Friedrich Heinrich Jacobi
Eduard Allwills Papiere1
Wieviel Nebel sind von meinen Augen gefallen,
und doch bist du nicht aus meinem Herzen ge
wichen, alles belebende Liebe! die du mit der
Wahrheit wohnst, ob sie gleich sagen, du seist
lichtscheu und entfliehend im Nebel.
Aus einer Handschrift.
Vorbericht
Von Allwills Papieren sind die funf ersten Briefe bereits im IV. Bande der "Iris" erschienen. Der Besitzer dieser Sammlung hat sich seitdem entschlossen, auch die folgenden, soviel er davon gesammelt und aufbewahrt hat, dem Publiko nach der Reihe vorzulegen. Diesemnach waren sie, wie in kurzem jeder Leser einsehen wird, kein schicklicher Beitrag mehr zu einem Journal furs Frauenzimmer.
Ich habe alles angewendet, meinen Freund zu bereden, mit den ersten Briefen seiner Sammlung gegenwartig den Anfang zu machen; aber er weigerte mir dieses geradezu, ohne meine Grunde widerlegen, noch die seinigen angeben zu wollen.
Sein Vorhaben ist gewesen, aus diesen Materialien einen Roman zu bilden; da dieses aber, leider! nicht in Erfullung gegangen: so folgt, dass Allwills Papiere, in ihrem gegenwartigen Zustande, kein Roman sind. Ich zweifle sogar, ob sie nur tauglichen Stoff dazu an die Hand gaben. Die vorkommende Begebenheiten sind nicht merkwurdiger, als man sie alle Tage uberall sehen wird, wo nur ebensolche Leute in ahnlicher Verbindung angetroffen werden, um sie hervorzubringen. In der Tat sind hier die Menschen fast das einzige Interessante: wer sich mit diesen nicht befreunden; wer uberhaupt durch das Leben, so wie es sich gewohnlich in unsrer Werktagswelt ergibt, ohne herzliche Teilnehmung an allem durchschleichen kann, der muss viele Briefe dieser Sammlung ausserst schal und langweilig finden. Und da ich nun soeben belehret worden2, dass selbst ein eigentlicher Roman nur zu den Auswuchsen der Literatur gerechnet zu werden pflege; so muss mir mein eigen Gewissen sagen, dass dergleichen wie Allwills Papiere wohl gar nur Unkraut sei, welches kein anderer als ein Feind unter den reinen Weizen unserer Literatur zu saen die Pflichtvergessenheit haben mag.
Mit den philosophischen und moralischen Fahigkeiten dieser Briefe, sieht es insoferne misslich aus, dass ihre Verfasser anstatt des ganzen Menschengeschlechts immer nur eine einzelne Person im Auge und mehrenteils andre zu dringende Geschafte vor der Hand haben, um nicht die Angelegenheiten des grossen Alls, und wohl gar ihre eigene gegenseitige Belehrung daruber zu versaumen. O dass es Helden waren! die (wie ich aus vielen Buchern verstanden habe) ihre Taten bloss andern zum Exempel verrichteten uns zur Lehre nur das gewesen sind, was sie waren.
Von meinen unbedeutenden Leuten, die so gar keine Helden sind, muss ich einiges vorerinnern; denn sie konnten nicht wissen, dass ein geneigter Leser sie erwarte, der ein und andre Umstande von ihnen zu wissen bedurfen werde; sonst hatten sie, dacht ich, dieselben wohl auf eine geschickte Weise einfliessen lassen.
Sylli, geborne von Wallberg, stammte aus einer alten Patrizienfamilie in C**. Als sie 15 Jahr alt war, verlor sie ihre Mutter, welche mehr als das gemeine Erdeleben in sie geboren hatte, und sich so ganz in ihr fuhlte, dass davon in beider Herzen eine namenlose Liebe ward. Ihr Vater, von einer unbezwinglichen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gefoltert, begrub sich zwei Jahre nachher in ein Kartauserkloster. Er war, als die folgenden Briefe geschrieben wurden, noch am Leben. Nun geriet sie mit ihrem Bruder in Vormundschaft, und in eine so verwirrte Lage, dass ihr Herz dabei um und um wund werden musste.
Sie mochte 21 Jahr alt sein, als einer von den Gefahrten ihrer Kindheit und zartern Jugend, August Clerdon, sie wiedersah, und die heftigste Liebe fur sie empfand ein feuriger Mann, von uberschwenglichem Geist, aber sehr unstetem Sinne. Die Verbindung kam zustande, und Sylli zog nach E***, wo ihr Mann eine der ansehnlichsten Stellen bekleidete. Gleich darauf kam desselben Bruder, Heinrich Clerdon, als Regierungsrat nach C**. Beide waren in der Schweiz geboren, aber schon als Kinder mit ihrem Vater nach Teutschland versetzet worden.
Syllis liebster Gespiele war immer Heinrich gewesen. Er hatte in ihren Grundnoten die meisten Akkorde, und von vielen Dingen tonten beider Seelen reinen Einklang ineinander: Demnach verstanden sie sich uber manches vollkommen, uber vieles sehr gut, uber einiges aber auch nur kaum ertraglich.
In leidenfreiester Eintracht leben wir mit denjenigen, die uber einen gewissen Punkt hinaus, ausgemachterweise, uns gar nicht verstehen; daher dann der entschlossene Menschenverachter allein den ewigen Frieden geniesst. Sylli und Clerdon aber fanden es in jedem Falle unmoglich, eine Idee bei sich festzusetzen, oder eine Partei zu ergreifen, wodurch ihre gegenseitige Meinung voneinander heruntergesetzt, und ihre Freundschaft vermindert worden ware; lieber harrten sie aufeinander im aussersten Schmerz, und keinmal verfehlte diese schone Duldung ihren Lohn. Es stieg ihre Freundschaft in immer wachsenden Harmonieen, durch Misslaute starke und kuhne Auflosungen, zum reinsten Engelsgesang, worin Menschenatem sich verwandeln mag, empor.
Es hatte Sylli geahndet, dass August auf vielerlei Weise sie unglucklich machen wurde, aber sie liebte den herrlichen Menschen und gab sich ihm hin. Drei Jahre nachher starb er mitten in der Verwicklung eines durch niedertrachtige Treulosigkeit gegen ihn angesponnenen Handels, der ihm die vollige Zerstorung seiner ausserlichen Gluckseligkeit drohte. Seine Witwe, die wenig eigenes Vermogen hatte, und auch das noch in Gefahr sah, musste diesen Rechtshandel von schlechten Menschen unterstutzt, gegen schlechte Menschen fortsetzen, und deswegen zu E*** bleiben; an einem Orte, den sie nie geliebt, und welcher ihr nun um so mehr zuwider war, da ihre ganze Seele nach C** hing, wo alles, was sie noch an die Erde fesselte, vereiniget war. Ein einziges Kind das sie geboren hatte, war dem Vater nachgefolgt. Als sie die beikommenden Briefe schrieb, mochte sie achtundzwanzig Jahr alt sein.
Der sonderbare Gemutszustand, der keinen Namen hat, worin Sylli uns gleich in den drei ersten Briefen dieser Sammlung erscheint, lasst sich im Grunde weder aus den angefuhrten noch aus andern ausserlichen Umstanden hinlanglich erklaren. Er kann nur in lebendiger Darstellung gezeigt, und nur durch Sympathie begriffen werden.
Amalia, deren gleich im 2. Briefe, ohne weiteres, gedacht wird, war Heinrich Clerdons Gattin, und die Schwestern, Lenore und Clarchen von Wallberg, Syllis leibliche Kusinen. Alle diese Leute hatten, in verschiedenen Perioden, viele Jahre neben- und miteinander zugebracht, und lebten in bruderlicher Vertraulichkeit. Von Eduard Allwill und andern vorkommenden Personen etwas voraus zu erinnern ware uberflussig.
Der Besitzer von Allwills Papieren glaubte, es sei gar nicht tunlich, sie in ihrer eigenen Gestalt dem Publiko vorzulegen; die kleinen Details mussten ausgemerzt, der Gesichtskreis erweitert, und das Ganze zur allgemeinen Brauchbarkeit umgearbeitet werden. Dawider fuhrte ich ihm folgende Worte aus Lavater an: "Wer alles sehen will, sieht nichts; wer alles tun will, tut nichts; wer mit allen redet, redet mit keinem. Sieh eins und du siehst alles; tu eins und du tust alles; rede mit einem allein, und du redest mit unzahligen." Ich glaube in Shaftesbury etwas Ahnliches gelesen zu haben; und daneben ist die Sache an und fur sich wahr.
Geschrieben den 22. Febr. 1776.
F.
Sylli an Clerdon
Den 6. Marz.
Ja, mein Freund, noch alle Tage wird es oder um mich herum, und so setzt sich denn die sonderbare Gemutsstimmung, die Sie an mir tadeln, und wofur Sie keinen Namen wissen, immer fester. Ich soll Ihnen nennen, was es sei, das weder Milzsucht, Trubsinn, Menschenhass oder Menschenverachtung, noch sonst etwas ist, das sich aus Romanen oder Schauspielen bedeuten liesse, das aber mein Herz zugleich so warm und so kalt macht, meine Seele so offen und so zugeschlossen. Lieber Clerdon, Vielleicht ein andermal, diesmal horen Sie, was mir gestern begegnete.
Ich geriet auf einige Stunden lang an das Bett einer Sterbenden. Sie war eine gute Bekanntin von meiner Tante Mossel; mich ging sie weiter nichts an, stand mit meiner eigentlichen Person nicht in dem mindesten Verhaltnis; ein alltagliches Geschopf, sehr dumpfen Sinnes, aber ohne alles Arge. Ihre Leiden auf dem Sterbebette waren gross. Man hatte zu ihrer Genesung eine der schrecklichsten Operationen versucht. Das alles stand sie gelassen aus: es war die Fassung ihres Temperaments, schlichte Fortsetzung ihres Lebens bis ans Ende. Vier Stiefkinder (eigene hatte sie nie) stanwinns- und gewerbshalber geworden war. Alle weinten und schluchsten recht ernstlich; gewiss, Clerdon, ihre Trauer ging von Herzen. Aber im Grunde, was war's? Etwa ein wenig Reue, ein wenig Erkenntlichkeit, armselige Scheu vor der Befremdung, wenn sie jetzt nicht mehr dasein wurde, Bangen vor dem Bild des Todes. O wie gleicht doch alles einander so widerlich! Ich sass da ganz kalt; korperlich gepeinigt von dem korperlichen Leiden der Kranken; konnte sonst mit niemanden sympathisieren.
Itzt kam der Geistliche hinzu, und begann seine Geschafte. Ich versichere Ihnen, die gute Frau zagte nicht der Zukunft wegen, hatte nicht die mindeste Seelenangst; nur das Dahinsterben ihrer Krafte, die Lebensermattung presste ihr manches Ach aus der Brust; und da kam jedesmal ein Zuruf, ein Spruch, ein Vers aus einem Liede, das dann nur die ohnmachtigen Organen zu einem marternden Gebrauche wieder auffing, die milde Hand des Todes bewaffnete, und der Seele wehrte, still und sanft von dannen zu scheiden. O des Wusts von Welt!
Heute nun ist der Verstorbenen wegen ein Klagen, ein Weinen, auch hier bei meiner Tante, dass einem um Trost bange ware, der nicht wusste, dass unter allen diesen Hochbetrubten keiner ist, der die Gattin, Mutter, Freundin bei ihrem Leben nicht immer ganz entbehren konnte. Und nun ich, welcher dies alles so klar vorschwebt, mitten unter diesem Haufen, ganz ohne Teilnehmung; aber ach! im Innersten meines Wesens erschuttert, von unertraglichen Gedanken. Du mit den vielen Namen, das die Menschen alle zueinanderzerrt, durcheinanderschlinget, was bist du? Quell und Strom und Meer der Gesellschaft, woher? und wohin? ...
Ich sehe die finstere Hohle, und den grossen Kessel, worin "Macbeths" Hexen, allerhand Stucke von Tier und Mensch, Froschzehen, Wolfszahn, Fledermaushaar, Judenleber, Turkennase, Tartarlippe, und wieviel andre Dinge sammeln, um das Werk ohne Namen zu bereiten; kochen und kochen am Zauberwesen, bis aus dem Gemenge die Phantomen all hervorgehn:
Erscheinen, erscheinen, erscheinen,
Kommen wie Schatten, und verschwinden wieder
Und dazu dann den grotesken Rundetanz, und die herrliche Musik, und die bezauberte Luft, die ganze, beste, vollstandigste Lustbarkeit!
Doch so abenteuerlich, mitunter so furchterlich, ist's lange nicht. Ich muss des Grausens lachen, das mich anstiess. Nein, guter Clerdon, nein, nur eine bunte holzerne Jahrmarktspuppe, Rumpf und Rock aus einem Klotzchen, Arme, Fusse, Kopf daran geleimt, und ein Brettchen darunter, dass es stehe: ist denn das ein Gespenst?
Sylli an Clerdon
Den 7. Marz.
Ich war heute lange vor Tag aus dem Bette. Ein sonderbar schones Licht, das immer heller mich umgab, trieb mich aus meinem Kabinett in das Zimmer gegen Morgen, welches die weite Aussicht nach dem kleinen Geburge hat. Ich fuhr zusammen von dem Anblick, und blieb unbeweglich am Eingang des Gemachs. Was mich fesselte, war die grosse Stille bei all dem Glanz, bei all dem Werden am weiten Himmel; unuberschauliche unaufhorliche Verwandlungen, und doch kein sichtbarer Wechsel, keine Bewegung. Aber itzt trat die Sonne naher, und fuhr auf einmal hinter den Hugeln herauf, dass ich davon mit in die Hohe fuhr. Clerdon, es waren selige Augenblicke. Und sehen Sie! wie dieser Sonnenaufgang, so war der ganze heutige Tag; Fruhlingsanbeginn, Anbruch des Jahrs, erster Lichtstrahl einer viel grossern Schopfung, als die Schopfung eines einzelnen Tages. Ich musste heraus aus dem Gemauer in die offene Welt. Sophie, die ich angerufen hatte, begleitete mich. Welch ein Spaziergang! Der Himmel war so rein, die Luft so sanft, die ganze Erde wie ein lachelndes Angesicht, voll Trost und Verheissung, Unschuld und Fulle des sen, meine Blicke waren milde, segnend; und so ward ich unvermerkt wieder das gute zuversichtliche Geschopf, das nichts als Wonne uber der Gotteswelt Schonheit, und volle Hoffnung im Herzen hatte.
Ja volle Hoffnung, bester Clerdon, ohne zu wissen, was ich hoffte; alles Gute, alles Schone; und diese liebe Verworrenheit, diese Dammerung war's eben, was mir so wohl machte, war's, dass kein Unglaube mich wach storen konnte.
Dieser Tag sollte recht genossen werden. Ich wollte unter freiem Himmel die Sonne auch untergehen sehen. Wir nahmen unsern Weg uber die Walle. Ich verweilt an dem Orte, wo ich vor zwei Jahren im spaten Herbst mit Ihnen stand, und Sie von der weiten mannigfaltigen Aussicht so entzuckt waren. "Sah er sie itzt!" Ein lieber Fruhlingshauch wehte mich an, und stellte Sie neben mich. O wie war rund um uns herum alles so herrlich, so schon! Aber es liess sich nicht lange so ansehen; ich begab mich weg. Nun kam ich an die Stelle, wo man den langen, breiten Weg um die Ecke nach Zielen3 gerade vor sich sieht. "Da kam ich her vor sechs Jahren, da kam vor zwei Jahren Clerdon her, da geht der Weg hin. Ach wann?" Sie erinnern sich der Lage: eine unabsehbare Flache; nichts, das Auge zu hemmen; der Weg ganz geradaus, und so breit, und so eben wie ich da druber hinrollen konnte! Indem liessen sich nahebei, gleich hinter der Stadtmauer, zwei Instrumente horen. Es war eine Flote und eine Harfe, die ganz vortrefflich in meine Melodie einfielen, sie begleiteten und fortfuhrten. Da liess ich mich denn gehen, liess mir's so werden, dass ich die Augen recht nass kriegte. Mein gutes Madchen neben mir wartete alles mit Freundlichkeit ab. Auf mein Stockchen gelehnt blieb ich lange so dastehen: endlich lief ich hurtig mit ihr nach Haus, und Gute Nacht, Clerdon, Amalia, und Schwestern, gute Nacht!
Sylli an Clerdon
Den 8. Marz.
Ich habe Ihnen gestern und vorgestern geschrieben, l.C.; doch muss ich Ihren eben erhaltenen Brief auf der Stelle beantworten.
Wenn Sie wussten, wie es mich angstigt, dass Sie so viele Sorge, so vielen Kummer meinetwegen haben! Glaubt's doch, Ihr guten Leute, glaubt's, dass ich lange nicht so ubel dran bin, als Ihr es Euch vorstellt. Alles Schone in der Natur, alles Gute ist mir ja schon und gut, wird's noch alle Tage mehr. Oder wisst Ihr eine, die jede menschliche Freude inniger kostet, als Eure Sylli? Und wie sollte ich nicht an Liebe glauben, ich, der die Brust so enge davon ist? Nur die Hyazinthe hier! wie oft stand ich nicht vor ihr, mit klopfendem Busen; sog an ihrem Wesen mit all meinem Sinn, bis es meine Nerven durchbebte, und ich die schone, gute in mir lebendig hatte, und nennt es Torheit, Unsinn, Schwarmerei und ich Gegenliebe von ihr fuhlte! So pfleg ich eines jeden Dinges, von welchem Wohltun unmittelbar ausgeht, es sei aus Gestalt oder Geist, Liebe, Harmonie, Gemalde, was es wolle; ich halte es an mich, leih ihm Herd und Feuer, ruhe nicht, bis sein inneres Wesen, das Gute, Schone, das Wohltun in Ach! nichts soll untergehen, das mir einen Blick der Vereinigung zuwarf, das mir Leben gab und Leben von mir nahm; wenigstens so lange soll es nicht untergehen, als ich selbst daure.
Nun bin ich hiermit freilich mancher Verletzung blossgestellt, die ich ohne das nicht empfande. Alle die Dumpfheit, Achtlosigkeit, Geringschatzung, Fluchtigkeit der Menschen um mich her, und die noch argere Schmach ihrer voruberrauschenden Entzuckungen trifft mich, verwundet mich. So von allen Seiten angefochten, jedermanns Hand wider mich, ist doch meine Hand, ich schwor es Euch, wider keinen. Ich seh immer noch viel Liebes und Gutes an den Menschen. Da hab ich hier einige rosenwangichte Madchen, die mich durchaus erquicken, so oft ich sie sehe. Es wird einem unter ihnen, als wandelte man zur Fruhlingszeit in einem Blutenregen. So voll Mut, so voll Lust sind sie, dass sie Hulfe rufen mussen. Da hangen sie dann an meinen Armen, an meinem Hals, entladen ihre Lippen, und lassen in ihren schuldlosen Augen mich einen Zauber schopfen, der mich alles vergessen macht. Mit einer Wonne druck ich sie dann an mein Herz, fast als wenn's Liebe, daurende Liebe ware. Und seht, geradeso treib ich's mit hundert andern Dingen; lasse alles gut sein, und mir zugute kommen, was nur gut sein mag. Ich werfe nichts auf den Boden, trete nichts unter die Fusse, mag aber auch nichts aufspeichern, nichts von Menschengunst und Achtung. Seht, wenn mir's wohl einmal wird, als sollte dergleichen dauren, als erwartete ich's, so uberfallt mich doch gleich eine Schwermut, ein Zagen, dass ich vergehen mochte. Wie warm auch von aussen mein Herz sich anfuhlt, wie von sich scheinend es auch ist, so dunkt mich's alsdenn doch in der Tiefe kalt. Ja, das ist's, dass jede Anwandlung von Vertrauen, von Freundschaft in meiner Seele zum Trauer- und Schreckengedanken wird; dass ich's gleich so hell vor mir habe, dass es nur Wiedererscheinung ist jener langst entwichenen Engelsgestalt, mit welcher ich ein Totengerippe in den Schoss nahm. Dann raschelt's mir von neuem unter der Haut, und ich fuhle die grinsende Frucht sich in meinem Busen regen.
Ach! Clerdon, Amalia, Schwestern, zurnt nicht uber Eure Sylli. Ihr wisst ja meine Geschichte zum Teil und wenn Ihr sie ganz wusstet, Euch das alles offenbar ware, was hier tief und fest verschlossen liegt! Aber redet, zeugt, ist es meine Schuld, dass es so mit mir geworden? War ich zaghaft, weichlich, dachte ich wohl darauf, mir Schmerz, Tranen zu ersparen; brachte ich je etwas in Anschlag, das nicht Liebe war? Voller Mut, voller Zutrauen, im Glauben unbeweglich, duldete ich nicht alles, wagt ich nicht alles, gab ich nicht alles dran, alles, alles? Was half's? Nacheinander und miteinander musst ich sie alle verdorren sehen, die Baume und Lauben in den Gefilden meiner Jugend, und sinkend die Blumenbeete ihres Schattens verheeren!
O des unvergifteten Pfeils, der aus Freundeshand in Euer Herz fahrt; den er lachelnd darin umkehrt, und voll Unschuld fragt: "Wie kann das so schmerzen? er war ja nicht giftig!"
Nicht diejenigen, die mit Grimm und boser Tucke mich von sich stiessen, waren meine Verderber; die waren's, die ohne sichtbare Verletzung, mich nur so da liessen; gleich einer zeitig gewordenen Frucht, die sich vom Zweige trennt, und mit ihrer Schwere davongeht. Hort, ich bin nicht vom Blitze zersplittert, nicht abgehauen; nur ausgesogen bin ich; habe noch Kron und Blatter: und so mag denn der Stamm bleiben, bis auch diese einmal verwelken und nicht wiederkommen.
Wenn ich nur meinen Augen wehren konnte, umherzuschauen, wusste sie wohin abzuwenden, weg von dem traurigen Einerlei menschlichen Lugs und Trugs. Es ist ein wahrer Jammer, wieviel die Leute voneinander fordern, erwarten, hoffen, sich und ihren Brudern zutrauen, wurklich zu geben und zu nehmen meinen. Jede Sonne bringt unsterbliche Liebe, unsterbliche Freundschaft auf die Welt; wer nur nicht weiss, dass auch mit jedem Tag ein Abend kommt, und was dreimal geschehen wird, ehe der Hahn krahet. Am mehrsten dauren einen die guten Seelen, die, wenn sie einige Jahre zusammen fortgeschlendert, oder wohl gar von Kindesbeinen an ihr Tun miteinander getrieben hatten, und ihrer Sache recht gewiss zu sein glauben, nur ein Schicksal, nur ein Grab sehen, allen Sturmen Trotz bieten; am Ende doch sich unversehens einander in den Grund segeln; oft, der lappischsten, armseligsten Grille wegen, gescheitert daliegen, ohne Rettung. Wohl ihnen, dass sie selten das Geheimnis ihres Schicksals verstehen.
