderte. Sie sah auch nur ihn an, wenn sie ein Stuck ausgespielt hatte, weil sie auf sein Lob am meisten achtete. Sie bat ihn um ein paar Arien, die er heut im Singspiel gesungen hatte. Er hatte sie noch bey sich, und legte sie ihr vor. Sie spielte sie vom Blatt weg, und er sang dazu. Der Vater freute sich daruber ungemein, und sah bald den P. Philipp, bald unsern Kronhelm lachelnd an. Endlich gieng die Gesellschaft, ziemlich spat, nach Haus.

Zween Tage drauf giengen unsre beyden Junglinge zum alten Siegwart, der sie, nebst Theresen, mehrmals dringend eingeladen hatte. Es ward ihnen eine Kutsche geschikt, um sie abzuholen. Sie kehrten unterwegs in dem Wirtshause ein, wo Siegwart ehemals den Streit uber die Wildschutzen mit angehort hatte. Diesmal war niemand da, als eine alle Zigeunerinn, die unsers Junglingen mit Gewalt wahrsagen wollte. Sie weigerten sich eine Zeitlang; aber, als sie nicht nachliess, hielt endlich Kronhelm seine Hand hin. Ey, Ey, Junker, lauter Gluck, lauter grosses Gluck! rief die Frau. Viel Geld dass mans in Scheffeln messen muss! Langes Leben und Gesundheit! Hohe Ehr, und vor allem andern eine hubsche runde Frau! O, ein allerliebstes Madel! und ein Dutzend Kinder hinter drein! Ach, wie allerliebst! Siehst du, Junker, was du fur ein Gluckskind bist! Kannst mich auch dafur bezahlen! Nun muste ihr auch Siegwart die Hand hinreichen. Ich wollt dir gern auch Gutes prophezeihen, Junker, aber die Lineamenten wollens nicht erlauben. Ey, Ey, Ey! Schmerz und Jammer! Angst und Leiden! Eine Braut und keine Hochzeit! Gesundheit und ein fruhes Grab! Fass Muth, Junker, denn du brauchst viel! Armer Junker daurst mich, denn du bist ein gutes Kind. Aber sieh, dass ich unpartheyisch bin, und red, was wahr ist. Darfst mir nichts geben, denn ich hab dir Ungluck prophezeiht. Fass Muth, du brauchst viel! Unsre Junglinge achteten der Reden des alten Weibes wenig, und fuhren wieder weiter. Eine Stunde noch vom Dorfe kam ihnen Therese in einem schneeweissen Gewand mit himmelblauen Schleifen, und einem schwarzen Sommerhut entgegen. Siegwart sah sie kaum, so sprang er aus dem Wagen auf sie zu, und sank ihr, ohne ein Wort zu sprechen, in den Arm. Das gute Madchen weinte vor Freuden, und druckte ihrem Bruder einen heissen Kuss voll schwesterlicher Liebe auf den Mund. Ach, mein lieber Xaver, hab ich dich denn wieder? O du Herzensbruder, diese Freude hab ich mir so lange schon gewunscht! Nun kam der Wagen naher, Kronhelm sprang heraus. Sie empfieng ihn mir einer Freudigkeit, und mit einem Lacheln, das seine ganze Seele durchdrang. Ihr Betragen war naturlich, ungezwungen, munter, und doch nichts weniger, als frey. Sie unterhielt durch ihre Lebhaftigkeit ihn und ihren Bruder, und wuste ihre Aufmerksamkeit auf beyde aufs geschickteste zu theilen. Beynahe hab ich mir Ihr Aussehen so vorgestellt, Herr von Kronhelm! sagte sie; aber doch nicht vollig. Nun wunsch ich nur, dass Sie bey uns Geduld haben, und sich die Zeit nicht lang werden lassen mogen! Am guten Willen solls nicht fehlen, Sie zu unterhalten, aber ob wir auch die Krafte haben? Doch ich weis, Sie nehmen auch mit dem guten Willen vorlieb, haben Sies doch bey meinen Briefen gethan. Dann frug sie nach dem P. Philipp, und nach andern Dingen. Ihren Bruder betrachtete sie unaufhorlich, oft zitterte ihr eine Thran ins Auge, und dann lachte sie, wann er sie ansah. Kronhelm that erst etwas angstlich, und schwieg; denn er war uberhaupt bey Frauenzimmern etwas furchtsam. Aber ihr offenes und ungezwungenes Betragen machte ihn sehr bald gesprachiger.

Sie kamen nun ans Haus des alten Siegwart. Er gieng ihnen mit Freuden entgegen; druckte seinem Sohn die Hand, und bewillkommte Kronhelm aufs freundschaftlichste. Weil der Tag sehr schon war, so ass man im Garten in der Sommerlaube, zwischen Blumen, die alle Theresens Hand gepflanzt hatte. Karl ass mit seiner neuen Frau diessmal auch mit, und betrug sich gegen Kronhelm und seinen Bruder ziemlich artig. Aber seine Frau war verdriesslich, und stolz, und sprach wenig. Wilhelm war noch der alte Traumer, der sich immer gleich blieb. Der alte Siegwart war recht herzlich froh; erzalte Geschichten aus seiner Jugend, und liess sich von den jungen Leuten wieder welche erzalen. Wenn Therese vom Tisch weg, ins Haus gieng, so sagte er viel zu ihrem Vortheil, und lobte sie, dass sie sich seiner, und des Hauswesens so treulich annehme. Nach Tische waren unsre drey jungen Leute allein im Garten, schuttelten Birn und fruhe Aepfel. Siegwart stieg auf die Baume; und Therese und Kronhelm sammelten das Obst auf. Das Madchen war sehr munter; machte viel Spas; und Kronhelm, der sonst stiller und ernsthafter war, machte unvermerkt auch mit. Sie sprachen beyde viel in dem vertraulichen und angenehmen Ton der Ironie, der den Deutschen so gewohnlich ist. Des Abends half er ihr die Blumen begiessen, holte das Wasser aus dem Schopfbrunnen, und war der Gartner, und sie seine Gartnerinn. Dann nahm man wieder ein kleines, landliches Maal ein, setzte sich in die Laube oder vor das Haus, und brachte so den Abend bis eilf Uhr, oder zwolf Uhr unter freundschaftlichen Gesprachen hin. Den zweyten Morgen horte Kronhelm ihre Stimme fruh im Haus, und wachte dran auf, ob ihn gleich sonst kein Gerausch so leicht weckte. Sie spielte in dem, an die Kammer stossenden Zimmer das Klavier, und sang dazu. Er rief ihr sogleich einen guten Morgen; sie erschrack, und er trat ins Zimmer. Er bat sie, noch ein paar Arien zu spielen und zu singen; sie that es sogleich, ohne das viele vorhergehende, dem weiblichen Geschlecht sonst so eigene Gezier. Ihre Stimme war rein und naturlich, ob sie gleich eben nicht sehr nach der Kunst sang. Aber sie sang mit dem ganzen herzlichen Antheil, der den Gesang allein angenehm und unterhaltend macht. Drauf trank man, in Gesellschaft des alten Siegwarts den Kaffee. Sie schenkte ihn ein, stopfte die Pfeifen, und zundete sie selbst an. Man sprach von ernsthaften, oder lustigen Sachen. Nach einer Stunde gieng der alte Siegwart wieder an seine Geschafte. Drauf kam das Gesprach auf Klopstock. Sie sprachen alle mit einer Art von Begeisterung von ihm, und brachen in sein Lob aus. Therese hatte grosse Stellen aus dem Messias und aus Kleist, die ihr vorzuglich gefielen, und die auch in der That die besten waren, abgeschrieben. Kronhelm las sie vor; ihre Empfindungen waren fast immer dieselben, und oft riefen sie zu gleicher Zeit vor Bewunderung aus, wenn eine Stelle sie vorzuglich ruhrte. Sie verrichtete dazwischen ihre hauslichen Geschafte, und gieng in dem Zimmer aus und ein. Nach dem Essen giengen Kronhelm, Thersse, und Siegwart miteinander spatzieren, um die schone Gegend zu besehen. Kronhelm fuhrte Theresen. Sie giengen durch ein schones Thal, wo ein kleiner Bach sich durchschlangelte. Kronhelm erzalte viel von seiner Mutter, von seinem Bruder, und von seinen Schwestern; besonders von der altern in Munchen. Therese nahm an allem vielen Antheil; vornemlich gefiel ihr die Schilderung von Kromhelms alterer Schwester, und sie fuhlte eine ausserordentliche Zuneigung gegen sie. Therese liebte die Vergissmeinnichtchen sehr. Unten am Bach, dessen Ufer ziemlich hoch war, sah sie welche stehen. Ey die herrliche Vergissmeinnichtchen! sagte sie; wenn man die nur kriegen konnte! Kronhelm stieg, ohne weiteres, hinab; aber das lokre Ufer schurrte unter ihm weg; er wollte sich im Fallen noch an einer Brombeerhecke halten; sie riss aus, und er fiel mit der rechten Hand auf einen spitzen abgebrochnen Stab, dass die Hand fast durch und durch gestochen wurde. Therese erhub ein angstliches Geschrey, und war ausserordentlich besorgt. Kronhelm pfluckte die Vergissmeinnicht ab; stieg herauf; gab sie ihr mit den Worten: Vergiss mein nicht! und machte sich aus seiner Wunde gar nichts. Aber Therese war recht angstlich drob besorgt, und sagte: sie sey Ursach an dem Ungluck; sie musse sich Vorwurfe druber machen, und er werde ihr nun bose werden. Kronhelm versicherte das Gegentheil, und sagte: Es sey ihm recht angenehm, dass er so ein schones Andenken an sie, und an diesen Tag habe, denn hoffentlich werde die Wunde eine kleine Narbe zurucklassen. Sie gab ihm ihr Schnupftuch, er wickelte es um die Hand, und war uber den zartlichen Antheil recht sehr erfreut, den sie bey dieser Gelegenheit an seinem Schicksal zeigte. Der ganze Nachmittag gieng ihnen unter Scherz, und angenehmen Gesprachen hin. Als sie nach Haus kamen, liess Therese gleich den Bader kommen, um Kronhelms Hand zu verbinden; nachher verband sie sie ihm immer selber. Sie assen den Abend in der Laube, und sassen bis spat in die Nacht hinein zusammen. Den dritten Morgen lasen sie immer im Klopstock, besonders die Geschichte von Semida und Cidli. Kronhelm las sie mit solcher Ruhrung, dass Theresen die Thranen dabey in den Augen standen. Die Gleichheit ihrer Gesinnungen entdeckte sich immer mehr, und erstreckte sich auf die kleinsten Umstande. Den Nachmittag sollte ein junger Bauerkerl begraben werden. Therese, ihr Bruder und Kronhelm wollten das Begrabnis mit ansehen. Sie giengen ans Trauerhaus. Der Sarg ward herausgetragen. Der Vater und die Mutter des Verstorbenen, sahen oben mit starrem auf den Sarg gehefteten, troknen Blick aus dem Fenster. Das ist was furchterliches, sagte Siegwart, wenn man so all seinen Trost, all seine Hofnung, sein Alles, in einem engen Sarge wegtragen sehen muss! Wenn die Freude des Hauses weggetragen wird, um ewig nicht mehr zuruckzukehren! Als man mit dem Sarg um die Ecke hinumgieng, erhub die Mutter ein lautes Geschrey; schlug die Hande uberm Kopf zusammen. Der Vater stand stumm, und unbeweglich da. Auf dem Kirchhofe, als der Sarg eben ins Grab hinabgelassen wurde, sprang ein Baurenmadchen, schwarz gekleidet, und mit bleichen Wangen herzu; drang sich durch die Leute bis ans Grab, und rief: Wilhelm! Um Gottes willen, Wilhelm! bist du ewig fur mich hin? Soll ich dich verlassen, Herzensbrautigam? Horst du deine Anne nicht mehr? Wilhelm? Horst sie nicht mehr? Ach du guter Gott! Warst so ein frommer, rechtschaffener Kerl! Mein Einziges! Mein Alles! Wilhelm! Nur noch Einmal mocht ich dich sehen! Nur noch einmal sprechen horen! Ach, da graben sie dich ein! Wenn sie mich nur auch begruben! Warst ein frommer Junge! Still und gottesfurchtig! Warst der schonst im Dorf, und bist nun todt! Warst so arbeitsam! Und so freundlich, wenn du mich am Arm hattest! Gelt, nun hab ich keinen Brautigam! Bin allein auf der Welt! Ein' arme verlassne Dirne! Wilhelm, Wilhelm! Wenn du mich doch auch mitgenommen hattest! Jesus! Maria! und Joseph! und nun sank sie ohnmachtig neben 's Grab hin. Man brachte sie nach langer Muhe wieder zu sich selbst. Indess hatte man ein schwarzes holzernes Kreutz auf dem Grab aufgerichtet, und einen Kranz von Buchs dran gehangt, mit Flittern. Sie hieng ein rosenrothes Band dran; da, Wilhelm! 's ist von dir! Ruh wohl! Und nun gieng sie, von einer ihrer Freundinnen, und ihrer alten Mutter gefuhrt, langsam weg; sah sich oft um, und schlug die Hande in einander. Es muss schrocklich seyn, sagte Therese, und sah unsern Kronhelm weinend an, einen Brautigam zu verlieren! Ja, und eine Braut! sagte Kronhelm; nahm sie am Arm, und sie giengen schweigend vom Grab weg. Den ganzen Abend war ihr Herz wehmuthig, und dachte der Geschichte nach. Sie giengen noch etwas spatzieren; scherzten aber weniger als sonst. Beym Essen sah Therese oft unsern Kronhelm lang und tiefsinnig an. Sein Auge begegnete oft dem Ihrigen, und zog sich erschrocken zuruck. Nach Tisch spielte Therese ein paar schwermuthige Arien; besonders das feyerliche Lied von Graun und Klopstock: Auferstehn, ja auferstehn wirst du! etc. das ihr Herr von Northern gegeben hatte. Siegwart und Kronhelm, und der alte Amtmann sangens mit. Das sollst du mir einmal auf dem Grab singen lassen, Therese, sagte der alte Siegwart. Es ist ein herrliches Lied, das die ganze Seele fasst, und zum Himmel aufhebt. Lass mirs singen, Tochter, wenns schon ein Lutheraner gemacht hat! Er muss doch ein braver Mann seyn, den ich einmal im Himmel anzutreffen hoffe. Gott bewahre, sagte Therese, dass ich das je erleben sollte! Sie, und ihr Bruder, und Kronhelm weinten. Drauf spielten Kronhelm und Siegwart noch ein paar Adagio auf ihren Violinen, die sie mitgebracht hatten. Therese war tiefbewegt; ihr Busen bebte, und ihr Herz schmolz. Sie sah Kronhelm einigemal lang, und mit Bewegung an. Er merkte es, ward nachdenklich, und wunschte zum Erstemal; aber nur ganz dunkel, und im Innersten des Herzens: Mochte mich der Engel lieben!

Auf den folgenden Tag ward ein Besuch beym Prediger in Windenheim festgesetzt. Den Morgen vorher waren sie viel im Garten, wo Therese, weil es wolkigt war, und den Anschein zu einem Regen hatte, Salat pflanzte, den ihr Kronhelm reichte. Er sah hundertmal nach dem Himmel, ob er sich nicht aufheitre? Jedes neuaufsteigende Wolkchen erschrockte ihn. Er fragte Siegwart und Theresen mehr, als zwanzigmal, ob das Wetter wol gut werden werde? Er that oft zweifelhaft, und sagte: nun wurds gleich zu regnen anfangen. Aber er sagte es nur in der Absicht, dass man ihm wiedersprechen mochte. Therese, die das merkte, gab sich das Ansehen einer grossen Wetterkennerinn; nahm eine zweydeutige Mine an, und erschrockte ihn alle Augenblicke mit der Nachricht, dass der Regen vor der Thur sey. Kronhelm jammerte, dass sie nun nicht zum Prediger gehen konnten, und er habe sich doch schon so lange drauf gefreut. Endlich trieb ein schneller Ostwind die Wolken weg, und der Himmel wurde heiter. Mit ihm heiterte sich Kronhelms Gesicht merklich auf. Ja, wenn der Himmel nicht begiessen will, sagte Therese, so mussen Sie mir eben helfen. Und nun schopften Kronhelm und Siegwart aus dem Brunnen, und begossen den Salat. Kronhelm hatte sich an Theresen so gewohnt, und fand an ihrem Umgang so viel Wohlgefallen, dass er immer um sie war. Es war ihm nirgends wohl, wo er sie nicht sah. Er lief uberall herum, und suchte sie im ganzen Haus auf. Sie war eben so gern um ihn. Wenn sie bey Tisch aus der Stube gieng, so sah er ihr nach und wandte kein Auge von der Stubenthur ab. Wenn sie sich ofnete, und Therese hereintrat, so wars ihm, als ob das Paradies sich ofnete, und ein Engel Gottes hereintrate. Ihre Blicke waren immer zuerst auf ihn gerichtet, und da ward ihm so wohl und so wunderlich zu Muthe, dass ers Essen druber vergass, und die Gabel mit der Speise wieder auf den Teller sinken liess. Dann glaubte er, dass ihms jemand angesehen habe, und ward roth druber; Therese, die es merkte, wards mit ihm. Beyde glaubten nun, so ganz dunkel, dass sie einander nicht gleichgultig seyen; aber sie zweifelten doch noch oft daran, denn beyden war die Liebe noch ganz neu.

Den Nachmittag giengen sie nach Windensheim. Auf dem Weg dahin kamen sie durch ein schones Tannenwaldchen, das mit jungen Eichen von hellgrunem Laub durchmischt war. Zuweilen war es ganz dunkel und schauderlich. Ey, dies Waldchen will ich mir zueignen, und ein Einsiedler drinn werden, sagte Kronhelm. Da will ich mich ganz von der Welt absondern, und recht still und ruhig leben. Unter den Menschen ist doch nichts anzufangen; Da ist soviel Kultur, Carimonie und Bosheit; hier soll mich nichts in meiner Einsamkeit storen! Als ich allenfalls, sagte Therese. Denn glauben Sie, ich soll Ihnen das Waldchen, und den guten Einfall so allein lassen? Nein, ich lieb auch die Einsamkeit, und will mir auch eine Zelle bauen! Um die Einsiedeley her leg ich ein Gartchen an; pflanze Kohl, Salat, und Fruchtbaume drum her; halt mir etlich Schafchen, mach die Reh im Waldchen zahm, und die Nachtigallen, und die andern Vogel. Ich will ihnen schon brav Futter streuen, dass sie zahm werden mussen. Auch Kaninchen halt ich mir, weisse und rothgesprengte; keinen Menschen aus der Stadt, oder aus dem Dorfe lass ich zu mir. O, das soll ein herrliches Leben seyn!

Kronhelm. Aber doch Ihre Freunde und Verwandte lassen Sie zuweilen zu sich; so alle halbe Jahr einmal? Ich lass auch zuweilen den P. Philipp und P. Johann zu mir kommen; und auch meine Schwester.

Therese. Das versteht sich, Ihre Schwester, und mein Bruder mussen ganz zu uns kommen. Nicht wahr, Xaver?

Xaver. Ja freylich; wenn ich darf, so bin ich immer bey euch, und wohne gar in deiner Zelle. Ihr musst euch aber doch auch als treue Nachbarsleute fleissig besuchen.

Therese. Zuweilen, so des Abends; aber nicht gar oft. Denn ich weis, Herr von Kronhelm und ich kommen nicht gut miteinander aus. Er hat so seine eignen Grillen, und ich die meinen. Nicht wahr, Herr von Kronhelm?

Kronhelm. Richtig, Jungfer Therese; des Zankens wurde da kein Ende werden. Aber nah zusammen, denk ich, wollen wir doch bauen. Wenn wir schon uneins miteinander werden und uns saure Minen zumachen, so konnen doch wieder Zeiten kommen, da wir gern einen Abend miteinander durchplauderten, zumal an den langen Winterabenden. Freylich wird da keins dem andern nachgeben wollen; aber ich dachte, Xaver und meine Schwester konnten da so eine Art von Friedensstiftern abgeben. Sie erkundigten sich beyeinander, was wir machten? Ob einem von uns etwas fehle, weil wir so lang nicht zusammen gekommen seyen? Man liesse dann einander entfernt grussen. Ich gieng einmal von ungefahr bey ihrer Einsiedeley vorbey; brachte Ihnen ein Kaninchen, das sich verlaufen hatte; that aber ubrigens ganz kalt; sahe Sie nur seitwarts an, bis endlich ein Wort das andre gabe.

Therese. Gut! So wurd ichs auch machen. Ich stellte mich, als ob ich Ihre Schwester besuchen wollte. Mit Ihnen sprach ich anfangs gar nichts, das versteht sich. Oder ich gieng bey Ihrer Hutte vorbey; sah sorgfaltig auf die Erde, als ob ich etwas verloren hatte. Sie fragten mich vielleicht, oder hulfen mir aus Hoflichkeit wol gar suchen. Das wurde mich dann ruhren, und so wurden wir wieder gute Freunde, bis ein neuer Zank angienge.

Xaver. Herrlich! Herrlich! Und ich bau eine Laube auf die Hohe dort, wo wir Abends gemeinschaftlich sitzen, und pflanze Buchen und Linden drum herum; und dann lesen wir im Klopstock und im Kleist. Die andern Bucher werfen wir, bis auf etliche, ins Feuer. Auch einen kleinen Altar von Rasen richt' ich auf und da halten wir Morgens und des Sonntags Gottesdienst dabey! Ich will Priester seyn! Pater Anton soll auch zu uns kommen, wenn er noch lebt! Auch etlich andre redliche Leute! Wir selber gehen nie in die Welt; da haben wir einen Boten, der uns das Nothigste herausholt. O, es soll herrlich werden!

So traumten sie fort, und bildeten den Traum immer mehr aus, bis sie an des alten Pfarrers Wohnung kamen. Siegwarten brachte seine lebhafte Einbildungskraft so weit, das er alles fur Ernst, und nicht mehr fur einen Traum hielt. Die ganze Sache schien ihm zum Ausfuhren sehr leicht zu seyn, und er dachte immer hin und her, das Ideal noch vollkommener zu machen. Er ward beynahe bose, wenn er sah, dass Kronhelm und seine Schwester zuweilen noch Scherz mit einmischten.

Der Prediger, der sie schon im Hof unten hatte sprechen horen, kam ihnen an der Thur entgegen, und bewillkommte sie. Er machte Theresen Vorwurfe, dass sie ihn so lange nicht besucht habe. Sie entschuldigte sich mit der Hochzeit ihres Bruders und mit andern Geschaften. Von Siegwart sagte er: Er sey so gewachsen, und habe sich so verandert, dass er ihn beynahe nicht mehr kenne. Kronhelms Mutter erinnerte er sich, recht wohl gekannt zu haben, weil er damals in der Nachbarschaft von ihrem Landgut Pfarrer war. Ich bin oft bey ihr gewesen, sagte er; Es war eine gar trefliche Frau. Damals, Junker, waren Sie noch klein; ich kann mirs wol noch vorstellen, wie Sie in einem grunen Husarenwamms auf dem Steckenpferd herumritten. Nicht wahr, Fritz heissen Sie? Ja, ja, Sie kamen einmal ins Zimmer, und wollten ein Stuck Brod von der Mama haben; es sey ein Bettelbub draussen, der sey hungrig. Das hat mir wohlgefallen an so einem jungen Herrn. Aber von der seligen Frau konnten Sies auch nicht anders lernen; sie war eine grosse Wohlthaterinn der Armuth. Wenn ich in meinem Dorf Kranke hatte, so gieng ich nur zu ihr; da gab sie mir guten Rath, und Hausmittelchen. Ich hab auch manch schones Buch aus der Medicin von ihr gelesen; und das bischen, was ich von der Arzneykunst weiss, hab ich ihr zu verdanken. Gott weiss, ich hab sie schon oft noch im Grab gesegnet. Es freut mich herzlich, dass ich da so einen frommen wolgerathnen Sohn von ihr sehe. Wie wurd' jetzt die gute Frau sich druber freuen! Sie hatte wenig Freud' auf der Welt; doch jetzt ist sie langst getrostet! Der Pfarrer liess Kaffee machen. Indess kam ein kleines artiges Madchen von sieben Jahren herein. Das ist meines Bruders Tochter von Burgau, sagte er. Die Knaben konnt' ich nicht zu mir nehmen, die sind mir zu wild, und machen mir zu viel Unordnung im Haus. Aber das ist ein stilles artiges Kind, und lernt auch brav. Es versteht schon viel vom Gartenwesen, und weiss mir recht an die Hand zu gehen. Philippinchen, du kannst nachher der Jungfer drunten im Garten zeigen, was du schon gepflanzt hast, den Kohl, und die Blumen! Sie versteht dir das Gartenwesen recht, und wenn du artig bist, so kann sie dich allerley lehren. Therese nahm Philippinchen auf den Schoos, und liess sich viel von ihr erzahlen. Ihre artige Herablassung gefiel unserm Kronhelm ungemein; und uberhaupt ihr naturliches und ehrerbietiges Betragen gegen den Prediger! Nach dem Kaffee giengen sie in den Garten, und bewunderten die schone Ordnung, die der Prediger drinn erhielt. Da sind noch Nelken und Levkojen, sagte er; da hat sie ein Scherchen, Jungfer Therese, schneid sie welche davon ab! Sie schnitt eine Nelke, und ein paar Levkojenstengel ab, band sie zusammen, und gab sie Kronhelm, dem die Blumen ganz heilig waren, weil er sie von Theresen empfangen hatte; denn seine Seele war schon unsichtbar mit der ihrigen verbunden. Er steckte den Straus an seinen Busen, sah ihn alle Augenblicke an, und roch daran. Im Baumgarten besahen sie die schonen goldnen Fruchte, sammelten welche davon auf, und assen sie. Sie blieben bis an den Abend da, und giengen sehr vergnugt nach Haus. Auf dem Wege schmuckten sie ihren Traum von der Einsiedeley noch mehr aus, und beschlossen, auch den alten Prediger zuweilen zu sich kommen zu lassen. Sie kamen erst in der Dammerung nach Hause. Kronhelm fuhrte Theresen. Ein paarmal legte er seine Hand in die ihrige; und unwillkuhrlich, wie es schien, gaben sie sich einen sanften Handedruck; beyde fuhlten diess im Innersten, sahn sich eine Zeitlang unbeweglich an, und wandten dann das Auge nachdenklich, und halb traurig weg. Therese schien etwas von ihrer naturlichen Munterkeit zu verlieren, und sah oft ernsthaft aus. Die kuhle Dammerung, das Schweigen im Gefild, der blassgelbe Himmel, und die einschlummernde Natur erfullte sie mit einer Wehmuth, die sie fast zu Thranen bewegte. Sie schwiegen oft lange still; dann stieg ein Seufzer bebend ihre Brust herauf, sie suchten ihn zu verbergen, husteten, und ihre Hande druckten einander. Sie fuhlten, dass sie geliebt wurden, oft mit einer uberwiegenden Gewissheit; aber sie liessens sich nicht merken, und sprachen nie ein Wort davon. Als sie wieder beym alten Siegwart angekommen waren, liess Therese ihre braunen Haare fliegen. Sie gefiel in diesem Aufzug unserm Kronhelm noch so gut; er sagte es ihr; und nun loste sie ihre Haare alle Abend auf. Sie spielte noch denselben Abend lang auf dem Klavier, und sang dazu mit ihrem Bruder. Sie blieben bis um Mitternacht auf, und Kronhelm traumte die ganze Nacht von ihr. Es kam ihm vor, als ob sie ihn traurig ansah, dann lachelte, und ihm endlich in die Arme sanke. Er weinte vor Zartlichkeit, und hatte, als er aufwachte, noch nasse Augen. Sie war schon im Zimmer, spielte das Klavier, und sang, um ihn nicht zu wecken, leise eine Arie voll tiefer Ruhrung. Er lauschte lang, und gieng endlich in das Zimmer. Sie ward roth, und wunschte ihm ganz verwirrt einen guten Morgen. Ihr Auge sah aus, als ob sie geweint hatte, und ihre Miene schmachtete. Xaver gieng herein, und wieder weg, als er beyde so bewegt sah. Denn er hatte die Veranderung, die in ihnen vorgieng, schon gestern gemerkt. Sie setzten sich, und lasen im Messias. Er legte seine Hand in die ihrige. Lesen Sie doch wieder die Stelle von Semida und Cidli! sagte sie; sie ist gar zu ruhrend, und ich liebe das Wehmuthige so sehr. Er las sie. Therese lehnte ihren Kopf an den Stuhl zuruck, und sah zum Himmel. Als er ausgelesen hatte, nahm er eben diese Stellung an, und betrachtete sie seitwarts. Sie weinte, und kehrte zuweilen ihr Gesicht langsam zu ihm hinuber. Das muss ein gottlicher Mann seyn, sagte sie, der die Liebe so wahr und so heilig schildert! Ja wohl, sagte Kronhelm. Indem trat Xaver ins Zimmer. Sie blieben noch eine Zeitlang so sitzen; er gieng ans Klavier, und klimperte. Endlich standen sie auf. Sie gieng hinaus, um den Kaffee zu machen. Du hast eine himmlische Schwester, Siegwart! sagte Kronhelm. Ja, es ist ein liebes Madchen, antwortete Xaver, und sah seinen Kronhelm lachelnd an. Indem kam der alte Siegwart auch aufs Zimmer, und schlug unsern beyden Freunden vor, ob sie den Nachmittag mit seiner Tochter zu einem benachbarten Amtmann fahren wollten, der sein guter Freund sey? Er wollte gern auch mit fahren, aber seine Geschafte liessens nicht zu. Sie nahmen den Vorschlag mit Freuden an, und erzahlten ihn Theresen, als sie mit dem Kaffee wieder hereinkam. Sie war auch froh daruber, weil des Amtmanns beyde Tochter ihre gute Freundinnen waren, die sie schon seit dem Fruhjahr nicht gesehen hatte. Sie machte Anstalt, dass das Essen beyzeiten fertig wurde weil sie etwas fruh wegfahren wollten. Aber eine Stunde drauf kam der Hauptmann von Northern mit einem jungen Lieutenant zu Pferdum den Amtmann zu besuchen. Dies war Siegwart und Kronhelm auch lieb, weil sie ihn schon lang gern hatten kennen lernen. Er hatte, wegen seines ungezwungenen Betragens, das Vertrauen der beyden Junglinge gar bald; Sie gewannen auch das seinige durch ihre Artigkeit und Bescheidenheit. Siegwart bat ihn sogleich, er mochte ihnen das Bildnis von Kleist zeigen! Er und Kronhelm betrachteten es lang mit einer heiligen Ehrfurcht, und glaubten alles drinn zu finden, was sie in seinen Gedichten fanden. Therese setzte sich auch in ihre Gesellschaft, und man sah ihrs an, wie hoch sie den Hauptmann schatze. Der junge Lieutenant that ein bischen suss, und suchte sich sehr bey ihr einzuschmeicheln; sie wich ihm aber aus, und gab wenig auf ihn acht. Kronhelm war nichts weniger, als ruhig dabey, und sah Theresen oft angstlich an. Hauptmann Northern erzahlte, auf Siegwarts Bitte, viel von seinem Konig und vom Krieg. Siegwart meynte, das Leben eines Officiers im Felde sey das herrlichste. Nur selten, sagte Northern. Denn, stellen Sie sich vor, was ein Mann, der Empfindung hat, uberhaupt leiden muss, wenn er das allgemeine Elend so mit ansieht? Wo er hinkommt, ist alles schon verwustet; oder was noch bluht, wird hinter ihm zur Einode. Das arme Landvolk hat oft nicht ein Grumchen Brod zu essen, und muss nicht selten, seiner Sicherheit und seines Lebens wegen, Haus und Hof verlassen, und in Walder sich verkriechen. Wo man hin blickt, sieht man abgeharmte, abgebleichte Gesichter, die der Hunger und der Gram entstellt hat. Ueberall wird man als Feind angesehen und verflucht. Und eigne Noth hat man auch oft genug. Stellen Sie sich einmal vor: Bey Liegnitz hatten wir bey acht Tagen keinen Bissen Brod zu essen; nichts als harten, zwanzigjahrigen Zwieback, und Fleisch, das uns, so ganz ohne Zugemuss, bald zum Ekel wurde. Nun mussten wir schlagen. Nach der Schlacht hab ich wol zwanzig todten Kaiserlichen ihre Tornister durchgesucht, ob ich nicht ein Stuckchen Brod drinn finde? Aber umsonst; sie hatten selbst keines gehabt. Endlich einen Tag drauf kriegten wir von Breslau Brod. Da hatten sie die Begier sehen sollen, mit der man druber her fiel! Mancher ass sich fast den Tod drinn. Was ein menschliches Herz auf einem Schlachtfeld fuhlen muss, das konnen Sie sich vorstellen. Hier ein Arm und dort ein Rumpf! Hier ein Sterbender und dort ein schwer Verwundeter! Und dann das Gewinsel und Geheul; und das Flehn um Hulfe, oder gar um Tod! Und wenn man ungefahr auf seinen Freund stost, der im Blute liegt! O! das Herz mocht einem bersten! Da war bey meinem Regiment ein Hauptmann; mein Vertrautester, dessen Freundschaft alles bey mir uberwog. Vor der Schlacht bey Torgau sassen wir zusammen, und giengen die Geschichte unsrer Freundschaft miteinander durch; wo und wie lang wir schon einander haben kennen lernen? Welche Freuden wir gemeinschaftlich genossen, welche Leiden wir gemeinschaftlich getragen haben? Alle Augenblicke stiessen wir auf Handlungen, die von seinem edeln Herzen zeugten, und mir dankbare Thranen aus den Augen lockten. Endlich, als wir beyde recht bewegt waren, gaben wir uns die Hande, umarmten uns, schwuren uns aufs neue Freundschaft, und wunschten, dass wir nur noch lang jedes Schicksal unsers Lebens miteinander theilen mochten! Den Tag drauf war die Schlacht. Nach derselben ritt ich auf der Wahlstatt herum, und fand meines Freundes Kopf, der durch eine Kanonenkugel vom Rumpf weggerissen war. Ich glaubte, das Herz ware mir durchbohrt, als ichs sah. Als ich drauf ins nachste Stadtchen ritt, kam mir seine Frau mit vier Kindern entgegen, fragte nach ihrem Mann, und ich muste der Todesbote seyn. Sie wuste sich nicht mehr zu fassen; verfluchte den Krieg, und mich, und die ganze Welt! So hab ich schon manchen Freund verlohren, und besonders meinen theuren, unvergesslichen Kleist. Ein Soldat sollte beynahe keinen Freund haben; denn alle Augenblicke steht er in Gefahr, ihn zu verlieren; und ein Leben ohne Freundschaft ist doch traurig. Ich wollte, dass ich einmal in Ruh den Wissenschaften obliegen konnte! Und, wenn ich Ihnen als ein Freund rathen darf, so nehmen Sie keine Kriegsdienste! Der junge Lieutenant sagte, es sey doch ein lustiges Leben; man konne brav Muth zeigen; ein Officier sey uberall, und besonders beym Frauenzimmer wol gelitten, u.s.w. Man gab aber auf sein Reden wenig acht.

Nach dem Essen gieng man im Garten spatzieren. Der junge Officier fuhrte Theresen. Kronhelm, der ziemlich viel Anlage zur Eifersucht hatte, gieng hinter drein; brach jede Blum' ab, an der er vorbey gieng, und zerriss sie. Therese sah sich ein parmal um, und blickte ihn mit einer viel bedeutenden Miene an. Er achtete es aber gar nicht, oder blickte weg. Drauf machte er allerley Spass, und that lustig, ob es ihm gleich gar nicht Ernst war. Zuweilen liess er etwas in seine Reden mit einfliessen von seiner Unfahigkeit, sich beym Frauenzimmer beliebt zu machen. Sie merkte es, und machte ihm ein Kompliment, dass er unbillig gegen sich selbst sey. Er lachte aber, und verdrehte ihre Reden. Endlich gieng er mit Siegwart und den Hauptmann Northern gar weg, auf die, an dem Garten stossende Wiese. Er kam wieder; der Lieutenant sass in der Laube, und hatte Theresens Hand in der seinigen. Sie ward roth; diess brachte ihn noch mehr auf, und er brachte allerley narrisches Zeug vor, ohne dass er auf sie zu achten schien. Sie machte sich endlich vom Officier los; gieng allein einen Gang im Garten hinauf, und sah sich nach Kronhelm um, als ob sie wunschte, dass er ihr folgen mochte. Er blieb aber immer sitzen, und sprach fort. Als sie wieder kam, sagte er: Er wolle auch Soldat werden, und sich todt schiessen lassen! Das thun Sie gewiss nicht, sagte Therese. Warum nicht? Fragte er. Glauben Sie, es fehle mir an Muth? Da kennen Sie mich noch wenig. Zuletzt sprach er gar nichts mehr.

Endlich nahm der Hauptmann Northern mit dem Lieutenant Abschied. Dieser warf Theresen, als er schon auf dem Pferde sass, noch einen Kuss zu. Kronhelm lachte hohnisch druber, und biss sich in die Lippen. Therese warf ihm einen schmachtenden Blick zu, und gieng weg, um das Abendessen zurecht zu machen. Kronhelm gieng auf sein Zimmer, nahm seine Geige, und phantasirte wild und rasend drauf. Ein paarmal stampfte er auf den Boden, und dann weinte er. Man rief zum Essen; er sass Theresen gegenuber, blickte unter sich, und sprach nichts; bis das Gesprach auf den Lieutenant kam. Es ist ein windiger Mensch, sagte Therese. Kronhelm nahm seine Parthie, und vertheidigte ihn, aber in einem bittern Tone. Der alte Siegwart, der auf ihn bisher nicht acht gegeben hatte, konnte sich in sein Betragen nicht recht finden; aber Xaver sah die Ursache davon bald ein. Therese schwieg endlich ganz still, und war sehr traurig. Nach dem Essen gieng sie zwischen den Blumenbeeten mit ihrem Bruder auf und ab. Kronhelm gieng mit dem alten Siegwart, und sprach vom Hauptmann Northern. Als der Amtmann, wegen der feuchten Abendluft auf sein Zimmer gieng, spatzierte Kronhelm allein. Er kam an Theresen und Xavern vorbey. Sie redete ihn an: Sie scheinen heute unaufgeraumt zu seyn, Herr von Kronhelm!

Kronhelm. Ein Bischen, Jungfer Therese. (Siegwart gieng indessen weg.)

Therese. Haben Sie Ursache dazu? Ich werd Ihnen doch keine Veranlassung gegeben haben?

Kronhelm. Nein!

Therese. Nein? Und doch sehen Sie mich so sturmisch, oder gar nicht an.

Kronhelm. Sturmisch? Sie thun mir Unrecht, Jungfer Siegwart. Sie bilden sichs nur ein.

Therese. Ich glaube nicht, Herr von Kronhelm. Mir dunkt, Sie sind uber den Lieutenant unzufrieden.

Kronhelm. Vielleicht! Ich weiss selber nicht!

Therese. Sie Wissens selber nicht? Ach, mein lieber Kronhelm; es schmerzt mich sehr, dass Ich das entgelten soll! Sie werden doch nicht glauben, dass mir die Sussigkeiten des Lieutenants angenehm waren? Da wurden Sie mich sehr verkennen! Ich versichere Sie, dass mir der Mensch sehr zuwider ist; dass ich ihn, wer weiss, wie weit? weg gewunscht habe!

Kronhelm. Ist das Ihr Ernst, Jungfer Therese?

Therese. Mein volliger Ernst! Wie konnt ich Ihnen etwas weiss machen, Herr von Kronhelm? Ach Sie wissen nicht Ich schatze Sie unter allen Junglingen, die ich noch gesehen habe, am meisten hoch (Mit diesen Worten sah sie ihn zartlich, und mit nassen Augen an. Kronhelm ergrif ihre Hand; kusste sie mit Innbrunst; und sagte: Lieber Engel! Es folgte ein langes Schweigen.) Endlich sagte

Kronhelm. Verzeihen Sie! Ich hab Ihnen Unrecht gethan! Ich verdiene Ihre gute Meynung nicht! Nein, bey Gott nicht! (Therese druckte ihm die Hand, und nun druckte er ihrem Mund den ersten, heiligen, keuschen Kuss der Liebe auf.) Nach langem Schweigen sagte

Therese. Sind Sie mir noch bose, Herr von Kronhelm?

Kronhelm. Um Gottes, und der heiligen Jungfrau willen, schweigen Sie! Wie konnt ich das seyn? Ich will nichts, als Verzeihung! Ach, liebe Freundinn, ist das nicht zu viel? Ich bin ein Thor, ein Unmensch gewesen! Ich verdien Ihren Abscheu, Ihre Verachtung!

Therese. Thun Sie sich nicht Unrecht, Herr von Kronhelm? Es ist gut, dass Sie heftig sind. Vergessen Sie nur den fatalen Lieutenant! Er soll mich so leicht nicht wieder fuhren! Aber, Gott weiss! ich war unschuldig; wenn Sie nur davon uberzeugt sind!

Kronhelm. Ganz, ganz! Mein Engel! (Und hier kusste er sie wieder) Ich schame mich wegen meiner Heftigkeit. Sie waren ja ganz unschuldig. Der Lieutenant bot Ihnen seine Hand an; Sie sahen sich nach mir um! Ich sah alles, und war doch verblendet. Verzeihen Sie mir nur!

Therese weinte, und Er auch. Sie setzten sich auf eine Rasenbank. Der Mond schien ihnen ins Gesicht. Sie sahen sich oft lang an; schlugen die Augen nieder; seufzten; und lachelten dann einander halb wehmuthig zu. Dann blickten sie zum Mond auf, betrachteten jedes Wolkchen, jeden hellen Stern. Kunftig will ich immer an Sie denken, wenn ich den Mond sehe, sagte Kronhelm. Es ist so traurig, dass man sich verlassen muss, wenn man sich erst recht kennen lernt! Aber, wir sehen uns doch wieder. Hier sah ihn Therese traurig an. Eine Thrane rollte, hell vom Mondschein, uber ihre blassrothe Wange; sie sah wieder nach dem Mond; und indem kam Xaver zwischen den Johannisbeerhecken langsam hergewandelt. Nun, wollt ihr hier uber Nacht bleiben? sagte er. Wo bist denn du umhergeschlichen? Fragte sie. Ich sass da drunten, antwortete Xaver, auf der Bank am Gartenhauschen, sah dem Mond zu, wie er mit den Wolken sein Spiel hat, und da dacht ich uber unsre Einsiedeley nach; wie es einmal schon seyn wird, wenn wir des Abends da beysammen sitzen, uns uber neue Einrichtungen besprechen, und uns glucklich schatzen, dass wir uns von der Welt losgewunden haben. Man mag sagen, was man will, das Klosterleben und die Einsamkeit hat doch immer den meisten Reiz fur ein edles, empfindungsvolles Herz! Wenn wir nur erst in unserm Waldchen waren!

Therese lachelte zu Kronhelm, und wollte jetzt die angenehmen Traume ihres Bruders nicht zernichten. Sie reichte Kronhelm die Hand, und stand auf. Indem fuhr eine Sternschnuppe vor ihnen am Horizont hinab, so hell, als sie noch nie keine gesehen hatten. Sie sahen sich erst erschrocken an, und freuten sich denn druber. Daran wollen wir unser Lebelang denken, sagte Therese. Das war herrlich! Man horte sie ordentlich zischen, und sah noch die Funken hinter drein! Sie gieng in ihrem weissen Gewand, und mit aufgelosten Haaren Kronhelm hatte sie auf der Rasenbank unvermerkt aufgelost durch den langen Gang hinunter. Ihr weisses Kleid schimmerte, und tausend Schatten von dem Laub der Hecke hupften drauf herum. Kronhelm war zufrieden, wie ein Gott; denn er fuhlte nun das Gluck zum erstenmal ganz: Geliebt zu seyn. Siegwart nahm seine Schwester auch bey der Hand, und fuhlte in seinem Herzen eine nie empfundne Sehnsucht, die er sich nicht erklaren konnte. Ein paarmal hub ein unwillkuhrlicher Seufzer seine Brust; es war ihm wohl, und weh. Sie giengen endlich, weil es schon um zwolf Uhr war, auf ihre Kammer. Therese sass noch allein, und ohne Licht auf dem Zimmer, und spielte ein paar zartliche Arien auf dem Klavier. Kronhelm, der schon im Bette lag, glaubte die Musik der Engel zu horen, und schlief erst spat ein.

Den andern Morgen waren Kronhelm, Therese, und ihr Bruder von Karl und seiner Frau zum Kaffee gebeten. Sie hatten da wenig Vergnugen, weil sie sehr gezwungen waren. Karls Frau schien Kronhelms Zuneigung zu Theresen zu merken, und sehr neidisch druber zu seyn. Das arme Madchen musste viel Spottereyen und beissende Anmerkungen horen. Sie wuste nicht, wie sie sich dabey betragen sollte? und ward oft roth. Ihre Schwagerinn erzalte recht mit Vorsatz die Geschichte einer unglucklichen Heyrath zwischen einem Edelmann, und einem burgerlichen Madchen; und schloss damit, indem sie Theresen ins Gesicht sah: So sollts all denen Madchen gehen, die sich uber ihren Stand und andre ihres gleichen erheben wollen! Da heists recht: Hochmuth kommt vor dem Fall. Man muss nicht fliegen wollen, wenn man keine Federn dazu hat, u.s.w. Kronhelm wurde bose druber, und stand um zehn Uhr wieder auf. Sie werden wohl Geschafte haben, Jungfer Siegwart, sagte er; wenn wir um zwolf Uhr zu dem Amtmann in Belldorf fahren wollen, so mussen wir uns jetzt empfehlen, denn ich hab auch noch was zu arbeiten. Daruber ward Karls Frau noch mehr aufgebracht, und schaumte fast vor Wuth. Als die jungen Leute Abschied genommen hatten, liess sie's ihren Mann entgelten, und fieng einen grossen Lerm im Haus an. Aus deiner Schwester wird was schones werden! sagte sie. Das Madel thut so stolz, als ob sie schon eine gnadige Frau ware, und ihren kahlen Junker schon hatte. Ja! sie mag sichs nur einbilden! Der Junker wird sie prellen, wie's die Leute immer machen. Es ist eine Schande, dass ihn dein Vater so einsetzt! Aber heut will ich ihms sagen, und ihn gutmeynend warnen, dass er auf sein Madel acht gibt, und ihr die Traumereyen aus dem Kopf bringt! Karl schien weniger bose gegen seine Schwester zu seyn; denn er dachte: wenn sie einen reichen Junker kriegt, so wird sie von ihrem vaterlichen Vermogen nichts haben wollen. Er hielt also ihre Partie, und liess sich von seiner Frau brav ausschelten. Nach Tisch fuhren die jungen Leute zum Amtmann in Belldorf. Karls Frau war der Gegenstand ihres Gesprachs; sie bedaurten ihren Mann, und sie selbst, indem sie ihres Lebens und Vermogens gar nicht froh ward; denn der Geiz machte ihr jeden Bissen, den sie, oder andere genossen, bitter. In Belldorf, sagte Therese zu Kronhelm, werden Sie auch eine sonderbare Frau von einer andern Gattung antreffen. Jesus! Maria! rief sie, indem der Wagen eine Anhohe hinabrasselte, und umsank. Kronhelm, der zu oberst lag, arbeitete sich den Augenblick heraus; machte den Schlag auf, und zog Theresen heraus, die so blass aussah, wie der Tod. Um Gottes willen! helfen sie doch meinem Bruder! rief sie. Er lag halb unter dem Wagen, denn er war, im Sinken, aus dem Schlag gefallen. Kronhelm hob, mit Hulfe des Kutschers, den Wagen auf, und Siegwart kroch hervor. Da keines durch den Fall Schaden gelitten hatte, so fiengen sie endlich an, uber den Zufall, und uber die lacherlichen Stellungen, und Grimassen, die sie gemacht hatten, zu lachen. Doch ward Therese angstlich, so oft der Wagen auf die Seite hieng, und hielt sich fest an Kronhelm.

Wahrend dass sie auf dem Weg sich lustig machten, und scherzten, gieng Karls Frau zum alten Siegwart, um das Gluck der Liebenden zu untergraben. Der alte Mann, der seine Tochter herzlich liebte, und auch dem jungen Kronhelm sehr gut war, erschrack uber die Entdeckung, und uber die Gefahr, die ihm, sehr vergrossert, vorgemalt wurde. Er hatte die veste Meynung von seiner Tochter, und sagte, sie werde gewiss keinen Schritt wagen, der ihrer Unschuld nachtheilig sey. Aber ihrer Ruhe, sagte seine schlaue Schwiegertochter. Ich wollte selbst auf ihre Tugend alles bauen; aber das ist bey uns Frauenzimmern noch nicht genug. Wir mussen auch behutsam und vorsichtig mit den Mannspersonen umgehen; und unser Herz, auch in der besten Absicht, nicht so aufs Gerathewohl verschenken! Sie wissen wie's mit Edelleuten ist; und den Junker Veit kenn ich von aussen und von innen. Er halt auf seinen Adel, wie auf seine Jagdhunde; und, sobald er das geringste von erfahrt, ist kein Mensch, weder sein Sohn, noch ihre Tochter, noch Sie selbst ihres Lebens sicher. Ich weiss, er hat seinem Sohn schon ein Fraulein ausersehen, und die muss er nehmen, es mag kosten, was es will. Denken Sie, was dann aus Ihrer Tochter werden wird? Soll sie seine Maitresse werden? Oder was sonst? Wenn ich Ihnen wohlmeynend rathen darf, so warnen Sie Ihre Tochter! brauchen Sie Ihr vaterliches Ansehen, und untersagen Sie ihr ihren Umgang mit dem Junker! Es kann dem armen Madchen einst bey einer andern Heyrath hinderlich seyn. Denn was wird die Welt sagen, wenn man sie so vertraut miteinander umgehen sieht? Dem alten ehrlichen Siegwart gieng das in der Seele nah. Es klarte sich ihm vieles in dem Betragen seiner Tochter gegen Kronhelm auf. Er hatte keine Ruhe. Er dachte hin und her, wie er seine Tochter retten mochte, ohne doch dem jungen Kronhelm, gegen den er in der That nichts hatte, zu viel zu thun. Er beschloss endlich, bey der ersten schicklichen Gelegenheit, mit seinem Sohn und seiner Tochter ernstlich druber zu reden.

Kronhelm, Xaver, und Therese kamen indessen bey dem Amtmann in Belldorf an. Der Amtmann, seine Frau, und seine zwey Tochter kamen augenblicklich an die Kutsche, und hoben sie aus dem Schlag heraus. Sie wurden mit vielen Carimonien bewillkommt, und die Treppen hinauf gefuhrt. Die Amtmanninn machte tausend Entschuldigungen, dass sie so schlecht gekleidet sey, und dass im Zimmer alles so unordentlich aussehe. Sie war aber in der That mehr prachtig, als nachlassig gekleidet; und im Zimmer war alles ordentlich. Ich sag dirs tausendmal, Mann! sagte sie, dass du alles so herumfahren lassest, und dich nie an keine Ordnung gewohnst! Wenn man dann einmal so vornehme Gaste bekommt, wie wir heut die Ehre haben, (hier verneigte sie sich sehr tief) da muss man ja mit Schimpf und Schande bestehen! Nehmen Sies doch nicht ubel! Was werden Sie zu Hause sagen, dass ich so ein unordentliches Weib sey? Man glaubt ja, man komm in eine Baurenstube! Indess raumte der Amtmann stillschweigend auf. Sie redete ihm immer ein, und sagte: Das gehort dahin, und das dorthin u.s.w. Sie beurlaubte sich auf einige Augenblicke. Therese besprach sich indess mit ihren Tochtern. Der Amtmann sprach, wiewohl angstlich, indem er immer dazwischen seine Schriften aufraumte, mit Kronhelm und mit Siegwart. Endlich, als er fertig zu seyn glaubte, setzte er sich zu ihnen, und fieng ein sehr vernunftiges Gesprach an. Allein seine Frau kam im grosten Staat, mit einem hohen Kopfputz und einem Reifrock herein, und machte eine tiefe Verbeugung. Um Gottes Willen, Mann, sagte sie, was ist das? Du setzst dich in deinem abgeschabten Rock zu den Herren hin? Sollte man nicht glauben, du habest sonst kein anders Kleid? Den Augenblick! Der Mann lief stillschweigend weg, um sich umzukleiden. Nach vielen Komplimenten setzte sie sich nieder, spielte mit dem Facher, und gab ihren Tochtern einen Wink, sich zu entfernen, und sich umzukleiden. Als sie Kronhelms Namen horte, und dass er von Adel sey, stand sie wieder auf; fieng von neuem ihre Komplimente an; und schatzte sich doppelt glucklich, einen Kavalier in ihrem Haus zu haben. Nur bedaurte sie aufs neu, dass er alles so in Unordnung angetroffen habe. Es ist ein trauriges Leben auf dem Lande! sagte sie. Man mag auch noch so sehr auf Nettigkeit und Ordnung sehen, man kanns doch nie ganz erhalten; es kommt einem hundertley dazwischen; wenns auch nur die Fliegen waren, die sich haufenweis auf alles hinsetzen, und es beschmutzen. Da ists in meinem lieben Augspurg ganz anders; da ist alles so reinlich, und so nett; da glanzt alles; kein Staubchen darf man im Zimmer sehn; und Fliegen sieht man auch beynahe gar nicht. Ich kanns meinem Papa und meiner Mama noch nicht vergeben, dass sie mich aufs Land verheyrathet haben! Man ist von allem abgesondert und abgeschnitten; Man vergisst den guten Ton ganz, und erfahrt die neuen Moden immer vierzehn Tage spater. Zwar ich erfahr sie immer gleich, weil ich alle Wochen mit meiner Mama korrespondire. Z.E. Sehn Sie, Mademoiselle, dieser Zitz ist jetzt die neueste Facon in Augspurg; Schule hat diese Art zu drucken erst erfunden. Sehn Sie nur, wie er glanzt! Und wie die Farben hell sind! Theuer ist er, das ist wahr, und kostet mich ein schon Stuck Geld! Aber ich will lieber was rechtes und was grundliches haben; dadurch kann man sich noch allein vom gemeinen Volk unterscheiden. Der Pobel treibts jetzt ohnediess so weit, dass man nichts mehr kostbar genug machen kann. Alles afft er nach! Der Amtmann kam wieder in einem grunen Kleid in schwarzwollenen Strumpfen, und einer gelblichten runden Perucke. Ums Himmels willen, Mann, was treibst du nun wieder? Das nenn ich mir einen Streich! Das braune Kleid ziehst du aus, und das grune, das um keinen Heller besser ist, ziehst du an? Hast du denn nicht dein blaues Ehrenkleid, mit den goldnen Trotteln, und der rothen Weste und Beinkleidern, das du an unsrer Hochzeit trugest? Und nicht einmal seidne Strumpfe? Ja, ihr seyd Leute! Da hangt draussen deine Allongeperuque, frisch akkommodirt, und du setzst die Buchsbaumene auf! Mit dir kann man Ehr einlegen! Nun ists schon zu spat; nun bleib nur da! Man hat jetzt deine Unbehulflichkeit schon gesehen. Verzeihen Sies ihm nur, Herr von Kronhelm! Er hat sein ganzes Leben fast auf dem Land zugebracht; und da gehts nicht anders. Ja, in Augspurg, da wollt ich dich anders ziehen! In einem solchen Aufzug durftest du dich ja in keiner honetten Gesellschaft sehen lassen. Komm doch her! Was hast du da wieder allerley an dir hangen? Heu und Stroh! Man sieht doch gleich, womit einer umgeht. Nun muste sich der Amtmann vor ihr hinstellen, wie ein Kind; sie suchte sein ganzes Kleid durch, klaubte alle Faserchen ab; legte die Falten zurecht und sagte endlich: so, nun kannst du gehen. Er kusste ihr zum Dank die Hand; denn er war noch in sie verliebt, wie an seinem Hochzeitstage. Die Tochter kamen endlich auch wieder, hubschgekleidet, und machten ihr Kompliment. So, nun seht ihr doch ertraglich aus, sagte die Mutter; aber ich mocht doch wissen, was du gedacht hast, Henriette, dass du eine Dormeuse aufsetzst? Hast du nicht erst neulich eine so schone Carcasse von Augspurg bekommen, und setzst jetzt das altmodige Ding auf! Das ubrige gieng auf dem Lande schon noch so mit. In Augspurg musts freylich auch anders seyn. Kommt denn der Kaffee noch nicht, Jeannette? Sieh doch nach! Der Kaffee ward in einer silbernen Kanne aufgetragen. Wieder ein dummer Streich! fieng sie an. Warum denn die kleine Kanne, da wir doch die grosse haben, die mit der getriebnen Arbeit, und dem vergoldeten Bild oben? Wenn ich nicht nach der Haushaltung sehe, so schiest ihr lauter Bocke! Das ist ja, wie eine Milchkanne! Sie gieng selbst hinaus, um die grossere Kanne zu holen. Indess fragte der Amtmann unsern Kronhelm und Siegwart, ob sie nicht Taback rauchen? Und als sie ja sagten, stopfte er ihnen ein paar lange Pfeifen. Seine Frau kam wieder. Bist du gar toll, Mann? rief sie. Willst du ganz zum Bauren werden? Um des Himmels willen! Das hab ich doch mein Lebtag nicht gehort, in einer solchen Gesellschaft Taback rauchen! Es ist ja, als ob du deine funf Sinnen verloren hottest! Scham dich doch in deine Seel' hinein, solche Sottisen zu machen! Den Augenblick pack dich mit deinem Kram zum Henker! Der Amtmann liess sie austoben, nahm seine Pfeifen zusammen, und sagte ganz kaltblutig: Die Herren haben ja rauchen wollen. Was? Die Herren? Und hier ward sie ganz roth; Ja das ist was anders! Ja, wenns die Herren haben wollen! ... Ich bitte tausendmal um Vergebung! Mein Mann ist schuld daran, dass er mir das nicht eher gesagt hat! Ich muss mich recht schamen! Da steht er da, wie ein Peruckenstock, und spricht kein Wort! Henriette bring den Augenblick den silbernen Leuchter mit dem Wachslicht herein! Aber, da wirst du wieder so elenden Taback haben; ich hab dirs schon hundertmal gesagt, dass du Knaster ins Haus schaffen sollst! Nun ward Kaffee getrunken. Therese unterhielt sich ganz allein mit den beyden Madchen, und schien auf Kronhelm nicht im geringsten zu achten. Sie lachten sehr viel, und flusterten sich ins Ohr. Kronhelm ward traurig, und halb bose, und unterhielt sich mit dem Amtmann, mit seiner Frau, und Siegwart. Ein Knabe von sieben oder acht Jahren, der ziemlich zoticht aussah, kam ins Zimmer, rief Mama! und wollte auf die Amtmanninn zu laufen. Sie sprang hastig auf, und rief: Den Augenblick pack dich, Andrees! Wer wird sich so vor den Herrschaften sehen lassen? Hurtig! Hurtig! Und nun gieng sie mit ihm aus dem Zimmer. Therese scherzte und kicherte noch immer mit den Madchen fort, ohne sich um Kronhelm, oder die ubrige Gesellschaft zu bekummern. Diess that ihm ziemlich weh. Der Amtmann zeigte in seinen Gesprachen viel Verstand, und Kronhelm bedaurte ihn mit Siegwart, dass er so unter dem Pantoffel einer thorichten Frau stand.

Nach einer halben Stunde kam die Dame wieder mit dem Knaben an der Hand, der nun frisirt war, einen Haarbeutel, und ein hubsches Kleid trug. Er muste erst Kronhelm, denn Theresen, und ihrem Bruder die Hand kussen, und sich auf Befehl der Amtmanninn fast zur Erde bucken. Nach dem Kaffee ward Wein aufgetragen. Sie machte wieder tausend Entschuldigungen, dass sie mit keinem bessern, als mit Nekkarwein aufwarten konne. Auf dem Land sey es gar zu schlimm; Sie habe kurzlich noch Burgunder gehabt, und jetzt sey er, zum Ungluck, eben ausgegangen, u.s.w. Nun trank sie mit vielen Carimonien Gesundheiten, und machte immer noch einmal ein Kompliment, wenn sie das Glas absetzte. Sie besann sich recht drauf, viele Gesundheiten auszubringen, und die jungen Leute mit zu qualen. Da ward aufs hohe Wohl des gnadigen Herrn Papa; aufs hohe Wohl der gnadigen Fraulein Schwester; aufs hohe Wohl der ganzen hochadelichen Familie; dann aufs erwunschte Wohl des Herrn Amtmanns Siegwart, seiner beeden Herren Sohne, und seiner hochgeehrten Frau Schwiegertochter getrunken; dann wieder auf das bestandige Wohlergehen der hochansehnlichen Gesellschaft; Kurz es wurde des Gesundheittrinkens und des Bukkens kein Ende; Selbst der siebenjahrige Knabe muste rings herum Gesundheit trinken, und ward dabey so angst, dass er fast das Glas fallen liess. Das Nothigen zum Trinken wollte auch kein Ende nehmen, so dass Kronhelm endlich einen Spatziergang im Garten vorschlug. Die Amtmanninn wollte Anfangs nicht recht dran, weil es jetzt im Garten gar zu unordentlich aussehe; sie suchte es so lange zu verzogern, als moglich, weil sie heimlich Befehl gegeben hatte, dass man die Taxusbaume erst beschneiden sollte. Endlich, als sie die jungen Leute nicht mehr aufhalten konnte, gieng man hinunter. Kronhelm muste sie aus Hoflichkeit am Arm fuhren. Sie zierte sich erst lange, weil sie glaubte, es sey wider die Lebensart, einen Edelmann zu bemuhen. Siegwart fuhrte ihre beyden Tochter, und der Amtmann Theresen. Bey der Gartenthure sperrte sie sich lang, voranzugehen, und doch konnte sie wegen ihres Reifrocks, nicht zugleich mit Kronhelm hineingehn. Sie sah angstlich nach den Taxusbaumen, die noch nicht ganzlich beschnitten waren. Hinter ein paar standen Kerls, und hielten sich versteckt; und sobald die Gesellschaft den Gang hinunter war, so fiengen sie wieder an, mit der Scheere zu beschneiden, bis sie fertig waren. Drauf kamen zween Baurenkerls in Livree; brachten Sessel; setzten sie, auf Befehl der Amtmanninn in der Terasse nieder, und brachten dann auch einen Tisch und Wein. Kronhelm konnte sich des Lachens kaum enthalten; er muste sie immer fuhren, und doch war es ihm kaum moglich, sie, mit ihrem weiten Reifrock, durch die engen Heckengange durchzubringen. Sie erzalte ihm sehr viel von Augspurg, von ihrer Jugend, und von ihren Eroberungen. Zuweilen sah sie sich sehr angstlich nach ihrem Mann um, der Theresen fuhrte. Anfangs wuste Kronhelm nicht, was diess zu bedeuten hatte? Endlich merkte er, dass sie eifersuchtig sey, und sie gab es auch nicht undeutlich zu verstehen. Zulezt ward sie so besorgt, dass sie ihren Mann herbeyrief, unter dem Vorwand, er mochte doch die Herrschaft mit Wein bedienen! Therese gieng nun wieder mit den Madchen, und machte sich mit ihnen sehr lustig, indem sie Birn' aufsammelten. Kronhelm ward uber ihr leichtsinnig scheinendes Betragen gegen ihn sehr empfindlich, und immer stiller und nachdenklicher.

Nun wurde Obst und kalte Schaale vorgesetzt, und das Gesundheittrinken gieng von neuem an. Hinter den Hecken stunden vier Bauren mit zwo Posaunen und zwo Zinken, die eine Art von Tafelmusik machten; und wenn eine hohe Gesundheit ausgebracht wurde, so musten sie, auf den Wink der Amtmanninn Dusch machen. Sie bedaurte nur, dass die Musik nicht besser sey. Vor drey Wochen, sagte sie, haben sich vier Prager Studenten im Dorf aufgehalten, die ganze Leute gewesen seyen. Sie wollte viel geben, wenn sie jetzt noch da waren! Der Amtmann ward endlich vom Wein etwas lustig, und sprach mit Kronhelm und Siegwart ziemlich vertraut. Sie winkte ihm wol hundertmal zu, und zupfte ihn beym Rock, dass er doch ja nicht die schuldige Hochachtung aus den Augen setzen mochte! Endlich nahmen unsre jungen Leute Abschied; sie empfahl sich ihrem gnadigen und gutigen Andenken tausendmal, und bat aufs instandigste, sie mochten ihr doch noch einmal die hohe Ehre ihres Besuches gonnen, und es ihr vorher zu wissen thun, damit sie solche vornehme Gaste nach Standesgebuhr empfangen konnte! Auf ihren Wink giengen die vier Bauren mit ihren Blasinstrumenten hinter drein, und machten, indem die Gaste in den Wagen stiegen, und abfuhren, eine so schmetternde Musik, dass das halbe Dorf zusammenlief. Therese, die die Gewohnheit der Amtmanninn wuste, legte sich in den Schlag, und machte wenigstens noch sechsmal eine Verbeugung, denn die Amtmanninn gieng nicht eher von der Hausthure weg, als bis sie die Kutsche, die durchs ganze lange Dorf hinfuhr, nicht mehr sehen konnte. Als sie schon vor dem Dorfe draussen fuhren, horten sie noch das liebliche Geton der Zinken und Posaunen. Kronhelm sah ganz ernsthaft aus, und sprach nichts. Therese sagte: und Sie sind so still, und kommen eben erst aus einer so lustigen Gesellschaft? Mein aufgeraumtes Wesen muss Ihnen heut recht sonderbar vorgekommen seyn? Aber ich nahms mit Fleiss an. Die Amtmanninn ist eine Erzplaudertasche, und gibt auf alles Acht. Hatt ich viel mit Ihnen gesprochen, so wurde sie, weiss nicht was? daraus gefolgert, und die lacherlichsten Dinge ausgesprengt haben. Daher gab ich mich fast blos mit ihren Tochtern ab. Die Madchen lachen in Einem fort, wenn man bey ihnen ist, und da muss man eben mit machen! Mein Spruchlein ist: Frolich bey den Frolichen, und traurig bey den Traurigen! Ich kanns den armen Madchen auch nicht ubel nehmen, wenn sie einmal ausgelassen lustig sind; denn heut haben sie wieder fur einen ganzen Monat gelacht; Wenn sie bey ihrer abgeschmackten Mutter allein sind, da geht alles so ernsthaft und gravitatisch zu, und keine Mine darf verzogen werden! Kronhelm war mit dieser zuvorkommenden Entschuldigung sehr zufrieden, und ward auf einmal wieder munter. Sie machten sich nun uber die lacherliche Amtmanninn lustig, und parodierten sie. Und wer meynen Sie wol, sagte Therese, dass sie von Stand und Herkommen sey? Nichts mehr und nichts weniger, als eine arme Goldarbeiterstochter aus Augspurg, in die sich der Amtmann, als er sie bey ihrer Verwandtinn auf dem Lande sah, verliebt hat. Der arme Mann ist sonst so gut und so vernunftig; aber dass er diese Frau geheyrathet hat, das kann ich ihm nicht vergeben. Sie halt ihn nur wie einen Bedienten im Haus, und doch betet er die Narrinn an. Aber, wie wars, sagte Kronhelm, wenn wir sie in unsre Einsiedeley mit aufnahmen, und zur Carimonienmeisterinn machten? Ja, die Thorinn brauchten wir! sagte Siegwart ganz hitzig, die wurd uns alles Angenehme der Einsamkeit verbittern! Nun, Nun, antwortete Kronhelm, du nimmst auch alles gleich im Ernst! Aber, weist du, was wir thun wollen, Xaver? Dem alten Grunbach wollen wir sie geben! Der ist auch so ehrenvest und stattlich; so wird doch der arme Amtmann von seinem Hausubel erlost, und die Grunbachinn auch. Das magst du meinetwegen thun! sagte Xaver; nur unsre Einsiedeley soll sie nicht entheiligen! Nun muste Kronhelm Theresen vom alten Grunbach erzahlen; er kam auch auf seine Tochter Sophie zu sprechen, und sagte halb im Scherz, sie sey in Xavern verliebt; dieser ward aber druber bose, denn er wollte schlechterdings von keinem Madchen nichts horen. Sie kamen endlich wieder sehr vergnugt beym alten Siegwart an. Beym Essen erzahlten sie mit vielem Lachen die Bedienung und den feyerlichen Empfang bey der Amtmanninn, und glaubten, dem alten Siegwart ein Vergnugen dadurch zu machen. Er sah aber immer sehr ernsthaft, oft sehr traurig aus; und blickte seine Therese oft sehr mitleidig an. Sie merkte es, und ward auch sehr tiefsinnig druber. Sie dachte angstlich hin und her, und konnte doch nichts ausfindig machen, womit sie ihrem Vater konnte Anlass gegeben haben, unzufrieden uber sie zu werden. Nach Tische gieng sie einigemal mit Kronhelm traurig im Garten auf und nieder; entdeckte ihm ihre Besorgnis wegen des Tiefsinns ihres Vaters, und sagte endlich, sie konne nicht ruhen, bis sie die Ursache davon erfahre.

Sie trennte sich auch diesmal bald von Kronhelm, und gieng unter dem Vorwand, ein Buch zu holen, auf das Zimmer ihres Vaters. Es war ihm lieb, dass sie selber kam. Wo ist Xaver? sagte er. Sie antwortete: Er werde wol beym Herrn von Kronhelm seyn. Willst du ihn nicht rufen, meine Tochter? Ich hatte was mit ihm und dir zu reden. Sie kam gleich wieder mit ihrem Bruder, und der Vater fieng, nach einigen gleichgultigen Reden, mit schwerem Herzen und geruhrter Stimme also an: Es ist mir heute was entdeckt worden, meine liebe Tochter, was mir deinetwegen viele Sorge macht. Ich hoffe, du werdest offenherzig mit mir, als mit deinem Vater, der zugleich dein Freund ist, reden. Nicht wahr, mein Kind?

Therese sagte zitternd, und schon halbweinend: Ja.

Siegwart. Sieh, man hat mir gesagt, du findest an dem jungen Herrn von Kronhelm ein besonderes Wohlgefallen. Ists so?

Therese. Ich kanns nicht leugnen, er gefallt mir recht wohl; und ich denke, dass es Ihnen nicht zuwider ist, Papa.

Siegwart. Das nicht, mein Kind! Aber ich furchte nur, dass die Sache weiter kommen mochte. Du weist schon, beym Wohlgefallen bleibts bey jungen Leuten nicht stehen. Liebst du ihn, mein Kind?

Therese. Verzeihen Sie, Papa?.. Ich weiss nicht!.. Ob ich ihn liebe, meynen Sie? Ja, das lasst sich so nicht sagen Ich habe selbst noch nicht dran gedacht Es kann seyn; Ich weiss warlich selbst nicht.

Siegwart. Gut, gut, mein Kind! Sey nur ruhig! Ich will kein Gestandnis herauszwingen. Mich deucht, ich weiss schon genug, und die Vermuthung scheint mir ziemlich richtig.

Therese. Aber, um Gottes willen, Papa, Sie werden ja nichts unerlaubtes muthmassen? Bey der Mutter Gottes und bey allen Heiligen, auf meinen Knien kann ichs Ihnen schworen, dass mein Herz rein, ganz rein ist! dass kein unheiliger, kein unerlaubter Gedanke je in diese Brust kam! Die Engel konnens zeugen, die zugegen waren, wenn ich mit ihm allein war! Lieber wollt ich sterben.

Xaver. Ja, ich kanns auch bezeugen, Papa!

Siegwart. Still, still, meine Kinder! Wozu die Betheurungen? Wie konnte mir so ein Gedank einfallen, meine Tochter? Ich kenne deine Unschuld. Aber die Frage ist von ganz was anders, und betrift deine Ruhe, die mir so unaussprechlich nah am Herzen liegt. (Hier nahm er Theresen bey der Hand) Bedenk, mein Kind, wenn du den Herrn von Kronhelm liebst, in welche unabsehliche Schwierigkeiten du dich verwirkelst? Ich habe nichts gegen ihn, Gott weiss es! Er ist mir ein lieber junger Mensch; und wenn er deines Standes ware, so wollt ich heut noch eure Hande ineinander legen, und euch segnen! Aber, denk einmal! Er ist ein Edelmann, von einer guten, alten Familie. Du weist, wie die Edelleute sind. Wenn auch Er gleich anders denkt, das hilft wenig! Sein Vater, oder seine Anverwandten konnen wunderlich seyn. Sie wurdens nie zugeben, wenn er dich auch noch so sehr liebte. Und wie leicht kann man ihn durch Zureden wieder auf andre Gedanken bringen! Der Mensch ist veranderlich

Xaver. Nein, Papa! Das ist Kronhelm gewiss nicht! Da kann ich fur ihn stehen! Was er einmal beschlossen hat

Siegwart. Das ist schon gut! Aber du kennst die Menschen noch nicht genug. Und, wie gesagt, auf ihn kommts ja nicht an; er ist nicht sein eigner Herr; und wurde sich dadurch selbst ins tiefste Elend sturzen.

Therese. Nein, das will ich nicht! Bey Gott, nicht! Keinen Menschen! Ihn am wenigsten! Lieber selbst ins Elend! Lieber tausendmal ins Elend!

Siegwart. Du bist viel zu heftig, meine Tochter! Zu dem, was ich dir noch sagen will, gehort Ueberlegung. Jetzt kann alles noch geschehen, jetzt ists eben noch Zeit. Pruf dich, ob du ohne ihn leben, dich von ihm auf einmal losreissen kannst? Du weinst, Therese? Gutes Kind! Du daurst mich! Es muss weit mit euch gekommen seyn. Habt ihr einander schon von Liebe vorgesagt?

Therese. Noch kein Wort, Papa! Ich sagt' ihm nur, dass ich ihn hochschatze, und er sagt' es auch

Siegwart. Ist eben so viel! Kinder, Kinder! Ich furcht, Eure Herzen hangen schon sehr fest aneinander, und werden bluten mussen! Glaub mir, Therese! ich liebe dich von Herzen! Wunschte dich im Herzen glucklich, wie mich selber! Und wenn du's mit Kronhelm werden konntest, das war mir das liebste auf der Welt! Aber, Aber! Ich sehe viel Kampf voraus!

Xaver. Erlauben Sie, Papa! Wenn Kronhelm meine Schwester wurklich lieb hat, so kanns nicht fehlen! Er macht sie gewiss glucklich! O, ich kenn ihn, und weiss, was er zu thun im Stand ist! So gibts wenig Menschen!

Siegwart. Du kommst immer wieder aufs Alte, Xaver! Wenns auf Ihn ankommt Ich sag dir aber, da kommts nicht auf ihn an. Er ist noch ein junger Mensch! Sein Vater lebt noch!

Xaver. Aber er gibt nicht nach. Er ist standhaft, und hat Grundsatze!

Siegwart. Grundsatze hin, Grundsatze her! Der Adel hat auch seine Grundsatze! Ich kann weiter nichts thun, Therese, als dich vaterlich und herzlich warnen, um deiner Ruhe willen recht auf deiner Hut zu seyn; und dein Herz so unabhangig zu machen, als moglich! Ich will dir den Umgang mit Kronhelm nicht verbieten, das war hart, und grausam, und wurd eure Liebe nur mehr anflammen; aber, wenn Grunde, und mein Bitten, und die Liebe zu deiner eignen Gluckseligkeit etwas uber dich vermogen, so such dein Herz wieder zu heilen, und deine Liebe in Freundschaft zu verwandeln. Ich weiss, dass dichs viel kosten wird! Aber lieber jetzt, als dann erst, wenn alles schon zu spat ist. Ueberlegs selber, welchen Gefahren du entgegen giengest, und ob meine Warnung nicht vaterlich und gut gemeynt ist?

Therese. Ja Papa! Ich seh es ein, und dank Ihnen (sie kusste ihm die Hand) und will thun, was ich kann!

Siegwart. Nur behutsam! Du must ihn nicht beleidigen! Das hat er um uns nicht verdient! Xaver kann bey Gelegenheit mit ihm davon reden; aber jetzt noch nicht! Sieh nur, dass du nicht viel mit ihm allein bist! Denk nicht ans Gegenwartige! Das ist angenehm; Sondern an die Zukunft! Die ist traurig fur dich und ihn, wenn ihr nicht gleich jetzt lieber leidet. Es ist traurig genug, dass es solche Verhaltnisse in der Welt gibt! Sonst konntet ihr sehr glucklich seyn! Ich werde dir nie in dieser Sache etwas vorschreiben, oder dir einen Mann aufdringen; da bewahre mich Gott vor! Ein rechtschaffener Vater kann nichte, als die Neigung seiner Kinder lenken, aber ohne Zwang. Nur, wenn er sie einem Abgrund entgegen eilen sieht, dann wird ihms kein Mensch ubel nehmen, dass er seine Kinder zuruckhalt! Ich verlasse mich auf deine Klugheit, meine Tochter! Gott starcke dich, und heile dein verwundetes Herz! Mit diesen Worten fieng er selber an, zu weinen. Therese schluchzte laut, und kusste ihm die Hand. Xaver zog auch sein Schnupftuch heraus, und wischte sich die Augen.

Therese gieng auf ihre Kammer, schuttete ihr Leid in Thranen aus, und konnte die halbe Nacht nicht schlafen. Nun fuhlte sie erst, wie nah Kronhelm ihr am Herzen liege, und was sie mit ihm verlieren wurde? Sie beschloss hundertmal, sein Bild aus ihrem Herzen zu verbannen; nicht mehr mit Zartlichkeit an ihn zu denken; ihm kalt zu begegnen; und so viel, als moglich zu vermeiden, allein mit ihm umzugehen. Aber dann stellte sie sich den lieben Jungling wieder vor, wie er mit der sanften Mine, und dem schmachtenden Auge vor ihr da stand; sie mit Unschuld und Wehmuth ansah, als ob er fragte: Therese, womit hab ich diess verschuldet? Dann brach ihr Herz; ihre Thranen flossen haufiger, und sie sahs fur Grausamkeit und Meineyd an, ihm so unbarmherzig zu begegnen. Dann beschloss sie wieder, ihm getreu zu bleiben, wenns auch ihre Ruhe und ihr Leben kosten sollte! Aber ihr Vater; seine Bitten; seine Vermahnungen; und herzruhrende Vorstellungen auf der andern Seite! Sie stand auf einer Klippe, von zwey Abgrunden umgeben! Auf beyden Seiten Tod! Welchen sollte sie nun wahlen? Sie rang, bis gegen Morgen, mit sich selbst; hatte nicht beschlossen, was sie wahlen wollte? Und schlummerte endlich, von Thranen, und von Seufzern abgemattet, ein.

Der junge Siegwart unterhielt sich unterdessen mit Kronhelm. Er war zu gewissenhaft, und angstlich in der Freundschaft, und hatt' es sich als einen Verrath angerechnet, wenn er das, was vorgefallen war, seinem Freund nur eine Stunde hatte vorenthalten sollen. Er erzahlte ihm also offenherzig die ganze Geschichte. Kronhelm, sagte er, mein Vater glaubt, du liebest meine Schwester, und sie liebe dich, und da ist er sehr besorgt und angstlich druber.

Kronhelm. Wer? Dein Vater? Hat er was dagegen? Ja, ich liebe deine Schwester, Siegwart! Lieb sie herzlich! Hat er was dagegen? Sag!

Siegwart. An sich hat er nichts dagegen. Aber du bist ein Edelmann.. Du weist schon

Kronhelm. Nun ja! Thut das was? Meyn ichs drum nicht ehrlich?

Siegwart. Sey nicht wunderlich! Warum sollt er das von dir glauben? Aber er meynt, es geh nicht an, dass ein Edelmann ein Burgermadchen so liebe, dass ers heyrathen kann.

Kronhelm. Warum nicht? Das war mir schon! Meynt er das? So will ich ihms gleich anders sagen. Was hat der Adel mit der Liebe zu thun? Da wollt ich lieber meinen Federhut in die Donau schmeissen! Nein, Siegwart, wenn mich deine Schwester liebt, so soll sie, bey Gott! mein seyn.

Siegwart. Das sagt' ich auch; aber er hat Besorgnis wegen deines Vaters.

Kronhelm. Der kann dagegen seyn, das leugn' ich nicht. Aber in der Liebe hat man weder Vater noch Mutter! Da bin ich mein eigner Herr!

Siegwart. Du bist ja so heftig, Kronhelm!

Kronhelm. In der Liebe muss mans seyn!

Siegwart. Du liebst also meine Schwester wurklich?

Kronhelm. Brauchts noch eine Frage? Kannst du sagen, dass sie mich wieder liebt?

Siegwart. Ja, das kann ich, Kronhelm! Ich wollt' einen Eid drauf schworen!

Kronhelm. Nun, Gott sey Dank! Dann soll uns auf der Welt nichts im Wege stehn! Was macht deine Schwester? Was sagte Sie?

Siegwart. Sie weinte, schwieg, und sah gen Himmel, als ich sie verliess.

Kronhelm. Nun, Gott wird sie trosten, hoff ich! Das arme Madchen! Dass sie meinetwegen leidet! O, das geht mir durch die Seele, Xaver! Hast du sie nicht trosten konnen? Hast ihr nicht gesagt, dass ichs ehrlich meyne? Dass sie mein seyn soll, auf ewig?

Siegwart. Wusst ich das?

Kronhelm. Freylich hattest's wissen sollen! Komm, lass uns noch zu ihr!

Siegwart. Jetzt ists schon zu spat, Kronhelm! Sie wird schon im Bette seyn. Du kannst ihrs ja morgen sagen.

Kronhelm. Morgen! Man sieht wohl, dass du nie geliebt hast! Ein Augenblick, den sie um mich leidet, wird mir zum Jahrtausend! Warum hast mirs doch nicht eher gesagt!

Siegwart. Ich sagt' es dir ja gleich, als ich von ihr herkam.

Kronhelm. Nun, so ists schon gut! Aber morgen mit dem fruhesten muss ich mit ihr reden, und sie trosten, und ihr schworen, dass ichs ehrlich mit ihr meyne! Mein soll sie seyn, wenns auch die ganze Welt nicht wollte!

Siegwart. Nur behutsam must du drein gehn, Kronhelm! Es ist besser, wenn dein Vater jetzt noch nichts davon weiss. Und vor meiner Schwagerinn must du dich auch in Acht nehmen! Du hast letzthin gehort, was sie fur Anmerkungen machte.

Kronhelm. Ey, was geht mich die an? Aber du hast Recht. Behutsam will ich drein gehn. Wenn nur Therese mein wird, dann ist mir alles gleichviel, wie sies wird?

Siegwart besanftigte doch nach und nach den aufgebrachten, liebevollen Jungling ziemlich. Kronhelm, den der unerwartete Sturm stutzig gemacht, und dann mit ergriffen hatte, dass er nichts mehr um sich her sah, als seine Liebe und Theresen; ward nun, als er sich zu Bette gelegt, und das Licht ausgeloscht hatte, nachdenklich und am Ende traurig. Je mehr er die Sache kalt uberschaute, desto mehr Hindernisse stellten sich ihm dar. Die Schwierigkeiten schienen ihm nicht mehr so leicht zu ubersteigen zu seyn, als sie ihm anfangs geschienen hatten; Er fand zwar seine Liebe stark; aber auch den Eigensinn und die Vorurtheile seines Vaters. Er sah den Lerm voraus, den dieser anfangen wurde; und endlich, als er sich von allen Seiten her mit Hindernissen umringt sah, und sich selbst nicht mehr heraus zu helfen wuste, fieng er an, sein Schicksal und den Adel zu verwunschen. Er dachte sich sein liebes Madchen; ihr sanftes holdseliges Gesicht; ihr liebevolles Herz voll hoher, edler Tugenden; ihren ganzen Umkreis von Vollkommenheiten; bebte vor dem Gedanken zuruck, diess alles zu verlieren; weinte; rang die Hande; und erhub sein Herz von neuem durch den starkenden Gedanken: Sie soll doch, trotz allem! dein seyn! Endlich ward er wie fuhllos; dachte nichts; und sah die ganze Zukunft wie ein odes dunkles Todtenfeld gleichgultig vor sich da liegen; bis ihn ein Schlummer uberfiel, aus dem er alle Augenblicke unruhig auffuhr.

Mit der Morgenrothe wachte er schon wieder auf, und fieng von neuem an zu phantasieren. Es kam ihm nun alles noch weit schwerer und verwickelter vor; und doch beherrschte seine Seele nur der einzige Gedanke: sie soll mein seyn! Er sah jetzt selbst die Behutsamkeit als das einzige Mittel an, seine Liebe zu erhalten und fortzusetzen. Er beschloss, dieses Theresen und ihrem Vater zu sagen. Um halb sieben Uhr gieng er schon ins Zimmer, um sein Madchen zu erwarten. Sie war unter Thranen aufgewacht, und betete. Mit heisser Innbrunst kniete sie vor einem Crucifix, und bat Gott um Muth und Starke, wenn sie Kronhelm sehe. Sie war selber bang, dass sie ihm nicht kalt und behutsam genug werde begegnen konnen. Und doch wollte sie diess, ihrem Vater zu Gefallen, thun. Zehnmal ergriff sie die Thure, um hinaus, und nach dem Zimmer zu gehen, und zehnmal bebte sie wieder zuruck. Ein angstlicher Gedank erhub sich nach dem andern in ihrer Seele. Sie gieng in der Kammer auf und ab, und erblickte sich von ungefahr im Spiegel. Gott, wie bin ich so blass! dachte sie; wird er nicht sogleich alles entdecken? Endlich gieng sie mit zogernden und leisen Schritten nach dem Zimmer.

Als sie die Thur aufmachte, sah sie ihren Kronhelm, und wollte wieder zuruckgehn; sie zitterte und bebte. Er kam auf sie zu, und nahm sie bey der Hand. Wollten Sie wieder umkehren? sagte er.

Therese. Nein.

Kronhelm. Sie sehn so blass und traurig aus. Haben Sie nicht gut geschlafen?

Therese. O ja.

Kronhelm. Und doch sagt Ihre Mine anders. (Er sah sie scharf an; Sie wandte das Gesicht weg.) Sie scheinen mir so misstrauisch und so kalt zu seyn.

Therese. Das bin ich nicht. Soll ich etwas auf dem Klavier spielen?

Kronhelm. Wenn Sie wollen. Aber ich sprache diessmal lieber.

Therese. Auch gut! Wovon wollen wir denn sprechen?

Kronhelm. Wovon, meine Liebe? Das fragten Sie doch sonst nicht.

Therese. Ach, ich weiss nicht. Mir ist heut so wunderlich zu Muth! Ich habe Kopfweh.

Kronhelm. Ich bedaure Sie. Aber ... Doch, ich mag nicht reden! Sie sind mir doch nicht gut. Ich sehs wohl.

Therese. (Nun weinte sie) Herr von Kronhelm!.. Thun Sie mir nicht Unrecht!.. wenn Sie wusten

Kronhelm. Ich weiss alles, Engel! Leider! Weiss ich alles! Nicht wahr, man will uns trennen? Liebe Seele!.. Sind Sie mir denn noch etwas gut?

Therese. Ach, Herr von Kronhelm!..

Kronhelm. O, es ist traurig, Therese! Aber, bey Gott! Kein Mensch auf Erden soll uns trennen! Wenn es auch ein Engel ware? Keine Seele soll sichs unterstehen!

Therese. Aber, Kronhelm ... Wenn es doch geschahe? Menschen sind gar machtig!

Kronhelm. Ich bins auch! Und Lieb' ist machtiger, als alles! Fassen Sie nur Muth! Ich weiss, dass ein Ungewitter uber unserm Haupt hangt. Aber noch ists Zeit, ihm auszuweichen. Wir mussen nur behutsam seyn, und unsre Liebe zu verbergen suchen. Ich will mit Ihrem Vater reden.

Therese. Wollen Sie das?

Kronhelm. Sobald er kommt.

Indem trat Xaver herein. Sie beredeten sich mit einander, was sie thun wollten? Kronhelm beschloss, ihrem Vater alles zu entdecken, und ihn anzuflehen, sie nur nicht zu trennen, und ihnen zu erlauben, Briefe mit einander zu wechseln. Mein Vater, sagte er, darf jetzt freylich nichts davon erfahren. Aber er kanns auch nicht, wenn nur wir selber alles recht geheim halten! Das ubrige wollen wir der Zeit und der Vorsehung uberlassen! Sie kanns bey unsern redlichen und reinen Absichten nicht bos mit uns meynen. Therese ward nun wieder ruhiger und vertraulicher. Als der alte Siegwart kam, trug ihm Kronhelm alles mit der grosten Ruhrung vor. Der Amtmann, der ein weichherziger Mann war, konnte dem vereinigten Bitten der jungen Leute nicht lang widerstehen. Die Thranen seiner Kinder, die er so herzlich liebte, und die dringenden Bitten Kronhelms, dem er auch so ganz zugethan war, uberwaltigten seine Vorsichtigkeit, und verschlossen ihm die Aussicht in die Zukunft. Er gab nach, und erlaubte ihnen einen Briefwechsel; nur bat er sich aus, dass er alle Briefe lesen durfte. Die Liebenden willigten mit Freuden ein. Ich habe das meinige gethan, sagte er; ich bin nicht ohne angstliche Besorgnis wegen eures Schicksals. Aber das meiste muss ich der Vorsehung uberlassen. Sie hats immer vaterlich mit mir gemeynt, und wirds auch jetzt wohl machen. Ich kann weiter nichts, als zur aussersten Behutsamkeit rathen, und dass ihr euch auf alles Widrige gefast macht, was dem Menschen, und besonders einem Liebenden begegnen kann.

Auch hielt ich es fur rathsam, Herr von Kronhelm, wenn Sie bald mit meinem Sohn von hier abreisten; etwa ubermorgen! So gern ich Sie auch langer hier hatte, so kann ich doch nichts anders rathen. Ich habe meine Ursachen dazu. Kronhelm liess sich auch dieses gefallen.

Unsre Liebenden waren nun wieder ruhiger, obgleich sehr oft ein Seufzer sich in ihre Freuden mit einmischte. Therese gieng ans Klavier, und sang:

Was ist Lieb? Ein Tag des Mayen,

Der in goldnem Glanz erwacht;

Hell auf froher Schafer Reihen

Vom entwolkten Himmel lacht.

Floten locken zu den Tanzen

Der vergnugten Madchen Schaar;

Blumen sammeln sie zu Kranzen,

Schmucken ihrer Schafer Haar.

Schnell verdustert uber ihnen

Sich der schwulen Sonne Blick;

Schlecken blickt aus ihren Minen,

Schuchtern eilen sie zuruck.

Regengusse stromen nieder;

Blum' und Wiese sind verheert;

Und der frommen Freude Lieder

Sind in Trauerton verkehrt.

Schau! der Friedensboge stralet

Ins erschrockne Thal herab;

Schau! der Hofnung Freude malet

Sich auf allen Wangen ab.

Gib, o Gott der frommen Liebe,

Uns ein ruhiges Gemuth,

Das durch Wolken, schwarz und trube,

Ins Gefild der Hofnung sieht!

Wer hat das liebe Lied gemacht? sagte Kronhelm. Es schickt sich so auf unsern Zustand. Ich habs vom Hauptmann Northern, antwortete Therese;nochnie hab ichs so gefuhlt, wie diesmal! Drum sollte man, sagte Siegwart, jedes Gedicht in der Lage lesen, worinn's der Dichter sang, und ihn nicht mit kaltem Blut beurtheilen! Alles traurige entfernte sich nun wieder aus Theresens und Kronhelms Brust; nur der nahe Trennungstag schwebte, wie ein aussteigendes Gewitter, vor ihnen. Sie giengen in den Garten, wo Therese Geschaste hatte. Sie brachen Birn an den Franzbaumen miteinander ab, und legten sie ins Korbchen, das Therese am Arm trug. Dann kamen sie an einen Aprikosenbaum. Therese fand zwo aneinander festgewachsne Aprikosen; gab die eine Halste ihrem Kronhelm und die andre ass sie. Die beyden Kerne, sagte Kronhelm, wollen wir hier in die Erde stecken, dass sie beyeinander aufwachsen; wenn die Baume gross werden, wollen wir uns unter ihren Schatten setzen, und an diesen Tag denken! Therese lachelte, und steckte ihren Kern neben Kronhelms seinem, in die Erde. Ach, die armen Balsaminen mussen wir begiessen! sagte sie; sie stehn so traurig da, und senken ihre Blatter! Kronhelm sprang zum Brunnen, und holte Wasser, und begoss sie. Sehen Sie! sagte er, wie sie sich schon allmahlich wieder ausrichten! Denken Sie nicht, dass es uns auch wieder wohl gehen wird? Ich hoff es, antwortete das Madchen, und suchte eine Thrane zu verbergen, die ihr ins Auge trat.

Den Nachmittag giengen sie miteinander spatzieren, und bestiegen einen ziemlich hohen Berg, von da sie die ganze Gegend ubersehen konnten. Sie setzten sich in ein ausgehauenes Buchengebusch, das eine Art von Laube bildete, wo ein Nasensitz angebracht war. Unten am Berge sahen sie das Dorf liegen; der Bach schlangelte sich an seiner Seite hin, wo Kronhelm seine Hand verwundet hatte. In der Ferne sahen sie die Donau durch ein weisses Weidengebusch hinstromen. Weiter weg sah man einen Berg, der wegen seiner Ferne ganz in Blau gehullt war. Nicht wahr? Dort ist ihr Kloster? sagte Therese. Hier will ich oft am Abend sitzen, nach Ihrer Gegend hinsehen und an Sie und diesen Abend denken. Wir haben auch einen Berg, sagte Kronhelm, der bald wie dieser aussieht; da will ich auch oft hingehen, und mich der vergangnen Zeiten erinnern. Wir wollen uns zuschreiben, und einen Tag ausmachen, an dem wir zugleich auf den beyden Bergen sind, und lebhaft an einander denken. Aber, morgen, sagte Xaver, mussen wir zu meinem lieben Pater Anton, nach Fullendorf! Ich verschob es immer, aber jetzt mussen wir hin; da wir ubermorgen abreisen! Ich konnt es nicht ubers Herz bringen, den alten ehrwurdigen Mann, und uberhaupt mein liebes Kloster nicht zu sehen; da ich ihm so nahe bin. Du kannst auch mit Therese! Ja, sagte sie; aber ich dachte, man liese keine Madchen in die Mannskloster? Das ist schon wahr, antwortete ihr Bruder; aber wir geben dich fur junger aus, und sagen, du seyest 15 oder 16 Jahr alt. Die Paters thun mirs schon zu Gefallen, und lassen dich mit hinein. Man nimmts so genau nicht. Sie giengen aus der Laube nach einer andern Seite des Berges. Nun, leb wohl! sagte Kronhelm; sobald seh ich dich nicht wieder! Aber ich will oft an dich, und den schonen Abend denken. Therese! Thun Sies auch, und denken Sie an mich, wenn Sie hier sind! Tausendmal! antwortete sie, und druckte ihm die Hand. Sie lagerten sich auf einem schonen Platz ins Gras, wie Schafer; pfluckten Ganseblumchen; warfen sie sich zu; und betrachteten jedes Graschen und jedes Blumchen genauer. Kronhelm spielte mit ihrem weissen Gewand, und der rosenrothen Schleife an Ihrem Arm. Geben Sie mir ein Andenken! sagte er. Was wollen Sie fur eins? fragte sie. Diese Schleife hier, war seine Antwort. Gut, die konnen Sie haben, wenn sie ihnen lieb ist! Und nun nahm sie sie ab, und gab sie ihm. Sie war ihm so heilig, wie eine Reliquie, und er sah sie nachher oft halbe Stunden lang an, und druckte sie an seinen Mund. Ich kann Ihnen nichts dafur geben, sagte er, und kusste sie. Endlich giengen sie wieder langsam den Berg hinab, dem Dorfe zu, und sahen sich noch oft nach dem Berg und der Laube um. Als sie zu Haus wieder ankamen, fanden sie folgenden Brief von der Amtmaminn in Belldorf mit der Ueberschrift an Kronhelm, den sie durch einen eignen Boten hatte uberbringen lassen.

Hochwolgeborener Herre!

Hochge Ehrtester Herre!

Hoffe und wunsche, Sie werden gestern mit Ihrer wolansehnlichen Gesellschaft glucklich und gesundt wieder zu Haus angelanget seyn, welches mich herzlich erfreuen thun wirt. Betaure nur, dass wir Sie so schlechte haben bewirten konnen, welches mir noch immer schakriniert. Ich weiss woll, was fur eine Betienung solchen hohen Gasten geziemmen thut, aber leyter kunnt ichs nicht anteren. Wollte nur wunschen, dass Sie uns noch einmall die Ehre geben, und bei uns einsprechen thatent! Villeicht waren wir dann besser im Stant, und konneten mehr Ere einlegen. Habe noch gestern Augspurgerwurst erhalten, das Stuck kostet mir vierzehen Kreutzer, damit hatt Ich herzlich gern aufgewartet, wenns nur fruher gekomen warent. Doch werd ich nicht underlassen, einige davon aus Hochst Dero gnadigsten Besuch auszuheben, welchen in Undertanichkeit erwartende, und der ganzen hochgeehrten Siegwartischen Famillie mit meinem Mann und meinen Tochtern, und meinem Sohnlein mich ergebendst empfelende Ich mich zu nennen underfange Ew. Hochwolgeboren, Meines hochzuverehrenden Herren

underdanichste Dienerinn

Julliane Haselbergin.

Siegwart, Kronhelm und Therese lachten uber diesen wohlgesetzten Brief nicht wenig. Kronhelm muste ihn beantworten, weil der Bothe nicht eher weggehen wollte. Seine Frau Amtmannin habs gesagt, er musse wieder ein Papier mitbringen! Sie brachten den Abend unter keuschen unschuldigen Kussen sehr vergnugt zu. Theresens Munterkeit und Kronhelms Ruhe kehrte wieder zuruck. Die Gefahr, die ihrer Liebe drohte, schwand vor ihren Blicken, und in ihrer Seele wards so still, wie in der Natur, wo nur leise Abendlustchen wehten. Sie sprachen von der Trennung, aber der Gedanke ans fleissige Briefwechseln, und der noch sussere ans Wiedersehn der Liebenden trostete sie wieder. Den folgenden Morgen brachten sie in der schonsten reinsten Lust grostentheils im Garten uber dem Lesen des Messias und ihres lieben Kleist zu. Therese versuchte wieder, ihrem Bruder seinen Hang zum Klosterleben auszureden; aber als sie sah, dass ihn der Widerstand nur hitziger darauf mache, so schwieg sie wieder. Gleich nach dem Essen giengen sie mit einander nach Fullendorf, weil ihnen Siegwart keine Ruhe liess. Er sprach unterwegs mit Begeisterung von alle dem Schonen und Ausserordentlichen, gen Gefuhl, das sie da durchdringen werde!

Sie trafen den P. Anton auf seiner Zelle an. Er druckte mit froher Treuherzigkeit seinem Xaver die Hand, und bewillkommte Kronhelm und Theresen mit einem liebreichen Lacheln. Seine Freundlichkeit und sein ehrwurdiges Aussehen, nahmen die beyden Liebenden sogleich ganz fur ihn ein, und gewannen ihre Seelen vollig. Er that hundert Fragen an Siegwart, wie es ihm bisher gegangen, ob er froh und zufrieden sey? Wie es ihm bey den Piaristen gefalle, und was er schon gelernet habe? Es kamen bald auch andre Paters auf die Zelle, um unsern Xaver zu bewillkommen. Pater Johanns Bruder kam auch, und sagte, dass er von seinem Bruder Nachricht habe, wie wohl er und alle Piaristen mit ihm zufrieden seyen. Der Prior liess die Gaste in den Gartensaal kommen; empfieng sie mit grossen Freuden, und bewirthete sie aufs beste. Man kam auf P. Gregor zu sprechen, weil Siegwart, der ihn vermiste, nach ihm fragte. Der ist bey Gott, sagte P. Anton; vor einem Vierteljahr ist er gestorben. Sein Ende war uns allen recht erbaulich; er behielt bis an den letzten Augenblick seinen Verstand. Er hat mir auch an dich, mein lieber Siegwart, noch seinen Gruss und seinen Segen aufgetragen. Er schlaft neben meinem P. Joseph. Siegwart weinte ihm eine zartliche und dankbare Zahre nach. Ich muss dir noch sein Crucifix geben, Xaver! sagte Anton; er hat dir's vermacht. Du sollest sein zuweilen dabey gedenken, und es dich erinnern lassen, dass er dich im Himmel erwarte! Eh sie weggiengen, gabs ihm P. Anton; und es ward ihm heilig. Er hatte es nachher immer auf seinem Tische vor sich stehen, und sah es oft mit Wehmuth und bebendem Verlangen an, bald bey seinem ehemaligen Besitzer zu seyn. Die jungen Leute blieben lang, und giengen erst eine Stunde vor Sonnenuntergang nach ihrem Dorf zuruck. Therese und Kronhelm konnten nun begreifen, warum Siegwart mit so festem Herzen an dem Vorsatz hange, ein Monch zu werden; denn sie waren selbst von dem einsamen und stillen Klosterleben ganz bezaubert. Der Gedanke der nahen Trennung lag nun immer trauriger und schwerer auf ihnen! Sie wagtens nicht, einander etwas davon zu sagen, und doch verriethen ihre Blicke ihre Bangigkeit und angstliche Besorgnis nur zu oft.

Als sie in der spaten Dammerung zu Hause wieder ankamen, setzten sie sich vor dem Abendessen noch im Zimmer neben einander. Kronhelm hatte seine Hand in Theresens Hand gelegt, und sprach nichts. Es ward immer dunkler um ihn her, sein Blick ward truber, und sein Herz schwerer. Er dachte viel, und dachte nichts. Weinen konnt er nicht; sein Herz war gespannt, und wollte bersten. Zuweilen kam ein Seufzer aus dem Innersten, hub die Brust hoch auf, zitterte herauf, und brach mit Gewalt hervor. Dann druckte Therese ihm mit Heftigkeit die Hand. Ihr war die Wohlthat der Thranen nicht versagt, und sie rieselten haufig uber ihre blassen Wangen. Zuletzt konnte sich Kronhelm nicht mehr halten; er stand auf, gieng im Zimmer heftig hin und her; warf sich in der Ecke des Zimmers auf einen Stuhl; stand wieder auf, und setzte sich wieder zu Theresen. Sie sass mit dem Kopf ruckwarts an die Lehne des Stuhls gelehnt; ihre schonen Augen waren in die Hohe gerichtet, und die helle Thrane glanzte drinn. Ach! dass wir uns verlassen mussen! sagte er. Sie schwieg. Sie legte ihre Hand wieder in die seinige; sah ihn an, und wieder auf die Seite. Ihr Herz litt unendlich viel. Indem kam der alte Siegwart herein. Eben schickt man da zu mir, sagte er, um meine Kutsche. Eine Bauersfrau von hier ist auf einem andern Dorf schnell krank geworden, und da will ihr Mann sie Morgen abholen. Ich konnt ihm die Kutsche nicht abschlagen, es sind gar zu brave Leute. Morgen mussen Sie also noch hier bleiben, Herr von Kronhelm, oder reiten. Nein, Nein! Ich bleibe gern, rief Kronhelm und sprang auf. Bravo! Bravo! das ist herrlich, dass wir langer bleiben! Therese stand auch voller Freuden auf. Es war, als ob auf einmal eine grosse Last von ihrem Herzen ware weggewalzt worden. Xaver kam aus dem Garten herauf, und freute sich, als ers horte, mit ihnen. Nun waren die Liebenden wie verwandelt, und ausgelassen lustig. Therese muste das munterste Stuckchen, das sie hatte, auf dem Klavier spielen. Sie assen im Garten, und scherzten mit einander uber den glucklichen Zufall mit der Baurin. Die arme Frau daurt mich, sagte Kronhelm; aber wenn sie krank werden muste, so wars doch der klugste Einfall, dass sie's jetzt, und auf einem andern Dorf wurde! Morgen wunsch ich ihr von ganzem Herzen ihre Gesundheit wieder, und ein langes Leben. So gehts in der Welt! Einer macht sich immer auf des andern Kosten lustig! Es leb die Baurinn, und ihr kluger Einfall! Und nun stiessen Er, Therese und ihr Bruder die Glaser an; auch der alte Siegwart trank mit, und nahm an der Freude seiner Kinder Antheil. Der ganze Abend war ein rechter Festtag fur sie, und sie blieben lang zusammen aufsitzen. Sie hatten noch diesen Abend bey Karl und seiner Frau Abschied genommen; aber weil die Reise aufgeschoben wurde, so giengen Kronhelm und Siegwart erst den andern Morgen hin. Kronhelm muste von Karls Frau manche spottische Anmerkungen uber Theresen anhoren, dass der Abschied so traurig seyn und dass sie vermutlich werde melancholisch werden, wenn sie wieder allein leben, und einer so angenehmen Gesellschaft entbehren musse, u.s.w. Er hatte oft Muhe, eine bittre Antwort zuruck zu halten; aber die Klugheit siegte doch bey ihm. Sobald er zuruckkam, erzahlte er es Theresen, und bat sie, in Absicht auf ihre Schwagerinn recht behutsam zu seyn. Den Nachmittag giengen sie noch einmal auf einem andern Wege nach dem Berg, wo sie gestern gewesen waren. Als sie uber einen Steg giengen, blieben sie drauf stehen. Therese warf ein Nelkenblatt in den Bach hinab; Kronhelm auch eins. Die Blatter schwammen einander nach; die Liebenden verfolgten sie mit ihren Blicken, und freuten sich, dass die Blatter miteinander schwammen. Sie trieben dieses Spiel wol eine halbe Stunde, und giengen endlich nach dem Berge. Als sie oben waren, sagte Kronhelm: Nun sind wir doch wieder da; gestern hatten wir geschworen, dass es nicht geschehen wurde. So kann alles auf der Welt in einem Augenblick moglich werden! Sie machten aus, dass sie auf die Nacht nicht zu Bette gehen wollten, weil sie ohnediess fruh wieder aufstehen mussten. Ich kann doch nicht schlafen, sagte Therese; wir mussen die kurze Zeit, die wir ubrig haben, noch ganz geniessen. Sehen Sie! dort hinten zieht sich ein Gewitter auf. Kronhelm wollte es nicht glauben, und sagte, dass es nur Abendwolken seyen; Sie aber blieb auf ihrer Behauptung Wenns morgen gut Wetter ist, fuhr sie fort, so fahr ich eine Stunde weit mit Ihnen. O, das thun Sie ja! sagte Kronhelm. Zwar, Sie mussen dann allein, und zu Fuss, zuruck Ey was, Possen! fiel sie ihm ein. Glauben Sie denn, wir seyen so empfindlich, und so furchtsam, wie Ihre Stadtmadchen, dass wir keine Stunde weit allein gehen konnten? Auf dem Land fragt man viel darnach! da gibts nicht so viel schlimme Leute, wie in der Stadt, dass man sich zu furchten hatte! Ja, das weiss ich wol, sagte Kronhelm, und Ich werde gewiss nicht die Stadt gegen Sie vertheidigen! Nun, Sie fahren also mit! Das ist ja herrlich! O, Sie sind das liebste und gefalligste Madchen von der Welt! Aber, sagte Siegwart, wir mussen nur nicht viel Umstande mit dem Abschiednehmen machen! Das muss ein schaaler Kopf gewesen seyn, ders erfunden hat! Wenn ich mich von einem Freund trenne, da wunsch ich ihm gewiss von Herzen alles Gutes, und da brauchts der vielen Worte nicht' Gut, gut! Wir wollens kurz machen! sagte Therese. Aber unter Abschiednehmen und Abschiednehmen ist doch auch ein grosser Unterschied! Nicht wahr, Herr von Kronhelm? Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblichen, mit Wehmuth und Liebe untermischten Lacheln an. Da haben Sie auch ein Vergissmeinnicht! sagte sie zu Kronhelm, als sie an einer Quelle, die den Berg hinab rieselte, vorbeykamen, und gab es ihm. Er kuste ihr die Hand, und steckte es auf seinen Hut. Da soll es immer bleiben, sagte er, und mich tausendmal des Tags an Sie erinnern! Aber nun leb wol, Berg! Nun werd ich dich wol so bald nicht wieder sehen! Vielleicht in diesem Leben nicht mehr, sagte Therese. Nein, das wolle Gott nicht! rief er heftig aus. Wo bringen Sie die trubseligen Gedanken her? In drey, vier, Jahren kann sich viel andern! Ja wohl, viel andern! setzte sie hinzu. Drauf giengen sie allmahlich wieder dem Dorfe zu. Vor demselben trafen sie die Kutsche mit der kranken Baurinn an. Gott! sagte Therese; wie der Mensch sich so schnell andern kann! Vor etlich Tagen sah diess Weib noch wie eine Nose aus; nun ist sie so bleich, und und eingefallen, wie der Tod, dass man sie kaum mehr kennt! Es ware doch recht lacherlich, wenn man sich auf sein gutes Aussehen viel zu gut thun wollte! Freylich ist es besser, sagte Kronhelm, wenn man noch etwas mehr hat, worauf man stolz seyn kann! Wer so ein Herz hat wie Sie, meine Liebe, der kann sich uber den Verlust seiner Schonheit leicht trosten. Aber wie wenig Madchen konnen das? Sie ward roth, und sagte: auf diess Kompliment hab ich nicht gerechnet; sonst hatt ich sein geschwiegen! Es ist kein Kompliment, antwortete Kronhelm; Sie wissen, dass ich Komplimente hasse. Nun kamen sie beym alten Siegwart wieder an. Er wollte erst nicht zugeben, dass sie nicht ins Bette gehen sollten; aber, als sie ihn so dringend um Erlaubniss drum baten, gab er ihnen nach. Um vier Uhr, sagt' er, will ich wieder aufstehen, denn ich hab die Ruhe nothiger, als ihr. Sie giengen nun zum letztenmal in Garten, und bald drauf aufs Zimmer, denn der Himmel ward immer wolkichter und truber, und es blitzte schon von ferne. Das Herz war ihnen jetzt auch schwer, aber doch weniger, als gestern; denn der Gedanke an, die nahe Trennung war ihnen schon minder neu. Sie setzten das Licht aus dem Zimmer in die Kammer, weil ihnen die Dammerung lieber war, und weil sie so die Blitze, die immer haufiger wurden, besser sehen konnten. Siegwart setzte sich in einen Lehnstuhl am Ofen, und schlummerte ein wenig; doch sprach er auch zuweilen mit. Kronhelm schlang um Theresen seinen Arm; vor ihnen lag der Messias, und zwar die Stelle von Semida und Cidli aufgeschlagen, die sie vorher noch einmal gelesen hatten.Das Gewitter zog immer naher, und man horte schon von fernher donnern. Sie traten ans Fenster, und sahn dem Blitzen zu. Einmal wurden sie durch einen Blitz so geblendet, dass sie beyde zuruckfuhren, einige Augenblicke nichts, als blaues Licht um sich her sahen, sich anblickten und schwiegen. Gott! dachte Kronhelm, wenn der uns getodtet hatte! Und doch, dachte er zugleich, es ware gut! Ich war mit ihr gestorben! Er sah sie an; ein Blitz erleuchtete ihr Gesicht; es sah blass aus, und das Aug war nass, und glanzte. Er streichelte ihre Wangen; Sie waren von den Thranen ganz benetzt und kalt Sollten wir uns wiedersehen? sagte sie. Ja gewiss! antwortete er mit Heftigkeit; druckte ihr die Hand, und gab ihr einen Kuss. Es fieng nun auch an zu regnen, und sie wurden sehr besorgt, dass sie nicht wurde mitfahren konnen. Wenns nur aufhort, sagte sie so hats nichts zu bedeuten! An den schlimmen Weg denk ich gar nicht. Sie setzten sich wieder an den Tisch; Therese stutzte ihr Gesicht auf ihre Hand, und neigte sich uber den Messias her. Ihre Seele ward nun auf Einmal heftiger besturmt; der Gedanke an die immer naher rukkende Trennung faste sie ganz; ihr Busen schlug heftiger; ein Seufzer folgte dem andern, und Kronhelm horte die Thranentropfen auf das Buch fallen. Er ergrif ihre Hand; sie fuhrte die seinige auf das Buch, und er fuhlte, dass es nass war. Da that er in seinem Herzen einen Schwur, ihr ewig treu zu seyn! Und der Schwur war ihm so heilig als ob er ihn uber dem Evangelio geschworen hatte. Der Donner ward immer starker, und der Regen heftiger. Das ist eine heilige und feyerliche Nacht; sagte er. Um Eins kam der abnehmende Mond zuweilen zwischen zerrissnen Gewitterwolken hervor, und goss sein blasses, melancholisches Licht auf die Liebenden herunter. Sie betrachteten ihn lang am Fenster; kussten sich zuweilen; sprachen abgebrochne Wolte, und fuhlten, was die Sprache nicht beschreiben kann. Um drey Uhr gieng Therese weg, um den Kaffee zu machen. Kronhelm sprach von gleichgultigern Dingen mit Siegwart. Nach einer halben Stunde kam sie wieder, und brachte den Kaffee. Der alte Siegwart kam auch. Er sagte, man konne mit dem Abfahren bis halb 5 Uhr warten, ob der Regen nicht aufhore? Aber langer nicht! Als der Kaffee getrunken war, stellte sich Kronhelm mit Theresen wieder aus Fenster. Der Regen hielt noch an, und die Hofnung verschwand immer mehr, dass Therese sie begleiten konne. Sie horten alle Viertelstunden auf dem nahen Kirchthurm schlagen, und jeder Glockenschlag war ihnen ein Donnerton; Mit jedem sank ihr Muth mehr. Der alte Siegwart suchte sie durch sein Gesprach etwas aufzuheitern; sie lachelten zuweilen, aber wie der Mond, der durch Regenwolken schien. Der Tag brach an, und rothete in etwas die Gewitterwolken; endlich ward der Himmel blutroth. Es schlug vier Uhr. Kronhelm bebte, als ers horte. Er stand unbeweglich vor Theresen. Endlich gieng er in die Kammer, um sich vollends anzuziehen, und seine Sachen in Ordnung zu bringen. Er kam wieder auf das Zimmer. Es schlug ein Viertel. Herr Gott! wie die Zeit eilt! sagte Therese. Kronhelm holte seinen Stock. Er stand, wie ein Verurtheilter da, der nun alle Augenblicke zum Tod gefuhrt werden soll. Endlich schlugs halb. Nun, wir mussen fort! sagte er. Er nahm vom alten Siegwart mit vieler Zartlichkeit und Ruhrung Abschied. Therese konnte sich nicht langer halten, und gieng vor die Thure hinaus. Xaver nahm nun auch von seinem Vater Abschied. Als Kronhelm vor die Thure kam, stand Therese da, und schluchzte. Er druckte ihr die Hand, und gieng schweigend die Treppe hinunter. Xaver nahm von seiner Schwester Abschied; Kronhelm vom alten Siegwart. Nun, Therese! sagte dieser. Sie gieng zu Kronhelm; umarmte ihn, gab ihm drey Kusse, sprach kein Wort, und gieng weinend ins Haus zuruck. Die beyden stiegen in den Wagen und fuhren fort.

Ende des ersten Theils.

Fussnoten

1 Jetzt ist der ganze Messias vollendet, und enthalt zwanzig Gesange. Anmerkung des Herausgebers. 2 Die Gewohnheit zu kreuzigen, die so vielem Missbrauch unterworfen war, ist jetzt auf Befehl der Kaiserinn in den osterreichischen Landen abgeschafft. Anmerkung des Herausgebers.

Zweyter Theil.

Kronhelm war lange, wie betaubt; Er sah aus dem Kutschenschlag hinaus, und doch sah er nichts, und fuhlte nichts von dem Reiz der Gegend, uber der sich nach und nach der Himmel aufklarte, und die, vom Regen erquickt, nun in hellerm Grun prangte, und den sussen Duft der Pflanzen und der Blumen rings umher verbreitete; Siegwart war auch traurig, und wollte seinen Freund nicht storen. Endlich fieng dieser selbst zu sprechen an, und gieng die schonen Tage wieder durch, die sie mit einander durchlebt hatten. Deine Schwester, sagte er, ubertrifft doch alle Madchen, die ich noch gesehen habe! Wenn sie mir nur fleissig schreibt! Sonst wird mir der Aufenthalt in der Stadt unertraglich werden. Sie stiegen wieder in dem Dorf, und vor dem Wirthshaus ab, wo sie neulich gewesen waren. Ein Werber sass drinn, der eben einen Bauerkerl angeworben hatte. Dieser machte grossen Lerm, und war betrunken; schimpfte auf seine Mutter, die ihm sein Madchen nicht habe lassen wollen; dann trank er auf die Gesundheit des Kaysers, der Kayserin und seiner Kathrine, und schmiss das Glas beym Fenster hinaus. Endlich kam seine Mutter mit grossem Geschrey: Hanns, ists wahr, dass du Soldat worden bist? Du Teufelskind, was hast du jetzt getrieben? Wer hat dir den verfluchten Einfall eingegeben?

Hanns. Du selbst, Mutter! hattest mir nur meine Dirne lassen durfen! Ich hab dirs immer gesagt. Nun ists zu spat. Vivat der Kayser und die Kayserin! Da trink auch mit! Mutter. Geh mir weg mit dem Glas! Mir thuts Noth, zu trinken! Du gottloser Bub! Lasst mich nun allein sitzen und scharren. Wer soll nun 's Feld bauen, und mich ernahren helfen? Gelt! nun soll ich verderben und Hunger leiden? O, ich elendes, g'schlagnes Weib!

Hanns. 's Jammern hilft nun nichts mehr, Mutter! Ich hab dir's vorher gesagt; Aber wolltest immer nichts horen, wenn ich von Kathrinen anfieng! Da hattest du den Kopf drauf gesetzt, und lachtest mich nur aus, wenn ich vom Soldatenleben sprach! Gelt, nun bin ichs?

Mutter. Nun, so komm nur, Hanns! Sollst sie ja haben, wenns nicht anders seyn kann? Komm nur mit mir heim!

Hanns. Ja, wenns der Herr haben wollte, bin ichs schon zufrieden.

Werber. Ey, das bitt ich mir aus! Du must da bleiben, Hanns, hattest du das ein paar Stunden eher bedacht! Jetzt gehts nicht mehr an.

Mutter. Was? Ihr wollt mir meinen Sohn nicht lassen? Ist das auch erlaubt? Er muss mirs Feld bauen! Ich bin ein armes Weib!

Werber. Ja, das geht mich nichts an. Er ist selbst zu mir gekommen, und muss mit mir fort.

Mutter. Ich will ihm ja seine Kathrine lassen! Er soll sie noch heut haben! Komm nur!

Werber. Fort! oder ich will euch was anders sagen! Er soll mit in Krieg!

Mutter. In den Krieg, wo man d' Leute todt schlagt? Nein, das thu ich nicht! Es ist mein einziger Sohn. Hab sonst keinen Menschen auf der Welt!

Hanns. Lass seyn, Mutter! 's hilft nichts. Ich muss halt schon mit fort!

Mutter. Nein, du sollst nicht! sag ich. Ich will dich loskaufen. Was muss ich fur ihn geben?

Werber. Hundert Thaler, und 'n andern Kerl dazu, von seiner Grosse!

Mutter. Hundert Thaler? Lieber Gott! hab keine hundert Kreuzer! wenn ich auch mein Aeckerlein verkaufen wollte, wurd ich doch keine 70 Gulden draus losen. Ach lieber Herr Feldwaibel! Hab er doch Mitleiden mit einer armen Frau! Ich will ja gerne hundert Rosenkranze fur ihn beten.

Werber. Was hilft mir das? Und, wenn ihr zweyhundert fur mich betet! Wir mussen Leut haben, und da ist uns euer Sohn eben recht. Er gibt 'n guten Flugelmann.

Mutter. Ach du lieber himmlischer Vater! Ist denn gar keine Barmherzigkeit mehr auf der Welt? Hanns, Hanns! das wird mich noch vor der Zeit ins Grab bringen.

Hanns. Nun, Mutter, mach mir 's Herz nicht weich! Ein Soldat muss Kourage haben! 's thut mir leid; aber du hasts nicht anders haben wollen. Gruss mir Kathrinen! Ich werd sie doch nicht mehr sehen. Das arme Ding wird sich wol zu todt heulen. Aber ohne sie hatt ich doch nicht im Dorf leben konnen. Jetzt ists besser, 'n Kugel vor den Kopf! So gehts, wenn ihr Leut alles besser wissen wollt! Da hast zwolf Gulden von meinem Handgeld. Verbrauchs g'sund!

Indem kam Kathrine mit Heulen und Schreyen in die Stube, und fiel ihrem Hanns um den Hals. Hanns! Gelt, 's ist nicht wahr? Wirst nicht Soldat? Kannst mich nicht verlassen? Was? hast 'n Federbusch schon aufm Hut? Geh! wirf ihn zum Teufel! Du bist mein, und sollst mein bleiben! Lieber Hanns! sieh mich doch an! Gelt du bleibst hier?