Ich habe lange ein Bild alles menschlichen Tuns und Seins, unserer sogenannten Laufbahn, in der Seele; ein argerliches, aber richtiges Bild: den Gang im Kranen. Mit zugeschlossenem Auge rennt jeder vorwarts in seinem Rade, freut sich der zuruckgelegten Bahn; weiss soviel Torheiten, soviel Jammer hinter sich, und merkt nicht, dass nah an seinem Rucken alles das wieder emporsteigt, von neuem uber sein Haupt, vor seine Stirne, und unter seine Tritte kommt. Ich mag hievon nicht reden: denn wer's am hellsten einsieht, hat's nur um so viel besser, dass er in seinem Rade stille stehen bleibt, die andern auslacht, oder beseufzt und sich mit Oh, er ist weit am schlimmsten dran!
Wo ich hingeraten bin! Das war mein Wille nicht; aber nun sei es mein Wille; denn was schadet's? Ihr wisst ja, was tausendmal gesagt worden, dass jedweder seine Not in Augenblicken, wo er mit seinem ganzen Dasein in ihre Vorstellung ubergeht, als die grosste fuhlen muss: und so lasst Euch dann nochmals gesagt sein, dass Eure Sylli es im Grunde doch so schlimm nicht in der Welt hat. Glaubt mir, glaubt den Worten unsers lieben Primrose: "Die dunkelsten Gegenstande, je naher wir ihnen treten, erhellen sich mehr, und das Auge des Geistes bequemt sich nach der truben Lage." Auch fuhrt ja Clerdon so oft die Verse im Munde:
"Kein Leiden ist so gross, ein Chor von stillen
Freuden
Gesellt sich ihm mitleidig bei."
O glaubt, glaubt, so wenig auch der Zeugen dafur sein mogen: wer nicht weiss, wie man sich auf Dornen bettet, den hat die beste Rast noch nie erquickt.
Freilich war all dies Sagen nichts, wenn mein Herz von den Menschen los ware; aber, gewiss, es hangt an ihnen mit seinen besten Nerven und Gefassen. Kann doch niemand sich erwehren, die Kinder zu lieben, an denen wir sicher nicht mehr haben, und von denen wir nicht mehr erwarten, als ich von meinen Menschen. So einen kleinen, hubschen, muntern Jungen, wenn ihr den druckt und kusst und herzt, und ihn nicht lassen konnt; ist das wohl, dass ihr den vortrefflichen Mann denkt, der vielleicht in ihm steckt? Nein, das blosse Kind zieht euch an, wie es in dem gegenwartigen Augenblicke vor euch leibt und lebt; weil es ist lieblich anzuschauen, sussen Mund, freundliche, blikkende Augen, hupfende Glieder, Leib und Leben hat wie ihr, und seine Nerven mit den eurigen Triller schlagen. Ihr wisst, dass ihr seine Zuneigung mit Naschereien und Spiel erkauft, und geniesst sie nichtsdestoweniger mit herzlichem Wohlgefallen. Ihr trauert nicht, zurnt nicht, wenn ein anderer mit glanzendern Geschenken oder hoherem Tanz es von euch ablockt, und es euch dann nicht mehr mag, und euch "Bah!" schilt; oder wenn es geradezu eurer mude wird, weil ihr seine Laune nicht langer unterhalten, seine Begierden alle nicht erfullen konntet. Ich erstaune, dass die Bemerkung, wir Erwachsene sein nur altere Kinder, mehrenteils, wo nicht immer, mit einer verachtenden bittern Miene, und zum Behuf der Lieblosigkeit angebracht worden; da sie mir der zuverlassigste Lebensbalsam zu sein scheint. Und dann ein wenig besser als Kinder, sind wir Mann und Weib, Jungling und Braut, doch noch allemal.
Ja! helle Wonne ist es, so die Menschen zu lieben, ohne Eitelkeit ohne Anspruche, eben, mit lauter Liebe. Da geht alles so gerad und rein zum Herzen, und das Herz ist so machtig. O lasst, lasst mich nur schweben im Limbus, bis ich vollendet werde!
Clerdon an Sylli
Den 8. Marz.
Liebste Sylli! dass Sie so lange nicht schrieben! Wir alle zerbrechen uns die Kopfe daruber, die gute Amalia, die Nichtchen und ich, jeder nach seiner Weise. Aber nachsten Sonnabend kommt sicher ein Brief von Ihnen, denn ich weiss, Sie lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet. In Fallen, die das Herz angehen, will ich alles Gute mit weit grosserer Zuverlassigkeit von Ihnen, als von mir selbst, voraussagen; denn Sylli kann da nicht straucheln. Sie seufzen doch wohl nicht uber meinen starken Glauben?
Hier bei uns sollten Sie itzt sein, liebste Sylli, dass wir Sie mit in unsere Reihen schlangen, den neuen Fruhling zu umtanzen. Die unwiderstehliche Wonne des gestrigen Tages mussen auch Sie gefuhlt haben. Mich hat sie ganz durchdrungen, gelagert sich in all mein Gebein. Mir ist, wie einem Junglinge, der soeben aus eines frommen Madchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken hat; so froh, und zugleich so heimlich ist mir's im Busen.
Fruh mit dem Morgen ging's an. Ich erwachte von der ersten sanftesten Dammerung, fand mich aufgerichtet, wie von dem Arm eines Freundes, der mich kusste. Ich streckte meine Arme aus nach dem Liebenswurdigen; irrte ihm nach, und fand ihn, fand ihn -schaffend am Aufgange. Wer an einer Musik fur das Auge zweifelt, der hatte diese Morgenrote sehen sollen. Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tonen in die Seele. Doch was weiss ich, mit welchen Sinnen ich empfand? ich war ausser mir. Gleich im ersten Moment, beim Erreichen der Gegenwart, uberwandelte mich's, durchschauderte mich's; dann tiefer in der Brust ein Beben, immer tiefer und inniger; im geheimsten Busen auflosendes Beben, das den ganzen Erdensohn totete. Tod, schoner, himmlischer Jungling! Des verwesenden Teils entladen, flog ich in seine Arme, sank in seinen Schoss, war bei ihm, war in ihm, in Ihm, der da ist, war und sein wird; kostete Allmacht, Schopfung, ewiges Bleiben in Liebe. Ach, Sylli, dass ich wieder zuruckkehren, dass es Tag werden musste!
Aber dennoch ein herrlicher Tag, wohl der schonste meines Lebens!
Mit dem ersten Blicke der Sonne, der meine Augen auf die umher verbreitete herrliche Gegend sich niedersenken machte, und den von Erde Gebornen wieder weckte, schoss mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke: welch ein sundlich Wesen es doch sei, diese herrliche Pracht Gottes so uber Wall und Graben nur zu beschielen, nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei- oder hinterherzuschleichen, da doch nichts wehre, sich hinein zu lagern in diese Herrlichkeit ganze Tage lang, sich anzukleiden uber und uber mit dieser Pracht Gottes, zu geniessen das Seinige, den weiten offenen Himmel, und die grosse offene Erde.
Ich raffte mich zusammen, und zog hinaus in den vollen Sonnenglanz, wandelte, und nahm Besitz von Acker, Wiese, Bach, Wald und Strom, Hoh und Tiefe, Himmel und Erde. Und als ich nun an den Hugel, mein Ziel, gelangte, hinankletterte, endlich droben stand in meinem ganzen Vermogen, und weit umherschaute; da hupfte in meinem Blut, und pochte auf meiner Brust, und trotzte in meinem Gebein, und schauerte in meinem Haar, jauchzte, klang und sang in allen meinen Nerven, Liebe, Lust und Macht zu leben.
Was hier weiter mit mir vorgegangen, und die vollstandige Geschichte dieses Tages bekommen Sie, wenigstens heute, nicht. Ich ward in meiner Begeisterung durch einen Besuch von Eduard Allwill unterbrochen. Er blieb mit uns zu Tische, und nun bin ich zerstreut und in ganz veranderter Stimmung. Nicht wahr, Sie erkundigten sich ja ohnlangst nach unserm Eduard? Geduld! meine Frau soll Ihnen ausfuhrlich von ihm erzahlen. Seitdem Sie ihn sahen, hat er sich sehr ausgebildet, aber ein eben unbegreifliches Durcheinander von Mensch ist er noch immer. Nie habe ich eine solche Allgemeinheit des Gefuhls gesehen, und das in einem Alter von zweiundzwanzig Jahren, wo sie nicht aus vielen Erfahrungen und Bemerkungen abgezogene, kalte, mangelhafte Erkenntnis, sondern nur unmittelbare Empfindung sein kann. Ein so schneller und fast gleich machtiger Sinn fur alles muss eine wunderbare Mannigfaltigkeit seltsamer Erscheinungen hervorbringen. Dabei ein so gluhendes mutiges Herz, seine ganze Seele so offen, so lieb, kurz, fur mich ist dieser Eduard einer der interessantesten Gegenstande.
Sein Vater erzahlte jungst von ihm, er ware seit seinem dritten Jahre nie heil gewesen, hatte immer ein paar Beulen am Kopfe, und Wunden uberall gehabt. Man wird nicht mude, den guten Major von den seltsamen Streichen des Knaben erzahlen zu horen; und wie er selbst und die Herren Prazeptoren ihn eben fur kein Kind guter Hoffnung gehalten, weil er, mit aller seiner Lebhaftigkeit, doch im Studieren sehr trage, und mit aller seiner Gutherzigkeit ausserst hartnackig, ausgelassen, beissend und trotzig gewesen. Fur etwas schwach am Geist hielt man ihn, weil seine Kameraden ihn bestandig uberlisteten, ohne Muh ihn zu allem beredeten, und ihn alle Zechen bezahlen liessen. Ein grosserer Held in der Freundschaft und Liebe ist nie gewesen, und verliebt bis zur Raserei war er schon in seinem neunten Jahre. Mir fallen eben ein paar Zuge ein, die kurz und leicht zu erzahlen sind. Gegen sein sechstes Jahr hatte er sich in den Kopf gesetzt, sein treues Schaukelpferd, genannt der Fuchs, wurde lebendig werden, wenn er ihm eine lebendige Fliege beibringen konnte. Er qualte sich ohnermudet mit den Zubereitungen zu seinem Versuch, der so leicht nicht angestellt werden konnte, weil die Schaukelmaschine nicht hohl war. Einst, als er sie sehr heftig in Bewegung brachte, so dass sie mit den vordersten Enden bestandig auf den Boden stiess, ward er unverhofft inne, dass sie fortrutschte. Nun trieb er sein Tier starker an, und gelangte ziemlich geschwinde mit ihm bis ans entgegengesetzte Ende des Gemachs. Seine Freude war ausgelassen. Kein Mensch vermochte ihm auszureden, dass sein Fuchs zu leben anfange, und fur nichts in der Welt ware er mehr von seiner Seite gewichen. Es ward Mittag, und Eduard hatte keinen Hunger. Sein Vater liess ihm sagen, wenigstens herunterzukommen; aber sosehr er sonst den Major furchtete, konnte er diesmal nicht gehorchen. Alle Leute im Hause, die schon im Geiste ihren lieben Eduard bis aufs Blut peitschen sahen, liefen hinauf, fleheten, schmeichelten, verhiessen, droheten: alles war umsonst. Der Major, der schlechterdings gehorcht sein wollte, befahl, den Knaben mit Gewalt herunterzuschleppen. Das geschah. Nachdem er weidlich ausgescholten worden, sollte er sich zu Tische setzen; nein, er hatte keinen Hunger. Man drohte, man zwang; alles vergeblich: er sah nur seinen Fuchs, und den Himmel offen. Da nun aber schlechterdings ihm der Kopf gebrochen werden sollte, so blieb nichts ubrig, als ihn tuchtig abzuprugeln, und von seinem Fuchse zu trennen, welches dann ohnverzuglich also ins Werk gerichtet ward, dass man ihn auf ein paar Stunden in ein finsteres Loch sperrte.
Einige Zeit nachher hatte er sich abends im Dunkeln auf ein hohes Gestell geschlichen, in der Absicht, einen grossen Sprung zu versuchen, den er nach vielen Ubungen und Sukzessen itzt glaubte wagen zu durfen. Er sprang herzhaft zu, sturzte aber so gewaltig, dass man furchtete, das Nasenbein ware entzwei. Kleinigkeit! Aber am folgenden Tage vor dem Vater zu erscheinen! Alles in der Welt; nur das Ausschelten konnte der Junge nicht leiden. Man hatte es diesmal leicht beim Major dahin gebracht, dass er seinem Eduard alle Strafe, und noch obendrein das Zu-Tische-Sitzen erlassen. Nun aber sollte nach dem Essen der Junge denn doch vor ihm erscheinen, und da entstand grosse Not. Der schuchterne Starrkopf wollte durchaus nicht hinunter, bis sein alterer Bruder Wilhelm, ein feiner, beredter, doch aber grundguter Knabe, ihn unter den heiligsten Versicherungen, der Vater werde der zerquetschten Nase mit keiner Miene erwahnen, endlich dazu vermochte. Grosse Muhe hatte es dennoch gekostet, weil Wilhelms Kunst Eduard schon in so manchen schlimmen Handel verwickelt hatte; aber eine unversiegende Quelle von Glauben im Grunde seines Herzens uberschwemmte immer bald sein Gedachtnis, so dass er auch noch von dieser Seite nicht weiser geworden, und es wohl nie werden kann. Nun wanderte Eduard an des Bruders Hand zum Major, der ihn verheissenermassen ganz milde ansah, doch aber zu bemerken nicht unterliess, er wurde ihm wohl mussen ein Nasenfutteral machen lassen. Rasch dreht sich mein Eduard: und zu Wilhelm: "da Lugner!" mit einem so kraftigen Stosse, dass dieser vier Schritte weit rucklings in einen Sandtrog tummelte. Der Major entsetzte sich, und warf den Tater, als das verachtlichste Ungeheuer, von sich.
Dergleichen begab sich alle Tage, aber Eduards
Mut und guten Humor konnte von der Seite nichts beugen. Schwerlich hat ein Mensch mehr Schlage erlitten, denn nie wollte er sie durch willige Ubernehmung nur der kleinsten Schmach abkaufen, noch den Unwillen seiner Vorgesetzten durch Tranen oder Flehen mildern. Er selbst erzahlte mir neulich, dass er einst nah auf den Tod gegeisselt worden, da sein Prazeptor ihn durch sokratische Fragen zu dem Gestandnisse versuchet, Prugel sein Wohltaten, und er ihn immer durch verstellte Albernheit aus der Folge gebracht. Fur seine Kameraden ubernahm er mehrmals Schuld und Strafe, nicht sowohl aus Freundschaftsenthusiasmus und Mitleiden, als weil ihm vor ihrem Flehen und Heulen wahrend der Exekution unertraglich ekelte. Bei allem dem nicht ein Schatten von Keckheit; im Gegenteil so schuchtern, so demutig gegen jedermann, wovon er Gutes dachte; zugleich so vorliebend, so dankbar, so mild und so gut, dass er den meisten, teils fur einen Tropf, teils fur einen Schmeichler galt.
Vor Unwahrheit, ja vor blossem Irrtum Gut dass ich hier ein neues Blatt suchen musste, sonst ware mir schwerlich eingefallen, dass in einer Viertelstunde die Post abgeht. Wenn Sie wollen, so komme ich nachstens auf diese Materie zuruck, und erzahle Ihnen von den Kontrasten im kleinen Eduard, wie er bei aller seiner Unbandigkeit nicht wild, sondern zur Stille, zum vertraulichen Leben geneigt war; wie er bei seiner heftigen Begierde nach sinnlicher Lust, bei seiner Unbesonnenheit im Handeln, doch immer grubelte, und mit ganzer Seele an unsichtbaren Gegenstanden hing; wie er hieruber zu Ansichten gekommen, deren Grosse sein ganzes Wesen zerruttete, ihn bis zur Ohnmacht druckte; so, dass er, um den Anwandlungen davon zu entrinnen, sich oft die Hande blutig biss, oder gar sich die Treppe hinunter in den Keller walzte; wie er endlich im vierzehnten Jahr ein Pietist geworden, usw. Es ist unaussprechlich reizend, alles dies vom Kinde zu wissen, und hernach den Jungling zu beobachten: wie es immer noch dieselbigen Karten sind, nur etwa ein paar dazu oder davon, anders gemischt und anders gespielt. N.S. Mir fallt ein, Ihnen einen Brief beizulegen, den Eduard mir jungst aus Kambeck schrieb. Ich muss ihn aber ohnfehlbar zuruckhaben, um zu seiner Zeit die erste Halfte davon dem Verfasser wieder vorzulegen. Der gute Allwill glaubt schon geliebt zu haben. Aber dennoch wieviel Wahres liegt nicht in seinem leichtfertigen Geschwatz! Die Waldbegebenheit wird Sie freuen.
Beilage zu Clerdons Briefe
Eduard an Clerdon
Es war gar nichts von einem Schlagflusse, mein Bester, was Ihnen so furchterlich beschrieben worden; nur ein heftiger Schwindel, der seine guten Ursachen hatte. Es ist nun wieder besser, und mir nicht mehr bei Strafe des ewigen Lebens, oder des Tollhauses verboten, zu lesen, zu schreiben, oder sonst etwas Menschliches zu beginnen. Auch scheint die Sonne wieder am heitern Himmel; die Luft ist still; ich und die ganze Natur, wir sind bei gutem Humor.
In unserm C** heisst's also, ich sei der Frau von Kambeck im Netze, oder noch besser, ich liege ihr zu Fussen, bete sie an? Mag's doch! aber Sie, lieber Clerdon, sollen die Sache besser wissen. Horen Sie mein ganzes Geheimnis. Der Umgang des andern Geschlechts reizt mich unendlich; die artigen Geschopfe haben so etwas Sanftes, Anschmiegendes, das mir behagt. Neben ihnen stimmt allmahlich das allzu Heftige in meiner Empfindungsart sich herab; sie stehlen mir Gleichmutigkeit und Ruhe ins Herz. Kommt nun gar noch eine etwas nahere Beziehung hinzu, und ich fahre mit meiner Juno droben auf den Wolken, und die Stutzerchen unten klettern die Berge hinan, und turmen ihre Felsen aufeinander oh, Clerdon, das bringt immer richtig meinen Satan um all sein Latein; es ist so gut, als ob er in einem Weihkessel scheiterte, und ich habe gewonnen Spiel. Aber bei allem dem, oder vielmehr eben deswegen ist es mir ein unertraglicher Gedanke, von eben belobten Gottinnen irgendeine anzubeten, ihr in ganzem Ernst zu Fussen zu liegen. Vor Jahren, ja, da waren Rolands Taten auch meine Sache; allein ich ward doch ziemlich bald inne, wie es im Grunde mit meinen "Unsterblichen" beschaffen war, und bemuhte mich glucklich, den Willen des allgewaltigen Schicksals auch zu dem meinigen zu machen.
Lieber, ich habe nichts dagegen, dass es Clarissen, Clementinen, Julien, und sogar heilige Jungfrauen von unbefleckter Empfangnis uberall gebe: aber, ich bitte, nur keinen zu grossen Larm davon! Denn seht, diese erhabenen Einbildungen sind schuld, dass so viele Menschen verachtlich von denen Weibern denken, die Gott gemacht hat, von Weibern fur diese Erde, und nicht fur den Mond, wohin die Herren den Weg fragen. Da schelten sie dann, und klagen uber Grausamkeiten, Treulosigkeiten, Abscheulichkeiten, Schandtaten, die sie von ihnen erfuhren, da doch die guten Geschopfchen mehrenteils nicht einmal wissen, was das fur Sachen sind. Toll, dass wir so hart gegen sie verfahren! Lassen wir sie, wie die Natur sie beliebt hat, ohne sie zu Engeln martern und versuchen zu wollen; alsdenn werden sie uns sehr gerne lieben, und mit so viel Innigkeit, Festigkeit und Grossmut, als ihre artigen lieben Seelchen nur vermogen.
Ich muss meiner spotten, und mich argern, wenn ich zuruckdenke, wie ich sonst nie an einem Madchen hangen konnte, ohne mich aus allen Kraften zu bemuhen, es nach einem gewissen Muster, das ich im Kopf hatte, umzubilden. Sie erinnern sich doch jener amerikanischen Wilden, die zwischen zwei Brettern ihren Kindern Kopf und Hirn zerquetschen, und sie zu Ungeheuern verstellen, in der loblichen Absicht, sie der vergotterten Sonne und dem vergotterten Monde ahnlich zu machen. Geradeso war auch mein Tun, und wahrend ich mit dieser Narrheit mich schleppte, hab ich schreckliche Leiden erduldet. Alle Augenblicke waren meine Gestirne in Verfinsterung, und so arg ich auch larmte, um den hasslichen Drachen, der sie zu haschen lauerte, fortzuscheuchen, musst ich ihn zuletzt doch immer sie vor meinem Angesichte jammerlich verschlingen sehen. Von so viel unglucklichen Erfahrungen mude, sprach ich einst an einem fruhen Morgen sehr weislich zu mir selbst: es ist ja wahr, dass weder Aspasia, noch Danae, noch Phyllis, noch Melinde, noch so viele andre Namen, die du wohl weisst, Namen von Sternen am Himmel sind: aber sag an! zecht man nicht oft beim Wachslichte frohlicher, als man im hochsten Sonnenglanze tafelt? Nun, so geniesse der kleinen Feste, und lass die wunderbaren, ungeheuren Herrlichkeiten, womit es, ohne den Zauberstab des grossen Merlins, doch nie recht gelingen kann. Seit dieser Zeit, was fur Abenteuer mir auch im Gebiet der Liebe zugestossen, habe ich nie wieder an meinen Schonen Horner, Fischschwanze oder Krallen wahrgenommen, sondern es mir immer wohl sein lassen. Von hier komm ich vor Anfang der kunftigen Woche schwerlich weg. Ich liess mich auch gerne halten, wenn nur der junge Graf von Batuff nicht ware, den mein boser Geist hieher gebannt hat, und der mir alle Augenblicke etwas Unangenehmes mit sich zu schaffen macht. Er verstimmte mich gleich im ersten Augenblicke, da ich hier ins Schloss trat. Sie wissen, dass mein Prasident mir den argerlichen Auftrag gab, auf dem Wege hierhin ein paar Stunden umzureiten, um die neue Wassermaschine in dem Bergwerke zu D*** in Augenschein zu nehmen. Ich tat das so kurz ab, als moglich; und ritt nun in gestrecktem Trabe durch den Wald nach Kambeck zu. Ohngefahr in der Mitte des Waldes sah ich zwei ausgespannte Pferde, einen umgeworfenen Karren, und den Fuhrer, an einen Baum gelehnt, daneben stehen. Der arme Kerl hatte sein Holz alle abgeladen, auch das eine Rad ausgenommen, war aber dennoch nicht imstande gewesen, den eingesunkenen Wagen in die Hohe zu luften. Der Vorfall wie ich's nehmen mochte kam mir ungelegen. Ich ritt vorbei; aber vermutlich hatte mein rechter Arm sich mechanisch zuruckgezogen, denn mein Pferd kam aus dem Trab. Den Augenblick ward's mir auffallender, dass ich nicht auf der Flucht sei, und so ward Meister, was recht war. Ich stieg ab, und bot dem armen Hulflosen meine Dienste an. Ein Blick auf meine goldene Einfassung, mit einem bittern Lacheln, erwiderte mir, dass seinesgleichen von Vornehmen keinen Beistand, wohl aber den grausamsten Spott erwarten musse. Das war ein Blitz in meine Seele, Clerdon. Ich fuhlte alle die Schimpfreden und die Prugel, die ich ohnfehlbar dem Menschen gegeben hatte, wenn er in ahnlichen Umstanden mich angetroffen, und seine Hulfe mir versaget hatte. Ohne weiters griff ich den Karren mit solcher Kraft an, dass er in einem Ruck auf der entgegengesetzten Achse ruhte; dann flog ich auf das Rad zu, und rollte es herbei; der Wagen ward hervorgezogen und das Rad eingesetzt. Ich wollte dem Manne auch sein Holz wieder aufladen heiren, aber das litt er schlechterdings nicht wie herzlich auch mein Bitten war. Er fuhlte nicht, was fur eine Wohltat er mir erwiesen hatte. Ach, wie zufrieden der Arme mit mir war, wie er mir dankte, mich bewunderte, es nimmer vergessen, es seinen Kindern, dem ganzen Dorf erzahlen wollte! Grosser Gott! ich meinte vor Scham und Schwermut zu versinken, und ware diesmal gewiss nicht nach Kambeck geritten, wenn ich nur sonst gewusst hatte, wohin. Ich kam spat an. Aus meinem ubelzugerichteten Anzuge ward geschlossen, ich sei mit dem Pferde gesturzt. Ich erzahlte meine Geschichte. Der Herr Graf standen ausgegreitscht mir dicht vor der Nase, in einer echt adelichen Positur, die ich gemalt haben mochte; und als ich geendiget hatte, sagte er mit einer albernen Fratze zur Frau von K.: "Es ist ein Gluck, dass dem Bauern die Pferde nicht durchgegangen waren, und er selbst mit einer starken Blessur dalag; sonst hatte Allwill seinen Engellander einspannen, und den lieben Nachsten heimkarrigen mussen." "Herr Graf", erwiderte ich, "Sie urteilen vielleicht zu gunstig von mir, denn ich hatte ja so nah meinen armen Bauer hulflos gelassen, und ware ein Schurke gewesen." So leise ich, aus guter Lebensart, das Wort "Schurke" naher hin zu Ihro Hochgeboren aussprach, so war's doch, gebrauchlichermassen, der F.v.K. nicht entgangen; sie veranderte von Farbe; und in den Augen des Grafen sah man dass es ihm seltsam ward in seinem Eingeweide. Aber ich fuhr fort, und schwatzte mir das Herz ganz rein, und ruhte nicht, bis ich alle die Schimpfworte und Prugel, worunter ich den Morgen mich geangstiget, auf Ihro Gnaden abgeladen hatte. Damit war's denn gut fur diesmal.
Wollen Sie wohl, lieber Clerdon, es bei meinem Prasidenten ins rechte Licht stellen, dass ich einige Tage langer ausbleibe, und es auch meinem Vater zu wissen tun? Grussen Sie das vortreffliche Weib, auch Lenore und Clarchen, wenn Sie dieselben sehen.
Amalia an Sylli
Den 11. Marz, morgens um halb sieben.
Gestern nachmittag kamen Eduard, der Herr von Kambeck und ein Offizier, den Du nicht kennst, und entfuhrten meinen Clerdon nach Born, wo diesen Morgen eine Kuppel englische Pferde hinkommt. Dem guten Clerdon war's gar nicht drum zu tun; aber Du weisst, er lasst sich seine Zeit, die ihm so kostbar ist, seine Ruhe, Gesundheit, Verdienste, Lust und Leben abschwatzen, wie sein Geld: ich werde ihn noch mussen festsetzen lassen. Also bin ich itzt allein, in der betrubten Lage, all das Fette der vor mir sprudelnden Milch in meine eigene Tasse schopfen zu mussen: sie hatte nur gerinnen mogen. Ich fing an zu lesen, aber schon auf der zwoten Seite ging mir dies und jenes durch den Kopf, das mit Dir zu schaffen hatte; ich konnte der Zerstreuung nicht wehren, und legte das Buch weg. Liebe Sylli! der Himmel ist nicht heiter, und das macht, dass mein Kabinett weniger schon ist. Ich habe ein Fenster geoffnet, und bin ein Weilchen daran stehen geblieben, um nach meinen Freunden zu sinnen; und itzt, bis meine Knaben kommen, will ich ein wenig mit Dir plaudern.
Ich finge gern mit sonst etwas an, weil Du es schon steckt vorne in meiner Feder, wie ein Pfropf; der muss vor allem heraus. Also zuerst und abermals von unserm Jammer, unserm Verdruss, Arger, Zorn (was hievon es eigentlich sein musse, wissen wir eben, leider! noch nicht) uber das ungewohnlich lange Ausbleiben Deiner Briefe. Clerdon will all sein bares Geld darauf verwetten (wieviel meinst Du, dass wir ihm dagegen setzen?), dass wir mit dem ersten Postillion mehrere Briefe auf einmal von Dir erhalten werden. So viel ist gewiss, dass das U**r Paket schon zwei Posttage ausgeblieben ist. Eine Uberschwemmung, die bei E* die Brucke weggerissen und gewaltigen Schaden angerichtet hat, soll schuld daran sein. Sonst konnte ja wohl auch zwischen Dir und uns die Erde sich ein bisschen gespalten haben: warum nicht? nur war es sehr schlimm. Ernstlich gesprochen, liebe Sylli, Du machst uns verlegen. Schon am Montag glaubten wir, es konne nicht mehr fehlen, ein Brief von Dir musse kommen; und doch war's gefehlt: und so ging's all die folgenden Tage, nur dass an jedwedem mit unserer Hoffnung auch unsere Zweifel stiegen, und wir von einer Unruhe ergriffen wurden, mit der schlechterdings kein Vertrag noch Auskommen war. Die Nachricht von der grossen Uberschwemmung, und den ausgebliebenen U**r Paketen, begleitet von Clerdons Zureden und kuhner Wette, hat uns von neuem ein wenig eingewiegt. Jene Sorge abgerechnet, liebste Sylli, bin ich itzt so ganz glucklich, so ganz zufrieden, so ruhig froh des Lebens Oh, lass Dir's wohl gehen, Sylli; lass Dir's ja wohl gehen, und mache mir die schonen Tage nicht zuschanden!
Ich bin so ruhig, so froh, und konnte doch die verwichene Nacht wenig schlafen, fur fremder Sorge. Die gute Frau von ... (Die hier erzahlte Begebenheiten mussen, wegen gewisser noch obwaltender Beziehungen, fur diesmal unterdruckt bleiben.) ... Wie unartig, dass ich Dir diese lange Geschichten machte, da Du so viel eigenen Gram hast? Auch will ich rein aufhoren, mich aus dem Staube machen, und diesen Abend mit lachender Laune wiederkommen.
Abends um halb 5 Uhr.
Da kommen meine drei Altste mit grossem Jubel von einer Spazierreise uber die Donau nach Hause, und sind gar herrlich und guter Dinge gewesen, haben mit zween Vetter-Franzens-Kameraden sich himmlisch ergotzt. Wieviel Freuden mir die Knaben machen! Alle drei fuhren sich ungemein gut und Heinrich musterhaft gut auf. Dieser wird allgemach ein lieber Junge, so dass auch sein Vater anfangt, weniger Arges von ihm zu denken, und Carl, den Topinambu, nicht mehr so grausam vorzieht. Sein Virtuoso ist ordentlich verliebt in ihn; in etlichen Wochen soll er schon die Ouandern Operetten, die er auffuhren sehen, geigt er eine Menge Sachen mit einer solchen Herzenslust, dass man sich gern dunken lasst, er mach es so schon wie moglich: gewiss der Junge wird ganz musikalisch, und verdient den ersten Platz in meiner Kapelle, und ich hab's geschworen, kein anderer soll ihn drum bringen. Auch Herr Bering und Herr Kamp ruhmen ihn sehr, und da Georg ihn nun alle Tage fein ordentlich frisieret, so wurdest Du viel Freude an ihm erleben. Von diesem kleinen Heinrich verkundigt Heinrich der Grosse, dass er bei unserm Geschlecht dereinst in hohem Ansehen stehen, und zu grossen Ehren gelangen werde. In der Tat wird seine Bildung taglich einnehmender; er hat nicht mehr die hohlen Backen, noch die abgestumpften Haare; sondern ein rundes Gesicht, mit hubschen Locken eingefasst, und ist gepudert obendrein. Aber, ach, der Knoten, der Knoten unter dem Kinn! Beim Ansehen nimmt man ihn nicht wahr; aber ich hab ihn in allen Fingerspitzen, und kann mir ihn unmoglich aus dem Sinn schlagen. Nun, das heisst von Buben geschwatzt! Wenn Dir's diesmal Langeweile macht, so bedenke, liebe Sylli, dass Du mich durch Deine herzwillige Teilnehmung an all dergleichen verwohnt und verstockt hast. Gegen andre Leute rede ich Ich hore Clerdon!
Sonntagmorgen.
Es ist schon neun Uhr. Ich schlief bis halb sieben, und erschrak fast so sehr, als ob ich mich tot fande. Lass mir das Gleichnis, und hore weiter. Ich bin im Neglige; offne die Tur: Was um des Himmels willen? ja gewiss! Denk, Sylli, da sitzt meinem Clerdon gegenuber ganz impertinent in meinem Sessel Eduard, und lasst sich's wohl schmecken aus meiner Schale. Ich wollt ihm in die Haare; aber er rief aus allen Kraften: "Warten Sie doch, ich bin ja nicht frisiert!" Der junge Mensch hatte recht; ich beschied ihn auf den Mittag. Nun ward mir bedeutet, er habe meinen Kaffee bloss deswegen zu sich genommen, weil er kalt gewesen ware, und mir ein besseres Fruhstuck gebuhrte. Es war auch schon dafur gesorgt. Im Kamin stand ein Schokoladentopf, welchen, mit allem Zubehor, der wackere Ritter im Hui auf der Serviette hatte, und hernach mit dem besten Anstande mir bediente. War das nicht sehr artig, Sylli? Aber, Du magst es glauben oder nicht, unser Beisammensitzen und Geschwatz war doch wohl ebensoviel wert. Beide Mannsleutchen sagten gar herrliche Dinge, so dass ich mit Muhe uberwand, da mein Stundlein erschien, von dannen zu scheiden.
Nun ist in meinem Hauswesen alles bestellt, meine Toilette gemacht, und fur Dich noch eine Stunde aufgehoben. Heinrich, Carl und Ludwig wurden gestern abends nach Hainfeld4 abgeholt, wo sie bis morgen bleiben; und so kam heut Ferdinand ganz allein "Morgen sagen"; denn der arme Edmund, wie Du weisst, sagt noch nichts. Liebe Sylli, ja, alles genauso wie Du neulich schriebst, soll werden, und sein, und bald kommen. Der kleine Edmund, den Du bisher nur aus denen Portraits kennst, die Guido und Maratti von ihm gemacht haben, mit seinen grossen hellbraunen Augen, deren Augapfel man so klar da sieht, und wo eine bestandige Offenheit und Herzensfrohlichkeit ausstrahlt; der soll Dich gleich anlachen und anjauchzen, wie er lacht und jauchzt, wenn er recht ausgeschlafen hat. Ohne Gutsel soll der Knabe Dich liebhaben, oder er ware nicht unser Fleisch und Blut, hatte nichts von meinem Herzen mitgekriegt, nichts von Clerdons durchdringendem Gefuhl alles Schonen und Guten, von dem Reichtum seiner Liebe Sieh, ich kann diese Saite nicht beruhren, ohne dass es mir inwendig zittert, und mir Tranen in die Augen kommen; aber diese Tranen, o wie suss! Engel Sylli, Du musst kommen, und den Mann sehen, wie er alle Tage lieber und vortrefflicher wird, wie er sich seiner Kinder annimmt, sich immer freut, wenn ihm eins in den Weg kommt, und er diese Freude dem Unschuldigen immer lohnt. Mit Ferdinand ist des Singens und Springens oft kein Ende, und da lasst er tausend Kindereien mit sich treiben, und sich zausen und hudeln, dass wir alle drum herumstehen, und oft bange werden und lachen; gewiss, Sylli, er wird als ordentlich mit zum Buben, hilft ihnen allerhand Streiche ausfuhren und erdenken, und wenn sie denn wohl einmal das Ding besser verstehen und ihn auslachen, und er dasteht, der Liebe Grosse Schone, als der Kinder Spott, er, vor dem so viele in Bewunderung und Ehrfurcht staunen und sich beugen selbst der Edelsten so viele vor dem besonders ich, o Gott du weisst mit wie echter Demut! mich neige; wenn er so dasteht, der Anbetungswurdige, und die ausgelassenen Knaben herumtaumeln um den Kameraden, und jauchzen und lachen; und nur ich aus meiner Ecke in seinem gottlichen Auge den Vater sehe und den Mann; ach, Sylli! dann beben dem schwachen wonnevollen Weibe die Glieder, es sinkt in die Arme des Unvergleichlichen, hangt an seinem Halse Und Erd und Himmel mochten nur vergehen!
Bin ich nicht allzu glucklich, Sylli? So einen Gatten: so wohl anlassende Knaben; so liebe treue Gefahrtinnen, wie Lenore und Clarchen, die Engel! meine Schwestern und Tochter; so braves Gesinde; ein schickliches Auskommen; Stand, Ansehn und Hoffnung; und um das alles her ein so schoner schoner, lieber Kranz von Freunden! Aber, sag mir, Sylli, ob die Leute meinen, man konne das alles haben, ohne Freude daruber, ohne herrlich zu sein? Es muss wohl; denn wie wurde ich sonst so oft gefragt, was ich doch habe, dass ich so heiter und vergnugt aussehe; gerad als ob das Wunder ware, was doch gar nicht anders sein kann. Dir, beste Sylli, sollte ich vielleicht das Bild meiner Gluckseligkeit nicht so lebhaft vor Augen stellen; aber eben weil Du es bist, darf ich's. Du weisst, wie mich der Gedanke anzieht, das alles mit Dir zu teilen, wie mein Herz so laut schlagt fur Verlangen Dich zu haben und mit glucklich zu machen; und wie ich dann auf einmal wieder nicht glucklich bin; manche Trane um meine Sylli fallen lasse oh, das weisst Du alles, meine Gute, meine Beste, denn Du kennst Deine Amalia durch und durch. War Dir's nicht, als wenn Dein ganzes Inneres sich bestandig von einer Seite zur andern hin bewegte, wenn Du etwas Widriges von uns vernahmst? So ist mir, und eine stachelnde Unruhe lasst mich keinen Augenblick stille, wenn ich weiss, dass Du unpasslich, unzufrieden oder schwermutig bist. Nach Deinem letzten Briefe scheinst Du itzt ziemlich gesund; auch machen Dir die** und die*** noch manche Stunde angenehm, wofur ich ihnen so herzlich gern dankte, wenn Dank hier Platz fande.
Von der endlichen Ankunft Deines langsamen Fuhrmanns hast Du schon Nachricht. Hier noch einen Dank uber den Dank, welchen Dir unsere Madchen ubersandten, fur die schone Besorgung aller unserer Sachen. Das Wachstuch und die Korbchen hast Du aufzurechnen vergessen. Melde mir, wie ich's mit dem Dir noch zukommenden Gelde machen soll. Die drei Carolins habe ich nach B. sogleich besorgt. Die Tabatiere bleibt noch immer allerliebst, und wird nicht anders als in ihrem ledernen Sackchen getragen. Das Tischblatt? die Girlande ist sehr niedlich aber der Grund? lass, ich werde mich dran gewohnen. Wegen des porzellanenen Deckels schreibe ich nachstens.
Du wirfst mir vor, dass ich Dir nicht mehr von Ferdinand erzahle. Der Junge ist eben kaum erst zween Jahre alt, daher sich nicht viel anders von ihm erzahlen lasst, als wie er aussieht; und dies wie erzahlt man dies? Er ist klein und rund, hat von meinetwegen, das heisst vom mutterlichen Grossvater, das Dir bekannte etwas finster liegende Auge; doch kann er sehr freundlich daraus kucken, und Feuer ist die Menge drin. Du weisst, dass Clerdon sich schon langst verburgt hat, dass wir an diesem Ferdinand den besten, freimutigsten Jungen von der Welt bekommen wurden. An mir hangt er wie eine Klette, und Bruder Heinrich holt ihn alle Morgen, ohne Fehl, aus seinem Bettchen, zieht ihm Schuh und Strumpfe an, und dann gehen wir zusammen fruhstucken; nach dem Fruhstuck muss Bruder Heinrich mit ihm fort auf den Hof, und ihm sein Spiel in Gang bringen, und das tut Bruder Heinrich mit immer gleicher Geduld und Freundlichkeit. Liebe Sylli, wer hatte gedacht, dass Heinrichs Charakter, der so ganz lieblos und mit allen Lastern furchtsamer Eigensucht besamt schien, sich dergestalt ausbilden wurde? Ich glaube, Du hast ihm alle Morgen mit einem Kuss etwas von Deiner Seele, die lauter Liebe und Verleugnung ist, eingehaucht, denn erst seitdem Du ihn bei Dir hattest, ist er so merklich geandert. Carl ist noch immer derselbe "Capitano Tempesta", wie Du ihn vor neun Monaten bei uns verliessest; hat aber im Grunde viel weniger Herz, als Ludwig, der sich taglich wackerer zeigt. Alle vier sind gut, nur dann sind sie es nicht, wenn man sie zu den Dienstboten lasst; mit und unter diesen vertragt sich keiner nur eine Viertelstunde lang. Wahrend ich dies schrieb, ist Ferdinand mit einem Freudengeschrei gekommen, dass er mich funden hat, und lauft, spielt und schwatzt um mich herum. Fur Deinen Garbetto5 liess ich auch gern hier ein Wortchen einfliessen, weil es mir vorkommt, als gehorte er mit zur Kinderfamilie; allein die Kirche ist aus, meine gute Madchen sind lange da, und ich habe noch gar nichts heute mit ihnen geschwatzt. Ware Garbetto hier, es ging ihm recht gut; denn Ferdinand teilte alle Bissen mit ihm, wie mit einem Hundchen zu B**, dem er alles und alles gab, zum grossen Skandal der Frau von Dertrut und ihrer grossen wohlconduisierten Gesellschaft. Wie das lacht und plaudert hier neben um Clerdons Kamin herum? Ich will einen Augenblick hin, liebe Sylli, und mich dann anziehen, und dann essen, und dann in die Kirche, und dann ach Himmel! zur Frau Direktorin an den Spieltisch. Ade, Du Beste, Du Liebe!
Lenore von Wallberg an Sylli
Hainfeld den 12. Marz.
Wir hatten gestern einen herrlichen Tag in Clerdons Hause, und da entstand zwischen Clarchen und mir ein grosser Streit, welche von uns beiden Dir heute von dem herrlichen Tag erzahlen sollte. Ich hatte, leider! nur das Recht auf meiner Seite und Clarchen, wie immer, die Grunde; damit beschwatzte sie in der Geschwindigkeit, eh ich nur ein Wort anbringen konnte, den leichtfertigen Clerdon so artig, dass er mit der ehrlichsten Miene von der Welt zu mir sagte: "Aber, Lenore, du hast ja wieder unrecht!" Ich schalt ihn einen parteiischen, gewissenlosen Mann, der er ist, und rief Amalia zu Hulfe. Mamachen sagte, eine von uns musse ohnedem bis auf den Mittwoch bei ihr bleiben; welche von beiden das nun ware, die sollte nicht schreiben, sondern es der andern uberlassen. Wir loseten ums Bleiben; Clarchen zog das grosste. Nun hattest Du horen sollen, wie der unartige Clerdon mich zum besten hatte, wie er mir Gluck wunschte, dass ich zu meinem Recht gelanget sei Der Kutscher sollte den Phaethon anspannen, und die Galalivree anlegen, um mich im Triumph nach Hause zu fuhren, u. dgl. m. Gegenwartig ist's mir doch ganz wohl bei blauen Tische her, unter dem frohen Gezwitscher einer Menge Vogel, die in unsern Hecken und Obstbaumen flattern und nisten, einen sehr schonen Morgen zu bieten, der sich durch das alles hindurch recht frisch zu Dir hinbegeben soll. Du bist doch wach, liebe Sylli? So lass Dir erzahlen.
Du weisst, wie Amalia zu uns an den Kamin kam. Eben hatte sie uns, jedwedem besonders, ihr frohes Gesicht angepasst, und uns ein wenig geneckt, als Bering mit einem Schreiben von Hof hereintrat. Es enthielt die Nachricht, dass eine Sache, fur die Clerdon nicht ohne Gefahr und Verlust aus allen Kraften gefochten hatte, nach seinem Wunsch entschieden sei. Sie betraf vornehmlich den grundehrlichen von Birk, der die wackere Frau mit eilf Kindern hat: eine vornehme Rotte wollte Unehre und Durftigkeit uber ihn verhangen. Noch drei andre gute Burger waren in den Handel verflochten, und mit ahnlichem Jammer bedroht. Der einzige Clerdon hielt bei den Unglucklichen stand; welche sich nichtsdestoweniger fur verloren achteten, da ihnen alle andre Stutzen durch List und Macht vor und nach entrissen worden. Die guten Leute, wie konnt es auch in ihre Seelen kommen, was man an solch einem Manne hat! Sie waren gerettet "Lieber Bering", rief Clerdon, "laufen Sie doch zu Birk und den drei andern, und bringen Sie ihnen hurtig diese gute Zeitung."