Hanns. Ja, Kathrine ich wollts gern! Aber 's geht nun nicht mehr an.

Kathrine. Was sagst? 's geh nun nicht mehr an? Nun, so geh ich mit dir, wo du hin gehst! Ohne dich kann ich nicht seyn! Wir wollen uns mit einander todt schiessen lassen.

Werber. Das geht auch nicht an. Ihr musst hier bleiben! Macht nur bald ein End! Wir mussen weiter; mussen diesen Morgen noch nach Guntzburg!

Kathrine. So? Ihr wollt mich nicht mitnehmen? Wollt mir meinen Hanns nicht lassen? Ich kann auch Soldat werden! kann auch 'n Flint tragen, und mich todt schlagen lassen! Ich muss mit! Oder ich kratz dir die Augen aus, du alter, schwarzer Kerl!

Kronhelm (gieng zum Werber, und sagte) O, ich bitte Sie, Herr Sergeant! Seyn Sie doch auch menschlich! Lassen Sie das arme Madchen mit!

Werber. Ja, Herr! ich wollt schon; aber was hilfts? Wenn wir zum Hauptmann kommen, so lasst er sie wieder fortjagen. Wir konnen im Feld nicht so viel Bagage brauchen. Unser Hauptmann ist gar streng.

Kathrine. Sey ers auch! Er wird doch ein Mensch seyn! Und wenn er auch ein Tyger war, ich wollt ihm 's Herz weich machen.

Werber. Nun, meintwegen wohl! Bis nach Guntzburg konnt ihr schon mitlaufen. Mogt dann sehn, wies weiter geht!

Kathrine. Ja, ja! Das will ich schon sehn! O, Hanns! Nun ist mir wieder wohl. Hor! nun will ich g'schwind zu meinem Bauren, und mir meinen Lohn geben lassen, und mein Bissel Sach' einpacken! (Sie gieng weg.)

Werber. (ihr nachrufend) Macht nur kurz! In einer Viertelstunde musst ihr wieder da seyn! Wir mussen fort! Der Hauptmann wird ihrs schon sagen!

Kronhelm. Ich kenn' Ihren Hauptmann auch, und komm noch heut nach Guntzburg; da will ich gleich mit ihm reden.

Werber. Ja, wenn Sie ein Vorwort einlegen, dann kanns gehen, aber sonst nicht!

Hanns (zu Kronhelm) O Herr, vergessen Sies ja nicht, und gehn Sie heut zum Hauptmann! Sie sind auch gar zu brav! Heh, Mutter! 's Weinen hilft nun nichts. Bet fleissig fur mich! Vielleicht komm ich doch einmal wieder! Ich hab nur auf 5 Jahr akkordirt.

Mutter. Ja, da werd ich wol im Grab seyn! Das Herzeleid hattest mir nicht anthun sollen, Hanns! Gott verzeih dirs! Wenn das dein Vater dacht hatt! Ich war auch verblendet, dass ich dir das Madel mit Gewalt nicht lassen wollt; aber ich dacht eben nicht, dass du gleich so oben 'naus seyn wurdest. Ich hab schon viel Kreutz g'habt, aber das ist 's grosst, das ich wol nicht uberleben werd. Hattest so ruhig in unserm Huttlein leben konnen! Nun muss ich allein drinn schmachten! O Hanns, Hanns! Wenn ihr Leute dachtet, was ihr euren Eltern fur Kummer macht! 's ist ein Elend, eine Mutter zu seyn!

Sie jammerte noch immer so fort; Endlich kam Kathrine mit einem Bundel Kleider. Der Werber fuhrte Hanns bald darauf fort, weil er furchtete, die Bauren mochten zusammen laufen; die Mutter hieng sich ihrem Sohn an den Hals, und wollte ihn nicht loslassen. Endlich musste sie; heulte jammerlich, und schlug die Hand uber dem Kopf zusammen. Sie wollte noch mit vors Dorf hinaus, aber der Werber, der den Larm furchtete, gab es nicht zu. Kronhelm versprach es Hanns noch einmal, beym Hauptmann fur ihn und seine Kathrine zu sprechen.

Nach einer halben Stunde fuhren Kronhelm und Siegwart auch wieder weiter. Sie sprachen viel uber den Rekruten, und seine Mutter. Das muss ein schreckliches Leben fur die beyden seyn, sagte Kronhelm, wenn sie getrennt waren, und das Madchen keinen Augenblick wusste, ob nicht ihrem Hanns der Kopf gespaltet, oder eine Kugel ins Herz geschossen wurde? So ist sie doch um ihn, und kann ihn warten, wenn er verwundet wird. Der Hauptmann lasst sie gewiss beysammen, ich kenne ihn von meinem Vater her; und der Kerl ist gross; denen sieht man schon nach, wenn sie Weiber haben; sie gehen dann auch weniger durch.

Nach anderthalb Stunden trafen sie den Hauptmann auf einem Spatzierritt an. Kronhelm trug ihm sogleich seine Bitte wegen Hanns vor. Ich habe den Kerl dort angetroffen, und sein Mensch auch, sagte der Hauptmann. Sie fiel mir gleich zu Fussen, und bat, dass sie mit in Krieg durfte. Ich versprach ihr nichts Gewisses, denn man sieht die Weibsleute im Feld nicht gern; sie hindern nur auf dem Marsch. Aber zuweilen macht man wol eine Ausnahme; und weil Sie auch fur den Kerl bitten, und er schon und gross ist, so will ichs so mit hingehen lassen. Wenn ich einmal auf Ihr Schloss komme, so beding' ich mir eine Bouteille Burgunder dafur aus. Herzlich gerne, sagte Kronhelm, und nahm von dem Hauptmann Abschied. Er war nun recht froh, dass er etwas zur Vereinigung dieser beyden Leute mit beygetragen hatte, und dachte nun mit desto grosserm Vergnugen, aber auch mit grossrer Wehmuth an seine Therese. Siegwart musste ihm tausenderley kleine Geschichten von Theresens Kindheit erzahlen; manche gefielen ihm so wohl, dass er sie sich zweyund dreymal erzahlen liess.

Endlich kamen sie auf ihrer Schule wieder an. Kronhelm gab dem Kutscher ein paar Zeilen mit, die an den Amtmann und an Theresen zugleich gerichtet waren, und blos die Nachricht von ihrer glucklichen Ankunft, und Danksagungen fur die viele genossene Freundschaft enthielten. Sie giengen dann sogleich zu ihrem lieben P. Philipp, der sich herzlich uber ihre Ankunft freute. Sie mussten ihm sehr viel von ihrer Landlust erzahlen. Kronhelm vermied es sorgfaltig, Theresens Namen zu nennen, oder nur entfernt von ihr besonders zu reden, weil er sich zu verrathen furchtete; denn die erste Liebe ist mehrentheils sehr furchtsam und zuruckhaltend. Nach etlichen Tagen fiel aber P. Philipp selbst auf die Vermuthung, dass er verliebt sey; denn er war so still, und verfiel oft auf Einmal in ein tiefes Nachdenken, und sah aus, als ob er weinen wollte. Unserm Kronhelm muss was wichtiges begegnet seyn, sagte er, und wandte sich zu Siegwart; Er ist seit der Reise ganz verandert. Ich weis nicht, antwortete Xaver; und Kronhelm ward feuerroth. Nein, es fehlt mir nichts, sagte er; ich weis nicht, wie Sie darauf kommen? Aber gewiss, es fehlt mir nichts! Nun, nun, ich hab auch kein Recht zu Ihren Geheimnissen, sagte P. Philipp; wenns nur nichts schlimmes ist, was die Veranderung hervorbrachte. Kronhelm ward so verwirrt, und entschuldigte sich so viel, dass er sich zuletzt selbst verrieth, und mit vielen Umstanden und weit hergeholten Wendungen dem Pater das ganze Geheimnis entdeckte. Das ist ja was gutes, und unschuldiges, sagte Philipp, und braucht der Beschonigungen gar nicht. Ja, ich weis wohl, sagte Kronhelm; aber es wird mir so sonderbar zu Muth, wenn man davon spricht. Es ist gewiss um die Liebe die unschuldigste Sache, der man sich mehr zu ruhmen, als zu schamen Ursache hat; aber es halt einen immer so was zuruck. Das kommt von der Erziehung her, sagte Philipp. Nun, ich wunsch ihm von Herzen Gluck; denn ich hoffe, dass er nicht so auf Gerathewohl gewahlt hat; und was ich bisher von Theresen gehort habe, bringt mir die beste Meynung von ihr bey. Sie muss ein frommes, unschuldiges und liebenswurdiges Geschopf seyn, das vor Tausenden den Vorrang hat. Nur Eine wohlgemeynte Warnung kann ich nicht zuruckhalten, und Er wird mir sie nicht ubel nehmen! Mach Er die Liebe nicht zur Haupttriebfeder seiner Handlungen, und vergess Er seine ubrige Bestimmung nicht druber! Diess ist der gewohnliche Fehler bey jungen Leuten. Sie glauben nur fur ihr Madchen allein geschaffen zu seyn, und gegen die ubrige Welt weiter keine Pflicht zu haben. Bey Ihm furcht ich das nun weniger. Die Liebe sollte uns am meisten zur Vervollkommung unsrer selbst antreiben. Denn je mehr Vorzuge und innre Vollkommenheiten wir haben, desto glucklicher konnen wir einst den geliebten Gegenstand machen. Durch Kenntnisse und Wissenschaften bahnen wir uns den Weg zu Ehrenstellen, ansehnlichen Aemtern und Besoldungen; und dann konnen wir erst mit gutem Gewissen einem Frauenzimmer unsre Hand anbieten. Er kann zwar auch ohne Aemter leben; aber es ist doch besser, wenn man zu allem geschickt ist. Kronhelm dankte fur den Rath, und versprach, ihn zu befolgen. Er fuhle sich jetzt, sagte er, zu allem starker; alles sey ihm leichter. Er liebe die Menschen mehr. Sein Herz sey weicher und mitleidiger geworden, und das Schicksal eines jeden Menschen, besonders eines leidenden lieg ihm weit naher am Herzen, als sonst.

Gleich den Tag nach seiner Ankunst hatte Kronhelm einen ziemlich weitlauftigen Brief an Theresen, und auch einen an ihren Vater geschrieben, und ihn dem Bothen mitgegeben. Er wartete nun mit Verlangen auf den Sonnabend, da der Bothe wieder kommen sollte. Er zahlte alle Stunden bis dahin, und lief am Sonnabend sogleich nach dem Hause, wo die Briefe gewohnlich abgegeben wurden. Der Bothe war da gewesen, und hatte keinen Brief mitgebracht. Der sonst gelassne Kronhelm ward durch diese Nachricht wie rasend, knirschte mit den Zahnen, und stampfte auf den Boden. Nun so wollt' ich, dass ich die Welt zertrummern konnte! rief er, und alles, was drinn und drauf ist! Keinen Brief? Und sie hat mirs so theuer versprechen? Nun so trau mir einer mehr den Menschen, und zumal den Madchen! Alles, alles ist nichts! Ist Tand! Ist abscheulicher Betrug! O ich Thor, dass ich so drauf baute! Den Kopf mocht ich mir einrennen! Das verfluchte Geschlecht!

So tobte er, und lief, ohne zu wissen, warum? vors Thor hinaus. Alles, was ihm begegnete, war ihm zuwider. Die ganze Welt kam ihm vor, wie ein Narrenhaus, und Zuchthaus. Jeder war ihm ein Narr, oder Bosewicht! Er kam an die Donau; setzte sich ans Ufer nieder; scharrte den Sand mit seinem Stock auf, und staubte ihn ins Wasser. Gott! dachte er, auch Therese untreu! Auch die, auf die ich alles gebaut hatte! O, wir Manner sind doch rechte Narren! Er dachte hin und her, was sie so schnell auf andre Gedanken konnte gebracht haben? Es war ihm unbegreiflich; und doch hielt ers fur ausgemacht gewiss. Er fand tausend Ursachen, und verwarf sie wieder. Endlich hub er sich wieder auf, und gieng nach Haus. Siegwart war ausgegangen, um ihn auszusuchen. Nach einer Stunde kam er wieder; Da ist ein Brief von meiner Schwester, sagte er. Was? rief Kronhelm; Willst du mich auch fur einen Narren halten? Ich hab schon nach dem Bothen gefragt! Er hat nichts! Da lis nur selber; sagte Siegwart. Der Bothe hat mir den Brief selbst eingehandigt, weils meine Schwester haben wollte. Kronhelm brach den Brief mit Zittern auf, und riss ihn vor Ungeduld fast entzwey. Therese schrieb so:

Bester, theurester Freund!

Der vergnugteste Abend nach Ihrer Abreise war mir der, da ich Ihren lieben Brief erhielt; vielen, vielen herzlichen Dank dafur, mein bester Freund! Gottlob, dass Sie glucklich wieder angekommen sind! Meine besten Wunsche begleiteten Sie auf Ihrer ganzen Reise; aber besonders machte mir der fatale Weg, und der starke Regen viele Sorge. Ich freute mich recht fur Sie, als der Regen wieder nachliess.

Also sind Ihre Lehrer nicht bose, wegen Ihres etwas langern Ausbleibens? Nun, das ist mir sehr lieb; mir war schon recht bange dafur, und ich dachte, Sie konntens gar daruber bereuen, dass Sie langer hier blieben; das wollt ich doch nicht gerne! den traurigen Scheidetag und an die letzte traurige Nacht. Dann seh ich noch immer den, mit schwarzen Wolken umgebenen Mond, der uns gegenuber stand; dann hor ich noch immer den rollenden Donner,und seh die schnellen Blitze. Alles war so feyerlich! Erst sinds acht Tage, und mir dunkts schon so lange! Jetzt sind wir ganz einsam, und alles ist so stille, nun Sie nicht mehr hier sind!

Am Tage nach Ihrer Abreise schrieb ich ein paar Lieder aus Kleist ab; hernach hab ich im Hagedorn gelesen, den Sie mir geschenkt haben. Ich fand vieles drinn, was mir gefiel; aber fur mein Herz, das jetzt so viel verlangt, hats zu wenig Nahrung. Sonst hab ich nichts gelesen. Theils hatt' ich nicht Zeit dazu, theils nicht Lust; und dann haben Sie mich so ganz verwohnt, dass ich fast nichts mehr allein lesen mag.

Einmal hab ich Besuch gegeben bey meiner Freundin, der Postverwalterstochter; und den Abend gieng ich am kleinen Bach spatzieren, mit meinem Vater, der so ganz fur Sie ist. Wir sprachen recht viel von Ihnen. Vorgestern war Hauptmann Northern, aber nur allein, hier. Wir kamen oft auf Sie zu sprechen; er halt sehr viel auf Sie, und ich bin ihm deswegen noch einmal so gut. Wenn er nur oft kame, und von Ihnen sprache! Mir ist so wohl dabey, und so bang. Ich wunschte immer, dass man davon anfienge; und fangt man an, so wunscht ich wieder, dass ich weit davon ware! Aber nachher freu ich mich doch immer recht druber.

Von unangenehmen Dingen spricht man nicht gern; sonst konnt ich Ihnen viel sagen, von den Spottereyen und Sticheleyen, die ich von meiner Schwagerin anhoren muss; doch so etwas ist zu gering, sich daruber zu argern. Ich kann Ihnen nicht mehr schreiben, weil ich recht viel wegen der Habererndte zu thun habe; aber wenn das vorbey ist, so werd ichs gewiss nachholen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, so viel! Aber ein Brief ist immer nur eine halbe Unterredung. Leben Sie so glucklich, mein Theurester, als es mein stundlicher Wunsch ist! Meine Seele ist oft bey Ihnen.

Th. Siegwart.

Als Kronhelm diesen Brief gelesen hatte, gieng er ans Fenster, und die hellen Zahren sturzten ihm aus den Augen. Sein Herz machte ihm tausend Vorwurfe. Gott! Was ist das fur ein himmlisches Madchen! dachte er; und was bin ich fur ein Kerl! Lauter Zartlichkeit und Liebe! Und ich that dem Engel Unrecht! That ihm teuflisches Unrecht! O vergib, vergib, Engel, wenn ichs werth bin! Ich habe vorhin recht gerast, sagte er zu Siegwart. Das ist was Entsetzliches um die Liebe, wie sie mir dem Menschen umgeht, und so alles aus einem macht, was sie will! Da wollt ich mitgebracht, und da wars, als ob ich auf Einmal ein ganz andrer Mensch wurde. Ich raste, und hatt einen umbringen konnen, der mir in Weg gekommen ware! Ich sah und horte nichts; oder, was ich sah, das war mir argerlich. Ich lief, wie ein Unsinniger beym Thor hinaus; fluchte bey mir selbst, und hatte darauf geschworen, deine Schwester hab mich schon vergessen! Und nun schreibt sie mir da einen so herrlichen und lieben Brief. O ich mochte mich vor den Kopf schlagen, dass ich so ein Tollkopf bin, und ihr so Unrecht that! Da siehst du, sagte Siegwart, dass der P. Philipp Recht hat: Man soll sich von der Liebe nicht so ganz beherrschen lassen! Du bist seit der Zeit viel ungeduldiger und auffahrender. Alles argert dich, wenns nicht immer gleich nach Wunsch geht. Freylich; sagte Kronhelm; aber hab nur Geduld mit mir, Bruder! Ich will mich warlich bessern! Deine Schwester ist so ein sanftes, nachgiebiges Madchen; sie weis sich in alles so zu schicken; und ich bin so ein aufbrausender Kerl der gleich mit dem Kopf durch die Wand will. O sie soll mich noch Gelassenheit und Sanftmuth lehren, oder ich war ihrer Liebe nicht werth! Schreib ihr nur nichts davon! Ich musst mich schamen! Da kannst du ihren Brief lesen. Es ist der Wiederschein ihrer Seele. Die Zartlichkeit hat ihr ihn selbst eingegeben. Siegwart liess ihn auch den Brief lesen, den sie ihm geschrieben hatte. Es ist herrlich, wie das Madchen schreibt! sagte Kronhelm; so naturlich und so wahr! Man sieht doch gleich, was Natur ist!

Kronhelm und Siegwart schrieben nun wieder an Theresen und an ihren Vater. Kronhelm ward oft sehr bewegt, und musste inne halten, so gegenwartig stellte er sich das Madchen vor. Er konnte es nicht ganz lassen, und schrieb ihr doch einiges von seiner Ungeduld, in die er uber ihr vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den Nachmittag schickten sie die Briefe fort.

Den Sonntag darauf besuchten sie den jungen Grunbach, und erzahlten ihm von ihrer Reise. Seine Schwester Sophie kam, unter dem Vorwand, Musikalien zu holen, auch aufs Zimmer, und blieb uber eine Stunde da. Das arme Madchen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabey, dass er so wenig auf sie zu achten schien. Die Junglinge sprachen viel von Klopstock, und als sie Siegwarten mit solcher Warme von ihm sprechen horte, bat sie sich den Messias von ihrem Bruder zum Lesen aus. Ihr Vater kam, und sie musste in den Laden hinab. Der alte Grunbach erkundigte sich mit vielen Umstanden bey Siegwart nach dem Befinden seines Vaters und seiner Familie.

Die Schulstunden wurden nun wieder angefangen, und die beyden Junglinge beschaftigten sich mehrentheils mit den Buchern; zumal, da man bey den unbestandigen und rauhen Herbsttagen wenig mehr aufs freye Feld hinaus konnte. Kronhelm liebte zwar die Wissenschaften sehr, und brannte vor Begierde, seine Kenntnisse zu vermehren; aber der Gedanke an Theresen uberraschte ihn alle Augenblicke uber den Buchern, und dann wars ihm unmoglich, weiter zu lesen. Er fieng an zu phantasiren, stellte sich ihr Bild ganze Stunden ganz lebendig vor, und hielt, wenn er allein war, laute Gesprache mit ihr. Sie schrieb ihm, wo nicht alle 8 Tage, doch wenigstens alle 14 Tage gewiss. Sie wurden, auch in der Entfernung, immer noch genauer mit einander verbunden. Sie liessen ihre Seele in den Briefen reden; sagten sich ihre innersten Gedanken, und so entdeckte eines immer mehr Vorzuge und Vollkommenheiten an dem andern. Kurz, sie waren das glucklichste Paar, weil Tugend und Weisheit ihre Seelen an einander kettete, und immer fester mit einander verband. Der alte Siegwart wurde, ohngeachtet der Verschiedenheit der Jahre, Kronhelms warmer und vertrauter Freund. Er hielt alles auf ihn, und wunschte nur, dass kein Ungluck ihn von seiner Tochter trennen mochte! Unsre Liebende vergassen der Gefahr, so bald sie ihnen aus den Augen verschwand; freuten sich nur ihrer Liebe, und sahen nichts, als einen heitern, unbewolkten Himmel vor sich.

Siegwart, der auf der Schule, wegen seines Fleisses, immer weiter fortruckte, liess sich diese Aufmunterung nur desto mehr anspornen, und vermehrte seine Kenntnisse mit jedem Tage. Tibull und Properz, die man in der Schute las, verfeinerten sein ohnedies zartes und richtiges Gefuhl; er las sie sehr fleissig, und schatzte besonders den Properz; aber nicht, wie gemeiniglich geschieht, auf Kosten der Neuern. Er sah wohl, dass die Deutschen eben so gut, und in den meisten Fachern weit bessere Dichter aufzustellen haben, wie die Romer; besonders in Dingen, die mehr die Empfindung, als die Kunst betreffen. P. Philipp lehrte ihn auf seinem Zimmer aus Freundschaft das Griechische, das auf der Schule nicht getrieben wurde, und las mit ihm das neue Testament, die Fabeln des Aesop und den Anakreon. Auf den Winter, versprach er, mit ihm den Herodot, vielleicht auch den Homer zu lesen. Auch lieh er ihm einen Livius, und erklarte ihm die schweren Stellen, uber die er ihn befragte. Kurz, Siegwart war auf dem rechten Wege, ein vernunftiger Gelehrter zu werden.

Den Abend brachten sie entweder allein zu, und da muste Xaver mit Kronhelm fleissig von Theresen sprechen; oder sie giengen zu P. Philipp, dessen Umgang ihnen immer der liebste und lehrreichste war; Sie lasen, oder zeichneten mit ihm, oder sprachen abwechselnd uber ernsthafte und muntre Gegenstande. Oder sie machten mit Grunbach Musik, und kamen durch die Uebung merklich weiter. Siegwart besuchte auch noch oft die L. Frauenkirche, und horte da die Nonnen singen. Oft traf er auch Sophien da an. Die schone Andachtige gefiel ihm wohl. Er schatzte sie wegen ihrer Andacht nur noch hoher; aber doch fuhlte er nicht das gegen sie, was sie gegen ihn fuhlte.

In der Mitte des Winters, als Kronhelm einst an einem heitern Tage mit Siegwart spazieren gegangen, und nach dem langen Stubenhuten ausserordentlich vergnugt gewesen war, fand er, bey seiner Nachhausekunft auf des P. Philipps Zimmer einen Brief, den sein Vater durch einen eignen Bothen hereingeschickt hatte, folgenden Inhalts:

Verfluchter Son!

Hol Dich der Teufel mit Deinem ganzen Hurenpack! Da hast Du 'n rechten Hundestreich gemacht. Bist denn gar ein Narr? Was treibst mit des Amtmanns Madel, der unadelichen nichtsnutzigen Kanale? Hor Kerl, Du bist keinen Schuss Pulver wehrt hol mich dieser und jener, Mann sollt Dich todtschlagen, wie einen Dags. Ich hab mir g'argert, dass ichs Zibberlein trugen that, sonst war ich selbst komen, und hatt Dich todtg'schlagen. Invamer Kerl, dass Du Dich so wegwerfen thust, als ob Du von einer Burgershur herkommen thatest! Ich muss mich ja ob Dir Godd, dass, wenn Du mir noch Augenblikk an das Burgersmadel denken thust, so reit ich weck, und wenn ich keinen Fuss hatt, und schiess Dir nieder, und schlag Dich dann mitn Flintenkolben follendts tod. Lass Dirs nur nit einfallen, dass Du noch 'n Buchstaben an sie schreibst, oder Du bist, meiner Seel! des Teufels. Ich habs 'm Amtman dem Kerl schon g'sagt, und seiner Dirn auch, 's kostet Dir und ihm und ihr 's Leben. Solang ich auf Godds Erdboden bin, sollst Du nicht mit ihr z'samen kommen, und wenns die ganz Welt hahn wollt. Ich reiss euch von einander, und sollts mit den Zahnen sein. Da hast Du mein Wort. So wahr ich 'n alter Edelmann, und sie 'n kahle Amtmansdirn ist. Verteufelter Son, das heisst 'm alten Vater Herzleid anthun. So hats noch keiner g'macht seit vil dausend Jahren, seit 's Kronehelm geben hat, und Du muest grab anfangen, und willt doch mein Son sein? Ja 'n Teufelskerl bist, und kein Gaballiers Son. Ich sag Dirs, wenn Du noch a Zeil schreiben thust, so must Du sterben, und wenn Du auch am Himel hangen thatest, Du must mir runter; und 's Madel zerreiss ich mit den Nageln, das merk Dir! Lass mir ja kein Wort horen, und wenn Du nur Mukker gegen mir thust, so schick ich drey Kerl zu Dir, die sollen Dich lebendig oder tot zu mich bringen. Da sollt Du Deine liebe Not haben. Braten will ich Dich, wie 'n Hasen, Lauskerl Du! Ich hab meine Spijon, Einen Buochstaben, und Du bist hin, und Deine Hur auch. Ich hab mir g'argert, dass ich nicht mer schreiben kan. Du weist noch nit, wie ich bin, wenn ich wild werd. Schwor mir heilig, dass Du nit mer an sie dencken, und noch minder schreiben willt, sonst sind auf d' Woch die drey Kerl bey Dir, und holen Dich, und ich lass Dich schliessen, und beym Madel forbey fuhren, und sie mit der Kugel vor den Kopf brennen, dass sie verrecken muss, wie 'n ang'schossnes Thier. Schreib mirs nur gleich, oder du lebst keine 6 Tag mehr, das schwor ich dir bey allen Teufeln.

Veit Kronehelm.

Kronhelm stand, wie vom Blitz getroffen da, als er diesen Brief gelesen hatte. Er ward blass, und zitterte an allen Gliedern. Da, lies! sagte er zu Siegwart, gieng einigemal auf und ab; blieb oft plotzlich stehen, als ob er nach, dachte, und konnte doch keinen Gedanken halb ausdenken. Hasts gelesen? Nicht wahres ist schon? Ich bin ein rechtes Gluckskind! O ich wollte! der verdammte, hollische Adel! Aber, ich wollte nicht nachgeben! Sprich! Was denkst du denn? Stehst ja da, wie ein Klotz!

Siegwart. Ich weiss nicht, was ich sagen soll? Es ist schrecklich! Ich bedaure dich von ganzem Herzen.

Kronhelm. So? Weiter nichts?

Kronhelm. Was weiss ich? Mir rathen! Oder mich todtschlagen, wenn du willst.

Siegwart. Ich bitt dich um Gotteswillen, Kronhelm! Du must dich massigen!

Kronhelm. Du bist ein Narr! Aber, halt, Siegwart! Nicht wahr? ich thu dir Unrecht?

Siegwart. Ja, das dacht ich auch.

Kronhelm. Nu, so verzeih mir! Du weist schon, wie's ist; ich kann nicht dafur. Sag, Bruderchen, was muss ich anfangen? Sags doch! Ich weiss ja nicht

Siegwart. Du must deinem Vater schreiben, denk ich.

Kronhelm. Nun ja, schreiben! Und was denn?

Siegwart. Dass du mit meiner Schwester nichts mehr

Kronhelm. Was?

Siegwart. Dass du nichts mehr mit ihr zu thun haben wollest.

Kronhelm. Bist du vom Teufel, Kerl?

Siegwart. Bessers weiss ich nichts.

Kronhelm. Nun, so pack dich zu allen Henkern! Den Rath kann mir nur mein Todfeind geben! Aufsetzen will ich mich, und zu meinem Vater hinausreiten! Das will ich thun, Kerl!

Siegwart. Ich kann dirs nicht rathen.

Kronhelm. Und warum nicht, Memme? Glaubst, er werd mich gleich niederschiessen? Lass ihn nur! Das war mit eben recht! So kam ich auf einmal von der verdammten Welt weg!

Siegwart (schwieg, und sah seinen Freund mitleidig an.)

Kronhelm. Gefallt dir das nicht? Was soll ich denn thun?

Siegwart. Ich habs schon gesagt.

Kronhelm. Schreiben? Aber denk: Mein eignes Todesurtheil!

Siegwart. Traurig ists genug! Du kennst aber deinen Vater, und hast seinen Brief noch nicht genug gelesen.

Kronhelm. Ja, ich habs! Sonst war ich nicht so rasend! Jesus, Maria! Was soll ich anfangen? Gibts denn gar kein andres Mittel? Sag doch! Bist mir ja sonst immer gut gewesen.

Siegwart. Bins auch noch; mehr als du glaubst. Aber ich weiss nichts bessers. Bedenks nur selber!

Kronhelm. Ja, was bedenken? Ich kann nicht, sag ich dir! Und so sollt ich meinem Vater schreiben? Sollt Theresen ausgeben? Gott, wie kann ich das?

Siegwart. Es kann sich andern.

Kronhelm. Was, andern! Es kann nicht, sag ich! Therese! Therese! Dich aufgeben? Und wie kann sichs andern? Sprich doch!

Siegwart. Dein Vater konnte sterben; oder sonst so etwas Kronhelm. Ja, der stirbt nicht! Grosser Gott! was ich da fur Gedanken habe! Ja, wenn er sturbe! Wenn er aber auch nicht sturbe ...?

Siegwart. Du hast doch indessen eine Ausflucht. Sonst hast du gar keine.

Kronhelm. Gar keine! Das ist schrecklich! Bey Gott! schrecklich! Kann ich ihm denn sonst gar nichts schreiben?

Siegwart. Ich weiss nichts, wenn du seinem Zorn entgehen willst, und wenns nicht meine Schwester und mein Vater mit entgelten sollen.

Kronhelm. Wie das?

Siegwart. Er droht ja, dass er sie umbringen will. Hasts nicht gelesen?

Kronhelm. Ja, das ist wahr! Ja, ich muss schreiben; Siegwart, ich muss!

Siegwart. Aber nur behutsam, Bruder! ich bitte dich. Wenn du trotzen willst, so gehts nicht. Jetzt must du nachgeben, so viel du kannst.

Kronhelm. Ja, wenn man nur so konnte. Denk einmal, in so was nachgeben! Hatt er nur nicht Theresen gedroht! Mir mocht er drohen wie er wollte! Ich achte nichts. Aber ich weiss, wie er ist; sie war nicht sicher vor ihm. O ich weiss nicht, was ich noch anfange? Wars nur nicht mein Vater! Gott! was wird deine Schwester sagen! Ich halts nicht aus, Bruder. Sterben, oder mein seyn! Ja, ich will ihm schreiben, dass ich nicht mehr an sie schreiben will. Das kann ich wohl. Sie ist ja doch mein; ich ja doch ihr. Ja, ich will ihm schreiben. Gib nur Dinte her! Wo ist der Schandbrief? Gott verzeih mirs! Aber 's ist so! Gib nur her Papier und Dinte.

Siegwart. Bruder, du kommst mir ganz sonderbar vor. Jetzt auf einmal so nachgiebig, und eben vorher noch so heftig! Ich kann mich in dich nicht finden.

Kronhelm. Ich mich auch nicht, gib nur her!

Siegwart. Aber du must mich den Brief erst sehen lassen. Nicht?

Kronhelm. Ja freylich! Gib nur her! (Er schreibt) "Lieber Papa!" Ja, es ist nicht wahr. "Ihr nicht mehr schreiben will." Das ist furchterlich! Da! Ich kann nichts bessers schreiben. Lis nur! Nun, gefallt dirs? Kann ichs anders machen?

Siegwart. Nein; es ist gut. Ich hoffe, das soll ihn beruhigen!

Kronhelm. Ja, ihn! Aber auch mich! Solls auch mich beruhigen? Gib her! Ich wills wieder zerreissen, den verdammten Wisch!

Siegwart. Lass doch, Bruder! Du kannst Einmal nichts anders schreiben. Denk, dass du Theresen dabey schonst!

Kronhelm. Nun so seys! Siegl' es zu! Ich mag mit dem Quark nicht langer umgehn!

Siegwart siegelte den Brief zu, und erbot sich, ihn des Junker Veits Bedienten zu bringen; denn er furchtete, Kronhelm mochte den Brief wieder zerreissen. Dieser blieb indessen allein auf dem Zimmer, und verwunschte sein Schicksal. Bald war er wild und heftig, bald wieder wehmuthig, und zum tiefsten Schmerz herabgebeugt, wenn er an Theresen dachte. Siegwart kam bald wieder, und nun besprachen sie sich uber die traurige Geschichte; Kronhelm war nun ausserst besorgt, was Therese zu seinem Betragen denken, und ob sie ihn nicht verachten werde, wenn sie hore, dass er seinem Vater versprochen habe, ihr nicht mehr zu schreiben? Siegwart beruhigte ihn aber wieder, indem er versprach, ihr die Sache im Zusammenhang zu schreiben, und sie zu uberzeugen, dass er, nach Erforderniss der Umstande so habe schreiben mussen. Sie wird es selber einsehen, sagte er, da sie nun deinen Vater selbst kennt. Und deswegen, dass du versprochen hast, ihr nicht mehr zu schreiben, kannst du auch ziemlich unbesorgt seyn, da ich ihr alle Wochen schreibe; da kannst du mir ja alles in die Feder sagen, was du an sie geschrieben haben willst; und so kann sie's wieder in den Briefen an mich machen, diess beruhigte zwar Kronhelm etwas, aber doch nicht viel; und er zitterte vor Theresens nachstem Briefe. P. Philipp, dem sie die Geschichte auch erzahlten, arbeitete sehr daran, unserm Kronhelm einen gesetzten Muth beyzubringen, denn er befurchtete nicht ohne Grund noch traurigere Auftritte. Er hielt ihm, mit der grossten Ruhrung, die Pflichten vor, die er seinem Vater, der Welt, Theresen und sich selber schuldig sey. Ich will, sagte er, das Verfahren seines Vaters nicht entschuldigen; aber ganz Unrecht hat er doch auch nicht, dass er sich einer Verbindung widersetzt, die ohne sein Vorwissen, und (wie Er vorauswissen konnte) ohne seine Bewilligung mit einer Person eingegangen worden ist, die sein Vater nicht kennt, und die von einem andern Stand ist, als er. Zwar an sich betrachtet, ist der Stand nichts, aber in unsre jetzige burgerliche Verfassung hat er Einfluss, und man kann ihn nicht ganz aus den Augen setzen. Mach er sich auf alles gefasst, und bedenk er diess zuerst, dass man durch Heftigkeit und Unbesonnenheit immer am wenigsten ausrichtet. Wenn er das gethan hat, was ihm moglich war, und was er, ohne seine Pflichten zu verletzen, thun konnte, dann uberlass er das Uebrige der Vorsehung, die nie ohne weise Gute handelt, wenn man sich ihr nicht selbst widersetzt. Es kann, so unglaublich es ihm jetzt auch vorkommt, sein Gluck seyn, wenn er Theresen nicht kriegt. Wenn ihr Besitz sein wahres Gluck ist, so bekommt er sie gewiss. Stell er sich im Voraus alles, auch das argste, was ihm begegnen kann, vor! So kommt ihm nichts unerwartet, und sein Herz wird weniger erschuttert. Ich sage nicht, dass er die Hofnung ganz sinken lassen soll. Hofnung nahre das Herz des Menschen, und ist nur dann schadlich, wenn wir sie zu tief wurzeln lassen, und Gewissheit aus ihr machen wollen. Kronhelm horte zu; er fuhlte, dass der Pater Recht hatte, aber die Wahrheiten waren ihm zu traurig; doch hielten sie ihn von der allzugrossen Heftigkeit zuruck.

Zween Tage darauf kamen Briefe von Theresen und ihrem Vater. Kronhelm erbrach sie mit Zittern und dem bangsten Herzklopfen. Sie schrieb ihm folgendes:

Theurester Freund!

Ich schreib Ihnen mit dem kummervollsten Herzen, und mit nassen Augen den letzten Brief in meinem Leben. Der vergangene Montag ist fur mich der traurigste und furchterlichste Tag gewesen. Ihr Vater, den ich noch nicht kannte, kam mit einem Edelmann und zween Jagern in unsern Hof angesprengt. Ich horte ihn mit Ungestum nach meinem Vater fragen, und sah aus dem Fenster. Bist du die Hur? rief er zu mir herauf. Ich wusste nicht, was ich aus dem Mann machen sollte? und lief zitternd zu meinem Vater. Als wir hinunter wollten, kam Ihr Vater uns schon auf der Treppe mit dem Edelmann entgegen. Ist Er der Amtmann Siegwart? fragte er. Ja, mein Herr! antwortete mein Vater, was befehlen Sie? Nichts befehlen! rief Ihr ein Schurke, dass Ers weis! Er will meinen Sohn verfuhren! Das ist wohl das saubre Mensch da, (indem er sich zu mir wandte) an der er den Narren gefressen hat? Ein saubres Thierchen! Mein Seel! Und so fuhr er fort, und gab mir und meinem Vater Reden, die ich mich schamen wurde, niederzuschreiben. Kurz, er begegnete uns auf die grobste, beleidigendste Weise; sprach immer vom Einsetzen, Verfuhrungen, Lumpen- und Hurenpack, und drohte mit Mord und Todschlag, wenn ich mir einfallen lassen wollte, seinen Sohn ferner zu infamiren, wie ers nannte. Ich stand da, und dachte, ich musste in die Erde sinken. Einigemal konnt ich mich nicht enthalten, ihm grobe Reden zu geben, als er meine Unschuld das einzige, worauf ich stolz bin angrif. Der Junker, der mit Ihrem Vater kam, ist der niedertrachtigste Mensch, der mir auf die schimpflichste Art begegnete, und mich immer nur Kanaille, und burgerliche Gassenhure nannte. Mein Vater, der auch hitzig seyn kann, wenn man ihn erst aufbringt, sagte Ihrem Vater, er mochte sich in Acht nehmen, und mit solchen Beschimpfungen einhalten. Er sey ein ehrlicher Mann, und ich ein ehrlich Madchen; ich korresponoire zwar mit seinem Sohn, aber auf die erlaubteste Art; er konn die Briefe selber sehen u.s.w. Ihr Vater wollte von dem allen nichts horen, schimpfte unaufhorlich fort, und drohte, Sie und mich, und meinen Vater zu erschiessen, wenn wir nur noch eine Zeile an einander schrieben, oder einen Gedanken auf ein ander haben wollten. Mein Vater sagte, das woll er wol versprechen, dass ich nicht mehr an Sie schreiben, und weiter keine Gemeinschaft mit Ihnen haben soll; aber die ubrigen Beleidigungen woll er sich auch inskunftige verbitten. Der andre Junker schlug ein lautes Gelachter auf. Ihr Vater aber sagte: Nu Jobst, lass uns weiter! Vorjetzt hab ich gnug; aber noch ein Brief, und hier zog er eine Pistole hervor die erste Kugel gehort dir, Madel! und die zweyte ihm, Monsieur Amtmann! Merk er sichs! Mit diesen Worten gieng er wieder die Treppe hinunter, setzte sich aufs Pferd, und ritt mit seinen Jagern davon.

Sie konnen sich vorstellen, Theurer Freund! wie mir seit der Zeit zu Muthe seyn muss. Das ganze Leben ist mir verhasst, die ganze Welt eine Einode. Ich schreib Ihnen diesen Brief auf Befehl meines Vaters, ders bey Ihrem Vater verantworten will, wenn ers erfahren sollte. Ich soll von Ihnen Abschied nehmen auf ewig! Gott, von Ihnen! und doch muss es seyn! Ich habe Sie geliebt, Theurer, aber verkennen Sie mich nicht! Nicht aus Stolz, weil Sie von Adel sind. Um des Adels Ihres Herzens willen, liebt ich Sie; lieb ich Sie noch! Das darf ich sagen, denn ich sags ohne Absicht auf Ihre Hand. Ich hab auf ewig alle Hofnung von mir weggebannt. Es muss seyn! Leben Sie glucklich! Sie verdienen es. Bleiben Sie mein Freund in Ihrem Herzen! Denken Sie zuweilen an das Madchen, das bald sterben wird! ... Ich habe mein Herz in Thranen ausgeschuttet, und komme nochmals, Ihnen das letzte Lebewohl zu sagen. Kunftig kann ich keine Zeile mehr von Ihnen annehmen. Ich werd Ihnen jeden Brief unerbrochen zuruck schicken. Das hab ich zugesagt. Leben Sie denn wohl, auf ewig wohl, mein Theurester! Gott starke Sie, und belohne Ihre Tugend! ... Betruben Sie sich nicht zu sehr! Sie mussen andre Menschen, und ein besseres Madchen glucklich machen, als ich bin ... Sagen Sie ihr einst, dass ich edel dachte, und Sie darum liebte ... Meine Freundin kann sie auf dieser Welt nicht mehr werden, denn bis dahin bin ich todt ... Ich murre nicht gegen die Vorsicht; aber ich kann diese Last nicht tragen. Mein Herz muss drunter brechen. Leb wohl, Edelster und Besster! Im Himmel sehen wir uns wieder, und freuen uns, dass wir geduldet haben ... Leb wohl! Siehst Du einst mein Grab, so wein drauf! Ich verdiens! Der Engel der Liebe sey Dein Schutzgeist! oder ich werds ... Mein Herz schlagt gewaltiger. Hier fallt eine Thrane hin, kuss die Stelle!.. Schreib mir keine Zeile! Du wurdest mich betruben ... Nun das letzte Wort, das ich an Dich schreibe. Leb ewig wohl, Geliebtester! und denk an Deine ungluckliche

Therese.

Was Kronhelm bey Lesung dieses Briefs empfunden hat, lasst sich nicht beschreiben. Jedes zartliche und liebevolle Herz, das auch einmal gelitten hat, denke sich noch Einmal in sein Ungluck zuruck! Fuhle noch Einmal die Leiden seiner Liebe, und wein unsern Edeln, mit mir, eine mitleidige Zahre!.. Er lehnte sich ans Fenster, hullte sein Gesicht ein, und war sprach- und thranenlos. Siegwart weinte, und hatte den Brief, den seine Schwester ihm geschrieben hatte, in der Hand. Kronhelm drehte sich schnell um, sah ihn mit unbeschreiblicher Wehmuth an; drauf warf er sich aufs Bette, hullte sein Gesicht ins Kissen ein, und blieb so eine Viertelstunde unbeweglich liegen. Lass uns vors Thor hinaus, sagte er, ich muss Luft kriegen! Siegwart gieng mit ihm, ob es gleich stark schneyte. Kronhelm walzte sich im Schnee, und wollte da bleiben. Aber Siegwart riss ihn mit Gewalt auf. Endlich fieng er an bitterlich zu weinen. Siegwart sprach kein Wort, und weinte mit. Nun ist mir wohl, sagte Kronhelm, herzlich wohl. Ich dachte, ich konne nicht mehr weinen ... Bruder, Bruder! In mir tobt mehr, als Hollenqual. Therese ist hin fur mich. Weist dus schon! Ja, sie hat mirs geschrieben, sagte Siegwart.

Hat sie das? Mir hat sies auch geschrieben. O, der Engel ist verloren! Aber meynst du, dass das lange wahren soll? Ich kann auch sterben, Bruder! Bey Gott! ich kanns auch! Ihr seyd rechte Troster, du und Philipp! Aber, ich brauch ja keinen Trost! Der Tod hat so viel Trost; wird mir auch wohl welchen geben! O, der Engel ist verloren! So sprach er immerfort, ohne dass Siegwart ihm ein Wort antworten konnte, als dass er ihn zuweilen mit Thranen und einsylbichten Wortern bedauerte. Sie giengen wieder nach Haus. Siegwart bat in der Stille den P. Philipp auf sein Zimmer, weil er sich zu schwach fuhlte, jetzt bey seinem Freund allein zu seyn. Philipp wusste ihm selbst wenig zu seinem Trost zu sagen. Sein eignes Herz litt zu viel bey den Qualen seines jungen Freundes. Er hatte selbst einmal unglucklich geliebt; und die Erinnerung aller seiner vorigen Leiden kehrte wieder in sein Herz zuruck. Kronhelm sprach wenig; er sah immer mit seinen Blicken starr auf Einen Ort, und schien gar nichts mehr zu fuhlen. Zuweilen nur ward sein Korper durch einen hervorbrechenden Seufzer ungewohnlich stark erschuttert. Die ganze Nacht achzte er, und Siegwart, der nicht schlafen konnte, aber doch sich stellte, als ob er schliefe, horte ihn oft mit sich selbst, aber immer abgebrochen, sprechen. Er litt bey den Leiden seines Freundes, und bey den Qualen seiner Schwester, deren tieffuhlendes Herz er kannte, unendlich viel. Den andern Morgen sass Kronhelm immer auf der Stube, und schrieb; denn es war ein Sonntag. Siegwart storte ihn nicht, und schrieb indessen an seine Schwester. Endlich gab ihm Kronhelm ein Blatt, und sagte: Ich will deiner Schwester keinen Brief mehr schreiben, sie hat mirs verboten. Aber nur um Eine Wohlthat fleh ich dich; die must du mir gewahren. Schreib dieses Blatt ab, es ist kein Brief, was ich geschrieben habe. Es ist mein letztes Vermachtnis an Theresen. Schreib es ab, und legs in deinen Brief, ohn' ein Wort davon zu schreiben! Versag mir diese letzte traurige Wohlthat nicht! Siegwart wagte es nicht, seinem Freund zu widersprechen, und schrieb folgendes ab:

Stirb nur, Engel! Ich flehe Gott darum, und folg dir bald nach. Diese Welt ist viel zu klein fur Liebende. Wenn ich die Stern' am Himmel funkeln seh, so denk ich: Einer von den Sternen allen wird doch einen Wohnplatz fur die Liebe haben. Du Gott, kannst dein Kind, dein herrliches Geschopf, nicht ganz aus deinem Weltgebau verbannen. Ja, sie lachen mir lieblicher die Sterne. Dieser Stern dort mit dem blaulichen und reinen Lichte winkt mir .... Stirb nur Engel! sieh, er lacht uns .... Fall in Staub dahin, du schwache Hutte! denn du hast genug geduldet. Hat dich nicht der Sturm des Lebens gnug erschuttert? ... Auf mein Geist! und schuttle deine Thranen ab. Auf zum Stern mit dem blaulichen und reinen Lichte! ... Die Natur ist todt; sie ist gestorben. Willst du langer hier im Thal des Todes weilen? Ach, Therese, lass uns eilen an den Ort, wo keine Menschen sind! Denn der Mensch ist hart und grausam .... Weine nicht, du Theure! Diese Nacht im Traume hab ich ihn gesehn, den Tod. Er ist ein hellleuchtender Engel, und hat Palmen in der Hand zum Trost der Liebenden ... Und du weinst noch? Sieh, ich lachle ja; der Engel mit den Palmen hat uns zugewinket, dir und mir .... Wohlauf, ihr Menschen, raubt mir meine Liebe! Unter Engeln wohn ich. Raubt mir meine Liebe!.. Warum wein' ich denn, du Theure? Kann doch die Natur nicht weinen. Schau hinaus! Sie ist versteinert. Auch der Bach, der immer weinte; auch die Donau steht versteinert da. Weine doch, o Donau, dass ich einen Gespielen habe meiner Thranen!.. Wenig Tage noch, so sind wir hingewandelt, ins Gefild der Liebe ... Duld, o meine Liebe! Sey getreu bis an das Ende! Sieh! ich will getreu seyn, bis ans Ende! Und du willst mir eine Freundin geben? Duld, o meine Liebe! sey getreu bis an das Ende! Amen!

Kronhelms Seele versank in die tiefste, dusterste Melancholie; sein ganzer Karakter bekam eine andere Wendung. Er ward heftig, und auffahrend, und uber alles argerlich. Sein naturlich sanftes und gefalliges Wesen verwandelte sich in eine murrische, verdrussliche Laune. Alles, was er sah und horte, und die ganze Welt ward ihm zuwider. Er verachtete das ganze Menschengeschlecht; nur den P. Philipp und seinen Siegwart nicht. Aber der letztere stand doch sehr viel bey ihm aus. Er konnte ihm nichts recht machen; jede Bewegung, die er auf dem Zimmer vornahm, konnte seinen Freund verdrusslich machen, und er verzog die Minen daruber. Wenn er lachte, war ihms nicht recht; wenn er traurte, auch nicht. Siegwart trug alles mit der grossten Geduld, und gab seinem Freund in allem nach. Zuweilen uberfiel seinen Kronhelm schnell die Wehmuth, dass er weinen konnte; dann sprach er von Theresen. Siegwart konnte ihm wenig von ihr sagen, denn sie schrieb nichts mehr von Kronhelm, aber immer traurig und wehmuthig. Einmal schrieb sie ihm: Die Ursache meiner Leiden ist unsre Schwagerin. Sie war einmal bey uns, als ein Brief von dir kam. Ich ubereilte mich, und brach ihn auf. Ein versiegelter Brief von Kronhelm lag darinn. Ich steckte ihn schnell ein, und ward roth. Das hat sie vermuthlich gemerkt, und an Kronhelms Vater geschrieben; denn sie sagte gleich: Sie korrespondiren ja auch mit dem jungen Herrn von Kronhelm? Ich konnte meine Verwirrung nicht verbergen, noch es ganz verhehlen. Kronhelm fieng von neuem an zu toben; dass eine solche Kleinigkeit an seinem Ungluck Schuld haben sollte. P. Philipp suchte ihn auf alle mogliche Weise zu zerstreuen; aber es half wenig. Er nahm ihn oft, mitten im Winter, mit spatzieren. Das traurige Stillschweigen der Natur nahrte nur seine Traurigkeit. Er las in seinen Buchern nichts, als dustre, wehmuthige Stellen. Die Musik ergotzte ihn auch nicht mehr. Nur zuweilen phantasirte er in lauter Dissonanzen und wimmernden Tonen. Die Einsamkeit war ihm das liebste, und sie lobte er allein. Oft pries er unsern Siegwart wegen des Entschlusses selig, die Welt zu verlassen, und sich in ein Kloster zu verschliessen. Das war gewiss ein weiser und unglucklicher Mann, sagte er, der wie ich geliebt hat, der zuerst den Einfall hatte, in eine Einsiedeley zu ziehen, oder sich durch Mauren vom unseligen Menschengeschlecht abzusondern. Man muss aufhoren, ein Mensch zu seyn, wenn man glucklich werden will! Ich wollte, dass ich alle meine Leiden mit dir in einer Zelle vergraben konnte!

Diese Reden, und das ganze Schicksal seines Freundes machte bey unserm Siegwart den Gedanken ans Klosterleben aufs neue wieder zum alleinherrschenden und angenehmsten. Er sah die Liebe als die grosste Feindin des Menschengeschlechts an, und glaubte, sich nicht stark und fruh genug vor ihr verwahren zu konnen. Er dachte sich nur seinen P. Anton und die andern Paters, wie ruhig und zufrieden die in ihren Zellen lebten. Er glaubte, die Liebe konne sich der Klostereinsamkeit nicht nahen, und schmachtete recht darnach, bald in diesem sichern Hafen einzuschiffen.

Ostern ruckte nun heran, an dem Kronhelm die Schule verlassen, und nach Ingolstadt ziehen sollte. Er ware gern noch langer in der Nachbarschaft Theresens geblieben, ob ihn dieses gleich nichts half, und hatte deswegen auch an seinen Onkel in Munchen geschrieben; aber dieser fand nicht fur gut, es ihm zu erlauben; denn er hatte durch seinen Bruder Veit die Liebe seines Neffen erfahren. Ob er gleich von Vorurtheilen ziemlich frey war, so konnte er doch Kronhelms Wahl nicht begunstigen, denn er hielt seine Liebe fur eine vorubergehende, aufbrausende Leidenschaft, und kannte auch das Madchen gar nicht, das er gewahlt hatte. Die Entfernung, hoffte er, wurde die beste Arzeney fur sein krankes Herz seyn, und ihm bald seine vorige Heiterkeit und Ruhe wieder geben.

Kronhelm reiste also an Ostern ab. Sein Vater hatte zwar gewollt, er sollte ihn vorher noch in Steinfeld besuchen, aber diess war ihm unmoglich. Er sah alle die Vorwurfe voraus, die ihm sein Vater wegen Theresen machen wurde, und wusste, dass er dazu unmoglich still schweigen konnte. Er verachtete auch seinen Vater wegen seiner rohen, unmenschlichen Seele, und wegen seines Betragens gegen ihn zu sehr, als dass er nicht seine Gesellschaft soviel, als moglich, hatte vermeiden sollen. Bey dem herannahenden Abschied von seinem innigsten und ersten Freunde, von dem Bruder seiner ewiggeliebten Therese, erwachte sein ganzer Schmerz von neuem. Die ganze Zeit uber, da er die Vorbereitungen zur Abreise machte, war er wie betaubt; alles war tobt um ihn herum; dann uberfiel ihn plotzlich wieder eine Aengstlichkeit; er lief in einen Winkel, um allein zu seyn, und seine Thranen auszuschutten. Er erschrack, wenn er allein war, und Siegwart ungefahr aufs Zimmer kommen sah, und Zahren schossen ihm in die Augen. Den Tag vor seiner Abreise gieng er zu Grunbach, um von ihm Abschied zu nehmen. So viel er auch auf ihn hielt; so fuhlte er doch nichts dabey und ward nicht im mindesten bewegt. Unten in der Thure stand Sophie, um ihm auch ihr Lebewohl zu sagen; sie weinte, und nun weinte er auf einmal mit, weil ihm seine Therese mit aller Lebhaftigkeit einfiel. Er lief, so schnell er konnte, uber die Strasse. Dann nahm er von seinen Lehrern Abschied. Beym P. Johann ward er sehr bewegt. Der krankliche Mann wunschte ihm mit der herzlichsten Ruhrung allen Segen des Himmels. Kronhelm dankte ihm fur seinen Unterricht. Ich wunsche, sagte Johann, dass meine Lehren auch bey Ihm Frucht bringen, und Ihn, wie mich, in Freud und Leid erquicken mogen. Sie flossen aus reinem Herzen, und nie ohne vorhergehendes Gebeth, dass Gott sie segnen moge! Ich wunschte so gern alle Menschen, und besonders meine Schuler, am meisten aber Ihn, mein lieber Herr von Kronhelm glucklich, weil er so sittsam und rechtschaffen ist, und das wird man am ersten durch Religion. Vergess Er also Gottes Wort und meine Lehren nicht! Ich werd oft an Ihn denken, und fur Ihn beten. Denk Er auch zuweilen an mich, und bet Er, dass mich Gott ferner treu und geduldig in der Leidenszeit erhalte, die wol nicht mehr lange wahren wird. Leb Er wohl! Gott segn Ihn! Hier gab er unsern, Kronhelm die Hand; dieser kuste sie mit heisser Innbrunst, und liess seine Thranen drauf fallen. Der Abend ward auf P. Philipps Zimmer sehr traurig zugebracht. Kronhelm sprach fast gar nichts, und Siegwart auch nur wenig, denn auf beyden lag die Last der nahen Trennung schwer. Philipp, der nun drey Jahre schon unsern Kronhelm gekannt, und seine Seele taglich unter seiner Anfuhrung sich hatte vervollkommen sehen; der ihn, ob er wol sein Schuler war, wie seinen Freund liebte, der jetzt alle seine Leiden kannte, und voraus sah, dass sie sich nach der Trennung von seinen Freunden noch verdoppeln wurden, war selbst von allen diesen Vorstellungen danieder gedruckt, und hatte Muhe, seinen tiefen Kummer zu verbergen, um nicht seine jungen Freunde noch wehmuthiger zu machen. Er nothigte sie, etwas mehr Wein zu trinken, um ihre Traurigkeit in etwas zu zerstreuen, und sie wurden wirklich um ein gutes munterer. Aber mit den Lebensgeistern wachte bey Kronhelm das Andenken an Theresen auch wieder lebhafter auf; er nahm ein Glas; stand auf; brachte Theresens Gesundheit aus; und trank; und Thranentropfen fielen ihm in den Wein. Alle Hindernisse, sie jemals zu erhalten, schwanden vor ihm weg. Er fuhlte sich zu allem stark, und sagte, kein Mensch solle sie ihm rauben. P. Philipp hatte sich dieser Wendung nicht versehen; er war gesinnt gewesen, ihm noch etwas Lehren auf den Weg zu geben, sich in sein Schicksal zu finden, und nach und nach ihr Bild aus seinem Herzen zu entfernen; aber er sah wohl, dass dieses jetzt ubel angebracht seyn, und seine Leidenschaft mehr erhizzen wurde; er beschloss also, ihm lieber davon zu schreiben, da ohnediess Briefe mehr Eindruck machen, als Reden, weil man sie ofter lesen, und die darin enthaltenen Ermahnungen mehr uberdenken kann. Er bat Kronhelm, ihm zuweilen zu schreiben, und versprach, es auch zu thun. Kronhelm nahm diesen Antrag mit Freuden und Dankbarkeit an. Um zehn Uhr nahmen sie von einander Abschied. Beyde sprachen wenig, weil Thranen ihre Reden erstickten. Gott sey mit dir, mein Sohn! sagte Philipp, und umarmte Kronhelm. Dieser sah seinen Freund und Lehrer noch einmal an, druckte ihm mit unaussprechlicher Empfindung die Hand, und gieng mit Siegwart schweigend weg. Als er auf sein Zimmer kam, stand er ans Fenster, sah stillschweigend den Mond, und die Donau, die in seinem Glanz dahin tanzte; und uberdachte alle das Gute, was er hier im Kloster, besonders von seinem lieben P. Philipp genossen hatte. Siegwart stand am andern Fenster, und weinte. Endlich fieng Kronhelm schweigend an, das noch nothige zu packen. Siegwart half ihm. Es lag noch ein Buch auf dem Tisch. Willst du das nicht auch einpacken? sagte Siegwart. Nein, es gehort dir, sagte Kronhelm, nimms zum Andenken! Siegwart schlug es auf. Es waren Gessners Idyllen. Vorne stand drinn:

Denk, o Lieber! Deines armen Freundes!

Stark, und heiss, und treu, wie Gessners

Schafer, hat sein Herz geliebt;

Aber weine, Freund!

Ich werde sterben!

Denn ich liebte stark, und heiss, und treu!

Ach die Zeiten sind dahin,

Da ich glucklich war, wie Gessners Schafer!

Weine, Freund! und denke meiner!

K.W. Kronhelm.

Als diess Siegwart gelesen hatte, druckte er seinen Freund mit heftiger Bewegung an sein Herz, und weinte. O es muss dir wohl gehen; sagte er. Bleib nur standhaft, und verzag nicht'. Dank dir. Lieber! fur das Andenken! Aber sters bcn must du nicht! Schon dich, Lieber! Glaub, es kann dir nicht unglucklich gehen. Ich will dulden, sagte Kronhelm, schreibs auch Theresen, dass sie dulde! Hor! ich kann dirs nicht veri schweigen, was ich vorhab! Ich fahre durch dein Dorf. Es ist nur zwo Stunden Umweg. Vielleicht seh ich meinen Engel, und werd auf Jahre lang gestarkt! Um Gottes und Maria willen, nicht! sagte Siegwart. Willst du sie und dich ganz unglucklich machen? Ihr wurdet wieder doppelt leiden, wenn ihr aufs neu einander sahet. Und wenns meine Schwagerin erfahrt, und schreibts deinem Vater? Auch meinem Vater wurd es sehr missfallen. Thu's um Gottes willen nicht! Nein, ick wills nicht thun, sagte Kronhelm weinend. Es war nur so ein Einfall, der mir erst gestern Abend kam. Du hast Recht; ich kanns nicht thun. Gruss den Engel! Segn' ihn tausendmal in meinem Namen! Schreib ihm: Sey getreu bis an das Ende! Hier brach ihm wieder das Herz, dass er nicht weiter sprechen konnte. Siegwart uberredete hierauf seinen Freund, sich drey oder vier Stunden niederzulegen; denn um funf Uhr war der Miethkutscher bestellt, der ihn nach Ingolstadt fuhren sollte. Anfangs wollt es Kronhelm nicht thun, weil er doch nicht schlafen konne; aber endlich gab er seines Freundes Bitten nach. Siegwart sah indessen die vom Monde blasserhellte Gegend, war voll tiefer Wehmuth, und schrieb in ihr diese Verse nieder:

An meinen Kronhelm, als Er mich verliess.

Die bange Scheidestunde naht

Mit allen ihren Qualen;

Der Mond beleuchtet ihren Pfad

Mit blassen Todesstralen.

Wo nehm' ich Muth, zu scheiden, her,

Dass nicht das Herz mir breche?

Schau du, o Gott, vom Himmel her,

Und blick auf meine Schwache!

Leb wohl, du Theurer! Ach, ich kann

Dir keinen Segen geben.

Geh! Leb als Christ, und duld' als Mann.

Und blick ins bessre Leben!

Vielleicht, dass dir nach langer Nacht

Noch hier ein Morgen glanzet;

Vielleicht dass Liebe noch dir lacht,

Und dich mit Freuden kranzet.

Jetzt scheiden unter Seufzern wir,

Und treuen Herzenszahren;

Jetzt muss ich ohne Trost von dir,

Allein, zurucke kehren.

Doch kurze Zeit, so werd ich dich,

Geliebter, neu umfangen;

O mochtest du getrostet mich

Und froher dann empfangen!

Siegwart schrieb das Gedicht unter Thranen ab, und legte es auf den Tisch, hierauf las er etwas im Gessner. Um vier Uhr wachte Kronhelm wieder auf. Einigemal gieng er schweigend im Zimmer auf und ab. Das Gedicht fiel ihm in die Augen, er las es, und sank an die Brust seines Freundes. Wie kann ich dir dafur danken, Xaver? sagte er. Nimms zum Andenken! antwortete Siegwart; ich hab nichts bessers. Sey standhaft, Lieber! In einem Jahr bin ich wieder bey dir. Dann solls besser mit dir stehen, hoff ich. Ach, wie kann das? sagte Kronhelm. Wenn du nur gleich mit mir reistest! Wie werd ich das allein aushalten konnen? Gruss mir Theresen! Segne sie tausendmal! Sag ihr, dass ich ewig ihr gehore, wenn ich sie auch niemals wiedersehe! Sprich ihr Muth ein und Geduld! Wie viel ist die Glocke? Ich werd wohl bald fort mussen? Siegwart sagte, dass es noch eine halbe oder dreyviertel Stunden anstehen konne. Sie giengen mit einander auf und ab; und sprachen wenig. Endlich kam der Thorwart, und sagte, der Fuhrmann sey da. Nun leb wohl, Liebster, Bester! sagte Kronhelm, und umarmte Xavern. Vergiss mich nicht! Schreib mir oft! Sie hiengen lang an einander, und sprachen nichts. Als sie an P. Philipps Zimmer vorbeygiengen, sagte Kronhelm: Gruss mir den lieben Mann tausendmal! Segn' ihn tausendmal fur alle seine Liebe! An der Kutsche umarmten sie sich noch einmal und schieden.

Siegwart eilte auf sein Zimmer zuruck, um seinem Schmerz freyen Lauf zu lassen. Er konnte sich kaum massigen, rang die Hande, sprach und weinte laut. Endlich warf er sich auf seine Knie nieder: Gott, du Vater aller! Segn' ihn! Trost ihn! Stark ihn! Er ist der edelste, der beste Mensch. Segn' ihn! Stark ihn! Trost ihn! Ihn und meine Schwester! Mach die beyden glucklich! Ach, belohn ihm alle Freundschaft, die er mir erwiesen hat! Vergib mir alle Krankungen, die ich ihm vielleicht, wider Willen, anthat! Gott, vergib mir sie, und segn' ihn! O mein Freund, du Theurer! Warum must du mich verlassen? Gib mir ihn bald wieder, Gott! Lass mich ihn bald wieder sehen! Endlich warf sich Siegwart, vom Wachen und vom Schmerz ermudet, in den Kleidern aufs Bette, um noch ein paar Stunden zu schlafen.

Den andern Tag war die ganze Welt ihm ode, und ein unausfullbares Leere war in seinem Herzen. Er vermisste seinen Kronhelm immer, und wollte alle Augenblick mit ihm reden. Des Abends vergass er sich oft selbst, und dachte, so oft er jemand auf dem Gang vor seinem Zimmer gehen horte, sein Freund komme nun. Dann sah er seinen Irrthum; es fiel ihm ein, dass er ferne sey, und seine Wehmuth erwachte starker. Er gieng auf P. Philipps Zimmer, um ihm das letzte Lebewohl seines Freundes zu sagen; die beyden brachen in sein Lob aus, erzahlten alles, was an ihm vortreflich war, mit Lebhaftigkeit nach einander her, und bedaurten dann gemeinschaftlich ihren Verlust. Siegwart zeigte dem Pater den Gessner, den ihm sein Freund geschenkt, und was er vorne hinein geschrieben hatte. Ich bedaure den armen Kronhelm, sagte Philipp! Er hat von der Liebe ganz unendlich viel gelitten. Er ist ganz verandert, und so ungestum und heftig geworden. Man sieht, dass er doch vieles von seines Vaters Temperament haben muss. Seine Einbildungskraft, die sonst zu schlummern schien, ist schrecklich aufgewacht. Das traurigste ist, dass er alles so tief fuhlt, und so fest in seinem Herzen verschlieft. Die Liebe hat ihm eine tiefe Wunde geschlagen, und ich furchte, dass sie eher nicht, als durch den Besitz Theresens geheilt werden wird; aber dieses ist so weitaussehend und unwahrscheinlich, dass er vorher druber zu Grund gehen kann. Ja, und meine Schwester kanns auch, sagte Siegwart. Das arme Madchen leidet so viel. Alles, was sie schreibt, ist so duster und schwermuthig. Und dann schrieb sie mir auch neulich, dass sie krankle und den Tod hoffe. Ich durfte das Kronhelm nicht sagen; er wurde mit ihr sterben. Ach, die Liebe ist was furchterliches, sagte Philipp. Sie verzehrt die edelsten und besten Seelen. Unter hundert Junglingen und Madchen, welche sterben, wurde man immer, wenn man ihre Krankengeschichten wusste, zehen finden, die die Liebe getodtet, oder doch um etliche Jahre dem Grabe naher gebracht hat. Hut er sich, mein lieber Xaver! so viel als moglich, vor dem Umgang mit Frauenzimmern! Man muss vorher Vorsicht gebrauchen. Wenn man schon zu lieben anfangt, dann ist alle Flucht zu spat. Hut er sich, da er, nach seiner Bestimmung, nie glucklich lieben kann und darf!

Siegwart gieng auch wirklich deswegen weniger zu Grunbach, weil Sophie allemal aufs Zimmer kam, wenn er da war. Doch glaubte er, hier, von seiner Seite sicher genug zu seyn, denn er fuhlte keine Neigung zu dem Madchen, ob er sie gleich ihrer sittsamen Bescheidenheit, und ihrer tiefen, richtigen Empfindung wegen, sehr hochschatzte. Die Einsamkeit, so sehr er sie auch liebte, war ihm doch zuweilen unertraglich, weil sie ihn oft gar zu lebhaft und zu traurig an seinen Kronhelm erinnerte; und die Liebe zur Musik, die er jetzt allein wenig treiben konnte, rief ihn manchen Abend zu Grunbach. Sophie sass oft ganze Stunden lang in einem Winkel da, horte ihnen zu, und ward im Innersten bewegt. Siegwart schrieb das der Musik zu, was die Liebe bey ihr that. Doch war sie dabey so angstlich und zuruckhaltend, dass sie ihm nie einen deutlichen und redenden Beweis ihrer Liebe gab. Sie litt in der Stille, verzehrte sich in sich selbst, und vertraute ihre Seufzer und Thranen nur der Einsamkeit. Sie erlaubte sich nur selten einen Blick auf Siegwart, und zog ihn gleich wieder erschrocken zuruck, wenn er sie ansah. Er selbst war in der Liebe noch zu unerfahren, als dass ers hatte merken sollen. Wenn sie am Klavier spielte und sang, so bebte ihre Stimme, weil sie sich durch zu vielen Ausdruck zu verrathen furchtete. Zuweilen war ihr Ton so wehmuthig und schmelzend, dass Siegwart innigst dadurch geruhrt wurde, und da glaubte sie, er sey gegen sie nicht ganz gleichgultig; und diess nahrte ihre Liebe.

Acht oder zehen Tage nach Kronhelms Abreise bekam Siegwart folgenden Brief von ihm:

Einziger und liebster Freund!

Frag mich nicht, wie ich lebe? Dein eignes Herz muss Dir antworten: bang und elend. O Lieber! was ist doch des Menschen Leben? Schon so elend oft im Arm des Freundes! Was ists ohne Freund? Wenn ich nicht eine Religion hatte, die mich dulden lehrte, weil sie dem Dulder Kronen zeigt, so sucht' ich einen Ausweg. Dank Dir fur Deinen lieben Vers, den ich hundertmal auf dem Weg hieher wiederholte:

Und blick ins bessre Leben!

Ich wurde hier in Ingolstadt unzufrieden seyn, wenn ich auch ein gesunderes Herz mitgebracht hatte. Die Lage des Orts ist verdrusslich und bergicht. In der Stadt sind lauter Misthaufen. Wir sind bisher immer in stinkende und ungesunde Nebel eingehullt gewesen. Man soll leicht Krankheiten davon kriegen. Das ware noch das beste, wenn mich eine suchen, und es enden mit mir wollte! Aber man sagt, der Tod sey der Unglucklichen Freund nicht. Die Gesellschaften unter den Studenten hier sind ekel, elend und mehr als einschlafernd. Die Leute konnen kaum deutsch. Erbarmliches Kuchenlatein wird uberall gesprochen. Lass dichs ja nicht merken, wenn Du hier bist, dass Du deutsche Verse, noch weniger von einem Protestanten lesest. Diess ware schon genug, Dich lacherlich zu machen, und zum Ketzer. Ich ware bald um meine deutsche Bucher und um meinen Klopstock gekommen. Ein Student, der mich besuchte, sah, dass vorn' auf dem Titel: Halle stand. Das ist ja wohl bey den Ketzern, sagte er. Ja, antwortete ich, Halle ist ein protestantischer Ort im Preussischen. So lassen Sie ja das Buch nicht offentlich sehen! sagte er ganz angstlich; das wurd Ihnen gleich weggenommen werden. Man ist hier gar scharf. So, sagte ich, denket man hier so? und schnitt das Titelblatt heraus; und so hab ichs auch mit meinen andern Buchern gemacht. Brauch diese Vorsicht auch, mein Lieber! Du kannst aus diesem wenigen sehen, wies hier aussieht? Beym alten und beym jungen Herrn von Ickstatt hab ich Aufwartung gemacht; das sind noch Leute, die billig und vernunftig denken. Aber der junge Herr hat auch auf einer reformirten Universitat, ich denk, in Marpurg studirt.

Wann nur Du hier warest, Lieber! dann war mir jeder Ort noch ertraglich; aber so kann ichs kaum aushalten. Ich irre allein auf den Bergen herum, spreche mit mir selber laut, und wein' um Theresen und uber mein Schicksal. Was macht der Engel? Das wollt ich Dich zuerst fragen. Ich hab ihren Namen in Buchen eingeschnitten und in Felsen geritzt an der Donau. Schreib ihr, dass ich dulde, und getreu sey! Ich sah den Himmel, der ihr Dorf umzieht, und weinte. Damals konnt ich beten; noch selten konnt ichs. Mein Vater hat mir geschrieben, und mir furchterlich gedroht. Ich lache seiner Drohungen. Mir kann nichts mehr schaden auf der Welt. Vor zwey Tagen war ich etwas unpass. Ich dachte, der Tod wurde kommen, aber er wars nicht. Ich habe Theresen gesehen im Traum, sie hatte ein hellleuchtendes Gewand an, und lachte. So seh ich sie nun immer vor mir. O Lieber! ich duld unaussprechlich viel; so allein, und so elend! komm doch bald! Nicht wahr? Therese schreibt Dir nichts von mir? Warum thut sies nicht? Bin ichs nicht werth? O Gott, du weist, dass ichs bin. Hier leg ich einen Brief bey, an den rechtschaffnen P. Philipp. Grunbach must Du grussen! Ich kann nicht schreiben. Ich bin nie so unthatig gewesen. Zu nichts kann ich mich entschliessen. Theresens Namen kritzl' ich auf jedes Papier, in jeden Tisch, und losch ihn wieder aus. Gruss den Engel tausendmal, und schreib mir von ihm! Komm bald und hilf mir meine Leiden tragen! Sie sind schwer.

Dein

Kronhelm.

Siegwart antwortete seinem Freund sogleich, und suchte ihn, so viel als moglich war, zu trosten. Wegen Theresen schrieb er ihm wenig, und weiter nichts, als: sie habe sich nach ihm erkundigt, und scheine, nach Umstanden, ziemlich ruhig. Diess schrieb er nur, um seinen Freund zu schonen. Aber im Grunde war Therese sehr elend. Sie hatte ihm kurzlich, in Absicht auf Kronhelm, folgendes geschrieben:

Ich kann Ihn nicht vergessen. Tag und Nacht schwebt er mir vor Augen: Das Andenken an die seligsten von allen Tagen qualt mich ganze Nachte durch, und raubt wir den Schlaf, die einzige Wohlthat, die der Leidende hienieden hat. Ich fuhls durch mein ganzes Wesen, dass nur Er, der Einzige, mich meiner Qual entreissen, und mich wieder glucklich machen konnte. Aber ich kann und will ihn nicht besitzen! Ich wurde seine Hand ausschlagen, wenn er sie mir heut anbote, denn er soll durch mich nicht auf sein ganzes Leben unglucklich werden. Ich weis, sein Vater und seine Verwandten wurden ihn durch Spott und Verachtung zu Tode qualen. Ich war eine Schlange an seinem Busen, die er mit seinem eignen Leben nahrte. Schreib ihm, aber nicht gerade zu, dass er alle Hofnung aufgiebt! Ich will nie die Seinige werden! Er soll mich vergessen! Gott! wie ist das Wort so hart! Aber schreib ihms doch! Vielleicht thut ers, und das wollt ich, denn es wurd mich todten ... Unser redlicher Vater leidet mit mir, und zehrt sich ab. Das ist mein groster Schmerz. Ich verberg ihm meine Qual, so viel ich kann; Schliesse sie in meinen Busen ein, und ich fuhls, dass sie schon mein Herz angefressen hat. Es wird bald brechen. Wunsch mir Gluck dazu, Bruder! Es ist Wohlthat. Ich leid' jetzt doppelt. Innerlich tobt verzehrende Glut, und aussen kalte, spottische Verhohnung. Salome ist hier, und bringt unsre Schwagerin, die wieder aus dem Wochenbett aufgestanden ist, taglich ins Haus. Da hor ich nichts als Spottereyen und muss dazu schweigen. Das krankt mehr als alles! Und doch unterstutzt mich Gott! Ich hab oft heitre Stunden, kann sogar zuweilen hoffen, aber freylich nur wie Abadonna, auf Begnadigung. Klopstock ist auch ein Freund der Leidenden; er erquickt mich oft. Nun kann ich ihn erst ganz schatzen. Denn im Leiden sieht man, was ein Freund ist; und das ist er uber alle Maassen, Gott und Er! Auch Hauptmann Northern bedauert mich, und der alte Pfarrer. Northern meynt, Kronhelm soll in seines Konigs Dienste treten, und mich mitnehmen. Er will ihn empfehlen. Aber ich wills nicht, obs gleich Trost ware. Kronhelm soll ganz glucklich werden! Mit mir kann ers nicht. Ich beschwore dich bey allen Heiligen, Bruder! sag ihm nicht ein Wort davon! Gruss ihn nicht von mir! Er wurde hoffen, und betrogene Hoffnung todtet. Leb wohl, theurer Bruder! Bitt fur mich um Geduld und Erlosung!

Siegwart folgte dem Rath seiner Schwester, und schrieb seinem Freund nur einzelne Worte von Theresen. Kronhelm harmte sich daruber sehr ab, und sein innrer Gram nahm immer zu.

Der alte Grunbach hatte dieses Fruhjahr einen Garten gekauft, in dem sein Sohn und Siegwart sich sehr viel aufhielten. Sie spielten nun auch die Flote, und brachten damit manchen schonen Fruhlingsabend hin. Sophie nahm ihre Arbeit mit hinaus, sass bey ihnen im Grunen, horte ihrer Musik zu, und sang zuweilen eine Arie. Oft blieben sie des Abends noch da; spielten im Mondschein; die Nachtigall sang dazwischen; und Sophie weinte. Oft lud sie auch die stille Nacht zu vertraulichen und halb melancholischen Gesprachen ein. Sie unterhielten sich sehr oft von Kronhelm. Sophie hatte seine tiefe Traurigkeit vom ersten Augenblick an bemerkt, und sogleich die Ursache davon errathen. Denn die Liebe macht scharfsichtig; und Liebende erkennen sich, so wie edle Seelen, mehrentheils beym ersten Anblick. Sie fuhlte tiefes, inniges Mitleid mit ihm; dieses lehrt die Liebe.

Kronhelm muss recht unglucklich seyn, fieng der junge Grunbach einmal an; seine Briefe sind so duster. Ich mochte wohl wissen, was ihm fehlt? Siegwart war ausserordentlich gewissenhaft in der Freundschaft. Er glaubte seinen Freund zu beleidigen, wenn er eine Sache, um die er gefragt wurde, verschwiege, oder sie nicht zu wissen, vorgabe. Diess machte ihn, sobald er mit einem Freund allein war, sehr offenherzig; wozu noch seine edle Denkungsart kam, die ihn von den meisten gutdenken, und fast jeden nach sich beurtheilen lehrte. Er war also auch diessmal auf Grunbachs Frage ziemlich offenherzig, und sagte: Ich furchte, dass der arme Kronhelm unglucklich liebt; er liess mich einigemal etwas davon merken. Dann bedaur ich ihn von Herzen, sagte Sophie, und suchte bey diesen Worten einen Seufzer zu unterdrucken. Weichherziges Geschopf! sagte Grunbach.

Siegwart. Wie, Bruder? Das ist doch kein Tadel?

Grunbach. Tadel nicht. Aber es steht doch auch nicht fein, gleich so weinerlich zu thun. Freylich, Madchen muss man das verzeihen.

Siegwart. Ja, wenn Mitleid Fehler ist. Aber ich halts fur einen Vorzug des weiblichen Geschlechts. Wir thun oft so hart und rauh; und doch wurden wirs einem Freund ubel auslegen, der nicht Antheil dran nahme, wenn uns ein Ungluck, oder eine Krankheit zustosst.

Sophie. Ich will mich meines Mitleids eben nicht ruhmen, denn man ist immer etwas eigennutzig dabey, weil man selbst Vergnugen daruber fuhlt, und sich beym Mitleid wohlgefallt; aber ich halte dieses Gefuhl fur eine Wohlthat Gottes; und einen unglucklich Liebenden zu bedauren, halt ich fur die erste Pflicht, weil sein Leiden wirklich gross seyn muss.

Siegwart. Ja, gewiss gross, Jungfer Sophie! Ich habs bey meinem Freund erfahren. Ach, wenn er so des Abends bey mir sass im Mondschein, oder in der Dammerung; mir meine Hand druckte, und dann schwer aufseufzte, da fuhlt ichs ganz, welche Qual in ihm toben musste.

Grunbach. Ja das sind so Empfindungen, die man zuweilen hat; aber Kronhelm sollte selbst mehr Mann seyn.

Siegwart. Mann seyn? Haltst du Liebe gar fur eine Schwachheit? Ich liebe selbst nicht, Grunbach! Wunsch auch nie zu lieben; aber das weis ich, dass die edelsten und grossten Menschen auch geliebt haben.

Grunbach. Geliebt; das will ich nicht leugnen. Nur nicht klagen soll man, wenns nicht gehen will!

Siegwart. Als ob man nicht scholl uber korperliche Leiden klagte! Und Seelenleiden sind doch wohl noch grosser. Ein vollkommenes Geschopf zu sehen, dessen man sich werth fuhlt, und von ihm verkannt, oder misverstanden zu werden, das muss schmerzen. Und noch grosser muss der Schmerz seyn, wenn man gekannt, verstanden und geliebt wird; wenn man fuhlt, dass man im Besitz dieses Geschopfes das seligste Leben kosten konnte, und nun macht uns Vorurtheil, oder unnaturliches Verhaltniss in der Welt, oder Eigensinn der Eltern und Verwandten den Besitz dieser Seligkeit unmoglich. Ist es da noch Schwachheit, wenn man leidet; seine Leiden nicht ganz verbergen kann, und zuweilen in ungeduldige Klagen ausbricht? Kronhelm hat sonst gewiss mannliches genug! Aber ich glaube, je zarter und richtiger und tiefer einer fuhlt, und je mehr er seinen eignen Werth kennt, desto mehr muss ihn ungluckliche, verschmahte, oder durch Lumpenumstande zernichtete Liebe kranken. Nein! ich bedaure meinen Freund im Innersten der Seele, und schatz ihn nur noch hoher, seit ich gesehen habe, wie er mit sich selbst ringt, und doch seinen Schmerz so bekampft, dass er niemals ganz verzagt.

Sophie. Hat denn der Herr von Kronhelm gar keine Hofnung, dass er in seiner Liebe jemals glucklich werden wird?

Siegwart. Wenig, oder keine, Jungfer Sophie!

Sophie. Das ist traurig! Wenn ich an seiner Stelle war, ich gieng ins Kloster. Ueberhaupt halt ich viel vom Klosterleben. Man kann da all sein Leid in der Stille so verseufzen, und wird von Menschen nicht gestort. Die Einsamkeit ist des Menschen beste Freundin, und die wohnt im Kloster.

Siegwart. O, da haben Sie vollkommen recht, Jungfer Sophie. Ja, das Klosterleben geht vor allem andern. Ich weis, wie es da so gut ist, und kanns kaum erwarten, bis ich da bin.

Indem setzte sich eine Nachtigall nahe bey ihnen auf einen bluhenden Apfelbaum, und fieng an, aus voller Kraft zu schlagen. Auf Einmal schwiegen die jungen Leute, horchten zu, sahn einander oft mit Verwunderung an, und nickten sich lachelnd zu, wenn die Sangerin mit ihren Tonen auf den hochssten Gipfel stieg, dann wieder langsam und wehklagend ihren Ton herabsenkte. Oft druckte sie die ganze Sehnsucht und das Schmachten aus, mit dem Sophiens Seele an Siegwarts seiner hieng. Das arme Madchen musste weggehn, und weinen. Sie gicng einen Heckengang hinauf, und blieb alle Augenblicke stehen. Siegwart kam durch einen andern Weg, oben in den Gang herunter. Er stand auch still, und horte den Gesang der Nachtigall, die nun nahe bey ihm auf den Zweigen sass. Dann gieng er allmahlig auf Sophien zu, nahm sie in der Entzuckung bey der Hand. Ach, Sophie, sagte er, das ist himmlisch! Sie sind auch bewegt. Es geht ihnen wohl wie mir; ich denk immer an einem solchen Abend, wenn die Nachtigall so singt, und die Sterne hell blinken, an Personen, die ich liebe, oder an Verstorbne. Ach das Bild meiner Mutter schwebt halbsichtbar um mich her, und ich preise sie selig, dass sie schon bey Gott ist. Auch ich, sagte Sophie, denk an Seelen, die ich liebe. Verzeihn sie, dass ich so bewegt bin! Ach, ich hatt einst eine Schwester, die ist nun bey Gott. Die war mein Alles, meine innigste, vertrauteste Freundin. Sie starb in meinem Arm; ach, wenn ich nur schon bey ihr ware! Sie ist glucklich, uber alles glucklich! Und auf Erden kann mans nicht seyn. Hier sah sie unsern Siegwart mit einer Wehmuth an, die ihm durchs Herz drang. Wir werdens auch einst; sagte er; druckte ihr, ohne dass ers wusste, die Hand, und wischte sich die Augen. Sophie blickte auf die Seite, und Thranen fielen aufs junge Gras.

Seit diesem Abend ward Sophie immer dustrer und schwermuthiger. Die Worte Siegwarts: Ich liebe selbst nicht; wunsch auch nie zu lieben waren wie ein Dolch in ihre Seele gedrungen. Sie hatt' es bisher nur halb geglaubt, dass er in ein Kloster gehen wolle; nun hatte sie's aus seinem eignen Munde gehort. Alle Hofnung war nunmehr fur sie verschwunden; sie gab sie selbst auf, und nahm sich sehr in Acht, ihn zu sehen. Ganze Tage lang war sie auf ihrem Zimmer eingeschlossen, seufzte, betete, stickte traurige Geschichten auf die Leinwand, oder verlohr sich in wehmuthigen und schwarmerischen Phantasien am Klavier. Oft schrieb sie auf ein Papier, das sie sorgfaltig verschloss. Alle Morgen gieng sie ins Frauenkloster in die Fruhmesse, und nahrte da ihre Phantasie, bey der feyerlichen Musik, die die Nonnen machten, mit Bildern von uberirrdischer Liebe und himmlischer Seelenfreundschaft. Seit sie gewiss wusste, dass Siegwart ins Kloster gehen wurde, war es auch bey ihr festgesetzt, sich einkleiden zu lassen. Der Gedanke hatte tausend Reiz fur sie, sich eben so wie der, den ihre Seele liebte, ganz dem Himmel zu weihen; eben so, wie er, in der Stille, und von der Welt abgesondert, sich mit dem Heiland zu vermahlen; und einst als eine keusche Braut dem, den sie hier umsonst liebte, als ihrem Brautigam entgegen zu gehen. Sie erhitzte ihre Einbildungskraft noch mehr durch das Lesen einiger mystischen und andachtigschwarmerischen Bucher. Ihr Herz ward mit einer anscheinenden Verachtung der Welt erfullt, die an sich mehr Ueberdruss zu leben war, und allein von betrogner Hofnung herruhrte. Wenn sie Siegwart Einmal wieder sah, so war ihre Seele wieder ganz aus ihrer Fassung gebracht; die Welt zog sie wieder an sich, und sie hatte Tage lang zu thun, bis die arbeitende Phantasie sie aufs neu in den tauschenden Schlummer wiegte. Oft glaubte sie, ganz ruhig und ganz glucklich zu seyn; aber der innre Gram verschmachter Liebe nagte unsichtbar an ihrem Leben; ihre Krafte verzehrten sich allmahlig: ihre Wangen bleichten ab; ihre Augen verlohren das lebhafte Feuer, und die zarte Pflanze welkte hin. Ihr Vater und ihre Mutter merkten endlich die Veranderung, und wurden sehr bekummert druber. Sie drangen oft mit Bitten in sie, ihnen die Ursache ihres Kummers zu entdecken, aber Sophie antwortete nur mit Thranen, gab die Ursach ihrer Krankheit fur eine naturliche Auszehrung aus, und entdeckte ihren Eltern den Wunsch, den Rest ihres Lebens im Kloster zubringen zu konnen. Die Eltern wollten lange nicht daran, weil dadurch alle die schonen Hofnungen vereitelt wurden, die sie sich einst von ihrer Tochter versprachen, aber endlich gaben sie nach, weil ihr Beichtvater, dem Sophie ihren Wunsch anvertraut hatte, auch sehr daran arbeitete, und es ihnen zur Gewissenssache machte, wenn sie ihre Tochter von einem so heilsamen Entschluss abhielten, und Gott und dem Himmel eine Seele zu stehlen suchten. Sophie erhielt endlich die Erlaubnis von ihren Eltern, auf Michaelis das Noviziat bey den Nonnen anzutreten.

Siegwart erzahlte das alles seinem P. Philipp, der sogleich die Ursache von Sophiens traurigem Zustand errieth. Er suchte daher Xavern so viel als moglich abzuhalten, dass er nicht viel in Grunbachs Haus oder Garten gieng, weil er vermuthete, Sophie wurde mehr leiden, je ofter sie ihn sahe. Daher lud er den jungen Grunbach ofters zu sich, oder gieng mit den beyden Junglingen spatzieren, und machte Anstalt, dass der junge Pater oft im Kloster ein Konzert anstellte, damit sie doch die Musik forttreiben konnten. Um diese Zeit starb P. Johann plotzlich. Man traf ihn Morgens mit gefalteten Handen in seinem Bette todt an. Der gute Mann ward allgemein bedauert; am meisten aber von P. Philipp und von Siegwart. Beyde giengen mit seiner Leiche auf den Kirchhof, sahn den Redlichen in die Ruhestatte legen, und segneten sein Andenken mit tausend Thranen. P. Hyacinth ward nun an seine Stelle zum Lehrer der Theologie ernannt, und nun sah Siegwart den Unterschied erst recht zwischen einem redlichen Mann, der die Lehren der Religion aus Ueberzeugung und mit Warme, weil er ihre Kraft selbst so oft an sich gefuhlt hat, andern vortragt; und zwischen einem Eiferer, der den Religionsunterricht als Handwerk ansieht, und sein Gedachtnis blos mit Worten ohne Saft und Kraft, und mit der Geschichte von nichtswurdigen Streitigkeiten und Zankereyen angefullt hat. Dieser trockne und murrische Mann entleidete unserm Siegwart, der nur Leben und Warme, besonders in der Religion suchte, den Aufenthalt auf dem Kloster ziemlich. Er sehnte sich nach seinem lieben Kronhelm, der ihm viele, aber immer die klaglichsten und schwermuthigsten Briefe schrieb, und ihn aufs herzlichste bat, ja recht bald nach Ingolstadt zu kommen!

Therese schrieb ihm auch noch immer traurig, aber doch gelassen. Ihr Schmerz daurte zwar bestandig fort, aber sie gewohnte sich nach und nach daran, und klagte weniger. Ungefahr in der Mitte des Sommers liess sie ihren Bruder einmal drey Wochen lang aus Briefe warten. Er ward verdrusslich druber, und konnte sich die Ursache ihres Schweigens nicht erklaren. Als er an einem Sonnabend wieder einmal vergeblich gewartet hatte, so schlug ihm P. Philipp auf den Nachmittag einen Spatziergang vor. Sie giengen zwischen den Kornfeldern hin, und ein Bettelbube bat sie weinend um ein Allmosen. Ach, liebe geistliche Herren, sagt' er, mir ist so gar ubel g'fehlt! Vor drey Tagen ist mein Vater g'storben, und nun hab ich keinen Menschen auf der Welt mehr. Siegwart griff hurtig in die Taschen, gab ihm reichlich, und sagte dann zu P. Philipp: Lieber Gott! was ist das traurig, wenn man sich an gar keinen Menschen auf der Welt halten kann!

P. Philipp. Ja wohl hat man Gott zu danken, wenn man seine Eltern und Verwandte hat; man kann nie genug thun, um ihnen das Leben angenehm zu machen und sie nicht zu kranken.

Siegwart. Das hab ich auch immer bey meinem Vater gedacht. Ach, ich wuste nicht, was ich anfangen sollte, wenn er sturbe.

P. Philipp. Und doch must Er Gott danken, dass er ihn Ihm so lang erhalten hat. Er hat doch seine Erziehung ganz genossen, und kann sich schon eher selbst auf der Welt fort bringen.

Siegwart. Das wohl, Gottlob! Aber es war doch fur mich das groste Ungluck!

P. Philipp. Und doch muss Ers mit Gelassenheit annehmen, die Nachricht mochte heut oder morgen kommen. Sein Herr Vater kann doch nicht so jung mehr seyn?

Siegwart. Neun und funfzig, glaub ich, wird er auf den Herbst alt werden.

P. Philipp. Sieht Er, das ist doch schon ein Alter, bey dem man ein bischen Sorge haben kann. Mach Er sich auf alle Falle gefasst! Es konnte bald eine schlimme Nachricht einlaufen.

Siegwart. (Sah den Pater angstlich an) Herr Professor ... ich furchte ...

P. Philipp. Ach, mein lieber Siegwart! Es thut mir leid.. aber ich muss ihms sagen ...

Siegwart. Was! Ist er todt? Gott im Himmel!

P. Philipp. Todt nicht, mein Lieber! Aber ...

Siegwart. Aber krank! ... Ja, sagen Sies nur! Ich sehs Ihnen an.

P. Philipp. Nur gelassen! Und bedenk Er, dass Er ein Christ ist! Ich hab wurklich heute Nachricht bekommen, dass sein Vater gar nicht wohl ist.

Siegwart. Lieber, lieber Gott! Ach das ist ja schrocklich! Wie wird mirs gehn?

P. Philipp. Ich hab ihn schon gebeten, etwas gelassener zu seyn. Vielleicht ist noch Hofnung da.

Siegwart. Ja damit wirds wohl vorbey seyn!

P. Philipp. Das weiss er ja noch nicht. Er weiss noch keine Umstande. Wenn er sich erst etwas gefasst hat, so will ich ihm einen Brief geben.

Siegwart. O ich bin schon gefasst! Lieber Herr Pater!Geben Sie mir nur den Brief her!

P. Philipp. Er ist schon gefasst? Hor er mich erst an! Seine Schwester hat mir geschrieben, und mich himmelhoch gebeten, ihm erst Muth einzusprechen. Ich glaub, er ist nun vorbereitet. Sieht er, sein Vater ist schnell krank geworden; es sieht mislich mit ihm aus; aber man kann noch nichts gewisses wissen; der Arzt ist erst aus der Stadt geholt worden. Halt Er sich an Gott; es mag gehen, wie es will! Bedenk er, dass es Gott noch nie bos mit ihm gemeynt hat! Da kann er nun den Brief selber lesen.

Siegwart las ein kleines Briefchen von Theresen hurtig und zitternd durch; die Thranen sturzten ihm aus den Augen; er steckte es schweigend ein. Das ist furchterlich! sagte er nach einer langen Pause; Gott steh mir bey, und helf mirs tragen! Ich hab mir tausendmal gewunscht, eher zu sterben, als mein Vater, um den Schmerz nicht zu erleben; und nun kommts doch

P. Philipp. Seiner Zartlichkeit und kindlichen Liebe macht das sehr viel Ehre, mein lieber, braver Xaver! Aber denk er nur, wenn all unsre Wunsche erfullt wurden, zumal solche ...

Siegwart. Ist der Wunsch etwa ungerecht?

P. Philipp. Mir deuchts so. Wenn alle Sohne vor den Vatern sturben, wo kam eine Nachwelt her? Der Mensch muss sich in einer Welt, die der Veranderung so unterworfen ist, im Voraus und in frohen Tagen auf alles Widrige gefasst machen. Ich furchte, dass ihm bey seinem gefuhlvollen Herzen noch grossere Prufungen und Leiden bevorstehen.

Siegwart. Grossre Leiden kanns nicht geben, wie dieses ist! ...

P. Philipp. So muss er jezt auch denken. Aber alles kommt auf die Lage an, in der uns ein Leiden trift; je, nachdem wir gestimmt sind; nachdem's eine Saite unsers Herzens trift. Ich tadl' ihn gar nicht, dass er jezt so niedergeschlagen ist. Der Tod seines Vaters bleibt fur ihn immer ein Ungluck.

Siegwart. Ja wohl! und das groste, denk ich! Grosser Gott! Einen solchen Vater zu verlieren! ... Und wenns auch moglich war, mich dabey zu vergessen, wie wirds meiner Schwester, meiner armen Schwester gehen? (Hier weinte er heftiger.)

P. Philipp (weinte auch mit) Seiner Schwester ... Auch dieser wird Gott sich erbarmen; Wird fur sie auch Trost haben. Wir wollen fur sie beten ... Ach, ich weis, wies mir gieng! Ich war in Freyburg, als mein Vater starb; wir waren sieben Waisen. Aber Gott hat keins von uns verlassen; keins! und mich am wenigsten ... Fass er sich, mein lieber Siegwart! Vielleicht hilft Gott noch ... Hoff ers zu dem Vater aller Waisen!

Sie kehrten nun wieder nach der Stadt zuruck. Siegwart sprach wenig, und schluchzte nur zuweilen. Der Betteljunge stand wieder am Wege. Da hast du noch was, sagte Siegwart, und gab ihm einen Sechsbatzner. In der Stadt lief er sogleich zum Arzt, um sich nach seines Vaters Umstanden zu erkundigen. Der Arzt zuckte die Achseln. Es ist so so, sagte er. Ich ward aus dem Haus ihres Vaters auf ein andres Dorf geholt zu einem Prediger, und konnte die Krisin nicht abwarten. Wir mussen sehen. Uebermorgen komm ich wieder hinaus. O lieber Herr Doktor, sagte Siegwart, Morgen! Ich bitte Sie bey allem, was heilig ist, reiten Sie doch Morgen hinaus! Thun Sie, was sie konnen! Retten Sie, retten Sie meinen Vater! Der Doktor machte Entschuldigungen, dass er Morgen viel zu thun habe; versprach aber doch, gegen Abend hinaus zu reiten. Siegwart verschloss sich nun auf sein Zimmer; gieng auf und ab; rang die Hande; fieng zuweilen ein Gebeth an; ward vom Schmerz wieder vom Gebeth ab, in Labyrinthe hineingerissen, wo er keinen Ausweg sah; nahm ein Buch; wollte lesen; warf es wieder weg; sank auf die Knie; sprang wieder auf, und fand nirgends keine Ruhe. Er gieng in den kleinen Garten am Kloster; da erblickte er eine hohe Sonnenrose, die von einem Wurm angefressen war, und zu welken anfieng. Gott! rief er, und Thranen schossen ihm in die Augen; denn er dachte sich seinen Vater. Alles erinnerte ihn jetzt an den Tod; jede Blume ward fur ihn ein Bild der Verwesung. Zuweilen dachte er sich alles Gute, was er seinem Vater zu verdanken hatte, und nun schauerte er zuruck, und wollte vergehen. Die ganze Nacht ward von ihm durchweint; seine kurzen Schlummer waren angstlich; oft war ihms, als ob sein Vater ihm zulispelte und Abschied nahme, und dann fuhr er auf und achzte. Den andern Tag war er wie betaubt; er gieng noch einmal zum Doktor, und bat ihn, ja gewiss zu seinem Vater hinaus zu reiten. Er gab ihm ein kleines Briefchen mit an seinen Vater, und ein kleines an Theresen, das er mit der heftigsten Bewegung geschrieben hatte; worinn er seinem Vater fur alle seine Wohlthaten dankte, und halb Abschied von ihm nahm. Seine Schwester suchte er zu trosten, ob er gleich selbst trostlos war. P. Philipp gieng den Nachmittag mit ihm spatzieren, und flosste ihm durch seine sanfte liebreiche Lehren, die immer mit dem zartlichsten Mitleid untermischt waren, eine ziemliche Gelassenheit und Ergebung in den gottlichen Willen ein. Vorher hatte es in Siegwarts Seele ungestum gesturmt, jetzt folgte dem Sturm ein sanfter Regen, und sein Schmerz goss sich in Thranen aus. Der Doktor kam den andern Tag wieder zuruck. Siegwart war wohl zehnmal in seinem Hause gewesen; und nun dachte er gewiss, sein Vater sey gestorben, oder in den letzten Zugen. Er beweinte ihn als todt. Sein Schmerz war unendlich gross, aber doch gemassigter und ruhiger, wie vorher. Die Angst, ein theures Gut zu verlieren, erschuttert mehr, und schlagt die Seele schrecklicher danieder, als der wirkliche Verlust des Gutes. Der Doktor war den folgenden Morgen wieder in die Stadt gekommen; muste aber nach einer Stunde gleich wieder fort, eh ihn Siegwart sprechen konnte. Er hatte nur die Nachricht fur ihn hinterlassen: Er mochte sich auf alles gefasst machen! Nun zweifelte Siegwart gar nicht mehr am Tode seines Vaters. P. Philipp zuckte auch die Achseln, und hielt es fur wahrscheinlich, oder gar gewiss.

Siegwart setzte sich in seinem ganzen Schmerz nieder, um seinem Kronhelm zu schreiben. Unter anderm schrieb er: Sag mehr, du seyst allein unglucklich auf der Welt! Ich bins auch, mehr als du. Mein Vater o wie kann ichs schreiben? mein Vater ist gestorben. Schreckliches, banges Wort! ich schreibe dir zum erstenmal und mit Zittern: Ich bin ein Vaterund Mutterloser Waise. Gott! ein Waise! Aber du bist noch mein Vater! Wenn ich dich nicht hatte, o was war ich! Sieh, Kronhelm, so kanns Menschen gehen. Bist du nun allein elend? Noch ist der Todesbote nicht gekommen; aber Thorheit war es, noch zu hoffen. Alle Umstande predigen mir Tod. Tod! O du susses Wort. Wenns von mir auch galte! u.s.w.

Den folgenden Morgen schrieb er wieder an eben diesem Briefe. Man klopfte an die Thur, und ein Bauer aus seinem Dorfe trat herein. Siegwart wagte es nicht, ihn zu fragen; er nahm den Brief an, gieng auf die Seite, brach ihn ziternd auf, konnt ihn kaum halten, und las ihn durch. Wie erschrack er! Es war die Handschrift seines todtgeglaubten Vaters:

Liebster Sohn!

Du wirst in tausend Aengsten meinethalben seyn, und du hattest es auch Ursach. Ich war dem Tode nah, sichert mich, ich sey jetzt ausser aller Gefahr. Wir konnen Gott nicht genug dafur loben; denn es war mir schwer gewesen, unversorgte Kinder zu verlassen, besonders Dich und Theresen. Das arme Madchen hat unendlich viel an mir gethan, und unendlich viel gelitten. Gott belohn es ihr! Sie grusst Dich herzlich. Bin noch matt, und kann nicht allzuviel schreiben. Muss nun eine Brunnenkur brauchen. Lass Dir diesen Zufall zur Warnung dienen, Dich nicht zu sehr auf Menschen zu verlassen! So lang ich lebe, thu ich fur Dich, was ich kann, wenn Du brav bist. Aber nach meinem Tode must Du Dir grostentheils selbst helfen. Leb wohl, mein liebster Sohn! Ich bin

Dein getreuer Vater,

Johann Maria Siegwart.

Nun Gott Lob und Dank! sagte Siegwart, und wandte sich zu dem Bauren. Ja, Herr, das war ein Schrecken, den wir hatten; sagte dieser. Das ganze Dorf war in Aengsten; habs mein Lebetag nicht so gesehen, und bin doch schon ein alter Mann. Alle Leut liefen in die Kirche. Wenns der Landsherr ware, konnts nicht arger seyn. Aber so 'n Herrn kriegen wir halt nicht wieder; das sagen alle Leut, alt und jung; wenn schon der junge Herr auch ein braver Herr ist. Euer Vater hat 's prae vor allen, das ist nur gewiss. Wenn ich denk, was die arme Leut, und Wittwen, und Waisen an ihm verlohren hatten, d' Augen gehen mir uber, 's ist halt 'ne schone Sach um 'n braven Mann! und hier wischte sich der ehrliche Bauer die Augen.

Siegwart schrieb ein kleines Briefchen an seinen Vater, und gab dem Bauer sechs Batzen. Der gutherzige Schwabe wollt' es lang nicht nehmen. Nein, Herr! sagte er, mit so einer Nachricht war ich Euch bis Wien umsonst gelaufen. 's hatt mir weh gethan, wenn man's einem andern auftragen hatt. Bin schon zwanzig Jahr 'n Tagwerker in 's Vaters Haus; darfs nicht nehmen, warlich nicht! Siegwart aber liess nicht nach, bis er's nahm.

Er warf sich nun auf seine Knie, dankte Gott; schrieb etliche Worte an Kronhelm, dass sein Vater noch lebe; und lief dann in seiner Freude auf P. Philipps Zimmer, der an seiner Freude herzlichen Antheil nahm. Therese schrieb ihm acht Tage darauf wieder, dass ihr Vater sich taglich mehr bessre, und schon eine halbe Stunde in den Garten habe gehn konnen. Siegwart war nun wieder wie neugebohren, und nahm aufs neu an allem Antheil, was um ihn vorgieng. Einmal gieng er mit Grunbach in seinen Garten; Sophie war auch da, um sich bey der schonen Witterung etwas zu erholen, weil sie schon etliche Wochen sich zu Haus aufgehalten hatte. Sie erschrack, als sie unsern Siegwart erblickte. Er erschrack auch, denn das schone bluhende Madchen sah blass und eingefallen aus. In ihren Augen sass eine tiefe schweigende Schwermuth. Ich werd Ihnen noch zuvor kommen, sagte sie; auf Michaelis geh ich schon ins Kloster. Werden Sie wohl auch zuweilen noch an mich denken? Ich werd es oft thun. Ich warlich auch, sagte Siegwart. Der guten Seelen sind doch so wenig. Ja, ich werd oft an die Stunden denken, die wir am Klavier, und hier in der Dammerung zubrachten. Sie waren so heilig und so suss! Ja wohl, suss und heilig! sagte Sophie seufzend. Werden Sie aber auch noch an mich denken, wenn ich todt bin? Auch da noch oft! antwortete Xaver. Ich werde dann an die Zeit denken, da wir uns begluckter wieder sehen werden, an die Zeit im Himmel. O, das ist suss und trostend! sagte das Madchen. Ich werd bald im Himmel seyn; folgen Sie mir bald nach! Ihr Auge glanzte, als sies sprach, und Siegwart war auch tief bewegt.

Nun wurden wieder die Rollen zu dem kunftigen Schuldrama ausgetheilt. Der Pater, der es machte, wahlte den Thomas Aquinas zum Helden seines Singspiels, und zwar den Theil seines Lebens, da Thomas, wider den Wunsch seiner Anverwandten, und besonders seiner Mutter, zu Neapel unter die Dominikaner geht. Der Kampf des Junglings war nicht ubel geschildert; da er auf der Einen Seite die zartlichen Bitten seiner Anverwandten, die Thranen seiner Mutter, die Lockspeisen, die man ihm vorhalt, in der Welt zu bleiben, besonders ein schones junges Madchen, gegen das sein Herz nicht ganz gleichgultig ist, sieht; und auf der andern Seite den Ruf ins Kloster, den er fur gottlich halt, den Traum von Verdiensilichkeit und Heiligkeit, und alles, was eine lebhaste Einbildungskraft, von einem guten Herzen unterstutzt, reizendes am Klosterleben findet. Diese Rolle war nun ganz fur unsern Siegwart gemacht, und er bekam sie auch, weil sie die starkste und schwerste zum Singen war. Er war davon ganz bezaubert, und dachte sich, ohne viele Muhe, ganz in die Rolle, und die Lage des h. Thomas hinein. Er ubte sich Tag und Nacht im Singen, und tauschte sich oft dabey so sehr, dass er nicht mehr Siegwart, sondern der h. Thomas selbst zu seyn glaubte. Unter Theresen, die ihm auch einmal vom Kloster abgerathen hatte, dachte er sich die Mutter seines Helden, und wendete alle Umstande genau auf sich an. Dieser Umstand fesselte sein Herz aufs neue wieder so fest ans Kloster, dass ihm die ganze Welt zuwider und ekelhaft wurde. Oft ward er dem jungen Grunbach, der die Rolle der Mutter hatte, ganz im Ernst bose, wenn sie ihre Arien zusammen probirten.

Als das Stuck selbst wirklich aufgefuhrt wurde, ruhrte er durch sein empfindungsvolles Spiel, und seinen ausdruckenden, herzlichen Gesang fast alle Zuschauer, und besonders alle Madchen, bis zu Thranen. In allen jungen Herzen stieg der Wunsch auf, auch ins Kloster zu gehen. Sophie sass, im Innersten bewegt, da; jeder Ton drang ihr ans Herz; sie war auf dem Scheideweg zwischen Himmel und Erde; hier das Kloster, das ihr lieber Jungling mit aller Starke der Beredsamkeit, und dem Zauber des Gesangs abschilderte dort die Welt und Er, der reizende und sanfte Jungling selbst. Ihr Herz ward zerrissen; endlich hub die Starke der Musik sie uber alles weg; und als Thomas uber alle Ueberredungen und Hindernisse siegte, riss auch sie sich von allem los, und flog in ihrem Geist dem Kloster und dem Himmel zu. Drey oder vier Wochen darauf gieng sie, ungeachtet aller Bitten ihrer Eltern als Novize ins Kloster. Den Tag vorher nahm sie noch von Siegwart Abschied. Sie hatte ein schneeweisses Kleid mit schwarzen Schleifen an. Ich bin eine Braut des Himmels und des Todes, sagte sie. Ich habe Freuden von der Welt gehofft, und sie gab mir Thranen. Leben Sie wohl, mein Theurer, ewig theurer Freund! Ach, Sie wissen nicht, wie theuer sie mir sind; aber, wenn ich todt bin, sollen Sies erfahren. Siegwart war sehr geruhrt bey ihrem Abschied; er beweinte sie und ihr Geschick, ohne zu wissen, dass er selbst die Ursache davon sey. Keine Seele wusste sie, als P. Philipp, der aber weiter nichts, als muthmasste. Das ungluckliche Madchen schloss sich und ihren Gram in die Zelle. Ihre Tage waren zwischen Thranen und Gebeth getheilt. Der Tod war ihr einziger Freund, und die Gedanken an ihn waren ihr die sussesten. Sie wurde taglich mit ihm vertrauter, und fuhlte seine nahe Ankunft taglich mehr. Ihre Klosterpflichten beobachtete sie genau; man sah sie vor Anbruch des Tages immer zuerst im Chor; oft kniete sie mit blassem, abgeharmtem Gesicht allein am Altar; ihre Thranen flossen hinter dem Schleyer an den Fuss des Altars nieder; sie betete laut und brunstig, und war oft durch gluhende Andacht so ermudet, dass sie kaum allein wieder aufstehen konnte. Beym Essen sprach sie gar nichts, und sah blos ihre Schwestern, eine nach der andern an, und bemerkte in ihren Gesichtern den verschiednen Ausdruck des mannigfachen Kummers, der in ihren Seelen wohnte. Sie hatte keine ganz vertraute Freundin; nur Cacilia, ein zwanzigjahriges Madchen, sass oft bey ihr auf der Zelle, denn sie hatte auch Gram im Herzen, und das Ungluck sucht Gesellschaft. Es schien, dass die beyden Seelen einen gemeinschaftlichen Kummer hatten, aber sie wagten's nicht, ihn einander zu entdecken. Oft sahn sie sich Stundenlang stillschweigend an; druckten sich die Hande, kussten sich, und blickten dann weg, um ihre Thranen zu verbergen. Wenn Sophie allein war, so kniete sie vor ihrem Krucifix, bat um ihren Tod, und setzte sich dann hin, um Stickereyen, oder Agnus Dei zu machen. Sie stickte Blumen, aber immer nur mit blassen Farben, oder halbverwelkte. Oft zeichnete sie einen Grabhugel aufs Papier, und Cypressen drum herum. Auf den Grabstein schrieb sie ihren Namen; dann weinte sie aufs Papier, und zerriss es wieder. Siegwarts Bildnis schwebte unter tausenderley verschiedenen Vorstellungen immer ihr vor Augen; der Gedanke an ihn mischte sich in ihre Andacht, und in alles, was sie vornahm. Oft betrubte sie sich daruber, und machte sich ein Gewissen draus, an ihn zu denken. Sie wollte ihn vergessen; aber alles, alles erinnerte sie wieder an den theuren Jungling. In dem Augenblick, da sie Gott um Vergebung bat, dass sie noch so sehr an der Welt hange, und so viel an Siegwart denke, in dem Augenblick stellte ihr die Liebe sein Bild wieder dar, und sie hieng sich ihm in Gedanken an seinen Arm. Unter diesen fortwahrenden Kampfen, und der unaufhorlichen Arbeit ihrer Seele zehrte sich ihr Leben ab; ihre Safte vertrockneten, wie ein Quell in der Sonnenhitze; sie ward taglich schwacher, und musste oft auf ihrer Zelle bleiben. Oft schrieb sie ganze Stunden lang, muste dann, wegen ihrer haufig fliessenden Thranen aufhoren, und schloss das Papier ein. Alle Wochen sprach sie zweymal mit ihrer Mutter und andern Verwandten am Sprachgitter. Ihre Mutter suchte sie mit Thranen zu bereden, wieder in die Welt zuruckzukehren, aber alle Thranen und Bitten halfen nichts. Endlich ward sie ganz bettlagerig; Cacilia war bestandig um sie. Einst, in einer schlaflosen Nacht, erzahlte ihr Sophie ihre ganze Geschichte, und die Liebe zu Siegwart. Aber, sagte sie, verschleuss mein Vertrauen in dich, und nimms ins Grab mit! Beleidige deine todte Freundin nicht durch Untreue! Sonst konnen wir uns im Himmel nicht mit Freuden entgegen gehn. Hier hab ich ein versiegeltes Packet an Siegwart. Gibs meiner Mutter, wenn ich todt bin, dass sies ihm einhandige! Dank ihr in meinem Namen tausendmal fur ihre Liebe, und deinige kusse; eben so heiss und brunstig! Sag ihr, dass ich glucklich werde! Sie soll sich nicht zu sehr betruben! Noch wenig Schritte denn was sind Jahre in diesem Leben anders? so werden wir uns widersehn, und ohne Seufzer, ohne Thranen wiedersehn. Auch du hast grosse Leiden, liebe Schwester! Trag sie mit Geduld! Ihre Frucht wird Freude seyn. Folg mir bald nach! Cacilia weinte; sie erzahlte Sophien auch ihre Geschichte. Sie war traurig; ungluckliche Liebe war ihr Inhalt. Sophie weinte viel, legte sich auf die Seite; hullte ihr Gesicht ins Bett, schlummerte ein, und wachte den andern Morgen kraftlos auf. Ihre Stimme war gebrochen; man konnte sie kaum mehr verstehen. Ein Kapuziner gab ihr die letzte Oelung. Gegen Abend ward sie noch einmal munter; betete eine halbe Stunde laut, und mit der grosten Inbrunst; dann entgieng ihr die Sprache wieder; ein paarmal sah sie Cacilien an, machte einen Zug mit ihrem Finger auf das Bette, der ein S, vermuthlich Siegwarts Namen, vorstellte; dann starb sie.

Cacilia gab den andern Tag ihrer trostlosen Mutter das Packet, auf welchem Siegwarts Name stand. Er brach es mit Zittern auf. Es enthielt eine Art von Tagebuch, das an ihn gerichtet war. Einige Stucke daraus wollen wir denen, die es fuhlen konnen, mittheilen. Erst die Einleitung:

An den lieben frommen Siegwart.

Wenn das Grab mich deckt; wenn meine Seel' in Gottes Hand ist; wenn ich unter Engeln wandle, und der Leiden dieser Zeit vergesse: dann, mein Auserwahlter, wirst Du diese Blatter lesen, und weinen. Lass sie Dir erzahlen, was mein Herz gelitten hat, um deinetwillen, weils mein Mund nie durfte! Wein' in meine Leiden! Das Bild der Thranen, die Du mir vergiessen wirst, trostet mich in truben Stunden. Betrub Dich nicht zu sehr, Jungling! und mach Dir keine Vorwurfe! Nicht Du bist die Ursache meines Jammers; mein zu fuhlendes, zu weiches Herz ists. Ich will Deinem Auge keine Thranen erpressen, als Thranen des Mitleids, und auch die sollen suss seyn. Denk, dass meine Leiden, wenn Du sie erfahrst, voruber; dass alle Thranen, die die Liebe weinte, abgetrocknet sind; dass ich ausgerungen habe jeden Kampf, und gekleidet schmuckt mit Siegerpalmen. O Du Theurer! Weine nicht! Blick auf! Ich bin bey Gott, und bey der hochgelobten Jungfrau. Sieh, sie nennt mich Schwester und Tochter, weil ich ausgeduldet habe meinen schweren Kampf; weil mein Mund nicht murrte, da die Last mir schwer ward. Troste Dich, mein Auserwahlter! Ich will um Dich seyn bey Deinen Thranen, will Dir Ruhe herablispeln aus den Luften, wenn Dirs trube wird im Herzen; will im Traume Dir erscheinen, und Dir sagen, dass ich nicht mehr leide.

Vergib mir, dass ich Dich geliebt habe! Gott vergibt

mirs auch. Ich kampfte lang, aber Du bist gar zu fromm und lieb. Warst Du wild und leichtsinnig, wie die Jugend, ich hatte Dich nicht geliebt; aber Du bist gut, und fromm, und sanft. Mein Herz ist keusch, und rein, und kennt keine wilde Flamme. Vergib, dass ich Dich geliebt habe!

Vergib, dass ich an Dich schreibe! Ich habe lang ge

litten, und meinen Mund nicht aufgethan. Lass mich nach dem Tode zu Dir reden! Gott weis, dass ich Dich nicht kranken wollte; wie konnt ich Dich kranken. Du Geliebter? Lis und lerne Trost aus meinem Schreiben! Lerne dulden, wie einst ich that, wenn das Ungluck einbricht! Lerne, Gott Dich widmen, wie ich Ihm mich widme! Blick auf zu den Sternen, und zu mir, wenn die Welt, dir od und ekel wird! Lern aus meinem Schicksal, und du wirst mich segnen.

*

Vom dritten May (als sie Abends im Garten

zusammen gewesen waren).

Ich liebe selbst nicht; wunsch auch nie zu lieben! So hast du selbst gesagt, du Theurer, den ich uber alles liebe. Fasse dich, meine Seele! Er liebt nicht, wunscht auch nie zu lieben. Also sind die Hofnungen gesunken, die die Liebe baute. Also wirst du nie geliebt werden, armes, liebekrankes Herz! O ihr Heiligen, erbarmet euch mein, und trostet mich! Nicht geliebt werden, und lieben, ach so heiss und innig lieben ist ein harter Kampf, den ein armes schwaches Madchen ohne Gott nicht kampfen kann; Gott, du wirst mich nicht verlassen! Komm, Gedanke des Todes! Komm, und kusse mich statt seiner! Hauche mich kalt an, dass ich hinsink und sterbe! Ach, du liebst mich nicht, Erwahlter, und ich liebe dich doch uber alles. Singt mir ein Todtenlied, ihr Gespielinnen der Jugend! Ihr Vertraute meiner Kinderjahre, kommt und hangt den Flor um, und singt: Sie liebte, wurde nicht geliebt, und starb. Horch! das Kauzlein ruft herab vom Kirchthurm! Hu! ich zirtre. Schon war der Abend, mein Erwahlter! Deine Flote klang suss, wie das Lied der Liebe. Hell schien der Mond, aber traurig. Ach, ich sah ihn wohl, wie er hinter eine Wolke trat und weinte. Aber du hasts nicht gesehen, wie ich mit ihm weinte. Lieblich sang die Nachtigall, aber traurig. Ich hort es wohl, und dachte, der arme Vogel liebt wie ich; aber, du Erwahlter, dachtest's nicht. Wehmutig warst du, wie ein Liebender, und liebtest nicht. Thranen flossen dir vom Aug, und Liebe hiess sie nicht fliessen. Sagen wollt ichs dir, dass ich dich liebe. Meine Stimme zitterte und ward ein Seufzer. O ein Engel Gottes hielt das Wort zuruck, das dich betrubt, mich nichts geholfen hatte, denn du liebst nicht; wunschest nie zu lieben.

Ins Kloster willst du gehn, mein Auserwahlter, willst ein Heiliger werden, und bist schon so heilig. Aber ich bins nicht; Liebe stammt in meinem Herzen. Gott du weist es, fromme Liebe; aber dennoch Liebe, und er liebt nicht. Nun so will ich dann hingehn, wo mein Auserwahlter hingeht! will vor Gott treten, und mich heiligen. Nimm mich an um seinetwillen, weil er heilig ist, o Gott! Susser Trost des Klosters und der Einsamkeit! traufle herab in mein Herz; erfull es ganz! O wie will ich sitzen in der Einsamkeit und weinen, bis der Tag kommt der Erlosung! Du bist heilig; ich will heilig werden, dass ich deine Braut sey, wenn der Tag kommt der Erlosung.

*

Im August.

Lang hab ich dich schon nicht gesehen, mein Erwahlter, und doch bist du schon, wie die Liebe, und mein Herz hangt fest an dir, und ewig. Aber ich will dulden in der Stille, und dich Gott nicht rauben, dem du dienen willst im Kloster. Im Himmel will ich deine Braut seyn, und mich heiligen auf Erden. Schon bist du, mein Geliebter; bluhst wie die Rose, die am Morgen aufwacht im Thau. Blass bin ich, und welke, wie die Rose, die des Abends hin sinkt in der Sonnenhitze, und ihre Blatter flattern aus einander, wenn der Sturm kommt. Mocht' er bald aufstehn, und meinen Staub zerstreuen! Aber noch nicht ganz reif ist die Frucht; noch nicht gnug getroffen vom heissen Stral der Liebe.

Schon bist du, mein Brautigam! Deine Wangen sind rosenroth; blau dein Auge, wie der Mittagshimmel; mild dein Lacheln, wie die Abendsonne; golden sind deine Locken, wie die goldbesaumten Wolken, wenn die Sonne sinkt. Der du jezt schon so lieblich bist, wie wirst du einst geschmuckt seyn in den Tagen der Belohnung! Wie einhergehn unter Engeln und Gerechten!

Ich bin blass geworden wie die Lilie des Gartens, und mein Haupt senkt sich zur Erde. Meine Mutter weint und traurt: Ach meine Tochter, warum bist du blass geworden, wie die Lilie des Gartens? Warum senket sich dein Haupt zur Erden? Ach meine Mutter, lass mich schweigen, und mein Leid nicht kund thun! Ach, ich kann nicht reden; lass mich schweigen, Mutter! Bringt die welke Blum' in Schatten, dass sie wieder aufleb in der kuhlen Dammerung des Klosters! Warum willst du trauren, meine Tochter, in der Einsamkeit des Klosters? Warum soll ich einsam seyn mit deinem Vater, und nicht bluhen sehen deine Schonheit, dass sich unser Herz daran ergotze!

Ach, mein Vater, meine Mutter trauren, und ich darf nicht reden. Meine Schonheit kann nicht bluhen vor euren Augen. Saht ihr nie die Rose, wie sie welkte, weil ein Wurm in ihrem Busen nagte? Meine Schonheit kann nicht bluhn vor euren Augen.

Ich will eine Braut des Himmels werden, und flehen meinen Brautigam, dass er Ruhe sende meinem Vater, und dem Herzen meiner Mutter! Gerne will ich leiden, wenn nur sie getrostet werden. Aber, Mutter, ich kann nicht reden!

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Im September.

Gesegnet seyst du, mein Erwahlter, dass du heute freundlich gesprochen hast mit meiner Seele; dass du wahrgenommen meine bleichen Wangen, und geseufzt hast uber meine Blasse! O, wie war mir so wohl, als ich an deiner Seite gieng im Garten, als ich dacht' ans Paradies, wo ich auch einst mit dir gehen, und dir sagen werde, dass ich dein war auf der Welt, und um deinetwillen duldete. Du lobtest mich, Geliebter, dass ich auch ins Kloster geh, wie du. Ach, dein Lob ist mir so lieb, du Auserwahlter, und ich durft es dir nicht sagen. Alles, alles will ich dir im Paradiese sagen. Dann wird meine Stimme nicht mehr beben; meine Wange nicht mehr gluhen. Meine Seele wird dir sagen, dass sie dein ist; dass sie Gott zur Freundin schuf, fur dich.

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Am 26sten September.

Ich habe deinen Freund gesehn im Traume, den bescheidnen Kronhelm. Blass war seine Wange, gleich der meinigen, und trub sein Auge. Er klagte, dass ein Madchen untreu sey, dass er so heiss und treu geliebt hat; dass sie sich durch Menschen lenken lasse, von ihm ab; dass sie wanke von der Liebe, die ihm stark schien, wie der Tod. Ist das moglich, mein Erwahlter, dass man welche von der Liebe? Konnt ich weichen von dir, du mein Brautigam? Alle Madchen, sagt' er, waren schwach und unbestandig; waren allzubiegsam; liessen sich von jedem Winde lenken. Ist das wahr, mein Lieber? Sind die Madchen so? Bin ich nur allein treu bis ans Ende? O so will ich meine Schwestern hassen, wenn sie falsch sind; wenn sie den betriegen konnen, der ihr Herz liebt. Als er klagte, stand ein Madchen in der Ferne, hatte Zuge fast wie du, aber traurig wars, wie ich. Und diess Madchen, das so gut schien, dir so ahnlich war, mein Theurer, konnte falsch seyn? Sag ihr, dass ich treu sey, ohne Hofnung!

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Im Anfang des Oktobers.

Bald werd ich hingehn ins Kloster, eher noch als du. Die hochgelobte Jungfrau hat mir zugewinkt, und einen Perlenkranz geflochten fur mein Haupt. Als ich durch die goldnen Pforten eingieng, kamst du, mein Erwahlter, mir entgegen; warest angethan mit einem glanzenden Gewand. Hier ist gut seyn, mein Erwahlter, lass uns Lauben flechten von den Lebensbaumen, und in ihrem Schatten wohnen!

Meine Mutter weint; mein Vater klagt. Trocknet eure Thranen, ihr Geliebten! Denn ich werde wohnen bey dem Mann, den meine Seele liebt; werde mit ihm Hutten bauen, dass ihr wohnen moget an der Seite eurer Kinder!

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Am 25sten Oktober. (als das Schuldrama aufgefuhrt

worden)

Meine Seele dankt dir, o du Heiliger und Auserwahlter, dass du mich verachten lehrtest diese Welt mit ihren Freuden! Eine Braut des Himmels will ich werden, wie du wirst ein Brautigam des Himmels. Ach, wie hast du heut mein Herz erschuttert, als du da standst in aller deiner Lieblichkeit; als die Welt dich fesseln wollte; als die Mutter weinte, und dir zeigte alle Reize dieses Lebens; als Hilaria dich binden wollte mit dem Band der Liebe wie du da, du mehr als Thomas, niedersahst mit hohem Aug auf alle goldne Fesseln; wie du blicktest nach dem Palmenzweig im Himmel; ihn ergriffest mit entschlossener Hand! durch alle Reizungen hinweggiengst nach dem Sitz des Friedens und der Ruhe!

Oefne dich, o Zelle, dass ich eingeh, wie mein Auserwahlter, an den Ort der Stille, wo gereinigt wird das Herz, und geheiliget zur Braut des Himmels! Folg mir nach, o Bild des Auserwahlten, den ich bald zum letztenmal erblicke, bis wir uns begegnen in den Thalern Edens! Heiliger Thomas, dessen Bild mein Auserwahlter ist, bald erblick ich dich mit ihm, und singe Siegeslieder! Wenig Tage noch, mein Brautigam, so wirst du meinem Aug entrissen, denn die Zelle hat sich aufgethan; aber meine Seele soll dich sehen, bis ich lieg' und schlaf im Grabe.

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Am 12ten November.

(als sie ins Kloster getreten war.)

Ich bin eingegangen in den Ort der Ruhe; aber noch ist keine Ruh in meinem Herzen. Gestern hab ich dich zum letztenmal gesehn, mein Brautigam! Ach, zum letztenmal! Schoner warst du mir, als jemals, weil du traurig warst und weintest. Heilig ist der Ort, den ich bewohne. Heilig soll mein Herz seyn, und entfernt vom Irrbischen. Aber sollt ich dein nicht mehr gedenken, du Erwahlter? Du bist heilig, wie ein Tempel Gottes; ich gedenke deiner. Still und od ists um mich her; meine Schwestern schlafen, aber meine Seele wacht noch, und bespricht sich mit der deinigen. Mochtest du zuweilen noch der Abgeschiedenen gedenken, die so heiss und heilig dich geliebt hat! Aber in dein Herz drang nie der Stral der Liebe; mich allein hat er entzundet, dass ich brenne sonder Nahrung.

Ich murre nicht, Geliebter! Wohl dir, dass du Ruhe hast im Herzen, und den Sturm der Leidenschaft nicht horest! Doppelt wurd ich leiden, wenn auch deine Seele litte. Geh im Frieden ein in deine Zelle! Schlummre sanft, wie ich einst schlummern konnte, eh ich dich erblickte! Wandle ruhig auf dem Pfad des Lebens, bis am Ziel du bist, wo das Madchen wartet, das geduldet hat bis an ihr Ende!

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Am 30sten November.

Meine Kraft nimmt ab; mein Leben welkt dahin; aber meine Liebe grunt und wachst. Ewig ist sie, wie das ewige Licht, das in der Lampe brennt im Chor. Der Hauch des Todes wird sie nicht ausloschen, oder meine Seele sturbe mit. Wenn die Glocke mich erweckt zum Beten, so ists, als ob mir deine Stimme rufte, du Erwahlter. Du befeuerst meine Andacht, und hebst hoch mein Herz. Oft zittert meine Seele, dass sie dich erblickt am Altar, wenn sie betet; aber du bist ja heilig, und darfst wohl vor Gott erscheinen. Meine Schwestern fragen mich, warum ich blass sey? Sie bedauren mich, und weinen, dass ich nahe sey dem Grabe. O, sie wissen nicht, wie suss das Grab ist; und sehn doch so blass aus; oder gibts noch andre Leiden, als den Schmerz trostloser Liebe?

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Am ersten Jenner.

Ihr fangt in der Welt ein neues Jahr an. Das alte gab mir Thranen; wird das neue mir den Tod geben? Ja, ich hoff ihn, Lieber; denn mein Auge wird trub und matt; meine Krafte schwinden, dass ich kaum mehr gehen kann ins Chor, fur dich zu beten, und fur mich. Meine Hand zittert, wenn ich an dich schreibe; meine Thranen sind vertrocknet. Sey mir willkommen, Jahr des Friedens und des Todes! Sende Segen meinem Brautigam, dass er Freuden erndte an jedem deiner Tage! O du Lieber, Auserwahlter, warum bin ich heut so traurig, da ich doch den Tod erwarte, meinen Freund?

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Im Februar.

(zween Tage vor ihrem Tode.)

Endlich, endlich! Lieber, Theurer, auserwahlter Brautigam, o du, den meine Seele liebet, wie ist mir so wohl! Der Tod, mein Freund, mein Retter, der einst dir mich wieder geben soll, ist vor der Thur, und hat schon angeklopft. Ich fuhls, in wenig Tagen werd ich schlummern in der Gruft der Todten. Leb wohl du Theurer! Ach, nun wird mirs schwer, die Welt zu lassen, welche du bewohnst! Aber deine Hutte wird einst sinken, und du wirst hinubergehen in die Wohnung der Gerechten, wo ich dich erwarte im Gewand des Lichts. Verschweig, ich beschwore dich bey Gott, zu dem ich ubergehe, verschweig meine Zartlichkeit, und alles, was ich dir geschrieben habe! Ich schame mich nicht meiner Liebe; aber meine Mutter und mein Vater wurden noch mehr trauren, wenn sies wusten, und dir minder gut seyn. Ach, du Theurer, nimm den letzten, letzten Segen, den mein Herz dir gibt! Lebe fromm, und folg mir bald nach! Mein Herz hat dich rein geliebt, und keusch; ich kann ruhig sterben, denn ich seh dich bald, und weine nicht mehr. Meine Hand wird matt ... ich kann nicht mehr schreiben .... Leb wohl, komm bald! ... ich erwarte dich ... Bin deine Braut

Sophie.

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Siegwart blieb einen halben Tag eingeschlossen, um das Tagebuch, von dem dieses nur einige abgerissne Stucke sind, zu lesen. Er las es mit ununterbrochner Ruhrung durch, und horte fast niemals auf zu weinen. Nun klarte sich ihm auf Einmal so vieles auf, was ihm in Sophiens Betragen so sonderbar und unbegreiflich vorgekommen war, denn er dachte zu bescheiden von sich selbst, als dass er Liebe gegen ihn fur die Ursache davon hatte halten sollen. Anfangs machte ihm sein zartes Herz Vorwurfe, dass sie seinetwillen so viel ausgestanden hatte; als er aber uber sein Betragen nachdachte, fand er nichts, dass er sich vorzuwerfen hatte, und beruhigte sich von dieser Seite. Doch beschaftigte sich seine Seele lange mit den traurigsten Gedanken. Das Bild der leidenden Sophie begleitete ihn aller Orten hin, und erschien ihm manche Nacht im Traum. Er bekam aufs neue die starkste Abneigung vor der Liebe, die so vieles Ungluck auf der Welt anrichtet. Er vermied sorgfaltig, viel in Grunbachs Haus zu gehen, weil ihn da alles, haft an Sophien erinnerte. Die Mutter wollte wissen, was das Packet ihrer Tochter an ihn enthalten habe? Er kam uber die Frage in Verlegenheit, und sagte: Es seyen ein paar Bucher drinn gewesen, die er Sophien geliehen habe.

Seine meiste Zeit brachte er nun in der Einsamkeit auf seinem Zimmer, oder bey P. Philipp zu, mit dem er aber so wenig, als moglich, von Sophien sprach. Kronhelm schrieb ihm fleissig, aber traurig, und erwartete mit aller Sehnsucht seine Ankunft in Ingolstadt. Therese und sein Vater schrieben ihm auch, dass er auf Ostern dahin abreisen konne, welches ihm sehr lieb war, da ihm die Einsamkeit immer trauriger und unertraglicher wurde.

Acht Tage vor Ostern bekam er von seinem Vater einen Wechsel, Reisegeld, und einen Brief an den Hofrath Fischer in Ingolstadt, dem er, als seinem alten Freunde, seinen Sohn empfahl. Siegwart brachte seine Sachen in Ordnung, um gleich nach Ostern abgehen zu konnen. Er schrieb auch seinem Kronhelm, dass er ihm, wo moglich, ein paar Stunden weit entgegen kommen mochte. Der Abschied wurd ihm blos um des P. Philipps, und einigermassen um der Grunbachischen Familie willen schwer. Ein paar Tage vor der Reise gieng er noch in das Nonnenkloster, wo Sophie gestorben war. Er besuchte ihr Grab, und weihte dem Andenken des unglucklichen Madchens seine Zahren. Leb wohl, theurer Staub, sagte er bey sich, beym Weggehn! Leb wohl, Ueberrest Sophiens! Ihr Beyspiel soll mich dulden lehren, wenn ich leiden muss. Ich will dir treu seyn, und dein Brautigam im Himmel werden. Hierauf gieng er nach Haus, und las ihr Tagebuch wieder mit zwiefacher Ruhrung durch. Den andern Tag nahm er von ihren Eltern, und von ihrem Bruder Abschied. Sein Herz ward sehr bewegt, und er muste eilen, um die armen Eltern nicht zu weich zu machen. Der junge Grunbach versprach ihm, in einem Jahr nach Ingolstadt nachzukommen.

Den lezten Abend brachte er bey seinem lieben P. Philipp zu. Dieser theilte ihm noch viel gute Lehren mit, und zeigte ihm alle die Behutsamkeit, die ein Neuling auf einer hohen Schule zu beobachten hat, wo Verfuhrung, Reizung und Betrugereyen so gewohnlich sind. Wegen Kronhelms sagte er ihm auch verschiedenes, wie er glaubte, dass sein krankes Herz am besten geheilt werden konnte. Er rieth ihm, ihn so viel als moglich zu zerstreuen; Theresens Briefe vor ihm geheim zu halten, und wenig, oder nichts mit ihm von ihr zu sprechen! Er wird mir doch zuweilen Nachricht von sich geben, und mich nicht ganz vergessen? sagte er. Ach Gott! Wie konnt ich Sie vergessen? antwortete Siegwart, und weinte. Wenn ich Ihnen nur schreiben darf, ich werds gewiss oft thun. Ihnen hab ich ja alles zu verdanken. Nichts zu verdanken, lieber Xaver! Was ich that, geschah aus willigem und gutem Herzen; weil ich wuste, dass es bey ihm wohl angewendet ist. Siegwart wollte ihm hier die Hand kussen, aber P. Philipp gab ihm einen Kuss auf den Mund. Da will ich ihm ein kleines Andenken auf den Weg geben, sagte er, und gab ihm die Berliner Ausgabe vom Virgil. Siegwart wuste nicht, was er vor Ruhrung und Dankbarkeit sagen sollte? Vorn hatte P. Philipp seinen Namen eingeschrieben. Der Famulus brachte unserm Siegwart ein sehr gunstiges Testimonium, das alle seine Lehrer unterschrieben hatten. Als ers las, gingen ihm die Augen uber. Das ist zu viel! sagte er. Nein, mein Lieber! antwortete P. Philipp; er verdients; er hat sich brav gehalten; bleib er ferner brav, so wird ihms wohl gehen. Als es zehn Uhr schlug, stund Siegwart auf, ohne ein Wort zu sagen; gieng ans Fenster, und weinte, und sagte endlich: ja, nun muss ich gehen. Weiter liess ihn der Schmerz nicht reden. Philipp gab ihm seinen Segen, kusste ihn, und sie schieden.

Siegwart weinte auf seinem Zimmer noch eine Stunde lang. Den Virgil packte er nicht ins Koffre, sondern steckte ihn zu sich. Das Geschenk war ihm gar zu lieb. Endlich, als er sich ganz mude geweint hatte, warf er sich aufs Bette, um noch einige Stunden zu schlafen.

Des Morgens um halb sechs Uhr kam der Thorwart, um ihn aufzuwecken. Der Mann war sehr geschaftig, ihm das noch ubrige einpacken zu helfen. Als Siegwart eben gehen wollte, stand er in einer Ecke des Zimmers, sah zur Erde hin, und auf Einmal sturzten ihm die Thranen aus den Augen. Er druckte unserm Siegwart die Hand mit der grosten Treuherzigkeit, und kuste sie. Ja, Sie sind so gar ein braver Herr, sagte er, und es geht mir recht nah, dass Sie fortreisen. Es muss Ihnen gewiss wohl gehen! Siegwart war daruber sehr geruhrt, gab ihm noch ein Trinkgeld; der Mann wollte es nicht nehmen. Sie haben mir schon so viel Guts gethan, und Sie brauchens jezt auf Ihrer Reise, sagte er in seiner Einfalt. Siegwart legte das Geld aufs Gesimse, und gieng mit schwerem Herzen weg.

Mach sieben Uhr gieng der Postwagen ab. Die Reisenden waren ein junger baierscher Offizier, ein Jude, und der Kondukteur, ein dicker, starker Mann, dem seine grobe baierische Aussprache recht drollicht liess. Siegwart war die erste Stunde ganz betaubt. Er dachte an den P. Philipp, und an alles, was er ihm, und dem ganzen Kloster zu verdanken hatte. Der Offizier, und der Kondukteur fiengen an, den armen Juden auf alle Art zu necken. Keine halbe Stunde durste er auf seiner Stelle sitzen bleiben. Bald fiels dem Offizier ein, vorwarts, bald wieder ruckwarts zu fahren. Der Jude liess sich alles gefallen, und setzte sich stillschweigend hin, wohin mans wollte. Endlich fiel dem Kondukteur ein, dass er ein wildes Schwein auf dem Wagen habe. Er sagte dem Juden, er soll sich weiter hinten hin im Postwagen setzen. Der Jude thats. Hierauf fieng der Kondukteur mit dem Offizier ein lautes Gelachter an. Mauschel, Mauschel, hast du Gelust zu Schweinefleisch? Seht mir doch, da setzt er sich neben die Bache hin! Indem zog der Kondukteur die Decke weg, unter der das Schwein lag. Der Jude sprang mit grossem Geschrey aus dem Postwagen: O weh, o weh! Ich bin verunreinigt! Bin ein armer Mann! Unserm Siegwart that das in der Seele weh. Man sollt' ihn doch in Ruhe lassen! sagte er, und wurde feuerroth im Gesicht, weil er noch ziemlich erschreckt war. Ey was! junger Herr, sagte der Offizier. Er versteht das nicht! Das ist Postwagenrecht. Siegwart schwieg, weil er das grimmige Gesicht des Offiziers fur Tapferkeit hielt. Der Jude war nicht mehr zu bewegen, in die Kutsche zu sitzen. Er setzte sich von aussen hin, ungeachtet es heftig regnete. Auf der Station ass der Jude nichts als trockenes ungesauertes Brod, das er bey sich hatte, weil der Jude nichts von Christen Zubereitetes geniessen darf. Siegwart bedaurte recht von Herzen das Schicksal dieser armen Leute, und sah den Juden oft mitleidig von der Seite an, der zuweilen bey sich selbst seufzte. Der Offizier, mit dem Siegwart ass, sprach ihm immer zu, brav zu trinken, vermuthlich in der Absicht, ihn betrunken zu machen; aber unser Xaver nahm sich sehr vor ihm in Acht. Eh der Postwagen abgieng, kam ein Amtmann mit seinem Sohn, und der ganzen Familie, die den jungen Herrn begleitete, der auch auf die Universitat nach Ingolstadt gehen sollte. Die Mutter, und zwo Schwestern standen unaufhorlich um den jungen Menschen herum, und weinten, als ob sie auf ewig von einander Abschied nehmen sollten. Sie steckten ihm die Taschen voll mit Lekerbisschen, und Arzneyglasern. Der Amtmann, der gehort hatte, dass Siegwart auch nach Ingolstadt gehe, setzte sich zu ihm; liess eine Bouteille Burgunder kommen; trank tapfer drauf los, setzte unserm Siegwart auch brav zu, und empfahl ihm seinen Sohn mit tausend Fluchen und Betheurungen, dass er ein rechtschaffener Kerl werden musse, weil er schon dreyhundert Gulden an ihn gewendet habe. Mitmachen darf mein Kaspar alles! sagte er. Es will mir gar nicht eingehn, dass meine Amtmannin so ein Ammensohnchen aus ihm ziehen will. Sakrebleu! ich hab ihm einen Degen angeschafft, mit dem er sich herum hauen kann, dass es eine Lust ist. Er soll mir kein Hundsfott werden! Eine Schramme im Gesicht mehr oder weniger! Mit Madels mag ers auch zu thun haben! Nur vor liederlichen Nickeln soll er sich in Acht nehmen! Da kommt nichts Gutes hinterher. He! Kaspar! was greinst wieder, wie eine alte Hure? Komm her! trink! Vivat die Universitat! Ich sag dirs; werd mir ein braver Kerl! Lass dir keinen zu nah kommen! Oder stich ihn nieder! Hor ich einen schlechten Streich von dir; so sollst du deine liebe Noth haben. Da, das ist ein rechter Herr, (auf Siegwart deutend) der sticht jeden ubern Haufen, der ihm auf die Zahne fuhlen will. Siehst, was er fur einen Schlager an hat? Der hat gewiss schon Blut gesehen. Nicht wahr, Herr? Siegwart sagte, dass er ihn erst vor zwey Tagen neu gekauft habe. Ja, ja, so sagt man! antwortete der Amtmann; indem bliess der Postillion zum Abfahren. Die Amtmannin erschrack, ward todtblass, und eilte mit ihren Tochtern herzu, ihrem Knaben Filzschuhe, ein dickes Halstuch, und einen Ueberrock anzulegen. Der Amtmann trank hurtig seine Bouteille aus, und sprang mit den ubrigen an den Wagen. Die Amtmannin herzte und druckte ihren Sohn; hub ihn in den Wagen, fieng ein grosses Geheul an, und wollte den Schlag, der schon zu war, wieder aufreissen, um ihren Sohn noch einmal zu umarmen. Fahr zu, Schwager! schrie der Amtmann, und schlug mit seinem Stock auf die Pferde zu. Der Wagen fuhr fort.

Siegwart sass bey dem Officier. Ihm gegenuber der junge Kaspar, neben dem Juden. Er weinte wie ein Kind, und wollte immer aus dem Schlag gucken, um seine Mutter noch einmal zu sehen; aber der Wagen gieng zu schnell, und schmiss ihn immer wieder zuruck, wenn er aufstehen wollte. Der Jude, der die Geschwatzigkeit mit seiner ganzen Nation im hohen Grad gemein hatte, plauderte bestandig mit dem jungen Kaspar; erzahlte ihm alle seine Familienumstande, dass er einen Sohn habe, der so alt sey, wie er; dass ihm seine Rebekka vor zwey Jahren gestorben sey u.s.w. Seine Neugierde wollte aus Kaspar eine gleiche Vertraulichkeit herauslocken; aber dieser sagte immer nur: So! und Ja, und Nein. Der Offizier und der Kondukteur spotteten bestandig uber den Juden, fragten ihn verschiedenes; und wenn er zu erzahlen anfieng, lachten sie uber ihn. Der Offizier rief alle Madchen an, die den Wagen vorbey giengen, und rief ihnen Zoten zu. Wenn ein Bettler an den Wagen kam, so stellte er sich, als ob er etwas Munze herauswurfe; die armen Leute suchten lang umsonst im Koth herum, und der Offizier lachte recht aus vollem Halse uber seinen, wie er glaubte, glucklichen Einfall. Als sie auf die nachste Station kamen, und den Postillion bezahlen sollten, kannte Kaspar keine Munze, und wollte dem Schwager statt sechs Kreuzern einen Sechsbazner geben. Siegwart nahm sich seiner an, und zahlte fur ihn aus, sonst war er in kurzer Zeit um all sein Geld gekommen. Nun setzte sich auch ein junges Madchen von Donauwerth in den Postwagen, an das sich der Offizier sogleich machte. Er brachte so grobe Zoten und Zweydeutigkeiten vor, dass Siegwart die Augen zuthat, als ob er schliefe, so argerlich war ihm das Geschwatz. Er wurde durch ein grosses Geplapper aufgeweckt, indem eine Wallfahrt, die ein halbes Dorf ausmachte, und nach Koniginbild im Burgauischen gieng, am Wagen vorbey kam. Der Offizier rief ihnen zu: Sie mochten doch auch fur ihn beten! denn er sey ein grosser Sunder. Hieruber schlug er ein lautes Gelachter auf. Gegen Abend wurde der Jude, der sein Abendgebeth verrichten wollte, von dem Offizier unaufhorlich so geneckt, dass er sich endlich, ungeachtet des argsten Regens, aus dem Wagen hinaussetzte, und die ganze Nacht da sitzen blieb. In Donauwerth giengen alle vom Postwagen ab, ausgenommen der junge Kaspar und der Kondukteur. Dagegen traten drey Studenten von Ingolstadt ein, die auf der Vakanz gewesen waren. Sie sprachen mehrentheils lateinisch, und Siegwart mischte sich in ihr Gesprach. Kaspar aber konnte mit dem Lateinischen nicht fortkommen. Er beklagte sich sehr uber die Kalte, ungeachtet die Witterung ziemlich gelinde war; zog seine Leckerbisschen hervor, und zehrte eins nach dem andern auf. Sie fuhren auf eine Anhohe, und sahn unten eine Ueberschwemmung, die die Donau machte. Es sah traurig aus. Die Felder lagen unter Wasser; nur zuweilen ragte eine Anhohe, oder ein Gestrauch hervor. Tannen und Eichen hiengen halb ausgewurzelt uber's Wasser. Oben, wo sie fuhren, stand ein gutgesatteltes Pferd, ohne Reuter, das der Postillion mitnahm. Ganze Dorfer waren vom Wasser, das wild und laut unten hinrauschte, umzingelt. Halbe Scheunen und Hauser, oder losgerissene Balken nahm die Flut mit fort. Die Bauren standen, zum Theil nur halb gekleidet, mit Weib und Kindern, und ihrem Vieh auf der Hohe; sahen stillschweigend ins Thal hinab; oder streckten die Hande aus, und fiengen ein lautes Wehklagen an, wenn ihre Hutten einsturzten. Siegwart ubersah die Scene mit Thranen; einer von den Studenten kramte witzige Einfalle aus. Auf Einmal ward er blass, und schwieg. Es erhub sich ein grosses Geschrey. Der Wagen, der sich bisher immer auf der Hohe gehalten hatte, muste nach dem Dorf, wo die Station war, ins Thal hinabfahren. Du kannst hier nicht durch, riefen alle Bauren dem Postillion zu. Ich muss durch! sagte dieser, und peitschte auf die Pferde los. Plotzlich blieb der Wagen stecken, und das Wasser stromte wild drum herum. Zween Bauren sprangen, ungeachtet sie, wegen des Feyertags, gut gekleidet waren, ins Wasser, und huben die Rader in die Hohe, dass der Wagen wieder fort konnte. Drauffen rief ein altes Weib ihrem Sohn angstlich zu, der fast unter's Rad kam, als es sich zu drehen anfieng. Der Postillion fluchte, und lachte die Bauren aus, als er aus dem Wasser heraus war. Siegwart warf ihnen zween Dreybazner zu.

Herr Gott! Das ist unsers Herrn Gaul? rief eine Magd; und gleich drauf sprang die Verwalterin aus ihrem Haus heraus, und rief: halt, Schwager, halt! Wo ist mein Mann? Das ist sein Schimmel. Schwager, Schwager, sag um Gottes willen, wo er ist? Das weis ich nicht, sagte der Postillion ganz kalt. Da habt ihr den Gaul, wenn er euer ist. Indem liess er das Pferd gehen, das sogleich seinem Stall zulief. Die Verwalterin lief dem Wagen nach ins Posthaus; zwey Kinder sprangen heulend hintennach. Sie wandte sich an Siegwart, um zu fragen, wo ihr Mann sey? Auf seine Antwort: Dass sie das Pferd, zwo Stunden vor dem Dorf draussen, ohne Reuter angetroffen haben, fiel sie in eine Ohnmacht, und ward in ihr Haus getragen. Nach zwey Stunden fuhr der Wagen weiter, nachdem die Reisenden erst versichert worden waren, dass sie von der Ueberschwemmung nichts mehr zu befurchten hatten, weil man immer auf der Hohe fahren konne. Als die drey Studenten drauf von Ingolstadt sprachen, ward Siegwart sehr aufmerksam. Sie musterten die Ingolstadter Madchen. Die Kornfeldin ist eben ein fideles Mensch, sagte der Eine, mit der man einen wahren Jokus haben kann. Sapperluft, sie sieht so frisch aus, wie ein Borstorferapfel, und das Best' ist, dass sie einem nichts ubel nimmt. Weist du, Kirner, wie wir letzt bey ihr waren, als wir die Musikanten hatten? Narr, warum wirst roth druber? Man sieht dir noch recht den Fuchs an; darfst dich ja nicht schamen; Man weis wohl. Auf dem Billard gehts auch noch an; die Franzel macht noch wohl so was mit; aber um das andre Geschmeiss geb ich all zusammen keinen Heller! Was verziehst das Maul so, Gutfried? steckt dir wieder deine Fischerin im Kopf, der Zieraffe? Ihr mocht sagen, was ihr wollt, antwortete Gutfried; die Fischerin ist ein trefliches Frauenzimmer; aber sie ist euch zu gut; ihr wollt nur leichte Waare, wo man wenig Umstande machen darf. Das ists eben, sagte Boling; die Fischerin ist ein stolzes Mensch, die so jungferlich thut, als ob sie nicht funfe zahlen konnte, und einen ehrlichen Kerl uber die Achsel ansieht. Schon ist sie, das kann man ihr nicht nehmen; aber eben deswegen sollte sie mehr mit unser einem umgehn. Narr! sie hat doch auch Fleisch und Blut! Aber du siehst sie immer als einen Engel an. Wenn ein Madel nicht mit Studenten umgeht, so wird ihr Lebetag nichts rechts aus ihr! Schone Moral! sagte Gutfried. Moral hin, Moral her! versetzte Kirner, um der Moral willen bin ich nicht nach Ingolstadt gegangen. Das kanst du doch nicht leugnen, Gutfried, dass die Fischerin mit all ihrem glatten runden Gesicht ein dummes, hoffartiges Ding ist! Ich wollte letzthin mit ihr im Schlitten fahren; da zog sie die Nase in die Hohe, und sagte, sie muss' es sich verbitten. Verbitt du den Henker und seine Grossmutter! Gelt, wenn der seine Herr von Kronhelm kommt, da reicht sie gleich ihr Pfotchen her, weil er eine goldbeschlagene Jack' an hat. Das sind mir die rechten Menscher! Ich bekummre mich viel um ihre feine Haut.

Das Madel lob ich mir allein,

Das Leib und Seele kann erfreun:

Dem Tag und Nacht zu jeder Frist

Der Pursche fein willkommen ist!

Als die beyden Herren ausgesungen hatten denn Gutfried sang nicht mit so fragte Siegwart, ob sie den Herrn von Kronhelm kennen? O ja! sagte Boling, er hort mit mir das Ius Canonicum. Es ist ein trocknes eingebildetes Burschchen, das immer aussieht, als obs weinen wollte. Der Kerl ist mir recht fatal, weil er immer allein auf der Stube sitzt, und sich viel zu gut dunkt, mit andern ehrlichen Kerls umzugehen. Er ist doch sehr artig in Gesellschaft, sagte Gutfried; ich hab ihn ein paarmal im Konzert beym Hofrath Fischer gesprochen. Er ist nichts weniger als stolz. Ein Bisschen schwermuthig scheint er wol zu seyn. Es muss ihm etwas fehlen. Sonst aber ist er sehr artig, und hat viele Lebensart. Er ist mein vertrauter Freund, sagte Siegwart zu Gutfried; ich habe zwey Jahre auf der Schule mit ihm zusammen gelebt; wir wurden Ein Herz und Eine Seele. Ich glaube, dass er mir entgegen kommen wird. Das soll mir lieb seyn, antwortete Gutfried; ich habe schon langst gewunscht, genauer mit ihm bekannt zu werden; aber es wollte sich nicht schicken: vielleicht geschiehts jetzt. Ein paar Bucher hab ich durch die dritte Hand von ihm zu lesen bekommen, die sehr schon waren. Das Eine hiess der Messias, und im andern stund ein grosses Gedicht, der Fruhling. O, die kenn ich wohl, die hab ich selbst auch, sagte Siegwart. Sie lesen wol gern solche Bucher, mein Herr Gutfried? Ausserordentlich gern! antwortete dieser; wenn man nur in Ingolstadt dergleichen auch bekommen konnte! Die beyden Junglinge fiengen nun ein vertrauteres Gesprach uber diese Materie an; denn nichts macht vertrauter, als die gemeinschaftliche Liebe zu den schonen Wissenschaften. Sie beschaftigt sich mit der Empfindung, und da begegnet man sich alle Augenblick auf Einem Wege. Da hat er nun einmal den rechten Mann gefunden, sagte Boling zu Kirner, vor dem er sein Herz ausschutten kann. Wir mussen immer horen, dass wir von nichts, als Studentenmahrchen reden konnen. Es ist auch wahr, fiel ihm Gutfried ein, ihr bekummert euch um nichts, was geschrieben wird. Um Vergebung! sagte Boling; wir lesen doch den Triller und den Gunther. Das ist wol ein herrlich Lied im Gunther: Ihr Schonen horet an etc.

Indem kam ein Kapuziner an den Postwagen, und bat den Schwager, ihn doch einzunehmen, weil er sehr ermudet, und von der langen Reise halb krank sey. Meinetwegen wol, sagte der Postknecht, wenns die Herren da zufrieden sind. Sogleich machte Siegwart den Schlag auf, und liess den Kapuziner ein. Er setzte sich neben Kaspar, der sich angstlich vor ihm zuruck zog. Bleib er sitzen, junger Herr! sagte Siegwart, und schlag er seinen Mantel mit um den Ehrwurdigen Herrn herum! Er sieht ja, dass er halb erfroren ist. Kaspar thats halb unwillig, und der Kapuziner sah unsern Siegwart dankbar an. Wo geht denn die Reise bey den jungen Herren hin? fragte er. Nach Ingolstadt, war die Antwort. So? dahin will ich auch. Will Gott recht danken, wenn ich da bin; denn nun marschir ich schon seit funf Tagen aus dem Frankenland heraus. Ich glaubt' oft, ich konnt's kaum mehr aushalten. Warum gehn Sie denn bey dieser veranderlichen Jahrszeit so weit, Herr Pater? fragte Siegwart. Ach, was thut man nicht um des lieben Gehorsams willen! antwortete er. Ich habe Geschafte fur meinen Provinzial gehabt. Freylich kommt michs hart an, da ich schon seit Jahr und Tag nicht recht gesund bin. Ich hoffte aber auch, meine Leut' im Aichstattischen noch einmal zu sehen. Lieber Gott! wie ich da vor meines Vaters Haus komm, und denk, ich will dem alten Mann eine Freude machen, dass er mich nach 20 Jahren wieder einmal sieht; da find' ich alles ganz und gar verandert; lauter fremde Gesichter; und als ich frag, da weis kein Mensch nichts von meinen Leuten. Die sind seit zehen Jahren weg, und gestorben, hiess es das drang mir durch Mark und Bein, dass ich nicht mehr wuste, wo ich war? Heilige Mutter Gottes! sagt ich; sind sie alle gestorben? Hier sturzten dem ehrlichen Kapuziner die Thranen aus den Augen. Siegwart und Gutfried weinten mit. Was ist denn das fur ein Kerl da? rief Kirner zum Postillion, als sie bey einem Rad vorbey fuhren, auf dem ein kurzlich hingerichteter Mensch lag. Ja, das war ein feiner Geselle! Herr! antwortete der Schwager. Er ist auf der Muhle dort Knecht gewesen. Der hat seinem Herrn die Kasten aufgebrochen, und das Geld herausgenommen, und dann seine Tochter mit dem Beil umgebracht, weil sies sah, und ihrem Vater sagen wollte. Meynen Sie, er habe gebetet, als man ihn raderte? Geflucht und gesungen hat er, bis man ihn aufs Rad legte. Ich stand nah dabey, dort auf dem Hugel, und hab alles recht mit angesehen. Das war ein Teufelskerl! Aber er hat auch sein Lebtag nichts gethan, als gesoffen und gespielt, und mit Menschern ganze Nachte zugebracht. Ich hab ihm oft gesagt: Hans, so wirst dus nicht weit bringen. Das ist mir doch ganz unbegreiflich, sagte der Kapuziner, wie ein Mensch die Bosheit so weit treiben, und sich vom Teufel so verblenden lassen kann! Ich wurds nicht glauben, wenns der Schwager da nicht selbst sagte. Dass man einem etwas nimmt, wenn man sich nicht mehr zu helfen weis, und Hungers sterben muste, das last sich wohl noch denken, obs gleich auch grausig ist; aber wie man einen umbringt, das geht uber meinen Verstand hinaus. Ueber meinen auch, sagte Siegwart; ich hatte nie geglaubt, dass es so verdorbne Menschen gibt. Wohl euch, edle, unschuldsvolle Seelen, denen das Laster unbegreiflich, und der Gang einer boshaften Seele unerforschlich ist! Mochtet ihr immer bey eurer unwissenden Einfalt bleiben!

Der Kapuziner unterhielt sich noch viel mit Siegwart, und erzahlte ihm von seiner eigenen Geschichte, und vom Kloster; zuweilen seufzte er, aber nur verstohlen, und furchtsam, uber die Strenge seines Ordens. Die liebenswurdige Einfalt, und die fast kindische Unerfahrenheit im Lauf der Welt, besonders in der Bosheit der Menschen, die der Pater alle Augenblick ausserte, nahm unsern Siegwart, der seine idealische Vorstellungen hier so lebendig vor sich sah, sehr fur ihn ein. Mit Gutfried, an dem er sehr viel edles fand: ward er auch bald Freund.

Den andern Tag, als sie noch drittehalb Stunden weit von Ingolstadt entfernt waren, kam Kronhelm hergeritten. Seine, und Siegwarts Freude war unbeschreiblich. Jeder fuhle sie mit mir, der seinen Freund, den er so zartlich liebt, wie Siegwart seinen Kronhelm, nach einer Jahrlangen Trennung wieder umarmt, und nun wieder ganz sein ist! Boling erbot sich, zu reiten, und Kronhelm setzte sich in den Wagen. Anfangs sprachen sie wenig, und hielten sich nur bey der Hand fest. Sie fragten sich tausend Dinge, beantworteten die Fragen nur halb, und fiengen sogleich wieder eine neue an. Als sie einander steif, und mit dem seelenvollsten Ausdruck ansahen, erschrack Siegwart auf Einmal, weil er jetzt erst wahrnahm, wie blass und mager Kronhelm aussah. Du bist doch gesund? sagte er. So ziemlich; war die Antwort. Und nun stunden dem armen Kronhelm die Thranen in den Augen, denn er dachte sich seine Therese lebhaft, und erkannte sie in den Zugen ihres Bruders ganz wieder. Hast du mir nichts mitgebracht? sagte er. Nichts als Grusse von dort her, und vom P. Philipp. Kronhelm schwieg eine Zeitlang, und versank in tiefe Wehmuth.

Gutfried mischte sich nun auch ins Gesprach. Kronhelm wunderte sich, dass sie sich nicht schon fruher hatten genauer kennen lernen, da er so viel Gleichheit in ihrer Denkungsart wahrnahm, und da dieses Siegwart noch mehr bestatigte. Er bat ihn zu sich, und versprach, ihn ofters zu besuchen, und ihm alle Bucher zu leihen, die er hatte. Kirner hanselte indessen den jungen Kaspar, der sich alles gefallen liess, und nun froh war, dass er das Ende der Reise vor sich sah. Der Kapuziner freute sich innerlich recht herzlich uber die Freundschaft der beyden Junglinge, und uber die Freude, die sie an einander hatten. Das ist schon, sagte er, wenn man einander so recht gut ist. Ich weis, dass mein P. Ignatz auch viel Freude haben wird, wenn ich wieder komme. Wir sind Herzensfreunde zusammen. Eine Viertelstunde vor der Stadt gieng der ehrliche Pater vom Postwagen ab, und dankte Siegwart noch besonders, dass er sich seiner so angenommen, und fur ihn gesorgt habe. Sieh, dort an dem mittlern Thurm, sagte Kronhelm zu Siegwart, indem er nach der Stadt wies, ist mein Zimmer, gleich in dem Hause rechter Hand. Du kannst erst bey mir seyn, bis wir um eine Wohnung fur dich sehen; ich glaub, dass in meinem Haus noch ein Zimmer ledig wird. Das war herrlich, sagte Siegwart; aber konnten wir nicht auf Einem Zimmer beysammen wohnen, wie im Kloster? Nein, Bruder, antwortete Kronhelm; aber ich kann dir jetzt nicht sagen, warum?

Endlich kamen sie in der Stadt an, und giengen gleich auf Kronhelms Zimmer. Hier umarmten sie sich erst mit herzlicher, bruderlicher Liebe. Siegwart bemerkte gleich beym Eintritt in die Stube ein unter dem Spiegel hangendes Portrait, das ihm sehr bekannt deuchte. Wen soll das vorstellen? fragte er. Kennst du das nicht! antwortete Kronhelm. Es ist Therese. Ja wahrhaftig! Recht gut und ahnlich! Fiel mirs doch nicht gleich ein. Aber, wo hast du's denn her? Wer hats gemacht? Aus mir selber hab ichs; ich habs gemacht. Das war dir eine Freude, als ichs fertig hatte. O Bruder, ich kann nichts anders thun und denken! Du daurst mich, armer Junge! Ich hoffte, die Zeit wurd es andern. Da kennst du die Liebe recht. Wer einmal liebt, liebt ewig. Hierauf erkundigte er sich mit Aengstlichkeit nach Theresen. Siegwart wich seinen Fragen aus, so gut er konnte, und antwortete immer nur ins Allgemeine. Bey Kronhelm wachte der ganze, etwas eingeschlummerte Schmerz wieder auf. Alles war ihm wieder neu. Es kam ihm vor, als ob er Theresen erst gestern gesehen, und verlohren hatte. Alle Bilder der Vergangenheit stellten sich ihm wieder dar. Er betrachtete seinen Siegwart genau, eilte dann zum Portrait hin, und brachte sogleich einen Zug drinn an, den Therese mit ihrem Bruder gemein hatte. Das hat noch gefehlt, sagte er, das konnt ich nicht treffen; nun ists noch ahnlicher. Und wirklich hatte die Aehnlichkeit des Bildes durch diese Aenderung sehr gewonnen.

Sieh, das Zimmer ware gross genug, sagte Kronhelm, dass wir bey einander wohnen konnten. Aber ich habs besser uberlegt. Du hast in der letzten Zeit im Kloster sehr viel von mir ausgestanden; ich war so wunderlich und verdrusslich. Seit der Zeit bin ichs noch mehr geworden. Oft ist mirs so zu Muthe, dass ich keinen Menschen, nicht einmal meinen besten Freund um mich leiden kann. Wenn du hier im Hause wohnst, so kannst du doch immer bey mir auf dem Zimmer seyn; aber wenn ichs zu arg mache, kannst du ausweichen. Mir ists leid, dass ich so bin; aber ich kanns nicht andern. Siegwart machte erst Einwendungen, aber endlich liess er sichs gefallen.

Den andern Tag besahen sie die Stadt mit einander. Sie gefiel unserm Siegwart besser, als seinem Freunde, der, bey seinem Eintritt, alles in die Farbe der Melancholie gekleidet gesehen hatte. Siegwart erkundigte sich bey ihm nach dem Hofrath Fischer, und erfuhr, dass es eben der sey, von dem die Studenten auf dem Postwagen gesprochen hatten. Er wird dir nicht sehr gefallen, sagte Kronhelm, denn er ist ziemlich stolz; aber seine Tochter, denk ich, wird dir mehr gefallen; es ist ein herrliches Madchen. Mir wirst du dieses Lob um so mehr glauben, da ich so ganz unpartheyisch bin, und nur fur Theresen allein lebe. Meinetwegen mag sie seyn, wie sie will! versetzte Siegwart, was gehen mich die Madchen an? Ich bring einmal dem Hofrath meines Vaters Brief, und damit aus! Wenn er stolz ist, so bin ichs auch! Nun, wir wollen sehen, sagte Kronhelm lachelnd. Den Nachmittag waren sie zu Gutfried gebeten, der ihnen sehr gefiel, und mit dem sie Freundschaft errichteten, und eine wochentliche Zusammenkunft ausmachten, weil er die Flote recht gut spielte. Es war auch ein Sohn vom Hofrath Fischer da, dem Gutfried gegenuber wohnte. Dieser junge Mensch studierte, und war unbandig stolz. Er gab sich mit Kronhelm etwas, und mit Siegwart gar nicht ab, ob ihm dieser gleich sagte, sein Vater habe ehedem das Gluck gehabt, ein Freund des seinigen zu seyn. Alle Augenblicke besah er sich im Spiegel, und bewunderte sein glattes, karmesinrothes Gesicht. Den andern Tag gieng Siegwart zum Kanzler, der ihm hoflich begegnete, und von da zum Hofrath Fischer, dem er seines Vaters Brief brachte. Der Hofrath empfieng ihn in seinem damastenen Schlafrock sehr kalt und stolz, und nothigte ihn nicht einmal zum Sitzen. Als er den Brief durchgelesen hatte, sagte er: Also lebt sein Vater noch? Ich dachte, er ware schon langst gestorben. Nun, Nun! Wenn ich ihm gelegentlich worinn dienen kann, so komm er wieder zu mir! Er kann auch seinen Vater von mir grussen, wenn er an ihn schreibt. Siegwart buckte sich, und nahm seinen Abschied. Der Hofrath gieng bis an die Thure mit, und klingelte dem Bedienten, der ihn die Treppe hinab begleitete. Voll Unmuths gieng nun Siegwart zu Hause, und schimpfte unterwegs bey sich selbst auf den kalten Weltton, und das stolze, veranderliche, menschliche Herz. Der kriegt mich gewiss nicht wieder! sagte er zu Kronhelm; das ist ein rechter Hofmann. Hatt ich das gewust, er hatte weder mich, noch den Brief gesehen! Meinem Vater darf ich das nicht schreiben, der wurde sich zu sehr druber argern. O Kronhelm, wenn ich denke, dass einer von uns einmal so werden konnte, ich mochte toll werden! Wie kannst du auch so was denken? sagte Kronhelm, Hast du aber seine Tochter nicht gesehen? Nein! antwortete Siegwart halb unwillig; was willst du nur immer mit seiner Tochter? Ich mag sie gar nicht sehen!

Nach ein paar Tagen ward in dem Haus ein Zimmer leer, das Siegwart sogleich miethete und bezog, ob er gleich seine meiste Zeit auf Kronhelms Zimmer zubrachte. Dieser sprach bestandig nur von Theresen. Siegwart muste ganze Abende durch mit ihm von ihr reden, ohngeachtet er jetzt selbst wenig von ihr wuste; denn sie schrieb seltener, als sonst, vermuthlich um Kronhelms willen. Siegwart hatte so gern seinem Freund eine Neigung ausgeredet, die allem Anschein nach nie einen glucklichen Ausgang nehmen konnte; aber wenn er sich nur von fern etwas dergleichen merken liess, so ward Kronhelm bose oder traurig, und argwohnte, dass er nicht sein Freund mehr sey. Zerstreuen liess er sich auch wenig, denn er sass bey den schonsten Fruhlingstagen fast immer zu Hause, und wollte nicht einmal gern Musik machen, wenn Gutfried kam. Gieng Siegwart einmal allein aus, und kam er nicht sogleich wieder heim, so ward er druber unruhig und unzufrieden. Er wollte den Bruder seiner Therese bestandig um sich haben, und sagte ihm oft, dass die Freundschaft so wohl eifersuchtig sey, als die Liebe. Siegwart, der ihn so unaussprechlich liebte, fugte sich ganz in seine Laune, bedaurte ihn in der Stille, und that ihm alles zu Gefallen.

Nun giengen auch die Kollegia an: Siegwart, der auf der Schule durch seinen Fleiss schon so weit gekommen war, horte die Philosophie, und die Physik. Der junge Ickstatt, der die Wolfische Philosophie inne hatte, und uberhaupt sehr aufgeklart dachte, gefiel ihm vorzuglich, und machte ihm das philosophische Studium sehr angenehm. Seine andern Lehrer, die grostentheils Jesuiten waren, gefielen ihm schon weniger. Kronhelm hatte blos eine Stunde bey Ickstatt, und eine andre auf der Reitbahn. Die ganze ubrige Zeit brachte er zu Haus in der Einsamkeit zu. Gutfried war fast ihr einziger Gesellschafter. So gieng der Fruhling und der Sommer hin, ohne dass Siegwart Einmal in eine eigentliche Studentengesellschaft kam, wobey er freylich blutwenig verlohr. Sein Verstand ward durch die Wissenschaften und den Vortrag seiner Lehrer immer mehr aufgeklart; sein Herz durch das Lesen der Alten, und besonders der Geschichtschreiber, immer mannlicher und fester; und seine Empfindung durch das Lesen der alten und neuen Dichter, durch fleissige Uebung in der Musik, und genaue Beobachtung der Natur immer seiner, richtiger, und reizbarer. Oft fuhlte er in sich ein gewisses Leere, und ein Verlangen, wovon er den Gegenstand nicht kannte. Sein Herz war oft, besonders in der Dammerung, ungewohnlich weich; oft flossen ihm Thranen aus den Augen, ohne dass er wuste, warum? Er hielts fur eine Sehnsucht nach dem Kloster, und fur einen gottlichen Aufruf, sich zu diesem Stande recht vorzubereiten; daher studierte er auch unaufhorlich, oft bis in die tiefe Nacht hinein. Wenn sein Herz recht weich, und er allein war, so erhub sich seine Seele zu hoher Andacht; er betete mit grosser Inbrunst, und heiligte sich Gott ganz. Das Lesen der Bibel machte ihn taglich vollkommener und besser, und jeder grossen Handlung fahig. Seine Liebe zur Tugend, und seine Gewissenhaftigkeit ward beynahe schwarmerisch. Ein paarmal traf er von ungefahr bey Gutfried andre Studenten an, besonders Boling und Kirner, welche ziemlich frey und leichtsinnig sprachen. Diess that ihm so weh, und brachte ihn so auf, dass er ganz freymuthig sein Misfallen druber an den Tag legte, und fast in Ungelegenheit und Streit kam. Das rohe und verderbte Wesen, das er unter den Studenten wahrnahm, machte ihn beynah zum Einsiedler und zum Menschenfeind, so dass er bey keinem Menschen gern war, als bey Kronhelm und Gutfried. Das Andenken an Sophien, und ihr Tagebuch, worinn er fleissig las, erhohten seine Schwarmerey noch mehr. Theresens traurige Briefe, und seines Kronhelms dustre Denkungsart lehrten ihn die Welt, die den besten Seelen so wenig Freude gewahrt, und sie in so tiefen Kummer sturzt, immer mehr gering schatzen. Dabey war ihm bey seiner halbfanatischen Denkungsart so wohl, dass er sich in keine andre Lage wunschte.

Die Kirchen, und besonders die Frauenklosterkirche besuchte er alle Sonn- und Feyertage, und nahrte da seine Phantasie noch mehr durch das heilige Geprange, und die feyerliche Musik. Einmal sah er ein Madchen neben sich knien, uber dessen Anblick er erschrack. Es hatte die Augen andachtsvoll gen Himmel gerichtet, und warf, als er es anblickte, einen Blick auf ihn, der sein Innerstes umkehrte. Er war auf einmal aus aller Fassung, und konnte, ohngeachtet aller Bemuhung, seine Andacht nicht mehr sammeln. Es uberfiel ihn ein solches Zittern und Beben, dass er sich kaum mehr auf den Knien halten konnte. Noch Einmal blickte er hinuber; sie liess eben ein Kugelchen an ihrem Rosenkranz fallen, sah ihn wieder an, und sein Blick fuhr wie der Blitz zuruck. Nach etlichen Minuten stand sie auf; er horte ihr Gewand rauschen, wagte es aber nicht, nach ihr hinum zu blicken. Er wollte wieder beten, aber er konnte nicht vier Worte zusammen bringen. Drauf machte er ein Kreuz, schlug sich auf die Brust, stund auf, und, indem er sich umwendete, sah er das schlanke Geschopf mit langsamem, majestatischem Gang der Kirchenthure zugehn, sich mit Wiehwasser besprengen, und aus seinen Augen verschwinden. Er kam aus der Kirche, ohne selbst zu wissen, wie? Gutfried stand in einem Seitenstuhle, und gruste ihn; aber er nahm ihn nicht wahr. Als er vor die Kirche kam, sah er das Madchen nicht mehr, und wuste nicht, wo er sich hin wenden sollte? Gott! Was ist das? dachte er. War das ein Engel, oder wars Maria? Seine ganze Empfindung war ihm unerklarlich. Es war ihm nicht wohl, und auch nicht weh! Seine Seele war immer ausser ihm, und er wuste doch nicht, wo? Er sah nur das, gen Himmel gehobene Auge, und die schlanke Gestalt, wie sie majestatisch vor ihm hin schwebte. Ein paar Stunden lang gieng er, ohne sich seiner bewust zu seyn, auf seinem Zimmer auf und ab. Er wollte beten, wollte lesen; aber seine Gedanken waren immer anderswo. Zuweilen seufzte er, und hustete, um vor sich selbst den Seufzer zu verbergen. Kronhelm hatte schon eine halbe Stunde mit dem Essen auf ihn gewartet. Als er nicht kam, gieng er zu ihm auf sein Zimmer. Siegwart fuhr zusammen. Was treibst du denn, Xaver? Ich warte schon uber eine Stunde auf dich. Das Essen steht schon eine halbe Stunde auf dem Zimmer; es wird ganz kalt. So? ists denn schon Essenszeit? Das kann ja kaum seyn! Je freylich! antwortete Kronhelm; sieh nur nach der Uhr! Es ist schon halb Eins. Siegwart gieng schweigend mit ihm auf sein Zimmer, und sprach wahrend dem Essen fast kein Wort; auch ass er wenig. Kronhelm, der mit seinen Gedanken bey Theresen war, merkte davon nichts. Nach Tische gieng Siegwart auf sein Zimmer, unter dem Vorwand, dass er Briefe nach Haus zu schreiben habe. Kronhelm trug ihm einen Gruss an Theresen auf. Siegwart schrieb nicht, sondern gieng nur hin und her. Er wollte das Madchen und ihren andachtigen Blick wieder vergessen, dachte an tausend verschiedne Dinge, aber immer am Ende wieder an sie. Zuweilen phantasirte er auf seiner Violine; gleich war ihms wieder entleidet, und er hieng sie wieder auf. Um halb vier Uhr holte ihn Kronhelm ab, um zu Gutfried zu gehen, wo sie ein wochentliches Privatkonzert hatten. Siegwart zog sich an, und gieng mit ihm. Als sie schon unter der Hausthure waren, sagte Kronhelm: Nimmst du denn deine Violine nicht mit? Ach, das ist wahr! die hatt ich bald vergessen! antwortete Siegwart, und sprang die Treppe wieder hinauf. Als das Band, an dem die Violine hieng, sich am Nagel verwickelt hatte, riss er es mit Gewalt entzwey. Im Konzert spielte er ohne alle Aufmerksamkeit mit, und horte endlich, als ein andrer kam, der die erste Violine spielte, gar auf, weil er vorgab, es sey ihm nicht recht wohl. Er setzte sich in eine Ecke, hielt die Hand vors Gesicht, versank in Wehmuth, und dachte nichts, als das schone andachtige Madchen. Zuweilen konnte er sich ihr Gesicht nicht mehr deutlich vorstellen; es schwebte blos sein Umriss vor ihm herum, und da ward er auf sich selbst bose, und gab sich alle Muhe, sich das ganze Bild wieder zuruck zu rufen. Kronhelm merkte wohl, als er mit ihm nach Haus gieng, dass ihm etwas fehlte, aber er beruhigte sich wieder, als er horte, dass es nur von Kopfschmerzen herruhre. Siegwart blieb wohl noch drey Stunden auf, sprach oft mit sich selbst, sang zuweilen etwas, betete, und flehte Gott um Ruhe und Vergebung, denn er hielt, aus zu genauer Gewissenhaftigkeit, seine Empfindung fur Sunde. Er wuste nicht, war es Liebe, oder was es war? Endlich legte er sich zu Bette. Lang bemuhte er sich umsonst, einzuschlafen. Wenn er die Augen zumachte, so stand das Madchen lebendiger, als ers sich den Tag uber hatte vorstellen konnen, ihm vor Augen. Den andern Morgen wachte er fruh auf; die eben aufgehende Sonne schien in seine Kammer; eine Thrane schoss ihm in die Augen, denn sein erster Gedanke war das Madchen. Ihr gen Himmel gehobnes Auge gab seiner Andacht Schwingen. Er stand auf, streckte die Arme aus, als ob er sie umfangen wollte, und betete so feurig, als er fast noch nie gebetet hatte. Gott! Gott! seufzte er: Ich kenne mich selbst nicht mehr! Was will ich? Was fehlt mir? Warum denk ich immer an den Engel? Wenn es Sunde ist, o Gott! so vergib mir! Du hast ihn erschaffen! Ich kann nicht anders. Ich bin immer bey ihm! Ach, wo mag sie seyn, die Heilige, die unaussprechlich Holde? Ach, wo mag sie seyn, dann betete er wieder. Aber immer schien ihms, als ob sie sich zwischen Gott und ihn stellte, oder mit ihm betete. Er gieng ins Kollegium. Auch da war sie immer um ihn. Er horte nichts, was der Lehrer sagte. Er zwang sich, aufzumerken, aber nur vergeblich. So gieng die ganze Woche hin. Zuweilen dachte er minder lebhaft an sie; aber tausenderley Dinge zogen ihn wieder zu ihr zuruck. Wenn er in Gesellschaft sie auf einige Augenblicke vergass, so wachte er plotzlich wieder, wie vom Schlummer, auf. Wenn er nur das Wort: Madchen, aussprechen horte, so stand sein Madchen wieder vor ihm. Nie war sein Geist in der Gesellschaft seiner Freunde ganz gegenwartig; immer schwebte er in der Kirche vor dem Altar, oder er wuste selbst nicht, wo? Er war immer zu Thranen gestimmt, und muste oft aufstehn, um seine Wehmuth vor seinen Freunden zu verbergen. Sie riechen hin und her, was ihm fehlen mochte? Auf Liebe fielen sie gar nicht, da er bey jeder Gelegenheit dagegen eiferte. Endlich wusten sie seiner Zerstreuung keine andere Ursach zu geben, als sein langes Aufsitzen bey Nacht. Kronhelm bat ihn sehnlich, es zu unterlassen, und seine Gesundheit zu schonen! Er war uber die zartliche Besorgniss seines Freundes sehr geruhrt, und versprach, es zu thun. Den kunftigen Sonntag konnte er kaum erwarten. Da dachte er, das Madchen wieder in der Kirche zu sehen. Hundertmal des Tags sah er nach seinem Wandkalender, wie viel Tage es noch bis dahin sey? Immer vergass ers wieder, und rechnete oft einen Tag weniger. Zuletzt zahlte er sogar die Stunden. Er stellte sich vor, was er thun, wo und wie er sich anstellen wolle? wenn sie in die Kirche komme. Als der Sonntag kam, wachte er fruh auf, krauselte seine Haare sehr sorgfaltig, und kleidete sich prachtiger und netter, wie gewohnlich. In der Fruhmesse traf er das Madchen nicht. Sein Herz erhub sich zu Gott mit schwarmerischer Andacht; seine Einbildungskraft drang bis an den Thron der Gottheit; sein Geist war ausser dem Leibe, und unmittelbar im Himmel. Auf Einmal uberfiel ihn wieder eine ausserliche Beklemmung; sein Herz klopfte laut und sichtbar. Alle Augenblicke, dacht' er, kann sie kommen, und neben mir niederknien. Er bebte vor dem Augenblick, und wunschte ihn doch so sehnlich herbey. In die Predigt kam das Madchen auch nicht. Sein Auge suchte angstlich umher, verweilte auf jedem gutgekleideten Frauenzimmer, und wandte sich unwillig wieder weg, weil es nicht fand, was es suchte. So oft die Kirchenthure aufgieng, blickte er hin, und zitterte. Sie kam nicht. Nach der Predigt gieng er in den Chor, kniete auf die Stelle nieder, wo sie gekniet, und die er sich so genau gemerkt hatte. So oft er etwas hinter sich gehen, oder ein seidenes Gewand rauschen horte, ward ihm bange; angstlich blickte er dann um sich, weil er furchtete, jedermann bemerke ihn: Einmal sah er ein Madchen mit einem Flor vor dem Gesicht ihm zur Rechten niederknien. Es hatte die schlanke Gestalt seines Madchens. Sein Gesicht gluhte, er zitterte, sein Gebet ward laut; er glaubte zu vergehen und zu sinken. Schwankend stand er auf. Das Madchen war nicht das seinige. Heilige Mutter Gottes! dachte er, wo ist sie? Schnell steckte er den Rosenkranz ein, gieng aus der Kirche, ohne das Weihwasser zu nehmen, und nach der obern Stadtkirche. Hier fand er sie wieder nicht. Nun uberfiel ihn tiefe Wehmuth. Tausenderley traurige Vorstellungen bekampften sich in seiner Brust: Ist sie krank? Ist sie todt? Hab ich sie durch meinen Blick erzurnt? Hatt ich sie doch nie gesehen! Sturb ich doch auch! O ich bin der unglucklichste Mensch auf Gottes Erdboden! Er gieng heim, und weinte, rang die Hande und betete. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer. Indem erhielt er einen Brief von Theresen mit der Nachricht, dass ihr Vater sich von neuem nicht ganz wohl besinde, doch sey er schon wieder auf dem Weg der Besserung. Wahrend dem Lesen sturzten ihm die Thranen aus den Augen. Kronhelm fragte ihn um die Ursache davon. Er konnte sie vor Wehmuth kaum erzahlen. Nun weinten beyde Freunde. Siegwart konnte nun einen Grund fur seine Traurigkeit angeben, und Kronhelm argwohnte desto weniger eine andre Ursache. Der doppelte Schmerz besturmte nunmehr Siegwarts Seele mit aller Gewalt. Er dachte sich die beyden theuren Personen immer zusammen, und wunschte sich nichts als den Tod, das einzige Ende seines Jammers, das er vor sich sah. Den Nachmittag schrieb er an seine Schwester und an seinen Vater einen bangen und schwermuthigen Brief. Unter andern schrieb er an Theresen: Ich sehe wohl, dass die Welt keine Freuden hat. Jeder Tag hat seine Plage, und mit jedem Tage steigt sie. Mocht ich doch bald diese Welt verlassen, und im Grab von allem Kummer ausruhen! O meine Schwester, es gibt viele Leiden, die du noch nicht kennst. Sterben, sterben ist das Beste! Und wenn dieses Ziel vom Schopfer noch nicht gesetzt ist, ist es dann nicht Weisheit, der Welt so viel abzusterben, als man kann und darf? Du verstehst mich; der Eintritt ins Kloster ist ein Bild des Todes. Durft' ich ihn doch morgen thun! etc. Diessmal war das Konzert auf Kronhelms Zimmer. Siegwart spielte nicht mit, sondern sass in einem Winkel, und weinte. Seine Phantasie ward durch die Musik aufs ausserste gespannt. Zuweilen irrte er durch Nacht und Graber; sah seinen Vater mit dem Tode ringen, schauerte zuruck, und stand hastig auf. Dann ward er wieder in das susse, heilige Gefuhl der Liebe versenkt; sah sein andachtiges Madchen vor dem Altar knien; sah sie wehmuthig und traurig; bildete sich ein, sie lachl' ihm zu. Dann schwand sie ihm wieder aus den Augen. Er sah kein Mittel, sie jemals zu sprechen. Ich werde sie nie, nie sehen! dachte er. Sie flieht mich; sie muss mich verachten; Ich bin nichts, gar nichts gegen sie! Sie ist ein Engel, und ich bin ein Sunder, ein Verworfener! O warum hab ich sie gesehen? Warum all meine Ruhe so auf Einmal verlohren?

Plotzlich ward er aufmerksam, als eine wildschwarmerische Symphonie von Fils gespielt wurde. Er stand auf, nahm seine Violine, und spielte mit. Von wem ist das Stuck? fragte er, als es ausgespielt war. Von Fils, antwortete einer. Das war ein herrlicher Kerl! Seine besten Stucke hat er in der rasendsten Liebe gemacht; und als es ihm nicht nach Wunsch gieng, ass er Glas, und starb dran. Das ist vortreflich, sagte Siegwart, wir wollen das Stuck noch einmal spielen? Sie spieltens wieder. Bey einem Quatuor von Boccherini versank er wieder in die tiefste Schwermuth, in der er den ganzen Abend blieb. Die ganze Woche strich ihm traurig hin. Die Unruhe uber die Krankheit seines Vaters verdrang das Bild des Madchens etwas aus seinem Herzen, oder uberzog es vielmehr nur mit einer Art von Schleyer. Oft stand es wieder frey, und in allem seinem Reiz vor ihm da. Er lief alle Strassen der Stadt durch, ob er sein geliebtes Madchen nirgends entdecke? Aber nirgend sah ers. In die Kirchen konnte er die Woche uber nicht gehen, weil er seine Kollegia gewissenhaft besuchte. Er und Kronhelm machten nun eine traurige Figur zusammen. Keiner konnte den andern trosten. Sie weideten sich an ihrem wechselseitigen Schmerz, und vereinigten ihre Klagen, obwol Siegwart viel zu furchtsam und zartlich war, seinem Freunde das Geringste von dem Madchen zu entdecken. Ganze Stunden sassen sie in der Dammerung, ohne Licht, beysammen; seufzten und klagten mit einander, oder spielten wehklagende Stucke. Am Sonnabend bekam Siegwart einen Brief von Theresen, und die Versicherung, dass ihr Vater wieder ganz hergestellt sey. Diess war ihm ein grosser Trost, aber ganz freuen konnte er sich nicht. Gott! ich danke dir, sagte er. Du bist gutig und barmherzig. Nur verzeihe mir meine Schwachheit! Ach, ich kann mich nur halb freuen. Du weists, ich bin nicht undankbar! Mein Jammer ist dir nicht verborgen! Von einer Seite hast du mich geheilet; aber von der andern frist der Schmerz immer tiefer! Gott! wenn ichs wurdig bin, ach, wenn ichs wurdig bin, so erbarm dich meiner! Lass mich sie sehen, oder lass mich sterben! Nun dachte er wieder sie nur ganz allein. Morgen, morgen, rief er, Leben oder Tod! Er gieng auf Kronhelms Zimmer, und brachte ihm die Nachricht von der Genesung seines Vaters. Und von Theresen hast du mir nichts? sagte Kronhelm wehmuthig. Nichts, mein Lieber, als einen Gruss. Ach du daurest mich unendlich. Ich kann dirs nicht sagen, wie tief ich deine Leiden fuhle! Gott weis, ich kanns nicht! Und nun schwiegen sie lang. Ich weis nicht, ob ichs lang mehr aushalte? hub Kronhelm wieder an. Wenn sie mich vergessen, mir untreu werden konnte. Und doch! soll sie ohne Hofnung harren? Ohne Hofnung! wenigstens ohne Gewissheit, sogar ohne Wahrscheinlichkeit: O, mein Leiden ist das groste! Duld und harre! sagte Siegwart. Die Leiden auf der Welt sind mancherley. Ich bin auch nicht glucklich. Er wollte reden; aber eine plotzliche Aengstlichkeit hielt ihn wieder zuruck.

Der Sonntagsmorgen brach an. Siegwart kleidete sich gut, und gieng voll banger Ahndung in die Kirche. Er setzte sich in einen Stuhl, von dem er die ganze Kirche ubersehen konnte. Das Madchen war noch nicht da. Er ward verwirrt druber; dankte aber doch Gott fur die Genesung seines Vaters brunstig. Nach einer halben Stunde ofnete sich die Kirchenthure, und das Madchen trat herein, schwarz gekleidet, mit einer etwas bejahrten Frau von angenehmer und sanfter Gesichtsbildung. Sein Herz schlug ungestum. Sie setzte sich ihm gegenuber in einen vergitterten Stuhl, an dem aber das Gitter zuruckgeschoben war. Sie setzte sich nieder, und las in einem Gebetbuch. Zuweilen erhub sie ihr schones nussbraunes Auge zum Himmel; drey- oder viermal glaubte er, sie seh ihn aufmerksam an; und ihm ward bald warm, bald kalt in der Brust. Er hieng mit ganzer Seele an ihr; sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, wie auf dem Antlitz einer Heiligen. Er konnte den unendlichen Reiz nicht fassen, der sich uber das Ganze verbreitete. Alles um sich her vergass er, Himmel und Erde, und wuste nicht mehr, dass er in der Kirche war. Er dachte nichts; sein ganzes Wesen war Gefuhl. Sie sah ihn an; Er schlug die Augen nieder, als ob ein Blitz ihn blendete. Gleich sah er wieder auf; sie war verschwunden. Ein breitschultriger Mann mit einer grossen Perucke hatte sich vor sie hingesetzt, und ihm den Anblick des himmlischen Gesichts benommen. Nur zuweilen, wenn der Mann sich buckte, sah er sie auf einen Augenblick. Der Mann ward ihm auf Einmal unaussprechlich zuwider. Er knirschte mit den Zahnen, und hatt ihn gern mit den Fussen weggestossen. Der dumme, kalte Kerl! dachte er, mit dem abscheulichen Alltagsgesicht! Ich wollte, dass er hundert Meilen weit von hier ware! Nach der Messe stund das Madchen, mit der Frau auf; gieng in den Chor vor den Altar und kniete nieder. Im Hingehn warf sie einen Blick auf Siegwart, der ihm durch die Seele drang. Er sah sie langsam, und andachtig vor sich hin gehn, und wuste nicht, ob er ihr folgen, oder bleiben sollte? Er zitterte, dass die Kugelchen an seinem Rosenkranze klapperten. Sie kniete schon etliche Minuten, da schlich er sich angstlich und zogernd nach dem Chor. Sie kniete im vordersten Reihen, unter denen, die das Abendmahl geniessen wollten. Er kniete sich an der Seitenwand der Kirche ihr fast gegenuber nieder. Die Musik, die in dem Augenblick gemacht wurde, war ihm sein ganzes Leben durch die liebste, und ruhrte, sobald sie angestimmt wurde, alle Saiten seines Herzens. Der Priester, der die Hostie austheilte, gieng umher, und kam zu ihr. In dem Augenblick hatt' er alles hingegeben, um der Priester, oder einer von den Knaben zu seyn, die das Tuch unterhielten. So oft er nachher einen von den Knaben sah, stellte sich ihm die ganze feyerliche Handlung wieder lebendig dar, und seine Seele gluhte. Er liebte die Knaben, und war doch eifersuchtig auf sie. Als ein dritter ihr den Spuhlkelch reichte, da bebte seine Seele vor Verlangen, nach ihr aus dem Kelch zu trinken. Er beneidete das Madchen, das neben ihr kniete, und aus dem Kelch trank. Nun betete sie, und seine Seele flog mit ihr zum Himmel. Gott! ach Gott, lass sie mein seyn! Sey ihr gnadig, und erhore mein Gebet! Weiter konnte er nichts denken.

Noch lag er auf den Knien, in der Absicht, zu warten, bis sie weg gienge, und zu erfahren, in welches Haus sie gehore? als er auf Einmal durch einen Stoss, den ihm jemand, neben ihm, gab, aus seiner Schwarmerey aufgeweckt wurde. Kronhelm, den er nicht wahrgenommen hatte, stand neben ihm, und winkte, mit ihm weg zu gehen. Er stand unwillig auf, und suchte seine Verwirrung seinem Freunde zu verbergen. So bos er druber war, so durft er es doch seinen Freund nicht merken lassen, und gieng mit ihm aus der Kirche. Lass uns etwas spatzieren gehen! sagte Kronhelm; der Tag ist so schon. Meinetwegen! antwortete Siegwart.

Sie giengen mit einander durch die Stadt, ohne ein Wort zu sprechen. Siegwart war ganz in Gedanken verlohren, und bey seinem lieben Madchen in der Kirche. Es schmerzte ihn tief, dass er so von ihr weggerissen worden war, und ihre Wohnung nicht hatte erfahren konnen. Sich nach ihr bey Kronhelm zu erkundigen, wagte er gar nicht. Als sie ausserhalb der Stadt waren, so fieng Kronhelm an: Du bist ja ganz ausser dir gewesen in der Kirche, und hast mich nicht bemerkt, ob ich gleich eine halbe Viertelstunde neben dir kniete. Wer? Ich? ... stotterte Siegwart. Recht! ich war so in der Andacht; weil ich an meinen Vater dachte ... Weil er gesund worden ist ... Und da dankt ich Gott und da konnt ich dich nicht sehen ... Ja, ich war ganz vertieft ... Hab dich warlich nicht bemerkt .... Es kam gewiss nur daher ... u.s.w.

Der helle Herbstmorgen machte auf sein ofnes Herz den tiefsten Eindruck. Die bleichgelben Blatter, deren eins nach dem andern von den Baumen herabfiel; das Rauschen der verdorrten Blatter im Gestrauch; der halb durchsichtige Hain; die einzeln drinn herum fliegenden Vogel; die, auf der Wiese sparsam zerstreuten Herbstblumchen; alles brachte ihm das susse Bild des Todes in die Seele. Er fuhlte eine dunkle Sehnsucht, sich hinzulegen und zu sterben. Sein Herz ward erweitert, und Thranen stunden ihm in den Augen. Kronhelm hatte eben dieses Gefuhl; beyde schwiegen. Noch nie hab ich so lebhaft und so ruhig an Theresen gedacht, fieng endlich Kronhelm an; Noch nie eine so susse Melancholie gefuhlt. Mir ist so wohl, und so wehmuthig! Mir auch, Bruder! sagte Siegwart mit bebender Stimme. Sie setzten sich an das, etwas erhohte Donauufer hin, blickten den Wellen nach, und dachten nichts. Wie alles so geschwind geht! sagte Kronhelm, nach einer langen Pause. Nur das Leben geht so langsam, wenn man unglucklich ist. Ach Bruder, das Wasser kommt von deinem Dorfe her. Wenn jetzt Therese auch so da sasse, und an mich dachte! Vielleicht thut sies. Meynst du nicht, Siegwart? Ja, vielleicht, Bruder, antwortete Xaver. Ich wunsch es dir. Nun schwiegen beyde wieder. Indem schwamm ein todter Mensch in der Donau herunter. Herr Jesus! rief Siegwart, sieh! dort! In dem Augenblick sprang er nach der nah gelegnen Fischerhutte, und rief dem Fischer, der sogleich in seinem Kahn hinausfuhr, und den Leichnam auffieng. Es war ein junges Madchen, das nicht ubel aussah, von neunzehn oder zwanzig Jahren. Der Kleidung nach wars ein Dienstmadchen. Ueber eine Stunde konnte sie noch nicht im Wasser gelegen haben, denn sie sah noch frisch und roth im Gesicht, und ihre Fingergelenke waren noch nicht einmal steif. Der Fischer sturzte sie auf den Kopf, in der verkehrten Meynung, dass das Wasser ihr aus dem Mund und aus den Ohren laufen mochte. Allein, wenn ein Ertrunkener noch nicht ganz todt ist, so muss er durch dieses Mittel sterben. Das flussige Blut stromt nach dem Kopf zu, und ein Schlagfluss ist fast unvermeidlich. Sie ist todt, sagte der Fischer, gibt kein Anzeichen mehr und dann legte er sie wieder nieder, und fieng an, sie genauer zu betrachten. 's ist meiner Seel, kein unseines Ding; fieng er an; seht mir nur einmal die vollen Backen, und das glatte weisse Kinn! Der hats gewiss um 'n Mann gefehlt, oder 's hat sie einer ang'fuhrt. Hab schon mehr dergleichen Exempel erlebt. Erst vorigen Sommermarkt hab ich auch so 'n Madel raus zogen. Schaut mir einmal an, was sie fur 'n schonen Fingerring hat! Er ist, meiner Six, Silber; den will ich mir zu Gemuth fuhren. Er ist gut fur meine Thrine, passt ihr grad. Indem zog er den Ring vom Finger. Muss doch auch sehen, was sie im Sack hat? 'n Rosenkranz! Hat doch auch noch 'n Vaterunser und ein Ave betet! Und da gar 'n Buchel! 's ist ein Psalter. Nu, nu, sie hat sich doch vorbereitet. Gott sey der armen Seel gnadig! Will auch ein Ave fur sie beten. Da steckt ja gar 'n Papier im Buch. 's ist g'schrieben Kann nicht G'schriebnes lesen. Da, Herr! (zu Siegwart) lesets Ihr! Siegwart las den Brief, der sehr unleserlich und unrichtig geschrieben war. Hier ist er in deutlicherer Schreibart; sonst ist er unverandert.

HS.

Du hast mirs arg gemacht, Joseph. Hast mir die Eh' versprochen im Namen der heiligen Jungfrau, und nimmst nun ein anders Madel. Ich weis mir nicht mehr zu helfen; muss mir selber was zu Leid thun. Gott verzeih mirs! mit dem ichs redlich gemeynt hab mein Lebetag. Ich wollt mir schon einmal die Kehle abschneiden, aber das war mir zu grausig. In der Donau haben schon viel ihr Grab gefunden; ich werds auch finden. Gib Acht, wenn du mich siehst, dass ich mich nicht noch einmal umdreh, und dir den Ring zeig, den ich von dir am Finger trag zum Trauring. Lieber Gott! Ein rechter Trauring! Das hat mir noch am wehesten gethan, dass du mein noch spottest, und letzthin des Abends bey meinem Haus vorbeygiengst mit deinem Madel. Ich dacht, ich must dich umbringen! Aber das Leben wird dir doch nicht hell werden, weil dus so gemacht hast mit mir. Lieber Gott! ich war dir so herzlich gut, und hatt gern mein Leben fur dich hingegeben! Und du sagtest mir so oft, du meynest's treu; Nun hast du auf den Montag Hochzeit. Hor, Joseph! auf den Sonntag spring ich ins Wasser. Es kann nicht anders seyn, Joseph! Aber gib Acht! Ich lade dich ins Thal Josaphat auf den Ersten Tag im neuen Jahr. So lange hast du noch Zeit zur Busse. Bedenks, Joseph, und bekehre dich! Ich wollte nicht, dass du ins Fegfeuer, und von dar in die Holle kamest; denn ich hab dich noch lieb, aber in diesem Leben kann ich dir nicht mehr gut seyn. Mir ists schauerhast zu Muth! Jesus und Maria mag sich mein erbarmen! Aber langer leben kann ich nicht. Denk an den Ersten Tag im Jahr! Hab Acht, und bekehre dich!

HS.

Das ist meiner Seel recht herzbrechend, sagte der

Fischer, und wischte sich die Augen. Der Joseph mocht ich nicht seyn um tausend Gulden! Ich denk, ich steck ihr den Ring wieder an Finger. Ich mag ihn nicht, weils ein Trauring ist, der ist heilig. Hierauf steckte er dem Madchen den Ring wieder an den Finger.

Kronhelm und Siegwart giengen schweigend und traurig weg. So ein Tod ist doch der schrecklichste, sagte Siegwart; Gott sey dem armen Madchen gnadig! Sie giengen nun wieder der Stadt und ihrem Hause zu. Siegwart konnte lang das Bild des Madchens nicht aus seinem Herzen bringen, und dafur das Bild seines Madchens drein zuruckrufen. Endlich war er wieder ganz bey ihr, und versetzte sich ganz in die Kirche. Als er zu Hause angekommen war, gieng er auf sein Zimmer, ubersah die ganze Scene in der Kirche wieder, betete zu Gott um sein Madchen, sprach oft laut, und warf endlich diese Verse, die mehr Gebet sind, als Gedicht, aufs Papier hin.

Sieh, o Gott der Liebe!

Wie ein armes Herz, das du erschufest,

Aus der Tiefe seiner Leiden

Sich zu dir hinausschwingt!

Heut, an deinem Altar

Sah ich sie, in Andacht hingegossen,

Die du auch, wie mich, erschufest;

Ach, um die mein Herz bebt!

Kuhn erhubs zu dir sich.

Auf den Flugeln ihrer reinen Andacht

Schwebt' es, wagte, minder zitternd,

Diesen Wunsch: Erhor ihn, Schopfer!

Leg in deine Wagschaal

Meine Tage, die noch kommen sollen!

Lass, wenn sie mich liebt, sie sinken!

Steigen, wenn sie nicht liebt!

Es war ihm recht wohl, als er dieses Gedicht gemacht hatte. Er las es mehrmals durch; es gefiel ihm, denn er hatte seiner Empfindung doch einigermassen ein Gewand und Worte gegeben; ob er gleich unendlich mehr hatte sagen wollen. Er schrieb das Gedicht rein ab, und ergotzte sich noch lange dran, bis ihn Kronhelm zum Essen rief. Da schloss ers schnell und angstlich in sein Pult ein. Gutfried ass nun gewohnlich auch mit ihnen. Sie erzahlten ihm die Geschichte mir dem ertrunkenen Madchen, und den Inhalt des Briefes. Er seufzte dabey, und sagte: Gekrankte oder unbelohnte Liebe ist alles zu thun im Stande! Mit diesen Worten sah er Kronhelm an, der in seiner Liebe zu des Hofrath Fischers Tochter sein Vertrauter geworden war. Alle drey Junglinge wurden uber diesen Ausruf noch trauriger. Gutfried erzahlte nun ein paar schreckliche Geschichten von Personen, die sich aus unglucklicher Leidenschaft selbst entleibt hatten. Sie bedaurten ihr Schicksal, und wunschten ihnen, durch ihre Seufzer, ein glucklicheres Schicksal, als sie in diesem Leben gehabt hatten. Gutfried schlug ihnen zur Zerstreuung von dem anhaltenden Studieren einen Spatzierritt auf ein, zwo Stunden von Ingolstadt, gelegnes Dorf, vor. Sie nahmen den Vorschlag an, und ritten hin. Siegwart dachte auf dem ganzen Wege an sein liebes Madchen. Es schmerzte ihn im Innersten, die Stadt, in der sie lebte, nur auf einige Stunden zu verlassen. Er glaubte, weis nicht wieviel, zu versaumen, ob er gleich nicht die geringste Hofnung hatte, sie zu sprechen, oder nur zu sehen. Was mag sie jetzt machen? dachte er bestandig. Jetzt wird der Engel wohl beten; jetzt wird er vor Gott knien u.s.w. Mocht ich sie nur einen Augenblick erblicken! Mochte sie nur einen Augenblick an mich denken! Aber, ach, wie kann sie das? Wer weis, ob sie mich bemerkt hat? Vielleicht ist ein andrer bey ihr! Solche und ahnliche Vorstellungen sturzten ihn in die tiefste Traurigkeit, aus der ihn fast nichts herausreissen konnte. Auf dem Dorfe hatten sie wenig Vergnugen, und konnten nicht einmal zusammen sprechen, denn die vielen andern Studenten, die da waren, machten mit Gesang und Zank beym Spiel einen solchen Lerm, dass man kaum sein eignes Wort verstand. Gegen Abend ritten sie in der Dammerung wieder zuruck. Alle drey Liebende waren jetzt noch wehmuthiger; jeder dachte sich zu seinem Madchen hin. Als sie gegen die Stadt hin ritten, begegnete ihnen ein Scharfrichter, der auf seinem Karren das ertrunkne Madchen fuhr. Der Unglucklichliebende, sagte Kronhelm, der sich mit der ganzen Schwere seines Jammers beladen, selber in die Grube sturzt, hat also einerley Schicksal mit dem Bosewicht, der sich im Kerker umbringt, um dem Galgen zu entgehen; oder mit dem Betruger, der, weil er seinen Glaubigern nicht mehr entgehen kann, sich dem Tod in den Rachen wirst? Wie wenig sehn doch die meisten burgerlichen Gesetze auf das Moralische an einer Handlung! Lass sie ruhen! sagte Siegwart; ihr ists einerley, wo ihr Korper liegt. Das wohl! antwortete Kronhelm; aber das Ungluck verdiente doch eine bessere Behandlung, als die Bosheit!

Sie hielten nun noch zu Haus ein kleines Koncert, das, weil alle gleich traurig gestimmt waren, grostentheils aus wehmuthigen Trios bestand. Nachdem Siegwart sich den ganzen Abend nach dem Koncert mit dem Gedanken an seine himmlische Unbekannte beschaftiget hatte, so wunschte er nichts mehr, als von ihr zu traumen, und sie wenigstens im Traum zu sehen. Aber diese Wohlthat ward ihm nicht zu Theil. Er wunschte sie sich so oft, und immer umsonst. Zu lebhafte und gegenwartige Vorstellungen kommen selten im Traume wieder; sie mussen mehrentheils erst mit dem Flor der Vergangenheit umzogen seyn.

Als Siegwart ein paar Tage drauf des Nachmittags um drey Uhr aus dem Kollegio gieng, da sah er, etliche Hauser vor ihm, sein geliebtes Madchen gehen. Das Herz schlug ihm, und er eilte, was er konnte. Sie gieng in ein gutgebautes Haus hinein. Wer wohnt hier? sagte er in der Verwirrung zu einem kleinen zwolfjahrigen Madchen, und erschrack gleich selbst wieder uber seine Frage. Es wohnt ein reicher Herr da, sagte das Madchen; man nennt ihn nur Herr Spiegel. Jetzt wuste er so viel, wie vorhin, und wagte es doch nicht, sonst jemand um den Herrn Spiegel zu fragen; weil er furchtete, jeder werde sogleich die Absicht seiner Frage muthmassen. Er gieng alle Tage zwey- oder dreymal bey dem Hause vorbey; sah aber seine Holde nie am Fenster. Die ganze Woche verfloss ihm unter Seufzern nach dem Sonntag, weil er da gewiss wieder sein liebes Madchen in der Kirche zu sehen hoffte. Viele Stunden, ja halbe Tage lang besprach er sich in Gedanken mit ihr, klagte ihr seine Leiden vor, und liess sie zartlich wieder antworten. Er sann ganze Romanen aus, und dachte sich in Lagen hinein, in denen sie nothwendig sein werden muste. Oft wunschte er sie in Lebensgefahr; dass Feuer in ihrem Hause auskommen mochte, und er sie befreyen konnte. Er dachte sie in Wassergefahr, rettete sie, und nun gab sie ihm zur Dankbarkeit ihre Hand. Aufs lebhafteste fuhlte er die Wonne, mit der er sie an sein Herz druckte; den Blick der Dankbarkeit und Liebe, den sie auf ihn warf; dann eilte er zu ihrem Vater, zeigte ihm die befreyte Tochter, und ward ihr Brautigam. Nur ein Liebender, wie unser Siegwart, kann sich die schwarmerischen und zartlichen Gesprache denken, die dann seine Seele mit ihr fuhrte. Aber Seufzer, und Bangigkeit, und Thranen waren immer das Ende dieser sussen Traumereyen.

Den nachsten Sonntag kam er erst um neun Uhr in die Kirche. Sein Kronhelm war zu ihm aufs Zimmer gekommen, um von Theresen zu sprechen; und wenn er von ihr anfieng, so konnte er nicht aufhoren. Siegwart war mit seiner Seele abwesend, und antwortete verwirrt, aber Kronhelm merkte es nicht. Ein paarmal sah er auf die Uhr. Jede Minute ward ihm zu einer Stunde. Diess war das erstemal, dass ihm sein Freund zur Last fiel; aber er liess sich doch vorsetzlich nicht das geringste merken. Endlich gieng Kronhelm. Siegwart eilte, was er konnte, und kam ganz athemlos vor die Kirche. Als die Thure aufgieng kam eben sein Madchen mit der Frau, die er fur ihre Mutter hielt, ihm entgegen. Er war, wie vom Donner geruhrt. Sein Gesicht gluhte. Er gieng schnell an ihr vorbey, und machte in der Angst kaum eine Verbeugung. Sie gruste ihn freundlich. Er eilte, ohne sich seiner bewusst zu seyn, nach dem nachsten Stuhl, und sah sich um. In dem Augenblick gieng die Thure zu. Sein Herz klopfte laut. Er wollte wieder umkehren; besann sich aber plotzlich, dass man seine Absicht merken wurde. Er war Kronhelm, sich selbst, und der ganzen Welt bose, dass er zu spat gekommen war. Es war ihm unmoglichlang da zu bleiben. Nach etlichen Minuten eilte er wieder weg, und der Strasse zu, wo ihr Haus war, aber er sah sie nicht mehr. Er wollte nach Hause; aber vor der Thure fiel ihm wieder ein, Kronhelm wurde aus seiner plotzlichen Zuruckkunst etwas folgern. Er gieng also wieder weg, rannte noch einige Strassen durch, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Endlich gieng er aus einem Thor; rannte weit ins Feld hinaus, ohne die Natur um sich her zu bemerken, und kam nach einer Stunde wieder nach Haus zuruck. Gutfried war schon bey Kronhelm auf dem Zimmer. Sie lasen mit einander Lessings Sara, die ein junger Herr von Dahlmund an Gutfried geliehen hatte. Da haben wir was herrliches, sagte Kronhelm zu Siegwart; sieh einmal! Lessings vermischte Schriften. Das ist gut! sagte Siegwart ganz zerstreut. Ich hab eben angefangen zu lesen, fiel Gutfried ein; es ist Miss Sara Sampson. Ich kann ihnen mit ein paar Worten sagen, was vorhergieng; wenn sie wollen, les ich weiter. Ganz wohl, antwortete Siegwart; setzte sich in eine Ecke des Fensters, und stutzte die Hand an den Kopf. Er horte fast nichts, und war mit seinen Gedanken weit weg; nur, wenn die andern eine Stelle lobten, sagte er auch: das ist vortreflich! ohne zu wissen, wovon die Rede war; nach dem Essen lasen sie weiter fort, und als das Stuck geendigt war, sagten sie einander ihre Meynung druber. Als Siegwart die seinige auch sagen wollte, so wuste er gar nichts, oder urtheilte ganz verkehrt. Wo waren sie denn mit ihren Gedanken? fragte Gutfried. Ich weis nicht, was ihm fehlt? fiel ihm Kronhelm ein. Er ist eine Zeit her ganz zerstreut. Siegwart wurde feuerroth druber, und sah nach dem Fenster. Den ganzen Tag war er ausserordentlich traurig und verdriesslich.

Die folgende Woche floss ihm wieder unter Thranen, Seufzern und schwarmerischen Traumereyen hin. Kronhelm merkte die Veranderung, die in seinem ganzen Wesen vorgieng; er spielte oft drauf an; aber doch nahm er sich Acht, weiter deswegen in ihn zu dringen, theils, weil er merkte, dass ihm Siegwart auf alle mogliche Art auswich, theils, weil er selbst eine ungluckliche Liebe muthmaste, und aus seiner eigenen Erfahrung wuste, wie hart es einem ankomme, seine Leidenschaft einem andern, auch seinem besten Freunde zu entdecken. Der Sonntag, den sich Siegwart so sehnlich herbeygewunscht hatte, kam endlich wieder. Er eilte, noch vor sieben Uhr, auf den Flugeln der Liebe, nach der Kirche. Sein Madchen war schon da, schon und heiter, wie ein Engel Gottes. Siegwart sass gegenuber, und zerfloss fast vor Wonne in dem Anblick ihrer Schonheit. So genau hatte er sie noch nie betrachtet. Er sah erst jetzt den ganzen Glanz ihrer unaussprechlichen Anmuth; ihr grosses, kastanienbraunes, mit Feuer und edelm Stolz belebtes Auge, uber dem sich die schwarzen Augenbraunen majestatisch wolbten; die hohe, offne, heitre Stirne; die so regelmassig gebildete Nase; den sanftesten, anmuthsvollsten Mund; die frischrothen glanzenden Lippen; das runde, weisse, weiche Kinn, von dem sich zwo zarte blaue Adern nach dem weissesten und schonsten Hals hinabschlangelten; das lieblichste Farbengemisch von Weiss und Roth auf den zarten Wangen; und die nicht zu beschreibende Uebereinstimmung aller dieser Zuge; und die himmlische Anmuth, die uber das Ganze ausgegossen war, und die die Schonheit erst zur Schonheit macht; und das, nicht kunstlich, aber schon aufgethurmte blonde Haar; und das Ebenmaass der Glieder, und den schlanken hohen Wuchs, und alles, alles, was man sich von einer regelmassigen und belebten Schonheit denken kann. Hiezu kam die Andacht, die jede Schonheit noch verschonert, und die offene Freundlichkeit, mit der sie jeden, der bey ihrem Stuhl vorbeygieng, gruste. Ihre Kleidung war geschmackvoll, regelmassig, schon, und doch nicht prachtig. In ihren Haaren steckten Blumen, die Vergissmeinnichtchen vorstellten; ihr Busen war mit Sittsamkeit verschleyert; ihr Gewand von himmelblauer Seide. Sie sah unsern ausser sich gebrachten Siegwart zu verschiednenmalen, und schlug die Augen nieder, wenn ers merkte. Er ward traurig, sobald sie eine Zeitlang nicht nach ihm blickte, und wandte doch sein Auge von ihr weg, sobald sie's that. Er machte traurige Gebarden, in der Absicht, dass sies merken, und Mitleid mit ihm haben sollte. Als sie weggieng, gieng er auch, und folgte ihr, ungefahr 20 oder 30 Schritt weit, hinter ihr nach. Sie gieng in des Hofrath Fischers Haus. Er erschrack druber. Gott! wenn der Hofrath ihr Vater ist, dachte er, so ist mein Ungluck vollkommen. Wenn der stolze Mann ihr Vater ist, was fang ich an? Er gieng zu Gutfried, der, wie schon gesagt, dem Hofrath gegenuber wohnte, und eben aus dem Fenster sah, und ihn hinaufrief. Gutfried, der die Fischerin auch liebte, blieb im Fenster liegen, als Siegwart auf das Zimmer kam, und rief ihn, um neben ihm hinaus zu sehen. Das ist die Fischerin, sagte er, und seufzte, indem sie eben in der Stube nah am Fenster stand, und ihre Kirchenkleider auszog. Sie warf einen Blick heruber, und gieng weg, indem sie die beyden Junglinge erblickte. Siegwart zitterte, ward feuerroth, und konnte kein Wort sprechen. Nun wards ihm erst auf Einmal wichtig, und ein Stachel im Herzen, was er schon so lang gewust hatte, dass sein Freund des Hofraths Tochter liebe. Er gieng einigemal im Zimmer auf und ab, wollte gern noch mehr von ihr erfahren, und hielt hundertmal die Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, wieder zuruck. Endlich stiess er hastig und erschrocken die Frage heraus: Es ist wohl ein gutes Madchen, die Fischerin? und lehnte sich ans Fenster, damit sein Freund sein Gesicht nicht sehen mochte, denn es gluhte. O, sie ist ein ausserordentliches Frauenzimmer, sagte Gutfried, zu deren Lob man eigentlich nichts sagen sollte, weil man doch immer nur zu wenig sagt, und ich kanns am wenigsten. Ich kenne sie nun uber zwey Jahre, und jeden Tag wird sie artiger und schoner. Sie hat das Herz eines Engels, das ist alles, was ich sagen kann. Beyde schwiegen nun wieder eine Zeitlang, und sahn aus dem Fenster. Sie kam wieder in ihr Zimmer, weiss gekleidet mit rosenrothen Bandern, stellte sich ans Fenster, und sah ein paarmal heruber. Dann gieng sie an ihr Klavier, und spielte. Alles, was Siegwart horen konnte, war bezaubernd schon. Er glaubte im Paradies zu seyn, und Harmonien der Engel anzuhoren. Sie spielt ja himmlisch! sagte Siegwart. O, bey Nacht sollten Sies erst horen, versetzte Gutfried, wenn alles still ist; da weis man nicht mehr, ob man im Himmel, oder auf der Welt ist? Zumal, wenn sie singt. Das ist ein Silberton! Ein ... ein ... Ach, man kanns nicht sagen! Sie singt auch zuweilen im Konzert, da konnen Sie sie horen. Wo? fragte Siegwart hastig. In ihrem Hause, war die Antwort. Ihr Vater hat im Winter alle Wochen Konzert, es wird nun bald wieder anfangen. Kann man da auch drein gehen? fragte Siegwart. O ja, antwortete Gutfried, wenn man nur den Hofrath drum ersucht; zumal wenn man selbst zuweilen mitspielt. Kronhelm und ich gehen auch drein. Aber der Hofrath ist so ein stolzer Mann, erwiederte Siegwart. Je nu, das muss man ubersehn! versetzte Gutfried.

Und nun horten sie dem Spiel Marianens so hiess die Fischerin wieder zu, und schwammen beyde in uberirdischem Entzucken, und wollustreicher Wehmuth. Mariane trat wieder ans Fenster; die beyden zartlichen Liebhaber traten zuruck, um sie nicht zu beleidigen, und blickten nur halb durch die Vorhange durch. Marianens Bruder kam nun auch ans Fenster. Der schlagt seinem Vater nach, sagte Gutfried, und ubertrift ihn nur ein Gutes an Stolz und Hochmuth. Der Mensch ist so in sich vernarrt, als ich noch nicht leicht einen gesehen habe. Auf sein rundes, aufgedunsenes Gesicht thut er sich unendlich viel zu gut. Er bildet sich ein, er sey ein grosser Violinspieler, und auf der Flote gar ein Virtuose, und doch ist er auf beyden Instrumenten kaum mittelmassig. Dabey ist er noch auf eine schandliche Art filzig. Was ich ihm aber am wenigsten vergeben kann, ist, dass er seiner Schwester allen moglichen Verdruss anthut. Immer neckt er sie und plagt sie. Ich habs schon hundertmal von hier mit angesehn Einmal hat er, mit Hulfe seines Bruders, seinen Vater schon so weit gebracht, dass das Madchen ins Kloster sollte, aber sie wehrte sich ritterlich, und ward von ihrer Mutter, die eine trefliche Frau ist, unterstutzt. Sehen Sie, da kommt die Mutter eben auch. Dacht ichs nicht? Da fangt er schon wieder einen Zank mit seiner Schwester an. Der verteufelte Kerl! Aber warum gehn Sie denn mit ihm um? Ich traf ihn ja schon ein paarmal bey Ihnen an, sagte Siegwart. Gutfried zuckte die Achseln. Was muss man nicht alles in der Welt thun, wenn man Absichten erreichen will? Es ist hundssutisch genug, dass man sich mit solchen Kerls abgeben und ihrer Gnade leben muss! Siegwart merkte wohl, wo das hinaus wollte, und suchte das Gesprach abzulenken. Und wo ist denn der andre Bruder? sagte er. Hier in Ingolstadt, versetzte Gutfried; dort droben wohnt er, an der Ecke. Er ist bey einem Kollegio so viel, als Sekretair, und an sich so toll nicht, wie sein Bruder; aber dafur hat er ein Weib, von dem er sich regieren last; und das Weib ist nicht einen Heller werth; ein bigottes Ding, das immer fromm seyn will, und es meiner Seel! nicht ist. Da ist sie immer hinter den Hofrath drein, und will, er soll seine Tochter ins Kloster stekken, und ist doch selbst nicht drein gegangen. Der verfluchte Aberglauben mit dem Kloster! Es ist, auf meine Ehre! nur auf das Geld angesehen, das Mariane kriegen soll; das mochten die seinen Herren Bruder theilen. O, ich hab so viel Mitleid mit dem armen Madchen, dass ich oft toll werden mochte. Sie steht erstaunlich viel aus; mich wundert nur, wie sies aushalten kann! Aber sie hat ausserordentlich viel Standhaftigkeit, und ist bey all ihrem sanften Weiberwesen doch ein halber Mann. Konnt ich sie auf meine Seite bringen, ich wollts den Kerls schon sagen! Aber .... und hier seufzte Gutfried, und gieng auf die Seite. Es wird Essenszeit seyn, sagte Siegwart. Gutfried sah auf der Uhr nach, und sie giengen mit einander auf Kronhelms Zimmer.

Beym Essen wurde Siegwart durch allerley andre Gesprache etwas zerstreut, und von dem Gedanken an seine Mariane abgezogen; aber oft stralte das Bild von ihr wieder, wie ein Blitz, in seine Seele, und machte ihn verwirrt, und wehmuthig.

Sie waren zum Herrn von Dahlmund gebeten, und blieben den Nachmittag und Abend bey ihm. Dieses war ein junger Edelmann von vielen Kenntnissen, der, wahrend seines Aufenthalts in Augspurg viel mit dem jungen Buchhandler umgegangen war, der unserm Siegwart und Kronhelm die Bucher zugeschickt hatte. Durch seinen Umgang, und in seinem Laden war er mit unsern besten protestantischen Schriftstellern, und besonders Dichtern bekannt geworden, und hatte auch die meisten mit nach Ingolstadt gebracht. Als er bey Gutfried von Kronhelm und Siegwart, und ihrer Liebe zu den schonen Wissenschaften horte, so war er nach ihrer Bekanntschaft sehr begierig; denn sie waren unter den Studenten die einzigen, die in diesem Stukke aufgeklart dachten. Alle andre Studenten waren roh und unwissend, und grostentheils im tiefsten Aberglauben versunken, worinn die meisten Professors, und die Jesuiten am vorzuglichsten, sie zu erhalten sich bestrebten. Er hatte viele Bucher, die Siegwart und Kronhelm nicht hatten. Also konnten sie hierinn einander aushelfen. Er hatte auch sonst so viel Gutes an sich, und war so gesittet und tugendhast, dass unsre vier Junglinge sehr bald Freunde wurden, und eine wochentliche Zusammenkunft ausmachten, wovon hauptsachlich die schonen Wissenschaften der Gegenstand waren. Sein Zimmer lag sehr angenehm, gegen die Donau hinaus. Er bewirthete seine Gesellschaft diessmal mit Wein, der unsre Junglinge ziemlich lustig und offenherzig machte. Siegwarts erhitzte Einbildungskraft brachte ihn mit der grosten Lebhaftigkeit zu seiner Mariane. Die Thranen standen ihm oft in den Augen. Als Gutfried anfieng, mit Enthusiasmus sie zu loben, muste er weggehn, um seine Bewegung zu verbergen. Er legte sich ins Fenster, und ubersah die Donau, die im hellen Mondschein dahinrollte. Das mannigfaltige Spiel der Wellen, die da, wo sie auf den Kieseln hupften, lauter goldne Sternchen bildeten, erhitzte seine Einbildungskraft, und brachte tausenderley Vorstellungen hervor, die sich alle auf Marianen bezogen. Kronhelm kam zu ihm; schlang seinen Arm um seinen Arm, sah wehmuthig mit ihm hinaus, und kuste ihn ein paarmal mit nassen und bethranten Wangen. Siegwarts Zahren flossen auch. Ach Bruder, sagte Kronhelm, weist, an wen ich denke? Was mag jetzt unsre Therese machen? Denkt sie wohl jetzt auch an dich und mich? Ja, sie denkt noch oft an dich, sagte Siegwart; sie kann dich nicht vergessen! Du bist ihr zu tief ins Herz gegraben. Ich hoffe, dass du noch mit ihr glucklich werden wirst. Trage nur Geduld! Ohne Hofnung und Geduld musten wir vergehen. Hier sturzten ihm die Thranen haufiger von den Augen. Er sah seinen Kronhelm ein paarmal mit unaussprechlicher Zartlichkeit an. Es war ihm, als ob er diessmal reden, und sein Herz ausschutten muste. Aber Furchtsamkeit hielt ihn immer wieder wie eine geheime, unsichtbare Gewalt zuruck. Gutfried und Dahlmund kamen, und riefen sie wieder zum Trinken. Wir wollen eins singen! sagte Dahlmund, und fieng das Lied von Kleist an: Freund, versaume nicht zu leben etc. Endlich sangen sie auch das Studentenlied: Was den Musen soll gefallen etc. das sich schliest: Vivat deine hoch! wo zwischen den zwey letzten Worten jeder den Namen eines Madchens singen muss. Dahlmund sang: Elise; Kronhelm: Therese; und Gutfried: Mariane. Nun kam die Reihe auch an Siegwart. Er stund an, und wuste nicht, welchen Namen er singen sollte? Er entschuldigte sich, er habe ja kein Madchen. Ey, du must eins haben, sagte Kronhelm, du bist ja unaufhorlich traurig. Siegwart errothete, und wollte sich entschuldigen. Nun, schon gut! versetzte Kronhelm, wir wissens ja! Sing, was du willst: Susanne, oder Kunigunde! Siegwart sang: Susanne! Diese Rede Kronhelms machte unsern Siegwart noch furchtsamer und zuruckhaltender. Beym Nachhausegehen begleiteten sie Gutfried, und giengen also bey des Hofrath Fischers Haus vorbey, wo noch Licht war. Siegwart blickte mit banger Sehnsucht hinauf, und horte Marianen Klavier spielen und singen. Er ware so gern stehen geblieben, und hatte dem Gesang zugehort, aber seine Schuchternheit erlaubte ihm nicht, seinen Kronhelm den Vorschlag zu thun. Er gieng also schweres Herzens mit ihm nach Haus.

Den andern Tag konnte er erst uber alle das nachdenken, was er den Tag vorher gehort hatte. Der Umstand, dass Mariane des Hofrath Fischers Tochter war, machte ihn sehr traurig; denn da er aus eigener Erfahrung, den stolzen Karakter dieses Mannes kannte, so sah er alle Schwierigkeiten voraus, die er haben wurde, Marianen kennen zu lernen; und doch war ihm der Gedanke unertraglich, sie, die Vollkommenste, die sein Herz so sehr liebte, nie zu sprechen. Ins Konzert sah er auch keine Gelegenheit, zu kommen; er war theils zu stolz, dem Mann, der ihn das erstemal so verachtlich begegnet hatte, noch gute Worte deswegen zu geben; theils war er auch, wenn die Liebe diesen Stolz noch uberwunden hatte, viel zu schuchtern in der Liebe, und hatte tausendmal gefurchtet, die Absicht, warum er ins Koncert zu kommen wunschte, mochte verrathen werden. Auch Gutfrieds Liebe zu Marianen machte ihn ausserst unruhig, obwohl Gutfried bey ihr nicht glucklich zu seyn schien. Aber eben dieses erregte bey ihm auch die Besorgnis, es konnte ihm eben so gehen. Auf der andern Seite freute ihn das viele Gute, was er von Marianens Denkungsart gehort hatte, ausserordentlich, und fesselte seine ganze Seele nur noch mehr an sie. Von allen diesen verschiednen Empfindungen ward sein Herz immer mehr zerrissen, und die schmerzhafte Wunde immer tiefer, so dass er in eine dunkele und verdriessliche Melancholie verfiel, die ihm oft die ganze Welt, und sich selbst zuwider machte. In andern Stunden machte er wieder Entwurfe auf Entwurfe, und baute ein Luftschloss nach dem andern auf.

Gegen das Ende der Woche erhielt er einen Brief von P. Philipp. Der rechtschaffene Mann fragte ihn darinn unter andern nach seinen theologischen Studien, ob er noch Geschmack daran finde, und sich gewissenhaft aufs Kloster vorbereite? Diese Frage gab unserm Siegwart einen Stich durchs Herz. Seit dem Anfang seiner Liebe hatte er zwar seine theologische Kollegia immer fleissig besucht, aber zu Hause hatte er sich weniger mit den Wissenschaften, und besonders den theologischen abgegeben. Das Andenken an sein Madchen beschaftigte ihn allein. Er dachte ungern ans Kloster, und entfernte den Gedanken von sich, so bald er sich ihm aufdringen wollte. Jetzt ward er so unvorbereitet dran erinnert, dass er davor zuruckschauerte. Sein voriger Enthusiasmus fur das Kloster; die Gelubde, die er so oft bey sich selbst Gott gethan hatte, dahin zu gehen; P. Anton; sein Vater alles fiel ihm auf Einmal ein, und besturmte sein Herz. Gott! in welchem Irrgang bin ich! dachte er. Was fang ich an? Was unternehm ich? Dir ungetreu? Dir, dem ich mich widmete? Und die Welt soll mich fesseln? Die Welt, die ich schon so verachtete? Gott! Gott! Nein, ich muss es halten, mein Gelubde! Muss ins Kloster! Mariane! Mariane! (indem er umher gieng, und die Hande rang) Welt! Welt! Dich verlassen! Dich und alles! Dich und Marianen! So dachte er wild und sturmisch hin und her; fuhlte sich von allem losgerissen; wuste nicht, woran er sich halten sollte? Bald betete er, widmete sich ganz Gott; bat ihn um Vergebung, dass er ihm so lang sein Herz entzogen habe! Bald war seine ganze Seele wieder bey Marianen, hieng an ihrem Blick, und fuhlte es, dass nichts auf der Welt im Stande sey, sie von ihr loszureissen. P. Philipps Brief schloss er ein, damit er ihm nicht zu Gesichte kommen mochte; er wollte nicht dran denken, und dachte doch immer dran. Es graute ihm schon von fern vor der Beantwortung des Briefes; aber auch daran mochte er noch nicht denken. So tief wehmuthig, wie jetzt, war er vorher noch nie gewesen. Alle Schwierigkeiten, die sich seiner Liebe hatten widersetzen konnen, waren ihm leicht vorgekommen; aber diese letzte, gegen die er sich bisher immer eingeschlafert hatte, schien ihm jetzt unuberwindlich. Er wuste wohl, dass er, um seines Vaters willen, nicht schlechterdings gezwungen sey, ins Kloster zu gehen; aber die Verpflichtung, die er Gott schuldig zu seyn glaubte, erschreckte ihn. Er glaubte eine Untreue an ihm zu begehen, wenn er die Welt der Zelle vorzoge. Einigemal beschloss er fest, alle Gelegenheit, Marianen zu sehen, zu vermeiden, und so wenig, als moglich, an sie zu denken. Nur noch Einmal, dachte er dann wieder, muss ich mich an ihrem Anblick weiden, und auf ewig von ihr Abschied nehmen. Nur noch Einmal will ich in die Kirche! In andern Stunden dacht' er wieder: Sehen kann ich sie doch wohl; das ist keine Sunde; nur nie sprechen muss ich sie, und den Gedanken aus der Seele bannen, mich um ihre Liebe zu bewerben, oder auch nur sie zu wunschen. Nun ward er ruhig, und glaubte, einen herrlichen Ausweg gefunden zu haben; aber, wie wenig kannte er sich selbst! Kaum sah er Marianen am Sonntag wieder, so waren alle seine Entschlusse umgestossen, und er dachte nichts, als sie. Ich kann, ich kann nicht anders! dachte er; Gott vergeb mirs! Ich bin nicht mein eigner Herr mehr! Die Antwort an P. Philipp machte ihm bey seiner zarten Gewissenhaftigkeit wieder neuen Kummer. Er wollte ihm nicht schreiben, dass er noch eben so eifrig und enthusiastisch ans Klostergehen denke, wie vor Zeiten; und noch weniger konnte er ihm seine Abneigung davon, und die Ursache dieser Abneigung melden. Er schrieb also etwas zweydeutig: Die Theologie gefall ihm wohl, aber er hore jetzt noch mehr philosophische Kollegia, als theologische; und das war auch im Grunde wahr. Jetzt vergass er wieder alles, und ward, von dieser Seite, ruhig.

Die Woche drauf kam des Hofrath Fischers Bedienter zu Kronhelm, als Siegwart eben bey ihm auf dem Zimmer war, und lud ihn zum kunftigen Winterkonzert ein. Konnen Sie mir nicht sagen, setzte er hinzu, wo Herr Siegwart wohnt? Ich soll auch zu ihm. O ja, antwortete Kronhelm; hier ist Herr Siegwart selbst. Der Bediente richtete eine Empfehlung an ihn vom Hofrath Fischer aus, und sagte ihm, der Herr Hofrath wurde ihn auch gern im Koncert sehen, weil er gehort habe, dass er die Violine und die Flote spiele. Siegwart wuste nicht, was er in der Verwirrung antworten sollte? Machte viele Komplimente, und sagte zu. Als der Bediente weg war, sagte er zu Kronhelm. Es ist mir nur halb lieb, dass ich zugesagt habe; der Hofrath mochte glauben, er erweise mir eine grosse Gnade, und Gnaden nehm ich eben nicht gern an. Kronhelm zeigte ihm, dass das Grillen waren; man muste in der Welt nicht alles so genau nehmen etc. und beruhigte ihn. Im Grunde freute sich Siegwart uber den Antrag sehr; er wollte sich nur recht gleichgultig bey der Sache stellen, um desto weniger entdeckt zu werden. Am Sonntag sah er seine Mariane in der Kirche wieder; sie entzuckte ihn immer mehr, und einigemal glaubte er zu bemerken, dass sie Antheil an ihm nehme. Wenigstens waren ihre Blicke oft auf ihn geheftet, und, wenn er bey Gutfried war, sah sie fleissig aus dem Fenster.

Am Mittewoch nahm das Konzert seinen Anfang. Siegwart gieng mit schwerem Herzen hin, nachdem er sich vorher sehr sorgfaltig angekleidet hatte. Als er in den Saal trat, machte er dem Hofrath ein verwirrtes Kompliment. Dieser war sehr hoflich, freute sich, ihn wieder in seinem Hause zu sehen, sagte, dass er viel Gutes von seinem Violin- und Flotenspielen gehort habe, und stellte ihn dann seiner Frau, und seiner Tochter, die an der Seite standen, mit den Worten vor: Das ist der junge Herr Siegwart, dessen Vater ein alter Freund von mir ist. Die Mutter, eine Frau von der angenehmsten Bildung, machte ihm ein sehr verbindliches Kompliment. Mariane verneigte sich stillschweigend. Siegwart gluhte im Gesicht, und buckte sich, ohne ein Wort zu sprechen, sehr tief. Drauf stellte ihn der Hofrath der ubrigen Gesellschaft vor, und bat ihn, bey der Symphonie die zweyte Violine mit zu spielen. Siegwart war froh, dass er etwas auf die Seite gehen, und Luft schopfen konnte. Er stimmte seine Violine, und konnte sie, in der Angst, kaum zu Stande bringen. Endlich gieng das Konzert an. Mariane sass unserm Siegwart gegenuber. Er machte in seinem Spiel tausend Fehler, und ward noch verwirrter, weil er furchtete, die Zuhorer mochten es merken. Endlich erholte er sich etwas von seiner Verwirrung, und spielte ordentlicher. Bey einem Flotenkonzerte, das Gutfried machte, ruhte er, und lehnte sich an die Wand, Marianen gegenuber. Er glaubte, bey der schmelzenden Musik, und dem Anblick seines Madchens, das er noch nie so nah bey sich gesehen hatte, zu vergehen. Sie sass, in aller ihrer Anmuth, aufs niedlichste und kunstloseste gekleidet, da; ihre Seele war ganz auf die zartliche Musik gerichtet; sie schien jeden wahren Ton im Innersten zu fuhlen, und druckte oft ihren Beyfall durch eine kleine Bewegung aus. Oft hub sie ihr schones Aug in die Hohe, und richtete es dann auf Siegwart, der, in uberirdische Entzuckungen versunken, da stand, und vor lauter Empfindung nichts von dem fuhlte, was um ihn herum vorgieng. Zuweilen drang sich ihm ein tiefer Seufzer aus der Brust, den er angstlich zu verbergen suchte. Selten wagte ers, sie lange anzusehen, weil er von tausend Augen bemerkt zu werden glaubte. Mariane sang diessmal nicht; ein paar andre Frauenzimmer aus der Stadt sangen ziemlich artig. Als das Konzert zu Ende war, so wurden einige Solos und Konzerte auf die kunftige Woche ausgetheilt; Kronhelm ubernahm eins, und auch Dahlmund; aber unsern Siegwart traf noch keins. Eh man auseinander gieng, sprach Kronhelm mit Marianen ziemlich bekannt. Diess that unserm Siegwart weh, ob er ihm gleich so herzlich gut war.

Sonst aber wars ihm, als ob er neu gebohren ware. Nun sah er einen frohen, wonnevollen Winter vor sich. Sie alle Wochen Einmal, und des Sonntags in der Kirche zu sehen, war fur ihn ein Gluck, das er jetzt nicht grosser wunschte. Ihre Blicke schienen ihm auch viel Gutes zu prophezeihen, und das freundliche Betragen des Vaters fullte ihn mit tausend Hofnungen. Als sie zu Hause waren, sagte Kronhelm: Nun, wie gefallt dir die Fischerin? Ist sie nicht ein herrliches Geschopf, und zum Anbeten schon? Von Aussehen gefallt sie mir recht wohl, antwortete Siegwart ganz kalt. Das glaub ich, sagte Kronhelm; aber ihr Herz solltest du erst kennen! Wart, ich will schon machen, dass du noch genauer mit ihr bekannt wirst. Da sollst du deine Wunder sehen! O, sie hat ein himmlisches Gemuth! Nach deiner Schwester kenn ich gar kein bessres Madchen. So viel Verstand, so viel Empfindung und Gutherzigkeit, so viel Festigkeit der Seele, und edeln Stolz und Unschuld trift man selten beysammen an. Ueberhaupt hat sie mit Theresen sehr viel Aehnlichkeit, nur dass sie kalter scheint, und, wie mir deucht, etwas eigensinnig ist, wenn mans nicht Standhaftigkeit nennen will. Ihre Mutter hast du auch gesehen; das ist eine trefliche Frau, die es selbst nicht weis, wie gut sie ist. Sie ist die Bescheidenheit und Frommigkeit selbst, und liebt ihre Tochter uber alles. Man konnte sie fur ubertrieben fromm halten, aber bey ihr kommt alles aus gutem Herzen.

Siegwart legte sich voll froher Vorstellungen schlafen. Das Versprechen Kronhelms, ihn mit Marianen genauer bekannt zu machen, gab ihm tausend glanzende Aussichten. Er sah eine wonnevolle Zukunft vor sich, und machte tausend Plane von Gluckseligkeit. Zwey- oder dreymal gieng er unter allerley Vorwand zu Gutfried, um sie oft zu sehen, und sie stand oft eine Viertelstunde lang am Fenster, und blickte oft heruber. In der Kirche sah er sie auch wieder, und erhohte seine Andacht durch die ihrige.

Den nachsten Mittewoch eilte er wieder ins Konzert. Sie sang bald zu Anfang eine Arie; er stellte sich, fern von ihr, in die andere Ecke des Saals, um unbemerkt ihren Engelston zu horen. Seine ganze Seele war ausser sich, sobald sie anstimmte. Eine solche Empfindung hatte er in seinem Leben nicht gehabt. Ich kann sie nicht beschreiben. Mitten in dem schmelzenden Gesang machte ihr Bruder, der ihr auf dem Flugel akkompagnirte, solche Fehler im Spielen, dass sie plotzlich abbrach, vom Pult weggieng, und sich unwillig auf ihren Stuhl niedersetzte. Unserm Siegwart wars, als ob er aus dem hellsten Sonnenschein mit Einemmal in die tiefste schauervollste Gruft herabsturzte. Der Bruder sprang hastig auf, lief zu ihr hin, verzerrte sein Gesicht, und machte ihr die krankendsten Vorwurfe. Sie ward roth, und unwillig. Noch nie hatte sie unserm Siegwart so gefallen; auf den Bruder warf er einen Blick voll Verachtung, und hatt ihn in dem Augenblick vor die Stirne schlagen konnen. Endlich kam der Hofrath und seine Frau, und besanftigten den Bruder; aber Mariane liess sich nicht mehr bewegen, fort zu singen. Sie sass, immer noch roth im Gesicht, mit hingesenktem Blick da, und konnte die Zahren des Unwillens kaum zuruck halten. Hierauf spielten Kronhelm, Dahlmund, und ein paar andre, noch Konzerte. Siegwart hieng mit schmachtendem Blick an Marianens niedergeschlagenen Augen. Der Verdruss und Schmerz, der aus ihren Mienen blickte, drang ihm durch die Seele, und lockte ihm auch Thranen in die Augen.

Bey Endigung des Konzerts ward unserm Siegwart auf den kunftigen Mittewoch ein Violinkonzert aufgetragen; er ubernahm es, ob ihm gleich bange war, sich vor Marianen horen zu lassen. Heut hatte er auf Gutfrieds Betragen sorgfaltig Acht gegeben. Er hatte seine Blicke wohl bemerkt, wie sie schmachtend an ihr hiengen, aber Mariane sah ihn nur Ein- oder Zweymal, und dabey ziemlich gleichgultig an. Noch einen andern Menschen, der schon in den dreyssigen zu seyn schien, und den man Rath nannte, sah er oft, und zartlich nach ihr blicken; aber diesen schien sie noch weniger zu bemerken. Dagegen ward er wegen seines Kronhelms unruhiger, mit dem sie vor dem Weggehen wieder, und, wie er glaubte, sehr vertraulich, sprach. Auch war ihm kein Blick entgangen, den sie auf ihn richtete; und, als er sein Konzert ausgespielt hatte, bemerkte er genau, wie sie ihm Beyfall zuklatschte. Er kampfte zwar lang gegen sich selbst, ihr und seinem Freunde nicht Unrecht zu thun, zumal da er von dem letzten so gewiss uberzeugt war, dass seine Seele nur allein an Theresen hange. Er machte sich selbst Vorwurfe, dass er gegen seinen liebsten Freund nur der geringsten Argwohn hegen, und nur einen Augenblick unzufrieden auf ihn seyn konnte; aber seine Empfindung liess sich nicht unterdrucken; sie widersetzte sich seiner Vernunft und Ueberzeugung, und beunruhigte ihn sehr. Wenigstens, dachte er, kann doch Mariane etwas fur ihn fuhlen, wenn gleich er nichts fur sie fuhlt.