Bering mochte ungefahr unten an der Treppe sein, als Clerdon ihm nachflog, und ihn zuruckrief. "Ich bilde mir ein", sagte er zu ihm, "die Leute werden im ersten Freudentaumel zu mir laufen, und ihren Dank gegen mich ausstromen wollen; Sie wissen, wie mich dergleichen angstiget: also hindern Sie's, lieber Bering; erzahlen Sie den guten Leuten, was alles zu ihrer Rettung beigetragen: dass ich es nicht allein tat, und dass, was ich tat, nicht einmal eigentlich um ihrentwillen geschah. Gott weiss, mein Gemut war so aufgebracht durch die Tyrannei und Niedertrachtigkeit ihrer Feinde, so voll innern Grimms, dass dass ich Nun Sie wissen's ja, Sie wissen, wie mir ums Herz war; machen Sie das den Leuten nur recht deutlich, damit sie's begreifen und sich in Ruhe geben."
Der gute Bering schuttelte lachelnd den Kopf. "Ich will mein Bestes tun, Herr Regierungsrat; aber wieviel ich ausrichten werde? Die Leute wissen allzusehr "
"Was?" unterbrach ihn Clerdon etwas hitzig. "Ich ware ja der schlechteste Mensch, wenn ich anders gehandelt hatte, und ich hoffe, Sie werden dies mit gutem Gewissen aus sich selbst bekraftigen konnen. Besinnen Sie sich nur, und bedeuten Sie nur gehorig diesen Leuten, wie ich nicht ausstehen kann, wenn man viel Wesens davon macht, dass einer seine Schuldigkeit getan hat, und kein Unmensch war." Er klopfte Bering freundlich auf die Schulter: "Gehen Sie, gehen Sie, und machen Sie Ihre Sachen gut."
Ein Weilchen nachher wurden Riedersheimer Deputierte gemeldet. Du musst wissen, dass unser Freund die Eingesessenen dieses Amts von einem fast unausstehlichen Druck, worunter sie seit 70 Jahren sich gekrummt, kurzlich losgekampft und losgebettelt hat. Amalia und wir Madchen taten uns ganz heimlich etwas damit zugut, dass Clerdon dem Verhangnis einer Danksagung an diesem Tage nicht ausweichen konnen. Die Manner traten herein: ein Burgermeister, zwei Schoffen, und sechs der angesehensten Grundsassen. Die drei ersten hatten Clerdon mehrmals gesprochen. Zuversicht und Liebe sprach aus ihrer ganzen Gebarde, besonders waren ihre ehrliche Gesichter so voll und schon davon, dass ich sie wohl hatte kussen mogen. "Herr Regierungsrat", sagte der Burgermeister, "wir kommen mit leeren Handen, das bei dergleichen Gelegenheiten wohl nie passiert ist; aber da sind sechs Manner mitgekommen, die sollen mit uns furs ganze Amt zeugen, dass wir alle in unserm Herzen und vor Gott Ihnen und Ihren Kindern Haus und Hof zum Notpfennig verschrieben haben, und, wenn's drauf ankame, dass auch der Armste von uns dann seine letzte Kuh zuviel im Stall hatt." "Ja, Ihro Gnaden", beteuerten die Manner, "das ist so wahr, als ein Gott im Himmel ist, und soll auch so wahr bleiben." Dabei falteten sie ihre Hande in die Hohe, und man sah auf aller Stirne, dass sie vor Gottes Angesicht standen, unserm Clerdon, Du kennst ihn, war die Sprache vergangen, aber Aug und Mund lachelten den Rechtschaffenen den Himmel seiner Seele in die ihrigen hinuber. Er reichte eben seine Hand dem nachsten dar, und wollte zu reden versuchen, als die Tur aufging, und hinter dem Bedienten drein, der ihn melden sollte, Birk hereinsturzte, der ohne ein Wort hervorbringen zu konnen sich ihm zu Fussen warf. "Stehen Sie auf, Birk", rief Clerdon; "stehen Sie auf; ich kann das durchaus nicht leiden." Birk gehorchte, schlug die Augen gen Himmel, und deutete hinauf dem Edlen mit beiden Armen. Indem kamen auch die drei andern, ergriffen Clerdons Hande und uberstromten sie mit Tranen. Birk erzahlte unterdessen den Deputierten, was Clerdon fur ihn und die Gefahrten seines Kummers getan: und als diese nun auch hinzukamen, und die Deputierten mit ihrer eigenen Geschichte erwiderten, da fingen die guten Leute an, unsre Gegenwart zu vergessen; sie drangten sich zusammen, irrten in vertrauten Umschlingungen durcheinander und um uns herum, und von allen Stimmen horten wir die Worte wiederholen: "Ja, so gibt's keinen Mann mehr; so hilft er allen Menschen Stadt und Land muss fur ihn beten." Laut rief unversehens einer aus dem Hauf: "Gott, der Vergelter segne euch, und erfreu euch auf ewig!" Alle wurden wach, umzingelten Clerdon, kussten uns die Hande, und wiederholten immerwahrend: "Gottes Segen und die ewige Freud, Amen! Amen!" Wir weinten recht herzlich. Clerdon wusste nicht zu bleiben. Er fuhr mit der Hand sich an die Stirne, und wankte so, mit zuruckgeschlagenem Haupte, in sein Kabinett. Das Zimmer ward bald leer. Unsern Clerdon fanden wir ganz in sich gekehrt, in seinem Kabinett sitzen. Wir lagerten uns an ihn, jede so gut und dicht sie konnte. Ein Meer von Liebe ergoss sich uber uns aus seinen Augen, welche alles sahen, was in unsern Herzen vorging. "O wie wohl mir von eurer Liebe ist! Aber zuviel, zuviel! Einst vielleicht bald " hier flog eine Blasse uber sein Angesicht, die wie ein Blitz kam und verschwand. Unser Herz zerriss. O des unbegreiflichen Zweiflers! Wir verbargen uns in seine Arme, in seinen Schoss, und weinten, dass wir schluchzten. "Auch an mir?" bebten Amaliens Lippen; aber kein Wort der Zuversicht kam aus seinem Munde.
Kaum hatten wir uns ein wenig erholen, und Amalia sich vollends ankleiden konnen, als es ein Uhr schlug, und Allwill, der zum Mittagsessen gebeten war, sich zu uns gesellte. Wir erzahlten ihm das Vorgegangene, und gerieten daruber in ein schones herzliches Gesprach, das uns zusammen in die reinste Stimmung zu aller Wonn und Wehmut setzte. So geleiteten wir einander die Treppe hinunter nach dem Speisesaal. Es sollte einmal recht Sonntag sein an diesem Tage denn nun trafen wir noch im Vorhause zween Kinder in neuer Kleidung, welche vor ihre Pflegmutter Amalia zur Ehrenerscheinung kamen. Sie gehoren einem Unglucklichen, dessen Frau wegen Dieberei auf dem Raspelhause, sitzt. Der Knabe war mit kleinen Heinrichs Uberrock und Matrosenwams geputzt. Das Madchen hatte Jacke und Rock von Tuch; ein siamoisinen Schurzchen, kattunen Halstuch usw., nicht zu vergessen ein neues Hemd, deren Amalia fur jedes zween hatte machen lassen. "Gib du ihnen etwas Geld", sagte Amalia zu Clerdon; er tat's und wir auch. Der Bub, 9 Jahr alt, sah uns freundlich und vergnugt an, und dankte; das kleine Madchen aber, ohngefahr 8 Jahr alt, wendete sich mit einem betrubten Gesichtchen zu Amalia, und stotterte leis und eilig: "O machen Sie doch, dass meine Mutter wieder zu mir kommt!" Hiebei fing es an zu weinen, versteckte sich unter sein Handchen und schlich sich so zur Ture hinaus. Man hatte ihm vermutlich bei seinen kleinen Unarten wohl einmal gesagt, es sollte sich was schamen zu weinen, und es wusste nichts davon, wie sehr uns seine Tranen ruhrten. Allwill gab den Kindern nichts; er hatte Clerdons und Amaliens Hande ergriffen, die er beide fest an seine Lippen gedruckt hielt; Mann und Weib neigten sich uber ihn, seine Stirne zu kussen: nie habe ich eine so ruhrende Gruppe gesehen.
Leb wohl, liebste Sylli.
Ich schicke diesen Brief an Clarchen, damit sie noch etwas dran schreiben kann, wenn sie Lust hat.
Was uns allen auf dem Herzen liegt, weisst Du O dass Dir's wohl gehe!
Lenore.
Nachschreiben von Clarchen
Lenorens Brief kam zu spat, um noch gestern abend mit der Post abzugehen, und das war recht gut sag ich; denn nun kann ich Dir auch einen schonen Morgen bieten, einen so schonen als Lenorens ihrer immer sein mochte. Ich sitze ganz obenauf, in dem grunen Zimmer, und schaue uber die Kastanienallee weg, gerad aufs freie Feld. Am Himmel herum schwebt dunnes Gewolk, welches die aufgehende Sonne so schon bemalt, dass es wohl schoner ist, als sie selbst; aber doch bin ich auf der Lauer, und meine alle Augenblicke sie hervorbrechen zu sehen. Wie meinst Du, dass meinem Stumpfnaschen das lasst, so hoch uber die hohen Gipfel weg in die Sonne zu blicken, "gleich dem majestatischen Donnervogel"? Ich muss selbst daruber lachen. Argerlich ist's aber doch, ein Gesichtchen zu haben, dem so etwas nicht lasst.
Liebe Sylli, ich schame mich anjetzt, neulich daruber gemurrt zu haben, dass wir so fruh aufs Land sollten: aber, wie bekannt, ist Hainfeld eine Stunde weit von Clerdons Hause; und dann, wer hatte binnen unsern dreifachen Mauern sich einbilden konnen, dass draussen schon der Fruhling ware? Hecken und Strauche sind schon ganz grun, und uberall aus der Erde herauf- von allen Zweigen herab kriegt's einen doch so lieb zwischen, und augelt dich an, oh, so herzig, wie ein Mutteraug den angeschlungenen Saugling. Ich kann Dir nicht sagen, wie mir's ans Herz greift so nah, Sylli, so nah und immer naher, dass mir bange ist fur meinen lieben Mai, wenn er kommt, dass ich ihm wohl mocht ein wenig untreu geworden sein.
Vorgestern spazierten wir noch nach Sonnenuntergang langst den Ufern der Donau. Ich setzte mich hin und sang: "Madchen, lasst euch die Freude schmekken!" Hinaufwarts den Strom sah es dunkel dunkel und dunkeler und hell und heller gegenuber: so sahen wir den Tag von dannen ziehn, und gerad uber uns die Nacht ihm an der Ferse. Leise rauschte, nah an mir vorbei, der herrliche Fluss, und spiegelte den Himmel ab mit seinem Abendrot und schonfarbigen Gewolk und mit seiner Nacht. Ich erinnerte mich Deiner, beste Sylli, und segnete Deine Seele, mit der heitern Ruhe, welche rund um mich her uber alles, und auch uber mich sich ergoss.
Beim Weggehen rief ich Dir, gute Nacht: eben blickte der erste Stern hervor, und ich warf Dir einen Kuss zu: hast Du ihn gefuhlt?
Clarchen.
Clarchen an Sylli
Hainfeld, den 18. Marz.
Clerdon und Amalia sind seit gestern hier. Als wir ihnen entgegenflogen, und ich mich an Clerdons linken Arm hing, fasste er meine Hand und druckte sie leise an die Rocktasche. Leise rief ich: "Briefe von Sylli! Gute?" "Gute, o ja; etwas schwermutig, aber lass, sie ist dennoch wohl dran."
Tante war noch nicht angezogen. Sie sollte alle Zeit haben. Wir liefen ins hinterste Boskett. "Nun, Clerdon, nun!" jauchzten und hupften wir. Er sah uns an mit dem vollen stillenden Blick seines Auges; lachelte: weg war die Hast. Wir schlupften aneinander her und lagerten uns auf die Rasenbank. Clerdon stand noch einen Augenblick, dann ging auch er seinen Platz nehmen. Nun kam die Brieftasche hervor, die er auf sein ubergeschlagenes Knie legte, seine Hande gefalten daruber. Wir hingen an seinem Auge, das einen so wunderbar fassen und fullen kann. Eine eigene schauerliche Freundlichkeit wandelte durch die Stille. Clerdon offnete die Brieftasche, und schlug hernach sie wieder zu. "Ein herrliches, liebes Weib!" sagte er: -"wenn sie sich erblickte, wie sie vor meiner Seele steht!" und gleich darauf: "Gott, wem du ein tief damit, alle deine Gaben, und dich selbst." Die Briefe wurden gelesen. Zwo Stunden verstrichen daruber. Wie sie zugebracht wurden diese zwo Stunden dies, liebste Sylli, erzahle Dir wer es weiss, kann und mag. Meine ...
Clerdon
Keiner von uns wird es Dir erzahlen. Das Anschauen, die Umarmung einer ganz enthullten, schonen, tiefempfindenden Seele ist zu heilig, um in Bildern und Worten nachgespiegelt zu werden. Und wer vermochte jenen Blitzstrahl dahin abzulenken;
Leblosen den lebendigen Kuss der Liebe zu geben? Nein, schaue selbst den verklarten Blick und Wonnegefuhl sanft uber ihn die Augenlider dekken und dahingegeben die Seele.
Wohl glaub ich Dir, dass Du es im Grunde so schlimm nicht in der Welt hast, wie arg es Dir auch ergangen, und so viel auch itzt noch Deiner Leiden sind. Eine immer reiner und voller klingende Saite auf der grossen Leier der Natur, ein immer machtigeres Organ in dem Ganzen des Alliebenden zu werden, oh, das lohnt Dir jeden Schmerz.
Dornen malmen, sie zu Pflaumfedern wuhlen, lernete ich lang; und nun weiss ich, dass es fur den Menschen eine Lauterkeit des Sinnes mit ihr eine Kraft und Stetigkeit des Willens gibt eine Erleuchtung, Wahrheit, Eigenheit und Konsistenz des Herzens und Geistes, wodurch ihm der eigentliche Genuss seiner gottlicheren Natur, Ruck- und Aussicht wird, und wozu niemand gelanget, der nicht mehrmals im aussersten Gedrange von allem ausser sich verlassen war. Da hat die ganz auf sich selbst gestemmte Seele sich in allen ihren Teilen gefuhlt: hat, wie Jakob, mit dem Herrn gerungen und seinen Segen davongetragen. Wer, liebste Sylli, wollte nicht gerne fur diesen Preis sich eine Zeitlang mit einer verrenkten Hufte schleppen?
Clarchen
Schon, was Clerdon sagte, gut auch und wahr; aber wenn es am Ende doch nur Trost ware; ein kostlicher Balsam, aber nur lindernd, und die Wunde todlich? Arme Sylli, wohl bist Du ubel dran, wohl hast Du es schlimm in der Welt! Ich hor ihn ja so hell aus Deiner Brust hervorgehn den Schrei des tiefsten Schmerzes. Was hilft es mir, dass Du hintennach lachelst? damit machst Du mich nur bitterlicher weinen. Du weisst, Arria lachelte auch. Ach, Sylli, Du kannst nicht leben ohne Liebe; und was ist Liebe ohne Zuversicht? Sag was Du willst; Liebe die sich nicht ewig weiss und ewig erwidert, das ist keine Liebe, das ist blosses Ergotzen, dem Du nur in der Angst jenen Namen liehest Blumenfreude, Schmuck, Tanz und Spiel. Und hieran sollte Dir genugen Dir Sylli? Seifenblasen zu werfen und alles, alles Seifenblase? Je mehr ich nachgrubele ...! Oh, ich fuhle, dass Dir's das Herz zersprengen muss.
Lenore
Auf der Zunge: "Bist du bald fertig, Clarchen?" so trat ich ins Zimmer. Clarchens Anblick hemmte mir Sprache und Gang, und mein Herz hob sich zu dem Schlag, bei dem es einem auf einmal so ganz anders wird. Leise nahete ich ihrem Schreibtisch. Sie schob, ohne ihre Stellung zu verandern, mit der einen Hand mir das Geschriebene zu. Nachdem ich es gelesen, hierauf einen Augenblick gesessen hatte, ging ich an ihren Stuhl knien, um sie zu kussen. Wir kamen allmahlich einander in die Arme, weinten und fingen zu sprechen an.
Deine Briefe wurden stuckweise wiederholt, und so nach und nach zu einem fur uns eigenen Ganzen umgebildet, das wir besser fassen konnten. Alles drang itzt weit tiefer ein, und dennoch wurden wir heiterer. Wir ahndeten Deinen Zustand, gewonnen Teil an Deinem himmlischen Wesen. Wer wollte nicht Sylli sein? sagten wir. Der blosse Abglanz nur eines Teils von ihrer Seele, und den wir ach! nur so schwach aufzunehmen vermogen; was gibt er uns nicht Mut und Wonne! und sie besitzt sie ist diese Seele selbst; hat in ihrem eigenen Wesen was so unbegreiflich entzuckt; den Quell und die Fulle all der Schonheit, all der Grosse! Wer wollte nicht Sylli sein! gabe nicht alles hin fur die Unabhangigkeit dieses hohen Selbstgenusses, fur die helle Wonne gottlich zu lieben, die allein aus solchem Reichtum uberfliessen kann. Gluckliche, gluckliche Sylli! ...
Clarchen
Meine Schwester ist abgerufen worden, und ich, liebste Sylli, bin nicht imstande fortzufahren. Mein Blick ist schon wieder getrubet; jenes Wehklagen, wovon ich erst sagte, dass ich es so hell aus Deiner Brust hervorgehen horte, dringt von neuem in mein Ohr, und kein Jubel wird es ubertauben. Du kennst das an mir, dass ich nicht leicht in einem Gefuhl mich so ganz verliere, von einer Vorstellung so ganz befangen werde, dass ich nun weiter nichts sahe noch wusste. Wahr Du hast den Himmel in Dir selber; und wer wird Dich nicht deswegen selig preisen? Aber auch nicht minder wahr ist alles was ich vorhin bemerkte: und so sassest Du mit Deinem Himmel dann doch in einer Art von Holle. Deine Briefe sind ein eigentlicher Wechselgesang aus beiden, voll Verzweiflung und Wonne. Was muss ein Herz nicht ausstehen, in welchem so feindliche Tone zusammenkommen, das sie ineinanderschmelzen, zu einer Melodie vereinigen soll! Alle Saiten des Instruments mussen nacheinander springen, und der Sangboden selbst. Liebste Sylli, ich ertrag's nicht. Oh, dass ich bei Dir ware, oder ich durfte meine Lenore fur Dich missen. Wir entbehrten gern einander, opferten noch viel mehr auf, wenn Dir damit geholfen ware. Sag ob Du eine von uns willst, und welche? So unvollkommen auch die Teilnehmung ware, die Du bei uns guten Kindern fandest, so ware sie doch rein, voll in ihrem Mass und innig. Unsere Augen, Sylli, liessen gewiss die mehrsten Deiner Blikke ein und weiter. So gewonne Deine Seele Raum; erhielt eine Statte, wo sie einen Teil ihres Lebens hinfluchten und aufbewahren konnte. Sag, Liebe, soll ich kommen. Ich fuhle seit einiger Zeit einen ausserordentlichen Trieb wieder einmal um Dich zu sein, und wollte Dich schon jungst mit Anschlagen dazu unterhalten. Damals war es mir fast allein um mich zu tun. Ich hatte gern mehr Freude an mir selber, und die erhielt ich zuverlassig, wenn ich Dir ahnlicher wurde. Mir deucht was Amalia jungst vom kleinen Heinrich sagte jeder Deiner Kusse musste mir etwas von Deinem holden Wesen einhauchen.
Ich soll zusiegeln, schickt Clerdon. Also kriegst Du nichts von Amalia. Die Gute hat sich wohl nicht uberwinden konnen, unsere Frau von Reinach allein zu lassen. Ein wunderbares Weib! so jung, so sprudelnd von Leben, und doch von allem was nur einer Schuldigkeit ahnlich sieht, so vollig hingerissen, wie andre von ihren Leidenschaften. Wir fahren fort uns oft Vorwurfe daruber zu machen, dass wir ihre immerwahrende Aufopferungen zulassen; aber es ist als wenn die Gottlose mit Fleiss einen gleich wieder verstockte. Ich sage tausendmal, wenn sie einem Magdedienst anbote, man dachte kaum daran sich zu widersetzen, so lieb und schicklich geht ihr alles ab. Und huten kann sich einer nie genug vor ihr; im Hui hat er die Gefalligkeit, das Gute weg, und weiss von keinem Dank. Ade, Sylli! so lauf ich hin, und fall ihr um den Hals.
Note
Ich muss hier etwas nachholen, das in der Vorrede vergessen worden. Rousseau (dessen Unterredung uber die Romane von der neuen Heloise ich gern dem Leser ganz ubersetzte, da sie so manches enthalt, das diesen Briefen trefflich zustatten kame) soll fur mich sprechen. Dieser legt seinem Freunde die Bemerkung in den Mund, dass ein gewisser Zug von Ahnlichkeit in Sinn und Schreibart, die man bei den Personen der neuen Heloise wahrnehme, nebst einigen andern Unschicklichkeiten die Mutmassung verstarke, dass sie kein erdichtetes Werk sei. "Die Natur", sagt er, "welche nicht besorgt, dass man sie verkenne, andert oft von Schein; und oft verrat sich die Kunst, indem sie naturlicher sein will, als jene, ist der Grunzer in der Fabel, der es besser kann als das Tier! In dieser Sammlung ist vieles so ungeschickt, dass sich der argste Schmierer davor gehutet hatte . ... Wo ist einer, der nicht angefangen hatte sich zu sagen: man muss die Charaktere genau bezeichnen, muss punktlich den Stil verandern. Ohnfehlbar hatte er es bei diesem Vorsatz besser gemacht, als die Natur.
Ich beobachte, dass in einer sehr innigen Gesellschaft, die Schreibarten sich einander so nahern, wie die Charaktere, und dass wie die Seelen der Freunde sich vermischen, ebenso auch ihre Arten zu denken, zu empfinden, und sich auszudrucken, ineinanderfliessen."
Wenn es hiemit seine Richtigkeit hat, so wird man sich nicht wundern, in den Briefen Amaliens und der Fraulein von Wallberg Beobachtungen, Ideen, einen Schwung der Seele anzutreffen, die man an dem andern Geschlechte nicht gewohnt ist. Der Enthusiasmus, womit diese guten Geschopfe an ihrem Clerdon hangen, die Andacht, in der sie immerwahrend vor ihm schweben, geben demjenigen, der hievon eine Vorstellung hat, zu allem Aufschluss. Warum aber indessen doch Amalia, die beinah Abgotterei mit demselben treibt, mehr oder auffallendere Eigenheit in Wesen und Stil behalt, wird sich in der Folge entwikkeln.
F.
[Fortsetzung]
Eduard Allwill an Clemenz von Wallberg
Freilich, wo eigentliche Freundschaft ist, da sind auch Pratensionen, und diese mussen von beiden Seiten laut anerkannt werden und uberall gelten, oder der T** soll den ganzen losen nichtswurdigen Bettel holen. Also verzeih, Lieber, und lass mich Deine weiteren Vorstellungen ubergehen. Du weisst ja, wie sehr ich Deiner Meinung bin; weisst, was ich fur ein Gesicht machte, wenn ich von Leuten horte, die sich einander so liebhatten, dass sie sich gar nicht umeinander bekummerten; denn im Grunde ist's das, wenn man sich einander alles nachsehen kann. Fratzen! Mein Ekel daran nimmt von Tage zu Tage zu; aber mich daruber zu erbosen, wie ehedem, so kein Tor bin ich langer; ich will mich nicht einmal daruber mehr argern: es behagt nun einmal den Menschen, sie sind daruber einig, sich einander etwas weiszumachen, und es kommt auch selten jemand dabei zu kurz. Was brauchen die Leute sich weiter liebzuhaben? woher und wozu? Sie haben ganz andre Dinge aneinander zu bestellen; geht's damit voran, so bleibt das gute Vernehmen, ohne dass sich der eine um den andern viel zu scheren hat. Indessen, Lieber, wollen wir uns doch nicht verhehlen, was der eigentliche Geist jener freundlichen Toleranz und edlen Unbefangenheit sei: Gleichgultigkeit und Bettelei. Also noch einmal, Bruder, verzeih; aber dass ich mich bessern werde, darauf musst Du nicht zu sicher rechnen. Bisher hab ich es mit allem zu ernstlich gemeint; ich spure, dass man dabei zugrunde geht, und fur nichts. Wie ich's hinfuro anders machen werde, weiss der Himmel. Ich bin, von innen und von aussen in einem wunderbaren Gedrange. Etwas Ruhe hab ich wieder genossen, weil ich einige Tage her unpasslich war. Blieb mein Kopf so dumpf, so nebelicht, wie diese Zeit uber, dann sah ich der Verwirrung ein Ende; alles sollte bald gerichtet und geschlichtet sein; und was einmal ausgemacht ware, dabei blieb's. Du weisst, beim Nebel fliessen die Dinge so hubsch ineinander; es erscheinen einem nie mehrere, als nebeneinander in einem Gliede Platz haben; keine Farbenverwirrung, alles grau, alles flach; und sieh, Bruder, so ist wahrhaftig der Nebel das treffendste Bild weiser Gemutsfassung. Wenn mein Geist umnebelt ist, dann bin ich so altklug, so verstandig, wie ein Schulmeister; dann weiss ich mich uber alles zu bescheiden, und was ich mich heisse, das tue ich; dann raume ich mein Zimmer auf, bringe meine Papiere in Ordnung, beantworte alle Briefe nach dem Datum ihrer Ankunft, und wurde auch mein Testament machen, wenn ich nur Erben wusste, die sich's gefallen lassen konnten. Clerdon, der mich gestern besuchte, glaubte in der Tur geirrt zu haben, so fremd sah ihm mein Zimmer aus; was zu stehen gehort, stand; was zu hangen gehort, hing; was zu liegen gehort, lag. In dergleichen Rucksichten ist mir eine solche neblichte Disposition zuweilen eine wahre Wohltat: und je mehr ich der Sache nachdenke, je heller leuchtet es mir ein, dass die Tugend der echten Schul-, Stadt- und Heermoral, welche die beliebte durchgangig gute Auffuhrung, das exemplarische Leben hervorbringt, nichts anders als eine Art von Nebel sei, der alles leichtfertige Aussenwesen, als da sind Glanz, Farbe, Licht und Schatten, an den Gegenstanden verhullt, und nur das solide Unveranderliche an ihnen beaugen lasst.
Die merkwurdige Entwicklung meines Romans mit Nannchen, woruber ich Dir eine eigene lange Epistel schreiben wollte? -Hor, erst vor einer halben Stunde noch dachte ich wunder, was ich Dir zu erzahlen hatte: ich schnitt eine frische Feder, tunkte sie ein, wusste nichts anders, als dass es recht vom Fleck gehen sollte: als ich zu meinem nicht geringen Befremden innewurde, es habe Not, ich besanne mich zuvor ein wenig. Ich sann eine grosse halbe Stunde lang; da war ich fertig, hab's nun auf einmal dass ich selbst nicht mehr weiss, was ich mich so eifrig angeschickt hatte, Dich wissen zu machen. Der Sachen erinnerte ich mich genug, nur konnte ich mich ihrer nicht auf die Weise erinnern, wie sie Dich so machtig interessieren sollten. Wer weiss, vielleicht hatte meine Materie mir weniger durftig geschienen, ware zu ihrer Abhandlung die Feder nicht so schon geschnitten, und gleich anfangs so tief eingetaucht gewesen. Nun ist's drum geschehen; das ganze Abenteuer mit allen seinen Zufallen und Zubehoren, Schelmereien, Zaubereien, Heldentaten und Wundern, kommt mir in diesem Augenblicke nicht viel interessanter als ein Ammenmarchen vor zum Erzahlen wenigstens. Versteh! Du Clemenz von Wallberg warst es nicht, welcher bei dermaliger Katastrophe in dem Falle war etwa vergiftet, erstochen, aus einer Kanone geschossen, oder in einen Papagei, Drachen, Teufel, oder Gott verwandelt zu werden: ich war es; und glaube mir, so etwas will in eigner Haut erfahren sein. Demnach sollst Du mir erlauben, und zwar recht gerne, dass ich Dich heute von ganz andern Dingen, als von meinen Begebenheiten im Feenlande unterhalte.
Wo fang ich an? Ich habe Dir die Menge Neues von mir und meiner hiesigen Lage zu erzahlen. Meine besten Stunden bring ich in Clerdons Hause zu. Es kostet Muhe, auf einen etwas vertraulichen Fuss darin gelitten zu sein, aber mir wird's glucken. Clerdon fuhlt und versteht mich ganz, und durchgangig steh ich in sehr gutem Rufe. Dass ich immer eine oder die andre Prinzessin, welche mich ihrer vollkommensten Hochachtung wurdigt, ausnehmend verehre zuweilen auch zwei, drei auf einmal weiss kein Mensch so recht: man sagt nur: der Allwill ist uberall wie das Kind, wie der Bruder im Hause. Du begreifst! ... und gewiss, bester Wallberg, ich komme fast immer ganz unschuldig dazu, stifte auch uberall viel mehr Gutes als Boses. Einen Anschlag auf irgendein weibliches Geschopf zu machen, um es zu verfuhren, ist von jeher so ferne von mir gewesen, dass ich einen Menschen, der dazu fahig ist, nicht ohne Hass und Ekel ansehen kann. Dass aber eine freundschaftliche Verbindung so warm und innig werde, dass sie ferner kein Mass noch Ziel mehr wisse wer konnte das Herz haben, sich davor zu huten? Mit Deinen Cousinen hat's davor gute Wege; die wandeln in einem Lichte, das sie meiner Leuchte entubriget. Und Amalia den mocht ich sehen, dem es nur von fern einfallen konnte, ihr etwas anders sein zu wollen, als Gast an Clerdons Herde. Mir ist sie sehr gut, weil ich ihrem Clerdon anstehe, und weil mir der treuherzige Junge aus den Augen sieht. Ihre Jugend, ihre Schonheit hindern mich nicht, dass ich sie bestandig Mama heisse; ich wusste mir auch keinen andern Namen fur sie. Liebe Mama, Mutter Amalia, auch wohl Mutter schlechtweg wenn ich Dir sagen konnte, wie mir ist, wenn ich sie so heisse, und ich ihr dabei in das spiegelhelle Angesicht schaue, das nur gut ist, und mich nur anlacht! Ich fuhle mich wie untergetaucht in Unschuld und Reinheit, und ich wusste nichts so Saures in der Welt, das ich alsdenn nicht unentgeltlich und mit Freuden tun konnte. Die Lauterkeit ihres Herzens ubersteigt allen Glauben. Jedes Gute, jedes Schone darin ist so ganz fur sich selber da, so ganz was es ist und scheint, unversetzt und unauflosbar; und kein Gefuhl, kein Hang, kein Wunsch, nichts, das sich zu verhehlen, nichts, das sich zu verstellen hatte! Aber hiemit ist Dir soviel als nichts gesagt; denn, wie ich mich eben besinne, bin ich selbst, der ich doch Amalien personlich kenne, nicht einmal imstande mir das Eigentliche dabei vorzustellen, wenn ich sie mir nicht in den bestimmtesten Verhaltnissen, als die Gattin ihres Clerdons, als die Mutter ihrer Kinder, als die Frau ihres Hauswesens denke. Sag, ob Du etwas davon weisst, dass es eine besondere Leidenschaft gibt, die sich eheliche Liebe nennt, ganz verschieden von jener Leidenschaft, welche allgemein den Namen der Liebe tragt, und die Sag weisst Du etwas davon? denn was schwatz ich sonst? Ich wusste nichts davon, und ihre Entdeckung in Clerdons Hause ist das Interessanteste, was sich jemals meiner Betrachtung dargeboten. Der eigentlichen Liebe scheint das schonere Geschlecht nicht fahig zu sein; mir wenigstens ist noch kein Weib erschienen, das den Zeug dazu gehabt hatte. Amalien traue ich uber diesen Punkt weniger als hundert andern zu, und Clerdon und sie selbst sind hieruber mit mir eins. Anfangs hat ihr Mann weiter nichts als einen vorzuglichen Grad der Hochachtung ihr abzugewinnen vermocht; und bis auf diese Stunde weiss sie keine eigentliche Rechenschaft zu geben, wie sie hernach allmahlich sich so ganz in ihn verloren, dass ihr Herz nun alle seine Rege allein von dem seinigen empfangt, ihre gesamten Krafte sich unverruckt in seinem Willen fuhlen; Freiheit, Leben, Gluck, Tun und Sein ihre ganze Seele hingewaget auf ihn. Ich weiss nicht, ob es eine herrlichere Liebe geben kann, als diese; wenn auch jene hohere, wovon ich ehemals so wunderbare Ahndungen hatte, kein leeres Hirngespinst ware; alle andre Liebe ist doch gewiss nur Schaum dagegen. Wo findest Du, bei den entgegengesetzten Eigenschaften und Bedurfnissen der Menschen, diese innige Teilnehmung, welche alle Krafte in einen Willen zusammenschmelzt, und den Menschen wirklich verdoppelt? Hier ist sie. Die kleine Welt, zu deren Schopfung und Regierung beide vereinigt sind, wird ihnen tausendfaches Organ einander zu fuhlen, zu fassen. Das gemeinschaftliche Interesse gibt jedem Vermogen, das dazu beitragt, einen gefuhlten Wert: und so regen sich in dem Wesen des einen alle die Krafte des andern; und je vielfacher, je verschiedener nun diese Krafte, je merkbarer der Gewinn, je entzuckender das Bundnis. Bedenk einmal, wie unterschiedne auch einander entgegengesetzte Interessen jeden einzelnen Menschen in ihm selber teilen, und was fur eine Wonne ihn erquickt, sooft er ein wahrhaftes Einverstandnis nur zwischen etlichen davon bewurkt hat; wie wir einstimmig denjenigen fur den Grossten und Glucklichsten schatzen, welcher, ohne eine seiner Fahigkeiten, seiner Krafte dran zu geben oder zu schwachen, alle seine Triebe unter einen Willen gemeindet machtig zu einem Heere sie geordnet hat: Und nun zween, die so eins werden! es muss eine Fulle sein, eine Seligkeit, die ... Oh, dass ich dies alles so fuhlen muss; dass ich zu dem gluhenden Sinn, zu dem tobenden Herzen, dem hellen unbestechlichen Geist, diese stille himmelanschwebende Seele erhalten musste! Tranen, guter Wallberg, Tranen uber Deinen armen Eduard, den die Liebe zum Schonen verzehrt, und der in ewiger Zerruttung mit den Zahnen knirschen muss der den Frieden Gottes ahndet, und verdammt ist zu taglicher Sunde! Nie, nie wieder eine Statte finden, wo sein Haupt ruhe! Nie? Doch, doch! es wird ja einst brechen -ja brechen in Wonne wirst du einst, gutes qualvolles Herz! ... Aber es war ja von Glucklichen die Rede! Liebe Mutter Amalia dein Antlitz, dein Lacheln!
Sie ist allen Menschen so gut, Mutter Amalia, und konnte doch, gewiss, im Fall der Not sie alle missen, wenn ihr nur der Mann blieb und die Kinder. Ich mag Dir nicht verhehlen, dass sie an diesen an ihrem Hause auf eine sehr strafliche Weise hangt, namlich ebenso ohngefahr, wie die alten Republikaner an ihrem Vaterlande hingen. Aber Du gehorst ja nicht zu unsern machtigen Philosophen, welche nie weniger als den ganzen Erdkreis was? das ganze Universum ubersehen, und, gemasslich, zu Herzen nehmen, und aus brennender Liebe zu den Menschen uberhaupt dem Patriotismus der Alten und jeder andern parteiischen Liebe so gram sind; sie sollen herkommen, die gutigen Herren, mit ihrem unbeschrankten gottlichen Wohlwollen, mit ihrer allsehenden Gerechtigkeit mit ihrem ganzen Untadel; sie sollen kommen, die Fratzen, und schauen und fuhlen, wo von allem diesen in Tat und Wahrheit am Ende dann doch mehr angetroffen wird, ob bei ihnen, oder bei dem Weibe hier, das fur Mann, Kinder, Haus, sich gegen die ganze Welt emporte! Holde Mutter Natur! o wie laut sagt mein klopfendes Herz mir da wiederum, dass doch allein auf deinem Pfade wahres Heil zu suchen ist! Sieh das wohlgemute Weib, wie die Befriedigung ihrer reinen Triebe alle ihre Wunsche vollendet, sie von allen andern Begierden so losmacht, und ihr teilnehmendes Herz (das ja in jedem menschlichen Busen wohnt) sich nun so frei und allgemein ergiessen kann. Ihr prachtigen Weltweisen, ihr lieblichen Herren und Damen, mit euren erhabenen Grundsatzen und schonen Sentiments! sagt, wie wird's euch? wie besteht ihr vor dieser Hausfrau? Da verschleudert, da verpufft ihr eure Seele in die weite Welt, seid uberall, und nirgend; euer unbefangenes, richtungsloses Herz jedwedem Anfalle bloss ohne Drang und ohne Ruh, ohne Genuss und Gabe strebend nach allem, hangend an allem zu keinem Opfer willig, bei keinem Unfall leicht bebend durchaus bis in die kleinste Faser schwach, elend, zehrend voll allgemeinen Wohlwollens ... Weg von diesen Allumfassern, hinab zu Amaliens Schemel, zu der Kurzsichtigen, zu der Armseligen, die nur ihren Mann liebt und ihre Kinder, allen ubrigen Wesen nur gut ist, und in Wohltun gegen sie, aus voller Genuge, nur uberfliesst, wie die Sonne von sich scheinet Licht und Warme, nur weil sie Licht ist und warm, und die Fulle hat. Tritt in den Umfang von Amaliens Sphare: du stehst in Segen; das ist's alles. Darum ist Amalia auch das bescheidenste Geschopf das demutigste, mocht ich sagen, das man finden kann. Dass sie Gutes aller Art unermesslich wurkt darauf gibt sie nicht acht; dass sie alle Pflichten erfullt, alle Gebote halt das weiss sie nicht; hat von den Grunden ihres durchgangigen Verhaltens nichts weniger als vollstandige Begriffe, gar keine eigentliche Moral, kaum eine solche wie schon vor Jahrtausenden dem uralten Hiob eine zu Diensten stand. Wunderbar, dass Amalia auslangt; denn sie ist auch nicht einmal was man fromm heisst. Aber ich fordere euren ekelsten Muckensauger auf, ihren Wandel nach der Strenge zu prufen, und wenn er wird leugnen konnen, dass sie sundenfreier, dass sie tadelloser sei (selbst nach so vielen Fratzenbegriffen unserer Zeit) als eine; so will ich vor dem Muckensauger mich beugen und mich zu ihm bekehren.
Du, lieber Wallberg, siehst doch hier wohl kein Wunder, oder argwohnest kein Blendwerk? Komm naher! Was ist's als ein echtes Gottesgeschopf, in Gesundheit und naturlicher Wohlgestalt; auferzogen ohne Kunstelei; alsdenn befangen mit einem Gegenstande, in welchem seine Krafte sich sammlen, ordnen und zur schicklichsten Wirksamkeit vereinigen konnten. Sind doch alle Tugenden eine freie Gabe des Schopfers; unmittelbare Naturtriebe, nur verschieden gestaltet nach den verschiednen Formen und Zustanden menschlicher Gesellschaft; keine, die nicht da war, ehe sie Namen hatte und Vorschrift! Alle Moral, von jeher bloss philosophische Geschichte, spekulative Entwicklung, Wissenschaft; und jene innere Harmonie, jene Einheit in Tun und Dichten, das Augenmerk emporstrebender Menschheit, allemal nur die Geburt irgendeiner erspriesslichen Hauptneigung, welche dem Menschen Beruf erteilte und Plan! Wo Einheit der Neigungen entsteht, da macht sich die Einheit des Wandels von selbst; da bildet der Mensch seine erwahlte Lage aus; formt sich je mehr und mehr zum Ganzen; und nun, je befangener von der einen Seite, je freier von allen ubrigen; verletzbar nur in einem Punkte seines Wesens; in ihm selber gewiss; mutig; begnugt; und darum unabhangig, edel, gefallig und von ganzer Seele gut. Greif's an allen Enden; du wirst finden: gerader Sinn, dringendes Geschafte, und darin Emsigkeit und Treue mit Lust, sind die Eckpfosten aller Gluckseligkeit und Tugend.
Nun erinnere Dich, was ich am Anfange dieses Briefs uber Nebel und ordentlichen Wandel philosophierte. Vielleicht klang es Dir leichtfertig; tiefer erwogen, wie wahr? Wie dumpfen Sinnes, wie erstorben muss der sein, der seine Neigungen sich aus lauter Moral bilden, der mit lauter Moral sie nach Gefallen unterdrucken kann! Zehnmal besser ist mir da der gutherzige Wildfang, der noch Leben im Busen nahrt und Liebe. Und dann noch eins: auch dem Menschen hoherer Art, der ein geordnetes durchgangig zusammenhangendes Leben fuhrt, muss vieles in Nebel verhullt stehen; aber es ist nur der Duft, welcher von dem ganz aufgehellten Plan seines Wurkungskreises sich an desselben Grenzen gedrangt hat. Unsere Philosophen allein bewohnen himmelnahe Felsenhohen, von keinem Dufte getrubt, rundum endlose Helle und Leere. Mir ginge da der Atem aus. Schon ist mir die Luft zu dunn, wo ich bin, und ich sinne darauf, wie ich allmahlich noch etwas tiefer herabkomme. Auch ist nicht wohl zu laugnen, dass in einem engern Horizont uns die Gegenstande viel warmer an Aug und Herz kommen. Grenzenlose Begrenzung, Raum ohne Mass und Ende, wo ich's erblicke, macht's mir Hollenangst; darum eng ich mich gern ein bisschen ein; lasse mir's wohl sein in irdischem Beginnen, da ich ein Ende meines Tuns sehe, und doch alle meine Krafte dransetzen muss.
Zum Schlusse noch ein Wortchen von Freundschaft. Das nichtswurdige lose Wesen unter diesen Namen, wovon es vorhin die Rede gab, dass wir ihm beide eben feind seien, ist es nicht auch eine Missgeburt aus jenem toten Meere der Unbestimmtheit, der Richtungslosigkeit, der unendlichen Zerstreuung? Schwache Faden aus veranderlichen Absichten und fluchtigen Ergotzen gesponnen, wie bald mussen die sich wirren? und dann Riss an Riss, Knote an Knoten. Ganz anders die Bande echter Freundschaft, wo zween etwas zwischen kriegen, wie rechte und linke Hand, um es zu einem Werke zu bilden; zween etwas miteinander fortbewegen, wie beide Fusse den Leib. Tritt den mit Fussen, der sagt, dass eine solche Freundschaft sich auf Eigennutz grunde! Das Objekt, warum sie sich vereinigen, ist ihnen nur Medium einer den andern zu fuhlen Sinn, Organ. Nicht denjenigen lieb ich ja am mehrsten, der das mehrste fur mich tut, sondern denjenigen, mit dem ich das mehrste ausrichten kann. Eigenliebe? alles soll Eigenliebe sein: was geh ich mich dann selber mehr an als andre, ich, der ich mich nur im andern fuhlen, schatzen, lieben kann? Das heisst euren Philosophen Unsinn: mag's! weiss doch, wer's besser hat, ob ich, oder sie.
Eduard.
N.S. Grusse Luzie. Ich schreibe ihr noch diese
Woche. Vielleicht hat sie Dir den Brief gezeigt,
worin ich ihr meinen Abschied von Nannchen
erzahlte. Ich war damals in ziemlich pathetischer
Laune, und muss wunderbare Hoffnungen von
mir gegeben haben; denn ich erhielt in Antwort
einen schonen, langen, hochst ernsthaften Gluck
wunsch. Schade, dass ich bei seiner Ankunft
schon wieder ganz bei Sinnen war. Ich mag das
liebe Madchen nicht im Traum lassen. Wenn sie
doch einmal wieder herkame! In Clerdons Fami
lie hangt alles gewaltig an ihr. Du weisst, wie sie
mir im Sinn liegt. Wer wollte sie auch vergessen
konnen!
Sylli an Lenore und Clarchen
Ich habe kurzlich an Clerdon, an Euch, und zweimal an Amalia geschrieben; aber die arme Sylli muss nur wieder ganz geschwinde hinsitzen, und abermals nach C** schreiben, sonst halt sie's nicht aus. Es ist ihr von neuem so traurig ums Herz; ihr Sehnen nach Euch hin ist in so starkem Schwunge, dass sie nicht wohl sich zu lassen weiss. Diesen Morgen, unterdessen Susanna sie anziehen half, kam eine Einladung ... Antwort: "Meine Empfehlung; ich wurde aufwarten gegen Abend." Und nun seufzte die arme Sylli, und konnte sich nicht enthalten zu Susanna zu sagen" "Wer nur fliegen konnte! ich wusste wohl wohin ich auf Besuch floge." Die holzerne Susanna hatte nichts hierauf zu antworten. Das Madchen ist mir ein allzu unbehulfliches Geschopf. Von Empfindung ware keine Frage; aber auch nicht einmal so viel Phantasie, so viel Glaube, dass sie an mich und Euch auf irgendeine Weise zu hangen kame. Doch ist es keine Gliederpuppe! denke ich wohl einmal, und versuch es neuerdings, dies oder jenes bei ihr anzubringen; aber da kommt sie mir ein wie allemal entgegen mit ihrer Seele, ebenso holzern, wie mit der vorgereckten Brust ihres Leibes. Auch wenn sie wohl von selbst des Herrn Regierungsraten oder der Frau Regierungsratin erwahnt, welche sie gekannt gehabt zu haben die Gnade gehabt hat, so hat sie dabei ein so unlebendiges Aussehen, wie die Toilettschachteln, neben denen sie steht, mir die Nadeln herauszulangen ... Seht Kinder! so geht's mir.