Zu Hause sprachen er und Kronhelm noch uber das Konzert. Kronhelm schimpfte sehr auf Marianens Bruder, und bestatigte alles das, was Gutfried schon von ihm unserm Siegwart erzahlt hatte. Das Mitleiden, das Kronhelm mit Marianens Schicksal hatte, und das Lob auf sie, in das er aufs Neue ausbrach, machte unsern Siegwart noch unruhiger. Er mochte sich selber dagegen sagen, was er wollte, so liess sich doch sein Herz nicht uberreden, billiger zu denken. Er fuhlte anders, als er glaubte. Am Sonntag drauf gieng Kronhelm mit ihm in die Kirche. Auch das kam ihm verdachtig vor. Aber Mariane kam diessmal nicht. Halb war ihms lieb, halb schmerzlich. Den Montag drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, und nach dieser ein Ball. Kronhelm sagte zu Siegwart: Du must auch mit machen, Xaver. Wenn du willst, so will ich bey des Regierungsraths, Oswalds Tochter fur dich anhalten. Sie ist eine Freundin von Marianen. Ich muss die Fischerin fahren; ich hab ihrs schon im Herbst zugesagt. Ein neuer Donnerschlag fur den liebekranken, schon halb eifersuchtigen Siegwart. Nun ward ers ganz. Nichts war im Stande, ihn zu uberreden, die Schlittenfahrt mitzumachen. Kronhelm drang lang in ihn, aber endlich liess er nach. Die Schlitten fuhren bey seinem Haus vorbey. Er sah hinaus. Kronhelm lachte freundlich zu ihm herauf. Mariane sich auch herauf, und gruste freundlich. Aber diessmal ruhrte ihn ihr Gruss nicht; er schlug das Fenster zu, zog sich an, und lief aufs Feld hinaus. Hier irrte er lang im hohen Schnee herum; zeichnete mit seinem Stock ihren Namen in den Schnee, zernichtete ihn wieder, und sprach viel mit sich selber. Er war halb erfroren, eh ers merkte. Gegen Abend, als er wieder in die Stadt kam, traf er gerade auf die Schlitten. Kronhelm flog an ihm vorbey; er und Mariane grusten. Siegwart nahm den Hut trotzig ab, und setzte ihn wieder tief ins Gesicht. Er gieng auf eine halbe Stunde zu Gutfried, der sich nicht recht wohl befand. Aber er konnte nicht lang an einem Orte bleiben, und gieng wieder nach Haus. Gutfried hatte ihn nach der Schlittenfahrt gefragt; er sagte aber, er wuste nichts davon. Der ganze Abend, und die Nacht war ihm eine der traurigsten und qualendsten. Er machte sich tausend ungeheure Vorstellungen, die, so unwahrscheinlich sie auch waren, seine aufgebrachte Leidenschaft fur wahr hielt. Jetzt tanzt sie, dachte er; ist von Stutzern und abgeschmackten Kerls umgeben; denkt an ihren armen Freund, der hier im Stillen um sie traurt, nicht einen Augenblick; reicht vielleicht meinem glucklichern Freund die Hand, blickt ihn liebeschmachtend an! Gott ich kanns nicht aushalten! Mach ein Ende mit mir! So qualte er sich uber eine Stunde mit den schrecklichsten Gedanken. Endlich lehnte er sich matt in seinen Lehnstuhl zuruck und schlief ein. Erst nach drey Stunden, um halb zwolf Uhr wachte er wieder auf. Sein Licht war ausgegangen. Der Mond schien hell ins Zimmer. Er legte sich ins Fenster, sah ihn traurig an, wie er bald hell und klar am Himmel lief, bald wieder hinter leichte Wolkchen sich versteckte, und sie golden machte. Eine unaussprechliche Wehmuth uberfiel ihn; plotzlich machte er Licht, und schrieb folgendes Gedicht nieder:

An den Mond.

Heiliger, keuscher Mond! Sieh herab auf meine Leiden!

Habe Mitleid, und erbarm dich meiner!

Weinend und todtenbleich Seh ich dich, du Kind des Himmels,

Ringe meine Hand', und schmacht in Jammer.

Heiliger, keuscher Mond! Ach, ich lieb', ich lieb' ein Madchen,

Und sie weis es nicht, dass ich sie liebe!

Heilig und keusch, wie du, Brennt ihr meine ganze Seele,

Alle Heilige und Engel wissens!

Aber Sie weis es nicht! Gott im Himmel, lass mich sterben,

Wenn du nicht fur mich den Engel schufest!

Noch zwey Stunden blieb er auf, und verfiel aufs neu in angstliche Zweifel wegen seiner Mariane. Er glaubte, er muste Kronhelm noch erwarten; aber endlich ward sein Zimmer zu kalt, und er legte sich zu Bette. Kein Schlaf kam in seine Augen, jede Viertelstunde horte er schlagen. Seine Phantasie arbeitete furchterlich. Um vier Uhr horte er endlich die Hausthure offnen, und seinen Kronhelm kommen. Ein kalter Schauer lief ihm uber seine Glieder. Gott! der Gluckliche! dachte er; hullte sein Gesicht ins Kissen ein, und weinte. Endlich kam ein kurzer und unruhiger Schlummer. Den andern Morgen, als er ins Kollegium gieng, schlief Kronhelm noch; um eilf Uhr gieng er bey Marianens Haus vorbey. Das Haus war ein Eckhaus; sie sah in die Strasse, durch die Siegwart gieng; und als er sich in die andre wendete, sah sie auf der andern Seite auch heraus, ihm nach. Diess bemerkte er nachher immer, und schloss mit Recht viel Gutes draus. Aber heut war ihm alles gleichgultig, und er fuhlte nichts, als Gram und Eifersucht wegen des gestrigen Tages. Zu Haus kam Kronhelm auf sein Zimmer, und that ganz freundlich. Siegwart konnt' ihn kaum ansehen, so viel qualende und schmerzende Gedanken bemachtigten sich auf Einmal seiner Seele. O Bruderfieng Kronhelm an, gestern waren wir recht frolich! Seit ich hier bin, war mirs nie so wohl. Du hattest auch dabey seyn sollen! Ich dachte hundertmal an dich. Die Fischerin hat mich zweymal nach dir gefragt; sie glaubte ganz gewiss, du wurdest auch kommen. Du darfst dir recht was drauf zu gut thun, Bruder! Sie lobte dein Violinspielen sehr, und freut sich auf den Mittewoch, wenn du Konzert spielst. Ich sagt ihr auch, du singest gut. Das hattest du wohl bleiben lassen konnen, sagte Siegwart hastig und verwirrt. Es liegt mir viel dran, was die Madchen von mir denken! Und nun gieng er schneller auf und ab. Immer noch der alte Weiberfeind? sagte Kronhelm. Und nun muss ichs gar entgelten, wenn ich Gutes von dir spreche. Du bist ein wunderlicher Mensch! Hier brach unserm Siegwart das Herz. Verzeih mir, Bruder! sagte er, ich bin heut in ubler Laune. Es war nicht so bos gemeynt. Ich weis nicht, das bestandige Stubensitzen macht mich ganz hypochondrisch. Es war warlich nicht so bos gemeynt! Bey mir auch nicht, Bruder, sagte Kronhelm, und nahm seinen Freund bey der Hand. Wir sind ja Freunde, und du weist, was ich auf dich halte. Du hattest mir auch schon vieles ubel nehmen mussen. Lass die Grillen fahren! Ich weis am besten, dass man nicht immer aufgeraumt ist. Aber ein Wort must du mir erlauben, Xaver! Ich seh wohl, dass das Stubensitzen dir nicht taugt; du solltest dich zerstreuen! drum wollt ich eben, dass du gestern mit gewesen warest! Gelt, bey mir hast du wenig Aufmunterung, dich zu zerstreuen? Ich weis wohl, und es thut mir leid. Aber wer kann fur sein Schicksal? Wenn man so viel Gram im Herzen hat, wie ich, wie kann man da noch froh und munter seyn? Mach dir zuweilen eine Veranderung! Gut, ich wills thun, Kronhelm! sagte Siegwart zartlich. Bey der nachsten Schlittenfahrt will ich auch seyn! Du must Geduld mit mir haben! Vielleicht wirds bald besser! Er gieng auf die Seite, und wischte sich die Augen. Kronhelm konnte nichts sprechen, und gieng nach etlichen Minuten auf sein Zimmer, unter dem Vorwand, sich anzukleiden, denn sie assen jetzt auf Gutfrieds Zimmer, weil er krank war. Siegwarts Schmerz brach nun in lautes Schluchzen aus, als Kronhelm weg war. Gott! was bin ich fur ein Scheusal! dachte er; wie hab ich meinem besten liebsten Kronhelm Unrecht gethan! Er ist ein Engel, und ich bin ein Teufel! Ach, ich bin seiner Liebe nicht werth! ... Vergib mir, Gott! Vergib mir, Kronhelm! ... Ach, ich bin ein Teufel!.. Er meynts so redlich mit mir, und ich bin so treulos! ... Bin so scheuslich undankbar! ... Vergib mir, Lieber, wenn dirs moglich ist! Mariane hat nach mir gefragt! ... Das ist mehr, als ich verdiene!.. Ach, dass ich so ein schandlicher Kerl bin!.. Vergib mir, Gott! ... Mariane, Mariane! O du Engel!.. Wenn ich deiner werth ware!.. O vergib mir, Gott, dass ich so hart war gegen meinen lieben, sanften, freundschaftlichen Kronhelm!

Indem kam Kronhelm wieder aufs Zimmer, und sahs noch, wie sein Freund sich die Augen wischte. Er umarmte ihn stillschweigend. Arm in Arm, und Brust an Brust, blieben sie lang so stehen, und giengen endlich mit einander zu Gutfried. Sie trafen ihn sehr besturzt an. Er hatte einen Brief vor sich liegen, und lehnte sich, mit weinenden Augen, uber ihn hin. Nun soll ich fort! sagte er. Mein Vater hat mir heut geschrieben. Er ist sehr bose, dass ich schon uber die Zeit ausgeblieben bin, und droht, mich zu enterben, wenn ich nicht zwischen heut und drey Wochen zu Hause sey. Das kostet mich, bey Gott! mein Leben; ich fuhls schon. Ich kann an keinem andern Ort seyn, als wo sie ist! Das weis mein Vater, und ich soll doch fort. O, ich mochte rasend werden uber das verwunschte Schicksal, das mich hieher brachte! Seit ich Marianen sah, hatt ich keinen, ganz frohen, Augenblick, und das dauert nun schon ins zweyte Jahr. Nun soll ich gar sie nicht mehr sehen. Das einzige, was mich bisher noch erhalten hat; sonst ware ich langst todt. Sagt, was fang ich nun an? Beydes ist gleich schrecklich: Ohne sie seyn, und von seinem Vater enterbt und verflucht werden. Er halt Wort; ich kenn ihn schon. Nun rathet mir! Siegwart und Kronhelm zuckten die Achseln; keiner wuste, was er sagen sollte? Nicht wahr, sagte er, ihr konnt mir auch nicht rathen? Und wie solls nun ich? Das beste ist, dass es nicht mehr lang wahrt! Es steckt mir so schon etlich Tage her ein Schelm im Leib. Nur das Weggehn, davor graut mir! Ich wollt mir lieber jetzt gleich eine Kugel vor den Kopf schiessen lassen; so wars doch mit Einemmal aus! Gleich in drey Wochen weg! Das last sich kaum denken, geschweige thun.

Kronhelm und Siegwart trosteten ihn, so gut sie konnten; aber alles half nichts. Er war viel zu heftig. Ihr seyd nicht klug, sagte er, wenn ihr mit Worten etwas auszurichten glaubt! Da, da, (auf die Brust zeigend) sitzt es. Ihr must mir erst dieses Herz aus dem Leibe reissen; dann wirds besser! Ich weis, was ich schon seit Jahren her um sie geduldet habe, da sie mich nicht Einmal ansah, wie ichs wunschte. Blos an ihrem Anblick hab ich mich geweidet; der erhielt mich noch; aber nun ists aus mit mir. Zwar bleib ich hier, das hab ich schon beschlossen; aber der Fluch meines Vaters, den ich lieb und ehre denn er ist ein braver Mann der wird mich todten. Und ich wette, er last mich mit Gewalt wegholen, wenn ich nicht komme; er wollts schon vor einem halben Jahr thun, da hielt ihn meine Mutter noch zuruck. Nun ist sie todt, und kein Mensch auf Erden kann ihn halten. O, ich bin ein Ungluckskind! Mit diesen Worten schlug er sich vor die Stirne, dass es wiederhallte. So rasend hab ich dich noch nie gesehen; sagte Kronhelm; mir ist bang fur dich. Mir auch; fiel Gutfried ein. So toll wars aber auch noch nie! Ich weis, wie mirs war an Ostern, als ich nur acht Tage von ihr weg war; und nun auf mein ganzes Leben! O, ich halt es nicht aus! Wenn nur das Gift, das ich in mir fuhl, bald um sich griffe, und Mark und Knochen aufzehrte! Es war ja Wohlthat, wenn gleich das Sterben ohne sie auch schrecklich ist. Aber nach dem Tod hoff' ich doch Linderung.

Kronhelm und Siegwart redeten ihm zu, sich doch selbst zu schonen, und kein Selbstmorder zu werden! Das werd ich auch nicht, sagte er, dazu hab ich zu viel Christenthum, und weis, dass es Sunde ist. Aber, lieben Leute! ich hab mir ja den Schmerz, der mich aufzehrt, nicht selbst gemacht! Ich stritt lang, und wollte sie vergessen, als sie gar nichts von mir horen wollte. Aber der verschlossne Gram wuthete nur heftiger in mir, und leckte allen Lebenssaft hinweg. Jetzt kannst du aber nicht reisen, sagte Kronhelm; du siehst gar zu elend aus. Ich will deinem Vater schreiben, dass du krank bist, oder selber die acht Meilen zu ihm reiten. Vielleicht sieht ers doch ein, und gibt nach. Thu das, Bruderchen! sagte Gutfried; Gott segne dich fur diesen Einfall, und fur deine viele Freundschaft! Ich werd dirs nicht mehr lang verdanken konnen; aber einst im Himmel will ichs thun, wenn mir Gott barmherzig ist, und mich zu sich nimmt. Kronhelm versprach, morgen hinzureiten, wenns nicht besser werde. Und nun ward Gutfried etwas ruhiger. Doch ass er nicht mit, und beklagte sich uber innerliche Hitze. Siegwart hatte mit seinem Zustand vieles Mitleid, und zitterte vor gleichem Schicksal. Nach Tische muste er ins Kollegium gehen. Gegen Abend kam er wieder hin. Gutfried beklagte sich sehr uber Kopfweh, und innre Hitze, und muste sich zu Bette legen. Kronhelm, der Gefahr befurchtete, erbot sich, diese Nacht bey ihm zu bleiben und zu wachen. Siegwart kann dann morgen da bleiben, wenns nothig ist, sagte er, weil ich morgen weg reite. Siegwart gieng nach Haus, und machte sich wegen seines Betragens gegen Kronhelm neue Vorwurfe. Er weinte uber seine Thorheit, die ihn auf seinen besten Freund eifersuchtig machte, und zu einem so lieblosen Betragen verleitete. Nach vielen Seufzern entschloss er sich recht fest, sich kunftig vor diesem schrecklichen und thorichten Verdacht in Acht zu nehmen, und weder sich, noch seinen edeldenkenden Freund mit einem so ungegrundeten Verdacht zu qualen.

Dann uberliess er sich ganz dem sussen, und schmeichelnden Gedanken, dass sich Mariane nach ihm erkundigt habe, und zog tausend gute Vorbedeutungen draus her. Er argerte sich, dass er aus blossem Eigensinn und narrischer Verblendung den Ball und die Schlittenfahrt nicht mit gemacht hatte, und wunschte sehnlich eine so herrliche Gelegenheit, Marianen kennen zu lernen, bald wieder.

Den andern Morgen kam Kronhelm nach Haus, und sagte, dass ihm Gutfried gar nicht gefalle. Es scheine eine schwere Krankheit im Anzug zu seyn. Siegwart fand ihn auch am Mittag um ein gutes kranker, als gestern. Den Nachmittag ritt Kronhelm weg, und versprach, in hochstens vier Tagen wieder zu kommen. Siegwart blieb bis funf Uhr bey Gutfried. Dann gieng er nach Haus, um sich anzukleiden, und sein Konzert noch vorher zu spielen. Nach dem Konzert, versprach er, wieder zu kommen, und bey ihm zu wachen.

Er gieng mit ziemlichem Herzklopfen ins Konzert, weil ihm bange war, sich vor Marianen horen zu lassen. Sie sass ihm gegenuber. Anfangs spielte er sehr angstlich; aber der Beyfall, den sie ihm durch ihre Aufmerksamkeit, und einige Bewegungen mit dem Kopf zu geben schien, befeuerte ihn auf einmal, dass er beym Allegro wild in seine Saiten sturmte, und die Herzen aller Zuhorer zur Bewunderung hinriss. Er sah ihr die Freude und das Wohlgefallen an, das sie druber hatte, und trieb die Kunst immer hoher. Auf Einmal sank er, im Adagio, in den tiefsten Klageton herab. Seine Violine sprach; jeder Ton ward eine Sylbe. Sein ganzes Spiel ward die ruhrendste Klage, und das wehmuthigste Selbestgesprach. Sein eignes, liebekrankes Herz schien, es zu halten. Alles lauschte auf dem Saal, kein Laut ward gehort; jeder hielt den Athem an sich; aus jedem Herzen wollt' ein Seufzer aufsteigen, der nur muhsam zuruck gehalten wurde. Mariane sass in tiefer Wehmuth da; senkte ihr thranenvolles Aug zur Erde, blickte schmachtend wieder auf, und ward vor heftiger Empfindung blass. Dann warf sie einen Blick, aus dem die ganze Seele sah, auf Siegwart; er fieng ihn auf, stieg in einem Lauf bis auf die hochste Hohe, dass die Seele mit hinauf stieg, und staunte; senkte sich herab, und preste aus jeder Brust ein Ach! voll Schmerz und Bewunderung. Jede Hand war aufgehoben, ihm den warmsten Beyfall zuzuklatschen; Mariane war die erste, die es that. Er verneigte sich gegen sie, und gegen die ubrige Gesellschaft, und gieng auf die Seite, um sich wieder zu erholen, und den Schweiss vom gluhenden Gesicht zu wischen. Im ganzen Saal entstand ein freudiges Gemurmel; jedes Herz theilte dem andern seine staunende Bewunderung mit; jeder Zuhorer sah auf ihn, und war bewegt. Der Hofrath Fischer kam, druckte ihm die Hand, und dankte ihm. Auch der Engel Mariane kam ihr Siegwart zitterte. Sie habens unaussprechlich gut gemacht, sagte sie; ich dank Ihnen aus dem vollsten Herzen. Sie bringen Tone aus der Violine, die ich niemals drinn gesucht hatte. O, Ihr Adagio war gottlich! Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblich zartlichen Blick an; er ward feuerroth, schlug die Augen nieder, und wagt es nicht, sie anzusehen. Er stund da, und konnte sich kaum halten: jedes Auge, glaubte er, bemerk ihn. Wo haben sie denn heut den Herrn von Kronhelm gelassen? fieng sie wieder an. Diese Frage riss ihn wieder etwas aus der schrecklichen Verlegenheit, in der er sich gewiss verrathen hatte. Er ist.. sagte er, und hub die Augen wieder auf; er ist ... ausgeritten.. weil Herr Gutfried krank ist ... weil ers Vater sagen will. Drauf erkundigte sie sich nach Gutfrieds Umstanden. Werden Sie nicht auch einmal eine Schlittenfahrt mitmachen? fragte sie endlich. O ja! war seine Antwort, sobald wieder Gelegenheit da ist plotzlich fuhr der Gedanke, wie ein Blitz, durch seine Seele: Sollt ich sie wol bitten, mit mir zu fahren? Indem er noch zweifelte, und eben etwas sagen wollte, kam Marianens Mutter, machte ihm ein ausserordentlich verbindliches Kompliment, und lobte ihn mit vieler Warme wegen seines Spiels. Indem kamen noch andre, die ihn auch mit Lobspruchen uberhauften; man hielt sein Errothen fur Bescheidenheit, und er konnte nun Marianen, die noch bey ihm stand, weit freyer ansehn, und ihre unaussprechlich regelmassige Zuge, ihr hellglanzendes Aug, und die feinste weisse Haut bewundern. So wohl und bang, wie in diesem Augenblick, war ihm noch nie gewesen.

Wahrend dass noch jedermann um den begluckten Siegwart herum stand, klopfte endlich Marianens Bruder, der schon langst vor Eifersucht gegluht hatte, voll Verdruss auf die Violine, um die Spieler zusammen zu rufen, und fieng ein Konzert zu spielen an. Er machte es nicht ganz schlecht; aber nach Siegwart konnte man ihn kaum mehr horen. Als er ausgespielt hatte, klatschte niemand Beyfall. Diess verdross den stolzen Knaben sehr, und machte ihn unserm Siegwart, den er schon vorher beneidet hatte, noch aufsatziger.

Nach dem Konzert gieng Siegwart nach Haus, um sich umzukleiden. Anfangs wuste er sich vor Freuden uber Marianens Beyfall kaum zu fassen. Nach und nach kamen ihm wieder Grillen und angstliche Gedanken. Er dachte: Das alles konnte sie wol sagen, ohne dich zu lieben. Sie sprach nur mit dir, um sich nach Kronhelm zu erkundigen. Sie kann ihn lieben, wenn ers auch nicht weis. Er ist unschuldig, aber was hab ich davon? So lang sie sich nicht deutlicher erklart, und von meiner Liebe weis, so lang ists nichts, u.s.w. Unter solchen traurigen Gedanken, die die erste Liebe, solang sie nicht Gewissheit hat, tausendmal in der Brust des Liebenden erzeugt, gieng er zu Gutfried, um bey ihm die Nacht uber zu wachen. Er war jetzt etwas muntrer. Diesen Abend, sagte er, hatt ich einen harten Kampf. Ich bekam eine Art von Fieber, und die schrecklichsten Phantasien angstigten mich wol eine Stunde lang. Jetzt ist mirs ganz leicht. Setzen sie sich zu mir her, ans Bette! Siegwart thats.

Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Haben Sie sie heut gesehen? Hat sie gesungen? Gesehen hab ich sie, antwortete Siegwart; aber gesungen hat sie nicht. Sie erkundigte sich bey mir nach Ihnen. Hat sie das? rief Gutfried hastig, und richtete sich im Bett auf. O der Engel! Ich muss sie anbeten, ob ich gleich gewiss weis, dass sie ewig nicht die meine wird. Er legte sich langsam wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu verdanken! Ich war ein liederlicher Kerl, eh ich sie habe kennen lernen. Gott vergeb es mir! Ich ward verfuhrt. Als ich hieher kam, wust ich noch gar nichts von der Welt. Sechs Jahre hatt ich in einem Jesuiterkloster gesteckt; muste da die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht, beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, sah ich sie selber mit den Fussen treten. Wie ein Sklave war ich eingeschrankt, und durste keinen Schritt thun, ohne Vorwissen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, so hielt ich alles, was ich sah, fur wunschenswurdig, und schmachtete in meinem Kaficht wieder desto mehr darnach. Als ich nun hier ankam, und der Freyheit ganz genoss, nach der ich mich so langst gesehnt hatte, da glaubt ich, um mich schadlos zu halten, und das Versaumte wieder einzuholen, muss' ich nun der Freyheit ganz geniessen, und alles mitmachen. Freyheit und Ausgelassenheit hielt ich fur einerley. Alles, was ich sah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel drauf hin, wie ein Geyer auf den Raub, und glaubte mich nie sattigen zu konnen. Sie wissen, wozu der narrische Begriff von Universitatsfreyheit verleitet. Zu allem Ungluck waren damals hier die allerschandlichsten Gesellschaften, in denen Gewissen und Vernunft durch Zoten und Unflathereyen ubertaubt, und durch unmassiges Saufen geschwacht, oder gar getodtet wurden. Da gieng ein jeder hin, und that, was ihm gefiel. Mein Trost ist noch, dass ich niemals Freundesblut vergossen, und nie eine Unschuld verfuhrt habe. Davor hat mich Gottes Gnade noch bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuschreiben. Ich war bey meinem tollen, heftigen Temperament, und bey meinen Grundsatzen zu allem fahig gewesen. Zweymal ward ein Freund in meiner Gegenwart erstochen; ich seh noch ihr Blut mit Schrecken rauchen. Dem Boling, der sonst noch weit schlechter war, wie jetzt, hab ich zweymal das Leben gerettet. Der Umgang mit liederlichen Menschern entkraftete mich so, dass ichs jetzt noch fuhle; und ich hatte mich zuletzt ganz zu Schanden gerichtet, wenn nicht der Engel Mariane, wie vom Himmel herab, gekommen ware. Das erstemal sah ich sie auf einem Ball wo mich Dahlmund mit Gewalt hinschleppte; denn es gieng mir da viel zu ehrbar zu. Sie sehn, und weg seyn, war Eins! Aber, Gott! was das fur eine Empfindung war! Ich bebte, wie ein Sunder, der vor Gott steht, und schamte mich vor mir selbst. Anfangs wagt' ichs kaum, sie anzusehen, denn es war, als ob sie mich durchblickte, und den schlechten Kerl in mir entdeckte. Aber weg war ich ganz, und konnt auf der Welt an nichts mehr denken, als an sie. Alles war mir ekelhaft; ich hatt in das Lumpengesind und meine liederlichen Saufbruder spucken mogen! Sie lachten mich aus, als ich nicht mehr mitmachte, ich liess sie lachen. Ich blieb allein, argerte mich uber mein vergangnes Leben, und schmachtete um Marianen. Dass sie mich lieben sollte, konnt' ich noch nicht wunschen, denn ich kannte mich selbst zu gut, was ich fur ein Kerl gewesen war; ob gleich jetzt jeder Schatten von Begierde aus mir weg wich. Aber sie war doch fur mich' zu heilig; ich sah zu ihr hinauf, wie zu der Mutter Gottes, und wunschte nichts, als einen einzigen Gnadenblick von ihr. Ich kriegte sie selten zu Gesicht. Einmal sah ich sie, an Allerheiligen, in der Kirche. Ihr Aug und Herz betete voll Andacht. Nun wagt ichs auch zum erstenmal wieder, meine Augen aufzuheben, und Gott um Erbarmung anzuflehen. Ihre Andacht gab der meinen Muth und Flugel. Es war mir, als ob ein Stral von gottlicher Barmherzigkeit sich in mein Herz herab senkte, und es starkte. Mir ward so wohl, dass ich weinen konnte. Dieser Augenblick bleibt mir unvergesslich; er ist der Anfang meines wahren Glucks. Ich ward nun wirklich fromm, denn ich handelte nach Grundsatzen. Zu Haus warf ich mich nun nieder, und zerfloss in Thranen. Das Gefuhl der gottlichen Begnadigung goss sich wieder durch mein Herz; ich las auch in der Bibel, und ganz anders, als im Kloster ehmals. Ihre Kraft, und der heilige Gedank an Marianen unterdruckte, oder massigte meinen wilden, unbandigen Karakter; obgleich noch das weis der liebe Gott unendlich viel davon zuruck blieb; denn oft will es wieder in mir aufbrausen, und ich habe gnug mit mir zu kampfen. Mit meiner Besserung keimte auch der Wunsch auf, Marianens Herz zu gewinnen. Ich konnte mich ihr nun eher ohne Zittern nahen, denn ich fuhlt es, dass ich besser war. Im Konzert hatt ich Gelegenheit, mit ihr bekannt zu werden. Sie begegnete mir immer freundlich und gefallig; aber niemals hab ich einen Funken von Liebe an ihr wahrgenommen. Ich furchte, sie weis meinen vorigen Lebenswandel, und kann deswegen kein rechtes Zutrauen zu mir haben. O Freund, diess ist die groste Strafe meiner schandlichen Verblendung! Diese, und dass ich einen ausgemergelten Korper davon getragen habe, der mich wohl in wenig Wochen oder Tagen ins Grab sturzen wird. Dass mir Gott vergeben habe, hoff ich um der Leiden seines Sohnes willen, sonst must ich gar verzweifeln. Ich beschwore Sie um Gottes willen, theurer Freund! Sie sind noch jung, und mancherley Verfuhrungen ausgesetzt. O behalten Sie ihr Herz rein! Sie wissen nicht, was das fur ein Kleinod ist, denn ich hoffe, dass Sies nie verlohren haben. Glauben Sie mir, dass beym Laster nichts als Unruh ist, und Hollenreue hintennach. Ich schwor Ihnen, dass ich nicht nur jetzt so rede, weil ich krank bin, und den Tod naher vor Augen seh, als Sie. Ich hab in gesunden Tagen eben so gedacht, und bin wahrhaftig uberzeugt, dass nichts auf der Welt ganz glucklich macht, als Kenntniss und Ausubung unsrer heiligen Religion, und Rechtschaffenheit, und Reinigkeit des Herzens. Ich hab alles versucht, bin alles gewesen, Religionsverachter, Spotter, Zweifler, Taugenichts, und Christ, und nichts hat mich beruhigt, als das letzte. Noch einmal, ich beschwore Sie, Freund! bleiben Sie auf dem guten Wege, auf dem Ihnen so wohl ist! Bleiben Sie ein rechtschaffener Mann, ein Christ! Denken Sie an meine Worte! Ich bin jetzt glucklich, und wars noch mehr, war ich immer gut geblieben.

Hier konnte der geruhrte und entkraftete Jungling nicht mehr reden. Ein heisser Strom von Thranen sturzte ihm aus den Augen, er schluchzte, und verhullte sein Gesicht ins Kissen. Siegwart konnte sich nicht langer halten; das Herz brannte ihm im Leibe. Thranen schossen uber seine Wangen; er lief weg ans Fenster, und schluchzte laut. Gott, erhalt mich fromm und rein! Mehr konnte er nicht seufzen; aber ihm wars, als ob er Gott von Angesicht zu Angesicht erblickte, und gewiss ware, dass er bleiben wurd' in seiner Reinigkeit und Unschuld.

Erst nach etlichen Minuten gieng er wieder ans Krankenbette. Gutfried gab ihm seine Hand. Lieber Freund, sagte er mit sanfter Stimme, wir konnten so viel reine Freuden auf der Welt geniessen, dass wir solcher Ausschweifungen nicht nothig hatten. Wie viel frohe himmlische Abende gab uns, dieses letzte halbe Jahr, die Freundschaft! Gott! wie sassen wir oft so vergnugt zusammen, und fuhltens erst am Ende, dass die Zeit so schnell verstrichen war. Welche reine, unverfalschte Freuden gab uns die Musik! Wie erhub sie unser Herz zu himmlischen Empfindungen; zu Entschlussen, etwas Grosses und Edles fur die Welt zu thun. Wie erquickte sie uns nach unserm Studieren! Am Abend wars uns, als ob wir den ganzen Tag in reiner Wollust zugebracht hatten. Und die schonen Wissenschaften! Ihnen verdank ich, nachst der Liebe zur Tugend und zu Marianen, mein verfeinertes, veredeltes Gefuhl am meisten. Ich liebte Marianen, und durch sie, die Tugend schon eine geraume Zeit; aber in meinem ausserlichen Wesen war immer noch viel Rohes und Unbehagliches. Nun sah ich bey ihr einmal ein Buch von Kronhelm liegen; es waren Kleists Werke. Ich sah hinein; und es gefiel mir. Mariane lehnte mir das Buch mit Kronhelms Vorwissen. Freund! wie war mir das so neu! Wie viele, vorher nie gefuhlte Empfindungen fullten da mein Herz! Wie ward es oft zur Anbetung des Schopfers hingerissen! Ich sah nun die Natur mit ganz andern Augen an. Jede Blume, jeder Vogel, jede schone Gegend ward mir wichtiger, und lehrte mich den Schopfer im Geschopf bewundern. Mein Herz ward reizbarer und empfindlicher furs Gute und furs Schone. Ich sah die Harmonie der Schopfung, trug sie auf meine Handlungen uber; schatzte sie im Leben und der Denkungsart andrer Menschen mehr; sah bey mir selbst mehr auf ausserlichen Anstand; und ward gegen jedes Elend mitleidig.

Sein Gesprach ward durch die Ankunft Bolings unterbrochen. Dieser erbot sich, mit Siegwart zu wachen, damit der Eine etwas schlafen konnte, wahrend dass der andre wachte. Unser Siegwart erwahlte die Vormitternacht zum Wachen, denn er sah beym Hofrath Fischer Licht, und hoffte, seine Mariane noch einmal zu sehen. Als Gutfried etwas einschlummerte, setzte sich Boling in den Lehnstuhl, um zu schlafen, und Siegwart legte sich ins Fenster, ob er Marianen nicht erblicke? Ein paarmal sah er etwas am Fenster hin und her gehn, aber er konnte nicht genau unterscheiden, ob es sie sey, oder ihre Mutter? Er war halb freudig, und bald traurig; bald furchtete er alles Traurige, und hoffte dann auf Einmal wieder nichts als Gutes. So stand er, in susser Wehmuth, und voll schwarmerischer Entwurfe eine ganze Stunde da. Endlich horte er das Klavier anstimmen, riss das Fenster eilig auf, und lauschte, dass er kaum zu athmen wagte. Erst spielte Mariane eine ernsthafte, langsam gehende Phantasie; dann eine schmelzend zartliche Sonate, und endlich einen feyerlichandachtigen Choral, und sang dazu. Siegwart kam uber den empfindungsvollen Ton ihrer Silberstimme ganz ausser sich, dass er kaum mehr wuste, wo er war. Er hatte tausend Empfindungen, deren er sich kaum selbst bewust war, und die sich erst nach und nach entwickelten, als sie lange schon schwieg. Er lag noch lang im Fenster, als ob er ihr zuhorchte, ob sie gleich schon das Licht ausgeloscht hatte. Endlich ward er wehmuthig, setzte sich an den Tisch, und schrieb, als er Dinte und Papier vor sich sah, folgendes Gedicht nieder:

Alles schlaft! Nur silbern schallet

Marianens Stimme noch!

Gott! von welcher Regung wallet

Mein gepresster Busen hoch!

Zwischen Wonn' und bangem Schmerz

Schwimmt mein liebekrankes Herz.

Schwind, o Erde! Lass mich fliegen

Zu des Hochgelobten Thron;

Mich mit ihr im Staube liegen,

Seufzen mit in ihren Ton:

Gott, du horst es, was sie fleht;

Acht' auch mit auf mein Gebet!

Dass ich lang um sie mich quale,

Ist der Holden unbewust;

Send', o Gott, der frommen Seele,

Lieb' und Mitleid in die Brust!

War' ihr nur mein Leid bekannt,

War' auch meine Qual verbannt.

Gott! ich seh den Himmel offen!

Freud und Leben winken mir!

Dass mein Herz darf wieder hoffen,

Mariane, dank ich Dir.

Sing, und zaubr', o Sangerin,

Ganz ins Paradies mich hin!

Siegwart sass noch eine Stunde da, und uberliess sich seiner Phantasie, als endlich Boling aufwachte, um ihn abzulosen. Gutfried schlief sehr angstlich, und unruhig; fuhr oft auf, und sprach oft mit sich selbst. Sie befurchteten den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, das der Arzt den Abend vorher ziemlich deutlich vorausgesagt hatte. Boling versprach, unsern Siegwart sogleich zu wecken, wenn die Krankheit steigen sollte, und nun schlief er im Lehnstuhl ein. Vor Tag weckte ihn Boling durch einen heftigen Schrey auf; denn Gutfried hatte angefangen, zu phantasiren, war aus dem Bett gesprungen, und hielt ihn an der Kehle fest. Lass mich los! rief Gutfried, reiss mich nicht von Marianen, Vater! sonst erwurg ich dich! Siegwart sprang hinzu, und riss ihn endlich mit aller Gewalt von Boling weg. Sie hatten Muhe, ihn ins Bett zu bringen; seine Augen funkelten und rollten furchterlich; der weisse Schaum stand ihm zwischen den Zahnen; er klammerte sich mit den Handen fest an, wenn er was zu fassen kriegte, und hatte fast ubermenschliche Starke. Endlich brachten sie ihn doch wieder aufs Lager. Er sprach unaufhorlich fort, zankte sich mit seinem Vater, glaubte zuweilen, den bosen Feind vor sich zu sehen, lachte furchterlich laut, und weinte dann wieder, wie ein Kind. Sein Zustand drang seinen beyden Freunden tief ins Herz, dass sie sich mit Thranen, und mit Seufzern ansahen. Einmal hielt er ein langes, ruhrendes Gebeth an die Mutter Gottes, richtete sich auf, hub die Hande in die Hohe, nannte sie zuweilen Mariane, und sank entkraftet wieder aufs Bett zuruck. Siegwart und Boling wusten sich kaum mehr zu helfen. Nach dem Arzt konnten sie nicht gehen, weil keiner sich, allein bey ihm zu bleiben, getraute, und im Hause schlief noch jedermann. Sie warteten mit Sehnsucht auf den Morgen. Endlich brach er an. Sie schickten eiligst nach dem Arzt. Dieser zuckte die Achseln, verordnete eine Aderlasse, und versprach wenig Hofnung. Nach dem Aderlassen ward der Kranke etwas ruhiger, und schlummerte ein wenig ein. Zwey Stunden nachher wachte er mit grossem Schreyen wieder auf, riss die Binde von der Ader weg, und verblutete sich, eh man ihm beykommen konnte, so, dass er in eine Ohnmacht sank. Der Arzt, der herbeygerufen wurde, brachte ihn, nach vieler Muhe wieder zu sich selbst. Er war so matt, dass er kaum reden konnte. So lag er den ganzen Tag da, und erholte sich erst gegen Abend wieder etwas. Siegwart kam keine Viertelstunde von seinem Bette. Auf sein Verlangen muste er ihm die letzten Reden Jesu im Johannes, und Semidas Selbstgesprach im vierten Gesang der Messiade vorlesen. Beyde waren sehr geruhrt. Der Kranke hub seine Augen in die Hohe, und sagte: Segen dem Manne, der die Heiligkeit der Liebe so tief gefuhlt hat! Wohl dem, der, wie er, fuhlt! Dann betete er still zu Gott; rief einigemal laut: Gnade mir, Erbarmer! und dann weinte er. Segne Marianen! sprach er leiser. Gib ihr einen Mann, der fromm und rein liebt!

Den ganzen Tag uber lag er matt da; seine Krafte nahmen sichtbar ab. Gegen Abend schien sein Ende nahe. Lieber Siegwart, sagte er: Versichern Sie meinen Vater meiner Liebe, meines Danks, und meiner Reue! Sagen Sie ihm, dass ich Marianen liebte; dass ich durch sie fromm ward, und nun freudiger zu Gott geh! Ich wollt ihn durch mein Aussenbleiben nicht betruben. Eine innre, unbekannte Kraft hielt mich zuruck. Es war mehr, als Liebe. Ihr zu widerstehen, war mir unmoglich. Sagen Sie ihm alles, alles!

Nach einigem Schweigen fuhr er fort: Noch einmal, um Gottes willen, lieber Siegwart, bewahr das im Herzen, was ich gestern sagte!.. Lass dich nicht verfuhren! ... Bleibe dir und Gott treu! ... Sags auch Kronhelm! ... Dank ihm! ...

Siegwart konnte nichts, als weinen. Auf Einmal entstand im Haus unten ein Lerm. Das will ich sehen, obs so schlecht ist? rief eine rauhe Stimme. Er soll und muss mit mir fort, der Ungerathene! Indem sturzte Gutfrieds Vater in das Zimmer, Kronhelm hinter ihm drein, und aufs Bette zu. Heh! Kerl! rief der Vater, und schuttelte seinen Sohn. Plotzlich, als er seinen Sohn im Todesschweisse sah, blieb er wie erstarrt stehn. Mit der einen Hand hielt er seinen Sohn, und die andre hub er in die Hohe. Was ists? sagte er, mit zerstorten Blicken, zu Siegwart. Will er sterben, oder ist er schon? Karl! und nun schuttelte er ihm die Hand; um Gottes willen, Karl! du lieber Karl! Was ists? Der junge Gutfried hub seine Augen auf; eine Thrane glanzte drinn, und schloss es wieder zu. Der kalte Todesschweiss stund ihm auf der Stirne. Er lag unbeweglich da. Der Vater liess seine Hand unwillig fahren, gieng weg, sah gen Himmel, seufzte tief, und sprach: Nun ists aus mit mir! Deine Mutter, deine Mutter! Gott! ich habs verschuldet! Karl! Karl! Sie hat mirs gesagt. Nun warf er sich stumm uber seinen Sohn her, kuste ihm den letzten Athem aus dem Mund; der Sohn war todt. Der Vater setzte sich ans Bette, sah den Sohn lang und starr an. Endlich murmelt' er: Gott! sobald mit deinen schrecklichen Gerichten! Hat er mir geflucht? Sie gesegnet, sagte Siegwart. Gut! ich habs doch nicht verdient! versetzte der Vater. Hab doch seine Mutter ins Grab gebracht, durch Untreu! Aus dem Haus soll sie mir, der Hund! Ich kann keine Hure sehn! Ich bin ein Ehebrecher! Lieber Karl! Bist du bey der Mutter? Ach, verklag mich nicht! Verklag mich nicht! Nun sturzte er sich wild uber seinen todten Sohn her, und kuste ihn, dass er ihm die Lippen aufbiss. Der Bube war doch fromm? Nicht? Nun, so mag er fur mich bitten! Aber, ach, nun hab ich keinen Sohn mehr! habe keine Freunde mehr im Alter! Ach, nun mocht ich sterben, weil er todt ist! Du lieber, todter Sohn! Eine Hure hat dir deines Vaters Herz gestohlen! Und du bist gestorben; konntests langer nicht mehr ansehn! Sags deiner Mutter nicht, Karl! Um Gottes willen nicht! Ach, dass du so fruh gestorben bist! Die Hure soll mirs bussen! Siehst wie deine Mutter aus, als sie gestorben war! Hat er mich gesegnet, Herr? Mein Weib hats auch gethan! Aber kann beym Ehebruch auch Segen wohnen? Dass du mich gesegnet hast, das hat dich deine Mutter wohl gelehrt; wenn sie mit dir weinte in der Kammer. Nun sprang er auf: Aber, lieben Herren, sagts der Welt nicht! Ich will selber meine Schande aufdecken! Lieber Karl! Ich kann dich nicht mehr ansehn. Es ist gar zu furchterlich!

Indem kam der Arzt herein mit Boling. Der Vater gieng in einen Winkel, sah bestandig starr auf einen Platz, und schwieg, solang der Arzt da war. Nachher sagte er zu Kronhelm: Lassen Sie meinen Karl begraben! Ich kann nichts thun.

Kronhelm machte Anstalten, dass sein Freund in zwey Tagen begraben wurde. Der Vater verschloss sich grostentheils auf dem Zimmer seines Sohnes, und liess sich nur von Siegwart und von Kronhelm sprechen. Sie musten ihm seine ganze Geschichte erzahlen. Er horte stillschweigend, und mit niedergeschlagnen Augen zu. Nur zuweilen seufzte er tief auf, oder klagte sich selber, wegen seines Betragens gegen ihn, an. Ich vermuthete, sagte er, dass ihn etwas anders auf der Universitat zuruckhielte, so wie mirs ehemals gieng. Wenn man schlechte Streiche macht, so vermuthet man sie bey andern auch. An eine so heilige und keusche Liebe, wie die gegen Marianen war, dacht' ich gar nicht. War denn gar keine Hofnung da, dass ihn das Madchen wieder lieben werde? Wenig, oder keine; antwortete Kronhelm. Eben jetzt sagte mir Boling, sie werd' einen hiesigen Assessor heyrathen. Siegwart wurde uber diese Nachricht plotzlich blass, und lief weg. Zu Haus sank er in einen Stuhl, blieb eine Stunde lang so sitzen, seufzte, weinte; und verwunschte sein Geschick.

Den andern Tag wurde Gutfried begraben. Der Vater gieng stumm hinter dem Sarge drein. Es folgten die Freunde seines Sohnes; alle voll tiefen Grams. Siegwart war am meisten bewegt. Der Gedanke an den Verlust eines solchen Freundes, und der Gedanke an sein eignes trubes Schicksal zerfloss in seiner Seele in einen einzigen, und lag schwer auf ihm. Stumm und starr sah er auf den Sarg ins Grab hinab; bittre Thranen flossen drauf, und sein Herz ward voll von dem Wunsch, wie sein Freund zu sterben; denn zuweilen that er, aus seinem kummervollen Leben einen Blick in die Wonne, der sein Freund nun genoss. Den Abend drauf schrieb er aus dem kummervollsten Herzen diese Verse nieder:

An Gutfrieds Begrabnistage.

Wurd' ich doch, wie du, begraben!

Sank' ich auch in Todesnacht!

Zartlichkeit und Jammer haben

Mich dem Grab' auch reif gemacht.

Deine Leiden sind voruber,

Ausgeweinet hat dein Blick;

Aber trauriger und truber

Wird mir jeder Augenblick.

Stimmet keine Trauerlieder

Auf des Freundes Hugel an!

Segnet sein Geschick, ihr Bruder!

Er betrat des Lebens Bahn.

Wisst: Der schonste Tag des Lebens

Ist der nachste an der Gruft.

Ach, dass doch mein Wunsch vergebens

Ihn, herbeyzueilen, ruft!

Kronhelm hielt den Kummer seines Freundes fur Schmerz uber Gutfrieds Tod, und vereinte sich mit ihm zu klagen. Den nachsten Sonntag sah Siegwart seine Mariane in der Kirche. Sie grusste ihn freundlich, und sah heiter aus. Er hielt diese Heiterkeit fur Freude uber ihre nahe Verbindung, und ward daruber noch unruhiger, und trauriger. Im nachsten Konzert merkte er wohl, dass sie ihn sehr fleissig beobachtete, aber seine Furcht liess ihn auf nichts vortheilhaftes schliessen. Sie sang eine obligate Arie, und bat Kronhelm, ihr dabey zu akkompagniren. Diess brachte ihn noch mehr auf, und erfullte ihn mit dem bangsten Schmerz. Der halbverborgene Funken von Eifersucht glimmte wieder frisch in ihm auf. Seine Vernunft mochte ihm sagen, was sie wollte; sein Herz stritt dagegen. Er merkte kaum auf ihren himmlischen Gesang, und fuhlte nichts von der herzschmelzenden Zartlichkeit, mit der sie sang. Indem er so, von tausend kampfenden Leidenschaften besturmt, in einem Winkel stand, und nicht bemerkte, dass die Arie ausgesungen war, trat Mariane zu ihm, und bat, er mochte ihr bey einer zweyten Arie akkompagniren. Er stund da, wie vom Grab erweckt, in der staunendsten Bewegung; neigte sich gegen sie, und nahm zitternd seine Violine. Seine Tone rangen mit den ihrigen um den Vorrang des Ausdrucks; endlich stromten sie in einander, wie die Empfindung zwoer Seelen, die sich nun zum erstenmal ihr Gefuhl entdecken, und es ganz in Seufzer und in Worte ausfliessen lassen. Als er ausgespielt hatte, verneigte sie sich tief vor ihm, mit einem Lacheln und einem Ausdruck ihres Auges, der durch sein ganzes Wesen eine, nie gefuhlte Warme ausgoss. In dem Augenblick vergass er aller Zweifel, aller Schwierigkeiten; sie war ganz sein. Es fuhlt' er wohl, und wust' es nicht, wie Klopstock sagt.

Sie bat ihn nun im nachsten Konzert ein Duett mit ihr zu singen. Er stotterte was her: Er sey im Singen so geubt nicht, um mit ihr zu singen u.s.w. Sie sagte aber: Sie wisse, durch Herrn von Kronhelm, schon das Gegentheil, und rief Kronhelm selbst zum Zeugen auf. Dieser versicherte, dass sein Freund nur aus ubergrosser Bescheidenheit so rede. Drauf sprachen sie von Gutfried. Mariane bedaurte seinen Tod mit dem herzlichsten Antheil, so dass unserm Siegwart die Thranen in die Augen schossen. Tausend Empfindungen drangten sich in seiner Seele. Gutfried, sagte sie, hatte sehr viel Gutes, viel Empfindung, und das ist das Beste. Seine Freundschaft war mir werth und schatzbar. Ich hatt ihm ein langeres Leben gewunscht. Doch nun ist ihm auch wohl. Hier wandte sie sich auf die Seite, um sich eine Thrane aus dem Auge zu wischen. Unsre beyden Junglinge sahn sich an, und weinten auch. Voll seiner heftigen Liebe gegen sie schien sie nichts gemerkt zu haben. Diess ruhrte unsern Siegwart noch mehr. Die Hofrath Fischern stellte sich auch zu ihnen, und besprach sich, besonders mit Siegwart, uber Gutfrieds Tod. Mariane sprach indessen mit Kronhelm, und sah mehrmals unsern Siegwart seitwarts sehr bedeutend an. Sein Herz ward ihm durch jeden solcher Blicke sehr erleichtert, und Hofnung nahm die Stelle der Furcht ein. Kronhelm hub zu Hause an: Hor! Xaver, Mariane will den Gessner lesen, und ich hab ihn nicht, willst du mir ihn wohl fur sie leihen?

Siegwart. O von Herzen gerne! Sie kann alle Bucher von mir haben.

Kronhelm. Nun, das heiss' ich mir einmal vernunftig gesprochen! Nicht wahr, du gibst mir nun auch zu, dass die Fischerin ein vortrefliches Madchen ist! Sie gefallt dir doch?

Siegwart. Ich habe nie nichts gegen sie gehabt; warum sollte sie mir nicht gefallen, wie ein andres braves Madchen auch?

Kronhelm. Also mehr gefallt sie dir doch nicht? Was du nicht geheimnissvoll seyn kannst!

Siegwart. Geheimnissvoll, Kronhelm? Ich weis gar nicht, was das heissen soll?

Kronhelm. Gut, so weis ichs auch nicht! Ich dachte nur, dass ich dir niemals Ursache gegeben habe, gegen mich so zuruckhaltend zu seyn, da ichs doch nicht gegen dich bin. Und in dieser Sache konnt ich dir vielleicht mehr nutzen, als schaden. Aber, glaub ja nicht, dass ich neugierig bin, oder jemand seine Heimlichkeiten abdringen will. Sieh, diess Blatt Papier hast du gestern, als du deine Brieftasche durchsuchtest, bey mir auf dem Tische liegen lassen. Die Verse sind wohl an Marianen? Sie hat doch wohl Klavier gespielt, als du bey Gutfried wachtest?

Siegwart zitterte, ward roth und blass, und fiel endlich seinem Kronhelm um den Hals. Du hast Recht, sagte er, ich war ein mistrauischer Narr, der so einen Freund, wie du bist, nicht verdient! Aber, Kronhelm, wenn du in mein Herz sehen konntest; wenn du wustest, was ich ausgestanden habe, dass ich schweigen muste! Denn ich muste schweigen. O ich weis, du wurdest mir vergeben. Du kennst die Liebe, Kronhelm! Weist, wie's einem ist. Ach, vergib mir, Bruder! Warlich, wenn ichs Einem Menschen hatte sagen konnen, du warst der erste auf der Welt gewesen; warlich!

Kronhelm. Sey ruhig, Bruder! Ich war bose, und das must du mir vergeben! Aber jetzt ists schon vorbey. Ich will glauben, dass du mehr um deinetwillen schweigest, als um meinetwillen. Lass es gut seyn! Ich wills auch thun. Freunde mussen sich so was nicht ubel nehmen!

Siegwart umarmte seinen Freund noch feuriger, und gestund ihm nun seine Liebe zu Marianen offenherzig. Es war ihm unaussprechlich wohl dabey, dass er sein, schon so lang geprestes, volles Herz ausschutten konnte. Kronhelm billigte seine Wahl aufs ausserste, und machte ihm nicht geringe Hofnung, dass er Marianen gar nicht gleichgultig sey. Zugleich versprach er, sie noch mehr auszuholen, und ihm Gelegenheiten zu verschaffen, genauer mit ihr bekannt zu werden. Diess Versprechen war unserm Siegwart ausserordentlich angenehm, nur bat er, seiner angebohrnen Schuchternheit gemass, seinen Kronhelm sehr, recht behutsam drein zu gehen, und sich und ihn auf keine Weise zu verrathen. Zu seiner grosten Freude erfuhr er auch, dass ihre Verbindung mit dem Assessor eine falsche Nachricht sey, und sich bloss auf einen Misverstand von Bolings Seite gegrundet habe.

Die beyden Freunde verlohren sich nun in susse Traumereyen uber das kunftige Gluck ihrer Liebe; Kronhelm sprach von seiner Therese, und Siegwart von seiner Mariane mit dem warmsten Enthusiasmus. Jeder lobte das Madchen des andern mit Begeisterung, um eben solches Lob auf das seinige zu horen. Sie blieben bis um Mitternacht beysammen, und konnten sich kaum trennen; denn immer fiel, bald dem einen, bald dem andern etwas neues ein. Kronhelm meynte, Siegwart sollte Theresen etwas von seiner Liebe schreiben, aber Siegwart wollte sich dazu schlechterdings nicht verstehen, denn er war in diesem Punkt ubermassig furchtsam und zuruckhaltend, und zartlich.

Taglich sprachen sie nun ganze Stunden lang von ihrer beyderseitigen Liebe. Siegwart sah nun ein, wie unrecht er seinem Freund mit seiner ungegrundeten Eifersucht gethan habe, und ward taglich offenherziger. Er entdeckte ihm so gar seine ehemaligen Grillen, und auch Sophiens ungluckliche Liebe zu ihm. Sie machten mit einander aus, so bald wieder ein Schnee fiele, eine Schlittenfahrt und einen Ball anzustellen, wobey Siegwart seine Mariane bedienen sollte. Dieser machte zwar anfangs tausenderley Einwendungen, die ihm seine Schuchternheit eingab, aber Kronhelm zerstreute seine Zweifel und angstliche Bedenklichkeiten.

Den nachsten Sonntag gieng Kronhelm mit Siegwart in die Kirche, und wollte in Marianens Blicken und Betragen viele Theilnehmung an Siegwarts Person bemerkt haben. Siegwart machte ihm tausend Einwurfe, um sie nur widerlegt zu sehen. Im folgenden Konzert sang er mit Marianen das Duett zum Erstaunen aller Zuhorer. Ihre Stimmen waren wie das Lispeln der Liebe; stiegen mit einander in den Himmel, und wieder mit einander in das Grab herab, und klagten. Jedes Herz fuhlte Zartlichkeit und Liebe, doch das ihrige am meisten. Man hatte wenig scharfsinnig seyn durfen um zu horen und zu fuhlen, dass weit mehr aus ihnen sang, als Kunst. Bey einem Triller sah sie unsern Siegwart so schmachtend und beweglich an, dass ihm Thranen in die Augen kamen, und sein Herz im seligsten Gefuhl schwamm. Die ganze Gesellschaft klatschte noch so lang, als sonst gewohnlich, als die beyden ausgesungen hatten. Sie lobte seinen richtigen Gesang und seinen tiefen Ausdruck mehr mit Blicken, als mit Worten. Wir mussen ofter singen, sagte sie. Ich sang noch nie mit solchem Eifer und mit solchem Antheil. Ich gewiss auch nie! sagte Siegwart, und seufzte. Kronhelm kam dazu, und sagte: Hab ich nicht Recht, Jungfer Fischerin, dass er gut singt? O, sie haben mir nicht halb so viel gesagt, war ihre Antwort. Herr Siegwart singt ausserordentlich. Endlich ward das Gesprach, durch andre, die dazu kamen, allgemeiner.

Siegwart war nun so froh, dass er alles um sich her vergass. Er glaubte nun selber, dass ihn Mariane liebe, und wunschte nur bald Gelegenheit, sie allein zu sprechen, und ihr sein Herz ganz entdecken zu konnen! Beym Weggehen, als er von ihr Abschied nahm, sah sie ihn mit dem zartlichsten schmachtendsten Blick, in dem eine Thrane schwamm, an. Zu Haus machte er sogleich in seiner Freude folgendes Gedicht:

Der Blick der Liebe.

War das nicht ein Blick der Liebe.

Der aus ihrem Auge sprach?

Sah es nicht bethrant, und trube

Mir mit stiller Sehnsucht nach?

Ja, bey Gott! Sie muss es wissen,

Dass ich so verwundet bin;

Muss, von Mitleid hingerissen,

Auch fur mich im Stillen gluhn!

O ihr Liebesengel, ruhret

Euch das Flehn des Leidenden,

O so steigt herab, und fuhret,

Mich zu meiner Heiligen!

Dass ich ihr zu Fussen sinke,

Meine Leiden ihr gesteh,

Und durch Einen ihrer Winke

Mich zu euch erhoben seh!

Mit diesem Gedichte gieng er gleich zu seinem Kronhelm, der damit zufrieden war, und sagte: Die Zeit, die du dir in diesen Versen wunschest, kann bald kommen. Sie liebt dich, daran zweifle ich gar nicht mehr; und bey der ersten Schlittenfahrt sollst du mit ihr fahren, und den Abend drauf beym Ball kannst du ihr dein Herz entdecken. Siegwart war uber diese Hofnung und das Versprechen seines Freundes ganz ausser sich. Er gieng nun taglich mehr als zwanzigmal zu seinem Barometer, ob der Merkurius drinn noch nicht falle, und Schnee verkundige? Er blickte immer nach dem Himmel, ob noch kein Gewolk sich aufziehe? und freute sich uber jedes aufsteigendes Wolkchen, das ihm Schnee zu tragen schien.

Endlich umzog sich am Sonnabend der Himmel ganz, und in der Nacht drauf fiel ein tiefer Schnee. Als er am Sonntag Morgens aufwachte, und alles weiss sah, da wars ihm so wohl, als ob der Fruhling angebrochen ware.

Auf den folgenden Tag ward sogleich eine Schlittenfahrt fest gesetzt. Kronhelm gieng zu Marianen und ihren Eltern, um anzuhalten, ob Siegwart sie fahren durfe? Denn dieser war zu furchtsam, um selbst anzuhalten. Mariane, nebst ihren Eltern, willigten mit Freuden in den Antrag. Siegwart, dem sein Freund diese Nachricht brachte, war daruber ganz ausser sich. Doch klopfte ihm das Herz, je naher die Zeit kam, da er Marianen abholen sollte. Er wunschte oft den so sehnlich erseufzten Augenblick weit weg, und zogerte, als die Stunde kam, mit dem Schlitten vor ihr Haus zu fahren. Endlich muste er doch hinfahren. Zitternd gieng er die Treppe hinauf in ihr Zimmer; machte vor ihr und ihren Eltern eine tiefe Verbeugung, und tausend Entschuldigungen, die man aber nicht verstehen konnte, so leise und verwirrt sprach er. Der Hofrath Fischer und seine Frau waren gegen ihn sehr hoflich, und Mariane that gegen ihn sehr offenherzig und freundlich. Mit bangem Zittern ergriff er ihre Hand, und fuhrte sie die Treppe hinunter. In der freyen Luft ward ihm wieder wohl, und er fuhr zu der ubrigen Gesellschaft. Mariane sagte ihm im Fahren: Es sey ihr sehr angenehm, in seiner Gesellschaft zu seyn. Er stotterte: Ihm seys noch angenehmer, und er habe sich schon lange dieses Vergnugen gewunscht etc. Nachdem die Gesellschaft in der Stadt herum gefahren war, so fuhr man auf ein benachbartes Dorf. Siegwart wuste nichts zu sprechen; er lobte nur das Wetter, und die angenehme Wintergegend, und freute sich, dass ein so schoner Schnee gefallen sey. Es argerte ihn, dass er so den Stummen spielen sollte; er besann sich hin und her, was er sagen wollte? Es fiel ihm nichts ein, und doch war ihm das Herz so voll. Endlich kam er aufs Konzert zu sprechen. Er fuhlte, dass sein Gesprach kalt und gleichgultig sey; er wollte was anders anfangen, und unterhielt sich doch davon ganz allein mit ihr, bis sie an das bestimmte Dorf kamen. Hier blieben sie nur eine kleine Stunde, und bedienten das Frauenzimmer mit Kaffee. Die Studenten trunken ein Glas Wein. Dieses machte, dass Siegwart auf der Ruckfahrt etwas minder schuchtern war. Er fuhrte seine Mariane an den Schlitten, und wagte es, ein paarmal ihr die Hand zu drucken. Sie sah ihn an, und lachelte mit einer Wehmuth, die schnell, wie ein Blitz, in seine Seele ubergieng, und ihn die Augen niederzuschlagen zwang. Der Abend war der schonste. Die ganze Gegend war ins weisse schweigende Gewand des Winters eingehullt, und stimmte die Seele zum wehmuthigfeyerlichen. Die Sonne gieng, wie das reinste, durchsichtigste Gold am Horizont hinab, und breitete am Himmel eine unbeschreibliche Heiterkeit aus. Als sie, am schwarzen Wald hinab, tiefer in die Dunste sank, ward sie blutroth, und farbte durch ihren Wiederschein den halben Himmel mit Violet und Rosenroth. Marianens Gesicht glanzte in dem sanften Wiederschein des Himmels. Ihre Miene war voll Heiterkeit, und ihr helles braunes Auge voll susser Wehmuth. Ein paarmal sah sie sich nach Siegwart um, der, in ihrem Anschaun ganz versunken, fast vergass, sein Pferd zu lenken. Alles war ihm so feyerlich; die ganze Flur umher schien ihm ein Tempel. Ein paarmal sah er gen Himmel, und sein Blick, und die Thrane drinn, ward ein Gebeth um Marianens Liebe. Anfangs sprach er wenig. Nur zuweilen rief er aus: Was das doch alles schon ist! Sehn Sie dort am Schloss die Fenster! Wie sie glanzen, als obs Gold war! Sehn Sie das herrliche, uberherrliche Abendroth! Und die Waldung dort im Golde! Und das Dunkel dort am Berg! Und die Stille! O, der schonste Tag in meinem Leben! Kronhelm, der vor ihm fuhr, und sich ein paarmal nach ihm umsah, merkte ihm die Freude an, wie sie ihm aus den Augen blitzte, und in jeglichem Gesichtszuge sich ausdruckte. Er freute sich im Innersten daruber, und sah ihn mit einem vielbedeutenden Lacheln an.

In der Stadt fuhr die Gesellschaft noch einmal die Hauptstrassen durch, und dann nach dem Hause, wo der Ball gehalten wurde. Mariane liess sich erst nach Hause fuhren, um sich umzukleiden. Siegwart fuhrte den Schlitten weg, und eilte auch nach Haus, um ein andres Kleid, und seidne Strumpfe anzulegen. Er war vor Freuden uber Marianens Betragen ganz ausser sich, hupfte hin und her, sang laut, und sprach mit sich selber. Als Kronhelm, der sein Frauenzimmer auch nach Haus gefuhrt hatte, kam; sprang er ihm entgegen, druckte ihn fest an sich, dass er hatte schreyen mogen, und frohlockte gegen ihn uber sein Gluck und uber seine Mariane. Bruder, Bruder! sagte er, das ist ein Engel, wie es keinen gibt! Nun fang ich erst recht zu leben an. Vorher war es alles nichts! Wenn sie so bleibt, so bin ich ganz im Himmel! Meynst du nicht, sie sey mir gut? Ganz unstreitig, sagte Kronhelm! O die Liebe last sich gar nicht lang verbergen, zumal vor einem Liebenden. Mach deine Sachen nun klug! Sey nicht allzuschuchtern! Sie muss es merken, was du fur sie fuhlst! Siegwart machte wieder einige Einwendungen: Sie konn' es ubel nehmen, und ihm bose werden, wenn er so gerade zu geh, u.s.w. Kronhelm aber fiel ihm in die Rede; Da kennst du die Madchen schlecht, wenn du glaubst, sie nehmen so etwas ubel. Warum sollten sies auch thun? Es schmeichelt ihnen ja, und muss sie freuen, wenn ein braver Kerl sie ins Auge fast. Du nimmst's ja auch nicht ubel, wenn du einem Madchen wohlgefallst, zumal wenns von Liebe von der rechten Art herkommt. Fang nur keine Grillen! Das ist bey der Liebe, und zumal im Anfang so gewohnlich. Wenn du Marianen, wie ich glaube, wirklich wohlgefallst, so kann ihr dein Gestandniss nicht misfallen. Wart nur den rechten Zeitpunkt ab, und sprich mit ihr aus dem Herzen!

Siegwart versprach, zu thun, was er konnte, und gieng nun, Marianen zum Ball abzuholen. Er gieng aufs Wohnzimmer, wo ihre Eltern waren, die ihm beyderseits sehr hoflich begegneten. Die Mutter that besonders ausserordentlich freundschaftlich, und bat ihn, sie und ihren Mann und ihre Tochter zuweilen am Abend zu besuchen. Wenn Sie den Herrn von Kronhelm mitbringen, und mein Joseph (so hiess Marianens jungster Bruder, der auch im Zimmer war) zu Haus ist, so konnen Sie, wenn es Ihnen gefallig ist, zuweilen ein kleines Privatkonzert machen. Siegwart nahm den Antrag mit Freuden und einer tiefen Verbeugung an. Der Hofrath Fischer sagte eben dieses, und war uberhaupt ungewohnlich hoflich, erkundigte sich sehr sorgfaltig nach seinem Vater, trug ihm ein hofliches Kompliment an ihn auf, und bedaurte, dass er noch nicht Zeit gehabt, selbst an ihn zu schreiben. Marianens Bruder, Joseph, war so hoflich nicht; er argerte sich, dass seine Eltern dem Siegwart, seines Violinspielens wegen, so hoflich begegneten; Er hielt es fur eine Verachtung seiner selbst, und hatte es noch nicht vergessen, dass Siegwart einmal im Koncert ihn mit seinem Spiel so verdunkelt hatte. Daher sprach er sehr wenig mit Siegwart, blickte stolz auf ihn herab, und liess allerley spottische und zweydeutige Reden fallen. Siegwart merkte es, that aber doch sehr freundschaftlich gegen ihn, und gab sich Muhe, ihm eine gunstigere Gesinnung gegen sich einzuflossen. Der Bruder sagte Marianen, es werde nicht gut stehen, wenn sie wieder so spat nach Hause komme, wie das letztemal; Man spreche von solchen Madchen nicht zum Besten, u.s.w. Mariane, die mit ihrem Anzug beschaftigt war, that, als ob sie seine Hofmeisterey nicht horte.

Als sie fertig war, gieng sie mit Siegwart nach dem Ball. Auf dem Weg dahin beschwerte sie sich uber ihren Bruder. Es ist ein fataler Mensch, sagte sie, dem man nichts recht machen kann; er will alles besser wissen. Sie wissen sich gut in ihn zu schicken, und das gefallt mir, u.s.w. Siegwart war uber ihre Offenherzigkeit ganz bezaubert, und zog tausend gunstige Schlusse daraus.

Als sie auf den Tanzsaal kamen, ward alles auf Marianen aufmerksam. Sie hatte ein Kleid von rosenrothem Tafft an, und glich in ihrer Heiterkeit und der frischen Gesichtsfarbe der Gottin der Morgenrothe. Kronhelm hatte an der Tafel schon einen Platz fur sie neben sich belegt. Noch vor dem Essen muste Siegwart eine Menuet mit ihr tanzen. Anfangs zitterte er, und machte fast alle Schritte falsch. Nach und nach kam er in den Gang, und tanzte recht zierlich. Alle ihre Bewegungen hatten die groste Leichtigkeit und Ungezwungenheit, und den schonsten Anstand. Sie tanzte nicht angstlich nach dem Takte, sondern mit Empfindung und Gefuhl, und machte viele Abanderungen. Sie sah unserm Siegwart immer ins Gesicht, so dass er oft die Blicke wegwenden, oder niederschlagen muste. Bey Tisch ward die Gesellschaft aufgeraumt und munter. Man sprach viel ins Allgemeine. Das Madchen, das Kronhelm bediente, war eine lustige, etwas vorlaute Brunette, die sehr oft zur Unzeit ihren Spass anbrachte. Sie wollte immer aller Augen, und die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich ziehen. Endlich liess sie sich doch mit Dahlmund, der ihr auf der andern Seite sass, und nicht gleichgultig gegen sie zu seyn schien, allein in ein Gesprach ein. Kronhelm unterhielt sich nun mit Marianen, und mit Siegwart, der im Taumel seiner Liebe nicht wuste, was er anfangen, oder reden sollte? Kronhelm sah eine Zeitlang starr und traurig vor sich hin, holte einen tiefen Seufzer, grif endlich hastig nach dem Glas, stiess an Siegwarts seines, und sagte: Therese! O, das trink ich auch mit, sagte Mariane, und stiess mit den beyden an. Kennen Sie sie auch? sagte Siegwart. O ja, gab sie zur Antwort: Herr von Kronhelm hat mir viel von ihr erzahlt. Ists noch immer bey dem Alten? (indem sie sich zu Kronhelm wendete). Immer noch, erwiederte dieser, mit einem tiefen Seufzer. Das ist traurig, sagte sie. Und Sie verdienten doch, so glucklich zu seyn, und Therese gewiss auch. Ihr Schicksal hat mich schon manchen Seufzer gekostet. Hier schossen unserm Kronhelm die Thranen in die Augen. Sie mussen eine herrliche Schwester haben, sagte sie zu Siegwart. Was ich von ihr horte, hat mich ganz fur sie eingenommen. Ich wunschte nichts mehr, als sie von Person zu kennen. Ja, es ist ein braves Madchen, versetzte Siegwart, und es war ein Gluck fur sie, mit Ihnen bekannt zu seyn. Ich liebe sie herzlich, und ihr Schicksal geht mir tief zu Herzen, denn es ist gewiss sehr traurig. Die Liebe hat sie ganz unglucklich gemacht. Ich hoff immer noch, es soll ein gutes Ende nehmen; sagte Mariane. Herr von Kronhelm verdient sie gar zu sehr, und wurde sie gewiss glucklich machen. Wenn Sie nur Geduld haben konnen, Herr von Kronhelm! Ich habe Ahndungen Wollte Gott! sie trafen ein! sagte dieser seufzend, nahm ein Glas, sah gen Himmel und trank. Wir wollens auch mit trinken, sagte sie zu Siegwart, und sah ihn mit einem sehr bedeutenden Blick an, den sein Herz verstand. Er hub sein feuchtes Auge gen Himmel, und trank. Nun ist mirs um ein gutes leichter, sagte Kronhelm.

Es war jetzt abgespeist, und ein Paar fieng an zu tanzen. Siegwart tanzte auch mit Marianen. Er merkte wieder, dass sie ihm immer in die Augen sah. Nachher gab er Acht, als ein andrer mit ihr tanzte, ob sie diesem auch so scharf ins Gesicht sehe? und zu seiner grosten Freude fand er das Gegentheil. Nachher ward ein Gesellschaftstanz mit der Promenade und der Chaine gemacht. Siegwart hatte Marianen zur Tanzerinn. So oft er sie bey der Hand faste, fand er, zu seiner grosten Freude, dass sie ihm die Hand weit starker drucke, als die ubrigen Madchen; er freute sich, so oft er ihr nahe kam, und bey jedem ihrer Handedrucke durchschauerte ihn die angenehmste, unbeschreiblichste Empfindung. Ihr Auge sah ihn oft auch bedeutend an, und ihre Blicke hatten eine Sprache, die mehr ausdruckte, als tausend Worte. Er war immer da, wo sie war. Sein Auge merkte sie aus zwanzigen heraus, und fand sie, wenn sie auch am aussersten Ende des Saals stand. Mit andern Madchen tanzte er wenig; er stand immer da, wo seine Mariane tanzte. Einmal bemerkte er einen Menschen, der oft, und immer lang mit ihr tanzte. Er ward daruber unruhig, biss sich auf die Lippen und tanzte. Mit hingesenktem, trubem Blick stand er in einer Ecke des Saals; alles war um ihn her verschwunden; er sah und horte nichts. Mariane kam, ohne dass ers merkte, von der Seite auf ihn zu, nahm ihn bey der Hand, sah ihn halblachelnd an, und sagte: Sie sind ja so traurig und so nachdenklich? Wollen Sie nicht mit mir tanzen? Ich kann den Menschen dort im grunen Kleid gar nicht los werden, und das ist mir so verdrusslich. Kommen Sie! Ein Schleifer! (So heist der eigentlich schwabische Tanz) Siegwart kusste ihr im feurigen Entzucken die Hand, und hupfte mit ihr in den Reihen. Sie tanzte herrlich schwabisch. Alle Paare wurden mud, und horten auf. Aber das liebe Paar tanzte noch eine halbe Viertelstunde allein, und die andern sahen bewundernd, oder neidisch zu. So ists eine Freude, sagte sie, indem sie den Tanz schlossen. Sie tanzen so rasch und so leicht weg, dass man glaubt, man fliege. Er fuhrte sie an eine Seitenbank, und stand vor ihr. Sie sind doch warm geworden, sagte sie, und kuhlte ihm mit dem Facher das Gesicht. Er nahm den Facher, und kuhlte damit sie und sich. Sie sah nach ihm auf, wie eine Heilige zum Himmel. Er nahm ihre Hand, und wendete das Gesicht weg, denn sein Auge glanzte. Sie druckte ihm die Hand; er kuste sie. Reden konnt' er nicht, ob er gleich sich hin und her besann, was er sagen wolle. Das ist ein herrlicher Tag! fieng er endlich an. Sind Sie auch vergnugt? Wie sollt ich nicht? war ihre Antwort, und ihr Auge sagte noch mehr. Setzen Sie sich doch! fuhr sie fort; Sie werden mude seyn. Er setzte sich, ob er gleich lieber so vor ihr gestanden ware. Ich habe lange schon gewunscht fieng er an, und faste sie bey der Hand. Indem kam ein Student, und zog sie zum Tanz auf. Er blieb unbeweglich sitzen, und liess sie von sich. Mit schmachtendem, und halbaufgeschlagenem Auge sah er das herrliche Madchen vor sich herumtanzen. Sein Auge folgte ihr, wohin sie sich wendete. Kronhelm kam, und setzte sich neben ihn. Wie ist dir, Bruder? Du bist doch vergnugt? Siehst so schmachtend aus, als ob du sterben wolltest. Nicht wahr? Mariane ist dir hold? Ich weis nicht, antwortete Siegwart; Sie hat nichts gesagt. Ey, das glaub ich, antwortete Kronhelm; seit wann fangen denn die Madchen an, Liebeserklarungen zu machen? Hast du denn ihr Auge nicht gesehen, wie es spricht? Trink Wein, Bruder! Ein Glaschen kann nicht schaden, wenn du selber keinen Muth hast. Du must heute weiter kommen! Ach, ich kann nicht! sagte Siegwart. Ey, was, Possen? fiel ihm Kronhelm ein, nahm ihn bey der Hand, und fuhrte ihn zum Tisch hin. Marianens Wohlseyn! sagte er, indem er zwey Glaser eingeschenkt hatte: und Theresens! Was mag nur der Engel machen? Wenn sie mich nur nicht vergisst! Nein, gewiss nicht, Bruder! sagte Siegwart. Ware Mariane so gewiss mein, als sie dein ist, ich wunschte weiter nichts mehr! Nun, auf gute Hofnung! und hier fullte er die Glaser wieder. Schwager, sagte Kronhelm, wenn sie mein wird, so soll Mariane dein seyn! Eher kann ich nicht ruhen. Wart! Jetzt will ich mit ihr tanzen. Sie ist eben frey. Werd mir nur nicht eifersuchtig! Siegwart sah ihm nach, und trank noch ein Glas. Dahlmund kam, und fragte ihn, ob er nicht mit ihm und Kronhelm eine Menuet a six machen wolle? Siegwart nahm das erste beste Madchen, und sprang hin. Mariane druckte ihm allemal die Hand, wenn er sie hinauf fuhrte. Er druckte die ihrige wieder, und sah in seinem Sinn so stolz umher, als ob ihm die ganze Welt gehorte. Sie machten eben diesen Tanz auch deutsch, und giengen dann an den Tisch. Darf ich wurklich zuweilen in Ihr Haus kommen? fragte Siegwart Marianen. O Sie mussen kommen! antwortete diese. Halten Sie ja bald Wort! Ich hatt es lange schon gewunscht; aber es wollte sich nicht schicken. Kommen Sie doch ja bald! Lieber Engel! sagte Siegwart gantz ausser sich, und kusste ihr die Hand. Ich habe noch den Gessner von Ihnen, sagte sie, nach einiger Zeit; in drey oder vier Tagen sollen Sie ihn haben. Ich habe viel herrliches drinn gefunden. Besonders hat mir sein Daphnis wohl gefallen. Unschuld und Liebe, wenn man die so wahr geschildert sieht, da geht einem das Herz auf. Es ist einem so wohl, dass man gleich ein Schafer werden mochte. Ich habe solche Gemahlde gern, wenn sie gleich mehr schone Traume, als Wurklichkeiten darstellen. Man sieht doch, was die Menschen seyn konnten, und fuhlt sich dabey. Ich wurde gern recht viel solche Bucher lesen, aber ich behalte sie immer so lang zuruck, denn mein Bruder fangt sogleich an zu schmalen, wenn ich etwas lese, und da thu ichs nur, wenn er nicht zu Haus ist. Wenn Sie wieder einmal ein Buch eine Zeitlang entbehren konnen, so wollt ich Sie wohl darum bitten. Siegwart war uber diese Bitte sehr erfreut: und versprach, ihr alle Bucher zu geben, die er von der Art hatte. Dann fragte sie mit vielem Antheil nach Theresen, und war bey seinen Erzahlungen von ihr sehr aufmerksam. Das war ein Frauenzimmer fur mein Herz, sagte sie, hier kann ich keine solche Freundin finden. Meine Vertrauteste ist jetzt aufs Land verheirathet, und da leb ich so in der Einsamkeit; und das ist mir manchesmal sehr traurig. Wenn ich nicht noch meine Mutter hatte, so war ich hier sehr ungern, aber sie ersetzt mir alle Bedurfnisse.

Nachdem die Frauenzimmer mit Kaffee und fremdem Wein bedient waren, wurde noch einmal deutsch getanzt. Endlich sagte Mariane, nun muss ich doch wol nach Haus, mein Bruder macht sonst morgen grossen Larm. Es schien unserm Siegwart noch viel zu fruh zu seyn, aber er wagte es doch nicht, sie langer aufzuhalten. Wie doch die Zeit so schnell verfliegt! sagte er. Mir ists, als ob wir erst eine Stunde da waren. Mir ists auch so, sagte sie, und druckte ihm sanft die Hand. Ich bin noch nie so vergnugt gewesen, wie heute. Mocht' ich doch auch etwas dazu beygetragen haben! sagte er schmachtend. Vieles, vieles! sagte sie mit tiefem Ausdruck. Er ward wie von einer unsichtbaren Gewalt hingerissen, und kusste sie auf den Mund. Sie hielt willig still. In dem Augenblick fuhlte er sich uber alles erhaben. Welt und alles schwand vor seinen Blicken. Der fatale Mensch, der schon mehrmals mit ihr getanzt hatte, wollte sie wieder aufziehen. Ich tanze mit Herrn Siegwart, sagte sie, sah ihn zartlich an, und druckte ihm die Hand. Er sturmte mit ihr in den Reihen hinein, flog mit ihr herum, als ob ihn Wolken trugen. Alle andre horten auf, und sahn unserm Paar verwundernd zu. Hier und da ward ein Gelipsel: Da wird wohl ein Liebeshandel draus werden; die sind immer bey einander, u.s.w. Endlich tanzte man den Kehraus, den Mariane und Siegwart anfuhrten, und die Gesellschaft gieng grostentheils auseinander.

Auf dem Heimweg kuste Siegwart seine Mariane noch ein paarmal. Sie war ausserordentlich vergnugt uber diesen Abend, dankte ihm fur das viele Vergnugen, das er ihr gemacht hatte; freute sich, mit ihm genauer bekannt worden zu seyn, und bat ihn, sie nur recht bald zu besuchen. Er wuste vor Entzucken nicht, was er reden sollte? Alle Worte fehlten ihm. Er druckte ihr nur die Hand, und gab ihr noch einmal einen heiligen Kuss zum Abschied.

Als er aus ihrer Strasse kam, hupfte und sprang er mehr, als dass er gieng. Zu Haus blieb er noch eine halbe Stunde auf; Kronhelm war schon zu Bette gegangen. Alle Begebenheiten des vorigen Tags und des schonsten Abends schwebten in glanzendem Gemisch vor ihm herum. Wenn er sich einen Umstand besonders denken wollte, so fielen ihm zwanzig andre ein. Es war ihm, als ob er ein buntes Tulpenbeet vor sich sahe, deren jede schon ist, aber er konnte keine einzeln betrachten. Sein Geist irrte, wie sin Schmetterling von einer Blume zu der andern. Zuletzt ward ihms vor den Augen dammerig. Er sah nur noch Farben vor sich. Alle flossen in einander. Mariane war der Hauptgedanke, den er sich unter tausenderley Gestalten dachte. Er wiederholte alle Gesprache, die er mit ihr gefuhrt hatte, und argerte sich, dass er so wenig gesprochen hatte. Jetzt, dachte er, jetzt sollte sie da seyn! Jetzt wollt' ich ihr alles sagen, ihr mein ganzes Herz ausschutten, u.s.w.

Im Bette konnte er nicht schlafen. Der Tanz, den er mit ihr zuerst getanzt hatte, schallte ihm immer in den Ohren. Wenn er die Augen zumachte, so war ihms, als ob er mit ihr im Kreis herumfloge, vor ihr stunde, ihr ins Auge blickte, und sie bey der Hand fasste. Aus dem leisesten Schlummer fuhr er wieder auf, denn es dauchte ihm, ein Gelispel, wie Marianens Stimme, flustr' ihm in die Ohren. Er hielt ganze lange Gesprache mit ihr, streckte seine Hande nach ihr aus, wachte auf, und sah sich getauscht. Morgens um acht Uhr stand er, fast muder, wieder auf, als er sich niedergelegt hatte, und gieng auf Kronhelms Zimmer. Dieser lachte ihm sogleich entgegen, und wunschte ihm zu Marianens Liebe Gluck. Dann nun, sagte er, wirst du doch nicht mehr unglaubig seyn? Sie hat sich zu viel verrathen. Siegwart sagte ihm, er muste mehr beobachtet haben, als er selbst. Das hab ich auch, versetzte Kronhelm. Ich bin in dieser Schule langer schon erfahren, und ein Dritter Unpartheyischer sieht immer mehr. Aber, Bruder, du schienest mir so kalt zu seyn. Kalt? rief Siegwart voll Verwunderung aus. So muss die Sonne auch kalt seyn! Ich weis gar nicht, wie du so reden kannst? Freylich, da hast du Recht, reden konnt ich wenig; oder, wenns was war, so bracht ich dummes Zeug vor. Da hab ich mich schon gnug druber geargert. Ich weis nicht, wenn ich so allein bin, da hatt ich ihr tausend Dinge zu sagen; und kaum steh ich vor ihr, da ists, als ob mir aller Sinn genommen ware. Gestern auf dem Schlitten hatt ich nun nichts reden konnen, wenn ich mich Stunden lang besonnen hatte. Sie wird mich wol fur einen dummen Einfaltspinsel halten Das gewiss nicht, Bruder! sagte Kronhelm. Die Liebe hat ihre eigne Sprache; das Auge hat da mehr zu thun, als die Zunge. Und Mariane hat dich ganz gewiss verstanden. Man halt alles, was man spricht, fur dummes Zeug, weil man fuhlt, dass man das noch lang nicht ausdruckt, was das Herz fuhlt. Man will lauter Empfindungen und Gotterspruche sprechen, und da ist unsre Sprache viel zu arm dazu. Jedes Wort soll so voll und warm seyn, wie das Herz ist, und das ist unmoglich. Weil man nun doch sprechen will, da kommt man auf allerley entfernte und gleichgultige Dinge, die nichts sagen. Die Empfindung ist einsylbig, oder stumm. Ich habe das bey Theresen oft gefuhlt. Waren wir allein, so schwieg ich ganz; und wenn andre da waren, so macht' ich Spass; das ist noch das Beste. Mariane hat dich gewiss gefuhlt. Warst du wortreich gewesen, so wars mit deiner Liebe nichts. Redseligkeit ist Larve der Liebe, nicht die Liebe selbst. Bruder, sieh! wie die Sonne so hell aufgeht! Ich denke, wir gehen spatzieren. Mit deinen theologischen Kollegien hats nun doch wohl in Ende? Erinnre mich daran nicht! sagte Siegwart. Aber, zieh dich nur an! Wir wollen spatzieren gehen.

Sie giengen mit einander aus. Als sie an die Strasse kamen, wo man nach Marianens Haus hinauf geht, da stellte sich Kronhelm an, als ob er in eine Seitenstrasse gehen wollte. Siegwart sah ihn halb bittend an. Er lachelte, und gieng mit ihm bey Marianens Haus vorbey. Sie sah erst auf der Einen, und dann auf der andern Seite des Hauses aus dem Fenster, und gruste unsre beyden Junglinge sehr freundlich. Siegwart ward auf Einmal wehmuthig. Wir wollen vor das Thor gehen, sagte er, wo wir gestern gefahren sind. Hier erinnert' er sich an jede Rede, an jede Empfindung wieder, die er gestern hier gehabt hatte. Kronhelm sprach viel von Theresen, und sagte, dass er gestern wieder besonders lebhaft an sie gedacht habe. Er fuhle es mit jedem Tage mehr, dass er ohne sie nicht leben konne. Es sey ihm unertraglich, dass er an sie nicht schreiben durfe, und nicht das geringste von ihr erfahre. Nachstens wollt' er wieder an sie schreiben, es moge daraus kommen, was wolle! u.s.w. Siegwart suchte ihn mit der Vorstellung zu beruhigen, dass Therese ihm gewiss treu bleibe, sie moge schreiben oder nicht. Es konne nur einen neuen Larm bey seinem Vater abgeben, wenn er den Briefwechsel wieder anfange, u.s.w.

Nun kamen sie auf die Wurkungen der Liebe in dem Herzen eines Verliebten zu sprechen. Siegwart sagte: Ich bin, seit ich liebe, ein ganz andrer Mensch. Ich glaubte vorher, gut zu seyn, aber die Liebe hat mich noch weit besser gemacht. Ich bin frommer, andachtiger, mitleidiger, und duldsamer geworden. Ich bin auf fremdes Elend aufmerksamer, und fuhl es tiefer. Wenn ich ein blasses Gesicht, und ein trubes Auge sehe, so vermuth ich sogleich ungluckliche oder hoffnungslose Liebe, und nehme an dem Schicksal dieser Person Antheil. Ich wurde alles thun, um ihr eine Gefalligkeit zu erweisen, die ihr Elend lindern, oder heben konnte. Jeder Liebender, und Leidender wird auch mein Bruder. Ich theilte gern mit jedem Armen mein Vermogen. Die Gluckseligkeit aller Menschen liegt mir nah am Herzen. Ich ware fahig, alles fur andre zu thun. Jede Pflicht, und jede Tugend wird mir leichter.1 So glaub ich auch, sagte Kronhelm, und eben deswegen ist es ungerecht und thoricht, auf die Liebe loszuziehen, wie viel hochgelahrte, sich weise dunkende Leute thun. Es ist Undank gegen Gott, einen Trieb, den er mit dem Leben uns ins Herz pflanzt, zu verdammen, und den Aufruf zu mancher hohen Tugend fur Stimme der Sinnlichkeit, oder gar des Satans auszugeben. Dass die Liebe oft gemisbraucht, oder misverstanden wird, soll doch wol nichts gegen sie beweisen? Denn sonst ware die Religion auch ein Uebel, die, wenn sie misverstanden und gemisbraucht wird, oft grossere Verwustungen anrichtet, als misverstandne Liebe. Anstatt dass man die Liebe mit Gewalt und stolzer Verachtung zu unterdrucken, und aus dem Herzen der Jugend zu verdrangen sucht, sollte man sich nur bestreben, sie durch Vernunftgrunde zu leiten, und auf den rechten Gegenstand zu lenken. Diess wurde viele Leute besser machen, als sie bey ihrer angenommenen, oder erzwungenen Kalte sind. Wer nicht lieben will, und verachtlich von der Liebe denkt, der schamt sich auch ein Mensch zu seyn; und wer sie schlechterdings verdammt, der begeht einen Hochverrath gegen die Menschheit, denn er will die Quelle der Empfindung und so vieler Tugenden ableiten, oder austrocknen, und dafur eine durre Sandwuste anlegen!

Um 11 Uhr kamen sie wieder zu Haus an, und spielten miteinander auf der Violine. Den Nachmittag ritten sie mit Dahlmund spatzieren, der auch sehr vergnugt war, weil er seine Brunette ziemlich kirr gemacht hatte. Er erzahlte ihnen: Gutfrieds Vater sey gestorben. Als er nach Haus gekommen war, kundigte er seiner Beyschlaferin sogleich an, sie konne sich innerhalb zwey Tagen aus dem Hause packen. Das Mensch gab ihm spitzige Reden, begegnete ihm grob, und machte grosse Forderungen an ihn. Er erzurnte sich daruber, und legte sich den Abend drauf krank zu Bette. Er bekam eine hitzige Krankheit, deren Samen er vermuthlich von seinem Sohn eingesogen hatte, als er ihm den letzten Hauch von den Lippen kuste. Vier Tage drauf starb er, nachdem ihm die Metze drey Tage vorher eine ansehnliche Summe Gelds, und seine besten Kostbarkeiten mitgenommen hatte. So gehts mit den Huren, sagte Kronhelm.

Kronhelm und Siegwart legten sich Abends bald zu Bette, weil sie die vorige Nacht wenig, oder nichts geschlafen hatten. Den folgenden Abend sprach Mariane im Konzert viel mit Siegwart, und bestarkte ihn, durch ihr gefalliges Betragen, immer mehr in der Hofnung, dass sie ihn liebe. Er schwamm jetzt immer in einem Meer von Wonne; nur zuweilen unterbrach ihn ein Anfall von Wehmuth in seiner Freude. Es stiegen ihm oft wieder Zweifel auf, ob sie ihn auch wirklich liebe? Vor einiger Zeit ware ein Blick, wie sie ihm jetzt viele gab, sein groster Wunsch, und der hochste Grad von Gluckseligkeit fur ihn gewesen; aber jetzt verlangte sein Herz schon mehr; er wollte nun thatige und mundliche Versicherungen von ihrer Liebe haben. Sie weis vielleicht noch nicht, dachte er, wie sehr ich sie liebe. Wie leicht konnte ein andrer kommen, der mehr Kuhnheit, und vielleicht auch grossere Anspruche hat, als ich, und den kleinen Funken von Liebe ausloschen, der vielleicht fur mich in ihrem Herzen glimmt. Bey ihren Vorzugen kann es ihr nicht lang an Freyern fehlen. Ich habe nichts, keinen Stand, kein Vermogen, kein Amt, wenig ausserlich empfehlendes; warum sollte sie mich andern vorziehen? oder mich nicht alsobald vergessen, wenn ein, dem ausserlichen Scheine nach, besserer und vorzuglicherer Mann kommt, u.s.w.

So qualte er sich oft ganze Stunden lang, und thurmte Berge von Zweifeln gegen seine eigne Ruhe auf. Aber wenn er Marianen wieder sah, und sie ihm mit dem Blick der Liebe begegnete, dann verschwanden diese Zweifel wieder, wie Nebelwolken vor der Sonne. Etliche Tage nach dem Konzert schickte sie an Kronhelm den Gessner wieder, und liess ihn, oder Siegwart um ein anderes Buch bitten. Sigwart schickte ihr den Kleist, und sprang mit dem Gessner auf sein Zimmer, wo er ihn hundertmal an den Mund druckte und kusste. Das Buch war ihm nun ganz heilig geworden. Er blatterte es durch, und verweilte sich bey jedem Blatt. Jegliches schien ihm zu glanzen, weil ihr Auge drauf geruht hatte. Wie gross war seine Freude, als er ein klein Stuckchen blauer Seide drinn liegen fand, von der Farbe, wie sie zuweilen ein Kleid trug. Dieses Stuckchen war ihm mehr werth, als dem Aberglaubigen das Stuckchen vom Gewand eines Heiligen. Nachdem ers lange gnug betrachtet hatte, schloss ers sorgfaltig in seinen Schreibpult; holte es aber alle Augenblicke wieder heraus, um es von neuem wieder anzusehen. Als er noch weiter blatterte, fand er auch ein Schnippelchen Papier, auf welchem Marianens Name stand. Er sprang hoch auf, hub es in die Hohe, druckte es hundertmal an seinen Mund, und an sein Herz, und betrachtete jeden Zug unzahligemal.

Endlich entdeckte er auch seinem Kronhelm einen Entwurf, den er schon lang bey sich selbst gemacht hatte, ob sie namlich nicht Gutfrieds Zimmer beziehen wollten? Er hatte schon Erfahrung eingezogen, dass in dem Hause noch ein andres Zimmer ledig sey, worauf also Kronhelm wohnen konne. Es thut mir zwar leid, unsre Hausleute zu verlassen, sagte er, weil es ehrliche und brave Leute sind; aber ich will ihnen gern noch ein halb Jahr Hausmiethe bezahlen, um nur bald meiner Mariane naher zu kommen. Kronhelm, der seinem Freund alles zu Gefallen that, willigte sehr gern in diesen Vorschlag, und nach wenig Tagen bezogen sie das Zimmer. Nun sah Siegwart sein geliebtes Madchen taglich, und fast stundlich. Er hatte seinen Schreibepult am Fenster stehen, und merkte jede Bewegung, die auf Marianens Zimmer vorgieng; sie stund auch sehr oft am Fenster, und setzte sich, wenn sie allein zu Hause war, so, dass er sie, und sie ihn sehen konnte. Er sah sie stricken, nahen, Stickereyen machen, und alle hausliche Geschafte verrichten. Oft standen ihm Freudenthranen in den Augen, wenn er das liebe Madchen, so mit sich vergnugt, der Welt unbekannt, sich in der Stille, in jeder Pflicht, in jeder Tugend uben sah. Mit Thranen blickte er zum Himmel. Gott! dachte er, welch ein Gluck ist dem bereitet, dem du eine solche Gattin gibst, die, mit jeder Anmuth geziert, noch mehr fur die Schonheit ihrer Seele sorgt, und sich taglich innerlich vollkommener zu machen sucht! Statt Eroberungen zu machen, und von hunderten begafft, und angestaunt, und bewundert zu werden, statt ihre Eitelkeit zu nahren, sitzt das fromme Madchen da, von ihrem Engel, und von dem nur gesehen, der sie so heiss und heilig liebt, und bildet sich zu einer treuen Gattin, zu einer weisen Hausfrau, und zu einer frommen Mutter. Gott! wenn ich es werth bin, so erbarm dich mein, und schenk mir diesen Engel, dass ich in ihrer Gegenwart taglich besser, taglich heiliger, dir taglich angenehmer und meinem Nebenmenschen nutzlicher werde! Gott, du kannst mich nicht verdammen, wenn ich in der Welt bleibe; diese Welt ist ja dein Tempel, und ich will dir dienen drinn mit diesem Engel. So ward die Empfindung uber ihr Anschauen oft bey ihm Gebeth. Einmal sah er sie spinnen. Dieser Anblick ruhrte ihn ungemein. Er erinnerte sich aus seinem Homer, den er mit P. Philipp gelesen hatte, an die Tochter der Konige, wie sie spannen und Gewebe webten, und sich nicht der gemeinsten Weiberarbeit schamten; er erinnerte sich der Tochter der Patriarchen, die sich auch zur landlichen Arbeit nicht zu vornehm dauchten. Ein andermal sah er sie im Kleist lesen, und geruhrt zum Himmel blicken. Wie beneidenswurdig war ihm da das Loos des Dichters, der das fromme Herz eines Madchens zur Bewunderung und zum Dank hinreist; ihre Seele zu zartlichen Gesinnungen erweicht, Thranen in das schonste Auge lockt, und nach seinem Tode noch fur seine frommen Lieder gesegnet wird. Des Abends horte er sie oft noch am Klaviere singen, ward bald zu hoher Andacht mit ihr aufgehoben, und betete mit einer Innbrunst, die er sonst nie erreicht hatte; bald ward er zu Seufzern und zu Thranen herabgestimmt, und zerschmolz in susser Wehmuth. Kurz seine neue Wohnung machte ihm jeden Tag zu einem Festtag; alles um ihn her war feyerlich, denn alles erinnerte ihn an Marianen. Im Konzert spielte er oft; fand sie immer freundlich, und erhielt manchen liebenden und zartlichen Blick von ihr. Mit ihrem Bruder suchte er, so viel als moglich, Freundschaft zu erhalten, und bat ihn zuweilen zu sich. Der Mensch that ausserlich freundschaftlich, aber die geheime Tucke, die er auf Siegwart hatte, liess sich doch nicht ganz verbergen. Endlich wagte er es auch einmal, Marianen und ihre Eltern mit seinem Kronhelm zu besuchen. Er ward aufs freundschaftlichste empfangen; man that ihm viele Ehre an, und Mariane sah so heiter aus uber seine Ankunft, wie der junge Tag, wenn die Sonne eben aufgeht. Siegwart und Kronhelm liessen ihre Violinen holen, und machten ein Konzert, bey welchem Mariane Klavier spielte, und himmlisch sang. Beym Weggehen bat sie unsern Siegwart, kunftig nachbarlicher zu handeln, und sie ofter zu besuchen. Er kusste ihr die Hand, und sie druckte ihm die seinige.

So wahrscheinlich, und beynahe zuversichtlich Siegwart nun hoffen durfte, dass ihn seine Mariane liebe, so ward ihm doch die ewige Entfernung, und die, doch immer nur halbe Gewissheit, taglich unertraglicher. Er schmachtete darnach, sie einmal allein zu sprechen, ihr Herz noch genauer auszuforschen, und ihr das seinige mehr zu entdecken. Die grossere Freymuthigkeit, die sie jetzt gegen ihn, und er zum Theil auch gegen sie beobachtete, erregte diesen Wunsch in ihm noch mehr. Nun, dachte er, wurde er ihr alles sagen, was ihm auf dem Herzen liege. Daher sann er Tag und Nacht auf Gelegenheit, sie allein zu sprechen. Seine Einbildungskraft kam ihm zu Hulfe. Er stellte sich schon in Gedanken den kunftigen Fruhling vor, wie er sie auf einem Spatzierwege allein antreffe, sich anbiete, sie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schatten eines Waldchens ihr sein ganzes Herz aufschliesse. Er hielt in Gedanken lange zartliche Gesprache, fuhrte sie und sich redend ein, sank ihr endlich in den Arm, und empfieng mit dem ersten heiligen Kuss die Versiegelung einer ewigen Liebe. Aber diess waren alles nur Traume, und wenn sie verflogen waren, sehnte sich sein Herz desto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er sie besuchen, wenn sie allein zu Hause war, aber er furchtete der Bruder mochte kommen, oder sie mocht es ubel nehmen. Er sah vorher, dass er doch nicht wurde reden konnen, wenn die Sache so vorbereitet ware, und dann wollte er auch allen Schein einer heimlichen Zusammenkunft vermeiden, wogegen sein zartes Gefuhl stritt. Oft dachte er, er woll' ihr schreiben, aber wie sollte er ihr den Brief beybringen?

Kurz, alle seine Entwurfe zerfielen wieder von selbst, bis ihm endlich ein Ungefahr das Beste in der Liebe seinen heissen Wunsch erfullte. Wider alles Vermuthen, selbst wider seine Hoffnung und ein Liebender hofft doch gewiss nicht wenig fiel, noch kurz vor Ostern, ein sehr tiefer Schnee, und zween Tage drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, bey welcher Siegwart Marianen fuhr.

Nun sprach er schon mehr, und that minder schuchtern. Er und Mariane theilten ihre Freude mit einander uber die unvermuthete Gelegenheit, einen Abend mit einander zuzubringen. Sie gestand ihm frey, es hatt' ihr nichts angenehmers begegnen konnen, und sah ihm dabey mit einem unaussprechlichzartlichen Lacheln ins Gesicht. Er beugte sich auf dem Schlitten vorwarts, um ihr einen Kuss zu geben, und sie hielt willig still. Es ist sehr schon, sagte sie, dass sie nun auf Gutfrieds Zimmer wohnen, so kann ich sie doch oft Violine oder Flote spielen horen. Und ich Sie oft sehen und oft horen, fiel ihr Siegwart ein. Diese Wohnung ist mir mehr werth, als wenn man mir das ganze Schloss schenkte. Sie sind gar zu gutig! sagte sie. Gar zu eigennutzig, sollten Sie sagen, versetzte Siegwart. Sie sprachen auf dem ganzen Weg hin nach dem Dorfe, und zwar so, als ob sie miteinander vollig ausgemacht hatten, dass sie sich liebten; sie nahmen es stillschweigend fur bekannt an, und sprachen vertrauter, als sie selbst zu wissen schienen. Aus dem Dorfe liess er ihre Hand fast niemals los, schenkte ihr Chokolade ein, und trank weil Mangel dran war, mit ihr aus einer Schaale. Kronhelm selbst muste sich uber die Herzhaftigkeit seines Fueundes, und uber ihre Offenherzigkeit wundern, da sie sonst etwas zuruckhaltend, und dem Scheine nach stolz war. So eine machtige Veranderung in ihrem beyderseitigen Karakter hatte die Liebe, die stumme Augensprache, und der Zwang, sich einander nicht entdecken zu durfen, hervorgebracht. Auf dem Ruckwege sagte Siegwart: dieser Abend ist noch schoner, als der letztere; Sie sind noch gutiger und freundlicher. Sie sind auch noch ungezwungener und munterer, sagte sie, und das lieb ich. Solche Tage muss man ganz der Freude weihen, denn sie kommen selten. Siegwart liess sich nun von ihr feyerlich versprechen, dass sie auf den Abend langer beym Ball bleiben wolle, und sie that es gerne. So fuhren sie im rothen Duft des Winterabends nach der Stadt. Vor ihnen stieg der Rauch von den Schornsteinen saulengerad in die Hohe, und ward von der, hinten untergehenden Sonne verguldet und gerothet. Das Gesicht der Liebenden war heitrer als der Abend. Sie sahn zur Seite schon den Abendstern blinken, zeigten ihn einander, und sahn ihn mit heitern Blicken an: dann blickten sie einander wieder ins Gesicht, und lachelten mit namenlosem Ausdruck. Das ist der Stern der Liebe, sagte Siegwart. Ein herrliches Gestirn, sagte Mariane, sah ihren Jungling schmachtend an, und er kusste sie. Schade, dass nicht auch Therese bey uns ist! sagte sie. Ich lieb ihre Schwester sehr, und wunschte sie so gern glucklich! Sie wirds werden, versetzte Siegwart. Kronhelm meynt es ehrlich, und sie liebt ihn treu. Das gute Madchen muss noch glucklich werden; sie hat gar zu viel gelitten. Wird man immer glucklich, wenn man leidet? fragte Mariane, und ward wehmuthig. Siegwart schwieg, und sah gen Himmel.

Sie kamen nun in der Stadt an. Beym Umkleiden theilte Siegwart seine Freude mit Kronhelm auf die heftigste Art. Ich bin alles, alles! Ewig! Unsterblich! Alles! sagte er. Freu dich doch, Kronhelm! Du bist ja so kalt. Denk, sie ist mein, auf ewig mein! Kannst du nicht begreifen, was das ist? Mein, mein! Wenn man doch sagt, man sey nicht glucklich, und hat nur so Einen Augenblick! Denk nur erst den Abend! Die ganze lange Nacht mit ihr tanzen, mit ihr sprechen! O ich mochte sterben, so wohl ist mir! Nun sag mehr: Ich sey nicht kuhn! Alles, alles soll sie heut erfahren! Denk, auch Theresen wunscht sie her, und wunscht sie glucklich! Siehst du, was der Engel fur ein Herz hat? Sey nur gutes Muths! Es muss euch auch noch glucklich gehen! Kein Mensch kann auf der Welt unglucklich seyn! Gott hat uns all zur Freud erschaffen! So sprach er in lauter Ausrufungen fort, bis es Zeit war, Marianen wieder abzuholen.

Er fuhrte sie im Triumph auf den Tanzsaal, und fieng gleich mit ihr zu tanzen an. Sie schwebte, wie eine Gottin zwischen Himmel und Erde. Ihre Blicke waren immer auf ihn gerichtet. Er glaubte, in dem Saal der Seligen zu seyn. So oft er sie bey der Hand fasste, gab sie ihm einen Handedruck, der durch Mark und Knochen schauderte. Beym Essen sprach sie nur allein mit ihm, und zuweilen mit Kronhelm, der in tiefer Wehmuth da sass, weil er an Theresen dachte, und doch zwang er sich, an dem Entzucken seines Freundes Theil zu nehmen, und lachelte zuweilen wie die Fruhlingssonn' im Regenschauer. Mariane trank ihm Theresens Gesundheit zu, und bat ihren Siegwart, es seiner Schwester zu schreiben, dass sie eine unbekannte Freundin habe, die ihr Schicksal oft beseufze, und fur sie bete. O dann muss sie glucklich werden, sagte Siegwart, wenn ein Engel fur sie betet. Und beten sie denn auch fur mein Gluck, lieber Engel? Wurden Sie mich auch wol glucklich machen? Ob ichs wurde? sagte sie, und sah ihn zartlich an. Konnt ichs nur! O sie konnens! Bey Gott! Sie konnens, wenn Sie mir nur gut sind! Sind Sies, lieber Engel? Herzlich! Herzlich! sagte sie; mehr, als ichs sagen kann! Er schwieg, und druckte ihr die Hand. Sie hatte ein Stuck Torte vor sich auf dem Teller liegen. Er schnitts entzwey. Sie gab ihm ein Stuck davon, und ass das andere. Sussre Kost hatte Siegwart nie noch genossen. Er schlang seinen Arm um sie, und sah sie seitwarts an. Ihr Gesicht hatte eine Wehmuth, die uber Thranen erhaben war. Zuweilen blickte sie zu ihm herum, und schlug schnell das Auge nieder. Seine Brust war gespannt, er athmete schwer, und konnte kaum den Seufzer zuruckhalten. Es war ihm nicht moglich, ein Wort hervorzubringen. Er sah nichts mehr um sich her. Ihr Gesicht zerfloss vor ihm, als ob nur ein leichter Rosenduft vor ihm schwebte. Sie druckte ihm mit unaussprechlicher Zartlichkeit die Hand. Er konnte die Empfindung nicht mehr zuruckhalten, und kusste sie, mit einem heissen Seufzer, auf die Wange. Indem kam ein Student, und foderte sie zum Tanz auf. Sie entzog ihm, nach einem sanften Druck, die Hand, legte ihre Handschuh an, sah ihn an, und gieng, halb unwillig, mit dem Studenten weg. Er blieb unbeweglich, ruckwarts an den Stuhl gelehnt, sitzen. Endlich sah er sich nach ihr um; sie tanzte, und hatte ihr schones Auge immer auf ihn geheftet. Er konnts nicht aushalten; Thranen schossen ihm in das seinige; er eilte in die Vertiefung des Saals ans Fenster, sah durch die Scheiben nach dem hellen Mond, und weinte. Nach etlichen Minuten kam sie, ohne dass ers merkte, zu ihm, legte ihre Hand auf die seinige, sah ihn an, und sagte: Sie sind traurig? Ja, vor Freuden, antwortete er. Lieber, lieber Engel, sind Sie mein? Auf ewig! sagte sie, und sank ihm mit dem Gesicht an die Brust. Er kusste sie feurig, und empfieng von ihr den ersten heiligen Kuss der Liebe. Drauf folgte eine sprachlose Scene, die sich nicht beschreiben last. Erst nach einiger Zeit giengen sie, mit nassen Augen, um eine Menuet zu tanzen. Dann giengen sie wieder ans Fenster, sahn den Mond an, sahn, wie er sich spiegelte in ihren Thranen, kussten sie sich von den Wangen, und waren uberschwenglich glucklich. Siegwart tanzte fast mit keinem Madchen, als mit ihr. Wenn sie mit einem andern tanzte, so stellte er sich in eine Ecke, und hatte fast immer Thranen in den Augen, denn das Maass der Freuden war fur ihn zu gross. Sie kam immer, wenn sie ausgetanzt hatte, wieder zu ihm hin, nahm ihn bey der Hand, und sah ihn unaussprechlich zartlich an. Nun mussen Sie mich oft besuchen, sagte sie. Meine Mutter liebt Sie, mein Vater ist Ihnen gut, und mein Bruder denkt auch wieder besser von Ihnen, seit Sie auf sein Spiel zu achten scheinen. Etwas behutsam mussen Sie nur seyn, doch das sind Sie selbst. O, der heutige Tag ist doch gar zu herrlich! Nicht wahr, Sie sind auch vergnugt, mein lieber Siegwart? Ein feuriger Kuss auf ihre Lippen gab ihr die Antwort. Wenn wir doch immer beysammen seyn konnten! fuhr sie fort; das Tanzen ist mir heut ganz verdrusslich. Kaum hatte sie ausgesprochen, so ward sie wieder aufgezogen. Siegwart ging zu seinem Kronhelm, der in einer Ecke des Saals wehmuthig und nachdenklich da sass. Wenn nur du auch glucklich warest! sagte Siegwart; ich wollt' Alles geben! Lieber Schwager! sagte Kronhelm, und kusste ihn. Da hab ich einen Gedanken, den ich, glaub ich, Morgen oder Uebermorgen ausfuhre. Ich will nach Munchen zu meinem Onkel; du must auch mit! Und was da machen? Um Theresen anhalten. Er kann und wird sich meiner annehmen! Von ihm kann ichs ganz allein erwarten. So halt ichs nicht langer aus. Dein Gluck hat alle meine Empfindungen wieder aufgeweckt; ich fuhle meinen Verlust wieder starker, und mein Zustand wird mir unertraglich. Nicht wahr, Bruder, du gehst mit mir? Du must bitten helfen. Er wird deine Schwester auch um deinetwillen schatzen, wenn ich sage: dass du ihr Ebenbild bist. Wenn ich etwas dazu beytragen kann, sagte Siegwart, so weist du schon, dass ich fur dich ins Feuer ginge.

Sie erlaubens doch auch? sagte Kronhelm zu Marianen, die eben zu ihnen kam, dass ich Herr Siegwart mitnehme? Wohin? fragte sie rasch und angstlich, und sah ihren Siegwart an. Nach Munchen, antwortete Kronhelm; nur auf etliche Tage. Er kann mir einen grossen Dienst thun. Es betrifft mein und Theresens Schicksal. Ja, wenn das ist ... sagte sie, sonst ... Ich will bey meinem Onkel, dem geheimen Rath, anhalten, sagte Kronhelm, ob ich Theresen heirathen darf? und Siegwart soll meine Bitte unterstutzen. Er kann viel ausrichten, das weis ich. Nur auf vier, oder funf Tage. Tausend, tausend Gluck! sagte Mariane, aber kommen Sie bald wieder! Und Sie, Herr Siegwart, Sie vergessen mich doch nicht? Gott im Himmel! konnten Sie das glauben? rief Siegwart aus. O Sie kennen mich noch nicht! Ich werd an keine Seele denken, als an Sie. Ein Kuss versiegelte das Versprechen.

Sie war nun auch traurig, dass sie ihren Siegwart so bald wars auch nur auf einige Tage verlieren sollte. Sie sass traurig neben ihm, als sie Kaffee tranken, und konnte die Thranen nicht zuruckhalten. Er umschlang sie mit seinem Arm, lehnte sein Gesicht an ihre Brust, und konnte vor Bewegung und Zartlichkeit nicht sprechen. Er fuhlte das Schlagen ihres Herzens, blickte zuweilen zu ihr hinauf; schmachtend sah ihr Aug auf ihn herab, und eine Thrane fiel auf seine Stirne, die sie wieder weg kusste. Kronhelm sah das edle, zartliche Paar, und weinte vor Freuden. Mocht ich Sie einmal beysammen sehen! sagte er; Sie und Meine Therese! Sie waren gleich im Augenblick Ein Herz und Eine Seele.

Nun werd ich wol bald nach Hause gehen mussen, sagte endlich Mariane.; es ist uber zwey Uhr. Siegwart wollte das nicht glauben, bis ers selbst auf seiner Uhr sah. Noch ein paar Schleifer mussen wir doch machen! sagte er, und fing an, mit ihr zu tanzen. Mariane blieb noch uber drey Viertel Stunden. Endlich sagte sie: Ich muss, ich muss gehn, wenn ich gleich nicht will! Siegwart stund mit ihr noch eine halbe Stunde unter ihrem Haus, und empfing die zartlichsten Versicherungen ihrer Liebe. Ich habe keinen noch geliebt, sagte sie, und will auch ausser Ihnen keinen lieben. Mein Herz war unruhig, seit ich Sie erblickt habe. Sis mustens oft an meinen Blicken merken, im Koncert und in der Kirche. Lieber Siegwart, ich bin nun so glucklich; soll ichs ferner bleiben? Ist Ihr Herz auch ganz mein? Ganz! so wahr als Gott lebt! sagte er. Keiner Seele hats noch angehort, Gott ist mein Zeuge! und soll Gott und Ihnen nur gehoren ewig. Nun folgten wieder Kusse, die den Bund auf ewig schlossen. Endlich trennten sie sich mit Gewalt von einander. Da geht der Stern der Liebe wieder auf, sagte er beym Scheiden. Gestern hat er uns zum erstenmal geglanzt, und nun auf ewig. Nie will ich ihn ansehn, ohne dieses Tags und Ihrer zu gedenken. Er soll das Sinnbild unsrer Liebe seyn, ewig rein, und jugendlich und ewig! Schlaf sanft, lieber Engel, sanft, sanft, sanft!

Er ging nach seinem Haus hinuber, und schloss auf. Andacht, und Entzucken, und Dankbarkeit bebten durch sein Herz. Er sah aus dem Fenster, sie sah noch eine Viertelstunde heraus; endlich warfen sie sich einen Kuss zu, und sie loschte ihr Licht aus. Hastig ging er im Zimmer auf und ab. Mein, o mein ist er, der Engel Gottes! sagte er laut, setzte sich nieder, und schrieb:

Mein, o mein ist er, der Engel Gottes!

Banges Herz, wie kannst dus fassen? Brich nur!

Schmelz in Thranen hin! denn dein ist

Die Erwahlte Gottes.

O ich sink in Staub vor Dir, Du Geber!

Alle Thranen hast Du weggetrocknet!

Freuden hast Du mir erschaffen,

Ewig, wie mein Herz liebt!

Rein und heilig ist die Auserwahlte!

Mach, o Gott! mein Herz, wie sie, so heilig!

Dass ich werth sey dieses Kleinods,

Das vor allen schimmert!

O, Du Heilige! Sieh an diess Streben,

Das, Dir gleich zu werden, hoch mein Herz hebt!

Sieh es an! Und, wann ich strauchle,

Heb mich durch Dein Lacheln!

Kronen hatt' ich nicht fur Dich genommen!

Tausend Kronen legt' ich Dir zu Fussen!

Engel, sieh, ich wein' vor Freuden,

Dass Du ewig mein bist!

Noch eine halbe Stunde blieb er auf, und sagte diese Verse oft zum Fenster hinaus. Endlich legte er sich zu Bette, aber es kam wenig Schlaf in seine Augen. Um halb sieben Uhr weckte ihn das Morgenroth schon wieder. Er sah hinaus, dachte nichts als Marianen, war im Innersten bewegt, und dankte Gott mit solcher Inbrunst fur ihre Liebe, dass sein Herz mehr im Himmel, als auf Erden war. Sie war auch schon aufgestanden, und lachelte mit Engelanmuth zu ihm heruber. Seine Seele war so heiter, als sie in seinem Leben nie noch gewesen war. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer, und sagte, er habe diese Nacht nicht schlafen konnen, und den Plan, zu seinem Onkel zu reisen, vollends ausgedacht. Er sey nun vollig entschlossen, morgen nach Munchen zu reiten. Er habe alles uberlegt, und soviel ein Mensch voraus sehen konne, konn' es ihm nicht fehlen. Sein Onkel habe ihn und sein Gluck viel zu lieb, und sey zu frey von Vorurtheilen, als dass er ihm seine Einwilligung, Theresen zu heirathen, versagen konne. Wenn er diese habe, dann sey es ihm genug. Sein Vater werde gewiss nachgeben, denn sein Onkel vermoge alles uber ihn, und er muss' ihm nachgeben, weil er sonst furchten muste, er vermache seine Guter einer andern Linie vom Kronhelmschen Haus. Ich trage, setzte er hinzu, diesen Plan schon lang im Herzen; aber noch nie fuhlte ich so vielen Muth, und so zu sagen, innerlichen Beruf, ihn auszufuhren, wie jetzt. O Bruder, wenn Gott meine Wunsche segnet; wer ist dann begluckter, als wir beyde! Hierauf unterrichtete er seinen Freund, wie er seinem Onkel begegnen musse, um sein Herz zu gewinnen. Nur geradezu, und frey! Das liebt er. Dein Charakter ist so, wie ers wunscht. Zeig dich, wie du bist! Dann kennt er Theresen, und ist ganz gewiss fur meine Wahl. Er ist ungeheuchelt fromm, und man darf mit ihm mehr von der Religion reden, als mit irgend einem Hofmann. Auch von meiner Schwester hoff ich viel. Wenn sie so ist, wie sie war, dann tritt sie ganz gewiss auf meine Seite, und uber meinen Onkel vermag sie alles. Nur vor meinem Schwager darf ich nichts sagen; der ist ganz Hofmann, und glaubt, zwischen den Burgerlichen und dem Adel muss' eine ewige Kluft befestigt seyn. Sieh, Bruderchen, ich denk, es geht gut. Wir wollen Gott drum bitten, und das Beste hoffen! sagte Siegwart. Niemand kann dir mehr einen glucklichen Ausgang wunschen, als ich, denn ich liebe, nach Marianen, dich und meine Schwester uber alles.

Sie gingen nun aus, um Pferde zu bestellen. Dahlmund kam drauf zu ihnen, und klagte, dass ihm seine Brunette gestern ungetreu geworden sey. Sie habe sich mit einem schlechten Kerl abgegeben, der schon zwey- oder dreymal Schulden und liederlicher Streiche halben auf dem Karzer gesessen habe. Er that ganz verzweifelt und untrostlich, schlug sich vor die Stirne, knirschte mit den Zahnen, weinte vor Wuth, und sagte endlich: Entweder ich muss sterben, oder Er? Feder und Dinte her! Ich schick ihm eine Ausforderung. Kronhelm, du must mir sekundiren!

Bist du toll, Dahlmund? sagte Kronhelm. Mit dem schlechten Kerl dich schlagen. Dein Leben an ihn setzen! Was hast du davon, wenn du ihn niederstichst? Wird das Madel dadurch besser? Mochtest du sie dann wohl wieder haben? Du weist selbst, dass jeder Zweykampf, den man selbst sucht, Thorheit und Verbrechen ist; wir haben schon einmal davon gesprochen. Aber hier trifft das doppelt ein. Der Kerl ist schlecht, das sagst du selbst. Alles, was noch Gutes an ihm ist, das ist sein Leben, weil ers noch einmal dazu brauchen kann, sich zu bessern, der Welt etwas nutz zu werden, und dem Elend zu entgehen, das ihn in der Ewigkeit erwartet. Darfst du einem Menschen den Weg zu seinem Gluck abschneiden? Oder willst du sein Teufel werden, und ihn in die Holle jagen, und dir dadurch dein Leben auch zu einer Holle machen? Denk einmal, was ein Morder fur ein unseliges Geschopf ist? Fliehen muss er vor Menschen und vor Gott; darf nicht mit sich selber reden, denn es ruft aus ihm heraus: Du bist ein Morder. Blut sieht er uberall, darf keinem Menschen ins Gesicht sehn, und hat Hollenquaalen, ausser sich und in sich. Das heist sich warlich schon geracht, wenn man sich selbst einen Dolch ins Herz stost, dass es ewig blutet. Dem Teufel gibt man Satisfaktion, und nicht sich selbst, wenn man ihm einen schlechten Kerl zuschickt, und wohl selber nachfolgt. Und dann ists ja so ausgemacht nicht, dass du ihn gerad niederstichst; er hat ja auch einen Degen, und kann eben so gut treffen, als du. Ist der Kerl wol dein Leben werth, und dein Gluck in alle Ewigkeit? Darfst du nur damit schalten und walten, wie du willst? Du hast brave Eltern, die so viel an dir thun, und Trost und Freud im Alter von dir erwarten, und nun mit Gram und Kummer vor der Zeit ins Grab sanken; die nicht ohne Graus an dich denken konnten, und im Tod einander sagen musten: Er hat uns umgebracht, und nun treffen wir ihn doch nicht an. Heist das, seinen Eltern Freude machen, und ihnen fur das lohnen, was sie an uns thaten? Heist das, ein ehrlicher Kerl seyn, geschweige denn ein Christ? Das heiss ich mir recht auf Ehre halten, und ein Schurke gegen sich und andre werden! Besinn dich, lieber Dahlmund! Sieh, du bist der Welt viel schuldig, hast so gute Gaben, die dir Gott gab zur Verwaltung, dass du Menschen segnest, und sie glucklich machtest. Sieh, du hast uns, und wir sind dir herzlich gut, und du bist uns Freundschaft schuldig! Wirf dein Leben nicht einem schlechten Kerl hin. Handle nicht so gegen Gott, und dein eignes Gluck! Ich bitte dich um Gottes und um deinetwillen, komm wieder zu dir selbst! Du bist sonst ein Mensch und hast Religion, und willst nun alles das mit Fussen treten. Nicht wahr, du folgst mir, Dahlmund? Indem umarmte er ihn. Dahlmund ward geruhrt, und weinte. Vergebt mir, Bruder! rief er, dass ich so ein Narr war! Ich wills nicht thun! Lieber mag man mich fur einen feigen Kerl halten!

Das bist du deswegen doch nicht, sagte Siegwart; du hast dich letzthin mannlich gewehrt, als dich die zween Studenten mit dem blossen Degen angriffen. Man kann Muth haben, ohne ihn zum Schaden andrer ohne Noth zu brauchen. Ich schlage mich gewiss nicht, aber deswegen komm mir keiner und necke mich! Ich will ihms zeigen, dass ich meine Faust und meinen Degen nicht umsonst habe. Und bey den groben Schlagern fehlts gar oft an Herz, wenns auf wirkliche Vertheidigung ankommt. Beym bosen Gewissen gibts keine wahre Herzhaftigkeit, und ein gutes Gewissen hat der niemals, der vorsetzlich, um einer Kleinigkeit willen, sein Leben aufs Spiel setzt, oder nach dem Leben eines andern trachtet. Aber die Weissin ist nun doch verlohren, sagte Dahlmund, und das thut mir in der Seele weh! Kanns das wol mit Recht? sagte Kronhelm. Sie hat sich schlecht aufgefuhrt, das must du selbst bekennen, da sie dir einen solchen Menschen vorzieht. Ein Madchen, das ausser uns, noch mit einem andern, auch sonst guten Menschen, liebelt, verdient warlich unsere Liebe nicht. Ganz und allein muss man ein Herz haben, das man ganz liebt. Wenn ich meinem Madchen nicht Alles bin, so bin ich gar nichts, und nehm auch mein Herz zuruck. Du must stolz seyn, Dahlmund, und den Flattergeist verachten konnen. Du verdienst ein ganz andres Madchen. Es fehlt dir nichts, um ein Herz zu fesseln, und glucklich zu machen. Du siehst gut aus; hast Verstand, Vermogen, Wissenschaften, und ein edles Herz, das treu lieben, und daher wieder treue Liebe fodern kann. Sag einmal, mochtest du ein Weib, wie die Weissin, das mit jedem Kerl buhlt, sich von jedem schmeichlerischen Schurken die Hande und den Mund belecken last: jedem Narren glaubt, und seine unverschamten Schmeicheleyen anhort, und sich druber zur Ehebrecherin machen last? Mochtest du so ein Weib? Und man muss kein Madchen haben, das man nicht zum Weib machen will! Der Verdruss uber ihre Narrheiten wurde dich umgebracht haben. Lass sie nur nicht merken, dass es dir leid um sie thut, sie wurde heimlich nur daruber jauchzen. Sey ein Mann, und wimmre nicht wie eine Memme um ein eitles falsches Madel! Warlich, sie ist dein nicht werth! Du hast Recht, Bruder, sagte Dahlmund, ich fuhl mich, dass ich etwas bessers werth bin. Sie mag sich zur alten Jungfer buhlen, oder noch was argers mit dem Kerl thun! Ich frag den Henker nach ihrem Paar schwarzen Augen, wenn sie glaubt, die ganze Welt musse sich drein vergaffen!

Den Abend drauf ging Siegwart mit Kronhelm zu dem Hofrath Fischer, unter dem Vorwand, ein Konzert zu machen. Aber seine wahre Absicht war, seine Mariane noch einmal zu sehen, und von ihr Abschied zu nehmen. Der Hofrath wurde gegen Siegwart immer hoflicher, theils wegen seines guten Spielens, theils auch, und hauptsachlich, weil sich Siegwart jetzt taglich gut kleidete, denn er sah mehr auf ausserliche, als auf wesentliche Vorzuge. Die Hofrathin liebte ihn seiner Artigkeit, seiner unbescholtnen Sitten, und seines edeln frommen Herzens wegen, taglich mehr, und liess ihn ihre Achtung deutlich sehen. Joseph, Marianens Bruder, that jetzt auch sehr freundschaftlich, da er sah, dass ihn Siegwart sehr von andern unterscheide. Ueber Marianens Gesicht verbreitete sich sichtbar eine ausserordentliche Heiterkeit, sobald ihr Geliebter kam. Sie stand von ihrer Stickerey auf, wo sie eben eine Schaferinn, und einen Schafer, die im Grase bey einander ruhten, gezeichnet hatte. Sie war sehr beschaftigt, die lieben Gaste zu bewirthen. Siegwart betrachtete indessen mit Entzucken ihre Stickerey. Sie trat hinzu, sah sie ein paar Augenblicke an, und betrachtete dann sein Gesicht, das mit Wohlgefallen auf der Arbeit ruhte. Er sah sie an, sie lachelte mit einem solchen Ausdruck, dass er Muhe hatte, sich nicht vor dem Vater und der Mutter zu verrathen. Nachdem er dem Vater und der Mutter erst von seiner vorhabenden Reise erzahlt hatte, so spielten sie ein kleines Konzert, bey welchem Mariane schoner und mit mehr Ausdruck sang, als sie noch je gethan hatte. Drauf spielte Joseph ein Konzert auf dem Flugel, und ward uber den Beyfall, den ihm Kronhelm und Siegwart gaben, ganz entzuckt. Siegwart sang auch, und wurde von Marianen und ihren Eltern sehr gelobt. Um sechs Uhr machten diese viele Entschuldigungen, dass sie weggehen musten, weil sie sich bey ihrem altern Sohn versprochen hatten. Kronhelm und Siegwart wollten auch weggehen, wurden aber sehr gebeten, da zu bleiben. Mariane bat auch, und Siegwart willigte nur gar zu gern ein. Joseph machte auch Entschuldigungen, dass er zu seinem Zeichenmeister gehen musse. Er wolle um sieben Uhr sogleich wieder da seyn etc. und unsre jungen Leute waren nun allein. Sie sahn aus dem Fenster, als die Eltern weggiengen, und merkten, dass der Wind sich gedreht habe, und aus Mittag wehe, und Thauwetter bringe. Es fing auch bereits an etwas zu regnen. Seys! sagte Mariane; wir haben nun doch noch die Schlittenfahrt gehabt. Vielleicht konnen Sie auch morgen noch nicht reisen. Kronhelm sagte, sie musten, wo moglich, fort. Nun stellte sich Mariane an den Flugel, schlug, ohne hinzusehen, ein paar Tone, sah ihren Siegwart an, gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Seligkeit des Himmels ward um ihn herum, und noch mehr in seiner Seele. Du must spielen, sagte er zu Kronhelm, damit man unten und im Hause glaubt, wir machen Musik. Kronhelm spielte sich, ganz allein, auf seiner Violine recht mude; oft ganz wild, und heftig wie der Taumel der Liebe; dann wieder schmachtend und zartlich, gleich der Empfindung unsrer Liebenden. Sie sassen im Kanapee beysammen, glucklicher als alle Konige der Erden. Ihre Zunge konnte nicht reden; nur ihr Auge sprach, und ihr Handedruck. Liebes Madchen! Lieber Engel! war alles, was zuweilen Siegwart sagte. Dann lehnte sie wieder ihr Gesicht an seine Brust. Er kusste sie auf ihre schonen Augen. Sie sah auf, erhub sich etwas und kusste seine offne, hochgewolbte Stirne. Wenn ihre Blicke sich begegneten, wenn ihr Auge scharf in seines sah, dann schoss ihm eine Thrane drein, und er und sie lachelten, und ihr Gesicht sank wieder an sein Herz, das so laut schlug, dass sies horte. Morgen, morgen! sagte Siegwart traurig. Sis hub ihr Gesicht langsam auf, sah ihn schweigend, lang, und wehmuthig an! Ein Seufzer bebte ihre Brust herauf, und sie verbarg sich wieder an der seinigen. Traurig! traurig! rief sie Kronhelm zu, der eben ein Allegro spielte. Auf Einmal sank er ins Moll herab, in eine Dusternheit, dass den Liebenden schauerte. Gedenke meiner, sagte Siegwart, wenn ich fern bin! Sie druckte ihren Mund fest auf den seinigen; wendete sich eilig weg, nahm ihr Schnupftuch, und wischte sich das Auge. Nur etliche Tage! sagte Siegwart. Kann ich Ihnen schreiben? Sie schuttelte stillschweigend mit dem Kopf. Ich habe niemand, sagte sie nach einer Pause. Dann druckten sie einander fest ans Herz, und kussten sich, als ob sie den Athem und die Seelen austauschen wollten. Man lautete an der Glocke. Schon vorbey? sagte Siegwart seufzend, und stand auf. Joseph kam, und sagte, dass das Wetter sehr schlecht und ungestum sey. Man horte auch stark sturmen, und der Regen wurde heftiger. Wenn es so fort macht, sagte Mariane, und sah unsern Siegwart bittend an, so reisen Sie Morgen doch nicht! Ich bitte Sie. Kronhelm versprach, noch einen Tag zu warten, wenn das Wetter sich verschlimmre. Um acht Uhr nahmen er und Siegwart Abschied. Sie leuchtete ihnen hinunter. Der Wind loschte das Licht aus. Sie stand noch einige Augenblicke bey ihnen. Siegwart kusste seinen Engel noch aufs zartlichste, nahm mit vielen Thranen Abschied, und versprach, bald wieder zu kommen. Den andern Morgen sturmte und regnete es noch so stark, und das Gewasser vom zerflossnen Schnee war so haufig, dass sie unmoglich wegreiten konnten. Auch am folgenden Tage wars noch so, und sie konnten erst am Anfange der Charwoche abreisen.

Mariane sah mit ihrer Mutter aus dem Fenster, als sie zu Pferd stiegen. Sie sah traurig aus, und schmachtend. Siegwart blickte noch einmal zartlich hinauf, nahm den Hut ab, und ritt mit seinem Freund um die Ecke hinum. Mit schwerem Herzen kam er auf das Feld hinaus, und sah sich noch einigemal mit Thranen nach der Stadt um, die seine Mariane einschloss. Der Morgen war sehr heiter, und die Sonne gieng golden auf. Der Schnee war grostentheils zerschmolzen, nur noch an den Rainen, und Hecken, und in den Graben lag ein wenig, wo die Sonne nicht so frey hin scheinen konnte. Die Wiesen waren schon grun, besonders an den Quellen; das junge Gras, und die Ganseblumchen keimten schon hervor. Die Lerchen schwangen sich das erstemal in diesem Fruhjahr in die Luft, und sangen. Es war, als ob ein himmlisches, uberirdisches Konzert uber unsern beyden Junglingen schwebte. Ihre Seelen erweiterten sich, und lebten in der frischen Fruhlingsluft, die um sie her spielte, wie neu auf. All ihr Gefuhl wurde gescharft; jeder dachte an sein Madchen und schwieg. Um Mittag kamen sie in ein Dorf, wo sie ihre Pferde futterten, und assen. Ein Fleischer sass in der Stube mit zwey grossen Hunden. Er erzahlte von einer Frau im nachsten Dorf, die narrisch geworden sey, und nun gebe man ihr Schuld, sie habe ihren Mann umgebracht. Dann erzahlte er von einem alten Mann von 73 Jahren, den man draussen im Bach todt gefunden habe. Vermuthlich sey er selbst hineingesprungen, denn sein Sohn, der nun auf seinem Handwerk sey, und bey dem der Vater aus Gnad und Barmherzigkeit gewohnt habe, sey ihm hart und grausam begegnet, hab ihm taglich vorgeworfen: Er esse Gnadenbrod, sey der Welt nichts mehr nutz, und durfe wol machen, dass er bald draus fort komme. Diesen Morgen noch hab er ihn einen alten Narren gescholten, ihm gedroht, er woll ihn noch aus dem Hause stossen, und drauf habe der alte Mann geweint, und gesagt: Gott soll unter uns richten! Hab sein altes zerrissenes Wamms angezogen, sey an seinem Stab aus dem Dorf gegangen, und habe sich am Bach niedergesetzt. Ich hab ihn selber angetroffen, sagte der Metzger; er gab mir noch einen guten Morgen, und nahm die Mutze ab, dass ich seine Handvoll weisser Haare und seine Glatze sah, und bey mir selber dachte: Lieber Gott, was es doch um einen Alten fur ein Elend ist, wenn sich niemand seiner annimmt, selbst die Kinder nicht, die er gross gezogen hat! Da hat sich eben der arme Mann hingesetzt, halb kindisch war er, wuste sich selbst nicht mehr zu helfen, und sprang in das Wasser. Gott verzeih es ihm, er war sonst ein guter Christ, der niemand nichts zu leid that. Aber so Kerls, wie sein Sohn ist, liess' ich spiessen, die verdienen nicht zu leben, wenn sie Leuten nicht das Leben gonnen, denen sie doch alles zu verdanken haben. Das ist so meine einfaltige Meynung. Hab ich Unrecht, Herr? Siegwart gab ihm vollig Recht. Kronhelm spielte indessen mit einem von den Hunden. Das ist ein treues Thier, Herr! sagte der Fleischer. Der liesse sich eher todt schiessen, als mir was thun. Nun erzahlte er mit treuherziger Geschwatzigkeit die Geschichte und die Tugenden seiner beyden Hunde. Sehen Sie, sagte er, die Thiere horchen auf, als ob sies verstunden. Ja, es ist ein gescheides Thier um einen Hund. Siegwart liebkoste ein paar Kinder mit einem offenen Gesicht, und grossen blauen Augen. Er fragte sie nach ihrem Alter, und nach ihrem Namen, und gab jedem einen Kreuzer. Die Kinder sprangen mit dem Geld zu ihrer Mutter, wiesen es ihr, und dann wieder auf Siegwart, dass ers ihnen gegeben habe. Die Mutter kam zu ihm her, gab ihm die Hand, und sagte: O Herr, warum machen Sie sich Unkosten? Das ist gar zu viel. Drauf musten ihm beyde Kinder die Hand kussen.

Indem kam ein Bedienter in abgeschabter Livree mit verweinten Augen ins Zimmer, und setzte sich an den Ofen. Er machte einige Bewegungen mit der Hand, als ob er mit sich selber sprache, und dann zahlte er etwas an den Fingern ab. Was fehlt denn ihm, Marx? sagte die Wirthin. Ey, was wird mir fehlen! antwortete er; sie haben mich im Schloss fortgeschickt, und nun kann ich betteln. Das ist mir eine Haushaltung! Da ist ein welscher Hahn aus dem Schlosse weggekommen, und weil ich nichts davon wissen wollte, und auch meiner Treu nichts wuste; da geben sie mir meinen Abschied. Ist das auch erlaubt? Aber ich weis schon wo das her kommt. Die gnadige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch seine Ursachen. Mocht ich nur Handel anrichten, und dem gnadigen Herrn ein paar Stuckchen vom Jager und von ihr erzahlen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid thun. Er ist ein kreuzbraver Herr, der so schon seine liebe Noth hat. Nur das ist unverantwortlich und himmelschreyend, dass man einem armen Dienstbothen seinen Lohn nicht gibt. Ich hatte zwanzig Thalerchen zu fodern; da kam die gnadige Frau mit ihrer grossen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiss, was all? drauf geschrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie gesehen hatte, da war diess und jenes am Sattelzeug zerrissen; ein Fullen war gestorben, und da sollt alle ich Schuld dran seyn, und das Ding bezahlen. Ich mochte sagen, was ich wollt; es half alles nicht, sie summirte, und siehe da: Summa summarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, dass mir also gerad noch 44 Kreuzer heraustrafen. Ich dacht, ich hatte Blut weinen mussen, wie ichs horte. Ich wollt ihr zu Fussen fallen, und ihr meine Unschuld darthun; aber sie gab mir noch harte Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin, und schlug die Thur zu. Ich wollt vor den gnadgen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber sie stand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts sagen. Die Livree gehort auch noch uns, sagte sie. Ach, mein Schatz, lass ihm das, sagte er; es ist doch nicht viel mehr dran! Nun, so kann er sich aus dem Schlosshof packen, rief sie, und sich nie mehr drinn erblicken lassen! So hat man mirs gemacht, und Gott weiss, ich hab meinem Herrn treu gedient, das wisst ihr, Wirthin, und alle Leut im Dorf wissens. Nun weiss ich nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als diesen Kittel, an dem man alle Faden zahlen kann. Kein Attestat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden. Und ohne Attestat nimmt mich keine Herrschaft an. Und, Gott weiss, meynts einer mit seiner Herrschaft ehrlich, so thus ich. Ich wollte gleich mein Leben lassen, wenn mein Herr in Gefahr kommt; Ich wollt ihm dienen, dass er mir wie seinem Kind trauen konnte. Ehrlich wahrt am langsten. Das hab ich noch von meinem Vater gelernt, der war auch Bedienter, bis er 70 Jahr alt war, und nicht mehr dienen konnte. Drauf zog er seine 44 Kreuzer heraus, und zahlte 32 davon ab, die er, wie er sagte, noch dem Jager schuldig war fur ein Gebethbuch.

Kronhelm, der, wie Siegwart, von dem Schicksal des Bedienten sehr geruhrt war, zog die Wirthin auf die Seite, und erkundigte sich bey ihr nach ihm. Sie gab ihm mit der gutherzigsten Miene, und mit vieler Warme das Zeugniss eines frommen und rechtschaffenen Menschen. Drauf gieng Kronhelm zu dem Bedienten, der ihm, seiner guten, ehrlichen Bildung wegen, gleich gefallen hatte, fragte ihn, was er monatlich fodre? und nahm ihn zu seinem Bedienten an. Der Kerl war vor Freuden ganz ausser sich, und konnte kaum Worte finden, seine Dankbarkeit auszudrucken. Kronhelm sagte ihm, er soll sehen, dass er ein Pferd geliehen kriege, um nach Munchen mitzureiten; in einer Viertelstunde kam er mit einem Pferd wieder. Der Wirthin gab er das Geld fur den Jager, und bat sie, alle gute Freund' im Dorf noch einmal zu grussen. Als sich Kronhelm die Zeche machen liess, foderte die Wirthin so wenig, dass er sie ausdrucklich fragte, ob sie nichts vergessen, oder zu niedrig angerechnet habe? Sie sagte aber, Nein: sie hab alles angerechnet; Sie thu sich nicht Unrecht, aber andern Leuten thu sies auch nichs. Wie gewonnen, setzte sie hinzu, so zerronnen. Sie dankte auch Siegwart noch einmal fur die 2 Kreuzer.

Auf dem Wege erzahlte der neue Bediente, Marx, fast seine ganze Lebensgeschichte mit vielen Umschweifen, und der, dem Schwaben so gewohnlichen gewissenhaften Aufrichtigkeit. Man sah ihms an, wie viel er auf seinen neuen Herrn halte; er war besorgt, sobald das Pferd stolperte, und stieg ab, sobald es scheute. Neugierig war er auch, wie die meisten Schwaben sind, und fragte Kronhelm und Siegwart mit der treuherzigsten Einfalt, die ein Sachse fur Beleidigung halten wurde, um alles, was sie angieng.

Ziemlich spat am Abend kamen sie in Munchen an, und stiegen, weil Kronhelm seinen Onkel und seine Schwester nicht mehr uberraschen wollte, in einem Gasthof ab. Marx war ausserordentlich besorgt, seine neue Herrschaft und unsern Siegwart zu bedienen, und lauerte auf alle ihre Winke. Wenn einer nur eine Bewegung machte, so fragte er sogleich, ob man etwas zu befehlen habe? und verrichtete jeden Auftrag mit der geschwindesten Genauigkeit. Den folgenden Morgen schickte ihn Kronhelm sogleich aus, ihn bey seinem Onkel zu melden. Marx kam bald wieder mit der Nachricht zuruck, der geheime Rath sey gegenwartig nicht in Munchen. Kronhelm, der daruber sehr betroffen war, gieng selbst nach seinem Hause, und erfuhr: sein Onkel reise schon seit acht Tagen in Churfurstlichen Geschaften im Land herum, und werde vor 14 Tagen nicht zuruckkommen. Kronhelm kam voll Unmuths wieder in den Gasthof, erzahlte Siegwart den verdriesslichen Umstand, und liess sich nun bey seinem Schwager und seiner Schwester melden. Als er angenommen wurde, gieng Siegwart indessen aus, um die Stadt zu besehen. Er erstaunte uber die vielen schonen Hauser und Pallaste, und noch mehr uber die Volksmenge, die ihm auf allen Strassen entgegen wimmelte. Alles, was er sah, war ihm neu. Anfanglich gefiels ihm, bald aber argerte er sich, zu sehen, wie hier immer ein Mensch dem andern im Wege steht; wie sich so viele tausende zusammenthun, ein jeder in der Absicht, von dem andern zu zehren. Eins Baurenhutte, dachte er, ist mir lieber, wo sein Besitzer ruhig drinn sitzt, sich nur um sich selbst bekummert, von keines andern Hulf' oder Gnade abhangt, und im Frieden fur sich und seine Kinder sein Feld baut. Am meisten argerte er sich uber die vielen Mussigganger, die, wie Puppen, die Strassen auf und ab tanzten, denen man den Mussiggang ansah, und die, um den Mussiggang noch zu vermehren, eben so grosse Mussigganger, als Bediente, hinter sich drein gehen haben. Es schmerzte ihn, so viel Leute in zerlumpten Kleidern, mit ausgehungerten Gesichtern, und muthlosen, niedergeschlagnen Mienen zu sehen, die, von den goldbedeckten Herren umbemerkt, wie Gewurm unter den Fussen des Wanderers herum kriechen. Gott, dachte er, das sind doch auch Menschen, die auch Seelen haben, wie die Herren, und sie werden nicht geachtet! Gibts denn keine Grosse, und kein Gluck, wenn ihm nicht Niedrigkeit und Elend zur Seite steht? Hier vergisst man ja sich selber vor dem ewigen Gelarm der Kutschen, und den stillen rechtschaffenen Burger muss man auch vergessen. Leute mit den frechsten Gesichtern und dem aufgeblasensten Wesen sah er zwischen andern, und besonders alten Mutterchen sich brusten, die mit der andachtigsten, oft bigottesten Miene, und dem Rosenkranz in der Hand, nach den Kirchen zuschlichen. Aberglauben und Unglauben schien sich hier ewig zu durchkreuzen. Als er eine Kirche vorbeykam, gieng er hinein. Auf einmal dachte er an Marianen, gieng in einen Stuhl, warf sich auf die Knie, und betete mit heisser Innbrunst, und mit Thranen in den Augen. Nun fuhlte er erst ganz das Gluck der Ruhe und der Liebe, das er in ihrem Arm genossen hatte, und jetzt entbehren muste. Mit ungewohnlich starker Sehnsucht sehnte er sich nach ihr zuruck. In der Kirche sah er noch mehr die grosse Kluft zwischen Andacht und Frechheit. Das gemeine Volk lag in tiefster Demuth vor Gott, und die vornehmen jungen Herren und Frauenzimmer stunden frech in ihren goldnen oder seidnen Kleidern da, begafften sich mit stolzer Selbstzufriedenheit; warfen sich, anstatt zum Himmel zu blicken, und in Demuth vor Gott zu erscheinen, buhlerische Blicke zu, und vergassen alle Ehrerbietung, die man in einem Gotteshause zeigen sollte. Siegwart gieng, mit einem schweren Seufzer aus der Kirche, und nach seinem Gasthof zuruck.

Kronhelm schickte seinen Bedienten dahin, und liess ihn zu seiner Schwester zum Mittagsessen bitten. Er ward von ihr gutig aufgenommen. Ste war ein Frauenzimmer von 25 oder 26 Jahren, das in den Gesichtszugen, das feine weibliche abgerechnet, ihrem Bruder ganz ahnlich sah. Sie hatte viel Anmuth in der Miene, etwas schwarmerisches im Auge, und viele Lebhaftigkeit und Munterkeit in ihrem Wesen. Ihr Mann war auch da; er war schon in den dreyssigen, hatte eine ziemlich angenehme Bildung, die er aber durch ein angenommnes, kaltes, steifes Wesen sehr verstellte. Sein Betragen gegen Siegwart war hoflich, aber doch von einer Feyerlichkeit und Entfernung begleitet, die alles Zutrauen verbannte. Vor Tisch wurden die Kinder ins Zimmer gebracht, zwey Madchen von 6 und 7 Jahren, und ein Knabe von 9 Jahren, die wie junge Engel aussahen. Sie musten etwas franzosisch plappern, aber mit Siegwart sprach der Knabe deutsch, fragte ihn alles, wo er herkomme? wie er heisse: Ob er auch einen Papa, und auch eine liebe Mama habe? u.s.w. Dann erzahlte er allerley Geschichten von sich und seinen Schwestern, von ihren Puppen, von seinen zinnernen Soldaten, die er herholte und in Schlachtordnung stellte. Siegwart wollte ihm auch helfen, aber er machte, nach seiner Meynung, alles unrecht; der Knabe lachte ihn aus, und belehrte ihn eines Bessern. Dann holte er der Beaumont Magazin, las ihm daraus vor, und erzahlte ihm ein Mahrchen. Siegwart muste auch vorlesen, und sich von dem kleinen Karl alle Augenblicke korrigiren lassen. Er machte vorsetzlich Fehler, und stellte sich bey den Belehrungen des Knaben sehr aufmerksam an, welches diesem ausserordentlich gefiel. Die Madchen unterhielten sich mit ihrer Mama, und mit Kronhelm, dem sie ihre Puppen zeigten, ihre schonen Kleider hererzahlten, und von andern kleinen Madchen unterhielten. Als die Kinder weggebracht werden sollten, bat der Knabe sehr, man mocht ihn doch bey dem Herrn lassen! Man versprach ihm aber, dass er wieder kommen durfte. Bleib fein da! sagte er zu Siegwart, als er weggieng.

Bey Tisch war auch Kronhelms Bruder, ein etwas fluchtiger und leichtsinniger junger Mensch, der die witzigen Franzosen, und besonders Voltars Schriften stark las. Er spottete uber Universitaten, Professoren, und gelehrte Wissenschaften, sprach viel von der Historie, in der Voltaire seine Quelle war; sagte, er wunsche nichts mehr, als Paris zu sehen; schimpfte auf die Steifigkeit der Deutschen, nahm aber den Munchnerhof davon aus; erzahlte ein paar Hofgeschichten, und gieng wieder weg, in eine andere Gesellschaft.

Herr von Eller, so hiess Kronhelms Schwager, der schon ernsthafter dachte, suchte ihm die Annehmlichkeiten des Hoflebens von einer andern Seite darzustellen, und ihm den Hang, auf dem Land zu leben, zu entleiden. Er stellte ihm das Gluck vor, um einen grossen Herrn zu seyn, immer hoher zu steigen, und endlich vielleicht gar zu seinem Vertrauen zu gelangen, u.s.w. Fur Kronhelm war dieses kein Gluck, und er wich den Ueberredungen seines Schwagers mit Klugheit und Bescheidenheit aus. Um 3 Uhr muste Hr. von Eller in eine Session, und seine Gemahlin, Kronhelm und Siegwart blieben allein. Das Gesprach ward nun vertraulicher. Die Frau von Eller fragte ihren Bruder, warum er so blass und eingefallen aussehe? Er sey sonst viel munterer gewesen; jetzt hab er so viel Ernst und Schwermuth in seinem Karakter; seine Seele musse eine grosse Veranderung und tiefe Leiden erfahren haben. Er kenne die Freundschaft, die sie von jeher gegen ihn getragen, und den Antheil, den sie immer an seinen Schicksalen genommen habe; er mochte daher doch offenherzig gegen sie seyn, und ihr alles offenbaren, was er, ohne Verletzung seiner Ruhe konne! etc. Kronhelm that es auch, erzahlte ihr mit vieler Ruhrung und der grosten Aufrichtigkeit seine ganze traurige Geschichte mit Theresen, und setzte hinzu: So lang ich von ihr getrennt leben muss, und sie nicht bekommen kann, so lang kann ich auch nicht ruhig und nicht glucklich werden. Mein Herz wird sie ewig lieben, und ewig um sie trauren, wenn ich sie nicht ganz besitzen soll. Fur mich ist dann keine Ruhe, als im Grab! Seine Schwester sagte: sie habe von ihrem Onkel einen Theil seiner Geschichte schon gewusst; sie habe innerlich um ihn getraurt, seine Liebe und seine Leiden wurden durch die Hindernisse, und durch die Zeit wieder verringert werden; nun erfahre sie mit inniger Betrubniss das Gegentheil. Ich bin in der Absicht hieher gereist, sagte er, den Onkel auf meine Seite zu bringen; denn, wenn ich nur selber mit ihm von Theresen reden, und ihm meinen Zustand schildern konnte, so war alles gut, aber nun ist dieses auch nichts. Seine Schwester beruhigte ihn von dieser Seite mit der Versicherung, dass der Onkel seiner Wahl nicht ganz abgeneigt sey; und jetzt, da er in Theresens Gegend komme, sich gewiss nach ihr erkundigen, oder den alten Hrn. Siegwart selbst besuchen werde. Der Onkel, setzte sie hinzu, halt alles auf dich, und ist fur dein Schicksal sehr besorgt. Er war mit dem Betragen unsers Vaters gegen dich nicht zufrieden, aber weil er deine Liebe nur fur ein aufbrausendes Feuer hielt, so glaubte er, behutsam drein gehen zu mussen. Er hat sich unter der Hand fleissig nach dir erkundigt, besonders bey einem Hofrath Fischer in Ingolstadt (hier wurde Siegwart roth) und war oft sehr bekummert, wenn er horte, dass du so niedergeschlagen seyest. Erst noch neulich, als man von dir sprach, sagte er, ich will mich der Sache annehmen, sobald ich kann. Und was ich dabey thun kann, Bruder, das thu ich gewiss. Davon brauch ich dir nicht erst Versicherung zu geben. Kronhelm war uber diese Nachricht ausserst froh, und voll susser Hoffnungen. Er und Siegwart musten nun der braven Frau viel von Theresen erzahlen. Sie erkundigte sich nach allen, sie betreffenden Kleinigkeiten sehr genau. Kronhelm muste ihr Theresens ganzes Aussehen beschreiben. Er sagte: in den meisten Zugen seh sie seinem Siegwart ganz ahnlich; nur eine feinere Haut hat sie, sagte er, ist nicht so ernsthaft, hat hellere und dunkelblauere Augen, eine nicht so hoch gewolbte Stirne. Die Frau von Eller that gegen unsern Siegwart recht vertraut, trank auf Theresens Gesundheit, und war ganz mit ihm zufrieden. Kronhelm sagte, auf den Karfreytag wollten sie wieder zuruckreiten; aber sie drang so lang in sie, am Karfreytag noch in Munchen zu bleiben, um die Prozession zu sehen, und den feyerlichen Gottesdienst und die Trauermusik bey Nacht mit anzuhoren, bis sie endlich nachgaben. Der kleine Karl kam wieder, und spielte mit Siegwart; die Madchen wurden auch nach und nach zuthatiger und mischten sich mit in die Spiele. Sie erzahlten in der Reihe herum Mahrchen, und Siegwart muste das seinige auch erzahlen; aber er sah, wie viel ihm dazu fehle, etwas auch den Kindern wahrscheinliches, zu erzahlen, denn sie machten ihm alle Augenblicke Einwendungen und Fragen, die er nicht beantworten konnte. Der Herr von Eller kam auch wieder zuruck, und war gegen unsre beyden Junglinge ganz verbindlich; aber weil er um 6 Uhr mit seiner Frau in Gesellschaft gehen muste, so bat er sie auf den andern Tag wieder zu Tisch, und sagte, uberhaupt, so lang sie in Munchen waren, sollten sie immer bey ihm essen.

Den Abend assen Kronhelm und Siegwart in ihrem Gasthof in Gesellschaft, aber sie gingen bald wieder auf ihr Zimmer, denn in der Gesellschaft, die aus gemischten Personen bestand, wurden fast lauter Spottereyen uber die Religion, Anspielungen auf die Begebenheit, die am bevorstehenden Fest gefeyert werden sollte, und Zweydeutigkeiten vorgebracht, die in der sogenannten grossen Welt, wo der gute Ton herrschen soll, so gewohnlich sind, und Leuten von Verstand und Herz nicht gefallen konnen. Marx erzahlte seinem Herrn, nach seiner Art, die Merkwurdigkeiten, die er in der Stadt gesehen hatte. Er habe nicht geglaubt, sagte er, dass so viel Menschen in der Welt waren, als er heut angetroffen habe. Es sey in seinem Dorf am Jahrmarkt nicht so voll, wie hier auf allen Strassen; und Junker hab er angetroffen, die weit schonre Kleider haben, als sein vorger gnadger Herr an hohen Festen getragen habe, und doch seys jetzt nur ein Werktag; wie's nun erst am Sonntag seyn musse? Es geb in seinem Dorf nicht so viele Wagen, als er hier vergoldete Kutschen angetroffen habe. Man hab ihm auch das Haus gezeigt, wo der Herr Kurfurst wohne. Unten sey ein Herr gestanden, von dem er gewiss geglaubt habe, er sey der Kurfurst, denn er hat lauter Silber angehabt, aber, als er sich sehr tief gebuckt, hab des Herrn von Eller Bedienter ihn ausgelacht, und gesagt, das sey nur ein Laufer. Auch in ein paar Kirchen sey er gewesen; da sey so viel Gold, dass einem die Augen davon weh thuen. In der Einen Kirche sey das Wahrzeichen ein Stein zwischen zwey Pfeilern; wenn man auf dem Stein steh, so konne man kein Fenster in der ganzen Kirche sehen. Er wisse nicht, wie das seyn konn', aber es sey so; er habs selbst gesehen. In einer andern Kirche blas' ein Engel die Posaune, dass man glaub, er lebe, und doch sey er nur von Holz. Es muss wohl Zauberwerk seyn, sonst konn' ers nicht begreifen. In den Kirchen sey so schone Musik, dass er glaub, die Leute in Munchen mussen all in den Himmel kommen, weil man ihn ihnen so schon und anmuthig vormale. Es sey eine Lust, da zu bethen. Das Herz werd' einem ganz weit und leicht, und man glaub, Gott muss' einem gnadig seyn, wenn man so schone Musik hore; auch glaub er nicht, dass man viel Boses thun konn', wenn man oft so was mit anhore; das Herz werd einem so weich und mitleidig, dass man alles Bose druber vergesse u.s.w. Kronhelm und Siegwart horten seiner Beschreibung mit Vergnugen zu. Kronhelm gab ihm Taschengeld, und versprach ihm auch, ihm in Ingolstadt eine neue Livree machen zu lassen; der arme Kerl war so dankbar, dass er vor Freuden weinte, und sagte: Er mochte nur wissen, wie er bey Gott ein so grosses Gluck verdient habe?

Kronhelm liess ihn weggehn, und theilte nun mit seinem Siegwart seine Freude uber die frohen Aussichten, die er jetzt, in Absicht auf Theresen hatte. Er machte schon Entwurfe, wie er sein kunftiges Leben einrichten wollte. Wenn mein Vater sich nicht zufrieden geben will, sagte er, so zieh ich auf das Landguth, wo wir mit unsrer seligen Mutter lebten. Ich weis, dass Therese sich mit Wenigem vergnugt, und mein Onkel wird schon auch fur uns sorgen. Wir sind uns an jedem Ort genug, und brauchen keinen Ueberfluss, wenn uns nur die Liebe mit Zufriedenheit segnet; und das wird sie thun, so lang wir leben. Siegwart gab ihm vollig Beyfall, und sagte, so denk er auch in Absicht auf seine Mariane. Kronhelm mochte ihn noch nicht fragen, welchen Plan er sich gemacht habe und welche Lebensart er zu erwahlen gedenke? Siegwart hatte auch im Taumel seiner Liebe daran noch nicht gedacht.

Den andern Morgen gingen sie bey Zeiten wies der zu Kronhelms Schwager. Dieser wurde nach und nach vertraulicher, und legte den Hofton ziemlich ab. Er fragte, ob sie nicht die Merkwurdigkeiten der Stadt besehen wollten? und gab ihnen seinen Kammerdiener mit. Sie besahen die Residenz und besonders den Prinzenhof, wo sie die vielen metallenen Bildsaulen, die zum Theil sehr gut gearbeitet sind, bewunderten; das Antiquarium, mit den vielen marmornen Bildsaulen der altern romischen Kaiser, und die Kunstkammer. Sie bedaurten nur, dass man alles nur so fluchtig besehen kann, und von der Menge der Merkwurdigkeiten mehr betaubt wird, als dass man das, sich besonders auszeichnende, studiren, und seinem Gedachtniss' einpragen kann. Auch giengen sie in einige Kirchen, wo die Menge von Gemalden, Kostbarkeiten und Schatzen sie blendete, und kamen um Ein Uhr zum Essen zuruck. Herr von Eller fragte sie nach verschiedenem, was sie gesehen hatten, und freute sich, dass sie auf die Alterthumer und die romischen Bildsaulen am aufmerksamsten gewesen waren, denn er selbst war ein guter Alterthumskenner, und ein Freund der alten Litteratur. Bey Tisch sprach er viel von romischen und griechischen Schriftstellern, und war uber die Einsichten, die Siegwart und sein Schwager hatte, nicht wenig entzuckt. Er rieth ihnen, sich in Ingolstadt, wegen des Griechischen, an den alten Ickstadt zu wenden, der es in diesem Fach ausnehmend weit gebracht habe, und zuweilen privatissima uber den Homer, oder andre Griechen lese. Auch ruhmte er ihnen den Prof. Lory (der jetzt geadelt und geheimer Rath zu Munchen, auch Prasident uber die Universitat Ingolstadt ist), als einen Mann, dessen Herz und Verstand, und Gelehrsamkeit gleich gross sey. Ich kenn ihn sehr genau, sagte er, und hab in der Jugend mit ihm studirt. Er war im Studiren unermudet, forschte selbst, und prufte alles, was er horte. Im Griechischen, Lateinischen, Italianischen und Franzosischen war er schon dazumal zu Hause, und setzte sich noch immer mehr drinn fest. Alles Wissenswurdige machte er sich zu eigen, und erweiterte nachher seine Kenntnisse in den Wissenschaften noch mehr zu Gottingen, wo er, ausser den andern beruhmten Lehrern, sich besonders an den, in seinem Fache grossen Putter hielt, und sich seine ganze Freundschaft,die er jetzt noch durch Briefe unterhalt, erwarb. Er ist ein treflicher Mann, der alle Weisheit der Alten und der Neuen aus ihren Schriften sammelt, und auf sich und den Zustand seiner Mitburger anwendet, denn er ist ein achter deutscher Patriot, der auf seinen Reisen nach Frankreich und Italien nicht, wie gewohnlich, Thorheiten oder Laster, sondern Wissenschaften, Menschenkenntniss und Weltklugheit eingeerndtet hat, und sie nun unter seine Mitburger und in seine Schriften ausstreut. Er hat bey seinem standhaften, deutschen, mannlichen Karakter, die uneingeschrankteste Menschenliebe und Rechtschaffenheit. Kurz er ist ein Mann, wie es heut zu Tage wenig mehr gibt. Machen Sie ihm nur eine Empfehlung von mir! Er wird Ihnen auch um meinet willen viele Freundschaft erweisen. Nach Tische zeigte Herr von Eller unsern Junglingen seine ansehnliche Kupfersammlung, und verwunderte sich uber den naturlich guten Geschmack, den sie zeigten. Er war aufmerksam, als er sie mit so vieler Warme von neuern deutschen Schriftstellern reden horte, und liess sich sogleich einige Trattnersche Nachdrucke von deutschen Dichtern aus dem Buchladen holen.

Kronhelm und Siegwart blieben diesen Abend bis zehn Uhr da, und giengen sehr vergnugt nach ihrem Gasthof zuruck. Den andern Morgen, am Karfreytag, giengen sie in die Jesuiterkirche, wo sie mit der grosten Andacht eine sehr schone und ruhrende Trauermusik anhorten, und einen grossen Theil des vornehmen Munchner Adels sahen. Siegwart wunschte nichts, als dass seine Mariane auch da seyn mochte, denn unter der Menge von Frauenzimmern, die er sah, konnte keine sein Auge lange auf sich ziehen. Er dachte nur, wie seine Mariane in ihrem schwarzen Kleid, und das himmlische Gesicht mit Flor bedeckt, jetzt auch im Chor knien, und uber die Leiden ihres Heilandes heilige und unschuldsvolle Thranen vergiessen werde.

Nach dem Essen sahen sie die grosse Prozession, und die Kreuzigung, die das Jahr darauf auf kurfurstlichen Befehl, zum Triumph der gesunden Vernunft, abgeschafft worden ist. Der Geissler und Bussenden war eine fast unzahlige Menge. Ganz Munchen, auch der Hof, war an Einem Ort versammelt, und die Bussenden waren mehr zum Geprange, als aus Andacht da. Marx sagte nachher: das Geisseln hab ihm so wohl gefallen, dass er beynahe Lust bekommen habe, auch mitzumachen, wenn er nur gleich ein leinenes Kleid und eine Geissel gehabt hatte.

Den Abend assen Siegwart und Kronhelm noch einmal beym Herrn von Eller. Kronhelm sprach mit seiner Schwester nochmals allein wegen Theresen, und erhielt die wiederholte ernstliche Versicherung von ihr, sie wolle sich seiner aufs moglichste annehmen, und gewiss ein kraftiges Vorwort bey ihrem Onkel einlegen. Um zehn Uhr nahmen die beyden Junglinge Abschied, denn sie wollten den andern Morgen, mit dem Tag, wegreiten. Um 11 Uhr giengen sie in die Frauenkirche, um die grosse Trauermusik, die zum Andenken der Kreuzigung des Erlosers aufgefuhrt wird, mit anzuhoren. Die ganze kurfurstliche Kapelle war zugegen. Der Anblick der Kirche war der feyerlichste. Eine grosse Menge von Wachslichtern erleuchtete die Dunkelheit der Kirche. Oben im Gewolbe schwebte der Weihrauchsdampf wie eine Wolke. An den Wanden glanzten die vergoldeten Altare, Gemalde und der Marmor. Die Volksmenge drangte sich, und ihre Stimmen, und der Schall der Gehenden machten ein dumpfes, furchterliches Gemurmel. Die schwarze Kleidung der meisten Frauenzimmer machte die Scene noch feyerlicher. Auf Einmal wurde das wehmuthige Miserere von Allegri angestimmt. Das Gemurmel schwieg; alle Gesichter wendeten sich nach dem Chor hin, und glanzten im Schein der Wachslichter. Jede Brust war von Bangigkeit beklommen. Aus allen Mienen sprach allgemeine Wehmuth. Die Instrumente klangen dumpf wie aus dem Grab. Die tiefe Demuth und die Traurigkeit der Singstimmen ergoss sich in jedes Herz. Ein allgemeines Sehnen nach Erbarmung athmete aus jeder Brust. In Siegwarts Seele wars wie das Sehnen nach der Auferstehung. Er weinte, denn er dachte sich die Liebe Christi, die fur uns gestorben ist, dachte alle die unabsehlichen Folgen dieses Todes die in alle Ewigkeit fortstromen; sah seinen Heiland am Kreuze hangen, und mit Heiterkeit hinab ins Grab blicken; sah die Augen aller auf ihn gerichtet, die im Elend schmachten; sah die Dunkelheit der Graber, und das angstliche Harren der Kreatur nach der Erlosung und der Auferstehung; sah auch seine Mariane mit schon halbgebrochnen Augen zu ihm aufblicken. Seine Seele bat zu ihm fur sie, fur sich, und alle Menschen. Lass sie Alle Eins werden! dacht' er, mach sie Alle selig! Zum Schluss ward noch ein herrliches Oratorium aufgefuhrt, das aller Herzen hob, und mit Aussichten in die Ewigkeit erfullte.

Marx ging mit Kronhelm und Siegwart heim. Er sprach lange nichts. Endlich sagte er: Er glaube, im Himmel werde einst lauter Musik gemacht werden, denn schoners konne man wol nichts erdenken. Siegwart und Kronhelm legten sich noch in den Kleidern drey oder vier Stunden zu Bette, und mit Sonnenaufgang ritten sie aus der Stadt weg. Siegwart freute sich unaussprechlich, seine Mariane bald wieder zu sehen. Sein Pferd lief ihm viel zu langsam, und er konnte den Abend kaum erwarten. Auf dem ganzen Wege fiel nichts wichtiges vor. Die beyden Freunde unterhielten sich wechselsweis von ihrem Gluck, und kamen, mit dem Bedienten, Abends ziemlich fruh in Ingolstadt an, weil Siegwart so sehr getrieben hatte. Seine Mariane lag im Fenster, und winkte ihm mit den Augen, dass er sie besuchen mochte. Er hatte auch kaum seine Reisekleider ausgezogen, so gieng er mit Kronhelm hinuber. Der Hofrath Fischer war allein bey seiner Tochter im Zimmer, weil die Mutter zu der Schwiegertochter gegangen war, die sich nicht recht wohl befand. Die Liebenden sahn einander mit einer Sehnsucht an, als ob sie sich Jahre lang nicht gesehen hatten. Gern waren beyde einander in die Arme geflogen, und hatten sich ans Herz gedruckt, wenn nicht die Gegenwart des Vaters sie zuruckgehalten hatte. Kronhelm und Siegwart musten viel von Munchen, von der Prozession, und der Trauermusik erzahlen. Mariane hieng an den Augen ihres Junglings, wie die Seele eines Inbrunstigbetenden am Krucifix. Sie schenkte ihm Kaffee ein. Er bemerkte die Stelle, wo sie die Schaale gehalten hatte, und druckte sie, mit einem Blick auf seinen Engel, an den Mund. Nach einer halben Stunde gieng der Hofrath auch zu seiner Schwiegertochter, und entschuldigte sich bey Kronhelm und Siegwart, dass er sie allein lassen musse. Mariane leuchtete ihrem Vater die Treppe hinunter. Als sie wieder zuruck kam, sah sie ihren Siegwart zartlich an gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Er konnte vor Entzucken so wenig sprechen, als sie. Nur Kusse und seelenvolle Blicke druckten die Empfindungen ihrer Herzen aus. Haben Sie zuweilen auch an mich gedacht? fragte Siegwart endlich. Immer, immer! gab sie zur Antwort. Ich sah hundertmal des Tags nach Ihrem Fenster, ob ich Sie nicht sehe? Und dann fiel mir erst ein, dass Sie weit von hier waren, und da ward ich traurig und weinte. Vorgestern und gestern Abend sah ich unaufhorlich aus dem Fenster, ob Sie noch nicht kommen? und als ich mich in meiner Erwartung betrogen fand, hatt ich tausenderley traurige Vorstellungen, dass Ihnen ein Ungluck begegnet seyn mochte. So oft ich in der Ferne ein Pferd kommen horte, fing mein Herz laut zu schlagen an, weil ich dachte, nun kommt er. Heut, als ich Sie kommen sah, war ich so ausser aller Fassung, dass ich furchte, meine Mutter habe es gemerkt. Das Beste ist, dass sie auch aus dem Fenster sah, und also meine Bewegung nicht wahrnehmen konnte. Er schloss sie fester an sein Herz, und belohnte mit dem heissen Kuss der Liebe ihre Zartlichkeit. Dann fragte sie, was Kronhelm ausgerichtet habe? und freute sich uber die frohen Aussichten, die er hatte. Alles Gluck der Zartlichkeit ergoss sich diesen Abend uber unsre beyde Liebende. Sie empfanden die Seligkeit, einander zu besitzen, nun noch mehr, weil die kurze Trennung sie gelehrt hatte, wie unentbehrlich eins dem andern sey. Marianens Bruder kam ihnen nur allzufruh, nach Haus, und das Gesprach ward gleichgultiger, ausser dass die Liebenden sich zuweilen mit dem beredten Blick der Liebe seitwarts ansahn. Die Hofrathin kam bald darauf auch nach Haus, und hatte eine herzliche Freude uber die gluckliche Zuruckkunft unsrer Junglinge. Beym Weggehn leuchtete Mariane ihrem Siegwart und seinem Freund die Treppe hinunter, und erzahlte ihm, wie gut ihm ihre Mutter sey, und wie vortheilhaft sie sehr oft von ihm spreche. Eine Nachricht, die unserm Siegwart ausserordentlich angenehm war. Nach etlichen Kussen und Umarmungen trennten sich die Liebenden, weil sie furchteten, der Hofrath mochte bald zuruckkommen, und sie in der Hausthure uberraschen.

Den andern Morgen, welches der Ostertag war, sah Siegwart seine Mariane in der Kirche. Ihre festliche Kleidung, ihr aufgeheitertes Gesicht, die hohe Andacht, die draus hervorleuchtete, bezauberten sein Herz mehr als jemals. Als er in seiner Freude nach Hause gieng, und sich im Taumel seiner Wonne kaum fassen konnte, da ward er auf Einmal durch Kronhelms Anblick drinn gestort. Dieser kam ganz besturzt, mit einem Brief in der Hand zu ihm aufs Zimmer. Ich muss fort! sagte er, und warf den Brief auf den Tisch. Siegwart sah ihn betroffen und stillschweigend an. Lies nur! sagte Kronhelm. Siegwart las:

Lieber Son.

Dass Zibberlein hat mich abermalen hingeworfen, dass einmal den Fang geben. Will mich in Goddes Nammen darauf vorbereiten thun, und mein Schloss bestellen. Du muost darbey seyn, darum komm! hast meiner Seel gnuog Gelt an das verdrakte Stuttieren verwendt, dass ich denk, es sey genuog. Du weist wol, dass bey einem Junker bey den Buchern nigs herauskommen thut. Pack also auf, und komm balder als balt, oder 's geht nicht guot. Wenn du kommen thust in fier Tagen, so bin ich dein gedreuer Vatter

Veit Kronehelm.

Was haltst du von dem Brief? sagte Kronhelm. Ich halt ihn fur so schlimm nicht, antwortete Siegwart. Dass du fort must, das ist freylich traurig, und fur mich am meisten, aber sonst seh ich nichts Boses bey der ganzen Sache. Wenn dein Vater, wie es scheint, so schwach ist, dass er bald sterben konnte, so wirst du dein eigner Herr, und dann ... Schon gut, fiel hier Kronhelm ein; aber ich habe eine Ahndung ... Ich weis selbst nicht. Mein Vater konnte leicht andre Absichten haben. Er wird wieder von Theresen anfangen, und da zittr' ich, wenn ich dran denke. Siegwart suchte ihn, so viel als moglich, zu beruhigen, und ihm allen Argwohn zu benehmen. Er suchte ihm grossre Hofnungen einzuflossen, als er selber hatte, und sprach ihm Muth ein, da es ihm doch selbst daran gebald zu verlieben, beugte ihn tief nieder. Wenn alles fehlschlagt, sagte er, so hast du ja deinen Onkel, auf den du dich verlassen kannst. Er wird sich der Harte deines Vaters gewiss widersetzen, und sich deiner annehmen. Durch diese und andre Vorstellungen wurde Kronhelm etwas ruhiger, und beschloss, gleich den andern Tag abzureisen. Ich will meine meisten Sachen hier lassen, sagte er; vielleicht komm ich wieder. Wenigstens will ich alles thun, was ich kann; denn was soll ich bey meinem Vater machen, zumal wenn er krank und verdriesslich ist?

Siegwart bestellte fur seinen Freund einen Miethkutscher, und fur sich ein Pferd, um ihn einige Stunden weit zu begleiten. Er verbarg seine Traurigkeit sorgfaltig, um ihm nicht den Abschied schwerer zu machen, oder seine traurige Vorstellungen und Ahndungen zu vergrossern. Kronhelm packte indessen seine nothigsten Sachen zusammen, und nahm dann beym Hofrath Fischer, und einigen wenigen Freunden Abschied. Seine okonomischen Umstande waren bald in Richtigkeit gebracht, da er jedermann sogleich bezahlte. Gegen Abend war er fertig, ohne dass er selber wuste, wie er dazu gekommen war. Nun konnt er sich erst besinnen, und an sich selber denken. Nun fiel ihm erst die nahe Trennung von seinem Siegwart schwer aufs Herz. Nun sollte er zum zweytenmal, und, Gott weis wie lange? sich von seinem Herzensfreund, von dem Bruder seiner Therese, der ihm, nach ihr, alles auf der Welt war, trennen. Nun sollt' er einem Vater entgegen gehen, der wenig oder gar kein menschliches Gefuhl hatte, der ihm das Kleinod seines Herzens rauben wollte. Er sass in der Dammerung, sah seinen Siegwart an, und versank in die tiefste Nacht des Kummers. In seiner Seele walzten sich tausend Zweifel hin und her. Seine Phantasie thurmte Gefahren auf Gefahren vor ihm auf. Siegwarts Gesicht kam ihm in der Dammerung wie Theresens ihres vor. Die tiefe Traurigkeit, die drinn sass, schien ihm eine ewige Trennung anzukundigen. Er konnte sich nicht langer halten, sprang auf, druckte seinen Siegwart fest ans Herz, und rief: Bruder, Bruder, was wird aus uns werden! Unserm Siegwart sturzten die Thranen aus den Augen; er konnte nichts sprechen, und schloss seinen Freund noch fester ans Herz. Wir werden gar zu traurig, sagte er endlich; lass uns etwas anders sprechen, oder uns ein wenig ausgehen.

Ich kann zu keinem Menschen gehen! sagte Kronhelm; ich weis nicht, wie mir ist? Ich bin fur alle Gesellschaft unbrauchbar. Das ist ein erschrecklicher Zustand! Ich seh nichts vor mir, als Trennung und Elend. Indem ward an die Thure geklopft, und Dahlmund kam. Ich konnte heut nicht genug mit dir reden, Kronhelm! sagte er, weil jemand bey mir war. Dir und Siegwart hab ichs zu verdanken, dass ich von der Weissin los bin, und mit ihrem liederlichen Kerl mich nicht geschlagen habe. Heut ist er durchgegangen, und hat ein paar hundert Gulden Schulden hinterlassen. Kurzlich hat er noch beym Kaufmann etliche Ellen Stoff zu einem Kleid ausgenommen, und ihr verehrt. Nun will der Kaufmann von ihr die Bezahlung, oder seinen Stoff wieder, und druber wird sie das Gesprach der ganzen Stadt. O, ich bin so froh, dass sie mich nicht mehr in ihren Klauen hat. Ihr habt brav an mir gehandelt, dass ihr mich so von ihr losrisset, und ich werd es nie vergessen. Es thut mir nur leid, Kronhelm, dass wir dich so bald verlieren sollen. Siegwart lenkte das Gesprach, mit Vorsatz, auf etwas anders, und Kronhelm ward nach und nach ziemlich zerstreut, und, nach Umstanden, munter.

Dahlmund blieb noch ein paar Stunden da, und nahm von Kronhelm mit vieler Ruhrung Abschied. Siegwart bat seinen Freund, fruhzeitig zu Bett zu gehen, weil sie morgen bald aufstehen wollten. Er war besorgt, sie mochten beyde wieder in den schwermuthigen Ton herab sinken, und sein Freund mochte Zweifel aufwerfen, die er nicht im Stand ware, umzusturzen; denn er schloss wirklich aus dem Schreiben des Junker Veit wenig Gutes. Kaum war er allein auf seinem Zimmer, so brach sein Schmerz mit aller Gewalt aus. Er fuhlte den Verlust, den er leiden sollte, in seinem ganzen Umfang. Es war ihm jetzt gedoppelt schmerzhaft, seinen einzigen und besten Freund zu verlieren, da er kaum einen Vertrauten seiner Liebe entbehren konnte, und doch keinen Menschen auf der Welt wuste, dem er sich so ganz anvertrauen konnte, denn mit Dahlmund war er nicht vertraut genug. Nach vielen Thranen, und tausend ausgestossnen Seufzern legte er sich endlich zu Bette.

Um 4 Uhr weckte ihn Kronhelm wieder, und war so bewegt, dass er kein Wort sprechen konnte. Sie tranken stillschweigend mit einander Kaffee, packten das noch ubrige zusammen, und reisten um 5 Uhr ab. Mariane trat in ihrem Nachtzeug ans Fenster, grusste Kronhelm noch einmal halb freundlich und halb traurig; auf ihren Siegwart warf sie einen schmachtenden und liebevollen Blick. Vor dem Thor fragte Siegwart: Weis sies, dass ich dich nur etliche Stunden weit begleite, und heut wieder zuruckkomme? Ja, ich hab ihrs gestern gesagt, antwortete Kronhelm. Weil Siegwart im Reiten neben der Kutsche nicht gut mit seinem Freunde sprechen konnte, so liess er den Marx auf sein Pferd sitzen, und setzte sich zu ihm hinein, denn jetzt, in der freyen Luft, wurden ihre Herzen leichter, und sie konnten eher mit einander sprechen. Ihre Unterhaltung war, wie naturlich, traurig. Ihre Blicke sprachen mehr, als ihre Zunge. Gruss Theresen tausendmal! sagte Kronhelm; schreib mir alles, was du von ihr weist! Unser Schicksal muss sich nun bald entwickeln. Wenn sie nur Muth genug hat, alles zu erwarten! Zwar ich hoffe viel; aber, Bruder, unser Schicksal steht in Gottes Hand; wir konnen nichts thun, als ihm willig folgen ohne Murren. Ich habe doch bey allem, was mir noch bisher begegnete, erfahren, dass es nichts als weise Gute ist, wodurch uns Gott regiert. Dieser Grundsatz kann mich allein bey allen Widerwartigkeiten trosten. Lass ihn in dir leben und weben, und sorg, dass ihn auch mein Engel sich ganz zu eigen macht! Ich schreibe dir, sobald als moglich. Lieber Freund, dass wir uns trennen mussen, ist sehr hart, und doch werden wir noch einsehn, dass es auch weise Gute war, die uns trennte. Wir hatten uns weit besser geniessen konnen. Jeder Augenblick, der uns ungenossen hinfloh, schmerzt mich jetzt. Wie oft sassen wir eine Stunde lang beysammen, ohne zehn Worte zu sprechen. O, wenn doch der Mensch die Zeit recht zu geniessen wuste! Aber hinter drein wird man weise. Desto besser, sagte Siegwart, werden wir die Zeit benutzen, wenn uns Gott wieder zusammen fuhren sollte. O Freund, wird es wohl geschehen? Ja, ich hoff es, hoff es, sagte Kronhelm. Ohne diese Hoffnung ware mir die Trennung unertraglich. Aber schreib mir fleissig. Lass mich nicht in meiner Einsamkeit verschmachten! Du mich auch nicht, Kronhelm! Du weist, wie ich ohnehin zur Schwermuth geneigt bin. Wenn ich dich nicht hatte, und es ginge mir in meiner Liebe widerwartig! Bruder, Bruder, schreib mir! Du must glucklich werden, sagte Kronhelm, du, und Mariane! Wenn ein Mensch es werth ist, so seyd ihrs. Aber, Bruder, du must dich bald entschliessen, welche Lebensart du wahlen willst. Ein Geistlicher wirst du nun doch nicht, und das ist recht gut, ich war nie damit zufrieden. Aber, da Mariane weis, was du bisher studirt hast, so konnte sie leicht unruhig werden. Reiss sie bald aus ihrer Unruhe! Ich wills thun, Bruder! versetzte Siegwart. Es geht mir schon lang im Kopf herum, und qualt mich heimlich. Ich bin selber noch nicht schlussig; so bald ichs bin, schreib ich dir davon. Ein Geistlicher kann ich freylich nicht werden. Gott wird mirs vergeben, und ich hoffe, mein Vater wird es auch zufrieden seyn. Ich muss mich erst an Theresen wenden. Thu es bald! sagte Kronhelm du weist, wie der Engel denkt.

So fuhren sie unter freundschaftlich wehmuthigen Gesprachen noch drey Stunden fort. Kronhelm fragte seinen Freund etlichemal, ob er nun nicht aussteigen und umkehren wollte? Aber Siegwart wollte gar nichts davon horen. Lass mir noch die Freude, sagte er, dich ein paar Stunden langer zu haben! Wer weis, wenn wir wieder so beysammen sind. Zuletzt wagte Kronhelm nicht mehr, etwas zu sagen, bis sie endlich in ein Dorf, 5 Stunden von Ingolstadt kamen.

Hier hielt der Fuhrmann, um die Pferde zu futtern. Siegwart und Kronhelm assen etwas weniges zusammen, und sprachen nur sehr selten. Vielleicht ist diess das letzte Mittagsessen, sagte Siegwart seufzend. Nicht so zaghaft, Bruder, versetzte Kronhelm; man sieht sich immer wieder, hat einmal ein weiser Mann gesagt; seitdem ist diess mein Trost bey jeder Trennung. Wer weis, ob ich nicht in wenig Wochen oder Tagen wieder in Ingolstadt bin? Und dann sind wir ja nicht so weit von einander. Hofnung ist freylich das beste, wenn man sonst nichts hat, sagte Siegwart.

Endlich sagte der Fuhrmann: Er habe angespannt. Kronhelm, der eben ein Glas Mallaga in der Hand hatte, und trinken wollte, stellte das Glas wieder hin, ohne einen Tropfen zu trinken, stand auf, legte seinen Ueberrock an, gab seinem Bedienten seinen Stock und Degen, und umarmte seinen Siegwart. Keiner konnte ein Wort sprechen. Sie gingen aus der Thure, und umarmten sich noch einmal. Gott sey mit dir! sagte jeder! Gruss Theresen tausendmal, und Marianen! Leb wohl, Bruder, vergiss meiner nicht, schreib mir fleissig, und sey glucklich! Mit diesen Worten stieg Kronhelm in den Wagen. Siegwart eilte, thranenlos, an den Schlag, druckte seinem Freunde noch einmal die Hand. Marx nahm den Hut weinend ab, und der Wagen schwand aus Siegwarts Augen.

Die Wirthsleute stunden da, und wisperten zusammen. Die Herren mussen recht viel auf einander halten, sagte die Wirthin; sie machen, dass einem das Weinen ankommt. Ja, ja, das scheint ein braver Herr zu seyn, der da fortgefahren ist. Er war so still und freundlich, dass man ihm nicht bos seyn konnte. Nun, Gott geb ihm Gluck auf den Weg! Diese Rede voll Einfalt ruhrte unsern Siegwart so sehr, dass ihm nun erst die Thranen in die Augen schossen. Er trank noch ein paar Glaser Wein, bezahlte, und ritt fort.

Auf dem Wege brach sein Herz ganz. Nun allein zuruck zu reiten, sich mit jedem Schritte mehr von dem Freund seiner Seele zu entfernen, der Gedanke begleitete ihn unaufhorlich. Gott segne ihn! war alles, was er denken konnte. Gott! ich hab ihn durch Mistrauen so beleidigt! O vergib mir, wenn es moglich ist! Weiter fuhlte seine Seele nichts. An Marianens Busen seinen Schmerz auszuweinen, war der Wunsch, der ihn beflugelte, dass er in drittehalb Stunden zu Ingolstadt ankam. Der Hofrath Fischer sah aus dem Fenster, als er abstieg, und fragte, ob er den Herrn von Kronhelm glucklich verlassen habe? Ich komm hinuber, sagte Siegwart, wenn Sie es erlauben wollen. Nach einer halben Stunde gieng er hinuber, und brachte dem Hofrath tausend Empfehlungen von Kronhelm. Der Hofrath lobte ihn sehr. Mariane war nicht gegenwartig. Siegwart war daruber innerlich sehr unruhig, aber seine Verwirrung schien von der Trennung von Kronhelm herzuruhren. Nach anderthalb Stunden wollte er wieder gehen. Der Hofrath sagte aber, ob er nicht noch auf seine Tochter warten wolle? Sie musse alle Augenblicke von einem Besuch bey einer Freundin zuruckkommen. Diess war eine Herzstarkung fur unsern kranken Jungling.

Nach einer Viertelstunde kam sein Engel. Verzeihn Sie! war ihr erstes Wort. Ich vermuthete Sie hier, aber ich konnte mich nicht losreissen. Ist er glucklich fortgekommen? Tausend Grusse, sagte er; der Abschied war unendlich schmerzlich fur uns beyde. Ach, ich glaub es; versetzte sie, und seufzte. Nach einigen Erzahlungen ging der Hofrath auf sein Zimmer, weil er Geschafte hatte. Siegwart sank in Marianens Arm, und weinte. Eine Stunde lang konnte er nichts, als seufzen. Sein Mund hing fest am ihrigen, und Thranen mischten sich in ihre Kusse. Verzeihn Sie, Theure! sagte er, ich kann heut nicht sprechen. Gott weis, wie mir zu Muth ist! Hatt' ich Sie nicht, ich verginge. Sie streichelte ihm die Thranen von den Wangen, oder kusste sie weg. Nach einer halben Stunde horten sie ein Gerausch. Mariane sprang ans Klavier und spielte eine Phantasie. Es kam niemand auf das Gerausch. Sie spielte eine traurige Opernarie von Hasse. Es war ein Abschiedslied. Das Wort: Adio! war drinn ausserordentlich ausgedruckt. Sie hatte ausgespielt, und sah ihn an. Er wollte eben an ihr Herz sinken, als der Hofrath wieder ins Zimmer kam. Nach einer Viertelstunde ging Siegwart weg. Zu Hause machte er ein Lied:

Nach Kronhelms zweyten Abschied.

Granzt die Freude denn hienieden

Immer nur an Traurigkeit?

Ist uns denn kein Gluck beschieden,

Das sich ohne Thranen freut?

Kronhelm, ach, und du, Erwahlte,

Schmerz und Wonne schafft ihr mir!

Kaum dass Liebe nicht mehr qualte,

Qualet Freundschaft mich dafur.

Kaum dass Sie dem wunden Herzen

Endlich Linderung ertheilt,

Wird mit neuen bangen Schmerzen

Die zerrissne Brust zertheilt.

An die Eine Seite sinket

Das erflehte Madchen hin;

Ach, und von der andern winket

Unerforschte Schickung ihn.

Weindl', o Freund! nach tausend Thranen,

Dem erweinten Madchen zu!

Erndte, nach so langem Sehnen,

Der erweichten Liebe Ruh!

Und Du, Mariane, eile,

Segen lachelnd, an mein Herz,

Und umarme mich, und heile

Der verlassnen Freundschaft Schmerz!

Den andern Tag gieng Siegwart traurig und niedergeschlagen umher. Der Schmerz um seinen verlohrnen Freund begleitete ihn aller Orten hin. Seine Mariane konnte er nur sehen, aber nicht sprechen. Abends fieng er einen sehr wehmuthigen Brief an Kronhelm an. Den Tag drauf erhielt er folgenden Brief von Theresen.

Allerliebster Bruder!

Ich eile, dir die angenehmste Nachricht zu schreiben. Vor drey Tagen liess sich ein fremder Herr bey unserm theuren Vater melden. Wir machten uns so schnell als moglich auf seine Ankunft gefasst. Er war sehr hoflich, und bat sich, auf eine angenehme Art, selbst zu Gast. Er hatte aber seine eigne Kuche und drey Bediente bey sich, die ihn Herr geheimer Rath nannten. Ich war in der Kuche, und machte einige Zurustungen. Er frug aber nach mir, und sagte, dass ich nothwendig mit bey Tische seyn musse. Du kannst dir nicht vorstellen, wie leutselig und herablassend der Aber ob er gleich so vornehm aussah, so must ich ihn doch lieb haben, denn er hatte nicht den geringsten Stolz an sich. Mit mir gab er sich viel ab, und fragte mich allerley aus. Sie sind ja so blass, liebes Jungferchen, sagte er; in Ihrem Auge sitzt so etwas; ists vielleicht ungluckliche Liebe? Ich ward feuerroth, und konnt ihn lange nicht mehr ansehn. Er lobte mich auch gegen unsern l. Vater so, dass ich gern weit weg gewesen ware, ob mirs gleich im Herzen wohl that, von einem so braven Mann gelobt zu werden. Mit dem l. Vater gieng er auf einen recht vertraulichen Fuss um, dass dieser ganz vergnugt und offenherzig wurde. Einmal, als die Bedienten weg waren, wendete er sich schnell zu mir, und sagte: Kennen Sie nicht einen jungen Kronhelm? dabey sah er mich so steif ins Auge, als ob er mir durchsehen wollte. Gott weis, wie mir da auf Einmal wurde? Mein Gesicht brannte. Ich weis nicht, was ich zur Antwort gab? Ich glaub, ich sagte: Ja, ich kenn ihn. Er ist mein Neffe, sagte er; ich heiss Kronhelm. Unser Vater stand auf, weil der Herr sehr viel in Munchen gilt, und wollte sich wegen seiner Vertraulichkeit entschuldigen. Er muste aber gleich wieder nieder sitzen. Wir sind gute Freunde, Herr Amtmann, sagte er, und mussen uns noch naher kennen lernen. Keine Komplimente! So kennt Sie meinen Neffen, gutes Madchen, und liebt ihn auch? Nicht wahr? Scheuen Sie sich nur nicht, es zu sagen! Ich bins wohl zufrieden! Er verdient Sie, und ist Ihnen auch gewiss recht gut. Fassen Sie sich nur! Es ist mir recht lieb. Mein Wort haben Sie. O liebster Bruder, es war mein Gluck, dass er so freundlich war, und dass ich weinen konnte; sonst ware mein Herz zersprungen. Ich muste mein Schnupftuch vors Gesicht halten, so sehr weint ich. Diese Thranen sind alles werth, sagte er; und dann zu unserm Vater: Unsre Kinder sind einander auch werth; nicht wahr, lieber Herr Amtmann? Mein Neffe hat eine gute Wahl getroffen. Ein solches Madchen hatt ich in meiner Jugend auch geheirathet, wenn ich eins gefunden hatte. Ihr sollt mir an Kindesstatt seyn! Sie lieben ihn doch noch recht herzlich? Hier nahm er mich bey der Hand. O Bruder, ich dacht, ich hatt in Thranen zerfliessen mogen. So ein Herr ist mehr werth, als die ganze Welt! Unser bester Vater sprach kein Wort, und ward ganz blass. Mein Bruder ist ein harter Mann, sagte der geheime Rath. Ich will ernstlich mit ihm reden. Morgen reis ich zu ihm. Wenn er nicht nachgiebt, so nehm ich mich meines Vetters an; ich kann ihm schon Vermogen geben, denn ich habe keine Kinder. Dann redete er mit unserm Vater allerley ab. Mir sagte er, ich sollte guten Muth fassen, und mich gar nichts anfechten lassen; sein Vetter musse mein seyn! und was er sonst noch schones sagte, das ich vor Freuden nicht alle merken konnte. Er versprach, in etlich Wochen Richtigkeit zu machen, und dem lieben Vater, und mir selbst zu schreiben. Gegen Abend fuhr er wieder weg. Unsern Vater umarmte er, wie ein Bruder den andern; und mich kusste er auf die Backe, und sagte: Mein Vetter wird doch nicht eifersuchtig werden? Wir schickten ihm 1000 heisse Segenswunsche nach.

O Bruder, ich kann dir nicht sagen, was alles in mir vorgeht? Es ist, als ob ich ein ganz neues Leben anfienge. Die Welt hat sich um mich her verandert. Die Thranen stehen mir immer in den Augen, und ich kanns noch kaum glauben, was sich mit mir zugetragen hat. Meinen Kronhelm, meinen ewig, ewig theuren Kronhelm soll ich wieder haben! Grosser Gott! Meine Leiden waren zwar sehr gross, aber diesen Lohn, dieses alles uberwiegende Gluck hab ich nicht verdient. O mach michs wurdig! Mach wichs wurdig! Bruder, was ist alles Leiden dieser Zeit gegen so eine Stunde? Und doch ist mir oft so bang! Ich habe so schwarze Ahndungen, so schwere Traume! Ich furcht immer noch, ich verlier es wieder. Grosser Gott, vergib mir, wenn es Undank oder Mistrauen ist! Hilf mein Gluck mir ertragen! Mir ists noch zu schwer! Tausend, tausend Grusse und Umarmungen an meinen, meinen Kronhelm! Ich kann ihm noch nicht schreiben. Bruder, Gott weis, ich kann nicht! Mein Herz ist noch gar zu voll. Hilf mir beten, und Gott danken! Unser bester Vater ist wie neugebohren und grusst tausendmal. Gott! wie hat sich alles mit uns verandert! Ich weis, du nimmst an meinem Gluck Antheil. O Bruder, Gott mache dich doch auch recht glucklich! Schreib mir doch bald

deiner unaussprechlich glucklichen Schwester

Therese Siegwart.

Siegwart konnte sich der Freunenthranen nicht enthalten, als er diesen Brief gelesen hatte. Gott, wie gut bist du! rief er einigemal aus. Dank! Dank! Du kannst mich auch nicht verlassen! O mein Kronhelm, o mein Kronhelm, du bist glucklich! O meine Schwester, meine Schwester! Er warf sich auf seine Knie. Gott! Barmherziger, Gnadiger! O, auch mich, auch mich! Und Marianen! Der halbe Tag zerfloss ihm unter einem fortdaurenden Taumel. Bald schrieb er etliche Zeilen in dem Brief an Kronhelm! Bald gieng er wieder auf dem Zimmer auf und ab. Zuweilen grif er nach einem Buche, wollte drinn lesen, und schlug es wieder zu; seine Seele war viel zu zerstreut, und ganz getheilt. Er sehnte sich nach jemand, dem er seine Freude mittheilen konnte; aber, ach, er hatte niemand, und nun fuhlte er, mitten in seiner Freude, die Trennung von seinem Kronhelm doppelt wieder. Er sah Marianen am Fenster: er wunschte, ihr den Brief zeigen, und sie an seiner Freude mit Antheil nehmen lassen zu konnen; aber er wagte es nicht, sie wieder zu besuchen, da er erst vor zwey Tagen da gewesen war. Nach Tische sah er sie mit ihrem Bruder ausgehn, und vermuthete, da sie einen Sonnenschirm trug, dass sie vor das Thor gehen werde.

Er zog sich auch an, und gieng vor das nachste beste Thor, weil er nicht wuste, wo sie hingegangen war. Es war schon ein volliger Fruhlingstag, die Sonne schien warm, alle Krauter und Fruhlingsblumen keimten schon hervor; die Lerchen sangen in der Luft, und die Aemmerlinge, Zaunkonige und andre Vogel im Gebusch. Seine Seele schwang sich mit den Lerchen auf, und freute sich der reinen aufgehellten Luft. Freude und Wehmuth granzten aneinander; er war bewegt, dass sein Aug in Thranen glanzte. Er sehnte sich nach Marianen, aber sie war nirgends. Von fern sah er ein Frauenzimmer gehn; sein Herz klopfte; er eilte, um sie einzuholen; aber es war nicht sein Engel, und er ward noch wehmuthiger. An einer etwas erhohten Stelle, die von einer Dornhecke geschutzt war, fand er endlich blaue Veilchen. Er schrie laut auf, als er sie sah, pfluckte, und band sie mit einem Grashalm in ein Strauschen. Hatt' euch Mariane! sagte er halb laut; mochtet ihr an ihrem Busen bluhn! O Kronhelm, warst doch du da! Aber du bist glucklich, und ich kann dich nicht beneiden! Singend, und mit sich selber sprechend gieng er wieder nach der Stadt zu.

Nur so allein, Herr Siegwart? rief eine Stimme aus einem Gartenhauschen. Stutzend sah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? sagte er; ich habe Sie gesucht. Ich sahs, dass sie ausgiengen. Das ist mein Garten, antwortete sie. Ich hatts Ihnen gern wissen lassen, dass ich hier bin, aber ich konnte nicht. Wo ist Ihr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das ist ja erwunscht, dass Sie hier sind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Ihren Kronhelm? Hierauf erzahlte er ihr die freudige Nachricht, die er heut von seiner Schwester erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu lesen. Sie nahm herzlichen Antheil daran, und freute sich uber das Zutrauen sehr, das ihr Jungling zu ihr hatte. Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Siegwart O ja, antwortete sie. Er ist Ihnen jetzt recht gut. Man muss schon ein ubriges bey dem Menschen thun. Wenn man nur ihm nicht im Wege steht, dann last er einen schon zufrieden. Mein Vater ist Ihnen auch sehr gut, und besonders meine Mutter. Ich glaube, dass sie etwas merkt, und wenn sie mich drum fragen sollte, so wust ich nicht, warum ich ein Geheimniss draus Machen muste, wenn nur Sie mir gut sind. Er sank in ihren Arm, kusste sie feurig, und schwur ihr ewig Liebe. Der ganze Abend war fur unsre Liebende ein heiliges Fest. Der Bruder kam erst nach zwo Stunden wieder, und war sehr vergnugt, weil er ein paar Hasen geschossen hatte. Siegwart begleitete sein Madchen nach Haus, und hatte nie einen schonern Fruhlingstag gehabt. Zween Tage drauf kam der Miethkutscher wieder, der Kronhelm nach Haus gebracht hatte, und brachte von ihm folgendes Briefchen an Siegwart:

Liebster Bruder!

Den Augenblick bin ich angekommen, und kann also noch nichts sagen. Die Reise war mir traurig, so allein, und von dir getrennt, den ich so sehr liebe! Mein Vater empfieng mich, nach seiner Art, freundlich, und ist lange so krank nicht, als ich glaubte. Er konnte im Zimmer auf und abgehn, als ich ankam. Er furchtet eben den Tod, daher war er so besorgt beym letztern Anfall. O Bruder, was werd ich hier anfangen unter solchen Leuten? Du verstehst mich. Warum musten wir uns trennen? Mein Herz ist voll von tausend Dingen, aber jetzt kann ichs nicht ausschutten vor dir. Nachstens einen grossen Brief! Schreib mir ja bald! Was macht Mariane? Tausend Grusse an den Engel, und dem andern zehntausend! Leb wohl, Bester! Der Fuhrmann will weiter, und ich wollt ihn doch nicht

Ewig dein!

Kronhelm.

N.S. Mach uber deinen Brief an mich zwey Kouverte, und auf das aussere die Aufschrift: Herrn Amtmann Friedrich. Der Brief wird mir richtig eingehandigt. Siegwart hatte nur auf diesen Brief und Nachricht von seinem Freund gewartet, um seinen Brief abschikken zu konnen; denn er hatte noch keine Adresse gehabt. Nun schrieb er umstandlich und mit grossen Freuden alles, was ihm Therese berichtet hatte, wunschte seinem Kronhelm tausend Gluck und schickte den Brief ab. Das wird eine Freude seyn, dacht' er, wenn er noch nichts weiss, und diesen Brief erbricht! Nun wird er fur alle seine Leiden getrostet werden. Zehn Tage lang wartete er mit der grosten Sehnsucht, aber nur vergeblich, auf neue Nachrichten. Endlich kam an einem Mittewochen, welches nicht der gewohnliche Posttag war, folgender Brief:

Gunzburg den 21. May.

Liebster Bruder!

Seit drey Tagen bin ich hier, in der schrecklichsten Verfassung, die du dir denken kannst. Alles, alles ist verlohren! Meine Ruhe, meine Hoffnung, meine Therese, alles! O Bruder, es ist aus mit mir! Zwey Tage war ich bey meinem Vater, da giengs an. Seine Krankheit war nur ein Vorgeben, um mich her zu lokken. Eines Abends war ich allein bey ihm auf dem Zimmer. Wie stehts mit deinem Menschen? sagte er; hangst du ihr noch an? Ich weiss nicht, ob sie die Jungfer Siegwart meynen? sagte ich. Ich habe noch alle Ursache, sie hochzuschatzen. Was? Canaille! rief er, und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen? Dass dich alle Teufel holen! Ich zertrete dich, du Rabenaas! Mit diesen Worten kam er auf mich zu, packte mich bey der Kehle fest, und wurde mich erwurgt haben, wenn ich mich nicht vorgesehn, und losgerissen hatte. Kaum konnt ich mich zuruckhalten, mich an ihm nicht zu vergreifen. Als ich los war, sprang ich aus dem Zimmer aufs meinige, und schloss hinter mir zu. Ich hort ihn noch eine Stunde lang im Haus herum larmen, und die Thuren zuschlagen. Kurz vor Sonnenuntergang ritt er weg; ich wuste nicht, wohin? Meine Schwester kam erschrocken zu mir aufs Zimmer, weinte und schrie, und bat fast auf den Knien, dass ich mich doch geben sollte; sonst konns kein Mensch mehr aushalten bey dem Vater. Schon seit vierzehn Tagen sey man nicht des Lebens bey ihm sicher, seit mein Onkel weg sey. Dieser war nehmlich bey ihm hier, und da gabs grossen Streit, vermuthlich wegen meiner. Ich konnte nichts Gewisses erfahren, denn sie sprachen allein miteinander. Meine Schwester that gar klaglich, aber ich sagt ihr: Ich konn es nun nicht andern; Theresen konn ich nicht aufgeben, wenn es auch mein Leben kosten sollte, u.s.w. Du weist das alle selbst schon. Das Madchen konnte mir nicht Unrecht geben, aber sie sagte nur: Ich sturzte mich, und Theresen, und sie alle in Lebensgefahr. Kunigunde stecke dahinter, und regiere meinen Vater ganz. Er sey wie rasend, und konn' alles thun, u.s.w. Ich beschloss also, wegzugehen; weiss der liebe Gott wohin? und machte meine Einrichtungen so, dass ich in drey oder vier Tagen aus die Jagd zu reiten, und nicht mehr zuruck zu kommen dachte. Aber es gieng anders.

Den andern Morgen kam mein Vater wieder, that ganz freundlich, und stellte sich, als obs ihm leid ware, dass er gestern so mit mir umgegangen war. Auf den Nachmittag, sagte er, wollen wir ein wenig auf die Jagd reiten, und das ubrige, zu seiner Zeit, im Frieden mit einander abthun. Ich konnte mich in sein Betragen nicht finden, und vermuthete nichts Gutes; doch konnt ichs auch nicht abschlagen, mit zu reiten. Wir ritten in einen Forst, eine Stunde weit vom Dorf, nur mit Einem Jager; und, nach einigen Schussen, sagte er: wir wollen aufs nachste Dorf zum Amtmann reiten; ich muss etwas trinken. Von der Sache sprach er gar nichts.

Beym Amtmann war der Baron Striebel; wie es schien, ganz von ungefahr. Der Amtmann sah aus, wie ein Spitzbube, dem ich keinen Heller anvertrauen mochte. Nach drey Viertelstunden kam ein Wagen mit dem alten Seilberg, mit Regine Stellmann, und dem luderlichen Jobst. Das kam mir bedenklich vor; aber ich merkte weiter nichts. Die Stellmann war mir jetzt mit ihrer buhlerischen Freundlichkeit noch unausstehlicher, weil ich von meiner Schwester wuste, was sie seit der Zeit mit dem sussen Silberling fur einen argerlichen Liebeshandel gehabt hatte. Ich hatte sie lieber anspeyen, als viel mit ihr machen mogen, und doch war sie so zuthatig, dass ich nicht wuste, wohin? Man sprach mir stark zu, zu trinken, und im Aerger trank ich ziemlich. Nach und nach fielen von Seiten Jobsts und meines Vaters, und des Amtmanns allerley Anspielungen vor: Wir gaben so ein hubsches Paar ab, u.s.w. dass ich wol merken konnte, es sey abgekartet, und auf mich gemunzt. Ich that aber, als ob ichs nicht horte, oder nicht verstunde. Ich sah immer auf der Uhr, und sehnte mich weit weg. Einmal gieng ich in den Stall hinunter, sah nach meinem Pferd, und machte etwas am Gurt zurechte, das vorher auf der Jagd aufgegangen war. Ich hielt mich mit Fleiss lang auf, und kam erst nach einer Viertelstunde wieder aufs Zimmer. Da sassen sie all auf Einem Haufen, steckten die Kopfe zusammen, und fuhren auseinander, als ich herein trat. Das machte mich nun noch stutziger. Mein Vater sagte: Hor, Karl, das Fraulein hier wollt ich dir eben wunschen! Sie ist schon, hat Geld, und ist von steinaltem Adel. Verzeihen Sie, Papa, sagt ich, und zuckte die Achseln; Sie wissen ... Ey was? rief er, freylich weis ich! Aber, schlag mich der Donner, da wird nichts draus! Lieber zieh ich dir die Haut ab! Es leb Fraulein Stellmann! Trinks mit! Ich konnts, ohne die Hoflichkeit zu beleidigen, nicht abschlagen. So, Karl, das ist brav! Ihr must ein Paar werden; nicht wahr, Fraulein? Sie sah mir unverschamt ins Gesicht, lachte, und gab mir die Hand. Ich liess es so geschehen, weil ich dachte, hier wird doch nichts ausgemacht, und allein will ich schon mir ihm reden.

Schade, dass nicht gleich ein Pfaff bey der Hand ist! sagte mein Vater; man konnt sie gleich zusammengeben. O, da ist Rath vor, sagte der Amtmann, hier ist schon ein Pfarrer! indem machte er ein Seitenzimmer auf, und ein dicker Pfaffe trat heraus. Ich riss mich von der Stellmann los, und sprang auf. Papa, rief ich, ist das Ernst? Freylich, Kerl, rief er, und riegelte die Saalthure zu. Man wird dich schon kriegen, du vermaledeyte Bestie! Ich ward in dem Augenblick wie rasend, und sprang in das Zimmer hinter mir, das aus Versehen offen geblieben war, und schlug die Thure zu, dass das Sckloss zuruckfuhr. Von da gieng eine Thure nach dem aussern Saal; ich hinaus, die Treppe hinunter, in den Stall aufs Pferd, und beym Hof hinaus! Vom Fenster herab geschah ein Schuss, der mir nichts that. Nach! Nach! schrie mein Vater. Ich flog beym Dorf hinaus, wie der Blitz. Beym letzten Haus hort' ich schon hinter mir her galoppiren. Mein Water wars, mit 3 oder 4 andern Reutern. Sie waren mir schon so ganz nah auf dem Hals, dass ich ihn fluchen horen konnte. Neber einen breiten tiefen Grafen setzt ich wie der Wind. Es geschah noch einmal ein Schuss. Mein Pferd wendete seitwarts. Auf Einmal entstand ein schreckliches Geschrey. Ich sah mich um, und sah eben noch meinen Vater in den Graben sturzen. Ich nahm mir nicht Zeit, nochmals umzusehn. Endlich, nach einer halben Viertelstunde merkt ich keinen Menschen mehr hinter mir. Vermuthlich waren sie bey meinem Vater geblieben, um ihm aufzuhelfen. Ich ritt links in einen dicken Wald hinein. Nach einer guten halben Stunde fand ich einen Holzweg, auf dein ich gerade fort ritt. Es ward schon sehr dunkel, und der Weg war mir ganzlich unbekannt. Endlich kam ich aus dem Holz, und ungefahr um eilf Uhr in ein Dorf, wo ich noch in einer Hutte Licht sah, und mich erkundigte, wo ich ware? Ein altes Mutterchen sagte mir, das Dorf heisse Reisensburg, und lieg eine gute halbe Stunde von Gunzburg. Mit dem Namen: Gunzburg fuhr der Gedanke durch meine Seele, unter die kaiserlichen Volker zu gehen, und mich bey unserm Hauptmann anwerben zu lassen. Bey dem Gedanken ward mir auf Einmal wohl, denn ich sah nun einen Ausweg, da mirs vorher war, als ob ich in einem Irrgang wandelte. Krieg und Tod war mir Eins; denn was kann ich anders wunschen, als den Tod? Ich spornte mein Pferd, und kam nach einer Viertelstunde zu Gunzburg an. In der Krone stieg ich ab, weil ich wuste, dass der Hauptmann da logirt; und als ich horte, dass er noch nicht zu Bette sey, liess ich mich bey ihm melden, und trug ihm meine Absicht vor. Er nahm mich mit Freuden auf, und nun geh ich in vier oder funf Tagen auf der Donau als Freywilliger mit dem Transport nach Schlesien, wo vermuthlich eine Kugel auf mich wartet, und meiner Qual ein Ende macht.

O Bruder, so weit ists mit mir gekommen. Das sind nun meine Hoffnungen! Gott, was wird aus Theresen werden? Schick ihr diesen Brief, wenn dus fur gut haltst, und schreib ihr das ubrige! Trost sie, wenn du kannst! Ich bins nicht im Stand. An meinen Oakel hab ich vor 2 Tagen geschrieben, dass er Sorge tragt, dass ihr mein Vater nichts thut, und dass er mir Geld schickt, denn ich hab nur 15 Gulden bey mir, und mein Pferd nehm ich mit. Der Hauptmann will mir indessen Geld auf den Weg mitgeben. Mein Onkel kann meinen Schritt unmoglich misbilligen; es war mir nichts anders ubrig. Ich gehe nicht aus dem Haus, um nicht entdeckt zu werden; sonst war ich zum P. Philipp gegangen. Schreib mir unter der Adresse an den Hauptmann!

Ich kann dir nicht sagen, wie mir ist. An Theresen darf ich kaum gedenken, und doch ist sie fast mein einziger Gedanke. Sie auf ewig nun verlieren! Sie auf ewig nicht mehr sehen! Und doch ist diess all mein Trost, dass ich nun dem Tod entgegen gehe. Die Preussen schiessen gut, und ich will mich immer dahin stellen, wo der Tod am nachsten ist. O Bruder, ich kann nicht anders. Ich will meine Pflicht thun, als Soldat, aber dann muss der Tod mein Lohn seyn. Mein Vater mags bey Gott verantworten, dass er mich so weit gebracht hat! Troste meinen Engel! Diess ist alles, was du thun kannst. Leb wohl, Bruder, ewig wohl! Vielleicht kriegst du bald den letzten Brief von mir. Hab Dank fur alle deine viele Liebe! Gruss deine Mariane! Lass sie mich bedauren! Gott bewahre dich vor einem so schrecklichen Schicksal, wio das meine ist! Beth fur mich, dass ich selig sterbe! Ich muss abbrechen. Es wird mir banger ums Herz. Troste Theresen, dass einst Gott dich troste! Leb ewig wohl, und bewein mich! Schreib ja bald! Der Hauptmann schickt mir den Brief nach. Ewig, bis an meinen Tod der Deinige.

Kronhelm.

In dem Brief lag folgendes Blatt an Theresen,

unversiegelt:

Was soll ich, ach, was soll ich der Geliebten meiner Seele schreiben? Auch der letzte, schwache Rohrstab ist zerbrochen, den die Hoffnung mir gereicht hatte. Dein Bruder, ewig Theure! mag mein Ungluck dir erzahlen! Ich kanns nicht. Diese blutigen Zahren, die ich auf das Blatt hin weine, sind das Letzte, was ich dir in diesem Leben weihen kann. Meine Seele ist tief gebeugt zur Erden, und schmachtet nach dem Grabe. Dir zu leben, war der Wunsch, der mich bisher noch an den Leib fesselte. Nun er hin ist, kenn' ich keinen Wunsch mehr, als fur dich zu sterben. Ich eile dahin, wo der Tod laurt. Ich will ihn aus seinem Hinterhalt herausweinen, dass er komm, und mich in seinen eisernen Arm schliesse. O Therese! Was ich wunschen kann fur mich, ist eine Thrane, dass du sie dem Jungling weinest, der dich liebte, wie kein Sterblicher geliebt hat. Weine sie, und sey dann glucklich, wenn dus seyn kannst ohne mich! Ich hab keinen Trost fur dich! Wie kann der trosten, der sonst keinen Freund hat, als den Tod! Bethen kann ich, wenn noch das Gebeth des Elends hilft. Gott! Nur einen Tropfen Trost fur sie! Ich will gerne dursten, bis mein Ende kommt. Therese! Nicht wahr, ich quale dich? Nun, verzeih! Ich wust es nicht; sonst hatt ich meine Hand gelahmt, eh ich dieses Blatt schrieb! Aber ich muste noch zu dir reden. Leb denn wohl, Engel! und hab Dank fur deine Liebe! Gott, warum muste sie doch so belohnt werden? Leb ewig wohl! Ich kann nichts schreiben. Meine Safte stocken. Aber reden musst' ich. Wenn Du Bothschaft horst: Er ist todt, dann jauchze laut auf, und sag: Er ist glucklich. Ach Therese, wenn Du doch auch sturbest! Es ist so was susses um den Tod, und wir sind so elend. Sturbst Du doch mit Deinem

Kronhelm.

Die Bewegung, in die unser Siegwart durch diese beyden Briefe gerieth, kann man sich mehr vorstellen, als beschreiben. Anfangs war er ganz betaubt, und konnte es kaum glauben; zuletzt brach sein Schmerz in laute Klagen und in Thranen aus. Nach der ersten heftigen Erschutterung fieng er an, Plane zu machen, schloss er, nach Gunzburg zu reiten, und, wo moglich, seinen Freund noch zuruck zu halten. Aber, was sollte er ihm sagen? Welche Grunde hatte er, durch die er ihn zuruck halten konnte? Und der Weg war weit. Vieleicht war sein Freund indessen schon abgereist. Endlich, nach tausend Entwurfen, die im ersten Augenblick annehmlich schienen, und im zweyten wieder verworfen wurden, schien ihm dieser noch der beste zu seyn, nach Munchen zu Kronhelms Onkel zu reisen, ihm die Sache so dringend vorzustellen, als moglich, und ihn zu bewegen, sich seines Vetters thatig anzunehmen, ihn aufs schleunigste zu retten, und entweder selbst sogleich nach Gunzburg zu reisen, oder ihn mit genugsamer Vollmacht dahin zu schicken. Er bestellte sich sogleich ein Pferd, um weg zu reiten, und den andern Tag in Munchen zu seyn. Nur das lag ihm am Herzen, dass Mariane die Ursache seiner Reise erfahren mochte! Zu gutem Gluck traf er ihren Bruder an; erzahlte ihm, dass er in Kronhelms Geschaften schnell nach Munchen reisen muste; und bat ihn, es seinen Eltern und seiner Schwester zu erzahlen, und ihnen seine vielfache Empfehlung zu machen.

Nach einer Stunde ritt er weg, und sah, zu seiner grosten Freude, seine Mariane noch im Fenster, der er einen zartlichen Blick zuwarf.

Er ritt bis spat in die Nacht hinein; schlief auf einem Dorf nur einige Stunden, und kam den andern Abend in Munchen an; aber, weils schon spat war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rath zu gehen. Den folgenden Morgen liess er sich durch einen Miethbedienten nach dem Hause bringen und melden. Aber zu seiner grossen Besturzung horte er, der geheime Rath sey nicht hier. Er erkundigte sich bey einem Bedienten; dieser gab ihm kurzen Bescheid, und sagte, sein Herr sey schon vor drey Tagen mit seinem Kammerdiener unvermuthet auf der Post abgereist, er wisse nicht, wohin? Mehr konnte Siegwart nicht erfahren. In der Betaubung lief er zu Kronhelms Schwester, die ihn sogleich vor sich liess. Er erzahlte ihr, in der aussersten Verwirrung, fast ohne Zusammenhang die ganze Geschichte ihres Bruders, sagte, warum er nach Munchen gekommen sey, und fragte sie, wo der geheime Rath hingereist sey? Sie war aufs ausserste betroffen, und hatte, wie versteinert, zugehort. Als sie etwas von ihrem Staunen zuruckkam, und sich durch Thranen Luft gemacht hatte, sagte sie, sie wisse vom geheimen Rath und seiner plotzlichen Abreise nicht das mindeste. Seit seiner Zuruckkunft habe sie ihn nur Einmal gesehen, und mit ihm von ihrem Bruder gesprochen. Er habe sie versichert, dass es alles gut gehen werde. Er sey bey ihrem Vater gewesen, dieser nehme durchaus keine Grunde an. Nun woll er sich seines Vetters ernstlich annehmen. Er kenne Theresen; sie hab ihm ausserordentlich gefallen, und sein Neffe soll sie haben. Diese Nachricht habe sie ganz beruhigt; sie hatte wirklich ihrem Bruder geschrieben, und gestern den Brief nach Ingolstadt geschickt; denn von seiner plotzlichen Abreise, und der vorgeblichen Krankheit ihres Vaters habe sie nicht das geringste gewusst.

Nun fieng sie aufs neue an, ihren unglucklichen Bruder zu beklagen, und bitterlich uber sein Schicksal zu weinen. Endlich fing sie sich mit Siegwart zu berathschlagen an, was nun zu thun ware? Er wollte selbst nach Gunzburg reiten, aber sie widerrieth es ihm. Wahrscheinlich, sagte sie, werden Sie meinen Bruder, nach seinem eignen Schreiben, nicht mehr da antreffen. Sollt er aber noch da seyn, so konnen wir durch einen Brief, der ohnediess schneller hinkommt, eben das ausrichten. Wenn wir ihn versichern konnen, dass mein Onkel sich seiner ganz gewiss annehmen, und ihm Ihre Schwester geben will, so muss ihn das zuruckhalten! Wir wollen ihm jetzt augenblicklich schreiben; denn in einer Stunde geht die Post ab. Siegwart, der sich ohnehin sehr nach seiner Mariane zurucksehnte, liess sich diesen Vorschlag gefallen, und gieng in ein Kabinet, wo er einen sehr beweglichen Brief an seinen Kronhelm schrieb, und ihn um alles in der Welt willen bat, in Gunzburg zu bleiben, oder, wenn er schon abgegangen ware, sogleich zuruckzukehren, weil er von den Bemuhungen seines Onkels alles hoffen, und gewiss mit Theresen vereinigt werden konne. Die Frau von Eller liess ihn ihren auch sehr ruhrenden Brief lesen, und schickte beyde augenblicklich auf die Post. Sie bat ihn zum Mittagsessen. Er nahms an, sagte aber, er wolle heut noch wegreiten, um noch eine gute Strecke Wegs zu machen. Ihrem Mann, bat sie, mocht er nicht sagen, warum er nach Munchen gekommen sey? Weil er noch nichts davon wisse, und leicht Hindernisse in den Weg legen konnte. Unserm Siegwart wurde nun wieder leichter ums Herz, weil er Einen Stral von Hoffnung fur seinen unglucklichen Freund sah. Er gieng in seinen Gasthof, um sein Pferd auf den Nachmittag zu bestellen; nach einer Stunde kam er wieder zu der Frau von Eller, die indessen von ihrem Schrecken sich erholt, und wegen ihres Bruders gute Hoffnung hatte. Sie lobte unsern Siegwart sehr, dass er fur seinen Freund so viel thue, und die Reise ubernommen habe. Ihre Schwester, sagte sie, muss ein herrliches Madchen seyn, wenn sie Ihnen gleich ist. Ich kann meinem Bruder keine bessre Gattin wunschen, und sehne mich recht darnach, sie bald meine Schwagerin zu nennen. Wenn nur mein Onkel bald zuruckkommt, dann soll, hoff ich, alles noch gut gehen. Indem kam ihr Mann, und empfieng unsern Siegwart freundlich. Er erkundigte sich nach seinem Schwager, und verwunderte sich uber seine so beschleunigte Abreise von Ingolstadt. Bey Tisch wurde viel uber den Junker Veit gesprochen. Sie beklagten sich alle uber sein rohes Wesen, und dass er sich so von Kunigunden regieren lasse.

Bald nach dem Essen empfahl sich Siegwart, nachdem er erst noch einige Augenblicke mit der Frau von Eller allein gesprochen hatte, und ritt wieder nach Ingolstadt zuruck. Unterwegs dachte er nur an Kronhelm, an Theresen, und an seine Mariane. Er dachte hin und her, ob er seiner Schwester etwas von dem unglucklichen Vorfall schreiben sollte? und konnte nicht mit sich einig werden. Den folgenden Tag kam er sehr spat wieder in Ingolstadt an, denn er wollte nicht noch eine Nacht weg bleiben; der Gedanke, seiner Mariane nah zu seyn, hatte zu viel susses fur ihn. Den andern Tag stund er etwas spat auf, und sah, nachdem er eine halbe Stunde vergeblich ausgeblickt hatte, seinen Engel endlich am Fenster. Es war ihm, als ob sie etwas traurig ware; dieses beunruhigte ihn sehr, und er sehnte sich nach dem Abend, da er sie im Konzert sehen, und vielleicht auch sprechen wurde; denn, seit Kronhelm weg war, wagte er es nicht, so oft hinuber zu gehen. Er hatte auch gehofft, vielleicht einen Brief von seinem Freund anzutreffen, aber vergeblich.

Des Abends im Konzert vermehrte sich seine Unruhe noch mehr, als er seine Mariane sehr niedergeschlagen fand. Erst am Ende des Konzerts bekam er Gelegenheit, sie auf einige Augenblicke allein zu sprechen. Mit etlichen Worten erzahlte er ihr die Ursache seiner Reise, und von Kronhelms Ungluck. Sie seufzte, und sagte: Ich hatt' Ihnen auch viel Unangenehmes zu sagen. Gehen Sie vielleicht morgen Nachmittags bey meinem Garten vorbey? Es war moglich, dass ich da ware. Eh sie weiter reden konnte, kam ein goldgestickter Herr dazu, der sich mit abgeschmackter Hoflichkeit nach ihrem Befinden erkundigte.

Siegwart schlich sich auf die Seite, denn er ward vom Schmerz zu heftig uberwaltigt, und lief fort, eh noch das Konzert geendigt war. Sein Zustand zu Hause war der grausamste. Gott, was ist das? dachte er, und sann hin und her, was sich zugetragen haben mochte? Seine Einbildungskraft stellte ihm alles Furchterliche vor. Er sah nichts als Trennung und Elend vor sich. Marianen hielt er schon fur verlohren; nur die Art, wie sies ware? war ihm noch ein Rathsel. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Tausend Schrecken standen vor ihm; und, wenn er die Augen zuschloss, sah er Blut und Tod. Oft fuhr er auf, und schlug sich vor die Stirne; walzte sich im Bette hin und her, stand auf, legte sich wieder, und achzte, wie ein Sterbender. Endlich erweichte sich die ermudete Natur zu Thranen. Seine Seufzer wurden nun Gebet und heisses Flehen. Mit dem Tag stand er wieder auf, und sah aus dem Fenster nach dem Wetter, ob es gut bleiben wurde? Der Himmel war etwas umzogen, aber nach und nach hellte er sich auf, so dass er hoffen konnte, Marianen heut zu sehen. Den ganzen Morgen sann er wieder nach, woruber Mariane so besturzt seyn mochte? Zuweilen dachte er an Kronhelm und seine Therese. Hier fand er wieder neuen Stoff zur Unruh. Er war noch nicht mit sich einig, ob er seiner Schwester Kronhelms Brief schicken, oder sie in ihrer frohen Hoffnung lassen sollte? Er wartete, da es heute Posttag war, mit Sehnsucht auf Briefe; lief selbst ein paarmal auf die Post, aber es war nichts fur ihn da.

Der sehnlich erwunschte Nachmittag kam. Mariane gieng um drey Uhr allein aus dem Haus. Eine halbe Stunde drauf gieng er mit bangem Zittern, und angstlicher Erwartung, bey einem andern Thor hinaus ihrem Garten zu. Wie erschrack er, als der Garten und das Hauschen drinn noch zugeschlossen war! Mit banger Ahndung gieng er in das, nah daran stossende Waldchen, und warf sich unter einer Eiche nieder. Alle Blumen um ihn her, und alles Gras riss er mit der Wurzel aus; die Vogel, die im Gebusche zwitscherten, verscheuchte er; sprang wieder auf, drangte sich durchs dichteste Gebusch durch, und machte sich dann, seiner Ungeduld wegen, selbst wieder Vorwurfe. Endlich gieng er wieder an den Garten; Mariane sah aus dem Hauschen, und sprang herab, ihm die Thure aufzumachen. Ich kam spat, sagte sie, ich muste eine Freundin mit nehmen, es war nicht zu andern. Wir konnen aber doch allein reden. Sie weis schon davon. Ihre Freundin war ein Frauenzimmer, das Siegwart schon oft im Konzert gesehn, und singen gehort hatte. Sie sprach mit ihm von der Musik, und lobte sein Spiel, und seine Stimme.

Nach einiger Zeit gieng sie von selbst in den Garten hinunter, und liess unsre Liebenden allein. Siegwart sah Marianen traurig an, und wagte kaum, eine Frage an sie zu thun. Sie fragte erst noch nach einigen Umstanden von Kronhelms und Theresens Schicksal, und sagte dann: Auch uns, lieber Siegwart, droht ein Ungluck. Unsre Liebe ist so heimlich nicht mehr, als ich glaubte. Meine Schwagerin weis davon, und vor ihr war ich immer am meisten bange. Ich muss Ihnen nur gestehen; meine Mutter hat mit mir druber gesprochen. Ich gestund ihr alles. Sie ist an sich nicht unzufrieden mit unsrer Liebe, aber sie sagt, dass sie voller Angst sey, wenn mein Vater es erfahre, und das werde durch unsre Schwagerin nur gar zu bald geschehen. Ich bedaure dich, meine Tochter, sagte sie. Ich habe eure Liebe lange schon gemerkt, und heimlichen Gram im Herzen drob getragen. Ich weis nicht, wie dein Vater von Siegwart denkt, aber du kennst ihn, dass man sich in nichts, ohne sein Vorwissen, einlassen soll; und ich kann dirs nicht verbergen, er hat Absichten mit dem Hofrath Schrager (der gestern zu mir kam, als ich mit Ihnen sprach). Wenn nun unsers Theodors Frau, die ihm gut ist, noch dazu kommt, dann weis ich nicht, wie es gehen wird? Pruf dich recht, meine Tochter, wie es um dein Herz steht; ob du den Antrag annehmen kannst? Ich fiel ihr weinend um den Hals. Ach meine Mutter! sagte ich. Ich weis wohl, meine Tochter, fiel sie mir ein, und weinte mit; Siegwart ware besser. Aber denk, er ist ein Student, und darauf sieht dein Vater sehr. Ich will thun, was ich kann; aber ich kann nichts versprechen. Halt nur alles recht geheim, mit Siegwart! und vertrau auf Gott! das ist das Beste. Ich rathe dir, wenn dein Herz noch nicht ganz an ihm hangt, so reiss dich los! Denn ich sehe nichts vor mir, als tausend Kummer und Verdruss. O Mutter, sagt ich, thun Sie was Sie konnen, und entfernen Sie den Hofrath! Denn er ist mir unausstehlich. Gott erbarm sich meiner! Siegwart ist allein der Mann. Gott weis, dass ich ohne ihn nicht leben kann. Hier sank Siegwart weinend, und halb ohnmachtig an ihr Herz. Sie werden mich verlassen, und mir untreu werden, sagte er nach einiger Zeit. Nein, bey Gott nicht! war ihre Antwort. Lieber sterben! Aber, Theurer, vorsichtig mussen wir uber alles seyn! Sonst sind wir verlohren. Ach, es ist doch umsonst, sagte Siegwart. Gott, wenn Sie verzweifeln wollen, siel sie ein, was soll dann ich anfangen? Bey allen Heiligen versprech ich Ihnen, dass ich ewig widerstreben will. Diese Hand soll nie ein andrer haben! Mich soll niemand zwingen. Lieber bleib ich ewig, wie ich bin. Seyn Sie stark, und sprechen Sie mir Muth ein! Meine Mutter wird mir beystehn, und Gott! Mein Vater ist doch Vater, und ich bin sein Kind. Meine Thranen sollen vor ihm fliessen, bis sein Herz erweicht wird. Nur jetzt handeln Sie behutsam! Lieber jetzt auf eine Zeit getrennt, als ewig. Wenn Sie mich noch lieben, Siegwart, o so seyn Sie stark! Meiden Sie mich jetzt! Es kann nicht anders seyn. Ich geb ihnen Nachricht, wenn ich kann. Ich schwors, bey der Mutter Gottes, dass ich standhaft bleibe. Bleiben Sie es auch! Aber gehn Sie jetzt! Wir sind nicht sicher. Kommen Sie das nachstemal nicht ins Konzert! Er kusste sis noch einigemal mit feuervollen Kussen; konnte kaum vor Thranen und vor Schluchzen reden, und nahm Abschied. Um Gottes Willen, bat er, bleiben Sie mir treu, und geben Sie mir Nachricht, sonst vergeh ich. Bleiben Sie mir treu! Mit diesen Worten gieng er, und lief auf einer andern Seite weit ins Feld hinaus. Seine Seele war in der furchterlichsten Arbeit. Alles, was sagen konnte, war:

Verflucht seyst du, betrugerische Liebe!

Von dir allein stammt unser Elend her!

Erst in der spaten Dammerung kam er zuruck. Sein

Herz war jetzt wehmuthiger geworden, und sein Schmerz goss sich in Thranen aus. Eine Stunde lang blieb er ohne Licht auf seinem Zimmer, gieng schnell auf und ab, rang die Hande, faltete sie zuweilen, und betete. Endlich schrieb er mit der heftigsten Bewegung, und mit tausend Thranen dieses Gedicht nieder: Im dunkeln Thale stand ich, und jammerte; Der Seele bange Leiden umwolkten mich; Verkannter Liebe Schmerzen hiengen

Furchterlich uber mein mattes Haupt her!

Da brach ein Glanz aus Wolken, da schimmerte Vor mir der Hugel; siehe, da standest du, O Hofnung, hell im Sonnonstrale,

Winktest mir armen Verlassnen freundlich.

Hinauf! Hinauf! Da wand ich durch Dornen mich; Des Bluts nicht achtend; lachte die Schlangen an, Die wuthig zischten; sah den Glanz nur,

Und den erofneten Arm der Hofnung!

O Gottin, Gottin! Sage, was wandelt dort? Es kommt; es kommt! Es lachelt, o Gottin, mir! Ists Mariane? Mariane?

Birg mich, o Gottin! Es kommt; es lacht mir!

In meinem Arm? Ich sinke vor Seligkeit! Am Herzen mir? O Heilige, steh mir bey!

Mein bist Du? Gott, und Engel Gottes,

Helft mir die lastende Freude tragen!

Wo bin ich, Engel? Wieder ins Thal gesturzt? Umhullt von neuer, dammernder Traurigkeit? Der Hugel wieder trub in Wolken?

Engel, und Menschen! Wo bin ich, bin ich?

Ein Thranenstrom sturzte auf das Blatt hin, als er dieses ausgeschrieben hatte. Seine ganze Seele schien sich ausgiessen zu wollen. Der Klang von Marianens Klavier riss ihn aus dieser furchterlichen Lage. Er legte sich ins Fenster, und lauschte. Sie spielte wehmuthig. Er weinte; aber ruhiger; denn ihre sanfte Stimme floss in seine Seele, wie das Lied der Nachtigall nach einem Sturm. Endlich sang und spielte sie ein Lied, voll Entschlossenheit, voll Hofnung, und Ergebenheit in Gottes Willen. Ruh und Zuversicht traufelte, wie Abendthau in sein Herz herab. Er sah zum Himmel auf. Die goldnen Sterne blinkten hell. Gott, Gott! seufzte er; du Schopfer aller! und du Vater aller! Jeder Stern in seiner Bahn! Jeden lenkest du, und siehst du! Siehst auch mich, und Marianen! Alles lebt, und jauchzt ob deiner Gute. Gott, du Vater aller! Sey auch mein, und Marianens Vater! Der du diese Sterne schufest; hast auch mich, und sie erschaffen. Gott! Barmherziger! Gnadiger! Machtiger! Nein, du wirst, du kannst uns nicht verlassen! O, ich fuhls, du kannst uns nicht verlassen! In deine Hande geb ich mein, und Marianens Schicksal! Sey du unser Vater! Send uns Muth, und Zuversicht und Hofnung! Hilf uns alles tragen, was du sendest! Sey du unser Vater! Auf Einmal ward sein Herz leicht. Er sah in der ganzen Schopfung nichts, als Seligkeit und Segen; fuhlte ganz von Gottes Gute sich umflossen; war lebendig uberzeugt, dass Gott kein Geschopf ganz unglucklich machen kann; dass alles, was er thut, zu unserm Besten abzweckt. Freudenthranen flossen in die Thrane des Elends. Er dankte Gott fur alles, was er ihm gegeben hatte, auch fur seine Leiden. Voll sichrer Zuversicht und Hofnung gieng er schlafen; und ward durch einen ruhigen und milden Schlaf erquickt. Am Morgen, als er aufwachte, betete er mit heisser Inbrunst fur Kronhelms und Theresens Schicksal, und dann erst fur sich und Marianen. Endlich bekam er auch um zehn Uhr einen dicken Brief von Kronhelm. Mit dem Zittern der Hofnung und Erwartung und der Angst, brach er das Packet auf, und fand einen Brief von Theresen und von Kronhelm. Erst las er Kronhelms Brief:

Liebster, bester Schwager!

O dass ich endlich diesen Namen schreiben darf mit zuverlassigster Gewissheit! Jauchze laut mit mir, Geliebter meines Herzens! Der Herr hat weggenommen meine Leiden, meinen bittern Jammer! Hat in Freude sie verwandelt und Frohlocken. Hoch sey er dafur gepriesen bis in Ewigkeit! O Geliebter, sag, wo fang ich an die Geschichte meiner grossen Freude? Dass sie mein ist, dass sie mein ist! Das ist alles, was ich sagen, was ich preisen kann.

Eben wollt ich fort in Gunzburg. Ein Transport Rekruten, den wir noch erwarteten, hatt' uns langer aufgehalten. Da kam der Engel meiner Liebe, der mich retten sollte, und mir Freude bringen uber Alles. Nein Onkel kam, der theure Gottesmann, und sagte, dass ich nicht sterben sollte, sondern leben; dass Therese mein sey, dass die Leiden sich geendigt haben mit dem Tode meines Vaters. Gott sey seiner Seele gnadig! Er warf Blut aus nach dem Sturz vom Pferd, und starb. Dass Therese mein sey, diess, sonst nichts, konnt ich begreifen, und auch diess nur wenig. Nach drey Tagen sank ich ihr ans Herz, und glaubte zu vergehen. O Bruder, wenn du fuhlen kannst, was das heisse: Das zu finden, was man schon verlohren gab, so fuhls! Ich weis nicht, ob ich lebe? Das nur weis ich, lieber, theu

In sechs Tagen wird uns, die wir lang schon Eins sind, auch des Priesters Hand vereinigen. O Schwager, dass du hier warst, und mit uns dich freuen konntest! Freue dich mit Marianen! Du wirst auch glucklich werden; denn es ist nicht moglich, dass ein Mensch auf Erden unglucklich sey. Meine Therese wird dir auch schreiben. Hier ist schon ihr Brief. Ich kuss' ihn tausendmal. Bruder, nun sink ich wieder an ihr Herz. Sie sieht mich an; diess schreib ich in ihrem Arm. Leb wohl, du Geliebtester! Freund, Schwager, Alles! Leb wohl! Ich bin ein Gott.

K.F. Kronhelm.

Theresens Brief, der in den vorigen mit eingeschlossen war, ist dieser:

Mein Herz, o geliebtester und bester Bruder, ist so voll von unaussprechlichem Entzucken, dass ich dir mit Worten wenig, oder nichts sagen kann. Mein Kronhelm ist seit vier Tagen hier, und wird in sechs Tagen ganz mein. In diesem Wort, o Bruder, liegt die Seligkeit von Jahrhunderten! Er kam an einem Abend, als ich mit dem besten Vater in der Laube sass. Ich ward in seinem Arm ohnmachtig, und sah, als ich wieder zu mir selber kam, ihn und seinen theuren Onkel vor mir. Ich wuste es schon, dass er nun auf konnt ich dem vortreflichsten von allen Menschen, seinem besten Onkel danken. Aber meine Worte waren nichts, gegen das, was mein Herz fuhlte. Mein ganzes Leben ist nicht hinreichend, diesem Mann zu sagen, was ich ihm schuldig bin, und wie ich ihn uber alles ehre. Der ganze Abend war fur mich, und fur uns alle der wehmuthigste, und seligste. Nun erfuhr ich erst, was mein Kronhelm noch um meinetwillen ausgestanden hatte. Gott! wie nah war ich dem Verderben, und so ruhig, weil ich nichts davon wuste! Wenn doch wir Menschen alles wusten, welch ein Elend wars um unser Leben! Aber was der arme Jungling um mich ausgestanden hat! Gott im Himmel weis, ich bin so vieler Liebe nicht werth. Nur anbeten kann ich ihn, und danken, und meinem theuren Kronhelm all mein Leben, jeden Athemzug in meinem Leben widmen.

Konnt ich ihn doch so glucklich machen, als ers werth ist! Keinen andern Wunsch trag ich Gott in meinem taglichen Gebet vor. Hatt ich das Ungluck gewust, das unsrer Liebe drohte, ich lebte nicht mehr; denn der Uebergang von solcher Hofnung in das tiefste Elend hatte mich getodtet. Und nun bin ich so ganz, so uberschwanglich glucklich. O Bruder, du hast nie ein glucklicheres Geschopf gekannt, als mich. Wurdest du doch eben so glucklich mit deiner Mariane! Ich kann dirs nicht verhehlen, dass ich um deine Liebe weis. Mein Kronhelm hat es mir erzahlt.

Werd ihm druber nicht bose, ich bitte dich, du wurdest mich betruben. Er gestand es mir in der zartlichen Vertraulichkeit, in der wir gestern Abend in der Laube beyeinander sassen! Er kann und darf mir nichts verhehlen; ich verhehl ihm auch nichts; und was er mir sagte, war ja nur zu deinem Besten. Doch du kannst ihm nicht bose werden; wer das konnte, muste selbst bos seyn. Ich freue mich unendlich, liebster Bruder, uber deine Liebe. Mariane muss, nach dem, was mir Kronhelm von ihr sagte, ganz deiner Liebe werth, und ein Engel seyn. O sey recht glucklich mit ihr; mache sie ganz glucklich, und lass deinen Traum vom Klosterleben fahren! Du kannst durch den geheimen Rath leicht ein gutes weltliches Amt im Baierischen kriegen. Wir wollen mit ihm druber reden. Wenn doch alle Welt so glucklich war, als ich und Kronhelm! Wenn doch du und Mariane es am ersten wurden! Er sagte mir, Mariane sey mir gut. Das freut mich unaussprechlich; ich bin ihrs gewiss auch herzlich; sag es ihr, und kusse sie in meinem Namen, und erbitt mir ihre theure Freundschaft! Vielleicht schreib ich einmal an sie, wenn ich erst aus diesem Taumel von Seligkeit heraus bin; jetzt ist mir mein Kronhelm Alles in Allem, und er soll es ewig bleiben. Eben gieng er vor meinem Zimmer vorbey. Mein Herz schlagt ihm zu; ich muss aufhoren. Leb wohl, theurer Bruder! nach der Hochzeit schreib ich wieder. Unser bester Vater ist so frohlich, als ich ihn in meinem Leben nie sah. Er, und der vortrefliche Mann, der geheime Rath, sind immer beysammen, und begegnen sich wie Bruder. Gott, wie glucklich hast du mich, und uns alle gemacht! Leb wohl, mein Geliebtester! Ich bringe meinem Kronhelm diesen Brief, und dann kussen wir uns wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel. Leb wohl! Leb wohl!

Deine

Therese.

Siegwart hatte bey dem Lesen dieser Briefe hundertmal absetzen mussen, denn seine Freude war zu heftig, und die Freudenthranen sturzten ihm auf das Blatt hin. Eine Zeitlang vergass er seiner eignen Leiden druber, und hielt sich selbst fur glucklich, weil es die waren, die er so unaussprechlich liebte. Aber dann empfand er sein eignes Ungluck nur wieder desto starker, wenn er die Kluft sah, die zwischen ihm und seinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke sah, die uber ihm und Marianen hieng, und schon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im hellen Sonnenschein, auf der seine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern uberschwenglich glucklich? Dann machte er sich selber wieder Vorwurfe: Gott, vergib mir diesen Unmuth! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid und Misgunst! Lass mich uber meiner Freunde Gluck sich freuen, wenn ich schon fur mich nicht glucklich bin! Dann schrieb er ihnen diesen Brief:

Unaussprechlich theure Seelen!