Die vergangene Woche war wegen meines Prozesses ein Vergleich im Vorschlag. Ich musste bei dieser Gelegenheit allerhand fatale Leute sehen, hauptsachlich denn auch den grundschlechten Gierigstein. Der alte Unhold war mir lange nicht vor Augen gekommen; ich erschrak vor seiner Gestalt, die seitdem noch um vieles widriger geworden ist. Denkt nur, der Mensch machte mir Vorwurfe, und zuletzt, nach einigem Hin- und Widerreden, fing er gar an zu weinen. Ach! dass Augen wie die seinigen dass alle Augen Tranen haben! Einem Gierigstein, wenn er weinen wollte, sollte, anstatt Tranen, etwas aus den Augen kommen, das man wie Staubflocken weit von sich abschutteln konnte; denn Tranen, die ruhren einen doch immer, betriegen einen. An diesem Gierigstein ist mir's zum Schrecken aufgefallen, was fur eine Gestalt zum Vorschein kommt, wenn einem verkehrten Menschen das Alter die Maske wegdorret, Fleisch und Farbe seine Zuge nicht mehr verhullen: da weisst sich die abgehartete Nerve; erstarret im Wesen des Hasslichen liegt sie da zur grasslichen Schau: da bebt der nackende Mund, der kalte, unholde; da zittert das trube Auge, dessen Blick, nicht mehr lenksam, harren muss im Ausdruck des Argen; da schlappt, odemleer, die Nase, verkundiget Stadtneuigkeiten, Skandale, und weiter nichts; da senkt sich die kraftlose Stirne, auf welche Furchtsamkeit und Misstrauen die Hauptrunzeln gepragt haben. Es ist ein peinlicher Anblick, ein wahres Hollenbild, so ein ganz verkommener Mensch, der nun offenbar heillos in die Erde hinunterstarrt. Meine Mutter, die susse Liebe! oh, wie war die so schon von ihrer Seele! sie verschwand wie ein Engel. Nie werd ich das liebe Bild vergessen, werd es noch oft wieder anfrischen mit Tranen, mit Freudentranen uber die liebe Mutter, dass sie so war, und dass sie so aussah.
Ich mochte wissen was Ihr heute treibt. Beisammen seid Ihr gewiss, denn es ist Sonntag; aber was fur eine Art Wohlleben Ihr miteinander habt, wie und wohin Ihr Euch miteinander weidet, darauf sinn ich. Ist Amalia die Heerfuhrerin, dann geht's wohl nach der Fasanerie, und Ihr kriegt Gebackenes, Milch und Musik; ist aber Clerdon an der Spitze, dann geht's in den Wald, oder uber die Felder langst der Donau, und Ihr kriegt Hunger und Durst. Hort! und Euer eigenes Geschafte dabei, Ihr zwei lose Madchen? was wohl unter Euren Schalksaugen sich fur Gluck und Ungluck zutragt? ... Dass nur von Eduard keine Frage sei! An diesem Eduard in Eurer Mitte kann ich unmoglich Behagen finden. Alles was ich von ihm erfahre, was mir auch mein Bruder von ihm meldet, der ihn doch uber alles liebt, macht mich zittern fur Unheil. Der unbandige Mensch mag wohl ausserdem ein herzguter Junge, mag wohl grundbrav sein, und es mit andern gewohnlich besser meinen, als mit sich selbst: aber das macht ihn nur gefahrlicher; das gibt ihm die offene, unschuldige Miene, wogegen kein Rat ist, worauf man die Hand ihm von ferne reicht, sich ihm anschlingt, und Gemeinschaft mit ihm macht: erst hintennach wird man dann gewahr, was er fur unsichere Strassen wandelt, wie verwegen er im Handel ist, wie wohlfeil er seine Haut bietet, und folglich die seines Genossen mit ... Nun ein Madchen das seines Weges kame das abzuweisen wie war es moglich? So ward unsere Luzie hingewagt, so ging uns das susse Geschopf verloren; denn sie stirbt, Kinder, und ihr Tod ist dieser Allwill! Nie war der Holden ein Jungling erschienen wie Allwill so sinnend, so bescheiden, und zugleich so voll Geist und edlen Eifers. Keine Tugend, keine Liebenswurdigkeit, die sich nicht in ihm abspiegelte wie Sonn im Meer, und das so ganz aus nackender Eigenschaft seiner Natur. Uberall in vollem Entzucken uber fremdes Verdienst, war sein einziges Bestreben, dass er nur gelitten wurde. Eine so ruhrende Einfalt, bei so vielen Vortrefflichkeiten, bei dem schonsten Jugendglanz, musste jedweden bezaubern. Auch gab es niemand, wie ehrenreich er war, der sich nicht gern Eduards Freund nannte ... Unserer Luzie dies alles vor Augen! ... Oh, ich seh den Engel still, unsichtbar in der Ferne schweben beten fur den seltnen Jungling Entzundet nur in Freude, in reiner Engelsfreude uber den Edeln! ... Und dennoch war's Gift! ... Kinder! wenn's Euch nur hiebei schaudern konnte, wie es mich schaudert! ... Toricht! Es kann Euch so dabei nicht schaudern. Aber wie rett ich Euch? Clerdon, Amalia, hutet mir die zwei lieben Geschopfe!
Es soll unerhort sein, dass dem Eduard je ein Anschlag misslungen ware. Er wagt sein alles an die Erreichung jedes Zwecks. Wer ihm abgewonne, der gewonne ihm nie weniger ab als sein Leben. Clemenz nennt ihn einen Besessenen, dem es fast in keinem Fall gestattet sei, willkurlich zu handeln; man brauche nur einmal ihn gesehn zu haben, um dies lebendig wie eigenes Dasein zu fuhlen. Ein schrecklicher Charakter! Und was fur ein gottliches Ansehen der Mensch haben muss, wenn er das Gute, das Schone verfolgt! und es muss beinah scheinen, als verfolg er es immer, denn alles Bose, das durch ihn geschieht, bleibt entweder verborgen oder es lasst sich als zufallig nehmen. Oh, hutet Euch! Oh, flieht! Du Lenore besonders, Du mit dem zarten durchdringlichen Sinn. Glaube mir, Beste! Liebe macht uns Weiber immer unglucklich. Die Manner verdienen so wenig das Opfer unsers Daseins, dass sie nicht einmal anzunehmen wissen, was wir ihnen geben. Das Gluck ein ganzes Herz zu besitzen wie sollten sie das schatzen konnen, da ihr Herz nie einen Augenblick ganz, da kein Gefuhl desselben bei ihnen lauter ist! Keine Wonne, nicht die hochste der Menschheit, gilt ihnen so viel, dass sie dieselbe rein bewahrten. Keine Empfindung ist ihnen in dem Grade lieb, dass sie dieselbe nicht durch ekelhafte Vermischungen trubten, ihr Bild entweihten. Die Fulle des Kostlichen Was? die schmecken sie nie, haben sie nie; darum kann ihnen nie genugen; darum sind sie ohnmachtig zur Liebe. Wir Arme merken das nicht gleich; wir glauben wohl gar eine Zeitlang starker geliebt zu sein, als wir selber lieben. Aber, o wie bald offenbart sich das anders! Da stehen wir dann dem Geliebten gegenuber, und fuhlen durch unser ganzes Wesen: Dein! fuhlen durch unser ganzes Wesen: nicht mein! ... Wenn du das Grassliche die unaussprechliche Schmach des Gefuhls ahnden konntest: ich Dein! Du nicht mein! Verloren zu sein, platt verloren an jemand ... Unser eigenes Selbst entflohen aus uns entflohen aus Ihm ... Gar kein Dasein mehr; keins in sich, keins im andern. Man ist verschwunden unter den Lebendigen; getilget mit Schande aus ihrer Zahl Elend ohne Mass, ohne Namen! ...
Eduard Allwill an Luzia
Ihr langes Sendschreiben, gute Luzia, hab ich soeben zum drittenmal wieder gelesen; habe alles beiseite geworfen, und sitze Ihnen nun da auf meinem Stuhl so fest, als wenn der kleine Schreibtisch hier die ungeheure runde Tafel in unserm Ratssaal ware; und Sie, mein teures Fraulein! waren das landesherrliche Portrait unter dem grunen goldbefranzten Baldachin; aber wohl zu merken, dass Sie nur insofern das Portrait Ihro , titulo pleno, vorstellen, als mein trautes Tischlein hier die verwunschte ungeheure runde Tafel in dem Ratssaal vorstellt; und dass die ganze Vergleichung sich einzig und allein auf mein festes Sitzen grundet. Narrisch genug mit allem dem, dass ich so ganz von ohngefahr, und ohne alles Arge, Sie in das Bildnis eines gepanzerten Erdengottes verwandelte; denn in der Tat, liebe Luzie, jungst, als Du mit aller Weisheit Himmels und der Erde vor mich tratest, sah ich Dich wurklich von der Scheitel bis zu den Sohlen in schon geblautem Stahl machtig erhaben auf den Zehen des linken Fusses; das andre Bein kunstlich von der Erde geschwungen; empor die heilige Rechte, das Haupt mit einem Lorbeerzweig zu beschatten; und Dein ganzes Wesen begriffen in der Verdauung der gottlichen Eule, welche Du soeben roh und ungepfluckt hinuntergeschluckt hattest. Gewiss hattest Du neulich meine geringe Person unter einer nicht viel weniger veredelten Gestalt erblickt; als da war eine unermessliche Perucke uber meinem trotzigen Haarzopf, die mir dicke Schweisstropfen aus der Stirne presste; zween Seraphimsflugel an den Schultern, deren ich mich statt zweener Facher zum Anwehen bediente; ebenfalls auf einem Bein stehend, fest wie ein Fels. O komm doch, komm, liebe Luzie! lass uns aufeinander zu hinken; dann her Deinen Helm, dass ich meine Perucke hineinlege; und nun sieh: dies ist Eduards Nase, und jene Luziens; wir sind unter vier Augen; schwatzen wir miteinander, wie ich und Du!
Schade was, liebe Luzie! Schade was fur unsere Weisheit, fur alle die prachtigen Verwandlungen, woruber wir uns so hoch zu gratulieren pflegen; gemeiniglich hat es am Ende so viel damit zu sagen, dass wir uns schamen mussen. Man schwitzt im Sommer, und friert im Winter: im ersten Fall kleidet man sich in Taft, und im letzten in Pelz; das ist meist die ganze Geschichte. Sie wissen, was die Ptolomaische Epizykloide fur ein Ding ist (sonst kann Wallberg Sie daran erinnern): Auf-, Ab- und Durcheinanderschwingungen ohne Ende; doch nur ein Mittelpunkt, und der Planet tritt immer wieder in die Grenzen seines Zirkuls zuruck. Es liegt mir noch klar genug im Gedachtnis, wie ich ehmals, bei jedweder merkwurdigen Sinnesandrung, mich nun endlich zur wahren Weisheit bekehrt, und den einzigen Weg zur Gluckseligkeit betreten zu haben glaubte, dann vor Entsetzen und Scham verging, dass ich nur vor so wenig Tagen oft vor nur so wenigen Stunden, noch ein so unbegreiflicher Tor hatte sein konnen. Aber, o Tyrannei des Schicksals! bald darauf kam mein unbegreiflicher Tor wieder ganz stattlich, als der weiseste Mann, ans Licht, und schamte sich seines Vorfahrs nicht weniger, als dieser vor kurzem seiner sich geschamt hatte.
Ein Schelm tut mehr, als er kann, sagt ein altes teutsches Spruchwort. Es liess sich ein schones dickes Buch hieruber schreiben, und es soll mein erstes sein, wenn ich je eins mache. Ein feuriger, geistvoller Jungling, der ein Epiktet sein will, will mehr als er kann, und muss schlechterdings dabei zum Schelm werden. Wie kann er alles Gute, alles Schone mit Entzucken lieben, und so genaue Mass halten, und nie irregehen? Wie kann er schon wissen, was jene Freude zur Torheit macht? Euch euren Uberdruss, euren Ekel, eure Mattigkeit nachfuhlen, liebe Graubarte? Wie kann sein Mut sich vor euren Furchten entsetzen? Er, der dem Schmerze trotzt, und dem Tode, und nur Lust wittert. Kurz, euern innern Sinn konnt ihr ihm nicht geben; und so hattet ihr ihm, wenn er euch horte, vollends allen Genuss des Lebens geraubt. In seinem Kopf, wenn er ein bisschen eigenes Wesen hat, muss eure Vernunft zum argsten Unverstande werden; hochstens kann sie durch Schreckbilder einige Schwermut in seine Einbildungskraft staffieren. Ihre Stimme tont alsdann seinem Ohr, wie ein verdriessliches Gegrein, und macht ihm Weh. Sie heisst ihn die argsten Qualen unaufhorlich leiden, damit ihm nur ja kein Leid widerfahre.
Um die Lehren der Weisheit zu verstehen, um sie annehmlich zu fuhlen, muss die Seele sich in einem Zustande von Gleichgewicht befinden, mussen ihre lebhaftesten Begierden eingeschlafert sein; welches soviel gesagt ist, als, sie muss ausser Stande, oder doch wenigstens ausser der Lage sein irgend eine entzukkende Freude zu empfinden. Hole der Henker einen solchen Zustand fur jeden wackern Jungen! Geniessen und Leiden ist die Bestimmung des Menschen. Der Feige nur lasst sich durch Drohungen abhalten, seine Wunsche zu verfolgen; der Herzhafte spottet des; ruft Liebe bis in den Tod! und weiss sein Schicksal zu ertragen.
Es ist die hohlste Idee von der Welt, dass die blosse Vernunft die Basis unsrer Handlungen sein konne. Das Ding Vernunft, woher hat es sein Wesen? Ist es mehr als helleres Bewusstsein durch zartere Sinnlichkeit hervorgebracht? In seinem ganzen Umfange genommen, und zu einem besondern Dinge abstrahiert, mehr als System unsrer Empfindungen und Neigungen? Am Ende ist es doch allein die Empfindung, das Herz, was uns bewegt, uns bestimmt, Leben gibt und Tat, Richtung und Kraft.
Nur ein Presswerk, ihm das Blut durch die Adern zu sprutzen, kein Herz muss derjenige im Busen tragen, der sich zu einer fortdaurenden Gemutsruhe stimmen, und darin die Erfullung seiner Wunsche schmecken kann. Und der sollte glucklich sein glucklich vor allen? Es gibt der Feigen genug, die vor jedem Zufall beben, und doch fast keinen unter ihnen, selbst unter Betagten, der in eure Freistatten fluchtete; alle wagen immer von neuem ihre Haut, um der Freuden mehr zu haschen, um die Fulle ihres Lebens zu geniessen. So schuf den Menschen Gott, und es ist doch wohl ein bisschen unsinnig, zu behaupten, er ware besser, wenn er ware, wie Gott ihn nicht haben wollte. Glaube mir, holde Liebe, das beste ist, wir bleiben eines Sinnes mit Natur. Ihr Wesen ist Unschuld, und wenn wir annehmen, was sie uns nach Zeit und Umstanden in die Ohren raunt, werden wir uns so wohl befinden, als jemand unter dem Monde. Wir brauchen starke Gefuhle, lebhafte Bewegungen, Leidenschaften. Was man gewohnlich mit einem vernunftigen klugen Wandel meint, ist eine erkunstelte Sache; und der Seelenzustand, den sie voraussetzt, ist zuverlassig derjenige, der am wenigsten Wahrheit in sich fasst. Nimm, einer wollte ein Haus von so kunstlicher Einrichtung bauen, dass, wenn er sein Licht unter dem Dache aufsteckte, das ganze Haus davon erleuchtet ware. Es kann geschehen, wenn er den Tacht ausspreitet und wohl auflockert, dass etwas Schimmer durch das ganze Gebaude dringe; aber welche arme verwirrende Dammerung! lieber gewohnte ich mich im Dunkeln zu hantieren. Indessen mag's hingehen fur eine Kuriositat: sonst wird doch jeder Verstandige allemal lieber sein Licht dahin tragen, wo er gegenwartig zu sehen braucht, und es in Gottes Namen finster sein lassen, wo er nichts zu schaffen hat.
Ich soll mich um feste Grundsatze bemuhen, damit ich zu unwandelbarer Tugend gelange. Nun klingt es mir geradeso, wenn mir jemand vorschlagt aus Grundsatzen tugendhaft zu werden, als wenn mir einer vorschluge, mich aus Grundsatzen zu verlieben. Ein Verliebter nicht aus Empfindung, sondern aus Grundsatzen, ware freilich wohl sehr treu. Und ebenso wurde der Herzhafte, der Grossmutige, der Wohlwollende, der es nicht aus leidigem Triebe ware, der der Empfindung dazu entbehren konnte, nicht nur zu allen Zeiten herzhaft, grossmutig, wohlwollend sein, sondern auch in jedem besondern Falle so sehr, und so nicht-sehr, als er musste. Mit dem Unsinn! Ich weiss ja das alles; bin ja mehr als einer gehutet worden irgend zu wissen was ich wollte; zu empfinden was ich empfand; strenge angewiesen wie ich etwas schon und gut, und nur dies etwas so finden musse; ausgestopft mit erkunsteltem, erzwungenem Glauben; verwirrt in meinem ganzen Wesen durch gewaltsame Verknupfung unzusammenhangender Ideen; hingewiesen, hingestossen zu einer durchaus schiefen, ganz erlogenen Existenz.
Dennoch wurde mir viel von meiner Beilage bewahrt, und darum weiss ich, an wen ich glaube. Der einzigen Stimme meines Herzens horch ich. Diese zu vernehmen, zu unterscheiden, zu verstehen, heisst mir Weisheit; ihr mutig zu folgen, Tugend. So ward mir Eigenheit, Freiheit Fulle des Lebens; und, o wieviel kostlicher das, als die Behaglichkeit der Ruhe, der Sicherheit; als der Friede des Heiligen sogar!
Noch mit jedem Tage wird der Glaube an mein Herz machtiger in mir, dass ich wohl gar auf dringende Veranlassung des Moments meinen eigenen tief empfundenen Vorschriften zuwiderhandle. Schrei nicht uber Gefahr, liebe Luzie! Was geht uns das an, dass der Ruchlose ohngefahr ebendas tut, und so immer ruchloser wird? Jedes Wesen erspriesst in seiner eigenen Natur: wird nicht auch die schone Seele, aus eigenem Keim, sich immer schoner bilden? Was ist zuverlassiger, als das Herz des edel Gebornen? Nimm alle Moralen, alle Philosophien des Lebens zusammen, und versuche streng nach ihren Vorschriften zu wandeln: wenn Du wahres Gefuhl von Schonheit und Vortrefflichkeit hast, auf wieviel Ausnahmen wirst Du stossen? Willst Du nun, aus Furcht zu verirren, keine solche Ausnahme gelten lassen: wie muss da nicht endlich Dein Herz und Verstand sich verstokken, Dein Geist zu jedweder freien Bestrebung unfahig werden?
Nehmen Wir auch einen einzelnen Menschen, den empfindsamsten, starksten; und lassen wir ihn, nach unzahlig gemachten Erfahrungen, bloss fur seine Person, mit dem freiesten Mut, eine Philosophie des Lebens entwerfen; er wird in der Folge abermals auf Ausnahmen stossen; und furchtet er sich diese zu gestatten, so wird er nach und nach zu einer Art von Maschine, wiewohl zu einer vorzuglichen vor jenem andern, der in dem Rade noch allgemeinerer Vorschriften dreht. Allzuoft muss er sein gegenwartiges Gefuhl unterdrucken, ihm nicht glauben, nicht trauen wollen; folglich bloss nach dem Buchstaben handeln. Eludiert, verdreht er das Gesetz, so wird der Kerl ein Heuchler, ein Schurke; unterwirft er sich ihm redlich so kommt er allmahlich um Sinn und Gefuhl wird, je hoher er die Fertigkeit seiner Tugend treibt, je kalter, geschmackloser; gehorcht immer nur (blindlings oder sehend wie es kommt) seinem ehmaligen Willen, hat aber jetzt keinen eigenen Willen mehr; kann sich hinfuro nie weiter uber sich selbst emporschwingen.
Wir wissen, dass, der allgemeinen Sicherheit wegen, jeder Richter nach dem durren Buchstaben der Gesetze urteilen, und fur jede andre Betrachtung blind sein muss; daher denn oft die abscheulichsten Untaten gerichtlich bestatiget werden, weil der Bosewicht nicht gegen den Buchstaben des Gesetzes gehandelt, und die Form der Prozedur zu seinem Schutz angewendet hatte: der gewissenhafte Richter konnte nicht anders, er musste war er auch der warmste Menschenfreund Verderben uber den vervorteilten Rechtschaffenen aussprechen. Aber was fur ein Mensch ware dieser Richter, wenn er kein anderes, als dieses gesetzmassige, offentliche Gewissen hatte; wenn er den Verurteilten nun wurklich fur einen Verbrecher hielte; wenn er, falls es diesem Ehre und Leben golte, und er ihn konnte heimlich entrinnen lassen, es nicht tate? Und siehe, gerade solche Richter sind doch alle unsere unbeweglichen Sittenbesteller. Ich weiss nicht, wie fern ich ihnen aus dem Wege gehen mochte!
System der Gluckseligkeit, so heisset, was sie uns lehren wollen hochster Genuss der Menschheit; das wissen sie, was das ist und fur alle und fur jedweden; wissen was alle konnen und jedweder; was alle mussen und wollen: haben im Auge jede Bestimmung, und in der Seele das Mass aller menschlichen Kraft.