Ihr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut sich Eures Glucks, das wist Ihr; aber meine Freude ist so duster, wie mein Schicksal. O Geliebteste, Gott segne Eure Liebe! Mach Euch zu den Glucklichsten auf Erden! Ihr verdient es. Wohl Euch, dass der Herr die Thranen abgetrocknet hat, die ich rinnen sah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe fur euch aufgehen heist! Rosen mussen euch durchs ganze Leben bluhen, und euch taglich einen Kranz geben, euer Haar damit zu schmucken. Euer Grab sey in einem Rosenwaldchen, wo ihr unter lieblichen Geruchen einschlummert! Mir ist ein Cypressenwald gepflanzt, in dem ich weinen muss. Mich hat die Liebe wenig Tage nur gesegnet. Ich habe wenig Tropfen ihres sussen Zaubertranks gekostet; nun reicht sie mir einen Becher dar voll Wehmuth. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand; nicht ihr Herz, denn das ist mein, und diess ist der Stab, an dem

Seyd gesegnet, meine Lieben, seyd gesegnet! Diess wunsch ich Euch, mit Thranen in den Augen. Mocht ichs einmal konnen ohne Thranen! Aber, wie der Herr will, der mir Freuden erst gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebste Schwester, unsern theuren Vater, aber sag ihm nichts von meinen Leiden! dass nicht seine Freude duster, und umwolkt werde! Du bist mein Schwager, Kronhelm, und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machst meine Schwester glucklich, und sie lohnet dir mit ihrer Liebe. Ich wollt euch einen Brautgesang singen; aber Brautgesange sollten freudig seyn. Ich schreib euch aber doch das Lied ab, ob ich gleich nicht sagen konnte, was ich wollte. Es kam doch aus bruderlichem Herzen. Ich will an eurem Hochzeittage fur Euch beten, und mein Leid vergessen. Liebt Euch treu, und seyd gesegnet! Diess ist alles, was ich wunschen kann. Betet auch zuweilen in Eurem Gluck fur Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebeth der Glucklichen vermag viel. Betrubt Euch nicht zu sehr! Weine Leiden sind nicht ewig, und ich glaub an einen Gott, der unser aller Vater ist, auch wenn Er zuchtiget. Hier ist noch das Lied. Ich bin ewig Euer Bruder

Xaver Siegwart.

Auf die Vermahlung meiner theuren Schwester und

meines theuren Kronhelms.

Keimen sah ich Eure Liebe,

Wie den Weidenzweig am Quell;

Oft war Euch der Himmel trube,

Oft schien Euch die Sonne hell.

Sturme beugten oft Euch nieder,

Drohten Untergang und Tod,

Aber Ihr erhobt Euch wieder

Im erhellten Abondroth.

Ach wie gern, Ihr Lieben, freute

Meine Seele sich mit Euch!

Wenn nicht ein Geschick mir draute,

Eurem, nun verflossnen, gleich.

Drohende Gewitter drangen

Sich in schwarzer Nacht daher;

Dunkle Wetterwolken hangen

Ueber meine Scheitel her.

Mit der angstlichbangen Zahre

Steigt ein Seufzer aus der Nacht:

Dass der Tag auf ewig wahre,

Der Euch jetzt so heiter lacht!

Blickt aus Eurem Sonnenscheine

Mir den hellen Trost herbey:

Dass mein Aug nicht ewig weine,

Und mich Lieb' auch einst erfreu!

Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, sagte man ihm bey seiner Nachhausekunft, dass ein fremder Bedienter nach ihm gefragt habe, der in einer Stunde wiederkommen wollte. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente seyn, und was er bey ihm zu thun haben musse? Er sann hin und her, und machte sich tausenderley Einbildungen, angstliche und angenehme. Nach einer Stunde kam der Bediente, und siehe da! Es war Marx, den Kronhelm angenommen hatte.

O dass ich Sie nur wieder einmal sehe! fieng er an. Ich bin weit und breit im Land herumgelaufen; konnen Sie mir nichts von meinem gnadigen Herrn sagen? O ja, antwortete Siegwart. Er ist wohl auf, und nimms nachstens eine Frau. Gott sey Lob und Dank! rirf der Kerl aus, und sprang vor Freuden in die Hohe. Hab ichs doch immer gesagt: so einem braven Herrn kanns nicht ubel gehen! Ja, Herr Siegwart, das war ein Jammer! Sie werden mirs kaum glauben. Da brachte man den alten Herrn auf einer Tragbahre heim. Das Blut lief aus Mund und Nase, wie ein Rohrkasten; und dabey schimpfte und fluchte er auf meinen gnadgen Herrn, dass ich mich kreuzigte und segnete. Es hiess, mein Herr sey verlohren, und man wiss' nichts von ihm. Man muss' ihn uberall aufsuchen. Ich konnte das nun nicht begreifen, aber ich nahm den ersten besten Gaul im Stall, und ritt, wo die Mahre hin wollte, denn ich wuste Gott verzeih mirs! von meinem Herrn so wenig als der Gaul. Keine Seele wollt ihn gesehen haben, wo ich fragte. Ich rannte durch Hecken und Stauden, durch dick und dunn; alles nur umsonst. Endlich ritt ich nach drey Tagen recht betrubt, mochte nichts essen und nichts trinken, in Gottes Namen wieder heim. Da war nun der Larm erst recht angegangen. Der alte Herr war abgesegelt. Es soll entsetzlich anzusehn gewesen seyn, wie er geschimpft, dann wieder gebethet, dann geflucht hat, besonders auf meinen unschuldigen jungen Herrn. Die Augen soll er im Kopfe herum gedreht haben, wie ein Uhu. Er war ganz blau im Gesicht, und die Zung hieng ihm aus dem Mund heraus, sechs Zoll lang, dass alle Menschen im Dorf sagten, der Bose Gott sey uns gnadig hab ihn abgeholt. Ja, wie ich eben sah, dass da nichts zu machen war; denn ohne meinen Herrn mocht ich gar nicht leben und dass alles drunter und druber gieng jeder packte ein, und die saubre Junfer Kunigund am meisten da nahm ich eben in Gottes Namen meinen Bundel auf den Rucken. Ich hatt einen Gaul aus dem Stall mitnehmen konnen, dass kein Hahn darnach gekraht hatt aber ich bedanke mich dafur! Unrecht Gut g'rath nie gut! und ehrlich will ich bleiben, es mag gehn wie's will! Da gieng ich eben auf gut Gluck uberzwerch ins Land hinein, und dachte: ich will meinen Herrn schon finden, wenns Gotts Will ist. Freylich giengs ein bisschen hart her. Die kaiserlichen Werber wollten mich mit Gewalt wegnehmen, weil ich keinen Pass hatt', und mir sechzig baare Thaler geben; aber ich rankte mich hinaus; und weil ich meinen Herrn nicht auftreiben konnte, da fiel mirs erst ein, dass ich mich bey Ihnen Raths erholen wollte; Sie wurden schon Bescheid wissen. Gottlob! dass ich auf den Einfall kam. Nun bitt ich gar schon, sagen Sie mir gleich, wo er ist? Dass ich mich morgen mit dem fruhesten auf den Weg machen kann.

Siegwart sagte ihm, wo Kronhelm ware. Ey, Ey! sagte er, das ist ein bisschen weit ohne Pass. Ich hatte wohl eine Bitte, ob Sie mir ein kleines Briefchen mit gaben, wo drinn stunde, dass ich ein ehrlicher Kerl sey. Ich furchte die Soldaten, wie den Henker. Siegwart gab ihm einen kleinen Brief an Kronhelm, und ein offnes Zeugniss seines Wohlverhaltens. Der Kerl kusste ihm die Hand Aber, fuhr er fort, und kratzte sich hinter den Ohren. Nun hatt ich noch eine Bitte! Sie ist zwar gross, ich weis nicht, ob Sies mir nicht abschlagen? Sie wissen schon so, wie's auf Reisen geht! Das Geld ist mir eben ausgegangen, und da wollt ich ... Gut, gut! rief Siegwart, wie viel braucht Er? O Herr, Sie sind auch gar zu gut, sagte Marx ganz bewegt. Ich dachte, wenn ich sechszehn Batzen hatt. Ich wollts Ihnen in vier Wochen wieder schikken; da krieg ich meinen Monatslohn. Siegwart gab ihm zwey Gulden, und sagte, dass er sie ihm schenke. Der Kerl wollte das Geld nicht geschenkt annehmen, und liess sich erst dadurch beruhigen, dass ihm Siegwart sagte: Er sey seinem Herrn das Geld schuldig und wolle mit ihm abrechnen. Endlich nahm Marx mit Thranen Abschied.

Den folgenden Tag brachte Marianens Madchen unserm Siegwart seinen Kleist wieder. Es war ein Papier um das Buch geschlagen, und als ers wegnahm, fiel ihm dieser Zettel in die Hande:

Mein Allerliebster!

Entreissen Sie sich Ihrer Unruh! Es ist wieder Hofnung fur uns da. Meine Mutter hat aufs neu mit mir gesprochen. Sie ist sehr fur Sie, und versprach mir, alles, was zu unserm Besten dienen konnte, zu versuchen. Sie hat bereits mit meinem Vater gesprochen, und ihn so weit gebracht, dass nun wegen des Hofraths nicht weiter in mich gesetzt werden soll. Nur sollen wir behutsam seyn, und unsre Rechnung nicht zu gewiss machen! Meine Hand soll gewiss kein anderer bekommen; das hab ich Ihnen schon so oft gesagt, und sag es hier auch schriftlich. Ich kann nicht glauglucklich machen wird. Bleiben Sie nur Gott und der Hofnung treu, mein Allerliebster! Ich wunsche sehr, Sie zu sprachen, denn ich hab Ihnen mancherley zu sagen. Morgen geh ich mit meiner Freundin in ihren Garten, und da konnten wir uns sehen. Es ist, wenn Sie bey meinem Garten sich in das Gasschen rechter Hand schlagen, der funfte Garten auf der linken Seite, mit einem schwefelgelben Hauschen. Sie konnen nicht leicht fehlen, und ich werd auch heraussehen. Schlag Drey gehen wir hinaus, wenn das Wetter gut ist. Leben Sie wohl, mein Allertheurester! Bauen Sie auf meine Liebe und auf meine Standhaftigkeit; am meisten aber auf die Vorsehung, die unsre Herzen so fest vereinigt hat! Ich bin ihre, bis in den Tod getreue

Mariane Fischern.

Siegwarts Seele war durch diesen Brief, und die darinn enthaltne Hofnung wieder wie neu belebt. Er gieng den andern Tag um halb vier Uhr in den Garten, wo seine Mariane schon seiner wartete. Sie empfiengen sich mit einem Entzucken, als ob sie Jahre lang getrennt gewesen waren. Mariane sah wieder so heiter aus, wie der Fruhlingshimmel. Sie pfluckte zwo Aurikeln von gleicher Farbe; gab die Eine ihm, und steckte die andre an ihre Brust. In Gegenwart ihrer Freundin war sie bis zum Muthwillen lustig, und hatte tauMadchen Kronhelms und Theresens gluckliche Geschichte, und meldete seinem Madchen den Gruss seiner Schwester. Mariane ward uber diese Erzahlung noch munterer, und sagte, mit einem Blick auf Siegwart: Standhaftigkeit und treue Liebe bleibt doch selten unbelohnt. Mit diesm Worten gab sie ihm ihre Hand, und gieng mit ihm durch die Johannisbeerhekken einer dunkeln Geissblattlaube zu. In ihrem Schatten sank sie an sein Herz; er neigte sich herab, kusste sie auf ihre Stirne, auf ihre schone Augen, und auf ihren Mund. Freudenthranen stunden ihm in den Augen, wann sie ihren schmachtenden und liebevollen Blick zu ihm aufschlug. Er lachelte; Sie auch, und fuhr ihm sanft mit der Hand uber sein Gesicht. Er umschlang sie. Lieber, lieber Engel, sprach er, sind Sie wieder mein? Wollen Sie mein bleiben? Sie lehnte ihr Gesicht an eine Brust, und druckte seine Hand sanft. Oft sassen sie lange stillschweigend da; Gesicht an Gesicht geschmiegt; Er horte ihren Athem, wie er erst langsam, nach und nach schneller und starker gieng, und zuletzt ein Seufzer ward. Dann druckte er sie wieder fester an sein Herz, seinen Mund an ihren Mund; sog ihren Kuss, und ihren sanften, reinen Athem ein. Lieben Sie mich auch? fragte er ein paarmal ganz leise. O unendlich! antwortete sie, und ihr Auge, das so zartlich und so frey ihn ansah, sagte, dass es wahr sey.

Ein paarmal blickte Siegwart zum Himmel. Der ganze Ausdruck seines Blicks war Dank. Gott, ach Gott! dachte er; wie unendlich hast du mich gesegnet! Alles, alles, was du meinem Wunsch auf Erden geben konntest, die ganze Welt in meinem Arm! Alles andre ist mir nichts; ist Staub! Lass mir nur Sie, nur Sie! Gott, ach Gott, nur Sie! Und dann druckte er sie wieder feuervoller an sein Herz. Warlich! Eine solche Liebe muss die Freude Gottes, und die Lust der Engel seyn! Lass zwey solche Liebende auf Erden auch getrennt werden! In der Ewigkeit eilen sie sich wieder zu, wo ewig keine Trennung seyn wird!

Lieben Sie mich auch? fragte sie nach einiger Zeit, ganz bewegt. Ueber alles, uber alles! gab er ihr zur Antwort. Lieben Sie mich, Siegwart? fragte sie bald darauf, noch bewegter wieder. Warlich! wie mein Leben; mehr noch, als mein Leben! antwortete er, und ward traurig. Lieben Sie mich mehr noch, als das Kloster? fragte sie zum drittenmal. Thranen sturzten ihm hier aus den Augen; ja, bey Gott! auch mehr noch, als das Kloster! rief er aus. Liebstes, bestes Madchen! Ich will nachstens meinem Vater druber schreiben; denn er weis noch nichts. Aber er hat nichts dagegen, davon bin ich uberzeugt. Der geheime Rath von Kronhelm will mir helfen, und im Baierschen ein Amt verschaffen. Nun, das ist ja herrlich! sagte sie; nun bin ich ruhig. Meine Mutter machte mir den Einwurf: Sie wurden ja ein Geistlicher, und ich wuste nichts darauf zu antworten. Er versicherte sie nochmals, dass er bald davon an seinen Vater schreiben werde. Und nun goss die Zartlichkeit von neuem ihre Freuden uber sie in vollem Maas aus; jeder Kuss war ein Tropfen aus der Schaale der Liebe, die nur keuschen Liebenden gereicht wird. Eine Nachtigall sass auf dem Zweig des nachsten Apfelbaums, und sang ihnen noch mehr Wollust ins Herz. Endlich kam auch Marianens Freundin zu ihnen. Diess storte sie in ihrer Freude nicht. Mariane gab ihrem Siegwart in ihrer Gegenwart Kusse, und blickte ihn noch eben so zartlich an; denn ihre Freundin war mit ihr aufs innigste verbunden, und hatte ihr auch ehmals die Geschichte ihres Herzens anvertraut. Sie sagte ihrem Siegwart, er mochte das nachstemal wieder ins Konzert kommen, zumal da es das vorletzte sey. Ihre Schwagerinn sey wieder krank, und konne also nicht auflauren. Dann sprachen sie wieder von Kronhelm und Theresen; und endlich gieng Siegwart so selig und vergnugt wieder nach der Stadt, als er seit langer Zeit nicht gewesen war.

Zu Haus fieng er sogleich einen Brief an Kronhelm und seine Schwester an, der aber, in seiner Freude, so unzusammenhangend ward, dass er ihn wieder zerriss. Nun dachte er ernstlich drauf, was er seinem Vater schreiben wollte? So fest ers auch beschlossen hatte, so ungern gieng er doch dran, weil es ihm schwer fiel, seinem Vater ein Gestandniss zu thun, das sein zu zartliches und angstliches Gefuhl lieber nie einer Seele eroffnet hatte. Daher schob er das Schreiben an seinen Vater von einem Tag zum andern auf. Oft hatte ers an einem Abend beschlossen, und unterliess es den andern Morgen, unter tausend, selbstgemachten, Entschuldigungen wieder. Wenn er Marianen sah, so dachte er, nun muss ich schreiben! Er fieng zu Hause an, war aber nie mit dem, was er geschrieben hatte, zufrieden, strich hundertmal aus, und zerriss dann das ganze Blatt wieder. Er hatte unendlich viele Bedenklichkeiten, dass er seinen Vater beleidigen, oder seine Gunst verlieren mochte, und machte sich selbst tausend Zweifel, die nicht wirklich waren.

Nach etlich Tagen erhielt er diesen Brief von Theresen:

Zartlichstgeliebter Bruder!

Endlich sind alle Wunsche meines Lebens ganz erfullt, und ich bin die glucklichste Frau des Besten aller Sterblichen. Vor zwey Tagen wurden wir getraut. O Bruder, Bruder, meine Freuden sind zu gross, als dass eine Zunge, oder eine Feder sie ausdrucken konnte. Ich kann dir nicht den Schatten von dem zeigen, was ich fuhle. Genug, fur mich hab ich keinen Kronhelms. Und ich hoffe, dass ihn Gott mir lange erhalten werde, denn er ist ein Segen der Welt. Taglich lern ich ihn mehr kennen, mehr bewundern und lieben. Taglich lern ich von ihm, und werde doch gewiss in diesem Leben nie auslernen. Seine Zartlichkeit gegen mich ist unbeschreiblich. Unsre Seelen sind aufs engeste vereinigt und haben nur einen Willen. Doch, du kennst ihn ja selbst. Aber von seinem Lob mocht ich unaufhorlich reden, und du fassest so etwas am besten.

Bey der Hochzeit waren einige Freunde unsers theuren Vaters, der unaussprechlich heiter war. Auch meinen ehrlichen Prediger in Windenheim hab ich bitten lassen; er konnte aber, leider, wegen einer kleinen Unpasslichkeit nicht kommen. Vor funf Tagen sind wir, ich und mein Kronhelm, bey ihm gewesen. Der gute Mann hatte eine unbeschreibliche Freude, die hellen Zahren stunden ihm in den Augen, und er gab uns einen so herzlichen Segen, dass ihn Gott gewiss erhoren muss. Der geheime Rath ist mehr als mein zweyter Vater. Ich kann dir nicht sagen, wie liebreich er mir begegnet! Er nennt mich immer seine Tochter, und das thut so wohl. Auch grosse, nur zu grosse Geschenke hat er mir gemacht, an Juwelen, Diamanten, Perlen u.d. gl. Karl und seine Frau waren auch bey der Mahlzeit. Wie hat sich doch alles hier so wunderlich geandert! Sie wunschte mir so viel Gluck, schmeichelte mir so sehr, dass ichs zuletzt fast uberdrussig wurde. Der geheime Rath will, der Papa soll mir gar kein Heyrathsgut mitgeben. Er will, wie er sagt, Vatersstelle bey mir vertreten, und bat den Papa, ihm diese Freude zu gonnen, da er keine eigne Kinder habe. Daruber ist Karl ganz ausser sich vor Freuden.

Deinen Brief, liebster Bruder, haben wir mit vielen Thranen gelesen. Gott stehe dir bey, und mache dich mit deiner theuren Mariane glucklich! Mich deucht, du bist ein wenig zu furchtsam; wenigstens mein Kronhelm sagt, du seyest viel zu angstlich. Fasse doch Muth! Eine solche Liebe kann kaum unglucklich werden. Denk an unsre Liebe; welche Leiden wir ausgestanden haben, und wie glucklich wir nun sind! Vielleicht ist schon wieder Hofnung fur dich da. Gott geb es! Ich bitte taglich fur dich. Tausend Dank fur dein Gedicht, wollte Gott, du hattest ein freudigeres singen konnen! Aber doch hat es uns sehr gefallen. Gruss deine Mariane in meinem Namen herzlich! Ich will meinen Kronhelm fragen, ob er dir auch schreiben will? O Bruder, ich bin deine unaussprechlich gluckliche Schwester

Therese Kronhelm.

Am Schluss des Briefes war noch folgendes von Kronhelm geschrieben:

Ich kann nicht schreiben, Bruder! Mein Herz ist zu voll, und tobt vor Freuden. Ich bedaure dich, Gott weis es, herzlich. Aber fass Muth! Es wird sich andern. Marianens Herz ist stark und standhaft. Bau darauf! Ich bitte dich, sey nicht gar zu muthlos! Hier ist alles Freude; und mich deucht, ich bin der Glucklichste von allen. Konnt ich dir nur den tausendsten Theil von meinem Gluck geben; und du warst schon froh. Aber nur getrost! Du must auch noch glucklich werden; du bist gar zu brav. Uebermorgen reisen wir mit meinem treflichen Onkel nach Steinfeld. Unser Vater ist gar ein vortreflicher Mann, den ich mit der grosten Ehrfurcht liebe. Sey ein Mann, Bruder, und kampf! Die Siegerkrone kann dir nicht fehlen. Du wirst sagen: der hat gut trosten, weil ihm nichts mehr auf Erden ubrig ist, zu wunschen; und da hast du freylich Recht. Leb wohl, Bester, und sey glucklich! Ich bin ganz

Dein treuer Schwager Kronhelm.

Siegwart war nun wieder von allen Seiten glucklich. Die Wunsche seiner liebsten Freunde waren ganz erfullt; er besass die Liebe seiner theuren Mariane ganz, und die Furcht, sie zu verlieren, war wieder grostentheils zerstreut. Nur der Gedanke an das Gestandniss, das er nun bald seinem Vater thun sollte, Freuden, die er hatte, suchte er ihn zu betauben und einzuschlafern; er schrieb an seinen Schwager und an seine Schwester nach Steinfeld; theilte mit ihnen ihre grosse Freude, und erzahlte ihnen auch die Hofnungen, die er fur sich und seine Liebe hatte. Im nachsten Konzert sang er mit Marianen ein paar Arien, die die Wiedervereinigung zweyer Liebenden zum Inhalt hatten. Mit welchem Ausdruck sie und er gesungen haben mogen, kann sich jedes gefuhlvolle Herz vorstellen. Jeder Zuhorer war bewegt, und klatschte Beyfall. Ueber seinen Blicken wachte er genau, um den Hofrath und den andern Anwesenden keine Gelegenheit zum Argwohn zu geben. Der Hofrath war sehr hoflich, und lud am Ende des Konzerts alle, auch unsern Siegwart ein, nach dem nachsten Konzert, welches das letzte seyn wurde, zu einem Ball da zu bleiben. Siegwart sprach zwischen dieser Zeit sein Madchen einmal in dem Garten ihrer Freundin, und brachte einen, der liebe heiligen Abend mit ihr zu. Sie versicherte ihn wieder, dass ihre Mutter ganz fur ihn sey, und dass sie wegen des Hofrath Schragers wenig, oder nichts mehr zu besorgen habe.

Am nachsten Mittewochen spielte Siegwart noch einmal mit dem allgemeinsten Beyfall ein Konzert. Auch Marianens Bruder spielte eins mit ziemlichem Beyfall, weil er sich, unter Siegwarts Anfuhrung, sehr darauf vorbereitet hatte. Dieser Umstand machte, dass auch er unserm Siegwart ziemlich zugethan wurde. Nach dem Konzert gab der Hofrath Fischer ein Abendessen; nach demselben erofnete er, mit seiner Frau, den Ball. Siegwart tanzte zuerst mit Marianen eine Menuet, und dann einen Gesellschaftstanz. Hierauf tanzte er mit ihrer Mutter, die ausserordentlich freundschaftlich gegen ihn that. Sie setzte sich nach dem Tanz mit ihm auf ein Kanapee, und fieng von ihrer Tochter an, zu reden. Es freut mich herzlich, sagte sie, dass Sie so viel Freundschaft gegen meine Tochter tragen; sie wird es Ihnen auch schon gesagt haben. Nur um der Leute, und hauptsachlich um meines Mannes willen, muss ich Sie sehr um Behutsamkeit bitten. Man ist im Stillen weit glucklicher, als wenn man vieles Aufsehen macht. Ich wurde schon von verschiednen Seiten her gewarnt. Die Leute hier schliessen aus jeglicher Bekanntschaft auf die engeste Vertraulichkeit, und erdichten aus Langerweile tausenderley Geschichten. Sie sehen ein, was mir daran liegt, dass meine Tochter nicht in der Leute Mund kommt. Meine Schwiegertochter und mein Mann sind gar wunderlich. Suchen Sie ein rechtschaffner und geschickter Mann zu werden; das Uebrige hangt von Gott und nicht von uns ab. Ich hore, Sie wollten geistlich werden. Wird es Ihr Herr Vater wol zufrieden seyn, wenn Sie umsatteln? O ja, ganz gewiss! sagte Siegwart; ich will ihm nachster Tagen schreiben. Ein anderer, der die Hofrathin zum Tanz aufzog, machte dem Gesprach ein Ende. Er blieb sitzen, und sah seine Mariane in einiger Entfernung von ihm, tanzen. Ihre Augen waren viel auf ihn gerichtet; oft, wenn sie glaubte, dass es niemand merkte, lachelte sie ihm zu. Ihm wars, wie wenn ein Sonnenblick im Fruhling auf die Flur fallt.

Als der Student, mit dem Sie tanzte, ihr, beym Schluss der Menuet, die Hand kusste, da fuhr ihms wie ein Dolch durchs Herz. Er ward feuerroth, und gleich drauf traurig; denn er hatte viel, fast zu viel Anlage zur Eifersucht. Der freundliche Blick, mit dem sie dem Studenten dankte, machte tausend Empfindungen in ihm rege. Er glaubte, Liebe drinn entdeckt zu haben, so unwahrscheinlich und ungegrundet diess auch war. Die Vernunft mochte ihm auch tausendmal sagen, dass er sich selbst ohne Ursach kranke, und Marianen Unrecht thue, er konnte sich und seine Unruhe doch nicht gnug bekampfen. Mariane merkte dieses wohl, und setzte sich, als er ins Zimmer gegangen war, zu ihm. Sie blickte ihn zartlich an, und nun kam die Heiterkeit auf Einmal in sein Aug, und in sein Herz zuruck. Er sah die Falschheit seines Argwohns ein, machte sich selbst bittre Vorwurfe, und konnte eine Thrane nicht verbergen, die ihm ins Auge schoss. Gern war er an ihr Herz gesunken, und hatte sein beleidigtes Madchen um Verzeihung gebeten, aber die vielen Gaste, die zugegen waren, hielten ihn zuruck. Der, ihm verhasste Hofrath Schrager, zog sie nun zum Tanz auf. Es ward ihm kalt und warm, als er den Mann sah. Er tanzte, um seine Verwirrung zu verbergen, mit dem nachsten besten Madchen, seiner Mariane gegen uber. Sie tanzte ganz kalt, und nachlassig mit dem Hofrath, und warf zuweilen einen liebevollen Blick auf ihren Jungling. Als Mariane mit Dahlmund schwabisch tanzte, setzte sich Siegwart allein in einen Winkel auf dem Saal, und hatte lauter traurige Gedanken. Mariane legte ihre linke Hand auf Dahlmunds Schulter, und flog so mit ihm auf dem Saal herum. Dieser Anschein von Vertraulichkeit krankte seine zarte Seele tief, zumal da es sonst kein Madchen auf dem Saal so machte. Er sah zwar nachher, dass dieses bey Marianen blos Gewohnheit war, weil sie es bey jedem Tanzer ohne Unterschied so machte; aber es that ihm doch im Herzen weh, dass die Geliebte seiner Seele auch nur scheinen sollte, ausser ihm mit einem Menschen auf der Welt vertraut zu seyn. Er hatt es ihr so gern gesagt, aber er furchtete, sie zu betruben, oder in den Verdacht der Wunderlichkeit bey ihr zu kommen. Noch trauriger ward er bald darauf, als sie mit einem andern tanzte, der sie, wie ein Rasender herumriss, und mit ihr mehr flog, als sprang. Gott! dachte er, wenn ihr diese heftige Bewegung Schaden brachte, und ihre Gesundheit zerruttete! Wie leicht konnte so ein Augenblick mein Liebstes rauben! Dieser Gedanke versenkte ihn immer tiefer in die traurigsten Vorstellungen, so dass ihm Thranen in den Augen standen. Sie kam nach dem Tanz zu ihm. Das ist schrecklich getanzt! sagte er; Sie gluhen recht! und schien aufgebracht zu seyn. Sie sah ihn wehmuthig, und halb bittend an. Eine Thrane drang aus ihrem Auge. Liebes Madchen, sagte er, und war bewegt; wie leicht konnten Sie sich schaden! Diese Vorstellung hat mich ganz traurig gemacht. Sie nahm ihn bey der Hand. Es wird mir hoffentlich nicht schaden, sagte sie; aber freylich war es scharf getanzt; ich dachte es selbst; nur kann ich nicht dafur. Ich thu's nicht gerne. Nehmen Sie mirs nur nicht ubel! sprach er; meine Warnung kam aus gutem Herzen. Sie sah ihn mit der grosten Zartlichkeit an, und war ihm gern ans Herz gesunken, um an seiner Brust zu weinen. Ein paarmal kusste sie ihn doch, weil ihre Eltern in dem Nebenzimmer sassen. Ich will sagen, dass ich mit Ihnen tanze, sagte sie, wenn mich wieder jemand aufziehn will. Liebes Madchen! Weiter konnte er nichts sagen.

Man tanzte wieder franzosisch, und Siegwart tanzte nun auch mit den ubrigen Frauenzimmern, und noch ein paarmal mit seiner Mariane. Erst um 2 Uhr gieng die Gesellschaft auseinander.

Kurz eh man auseinander gieng, entstand noch ein Streit zwischen einem Studenten, Namens Dieling, und Joseph, Marianens Bruder. Dieling war betrunken, und wollte schwabisch tanzen, als die ubrigen eben einen Gesellschaftstanz angefangen hatten. Joseph nannte ihn einen Menschen ohne Lebensart. Diess stieg dem betrunkenen Dieling zu Kopf; er holte seinen Degen, und rannte damit auf Joseph. Siegwart, der auf der Seite neben Hofrath Schrager stand, der eben weggehen wollte, riss diesem den Degen von der Seite, fieng Dielings Degen auf, und schlug ihn ihm aus der Hand, dass er in das entgegen stehende Fenster flog. Nun kamen andre hinzu, und schafften den Betrunknen weg. Siegwart hatte sich nur etwas an dem Finger geritzt, und blutete. Joseph, der nun erst sah, wer sein Retter gewesen war, sank ihm in den Arm, und dankte ihm mit hundert Kussen. Mariane und ihre Eltern waren indess auch hinzugesprungen; sie ward todtblass, als sie Blut sah; er beruhigte sie aber gleich, indem er zeigte, dass er nur geritzt ware. Sie sprang in ihrer Angst weg, um ein Stuckchen Tafft zum Verband zu holen. Der Hofrath umarmte indess unsern Siegwart, und dankte ihm fur die Rettung seines Sohns. Die Hofrathin weinte, und nannte ihn den Retter ihres Josephs, ihren zweyten Sohn. Indess kam Mariane wieder, die sich nun von ihrer ersten Besturzung erholt hatte, und verband ihm selbst den Finger. Als Siegwart weggieng, begleitete ihn Joseph noch bis auf die Strasse, umarmte ihn noch einmal, und sagte: Bruder, sag, was kann ich dir fur diesen Dienst thun? Nichts! antwortete Siegwart in der Ruhrung; als dass du mein wahrer Bruder bleibest, und mir deiner Schwester Liebe gonnest! O das will ich! o das will ich! rief Joseph aus, ja du sollst Sie haben! Wenns auf mich ankame, war sie heute dein Indem kam Marianens alterer Bruder aus dem Hause, so dass er Josephs Worte noch gehort haben konnte. Siegwart erschrack, und gieng weg. Dieser Umstand benuruhigte ihn sehr, weil er furchtete, dass er uble Folgen fur ihn und Marianen haben konnte. Doch richtete ihn der Gedanke wieder auf, dass vielleicht der Hofrath ihm nun gunstiger seyn, und sich seiner Liebe zu Marianen weniger widersetzen werde.

Den andern Morgen brachte er damit zu, dass er sich alle Auftritte des vorigen Tages wieder ins Gedachtniss zuruckrief. Einigemal stunden ihm die Thranen in den Augen, wenn er uberdachte, wie viel Unrecht seine Eifersucht Marianen gethan hatte. Er beschloss, sich vor dieser Marter seiner selbst, und des geliebten Gegenstandes kunftig recht in Acht zu nehmen. Nun sah er aber erst, wie sehr er seine Mariane liebe; wie so ganz unzertrennlich seine Seele von der ihrigen sey. Er hatte nun auch ihre Liebe ganz gesehen, mit welcher Sorgfalt sie sich um ihn bekummre; wie genau sie auf jede Veranderung in seinen Gesichtszugen Acht gebe. Er fuhlte das Gluck, ihre Liebe, und ein solches Madchen, zu besitzen, ganz, so dass seine Emfindungen fast immer zwischen Entzukken, Andacht, und Gebeth getheilt waren.

Um eilf Uhr kam Marianens Bruder zu ihm, und sagte: seine Schwester wurde heut allein mit ihm auf seinen Garten gehen; ob er nicht auch hin kommen wolle? Siegwart nahm diesen Antrag, der ein Beweis seiner Dankbarkeit, und seiner Zuneigung zu ihm war, mit dem innigsten Vergnugen an; und ward durch dieses Zeichen seiner Liebe zu der grosten Offenherzigkeit verleitet, so dass er ihm die ganze Geschichte seines eignen, und des Herzens seiner Schwester erzahlte. Joseph nahm daran sehr vielen Antheil, und sagte: Er sey ganz fur diese Liebe, und wunsche nur, es recht bald beweisen zu konnen. Von seiner Schwagerin, und seinem Bruder, sagte er selbst, war am meisten zu befurchten, weil diese ihren Vater so sehr einzunehmen wusste. Doch konnte man vor den beyden diese Liebe sehr wohl verborgen halten, weil sie wenig aus dem Hause kamen, und vielleicht nahme gar seine Schwagerin bald ganz von der Welt Abschied.

Den Nachmittag um vier Uhr gieng Siegwart, wie er bestellt war, nach dem Garten. Seine Mariane, sah so zartlich, und so schmachtend aus, als er sie noch nie gesehen hatte. Sie nahm ihn gleich bey der Hand, fuhrte ihn in eine Laube, und sank ihm in den Arm. Ihre Kusse waren feuriger, wie sonst; ihr Mund verweilte langer auf dem seinigen, und sog ganz seinen Athem ein. Er setzte sie auf seinen Schooss; druckte sie fest an sein Herz, und legte sein Gesicht an das ihrige. Keines konnte vor Empfindungen sprechen. Er kusste ihre Stirne, dann ihr Auge, und da fuhlte er, dass es nass war, und kusste eine heilige Thrane weg. So eine susse, uberirdische Empfindung hatte er noch nie gehabt. Er sah ihr mit der grosten, wehmuthigsten Zartlichkeit ins Auge; sie konnts nicht aushalten, und verbarg ihr Gesicht an seinem Busen. Liebster, liebster Siegwart! Liebstes, bestes Madchen! war alles, was sie sagen konnten. Endlich kam Joseph, der indess auf dem Gartenhaus gelesen hatte, hurtig auf die Laube zugesprungen, und rief, der Bruder und die Schwagerin! Siegwart und Mariane sprangen auf. Joseph wollte wieder zuruck. Bleib da! rief Mariane, und nun giengen alle drey nach der Gartenthure zu, wo das liebe Paar eben herein trat.

Das ist der Herr, sagte Mariane ganz entschlossen, der gestern unserm Joseph das Leben gerettet hat. Ey, sagte die Schwagerin, sind das der junge Herr Siegwart? Ja, mich deucht, ich habe Sie schon im Konzert gesehen. Siegwart machte eine Verbeugung, und betrachtete nun erst ihr Gesicht recht. Sie sah ausgezehrt, und eingefallen aus, und hatte ganz die gelbe Farbe des Neides. Ihre kleine, matte, graue Augen lagen tief; ihre Augenbraunen waren weiss, und fielen ins gelbliche, dass man sie kaum sehen konnte. Ihre Nase war spitz; ihr Kinn hervorstehend, und die Stirne niedrig, ohne Ecken, weil die Haare rund herum, tief ins Gesicht herein stunden. Sie gieng vorwarts gebeugt, und der Kopf steckte tief in den Schultern. Ihr Herr Gemahl war ein langer, hagrer Mann, in dessen Gesicht man mehr Aengstlichkeit und Kummer sah, als Bosheit. Sind Sie nur so ganz allein hier, sagte die Schwagerin zu Marianen. Diese antwortete, ja; aber ihre Eltern wurden vielleicht diesen Abend noch heraus kommen. Sie waren ja wohl gestern recht vergnugt, Jungfer Schwagerin? fuhr sie fort. Ja, ja, freylich, in so angenehmer Gesellschaft kanns nicht fehlen. Aber der Hofrath Schrager war nicht ganz vergnugt. Mariane sagte: sie wusste nicht, dass ihm jemand was zu Leid gethan hatte. Je nu, fuhr die Schwagerin fort, wenn man eben den vierzigen naher ist, als den dreyssigen, so ist man bey dem jungen Volk nicht mehr so beliebt. Sie wollen ja ein Geistlicher werden, Herr Siegwart, wie ich hore? Ihre Zeit ist wol bald herum! Mich deucht Sie sind schon lang hier? Siegwart sagte, dass er erst ubers Jahr hier sey, und noch nicht fest entschlossen sey, was er studieren wolle! Es komm auf seinen Vater an. Ey, Sie werden ja der Kirche nicht untreu werden, sagte sie, werden Sie ja ein Geistlicher, das ist der beste Stand auf Erden. Hoffentlich wird Sie nichts irdisches davon zuruckhalten. Mit diesen Worten sah sie Marianen spottisch an, und machte noch zwanzig andre Anspielungen, die nur zu deutlich zeigten, dass sie von der Liebe unsrer jungen Leute manches wisse. Siegwart und Mariane kamen oft in die groste Verlegenheit, und wussten nicht, was sie sagen sollten. Ihr alterer Bruder musste seiner Frau immer Recht geben, weil sie ihn bestandig ansah, wenn sie etwas vorbrachte. Sie affektirte eine lacherliche Liebe gegen ihn und wich nicht von seiner Seite. Oft wurden ihre Anspielungen so deutlich, dass Siegwart ein paarmal roth wurde.

Endlich empfahl er sich, weil er wohl sah, dass das Paar nicht vor ihm gehen wollte. Er war uber das, was vorgefallen war, aufs neu in der grosten Beangstigung, und stellte sich schon wieder tausend traurige Begegnisse in seiner Liebe vor. Noch denselben Abend schrieb er in der heftigsten Bewegung einen Brief an Marianen, worinn er ihr alle seine Besorgnisse entdeckte, und sie um Gottes willen bat, ihm treu zu bleiben. Zugleich bat er sie um Nachricht, wie er sich verhalten sollte? Den andern Morgen war er sehr bekummert, wie er ihr den Brief zustellen konnte? Und endlich, als er keinen andern Weg sah, gab er den Brief ihrem Madchen, die er auf der Strasse antraf, und sagte ihr, er habe diesen Brief geschickt bekommen; sie mocht ihn ihrer Jungfrau diesen Morgen noch, und allein geben! Nun war er wieder etwas ruhiger.

Endlich entschloss er sich auch ernstlich, seinem Vater zu schreiben, ihm seine Liebe zu entdecken, und ihn um die Erlaubniss zu bitten, dass er nun Jura studieren durfte! Er schrieb dieses alles mit grossen Ausholungen und Umschweifen, oft mit vieler Ruhrung, und bat seinen Vater instandig, seine Liebe nicht zu verdammen, oder fur leichtsinnig zu halten. Er habe seinen Entschluss erst nach vielen Kampfen gefasst, weil er befunden habe, dass er im Kloster und ohne Marianens Liebe nie glucklich werden konne. Marianen schilderte er ihm, mit aller Begeisterung eines Liebhabers, und doch wahr ab, und schloss mit der Bitte: Ihn recht bald durch einen Brief aus seiner Ungewissheit zu reissen.

Wegen Marianen war er sehr besorgt. Sie hatte seinen Brief nun schon drey Tage, und noch hatte er keine Nachricht von ihr. Am Fenster sah er sie zwar taglich, und sie sah auch sehr heiter aus, aber die Ungewissheit, in der er, wegen der letztern Begebenheit im Garten, schwebte, qualte ihn doch sehr. Endlich kam am vierten Tag ihr Bruder zu ihm, und sagte, seine Schwester wurde den Nachmittag in den Garten ihrer Freundin gehen; er mochte auch hin kommen. Um vier Uhr kam er. Mariane war sehr freundlich. Sie haben sich unnothige Besorgnisse gemacht, sagte sie, als sie allein mit ihm in der Laube sass; meine Schwagerin konnte aus dem, dass Sie bey mir waren, nichts schliessen, da mein Bruder mit dabey war. Um ihre Sticheleyen bekummre ich mich wenig, da Sie durch den neulichen Vorfall mit meinem Bruder sehr viel in der Gunst meines Vaters gewonnen haben. Und uberhaupt, auf mich konnen Sie sich verlassen. Mein Herz bleibt ewig Ihr, und auch meine Hand soll kein andrer haben. Sie kennen mich noch nicht genug, was ich zu thun im Stand bin. Auf unsre gute Sache, und die Vorsehung durfen wir uns auch verlassen. Das Mistrauen, glaub ich, kann Gott niemals leiden. Wenn der Mensch das seinige thut, dann thut gewiss die Vorsehung noch mehr das ihrige. So lang ich Ihre Liebe habe, bin ich zwar nicht unbekummert, aber doch nicht muthlos und unruhig. Ich hoff, es wird alles noch recht gut gehen. Sie haben mir einen lieben zartlichen Brief geschrieben; aber, bester Siegwart, er war viel zu angstlich; und dann erlauben Sie mir, es zu sagen! Die Art, wie ich ihn erhalten habe, war mir nicht die angenehmste. Sie gaben ihn meinem Madchen. Es ist ein gutes Ding, dem man auch wol etwas anvertrauen kann. Es hat auch unsre Liebe langst gemuthmasst, und verschwiegen. Aber Dienstbothen zu Vertrauten brauchen, scheint mir nicht sehr thunlich. Man macht sich dadurch von ihnen abhangig. Sie glauben, wenn sie einmal ein Geheimniss von uns wissen, unentbehrlich zu seyn, und thun zu durfen, was sie wollen. Wenn man sie des Diensts entlassen will, so trotzen sie; und thut mans nicht, so machen sie Klatschereyen, und burden ihrer Herrschaft mehr auf, als wahr ist. Ich weis, mein Liebster! Sie nehmen mir diese Erinnerung nicht ubel. Nicht wahr? Siegwart fiel ihr um den Hals, und kusste sie mit Thranen. Er machte sich wegen seiner Zaghaftigkeit selbst Vorwurfe, und fuhlte, dass ein Frauenzimmer, in Absicht auf die Liebe, mehr Unternehmungsgeist, und mehr edles Vertrauen hat, als ein Mann. Der Mann verlasst sich auf Starke und aufs Geraddurchfahren, welches bey der Liebe wenig thut; das Weib baut auf Klugheit und Verschlagenheit, und tausend Weiberkunste. Bald werden wir uns recht geniessen konnen, sagte Mariane. In wenig Tagen geht mein Vater mit meiner Schwagerin ins Abacherbad bey Regensburg, und bleibt 5 oder 6 Wochen da. Ich gehe dann mit meiner Freundin aufs Land zu ihrer Tante, einer herzlichguten Frau. Das Guth liegt nur eine kleine Meile von hier, und Sie konnen taglich hinauskommen, wenn Sie wollen.O, das ist herrlich! sagte Siegwart; da wollen wir ein Gotterleben fuhren! Sie haben Recht; alles geht nach Wunsch. Meinem Vater hab ich nun auch geschrieben, und in hochstens vierzehn Tagen hab ich Antwort. Lieber Engel! ach, wir mussen glucklich werden! Lieb und Seligkeit umschwebte nun wieder unser keusches Paar. Was macht Ihr Finger? sagte sie nach einiger Zeit. Ist er wieder heil? Sie haben ja nicht mehr den Tafft drauf, den ich Ihnen gab. Hier ist er, sagte er, und zog seine Brieftasche heraus; das ist mir ein Heiligthum, das ich bey mir tragen werde, noch im Grab. Und ich dieses, sagte Mariane, und zog ein weisses Schnupftuch aus der Tasche, auf dem ein Tropfen von seinem Blut war. Diesen Blutstropfen hab ich aufgefangen; das Schnupftuch geb ich nie aus meiner Hand; auch solls nie gewaschen werden. Liebes, liebes Madchen! rief er aus, und druckte sie ans Herz. Dieser Tropfen hat einst dir geschlagen; jeder andrer soll dir schlagen; bis ich todt bin! Sie nahmen hierauf Verabredungen wegen Marianens Reise aufs Land. Sie sagte, dass sie schon mit ihrer Freundin druber gesprochen habe. Diese woll ihn Einmal einladen, damir er mit ihrer Tante bekannt werde, und dann konn' er ohne Anstand alle Tage kommen, denn die Tante sey die billigste und munterste Frau, und werd ihn selber fleissig zu sich bitten. Dieser Abend schloss sich fur unsern Siegwart ausserordentlich vergnugt. Er gieng, mit tausend Kussen, und Versicherungen ihrer Liebe erst in der Dammerung von Marianen und ihrer Freundin weg, und war so frey von aller Furcht, so voll ruhiger Freude, als er noch nicht leicht gewesen war.

Ein paar Tage drauf bekam er, von Steinfeld aus, Briefe von Kronhelm und Theresen, die von nichts als Zufriedenheit und innigem Vergnugen seiner Freunde zeugten. Kronhelm berichtete ihm die Ankunft seines treuen Dieners Marx, und die Freude, die dieser uber sein Gluck gehabt hatte. Auch erzahlte er ihm Kunigundens Abschied. Sie sey nemlich noch vor seiner Ankunft bey Nacht und Nebel von Steinfeld abgegangen, und habe ziemlich viele Kleidungsstucke und Kostbarkeiten mitgenommen, die er ihr auf den Weg schenken wolle. Jetzt sey sie in Augsburg eine Art von Hurenwirthin. Dann fragte er ihn nach Marianen, und ermunterte ihn, guten Muth zu fassen; sein Onkel werde ihm gewiss eine anstandige Bedienung verschaffen; daher soll er unverzuglich seinem Vater schreiben, und die Rechte zu studieren anfangen u.s.w.

Theresens Brief war voll von Lobeserhebungen ihres Kronhelm; voll Freude uber ihr glucklichstes Schicksal, und uber ihre jetzige Lage. Zugleich machte sie eine ausfuhrliche Beschreibung von der Einrichtung ihrer Lebensart in Steinfeld; und schloss mit der Nachfrage um sein eignes Schicksal, und schrieb eben das von Marianen, was ihm schon ihr Mann geschrieben hatte.

Noch dieselbe Woche gieng der Hofrath Fischer mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter ins Bad, und einen Tag drauf reiste Mariane zu ihrer Freundin, aufs Land. Gleich zween Tage drauf erhielt Sisgwart von dieser und von ihrer Freundinn eine hosliche schriftliche Einladung, welcher Mariane etliche Zeilen beysetzte, die voll Zartlichkeit und Liebe waren. Er gieng gleich denselben Tag hinaus, und traf seine Mariane, ihre Freundin, und die Tante vor dem Landguth in einer Allee von Fruchtbaumen mit Kleists Fruhling in der Hand an. Alle drey Frauenzimmer bewillkommten ihn mit der grosten Freude. Das Betragen der Tante, die Frau Held hiess, nahm ihn ganz ein. Sie war ungefahr 55 Jahre alt. Ihr Gesicht war sehr regelmassig, und zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schonheit. Ihr blaues Auge war etwas trub, und verrieth Hang zur Melancholie. Einige Zuge zeigten, dass sie oft geweint, und manchen stillen Kummer getragen haben muste. Jetzt war ihr Gesicht zwar heiter; aber doch verrieth es immer noch Anlage zur Schwarmerey und Wehmuth. Ihre Reden zeugten von gleich viel Verstand, und Empfindung. Nur die letztere schlug noch zuweilen vor. Ich habe viel Gutes von Ihnen gehort, sagte sie zu Siegwart. Seyn Sie mir vielmals willkommen! Zwingen Sie sich vor mir im geringsten nicht, und folgen Sie ganz Ihrer Neigung! Ich weis, wie Sie mit der Jungfer Fischern stehen, und es freut mich. Kommen Sie, Mariane, und geben Sie ihm ihre Hand! Ich kann mir vorstellen, was Sie fuhlen mussen; ob ich gleich in der Liebe nie so glucklich war. Da ichs nicht seyn konnte, mocht ichs doch andre machen konnen!

Mariane druckte ihrem Jungling seine Hand starker, und sah ihm freundlich ins Gesicht. Hier ist herrlich leben, sagte sie, Gottlob, dass Sie da sind! Tante weis, wie viel wir von Ihnen schon gesprochen haben. Die Gesellschaft gieng nun miteinander in den Garten, der sehr reizend angelegt war. Statt der vielen todten und einformigen Heckengange waren Alleen von Apfel- und Kirsch- und Nussbaumen angelegt. Der Garten war in vier Haupttheile abgetheilt, die mit Kuchengewachs bepflanzt, und mit schmalen Strichen, in denen Blumen aller Art stunden, je nachdems die Jahrszeit mit sich brachte, eingefasst waren. Hinten stund ein schoner Gras- und Baumgarten, der sich in ein schones, buschichtes Waldchen endigte, wo Amseln, Drosseln, Nachtigallen und Zaunkonige durcheinander sangen. Ueber dem steinernen und simpeln Gartenhaus, das einen grossen Saal hatte, wolbten sich ein paar wilde Kastanienbaume, die angenehme Kuhlung und Dammerung herabgossen. In dem Saal setzten sie sich, und assen frische Milch, glucklich wie die Menschen in dem goldnen Zeitalter. Die Tante erheiterte sie noch mehr durch ihren gesunden Witz, der oft in Empfindung ubergieng, so dass das Auge, das eben erst gelacht hatte, hell von Thranen wurde. Sie sind eine vortrefliche Frau, sagte Siegwart, dass Sie den Liebenden so gunstig sind, da sonst altere Personen, vornehmlich von Ihrem Geschlecht, gemeiniglich auf das Gluck jungerer Personen neidisch sind. Lieber Gott! sagte sie, wie konnen sie doch das seyn, da sie wissen, wis es ihnen ehemals war, und wie leid es ihnen that, wenn sich jemand ihrer Liebe widersetzte! Nein, ich freue mich herzlich, wenn ich andre glucklich sehe, und thu alles, was ich kann, sie in ihrem Glucke zu befestigen. Ach Gott, wenn ich einen solchen Jungling, wis Sie sind, in der Jugend hatte lieben durfen, und man hatte mir diess Gluck wollen rauben, was hatt ich von solchen Menschen denken mussen! Soll ichs jungen Leuten ubel nehmen, dass sie Menschen sind, und dem Trieb des Schopfers und der Natur folgen? Freun Sie sich, meine Lieben, es werden auch trube Tage kommen, ob ichs gleich nicht wunsche. Hier weinte sie. Sie waren also nicht glucklich, theure Frau? fragte Siegwart. Nein, ich wars nicht, versetzte sie. Denken Sie! Im sechszehnten Jahr must ich einen Mann heyrathen, den ich nicht kannte und nicht liebte. Gott hab ihn selig. Aber er war weiter nichts, als Regierungsrath und reich. Von Seelenliebe wust er nichts. Er glaubte, wenn man seine Frau in Gesellschaft bringe, und ihr Unterhalt verschaffe, seys genug. Kurz, er war, was wir im Deutschen nicht gut geben konnen, ein bon vivant. Seine Gesellschafter waren lustige Bruder, die bey einer guten Mahlzeit und einem guten Glas Rheinwein sich uber einen kahlen Einfall, oft auch uber Zoten, einen halben Abend fast zu Tode lachen konnten. Ich indessen sass auf meinem Zimmer, hatte ein fuhlendes Herz, das nicht fuhlen sollte; denn ich gestehe gern meine Schwachheit, mancher edeln Seele schlug mein Herz zu, mit der ich glucklich hatte leben konnen. Aber ich muste das Feuer unterdrucken, das in mir auflodern wollte, und so verzehrte ich mich innerlich selbst. Traurigkeit und Schwermuth nutzten meine besten Lebensgeister ab, dass ich vor der Zeit alt wurde. Meinen Kummer konnt ich keinem Menschen anvertrauen; nur Thranen, Bucher und am erstsn die Religion waren all mein Trost. Ganze Tage phantasirt ich weg, mit Aussichten in ein bessres Leben; und da half mir meine Einbildungskraft sehr. Ich schmuckte meine Hofnungen so gut aus, als ich konnte, und ergotzte mich daran. Oft erhitzt ich meine Einbildungskraft so sehr, dass es meinen Nerven, die schon ohnediess stark gespannt waren, schadete. Ich las Dichter, Italianer und Franzosen, die meine Phantasie noch mehr erhitzten; aber, lieber Gott, wenn das Herz nichts zu thun hat, dann nimmt man seine Zuflucht zu der Einbildungskraft. Erst vor kurzer Zeit lernt ich, durch meine Base hier, einige deutsche Dichter kennen, besonders den Klopstock; und da muss ich gestehen, hier ist freylich tausendmal mehr Nahrung fur den Geist, mehr Wahrheit, mehr tiefgedachtes, und mehr tiefempfundenes; und jetzt les ich fast bestandig deutsch. Aber noch vor ein paar Jahren sah man ja hier zu Lande kaum ein deutsches Buch, das man ohne Ekel lesen konnte. Genug, meine Lebenszeit strich hin, ohne mir oder der Welt Vergnugen zu gewahren. Mein Mann sah meinen stillen Gram, ohne mit zu fuhlen, oder Antheil dran zu nehmen, und dann schmerzt das Elend doppelt. Vor zwey Jahren starb er; nun bin ich schon so an die Einsamkeit gewohnt, dass ich mich wenig mehr um die Welt bekummre. Kinder hab ich nie gehabt; die hatten mir allein mein Elend noch erleichtern konnen.

Siegwart seufzte und ward ganz wehmuthig bey ihrer Erzahlung. Aber, sagte sie, Karoline, (so hies Marianens Freundin,) wir mussen unser Parchen auch allein lassen. Wollen Sie vielleicht spatzieren gehen, Mariane? oder sollen wirs thun? Mariane stand auf, und lachelte. Die Tante gieng an ihren Flugel, und Siegwart mit Marianen durch den Baumgarten nach dem Waldchen. Horen Sie, sagte Mariane, was die arme Frau fur ein trauriges Adagio spielt! Ich bedaure sie recht herzlich, denn sie hat unendlich viel ausgestanden. Hysterische Zufalle, und ihr kummervolles Leben, setzten ein paarmal ihrem Verstande hart zu, und da nahm die Verleumdung Anlass, ihr allerley Boses nachzureden; aber, weis Gott! sie ist die beste Frau auf Gottes Erdboden, in der kein boser Blutstropfen rinnt! Es geht immer so, sagte Siegwart, je besser und vollkommener man ist, desto mehr hat man Neider, und wird misverstanden. Ich wollte auch in ihre Seele schworen, dass nichts boses an ihr ist. Sie hat mich ganz bezaubert.

Sie setzten sich auf eine Rasenbank, die unter einem dickbelaubten Apfelbaum sehr glucklich angebracht war. Um sie herum duftete in der, nach und nach herannahenden Abendkuhle das Geisblatt. Auf einem Baum vor ihnen hatte ein Eichhornchen sein Nest, wo es bald heraus, bald hinein schlupfte, und oft, als ob es neugierig war herabsah. Sie belustigten sich lange an seinen possirlichen Sprungen und Wendungen; druckten sich dann wieder fest ans Herz, und freuten sich ihrer Liebe, und des himmlischen Abends. Siegwart las seinem lieben Madchen Theresens und Kronhelms Brief vor; sie freuten sich miteinander uber das Gluck der Edeln, und phantasirten sich in gleiches Gluck hinein, das ihnen einst begegnen wurde. Unvermerkt steckte Mariane unserm Siegwart einen Ring an seinen Finger. Das ist fur Klopstock, sagte sie, (den er ihr geschenkt hatte.) Siegwart war vor Freuden ausser sich, sah bald den Ring an; druckte bald sein Madchen an sein Herz; kusste bald den Ring, bald sie, und wuste nicht, was er vor Entzucken und Dankbarkeit sagen sollte. Endlich sagte er, wie haben Sies doch so treffen konnen, dass der Ring so genau passt? Das macht man so, sagte sie; nahm einen Grashalm; wickelte ihn um seinen Finger, und brach den Grashalm ab. Ach, deswegen, rief er, wickelten Sie letzthin mir den Grashalm um den Finger? Liebes herrliches Madchen, mocht ich doch deiner Liebe ganz wurdig seyn. Sie sind es; Sie sind es! versetzte sie. Er sagte, dass er nun in acht Tagen Antwort von seinem Vater erwarte. Zwar sey er seines Beyfalls, und seiner Einwilligung schon gewiss. Es sey blos um des Ceremoniels willen. Sie sassen da bis in die Dammerung, und trafen Karolinen mit ihrer Tante an einem Rosenstrauch sitzend an, der seine Dufte um sie her verbreitete. Es kam unsern Siegwart schwer an, schon zu gehen, ob er gleich versprechen muste, morgen wieder zu kommen. Auf dem Wege nach der Stadt sann er hin und her, wie er ein Mittel ausfundig machte, nicht immer in der schonsten Zeit weggehn zu durfen. Endlich beschloss er, auf dem benachbarten Dorf einen Bauren zu suchen, in dessen Haus er ubernachten konnte. Den Ring von Marianen drehte er immer am Finger hin und her; besah und kusste ihn alle Augenblicke. Seine Seele war ausserordentlich entwolkt, und ruhig; die Zukunft lag wie ein Fruhlingsgefild vor ihm da; seine Phantasie zauberte sich und Marianen und alles Angenehme hinein.

Den andern Tag gieng er schon um zwey Uhr wieder hinaus, in der Absicht, auf das Dorf zu gehn, und sich einen Aufenthalt aufzusuchen. Unterwegs traf er einen Bauren an, der eben auf das Dorf zugieng. Siegwart redete ihn an, fragte ihn, ob er in das Dorf gehore? und als der Bauer es bejahte, frug er weiter, ob ein Wirthshaus im Dorf sey, oder ob er nicht sonst ein Haus wuste, wo er fur Geld und gute Wort zuweilen schlafen konnte? Es ist wohl ein Wirthshaus da, antwortete der Bauer; aber weil Sie, wie ich sehe, so ein braver Herr sind, so konnen sie, um einen Schlafkreuzer fur meine Magd, in meiner Hutte schlafen, so oft Sie wollen. Ich hab oben ein Stublein, und ein Bett drinn. 's ist zwar ein Bissel hart, aber aufm Land, pfleg ich so zu sagen, muss man sich halt nach der Decke strecken. Was wir so im Haus haben, Milch und Butter und Eyer, das steht Ihnen auch zu Dienst, wenns anstandig ist. Siegwart gieng mit ihm auf das Dorf, um das Zimmer zu sehen. Es war reinlich, und frisch ausgeweisst. An der Wand herum hiengen Bilder von Heiligen, vom Kayser, von der Kayserin, vom Churfursten und der Churfurstin; vom General Daun und Laudon. Das Bette war auch weiss und reinlich. Das ist ja furstlich! sagte Siegwart. Ja ja, versetzte der Bauer Thomas, die Herren haben eben so ihren Spass mit uns Bauersleuten. Nun, nun! die Freud kann man ihnen ja wohl lassen. 's ist doch manchem Bauersmann wohler, als den Leuten in der Stadt. Siegwart versicherte, dass er nirgends lieber sey, als auf dem Dorf. So oft ich hier schlafe, fuhr er fort, geb ich sechs Kreuzer, und, was ich esse, das bezahl ich besonders. Der Bauer weigerte sich lange, den Vertrag einzugehen, weil das wie er sagte, viel zu viel Geld ware. Auf den Abend, sagte, Siegwart, komm ich; aber vielleicht etwas spat, weil ich zu meiner Base auf das Landhaus gehe. So, zu der Frau Held? fiel Thomas ein. Ja ja, das ist eine seelengute Frau, die den Armen hier im Dorf viel Gutes thut. Sie kommt fleissig ruber in die Kirche, und bringt allemal der Armuth etwas mit. Ey, Ey! So ist das Ihre Bas? Nun, da nimmt michs eben nicht Wunder, dass Sie auch so brav sind. Sagen Sies ihr nur, dass man sie im Dorf hier recht lieb hat!

Siegwart gieng aufs Landhaus, das eine kleine halbe Stunde vom Dorf lag. Die Frau Held spielte gerad im Gartensaal auf dem Flugel. Er schlich sich leise hinein, um sie nicht zu storen, und setzte sich zwischen Karolinen und Marianen aufs Kanapee. Die Tante spielte mit viel Wahrheit und Ausdruck; unsre Liebenden druckten sich, bey jeder empfindungsvollen Stelle die Hande und blickten sich oft mit Thranen der Zartlichkeit an. Endlich, als die Tante sich umsah, wurde sie unsern Siegwart gewahr, und horte auf zu spielen, um ihn zu bewillkommen. Man sprach etwas uber die Musik. Frau Held ausserte den Wunsch, dass sie unsern Siegwart, den ihr Mariane auch als Musikus sehr geruhmt hatte, einmal horen mochte! Er versprach, das nachstemal seine Flote mitzubringen; aber, sagte er zu Marianen, dafur singen sie heut eins. Sie liess sich nicht lang bitten, holte ihre Musikalien, und sang einige italianische und deutsche Arien mit solcher Anmuth, und mit so tiefer Empfindung, als sie im Konzert, wo die Menge von Zuhorern zuruckhaltender macht, noch nie gesungen hatte. Drauf setzte man sich ins Grune, und Siegwart muste, weil er eine angenehme und volle Stimme hatte, Kleists Fruhling vorlesen. Die Frauenzimmer horten mit dem innigsten Antheil und herzlicher Aufmerksamkeit zu, und weinten zuletzt dem Andenken und der Asche des Dichters eine dankbare Thrane; der schonste Lohn, den sich ein edler Sanger nach dem Tode wunschen kann! Ich mache mir jeden Fruhling, sagte Siegwart, einen festlichen Tag, und lese erst Kleists Fruhling, und dann die Geschichte seines Lebens, und seines edeln Heldentodes. Ein susseres Vergnugen kenn' ich gar nicht, als die Thranen des Dankes und der Ruhrung, die ich dann ihm weine. Die Frauenzimmer baten einmuthig, dass er sein Leben vorlesen mochte! Er thats, und ward hundertmal durch seine eignen, und die Thranen der Frauenzimmer unterbrochen. Hierauf erzahlte er die Nachricht von der edeln Gaussin in Frankfurt an der Oder, die ihm Hauptmann Northern erzahlt hatte, dass nemlich dieses Madchen jahrlich Blumen auf des Dichters Grab streue. O, wir wollens auch thun! sagte Mariane, sprang auf, pfluckte Rosen, Geissblatt und andre Blumen. Karoline, ihre Tante, und Siegwart machtens nach; und an einem schonen, etwas erhohten Platz, der einem Grabhugel ahnlich sah, streuten sie die Blumen aus. Hier will ich mich begraben lassen, sagte Frau Held. Karoline! und Sie auch, Mariane! besuchen Sie dann jahrlich mit Ihrem Siegwart diesen Ort, und denken Sie an mich, und diesen Abend! Alle wurden uber diese Wendung des Gesprachs noch wehmuthiger. Sie setzten sich auf die Blumen ins Gras. Frau Held fieng an mit Bsgeisterung von der Ewigkeit und vom Wiedersehn im Himmel zu reden. Ach, so schloss sie, da werd ich auch den edeln Dichter sehen, und ihm danken!

Aber heute, sagte sie, indem sie aufstand, zu Marienen und zu Siegwart, heute haben wir Sie um einen schonen Abend gebracht. Wie wars, wenn sie hier blieben, und im herrlichen Mondschein mit uns spatzieren giengen? Ich habe schon dafur gesorgt, versetzte Siegwart, und im Dorf da druben ein Nachtquartier bestellt. Herrlich, herrlich! sagte Mariane, und gab ihm einen Kuss. Er gieng nun mit ihr allein ins Waldchen spazieren, und setzte sich wieder unter den Apfelbaum. Indem er sich setzte, flog aus dem nachsten Busch eine Grasemucke: Er sah in den Busch, und fand ein Nestchen mit funf Eyern. Liebes Madchen, sagte er, wir wollen uns anderswo hinsetzen! Das arme Vogelchen wagt sich nicht auf sein Nest, und seine Eyer werden kalt. Sie giengen weiter ins Gebusch, und setzten sich unter eine Fichte, durch die die etwas laute Luft majestatisch, wie ein Strom rauschte. Hier zwitscherte ihnen eine Grasemucke ihren ungekunstelten Gesang vor. Horch! sie dankt dir, sagte Mariane, und sank ihm ans Herz. Eine selige Wehmuth fullte ihre Seelen. Mariane lag in seinem Arm, und weinte vor Zartlichkeit. Sie langte nach dem Schnupftuch, um die Thranen wegzuwischen. Siegwart hielt ihre Hand; nicht wegwischen! sagte er, ich muss sie wegkussen! Halbe Stunden lang sprachen sie kein Wort. Das Abendroth schien ihr durch die Hekken ins Gesicht. Die Sonne geht schon unter, sagte er, wir mussen zur Gesellschaft! Sie stunden auf, und giengen nach dem Garten. Siegwart brach von einem Rosenstrauch zwo Rosen ab, die auf Einem Zweig stunden. Er wollte sie voneinander reissen, um die Eine davon Marianen zu geben. Trenne sie nicht! sagte sie, sie sind ein Paar. Er steckte beyde an ihren heiligen Busen, mit den Worten: so mogen sie denn miteinander sterben! Karoline und ihre Tante sassen vor dem Gartenhaus unter den Kastanienbaumen. Seyd ihr glucklich? fragte Frau Held. Unaussprechlich! antwortete Mariane. So dass ich furchte, setzte Siegwart hinzu, unser Gluck ist gar zu gross! wir mussens bald verlieren! Da sey Gott vor! sagte Karoline. Sie giengen in den Gartensaal, und assen Erdbeeren in Milch. Wenn Mariane eine grosse fand, so legte sie sie mit dem Loffel auf Siegwarts Teller. Als sie die ihrigen eher aufgegessen hatte, so muste sie mit ihm essen. Erst gab er ihr einen Loffel voll, und dann nahm er den andern. Der Mond wird wol bald aufgehn, sagte die Tante, dort hinten wirds schon hell. Sie giengen in den Garten, und blickten immer gegen Morgen, wo der Mond aufgieng. Endlich ward ein Wolkchen gantz verguldet; sie giengen an einen etwas erhohten Ort, und stellten sich auf die Zehen, um den Mond sogleich zu sehen. Er kommt, er kommt! rief endlich Siegwart voller Freuden aus. Ja, er glanzt schon an Ihrem Hut, sagte Mariane. Nun kam er in seiner ganzen stillen Majestat herauf, und beglanzte den ganzen Garten. Die Blumen und Gewachse schimmerten im Thau, und verbreiteten ihren lieblichen Geruch umher. Karoline sah sehr traurig aus. Was fehlt dir, meine Liebe? fragte Mariane. Ach, antwortete sie; ich denke jener Zeiten. Hier gieng ich vor drey Jahren noch mit meinem Wilhelm, und nun scheint der Mond seit zwey Jahren schon auf sein Grab. Sieh nur! wie er so traurig ist, und hinter Wolken geht! Ach, Mariane, mochtest du das nie erfahren! Tausendmal hab ich mir gewunscht, nie geliebt zu haben! Alle schwiegen, und verlohren sich in tiefer Wehmuth. Endlich wollte Siegwart Abschied nehmen. Wir begleiten Sie die Wiese noch hinauf, sagte die Tante. Oben an der Wiese, nah am Dorf, nahmen sie von einander Abschied.

Siegwart kam zu seinem Bauren, der vor seinem Haus auf einer Bank sass, und schlief. Er wachte auf, als Siegwart kam, stand ganz schlaftrunken auf, und nahm seine Mutze ab. Es thut mir leid, sagte Siegwart, dass ich ihn so lang aufgehalten habe, ich ward druben aufgehalten. Ey was, sagte Thomas, das hat nichts zu bedeuten. Ich sass da, und sah den Mond an, bis ich einschlief. Es schlaft sich gar gut im Mondschein, und es traumte mir eben, als ob ich gestorben war, und in Himmel kame. Da schien Sonn und Mond zugleich. 's mag auch wol so seyn! Nun, nun, wenn der Herr jetzt ins Bett will, so kann ich ihn hinauffuhren. Will gleich ein Licht anmachen. Siegwart sagte, dass es gar nicht nothig ware, und gieng ohne Licht hinauf. Er sah noch etwas aus dem Fenster in die mondbeglanzte Gegend. Von ferne sah er das weisse Landhaus durchschimmern, und ein Licht drinn. Er dachte, dass diess vielleicht Marianens Licht ware, und sah hinaus, bis es ausgeloscht wurde. Endlich gieng er, vergnugt wie ein Engel, zu Bette.

Um vier Uhr ward er durch das Horn des Kuhhirten, durch das Geblok der Kuhe, und das Schnattern der Ganse, die man austrieb, schon wieder wach gemacht; auch unten in seinem Hause war schon alles munter. Er zog sich an, und gieng hinab. Ey, Ey, sagte Thomas, auch schon auf? Das hatt ich nicht gedacht, dass die Stadtherren so bald aus den Federn konnten. Komm, Anne, so hiess sein Weib, gruss den Herrn! Du hast ihn doch noch nicht gesehen. 's ist meiner Seel ein braver Herr, und so gemein; denn er spricht mit unser einem, wie mit seines Gleichen. Anne war ein freundliches Weib, und both Siegwart an, in die Stube zu gehen, und Haberbrey mit zu essen. Thomas lachte sie uber dieses Anerbieten aus; Siegwart aber sagte, dass er alles mitmache, und gieng in die Stube. Das Gesinde sass um eine grosse, dampfende Breypfanne herum, den rechten Arm auf den Linken gestutzt, und ass nach Herzenslust. Sie gafften unsern Siegwart staunend an, und winkten sich einander zu, als ob sie sagen wollten: Sieh! das ist ein rechter Herr! Er sah auf seine Taschenuhr, und zog sie auf. Die Leute sahen einander voll Verwunderung an, weil sie nicht wusten, was das ware? Ein Bauerkerl sah besonders neugierig zu, und buckte sich ganz uber den Tisch herum. Weis er nicht, was das ist? sagte Siegwart; und auf die Antwort: Nein, machte er das Uhrgehause auf, und setzte sich zu ihnen. Die Knechte und Magde wusten nicht, wie sie ihre Verwunderung uber das kunstliche Gemachte genug an den Tag legen sollten. Sie glaubten, es gieng ohne Zauberey nicht zu, dass sich die kleinen Rader alle so von selbst bewegten. So eine Uhr, glaubten sie, ware wol viel Jauchert Ackers werth. Anne brachte nun in einer kleinern Pfanne, Brey fur Siegwart. Das Gesinde gieng indessen mit Thomas ins Feld hinaus zur Heuerndte. Anne war sehr gesprachig und sehr neugierig. Sie that von fern allerley Fragen, um etwas von Siegwarts Stand und Umstanden zu erfahren. Er sagte, dass er die Frau Held, die seine Base sey, besucht habe. Nun brach die Baurin in Lobeserhebungen der Frau Held aus, dass sie so fromm und gutthatig gegen die Armen sey, und mit jedem Bauersweibe spreche, als ob sie selbst nicht viel mehr ware. Sie war auch schon einmal bey mir, sagte sie, als ich vor einem Jahr im Kindbett lag, und so krank war. Ich hatte da so starke Hitzen, und sie brachte mir Himbeersaft, und andre gute Sachen, dass mir bald drauf besser wurde. Ich sehe sie seitdem immer drum an, und dank ihr in der Stille, so oft ich sie seh. Sie hat auch ein paar recht brave Jungfern bey sich, die man sich nicht besser wunschen konnte. Die Eine davon ist ihre Base, die war schon oft bey ihr. Aber die andre hab ich noch in meinem Leben nicht gesehen. Das ist gar ein bildschones Fraulein, sie hat ein Gesicht wie Wachs, und Backen wie Milch und Blut. Ich meyne, ich konne sie nicht genug ansehn, wenn sie in die Kirche kommt. Sie grusst da die Leute so freundlich, und ist so andachtig, dass es einen in der Seele wohl thut. Sie soll von vornehmen Leuten seyn, und thut doch gar nicht vornehm. Erst letztern Sonntag sagte sie zu mir: Guten Morgen, Anne! und kusste meine kleine Kathrine, als obs ihr eignes Kind ware.

Indem kamen zwey Kinder, die eben aufgestanden waren, in die Stube; ein Knabe von sieben, und ein Madchen von funf Jahren. Sie stutzten anfanglich, als sie den fremden Herrn sahen. Als vber Siegwart freundlich auf sie zu kam, wurden sie nach und nach vertraulich, und endlich ganz zuthatig, und erzahlten ihm allerley Geschichten. Die Baurin sah Siegwart wie einen Engel an, weil er mit ihren Kindern so freundlich that, und sich so zu ihnen herabzulassen wusste.

Wahrend dass er mit ihnen spielte, kam Frau Held mit Marianen und Karolinen, um ihn zu einem Spatziergang abzuholen. Sie sprachen noch eine Zeitlang mit Annen, und giengen dann, durch das nachste Waldchen, dem Schloss zu. Siegwart erzahlte ihnen, wie er seine Zeit in dem Dorf zugebracht habe, und machte ihnen durch seine Schilderung viele Freude. Den Mittag assen sie zusammen im Gartensaal, und nach dem Essen spielte Frau Held auf dem Flugel. Gegen Abend nahm Siegwart Abschied, nachdem er erst versprochen hatte, den andern Tag wieder zu kommen, zumal da Mariane sagte, ihre Mutter wurde dann ein paar Tage bey ihnen zubringen, und also wurde er dann nicht herauskommen konnen. Er versprach auch, seine Flote mitzubringen. Sie begleiteten ihn noch eine halbe Stunde weit. Er kusste seine Mariane aufs zarlichste und nahm von Frau Held und Karolinen Abschied.

Den andern Morgen war das Wetter sehr schwul, und ein Gewitter zog nach dem andern vorbey. Er sah alle Augenblicke nach dem Himmel, und war sehr besorgt, er mochte nicht aufs Landguth hinaus gehen konnen. Sein Barometer, den er jede Viertelstunde besah, fiel immer tiefer, und endlich brach um zwolf Uhr ein heftiges Gewitter los, das mit Hagel und Schlossen begleitet war. Er war daruber sehr betrubt, hoffte aber immer, es wurde sich noch aufheitern. Jede Wasserhelle hielt er fur klaren Himmel, und sah dann mit Misvergnugen wieder neue Wolken aufsteigen. Einmal zog er sich schon an, um wegzugehen, weil der Himmel etwas hell ward; aber, als er aus dem Hause wollte, kam ein neuer heftiger Gewitterschauer; und so giengs den ganzen Abend fort; bis er endlich, wider seinen Willen, sich entschliessen musste, da zu bleiben. Er stellte sich immer vor, wie sie auf ihn warten wurden, und machte sich dann selber wieder Vorwurfe, dass er doch nicht, trotz dem Wetter, hinausgegangen sey. Der ganze Abend war ihm lastig und langweilig; er konnte nichts lesen, und nichts denken. Mariane, mit ihrer landlichen Gesellschaft war sein einziger Gedanke, bis Dahlmund, ihn zu besuchen, kam. Dieser fragte ihn, wo er doch gewesen sey? Er hab ihn so lang schon nicht gesehen. Siegwart antwortete, er sey bey Frau Held gewesen. Bey Frau Held? sagte Dahlmund hastig; von der hab ich wenig Gutes gehort; und nun erzahlte er allerley Verleumdungen, die man ihm von ihr beygebracht halte; dass sie ihrem Mann untreu gewesen, aus Liebe alle Augenblicke narrisch geworden sey, und dergleichen mehr. Siegwart fuhr auf, und wollte bose werden; aber Dahlmund beruhigte ihn wieder durch die Versicherung, dass er diese Aussagen selbst nicht glaube, und es sich zur Regel wolle dienen lassen, dergleichen Geschwatze nicht mehr anzuhoren.

Den folgenden Tag hoffte Siegwart halb und halb, von seinem Vater Antwort zu bekommen, aber vergeblich. Das Wetter war wieder schon geworden, und er ware so gern zu seiner lieben Mariane hingeeilt, aber er sah ihre Mutter wegfahren, und wagte sich also nicht aufs Guth hinaus. Am dritten Tag, als sie wieder zuruckkam, gieng er noch denselben Abend hinaus, und kam erst in der Dammerung bey ihnen an, als Mariane mit Karolinen eben die Levkojenstocke bogoss. Sie liess vor Freuden die Giesskanne fallen, als sie ihren Siegwart wieder sah, und lief auf ihn zu. Er schloss sie mit Inbrunst in den Arm, und entschuldigte sich, dass er letzthin nicht Wort gehalten, und herausgekommen sey. Ach, sagte sie, ich hatte gezittert, wenn Sie bey dem furchterlichen Wetter gekommen waren. Wir glaubten hier, die Welt werde untergehn: es war Feuer an Feuer, und Schlag auf Schlag. Besonders Einmal kam ein Donnerschlag, von dem wir glaubten, er hab unser Haus getroffen; wenigstens muss der Blitz ganz in der Nahe eingeschlagen haben. Jetzt ists schon zu dammerig; morgen sollen Sie sehen, wie der Hagel unsre lieben Blumen, und den ganzen Garten mitgenommen hat. Frau Held kam nun auch, und bewillkommte unsern Siegwart. Sie setzten sich in den Gartensaal zusammen. Frau Held spielte den Flugel, und Siegwart sass mit seiner Mariane auf dem Kanapee, gab und nahm tausend Kusse; und empfand das Gluck der Zartlichkeit gedoppelt, weil er von seinem Engel einige Tage hatte getrennt leben mussen. Nach dem Abendessen giengen sie im Garten spatzieren. Siegwart schlich sich unvermerkt weg; setzte sich auf einen halb umgebognen Birnbaum, und fieng an, auf der Flote zu spielen. Bravo, bravo! riefen die Frauenzimmer, kamen zu ihm, und setzten sich ihm zur Seite an den Birnbaum. Der Ton seiner Flote klang wie Silber durch die stille Sommernacht. Ihre Herzen wurden weich, und wehmuthig. Mariane sank ihm endlich an sein Herz. Er liess die Flote sinken, und umarmte sie. Keines konnte vor Entzucken und Empfindung sprechen. Nachdem er Marianen gnug gekusst hatte, musste er noch drey, oder vier Arien spielen, und gieng erst um zehn Uhr auf sein Dorf hinuber. Die Frauenzimmer begleiteten ihn noch. Unterwegs freuten sie sich uber die haufigen Johanniswurmchen, die wie kleine Feuerfunken durch die Nacht flogen. Siegwart fieng ein paar Wurmchen. Eins davon legte er auf seinen, und das andre auf Marianens Sonnenhut. Als sie von einander Abschied nahmen, blieb er stehen, und sah das Wurmchen noch lang auf ihrem Hut glanzen.

Seinen Bauren Thomas und sein Weib traf er noch auf der Bank vor dem Haus sitzend an. Er merkte, dass sie niedergeschlagen waren, wollte sie aber heut nicht mehr um die Ursache davon fragen. Auf der Kammer legte er sich noch ins Fenster, und blies, eh er zu Bette gieng, funf, oder sechs Flotenstucke. Um vier Uhr stand er den andern Morgen auf, und gieng zu Thomas hinunter. Dieser sass, die Hand an den Kopf gestutzt, am Tisch, und seine Frau neben ihm. Wo fehlts, Thomas? sagte Siegwart. Ach, uberall, Herr! antwortete der Bauer. Wir sind eben geschlagene Leute, seit uns unser Herr Gott so heimgesucht, und all unser Korn durch den Hagel weggenommen hat. Da sitzen meine Leute nun, und haben nichts zu thun, als die Aecker, wo die liebe Saat gestanden hat, umzupflugen, und allenfalls Ruben oder Wickenfutter drauf zu saen. Ich weis nicht, wie's mir auf den Winter gehen wird, zumal wenn die Herrschaft doch die Gebuhr haben will. Stand nicht unser Feld so schon, und als ich da nach dem Hagelwetter hinauskomm, steht kein Halm mehr, und das Wasser lauft mir stromweis entgegen, und die Leute liegen auf den Knien, schlagen die Hand' uber'm Kopf zusammen, und fangen ein Geheul an, dass ich bald mein eignes Elend drob vergessen hatte. Es ist, weis Gott! ein Hartes; und, wenns nicht von Gott herkame, wusst ich mich nicht drein zu finden! Er klagte noch eine gute Zeit so fort, und sagte: wenn er nur zwolf Gulden hatte, um neues Saamenkorn einzukaufen, und seine Haushaltung etwas zu bestreiten, so gieng's noch an, sonst muss' er einen Acker verkaufen; und jetzt gebe niemand nichts drum, weil kein Mensch im Dorf Geld habe. Siegwart trostete ihn, so gut er konnte, und gieng um neun Uhr aufs Schloss hinuber zu Frau Held und der ubrigen Gesellschaft.

Es war eben ein Bauer aus dem Dorfe da, der bey Frau Held etwas Geld entlehnte, weil ihm der Hagel auch seine Fruchte zerschlagen hatte. Der Bauer gieng mit Thranen in den Augen weg, und dankte. Er musste den Flachs, den er der Frau Held hatte verehren wollen, wieder mitnehmen, und daruber war er noch mehr geruhrt. Als er weggegangen war, fieng Siegwart an: Ich hatt auch eine Bitte einzulegen fur meinen Hauswirth Thomas. Der arme Mann hat kein Geld zur neuen Aussaat, und wollte doch nicht gern einen Acker verkaufen. Mit zwolf bis funfzehn Gulden war ihm geholfen. Wollten Sie es wohl mir zu Gefallen thun, Frau Held? Herzlich gern, antwortete sie, und gieng aus dem Saal. Kommen Sie! sagte Mariane zu Siegwart und Karolinen.; wir wollen nach den Blumen sehen, die der Hagel verderbt hat. Sie giengen in den Wurzgarten. Es war ein trauriger Anblick. Den Levkojenstocken waren mehrentheils die Zweige abgeschlagen, und die schonsten Blumen lagen zerfetzt im Schlamm. Die Rosen hiengen halb entblattert am Strauch; die Knospen waren zerknickt, oder die Blatter durchlochert, und gelb. Den Aurickelstocken waren die Herzblatter abgeschlagen; unter den Baumen lag das Laub, und die unreife Frucht dickgesat. Kurz, die Verwustung war fast allgemein. Siegwart und die Madchen blickten traurig drauf hin. Noch vor wenig Tagen, sagte Siegwart, wars hier wie ein Paradies, und nun! Gott! wie unbestandig ist doch alles! Sie werden zu traurig, sagte Karoline, und fuhrte sie wieder in den Gartensaal. Mariane setzte sich an den Flugel, und spielte. Frau Held kam dazu, und setzte sich zu Siegwart.

Nach einer halben Stunde kam Thomas, und fragte, was die gestrenge Frau zu befehlen habe? Sie erkundigte sich nach einigen ihrer Aecker, die Thomas zu bestellen hatte, ob der Hagel da viel Schaden angerichtet habe? Endlich fragte sie ihn, wie von ungefahr, ob er auch sehr drunter gelitten habe? Und als er es bejahete, und seine jetzige Verlegenheit erzahlte, bot sie ihm an, ihm 20 oder 25 Gulden vorzuschiessen. Der Bauer wusste nicht, wie ihm war, und was er sagen sollte? Frau Held holte das Geld, und gab es ihm. Er war ganz ausser sich, und konnte vor Thranen nicht zu Worte kommen. Dankend und weinend nahm er Abschied.

Die Gesellschaft sprach nun von dem Gluck, Reichthumer zu besitzen, wenn man auch die Kunst weis, sie wohl anzuwenden. Ich schame mich nicht, sagte Siegwart, meine Schwachheit zu gestehen, und mir viel Vermogen zu wunschen. Wer viel hat, kann viel geben! Mariane blickte ihn fur diese Gesinnungen mit Zartlichkeit an; druckte seine Hand, und sank stillschweigend an sein Herz.

Eine halbe Stunde drauf gieng man zu Tisch. Die Mahlzeit war sehr einfach. Esst, meine lieben Kinder! sagte Frau Held. Bey mir sieht man dem Koch bald unter die Augen. So ists am besten, sagte Mariane. An den allzusehr beladnen Tafeln will mirs nie ganz schmecken. Man isst auf Kosten seiner Gesundheit, und der Gedanke macht mir jeden Bissen bitter: Dass von diesem Ueberfluss, wenn er in gemeine nahrhafte Speisen verwandelt wurde, zwanzig und mehr Arme konnten gesattigt werden. Ich sah einmal den Hof in Munchen offne Tafel halten. Die Tische waren voll; die Gaste ubersattigt, und hundert Menschen mit eingefallenen Gesichtern standen da, denen man den Wunsch aus den Augen lesen konnte: Wenn doch meine armen Kinder davon hatten! Das gieng mir durch Mark und Bein, und ich dachte: Ich mochte nie ein Furst, oder eine Furstin seyn, wenn ich furstlich leben musste. Zumal wenn man denkt, dass mehrentheils der Schweiss der Unterthanen auf den Tisch kommt!

Frau Held hatte nach Tisch mit Karolinen einige Haushaltungsgeschafte zu besorgen. Siegwart gieng mit Marianen nach dem Waldchen. Sie haben gestern Abend, fieng Mariane an, mir mit Ihrer Flote noch viel Vergnugen gemacht. Ich konnts noch horen, als ich schon zu Bette lag. Es war, als ob ich Ihre Seele sprechen horte. Ueberhaupt ist der Flotenton der Ton der Liebe, oder des guten Herzens. Wenn ich einen gut die Flote spielen hore, so ist mirs kaum moglich, zu glauben, dass dieser Mensch, wenigstens in diesem Augenblick, etwas Boses denken, oder ausuben konne. So geht mirs fast bey allen Instrumenten, sagte Siegwart.

Sie waren nun im Waldchen. Gott! Was ist da geschehen! sagte Siegwart. Der Apfelbaum, unter dem sie auf der Rasenbank gesessen hatten, war vom Blitz entzwey geborsten. Die Aeste lagen umher verstreut, und die Blatter waren versengt. Mariane stand blass und zitternd da. Das ist der Donnerschlag, den wir gehort haben, sagte sie. Hatten wir denken sollen, dass das unserm lieben Baum gelte! Siegwart hatte indessen in der Hecke nach dem Grasemuckenestchen gesehen. Sieh, Mariane! sagte er, und konnte weiter nicht sprechen. Sie sah hin. Die Mutter sass im Nestchen todt auf ihren Jungen. Neben ihr lag das Mannchen, mit ausgebreiteten Flugeln, todt. Was half nun meine Vorsicht? sagte er. Hatt ichs weggejagt vom Nestchen, und sie lebten noch! Mariane setzte sich, ganz betaubt, am gespaltnen Stamm auf die Rasenbank.

Sie schwiegen lang, und sahn sich traurig an. Wo mag gestern Hofrath Schrager hingefahren seyn? fragte endlich Siegwart. Es war ein Koffre hinten auf dem Wagen aufgepackt. Vermuthlich nach Abach, sagte Mariane; meine Mutter hat davon gesagt. Nach Abach? fragte Siegwart ganz tiefsinnig. Weis Ihr Vater was davon? Vermuthlich; war Marianens Antwort. Mein Vater hat ihm einen Brief zugeschickt.

Siegwart. Und das sagen Sie so kalt?

Mariane. Warum nicht, mein Lieber? Furchten Sie schon wieder?

Siegwart. Sollt'ich etwa nicht? Ach Mariane, Mariane! Ihre Gleichgultigkeit ist mir unerklarlich. Ich kann nie ohne Zittern an den Hofrath denken. Sie wissen, welchen Schrecken er uns schon gemacht hat.

Mariane. Und doch giengs voruber. Seyn Sie ruhig! An meiner Liebe werden Sie doch nicht zweifeln?

Siegwart. An Ihrer Liebe warlich nicht! Aber schutzt diese uns vor allem? Ich furchte, ich furchte, das Schicksal, oder Menschen werden uns nicht zusammen leben lassen.

Mariane. So lassts uns doch zusammen sterben. Denk an die Vogel dort im Busch! Ach Siegwart! du hast viel zu wenig Glauben an die Vorsehung, und an dich, und mich. Mein Herz hast du. Meine Hand noch nicht, aber sie soll keines andern werden. Ich schwor es dir aufs neu vor Gott und allen Heiligen. Man konnte dich mir rauben, aber keinem andern geben kann mich niemand. Dazu gehort mein Wille, und den Willen eines Menschen hat noch kein Mensch gezwungen.

Karoline und ihre Tante kamen ins Waldchen, eh noch Mariane ausgesprochen hatte. Sie bedaurten zusammen den schonen Apfelbaum, und das ganze Waldchen, das von den Schlossen sehr viel gelitten hatte. Ueberall lagen Zweige und Fruchte, manchmal war die Rinde mit abgeschalt. Dieser Anblick machte sie traurig, und still. Sie giengen wieder nach dem Garten. Unterwegs sagte Mariane ihrem Siegwaat, in acht Tagen werd ihr Vater wieder kommen, und sie selbst zieh in vier Tagen wieder in die Stadt. Er musste versprechen, wenigstens noch zweymal herauszukommen; denn heut wollte er in die Stadt, weil er morgen gewiss einen Brief von seinem Vater erwartete.

Gegen Abend gieng er also nach der Stadt, und

hatte wegen der Nachricht vom Hofrath Schrager tausend unruhige Gedanken, denn er glaubte gewiss, dass seine Reise nach dem Bad die Verheyrathung mit Marianen zur Absicht habe. Marianens Versicherung, dass sie ihm treu bleiben wolle, konnte ihn nicht genug beruhigen, denn er wusste, wie viel Kunste man anwenden konne, ein Madchen durch List und durch Gewalt auf andre Gedanken zu bringen. Er hatte Muth genug, alles zu unternehmen, aber mehr gegen offenbare Gewalt als gegen List und Kunstgriffe; und mehr, wenn die Gefahr schon da war, als wenn sie erst noch von ferne drohte.

Den Tag darauf wartete er mit der grosten Sehn

sucht auf einen Brief von seinem Vater. Der Brieftrager kam endlich. Mit klopfendem Herzen sprang er ihm die Treppe hinab entgegen; nahm den Brief an, ohne die Ueberschrift zu lesen, und brach ihn auf. Wie erschrack er, als er statt der Handschrift seines Vaters, des jungen Grunbachs seine sah, der ihm berichtete: Er werde nun gewiss an Michaelis nach Ingolstadt kommen, da er an Ostern daran verhindert worden sey. Siegwart warf den Brief weg, eh er ihn ausgelesen hatte, und machte sich tausend schreckliche Vorstellungen, warum wol sein Vater nicht geschrieben haben moge, da doch schon vor vier Posttagen ein Brief hatte ankommen konnen. Mit alle seinem Nachsinnen bracht er doch nichts heraus, als tausenderley Muthmassungen, deren immer eine die andre wieder aufhob.

Voll verdrusslicher Grillen und ubler Laune gieng er aufs Landguth hinaus. Mariane sahs ihm bald an, dass ihm etwas fehlte. Anfangs vermuthete sie, er habe einen verdrusslichen Brief bekommen; als sie aber horte, dass er gar keinen erhalten habe, und nur deswegen so unruhig sey, stellte sie ihm vor, wie unnothiger Weise er sich selber quale, da es ja eben soviel gute oder gleichgultige Ursachen geben konne, warum der Brief einen Posttag langer ausbleibe, als bose, und unangenehme. Ihre Grunde, und noch mehr ihr freundliches Gesicht hellten seine Seele wieder auf, und bannten alle Zweifel und Grubeleyen draus weg; und dieser Abend war ihm einer der frohlichsten, zumal da ihm auch Mariane noch sagte, es sey ihr erst beygefallen, dass der Hofrath Schrager schon vor einem Jahr gesagt habe, er wolle diesen Sommer ins Abacherbad reisen. Er blieb bis nach zehn Uhr bey Frau Held, und traf seinen Bauren schon im Bette an. Es that ihm leid, dass er ihn wecken musste, aber Thomas that ganz freundlich.

Den andern Morgen fand er auch Thomas und sein Weib recht aufgeraumt. Sie erzahlten ihm mit grossen Freuden, was er schon wusste, dass Frau Held ihnen in ihrer Noth ausgeholfen, und ihnen mehr vorgeschossen habe, als sie nothig gehabt hatten. Sie brachen in Lobeserhebungen der gutthatigen Frau Held aus, und Siegwart freute sich mit ihnen gemeinschaftlich druber. Als er sagte, dass er eben zu ihr hinuber gehe, trugen sie ihm tausend herzliche Grusse und Segenswunsche an sie auf.

Frau Held schlug ihrer Gesellschaft zur Abwechselung vor, auf einem sehr schonen Teich, der ihr gehorte, und nicht gar weit vom Schloss lag, herumzufahren, und zu angeln. Der Teich war langlicht, und mit einem dicken Gestrauch von Hagdorn umgeben, welches eben bluhte. Die Bluthen, welche sich im klaren Wasser spiegelten, der blaue Himmel, und die Sonne, die daraus zuruckstralten; das sanfte Luftchen, das die Hitze kuhlte, und der Gesang der Vogel am Ufer machten die Fahrt ausserordentlich angenehm. Sie fiengen mit der Angel nur so viele Fische, als sie zum Mittagsessen nothig hatten. Drauf nahm Siegwart seine Flote, und blies; Mariane sang dazu. Sie waren alle so heiter, wie der Sommermorgen. Die Freude stralte aus ihren Gesichtern, wie die Sonn aus dem Teich. Am Ufer besteckten sie ihre Hute mit Hagdornbluthen, und giengen so, Hand in Hand, in den Gartensaal zuruck, wo sie bald darauf zusammen assen, und den Nachmittag mit Scherz und frohem Lachen zubrachten.

Als Siegwart Abschied nahm, sagte Frau Held: Sie verlassen mich nun; Ihre Mariane will in zween Tagen nachfolgen, und in drey Tagen bin ich mit meiner Nichte in der Einode. Das ware doch nicht recht, wenn Sie uns so ganz allein lassen wollten. Zuweilen, dacht ich, konnten Sie uns wol noch einen Nachmittag schenken. Wenn wir Sie gleich nicht so gut, wie Ihre Mariane, unterhalten konnen, so wollen wir doch unser moglichstes thun; ohne dass Mariane Ursache zur Eifersucht bekommen soll. Wollen Sies mir wol in die Hand versprechen, noch zuweilen an uns zu denken? Siegwart gab ihr die Hand, und versprach, sie gewiss ofters zu besuchen. Er nahm mit tausend herzlichen Danksagungen Abschied, kusste seine Mariane, und gieng tausendmal vergnugter, als er herausgegangen war, wieder nach der Stadt.

Zu Haus fand er einen Brief von seiner Schwester, der fast nichts, als ihr unaussprechliches Gluck, die Zartlichkeit ihres Kronhelm, und Einrichtungen auf ihren Gutern, und ihrem Hauswesen zum Inhalt hatte. Er schrieb ihr und seinem Schwager sogleich wieder, meldete ihnen seine jetzige Lage mit Marianen, dass er alle Tage von seinem Vater Antwort erwarte, und diesen Brief so lang zuruckbehalten wolle, bis er ihnen zugleich die Antwort mit melden konne.

Zween Tage nachher kam Mariane wieder vom Land zuruck. Er sah sie aussteigen, und grusste sie vom Fenster aus. Den Tag drauf erhielt er endlich den langst so sehnlich erwarteten Brief von seinem Vater: Aber Gott! wie erschrak er, als er folgendes las:

Theurer Sohn!

Dein Schreiben habe erhalten, und wollte es schon beantworten, als mich Gott mit einer schweren Krankheit heimsuchte, und dem Tod nahe brachte. Seit ein paar Tagen fuhl ich einige Linderung, und der Arzt will von Hofnung sagen; aber ich fuhle noch Todesschwache, und schreibe dieses, wie du siehst, mit zitternder Hand. Theurer Sohn, du weist, was ich auf dich halte, und wunsche ich daher nichts sehnlicher, als dich vor meinem Ende, welches vielleicht vor der Thur ist, noch einmal zu sehen, und dir meinen vaterlichen Segen aufzulegen. Von der bewussten Sache konnen wir dann auch sprechen; solltest du mich aber, nach Gottes Willen, schon todt antreffen, so erklar ich mich hiemit, dass nichts dagegen habe, und es gern sehe, wenn du weltlich bleibst, und durch meines sie meiner ganzlichen Zuneigung! Bleib nur fromm und redlich! Dies ist der beste Segen, den dir dein Vater auf der Welt zuruck lassen kann. Komm so bald, als moglich, denn ich bin sehr schwach, und kann nicht weiter schreiben. Bin dein, auch noch im Tod getreuer Vater

Siegwart. Amtmann.

Das ganze kindliche Herz unsers Sirgwarts ward im Innersten erschuttert, als er diesen Brief erhielt. Thranen sturzten stromweis auf das Blatt hin. Er wagte es kaum den Brief zum zweytenmal zu lesen; und doch hatte er seinen Inhalt noch nicht halb gefasst. Die dringende Nothwendigkeit, sogleich abzureisen, machte ihn noch starker, und gewissermassen unempfindlicher, als er sonst gewesen ware. Die Einwilligung seines Vaters in seine Liebe, war ein Stral, der ihm die tiefe Dunkelheit noch in etwas erhellte. Er lief aus dem Haus, und bestellte ein Pferd. Dann gieng er geradezu in Marianens Haus, und verlangte, sie zu sprechen. Sie kam zu ihm aufs Besuchzimmer. Verzeihen Sie! sagte er, und gab ihr seines Vaters Brief; ich musste Sie noch sprechen. Sie las, konnte den Brief kaum vor Zittern halten, ward bald roth, bald blass, gieng endlich auf ihren Siegwart schweigend zu, und sank weinend in seinen Arm. Gott steh Ihnen bey! wortete er; ich muss noch heute fort. Aber, vergessen Sie mich nicht! O vergessen Sie mich nicht! Ich will sobald als moglich wieder kommen. Wollten Sie mir wol einmal einen Brief schreiben, meine Liebe? Wie kann ich das? fragte sie. Durch Ihren Bruder, war die Antwort. Gut, ich will es thun, sagte sie. Aber kommen Sie nur bald wieder zuruck! Ich will fur Sie, und fur die Genesung Ihres Vaters beten. Er versprach noch einmal, aufs moglichstbaldeste zu kommen, und ihr durch ihren Bruder sogleich von Haus aus zu schreiben, wie es mit ihm und seinem Vater stunde. Sie umarmten sich noch einmal aufs zartlichste, und konnten vor Schluchzen kein Wort sprechen. Siegwart gieng noch auf einige Augenblicke zu Marianens Mutter, um von ihr Abschied zu nehmen, die ihn aufs freundschaftlichste empfieng, und ihm auf die theilnehmendste Art ihr Beyleid bezeugte. Mariane begleitete ihn die Treppe hinab, sank in der Hausthur noch einmal in seinen Arm, weinte an seinem Busen, und versprach ihm, alle Tage etwas an ihn aufzuschreiben. Er riss sich aus ihren Armen los, und gieng.

Nach einer Stunde setzte er sich zu Pferd, sah noch einmal weinend zu seiner Mariane hinauf, und ritt weg. Schmerz und tiefe Traurigkeit begleiteten ihn auf dem ganzen Wege. In einem Dorf stiess er auf ein Leichenbegangnis. Dieser Anblick durchbohrte ihm das Herz. Er ritt schnell vorbey, um seine Thranen zu verbergen. Er stellte spat bey Nacht ein, und ritt Morgens wieder fruh weg. Den andern Tag kam er, ziemlich spat, in seinem Dorf, und vor seinem Haus an. Kein Mensch kam ans Fenster. Nur im hintern Zimmer sah er ein schwaches Licht. Er fuhrte sein Pferd selbst in den Stall, und gieng ins Haus. Alles war still; kein Mensch begegnete ihm. Zitternd, und mit lautem Herzklopfen gieng er an das Zimmer seines Vaters. Auch da horte er keinen Laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Seine Bruder, Salome und seine Schwagerin standen schluchzend ums Bett' herum. Schweigend wichen sie zuruck, als er hin trat. Todtenbleich lag sein Vater auf dem Bett, und strecke die Hand nach ihm aus, die kraftlos wieder niedersank. Mein Sohn! sagte er. Siegwart sturzte sich mit Thranen uber seinen Vater, und kusste und benetzte sein Gesicht. Gottlob! sagte der Vater, leis' und langsam, dass ich dich noch sehe, und legte die Hand auf seines Sohnes Haupt. Gott segne dich! ... und steh dir bey ... mein Sohn! ... Leb fromm ... und christlich ... du kannst ... Jura studiren ... leb.. mit Marianen ... Hier druckte er seine Hand starker auf sein Haupt, und starb. Ein allgemeiner Jammerton erhub sich in der Stube. Siegwart sturzte sich wieder uber seinen Vater, druckte sein Gesicht fest ans seinige; hub sich mit ausgestreckten Armen aus, sah mit einem Gesicht, voll des tiefsten Jammers, gen Himmel, und gieng aus der Stube. Nach einer Viertelstunde kam sein Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf einem Gesimse liegend, das Gesicht in beyde Arme eingehullt. Karl hub ihn auf. Ach mein Vater! mein Vater! rief er, die Hande ringend, und ein Schnupftuch drinn. Man brachte ihn ins Wohnzimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl, sah starr vor sich hin, sprang auf, und rang wieder die Hande.

Salome und seine Schwagerin kamen aufs Zimmer, schrien und heulten. Ihr habt nichts verlohren, sagte er, aber ich! aber ich! Er verlangte ein Licht auf seine Kammer. Eine Stunde lang gieng er sprachlos auf und ab. Endlich warf er sich in den Kleidern aufs Bette, und liess das Licht brennen. Drey Stunden lang walzte er sich hin und her, und konnte kein Auge zuschliessen. Endlich sanken ihm vor Mudigkeit die Augenlieder zu. Bald darauf wachte er von einem Knastern und einer ungewohnlichen Helle auf. Das Licht hatte den Vorhang am Fenster angezundet. Er sprang auf, riss den Vorhang herunter, und trat darauf. Als das Feuer schon geloscht war, kam das Schrecken erst; er zitterte an allen Gliedern, warf sich wieder aufs Bette, konnte aber nicht mehr einschlafen, und um 5 Uhr stand er wieder auf.

Als er zu seinen Geschwistern kam, machten sie zusammen die Veranstaltungen zu dem Leichenbegangnisse ihres Vaters, welches auf den folgenden Tag angesetzt wurde. Karl und Salome erzahlten ihm verschiedenes von der Krankheit, und den Reden seines Vaters auf dem Krankenbette, von seiner Geduld und Gelassenheit, und von seiner Freudigkeit zu sterben, die ihm blos durch den Gedanken verbittert wurde, dass er seine Kinder verlassen muste. Sie erzahlten ihm, wie oft er von ihm gesprochen, und wie sehr er sich darnach gesehnt habe, ihn noch einmal zu sehen. Siegwart zerfloss bey dieser Erzahlung fast in Thranen. Sie sagten ihm auch den Wunsch ihres Vaters, dass man ihn bey ihrer seligen Mutter begraben, und ihnen einen gemeinschaftlichen Grabstein setzen mochte.

Er gieng in den Garten hinunter, um seinem bangen Herzen etwas Luft zu schaffen. Dann gieng er wieder auf sein Zimmer, und schrieb mit Hastigkeit folgendes an Marianen:

Liebste, Beste!

Er ist todt! Ich habe seinen Segen. Sein letztes Wort war: Leb mit Marianen .... Das: glucklich starb auf seinen Lippen. Morgen begraben wir ihn. O Mariane, o Geliebteste! was hab ich verlohren! den Besten, Gutigsten, Zartlichsten. O Mariane, ich kann nicht weiter schreiben. Sey nun Du mir alles! stens in acht Tagen. Leb wohl, Engel Gottes! Ich bin ewig Dein

Xaver Siegwart.

Als er den Brief gesiegelt, und selber, mit der Umschrift an ihren Bruder, dem Postverwalter gebracht hatte, gieng er wieder in seinen Garten, und lief hastig auf und ab, und dann schnell die Treppen hinauf, in das Zimmer, wo sein Vater lag. Seine ganze Natur schauerte zuruck, als er ihn so blass da liegen sah. Erst nahte er sich dem Leichnam langsam, dann sturzte er schnell auf ihn hin, kusste die kalte Lippe, und fuhr angstlich wieder zuruck, und verliess schnell das Zimmer. Nirgends hatte er eine bleibende Statte; zuweilen ergossen sich seine Thranen haufenweis, und dann war ihm wieder eine Zeitlang wohl. Bey Tische sprachen alle wenig; eins sah das andre traurig an, und dann stieg wieder ein tiefer Seufzer aus der Brust. Auch Salome war tief bekummert, denn, da ihre Verwandte in Munchen todt war, sah sie fur sich die wenigste Versorgung. Sie beschlossen, den Nachmittag aufs Feld hinaus zu gehen, um sich etwas zu zerstreuen. Alle Leute auf dem Feld sahen ihnen traurig nach, und weinten um ihren lieben Amtmann, und um seine Kinder. Salome sagte: sie hatte vor vier Tagen an ihre Schwester Kronhelm geschrieben. Vielleicht, wenn men. Sie giengen fast trauriger wieder nach Haus, als sie es verlassen hatten. Als sie in die Thure traten, weinte Siegwart heftiger. Er war ungefahr eine halbe Stunde auf seinem Zimmer, als er ein Gerausch die Treppe herauf kommen horte. An dem holen Gepolter merkte er, dass der Sarg heraufgebracht wurde. Ein kalter Schauer lief ihm uber alle Glieder; sein ganzer Korper ward erschuttert, und er wagte es nicht, vor die Thur hinauszugehen. Das Zimmer, wo sein Vater lag, war nicht weit vom seinigen entfernt. Er horte den Sarg zunageln. Jeder Schlag durchdrang sein Herz. Er konnte sich vor Wehmuth fast nicht mehr fassen. Als die Leute weggiengen, suchte er im Garten wieder frische Luft, wo er Karl und Salome in Thranen antraf. Er ward beyden auf Einmal wieder ganz gut, weil sie so um ihren Vater Leid trugen. Da er von der vorigen schlaflosen Nacht so sehr abgemattet war, so legte er sich, nach dem Abendessen, von dem er ohnedies wenig genoss, fruhzeitig zu Bette, und ward durch einen sanften Schlaf erquickt; nur gegen Morgen angstigten ihn furchterliche Traume; und, als er aufwachte, war sein Bett von Thranen nass. Er konnte nun seinen Schmerz ganz ausweinen. Gott! dachte er, jetzt erwach ich, als eine vater- und mutterlose Waise. Gott, erbarm dich meiner, und hilf mir! Leit du mich durchs Leben, weil mich sonst niemand leiten kann! Sey du ganz mein Vater! In deine Hande sink ich; o verwirf mich nicht! Sey du mein Schutzgeist, o mein Vater! Vergiss deines Sohnes nicht im Himmel. Ich will dir mein ganzes Leben durch fur deine Liebe danken. Du hast alles an mir gethan. Mein ganzes Leben soll Dank gegen dich seyn!

Er horte schon im Hause ein Gerausch, das Zurustungen zum Leichenbegangniss bedeutete. Er gieng ins Wohnzimmer. Das Gesind im Hause sah ihn stumm und wehmuthig an, und gab ihm einen guten Morgen, der von ihrem Mitleid zeugte. Ein paar benachbarte Beamte, die sein Vater sehr geliebt hatte, kamen, und bezeugten ihm ihr Beyleid. Sie wollten ihren todten Freund noch einmal sehen. Von den Kindern wollte keines mit ihnen gehen. Ein Knecht gieng mit, und nahm den Deckel noch einmal vom Sarg ab. In stummem Schmerz, bleich, und mit Thranen kamen die Amtleute wieder, und konnten nichts, als seufzen. Dieser Ausdruck ihrer Liebe ruhrte unsern Siegwart mehr, als Worte.

Er stand am Fenster, und sah einige Bauren, vom Gericht, kommen, die den Sarg tragen sollten. Sie sahn traurig herauf, und wunschten ihm einen guten Morgen. Nach und nach kamen auch andre Bauersleute, um die Leiche zu begleiten, alle niedergeschlagen, und mit verweinten Augen. Aussen an der Mauer des Hofes standen, in schlechten Kleidern, arme Leute, die vor Traurigkeit kaum aufzublicken wagten. Sie weinten wie um ihren Vater denn der alte Siegwart wars ihnen durch seine Wolthaten geworden. Sein Sohn fuhlte, mitten in seinem tiefen Schmerz, noch das grosse Gluck, als ein rechtschaffener Mann zu sterben, und wegen seiner Wohlthatigkeit und Redlichkeit beweint zu werden. Aber bey dem Gedanken flossen seine Thranen haufiger. Die Richter des Dorfs traten nun ins Haus herein, um den Sarg zu holen. Sie brachten ihn heraus; alte, ehrwurdige Manner, mit grauen Haaren, die schon auch dem Grabe zuwankten. Vorne trugen zween, die dem Tod am nachsten zu seyn schienen. Alle sahen mit thranenlosem Schmerz zur Erde. Nur zuweilen floss eine Zahre zwischen den grauen Augenwimpern hervor. Die Leidtragenden giengen nun auch die Treppe hinunter, und folgten der Bahre nach. Das Lauten der Glocken, und der stille Zug, von dem man nur zuweilen ein Schluchzen, oder einen Seufzer horte, war feyerlich. Von der Seite, aus einer kleinen Hutte, sprang ein Weib herbey, mit einem Kind auf dem Arm; ach Jakob, rief sie; schau, da wird dein Vater hingetragen, der uns so viel Guts gethan hat! Gott vergelts ihm in der Ewigkeit! Sie schrie noch lange fort, bis man sie stillschweigen hiess. Auf dem Kirchhof stand Siegwart auf dem Grabe seiner Mutter, und sah in die Gruft hinab, die nun auch seinen Vater einschliessen sollte. Ein paarmal ward er fast ohnmachtig, und schwankte, dass man ihn halten muste. Als der Grabhugel aufgeworfen war, steckte eine arme Frau einen Rosenzweig darauf. Dies ruhrte ihn mehr denn alles. Es war ein Denkmal, herrlicher, als Marmor.

In der Kirche ward vom Prediger des Dorfs eine kleine, aber ruhrende Rede, und dann eine Seelmesse gehalten, und der Zug gieng wieder langsam nach Haus. Die beyden Amtleute blieben beym Mittagsessen da. Siegwart horte nur zu, und sprach fast nichts mit. Als sie weggegangen waren, gieng er auf sein Zimmer. Jetzt konnte er erst wieder mit etwas Ruhe an seine Mariane denken. Seine Seele sehnte sich nach ihr. Er beschloss, noch heute mit seinen Geschwistern davon zu sprechen, dass er nun die Rechte zu studiren gedenke, und dass ihm also Geld von der Masse, oder von seinem Antheil an der Erbschaft dazu gegeben werde. Allein diesen Abend konnte er davon nicht reden, weil der Pfarrer zum Kondoliren kam, und zum Abendessen da hehalten wurde.

Den andern Morgen gieng er, nachdem er erst mit Salome Kaffee getrunken hatte, mit ihr zu seinem Bruder in sein Haus hinuber. Nach einigen gleichgultigen Gesprachen fragte er, ob der selige Vater nichts wegen seiner gesagt habe, dass er nun die Rechte studiren konne? Was? die Rechte? fuhr Karl heraus; was ist das wieder fur ein schoner Einfall? Siegwart erzahlte, dass er seinem Vater deswegen geschrieben, und schon seine Einwilligung erhalten hab; dass der Vater aber durch den Tod verhindert worden sey, sich, wie er ihm versprochen habe, deutlicher daruber zu erklaren u.s.w. Karl, und noch mehr seine Frau, fielen nun uber Siegwart her; nannten seinen Einfall dumm, und gottlos, scholten ihn Lugen, und erklarten sich: sie wurden dieses nimmermehr zugeben; Karl sey ihm nun an Vaters statt, und ihm muss' er folgen. Ueberdas sey gar kein Geld da, um das Studieren noch einmal von neuem anzufangen. Der sel. Vater hab auf der Schule und auf der Universitat schon mehr an ihn gewendet, als an alle seine ubrigen Kinder zusammen; die zweyfache Krankheit hab auch viel gekostet, und Theresens Aussteuer; jetzt sey kein Heller baares Geld da, und das ubrige werd auch soviel nicht ausmachen; er koste in Einem Jahr so viel, dass sein ganzes Erbtheil darauf gehn wurde; er konn jetzt ein Monch werden, denn darauf hab er lange gnug studiert; sein Vorgeben sey auch sehr verdachtig, da der sel. Vater kein Wort davon habe verlauten lassen u.s.w. Kurz; der Schluss war: Auf sein Gewissen konne er, sein Bruder, nie darein willigen, und an Unterstutzung sey gar nicht zu denken. Karls Frau sprach noch viel von Gottlosigkeit und Versundigung an Gott, wenn man von seinem Gelubde abgehe, und Gott belugen und betrugen wolle; so dass Siegwart nicht einmal zu Wort kommen konnte. Salome sprach fast nichts dazu, denn sie war durch den Tod ihres Vaters zu sehr gedemuthiget. Unser Siegwart war so betroffen und besturzt, dass er kaum noch von sich selber wuste. Er betheurte auf seine Ehre, dass sein Vater ihn habe wollen die Rechte studiren lassen; er konne es schriftlich vorweisen. Aber man uberschrie ihn. Er legte sich aufs Bitten; alles half nichts. Endlich rief er alle seinen Stolz zusammen; warf seinem Bruder und seiner Schwagerin geradezu Geitz und Niedertrachtigkeit vor, und sagte: Er werde sich schon vor der Obrigkeit Recht zu verschaffen wissen. Mit diesen Worten gieng er weg. Sein Bruder und sein Weib spotteten, und lachten ihm so laut nach, dass ers vor der Thure horen konnte, und vor Unwill auf die Erde stampfte.

In seinem Garten, wo er hin gieng, lief er hastig auf und ab. Das ganze Menschengeschlecht war ihm verhast, weil es so niedertrachtige Seelen drunter gibt. Er knirschte mit den Zahnen, und stiess ungeduldige Reden aus. Gottlob! sagte er, dass ich solche Kerls verachten kann, und kein so niedertrachtiges Herz habe! Du sollst mein seyn, Mariane, und wenn dich alle Welt mir rauben wollte! Ich will mir schon helfen! Mich einen gottsvergessenen Menschen nennen! Gott! du weist, wie ichs redlich meyne! Er lief noch lang auf und ab, ohne etwas deutliches zu denken. Endlich, als die erste Heftigkeit vorbey war, stiegen ihm doch allerley Zweifel auf, wie er sich in dieser Sache helfen wollte? Er hatte sich um das Vermogen seines Vaters nie bekummert, und wusste also nicht, wie viel ihn auf seinen Antheil treffen, und ob er damit die Kosten zu seinem Studieren werde bestreiten konnen? Keine ausdruckliche Erklarung seines Vaters war da, und eine gerichtliche Behandlung der Sache scheute er auch. Er verlohr sich also in einem Labyrinth von Sorgen und Bedenklichkeiten. Er mochte hin und her sinnen, wie er wollte, er fand keinen Ausweg. Endlich sturzten ihm Thranen von den Augen; er sah gen Himmel, und konnte nichts sagen, als: Gott! Gott!

Salome kam zu ihm, und sagte: Sie mussten heut bey ihrem Bruder essen, weil sies gestern schon versprochen hatte. Er thats zwar ungern; aber doch wollte er nicht feindselig scheinen, und gieng hin. Bey Tische sprach er nichts; er verachtete die Leute zu sehr. Karl sprach, ihm zum Trotz, viel mit Wilhelm, und sagte ihm, dass er ihn nun zu seinem Schreiber annehme; so waren, bis auf Salome, alle versorgt; denn Xaver werde sich nun hoffentlich bald einkleiden lassen. Wenn ihn nicht andre weltliche Ursachen davon abhalten, sagte seine Frau spottisch. Ich weis schon, was ich zu thun habe, sagte Siegwart trotzig. Ja, das wissen wir, versetzte die Swchagerin; und der Herr Schwager werden wol morgen wieder auf die Universitat zuruckreisen, um ihr Studium fortzusetzen. Dieser Fingerzeig, dass man ihn ungern hier sehe, schmerzte unsern Siegwart so, dass er ganz blass im Gesicht wurde, und nicht antworten konnte. Nach einiger Zeit sagte er: Ja, morgen will ich wieder zuruck, und mir und andern Leuten Ruh machen. Wie Sie belieben, sagte die Schwagerin. Die Siegel, fuhr sie fort, kann man ja erst nach ein paar Tagen abreissen, und die Theilung vornehmen. Der Herr Schwager brauchen eben nicht dabey zu seyn. Wir werden ihn nicht vervortheilen, da eine Obrigkeitsperson dabey ist. Auch gut! sagte Siegwart; alles, wie Sie wollen! Es fielen noch hundert spottische Reden vor, und um funf Uhr gieng Siegwart weg.

Nun fuhlte er erst, was er an seinem Vater verlohren hatte. Er gieng auf sein Grab, und weinte bitterlich. O, du Heiliger, rief er, sieh herab, wie mir Unrecht geschieht, und erbarme dich meiner! Bitte Gott und die heilige Jungfrau, dass sie mich nicht ganz verlassen! O Mutter, Vater, die ihr hier ruht, vergesst eures armen Kindes nicht! Und du, Vater im Himmel! Gott und Vater, sieh auf eine arme Waise! Sieh herab, und sende Trost, oder lass mich auch ins Grab zu ihnen sinken! O Mariane, Mariane! rief er beym Weggehn, was steht uns bevor! O du Engel, wenn du wustest, was ich leide! Gott, ach Gott, verlass uns nicht!

Er gieng nach Haus auf sein Zimmer; und da fiel ihm ein, seinem Kronhelm und seiner Therese seine Noth zu klagen. Vielleicht, dacht er, haben diese fur mich Trost; wenigstens werden sie Mitleid mit mir haben. Er schrieb an sie beyde einen sehr ruhrenden Brief, und es ward ihm ganz leicht dabey. Er brachte den Brief dem Postverwalter, und fragte zugleich, wenn die Briefpost von Ingolstadt komme? Heut ist sie gekommen, sagte der Postmeister. Und kein Brief fur mich? Nein. Ein Neuer Donnerschlag fur Siegwart. Doch hatte er noch soviel Gegenwart des Geistes, zu bestellen, dass, wenn ein Brief an ihn kommen sollte, man denselben zuruckbehalten, und ihn nach Ingolstadt Retour schicken mochte. Es machte ihm viele Sorge, dass ihm Mariane nicht geschrieben habe, doch war die Zeit fast zu kurz, als dass er schon einen Brief hatte erwarten konnen, und dieses beruhigte ihn wieder in etwas.

Sein Entschluss war nun fest, morgen wieder nach Ingolstadt zuruck zu reiten, es mochte ihm auch gehen, wie es wolle, denn die Zeit, ohne Marianen zu leben, ward ihm viel zu lang. Er gieng fruhzeitig zu Bette, ohne viel schlafen zu konnen. Der Gedanke an sein dunkles hofnungsloses Schicksal liess seinem Geist keine Ruhe.