Hochweise, hochgebietende Herren! wir sind nicht fureinander. Ich sing ein ganz anderes Lied, als wovon die Melodie auf die Walze eures heiligen moralischen Dudeldeis genagelt ist. Auch geniessen wir ganz verschiedene Kost; konnen nicht an einem Tische miteinander sitzen; mein gesunder Verstand, meine gesunden Sinne gingen mir bei eurer Krankendiat Zuschanden. Deswegen uberlasst mich meiner guten Natur; welche verlangt, dass ich jede Fahigkeit in mir erwachen, jede Kraft der Menschheit in mir rege werden lasse. Freilich drangt sich's da wohl einmal: aber die freie Bewegung hilft durch, passt, sondert und vereinigt; und so immer leichter der Geist, immer machtiger das Herz. Du hohnlachelst, weiser Mann? Was soll das lange Register meiner Vergehungen, meiner Torheiten? Sag an, bin ich schlimmer, bin ich torichter geworden als ich war? bin ich schlimmer, torichter, weniger glucklich, als du? Dass ich gestern den Himmel an den Kuss eines Madchens wagte? Armer Tropf! du hast weder einen Kuss, noch die Freuden des Himmels gekostet: Himmel und Ewigkeit sind schon lebendiger in meiner Seele als sie vorher waren: ich tat wohl! Und siehe, so sind alle meine Taten gut, oder ihre Folge wird's; denn durch alle meine Empfindungen weht der lebendige Atem der Natur, der vermehrende, ewig neu gebarende. Ja, fallen werde ich ofter, aber auch ebensooft wieder aufstehen, und herrlicher fortwandeln: sagte dir's nicht deine Amme, dass man nur durch Fallen gehen lernt? O ihr doppelt gegliederten, ihr Kruppel in eurem Gangelwagen!
Es ist traurig anzusehen, wie manche gute Leute so angstlich und emsig ja zusehen, dass sie nur ja nichts Boses, nur ja nichts Ungerechtes verursachen oder zulassen; und daruber in ihrem Trubsinn es nur zehnmal arger anrichten, oft an unsaglichem Unheil schuld werden. Um nicht, pflichtwidrigermassen, durch des abwesenden Nachbars verschlossene Tur einzubrechen, uberliessen sie euch wahrscheinlicher dringender Gefahr; als wohl, in desselben Garten von seinem ruchlosen Sohn ermordet zu werden; nun verlore dieser arme Nachbar daruber Nahrer, Helfer und Freund, und musste seinen Sohn auf dem Rade sterben sehen: aber sie hatten dann doch kein Gesetz ubertreten, hatten sich nichts vorzuwerfen, behielten ein reines Herz und ein gutes Gewissen.6
Es liess sich auf alle Weise dartun, und durch eine Menge von Beispielen erlautern, dass in dem Begriff der entschiedensten Tugenden doch immer etwas Schwankendes bleibe, so dass zuweilen der Mensch sich am vortrefflichsten zeigen konne, indem er ihnen schnurstracks entgegenhandelt. Ich kann mir Falle gedenken, wo es das erhabenste Verdienst ware einen ewigen Stachel aber das leitete mich in ein zu weites Feld. Nur noch ein Beispiel fur was ich eben vorhin sagte.
Die erhabenste aller Tugenden, welche zugleich die allgemeinste Anwendung vertragt, die ubrigen alle schutzt, vermehrt, gebiert ist wohl durchgangige Wahrhaftigkeit. Was fur ein gottlicher Mensch musste nicht aus einem werden, der sich entschlosse, immer wahr zu sein? Schon das wurde notwendig zur Rechtschaffenheit leiten, wenn man den Vorsatz ausfuhrte, nur keine Unwahrheit je zu sagen; so gross ist unsre Achtung fur unsre Mitmenschen so brennend der Spiegel, der unsre Gestalt aus ihnen in uns zuruckwirft! Man erinnere sich irgendeines Vorfalls, wo man um eine Leidenschaft zu befriedigen, einen Betrug zu Hulfe genommen, und stelle sich nun vor, man hatte, anstatt heimlich zu Werke zu gehen, demjenigen, den man hintergangen, die nackende Wahrheit, sein eigentliches Vorhaben entdecken mussen wie wird man nicht auffahren und erblassen von dem blossen Gedanken! Leichtsinn, in Absicht der Wahrheit, ist Sohn und Vater des Lasters, sein Helm und Schwert, und schon die kleinste Luge eins der argsten Verbrechen gegen uns selbst, gegen die Menschheit. Aber wer konnte zu unsern Zeiten den unuberlegten Entschluss fassen, nie eine Unwahrheit sagen zu wollen? Und hat es nicht zu allen Zeiten Falle gegeben, wo es Trieb der erhabensten Menschheit, wo es Eingebung Gottes war zu lugen? "Oh, wer hat diese entsetzliche Tat getan?" "Niemand", antwortet Desdemona; "ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gutigen Gemahl meinen letzten Gruss; o lebe wohl!" Othello ruft: "Sie ist als eine Lugnerin zur Holle gefahren; ich war's, der sie ermordete. "- Aber, o gerechtester Gott! wer wollte nicht mit einer solchen Lug im Munde den Geist aufgeben, und sich fur deinen Richterstuhl stellen?
Auch ist schon das so gar schwankend, was ich diesen Augenblick zum Behuf der Wahrhaftigkeit, der Unverstelltheit, der Offenherzigkeit vorbrachte; als, z.B., wir verabscheuen nicht selten ebensosehr das Unschuldige, das Ruhmwurdige sogar, zu offenbaren, als das Bose und Schandliche; und diese Schuchternheit zu uberwinden, ist manchmal der grosste Heldenmut nicht zureichend.
Das schone Register eurer sogenannten Tugenden auf diese Weise durchgegangen; dann in dem Mischmasch sie betrachtet, wie ihr sie ganz und alle zusammen, durch einen chymischen Prozess so gern in unsre Seelen treiben, und darin hermetisch versiegeln mochtet! Sollten wohl sein (wir Menschen) eine Art von Gewachs, das zugleich Kastanien truge und Pomeranzen, und auch eine Ananas ware, und ein Erdapfel, und ein Rosenstrauch aber beileibe! daran keine Dornen. Sollte wohl Asia gelegen sein in Europa sollten uns wohl bemuhen, die Kunst der Barometer und Thermometer so weit zu treiben, dass wir rund um die Erde Zonam temperatam kriegten, und immer schones und fruchtbares Wetter zugleich hatten sollten wohl alle Tugenden erwerben und ausuben beim Kegelschieben, oder beim Tarock, a l'hombre sollten sollten
Ja, so in etwa denken lasst sich freilich manches noch so eben. Aber von der schimarischen Vorstellung bis zur eigentlichen; vom Traum bis zur Wurklichkeit wie weit!
Es wird uberhaupt nie genug erwogen, was fur ein unendlicher Unterschied zwischen Bild und Sache, zwischen Idee und Empfindung ist. Welch eine Menge der entgegengesetztesten Dinge konnen wir in der Idee nebeneinanderstellen, aufeinanderfolgen lassen? Ich denke, Himmel und Holle, und mir ist ohngefahr einerlei dabei zumute. Darum uberwiegt so haufig sinnlicher Reiz die Ideen von den schrecklichsten Plagen der Zukunft: Und darum ist's so ein Lumpenkram um alle gelernte Religionen und alle gelernte Moral. Ein Mensch, der bestandig in der Anschauung edler Gegenstande ist, wird gewiss nie unedel handeln; wer aber das minder Gute, das minder Schone in der Anschauung, und das hohere Schon' und Gute in der Idee hat; wie wollte der handeln konnen diesen gemass? Alles stimmt zusammen die Menschen unsrer Zeit in diesen Fall zu setzen; daher der bestandige Widerspruch zwischen Handlungen und Grundsatzen daher die Irrungen selbst in dem System der Grundsatze, weil nichts irrleitender ist, als die Kombinationen bloss spekulativer Ideen. Was fur Meinungen, was fur Entschlusse werden in unsrer Kindheit nicht in unsre Kopfe geschraubt, was fur Sentiments nicht hineingedammert? und wenn wir Arme dann hinausgestossen werden in die Welt, wo itzt alles dawider angeht, welch innerer Zwiespalt, welche Zerruttung, welch gegenseitiges Misstrauen zwischen Herz und Geist!
Oh, schlage du nur fort, mein Herz mutig und frei; dich wird die Gottin der Liebe es werden die Huldinnen alle dich beschirmen: denn du liessest alle alle Freuden der Natur in dir lebendig werden; vertrautest unumschrankt der allgutigen Mutter schenktest ihrem zartesten Lacheln jedesmal von neuem dich ganz stromtest hin in verdachtlosem Entzucken: lerntest, empfingst darum von ihr, zu geben und zu nehmen, wie sie selbst; wie die Millionen Lichtstrahlen, die auf unzahligen Gegenstanden reverberieren, ohne sich zu verwirren, dann im Auge sich sammeln wieder ohne sich zu verwirren: Oh, unaussprechliches Wohltun unendliche Gute Leben und Liebe Luzie! liebe Luzie! dass ich Dir es mitteilen konnte! konnte leben Dich lehren dies unendliche Leben. Nie wurdest Du dann befestigen wollen die Sonne, weder in Osten noch in Westen, sondern wurdest wenden Dich nach Aufgang und Untergang -Und schon ist ja auch der Mond unter Sternen am Nachthimmel Und schon der dunklere Nachthimmel mit heller funkelnden Sternen im Neulicht! Oh, dass ich diese Gottesader in Dir ruhren, und zum immerwahrenden Pulsschlag bringen konnte!
Luzie an Eduard Allwill
Ihr jungster Brief, mein teurer Freund und Lehrer, war beinah so viel, als eine personliche Erscheinung. Was Sie fur ein Zauberer sind! Als ich ihn gelesen hatte, diesen Brief, war ich -nein, ich war nicht zwei Jahre junger, nur die Zeit hatte sich um so viel verjungt, das Vergangene sich zu mir hinauf bemuhet; Sie waren noch bei uns, und ich hatte Sie ganz rund dastehen, wie kurz vor unserer Trennung. Nun urteilen Sie, wie mir das so toll im Kopfe herumgehen musste, dass ich an Sie geschrieben hatte, und geschrieben hatte alles das, wovon Sie so lustig geworden waren und daneben so heldenwutig. Meine herzliche Epistel an Sie ward mir nun gerades Weges zur Posse; ich musste lachen und erroten. Grosser Mann, verzeihen Sie meine Unbesonnenheit: ich vergass, dass Sie ein Held sind; dass ich nur ein unbedeutendes, unschuldiges Madchen bin, und dass Unschuld dem Helden etwas so Unnutzes, so Nichtswurdiges scheinen muss; dass der Gottliche Unschuld verspottet; der Gottliche Unschuld mit Fussen tritt; uber sie hin, erhaben, seine Bahn nimmt. Unschuld, Eduard! lieber Eduard, Unschuld, Unschuld, Unschuld! Erwacht keine erste Erinnerung davon in Ihrer Seele? Besinnen Sie sich doch weit, weit zuruck! Dort in der schattigsten Gegend Ihrer Seele, schwebet da nicht etwas noch von dem Schauder, der Sie ergriff, als Ihr offenes Auge enger, auf Ihrer lichten Stirn eine trubende Kohle ward, als das Gewolbe Ihres Busens wich, Ihr Atem sich verminderte, Stand und Tritt Ihr ganzes Wesen schwankte als Unschuld Sie zu verlassen drohte? Und wallet da nicht noch in dumpfem Nachhall etwas von dem Donner als Sie Unschuld von sich warfen: Und ...? Nein, armer Eduard, das ist verschwunden, Dir auf immer verschwunden. Was will ich also? Sie konnen ja unmoglich mich verstehen ... Ihr guten Leute uberwachst euch in den Kinderschuhen. Bevor ihr euch in euch selbst ganz sammeln konnt, ist euer Wesen schon angegriffen; bevor sich euer Herz selbst fuhlen kann, ist es schon betort. Da entstehen denn hochstens, wo Schonheit und Grosse in der Anlage waren, solche herrliche Ungeheuer, wie ehmals die Zentauren.
Eduard! ein sehr ausserordentlicher Mensch sind Sie wahrlich. Wer Sie durchaus kennt, dem muss es oft eben unbegreiflich vorkommen, dass Sie nicht ein Engel an Tugend oder ein Satan an Laster geworden. Die Ungereimtheit Ihres Wesens lasst sich nicht denken, lasst sich auf keine Weise darstellen: Unbandige Sinnlichkeit und stoischer Hang; weibische Zartlichkeit, der ausserste Leichtsinn und der kalteste Mut und die festeste Treue; Tigerssinn und Lammesherz; allgegenwartig und nirgendwo; alles und nie etwas verdammter zwiefacher Mensch! Unschuldiges, himmelauf steigendes Blut Abels, und morderischer, fluchtiger Kain! Ja! aber auch gezeichnet mit dem Finger Gottes, dass kein Mensch Hand an Dich zu legen wagt.
Lassen Sie mich, Eduard! Sie sind ein unbehagliches Geschopf; wer teil an Ihnen nimmt, hat ein bitteres Leben, alles machen Sie ihm sauer, das Reden sogar, und selbst das Denken. Ferne sei demnach von mir, dass ich Ihre lange Epistel Punkt vor Punkt beantworte; nur beifugen ein Wortchen will ich hie und da.
Vorerst sollen Sie eine Stelle aus einem Briefe von Eduard Allwill lesen, den er an unsern D** schrieb, als dieser bei einer sichern Gelegenheit seinen Nacheifer zu besanftigen und ihn zu mehrerer Nachsicht zu uberreden suchte:
"Vertraglich, nachsehend, tolerant", sagt der feurige Jungling, "bin ich gewiss so sehr, als ich es ohne Verderbung meines eigentumlichen Charakters, ohne wesentliche Inkonsequenz sein kann. Mich deucht, wer auf eine andre Weise tolerant ist, der missbraucht Sache und Wort, der ist nicht tolerant, der ist wankelmutig, schwach, kindisch. Ein Kind wird von allen Dingen entzuckt, die nur im Vorubergleiten einen angenehmen Eindruck auf seine zarten Sinne machen, es unterscheidet, es schatzt sie weiter nicht: in jeder Stunde ist ihm etwas anderes schon, und was in dem gegenwartigen Augenblick es vergnugt, das Schonste von allem. Ein Mann im Gegenteil unterscheidet die Dinge an ihren Bestimmungen! er ordnet sie nach ihrem Gebrauch fur sein ganzes Dasein, und weiss, was gut und schon ist mit Namen zu nennen.
Alles mogliche von einer gewissen Seite betrachtet, lasst sich in einem ganz ertraglichem Lichte ansehen, denn nichts kann durchaus hasslich und bose sein. Aber ebenso, wie wir von entfernten Korpern nur alsdann sagen, dass wir sie in ihrer wahren Gestalt erkennen, wenn wir sie so sehen, wie sie uns in der Nahe, in derjenigen Distanz erscheinen, welche ich die Sphare der Betastung nennen mochte; ebenso haben auch die moralischen Gegenstande ihre ausgemachte Distanz oder Sphare, in der ihre verschiedenen Erscheinungen berichtiget, und auf die bestandigen Gestalten der Gegenstande reduziert werden konnen und mussen. Wer nicht fur sich eine solche bestimmte Sphare unwandelbar annimmt, sondern bald in diese, bald in jene flattert; alle Augenblicke den Horizont wechselt, und uberall zu Hause ist; der kann vielleicht die Halfte seiner Lebenszeit ein ganz guter Mensch scheinen; die andre Halfte aber scheint er zuverlassig ein desto schlechterer; ein wurdiger nie; ist keinen Augenblick ein ganzer Mann."
An eben diesen D** schrieb Eduard Allwill: "Das romantische Gebrause Ihres jungen Grafen ist unertraglich. Ein Clodius, der den Brutus spielen will. Was ich davon denke, darf ich der Mutter nicht sagen, wohl aber Ihnen. So ein Laffe, der alle Tage regelmassig seinen dummen oder schlechten Streich spielt, mag sich einfallen lassen, die Welt sei nicht gut genug fur ihn! er soll doch nur ja mit ihr vorliebnehmen, denn so wie der junge Herr beschaffen ist, ist er noch lange nicht gut genug fur sie, und er mag nur zusehen, dass wir ihm nicht heut oder morgen auf eine unebne Weise seinen Abschied erteilen. Mir fallen gleich Ohrfeigen ein, wenn ich Leute mit erhabenen Gesinnungen herankommen sehe, die nicht einmal nur rechtschaffene Gesinnungen beweisen. Und es macht mich gar nicht zufriedner mit ihnen, wenn sie auch ihre schonen Gesinnungen mit sogenannten schonen Handlungen begleiten; wer ein weiches Herz hat, etwas Feuer im Blut, und viel Leichtsinn, besteht deren mehr als der Beste; hat aber am Ende eitel Argernis angerichtet, und fur jeden Segen, der ihm ward, doppelten Fluch auf sich geladen. Spreu und Wind! Das Bose zu meiden, darum gilt's vor allem; daran ubt, daran erkennt sich der rechte Mann. Mancherlei Gutes tun (ich sag es noch einmal) ist leicht: mancherlei Grosses eine Lust: aber ohne Sunde bleiben, ohne Missetat das ist o wie schwer! aber auch, wie weit erhaben uber alles! Was heisst der wunderbarste Luftspringer gegen den Unerschutterlichen im Kampf? Ein vortrefflicher Schriftsteller sagt irgendwo: 'Ich wusste nichts Preiswurdiges, wozu nicht auch der ausserst missratene, durchaus fehlerhafte Mensch zuweilen sich erheben konnte Ordnung, Massigung und Bestandigkeit ausgenommen.'"
Ich fordere Sie nicht auf, guter Eduard, diese Auszuge mit den erheblichsten Stellen Ihres letzten Briefes an mich in Verbindung zu bringen. Wer weiss, was Sie leisteten? Ich hab eine solche hohe Idee von Ihren philosophischen Gaben, dass ich Ihnen beinahe das Unmogliche zutraue. Allein Ihrem Herzen sei es anheimgegeben, wo die Fulle der Wahrheit sei, dort oder hier. Sie glauben ja Ihrem Herzen alles, ich glaub ihm auch: fragen Sie es, wann es sich am freiesten fuhlte, wo es ganz einstimmte und mit Ihren Gedanken gleichen Strom nahm, ob bei den Briefen an D**, oder bei dem an mich.
Lieber, offener koniglicher Jungling! Ach, so tief herabgewurdiget zum bangen, schielenden Sophisten!
Sie erinnern sich wohl schwerlich eines Briefes, den Sie mir vor anderthalb Jahren schrieben; es war einer der ersten, nachdem Sie Wien verlassen hatten. Ich bin ausserst versucht, ihn hier ganz abzuschreiben; aber lesen Sie nur folgende Stellen wieder:
"Wenn in den vergangenen Tagen, nachts vor Einschlafen, fruh beim Erwachen, in jedem stillen Augenblick mein Wiener Aufenthalt mir vor die Seele trat; mancher entseelte Rest des Vergangenen neues Leben erhielt; was in Beziehung stand, sich einigte; alles aufeinander wog, ganzer und inniger ward und ich nun uber vieles, oh! uber so vieles in herbes, tiefes Trauern versank, so fuhr's mir wohl unversehens wie ein giftiger Pfeil durch die Brust; was soll dein Jammer, deine Reue, dein Klagen? Es ist nur Hohn damit! Ein unbezwinglicher Leichtsinn, eine verruchte Achtlosigkeit, liegt zu tief in deiner brausenden, unaufhorlich garenden Natur. Wer dich kennt, traut dir nicht, liebt dich nicht! O Luzie! bis zur Verwirrung hat's mich fast gebracht, dies Sinnen uber mich selbst, dies Hadern mit mir. -Ich mochte nicht alles erzahlen, wenn ich auch konnte."
Wie gross, wie lieb! Damals, wie nah mein Eduard den Besten seiner Gattung! Aber was half's? Sie wurden dennoch nicht weiser, und so mussten Sie bald nur desto torichter, desto unglucklicher werden. Es kann nicht anders kommen; die unbesonnene Heftigkeit, womit Sie sich uberall anwerfen, sich so vielfach zertrennen, muss die ungereimteste Verwirrung in Ihrem Wesen verursachen, der ganzlichen Zerruttung es immer naher bringen. Alle Hande voll, wollen Sie doch immer noch mehr greifen, und konnen dann weder fassen noch halten. Uberdem soll jeder Gegenstand des Genusses sich Ihnen noch in jedem andern Gegenstande vervielfaltigen; Sie sind gerade der Mann, uber den Sie spotteten, der von einem Oranienbaum Kastanien, und von einem Kastanienbaum Oranien verlangt; die leichtfertige Dirne soll auch die hohen Reize, alle Tugenden, die Liebe eines frommen Madchens, und das fromme Madchen hinwiederum, die schnoden Annehmlichkeiten, die ganze Torheit der leichtfertigen Dirne besitzen; und wenn dergleichen sich nicht findet, dann ist's eine Not, ein Jammer, dass man zweifelt, ob auch wohl diese Welt einen Gott zum Urheber haben konne? Und das heisst denn doch eines Sinnes sein mit Natur! Allwill! Sie, eines Sinnes mit Natur? der Sie immerwahrend die echtesten Bande der Natur auflosen; wahre, reine Verhaltnisse zerstoren, um ertraumte, schimarische an die Stelle zu setzen dann sich abarbeiten, alle Schwarzkunsteleien zu Hulfe nehmen, um den wankenden Schatten zu befestigen; und da nichtsdestoweniger die Sonn ihn verruckt, dem Segenswandel der Sonne fluchen Sie, eines Sinnes mit Natur? Wenn ich nur etwas wusste, das der Natur entgegengesetzter ware, als jene Unmassigkeit, welche alle Bedurfnisse vervielfaltiget und grenzenlosen Mangel schafft, mit seinen unendlichen Noten Angst, Schmerz, Gevalttatigkeit, Betrog, Arglist und Tucke. Nur einen fluchtigen Blick auf die Welt was sie vermindert, verringert, was den schlechten Burger gibt und den schlechten Staat, was den Acker verodet und des Lebens weniger macht uberall. Nichts anders als eben jene Ungenugsamkeit, jenes blinde Ringen nach allem, jenes Scheidekunsteln an den Dingen, um das Wesen von der Substanz, und die Wurkung von der Ursache abzulosen, um zu widernaturlichen Bedurfnissen widernaturliche Mittel zu erfinden. Ich weiss wohl, dass es wenig fruchtet, dagegen zu predigen; aber dafur zu predigen, die Theorie der Unmassigkeit, des Lasters, als die einzige Philosophie des Lebens, als den einzigen Weg zur Gluckseligkeit, ja zur hochsten Vortrefflichkeit, anzupreisen: das ware, deucht mich, doch wohl das unsinnigste Beginnen, das sich erdenken liesse, und das boseste.
Ja, Eduard, Theorie der Unmassigkeit, Grundsatze der ausgedehntesten Schwelgerei, das sind die eigentlichen Namen fur das, was Sie mit so vielem Eifer, mit so ungemeinem Aufwande von Witz, Rasonnement, und dichterischem Schmuck, an die Stelle der alten Weisheit zu setzen trachten; und das gewiss nicht auf Anraten Ihres Herzens, das gross und edel ist, sondern Ihrer Sinnlichkeit zulieb, welche Sie, unter dem Wort Empfindung, so gern mit Ihrem Herzen in eins mischen, wie wohl auch jeder andere Mensch mehr oder weniger tut, und nicht anders kann. Sinnesfreude ist die Lichtwolke, worauf alles Gottliche vom Himmel zu uns herniedersteigt; aber Dunst aus Moor und Gruften ist nicht diese Wolke vom Himmel, obschon er die Hugel hinanschleicht, und Sonnenlicht haschet. Aber Sie konnen das nicht unterscheiden. Doch unterscheiden Sie ubrigens so scharf, empfinden so reinweg alles Schone! freilich, aber auch alles Schone so lebhaft, dass jedweder Eindruck davon Sie berauscht, Ihnen fur die Zeit alle weitere Besinnung raubt; nur ein Tropfen Nektar an des Bechers Rand, und Sie verschlingen, ohn es zu merken, das abscheulichste Getranke. Eine furchterliche Bestimmung, dieser Eduard Allwill zu sein! Unaufhorlich, auf so mancherlei Weise bis ins Mark erschuttert; und die Menge tiefer Leiden in der Folge. Armer! dass Du nicht endlich mit zugrunde gehst bei den Stossen, da alles an Dir zerschellt, oder erstickst unter dem Schutt! Immer doch ein machtiger Genius! Wie ich sagte: gezeichnet mit dem Finger Gottes; dass kein Mensch Hand an Dich zu legen wagt.
Konnt ich nur jedes liebe unschuldige Geschopf von Deinem Bann entfernen! Ach, wie viele der Unglucklichen Du noch machen wirst, die Du ihrer eigentlichen Bestimmung, ihrem naturlichen Verhaltnis entsetzen, sie aller Haltung fur ihr kunftiges Leben verlustig machen wirst! Gutes Madchen, das sag ich nicht, dass er dich nicht liebt; er liebt dich gewiss; mit mehr Wahrheit vielleicht, als sonst kein Mensch dich lieben konnte; liebt gerad alles wahrhaft Schatzbare an dir, gerade das, worin deine gutgeschaffene Seele ihre angemessenste Tatigkeit, ihre eigenste Wonne, fuhlet. Nicht wahr, das fuhlst du, das sichert dich, dass er dich innig liebt, wie du dich selbst, und wie du ihn liebest; und du hast recht so an ihn zu glauben; dein ist seine ganze Liebe. Aber, armes Kind! Allwill liebt nie anders, er ist immer seinem Gegenstande ganz; morgen vielleicht der Ehre; einem vortrefflichen Manne; einer Kunst; vielleicht einer neuen Geliebten. Sieh, dieser Allwill der Elende! muss unstet und fluchtig sein; er ist verflucht auf Erden aber gezeichnet mit dem Finger Gottes; dass kein Mensch Hand an ihn zu legen wagt. Eduard, guter Eduard, jammert Dich nicht das arme Geschopf? O so schone dann! schone, schone!
Aber, was hilft mein Flehen, was halfe das Flehen einer ganzen Welt? Deine Sinnen, Deine Begierden sind Dir zu machtig, und da sie eine so bequeme tauschende Hulle an Deiner schonen Phantasie haben, wirst Du nie sie fur das erkennen, was sie sind. Ach, die Bedurfnisse Deiner Sinne, die Tauschungen Deiner Sinne glaube mir, Allwill (schwindender Atem meiner Brust, komm, sammle dich, dass meine Stimme weniger bebe, und ihr kranker Laut ihn erreiche) Allwill, es sind Morder! Hie und da her wird es Dir immer grasslicher in die Ohren gellen: Morder! Meuchelmorder!
So manches Unheil, so unsaglicher Jammer allein in diesem Bezirk der Menschheit durch Sie angerichtet, wurde Ihnen die Nichtigkeit Ihres Systems hinlanglich blossstellen, wenn es nicht ausdrucklich erfunden ware, um Sie gegen dergleichen Ansichten zu erblinden. Da soll nun eine Menge herrlicher Empfindungen, welche sich anders nicht erwarten und zusammenbringen liessen, alles Bose mit Wucher ersetzen, und dieser innere Genuss alle seine Kosten aufwiegen. Hiebei fallt mir ein, was ich Sie so oft vom Wissen sagen horte. Sie verglichen den grossen Haufen unsrer Studierenden mit Leuten, die gar emsig hin und her liefen, um zu suchen was sie nicht verloren hatten, wessen sie auch weiter nicht bedurften. Es sei eine Schande fur den menschlichen Verstand, behaupteten Sie, dass wir Wissenschaft von Tag zu Tage mehr zu einem abgesonderten, absoluten Dinge machten, da sie doch von bestimmten Zwecken allein Ursprung und Wesen habe; nur Bescheid auf eine dringende Frage sei, wie diesem oder jenem Bedurfnis abzuhelfen; Baugeruste, Maschine, Instrument. Ich fand und finde noch das so wahr, dass man sich nicht bekummern sollte etwas zu wissen, als nur wie sich etwas mache oder tue, das einem not ist; belachte gern mit Ihnen die Torheit alles mussigen Lernens und Spekulierens. Aber sagen Sie mir, lieber Eduard, ist es eine reellere Sache um das mussige Sammeln von Empfindungen, um das Bestreben, Empfindungen zu empfinden, Gefuhle zu fuhlen; findet nicht hier eine ebenso ungereimte Absondrung statt, wie dort beim Wissen? Ich glaube, wer eine schone grosse Seele in der Tat besitzet, halt sich nicht damit auf, die Empfindungen, welche seine Handlungen betreiben, die entzuckenden Gefuhle, welche sie begleiten, auf solche Weise abzusondern; wird sich ihrer nie dergestalt bewusst, dass er sie in Ideen aufbewahren, und aus derselben Betrachtung einen unabhangigen Genuss sich bereiten konnte; er sagt nicht: es ist Seligkeit in dieser Empfindung, in diesem Gefuhl, sondern es ist Seligkeit in dieser Tat. Und das, Lieber, macht die Bahn des Edlen richtig.
Vor einigen Monaten starb ein Greis, mit Namen Wigand Erdig; der hatte aus dem elenden Flecken D* eine ansehnliche Stadt voll glucklicher Burger gemacht. Ich glaube nicht, dass er ausser seinem Gewerbe viel mehr als seinen Katechismus wusste; aber sein Gewerbe verstand er gut, war an Ordnung, Fleiss, Massigkeit an gesunde Vernunft gewohnt, und so von Tag zu Tage kluger, geschickter, emsiger und unternehmender geworden. Nun legte er zu D* eine Tuchfabrik an. Der Fortgang seines Unternehmens litt unzahlige Hindernisse; aber er war einmal im Gedrange, und musste durch. Eine Not nach der andern wurde ausgedauert; eine Schwierigkeit nach der andern uberwunden; der Mann immer mutiger und weiser. Wenige Jahre, da waren funfhundert Familien in seinem Brot; der benachbarte Bauer, um dieses zu schaffen, vermehrte sein Haus und baute ode Landereien an; es wurden fruchtbare Baume gepflanzt und Garten die Menge; die ganze Gegend fullte und verschonerte sich: endlich ward diesen Glucklichen das Tal zu enge, da sprengten sie Felsen weg und stuften die Berge hinan. Das alles brachte dieser einzige Mann zuwege, und ohne andre Absicht (seines Bewusstseins) als um sein Gewerbe in Flor zu bringen, sein Haus zu grunden, und seine Nachkommen in Segen zu setzen. Ebenso wurden ihm selbst die Eigenschaften ehrwurdiger Menschheit. Die Klugheit und die Unstraflichkeit seines Wandels hatten ihn bei seinen Mitburgern in solches Ansehen gesetzt, dass sie ihn gleich einem Vater uber sich walten liessen; sein Begriff, das Licht seines Gewissens, galt ihnen mehr als alle Gesetzbucher. In den letzten Jahren, wenn der alte Erdig uber die Strasse kam, gingen die Leute vor ihre Hauser, und wer ihm begegnete auf die Seite, um ihn mit gebuhrender Ehrfurcht zu grussen. Man muss die Leute sehen, wenn sie erzahlen, wie der ehrenreiche Greis langsam so einhertrat, gegen jedweden freundlich sein leichtes Haupt neigte, und einem all das Gute erinnerlich ward, das er gestiftet hatte. Nicht Tranen, es kommt ihnen sonst etwas in die Augen, verbreitet sich uber ihr ganzes Angesicht Verheissung des ewigen Lebens Er ist bei Gott Allwill! dieser Glanz der Heiligkeit wissen Sie etwas druber?
Eure Flitterphilosophie mochte gern alles was Form heisst verbannet wissen; alles soll aus freier Hand geschehen; die menschliche Seele zu allem Guten und Schonen sich selbst aus sich selbst bilden; und ihr bedenkt nicht, dass menschlicher Charakter einer flussigen Materie gleicht, die nicht anders als in einem Gefass Gestalt und Bleiben haben kann; lasst euch deswegen auch nicht einmal einfallen zu erwagen, dass eitel Wasser in einem Glase mehr taugt, als Nektar in Schlamm gegossen.
Unter allen Formen zu Bildung unserer Natur ist freilich die Form eines blossen moralischen Systems die geringste und zerbrechlichste: aber besser als keine ist sie doch allemal. Gar alle Grundsatze verwerfen, weil man ofter Grundsatze unzulanglich oder unwurksam befunden, ist klarer Unsinn. Was nutzen Erfahrungen, wenn nicht durch ihre Vergleichung standhafte Ideen zuwege gebracht werden; und was ware uberall mit dem Menschen vorzunehmen, wenn man nicht auf die Wurksamkeit solcher Ideen zu fussen hatte? Auch nehmen wir so allgemein fur den eigentumlichsten Vorzug der Menschheit an, nach Grundsatzen zu handeln, dass der Grad der Fertigkeit hierin den Grad unserer Hochachtung oder Verachtung bestimmt. Wir preisen denjenigen, bei dem der Empfindung das Gefuhl, und dem Gefuhl der Gedanke die Waage halt. Also nicht unsere Gefuhle verringern, nicht sie schwachen will die Weisheit, sie nur reinigen will sie; und dann bis zur Lebhaftigkeit des Gefuhls den Gedanken erhohen; also die Empfindung uberhaupt scharfen, vergrossern. Ich weiss dass Sie mehrmals, von hoher Idee begeistert, heftige Begierden uberwanden, Leidenschaften zu Boden schlugen: Haben Sie jemals sich grosser gefuhlt, als in diesen Augenblicken; waren Sie je freudiger, triumphierender? Auf nichts dunken Sie ja sich mehr, als dass gewisse Ideen so fest in Ihnen halten, dass kein Vorfall Ihren Glauben daran einen Augenblick irremachen konnte, Sinne und Imagination mochten vorspiegeln was sie wollten. Edler Stolz kann nie eine andre Quelle haben. Jede Erhabenheit des Charakters kommt von uberschwenglichster Idee. Als Portia den Brutus uberfuhren wollte, dass ihre Seele fahig sei die seinige in allen ihren Unternehmungen zu begleiten, wusste sie kein besseres Mittel, als ihm eine Probe vor Augen zu legen, dass sinnliche Eindrucke nichts uber sie vermochten. Steigen wir von der Heldensitte bis zum gefalligen Wesen unserer Tage herab, uberall sehen wir am mehrsten geehrt, was Obermacht des Gedankens uber Triebe beweiset. Seien die Lebensarten noch so verschieden, die Gebrauche noch so mannigfaltig und abwechselnd, jene Ubereinstimmung wird, bei genauer Untersuchung, uberall sich zeigen; sie erstreckt sich bis auf die Urteile von Mienen und Gebarden, und fuhrt uns selbst zur Quelle aller Begriffe von Anstandigem und Unanstandigem. Wo Gedanke den Menschen zu verlassen scheint, wo er ganz dem Triebe allein ist; wo er von diesem nur sich ubernehmen lasst; wo er sich nur der Gefahr aussetzt von ihm ubernommen zu werden; da fuhlen wir Unanstandigkeit.
Es ist ganz zum Vorteil der Grundsatze, was Sie am Anfange Ihres Briefes von denen widersprechenden Erscheinungen im Menschen anfuhren, wo ihm wechselsweise seine Weisheit zur Torheit, und seine Torheit zur Weisheit werde. Man sollte glauben, eben die feine Organisation, welche Sie zu dergleichen Bemerkungen geschickt macht, Ihnen Materie und Form dazu bietet, musste Ihnen auch die Uberzeugung aufdringen, dass dem Menschen eine feste Lehre der Gluckseligkeit, dass ihm unverbruchliche Vorschriften des Verhaltens unentbehrlich seien: was anders kann in seinem Tun ihn sichern; was als einen zuverlassigen Mann ihn darstellen? In alle Wege muss er verlorengehen.
Den eingestandenen Wankelmut des menschlichen Herzens sogar beiseite, und angenommen, das Ihrige ware so beschaffen, dass es Sie immer zum Guten leitete, nur aber auf eine Weise, welche der eingefuhrten Ordnung zuwiderliefe; so musste dennoch Ihr Charakter verwildern; so mussten Sie eben darum ins argste Verderben sinken, weil Sie so sehr uber Ihre Bruder erhaben waren. Es konnte nicht fehlen, indem Sie diejenigen Gesetze angriffen, welche der allgemeine Menschensinn fur unverbruchlich erklart, dass Ihnen beinah jedweder im Wege stunde; Ihre Bestrebungen hemmte; unwissend oder aus Absicht Ihnen die ausserste Qual verursachte; kurz, dass jedermanns Hand sich wider Sie erhobe: zwiefach ware dann gegen jedweden die Ihrige; Ekel, Gram und Hass nahmen Ihre Seele ein; mit der Gewalt drangen Sie nicht durch; Sie mussten also um Ihr erhabneres Leben zu retten, List, Verstellung, Betrug zu Hulfe rufen, lauter krumme Wege gehen; dies entzweite Sie notwendigerweise mit sich selbst, und so mussten Sie bald voll tiefen Greuels sich und die Welt verfluchen.
Schnode Prahlerei, dass Ihr Herz immer freier und freier schlage; es kann nicht frei schlagen, solang es Geheimnisse des Frevels und der Schande zu bergen hat; solang es vor dem Blicke des Unstraflichen sich zusammenziehen von dem Atem des Reinen erstikken muss in seinem Blut damit nur Deine Stirne weiss bleibe, wenn er Dinge der Finsternis mit ihrem Namen bezeichnet, und Du fuhlest, er redet von Deinen Taten Allwill, mir schaudert die Haut, wie ich Dich manchmal beben vergehen sah; bis zur Ohnmacht in Verwirrung uber dem absichtlosen Worte eines Toren, eines Kindes; uber den Mutwillen eines Gassenbuben, die Schmahreden eines Trunkenen.
Aber Sie haben wohl nunmehr dergleichen Schwachheiten von sich abgeworfen. Aus einem Stuck Ihres Briefes, wo Sie die Zweideutigkeit aller Tugenden zu erweisen trachten, erhellet, dass Sie wenigstens mit grosser Muhe daran arbeiten. Ich will Sie nicht storen, Eduard. Doch zur Erholung lassen Sie sich erzahlen, was ich gestern von ohngefahr in meinem ehrlichen Montaigne las, und dann eine Anekdote, die ich weiss. Der treuherzige Montaigne erzahlt, dass man ihn nie hatte vermogen konnen, fur Konig und Vaterland sogar, in etwas Schlechtes zu willigen. Er glaubte, wenn er einmal sich selbst ware untreu geworden, wurde er leichtlich nachher es auch dem Staat werden. Man muss eine Sache Gott uberlassen, sagt er, wenn menschlich zu helfen unmoglich ist, und was ist unmoglicher, als dass ein rechtschaffener Mann Treu und Glauben verlasse? Was kann weniger sein, als was ein Mann von Ehre nur mit Ehr- und Wortesschmach bewerkstelligen konnte? Hiernachst erwahnt er unter andern des Epaminondas, des vortrefflichsten unter den Menschen, bei welchem jede einzelne Pflicht in so hohem Ansehen war, dass er nie in der Schlacht einen Uberwundenen zu Boden stiess; der um des unschatzbaren Gutes willen, die Freiheit seinem Lande zu verschaffen, sich ein Gewissen machte, ohne die Form der Gerechtigkeit, einen Tyrannen oder seine Mitgenossen umzubringen, und der denjenigen fur einen schlechten Menschen hielt, so ein guter Burger er auch sein mochte, der unter den Feinden und in der Schlacht seinen Freund und seinen Gastgeber nicht verschonte "Grasslich von Eisen und Blut kommt er zertrummernd und durchbrechend eine Nation, unuberwindlich gegen jeden andern, als gegen ihn allein; und geht seitwarts mitten im Handgemenge bei Begegnung seines Gastes und seines Freundes. Wahrhaftig dieser da regierte im eigentlichen Verstande den Krieg vollkommen, der ihn das Gebiss der Gute erdulden machte, im Beginn seiner starksten Hitze so entflammt als er war, und schaumend vor Wut und Mord. Es ist Wunderwerk, mit dergleichen Handlungen einige Art von Gerechtigkeit vereinbaren zu konnen: aber es gehort nur fur die Energie des Epaminondas, die Sanftmut der mildesten Sitten, und der reinsten Unschuld damit vereinbaren zu konnen" "Wenn es Grosse des Mutes ist, und die Wurkung einer seltnen und besondern Tugend, um des gemeinen Wohls willen und der Obrigkeit zu gehorchen, Freundschaft, personliche Pflichten, Verwandtschaft und Wort fur nichts zu achten; so ist es wahrhaftig genug, um uns los davon zu sagen, dass es eine Grosse ist, die in der Grosse des Mutes des Epaminondas nicht Platz finden kann."
Nun die Anekdote. Sie kennen Auguste von G**, die treue, makellose Seele, die so einzig ist, weil sie nur fur das Gute und Wahre Begriff hat, nur fur das Gute und Wahre Witz und Laune. Eine unselige Kokette verfuhrte ihren Mann. Auguste, im hochsten Grade arglos, merkte lange nichts. Weil aber G** genotiget war, ihr manche Unwahrheit vorzutragen, und, wie bekannt, eine jede Unwahrheit Lugen ohne Zahl gebiert, so musste das liebe Weib wohl endlich merken, dass es hintergangen wurde. Nun begab es sich an einem Tage, dass ihr, in des Mannes Gegenwart, auf einmal zwo recht frappante Betrugereien offenbar wurden. Sie konnen sich G**s Zustand einbilden. Kaum war der Freund, welcher unschuldigerweise die Sache ans Licht gebracht hatte, zur Tur hinaus, so hub Auguste an: "Hore doch, Max, du hattest mir ja diese Sache so, und jene so gesagt, und ich hor es nun so ganz und gar anders? Ich merke seit einiger Zeit, dass du mir ofters Unwahrheiten sagst. Wenn du wusstest, wie mich das betrubt!" "Freilich", antwortete G**; "aber das ist nicht meine Schuld; wer sich unbescheidene Fragen erlaubt, der zwingt den andern zur Luge." "O Gott", sagte Auguste mit freundlicher weinender Stimme: "Wenn ich denn nur wusste was ich nicht fragen muss; ich wollte gewiss nie so etwas fragen, damit du nie zu lugen brauchtest." Ist Ihnen eine Luge bekannt, Eduard, die an Kraft zum Guten, auch an Erhabenheit, diesem unschuldigen Gebet meiner Auguste um Wahrheit gleich zu schatzen ware?
Unschuld, Eduard, lieber, lieber Eduard! Unschuld, Unschuld! So fing ich an, und so schliess ich. Susse, reine, ewige Wonne der Unschuld das ist es doch; ja, Eduard! das ist es was auch Du suchst ach! auf dem Wege der Verstockung! Liebes Madchen, eile! Eile Freundin, dass sein Auge dich erreiche und er zuruckfliege! Liebe allein kann ihn retten; kann seinem Herzen den Geschmack an Unschuld wiedergeben. So komm denn doch, holdes Madchen! Zeuch den Blick aus seinem Auge, der alle Sehkraft verschlingt, und er wird ferner nicht leichtfertig umhergaffen; full ihm die Seele mit der Wonne, die keinen Zusatz vertragt; und sie wird lauter werden: dann reich ihm deine Lippen, und er wird schworen und wird's halten, dass er alle seine Freuden allein von dir nehmen will. O der Tage, wo ich noch glaubte, selbst berufen zu sein, Dein Wesen durch Liebe zu heiligen! Ich merkte bald meinen Irrtum, aber das trennte mich nicht von Dir. Was schadete das meiner Liebe, dass Du mich nicht ebenso lieben konntest? bloss fur Dein Bild in meiner Seele hatt ich den Himmel gelassen. Aber es kam eine Stunde, da fuhlte ich, dass ich wohl einst Dich wurde verachten mussen, dass ich wohl einst wurde aufhoren mussen. Dich zu lieben: da floh ich; da suchte ich von mir zu retten, was noch zu retten ware. Ich sei von Schwarmerei, ich sei an der Einbildung gestorben, wird es heissen. Nun ja! Wenn nur Du auf mein Grab kommst, Eduard, mit dem Madchen, das ich Dir rief, mit dem Madchen, das Dein Wesen erneuern, zu jeder Freude der Menschheit Deine Sinne wieder rein stimmen soll! Dann wirst Du immer nur eins, das Kostlichste, wollen, anekeln alles andre; wirst dies Kostlichste, Liebste, mit Deiner ganzen Kraft geniessen, und darum jeden Genuss des ahnlichen Geringern fur Verlust achten. Ja, Eduard, Du kommst auf mein Grab mit dem Madchen, und kussest ihm da den himmlischen ewig neuen Kuss der Treue komm nur bald!
Fussnoten
1 Da die funf ersten von diesen interessanten Briefen, deren ganze Sammlung mein Freund, der Herausgeber, dem "T. Merkur" zugedacht hat, vielen unsrer Leser aus der "Iris" schon bekannt sind: so habe ich fur billig erachtet, den Raum, den diese funf Briefe hier einnehmen, bei den sechs Bogen, die der "Merkur" monatlich schuldig ist, nicht in Anschlag zu bringen. W. 2 In der Allg. d. Bibl. T. 26. S. 343. 3 Die erste Poststation nach C**. 4 Ein Landgut der Frau von Steinach, bei welcher Lenore und Clarchen von Wallberg sich aufhielten. Sie war ihre Tante und folglich auch Clerdon anverwandt. 5 Syllis Hundchen. 6 Wenn ich nur einen von diesen sachtsinnigen Herren angetroffen hatte, der nicht unertragliche Seiten an sich gehabt, der nur halb soviel Nutzen gestiftet, halb soviel Freuden um sich verbreitet, und alles um ihn herum nicht zweimal soviel geschoren hatte, als unser einer; ich wollte nie ein Wort mehr von der Sache