Eine Stunde vorher, eh er den andern Morgen wegreiten wollte, kam ein Wagen angefahren. Siegwart kannte sogleich den Marx, der vorn auf dem Bock sass; er sprang an den Wagen, und sein Kronhelm und Therese sassen drinn. Sie hatten den Abend vorher auf einem benachbarten Dorf, wo sie spat angekommen waren, schon gehort, dass der Amtmann todt sey, und wollten also bey der Nacht nicht weiter fahren, weil sie doch nichts mehr ereilen konnten. Therese stieg weinend aus dem Wagen, und sank ihrem Bruder in den Arm. Beyde konnten nichts sprechen. Kronhelm war auch sehr bewegt, und umarmte seinen lieben Siegwart. Gottlob! sagte er, dass ich dich wieder sehe! Aber leider bey der traurigsten Begebenheit! Sie giengen schweigend auf das Zimmer. Als Therese sich von ihrer ersten Erschutterung wieder etwas erholt hatte, musste man ihr einige Umstande von ihres Vaters Krankheit und Tod erzahlen. Sie vergoss dabey tausend Thranen. Kronhelm zog unsern Siegwart auf die Seite, und befrug ihn wegen Marianens. Therese kam auch noch dazu. Siegwart erzahlte ihnen alles, dass sein Vater es zufrieden gewesen sey, und was sich gestern zwischen ihm und seinem Bruder zugetragen; auch dass er ihnen deswegen gestern geschrieben habe. Kronhelm und Therese erstaunten uber die Harte des Bruders und der Schwagerin. Kronhelm erklarte sich sogleich, alles zu ubernehmen, und die Kosten zum Studieren aus seinem Beutel herzugeben. Ich will dir keine Wohlthat erzeigen, setzte er hinzu, fur die du mir danken must. Ich bin dir tausenmal mehr schuldig; hier, meinen grossten Schatz (indem er seine Therese bey der Hand nahm und kusste) ohne dich hatt ich dieses Kleinod nicht. Was ich thue, kann ich leicht thun, denn Gott hat mich ja mit Ueberfluss gesegnet; und dir bin ichs schuldig. Siegwart wollte eben danken, als Karl mit seiner Frau ins Zimmer trat. Sie schienen sehr erschreckt und betroffen zu seyn, und machten eine tiefe Verbeugung. Kronhelm und Therese dankten ziemlich frostig. Nach den vorlaufigen Bewillkommungskomplimenten und Beyleidsbezeugungen fieng Kronhelm zu Karl an: Aber, Herr Bruder, gegen unsern Xaver handeln Sie ziemlich unbruderlich und gebieterisch. Ich hatt Ihnen doch mehr zugetraut! Karl fieng an sich zu entschuldigen, es sey nicht so bos gemeynt gewesen; es konne Xavers Wunsch doch noch erfullt werden Das wird ohnediess geschehen, fiel ihm Kronhelm ein; ich ubernehme die Sache, und sie geht Sie weiter nichts an; ich rede nur von dem unbruderlichen Betragen zwey Tage nach dem Tod eines solchen Vaters! Karls Frau wollte sich auch drein mischen, und sagte: Der selige Vater habe sich doch nicht druber erklart. Mit Ihnen red ich von der Sache gar nicht, sagte Kronhelm. Ich habe das alles, und noch mehr von Ihnen erwartet. Sie machtens meiner Frau und mir ehedem nicht besser. Und uberdiess ist es nicht so ausgemacht, dass der selige Mann sich druber nicht erklart hat; wenigstens schrieb er meiner Frau: in seinem Pult werde man eine schriftliche Erklarung finden, wenn sein Sohn erst nach seinem Tod ankommen wurde. Hier blasste die Schwagerin ab. Doch wir wollen die verdriesslichen Sachen fahren lassen, fuhr er fort. Ich musste Ihnen nur auf Einmal meine Meynung sagen. Ich denke, jetzt ware keine Zeit zu zanken, da wir alle so geruhrt sind, oder doch seyn sollten. Drauf wendete er sich zu Siegwart, und sprach mit ihm von dem Ende seines Vaters. Dieser war noch zu besturzt uber die unvermuthete Wendung seines Schicksals, und die Grossmuth seines Freundes, als dass er viel hatte reden konnen. Das Gesprach ward wieder allgemeiner. Man sprach von der Erbschaftstheilung, Kronhelm erklarte sich: Was das Hausgerathe anbelange, sey er damit zum Ueberfluss versehen, und wurd es auch nicht gut wegbringen konnen. Auch den ubrigen Antheil am Erbe woll er ihnen uberlassen, weil er Gottlob! hinlanglich gesegnet sey, und seine Frau fur einen Schatz halte, der das ganze ubrige Erbe uberwiege; nur bitte sich seine Frau einen Demantring aus, den ihr Vater bestandig getragen hab', und den sie, ihm zum Andenken, wieder tragen wolle. Hie wurden Karl und seine Frau auf Einmal wieder heiter, und vergassen, uber den abgetretnen Erbantheil, alle vorige Verweise. Sie wollten Kronhelm danken: aber er verbat sichs. Es ward beschlossen, auf den Nachmittag das Pult aufzumachen, das versiegelt war, in dem der Ring, und vermuthlich auch die schriftliche Erklarung wegen der Bestimmung unsers Siegwart lag.

Karl und seine Frau wurden gebeten, beym Essen da zu bleiben, welches Salome zurecht machte. Weil die Witterung sehr gut war, gieng man in den Garten, um da zu essen. Die Zartlichkeit, mit der Kronhelm seiner Therese begegnete, war unbeschreiblich. Er wusste sie so liebreich zu trosten, als sie beym Eintritt in den Garten, wo sie so oft mit ihrem Vater gewesen war, in neue, noch tiefere Traurigkeit verfiel. Er wusste sie so gut zu zerstreuen, dass sie ganz ruhig zu werden schien. Sie nahm hierauf unsern Siegwart auf die Seite, und sprach mit ihm uber Salome's Schicksal. Er sagte, dass das Madchen ihm jetzt weit besser gefalle, als sonst jemals. Der Kummer uber ihres Vaters Tod scheine, sie sehr zum Nachdenken gebracht zu haben. Therese versprach, fur sie zu sorgen. Drauf musste er ihr viel von Marianen erzahlen. Dieses that er mit einer solchen Begeisterung, dass er und sie, ziemlich heiter wurden. Drauf rief man zu Tisch.

Nach dem Essen ward das Pult geofnet. Es lag ein versiegelt Schreiben drinn mit der Aufschrift: An meinen lieben Xaver. Sein Vater gab ihm darinnen verschiedne gute, sehr ruhrende Ermahnungen; drauf kam er auf seinen Entschluss die Rechte zu studieren. Er war damit zufrieden, und schrieb: in einem Schiebladchen im Pult werd ein versiegeltes Packchen mit 75 Dukaten liegen. Dieses sey fur ihn bestimmt. Soviel woll er ihm noch von dem gemeinschaftlichen Vermogen geben. Was er weiter brauche, muss' er dann von seinem Antheil an der Erbschaft nehmen. Es folgte noch eine zartliche und liebreichvaterliche Aufmunterung zur fernern Rechtschaffenheit, und dann ein sehr beweglicher Abschied, uber den Siegwart in lautes Schluchzen ausbrach! Karl und seine Frau machten uber das Vermachtniss grosse Augen; aber vor Kronhelm wagten sie es nicht, etwas druber zu sagen, weil dieser ihnen erst vorher seinen Erbantheil geschenkt hatte. Man fand das Packchen mit Dukaten. Kronhelm sagte: steck es ein, und verbrauch es, wie, und zu was du willst! Die Universitatskosten ubernehme ich, wie ich schon gesagt habe. Therese fand auch den Ring ihres Vaters, kusste, und steckte ihn mit Thranen an den Finger. Sie giengen wieder in den Garten, und brachten den Abend grostentheils mit wehmuthigen Gesprachen hin. Therese wollte das Grab ihres Vaters besuchen; aber Kronhelm bat sie sehr, es nicht zu thun, weil er furchtete, es mochte sie der Schmerz zu sehr angreifen, und ihrer Gesundheit, da sis schwanger war, Schaden thun. Dagegen musste er ihr versprechen, zu andrer Zeit einmal das Grab mit ihr zu besuchen. Als Siegwart Gelegenheit hatte, allein mit ihr zu reden, entdeckte er ihr einen Entwurf, den er in Absicht auf sein Geld gemacht hatte. Salome dauert mich, sagte er; sie ist am wenigsten unter uns versorgt, seit die Base in Munchen todt ist. Da dein lieber Mann seine Grossmuth so weit treibt, dass er mich ganz auf seine Kosten will studieren lassen, so kann ich, meiner Einsicht nach, das Geld von unserm seligen Vater nicht besser anwenden, als wenn ich ihr die Halfte davon gebe. Behalt dein Geld, gute Seele! sagte Therese. Fur Salome ist schon gesorgt. Ich hab mit meinem Mann druber gesprochen. Wir wollen sie auf unser Schloss nehmen, wenn sie Lust hat. Will sie nicht, oder konnen wir zusammen nicht auskommen, so will mein Kronhelm sie in Munchen unterbringen. O du himmlische Schwester! sagte Siegwart, und umarmte sie. Salome'n ward auch wirklich nachher dieser Vorschlag gethan, und sie nahm ihn mit Freuden, und, wie es schien, mit der dankbarsten Ruhrung an.

Als Karl und seine Frau weggegangen waren, entdeckte Siegwart Kronhelm und Theresen seinen Wunsch, morgen nach Ingolstadt zuruckzureisen, um wieder bey seiner lieben Mariane zu seyn. So gern ihn auch Kronhelm und seine Schwester noch langer bey sich behalten hatten, so konnten sie es doch nicht ubers Herz bringen, ein paar so zartlich Liebende langer getrennt zu lassen; daher willigten sie in seinen Vorsatz, nachdem er ihnen erst versprochen hatte, sie gewiss bald, von Ingolstadt aus, zu besuchen. Kronhelm sagte ihm, sein Onkel habe ihm versprochen, ganz gewiss fur ihn zu sorgen, und ihm, wenn er fleissig studiere, in zwey Jahren eine eintragliche Stelle bey einem Regierungskollegio in Munchen zu verschaffen. Darauf konn er sich, wenn es nothig sey, beym Hofrath Fischer berufen. Siegwart ward daruber noch freudiger, und sein Herz ware ganz wolkenlos gewesen, wenn ihm nicht jeden Augenblick der Tod seines Vaters eingefallen ware. Sie blieben diesen Abend lang zusammen auf. Siegwart liess sich uberreden, morgen erst nach Tisch wegzureiten, weil er doch in einem Tag nicht nach Ingolstadt kommen konnte.

Der andre Morgen war sehr heiter, und unser Siegwart stand auch heiter auf. Sie tranken zusammen im Garten Kaffee. Er freute sich uber die Zartlichkeit seiner Schwester und Kronhelms. Sie erzahlten ihm viel von ihrer Gluskseligkeit, und von der Einrichtung ihres Hauswesens; auch von einem vortreflichen jungen Edelmann in ihrer Nachbarschaft, der viel zu ihnen komme, und vermuthlich Kronhelms Schwester heyrathen werde, die, wie sie beyde versicherten, schon viel von ihrer Wildheit abgelegt habe. Therese erzahlte ihm auch, welch eine herrliche und auserlesene Buchersammlung ihr Kronhelm ihr angeschafft habe, u.s.w.

Man ass, wegen Siegwarts Abreise fruher, und um zwolf Uhr ritt er weg, nachdem er von seinen Lieben mit tausend Thranen Abschied genommen hatte. Mariane, und das Gluck, sie morgen wieder zu sehen, war der Gedanke, der ihn auf dem ganzen Weg begleitete. Als es Nacht wurde, stellte er in einer Dorfschenke ein. Er hatte keine Ruhe, weil er stets an Marianen dachte, und schlafen konnte er auch sogleich nicht. Er gieng also in den, an das Wirthshaus stossenden, schonen Baumgarten. Der Mond schien trub; er sah zu ihm auf, und machte folgendes Gedicht, das er nachher auf der Stube in seine Schreibtafel schrieb:

An den Mond.

Meine Seele lebt nicht hier!

Sie ist hingewandelt zu der Trauten,

Die nun ewig mein ist!

Sag, o Hauch des Abends mir,

(Du umwehtest sie mit deinen Schwingen)

Wo sie jetzo wandelt?

Stark liebt ihre Seel', und treu!

Weint ihr Aug jetzt, dass ihr Lieber fern ist?

Sag mirs, Hauch des Abends!

Sieh, da, tritt der Mond hervor;

Bleich ist sein Gesicht, und melancholisch,

Wie getrennte Liebe.

Warlich, Mond, sie blickt dich an!

Denkt der Stunden heiliger Umarmung,

Und du weinst vor Mitleid!

Hell dich auf, und lach ihr zu!

Denn ich eil ihr, mit der Sonn', entgegen

Lach, o Mond, ihr Trost zu!

Den andern Morgen ritt er fruh weg, und gegen Abend kam er in Ingolstadt an. Er sah Marianen nicht am Fenster; aber ihr Vater stand halb hinter den Vorhangn versteckt. Weil es spat war, und er uberhaupt dem Vater nicht recht traute, so gieng er nicht hinuber. Er schlief ziemlich unruhig, und hatte furchterliche Traume, die von den vorhergegangenen traurigen Vorstellungen erzeugt wurden. Den andern Morgen sah er Marianen wieder nicht am Fenster; der Vater, der heraus sah, schlug das Fenster zu, als er ihn erblickte; dieses machte unsern Siegwart noch besturzter. Er gieng aus, ob er vielleicht ihren Bruder irgendwo antreffe? aber vergeblich. Sein Herz ahndete viel trauriges; es war ihm nirgends wohl, und er schweifte von einem Ort zum andern.

Gegen Abend endlich, als er eben in sein Haus wollte, kam Joseph, Marianens Bruder, hinter ihm drein. Er that sehr angstlich. Nur auf ein paar Worte! sagte er. Hier ein Brief von Marianen, und von mir einer! Wo ist sie? fragte Siegwart. Ich muss fort, war die Antwort. Mein Vater kommt die Strasse dort herauf; du wirst alles in den Briefen finden. Mit diesen Worten sprang er weg.

Kaum konnte Siegwart die Treppe hinauf gehen, so sehr zitterten ihm die Knie, und sein ganzer Korper. Er riss sein Zimmer auf, warf sich in seinen Stuhl, erbrach zuerst Marianens Brief, und las:

Ingolstadt den 7. August.

Mein Geliebtester!

Lass mich die Sprache der Vertraulichkeit reden, und dich Du nennen! Ich schreibe dir, wie ichs versprochen habe. Gestern bist du fort, und schon find ich nirgends keine Freude mehr. Wenn du doch bald wieder kamest! Mir ist so bang ums Herz; und doch weiss ich nicht warum? Nun wirst du wol noch auf dem Wege seyn. Vielleicht denkst du jetzt an mich. Mir deucht, ich fuhl es. Ich habe dich gestern und heut fast jeden Schritt begleitet. Gott gebe, dass du glucklich ankommst; und dass dein Vater wieder besser sey! Ich bete viel fur ihn, und fur dich. Adjeu, mein Geliebtester! Morgen wieder ein paar Wortchen; denn ich habe viel zu thun, noch eh mein Vater kommt. Uebermorgen soll er kommen. Meine Mutter kommt alle Augenblicke auf mein Zimmer; sie hat Geschafte drauf. Drum kann ich dir nicht schreiben, wann und wie viel ich will. Aber morgen wieder. Adjeu indessen, mein Geliebtester!

Den 8ten August

Ich bin heut in meinem Garten gewesen. Da hab ich viel an dich gedacht, mein Theurester! Ich wollt, ich hatte Schreibzeug draussen gehabt, so hatt ich viel an dich geschrieben. Aber gesprochen hat meine Seele viel mit der deinigen. Wie waren alle Platze mir so werth, auf denen ich ehmals mit dir gesessen habe! Alle Worte fielen mir da ein, die wir miteinander sprachen. Ich wurde traurig, dass du nicht auch da warest, denn ich war allein. Auf jede Stelle setzt ich mich, und blieb recht lange sitzen, weil mir so wohl war, da zu seyn, wo mein Geliebtester einst gewesen war. Denk! ich hab deinen Namen in einen glatten, jungen Birnbaum eingeschnitten. Als der Name fertig war, und ich mich genug daruber gefreut hatte, dass mir alles so gerathen ist, da fiel mir erst ein, mein Vater konnte den Namen sehen, weil der Baum dicht am Gang zur rechten Seite stand. Ich erschrack recht, als mirs einfiel. Sollt ich nun den schonen Namen es seyn. Aber, Gottlob! dass ich auf den Einfall kam, ihn mit Erde zu uberkleben, die der Baumrinde ganz gleich sah. Das will ich nun immer wieder thun, wenn die Erde wieder abfallen will. Und wenn ich allein bin, nehm ich sie ab, um den Namen zu sehen. Adjeu!

Den 9ten August.

Noch ein paar Worte vor Schlafengehen mit meinem Geliebtesten! Ich schreib auf meiner Kammer, weil ich unten nicht sicher bin. Diesen Abend ist mein Vater angekommen. Er sass in einem Wagen mit Hofrath Schrager, meinem Bruder und meiner Schwagerin. Er sah sturmisch und verdrusslich aus. Die Gesellschaft blieb ungefahr eine Stunde da. Sie war kaum weg, so fragte er meine Mutter sehr gebieterisch: Ist nichts vorgefallen? Nein. Hat sich nichts mit Marianen zugetragen? Nein. Er sah mich von der Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen sehen, sagte er, und gieng. Ich bin in der grossten Unruhe. Zum Hofrath Schrager hatte er gesagt: Morgen also, um halb 5 Uhr haben wir die Ehre. Meine Schwagerin liess auch einige Worte fallen, und mein Bruder lachte hohnisch dazu. Beym Weggehen wollte mir Hofr. Schrager Hand kussen. Ich zog sie zuruck. Nu! rief mein Vater sehr gebieterisch, und ich hielt die Hand hin. Um Gotteswillen! sagte meine Mutter, als wir Ich bitte dich bey allem, was heilig ist, Mariane, sey nicht widerspenstig! Du weist, was ich drunter leide. Ach Mama, sagt ich, und sank in ihren Arm; bethen Sie fur mich! Ich brauche Kraft von Gott. Sie wissen, ich thu, was ich kann. Ader ich kann nicht, wenn es darauf ankommt. Ich will das Beste von dir hoffen, versetzte sie: bedenk dich wohl! Siegwart, Siegwart! Was will aus mir werden? Ich habe furchterliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, lebendig oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann mich nicht ganz verlassen. Die Halfte meines Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag voruber ware! Mutter Gottes, und all ihr Heiligen im Himmel helft mir bethen! Siegwart, Siegwart! Ich bin dein, es gehe, wie es wolle! Mochtest du doch jetzt auch fur mich bethen! Aber du haltst mich fur glucklich. Komm doch bald! Ich bitte dich. Vielleicht sehen wir uns nicht mehr lang! Erbarm dich, Gott!

Den 10ten August Vormittags um 10 Uhr.

Jesus, Maria! Welch ein furchterlicher Auftritt! Ach, Geliebtester, ich kann dirs nicht erzahlen. Samml' es zusammen, was ich in der Unordnung aufs Papier werfe. Diesen Morgen beym Theetrinken gieng mein Vater mit der Pfeife im Zimmer auf und ab. Er fragte, ohne mich anzusehen, ist der feine Siegwart doch? Ja. Mordieu! sagte er, und gab mir eine Maulschelle. Ich sank auf meinen Stuhl zuruck, und weis nicht, was er weiter sagte. Meine Mutter hielt mir ein Balsambuchschen vor. Du bist auch so eine alte Kupplerin, rief er, und schlug ihr das Buchschen aus der Hand. Licht! rief er zur Thure hinaus, weil ihm seine Pfeife ausgeloscht war. Dann kam er wieder auf mich zu. Du willst dir also schlechterdings nichts sagen lassen? Willst uns all in Schand und Unehr bringen? Ach Jesus, Mann! rief meine Mutter. Schweig! Ich kenn ihre Streiche schon. Aber man wird dir einen Riegel vor die Thure schieben. Das Ding muss anders werden! Du sollst mir den Hoftath nehmen, oder ich schlag dich todt. Marsch! Du kannst dich besinnen! In zwey Stunden will ich Antwort, und das ohne alle Umschweife und Ausfluchte! Fort, auf deine Kammer! Hier bin ich nun, mein Geliebtester, von aller Welt verlassen, in der unaussprechlichsten Angst. Gott im Himmel woll sich meiner erbarmen! Den Hofrath kann ich nicht nehmen, wenn auch kein Siegwart auf der Welt ware! Er ist mir in der Seele zuwider. Gott weiss, dass es kein Eigensinn ist. Ich wollt es so gern allen Menschen recht machen, aber ich kann nicht. Dein bin ich, lebend oder todt. Ich kann vor Zittern kaum schreiben; ich muss etwas auf und ab gehen, um mich zu sammeln.

Es sey so! Ich will alles dulden, auch den Tod! Meine Seele ist von der deinen unzertrennlich. Gott hat mich gestarkt, und mir Muth und Entschlossenheit eingeflosst. Er wird mich auch im bangsten Kampfe nicht verlassen. Ich flehe dich jetzt an, du Gott der Unterdruckten, weil ich jetzt noch flehen kann, um Beystand und um Gnade, auch im bangsten Kampf! Wenn meine Seele nicht mehr flehen kann, so hor ihr Stammeln! Wenn sie nicht mehr stammeln kann, so hor das Klopfen meiner Brust! Gib mir Standhaftigkeit, dass ich meinem Siegwart treu bleibe! denn ich hab ihms zugeschworen! Du kennst unsre Liebe; sie ist rein von allem Bosen! Bewahre meinen Mund, dass er meinem Herzen treu bleibe! dass er nichts rede, was mein Herz nicht denkt! In deinem Namen will ich vor meinen Vater treten. Mache du sein Herz weich, wenn es hart und unbarmherzig ist; wenn er die Vaterempfindung vergisst, so erinnre du ihn dran! Lass meinen Mund nichts hartes reden wider ihn! Von dir allein erwart ich Hulfe. Lass sie mich von keinem Menschen erwarten! Starke meine Mutter, dass ihr Leiden nicht zu schwer werde! Sie hat nichts verschuldet. Schutt alles Elend uber mich allein aus! Gib mir einen Engel zu, der mirs tragen helfe! Lass den Tod nicht ferne von mir seyn, wenn du, nach deinem weisen Rath, sonst keinen Trost auf Erden fur mich hast! Amen! Hilf mir Vater, Amen!

Ich fuhle mich gestarkt, mein Geliebtester! In einer halben Stunde muss ich hinunter. Ich hoffe standhaft zu seyn, denn ich weiss, ich hab eine gute Sache. Ich will noch einmal bethen.

Nachmittags um 5 Uhr.

Zween furchterliche Kampfe hab ich ausgestanden, mein Geliebtester! Mich wundert nur, dass ich noch lebe. Um 11 Uhr ward ich durch den Bedienten hinabgerufen. Der arme Mensch hatte ganz verweinte Augen. Nun wie stehts? sagte mein Vater. Ist man nun vernunftiger? Willst du dich geben? Noch ists Zeit. Willst du den Hofrath? Ich sah ihn bittend an. Keine Antwort? Also ja? Verzeihen Sie, mein Vater! Ich kann nicht! Was? rief er, noch immer auf dem alten Kopf? Fort! Hinauf mit ihr. Ich schwor dirs; auf den Nachmittag um 2 Uhr ist die letzte Zeit. Besinn dich wohl! Wenn du dann nicht Ja sagst, so ists vorbey. Dann magst du sehen, wie dirs geht! Dein Vater bin ich nicht mehr! Schliesst sie ein oben! Fort mir, aus dem Gesicht, Hure! Meine Mutter sagte mir unter der Thure: Um Gotteswillen, besinn dich! Wir sind alle sonst verlohren! Der Bediente schloss mich auf die Kammer.

Ich konnte dir in dieser Zwischenzeit nicht schreiben. Alles schwand vor meinen Augen. Zuweilen nur konnt ich einen Seufzer zu Gott erheben. Ich hatte zu sinken. Der Bediente brachte mir das Essen, etwas Suppe, und einen Krug mit Wasser, und schloss, ohne ein Wort zu sprechen, die Thure wieder hinter sich zu. Doch sah ichs ihm wol an, dass das Herz ihm voll war. Ich konnte fast nichts essen; aber den Krug mit Wasser trank ich rein aus. Um 2 Uhr hohlte man mich hinunter ins Zimmer.

Mein altrer Bruder, und meine Schwagerin waren auch da. Sie stunden um mich herum. Jetzt wollen wir noch einmal in Gute mit dir reden, sagte mein Vater. Es war eine Schande, dass du dich mit einem jungen Menschen einliessest, von dem ich gar nicht weiss, was an ihm ist. (Verzeih, Lieber! Ich schreibe, wie er sprach.) Aber das wollen wir ubersehn, und dir als einen Jugendfehler anrechnen. Dagegen must du nun zweyerley versprechen: Erstlich, ihn auf ewig zu vergessen, und zweytens, dem Hofrath Schrager heute noch dein Jawort zu geben; er ist um 5 Uhr herbestellt. Willst du das? Gerad heraus gesprochen, ohne Umschweife! Hier ward er schon wieder hitzig. Zitternd antwortete ich: Erlaub Sie mir erst, vom Hofrath Schrager zu sprechen! Er mag ein Mann seyn, der seine Vorzuge und Verdienste hat; aber, Gott! muss er desswegen auch sogleich fur mich seyn? Ich kann ihn unmoglich ... Teufelskind! rief mein Vater, willst du mich zu Tod argern? du ... Lassen Sie sie erst ausreden! sagte meine Schwagerin; was sie denn fur herrliche Grunde vorbringen mag. Ich habe, sagte ich, indem ich mich mit einem gewissen Stolz gegen sie wendete, ich habe keine Grunde gegen ihn, als mein Herz. Dein Teufelsherz, rief Papa, wo der infame Kerl drinn festsitzt! Verzeihn Sie, sagte ich, solche Namen verdient er nicht. Willst du's besser wissen, Kanaille? Genug! willst du den Hofrath, oder nicht? Ich kann ihn nicht wollen! Nun so holen dich alle T**! indem er mit geballter Faust auf mich zukam, und ihn meine Mutter und mein Bruder in den Arm fielen. Sie mussen ihn aber wollen, sagte meine Schwagerin. Was haben Sie denn gegen ihn, als Ihren schandlichen Eigensinn, und dass der Bettler Ihnen im Kopf steckt? Ich ward hitzig. Madam, das verbitt ich mir! Was, was? rief mein Bruder, thust du meiner Frau etwas? Ich sah ihn nicht an, und kehrte mich zu meinem Vater: Haben Sie um Gotteswillen Mitleid! Ich kann und will mich nicht zwingen lassen! Wollen Sie mich ewig unglucklich machen? Du bist eine Bestie! Ich frage dich zum letztenmal: Willst du den Hofrath? In meinem Leben nicht! Hier schlug er mich ins Gesicht, dass mir das Blut aus Mund und Nase floss. Mir ward schwindlich; ich sank in meiner Mutter Arm. Mir ward, als ob ich nur ein entferntes Gelispel horte. Aber, als ich mich wieder erholte, zankten sie laut mit meiner Mutter. Ich sank zu meines Vaters Fussen. Nur Eine Gnade! rief ich. Lassen Sie mich nur ins Kloster! Er stiess mich mit den Fussen von sich, dass ich umsank. Wenn sies nicht besser haben will, sagte meine Schwagerin, so sperren Sie sie in ein Kloster! Sie wird schon anders werden. Meinetwegen! rief mein Vater; morgen mag sie fort, wenn sie sich nicht heut noch eines Bessern besinnt. Der Nickel hat mir doch schon Gram genug gemacht. Willst ihn also nicht? Nein, ich kann nicht! Nun so scher dich zu allen T**! Ich gieng weg. Viel Gluck! rief meine Schwagerin! Ich sah mich um, und blickte sie verachtlich an. Der Bediente, der weinend vor dem Zimmer stand, brachte mich wieder auf die Kammer. Ich konnte nicht weinen. Alles auf der Welt war mir gleichgultig. Nur ein paarmal dacht ich an dich, mein Theurester, und da schoss mirs, wie ein Strom in die Augen. Ich hore sie unten, zuweilen, wenn die Thur aufgeht, stark reden.

Als ich dieses schrieb, hort ich den Schlussel in meine Thur stecken, raffte das Papier schnell zusammen, und verbargs in meinem Busen. Die Feder schmiss ich aus dem Fenster. Der Bediente kam mit meinem altern Bruder (den jungern hatt ich heut und gestern nicht gesehen) den Schreibzeug her! sagte mein Bruder. Ich gab ihn ihm, und die Feder, die daneben lag. Hast du kein Papier? sagte er. Nein! Er suchte meine Taschen durch, und fand nichts. Er sah sich in der Kammer um, und fand auch nichts. Auf dem Tisch lag blos mein Schnupftuch, wo dein Blutstropfen drinn ist. Er hubs auf, ob nichts drunter liege? und legte es wieder hin. Ist denn gar kein Erbarmen zu hoffen? fragt ich. Morgen reisen wir! war seine Antwort, und dann gieng er. Ich hatte nun nichts mehr zu schreiben. Endlich bog ich ein Bley aus dem Fenster, und damit schreib ich dir jetzt. Zu gutem Gluck hatt ich eben einen frischen halben Bogen angefangen. Wie dir der Brief zukommen wird? das weiss Gott! Vor einer guten Stunde, als ich eben dieses geschrieben hatte, kam der Bediente zu mir auf die Kammer, und schloss hinter sich zu. Er hatte weise Wasche unter dem Arm. Jungfrau, sagte er, und stotterte, Sie sollen sich auf morgen reissfertig machen! Wenn Sies andern konnen, so bitt ich unterthanig, thun Sies doch! Es ist unten ein schrecklicher Jammer. Die Frau Mama streitet, man soll Sie nicht ins Kloster sperren; aber sie wird uberschrien. Ihre Frau Schwagerin sagt: Sie mussen drein! Sie woll Sie selber hinbegleiten! Ihr Herr Bruder sagt, was sie sagt. Konrad, sagt ich, ich kann nicht anders. Es scheint, er hat Mitleid mit mir. Will er mir wol eine Bitte erfullen? herzlich gern! Was Sie wollen, sagte er, und wischte sich die Augen. Darf ich mich aber wol sicher auf ihn verlassen? Ja, bey Gott, dass durfen Sie! Da hat er etwas Geld, ich brauchs doch nicht mehr! Nein, Jungfrau, Geld nehm ich um alles in der Welt nicht von Ihnen. Dann konnten Sie mir ja nicht trauen! Nun, so thu ers umsonst! Gott wird ihn dafur belohnen! Ich hab ein paar Blatter Papier! Morgen, wenn er mich holt, will ichs ihm zustecken. Geb er sie, sobald als moglich, meinem jungern Bruder. Aber, ich bitt ihn um Gotteswillen, lass ers sonst keinen Menschen sehen! Ich wurde unglucklich! Ich schwors Ihnen bey allen Heiligen! Nun gieng er wieder.

In Gottes Namen will ich den Brief meinem Bruder uberliefern. Ich hoff, er stellt dir ihn zu. So weist du doch etwas von mir. Wo nicht, so ist nicht viel verdorben. Denn was ich geschrieben habe, wissen sie alle schon vorher.

Und so soll ich denn aus einer Welt, wo du bist, mein Geliebtester? Gott! wer hatte das je gedacht! Er, der bisher mich unterstutzt hat, dass es nicht gar aus mit mir ist, unterstutz auch dich, du Theurer, dem ich bis ans Ende meines Lebens treu bleibe. Du siehst, dass ich nicht anders handeln konnte; denn dem Hofrath meine Hand geben, ware mehr, als Tod und Trennung. Wer weiss, wann wir uns wiedersehen? In der Ewigkeit gewiss. Diese sey dein Augenpunkt in allen Leiden, so wie er meiner auch ist! Hoffe nichts auf dieser Welt, und alles in der Ewigkeit! Es kommt ein Tag, an dem wir nicht mehr weinen werden. Denk an diesen in der Dunkelheit des Lebens! Gott starke dich, wie er mich gestarkt hat! Lang kann ich unmoglich leben. Vielleicht folgst du mir, mein Geliebtester, bald nach.

Meine Mutter ist bey mir gewesen. Ach, Geliebtester, dies war der argste Strauss fur mich. Sie hieng an meinem Hals, bat und flehte mich mit Thranen, mich wohl zu bedenken, und dem Hofrath meine Hand zu geben! Was konnt ich anders thun, als weinen, mein Geliebtester? Sie sagte: Sonst sehen wir uns das Letztemal. Das war hart, mein Geliebtester! Aber, Gott! es steht ja nicht in meinen Handen, es zu andern. Ich kann meine Hand nicht geben dem, den ich nicht liebe. Und dir untreu werden Ach, das ist unmoglich; Der Hofrath ist auf heute abgestellt; aber morgen kam er wieder, wenn ich bliebe. Gott trockne die Thranen meiner Mutter ab! Ich wollte lieber Blut weinen; lieber mich zu Tode weinen, als sie meinethalben leiden sehen; und doch kann ich es nicht andern. Diess ist das Erstemal, dass sie mich um etwas bat; und das Erstemal konnt ich ihre Bitte nicht erfullen. Gott weiss, wie gern ich es gethan, wie gern ich ihr mein Leben hingegeben hatte. Den Abschied kann ich dir nicht schildern. Die zum letztenmale sehen, die ich, neben dir, uber alles liebe, das geht uber alle Leiden. Heilige Mutter Gottes, steh ihr bey!

Also war ich denn allein; getrennt von dir und ihr, und hatte keinen Freund mehr, der mir helfen konnte! Furchterlich, ach, unaussprechlich furchterlich! O du, den ich nicht sehe, der aber mich, und meine Seele sieht, dass sie rein ist; sieh, ich bin allein! Verschleuss dein Ohr nicht! Lass es horen meine Seufzer! Verschleuss deinen Himmel nicht! Lass herabthauen Trost und Gnade! Denn ich bin allein.

Mein Bruder war noch einnal auf Befehl meines Vaters bey mir: Willst du dem Hofrath deine Hand geben? Nein, ich kann nicht Bruder! Nun so sag ich dir im Namen meines Vaters, dass du morgen fruh um drey Uhr dich gefasst halten kannst, ins Kloster zu wandern. Halts fur eine Ehre, dass er deinen Wunsch erfullt! Aber dein Vater will er von dem Augenblick an nicht mehr seyn. Man wird dir Kleider bringen! Mit diesen Worten gieng er. Gleich darauf brachte mir Konrad einige wenige, und schlechte Kleider.

Ach Geliebter, du saumest, und kommst nicht, deine Mariane zu erretten; wenigstens sie noch einmal zu sehen. Leb denn wohl, du Theurer, den ich wie mein eigen Leben liebte! Gottes Gnade leite dich durchs Thal der Leiden! Denk oft an deine Mariane! Sie wird dein seyn, bis sie todt ist. Zwischen dunkeln Mauren wird sie weinen, und an dich gedenken, wenn der Tag anfangt. Wenn der Mond in ihre Zelle scheint, wird sie deiner noch gedenken, und der alten Zeiten, und weinen. Blick auf zum Mond, so oft er scheint! Meine Seele wird stets an ihm hangen, und mein Aug an ihm verweilen; und dann werd ich denken, dass auch du zu ihm hinaufblickst, und an mich gedenkst, und an die Stunden unsrer Liebe, upd an meine Thranen. Denke dann auch, dass wir einst im Grabe ruhen, und dass unsre Seelen wandeln werden auf des Mondes lieblichen Gefilden! Dass uns Gott vereinen wird nach unserm Tode, weil er uns vereinigt hat im Leben! Das Papier geht zu Ende. Noch ein paar Worte muss ich unten hin an meinen Bruder schreiben. Gott gebe, dass du dieses Blatt bekommst! Du wirst weinen; aber es enthalt auch Trost. Leb wohl, leb ewig wohl, Geliebtester! Hier auf dieser Welt zum letztenmale kann ich mit dir reden, und auch dieses nur in Briefen. Leb denn wohl, und bleib mir treu! Dass Gott dich starken mog in allen deinen Leiden! Dass er dich mir wiedergeb im Himmel. Leb wohl, leb ewig wohl, und beth fur deine

Mariane.

An den Rand war noch folgendes mit grossern Buchstaben, um mehr in die Augen zu fallen, geschrieben:

An meinen lieben Bruder Joseph.

Leiste mir den letzten Dienst, Bruder, den du mir in diesem Leben leisten kannst! Gib diesen Brief, versiegelt, an Siegwart, sobald er zuruckkommt! Er ist fur ihn unendlich wichtig. Gott und alle Heiligen werden dich dafur segnen. Gib ihm auch in etlich Zeilen Nachricht, wie mirs noch den letzten Tag meines Hierseyns gieng! Ich flehe dich mit heissen Thranen, die hier auf den Brief fliessen, um diese einzige, und letzte Wohlthat. Leiste sie um Gottes und um meiner Ruhe willen! Leb wohl, lieber Bruder! Gott segne dich! Trost unsre Mutter, und wein um deine ungluckliche Schwester

Mariane Fischern.

Siegwart hatte wol hundertmal bey Lesung dieses Briefes abbrechen mussen. Oft schoss ein Strom von Thranen drauf, dass er keinen Buchstaben mehr von dem andern unterscheiden konnte. Oft fieng er an zu zittern, dass er den Brief nicht mehr zu halten vermochte. Oft vergiengen ihm Gesicht und Gehor, und der kalte Schweiss stand ihm auf der Stirne, dass er halb ohnmachtig auf den Stuhl zuruck sank. Oft sprang er wieder auf, rang die Hande, und rief: Gott! Gott! Gott! Als er endlich den Brief ganz zu Ende gelesen hatte, sank er matt und sinnlos auf den Stuhl, wuste nichts mehr von sich selbst, und lag so bey einer Viertelstunde da. Als er wieder etwas zu sich selber kam, und sah, dass es schon ganz dunkel geKrafte. Alle Glieder zitterten ihm, sein Gesicht war eiskalt, und es ward ihm wieder einmal um das andre schwindlich. Endlich grif er mit vieler Muhe nach der Glocke auf dem Tisch, und klingelte. Die Aufwarterin kam. Er foderte Licht. Jesus, Maria, und Joseph! rief sie aus, als sie das Licht brachte, was fehlt Ihnen? Sie sehn ja aus, wie der Tod! Soll ich zum Herrn Doktor laufen? Mir ist nicht recht wohl, antwortete er; mach sie mir eilig eine recht gute und warme Suppe! Es wird schon besser werden! Sie bedaurte ihn von Herzen, zundete das Licht an, und gieng weg. Er versuchte indess den Brief von Marianens Bruder zu lesen; aber die Augen giengen ihm uber, und die Buchstaben flossen all vor ihm ineinander, dass er schwarz und weiss nicht von einander unterscheiden konnte. Die Aufwarterin brachte ihm eine gute warme Weinsuppe; er ass, und fuhlte sich darauf wieder etwas gestarkt. Mit vieler Muhe brachte er die Magd von seinem Zimmer, sie war sehr besorgt, und wollte ihm durchaus einen Doktor holen. Als sie weg war, nahm er Josephs Brief wieder vor sich, und las:

Den 11ten August.

Lieber Siegwart!

Ich erfulle die traurige Bitte meiner Schwester, gebe Dir ihren Brief, und soviel Nachricht, als ich von ihr geben kann. Gestern fruh um 3 Uhr wurde sie, ohne dass ich sie noch sprechen durfte, mein Vater und meine Mutter sprachen sie auch nicht mehr, in den Wagen gefuhrt, in dem meine Schwagerin sass, und den mein Bruder selbst kutschierte. Sie fuhren beym Thor hinaus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein Mensch nichts von ihnen; denn es durfte kein Bedienter mit, und mein Bruder ist bis dato noch nicht zuruckgekommen. Soviel weis ich, dass meine Schwagerin hauptsachlich Schuld daran hat, dass sie ins Kloster muss. Sie mag wohl ihre besondre Absichten dabey haben. Meine Mutter weint bestandig, und um meinen Vater kann man gar nicht seyn, so aufgebracht ist er. Er sagt, er woll nun weiter gar nichts von dem Nickel wissen. Er hat Dir auch sehr aufgedroht; und wollte ich Dir daher wohlmeynend gerathen haben, Dich je eher, je lieber von hier weg zu machen. Ich werde dich wol nicht sprechen konnen, weil mein Vater immer auflaurt, und mich todtschlagen wurde, wenn ers wusste. Sag daher keinem Menschen nichts, dass ich nicht auch noch in Ungelegenheit druber komme! Wenn du nur den Brief erst hattest! Ich bedaure dich, und sie gewiss. Weiter kann ich aber auch nichts thun, Dein getreuer Diener

Joseph Fischer.

Er fuhlte sich wieder schwacher, liess den Brief fallen, sank vorwarts auf den Tisch, barg sein Gesicht in beyde Arme, und lag so eine halbe Stunde, seiner nur halb bewust da, bis die Aufwarterin wieder kam, sich nach ihm zu erkundigen. Er liess sich von ihr halb auskleiden, und gieng zu Bette. Nun, da sich seine Natur wieder etwas erholt hatte, gieng erst sein Seelenleiden an; nun konnte er erst sein Ungluck uberdenken, und in seiner ganzen Grosse fassen. Er schauderte zuweilen zuruck, als ob er in einen Abgrund hinabblickte. Alles war noch Nacht vor ihm. Er konnte nichts denken, als: sie ist verlohren! Die halbe Nacht qualte er sich mit diesem einzigen Gedanken, ohne all sein Schrecken halb auszudenken. Oft granzte seine Muthlosigkeit nah an Verzweiflung, und dann bat er wieder Gott, ihn nicht ganz zu verlassen! Wie glucklich, dachte er, wenn ich von meiner Ohnmacht ewig nicht mehr aufgewacht ware! Dann fiel ihm wieder ein, was jetzt seine Mariane leiden musse; und dann zerfloss ihm das Herz ganz in Wehmuth. Dann bethete er nur fur sie, und nicht fur sich. Gib mir nur den Tod, o Gott! sonst kenn ich keine Wohlthat mehr! Die haufigen Erschutterungen seiner Seele machten endlich alle Sehnen schlaff, und er sank in einen tiefen Schlummer, der bis den andern Morgen gegen acht Uhr daurte, als seine Aufwarterin auf die Kammer kam. Sie machte die Thure leise auf, und sah herein. Er wachte von dem Knarren der Thure auf. Was giebts? rief er. Wie befinden Sie sich? fragte das Madchen. So ziemlich! war die Antwort; mach sie mir nur Kaffee! Dann stand er auf, kleidete sich an, und gieng aufs Zimmer. Hier sah er Marianens Brief auf dem Tisch, und Josephs seinen auf der Erde liegen. Er raffte beyde schnell zusammen, und steckte sie ein. Er sah sich von ohngefahr im Spiegel, und erschrack uber seine Blasse. Ach Gott, seufzte er, machs nur bald ganz aus mit mir! Er wollte etwas nachdenken, ob er kein Mittel vor sich sehe, sich und Marianen zu retten? Aber es war ihm nicht moglich, nur etwas zusammenhangendes zu denken. Endlich setzte er sich nieder, an Kronhelm zu schreiben. Mit zitternder Hand schrieb er folgendes an ihn:

Liebster Bruder und Schwager!

Zu dir nehm ich meine Zuflucht; den einzigen, den ich nur auf Erden habe. Das Schicksal schlagt mich ganz Boden. Reich mir deine Hand! Aber welcher Mensch kann den Unglucklichen retten, der alles, ach, alles verlohren hat? Ach Geliebter, meine Mariane ist verlohren. Dieses sag dir alles! Sie ist eingeschlossen in ein Kloster, und ich weis den Ort nicht, wo sie jammert. Selbst ihr Vater war der Grausame, der sie verstiess. Menschen, Menschen! Welch ein Scheusal seyd wenn ich wusste, wo der Tod war, dass ich ihm entgegen gienge! Komm Geliebter, und erbarm dich meiner! Oder ich will selber kommen, und mein Leid bey dir verjammern. Gonn in deinem Hause mir ein Platzchen, und ein Grab auf deinem Acker! Denn in wenig Tagen wird das Grab mich rufen, und mir Ruhe geben in der Erde, weil ich auf der Erde sie nicht finden konnte. Sage meiner Schwester nichts von meinen Leiden, dass sich ihre Seele nicht zu sehr betrube! Mariane, Mariane! ach wo bist du, du Erwahlte meines Herzens, dass ich mit dir sterbe? Ach Geliebter, wenn du etwas von ihr hortest! Wenn ein Engel dir die Bothschaft brachte, wo sie jammert! Ich muss fliehen, denn ihr Vater will auch mich verfolgen. Darum eil ich zu dir. Nimm mich auf an deinen Busen! Nimm mich freundlich auf! Es wahrt nicht lange. Noch bin ich matt und kraftlos, denn die Todesbothschaft hat mich wie ein Sturm erschuttert, und mich hingeworfen, dass ich meine Kraft verlohr. Wenn ich wieder aufgestanden bin, dann eil ich zu dir. Ich kann nicht mehr schreiben; meine Augen sind voll Wasser, und mein Herz ist voll Jammers. Lebe wohl, mein Geliebter, habe Mitleid mir, und empfang mich freundlich, wenn ich komme! Sieh den Himmel an, und beth fur deinen armen

Siegwart.

Nachdem er diesen Brief auf dis Post geschickt hatte, befahl er der Aufwarterin, ihm von seinem Hauswirth die Rechnung machen zu lassen. Sie weinte, und fragte, ob er dann ganz wegreisen wolle? Nein, sagte er, aber wie leicht konnt ich sterben! Sie weinte noch heftiger. Er bezahlte drauf die Rechnung, und packte seine meisten Sachen in den Koffre, ohne selbst zu wissen, warum? Zuweilen liess er plotzlich alles liegen, setzte sich auf einen Stuhl, und weinte; oder zog Marianens Brief heraus, kusste ihn, las eine halbe Seite, legte ihn dann sorgfaltig wieder zusammen, und steckte ihn in seine Brieftasche. Als er eingepackt hatte, gieng er zu Dahlmund, kam aber, weil er ihn nicht zu Haus angetroffen hatte, nach einer halben Viertelstunde wieder nach Haus. Er wunschte sich nun keine Wohlthat, als jemand zu haben, in dessen Busen er seinen Schmerz ausschutten, und mit dem er gewissermassen seinen Jammer theilen konnte; aber keine solche Seele war fur ihn in Ingolstadt. Es fiel ihm ein, dass der geheime Rath von Kronhelm versprochen habe, ihm eine ansehnliche Bedienung zu verschaffen. Vielleicht, dachte er, stimmt dieses den Hofrath Fischer um. Ohne sich erst lange zu bedenken, gieng er aus dem Haus, und liess sich bey dem Hofrath melden, mit dem Anhang: Er habe viel wichtiges mit ihm zu reden. Der Bediente kam wieder mit dem Auftrag: Der Herr Hofrath musse sich erstaunlich wundern, wie er sich noch unterstehen konne, ihm unter die Augen treten zu wollen, da er wisse, wie schlecht er sich gegen ihn betragen habe. Er mochte sich ja in Acht nehmen, und dem Herrn Hofrath nicht zu nahe kommen! Es konnte schlimme Folgen fur ihn haben. Der Herr Hofrath werd ihn nie anhoren. Er habe nichts mit einem solchen Menschen zu reden, und das rathsamste ware, wenn er sich recht bald von Ingolstadt weg machte. Mit diesen Worten machte der Bediente die Hausthure auf, als ob er unserm Siegwart den Weg weisen wollte. Dieser gieng weg, und zitterte vor Zorn und Unwillen. Zu Haus stampfte er auf die Erde. Das sind Menschen! sagte er, und knirschte mit den Zahnen. Er weinte vor unterdruckter Wuth. Pfuy den Hundskerl! sagte er, und spie aus. So will ich mich denn auf keinen Menschen mehr verlassen! Keiner ist einen Heller werth, Pfuy! Je vornehmer, desto liederlicher und stolzer, Pfuy! Zuletzt gieng seine Verachtung wieder in Wehmuth und in Thranen uber. Er dachte sich seine Mariane, seinen Vater, und uberliess sich seinem Schmerz. Abends gieng er bald zu Bett, und konnte doch nicht schlafen. Er sprach mit sich selber, redete bald den einen, bald den andern von seinen Freunden an, und klagte ihnen seinen Jammer. Endlich fielen ihm Frau Held und Karoline ein, und, mit ihnen, der Gedanke, sie morgen zu besuchen; und bey ihnen wenigstens den Trost zu finden, seinem Schmerz durch Erzahlung etwas Luft zu machen. Dieser Gedanke beschaftigte ihn noch so lange, bis er endlich mit einem, ganz erleichterten Herzen, einschlief.

Kaum war er aufgewacht, so war dieses wieder sein erster Gedanke. Seine Seele strebt mit ungewohnlicher Sehnsucht nach dem Landhaus, und glaubte, da endlich Erleichterung zu finden. Er schloss alle seine Sachen ein, sagte der Aufwarterin, er werde erst in ein paar Tagen wieder kommen, und gieng.

Es war um neun Uhr und der Sommertag war schon, aber heiss. Er war eine halbe Stunde noch vom Landhaus, als er querfeldein einen Bauren stark gehen sah, der auf ihn zu kam. Es war sein Thomas. Guten Morgen, Herr! sagte er, ich hab Sie schon lang nichr mehr gesehen. Haben Sie uns ganz verlassen? Siegwart sagte, er sey verreist gewesen. Wo wollt ihr hin, Thomas? Ich will da nach der Stadt, und dieses Felleisen einem Herrn bringen, der gestern bey uns durchfuhr. Vermuthlich gehorts ihm. Ich Habs hinterm Dorf in einem Graben gefunden. Der Herr fuhr vor etlich Tagen fruh morgens durchs Dorf, und da war das Felleisen auf die Kutsche hinten aufgebunden. Er kutschierte selbst, und hatte zwey Jungfern im Wagen. Wo mir recht ist, so war eine davon die Jungfer, die bey der gestrengen Frau auf dem Schloss war, und die Sie unterm Arm fuhrten, als sie wieder weggiengen. Sie sah wol ganz bleich aus, und das Kutschenglas war vor, dass ichs nicht recht sehen konnte. Gott! Das ist Mariane! rief Siegwart. Wo ist sie hingefahren? Da aufs nachste Dorf zu, gleich drey Viertelstunden von uns. Ich hab doch nichts unrechts geredt, weil Sie so bleich druber werden? Nein Thomas. Wenn fuhr der Herr wieder zuruck? Wars nicht ein grosser hagrer Herr? Recht! Es war so ein durrer Herr! Gestern Abend nach acht Uhr sah ich ihn an meinem Haus vorbeyfahren. Und er kam wieder von dem Dorf her, wo er hingefahren war? Ja, Herr! das Dorf heisst Altmanstein, wenn Sie hin wollen. Es geht immer grad aus. Jedes Kind kanns Ihnen sagen. Adjeu, Thomas! sagte Siegwart, und lief eilends fort nach dem Dorf zu. Der Bauer sah ihm voller Verwunderung nach. Siegwart kam in Thomas Dorf an, fragte nach dem Weg nach Altmanstein und lief hastig fort. Nun glaubte er, auf der Spur zu seyn, und hoffte seine Mariane gewiss auszukundschaften. Seine ganze Seele war jetzt von diesem einzigen Gedanken voll. Er achtete nicht der grossen Sonnenhitze und des Schweisses, der ihm von den Wangen lief. In Altmanstein fragte er bey etlich Hausern, ob man nicht gestern eine Kutsche habe durchfahren sehn, und wo sie hergekommen sey? Ein altes Mutterchen gab ihm endlich Auskunft, und wies ihn auf das nachste Dorf rechter Hand. Hier liess er sich, weil er ganz abgemattet war, von einer Bauerin schwarzes Brod und frische Milch geben; erkundigte sich wieder nach dem Wagen, und erfuhr das nachste Dorf, wo er seinen Weg her genommen hatte. Alle Aussagen, und Beschreibungen der Personen, die beym Wagen gewesen waren, stimmten uberein; und liessen ihn gar nicht mehr zweifeln, dass es der Wagen mit Marianen gewesen sey. Nachdem er sich wieder etwas erholt hatte, gieng er in der grosten Mittagshitze weiter. Er achtete sie aber nicht, auch nicht, dass er sich die Fusse schon ganz wund gelaufen hatte. Seine Seele war auf Einen Punkt geheftet, und liess ihn alle aussere Eindrucke und Empfindungen vergessen. Er kam noch durch etlich Dorfer, wo er immer Nachricht vom Wagen bekam, und weiter gewiesen wurde. Gegen Abend fuhlte er endlich seine ausserste Entkraftung, und die Wunden an den Fusssohlen. Er sehnte sich nach dem nachsten Dorf, und konnte es kaum vor Mattigkeit erreichen. Bey der nachsten Hutte klopfte er an. Die Leute drinnen machten ihm auf, thaten sehr dienstfertig und mitleidig, als sie ihn so abgemattet sahen, und brachten ihm Brandewein, seine Fusse zu waschen. Als er fragte, ob er wol ein Nachtquartier bey ihnen haben konne? sagten sie willig Ja, und fugten hinzu: Wenn er nur vorlieb nehmen wolle, so konn er solang bey ihnen bleiben, bis er wieder frisch und gesund sey. Aus allem, was er sah, konnt er schliessen, dass die Leute sehr wohlhabend seyn. Es war ein Bauer mit seiner Frau und vier Kindern, davon das alteste ein Knabe von zehn Jahren, und das jungste ein Madchen von funf Jahren war. Auf der Bank herum sassen zween Knechte und drey Magde. Als Siegwart eine Milchsuppe und ein paar Eyer gegessen hatte, so gieng er wegen seiner grossen Mudigkeit zu Bette. Man fuhrte ihn eine Treppe hoch in eine ganz artige, auf Baurenart schon ausgeputzte Stube, wo ein reinliches Bette stand.

Wegen der grossen Hitze, und der heftigen Wallung seines Bluts, die durch seine starke Gemuthsbewegung noch vermehrt wurde, konnte er erst nach Mitternacht einschlafen. Den folgenden Morgen wachte er erst um neun Uhr auf, und fuhlte sich so matt, dass er mit vieler Muhe kaum allein aufstehen konnte. Als ihn die Bauerin unten horte, dass er wach ware, kam sie herauf, und erkundigte sich nach ihm. Sie bot sich an, beym Herrn Pfarrer Kaffee zu entlehnen, um ihm welchen zu machen. Er verbats aber, und liess sich eine Biersuppe machen. Eh er sie essen konnte, musste er sich wieder zu Bette legen, denn er ward ein paarmal halb ohnmachtig.

Er war sehr ungeduldig, dass er nun hier so unthatig liegen musste, und die beste Zeit, Marianen nachzuspuren, vorbeygehen lassen sollte. Die Baurin setzte sich neben ihm ans Bette, und war seinetwegen sehr besorgt. Als er sie versicherte dass er sich nun wieder etwas besser befinde, so fieng sie an: Es muss Ihnen wol sehr ubel in der Welt gegangen seyn, denn ich habs schon gemerkt, dass Sie recht betrubt sind, und immer nasse Augen haben. Man sollt denken, so einem Herrn, wie Sie sind, konnts an nichts fehlen. Sie haben ja ein schones Kleid, und sind sonst so wohl ausstaffirt, dass es eine Lust ist. Geld haben Sie auch genug, wie ich gestern sah, als Sie den Brandewein bezahlen wollten. Ach meine liebe Frau, sagte Siegwart, Geld und Gut macht allein nicht glucklich. Wenn man auch alles genung hat, so gibts noch tausend andre Leiden, die man einem nicht so sagen kann. Ich wollt ihr gern mein Geld und alles geben, wenn mir sonst geholfen werden konnte. Ja freylich, fiel sie ein, macht Geld und Gut allein nicht glucklich und drauf fieng sie eine lange Erzahlung an von ihrem ersten Mann, den sie sechs Jahre in ihrem ledigen Stand gekannt, und recht herzlich lieb gehabt habe. Sie hab immer nur gedacht, es konn ihr nichts mehr fehlen, wenn sis seine Frau sey. Endlich sey sies geworden, und hab ein Jahr lang mit ihm gelebt, wie die Engel im Himmel. Aber hier fieng sie an zu weinen der Tod hab ihn ihr genommen; sie sey untrostlich gewesen, und habe geglaubt, es sey kein Gluck auf der Welt mehr, bis ihr Gott ihren Kaspar zugefuhrt habe. Nun sey ihr seit eilf Jahren wieder recht wohl, und sie sehe wohl, dass man immer wieder glucklich werden konn, es mog mit einem auch aussehen, wie es wolle! und so muss' er eben auch denken! Ich will das beste hoffen, sagte er; aber ich weis nicht, wie mir geholfen werden kann? Hier weinte er, und die Baurin weinte herzlich mit. Nach einer Stunde, als er versichert hatte, dass er sich nun wieder weit besser befinde, gieng sie hinunter, um ihre Haushaltungsgeschafte zu verrichten. Er seufzte und betete zu Gott um Gesundheit oder Tod. Endlich langte er seine Brieftasche, und schrieb einen wehmuthigen und ruhrenden Aufsatz darein, wo er seine Mariane als gegenwartig anredete. Um Essenszeit, als er wieder ziemlich gestarkt war, gieng er in die Stube hinunter, wo ihm die Baurin ein recht gutes Essen zurichtete. Der Bauer war, weil es Sonnabend war, in das nachste Stadtchen gefahren, um Haber zu verkaufen. Nach dem Essen spielte Siegwart mit den Kindern, die sich gleich um ihn her machten. So ubel ihm auch zu Muthe war, so muste er doch ihre Spiele mitmachen, und zuweilen lacheln. Er sah einen Katechismus da liegen, und wollte den altern Knaben etwas drinn lesen lassen; aber dieser konnte noch kaum buchstabiren, und von der Religion wuste er noch nicht das geringste. So traurig siehts oft auf dem Lande mit dem Kinderunterricht aus. Siegwart erkundigte sich drauf nach allen umliegenden Klostern, und besonders nach den Nonnenklostern. Es war deren eine so grosse Menge, dass ihm bange ward, wie er das rechte ausfindig machen wollte. Was er anzufangen habe, wenn er dasjenige Kloster fande, in welchem Mariane war, daran hatte er noch gar nicht gedacht. In der angenehmen Dammerung setzte er sich mit der Baurin unter eine Linde vor dem Haus auf einen abgehauenen Baum. Sie war sehr besorgt, dass ihr Mann so lange nicht zuruckkomme. Er hat einen Fehler an sich, sagte sie, wenn er an einem Ort einmal ist, da kann er sobald nicht wieder wegkommen, und da guckt er oft zu tief ins Glasel. Sonst aber ists ein kreuzbraver Mann.

Siegwart sprach nicht viel, und sass in tiefer Wehmuth da. Er sah zum Himmel auf, wo nach und nach einzelne Sterne sichtbar wurden. Oft stieg sein Busen hoch, und ein lauter Seufzer brach hervor. So lebhaft hatte er, seit der traurigen Begebenheit, noch nie an seine Mariane, und an sein furchterliches Schicksal gedacht. Jetzt ubersah er es erst ganz, und schauderte vor der hofnungslosen Zukunft. Er wunschte sich nichts, als zu vergehen, und auf Einmal ewig aufzuhoren. Es ward ihm, als ob er Marianen wimmern horte, und wunschte, dass seine Seele aus dem Leib eilen mochte, um sie zu trosten! Die Baurin ward indess immer besorgter um ihren Mann. Sie stund einigemal auf, und gieng einige Hauser weit, ob sie noch nichts hore? Sie kam langsam wieder zuruck, und sagte: Noch nichts! Endlich horte man vor dem Dorf draussen einen Wagen stark rasseln, und ein lautes Juchzen. Gottlob! nun kommt er, sagte sie. Er fuhr in vollem Gallop ins Dorf herein. Wo bist du doch so lang, Kaspar? sagte sie. Ey was, Narr! sagte er, sprang vom Pferd, und schloss sie in den Arm; ich hab einen guten Kauf gethan. Heh, lustig, Herr! Hier hab ich ihm was! Indem zog er zwo Bouteillen Wein aus dem Zwerchsack. Komm er! nun wollen wir die Grillen verjagen! Siegwart mochte sich so sehr weigern, als er wollte; er muste noch eine Bouteille mit dem betrunkenen Bauren trinken, und konnt ihn kaum abhalten, die andre nicht auch noch anzubrechen. Er erzahlte ihm auf die verwirrteste Art allerley Geschichten aus der Stadt, und gieng endlich so betrunken zu Bette, dass er kaum allein gehen konnte.

Den andern Morgen gieng jedermann aus dem Haus, bis auf die Kinder in die Messe. Siegwart stand auf, und fuhlte sich fast ganz wieder hergestellt. Aber sein Gemuth war krank, und im Innersten verwundet. Er setzte sich, und schrieb mit vieler Ruhrung seine Empfindungen, die voll Andacht und voll tiefer Schwermuth waren, in sein Taschenbuch. Wahrend dass er schrieb, krabbelte etwas an der Thure. Er machte auf, und die beyden altern Kinder warens. Sie boten ihm die Hand, und wunschten ihm freundlich einen guten Morgen. Er setzte sich aufs Bett, und sah ihren unschuldigen Spielen zu. Gott! dachte er, wie vergnugt sind diese Kinder! Ehmals war ich auch so; warum blieb ich nicht ein Kind! Haben wir denn die Vernunft nur zu unserm Ungluck? War ich doch noch ein Kind! Er ward dabey so bewegt, dass ihm Thranen aus den Augen sturzten. Das andre Kind, ein Madchen von acht Jahren, sah es, und kam auf ihn zu. Es weinte auch, nahm seine Hand, stieg auf seinen Knien hinauf, um ihm die Thranen mit dem kleinen Handchen wegzuwischen, und sagte: Must nicht weinen! Hab ich dir denn was gethan? Ich bin ja brav. Der Knabe sprang auch herbey, blieb ein paar Schritte weit von ihm stehen, sah ihn mitleidig an, und sagte: Was fehlt dir, dass du so ein Gesicht machst? Soll ich dir Blumen holen? Ich hab schone im Garten. Du liebes Kind, dachte Siegwart, und setzte es aufs andre Knie; wenn mir Blumen helfen konnten! Ach guter Gott! mach mich wieder zum Kind! Deinen Kindern ist so wohl. Lass mich wieder Freude haben uber Blumen! Er neigte sich uber die beyden Kinder her, und weinte. Das Madchen spielte mit Marianens Ring an seinem Finger. Sie sah ihn an, als sie fragen wollte, ob sie ihn abziehen durfte? Nein, den must du mir lassen, gutes Kind, sagte er, das ist alles, was ich habe. Bald darauf kam die Mutter auf die Kammer. Der Knabe sprang auf sie zu, und sagte: Sieh, Mutter, er weint. Frag ihn, was ihm fehlt? Wir haben ihm gewiss nichts gethan; ich und Liese nicht. Lass nur seyn! antwortete die Mutter, ich weiss schon, was dem Herrn fehlt. Es ist Ihnen doch wieder besser, Herr? Siegwart versicherte sie, dass er nun wieder ganz gesund sey, und morgen weiter wolle. Nur zu Fuss? fiel die Frau ein. Siegwart antwortete mit Ja; weil er nicht mehr weit wolle, und wol wisse, dass die Bauren in der Erndte ihre Pferde besser brauchen. Drauf gieng er mit ihr hinunter in die Stube, wo auch Kaspar war. Auf den Nachmittag lud er unsern Siegwart aufs Freyschiessen ein, der endlich, um ihn zu beruhigen, wider Willen Ja sagen muste. Kaspar ass heut, nebst seiner Frau, mit Siegwart, weil er gestern, wie er sagte, seinen Haber so gut an Mann gebracht habe. Sie tranken miteinander die andere Bouteille Wein, die der Bauer gestern mitgebracht hatte. Siegwart vergass bey seiner Geschwatzigkeit eine Zeitlang seiner eignen Leiden, und gewann das Zutrauen der beyden Leute ganz. Den Nachmittag muste er mit zum Freyschiessen. Kaspar gab ihm auch eine Kugelbuchse mit, und er muste mit schiessen. Die Bauren erwiesen ihm viele Ehre, und nannten ihn Junker. Er gewann das Beste, welches in etlichen Gulden bestand. Er wollt es wieder ausschiessen lassen, als die Bauren dies nicht zugaben, so hielt er sie alle in Bier und Brandewein frey. Daruber wurden sie ganz munter, und tranken alle Augenblikke seine Gesundheit. Als er mit Kaspar weggieng, ward er bis vor sein Haus hin mit Musik, einem Dudelsack und zwo Violinen begleitet. As er sagte, dass er morgen weiter wolle, wollte ihn Kaspar durchaus zu Pferd begleiten, aber Siegwart nahm es nicht an. Er wollte, die Baurin sollte ihm die Rechnung machen fur das, was er bey ihnen verzehrt hatte. Anfangs wollte sie es gar nicht thun. Zuletzt foderte sie etwas weniges. Siegwart gabs, und steckte noch jedem Kind einen Sechsbatzner in die Hand.

Den andern Morgen um 5 Uhr stand er auf, und fuhlte seine Gesundheit vollig wieder hergestellt. Die Baurin wunschte ihm mit Thranen tausend Gluck auf den Weg. Kaspar begleitete ihn bis vors Dorf hinaus, und wies ihm den nachsten Weg. Auf dem ersten Dorf konnt er lange nichts von Marianens Wagen erfahren; endlich fand er einen Bauer, der ihn gesehen hatte, und ihm das Dorf nannte, wo er hergekommen war. Noch in zwey Dorfern bekam er Nachricht. Endlich im dritten wollte niemand weiter etwas gesehen haben. Nur eine Frau sagte: Abends um Eilf Uhr habe sie vor etlich Tagen etwas durchs Dorfs fahren horen. Sie hade hinausgesehen, und da seys eine Kutsche gewesen, die aufs nachste Dorf zu, das sie nannte, gefahren sey. Man geh durch einen dicken Tannenwald durch, und es sey eine gute Stunde dahin. Erst musse man sich, wenn man halb im Wald sey, rechts, dann links, dann wieder rechts hinum schlagen. Siegwart war auf diese Anweisung wenig aufmerksam. Er war zufrieden, dass er etwas von dem Wagen gehort hatte, und gieng wieder weiter. Durch allerley Phantasien und Traumereyen, dass er nun bald seine Mariane wieder finden werde, vertiefte er sich so in Gedanken, dass er gar nicht mehr auf den Weg Acht gab, und schon ziemlich tief im dicken Tannenwalde war, als ihm einfiel, ob er wol auch auf dem rechten Wege sey? Der Fusspfad, auf dem er gieng, war schmal, oft verlohr er ihn, wo die Nadeln von den Tannenbaumen haufiger lagen, fast ganz. Er ward nun etwas besorgt, denn der Wald war dick, dass man nirgends hinaussehen konnte. Endlich theilte sich sein Weg, und er wuste lang nicht, welchen Pfad er wahlen sollte? Endlich gieng er den zur Rechten, weil ihm nur noch dunkel im Gedachtniss schwebte, dass die Frau gesagt habe, er musse rechter Hand gehen! Nach einer Stunde verlohr sich sein Fusspfad ganz. Er gieng hin und her, vor- und ruckwarts, und fand nirgend keine Spur. Endlich gieng er in der Ungeduld auf Gerathewohl gerade fort. Der Wald ward immer dicker, und unwegsamer, weil, neben den hohen Fichten, viel niedriges Tannenreiss wuchs. Horen konnt er auch weder die Glocken in einem Dorf, noch sonst einen Laut von Menschen, weil die, etwas laute Luft durch die Tannenwipfel wie ein grosser Strom dahin rauschte. Zuweilen machte ihn das ubrige tiefe Schweigen, die Abgeschiedenheit von allen lebenden Geschopfen denn kein Vogel war im Wald und das Dunkel, durch das kaum ein Sonnenstral dringen konnte, sehr wehmuthig, dass ihm Thranen aus den Augen auf das Moos sturzten. Dann ward er wieder verdrusslich und zaghaft, weil er gar kein Ende des Waldes sah. Wenn es auch zuweilen etwas hell sah, so kams doch nur daher, dass die Fichten etwas dunner standen; hinten schloss sich gleich wieder ein grosseres Dickicht an. Dabey ward er von dem muhsamen Hin- und Herirren immer matter und kraftloser. Ein paarmal setzte er sich auf das etwas erhohte Moos nieder, sah auf die Uhr, und fand, dass es schon auf drey Uhr gehe. Er stutzte den Kopf in beyde Hande, und dachte: Ach Mariane, wenn wir hier in dieser Wildnis, und von Menschen abgesondert lebten, die grostentheils so niedertrachtig sind! Ach, mein Kleist hat Recht: Ein wahrer Mensch muss fern von Menschen seyn! Wenn in dieser seligen und stillen Ruhe unser Leben unbemerkt, unbeneidet, ungekrankt, dahin flosse! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier warest! Aber du traurst und weinst Gott weiss, wo? in irgend einem Winkel zwischen dunkeln Mauren um deinen armen Siegwart und verseufzst dein Leben. Ach, wenn ich dich hier an meinen Busen schliessen, und dich trosten konnte, wo kein Mensch wohnt, wo nur Engel unsre Liebe sehen und sich ihrer freuen wurden! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier warst! Aber ich verschmacht in dieser Wildnis, und kein Mensch beweint mich, und kein Engel kann mich retten! Gott, ach Gott, erhalt mich meiner Mariane!

So dachte er, stund dann wieder auf, und gieng weiter. Je tiefer die Sonn am Himmel hinunter sank, desto dunkler wards im Tannenwald, so dass ihm endlich zu grauen anfieng. Je langer er umher lief, desto weiter verlohr er sich im Wald, und er wollte schon dran verzweifeln, sich jemals wieder herauszufinden, als er endlich unter dem dicksten Tannengebusch eine Hutte wahrnahm. Bey diesem Anblick ward ihm, als ob ein Engel ihm erschiene. Er eilte auf die Hutte zu, fand aber die Thure verschlossen. Er ward daruber sehr betroffen, doch hoffte er, dass ihr Besitzer bald zuruckkommen wurde, und setzte sich auf die gegenuber angelegte Rasenbank. Die Hutte war fast blos von Erde aufgebaut, das Dach mit Tannenreiss bedeckt, und statt der Fenster waren an der Seite nur ein paar kleine Oeffnungen. Um das Haus herum war ein freyer Platz, wo etwas Kuchengewachse, und auf der andern Seite einige, jung heranwachsende Fruchtbaume standen. Ein paar Kirschbaume hiengen schon voll Fruchte, die, wegen der Dunkelheit des Waldes erst jetzt reiften. Siegwart konnte sich nicht zuruckhalten, einige davon an den untersten Aesten abzupflucken, denn er war vom Hunger und Durst zu sehr abgemattet, und ausgemergelt. Eine halbe Stunde drauf kam endlich ein Einsiedler, in tiefen Betrachtungen verlohren, unter den dunkeln Tannen hergeschlichen. Siegwart stand ehrerbietig auf. Der Einsiedler erstaunte, als er einen Menschen in seiner Einode wahrnahm. Anfangs war er so betroffen, dass er nicht reden konnte. Endlich gieng er auf Siegwart freundlich zu, und sagte: Sie sind gewiss ein Unglucklicher, dass Sie in diese abgelegne Gegend kommen? Ja, antwortete Siegwart, ich bin verirrt, und laufe schon den ganzen Tag in diesem Wald umher. Armer Jungling! versetzte der Einsiedler, Sie werden wol sehr abgemattet seyn? Ich will Ihnen bringen, was ich habe. Mit diesen Worten schloss er seine Thur auf, brachte etwas Brod und Kase heraus, und pfluckte ihm Kirschen von den Baumen ab. Er brachte auch einen Krug mit Wasser, und setzte sich neben unserm Siegwart hin. Als sich dieser etwas erfrischt hatte, betrachtete er den Einsiedler genauer, und fand, dass er ein Mann nicht viel uber dreysig war, obgleich sein Gesicht von innerlichem Kummer sehr abgezehrt zu seyn schien. In seinem dustern Auge war ein Ueberrest von unterdrucktem Feuer, und aus dem ganzen Gesicht sprach viel Edles. Ueberhaupt verrieth sein ganzes Betragen, und auch seine Sprache einen Mann von nicht geringem Herkommen. Und wie kommen Sie in diesen Wald, sagte er, wenn ich fragen darf? Ich wollte, antwortete Siegwart, nach, nach Ja, nun hab ich den Namen des Dorfs vergessen, und da must ich durch den Wald gehn, und vertiefte mich in meinen Gedanken, und verlohr den Weg, und konnte mich, trotz alles Suchens doch nicht mehr heraus finden. Das glaub ich, versetzte der Einsiedler; der Wald ist erstaunlich gross, zumal in die Lange. Jetzt wirklich meine Hutte ist vom nachsten Dorf zwo Stunden weit entfernt, und ich habe hier seit Jahr und Tag keinen Menschen gesehen. Sie sahen mirs auch wol an, wie ich uber Ihren Anblick so besturzt war. Sie kommen wol von einer Universitat her? Ja, von Ingolstadt, war Siegwarts Antwort. Beyde schwiegen nun eine Zeitlang still, und schienen in tiefe Wehmuth zu versinken. Siegwart betrachtete zuweilen den Einsiedler seitwarts, und bemerkte tiefe Zuge der Schwermuth in seinem Gesicht eingegraben. Je gewisser er uberzeugt ward, dass er ein Unglucklicher seyn musse, desto mehr Zuneigung fuhlte er bey sich gegen ihn; desto mehr wunschte er, sein Herz vor ihm ausschutten zu konnen. Aber eine gewisse ehrerbietige Schuchternheit hielt ihn zuruck, wenn er oft schon den Mund offnen, und ihm seine Geschichte entdekken wollte. Sie leben wohl, fieng er endlich an, an diesem stillen einsamen Aufenthalt recht ruhig und zufrieden?

Einsiedler. Was der Ort dazu beytragen kann, das thut er, wenns nicht innre Sturme gibt.

Siegwart. Freylich kommts allein auf unser Herz, und nicht aufs Aeussre an, ob man ruhig und zufrieden lebt! Aber ich denke doch, je weiter man von Menschen lebt, desto mehr innre Ruhe hat man.

Einsiedler. Recht, mein Lieber! Es scheint, wir haben einerley Grundsatze. Aber es gibt auch verschiedne Grunde, warum man sich von aller menschlichen Gesellschaft los macht.

Siegwart. Liebe zur Ruhe ists doch immer, wie mich deucht ...

Einsiedler. Und Sehnsucht nach Ruhe; oder dass man sie an andern Oertern sucht, wenn man sie nicht in sich selbst hat. Und das, scheint mir, ist sehr oft der Fall. (Hier seufzte er.)

Siegwart. Leider! mag ers nur zu oft seyn! Vielleicht sehen Sie mirs an, dass ich auch die Ruhe ausser mir aussuche. Ach, mein theurer Vater, darf ich Ihnen mich entdecken? Vielleicht wissen Sie ein Lindrungsmittel; und ich weiss, Sie wurdens mir nicht vorenthalten.

Einsiedler. Nein gewiss nicht! wenigstens werden Sie mein Mitleid haben, wenns nichts weiter ist. Ich will Ihnen Ihr Geheimnis nicht abdringen. Oft ists Grausamkeit. Aber wenn Sie mir es freywillig entdekken wollen, so wirds mich freuen. Ich werde wenigstens Ihr Zutrauen nicht missbrauchen.

Siegwart erzahlte ihm nun seine ganze Geschichte. Der Einsiedler ward oft stark dabey erschuttert, und vergoss viele Thranen. An manchen Austritten nahm er besonders Theil. Zuletzt umarmte er unsern Siegwart mit den Worten: Du bist ein edler Jungling, und verdienst mein ganzes Mitleid. Oft war mirs bey deiner Erzahlung, als ob ich meine eigene Geschichte horte; nur dass diese noch schrecklicher und trauriger ist. Ich bin dir nun auch Zutrauen schuldig. Morgen sollst du meine Geschichte horen. Heut ists schon zu spat, und der Abend ist sehr kuhl. Du bist mud; deine Erzahlung hat dich, wie ich sehe, heftig angegriffen, und du hast des Schlafs und der Ruhe nothig. Komm! Ich fuhre dich in die Kammer.

Siegwart muste, so sehr er sich auch weigerte, in der kleinen Kammer, in dem eignen Bett des Einsiedlers schlafen. Ich schlafe draussen, sagte er, in meiner Hutte; du hast der Ruhe und der Warme nothiger als ich. Mach keine Umstande! Schlaf wohl! Mit diesen Worten gieng er, und liess ihm das Licht in der Kammer.

Als Siegwart eben in das Bette gehen wollte nahm er das Bildnis eines Madchens wahr, das dem Bette gegen uber hieng. Er betrachtete es, mit dem Licht in der Hand, genauer, und fand ein schones, sanftes Gesicht mit schmachtenden blauen Augen, dem Wiederschein einer himmlischen, Seele. Er sah es lang mit Entzucken und mit Ruhrung an, dachte dabey an seine Mariane, weinte, und gieng endlich, voll wehmuthiger Gedanken, zu Bette. Auf die Ermattung des Tages schlief er ruhig, und wachte auf, als schon seitwarts durch die Tannenbaume einige gebrochne Sonnenstrahlen in die kleine Kammer schienen. Er stund auf, sah das Bild wieder eine halbe Stunde lang, unbeweglich an, kleidete sich drauf an, und gieng vor die Hutte, wo der Einsiedler tiefsinnig und traurig auf der Rasenbank sass.

Haben Sie wohl geschlafen, theurer Vater? fragte Siegwart. Red mehr die Sprache der Vertraulichkeit, sagte dieser, und nenn mich Du! Wir sind beyde unglucklich; und Ungluckliche sind sich naher, und noch mehr Bruder, als andre Menschen. Du siehst heute frischer aus. Hast du gut geschlafen? Setz dich zu mir, auf den Rasen! Wir wollen erst miteinander bethen! Er betete mit hoher Andacht, und heiligem Feuer, dass die Seele unsers Siegwart ganz erschuttert, und zum Himmel empor gehoben wurde. Drauf nahm der Einsiedler seine Hand, und hub an:

Deine Geschichte hat mich tief geruhrt; sie gieng mir bestandig nach, und ich konnte fast die ganze Nacht nicht davor schlafen. Du hast viel gelitten, Lieber; aber starke dich! Du kannst noch vieles auf der Welt erfahren. Ich hoffe, dass du Glauben an Gott hast. Bey allen Leiden, die ich ausgestanden habe und es sind gewiss recht viele hab ich das gelernt: Ohne Glauben an Gott und an sich selbst konnte man kein schweres Leiden uberstehen. Selbstmord und Verzweiflung ware stets die letzte Zuflucht, und sie ists auch, leider! bey so vielen. Wer an Menschen glaubt, der wird zu Schanden, wie du schon erfahren hast. Ich traute mir, und noch mehr andern Menschen alles zu; ich glaubte, mir allein helfen zu mussen, und ach Gott! Wie tief bin ich gefallen! Ich sah den Himmel an, und alle Sterne, dass sich ihre Menge nicht verwirrt. Ich sah Sturm und Blitz, und Donner aufstehn; sah die Elemente miteinander kriegen, und doch alles bleiben, wie es war. Ich sah Menschen miteinander kriegen; sah, wie immer einer gegen den andern ist; sah in mir und andern alles miteinander kampfen; Leidenschaften in der Seele toben, dass es schien, sie muste aufgerieben werden und doch blieb im Menschen Ordnung; Nach den tausend Sturmen kam doch wieder Ruhe; und ich huss mich auf, und sah gen Himmel, fuhlt es, dass nicht nur ein Gott im Himmel wohnte, sondern auch ein Gott, der alles kann, und alles ordnet, und die Wirrungen zertheilt, und wieder Eins macht, und mein Herz fieng an zu glauben. Und ich faste Muth, und fuhlt' an meinen Kraften, dass sie mir nicht so umsonst gegeben sind; und ich fieng an, sie zu brauchen, und ich fuhlte mich gestarkt. Ich uberwand mein Herz, wenn es verzagen wollte, mit Hoffnung, und fester Zuversicht, und fand, dass dem Glauben alle Dinge moglich sind. Mach du den Gedanken dir zur Stutze, dass du nicht alleine wurkest, du magst stark, oder schwach seyn! Dann mein Lieber! wirst du auch im strangsten Kampfe nie verzagen.

Und nun meine Geschichte. Du bist der erste dem ich sie erzale. Ach, sie wird mich tausend Thranen kosten. Du wirst mit mir weinen. Thust du dieses recht von Herzen, so bin ich uberzeugt, du wirst sie beiner Seele, die sie missbrauchen konnte, offenbahren.

Ich bin ein Edelmann, und hab im Krieg gedient: du hast das Madchenbild gesehen, das in meiner Kammer hangt. Du bist der erste, der in meine Kammer kam, und es gesehen hat. Ihr Gesicht sagt dir alles; malt dir ihre ganze Seele ab. Ich liebte sie, wie du deine Mariane liebest, und ihr Herz war mein, wie Marianens ihrs dein ist. Der Krieg rief mich von ihr. Meine Mutter fieng die Briefe auf, die ich ihr aus dem Feld geschrieben hatte, und sagte meiner Theuren, dass ich untreu sey. Sie ward krank und wahnwitzig, und schloss sich, als sie besser ward, in ein Kloster ein. Ich kam heim; erfuhrs; glaubte nicht; verzweifelte, und erstach meine Mutter; und mein Engel starb.

Als Siegwart diese Erzahlung, die der Einsiedler weit umstandlicher vortrug, horte; rief er aus: Herr Jesus! Heissest du nicht Ferdinand? Ja, rief der Einsiedler; kennst du mich? Ich kenne dich! meine Schwester war beym Tode deines Madchens. Unglucklicher Mann! Ich kenne dich! Nun so erzahl mir alles! rief der Einsiedler. Reiss noch einmal alle Wunden meines Herzens auf!

Siegwart erzahlte ihm nun alles, was ihm seine Schwester von der Baronessin erzahlt hatte. Siehst du, rief der Einsiedler, dieser Ferdinand, dieser Elende, dieser Verworfne bin ich! Verdamm mich nun! Verfluch mich! Thu was du willst! Ich bin alles werth! Gott, wie konnt ich das? versetzte Siegwart. Bedauren und beweinen kann ich dich. Mehr nicht, unglucklicher Mann! Du bist ein Mensch gewesen, mehr nicht. Gott weiss, was ich, an deinem Platz, wurde gethan haben?

Der Einsiedler umarmte ihn. Hor! ich schwor es dir! Du bist noch ein Mensch! Du weist noch, was ein Mensch kann, und nicht kann. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet werden! Das hat Gott gesagt, und du befolgst es. Lass dich fester an mein Herz drucken! Du bist mir ein Engel Gottes!

Nach vielen Thranen und Umarmungen setzte der Einsiedler seine Erzahlung also fort:

Meine Mutter war erschlagen. Ich wust es kaum, dass ichs gethan hatte, und erfuhr es erst nach ein paar Tagen von meinem Bedienten, der mich im Wald aussuchte, wohin ich mich gefluchtet hatte. Ich wollte verzweifeln. Es war, als ob mir Gottes Rache nachsetzte. Mein Bedienter lag mir an, aus dem Land zu gehn; ich wollte nicht. Hatt er mich nicht zuruckgehalten, so hatt ich mich bey der Obrigkeit als einen Muttermorder angegeben. Zweymal wollt ich mich in die Donau sturzen. Einmal war ich schon bey Nacht darinn. Er warf sich mit seinem Pferd ins Wasser, und rettete mich noch. Nun sah ich auf Einmal den Abgrund, an dem ich herumgetaumelt hatte. Ich fuhlte die Schwere des Verbrechens, das ich noch der Last meiner Sunden hatte beylegen wollen. Ich verfiel in tiefe Schwermuth und Unthatigkeit, und liess mich von ihm lenken, wie er wollte. Er uberredete mich, aus dem Land zu fluchten. Ich wollte bey den Preussen Kriegsdienste nehmen, und machte mich mit ihm bey Nacht auf den Weg, nachdem er mir, durch Vermittelung meines Bruders, hinlanglich Geld verschafft hatte. Die zweyte Nacht verirrten wir uns in diesem Wald, und befanden uns am Morgen drauf hier. Diese Dunkelheit und Stille war ganz fur meinen Zustand und fur meinen Gram gemacht. Hier will ich bleiben, sagt ich, stieg von meinem Pferd ab, und steckte meinen Stock mit den Worten in die Erde: Hier soll mein Grab seyn, und unter jenem Baum dort meine Hutte. Mein Bedienter hielt diess wieder fur einen Einfall, wie ich schon viel gehabt hatte, und wovon er mich immer wieder abzubringen wuste. Aber diessmal war sein Zureden vergeblich. Ein geheimer Zug hielt mich an diesem Ort fest. Was wollen Sie denn werden? sagte er. Nichts, antwortete ich; genug ich will hier bleiben, und mir eine Hutte bauen. Als er sah, dass ich schlechterdings nicht davon abzubringen war; so sagte er: wenn Sie denn nicht anders wollen, so ists am besten, wenn wir eine Einsiedeley anlegen, und Waldbruder werden. Gut, das meyn ich eben, war meine Annwort; lass uns nur eine Hutte bauen! Er erbot sich, weil man ihn in dieser Gegend wenig oder gar nicht kannte, nach dem nachsten Dorf, das er finden konnte, zu reiten, die Pferde zu verkaufen, und sich ein Grabscheit, eine Axt, und einige andre Bauwerkzeuge, und etwas Nahrungsmittel zu kaufen. Wahrend, dass er weg war, zeichnete ich den Platz zu der Hutte aus, bog einige Tannenzweig, zusammen, dass sie eine Art von Laube gaben, unter der wir uns zur Noth so lang aufhalten konnten, bis die Hutte fertig ware. Er kam erst spat gegen Abend wieder, denn er hatte sich erst mit den Pferden kaum aus dem Wald finden konnen, und den Ruckweg fand er fast gar nicht mehr. Er sagte mir, das nachste Dorf liege zwo Stunden weit vom Walde; Er habe sich auch von ferne nach dem Wald erkundigt, und erfahren, er sey bayerisch; aber es wage sich nicht leicht ein Bauer tief hinein, weil man vor einigen Jahren einen Kerl, der sich selbst erhenkt hatte, darinn begraben habe, und da sey nun die allgemeine Sage, er geh im Wald um, und thu den Leuten allerley Spuck an; wir konnten also hier ganz sicher wohnen. Er brachte einen Zwerchsack voll Brod und Kase, und allerley Bauwerkzeuge mit. Den andern Tag hauten wir einige junge Tannen ab, schlugen davon vier Pfahle in die Erde, gruben die Erde auf; flochten Wande voll schlankem Tannenreiss, verklebten sie mit Leim, legten etlich Stangen quer uber die Hutte, machten ein Dach von Tannenreiss, und waren in etlich Tagen mit unsrer Wohnung fertig. Den Platz dort gruben wir zu einem Kohlgartchen um. Mein Heinrich kaufte auf dem Dorf Samen, die sehr gut gedeihten, so dass wir im Herbst schon Kohl und Ruben und dergleichen hatten. Er brachte auch zwo Waldbruderkleidungen mit, fur mich, und ihn. Im Herbst kaufte er die Obstbaume, die du hier gepflanzet siehst. Sie sind nun bald zwolf Jahr alt, und gedeihen, gottlob! gut. Wir richteten uns jeden Tag bequemer ein, saeten auch etwas Winterfrucht aus, so dass wir nun nicht mehr so oft etwas aus dem Dorf brauchten. Man erfuhrs in den umliegenden Dorfern bald, dass zwey Einsiedler hier im Walde wohnten. Die Bauren gaben meinem Heinrich haufig Almosen; abe heraus in den Wald wagte sich selbst keiner, wegen der Sage vom erhenkten Kerl, die sich dadurch noch mehr bestarkte, weil mein Hein ich die List gebraucht hatte, etlichemal, sowol bey Tag, als auch bey Nacht im Wald herumzulaufen, und erbarmlich zu heulen, welches man fur ein Gewinsel des erhenkten Kerls hielt. Hier leb ich nun seit ungefahr zwolf Jahren, so glucklich als es ein Mensch bey meinem Gemuthszustand seyn kann. Anfangs hatt ich oft grosse Beangstigungen. Bald sah ich das Bild meiner ermordeten Mutter, und gerieth in Seelenangste; bald den Schatten meiner unvergesslichen Geliebten. Zweymal war ich, eh sie noch gestorben war, und eh ich in den Wald kam, im Klostergarten gewesen, um sie zu entfuhren; aber es war, als ob mich Gottes Hand zuruckgehalten hatte. Meine Stunden sind hier zwischen Gebeth und Andachtsubungen, und Thranen bittrer Reue getheilt. Ich kasieye meinen Leib, nicht als ob ich glaubte, Gott genug damit zu thun meine Sunden kann ich selber durch nichts abbussen sondern weil ich weiss, dass ich nichts als Qual und Schmerzen auf der Welt verdienet habe. Ich habe doch noch mehr Freuden, als ich werth bin, denn meine That ist furchterlich, so sehr ich auch dazu gereizt war. Aber Gott weiss, wie ich jeden Tag und jede Nacht vor ihm in Thranen liege, und ihm meine Schuld bekenne. Den Menschen wurd ich gerne dienen, wenn ich nur, ohne Gefahr, unter ihnen leben konnte. Und mich selbst als einen Morder anzugeben, halt ich jezt auch nicht mehr fur rathsam. Meiner ganzen Familie wurd ich dadurch aufs neu einen unaussprechlichen Schmerz verursachen; hier hingegen schad ich keinem Menschen nichts, und kann doch meine Seele taglich mehr auf die Ewigkeit bereiten. Ich kann keine Belohnung erwarten. Ach Gott! wenn ich nur um des Versohners willen, von den Strafen meines graulichen Verbrechens frey gesprochen werde! Ich glaube, dass es nicht mehr lange mit mir auf der Welt dauren wird, und dass ich bald meinem Heinrich nachfolgen werde. Sieben Jahre lang lebt ich mit der guten Seele. Ich war kaum hier etwas eingerichtet, so lag ich ihm Tag und Nacht recht herzlich, oft mit Thranen an, sein Gluck in der Welt zu suchen. Ich bot ihm alle mein Geld an, das mir schlechterdings ganz unnutz war. Ich stellt ihm vor, dass er ja nichts verbrochen hab, und also meine Schuld nicht mit tragen konnte. Aber alles war vergebens. Er wollte mit mir leben und sterben, und sagte: dass er nun auch der Welt uberdrussig sey, wo ich soviel Hundsfutter angetroffen habe, und er woll mir dienen. Ich warf ihm noch ein: ich brauche keinen Dienst; mein kleines Platzchen konn ich selbst bebauen, und auch sicher im Dorf gehen, wenn ich etwas nothig habe, weil mich da, besonders wegen meines langen Barts, kein Mensch erkenne, wie ich denn auch wirklich einigemal mit ihm ins Dorf gewesen war. Erst nach einem Jahr, da ich ihm bestandig angelegen hatte, liess er sich bewegen mich zu verlassen. Er nahm mit tausend Thranen von mir Abschied; und sagte, dass er blos mir zu Gefallen gehen wolle, weil ich ihn so sehr darum bitte; er wiss' aber, dass es mich gereuen werde. Von dem Geld nahm er, ungeachtet meines Dringens, nur die Halfte mit. Er sagte, es sey ihm, als ob er in die Holle zuruckkehren sollte. Er wisse nicht, wo er sich hinwenden must, und werde mich gewiss oft besuchen. Ich glaubte, er sage dieses alles nur um meinetwillen, um mich zu bewegen, ihn zu meiner Erleichterung bey mir zu behalten.

Es ist wahr, es gieng mir nah, den guten Kerl zu verlieren. Anfangs war mir die ganzliche Einsamkeit fast unertraglich. Nach und nach gewohnt' ich mich daran. Es war noch kein Vierteljahr verflossen, da kam er eines Morgens zu mir. Herr, sagte er, ich komme wieder; aber nicht nur auf einen Besuch. Sie mussen mich bey sich behalten; Sie mogen un wollen, oder nicht! Ich kanns in der vertrackten Welt nicht langer aushalten. Das sind mir Menschen! Man kommt schlechterdings auf einen grunen Zweig, wenn man nicht ein Spitzbube werden will. Ueberall ist nichts, als Lug und Trug. Man muss entweder sich betrugen lassen oder elbst betrugen. Keins von beyden mag ich! Warum sollt ich mich alle Tage halb zu Tod argern? Da hatt ich mir mit dem Geld, das Sie mir gegeben hatten, eine Dorfschenke gekauft. Furs erste must ich schon weit mehr dafur bezahlen, als sie werth war, und dann hatt ich nichts, als taglich Aerlei und Verdruss. Das Saufen und Larmen nahm kein Ende; taglich must ich die argerlichsten Dinge mit ansehen, und mit anhoren. Beym Spiel sah ich immer einen den andern betrugen; beym Trunk gabs nichts als Handel; kurz einer ist immer gegen den andern. Da verkauft ich meine Wirthschaft wieder an einen armen Schlucker, ders wol brauchen konnte, denn er hat nicht mehr als neun Kinder zu ernahren; nahm meinen Wanderstab, und bin nun wieder hier. Mein Lebtag will ich nun nichts mehr mit Menschen zu thun haben. Bey Ihnen ist mir wohl, denn ich weiss, dass fies ehrlich meynen; ob Ihnen gleich auch alles in der Welt schief ging. Ich nahm den guten Kerl mit Freuden wieder auf, denn ich konnt ihm nicht ganz Unrecht geben. Wir lebten im Frieden miteinander, bis ungefahr vor funf Jahren; da bekam er ein hitziges Fieber, und starb. Ich hab ihn hier begraben, und wir sitzen hier auf seinem Grab. Jezt leb ich so mein Leben hier, bis es Gott gefallen wird, mich auch abzurufen.

Beyde schwiegen eine Zeitlang stilt. Siegwart war sehr bewegt. Endlich sagte er, wenn ich meine Mariane nicht mehr finde, und du nimm so mich auf, so bring ich auch meine Lebenszeit bey dir zu. Ich bin noch jung, aber ich habe schon gnug in der Welt geduldet, und nach den vielen Sturmen wird sich mein Leib auch nicht lange mehr ausrecht erhalten.

Ferdinand sagte, dass er ihn mit Freuden aufnehmen werde. Er soll sich aber wohl bedenken; er habe noch Verwandte, denen er Freude machen konne, und konn' uberhaupt den Menschen noch viel dienen, welches bey ihm der Fall nicht sey. Ich muss frisches Wasser holen. Willst du mit mir. Sie giengen ohngefahr 50 Schritte weit von der Hutte an einen etwas vertieften Ort, wo eine klare Quelle hervor strudelte. Siegwart liess sich uberreden, diesen Tag noch bey dem Einsiedler zu bleiben, um sich von seiner Ermattung wieder zu erholen. Ferdinand wiess ihm seine Einrichtungen, wie er im Sommer anbaue, wie er sich im Winter fortbringe etc. Sie sprachen viel uber die Verhaltnisse in der Welt, dass sie gewohnlich den Menschen mehr unglucklich, als glucklich machen, besonders uber Stand und Vermogen. Ferdinand gab ihm allerley gute Lehren, wegen Marianens, wenn er sie wieder finden sollte, und so brach unvermerkt der Abend an.

Sie sassen auf der Rasenbank, als sie plotzlich ein Gerausch in der Nahe horten, und einen Reuter heran sprengen sahen, welches Marx war. Sind Sie da? rief er; nun Gottlob! und eilends ritt er weg. Der Einsiedler sah unsern Siegwart voll Erstaunen an. Sey unbesorgt! sagte dieser. Der Kerl ist meines Schwagers Bedienter. Vermuthmuthlich, soll er mich aufsuchen. Aber warum er so plotzlich wieder weggeritten in? kann ich nicht begreifen. Indem kam Marx wieder mit seinem Herrn, Kronhelm, der auch zu Pferd war. Kronhelm sprang von seinem Pferd, und umarmte Siegwart stillschweigend. Was treibst du? fing er endlich an. Ich suche dich seit zwey Tagen im Land herum, bis man mir von einem Einsiedler sagte, bey dem du vielleicht warest. Ja, hatt ich den Bauer nicht angetroffen, sagte Marx, der mir Bescheid gesagt hat, wir ritten noch im Nebel herum. Kronhelm gruste nun erst den Einsiedler, und liess sich von seinem Schwager erzahlen, wie's ihm gegangen sey, und wie er sich verirrt habe. Das beste ist, sagte endlich Kronhelm, wir reiten jezt gleich aufs nachste Dorf, um da zu ubernachten. Siegwart wollte Schwierigkeiten machen, aber Kronhelm nahms nicht an. Marx muste von seinem Pferd steigen, und Siegwart setzte sich darauf. Er ging mit dem Einsiedler voran, und wies den Weg aus dem Holz. Als sie an den Ausgang des Waldes kamen, nahm der Einsiedler Abschied. Siegwart sprang vom Pferd, kusste und druckte seinen lieben Ferdinand mit tausend Thranen, und versprach ihm noch einmal, zu ihm in seine Einsiedeley zu kommen, wenn er seine Mariane nicht mehr finde. Drauf ritt er mit seinem Kronhelm weiter, und ruhmte ihm die Freundschaft, die der Einsiedler fur ihn gehabt hatte; er erzahlte ihm auch soviel von seiner Geschichte, als er glaubte, dass ihm, nach seinem gethanen Versprechen der Verschwiegenheit, erlaubt ware. Auf dem nachsten Dorf liessen sie sich in der Schenke in das obre Zimmer fuhren, um allein zu seyn. Kronhelm erzahlte seinem Schwager, er hab ihn in Ingolstadt abholen wollen, und als er nichts von ihm hab erfahren konnen, sey er auf Gerathewohl auf den Dorfern herumgeritten, bis er bey dem Bauren Kaspar nahere Nachricht von ihm erfahren habe. Diese Nachricht hab ihn seinetwegen sehr besorgt gemacht, und nun sey er froh dass er ihn endlich ausgekundschaftet habe. Er hoffe nun, dass er mit ihm auf sein Schloss kommen werde, um sich da, soviel als moglich, wieder aufzuheitern, und von seinen schweren Widerwartigkeiten zu erholen. Siegwart sagte: das gehe schlechterdings nicht an. Er sey auf der Spur, den Ort zu entdecken, wo seine Mariane hingebracht worden sey; dieser muss er nachgehen, und konne nicht eher ruhen, als bis er mit seinem Madchen wieder vereinigt sey. Kronhelm stellte ihm vor: Was er machen wolle, wenn er auch das Kloster, wo seine Mariane eingesperrt sey, erfahre? Er werde sich durch seine Nachforschungen verdachtig machen, und dadurch, wenn es auch noch moglich ware, sie aus dem Kloster zu entfuhren, sich selbst den Weg dazu versperren; es sey weit besser, wenn Marx, auf den kein Mensch Achtung geben werde, sich unter der Hand nach ihr erkundige, und es ihnen mittheile, wenn er etwas erfahren konne. Dann sey es erst Zeit, Maasregeln zu nehmen, wie man Marianen retten konne, u.s.w. Siegwart liess sich diesen Vorschlag endlich nach langer Zeit gefallen.

Kronhelm suchte seinem Freund, der sich nun uber sein Schicksal zu beklagen anfieng, soviel Muth und Trost einzusprechen, als moglich. Er liess hierauf seinen Marx aufs Zimmer kommen, und trug ihm die Nachforschung nach dem Wagen und Marianens Aufenthalt auf. Siegwart beschrieb ihm das Dorf, wo er das letztemal von dem Wagen Nachricht erhalten hatte, und welches zur Linken des Walds lag, aufs genaueste, und bat ihn aufs beweglichste, sich die Sache recht angelegen seyn zu lassen. Marx, der durch seine Bitten selbst im innersten geruhrt war, versprach alle mogliche Behutsamkeit und Sorgfalt. Hierauf giengen Siegwart und Kronhelm zu Bette, um sich den andern Morgen fruhzeitig auf den Weg machen zu konnen.

Mit Aufgang der Sonne ritten sie weg; Marx nahm seinen Weg nach dem beschriebenen Dorf, und versprach nochmals die sorgfaltigste und schleunigste Besorgung seines Auftrags. Siegwart beschrieb nun seinem Schwager die schreckliche Unruhe, in der er bisher geschwebt hatte; erzahlte ihm weitlauftiger, aus Marianens Brief, die Begegnung, die sie von ihrem Vater hatte ausstehen mussen; und die Geschichte des Einsiedlers Ferdinand, von der er wusste, dass sein Schwager sie keinem Menschen entdecken werde. Auch fragte er seinen Kronhelm um Rath, was er anzufangen hatte, wenn er den Aufenthalt Marianens auskundschaften konnte? Kronhelm sagte: Zeit und Umstande konnten hier allein die besten Mittel an die Hand geben; inzwischen hoffte er, es dann so zu ordnen, dass man sie aus dem Kloster entfuhren konnte, zumal, da sie hoffentlich selber dazu sehr geneigt seyn wurde. Alsdann werd es das Beste seyn, wenn er sich mit ihr aus dem Lande fluchte, und dazu woll' er mit Rath und That behulflich seyn. Durch solche, und ahnliche Traume und Entwurfe wusste er das unruhige Gemuth seines Freundes etwas in Schlummer zu wiegen, so dass dieser uber den Traumen seine Leiden grostentheils vergass, und in einer Art von sussem Taumel fortritt, bis sie endlich Abends in der Dammerung zu Steinfeld ankamen.

Therese kam ihnen eine Stunde vor dem Schloss in ihrem Wagen entgegen. Sie hatte schon zwey Tage umsonst auf ihren Kronhelm gewartet, und die schrecklichsten Beangstigungen ausgestanden. Sie sprang aus dem Wagen, als sie ihren Mann wieder sah, und fiel fast vor Freuden in Ohnmacht. Nach diesem sah sie erst ihren Bruder, und umarmte ihn. Der Bediente, der auf dem Wagen stand, musste die beyden Pferds nach Haus bringen, und Siegwart und Kronhelm setzten sich zu Therese in den Wagen. Mit der Einen Hand hielt sie ihres Mannes, und mit der andern ihres Bruders Hand, und zitterte vor Freuden, beyde wieder zu haben. Das erste, was sie nun nach ihrer Besturzung fragen konnte, war nach den Umstanden ihres Bruders. Sie ward durch das traurige Gemalde, das er davon machte, sehr niedergeschlagen und traurig. Doch suchte sie ihm Muth und Hoffnung einzuflossen, und war in ihrer Bemuhung nicht ganz unglucklich. Ein Unglucklicher hofft gern, und hort nichts lieber als Traume von Gluckseligkeit, die ihm andre beybringen.

Auf dem Schloss entstand eine grosse Freude, als Kronhelm wieder kam. Alle Dienstbothen drangen sich hinzu, den Bruder ihrer gnadigen Frau, die sie so sehr liebten, zu sehen. Fraulein Sibylle, Kronhelms Schwester, kam auch mit Salome, und bewillkommte ihn. Salome hatte sich in vielen Stucken geandert, und that jetzt weit zartlicher gegen ihren Bruder, als ehemals. Sie sassen noch ein paar Stunden beysammen, und giengen dann, weil Kronhelm und Siegwart von der Reise etwas mude waren, fruhzeitig zu Bette.

Siegwart traumte diessmal von seiner Mariane. Er sah sie in einem langen Schleyer zu ihm kommen. Sie sprach nichts; ihr Gesicht war blass; sie legte ihre kalte Hand auf seine Schulter, gieng dann weg, und winkte ihm, ihr zu folgen. Er folgte ihr durch einen langen dustern Gang, bis an die Thor, zu einem Gottesacker, wo sie in ein offnes Grab sank, das sich uber ihr schnell zuthat. Er stand auf dem Grab, jammerte mit emporgehobnen Handen, und wachte so, von der heftigen Bewegung, auf. Er war in der aussersten Besturzung; das Bild wollte nicht aus seiner Seele zuruckweichen, und sobald er seinen Schwager und seine Schwester sah, erzahlte er es ihnen. Diese gaben sich alle Muhe, ihm die traurige Vorstellung aus dem Herzen zu verbannen, und ihn zu uberzeugen, wie wenig man auf einen Traum gehen musse, da sich dieser gewohnlich nach der vorhergegangenen Lage des Gemuthes bilde. Er vergass den Traum zwar etwas, aber nur, solang er in Gesellschaft war; in der Einsamkeit stand er immer wieder lebhaft vor ihm da, und verfolgte ihn mit seinen Schrecken. Sein Schwager und seine Schwester gaben sich alle mogliche Muhe, ihn zu zerstreuen, und nur in etwas aufzuheitern. Sie wiesen ihm ihr Schloss, wo alles neu, und sehr bequem eingerichtet war, ohne ins Prachtige zu verfallen. Sie fuhrten ihn in den Garten, wo sie alles umgraben, erweitern, und mit einem Geschmack hatten anlegen lassen, der der Natur soviel, als moglich, nahe kam. Siegwart, dieser sonst so eifrige Freund der Natur, sah alles mit einer kalten und erzwungenen Bewunderung an, so wie ein Kranker die Speisen ansieht, die er ehmals in gesunden Tagen sehr geliebt hatte, und nun nicht geniessen kann. Oft zwang er sich, seinen Freunden zu Gefallen, munter zu thun; aber man sah allen seinen Handlungen den Zwang an. Am liebsten sprach er von seiner Mariane, ob ihm dieses gleich so traurig war, und ihn tausend Thranen kostete. Wenn sich davon das Gesprach anfieng, so konnt er gar nicht aufhoren. Es war ihm immer noch zu kurz, wenn es auch schon ganze Stunden gedauert hatte. Seine einzige Hoffnung grundete sich jetzt auf Marxens Nachsuchungen. Er sah ganze Stunden lang aus dem Fenster, ob er ihn nicht kommen sehe. Er machte es im Gesprach immer zweifelhaft, ob er etwas von Marianen erfahren werde? um nur seine Zweifel und Einwurfe widerlegt zu sehen. Bald war er wehmuthig, bald verdrusslich und ungeduldig; bald pries er das Einsiedlerleben als das glucklichste auf Erden, und sagte, dass er bald wieder zu seinem Einsiedler in den Wald zuruckkehren werde.

Therese und sein Schwager betrubten sich daruber sehr, und sannen tausend Mittel aus, seine Gedanken etwas zu zerstreuen, und ihm heiterere beyzubringen. Sie giengen oder fuhren taglich mit ihm spatzieren; er gab sich Muhe, munter zu scheinen, aber ein unvermutheter Seufzer verrieth ihnen bald wieder den Gram, der an seinem Herzen nagte. Sie fanden, dass man fur ihn nichts angenehmers thun, als von Marianen mit ihm sprechen, und ihn allein durch Hofnungen aufrichten konne. Allein sie sahen auch ein, wie gefahrlich ihm dieses werden konne, wenn die Hofnungen, wie nur gar zu wahrscheinlich zu vermuthen war, fehlschlagen sollten. Daher zitterten sie auch vor Marxens Zuruckkunft, weil sie, fast mit Zuversicht, besorgten, seine Nachsuchungen mochten fruchtlos abgelaufen seyn!

Endlich kam Marx nach sechs Tagen wieder, ohne dass ihn Siegwart wahrnahm; denn Kronhelm hatte allen Hausbedienten befohlen, wenn Marx kame, sollte man ihn sogleich in das untere Zimmer im Hof fuhren, ohne jemanden, ausser ihm, etwas davon zu sagen. Marx zitterte, als Kronhelm zu ihm kam, und sagte: er habe sich kaum getraut, wieder zu kommen, weil er in seinen Nachsuchungen nicht glucklich gewesen sey. Er habe nur auf Einem Dorf etwas von dem Wagen erfahren, und da sey er Nachts um eilf Uhr durch gekommen. Vermuthlich sey er um Mitternacht, da die Bauren schliefen, durch die andern Dorfer gefahren. In einem Bezirk von acht Stunden seyen wenigstens vier Nonnenkloster. In keines davon durf eine Mannsperson kommen, also hab er, ohngeachtet aller Muhe, nicht das mindeste erfahren konnen, ob in einem von den Klostern ein junges Frauenzimmer angekommen sey. Einmal hab er schon geglaubt auf der Spur zu seyn; aber am Ende hab es sich gezeigt, dass das angekommene Frauenzimmer schon eingekleidet, und eine Nonne aus einem benachbarten Kloster gewesen sey.

Kronhelm richtete seinen Bedienten ab, was er sagen sollte. Nemlich: Er habe zwar nichts gewisses von Marianen erfahren konnen; aber doch sey sie wahrscheinlich in einem Kloster, das er ihm nannte. Er hoffe in etlich Wochen Gewissheit davon zu erlangen, denn er habe ein paar Spionen bestellt, die ihm von Zeit zu Zeit Nachricht geben wurden.

Durch diese Nachricht ward Siegwart zwar in etwas beruhigt; aber doch konnte sich sein Gemuth nicht damit beruhigen. Es stiegen ihm immer Zweifel auf, und taglich erkundigte er sich bey Marx, was er fur neue Nachrichten erhalten habe? Dieser sagte ihm, was ihm Kronhelm eingegeben hatte, nemlich weitausehende Hofnungen und halbe Aufklarungen, die er aber so angstlich und so ungeschickt vorbrachte, dass jeder andrer, der weniger gehofft hatte, als Siegwart, die List hatte einsehen mussen.

Er wurde von Kronhelm fast taglich spatzieren gefuhrt, damit er Abwechslung und Zerstreuung haben mochte. Sie besuchten jetzt oft zu Pferd die benachbarten Landedelleute, weil Therese, wegen ihrer herannahenden Niederkunft selten mehr mitfuhr. Herr von Rothfels, (so hiess der junge Edelmann, von dem ihm Kronhelm geschrieben hatte, dass er seine Schwester Sibylle heyrathen wurde,) kam sehr oft nach Steinfeld, und blieb manchesmal zwey bis drey Tage da; oft besuchten sie ihn auch auf seinem Schloss. Er war ein angenehmer junger Mann, der in Wien, wo er studiert hatte, sich viel gelehrte und noch mehr Weltkenntnisse gesammelt hatte. Er fuhlte viele Zuneigung gegen Siegwart, und nahm an seinen traurigen Schicksalen vielen Antheil. Er wurde auch Siegwarts Herz und Zutrauen ganz gewonnen haben, wenn er minder heiter, oder wenn Siegwart in einer glucklicheren Lage gewesen ware. Aber der junge Rothfels genoss bey Sibyllen das vollige Gluck der Liebe; daher war sein Herz und sein Blick immer munter; und ein frohliches Gemuth ist nicht fur ein ungluckliches geschaffen. Der Ungluckliche fuhlt den Abstand zu sehr; er will alles traurig um sich her sehen, und glaubt, dass ein Glucklicher an seinem Kummer keinen, oder doch keinen volligen Antheil nehmen konne. Daher schliesst er sich nicht an, und theilt sich nur dem mit, der gleiche Leiden mit ihm hat. Rothfels sah dieses, und hielt es bey Siegwart fur Abneigung von ihm; daher vermied er es, viel mit ihm allein zu seyn, und ihre Seelen kamen sich, durch diesen Misverstand, nie ganz nahe.

Eines Tages sass Siegwart allein und schwermuthig in einer Laube im Garten, wo Marx eben die Blumen begoss. Siegwart rief ihm; Marx, hat er denn noch keine Nachricht von dem Frauenzimmer? Nein, junger Herr! Red er einmal aufrichtig mit mir! Glaubt er wohl, dass ich bald etwas gewisses erfahren werde? Hintergeh er mich nicht! Es ist mir alles an der Sache gelegen; ich muss sie zuverlassig wissen! Marx fieng an zu weinen, und ihm langsam naher zu treten. Ach, junger Herr! Es mag nun gehen, wie es will, ich kanns so nicht langer aushalten; es muss heraus! Ich weis gar nicht von der Jungfer; man kann in der ganzen Gegend keine Nachricht von ihr geben. Ich weis nicht, ist sie todt, oder Aber werden Sie nur nicht bose! Lieber Gott, ich musste ja so sagen Geh nur, sagte Siegwart, ich will nichts weiter wissen! Er legte sich mit dem Kopf zwischen seine Hande auf den Tisch, und fieng an zu weinen. Weis man nichts von ihr? Ist sie todt, oder Gott, ach Gott! Warum bin ich doch nicht auch todt? Warum muss ich mich denn ewig leiden? So jammerte er fort, bis Kronhelm, ohne dass ers merkte, in die Laube trat. Was fehlt dir, Bruder? fieng er endlich an. Siegwart fuhr auf, sah seinen Schwager eine Zeitlang starr an; weist du schon, dass alles nichts ist? dass sie und ich verlohren ist? Wer denn, Bruder? Mariane! Wer denn? Es ist alles nichts! Alles erdichtet und erlogen! Wer weis, wo sie ist! Vielleicht todt! Vielleicht ... O, ich halts nicht langer aus! Ich muss aus der Welt! Heut noch, oder morgen! In die Einsiedeley! Da soll mich keine lebendige Seele mehr zuruckhalten! Ihr meynts nicht ehrlich, dass ihr mich so hintergeht; dass ihr mir nicht sagt: Pack dich aus der Welt! Kronhelm hatte viele Muhe, ihn nur etwas zu besanftigen, und ihm begreiflich zu machen, dass sie zu seiner Ruhe so hatten handeln mussen. Siegwart sagte, das sey schon recht; er glaub es auch; aber er wolle nun in die Einsiedeley, und man sollt ihn nicht langer mehr zuruckhalten! Kronhelm gestand ihm jetzt, um ihn nur ein wenig zu beruhigen, alles zu, bat ihn aber, wenigstens noch acht Tage bey ihm zu bleiben, welches endlich Siegwart zugestand.

Er gieng auf sein Zimmer, weinte bitterlich, und schrieb endlich folgendes, an Marianen, nieder:

O du, bist du noch auf Erden? Duldest du noch unterm Joch des Lebens? Schmachtet deine Seele noch in ihrer Hulle? Oder bist du, Engel Gottes, aufgeflogen in die Wohnstatt der Erwahlten? Trinkst du schon die Sonne, die nicht untergeht und keine Thranen sieht? Sind sie abgetrocknet dir von Engeln, und hast du vergessen aller Seufzer, die die Menschheit drukken? O du, sag, wie nenn ich dich, du Theure, du Geliebte, deren Seele mein war! Schwebt dein Geist um mich im Lichtgewande? Horst du meine Seufzer? Trubt ein Wolkchen deinen Sonnenschimmer? O so rausch mit deinen Flugeln, dass ichs hore, und mich freue, dass dein Schmerz im Grab liegt, dass ich hingeh auf dein Grab, und sterbe! Oder schmachtet deine Seele noch in ihren Banden; ist der Kerker des Lebens noch nicht durchgebrochen; o so bring ein Engel dir die Seufzer, und den Hauch der Liebe, den ich hier aufs Blatt hin hauche!

Engel, oder Mensch, ich grusse dich, umarme dich mit meiner Seele. Ach, wir leiden viel, Geliebte! Doch mir ware wohl, wenn du nur uberwunden hattest! Wiss! ich habe dich gesucht mit Thranen, und dich nicht gefunden! Wiss! ich rannte Walder durch, und lechzete vor Ohnmacht, und ich hab dich nicht gefunden! Ach, ich glaubte dich zu finden, aber eine Wolke barg dich meinen Augen. Nun ist meine Seele trub, und wunscht zu sterben.

Ich hab eine Ruhestatt gefunden, fern von Menschen. Dicke Walder haben sie umzaunt, dass kein sterblich Auge durchbringt. Neid und Stolz und Bosheit haben diese Statte nie betreten. Nur ein Grab ist da, und eine Hutte, und ein Leidender. Auf dem Grabe hab ich jungst gesessen, und der Leidende hat mich umarmt, und ist mein Bruder. Er wunscht auch zu sterben. Und nun will ich hingehn, und mit ihm vom Tode reden, und dann soll er mich begraben, und das Grab nicht schliessen, denn am Throne des Allmachtigen will ich fur ihn bethen, dass er bald zu mir hinuntersinke, und vergesse seiner Leiden!

O Geliebte, wenn du schon entflohen bist der Erde, so steig nieder auf den Abendwolken, wenn der Wind durch meine Tannenwipfel sauselt; oder wenn der Mond durch sie herabscheint, und der Wind schweigt; steig hernieder, um mir Trost und Ahndung meines nahen Todes zuzulispeln; um mein Herz zu unterstutzen, bis ich ausgerungen habe, dass die Seele, wenn sie scheidet, dir entgegen eile, und in deinem Arm zuerst des Himmels Seligkeit empfinde! Oder wenn du noch im Thal der Thranen weinest; und ich lieg und ruh im Grabe, o so fuhre dich dein Engel an die Statte, wo mein Grab ist, dass du weinest, und dann sterbest! Wenig Tage bleib ich noch bey meinen Freunden. Ach, sie leiden viel um meinetwillen, und sie sollten glucklich seyn. Ich will sie verlassen, dass ihr Thranenquell versiege, dass mein Gram nicht ihre Freuden store! Denn die Liebe hat, was sie so selten thut, mit ihren Freuden sie gesegnet. Meine Thranen sollen ihren Kranz von Freuden nicht benetzen; darum eil ich in den Wald und sterbe.

Kronhelm kam dazu, als er dieses ausgeschrieben hatte. Hier, Geliebter, sagte Siegwart, wenn noch Mariane leben sollte, und du einst von ihr erfuhrest, gib ihr dieses Blatt! Sie wird es kussen, und drauf weinen, und das Blatt durch ihre Thranen heiligen. Kronhelm las das Blatt, und ward sehr dabey bewegt. Er sah wohl, dass die Seele seines Schwagers tief gebeugt, und schwer zu heilen sey. Daher wagte er es auch nicht, ihm Trost einzusprechen, und ihm von seinem Vorhaben, in die Einsiedeley zu gehen, abzurathen. Vielleicht, dachte er, in den acht Tagen, die er noch zu bleiben versprochen hatte, ein Mittel ausfindig zu machen, ihn zuruck zu halten, und seine dustre Schwermuth etwas zu zerstreuen.

Ein paar Tage drauf fand er, in Theresens Gegenwart, Gelegenheit, von der Sache wieder anzufangen. Er drang sehr in ihn, wenn er doch ja sich von der Welt absondern wolle, lieber, seinem ersten Vorsatz zufolge, in ein Kloster, als in eine Einsiedeley zu gehen, weil er doch als Monch der Welt noch mehr nutzen konne, als wenn er ein Einsiedler werde. Er rieth ihm dieses hauptsachlich um seiner Gesundheit willen, und weil er hoffte, sein Schwager wurde vielleicht in dem Probjahr am Kloster genug kriegen, und gern wieder in die Welt zuruck kehren. Er wuste dieses, von den Bitten seiner Frau unterstutzt, so annehmlich vorzutragen, dass Siegwart endlich in diesen Vorschlag willigte. Kronhelm wollte ihn auch uberreden, in ein benachbartes Augustiner Kloster zu gehen, theils, weil das Kloster seinem Schloss so nahe lag, theils weil die Regel dieses Ordens minder streng ist, aber Siegwart wollte schlechterdings in das Kapuzinerkloster zu *** treten; und hierinn muste ihm sein Schwager nachgeben, und ihm auch versprechen, nachstertagen seinetwegen an den dortigen Guardian zu schreiben.

Allein er ward durch eine ungluckliche Begebenheit daran verhindert. Seine Therese sollte niederkommen, und die Geburt war so schwer, dass sie in die ausserste Lebensgefahr dabey kam. Das Kind, ein Knablein, war gebohren; aber zween geschickte Aerzte, die herbey gerufen waren, zweifelten am Aufkommen der Mutter. Der arme Kronhelm gieng verzweifelnd und halb todt im Schloss herum, rang die Hande, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Das ganze Schloss war ein Haus des Jammers. Siegwart kam fast nie vom Bette seiner Schwester, und zerfloss in Thranen. Die Dienstbothen sahen alle blass aus, wie der Tod, meinten in allen Ecken, und wagtens kaum, laut zu sprechen, oder sich um das Befinden ihrer besten Frau zu fragen, weil jeder furchtete, die Todespost zu horen. Kronhelm wollte nicht vom Bette weggehen; als er aber einmal ubers andre ohnmachtig wurde, so brachte man ihn endlich, auf den Rath der Aerzte, in einer Ohnmacht auf sein Zimmer, und bat unsern Siegwart, ihn zuruck zu halten, nicht wieder vors Krankenbette zu kommen, weil sein Aechzen seine ohnedies schon genug geschwachte Frau noch mehr entkraftete.

Therese lag, mit himmlischer Gelassenheit, das Gesicht schon fast mit Todesschweiss bedeckt, auf ihrem Bette; sah bald mit halbgebrochnen Augen gen Himmel, bald suchte sie mit angstlicher und liebvoller Sorgfalt ihren Kronhelm, hatt ihm gern gerufen, wenn ihr die Stimme nicht entgangen ware; dann weinte sie, dass sie umsonst ihn suchte. Sie verlangte durch einen Wink ihr Kind, schloss es mit schwachen Handen an ihr mutterliches Herz kusste es, und sah gen Himmel, als ob sie ihren Liebling in die Hande des Allmachtigen empfohle. Drauf sah den sie Arzt bittend an, und winkte mit den Handen, vermuthlich, dass man ihren Kronhelm suchen sollte. Der Arzt liess Siegwart rufen. Er kam zitternd, setse, und todtbleich ans Bette, nahm ihre Hand, und wandte das Gesicht weg. Der Schmerz uberwaltigte ihn, dass er laut schluchzte; Er wollte sich losreissen; Sie klammerte sich aber mit der Hand fest in die seinige, und liess ihn nicht los. Er sah sie an; mit unaussprechlicher Wehmuth blickte sie ihn an; aus dem halbgeschlossenen Auge drang eine Thrane; der Mund offnete sich, und man konnt es sehen, dass sie sagen wollte: Kronhelm!

Siegwart riss sich mit Gewalt los sprang weg, und hohlte seinen Kronhelm. Sie sah ihn an, lachelte ihm zu, und indem flossen wieder Thranen aus dem Auge. Kronhelm sturzte sich halb ohnmachtig uber sie hin, schrie und schluchzte laut, bedeckte ihr Gesicht mit Thranen und Kussen, und ward so, in ihren Armen, ohnmachtig. Man brachte ihn sinnlos weg.

Sie befand sich sehr entkraftet. Der Artzt verbot, jemand wieder vor sie zu lassen. Kronhelm schickte alle Augenblicke einen Bothen nach ihr; dieser kam immer nur mit Achselzucken wieder. Der Geistliche kam, und gab ihr die letzte Oelung. Kronhelm und Siegwart beweinten sie als todt, und waren trostlos. Die ganze Nacht floss ihnen schrecklich hin. Kronhelm verwunschte sich, und sein Geschick, und das Kind, das ihm, sein Liebstes raubte. Therese hatte die Nacht uber ein paar Stunden Schlaf, und befand sich am Morgen ein klein wenig besser; die Aerzte verboten aber, ihren Mann zu ihr zu lassen, weil sie eine zu heftige Gemuthsbewegung fur sie furchteten. Sie konnte nun zuerst wieder etwas starkende Bruhe zu sich nehmen. Ihrem Manne ward etwas wenig Hoffnung gemacht; man liess ihn aber nicht zu ihr. Auf sein anhaltendes Bitten liessen ihn endlich die Aerzte in ihr Zimmer, als sie eben in einem kleinen Schlummer lag. Man konnte ihn bey ihrem Anblick kaum zuruck halten, dass er nicht vor Freuden laut aufschrie, und uber sie hin fiel, und sie kusste. Als sie wieder aufwachte, liess man ihren Bruder zu ihr kommen. Ihr erstes Wort war: Was macht mein Kronhelm? Er ist wohl, war die Antwort, und hofft auf deine Genesung. Gott geb es! sagte sie. Ich befinde mich um ein Gutes besser. Sprich ihm Muth, und Vertrauen ein, und gib ihm diesen Kuss in meinem Namen, wenn ich ihn nicht selber kussen darf!

Die Aerzte bekamen nun immer bessre Hoffnung; aber Kronhelm durfte sie noch nicht anders sehn, als schlasend. Einmal wachte sie auf, als er noch vor ihr stand. Sie streckte stillschweigend ihren Arm nach ihm aus; er sank darein. Beyde konnten vor zartlichem Entzucken nichts thun, als weinen. Ihre Krafte nahmen nun sichtbar wieder zu. Kronhelm und Siegwart kamen nicht von ihrem Bette. Siegwart freute sich von ganzem Herzen uber ihre Genesung; aber dein ohngeachtet nahm doch seine Schwermuth, und seine Abneigung von der Welt mit jedem Tage mehr zu. Schreib doch bald ins Kloster! sagte er einmal zu Kronhelm, als sie beyde vor Theresens Bette sassen. Die Welt wird mir taglich mehr zum Ekel; ich sehe, dass sie nichts als ein Sammelplatz von Noth und Elend, und ununterbrochner trauriger Abwechselung und Unbestandigkeit ist. Du haltst dich jetzt wieder fur glucklich, Kronhelm, du hast keinen Wunsch mehr ubrig, als die vollige Genesung meiner theuren Schwester. Armer Mann! Warst du nicht noch vor zehn Tagen der allerunseligste unter allen Menschen; and vier Tage vorher der allerseligste? Sichst du nicht, dass, je naher man dem Gluck zu seyn scheint, desto naher ist man dem unabsehlichsten Elend. Aber, lieben Freunde, ich will jetzt euren sussen Traum nicht storen. Ihr seyd glucklich; ihr druckt euch jetzt mit unaussprechlicher, vorher nie gefuhlter Wollust ans Herz. Ihr glaubt jetzt im Himmel zu seyn. Mochte dieser Himmel ewig wahren, wie der, dem sich meine ganze Seele zusehnt! Lasst nur mir meinen Jammer! Lasst mich eilen, und mich ihn in meiner Einsamkeit ausweinen, wo ich kein lebendiges und gluckliches Geschopf store. Ich sehe, diese Welt ist nicht fur mich: oder ich bin nicht sur sie. Ich kann nicht glucklich werden; aber ich will auch keinen unglucklich machen! Wenn ich heute Marianens Hand bekame wenn der Engel nicht schon ausgerungen hat wenn sie heute ganz mein wurde; morgen ware sie mir gewiss wieder entrissen. Lasst sie mir auch viele Wochen! Wer burgt mir fur eine Krankheit, wie die war, die dich, meine theureste Therese, bald den Armen meines liebsten Kronhelms entrissen hatte? Ach, ich kann, ich kann nicht glucklich werden? Lasse mich in mein Kloster, dass ich meine Lebenszeit verweine! Wenn ich mich ermannen kann, komm ich zu euch, und besuch euch. Lasst mich in mein Kloster! Ich will fur euch bethen!

Kronhelm und Therese weinten, und konnten ihn nicht trosten. Ja, du sollst ins Kloster! sagte Kronhelm; morgen will ich dahin schreiben. Armer Freund, wir konnen nichts, als dich bedauren. Kronhelm schrieb auch wirklich den folgenden Tag an den Guardian, und schickte den Brief weg.

Therese erholte sich nun taglich mehr, und konnte schon zuweilen sich ein paar Stunden ausserhalb dem Bett aufhalten. Sie und ihr Kronhelm empfanden nun das Gluck der Zartlichkeit zehnfach mehr, als vorher, ehe das Ungluck der Trennung sie bedrohet hatte. Es war ihnen, als ob ihre Liebe sich nun erst recht anfinge, und alles vorherige Gluck war in ihren Augen nur ein Traum.

Einen Abend sassen sie beysammen, und Herr von Rothfels kam dazu. Siegwart fieng vom Kloster zu reden an, dass die Antwort sich so lang verzogere Weil wir eben vom Kloster und von Kapuzinern reden, sagte Rothfels, so fallt mir eine Geschichte ein, die ich dieser Tagen von einem Kapuziner horte. Sie betrifft ein Frauenzimmer und ist sehr traurig. Das wenige, mein Siegwart, was ich von Ihrer Geschichte, und von Ihrem Madchen weiss, passt ziemlich auf Sie. Ein Kapuziner, er heisst Bruder Klemens, kommt zuweilen zu mir, weil er unter guten Freunden ein Glaschen Wein nicht verschmaht. Neulich, eh das starke Gewitter kam, war er bey mir, und ward durch den Rheinwein etwas munter. Ich bat ihn, die Nacht bey mir zuzubringen, weil der Regen anhielt, und der Weg sehr verdorben war. Er liess sichs gefallen. Als der Wein ihm noch mehr zu Kopf stieg, und wir auf die Nonnen zu sprechen kamen, fieng er an: Gestern hab ich in einem gewissen Kloster eins der schonsten und unglucklichsten Frauenzimmer gesehen; denn sie hat, so oft ich sie noch sah, immer geweint, und gramt sich gewiss bald zu Tod, und doch ists ein Madchen, rein und unschuldig und schon, wie die Mutter Gottes. O ich mochte Blut weinen, wenn ich sie seh, oder an sie denke, denn ihr Schicksal ist sehr hart! Er wollte mir nichts weiter sagen. Endlich erfuhr ich doch soviel: Sie sey mit Gewalt ins Kloster gesteckt worden, oder wenigstens hab eine ungluckliche Leidenschaft sie dahin getrieben; sie sey jetzt bald ein Vierteljahr da, und von ihrem Bruder und ihrer Schwagerin, die sehr hart mit ihr umgegangen seyn, dahin gebracht worden. Das ist sie, das ist sie! rief Siegwart, indem er aufsprang, und dem jungen Rothfels um den Hals fiel. Um Gotteswillen, Rothfels, wo ist der Pater? Wo ist sie? Bringen Sie mich hin! Um Gotteswillen thuns Sies! Das ist Mariane; das kann niemand anders seyn u.s.w. Er zog Rothfels fast mit Gewalt aus der Stube, dass er ihn zu Marianen bringen sollte. Kronhelm und Rothfels hatten nur Muhe, ihn zuruck zu halten, und ihm vorzustellen, dass hier die groste Behutsamkeit nothig sey, zumal da der Pater weder den Namen des Klosters, noch des Frauenzimmers, noch andre zuverlassige Kennzeichen angegeben habe. Inzwischen glaubten Kronhelm und Therese auch, dass das Frauenzimmer Mariane sey. Sie baten Rothfels, den Pater, sobald als moglich, noch genauer auszuforschen, und auf alle Umstande aufmerksam zu seyn. Deswegen erzahlte ihm Siegwart seine ganze Geschichte, beschrieb ihm Marianen aufs kenntlichste, und bat ihn fast auf den Knien, sich die Sache, wie seine eigne, angelegen feyn zu lassen, und die Unterhandlung aufs schleunigste zu betreiben. Kronhelm und Therese, die, naturlich! bey der Sache kalter waren, riethen ihm die grosste Heimlichkeit und Behutsamkeit an, und Rothfels versprach, alles aufs moglichste zu beobachten.

Siegwart war nun wieder wie neugebohren. Alle sein Ueberdruss der Welt und der menschlichen Gesellschaft war vergessen. Er sah und horte nichts, als Marianen; konnte keinen Augenblick an einem Ort bleiben, und kannte sich vor Freuden und ungeduldiger Erwartung selbst nicht mehr. Es war ihm jetzt schon genug, nur etwas von Marianen zu wissen. Alle andre Schwierigkeiten, wie er sie aus dem Kloster kriegen, und wie sie sein werden konnte, bedachte er jetzt gar nicht. Alles auf der Welt schien ihm moglich; nur die Zeit gieng ihm viel zu trag; er schien sie mit seinen Sehnsuchtsseufzern forthauchen zu wollen. Rothfels, der die Nacht in Steinfeld hatte bleiben wollen, muste, auf sein Zubringen, noch denselben Abend auf sein Schloss zuruckreiten, um nur bald den Pater Klemens zu sprechen, und ihm sogleich weitere Nachricht zu geben.

Kronhelm und Therese hingegen sahen noch tausend Schwierigkeiten vor sich. Denn furs erste war es noch nicht ausgemacht, dass das beschriebne Frauenzimmer Mariane sey; und dann, wenn sies ware, wie wollte Siegwart sie sprechen, und wie sie wieder aus dem Kloster los bekommen? Alle diese und noch hundert andre Bedenklichkeiten schwebten vor ihnen; sie beredeten sich daruber miteinander, und wunschten nur, dieselben nach und nach unserm Siegwart beyzubringen! Aber dieses war unendlich schwer. Wenn sie sich nur von ferne etwas merken liessen, so baute er entweder vor, oder gerieth in die heftigste Bewegung daruber; nannte sie kleinmuthig und angstlich, oder warf ihnen vor, sie nehmen an seinem Schicksal keinen Antheil, und wollten sich seinem Gluck entgegen setzen. Alles, was sie bey ihm ausrichten konnten, war, dass er seine Ungeduld etwas minderte, und ein klein wenig behutsamer wurde; denn er sprach immer, auch in Gegenwart der Bedienten, von Marianen und ihrer Entfuhrung.

Zween Tage drauf, die er in der ungeduldigsten Erwartung zugebracht hatte, kam Rothfels wieder. Siegwart sprang ihm mit lautem Herzklopfen in den Hof hinab entgegen, und rief ihm zu: Wie stehts? Rothfels winkte mit der Hand, weil zween Bediente gegenwartig waren. Siegwart eilte mit ihm dis Treppe hinauf, und konnt es kaum erwarten, bis sie miteinander im Zimmer waren. Sie ists! sagte Rothfels. Es ist weiter gar kein Zweifel. Ist sies, ist sies? rief Siegwart, und fiel ihm um den Hals; aber weiter, weiter, bester Rothfels! Der Pater, fuhr dieser fort, war gestern Abend bey mir, und da erfuhr ich durch viele Umschweife, dass er der Beichtvater des Frauenzimmers sey, dass das Kloster Marienfeld, und das Frauenzimmer Mariane heisse, und eine Hofrathstochter aus Ingolstadt sey; dass sie unaufhorlich beth und weine, und kunftiges Fruhjahr eingekleidet werden solle. Aber weiter, weiter! sagte Siegwart. Das ist nicht genug! Weiter hab ich nichts erfahren konnen, antwortete Rothfels, aber doch hab ich den Pater Klemens so weit gebracht, dass er mir, nach vorhergegangenem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit, versprach, wenn er wieder ins Kloster komme, ein Briefchen von mir an das Frauenzimmer abzugeben, weil ich vorgab, ich sey nah mit ihr verwandt. Anfangs wollt er lang nicht dran, weil er sagte: Ich wolle wol der Kirche eine Braut stehlen, aber als ich ihn auf meine Ehre versicherte, dass dieses gar nicht meine Absicht sey, weil ich ja schon eine Braut habe, gab er sich endlich zur Ruhe. Ueberhaupt hat er mehr den Schein eines eifrigen Religiosen, als ers in der That ist. Wenn er sich nur von seiner Seite in Sicherheit weiss und darauf schwur ich ihm so kann ich ihn brauchen, wie und wozu ich will; denn der Schalk weiss wohl, dass er von mir viel zu geniessen hat. Wir mussen jezt nun sehen, was zu thun ist? Siegwart muss mir zuforderst einen Brief an Marianen geben; das ubrige mussen wir von Zeit und Umstanden erwarten.

Siegwart war vor Freuden ausser sich; er umarmte Rothfels und Kronhelm tausendmal, und doch, als der erste Taumel vorbey war, schien ihm alles viel zu langsam zu gehen. Er wollte am Ziel seyn, eh er den Weg dahin betrate. Seine Freunde sprachen ihm soviel als moglich Geduld und Gelassenheit ein, und baten ihn, nur erst an Marianen zu schreiben. Er schrieb auch noch denselben Abend diesen Brief, und gab ihn Rothfels mit:

"Also lebst du noch, du Engel, und ich hab umsonst dich als todt beweint? Dank, ewiger Dank sey dem Geber des Lebens und des Todes, dass er dich mir nicht entrissen hat, und dass ich hoffen kann, noch einmal dein zu werden! O du Theure, der lichte Stral der Hofnung hat mein dunkles Leben wieder aufgehellt, und mir gewinkt in meiner Trauer, dass ich wieder geh ans Licht des Tages, und mich froher Aussicht freue! Zwar du Engel traurst in dustrer Zelle? Aber deine Trauer soll nicht ewig wahren! Der dich mir erhielt, der Gott der Liebe, wird dich wieder geben meinen Wunschen. Menschen wollten einem andern Brautigam dich geben; und du hast schon einen Brautigam, und er traurt und weint um dich. Sey nicht treulos, meine Liebe! Eil ihm wieder zu mit deinen Kussen, die der Himmel billigt! Bald will ich suchen, dich zu sprechen und zu retten. Hilf mir selbst dazu, und gib mir Antwort, nur in wenig Zeilen! Ich bin dir nah, bey meinem Schwager und bey meiner Schwester, die mit gutem Rath mich unterstutzen. Bleib standhaft, o Geliebte, und vergiss mich nicht! Ich bin jeden Augenblick bey dir; meine Seele ist stets ausser ihrem Korper, und umschwebt dich. Bald hoff ich ganz bey dir zu seyn. Beth und glaub an die Vorsehung, und uberlass die Bedenklichkeiten mir! Furchte nichts vom Pater Klemens! Gib ihm nur bald deine Antwort! Sag, sie sey fur Herrn von Rothfels deinen Anverwandten! Er ist ein junger Edelmann, hier in der Nachbarschaft, der die Schwester meines Kronhelm heyrathet, und sich unsrer treulich annimmt. Ewig dein Siegwart."

Rothfels nahm den andern Morgen den Brief mit, und versprach, ihn aufs fruheste und genaueste zu besorgen. Er hofte, den Pater Klemens noch so auf seine Seite zu bringen, dass man ihm einen Theil der Geheimnisse anvertrauen konne; denn ganzliche Verschwiegenheit sey die einzige Bedingung; wenn er dieser versichert sey, so sey er auch im Stand, alles zu unternehmen. Siegwart versprach von seiner Seite die moglichste Behutsamkeit und Vorsicht, nur bat er um die ausserste Beschleunigung der Sache, denn zitternde Ungeduld belebte jezt jede seiner Handlungen.

Therese erholte sich nun immer mehr, und konnte bey den schonen Herbsttagen schon zuweilen wieder einen halben Nachmittag im Garten zubringen. Kronhelms und ihre Gluckseligkeit war nun wieder auf dem hochsten Gipfel. Seine Therese bluhte wieder auf, wie eine Blume, die in der Sonnenhitze dahin gewelket war, und sich nun im Abende und Morgenthau mit neuer Kraft und neuen Duften wieder aufrichtet. Kronhelm sah sein Ebenbild, den jungen Wilhelm an ihrer mutterlichen Brust liegen, und wenn er sich einen Augenblick entfernen muste, so kusste Therese in dem kleinen Liebling ihren theuren Kronhelm. Die Freude uber ihre Widergenesung war im Schloss und im Dorf allgemein. Die Baurinnen kamen eine nach der andern, um ihre liebe gnadige Frau wieder zu sehen, und ihr Gluck zu wunschen. Die Bauren hielten an, ob sie nicht einen Tanz deswegen halten durften? Kronhelm liess ihnen Bier und Wein und Fleisch genug geben. Sie schickten durch etlich junge Madchen, die sie, auf Anordnung ihres Geistlichen, als Schaferinnen gekleidet hatten, unter Musik von Geigen und Schallmeyen, einen, mit Kornblumen durchflochtenen Aehrenkranz, und ein Schaf, das das alteste Madchen an einem rothen Band fuhrte, wobey sie zugleich eine artige Gluckwunschungsrede an Theresen hielt.

Siegwart ward durch diese allgemeine Freude, und noch mehr durch die Hofnung, seine Mariane bald wieder zu erhalten, wieder neu belebt. Er war mit der Welt fast ganz wieder ausgesohnt, empfand die Schonheit der Natur, und das Gluck der menschlichen Gesellschaft wieder; seine Wangen wurden wieder roth, seine Augen wieder helle, und sein Herz erweitert. Aber die Ungeduld sturmte doch bestandig in ihm, und sein Herz war immer nur halb da, wo sein Leib war.

Die Zeit, dass er nichts von Rothfels und von seiner Mariane horte, ward ihm endlich zu lang. Er wollte eben an einem Nachmittag weg reiten, als Rothfels selber kam. Schon sein heitres Aussehn verkundigte gute Nachricht. Munter, mein lieber Siegwart! sagte er. Es wird alles gut gehen! Der Pater ist nun ganz auf unsrer Seite. Hier ein Brief von Marianen! Siegwart riss ihn zitternd auf, und las, so geschwind, dass er nach dem ersten Durchlesen kaum den Inhalt des Briefes wuste.

Mein Geliebtester!

Wie erstaunt ich nicht, als mir der Pater einen Brief von Ihrer Hand gab! Ich ward fast ohnmachtig bey dem Lesen. So sind Sie mir so nah, mein Theurester? Ach, was hab ich ausgestanden, seit ich von Ihnen getrennt bin! Doch Sie sollen nicht mit mir leiden. Und nun, mein Theurester, was ist anzufangen? Ich habe das Gelubde noch nicht abgelegt; aber ich werde hier streng bewacht. Ich warf mich Gott in die Arme, um auch im Kloster sind Menschen, und es geht mir hart. Retten Sie mich, wenn Sie konnen! Ich weiss, Gott will nicht, dass der Mensch sich quale; und hier halt' ichs nicht lang aus. Ich bin sehr schwach und entkraftet. Man verspottet mich, und halt mich hart, weil ich geliebt habe; weil ich dich geliebt habe, du Vollkommener! Gott kann nicht so grausam seyn, wie Menschen sind; darum darfst du mich aus ihrer Hand erretten.

Thun Sie, was Sie konnen! Ich kann nichts thun. Ich habe nur Eine Freundinn hier, der ich halb trauen kann, weil sie Mitleid mit mir hat. Es ist die Schwester Brigitta, die die Aufwartung im Kloster versieht. Machen Sie sich mit ihr bekannt; vielleicht kann sie ein Werkzeug meiner Erlosung werden. Aber um Gotteswillen behutsam! Sonst muss ichs entgelten. Sie darf nichts wissen, als dass wir uns zu sprechen suchen. Leb wohl, Theurester! Vielleicht gibt dich Gott mir wieder. Und das ist mein Gebeth, Tag und Nacht. Sonst kann ich nichts wunschen, als den Tod. Leb wohl, Geliebtester!

Weinend gab Siegwart den Brief seinem Kronhelm in die Hand; Er selbst gieng ans Fenster, sah gen Himmel, weinte laut, und flehte Gott um Beystand an, Marianen zu erretten! Rathet, Rathet! sagte er zu seinen Freunden, was ich thun muss? Der Gedanke, dass sie leidet, und um meinetwillen leidet, ist mir unertraglich; Rathet! dass ich bald sie retten kann. Soll ich mit Gewalt sie holen, oder mit List? Ihr must rathen! Denn ich weiss mir nicht zu helfen; Ich bin ausser mir vor Freud und Schrecken.

Um Gotteswillen, nicht mit Gewalt! riefen Kronhelm und Therese. Du wurdest sie nach einer Stunde wieder verlieren, und in Ewigkeit nicht wieder sehen. Ohne Behutsamkeit und List wird sie niemahls dein. Ich habe schon daruber nachgedacht, fiel Rothfels ein. Siegwart muss sich in verstelter Kleidung nahe bey dem Kloster aufhalten, und auf Zeit und Umstande passen. Es fiel mir eine List ein, als mir Pater Clemens den Brief ubergab, und ich suchte die Sache sogleich bey ihm einzufadeln. Wie wars, wenn Siegwart eine Zeitlang als Gartner bey mir ware. Ich wurde denn einmal mit dem Pater reden, dass er ihn im Kloster, wo man eben einen Gartner nothig hat, empfohle? Schon! Schon! riefen Kronhelm und Therese. Diese List kann gehen, wenn du Klugheit und Geduld hast, Bruder! Ich will alles thun, versetzte Siegwart, was ihr mir befehlt. Wenns nur hurtig geht!

Es ward sogleich beschlossen, dass Siegwart noch denselben Abend mit Rothfels in Gartnerkleidung auf sein Schloss fahren sollte. Man rieth ihm alle mogliche Behutsamkeit an; seine schonen langen Haare wurden ihm abgeschnitten; eine Gartnerskleidung ward ihm angelegt, und er fuhr mit Rothfels weg, nachdem er mit tausend Thranen von seinen Freunden, die ihm alles mogliche Gluck anwunschten, Abschied genommen hatte. Rothfels erfuhr unterwegs von Siegwart, dass er die Gartnersgeschafte sehr gut versehen konne, weil er in seiner Jugend mit Theresen bestandig den Garten seines Vaters gebaut habe. Rothfels versprach, ihm bald Gelegenheit zu verschaffen, mit dem Pater zu reden, so, dass er noch diesen Herbst in die Klosterdienste treten konne. Siegwart bekam den Namen Georg, und trat gleich den folgenden Tag seinen Dienst in Rothfels Garten an. Er arbeitete den Tag uber sehr amsig, und wusste sich so gut in seinen neuen Stand zu schicken, dass kein Mensch auf den Einfall kam, ihn fur eine verkappte Person zu halten. Rothfels liess ihn oft auf sein Zimmer kommen, oder sprach Abends mit ihm, und redete mit ihm ab, wie er sich im Kloster zu betragen habe. Siegwart gab ihm ein kleines Briefchen, worin er Marianen auf diese List vorbereitete, und auf den Gartner Georg aufmerksam machte. Rothfels versprach ihm, bald den Pater in den Garten zu bringen; dann soll er sich traurig stellen, dass der Pater auf ihn aufmerksam werde, und ihm dann sein Anliegen vorbringen.

Einige Tage drauf kam Rothfels mit dem Pater in den Garten. Er entfernte sich bald darauf, unter dem Vorwand von Geschaften, und liess den Pater allein. Siegwart machte sich in dem Gang, wo der Pater gieng, etwas zu schaffen; stellte sich sehr traurig an, wischte sich die Augen, und weinte. Der Pater fragte ihn, was ihm fehle? Ach lieber, wohlehrwurdiger Herr, antwortete Siegwart: Da hat mir heut mein Herr gesagt, er sey zwar mit meiner Arbeit sehr zufrieden, wie Sie ihn selbst fragen konnen; aber, weil er mit seinem vorigen Gartner wieder eins geworden sey, so konn er mich nicht langer behalten; es fall ihm zu schwer, zwey Gartner zu bezahlen; und er ist so gar ein braver Herr; das geht mir nun nah, dass ich ihn verlassen soll! Und der Winter ist vor der Thur, und ich habe keinen Dienst und kein Brod. Hier fieng er an, heftiger zu weinen Ach, lieber wohlehrwurdiger Herr, Sie sind bey soviel Herrschaften und in Klostern wohl bekannt, wussten Sie mir nirgends ein Dienstlein? Sie konnten ein recht gutes Werk verrichten. Ich wollte mich gewiss billig finden lassen; und meinen Dienst kann ich versehen, so gut als ein Gartner im ganzen deutschen Reich, wie mein gnadiger Herr gewiss selbst bezeugen wird. Wenn Sie mir doch helfen konnten! P. Klemens ward durch die Thranen des Gartners geruhrt, und versprach, in Marienfeld ein gutes Wort fur ihn einzulegen. Rothfels kam, wie von ohngefahr dazu, und mischte sich ins Gesprach. Er lobte den Gartner Georg sehr, sagte, er wunsch ihm selbst einen recht guten Dienst, wo er besser stunde, als bey ihm, und empfahl ihn dem P. Klemens. Dieser versprach, das Beste fur ihn in Marienfeld zu thun, wo man eben einen Gartner nothig habe, und in drey oder hochstens vier Tagen wieder Antwort zu bringen.

Siegwart freute sich mit Rothfels uber den guten Erfolg seines Unternehmens, und am dritten Tage kam P. Klemens wieder, mit der Nachricht, die Aebtissin zu Marienfeld wolle den Gartner Georg sprechen, und werde ihn vermuthlich in Dienst nehmen. Siegwart reiste mit der freudigsten Hofnung ab, und kam noch denselben Nachmittag zu Marienfeld an. Die Aebtissin liess ihn ans Sprachzimmer kommen; er gefiel ihr, und ward auf P. Klemens Zeugniss mit einem ansehnlichen Lohn zum Obergartner angenommen. Siegwart hatte sich vor ubermassiger Freude fast selbst verrathen, und seine Rolle vergessen. Er dankte der Aebtissin aufs feurigste, sein Herz schlug ihm sichtbar, und er sprang mehr, als er gieng, an seine Arbeit.

Wenn er im Garten arbeitete, so sah er sich wol tausendmal um, ob er seine Mariane nicht erblicke? Wenn er oben an den Klosterfenstern, die mit holzernen Jalousieladen vermacht waren, sich etwas bewegen sah, so blickte er unbeweglich hin, weil er glaubte, seine Mariane stehe dran. Seine Brust war den ganzen Tag von einem unruhigen Sehnen belebt; es war ihm zu Muth, wie einem Neuverliebten; bald war er heiter, bald wieder traurig und weinte. Alle Abend legte er der Aebtissin am Sprachgitter Rechenschaft von seiner Arbeit ab. Sie schien taglich mir ihm zufriedener zu seyn. Zuweilen sah er noch mehrere Nonnen in dem Sprachzimmer. Die heftigste Unruhe qualte ihn, ob nicht seine Mariane mit unter den Nonnen sey? Aber vor dem Schleyer konnt' er sie nicht erkennen. Einmal hub eine von den Nonnen, die in der Ecke des Sprachzimmers stand, ihren Schleyer etwas auf. Es war Mariane. Ihr Gesicht war todtbleich. Er ward durch den Anblick wie vom Donner geruhrt. Bald ward sein Gesicht feuerroth, bald todtblass, er stotterte, gab der Aebtissin lauter verwirrte Antworten; seine Knie zitterten, dass er kaum mehr stehen konnte. Zu allem Gluck liess ihn die Aebtissin sogleich von sich. Er lief auf seine Kammer, und fiel halb ohnmachtig aufs Bette. Ein Strom von Thranen schaffte ihm endlich Erleichterung. Er warf sich auf seine Knie, und bethete so inbrunstig, als er fast noch nie in seinem Leben gebethet hatte, dass ihm Gott beystehen wolle, seinen Engel bald aus diesem Kerker zu erretten! Nun wusste er fast gar nicht mehr, was er that. Mariane stand unaufhorlich so vor ihm da, wie er sie im Sprachzimmer erblickt hatte; sie erschien ihm so in Traumen; aber nur selten konnte er schlafen. Noch Einmal glaubte er sie unter den Nonnen zu erblicken, aber sie hub ihren Schleyer nicht auf, und er blieb in der Ungewissheit.

Am nachsten Feyertag gieng er in die Kirche. Nach der Messe, welche P. Klemens las, machten die Nonnen auf dem Chor eine Musik. Erst ward ein Tutti gesungen, dann ein Solo. Mariane sangs. Er glaubte bey dem Klang ihrer Stimme zu vergehen; konnts nicht langer aushalten, und gieng aus der Kirche, weil er furchtete, man mochte ihm seine heftige Bewegung ansehen! Mit der Schwester Brigitte, die er oft im Garten und im Kloster sah, machte er sich bald bekannt. Das arme Madchen schien an dem artigen Gartner nur gar zu viel Wohlgefallen zu finden, und gieng ihm alle Schritte und Tritte im Garten nach. Siegwart kam dadurch in eine sehr unangenehme Lage, und musste sich stellen als ob ihm an Brigitta sehr viel gelegen sey. Oft lag ihms schon auf der Zunge, dass er sich nach Marianen erkundigen wollte, aber Furchtsamkeit, sich zu verrathen, hielt ihn immer wieder zuruck.. Er fragte nur von fern nach den verschiednen Klosterfrauen. Brigitte machte ihm eine allgemeine Beschreibung davon, und sagte, zu seinem grosten Misvergnugen, gerade von seiner Mariane am wenigsten, ausser, dass sie immer sehr blass ausseh, und unaufhorlich traurig sey. Weil ers noch nicht fur rathsam ansah, sich Brigitten anzuvertrauen, so schrieb er ein paarmal an Marianen, legte den Brief an einen Ort, wo ihn Rothfels, dem der Ort bezeichnet war, entweder selber abholte, oder durch einen alten Bedienten abholen liess, und ihn so, durch Pater Klemens Hand, Marianen zuschickte. Sie wusste nun, dass ihr Geliebter ihr so nah, und als Gartner im Kloster sey; aber sie fand doch keine Gelegenheit ihn allein zu sehen, oder gar zu sprechen, weil man auf sie sehr genau Acht gab, und ihr, welches Siegwart nicht wusste, Brigitten noch besonders zur Aufseherin bestellt hatte.

Einmal kamen die Nonnen, an einem sehr heitern Herbsttage, nach dem Mittagsessen mit ihrer Aebtissin in den Garten, als Siegwart eben hinter der Hecke stand, und die losgerissnen Zweige wieder an den Stangen fest machte. Er hatte sie noch nicht wahrgenommen, und sang bey der Arbeit sein Gartnerlied, das er einst an einem traurigen Abend gemacht hatte, und seitdem bestandig sang, in der Hofnung, dass ihn Mariane vielleicht zuweilen hinter dem Fenster zuhore. Das Lied hiess so; und er sangs nach einer sehr traurigen Melodie:

Es war einmal ein Gartner,

Der sang ein traurigs Lied.

Er that in seinem Garten

Der Blumen fleissig warten,

Und all sein Fleiss gerieth.

Und all sein Fleiss gerieth.

Er sang in trubem Muthe

Viel liebe Tage lang.

Von Thranen, die ihm flossen,

Ward manche Pflanz begossen.

Also der Gartner sang!

Also der Gartner sang!

"Das Leben ist mir traurig,

Und gibt mir keine Freud!

Hier schmacht' ich, wie die Nelken,

Die in der Sonne welken,

In bangem Herzeleid,"

In bangem Herzeleid.

"Ey du, mein Gartnermadchen,

Soll ich dich nimmer sehn?

Du must in dunkeln Mauren

Den schonen May vertrauren?

Must ohne mich vergehn,

Ach, ohne mich vergehn?"

"Es freut mich keine Blume,

Weil du die schonste bist.

Ach, durft ich deiner warten,

Ich liesse meinen Garten,

Sogleich zu dieser Frist,

Sogleich zu dieser Frist!"

"Seh' ich die Blumen sterben.

Wunsch ich den Tod auch mir.

Sie sterben ohne Regen,

So sterb' ich deinetwegen.

Ach war' ich doch bey dir!

Ach war' ich doch bey dir!"

"Du liebes Gartnermadchen:

Mein Leben welket ab.

Darf ich nicht bald dich kussen,

Und in den Arm dich schliessen,

So grab' ich mir ein Grab.

So grab' ich mir ein Grab."

Ey wie schon, Gartner! rief eine Stimme als er ausgesungen hatte; und indem er aufsah, erblickte er jenseits der Hecke in einem andern Gang die Aebtissin mit den andern Nonnen. Sein Schrecken war doppelt gross, theils wegen des Liedes, das er gesungen hatte, theils weil keine Mannsperson im Garten seyn sollte, wenn die Nonnen drinn waren. Aber die Aebtissin hatte diessmal selbst das Lauten vergessen, welches das Zeichen war, dass die mannlichen Bedienten sich entfernen sollten. Er stand zitternd, und todtenbleich da, hielt die Mutze in die Hand, und bat stotternd um Vergebung. Plotzlich erblickte er zuhinterst eine Nonne, die der ganzen Stellung nach seine Mariane war; aber er sah auch ihr himmlisches, blasses Gesicht durch den Schleyer schimmern. Er konnte vor Zittern kaum mehr stehen, und ward noch verwirrter. Zum Gluck fur ihn hielt man die plotzliche Ueberraschung fur die Ursache seiner Verwirrung. Die Aebtissin sprach noch ein paar Worte mit ihm, und liess ihn dann gehen, welches ihm recht herzlich lieb war. Mariane befand sich auch in der ausserster Verlegenheit, und hatte Muhe, ihre Unruhe zu verbergen.

Brigitta hielt sich immer mehr zu Siegwart, und suchte, ihn so viel als moglich war, zu sprechen. Da er ihr Zutrauen so sehr gewonnen hatte, so hielt er dafur, es sey nun Zeit, sich wegen Marianens etwas genauer gegen sie herauszulassen; und dazu both sich nach etlichen Tagen die Gelegenheit von selbst an. Siegwart musste, weil die Witterung rauh zu werden anfieng, die Blumentopfe, und die Kubel mit den Pomeranzen und Lorbeerbaumen ins Gewachshaus bringen. Brigitte hatte dazu den Schlussel, und war gegenwartig, als er die Kubel in Ordnung stellte. Weil die Handlanger ab und zugiengen, um die Topfe zu holen, so that sie, wenn sie allein mit ihm im Gewachshaus war, ziemlich vertraut gegen ihn, und liess nicht undeutlich eine Neigung merken, das Kloster mit ihm zu verlassen. Siegwart warf dieses nicht weit weg, und machte ihr einige Hofnung dazu. Sie war daruber vor Freuden ausser sich; und nun fragte er, wie von ohngefahr, ob nicht ein Frauenzimmer von Ingolstadt in dem Kloster sey, die einem Hofrath Fischer angehore? Auf ihre Bejahung, sagte er, er kenne sie wohl, und habe sechs Jahre bey ihrem Vater als Gartner gedient. Er wunsche nichts mehr, als sie einmal allein zu sprechen, weil er ihr wichtige Dinge von ihrem Vater zu entdecken habe. Zu dieser Unterredung konnte ihm Brigitte am besten verhelfen. Sie machte anfangs grosse Schwierigkeiten, wegen der Gefahr, verrathen zu werden; endlich aber, als er ihr zu schmeicheln und zu liebkosen wusste, gab sie nach, und versprach, ihm die folgende Nacht in einem Winkel des Gartens eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen. Daruber war er vor Freuden ganz ausser sich, umarmte und kusste Brigitten, die dieses sehr willig geschehen liess, und ihn nochmals versicherte, ihm diese Gefalligkeit gewiss zu erzeigen.

Anfangs glaubte er, Marianen schon in dieser Nacht entfuhren zu konnen; aber bey langerer Ueberlegung fand er noch Schwierigkeiten. Es war schon ziemlich spat am Abend, und er zweifelte, ob er noch an Rothfels konne Nachricht gelangen lassen, dass dieser mit einer Kutsche vor dem Kloster warten mochte, um ihn mit Marianen aus dem Land zu bringen. Zudem war die Mauer des Klostergartens hoch, und er wusste noch kein Mittel, wie er uber diese kommen konnte. Daher musste er sich diessmal damit begnugen, seine Mariane nur zu sprechen, und hofte, bald wieder eine Gelegenheit zu finden, sie zu sprechen, und alsdann zu entfuhren.

Die langst gewunschte Nacht kam. Siegwart stand im Garten, und zitterte vor Ungeduld. Nach zehn Uhr, da die Nonnen alle schon im Bett lagen, ward die Klosterthure, die in den Garten gieng, geofnet. Mariane schlich sich in der Dunkelheit, dicht am Kloster, nach dem Winkel des Gartens, wo ihr Siegwart stand. Brigitte hielt innerhalb der Thure Wache. Er schloss sie stillschweigend in den Arm, und ware vor ubermassigem Entzucken fast zu Boden gesunken. Ach Mariane! Ach Siegwart! war alles, was die zartlichen Verliebten jagen konnten. Nach den ersten feurigen Umarmungen konnten sie mehr sprechen. Gottlob! sagte er, dass ich dich wieder sprechen kann! Bald, bald sollst du ganz mein seyn! Wie ist dir? Wie lebst du? Traurig! war die Antwort. Ach Siegwart, ohne dich! Ich muss vergehen. Oft war ich schon sehr krank. Bald wirds besser werden, meine Liebe! Wenig Tage noch. Hab Geduld, und hoffe! Ach, Siegwart, was ist Hofnung? Doch, ich will Geduld haben. Ach, dass ich dich wieder habe! Kaum kann ichs glauben. Siegwart, Siegwart! ach was haben wir geduldet! Aber alles, alles ist vergessen, da ich dich, dich wieder habe! Ich kann nicht sprechen, meine Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Kuss mich! Kuss mich! Mocht ich doch vor Liebe sterben! Mein, mein, mein! Er druckte sie an sich, als ob er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und schluchzten laut. Gott wird unser Schutz seyn, sagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Mariane, ich weis nicht, wie mir ist? Ich mochte nur im Augenblicke sterben! Und ich auch, du Theurer! Ach, mein Herz ist so beklommen! Wenn wir uns nur wieder sehen! Gewiss, gewiss! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! Siegwart sagte kurz, dass er sie in wenig Tagen wieder sehen, und alsdann befreyen werde. Alle Anstalten seyen schon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutsam zu seyn, und ihr nichts zu sagen, denn sie wage viel, und konnte sie leicht aus Angst verrathen. Sie trennten sich nach einer halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht loslassen. Dreymal kehrte sie sich um, als sie schon gegangen war, und sank wieder an sein Herz. Mir ist, sagte sie, als ob ich dich zum letztenmale sahe! Ach, mein Herz ist so beklommen! Er suchte sie mit der nahen Hofnung zu trosten, und riss sich endlich mit Gewalt von ihr los, weil er furchtete, Brigitten ungeduldig zu machen. Mariane kam weinend zu ihr; sie habe, sagte sie, traurige Dinge von ihrem Vater erfahren. Siegwart schlich sich nach seiner Kammer. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Unaufhorlich weinte er vor Zartlichkeit und Liebe, und angstlicher dunkler Ahndung vor der Zukunft.

Den andern Morgen sprach er mit Brigitten. Mariane ist sehr niedergeschlagen und halb krank, sagte sie; er muss ihr traurige Dinge entdeckt haben. Ja wohl traurige, war seine Antwort; das arme Frauenzimmer leidet viel. Nur noch Einmal machen Sie, dass ich sie sprechen kann! Bis dahin hoff ich, ihr angenehmere Nachrichten geben zu konnen; und dann wollen wir suchen, diesen Aufenthalt zu verlassen. Er nahm sie bey der Hand, und blickte sie zartlich an. Sie erwiederte diese Blicke, und versprach, ihm noch einmal eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen. Er war nun voll froher Hofnungen. Taglich erkundigte er sich nach Marianens Gesundheit. Sie sey sehr schwachlich, war die gewohnliche Antwort, doch sey sie immer so gewesen. Brigitte lag ihm immer mehr an, Anstalten zu ihrer Flucht zu machen. Er versprach ihrs zuverlassig, und sagte, er erwarte nur noch eine Nachricht von Marianens Vater, und wenn er sie ihr gegeben habe, woll er suchen, mit ihr zu entkommen. Er sey Marianen schuldig, sein Versprechen zu halten, weil er sie als Kind noch gekannt, und viel Gutes von ihr genossen habe. Durch diese List machte er Brigitten immer begieriger, ihm bald noch eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen, weil sie glaubte, nach derselben halt ihn nichts mehr im Kloster zuruck.

Etlich Tage drauf kam er endlich einmal des Morgens mit Freuden zu Brigitten, und sagte, nun hab er Nachricht fur Marianen und zwar eine sehr frohe; sie mochte nun machen, dass er sie auf den Abend sprechen konnte; und um dem Madchen alle angstliche Unruhe zu benehmen, mochte sie ihr doch dieses versiegelte Blatt worinn er ihr vorlaufig Nachricht gebe, zustellen. Brigitte nahm das Blatt in die Hand, versprach, es Marianen zuzustellen, und sie Abends um 10 Uhr in den Garten zu bringen. Indem sie das Blatt noch in der Hand hielt, kam die Aebtissin um die Ecke des Kreuzganges, wo sie standen, herum; Siegwart lief erschrocken davon; Brigitte steckte das Blatt schnell ein, und sprach mit der Aebtissin.

Siegwart gerieth in die schrecklichste Angst; er furchtete, die Aebtissin habe das Blatt gesehen, und sich zeigen lassen, und nun sey alles verrathen. In dem Blatt standen diese wenigen Worte:

"Bald, bald kommt die Stunde der Erlosung. Diese Nacht, meine Theureste, soll uns ewig vereinigen. Meine Hand zittert vor Erwartung. Brigitte bringt dich um zehn Uhr an den bestimmten Ort. Verbirg deine Freude! Bitte Gott um Beystand zur Erlosung! Verbrenne dieses Blatt!"

Er dachte hin und her, was aus dieser Ueberraschung werden wollte? Alles Schreckliche stellte sich seiner Seele vor. Er verwunschte den Augenblick, in dem er diese Zeilen geschrieben hatte. Ein paarmal wollte er schon zur Aebtissin eilen, ihr alles offenbaren, sich ihr zu Fussen werfen, und sie um Mitleid anflehn. Aber dann dachte er wieder: Vielleicht stell ich mirs zu arg vor; vielleicht hat die Aebtissin auf das Blatt nicht geachtet. In dieser schrecklichen Unruhe gieng er im dunkelsten Gang des Gartens hin und her, als er Brigitten mit rothgeweinten Augen kommen sah. Er gieng zitternd auf sie zu. Gott, wie stehts? rief er, hat die Aebtissin es entdeckt? Ach nein, sagte sie, die Aebtissin hat nicht das geringste gemerkt; aber einen andern Schrecken hat er mir gemacht. Was muss er doch Marianen geschrieben haben? Sie ward ohnmachtig, als sie den Brief las, und ist jetzt noch sehr matt. Hatt ich mich doch niemals damit eingelassen! Waren wir doch schon fortgegangen! Morgen, morgen! sagte Siegwart hastig; aber kan denn Mariane auf den Abend doch kommen? Sie will, antwortete Brigitte, wenn sie Krafte genug hat. Halt er sich nur um zehn Uhr gefasst! Aber aus unsrer Flucht wird nun wohl nichts werden. Ich beschwor ihn bey der Mutter Gottes! dass er keiner Seele nichts entdeckt! Ich war auf mein ganzes Leben unglucklich. Siegwart suchte sie, wegen dieser Sache, soviel als moglich, zu beruhigen, sie wollte sich aber keinen Muth einsprechen lassen, und bat ihn nur, sie nicht zu verrathen! Er schwur es ihr bey allen Heiligen, und bat sie fur Marianen Sorge zu tragen, und sie auf den Abend gewiss zu bringen!

Er gieng in noch grosserer Unruhe weg, und konnte sich ihr Betragen nicht erklaren. Doch machte er alle mogliche Anstalten, schrieb an Rothfels, dass er um 10 Uhr mit der Kutsche an der Gartenmauer warten soll, und gieng in das Wirtshaus im Dorf, um den Brief durch einen Knaben, den er schon ofters dazu gebraucht hatte, nach Rothfels zu schicken. Zu gutem Gluck traf er da Rothfels alten Bedienten selbst an, der von Zeit zu Zeit an dem bestimmten Ort sah, ob kein Brief da liege? Er nahm den Bedienten auf die Seite, und bat ihn, den Brief sogleich seinem Herrn einzuliefern. Im Garten halte er schon seit ein paar Tagen die Vorsicht gebraucht, an der Mauer, in dem Winkel, wo Mariane hinkam, hinter alten Bretern eine Leiter zu verbergen. Er gieng wieder ins Kloster, und sprach gegen Abend Brigitten noch einmal. Sie weinte wieder, versicherte ihn aber doch, dass es mit Marianen besser stehe, und dass sie um 10 Uhr in den Garten kommen werde.

Er lag in seiner Kammer auf den Knien, und bat Gott um Marianens Genesung, und um seinen Beystand. Als es dunkel wurde, legte er die Leiter an die Mauer an, und blieb in der unruhigsten Erwartung im Garten. Die Nacht war sehr dunkel, sturmisch, und regnerisch. Um 9 Uhr sah er alle Lichter im Kloster ausloschen. Um halb 10 Uhr horte er ausserhalb der Mauer sich etwas bewegen. Er stieg auf die Leiter, und sah aussen die Kutsche, und einen zu Pferd dabey, und auch ausserhalb eine Leiter angelegt. Um 10 Uhr gieng endlich die Klosterthure auf. Sein Herz schlug ihm laut, er konnte sich nicht halten, und gieng einige Schritte weit vorwarts in den Garten. Eine Nonne kam heraus: er hielts fur Marianen und lief zitternd auf sie zu; aber es war Brigitte. Jesus, Maria! sagte sie; eben liegt Mariane in den letzten Zugen; mach er, dass er fort kommt. Gott im Himmel! rief er aus. Indem ward die Thure wieder geofnet, und drey oder vier Nonnen sturzten heraus. Er sprang, ohne dass ers wuste, fort, indem Brigitte einen Schrey that. Wie der Wind flog er die Leiter hinauf, warf sie mit dem Fuss um, und die Leiter auf der Aussenseite hinab. Fort, fort! rief er, sie ist todt! Zween Bedienten nahmen ihn in den Arm, schmissen die Leiter um, und schieppten ihn in den Wagen. Kommt nichts mehr? sagte der Mann zu Pferd. Nein, rief Siegwart, fort, fort! Indem flog der Wagen, wie der Wind davon. Siegwart lag ohnmachtig drinnen. Sie waren eine Stunde weit gefahren, als der Mann vom Pferd abstieg, einen Bedienten drauf sitzen liess, und sich in den Wagen setzte. Es war Rothfels. Siegwart war wieder etwas zu sich selbst gekommen. Wo ist denn Mariane? fragte Rothfels. Todt, todt! versetzte Siegwart. Fahrt nach Steinfeld! rief Rothfels zum Kutscher; so schnell, als ihr konnt! Der Wagen fuhr uber das Feld hin nach der Landstrasse.

Gegen zwey Uhr morgens kamen sie in Steinfeld an, ohne dass Siegwart uber zwanzig Worte mit Rothfels gesprochen hatte. Man weckte den Bedienten, der unten schlief, mit so wenig Larm, als moglich; so, dass Kronhelm und Therese nicht aufgeweckt wurden. Man legte unsern Siegwart in ein Bette, wo er in einer Art von Schlummer bis gegen Morgen halb sinnlos lag. Bey Anbruch des Tages erwachte er; nun sah er erst, dass er in Steinfeld war; alles ubrige, was sich die vergangne Nacht mit ihm zugetragen hatte, kam ihm noch wie ein Traum vor. Nach und nach kam zu seiner Qual alles in sein Gedachtniss wieder zuruck, und er fuhlte nun die Gewissheit und die Grosse seines Verlustes nur zu lebhaft. Der Gedanke, an den Tod seiner Mariane fuhr wie ein Blitz durch seine Seele, und er sturzte sich auf seine Knie und rief, indem ihm dicke Thranen aus den Augen schossen: Heiliger Gott, du hast sie mir genommen! Nur noch Einen Wunsch hab ich auf Erben: Lass mich sterben! Heilige Mutter Gottes, bitt fur mich, und lass mich sterben! Ach Mariane, Mariane, tiefer, indem er aufsprang, und die Hande rang. Ach Vollendete, diese erste Thrane widm' ich dir. Bald wird auch die Aetzte rinnen. Noch vor wenig Tagen.. ach du Heilige.. vor wenig Tagen lagst du mir am Herzen.. und nun bist du todt, todt, todt! Trostlos gieng er nun aufs neu umher; warf sich wieder auf die Erde, bethete still, doch so, dass die Lippen sich bewegten; und, nachdem er ausgeweint hatte, sank er in einen Gessel, und fiel in eine Art von Betaubung..

Kronhelm, der von Rothfels schon vorbereitet war, trat nach einer Stunde leise in sein Zimmer. Siegwart sah ihn ein paar Sekunden stier an, fuhr auf, gieng eilig auf ihn zu, druckte ihn fest ans Herz, und rief mit grosser Heftigkeit: Bruder, Bruder! Kronhelm konnte lange nichts sprechen, und fuhrte ihn wieder nach dem Stuhl. Endlich sagte er: Ich bedaure dich unendlich. Gott, was ist das fur ein Schicksal! Siegwart sich seinen Schwager lang unbeweglich an. Endlich schossen ihm die Thranen in die Augen; er stand auf, und verbarg sein Gesicht an Kronhelms Busen. Bruder, sagte er, hast du Trauerkleider? Ich bitte dich, leih sie mir! Kronhelm liess sie ihm, nach langem Weigern, bringen. Siegwart zog sich ganz schwarz an, und verlangte, seine Schwester zu sprechen. Kronhelm sagte, sie schlafe noch; als aber Siegwart sich nicht abhalten lassen wollte so sprang er voran, um seine Frau auf die traurige Nachricht vorzubereiten. Therese war eben aufgestanden, und ihr Bruder trat ins Zimmer. Er umarmte sie, sprach kein Wort, und weinte bitterlich. Therese konnte vor Thranen auch nicht sprechen. Endlich erzahlte er in wenig Worten seine ganze traurige Geschichte, und versank wieder in Stillschweigen, und anscheinende Gefuhllosigkeit.

Im ganzen Schloss war eine allgemeine Trauer, weil Kronhelm und Therese traurig waren. Rothfels hatte noch die Vorsicht gebraucht, Kronhelms Bedienten, Marx, nach Marienfeld zu schicken, und sich heimlich zu erkundigen, ob eine junge Nonne im Kloster gestorben sey? Er kam den andern Tag mit der Nachricht wieder: Eine junge Nonne sey gestorben, und die Schwester Brigitte sey man wisse nicht warum? ihres Dienstes entsetzt, und eingeschlossen worden. Man erzahlte dieses unserm Siegwart nicht, um nicht seinen Schmerz aufs neu rege zu machen. Er fragte auch nicht darnach, weil er Marianen schon gewiss fur todt hielt.

Kein Mensch wagte es, den niedergedruckten Siegwart zu trosten; denn fur ihn war kein Trost auf Erden mehr. Mann konnte auch fast gar nichts mit ihm sprechen, weil er von zehn Fragen kaum Eine beantwortete. Er sah immer seine Trauerkleider an, und weinte. Am dritten Morgen suchte er seine Briefschaften sehr sorgfaltig durch, verbrannte alle seine Papiere, und band blos die Briefe von Marianen mit einem perlenfarbnen Band zusammen, das sie ihm einmal geschenkt hatte; auch legte er das Suckchen Tafft dazu, das sie ihm einmal gegeben hatte, seinen Finger zu verbinden. Ihren Ring trug er am Finger.

Hierauf gieng er zu Kronhelm, und sagte: Hast du Briefe von ? Kann ich nun ins Kloster? Kronhelm, der indessen Briefe bekommen hatte, wagte es nicht, ein Wort zu sagen, um ihn von seinem Entschluss abzubringen, und sagte: Ja, ich habe Briefe vom Pater Guardian; man erwartet dich. Hier ist auch ein Brief vom Pater Anton. Siegwart brach ihn auf, las ihn hastig durch, weinte heftig, und druckte ihn mit den Worten an den Mund: O du Heiliger, wie bin ich solcher Liebe werth? Nach einer Pause wendete er sich zu Kronhelm: Willst du mir morgen deinen Wagen nach dem Kloster leihen? Schon so fruh? fragte Kronhelm. Ach Geliebter, war die Antwort; hab ich doch genug in dieser Welt gelebt.

Kronhelm sagte Theresen, dass ihr Bruder morgen schon ins Kloster wollte. Sie weinte, aber sie wagte es auch nicht, ihrem Bruder abzurathen. Also machte man die traurige Anstalt zu seiner Abreise. Siegwart bat sich von Kronhelm als die letzte Gabe die Trauerkleider aus, die er hatte. Kronhelm konnte ihm vor Thranen nicht antworten. Er, seine Frau, ihr Bruder, und Rothfels fassen den letzten traurigen Abend beysammen. Keines konnte sprechen; endlich fieng Siegwart, sehr geruhrt, selber also an: Meine Lieben! Weinet nicht zu sehr! Bald hats ein Ende. Kronhelm, du hast viel gelitten, und auch du, Therese; und doch nahms ein Ende. Und doch seyd ihr noch so fern vom Grab, wo alles Leiden aufhort, und ich bin ihm schon so nah. Hat doch Mariane ausgelitten; warum sollt ich nun nicht alles tragen? Damals wars noch schwer, als ich mit ihr trug, und sie mit mir, aber nun ... ist alles leicht ..... Ach, dass ich euch trosten muss! Ihr verliert nur mich, und Ich habe sie verlohren.. Lieben Freunde, ihr habt viel gethan an mir.. und besonders Sie, mein Rothfels, in den letzten Tagen. Gott vergelts Euch! ... wars auf Euch angekommen, ich ware glucklich. Gott hats anders gewollt, und ich murre nicht. Ist sie doch in der Hand des Allmachtigen, und wird mir bald entgegen kommen.. Darum trostet Euch! Ich werde glucklich.. Glaubet mir, im Himmel werd ich ihr erzahlen, was ihr an mir thatet. Gott wirds segnen. Ich kann nichts vergelten. Diese kurze Zeit noch, dass ich lebe, will ich fur Euch bethen. .. Warum weinest du, mein Kronhelm, und du, meine Schwester? Soll ich mit euch weinen? Ja, ihr wart mir lieb und theuer; ach, ihr wisst es selbst, wie mein Leben euch zu Dienste stand! ... Aber nun ists aus; nun gehor ich Gott.. und meinem Engel.. und es wird bald ausgeweint seyn ... Hier konnt er vor Schluchzen nicht weiter reden. Allen wars, als ob das Herz ihnen bersten wollte.. Siegwart nahm ein Glas mit Wein, und sagte: Seht! meine Thranen fliessen in den Wein. Es sind Thranen der Freundschaft, der Trennung und des Danks. Jedes trink' und wein' in das Glas! Trink, mein Kronhelm, und du, meine Schwester, und du, mein Rothfels! ... Gebt nun mir das Glas, und lasst michs vollends leeren!.. Und nun gebt mirs mit, dass es mir heilig sey, bis an mein Ende! ... O, Gott segn euch, meine Lieben, fur die vielen Thranen!.. Kronhelm, du begleitest mich, das weis ich.. Und dich, meine Schwester, seh ich wieder. Du besuchst mich, wenn du starker bist: und auch meinen Rothfels seh ich wieder. Vielleicht zieht sich noch mein Leben ein paar Jahre hin. Ich bin nah bey euch, und seh euch wieder ... Darum weint jetzt nicht so sehr!.. Therese, morgen kuss' ich noch einmal dein Kind, wenn es schlaft. Allen Segen des Himmels will ich ihm erflehen ... Ich bitte dich, sieh mich morgen nicht mehr! Du bist schwach und ich muss stark seyn, denn ich geh ja ein ins Land der Ruhe.

Therese versprach, ihn Morgen nicht zu sehen. Er druckte sie mit Schluchzen an sein Herz. Beyde konnten nicht sprechen.

Den andern Morgen um vier Uhr gieng Siegwart in das Zimmer, wo Theresens Kind schlief. Er kusste den kleinen Engel, und muste weggehn, um das Kind durch sein Schluchzen nicht zu wekken. Gott, rief er aus, wie ruhig schlaft es! warum konnen wir nicht Kinder bleiben? Hierauf setzte er sich mit Kronhelm in den Wagen, und fuhr weg. Sein ubriges Vermogen, was er nicht ins Kloster mitnahm, vermachte er seiner Schwester Salome die hm tausend Thranen nachweinte. Rothfels blieb zuruck, um Theresen zu trosten.

Er war im Wagen ruhiger und starker, als man erwarten konnte. Der Gedanke ans Kloster war etwas Neues, und beschaftigte seine Seele; auch der Gedanke an den nahen Tod trostete ihn. Seine Seele ward starker, je schwacher er seinen Korper fuhlte.

Kronhelm rieth ihm, seine Geschichte sorgfaltig zu verbergen, weil sie ihm im Kloster schaden konnte. Siegwart versprachs; nur meinem lieben Pater Anton, sagt' er, kann ich nichts verhelen. Er soll der Vertraute meines Jammers seyn, bis das Grab mich einschlieft.

Den Nachmittag kamen sie im Kloster an. Kronhelm liess dem Guardian durch den Thorwart seine, und seines Schwagers Ankunft meiden. Der Guardian empfieng sie mit der grosten Freundschaft, und erinnerte sich unsers Siegwarts wieder mit Vergnugen. Wir dachten schon, sagte er, Sie hatten uns vergessen, weil uns Pater Philipp keine Nachricht mehr von Ihnen geben konnte. Beym Namen: Pater Philipp fieng unserm Siegwart das Herz an, zu schlagen; denn er hatte wirklich bey den mancherley Zerstreuungen, und den vielen Leiden der Liebe, schon seit langer Zeit kaum an Pater Philipp gedacht, geschweige denn an ihn geschrieben. Weil Kronhelm sah, dass diese Anrede seinen Schwager in Verlegenheit setzte, so nahm er an seiner Statt das Wort, und sagte: Siegwart habe eine Zeither viel geutten; aber doch sey ihm das Kloster niemals aus dem Sinn gekommen, ob er gleich nicht im Stand gewesen sey, dem Pater Philipp Nachricht von sich zu gehen.

Sie waren kaum etliche Minuten da, so kam der redliche Pater Anton, der von, Siegwarts Ankunft gehoret hatte, ins Zimmer. Siegwart flog ihm entgegen und in seinen Arm. Mein Vater! Mein Sohn! riefen sie zu gleicher Zeit aus, und weinten.

Der Pater Guardian fragte hierauf unsern Siegwart, ob er nun im Ernst gesonnen sey, ins Kloster zu treten! und auf seine Bejahung liess er ihm seinen Aufenthalt bey zwey andern Novizien anweisen. Kronhelm blieb noch denselben Tag da, und schlief draussen vor dem Kloster bey dem Klosteramtmann. Nachdem er mit dem Guardian wegen des Geldes, das Siegwart mit ins Kloster bringen sollte, alles in Richtigkeit gebracht hatte, so gieng er am Abend mit dem Pater Anton und seinem Schwager im Klostergarten spatzieren. Diesem kamen alle die Empfindungen wieder ins Gedachtniss, die er ehemals in seiner glucklichern Jugend hier gehabt hatte. Er erinnerte sich seines seligen Vaters, mit dem er das erstemal hier gewesen war, und des verstorbnen rechtschaffnen Pater Gregors. Gott, wie war jezt alles ganz anders! Es war ihm nicht moglich, ein Wort vorzubringen; er konnte nichts als schluchzen. Der Schmerz und die gewaltige Bewegung druckten ihn fast zu Boden. Pater Anton und sein Kronhelm, zwischen welchen er gieng, konnten auch nichts sprechen; Anton, vor grosser Freude, weil er seinen lieben jungen Freund wieder sah; Kronhelm, weil er seinen Schwager, seinen innigsten und treusten Freund, hier in seinem trostlosen Jammer allein zurucklassen sollte.

Kronhelm kam den andern Morgen zu seinem Siegwart, um Abschied von ihm zu nehmen. Lange stund er bey ihm, und konnte doch kein Wort sagen. Oft wollte er anfangen, aber die Worte starben ihm auf der Zunge. Endlich fieng Siegwart selber an: Unsre Therese wird wohl auf dich warten. Gib ihr diesen Kuss in meinem Namen? Bruder, du bedaurst mich; aber komm ich doch dem Grabe immer naher. Ist doch schon das Kloster ein Grab auf der Welt fur die Lebendigen ... Leb wohl, hab Dank fur alle Liebe! ... Hier erstickten Thranen seine Reden. Kronhelm fiel ihm um den Hals. Leb ewig wohl! sagte er, besuch uns! Gott starke dich! ... Er riss sich von ihm los, und wollte allein wegeilen. Aber Siegwart folgte ihm nach bis an den Kutschenschlag. Sie umarmten sich; Kronhelm stieg ein, zog das Kutschenglas auf, und fuhr weg.

Nun eilte Siegwart auf die Zelle seines lieben Pater Anton, und liess seinem Schmerz und seinen Thranen freyen Lauf. Anton liess ihn ausweinen, und versuchte es nicht, ihn zu trosten. Verzeihen Sie, sagte Siegwart, ich weine nicht um die Welt; sie hat keine Freuden mehr fur mich. Ich habe viel gelitten, theurer Vater! ach, unaussprechlich viel. Sie sollen alles wissen, aber jetzt nicht! Jetzt kann ich nichts, als weinen. Getrost, mein Sohn! sagte Pater Anton; Du sollst Ruhe finden! Ich hab auch viel gelitten. Will dirs auch erzahlen. Du sollst viel aus meiner Geschichte lernen. Sie ist auch traurig; aber fremde Leiden sind ein Trost fur den Unglucklichen. Ich hab endlich Ruh gefunden; Gott gebe sie dir auch!

Siegwart gieng auf seine Zelle, stutzte sich auf seine Hand, und dachte nun zum erstenmal wieder an seine Mariane. Er sah alles in der Zelle an. Gott! dachte er, in einem solchen engen, truben Aufenthalt hat mein Engel, die Vollendete, geduldet und ausgerungen. Gott! um meinetwillen! Gern will ich auch alles dulden. Hier auf diesem Bette soll mein Geist den letzten Kampf kampfen, und sich dann, aus dieser Zelle, aufschwingen, und auf ewig bey ihr seyn ... Ewig, Ewig..! O! was sind die Leiden dieser Zeit: Heilige, gern will ich dulden; denn ich soll ja ewig, ewig, bey dir seyn! So schwarmte er sich in uberirrdische Empfindungen hinein, und vergass Welt, und alles um sich her.

Der Guardian und die andern Paters begegneten ihm mit Freundschaft und Liebe, und unterschieden ihn da er mehr Vermogen mit ins Kloster brachte, sehr von den beyden andern, die mit ihm das Noviziat antreten sollten. Der Eine, Bruder Porphyr, war ein feuriger, oft ausgelassener Jungling, der eher zum Herrschen, als zum Gehorchen gebohren war, und besser einen Officier, als einen stillen und geduldigen Monch abgegeben hatte. Aber sein Vater hatte mehrere Kinder und ein massiges Vermogen. Also hielt ers fur ein Gluck, dass sein S o h n hier eine Versorgung finden sollte. Der andre Bruder Isidor, war ein dummer, schlafriger Mensch, der sein Leben so hintraumte, ohne viel dabey zu denken. Seine Mutter, ein bigottes Weib, hatte ihn, weil sie bey seiner Geburt fast starb, von Jugend auf zum Monch bestimmt, und ihm schon, als Knaben, eine Kapuzinerkutte angelegt. Fragte man den Knaben, was er werden wollte? so sagte er: ein geistlicher Herr. Die Mutter sagte ihm, im Kloster konn er ohne viele Muh ein Heiliger werden; und dem Knaben war alles recht, was nicht viele Muhe kostete. Der Beichtvater seiner Mutter, ein Kapuziner, kam oft in sein Haus. Sein dicker Bauch gefiel ihm, und seine Erzahlungen von der Ruh im Kloster wurden von dem Knaben begierig angehort. Man that ihn auf die Schule; er lernte da so wenig, als er brauchte; auf der Universitat in Dillingen trank er sein Glas Bier in Ruhe, und gieng nun, als er alt genug war, ins Kloster.

Keiner von beyden war fur unsern Siegwart geschaffen. Bruder Porphyr wollte immer nur lustige Universitatsstuckchen von ihm wissen, und war ihm mit Erzahlungen seiner Streiche, die er in der Welt getrieben hatte, lastig. Wenn Siegwart in tiefer Melancholie da sass, und mit seiner Seele ganz bey Marianen war, so ruttelte er ihn, und wollte ihn durch Spass munter machen; und einem Traurigen ist nichts widriger, als eine unzeitige Lustigkeit. Isidor sprach gar nichts, schlief grostentheils, oder sass unthatig und gedankenlos da, und nahm an gar nichts Antheil. Siegwart nahm also seine Zuflucht zur einsamen Andacht, der er, so lang die Witterung noch gelind war, in einer Grotte im Garten pflegte; oder er schrieb kurze Aussatze, die an Gott oder Marianen gerichtet waren; oder er sass bey seinem lieben Pater Anton auf der Zelle. Gleich in den ersten Tagen erzahlte er ihm, mit tausend Thranen, und aufs unpartheyischste seine Geschichte. Der alte Mann, der der Welt schon ganz abgestorben war, wurde oft im Innersten dabey bewegt, und nahm an Marianens und an seines jungen Freundes Schicksal soviel Antheil, als ein Jungling. Er war offenherzig genug unserm Siegwart verschiedne Abende nach einander seine ganze Geschichte, die oft sehr traurig war, zu erzahlen, und ihm auch die Verirrungen, in die er sich verwickelt hatte, nicht zu verschweigen. Unser Siegwart horte ihm mit tiefer Ruhrung zu; oft vergass er dabey seiner eignen Unglucksfalle; oft aber ward er wieder durch die entfernteste nur anscheinende Aehnlichkeit aufs lebhafteste an seine eignen Schicksale erinnert, so dass Anton manche Viertelstunde in der Erzahlung inne hielt, und mit ihm weinte.

Siegwart konnte nicht begreifen, wie ein Mann, der soviel ausgestanden hatte, wie Pater Anton, mit seinem empfindungsvollen, tieffuhlenden Herzen nicht nur solche Leiden uberleben, sondern wieder zu einer solchen Ruh gelangen konnte; er ausserte auch seine Verwunderung daruber, und glaubte, ihm wurde dieses nicht moglich seyn. Lieber Xaver, sagte Anton, ich habs auch nicht geglaubt, als der Schmerz noch neu in meiner Seele, und ich noch ein Jungling war. In der Jugend fuhlt man alles noch so stark, und traut sich auf der einen Seite zu wenig, und auf der andern zu viel zu. Leiden glaubt man nicht tragen zu konnen. Jede Leidenschaft, glaubt man, musse diesen Korper gleich zertrummern; aber in der Jugend kann der Korper weit mehr tragen, als im Alter. Drum gab Gott, dem das Leben eines Menschen theuer ist, uns gewohnlich nur so lang starke Leidenschaften, als der Korper stark genug ist, ihre Erschutterungen zu tragen. Mit dem Wachsthum der Jahre nehmen sie ab, und die Reizbarkeit der Empfindung auch. Siehst du, Freund, so wird der Alte ruhig, in dessen Brust es vorher noch so sehr gesturmt hat. Die Jugend half ihm die Sturme aushalten, und nach dem Sturm kommt Ruhe. Also ist sie sehr naturlich, ob es gleich auch eine kunstliche Ruhe giebt, die von guten Grundsatzen, von Erfahrung, Philosophie, und Anwendung der Religion erzeugt wird. Der Welt ware schlecht geholfen, wenn Ungluck des Herzens jeden Jungling sogleich todtete; denn mehrentheils sind die Junglinge, die tief empfinden, deren grostes Ungluck ihr zu fuhlendes Herz ist, die edelsten, die der Welt am meisten dienen konnen. Du bist also dich der Welt noch schuldig, und must auf deine Selbsterhaltung denken! Ich weiss wohl, dass der Wunsch nach dem Tod, und das heisst Sehnen darnach, dir, und dem Jungling uberhaupt sehr naturlich ist. Der Jungling liebt alles Neue, Ungewohnliche und Feyerliche, und was ist feyerlicher als der Uebergang aus diesem Leben in ein anderes, uns so wenig Bekanntes! Der oftere Gedanke an den Tod wird uns zuletzt gewohnlich; das Lachende verliert sich, und wir sehn den Tod als ein Beingerippe an, vor dem man sich destomehr entsetzt, je naher man ihm kommt. Ich gestehs, du hast viel ausgestanden; Marianens Verlust muss dir unaussprechlich schmerzlich, und der Gedanke, wieder mit ihr vereiniget zu werden, muss dir der susseste seyn; aber, lieber Freund, zu sehr und zu lebhaft must du ihm nicht nachhangen! Denn daruber wurdest du unbrauchbar fur die Welt und fur das Kloster, in dem du jetzt doch ein Mitglied werden willst. Du wurdest nach und nach deine Gesundheit und dein Leben schwachen, uber das du doch nicht soviel Gewalt hast, dass du es ablegen kannst, wann du willst. Glaub nicht, dass fur dich kein Gluck und keine Ruhe mehr auf Erden ist! Gott, der dieses dir genommen hat, kann dirs wieder geben, und aus Erfullung unsrer Pflichten fliesst die meiste Ruhe.

Siegwart weinte, und versprach, seinen Verdruss des Lebens, wo moglich, zu besiegen, wenigstens nichts vorzunehmen, was seinen Tod beschleunigen konnte. Er sprach jetzt weniger vom Tode, wenn er bey seinem lieben Pater Anton war. Er sah wohl ein, dass er schuldig sey, fur seine Erhaltung zu sorgen, und sich nicht dadurch zu schwachen, dass er seinem Gram bestandig nachhieng. Aber doch betaubte sein Gefuhl gewohnlich seine Ueberzeugung; er konnte sich, zumal wenn er allein war, selten aus seiner Melancholie herausreissen; oft dachte er halbe Nachte durch an seine Mariane; sie schien ihm wachend und im Schlummer zu winken, und dann bemachtigte sich seiner ein ungeduldiges Sehnen nach dem Tod; er bat Gott darum mit lautem Weinen; und dann machte er sich selber wieder Vorwurfe, und bath Gott seinen Fehler ab.

Nach drey Wochen, die er nun im Kloster zugebracht hatte, ward ihm vor dem Altar die Kleidung angelegt. Sein schwarzes Kleid, das er in der Kirche ablegte, ward mit einer braunen Kutte vertauscht, und das Noviziat fieng sich an. Er bekam den Klosternamen Georg. Er musste nun alle die Geschafte und Uebungen des Gehorsams antreten, die ein Neuangehender im Probejahr auszuhalten hat. Der damalige Novizmeister war ein strenger und wunderlicher Mann, der den Novizien oft lacherliche Uebungen auflegte. So mussten sie, zur Uebung im Gehorsam, Holz aus der Holzkammer holen, und wenn sie ziemlich viel geholt hatten, mussten sie es wieder zurucktragen. Es ward ihnen warmes Essen vorgesetzt, und wenn sie eben essen wollten, ward es wieder weggenommen, und sie mussten trocknes Brod essen. In der Bibliothek mussten sie im kalten Winter die Bocher aus einem Schrank in den andern setzen, und dann wieder zuruck in den vorigen Schrank tragen; kurz: immer Arbeiten ohne Zweck verrichten.

Dem Bruder Porphyr gefiel dieses sehr ubel. Er beklagte sich oft daruber gegen unsern Siegwart, und sagte, dass er dieses nicht aushalte, und in einem halben Jahre geh er wieder aus dem Kloster. Er wolle lieber jeden andern Stand, als diesen Sklavenstand erwahlen, da er blos allein von dem Eigensinn und den Grillen eines narrischen Novizmeisters abhange. Siegwart aber ertrug sein Loos, mit Gelassenheit, ob er wol sonst frey genug dachte. Er glaubte, diese Unterwerfung Gott schuldig zu seyn, und dieses Schicksal verdient zu haben; denn bey seinen bestandigen Andachtsubungen, und in der fortdaurenden Einsamkeit bekam seine lebhafte Einbildungskraft wieder einen neuen Schwung, und lenkte sich auf die Seite der Andachtigen, wohlgemeynten Schwarmerey. Es stiegen ihm allmahlich verschiedne Zweifel und Gewissensscrupel wegen seines vorigen Lebens auf da er sich Gott schon einmal gewidmet hatte, und sich nun durch die Liebe zu Marianen wieder von ihm ab, und zur Weltliebe hatte verleiten lassen; da er sogar auf den Vorsatz gefallen war, Gott und der Kirche eine Braut zu entziehen. Diese Vorstellungen machten ihn angstlich, und brachten eine neue Art von Melancholie in ihm hervor, die noch tiefer, als die vorige, sich in seine Seele eingrub. Er machte sich nun ein Gewissen und sogar ein Verbrechen daraus, an seine Mariane zu denken, die ihm doch unwillkuhrlich und bestandig vor der Seele schwebte. Verschiedne Aufsatze, die er hinterlassen hatte, zeugen von diesem neuen und schrecklichen Kampf seiner Seele, unter dem er fast erlag, und unter welchem seine Gesundheit sehr litt. Er hatte nicht einmal das Herz, seinem P. Anton etwas davon zu entdecken. Er glaubte nun dafur bussen zu mussen, und trug alle Proben des Gehorsams, die ihm der Novizmeister auflegte, mit Gelassenheit und Stille. Die Klagen des Bruder Porphyrs suchte er zu widerlegen, und gab sich Muhe, ihn zu bekehren, und in ihm den Entschluss hervorzubringen, vom Kloster nicht abtrunnig zu werden. Aber seine Vorstellungen halfen nichts bey dem ziemlich leichtsinnigen Porphyr.

Er wendete sich also mit seinen Bemuhungen an

den schlafrigen Bruder Isidor, der sich auch oft uber die vielen Arbeiten und Beschwerlichkeiten beklagte. Seine geistliche Vorstellungen halfen bey diesem wenig; aber desto mehr die Winke, die er ihm gab, dass diese Probe ja nur ein Jahr daure, und dass dann Ruhe und Bequemlichkeit nachfolge; er durfe nur die Paters ansehen, welch ein ruhiges Leben diese fuhrten. Dieses gefiel dem phlegmatischen Isidor; er schielte bey seinen Arbeiten immer auf die andern Paters, die in Ruh und grostentheils in Faulheit und Unthatigkeit ihr Leben hinbrachten. Er sehnte sich also nach dem Ende dieses Probejahrs, um dann ausruhen, und als Pater sein Leben in ewiger Unthatigkeit hinbringen zu konnen. In dieser Hofnung versprach er unserm Siegwart, das Probejahr auszuhalten und im Kloster zu bleiben. Daruber triumphirte Siegwart bey sich selbst, und hielt es fur eine Frucht seiner frommen Vorstellungen, so dass er glaubte, durch diese Bekehrung ein grosses gutes Werk gethan zu haben.

Die Ponitenzen oder Bussubungen waren auch sehr streng, besonders das Fasten und das Geisseln. Die Paters mussten oft bey Nacht in ein dunkles Gewolbe gehen, und sich mit den Stricken, die sie an sich hangen hatten, auf den blossen Rucken geisseln. Das Schlagen gab ein Getose, dass das ganze Gewolbe wiederhallte. Unser gewissenhafter Siegwart schlug sich allemal blutrunstig, so dass er eine Menge Bluts verlohr. Darunter litt seine Gesundheit, bey dem ohnediess immer nagenden Seelenkummer, noch mehr. Seine Gesichtsfarbe verlohr sich vollig, und seine Krafte nahmen zusehends ab. Umsonst warnte ihn P. Anton, sich zu schonen, und gegen seinen eignen Korper nicht mehr, als nothig ware, zu wuten. Bruder Porphyr lachte ihn oft aus, denn er hatte gemerkt, dass sich die Paters entweder blos mit der Hand auf den Rucken, oder mit den Stricken blos an die Saulen, oder an die Wand schlugen. Diese List machte er nach, und rieth unserm Siegwart an, es auch nachzumachen. Dieser hielt aber seinen Rath fur gottlos, und betrubte sich uber seinen Leichtsinn. Isidor hingegen war das eine angenehme Entdeckung, die er sich sehr zu Nutze machte.

Siegwart sah nun auch ein, dass das Klosterleben wie das meiste auf der Welt von aussen schon glanzt, wenn mans aber genauer kennen lernt, tausend Mangel und Unvollkommenheiten hat; er sah taglich mehr den innern Krieg, den Neid, und die Misgunst, die unter den Paters gewohnlich herrscht. Er sah, dass fast keiner ein aufrichtiger Freund des andern, und dass das Kloster ein Sammelplatz fast aller hasslichen menschlichen Leidenschaften ist. Fast alle Tage gab es Zank, und Sticheleyen, und Verhetzungen. Er betrubte sich heimlich daruber, hielt sich aber desto mehr verbunden, sich von diesen Schlacken rein zu halten, und sein Herz unter den Unheiligen Gott zu widmen und zu heiligen.

Den meisten Kummer aber, der am schmerzlichsten heimlich an seiner Seele nagte, machte ihm, dass er, zumal an den truben, einsamen Wintertagen, so unthatig in seiner Zelle sitzen musste, ohne in einem nutzlichen und vernunftigen Buche lesen zu durfen; denn die Bibliothek enthielt fast grostentheils Legenden, und er durfte noch dazu nur die Bucher lesen, die ihm der Novizmeister gab, und die sehr schlecht gewahlt waren. Seine Dichter, und uberhaupt kein Buch hatte er mit ins Kloster bringen durfen. Jedes Buch, das ins Kloster kam, wurde erst visitirt, und unter diesen durfte nie kein Dichter, am wenigsten ein protestantischer Schriftsteller seyn. Tausendmal sehnte er sich nach seinem lieben Klopstock, zu dem er sonst in Freud und Leid seine Zuflucht genommen hatte. Auch schmachtete er oft, wenn seine Seele trub und wehmuthig war, umsonst nach seiner treuen Freundin, der Musik, um seinen Schmerz auf der Violine weinen, oder toben, oder auf der sanften Flote schmachten zu lassen. Denn im Kloster durfte man keinen Laut von einem Instrument horen lassen. Seine einzige Beschaftigung war, die Stellen, die ihm aus Haller, Kleist, und Klopstock im Gedachtniss geblieben waren, und kleine Aufsatze an Gott und Marianen, und besonders eine ziemliche Anzahl melancholischer, elegischer Gedichte, die seine ganze Geschichte und den Zustand seines Herzens schilderten, niederzuschreiben.

Pater Anton sah den guten Jungling schmachten, und sichtbar nach und nach dahin sterben, ohne ihn trosten zu konnen. Er litt mit ihm, und oft sassen sie ganze Stunden beysammen, sahn sich wehmuthig und schmachtend an, und fuhlten jeden Augenblick der Zeit, wie er trub und freudenleer dahin schlich.

Im Fruhjahr nahm ihn Pater Anton gewohnlich auf dir benachbarten Dorfer mit, wo er Allmosen einsammelte, predigte, und dem Bauervolk in geistlichen und weltlichen Anliegen guten Rath ertheilte. Unser Siegwart war bey den Bauren sehr beliebt, weil er sie auch auf eine ruhrende und eindringende Art zur Frommigkeit ermahnte. Sie nannten ihn in der ganzen Gegend den schwermuthigen Bruder Georg. Aber die Liebe dieser guten Leute war nicht im Stande, einen Stral von Heiterkeit und Ruhe in sein trubes Herz zu giessen. Fast alles liess ihn kalt; auch sogar der Fruhling, und die wieder auflebende Natur, die sein Herz sonst immer mit neuer Wonne angefrischt hatte. Statt der Freude, die der Fruhling jeder jugendlichen Seele, auch sogar dem Alter bringt, brachte er ihm nichts als Seufzer, angstliches Schmachten, und wehmuthige Wiedererinnerung an den verbluhten Fruhling seines Lebens, und die ehemaligen Freuden und sussen Schmerzen seiner unglucklichen Liebe. Er gieng kalt und fuhllos, oder weinend auf beblumten Wiesen und zwischen bluhenden Fruchtbaumen hin; die Nachtigall sang ihm Grablieder; er sah aus den Bluthen Tod hervorkeimen, wenn er ihre kleinen Blatter, vom Wind abgeschuttelt, haufenweise, wie Schnee herabsinken sah; er legte sich unter die Kuschbaume, liess von den Bluthen sich bedecken, und dachte: sturb' ich doch auch mit ihnen! Wenn er auf der Wiese einen Haufen Blumen bey einander stehen sah, so erhub sich ein Sehnen in seiner Brust, unter die Blumen sich zu legen, und zu sterben. Sein Blick war immer mehr zum Himmel gekehrt, als auf die Erde; wenn er horte, dass ein Mensch gestorben sey, so pries er ihn glucklich, und wunschte sich an seine Stelle. Wenn ihn Pater Anton Abends nicht im Garten antraf, so suchte er ihn aus dem Gottesacker, wo er ihn gewohnlich auf dem Grab des P. Gregors fand. Er fuhlte, dass ihn der innerliche Gram, das viele Fasten, und das strenge Geisseln nach und nach abzehrten und entkrafteten, und fuhlte es gern. Wenn der Schlaf, das Bild des Todes kam, so flehte er zu Gott, ihn bald in den ewigen Schlummer einzuwiegen, aus dem kein Aufstehn mehr zu Schmerz und Thranen seyn wird.

Als ein halbes Jahr um war, gieng Bruder Porphyr wieder aus dem Kloster. Man liess ihn gern gehn, weil er allerley schlechte und muthwillige Streiche gemacht hatte. Als man aber unsern Siegwart fragte, ob er bleiben wollte? so sagte er mit Freuden Ja, ohngeachtet ihn der Novizmeister so hart hielt.

Kronhelm besuchte seinen lieben Siegwart ein paarmal im Kloster. Er erschrack, als er ihn so blass und abgezehrt fand. Er wendete alle Muhe an, ihn zu uberreden, das Kloster wieder zu verlassen, und sich nicht selbst ins Grab zu bringen; aber alle seine Zartlichkeit und Liebe war vergeblich angewendet. Siegwart hatte es fur einen Kuchenraub gehalten, wenn er hatte wieder in die Welt zuruck kehren wollen. Die Furcht seines Kronhelms, dass er bald sterben mochte, schmeichelte ihm, und er horte von nichts lieber reden, als von seinem Tode. Einmal bekam er auch die Erlaubniss, seine Schwester Therese zu besuchen. Diese, so glucklich sie auch in der Liebe ihres Kronhelm war, konnte doch, so lang ihr Bruder gegenwartig war, nichts als weinen. Sie sah ihren Bruder, den sie so unaussprechlich liebte, nach und nach dem Tode welken; dieser Anblick war ihr unertraglich. Das ganze Schloss, das sonst so glucklich war, gerieth in Trauer. Siegwart sass einen Abend bey Kronhelm und Theresen, die ihr Kind auf dem Schoss liegen hatte. Das Kind schlief; Siegwart sah es an, mit Thranen in den Augen. Armes Knabchen, sagte er, du schlummerst jetzt so ruhig, und lachelst im Schlaf. Wenn du aufwachst, wird die Welt dir entgegen lachen, denn du siehst nirgends keine Sorge. Mochtest du doch ewig ein Kind bleiben, oder sterben, eh das Junglingsalter kommt! Wenn der Jungling aufwacht, ach dann ists gar anders. Tausend Sorgen wachen mit ihm auf, Leiden werden stets mit ihm gebohren, deren Keim schon in der Seele liegt. Gebt mir euren Kleist her, dass ich mein Lieblingsstuck wieder einmal lese: Weh dir, dass du gebohren bist etc. So sprach er oft bey ihnen, und Kronhelm und Therese wagtens nicht, ihn zu trosten.

Er ward auch auf die Vermahlung des braven Rothfels mit der Schwester Kronhelms geladen, aber er kam nicht, und schrieb ihnen:

Lasst mich, lieben Freunde, in der Zelle meiner Leiden! Bittet man den Tod zu Gast beym Freudenmahl? Soll mein Anblick Euch erinnern an die Stunde Eurer Trennung, und dass alle Freuden dieses Lebens nichts sind? Ich will Gott flehn, dass er Euren Blick nicht dringen lasse in die Zukunft! Dass ihr nur die Blumen, die der Fruhling darreicht, aufkeimen, und nicht sterben seht! Flechtet keinen Kranz von Blumen, denn sie welken, eh der Abend anbricht! Hier schick ich Euch einen Kranz von Immergrun! Er vergeht auch, aber spater, als die Blumen. Wenn es Ruhe gibt, und Gluck, so fleh ichs Euch von Gott herab.

Sein Schmerz ward immer dusterer und stummer. Anton wars fast allein, mit dem er sprach. Sein Leben war eine bestandige Andacht, und dabey war er am heitersten, denn sein Blick drang immer scharfer in das Leben jenseits des Grabes. Oft weinte er Freudenthranen, wenn er im zuversichtlichsten Vertrauen sein nahes Ende sah. Er fuhlte die Gegenwart Gottes aufs lebendigste, und ward fast bis zum Anschauen uberzeugt, dass Gott den Menschen nur eine Zeitlang fur die Leiden, nach diesen aber fur ein ewig gluckliches und ruhiges Leben geschaffen habe. Und dann dankte er Gott fur sein Daseyn, auch sogar fur seine Leiden. Aber freylich sind diese Stunden der heitersten und zuverlassigsten Gewissheit bey dem Menschen, dem sein Korper alle Augenblicke dran erinnert, dass er noch auf der Welt ist, selten. Oft konnte er ganze Tage lang nichts denken, als die Trennung von seiner Mariane, ohne die Wonne des Wiedersehens, und der Wiedervereinigung zu fuhlen, und diese Tage waren ihm die traurigsten und bangsten.

Sein Andenken an Marianen und der damit verbundne Schmerz wachte wieder neu auf, als man bey folgender Veranlassung einige Tage lang im Kloster von nichts als von Nonnen sprach. Man hatte nehmlich etlich Nachte vorher am Himmel eine starke Rothe, als das Zeichen einer grossen Feuersbrunst, wahrgenommen. Zwey Tage drauf kam die Nachricht, dass in Adlingen, einem acht Stunden weit entfernten Nonnenkloster, ein heftiges Feuer ausgebrochen sey, dass das ganze Gebaude in die Asche gelegt habe. Die Nonnen fluchteten sich, ein paar ausgenommen, die die Gelegenheit wahrnahmen, und entwischten, in ein benachbartes Benediktinerkloster. Diese Nonnen wurden nun in die benachbarten Frauenkloster vertheilt. Pater Hildebrand, der in dem nachsten Nonnenkloster Bergkirch Beichtvater war, erzahlte bey Tisch, es seyen dahin auch vier Nonnen von den verungluckten gekommen, von denen zwo bey dem Brand vielen Schaden gelitten haben. Er schilderte ihren Schrecken, der noch immer fortdaure, sehr ruhrend, und beschrieb die Nonnen, deren eine noch sehr jung und ausserst schwermuthig sey. Bey dieser Beschreibung stellte sich unserm Siegwart das Bild seiner lieben verstorbnen Mariane wieder so lebhaft vor Augen, dass er in Gegenwart der Paters zu weinen anfieng, und so sehr vom Schmerz ergriffen wurde, dass er, um sein Geheimniss zu verbergen, unter dem Vorwand einer plotzlichen Uebelkeit von Tische weggieng, sich in seiner Zelle niederlegte, und seinen Thranen freyen Lauf liess. Etlich Tage lang konnte er nicht ruhig bethen; seine Gedanken waren immerdar zerstreut; Marianens Bildniss folgte ihm aller Orten nach, und stellte sich ihm fast jede Nacht im Traum vor. Erst nach etlich Wochen bekam er seine vorige Ruhe wieder.

Sein Probejahr war schon beynah zu Ende, als der Guardian starb, und das Klosterkonvent fast einmuthig den rechtschaffnen Pater Anton zu seinem Vorsteher und Guardian erwahlte. Der brave Mann nahm diese Ehre am Ende seiner Tage ungern an. Er hatte lieber seine noch wenigen Tage in der Stille beschlossen, aber das Zureden seiner Mitbruder uberwand endlich seine Bescheidenheit, und er nahm die Wurde an, die er aufs treulichste, und ohne sein Betragen oder seine Denkungsart im geringsten zu verandern, verwaltete.

Siegwart hatte sich nun sehr gut sein Schicksal erleichtern, und sich bey dem Guardian, der sein Freund, und noch mehr, sein zweyter Vater war, uber die Strenge und Unbilligkeit seines Novizmeisters beschweren konnen; denn dieser stolze und fuhllose Mann vermehrte seine Harte, je mehr sich das Probejahr seiner Untergebenen dem Ende nahte; aber Siegwart sagte kein Wort, und trug sein Schicksal mir Stille und Gelassenheit. Oft fragte ihn P. Anton, ob er mit seinem Zustand zufrieden sey, und sich uber nichts zu beklagen habe? und allemal antwortete er, er sey mit jedermann ufrieden, und wunsche sich keinen bessern Zustand.

Am Ende seines Probejahrs legte er feyerlich in der Kirche, zur Ruhrung aller Anwesenden, den Profess ab, bekam die Priesterweihe und die Tonsur, ward zum Pater aufgenommen, und trat, nachdem er seine erste Messe gelesen hatte, alle Verrichtungen eines Paters an.

Kronhelm und Rothfels waren bey der Einweihung mit zugegen, und wurden auch beym Mittagsessen behalten. Siegwart, dem das Feyerliche der Handlung noch immer vor der Seele schwebte, sprach sehr wenig, und hatte fast bestandig Thranen in den Augen. Seine beyden Freunde sahen ihn wehmuthig an. Sein mattes, halberloschnes Auge, seine blasse Farbe, sein eingefallenes Gesicht, die Gleichgultigkeit, mit der er sogar sie betrachtete, weissagten ihnen seinen nahen Tod, und dass sie ihn vielleicht schon heut zum letztenmale sehen wurden. Kronhelm, der einen ziemlichen Theil seiner Jugend mit ihm zugebracht hatte, der ihn so ganz kannte, und es wusste, dass wenige Menschen in so hohem Grad verdienten glucklich zu seyn wie er; und doch auch alle seine Leiden kannte, deren manche Menschen in ihrem ganzen langen Leben nicht den zwanzigsten Theil davon erfahren, sass im dustersten Nachdenken da, schlug zuweilen seine Augen auf zum Himmel, unterdruckte einen Seufzer, und dachte zitternd an die Unbegreiflichkeit der gottlichen Rathschlusse in den Schicksalen eines Menschen. Beym Weggehen druckte ihn Siegwart feste und feuriger als gewohnlich ans Herz. Bruder, sagte er, ich sahs heut, dass du meinen Zustand ganz fuhlst. Bald wirds besser werden. Hab Dank fur deine viele bruderliche Liebe! Ich bethe stets fur dich und meine Schwester, und dein Kind. Sag ihr, mir sey wohl, und werde bald noch besser werden. Ich gehore nun ganz Gott an, und in seiner Hand konne man nicht unglucklich seyn. Gib ihr diesen Kuss! Sag ihr nicht, dass ich schwach bin, die gute Seele mochte sich betruben. Wenn du horst, dass ich todt bin, dann troste sie, und sag ihr, dass mir ganz wohl sey! Kronhelm konnte nichts sprechen, und riss sich von ihm los. Rothfels nahm auch weinend von ihm Abschied, und die beyden reisten traurig weg.

Siegwart theilte nun seine ganze Zeit in seine Monchsverrichtungen und in selbsterwahlte Andachtsubungen ein. Er war fleissig bey den Landleuten, bey denen er ausserordentlich beliebt war. Er predigte viel bey ihnen und stiftete sehr grossen Nutzen, denn sein Vortrag war so fasslich, dass ihn jedes Kind verstehen konnte. Er hatte den Grundsatz, den jeder Prediger haben sollte: Wenn mich der gemeinste Mann vom schwachsten Verstand versteht, so versteht mich auch der Aufgeklarte, und ich werde allen nutzlich. Da er die Gemeinden, und die einzelnen Glieder derselben genau kannte, so war sein Vortrag immer so wenig allgemein, dass er nur auf die Gemeinde, der er predigte, allein passte. Alle seine Betrachtungen, Bewegungsgrunde und Gleichnisse waren vom Landleben und vom Ackerbau hergenommen, und passten auf keine Stadtgemeinde. Diese Kunst hatte er von Christo gelernt, der die Veranlassungen zu seinen Reden immer von denen Gegenstanden hernahm, die seine Zuhorer vor sich sahen, oder womit sie sich beschaftigten. Wenn er Leute auf dem Feld antraf, so machte er sie auf die Natur, und auf den Segen aufmerksam, den Gott uberall so reichlich ausgestreut hat. Dadurch flosste er ihnen Liebe und Vertrauen gegen Gott ein, die die beyden Hauptquellen eines reinen und aufrichtigen Gottesdienstes sind. Wenn er zur Geduld im Leiden ermunterte, so war sein eignes Beyspiel die beste Aufmunterung und Lehre, denn er war, bey seinem abgezehrten, matten Korper immer heiter, wenn er mit den Leuten sprach, und seufzete blos in der Stille.

War er allein, so war der Gedanke an den Tod und an seine Mariane sein bestandiger Gefahrte. Wenn er uber eine Wiese gieng, so dachte er mit Sehnsucht: Vielleicht seh ich diesen Ort zum letztenmal; wenn er einem Sterbenden die letzte Oelung gab, so dachte er: O der Gluckliche! Er kommt zu Gott, bey dem meine Mariane ist. Mocht ich doch mit ihm mich hinlegen und sterben! Ganze Stunden lang hieng sein Aug am stillen melancholischen Mond. Seine Phantasie uberredete ihn, Marianens Seele sey im Mond; dieser Gedanke ward ihm oft Gewissheit, und er schwang sich auf den Flugeln seiner Schwarmerey in den Mond hinauf, und vergass daruber Welt und alle Leiden, hielt lange Gesprache mit seinem lieben Madchen, und sah oft erst spat hernach zu seinem Verdruss seine Tauschung ein, und dass er noch auf der Welt sey. Dann schrieb er wieder Gedichte, oder kleine Aufsatze an sie nieder.

Unter den wenigen Buchern, die er sich' auf der Bibliothek ausgesucht hatte, war ihm keins lieber, als eine lateinische Bibel. Darin, und besonders im neuen Testament las er unaufhorlich. Als er fand, dass die Religion Jesu in ihrer Quelle so ausserordentlich rein und einfach ist, und sie mit der Art verglich, wie sie heutzutage bey den Katholiken gelehrt und ausgeubt wird, da stiegen ihm wegen der vielen Menschensatzungen und willkuhrlichen eigenmachtigen Zusatze viele Zweifel und Bedenklichkeiten auf, mit denen er lang zu kampfen hatte, eh er sich etwas beruhigen konnte. Endlich dachte er, wenn ich nur blos auf die Ausubung der Religion nach dem Sinn Christi dringe, und die Zusatze der Kirche stillschweigend gelten lasse, ohne sie fur gottliche Satzung auszugeben, so kann ich ja doch mehr Nutzen stiften, als wenn ich mich dem reissenden Strom widersetze; denn sonst wurde man sich mir wieder entgegensetzen, oder mich gar verketzern, und dann ware mir aller Weg, Gutes zu thun, abgeschnitten. Mit diesen, und ahnlichen Betrachtungen beruhigte er sich wieder; aber doch stiegen ihm in ernsthaften Stunden des Nachdenkens oft wieder neue Gewissenszweifel auf, die ihn oft so angstigten, dass er nicht wuste, was er thun sollte, und oft den dunkeln Gedanken bey sich spurte, zu den Protestanten uberzugehen. Aber theils kannte er die Lehrsatze dieser Kirche nicht genug, theils hielt ers auch nach seinen Begriffen fur strafbar, die vaterliche Lehre, in der er gebohren und erzogen war, abzuschworen, und unter seinen Brudern ein Aergernis zu stiften, da er ohnedies nur noch eine kurze Zeit, die er zu leben hatte, vor sich sah. Er wagte es auch nicht, seine Zweifel irgend einem Menschen, auch nicht einmal seinem lieben P. Anton vorzutragen.

Sonst aber war er viel bey diesem theuren Mann, der alles auf ihn hielt, und ihn durch seine Freundschaft soviel aufzuheitern suchte, als moglich. Diese Achtung, die der Guardian ihm, als einem noch so jungen Pater erwies, lud ihm den Neid und Hass fast aller andern Paters auf den Hals. Sie stichelten auf ihn bey aller Gelegenheit; sie sassen oft beysammen und machten allerley Kabalen gegen ihn; andre schmeichelten ihm, und glaubten durch seinen Furspruch die Gunst des Guardian zu gewinnen; heimlich waren sie aber doch seine Feinde, und machten ihm hinterrucks tausenderley Verdruss. Siegwart merkte dieses wohl; weil er aber sich seiner Unschuld bewusst war, so blieb er daruber ruhig, und vergalt seinen Brudern ihre boshaften Kunste mit Freundschaft und ungeheuchelter Liebe.

Der zweyte Winter und der Fruhling waren ihm nun auch dahin geschlichen. Seine Traurigkeit um Marianen war nun eine stille Melancholie geworden, die ihn zwar nie verliess, die aber doch unmerklicher geworden war, und seltner in laute Klagen ausbrach. Er trug den Tod in seinem Busen, wo er, wie der Wurm in einer Rose, immer weiter um sich frass. Seine Krafte nahmen allmahlich ab; nur seine strenge Diat, und die, immer einformige Lebensart erhielten noch den Korper aufrecht, dass er nicht auf Einmal hinsank. Noch ein paarmal war er bey seinem Kronhelm und bey seiner Therese gewesen. Die beyden lieben Seelen waren ausserordentlich glucklich. Therese hatte ihrem Kronhelm nun auch noch ein Madchen, das ihr Ebenbild war, und auch Therese hiess, gebohren. Der kleine Wilhelm fieng schon an, Worte zu stammeln, und machte durch seine Liebkosungen, und durch seine unschuldige Fragen seinen Eltern tausend Freude. Kronhelm und Therese liebten sich noch wie am ersten Tage ihrer Verbindung. Zwey reine Herzen konnen einander niemals uberdrussig werden. Ihre Tugend nimmt taglich zu, zeigt sich taglich von einer neuen Seite, und Tugend ist ein Quell unaufhorlicher Freuden. Die beyden Eheleute waren unerschopflich an Erfindungen, die ihnen taglich neue Vergnugungen brachten. Sie machten ihre Unterthanen und alle Leute um sich her glucklich, und wurden zum Dank von ihnen aufs zartlichste geliebt. Wohlthun und geliebt werden ist das Gegengift aller Unzufriedenheit und alles Misvergnugens. Der Garten und das Schloss ward jedes Jahr verschonert, und die Gegend umher verwandelte sich nach und nach durch den Fleiss ihrer Bewohner, durch die Gutigkeit ihres Besitzers, und durch den Segen, den der Himmel uber sie herabgoss, in ein Paradies. Rothfels war mit seiner Frau auch glucklich, und besuchte seine noch glucklicheren Freunde oft. Siegwart sah die Freuden seiner Lieben mit der reinsten Freude, und der innigsten Empfindung. Er fand hier, dass das Gluck noch nicht ganz aus der Welt entflohen ist, und dass Lieb und Zartlichkeit, wenn sie Einmal glucklich machen, unaussprechlich glucklich machen konnen. Er hob sein Aug zum Himmel auf und dankte; aber wenn er wieder auf die Welt und sich herabsah; wenn er auf seinen Zustand und die Bahn der Leiden blickte, die er schon zuruckgelegt hatte, und auch jetzt noch immer wandelte; ach, dann floss die Thrane der Wehmuth, die er nicht verbergen konnte, und doch wollt er sie verbergen, um die Quelle der Seligkeit, aus der seine Lieben tranken, nicht zu truben. Darum kehrte er oft wieder auf dem Weg um, wenn ihn sein Herz schon zu seinen Freunden fuhren wollte; denn er sahs, sein Anblick, sein eingefallenes Gesicht, sein trubes Auge machte seine Freunde traurig. Er wollte allein unglucklich seyn. Seine Freuden hatt er gern mit andern getheilt, aber nicht seine Leiden.

Nur mit seinem lieben Anton weinte er zuweilen, weil ihn dieser selbst zu Thranen aufrief, und gern in die Vergangenheit, die fur ihn auch traurig war, zuruckblickte. Einmal giengen sie an einem schwulen Sommernachmittag im Garten. Zur Linken thurmte sich schon ein Gewitter auf, das in weissgrauen Wolken daher schwebte, und alle andre Wolkchen an sich zog. Zuweilen sah man schon einen blassen Blitz den fernen Wetterschwall theilen, und ein Donner murmelte am fernen Gebirg hinab. Die Sonne schien matt und schwul. Die Luft stand ganz still, und kein Blatt bewegte sich. Die Vogel, die das nahe Gewitter fuhlten, hupften angstlich von Zweig zu Zweig, und wagtens kaum, einen schwachen Laut zu geben. Anton und Siegwart sahen eine Zeitlang stillschweigend in das, sich langsam fortwalzende Gewitter; Gott gebe, sagten sie, dass es keinen Hagel mitbringt! und dann giengen sie, um der Schwule auszuweichen, in eine kuhle Grotte, die in dem kleinen Tannenwaldchen angelegt war. P. Anton, den die Hitze, und das Alter niederdruckten, schlummerte etwas ein. Siegwart setzte sich leise an den Eingang der Grotte, sah zuweilen nach dem Gewitter; dann kehrte er sich wieder um, und betrachtete mit stiller Ehrfurcht und mit Thranen in den Augen den redlichen silberhaarichten Greis, der, ohne Furcht vor dem nahenden Gewitter, ruhig schlummerte. Plotzlich riss sich das Gewitter, das bisher wie angeheftet uber einem Wald geschwebt hatte, los; die Sonne ward verfinstert, und rings umher im Tannenwaldchen ward es finster. Siegwart weckte den P. Anton auf; sie wollten nach dem Kloster eilen, aber durch die Tannen fuhr ein Sturm daher, der sie auszureissen drohte; der Staub kreiste sich in wilden Wirbeln vor ihnen, und sie flohen wieder in die Grotte zuruck; einzelne und starke Regentropfen fielen. Ein Blitz theilte die Dunkelheit, der die Beyden fast blendete; ein plotzlicher starker Donner folgte drauf, dass die Grotte zitterte, und nun ergoss sich ein starker Regen, der beynah einem Wolkenbruch glich. Das Gewitter daurte eine Viertelstunde lang; die ganze Natur schien im Aufruhr, der Sturm bog die Tannenwipfel; eine schlanke Tanne brach mit grossem Krachen mitten entzwey, und zwischen dem Getos brauste der Donner ununterbrochen fort. Die beyden Monche lagen auf den Knien, schlugen sich an die Brust, und betheten. Endlich wards wieder etwas still; die Wolken hatten ausgeregnet und zertheilten sich; ein blasser Schimmer brach zur Linken durch das Gewolk. Endlich stralte die Sonne wieder etwas hervor, und das Gewitter zog sich zur Rechten schwer und furchterlich weiter.

Als der Regen aufhorte, giengen P. Anton und Siegwart aus der Grotte. Anton hub seine Augen glanzend gen Himmel; sein ganzes heitres Angesicht sprach Dank und Freude. Wie nun alles so schon und froh ist, fieng er an, nach dem Gewitter! Vorher konnte man in der Luft kaum athmen; nun ists einem so leicht, und man zieht nichts als Blumendufte und liebliche Geruche ein. Sieh den Regenbogen dort, den Zeugen von der Huld des Allbarmherzigen. Alles um uns her ist nun so frisch, und einer neuen Schopfung gleich. Wie das Gras so hell ist, und die tausend Regentropfen auf den Blattern, und die Sonne drinn, und alle Farben! Und der liebliche Gesang der Vogel, wie er nun so hell tont! Ach, mein lieber Siegwart, immer denk ich da an unser Schicksal, wie es auch oft um und in dem Menschen sturmt, und doch ein Ende nimmt, und wieder heiter wird. Es geht beym Menschen zu, wie's in der Natur zugeht; Sturm und Regen, Sonnenschein und Ruh; und Ruh ist immer doch das letzte; denn Gott hat uns lieb, und will uns glucklich; und das Gluck der Ruhe fuhlt man nach dem Sturm am besten. Das fuhlt' ich eben auch, theurer Vater, fiel ihm Siegwart ein. Eben dacht ich an mein Schicksal, dass es bisher wild in mir gesturmt hat, und ein Ende nehmen wird. Hat uns Gott doch selber Ruh in jener Ewigkeit verheissen, und ich fuhl es, dass ich bald zu ihr eingehen werde. So hell und zuversichtlich hab ich nie noch hinubergeblickt, wie heute. Anton schwieg, und wollte ihn in seinen wehmuthigen Gedanken nicht storen.

Indem sie so in Betrachtungen vertieft, durch die stille Feyer der Natur dahin giengen, kam ein Bothe aus dem Nonnenkloster Bergkirch schnaubend hergelaufen, und verlangte den Guardian zu sprechen. P. Anton gieng mit ihm auf die Seite, und kam dann wieder zu Siegwart, der langsam vorausgegangen war. Ich habe, sagte er, einen Auftrag an dich, mein lieber Siegwart. Eine Nonne liegt in Bergkirch in den letzten Zugen, und verlangt ihren Beichtvater und die letzte Oelung. Du must eilig hinuber, weil P. Hildebrand krank ist.

Siegwart nahm den Auftrag willig an, ob ihm gleich das Herz schlug, als er von einem Nonnenkloster horte. Mit den lebhaftesten und traurigsten Gedanken an seine Mariane gieng er nach dem Kloster, und kam mit Untergang der Sonne an. Die Aebtissin liess ihn vor sich kommen. Er sagte, der ordentliche Beichtvater P. Hildebrand sey krank, und sein Guardian hab ihm aufgetragen, seine Stelle zu versehen. Man fuhrte ihn in eine dunkle Zelle, wo eine junge Nonne ausserst schwach auf einem Bette lag, um das ein paar andre Nonnen herum standen. Als man der Kranken sagte, der Beichtvater sey da, so verlangte sie zu beichten; die andern Nonnen giengen also weg, nachdem sie erst eine dustre Lampe auf den in der Ecke der Zelle stehenden Tisch gesetzt hatten. Siegwart setzte sich zu ihr ans Bette, um die Beichte zu horen. Der Ton ihrer Stimme schien ihm bekannt zu seyn. Gott im Himmel! Es war Marianens Stimme! Mariane war die Nonne! Mit einem lauten Schrey, und dann sprachlos sturzte er uber sie her, und hielt sie fest in seinen Armen. Erst nach einer Viertelstunde kam er wieder zu sich selber. Bist dus? Bist dus? rief er. Mit gebrochener Stimme sagte sie: Siegwart! Ich bin Mariane ... Lebst du noch? Er taumelte auf, nahm die Lampe, hielt sie ihr vors Gesicht. Es war Mariane, todtenbleich, und abgezehrt. Auf ihrer Brust lag das weisse Schnupftuch, mit dem Blutfleck von seiner Wunde. Sie schlug ihr mattes Aug auf, und sah ihn an. Er liess die Lampe fallen, und sturzte wieder uber sie her. Man hat dich getauscht, sagte sie, in Marienfeld ich war nicht gestorben hier lies! (Indem sie aus ihrem Busen etlich versiegelte Blatter langte, und ihm gab.) ... Siegwart! Siegwart! ... Leh wohl ... Komm nach! ... Sie sprach noch etlich Worte, ohne zu merken, dass er ohnmachtig im Stuhl lag.

Erst nach ein paar Stunden giengen die Nonnen, denen es zu lang dauerte, mit einem Licht in die Zelle. Mariane lag todt auf dem Bette Siegwart war, noch halb ohnmachtig und sprachlos im Sessel zuruckgelehnt.

Die Nonnen waren voll Besturzung, wussten nicht, was vorgefallen war, und brachten ihn in einem andern Zimmer aufs Bette. Die ganze Nacht durch fiel er von einer Ohnmacht in die andere. Den andern Morgen that man sogleich Bericht an sein Kloster. Pater Anton kam selbst nach ein paar Stunden. Jesus, Maria! Sagte er, indem er ins Zimmer trat, was hat sich mit dir zugetragen, Siegwart? Nichts, antwortete dieser ganz matt. Das Gewitter ist voruber ... und die Sonne lacht.. und der Tag bricht an.. und Ruhe ... Anton bath, Man mochte ihn mit Siegwart allein lassen! Nun erfuhr er von ihm, Mariane sey die Nonne gewesen. Lebt sie noch der Engel? sagte er, und richtete sein Aug auf Anton, indem er seine Hand ausstreckte, als ob er die Hand seines Freundes suchte. Sie hat ausgelitten, sagte P. Anton. Nun Gottlob! sagte Siegwart, und faltete die Hande; bald auch ich ....

Und wo bin ich jetzt? fragte er nach einiger Zeit wieder.. In ihrem Kloster, war die Antwort.. Ihr so nah? ... Gott sey Dank!.. Ihr so nah ...

P. Anton war im tiefsten Schmerz. Siegwart wurde immer schwacher; sprach zuweilen nur ganz abgebrochen: Gottlob!.. Engel! ... Mariane! Gott sey Dank! Jesus!, bald! ...! u.s.w.

Man hatte nach einem Arzt geschickt. Dieser machte hochstens noch auf funf bis sechs Tage Hofnung. Kann ich nicht noch meinen Kronhelm sehen, und Theresen? sagte Siegwart.

Man schickte nach ihnen, und sie kamen. Siegwart hatte wieder etwas wenige Krafte bekommen, als sie kamen, und sass in einem Lehnstuhl. P. Anton, der bestandig um ihn war, hatte sich nur etliche Stunden entfernt, um nach seinem Kloster zu gehen. Also war Siegwart allein, als Kronhelm und Therese ins Zimmer traten. Bruder! riefen beyde, giengen auf ihn zu, und lehnten sich zu beyden Seiten schweigend an den Lehnstuhl. Er trostete sie, und sagte, sie sollten ihm Gluck wunschen, denn er sey am Ziel.

Als sie sich von ihrem Schmerz etwas erholt hatten, erzahlte er ihnen kurz den Vorfall; zog das versiegelte Papier, das ihm Mariane gegeben hatte, hervor, und gabs seinem Kronhelm, mit der Bitte, es ihm vorzulesen.

Unter tausend Thranen, die er, und Siegwart und Therese vergossen, las es Kronhelm. Es waren abgebrochne ruhrende Aufsatze an Siegwart, und eine kurze Erzahlung ihrer Geschichte, deren Hauptinhalt dieser war:

Die Aebtissin zu Marienfeld hatte von Brigitten alles erfahren, wer der Gartner sey; was er vorhabe; dass er Marianen zu entfuhren denke etc. Mariane ward sogleich eingeschlossen. Brigitte musste vorgeben, sie sey nicht recht wohl; musste ihm aber doch versprechen, Marianen Abends in den Garten zu bringen, wo die Nonnen im Sinn hatten, ihn zu greifen und festzusetzen. Brigitte, die besorgt war, er mochte es entdecken, dass sie sich von ihm hab entfuhren lassen wollen, suchte ihn aus dem Kloster zu bringen, und betaubte ihn desswegen mit der Nachricht von Marianens Tod. Als er entflohn war, gab man ihren Tod auch im Kloster vor, um allen seinen fernern Versuchen Marianen zu entfuhren, vorzubeugen. Brigitte ward zur Strafe eingeschlossen. Marianen brachte man sogleich heimlich nach einem andern Kloster, und, als dieses Kloster abbrannte, wurde sie mit drey andern Nonnen nach Bergkirch gebracht.

Als Kronhelm dieses vorgelesen hatte, war Siegwart durch die vielen Thranen und die heftige Bewegung aufs neue ganz entkraftet, und musste ins Bette gebracht werden. Nach einer halben Stunde erholte er sich wieder etwas, und bat seinen Kronhelm, folgendes zu schreiben, und es nach seinem Tod dem P. Anton zu geben, mit der Bitte, ihm den letzten, darin gefoderten Freundschaftsdienst ja Nicht abzuschlagen.

Theurer Vater!

Die letzte Bitte deines sterbenden Sohnes, lass sie ja nicht unerfullt seyn! Ich hab auf Erden sonst nichts mehr zu bitten. Lass mich ruhen neben ihr, fur die ich sterbe! Gott im Himmel lohne Dich dafur, und fur alle Deine Liebe, dass Du bald mir folgest! Hore mich! Leb ewig wohl, Du Theurer! Hore mich! Gott segne Dich, Amen!

Mit zitternder Hand unterschrieb er seinen Namen, liess das Blatt siegeln, und bat nochmals, seinen P. Anton aufs dringendste anzuliegen, seinen Wunsch zu erfullen! Therese schwiegen, und giengen wechselsweise weg, um ihre Thranen vor ihm zu verbergen. Er war nicht mehr traurig; die Hofnung seines nahen Todes ward ihm Zuversicht. Seine Seele war schon mehr im Himmel, als auf Erden. Nur die Liebe zu seinen theuren Freunden machte, dass er noch zuweilen einige Augenblicke an die Welt dachte, und auf ihr verweilte. P. Anton war auch wiedergekommen, und sass unaufhorlich ihm zur Seiten.

Eine Bitte hab ich, theurer Vater, sagte Siegwart zu ihm, die du erst nach meinem Tod erfullen kannst. Mein Kronhelm wird sie dir entdecken. Ach, versprich mir, dass du sie erfullen willst, damit ich ruhig sterbe! P. Anton versprach, die Bitte zu erfullen; wenn sie nichts, fur ihn unmogliches enthalte.

Gegen Abend, als Siegwart wieder etwas auf war, und nah am Fenster sass, horte er unten vor dem Fenster, ein Gerausch. Er sah hinaus, und da war der Gottesacker unten, und die Nonnen waren darum seine Mariane in das Grab zu legen. Therese, die auch hinaussah, erschrack uber den Anblick, und ihr Bruder sank ihr schweigend in den Arm. Man brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein paar Stunden lang fast sinnlos lag. Endlich schlug er die Augen auf. Therese, sagte er, ist ein Kreuz auf dem Grab? Ja lieber Bruder, war die Antwort, ein kleines schwarzes Kreuz. Nun, so hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht mir einen Kranz von Blumen und Cypressen, und gib ihn mir! Wenn er mit meinen Thranen gnug benetzt ist, dann hang ihn du am Kreuz auf, und weine auch druber! Therese brachte ihm einen Kranz; er weinte drauf, druckte ihn einigemal ans Herz, und legte ihn dann fur sich aufs Bette hin.

Den andern Tag sprachen Kronhelm und Anton mit dem Arzt, und fragten ihn, wie lang er glaube, dass Siegwart noch leben konne? Langer, als ich anfangs dachte, sagte dieser. Er hat eine starke Natur. Wenn er nicht zu heftige Bewegungen hat, so kann er noch sechs bis sieben Tage leben. Eine Veranderung des Aufenthalts ware gut, denn hier scheint er zu viele traurige Gegenstande um sich zu haben. Die beyden beschlossen, ihn den folgenden Tag in einer Sanfte nach seinem Kloster bringen zu lassen, um ihn von dem Grab seiner Mariane zu entfernen, denn er wollte immer ans Fenster, um hinabzusehn. Sie thaten ihm also den Vorschlag, ob er sich nicht den andern Tag nach seinem Kloster wolle tragen lassen? Anfangs erschutterte ihn der Vorschlag, weil er sich nicht vom Grab seiner lieben Mariane entfernen wollte. Doch gab er sich endlich drein, denn nach und nach ward ihm alles auf der Welt gleichgultig, und Pater Anton stellte ihm vor, er mochte bestandig um ihn seyn, und konne sich doch nicht so lang von seinem Kloster entfernt halten. Bringt mich hin, wo ihr wollt, sagte er; lange konnt ihr mich doch nicht mehr von ihr trennen. Wenn mir nur Pater Anton nach meinem Tod meine Bitte erfullt. Den Tag uber lag er immer in anscheinender Ruhe auf dem Bette. Seine Freunde hieltens fur ein Zeichen der Besserung, aber im Grunde wars Entkraftung.

Gegen Abend sank er in einen festen Schlaf. Der Arzt, der eben kam, und ihm im Schlaf den Puls beruhrte, sagte, dass er sehr gut gehe. Man mochte nur recht still und ruhig seyn, um ihn nicht aufzuwecken, weil er durch den Schlummer neue Krafte bekommen konne. Therese und Kronhelm entfernten sich also in ein anliegendes Zimmer, wo sie alle Bewegungen zu horen hoften. Siegwart schlief bis gegen eilf Uhr aneinander fort. Therese war ein paarmal leise ins Zimmer gekommen, um nach ihm zu sehen. Als sie fand, dass er immer noch sehr fest schlief, so gieng sie wieder auf ihr Zimmer, setzte sich in einen Lehnstuhl, und schlief endlich, weil sie von dem vielen Wachen, und dem tiefen Schmerz ausserst abgemattet war, ein.

Um eilf Uhr wachte Siegwart von einem sehr lebhaften Traum, indem ihm seine Mariane erschienen war, und ihm zuwinkte, auf. Sein Blut war in starker Wallung. Er fuhlte sich von dem langen Schlaf gestarkt. Seine Phantasie war von dem Traume, und dem schnellen Umlauf des Gebluts stark erhitzt. Er stand auf, und gieng ans Fenster. Der Mond, der durch dunne Wolckchen halb duster schien, warf etlich blasse Strahlen an das Kreuz auf Marianens Grab. Es schossen ihm Thranen in die Augen, und ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn, auf das Grab zu gehen. Er gieng, mit dem Kranz am Arm, an die Thure, machte sie leise auf, gieng durch den Kreuzgang, und suchte einen Ausgang nach dem Gottesakker. Zu gutem Gluck fand er eine Thure dahin; hastig lief er aufs Grab, sturzte sich drauf hin, umarmte das Kreuz, hieng den Kranz dran, und weinte laut. O Mariane, Mariane! rief er, auf deinem Grab, auf deinem Grab! ... Nimm mich zu dir! Nimm mich zu dir, Engel! Von der heftigen Bewegung, und der schnellen Verkaltung entkraftet, sank er ohnmachtig an dem Kreuz nieder.

Therese wachte erst um Ein Uhr wieder auf. Sie erschrack, weil sie dachte, lang geschlafen zu haben, sprang auf, und eilte auf das Zimmer ihres Bruders. Die Thure war offen, zitternd trat sie hinein, und Jesus Maria! Das Bette war leer.

Siegwart! Bruder! Siegwart! rief sie laut und angstlich. Kronhelm sprang herzu; auch ein paar Nonnen. Er ist fort, fort! Mutter Gottes! sagt, wo ist er? Die Besturzung ward allgemein. Therese riss ihre Haare auseinander. Alle liefen umher und suchten, und wussten nicht, was sie wollten und suchten.

Auf dem Grab! Auf dem Grab! rief endlich Kronhelm, der am Fenster stand. Alle flogen hinab auf den Kirchhof, und der edle Jungling lag erstarrt und todt im blassen Mondschein auf dem Grabe seines Madchens, dem er treu geblieben war bis auf den letzten Hauch.

Man brachte ihn aufs Zimmer. Kronhelm flog auf

seinem Pferd zu Pater Anton mit der schaudervollen Nachricht, und der letzten Bitte seines todten Freundes. Anton las sie. Ja sie soll dir gewahrt werden, rief er, Theurer, Unvergesslicher! Mit Tagesanbruch war er schon in Bergkirch, und sprach mit der Aebtissin. Sie wars zufrieden, dass Siegwart bey Nacht in aller Stille neben seiner Mariane solle begraben werden.

Die Nacht drauf begrub man ihn. Die beyden Mar

tyrer der Liebe ruhten bey einander. Auch auf sein Grab ward ein Kreuz gesetzt. Therese vereinigte die beyden Kreuze durch eine Blumen- und Cypressenkette.

Ihr und ihrem Kronhelm und dem frommen P.

Anton war ihr Andenken heilig, bis auch sie ins Land der Ruhe eingiengen, wo Zartlichkeit und Menschheit keine Thranen mehr vergiessen.

Fussnoten

1 Wenn ich bete, so wird mein Herz weiter, wie gewohnlich. Es hebt sich leichter, und naht sich Gott mit grossrer Zuversicht; nie bin ich andachtiger gewesen: als wenn ich Marianen in der Kirche beten sah, oder gleich darauf zu Hause betete. Wenn ich erst an sie denke, dann wird mein Herz weich, und fuhlt sich zur Andacht vorbereitet. Liebe ist gewiss die Mutter der Menschlichkeit, und grosser Tugenden.